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Clara Viebig
Die mit den tausend Kindern
Roman
Saga
Erstes Kapitel
Wer von euch kann das lesen, was hier steht?« Die junge Lehrerin lächelte in die Klasse hinein, der Zeigefinger ihrer Rechten wies auf die Tafel, die gross und schwarz von der Wand herabsah. Kleine Papptäfelchen waren wie auf Schienen in die grosse Tafel hineingeschoben, und von jedem dieser weissen Pappvierecke bohrte sich ein glänzend schwarzer, grosser Druckbuchstabe den Kindern in die Augen.
»Nun?!« Das Lächeln wurde noch stärker, die Stimme noch auffordernder, liebenswürdig zuredend: »Du, Irmchen, du kannst es gewiss lesen?«
Die Kleine mit den zwei winzigen Zöpfchen, die rechts und links hinter den Ohren abstanden, schwieg.
»Ich! Ich! Ich!« Ein Chor von Stimmen erhob sich, ein Durcheinanderschreien. Ausgestreckte Zeigefinger stachen der Lehrerin fast ins Gesicht.
Mit einer geduldigen Handbewegung schob die Blonde die ungebärdigen Kinderarme beiseite: »Wartet, wartet, ihr kommt alle dran — aber, Senta, du kletterst ja sogar auf die Bank! Ich weiss, ich weiss ja, du kannst es, aber setz dich mal schnell! Du, Hildegard, komm du mal her an die Tafel, lies du’s uns vor.«
Ein zierliches Dingelchen mit einem Stupsnäschen schob sich aus der Bank und lief nach vorn, nein, stürzte so eifrig vor, dass es fast über ein mutwillig vorgestrecktes Bein zu Fall gekommen wäre. Es erkletterte den Schemel auf dem Tritt des Katheders — nun reichte es hinauf bis zur Wandtafel, nun tippte sein Fingerchen die Buchstaben an, und nun las es strahlend mit durchdringend dünner Kinderstimme: »Haus!«
»Richtig.« Die Lehrerin nickte zustimmend. Jetzt trat sie an den Setzkasten auf ihrem Tisch, wählte ein anderes Papptäfelchen und vertauschte das mit dem H. »Was habe ich nun geschrieben?«
»Gedruckt,« verbesserte eine Vorlaute.
»Geschrieben oder gedruckt, das ist für uns ja noch dasselbe. Aber, Magdalene, nun komm du mal raus, lies du uns vor, was ich jetzt gedruckt habe!«
Die blasse Kleine stand verlegen, ihre grossen Augen blickten hilflos.
»Ich! Ich! Aber ich, Fräulein, ich weiss es!« Wieder das Durcheinander der Stimmen, das Aufspringen, das Recken der Arme, das Stechen der Zeigefinger, all das ungestüme Verlangen des Andie-Reihe-Kommens.
Und wieder dieselbe geduldige Handbewegung, die die gereckten Arme beiseite schob und die zappelnden Kinderkörper auf die Bank niederdrückte. Und wieder dasselbe Lächeln, und wieder dasselbe liebenswürdige Beschwichtigen: »Ja, ja, schon gut, ihr wisst es alle! Du weisst es ja auch, Kind, sieh nur gut hin. Ich habe das ‚H‘ fortgenommen und statt dessen — nun, was habe ich statt dessen wohl hingesetzt?«
»Ein R,« tönte es zaghaft.
»R?«
»Rrrrrrr,« schnarrte es plötzlich durch die Klasse.
»Das ist doch kein ‚R‘.« Die Lehrerin lachte gutmütig.
Da fingen sie alle gleich an mitzulachen. Ein nicht endenwollendes, ausgelassenes Gelächter: Ein R? Zum Totlachen, zum ganz Mausetotlachen! Für Minuten schien die Klasse der vierzig von einem Freudentaumel erfasst, die Sechsjährigen hüpften auf ihren Plätzen wie von Springfedern geschnellt. »Hau, Fräulein, die sagt ‚R‘! Wie dumm! Hau, was is die so dumm! Rrrrrrrr.«
Kaum dass die Stimme der Lehrerin durchdringen konnte: »Ruhe!« Der Schweiss war Marie-Luise auf die Stirn getreten: Oh, was hatte sie da gemacht! Gelacht. Sie hätte nicht lachen dürfen. Das war ja auch gar nicht zum Lachen; sie selber war viel dümmer gewesen als das dumme Kind. Aber die Stimme der Kleinen hatte so komisch geklungen, so überzeugt von der Richtigkeit und glücklich über die eigene Entdeckung.
In Marie-Luises Gesicht verschwanden schnell die zart angedeuteten Grübchen, sie mühte sich, sehr ernsthaft zu blicken: »Ruhe! Ganz schnell! Legt eure Hände zusammen. Ich zähle bis drei, und wenn ich drei gesagt habe, darf keine mehr lachen. Eins — zwei — drei!«
Nun war es endlich still. Aber das Kind, das noch immer vorne gestanden hatte, den Finger am Mund, völlig eingeschüchtert, weinte plötzlich laut auf, stürzte auf die Lehrerin zu und verbarg seinen Kopf in deren Kleid. Ach, es konnte ja den hässlichen Buchstaben nicht erkennen, wusste nicht, wie das Wort jetzt hiess. Aber sie sollten nicht lachen, nein, es nicht auslachen. »Bei meine Mutti, ich möchte bei meine Mutti!«
Ganz erschrocken beugte sich die Lehrerin nieder: »Aber, Lenchen, was ist dir denn?«
»Fräulein, sie weint, weil Sie böse mit ihr sind,« schrien welche.
»Aber ich bin doch gar nicht böse mit ihr — Ruhe, setzt euch! Mein Lenchen, nun weine doch nicht!« War das ein nervöses Kind! Und wie es schien, auch ehrgeizig und verletzt über das Lachen. Begütigend legte die Lehrerin ihre Hand auf das an ihr Kleid gedrückte Köpfchen. Ach, so ein bleiches, sehr zartes Kind! Marie-Luise fühlte etwas warm zu ihrem Herzen rinnen, in mitleidiger Regung flüsterte sie: »Musst nicht weinen, Lenchen. Komm, ich sag dir’s ins Ohr!« Und sie bückte sich zu dem kleinen Ohr: »M — mmmmmm — nun sag’s!«
Aber Lenchen Krause sagte es nicht. Es war überhaupt nichts mehr aus ihr herauszubringen. Sie sass in ihrer Bank, den Kopf aufs Pult gelegt, und weinte in sich hinein: »Mutti!«
»Fräulein, ihre Mutter is ins Krankenhaus,« wusste die Trude Schindler.
»Im Krankenhaus, es heisst: im Krankenhaus.«
Trude Schindler, ohne sich zu verbessern, fuhr geschwätzig fort: »Sie wohnen bei uns ins Haus — und ihr Vater — na, Fräulein, der —!« Sie zog die Achseln hoch, legte den Kopf, mit der grossen Haarschleife in der strubbligen Mähne, schief auf die Seite und verzog den Mund.
Sah die kaum Siebenjährige in diesem Augenblick nicht genau so aus wie die Frauen, die, Korb oder Tasche am Arm, an den Kellerausgängen und in den Vorfluren standen und klatschten? Die blonde Lehrerin machte »Pssst« und hob abwehrend die Hand: wie unangenehm dieses Kind. Aber das arme kleine Lenchen, die Mutter im Krankenhaus, und der Vater — was war bloss mit dem Vater? Doch jetzt war keine Zeit, zu fragen, das Kichern in der Klasse, das Füssescharren, die Unruhe nahmen sonst kein Ende. Man musste die Kinder wieder durch anderes fesseln, ihre Anteilnahme auf Neues lenken. Marie-Luise klatschte in die Hände: »Also, Kinder, nun wissen wir’s endlich: Das da ist ein ‚M‘, und das Wort« — wieder klatschten ihre Hände wie bei munterm Spiel — »das Wort, das erst Haus hiess, das heisst nun —?«
»Maus,« schrie es jubelnd im Chor.
»Richtig!« Die Lehrerin schien ungeheuer erfreut: »Da haben wir’s ’raus: Maus, Maus. Nun sagt mir aber mal, Kinder, wer von euch hat denn schon mal eine Maus gesehen? Du, Senta, hast du eine gesehen? Ist sie gross, ist sie klein?«
»Gross.«
»Na, na, gross kann man doch wirklich nicht sagen. Sie ist doch klein, ganz klein.«
»Aber ‚Maus‘ sagt doch immer der Herr, der bei uns wohnt, zu meine Schwester, und die is doch schon so gross.«
In das blonde Mädchengesicht stieg eine helle Röte, alle Geister des Humors spielten um die Mundwinkel. Aber ihr Lächeln bezwingend, sagte die junge Lehrerin: »Nein, solch eine Maus meine ich nicht. Ich meine die Maus, die ein graues Fellchen hat und einen langen Schwanz, und die so — husch, husch, seht, so wie ich so flink durch die Küche huscht und sich ein Krümchen holt, was am Boden liegt.«
»Fräulein, wir haben zu Haus ’ne Maus!«
»Wir auch! Wir auch!« Eifersüchtig schrie es im Chor. Sie wollten jetzt alle eine Maus haben. Oh, das war was Schönes, so eine Maus! Dann quiekte die Mutter ganz laut, und die grosse Schwester auch und sprang auf einen Stuhl, und man schrie mit, so laut man nur konnte. »Aber Vater sagte: ‚Die verfluchte Maus‘ und schlug ihr tot.«
»Schlug sie tot, schlug sie tot,« verbesserte die Lehrerin. »Aber warum denn gleich die kleine Maus totschlagen? Ach, die lebt doch auch gern; so gern wie ich, so gern wie du, Senta, wie du, Erika, wie du, Else, wie ihr alle. Und die hat vielleicht in ihrer Wohnung unter der Diele ein Nest mit Kinderchen, denen sie das Krümchen Brot bringen wollte zum Mittagessen. Soll ich euch mal die kleine Maus da an unsere grosse Maltafel malen?«
»Die Kinder auch, die Mausekinder im Nest!«
»Die hat ja gar kein Nest,« schrie die Trude mit der grossen Haarschleife, »die hat nur ’n Loch. Die muss man totschlagen. ’ne Maus is bloss Ungeziefer.«
‚O du unausstehliches Kind,‘ dachte Marie-Luise, aber ihr geduldiges Lächeln blieb. »Nun, wart mal erst ab, Trude, bis du meine kleine Maus siehst; vielleicht, dass du sie dann doch nicht mehr totschlagen willst.« Rasch die Kreide aus dem Tischfach nehmend, zeichnete sie mit energischen Strichen ein Etwas an die Maltafel, das man wohl mit einiger Phantasie für eine Maus ansehen konnte. Bunte Kreide wurde zu Hilfe genommen; die graue Maus lief zu einem roten Ziegelherd, auf dem Kochtöpfe, blaue, grüne, gelbe standen, und trug ein weisses Stück Zucker, so gross wie ihr ganzer Kopf, mit sich fort in ihr Nest unterm Kochherd.
Ein grosses Maltalent war die blonde Lehrerin nicht, andere Lehrerinnen entwarfen weit bessere Bilder, aber die Kinder erkannten doch jubelnd die Maus und den Kochherd, die Töpfe und auch den Zucker. Nun wurde eine Mutter noch hingemalt, und die sprach mit der Maus.
Es war ein Gedicht, das die Kinder gelernt hatten. Ein Kind sprach die Frau:
»Mäuschen, was schleppst du dort
Mir das Stück Zucker fort?«
Ein anderes das Mäuschen. Die kleine Gerda mit dem Stupsnäschen hatte ganz das feine Piepstimmchen dafür:
»Liebe Frau, ach vergib,
Habe vier Kinder lieb;
Waren so hungrig noch.
Gute Frau, lass mir’s doch!«
Selbst Trude Schindler war entwaffnet: das war wirklich ulkig. Sie würde das Mäuschen nun nicht mehr totschlagen wollen.
Und nun sprach die ganze Klasse — vierzig Kin- — der etwas plärrend und durchaus nicht melodisch, aber wie aus einem Munde:
»Da lachte die Frau in ihrem Sinn
Und sagte: ‚Nun, Mäuschen, so lauf nur hin!
Ich wollte ja meinem Kinde soeben
Auch etwas für den Hunger geben.‘ —
Das Mäuschen lief fort, o wie geschwind!
Die Frau ging fröhlich zu ihrem Kind.«
Draussen hub jetzt die Schulglocke an. »Oh,« machten die Kinder bedauernd, sie hätten noch gern mehr von der Maus gehört. Aber für ein Ohr, das vier Stunden lang wie taub gemacht worden ist durch die schrillen Stimmen von Kindern, die alle, alle etwas sagen wollen, war dies blecherne, schetternde Läuten Musik.
Mit einer müden Bewegung fuhr Marie-Luise sich über die Stirn, sie fühlte es da wie einen drückenden Reif. Die Luft in der Klasse war nicht schlecht, halb aufgestellte Oberlichter sorgten für Erneuerung, aber es war doch Schulluft, trocken, staubig, verbraucht. Und von draussen die Luft war die des Schulhofes, der eingebaut lag zwischen hohen Mauern, der nicht das Glück hatte, in den Aussenvierteln der Stadt zu liegen. Freie Weiten, Wiesen, Felder, unbegrenzte Aussichten, wo waren die! — Es war Marie-Luise Büchner nicht ganz leicht gewesen, sich einzugewöhnen; gerade an dieser Schule nicht. Von anderen Kolleginnen waren viele an Schulen, die neuer waren, Verbesserungen und alle hygienischen modernsten Einrichtungen aufwiesen. Und sie wohnten auch näher.
»Was?! Im westlichen Vorort wohnen Sie, Fräulein Büchner? Nicht möglich! Mein Gott, das ist ja so weit!«
Nein, nein, das machte ihr gar nichts! Sie war ja zu froh, endlich, endlich die ersehnte Tätigkeit gefunden zu haben. Andere warteten freilich noch länger: sieben, acht, neun, sogar zehn Jahre. Es grauste Marie-Luise, wenn sie an die vielen unbeschäftigten Junglehrer und Junglehrerinnen dachte: Hunderte, viele Hunderte — waren es ihrer vielleicht gar Tausende?! Seltsam fade und öde wurde es ihr ums Herz, wenn sie sich blasse, abgespannte Gesichter vorstellte, Gestalten, die wie auf der Lauer lagen, wie zum Sprung bereit auf ein Ziel, das sie doch nicht erreichen konnten. Auch sie hatte dieses Ziel kaum erwarten zu können gemeint.
Zweites Kapitel
Sie waren sehr lang gewesen, die sechs Jahre, in denen Marie-Luise gewartet hatte. Es hatte nichts genutzt, dass die Mutter mit ihr nach Berlin übergesiedelt war, in der Meinung, dort ginge es rascher — in der Riesenstadt gab es ja so viele Schulen und so unendlich viele Kinder — aber Klassen wurden sparsamerweise zusammengelegt, und die Geburten, und infolgedessen auch die Schulanmeldungen, gingen zurück; es war nicht mehr solcher Bedarf an neuen Lehrern und Lehrerinnen.
»Deswegen hätte Frau Professor ruhig hier in Prenzlau bleiben können,« sagten die Damen des Kränzchens, wenn sie hörten, dass die Tochter noch immer nicht die ersehnte Anstellung gefunden hatte. »Aber die Büchner wollte ja immer ein bisschen hoch hinaus: nur Berlin, Berlin! Als ob man in der Provinz nicht ebenso gut leben könnte! Der arme Mann mag es schwer gehabt haben mit der Frau; die ist doch schrecklich nervös. Ob Marie-Luise wohl von seinem ausgezeichneten Lehrtalent was geerbt hat?«
Als Marie-Luise ihr Anstellungsgesuch nebst ihrem Examenszeugnis — mit ‚sehr gut‘ bestanden — und allen dazugehörenden Papieren der Berliner Schulbehörde eingereicht hatte, war sie gewiss, man würde den Namen ihres Vaters da kennen. ‚Büchner — Büchner — war das nicht der langjährige Realschuldirektor in Prenzlau, der so ausgezeichnete Resultate erzielt hatte?‘ Sie war ganz getrost, sie verliess sich auch jetzt noch auf ihren Vater, obgleich der schon damals nicht mehr gelebt hatte, als sie ihr Examen machte. Aber wenn er auch nicht mehr lebte, sein Geist war noch in ihr und der Gedanke, den er von Kindheit an in sie gepflanzt und grossgezogen hatte: ‚Du wirst Lehrerin.‘ Und sie wollte das auch gern, sah sie doch, dass alle Sorgen, alle Kümmernisse verflogen waren, sowie der Vater morgens seine Schule betrat. Dann strahlte sein Gesicht. Und er hatte doch genug, was ihn drückte: der tägliche Ärger, die nirgends fehlenden Aufregungen — mit der Mutter war es auch nicht leicht — und dann der grosse, grosse Schmerz um die Söhne, die ihm beide, siebzehn- und achtzehnjährig, im Krieg gefallen waren. Nur sie, das kleine Mädchen, der Nachkömmling, war ihm übriggeblieben. Aber alles das schien vergessen, wenn er vor der Klasse stand. Dann war er so anregend, so heiter, ein ungebeugter stattlicher Mann, der nie ein Ausruhen zu bedürfen schien. Er schickte lieber die Mutter auf Badereisen; er brauche keine Erholung, sagte er. Seine Augen, die auf ihr ruhten, waren immer so klar, seine Stimme immer so frisch. Marie-Luise hatte die letzte Zeit seines Lebens, die plötzlich eintretende tiefe Erschöpfung, ganz vergessen.
»O Vater!« hatte die Tochter mit tiefem Aufatmen gesagt, als ihr Examen vorüber war; eine andere hätte im plötzlichen Gefühl der Erleichterung vielleicht herausgestossen: O Gott!
Und doch war solch ein Examen gar nicht schlimm, wenn man die Nerven behielt, und sich nicht beirren liess durch Blicke, die hinter Brillengläsern sich scharf auf einen richteten. Frank und frei war Marie-Luise in das Examen gegangen, sie begriff eigentlich die anderen nicht, die sich so ängstigten, dass sie blass und zitternd dastanden. Margarete Moebius, ihre Freundin vom Seminar, hatte ihr aufgeregt zugeflüstert: »Ich geh ins Wasser, wenn ich durchfalle!« Unsinn! Marga war ja viel klüger, als sie es war, und war ebenso fleissig gewesen, hatte genau so wie sie durch Wochen und Wochen Dreiviertel der Nächte gebüffelt, sich durch starken Kaffee wach erhalten — die brauchte doch sicher keine Angst zu haben. Aber Marga war durchgefallen; das heisst, nicht ganz, es war ihr freigestellt worden, in einigen Fächern, die Lücken aufwiesen, das Examen zu wiederholen. Ob sie den Mut dazu finden würde? In der ersten Zeit, als sie noch Briefe wechselten, hatte Marga sich dazu immer noch nicht entschlossen gehabt. Aber sie würde sich entschliessen müssen; man kann doch nicht Jahre und Jahre gelernt und seinen Eltern so viel Opfer gekostet haben, ohne dass man dafür nun auch etwas erreichte! Marga, wo mochte die stecken?
Wenn Marie-Luise an ihre Vorbereitungszeit zurückdachte, war diese eng verknüpft mit der einstigen Freundin. Wie hübsch war Marga gewesen, und etwas so Feines hatte sie, man merkte es ihr wahrhaftig nicht an, aus was für kleinen Verhältnissen sie kam. Aus einer Stellmacherwerkstatt. Sie besuchten zu gleicher Zeit das Seminar; sie hatten, wenn auch nicht im selben Hause, so doch nah beieinander ihren bescheidenen Unterschlupf gefunden. Sie teilten alles, was sie von Haus geschickt bekamen, und das war bei der Blonden mit der kräftigen Gestalt und der leuchtenden Haarfülle mehr als bei der Überschlanken mit den melancholischen dunklen Augen und dem schwarzen Haar, das sich wie glatter Atlas an die Schläfen schmiegte. Es war damals eine fast leidenschaftliche Freundschaft gewesen mit Eifersucht und Missverständnissen, mit Tränen und Wiederversöhnen, eine richtige Backfischfreundschaft, obgleich sie aus diesem Alter doch schon heraus waren. Aber daran war Marga schuld gewesen, sie war so temperamentvoll. Ob die jetzt wohl verheiratet war, die Schulmeisterei aufgegeben hatte? Wie man das konnte, das begriff Marie-Luise freilich nicht. Ihr lag nicht anderes am Herzen, ihre Gedanken waren voll damit beschäftigt; selbst in ihre Träume mischten sich keine anderen Sehnsüchte. Damals im Seminar war es zuweilen anders gewesen — das kam wiederum durch Marga — aber jetzt richteten sich all ihre Wünsche nur auf das eine Ziel. Und merkwürdig, in dieser Zeit sah auch kein Mann nach ihr. Es war, als sei eine Luft um sie, die jeden fernhielt.
Wenn Frau Professor Büchner — der Schuldirektor hatte den Titel ‚Professor‘ bekommen, und den führte die Witwe gern — ihre Tochter ansah, konnte sie eine gewisse Bitterkeit nicht unterdrücken: war es nicht wie ein Verhängnis, dass dieses Mädchen ungesehen verblühte? Wenn der Mutter die Tochter beim Mittagessen gegenübersass, das helle Gesicht freundlich lächelte, oder wenn am Abend der Schein der Hängelampe auf den geneigten Scheitel fiel und das reiche Blond vergoldete, dann seufzte es in ihr: schon siebenundzwanzig! Zeit, ach, es war Zeit! Fand denn keiner ihre Marie-Luise? Ob der sie heiratete oder nicht heiratete, das war vorderhand noch Nebensache, man war auf das Heiraten jetzt nicht mehr so aus, die Zeiten waren darin andere geworden, aber wenigstens ein Freund, ein Freund für Marie-Luise! Mit Vorwurf dachte die Frau Professor an ihren Mann: nein, der hätte die Tochter nicht nur auf die Lehrerin hin erziehen dürfen. Nun ging ihr dadurch das Schönste, das Einzige, um das es sich lohnte zu leben, verloren. Oh, ihre arme Marie-Luise, sie lachte jetzt, wenn man von so etwas zu ihr sprach, konnte sogar ärgerlich werden, aber es würde ihr schon kommen, würde ihr dann kommen, wenn es zu spät für sie war!
Frau Büchner war oft unglücklich; sie hatte kein Talent glücklich zu sein, darum konnte sie auch nicht glücklich machen. Sie schob es auf die veränderten Verhältnisse, auf ihre Witwenschaft, auf die kleine Wohnung, die ihr nach der grossen Dienstwohnung in der Prenzlauer Schule erbärmlich vorkam, besonders auf die Verständnislosigkeit der Tochter. War es denn nicht grässlich, dass dieses grosse gesunde Mädchen seit Jahren herumsass und nichts tat als warten, nur warten? Schon froh war, wenn es ihr gestattet wurde, mal hier und mal da zu hospitieren, damit sie nicht alles vergass, was sie gelernt hatte. Ein entsetzlicher Beruf dieser Lehrerberuf! Ihr Mann hatte sich den Tod dabei geholt, ihre Söhne waren auch dadurch hingeopfert worden, denn wäre ihr Mann nicht der Meinung gewesen, er müsse der Prima der Schule mit gutem Beispiel vorangehen, die Jungen, die noch kaum den Kinderschuhen entwachsen, wären nicht in den Krieg gegangen. Und nun sah sie auch noch die Tochter hinsiechen dadurch! Die Frau konnte sich hineinsteigern in einen Jammer, der viel grösser war, viel schwerer zu ertragen schien, als jener bei der Nachricht vom Tod der Söhne. Frau Professor Büchner vergass ganz, dass ihre Tochter weder herumsass noch gefaulenzt hatte in diesen Jahren des Wartens. —
Als sie noch nicht in Berlin wohnten, die Tochter die Mutter noch gut aufgehoben wusste in den vertrauten Prenzlauer Verhältnissen, hatte Marie-Luise eine Hauslehrerinnenstelle angenommen gehabte. Wenn ihr diese Zeit bei ihrem Dienstalter auch nicht mit angerechnet wurde, was tat’s, sie war so jung, kaum zweiundzwanzig, sie konnte noch hoch genug in den Dienstjahren kommen.
Es war ein heller Frühlingstag gewesen, an dem Marie-Luise die Reise nach Niederschlesien angetreten hatte. Es würde keine schwere Stellung sein auf Althaide, die Frau Baronin war Witwe und suchte für ihr einziges Töchterchen, das noch nicht das Alter hatte, um in ein Institut gegeben zu werden, nicht nur eine Erzieherin, sondern auch eine liebenswürdige Gefährtin. Und eine solche schien ihr die Photographie zu versprechen, die Marie-Luise eingesandt hatte. Das Gehalt war freilich nicht bedeutend — fünfzig Mark bei freier Station und freier Wäsche — aber in einer ersten Stellung gab es eben nicht mehr. Und Marie-Luise wollte der Mutter von der Tasche kommen, auch lockten sie Landluft, Wald- und Wiesenduft.
»Wir leben einfach,« hatte die Baronin geschrieben, »aber sehr gesundheitsgemäss. Auch wünsche ich einen geregelten und pünktlich eingehaltenen Stundenplan, damit meine Tochter gleich von Anfang an lernt, was es heisst, Pflichten haben. Doch wird Ihnen Zeit genug bleiben, um sich in unserer schönen Umgebung täglich die Frische neu zu holen, die für Ihren Beruf nötig ist.«
Das war es ja, was Marie-Luise anstrebte: täglich neue Frische. Mit Interesse sah sie in die Landschaft hinaus, durch die ihr Zug eilte. Keine aufregende Landschaft: Äcker mit grünen Saaten und solche, auf denen soeben Kartoffeln gelegt wurden. Gespanne unter blauendem Himmel mit langsamen Rädern dahinfahrend, abseits liegende Dörfer mit Strohdächern und Kirchturmspitzen zwischen Obsthainen versteckt, vereinzelte Menschen auf dem Acker, mit stumpfer Neugier dem dahinschnaubenden Zug nachgaffend. Das war alles nichts Besonderes, aber es hatte für das junge Mädchen doch einen Reiz. Bald würden hier die Obstbäume blühen, ah, und wenn das Korn dann erst golden wogte! Dann war Althaide sicher schön, der Name hatte schon so etwas Anheimelndes.
Als der Tag sich zum Spätnachmittag neigte, liess Marie-Luise die vorletzte Station hinter sich — jetzt war es nur Kleinbahn — der grössere Haltepunkt, ein Städtchen mit vielen Fabrikschornsteinen, war verschwunden, es kam erst unbebautes Feld, dann aber Wald, Heide, und nun hielt der Zug vor der kleinen Bahnhofsbude: Althaide.
Neugierig sah Marie-Luise sich um: wo war die Equipage? Sie sollte doch abgeholt werden. Und wer trug ihren Koffer?
»Hier gibt es keinen Gepäckträger,« sagte eine Stimme, und eine Dame, hoch, schlank, in enganliegendem Jackett und Reithut hob ihren nicht leichten Koffer mit einem Schwung sich selber auf die Schulter: »Kommen Sie nur, Fräulein Büchner!« Das war keine Zofe, das war die Baronin selber. Hinter der Bahnhofsbude stand das Gefährt; keine Equipage, ein kleiner hochrädriger Feldwagen, Marie-Luise fühlte sich hinaufgeschoben, der Koffer kam ihr nach, schon sass die Baronin vorn auf dem Kutschiersitz — ein Schnalzen mit der Zunge — und schon flogen sie.
Es war alles etwas anders, als Marie-Luise sich vorgestellt hatte, aber als das Erste, das Fremde überwunden war, fand sie es schön auf Althaide. Weite, sehr weite, sorglich bestellte Felder, Waldstriche, leichte Hügel in blauer Ferne, und das Dorf zwischen Wiesen. Einzelne Baumgruppen waren auf diese so schön von der Natur hingestellt, dass sich die ländlichen Wiesen ausnahmen wie gepflegte Rasenflächen in einem Park. Ein grosses Rittergut.
Die Baronin stieg zweimal den Tag zu Pferde, oder sie kutschierte in dem kleinen Wagen, in dem sie die neue Erzieherin abgeholt hatte, stundenlang über die Felder. Es wurde nie gefeiert, und keine Stunde, die nützlicher angewendet werden konnte, mit weniger Nützlichem vertan. Zur Sommerszeit stand die Baronin schon um vier Uhr auf, der Tag fing früh an auf Althaide; wenn das Klappern, das die Leute zur Arbeit rief, auf dem Hof ertönte, hatte sie schon ihr Bad hinter sich und ihr Frühstück. Im enganliegenden Jackett, die Füsse in hohen Reitstulpstiefeln, die Reitgerte unterm Arm und ein dickes Notizbuch in der Hand, erteilte sie den Inspektoren ihre Anweisungen. Die standen vor ihr, den Hut abgezogen, und hörten respektvoll zu. Jeder hatte Respekt; auch Marie-Luise hatte den. In der Tat, die Baronin genoss den Ruf mit Recht: ausgezeichnete Landwirtin, gerechte Herrin, vorzügliche Mutter, und dabei noch eine schöne Frau, elegant von Wuchs und vornehm von Gesicht. An Freiern sollte es ihr seit dem Trauerjahr nicht gefehlt haben, aber sie würde nicht wieder heiraten, sie hielt dem verstorbenen Baron die Treue und verwaltete für sein Kind das, was er hinterlassen hatte, auf das Gewissenhafteste. Eigentlich das Ideal einer Frau, das junge Mädchen hätte für sie schwärmen mögen, aber es war doch etwas da, was ein warm aufwallendes Gefühl immer wieder zurückdrängte. Ob das andern auch so ging?
Den Frauen, die zur Feldarbeit mit hinaus mussten, die erst am Abend Zeit hätten finden können für ihre Kinder, nahm die Gutsherrin die Sorge um diese ab. Sie hatte einen Kinderhort eingerichtet — ein niedliches Häuschen gleich hinter den Stallungen — da wurden die Kleinen am frühen Morgen unter die Obhut der Witwe des früheren herrschaftlichen Försters und von deren ältlicher Tochter getan, die sie bis zum sinkenden Abend betreuten. Und auch die grösseren Kinder fanden, wenn sie aus der Schule kamen, hier am Mittag ihr Essen. Im Winter, wenn die Felder draussen verschneit waren, das Dorf, wie in Watte gewickelt, in lautloser Einsamkeit lag und das Tempo der Arbeit sich verlangsamen musste, hielt die Baronin im Schulraum Leseabende ab für die erwachsene Jugend; sie selber las vor, liess singen und arrangierte sogar auch Aufführungen. Bei einer früheren alten Gouvernante, die die Baronin im Dorf angesiedelt hatte, konnten die Mädchen das Nähen lernen und auch feinere Handarbeiten. Es war alles wohlwollend, praktisch und sorgend durchdacht, und doch, und doch —! Es kam Marie-Luise oft vor, als seien die Leute hier etwas undankbar. Bei den Leseabenden, an denen sie auf Wunsch der Baronin mit der kleinen Konstanze teilnahm, erschien ihr die Jugend wie gelähmt; die Burschen wagten es kaum, sich zu räuspern, die Mädchen sassen wie angefroren. Erst wenn die Baronin gegangen war, wachte Leben auf. Dann hörte Marie-Luise noch lange das helle Lachen der Mädchen auf der Dorfstrasse und die tieferen Stimmen der Burschen. Auf die Schneeballschlacht, die sich da entwickelt hatte, funkelten freundlich die Sterne herab, glitzerten und zuckten, als möchten sie hinunterspringen und mittun. Dann ging Marie-Luise wohl nebenan in das Zimmer der kleinen Konstanze. Sie setzte sich im Dunkeln zu der ans Bett.
Die Hand der Kleinen suchte nach ihrer Hand: »Fanden Sie es nett heute abend, Fräulein?«
»Sehr nett.«
»Ich wäre lieber mit Ihnen zu Hause geblieben.«
»Aber warum? Die Geschichte ist doch schön, die deine Mutter uns vorliest.«
»Ich mag sie nicht. Da sind alle so brav drin. Sind Sie immer so brav gewesen, Fräulein Büchner, als Sie jung waren?«
»Aber, Konni, ich bin doch jetzt auch noch jung!«
»Ach, ich meine ja so jung!« Und Konstanze klatschte sich mit der flachen Hand kräftig auf ihre eigene Brust. »Waren Sie damals denn immer brav?«
»Ich hoffe nicht.« Das konnte sich Marie-Luise nicht enthalten zu sagen. Ja, und nun wusste sie auf einmal, warum die Baronin den Dank nicht genoss, den sie doch verdiente: fröhlich muss man selber dabei sein und so recht lachen können.
Das Lachen unterm Sternenhimmel erklang noch von ferne, Konstanze setzte sich auf im Bett, lauschte und seufzte: »Jetzt sind die so lustig!« Und dann plötzlich beide Arme um den Nacken ihrer Erzieherin schlingend und den Kopf von Marie-Luise fest an sich pressend, flüsterte sie ihr ins Ohr: »Haben Sie mich lieb, Fräulein Büchner? Sehr lieb?!« — — — —
Was aus der kleinen Konstanze, ihrer ersten Schülerin, wohl geworden sein mochte? Marie-Luise hatte nie mehr etwas von ihr gehört. Sie war ja auch nur knapp ein Jahr auf Althaide geblieben. Es war eine dumme Geschichte, derentwegen sie gehen musste.
Die Frau Baronin hatte einen Bruder, der war nach Althaide gekommen. »Ich muss Sie bitten, Fräulein Büchner,« sagte die Baronin vorher, »an kleinen Wunderlichkeiten keinen Anstoss zu nehmen. Da die Verhältnisse, in denen mein Bruder bis jetzt lebte, sich geändert haben, ist es meine Pflicht, ihn zu mir zu nehmen. Er ist ein liebenswürdiger, harmloser Hausgenosse.«
Ja, harmlos war er, das sah man seinem semmelblonden Gesicht mit den wässerigen hellblauen Augen unter der niedrigen Stirn an. Er brachte ein Aquarium mit und einen Kanarienvogel. Für den Frosch, der einsam in dem Aquarium wohnte, fing er Fliegen unten in der Küche an der warmen Herdwand, und von Fifi, seinem gelben Vogel, erzählte er täglich bei Tisch lange Geschichten. Ein Wundervogel.
Konstanze hatte anfänglich laut herausplatzen wollen — war Onkel Egon doch komisch! — Aber ein Blick der Mutter traf sie, so dass ihr Lachen in einem verlegenen Husten erstickte.
»E bissel sehre verrickt,« sagte das Stubenmädchen, und schlug den Herrn Baron, wenn der sie beim Aufräumen seines Zimmers mit kicherndem Lachen kneifen wollte, gehörig auf die Finger: »Hände weg, Sie!« Das Stubenmädchen konnte sich wehren, brauchte keine Rücksicht zu nehmen, für sie, die Erzieherin, war es schwieriger. Und bei dem albernen Geschwätz immer ernsthaft zu bleiben, das war das allerschwierigste. Mehrmals flog der Blick der Baronin bei Tisch aufmerksam zu ihr hinüber, und Marie-Luise dachte: sollte die gemerkt haben, dass es um ihre Mundwinkel verräterisch zuckte? Konstanze war schon ein paarmal unter dem Tisch verschwunden, angeblich um ihre heruntergerutschte Serviette aufzuheben.
Marie-Luise traute sich nicht mehr allein in den Park, denn kaum war der Schnee ein bisschen weggetaut, suchte der Baron auch dort schon nach Fliegen; und durchs ganze Haus strich er so. Marie-Luise verschloss fest ihre Türe, nicht dass sie ihn gefürchtet hätte: was konnte ihr geschehen? — aber es wäre ihr peinlich gewesen, ihn so abfahren lassen zu müssen, wie das Stubenmädchen ihn abfahren liess.
»Mein Bruder ist sehr musikalisch,« hatte die Baronin gesagt. Er war am Klavier auch noch am ehesten zu ertragen; dann guckte er vor sich hin, so versunken auf die Tasten, als läse er aus ihnen etwas heraus. Er spielte alles auswendig, und was er von Melodien gehört hatte, behielt er. Nun bearbeitete er das Harmonium, das bis dahin bei den Morgenandachten, die die Baronin jeden Sonntag mit Choralgesang und Predigtvorlesung für Hausgenossen und Dienerschaft abhielt, sie selber gespielt hatte. Er spielte die Choräle immer ganz richtig. Aber heute, was war denn heute in ihn gefahren —?! Erst zu Beginn der Andacht zwei Verse des ‚Befiehl du deine Wege‘ tadellos, aber nun, nach dem Gebet? Der dritte Vers sollte zum Schluss noch gesungen werden, er fing den auch richtig an, aber jetzt auf einmal — dideldum, dideldum — eine Tanzmelodie! Die hüpfte über die Tasten, widerwillig gab sie das Harmonium her, es widersetzte sich quiekend, die Bässe brummten verwirrt. Aber immer drauflos, immer so weiter. Nun: ‚Fuchs, du hast die Gans gestohlen‘ — dann auf einmal: ‚Grosser Gott, wir loben dich‘ — dann: ‚Ernst, Ernst, was du mir alles lernst‘ — von jedem ein bisschen, alles in einem Tanzrhythmus vereinigt, aber alles doch deutlich zu erkennen.
Es huschte, es zuckte über die Gesichter. Die erst betroffen Dastehenden, dann verlegen Gewordenen, jetzt hielten sie sich kaum mehr. ‚Dideldum, dideldum‘ — Konstanze stopfte sich ihr Taschentuch in den Mund und wand sich wie in Krämpfen.
Marie-Luise hatte tapfer gekämpft — oh, der Narr, der arme Narr! — aber nun blieb auch sie nicht länger mehr ernst.
Nur die Baronin bewahrte Haltung; sie winkte zum Gehen. — — –
Das war für Marie-Luise das Ende in Althaide gewesen.
»Ich werde all Ihren Vorzügen gerecht, ich bin Ihnen auch sehr dankbar, Fräulein Büchner — Konstanze hatte eine grosse Zuneigung für Sie — aber ich sehe ein, es ist besser für dieses leicht abgelenkte Kind, dass es gleich in eine ernsthaftere Schulung kommt. Ich gebe meine Tochter ab 1. April in die altbewährte Erziehungsanstalt, Zum heiligen Kreuze‘.«
Drittes Kapitel
Der Abschied von Althaide war insofern nicht ungelegen gekommen, als Frau Professor Büchner dringend wünschte, ihre Tochter wieder bei sich zu haben. Ihr Kind, das einzige Kind, das ihr geblieben war! Als fielen ihr jetzt auf einmal all ihre Verluste ein, und als trüge sie doppelt schwer an ihnen, so war es. Nein, sie konnte nicht allein bleiben und nicht hier in der kleinen Stadt mit dem engbegrenzten Horizont, nicht bei diesen Menschen, deren Verhältnisse alle, alle glücklicher waren als ihre eigenen!
So war es zur Übersiedelung nach Berlin gekommen. Mathilde Büchner hatte die sorglosesten Tage ihres Lebens und die ihr auch am meisten ‚konformen‘, wie sie sagte, in Berlin gehabt, damals, als sie bei einer Tante und einer gleichaltrigen Cousine dort zu Besuch gewesen war. Nun hoffte sie wieder auf solche Tage. Aber sie vergass, dass die Tante tot war, die Cousine verheiratet und gleich ihr alt geworden, und auch, dass Leute, die einstmals Vermögen hatten, jetzt keines mehr haben. Die Cousine nahm sie trotzdem freundlich auf; sie besass von alledem, was sie einst besessen hatte, nur noch ein Haus in einem westlichen Vorort, ziemlich weit ab, und darin trat sie den Büchners nun eine kleine Wohnung ab.
Die beiden Zimmer waren angenehm, auch geräumig, und schauten aus hellen Fenstern hinab in lauter Gärten. Die Küche teilten sie mit den Glässners, das war weniger angenehm, denn Herr Glässner war abgebaut und stand immer bei seiner Frau in der Küche herum. »Aber, Mutter, du brauchst doch nicht so oft in die Küche, was haben wir denn gross zu kochen,« sagte Marie-Luise. Sie war damit zufrieden, dass für sie ein Schlafsofa im Esszimmer stand, überliess der Mutter gern das andere Zimmer ganz allein. Auch die Entfernung von Berlin kam für sie weiter nicht in Betracht. Vorerst konnte sie sich ja die Stunden, in denen sie hospitierte — bald an einer Schule in Tempelhof, bald in Charlottenburg, bald in Schöneberg, auch am Wedding, oder im äussersten Osten — so wählen, dass sie nicht schon vor sieben Uhr morgens von Hause fort musste. Auch als sie Vorleserin bei einer erblindeten alten Dame geworden war, der sie täglich zwei Zeitungen von der ersten Zeile bis zur letzten — Politik, Roman, Feuilleton, Kunst- und Börsenberichte, Boxkämpfe, Heiratsanzeigen, Todesnachrichten und Ausverkäufe — vorlesen musste, störte ihr weiter Weg sie nicht. Auch dann nicht, als sie zwei Jahre lang bei einem Schriftsteller nach Diktat in die Maschine schrieb.
Jetzt freilich musste sie sehr früh am Morgen zur Fahrt nach Berlin aufbrechen. Aber es war Frühling, wurde dann Sommer — was störte sie in diesem ersten Halbjahr der weite Schulweg? Oh, wie die Vögel anstimmten! Es piepte, es zirpte, es flatterte ohne Scheu dicht vor ihr her; die Amsel bohrte den gelben Schnabel ins Rasenbankett, der Fink schwang sich auf den untersten Zweig der Baumreihe — ein Fliegen, ein Wiegen, ein Hin- und Herwippen. Marie-Luise kannte all diese Vögel kaum, sie hätte auch nicht zu sagen vermocht, wer von ihnen jetzt sang, so vielstimmig war das Konzert. Trillern, Flöten, Locken. Wenn sie nicht gedacht hätte, es könnten jetzt doch Menschen kommen, so hätte sie auch gesungen, oder auch nur einen Ruf ausgestossen, einen einzigen kurzen, hellen Schrei. In ihr war Jubel, noch nie hatte sie sich so jung gefühlt. Ihre Jahre, ah, die drückten sie nicht, sie fühlte sich so frisch, so jung, als hätte sie erst gestern das Examen bestanden. Die Jahre, die danach gekommen waren, die waren jetzt weggewischt, sie stand wieder am Anfang, voller Hoffnungen, voller Pläne, voller Eifer, voller Hingabe an ihren Beruf. Herrgott, was stellte der für Aufgaben! Aber sie fühlte sich jedem Anspruch gewachsen. Und die Kinder hingen an ihr, das fühlte sie auch, und das machte sie glücklich. Ein Gefühl, ein Wunsch, das Herz herauszutun, ihr Innerstes, ihr Bestes ihnen zu geben, überwallte sie. Es waren nicht ihre Kinder, und doch war es einem so natürlich, dass man immer sprach: meine Kinder.
Wie konnte der Rektor nur sagen: »Recht gut, Fräulein Büchner, aber ruhig, ein bisschen ruhiger. Sie treiben sonst Raubbau mit Ihren Kräften« –? Und wie komisch von Fräulein Ebertz, der Kollegin, die nebenan die Parallelklasse hatte, zu ihr zu sagen: » So ein Unterrichten, wie Sie es tun, das hält keine aus. Die Ernst, die Sie jetzt vertreten, die machte es auch so wie Sie — und was hat sie davon? Kinder sind ja undankbar, die haben sie gleich vergessen. Nun ist sie erst mal für ein Jahr beurlaubt — nein, nein, Fräulein Büchner, erschrecken Sie nicht« — Marie-Luise musste eine unwillkürliche Bewegung gemacht haben — »die werden Sie noch lange vertreten können, die kann nicht mehr!«
»Was fehlt ihr denn eigentlich?« hatte Marie-Luise kleinlaut gefragt; sie kam sich sehr egoistisch, ganz schlecht vor, dass ihr bei dem Gedanken, dass Fräulein Ernst bald wiederkommen könnte, alles Blut vom Herzen wich und zu Kopf stieg.
»Was ihr fehlt? Na, was uns allen mehr oder weniger fehlt: die guten Nerven. Bei ihr kam’s nur etwas früh. Ich bin schon fünfunddreissig Jahre im Amt, und, Gott sei Dank, bei mir geht’s noch immer, weil ich’s ruhiger nehme. Ich unterrichte noch so ziemlich nach der alten Methode. Wenn ich ein Gedicht aufsagen lasse, sagt es erst eine auf, und dann die andere — alle der Reihe nach — ich verteile keine Rollen wie auf dem Theater. Dann gibt’s auch kein Hallo und keine Unruhe. Sie sind auch so neumodisch — Gedicht aufsagen mit Gesten, mit Hüpfen und Herumtanzen womöglich, Gott bewahr mich! Da zieht man nur schlechte Schauspieler heran. Na, Sie werden ja auch schon noch klug werden. Und wie die Ernst sich aufregte, wenn mal ein Kind einem andern ein Bildchen wegnahm oder ein Zopfband! Lieber Gott, so was kommt eben vor, es sind doch noch unvernünftige Kinder. Und wenn ein unverschämter Kerl von Vater oder eine dämliche Mutter kam und sich beklagte, ihrer Ilse, Hilde oder Annemarie wäre Unrecht geschehen, denn die lögen niemals, was meinen Sie wohl, was die Ernst sich dann auf lange Auseinandersetzungen einliess! Zuletzt war sie so fertig, dass sie mitten in der Stunde anfing zu weinen. Bei mir kommt keiner ran, ich schliesse einfach meine Klassentür zu, bin nicht zu sprechen.«
Diese Kollegin war Marie-Luise nicht sehr sympathisch. Aber das schien nicht gegenseitig der Fall zu sein. Fräulein Ebertz legte der jungen Kollegin die Hand auf die Schulter, in ihr ältliches, sehr alltägliches Gesicht mit der straff zurückgekämmten unkleidsamen Frisur kam ein freundliches, es plötzlich viel angenehmer machendes Lächeln: »Sie müssen es mir nicht übelnehmen, Fräulein Büchner, nicht denken: was geht die das an? Fünfunddreissig Jahre sind lang, ich habe schon manch eine kommen sehen, aber auch manch eine gehen. Es tut mir direkt leid um Sie, wenn ich Sie morgens so anhetzen sehe in der letzten Minute, oder wenn Sie mittags bei der Hitze sich in die Elektrische quetschen und die weite Fahrt — mein Gott, was für ’n Ende! — bis nach Hause fahren. Ziehen Sie nach Berlin, näher zur Schule, ich meine es gut mit Ihnen.«
Was, in die Stadt ziehen, dazu noch näher zur Schule?! In eine dieser Strassen des Ostens, die nur zu ertragen war, wenn man nicht in ihr wohnte! Marie-Luise lachte fast, wenn sie am Morgen ihren Weg zur Bahn machte und zufällig ein Gedanke sich zu Fräulein Ebertz verirrte. Was wusste die von Vogelgesang, von Frühlingsgrün, von der Natur überhaupt und von Frische?! Eine gutmütige Seele und auch gar nicht dumm, aber doch schon recht verschrumpft, eingetrocknet in ihrem Beruf, mechanisch darin geworden, eine Maschine.
Fräulein Ebertz hatte die Aufnahmeklasse, die Kleinen im ersten Jahr. Die gab sie dann weiter und bekam wiederum die Kleinen im ersten Jahr. Und so immer dasselbe, immer die ersten Anfänge, immer wieder diese kleinen Geschöpfe, die noch vor dem Abc erst einmal lernen mussten, dass man nicht aus der Bank herauslaufen und nach Hause gehn darf, wenn man keine Lust mehr hat, in der Schule zu bleiben, dass man aufpassen muss, wenn die Lehrerin spricht, dass man die Nachbarin nicht heimlich zwicken darf und sich auch nicht in der Nase bohren.
Marie-Luise lächelte in sich hinein: ja, es war manches recht komisch. Diese Anfänge hatte sie ja auch durchgemacht, hatte sich auf die Lippen beissen müssen, um nicht laut herauszulachen, wenn die kleine Irma mit den Rattenschwänzchen erzählte: »Mein Vati is Frisör, der ondoliert mir an ’n Sonntag.« Lieber Gott, die paar Härchen! Verlegenes kam im Anfang auch genug vor, da hatte manchmal eine Kleine zu spät angesagt: »Fräulein, ich muss mal austreten.« Nun, so etwas hatte sie ja jetzt bereits hinter sich; sie würde die Aufnahmeklasse auch nicht lange behalten, nächsten Ostern ging sie mit ihren Kindern weiter, stieg mit ihnen in die folgende Klasse hinauf, das hatte ihr der Rektor zugesagt. Aber Fräulein Ebertz — o Gott, wenn sie denken sollte, immer und immer nur die ersten Anfänge! Aber die wollte nichts anderes; es war deren Spezialität, die ganz Kleinen — eine Domäne, die sie gepachtet hatte. Fünfunddreissig Jahre nur Aufnahmeklasse –?!
War es die feuchte Kühle eines Sommermorgens nach einer Eewitternacht, die schon an den Herbst gemahnte und die Marie-Luise heute leicht erschauern machte? Sie nahm die Kühle mit sich fort in die Stadt und behielt sie selbst während des Unterrichts, obgleich die Bänke alle vollbesetzt waren und die Luft, die die Klasse vom eingebauten Hof her empfing, durchaus nicht frisch war. Es steckte Schwüle in dieser Luft. Marie-Luise hatte heute keinen guten Tag, das fühlte sie bald, ohne zu wissen warum, und es ärgerte sie. Sie konnte und konnte ihre gewöhnliche herzhafte Munterkeit heute nicht finden, obgleich sie sich bemühte. Und es war, als ob die Klasse dies spürte. Die kleinen blonden, braunen und schwarzen Köpfe hingen schläfrig, bald gähnte dieses Kind, bald jenes, die Antworten kamen langsam; kein Durcheinanderrufen, kein lebhaftes Fingerheben, lahmgelegt schien das Interesse. Wie, war die Klasse denn so sehr der Spiegel des Lehrers? Marie-Luise entdeckte fast mit Erschrecken, wie sehr selbst schon diese kleinen Kinder hier die Verfassung des Lehrenden abspiegelten. Sie riss sich zusammen und gab sich einen Ruck. Und siehe, es gelang. Jetzt hatte sie die kleinen Geister wieder gefesselt und hielt sie fest in der Hand.
Beim Naheliegenden hatte sie angeknüpft: »Wisst ihr denn, Kinder, warum wir heute alle ein bisschen müde sind?«
»Weil gestern Sonntag war,« sagte die Schindler.
»Wieso? Das verstehe ich nicht, da müssten wir doch gerade recht ausgeruht sein.«
»Wir haben schön ausgeschlafen,« riefen ein paar.
»Na, siehst du, Trude, deine Antwort ist falsch.«
»Nee, Fräulein,« Trude Schindler blieb dabei, »die is nich falsch. Sonnabends is Auszahlung, denn macht Vater ooch an’n Sonntag noch blau, und denn gibt’s immer Krach. Ich hab garnich schlafen können.«
Ach Gott, dieses Kind! Marie-Luise erschrak. Was die schon miterlebte! Für dieses naseweise Ding mit der grossen nickenden Haarschleife, thronend auf einem Strubelkopf, das ihr unsympathisch gewesen, fühlte sie jetzt plötzlich Mitleid. »Na, Trudchen, dann leg dich ein bisschen hin und schlaf dich aus. Kind, du kannst nach Hause gehen, jetzt schon.« Sie erwartete, dass die Schindler froh aufspringen würde, aber die schüttelte verneinend den Kopf, im ganzen Körper Abwehr: »Nee, ich will nich nach Haus!« Und blieb.
Fürchtete sich das Kind, nach Hause zu gehen? In die Klasse senkte sich plötzlich ein Schatten. Vom Hof stieg er herauf, von jenen hohen Hauswänden herab, die den umdüsterten, und kam durch die Fenster hereingekrochen. Nicht nur auf der kleinen Schindler blasses, übermüdetes Gesicht schien sich der Schatten zu legen, er breitete sich auch auf die anderen Kindermit aus, auf die blonden, braunen und schwarzen Köpfchen, auf das Lenchen, die Irma, die Gerda und Senta, auf Hilde, Ilse und Erika, auf Hete und Magda und Lieschen auf all die kleinen Gestalten. Ach, Kinder der Riesenstadt, Kinder in deren übervölkertem Osten! Kinder des Proletariats, die keine behütende Hand zur Schule geleiten kann — Vater muss in die Fabrik, Mutter auf ihre Waschstelle — Kinder, die allein über die Strasse müssen, aus deren Pflaster etwas heraufsteigt, von deren Anschlagsäulen etwas herabsteigt, was verhüllt oder nicht verhüllt, Neugier und Begierden erweckt, die besser nicht erweckt werden würden! Kinder, nach denen aus Eckdestillen, aus dunklen Kellerhöhlen, aus finstern Torfluren eine schmutzige Hand sich reckt! Und schwer die Luft von Gerüchen; es ist nichts zu Bestimmendes, nach was es hier riecht, nicht nach Blut aus Schlächterläden, nicht nach Fauligem von Obstkarren, nicht nach den Müllkästen der engen Höfe. Nach all dem dünstet es nicht hier. Und doch nach was so schwer, so unangenehm?!
Marie-Luise hatte sich nie klar gemacht, warum die Luft hier so drückte. Oh, wieviel leichter war es für die Kinder, unschuldige Kinder zu bleiben, die in anderen, lichteren Strassen wohnten! ‚Arme Trude Schindler‘, dachte die junge Lehrerin, ‚erst sieben Jahr und schon so bewusst dessen, was um sie ist!‘ Sie ging hin und legte der müde in ihrer Bank Kauernden die Hand auf den Strubelkopf. Sie zupfte die grosse Haarschleife zurecht, die nur gross tat, die aber so verfleckt war und so zerknüllt, als sei sie seit Tagen nicht frisch gebunden worden. Und wie sah das Haar aus! Natürlich ein Bubenkopf, aber, schlecht geschnitten, zur verwilderten Mähne geworden. ‚Kämmt dich deine Mutter nie — kannst du dich denn selber noch nicht kämmen?‘ Das hätte Marie-Luise fragen mögen, aber sie fürchtete das Kind dadurch zu demütigen. Sie hatte den Wunsch, dieses Kind, ja gerade dieses, vertraulich an sich heranzuziehen. Es würde nicht leicht sein. Trude Schindler sass verdrossen, und so, als fühle sie die über ihr Haar und dann über ihr Gesicht streichende Hand nicht.
Marie-Luise hatte geglaubt das Bewusstsein einer grossen Aufgabe schon längst zu haben, ihre Pflichten, ihre Verantwortlichkeiten ganz genau zu kennen und den Ansprüchen, die ihr Beruf stellt, gerecht werden zu können mit Leichtigkeit — aber wirklich gerecht werden, oh, konnte man das überhaupt?
‚Der Lehrer soll den Schüler zu einem konkreten Idealismus erziehen,‘ das hatte sie in einem pädagogischen Buch gelesen, ‚soll ihn erziehen zu allem Guten, Wahren, Schönen und Heiligen‘ — oh, du lieber Gott, wie macht man denn das?!
Viertes Kapitel
Kommen Sie mit zur Lehrerinnenversammlung, Büchner?« fragte die Kollegin. Nun unterrichtete Marie-Luise fast ein Jahr schon Tür an Tür mit Fräulein Ebertz, aber ein Miteinander war es noch immer nicht geworden. Und das lag an Marie-Luise.
»Gehören Sie denn immer noch nicht unserm Verband an?« hatte Fräulein Ebertz gesagt. Und dann, als Marie-Luise verneinend den Kopf schüttelte, ziemlich spitz: »Wir sind Ihnen wohl nicht gut genug?«
»Ach Gott, nein!« Die Jüngere hatte nach der Hand der Älteren gefasst: »Wie käme ich wohl dazu, so etwas zu denken! Aber ich — wahrhaftig, ich — offen gesagt, ich habe daran noch gar nicht gedacht.«
Die Ebertz biss die ältere Kollegin heraus: »Im übrigen sind Sie verpflichtet, beizutreten. Wir Volksschullehrerinnen müssen zusammenhalten. Erstens mal gegen die männlichen Kollegen. Die meinen immer, sie können’s doch besser als wir, es ist immer Krach wegen unserer Gleichberechtigung im Gehalt: wir hätten ja keine Familie, keine Kinder. Als ob nicht viele von uns alte Eltern zu erhalten hätten! Und überhaupt, leisten wir denn nicht dasselbe? Mehr sogar. Das soll mir einer von denen mal nachmachen, fünfunddreissig Jahre Aufnahmeklasse! Der wäre längst vor Ungeduld eingegangen; nicht drei Jahre hätte der ausgehalten, oder er sässe vielleicht im Irrenhaus. Und überhaupt unsere Kleinen, die könnten mir leid tun — ein Mann und die! So was kann nur ’ne Frau.«
Fräulein Ebertz war aus ihrer Ruhe herausgegangen, ihr stubenfarbenes Gesicht hatte sich gerötet.
Fräulein Ebertz wurde Marie-Luise auf einmal sympathischer: die hatte doch wohl viel Herz für die Kleinen, wenn sie das auch verbarg hinter einer wenig liebenswürdigen Art. Fräulein Ebertz war streng, sie sollte ab und zu mal einen Klaps geben, sie war eben noch von der alten Richtung; eine Volksschule ohne Stock hatte es vormals nicht gegeben. Es musste doch recht schwer sein für alte Lehrerinnen, so ganz auf neu umzulernen! Marie-Luise sah in die alltäglichen stumpfen Züge der Kollegin, und die erschienen ihr heute gar nicht so ausdruckslos: da waren Falten auf der Stirn und um Mund und Nase, die bei näherem Hinsehen manches verrieten. Wie konnte die hier immer noch die Heiterkeit, die Frische aufbringen, die jetzt durchaus verlangt wurden? Man soll dem Kind stets ein freundliches Gesicht zeigen, ein fröhliches Lächeln, damit das Kind nicht denkt, was wir hier tun ist Arbeit, eine Arbeit mit Seufzen. Was wir hier tun ist auch nicht blosses Spiel, es ist Freude. Und Freude ist alles.
»Und dann,« fuhr Fräulein Ebertz fort, »müssen wir Volksschullehrerinnen, in Gesamtheit geschlossen, zeigen, wer wir sind. Was wäre denn unser Volk, unser Schulwesen ohne uns? Einpacken könnten sie!« Sie schlug sich auf die flache Brust: »Wir, wir sind die Wurzel, durch die der Baum Nahrung saugt und Kraft bekommt. Herrje, und da bilden die an den höheren Lehranstalten sich ein, sie könnten auf uns herabsehen?! Gucken Sie sich mal so ’ne Oberlehrerin an, die auf der Universität ihre Semester hinter sich hat, wie’s jetzt Mode ist — schon so ’n kleines Fräulein Studienreferendar trägt uns gegenüber die Nase hoch — Josef mit ’m bunten Rock, der dünkte sich auch mehr als seine Brüder. Ich hätte ja auch studieren können, Sie auch, wir alle, wenn wir’s Geld dazu gehabt hätten. Keine von uns ist dümmer als die. Aber, wissen Sie, –« und sie nahm, wieder ruhig geworden, den Arm der jüngeren Kollegin — »Gott sei Dank, bloss aufs Studierthaben kommt es nicht an in der Schule; auf das am wenigsten!«
Für die Volksschule sicherlich nicht. Über Marie-Luises Gesicht war ein Schatten geflogen: sollte es wirklich so sein, wie Fräulein Ebertz sagte, gab es Missgünstigkeit bei den Lehrern gegen die Lehrerinnen, und eine vielleicht noch grössere Missgünstigkeit bei der Volksschullehrerin gegen die Lehrerin der höheren Schule? Sie sah in ihr eigenes Innere: ehrlich, wie sah’s da aus?! Sie senkte nachdenklich den Blick: ja, sie hätte lieber an einem Mädchenlyzeum unterrichtet als hier an der Gemeindeschule im proletarischen Osten. Es könnte ihr das auch gelingen, wenn sie nebenher noch weiter arbeiten würde, Sprachen trieb und Vorlesungen hörte, sie würde es erreichen, wenn sie das durchaus erreichen wollte, aber — und jetzt nickte sie der anderen lächelnd zu — »wir sind die Wurzel, durch die der Baum Nahrung saugt und Kraft zieht«. Ein Gefühl, das fern jeder Eitelkeit, aber nicht fern von Stolz war, stieg in ihr auf: ‚ich bin nun einmal Volksschullehrerin, ich bleibe es auch, und ich bleibe es gern.‘ Hier waren Kinder, so viele Kinder, unendlich viel mehr Kinder, als es Kinder in höheren Ständen gibt, Kinder, die das Volk ausmachen, das Deutschland, das wieder gross werden soll und auch wieder gross werden wird in der Welt, wenn diese Kinder, Früchte des Baumes, der in der Volksschule wurzelt, so erzogen werden, wie sie erzogen werden müssen. Oh, hier lag eine Aufgabe, eine weit grössere, eine weit lohnendere als jede andere! Wenn diese kleinen Mädchen mit den Strubelköpfen und Hängezöpfchen, einst Frauen, Mütter waren, musste man ihnen so viel mitgegeben haben, dass sie fest in ihren Schuhen standen, Kraft genug in sich hatten, dem Mann eine stützende Hand zu reichen. Und dass sie die Fähigkeit besassen, selber ihre Kinder so zu erziehen, wie sie erzogen werden mussten.
»Ich werde dem Verband der Volksschullehrerinnen selbstverständlich beitreten,« sagte Marie-Luise, wie um Entschuldigung bittend. »Es war eine grosse Gedankenlosigkeit von mir, das nicht gleich zu tun.«
Melitta Ebertz nickte versöhnt: »Na ja, das ist ja auch für Sie selber von Vorteil. Alle für eine — man ist durch den Verband persönlich sehr gestützt. Unsere Zentrale berät uns jederzeit und tritt für uns ein: Ruhegehalt und so weiter. Und Abfindungssumme bei ’ner Heirat — na?!« Sie blinzelte dabei.
Hatte Fräulein Ebertz etwa noch vor, sich zu verheiraten? Marie-Luise lachte auf einmal hell auf.
»Was lachen Sie denn?« sagte die Ältere ärgerlich. »Ich denke ja an so was nicht mehr, aber Sie — für Sie kommt doch so was noch in Betracht.«
»Ich würde meinen Beruf nicht aufgeben,« sagte Marie-Luise rasch. »Ich heirate nicht.«
»Na, na!« Fräulein Ebertz lächelte.
Und dieses Lächeln erboste Marie-Luise fast: musste denn doch eine Heirat so gewissermassen als Schlussstein des Lebens gesetzt werden, das man sich erbaut hatte? — – –
Mit Spannung sah Marie-Luise heute dem Vortrag entgegen. Ein öder Saal; vorn im Haus waren Restaurationsräume, warm und hell erleuchtet, man hatte durch sie hindurchgehen und dann über einen düsteren Hof tappen müssen. Es war schlechtes Wetter; Frau Professor hatte lamentiert, dass die Tochter sich noch einmal zur Stadt aufmachte: »Solch ein Unsinn! Das lohnt doch sicher nicht. Hast du auch Überschuhe an? Und ich sitze wieder allein, immer allein — es ist wirklich grässlich!«
Die Mutter tat Marie-Luise leid. In dem Kuss, den sie ihr rasch auf die Stirn drückte, lag es wie eine Bitte um Entschuldigung, aber sie hatte es ja der Kollegin fest versprochen, und das Thema des Vortrages interessierte sie auch: »Bekenntnisschule oder Weltanschauungsschule« — warum das »Oder?« Der bekannte Schulmann, der diesen Vortrag zu halten versprochen hatte, sollte ein ausgezeichneter Redner sein — wie würde er das »Oder« begründen? Müsste es eigentlich nicht heissen: »Bekenntnisschule und Weltanschauungsschule?« Jedes Bekenntnis war doch Weltanschauung. Das hatte sie heute morgen auch dem Fräulein Ebertz gesagt, aber die hatte sie ganz verwundert angesehen: »Na, kümmern Sie sich denn um gar nichts? Es ist doch so viel die Rede davon. Jede Eltern können verlangen, dass ihr Kind nur katholisch unterrichtet wird oder nur protestantisch, und wenn es man bloss vierzig katholische Kinder an einem Ort gibt oder vierzig evangelische, oder noch weniger, eine eigene Schule müssen die kriegen. Das nennt sich dann Bekenntnisschule. Weltanschauungsschulen, die haben nichts mit Religion zu tun.«
»So,« hatte Marie-Luise kurz gesagt. Und das Bild ihres Vaters stieg plötzlich vor ihr auf. Wie warm hatte er sie an seiner Brust gehalten, wie hatten seine Augen geleuchtet, als sie auf seinen Knien sass, und er ihr von dem Geist Gottes sprach, der in uns wohnt, der all unsere Gedanken kennt und dem Kinde helfen will, böse Gedanken zu überwinden, damit es gut wird. Gut sein, gut, das ist alles. Ein guter Mensch — das höchste Ziel für alle! Er hatte nie von »Bekenntnissen« gesprochen. Ach, ihr Vater, der wäre sicher nicht damit einverstanden: »Bekenntnisschule oder Weltanschauungsschule«.
Freilich, leicht war es nicht, Kindern, so jungen Menschen, den Geist, den man Gott nennt, nahezubringen. Aber dafür war man ja auch ein Lehrer, zum Lehren geschaffen. Marie-Luise erinnerte sich immer noch mit Entzücken an ihre allerersten biblischen Einführungen. Alle Wunder des Morgenlandes hatte der Vater in der Dämmerstunde, als sie auf seinen Knien sass, vor ihr ausgebreitet. Sie wunderten mitsammen im Garten des Paradieses, sie hörten die Stimme Gottes: »Adam, wo bist du?« — Sie sahen die ersten Menschen, ausgetrieben vom Engel mit dem flammenden Schwert, sich mühend auf dem Acker voll Dornen und Disteln. Sie sahen den hochsteigenden Opferrauch des guten Abel und den bösen Kain, auf dessen Stirn Gott das Zeichen des Mörders eingebrannt hatte, sahen die Sintflut alles verschlingen und nur die Arche des Noah treiben, in die dann die Taube das Zweiglein des Ölbaumes brachte — der Regenbogen stand leuchtend, als Zeichen der Versöhnung von Himmel und Erde. Sie sahen den kleinen Moses im Schilf des Nil, sahen ihn dann die Kinder Israel durch die Wüste führen, sahen Josua und Kaleb, die Riesentraube heranschleppen aus dem gelobten Land, sahen den Riesen Goliath und den Hirten David mit seiner Schleuder, sahen den Knaben Absalom an den Haaren im Baume hängen und den König Salomon in all seiner Herrlichkeit. Märchen, wundersame Märchen, aber voll von Symbolen und wunderbaren Erziehungsmöglichkeiten.
Und so wie Marie-Luise damals gelauscht hatte, lauschten ihr jetzt ihre Kleinen in der Klasse. Nun gerade, zur nahenden weihnachtlichen Zeit, erzählte sie ihnen von dem Stern, der am Himmel aufzieht und mit langem strahlendem Schweif wie mit einem Finger nach Bethlehem weist. Alle Leute laufen dahin, junge und alte, arme und reiche, Hirten und Könige. Und im niederen Stall, in der armen Krippe bei Öchslein und Esel, da liegt das Kind, ein König, mächtiger als alle Könige je auf Erden: das Christkind. Und es winkt: »Ihr Kinderlein kommet!«
Merkwürdig, wie wenig die Kinder vom Christkind wussten! Sie kannten nur den Weihnachtsmann. Den kannten sie von Wertheim und Tietz her und aus anderen grossen Geschäften. »Fräulein, meine Tante geht heute mit mir Läden besehen!« — »Meine Mutti is schon vorigen Sonntag mit mir da gewesen, da war’s aber so voll, sie liessen mir gar nich ran, und da hab ich geweint.«
»Fräulein, Fräulein!« Die kleine Irma mit dem Rattenschwänzchen warf sich vor lauter Eifer über die Bank. »Da waren so viele Tiere, die gingen immer rum und rum, bei’n Löwen zum Besuch, und da war auch ’n Klapperstorch, der hatte ’n kleines Wickelkind in Schnabel, und der nickte uns immerzu zu, aber Mutti sagte: ‚Um Gottes willen, nee, man ja nich!‘«
Die Schindler, deren Vater wieder blau gemacht haben mochte, denn sie sass übermüdet und verdrossen da, fuhr aus ihrem Halbschlaf auf: »Der is ja aus Pappe. Quatsch, es gibt überhaupt keinen Klapperstorch. Christkind –?!« Sie zuckte die Achseln mit der ihr eigenen geringschätzigen Bewegung und zog den Mund schief: »Malen Sie’s uns doch mal an, Fräulein!«
Ja, das wollte sie auch. Arme Trude Schindler, arme Grossstadtkinder! Mit schnellem Entschluss nahm Marie-Luise die Kreide; ihr bangte ein wenig; den Weihnachtsmann mit langem Bart, mit Sack und Rute, den hatte sie gestern zur Not fertig gebracht, aber würde ihr heute das soviel Schwerere gelingen? Aber es musste sein. Und sie malte mit gelber Kreide den Stern von Bethlehem an die Tafel, gross wie eine Sonne mit langen Strahlen, und sein noch längerer Schweif stiess auf ein Dach. »Das ist das Dach vom Stall,« erklärte sie. »Und da drin ist die Krippe.«
»Wo, wo? Zeigen Sie die uns mal!«
Marie-Luise schwitzte: jetzt war der Stall aussen fertig, ein Palmbaum daneben, der Stern darüber, ein kniendes Etwas davor, auch ein Schaf dabei — oder war es ein Hund? — aber innen Maria und Joseph, und vor allem das Christkind, das war doch sehr schwer. Wenn die Phantasie der Kinder nicht mitgeholfen hätte, nie wären Maria und Joseph zu erkennen gewesen und das himmlische Kind in der Krippe. — – –
Marie-Luise lächelte in sich hinein, als sie heute abend im öden, nicht genügend erwärmten Saal sass und auf den Beginn des Vortrags wartete.
»Es sind ’ne Menge da,« flüsterte ihr die Ebertz zu, die neben ihr sass. »Wenn Doktor Schultes spricht, dann kommen auch die von den höheren Schulen. In den sind alle verliebt. Sonst wäre kein Mensch bei dem Wetter hier.«
Ja, das Wetter war schlecht. Durch tiefen Schnee war Marie-Luise draussen zur Bahn gestapft, hier war der zu Brei geworden; sie fühlte Nass an den Füssen, und es überlief sie kalt — »Bekenntnis- oder Weltanschauungsschule —?!«
Doktor Schultes, ein grosser schöner Mann mit einem sonoren Organ, hatte längst begonnen, aber sie war seinen weiteren Ausführungen nicht gefolgt, sie klebte noch immer an dem ersten Anfang:
»Die Bekenntnisschulen sind nach dem Bekenntnis, für das sie bestimmt sind, zu bezeichnen — die gesamte Unterrichts- und Erziehungsarbeit muss getragen sein vom Geist dieses bestimmten Bekenntnisses — der Religionsunterricht ist nach den Grundsätzen der betreffenden Religionsgesellschaft zu erteilen, unbeschadet des Aufsichtsrechtes des Staates — Lehrern, deren Tätigkeit diesen Vorschriften zuwiderläuft, ist der Unterricht an der Bekenntnisschule abzunehmen.«
Was, was?! Marie-Luise hatte auffahren wollen, ihre Blicke flogen umher. Aber überall ruhige Gesichter, einige sogar recht teilnahmlos und gelangweilt. Wie, sahen die denn nicht alle ein, dass da von Anfang an der Keim der Zwietracht in die Schule gelegt wurde, und aus den untersten Bänken der Kleinen weiter wuchs in den Klassen und noch weiter bis ins Volk?! Ach, ihr Vater hatte nie gefragt: welches Bekenntnis? Nun, der würde sicher jetzt zu denen gehören, denen der Unterricht entzogen wurde. Und sie selber, sie selber? Ein plötzliches Herzklopfen befiel sie, würde sie denn geeignet sein, zu unterrichten? Aber nicht Angst um ihre Stellung war es, die ihr Herz klopfen machte. Sie warf den Kopf auf wie ein junges unruhiges Pferd, das ins Gebiss schäumt.
Die Ebertz zupfte sie: »Was haben Sie denn bloss?«
»Ich bin ausser mir,« murmelte Marie-Luise.
»Aber warum denn? Hören Sie doch zu, was Doktor Schultes sagt. Das ist natürlich ’ne dumme Idee mit dem neuen Reichsschulgesetzentwurf. Aber was geht uns das an! Mich überhaupt nicht, bei meinen Kleinen.«
»Aber mich!« Marie-Luise streifte die Hand der andern ab, die sich, beruhigend, ihr auf den Ärmel gelegt hatte. Es war ihr siedend zu Kopf geschossen, sie fühlte, dass ihre Wangen brannten und ihre Ohren glühten, als wäre an ihnen gezaust. Ach, wäre sie doch lieber nicht hierher gekommen. Die Mutter hatte recht mit ihrem »Es lohnt sich nicht« — und »’ne dumme Idee«, sagte Fräulein Ebertz. Ach, eine dumme Idee, nein, mehr, viel mehr! Man unterrichtete dann ja nicht mehr als freier Mensch, man war unter engherzigen Vorschriften geknechtet. Nun, wenn sie ihnen dann nicht passte, dann, dann würde sie eben gehen. Aber wohin? Unbesetzte Lehrstellen gibt es kaum — ach, und sie hatte schon so lange gewartet! Eine plötzliche Niedergeschlagenheit fiel auf Marie-Luise.
Sie hörte gar nicht mehr zu, was der Redner noch sagte, sie war auf einmal sehr abgespannt. Und auch um sich her sah sie lauter abgespannte Gesichter — oder kamen ihr die nur so bleich und müde vor? Wahrhaftig, man hatte es nicht nötig gehabt, um solche Neuerungspläne zu hören, weite Wege durch breiigen Schnee zu machen. Mochte Professor Schultes ein noch so glänzender Sprecher sein, sie interessierte das Thema nicht mehr. Sie war ja auch nur eine unbedeutende kleine Volksschullehrerin, die nichts dafür oder dawider zu sagen hatte, deren Ansicht nicht das geringste ausmachte. Sie fühlte sich plötzlich gedemütigt, ohne recht zu wissen warum, und, was noch schlimmer war, sie war eines Ideals beraubt.
Füsse scharrten. Es war unruhig im Saal geworden. Die anfänglich Teilnahmlosen, sogar scheinbar Gelangweilten, waren zum Schluss nicht mehr teilnahmlos. Alles ältere Lehrerinnen, soviel Marie-Luise sehen konnte. Viele schon grau oder früh grau geworden. Köpfe neigten sich zueinander, es wurde geflüstert. Marie-Luise hätte gern gewusst: fühlten die sich auch wie sie in ihrer Freiheit bedroht? Oder waren diese Angegrauten schon so mürbe geworden, dass sie das Joch, das man der Schule aufzuerlegen drohte, persönlich nicht mehr fürchteten, ganz so wie Fräulein Ebertz? Sie sah suchend umher: stand denn keine auf? Eine Diskussion sollte sich dem Vortrag anschliessen, aber bis jetzt tat keine den Mund auf.
Marie-Luise hätte wohl gern etwas gesagt und auch etwas zu sagen gewusst; aber sie war noch jung gegen diese hier und auch noch zu fremd. Eine natürliche Scheu liess sie schweigen. Ihre Gedanken flüchteten zu ihren Kindern; unter den meist protestantischen hatte sie auch katholische in der Klasse und auch jüdische. Bei ihrer Darstellung vom Christkind hatten der kleinen Rosa von dem Althändler Levy die schwarzen Mandelaugen aufgeglänzt, und sie hatte, tief entzückt, die Hände zusammengeschlagen; es war so, als ob dieses Kind aus dem ewig dunkeln, von allerlei Kram vollgestopften Lädchen in der düstern Seitengasse Licht und Luft träfe und Freude. Das Kind war hübsch, es war gut gekleidet, aber es roch nach Knoblauch und Gänseschmalz, und das war Marie-Luise nicht angenehm gewesen; nun aber würde sie das nicht mehr stören. Sie hätte die Arme ausbreiten mögen, das kleine schwarzhaarige Ding an ihre Brust ziehen, und die anderen, ach ja, alle die anderen auch! Sie lächelte vor sich hin, ihre Blicke träumten; sie erschrak, als eine Hand sich von rückwärts auf ihre Schulter legte.
Marie-Luise hatte es gar nicht bemerkt, dass die Zuhörerinnen sich erhoben hatten, dass einige noch Doktor Schultes umdrängten, andere schon den Saal verliessen. Hinter ihr stand eine schlanke Gestalt, elegant angezogen, viel eleganter als die anderen hier. Die waren auch gut gekleidet — Lehrerin sein, heisst doch heutzutage nicht armselig sein — aber sie trugen sich bürgerlicher, und ihre Gesichter zeigten meist denselben Typus: rechtschaffene, ganz intelligente, aber unauffällige Gesichter. Das Gesicht, in das Marie-Luise, sich rasch umwendend, jetzt blickte, war nicht unauffällig. Samtige, tiefdunkle Augen, die etwas Melancholisches hatten, ein feiner, sehr roter Mund, und ein Hauch von Puder auf den Wangen.
»Marga — du?!« Das war fast ein Schrei. Marie-Luise hatte die einstige Freundin vom Seminar sofort erkannt. Mit der Wärme freudigster Überraschung klang es: »Bist du denn jetzt auch in Berlin? Als was — auch als Lehrerin?«
Die andere nickte, ein leis spöttisches Lächeln spielte um den schönen Mund: »Ja, ich hab’s geschafft — allzu schwer ist’s mir ja nicht gemacht worden. Und du, wo bist du angekommen? Aber komm, komm,« drängte sie, »was brauchen hier mindestens ein halbes Dutzend zu stehen und uns zu begaffen, komm schnell heraus, komm mit, wir haben uns ja so viel zu erzählen!« Sie zerrte die Freundin mit sich, presste den Arm derselben mit der ihr eigenen, von jeher Besitz ergreifenden Ausschliesslichkeit an sich, die Marie-Luise von den Zeiten ihrer innigsten Freundschaft her kannte. »Ich bin selig, ganz toll vor Freude des Wiederfindens! Komm nur, komm!«
Marie-Luise hatte einen Augenblick gezögert, denn da stand Fräulein Ebertz und sah mit erstaunten Augen nach ihr hin — sie hatten sich verabredet, zusammen fortzugehen — musste sie sich nicht wenigstens von der verabschieden? Aber Marga liess ihr keine Zeit, drängte sie zur Saaltür auf den Hof und fiel ihr dort in einem Winkel, den das Licht der Laterne nicht erreichte, um den Hals: »Ich habe dich wieder, liebe, geliebte, einzige Marie-Luise! Liebst du mich denn auch noch? Jetzt wird’s aber schön! Jetzt können sie mir alle den Buckel ’runterrutschen. Und auf die ganze Schulmeisterei pfeif’ ich.«
Marie-Luise musste lachen: genau so war Marga immer gewesen, ein bisschen burschikos und ganz so stürmisch dem Augenblick hingegeben und auch ohne jedes Bedenken, ob sie nicht durch die Ausschliesslich keit, mit der sie sich nur um den einen Menschen kümmerte, andere kränkte. Aber sie war doch ein reizendes Mädchen gewesen; es war eine Schande, dass man sich so lange aus den Augen verloren hatte. Und reizend war sie auch jetzt, eigentlich reizender noch. Mit einem verstohlenen Seitenblick streifte Marie-Luise das schöne Gesicht: aber nach einer Lehrerin sah Marga nicht aus.
Nun gingen sie, sich eng aneinanderhaltend, Arm in Arm. Als wären all die Jahre, die zwischen dem Damals und dem Jetzt lagen, nicht gewesen, so fühlten sie sich. Und doch entdeckte Marie-Luise, als sie in der stillen Ecke eines eleganten Cafés sassen, in das Marga sie genötigt hatte — »wie, du willst nicht? Aber man kann bei dem Wetter doch nicht auf der Strasse bleiben —«, dass Marga hier im hellen Licht nicht ganz so jung mehr aussah und um die Mundwinkel eine kleine Falte hatte. Die verschwand freilich, wenn sie lächelte. Und sie lächelte viel.
Sich über das kleine runde Marmortischchen mit dem goldnen Fuss nahe zu Marie-Luise hinüberbeugend, hielt Marga die Freundin an beiden Händen. Hielt sie noch immer fest, obgleich Marie-Luise längst schon gehen wollte.
Fünftes Kapitel
So spät war Marie-Luise noch nie nach Hause gekommen, wie nach dem Vortrag ‚Bekenntnisschule oder Weltanschauungsschule‘. Die Mutter sass noch auf, hatte die Tochter in zitternder Angst erwartet — es ging ja schon auf eins.
»Wo bleibst du — was ist dir passiert — um Gottes willen!« Der zitternden Angst antwortete eine zitternde Freude: »Ich habe Marga getroffen.«
»Wen — was — wo denn? Wer ist Marga?« Keine Ahnung mehr hatte die Frau Professor von Marie-Luises Freundin vom Seminar. Aber sie liess die Tochter erzählen, dazwischen jammerte sie nur immer wieder: »Wenn dich nun einer angefallen, gar ermordet hätte! Man hört ja so vieles! O mein Gott, mein Gott! Wir armen einsamen Frauen — schrecklich, schrecklich!« Sie weinte noch stundenlang, so dass Marie-Luise auf ihrem Sofa im Esszimmer auch keinen Schlaf fand. Oder hatte das Wiederfinden der Jugendfreundin sie so erregt?
Für gewöhnlich schlief Marie-Luise immer gleich ein, selbst wenn die Mutter ihre Erregungszustände hatte; sie kannte so etwas ja schon seit Jahren. Diese Zustände waren freilich schlimmer geworden in der letzten Zeit und kamen häufiger. Es klappte gar nicht recht mit den Glässners.
Die Glässners waren gutmütige Leute — hatte Frau Glässner nicht die Cousine aus lauter Gutmütigkeit aufgenommen? — »Aber wenn Mathilde so ihre Tour hat, dann ist es nicht auszuhalten!« Herr Glässner verliess wie auf der Flucht die Küche, sobald die Frau Professor darin erschien, anfing mit den Töpfen zu rappeln, die Schubladen aufzog und wieder zustiess: »Wo hab’ ich denn, ach, was wollt’ ich denn? Dora, hast du mein kleines Küchenmesser nicht gesehen? Du hast es gewiss wieder weggenommen — ach nein, da ist es ja!« Und sie stiess einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus und liess das Küchenmesser auf den Boden fallen, das sie schon längst in der Hand gehabt hatte.
Es stand nicht gut mit der Mutter, das sah Marie-Luise; es war schlimm, dass sie die so viel allein lassen musste, ihre Gegenwart wirkte immer beruhigend auf die nervöse Frau, aber sie musste doch in ihren Beruf. Und wenn sie’s auch nicht gemusst hätte, sie wollte. O Gott sei Dank, dass sie ihren Beruf hatte! Der gab ihr immer wieder von neuem die Freudigkeit, die sie sonst vielleicht nicht aufgebracht hätte.
Und heute war Marie-Luise besonders freudig gestimmt; es war noch ganz dunkel, als sie jetzt am Morgen zur Bahn ging. Spät erst war sie etwas eingeschlummert, um gegen sechs schon wieder aufzustehen. Nur zwei kurze Stunden Schlaf, aber sie war doch ganz frisch. Eine eisigkalte Morgenluft strich ihr ermunternd die Wangen, sie lief sich warm; um sieben ging der Zug, den sie erreichen musste, wenn sie um halb neun in der Schule sein wollte. Unter den hier draussen noch dick verschneiten Dächern flinzelte nicht überall Lichtschein, viele Häuser lagen noch im tiefsten Nachtfrieden, der Bäckerjunge, der die frischen Brötchen brachte, riss vergebens an der Klingel und warf dann schimpfend den Frühstücksbeutel über den Zaun. Aber vor dem Fräulein lüftete er höflich die Mütze: der hatte er schon öfter mal eine Semmel abgelassen. Marie-Luise verzehrte die dann mit Genuss im Laufschritt, frische Brötchen bekam sie ja nie zum Frühstück, sie verzehrte immer altbackene vom Tage zuvor. Der Kaffee wurde auch schon am Abend bereitet und in die Thermosflasche gegossen, dann war er noch heiss beim frühen Aufstehen. Das war nun einmal nicht anders, daran gewöhnte man sich rasch.
Marie-Luise spitzte die Lippen wie zu einem vergnügten Pfiff: Glück muss der Mensch haben, doch noch erreicht! Eben lief der Zug ein. Aber wie war sie auch gerannt, ebenso gerannt wie heute nach Mitternacht, als sie von Berlin zurückkam und das tiefe Schweigen einer Abgeschiedenheit sie umgab, die ihr trotzdem nicht einsam war. Neben sich fühlte sie noch die Freundin. Wenige Stunden war das jetzt her, wenige Stunden erst, dass Marga sie zum Bahnhof gebracht hatte. Die hatte sich das nicht verwehren lassen: »Ich nehme mir nachher ein Auto.« Ein Auto, welch eine Verschwendung! Aber Marga hatte gelacht: »Marie-Luischen, du bist doch noch immer das brave Kind: nur nicht ’nen Pfennig zuviel ausgeben. Ich bin längst nicht mehr so brav. Wer gibt mir was dafür, wenn ich mich nur schinde?! Ich tue mir an, was ich kann, denn ein Vergnügen ist das Lehrerin sein doch wahrhaftig nicht.« Marie-Luise war gar nicht mehr dazu gekommen, etwas hierauf zu erwidern, einen raschen, ihre Lippen fest drückenden Kuss hatte sie noch gespürt, dann war sie ins Kupee geschoben worden: »Auf Wiedersehen, aber sehr bald auf Wiedersehen!«
Der Herr neben ihr hatte dann das Fenster heruntergelassen, sich hinausgelehnt und so mit seinem breiten Rücken ihr jedes Winken unmöglich gemacht. Er sah neugierig nach der Gestalt, die schlank und elegant auf dem Bahnsteig zurückblieb, die Hände in den Taschen des Paletots und mit einem leicht amüsierten Lächeln dem Zuge nachsah. Marga Moebius dachte: Ach, ganz noch die frühere Marie-Luise, harmlos, pflichteifrig und noch so jung geblieben.
‚Nein, es ist doch die frühere Marga nicht mehr,‘ dachte Marie-Luise. Heute im kalten, nüchtern grauenden Tag erschien ihr manches anders als in der ersten Überraschung und Freude des Wiederfindens. Sie war wie in einer Verzauberung gewesen; alles war plötzlich wieder da, die Tage im Seminar, in denen man trotz alles Lernens nichts so ernst nahm, dass es einem auch nur eine Stunde das Lachen geraubt hätte. Was hatten sie doch alles für Unsinn angegeben, Marga war Anstifter, und sie hatte mitgemacht. Ach, all jene glücklichen Stunden steten Zusammenseins — gemeinsames Lernen, gemeinsames Spazierengehen! Am schönsten jene Stunden, in denen sie ihr frugales Abendbrot miteinander teilten, und Marga erst spät, nach zärtlichem Gutenacht, endlich hinüberschlich in ihr eigenes Bett. Marga hatte alles wieder hervorgezaubert — und war sie selber nicht auch bezaubernd? Marie-Luise konnte sich nicht genug wundern, wie elegant Marga geworden war; sie selber kam sich ganz altmodisch gekleidet dagegen vor. Und doch hatte Marga eigentlich nichts anderes an, als die meisten anderen auch: ein dunkles Kleid, einen Mantel mit Pelzkragen und ein kleines, tief in die Stirn gedrücktes Hütchen. Aber wie das alles sass! Und ein feiner Duft ging von ihr aus, ein Duft, der nicht aufdringlich war, und den Marie-Luise heute, selbst hier im Kupee, noch immer verspürte. Er haftete noch ihren Handschuhen an, ihren eigenen Händen, die Marga so lange in den ihren gehalten hatte.
Ah, wie sich Marga wohl in solcher Schule ausnehmen würde, wie die ihrige eine war? Marga und eine Schule im äussersten Osten! Kinder, die zum grossen Teil Proletarierkinder waren! Marie-Luise fand es eigentlich nur begreiflich, dass Marga nicht an solcher Schule war. Die hatte ihr erzählt, dass sie, nachdem sie erst zu nervös gewesen, dann doch das Examen wiederholt hatte. Und es war gar kein Wunder, dass sie, die Begabte, Interesse erregt hatte. Man hatte ihr geraten, noch einige Kurse durchzumachen, ein weiteres Examen, das sie dann zum Unterricht an höheren Schulen berechtigte. Eine reiche Familie aus Rio, deren Töchterchen sie während eines Deutschland-Aufenthaltes privatim unterrichtete, hatte ihr die Mittel dazu gewährt. Das erzählte Marga alles so nebenbei, es hatte Marie-Luise gewundert, dass sie nicht mit mehr Dankbarkeit von diesen Leuten sprach. Ein halbes Jahr war sie auch in Frankreich gewesen, und ein halbes Jahr in England. Nun unterrichtete sie schon seit ein paar Jahren an einer höheren Mädchenschule im westlichen Berlin. Freilich eine Karriere! Und schnell war es mit der gegangen. Marie-Luise wunderte sich nicht darüber: das war eben Marga, der die Zukunft schon immer mehr zu versprechen geschienen hatte als allen andern. Aber ob sie glücklich war in ihrem Beruf? »Ich hätte mir was anderes gewünscht,« hatte Marga kurz gesagt und dann geschwiegen. Und Marie-Luise hatte auch nicht weiter gefragt. Ihr Gespräch war ja so überfüllt gewesen von lauter Erinnerungen, dazwischen Händedrücke, Versicherungen der Freude, sich wiedergefunden zu haben, und Pläne, wie und wo man sich bald, recht bald wiedersehen würde. Ja, es war eine Freude, eine ungeahnt grosse, alles andere verdrängende Freude — Marga, Marga!
Es kam Marie-Luise jetzt erst zum Bewusstsein, dass ihr eigentlich immer etwas gefehlt hatte. Fräulein Ebertz war nicht so anziehend, dass man die Stunde herbeisehnte, in der man mit ihr zusammen sein konnte. Fräulein Ebertz — Herr Gott, sie musste sich gleich bei der entschuldigen, dass sie so fortgerannt war! Und sich bedanken. Denn war Fräulein Ebertz nicht eigentlich die Urheberin ihres ganzen Glückes? Wenn die sie nicht mit in den Vortrag geschleppt hätte! —
Fräulein Ebertz stand vor ihrer Klassentür und kam Marie-Luise heute noch unansehnlicher vor, noch alltäglicher als sonst. Das Zöpfchen am Hinterkopf war zu einem kleinen festen Knudel zusammengedreht; farblosgrau wie das Kleid war das Gesicht, die stumpfe Nase so klein, dass sie ganz ausdruckslos war — ach, nichts war schön an ihr, gar nichts.
Fräulein Ebertz war nicht guter Laune: das hätte sie der Büchner nicht zugetraut, dass die so rücksichtslos sein würde; nicht einmal vorgestellt hatte die sie. Als Marie-Luise etwas stammelte von Entschuldigung — ‚eine frühere Schulfreundin, plötzlich wiedergefunden‘ — sagte sie nur: »Na ja.« Aber es klang so resigniert, dass es Marie-Luise traurig berührte. Die hatte doch auch nichts, gar nichts: alt, hässlich, wie lange noch, und sie wurde auch abgebaut. Von der Höhe ihres Glückes herab flüsterte sie sehr eilig, denn die Schulglocke begann schon den Anfang zu läuten: »Liebes Fräulein Ebertz, ich danke Ihnen so sehr. Sie sind schuld — Sie müssen meine Freundin auch bald kennenlernen — eine Kollegin — die wird Ihnen ja so gut gefallen!«
»’ne Kollegin? ’ne Filmdiva, dacht’ ich.« Und Melitta Ebertz schlug die Tür ihrer Klasse rasch hinter sich zu.
Das hatte Marie-Luise verstimmt. Obgleich sie sich sagte: ‚die ist nun schon ganz verknöchert, man darf ihr weiter nichts übelnehmen, sie hat ja auch keine Ahnung von Höherem und was Marga ist‘, war von ihrer Freude doch plötzlich etwas abgebröckelt. Es war gut, dass ihre Kinder heute besonders lebhaft waren, ganz aufgeregt, und ihre Aufmerksamkeit stark beanspruchten.
Es schrien gleich mehrere bei ihrem Eintritt: »Fräulein, Lenchen Krause ihre Mutter is gestern gestorben. Die, wo so lange ins Krankenhaus war. Fräulein, wo kommt Lenchen nu hin, ins Waisenhaus?«
Ach, um Gottes willen! Lenchen Krause, das kleine bleiche Ding, das so verschüchtert sass und gleich verletzt war, selbst über ein Lachen, jetzt ohne Mutter? — »Ich will bei meine Mutti — bei meine Mutti —« Marie-Luise hatte noch das Weinen des Kindes von damals im Ohr. Eine Welle des Mitleids überflutete sie und spülte alles fort, was sie vordem erfüllt hatte. Es schoss ihr feucht in die Augen; sie setzte sich auf den Platz in der vordersten Bank, auf dem Lenchen heute fehlte, und stützte den Kopf in die Hand.
»Fräulein, sind Sie traurig? Warum?« Es war der Klasse sehr interessant, ihre Lehrerin traurig zu sehen. Warum war die traurig, die kannte Frau Krause doch gar nicht?!
»Man kann auch traurig sein, wenn man jemanden nicht persönlich kennt,« sagte Marie-Luise; aber das verstanden sie nicht. ‚Kinder sind grausam,‘ hatte die Ebertz gesagt, und das empfand Marie-Luise heute: grausame Neugier der Kinder. Sie bestürmten sie mit Fragen: Kam Frau Krause nun in einen Sarg? Kriegte Lenchen Krause nun ein schwarzes Kleid?
»Ich hab’ schon mal ’n Begräbnis gesehen,« tat eine sehr wichtig. »Da war ich mit bei. Als mein Bruder gestorben war. Denn spielten wir nachher so schön Begräbnis.«
»Still, still, ich will jetzt nichts mehr hören, kein Wort!« Marie-Luise hob abwehrend die Hand. »Setzt euch ganz ruhig hin, faltet eure Hände, legt sie so vor euch aufs Pult. Denke mal eine jede von euch jetzt ganz still bei sich nach: Wenn ich nun keine Mutter mehr hätte! Keine Mutter, die mich morgens weckt, dass ich rechtzeitig zur Schule komme, die mich wäscht und kleidet, dass ich sauber bin, die mir zu essen gibt, wenn ich hungrig bin, die mich auf den Schoss nimmt, wenn ich mir weh getan habe. Keine Mutter mehr, die mir die Tränen wischt, wenn ich geweint habe, keine Mutter mehr, die mich pflegt, wenn ich krank im Bett liege, keine Mutter mehr, die mich straft, wenn ich unartig bin, und die mir dann doch wieder verzeiht. Keine Mutter mehr, der ich alles sagen kann, keine Mutter mehr, die mich im Arm hält und mich immer behütet. Wenn ihr das alles mal bedenkt, dann wisst ihr, warum ich traurig bin, dass Lenchen Krause keine Mutter mehr hat.« Die Stimme der Lehrerin hatte weich und doch sehr ernst geklungen.
Die Gesichter der Kinder, die zuerst dumm-neugierig oder zum Teil auch unaufmerksam zugehört hatten, wurden nach und nach anteilnehmend. In manch leeres, noch gänzlich unbeschriebenes Kindergesicht kam etwas wie ein betroffener Ausdruck.
Marie-Luise fühlte sich sehr bewegt; es war das erstemal, dass der Tod ihrer Klasse nahe kam, dass sie das Rauschen schwarzer Flügel zwischen den Bänken verspürte. Es wehte sie kalt an. Armes Lenchen, armes kleines Lenchen! Hatte die Schindler damals nicht gesagt, Lenchen Krause wohne bei ihnen im Hause? Sie rief Trude Schindler auf: »Sag mal, weisst du etwas Näheres von Lenchen Krause? Ist sie zu Hause?«
Die mit dem Strubelkopf und der grossen nickenden Haarschleife hatte nur darauf gewartet, alles, was sie wusste, loszuwerden; sie brannte darauf. Ihre matten Augen begannen zu leuchten: »Na ja, wo soll sie denn sonst sein? Ihr Vater ist ja nu auch wieder da.«
Marie-Luise entsann sich: Lenchens Vater war lange nicht da — war er auswärts auf Arbeit gewesen? Sie hatte damals nicht danach gefragt, heute fragte sie.
»Aber, Fräulein, der hat doch gesessen!« Die Klatschsucht eines ganzen übervölkerten Hauses, das heimliche Geträtsch der dunklen Gänge, das aus den Kellerwohnungen die Treppen hinaufstieg von Stockwerk zu Stockwerk, bis es zuletzt selber so schmutzig war wie die Stufen, die von vielen, vielen Füssen belaufen waren, wurde jetzt laut. Die Siebenjährige mit dem Gesicht, das kein Kindergesicht mehr war, schwatzte drauflos: »Aber, Fräulein, der taugt doch nischt« — Marie-Luise war zusammengeschreckt bei dem Wort ‚gesessen‘ — »der hat fast nie Arbeit. Wenn sie nich Mäntel genäht hätte, hätten sie hungern müssen. Ja, das Leben is sehr teuer!« Trude Schindler stiess einen tiefen Seufzer aus: oh, sie wusste ja Bescheid! Aber dann fuhr sie wichtig fort, förmlich beglückt, dass sie das, was sie hinter der Türe von Krauses erhascht hatte, hier in der Schule dem Fräulein verkünden durfte: »Auf die Strasse hätt’ er ihr am liebsten geschickt. Aber weil se nich ging, da verhaute er ihr. Oh, die war nich schlecht froh, als er seine sechs Monat kriegte. ’n Pech, dass sie da gerade krank wurde, als sie ’n mal los war. Meine Mama hat ihr öfters besucht, denn nahm sie jedesmal Lenchen mit, aber denn wollte die immer bei ihre Mutti ins Krankenhaus bleiben. Sie hat jedesmal ihr Wunder mit der gehabt. Die is ja noch so dumm!« Trude Schindler lachte ein wenig.
Dumm?! Lenchen war gewiss nicht dumm, dass sie lieber bei ihrer Mutter im Krankenhaus bleiben wollte, als nach Hause gehen, in ein schreckliches, ödes, verlassenes Nachhause. Armes, verschüchtertes kleines Geschöpf! Es versetzte Marie-Luise fast den Atem, sie hätte gern noch mehr gefragt, und doch fürchtete sie sich, noch mehr zu hören. Es ging ja auch nicht an, hier vor der Klasse. Die Kinder waren ja Gott sei Dank klein, die meisten verstanden noch gar nichts davon, aber doch lauschten sie schon und blickten mit grossen Augen. »Nachher, Trude, nachher,« sagte sie hastig, als die wiederum ansetzte. »Komm nachher zu mir. Ich gehe mit dir.« Und dann klatschte sie in die Hände. Sie musste sich selber gewaltsam ermuntern, aufraffen, freimachen von etwas, das sich drückend auf sie gelegt hatte. »Nehmt eure Setzkästen vor! Flink, flink!« Das ging ja heute so langsam? Sonst griffen die kleinen Hände viel flinker unters Pult und holten den Kasten mit den grossen und kleinen Pappbuchstaben vor, mit denen sie gelernt hatten, Worte und Sätze zu bilden.
»Wird’s nun bald?!« Die Kinder schienen ihr gar nicht bei der Sache — oder bildete sie sich das nur ein? Ein Kasten krachte zu Boden, die Buchstaben lagen umher. »Was seid ihr denn so unaufmerksam? Schnell doch! So, nun schreibt mal! Erst ein grosses ‚M‘. Und nun, — was steht in eurer Fibel mit einem grossen M?«
Langsam hob sich ein Finger: »Mama — Mumu — Miau.«
Nun lachten die Kinder: Ach ja, und das Bild war so hübsch dabei, das kannten sie alle. Eine Frau, die ihrem Kind Milch einschenkt, und die Katze sitzt auch da und macht Miau, und auf derselben Seite unten steht die Mumu und leckt ihr Kälbchen.
»Miau, miau, mumu, mumumumumu,« so ging’s nun in einem fort durch die Klasse. Die Kinder fingen an, sich dafür zu interessieren, die Lehrerin aber zwang sich nur mühsam ein Lächeln auf: »Schon gut, gut. Wir schreiben jetzt nicht ‚Mumu und Miau‘, auch nicht ‚Mama‘ — wir wollen ‚Mutter‘ schreiben. Mutter, das wunderschöne Wort, das allerschönste Wort, das unsere Sprache hat. Sagt es einmal alle zusammen recht deutlich und schön: ‚Mutter‘. Und dann schreibt es hin. Und dann denkt: Mutter — o wie glücklich bin ich, dass ich eine Mutter habe! Wer kann mir etwas von seiner lieben Mutter erzählen?«
»Ich! Ich! Ich!« Arme reckten sich in die Höhe, Kindergesichter, die bleich aussahen, bekamen zartgerötete Bäckchen: »Ich! Ich! Ich!« Nun war auf einmal eine Lebendigkeit da, ein förmlicher Aufruhr in der Klasse. Nur Trude Schindler sass ohne Teilnahme da.
Die Lehrerin fühlte, jetzt war der missliche Eindruck von vorhin verwischt; sollte ein Kind doch schon etwas verstanden haben von dem, was die Trude erzählte, jetzt war es vergessen. Sie atmete auf, sie litt es, dass die Kinder durcheinander schrien; besser, dass sie jetzt zu laut waren, als dass sie still nachdenklich dasassen. Nun konnte auch sie wieder mit heiter sein. Da ging die Tür auf.
Der Rektor trat ein. Niemand hatte sein Anklopfen gehört.
»Hier geht es ja recht munter zu!« Sein von der ewigen Schulluft angebleichtes Gesicht war sehr freundlich; eine famose Lehrerin, dieses Fräulein Büchner, so ganz mit dabei, neben dem nötigen Ernst doch noch Kind mit den Kindern! So fröhlich mit den Fröhlichen. Wirklich ein Wesen voller Sonne! Mit Wohlgefallen sah er das reiche blonde Haar, die Gestalt mit der aufrechten kräftigen Haltung, die Augen, die ihn hell und offen anblickten. Das hatte er eigentlich noch gar nicht gewusst, wie hübsch dieses Fräulein Büchner war. Wenn die ihm nur keiner abspenstig machte! Ein Verlust für die Schule wäre es. Aber zu verwundern war es nicht, wenn die einer begehrenswert fand. Er reichte ihr die Hand: »Guten Morgen, ich habe Sie persönlich noch gar nicht begrüsst. Nun, sind Sie zufrieden mit Ihren Kindern? Die machen ja gute Fortschritte, wie ich sehe.«
Gute Fortschritte? Wie konnte er das denn gesehen haben? »Sollen sie Ihnen mal etwas aus der Fibel lesen, Herr Rektor? Es geht schon ganz nett.«
»Nein, nein, danke sehr. Fahren Sie nur fort mit dem, was Sie gerade vorhatten. Ich möchte nicht unterbrechen. Ich setze mich hier ein bisschen hin.« Und er setzte sich auf eins der vorderen Pulte, den Blick auf sie gerichtet, und lächelte.
Marie-Luise war erst ein wenig scheu — die Ebertz hatte ihr gesagt: ‚Der Rektor ist scharf, passen Sie bloss auf, wenn der in die Klasse kommt‘ — sie hatte eine kleine Hemmung zu überwinden, aber dann blickte sie nach ihm hin und sagte freimütig: »Die Kinder sollten mir gerade etwas erzählen, von ihrer Mutter, das tun wir denn ein anderes Mal. Kinder, aufgepasst, seht nach mir hin, nicht immer nach dem Herrn Rektor! Und ein andermal steht ihr alle auf, wenn der Herr Rektor hereinkommt; überhaupt wenn jemand hereinkommt, das gehört sich so. Also, nun nehmt eure Fibel, schlagt sie auf, Seite acht, wo das steht, was wir schon einmal gelesen haben: von ‚Husch husch‘ an!«
Und das Kind, das durchaus nicht zu den besten Schülerinnen gehörte — es lag Marie-Luise fern, sich glänzend produzieren zu wollen, eine durch schnittliche Leistung wollte sie zeigen —, las mit seiner ein wenig plärrenden Kinderstimme und nach Vorschrift jeden Laut scharf akzentuierend: »Heini, Emil, Rosa, ich hasche euch — rasch, Susi, raus!«
Die Lehrerin nickte: »So, Irma, nun lies du mal weiter: »Aä — Oö — Uü — wir sind jetzt mit den Umlauten beschäftigt, Herr Rektor.«
Und das Kind las: »Ei, so schön, feine Schäfchen — Hü, hü, hü.«
Sie hätten alle gern gezeigt, was sie schon konnten, aber der Rektor war gar nicht neugierig. Er sah mit einem Lächeln immer still nach der Lehrerin hin. O wie prächtig verstand die es, mit Kindern umzugehen! Und die Klasse mit den Bänken und Pulten, mit der grossen Tafel, auf der Buchstaben und Zahlen eingereiht standen, und mit der andern Tafel, auf der der goldene Stern von Bethlehem noch prangte und der Palmbaum neben der Hütte, verwandelte sich ihm in ein ödes Zimmer, viel öder, als diese Klasse es war — das Zimmer, in dem seine eigenen Kinder sassen. Vier mutterlose Kinder. Sie sollten verträglich sein, aber sie waren es nicht, er hörte ihr Gezänk schon auf der Treppe, wenn er müde aus der Schule kam. Seine ältliche Schwester, die ihm seit dem Tod der Frau die Wirtschaft führte, die verstand es nicht mit den Kindern — ja, hier die, die wäre die Rechte für seine armen Kinder, eine Mutter, wie er sie ihnen nicht besser wünschen könnte! Ach, und für ihn selber?! Er holte so tief Luft, dass es wie ein Seufzer klang, und in seine Augen, die unverwandt an dem blonden Mädchen hafteten, kam etwas Wünschendes, Begehrendes. Ah, wenn er die sich gewinnen könnte! Aber ob die nicht schon anderweitig gefesselt war? Sein Blick suchte ihre Hände ab: kein Ring daran, sie war wohl noch frei. Aber ob sie im Geheimen etwas Liebes hatte, einen Mann, an dem ihr Herz hing? Kaum anzunehmen, dass solch ein Mädchen, und gerade in den Jahren, die reif zur Liebe machen, unbegehrt sein sollte und selber nicht begehren. Ach, er würde sich ja schon bescheiden, er, ein nicht mehr junger und abgemüdeter Mann, würde es verstehen, dass er nicht die erste heisse Liebe dieses Herzens sein konnte. Er würde zufrieden sein mit ihrer Achtung und mit einer ruhigen, verständigen Neigung. Sie würden gut miteinander leben können. Und er konnte ihr ja auch etwas bieten, trotz seiner Vier, von denen das Jüngste erst zwei Jahre war, trotz seiner etwas düstern Amtswohnung hier in der Schule, trotz seines Gehaltes, das nicht gerade glänzend war. Mit jedem Jahr wurde er ja aber aufgebessert, er hatte als Schulmann auch einen so guten Namen, dass er wohl bald versetzt wurde in Verhältnisse, die angenehmer waren, fortkam von dieser Schule im Osten in ein anderes, besseres Stadtviertel in gesünderer, freundlicherer Lage. Und vor allem: sie hatte als seine Witwe Pension. Aber bekam sie als Lehrerin denn nicht auch Pension? Freilich, doch es war sehr schwer, so lange im Amt auszuhalten, bis das Gehalt so hoch gestiegen war, dass die Pension dem entsprach. Viele, viele Jahre müsste sie dann im Amt bleiben. Er, der Schulmann, wusste ja selber ganz genau, wie schwer es ist, immer zu unterrichten, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Zu unterrichten, ob man disponiert ist oder nicht gut aufgelegt, ob man gesund ist oder sich elend fühlt. Immer die gleiche Frische zu zeigen und das gleiche Interesse, nie für sich selber da zu sein, nur immer für andere. Für die Lehrerin war das noch viel schwerer als für den Lehrer, der Mann hat die grösseren Kräfte rein körperlich und auch geistig. Und das alles nahm er ihr ab, wenn er sie heiratete.
Rektor Volbert hatte sich so vertieft in seine Träume und blickte so versonnen, dass Marie-Luise schon ein paarmal sich nach ihm umgesehen hatte. Der sass ja noch immer da, wollte er denn die ganze Zeit hier bleiben? Aber rasch hatte sie sich wieder weggewendet, sie fühlte seinen starren Blick. Und sie war erleichtert, als er endlich ging. Er reichte ihr wiederum die Hand und sagte ihr, wie sehr er mit ihr einverstanden sei. Aber seine Anerkennung, an der es ihr eigentlich hätte doch liegen müssen, berührte sie weiter nicht — kam das daher, weil ihre Gedanken heute an anderm so viel Grösserem Anteil nahmen? Sie dachte auch immer wieder an Marga. Es war doch wie ein Wunder, dieses plötzliche Wiederfinden. Immer noch hatte sie das Sprechen von Marga im Ohr, ihre Art zu lachen, und dazwischen schob sich wieder das kleine Lenchen in ihre Gedanken, das seine Mutter verloren hatte, und zu dem sie nun nachher gleich hingehen würde. — —
Marie-Luise ging mit Trude Schindler nach Schulschluss. Ein Schweif von Kindern hinterdrein. Das war doch zu interessant, dass das Fräulein mit der Trude wegging. Auch anderen Klassen war das interessant, der Schwarm neugieriger Kinder wurde immer grösser. Da drehte die Schindler sich um, schnitt eine greuliche Grimasse, streckte die Zunge heraus und schrie: »Macht, dass ihr wegkommt! Wartet man, ihr, mein jrosser Bruder, der wird euch!«
»Pfui, Trude!«
Zum Schweigen verdammt, aber doch sehr stolz, trappelte Trude dann neben Marie-Luise her. Es war ihr noch nie passiert, dass so eine Dame mit ihr ging. Sie hätte gerne noch etwas von den Krauses angebracht — o sie wusste ja noch viel, viel mehr! — aber das Fräulein hatte streng gesagt: »Du musst nicht allen Klatsch wiedererzählen, Kind, das ist hässlich. Ich glaube den auch nicht; Klatsch ist nie wahr.«
Na, das Fräulein würde ja bald erfahren, dass alles wahr war! Und Augen machen. ‚Was die bloss an der dummen Lene gefressen hat,‘ dachte Trude etwas missgünstig. ‚Wenn ich sie wäre, denn kümmerte ich mir nich um solche Leute.‘
Und wie das Kind, so dachten auch andere im Haus. Das Haus war gross — fünf Stockwerke, und das Quergebäude im Hof auch fünf Stock hoch — alles, von ganz unten, wo es ewig feuchte, schlüpfrige Stufen hinunterging, bis oben herauf, wo es im Sommer so dörrte wie in einem Backofen, alles dicht bewohnt. Viele Parteien, an hundertsechzig Menschen im Haus, kaum anzunehmen, dass es bei so vielen, die ein und aus gingen, bemerkt werden würde, wer da mit der kleinen Schindler kam. Aber es wurde doch sofort ruchbar: ein Fräulein, ein feines Fräulein! Das war die von der Fürsorge nicht, das war die Lehrerin aus der Schule. Und nach oben zu den Krauses ging die.
Die Krauses wohnten ganz oben. Sie hatten keine Klingel an ihrer Tür und auch kein Briefkästchen, nur ein Stückchen Pappe war angenagelt, darauf stand:
Julius Krause
Bildhauer
‚Bildhauer‘, das las sich sehr vornehm, aber Trude Schindler hatte ihre eigentümlich ausdrucksvolle Bewegung mit den Achseln gemacht und den Mund dabei schief gezogen: »Er kloppt Steine bei’n Bau — wenigstens sollt’ er welche kloppen.« Und dann war sie, husch husch, lautlos wieder die Treppe hinunter.
Marie-Luise stand allein vor der Tür und hatte so etwas wie Herzklopfen: wie sollte sie sich einführen bei dem Mann? Wenn der wirklich so schlimm war, wie die Schindler ihn machte — brutal, schon gesessen hatte — dann war er vielleicht auch grob zu ihr? Sie pochte, aber es rief niemand Herein. Und doch merkte sie, dass jemand drinnen in der Wohnung war; sie hatte sogar das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. Hinter der Tür bewegte sich etwas, sie spürte es wie Atmen, und jetzt glitzerte etwas an dem Spalt der schlecht schliessenden, schief in den Angeln hängenden Tür: ein Auge. Das war ihr unheimlich; schon wollte sie zur Treppe, wieder hinuntersteigen, da wurde die Tür aufgemacht: »Was wünschen Sie?«
So schlimm, wie sie sich Lenchens Vater vorgestellt hatte, war der Mann nicht, er sah ganz anständig aus und fragte auch höflich, und doch erschrak Marie-Luise. Er hatte ein Gesicht, das ihr zuwider war, ein gedunsenes bleiches Gesicht, in dem die Augen schräg standen und wie lauernd. »Sie entschuldigen,« stotterte sie, »ich — ich bin die Lehrerin von Lenchen«.
Er sah sie stumm abweisend an.
»Ich bin doch recht hier? Sie sind doch Herr Krause?«
»Mein Name ist Krause.«
Er machte es ihr wirklich schwer, er forderte sie auch nicht auf, näher zu treten, aber sie überschritt mutig die Schwelle. O dieser Mensch, ein ganz widerlicher Kerl! Eine instinktive Abneigung erfasste sie, aber sie musste sich zusammennehmen, höflich sein, sogar liebenswürdig, sie kam ja um des armen Kindes willen. Sein stummes Schielen von der Seite aus schrägen tückischen Augen mit freundlichem Blick erwidernd, streckte sie ihm die Hand hin: »Mein aufrichtiges Beileid, Herr Krause, Sie haben die Frau verloren, Lenchen die Mutter — oh, es tut mir ja so unendlich leid für das arme Kind!« Mit einer Redensart hatte sie ihren Satz begonnen: Beileid, aufrichtiges Beileid, nein, das empfand sie nicht für diesen Menschen, aber das, womit sie den Satz geschlossen hatte, das empfand sie in Wahrheit, und jetzt noch mehr als vorher, da sie Herrn Krause nur erst von Hörensagen kannte. Nein, so sah kein guter Mensch aus und auch kein ehrenwerter — die Augen schienen ja immer auf der Lauer: ‚Wer sieht, was du tust?‘ Dieser Mund mit den breiten Lippen dünkte sie gemein, unwillkürlich streifte ihr Blick seine Ohren: Verbrecherohren? Nein, seine Ohren lagen fest am Kopf an und widersprachen dem Bild, das man sich von einem Verbrechertyp macht.
»Zu traurig für Lenchen,« seufzte sie.
Er schien ihre ausgestreckte Hand nicht bemerkt zu haben; er nickte knapp: »Hm. Ja, traurig.«
»Ihre Frau war schon längere Zeit krank?«
»Lange. Tuberkulose.«
»Ach Gott!« Marie-Luise erschrak: dann musste die Schulärztin daraufhin Lenchen aber sofort noch einmal aufs genaueste untersuchen. Wie leicht konnte sie etwas geerbt haben, man musste vorbeugen. »Ist denn das Kind ganz gesund, Herr Krause?«
»Ich denke.« Der Mann erschien ganz gleichgültig; und er war es in der Tat auch. Was ging ihn eigentlich dieses Kind an? Seine Frau hatte es mit in die Ehe gebracht, wollte ihm immer einreden, es wäre von ihm. Konnte sein, konnte aber auch nicht sein. Aber das ging hier das Fräulein ja gar nichts an. Was kam ihm überhaupt diese Person auf den Hals? Am liebsten schmisse er sie wieder heraus, er war gerade in der Stimmung dazu. Aber sie war hübsch, ein stattliches Frauenzimmer, Schenkel wie gedrechselt, eine Kehle, weiss und mollig zum Anbeissen. Sein Blick fing an zu flimmern. Etwas, das beinahe wie ein Lachen aussah, verzog die breiten Lippen und entblösste ein starkes Gebiss.
Als ob sie diesen flimmernden Blick richtig gedeutet hätte, so empfand Marie-Luise unbewusst plötzlich eine heftige Abwehr. Sie knöpfte an ihrem Mantel; sie hatte den am Halse geöffnet gehabt. Nun schloss sie ihn fest. Ach, es war ja grässlich hier, diesem Mann war gar nicht beizukommen — oder fing sie es nur so ungeschickt an? Was für ein liebloser Vater, ein ganz scheusslicher Kerl! Sie hätte die grösste Lust gehabt, energisch zu werden, ihm das geradeheraus zu sagen, was sie von ihm dachte, seine Gleichgültigkeit empörte sie — aber hatte sie denn ein Recht, hier einzudringen? Vielleicht, wenn sie etwas sagte, was ihm nicht passte, wies er sie hinaus, und dann konnte sie nichts, gar nichts für das Kind tun. Er liess es womöglich dann gar nicht mehr zu ihr in die Schule. So zwang sie sich zu lächeln, lächelte in dies ihr unergründlich scheinende Gesicht, und ihre Stimme klang bittend: »Kann ich denn Lenchen nicht mal sehen?«
»Ich weiss nicht, wo sie ist. Sie kraucht immer im Hause ’rum. Das will ich aber gar nicht haben. Das is alles so ’ne Bande hier.« Er trat auf den Flur und schrie zornig: »Lene! Sofort!«
Gleich öffnete sich die Tür der am Flur gegenüberliegenden Wohnung, eine junge Frauensperson liess das Kind heraus und rief dabei schnippisch: »Sie brauchen gar nich so grob zu tuten, Sie! Ich bin nicht taub.« Und dann: »Na geh, Leneken, geh!« Das klang sanfter.
»Lenchen!« Marie-Luise war rasch auf das Kind zugeeilt, in einer Wallung ungeheuren Mitleids hob sie es empor und drückte es an sich. Der Tag dünkte ihr plötzlich so trüb, der Flur so schwarz, gleich einem Abgrund gähnte die Tiefe des Hauses. »Lenchen, mein armes kleines Lenchen!« Sie küsste das Kind.
Aber das strebte von ihr fort. Es zeigte sich nicht überrascht und auch nicht erfreut, es tat ganz fremd.
Marie-Luise fühlte sich jäh ernüchtert: mit soviel Teilnahme war sie gekommen und nun — tat das Kind denn nicht, als kennte es sie kaum? Wie ging das zu? War Lenchen stumm geworden, ganz erstarrt vor Schrecken und Leid? Oder traute das Kind sich am Ende nicht vor dem Manne, der da an seiner Tür stand und höhnisch, wie es Marie-Luise erschien, den Mund verzog?
Als Marie-Luise kaum anfing, die Treppe wieder hinunter zu steigen, hatte sich die Tür der Krauseschen Wohnung schon geschlossen. Er hatte das Kind mit hineingenommen. Sie blickte noch einmal zurück: nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu hören. Oder doch: wurde da nicht der Schlüssel umgedreht? Er hatte zugeschlossen. Er wollte sie sich vom Halse halten, wollte gar nicht beachtet sein. Und das Kind? Nein, das wollte auch kein Mitleid, keine Teilnahme. Wie es nach dem Vater hingesehen hatte, als sie es in den Armen hielt — oder kamen ihr diese blinzelnden, verweinten Augen nur so ängstlich vor? Ach, da war gar nichts zu machen! Ihr guter Wille scheiterte an dieser zugeschlossenen Tür. Hinter der war eine Welt, in die sie es nicht vermochte, einzudringen.
Sechstes Kapitel
Warum bemengen Sie sich mit so etwas, Fräulein Büchner?« Der Rektor stand vor ihr und sah ihr tief in die Augen.
Es war im Lehrerzimmer, dem langen schmalen Zimmer, dessen Mitte der Tisch ausfüllte, an dem, dicht nebeneinander, Lehrer und Lehrerinnen der Schule Platz nahmen, wenn Konferenz war. An den Wänden entlang standen gedrängt grosse Schränke, hinter deren Glasscheiben man Bücher sah und allerlei physikalische und technische Lehrmittel. Besondere Säle dazu, wie in den modernen, mit soviel mehr Raumverschwendung gebauten Schulen, gab es hier nicht. Man konnte sich kaum ausweichen in dem beengten Zimmer.
Die blonde Lehrerin sah übermässig rot aus, erhitzt und ganz verstört. Sie war zurückgewichen, so weit sie konnte, und presste den Rücken gegen das Glas des grossen Schrankes, hinter dem ein Totenschädel grinste, und dicht daneben ein ausgestopftes Eichhörnchen, ganz wie lebend, eine Nuss zum Anknabbern in den Pfötchen hielt. Oh, dass sie doch hätte weglaufen können!
So, ganz so hatte sie auch vorher hier gestanden, Herr Krause ihr dicht gegenüber. Wenn sie gewusst hätte, dass er es war, der sie zu sprechen wünschte, so hätte ihre geheime Abneigung sie gewarnt, sich herausrufen zu lassen mitten aus der Stunde.
Dieser Besucher war nicht im Flur stehengeblieben. Die Mütter, die irgendein Anliegen hatten oder eine Besorgnis, warteten immer draussen im Gang: ‚Das Fräulein musste gütigst entschuldigen, dass Gerda heute keine reine Schürze anhatte‘ — ‚das Fräulein hatte gewiss nichts dagegen, wenn Gretchen ein paar Tage zu Hause blieb, die musste jetzt statt ihrer gehen, Zeitung austragen, denn sie kam jetzt nieder‘ — ‚das Fräulein würde es gewiss verstehen, wenn Annchen bei dem nassen Wetter nicht zur Schule kam, die Stiefelchen waren entzwei und in Latschen konnte man das Kind doch nicht laufen lassen‘ — diese Besuche waren bescheiden. Aber Herr Krause war geradeswegs ins Konferenzzimmer hineingegangen, dessen Tür zufällig offen stand. Als die Lehrerin im Zimmer war, machte er die Tür zu: »So.«
Sie sah ihn gross an: was fiel dem denn ein?
»Das wer’ ich Ihnen gleich sagen, was ich will.« Er lachte zornig auf. »Beschweren will ich mich. Wie kommen Sie dazu, mir die Jugendfürsorge auf den Hals zu hetzen? Ich brauche diese Frauenzimmer nicht, die mir die Bude einrennen und überall rumschnüffeln. Wenigstens in seinen vier Wänden will man ohne Aufpasser sein.«
Sein Ton empörte sie. Ja, sie hatte die Fürsorge benachrichtigt, denn den ganzen Winter über hustete die Kleine in der Klasse; sie war auch ganz unzulänglich gekleidet, ein Mäntelchen wie aus Papierstoff und die Schuhe zerrissen. Oft fehlte Lenchen. »Krank«, sagte Trude Schindler. Aber wenn das Kind dann zur Schulärztin bestellt wurde, kam es nicht. Da musste doch eingegriffen werden, wozu war das Jugendamt da? Sie, als die Lehrerin, hatte Anzeige erstattet — war sie denn nicht voll berechtigt, ja verpflichtet dazu, wenn der Vater so schlecht sorgte? Aber Marie-Luise hielt noch an sich, ruhig sagte sie: »Lenchens Gesundheit muss überwacht werden, Herr Krause. Sie müssen bedenken, Ihre Frau starb an Tuberkulose, das Kind könnte von der Mutter etwas geerbt haben.«
»Quatsch — Pardong, Fräulein, aber das is mir denn doch zu dumm!« Er sah ihre Erregung, das Pulsen des Blutes unter ihrer zarten Haut, und sein Blick begann zu flimmern. Er hatte in der Destille ein paar Schnäpse getrunken, eine gewisse Lüsternheit entzündete sich rasch in ihm: wenn er nun diese hübsche Person einfach dreist um die Mitte fasste, was würde die dann wohl sagen?! Und wenn er sie gegen die Wand drückte? Die Tür war geschlossen, auf dem Gang draussen alles still. Aber er getraute sich das doch nicht zu tun; ihre Augen waren argwöhnisch geworden, liessen ihn nicht ausser acht.
Marie-Luise fühlte auf einmal, was diesen Mann durchschoss, und es befiel sie wie ein eisiger Schreck: oh, der Unverschämte, oh, der Unverschämte! Aber sie wusste, der Rektor war nebenan; ein Ruf, er hörte sie, er stand ihr bei. Und das gab ihr Sicherheit: »Quatsch sagen Sie? Das ist kein Quatsch. Sie sollten froh sein, dass für das Kind etwas geschieht. Ich werde sorgen, dass Lenchen sobald als möglich ins Gebirge kommt oder an die See, damit sie —« Ein plötzliches Auflachen liess sie verstummen.
Er lachte, lachte ihr so nah vorm Gesicht, dass sie seinen unsauberen Atem spürte. War es Hohn, war es Wut? Oder was war das für ein hässliches Lachen? Seine Augen funkelten, er drängte ihr näher. Erschrocken fuhr sie zurück, stiess mit dem Rücken gegen die Glaswand des Schrankes, dass die knackte, und schrie laut: »Was fällt Ihnen ein?!« Fast zur gleichen Minute war der Rektor im Zimmer.
Und nun wandte der Beleidigte sich gegen diesen. »Sie haben gar kein Recht, das Kind zu verschicken, wenn ich det nich zugebe. Ich bin der Vater. Ich will erst gefragt werden. Und ich sage ‚nein‘. Nein, und zum drittenmal nein! Sie brauchen mir keine Fürsorge auf ’n Hals zu schicken, ich verbitte mir das. Das Kind is kerngesund. Ich sorge schon selber gut für mein Kind.«
Marie-Luise wollte dazwischen rufen: ‚Nein, er sorgt nicht gut!‘ — aber kaum, dass ihr das ‚Nein‘ entfahren war, kehrte der Mann sich auch schon wieder gegen sie. Als ob ihr blühendes Blond ihn reizte und aufbrächte, so war es. Er schnitt eine Grimasse nach ihr hin.
Nun empörte der Rektor sich: Was sollte das heissen, diese Frechheit gegen das Fräulein? Was fiel dem Mann ein, sich hier dergestalt aufzuführen?! Man würde sich hüten, einem Menschen Wohltaten aufzudrängen, einem, der kein Einsehen hatte.
Einsehen? Nein, das hatte er auch nicht! Der Mann gab sich noch immer nicht zufrieden, er höhnte. Und nun sprach er auch nicht mehr halbwegs gebildet: »Wohltaten, Wohltaten? Lieber verrecken lasse ick ihr! Ich kenne eure Wohltaten — ich scheisse drauf!«Und dann hob er, schon in der Tür, noch drohend die Hand gegen das blonde Mädchen, das, als hätte ein Schlag ins Gesicht es getroffen, am Schrank lehnte. »Die da, die da, die kann sich vor mir in acht nehmen — warte, wenn ick dir mal erwische!«
Der Mensch war betrunken, es konnte nicht anders sein — oder verrückt! »Regen Sie sich nur nicht so auf, liebes Fräulein!«
Der Rektor hatte ihre Hand genommen.
Sie liess die ihm vorerst willenlos. Sie hätte anfangen mögen laut zu weinen; es war weniger noch der Schreck, der sie so angriff, als der Kummer um das Kind — ein Kind bei solch einem Vater! Sie konnte es nicht hindern, dass Tränen anfingen ihr über die Wangen zu laufen.
Am liebsten hätte der Rektor sie ihr zärtlich weggewischt: bei aller Tapferkeit und Energie, bei aller Tüchtigkeit im Beruf war sie doch nur ein Wesen, schwach und hilflos der Roheit der Welt gegenüber, dazu bestimmt, sich anzulehnen und in einen starken Arm zu schmiegen. Es fehlte nicht viel, und er hätte jetzt, gleich, bei dieser an sich doch eigentlich recht fatalen Angelegenheit, Fräulein Büchner von seiner Absicht gesprochen.
Aber als ob Marie-Luise dies an seinen unruhigen, feucht werdenden Fingern fühlte, so entzog sie ihm jetzt ihre Hand mit einem Ruck, fast wie unwillig über sich selber: »Ich ärgere mich, wie konnte ich mich nur so einschüchtern lassen?! Aber — oh, ich fürchte mich nicht, ich werde das Kind doch nicht aus den Augen lassen!« Sie lachte ein wenig nervös und wischte hastig ihre Tränen ab.
»Überlassen Sie das lieber mir, Fräulein Büchner. Das ist Sache des Mannes!« Er fühlte sich ganz als Beschützer. »Warum bemengen Sie sich mit so etwas?«
»Weil ich muss. Nein, nein, Sie irren, das ist Sache der Frau — meine Sache!« Fast gereizt fuhr sie fort: »Wie könnte ich je eine gute Lehrerin werden, wenn ich das Geschick eines mir anvertrauten Kindes nicht mit dem meinen verknüpfte? Vierzig Kinder in der Klasse, vierzig Geschicke. Kleine Geschicke, sie reichen jetzt noch nicht viel weiter als vom Schlaf zum Spiel, vom zu Hause zur Schule, aber sie werden immer grösser werden, ihre Grenzen werden weitere und weitere. Wenn ich jetzt schon versage, was will ich dann später machen? Dann tauge ich ja nicht mehr — oh, und der Gedanke ist mir schrecklich!«
Sie legte die Hände an die Schläfen, als ob sie sich den Kopf halten müsse wegen eines stechenden Schmerzes.
»Sie werden immer taugen!« Er sah sie ganz verliebt an. »Sie sind wirklich eine von den wenigen, die berufen sind. Aber trotzdem — ich möchte sagen: Gott sei dank« — er räusperte sich und war etwas verlegen — »trotzdem sind Sie zu anderem doch ebenso berufen. Nein, noch weit mehr!« Er suchte wiederum nach ihrer Hand. »Es gibt für ein weibliches Wesen keine höhere, keine schönere Berufung als die, die treue Gefährtin eines Mannes zu sein.« Er sagte nicht ‚meine Gefährtin‘, aber sie verstand es wohl, wie er es meinte, und wurde ganz blass: Um Gottes willen, was fiel Herrn Volbert nur ein?! Dem kam doch nicht etwa der Gedanke, sie heiraten zu wollen? Sicher ein ehrenwerter Mann, sie schätzte ihn als Kollegen, sie war ihm auch sehr dankbar für sein Wohlwollen, von Anfang an war sie dadurch ermutigt worden — aber heiraten, um Gottes willen, den heiraten?! Überhaupt heiraten —?! Was würde wohl Marga dazu sagen?! Und vor ihr in dem nüchternen, verständigen Konferenzzimmer mit den Wänden voller Schränke, die einer wie der andere gleich breit, gleich hoch dastanden und alles Wissenswerte und Nützliche in bester Ordnung enthielten, tauchte Margas Gesicht auf. Oh, dieses so geliebte schöne Gesicht mit dem leicht ironischen und doch so lieben, süssen Lächeln! Oh, wie würde Marga sich amüsieren, wenn sie der von Herrn Volbert erzählte!
Die Hand zurückziehend, fest an sich haltend, und sich nun rasch zum Gehen wendend, sagte Marie-Luise über die Schulter hin, aber ganz energisch: »Meines Erachtens ist das die höchste und schönste Berufung für die Frau nicht. Wenigstens für mich durchaus nicht.«
Siebentes Kapitel
Marga amüsierte sich in der Tat, als Marie-Luise ihr von Herrn Volberts gänzlich unerwarteter Absicht erzählte: »Verstehst du das, dass ein Mann auf so etwas kommt, wenn man ihm doch nie Anlass dazu gegeben hat?«
Marga lachte noch lauter, so aus vollem Halse, dass es Marie-Luise fast verdross: Nein, so arg zum Lachen war das denn doch nicht, der Rektor tat ihr fast leid — der arme Mann mit seinen vier Kindern!
»Na, so heirate ihn doch!« Marga hörte auf zu lachen, ihre dunklen Augen, in die das Lachen Tränen getrieben hatte, funkelten: »Nimm ihn, mach ihn glücklich, werde selber glücklich nach Schema F!«
»Ich denke ja gar nicht dran.« Marie-Luise wunderte sich. Wie konnte Marga denn nur auf einmal so ärgerlich sein? Sie hatte sich doch keinen Augenblick ernstlich mit Herrn Volberts Absicht beschäftigt, sie hatte Marga die ganze Sache nur erzählt, weil sie der überhaupt alles erzählte. — ‚Alles, was du tust, was du denkst, will ich wissen, all deine Gedanken gehören mir‘ — so sagte die ja immer. Und dass sie nun heute gereizt war, ja, das war eben echt Marga. So war die schon immer gewesen, gewissermassen ganz und gar von dem Menschen Besitz ergreifend. Auch auf dem Seminar hatte sie oft heftige Szenen gemacht, wenn sie glaubte, eine Dritte würde ihr vorgezogen; dann gab es Tränen, Vorwürfe. Ach, das waren damals alles dumme Eifersüchteleien gewesen und Kindereien. Aber auch jetzt mochte Marga es nicht, wenn sie ihr von Fräulein Ebertz erzählte oder von den anderen Kolleginnen sprach, die ihr alle freundlich begegneten. Sie musste mit denen doch sprechen, es war unvermeidlich, wenn man an derselben Schule angestellt war; Marga sagte jedesmal: »Das ist kein Verkehr für dich.« Und wenn es sie bekümmerte, dass es hiess, Fräulein Ebertz würde nun bald abgebaut, dann zuckte Marga nur die Schultern: »Lehrerinnenschicksal. Alt, verbraucht — allgemeines Schicksal. Aber was geht uns das an?« und verschloss ihr mit einem heftigen Kuss den Mund.
Und Marie-Luise liess von sich Besitz ergreifen, liess es sich gefallen, dass Marga so über sie bestimmte.
»Du bist gar nicht mehr zu Hause, jeden Sonntag sitzest du bei der Moebius. Und abends bis du jetzt auch so oft in der Stadt,« beklagte sich die Mutter. Dann umarmte Marie-Luise sie und streichelte ihr das nervös vibrierende, zum Weinen verzogene Gesicht: »Armes Muttchen, ich werde mich bessern!« Aber dann rannte sie doch genau soviel fort wie immer, denn Marga hatte geschrieben: »Wann kommst du? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Komm doch heute! Komm morgen! Komm immer!«
Wer konnte widerstehen, wenn Marga rief? Andere hatten ihre Ehemänner, ihre Liebhaber, ihre Verlobten — Marie-Luise empfand es jetzt, dass sie das nicht hatte —, warum sollte sie nicht ihre Freundin haben? Und es war ja so behaglich bei Marga, so ganz anders behaglich als bei ihr daheim, wo die Mutter nebenan sass und jeden Augenblick hereinkam, und mit ihrer jetzt leider so beständigen nervösen Unruhe das trauliche Zuzweitsein störte. Man hatte sich ja nicht immer etwas Besonderes zu sagen, aber es war etwas so Köstliches, dieses ganz ineinander versunkene Beisammensein. Wenigstens für Marie-Luise war es so. Sie sehnte sich nach diesen Stunden; oft mitten beim Unterrichten kam ihr der Gedanke an die Freundin, dass sie laut in die Klasse hätte hineinjubeln mögen: ‚Heute kann ich zu Marga!‘ Dann sass sie schon in ihren Gedanken auf dem Sofa in Margas Wohnzimmer, vor ihnen auf dem zierlich gedeckten Tisch Tee, Kuchen und appetitliche Brötchen, und Blumen. Marga hatte stets Blumen. Die Schülerinnen brachten ihr immer welche; die schienen einen wahren Kultus mit ihrer Lehrerin zu treiben: »Sie schwärmen alle für mich,« sagte Marga und lächelte ein wenig spöttisch und zugleich ein wenig melancholich.
Marie-Luise begriff dieses Schwärmen vollkommen, sie fand es nur natürlich, dass Backfische für diese Lehrerin ihr Taschengeld in Blumen umsetzten. Ob das freilich den Eltern immer recht war?
»Nein, gar nicht,« sagte heute Marga. »Erst gestern ist eine Mutter deswegen bei mir gewesen. Hier in meiner Wohnung. Sie sah sich mit so grossen Augen bei mir um, dass es mir ordentlich fatal war; sie dachte wohl: wie kommt eine Lehrerin dazu, so zu wohnen? Na, aber ich amüsierte mich auch drüber!« Marga sprang auf, lief im Zimmer herum, rückte an den Möbeln, zupfte an den Decken und Kissen und schob in einer gewissen Hast die Bilder auf ihrem Schreibtisch hin und her. »Es ist hier freilich nicht ganz die gewöhnliche Lehrerinnenbehausung!« Sie lachte kurz auf.
Und eigentlich nun erst, wie jetzt erst sehend geworden, fiel es Marie-Luise auf, dass Marga elegant eingerichtet war, wenigstens viel zu elegant für die kleinen Verhältnisse, aus denen sie stammte, und für das Gehalt, das sie bezog. Wenn das am Lyzeum auch mehr betrug als die zweihundertdreissig Mark, die sie monatlich hatte. Sie hätte, selbst mit der Pension der Mutter zusammen, es sich nicht leisten dürfen, immer Eau de Cologne zu kaufen, Puder und feine Seifen, sie trug auch keine seidenen Strümpfe wie die Freundin. ‚Ich dachte ’ne Filmdiva‘ — plötzlich fiel ihr das ein, was damals beim ersten Sehen die Ebertz von Marga gesagt hatte, und sie musste laut auflachen.
»Warum lachst du?!«
»Ach, ich weiss nicht!«
»Natürlich weisst du’s, du willst es nur nicht sagen. Also los, warum hast du gelacht?!« Marga fragte es herrisch, wie plötzlich argwöhnisch geworden. Wenn Marga so fragte, sie dabei so ansah, war Marie-Luise willenlos; sie gehorchte, gab den Ausspruch der Ebertz preis, herzlich darüber lachend.
Aber Marga lachte nicht mit. Sie war auf einmal verstimmt, fast traurig. »Hm, nicht ganz vorbeigeschossen hat die, die alte Tante!« Und wieder lief die schlanke Gestalt im Zimmer hin und her, unruhig und zwecklos an dem und jenem zupfend. Sie gab ihrem Schreibtisch einen Stoss, dass er hart gegen die Wand fuhr, und ein Bild, eine grosse Photographie, herunterstürzte.
Marie-Luise hob sie mit einem ‚Oh‘ des Bedauerns auf. Das Glas war zerbrochen, seine Splitter hatten das Gruppenbild der argentinischen Familie, jener Freunde von Marga, denen sie so viel verdankte, arg zerkratzt.
»Macht nichts!« Marga nahm das Bild der Freundin aus der Hand und warf es lässig neben die Hefte, den Stoss Aufsätze, den sie zu korrigieren hatte. »Das ist sowieso hin — aus und vorbei. Sag mal du« — sie sah Marie-Luise dabei mit sich seltsam verdunkelnden und doch forschenden Augen an — »hast du dir eigentlich nie Gedanken gemacht, woher ich das alles hier so hübsch habe — und warum? Von Hause hab’ ich’s doch nicht. Bei uns sah’s ein bisschen anders aus. Wir assen in der Küche und mit stählernen Gabeln. In der Stube ’ne Spiegelkonsole, drin Vaters Vorhemdchen und Mutters Sonntagshut — ein steinhartes Sofa mit imitiertem Kameltaschenbezug, ebensolche Tischdecke, und überm Sofa ein Brettchen mit Photographien und scheusäligen Nippes aus Porzellan. Hier ein echter Teppich, geschmackvolle Möbel, silberne Bestecks, im Schlafzimmer ein Toilettentisch mit Kristalldosen und Schildpattbürsten, und auf meinem Bett eine seidene Daunendecke. Sag, liebes Dummes, hast du dir denn dabei nie was gedacht?«
»Nein.« Marie-Luise sah sie offen an. Nein, darüber hatte sie noch nie nachgedacht, es eigentlich kaum mit Bewusstsein wahrgenommen, sie hatte nur Marga gesehen, immer allein nur Marga. Und nun war sie verwundert, mehr als verwundert; sie stand wie starr über die Stimme, die ihr plötzlich zuschrie: »Verkauft hab’ ich mich dafür! An den Mann da auf dem Bild!«
Marga wies auf die zertrümmerte Photographie: »Alles hat der da für mich bezahlt: die Kurse, mein ganzes Studium, den Aufenthalt in England, den in Frankreich, mich überall unterstützt — ausgehalten, wie man’s so nennt. Was ich erreicht habe, habe ich durch ihn erreicht. Und ich wollte ja was erreichen. Du weisst es, mich frass immer der Ehrgeiz, schon als ich noch die Grete vom ‚ollen Moebius’ war. ‚Lehrerin‘ — wenn man aus so geringem Nest zu Hause ist, aus einer Stellmacherwerkstatt, dann ist Lehrerin was Besonderes — das Höchste. Vater, der sparte drauf: ‚Meine Grete, die soll Lehrerin lernen!‘ Weisst du noch bei unserem Examen? Das Leben wollte ich mir damals nehmen, weil ich’s nicht ganz bestand, aus Nervosität, aus purer Nervosität nur — aber dann — na, dann kam ich eben zu ihm, zu seinen Kindern — na, und dann kam’s eben so!« Sie nickte schwermütig und liess den Kopf hängen. Dann aber lachte sie spöttisch und laut: »Die Frau Regierungsrat gestern, ei, hat die Augen gemacht! Aber soll ich vielleicht meine Möbel verbrennen? Meine Wäsche, meine Pelzsachen, meine Daunendecke? Soll ich mein Silber verstecken? Alles stammt von ihm, alles was schön hier ist. Ich hätte es auch durchsetzen können, dass er mich heiratete; seine Frau, die hätte sich leicht getröstet, sie liebten sich nicht. Aber ich, ich liebte ihn auch nicht. Ich bin froh, dass es ganz aus ist. Ach was, Männer! Sie sind sich alle gleich. Ich mag nicht, ich kann nicht — nein, ich kann nicht!« Sie fuhr sich mit heftiger Gebärde in das kurzgeschnittene dunkle Haar, das wie eine seidige Kappe überm Kopf lag, und strich es mit beiden Händen noch mehr nach hinten. Dann umfasste sie mit gleich heftiger Gebärde die andere, presste die so fest an sich, so wie unentrinnbar, dass Marie-Luise der Atem ausging: »Liebst du mich? Ich lieb’ nur dich!«
Marie-Luise liess sich küssen — willenlos vor Bestürzung — aber sie empfand plötzlich nicht die gleiche herzinnige Zärtlichkeit mehr wie gestern, wie vorgestern, wie vorhin noch bei ihrem Kommen. Sie war zu befremdet. Erschrocken, gänzlich verwirrt. War das wirklich alles wahr, was Marga da gesagt hatte? Hatte die nicht bloss laut geträumt? Oder träumte sie selber? Einen bösen Traum. Und der quälte sie, jagte ihr das Blut glühheiss durch die Adern und machte sie doch fröstelnd erschauern. Der Mann, der Mann da unter den Glassplittern — Marga war seine Geliebte gewesen — Geliebte, war das so schlimm? Aber dass Marga ihn nicht mehr liebte, ihn nie geliebt hatte, überhaupt keinen Mann liebte — oh, was war das?! Sie war nicht imstande, sich klar über das zu werden, was auf sie eindrang. Aber sie stand bebend, ganz bleich. Sie hatte sich losgemacht, senkte den Kopf und liess die Arme schlaff herunterhängen.
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