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Christoph Franceschini

Geheimdienste, Agenten, Spione

Südtirol im Fadenkreuz fremder Mächte


Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Abteilung Deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol


© Edition Raetia, Bozen 2020

Umschlaggestaltung: Philipp Putzer, www.farbfabrik.it

Umschlagbilder: Titelseite Fotoremix unter Verwendung des Bildes Berretta M34 von Askild Antonsen / CC BY 2.0 / Rückseite StB-Archiv Prag

Druckvorstufe: Typoplus, Frangart

Druck: Lanarepro, Lana

ISBN 978-88-7283-735-1

ISBN Ebook 978-88-7283-760-3

Unseren Gesamtkatalog finden Sie unter www.raetia.com.

Bei Fragen und Anregungen wenden Sie sich bitte an info@raetia.com.

Inhalt

Vorwort

Hochzeit in Böhmen

Der Sekretär von Friedl Volgger

Tote Briefkästen am Wiener Prater

Deckname „Puzzi“

Bozner SS-Seilschaft

Der unfolgsame Maler

Der Kurier

Presseagentur als Coverstory

Der geheime Kodex

Aktion „Stelio“

Bozner Schlangengrube

Abrechnung in Brünn

Die Abschaltung

Tragisches Nachspiel

Der Mann mit den vielen Namen

Büro für vertrauliche Angelegenheiten

Informant Franco

Südtiroler Spitzel der italienischen Dienste

Das Interesse der CIA

Bespitzelung der Volkspartei

Bezahlter Standpunkt

SVP-Sitz auf Landeskosten

Operation „Los Angeles“

Der gesuchte Kriegsverbrecher

Polizisten, Faschisten und der Vatikan

Der russische Professor

Die Südtiroler Kommunistenliste

Unter gegenseitiger Beobachtung

Bekannte Bozner Gehilfen

Desdemona und die Brunnenburg

Neuer Arbeitgeber

Großhändler für Geheiminformationen

Persona non grata

Unruhestand in Bozen

Achtung, bewaffneter Aufstand!

„Wir sehen einer Zukunft aus Blut und Feuer entgegen“

Freund Joachim

Das Memorandum des Generals

Die Reaktionen

Mehr Geld für Spitzel

Mazzini in Innsbruck

Vom Anarchisten zum faschistischen Agenten

Der Innsbrucker Generalkonsul

Der faschistische Meisterspion

Ausspähungsziel Bergisel-Bund

Unspektakuläre Erkenntnisse

Die Trennung

Magnagos Übersetzer

Agent „Mumelter“

Verhaftung in Frankfurt

Der Südtirol-Fachmann

Der kommunistische Landessekretär

Eine fragwürdige Figur

Im Zentrum der Macht

Verdacht aus München

Die Ausspähung der SVP

Der Verbindungsmann

Jennys Richter

Pfaundler, Molden & die CIA

BAS-Finanzier und Hauptagent der CIA

„Inglourious Basterds“ in Tirol

Pfaundlers Freiheitslegion

Widerstandskämpfer und Adjutant von Eichmann

„Stay Behind“-Ausflug ins Sarntal

Kennedys Morgenlektüre

Südtirol soll zum „trouble spot“ werden

US-Raketenbasis in Südtirol

Das Waffenlager der Feuernacht

Die Karte für die Feuernacht

Kanonikus Gampers Fluchthelfer

Amtshilfe der österreichischen Abwehr

Die Enthüllungen im „Spiegel“

Die Rosengarten-Treffen

Der polnische Graf im Dienste des BND

Seilschaft alter Spione

Der Henker von Mailand

Der italienische Kollaborateur der Gestapo

Der König des Doppelspiels

Schulung der Südtirol-Terroristen in Prag

Der falsche Bergisel-Bund

Geplante Sprengung der Europabrücke

Der Staatsanwalt: auf einem Auge blind

Ein rechter Waffennarr

Archivierte Wahrheit

„Gladio“-Einsatz in Südtirol

Die Aktion „Europabrücke“

Übliche Bozner Interventionen

Anschläge: BAS, „Ein Tirol“ oder „Gladio“?

Brüder unter Verdacht

Der Kerzenvertreter

Die Brief-Aktion

Aus „Bernardo“ wird „Fausto“

Studie im Auftrag Österreichs

Das Schwein muss weg

Guerilla-Aktionen gegen Carabinieri

Ziel Amplatz

Hans Dietl alias „Hias“

Die „Aktion Andergassen“

Der Anzug des Toten

Mord im Staatsauftrag

Die Kerbler-Brüder

Skeptischer Geheimdienst

Die Terroristenschule

Die geplante Entführung von Jörg Klotz

„Lieber in Tirol sterben“

Angebot: Klotz Entführen

Das fiktive Militärlager

Missglückter Zugriff

„Überraschung zum Schaden von Klotz und Amplatz“

Beretta, Matrikelnummer 616534

Überwachtes Kulturwerk

Kerblers unterstützte Flucht

Römische Schutzherren

Archivierung wegen Homosexualität

Anhang

Anmerkungen

Abkürzungen

Glossar

Personenregister

Bildnachweis

Danksagung

Biografien

Vorwort

Sich bei der Beschäftigung mit geheimen Diensten auf geografische Räume zu konzentrieren, ist ein eher seltenes Unterfangen. Als Hotspots von Spionage gelten gewöhnlich Großstädte. Diese auf klandestine Einrichtungen hin zu untersuchen, kommt jedoch in der akademischen Geheimdienstforschung nicht vor. Allenfalls bot Roger Faligot in den 1990er-Jahren Stadtführungen in Paris an, die mit einem mehrstündigen Fußmarsch von einem nachrichtendienstlich relevanten Gebäude zum anderen verbunden waren. Daher blieb es Journalisten überlassen, auf Spurensuche nach offiziellen und verdeckten Schauplätzen geheimdienstlichen Handelns zu gehen. Kid Möchel tat dies 1997 für die Spionagedrehscheibe Wien in seinem Buch „Der geheime Krieg der Agenten“. Der Journalist Sven Felix Kellerhoff und der Historiker Bernd von Kostka nahmen 2010 Berlin zu Recht als eine „Hauptstadt der Spione“ ins Visier. Zweifellos waren die beiden ehemaligen Viermächte-Städte multinationale Agentenhochburgen. Mit genauen Ortsangaben und Adressen knausern jedoch beide Werke. Sie konzentrierten sich mehr auf die operativen Aspekte des Schattenkriegs.

Nun hat Christoph Franceschini in einer Pionierarbeit unter Beweis gestellt, dass auch das eher rurale Südtirol ein Tummelplatz für Nachrichtendienste war. Als Grenzgebiet war der Landstrich natürlich nachrichtendienstlicher Transitraum. Die Kurierlinien deutscher, österreichischer, italienischer und anderer Geheimdienste verliefen entlang von Eisack und Etsch. Zwischenstopps für die Schleusung von Agenten und Kriegsverbrechern säumten den Weg von Nord nach Süd, aus dem deutschsprachigen Raum Richtung Rom und zurück. In den späten 1940er-Jahren schon stützte sich auch eine Funklinie der „Organisation Gehlen“ (Org.) nach Rom auf eine Station nahe dem Brenner, die ein Pater betrieb. Quer dazu lagen entsprechende Verbindungslinien aus dem norditalienischen Raum über Jugoslawien und Österreich in den sowjetischen Machtbereich.

Franceschini macht jedoch deutlich, dass sich die Rolle Südtirols bei Weitem nicht darauf beschränkte. Vielmehr war seine Heimat auch in bisher unbekanntem Ausmaß Ausgangspunkt und Zielgebiet von Geheimdienstoperationen oft multinationaler Reichweite. Das zeigt sich bereits im ersten Kapitel, in dem es um den tschechoslowakischen Dienst StB (Státní bezpečnost) geht, der im frühen Kalten Krieg ein Netzwerk von elf Südtirolern und ihren Zuträgern vorwiegend zur Militärspionage vor seinen Karren spannen konnte.

Die Staaten der jungen NATO folgten strategisch der US-amerikanischen Vorgabe, die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten in einem Ring von Norwegen über Italien und Griechenland bis hin zur Türkei einzudämmen. Eine durchgängige Frontlinie ließ sich wegen der Neutralität Österreichs und der Schweiz sowie wegen der Blockfreiheit Jugoslawiens dabei nicht realisieren. Das Bedrohungsszenario der westlichen Militärallianz ging deshalb davon aus, dass die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in der ČSSR, verstärkt durch tschechische Divisionen, unter Missachtung der österreichischen, schweizerischen und jugoslawischen Neutralität im Kriegsfall nach Norditalien einfallen könnte, um einen tiefen Keil zwischen die CENTAG (Central Army Group) und die SOUTHAG (Southern Army Group) in Italien zu treiben. Das ist der militärpolitische Hintergrund für die Militärspionage des StB: die strategische Tiefe der SOUTHAG und deren Streitkräfte im noch bis 1955 besetzten Österreich und der Schweiz sowie im Tito-Staat als potenziellen Operationsraum östlicher Armeen aufzuklären.

Heruntergebrochen auf Beschaffungsaufträge bedeutete dies, die Dislozierung und Infrastruktur von Streitkräften in Erfahrung zu bringen, geheime Aufmarschpläne des italienischen Militärs und selbst ihre Chiffrierverfahren zu beschaffen oder die Weisungen des Pariser Hauptquartiers der alliierten Streitkräfte in Europa zu erbeuten. Als Beifang fielen jedoch auch Informationen über die Südflanke der westlichen Militärallianz in Griechenland und der Türkei sowie auf der iberischen Halbinsel an – ja selbst Rezepturen von italienischen Impfstoffen.

Fast unbemerkt erhalten Leserinnen und Leser, die den spannungsreichen Verläufen folgen, eine Lektion in nachrichtendienstlicher Methodik. Das Potpourri des geheimdienstlichen Handwerks führt doppelte Identitäten und falsche Pässe, Decknamen und Tarnadressen, Erkennungszeichen und Parolen, Schließfächer und tote Briefkästen, Schleusungen über grüne Grenzen und abgelegene Trefforte wie Jagdhütten vor Augen.

Rein theoretisch gibt es zahlreiche Motive, die einen Menschen bewegen, als Agent tätig zu werden: politische Ideale, Rachsucht, Erpressbarkeit oder die Lust am Nervenkitzel. Rein praktisch dominiert aber eine andere Antriebsfeder: das finanzielle Interesse. Geld regiert auch die geheimdienstliche Welt. Die horrenden Summen, die der StB in seine Südtiroler Spione investierte, sprechen in den Armutsjahren der Nachkriegszeit als herausragender Grund Bände dafür und Franceschini bringt auch diese Tatsache auf den Punkt. Implizit muss man jedoch auch in Rechnung stellen, dass es vielen Südtirolern an Loyalität gegenüber dem italienischen Zentralstaat mangelte, der durch die Italianisierung der Region mit Schwerpunkt Bozen diese Abwehrhaltung der Deutschsprachigen nachhaltig schürte.

Spionage ruft nicht nur die allgemeine Spionageabwehr hervor, sondern auch die Krönung nachrichtendienstlichen Handels, die Gegenspionage, d. h. das Eindringen in gegnerische Geheimdienste vornehmlich durch die Gewinnung von Doppelagenten oder „countermen“. Das erste Kapitel zeichnet hier ein faszinierendes Hin und Her von Anwerbung und Überwerbung, von Seitenwechseln und Rivalitäten. Vom gewinnbringenden Verkauf von Falsifikaten über die Lieferung bloßen Spielmaterials bis hin zur selbstgefälligen Übertretung dieses Limits durch den Gedoppelten scheinen alle Facetten von List und Hinterlist auf.

Der Vorwortschreiber muss hier der Versuchung widerstehen, den Leserinnen und Lesern die Spannung zu rauben, indem er den Ausgang dieses Schattenkriegs vorwegnimmt. Nur so viel: Aufklärungserfolge des StB und Abwehrerfolge des italienischen „Servizio Informazioni Forze Armate“ (SIFAR) halten sich in den 1950er-Jahren wohl die Waage. Auf beiden Seiten waren sie allerdings verbunden mit der Unsicherheit, wer in Spiel und Gegenspiel zu welchem Zeitpunkt der Wahrheit näher kam und Punktsiege zu verzeichnen hatte.

Das zweite Kapitel gibt einen ersten Einblick in die Ausspähung separatistischer Bestrebungen, namentlich ihrer Speerspitze, des BAS (Befreiungsausschuss Südtirol). Entgegengesetzt hat der italienische Staatsapparat den Loslösungswilligen verschiedene Akteure, voran das „Ufficio Affari Riservati“ (UAR), aber auch die politische Polizei, die sich beide in großem Umfang auf ehemalige Angehörige der faschistischen Geheimdienste stützten und eng mit US-Diensten kooperierten. Der Südtiroler Stützpunkt in der Quästur Bozen führte dabei eine Handvoll Informanten. Nachrichtendienstlichen Seltenheitswert hat dabei die Tatsache, dass Polizisten aus ihren Privatwohnungen heraus als Agentenführer fungieren, selbst über ihren Ruhestand hinaus. Hier wie im Folgenden geht die Darstellung der Entstehungsgeschichte der Dienste und ihrer Struktur fließend in das operative Geschehen über.

Der Hauptfeind der rechten politischen Klasse und ihres mächtigen Stützpfeilers CIA waren jedoch kommunistische Bestrebungen und die im westeuropäischen Vergleich einmalig starke kommunistische Partei PCI. Der Autor macht die Bekämpfung dieses inneren Gegners im dritten Kapitel zunächst an der Biografie des italienischstämmigen CIA-Agenten Joseph Peter Luongo fest, der 1945 in Bozen landete und die Stadt 1996 fluchtartig verließ.

Was folgt, ist ein Feuerwerk teilweise miteinander verwobener Lebensläufe von Agenten, die sich bei den verschiedenen italienischen und US-amerikanischen Spionageorganisationen verdingen, oft genug als Diener mehrerer Herren. Ein Stelldichein gaben sich dabei italienische Faschisten, ehemalige SS-Leute – darunter schwer belastete Kriegsverbrecher – und katholische Geistliche, deren Wege sich in vielen Fällen schon vor 1945 gekreuzt hatten.

Einmal mehr wird in diesem Kapitel deutlich, dass Geheimdienste, die aufgrund gleicher Ziele an demselben Strang ziehen sollten, von Konkurrenzdenken geprägt sind, national zwischen dem US-Militärnachrichtendienst „Counter Intelligence Corps“ (CIC) und der CIA, zwischen dem italienischen Innenministerium und dem SIFAR, länderübergreifend zwischen diesen vier und weiteren Akteuren wie den westdeutschen Diensten von Reinhard Gehlen und Friedrich Wilhelm Heinz. Hinzu kommen agenturinterne Rivalitäten zwischen Alpha-Tieren und der Blick auf das Nachbarland Österreich als operative Basis.

Die nächsten Kapitel knüpfen an das zweite an und werfen die Frage auf, was die italienischen Sicherheitsbehörden über den 1957 gegründeten „Befreiungsausschuss Südtirol“ tatsächlich wussten. Die Antwort fällt zugunsten der Aufklärungsqualität aus. Der Umfang von 650 aktiven Kämpfern blieb ebenso wenig geheim wie der Schlachtplan zur Erkämpfung der Unabhängigkeit. Ausführlich stellt der Autor einen Höhepunkt der Gewaltausübung, seine Hintergründe und Abläufe dar, die Feuernacht vom Juni 1961, in der die Stromversorgung nicht nur Südtirols, sondern auch norditalienischer Industriezentren durch die Sprengung zahlreicher Strommasten lahmgelegt werden sollte. Vorausgegangen war dem bereits der missglückte Anschlag vom Februar 1960 auf die Rohbauten von Volkswohnhäusern in Meran. Eine weitere Eskalation brachte ein Brandanschlag auf eine für italienische Zuzügler bestimmte Neubausiedlung am Rand von Bozen mit sich. Ein blindwütiger Terrorakt, muss man ergänzen, war dieses Attentat nicht. Der seinerzeit in Innsbruck ansässige Militärhistoriker Heinz von Lichem kannte die Motive der aus Österreich unterstützten Drahtzieher. Es ging ihnen darum, inhaftierte Aktivisten der sogenannten Bumser freizupressen, die von der italienischen Polizei gefoltert worden waren. Und dieses Ziel wurde, verbunden mit der Drohung, weitere Brandanschläge zu verüben, auch erreicht.

Die vom militärischen Nachrichtendienst geforderten drastischen Maßnahmen wie Ausbürgerung von Rückoptanten, Ausweisung österreichischer Staatsbürger oder ein Einreiseverbot für österreichische Politiker stießen auf der politischen Ebene nicht auf Resonanz. Weder die Regierung in Rom noch die in Wien waren an einer Verschärfung der Lage interessiert, die Kräfte des Heeresnachrichtenamts in Innsbruck und italienische Geheimdienste im Sinn hatten.

Mit dem Generalkonsul Luigi Tamburini und einem seiner Agenten versuchte der italienische Dienst am Hotspot der Sympathisantenbewegung für einen Anschluss Südtirols an Österreich in Innsbruck den Bergisel-Bund zu infiltrieren. Die SIFAR-Zentrale in Rom – so der Militärhistoriker Heinz von Lichem – konnte sich aber in der Hauptstadt des Bundeslandes Tirol auch auf zwei andere Verbündete stützen, zum einen vatikanische Kreise im Abschöpfen menschlicher Quellen, zum anderen auf den britischen Partnerdienst MI6, der die Ergebnisse von Abhöroperationen beisteuerte.

Das sechste Kapitel öffnet den Blick auf die Unterwanderung der Südtiroler Kommunisten durch eine Top-Quelle wie den Leiter ihres Bozner Büros Carlo Bernardo Zanetti, dessen Führungsoffizier Franceschini interviewen konnte. Zanetti stand bis zu seiner Enttarnung im Oktober 1952 für jenen hochrangigen Agententypus, der nicht nur hochkarätiges Insiderwissen liefert, sondern auch destruktive Personalentscheidungen einleiten kann. Dass der falsche Professor seine Spitzeldienste dann bis 1978 in ganz anderen Funktionen mit konträrer Stoßrichtung fortsetzte, hat seinen besonderen Reiz.

Es ist der reichhaltige Aktenfundus des US-amerikanischen Nationalarchivs, ergänzt durch Akten des Bundesnachrichtendienstes, der den folgenden Kapiteln über die Aktivitäten des SIFAR, der CIA und des BND Fleisch verleiht. Als Akteure werden zunächst der Pressezar und CIA-Agent Fritz Molden und der Journalist Wolfgang Pfaundler, Unterstützer und Waffenlieferant des BAS und zugleich Zuträger Pullachs, eingeführt. Einmal mehr erweist sich hier Innsbruck als Kampfplatz des verdeckten Krieges zwischen zahlreichen Nachrichtendiensten.

Gefährliche Geheimdienstgranden des Dritten Reichs wie der SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny oder der ehemalige Adjutant von Adolf Eichmann Otto von Bolschwing spielen im Nationalitätenkonflikt ungeachtet ihrer mörderischen Vergangenheit eine wichtige Rolle, die Franceschini minutiös nachzeichnet. Aber auch militärpolitische Themen wie die Stationierung taktischer Atomraketen vom Typ Honest John oder der Aufbau von Flucht- und Versorgungsrouten der „Stay Behind“-Netze im äußersten Norden Südtirols blitzen auf. Im zehnten Kapitel macht Franceschini dann deutlich, dass diese als „Gladio“-Netzwerk bekannt gewordenen Kriegsvorbereitungen zum verdeckten Kampf hinter den feindlichen Linien auch in Südtirol zum Aufbau geheimer Waffenlager, zu amerikanisch-italienischen Manövern und zu Sabotageplanungen bis hin zur Sprengung der Europabrücke führten. „Gladio“-Angehörige schürten auch die innenpolitische Spannung, indem sie Attentate verübten, die dann dem BAS in die Schuhe geschoben wurden. Provokationen dieser Art stehen selbst hinter der Neuauflage des Bombenterrors in den 1980er-Jahren.

Vom spionagetechnischen Klein-Klein schafft der Autor immer wieder den Sprung auf die weltpolitische Bühne, dort beispielsweise, wo es um die Berichterstattung über die brisante Lage in Südtirol für US-Präsident John F. Kennedy oder die Diskussionen im österreichischen Staatsapparat geht. Besonderen Geheimdienstmitarbeitern widmet Franceschini informative Kästen, die ein weites Spektrum unterschiedlichster Agententypen und ihrer Schicksale widerspiegeln. Da werden auch posthum zu Lebzeiten unentdeckte Südtiroler Spione entlarvt. Zu den interessantesten Miszellen zählt die Geschichte einer Agentin des israelischen „Mossad“, die in Südtirol rechtsextremistischen Organisationen nachspürt.

Abgerundet wird der erste Band durch die gründlich recherchierte Geschichte eines von den italienischen Diensten in Auftrag gegebenen Mordanschlags vom September 1964, bei dem ein Nordtiroler Journalist einen BAS-Aktivisten tötet, einen zweiten schwer verletzt. Dieser Fall wirkt bis heute fort, da die italienischen Behörden den Mörder noch immer decken.

Den studierten Historiker erkennt man in der Recherche, im Erschließen einer Vielzahl unterschiedlichster Quellen, in erster Linie eines reichhaltigen Fundus von Primärquellen. Das Spektrum reicht dabei von Sach- und Personalakten der italienischen Dienste, Unterlagen der Justizbehörden bis hin zu Nachlässen, Dokumenten aus dem US-Nationalarchiv und zahlreichen Archivalien aus Prag. Die Auswertung der Literatur und Presse sowie Interviews mit aufgespürten Zeitzeugen oder ihren Nachkommen ergänzen die immense Fleißarbeit.

Den praktizierenden Journalisten spürt man am klugen Aufbau der Kapitel und der flüssigen Schreibe. Die turbulenten Ereignisse finden ihren Widerhall in der herausfordernden Dynamik des Textes. Franceschini arbeitet dabei mit einer Vielzahl wörtlicher Zitate. Das lässt den Zeitgeist atmen, die damalige Denkungsart und das konspirative Verklauseln in geheimdienstlichen Briefschaften nachempfinden.

In diesem ersten Band dominieren die nachrichtendienstlichen Hintergründe, Personen und Aktionen, die im Zusammenhang mit dem teils brutal ausgetragenen Nationalitätenkonflikt stehen. Der zweite Band legt seinen Fokus auf die Aktionen des bundesdeutschen Nachrichtendienstes (BND), die Ausspähung der Südtiroler Patriotenszene durch die ostdeutsche Staatssicherheit (STASI) und die Bespitzelung der Südtiroler Linken.

Den beiden Bänden ist über eine Heimatgeschichte des Klandestinen für die Südtiroler Landsleute hinaus eine breite Leserschaft zu wünschen.

Weilheim, im November 2020

Erich Schmidt-Eenboom

Hochzeit in Böhmen


Tschechoslowakischer Ausweis für Hans Morandell: Ausgestellt auf den Namen Jan Moravec.

Die tschechoslowakische Staatssicherheit StB wirbt Anfang der 1950er-Jahre insgesamt elf namentlich bekannte junge Südtiroler an, darunter in einer Schlüsselposition einen SVP-Mitarbeiter sowie einen Neffen von Kanonikus Michael Gamper. Zwischen Bozen, Rom, Innsbruck und Wien entsteht ein Informantennetz, das jahrelang Militärspionage für den Ostblock betreibt. Gleichzeitig geraten die Beteiligten aber auch ins Visier des italienischen Geheimdienstes. Ein junger Bozner landet am Ende gar für acht Jahre in einem Prager Gefängnis.

Der Brief aus Brno, der in der ehemaligen Tschechoslowakei (ČSR) liegenden Stadt Brünn mit hauptsächlich deutschsprachiger Bevölkerung, trägt das Datum 4. Dezember 1948. Kurz gefasst auf einer Schreibmaschinenseite wird mit diesem Schreiben ein Informant für den tschechoslowakischen Geheimdienst „Státní bezpečnost“ (StB) angeworben. Der Briefschreiber kommt in einem etwas ungelenken Deutsch direkt zur Sache:

Ich erfuhr von einem Freund, mit dem ich in Verbindung stehe, über Ihren Aufenthalt in der ČSR u. über Ihren jetzigen Aufenthalt in Linz.

Falls Sie nicht voll beschäftig sind, erlaube ich Ihnen eine erträgliche Beschäftigung anzubieten. Es sind mir über Ihre Person gewisse Einzelheiten bekannt, sind jedoch nicht ausreichend, damit ich über unsere Geschäftsverbindung unmittelbar handeln könne.

Ich bitte mir mitzuteilen, ob Sie Ihre jetzige Beschäftigung voll ausnützt u. ob Sie die Möglichkeit haben, von Zeit zu Zeit eine Reise zu uns zu unternehmen. Legal oder illegal.

Falls Sie beabsichtigen mein Angebot anzunehmen, ist unseres persönliches Zusammentreffen unbedingt erforderlich.

Junger Hans Morandell oder Giovanni Sostero: Sekretär der SVP Bozen.


Eltern Hedwig Morandell und Licurgo Sostero: Vater verschwindet aus Südtirol.

Es ist selbstverständlich, daß ich alle mit Ihrer Reise nach ČSR zusammenstehenden Auslagen u. Reisekosten ersetzen werde. Wenn Sie sich um mein Angebot ernst interessieren, bitte ich Sie um eine postwendende Antwort, in der Sie mir auch Ihren, kurzen Lebenslauf mitteilen wollen.

Ich erwarte, daß Sie diese außerordentliche Gelegenheit, die Ihnen angeboten wird, ausnützen. Ich ersuche Sie jedoch um eine rechtzeitige Antwort die ich bis zum 12.12.1948 erwarte.

Ich bitte Sie dieses geschäftliche Schreiben als vertraulich zu halten.1

Für die Rückantwort gibt der Briefschreiber eine Deckidentität in Brünn an: „Karel Vlasaty, Zábrdovice 21, Brno, Arbeiterjournalist“. Noch vor Weihnachten 1948 trudelt dort ein Brief auf Tschechisch aus Innsbruck und am 6. Jänner 1949 dann ein weiteres Schreiben aus Bozen ein. Der Absender der beiden Briefe: Hans Morandell, Venedigerstraße 37, Bozen.

Hans Morandell, der zu diesem Zeitpunkt in Innsbruck studiert und dort unter der Woche bei einem Onkel wohnt, erklärt in dem handschriftlichen Brief, dass er bewusst aus Italien schreibe. Der Grund: In Südtirol gibt es im Gegensatz zum damals noch französisch besetzten Nordtirol keine Briefzensur. Denn der Inhalt des Briefes, den der damals 24-jährige Südtiroler schreibt, ist durchaus brisant. Hans Morandell zeigt sich am Angebot aus Brünn nämlich sehr interessiert.

Ich schreibe Ihnen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich bereit bin zur persönlichen Verhandlung unseres Geschäftes zu Ihnen zu kommen. Ich muss Ihnen aber auch mitteilen, dass ich ohne Ihre Hilfe eine Reise in die ČSR nicht durchführen kann, weil die Beschaffung eines Visums Ihres Landes mit beträchtlichen finanziellen Auslagen verbunden ist, für welche ich im Augenblick leider nicht aufkommen kann. […] Es wäre natürlich angenehm zu erfahren, was für eine Art erträglicher Beschäftigung Sie mir anbieten möchten. Auf jeden Fall interessiert mich ihr Angebot außerordentlich, weil mir die von ihnen vorgeschlagenen Geschäftsreisen Gelegenheit geben würden meine Freunde und Freundinnen in der ČSR aufzusuchen.2

Rund vier Wochen später ist es dann soweit. Hans Morandell kommt am Abend des 3. Februar mit dem Zug nach Unterretzbach in Niederösterreich und überschreitet dort illegal die grüne Grenze in die Tschechoslowakei. Am Bahnhof von Šatov wird er abgeholt und in das Hotel Drei Kronen (U tri Korun) in Znojmo gebracht. Dort in Zimmer Nr. 17 wird der junge Bozner als Agent der wenige Monate zuvor aus der Taufe gehobenen neuen tschechoslowakischen Staatssicherheit StB angeworben. Drei Tage lange wird Hans Morandell von Männern des tschechoslowakischen Geheimdienstes im Hotel verhört und in seine neuen Aufgaben eingewiesen. Als er in den frühen Morgenstunden des 6. Februar 1949 auf demselben Weg über die grüne Grenze nach Österreich zurückkehrt, hat Morandell nicht nur 1.400 Kronen und 700 Schilling in der Tasche, sondern er hat auch eine handschriftliche Verpflichtungserklärung unterzeichnet.3 Hans Morandell erhält in der StB-Registratur den Decknamen „Korsičan“, was soviel wie „der Korse“ heißt. Geführt wird der junge Bozner Agent von Anfang als „duverník resident“, als ein Informant oder Agent, der ein ausländisches Netzwerk leitet. Genau das sollte auch die Aufgabe von Morandell sein. Er beginnt mit dem Aufbau eines Agentennetzes für den StB, an dem in Italien und in Österreich weit über ein Dutzend Agenten, Informanten und Zuträger hängen. Der Großteil von ihnen sind Südtiroler und Südtirolerinnen.

StB-Agent Hans Morandell alias „Korsičan“ (im Uhrzeigersinn): Als Balilla (faschistische Jugendorganisation) mit Mutter; in der Hitlerjugend; in der Uniform der deutschen Reichsbahn (Bologna 1944) und mit seinem ersten Auto.

Gut sieben Jahre lang arbeitet das Netzwerk für den ČSR-Geheimdienst und liefert vor allem militärische Informationen aus Österreich, Italien, Holland, Skandinavien, Spanien, Griechenland, der Türkei und sogar aus Chile. Schon bald wird das Südtiroler Netz jedoch vom italienischen Militärgeheimdienst „Servizio Informazioni Forze Armate“ (SIFAR) unterwandert und einige der StB-Zuträger beginnen für die Nachrichtendienste gleich mehrerer Länder zu arbeiten. Für einen von ihnen endet dieses Doppelspiel in einem Prager Gefängnis, wo er acht Jahre lang einsitzen wird.

Die Arbeit der StB-Agenten in und um Südtirol ist bisher ein völlig unbekanntes Kapitel der Südtiroler Zeitgeschichte. Es ist eine Geschichte, in der sich auch einige bekannte Namen finden und einige Gestalten, die uns an unterschiedlichen Schauplätzen noch durch dieses Buch begleiten werden.

Der Sekretär von Friedl Volgger

Hans Morandell ist eine Figur, die für die Welt der Geheimdienste wie geschaffen scheint. Das beginnt bereits bei seinen Namen. „Als Kind hat mich beeindruckt, dass er im Laufe der Zeit seinen Vornamen gewechselt hat“, erinnert sich sein Enkel, der Wiener Journalist und Historiker Marco Sostero im Gespräch mit dem Autor. „Eine Zeitlang mussten wir ihn Hans nennen und dann plötzlich nur mehr Giovanni.“ In den 1980er-Jahren schreibt er seinem Sohn Marc einen Brief, in dem er offiziell erklärt, endlich den ihm „verhassten Namen Johann“ abgelegt zu haben. Er möchte ab sofort nur mehr Hans Georg genannt werden.4

Aus den Akten des StB und des italienischen Innenministeriums, aber vor allem aus den Erinnerungen seiner Familie lässt sich der Lebenslauf des Südtiroler StB-Agenten nachzeichnen. Giovanni (Hans) Morandell wird am 25. Februar 1925 in Bozen als Sohn von Licurgo Sostero und der Schneiderin Hedwig Morandell geboren. Die Mutter stammt aus einer Weinbauernfamilie aus Kaltern, der Vater ist ein Angehöriger des italienischen Heeres. Licurgo Sostero erkennt seinen Sohn aber lange nicht an und vor allem verschwindet er schon bald nach der Geburt aus Südtirol. Die Mutter tut sich später mit Pino Ruffino zusammen, der die Zollwache in Innichen leitet. Hedwig Morandell selbst führt jahrelang das Hutfachgeschäft Elite in der Bozner Silbergasse. Hans Morandell erleidet das Schicksal, das damals den meisten unehelichen Kindern in Südtirol blüht: Die Mutter muss arbeiten und er wächst bei einer Art Pflegfamilie auf, in seinem Fall bei einer Familie auf dem Ritten. Nach der Grundschule besucht er in Bozen das „Istituto Tecnico Governativo Commerciale e per Geometri Cesare Battisti“ und macht dort auch sein Abitur.

Auffällig ist, dass Hans Morandell seit seiner Jugend fast schon natürlich zwei Identitäten lebt. Weil die Eltern nicht verheiratet sind, trägt er zuerst den Namen der Mutter, nimmt dann aber, kaum volljährig, den Namen des Vaters an, zumindest zeitweilig. So etwa wird der Mann in den Akten der Bozner Quästur und des italienischen Innenministeriums noch im Sommer 1968 als Giovanni Sostero geführt.5 Damit wird klar, dass der Südtiroler StB-Agent jahrelang in Österreich als Hans Morandell auftrat, während er in Italien als Giovanni Sostero agierte. Dazu kommen im Laufe der Jahre noch weitere Aliasnamen, unter denen er operiert. Vereinfachend soll der Mann hier Hans Morandell genannt werden.

Morandell spricht und schreibt drei Sprachen perfekt: Deutsch, Italienisch und Englisch. Darüber hinaus spricht er Französisch und im Laufe seines Lebens kommen noch mindestens drei weitere Sprachen hinzu.

1944 wird Hans Morandell eingezogen und zur Deutschen Reichsbahn in Italien versetzt. Er ist in Bologna stationiert. Laut eigenem Lebenslauf arbeitet er ab April 1945 in Italien als Dolmetscher für die Engländer und Amerikaner. Doch schon bald erhält der junge Mann einen besonders interessanten Job. 1946 befindet sich die Südtiroler Volkspartei (SVP) organisatorisch noch im Aufbau. Über Friedl Volgger kommt Hans Morandell zur SVP. Dort übernimmt er als Verwaltungssekretär den SVP-Bezirk Bozen und arbeitet zwischen 1946 und 1948 für die Volkspartei. In dieser Funktion wird Hans Morandell dann auch indirekt Gegenstand einer öffentlichen Polemik. Im Spätsommer 1947 greift die Bozner Tageszeitung „Alto Adige“ in einer Artikelserie mehrmals die SVP scharf an. Vor allem Leo Sofisti, der später in den überregionalen Tageszeitungen „Corriere della Sera“ und „Il Giornale“ die rechte Hand des berühmten Journalisten Indro Montanelli werden wird, veröffentlicht in mehreren Artikeln vermeintliche Interna aus der Volkspartei. So schreibt Sofisti am 9. Oktober 1947 u. a. über die verdächtigen Kontakte und Reisen von Friedl Volgger nach Jugoslawien und behauptet in diesem Artikel, „dass Friedl Volgger, seinen Privatsekretär, einen gewissen Morandell, im August 1947 zu einer Weltjugendtagung nach Prag geschickt habe“. Die SVP-Landesleitung entgegnet mit einer Stellungnahme, die Friedl Volgger zwei Tage später im „Volksboten“ abdruckt, garniert mit einem langen Artikel mit dem Titel „Was soll diese Hetze?“ in dem Volgger selbst zu den Enthüllungen Stellung nimmt. „Herr Sofisti lügt mit dieser Behauptung“, dementiert Volgger die Entsendung Morandells nach Prag.6 Dass die Behauptung Sofistis nicht an den Haaren herbeigezogen war und der Journalist also über gute Informationen verfügte, zeigt sich heute. Denn 70 Jahre später finde ich im Akt des Agenten „Korsičan“ im StB-Archiv in Prag nicht nur den damaligen „Volksbote“-Artikel, sondern auch eine genaue Personenbeschreibung des Journalisten, SVP-Gründers und späteren Parlamentariers Friedl Volgger. Morandell benutzte diesen politischen Kontakt als einen seiner Trümpfe bei der Anwerbung durch den StB.7

Hans Morandell reist im Sommer 1947 tatsächlich erstmals in die ČSR, um an einem Studentenfestival in Prag teilzunehmen. Dabei lernt er eine Reihe von Gleichaltrigen kennen, mit denen er auch danach noch Briefkontakt hält. Morandell ist von der Tschechoslowakei durchaus angetan. Er bleibt danach einige Monate in Karlsbad, wo er als Hilfsarbeiter in den dortigen Kaolinwerken angestellt wird. Kaolin ist ein mineralischer Rohstoff, der in der Keramik-, Papier- und Chemieindustrie verarbeitet wird. Morandell lernt dabei auch relativ gut Tschechisch, sodass er später die Briefe seines StB-Verbindungsoffiziers in dessen Muttersprache beantworten kann. Auch diese Tatsache dürfte bei seiner Anwerbung Ende 1948/Anfang 1949 mit ausschlaggebend gewesen sein. „Der Informant vermittelt den Eindruck einer ehrlichen und wahrheitsliebenden Person. Er ist intelligent und freundlich. Er mag die Tschechoslowakische Republik sehr und er kommentiert die Bedingungen in unserem Land äußerst positiv“, beschreibt der StB-Offizier seinen Agenten „Korsičan“ im Registrierungsprotokoll.8

Aus dem Geheimdienstakt geht auch der Beweggrund hervor, warum Morandell das Angebot umgehend annimmt. Da er seine Mutter finanziell unterstützen muss, brauche er unbedingt eine Einnahmequelle. Im Prager Personalakt heißt es: „Dem Informanten ist bekannt, dass er für den Geheimdienst arbeitet, er weiß jedoch nicht für welche Abteilung.“9 Zu diesem Zeitpunkt studiert Morandell an der Universität Innsbruck Philosophie, wohnt bei seinem Onkel Meininger in Innsbruck, fährt aber immer wieder zu seiner Mutter nach Bozen. So schickt der StB anfänglich seine Briefe vor allem an die Anschrift der Mutter nach Bozen. Das Operationsgebiet von „Korsičan“ soll vor allem Tirol und Vorarlberg sein, doch schon bald wird sich die Tätigkeit Morandells über halb Europa und darüber hinaus erstrecken.

Wie bereits erwähnt, kommt es Anfang Februar 1949 im Hotel Drei Kronen in Znojmo zum Anwerbungsgespräch. Dabei erhält „Korsičan“ von dem StB-Offizier, der in den nächsten Jahren seine Führung übernimmt, bereits erste Aufträge. So soll er detaillierte schriftliche Berichte über die in Innsbruck stationierten französischen Besatzungstruppen und über das Flüchtlingslager in Wörgl liefern. Das besondere Interesse des StB gilt dabei den „Namen der Führer hauptsächlich aus den Reihen der tschechoslowakischen Auswanderung“. Ein weiterer Auftrag ist ein genauer Bericht über den Flughafen Innsbruck/Kranebitten (Abmessungen des Flughafens, Ausmaße und Art der Startfläche, Signalvorrichtungen, Flughafeneinrichtungen, Flughafenbesatzung, Anzahl und Flugzeugtypen und Skizze des Flughafens). Beim Anwerbegespräch wird auch schon das nächste Treffen mit „Korsičan“ in einem anderen Hotel in Znojmo für den 10. März 1949 festgelegt. Zudem wird ein einfacher Code vereinbart, den man in den Jahren danach deckungsgleich bei allen anderen Agenten und Informanten aus diesem Netzwerk umsetzen wird. Im StB-Bericht heißt es dazu:

Für den Fall, dass er aus schwerwiegenden Gründen an diesem Tag nicht in der Lage sein wird zu kommen, wird er das neue Datum per Telegramm mitteilen, das er aus Italien senden wird. Der Inhalt: Antóns Hochzeit am X / x bedeutet Datum der Ankunft.10

In den Akten finden sich unzählige solcher Telegramme. So etwa ein Fernschreiben vom Herbst 1950, das „Korsičan“ von Bozen nach Brünn schickt. Der Text: „Antons Hochzeit am 8.12. Janos“.11 Dass Morandell mit „Janos“ unterschreibt, hat einen Grund. Zu diesem Zeitpunkt ist die Zusammenarbeit zwischen dem StB und seinem Bozner Agenten bereits so gefestigt, dass der tschechische Nachrichtendienst Hans Morandell sogar einen falschen, tschechoslowakischen Personalausweis auf den Namen „Jan Moravec“ ausstellt.12

Tote Briefkästen am Wiener Prater

Hans Morandell beginnt in den Monaten und Jahren nach der Anwerbung ein Agentennetz für den StB aufzubauen, das über ganz Europa reicht. Bereits beim zweiten Treffen im März 1949 in Znojmo übergibt er die schriftlichen Berichte zum Innsbrucker Flughafen und dem Wörgler Flüchtlingslager. Ab diesem Zeitpunkt fährt Morandell fast monatlich in die Tschechoslowakei. Allein im Jahr 1949 kommt es zuerst in Znojmo und später in Brno zu elf Treffen mit seinen StB-Führungsoffizieren. Auch in den Jahren danach findet jährlich rund ein Dutzend solcher Zusammenkünfte statt. Agent „Korsičan“ übergibt dabei Hunderte Dokumente, Fotos und Berichte. Der Südtiroler Student wird vom StB dafür mehr als gut entlohnt. So bekommt Hans Morandell allein im ersten Jahr seiner Tätigkeit 1949 für seine Arbeit 38.216 Kronen, 582.000 Lire, 5.500 Schilling und 180 Dollar vom tschechischen Nachrichtendienst. In den Jahren danach steigt sein Einkommen noch einmal beträchtlich an. 1951 zahlt der StB an Morandell 30.339 Kronen, 3.360.000 Lire, 16.000 Schilling. 1.700 französische Franc und 4.335 Dollar. Bis April 1953 bekommt „Korsičan“ so insgesamt 1.301.590 Kronen.13 Umgerechnet sind das damals 17.354.533 italienische Lire, nach heutigem Wert rund 9.000 Euro. Das klingt nicht nach viel. In Wirklichkeit ist es aber sehr viel Geld. Das Durchschnittsgehalt eines italienischen Arbeiters liegt 1955 bei 43.000 Lire (22,20 Euro) im Monat. Damit wird klar, wie fürstlich die tschechoslowakische Staatssicherheit ihre Zuträger entlohnt.

Diese finanzielle Ausgestaltung erleichtert es Hans Morandell neue Zuträger anzuwerben. Immer wieder macht „Korsičan“ auch Vorschläge von Personen, die der StB anwerben soll. So liefert er genaue Lebensläufe des in Innsbruck wohnhaften Südtirolers Erwin Tomasini, des Nordtirolers Richard Wohlfarter oder des Pragers Gottfried Morawetz, der in Nordtirol im Exil lebt.14 Morandell versucht lange Zeit auch einen Mann anzuwerben, der in Südtirol eine politische Rolle spielt: Carlo Bernardo Zanetti ist der erste Landessekretär der Südtiroler Ablegers der Kommunistischen Partei, des Partito Comunista Italiano (PCI). Aus den Akten geht hervor, wie „Korsičan“ 1949/1950 Zanetti umwirbt und zur Mitarbeit gewinnen will. Am Ende scheitert die Anwerbung aber. Carlo Bernardo Zanetti ist in diesem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet und darin wird auch klar, warum der Kommunist nicht auf das Angebot Morandells einsteigt.15

Bereits beim ersten Treffen mit dem StB in Znojmo macht „Korsičan“ den Vorschlag, beim nächsten Treffen einen engen Freund in die ČSR mitzubringen. Es handelt sich um Cesare Premi, am 29. Februar 1924 in Peri bei Verona geboren, in Bozen wohnhaft und von Beruf Geometer. Premi arbeitet vom September 1947 bis August 1948 in Kaolinfabriken in Karlsbad, zuerst als einfacher Arbeiter und später als Hilfsgeometer. „Korsičan“ erklärt seinem StB-Führungsoffizier, dass Premi sein Studium in Österreich fortsetzen möchte, aber nicht genug Geld dafür habe. Im StB-Dienstbericht über die Unterredung heißt es:

Nachdem ich den Agenten auf die Gefahren aufmerksam gemacht habe, die sich aus der Beteiligung eines Dritten ergeben, erklärte er, er sei überzeugt, dass dieser Kandidat ihn niemals verraten werde, weil er seit seiner Kindheit sein bester Freund ist.16

Der StB willigt ein, dass Cesare Premi mit „Korsičan“ in die ČSR kommt. Obwohl sich Morandell bemüht und Premi mehrmals zusagt, dauert es bis zum Sommer 1949, bis es dazu kommt. Hans Morandell und Cesare Premi reisen vom 11. bis 15. Juni 1949 nach Brünn. Dabei wirbt der StB auch Cesare Premi als Agenten und Kurier an und gibt ihm den Decknamen „Vandal“, auf Deutsch: „Vandale“.17 Obwohl „Korsičan“ sich in den Monaten danach immer wieder beim StB für „Vandal“ einsetzt, ist das Verhältnis von Beginn an angespannt. Das ganze Jahr 1949 versucht der StB über Morandell Kontakt zu Premi aufzunehmen. Dieser will aber nichts davon wissen. Er weigert sich auch, nochmals in die ČSR zu kommen. Cesare Premi arbeitet inzwischen als Geometer für die unter dem Faschismus eingerichtete Körperschaft „Ente Nazionale delle Tre Venezie“ und ist viel in Norditalien unterwegs. Erst im Sommer 1950 wird „Vandal“ dann wirklich tätig, liefert Berichte und erhält dafür auch Geld.

Hans Morandell alias „Korsičan“ hingegen weitet sein Einsatzgebiet sehr schnell auf Italien, die Schweiz und auch Jugoslawien aus. Der StB ist vor allem an Nachrichten aus dem militärischen Bereich interessiert: Truppenstärke, Bewaffnung, Pläne und Beschreibungen der militärischen Anlagen. Man übergibt Morandell einen Fotoapparat der Marke Leica, mit dem er zu den Berichten auch Fotos liefert. Finanziell bestens ausgestattet, beginnt Morandell für den StB in der Welt herumzureisen. So fährt er 1950 für einen Dienstauftrag in die Türkei und nach Griechenland, 1951 nach Norwegen, in den Iran und nach Syrien. 1952 schickt ihn der tschechoslowakische Nachrichtendienst nach Chile. Bei all diesen Reisen liefert „Korsičan“ Berichte über die Länder ab und wirbt Zuträger an. Bereits Anfang 1950 hat Morandell fixe Zuträger in Istanbul, Teheran, Athen und in Wien. Eine weitere Reise im Frühjahr 1951 führt ihn nach Jugoslawien, dabei lässt „Korsičan“ seine politischen Kontakte zu Friedl Volgger spielen. In seinem StB-Akt heißt es:

Der Agent erhielt am 20. Mai 1951 ein Visum für Jugoslawien. Er nutzte dafür die Gelegenheit der Reise seines Bekannten Volgger, des Mitglieds des italienischen Parlaments und Abgeordneten für die deutsche Minderheit in Tirol, nach Jugoslawien. Der Agent ist mit Volgger aus der Zeit bekannt, als er als Sekretär in der SVP arbeitete.18

Morandell besucht auf dieser Reise zusammen mit Friedl Volgger in Laibach Professor Bogdan Novak, der mit Volgger zusammen im KZ Dachau interniert war. Ebenso treffen die beiden das Belgrader Regierungsmitglied Drago Marušič. Die Informationen über die Gespräche landen keine zehn Tage später bei der tschechoslowakischen Staatssicherheit.

Toter Briefkasten in der Taborstraße (Zeichnung aus dem Korsičan-Akt): Dokumente für den StB in Telefonzelle hinterlegt.

Hans Morandell ist zu diesem Zeitpunkt längst hauptberuflich in der Schattenwelt der Geheimdienste angekommen. Offiziell studiert er immer noch, ab Herbst 1950 aber nicht mehr in Innsbruck, sondern in Wien. Der Wechsel gründet auch darin, dass der Weg aus der österreichischen Bundeshauptstadt in die Tschechoslowakei nicht so weit ist. Morandell hat sich zudem längst in Österreich eine Deckidentität zugelegt. Er operiert jetzt unter den Namen „Hans Waldner“ mit Wohnsitzen und Postfächern in Innsbruck, Salzburg und in Wien. Und weil zu häufige Reisen in die ČSR auffallen und der Grenzübertritt nicht ungefährlich ist, baut man ein System von sogenannten „toten Briefkästen“ auf, das Morandell und eine ganze Gruppe weiterer Agenten aus seinem Netzwerk nutzen. Ein toter Briefkasten ist ein öffentlicher Ort, an dem ein Agent unbemerkt Dokumente oder Nachrichten deponieren kann, die dann von einem Geheimdienstmann dort abgeholt werden. In den Prager Akten finden sich Dutzende ungelenke Zeichnungen solcher toter Briefkästen. Sie stellen Übergabeorte in Santiago de Chile, in Mailand oder in Wien dar. In der damals in vier Besatzungssektoren aufgeteilten österreichischen Hauptstadt operieren Hans Morandell und seine Kollegen vor allem im sowjetischen Sektor. Die toten Briefkästen werden im 2. Bezirk rund um den Praterstern eingerichtet, so etwa in einer öffentlichen Telefonzelle in der Taborstraße, im Augarten oder unter einer Bank an der Ausstellungsstraße im Wiener Prater.19 Wie man operativ vorgeht, lässt sich einem Schreiben des StB-Führungsoffiziers vom Sommer 1952 entnehmen, in dem er einem der Agenten genaue Vorgaben macht, wie Hans Morandell zum verabredeten Treffen nach Brünn kommen soll:

Material wird er keines mitnehmen. Das Material legt er in einen Koffer. Diesen Koffer übergibt er am 14. August 1952 in die Gepäckaufbewahrung am Nordwestbahnhof in Wien. Den Gepäckschein verschließt er in ein Kuvert und dieses legt er bis spätestens 21.00 Uhr desselben Tages in die ihm bekannte Telefonzelle. Wenn er bei mir eintrifft, wird das Material bereits hier vorliegen. Es ist ratsamer den Grenzübertritt ohne Material zu vollziehen.20

Diesen Rat befolgt „Korsičan“ aber nicht konsequent. Deshalb wird es schon wenig später zu einem gefährlichen Zwischenfall kommen. Als Hans Morandell seinen Lebensmittelpunkt nach Wien verlegt, übernimmt ein enger Verwandter seine Aufgabe in Innsbruck: Edgar Meininger ist ein Cousin Morandells. Meininger, am 12. Juni 1929 in Bozen geboren, lebt und studiert ebenfalls in Innsbruck. Offiziell angeworben wird der damals 22-jährige Student am 9. April 1951. Es ist Morandell, der seinen Vetter dem StB andient. Edgar Meininger erhält den Decknamen „Pedel“, was auf Slowakisch „Perle“ heißt.21 Wie bei fast allen StB-Informanten wird auch für ihn ein Code ausgemacht, der bei persönlichen Treffen gebraucht wird, sollten sich der Agentenführer und der Agent persönlich nicht kennen. Es ist ein kurzer aus Frage und Antwort festgelegter genauer Dialog, der schön bürokratisch in der Personalakte festgehalten wird. Im Fall von „Pedel“, ist es die Frage: „Ist ihr Onkel nicht bei der Post beschäftigt?“ Die richtige Antwort: „Nein, er ist ein Eisenbahner.“22

Weil Hans Morandell jahrelang bei den Meiningers in der Innsbrucker Friedhofstraße wohnt, dürfte er schon vorab seinen Vetter instruiert haben, denn Agent „Pedel“ wächst innerhalb kürzester Zeit in seine Aufgabe hinein. Der spätere Innsbrucker Diplomvolkswirt liefert in einem seiner ersten Berichte eine detaillierte Beschreibung des amerikanischen Stützpunktes in Reichenau bei Innsbruck sowie über den Ausbau des amerikanischen Lagers für Flüchtlinge (Displaced Persons) in Rum. Dem Bericht sind Skizzen und Fotos beigelegt. Mitte März 1951 fährt „Pedel“ nach Triest, wo er einen detaillierten Bericht über den Hafen und die dortigen militärischen und zivilen Einrichtungen anfertigt.23 Edgar Meininger übernimmt auch das auf den Namen „Hans Waldner“ laufende Postfach 139 am Innsbrucker Hauptpostamt, auf dem fast wöchentlich Berichte von Zuträgern eintreffen. So enthält Meiningers StB-Akt einen ausgiebigen Schriftverkehr mit Oktay Özgökce, der aus Izmir Nachrichten und Berichte aus der Türkei liefert.24 Im Sommer 1951 versucht Agent „Pedel“ auch einen Zuträger in Jugoslawien anzuwerben. In einem Bericht an den StB stellt er den Kandidaten vor, der als „militärischer Korrespondent“ fungieren soll: Ivica Spehar aus Zagreb. Aus Meiningers Schilderung geht eindeutig hervor, dass es sich bei dem 26-Jährigen um einen Kriminellen handelt.

Edgar Meininger (alias „Pedel“) in der Uniform der NS-Jugendbewegung (Pimpf): Morandells Cousin arbeitet jahrelang für den StB.

Ivica selbst ist ein mittelgroßer, dunkler, meist finster blickender Mann, der sich bis heute seinen Lebensunterhalt mit allerlei dunklen Geschäften verdient. Verkauf von Schmuggelwaren (Nylon, Munition, Uhren, Medikamente usw.), die aus dem Ausland kommen, und Chef einer Art Bordells zählen nur zu seinen Hauptbetätigungsgebieten. Mit Recht kann man ihn zu einem, wenn nicht den führenden Kopf der Zagreber Unterwelt zählen.25

Ob es wirklich zu dieser Zusammenarbeit kommt, geht aus den Prager Akten nicht hervor. Sicher ist, dass schon bald danach Informationen aus Jugoslawien in Richtung StB fließen. Doch dafür könnte eine andere Person verantwortlich sein, nämlich ein weiterer junger Mann aus Bozen. Es handelt sich um den Spross einer besonders bekannten und einflussreichen Südtiroler Familie.

Deckname „Puzzi“

Im Archiv der tschechoslowakischen Staatssicherheit StB in der Na Struze 3 in Prag findet sich unter Hunderttausenden von Dossiers auch ein schmaler Akt, in dem ein Kapitel Südtiroler Zeitgeschichte gestreift wird, das eigentlich so nicht an die Öffentlichkeit kommen sollte. In dem Akt liegt die Kopie eines Schreibens eines StB-Führungsoffiziers mit dem Decknamen „Venceslao“, der um die dringende Kontaktaufnahme eines seiner Agenten ersucht. Die Anschrift auf dem Briefumschlag: „Museumstraße 42, Bozen“26

An dieser Adresse befinden zu diesem Zeitpunkt die Redaktion und die Druckerei der Tageszeitung „Dolomiten“ sowie die Direktion des Athesia-Verlages. Der Adressat, an den der Brief geht, gehört zur Familie von Kanonikus Michael Gamper. Franz Flies wird am 19. Mai 1928 in Bozen geboren und muss 1944 als 16-Jähriger einrücken. Er dient rund zehn Monate in Deutschland als Dolmetscher. Anfang der 1950er-Jahre arbeitet er als Vertriebsmitarbeiter im Athesia-Verlag. Flies ist der Neffe von Michael Gamper und damit der Bruder von Martha Flies, in der Südtiroler Öffentlichkeit besser bekannt unter ihrem verheirateten Namen: Martha Ebner. Im StB-Personalakt von Franz Flies heißt es dazu:

Der Informant hat 3 Schwestern. Eine studiert als Lehrerin in Bozen, die andere ist mit einem Abgeordneten verheiratet und lebt in der Nähe von Bozen. Die dritte ist in London verheiratet, wo ihr Ehemann ein Geschäft hat.27

Martha Ebner heiratet 1944 Toni Ebner, der 1948 für die SVP als jüngster Abgeordneter in die italienische Abgeordnetenkammer gewählt wird und dort für drei Legislaturen sitzen wird. Toni Ebner (1918–1981) wird im Jänner 1951 erstmals SVP-Obmann. Zudem übernimmt Toni Ebner ab 1956 die Leitung des Athesia-Verlages und die Chefredaktion der Tageszeitung „Dolomiten“. Doch davon ist im Prager Akt von Franz Flies kaum etwas zu lesen, denn der Informant, der in der StB-Registratur mit dem Decknamen „Puzzi“ läuft, ist für ein anderes Einsatzgebiet vorgesehen. Franz Flies gehört ab 1951 zum Netz von Hans Morandell. Man kann davon ausgehen, dass Morandell den um nur drei Jahre jüngeren Flies während seiner Arbeit für Friedl Volgger und die SVP kennengelernt hat. Morandell und sein Vetter Edgar Meininger werben Flies gemeinsam für den tschechoslowakischen Nachrichtendienst an. Als Morandell Franz Flies das erste Mal nach Brünn bringt, notiert der StB-Offizier ins Protokoll:

StB-Akt von Franz Flies (alias „Puzzi“): Neffe von Kanonikus Michael Gamper arbeitet für den Ostblock.

Der Informant spricht mehrere Sprachen, hat eine ausgezeichnete Ausbildung und er verfügt über einen gültigen Reisepass. Man kann davon ausgehen, dass er die ihm gestellten Aufgaben bestens ausführen dürfte.28

Heute kann man darüber nur spekulieren, warum Franz Flies diese Arbeit für einen östlichen Nachrichtendienst übernommen hat. Abenteuerlust? Oder aus finanziellen Gründen? Tatsache ist, dass sich im StB-Akt mehrere von Flies unterzeichnete Erklärungen finden, mit denen er Zahlungen quittiert, die er über Hans Morandell alias „Korsičan“ ausbezahlt bekommt.

Empfangsbestätigung von Franz Flies: Geld vom StB für Jugoslawienreise.

„Ich hören diese Geschichte von Ihnen heute zum ersten Mal“, sagt Martha Ebner fast 70 Jahre später im Gespräch mit dem Autor. Die heute 98-Jährige wundert sich aber nicht wirklich über diese ihr bis dahin unbekannte Seite ihres Bruders: „Franz wurde als junger Mensch durch den Krieg aus der Schule gerissen, er war ein Freigeist und immer etwas unruhig.“ Martha Ebner erklärt auch den Decknamen „Puzzi“: „Das war seit seiner Kindheit sein Spitzname in der Familie, aber auch unter seinen Freunden.“29

Im Herbst 1951 macht Franz Flies eine Reise mit dem Auto nach Jugoslawien. Seine Aufgabe ist es, Flughäfen, Militäranlagen und Industrieanlagen vor allem im heutigen Slowenien und Kroatien auszukundschaften. Am 11. November 1951 liefert Agent „Puzzi“ dem StB einen detaillierten Bericht ab. Er beschreibt darin das große Stahlwerk in Štore, die Industrieanlagen und den Flughafen von Celje, die Flugplätze von Laibach und Zagreb sowie noch eine ganze Reihe weiterer Städte und Flughäfen. Dabei gibt er die Flugzeugtypen genauso wieder wie die Stärke der militärischen Wachmannschaften. Zudem liefert er ein halbes Dutzend Namen und Anschriften, die ihm bei der Informationsbeschaffung behilflich waren und auch in Zukunft zur Verfügung stehen würden.30 Auch hier gibt es einen familiären Hintergrund. Der Vater von Franz und Martha Flies stammt aus einem Dorf in der Nähe von Celje in Slowenien. Er erhielt erst 1937 die italienische Staatsbürgerschaft.31

Am 15. Oktober 1951 bestätigt Franz Flies per Unterschrift in Wien gegenüber Hans Morandell und dem StB den Erhalt von 50.000 Lire, 20.000 Dinar und 700 Schilling. Es dürfte sich um das Geld zur Finanzierung der Jugoslawienreise handeln.32 Eine der Aufgaben, die der StB Franz Flies gibt, ist auch die Beschaffung eines Impfstoffes, der damals in Italien eingeführt wird. Mehrmals hakt der StB-Führungsoffizier bei Agent „Puzzi“ nach, bis er Mitte September 1952 über Hans Morandell eine Charge in die ČSR schickt. „Durch die Bereitstellung und den Versand von 300 Kubikzentimetern Impfstoff wurde unsere Anforderung vollständig erfüllt, es muss kein weiterer Impfstoff mehr angeschafft werden“, notiert der StB in seinem Dienstbericht.33

Anfang 1953 tritt „Puzzi“ eine zweite Auslandreise im Auftrag des kommunistischen Nachrichtendienstes an, diesmal nach Griechenland. Franz Flies hält sich einige Zeit in Kavala und Thessaloniki auf, wo er ebenfalls Militäranlagen ausspioniert und Zuträger anzuwerben versucht. In seinem Bericht an den StB-Verbindungsoffizier heißt es:

Ganz nach den Befehlen habe ich versucht, die Bekanntschaft einiger junger Burschen zu machen. Darunter sind zwei oder drei, die mir in der Zukunft sehr hilfreich sein könnten.34

Flies gelingt es auch, einen namentlich genannten Mechaniker, der während des Kriegs in Wien war und deshalb Deutsch spricht, als Informanten anzuwerben. Vor dieser Reise war Agent „Puzzi“ von seinem Führungsoffizier in die Arbeit des Geheimdienstes eingewiesen worden. Im Akt finden sich ein „Besprechungsplan mit Flies“, mit dem die Griechenlandreise genau vorbereitet wird, und auch klare Anweisungen und Sicherheitsmaßnahmen, an die sich der „Puzzi“ halten soll. So muss er sich die Deckung für seine Reise und auch Erklärungen für seine finanziellen Mittel zurechtlegen:

Er muss sein Arbeitsverhältnis beenden und braucht eine Begründung für die Verwandten. Zudem braucht er auch ein Cover für den Kontakt mit den Personen, an denen er ein Nachrichteninteresse hat.35

Dazu kommen die Standard-Anweisungen, die jeder neue Agent erhält: sich unauffällig zu benehmen, Zuträger erst nach einer gründlichen Prüfung anzuwerben und keine kompromittierenden Materialien oder Notizen bei sich zu haben, vor allem aber auf keinen Fall preiszugeben, für wen man arbeitet. Diese Anleitungen erhält Franz Flies persönlich in der Tschechoslowakei, als Hans Morandell nach monatelangem Drängen vonseiten des StB den jungen Flies am 13. November 1952 nach Brünn bringt. Auf der Rückreise passiert aber etwas, was die gesamte StB-Aktion ernsthaft in Gefahr bringt. Morandell und Flies treffen sich in einer StB-Wohnung mit ihren Führungsoffizieren. Die beiden Südtiroler StB-Agenten übergeben dabei Dokumente und Berichte, gleichzeitig erhalten sie neue Aufträge. In der Nacht des 14. November 1952 überqueren Hans Morandell und Franz Flies in der Gegend von Šatov über einen Schmugglerpfad die grüne Grenze zurück nach Österreich. Im oberösterreichischen Retz nehmen sie den ersten Zug in Richtung Wien. Doch als der Zug gegen 6.23 Uhr in Hollabrunn einfährt, werden sie von der österreichischen Polizei kontrolliert. Weil das Duo sich schlafend stellt und auch vom Aussehen her verdächtig scheint, werden die beiden von den Gendarmen festgesetzt. In einem vertraulichen Bericht der österreichischen Staatspolizei, der Ende 1952 an das römische Innenministerium und an die Quästur Bozen geht, wird die Verhaftung der beiden Bozner detailliert beschrieben. Dort heißt es:

Als man die beiden einer Kontrollvisite unterzog, stellte sich heraus, dass der eine mit einem österreichischen Personalausweis Nr. 441/49, ausgestellt am 28.4.1949 auf den Namen Hans Waldner, Handelsangestellter, geboren in Linz am 25.2.1925, ledig, wohnhaft in Wien 7, Neubaugasse Nr. 72, und der andere mit einem italienischen Reisepass, ausgestellt auf Francesco Flies, geboren in Bozen am 19.6.1928, Nr. 4107299 P., Registernummer 6878, ausgestattet war. […] Bei einer Leibesvisitation und der Durchsuchung des Gepäcks wurden 662.105 italienische Lire, 500 amerikanische Dollar, 1.000 tschechische Kronen, 2.145 österreichische Schilling sowie ein Aktenbündel gefunden, geschrieben mit einer Schreibmaschine und in italienischer Sprache, das ausschließlich militärische Nachrichten zum Inhalt hatte.36

Als die Grenzpolizei die beiden in ihr Büro begleitet, versucht Hans Morandell zu flüchten und in das Gebäude der dortigen sowjetischen Grenztruppen zu gelangen. Der österreichischen Polizei gelingt es aber, diesen Versuch zu vereiteln. Daraufhin legt man Morandell und Flies Handschellen an. Die Haft des Duos dauert aber nur knapp eine Stunde, denn bereits um 8 Uhr desselben Tages muss die österreichische Polizei die beiden Inhaftierten auf Anforderung dem sowjetischen Kommando in Hollabrunn übergeben. Es dürfte sich um einen sogenannten „Bruderdienst“ gehandelt haben, den der sowjetische KGB (Komitee für Staatssicherheit beim Ministerrat der UdSSR) für den StB hier leistet. Unmittelbar danach werden Hans Morandell und Franz Flies freigelassen und kehren nach Wien zurück.

Der Vorfall macht deutlich, wie sehr Hans Morandell längst in der Geheimdienstwelt angekommen ist, denn der damals noch italienische Staatsbürger Giovanni Sostero ist laut Polizeibericht im Besitz einer für die Behörden nicht erkennbaren österreichischen Deckidentität und eines gefälschten österreichischen Personalausweises, der auf jenen Namen lautet, den er für seine StB-Arbeit als Alias benutzt: Hans Waldner. Noch bemerkenswerter ist aber etwas anderes: Sowohl das italienische Innenministerium als auch die Bozner Quästur und der SIFAR sind spätestens Ende 1952 nicht nur über die kurzzeitige Verhaftung des Bozner Duos in Hollabrunn informiert, sondern auch über die Tatsache, dass Morandell und Flies für den StB arbeiten. So heißt es über Hans Morandell in einem der vertraulichen Spitzelberichte, die an das „Ufficio Affari Riservati“ (UAR) im römischen Innenministerium gehen: „Aus einem Hinweis geht hervor, dass der Genannte ein tschechoslowakischer Agent ist.“37

Dass die italienischen Behörden dieser wichtigen Information keinerlei Aufmerksamkeit schenken und Morandell & Co unbekümmert weiterarbeiten lassen, hat einen konkreten Grund, der in diesem Kapitel noch beleuchtet wird. Tatsache ist, dass die Verhaftung in Hollabrunn vor allem für Franz Flies eine klare Mahnung ist. Der Elan des jungen Bozners, für den StB zu arbeiten, nimmt deutlich ab. Flies unternimmt wenig später zwar seine Reise nach Griechenland, auf der er detaillierte Berichte für den StB verfasst, aus seinem Personalakt geht aber hervor, dass das Verhältnis nachhaltig getrübt ist. So sollte Agent „Puzzi“ am 19. Februar 1953 zu einem weiteren Treffen nach Brünn kommen, doch das Pflaster dürfte Franz Flies zu heiß geworden sein. Er erscheint zum Treffen nicht und schickt auch keine Absage. Am 26. Februar 1953 schreibt sein Führungsoffiziers mit dem Decknamen „Venceslao“:

Lieber Freund,

ich habe auf eine Nachricht von dir gewartet, habe aber nichts erhalten. Ich weiß nicht, ob du gesund bist. Du hast mir versprochen, dass du mich am 19. Februar besuchst, bist dann aber nicht gekommen. Sei so freundlich und schreibe mir ein paar Zeilen. […] Meine Eltern laden dich höflich ein und ich erwarte dich voller Ungeduld.38

Der StB-Mann schlägt im Schreiben auch einen neuen Termin für ein Treffen in der Tschechoslowakei vor: den 24. April 1953. Franz Flies meldet sich aber weder brieflich noch erscheint er zum Treffen. Deshalb wird der Agent „Puzzi“ wenig später vom StB formal „abgeschaltet“. Das heißt: Die Zusammenarbeit wird beendet.

Der Informant hat seine Arbeit nicht mit der entsprechenden Verantwortung getragen, seine Berichte haben kaum wirklich interessante Nachrichten enthalten. Die Zusammenarbeit ist für diesen Dienst kaum rentabel. Deshalb ist es besser, wenn die Zusammenarbeit unterbrochen wird.39

Damit endet die Karriere von Franz Flies als StB-Agent Ende Mai 1953.

Bozner SS-Seilschaft

Am 27. Februar 2004 stirbt im Wipptal ein unscheinbarer 77-jähriger Rentner: Erich Bertol. Dabei verlief sein Leben alles anderes als unscheinbar, doch dürften nur die Wenigsten die Geschichte und die Vergangenheit dieses Mannes gekannt haben: Erich Bertol hat seit seiner Jugend als Agent und Zuträger gleich für mehrere Nachrichtendienste gearbeitet. Und er zahlt dafür einen hohen Preis: Er sitzt wegen Spionage acht Jahre lang in einem Gefängnis in Prag. Erich Bertol wird am 22. August 1927 in Bozen geboren. Er besucht in Bozen die Grund- und Mittelschule und dann eine Berufsschule, in der er zum Radiotechniker ausgebildet wird. 1944 arbeitet er kurzeitig bei der Firma Telefunken in Bozen, bevor er im Februar 1945 zur SS eingezogen und in Nienburg an der Weser stationiert wird.40 Nach dem Krieg kehrt er nach Südtirol zurück, wo er sich anfänglich mit verschiedensten Gelegenheitsarbeiten z. B. als Elektriker oder Kinovorführer durchschlägt. Im Februar 1948 erlangt er mit der sogenannten Rückoption wieder die italienische Staatsbürgerschaft. Noch im selben Jahr wird er zum italienischen Militärdienst einberufen. 1949 stirbt Bertols Mutter Maria Maier.41

Doch wie kommt es zur Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Geheimdienst? Es ist eine der Hauptaufgaben von Hans Morandell alias „Korsičan“, für den StB Informanten anzuwerben, und er scheint dafür keine Gelegenheit auszulassen. Auf einer Zugfahrt im Spätsommer 1949 trifft „Korsičan“ Erich Bertol, der in Rom gerade seinen Militärdienst ableistet, und die beiden kommen sich schnell näher. Als Bertol wenig später in Bozen auf Heimaturlaub weilt, wirbt Morandell ihn an. Er soll militärische Nachrichten und Dokumente sammeln und diese „Korsičan“ gegen Bezahlung übergeben. Bertol, der immer wieder in Geldnöten steckt, sagt umgehend zu. Jahre später wird Erich Bertol aussagen, dass ihm Morandell gleich zu Beginn gesagt habe, „dass sie für einen fremden Staat arbeiten“, ihm aber anfänglich nicht klar gewesen sei, für welchen Staat.42 Bereits Anfang Oktober 1949 übergibt Erich Bertol an „Korsičan“ ein Schreiben eines vielversprechenden Informanten. Es handelt sich um Giovanni Pernisco, der im Amt für Verkehr (Ufficio Trasporti) des Generalstabes des Heeres (Stato Maggiore dell’Esercito) im römischen Verteidigungsministerium tätig ist. Pernisco berichtet über drei Truppenverlegungen und erklärt, dass er die Originalberichte nicht übermitteln könne, weil sie in zwei Registern protokolliert und anschließend im Panzerschrank verschlossen würden. Deshalb habe er die Befehle abgeschrieben.43

Spätestens Anfang 1950 wird auch für Erich Bertol deutlich, für wen er seine Berichte schreibt und auch Dokumente fotografiert. Denn Ende Jänner 1950 bringt „Korsičan“ Erich Bertol zu seinen Auftraggebern nach Brünn. Die beiden Bozner überschreiten wie üblich bei Retz illegal die Grenze und werden von ihren StB-Führungsoffizieren empfangen. Am 31. Jänner 1950 unterzeichnet Erich Bertol in einem Jagdhaus nahe Brünn eine schriftliche Verpflichtungserklärung. Er erhält in der StB-Registratur den Decknamen „Sizunk“ – eine durchaus aussagekräftige Wahl, denn das Wort kommt aus der tschechischen Umgangssprache und steht für „Schwindler“. Es wird sich noch zeigen, dass dieser Deckname mehr als passend ist.44 Agent „Sizunk“ wächst schnell in seine Aufgabe hinein. Sechseinhalb Jahre später beschreibt Erich Bertol den Beginn seiner Arbeit für den StB so:

Nach dieser Zeit habe ich dann noch einige Wochen mit Morandell gearbeitet und dann später, aber noch im Jahr 1950, arbeitete ich schon allein. […] Ich arbeitete damals nur in Italien. Meine Aufgaben lagen im militärischen Bereich, Truppenverlegungen und Flughäfen. Ich brauchte und sollte auch neue Mitarbeiter gewinnen.45

Tatsächlich liefert „Sizunk“ anfänglich ausschließlich Berichte aus Italien, doch bereits 1951 reist er für den StB mehrmals nach Spanien, wo er Mitarbeiter anwirbt. 1952 erfüllt er Aufträge in Dänemark und Holland, 1953 dann in Norwegen und auch in Österreich. Besondern engagiert zeigt sich Bertol beim Anwerben von Mitarbeitern. So führt er noch 1950 zwei Bozner Bekannte dem tschechoslowakischen Geheimdienst zu, die danach beide jahrzehntelang im Nachrichtengeschäft tätig sein werden. Als Agent „Sizunk“ am 5. September 1950 zum vorher ausgemachten Treffen mit seinen StB-Führungsoffizieren nach Brünn kommt, ist ein alter Bozner Freund Bertols dabei: Friedrich „Fritz“ Stefaner (1927–1991). Friedrich Stefaner wird am 19. Juni 1927 in Bozen geboren, doch weil der Vater ein Jahr später stirbt, wächst er zuerst bei der Mutter in Bozen und später bei einem älteren Bruder in Suetschach im Rosental in Kärnten auf. Nach einem kurzen schulischen Zwischenstopp auf dem Gymnasium in Innsbruck kommt Friedrich Stefaner 1941 – wie Hunderte Südtiroler Optantenkinder – in die „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“ (Napola) nach Rufach im Elsass. 1943/44 kehrt Stefaner nach Bozen zurück und wird schließlich zur Waffen-SS einberufen. In Nienburg an der Weser wird er zum SS-Unterscharführer ausgebildet, 1945 zur SS-Panzerdivision „Wiking“ eingezogen und in Ungarn eingesetzt. Nach dem Krieg kehrt er nach Bozen zurück und leistet 1947/48 den italienischen Militärdienst ab. In Nienburg hatte er den gleichaltrigen Erich Bertol kennengelernt und sich mit ihm angefreundet, Anfang der 1950er-Jahre wird das Verhältnis enger. Vier Jahre nach seiner Anwerbung unterzieht der StB am 17. September 1954 Friedrich Stefaner in Znojmo einem strengen Verhör. Dabei schildert der Agent auch, wie es zur Anwerbung kam:

Fritz Stefaner alias „Horalsky“ (Foto aus seinem StB-Akt): Wirbt Südtirolerin an, die für die Amerikaner in Triest arbeitet.

In den frühen 1950er-Jahren entdeckte ich, dass mein guter Freund Erich Bertol immer viel Geld hatte. Im Juni 1950 nahm er mich mit nach Rom, dann nach Livorno, nach La Spezia und zurück nach Bozen. Auf der Reise beobachtete ich, dass er überall militärische Informationen erhielt. Ich fragte ihn, für wen er diese Informationen sammle. Seine Antwort: für die Deutschen. Ich fragte ihn dann, ob ich nicht auch hier mitmachen und Geld verdienen könnte. Er meinte, dazu müsse er erst nachfragen.46

Als der StB grünes Licht gibt, bringt Agent „Sizunk“ die Neuanwerbung nach Znojmo und Brno. Dort unterzeichnet Stefaner am 5. September 1950 seine Verpflichtungserklärung und erhält einen Decknamen, nämlich „Horalsky“, was man frei als „Bergmensch“ übersetzen könnte. Bei seiner Anwerbung muss sich jeder StB-Agent zudem einen Arbeitsnamen zulegen, mit dem er Briefe und Telegramme nach Brünn unterzeichnet. Damit soll eine allzu leichte Identifizierung der Zuträger durch fremde Dienste verhindert werden. Hans Morandell, alias „Korsičan“ firmiert anfänglich als „Anton“ und später als „Jenda“, Edgar Meininger, Agent „Pedel“, als „Eduard“ und Erich Bertol alias „Sizunk“ unterzeichnet seine Depeschen als „Arnold“. Friedrich Stefaner hingegen entscheidet sich für einen bekannten Nachnamen, er korrespondiert mit dem StB unter dem Decknamen „Franz Trenker“.

Friedrich Stefaner oder „Horalsky“ ist danach rund vier Jahre lang für den StB als Zuträger und Agent tätig. Dass das Agentenleben nicht nur Geld einbringt, sondern auch Gefahren birgt, erfährt er im Sommer 1951, als es zu einem Schreckensmoment kommt. Bei einem seiner illegalen Grenzübertritte aus der ČSR zurück nach Österreich wird er – wie es Ende 1952 auch Hans Morandell und Franz Flies ergehen wird – bei Hollabrunn kurzeitig verhaftet. Die Anklage: „Der Beschuldigte hat am 4. August 1951 anlässlich seines unbefugten Grenzübertrittes den Betrag von 150.000 ital. Lire ohne Bewilligung nach Österreich eingeführt.“ Stefaner wird zu sieben Tagen Haft und 1.000 Schilling Geldstrafe verurteilt.47 Das Geld dürfte ihm der StB zurückerstattet haben, denn auch „Horalsky“ verdient wie alle seine Mitstreiter äußerst gut. In allen Personalakten des StB sind schön säuberlich alle finanziellen Zuwendungen an die Zuträger aufgelistet. Demnach bekommt Friedrich Stefaner für seine Dienste bis Ende 1953 insgesamt 42.273 Kronen, 155 Dollar, 400 Schweizer Franken, 3.930.000 italienische Lire und 46.000 jugoslawische Dinar.48

Dass der Bozner Agent jugoslawische Dinar erhält, erklärt sich damit, dass er – wie seine anderen Südtiroler StB-Kollegen – in Jugoslawien eingesetzt wird. „Horalsky“ wird anfänglich vor allem dort tätig, weil er direkte Kontakte in Kärnten hat. Sein Bruder lebt in Suetschach und sein Onkel ist Gendarmerie-Inspektor in Feistritz im Rosental – beide Orte liegen unmittelbar an der Grenze zum heutigen Slowenien.

Doch schon bald ändert sich sein Betätigungsfeld. Der Grund: Der Bozner Agent zieht einen Fisch an Land, der in den Augen seiner Auftraggeber von ganz besonderem Interesse ist, und zwar wegen der Verbindung zum amerikanischen Geheimdienst. Friedrich Stefaner ist persönlich mit Frieda Marmsoler aus Seis-Kastelruth befreundet, die 1949 den US-amerikanischen Marinesoldaten Charles Whiting heiratet. Die junge Frau arbeitet als Verwaltungsangestellte im „Counter Intelligence Corps“ (CIC) für die US-amerikanischen Besatzungsbehörden. Den damals in Europa äußerst aktiven amerikanischen Militärnachrichtendienst CIC zählt der StB zu seinen gefährlichsten Gegnern. „Horalsky“ gelingt es, Frieda Marmsoler als Zuträgerin anzuwerben. 1951/52 treffen sich die Südtiroler CIC-Sekretärin und der StB-Agent periodisch in Triest, Udine und Bozen. Dabei überreicht Marmsoler handgeschriebene Berichte über die Struktur der US-Streitkräfte in Italien, aber auch Dutzende als geheim klassifizierte Dokumente, zudem Fotos oder Kopien von Fernschreiben, Anordnungen und internem Schriftverkehr. So findet man heute im Prager Personalakt des Agenten „Horalsky“ Dutzende vergilbte Fotos dieser US-Dokumente. Weil der Nachschub für die US-Streitkräfte in Österreich und Süddeutschland über den Hafen Triest läuft, sind die Dokumente für den StB von großem Interesse.

Allein durch diese Quelle gewinnt „Horalsky“ bei seinen Auftraggebern an Ansehen. Stefaner bezahlt Frieda Marmsoler Whiting für jede Lieferung, und diese finanziellen Zuwendungen dürften auch der Grund für die Mitarbeit der damals 28-jährigen Frau gewesen sein. Doch im Frühjahr 1953 wird die vielversprechende Geschäftsverbindung jäh unterbrochen. Charles Whiting war bereits 1951 in die USA versetzt worden. Ende 1952 folgt Frieda ihrem Ehemann nach Washington, doch zwischen den beiden Eheleuten kriselt es. Weil Whiting mehrmals gewalttätig wird, flieht Frieda Marmsoler schließlich zu einer befreundeten Familie. Dort tötet Charles Whiting am 13. Februar 1953 seine Frau mit einem Kopfschuss, bevor er selbst vom Sohn des Hauses erschossen wird.49 Damit ist Friedrich Stefaners wichtigste Quelle für immer versiegt. Doch „Horalsky“ hat bereits eine ganze Reihe von anderen Zuträgern angeworben, die ihm vor allem Nachrichten aus dem italienischen Heer liefern. Unter ihnen ist der Bozner Eduard Kutin, der 1951/52 seinen Militärdienst in Meran absolviert. Fortsetzung

Der unfolgsame Maler

Auch der bekannte Künstler Vladislav Kavan, der 1968 aus der Tschechoslowakei nach Bozen auswanderte, hat eine Vergangenheit als StB-Spitzel. Die Geschichte des Agenten „Malíř“.

In den 1970er-Jahren ist er eine der Größen in der Südtiroler Kunstszene und auch weit über Südtirol hinaus als Künstler und Grafiker bekannt: Vladislav Kavan (1924–2003). Zusammen mit seiner Frau Marcela Schützova (1927–2011) und ihrem dreijährigen Sohn flieht er im August 1968, eine Woche nach dem Einmarsch der Sowjettruppen und der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings, aus der ČSSR nach Italien. Nach einer kurzen Zwischenstation in Trient und Neumarkt lässt sich die Familie Kavan in Bozen und am Ritten nieder. Kavan wird in Südtirol vor allem durch seine „Löwenbilder“ bekannt. Weitgehend unbekannt dürfte sein, dass Vladislav Kavan kurzzeitig als Informant und Zuträger für die tschechoslowakische Staatssicherheit StB arbeitet und dabei auch in eine Geheimdienstoperation gegen einen bekannten Prager Literaten und Regimekritiker eingebunden ist.

Vladislav Kavan wird am 30. Juni 1924 in Baška, einem Dorf im Nordosten der Tschechoslowakei geboren. Kavans Vater ist Gendarmerie-Wachtmeister. Nach Abschluss der Grundschule tritt Kavan eine Stelle als Lehrling beim Eisenhüttenwerk Witkowitz in Mährisch-Ostrau an. Hier absolviert er bis 1943 eine Ausbildung zum Metalldreher. Im Herbst 1945 geht er nach Prag, wo er zuerst eine Grafikschule besucht und dann von 1946 bis 1951 an der Hochschule für Kunstgewerbe studiert. Kavan ist Mitglied des Verbands tschechoslowakischer bildender Künstler. Er zeigt seine Arbeiten in einer Reihe von Ausstellungen. Im März und April 1958 arbeitet er an der bildnerischen Ausgestaltung einiger Teile des tschechoslowakischen Pavillons auf der Weltausstellung in Brüssel. Außerdem unternimmt er im Jahr 1956 Studienreisen nach Polen und in die UdSSR.50 Am 19. Jänner 1959 wird Vlasislav Kavan von der „IV Verwaltung des Innenministeriums“ vorgeladen. Zwei StB-Offiziere kommen dabei schnell zu Sache. Sie werben den Künstler für den StB an. Kavan unterzeichnet eine handschriftliche Verpflichtungserklärung und erhält den Decknamen „Malíř“, was auf Tschechisch nichts anderes als „Maler“ bedeutet. In seinem Personalakt heißt es:

Kavan ist seit dem Jahr 1945 Mitglied der KPČ. In den zur Verfügung stehenden Beurteilungen wird angeführt, dass er eine Reihe verschiedener Parteifunktionen durchlaufen hat. In diesen Funktionen hat er sich als gewissenhafter Parteiarbeiter bewährt. Er wird als bewusstes Parteimitglied bewertet. […] Von seiner Persönlichkeit her ist Kavan als anständiger und intelligenter Mensch bekannt. Er hat ein gesellschaftliches Auftreten mit unerlässlichem gesellschaftlichem Takt, er kann sich Leuten in passender Art und Weise nähern und sie für sich gewinnen. Er hat ein kameradschaftliches und uneigennütziges Wesen. Zu Leuten hat er ein sehr gutes Verhältnis.51

Agent „Malíř“ wird direkt auf zwei Personen angesetzt. Eine davon ist František Šigut (1910–1970). Der in Stará Ves bei Přerov geborene Priester, Hochschulprofessor für Religion und Autor hat die österreichische Staatsbürgerschaft und wird vom StB der Spionage gegen die ČSSR verdächtigt. Das große Interesse der tschechoslowakischen Staatssicherheit gilt aber Ivan Diviš (1924–1999). Der bekannte Dichter und Literat wird 1941 noch als Gymnasiast in Prag von der Gestapo inhaftiert. Von 1942 bis 1949 arbeitet er als Lehrling in einer Buchhandlung sowie als Angestellter und Redakteur eines Verlages. Nach dem Abitur studierte er von 1945 bis 1949 Philosophie und Ästhetik an der Karls-Universität. Von 1960 bis 1968 ist er als Redakteur bei der Zeitung „Mlad fronta“ (Die junge Front) und kurz bei der Zeitschrift „Seity“ (Hefte) tätig. Auch Diviš geht im August 1969 ins Exil, und zwar nach München, wo er als Redakteur beim Rundfunksender Freies Europa tätig ist. Er wird erst 1997 nach Tschechien wieder zurückkehren.

Der StB verdächtigt Ivan Diviš Ende der 1950er-Jahre der Spionage und der Vorbereitung der Flucht ins Ausland. Vladislav Kavan lernt Diviš Ende 1958 zufällig in einem Prager Lokal kennen, schnell entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen den beiden. Weil ein anderer StB-Agent die beiden beobachtet, wirbt die tschechoslowakische Staatssicherheit Kavan als Informanten gegen den regimekritischen Literaten an. Im StB-Akt des Agenten „Malíř“ heißt es über das Anwerbungsgespräch:

Im Anbetracht dessen, dass sich Kavan bei der Unterredung als überzeugter, aufgeweckter und parteiisch ergebener Kommunist mit Verständnis für die Arbeit des Ministeriums des Innern zeigte und seine Bereitwilligkeit äußerte, bei dieser Arbeit behilflich zu sein, wurde er ersucht, mit Diviš engere Kontakte zu knüpfen. Dieses Ersuchen wurde Kavan gegenüber damit begründet, dass uns Diviš als Feind der volksdemokratischen Ordnung bekannt ist und wir daher mit dem Bemühen um engere Kontakte mit Kavan Interesse haben festzustellen, welche Ziele Diviš verfolgt. Kavan erklärte sich mit der Ausführung dieser Aufträge einverstanden. Innerhalb kurzer Zeit knüpfte er Kontakte zu Diviš, die sich rasch zu engeren freundschaftlichen Beziehungen entwickelten. Daraus ergab sich die Möglichkeit, Kavan zur weiteren „Erarbeitung“ von Divis einzusetzen.52

Maler Vladislav Kavan: Agent Malíř auf einen bekannten Schriftseller angesetzt.

„Malíř“ liefert 1959 dem StB mehrere Berichte über František Šigut und über Ivan Diviš ab. Der Agent arbeitet dabei durchaus zur Zufriedenheit seiner geheimen Auftraggeber. „Die übertragenen Aufgaben erledigte er überwiegend gut. Die Informationen, die er lieferte, waren wahrheitsgemäß“, schreibt einer seiner Führungsoffiziere später in einem Dienstbericht.53 Die Geheimdienstoperation hat dabei von Beginn an einen durchaus beunruhigenden Codenamen. Sie heißt Aktion „Unos“, was auf Tschechisch „Entführung“ heißt. Schon bald gerät Vlasta Slager (*1937), eine amerikanische Freundin des Prager Dichters, in den Fokus der kommunistischen Staatssicherheit. Doch zu diesem Zeitpunkt hat sich das Verhältnis zwischen dem Künstler und der Staatssicherheit deutlich verändert. Im StB-Akt werden „beträchtliche Launenhaftigkeit und zeitweise auch Undiszipliniertheit“, „Nichteinhaltung einiger Instruktionen“ und „eigenes unüberlegtes Vorgehen beim Erfüllen der Aufträge“ erwähnt. Anfang 1961 will die Staatssicherheit unbedingt, dass „Malíř“ einen Briefkontakt mit der US-Amerikanerin Vlasta Slager aufnimmt. Im StB-Akt heißt es dazu:

Malíř widersetzte sich diesem Ansinnen […] mit der Begründung, dass die Erfüllung weiterer Aufträge eine „Bremse“ für seine künstlerische Tätigkeit darstelle, und er drängt auf Erfüllung der Zusage, die ihm bei der Anwerbung gegeben wurde.54

Denn Vladislav Kavan stellt bereits bei seiner Anwerbung durch den StB eine klare Bedingung: Er arbeite nur bei der Operation „Unos“ gegen Ivan Diviš mit, danach wolle er nichts mehr mit den StB zu tun haben. Ende 1960 ist die Abklärung und Ausforschung von Diviš abgeschlossen und Kavan pocht nun auf die Einhaltung des Versprechens. Am 18. Jänner 1961 stellt der StB-Führungsoffizier deshalb offiziell den „Antrag zur Beendigung der Zusammenarbeit mit Agent Malíř“. Der Antrag wird wenig später genehmigt. Erst 14 Jahre später beschäftigen sich die tschechoslowakischen Behörden wieder mit Vladislav Kavan. Der inzwischen in Bozen lebende Künstler und seine Frau Marcela Schützova werden am 21. Dezember 1974 vom Bezirksgericht Prag 1 wegen Republikflucht (Strafgesetzbuch § 106) zu einer Freiheitsstrafe von jeweils 15 Monaten verurteilt.

Der Kurier

„Meine Jugend ist sehr traurig gewesen und meine schönen Zeiten haben erst nach dem Militär angefangen“, heißt es fast am Ende der vier handschriftlich eng beschriebenen Seiten. Dieser Satz steht im selbstverfassten Lebenslauf, den Heinrich (Heinz) Berger am 12. Dezember 1950 in Brünn an den StB übergibt.55 Fritz Stefaner ist nämlich nicht der einzige Zuträger, den Erich Bertol dem StB zuführt. Drei Monate nachdem er Stefaner in die ČSR gebracht hat, taucht Bertol alias „Sizunk“ in Brünn mit einem weiteren jungen Bozner auf. Heinrich Berger wird am 26. Jänner 1926 in Gries bei Bozen geboren. Er besucht in Bozen die italienische Grundschule und absolviert dann einen zweijährigen Handelskurs. Als Berger 13 Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern und der Junge ist auf sich selbst gestellt. Er arbeitet zunächst als Gärtner und dann als Vorarbeiter und Assistent des Geschäftsführers in einem landwirtschaftlichen Betrieb. 1944 wird Berger mit 18 Jahren – wie er im eigenen Lebenslauf schreibt – „mit Freuden“ zu den Gebirgsjägern einberufen. Nach der Ausbildung wird er der SS überstellt und kommt in eine Schule des Sicherheitsdienstes.56 Der „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD) wurde 1931 als Geheimdienst der NSDAP und der SS gegründet und unterstand ab 1939 dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Der SD wurde gezielt zur Bekämpfung und Vernichtung politischer Gegner und Einschüchterung der Bevölkerung eingesetzt und war für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich. Über seine Auslandsgliederung beschäftigte er sich zudem mit Spionage und verdeckten Operationen.

Heinrich Berger ist in Triest und Görz stationiert und kommt im Februar 1945 bei der blutigen Partisanenbekämpfung in Jugoslawien zum Einsatz. Als er verwundet wird, liefert man ihn in das Lazarett Görz ein. Dort wird er zum SS-Unterscharführer befördert. Ende April 1945 entlassen, erlebt er noch den Rückzugskampf der deutschen Truppen über Triest und Venedig bis nach Villach. Am 13. Mai 1945 wird er von den Amerikanern verhaftet und in den Kriegsgefangenenlagern von Rimini und dann Taranto interniert. Am 10. April 1946 gelingt ihm in Taranto die Flucht. Er schlägt sich zu seinem Vater nach Bozen durch, wo er sechs Monate lang arbeitet. Im März 1947 zieht er zusammen mit einem Geschäftspartner einen Obst- und Gemüsehandel auf, doch das Unternehmen rutscht bereits nach sechs Monaten in den Konkurs. 1948 arbeitet er als Vertreter des Mailänder Verlages Rizzoli und nimmt in dieser Funktion auch geschäftliche Beziehungen zu Österreich auf. In Schwaz in Tirol lernt er dabei seine spätere Verlobte kennen, die er 1951 auch heiratet.57 1950 arbeitet Heinrich Berger als Vertreter der Firma Scipione di Bergamini aus Brescia, die im Großhandel für Strümpfe tätig ist. Für diese Arbeit kauft er sich im Mai 1950 ein Auto, einen Opel Olympia. Es mag heute merkwürdig klingen, aber das ist am Ende einer der Hauptgründe dafür, dass der damals 24-jährige Bozner im Dezember 1950 von der tschechoslowakischen Staatssicherheit angeworben wird.

Das StB-Agentennetz um Hans Morandell, Edgar Meininger, Erich Bertol und Friedrich Stefaner operiert auf der Achse Rom–Bozen–Innsbruck–Wien–Brünn. Periodisch stehen dabei Reisen an. Immer wieder müssen die StB-Agenten zumeist im Zug oder im Bus lange Fahrten mit kompromittierenden Dokumenten unternehmen – meist über mehrere Staatsgrenzen. Die Verhaftungen in Hollabrunn haben allen Beteiligten gezeigt, wie gefährlich diese Art der Fortbewegung und Nachrichtenübermittlung ist. Längst ist klar, dass man eine Art Kurier braucht. Und genau diesen Kurier glaubt man jetzt in Heinrich Berger gefunden zu haben. Das geht auch aus Bergers StB-Akten hervor, wo es wörtlich heißt:

Heinz Berger ist ein italienischer Staatsbürger, der 1926 geboren wurde. Absolvent der Handelsschule. Er spricht Italienisch, Deutsch und Englisch. Zum Zeitpunkt seiner Übernahme war er angeblich als Handelsvertreter beschäftigt. […] Er besitzt einen Pass, der für alle Staaten von Europa gültig ist. Er besitzt ein Auto, mit dem er beste Voraussetzungen für Auslandsreisen hat. Er hat seinen ständigen Wohnsitz in Bozen, von wo er oft auf Geschäftsreise nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz reist. In Österreich hat er eine Verlobte in Schwaz bei Innsbruck. Es wird auf finanzieller Basis angeworben und er hat mit den Möglichkeiten, die sich aus seinem Beruf ergeben, beste Voraussetzung für die Verwendung als Kurier.58

Diese Rolle geht auch aus dem Decknamen hervor, den der StB dem neuen Agenten anfänglich zuteilt. Nachdem Heinrich Berger am 12. Dezember 1950 in Brünn eine Verpflichtungserklärung unterzeichnet, gibt der ČSR-Geheimdienst ihm zunächst den Decknamen „Vyfunk“, auf Deutsch „Auspuff“. Schon wenige Wochen später ändert man diesen und Berger wird in den nächsten fünf Jahren dem StB unter dem Decknamen „Tryska“ (Düse) dienen. Diese Namensänderung gründet in der besonderen Aktivität, die der junge Bozner schon bald entfaltet. Im Schriftverkehr und in den Telegrammen, mit denen er seine Ankunft in der ČSR ankündigt, firmiert „Tryska“ anfänglich als „Herbert“, ab 1952/53 dann als „Günther Dalmonte“. Doch wie wurde der StB überhaupt auf ihn aufmerksam? Heinrich Berger ist mit Erich Bertol und Friedrich Stefaner befreundet und es ist Bertol, der den Kontakt zum StB herstellt und Berger kurz vor Weihnachten 1950 erstmals in die ČSR bringt. Der Grieser Vertreter emanzipiert sich jedoch schnell von seinen Freunden. Bereits am 25. Jänner 1951 kommt „Tryska“ allein nach Brünn. Drei Jahre lang reist Berger danach alle zwei, drei Monate in die ČSR, übergibt Berichte, Fotos und Dokumente und kassiert dafür viel Geld. Auch dazu findet sich in seinem Personalakt eine detaillierte Auflistung. Zwischen 1950 und 1953 erhält „Tryska“ von seinen tschechischen Auftraggebern 25.863 Kronen, 5.542.000 Lire, 87.480 Schilling, 600 Schweizer Franken und 1.450 US-Dollar.59 Im März 1951 übergibt der StB an „Tryska“ einen Fotoapparat. „Er erfüllte die Aufgaben sehr gut, demonstrierte die Fähigkeit eines guten Fotografen und schafft es Nachrichten zu beschaffen, obwohl er nicht dazu ausgebildet ist“, notiert jener StB-Beamte, der für Berger zuständig ist, in einem seiner ersten Dienstberichte.60

Heinrich Berger, eigentlich als Kurier für das Netzwerk eingestellt, beginnt unmittelbar nach seiner Anwerbung selbst Informationen zu sammeln und Zuträger zu rekrutieren. So schafft er es, Kontakt zu einem Ingenieur aus Innichen aufzunehmen, der für die Militärbunker im Oberpustertal und zur Grenze nach Osttirol zuständig ist. Berger gelingt es so, Foto und Pläne nach Brünn bringen. In den Jahren danach wird „Tryska“ Fotos, Zeichnungen und Pläne fast aller Südtiroler Militäranlagen, darunter auch der Festung Franzensfeste, dem StB übermitteln. Agent „Tryska“ versucht sich dabei ganz bewusst von Erich Bertol abzukuppeln. In einem handschriftlichen Bericht vom Herbst 1951 beklagt er sich bei seinem StB-Führungsoffizier:

Heinrich Berger alias „Tryska“ (Foto aus seinem StB-Akt): „Er wurde auf finanzieller Basis angeworben.“

Wenn ich schon den Auftrag habe, Verbindungsmann zu sein, möchte ich diesen auch durchführen und mich nicht nur von Erich an der Nase herumführen lassen. […] Erichs Angeberei muss für immer aufhören, zumindest in Bozen mit Stefaner Fritz.61

Zwischen Frühjahr und Ende 1951 baut Heinrich Berger ein eigenes Netz von Zuträgern auf, die ihm Informationen, Berichte und Dokumente aus dem militärischen Bereich und darüber hinaus liefern. Auch sie wissen, für wen sie arbeiten. In den Akten aus Prag sind Dutzende handschriftliche Bestätigungen für Zahlungen zu finden, die diese Zuträger unterschreiben. „Tryska“ stützt sich bei seiner Arbeit vor allem auf vier junge Bozner Freunde: Franz Smaniotto, Hermann Larcher, Roman Rauter und Alfred Macchia.

Hermann Larcher, am 14. Juli 1922 in Brixen geboren, wird 1946 Mitglied der Bozner Stadtpolizei. Ende 1949 tritt er aus dem Dienst aus und bewirbt sich bei der Staatspolizei. Obwohl er aufgenommen wird, quittiert er nach wenigen Tagen den Dienst und kehrt aus Rom nach Bozen zurück. Danach arbeitet Larcher eine Zeit lang für ein privates Detektivbüro. Hermann Larcher, damals in der Bozner Silbergasse 22 wohnhaft, ist in Sachen Informationsbeschaffung ein Profi. Das weiß man auch im italienischen Innenministerium. In einem streng geheimen Akt aus dem Jahr 1952 heißt es über ihn:

Seitdem geht er keiner geregelten Arbeit mehr nach, er lebt von Gelegenheitsjobs und er arbeitet mit Personen zusammen, die in der Informationsbeschaffung auch für fremde Mächte tätig sind. […] Er hat vor allem Kontakte zu Erich Bertol und anderen zwielichtigen Figuren.62

Franz Smaniotto und Roman Rauter korrespondieren ab 1952 über die Brünner Adresse „Anton Zigmund, Krenova 42, Brno“ direkt mit dem StB-Verbindungsmann, der unter dem Decknamen „Gottlieb“ auftritt. Aus einem Brief dieses StB-Mannes an Franz Smaniotto vom September 1951 geht deutlich hervor, welche Rolle der StB anfänglich Heinrich Berger, auch Heinz genannt, zuschreibt:

Lieber Freund,

Ich bin sehr froh, dass Sie mit Heinz in Verbindung zusammen gekommen sind, der besonders mein volles Vertrauen genießt. Ich hoffe, dass auch Sie mit Ihrer soliden verlässlichen Arbeit mein volles Vertrauen in gleicher Weise gewinnen.

Haben Sie Vertrauen zu Heinz und falls Schwierigkeiten Ihrerseits [auftreten], wenden Sie sich ganz ruhig zu uns durch Heinz.

Ich sende Ihnen für die bis jetzt erfolgreiche Arbeit den Betrag von 50.000 Lire, alle übrigen nötigen Ausgaben für die Reise bekommen Sie von Heinz.63

Franz Smaniotto soll im Herbst 1951 zu seinen Auftraggebern in die ČSR kommen. Weil der junge Bozner aber keinen Reisepass erhält, kommt diese Reise letztlich nie zustande. Roman Rauter hingegen fährt nach Brünn, wo er formal vom StB angeworben wird. Er bekommt den Decknamen „Přerušovač“, auf Deutsch „Unterbrecher“. Alfred oder Alfredo Macchia bleibt hingegen ein Phantom, der Verfasser konnte zu ihm bisher keine genaueren Informationen finden. Das Quartett um Heinrich Berger sucht sich in den folgenden Jahren bewusst Dutzende Angehörige des italienischen Heeres, um von diesen interne Informationen über Streitkräfte, Befehlskette, Bewaffnung und Taktik zu bekommen. Sie werben nicht nur gleichaltrige Bozner an, die den Wehrdienst absolvieren, sondern sie dehnen ihr Netz schon bald auf die gesamte italienische Halbinsel aus. Agent „Tryska“ kann dabei auf familiäre Hilfe zählen. Bergers ältere Schwester Hilde Berger heiratet am 30. April 1951 in Rom Massimo Azzara, Feldwebel beim italienischen Heer. Dieser Schwager dient für Berger als Türöffner zu vielen italienischen Militärangehörigen. Dabei wagen sich Berger und seine Mitstreiter im Spätherbst 1951 auf ein Gebiet vor, das die ČSR besonders interessiert: die italienische Luftwaffe und der Bereich der Düsenflugzeuge. Daher dürfte wohl auch der Deckname „Tryska“ stammen. Das Quartett wirbt mit Leutnant Rolando Diletti einen Piloten an, der im „Comando 1. Zona Aerea Territoriale“ (1. ZAT) in Mailand seinen Dienst tut. Im Falle eines Krieges läuft die Befehlskette der italienischen Luftwaffe über vier solcher regionaler Luftzonen in Mailand, Palermo, Rom und Bari. Schon wenig später schafft es Roman Rauter, mit Corrado Pardeller einen zweiten, im Mailänder Luftwaffenkommando tätigen Zuträger anzuwerben. Einen weiteren Informanten mit den Initialen „Z. L.“ – der gesamte Namen kommt in den Akten nicht vor – hat Rauter im sizilianischen Luftwaffenkommando in Palermo angeheuert. Die Zusammenarbeit mit diesem Zuträger wird aber schon bald ergebnislos beendet. Dafür liefern Diletti und Pardeller in den Monaten und Jahren danach für Geld immer wieder Berichte und geheime Dokumente, Befehle, Handbücher für Militärflugzeuge und Lehrbücher aus dem Mailänder Luftwaffenkommando.

Heinrich Berger, der zuerst in Meran und dann in Bozen in der Cadornastraße wohnhaft ist, dürfte zu diesem Zeitpunkt bereits hauptberuflich ins Spionagegeschäft eingestiegen sein. Offiziell hat er eine eigene Vertretung aufgebaut: So finden sich im StB-Akt mehrere Schreiben auf dem Briefpapier: „Heinz Berger – Vertretungen – Besteck/Eisenwaren, Bozen Mendelstraße 18“. 1952 mietet sich Berger alias „Tryska“ in Mailand ein Zimmer, das er als Büro und Wohnung nutzt. Der Hauptgrund für den Standortwechsel sind die beiden Zuträger aus der italienischen Luftwaffe. Denn es ist vor allem Berger, der die Dokumente und Berichte in Mailand direkt übernimmt. In seinem StB-Akt befinden sich mehrere ungelenke Zeichnungen, darunter auch ein Straßenplan, auf dem ein Café auf der Piazza Morbegno in Mailand eingezeichnet ist. Dazu eine zweite Zeichnung, die das Innere des Cafés zeigt, und ein sogenannter toter Briefkasten im Oberboden in der Toilette. Dies ist der Übergabeort, wo Diletti und Pardeller die Dokumente und Berichte deponieren und gleichzeitig ihr Geld entgegennehmen. Das Netzwerk um Heinrich Berger ist sehr aktiv. Dabei fällt auf, dass die Berichte im Laufe der Zeit immer professioneller werden. Das dürfte auch an der Ausbildung von Hermann Larcher liegen. Es finden sich Dutzende Originalberichte in italienischer Sprache in den Prager Akten, die aber einen deutschen Titel wie „Auftrag Mantova“, „Auftrag Pavia“ oder „Auftrag Bologna“ tragen. Zudem übergibt „Tryska“ auch deutschsprachige „Eigenberichte“, so etwa im Februar 1952 einen Bericht über einen gewissen „Ing. Werner Schmid“, der während des Krieges in Halle und Peenemünde in den NS-Versuchsanstalten als Flugzeugkonstrukteur und Düsenforscher tätig war. Der Mann, von dem „Tryska“ ausgeht, dass er einen falschen Namen angegeben habe, warte in Genua auf seine Papiere für die Ausreise nach Südamerika. Berger will ihn über einen Mittelsmann für die Tschechoslowakei anwerben, was am Ende aber nicht gelingt.64 Welche wichtigen Dienste Heinrich Berger und sein Netzwerk für den StB leisten, geht aus einem besonderen Dokument im „Tryska“-Akt hervor. Es ist die Kopie eines Schreibens, das der Chef des Generalstabes im italienischen Verteidigungsministerium am 27. August 1952 an den General des IV. Armeekorps in Bozen schickt, aus dem eine bisher kaum bekannte Anordnung im anbrechenden Kalten Krieg hervorgeht. Im April 1949 wird die NATO (North Atlantic Treaty Organization) aus der Taufe gehoben, Italien gehört zu den Gründungsmitgliedern. In dem streng geheimen Schreiben teilt der oberste italienische Militärbefehlshaber mit, dass aufgrund eines Abkommens zwischen der italienischen Regierung und dem Oberbefehlshaber der NATO-Truppen (Supreme Allied Commander Europe) die territoriale Befehlsgewalt über die nördlichste Grenze Italiens neu festgelegt wurde: In einem Gebiet von 150 Kilometern östlich und westlich des Brenners und südlich bis nach Lavis bei Trient gehe das territoriale militärische Recht an das alliierte Oberkommando über. In der Depesche aus dem Verteidigungsministerium heißt es:

Diese Anordnung, die auf taktischen und strategischen Überlegungen zur militärischen Sicherheit fußt, bringt die unmittelbare Übergabe der obersten militärischen Gewalt an die höchste alliierte Stelle in Italien.

Demnach gelte der Generaloberst des in Livorno stationierten Logistical Command Hermann Wissering ab sofort als verantwortlicher Oberkommandant aller italienischen Truppen, die in diesem Gebiet zwischen dem Brenner und Lavis stationiert sind.65

Dieses Dokument ist in der italienischen Öffentlichkeit bis heute kaum jemandem bekannt. Es ist aber ein Zeitdokument, das auch fast 70 Jahre später für Diskussionen sorgen kann. Denn nach diesen eindeutigen Vorgaben gibt Italien nicht nur die militärische Hoheit über Südtirol und das halbe Trentino ab, sondern es wird an der Grenze zum damals noch besetzten Österreich auch eine Art extraterritoriale Pufferzone geschaffen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde in Italien immer wieder über die durch die USA „eingeschränkte Souveränität“ diskutiert, dieser Verzicht auf die militärische und territoriale Befehlsgewalt in und um Südtirol ist nun ein weiterer Mosaikstein in dieser Lesart. Was aber besonders beeindruckt: Agent „Tryska“ übergibt dieses brisante Schreiben bereits am 4. Oktober 1952 der tschechoslowakischen Staatssicherheit. All dies macht deutlich, dass das Südtiroler StB-Netzwerk kein Pfadfinderverein ist.

Presseagentur als Coverstory

Trotzdem wird das Südtiroler Agentennetz in der Folge nachhaltig verändert und auf eine ganz neue Ebene gestellt werden. Der Grund dafür ist eigentlich eine Zufallsbekanntschaft. Im Sommer 1948 arbeitet Erich Bertol als Hausmeister im Parkhotel Holzner in Oberbozen am Ritten. Bertol freundet sich dabei mit einem fast gleichaltrigen Gast aus Rom an. Es ist ein Mann, der trotz seiner Jugend auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken kann. Massimo Uffreduzzi, am 6. März 1925 in Rom geboren, ist bereits als Halbwüchsiger ein überzeugter Faschist. Als Oberschüler engagiert er sich in der faschistischen Hochschuljugend GUF (Gruppi Universitari Fascisti). Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Italien schließt er sich dem Partito Fascista Repubblicano (PFR) und nach dem Falls des Faschismus der faschistischen Restrepublik Repubblica di Salò (RSI) an. Mitte September 1943 nimmt Uffreduzzi in Rom Kontakte mit dem SS-Sturmbannführer Karl Theodor Hass (1912–2004) auf, dem Leiter des SD in der italienischen Hauptstadt. Der junge Faschist wird zum Informanten des SD. Als Rom von den Amerikanern befreit wird, flüchtet Massimo Uffreduzzi nach Norditalien. Dabei trifft er in Verona wiederum auf Karl Hass, welcher ihm eine fixe Stelle beim SD anbietet. Als Hass nach Parma versetzt wird und dort die Geheimoperation „Ida“ leitet, den Aufbau eines Spionagenetzwerke, das später als Vorbild der US-amerikanischen „Stay Behind“-Truppen dienen wird, ist Massimo Uffreduzzi mit von der Partie. Von Juli bis Oktober 1944 arbeitet er als Angestellter für den SD in Parma und danach, immer für den SD, bis April 1945 in Venedig. Er baut für die Deutschen ein Netz von Spitzeln und Saboteuren auf und greift dabei vor allem auf Zuträger aus den Reihen der faschistischen Partei und des italienischen Rechtsextremismus zurück. 1943 besucht Uffreduzzi einen Lehrgang für Marineoffiziere in Meran, wo er auch zum Nachrichtendienstler ausgebildet wird. Nach Kriegsende Italiens versteckt sich Uffreduzzi zunächst monatelang in einem Kloster in Rom, wird dann aber am 1. Mai 1946 verhaftet. Zwei Monate später wird er wegen Beihilfe zum Mord an dem jungen italienischen Studenten und Kommunisten Massimo Gizzio und wegen Kollaboration zu 20 Jahren und 8 Monaten verurteilt. Nach rund einem Jahr Gefängnis kommt er aufgrund einer Generalamnestie im Juni 1947 frei.66

Massimo Uffreduzzi beginnt daraufhin ein Studium der Politikwissenschaften an der Universität Rom. Politisch engagiert er sich im neofaschistischen Studentenverband und im neugegründeten Movimento Sociale Italiano (MSI). Schon bald entdeckt der überzeugte Faschist den Journalismus, über rechte Gesinnungsfreunde landet er 1950 schließlich bei der Nachrichtenagentur Telegraph, für die er danach Jahrzehnte lang tätig sein wird, unter anderem auch als Direktor. Heute weiß man, dass diese Agentur sowohl vom amerikanischen als auch vom italienischen Nachrichtendienst mitfinanziert wurde.

Massimo Uffreduzzi wird uns noch mehrmals in diesem Buch begegnen, doch zum ersten Mal in Erscheinung tritt er eben 1948, als er auf Erich Bertol trifft. Bereits beim diesem Treffen am Ritten lädt Uffreduzzi den Südtiroler zu sich nach Rom ein. Ende April 1950 taucht Bertol dann plötzlich tatsächlich bei Uffreduzzi auf. Als dieser ihm seine Presseagentur zeigt, erklärt Bertol, dass auch er unbedingt als Journalist arbeiten möchte. Uffreduzzi stellt Bertol seinem damaligen Chef vor und man wird handelseinig. Der junge Bozner soll als eine Art Korrespondent für die Schwesteragentur Mercury tätig werden. Und so bekommt Bertol wenig später einen offiziellen Presseausweis der Mercury. In einer schriftlichen Sachverhaltsdarstellung erinnert sich Massimo Uffreduzzi drei Jahre später so:

Bertol schickte mir dann auch einige Artikel, aber es war nichts Gescheites dabei. Er war aber sehr großzügig zu mir, er zahlte mir Essen und er lieh mir auch Geld. Später stellte er mir dann auch Gianni Sostero vor als ebenfalls einen, der als Journalist Karriere machen will. Weil er so freundlich war, habe ich auch diesem einen Journalisten-Ausweis der Mercury besorgt.67

Wie wir uns erinnern, ist Gianni Sostero identisch mit Hans Morandell. Morandell alias „Korsičan“ und Erich Bertol als „Sizunk“ sind zu diesem Zeitpunkt längst für den StB tätig und froh über das perfekte Cover, das die Nachrichtenagentur Mercury für sie und ihre Arbeit bildet. Für Journalisten gehören sowohl Auslandaufenthalte als auch hartnäckige Recherchen zum Alltagsgeschäft. Als Mitarbeiter einer Presseagentur können sie jeden ihrer Schritte rechtfertigen, zudem eröffnet ihnen der Presseausweis so manche Tür. Offiziell arbeiten beide ab 1950 zusammen für die römische Nachrichtenagentur. Als Hans Morandell 1952 seinen Pass verlängert, gibt er als Beruf „Korrespondent“ an.68

Doch das Interesse der beiden Südtiroler Agenten gilt auch der Person Massimo Uffreduzzi. Der römische Journalist mit besten Kontakten zu höchsten Militärkreisen wäre der ideale Zuträger für ihr Agentennetz. Morandell und Bertol suchen in den Monaten danach immer wieder den Mann in Rom auf. Es ist „Sizunk“, der Anfang 1951 Uffreduzzi das Angebot macht, dass er mit Nachrichten einiges an Geld verdienen könnte. Bertol sagt ganz offen, dass die Nachrichten für die tschechoslowakische Staatssicherheit bestimmt sind. Uffreduzzi beginnt erste Berichte zu schreiben und erhält im April 1951 von Bertol das erste kleine Honorar. Da „Sizunk“ Uffreduzzi anfänglich nur als Zuträger halten will, dem er für wenig Geld gute Nachrichten abkauft, um diese dann um weit mehr Geld dem StB weiterzuverkaufen, kommen sich Hans Morandell und Uffreduzzi schnell näher. „Korsičan“ erkennt das Potenzial, das der römische Journalist und Rechtsextremist für den StB hat. Im Mai 1951 zahlt „Korsičan“ Uffreduzzi einen Wien-Besuch und wirbt ihn dabei als Zuträger an. Uffreduzzi sagt zu und beginnt erste Berichte über Flughäfen in Jugoslawien, Griechenland und die Türkei, aber auch zu verschiedensten Bereichen im italienischen Heer zu liefern. Massimo Uffreduzzi wiederum hat ein ganzes Heer an Informanten, die ihm und seiner Agentur zuarbeiten. Da er als Journalist auch für militärische Publikationen tätig ist, schafft er es, äußerst schnell zu geheimen und sensiblen Informationen zu kommen. Bereits im Spätsommer 1951 liefert er die Aufmarschpläne und die ersten Befehle zur Grenzsicherung im Kriegsfall an „Korsičan“. Anfang Oktober 1951 übergibt er eine Liste möglicher Informanten aus dem italienischen Generalstab, dem Verteidigungsministerium und dem Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa, dem „Supreme Headquarters Allied Powers Europe“ (SHAPE) in Paris. Der Tenor des Schreibens: Diese Quellen stünden zur Verfügung, wenn genügend Geld da sei.69 Der StB merkt, dass man hier einen dicken Fisch an der Angel hat. „Korsičan“ erhält den Auftrag, Uffreduzzi in die ČSR zu bringen. Mitte Oktober 1951 ist es soweit. Massimo Uffreduzzi fährt zu Hans Morandell nach Wien. Dieser bringt ihn am 16. Oktober 1951 in Niederösterreich über die Grenze ins tschechische Valtice. Dort wird der römische Journalist zwei Tage lang von zwei StB-Leuten auf Herz und Nieren geprüft. Am 17. Oktober unterschreibt Massimo Uffreduzzi in Valtice eine Verpflichtungserklärung, für den StB zu arbeiten. Es sind wenige handschriftliche Zeilen auf Italienisch:

Ich erkläre hiermit, freiwillig mit dem tschechoslowakischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten, und verpflichte mich, die Aufträge zu erfüllen, die ich erhalte.70

Der neue Agent erhält den Decknamen „Hrabec“, was auf Slowakisch „Graf“ heißt. Mit Massimo Uffreduzzi betritt im Gegensatz zu den Südtiroler Agenten ein Vollprofi die Bühne: nachrichtendienstlich ausgebildet und mit Arbeitserfahrung in der SS-Geheimpolizei SD. Schon bei seiner Anwerbung macht Agent „Hrabec“ deshalb unmissverständlich klar, dass er das italienische Informantennetz völlig umbauen und in Zukunft leiten will. Bei seinem ersten Treffen mit den StB-Führungsoffizieren in Valtice gibt er die Namen von 14 Personen an, die ihm als Informanten dienen, dazu jeweils einen Decknamen, unter dem diese kommunizieren sollen. Im Zuge dessen ändert er kurzerhand auch jene Namen ab, die Erich Bertol, Hans Morandell, Franz Flies und Edgar Meininger bisher gebraucht haben. Erich Bertol heißt jetzt „Silvio“, Hans Morandell „Secondo“, Franz Flies „Pietro“, Edgar Meininger „Edi“ und für sich selbst wählt Massimo Uffreduzzi den Namen „Max Primo“.71

Mit der Anwerbung Uffreduzzis verschieben sich die Gleichgewichte innerhalb des gesamten Netzwerks deutlich. „Hrabec“ wird zu einem der wichtigsten Anlaufpunkte der gesamten Truppe. So pilgern ab 1952 auch Edgar Meininger („Pedel“) und Franz Flies („Puzzi“) mehrmals zu ihm nach Rom, um Dokumente abzuholen oder Anweisungen zu übergeben. „Hrabec“ professionalisiert das Netzwerk deutlich. Er legt schon bald einen konkreten Plan vor, Außenstellen der Presseagentur Mercury in Barcelona und Lissabon zu eröffnen. In Barcelona wirbt er mit Salvatore Morelli einen Informanten an, der ihm periodisch militärische Nachrichten aus Spanien schickt. Zudem will Uffreduzzi, dass der StB die Finanzierung der Mercury übernimmt, doch dazu kommt es letztlich nicht. Dabei öffnet die Agenturarbeit so manche Tür: 1951 wird als oberstes Organ der NATO der Nordatlantikrat „North Atlantic Council“ (NAC) geschaffen, der am 24. November 1951 in Rom seine 8. Sitzungssession beginnt. „Hrabec“ gelingt es, sich als Pressevertreter akkreditieren zu lassen. Ende November 1951 übermittelt er dem StB bereits mehrere Berichte, aber auch interne Dokumente aus dem NAC. Bereits im Februar 1952 reist der StB-Agent zum nächsten Treffen des Rates nach Lissabon und auch aus Portugal schickt „Hrabec“ mehrere Berichte an den ČSR-Nachrichtendienst.72

Massimo Uffreduzzi alias „Hrabec“: Fotos von seinem Aufenthalt in der Tschechoslowakei.

Der geheime Kodex

Im Herbst 1951 nehmen die Konflikte innerhalb des StB-Netzwerks deutlich zu. Nachdem Erich Bertol alias „Sizunk“ mehrmals Uffreduzzi zugesagte Geldsummen aus Brünn nur teilweise oder gar nicht übergibt, bootet er jenen Mann, der ihn zum StB gebracht hat, kurzerhand aus. „Hrabec“ verlangt, dass er nur mehr über Hans Morandell alias „Korsičan“ mit dem StB kommuniziert. „Sizunk“ soll aus Italien abgezogen werden. Uffreduzzi will ihn für das Netzwerk als Verbindungsmann und Kurier nach Madrid schicken. Bertol lässt sich die Reise zwar bezahlen, doch er kehrt schon bald unverrichteter Dinge nach Bozen zurück. Es ist der endgültige Bruch zwischen „Hrabec“ und „Sizunk“.

1952 kommt es zudem zu einem Führungswechsel der Offiziere der tschechoslowakischen Staatssicherheit, die für die Operation zuständig sind. Nun leiten ein StB-Offizier mit dem Decknamen „Frantiček Sabotka“ und ein weiterer StB-Mann mit dem Decknamen „Jaroslaw Hrazky“ das italienisch-österreichische Netzwerk. Das Duo stellt plötzlich ganz andere Anforderungen an seine Agenten, und es herrschen ab jetzt auch völlig andere, weit strengere Umgangsformen. Das führt im Sommer 1952 zu einem Konflikt. Sowohl Massimo Uffreduzzi als auch Hans Morandell beklagen sich in einem langen Briefwechsel über das Verhalten des StB ihnen gegenüber. „Korsičan“ erklärt in einem geharnischten Schreiben an „Jaroslaw“ Ende Mai 1952, dass er unter diesen Voraussetzungen nicht mehr in die Tschechoslowakei kommen werde. Hans Morandell kategorisch:

Wenn ihr mit diesem Modus Vivendi nicht einverstanden und ihr mit meiner Arbeit nicht mehr zufrieden seid, bin ich zu jedem Zeitpunkt bereit, meine Kündigung einzureichen. Dass wir zu diesem Punkt gekommen sind, ist nur eure Schuld. Macht also mir keine Vorwürfe. Ich jedenfalls habe alles so organisiert, dass unsere Arbeit weitergeht, ohne dass wir uns persönlich treffen müssen.73

„Korsičan“ wird danach demonstrativ einige Monate lang nicht mehr in die ČSR reisen, obwohl der StB alles versucht, um ihn umzustimmen. Ebenso versucht man Massimo Uffreduzzi zu einem weiteren Treffen auf tschechoslowakischem Boden zu bewegen. Am 1. August kündigt „Hrabec“ mit einer Postkarte, die an eine Deckadresse in Pohořelice, einem Dorf 25 Kilometer südlich von Brünn adressiert ist, sein Kommen für den 15. August an. Weil diesmal „Korsičan“ nicht zur Verfügung steht, gibt der StB-Mann „Jaroslaw“ wenig später seinem römischen Agenten genaue schriftliche Anweisungen, wo und wie die Kontaktnahme in Wien erfolgen soll. Das Schreiben erinnert an einen Spionageroman.

Lieber Freund,

Danke Ihnen herzlich für Ihren Kartengruß und bin sehr erfreut, dass Sie mich am 15. August 1952 besuchen werden. Für Ihre Reise gebe ich Ihnen folgende Richtlinien:

Am 15.8.1952 um 17 Uhr warten Sie in Wien II, Praterstraße, vor dem bekannten Teppich- und Vorhängegeschäft „Orient“, es liegt an der linken Seite Richtung Praterstern, wo Sie von meiner Vertrauensperson pünktlich abgeholt werden. Als Erkennungszeichen nehmen Sie in die linke Hand Ihre Aktentasche und in die rechte Tasche Ihres Anzuges, resp. Mantels, geben sie die Zeitschrift „Die Wegwarte“, so dass der Titel gut sichtbar ist.

Meine Vertrauensperson spricht Sie mit: „Guten Abend Herr Primo“ an und Sie antworten: „Es freut mich sehr, dass ich Sie wieder sehe.“ – Und nun wird alles Weitere veranlasst. Ware nehmen Sie keine mit, senden Sie diese wie vereinbart am 14.8.1952.

Bin überzeugt, dass nach unserer Unterredung Ihre und meine Zufriedenheit und Arbeit sich um hundert Prozent erhöht.74

Doch das Treffen findet nicht statt, denn Massimo Uffreduzzi sagt am 12. August per Brief sein Kommen ab. Nach einem angeblichen Burnout dürfe er derzeit nicht reisen und deshalb erhole er sich in Südtirol. Nach wie vor arbeitet „Hrabec“ weiter für den Dienst und schickt gleichzeitig mit dem Brief einen Bericht zu einem NATO-Manöver im Mittelmeer vom 11. bis 14. Juni 1952, an dem sich auch die italienische, griechische und türkische Marine beteiligt. „Jaroslaw“ hatte diesen Bericht zehn Wochen zuvor schriftlich angefordert.

Von Anfang an pocht der neue StB-Führungsoffizier „Frantiček Sabotka“ bei „Korsičan“ und „Hrabec“ immer wieder auf eine ganze besondere Lieferung. Der tschechische Geheimdienst will unbedingt ein Verschlüsselungshandbuch der italienischen Armee in die Hände bekommen, also ein Chiffrierbuch, italienisch „Cifrario“. Mit Verschlüsselungsverfahren kann ein Klartext in einen Geheimtext umgewandelt werden (Verschlüsselung) und umgekehrt der Geheimtext wieder in den Klartext rückgewandelt werden (Entschlüsselung). Der Schlüssel dazu ist ein Kodex, in dem die Algorithmen zur Umwandlung genau aufgelistet sind, eine Art Wörterbuch. Der Schlüssel für die Dechiffrierung ist zugleich der Generalschlüssel zur gesamten geheimen Kommunikation des italienischen Militärs und damit eines der am strengsten gehüteten Geheimnisse überhaupt. Trotzdem scheint es, dass Massimo Uffreduzzi das Chiffrierbuch beschaffen konnte. Ende September 1953 kommt es zur Übergabe, Uffreduzzi fährt dafür nach Wien. Begleitet wird er von Carlo Guida, einem seiner Zuträger und Informanten. Guida, angehender Doktor der Medizin, war 1946 zusammen mit Uffreduzzi für den Mord an dem linken Studenten Gizzio verurteilt worden und saß mit ihm auch in Haft. Am Morgen des 23. September 1952 treffen sie Hans Morandell. Agent „Korsičan“ bricht mit der Lieferung noch am selben Abend von Wien aus in die ČSR auf. Mit im Gepäck: der von „Hrabec“ mitgebrachte „Cifrario Diplomatico-Militare (sistema Mengarini Duca)“. Das Handbuch aus dem Jahr 1951 trägt auf dem Deckblatt die Bezeichnung „Verteidigungsministerium, Generalstab des Heeres“ und die Klassifizierung „Geheim“. Weil Uffreduzzi sagt, dass er den streng geheimen Entschlüsselungskodex wieder zurückbringen müsse, liefert „Korsičan“ das Material sofort in die ČSR, wo das Buch vom StB abfotografiert wird. Im Prager Akt von „Hrabec“ findet sich heute ein Teil dieser Fotos.75 Am frühen Morgen des 25. September ist Morandell dann wieder in Wien. „Korsičan“ bringt nicht nur den Kodex zurück, sondern auch den vereinbarten Geldbetrag: 2,8 Millionen Lire. In einer 15 Seiten langen Sachverhaltsdarstellung, die Massimo Uffreduzzi wenig später verfasst, beschreibt er die Stimmung, trotz der vorherigen Unstimmigkeiten, als absolut euphorisch. Hans Morandell jedoch will aus Italien weg und hat dies bereits vorher angekündigt. Führungsoffizier „Sabotka“ hat ihm einen fixen Auslandposten für den kommunistischen Nachrichtendienst versprochen, die Rede ist von Griechenland. Wenig später geht Morandell für den StB aber für einige Monate nach Chile und Uruguay. „Hrabec“ hingegen will das erhaltene Geld nutzen, um ein Netz auf dem Balkan, in Griechenland und in der Türkei aufzubauen. Sein Plan: Hans Morandell („Korsičan“), Edgar Meininger („Pedel“) und Franz Flies („Puzzi“) sollen das Netz leiten. In der Folge kommt es zu mehreren von Uffreduzzi angeregten Treffen, die später noch eine Rolle spielen werden. Am 7. Oktober 1952 kommt Franz Flies zu „Hrabec“ nach Rom und am 21. November 1952 treffen sich Meininger, Morandell und Flies am Bahnhof in Verona. „Korsičan“ und „Puzzi“ erzählen dabei völlig aufgelöst von ihrer bereits beschriebenen Verhaftung in Hollabrunn. Etwas später, im November/Dezember 1952, treffen sich „Hrabec“ und „Korsičan“ mehrmals in Bozen und Innsbruck. Uffreduzzi händigt Morandell dabei Material aus, das dieser in Wien und in Brünn dem StB übergibt. Im Jänner 1953 steht eigentlich der nächste große Coup an. Agent „Hrabec“ will einen „geheimen Kodex der NATO“ beschaffen, nach Wien und von dort in die ČSR bringen.

Doch dazu kommt es nicht mehr. Denn die ganze Geschichte nimmt eine völlig unerwartete Wendung.

Aktion „Stelio“

Es gibt ein Bild, das die Arbeit der Nachrichtendienste treffend beschreibt. „Meistens nagen mehrere Hunde am selben Knochen“, sagt Silvano Russomanno76, ehemaliger Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes und Südtirol-Fachmann des italienischen Innenministeriums, der in diesem Buch noch eine tragende Rolle haben wird.77 Es ist ein Satz, der auch in diesem Fall zutrifft, denn am Südtiroler Agentennetzwerk nagen von Beginn an gleich mehrere Hunde. Oder besser gesagt: Nicht nur der tschechoslowakische Nachrichtendienst hat seine Hände im Spiel. Am 30. März 1949 nimmt in Italien offiziell der „Servizio Informazioni Forze Armate“ (SIFAR) seine Arbeit auf. Der neue Nachrichtendienst löst den unter den Faschisten 1927 gegründeten „Servizio Informazioni Militare“ (SIM) ab. Der SIFAR hat sowohl im Inland als auch im Ausland nachrichtendienstliche Zuständigkeiten.

Die Zentrale des SIFAR befindet sich in einer alten Festungsanlage im Forte Braschi in Rom. Die zwei wichtigsten Abteilungen des SIFAR sind das „Ufficio R“ (R steht für „Ricerche“, also Recherche) für die Spionage und Nachrichtenbeschaffung im klassischen Sinn und das „Ufficio D“ (D steht für „Difesa“, also Verteidigung) für die sogenannte Spionageabwehr. Dazu gibt es rund ein Dutzend Büros in ganz Italien auf regionaler Ebene, „Centri C. S.“ genannt, was für „Controspionaggio“, also Spionageabwehr steht. Von diesen hängen wiederum kleinere periphere Außenstellen („Sottocentri“) ab. Für Südtirol ist das SIFAR-Büro Verona mit einer Außenstelle in Bozen zuständig.78

Eine zentrale Aufgabe des neuen italienischen Geheimdienstes ist der Schutz der jungen Republik vor Aktionen und Operationen fremder Mächte und gegnerischer Dienste. Nirgends im Europa der Nachkriegszeit ist die Gefahr eines erstarkenden Kommunismus größer als in Italien, weshalb vor allem die USA von Anfang an als Schutzmacht präsent sind. So verwundert es nicht, dass die 1947 gegründete US-amerikanische „Central Intelligence Agency“ (CIA) Geburtshelferin und Geldgeberin des SIFAR ist. Das Hauptaugenmerk des italienischen Nachrichtendienstes liegt daher bereits Ende der 1940er-Jahre vor allem auf dem Kommunismus und der Arbeit der östlichen Nachrichtendienste. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass das Treiben des Südtiroler StB-Netzwerks dem italienischen Nachrichtendienst nicht verborgen bleibt. Ganz im Gegenteil. Der SIFAR hat von Anfang an seine Spitzel und Zuträger prominent platziert, denn gleich mehrere der bereits vorgestellten Protagonisten arbeiten gleichzeitig für verschiedene Nachrichtendienste als sogenannte Doppelagenten – allen voran Massimo Uffreduzzi.

Am 10. Oktober 1996 wird der damals 71-jährige Uffreduzzi von der Carabinieri-Sondereinheit Raggruppamento Operativo Speciale (ROS) in Rom verhört. Im Verhör erklärt er:

Ich habe eine wichtige Information an unsere Spionageabwehr weitergeleitet, genauer gesagt an den Major, der unter dem Decknamen „Costa“ operierte und der Leiter der SIFAR-Zentrale in Rom war. Bei dieser Information ging es um die Tatsache, dass ich in meiner Agentur „Telegraph“ von Herrn Erich Bertol kontaktiert wurde, den ich während eines Ferienaufenthaltes in Bozen kennenlernte, weil er dort als Tennislehrer tätig war. Bertol besuchte mich und er machte mir das Angebot, im Nachrichtengeschäft für den tschechoslowakischen Geheimdienst tätig zu werden. Ich fasse hier die Ereignisse etwas zusammen. Ich habe über diesen Anwerbungsversuch sofort General Re, damals Chef des militärischen Geheimdienstes [Giovanni Carlo Re war von 1949 bis 1951 erster Leiter des SIFAR – Anm. d. Autors] informiert. Damals wusste man, dass der KGB versucht, über tschechoslowakische Agenten Spionagenetzwerke in Italien aufzubauen. Deshalb war die Sache auch von größtem Interesse. Re schickte mich zu „Costa“, dessen richtiger Name Eugenio Piccardo war. Mit ihm starteten wir dann eine Operation, um das tschechoslowakische Netz unter Kontrolle zu halten, indem wir Informationen weitergaben, die extra dafür zusammengestellt wurden.79

Presseakkreditierung Uffreduzzis für NATO-Treffen: Berichte an den StB geliefert.

Wenn man diese Aussage genau analysiert, zeigt sich, dass die Erinnerung des ehemaligen StB-Agenten „Hrabec“ recht selektiv ist. In Wirklichkeit haben sich die Vorgänge 46 Jahre zuvor etwas anders abgespielt, was aus den offiziellen SIFAR-Akten jener Aktion hervorgeht, die Uffreduzzi anspricht. Es ist nämlich Praxis, dass jede Operation eines Nachrichtendienstes einen geheimen internen Decknamen erhält, so auch beim SIFAR. Die Aktion, von der Uffreduzzi spricht, heißt „Azione Stelio“.80 Aus dem über 160 Seiten umfassenden streng geheimen Akt geht unter anderem die Rolle hervor, die Uffreduzzi von Anfang an gespielt hat. Demnach standen er und Antonino Jodice, der erste Direktor der Nachrichtenagentur Telegraph, auf der Gehaltsliste des römischen SIFAR-Büros, und zwar bereits bevor Uffreduzzi über Bertol vom StB angeworben wurde, und das Geld für die Gründung der Agentur Mercury, die dem Südtiroler Netzwerk um Hans Morandell als Cover dient, kam auch direkt vom SIFAR. Vor allem aber geht die Anwerbung Uffreduzzis für den StB direkt unter der Regie des italienischen Nachrichtendienstes über die Bühne. Erich Bertol besucht am 20. April 1950 Uffreduzzi in Rom. Am 6. Mai trifft sich Uffreduzzi mit dem SIFAR-Major Eugenio Piccardo und liefert einen detaillierten Bericht über das Treffen und Bertols Angebot ab. Der SIFAR-Offizier notiert im Dienstbericht:

Uffreduzzi hat offen zugegeben, dass er ob seiner nazi-faschistischen Vergangenheit glücklich sei, dem Land einen Dienst erweisen zu können. Er hat versprochen, mit uns nach den Anweisungen zusammenarbeiten, die wir ihm von Fall zu Fall geben. Wir sind so verblieben, dass er sofort unser Büro verständigt, sollte Bertol – so wie ausgemacht – ihn wieder aufsuchen. Ich habe von ihm höchste Geheimhaltung eingefordert, damit die Aktion nicht in Gefahr gebracht wird.81

Massimo Uffreduzzi liefert ab diesem Zeitpunkt periodisch Berichte über das StB-Netzwerk ab. Zudem beschattet der SIFAR Erich Bertol bei jedem seiner Besuche im Rom. Schon bald kennt der italienische Nachrichtendienst alle Mitglieder des gesamten Südtiroler StB-Netzes. Dass man die italienischen Staatsbürger, die für einen ausländischen Nachrichtendienst in Italien Spionage betreiben, nicht umgehend verhaftet, hat mehrere Gründe. Der Hauptgrund: Der SIFAR sieht die Chance, mit Massimo Uffreduzzi einen sogenannten Doppelagenten im StB zu platzieren. Er soll vermeintlich für die ČSR arbeiten und in Wirklichkeit so dem italienischen Nachrichtendienst Informationen über die Ziele, Interessen und Methoden des StB in Italien liefern. Man führt Uffreduzzi deshalb ganz bewusst immer näher an den StB heran. Es ist bekanntlich Hans Morandell alias „Korsičan“, der Anfang Mai 1951 Uffreduzzi in Wien konkret für die tschechoslowakische Staatssicherheit anwirbt. Auch diese Wien-Reise wird vom SIFAR geplant. So schreibt der Leiter des für Südtirol zuständigen SIFAR-Büros Verona Tullio Filippo Recchia an Uffreduzzis Führungsoffizier, den Leiter der römischen SIFAR-Zentrale Eugenio Piccardo, am 12. Mai 1951:

Lieber Pik,

zuallererst meine Glückwünsche für den wirklich glänzenden Ausgang der Reise Uffreduzzis nach Wien. Eine Reise, die nicht ohne Risiko war, letztlich aber mit Fortschritten zu Ende ging, die für die Weiterführung unserer Aktion sehr wichtig sind.82

Aus den Akten geht klar hervor, dass der SIFAR Uffreduzzis Reise im Herbst 1951 in die ČSR und seine Verpflichtung als StB-Agent „Hrabec“ genehmigt hat. „Damit sollte die Zusammenarbeit für uns noch lohnender werden“, schreibt Piccardo in einem seiner Dienstberichte. Obwohl der SIFAR durch Massimo Uffreduzzi Einblick in die Arbeitsweise des StB erhält, fällt die Zwischenbilanz des italienischen Nachrichtendienstes zu seiner Person zwiespältig aus:

Über ein Jahr lang hat er intelligent und loyal gedient. Auch wenn wir ihn öfters ermahnen mussten, weil er Initiativen ergriffen hat, die nicht mit den Vorgaben vereinbar waren, die wir ihm gegeben haben.83

Uffreduzzi merkt spätestens im Sommer 1952, dass er mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit viel Geld verdienen kann. Während er vom SIFAR zwar Geldspritzen für seine Agentur Mercury und Spesenvergütungen bekommt, zahlt der StB für die Informationen äußerst gut. Er beginnt deshalb, Informationen – und zwar nicht nur die vom SIFAR freigegebenen – auf eigene Faust und ohne Wissen des italienischen Dienstes an den StB zu liefern und zu verkaufen. Dazu trifft er sich, wie oben beschrieben, im Herbst 1952 mehrmals mit seinen StB-Kollegen, bis sich diese Situation zuspitzt. Im Akt der „Azione Stelio“ findet sich eine genaue Aufstellung der Treffen mit Hans Morandell, Edgar Meininger und Franz Flies sowie der Übergaben von Dokumenten, die Massimo Uffreduzzi am SIFAR vorbei den Tschechoslowaken übermittelte. Der Tropfen, der schließlich das Fass zum Überlaufen bringt, ist die Übergabe des italienischen Chiffrierbuches „Cifrario Diplomatico-Militare (sistema Mengarini Duca)“ an den StB. Die römische SIFAR-Zentrale entscheidet, Massimo Uffreduzzi in die Mangel zu nehmen. Man will ihn unter Druck setzen, indem man ihm androht, ihn wegen Landesverrats und Spionage zu verhaften. Ende Jänner 1953 unterzieht Eugenio Piccardo seinen Informanten einem strengen Verhör. Uffreduzzi bricht zusammen und gesteht, dass er über Monate hinweg ohne Wissen des SIFAR den Tschechoslowaken Informationen und Dokumente geliefert habe. SIFAR-Mann Eugenio Piccardo:

Er wurde verwarnt und es wurde ihm verboten in keinem Fall und aus keinem Grund nicht genehmigte Kontakte mit den Tschechoslowaken und deren Agenten zu unterhalten und genauso wenig Material zu übergeben, das von uns nicht vorab geprüft worden ist. Zudem habe ich von ihm einen vollständigen Bericht verlangt über alle Aktivitäten, die er ohne unser Wissen entfaltet hat. Ich gehe davon aus, dass diese Lektion ihren Sinn erfüllt und Uffreduzzi die Zusammenarbeit ehrlich weiterführen wird.84

Angeblich streng geheimes italienisches Chiffrierbuch: Viel Geld für eine plumpe Fälschung.

Am 3. Februar 1953 übergibt Uffreduzzi dem SIFAR eine zehn Seiten lange Sachverhaltsdarstellung, in der er seine Aktivitäten detailliert nachzeichnet. Dabei beschreibt er auch das, was er bereits im Verhör seinem SIFAR-Führungsoffizier erklärt hatte: Dass der große Coup in Wirklichkeit ein Schwindel ist! Weil es Massimo Uffreduzzi nicht schaffte, ein echtes italienisches Chiffrierbuch zu beschaffen, fabrizierte er kurzerhand eines. Dazu nimmt er einen Verschlüsselungskodex aus dem Jahr 1929, aus dem er einige Seiten entfernt, die allzu sehr an den Faschismus erinnerten. Er entwirft einen neuen Umschlag mit der Aufschrift „segreto“ und „Ministero della Difesa“, sowie die Datierung 1951 und lässt das Konvolut in einer Buchbinderei in Rom neu binden. Gleichzeitig legt Agent „Hrabec“ mehrere interessante Berichte dazu, die den StB etwas ablenken sollten. „Ich hätte mir nie gedacht, dass die Tschechoslowaken den Kodex für echt halten und bezahlen würden“, gibt Uffreduzzi gegenüber dem SIFAR zu Protokoll. Seine Sachverhaltsdarstellung garniert der römische Doppelagent mit einem persönlichen Brief voller Reue an den Direktor des SIFAR.

Auch wenn ich Ihr persönliches Vertrauen und jenes des Dienstes verspielt habe, weil ich nach meinem eigenen Kopf gehandelt habe, so sollen Sie, Herr Direktor, wissen, dass Sie bei den riskantesten Dingen immer auf mich zählen können. […] Gegenüber Sostero [= Hans Morandell alias „Korsičan“ – Anm. d. Autors] habe ich immer das Dienstgeheimnis eingehalten und er hat überhaupt keinen Verdacht, dass ich für die italienische Gegenspionage arbeite. Ebenso die Tschechoslowaken, die glauben, mit mir eine europäische Organisation verpflichtet zu haben. Sie dürsten jetzt nach diesen gefälschten Informationen. Das Ansehen, das ich bei ihnen jetzt habe, ist enorm. Und Sie können das gesamte Netz so manövrieren, wie Sie wollen.85

Massimo Uffreduzzi weiß noch nicht, dass er sich mit dieser Einschätzung gleich doppelt täuscht.

Bozner Schlangengrube

Es fällt auf, dass der Mann, der als „Hrabec“ für den tschechoslowakischen Nachrichtendienst StB arbeitet und gleichzeitig vom italienischen SIFAR als Agent geführt wird, eine zentrale Frage in dieser Phase nie anschneidet: Wie ist der SIFAR ihm auf die Schliche gekommen? Und warum weiß Eugenio Piccardo über seine Treffen in Bozen, Innsbruck und Wien so genau Bescheid? Die logische Antwort: Massimo Uffreduzzi dürfte davon ausgegangen sein, dass der SIFAR im StB eigene Zuträger hat, die ihn verraten haben.

Doch tatsächlich gibt es eine Erklärung, die näher liegt. Dazu muss man sich die Arbeits- und Vorgangsweise der Nachrichtendienste genauer anschauen. Zu den eisernen Grundregeln, die man jedem Mitarbeiter und Agenten einbläut, zählt das absolute Wahren des Dienstgeheimnisses. Also niemandem zu sagen, dass man als Agent arbeitet und für wen man arbeitet. Das führt zwangsläufig dazu, dass immer wieder Freunde oder gemeinsame Mitstreiter in einer Bewegung gleichzeitig für denselben Arbeitgeber tätig sind, aber nichts voneinander wissen. Auch das meint Silvano Russomanno, wenn er von „mehreren Hunden am selben Knochen“ spricht. Scheint diese Konstellation auf den ersten Blick absurd, erfüllt sie für den Nachrichtendienst eine einfache und effektive Kontrollfunktion. Berichten zwei Zuträger über dieselbe Sache, lässt sich schnell ermitteln, ob die Berichte übereinstimmen und wer als Informant loyal ist und wer nicht. Wird derselbe Sachverhalt zudem noch – wie in vielen Fällen – von einem weiteren Informanten im selben Netz beschrieben, kommt man der objektiven Wahrheit schon sehr nahe. Genau diese Konstellation finden wir im Südtiroler StB-Netzwerk. Denn Massimo Uffreduzzi ist nicht der einzige Doppelagent in diesem Spiel.

Laut den Akten der „Azione Stelio“ wendet sich Uffreduzzi mit seinen Informationen über Erich Bertol erstmals Anfang Mai 1950 an den SIFAR. Damit beginnt seine Arbeit als Doppelagent und seine Einbettung in die besagte Operation. Diese läuft zu diesem Zeitpunkt aber bereits, was auch die Aktenzahl der „Azione Stelio“ deutlich macht: „1949-1.4.29.5.1.“86 Die Geheimdienstoperation wurde demnach 1949 vom SIFAR-Büro Verona gestartet und in Zusammenarbeit mit der römischen Zentralstelle umgesetzt. Geleitet wird sie, wie wir bereits gesehen haben, vom Chef des SIFAR-Büros Verona Tullio Filippo Recchia und seinem römischen Kollegen Eugenio Piccardo. Recchia gelingt die Anwerbung eines Informanten, der von Beginn an in das StB-Netzwerk eingebunden ist, gleichzeitig aber eine Randfigur bleibt: Cesare Premi. Der damals 25-jährige Bozner Geometer, Kindheitsfreund von Hans Morandell, arbeitet bereits ab 1949 unter dem Decknamen „Stelio“ für das „Centro C. S. di Verona“. Die Operation „Stelio“, die ihre Bezeichnung vom Decknamen Premis erhält, zielt auf eine Infiltrierung des tschechoslowakischen Nachrichtendienstes ab. Der SIFAR will wissen, wie der StB funktioniert, was den östlichen Nachrichtendienst in Italien interessiert und auch wer für ihn in Italien arbeitet. Spätestens als Hans Morandell – der in Italien weiterhin Giovanni Sostero heißt – seinen Freund Cesare Premi im Juni 1949 nach Brünn bringt und der StB diesen als Agent „Vandal“ anwirbt, kommt der SIFAR diesem Ziel nahe. Cesare Premi und Hans Morandell verbindet eine enge persönliche Freundschaft, weshalb Morandell alias „Korsičan“ dem SIFAR-Agenten alle Einzelheiten über seine Arbeit erzählt. Damit ist der SIFAR von Beginn an über jeden Schritt des wachsenden StB-Netzes in Italien informiert. Tullio Filippo Recchia beschreibt 1951 in einem Bericht an Eugenio Piccardo die Situation:

Sostero ist sehr auf Draht und er ist gegenüber Stelio sehr gesprächig. Er hat absolutes Vertrauen und erzählt ihm auch die Wahrheit. Was es uns ermöglicht, ihn auch weiterhin über Stelio zu kontrollieren (den ich immer weiter in die Sache hineindränge).87

Während der SIFAR in Rom Massimo Uffreduzzi anwirbt und in das Netzwerk einschleust, macht auch Tullio Filippo Recchia einen entscheidenden Schritt, der der SIFAR-Aktion gegen den StB eine neue Qualität verleiht. Ihm gelingt es nämlich, über seinen Informanten „Stelio“ auch den Kopf des StB-Netzwerks Hans Morandell für den SIFAR anzuwerben. Morandell wird vom SIFAR meist unter seinem italienischen Klarnamen „Sostero“ geführt, erhält aber zusätzlich den Decknamen „Robert“. Heute kann man nur mutmaßen, was „Korsičan“ bewogen hat, zum Doppelagenten zu werden. Sicherlich dürften finanzielle Überlegungen eine Rolle gespielt haben. Zudem kann man annehmen, dass Recchia wie zuvor schon Uffreduzzi auch Morandell vor die Wahl gestellt hat: entweder wegen Spionage angeklagt zu werden oder für den SIFAR zu arbeiten.

Agent „Robert“ berichtet ab 1951 dem SIFAR-Büro Verona periodisch über alle Vorgänge rund um sein StB-Netz. Dabei wissen weder „Robert“ noch „Stelio“, dass gleichzeitig auch Massimo Uffreduzzi für den SIFAR arbeitet. So listet Hans Morandell dem SIFAR nicht nur detailliert alles auf, was „Hrabec“ nach Brünn liefert, sondern er übergibt dem SIFAR-Büro Verona auch über jedes Treffen mit Uffreduzzi einen genauen Bericht. Das ist dann auch der eigentliche Grund, warum Eugenio Piccardo in Rom schnell merkt, dass Uffreduzzi dem SIFAR gegenüber mit falschen Karten spielt. Als der SIFAR im Jänner 1953 Uffreduzzi in die Zange nimmt, hat man Angst, dass dadurch auch Hans Morandells Rolle als Doppelagent auffliegen und die gesamte Operation „Stelio“ ein abruptes Ende nehmen könnte. Doch als Eugenio Piccardo Ende Jänner Uffreduzzi einem strengen Verhör unterzieht, kann er Entwarnung geben. „Im Laufe des Verhörs gab es keinen Hinweis, dass die Doppelgleisigkeit Sosteros aufgeflogen ist, deshalb kann die Aktion ruhig weiterlaufen“, schreibt der Leiter der römischen SIFAR-Zentrale.88 Eineinhalb Monate später wird Eugenio Piccardo in einem 25 Seiten langen Dienstbericht mit dem bezeichnenden Titel „Massimo Uffreduzzis Gang nach Canossa“ noch deutlicher:

Massimo ignoriert völlig, dass Robert ein Doppelagent sein könnte. Unsere Aktion, die ihn gezwungen hat, sein heimliches Handeln für den tschechoslowakischen Geheimdienst zuzugeben, hat in ihm nicht den leisesten Verdacht erweckt, woher wir unser Wissen haben könnten. […] Die Sachverhaltsdarstellung von Massimo […] liefert uns zudem den klaren Beweis der ehrlichen und lauteren Zusammenarbeit, mit der Robert alle Verpflichtungen eingehalten hat, die er mit unserem Dienst eingegangen ist.89

Grafische Darstellung des Netzwerks im Berger-Akt: StB-Sachbearbeiter schreibt Klarnamen mit Bleistift dazu.

Dass dem italienischen Nachrichtendienst die Operation „Stelio“ wichtig ist, liegt auch daran, dass noch weitere Doppelagenten darin verwickelt sind. Nicht nur Massimo Uffreduzzi, Cesare Premi und Hans Morandell arbeiten sowohl für den SIFAR als auch für den StB, das SIFAR-Büro Verona und die Außenstelle in Bozen haben noch mindestens drei weitere Südtiroler StB-Agenten angeworben: Hermann Larcher, Alfredo Macchia und vor allem Heinrich Berger (Deckname „Biro“) stehen ebenfalls im Soldbuch des SIFAR. Alle drei liefern Anfang der 1950er-Jahre Informationen über ihre Zusammenarbeit mit dem StB.90 Doch weitere Nachrichtendienste schöpfen die Informationen der Bozner StB-Zuträger ab. So ist Alfredo Macchia in Kontakt mit dem amerikanischen Militärgeheimdienst CIC, der – wie wir noch sehen werden – in den 1950er-Jahren in Bozen besonders aktiv ist. Außerdem dürfte Friedrich Stefaner bereits zu diesem Zeitpunkt nebenbei auch für die deutsche „Organisation Gehlen“ (Org.) den Vorgänger des „Bundesnachrichtendienstes“ (BND) gearbeitet haben.

Man kann der Einschätzung des Nachfolgers von Tullio Filippo Recchia in der Leitung des SIFAR-Büros Verona, Carabinieri-Hauptmann Luigi Margiotta, nur zustimmen, wenn er von einem „covo di vipere“ spricht: In einem internen Bericht von 1953 schreibt er wörtlich „Giftschlangennest, das aus jenen Elementen der Stelio besteht, die in Bozen wohnen“91. Besser kann man das Konglomerat von Spitzeln wohl kaum beschreiben.

Abrechnung in Brünn

Zur selben Zeit, als der SIFAR in Rom Massimo Uffreduzzi in die Zange nimmt, merkt man allerdings auch in Prag und Brünn, dass mit Agent „Hrabec“ und dem gelieferten Entschlüsselungshandbuch einiges nicht stimmt. Man wendet sich umgehend an jenen Mann in Wien, der den römischen Journalisten zum StB gebracht hat: Hans Morandell. „Korsičan“ weiß, dass nicht nur seine gesamte Arbeit für den StB, die er seit vier Jahren geleistet hat, auf dem Spiel steht, sondern auch seine Zusammenarbeit mit dem SIFAR auffliegen könnte. Am 20. Jänner 1953 fahren „Korsičan“ und Edgar Meininger („Pedel“) nach Rom, um Massimo Uffreduzzi zur Rede zu stellen. Kaum meldet sich Morandell bei Uffreduzzi, haut dieser aus Rom ab, versteckt sich und berichtet voller Schrecken seinem SIFAR-Führungsoffizier Eugenio Piccardo, dass er von Sostero und Meininger bedroht werde. „Korsičan“ schreibt am 23. Jänner 1953 aus Rom an seinen StB-Führungsoffizier:

Nun bin ich bereits zwei Tage hier in Rom und werde wahrscheinlich unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren müssen. Wenn ich gewusst hätte, dass dieser Primo [Primo ist der Deckname, den Uffreduzzi sich gegeben hat – Anm. d. Autors] so ein Lump ist, hätte ich mir die Zeit und das Geld für diese weite Reise ersparen können. […] Ich habe den deutlichen Eindruck, dass dieser Primo ein schlechtes Gewissen hat und deshalb um jeden Preis eine Zusammenkunft vermeiden will, um nicht über seine Schwindeleien Rechenschaft abgeben zu müssen. Denn ich bezweifle keinen Augenblick, dass von allen den Waren, die er zu besitzen behauptete, keine einzige existiert, sondern dass alles nur ein Bluff ist. Und jetzt hat er Angst, seinen Bluff eingestehen zu müssen. Aber dieses Schwein wird mir schon noch mal unter die Hände komme, damit ich mit ihm abrechne!92

Der Zorn von Hans Morandell verraucht jedoch bald. Das liegt vor allem daran, dass Massimo Uffreduzzi sich absolut reumütig gegenüber seinen Mistreitern verhält. Der SIFAR will die Operation „Stelio“ unbedingt weiterführen, deshalb weist man Uffreduzzi auch an, den Riss mit Morandell wieder zu kitten. Dieselben Vorgaben dürfte der italienische Nachrichtendienst auch seinem Informanten „Robert“, sprich Hans Morandell, gegeben haben. Zur gleichen Zeit übt der StB nun aber Druck aus, dass Morandell und Edgar Meininger zu einem weiteren Treffen in die ČSR kommen. Zwischen Jänner und März 1953 schreibt der StB-Führungsoffizier „Jaroslaw“ mehrere Briefe an „Korsičan“ und „Pedel“. Der Auftrag: Sie sollen Agent „Hrabec“, also Massimo Uffreduzzi, zu einer klärenden Aussprache mitbringen. Doch alle drei Termine verstreichen. Morandell, Meininger und Uffreduzzi kommen nicht.

Im Frühjahr 1953 sprechen sich die drei StB-Agenten untereinander aus. „Korsičan“ überredet „Hrabec“, das Geld, das er vom StB für den gefälschten Entschlüsselungskodex erhalten hat, wieder zurückzugeben. „Hrabec“ hatte von den 2,8 Millionen Lire, die er dafür von der tschechoslowakischen Staatssicherheit erhalten hat, nur 800.000 Lire genommen. Den Rest hatte er im September 1952 in einem Schließfach in Wien deponiert. Dort holt Hans Morandell das Geld jetzt ab und retourniert es – als Zeichen des guten Willens – an den StB. Und so kommt es im Mai 1953 doch noch zu einem Treffen von Hans Morandell und Massimo Uffreduzzi mit ihren Führungsoffizieren in der ČSR. Uffreduzzi kommt am 6. Mai 1953 in Wien an und noch am selben Abend bringt Edgar Meininger ihn und Morandell im Auto an die Grenze bei Laa an der Thaya. „Korsičan“ und „Hrabec“ überschreiten auf einem Pfad die grüne Grenze, wo sie von einem Auto des StB erwartet werden, das die beiden in ein Jagdhaus nach Pohořelice bringt. Dort werden sie von ihren beiden Führungsoffizieren „Frantiček Sabotka“ und „Jaroslaw Hrazky“ erwartet.

Es kommt endlich zur lang erwarteten Aussprache. Die beiden StB-Offiziere halten „Hrabec“ vor, dass ein Teil des Materials, das er übergeben habe, gefälscht war. Man lässt die gesamte Arbeit der letzten zwei Jahre noch einmal Revue passieren. Das Gesprächsklima ist angespannt, aber nicht feindlich. Hans Morandell und Massimo Uffreduzzi planen eigentlich, am Abend des 8. Mai wieder zurück nach Österreich zu gehen. Edgar Meininger wartet an diesem Tag um 22 Uhr mit dem Auto in Laa an der Thaya aber vergeblich, denn am Abend jenes 8. Mai wird klar, dass der StB „Korsičan“ und „Hrabec“ nicht einfach so gehen lässt. Die beiden Agenten werden vom StB festgehalten und bewacht. Der Grund: Es soll ein hoher Funktionär der tschechoslowakischen Staatssicherheit kommen, um mit Uffreduzzi zu reden. Was beide nicht wissen: Aus den zwei geplanten Tagen in der ČSR wird am Ende ein Aufenthalt werden, der mehr als zwei Wochen dauert.

Am 9. Mai wird in der ČSR der Tag der Befreiung gefeiert, deshalb passiert an diesem Tag kaum etwas. Am 10. Mai erscheint dann der angekündigte hohe Prager StB-Offizier. „Korsičan“ und „Hrabec“ werden umgehend getrennt. Während Hans Morandell im Jagdhaus in Pohořelice bleibt, bringt man Uffreduzzi in ein „geschütztes Haus“ – so wird eine Immobilie genannt, die einem Nachrichtendienst für geheime und sensible Aufgaben zur Verfügung steht – bei Mikulov, wenige Kilometer sowohl von Pohořelice als auch von der österreichischen Grenze entfernt. Massimo Uffreduzzi erinnert sich später gegenüber dem SIFAR:

Der große Capo hat überraschend gut Italienisch gesprochen. Deshalb war ich sofort besonders auf der Hut. Sein Ton war von einer überwältigenden Freundlichkeit, fast schon verhöhnend. Nach jeder meiner Erklärungen, auch wenn sie noch so blöd war, meinte er: „Nur noch eine kleine Frage“. Antwortete ich dann, sagte er jedes Mal „Tausend Dank“.93

Uffreduzzi wird tagelang verhört. Der Prager StB-Mann legt ihm alle Berichte vor, die „Hrabec“ in den Jahren zuvor geliefert hat. Der Agent muss genau schriftlich angeben, woher und vom wem er die jeweilige Information bekommen hat. Uffreduzzi gibt dabei einige Fälschungen zu. Er erklärt, dass nicht die Nachrichten an sich falsch seien, er aber das Ganze etwas „aufgepeppt“ habe, etwa indem er den Stempel „segreto“ (geheim) auf verschiedene Dokumente kopiert habe. Außer der Offenlegung seiner Quellen muss „Hrabec“ mehrere schriftliche Berichte verfassen. So muss er Lebensläufe aller seiner Informanten, Zuträger und Bekannten verfassen. Am Ende sind es über 40 Personen, deren Leben er vor dem StB ausbreitet. Dazu kommen Berichte über staatliche Institutionen, Militäreinheiten sowie gesellschaftliche und politische Entwicklungen in Italien. Alle Berichte zusammen füllen über 100 Seiten im StB-Akt des Agenten „Hrabec“, der heute im Prager Archiv liegt. Besonderes Interesse bei der Befragung Uffreduzzis zeigt der StB dabei an Karl Hass – ehemaliger Mitarbeiter des Nazi-Geheimdienstes „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ und als solcher in den Jahren 1944/45 Vorgesetzter von Uffreduzzi. Dieser hatte den deutschen SD-Mann Anfang der 1950er-Jahre mehrmals in Rom getroffen. Für die tschechoslowakische Staatssicherheit muss er jetzt einen detaillierten Bericht über Hass, den SD und dessen Rolle im Nachkriegsitalien verfassen.

Der StB-Verhörbeamte verdächtigt „Hrabec“, offen für den amerikanischen Militärnachrichtendienst CIC zu arbeiten, weshalb es Uffreduzzi nicht schwerfällt, diesen Verdacht glaubwürdig zu zerstreuen. Eine mögliche Arbeit für den SIFAR wird nicht angesprochen. Eine halbe Autostunde von Mikulov nimmt man im bereits erwähnten Jagdhaus zur selben Zeit Hans Morandell in die Mangel. Auch „Korsičan“ wird tagelang befragt. Am Ende nötigt man beide, eine handschriftliche Erklärung zu unterzeichnen. Die Erklärungen, versehen mit jeweils einem Foto, enthalten neben der Unterschrift auch die Fingerabdrücke des Agenten. So erklärt Massimo Uffreduzzi am 21. Mai 1953:

Ich, der Unterfertigte Massimo Uffreduzzi, wohnhaft in der Via San Martino della Battaglia 31, wünsche immer besser für den Nachrichtendienst der Tschechoslowakei zu arbeiten, indem ich verspreche, in Zukunft nur noch Informationen und Dokumente zu liefern, die echt sind, ohne jeden Schwindel. Ich ersuche auch, dass ein Teil des Gewinns, der mir aus diesen guten und immer besser werdenden Arbeiten entsteht, dafür hergenommen wird, um die Schulden zu begleichen, die ich beim tschechoslowakischen Nachrichtendienst habe.94

Am Tag darauf, den 22. Mai, erhält Massimo Uffreduzzi bereits einen neuen Auftrag. Es ist ein weiterer hoher StB-Offizier, der ihm erklärt, dass er für den StB weiterarbeiten müsse. In ein paar Wochen würde er nämlich in Rom Besuch von einem StB-Mann bekommen. Als Erkennungszeichen reißt der Offizier eine Zehn-Schilling-Note in der Mitte auseinander und übergibt „Hrabec“ eine Hälfte. Bei dieser Aktion solle sich Uffreduzzi aber unbedingt von Erich Bertol und Heinrich Berger fernhalten und nicht mehr nach Bozen kommen. Mit Hans Morandell hingegen soll er weiterhin eng zusammenarbeiten. Wenig später kommen Uffreduzzi und Morandell endlich wieder zusammen. Man bringt sie an die Grenze, wo sie noch in der Nacht nach Österreich gehen und mit dem Zug nach Wien fahren.

In den Wochen danach liefern sowohl Uffreduzzi als auch Morandell dem SIFAR einen detaillierten schriftlichen Bericht über die Ereignisse während ihres unfreiwilligen Aufenthaltes in der ČSR ab. In den Akten der „Azione Stelio“ ist eine Analyse enthalten, in der die Widersprüche der beiden Darstellungen herausgearbeitet werden. Außerdem findet sich in den Akten auch eine Kopie eines zerrissenen Zehn-Schilling-Scheins. Es ist das Erkennungszeichen, das der StB seinem Agenten „Hrabec“ in Mikulov übergeben hat.95 Der angebliche StB-Emissär taucht letztlich in Rom nie auf.

Die Abschaltung

Der ursprüngliche Plan, dass man nach der Klärung in der ČSR so weiterarbeitet, als wäre nichts passiert, geht am Ende nicht auf. Für Hans Morandell sind die zwei Wochen Zwangsaufenthalt in Böhmen und die Behandlung ein schwerer Schock. Am 25. Juni 1953 schreibt „Korsičan“ seinem StB-Führungsoffizier „Jaroslaw Hrazky“ einen langen verbitterten Brief. Darin heißt es:

Ich bin sehr erbittert und enttäuscht von Ihnen: Ich habe immer bei großem Risiko Ihre Aufträge erfüllt: Jetzt sehe ich, dass sie kein Vertrauen mehr in mir haben und ich keines zu ihnen mehr haben kann. Scheinbar will Primo [Das ist der Deckname, den Uffreduzzi sich gegeben hat – Anm. d. Autors] trotz der Behandlung, die sie ihm gaben, noch für sie arbeiten: Das kann er tun, aber ich will nicht mehr sein Kurier sein. […] Ich will Primo nicht gleich sagen, dass ich nichts mehr tue, weil ich trotz allem die Arbeit nicht schädigen will: Ich werde ihm sagen, dass mich eventuell mein Vetter vertreten kann: mein bratraneo [slowakisch für „Cousin“, Morandell meint damit Edgar Meininger – Anm. d. Autors] ist nicht so schlecht behandelt worden wie ich und würde vielleicht weitermachen. Deshalb werde ich ihm schreiben und dies in die Wege leiten – falls wir das ausständige Geld bekommen.

Das ist das Letzte, was ich für Sie tun werde. Wahrscheinlich bekomme ich bald eine Arbeit in Schweden für den Sommer.

Indem ich mich von Ihnen verabschiede, kann ich mich wirklich nicht bedanken für diese verlorenen 4 Jahre und für die vielen nicht eingehaltenen Versprechungen. Ich verachte Leute, die ihr Wort nicht halten!96

Damit endet die StB-Karriere des StB-Agenten „Korsičan“. In seinem Personalakt findet sich noch eine Anmerkung:

Die Zusammenarbeit mit der Vertrauensperson wurde unterbrochen und er wurde am 19. Oktober 1953 aus dem Register der bezahlten Agenten gestrichen.97

Auch Massimo Uffreduzzi kehrt nicht mehr in die ČSR zurück. In seinem Akt findet sich noch ein Brief vom 4. September 1953, danach wird auch „Hrabec“ vom StB abgeschaltet. Edgar Meininger alias „Pedel“ versucht eine Weile den Kontakt aufrechtzuerhalten. Er schreibt mehrere Briefe an seinen StB-Führungsoffizier, die aber allesamt unbeantwortet bleiben. Anfang 1954 endet auch seine Zusammenarbeit mit der tschechoslowakischen Staatssicherheit.

Aber auch für alle anderen Südtiroler Agenten des Netzwerks ändert sich im späten Frühjahr 1953 die Zusammenarbeit mit dem StB grundlegend. Zur selben Zeit, als man in Pohořelice „Korsičan“ und in Mikulov „Hrabec“ in die Mangel nimmt, wird Erich Bertol vom StB in Znojmo verhört. Auch Agent „Sizunk“ schreibt und unterzeichnet in ungelenkem Deutsch am 21. Mai 1953 eine handschriftliche Erklärung.

Ich Unterfertigter Erich Bertol erkläre hiermit, dass ich in der weiteren Mitarbeit mit dem tschechoslowakischen Nachrichtendienst nur ehrlich weiterarbeiten werde und nie Betrügereien auszuführen versuchen werde. Ich bin bewusst darüber welche Folgen ich haben werde im Falle, dass ich Betrügereien aufführen werde.

In der weiteren Zusammenarbeit werde ich mich nach den Instruktionen richten, die ich von meinen Vorgesetzten erhalten werde. Ich weiß welche Gefahren mir drohen würden von Seiten der Westmächte im Falle, dass ich von dieser Arbeit mit jemand sprechen würde und deshalb werde ich vermeiden meine alten Kameraden und Mitarbeiter aufzusuchen und über die Arbeit sich zu interessieren.

Mit der Belohnung, die ich von dieser Arbeit bekomme, werde ich vorsichtig wirtschaften damit keine Verdachte auf mich fallen werden.98

Friedrich Stefaner korrespondiert 1953/54 noch unter seinem Aliasnamen „Franz Trenker“ mit dem StB über die Deckadresse „Martha Sottolar, Tabor 30, Brno, ČSR.“ Er liefert dabei immer wieder auch Berichte. Aber auch ihm misstraut der StB längst. Im Sommer 1954 kündigt der Agent seine Reise nach Brünn für den 14. September 1954 an und bereits am nächsten Tag unterschreibt auch Friedrich Stefaner eine Erklärung, mit der er die Zusammenarbeit mit dem StB unfreiwillig beenden muss:

Ich Stefaner Fritz erkläre, dass ich nicht mehr in die C. S. R. kommen darf. Ich bin mir bewusst, dass, falls ich ohne Einladung komme, [ich] nach dem Gesetz bestraft werden kann.99

Ein besonderes Auge wirft der StB auf Heinrich Berger. Es gibt deutliche Hinweise, dass Agent „Tryska“ nicht mit offenen Karten spielt. Bereits im Sommer 1952 schreibt Hans Morandell in einem Brief an seinen StB-Führungsoffizier, dass „Berger ein Doppelspiel betreibe“ und seine beiden Mitstreiter Alfredo Macchia und Hermann Larcher „für die italienische Polizei“ arbeiten.100 Im Februar 1953 kommt Heinrich Berger zu seinem letzten Treffen mit dem StB nach Brünn. Weil er zu weiteren Treffen nicht mehr erscheint, bricht der Nachrichtendienst die Zusammenarbeit auch mit ihm ab. Im Oktober 1953 schlägt der Führungsoffizier die Streichung „Tryskas“ aus dem Informantenregister und seine Abschaltung vor. Doch Anfang 1954 meldet sich Heinrich Berger plötzlich wieder beim StB – mit einer besonderen Überraschung. Das Schreiben Bergers an seine Verbindungsadresse „Anton Zigmund, Krenova 42, Brno“, das er mit seinem Decknamen „Günther Dalmonte“ unterzeichnet, ist auf dem offiziellen Briefpapier der italienischen Botschaft in Wien verfasst. „Ambasciata d’Italia in Austria, Wien, III, Rennweg 27“ steht auf dem Kuvert. Am 11. Februar 1954 kündigt „Tryska“ dann per Telegramm an, dass er nach Brünn kommt. Der Text: „Dalmonte Günthers – Ankunft bestimmt am 19. Feber 1954 – Dringend.“101 In einer handschriftlichen Notiz, die sich in seinem Akt findet, warnt der StB vor einer „Provokation“ des italienischen Nachrichtendienstes. Deshalb ist man diesmal besonders vorsichtig. Als Heinrich Berger in der Nacht des 19. Februar bei Šatov illegal die grüne Grenze überquert, wird er nicht von seinem StB-Führungsoffizier erwartet, sondern von den tschechoslowakischen Grenzbeamten verhaftet und in das Bezirksgefängnis nach Znojmo gebracht. Die gesamte Aktion ist bewusst inszeniert, um „Tryska“ zu verunsichern. Erst nach einem Tag im Gefängnis wird er vom StB abgeholt und in eine sichere Wohnung nach Klentnice gebracht. Im Verhör mit seinem StB-Führungsoffizier erklärt Heinrich Berger, dass er 1953 keine Gelegenheit mehr gehabt hätte, Dokumente und Informationen zu besorgen und er sich deshalb nicht mehr gemeldet hätte. Im Protokoll heißt es weiter:

Hans Morandell alias „Korsičan“: Handschriftliche Erklärung mit Fingerabdruck und Foto.

Der Vertraute erklärte dann, dass seine Frau krank sei und dass sie sich in großer finanzieller Not befinden. Er beschloss deshalb in die Tschechoslowakei zu gehen, wo er vermutet, dass er für seine vergangene gute Arbeit Hilfe bekommen wird.102

Dann tischt „Tryska“ eine sensationelle Geschichte auf. Heinrich Berger erklärt, dass er am 12. Januar 1954 seinen Dienst als Angestellter der italienischen Botschaft in Wien aufgenommen habe. Sein Arbeitsplatz sei am Empfang, wo er den Telefondienst mache und Besuche ankündige. Sein monatliches Gehalt betrage 1.200 Schilling sowie Essen und Wohnung. Er lebe und wohne im Gebäude der italienischen Botschaft am Rennweg. Daher biete er dem StB seine Dienste an. Seinem Führungsoffizier erklärt Berger, dass vor allem am Sonntag die Botschaft sehr oft unbeaufsichtigt bleibe und es für ihn nicht sehr schwierig sein würde, einen Schlüssel für den Tresor zu beschaffen. Er würde dann Fotos von Dokumenten liefern können. Zudem würde er Mitte März eine Dienstreise in die Türkei mitmachen. Auch dabei wolle er für den tschechoslowakischen Nachrichtendienst tätig werden. Doch der StB ist längst vorgewarnt. Hans Morandell hatte mehrmals darauf hingewiesenen, dass „Tryska“ ein Doppelspiel treibt.

Man fragt Berger über die Vorgänge in der Botschaft und die Namen des Personals aus, und als er nicht einmal den Namen des Botschafters nennen kann, ist für die Nachrichtendienstler klar, dass es sich hier um eine Aktion des italienischen Nachrichtendienstes handelt. Berger dürfte über seine Kontakte zum SIFAR Kontakte zum Briefpapier der Botschaft gekommen sein. Ob es die zeitweilige Anstellung in Wien wirklich gab, konnte der Autor nicht nachprüfen. „Der Fall scheint eine Provokation zu sein“, schreibt der StB-Führungsoffizier in seinem Dienstbericht. Und weiter: „Ich reagierte passiv auf seine Angebote und erklärte ihm, dass wir uns melden werden, falls wir interessiert sind.“ Man überlegt ernsthaft, Heinrich Berger in der ČSR zu verhaften, doch weil man kaum Beweise in der Hand hat, bringt man Agent „Tryska“ am Abend des 21. September an die Grenze, wo er zurück nach Österreich geht.103 Zwei Monate später wird der Akt „Tryska“ geschlossen. In einem „Endbericht zum Fall Heinz Berger“ kommt die StB-Zentrale in Prag dabei zu einem vernichtenden Resümee:

Berger ist der Fall eines nicht ordnungsgemäß verwalteten Agenten. In dem Bestreben, sein Netzwerk zu erweitern, erlaubte die Führung die Bildung eines SubNetzwerks. Der Informant wurde nicht konsequent und systematisch überprüft, man unternahm keine Schritte, um gewisse Zweifel vollständig zu klären und die Zusammenarbeit rechtzeitig auszusetzen, um ernsthafte Bedrohungen des gesamten italienischen Netzes zu verhindern.

Dieser Fall zeigt, dass die sogenannten Hauptagenten des italienischen Netzes höchstwahrscheinlich von feindlichen Geheimdiensten kontrolliert werden. Weniger wahrscheinlich ist es, dass es sich nur um Geheimdienstbetrüger handelt, die überwacht werden, um sie dann nach Abklärung ihrer Kontakte zu verhaften.104

Der Bericht bringt ein interessantes Detail am Rande ans Licht: Geheimdiensten ist voll bewusst, dass sich ihnen auch Betrüger andienen, die kaum verwertbare oder falsche Informationen liefern. Doch lässt man diese gewähren und überwacht sie, um ihre Kontaktpersonen zu erfahren. Zu einer Verhaftung kommt es erst dann, wenn sie diesen Zweck erfüllt haben und für den Dienst nutzlos werden.

Tragisches Nachspiel

Doch nicht für alle endete die Zusammenarbeit mit dem StB so glimpflich wie für Berger. Erich Bertol arbeitete im Sommer 1953 weiterhin für den StB, nun ist Agent „Sizunk“ vorwiegend in Österreich tätig, da ihn der StB warnte, nach Italien zu fahren. Er würde dort verhaftet werden. Erich Bertol lebt zu dieser Zeit bei seiner österreichischen Verlobten, der Lehrerin Lucia Wittrich im niederösterreichischen Retz direkt an der Grenze zur ČSR. Die beiden bekommen 1953 eine Tochter und werden im August 1955 heiraten.105 Im Herbst 1953 unterbricht der StB aber die Zusammenarbeit mit „Sizunk“. Bertol, der immer noch italienischer Staatsbürger ist, schafft es in Österreich – laut eigener Aussage – nicht, eine geregelte Arbeit zu finden. Weil sein italienischer Pass verfällt, lässt er diesen im Herbst 1953 am italienischen Konsulat in Wien verlängern. Im Dezember desselben Jahres will er nach Bozen fahren und übernachtet dabei in einem Innsbrucker Hotel, wo er allerdings von der österreichischen Polizei festgenommen wird. Der Grund: Seit März 1953 ist Bertols Aufenthaltsgenehmigung in Österreich verfallen. Er wird wegen Verstoßes gegen die Ausländerbestimmungen zu einem Monat Arrest verurteilt. Nach seiner Freilassung wird er der Staatspolizei (Stapo) überstellt, die den Bozner nach Italien ausweisen soll.

Erich Bertol alias „Sizunk“: Foto nach seiner Verhaftung (1956).

Bei seiner Verhaftung hatte die Polizei in einer Aktentasche militärische Landkarten aus Holland und andere Dokumente gefunden, die er für den StB organisiert hatte. Ein Innsbrucker Stapo-Beamter erklärt Bertol, dass die österreichische Polizei über seine Arbeit für die Tschechoslowakei informiert sei und die italienischen Behörden schon sehnsüchtig auf seine Auslieferung warten würden. Er würde in Italien wegen Spionage zu 15 Jahren verurteilt werden. Der Stapo-Beamte macht Bertol daraufhin ein klares Angebot. Er soll auspacken und in Zukunft als Informant der österreichischen Staatspolizei arbeiten, dann würde er freikommen und in Österreich bleiben können. Den Namen des Beamten gibt Bertol drei Jahre später bei den Verhören vor der militärischen Spionageabwehr des StB in Prag mit „Oberpolizeirat Peschel“ an.106 Bertol geht auf das Angebot der Österreicher ein. Sofort erhält er dann auch in Innsbruck eine Aufenthaltsgenehmigung für Österreich und wird auf freien Fuß gesetzt. Peschel begleitet Erich Bertol nach Wien, wo er sich mit zwei Beamten der Stapo trifft, die ihn in eine Wohnung in der Salesianergasse 2/13 bringen. Es handelt sich um Friedrich Jäger und Johann Riedel, beide Beamte in der Abteilung I, Staatspolizei. In der Wohnung nicht unweit vom Sitz der Staatspolizei wird Bertol laut eigenen Angaben verhört. Er gibt bereitwillig Auskunft über seine Arbeit, die illegalen Schleichwege über die Grenze, die toten Briefkästen in Wien und die Aufträge, die er vom StB erhalten habe. Während des Verhörs ist – laut Bertol – auch ein Engländer in der Wohnung anwesend. „Dieser Engländer war vom englischen Nachrichtendienst“, gibt „Sizunk“ später im Verhör in Prag zu Protokoll.107 Nach dem Aufenthalt in Wien kehrt Bertol mit dem Auftrag, sich sofort bei Jäger oder Riedel zu melden, wenn er einen Kontakt zum StB hergestellt habe, nach Retz zurück. Die Stapo-Beamten animieren ihn, auch ohne Einladung in die ČSR zu gehen. Genau das tut „Sizunk“ im Februar 1954 dann auch. Doch sein StB-Führungsoffizier erklärt ihm, dass die Zusammenarbeit mit ihm offiziell unterbrochen sei, und schickt ihn unverrichteter Dinge nach Retz zurück.

Bertol hält weiterhin Kontakt zur Wiener Stapo. Gleichzeitig trifft er sich wieder mit seinem früheren Weggefährten Friedrich Stefaner, der ihm dabei sein Leid klagt. Er sei von den italienischen Behörden des Landes verwiesen worden und müsse sich jetzt in Innsbruck irgendwie durchschlagen. In Wahrheit hat der Bozner StB-Agent „Horalsky“ aber wegen eines kleineren Betrugsdeliktes Südtirol und Italien verlassen und fürchtet eine Haftstrafe, wenn er zurückkommt. Zudem ist Friedrich Stefaner zu diesem Zeitpunkt längst für einen zweiten Nachrichtendienst tätig, die „Organisation Gehlen“ (Org.). Friedrich Stefaner arbeitet in den 1950er-Jahren als bezahlter Informant der Org. In dieser Rolle wurde er auch vom BND übernommen. So ist Stefaner wohl in den 1960er-Jahren in Innsbruck unter dem Decknamen „STAN“ für den deutschen Nachrichtendienst tätig.108

Im Sommer 1954 meldet sich Friedrich Stefaner bei Erich Bertol und lädt diesen nach Innsbruck ein. Beide fahren am nächsten Tag nach Konstanz am Bodensee, wo Stefaner Bertol einen gewissen Herrn „Müller“ vorstellt. Müller ist ein Org.-Mann, der an diesem Tag Bertol für den deutschen Nachrichtendienst anwerben will. Laut der Schilderung Bertols habe der Abgesandte der Org. ihm ein Dossier vorgelegt, in dem die gesamte Arbeit des StB-Netzes rund um „Sizunk“ dokumentiert war, unter anderem mit Aussagen Stefaners. Erich Bertol unterzeichnet am Ende eine Verpflichtungserklärung, doch will er in Wirklichkeit nie für den deutschen Nachrichtendienst tätig geworden sein, sehr wohl aber für die österreichische Staatspolizei. Das Duo Jäger/Riedel lässt nicht locker. Erich Bertol arbeitet nun unter dem Decknamen „Jakob Hansen“ für die Stapo. 1955 wird der Informant in der Wiener Sicherheitsdirektion sogar dem „Chef“ vorgestellt. Die Beschreibung des Treffens und der Person, die Bertol ein Jahr später bei seinen Verhören in Prag wiedergibt, passt perfekt auf den damaligen Leiter der österreichischen Staatspolizei Oswald Peterlunger (1909–1985). Immer wieder versucht „Sizunk“, Kontakt mit dem StB aufzunehmen. So schreibt er unter seinem alten Decknamen „Arnold“ am 25. September 1955 an seinen ehemaligen Führungsoffizier:

Da es Neuigkeiten gibt, ersuche ich Euch, es so zu arrangieren, dass wir uns so schnell wie möglich treffen können. Deshalb bitte ich Euch, ein Treffen zu fixieren. Lasst mich per Post an meine alte Adresse in Retz Tag und Uhrzeit wissen. Es ist überflüssig zu erwähnen, wie wichtig dieses Treffen ist, denn es gibt einige Neuigkeiten, die Euch sicher interessieren.109

Erich Bertol arbeitet im Sommer/Herbst 1955 im Wiener Hotel Wandel und lernt dort einen kanadischen Diplomaten kennen. Er will den StB nun mit diesen Informationen versorgen, doch auch dieses Mal lässt die Antwort aus der ČSR auf sich warten. Erst im Jänner 1956 schreibt ihm sein Führungsoffizier zurück und lädt ihn zu einem Treffen in die ČSR ein. Bertol informiert umgehend seinen Kontaktmann bei der Wiener Stapo. Letztlich kommt es aber erst zu Ostern 1956 zum Treffen. Einmal geht Erich Bertol zwar zum verabredeten Termin illegal über die Grenze, wird dort aber nicht abgeholt. In der Nacht des 13. April 1956 überquert „Sizunk“ erneut die Grenze und wird dann von den StB-Leuten nach Prag gebracht. Dort kommt es zu einer Aussprache und Bertol erhält einige Aufträge. Danach kehrt „Sizunk“ wieder nach Österreich zurück, wo er der Stapo umgehend einen detaillierten Bericht erstattet. Erich Bertol arbeitet zu diesem Zeitpunkt als Elektriker bei den Donaukraftwerken in Persenbeug bei Melk an der Donau. Auch auf Druck der Stapo hält er den Kontakt zum StB aber weiterhin. Mitte Juni schreibt er erneut an den StB:

Da ich mit meiner Arbeit schon fertig bin, möchte ich nachfragen, wann ich heiraten kann. Ich bin soweit bereit. Bitte setzen Sie den Termin an einen Freitag, denn die Zeit ist ja schon bekannt. Der Ort ist immer noch derselbe.110

Eigentlich hätten bei Erich Bertol aufgrund der mehrmaligen Nichtbeachtung längst die Alarmglocken läuten müssen. Doch das tun sie nicht. Der StB weiß nämlich längst, dass Agent „Sizunk“ für die Stapo arbeitet. Darüber hinaus vermutet die tschechoslowakische Staatssicherheit, dass Bertol über die österreichische Staatspolizei auch Informationen an den englischen und amerikanischen Nachrichtendienst weiterleitet. In einem langen Bericht analysiert der StB am 17. September 1956 den gesamten Fall. Der Beamte kommt am Ende zu einem klaren Resümee:

Aus den obigen Befunden geht hervor, dass Bertol ein Agent der Österreichischen Polizei und ein Spion ist. Ich schlage daher vor, Bertol in die Tschechoslowakei einzuladen und ihn dort als Agent einer feindlichen Macht zu verhaften.111

Genau dieser Plan wird dann auch umgesetzt. Agent „Sizunk“ soll am 5. Oktober 1956 in die ČSR kommen. Erich Bertol lässt dieses Treffen aber platzen. Als er dann am 12. Oktober 1956 zum nächsten geplanten Treffen kommt, wird er unmittelbar nach dem Überschreiten der Grenze von der militärischen Spionageabwehr des StB verhaftet und nach Prag gebracht. Zwischen dem 14. Oktober und dem 7. Dezember 1956 wird „Sizunk“ über ein Dutzend Mal verhört. Die Verhöre werden auf Deutsch geführt und sowohl auf Deutsch als auch tschechisch protokolliert. Zudem schreibt Erich Bertol in der Untersuchungshaft eine 30 Seiten lange Sachverhaltsdarstellung, in der die gesamte Geschichte des StB-Netzwerks noch einmal aufgearbeitet wird. Im StB-Akt von Erich Bertol sind auch die Vorgaben enthalten, die die Abteilung Spionageabwehr dem Verhörbeamten macht. Dort heißt es unter anderem:

Stellen Sie Bertol während des Verhörs in Aussicht, in der Tschechoslowakischen Republik bleiben und hier eine Familie gründen zu können. Gleichzeitig erklären Sie ihm, dass er unter keinen Umständen nach Österreich zurückkommen kann. Denn dort werde er festgenommen, verurteilt und dann nach Italien ausgeliefert.112

Die Taktik geht auf. Erich Bertol plaudert in den Verhören mehr oder weniger alles aus, was er weiß. Besonderes Interesse hat der StB dabei an den Vorgängen und den Personen der Stapo. So legt man Bertol zum Beispiel eine Reihe von Fotos von österreichischen Polizeibeamten vor, die er identifizieren soll. Am 22. März 1957 verurteilt das Landesgericht Prag Erich Bertol zu 15 Jahren Haft wegen Spionage. Der langjährige StB-Agent „Sizunk“ verschwindet in einem Prager Gefängnis. Gut eineinhalb Jahre lang kümmert sich niemand um ihn. Am 21. März 1958 spricht Bertols Ehefrau Lucia bei der italienischen Botschaft in Wien vor und erklärt, dass sie seit 1957 keine Nachricht mehr über den Verbleib ihres Mannes habe. Sie habe nur schriftlich eine Postfachadresse in Prag erhalten. Doch niemand antwortet auf ihre Briefe. Am 25. Juli 1958 antwortet die italienische Botschaft aus Prag: Erich Bertol verbüße in Prag eine 15-jährige Haftstrafe wegen Spionage. Die Nachricht wird auch umgehend dem italienischen Nachrichtendienst SIFAR übermittelt.113

Erich Bertol sitzt sieben Jahre Haftstrafe in Prag ab, bevor ihm die Reststrafe erlassen wird. Am 14. September 1964 wird er dann nach Österreich abgeschoben. Danach verliert sich seine Spur bis zum Tod im Jahr 2004.

Der Mann mit den vielen Namen

Auch um Hans Morandell wird es ruhiger. Auf einer Zugfahrt zwischen Innsbruck und Wien lernt er seine spätere Frau Anna Gasparik kennen. Die beiden heiraten am 5. Oktober 1955 in Wien. Giovanni Sostero, wie er offiziell heißt, meldet am 16. November 1955 seinen offiziellen Wohnsitz in Bozen ab.114 1956 wird der erste Sohn Marc und wenig später der zweite Sohn Pino geboren. „Er war nie ein Familienmensch, sondern er hat immer sein eigenes Leben geführt“, sagt sein Sohn Marc heute.115 Am 22. Oktober 1959 erhält Hans Morandell, der ja in Italien Gianni Sostero heißt, die österreichische Staatsbürgerschaft. Der StB-Agent arbeitet danach jahrelang als Angestellter des halbstaatlichen italienischen Reisebüros CIT (Compagnia Italiana Turismo) in Wien. Nach einem kurzen Zwischenspiel beim Österreichischen Verkehrsbüro versucht er sich als Mietwagenunternehmer selbstständig zu machen, doch das Abenteuer dauert nicht lange. In den 1970er-Jahren ist er hauptsächlich als Fremdenführer im Schloss Schönbrunn tätig – vorwiegend für Führungen in Spanisch und Italienisch. Bereits um die 50 Jahre alt, holt Hans Georg Sostero, wie er sich inzwischen amtlich nennt, die Lehramtsprüfung nach. Er wird zum Englischlehrer an einer Schule in Wien und kann so als Beamter in Rente gehen. „Er ist zeit seines Lebens sehr viel gereist“, erinnert sich sein Sohn. In den 1960er-Jahren fuhr er auffallend oft in die Tschechoslowakei. „Meine Mutter war überzeugt, dass er dort eine Freundin hat“, sagt Marc Sostero. Einmal ist Anna Sostero samt Sohn ihrem Mann nach Prag sogar nachgefahren, ohne ihn aber zu finden. Vieles spricht dafür, dass die Zusammenarbeit Sosteros mit dem StB auch in diesen Jahren noch weiterging. Als Marc Sostero 16 Jahre alt ist, nimmt ihn sein Vater im Auto nach Rumänien mit. „Nach zwei Tagen hat er Rumänisch gesprochen“, sagt der Sohn heute.116 Sein Vater habe sich mit Sprachen unheimlich leichtgetan. Er beherrschte neben Deutsch und Italienisch Englisch, Französisch, Spanisch, Tschechisch, Serbokroatisch und auch Russisch. Immer wieder arbeitete Sostero deshalb auch als Übersetzer. Laut eigenen Erzählungen soll er auch beim historischen Treffen zwischen John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow am 3. und 4. Juni 1961 im Wiener Hotel Imperial als Übersetzer im Einsatz gewesen sein. Als 1987 Sosteros Mutter Hedwig Morandell in Bozen stirbt, erbt er die große Wohnung in der Venedigerstraße. Gianni Sostero lebt deshalb Ende der 1980er-, Anfang der 90er-Jahre für einige Zeit wieder in seiner Geburtsstadt. Am 26. September 2010 stirbt Gianni Sostero in Wien. Seine Geschichte nimmt er mit ins Grab.

Hans Georg Sostero (kurz vor seinem Tod in Wien): Ein Mann mit vielen Gesichtern.

Büro für vertrauliche Angelegenheiten


Gehaltsliste der UAR-Spitzel vom März 1961: Decknamen und monatliche Entschädigung.

Im italienischen Innenministerium wird mit dem „Ufficio Affari Riservati“ (UAR) eine nachrichtendienstliche Struktur geschaffen. In Südtirol operiert das UAR über offizielle und verdeckte Kanäle und arbeitet eng mit amerikanischen Nachrichtendiensten zusammen. Ein streng geheimer Briefwechsel aus der Bozner Quästur macht anschaulich, wie man Spitzel anwirbt und die Lage in Südtirol beobachtet und analysiert. Neben dem UAR sind aber auch noch weitere italienische Dienste streng geheim im Einsatz.

Zwischen 1925 und 1945 ist der „Servizio Informazioni Militare“ (SIM) eine der wichtigen Stützen des Faschismus in Italien. Mit dem 31. Dezember 1945 wird Mussolinis Geheimdienst formal von den Alliierten aufgelöst, woraufhin ein Großteil der SIM-Agenten nun im „Ufficio Informazioni dello Stato Maggiore Generale“ zusammengezogen wird, das in den Nachkriegsjahren zuerst vom amerikanischen „Office of Strategic Services“ (OSS) und später der „Central Intelligence Agency“ (CIA) finanziert und kontrolliert wird. Erst mit dem Beitritt Italiens zur NATO erhält die Republik Italien wieder einen neuen eigenständigen Geheimdienst: Der „Servizio Informazioni Forze Armate“ (SIFAR) nimmt am 30. März 1949 seine Tätigkeit auf.1

In diesen Jahren nach Kriegsende bauen zudem das Innenministerium und die italienische Polizei geheimdienstliche Strukturen und Dienste auf. Gleichzeitig gibt es zwischen 1946 und 1950 innerhalb der italienischen Polizei einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel, denn es beginnt der globale Kampf gegen den Kommunismus. Waren nach dem Krieg viele Sympathisanten und Mitglieder des linken Widerstandes in den Polizeidienst eingetreten, kommt es in diesen Jahren zu einer bewussten politischen Säuberungsaktion innerhalb der italienischen Sicherheitskräfte. Im ausbrechenden Kalten Krieg und – auch hier – mit tatkräftiger organisatorischer und finanzieller Mithilfe der amerikanischen Nachrichtendienste werden die politischen Gewichte innerhalb der Polizei eindeutig nach rechts verschoben. An den wichtigsten Schaltstellen des Innenministeriums kommen damit wieder alte Seilschaften an die Macht, die Jahre zuvor in der faschistischen Geheimpolizei „Organizzazione per la Vigilanza e la Repressione dell’Antifascismo“ (OVRA) ihr Handwerk erlernt haben.2 1946 wird im Innenministerium der sogenannte SIS „Servizio Informazioni Speciali“ gegründet. Bei dieser Behörde laufen alle Fäden der „politischen Polizei“ zusammen, also jener Abteilungen in den auf Provinzebene angesiedelten Quästuren (Polizeidirektionen), die sich italienweit um politische Delikte kümmern sollen. Dem SIS ist aber nur eine kurze Lebenszeit beschert, denn 1948 entsteht im Innenministerium die „Divisione Affari Riservati“, besser bekannt unter dem Namen ihres operativen Arms, des „Ufficio Affari Riservati“ (UAR). Erster Leiter dieser Polizeistruktur im Innenministerium wird Gesualdo Barletta, der dem Amt bis 1958 vorsteht.

Barletta arbeitete während des Faschismus für die OVRA, deren Hauptziel die Bekämpfung des Antifaschismus war. Er war Leiter der OVRA-Zone „Lazio-Roma“. Nun holt Barletta Dutzende alte Mitstreiter aus der faschistischen Zeit in den neuen Dienst. Fast alle neuralgischen Stellen im Innenministerium werden so von ehemaligen faschistischen Polizeifunktionären besetzt. Wie eindeutig diese politische Umorientierung ist, macht eine Statistik aus dem Jahr 1960 deutlich. Demnach haben 62 der 64 Präfekten eine Vergangenheit als faschistischer Funktionär, bei den stellvertretenden Präfekten sind es gar 241. Ebenso haben 135 Quästoren und 139 Vizequästoren eine OVRA-Vergangenheit oder waren für den faschistischen Geheimdienst SIM tätig.3 Wie sehr sich diese politische Orientierung auf die Arbeit des UAR auswirkt, zeigt ein Blick ins Herzstück des Dienstes. Das „Casellario Politico Centrale“ geführt von der „Divisione Affari Riservati“ ist sozusagen eine Kartei der subversiven, staatsgefährdenden Elemente. 1961 sind darin 13.716 Personen erfasst, davon sind 12.491 als „Linksextremisten“ gespeichert, 177 Personen als Anarchisten und nur 626 als „Rechtsextremisten“.4

Innenministerium im Palazzo del Viminale: Sitz des „Ufficio Affari Riservati“.

Das UAR hat seinen Sitz im Palazzo del Viminale in Rom direkt im Innenministerium und dort bei der Generaldirektion für öffentliche Sicherheit. Gleichzeitig aber operiert die Division im gesamten Staatsgebiet. 1949 wird an allen Quästuren das „Ufficio Vigilanza Stranieri“ (UVS) eingeführt. Offiziell soll das Büro die Ausländerangelegenheit bearbeiten, in Wirklichkeit ist es eine Struktur, die vor allem in Grenzregionen oder Minderheitengebieten – wie in Südtirol oder Triest – nachrichtendienstlich tätig ist, indem die Beamten nicht nur Ausländer überwachen, sondern auch Spionage und politische Aufklärung im Inneren betreiben. Dafür werben sie Spitzel und Informanten an.

1957 arbeiten im römischen Zentralsitz 14 Beamte für das UAR, dazu kommen noch ein Außensitz in Mailand und zehn UVS-Büros in den Regionen.5 Italienweit werden in den wichtigsten Städten „Squadre“ (Mannschaften) gebildet. Es sind verdeckte, nicht offizielle Strukturen, die Informationen beschaffen, Spitzel und Agenten führen und Ermittlungen durchführen. Die verschiedenen „Squadre“ werden in der römischen Zentrale durch Zahlen gekennzeichnet. So steht die „Squadra 33“ für Bologna, die „Squadra 23“ für Florenz, „Squadra 51“ für Triest, „Squadra 53“ für Bari, „Squadra 54“ für Mailand und „Squadra 55“ für Turin. In Bozen operierte die „Squadra 26“.6 Angeführt werden diese Gruppen von eigenen verdeckt operierenden Polizeibeamten. Offiziell gehören diese Beamten dem autonomen Regiment des Innenministeriums an, sind aber für Sondereinsätze freigestellt oder formal bereits in Rente. Diese Beamten leben und arbeiten in Privatwohnungen außerhalb der Quästur und halten den Kontakt mit Informanten und Spitzeln, nehmen deren Nachrichten entgegen, übermitteln diese dem UAR nach Rom und sorgen für die Kommunikation mit den Informanten und deren Bezahlung. Der Grund für diese Tarnung ist einfach: Gibt einer der Spitzel oder Informanten Dinge und Aktionen preis, die für die Polizei oder Sicherheitskräfte kompromittierend sein könnten, gibt es keinen direkten Zusammenhang mit offiziellen Stellen. Die Spur endet bei einem Namen, einer Privatwohnung, irgendeiner Adresse.

Ab 1958 sind an die 20 solche verdeckt operierende Beamte tätig, die eine Art Brückenfunktion zwischen der Peripherie und der Zentrale in Rom übernehmen.7 Parallel dazu führen aber auch die Quästuren oder dort vor allem die jeweilige „politische Abteilung“ eigene Informanten und Agenten. Auch diese werden über das UAR bezahlt und dort fließen auch die Informationen zusammen. In einer genauen Auflistung vom 15. März 1961 des UAR-Direktors Ulderico Caputo sind italienweit insgesamt 50 Informanten angeführt, die sich zu dieser Zeit im Dienst befinden. Sie bekommen – je nach Leistung und Wichtigkeit – zwischen 5.000 und 180.000 Lire im Monat bezahlt. Es dürfte kein Zufall sein, dass jene zwei Spitzel, die den größten monatlichen Betrag erhalten, ausgerechnet in Südtirol im Einsatz sind. Insgesamt gibt das UAR im Frühjahr 1961 für die Entlohnung seiner Informanten monatlich 2.093.000 Lire aus.8

Um verdeckt arbeiten zu können, braucht das UAR Adressen, die unverdächtig sind. Deshalb mietet man in Rom und Mailand Postfächer an, die auf falsche Namen laufen. In diesen Postfächern trudeln die Berichte direkt von Informanten oder über die peripheren Verbindungsleute ein, aber auch die Korrespondenz mit ausländischen Nachrichtendiensten. So führt das UAR zwischen 1955 und 1958 in Rom im Postamt Borgo zwei Postfächer: das Postfach 9088 auf den Namen Giuseppe Cassano und das Postfach 9066 auf den Namen Romolo De Felice. Anfang 1959 werden diese Adressen stillgelegt, das UAR mietet im römischen Zentralpostamt zwei neue Postfächer: Das Fach 299 lautet auf den Namen Gino Lampugnani und das Fach 254 auf den Namen Luciano Francesconi. Anfang 1960 wird das Postfach 254 beibehalten, aber die Anschrift geändert. Das Postfach lautet jetzt auf den Namen Angelo Molenti. Diese Deckadresse bleibt bis in die 1980er-Jahre operativ, als es das UAR schon gar nicht mehr gibt und die Post vom 1978 neu geschaffenen Inlandsgeheimdienst „Servizio per le Informazioni e la Sicurezza Democratica“ (SISDE) abgeholt wird. Briefkästen hat das UAR in den 1960er-Jahren auch in Mailand (Postfach 732 lautend auf Maria Moneta) und in Genua (1162 lautend auf Rosa Robbiano). In den Akten finden sich auch genaue Aufstellungen, wer welche Adresse zugewiesen bekommen hat. So stellt man sicher, dass die Berichte der Informanten auch an die richtige Adresse kommen.9 Fortsetzung

Aufstellung der UAR-Informanten (März 1961): Ulderico Caputos Südtiroler Zuträger.

Informant Franco

Ein Südtiroler Kommunist liefert jahrelang dem UAR wichtige Informationen aus dem PCI.

Die „Squadra 26“, die verdeckt operierende Bozner Dependance des UAR, ist nicht nur für Südtirol und das Trentino zuständig, sondern auch für die Provinz Verona. Antonio Zidda, 1915 in Nuoro auf Sardinien geboren, arbeitet seit 1948 als Polizeibeamter in Verona. Offiziell ist Zidda in der Telefonzentrale der Quästur beschäftigt, doch in Wirklichkeit übt er genau jene Aufgabe aus, die Ciro Patelli in Bozen innehat. Zidda hält diskret den Kontakt mit UAR-Informanten. Dem Veroneser Polizeibeamten gelingt es dabei, eine hochkarätige politische Quelle anzuwerben, die in Südtirol ansässig und tätig ist. Es handelt sich um einen Vertreter des Südtiroler Ablegers des Partito Comunista Italiano (PCI), der gut zwei Jahrzehnte lang dem Innenministerium Informationen über die Kommunistische Partei liefert. Doch er berichtet nicht nur aus Südtirol, sondern weit darüber hinaus.

„Während meiner Tätigkeit war ich im Kontakt mit einem gewissen Franco, der meine direkte Quelle war und mir Meldungen über die Organisation des PCI weitergab“, sagt Antonio Zidda 1997 in einem Verhör aus.10 Der Informant mit dem Decknamen „Franco“ wird in den 1950er-Jahren angeworben und ist bis mindestens Mitte der 1970er-Jahre für das UAR tätig. „Franco“ liefert unzählige Berichte aus jenem Bereich, den die italienischen Polizeibehörden und Nachrichtendienste am schärfsten beobachten: dem italienischen Kommunismus. Dafür erhält der Informant monatlich vom UAR 50.000 Lire. Dass ein Informant aus Bozen von einem verdeckt operierenden Polizeibeamten aus Verona geführt wird, ist kein Zufall. Denn „Franco“ hat für seine Zusammenarbeit mit dem Innenministerium klare Bedingungen gestellt, damit seine bezahlte Spitzeltätigkeit nicht auffliegt. Antonio Zidda schreibt in einem Dienstbericht vom Herbst 1958 an das UAR in Rom:

Für den Verfasser ist es äußerst mühevoll und teuer, sich immer wieder mit dem vorgenannten Franco zu treffen, weil Bozen 150 Kilometer von Verona entfernt ist und die Treffen nur an Orten weit weg von dieser Provinz stattfinden können, zudem nur in Privatautos, um die Anwesenheit von Fahrern zu vermeiden. All das wird vom Genannten als „sine qua non“-Bedingung gestellt.11

Dass „Franco“ Informationen von nationalem Interesse liefert, wird 1969 klar. Das Jahr geht als eines der turbulentesten und tragischsten in die italienische Nachkriegsgeschichte ein. Gekennzeichnet von immer größer werdenden sozialen Spannungen, wachsenden Studenten- und Arbeiterprotesten und einem Auftauchen sowohl links- als auch rechtextremer Gruppierungen, die offen die Gewalt predigen, steht Italien am Rande eines Bürgerkrieges. Die Spannungen erreichen am 12. Dezember 1969 ihren traurigen Höhepunkt. An diesem Nachmittag explodiert am Hauptsitz der Banca Nazionale dell’Agricoltura auf der Mailänder Piazza Fontana eine Bombe, die 17 Menschen tötet und über 80 verletzt. Man geht davon aus, dass das Attentat von Rechtsextremisten mithilfe staatlicher Institutionen durchgeführt wurde. Trotz Dutzender Prozesse konnten bis heute die Schuldigen nicht ermittelt werden.12

Nach einer Spaltung der italienischen Sozialisten muss Ministerpräsident Mario Rumor am 5. Juli 1969 zurücktreten. Vor allem die italienischen Kommunisten befürchten, dass rechte Kräfte diese politische Übergangsphase zu einem Militärputsch und zur Ausschaltung des PCI nutzen könnten. Am 19. Juli 1969 meldet „Franco“, dass alle Landessekretäre des PCI in Nordost-Italien für diesen Abend zu einer außerordentlichen Dringlichkeitssitzung nach Venedig eingeladen wurden. Der UAR-Informant schreibt im Juli 1969:

Diese Einberufung hängt mit der aktuellen politischen Situation in Italien zusammen. Sollte Ministerpräsident Rumor es nicht schaffen, eine neue Regierung zu bilden, so befürchtet man im PCI, dass man andere Gewaltmittel anwenden wird, um eine neue Regierungsform durchzusetzen (mit Unterstützung der Streitkräfte).

In Anbetracht dieser Situation haben die Landesverbände den Befehl erhalten, die Listen der eingeschriebenen Parteimitglieder sowie jenes Material zu verstecken, das (im Falle von Hausdurchsuchungen) für den PCI kompromittierend sein könnte.

Der Befehl für diesen „Voralarm“ wurde auch auf alle Führungskräfte und die Mitglieder der Landeskomitees ausgedehnt, damit auch diese die nötigen Vorsichtsmaßnahmen bei sich zu Hause umsetzen können.13

Bis heute ist es den Beteiligten gelungen, die Identität von „Franco“ geheim zu halten. Antonio Zidda hat 1997 in zwei Verhören bewusst keine Angaben gemacht. Sicher ist, dass es sich bei diesem Spitzel um ein hohes und langjähriges Mitglied des Südtiroler PCI handeln muss.

Südtiroler Spitzel der italienischen Dienste

Als der von 1959 bis 1961 amtierende UAR-Direktor Ulderico Caputo am 25. Jänner 1991 in Rom stirbt, nimmt er einige Geheimnisse mit ins Grab. Der am 22. November 1917 geborene Caputo war in den 1930er-Jahren Funktionär der faschistischen OVRA gewesen und hatte dabei unter anderem mit Gesualdo Barletta zusammengearbeitet. Nach dem Krieg finden sich dann beide im „Ufficio Affari Riservati“ wieder. Caputo ist bestens mit Südtirol vertraut. Er wird im Mai 1946 von Florenz an die Bozner Quästur versetzt. Im Herbst 1947 wird er vom Hauptkommissar zum Vize-Quästor befördert. Bereits damals ist er für „den vertraulichen Informationsdienst über die Rückoptanten“ zuständig. Im Juli 1952 wird Caputo dann zum Quästor ernannt und mit 1. August 1952 nach Trapani versetzt.14 In seiner Zeit in Bozen wirbt er selbst als Mitglied des UAR Informanten an. Seine Kontakte nach Südtirol hält der Polizeifunktionär auch in den Jahren danach, als er direkt im Innenministerium in Rom arbeitet. 1957 wird Ulderico Caputo in das UAR versetzt und leitet dort die „Segreteria Speciale Patto Atlantico“, das Verbindungsbüro Italiens zur NATO und den USA. Anfang November 1959 wird Caputo dann zum Leiter des UAR befördert.15

Ulderico Caputo richtet umgehend sein Augenmerk auf die Südtiroler Situation. Er weiß, dass nicht nur die politischen Loslösungstendenzen von Italien zunehmen, sondern auch, dass sich mit dem „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) längst eine illegale Untergrundbewegung gebildet hat. Der UAR-Leiter forciert deshalb die verdeckte Tätigkeit in Südtirol. Das UAR ist in diesen Jahren in Bozen gut aufgestellt. Neben den Informanten des „Ufficio Vigilanza Stranieri“, ist seit Jahren auch die „Squadra 26“ im Einsatz. Der Mann, der diese verdeckte Einheit in Bozen von 1957 bis zum Mai 1970 führt, heißt Ciro Patelli und stammt aus Potenza Picena bei Macerata. Offiziell aus dem Polizeidienst ausgeschieden, wird er „aus Mangel an geeignetem Personal während der heißen Phase in Südtirol wieder eingesetzt“16. 1963 wird der Polizeibeamte zwar dienstmäßig in den Ruhestand versetzt, bleibt aber weitere sieben Jahre in seiner verdeckten Rolle in Bozen tätig. Von seiner Wohnung in der Bozner Turinstraße 95/5 aus schickt er die Berichte der UAR-Spitzel nach Rom. Ebenso übernimmt er die Bezahlung der Informanten. Erst Ende Mai 1970 wird Ciro Patelli dann aus Bozen abgezogen. Patelli zieht mit seiner Frau in sein Heimatdorf zurück.17 In einem streng geheimen Bericht vom 15. März 1961 fasst Ulderico Caputo die lokale Situation zusammen.18 Demnach hat das UAR zu diesem Zeitpunkt mindestens fünf verschiedene Informanten in Südtirol, die zum Großteil von Caputo selbst angeworben wurden. Einer dieser Informanten hat den Decknamen „Manicor“. Der Spitzel stellt sich aber – nach der Beurteilung Caputos – im Laufe der Zeit als eher unzuverlässig heraus und wird deshalb mehrmals fallen gelassen. Ende Februar 1961 wird „Manicor“ endgültig entlassen.19 Der eindeutig wichtigste Agent ist „Erich Stolz“. Dabei dürfte es sich nicht um den richtigen Namen handeln, sondern um einen Decknamen. „Erich Stolz“ wird nicht von Bozen aus geführt, sondern vom damaligen Leiter der „Segreteria Speciale Patto Atlantico“ innerhalb des UAR, Antonio Carlino, der zwischen November 1980 und Jänner 1984 Bozner Quästor ist und somit direkt mit Südtirol befasst. Ulderico Caputo schreibt:

Erich Stolz: Die Kontakte werden über Dr. Carlino vom NATO-Sekretariat gehalten, der auch die Bezahlung übernimmt.20

„Erich Stolz“ ist in Bozen tätig und er ist für das UAR ein besonders wichtiger Informant. Denn von den insgesamt in dem Caputo-Bericht aufgeführten 50 Informanten ist er der Bestbezahlte. 1961 erhält „Erich Stolz“ monatlich immerhin 180.000 Lire für seine Dienste. Im Vergleich: Der Großteil der Informanten bekommt in diesen Jahren zwischen 5.000 und 50.000 Lire im Monat.21 Aber auch der in Sachen Verdienst an zweiter Stelle liegende Informant kommt aus Bozen. Der Informant mit dem Decknamen „Mumelter“ operiert von 1960 bis mindestens Mitte der 1970er-Jahre. 1961 erhält er monatlich 130.000 Lire vom Innenministerium.22

Ein anderer Bozner Informant läuft unter dem Decknamen „Laurin“. Der Spitzel bekommt 20.000 Lire im Monat vom Innenministerium. UAR-Chef Ulderico Caputo notiert:

Laurin – Bozen: Der Mitarbeiter, der erst vor Kurzem über den Vizequästor von Bozen angeworben wurde, hat mitgeteilt, dass er die Zusammenarbeit beenden möchte. Ihm wird deshalb der Betrag nur für den laufenden Monat ausgezahlt.23

Das Interesse der CIA

In den 1996 in Rom sichergestellten Akten des UAR24 findet sich auch ein als „Riservato“ (Vertraulich) klassifizierter Akt mit dem Titel „Schatten (Bozen)“.25 Er handelt sich um einen Briefwechsel aus dem Jahr 1960, der einen detaillierten Einblick in die verdeckte Arbeit des UAR erlaubt. In den über ein Dutzend Schreiben gibt es keinerlei offizielle Anrede, weder einen offiziellen Adressaten noch einen Absender. Die beiden Briefeschreiber reden sich nur mit ihren Übernahmen an: „Rico“ und „Pino“. Wobei schnell klar wird, dass „Rico“ in Rom sitzt und „Pino“ in Bozen. Die vertrauliche Anrede beruht nicht auf persönlicher Freundschaft der beiden, sondern ist vielmehr auf den konspirativen und geheimen Charakter der Korrespondenz zurückzuführen. In einem der ersten Briefe, die von Bozen nach Rom gehen, heißt es:

Lieber Rico,

aus Gründen der Vertraulichkeit und auch um zu verhindern, dass ich jedes Mal, wenn ich Berichte an die Division schicke, ein Begleitschreiben mitschicken muss, habe ich mir gedacht – außer du bist anderer Meinung – die Berichte mit der Matrikelnummer 1904, dazu einer fortlaufenden Nummer, sowie dem Wort „Schatten“, mein Pseudonym, zu kennzeichnen. So wird es in Zukunft sein, auch ohne Unterschrift.26

Heute kann man sagen, wer die Briefschreiber sind. Hinter „Rico“ verbirgt sich die Koseform von „Ulderico“, also Ulderico Caputo, ehemaliger Bozner Vizequästor und ab 1960 Chef des UAR. Hinter dem Pseudonym „Schatten“ und der Koseform „Pino“, oder in manchen Briefen auch „Peppino“, steht hingegen Giuseppe Testa. Der Polizeibeamte ist von 1949 bis Mitte der 1950er-Jahre Leiter des „Ufficio Vigilanza Stranieri“ in Triest. In dieser Funktion arbeitete er direkt mit dem UAR zusammen. Fast gleichzeitig mit dem Aufstieg Caputos zum UAR-Leiter erfolgt die Beförderung und Versetzung Testas nach Südtirol. Giuseppe Testa ist vom 6. Dezember 1959 bis zum 24. Juli 1963 Quästor in Bozen. Damit erlebt der Polizeibeamte die dramatischen Monate und Jahre der Bombenanschläge rund um die sogenannte Feuernacht und die Ermittlungen gegen den „Befreiungsausschuss Südtirol“ an vorderster Front mit.27 Aus dem streng geheimen Briefverkehr zwischen Ulderico Caputo und Giuseppe Testa wird deutlich, dass es neben dem offiziellen Dienstweg zwischen der Bozner Quästur und dem UAR in Rom von Anfang auch einen zweiten konspirativen Kanal gibt. So schickt etwa Caputo im Oktober 1960 den Südtirol-Bericht eines Informanten, den das UAR in Österreich angeworben hat, nach Bozen. Der UAR-Direktor fordert Giuseppe Testa auf, den Bericht zu analysieren:

Ich würde gerne die „offizielle“ Sichtweise deines Amtes zu dieser Sache kennenlernen: Schreibe mir deshalb auf deinem offiziellen Briefpapier und sage mir alles, was du weißt und was nach deiner Meinung in naher oder ferner Zukunft passieren könnte.28

Aus dem inoffiziellen Briefwechsel geht hervor, dass verschiedenste ausländische Nachrichtendienste sich in Bozen über die Südtiroler Situation direkt informieren. Ansprechpartner ist dabei Quästor Giuseppe Testa. So kommt am 25. Februar 1960 ein gewisser Leo Carter nach Bozen. Der Mann ist offiziell Beamter an der australischen Botschaft in Rom, zuständig für Fragen der Einwanderung. In einem vertraulichen Brief von Testa an Caputo erklärt „Schatten“ aber, dass es sich bei Carter um einen Angehörigen des australischen Nachrichtendienstes handle, der sich ein Bild über die Lage in Südtirol machen will.29 Zwei Wochen später berichtet „Schatten“ über den Südtirol-Besuch des amerikanischen Generalkonsuls in Venedig Charles Geretty. Der US-Diplomat will sich ebenfalls ein Bild über die Lage in Südtirol machen. Es kommt zu Aussprachen mit dem Bozner Abgeordneten der Democrazia Cristiana (DC) Alcide Berloffa, dem Kommandanten des IV. Armeekorps General Aldo Beolchini und dem Brixner Bischof Joseph Gargitter.30 Aus dem Schriftverkehr geht hervor, dass es vor allem die amerikanischen Nachrichtendienste sind, die sich in dieser Phase immer wieder für die Vorgänge in Südtirol interessieren. Anfang Februar 1960 meldet Giuseppe Testa an UAR-Direktor Ulderico Caputo:

Heute habe ich einen Brief vom amtsbekannten Salvatore Ac. bekommen, in dem er mir einen Besuch in der dritten Woche dieses Monates ankündigt, der Grund: Er möchte ein bisschen über die lokalen Probleme informiert werden. Ich werde mich dabei so verhalten wie in der Vergangenheit: Ich werde ihn zum Essen einladen und ihn dann zufrieden zurückschicken … mit leeren Händen.31

„Salvatore Ac.“ steht für den CIA-Agenten Salvatore Acampora. Acampora, 1922 in den USA geboren, Sohn italienischer Auswanderer, besucht in Neapel die Schule, lebt zuerst in den Vereinigten Staaten und kommt dann 1945 mit den US-Truppen nach Triest, wo er heiratet und sich niederlässt. Bis 1952 arbeitet er als CIA-Agent in Triest, übersiedelt dann bis 1957 nach Neapel, um danach wieder nach Triest zurückzukehren. Von 1964 bis 1970 arbeitet Acampora offiziell an der amerikanischen Botschaft in Rom. 1970 geht er mit 48 Jahren in Pension und kehrt nach Triest zurück, wo er bis in die 1980er-Jahre für die CIA tätig ist. Acampora stirbt am 28. September 1994 in Triest.32 Nach dem Besuch des CIA-Agenten erstattet Testa alias „Schatten“ am 25. Februar 1960 seinem römischen Vorgesetzten Caputo Bericht:

Heute bekam ich gegen 11 Uhr den Besuch des bekannten Acampora, der mich in ein Gespräch über die Situation in Südtirol verwickelt hat. Unter den verschiedenen Fragen, die er aus einem vorgefertigten Fragenkatalog ausgewählt und mir gestellt hat, fragte er auch nach der zahlenmäßigen Konsistenz der Partisanengruppen in dieser Zone und wenn möglich auch nach deren Nachschubquellen für Waffen, Munition, Lebensmittel und anderem … Ich habe mich darauf beschränkt zu sagen, dass wir bis jetzt keine Kenntnis von Partisanengruppen in dieser Gegend haben.33

Ulderico Caputo antwortet eine Woche später und gibt klare Anweisungen:

Was die Besuche vonseiten der Vertreter von bekannten ausländischen Nachrichtendiensten betrifft, die du erhältst, ist es unnötig, dass ich dir wiederhole, dass man sie nicht einfach gewähren lassen soll. Du kannst nach deiner Überzeugung alle jene Informationen weitergeben, die du geben willst: Für den Rest ersuche sie, dass sie sich an das Zentralbüro wenden, mit dem ihre jeweiligen Chefs ja eh schon im Kontakt sind.34

Aus diesem Briefwechsel geht klar hervor, dass US-Nachrichtendienste schon sehr früh detailliert über die Bildung einer illegalen Widerstandbewegung in Südtirol informiert sind. Gleichzeitig wird auch klar, dass die UAR-Leitung durchaus gewillt ist, ihre Informationen an die Amerikaner weiterzugeben. Noch deutlicher wird das ein Jahr später. Mitte Februar 1961 taucht bei Giuseppe Testa in der Quästur Bozen ein Mann mit der Visitenkarte von Ulderico Caputo auf. Es ist Bruno A. Francazi, ein Agent des „Counter Intelligence Corps“ (CIC), also des amerikanischen Militärgeheimdienstes. Francazi hatte bereits im Zweiten Weltkrieg Geheimdienstoperationen in Italien gegen die Deutschen geleitet.35 Im Nachkriegsitalien bleibt der Major als „Special Agent“ des CIC in Italien. Bis Ende der 1960er-Jahre ist er in der SETAF-Kaserne „Passalacqua“ in Verona stationiert. Bruno Francazi informiert sich im Februar 1961 über die Situation in Südtirol. Der CIC-Agent gibt dem Bozner Quästor seine Büronummer wie auch seine private Telefonnummer. Außerdem übergibt er Testa die Personalien seines Verbindungsoffiziers Virgilio Volpe in Verona. Dieser werde sich in Bozen melden. „Dem Herrn Francazi habe ich meine Mitarbeit zugesichert“, meldet Testa alias „Schatten“ schriftlich seinem Vorgesetzten Caputo nach Rom.36 Wie eng diese Zusammenarbeit zwischen diesen hohen italienischen Polizeifunktionären und den amerikanischen Nachrichtendiensten in Sachen Südtirol ist, wird aus einem Brief deutlich, den Ulderico Caputo Ende Juni 1960 an Giuseppe Testa schreibt. Darin heißt es:

Ich habe Grund zur Annahme, dass sich die Südtiroler Situation im Herbst zuspitzen wird. Was plötzliche und unerwartete Wendungen betrifft, kann ich dir nur sagen, dass das Ganze in Absprache mit den Freunden in Verona und in Frankfurt am Main verfolgt wird, mit denen ich heute einen langen Gedankenaustausch hatte. Dabei hat man mir Ermittlungen im pangermanistischen Umfeld versprochen.37

Freunde aus Verona und Frankfurt? Es sind die „Southern European Task Force“ (SETAF) mit Hauptsitz in Vicenza und Verona, gegründet im Oktober 1955 von der US-Army, und in Frankfurt das Hauptquartier des „United States European Command“ (USEUCOM), 1952 gegründet und später nach Frankreich verlegt. In beiden Städten sind Dienststellen des CIC untergebracht.

Bespitzelung der Volkspartei

Ulderico Caputo war jahrelang an der Bozner Quästur tätig, er kennt die Situation in Südtirol damit bestens und aus eigener Hand. Der Leiter des UAR unterschätzt deshalb die Sprengkraft der politischen Entwicklung Anfang der 1960er-Jahre keineswegs. Sowohl in Rom als auch in der Quästur Bozen weiß man, dass sich im Untergrund etwas zusammenbraut. Ende September 1960 schreibt Caputo an den Bozner Quästor Giuseppe Testa in seiner Funktion als Agent „Schatten“:

Ich bin keineswegs pessimistisch, was die zukünftige Situation der öffentlichen Sicherheit in Südtirol betrifft, wie es aber bei uns üblich ist, müssen wir gut vorbereitet sein.38

Zu dieser Vorbereitung gehört auch, dass der Bozner Quästor im Frühsommer 1960 in Zusammenarbeit mit dem Kommandanten des Militärdistrikts Listen möglicher gefährlicher Personen erstellen lässt und sie nach Rom übermittelt. So lässt Testa die ehemaligen Südtiroler SS-Angehörigen genau katalogisieren und auflisten, weiters die Mitglieder der berüchtigten Division „Edelweiß“ der Gebirgsjägertruppe, die für die Massenerschießungen auf der griechischen Insel Kefalonia verantwortlich waren, die Mitglieder der Waffen-SS und die Pioniere der Wehrmacht. Dass diese Erfassung in Rom auf großes Interesse stößt, zeigt ein Schreiben Caputos an Testa:

Ich leite dir einen Brief weiter, mit dem der Chef der Staatspolizei dir und seinen Mitarbeitern die höchste Anerkennung dieses Ministeriums in Bezug auf die genannten Listen ausdrücken will. Ich kann dir nur versichern, dass man hier sehr zufrieden ist mit dem Rhythmus, den du der Quästur auferlegt hast, und dass deine Aktien dauernd steigen.39

Gleichzeitig tut der Leiter des UAR alles, um die Quästur Bozen auf die neue Herausforderung der sich zuspitzenden politischen Situation vorzubereiten:

Gestern Abend hat der Chef, in meiner Anwesenheit und auf mein Ersuchen hin, der Division FAP [der Personalabteilung der Staatspolizei – Anm. d. Autors] die Anweisung gegeben, die Möglichkeit einer Erhöhung der Belegschaft deiner Polizeitruppe zu prüfen. Ich hoffe auch, dass ich die Sache eines außerordentlichen Fonds, der dir monatlich für die Intensivierung der Spitzeltätigkeit zu Verfügung gestellt wird, positiv zu Ende bringen kann. Wie du siehst, verfolge ich – soweit es mir möglich ist – die Entwicklungen in deiner Provinz und es ist keineswegs meine Schuld, wenn es bürokratische Verzögerungen gibt.40

Giuseppe Testa bedankt sich wenige Tage später bei Caputo für dessen „Einsatz“, gleichzeitig berichtet der Bozner Quästor, dass der verdeckte Polizeibeamte und Leiter der „Squadra 26“ Ciro Patelli bei ihm war und einen Bericht über einen Mann aus Olang abgegeben habe, der im Verdacht steht, am Sprengstoff- und Waffenschmuggel des BAS beteiligt zu sein.41 „Ich habe einen Spitzel über die Grenze geschickt und hoffe, etwas über die Absichten der amtsbekannten Übeltäter zu erfahren“, vermeldet Ulderico Caputo Ende September 1960.42 In den Monaten danach schickt der UAR-Leiter immer wieder Berichte dieses Informanten nach Bozen und ersucht um die Einschätzung Giuseppe Testas. Gleichzeitig legt Caputo dem Bozner Quästor immer energischer die Notwendigkeit nahe, endlich „jemand aus der Basis als Informanten anzuwerben“. Gemeint ist damit jemand aus der Südtiroler Volkspartei (SVP). Am 25. September 1960 vermeldet Giuseppe Testa:

Erhebungen in diesem Sinne sind schon seit Längerem im Gange, trotz höchster Bemühungen war es bis jetzt aber leider nicht möglich, etwas in dieser Sache zu erreichen. […] Auf jeden Fall wird die Aktivität der amtsbekannten Partei aber genauestens verfolgt.43

Am 10. Oktober 1960 kommt es zu einem Wechsel an der Spitze der italienischen Polizei. Polizeichef Giovanni Carcaterra wird durch Angelo Vicari ersetzt. Ulderico Caputo schreibt neun Tage später nach Bozen:

Der neue Polizeichef erkennt die außergewöhnliche Wichtigkeit unseres Dienstes an und im Rahmen unserer Möglichkeiten möchte ich eine gute Figur machen. Ich hatte bereits die Möglichkeit, mich mit ihm zu unterhalten und ihm dabei auch deine Arbeit zu beschreiben. […] Ich nutze diese Gelegenheit, um dich daran zu erinnern, dass du aufmerksam die Möglichkeit prüfen sollst, jemanden aus der Basis anzuwerben, damit wir endlich aus dem vagen Wissen herauskommen und immer wieder einmal eine interessante Nachricht aus dem operativen Bereich der SVP und ihrer Verbündeten in Österreich erhalten können.44

Zwei Tage später antwortet „Schatten“ aus Bozen:

In Bezug auf dein Schreiben vom 19. dieses Monats kann ich dir mitteilen, dass was die Möglichkeiten einer Anwerbung eines „Elementes aus der Basis“ betrifft, wir seit Längerem an zwei Personen arbeiten, „die für diese Zwecke geeignet wären“.

Wir befinden uns aber immer noch in der Phase der diplomatischen Annäherung, auch weil es sich um Personen handelt, die wegen ihrer Stellung in der Partei sehr weit in die „geheimen Dinge“ eingeweiht sind. Natürlich weiß keiner der beiden vom Annäherungsmanöver gegenüber dem anderen. Obwohl sie bisher gewisse Annäherungen noch nicht abgelehnt haben, sind die beiden noch sehr misstrauisch und zögerlich, was eine aktive, tatsächliche und dauernde Zusammenarbeit betrifft. Wie du natürlich leicht begreifen kannst, ist das Ganze eine Geduldsarbeit mit dem Ziel, das volle Vertrauen der beiden in Frage kommenden Subjekte zu erhalten. Eine Arbeit, die einige Schwierigkeiten mit sich bringt, die es zu überwinden gilt, und die mit einer daraus resultierenden Langsamkeit bei der vorsichtigen Abklärung behaftet ist. Fortsetzung

Bezahlter Standpunkt

Das UZC finanziert eine Südtiroler Zeitung und mehrere Redakteure arbeiten auch für den SIFAR.

Am 29. August 1947 erscheint erstmals eine neue Zeitung in Südtirol. „Der Standpunkt“ ist eine Wochenzeitschrift, die sich zehn Jahre lang halten wird, bekannte Journalisten, Literaten und Denker vereint und eine Verbreitung im gesamten deutschsprachigen Sprachraum anstrebt. Gegründet wird die Zeitung von Hans Fuchs, Erbe der Besitzerfamilie der Bierbrauerei Forst bei Meran. Der Südtiroler Historiker Philipp Trafojer hat bereits vor über 20 Jahren die Geschichte dieses Medienprojekts detailliert nachgezeichnet.45 Seine Untersuchung trägt den Titel „Der Standpunkt. Politisch-historische Analyse über Funktion, Form und Wirkungsweise eines Propagandamediums“. Denn die Wochenzeitschrift wird in Wirklichkeit vom „Ufficio per le Zone di Confine“ (UZC) finanziert und gefördert. Es ist vor allem Silvio Innocenti, der dieses Projekt vorantreibt. Der ehemalige Präfekt von Taranto wird am 9. Jänner 1946 als neuer Präfekt nach Bozen geschickt. Innocenti erkennt von Anfang an die Bedeutung propagandistischer Maßnahmen in der Auseinandersetzung um Südtirol. Er beginnt bereits in seiner Rolle als Präfekt, durch die Gründung italienfreundlicher Parteien, Organisationen und Medien einen Gegenpol zur SVP und zum Athesia-Verlag zu schaffen. Als erster Leiter des UZC verstärkt er diese Anstrengungen noch deutlich. „Der Standpunkt“ wird in der Druckerei SETA gedruckt, der auch die Bozner Tageszeitung „Alto Adige“ gehört. Über diese Schiene läuft dann auch ein Teil der direkten Geldzuwendungen an die Zeitschrift.

Einer der Köpfe des „Standpunkt“ ist von Beginn an Alfred Boensch. Boensch war vom Deutsch-Akademischen Austauschdienst noch vor dem Krieg als Lektor für deutsche Sprache nach Italien geschickt worden. 1940 ist er als Professor für Deutsch an der Universität Cagliari tätig. Während des Krieges dient er in der deutschen Mittelmeermarine als Übersetzer. Bei Kriegsende befindet er sich am Levico-See im Trentino – dem letzten Hauptquartier der deutschen Marine. Boensch versteckt sich in der darauffolgenden Zeit am Trentiner Landgut Fontanasanta der Neumarkter Familie von Lutterotti.46

Alfred Boensch steigt in der Hierarchie der „Standpunkt“-Redaktion schnell auf. Als verantwortlicher Redakteur ist er am Ende der Chefpropagandist des Blattes. Als die Wochenzeitung 1957 eingestellt wird, übernimmt die Tageszeitung „Dolomiten“ den deutschen Journalisten. Alfred Boensch schreibt Dutzende Bücher über Südtirol, Festschriften für den Alpenverein Bozen und Meran und ist als Übersetzer tätig. Der Mann wird als Journalist bis zu seinem Tod in Südtirol überaus geschätzt.

Meraner Wochenzeitung „Der Standpunkt“: Alfredo Bitti und „Krasnoff “ als Informanten.

Maria von Lutterotti erzählt dem Historiker Philipp Trafojer, dass Boensch sich schon in Fontanasanta immer sehr bedeckt hielt. So trat er ausschließlich unter dem Namen Bitti auf. Auf diesen Namen war auch ein Personalausweis ausgestellt. Auch seine Artikel im „Standpunkt“ zeichnet Alfred Boensch anfänglich als Alfred Bitti. Allgemein ging man davon aus, dass seine nationalsozialistische Vergangenheit der Grund für diese Tarnung sei.47 Dass man damit durchaus richtig liegt, zeigt sich in den Akten des italienischen Nachrichtendienstes SIFAR. Dort heißt es:

Weil er Angst vor einer Inhaftierung durch die Alliierten hat und deshalb nicht mehr nach Deutschland zurückkehren will, nahm er die falschen Personaldaten von Alfredo Bitti an.48

Diesen Aliasnamen entlehnt Alfred Boensch von seiner Frau Maria Domenica Bitti, die er 1947 heiratet. Als Alfredo Bitti arbeitet der deutsche Journalist ab 1948 auch als Zuträger für das SIFAR-Büro Verona. „Eine sehr gebildete Person, die auf sehr breite Bekanntschaften in Rom und in anderen Orten Italiens zählen kann“, beschreibt der SIFAR seinen Zuträger. Boensch ist nicht der einzige SIFAR-Informant in den Reihen der „Standpunkt“-Redaktion. Jahrelang schreibt auch ein Autor unter dem Pseudonym „Krasnoff“ für die Meraner Wochenzeitung. Hinter diesem Pseudonym verbirgt sich Walter W. Krause, ein deutscher Journalist, der 1948 in Triest als Übersetzer für die US-Army arbeitet. 1953 geht er dann in den Fernen Osten, zuerst nach Teheran und dann nach Afghanistan und Pakistan. Walter W. Krause, der auch für die deutschen Magazine „Der Spiegel“ und „Stern“ arbeitet, schreibt mehrere Bücher über Afghanistan und den Iran. Und auch Krause arbeitet als Informant und Zuträger für das SIFAR-Büro Verona.49

Ich kann dir aber versichern, dass nichts unversucht gelassen wird, um wenigstens eine der genannten Personen anzuwerben.50

Dabei ist das UAR beileibe nicht die einzige Behörde, die die SVP in diesen Jahren überwacht.

SVP-Sitz auf Landeskosten

Das „Ufficio per le Zone di Confine“ (UZC) wird 1946 von Regierungschef Alcide Degasperi gegründet. Das direkt beim Ministerrat angesiedelte Büro für Grenzzonen kümmert sich vorwiegend um zwei Gebiete: die Regionen Julisch Venetien und Trentino-Südtirol. Erster Leiter des UZC wird Silvio Innocenti, der 1946 Präfekt in Bozen war und somit die Südtiroler Situation bestens kennt. Das UZC ist nicht nur das technische Amt, das maßgeblich an der Ausarbeitung des Ersten Autonomiestatutes für die Region Trentino-Südtirol beteiligt ist, sondern das UZC – später in „Ufficio Regioni“ umbenannt – entwickelt sich bis zu seiner Auflösung im Jahr 1967 zu einer Art Schaltzentrale einer verdeckten Politik in den Regionen mit ethnischen Minderheiten. Vor allem in den 1950er-Jahren pumpt die Regierung über das UZC sehr viel Geld nach Istrien und Südtirol. Verdeckt werden Vereine, Institutionen und Programme gefördert, um die „Italianità“ dieser Gebiete zu stärken. In Südtirol werden nicht nur Dutzende italienische Pfarreien finanziert, es fließen auch Gelder für die Restaurierung des Siegesdenkmals (1948) oder in die Presseförderung – etwa an die italienische Tageszeitung „Alto Adige“ oder die deutschsprachige Wochenzeitung „Der Standpunkt“.51

Ein Blick in das UZC-Archiv, das erst in den vergangenen Jahren durch die Südtiroler Historiker Andrea Di Michele und Giorgio Mezzalira vorbildlich erschlossen wurde, erlaubt auch Rückschlüsse auf den wirklichen Kenntnisstand der italienischen Sicherheitsbehörden in diesen Jahren. Denn im UZC laufen in diesen Jahren alle vertraulichen und geheimen Informationen zu und um Südtirol zusammen.

Wie gut man dabei über Interna aus der Südtiroler Volkspartei informiert ist, wird am Bericht mit dem Titel „Besondere Situation in Südtirol – Kommentar der SVP zur Ernennung des neuen US-Botschafters in Italien“ vom 8. Dezember 1956 klar.52 Zum Jahreswechsel 1956/57 wird nämlich bereits bekannt, dass der US-Botschafter in Rom ausgetauscht wird. Auf die Botschafterin Claire Boothe Luce folgt James David Zellerbach. Obwohl Zellerbach seinen Posten als US-Botschafter in Rom erst Anfang Februar 1957 antritt, ist seine Ernennung bereits Thema auf einer Parteileitungssitzung der SVP. Im Bericht vom Dezember 1956 heißt es dazu:

Eine sehr glaubwürdige Quelle teilt mit, dass im Laufe einer kürzlich in Bozen abgehaltenen Sitzung, die der Parteiführung vorbehalten war, die SVP-Vertreter neben lokalen Fragen auch die Auswirkungen erörtert haben, die die Ernennung des neuen Botschafters der USA auf die Südtirolfrage haben könnte.

Man hat dabei mit Wohlwollen kommentiert, dass die Wahl des neuen Botschafters auf Zellerbach gefallen ist, weil:

•er ist deutscher Abstammung, deshalb geht man davon aus, dass er gefühlsmäßig den Problemen der deutschen Volksgruppe in Südtirol positiv gegenübersteht;

•er im Mai 1949 als Mitglied der E. C. A.-Mission [Economic Cooperation Administration, ein Teil des sogenannten Marshall-Planes – Anm. d. Autors] Südtirol besucht hat und dabei persönlich einige der aktuellen SVP-Vertreter kennengelernt hat.

Zusatz: Man sagt, dass damals der Regionalratsabgeordnete Dr. Alfons Benedikter über gemeinsame amerikanische Freunde deutscher Herkunft freundschaftliche Kontakte mit Herrn Zellerbach aufgenommen habe, um die Genehmigung eines wirtschaftlichen Wiederaufbauplanes für die Provinz Bozen anzuregen, der diesem auch gleich vorgestellt wurde. Es geht aber nirgends hervor, dass nach diesem Plan die Südtiroler Wirtschaft durch einen direkten amerikanischen Eingriff gestärkt worden ist.

Bisher gibt es keine Nachrichten über konkrete Initiativen vonseiten der SVP-Vertreter, die direkte Bekanntschaft mit Herrn Zellerbach auszunutzen.53

Wie genau das Innenleben der SVP beobachtet wird und man auch auf Informanten aus Österreich zurückgreift, zeigt ein Bericht über eine vertrauliche Versammlung des „Bergisel-Bundes“ (BIB) am 8. Juni 1959 in Salzburg. An der Sitzung nehmen rund 20 Personen teil, unter diesen auch der Landessekretär der SVP Hans Stanek. Ihm gilt die besondere Aufmerksamkeit des Informanten. Im Bericht – der wie die meisten dieser Informationen auch dem italienischen Außenminister Giuseppe Pella zur Kenntnis zugeht – werden die Aussagen wiedergegeben, die der SVP-Landessekretär während der Besprechung macht. Unter anderem stellt Stanek in Salzburg auch die schwierige finanzielle Situation seiner Partei dar.

Als Dr. Stanek auf die finanzielle Situation seiner Partei zu sprechen kam, hat er diese als durchaus kritisch bezeichnet, obwohl man 30.000 Mitglieder habe. Die politische Kampagne, die die Partei gestartet hat, auch auf internationaler Ebene, erfordert große finanzielle Anstrengungen; deshalb müssten auch in Österreich Hilfsgelder dafür gesammelt werden. Die Geldmittel, die aus Deutschland kommen, dürfen nur für kulturelle und nicht für politische Zwecke verwendet werden.54

Die Gelder, die aus dem deutschsprachigen Ausland nach Südtirol fließen, und die Finanzen der SVP sind ein immer wiederkehrendes Thema in den vertraulichen Berichten. So auch, als es um den neuen Parteisitz geht, der auf Kosten des Landes errichtet werden soll. Ende der 1950er-Jahre steht nämlich eines der größten Hotels von Bozen zum Verkauf. Das Hotel Bristol, mitten im Zentrum von Bozen, in der Nähe zum Palais Widmann, dem damaligen Sitz der Quästur (Dienststelle der Staatspolizei) und heutigem Sitz der Landesregierung gelegen, erregt nicht nur die Aufmerksamkeit der Baulöwen. Das Hotel wird 1961 abgerissen. In mehreren geheimen Berichten geht es bereits zwei Jahre zuvor um die geplante Immobilienoperation. Am 29. September 1959 schickt der Generalkommandant der Carabinieri Luigi Lombardi zwei vertrauliche Informantenberichte an den Staatssekretär im Ministerratspräsidium Carlo Russo. In einem dieser Berichte heißt es:

Quästur Bozen (im Palais Widmann): Verdeckter Kanal ins UAR.

Die Südtiroler Landesregierung hat soeben die Verhandlungen zum Kauf des Hotels „Bristol“ in Bozen um die Summe von 100 Millionen Lire abgeschlossen. Das Hotel soll dem deutschen Kulturverein „Kulturheim“ als Sitz zugewiesen werden, dessen Präsident der SVP-Abgeordnete Karl Mitterdorfer ist. Der endgültige Kaufvertrag wird in den nächsten Tagen unterzeichnet werden.

Da die Leitung der SVP aus dem derzeitigen Sitz in der „Villa Brigl“ ausziehen muss, wird es als sicher angenommen, dass das Haus von ihr besetzt wird – auch aufgrund der Abmachungen, die bereits mit dem Verein „Kulturheim“ getroffen wurden. Die neue Ansiedelung der SVP würde damit auf Kosten des Landes gehen, mit vorhersehbaren negativen Reaktionen der öffentlichen Meinung.55

Für das Innenleben der SVP interessiert sich auch der Bozner Quästor, der periodisch Berichte an das Innenministerium nach Rom schickt. Der Polizeichef leitet diese Berichte mit dem Titel „Notizie dell’Alto Adige“ auch an den italienischen Außenminister und das UZC weiter. Die Berichte basieren auf Meldungen der Informanten der Bozner Quästur und drehen sich vor allem im Jubiläumsjahr 1959 um eine Art Radikalisierung der Volkspartei:

Schreiben von Quästor Giuseppe Testa alias „Schatten“: „Natürlich weiß keiner der beiden vom Annäherungsmanöver an den anderen.“

Die Situation in Südtirol wird immer verzwickter […] Die Propaganda wird vor allem unter den Jungen immer stärker und führt bei diesen zu einem aufgepeitschten Geisteszustand. Das merken jetzt auch die Spitzen der SVP. Manche von ihnen fürchten die Folgen ihrer Handlungen, auch weil sie um ihre Stellung und ihr Ansehen zittern und Angst haben, von diesen Jungen überrannt zu werden.

Sicherlich auf Nadeln sitzt deshalb Dr. Silvius Magnago, weil seine Technik – die man am besten mit dem Spruch aus dem Volksmund „Es allen recht machen zu wollen“ [Original: colpo alla botte e quello al cerchio] zusammenfassen kann – seit einiger Zeit von diesen aufbrausenden Jungen durchschaut wurde, die jetzt drohen, ihn als SVP-Obmann zu stürzen und auch als Landeshauptmann, was für ihn noch mehr zählt.56

Dass der Informant mit dieser Einschätzung eindeutig daneben liegt und Silvius Magnago noch drei Jahrzehnte lang Landeshauptmann bleiben wird, kann man zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.

Operation „Los Angeles“


Ehemaliger SD-Mann Karl Hass: Kriegsverbrecher im Sold mehrerer Nachrichtendienste

Das amerikanische „Counter Intelligence Corps“ (CIC) setzt im Kampf gegen den Kommunismus auf ehemalige Nazis und Faschisten. Special Agent Joseph Peter Luongo leitet in Italien eine Geheimdienstoperation, an deren Spitze der SS-Mann und gesuchte Kriegsverbrecher Karl Hass steht. Luongo und Hass leben zeitweise in Bozen und sie haben hier auch wichtige Bezugspersonen, darunter einen Bozner Geschäftsmann und einen stadtbekannten Franziskanerpater.

Am 12. Juni 1996 wird es dem Mann im wahrsten Sinne des Wortes zu heiß. Joseph Peter Luongo packt die Koffer und verlässt unauffällig die Wohnung im Haus Nummer 49c in der Südtirolerstraße in Bozen. Der Mann, der einen Monat zuvor seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, fliegt noch am selben Tag in die USA.1 Obwohl es Luongo später anders darstellt, ist die plötzliche Abreise alles andere als ein Zufall. Der Amerikaner, der seit März 1984 seinen offiziellen Wohnsitz in Bozen hat, will eigentlich seinen Lebensabend in der Südtiroler Landeshauptstadt verbringen, doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein. 1994 wird nämlich im argentinischen Bariloche der ehemalige SS-Hauptsturmführer Erich Priebke verhaftet. Wegen verschiedener Kriegsverbrechen wird Priebke ein Jahr später nach Italien ausgeliefert. 1996 beginnt in Rom der Prozess gegen ihn, in dem schon bald ein anderer ehemaliger deutscher SS-Sturmbannführer eine zentrale Rolle spielt: Karl Hass. Spätestens mit dem Auftauchen von Hass weiß der in Bozen lebende Luongo, dass damit auch seine Vergangenheit öffentlich zu Sprache kommen wird und dass dann einige unbequeme Fragen auf ihn zukommen werden.

Zudem ist Luongo zu diesem Zeitpunkt bereits in eine gerichtliche Untersuchung verwickelt. Der venezianische Untersuchungsrichter Giovanni Mastelloni sowie sein Mailänder Kollege Guido Salvini ermitteln seit Jahren zu den Blutbädern und Terroranschlägen Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in Norditalien. Dabei gerät auch der zu diesem Zeitpunkt in Südtirol zurückgezogen lebende amerikanische Pensionist ins Visier der Ermittler. Joseph Peter Luongo zieht es deshalb vor, im Frühsommer 1996 Südtirol und Italien zu verlassen. Er wird das Land nicht mehr wiedersehen. Luongo stirbt knapp drei Jahre später am 31. Mai 1999 in den USA.

Dass sich an der Lebensgeschichte und Biografie des diskreten Amerikaners einige der wichtigsten Operationen der amerikanischen Nachrichtendienste zwischen 1945 und 1985 festmachen lassen, stellt sich erst durch die gerichtlichen Ermittlungen Ende der 1990er-Jahre heraus. An der Person Luongo kann man die unorthodoxe Beziehung zwischen den italienischen und den amerikanischen Nachrichtendiensten ebenso nachzeichnen wie die Differenzen und Konflikte zwischen den verschiedenen US-Geheimdiensten im Nachkriegseuropa. Dabei war und ist Joseph Peter Luongos Geschichte eng mit Bozen und Südtirol verbunden. Auch aus persönlich-privaten Gründen hat der Nachrichtenoffizier immer wieder von hier aus operiert. Der Hauptgrund aber ist die Tatsache, dass Südtirol in der Nachkriegszeit einer der Hotspots für die zentrale Operation der amerikanischen Nachrichtendienste ist: Die Anwerbung und Führung von ehemaligen Nazis mit Erfahrung im Nachrichtenwesen.

Joseph Peter Luongo wird am 3. Mai 1916 in New Haven in den USA als Kind von italienischen Einwanderern aus Salerno geboren. Zu Hause redet man breitesten salernitanischen Dialekt und in der Schule lernt Luongo natürlich Englisch, aber auch Italienisch.2 Mit der Landung der Alliierten kommt er im Herbst 1943 nach Italien. Fast 55 Jahre später erinnert sich Luongo im Interview mit der italienischen Tageszeitung „Il Mondo“:

Ich war ein einfacher Soldat der 88. Infanteriedivison des 5. Armeekorps der amerikanischen Armee und war in Piedimonte d’Alife in der Provinz Caserta stationiert, als ich von einem Leutnant gerufen wurde, der mir einen Stift zum Schreiben zeigte und mich fragte, wie der auf Italienisch heißt. […] Etwas verwundert über diese Frage antwortete ich „Lapis“. „Sehr gut“, sagte der Leutnant, „du kannst gehen.“ Ein paar Tage später kamen sie mich mit einem Jeep abholen, brachten mich in die Büros des 88. Counter Intelligence Corps, der Spionageabwehr der 88. Division, und mir wurde gesagt, dass ich jetzt dieser Einheit angehöre.3

Das „Counter Intelligence Corps“ (CIC) wird am 1. Januar 1942 ins Leben gerufen und ist der militärische Nachrichtendienst der USA. Die Aufgaben des CIC sind von Anfang sehr vielfältig. In den USA ist das CIC zusammen mit der Militärpolizei und dem „Federal Bureau of Investigation“ (FBI) für die Sicherheitsüberprüfung von Militärpersonal und die Abwehr von Sabotageaktionen zuständig. In Europa und im Pazifik operiert das CIC auf den Kriegsschauplätzen als klassischer Militärnachrichtendienst. Hunderte von sogenannten „Agents“ oder „Special Agents“ sammeln über Zuträger, Dokumente und abgefangene Funksprüche, aber auch durch die Befragung von Kriegsgefangenen Informationen über die gegnerische Seite. Zudem unterstützen CIC-Agenten hinter den feindlichen Linien den Widerstand und organisieren Sabotageaktionen und Aufklärungsmissionen.

Die Hauptaufgabe des CIC in der Nachkriegszeit ist anfänglich die Fahndung nach Kriegsverbrechern und deren Verhaftung. Gleichzeitig versucht das CIC den Schwarzhandel in Europa einzudämmen. Spätestens ab 1947 ändern sich diese ursprünglichen Zielsetzungen grundlegend. Im ausbrechenden Kalten Krieg gilt es plötzlich, den kommunistischen Feind mit allen Mitteln zu bekämpfen. Das CIC beginnt überall in Europa Agenten, Zuträger und Spitzel anzuwerben, um sie gegen die „rote Gefahr“ einzusetzen. Gleichzeitig werden diese Agenten auch gebraucht, um die aufstrebenden Nachkriegsdemokratien zu überwachen.4

CIC-Karteikarte von Karl Hass: „Methodisch und analytisch in seiner Arbeit“.

Diese Entwicklung lässt sich exemplarisch auch an der Person von Joseph Peter Luongo nachzeichnen. Nach der Landung der Alliierten nimmt der Italo-Amerikaner an mehreren CIC-Operationen in Süditalien teil. Im Juni 1944 ist er unter den ersten amerikanischen Soldaten, die nach Rom einmarschieren. Wenig später stoßen Luongo und das CIC nach Florenz vor, wo der Soldat formell dem CIC überstellt wird. Luongo bekommt den Rang eines „Special Agent“, den er bis zu seiner Pensionierung beibehalten wird. Im Mai 1945 wird Luongo nach Bozen versetzt, wo er zum Chef des dortigen CIC ernannt wird.5

Dass ausgerechnet Südtirol jahrzehntelang zum Spielfeld des CIC-Agenten aus New Haven wird, liegt vor allem in der Organisationsstruktur und den operativen Schwerpunkten, die der US-Militärnachrichtendienst in der Nachkriegszeit setzt. Während die US-Streitkräfte in diesen Jahren in Deutschland und Österreich als Besatzungsmacht präsent sind, ist die Situation in Italien deutlich anders. Dort ziehen sich die US-Streitkräfte ab 1946 weitgehend zurück und mit dem Heer muss auch das CIC mit wenigen Ausnahmen abrücken. Weil Italien in diesen Jahren mit dem Partito Comunista Italiano (PCI) in ganz Westeuropa die einzig wirklich effiziente und auch mächtige kommunistische Partei aufweist, ist die Gefahr einer kommunistischen Machtübernahme gerade auf der Halbinsel am realistischsten. Das CIC will hier gegensteuern. Man tut das vor allem von einem Nachbarland aus: Österreich. Ab 1946 baut das CIC in der Alpenrepublik eine Geheimdiensteinheit auf, die das besetzte Österreich und dort vor allem die Sowjetzone bearbeitet, aber auch Deutschland, Jugoslawien, Ungarn, die ČSSR und Italien. Die zwei wichtigsten CIC-Zentren liegen in der amerikanisch besetzten Zone in Oberösterreich, nämlich in Gmunden im Salzkammergut und in Linz. In Gmunden ist das „430th Army Counterintelligence Corps (CIC) Detachment“ stationiert und in Linz wird das „CIC Detachment 35“ eingerichtet. Joseph Peter Luongo wird 1946 aus Italien zuerst nach Gmunden und wenig später dann nach Linz versetzt.

Wie zentral diese beiden oberösterreichischen CIC-Stellen für die amerikanischen Nachrichtendienste in diesen Jahren sind, zeigt ein Aktenstück aus den National Archives in Washington. Es handelt sich um einen Zufallsfund: In einer Personalakte findet sich völlig zusammenhangslos eine Informantenliste des „CIC Detachment 35“ vom August 1951. Auf insgesamt 18 Seiten werden die Informanten und Spitzel des österreichischen CIC schön sauber mit Dienstnummer und vollem Namen angeführt. Es sind über 800 Männer und Frauen. Darunter findet sich zudem mindestens ein Dutzend zum Großteil honorige italienische Staatsbürger und ebenso viele Agenten, die in den 1940er- und 50er-Jahren in Italien für das CIC arbeiten.6 Es sind jene Informanten und Agenten, die für Joseph Peter Luongo tätig sind. Der CIC-Special Agent steuert von Gmunden und Linz aus in diesen Jahren Dutzende Spionageaktionen in Italien.

Die eindeutig wichtigste Operation trägt den Codenamen „Netzwerk Los Angeles“. In einem internen CIC-Papier wird die Mission in wenigen Sätzen skizziert:

Dem Netzwerk Los Angeles wurden die Aufgaben übertragen, Informationen über die Persönlichkeiten und Aktivitäten der Kommunistischen Partei Italiens zusammenzutragen, die Erstellung von Listen der gefährlichsten kommunistischen Elemente Italiens, taktische Studien zu Südtirol und eine Untersuchung aller Partisanenformationen zu machen.

In der Kurzbeschreibung heißt es dann weiter:

Das Netzwerk Los Angeles wurde am 20. Dezember 1947 aktiviert. Die Hauptquelle des Netzwerks Los Angeles ist der ehemalige SD-Major Karl Hass. Beim Sammeln von Informationen für Los Angeles nutzt die Hauptquelle die Dienste ehemaliger Abwehrkollegen (einschließlich eines in Bozen ansässigen Agenten), von Würdenträgern des Vatikans und der neofaschistischen Untergrundbewegung „Fasci di azione rivoluzionaria“ (FAR).7

Die Operation „Los Angeles“ macht dabei deutlich, wie sehr sich die Koordinaten in der Welt der Nachrichtendienste längst verschoben haben. Zwei Jahre nach Kriegsende arbeiten plötzlich ehemalige Feinde eng zusammen. Wie viele andere Dienste greift auch das CIC im anbrechenden Kalten Krieg ohne Bedenken auf gesuchte ehemalige NS-Funktionäre zurück, selbst dann, wenn sie sich eindeutig schuldig gemacht haben. Der Kopf des „Netzwerks Los Angeles“ ist ein Musterbeispiel dafür.

Der gesuchte Kriegsverbrecher

Karl Theodor Hass wird am 5. Oktober 1912 in Kiel als Sohn eines Ingenieurs und einer Hausfrau geboren. Mit 21 Jahren tritt er 1933 der SS bei, ein Jahr später dem Nazi-Geheimdienst „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (SD). Von 1934 bis 1940 arbeitet Hass im SD-Hauptquartier in Berlin, zuerst in der Presse-Sektion für Italien und Spanien, dann im Büro „Wissenschaft und Forschung – Sektion Mediterrane Länder“ und im Büro VI. „Nachrichtendienst“. In den Jahren 1940 und 1941 ist er SD-Kommandant in Amsterdam und Rotterdam, bevor er 1942 für ein Jahr als Assistenzprofessor für Politikwissenschaften an die Universität Berlin zurückkehrt. Von 1943 bis 1945 wird er als Militärattaché der deutschen Botschaft nach Rom versetzt und zum Chef des SD-Kommandos in Rom ernannt.8 Bereits in Berlin und noch deutlicher als SD-Kommandant in Holland und Italien arbeitet Karl Hass als Nachrichtenoffizier. Er wirbt Spitzel an, leitet Spionageoperationen und ist an der Aktion beteiligt, mit der ein deutsches Spezialkommando Benito Mussolini am Gran Sasso befreit. Nach der Besetzung Roms durch die Amerikaner ziehen sich der SD und Hass nach Parma zurück, von wo aus er die Geheimoperation „Ida“ leitet. Dahinter verbirgt sich nicht nur ein deutsches Spionagenetzwerk in Italien, sondern auch der Versuch, eine Art „Stay Behind“-Truppe in Norditalien aufzustellen. Die Operation scheitert zwar, dient aber am Ende als eine Art Vorbild für die „Gladio-“ und „Stay Behind“-Einheiten, die die CIA dann in den 1950er-Jahren in ganz Europa aufstellen wird.9

In Parma lernt Hass seine spätere Frau Anna Maria Fiorini, geboren am 1. Mai 1914, kennen. Bei Kriegsende tauchen beide – wie viele Nazis mit falschen Papieren ausgestattet – in Südtirol unter. Am 16. Juli 1945 heiraten Karl Hass und Anna Maria Fiorini in Bozen. Doch den beiden ist keine Ruhe gegönnt, denn als hoher SS-Offizier wird Hass von den Alliierten und von den Italienern gesucht. Am 15. November 1945 verhaften Beamte der Quästur Bozen einen gewissen Carlo Franco Massari, geboren am 5. Oktober 1910 in Berlin. Der Verhaftete wird von Joseph Luongo verhört und der CIC-Mann kriegt schnell die wahre Identität des Verhafteten heraus: Karl Theodor Hass.10 Es ist das erste Zusammentreffen zwischen Joseph Peter Luongo und Karl Hass.

Vom 11. November 1945 bis zum 29. Jänner 1946 wird Hass in Bozen und in Mailand inhaftiert, auf dem Gefangenentransport von Mailand nach Parma gelingt ihm aber wieder die Flucht. Am 14. Mai 1946 wird in Rom ein gewisser Antonio Sanson, geboren in Pola, Istrien, beschattet und schließlich verhaftet: Wiederum handelt es sich um Karl Hass. Einen Tag später wird er den Amerikanern übergeben.11 Doch die Reihe der Inhaftierungen und erneuten Fluchten setzt sich fort: In der Nacht vom 4. auf den 5. Juni 1946 flüchtet Hass erneut, wird aber bereits nach einem Tag in Gewahrsam genommen und ins Kriegsgefangenenlager Rimini gebracht. Am 20. Juli 1946 gelingt es Karl Hass, aus dem Lager zu entkommen. Knapp ein Monat später wird er in Bologna aufgegriffen und nach Rom an den CIC überstellt. Nach sieben Monaten Haft in Rom und Padua wird er dann im Frühjahr 1947 wieder in das Lager Rimini gebracht, wo ihm am 15. Juni 1947 erneut die Flucht gelingt.12 Vom Juni bis zum November 1947 versteckt sich Hass in einem Kloster in Fermo in den Marken.

Zu diesem Zeitpunkt wird Karl Hass nicht nur von den Amerikanern gesucht, auch die italienischen Behörden haben ihn längst zur Fahndung ausgeschrieben. Denn 1947 beginnt die italienische Justiz die Geiselerschießung in den Ardeatinischen Höhlen aufzuarbeiten. Am 24. März 1944 sind in diesen Höhlengängen an der Via Ardeatina im Süden Roms insgesamt 335 italienische Zivilisten erschossen worden. Das Massaker war die Vergeltung für einen Bombenanschlag der Partisanen in der Via Rasella in Rom, bei dem 33 Südtiroler Angehörige des Polizeiregiments „Bozen“ getötet worden waren. Im Zuge der Justizermittlungen wird der ehemalige Polizeichef Herbert Kappler verhaftet und verurteilt. Erich Priebke, ebenfalls in die Erschießung der 335 Geiseln verwickelt, gelingt die Flucht nach Südamerika. Auch gegen Hass wird ermittelt und ein Haftbefehl erlassen, weshalb er sich mit falschen Papieren nach Argentinien absetzen will. Er und seine Frau haben inzwischen den Namen Giustini angenommen.13

Doch zur Ausreise kommt es nicht. Im Herbst 1947 wird im Kloster in Fermo bei Ascoli ein CIC-Mann vorstellig, der die Vergangenheit von Hass bestens kennt. Der Amerikaner macht dem gesuchten SS-Mann ein Angebot. Als Karl Hass 50 Jahre später im Juli 1996 von der Staatsanwaltschaft Mailand verhört wird, erinnert er sich folgendermaßen an die Begebenheit:

Er fragte mich schließlich, ob ich angesichts der gemeinsamen marxistischen Bedrohung mit ihnen zusammenarbeiten möchte. Ich war sehr glücklich, weil man mir damit die Gelegenheit bot, nicht mehr im Untergrund zu leben, und ich sagte sofort zu. Der Hauptmann brachte mich mit dem Jeep direkt nach Gmunden, ohne Zwischenstopps in anderen CIC-Kommandos. Als wir den französischen Sektor in Österreich durchquerten, ließen mich die Amerikaner eine ihrer Uniformen anziehen.14

Dass Karl Hass 1996 die Wahrheit sagt, geht aus dem streng geheimen CIA-Personalakt hervor, der über Hass im Jahr 1950 angelegt wird. Dort heißt es zu seiner Anwerbung drei Jahre zuvor:

Das CIC-Rom verhaftete das Subjekt in drei verschiedenen Situationen, und weil beiden schließlich die dauernde Wiederholung von Flucht und Verhaftung zu mühsam geworden war, schloss man einen Friedenspakt, der vorsieht, dass er seine Talente und seine Energie zum Wohl und Nutzen des CIC zur Verfügung stellt. Weil man den Schauplatz Italien schließen musste, schlugen die CIC-Agenten vor, ihn nach Österreich zu bringen, wo er seine Arbeit fortsetzen kann. Dieser Vorschlag wurde vom Kommandanten des 430th CIC Detachment angenommen. Am 11. November 1947 wurde das Subjekt über die italienisch-österreichische Grenze und nach Linz gebracht, wo man ihn dem Kommandanten des 430th CIC Detachment, Linz übergab.15

In Linz und Gmunden wird der ehemalige SS-Mann dann vom CIC vier Monate lang ausgebildet. Am 15. Dezember 1947 unterzeichnet Karl Hass seine offizielle Verpflichtungserklärung für das CIC. Hass erhält für seine Arbeit anfänglich monatlich 150 Dollar, später dann 1.000 Dollar. Er bekommt die Dienstnummer „10/6369“ zugeteilt und einen Führungsoffizier, der seine Arbeit über ein Jahrzehnt lang begleiten wird: Joseph Peter Luongo.16

Eigentlich ist es Usus, dass sich Nachrichtenoffiziere ihren Agenten gegenüber mit Decknamen vorstellen, denn so können die Informanten notfalls nicht viel Konkretes gegen ihre Auftraggeber aussagen. In diesem Fall geht das aber nicht, denn Luongo und Hass hatten sich beim Verhör in Bozen zwei Jahre zuvor bereits kennengelernt. Im CIA-Personalakt von Karl Hass heißt es dazu:

Weil die Schlüsselperson den Status des Kontrollagenten von einem persönlichen Kontakt her kennt, war für diesen eine Legende nicht möglich.17

Fast 50 Jahre später, im Mai 1998, fragt ein Journalist der Zeitschrift „Il Mondo“ Luongo nach den Gründen für die Anwerbung von Karl Hass. Die Antwort des CIC-Führungsagenten, ganz sachlich-nüchtern:

Hass hatte für den deutschen Nachrichtendienst in Italien gearbeitet, er hatte Kontakte und Quellen. Unser Interesse war es, an diese Quellen zu kommen.18

Das CIC stuft Agent „10/6369“ von Beginn an als äußerst zuverlässige Quelle ein. In der „Los Angeles“-Akte heißt es dazu:

Diese Einstufung ist aufgrund der langjährigen Erfahrung der Quelle in der Geheimdienstarbeit gerechtfertigt. Sie ermöglicht ihm, bei seinen Informationen zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden. Aufgrund seiner teutonischen Erziehung und von zwölf Jahren Arbeit an Schlüsselpositionen im SD geht er methodisch und analytisch vor. Er verarbeitet die erhaltenen Informationen logisch und schlüssig. Zudem weicht er niemals von seiner Mission oder seinem Ziel ab. Er ist weder der Prahlerei noch der übertriebenen Bedeutung seiner Person verfallen.19

Wie wir noch sehen werden, ist das eine mehr als nur optimistische Einschätzung der Person Karl Hass.

Polizisten, Faschisten und der Vatikan

Zum Netzwerk „Los Angeles“ gehören von Anfang an zwei hochkarätige Funktionäre aus dem italienischen Polizeiapparat: Ulderico Caputo und Gesualdo Barletta, die wir beide bereits kennengelernt haben. Gesualdo Barletta und Joseph Peter Luongo dürften sich bereits in den letzten Kriegsjahren kennengelernt haben. Beide arbeiten jedenfalls in den Nachkriegsjahren bei mehreren Geheimdienstoperationen eng zusammen. Gesualdo Barletta wird vom CIC als Informant „10/6339“ geführt. In den geheimen CIC-Akten heißt es über den hohen Beamten im italienischen Innenministerium:

Sein Scharfsinn, seine Sachlichkeit, seine jahrelange Erfahrung, sein ausgezeichnetes Urteilsvermögen und sein unbestechlicher Charakter machen ihn zu einer einzigartigen Figur in den Rängen des Innenministeriums. Barlettas angeborener Hass auf den Kommunismus und die kommunistische Sache und sein scharfes Verlangen, den Kommunismus in Italien abzuwürgen, haben ihn veranlasst, mit einem amerikanischen Geheimdienst zusammenzuarbeiten. Er hat angeboten, dem CIC-Kontrollagenten von Los Angeles alle relevanten Informationen über die Aktivitäten der Kommunistischen Partei Italiens im In- und Ausland vorzulegen.20

Noch enger aber ist die persönliche Freundschaft zwischen Luongo und dem Polizeifunktionär Ulderico Caputo, der später der Nachfolger Barlettas als Chef des „Ufficio Affari Riservati“ (UAR) werden sollte. Ulderico Caputo wird am 16. Mai 1946 von Florenz nach Bozen versetzt. Der Hauptkommissar spricht gut Deutsch, weshalb man ihn an der Bozner Quästur auch für Sondereinsätze verwendet. Im Herbst 1947 wird Caputo zum Vizequästor befördert. Fast fünf Jahre lang bleibt er im Amt, bis er im Juli 1952 zum Quästor aufsteigt und einen Monat später nach Sizilien versetzt wird.21 Ulderico Caputo firmiert im „Los Angeles“-Netzwerk als Informant „10/5559“. Das CIC charakterisiert ihn so: „Er ist ein Karrierefunktionär und äußerst ehrgeizig“, und weiter:

Die Quelle ist jedoch von großer Bedeutung, da er von Zeit zu Zeit Listen der gefährlicheren kommunistischen Persönlichkeiten vorlegt, die in den Provinzen Bozen, Trient und Verona tätig sind.22

Gesualdo Barletta ist Leiter und Ulderico Caputo Teil des „Ufficio Affari Riservati“ (UAR), das sich gerade im Aufbau befindet. Man braucht und sucht Informanten und Quellen. Der Kontakt zu Luongo und dessen Agenten Hass ist auch unter diesem Gesichtspunkt für die beiden Polizeifunktionäre interessant. Das UAR kann in der Zusammenarbeit den eigenen Aktionsradius deutlich ausweiten. Der Schulterschluss geht dabei so weit, dass die beiden hohen Polizeibeamten nicht nur formell zu Agenten und Informanten des CIC werden, sondern Karl Hass auch mit gefälschten italienischen Papieren versorgen. So stellt das UAR 1948 zwei italienische Pässe für Karl Hass aus, einen auf den Namen „Mario Carlo Giustini“, den anderen auf „Rodolfo Giustini“.23

Das Netzwerk der Operation „Los Angeles“ verfügt auch über Quellen außerhalb des Innenministeriums. Unter den Agenten findet sich mit Oberst Carlo Perinetti (Informantennummer „10/5589“) ein hoher Carabinieri-Offizier, der 1960 kurzzeitig zum stellvertretenden Generalkommandanten der Carabinieri befördert wird. Ebenfalls Carabiniere ist zu dieser Zeit der Mailänder Gaetano Pignataro (Informantennummer „10/8479“).24 Beim Aufbau der Operation „Los Angeles“ wirbt Karl Hass aber vor allem Zuträger aus jenem Netzwerk an, das ihm als SD-Mann in Italien bereits zwischen 1943 und 1945 zu Diensten war. Die Schnittmenge, aus denen die meisten dieser Informanten stammen, kann man mit drei Begriffen umschreiben: Nazis, Faschisten und Vatikan.


Enrico De Boccard (links im Film „Oggi a Berlino“ 1962): Rechtsextremer Baron.

Die Liste der Hass-Informanten liest sich dabei wie ein Who’s who des italienischen Faschismus und Neofaschismus. So finden sich unter den Informanten des CIC-Netzwerks die Rechtsextremisten Ezio Maria Gray, Enrico De Boccard, Giuseppe Stasi und Pino Romualdi.

Ezio Maria Gray (1885–1969) ist Faschist der ersten Stunde, Teilnehmer an Mussolinis Marsch auf Rom im Oktober 1922 und danach über zwei Jahrzehnte lang eine Fixgröße in der faschistischen Hierarchie. Der gelernte Journalist bekleidet vor allem im Kulturbereich zahlreiche öffentliche Ämter. Nach dem Krieg wird Ezio Maria Gray wegen Kollaboration zu 20 Jahren Haft verurteilt, kommt aber nach wenigen Monaten aufgrund einer Generalamnestie wieder frei. 1946/47 ist Gray (CIC-Informantennummer „10/6365“) maßgeblich an der Gründung des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) beteiligt und wird zum stellvertretenden Parteichef ernannt. 1953 zieht er für den MSI in die Abgeordnetenkammer ein. Gray gründet zudem 1949 in Rom die Wochenzeitung „Il Nazionale“, für die er bis zu seinem Tod verantwortlich zeichnet.25

Zum „Los Angeles“-Netzwerk gehört auch Enrico De Boccard (1921–1988), eine skurrile Figur. Der zu Hause Französisch sprechende Baron und rechtsextreme italienische Journalist wird 1921 geboren und tritt als überzeugter Anhänger des Rassentheoretikers Julius Evola 1943 der „Guardia Nazionale Repubblicana di Salò“ bei. In den Nachkriegsjahren erregt Enrico De Boccard (CIC-Informantennummer „10/6361“) durch zwei Aktionen internationales Aufsehen. So 1951, als Neofaschisten bereits bei der Premiere des Partisanenfilms „Achtung! Banditi!“, in dem die junge Gina Lollobrigida eine Hauptrolle spielt, Protestkundgebungen in ganz Italien organisieren. De Boccard schreibt für das italienische Magazin „Meridiano d’Italia“ eine niederschmetternde Kritik über den antifaschistischen Film und greift darin die Hauptdarstellerin persönlich frontal an. De Boccards Fazit:

„Das Einzige von Beständigkeit [in diesem Film] ist Ginas Busen […] dieser sehr beachtliche Busen wird von allen möglichen Seiten präsentiert […] in Weitaufnahmen, in halbweiten Aufnahmen, in Nahaufnahmen, in Großaufnahmen und in Sehr-groß-Aufnahmen.“26

Gina Lollobrigida klagt und Enrico De Boccard wird zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch im zweiten Fall geht es um einen Prozess. In dem sizilianischen Dorf Cassibile in der Nähe von Siracusa hatten die Amerikaner und die Italiener am 3. September 1943 den Waffenstillstand unterzeichnet. Zur Erinnerung hatte man am Ort der Unterzeichnung eine Gedenktafel aufgestellt. Am 4. Juni 1955 wird diese Gedenktafel von Unbekannten gestohlen. Vier Monate später enthüllt Enrico De Boccard in einem offenen Brief an eine sizilianische Tageszeitung, dass er der Täter ist. Es sei eine „patriotische Tat“, weil diese Kapitulation eine nationale Schmach für Italien sei. Der Gedenkstein wird nie mehr aufgestellt, weil die Tafel während der Aktion anscheinend zerbrach. Es kommt in Siracusa zwar zum Prozess, aber De Boccard erhält auch hier nur eine Geldstrafe wegen Sachbeschädigung.27

Giuseppe Stasi (CIC-Informantennummer „10/6358“) hingegen ist einer der Führer der „Fasci di azione rivoluzionaria“ (FAR). Die FAR werden im Herbst 1946 in Rom gegründet, sie sind eine Fusion aus verschiedensten paramilitärischen, neofaschistischen Gruppen. Die FAR fallen in den Jahren zwischen 1946 und 1950 durch gewalttätige Aktionen auf. 1946 wird die Leiche Benito Mussolinis gestohlen und es gehen immer wieder Bomben und Sprengsätze vor Parteilokalen des PCI hoch. Zu den FAR-Anhängern zählt auch Enrico De Boccard. Bewaffnet und zusammen mit einigen Mitstreitern überfällt er in der Nacht des 30. April 1946 die römische Radiostation Monte Mario. Die Gruppe fesselt zwei Techniker und spielt über den Äther die faschistische Hymne „Giovinezza“. Genau diese Aktion findet später auch direkten Eingang in die Operation „Los Angeles“, denn wie aus den CIC-Plänen hervorgeht, bestand im Falle einer Machtübernahme der Kommunisten der Plan, dass das Netzwerk um Karl Hass genau diese Radiostation besetzen sollte.28

An der „Giovinezza“-Aktion ist ein weiterer Faschist beteiligt, der vom CIC im Hass-Netzwerk unter der Informantennummer „10/6349“ geführt wird: Pino Romualdi (1913–1988). Romualdi, der in Predappio geboren ist und sich zeit seines Lebens als unehelicher Sohn von Benito Mussolini ausgibt, jubiliert als Direktor der Tageszeitung „La Gazzetta di Parma“ im Dezember 1943 unter dem Titel „Finalmente“ (Endlich) über die Umsetzung der Rassengesetze in Italien:

Den Juden wurde jetzt ihr Platz zugewiesen. […] Die Volljuden werden in die Konzentrationslager kommen, während die Halbjuden von den Polizeibehörden beobachtet und sehr scharf kontrolliert werden.29

Romualdi gehört 1946 zu den Gründervätern des MSI. Über ihn heißt es in den CIC-Akten:

Extremer Nationalist mit einer eingefleischten faschistischen Weltsicht. Kraftvoll und willensstark, Idealist, äußerst intelligent, guter Taktiker.30

Das zweite italienische Standbein des CIC-Netzwerks ist der Vatikan. Von Beginn an arbeiten hohe Würdenträger der Kirche als Informanten und Zuträger für Karl Hass, so etwa Monsignore Federico Fioretti (Informantennummer „10/7139“), Chef des „Uffico Informazioni“ im Vatikan. Das Amt ist eine Art Pressebüro und diplomatische Vertretung, wo kirchliche Nachrichten aus aller Welt zusammenlaufen. Ebenso gehört der österreichische Bischof Alois Hudal (1885–1963) zum Netzwerk „Los Angeles“. Der Rektor des deutschen Priesterkollegs Santa Maria dell’Anima, der in den Nachkriegsjahren als Fluchthelfer prominenter Nazis in die Zeitgeschichte eingeht, erhält vom amerikanischen Militärnachrichtendienst CIC die Informantennummer „10/7119“.

Dazu kommt ein ehemaliger deutscher Priester, der seit vielen Jahr in Rom lebt: Wilhelm Benedikt Kueppers. Am 17. Februar 1915 in Mönchengladbach geboren, studiert er ab 1933 an der päpstlichen Hochschule Gregoriana in Rom und später am bischöflichen Seminar in Eichstätt in Oberbayern Theologie. Am 29. Juni 1939 wird er dort zum Priester geweiht. Vom Juli 1939 bis zum April 1941 ist Kueppers als Kaplan in Horrem bei Köln tätig. Dann muss er zur Wehrmacht einrücken. Weil er äußerst gut Italienisch spricht, wird er zuerst als Übersetzer in Tripolis eingesetzt und im Mai 1942 dann in das Hauptquartier von Erwin Rommel versetzt. Nach einem Jahr und dem Rückzug der Wehrmacht aus Afrika kommt Wilhelm Kueppers im Herbst 1943 wieder nach Italien, wo er als Übersetzer für die Wehrmacht und den SD in Desenzano am Gardasee und in Arezzo tätig ist.31 Aus Gewissensgründen desertiert Kueppers aber im April 1944 in Italien und wird deshalb von einem deutschen Kriegsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Im Herbst 1944 wird er von den Alliierten verhaftet und in das Kriegsgefangenenlager Cinecittà gebracht, aus dem er am 9. November 1944 flieht. Er kehrt in den Vatikan zurück und lebt dort bis zum November 1945 im deutschen Priesterkolleg Santa Maria dell’Anima.32

Am 7. November 1945 wird Kueppers von den Alliierten ein zweites Mal verhaftet und interniert. Nach einem Jahr Haft wird er für wenige Monate entlassen, um von den italienischen Behörden erneut verhaftet und ins Auffanglager Fossoli gebracht zu werden. Als deutscher Staatsbürger soll Kueppers aus Italien ausgewiesen werden. Im Februar 1947 wird er deshalb in ein Ausweisungslager nach Südtirol verlegt. Wieder gelingt ihm die Flucht und erst ein Jahr später, im März 1948, wird er von der Bozner Quästur festgenommen. Hier lernt er Ulderico Caputo kennen, der in Bozen als Vizequästor tätig ist.33 Wilhelm Kueppers legt wenig später sein Priesteramt nieder und heiratet im Oktober 1949 in Rom Luisa Vittoria Gherardi, die Tochter eines Carabinieri-Obersten. Er arbeitet zuerst als Übersetzer bei einer römischen Firma, dann als Autohändler und Vertreter für Mercedes-Schiffsmotoren.

Wilhelm Kueppers hat die CIC-Informantennummer „10/6362“. In seiner Karteikarte stehen als Ziele: „Vatikan, wirtschaftliche und soziologische Informationen“34. Kueppers betreibt zwischen 1948 und 1952 für Karl Hass und das CIC vor allem Wirtschaftsspionage in Rom, indem er verschiedenste Exportfirmen überwacht und analysiert. Zusätzlich verfolgt der ehemalige Priester auch die Vorgänge im Vatikan und die Naziseilschaften, mit denen Kriegsverbrecher nach Südamerika geschleust werden.

Ein weiterer Agent des Projekts „Los Angeles“ ist der albanische Schriftsteller und Politiker Ernest Koliqi (1903–1975), der sich in Italien und auch in den CIC-Akten „Ernesto Kolici“ nennt (Informantennummer „10/6469“). Koliqi kommt als Schüler der Jesuiten nach Brescia und studiert dann an der Universität Padua. In den 1930er-Jahren gründet er in Albanien eine viel beachtete Zeitschrift, schließt sich den albanischen Faschisten an und wird schließlich zum Unterrichtsminister ernannt. Koliqi arbeitet in den Nachkriegsjahren vor allem als Schriftsteller und Übersetzer italienischer Literatur ins Albanische.

So grundverschieden die Informanten des Netzwerks teilweise sind, so eint sie doch eine Sache: der Kampf gegen links und den Kommunismus. Und das ist auch die Hauptstoßrichtung der Operation „Los Angeles“. Fortsetzung

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