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Klaus Stefan Freyberger · Christian Zitzl

Im Labyrinth

des Kolosseums

Das größte Amphitheater der Welt

auf dem Prüfstand

Unter Mitarbeit von Christine Ertel (†)


In memoriam Christine Ertel

128 Seiten mit 61 Abbildungen

Titelbild:

Oben: Rom, Kolosseum, Luftaufnahme. Foto. A. Blüher, Rom.

Unten: Photodisc, Vol. 60.

Frontispiz: Rom, Kolosseum, Luftaufnahme. Foto. A. Blüher, Rom.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2016 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media GmbH, Mainz am Rhein

ISBN 978-3-945751-89-3

Lektorat: Anne Hessinger, Susanne Menten

Gestaltung: Lohse Design, Heppenheim

Gestaltung Titelbild: Lohse Design, Heppenheim

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

1 Einleitung (K.S.F.)

Forschungsgeschichte

Ziel und methodische Durchführung der Arbeit

Anmerkungen

2 Das Kolosseum in Rom: Bau- und Nutzungsgeschichte (K.S.F.)

Der Aufbau des Außenbaus

Der Aufbau des Innenbaus

Die Verteilung der Sitzplätze

Die Arena und das Untergeschoss

Anmerkungen

3 Bauphasen des Kolosseums: Archäologische Befunde (C.E.)

Ausgrabungen rund um die Meta Sudans

Ausgrabungen in der Arena des Kolosseums

Die Holzabdeckungen in der Arena

Anmerkungen

4 Das Kolosseum im Vergleich mit Bauten in Latium aus dem 1. Jh. v. Chr. (K.S.F.)

Anmerkungen

5 Das Kolosseum im Vergleich mit anderen ausgewählten Amphitheatern (K.S.F.)

Pompeji

Lage und Aufbau

Außenbau

Innenbau

Datierung

Castra Albana (Albano Laziale)

Amphitheater (Phase I)

Lage, Materialien und originaler Bestand

Datierung

Amphitheater (Phase II)

Erweiterungsbauten

Datierung und historischer Kontext

Verona

Lage und Größe des Bauwerks

Außenbau

Fassadenaufbau

Innenbau

Datierung

Arelate (Arles)

Lage und Größe des Bauwerks

Außenbau

Innenbau

Datierung und historischer Kontext

Nemausus (Nîmes)

Lage und Größe des Bauwerks

Außenbau

Innenbau

Datierung

Formvergleich zwischen den Amphitheatern in Arelate und Nemausus

Die Fassaden

Maße und Proportionen der Arkadenbögen

Die Gewölbeformen

Die Datierung der Amphitheater in Arelate und Nemausus und deren zeitliches Verhältnis zum Kolosseum in Rom

Puteoli (Pozzuoli)

Kleines Amphitheater (Bau I)

Lage und Größe des Bauwerks

Außenbau

Innenbau

Datierung

Großes Amphitheater (Bau II)

Lage, Bautechnik und verwendete Materialien

Außenbau

Innenbau

Datierung

Capua (Santa Maria Capua Vetere)

Kleines Amphitheater (Bau I)

Lage, Bautechnik und verwendete Materialien

Erhaltungszustand und Datierung

Großes Amphitheater (Bau II)

Lage, Bautechnik und verwendete Materialien

Außenbau

Innenbau

Datierung und Baugeschichte des Großen Amphitheaters

Funktion des Kleinen und Großen Amphitheaters in Capua

Anmerkungen

6 Die Darstellung des Kolosseums auf dem „Bautenrelief“ aus dem Grab der Haterier in Rom (K.S.F.)

Das Amphitheater des Statilius Taurus

Anmerkungen

7 Ein neuer Vorschlag für die Baugeschichte des Kolosseums (C.E. – K.S.F.)

8 Das Kolosseum im Spiegel der antiken literarischen Überlieferung (C.Z.)

Amphitheatrum Caesareum

Amphitheatrum Statilii Tauri

Spectaculum urbanum?

Anmerkungen

9 Das Kolosseum – mehr als ein Amphitheater: Evolutionstheorie (C.Z.)

Anmerkungen

10Für immer prägend! (C.Z.)

Glossar (Auswahl)

Verzeichnis der zitierten Literatur

Bildnachweis

Auflösung Autorenkürzel: C. E. = Christine Ertel; C. Z. = Christian Zitzl; K. S. F. = Klaus Stefan Freyberger

Vorwort

„Quamdiu stabit Colysaeus, stabit et Roma.

Quando cadet Colysaeus, cadet et Roma.

Quando cadet Roma, cadet et mundus.“

(Beda Venerabilis)

Solange das Kolosseum steht, besteht auch Rom.

Wenn das Kolosseum fällt, fällt auch Rom.

Wenn Rom fällt, fällt auch die Welt.

Der geneigte Leser wird sich bei der Lektüre des Buches fragen, warum dem Kolosseum in Rom schon wieder eine Publikation gewidmet ist, obwohl dieses Gebäude hinreichend erforscht und bekannt ist. Bei genauerer Betrachtung des Monumentalbaus sind aber formale Kriterien festzustellen, welche die herkömmliche Ansicht über dessen Baugeschichte in Frage stellen. Aus diesem Grund beschlossen die Autoren, sich erneut mit diesem Monument kritisch auseinander zu setzen, indem sie die jüngsten Grabungsberichte, die Bau- und Dekorformen im Vergleich mit anderen Amphitheatern aus der römischen Welt und die schriftliche Überlieferung antiker Autoren unter dem Aspekt der Bau- und Nutzungsgeschichte des Kolosseums analysierten. Entscheidende Anregungen für dieses Vorhaben gab uns Christine Ertel, die durch ihren frühen Tod im Jahr 2015 ihre Beiträge zu dem vorliegenden Werk nicht vollenden konnte. Durch ihre Kommentare und Interpretationen der Grabungsbefunde lieferte sie wertvolle Bausteine für die Zielvorgaben der Untersuchung, in die ihre hinterlassenen Texte in einer ergänzten Fassung eingearbeitet wurden. Dank ihrer Verdienste um die antike Bauforschung ist die vorliegende Publikation Christine Ertel gewidmet, deren sachkundige und zielorientierte Arbeit uns in Zukunft fehlen wird. Für Ratschläge und Hilfestellungen danken wir Heide Behrens, Heinz Beste, Felice Costabile, Mira Fischer, Barbat Gheorghe, Rüdiger Gogräfe, Uta Hassler, Nicolò Masturzo, Günter Reinhart, Nicole Röring, Andreas Scholl und Stephan Zink. Schließlich gebührt unser Dank Annette Nünnerich-Asmus und ihren Mitarbeiterinnen für die reibungslose Zusammenarbeit bei der Herstellung der vorliegenden Publikation.


Klaus Stefan Freyberger
Christian Zitzl München/​Freyung, Juni 2016


Einleitung

Kein antikes Bauwerk in Rom vermag eine so große Faszinationskraft auf die Besucher auszuüben wie das Kolosseum (Abb. 1, 2). Als meistbesuchter Attraktions- und Erinnerungsort im Herzen der Ewigen Stadt wird das Bauwerk bis heute nicht nur von Touristen, sondern auch von Künstlern, Architekten und Altertumswissenschaftlern aus aller Welt aufgesucht.

Forschungsgeschichte

Unzählige wissenschaftliche Untersuchungen aus den Bereichen der archäologischen, historischen und kunsthistorischen Forschung vermitteln ohne Widerspruch eine einheitliche Vorstellung über den geschichtsträchtigen Monumentalbau. Nach gängiger Meinung ließ Kaiser Vespasian (69–79 n. Chr.) das größte Amphitheater der Antike mit einem Fassungsvermögen von rund 50.000 Zuschauern auf dem Gelände eines trockengelegten Sees errichten. Dabei fällt auf, dass im Fokus der Studien mehr das Geschehen der Gladiatoren- und Tierkämpfe steht als das Bauwerk selbst.1 Erst in jüngerer Zeit rückten das architektonische Rahmenwerk und die Ausstattung des Kolosseums und anderer Amphitheater der römischen Welt in den Vordergrund der Betrachtung. Größere Untersuchungen galten einzelnen Amphitheatern2, die meist in Abhängigkeit von der flavischen Chronologie des Kolosseums in diese oder gar spätere Zeit datiert wurden.3 Kleinere Studien sind auch der Bautechnik und den verwendeten Baumaterialien gewidmet.4 Beschränkten sich die genannten Arbeiten vorwiegend entweder auf einen Bau oder nur wenige Gebäude, so erschienen auch Publikationen, die das Thema der Amphitheater in übergreifender Weise erörterten. Allen voran ist die Arbeit von J.-C. Golvin zu nennen, die bis heute die Grundlage für alle Forschungen zu römischen Amphitheatern liefert.5 Gleich einem Kompendium enthält diese Studie eine Gesamtschau der Monumente von der späten Republik bis in das 3. Jh. n. Chr. Die ausführlichen Beschreibungen der Bauwerke sind für den Leser durch zahlreiche Pläne mit Grund- und Aufrissen sowie mit Längs- und Querschnitten leichter nachvollziehbar. Von großem Verdienst ist auch das Monumentalwerk von G. Tosi, in dem das ganze Material und alle Daten zu den Amphitheatern in Italien vorgelegt sind.6 Eine der jüngsten Untersuchungen zu diesem Thema ist die groß angelegte Arbeit von T. Hufschmid, die den Amphitheatern in Italien und den römischen Provinzen gilt.7 Ausgehend von den Amphitheatern in Augusta Raurica analysiert der Autor nicht nur deren architektonische Befunde und technische Einrichtungen, sondern vergleicht auch diese Bauwerke mit Amphitheatern in Italien, insbesondere mit den Bauten in Rom, Pompeji, Puteoli (Pozzuoli) und Capua (Santa Maria Capua Vetere). Aus der Gegenüberstellung geht hervor, in welcher Weise das paradigmatische Vorbild aus Rom in den Provinzen aufgenommen und auch eigenwillig umgesetzt wurde. Darüber hinaus wird das römische Amphitheater im kulturhistorischen Kontext übergreifend erörtert. K. Welch thematisierte in ihrer Monographie vor allem die Amphitheater in spätrepublikanischer und augusteischer Zeit.8 Dabei hob sie zu Recht die Bedeutung des in der Forschung wenig beachteten Amphitheaters des Statilius Taurus hervor, das zum verbindlichen Leitbild aller folgenden Amphitheater in der römischen Welt wurde.9


Abb. 1: Rom, Kolosseum, Fassade, Nord-West-Ansicht.

Ziel und methodische Durchführung der Arbeit

Trotz der großen Anzahl kritischer Studien wurden die bis heute fest verankerten Vorstellungen über die Baugeschichte des Kolosseums nie in Frage gestellt. Dieser Tatbestand mutet umso merkwürdiger an, da die Bau- und Dekorformen Anhaltspunkte liefern, die auf eine entschieden ältere Entstehungszeit des Gebäudes verweisen. Was für alle Repräsentationsbauten gilt, trifft nämlich auch für Theater und Amphitheater zu: Die Fassade eines flavischen Monuments kann kaum genauso aussehen wie die eines wesentlich älteren Bauwerks, zumal es keine feststehende funktionale Fassadengestaltung gibt. Aus diesem Grund ist zu überprüfen, inwieweit die Datierung des Kolosseums in flavische Zeit ihre Berechtigung hat.

Zudem ist schwer vorstellbar, dass ein Monumentalbau wie das Kolosseum ausgerechnet an die Stelle eines Sees gesetzt worden sein soll. Kein Architekt würde jemals versuchen, ein solches Areal als Baugrund zu wählen, wenn andere Bauplätze zur Verfügung stehen. Ein See hinterlässt, auch wenn er trockengelegt ist, einen weit schlechteren Baugrund als ein von vornherein trockenes Gelände. Man hätte die Fundamente aus opus caementicium auf einen Pfahlrost setzen und immer mit hohem Grundwasser rechnen müssen. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass die Angaben antiker Autoren, die sich auf den künstlichen See, das stagnum, beziehen, einer anderen Erklärung bedürfen.

Angesichts dieser Ungereimtheiten setzten sich die beiden Autoren in der vorliegenden Arbeit das Ziel, das herkömmliche Bild über die Bau- und Nutzungsgeschichte des Kolosseums kritisch zu überprüfen. Dabei wurden die Befunde der Grabungen im Bereich des Kolosseums und der Meta Sudans, die Bau- und Dekorformen unter Berücksichtigung technischer Kriterien, aufschlussreiche Bildwerke des Kolosseums sowie die Bauinschriften und die schriftlichen Zeugnisse antiker Autoren zu diesem Bauwerk eingehend analysiert. Eine ausführliche Konfrontation mit anderen Amphitheatern dient dazu, die Chronologie des stadtrömischen Monumentalbaus zu präzisieren. Da im Rahmen dieser Studie nur eine begrenzte Auswahl von Vergleichsbeispielen herangezogen werden kann, wurden signifikante, für die Zielvorgaben der Arbeit aussagekräftige Bauwerke ausgewählt. Aus der Vernetzung und Gesamtschau aller Fakten ergaben sich inhaltliche Aspekte, die das herkömmliche Wissen über die Baugeschichte des Kolosseums in ein neues Licht stellen. Wenn auch die Resultate von hypothetischem Charakter sind, so zeigen sie doch das größte Amphitheater der Antike in einem erweiterten historischen Kontext, der Anregungen zu zukünftigen Untersuchungen mit neuen Aufgabenstellungen geben soll.


Abb. 2: Rom, Kolosseum, Zuschauerraum mit Arena.

1

Beispiele dafür liefern die Studien von Hönle – Henze 1981, 13–84 und Connolly 2003, 66–151.

2

Coarelli – Franzoni 1972, passim.

3

Ein besonders prekärer Fall ist die domitianische Datierung der Amphitheater in Arelate und Nemausus: Lugli 1964/​1965, 145–199.

4

Fincker 1994, 185–207; Fincker 1999, 265–275.

5

Golvin 1988, passim.

6

Tosi 2003, passim.

7

Hufschmid 2009, passim.

8

Welch 2007, passim.

9

Ebd., 108–127.


Das Kolosseum in Rom:
Bau- und Nutzungs­geschichte
Der Aufbau des Außenbaus

Das von Kaiser Vespasian in Auftrag gegebene Amphitheater ist ein freistehender Hochbau, der auf einem Plateau aus Pflastersteinen, der platea, aufragt (vgl. Abb. 1, 2, 3). Die viergeschossige Fassade von 49 m Höhe besteht weitgehend aus großen Quaderblöcken aus Travertin, einem Kalkstein, der bis heute im Anienetal bei Tivoli gewonnen wird. Jedes der drei unteren Geschosse verfügt über 80 Arkaden, die durch Pfeiler mit vorgelegten Halbsäulen eingerahmt sind. Diese drei Geschosse gliedern sich von unten nach oben in eine dorisch-tuskanische, eine ionische und eine korinthische Ordnung (Abb. 4 – 7). Dieselbe Abfolge der drei Ordnungen ist an der Außenfassade des Marcellus-Theaters in Rom feststellbar, das aber im Aufbau der Gebälke vom Kolosseum abweicht (vgl. Abb. 12). Schlichte und ausgewogene Proportionen zeichnen die äußere Fassade des zuletzt genannten Bauwerks aus. Die aus drei Faszien und einem Krönungsglied bestehenden Archivolten liegen auf profilierten Kämpfergesimsen auf. Besitzen die Halbsäulen der dorisierenden Ordnung Basen und schmale Plinthen (vgl. Abb. 7), so ragen die Halbsäulen der zweiten und dritten Ordnung auf hohen Piedestalen empor (vgl. Abb. 3, 6). Alle drei Ordnungen haben ein schlichtes Epistyl ionischer Prägung: Ein Architrav mit drei Faszien und einem Krönungsglied, ein zurückspringender Fries mit glatter und nicht verzierter Oberfläche sowie ein profiliertes Gesims bilden den Aufbau. Ein Zahnschnitt über dem Gesims der dritten Ordnung leitet zum vierten Geschoss über, das sich im Aufbau der Fassade von den drei unteren Geschossen gänzlich unterscheidet (vgl. Abb. 3). Schmale Pilaster gliedern die Wand in 80 Felder, die im Wechsel mit einem Fenster durchbrochen und einem Bronzeschild versehen waren. Im obersten Drittel der aufgehenden Wand verlaufen in jedem Feld drei mit Löchern ausgestattete Konsolen, die in der Anzahl und Position der Löcher mit den Konsolen des Kranzgesimses korrespondieren. In diesen Öffnungen steckten hölzerne Masten, die mali, an denen die Sonnensegel, die vela befestigt waren.10 Bei diesen handelt es sich um ein monumentales, in mehrere Segmente unterteiltes Tuch, das dem Publikum als Schutz vor Sonne und Regen diente. Das Auf- und Einziehen der Sonnensegel oblag Spezialeinheiten der Marine, die in Misenum im Golf von Neapel stationiert waren. Zeigen die ersten drei Geschosse im Aufbau der Fassade, dem Schnitt und der Größe der Steinquader ein homogenes Erscheinungsbild, so weicht von diesem das vierte Geschoss gänzlich ab (vgl. Abb. 3 – 7). Nicht nur der Fassadenaufbau, auch die Steinblöcke mit ihren kleineren Ausmaßen und verschiedenen Größen unterscheiden sich diametral von der Außenfassade der drei unteren Stockwerke. Das oberste Geschoss erlitt durch einen Blitzeinschlag im frühen 3. Jh. n. Chr. einen schweren Schaden, der eine umfangreiche Restaurierung nach sich zog, wobei man sich aber bei der Wiederherstellung dieses Abschnitts mit großer Wahrscheinlichkeit am Vorbild des Vorgängerbaus aus flavischer Zeit orientierte.


Abb. 3: Rom, Kolosseum, Fassade.

Von den 80 Arkadenbögen weisen 76 über ihrer Archivolte eine in die Steinmauer eingravierte Zahl auf, um dem Publikum einen geregelten Zugang in das Innere des Bauwerks zu gewährleisten (CIL VI 32263) (vgl. Abb. 4). Der Besucher konnte nur das Portal passieren, dessen Nummer auf der Eintrittsmarke angegeben war. Die beiden Haupteingänge auf der von Norden nach Süden ausgerichteten Querachse besaßen keine Nummern, da sie nur für politische Würdenträger zugänglich waren (Abb. 8). Gemäß ihrem Stellenwert hatten die beiden Portale die Form eines prächtigen Torbaus, eines Propylons, auf dessen Attika eine bronzene Quadriga aufragte. Darüber hinaus war das Tonnengewölbe über den Eingängen mit Stuck verziert. Um das Amphitheater verlief eine mit Travertin-Platten gepflasterte und von Travertin-Pfeilern eingefasste Fläche. Die Pfeiler, von denen sich bis heute vier an der Ostseite befinden, dienten als Absperrung. Auf diese Bestimmung verweisen die paarweise an der Innenseite der Pfeiler angebrachten Löcher, in denen Bügel aus Metall steckten. Diese dienten als Halterung für Balken, die das Areal des gesamten Bauwerks absperrten.11 Das vollständige Areal war umfangen von einer zweigeschossigen Portikus, von der spärliche Überreste am Fuß des Mons Oppius erhalten sind.

Der Aufbau des Innenbaus (vgl. Abb. 2)

Der heutige Eingang liegt an der Südseite der Querachse (Abb. 8, 9). Wenn auch der aktuelle Erhaltungszustand der cavea und des Untergeschosses der Arena den originalen Zustand verunklärt, so lässt sich dennoch das System der Zugänge und der inneren Wege weitgehend rekonstruieren. Den vier Ordnungen des Außenbaus entsprechen im Inneren die vier Ränge, die maeniana (Abb. 10). Diese sind durch breite Umlaufe voneinander getrennt, an deren hangaufwärts zur cavea gerichteten Seite Mauern, die praecinctiones oder baltei, verlaufen. Die beiden Haupteingänge auf der Querachse, die nur politische Würdenträger passieren konnten, führten zu zwei Tribünen, die heute nicht mehr erhalten sind. Alle anderen Eingänge, die an der Fassade nummeriert waren, führten in radial postierte Korridore, die in allen vier Sektoren symmetrisch zueinander angeordnet sind. Die Korridore wurden von vier umlaufenden überwölbten Gängen, den ambulatoria, durchschnitten, von denen aus die Besucher zu den Sitzplätzen auf den vier Rängen gelangten. Der erste Rang, die Tribüne oder das Podium, bestand aus breiten Stufen, auf denen die für die Honoratioren reservierten Sitze, die subsellia, befestigt waren. Eine kurze Rampe, die vom innersten ambulatorium ihren Anfang nahm, gewährte einen direkten Zugang zu diesen Plätzen. Da diese unmittelbar an die Arena grenzten, mussten die ersten Reihen der Tribüne aus Sicherheitsgründen mit einer hohen Absperrung rund um die Arena versehen werden. Einst verlief zwischen der Tribünenwand und der Arena ein überdachter Gang, von dem sich vierundzwanzig mit wasserdichtem Putz ausgekleidete Nischen öffneten. In diesem Bereich befand sich ein komplexes Zu- und Abflusssystem des Wassers, das nahelegt, dass diese Nischen ursprünglich zu einer Latrinenanlage gehörten. Der zweite Rang der cavea, das maenianum primum, verfügte über acht marmorne Stufen, die über den dritten Umgang erreichbar waren. Weitere Rampen, die steiler als die unteren und seitenverkehrt zu diesen angeordnet sind, führten in den dritten Rang, das maenianum secundum. Dieses war in zwei Abschnitte, das maenianum imum und das maenianum summum, unterteilt, in denen sich die meisten Sitzplätze befanden. Von diesem Rang aus führten Treppen in den obersten Rang, der in der Höhe dem vierten Geschoss der geschlossenen Außenfassade entspricht und nach seinen Sitzstufen aus Holz als das maenianum summum in ligneis bezeichnet wird. Vor der untersten Sitzstufe öffnete sich ein Ring von 80 marmornen Säulen zur cavea hin. Einige der erhaltenen Kapitelle, die in einem Depot aufbewahrt sind, lassen sich aufgrund ihrer stilistischen Formgebung in das frühe 3. Jh. n. Chr. datieren und sind aus diesem Grund der großen Restaurierungsphase in severischer Zeit zuzuschreiben. Der ausgeklügelte Aufbau und die funktionale Verbindung von Rampen, Treppen und Ring-Gängen ermöglichten einen raschen Zugang und ein ebenso zügiges Verlassen des Amphitheaters. Die Einhaltung der nach sozialen Schichten bestimmten Sitzordnung war durch die Nummerierung der Eingänge, der Ränge und der Sitzplätze des Bauwerks und durch die entsprechenden Zahlen auf den Eintrittsmarken geregelt.


Abb. 4: Rom, Kolosseum, Fassade, erstes Geschoss, Eingang LII mit dorisierenden Kapitellen und ionischem Gebälk.


Abb. 5: Rom, Kolosseum, Fassade, zweites Geschoss mit ionischer Ordnung.


Abb. 6: Rom, Kolosseum, Fassade, drittes Geschoss mit korinthischer Ordnung.


Abb. 7: Rom, Kolosseum, Fassade, erstes Geschoss, Halbsäule mit Basis und Plinthe.

Die Verteilung der Sitzplätze

Jeder Bürger besaß eine Eintrittsmarke, auf der die Nummern der Arkade (vgl. Abb. 4), des Ranges, des Zuschauersektors und der Stufe angegeben waren. Der Platz in einem Rang der cavea spiegelte die soziale Stellung seines Inhabers wider. Laut Sueton (Augustus 44, 3–4) ließ Augustus die Sitzordnung hierarchisch regeln, indem die verschiedenen sozialen Schichten bei öffentlichen Aufführungen ganz bestimmte Ränge und Plätze einnahmen. Die Senatoren nahmen die erste Reihe der Tribüne ein. Ihnen folgten die hohen Offiziere in der ersten Reihe des ersten maenianum. Auf Treppenstufen eingravierte Inschriften forderten zur Beachtung der Rangordnung auf. Sie geben das Amt, die Priesterklassen, die Stände und die Volksgruppen an. Reservierte Plätze für Botschafter und ausländische Diplomaten (hospites) sind durch Inschriften kenntlich gemacht. Ferner sind Reservierungen für Personen aus bestimmten Orten bezeugt, beispielsweise für die Einwohner von Cadiz (Gaditanorum). Andere Inschriften erwähnen eigene Plätze für die Lehrer (pedagogi puerorum) oder die noch nicht Volljährigen, die nach ihrer Kleidung, der toga praetexta, praetextati hießen. Ein epigraphisches Zeugnis aus dem Jahr 80 n. Chr. enthält eine Liste mit reservierten Plätzen für die Mitglieder des Priesterkollegiums der Arvalen (CIL VI 2059 = 32363), die entsprechend ihrem Rang innerhalb des Kollegs in unterschiedlichen Sektoren des Zuschauerraums von der Tribüne bis zu den hölzernen Treppenstufen Platz nehmen mussten. Einige der marmornen Blöcke, die ursprünglich zur Brüstung (pluteus) des Podiums gehörten, sind mit den Familiennamen von Senatoren versehen. An einer der Brüstungen ist auf der Vorderseite eine Ehreninschrift für den Präfekten von Rom Flavius Paulus angebracht, der um die Mitte des 5. Jhs. n. Chr. eine Restaurierung des Zuschauerraums durchführen ließ. Auf der Rückseite finden sich in entsprechender Position zu den dahinter folgenden Sitzplätzen Inschriften mit den Namen mehrerer Senatoren, die ihren Platz in der ersten Reihe hatten. In anderen Fällen waren die Namen am oberen Rand der Treppenstufe eingraviert. Die Namen verstorbener Senatoren wurden entfernt und durch die Namen neuer Personen dieses Standes ersetzt. Die noch lesbaren Namen beziehen sich auf Senatoren aus dem späten 5. Jh. n. Chr., einem Zeitpunkt, der das Ende der Spiele im Amphitheater markiert.


Abb. 8: Rom, Kolosseum, Grundriss, Erdgeschoss

Unteres Niveau: a) Haupteingänge auf der Längsachse; b) Service-Türen; c) Fenster; d) Zugang zum Podium; e) Treppen zum maenianum primum; f) Treppen zum obersten Bereich der cavea; g) Kanäle; h) Travertin-Pfeiler zur Anbringung von Absperrschranken; i) Platea. A: Räume unter den Logen (sacella?) XXXVIII bis LIIII: Eingangsnummern über dem Scheitel der Arkaden.


Abb. 9: Rom, Kolosseum, Grundriss, Untergeschoss

1. Plan des Souterrains. A: Zentraler Gang unter der Arena; B: Seitengänge unter der Arena; C, D: Unterirdische Ringgänge; E: Endgänge ohne Ausgang; F: Durchgang zum Ludus Magnus; G: Unterirdischer Verbindungsgang zum pulvinar, angelegt während der Herrschaft des Kaisers Commodus; H: Hauptgang auf der Querachse.

a) Überwölbte Service-Räume; b) Service-Treppen; c) posticae auf zwei Ebenen; d) Windensteine zur Befestigung des Drehlagers der Winden.

2. Querschnitt. A: Zentraler Gang auf der Längsachse; B: Seitengänge; C, D: Ringgänge; d) zentral postierte posticae auf zwei Ebenen und Lastenaufzüge; H: Hauptgang auf der Querachse; h) Travertin-Pfeiler zur Anbringung von Absperrschranken; i) Konsolen als Halterung für die Masten der Sonnensegel.


Abb. 10: Rom, Kolosseum, Schnitt durch die cavea mit Glossar

Nr. 1: Erstes ambulatorium (Deambulatorium); Nr. 2–4: Zweites bis viertes ambulatorium; Nr. 5: Podium (Tribüne); Nr. 6: Maenianum primum (Zweiter Rang); Nr. 7: Maenianum secundum imum (Dritter Rang, unterer Bereich); Nr. 8: Maenianum secundum summum (Dritter Rang, oberer Bereich); Nr. 9: Maenianum summum in ligneis; Nr. 10: Arena; Nr. 11: Podiumsmauer; Nr. 12: Brüstung (pluteus); Nr. 13–15: Umlauf (iter praecinctionis).

Die Arena und das Untergeschoss (vgl. Abb. 2, 8, 9)

Die zwei auf der Ost-West ausgerichteten Längsachse des Amphitheaters gegenüberliegenden Eingänge gewährten Eintritt in die Arena. Diente die porta triumphalis auf der Westseite als Eingangsportal für die Gladiatoren, so war das Pendant auf der Ostseite, die porta libitinaria, für den Abtransport der Toten bestimmt. Der Name des Torbaus bezieht sich auf Venus Libitina, die in Rom als die Schutzheilige der Grabstätten galt und in einem heiligen Hain bei den Nekropolen am Esquilin verehrt wurde. Von beiden Eingängen aus konnte man über steile Treppen direkt in die unter der Arena gelegenen Räume gelangen, in denen die Tiere gehalten und die für die Spiele notwendigen Ausrüstungen und Ausstattungen aufbewahrt wurden (vgl. Abb. 2, 9). Das gesamte unterirdische Geschoss war in vier Segmente unterteilt, die sich durch die Kreuzung der Längs- und Querachse ergaben. Entlang der Außenmauer verliefen weitere Räume, die dem Betrieb der Spiele dienten. Ursprünglich überwölbt, wurden sie später in kleine zweigeschossige Zellen umgebaut. Um in der Arena die umfangreiche und schwere Bühnenausstattung zu bewegen, gab es ein System von Gegengewichten und schiefen Ebenen im Unterbau, von dem noch die Löcher im Fußboden der Gänge zeugen. In diesem Bereich waren die Winden zur Bewegung der Gegengewichte in Windensteinen verankert, die auch im Großen Amphitheater in Capua bezeugt sind.12 Charakteristisch für die Windensteine ist das Oberlager mit einem runden Loch im Zentrum und zwei sich gegenüberliegenden schwalbenförmigen Vertiefungen, in denen das metallene Drehlager der Winden verankert war.

Der Zentralgang, der sich unter dem Osteingang fortsetzte, verband die unterirdischen Räume des Amphitheaters mit dem Ludus Magnus, der nahe gelegenen Gladiatorenkaserne (Abb. 11).13 Heute sind noch die Spuren von Umbauarbeiten, Restaurierungen und Wiederaufbauten zu sehen, die durch Brand- und Naturkatastrophen sowie durch Abnutzungen erforderlich waren. Der Zerfall des Untergeschosses markierte das Ende der Gladiatorenspiele und führte schließlich zur Aufgabe des gesamten Gebäudes.


Abb. 11: Rom, Ludus Magnus, Grundriss.

10

Graefe 1979, 56–61 Abb. 62–68 Taf. 55–63.

11

Ebd., 61 Taf. 63,3; Hufschmid 2009, 416 Abb. 155 links.

12

Hufschmid 2009, 468 Abb. 239.

13

Coarelli 2001, 147–151 Abb. 1–4; Bosso – Moesch 2001, 320 Nr. 8 mit Abb.; Coarelli 2003, 204–207 mit Plan.


Bauphasen des Kolosseums:
Archäologische Befunde
Ausgrabungen rund um die Meta Sudans

Auf den Ruinen von älteren, vermutlich durch den neronischen Brand zerstörten Häusern nordsüdlicher Ausrichtung entstanden ab 64 n. Chr. östlich und nördlich der späteren Meta Sudans äußerst stabile Substruktionen aus opus caementicium. Bei den Grabungen wurden 17 Räume ganz oder teilweise freigelegt. Diese Strukturen zu beiden Seiten einer schmalen Straße werden einer Terrassenarchitektur der Domus Aurea zugerechnet.14 Nachdem der Schutt des neronischen Brandes weggeschafft war, schüttete man das Gelände bis zu 4 m hoch auf. Diese Maßnahme wirkt wenig überzeugend. Wenn das Gelände tatsächlich um 4 m erhöht wurde, hätte man den Brandschutt einplanieren können. Es wurde aber nur eine dünne Schicht davon gefunden. Diese Niveauerhöhung brachte man in Verbindung mit dem aus der schriftlichen Überlieferung bekannten künstlichen See auf dem Gelände der Domus Aurea.

Statt das Gelände aufzuschütten und dann in diese Aufschüttung das Wasserbecken hinein zu graben, hätte man den See einfach direkt im Gelände ausheben können.

Die Substruktionskammern von 7 × 4 m Größe sind nach Westen und Osten geöffnet.15 Deren Stirnseiten bestanden auf der Ostseite aus feinem Ziegelmauerwerk, in dem auch wiederverwendete Fragmente von tegolae zu erkennen sind. Als Beischlag für den Kern des opus caementicium diente ebenfalls Ziegelbruch. Die bis in eine Tiefe von 6 – 7 m reichenden, in eine Schalung gegossenen Fundamente bestehen dagegen aus caementicium mit gemischten Beischlagstoffen. Die Kammern zeigen an den Wänden keine Spuren einer Verkleidung, ebenso sind keine Partien von Fußböden feststellbar.

In den 1986 ausgehobenen Gräben für neue Gasleitungen an der Westseite des Kolosseums zeigten sich Baureste, die angeblich eine Fortsetzung dieses Substruktionssystems nach Norden belegen. Weitere Mauerzüge nördlich des Amphitheaters wurden 1992 angeschnitten.16 Die Rückwände der nördlich der Meta Sudans gelegenen Räume 1–10 traten westlich des Kolosseums noch einmal zu Tage.17 Östlich der Kammerreihen zeigte sich in den Gasleitungsgräben ein anderes Substruktionssystem mit größeren Räumen. Als westlicher Abschluss dieser Struktur diente ein auf der Forma Urbis verzeichneter Mauerabschnitt in Nord-Süd-Richtung. Die Anhaltspunkte für diese weiter östlich liegenden Substruktionen sind allerdings gering. Von den vier rekonstruierten Pfeilern wurden nur Reste von zwei Objekten gefunden. Diese setzte man in Zusammenhang mit zwei Mauerzügen. Es ergeben sich Räume, welche die dreifache Spannweite in Ost-West-Richtung aufweisen wie die südlich der Meta Sudans ausgegrabenen Kammern. Aufgrund der schwächeren Struktur erscheint es sehr fraglich, ob überhaupt von Substruktionen gesprochen werden kann. Es können jedenfalls nicht beide Architektursysteme in einem Atemzug genannt und als Terrassenunterbauten definiert werden.18

Die Kammerreihen bei der Meta Sudans tangieren nicht das Kolosseum, sondern streichen westlich von diesem vorbei. Das östliche Raumsystem in der vorgeschlagenen Rekonstruktion scheint dagegen von dem Amphitheater gestört zu werden. Die Beweislage für diesen Sachverhalt ist allerdings schwach. Über die Zeitstellung der östlichen Räume ist nichts bekannt. Nicht zwangsläufig müssten diese Strukturen und das Amphitheater auf eine zeitliche Abfolge schließen lassen. Der Grabungsbefund gestattet auch die Interpretation, dass die Räume an ein bestehendes älteres Amphitheater angebaut sein könnten, denn eine Berührung zwischen dessen Außenfassade und dem postulierten Gebäude wurde nicht gefunden. Die später mit den östlichen Substruktionen verbundenen Mauerreste im Nordwesten des Kolosseums setzen deren Raumsystem nicht fort.19 Die Orientierungen der Mauern bleiben gleich, aber in diesem Bereich fanden sich weder die für das südöstliche Raumsystem kennzeichnenden Mauerpfeiler, noch ähnliche Raumgrößen. Vermutlich wurde von den neuen, nicht weiter erläuterten Leitungskünetten für die 1992 erneuerten Gasleitungen ein anderes Gebäude angeschnitten. Wie auch immer die beiden Substruktionssysteme und die anderen Mauerzüge zu interpretieren sind, so reichen die ausgegrabenen Reste keinesfalls für die Rekonstruktion des von Sueton erwähnten künstlichen Sees aus. Trotzdem wird an seiner Existenz und an den postulierten Maßen festgehalten.20 Für ein Wasserbecken mit einer Fläche von ca. 40.000 qm gibt es keinerlei archäologische Beweise; es wurden auch keine Wasserzu- oder -ableitungen gefunden, die für eine Anlage dieser Dimension ebenfalls reichlich ausgelegt gewesen sein müssten.

Ausgrabungen in der Arena des Kolosseums

Bei den Ausgrabungen in den Jahren 1986, 1995 und 1998/​1999 im Bereich der Arena kamen in fünf der acht Schnitte ältere Baureste zum Vorschein.21 Die Strukturen wurden in das jüngere Bauwerk integriert oder von ihm gestört. In den Grabungsfeldern von 1, 19 und 27 aus den Jahren 1986 und 1995 wurden Tuffmauern freigelegt. An ihnen ist eine Ost-West orientierte Verbauung des Geländes ablesbar, die in die Zeit vor der Herrschaft Neros zu datieren ist. In Schnitt 1 legt sich ein Boden in opus signinum darüber. Dieser ist den Fußböden der Domus unter dem Tabularium und der Kammern des von Portiken umgebenen oberen Hofs des Heiligtums von Praeneste ähnlich. Aufgrund der Übereinstimmungen mit den verglichenen Böden sind die Bodenreste unter dem Kolosseum entweder in die letzten Jahrzehnte des 2. oder spätestens in die 1. Hälfte des 1. Jhs. v. Chr. zu datieren.22 Auf dem Boden befindet sich ein Brandschutt, der wie fast alle Brandschichten im Bereich des Kolosseums in Verbindung mit dem neronischen Stadtbrand gebracht wird.

Im Schnitt 1995 zeichnen sich drei ältere Bauphasen ab. Über der ältesten freigelegten Quadermauer zeigten sich Spuren eines jüngeren Mauerzugs und schließlich ein Stampfboden. Aus der unregelmäßigen Anordnung der Mauerreste und der Existenz mehrerer älterer Bauphasen wird auf eine lebhafte Bautätigkeit in der späten Republik geschlossen. Auf der Tuffmauer US 18 ruht unmittelbar die als flavisch angesehene Bodenplatte aus opus caementicium23, die sogenannte Masicciata, die auch die Peperinmauer US 1915 in Schnitt 19 überdeckt. In die als Masicciata bezeichnete Schicht wurden die einzelnen Tuffquader der aufgehenden Mauern um einige Zentimeter eingetieft. Nur in Schnitt 27 liegt zwischen der Quadermauer eine Planierschicht mit Travertin- und Tuffbrocken sowie umgelagerten Keramikfragmenten aus dem 3. – 1. Jh. v. Chr.24 Diese Planierung kam auch in Schnitt 6 zum Vorschein25, die beim Abriss der Vorgängerbebauung und der Einebnung des Geländes in Niveauhöhe von 15,50 – 15,71 m entstand. Von diesem Niveau aus wurden die Fundamentgräben der Tuffmauern ausgehoben, die sich unter der Masicciata fortsetzten. Es zeigten sich keine Anzeichen für ein künstliches Wasserbecken. Dieser Befund führte zu der Annahme, dass ein solches zwar existiert hatte, aber bei der Herstellung des sogenannten flavischen Bauniveaus völlig zerstört wurde. Die aus opus caementicium errichteten Fundamente des Kolosseums bestehen aus zwei ellipsenförmigen Ringen von 6 m Höhe.26 Der untere Ring wurde nur sehr beschränkt durch Grabungen und Bohrungen nachgewiesen, der obere Ring ist sichtbar. An der Südseite des Amphitheaters kam die äußere Ringmauer des jüngeren Fundaments mit einer Breite von 1,20 – 2,50 m zum Vorschein, welche die Baugrube begrenzte. Die Fundamente setzen sich stufenförmig über die älteren Baureste hinweg.

Im Jahr 2000 wurden sechs Bohrungen im Bereich der Arenaeinbauten ausgeführt.27 Vier von ihnen stellten die Fundamenttiefe der Tuffmauern mit 3,25 m fest. Die Bohrkerne wiesen unterschiedliche Ausführungen der Fundamente nach, die auf das unregelmäßige Gelände zurückgeführt werden. Da die Tuffblöcke der Mauern nicht direkt auf den Streifenfundamenten, sondern auf der Grundplatte der Masicciata ruhen, besaß das Untergeschoss der Arena demnach eine Bodenoberfläche, die zunächst ohne Mauern genutzt wurde. Die Blöcke des opus quadratum aus Monteverde-Tuff erreichten Maße bis zu 2,40 × 1,30 × 0,90 m.

Zwischen den Befunden der spätrepublikanischen Zeit und der vermuteten flavischen Bauzeit des Kolosseums besteht eine chronologische Lücke. Daraus folgt zwingend, dass nach den beschriebenen Befunden das Kolosseum spätestens in die spätrepublikanische Zeit und zwar in den Zeitraum vom Ende des 2. Jhs. bis in die 1. Hälfte des 1. Jhs. v. Chr. datiert werden muss.

Nach der Planung und Ausführung der Fundamente während der Herrschaft des Kaisers Vespasian wurden im Jahr 80 n. Chr. die Einweihungsspiele von dessen Sohn Titus veranlasst. Das aufgehende Mauerwerk stammt angeblich aus der Regierungszeit des Titus und Domitian.28 Angesichts der für ein Bauwerk dieser Dimension auffallend kurzen Zeitspanne vom Entwurf bis zur Einweihung (ca. zehn Jahre) und der chronologischen Lücke im Fundmaterial überrascht vor allem die Tatsache, dass aus dem vermeintlich flavischen Bauniveau keine flavischen Funde erwähnt wurden.

Die Holzabdeckungen in der Arena

In den Untergeschossen der Arena wurden Reste einer Bauphase vorgefunden, die noch vor der Errichtung der Tuffmauern in Benutzung stand. Ein System von Quadern aus Travertin mit quadratischen Pfostenlöchern trug senkrechte und darüber waagrechte Holzbalken, die in die Umfassungsmauer der Arena einbanden. Zueinander halten sie einen Abstand von 1,50 m ein.29 Man nimmt an, dass diese Konstruktion für eine der Einweihungsfeiern 79 oder 80 n. Chr. entstand. Mit ihr war es möglich, die noch unbebaute Fläche des Untergeschosses für Naumachien (Seeschlachten) zu nutzen. Diese sind von Martial (Liber spectaculorum 24–26, 30) und Sueton (Domitian 4) schriftlich bezeugt. Die durch große Nischen und Steinkonsolen belebte Umfassungsmauer hätte bei diesen Veranstaltungen eine Art Bühnenhintergrund geboten.

Für die Abdeckung der Arena in vespasianischer Zeit ersetzte man die einzelnen Pfostenhalter aus Travertin durch Ost-West orientierte Mauerzüge aus Tuff, die das Untergeschoss in die 2 – 4 m breiten Korridore A bis H unterteilten. Diese Mauern waren 0,90 m tief und 6,30 m hoch. Man geht davon aus, dass sie zu schwach bemessen waren und nachträglich verstärkt werden mussten. Die Holzabdeckung der Arena ist anhand der Spuren auf den Oberlagern der erhaltenen Tuffmauern rekonstruierbar (Phase A).30 In den schwalbenschwanzförmigen Aussparungen auf den Mauerkronen lagen kurze Querhölzer, die parallel zu den Mauern verlaufende Pfetten unterstützten. Diese trugen Querbalken, die den betreffenden Korridor überspannten und auf denen die Bohlen des Bretterbodens auflagen.

Allen Phasenbeschreibungen am Kolosseum ist anzumerken, dass die chronologische Prämisse eines Neubaus auf der grünen Wiese bzw. im See in flavischer Zeit Probleme aufwirft. Die Bauabfolge muss auf einen sehr kurzen Zeitraum zusammengedrängt werden. Der Entwurf wird der Regierungszeit des Kaisers Vespasian zugeschrieben. Die Mittel für den Bau kamen aus der Beute des Jüdischen Kriegs und standen demnach wohl erst ab 71 n. Chr. zur Verfügung. Das Gebäude wurde aber laut der Überlieferung von Sueton (Domitian 4,1) erst während der Herrschaft des Kaisers Domitian fertiggestellt, der bereits wieder die hölzerne Arenaabdeckung für die Einweihungsfeier durch Titus mit Mauereinbauten erneuern musste.31 Es erscheint unsinnig, dass eine höchstens zehn Jahre alte Struktur schon wieder restauriert werden musste, da dieselben Tuffmauern noch heute bestehen. Zu der 24 Jahre währenden Herrschaft der flavischen Dynastie gehören demnach sowohl die Abdeckung der Arena mit den Blöcken aus Travertin als auch die Pfostenständer und der auf den Tuffmauern aufliegende Arenaboden der Phase A. Warum sollte man extra für die beiden Einweihungsfeiern 79 und 80 n. Chr. einen eigenen Arenaboden errichten, um bald danach Mauerzüge einzuziehen und eine völlig anders konstruierte Arenaabdeckung auszuführen?

Mit diesen Maßnahmen wurde die Nutzung für Naumachien aufgegeben. Es fragt sich, warum dem Spielbetrieb diese Einschränkung auferlegt wurde. Vielleicht hatte Nero, der für Naumachien mit Krokodilen schwärmte, an seinem „stagnum“ bauliche Veränderungen vornehmen lassen, welche die Weiterführung dieser Darbietungen erschwerten. Das zur Flutung der Arena nötige Wasser könnte in der Domus Aurea anderen Zwecken zugeführt worden sein. Die domitianische Datierung der Tuffmauern beruht auf der Annahme, dass nach der Errichtung der Naumachia Vaticana diese Funktion ausgelagert wurde. Ebenso erscheint es eigenartig, dass zwei Eröffnungsfeiern stattfanden, obwohl sich das Bauwerk angeblich erst in einem rudimentären Zustand befand.32 Es kann sein, dass es sich dabei nur um propagandistische Spektakel handelte, aber wahrscheinlicher ist die Annahme, dass die Strukturen eines älteren Amphitheaters weiter benutzt wurden.

14

Panella 1990, 62–70 Abb. 1, 2, 4–6, 27–34.

15

Ebd., 67–70 Abb. 34.

16

Panella 1996, 166 Abb. 154.

17

Panella 1990, 67 Abb. 1, 16, 28; Panella 1996, Abb 6, 7.

18

Panella 1996, 166 Abb. 154.

19

Medri 1996, 166 Abb. 152, 154.

20

Rea et alii 2002, 343 Abb. 1, 2.

21

Rea et alii 2000, 313–317, 337 f. Abb. 2, 4, 16, 30, 38–40.

22

Vorbehaltlich der Richtigkeit der Datierungen. Die Datierungsgrundlagen erscheinen größtenteils wenig tragfähig und lassen frühere Entstehungszeitpunkte möglich erscheinen.

23

Ebd., 316, 330 Abb. 37 US 628: Massicciata, 0,50 m stark.

24

Ebd., 322 Abb. 16 (US 2731), 324.

25

Ebd., 319 f. Abb. 11 (US 630).

26

Rea et alii 2002, 346–349 Abb. 4, 6, 7. Die Zeichnung Abb. 6 besitzt weder eine Angabe zur Lage des Aufschlusses noch zu den Himmelsrichtungen. Dasselbe gilt für Abb. 7, auf der unter den vielen Strukturen der obere Fundamentring nicht sicher zu erkennen ist.

27

Ebd., 354–361 Abb. 10, 12.

28

Beste 1998, 118.

29

Beste 2000, 115–118.

30

Beste 2011, 262–269 Abb. 2, 3.

31

Rea et alii 2002, 352 f.

32

Ebd., 346 noch ohne äußere Tragkonstruktion (?).

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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204 стр. 75 иллюстраций
ISBN:
9783945751893
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