Читать книгу: «Der Traum von Heilung»

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Inhalt

Vorwort

Einleitung

Fragestellung, Untersuchungsgegenstand und theoretischer Ansatz

Quellen und Forschungsstand

Aufbau

Die gesunde Schweizer Alpenluft

Kathedralen der Erde

Reisen in die Alpen

Der Berg heilt

Der Aufstieg der Ärzte

Ärzte werden tonangebend

Die Tuberkulose und die Diätetik

Ärztemacht und die Verbreitung von Ärztewissen

Die Theorie des immunen Klimas

Hermann Brehmer verkündet Heilung

Alexander von Humboldt und die therapeutische Entdeckung der Höhe

Konkurrenz unter Kurorten

Eine Landschaft wird zum Sanatorium

Der Mann, der Davos erfand

Ein Zeitungsartikel bringt den Durchbruch

Davos als Kopie von Görbersdorf

Der Aufstieg von Davos

«Feinde ringsum»: Streit um die Höhenkur

Abschied vom immunen Klima

Die Liegekur und die Bazillen

Konfusion um den Erreger

Frische Luft: Bakteriologischer Support für die Höhenkur

Bazillenfurcht und hygienische Sanatorien

Der Tuberkulose-Tyrann von Davos und das erste Sanatorium

Arosa, Leysin, St.Moritz – und der Uetliberg

Robert Kochs Fehlschlag als Glücksfall für die Höhenkur

Sanatorium, Exzess, Tod – die Höhenkur um 1912

«Davos, ein Schwindel?» – Geschäftemacherei mit der Familie Mann

Volksseuche, Volkssanatorien, Höhenklima

Der schädliche Exzess und die totale Institution

Privatsanatorien, Libido, Toxine

Kritik, Chirurgie, Tod

Mieschers Traum

Friedrich Miescher und die Höhenphysiologie

Pathologien der Höhe

Mieschers Physiologie der Heilung

Zweifel an Mieschers Theorie

Die Verteidigung der «Blutrevolution»

Mieschers Traum wird wahr

Ein Forschungsinstitut für die Höhenkur

Adolf Loewys Ruf nach Davos

Ein Forschungsinstitut als «sicher wirkende Reklame»

Physiologische Erkundigungen in Teneriffa

Streit über die Zahl der Blutkörperchen

Emil Abderhalden, Joseph Barcroft und die Entfernung der Milz

Eine leise Enttäuschung

Der zerstörte Mythos

Bioklimatologie – Licht und Luft des Hochgebirges

Die Klimatologische Tagung von Davos und Carl Dorno

Das Mädchen, der Tod und der Glücksfall für Davos

Dornos «Studie über Licht und Luft des Hochgebirges»

Davoser Klimatologie vor Dorno: Carl Wetzel und Hugo Bach

Pioniere der Lichttherapie: Finsen, Bernhard, Rollier

Schicksalsschläge und das Lob der UV-Strahlen

Die Abkühlungsgrösse und «das gesündeste aller Klimata der Erde»

Wissenschaft, populäre Schriften und Propaganda

Dornos Tod

Die unendliche Suche nach dem Heilfaktor

Exkurs: Die Nazis und das Höhenklima

Der Herbst der Höhenkur – im Sanatorium um 1946

Heilung durch Streptomycin und ein Verrat

Das Unbehagen der Sanatoriumsärzte

Die ungebrochene Liebe zum Messer

Der Abstieg vom Zauberberg

Schluss: Behandlung ohne Heilung

Epilog: «Der allererste Fall»

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Anmerkungen

Vorwort

Der Mythos der Höhenkur ist bis heute lebendig, und die Alpenluft wird noch immer als heilsam beschrieben. Was vor über 150 Jahren mit der Behandlung von lungenkranken Patientinnen und Patienten im Höhenklima begann, soll heute als sogenannter medical tourism reiche Früchte tragen und gesundheitssuchende Touristen in Schweizer Ferienorte führen. Die Faszination für Luft und Licht des Hochgebirges scheint ungebrochen, und gerade deshalb entschloss ich mich, eine Dissertation über die Höhenkur zur Behandlung der Lungentuberkulose zu schreiben, nachdem ich vor über zehn Jahren eine Lizentiatsarbeit zu diesem Thema verfasst hatte. Die Dissertation, die ich für das vorliegende Buch überarbeitet und gekürzt habe, entstand neben meiner hauptberuflichen Tätigkeit als Journalist. Dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, konnte nur gelingen, weil mich zahlreiche Personen unterstützten. Ihnen allen bin ich zu grossem Dank verpflichtet. Namentlich danke ich Philipp Sarasin, meinem Gutachter am Historischen Seminar der Universität Zürich, der meinem Projekt jederzeit wohlwollendes Interesse entgegengebracht hat und mir konzeptuell und inhaltlich äusserst wertvolle Anregungen gegeben hat. Monika Dommann hat sich spontan bereit erklärt, die Zweitbegutachtung zu übernehmen. Dafür wie auch für versierte Vorschläge bin ich ihr sehr dankbar. Dank schulde ich auch Iris Ritzmann, deren Fachwissen für mich überaus wertvoll war. Wichtig war überdies die Mitarbeit derjenigen Personen, die mir beim Auffinden der Quellen zu dieser Geschichte geholfen haben. Ich bedanke mich insbesondere bei Timothy Nelson von der Dokumentationsbibliothek Davos und bei Monika Huber und Ursula Reis vom Medizinhistorischen Institut der Universität Zürich. Werner Schmutz, Direktor des Physikalisch-Meteorologischen Observatoriums Davos /Weltstrahlungszentrum, hat mir freundlicherweise Zugang zu seinem Archiv gewährt.

Mehrere Personen haben Teile dieser Arbeit gelesen und mir in Gesprächen wichtige Anstösse gegeben. Ich bedanke mich dafür bei Niklaus Ingold, Florian Rohner, Markus Binder, Stephan Durrer, Tamara Weder und Stefan Schürer. Sehr anregend waren zudem die fachlichen Diskussionen in meiner Lesegruppe, der auch Michael Jucker und Stefan Keller angehören. Im Weiteren konnte ich mich mit verschiedenen Personen austauschen, welche die Geschichte der Tuberkulosebehandlung aus eigener Erfahrung kennen. Zu grossem Dank verpflichtet bin ich Hedi Csomor-Scheiwiller, einst Lungenpatientin in Davos und später selbst Ärztin. Sie hat mir mit ihren Schilderungen eine andere Sichtweise des Themas ermöglicht. Sehr wertvoll war für mich auch der Austausch mit Markus Noll, emeritierter Professor für Molekularbiologie. Ebenfalls sehr anregend waren die Gespräche mit Peter Braun, dem langjährigen Chefarzt der Höhenklinik Clavadel in Davos. Für das Interesse an meiner Arbeit und die hilfreiche Unterstützung bedanke ich mich zudem bei Otto Brändli, ehemals Chefarzt der Zürcher Höhenklinik Wald, und bei Max Kuhn, ehemals Leitender Arzt für Pneumologie am Kantonsspital Chur.

Verschiedene Institutionen haben die Drucklegung finanziell unterstützt. Ich bedanke mich bei Lunge Zürich, der Schweizerischen Stiftung für Tuberkuloseforschung, der Kulturförderung Graubünden, der Claire Sturzenegger-Jeanfavre Stiftung und der Stiftung vormals Bündner Heilstätte Arosa. Zudem bedanke ich mich bei der Salomon David Steinberg-Stipendien-Stiftung. Bei der Suche nach Bildern für die Publikation war mir Pascal Werner von der Fotostiftung Graubünden behilflich. Ermöglicht hat die Publikation schliesslich der Verlag Hier und Jetzt in Baden. Ich danke Verlegerin Madlaina Bundi für die umsichtige Begleitung der Publikation und Rafael Werner für das sorgfältige Lektorat.

Am meisten zu danken habe ich aber meiner Familie, ohne deren Verständnis und Hilfe ich dieses Buch nicht hätte schreiben können. Ich bedanke mich bei Sara Galle für ihre Anteilnahme und für zahlreiche wertvolle Gespräche. Ihr und unseren Söhnen Andri und David ist dieses Buch gewidmet.

Zürich, im November 2016

Einleitung

An keiner Krankheit starben um 1900 in der Schweiz oder in Deutschland mehr Menschen als an Tuberkulose. Wirksame Medikamente gegen die Krankheit fehlten, weshalb die Behandlung in Sanatorien und Heilanstalten vielen als einziger Hoffnungsschimmer erschien. Viel frische Luft, reichliche Ernährung, Ruhe und Bewegung und häufig auch der Aufenthalt in einem als heilsam erachteten Klima waren die Eckpfeiler der Therapie. Verschiedene Ärzte propagierten diese Behandlung, während andere sie verwarfen. «Wie ich helfen soll, weiss ich nicht, aber was Sie meinen, Herr Kollege, ist Unsinn», gab der Davoser Arzt Friedrich Jessen die verfahrene Situation wieder.1 Das berühmteste Beispiel von Kritik am Sanatoriumsbetrieb ist Thomas Manns Roman Der Zauberberg von 1924. In Roman entpuppt sich Hofrat Behrens, ärztlicher Leiter des fiktiven Davoser Sanatoriums Berghof, als gewiefter Geschäftsmann, der sich seine Patientennachfrage gleich selbst schafft: «Früher hätten im Sommer nur die Treuesten der Treuen in diesem Tale ausgeharrt», heisst es im Roman. Diesen für die Davoser Sanatorien unerfreulichen «Missstand» verstand der Arzt zu korrigieren. «Er habe die Lehre aufgestellt», so die Erzählung eines langjährigen Kurgasts, dass «die sommerliche Kur nicht nur nicht weniger empfehlenswert, sondern sogar besonders wirksam und geradezu unentbehrlich sei. Und er habe dieses Theorem unter die Leute zu bringen gewusst, habe populäre Artikel darüber verfasst und sie in die Presse lanciert. Seitdem gehe das Geschäft im Sommer so flott wie im Winter.»2 Der wirtschaftliche Erfolg des Sanatoriums im Zauberberg war also auf eine Reihe von Artikeln zurückzuführen.

Die Passage aus dem Zauberberg umreisst anschaulich den Gegenstand dieses Buches: Ärzte empfahlen und bekräftigten in (populär-)wissenschaftlichen Schriften und Artikeln die Behandlung der Lungentuberkulose im Höhenklima und beschrieben dessen Heilkraft. Diese publizistischen Bemühungen waren sehr erfolgreich. Die Theorie, dass das Höhenklima die Lungentuberkulose heilt, konnte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der medizinischen Diskussion festsetzen und bis weit ins 20. Jahrhundert behaupten, obwohl sie von Anfang an infrage gestellt wurde. Eine entscheidende Rolle spielten dabei Artikel in Fachzeitschriften, worauf auch ein medialer Schlagabtausch unter «realen» Kurärzten hinweist: 1886 kritisierte der Arzt Andreas Siebenmann in der Zeitschrift Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte, dass Davos wegen heftiger Lokalwinde und Schattenarmut als Sommerkurort nicht geeignet sei.3 Obwohl Siebenmann, der im nahe gelegenen Klosters praktizierte, Davos als Luftkurort für Lungenkranke insgesamt lobte, lösten seine Bemerkungen bei Davoser Ärzten helle Empörung aus. Der Davoser Arzt Alexander Volland versuchte, die Kritik zu parieren, indem er Siebenmann und einem weiteren Kritiker Unwissenheit vorwarf. Er schrieb im Fachblatt Deutsche Medicinische Wochenschrift, dass der Kurerfolg in Davos «eine auf langjährigen Erfahrungen beruhende Tatsache» sei. Bemerkenswert ist, dass Volland gegenüber den Kritikern explizit wirtschaftliche Argumente ins Feld führte und vor den wirtschaftlichen Folgen eines Verfalls des damals erfolgreichen Höhenkurorts warnte.4 1887 veröffentlichte Siebenmann im Correspondenz-Blatt eine Replik auf Vollands Artikel. Siebenmann wunderte sich angesichts der in seinen Augen geringfügigen Kritik über die empörten Reaktionen aus Davos. «Warum nun dieser Sturm im Glase Wasser?», fragte Siebenmann. Die Antwort war für ihn in den finanziellen Interessen der Davoser zu finden: Die dortigen Ärzte hätten Angst um ihr Geschäft. Mit ihren Stellungnahmen für Davos würden sie versuchen, die Werbetrommel für ihren Kurort zu rühren.5 Vertreter der Tuberkulosebehandlung im Höhenklima massen, das wird hier deutlich, einer positiven Berichterstattung in der Fachpresse grosse Bedeutung zu. Das Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte oder die Deutsche medicinische Wochenschrift spielten für die ärztliche Meinungsbildung eine entscheidende Rolle. Und die Meinung der Ärzte war für die Kurorte in wirtschaftlicher Hinsicht entscheidend: Es waren die Ärzte, die ihren Patientinnen und Patienten den Aufenthalt in einem bestimmten Kurort empfahlen oder ihnen davon abrieten.

Die Thesen der Mediziner in Fachartikeln blieben nicht graue Theorie, sondern prägten das Handeln von Ärzten und von Patientinnen und Patienten: Immer mehr tuberkulosekranke Menschen strömten zur Höhenkur in eine steigende Zahl selbst ernannter Höhenkurorte. Die Schweiz habe von der Tuberkulose profitiert, schreibt der Medizinhistoriker Francis Barrymore Smith: Verarmte Bergtäler wurden durch die Behandlung der Lungentuberkulose zu Goldgruben.6 Wichtigster Schauplatz dieser Entwicklung war die Landschaft Davos im Landwassertal.7 Der Davoser Landschaftsarzt Alexander Spengler griff um 1860 geschickt die in der medizinischen Diskussion zirkulierenden Theorien über eine heilsame Wirkung des Höhenklimas auf und erkannte als einer der Ersten das Potenzial einer hoch gelegenen Landschaft in den Alpen als Höhenkurort. Spengler tat sich mit Financiers und Unternehmern zusammen. Der Bündner Kurort entwickelte sich in der Folge zum Inbegriff der Tuberkulosebehandlung und erlebte von 1890 bis 1914 seine Glanzzeit.8 Den Höhenkurorten kam zugute, dass die Schweizer Alpen seit dem 18. Jahrhundert auf ein steigendes Interesse von Künstlern, Naturforschern oder Reisenden gestossen waren und eine vorteilhafte, bisweilen geradezu erhabene Wahrnehmung der Alpen entstehen konnte. Es ist die These dieser Arbeit, dass Davos und später andere Orte in den Schweizer Alpen – anders als in der Fachliteratur häufig beschrieben – nicht wegen eines der Natur innewohnenden Heilfaktors zu berühmten Luftkurorten wurden, sondern weil sie sich clever als Orte der Gesundheit vermarkteten. Der Aufenthalt in Schweizer Höhenkurorten erschien wohlhabenden Patientinnen und Patienten in Europa dadurch beinahe als selbstverständlich: «Es war Sitte, wenn man die Mittel dazu hatte, wurde man nach Davos oder Arosa geschickt», berichtet Katia Mann im Buch Meine ungeschriebenen Memoiren.9 Sie weilte 1912 wegen einer vermeintlichen Lungentuberkulose ein halbes Jahr in Davos und ein Jahr später in Arosa und gab mit ihren Berichten über den Kurbetrieb ihrem Ehemann Anregungen für den Zauberberg.10

In der Schweiz wurden zahlreiche Sanatorien in hoch gelegenen Ortschaften gebaut. Doch auch Sanatorien und Kurhäuser im Flachland oder am Mittelmeer boten lungenkranken Patienten ihre Dienste an. Schweizer Höhenkurorte wie Arosa, Leysin, Crans-Montana oder eben Davos, die ebenfalls um eine zahlungskräftige ausländische Klientel buhlten, waren ständig bestrebt, sich gegen diese zu behaupten, und setzten alles daran, die Wirkung des Höhenklimas mithilfe von wissenschaftlichen Studien und eigenen Forschungsinstitutionen zu belegen. Beispielhaft ist die Stellungnahme des Davoser Arztes und Sanatoriumseigners Rudolf Wolfer von 1933: Die wissenschaftliche Ergründung der Kuren im Höhenklima stelle die beste Förderung der Höhenkurorte «auch in wirtschaftlicher Hinsicht dar». Insbesondere müsse mit wissenschaftlichen Studien dafür gesorgt werden, dass die Ärzte von einer Behandlung im Höhenklima überzeugt würden, denn diese seien die «Berater» ihrer Patienten. Als Höhenklima im medizinischen Sinn definierten Forscher den Höhenbereich zwischen 1200 und 1800 Meter über Meer.11 Tatsächlich vermochten Vertreter der Klimatherapie Ärzte von der Wichtigkeit des Höhenklimas zu überzeugen. Die Beschreibungen eines heilsamen Effekts des Hochgebirges auf die Tuberkulose trugen ab den 1860er-Jahren dazu bei, dass hoch gelegene Ortschaften in den Schweizer Bergen geradezu als Quelle der Gesundheit erschienen. Das Klima und die Ortschaften selbst erhielten einen «heilträchtigen Nimbus», der immer weitere Patientinnen und Patienten in Höhenkurorte lockte.12 Berge wurden mit der «magischen Eigenschaft» versehen, Körper und Seele zu regenerieren, was auch die Entwicklung von Tourismuszentren in den Alpen beförderte. Die Entstehung des Wintertourismus in der Schweiz vor 150 Jahren ist denn auch eine Folge der Behandlung von Lungenkranken.13 Exemplarisch kommt die Vorstellung des heilenden Bergs im Slogan von Otto Morachs oft reproduziertem Werbeplakat für Davos aus dem Jahr 1926 zum Ausdruck: «Der Weg zur Kraft u. Gesundheit führt über Davos».14

Plakat von Otto Morach im Auftrag des Verkehrsvereins Davos, um 1926.

Unabhängig davon, ob die Tuberkulosebehandlung im Höhenklima oder wie in Deutschland oder England in einem Sanatorium im Flachland stattfand: Zentrales Element der Therapie war, dass sich die Patientinnen und Patienten möglichst lang an der frischen Luft aufhielten. Neben der Luft war ab 1900 für manche Mediziner auch das Licht entscheidend für die Therapie. Ärzte beschrieben die Tuberkulose als «Krankheit der Dunkelheit», die durch lichtarme, rauchbelastete Wohn- und Arbeitsverhältnisse in den Städten gefördert wurde. Ausserhalb der Industriezentren gelegene Lungenheilanstalten versprachen dank frischer Luft und Sonnenlicht Heilung. Aufgrund der Tuberkulosetherapie wurden Licht, Luft und Sonne zum Inbegriff von Gesundheit, was auch auf Kunst und Architektur ausstrahlte. Es entstanden spezielle Heilanstalten, Sanatorien mit geschützten Balkonen und Liegehallen, welche den Patienten den «Genuss» von möglichst viel Luft und Licht ermöglichten. Auch im Wohnhausbau der Moderne hielt dieses Ideal mit dem Einbezug von Balkonen, Terrassen oder grossen Fenstern Einzug.15 Und noch heute ist die «gute Bergluft» ein wichtiges Element für die Vermarktung der Alpenregion.16 Kürzlich hat die Regierung des Kantons Graubünden den «Gesundheitstourismus» zu einem Schwerpunkt ihrer Tätigkeit erhoben und dabei auf die Mitte des 19. Jahrhunderts erkannte «gesundheitsfördernde Wirkung des Hochgebirgsklimas» verwiesen.17 Und selbst in der neuesten Fachliteratur über Davos wird die Meinung vertreten, dass das Höhenklima die Tuberkulose heile.18

Einige elegante Bauten in Davos oder Leysin erinnern noch an die Sanatoriumsbehandlung, die während Jahrzehnten als Standardtherapie bei Lungentuberkulose galt. Zahllose Patienten suchten Heilung in solchen Heilstätten, nicht selten vergeblich. In der Schweiz war von 1891 bis 1900 mehr als jeder zehnte Todesfall auf Lungentuberkulose zurückzuführen.19 Wirksame Medikamente gegen die «weisse Pest» fehlten bis Ende der 1940er-Jahre, als gegen das Tuberkulosebakterium wirkende Substanzen erhältlich wurden. Die Hoffnung, die Tuberkulose mit den Antibiotika besiegen zu können, erfüllte sich trotz eines Rückgangs der Krankheit in den folgenden Dekaden nicht. Heute stellt die Tuberkulose nach wie vor eine äusserst gefährliche Infektionskrankheit dar: Zwei Milliarden Menschen sind Träger des Tuberkulosebakteriums, jährlich sterben rund eineinhalb Millionen Menschen an dieser Krankheit. Regelmässig berichten Medien über die «Rückkehr der Tuberkulose» nach Westeuropa und in die USA. Resistente Keime erschweren die medikamentöse Therapie, Patienten mit schweren Resistenzen können manchmal nicht mehr behandelt werden. Experten fordern deshalb gar die Wiedereinrichtung von Sanatorien, um Patienten mit resistenten Bakterien palliativ betreuen zu können und um die Bevölkerung vor Ansteckung zu schützen.20

Fragestellung, Untersuchungsgegenstand und theoretischer Ansatz

Wie kam es nun dazu, dass es unter den Gutbetuchten in ganz Europa «Sitte» war, zur Tuberkulosebehandlung nach Davos oder Arosa zu fahren, wie es Katia Mann beschrieben hat? Dieser Frage gehe ich in meiner Arbeit nach. Mich interessiert, wie sich die Theorie, dass das Höhenklima die Lungentuberkulose heilen könne, nach 1850 in Medizin und Gesellschaft etablieren und bis 1950 bei der Behandlung der Lungentuberkulose eine derart wichtige Rolle spielen konnte. Im Einzelnen ergeben sich daraus folgende Fragen: Wann und in welcher Form tauchte die Theorie des heilenden Höhenklimas in der medizinischen Diskussion auf? Mit welchen Argumenten konnte sie sich in der Medizin etablieren und behaupten? Wie setzten sich ihre ärztlichen Befürworter – die für die Diskussion zentralen Akteure – mit konkurrierenden Theorien auseinander, und wie reagierten sie auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse? Und schliesslich: Wie wirkte sich die Theorie auf die Praxis der Ärzte, auf die Situation von Patientinnen und Patienten und auf die Entwicklung von Höhenkurorten aus? Meine Arbeit geht somit primär wissenschaftsgeschichtlichen Fragen nach und untersucht die Entstehung und Zirkulation von Wissen, daneben kommen auch medizin- und sozialgeschichtliche Aspekte zur Sprache.21 Von Interesse sind auch biografische Bezüge von Ärzten und Wissenschaftlern, die über die Höhentherapie publizierten und diese verteidigten, da ihre persönliche Lebenssituation oftmals in enger Beziehung mit ihrem wissenschaftlichen oder therapeutischen Wirken stand. Untersucht wird in der Arbeit die Zeit zwischen 1850 und 1950. Ab 1850 setzen Ärzte die Idee um, dass hoch gelegene Orte die Lungenschwindsucht heilen könnten. Um 1950 verlor die Höhenbehandlung in Sanatorien an Bedeutung, unter anderem weil nun Antibiotika zur Verfügung standen, die eine Behandlung in Sanatorien nicht mehr zwingend notwendig erscheinen liessen. Davos war gemessen an den Gästezahlen der bedeutendste Kurort, in dem zahlreiche Interessenvertreter der Höhenkur tätig waren.22 Zudem entstanden wissenschaftliche Studien, welche die «Heilkraft» des Höhenklimas bei Lungentuberkulose belegen sollten, häufig in Davos, weshalb Davos als Pionierort und bekanntester Höhenkurort in dieser Arbeit häufig vorkommt. Es geht mir jedoch nicht um die Lokalgeschichte dieses Ortes, vielmehr sind auch andere hoch gelegene Orte in der Schweiz Schauplatz des Buches. Insgesamt waren es nämlich schweizerische Ortschaften, denen es gelang, eine heilsame Höhenklimawirkung geltend zu machen, obwohl der Anteil der Schweiz an den Alpen flächenmässig deutlich kleiner ist als derjenige von Österreich oder Italien. Dennoch kommen in meiner Studie auch Orte und Mediziner aus anderen Ländern vor: So wurde die Höhentherapie konzeptionell und methodisch um 1850 von einem Arzt im damals preussischen Schlesien entwickelt, und auch in anderen Ländern setzten Mediziner auf die therapeutische Wirkung von erhöhten Gegenden. Zudem hatte die Höhenkur in der Schweiz internationale Ausstrahlung, weshalb auch Ärzte aus anderen Ländern ihre Patienten zur Lungenkur ins Hochgebirge sandten.

In theoretischer Hinsicht nehme ich eine konstruktivistische Perspektive ein. Ich gehe davon aus, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Medizin nicht einfach die Entdeckung einer natürlichen Ordnung darstellen, welche unabhängig vom menschlichen Handeln existiert.23 Vielmehr können die Beziehungen zwischen Menschen und ihre sozialen Interessen zur Erklärung beitragen, wie es zu bestimmten wissenschaftlichen Aussagen kommt.24 So wurde die Höhenkur auch deshalb wichtig, weil Mediziner geschickt ihre Interessen vertraten und Verfechter der Höhenbehandlung unablässig Artikel und Studien über heilsame Faktoren des Höhenklimas publizierten. Ein Artikel ist gemäss dem Wissenschaftssoziologen Bruno Latour «eine kleine Maschine, um Interessen, Überzeugungen zu verschieben und in einer Weise zu orientieren, dass der Leser gleichsam unweigerlich in eine bestimmte Richtung gelenkt wird».25

Die Erforschung von Interessen, welche Theorie und Praxis der Medizin formen, wird als wichtiges Thema der Geschichtswissenschaft angesehen.26 Wissenschaftshistoriker stellen sie aber auch infrage, etwa weil sich der kausale Zusammenhang zwischen Interessen der Akteure und medizinischem Inhalt nicht belegen lasse.27 Interessen der damaligen Akteure geltend zu machen, nimmt zudem in Anspruch, deren Intentionen erkennen zu können.28 Ich halte es jedoch für angemessen, in dieser Arbeit über die Höhenkur eine Interessentheorie zu verwenden – weil Interessen wie das Streben nach Macht, Geld und Autorität in den Quellen fassbar werden: Viele der Ärzte, welche zur Höhenbehandlung der Tuberkulose anmahnten, zogen als Kurärzte oder Mitbesitzer von Kurhäusern und Sanatorien einen direkten finanziellen Nutzen daraus – der Medizinhistoriker Vincent Barras spricht vom Typus des «entrepreneur médical».29 Dies verweist auf die Gesundheitsökonomie mit ihrer Theorie der «angebotsinduzierten Nachfrage»: Der Arzt ist Anbieter von Leistungen, zugleich berät er die Patienten beim Entscheid, welche Leistungen sie nachfragen sollen.30 Die Ärzte haben so die Möglichkeit, die Nachfrage nach Therapien zu steuern. Ärzte können ihr Einkommen erhöhen, wenn sie mehr Patienten mehr medizinische Leistungen nachfragen lassen. Allerdings wäre es eine unzutreffende Verkürzung, den Einsatz der Ärzte für das Höhenklima auf finanzielles Eigeninteresse zu reduzieren. Nicht alle Ärzte, welche die Höhenbehandlung befürworteten, profitierten persönlich davon. Zudem waren wohl viele Ärzte in Übereinstimmung mit ihrer Berufsethik davon überzeugt, zum Wohl ihrer Patienten zu handeln. Die Ärzteschaft war in den ersten Jahren des Untersuchungszeitraums noch immer bestrebt, sich in der Gesellschaft als Heilkundige zu etablieren. Der «Aufstieg» der Ärzte konnte sich nur vollziehen, wenn sie Therapieangebote bereithielten, die Heilung versprachen.31

Selbstredend vermögen soziale Faktoren die Theorie des heilenden Höhenklimas allein nicht zu erklären. Diese ist nur in ihrer Vermittlung mit dem durchaus realen, vielfach tödlichen Wirken der Krankheit Tuberkulose zu verstehen. Eine einseitige soziologische Erklärung von wissenschaftlichem Wissen wird denn auch kritisiert.32 Zudem konnten die Aussagen und Argumente, welche die Ärzte in den von mir untersuchten Quellentexten entwickelten, ihre Durchschlagskraft auch unabhängig von Intentionen und Interessen der Akteure gewinnen. Damit sie «wahr» wurden, mussten sie aber an bestimmte historische Bedingungen und Umstände anknüpfen können, wie etwa an das breit akzeptierte Denkmuster einer positiven Wahrnehmung der Alpen.33 Da die Theorie des kurierenden Höhenklimas wiederholt von Kritikern infrage gestellt wurde, sei es von Wissenschaftlern oder Anbietern konkurrierender Therapiemöglichkeiten, betrieben die Verfechter der Höhenkur viel Aufwand, um ihre Position verbessern zu können – mit Erfolg: Es gelang ihnen immer wieder, die These des heilsamen Höhenklimas in der medizinischen Diskussion zu stärken. In Davos gründeten sie eigene Forschungsinstitute, um Belege für die behauptete Heilwirkung des Höhenklimas vorweisen zu können. Diese Forschung funktionierte keineswegs losgelöst von praktischen und monetären Interessen der Geldgeber, den Bündner Behörden und Ärzten. Meine Arbeit wirft somit auch ein Schlaglicht auf eine grundsätzliche, wenn auch oft verdrängte Eigenschaft wissenschaftlicher Forschung.34

Quellen und Forschungsstand

Um darzulegen, wie sich die Theorie des heilenden Höhenklimas in der Medizin etablieren und behaupten konnte, untersuchte ich Artikel, Aufsätze und andere Schriften von Ärzten und von Medizinern an Universitäten und Forschungseinrichtungen. Texte von Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen sind weniger vorhanden, dass es insbesondere im 19. Jahrhundert erst eine kleine Zahl von Medizinerinnen gab. Texte von Frauen stammen vornehmlich aus den letzten Jahren des Untersuchungszeitraums.35 Hauptquelle sind Artikel aus medizinischen Fachzeitschriften. Systematisch ausgewertet habe ich das Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte, welches 1871 gegründet und 1920 in Form von zwei Zeitschriften weitergeführt wurde: als Schweizerische Medicinische Wochenschrift und als Ärztezeitung. Das Correspondenz-Blatt war in der Schweiz das zentrale Organ für medizinische Wissenschaft und Standesfragen.36 In ihm lassen sich, wie später auch in der Schweizerischen Medicinischen Wochenschrift, die medizinischen Diskussionen wie diejenige über die Behandlung der Lungentuberkulose verfolgen. In den Fachzeitschriften schrieben Medizinprofessoren oder Ärzte für ein medizinisches Fachpublikum und beeinflussten die medizinische Meinungsbildung entscheidend. Weiter zählen zu meinem Quellenmaterial Schriften von Ärzten, Medizinwissenschaftlern oder Naturforschern, welche sich für die Diskussion über die Höhenbehandlung der Lungentuberkulose als bedeutsam erwiesen und auf die bereits in der zeitgenössischen medizinischen Diskussion verwiesen wurde. Zudem analysierte ich Kurführer oder Werbebroschüren und konsultierte Protokollbücher des Davoser Ärztevereins und Landrats sowie einzelne Jahresberichte von Sanatorien. Untersucht habe ich auch literarische Quellen, allen voran Thomas Manns Roman Der Zauberberg. Diese ermöglichen einen anderen, nichtärztlichen Blick auf den Untersuchungsgegenstand. Der Zauberberg kommt in praktisch jeder Studie über die Tuberkulose vor und darf auch in meiner Arbeit nicht fehlen, weil er in Bezug auf die Fragestellung wichtige theoretische Aussagen enthält und sich in seiner Entstehungsgeschichte bedeutsame Anhaltspunkte für die These meiner Arbeit finden lassen.37

Eine historische Monografie über die Höhenbehandlung der Lungentuberkulose in der Schweiz und ihre wissenschaftlichen Begründungen, welche deren Etablierung und deren Bestehen während eines Zeitraums von rund hundert Jahren aus einer konstruktivistischen Perspektive nachzeichnet, gibt es meines Wissens nicht.38 In Aufsätzen oder Artikeln wurden indes schon verschiedene Elemente dieser Geschichte dargestellt. Zu nennen sind insbesondere die Arbeiten der Historikerin Daniela Vaj von der Universität Lausanne: 2005 beschrieb sie in einem Aufsatz verschiedene wissenschaftliche Grundlagen der Entstehung der cure d’altitude, insbesondere die Genese der Vorstellung, dass es hoch gelegene, «immune» Orte gebe, in denen keine Lungentuberkulose vorkomme.39 Ebenfalls zu erwähnen ist der kurze Artikel «Heilsame Höhenluft? Die Höhenkliniken als Wallfahrtsorte» der Historikerin Iris Ritzmann, welche die Geschichte der Höhentherapie nachzeichnet und ebenfalls die Frage aufwirft, ob hinter dem Glauben an die Höhenkuren auch handfeste, wirtschaftliche Interessen standen.40 Einen Überblick über die Höhentherapie gibt der Artikel des Lausanner Medizinhistorikers Vincent Barras über «Nutzen und Gefahren der Höhenluft».41 Schliesslich ist ein Aufsatz des französischen Philosophen François Dagognet von 1959 zu erwähnen, der den Erfolg der Luftkur auch auf mythologische und psychoanalytische Grundlagen der «Elevation» zurückführte.42

Daneben existieren verschiedene Darstellungen über die Geschichte von Höhenkurorten. Zu nennen ist hier das Buch der englischen Kulturhistorikerin Susan Barton, Healthy living in the alps von 2008, welches die Geschichte von Davos, Arosa, St. Moritz, Leysin und Grindelwald als Kur- und Wintersportorte nachzeichnet.43 Ralf Schenks umfassende und in Bezug auf die Tuberkulosegeschichte informative Darstellung der Geschichte des heilklimatischen Kurortes Davos geht implizit von einer in der Natur bestehenden günstigen Wirkung des Höhenklimas bei Lungentuberkulose aus.44 Zudem sind verschiedene Arbeiten zur Geschichte der Tuberkulosebekämpfung in der Schweiz vorhanden. Zu nennen ist insbesondere Hausordnung und Liegekur (1998) von Iris Ritzmann, welche nicht nur die Geschichte der Zürcher Höhenklinik Wald aufarbeitete, sondern auch Grundsätzliches über die Sozialgeschichte der Tuberkulose in der Schweiz aufzeigt.45 Wichtig für meine Arbeit sind auch die umfassenden sozialgeschichtlichen Studien von Daniel Gredig über die Tuberkulosefürsorge in der Schweiz (2000) sowie die Arbeit der Historikerin Andrea Kaufmann, Luft zum Leben, von 2008 über die Geschichte der Lungenliga Zürich.46 Verschiedene Historikerinnen und Historiker haben die Sozialgeschichte der Tuberkulose einzelner Länder aufgearbeitet, wie es auch mehrere Darstellungen über die Geschichte der Sanatoriumstherapie gibt.47 Von Bedeutung für die Fragestellung meiner Arbeit ist dabei insbesondere der Aufsatz «Behandlung ohne Heilung» von Flurin Condrau über den Behandlungserfolg der Sanatoriumstherapie.48 Die Höhentherapie der Lungentuberkulose wurde in der Medizingeschichte immer wieder thematisiert, indem über ihre medizinische Richtigkeit debattiert wurde. Sie wurde rückblickend gutgeheissen oder, in der Schweiz erst in jüngerer Zeit, verworfen, etwa als eine «Geschichte der Trugschlüsse».49 Es ist indes nicht das Ziel meiner Arbeit, aus der heutigen Perspektive eine frühere medizinische Theorie zu kritisieren. Der konstruktivistische Ansatz will vielmehr aufzeigen, dass es nicht zwangsläufig hätte kommen müssen, wie es gekommen ist, und fragt, warum es so gekommen ist.50

Aufbau

Die Arbeit ist folgendermassen aufgebaut: Das auf die Einleitung folgende Kapitel «Die gesunde Schweizer Alpenluft» erörtert Grundlagen und Begleitumstände des Aufstiegs der Höhenbehandlung: die veränderte gesellschaftliche Wahrnehmung der Alpen und ihr neues Bild in Kunst, Literatur und Wissenschaft. Zudem profitierte die Höhenkur vom aufkommenden Interesse der Touristen an den Alpen wie auch von einer verbesserten Verkehrsinfrastruktur. Im folgenden Kapitel «Der Aufstieg der Ärzte» gehe ich auf die Situation der Medizin im 19. Jahrhundert ein und beleuchte den Kontext, in welchem die Höhenklimabehandlung der Tuberkulose entstand: Im 19. Jahrhundert konnten sich die akademischen Ärzte zunehmend gegen andere Heilkundige durchsetzen und versuchten, in der Medizin naturwissenschaftliche Betrachtungsweisen anzuwenden. Ab 1850 beschrieben Ärzte die Tuberkulose als heilbar. Nach diesen beiden einführenden Kapiteln folgen die drei Hauptteile der Arbeit, die jeweils einem Wissenskomplex gewidmet sind, der für die Höhentherapie prägend war. Die Entwicklung des Wissens und ihre sozialgeschichtlichen Implikationen werden innerhalb dieser Hauptteile chronologisch dargestellt.

Der erste Hauptteil mit den Kapiteln «Die Theorie des immunen Klimas», «Eine Landschaft wird zum Sanatorium» und «Die Liegekur und die Bazillen» befasst sich mit den für Mediziner des 19. Jahrhunderts wichtigen Vorstellungen der antiken Diätetik, welche Umweltfaktoren als Ursache von Krankheit und Gesundheit betrachtete. So gingen Ärzte in der Antike wie auch im 19. Jahrhundert davon aus, dass das «richtige» Klima Krankheiten heilen könne. Im Kapitel über das «immune Klima» wird gezeigt, wie Wissenschaftler und Forschungsreisende in der Tradition dieser Vorstellungen auf verschiedenen Kontinenten Belege dafür entdeckten, dass in grossen Höhen lebende Menschen weniger oder gar nicht an Tuberkulose litten. Das Höhenklima machte gemäss diesen Beobachtungen gleichsam «immun» gegen Tuberkulose. 1853 verkündete der schlesische Arzt Hermann Brehmer die Heilbarkeit der Tuberkulose und knüpfte sie an die Behandlung in hoch gelegenen, «immunen» Ortschaften, in denen Lungentuberkulose nicht vorkam. Im darauffolgenden Kapitel wird dargestellt, wie der Davoser Arzt Alexander Spengler in den 1860er-Jahren Brehmers Theorie des heilsamen Höhenklimas erfolgreich in die Schweizer Alpen verpflanzte und wie in Davos ein weltbekannter Höhenkurort entstehen konnte. Das Kapitel über «Die Liegekur und die Bazillen» beschäftigt sich mit den Folgen von Robert Kochs Nachweis im Jahr 1882, dass die Tuberkulose eine Infektionskrankheit ist, für die Höhenkur: Es entstanden geschlossene Heilanstalten und Sanatorien, in denen bakteriologische Hygieneregeln zur Anwendung kamen. Die Höhenkurorte profitierten in den folgenden Jahren vom Scheitern der Bakteriologie, ein wirksames Medikament gegen die Tuberkulose auf den Markt zu bringen. Das folgende Kapitel «Sanatorium, Exzess, Tod» ist sozialgeschichtlich ausgerichtet und stellt die Situation von Patientinnen und Patienten im Höhensanatorium in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg dar. Das Kapitel zeigt auch, welche Rolle die Theorie des heilsamen Höhenklimas beim Bau von Volkssanatorien für weniger bemittelte Kranke spielte. Zudem wird dargelegt, dass der Erfolg der Sanatoriumsbehandlung schon früh in Zweifel gezogen wurde und dass die Wirkung der Höhenkur durch lungenchirurgische Eingriffe verbessert werden sollte.

Beim zweiten Wissensgebiet mit den Kapiteln «Mieschers Traum» und «Ein Forschungsinstitut für die Höhenkur» handelt es sich um die Höhenphysiologie, die sich ab 1870 intensiv mit der Frage beschäftigte, welche Wirkung das Höhenklima auf Blut und Körper hat. In «Mieschers Traum» stelle ich dar, wie Physiologen begannen, die Auswirkung der dünnen Höhenluft auf das Blut zu erforschen, vorerst unter dem Aspekt der «Bergkrankheit». Der Basler Medizinprofessor Friedrich Miescher stellte 1893, wenige Monate vor seinem Tod in einem Davoser Sanatorium, eine zentrale Begründung auf, warum es im Höhenklima zu einer Blutvermehrung und zur Heilung von Lungentuberkulose komme. Sein Text nahm in der Diskussion über die Wirkung des Höhenklimas auf Blut, Körper und Tuberkulose eine wichtige Position ein. 1922 wurde der Berliner Physiologe Adolf Loewy zum ersten Leiter des neu gegründeten Forschungsinstituts für Hochgebirgsphysiologie und Tuberkuloseforschung in Davos berufen, wie das folgende Kapitel zeigt. Mit dem Institut vermochten die Davoser Behörden und Ärzte die höhenphysiologische Forschung im Höhenkurort zu institutionalisieren. Das Institut suchte nach Belegen für die behauptete Heilwirkung des Höhenklimas und veröffentlichte zahlreiche Studien.

Beim dritten Wissenskomplex handelt sich um die sogenannte Bioklimatologie, die im Kapitel über «Licht und Luft des Hochgebirges» behandelt wird: Ab 1900 untersuchten Naturwissenschaftler systematisch die Wirkung der Sonnenstrahlung und verschiedener Klimafaktoren auf den Körper. 1907 gründete Carl Dorno in Davos das Physikalisch-Meteorologische Observatorium (PMOD) und vermass in den folgenden Jahren das Licht und die Luft des Hochgebirges mit grosser Akribie. Er veröffentlichte Studien über die Sonnenstrahlung und die sogenannte Abkühlungsgrösse und suchte auf diesem Gebiet nach der für ihn gegebenen Heilwirkung auf die Tuberkulose. Das Davoser Observatorium führte auch nach der Zeit von Dorno Untersuchungen zur Strahlungsforschung und zur klimatischen Medizin weiter und versuchte, einen Heilfaktor zu identifizieren. Als 1946 mit Streptomycin das erste wirksame Medikament gegen Tuberkulose verfügbar wurde, reagierten viele Ärzte in den Höhenkliniken mit Skepsis. Gleichzeitig gingen die Patientenzahlen zurück. Im sozialgeschichtlich ausgerichteten Kapitel über den «Herbst der Höhenkur» zeige ich, wie das Streptomycin in Davos eingeführt wurde und das Ende der Höhenkur begann: Aus Tuberkulosesanatorien wurden Hotels oder Mehrzweckkliniken. Zudem lege ich in einem Exkurs dar, dass auch Nationalsozialisten an eine Wirkung des Höhenklimas glaubten und in Davos verschiedene Institutionen der Höhenkur nationalsozialistisch ausgerichtet waren.

Die gesunde Schweizer Alpenluft
Kathedralen der Erde

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vertrat eine steigende Zahl von Ärzten und Medizinunternehmern die Auffassung, dass das Höhenklima die Lungentuberkulose heilen könne. In der Folge entstand in der Schweiz eine stattliche Zahl von prosperierenden Kurhäusern und Luftkurorten. Diese Entwicklung war nur möglich, weil ein vorteilhaftes Bild der Alpen vorherrschte. Auf die geänderte Wahrnehmung der Berge gehe ich in diesem Kapitel ein. Das einnehmende Bild der Alpen im 19. Jahrhundert schufen insbesondere Künstler und Literaten wie der englische Schriftsteller, Kunsthistoriker und Sozialreformer John Ruskin (1819–1900), der im Abschnitt «The Mountain Glory» seiner einflussreichen Buchreihe Modern Painters 1856 ein erhabenes Bild der Berge zeichnete, welche für ihn den Anfang und das Ende aller natürlicher Szenerie darstellten. Je gebirgiger eine Landschaft, desto schöner wird sie gemäss Ruskin. Als Beweis für diese These zählte Ruskin die Faktoren auf, welche den Alpen Schönheit verleihen würden, etwa die Farben in den Felsen oder die vornehme Wirkung der Bäche und der Wolken.1 Seine Ausführungen münden in seine berühmte Beschreibung der Berge als «Kathedralen der Erde»: «… these great cathedrals of the earth, with their gates of rock, pavements of cloud, choirs of stream and stone, altars of snow, and vaults of purple traversed by the continual stars …»2 Diese Schilderung der erhabenen Alpennatur machte grossen Eindruck auf Ruskins Leserschaft; einige wurden geradezu «infiziert» mit Enthusiasmus für die Alpen.3

Die Wertschätzung der unberührten Alpenwelt war indes nicht immer und überall gleich gross. Die Geschichte der Alpenwahrnehmung ist sehr vielschichtig, wie der Schweizer Historiker Jon Mathieu schreibt, wobei die Alpen nie einfach nur furchterregend oder attraktiv waren. Den Übergang vom alten zum neuen, positiven Alpenbild sieht Mathieu in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als die Zahl der Reisen in die Schweiz und der Reiseberichte sprunghaft anstieg.4 Im Zeitalter des Barocks galten die «chaotischen Bergesmassen» bisweilen als Ärgernis, ihre Bewohner wurden als krank und ärmlich wahrgenommen, und ihr übernatürlich erscheinendes Naturgeschehen gab über das Mittelalter hinaus Anlass zu Befürchtungen. Der berühmte Kunstgelehrte Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) soll bei der Alpenüberquerung in der Postkutsche die Vorhänge zugezogen haben, «um die schauerliche Landschaft nicht sehen zu müssen».5 Infolge eines neuen Naturgefühls veränderte sich jedoch diese Wahrnehmung. Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) verband die neue Wertschätzung der Natur mit einem Loblied auf die Alpen und warb äusserst erfolgreich für die Schweizer Berge. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte der englische Dichter Joseph Addison (1672–1719) eine Ästhetik der Unregelmässigkeit propagiert und soll beim Anblick der unberührten Bergnatur einen angenehmen Schauer verspürt haben, während später Romantiker wie der Engländer George Gordon Lord Byron (1788–1819), welche die Schönheit in den Formen der Natur fanden, das Alpenbild weiter transformierten.6 Auch französische Gelehrte wie der Historiker Jules Michelet (1798–1874) trugen mit ihrer romantischen Beschreibung der Berge zu einer «Religion des Gebirges» bei und zum Glauben an dessen Heilkraft.7 Englische, deutsche und französische Maler wirkten zunehmend in der Schweiz. Der bekannteste unter ihnen, der Engländer Joseph Mallord William Turner (1775–1851), war erstmals 1802 in der Schweiz tätig.8 In England galt es im 19. Jahrhundert geradezu als Zeichen des guten Geschmacks, die Schweizer Alpen zu besuchen, «the great love affair of the English with the mountains had begun».9 Doch waren es nicht nur Romantiker, welche die Reputation der Alpen veränderten und diese ästhetisierten – mit der Renaissance waren die Alpen auch ins Blickfeld von Naturforschern gerückt. Humanisten untersuchten die Pflanzenwelt, sammelten Fossilien und Mineralien, erforschten Geschichten von Teufeln und Ungeheuern und ergründeten Klima und Gebirgsformationen.10 So priesen gelehrte Schweizer Ärzte schon früh die Vorzüge der Berge, etwa der Zürcher Stadtarzt und Naturforscher Konrad Gessner (1516–1565), der die Alpen als wertvollen Teil der göttlichen Schöpfung erlebte, oder Johann Jacob Scheuchzer (1672–1733), ebenfalls Stadtarzt von Zürich und Naturforscher, der die Alpenwelt positiv bewertete und sich intensiv um deren Erforschung bemühte.11 Der Berner Arzt, Dichter und Naturwissenschaftler Albrecht von Haller (1708–1777) vermochte schliesslich mit seinem Gedicht «Die Alpen» von 1729 eine europaweite Bewunderung für die Alpenwelt zu entfachen. Das Gedicht idealisierte das glückliche und frei lebende Schweizervolk und gab diesem Glück eine alpine Konnotation.12 Die Alpen wurden konstitutiver Bestandteil der schweizerischen Identität. Der heute immer noch bedeutsame Alpenmythos entstand, und auch im Ausland etablierten sich die Alpen im 18. und 19. Jahrhundert als Symbol für politische Freiheit.13

Reisen in die Alpen

Die Entdeckung der Alpen durch Naturforscher und Künstler lenkte auch den Blick von Reisenden aus dem Ausland auf die Alpenregion. Ab 1770 entwickelte sich ein noch bescheidener Fremdenverkehr in der Gegend des französischen Orts Chamonix-Mont-Blanc, welcher von Genf aus aufgesucht wurde.14 In der Folge wurden auch das Berner Oberland und das Wallis Ziel von ausländischen, anfangs vor allem englischen Gästen. Vorerst erschwerten allerdings unterschiedliche kantonale Währungen und schlechte Verkehrswege das Reisen. Die Schweiz begann erst um 1850, später als das Ausland, mit dem Bau von Eisenbahnlinien.15 Leistungen von Alpinisten machten die Alpen weiter bekannt.16 1787 hatte der Genfer Horace-Bénédict de Saussure (1740–1799) den Montblanc bestiegen, den höchsten Berg der Alpen, und seine Erfahrungen im vierten Band seines Buches Voyages dans les Alpes, das lange Zeit als Standardwerk für Reisende und Naturforscher galt, veröffentlicht.17 Das goldene Zeitalter des Alpinismus begann in den späten 1850er-Jahren, als der Alpinismus Ausdruck des Wohlstands und des Wunsches wurde, der Klaustrophobie der Städte zu entfliehen.18 Berichte von Pionieren wie Edward Whymper, der 1865 als Erster das Matterhorn bestieg, trugen zur Popularisierung der Alpen bei, später auch die Repräsentation der Berge in der Fotografie.19 Daneben machten die erfolgreichen Reisehandbücher des Londoner Verlegers John Murray den englischen Touristen das Reisen in die Schweiz schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schmackhaft. Murrays Handbücher waren auch Vorbild für den vielfach aufgelegten Schweiz-Führer des Koblenzer Buchhändlers Karl Baedeker, der 1844 erstmals veröffentlicht wurde.20

Einen weiteren Aufschwung erlebte der Tourismus im Zeitalter der Lokomotiven und Dampfschiffe durch den Reiseunternehmer Thomas Cook. Ab 1863 bot er Pauschalreisen von England in die Schweiz an. Und 1868 schliesslich besuchte auch Queen Victoria zum ersten Mal die Alpen.21 In den 1860er-Jahren, in denen die Theorie des kurierenden Höhenklimas in der Schweiz bekannt wurde, waren die Alpen also bereits ein beliebtes Reiseziel. Graubünden als Ausgangspunkt der Theorie war allerdings zu dieser Zeit – abgesehen vom Engadin – touristisch noch kaum erschlossen.22 Davos und Arosa, aber auch Leysin oder Montana wurden in der Folge auch nicht aufgrund des Tourismus, sondern wegen der Tuberkulose zu bekannten Ortschaften.23 Umgekehrt entwickelten sich die schon früh von Touristen besuchten Ortschaften wie Grindelwald oder Zermatt nicht zu Zentren der Tuberkulosebehandlung.24 Die Einwohnerzahl von Davos stieg von 2000 im Jahr 1870 auf über 8000 im Jahr 1900. Kein Ort in den Alpen mit über 5000 Einwohnern im Jahr 1900 wies ein derart rasantes Wachstum auf.25 Der Höhenkurort entwickelte sich erfolgreich, obwohl die internationale Krise zwischen 1870 und 1890 den Fremdenverkehr in der Schweiz insgesamt hart traf.26 Dabei war es für die Touristen lange kein Thema, die Alpen im Winter zu besuchen, und die ersten Wintergäste im Jahr 1865 waren denn auch Lungenkranke, die in der kalten Jahreszeit in Davos und St. Moritz verblieben.27 In Lungenkurorten wie Davos oder Arosa war es der Zustrom der tuberkulosekranken Gäste, welcher die Nachfrage nach Wintersport entstehen liess.28 So erkannte der lungenkranke Kulturhistoriker John Addington Symonds (1840–1893), welcher 1877 nach Davos gekommen war, im einfachen Schlitten der Davoser ein zweckmässiges Sportgerät.29

Der Berg heilt

Im 19. Jahrhundert wurde die Alpenregion nicht nur zum begehrten Ziel von Touristen oder Bergsteigern, sondern auch zum Zufluchtsort für Kranke. Dass Kranke damals anfingen, in den Bergen Heilung zu suchen, stand im Einklang mit Vorstellungen der antiken Diätetik, gemäss der zwischen Klima und Gesundheitszustand ein Zusammenhang besteht. Schon Hippokrates von Kos, der als Begründer der Medizin als Wissenschaft gilt, hat im vierten Jahrhundert vor unserer Zeit auf die therapeutische Bedeutung des Aufenthalts- und Klimawechsels hingewiesen.30 Und der griechische Arzt Galen empfahl im zweiten Jahrhundert unserer Zeit frische Luft, erhöhte Gegenden oder Seereisen und Milch für die Behandlung der Tuberkulose. Auch in der Neuzeit suchten Ärzte und Kranke nach dem gesunden Klima. Allerdings existierten unterschiedliche Meinungen darüber, welches nun das vorteilhafteste sei.31 Warme Klimata wurden empfohlen, weshalb Orte an den Mittelmeerküsten von Tuberkulosekranken aufgesucht wurden.32 Auch Schiffsreisen auf dem Meer galten als probates Mittel.33 Und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam das Gebirge dazu. Schon lange bevor Alexander Spengler der Doktrin des heilenden Höhenklimas zum Durchbruch verhalf und den Mythos Davos schuf, wurden das Gebirgsklima und die Alpenluft als heilsam erachtet. Bereits um 1570 hatte der Bündner Pfarrer Ulrich Campell (ca. 1510–1582) festgestellt, dass die Davoser Luft äusserst gesund – «aëris saluberrimi» –, aber auch kalt und rau sei.34 Konrad Gessner hatte 1555 die reine Bergluft empfohlen, und Johann Jacob Scheuchzer bestätigte 1716, dass die Schweizer Luft gesund sei, was etwa dadurch belegt werde, dass die Pest und andere gefährliche Krankheiten selten seien.35 Jean-Jacques Rousseau schliesslich schrieb 1761 in seinem Roman Julie ou la Nouvelle Héloïse, es sei ein allgemeiner Eindruck, «dass man auf hohen Bergen, wo die Luft reiner und dünner ist, leichter atmet, sich leichter bewegt und sich heiteren Geistes fühlt». Er wunderte sich deshalb, «dass die heilsamen und wohltätigen Luftbäder der Gebirge nicht zu den vorzüglichen Heilmitteln der Medizin und der Moral gerechnet werden».36 Friedrich Nietzsche bestätigte 1887 die geistige Wirkung der Höhenluft: In seinem Wohnort Sils-Maria im Oberengadin räsonierte er über das, was dem Philosophen unentbehrlich sei: «eine gute Luft, dünn, klar, frei, trocken, wie die Luft auf Höhen ist, bei der alles animalische Sein geistiger wird und Flügel bekommt».37

Kleingrafik aus einem Prospekt des Sanatoriums Valbella Davos, um 1915.

Hundert Jahre nach Rousseaus erstem Roman begannen die «heilsamen und wohltätigen Luftbäder der Gebirge» als vorzügliches Heilmittel gegen Tuberkulose zu gelten, worüber diese Arbeit berichtet. Denn auch Mediziner interessierten sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts in zunehmendem Mass für die Berge. Das hygienische Wissen vom Einfluss des Klimas auf die Gesundheit verband sich dabei mit der neuen medizinischen Wissenschaft der Physiologie.38 Physiologen untersuchten auch den Einfluss von Höhenlagen auf die Blutbildung oder die Atmung, wie diese Arbeit zeigen wird. Ab den 1860er-Jahren bot in den Schweizer Alpen eine steigende Zahl selbst ernannter Höhenkurorte ihre medizinischen Dienste an. Dass es gerade Orte in der Schweiz waren, die aufgrund eines als heilsam erachteten Klimas eine führende Stellung in der Tuberkulosetherapie einnehmen konnten, ist auch eine Folge der Entdeckungsgeschichte der Alpen: Die Schweizer Alpen wurden früher beschrieben und erforscht als andere Berglandschaften und galten etwa in Österreich als Vorbild.39 In Graubünden wiederum gab es verschiedene hoch gelegene Orte wie Davos (1560 m ü. M.), Arosa (1800 m ü. M.), St. Moritz (1855 m ü. M.) oder Pontresina (1800 m ü. M), weshalb der Kanton zum Ausgangspunkt der Theorie des heilsamen Höhenklimas werden konnte.40

Bereits vor der Etablierung von Luftkurorten gab es in der Schweiz Ortschaften, die Heilung versprachen: so die schon im Mittelalter bekannten Badeorte wie Leukerbad und St.Moritz, deren Thermalwasser zum Baden oder zum Trinken verwendet wurden. Badekurorte erlebten um 1800 infolge der verbesserten Verkehrswege einen neuen Aufschwung.41 Andere therapeutische Einrichtungen setzten auf Tropfbäder, Regenduschen oder Abwaschungen.42 Ebenfalls schon vor den Höhenkuren wurden Milch- und Molkekuren zur Behandlung von Lungenleiden angeboten.43 Durch die Kur mit Alpenziegenmolke erlangte die Ortschaft Gais in Appenzell Ausserrhoden im 18. Jahrhundert als Molkekurort Bekanntheit. Teilweise wurde die Molkekur mit der Kuhstallluft-Kur kombiniert. Bei dieser nutzte man die Ammoniakdämpfe des Kuhmistes therapeutisch.44 Auf die Wirkung der Bergluft setzte dann der Schweizer Arzt Johann Jakob Guggenbühl (1816–1863): Er gründete 1841 auf dem Abendberg bei Interlaken im Berner Oberland eine Heilanstalt für Kinder, die an Kretinismus litten, einer damals auch unter Bergbewohnern verbreiteten Krankheit.45 Kretinismus galt als teilweise identisch mit anderen Krankheiten wie Rachitis und Skrofulose. Bei letztgenannter entstellten chronische Entzündungen die Gesichter von Kindern. Sie wurde als tuberkulöse Krankheitsform betrachtet.46 In den 1850er-Jahren beschrieben dann der Freiburger Medizinprofessor Anton Werber in seiner Broschüre «Die Schweizer-Alpenluft in ihrer Wirkung auf Gesunde und Kranke» oder der englische Arzt und Klimatologe Edwin Lee die therapeutische Wirkung der Alpenluft auf Brusterkrankungen und Lungenleiden.47 In dieser Konstellation gelang es dem Davoser Landschaftsarzt Alexander Spengler dank der Unterstützung von anderen Ärzten und von Financiers und Unternehmern, das Davoser Klima als heilsam für Lungentuberkulose zu positionieren. Die Vorstellung, dass der Berg heile, setzte sich durch, und die Höhentherapie der Lungentuberkulose trug ihrerseits zum Bild der «gesunden Berge» und der «gesunden Schweiz» bei.48 Dieses Bild bestand und besteht aus verschiedenen Elementen wie Luft, Höhe, Licht und Wasser. Doch diese gesundheitsfördernden Faktoren wurden nicht einfach in der Natur entdeckt, sie wurden vielmehr durch Zuschreibungen «erfunden» und vermarktet.49 In den Augen des französischen Philosophen und Mediziners François Dagognet korrespondierte das Angebot der Höhenkurorte überdies mit Vorstellungen des Unbewussten der Psychoanalyse: In seinem Aufsatz über die cure d’air von 1959 schrieb Dagognet, dass bereits C.G.Jung auf die Wichtigkeit der Erhebung, des Anstiegs hingewiesen habe. Ebenso erwähnte Dagognet das Streben der Helden der griechischen Mythologie in die Höhe und gegen die Sonne. Es waren laut Dagognet solche Motive des Unbewussten, die Menschen in der frischen Luft, in der Höhe Gesundheit suchen liessen.50

Der Aufstieg der Ärzte
Ärzte werden tonangebend

Als Charles Bovary sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Rouen anschickt, Medizin zu studieren, ist er beunruhigt: «Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem Anschlagbrett überfiel ihn ein Schwindelgefühl: Vorlesungen über Anatomie, Vorlesungen über Pathologie, Vorlesungen über Physiologie, Vorlesungen über Pharmazeutik, Vorlesungen über Chemie und über Botanik, und über praktische Medizin, und über Heilkunde, ganz abgesehen von Hygiene und Heilmittelkunde, alles Namen, deren Etymologie er nicht kannte und die ihm vorkamen wie Pforten zu Heiligtümern von erhabener Finsternis.»1 Charles Bovary, der spätere Landarzt und Ehemann von Emma, der Madame Bovary, zeigt sich in Gustave Flauberts Roman anfänglich überfordert von all den Ansprüchen, welche die Medizin an die Studenten stellte. Diese Ansprüche zeugen von der Wissenschaftlichkeit, der sich die Medizin im 19. Jahrhundert zu verschreiben begann. «Modern times dawned with nineteenth century», schrieb der renommierte Medizinhistoriker Roy Porter. Und die Medizin gewann an Bedeutung, indem sie wissenschaftlich wurde.2 In Deutschland stieg die Physiologie ab etwa 1830 zur Leitwissenschaft auf. Sie ermöglichte die Wende zur naturwissenschaftlichen Medizin.3 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich unter der Ägide von Louis Pasteur (1822–1896) und Robert Koch (1843–1910) die Bakteriologie zur zweiten Leitwissenschaft. Durch die Bakteriologie wurde es erstmals möglich, eine einzige und eindeutige Ursache von Krankheiten zu bestimmen: das Bakterium.4 Der naturwissenschaftliche Anspruch der Medizin im 19. Jahrhundert ging mit einem neuen Selbstverständnis der Ärzte einher: Sie sahen sich als Vertreter der «wahren Wissenschaft» und nahmen die Medizin nicht mehr wie früher als Kunst wahr.5 Methoden der Naturwissenschaften ersetzten die spekulative Naturbetrachtung. Führende Mediziner verpflichteten sich kausalem Denken und leitenden Theorien.6 Auch die Herausgeber des Correspondenz-Blatts für Schweizer Aerzte forderten die Ärzte 1885 dazu auf, als Diener der Aufklärung vermehrt in die Öffentlichkeit zu treten und die «wissenschaftliche Medicin» gegenüber abergläubischen «Volksmitteln» zu stärken. Dies sollte auch mit Artikeln in der Tagespresse gemacht werden.7

Der grosse gesellschaftliche Wandel des 19. Jahrhunderts verhalf der Medizin zu einer neuen Rolle. Der Nationalstaat etablierte sich, die Industrialisierung veränderte die Gesellschaft, es vollzog sich eine «Verwissenschaftlichung des Alltags».8 Säkulare Denkmuster gewannen gegenüber dem theologischen Weltbild seit der Aufklärung an Bedeutung – auch in der Frage der Gesundheit, für welche wohlhabend gewordene Bürger es sich nun leisten konnten, Geld auszugeben. Für sie wurde Gesundheit ein wichtiger Teil der richtigen und vernünftigen Lebensführung.9 Medizin und Ärzte stiessen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf eine zunehmende Nachfrage.10 Denn das naturwissenschaftliche Verständnis der Medizin, welches Leben und Körper des Menschen einer rationalen Kalkulation zugänglich machte und die Leistungsfähigkeit zu optimieren versprach, entsprach dem bürgerlichen Denken der Zeit. Diese sich verändernde Rolle der Medizin bildet den Rahmen, in dem die Ärzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts agierten. Ärzte wurden, was Gesundheitsfragen betraf, in dieser Zeit in Staat und Gesellschaft tonangebend. Aufgrund dieser Voraussetzung vermochten sie auch die Tuberkulosetherapie zunehmend zu prägen. Und dies obwohl die neue, naturwissenschaftliche Medizin den Patientinnen und Patienten vorderhand einiges schuldig blieb: Als in ihrem Selbstanspruch auf das Heilen gerichtete Disziplin vermochte sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur wenige therapeutische Erfolge vorzuweisen. Gerade in der Bakteriologie waren diese, verglichen mit den Resultaten der medizinischen Grundlagenforschung, bescheiden.11

Im Zuge dieser sogenannten Medikalisierung konnten sich die akademischen Ärzte Anfang 19. Jahrhundert noch gegen hoch angesehene Heilkundige wie Bader, Barbiere und Handwerkschirurgen durchsetzen.12 Um den eigenen Berufsstand zu schützen und zu stärken, setzten Ärzte auf die Professionalisierung, insbesondere auf die Regulierung der Ausbildung. In der Schweiz des 19. Jahrhunderts erfolgte dieser Prozess lange Zeit auf der Ebene der Kantone.13 Der 1848 gegründete Bundesstaat wurde erst 1877 mit einem Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Medizinalpersonen direkt gesetzgeberisch tätig. Standesorganisationen förderten in Zusammenarbeit mit den Kantonen das Fortkommen der ärztlichen Profession. 1870 gründeten verschiedene Deutschschweizer Ärztegesellschaften den «Ärztlichen Centralverein», während französisch sprechende Ärzte schon 1867 eine eigene Vereinigung gegründet hatten. Eine nationale medizinische Standesorganisation, die heutige Verbindung Schweizerischer Ärzte (FMH), entstand erst 1901.14 Ärztinnen hatten damals im Berufsleben einen schweren Stand, obwohl Schweizer Universitäten vergleichsweise früh Frauen zum Studium zuliessen (Zürich 1867, Genf und Bern 1872).15 Das zeigt etwa ein im Correspondenz-Blatt abgedrucktes Protokoll einer Sitzung der Zürcher Ärztegesellschaft im Dezember 1883: Die Aufnahme einer Ärztin in die Gesellschaft scheiterte in der Abstimmung deutlich.16 1890 gab es in der Schweiz insgesamt 1530 Ärzte. Darunter waren nur 10 Frauen.17 Bei damals insgesamt knapp drei Millionen Einwohnern in der Schweiz kamen auf 10 000 Menschen 5,2 Ärzte. Im Vergleich zu heute waren die Menschen damit weit weniger mit ärztlichem Wirken konfrontiert. Die heutige Ärztedichte ist wesentlich höher: 2014 betrug sie 21,6 Ärzte pro 10 000 Einwohner.18

Die Tuberkulose und die Diätetik

Die Tuberkulose war um 1900 die häufigste Todesursache. Das Correspondenz-Blatt veröffentlichte 1883 eine Mortalitätsstatistik, gemäss der im Jahr 1882 von 10 000 Einwohnern 33,7 an Lungenschwindsucht starben.19 Damit stellte die Lungentuberkulose von den aufgeführten Todesursachen die mit Abstand bedeutendste dar. Neben «Lungenschwindsucht» waren lange Zeit weitere Bezeichnungen für Lungentuberkulose gebräuchlich: Das griechische «Phthisis», welches insbesondere Ärzte verwendeten, ausserdem «Auszehrung», «weisse Pest» oder – im englischen Sprachraum – «Captain of All These Men of Death».20 Gleichzeitig war unter Ärzten lange Zeit umstritten, welche Krankheitsbilder zur Tuberkulose zählten. So unterschied Rudolf Virchow (1821–1902), der Gründer der Zellularpathologie, zwischen der eigentlichen Tuberkulose, bei der die charakteristischen Tuberkel, also knötchenförmige Gewebeveränderungen, auftraten, und der Phthise, einer «verkäsenden», gewebezerstörenden Pneumonie.21 Mit der Entdeckung des Tuberkulosebakteriums durch Robert Koch im Jahr 1882 konnten Krankheitsbilder, welche vorher verschiedenen Krankheiten zugeordnet worden waren, nun auf eine einzige Ursache, den Tuberkelbazillus, zurückgeführt werden.22 Es zeigte sich, dass die Tuberkulose verschiedene Organe befallen kann, am häufigsten jedoch die Lunge. Sie wird durch Tröpfcheninfektion, das heisst durch die Hustentröpfchen eines Kranken, übertragen. Ohne Behandlung ist die Lungentuberkulose häufig tödlich. Sie verläuft sehr langwierig: Es kann Jahre dauern, bis der Tod eintritt. Blässe, Abmagerung, Müdigkeit und erhöhte Temperatur treten auf, dazu ein blutiger Husten, wenn die Blutgefässe angegriffen sind. Doch führt nicht jede Infektion mit dem Bazillus zum Ausbruch der Krankheit. Zumeist erfolgt die Erkrankung nur dann, wenn ein Mensch in seiner körperlichen Verfassung und in seinem Immunsystem geschwächt ist.23 Die Tuberkulose kann heute in den meisten Fällen durch Antibiotika geheilt werden. Es treten jedoch zunehmend Probleme mit multiresistenten Bakterien auf, gegen die Medikamente nicht mehr wirken. Die Tuberkulose konnte entgegen früherer Hoffnungen denn auch nicht ausgerottet werden, sondern ist vor allem in ärmeren Ländern weitverbreitet.24 Ab 1985 führte die HIV-Epidemie zu einer deutlichen Zunahme der Tuberkuloseerkrankungen.25 Ungefähr ein Drittel aller Menschen ist gemäss WHO mit dem Tuberkuloseerreger infiziert. 2014 starben 1,5 Millionen Menschen an Tuberkulose.26 Diese Todesfälle sind meist darauf zurückzuführen, dass Menschen in ärmeren Ländern kaum Zugang zu Medikamenten und passender Therapie haben.27 In der Schweiz erkranken heute jährlich rund 550 Personen an Tuberkulose, zumeist sind es Migrantinnen und Migranten.28

Um 1850, als die Tuberkulose auch in Europa und den USA epidemisch war und vielerorts als unheilbar galt, begann ein schlesischer Arzt, deren Heilbarkeit zu propagieren: Hermann Brehmer stellte 1853 in seiner Dissertation die These auf, dass die Tuberkulose in ihren frühen Stadien immer heilbar sei.29 Brehmer nahm ein althergebrachtes medizinisches Konzept zu Hilfe: die antike Diätetik. Diese bildet neben Operation und Medikament den dritten Ansatz medizinischer Therapie und geht davon aus, dass Umweltfaktoren Ursache von Krankheit und Gesundheit sind.30 Ausschlaggebend sind die sogenannten «sex res non naturales», die sechs nichtnatürlichen Dinge: Licht und Luft, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Wachen und Schlafen, Ausscheidungen, Gemütsbewegungen.31 Da die «sex res» über Krankheit und Gesundheit entscheiden, gilt es, diese günstig zu beeinflussen. So empfahlen die antiken Ärzte Hippokrates und Galen als therapeutische Massnahme einen Wechsel in gesundheitsförderndes Klima.32 Das antike Schema der «sex res» wurde gegen 1800 aufgrund der neuen bürgerlichen Wertschätzung der Gesundheit wieder breit rezipiert und setzte sich im 19. Jahrhundert als konzeptionelle Basis der Hygiene durch. Mit Hygiene ist hier nicht wie heute die von der Bakteriologie geprägte Idee der keimfreien Sauberkeit gemeint, sondern das umfassende Gesundheitskonzept der Diätetik mit den «sex res».33

In der Tuberkulosetherapie des 19. Jahrhunderts setzten Ärzte auf diätetische Massnahmen.34 Verschiedene Mediziner beschrieben die günstige Wirkung, die ein Wechsel in ein als gesund angesehenes Klima auf Kranke mit Lungentuberkulose hatte. Anfänglich empfahlen Klimatherapeuten vor allem milde Klimate am Mittelmeer oder Orte am Seeufer. Die Berge waren hingegen noch kein Thema.35 An den Erholungsorten des Mittelmeers entstanden detaillierte Verhaltensvorschriften für die Kranken zur «Förderung des Wohlbefindens», wie der französische Historiker Alain Corbin schrieb.36 Der englische Arzt Harry Bennet berichtete 1814, wie seine Tuberkulose durch Aufenthalt in Mentone an der Côte d’Azur (im Winter) und in Schottland (im Sommer) heilte.37 Vielfach aufgelegt wurde die Studie des englischen Arztes James Clark, The Sanative Influence of Climate. Er empfahl Tuberkulosekranken den Wechsel in ein mildes Klima («a very powerful remedy»), nebst reichlicher Ernährung und Aufenthalt in frischer Luft.38 Auf diese Elemente setzte auch Hermann Brehmer. Er verband seine Verkündung von Heilung allerdings nicht mit Orten am Mittelmeer. Vielmehr glaubte er, dass die Tuberkulose nur geheilt werden könnte, wenn die Kur an einem hoch gelegenen, «immunen Ort» stattfand. Das waren Orte, an denen die Tuberkulose angeblich nicht vorkam.39 Diese Idee übernahmen die Promotoren der Höhenkur in den Schweizer Alpen.

Die diätetische Behandlung der Tuberkulose blieb auch im Zeitalter der Bakteriologie lange Zeit wichtig. Reichliche Ernährung, frische Luft und ein ausgewogenes Mass an Ruhe und Bewegung sollten die Abwehrkräfte stärken. Bei Weitem nicht bei jedem, der sich mit dem Tuberkulosebakterium angesteckt hatte, brach die Krankheit aus. 1888 formulierte dies ein Arzt im Correspondenz-Blatt folgendermassen: «Der Bazillus für sich allein macht ja bekanntlich noch keine Lungenschwindsucht, sonst wäre bei dessen Ubiquität nicht zu begreifen, weshalb wir nicht alle, samt und sonders, phthisisch werden sollten.»40 In der Tat war die sogenannte Durchseuchung damals äussert hoch. Dies zeigte eine Untersuchung Otto Naegelis (1871–1938) aus dem Jahr 1900. Anhand von 500 Sektionen am Pathologischen Institut Zürich kam er zum Schluss: «Jeder Erwachsene ist tuberkulös.» Dieses Resultat barg in Naegelis Augen jedoch Trost. Da erfahrungsgemäss nicht mehr als ein Siebtel bis ein Achtel der Menschen der Tuberkulose zum Opfer fallen würden, ergebe sich daraus, dass weitaus die Mehrzahl imstande sei, «den Kampf mit der Tuberkulose siegreich durchzuführen, und die Sturmflut der Bazillen durch die natürlichen Schutzwehren des Organismus einzudämmen und zur Ruhe zu bringen». Naegeli hatte bei 97 Prozent der von ihm sezierten Leichen tuberkulöse Veränderungen entdeckt. Daraus leitete Naegeli ab, dass der «Disposition» eine ungleich grössere Bedeutung als der Infektion zukam.41 Er definierte den Begriff Disposition als anatomisch-physiologische Konstitution, die erst dem Tuberkelbazillus den Boden gebe, auf dem er mit «höchst malignem Charakter um sich greift».42

Ärztemacht und die Verbreitung von Ärztewissen

Mit dem Aufstieg der Medizin im 19. Jahrhundert erlangten die Ärzte zunehmend Definitionsmacht über Gesundheit und Krankheit. Gleichzeitig veränderte sich das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten.43 Der Arzt verkörperte um 1900 die Wissenschaft und vermochte nun anstelle von Ratschlägen Anordnungen zu erteilen.44 Elementar für diese Entwicklung war die Geburt der Krankenhaus-Medizin, welche die ärztliche Autorität institutionell durchsetzte. Um 1800 hatte sich dies noch anders verhalten: Den Ärzten mangelte es an Expertenautorität, die Klientel, also die Patienten, übten Kontrolle über das ärztliche Handeln aus. Zudem standen die Ärzte sozial unterhalb ihrer vornehmlich wohlhabenden Kunden und waren von diesen ökonomisch abhängig.45 Im Verlauf des 19. Jahrhunderts konnten sich immer mehr Menschen eine ärztliche Behandlung leisten. Der Markt für medizinische Dienstleistungen vergrösserte sich, obwohl für wirtschaftlich schlechtgestellte Bevölkerungsschichten der Arzt vielfach zu teuer blieb.46 Ein soziales Krankenversicherungssystem wie heute bestand nicht.

Die neue Rolle der Medizin im 19. Jahrhundert, wie ich sie geschildert habe, wäre ohne die Vermittlung des medizinischen Wissens durch Zeitungen, Zeitschriften und populäre Schriften nicht möglich geworden.47 Die Popularisierung von Wissenschaft und Technik erlebte im 19. Jahrhundert eine Blütezeit, wobei in Gesundheitsfragen Ärzte als Popularisatoren in Erscheinung traten.48 Medizinische Theorien gelangten so zu einem breiten Publikum. In Bezug auf die Leitfrage dieses Buches, warum sich die Höhenbehandlung der Lungentuberkulose durchsetzen und behaupten konnte, untersuche ich primär, wie sich medizinisches Wissen innerhalb des Kreises der Fachleute ausbreitete. Hatten sich die Ärzte nämlich einmal für eine bestimmte Behandlung entschieden, empfahlen sie diese den Patientinnen und Patienten. Das Handeln der Patienten reduzierte sich zusehends auf den Vollzug ärztlicher Anordnungen.49 Die Machtposition der Ärzte gegenüber ihren Patienten ist auch in der heutigen Medizin von strategischer Bedeutung: So ist es für die Pharmaindustrie entscheidend, die Ärzte mittels Rabatten, Honoraren für «Scheinstudien» oder Kongressteilnahmen für eine neue Therapie zu gewinnen.50 Auch für Promotoren der Theorie des heilenden Höhenklimas war es entscheidend, andere Ärzte von ihrer Theorie zu überzeugen. Die Ärzte entschieden vielfach, an welchen Kurort sich Kranke begeben sollten. Dies kommt in einem Artikel in der Kurortszeitung Davoser Blätter von 1876 zum Ausdruck. In diesem wird kritisiert, dass noch zu wenige Ärzte Kranke nach Davos schicken würden. Gemäss dem Artikel war es deshalb entscheidend, mehr Ärzte auf den Kurort aufmerksam zu machen.51

Als Plattform für die Meinungsbildung boten sich Publikationen wie das Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte an, eine Fachzeitschrift, welche sich an Ärzte und Medizinwissenschaftler richtete. Ins Leben gerufen wurde sie 1871, kurz nach der Gründung des ärztlichen Centralvereins, vom Berner Professor Ernst Klebs (1834–1913). Dieser schrieb in der ersten Ausgabe, dass es Aufgabe der Zeitschrift sei, die «Beziehung zwischen den Vertretern ärztlichen Wissens und Handelns zu pflegen».52 Die Herausgeber wollten also zwischen universitärer Forschung und ärztlicher Praxis vermitteln. Eine Episode aus Flauberts Madame Bovary handelt davon, dass die Ärzte in die Praxis umzusetzen versuchten, was sie in Fachpublikationen gelesen haben: Homais, der Apotheker des Städtchens Yonville, hat «über eine vielgelobte Methode zur Heilung von Klumpfüssen gelesen».53 Er überzeugt nun Charles Bovary, mittlerweile Landarzt geworden, den klumpfüssigen Hippolyte zu operieren. Bovary führt die Operation mithilfe der Fachliteratur durch. Der Aufklärer Homais schreibt daraufhin im Fanal de Rouen: «Trotz der Vorurteile, die noch einen Teil Europas wie ein Netz überziehen, beginnt das Licht doch auch auf unsere ländlichen Gegenden zu fallen. Am Dienstag war unser Städtchen Yonville der Schauplatz eines chirurgischen Eingriffs, der gleichzeitig auch ein Beispiel schönster Menschenliebe darstellt.»54 Doch die Lobeshymne des Apothekers ist verfrüht. Die Operation stellt keinen Erfolg dar, das operierte Bein muss schliesslich amputiert werden.

Die Theorie des immunen Klimas
Hermann Brehmer verkündet Heilung

1854 erwarb der Arzt Hermann Brehmer (1826–1889) eine kleine Kaltwasserheilanstalt in Görbersdorf im damals preussischen Schlesien. Die Bewilligung, diese als Heilanstalt für Lungenkranke zu führen, erhielt er fünf Jahre später. Fortan leitete er die erste Heilanstalt, die sich ausschliesslich der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Lungentuberkulose verschrieb. Die Entwicklung, die Brehmers Einrichtung in den folgenden Jahren nahm, war atemberaubend: Nur wenige Jahrzehnte später standen in Görbersdorf Prachtspaläste und Villen zur Behandlung von Patienten mit Lungentuberkulose. Brehmers Behandlungsmethode bildete die Grundlage für die Therapie der Lungentuberkulose in den nächsten 100 Jahren, auch in Schweizer Kurorten oder in den USA.1 Brehmer versprach in seiner Einrichtung nichts anderes als die Heilung der Lungentuberkulose. Dies war aufsehenerregend in einer Zeit, in der bei vielen Ärzten der Glaube an eine erfolgreiche Therapie der Schwindsucht fehlte. «Eine Heilanstalt zu gründen, deren einziges Ziel die Behandlung einer unheilbaren Krankheit war, konnte nur ein Aussenseiter wagen», schreibt der Historiker Flurin Condrau in seiner sozialgeschichtlichen Studie über Lungenheilstätten in England und Deutschland. Zeitlebens habe Brehmer der hämische Spott einiger Kollegen begleitet.2 Ernst von Leyden (1832–1905), Internist und Professor in Berlin, soll ihn in seinen Vorlesungen mit einem gewissen Hohn als «geschäftsgewandten Görbersdorfer ärztlichen Hotelier» bezeichnet haben.3 Jahre später, als die Behandlung nach Brehmers Vorbild in Deutschland und anderen Ländern populär geworden war, amtierte der gleiche Professor von Leyden indes als Lobredner: Anlässlich des 50-jährigen Bestehens von Brehmers Heilanstalten in Görbersdorf bezeichnete er Brehmer als «kühnen Geist», dessen erfolgreiche Heilmethode «den Ruhm und die Anerkennung des Begründers» verkünde.4 Hermann Brehmer war auch der Wegbereiter der Höhenkur, weil er hoch gelegene Ortschaften für die Behandlung der Lungentuberkulose empfahl. In diesem Kapitel wird gezeigt, wie Brehmer der diätetisch-klimatischen Behandlung der Lungentuberkulose zum Durchbruch verhelfen konnte, die dann während 100 Jahren die Tuberkulosebehandlung prägte. Zudem lege ich dar, auf welchen wissenschaftlichen und medizinischen Grundlagen die Höhenkur entstand und wie diese Grundlagen zu deren kommerziellem Erfolg beitrugen.

Anfänglich stiessen Brehmers Anschauungen bei vielen Medizinern auf bescheidene Resonanz. In der zweiten Auflage seiner erstmals 1857 erschienenen Studie über Die chronische Lungenschwindsucht und Tuberkulose der Lunge beklagte sich Brehmer, dass seine Publikation «von der medizinischen Presse vollständig ignoriert» worden sei.5 Doch immerhin gehörte Alexander von Humboldt (1769–1859), der auf seinen Reisen Klima und Natur zahlreicher Länder erforscht und dokumentiert hatte, zu den Lesern der Schrift und lobte sie 1857 in einem Brief.6 Brehmer hatte seine Theorie der Heilung mit dem Einfluss von geografischen und klimatologischen Faktoren auf den Körper begründet, wie ihn auch Alexander von Humboldt und andere Naturforscher auf ihren Reisen in entlegene Gegenden untersucht hatten.7 Diese Gelehrten lieferten Brehmer wichtige Hinweise darauf, was die mutmasslich gesundheitsfördernde Lage der Heilanstalt anbelangte. Verschiedentlich berichteten sie, wie in diesem Kapitel gezeigt werden wird, von Gegenden, in denen es gemäss ihren Erkenntnissen keine Tuberkulose gab. Auch Brehmer ging davon aus, dass in bestimmten Gegenden keine Tuberkulose vorkam und dass dort eine «Immunität von der Lungenschwindsucht» bestehen würde.8 Für ihn war nun entscheidend, dass Tuberkulose nur geheilt werden konnte, wenn die Kur an einem solchen «immunen Ort» stattfand.9 Indem er auf die immunisierende Wirkung von hoch gelegenen Orten hinwies, wurde er zum eigentlichen Vordenker der Höhentherapie der Lungenschwindsucht.

In seiner Studie verpflichtete sich Hermann Brehmer der medizinischen Geographie. Dieses von der antiken Diätetik ausgehende Wissensgebiet bezeichnete er als «die Lehre von der Verbreitung der Krankheiten auf der Erdoberfläche».10 Verschiedene Vertreter der medizinischen Geographie suchten nach gesetzmässigen Zusammenhängen zwischen messbaren Variablen wie Erdkoordinaten, Höhe über Meer oder Lufttemperatur und der Verbreitung von Krankheiten. Sie orientierten sich an Ideen Alexander von Humboldts.11 Brehmer selbst errichtete ein Observatorium für meteorologische Beobachtungen, da Wind oder Feuchtigkeitsgehalt der Luft in seiner Sichtweise grossen Einfluss auf das Befinden der Lungenkranken hatten.12 Hinsichtlich der Therapie empfahlen Verfechter der medizinischen Geographie einen Ortswechsel in Gegenden mit einem der Gesundheit zuträglichen Klima.13 In jüngster Zeit interessierte sich die geografische Gesundheitsforschung für das Konzept der therapeutischen Landschaften, zu denen Wissenschaftler auch traditionelle «Gesundheitspflegelandschaften» wie Heilquellen, Berglandschaften oder Meeresluft zählen.14 Die medizinische Geographie weist Gemeinsamkeiten mit der Bioklimatologie auf. Dieses Wissensgebiet, das sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts formierte, integrierte die Erkenntnisse der geografischen Medizin und ist teilweise deckungsgleich mit ihr.15

Hermann Brehmer machte sich eine therapeutische Landschaft zunutze, von der er glaubte, dass sie frei von Tuberkulose sei. Er behandelte seine Patientinnen und Patienten in Görbersdorf, dem heute polnischen Sokolowsko, gelegen in einem Talkessel des zu den Sudeten gehörenden Waldenburger Berglands, auf 560 Meter über Meer. Ursprünglich hatte Brehmer Naturwissenschaften und Mathematik in Breslau studiert. Er war jedoch gezwungen, die Stadt zu verlassen, nachdem er sich an der revolutionären Bewegung von 1848 beteiligt hatte und vor der Justiz fliehen musste.16 Brehmer konnte seine Studien in Berlin fortsetzen, wandte sich aber der Medizin und der Erforschung der Tuberkulose zu. Er besuchte Veranstaltungen des bekannten Physiologen Johannes Müller (1801–1858). Seine Doktorarbeit schrieb er bei Johann Lukas Schönlein (1793–1864), der vorher für einige Jahre in Zürich Professor für klinische Medizin gewesen war und seit 1842 als Leibarzt des preussischen Königs Friedrich Wilhelm IV. wirkte. Schönlein setzte auf empirische, naturwissenschaftliche Methoden in der Medizin und hatte der Tuberkulose aufgrund der typischen Läsionen, der Tuberkel, 1839 ihren Namen gegeben.17 In seiner auf Latein verfassten Dissertation von 1853 stellte Brehmer die These auf, dass die Tuberkulose in frühen Stadien immer heilbar sei.18 Diese Aussage dürfte im Zusammenhang mit eigenen Erfahrungen gestanden haben: Brehmer soll nämlich in jungen Jahren selbst an Tuberkulose im Anfangsstadium erkrankt sein und sie überwunden haben.19 Bestätigt sah sich Brehmer durch Untersuchungen des Wiener Pathologen Carl von Rokitansky (1804–1878). Dieser hatte bei Sektionen festgestellt, dass 90 Prozent der nicht an Tuberkulose verstorbenen Menschen verheilte tuberkulöse Herde aufwiesen. Die tuberkulöse Lungenphthise sei zweifellos heilbar, folgerte der namhafte Pathologe 1844. Er widersprach damit der älteren Auffassung der Pariser Schule, welche die Krankheit als unheilbar erklärt hatte.20

Nach seinem Staatsexamen arbeitete Brehmer zunächst als zweiter Arzt in der Kaltwasserheilanstalt der mit ihm befreundeten Hydrotherapeutin Marie von Colomb (1808–1868) in Görbersdorf, das damals noch eine kleine, ärmliche Siedlung mit 340 Einwohnern, hauptsächlich Webern und Bauern, war.21 Brehmer erwarb die Einrichtung 1854. Er führte sie zunächst als Kaltwasserheilanstalt weiter und behandelte Patienten mit verschiedenen Krankheiten.22 Erst 1859 erhielt er die Konzession zur Führung einer Heilanstalt für Lungenkranke.23 1862 oder 1863 konnte Brehmer schliesslich einen Neubau mit 40 Zimmern und Gesellschaftsräumen eröffnen: die erste nur für Lungenkranke gebaute Heilanstalt.24 Bei seiner auf diätetischen Prinzipien beruhenden Behandlung der Lungenkranken setzte Brehmer auf Methoden der Hydrotherapie, wie sie bereits Marie von Colomb angewandt hatte. Von Colomb hatte sich mehrere Jahre als Patientin und Assistentin beim bekannten Naturheiler und Kaltwassertherapeuten Vinzenz Priessnitz (1799–1851) aufgehalten.25 Auch Brehmer hatte dessen Behandlungsmethode während eines Ferienaufenthalts kennengelernt.26 Brehmer kodifizierte in der Folge eine Methode zur Behandlung der Tuberkulose, zu der kalte Abreibungen, Wannenbäder oder eine «Walddusche» gehörten, bei der eiskaltes Wasser aus fünf Meter Höhe auf die Patienten fiel.27 Zudem empfahl er eine kräftige, nahrhafte Diät, den Konsum von Wein und von Milch mit Kognak zur besseren Verdauung. Die fettreiche Nahrung sollte gemäss Brehmer im Körper Wärme erzeugen, den Pulsschlag erhöhen und die Durchblutung fördern.28 Daneben setzte Brehmer auf ein bestimmtes Mass an Bewegung und Ruhe:

Neues Kurhaus Dr. Brehmer, erbaut um 1875.

Die Patienten hatten in der Parkanlage seiner Kuranstalt langsam bergauf zu gehen und sich auf den Bänken auszuruhen.29 Insbesondere förderte er den Aufenthalt in der frischen Luft: «Der Patient sollte eigentlich fortwährend im Freien sein», forderte Brehmer. Gemäss Brehmer war es überdies entscheidend, dass die Therapie unter dem wachsamen Auge eines Arztes stattfand, insbesondere weil Lungenschwindsüchtige zu «Exzessen» neigen würden.30 Die Patienten sollten durch eine «richtige» Lebensweise genesen und lernen, sich von gesundheitsschädigenden Einflüssen fernzuhalten.31 Hermann Brehmer avancierte so zum Pionier der sogenannten Anstalts- oder Sanatoriumsbehandlung der Lungentuberkulose, die auf die Kontrolle der Patienten durch einen verständigen Arzt innerhalb einer Heilanstalt setzte und während mehrerer Jahrzehnte die Standardtherapie der Tuberkulosebehandlung darstellte. Der Therapieversuch des englischen Arztes George Bodington von 1840, der auf ähnlichen Behandlungsgrundsätzen beruhte, blieb hingegen ohne direkte Nachahmer. Bodington war mit seinen Anschauungen auf Ablehnung gestossen und hatte resigniert.32

Zu Beginn fürchtete Brehmer, als Scharlatan bezeichnet zu werden, der die Heilung einer Krankheit versprach, die viele Ärzte als unheilbar betrachteten, wie er in der deutschen Ausgabe seiner Dissertation schrieb.33 1869 kritisierte er rückwirkend, dass nur schon «der Versuch, die Lungenschwindsucht zu behandeln oder gar zu heilen, mit dem Anathema [Kirchenbann, Ächtung] der Scharlatanerie gebrandmarkt» worden sei.34 Doch so allein, wie er es verschiedentlich darstellte, stand er mit seinen Ansichten in Medizin und Wissenschaft nicht: So wurde er direkt nach dem Erscheinen seiner Dissertation 1853 an die Leopoldina, die deutsche Akademie der Naturforscher, berufen.35 Zudem hatte Brehmer wie erwähnt äusserst prominente Lehrer und Mentoren. In seinen Erörterungen bezog er sich auf Erkenntnisse namhafter Mediziner wie des Pathologen Carl von Rokitansky, der bereits vor ihm die Heilbarkeit der Tuberkulose beschrieben hatte. In seinen Publikationen konnte er seine Heilmethode mit Verweis auf zeitgenössische medizinische Studien begründen. Dies überzeugte andere Ärzte: Der Hannoveraner Mediziner Carl Flügge sandte ab 1859 regelmässig Tuberkulosekranke zu Brehmer nach Görbersdorf. Als diese in einem offenbar gebesserten Zustand zurückkehrten, wurden weitere Ärzte auf Brehmers Angebot aufmerksam.36 Der Aufenthalt in Görbersdorf, der oft mehrere Monate dauerte, dürfte wohl eine kräftigende Wirkung auf Patienten gehabt haben, was zwar nicht zu einer Heilung, aber zu einer vorübergehenden Besserung geführt haben mochte. Dies lässt sich aus Brehmers eigener Statistik von 1869 ablesen, die seine Erfolge dokumentieren sollte: Gemäss dieser wurden von 958 behandelten Lungenschwindsüchtigen 20 Prozent «dauernd» geheilt, bei einer durchschnittlichen Kurdauer von knapp drei Monaten. Brehmer beschrieb beispielsweise den Fall eines 24-jährigen Landwirts, der sich 15 Monate in der Anstalt behandeln liess: Dieser sei als «relativ gesund» entlassen worden und lebe noch, was einen Erfolg darstellen würde.37 Weitere, von Brehmer dokumentierte Krankengeschichten sollten zeigen, dass seine Behandlungsmethode auch «Triumphe» bei Patienten in vorgerückten Stadien der Krankheit feiern würde. Führte die Kur nicht zum Erfolg, lag dies hingegen nicht an der Therapiemethode: «Erreichen nicht alle Patienten diese Resultate, sind die Ursachen dafür meist in den Patienten selbst oder deren sozialen Verhältnissen zu suchen», schrieb Brehmer.38 Eine solche Argumentation, welche die Verantwortung für den Misserfolg der Therapie auf die Patienten abschiebt, benutzten später auch andere Tuberkuloseärzte. Als Folge des Zustroms von Patienten liess Brehmer von 1875 bis 1878 in Görbersdorf einen neuen, prächtigen Gebäudetrakt im gotischen Stil bauen.39 Auch andere Investoren wollten vom Renommee Görbersdorfs profitieren und eröffneten im Ort weitere Tuberkuloseheilanstalten. Görbersdorf entwickelte sich zu einem der wichtigsten Klimakurorte in Deutschland. In einer im Orell-Füssli-Verlag in Zürich 1882 erschienenen Broschüre über Brehmers Heilanstalt heisst es: Das anfänglich «so viel angefeindete oder gar verspottete Brehmer’sche Heilverfahren» sei heute «fast überall für die Behandlung des Leidens massgebend geworden».40

Alexander von Humboldt und die therapeutische Entdeckung der Höhe

Im Rahmen der medizinischen Diskussion um die Behandlung der Lungentuberkulose war Brehmers Erfolg hauptsächlich zwei Faktoren geschuldet: Zum einen kam Brehmer zu Hilfe, dass sich seine Hypothese von hoch gelegenen, «immunen» Orten gut mit dem im Kapitel «Die gesunde Schweizer Alpenluft» geschilderten romantischen Bild der Alpen verbinden liess, gemäss dem die Berge Orte der Kraft und Gesundheit waren. Zum anderen übernahm er die bei Ärzten im 19. Jahrhundert populären Vorstellungen der Diätetik und knüpfte dabei an Beobachtungen von Naturforschern wie Alexander von Humboldt an. Die Historikerin Daniela Vaj hat gezeigt, wie entscheidend deren Texte für die Etablierung der Höhenkur der Tuberkulose waren.41 Sie weist in ihrem Aufsatz denn auch darauf hin, dass der therapeutische Gebrauch der Alpenluft und das Schicksal der Höhenkurorte nicht nur eine Folge der Promotionstätigkeit von Ärzten war, welche die Idee der Höhenkur verbreiteten. Vielmehr formulierten zahlreiche Ärzte und Gelehrte im Zeichen des Neo-Hippokratismus rund um den Globus in Studien die Hypothese der kurierenden Höhenluft.42 Zentral für diese Hypothese war anfänglich die Idee von immunen, angeblich tuberkulosefreien Orten. Die diesbezüglichen «Beobachtungen» waren zugleich Ausdruck persönlicher Vorstellungen wie auch empirischer Begebenheiten.43 Hermann Brehmer, der seine Heilanstalt im – mit rund 500 Meter über Meer vergleichsweise niedrig gelegenen – Bergland von Görbersdorf eröffnete, übernahm diese Idee und entwickelte davon ausgehend ein theoretisches Konzept zur Heilung der Tuberkulose. In seiner bereits erwähnten Studie von 1869, in der er das medizinische und geografische Wissen seiner Zeit breit rezipierte, erwähnte er verschiedene Orte, an denen die Tuberkulose offenbar nicht oder nur selten vorkam. Insbesondere verwies er auf die Seltenheit der Lungenschwindsucht in einigen hoch gelegenen Regionen: den Kordilleren in Peru, der Hochebene von Mexiko oder den höher gelegenen westlichen Regionen von Texas.44 Brehmer betonte aber, dass auch in gewissen Regionen Deutschlands die Tuberkulose ab einer gewissen Höhe nicht mehr vorkomme, und zwar bereits ab 1500 Fuss (457 Metern).45 Was die Lage von Görbersdorf anbelangte, gab er sich überzeugt, dass eine höhenbedingte Immunität vorliege. Als Grund für diese gegen Tuberkulose immunisierende Wirkung der Höhenlagen nannte Brehmer den mit zunehmender Höhe verminderten Luftdruck und dessen physiologische Auswirkungen. Auch aufgrund von Messungen am eigenen Körper stellte er fest, dass die Pulsfrequenz mit sinkendem Luftdruck zunahm.46 Diese Zunahme der Pulsfrequenz war gemäss Brehmer von entscheidender Bedeutung für den Heilungsprozess. Brehmer hielt die Tuberkulose nämlich für die Folge einer «Ernährungsstörung»: Aufgrund eines zu kleinen und schlaffen Herzens werde dem Körper «ein zu geringes Quantum an Ernährungsmaterial zugesendet», und die Ernährung des ganzen Körpers könne so keine normale sein.47 Eine Zunahme der Pulsfrequenz durch das Höhenklima wirkte dem nach Ansicht von Brehmer entgegen.48 Zudem werde so der Stoffwechsel gesteigert.49 Brehmers Erklärung der Höhenwirkung verweist auf das Wissensgebiet der Höhenphysiologie, das, wie später gezeigt wird, für die Begründung der heilsamen Wirkung des Höhenklimas zunehmend wichtiger wurde.

Die Idee von immunen hoch gelegenen Orten baute, wie bereits erwähnt, wesentlich auf der Forschungstätigkeit von Alexander von Humboldt auf.50 Auf der zusammen mit dem Naturforscher Aimé Bonpland (1773–1858) unternommenen amerikanischen Forschungsreise von 1799 bis 1804 sammelte von Humboldt nicht nur umfangreiche Daten zu Flora und Fauna oder Meeresströmungen, sondern suchte auch nach den Gesetzen ihrer Verbindungen.51 In der grossformatigen Zeichnung «Tableau physique des Andes et Pays voisins» stellte von Humboldt die Vegetation in den Anden dar und ordnete sie ihrer Höhe über Meer zu. Seine Darstellung führt 13 verschiedene Faktoren auf, die von Humboldt als abhängig von ihrer Höhe über Meer beschrieb: etwa die Abnahme des Luftdrucks, die Lufttemperatur, die chemische Zusammensetzung der Luft und die Intensität des Lichts.52 In dem das Tableau begleitenden «Essai sur la géographie des plantes» betonte von Humboldt, wie wichtig es sei, die Pflanzen im Verhältnis zu ihrem Klima zu sehen. Die von ihm vorgestellte Geografie der Pflanzen ordnet die Vegetation anhand von verschiedenen Zonen und Höhenlagen.53

Alexander von Humboldts «Tableau physique des Andes et Pays voisins», 1808.

Von Humboldt selbst stellte gemäss Vaj anlässlich seiner Reise an den Äquator die Absenz der Phthise (Schwindsucht) in bestimmten hoch gelegenen Gebieten fest.54 Verschiedene andere Forscher bestätigten diesen Befund: Der schottische Arzt Archibald Smith berichtete in einem 1840 im Edinburgh Medical and Surgical Journal erschienenen Artikel, dass sich tuberkulosekranke Küstenbewohner in Peru besser fühlen oder gar geheilt würden, wenn sie sich in einer Höhe zwischen 5000 und 10 000 Fuss (also zwischen 1524 und 3048 Metern) aufhalten würden. Die Lungentuberkulose sei in den Bergen und inneren Tälern Perus generell eine seltene Krankheit.55 Auch der Schweizer Naturforscher und Diplomat Johann Jakob von Tschudi (1818–1889) hielt sich fünf Jahre in Peru auf. Er berichtete 1846 in der Oesterreichischen Medicinischen Wochenschrift in einer Serie von Artikeln über die geografische Verbreitung der Krankheiten in Peru. Er stellte das Verschwinden der Tuberkulose mit zunehmender Höhe in den Anden Perus fest. Die Krankheit sei in der dortigen Puna-Region äusserst selten, hielt von Tschudi fest. «Die Indianer scheinen eine vollkommene Immunität dagegen zu geniessen.»56 Diese in namhaften Fachzeitschriften publizierten Artikel dürften in der scientific community auf beträchtliche Aufmerksamkeit gestossen sein, da sie Hinweise auf die Heilung einer weitverbreiteten und tödlichen Krankheit enthielten.57

Weitere Mediziner stiessen ins selbe Horn: Caspar Friedrich Fuchs, der in Thüringen als Arzt tätig war, kam zum Schluss, dass die Tuberkulose auf Meeresniveau am häufigsten sei und mit zunehmender Höhe an Häufigkeit abnehme, im Norden schon in tieferen Lagen als im Süden.58 Kranke sollten deshalb gemäss Fuchs auf die Berge versetzt werden.59 Auch der Göttinger Arzt und Privatgelehrte Adolph Mühry (1810–1888) beschäftigte sich mit der «Absenz der Phthisis» in einigen Gegenden. Er ging davon aus, dass in höheren Elevationen die Lungentuberkulose entschieden abnehme, als Folge der dünnen Luft. Beim Nachweis der Hypothese stellte sich gemäss Mühry das Problem, dass es in Europa nur wenige bewohnte Gebiete gebe, die auf über 2000 Fuss liegen und einen entsprechenden tiefen Barometerstand ausweisen würden. Zu den wenigen Gebieten zählen gemäss Mühry das Engadin und Davos in der Schweiz.60 Hinsichtlich der Therapie nahm Mühry an, dass hoch gelegene Wohnorte in Europa «als Aufenthaltsorte für Phthisiker dereinst mehr anerkannt und aufgesucht werden».61 Mit dieser Vermutung sollte der königliche Sanitätsrat richtig liegen.

Hermann Brehmer las die Werke von Mühry oder auch Fuchs aufmerksam und zitierte sie in seiner Studie von 1869.62 Eine wichtige Referenz waren für Brehmer auch August Hirsch (1817–1894) und dessen Standardwerk Handbuch der historisch-geographischen Pathologie. Hirsch, Professor für Pathologie in Berlin und einer der wichtigsten Vertreter der medizinischen Geographie, schrieb, dass die Elevation einen «unbestreitbaren Einfluss» auf die «mehr oder weniger vollkommene Ausschliessung von Schwindsucht» in den betreffenden Gegend habe.63 Grundsätzlich ging Hirsch von einer «Immunität von Schwindsucht» ab 1800 Fuss (549 Metern) aus und begründete dies wie Brehmer oder Mühry mit einem verminderten Luftdruck.64 Es zeigt sich also, dass das Wissen um den heilsamen Effekt der Höhenlagen unter verschiedenen Gelehrten zirkulierte und schliesslich Hermann Brehmers These der immunen, tuberkulosefreien Orte mit wissenschaftlicher Autorität versah.

Konkurrenz unter Kurorten

Die Idee des immunen Klimas und die damit verbundene Begründung der Höhentherapie weckten auch das Interesse von Ärzten in der Schweiz. Der Hygieniker und ehemalige Chefarzt des Hôpital général von Genf, Henri-Clermont Lombard (1803–1895), veröffentlichte 1856 eine Studie mit dem Titel Les climats de montagnes considérés au point de vue médical.65 Als wichtigen Wirkmechanismus des Höhenklimas identifizierte Lombard den abnehmenden Luftdruck und die dünnere Luft mit weniger Sauerstoff in der Höhe, was für verschiedene Phänomene des menschlichen Körpers verantwortlich sei.66 Mit Verweis auf die Berichte von Gelehrten wie Johann Jakob von Tschudi kolportierte Lombard, dass die Lungentuberkulose bei den Bewohnern hoch gelegener Orte Südamerikas fast unbekannt sei. Er führte die Lungentuberkulose unter denjenigen Krankheiten auf, bei denen ein Aufenthalt in der Höhe zuträglich sei. Doch nicht immer sei eine Höhenkur angezeigt: Es gebe bestätigte Fälle, bei denen die Tuberkulose in der Höhe schneller fortschreite als in der Ebene. Auch sei die Furcht vor Lungenblutungen durch den Höhenaufenthalt berechtigt.67 Trotz solch kritischer Einwände sprach der Umstand, dass Lombard Regionen von über 1500 Meter über Meer als frei von der Tuberkulose erklärte, deutlich für eine immunisierende Wirkung des Höhenklimas. Lombards Buch über die Anwendung des Höhenklimas in der Medizin erlebte drei Auflagen. Seine Befunde dienten als Begründung, weshalb später Sanatorien in Davos, Arosa, Montana oder Leysin errichtet wurden.68 Der Gründer des Kurorts Davos, Alexander Spengler, stützte sich wohl ebenfalls auf Lombards Hypothese, dass die Tuberkulose ab einer Höhe von 1500 Meter über Meer «verschwinde», wie ich im nächsten Kapitel zeigen werde.

Zunächst war es aber der deutsche Arzt Hermann Brehmer, der die Theorie des immunen Klimas in den Sudeten Schlesiens für therapeutische Zwecke nutzte und daraus in Form eines wachsenden Kurbetriebs Kapital schlug. Brehmer nannte seine eigene Behandlungsmethode «rationell» und kritisierte die bis dahin gängigen Methoden, beispielsweise die Molkenkuren, als «nicht rationell»: Man schicke Lungenschwindsüchtige in Molkenkurorte, «wo irgendein Schweizer ganz vortreffliche Molken» zubereite, und bedenke nicht, dass man den Patienten damit mehr schade als nütze. Auch Kuren in Mineralbädern brachten gemäss Brehmer keinen Nutzen. Und wenig sinnvoll seien auch Aufenthalte in südlichen Klimakurorten wie Nizza, Kairo oder Madeira, in denen die Lungenschwindsucht endemisch vorkomme.69 Dass seine «rationelle» Behandlung gerade in Davos Nachahmer fand und dass dortige Ärzte ebenfalls eine «Immunität von der Lungenschwindsucht» geltend machten, behagte Brehmer indes ebenso wenig. Als grundsätzliche Regel stipulierte er, dass die Immunität von der Schwindsucht in Norddeutschland schon bei rund 450 Meter Höhe beginne. Je näher ein Ort aber beim Äquator liege, umso grösser müsse die Elevation sein. In der Schweiz liege die Grenzlinie der Immunität deshalb bei rund 1500 Metern.70 Brehmer mahnte, dass auch dann nicht jeder Ort des Gebirges frei von der Phthise sei. Zudem dürfe man Lungenschwindsüchtige keineswegs starken Winden aussetzen.71

Gerade die Schweiz sei für die Lungentherapie gar nicht geeignet, befand Brehmer. Deren hoch gelegene Täler würden nämlich in der Nähe der Gletscher liegen. Und die Luft des ewigen Schnees scheine «entschieden schädlich» auf den Menschen zu wirken.72 Um dies zu belegen, verwies Brehmer auf Mitteilungen des Chemikers Jean-Baptiste Boussingault, der auf Empfehlung von Alexander von Humboldt Südamerika bereist hatte, und auf den berühmten Text Voyages dans les Alpes des Alpenforschers Horace-Bénédict de Saussure.73 Diese Männer ertrugen gemäss Brehmer die Gletscherluft schlecht. Brehmer warnte vor der Gefahr, dass Lungenkranke in Schweizer Hochtälern die «entschieden unreine Gletscherluft einatmen» würden. Unbekümmert von solchen Bedenken hätten aber einige Ärzte in Davos den Versuch unternommen, Schwindsüchtige zu behandeln – mit laut Brehmer unerfreulichen Resultaten. Er kritisierte, dass in Davos gemäss einer Mitteilung von 34 Kranken deren fünf starben. Die Resultate von Davos blieben damit laut Brehmer weit hinter denjenigen zurück, die in Görbersdorf erzielt wurden.74

Animositäten unter rivalisierenden Kurorten sollte es in der Geschichte der Höhenkur noch öfters geben, kämpften die Kurbetriebe doch um die gleiche, zahlungskräftige Klientel. Aus einer Publikation von 1874, in der Brehmer Kritik an seiner Behandlungsmethode zurückwies, geht hervor, dass ökonomische Interessen bei diesen Auseinandersetzungen ein zentrales Motiv waren. Die Kritik sei häufig «das Produkt persönlicher und geschäftlicher Animositäten», schrieb Brehmer. Diese geschäftlich bedingten Feindseligkeiten beinhalteten laut Brehmer «Angriffe» von Ärzten, die im Höhenklima Phthisiker behandeln würden. Zu diesen zählte Brehmer auch einen Freund von «Dr. Spengler in Davos».75 Allerdings gab es auch von unparteiischer Seite Einwände gegen Brehmers Behandlungskonzept. Solche äusserte etwa Hermann Lebert (1818–1878), Professor für klinische Medizin in Zürich und später in Breslau, im zweiten Teil seines umfangreichen Handbuchs über die Klinik der Brustkrankheiten von 1874.76 Lebert übernahm zwar die Meinung, dass sich die Höhe günstig auf die Tuberkulose auswirke. Doch waren seiner Ansicht nach alle bisherigen Erklärungen für die «angebliche Höhenimmunität» ungenügend. Insbesondere komme es auch auf der Höhe von 1500 Meter über Meer noch gar nicht zu einer erheblichen Abnahme der Sauerstoffmenge und zu physiologischen Reaktionen, welche die Wirkung des Höhenklimas erklären könnten.

Zudem bemängelte er, dass wissenschaftliche Nachweise für die Wirkung der Höhenkurorte fehlen würden.77 Der wissenschaftliche Status der behaupteten heilsamen Wirkung des Höhenklimas war also von Anfang an umstritten, weshalb die Verfechter der Höhenkur in den kommenden Jahrzehnten grosse Anstrengungen leisteten, wissenschaftliche Anerkennung zu gewinnen. Anfangs verdankten Görbersdorf wie auch Davos ihren Aufstieg dem Verweis auf die Hypothese der immunisierenden Wirkung hoch gelegener Orte. Diese Hypothese war verführerisch und stimulierend, wie Daniela Vaj schreibt, und regte zum Bau grosser Sanatorien und zur Gründung von Höhenkurorten an, auch wenn sie wissenschaftlich nie bewiesen wurde.78 Untersuchungen, die zum Teil noch zu Lebzeiten Brehmers entstanden, zeigten demgegenüber, dass das Höhenklima keineswegs immun gegen die Tuberkulose machte und auch Bewohner hoch gelegener Orte an dieser Krankheit starben.79 Felix Wolff, der im Jahr nach Brehmers Tod 1889 Chefarzt von dessen Anstaltskomplex in Görbersdorf wurde und später das auf 700 Meter über Meer gelegene Sanatorium Reiboldsgrün in Sachsen leitete, rückte von der Hypothese der immunen Orte ab. Er schrieb 1895, dass «die Immunitätslehre, in der Weise, wie sie Brehmer vertrat, schlecht oder gar nicht begründet war». Doch auch er hielt daran fest, dass dem Gebirge «eine eigene, fast nirgends wieder aufzuweisende Kraft» innewohne, die «vielleicht ein Heilmittel sein» könne.80

Eine Landschaft wird zum Sanatorium
Der Mann, der Davos erfand

1853 trat Alexander Spengler seine Stelle als Landschaftsarzt von Davos an. Spengler (1827–1901) ist «[d]er Mann, der Davos erfand».1 Der deutsche Arzt aus Mannheim erkannte, welches Potenzial die damals zirkulierenden Berichte über einen heilsamen Effekt des Höhenklimas hatten, und nutzte dieses Wissen für die Behandlung von Lungenkranken im Landwassertal. Mit Spengler begann der Aufstieg von Davos zum weltbekannten Lungenkurort, der 1901, in Spenglers Todesjahr, über 15 000 Gäste beherbergte.2 Spengler schrieb rückblickend, er habe mit der Behandlung der Lungentuberkulose begonnen, weil er während Jahren unter den Einwohnern der Landschaft keinen einzigen Fall von Lungenschwindsucht beobachtet hatte.3 Es ist jedoch fraglich, ob er sein Therapieangebot wirklich aufgrund eigener Erfahrungen lancierte. Denn Spenglers Beschreibungen stimmen auffällig häufig mit früheren Beobachtungen anderer Ärzte überein. So übernahm Spengler von Hermann Brehmer, dem Pionier der Klimabehandlung der Lungenschwindsucht, die Hypothese der hoch gelegenen, tuberkulosefreien Orte. Zu einem solchen erklärte Spengler nun auch Davos.4 Zudem stellte Spenglers Vorgänger als Landschaftsarzt von Davos, Luzius Rüedi, sehr ähnliche Beobachtungen über die Absenz tuberkulöser Erkrankungen unter der Davoser Bevölkerung an. Guido Ramann, einer der ersten Kurgäste in Davos, schrieb 1870 in einem aufschlussreichen Buch denn auch, dass die in Davos übliche Heil- und Behandlungsmethode keine neue, sondern deutschen Ursprungs sei, «geistiges Eigentum des Dr. Brehmer in Görbersdorf».5 Im Folgenden werde ich zeigen, wie der Aufstieg von Davos von der ärmlichen Berglandschaft zum weltberühmten Kurort gelang und wie Alexander Spengler diesen Aufstieg möglich machte, indem er das zirkulierende Wissen über die Höhenbehandlung geschickt für seine Zwecke nutzte. Er war also in meiner Deutung – anders als häufig beschrieben – nicht der Entdecker eines «Heilklimas», sondern übernahm verbreitete Ideen über die gesunde Höhenluft und vermarktete diese geschickt. Davos entwickelte sich dann auch deshalb zum viel besuchten Kurort, weil es neben Spengler weitere tatkräftige Persönlichkeiten ins Landwassertal verschlug, die den Höhenkurort voranbrachten: so einen holländischen Financier und Unternehmer, der wegen seiner lungenkranken Frau nach Davos kam und trotz ihres raschen Tods blieb, weil er das kommerzielle Potenzial der Höhenkur erkannte, oder einen preussischen Verleger, der zahlreiche Schriften veröffentlichte, in denen die Vorteile des jungen Kurorts beschrieben wurden, und so beste Werbung für den Kurort betrieb. Es ist somit das Zusammenspiel von Wissen und Geld, das Davos zum Weltkurort machte. Zudem war für die weitere Entwicklung von Belang, dass es im ärmlichen Davos – anders als in anderen hoch gelegenen Orten – keine florierende Tourismus- oder Badekurwirtschaft gab, welche durch die Tuberkulosekranken hätte konkurriert werden können.

Alexander Spengler, um 1853.

Alexander Spengler kam als politischer Asylant in die Schweiz. Er hatte in Heidelberg Jura studiert, als 1848 die revolutionären Aufstände gegen die restaurative Ordnung ausbrachen und auch das Grossherzogtum Baden erfassten. Die Revolution gab Spenglers Leben eine neue Richtung: Im Februar 1849 erhielt er ein Aufgebot der badischen Revolutionstruppen. Doch wurden diese von den preussischen und reichsdeutschen Interventionstruppen geschlagen. Tausende Revolutionäre flüchteten in Richtung Schweizer Grenze.6 Spengler, wie Brehmer also ein «1848er», rettete sich in die Schweiz und liess sich in Zürich nieder.7 Dank der Unterstützung von Bündner Studienfreunden aus seiner Zeit in Heidelberg erhielt er in Graubünden Asyl und konnte in Zürich studieren, obwohl die badische Regierung beim Bundesrat die Ausweisung des «Wühlers» verlangte.8 Es war offenbar niemand Geringerer als der deutsche Physiologe Carl Ludwig (1816–1895), seit 1849 ordentlicher Professor für Anatomie und Physiologie in Zürich, der ihm empfahl, Medizin zu studieren. Ludwig gilt als einer der bedeutendsten Physiologen des 19. Jahrhunderts und als Begründer der experimentellen Physiologie.9 Spengler lernte ebenfalls beim Pathologen Carl Ewald Hasse (1810–1902), der eine anatomische Beschreibung der Lungenkrankheiten und der Lungentuberkulose herausgegeben hatte.10 Als Spengler sein Studium 1853 beendete, war er erst «Candidat der Medicin». Über die ärztliche Zulassung entschied eine kantonale Prüfung. Er absolvierte diese vor dem Bündner Sanitätsrat und erhielt 1853 das Bündner Patent. Für ihn als wenig bemittelten Emigranten kam die Abfassung einer Dissertation nicht infrage.11 Nichtsdestotrotz wurde er aufgrund der schweizerdeutschen Umgangssprache «Doktor» gerufen und nannte sich später auch selbst «Dr. Spengler».12

Als Spengler 1853 seine Tätigkeit als Landschaftsarzt aufnahm, war Davos eine abgelegene Landschaft in den Bergen: arm, rural und unbekannt. Wirtschaftlich hatte die Landschaft einen Tiefpunkt erreicht, nachdem die Erzgruben im Silberberg bei Davos 1848 geschlossen worden waren. Gemäss seinem Vertrag mit der Davoser Obrigkeit betrug Spenglers Wartegeld (Jahresgehalt) 600 Franken. Für jeden Krankenbesuch konnte er zusätzlich 85 Rappen (am Tag) beziehungsweise 1 Franken 70 (in der Nacht) verlangen. Vor Spengler hatte Davos fünf Jahre lang keinen Landschaftsarzt gefunden, und auch Spengler erwog im zurückgebliebenen Hochtal immer wieder die Kündigung.13 «Der Anfang ist hart gewesen. Bei Wind und Wetter stundenlang zu Fuss oder zu Pferd durch das Hochtal; die Einheimischen verstehen seinen badisch-kurpfälzischen Dialekt nicht; auch fehlt ihm die anregende Atmosphäre von Mannheim, Heidelberg oder Zürich», beschreibt der Kulturhistoriker Alfred Georg Frei Spenglers Anfang in Davos.14 Doch langsam wendete sich das Blatt für Spengler. Er lernte seine spätere Frau, die aus einer wohlhabenden Davoser Familie stammende Elisabeth Ambühl (1837–1907), kennen.15 Und auch beruflich eröffneten sich neue Perspektiven: Er erkannte die Möglichkeit, Tuberkulosekranke zu behandeln, was seiner Tätigkeit als Arzt eine andere, ungleich attraktivere Richtung zu geben versprach.

Ein Zeitungsartikel bringt den Durchbruch

Spengler war nicht der erste Arzt, der sich vom Davoser Höhenklima heilsame Effekte versprach. Bereits in den 1840er-Jahren hatte der damalige Landschaftsarzt Luzius Rüedi (1804–1869) in Davos Kinder behandelt, die an Skrofulose litten. Diese damals verbreitete Erkrankung verursachte entstellende Schwellungen der Lymphknoten am Hals und Nacken wie auch Gesichtsekzeme und galt als tuberkulöse Krankheitsform. 1841 ersuchte Rüedi den Sanitätsrat des Kantons Graubünden um die Bewilligung zur Behandlung skrofulöser Kinder. In seinem Gesuch schrieb er, dass die Skrofulose unter Einheimischen höchst selten sei. Sie komme aber vor bei Kindern, die mit ihren Familien aus der Ferne zurückgekehrt seien. Gemäss Rüedi brachte dann «die Veränderung und Verbesserung klimatischer und diätetischer Verhältnisse» Heilung.16 Rüedi formulierte damit seine Beobachtungen wie später auch Brehmer und Spengler auf der Grundlage der Diätetik und ging implizit von einer höhenbedingten «Immunität» für Skrofulose aus. Vor oder zeitgleich mit Rüedi hatten bereits andere Ärzte, beispielsweise Johann Jakob Guggenbühl im Berner Oberland, günstige Wirkungen von Höhenlagen bei skrofulose-ähnlichen Krankheiten postuliert.17 Rüedi betreute die kranken Kinder in seiner Wohnung und nahm 16 bis 20 Bedürftige auf. Eine eigentliche Anstalt führte er also nicht, denn die Errichtung eines zweckmässigen Baus zur Skrofulose-Behandlung überstieg seine finanziellen Möglichkeiten. Der bekannte Zürcher Balneologe und Publizist Conrad Meyer-Ahrens (1813–1872) wurde auf Rüedi aufmerksam und trat mit ihm in Korrespondenz.18 Rüedi bestätigte gegenüber Meyer-Ahrens die heilsame Wirkung des Davoser Klimas bei skrofulösen Kindern. Bei Fällen von weit fortgeschrittener Lungentuberkulose sei dies anders: Diese ende «in dieser reinen Luft bald mit dem Tod», schrieb Rüedi.19 Wie andere Ärzte war Rüedi der Meinung, dass die Lunge durch die dünne Bergluft nicht übermässig belastet werden sollte.20 Conrad Meyer-Ahrens publizierte Rüedis Beobachtungen mehrfach in medizinischen Fachzeitschriften. Rüedi sehe den Grund für den günstigen Gesundheitszustand des Davoser Tals in den klimatischen Verhältnissen, berichtete Meyer-Ahrens 1845, vereint mit einer Ernährung, die fast ausschliesslich auf tierischen Produkten basiert.21 Er wiederholte Rüedis Einschätzung, dass weit fortgeschrittene Phthisis in der reinen Luft bald mit dem Tod ende. Dennoch würden Tatsachen vorliegen, welche bewiesen, dass «Natur und zweckmässige Pflege» in diesem Klima «Grosses» leisten würden. Meyer-Ahrens wies auch auf das Potenzial von Rüedis Behandlungsversuch hin: Dessen Anstalt erreiche in therapeutischer Hinsicht «ganz sichere Resultate». Und auch in ökonomischer Hinsicht würde sich gemäss Meyer-Ahrens ein Engagement lohnen.22 Trotz solch ermutigender Worte blieb das Interesse an Rüedis Beobachtungen zunächst gering. Dieser unternahm auch nicht den Versuch, seine Beobachtungen und sein Therapieangebot durch eigene Publikationen bekannt zu machen.23 Dies habe verhindert, dass Davos schon damals zur Blüte gelangt sei.24 Rüedi musste seine Einrichtung 1849 mangels Nachfrage schliessen. Er verliess Davos und übernahm die Leitung des Kurbetriebs im nahe gelegenen Bad Alvaneu.25

Erst rund 20 Jahre später, in den 1860er-Jahren, war die Zeit reif für die Etablierung eines Kurorts im Landwassertal. Verschiedene Faktoren hatten sich zugunsten von Davos verändert: Nach der Gründung des Schweizer Bundesstaats 1848 entstand ein Eisenbahnnetz, das die Schweiz mit dem Ausland verband und damit auch das Davoser Hochtal besser erreichbar machte. Die Zahl der Touristen in der Schweiz nahm zu.26 Ebenfalls in den 1850er-Jahren beschrieb Hermann Brehmer die Heilbarkeit der Tuberkulose in hoch gelegenen, angeblich tuberkulosefreien Orten. Zudem hatte Davos mit Alexander Spengler nun einen Vertreter, der die Heilkraft des Höhenklimas entschlossen und energisch zu propagieren vermochte. Bemerkenswert ist, dass auch Spengler offenbar anfänglich die vorherrschende Meinung vertrat, dass das Hochgebirge für Lungenkranke ungeeignet sei und nur ein milderes, südliches Klima Linderung verschaffen könne.27 Bei frühen Patienten vertraute er nicht auf das Davoser Klima, sondern praktizierte die Kuhstallkur oder Stabulation: Der Kranke hatte im Stall zu übernachten und sollte dabei von einer Heilwirkung der ammoniakalischen Gase profitieren.28 Doch änderte Spengler wohl aufgrund der Berichte Brehmers und Rüedis seine Meinung. Gut bekannt unter Ärzten waren damals auch die Studie des Genfers Henri-Clermont Lombard über das Bergklima aus medizinischer Sicht von 1856 oder diejenige des Freiburger Medizinprofessors Anton Werber (Die Schweizer-Alpenluft in ihrer Wirkung auf Gesunde und Kranke). Diese empfahlen das Höhenklima bei Lungentuberkulose. Vielleicht hatte Spengler auch von den bekannten Führern des englischen Arztes Edwin Lee gehört, der Europa bereiste und schon in den 1850er-Jahren eine therapeutische Wirkung der Alpenluft beschrieben hatte.29 Spenglers Meinungsumschwung läutete eine folgenreiche Entwicklung ein: Kleine, bislang unbedeutende Orte in den Schweizer Alpen wurden zu weltbekannten Zentren der Tuberkulosetherapie.

Bei Spenglers Initialzündung für die Behandlung der Lungentuberkulose in den Schweizer Alpen spielte der erwähnte Zürcher Arzt und Publizist Conrad Meyer-Ahrens eine tragende Rolle. Dieser machte 1860 in seinem voluminösen Handbuch Die Heilquellen und Kurorte der Schweiz auf das Davoser Klima aufmerksam. Der Zürcher Arzt gab in diesem bekannten Kurführer, der 1867 ein zweites Mal aufgelegt wurde, die Schilderungen von Rüedi aus den 1840er-Jahren wieder. «Das Klima ist ungemein gesund», berichtete er. Zudem verwies er erneut auf das ökonomische Potenzial eines Kurbetriebs in der Landschaft Davos: Er wundere sich darüber, schrieb er, dass Ärzte nicht häufiger «reiche oder auch nur wohlhabende Mütter» mit ihren kränkelnden Kindern an einen solchen Ort senden würden und dass man in den Alpen keine entsprechenden Einrichtungen eröffne.30 Doch sollte sich dies bald ändern: 1859 wurde die Prättigauer Strasse fertiggestellt, auf der sich Davos mit der Postkutsche von Landquart aus in sechs Stunden erreichen liess. Vermehrt fanden nun Gäste den Weg nach Davos. Alexander Spengler entschloss sich 1861 wegen der Zunahme der Fremdenfrequenz, doch in Davos zu bleiben.31 1861/62 entstand ein zweites Gasthaus in Davos, das Hotel oder Kurhaus Strela, erbaut vom Davoser Tierarzt Erhard Michel. Im Juni 1862 veröffentlichte Michel im Bündner Tagblatt ein Inserat, um auf sein Haus aufmerksam zu machen.32 Etwas später im Jahr 1862 kam es zur folgenreichen Begegnung von Alexander Spengler mit Conrad Meyer-Ahrens, der sich auf einer Studienreise in Graubünden befand und das Inserat gesehen hatte. Unter dem Titel «Balneologische Spaziergänge» veröffentlichte Meyer-Ahrens in einer Beilage zur Fachzeitschrift Deutsche Klinik im Rahmen einer Serie einen Bericht über seine Reise nach Davos, der für die weitere Geschichte der Landschaft entscheidende Bedeutung erhielt. Nachdem er schon mehrfach über «die grosse Salubrität [Heilsamkeit]» des Davoser Klima publiziert habe, würde er der Landschaft nun zum ersten Mal selbst einen Besuch abstatten, so Meyer-Ahrens. Im Artikel gab er dann vor allem Beobachtungen von Alexander Spengler wieder. Er hoffe, so schrieb er, dass «einige Notizen, die ich der gefälligen mündlichen Mitteilung des gegenwärtigen Landschaftsarztes, Hrn. Dr. Spengler, eines sehr gebildeten Arztes, verdanke, meine ärztlichen Leser interessieren» mögen.33

Die Notizen von Meyer-Ahrens stiessen bei seinen Lesern sehr wohl auf Interesse, wie sich gleich zeigen wird. Sie nehmen in der Sichtweise meiner Untersuchung eine wichtige Stellung im Diskurs über die Heilbarkeit der Lungentuberkulose durch das Höhenklima ein. Die «Balneologischen Spaziergänge» Meyer-Ahrens’ trugen nämlich dazu bei, dass sich im Rahmen der Diskussion um das kurierende Höhenklima nun Davos als Ort der Heilung etablierte. Meyer-Ahrens spendete dem Davoser Klima in seinem Beitrag in der Deutschen Klinik viel Lob: «Das Klima ist sehr gesund, eigentlich endemische Leiden findet man hier nicht.» Die Skrofulose komme bei Einheimischen selten in einer nicht durch «Diät und Fischthran» therapierbaren Form vor.34 Vor allem aber gab Meyer-Ahrens in diesem Text die spenglersche Einschätzung in Bezug auf die Therapie der Lungenschwindsucht wieder: «[E]benso soll der Erfolg ausgezeichnet sein bei chronischer Tuberculose, wenn sie noch nicht zu weit fortgeschritten ist, und zwar ist der Erfolg im Winter ebenso gut als im Sommer, wogegen Frühjahr und Herbst für Tuberculöse sich nicht zum Curaufenthalt eignen.»35 Dass Meyer-Ahrens bei noch nicht zu weit fortgeschrittener Lungentuberkulose von ausgezeichneten Behandlungserfolgen sprach, und zwar im Winter und im Sommer, blieb in einer Zeit des therapeutischen Notstands nicht ohne Echo. Er äusserte zwar Bedenken im Fall von akuter Lungentuberkulose: Hier sei der Aufenthalt in Davos entschieden schädlich.36 Doch erschienen diese angesichts der in Aussicht gestellten hervorragenden Erfolge bei noch nicht zu weit fortgeschrittener Tuberkulose weniger gewichtig.

Schon in der folgenden Sommersaison strömten mehr Gäste nach Davos. Die «Balneologischen Spaziergänge» mit ihrem Versprechen auf Heilung hatten offensichtlich auf Davos aufmerksam gemacht. Das Hotel Strela in Davos Platz musste Gäste wegen Überfüllung abweisen, obwohl es gerade erst erweitert worden war.37 Im Februar 1865 trafen dann die ersten beiden Wintergäste in Davos ein, deren Ankunft in der Geschichtsschreibung über Davos als bahnbrechendes Ereignis und als Beginn von Davos als Klimakurort gilt.38 Die beiden Wintergäste hatten in der Heilanstalt von Brehmer in Görbersdorf Genesung gesucht. Durch die «Balneologischen Spaziergänge» von Meyer-Ahrens wurden sie auf die Ansichten Spenglers aufmerksam und entschlossen sich zur weiten Reise nach Graubünden.39 Diese Episode zeigt beispielhaft, wie medizinische Texte mit dem Handeln von Personen verwoben sind: Die beiden ersten Lungenkranken, die sich zur Behandlung in den bisweilen eisig kalten Davoser Winter begaben, kamen aufgrund der Lektüre eines medizinisches Textes ins Landwassertal, das bis anhin nur im Sommer einige Kurgäste beherbergt hatte. Sie stiegen im Hotel Strela ab und fingen an, Brehmers Freiluftkur zu praktizieren, zum Erstaunen der Einheimischen, die diese noch nicht kannten. Nachdem sich ihr Zustand verbessert hatte, trugen sie ihrerseits gewichtig zur Verbreitung der Theorie des heilenden alpinen Höhenklimas bei.40 Die beiden versandten Briefe über ihre Kurerfolge, sodass bald weitere Lungenkranke anreisten. Der Arzt Friedrich Unger (1833–1893) war bei Brehmer in Görbersdorf Patient und Assistent gewesen und hatte den Artikel von Meyer-Ahrens gesehen.41 Nachdem er sich in Davos gesundheitlich erholt hatte, war er dort über 20 Jahre als Kurarzt tätig. Er kannte Brehmers Behandlungsmethode aus erster Hand und führte diese auch in Davos ein. Es war also Unger, dem Davos seine Kurmethode zu verdanken hat, und weniger Spengler.42 Der zweite Neuankömmling im Winter 1865 war der Buchhändler Hugo Richter (1841–1921), der aus Königsberg stammte. Er entfaltete in Davos und Basel eine verlegerische Tätigkeit, die für den Aufschwung des Kurorts sehr bedeutsam wurde. Richter gründete die heutige Davoser Zeitung und gab während rund zweier Jahrzehnte die Davoser Blätter heraus. Diese Kurortszeitung artikulierte die Interessen des Kurorts und informierte die Gäste über Davos. Ärzte veröffentlichten in ihr populärwissenschaftliche Artikel über die Tuberkulosebehandlung.43 Die Davoser Blätter erschienen später in verschiedenen Sprachen und trugen wesentlich zur Popularisierung der Davoser Höhenkur auch im Ausland bei. So wurden ab 1908 zu Werbezwecken 1000 Exemplare der russischsprachigen Ausgabe an russische Ärzte versandt.44

Hugo Richter erwarb 1867 die Schweighauserische Verlagsbuchhandlung in Basel und veröffentlichte Broschüren und Bücher über Davos.45 Indem er Literatur über den Kurort und die Landschaft Davos unter die Leute brachte, machte er wirksam Werbung. Da sein Leiden in Basel wieder ausbrach, verkaufte er seinen Verlag und führte seine Tätigkeit in Davos fort. Seine eigenen Geschäftsinteressen korrespondierten damit direkt mit der weiteren Entwicklung des Kurorts. Tatsächlich verfügte Davos dank des geschäftstüchtigen und dem Kurort wohlgesinnten Verlegers Richter fortan über einen wichtigen Standortvorteil. Richter verlegte beispielsweise die zweite Auflage des bereits erwähnten Buches Davos in seiner Eigenschaft als klimatischer Sommer- und Winter-Kurort für Brustkranke von Guido Ramann. Dieser war in den 1860er-Jahren als Kurgast nach Davos gekommen.46 Ramann betonte in der ersten Auflage von 1870, dass die in Davos angewandten Heilprinzipien «unbestreitbar Dr. Brehmers Verdienst» seien und von den Davoser Ärzten kaum verändert worden seien.47 Doch leiste Davos gegen die Lungenschwindsucht bei Weitem mehr, als bisher gehofft werden konnte. Durch viele glückliche Erfolge würden immer mehr Ärzte Vertrauen zu Davos gewinnen, weshalb die Zahl der Patienten stetig zunehme.48 Ramann warnte dabei vor zu kurzen Kuraufenthalten: Auch bei leichten Fällen brauche es bis zur Heilung Monate, bei schweren oft Jahre. Zudem konterte der langjährige Kurgast in seinem Buch Vorwürfe von Hermann Brehmer gegen den Kurort Davos. Dieser hatte, wie im letzten Kapitel gezeigt, etwa vor Gletscherluft gewarnt, die für Lungenkranke schädlich sei. Ramann erwiderte, dass der nächste bei Davos Platz gelegene Gletscher drei bis vier Stunden entfernt sei.49

Davos als Kopie von Görbersdorf

Die Tatsache, dass sich der Kurort Davos weiterhin erfolgreich entwickelte, lag aber auch an Alexander Spengler. «Er [Spengler] sieht rasch – und das ist wahrscheinlich seine Hauptleistung – die grossen Zukunftsmöglichkeiten», urteilte der langjährige Davoser Chefarzt Felix Suter 1997 in seiner Darstellung der Geschichte des Tuberkulose-Kurorts.50 Spengler veröffentlichte 1869, «vielseitigem Verlangen entsprechend», wie er im Vorwort schrieb, die 66-seitige Schrift Die Landschaft Davos als Kurort gegen Lungenschwindsucht. Diese Broschüre stiess auf breites Interesse und erschien später in einer zweiten Auflage. Spengler breitete in ihr ein grundlegendes Programm für die Behandlung im Höhenklima aus und beschrieb die Gründe für dessen Heilkraft. Einer der wichtigsten Faktoren der Therapie sei, schrieb Spengler, «der consequente Aufenthalt in verdünnter, trockener Luft auf geschützten Höhen, wo Lungenschwindsucht unter den Bewohnern nicht vorkommt».51

Die theoretische Begründung für die angebliche Heilkraft der Höhenluft wie auch die Behandlungsmethode übernahm Spengler von Hermann Brehmer. Dies fiel auch Brehmer selbst auf: 1874 kritisierte er, dass gewisse Ärzte seine Behandlung der Phthisis «ausbeuten» würden, indem sie im Höhenklima nach seiner Methode Phthisiker behandelten, und erwähnte dabei Spengler.52 Brehmer betrachtete Davos offenbar auch als «verunglückte Kopie der Görbersdorfer Kuranstalt».53 Spengler hingegen behauptete, dass seine Erörterungen nicht fremden Quellen entstammen würden. Sie seien das Ergebnis langjähriger Erfahrung.54 Der Vergleich mit Texten von Brehmer zeigt indes zahlreiche Übereinstimmungen mit Brehmer. So übernahm Spengler wie erwähnt von Brehmer das Argument, dass das Höhenklima eine immunisierende Wirkung gegen die Tuberkulose habe. Auch war die Behandlungsmethode, die Brehmers Assistent Friedrich Unger nach Davos gebracht hatte, dieselbe. Wie Brehmer therapierten auch die Davoser Ärzte gemäss den Prinzipien der Diätetik.55 Zentral bei der Behandlung war gemäss Spengler, «dem Patienten so viel nur immer möglich den Aufenthalt in der freien Luft zu gewähren».56 Brehmer beschrieb es ganz ähnlich: «Der Patient sollte eigentlich fortwährend im Freien sein.»57 Wie Brehmer setzte auch Spengler auf das richtige Mass von Bewegung und Ruhe. Je nach Krankheitsstadium stehe im Freien Ruhe oder mässige Bewegung im Vordergrund, erklärte Spengler, «um die verschiedenen heilkräftig einwirkenden Factoren der verdünnten Luft zur Geltung zu bringen».58 Eine eigentliche Liegekur praktizierte auch Spengler nicht. Hingegen spielte wie bei Brehmer die Hydrotherapie eine gewichtige Rolle: Spengler setzte stark auf die Dusche, «welche die Phthisis bei ihrer Achillesverse, von der Haut aus angreift».59 Auch die Diät der Kranken war ähnlich: Ganz nach Brehmers Vorgabe verordneten die Davoser Ärzte reichlichen Milchgenuss, eine möglichst fetthaltige und gemischte Kost sowie die systematische Verabreichung von alkoholischen Getränken wie Cognac oder Wein. Während in Görbersdorf Ungarwein ausgeschenkt wurde, war es in Davos Veltliner Wein, dem die Davoser Ärzte heilsame Eigenschaften zuschrieben.60 Die Kurmassnahmen in Davos wurden zwar von einem Arzt angeordnet, doch bei der Ausführung hatten die Patienten, die in Hotels oder Pensionen wohnten, viel Freiraum. Davos war deshalb zu Beginn ein sogenannt offener Kurort.61

Spengler, der Schüler Carl Ludwigs, versuchte, die Heileffekte des Höhenklimas physiologisch zu begründen, und verwies dabei auf Publikationen seines Lehrers, etwa auf Ludwigs Lehrbuch der Physiologie des Menschen.62 Spengler beschrieb die physiologische Wirkung verschiedener höhenspezifischer Klimafaktoren wie verminderter Luftdruck, verminderter Sauerstoffgehalt der Luft, Feuchtigkeitsverhältnisse und Temperaturen auf den Organismus.63 Wie vor ihm Brehmer erachtete auch er den verminderten Sauerstoffgehalt der Höhenluft als entscheidend. Da Davos rund 1000 Meter höher liegt als Görbersdorf, hatten die Vertreter von Davos bei diesem zentralen Argument einen Vorteil gegenüber Brehmer. Durch die dünne Höhenluft wurde laut Spengler die Inspiration tiefer und das Atmen langsamer.64 Der physiologische Effekt davon sei die «Erweiterung des Thorax und Zunahme seiner Lungencapacität». Auch stelle sich eine Veränderung der Herzbewegung ein, wobei sich die «Saugkraft» der Blutorgane erweitere. Als Drittes konstatiert Spengler die «[b]essere Ernährung des Gesamtorganismus». Jeder, der sich einmal in den Alpen aufgehalten habe, habe erfahren können, wie «sein Appetit sich verstärkte, seine Kräfte zunahmen und sein Schlaf erquickender wurde».65

Was die Erörterung der Krankheitsursache anbelangt, waren sich Spengler und Brehmer wiederum sehr ähnlich. Denn die Ätiologie stand bei beiden Ärzten im Einklang mit ihren therapeutischen Konzepten, mit welchen sie die Tuberkulose zu heilen versprachen. Spengler ging wie Brehmer von einer «Ernährungsstörung» als Ursache der Lungenschwindsucht aus. Diese allgemeine Ernährungsstörung galt es gemäss Spengler zu bekämpfen, was dann auch die Heilung der Krankheit mit sich bringe.66 Der französische Arzt Jean-Antoine Villemin (1827–1892) hatte die Übertragbarkeit der Tuberkulose durch Überimpfung von tuberkulösem Material auf Kaninchen 1865 nachgewiesen.67 Doch nicht nur Spengler war 1869 noch weit davon entfernt, die Tuberkulose auf Ansteckung zurückzuführen. Im Vordergrund stand damals bei Spengler, wie auch bei Brehmer und vielen anderen Medizinern, eine «Anlage zur Phthise», eine «Disposition». Diese könne vererbt werden und beruhte gemäss Spengler auf «einer Anomalie der Gesamtkonstitution». Im Hochgebirge werde die Konstitution gekräftigt. Sowohl die «Anlage zur Phthise» wie die Phthise selbst würden durch die Gebirgskur mit Erfolg bekämpft.68

Der Aufstieg von Davos

Alexander Spengler legte mit seiner 1869 publizierten Schrift anschaulich dar, warum für Lungentuberkulöse eine Höhenkur in Davos vorteilhaft sein sollte. Damit verortete er, mit der Unterstützung Conrad Meyer-Ahrens’, die eigentlich von Brehmer mit Bezug auf Görbersdorf formulierte Theorie des heilsamen Höhenklimas in den Schweizer Alpen. Davos (1560 m ü. M.) wurde schon bald zum Referenzort der Theorie, da seine Vertreter spezifische Wirkungen des Höhenklimas geltend machten, die das deutlich tiefer gelegene Görbersdorf (560 m ü. M.) nicht vorweisen konnte. Spenglers frühes und energisches Eintreten ermöglichte Davos gegenüber anderen potenziellen Schweizer Höhenkurorten einen Vorsprung. Entscheidend für den Aufstieg von Davos war die frühe Unterstützung von prominenten Medizinern im In- und Ausland.69 Einen wichtigen Fürsprecher hatten Spengler und Davos beispielsweise in der Person des deutschen Mediziners Anton Biermer (1827–1892), der in Bern und nachher Zürich als Professor für Pathologie wirkte und sich mit den Erkrankungen der Atmungsorgane beschäftigte. Im Mai 1872 beschrieb Biermer in einem Vortrag an der Versammlung des ärztlichen Zentralvereins in Olten die klimatischen Kuren. «Der Süden heilt die Katarrhe, das Höhenklima bessert die Constitution», erklärte er. Biermer bevorzugte das Höhenklima, das einen kräftigenden Einfluss habe. Der Schlüssel zum Verständnis der gelungenen Kuren von Davos lag nach der Meinung Biermers darin, dass die Kranken mehr Esslust und Verdauungskraft bekommen würden. Sie würden mehr Blut und Fett bilden, während die tuberkulösen Prozesse in der Lunge gestoppt würden.70 «Die Winterkuren in Davos und St.Moritz leisten noch mehr als die Sommerkuren», meinte er, «woran die gleichmässige, sonnenreiche, wind- und nebelarme Witterung des Hochthal-Winters die Schuld sein mag.» Gegenüber den südlichen Kurorten markierte Biermer eher Distanz: Er sei kein Verehrer der italienischen Kurorte und empfehle nur weiter südlich gelegene Stationen, am meisten Madeira und in zweiter Linie Algier, Malaga und für gewisse Fälle Kairo.71 Biermer gehörte denn auch zu den medizinischen «Autoritäten», die laut den Davoser Blättern Kranke nach Davos sandten.72

Ein weiterer Anhänger von Davos war der deutsche Arzt Hermann Weber (1823–1918). Weber hatte sich nach seinem Studium in London niedergelassen und arbeitete dort unter anderem am Deutschen Spital. Er war einer der ersten Ärzte in England, der sich auf die Behandlung der Tuberkulose spezialisiert hatte und Patienten in die Schweiz überwies.73 Weber reiste mehrfach in die Alpen und besuchte auch Davos. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel in britischen Fachzeitschriften und lenkte damit die Aufmerksamkeit auf Davos.74 1867 publizierte Weber im wichtigen Fachblatt British Medical Journal eine Serie von drei Artikeln über den Einfluss des Alpenklimas auf die Lungenschwindsucht. Im ersten verwies er auf die Erkenntnisse von Gelehrten wie Smith, Mühry, Fuchs oder Lombard, die berichtet hatten, dass die Schwindsucht in gewissen hoch gelegenen Regionen nicht vorkomme.75 Auch in Davos gebe es eine Absenz der Phthise, schrieb Weber und stützte sich dabei auf Schilderungen der «exzellenten» dortigen Ärzte, Spengler und Unger.76 Weber beurteilte den Einfluss des Davoser Höhenklimas auf die Lungentuberkulose als «vorteilhaft» («favourable») und erklärte ihn mit der Wirkung der verdünnten Luft.77

Hermann Weber verordnete auch der jungen, schwer lungenkranken Margaret Jones einen Kuraufenthalt in Davos. Diese Überweisung erwies sich als folgenreich. Jones war die Gattin des holländischen Unternehmers und Bankiers Willem Jan Holsboer (1834–1898), der massgeblich zum Aufbau des Kurorts Davos beitragen sollte. Das Ehepaar kam im Mai 1867 nach strapaziöser Reise und anstrengender Kutschenfahrt durchs Prättigau in Davos an. Doch konnte das Höhenklima die junge Frau nicht retten. Margaret Holsboer-Jones starb im Oktober des gleichen Jahres im Alter von 20 Jahren. Trotzdem war Willem Jan Holsboer von der Zukunft des neu entstehenden Kurorts überzeugt, sah dessen ökonomisches Potenzial und übernahm eine zentrale Rolle als Investor. Der spätere Erbauer der Eisenbahnlinie Landquart–Davos (fertiggestellt im Jahr 1890) beteiligte sich am Bau eines Kurhauses in Davos Platz , dessen Erstellung wegen Kapitalmangel ins Stocken geraten war. 1868 eröffnete er die Einrichtung zusammen mit Alexander Spengler als «Kuranstalt Spengler-Holsboer».78 Als diese 1872 abbrannte, baute er mit Unterstützung von Basler Financiers, insbesondere des Bankiers Friedrich Riggenbach, ein neues, grösseres Haus, die «Kuranstalt W.J. Holsboer», die im Herbst 1873 ihren Betrieb aufnahm.79 Medizinunternehmer Holsboer förderte auch das Kurleben mit Theateraufführungen und Konzerten und liess 1881 ein Konversationshaus mit grossem Konzertsaal bauen.80

Kurgäste in Davos. Postkarte von 1909.

Kurhaus Davos Platz, eröffnet 1873 als «Kuranstalt W. J. Holsboer».

Der Ausbau des Kurorts war dringend nötig. Nach 1865 stieg die Gästezahl in Davos ständig. Die bauliche Entwicklung hinkte dem Zustrom an Patienten hinterher. Nach und nach entstanden zum Teil repräsentative Hotels und Pensionen.81 Eine im Jahr 1877 von der Kuranstalt Holsboer herausgegebene Werbebroschüre zeigt, dass in Davos nebst dem Kurhaus sieben grössere Hotels sowie 30 Pensionen und Villen Kurgäste aufnahmen. Die Bestimmung von Davos sei es, ein «Sanatorium für Lungenkranke» zu sein, in dem Patienten Monate oder Jahre verbringen und ein «möglichst behagliches Stillleben» führen würden, hiess es in der Broschüre.82

Anfänglich kamen die meisten Patienten aus der Schweiz, Deutschland, Österreich und Holland. Wichtig für das weltweite Renommee von Davos wurden mit der Zeit Gäste aus England. Diese waren zu Beginn vor allem im noch heute bestehenden Hotel Belvedere zu Gast, das der lungenkranke deutsche Kaufmann Johann Carl Coester (1846–1892) 1875 mit rund 30 Zimmern eröffnet hatte.83 Coester plagten auch in Davos gesundheitliche Probleme, dennoch baute er sein Hotel ständig aus und unternahm einen «energischen Werbefeldzug in England».84 In einem Artikel erwähnte Coester insgesamt 25 Beiträge über Davos, die im Jahr 1877 in englischen Zeitungen erschienen waren. Dies hatte gemäss Coester zur Folge, dass die Zahl der englischen Kurgäste deutlich anstieg.85 Als einer der ersten bekannten Publizisten kam 1877 der englische Kunsthistoriker John Addington Symonds (1840–1893) nach Davos. Selbst lungenkrank, liess er sich in Davos nieder und verfasste bereits ein Jahr später einen «begeisterten Aufsatz» über Davos im Winter. Er popularisierte die Kur und den Winteraufenthalt in den Alpen. Zudem fand er Begeisterung für den Wintersport und wurde Präsident des Britischen Schlittelclubs in Davos. 1893 starb er im Alter von 53 Jahren an Tuberkulose.86 In Davos entstand nach und nach ein englisches Viertel mit eigener Kirche und Konsulat.87 Auch russische Vereinigungen und Institutionen wurden ab den 1890er-Jahren in Davos gegründet. Bereits Mitte der 1860er-Jahre hatten Russen zu den ersten Kurgästen gezählt.88 Im Jahr 1909 übertraf dann die Zahl der Russen diejenige der Engländer. Die Russen stellten damit hinter Deutschen und Schweizern das grösste Gästekontingent.89

«Feinde ringsum»: Streit um die Höhenkur

Nebst Fürsprechern hatte der Luftkurort Davos von Anfang auch Kritiker. «Feinde ringsum» titelten die Davoser Blätter, das Sprachrohr des Kurorts, 1875 mit Bezug auf verschiedene Publikationen, in denen Kritik am Kurort geäussert worden war.90 Nicht selten handelte sich bei den Kritikern um Ärzte, die ebenfalls Tuberkulosepatienten therapierten und in direkter Konkurrenz zum aufstrebenden Kurort standen. Verschiedene Äusserungen machen deutlich, dass die in Artikeln und Referaten vorgebrachte Kritik auch dazu diente, den Geschäftsgang des eigenen Kurorts oder Etablissements zu stärken und die Konkurrenz zu schwächen. Einer der gewichtigsten Kritiker von Davos war, wie bereits im vorangehenden Kapitel dargestellt, Hermann Brehmer, der eigentliche Vordenker der Höhenbehandlung und Gebieter über einen grossen Kurbetrieb im schlesischen Görbersdorf. Unter anderem kritisierte Brehmer, dass lungenkranke Patienten in der Schweiz oft nicht in ärztlich geleiteten Anstalten, sondern in Gasthöfen untergebracht seien – für Brehmer ein «Unwesen». Er schrieb, dass nur ein Arzt als Leiter einer Heilanstalt die Interessen seiner Patienten berücksichtige. Pensions- und Hotelwirte hingegen würden die Exzesse der Patienten begünstigen, um mehr Einnahmen zu erzielen.91

Doch auch Vertreter von Kurorten am Mittelmeer, die lange Zeit als erste Adresse für Schwindsüchtige galten, äusserten Zweifel an der Höhentherapie, während deren Exponenten gegenüber den Kurorten am Mittelmeer zum Teil schwerwiegende Bedenken vorbrachten. Alexander Spengler etwa bezog in seiner Broschüre von 1869 gegen mögliche Konkurrenten Stellung: «Cairo, das windige Nizza und Cannes, das staubige Mentone, Palermo, Madeira, die Schwefelbäder der Pyrenäen, die Ufer des Genfer Sees» – sie alle seien zur Behandlung der Lungenschwindsucht ungeeignet. Denn für die Behandlung gelte es einen Ort zu wählen, von dem man wisse, dass diese Krankheit unter den Einwohnern nicht vorkomme. Davon könne bei den genannten Orten keine Rede sein, denn in diesen «als heilkräftig gepriesenen Gegenden» fordere die Tuberkulose zahlreiche Opfer.92 Auch andere Interessenvertreter des Höhenklimas bezogen Stellung gegen Kurorte am Mittelmeer, so der Arzt Johann Melchior Ludwig aus Pontresina im Oberengadin, ein Förderer des dortigen Kurorts.93 «Davos oder Riviera», fragte Ludwig in einem Artikel im Correspondenz-Blatt. Er erwähnte zwar die angenehm warme Luft an der Riviera, kam aber rasch auf deren Schattenseiten zu sprechen: Die Reise sei weit, der Aufenthalt sehr teuer. Zudem werde die Nachtruhe durch die Meeresbrandung bereits bei ruhigem Wetter beeinträchtigt, in hohem Grade bei starkem Wind, der «keine Seltenheit» sei. Wenig bekömmlich waren an der Riviera gemäss Ludwig auch die hygienischen Verhältnisse: «Die öffentliche Hygiene der Riviera steht buchstäblich in schlechtem Geruch.» Auch das Trinkwasser sei fast durchwegs schlecht. Doch das ist noch nicht alles: Der grösste Übelstand der Riviera sei der Staub. Denn zu dem Wenigen, was man über die Entstehung der Phthise wisse, gehöre der statistische Nachweis, dass sie «durch Inhalationen verschiedenartigen Staubes veranlasst werden kann».94 Gemäss Ludwig ist die Riviera Tuberkulösen also keineswegs zuträglich. Davos erschien da in besserem Licht: «Davos liegt für die Schweiz und Deutschland viel näher, die Reise und der Aufenthalt sind bedeutend billiger, die Heizeinrichtungen und das Trinkwasser vorzüglich. Körper und Geist geniessen vollkommene Ruhe. Der wesentlichste Vorteil ist aber die Reinheit der Luft. Staub kann keiner entstehen, da Strassen, Wiesen, Gärten mit solidem Schnee zugedeckt sind. Und was an der Riviera fault und stinkt, gefriert auf Davos.» Die Nachteile von Davos erscheinen weniger dramatisch; die Langeweile ist eine von ihnen: «Wer sich in Davos gut amüsiert, lebt in der Regel kurwidrig.»95

Auch an internationalen medizinischen Kongressen wurde darüber diskutiert, ob das Höhen- oder das Mittelmeerklima das bessere Heilmittel sei. «Der internationale Congress der medicinischen Wissenschaften» im September 1877 in Genf zeigte dabei exemplarisch auf, wie parteigebunden die Stellungnahme für dieses oder jenes Klima zur Behandlung der Tuberkulose war. In seinem Vortrag «Über die Behandlung der Tuberculose durch Höhencurorte und die Küste des Mittelmeeres» erklärte ein Dr. Thaon aus Nizza gemäss Protokoll im Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte, dass die Wirksamkeit der Kur an den Ufern des «Mittelländischen Meeres» auf jahrhundertelange Erfahrungen gründe, während der Erfolg der Höhenkurorte erst «von kurzer Zeit» datiere und «noch nicht hinreichend statistisch festgestellt» sei. Auch eigne sich das Mittelmeerklima in allen Fällen, während die Indikationen für das Höhenklima viel beschränkter seien. Immerhin hält er es grundsätzlich für die vernünftigste Methode, «die Kranken im Sommer die belebende Gebirgsluft atmen zu lassen, nachdem sie den Winter in der kräftigenden Seeluft zugebracht haben».96 Ein Arzt aus dem heutigen Menton an der französischen Mittelmeerküste schoss sich auf den Behandlungsort Algier ein, dessen Winde, Temperatur- und Luftdruckschwankungen ungünstige Auswirkungen hätten. Ein Arzt aus Algier hielt dem entgegen, dass sich «eine grosse Zahl von Phthisikern in Algier sehr gut befinden» würden.97

Nicht nur die Kurorte am Mittelmeer stellten für die neuen Höhenkurorte Konkurrenz dar, sondern auch die Badekurorte. Dies kommt beispielsweise in dem 1873 in Berlin erschienenen, von Balneologen verfassten Handbuch der allgemeinen und speciellen Balneotherapie zum Ausdruck. In diesem ist auch die Klimawirkung ein Thema, allerdings wird diese lediglich «als herkömmliches und ziemlich natürliches Supplement der Balneologie» eingestuft.98 Die Badeärzte Wihelm Valentiner und Friedrich Camerer zweifelten zudem an der Wirkung der verdünnten Höhenluft, insbesondere an der «geschraubte[n] Erklärung ihrer Wirkung durch Brehmer». Die dünne Atmosphäre der Höhenkurorte Görbersdorf und Davos werde wohl nicht mehr lange als wesentlich angesehen werden, prognostizierten sie.99 Ein anderer Badearzt, Heinrich Schnyder (1828–1900), Kurarzt in Bad Weissenburg im Simmental, hinterfragte die Bedeutung der Höhenkurorte: Der Zug nach den sogenannten Luftkurorten sei «so sehr Mode und Schablone geworden, dass viele Kranke ihre Sommercur an einem beliebigen Luftcurorte beginnen und erst gegen den Herbst hin zu merken anfangen, wie verkehrt es war, sich nicht zuerst in Weissenburg einen kräftigen Anstoss zur Besserung zu holen».100

1881 veröffentlichte der Weissenburger Kurarzt im Correspondenz-Blatt «Reiseplaudereien». Schnyder berichtete von seinem Besuch in Davos, dem er nun endlich eine Visite abgestattet habe: «Bekanntlich führen alle Wege nach Rom und so fuhr ich denn in erster Linie nach Davos, dem Mekka so vieler Brustkranken, das ich auch noch nie gesehen hatte, was vom Standpunkte des Specialisten aus eine noch viel grössere Unterlassungssünde war, als der Nichtbesuch der ‹Eterna›.» Davos habe sich in erstaunlich kurzer Zeit vom bescheidenen Bergdorf zu einer schmucken Villa- und Hotelstadt entwickelt, berichtete er weiter.101 Doch liess Schnyder in seinem Bericht nicht unerwähnt, dass «ein Phthisiker auch in dem immunen Hochgebirgsthale sterben kann». Der neue Kirchhof von Davos sei schon «mit einer gewissen Anzahl zierlicher Leichensteine besetzt». Diese seien aber zweifelsohne «weniger den speziellen Einwirkungen des Höhenklimas aufs Kerbholz zu bringen» als dem Unverstand, Schwerkranke noch ins Hochtal zu schicken.102

Schnyder stellte fest, dass bis anhin verlässliche Resultate über die Behandlungserfolge in Davos fehlen würden. Auch andere Ärzte hatten kritisiert, dass es die Davoser Ärzte unterlassen hatten, in einer Statistik über die behaupteten Kurerfolge Rechenschaft abzulegen.103 Die Davoser Ärzte kamen der Forderung nur zögerlich nach. Spengler und Unger teilten dem in London tätigen Arzt Hermann Weber einige Daten für die Jahre 1865 bis 1867 mit, die Weber im British Medical Journal veröffentlichte. Gemäss dieser Statistik starben von 35 Patienten fünf, während sieben Davos als geheilt verliessen.104 Konkurrent Hermann Brehmer hielt diese Werte für wenig überzeugend im Vergleich zu Resultaten seiner Anstalt in Görbersdorf.105 Erst in späteren Jahren wurden weitere Statistiken über die Behandlung im Höhenklima vorgelegt, die sich allerdings oft durch schwammige Klassierungen wie «Zustand gebessert» oder «fast geheilt entlassen» auszeichneten.106

Indessen sass der Glaube an die Heilerfolge des Höhenklimas selbst bei einem gegenüber Davos nicht unkritischen und mit Davos in einem Konkurrenzverhältnis stehenden Mediziner wie Heinrich Schnyder tief. Dies zeigt dessen Äusserung, an Davos müsse etwas «dran sei», es könne sich doch nicht einfach um «blosse Theorie» handeln: «Es ist doch kaum denkbar, dass alljährlich Hunderte von Patienten einer blossen Theorie zu lieb sich in Schnee und Eis gegen die ganze Welt abkapseln würden, wären nicht positive Erfolge da, welche dazu aufmuntern könnten.» Das Heilklima von Davos als Konstruktion – dies vermag Schnyder nicht zu denken angesichts der Tatsachen «der von Jahr zu Jahr steigenden Frequenz des Kurortes».107 Dass das Versprechen der Heilung im Höhenklima nichts Zwangsläufiges, sondern eine Konstruktion war, zeigt ein Artikel von 1872 im Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte: Der Kurarzt von Rigi-Scheidegg erachtet darin seinen Kurort im Gegensatz zu Davos als ungeeignet für die Behandlung der Tuberkulose, obwohl er auf ähnlicher Höhe liege. Leider komme es oft vor, dass Patienten mit Tuberkulose zu ihm geschickt würden, berichtet der Kurarzt. Weiter schreibt er: «Der Tuberkulose Verdächtigte bekommen hier bald unangenehme Rückfälle; sie begreifen nicht, dass sie die Luft nicht vertragen können und wollen’s daher noch eine Zeit lang probieren, anstatt sofort wieder abzureisen, was ich schon Manchem geraten. So muss Mancher durch Schaden klug werden und mit einem neuen Schub der Phthise, auch nach etwaigen Haemorrhagien [Lungenblutungen], uns verlassen.»108 Die Wahrnehmung der Wirkung des Höhenklimas hätte sich also durchaus auch in eine andere Richtung entwickeln können. So blieb auch Conrad Meyer-Ahrens, der das Davoser Klima hoch gelobt hatte, zeitlebens skeptisch, was den Aufenthalt von Lungenschwindsüchtigen im kalten Davoser Winter betrifft.109 Auch in Davos gab es Verschlechterungen des Krankheitszustands und Tote. Doch bewerteten die dortigen Ärzte die Resultate anders und stellten die erfolgreichen Fälle in den Vordergrund.

Abschied vom immunen Klima

Um 1880 war es nicht mehr nur Davos, das sich in der Schweiz als Höhenkurort präsentierte. Dies zeigt ein Blick in den vielfach aufgelegten und auch in Deutschland verbreiteten Kurführer Die Bäder und Klimatischen Kurorte der Schweiz von Theoder Gsell-Fels, der erstmals 1880 erschien.110 Gsell-Fels war Arzt, Kunsthistoriker und vor allem Reiseschriftsteller, der populäre Reiseführer veröffentlichte. In seinem Kurführer präsentierte er die verschiedensten Bade- und Klimakurorte der Schweiz und nannte allein in Graubünden über 20 «klimatische Stationen», nebst Davos beispielsweise auch Churwalden, Bergün oder Pontresina.111 Im über 1800 Meter über Meer gelegenen Pontresina, das gemäss Gsell-Fels alle klimatischen Vorzüge des Oberengadins vereinigt, hatte der Kurarzt Ludwig bis ins Jahr 1880 15 Fälle von Lungenschwindsucht behandelt. Von diesen wurden sieben «völlig geheilt», während ein Fall sich nicht verbesserte und drei Patienten starben. Aus dieser eher durchzogenen Bilanz zog der Kurarzt gemäss Gsell-Fels das Fazit, dass die «radikalsten Erfolge» bei Patienten im Anfangsstadium erzielt werden konnten, während Patienten im fortgeschrittenen Stadium geringere Chancen hätten.112 Auch in anderen Kantonen stellte Gsell-Fels Luftkurorte vor. Im Berner Oberland erwähnte er speziell Grindelwald als Winterstation für Brustkranke. In der Innerschweiz war laut Gsell-Fels beispielsweise Rigi-Klösterli für Lungenkranke geeignet.113 Daneben zählte er zu den Luftkurorten auch den Uetliberg, den Zürcher Hausberg, mit einer Höhe von 870 Meter über Meer. Dieser eigne sich als diätetische Kurstation für Magenkranke oder Lungenleidende.114

Gsell-Fels vermerkte die «guten Erfolge» der Schweizer Kurorte. Bis jetzt als unheilbar erachtete Krankheiten würden nun als heilbar gelten, und besonders die Heilbarkeit der Lungenschwindsucht sei «in zahlreichen Fällen ausser Zweifel gestellt».115 Bei der Beschreibung der einzelnen Kurorte schenkte Gsell-Fels dem Pionierort Davos, der sich im Unterschied zu anderen Kurorten auf die Behandlung der Tuberkulose spezialisiert hatte, besonders viel Beachtung. Er könne aus eigener ärztlicher Erfahrung bestätigen, dass in Davos bei Behandlung der Lungenschwindsucht oft ausgezeichnete Resultate erreicht würden, schrieb er.116 Dass gerade Davos in Kurführern wie denjenigen von Theodor Gsell-Fels oder Conrad Meyer-Ahrens spezielle und lobende Erwähnung fand, zeigt, dass es in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als Ort der Gesundheit galt.117

Trotz allen Lobs auf die Behandlung im Höhenklima: Gsell-Fels unterliess es nicht, in seinem Kurführer auch auf Untersuchungen über die Verbreitung der Lungenschwindsucht in der Schweiz hinzuweisen. Diese hatten ergeben, dass die Lungenschwindsucht auch in den höchsten bewohnten Ortschaften der Schweiz vorkam.118 Die Hypothese des immunen Höhenklimas war damit widerlegt worden. Die von Gsell-Fels erwähnte Untersuchung war 1863 in Auftrag gegeben worden: Die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft setzte bei einer Sitzung in Samedan im Engadin eine Kommission ein, welche die Verbreitung der Lungenschwindsucht in der Schweiz untersuchen sollte. Der Kommission gehörten unter anderem die in dieser Arbeit mehrfach erwähnten Henri-Clermont Lombard und Conrad Meyer-Ahrens an. Die Kommission hatte insbesondere die Aufgabe abzuklären, wie sich die unterschiedlichen Höhenlagen auf die Verbreitung der Lungentuberkulose auswirkten. Daneben sollten auch die Folgen weiterer Faktoren wie soziale Verhältnisse, Alter und Geschlecht untersucht werden. Die Untersuchung war aufwendig: Da solides statistisches Material fehlte, erhob die Kommission in der ganzen Schweiz bei Ärzten mittels Fragebogen entsprechende Daten für die Jahre 1865 bis 1869. Die Hauptarbeit übernahm der Aktuar der Kommission, der Winterthurer Bezirksarzt Emil Müller. Dessen Gesamtbericht erschien 1876.119 Dieser Bericht konnte den gewünschten Beweis der Heilwirkung hoch gelegener Ortschaften nicht erbringen.120 Emil Müller kam zwar zum Schluss, dass in der Schweiz mit zunehmender Höhe eine Abnahme der Lungenschwindsucht «sicher wahrnehmbar» sei. So zeigten die von Müller berechneten Durchschnittswerte für die Höhenlage von 200 bis 499 Metern eine jährliche Sterblichkeit an Lungenschwindsucht von 2,15 Promille, während sie für die Höhe von 1500 bis 1800 Metern 1,1 Promille der Bevölkerung betrug. Doch kam die Lungenschwindsucht auch in den höchsten bewohnten Ortschaften vor. Dies galt gemäss Müller auch, wenn man die auswärts erworbenen Fälle aus der Betrachtung ausschied.121 Aus Davos selbst erhielt Müller lediglich unvollständige Berichte. Gemeldet wurden acht Tote in der Kuranstalt im Zeitraum von zwei Jahren.122 Insgesamt entlarvte der Bericht die für die Vermarktung der Höhenkurorte wie Davos bedeutsame und von Spengler postulierte immunisierende Wirkung von Höhenlagen als Trugschluss. Bemerkenswert ist denn auch die Feststellung Müllers, dass die Tuberkulosesterblichkeit in industriellen Kreisen mehr als doppelt so hoch war wie in bäuerlichen Kreisen, wie Tabelle 1 zeigt. Vor allem in Städten war gemäss Bericht die Lungenschwindsucht stark verbreitet.123 Die Wohn- und Arbeitsverhältnisse hatten somit einen wichtigen Einfluss auf die Verbreitung der Tuberkulose.124 Der zunehmen den Höhe hingegen kam in landwirtschaftlich geprägten Gegenden schon ab 700 Metern kein Einfluss auf die Tuberkulosesterblichkeit mehr zu.


Jährliche Lungentuberkulose-Sterblichkeit in der Schweiz in Promille der Gesamtbevölkerung
Höhe über Meer Industrielle Bevölkerung Bäuerliche Bevölkerung
200 – 500 Meter 2,7 1,4
500 – 700 Meter 3,0 1,2
700 – 900 Meter 1,35 0,7
900 – 1100 Meter 1,5 0,7
1100 – 1300 Meter 2,3 0,7
1300 – 1500 Meter – 0,6
1500 und mehr Meter – 0,7

Tabelle 1 (Quelle: Correspondenz-Blatt für Schweizer Aerzte, 1876, S. 117)

Fortan stellte sich also die Frage, wie Kranke durch ein Klima von der Tuberkulose geheilt werden sollten, wenn auch Einheimische an dieser starben.125 Müllers Erhebungen ergaben ferner, dass 7,96 Prozent der Todesfälle in der Schweiz auf Lungenschwindsucht zurückzuführen waren. Die Sterblichkeit infolge Lungenschwindsucht war laut Bericht bei den Frauen insgesamt höher als bei Männern, wobei Müller über die Gründe dafür nur spekulieren konnte.126

In einer Rezension von Müllers Bericht im Correspondenz-Blatt kommt eine gewisse Ernüchterung zum Ausdruck. Der Rezensent schrieb, dass die Abnahme der Lungenphthise mit zunehmender Höhe keine bedeutende oder konstante sei, gerade wenn man sie mit dem vergleiche, was man in dieser Hinsicht über die Kordilleren oder die Hochebenen Mexikos lese.127 Von «einem Erlöschen der Lungenphthise mit einer gewissen Erhebung über das Meer (z.B. 1200–1500 Meter), wie dies mehrfach behauptet wurde», könne keine Rede sein.128 In einer zweiten Rezension des Berichts nutzte A.Hemmann, seines Zeichens Badearzt in Schinznach, die Gelegenheit, die Höhenkurorte anzugreifen. Die «Lehre der Immunität gewisser hochgelegener Ortschaften gegen Lungenschwindsucht» sei gefallen, konstatierte Hemmann. Maliziös schrieb er weiter, er fürchte, dass nun freilich der Verfasser des Berichts «bei dem Schwindel der Gasthofindustrie der Luft- und Höhenkurorte wenig Dank für seine Mühe» ernten werde. Der Schinznacher Badearzt Hemmann sprach also unverblümt von «Schwindel», für den er ökonomische Motive, sprich die «Gasthofindustrie», anführte. «Nun der Schwindel vergeht», gab er sich überzeugt.129 Doch sollte er sich täuschen: Die Theorie des heilsamen Höhenklimas erwies sich auch ohne das Element der Immunität als attraktiv für Ärzte und Patienten, wovon die nächsten Kapitel berichten werden.

Die Liegekur und die Bazillen
Konfusion um den Erreger

1882 war Berlin Schauplatz eines epochalen Ereignisses: Robert Koch hielt am 24. März einen Vortrag über «Die Ätiologie der Tuberculose». In diesem wies er den Tuberkelbazillus als spezifische und notwendige Ursache der Tuberkulose nach.1 Koch (1843–1910) hatte sich bereits 1876 mit der Beschreibung des Lebenszyklus des Milzbranderregers profiliert, doch der Vortrag von 1882 machte ihn weltberühmt und rückte die Bakteriologie ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses.2 Koch war es im Labor gelungen, mithilfe eines Färbeverfahrens die Tuberkelbakterien sichtbar zu machen und blau darzustellen.3 Weiter konnte er in verschiedenen Infektionsexperimenten nachweisen, dass Meerschweinchen oder Kaninchen, die er mit von ihm kultivierten Tuberkulosebakterien infizierte, an Tuberkulose erkrankten. Damit war für Koch klar, «dass die in den tuberkulösen Substanzen vorkommenden Bazillen nicht nur Begleiter des tuberkulösen Prozesses, sondern die Ursache desselben sind».4 Für seine Arbeiten über die Tuberkulose erhielt Robert Koch 1905 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Er gilt zusammen mit Louis Pasteur als Begründer der Bakteriologie.

Die Identifizierung des Erregers durch Robert Koch stellte keine geniale Einzelleistung dar. Vielmehr basierte sie auf verbreiteten Labormethoden und stimmte mit früheren Erkenntnissen überein.5 So hatte der französische Arzt Jean-Antoine Villemin bereits 1865 die Übertragbarkeit der Tuberkulose festgestellt.6 Edwin Klebs, Berner Pathologie-Professor und Gründer des Correspondenz-Blatts für Schweizer Ärzte, vermutete 1877 ein Bakterium als Tuberkuloseerreger.7 Gleichzeitig wie Koch beschrieb auch Paul von Baumgarten (1884–1928) in Königsberg das Tuberkulosebakterium.8 Die Frage, ob die Tuberkulose eine Infektionskrankheit sei oder nicht, schien mit Kochs Nachweis entschieden. Doch wenn die Tuberkulose tatsächlich durch Ansteckung mit Mikroben verursacht sein sollte, hatte dies weitreichende Implikationen. Insbesondere stellten Kochs Erkenntnisse die gängigen therapeutischen Verfahren wie die Höhenkur infrage: Bei einer Infektionskrankheit schienen Kuraufenthalte sinnlos, ja wegen der Ansteckungsgefahr sogar gefährlich.9 Koch selbst äusserte in seinem Vortrag von 1882 die Erwartung, dass die Bekämpfung der Tuberkulose einer Diskussion unterzogen werde, sobald die Ärzte davon überzeugt waren, dass die Tuberkulose eine «exquisite Infektionskrankheit» sei.10 Im Folgenden soll dargestellt werden, wie sich Kochs Nachweis auf die Höhenbehandlung der Tuberkulose auswirkte und wie Ärzte versuchten, Theorie und Praxis der Höhenkur den neuen Erkenntnissen anzupassen, damit sie auch im bakteriologischen Zeitalter valabel erschienen. Dabei wird sich zeigen, dass das Konzept der Höhenkur sehr anpassungsfähig und flexibel war. Für deren Begründung nützliche Erkenntnisse der Bakteriologie nahmen die Vertreter der Höhenkur bereitwillig auf.

Dass Kochs Infektionstheorie Luftkurorte wie Davos gefährden konnte, erkannten sogleich auch Ärzte in der Schweiz: Erfolg versprechend erschien nun die Möglichkeit, dass sich «ein spezifisches Mittel findet, das den Tuberkelvirus zerstört oder wenigstens dezimiert und dadurch eine relative Besserung zur Folge hat», erklärte der St.Moritzer Kurarzt Conradin Veraguth (1851–1914) an einer Sitzung des ärztlichen Zentralvereins zwei Monate nach Kochs Vortrag.11 Das Prinzip der Infektiosität gelte es als «erwiesene Tatsache nun wohl oder übel» anzuerkennen.12 Veraguth setzte hinter die Infektionstheorie dennoch Fragezeichen: Eine allgemeine reaktive Empfänglichkeit des menschlichen Organismus für die Bakterien wie bei den typischen ansteckenden Krankheiten Syphilis und Cholera müsse man ausschliessen. Bei der allgemeinen Verbreitung der Tuberkulose war es gemäss Veraguth nämlich wahrscheinlich, dass die meisten Menschen mehrfach mit Tuberkulosebakterien in Kontakt gekommen waren. Deshalb blieben gemäss Veraguth die bisherigen ätiologischen Momente bestehen. Es gelte, diese ins richtige Verhältnis zur Infektion zu stellen. Zu diesen ätiologischen Momenten gehörte die erbliche Anlage, welche für Veraguth auch im Lichte der bakteriologischen Erkenntnisse ihre Bedeutung keineswegs eingebüsst hatte.13 Allerdings werde nicht die Krankheit selbst vererbt, sondern nur die Disposition dazu, «d. h. eine Beschaffenheit des Organismus, die dem Tuberkelbazillus gelegentlich einen guten Nährboden bietet». Damit blieb Veraguth der herkömmlichen Ätiologie treu, verengte aber im Gefolge von Kochs Entdeckung den Blickwinkel bei der Betrachtung des tuberkulosekranken Körpers: Nicht mehr die Konstitution als Ganzes stand im Zentrum, sondern die Disposition, die «Empfänglichkeit für den Tuberkelvirus». Diese ätiologische Konzeption veranlasste Veraguth zur Schlussfolgerung, dass bei der Therapie vorderhand nicht viel verändert werden müsse: «Wir fahren fort, die Schwindsüchtigen unter möglichst günstige Lebensbedingungen zu stellen, wir werden für ihre Ernährung besorgt sein und sie an Luftkurorte schicken, um ihrer mangelhaften Respiration und Säftezirkulation neue Impulse zu geben.»14

Der St. Moritzer Kurarzt Veraguth war nicht der einzige Arzt, für den die Tuberkulose auch nach Kochs Identifizierung des Erregers im Jahr 1882 keine reine Infektionskrankheit war. Zahlreiche Ärzte äusserten sich skeptisch gegenüber der Infektionstheorie.15 Kaum überraschend ist, dass Hermann Brehmer, Pionier der Anstaltsbehandlung der Lungentuberkulose, seiner alten ätiologischen Theorie treu blieb, gemäss der die Tuberkulose auf einem organischen Missverhältnis beruhe, nämlich der Kleinheit des Herzens bei grossen Thoraxräumen.16 Jene Ärzte, welche sich der diätetischen Tuberkulosebehandlung verschrieben hatten, betrachteten die ätiologische Bedeutung des Tuberkelbazillus als eher nebensächlich. Offenbar konnten sie sich nicht von ihren therapeutischen Konzepten lösen, die durch die Bakteriologen infrage gestellt wurden.17 Den Vertretern der klimatisch-diätetischen Behandlung kam zugute, dass die Bakteriologen vorderhand keine wirksamen Medikamente gegen die Krankheit entwickeln konnten. Dies lag insbesondere daran, dass noch unklar war, wie genau die Bakterien wirkten und den Körper schädigten.18 Um die therapeutischen Früchte der bakteriologischen Erkenntnisse war es, wie es ein Arzt 1883 beschrieb, traurig bestellt. Die bisherigen Versuche mit «Medikamenten» wie Campher, Naphthalin, Kreosot, Brom oder Arsensäure, welche an Phthisikern erprobt wurden, verliefen allesamt erfolglos.19 Zudem konnten auch Bakteriologen die Frage nicht beantworten, warum in einem Fall eine mit dem Tuberkulosebakterium angesteckte Person nicht erkrankte, im anderen Fall aber schon.20 Robert Koch hielt deshalb zunächst ebenfalls an anderen ätiologischen Faktoren wie der «ererbten Disposition» fest.21 Der Historiker Christoph Gradmann weist indes darauf hin, dass Koch 1884, zwei Jahre nach seinem Vortrag, in einer neuen, umfangreichen Studie ältere ätiologischen Faktoren als weit weniger bedeutend beschrieb. Er setzte die Krankheit zunehmend mit der Bakterieninvasion gleich und erklärte die pathologischen Prozesse mit dem Bakterienverhalten.22 Herkömmliche ätiologische Konzepte und die diätetische Behandlung der Tuberkulose hatten mit der Identifizierung des Erregers durch Koch jedoch nicht ausgedient, im Gegenteil.

Frische Luft: Bakteriologischer Support für die Höhenkur

Bakteriologische Erkenntnisse lieferten sogar neue Begründungen für die therapeutische Wirkung der Höhenluft. So redete Hermann Jacubasch, Badearzt in Sankt Andreasberg im deutschen Harzgebirge, 1887 in seiner Publikation Lungenschwindsucht und Höhenklima als «Infektionist» der Behandlung im Höhenklima das Wort.23 Er erklärte die therapeutische Wirkung des Höhenklimas nämlich mit der Reinheit der Luft im Hochgebirge. Mit zunehmender Höhe würde die Menge der fremdartigen Bestandteile in der Atmosphäre abnehmen. «Das absolute Freisein der Luft von Krankheitskeimen» sei die erste und wichtigste Bedingung für einen Kurort, hielt er fest, während andere klimatische Faktoren eine untergeordnete Rolle spielen würden.24 Jacubasch nahm damit ein Argument auf, das Verfechter der Höhentherapie auch später häufig anführen sollten: In den Bergen sei die Luft rein, im Gegensatz zu Industriestädten, in denen viel Steinkohle verbrannt wurde.25 Bemerkenswert ist dabei, dass Jacubasch von der «Immunität des Ortes» sprach, also davon ausging, dass die Tuberkulose in gewissen Gegenden nicht vorkam. Er wärmte damit einen eigentlich schon ad acta gelegten Teil der Theorie des kurierenden Höhenklimas wieder auf. In die gleiche Richtung argumentierte 1890 auch der Davoser Arzt Carl Spengler (1860–1937), ein Sohn des Kurortgründers Alexander Spengler: Im Höhenklima werde «chemisch und bakteriologisch reine Luft inhaliert».26 Entsprechend verteidigte er die angebliche Tuberkulose-Immunität von Teilen des Hochgebirges.27 Andere Anhänger der Schweizer Höhenkurorte lobten gar die «antiseptische Luft» in Davos.28 Die Vorstellung einer bakteriologisch reinen Luft in den Bergen ging auf Louis Pasteur zurück. Bereits 1860 hatte er in verschiedenen Höhenlagen die Keimzahl in der Luft untersucht und eine Abnahme der Keime mit zunehmender Höhe festgestellt. Oft zitiert wurden auch die 1884 publizierten Luftanalysen von Pierre Miquel und Edouard von Freudenbach: Sie zeigten, dass in der Luft der Berner Alpen von 2000 bis 4000 Meter über Meer in der Luft keine Bakterien vorkamen, ganz im Gegensatz zu den Messungen auf der belebten Rue de Tivoli in Paris.29

Die Klimakur erhielt auch Unterstützung vom damals bekanntesten amerikanischen Tuberkulosearzt, der mit bakteriologischen Methoden arbeitete: Edward Livingston Trudeau (1848–1915) führte Experimente mit Kaninchen durch, die den Einfluss des Klimas und der Umgebung auf den Verlauf der Tuberkulose beweisen sollten. Trudeau hatte 1882 in der Fachliteratur über die Behandlungsmethode von Hermann Brehmer gelesen. In der Folge eröffnete er in Saranac Lake in den Adirondack Mountains im Norden des Bundesstaats New York eine Einrichtung zur Behandlung der Tuberkulose und wurde zum Pionier der Anstaltsbehandlung in Amerika.30 Trudeau litt selber an Lungentuberkulose und kämpfte sein Leben lang mit der Krankheit. 1887 veröffentlichte er in einer Fachzeitschrift eine Studie über die Experimente mit Kaninchen: Fünf Tiere infizierte er mit Tuberkulosebakterien und brachte sie in einer Kiste im Keller unter, ohne Licht und frische Luft. Fünf andere infizierte Kaninchen konnten sich frei auf einer kleinen Insel bewegen, mit viel Sonnenlicht und frischer Luft. Vier der fünf Tiere im Keller starben innerhalb von drei Monaten, während bei den frei laufenden Kaninchen vier überlebten und keinerlei tuberkulöse Gewebeveränderungen aufwiesen.31 Trudeau folgerte, dass die Umwelt ein wichtiger Faktor für den Verlauf der Krankheit war.32 So lieferten bakteriologische Methoden und der Befund der keimfreien Höhenluft insgesamt neue Argumente für die Tuberkulosebehandlung im Höhenklima. Selbst wenn nicht alle bakteriologischen Experimente für die Wirkung des Klimas sprachen: Georg Cornet (1858–1915), zuerst Assistent von Hermann Brehmer in Görbersdorf und dann langjähriger Mitarbeiter von Robert Koch, führte einen Versuch durch, für den er zwölf Meerschweinchen mit Tuberkulosebakterien infizierte: Sechs Tiere wurden nach Davos geschickt, während sechs in Berlin verblieben. Alle Meerschweinchen starben gleichzeitig an Tuberkulose, ein für den Höhenkurort wenig erfreuliches Resultat.33

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