Читать книгу: «Seniorenknast - wir kommen!»
Christa Mühl
SENIORENKNAST – WIR KOMMEN!
Die Alte
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Christa Mühl
Geboren in Halle/Saale, studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Sie wurde als Regisseurin zahlreicher Filme wie „Die Rache des Kapitäns Mitchell“, „Puppen für die Nacht“, „Paulines zweites Leben“
„Das wirkliche Blau“, „Weihnachtsgeschichten“, Polizeiruf 110, „Stubbe – von Fall zu Fall“, „Heimatgeschichten“, „Ganovenehre“ und viele Serienfolgen „Für alle Fälle Stefanie“, „Schlosshotel Orth“, „Bianca – Wege zum Glück“
„Rote Rosen“ u. a. bekannt. Auch als Drehbuchautorin machte sie sich einen Namen. So schrieb sie für die ZDF-Reihen „Das Traumschiff“, „Die Geliebte“ und die Fernsehfilme „Stubbe und die Killer“, „Lebenslügen“ u. v. a.
„Seniorenknast – wir kommen!“ ist ihr erster Roman.
Christa Mühl ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Berlin.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titel-Illustration: © Jörg Hafemeister (2015)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Für Susanne und Werner
Inhalt
Cover
Titel
Über die Autorin
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Widmung
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Kein Schlusswort
1
Klopapier und Kräuterbitter.
Das steht in großen Buchstaben auf ihrem Einkaufszettel. Mehr nicht. Mehr ist auch nicht drin, denn sie hat nur das Kleingeldsäckchen mitgenommen. Ein lila Beutelchen mit Ziehkordel, das sie einmal als Werbegeschenk einer Schmuckfirma geschickt bekam. Darin befand sich eine billige Kette aus Silberimitat mit lila Glassteinen. Eigentlich wollte sie die ganze Sendung gleich wegschmeißen. Denn bis dahin war ihre bevorzugte Farbe Altrosa. Aber dieses Lila hatte irgendetwas Magisches. Sie behielt den Beutel und trug die Kette, die ihr gut stand. Trotz ihrer blauen Augen – was sie eigentlich gar nicht für möglich gehalten hätte.
Von da an wechselte sie mehr und mehr ins blasse Lila. Oder nennt man das Violett? Sie machte sich darüber keine Gedanken, sah es aber als Wink mit dem Zaunpfahl, endlich mal ein paar neue Klamotten zu kaufen. Ganz gegen ihre Gewohnheit. Denn sie ist keine Wegschmeißerin, trägt alles jahrelang.
So sieht das meiste auch aus …
Lila – von blass bis kräftig – war wieder einmal in Mode gekommen, die neuen Sachen preisgünstig, aber nicht ohne Schick. Doch das nur ganz nebenbei.
Schick! Da kommt ihr natürlich sofort DIE ALTE in den Sinn, die inzwischen wahrlich nicht mehr schick ist. Doch wegen ihr hat sie sich auf den Weg gemacht.
Schnell wirft sie Klopapier und eine 4er Packung Kräuterminis – nicht die allerbilligste Sorte – in den Einkaufswagen und trabt zur Kasse.
Auf dem Weg dorthin beobachtet sie zwei ältere Männer, die einen Transportwagen voller Kisten zu einem Rondell mit leeren Fächern schieben. Dass die noch solche alten Knacker hier beschäftigen, denkt sie und bleibt stehen. Die beiden beginnen gutgelaunt, Lebkuchenherzen und anderes Weihnachtsgebäck in die Regale zu sortieren.
Mira kann das nicht glauben: Der September hat gerade angefangen!
„Ihr habt doch wat an der Bommel!“ sagt sie laut. Alle drehen sich nach ihr um. Nur die beiden Auspacker nicht – die sind beschäftigt.
Eilig macht sie sich auf den Weg zur Kasse. Da tritt sie mit ihrem linken lila Knöchelstiefelchen auf ein Papierklümpchen. Irgendwie bleibt das an der Sohle kleben. Ärgerlich will sie es entfernen, stellt aber erfreut fest, dass es sich um einen zerknautschten Zehn-Euroschein handelt. Noch nie hat sie irgend etwas Brauchbares gefunden! Sie sieht sich um. Kein Mensch in näherer Nähe. Rundumblick nach oben: Keine Kamera.
Vorsichtig zerrt sie den erfreulichen Fund von der Sohle. Leider ist er an einem Kaugummi darunter klebengeblieben. Mit leichtem Ekelgefühl entknittert sie den Schein, dreht sich nochmals um. Nichts. Sie lässt ihren Wagen mit dem mickrigen Einkauf stehen und geht lächelnd zur Lottoannahmestelle, die sich am Ausgang des Supermarktes befindet. Dort greift sie zu einem Kugelschreiber. Die Dame am Stand hat gerade nichts zu tun und schiebt ihr beim Anblick des Zehners gelangweilt einen Lottoschein hin.
Mira schaut sie an und schüttelt ärgerlich den Kopf. „Nee, danke! Da kann ick doch mein Jeld gleich wegschmeißen.“
Die Frau nickt. „Ich hab auch noch nie was gewonnen …“ Mira nickt zurück. Na bitte! Sie bemerkt das lila Brillengestell der Lottotante und registriert es als Zeichen, schreibt auf ihren Einkaufszettel unter Klopapier und Kräuterbitter: Hallorenkugeln, 2 Picco, SUPERillu, Katzenfutter.
Rechnet im Flüsterton die Preise zusammen und ist zufrieden: Da bleibt sogar noch etwas übrig.
Sie schiebt der Dame den Kugelschreiber wieder zu und haucht: „Schicke Brille!“ Die Frau lächelt geschmeichelt und flüstert ihr noch den Namen einer bekannten großen Optikerkette hinterher. Aber Mira geht nun flott zu ihrem Gitterwagen zurück.
Unglücklicher Weise kommt sie an einem Regal mit Saisonpflanzen vorbei. Alpenveilchen im Angebot! Diese grässlichen Dinger kann sie nicht ausstehen. Aber zwischen denen in Altrosa, Rot und Weiß steht ein einziges in Violett. Es scheint ihr förmlich zuzuwinken. Da kann sie nicht widerstehen.
Viele Münzen bleiben für das Kleingeldsäckchen nicht übrig.
Jetzt ist sie trotzdem ganz gut gelaunt und quartiert auf dem Parkplatz die erworbenen Schätze liebevoll aus dem Einkaufswagen in den Kofferraum ihres klapprigen Autos. Alles wird ordentlich in einen lila Korb gestellt. Klappe zu. Einkaufswagen zurück. Eine alte D-Mark, die sie als Chip immer dabei hat, klickt aus dem Schlitz. Die steckt sie mit sehnsuchtsvollem, traurigen, tiefen Seufzer ins Seitenfach der Autoschlüsseltasche.
Dann geht sie zu ihrem Gefährt, das sie liebevoll Ruckelchen nennt. Etwas beschämt fällt ihr ein, dass sie den lila Korb Anfang des Jahres mitgehen ließ. Sie hätte ihn schon gern gekauft – aber der türkische Gemüsehändler erklärte ihr umständlich, dass das nicht möglich wäre.
Noch nie in ihrem Leben hatte sie was geklaut. Schüchtern fragte sie, ob sie den Korb wenigstens bis zu ihrem Auto mitnehmen könnte, um das Gemüse umzulagern. Der Mann nickte ihr lächelnd zu. Sie knallte den Korb samt Tomaten, Knoblauch und Frühlingszwiebeln in den Kofferraum und bretterte davon. Sie fürchtete, dass ihr sofort scharenweise türkische Gemüselieferwagen folgen würden. Deshalb übersah sie eine Polizeistreife, die sich am Straßenrand um eine Prügelei zwischen Schulkindern kümmerte. Nach einer Vollbremsung konnte sie in letzter Minute Schlimmeres verhindern, fing sich aber an einem Straßengeländer, das sie übersehen hatte, eine winzige Beule ein. Und wurde auch noch sofort zu 10 Euro Bußgeld verdonnert.
Damals war sie noch nicht so klamm, was die Kohle betraf. Schnell drückte sie dem grinsenden Jungbullen einen Schein in die Hand und fuhr davon.
Sie achtete dann auf alle Vorschriften, wobei sie zu erkennen glaubte, dass ihr sämtliche Dönerbudenbesitzer rechts und links am Straßenrand vorwurfsvoll bis grimmig nachschauten.
Ruhe fand sie erst nach einigen Tagen. Und erst Wochen später stellte sie den lila Korb, den sie hinter alten Umzugskisten in ihrem Keller versteckt hatte, zurück in den Kofferraum. Sie findet ihn wunderschön und tätigt keinen auch noch so kleinen Einkauf ohne ihn.
Nun setzt sie sich also zufrieden in ihr Auto, lässt den Motor an, es ruckelt – die beiden Piccolo im Korb scheppern aneinander. Das Geräusch gefällt ihr. Dann steigt sie noch einmal aus, nimmt eine der kleinen Sektflaschen aus dem Korb und steckt sie in ihren lila Notfallbeutel, den sie im Handschuhfach deponiert hat. Fröhlich fährt sie heim.
Sie legt alles für den nächsten Tag zurecht. Endlich zufrieden, setzt sie sich vor den Fernseher und sieht – wie immer von Montag bis Freitag – die neueste Folge ihrer Lieblings-Telenovela. Keine besonders gute Folge, wie sie schon nach wenigen Minuten feststellt. Die Leute reden, wie kein Mensch im wirklichen Leben redet, sind nicht besonders attraktiv gekleidet. Und die Handlung ist öde.
Es handelt sich eigentlich um gar keine Handlung. So dauert es nicht lange, da schläft Mira ein – was wirklich selten bei dieser Gelegenheit vorkommt.
Als sie aufwacht, ärgert sie sich. Die Sendung ist vorbei – und sie hat keine Ahnung, was ihr alles entgangen ist. Vielleicht ging die Geschichte ja doch endlich irgendwie weiter. Zum Glück gibt es aber in der Nacht eine Wiederholung.
Schon lächelt sie wieder: Die Woche hat gut begonnen.
Und morgen ist Dienstag!
2
Der Reporter Gisbert Fuchs kommt ärgerlich aus dem Fernsehstudio.
Vor der Tür stehen etliche Schauspieler und Mitarbeiter und rauchen.
Er schnappt Gesprächsfetzen auf, die seine Stimmung nicht bessern.
„Der sollte sich mal auf Alzheimer testen lassen – er merkt sich doch keine zwei zusammenhängende Sätze!“
„Na und? Ist sowieso alles Scheiße, was da im Text steht!“
„Wird Zeit, dass sie mal jüngere Regisseure nehmen – die uralten Knacker wissen alles besser und tun so, als machen sie hier Kunst …“ Gisbert geht schnell zu seinem Auto. Der Nachmittag „hinter den Kulissen“ war nicht nur desillusionierend, sondern auch total nervend. Da schien eine Horde von Schwachmaaten, wie es sein Techniker ausdrücken würde, am Werk zu sein. Um Kameras und Regiepult wuselten aufgestylte junge Leute, die sich wichtig machten, einer den anderen übertrumpfend. Es handelte sich um die Berufsgruppe, die hier am häufigsten anzutreffen war: Praktikanten.
Der Regisseur, ein uralter Knacker von Anfang fünfzig, gab sich redliche Mühe.
Aber die Schauspieler waren widerborstig. Besonders eine Dame Anfang 30, die prinzipiell alles beschissen fand, was hier ablief. Ihr Kostüm und ihr Make-up wollten so gar nicht zu ihrer Rolle passen – auch ihre rustikale Privatsprache nicht, obwohl sie eine Bäuerin spielte. Sie zog eine elegante Jacke aus und knallte sie auf den Boden.
„Ich ziehe dieses verfickte Teil nicht an! Das habe ich schon dreimal gesagt.“
Gisbert stand abseits mit offenem Mund.
Die Dame zerrte nun an ihrem üppigen Dekolté herum. Der Aufnahmeleiter brüllte: „Ruhe!“
Endlich ging die Probe weiter. Also: Eine Bäuerin sollte in einem Mordfall als Zeugin vernommen werden. Aber die Darstellerin verhedderte sich dreimal in einem kurzen Satz und schrie hysterisch: „So spricht doch kein normaler Mensch!“ Und an den Regisseur gewandt, der Gisbert nun ziemlich leid tat: „Hast du schon mal einen Oberbullen mit Fliege gesehen?!“
Der Angesprochene bat den Aufnahmeleiter, die Kostümbildnerin zu holen. Der schickte einen Praktikanten. Inzwischen nutzte man die Zeit wieder zur Probe – was aber eher einem Talkshowgebrülle im Wahlkampf ähnelte. Die Assistentin des Regisseurs, ebenfalls mit Ende dreißig schon jenseits von gut und böse, wie er zwei junge Schauspieler tuscheln hörte, mühte sich redlich um eine Art Ordnung. Als die Kostümbildnerin erschien, brach ein großer Streit los – es ging zunächst um das Kostüm der „Bäuerin“.
„Heutzutage schminkt sich eine Bäuerin. Sie läuft auch nicht mit Strickstrümpfen und Kittelschürze rum. Und mit so einer Spießerjacke vom Ramschdiscounter schon gar nicht!“ keifte die Darstellerin. „Aber mit Haihiiels“, bemerkte grinsend ein Beleuchter.
Lautes Gelächter. Danach ging es voller Häme und Feindseligkeit zu. Die Probe wurde noch mehrfach unterbrochen. Der Regisseur bat alle, sich zu beruhigen – das Pensum müsse heute ohne Überstunden geschafft werden. Kurze Kaffeepause.
Es gelang Gisbert nicht, irgendwen zu einem Interview zu bewegen – vor allem, als bekannt wurde, dass er von einem Provinzsender kam. Ein älterer Tontechniker hatte Mitleid mit ihm und erklärte, er sollte doch einen Erlebnisbericht senden. Der Mann hatte eine leichte Fahne und in seinen Augen flackerte Angst.
„Hier haben alle Angst“, erklärte er ungefragt. Jeder könne sofort ersetzt werden, für jeden Job stehen schon zahlreiche Leute in den Startlöchern – es gibt nur zwei Tatsachen hier: Austauschbarkeit und Mittelmaß.
Irgendwann schlich Gisbert davon, tief enttäuscht.
Er hatte nur noch das Bedürfnis, einfach abzuhängen, wie das sein Techniker bezeichnen würde. So entschloss er sich, über Nacht in Leipzig zu bleiben. Sein Bruder lebt hier und betreibt ein Fischrestaurant. Sie sehen sich viel zu selten. Und ein kleines Gästezimmer ist auch vorhanden. In seine Provinz kommt er auch morgen rechtzeitig zurück.
Er rief seinen Bruder an, ließ es lange klingeln, aber da meldete sich niemand. Wahrscheinlich haben sie viel zu tun – die Kneipe ist beliebt. Gisbert fuhr hin. Es dämmerte schon, und er freute sich auf die gemütliche Gaststube und einen heißen Tee. Das Lokal war geschlossen. „Montag Ruhetag“. Er fasste sich an den Kopf. Klar. Es geht also gut, sonst würde man sich keinen Ruhetag leisten können.
Der Bruder wohnt über dem Laden in der ersten Etage. Dort waren die Fenster erleuchtet.
3
Es war eine ruhige Nacht. Mit drei Hallorenkugeln als Betthupferl im Magen und dem Sektchen als Schlummertrunk war sie sofort in einen tiefen Schlaf gefallen. Und nach sieben Stunden ohne quälende Gedanken aufgewacht. Mira konnte sich nicht erinnern, wann ihr das zum letzten Mal passiert war.
Zwar hatte sie besagte Wiederholung der Telenovela-Folge verpasst, doch da gab es ja noch andere Möglichkeiten, sie zu sehen. Zufrieden stand sie dann lange unter der warmen Dusche, ohne an den ständig steigenden Wasserpreis zu denken. Sie zog ein frisches, kuscheliges Badetuch aus dem Schrank, rubbelte sich damit ab und cremte sich sorgfältig ein. Dann schlüpfte sie in ihre lila Unterwäsche, die noch ganz neu war. Sie sah in den Spiegel, lächelte sich zu und fand sich gar nicht so fett wie an all den Tagen zuvor.
Sie aß ein Marmeladenbrot, trank einen dünnen Kaffee und las dabei die Illustrierte, die sie sich gestern geleistet hatte. Schnell stellte sie fest, dass deren Niveau ganz schön heruntergekommen war und legte sie beiseite. Damit wollte sie sich den guten Morgen nicht verderben.
Sie packte die restlichen Hallorenkugeln, die Kräuterminis und das Katzenfutter in ihre Handtasche und machte sich fertig zum Start in einen schönen Dienstag. Oder besser: Dienst-Tag! Sie zog die frisch gewaschene Kittelschürze über ihr schlichtes Kleid, dann den Mantel drüber.
Auf der Straße sieht sie sich irritiert um. Sie weiß nicht mehr, wo sie ihr Auto geparkt hat. Das passiert ihr leider in letzter Zeit immer öfter. Mira hat manchmal echt Angst, dement zu werden. Was man da so hörte – und in den kostenlosen Zeitungen aus der Apotheke lesen konnte: Na vielen Dank auch!
Schließlich findet sie aber ihre alte Karre und ruckelt los.
Sie entdeckt freudig sogar vor Katharinas Haus einen Parkplatz. Was für ein Tag! Das hat sie in all den Jahren selten erlebt. Wie oft war sie ewig durch Seitenstraßen geirrt und musste dann lange Fußmärsche auf sich nehmen …
Aber nun soll ein neues Kapitel beginnen: Schluss mit den trüben Gedanken, Schluss mit der Vergangenheit! Schon zwei gute Tage hintereinander!
Sie steht vor der Wohnungstür und putzt mit einem Taschentuch das Klingelschild blank. „Katharina Schick“ – man kann es kaum noch lesen.
Miras Herz klopft. Vielleicht vom Treppensteigen – zwei Etagen bringen sie schon leicht außer Atem. Vielleicht ist es aber auch die Aufregung. Es soll ja ein neuer Anfang werden.
Sie zieht die lila Lederhandschuhe aus und kramt ein Schlüsselbund aus ihrer Handtasche. Es ist ein neuer Anhänger daran, als Glücksbringer: Ein Fisch. Sie drückt drauf und er fängt an zu blinken. Was sich die Leute alles einfallen lassen …
Vorsichtig schließt sie die Tür auf: Wieder Glück – kein Schlüssel von innen verhindert das. Etwas enttäuscht betritt sie die Wohnung. Vielleicht ist Katharina schon unterwegs? Aber so früh – kaum zu glauben. Oder sie ist im Urlaub? Erst recht unmöglich. Sie kann sich nicht erinnern, dass die irgendwann irgendwohin in den Urlaub gefahren ist. Urlaub – sie weiß sicher gar nicht, was man darunter versteht …
Mira schleicht durch den Korridor und kommt sich vor wie in einem Krimi. Einen Moment zögert sie am Lichtschalter. Doch besser nicht. Sie legt Schlüsselbund mit Blinkefisch auf der flachen Kommode ab, wo sich ungeöffnete Briefe und ungelesene Zeitungen stapeln.
Daneben ein überquellender Korb mit leeren Weinflaschen, dazwischen unzählige leere Kräuterlikörfläschchen.
Sie zieht ihren Mantel und die Stiefeletten aus. Da bemerkt sie ärgerlich, dass sie die bequemen Hauslatschen vergessen hat. Nicht zu ändern … Vorsichtig bewegen sich nun ältere, nicht mehr ganz wohlgeformte Füße in glänzenden, leicht violetten Strumpfhosen weiter. Ein Schrank wird geöffnet. Gelbe Gummihandschuhe werden über abgearbeitete Hände gestreift.
„Gelb – was für eine Scheißfarbe“, murmelt Mira leise. Aber in Lila hat sie solche Dinger nirgendwo gefunden.
Sie nimmt die Mitbringsel aus der Handtasche. Langsam bewegen sich ihre Füße weiter.
Plötzlich, entfernt, eine leise, sanfte Stimme: „Haben Sie in letzter Zeit einmal genauer in den Spiegel geschaut?“ Mira erschrickt fürchterlich und öffnet die Tür zum Wohnzimmer.
Auf dem Sofa liegt Katharina, die Augen geschlossen, der Mund leicht geöffnet, eine Hand hängt herunter. Davor, auf dem Teppich ein großer, schon etwas eingetrockneter dunkelroter Fleck. Der Kater Quasimodo schläft am Fußende.
Mira lässt ihre kleinen Gaben fallen und hält sich entsetzt die Hand auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien. Nach etlichen Schrecksekunden flüstert sie: „Oh nein!“
Sie will zu Katharina stürzen, entschließt sich aber, zuerst den Fernseher auszuschalten. Es läuft gerade eine Werbesendung für Kosmetik gegen das frühe Altern, die mit dem optimistischen Slogan endet: „Weil es für uns selbst ist!“
Von der plötzlichen Stille wird der Kater wach. Er sieht Mira mit einem schiefen Gesicht an und rast fauchend davon. Sie schüttelt verzweifelt den Kopf und flüstert: „Warum kann mir det blöde Vieh bloß nich leiden?“
Mit zittriger Hand hebt sie das mitgebrachte Katzenfutter vom Fußboden auf. Es war nicht gerade das billigste! Wehmütig steckt sie es in die Tasche ihrer Kittelschürze und schaut dem Kater nach. Dann wendet sie sich wieder Katharina zu, zieht die Handschuhe aus und findet zum Glück ein Taschentuch. Während sie sich die Nase schnäuzt und die Tränen abwischt, entdeckt sie auf dem Boden einige ausgetrunkene Kräuterlikörflaschen, nicht die ganz kleinen … Und eine leere Rotweinflasche, eine ganz große, die sie kopfschüttelnd aufhebt.
Ein Geräusch. Quasimodo! Der Kater hat im Flur ihre Schlüssel von der Kommode geschmissen und tapst nach dem blinkenden Fischanhänger.
Ein anderes Geräusch lässt sie wieder in Katharinas Richtung herumfahren.
Die Totgeglaubte verändert gerade ihre Schlafposition und beginnt zu schnarchen.
Nun schreit Mira doch auf. Davon wird Katharina wach und schreckt hoch. Sie starrt eine Frau an, die hier anscheinend eingedrungen ist. Der fällt die leere Flasche aus der Hand. Es knallt gehörig. „Wo ist meine Waffe?“ kreischt Katharina.
Mira zuckt mit den Schultern. „Keene Ahnung. Ick wußte jar nich, det Sie die noch haben.“
Katharina fragt entgeistert: „Was wollen Sie hier?“
Mira holt tief Luft: Jetzt kommt es drauf an! „Ick hatte 3 Wochen Urlaub. Es ist Dienstag!“
Stille. Mira schöpft sofort Hoffnung. Aber dann scheint sich die Alte dunkel zu erinnern. „Putzi? Wie oft soll ich es Ihnen noch sagen: Es gibt keinen Dienstag mehr! Sie sind gefeuert!“
Mira ist den Tränen nahe. Ihr Plan funktioniert nicht … Verzweifelt startet sie einen neuen Versuch. „Ja. Aber wie det hier aussieht!“
Katharina ist nun endgültig wach und sieht sich um. Putzi hat recht, denkt sie.
Ihr Kopf dröhnt. Es braucht eine Weile, bevor sie halbwegs klar ist. Nicht ohne Mitleid bemüht sie sich um einen harschen Ton: „Vielleicht sollte ich es singen? Das bisschen Haushalt … Leider bin ich heiser!“ Mira faucht: „Und Sie haben auch gar keinen Mann!“
„Was für einen Mann?“ fragt Katharina mit rauher Simme. Mira wischt sich die Tränen ab und wird langsam aber sicher wütend. „Na, det Lied jeht doch weiter: … schaff ich schon allein - sagt mein Mann!“ Katharina will etwas erwidern, winkt aber dann ab und hält sich den schmerzenden Kopf. Mira greift in die Schürzentasche, zieht eine Packung Tabletten heraus und reicht sie ihr.
Dankbar knackt sie zwei aus der Folie und schluckt sie gekonnt ohne jegliche Flüssigkeit herunter. Als würde die Wirkung sofort einsetzen, wechselt ihre Stimmlage. Milde und leise verkündet sie: „Ich kann Sie mir einfach nicht mehr leisten, Putzi. Haun Sie ab!“ Mira ist entsetzt – obwohl sie dieses Theater eigentlich kennt. So eine Szene erlebt sie nicht zum ersten Mal.
„Aber wo soll ick denn hin? Von meine Rente kann keen Mensch leben – nicht mal icke!“ Auch dieser Text ist nicht neu, deshalb flutscht er ihr wie einer gelernten Schauspielerin fließend über die Lippen. Katharina zuckt mit den Schultern. Etwas wackelig steht sie auf und geht zum Schrank.
Mira greift wieder zum Taschentuch, besinnt sich dann aber. Die Heulnummer zieht wahrscheinlich nicht mehr.
Katharina kommt mit einem zweiten Glas und einer vollen Rotweinflasche zurück. Sie schraubt den Verschluss auf, riecht daran und schüttelt angewidert den Kopf.
„Das ist auch schon der Billigste!“ Sie schenkt sich und Mira ein. „Prost!“ Mira schüttelt sich. Das Zeug schmeckt grässlich. Und nun fängt Katharina auch noch an zu weinen. Mira reicht ihr das Taschentuch. Was für eine Schmierenkomödie! Viel zu schnell fasst sich die Alte wieder …
Mira hebt ein Kleid vom Boden auf. Es ist ein abenteuerliches Modell in grellen Farben. Sie erkennt sofort die Chance auf ein Ablenkungsmanöver.
„Was ist det denn für’n scharfet Teil?“
Katharina tut genau das, was Mira erwartet hat. Sie lächelt melancholisch.
„Das ist von früher. Noch aus der DDR …“
Mira sieht sie skeptisch an.
„Aus dem Exquisit! Das war so was wie Delikat – nur für Klamotten!“ Als ob Mira nicht mehr wüsste, was das für Wucherbuden waren … „Zum Delikat haben wir immer Fress-Ex jesacht. Schließlich bin ick ooch aus dem Osten!“
Sie berlinert noch stärker, wenn sie aufgeregt ist. „Wat waren det für bekloppte Zeiten!“
Dann betrachtet sie das Kleid genauer. Es hat einen tiefen Rückenausschnitt. „Sowat ham die da verkooft?“
Katharina grinst. „Muss wohl irgendwie ein Versehen gewesen sein …“
„Und Sie haben dieset Versehen für teuret Jeld erstanden?“ Katharina nickt lächelnd und versinkt in Gedanken.
„Haben Sie det denn wenigstens ooch anjezogen?“ fragt Mira, echt interessiert.
„Klar! Einmal. Zum Polizeiball.“
Mira sieht sie skeptisch an.
„Zum Fasching!“
„Bei die Polizei?“
Katharina schüttelt schmunzelnd den Kopf. Natürlich nicht. Eine ziemlich verrückte Freundin lud anschließend zu einer Party ein. Motto: Südseezauber.
Mira betrachtet das Teil erneut intensiv und grinst nun ebenfalls. Südseezauber – in der DDR …
„Und wat wolln Se jetzt damit?“
Katharina druckst herum. „Vielleicht verreisen. In die Sonne. Auf ’ne Insel oder so.“
Einen Moment scheint es, als segle sie schon mit ihren Träumen davon. Doch dann genügt ein Blick auf das Chaos um sie herum. Mira hat darin gerade noch gefehlt. „Und nun machen Sie sich dünne!“ Der Kater kommt mit dem Schlüsselanhänger im Maul – der Fisch blinkt inzwischen etwas müde – zufrieden herein und scharwenzelt um Katharinas Füße. Sie schaut zur Uhr. „Scheiße!“
Mira rappelt sich zum letzten Versuch auf.
„Det kann man laut sagen … Ick würde hier ooch umsonst putzen! Schließlich hab ick ja meine Rente!“
„Ich denke, davon können Sie nicht leben?“
Katharina geht zum Spiegel und schüttelt, wortlos über ihren Anblick, den Kopf.
Mira versucht eine Notlösung.
„Muss ja nicht jeden Dienstag sein.“
Katharina wird plötzlich klar, dass heute der 1. Dienstag im Monat ist. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“
Mira unterbricht sie: „Jenau. Und ziemlich kalt draußen. Nicht mehr lange, denn is Weihnachten. In den Jeschäften sortieren sie schon wieder Spekulatius und den janzen Weihnachtskrempel in die Rejale …“ Katharina hört gar nicht hin.
„Am 1. Dienstag im Monat besuche ich doch immer Ruppe.“
„Ist det nicht der nette junge Mann – Ihr Nachfoljer?“
„Jung? Na ja … Er schätzt meine Erfahrung. Ich kann ihm manchmal einen guten Rat geben.“
„Jeben Sie, jeben Sie! Derweil kann ick ja hier putzen.“ Sie sammelt die leeren Flaschen ein. Katharina sieht sie skeptisch an. „Als Sie noch jearbeitet haben, war ick dienstags ooch alleene hier!“
„Dienstags haben sie im Kommissariat wenig zu tun. Montag wird die vorige Woche ausgewertet, die kommende durchgesprochen, alles geordnet. Aber wenn nicht viel los war, kein Mord oder so was, ist Dienstag tote Hose. Da kann ich mit Ruppe nach frühem Feierabend vielleicht noch ’n Bier trinken.“
Oder ooch zwee, denkt Mira und macht sich daran, aufzuräumen.
„Grüßen Sie Ihren netten jungen Kollejen! Soll ick Badewasser einlassen?“
„Ich dusche!“ faucht Katharina und geht Richtung Bad. Der Kater hört auf, mit dem müde blinkenden Fisch zu spielen, schaut Mira voller Verachtung an und folgt Katharina.
Mira steckt den Anhänger seufzend in die Tasche der Kittelschürze. Ein seltenes Exemplar aus Dederon, das sie in einem vietnamesischen Textilmarkt für 3 Euro erstanden hat. Lila Rosen auf blassviolettem Grund. „Echt aus die DDR“, strahlte die hübsche Verkäuferin. „Wat ist DDR?“ hatte Mira etwa bösartig gefragt.
Die junge Vietnamesin zuckte mit den Schultern. „Ein altes Textilfabrik?“
Mira nickte nur. Ein altes Machwerk …
Sie zieht aus der anderen Tasche das Mikrofasertuch aus einer modernen Textilfabrik und macht sich über den Staub her. Aus dem Badezimmer polternde Geräusche. Dann fängt Katharina heiser an zu singen. „Sind die Lichter angezündet …“ Die Dusche wird angestellt, der Gesang lauter. „ … Freude zieht in jeden Raum – weiter kann ich leider, leider keiheinen Text – man glauhaubt es kaum …“ Mira verdreht die Augen und schaltet den Fernseher ein. Es läuft schon wieder eine Werbung. „Gönn dir was!“
Was soll sie sich gönnen – bei der mickrigen Rente? Und die Schweine von ihrer Bank haben ihr eine Anlage aufgeschwatzt, die sie völlig abschreiben kann. War nicht gerade ein Vermögen, aber für sie eben doch ein großer Verlust. Von wegen Urlaub – so was ist schon gar nicht mehr drin.
Sie lässt den Putzlappen fallen, trinkt ihr Glas leer und stöhnt. „Wo jibt es so miserablen Rotwein?“
4
Gisbert, der eigentlich keinen Alkohol trinkt, hatte sich von seinem Bruder zu einem kleinen Bier überreden lassen. Es tat ihm gut und ließ den desillusionierenden Besuch im Fernsehstudio fast vergessen. Natürlich erst, nachdem er alles haarklein berichtet hatte.
Jeden letzten Samstagabend im Monat gibt es eine Sendung „Der fixe Sachse erfüllt deine Wünsche!“ Die Hörer können anrufen und sich Musiktitel wünschen. Der krönende Abschluss ist ein Wunsch, den Gisbert mit einer Reportage erfüllen musste.
So hat er schon über seltsame Dinge berichtet. Wie echte Thüringer Bratwürste hergestellt werden, ein Tag im Flughafen Halle/Leipzig, ein Besuch der Buchmesse, Karpfenabfischen am Horstsee in Wermsdorf, Teilnahme an einem Strick-Kurs für Männer, ein Tag als Gondoliere durch die Leipziger Kanäle und so weiter.
Immer hatte das Spaß gemacht und es kamen witzige Sendungen zustande.
Letzten Samstag nun hat sich ein Zuschauer gewünscht, den Reporter hinter die Kulissen einer Fernsehserie zu schicken. Gisbert freute sich darauf, denn es handelte sich zum Glück nicht um eine Krankenhausserie oder um eine Telekitschvela, wie er die rührseligen täglichen Nachmittagsschmonzetten nannte. Nein – es handelte sich um eine Krimiserie für den Vorabend.
Und dann das … Sein Bruder hörte gebannt zu und nickte. „So musste das in deinem Sender verklickern! Genau so. Die Leute lachen sich kaputt.“
Gisbert hatte auf einen flotten Spruch am Ende gewartet. Dafür war sein Bruder bekannt. Er begann immer mit der selben Floskel: „Mein Engel würde sagen …“
Nun kam aber nur ein lautes Gähnen. „Ein Ruhetag ist eben zu wenig. Man wird nicht jünger …“
Er stand auf. Gisbert nickte. Dabei war sein Bruder erst 45 – aber Wirt und Koch in einer Person – das ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Er wünschte eine gute Nacht und ging Richtung Bad. An der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Übrigens: mein Engel würde sagen, die Leute sollen lieber ein anständiges Buch lesen – Fernsehen ist Scheiße! Außer Fußball und Boxen!“ Gisbert schaute ihm etwas verwundert nach. Aber er hatte ja Recht. Außer zu den Nachrichtensendungen schaltete er seine Mattscheibe auch selten ein. Er konnte die ewigen Kochshows nicht ertragen, nicht die vielen Talkshows, in denen sich in der Hauptsache blonde Damen mit Piepsstimmen an Lebensweisheiten überboten, er verachtete das Vorführen von Menschen in den „Suchsendungen“. „Koch sucht Köchin“, „Tochter sucht Pferd“, „Wer will mich heiraten?“ und wie die alle heißen. Er verscheuchte die Bilder schnell aus seinem Kopf.
Im zu kurzen Bett des Gästezimmers schlief er sofort ein und träumte einen tüchtigen Mist zusammen. Man jagte ihn durch eine Art Wüste, in der aber Hochhäuser standen. Sandsturm ließ ihn nicht vorankommen. Da hörte er hinter sich ein Geräusch. Ein Schuss! Noch einer. Gisbert schreckte auf, stieg aus dem Bett und riss die Vorhänge auseinander. Es war heller Tag. Die Schüsse erwiesen sich als das Knallen von Abfalltonnen, die unten auf der Straße von Müllmännern und einem Spezialfahrzeug geleert wurden.
Gisbert sah zur Uhr – sein Bruder werkelte längst in der Küche des Restaurants herum und bereitete das Mittagsgeschäft vor. Seit seiner Scheidung schmiss er das Familienunternehmen allein, hatte zwei Angestellte, und es ging ihm gut.
Gisbert wurde schon mit einem deftigen Frühstück in der Gaststube erwartet.
Müsli, Eier ohne Speck, Obstsalat und ein Rollmops.
Sein Bruder brachte heißen Kaffee aus der Küche und setzte sich kurz zu ihm. „Mein Engel würde sagen: Wir sollten uns öfter mal sehen!“ Gisbert nickte mit vollem Mund. Draußen ein lautes Hupen. „Der Fischfritze aus Sassnitz!“
Die ungleichen Brüder umarmten sich kurz.
Gisbert frühstückte in Ruhe zu Ende. Er sah zum Tresen, wo ein Foto seiner Eltern hing, deren Lebenswerk das Lokal war. Sofort überkam ihn eine große Traurigkeit. Er griff zur Zeitung, die auf dem Tisch lag, um sich abzulenken.
Im Polizeibericht las er, dass im vergangenen Monat die Zahl krimineller Delikte in Leipzig und Umgebung erheblich angestiegen ist.
5
Im Gang des Polizeipräsidiums atmet Katharina kräftig durch. Und sofort lächelt sie, fühlt sich wohl. Das hier war ihr eigentliches Zuhause! Es riecht etwas muffig, aber selbst diesen Geruch vermisst sie. Der Paternoster ist außer Betrieb. Und auch der neue Fahrstuhl funktioniert nicht – was ist das für eine Scheiße! Sie quält sich durchs Treppenhaus die drei Etagen zur Kripo hinauf. Seitenstechen, Atemnot und der Kater von gestern zwingen sie auf dem letzten Absatz erst einmal in die Knie. Sie muss sich setzen. Schnaufend beginnt sie, noch ziemlich kraftlos, vor sich hin zu fluchen.
Als zwei junge Polizistinnen in Uniform von unten kommend an ihr vorbeispringen, vergräbt sie ihr schweißnasses Gesicht in den Händen. Auf halber Treppe kehren die beiden plötzlich um. „Können wir helfen?“
Katharina schüttelt stumm den Kopf und sucht schnaufend Deckung hinter ihrer unförmigen Handtasche.
„Katharina?“
Keine Antwort. Sie hofft, dass die beiden gleich wieder auf dem flotten Sprung hinauf sind.
Die eine fragt die andere leise: „Kennste die?“
„Einen Moment dachte ich, das ist unsere alte Chefin!“
„Katharina die Große?“
„Katharina – DIE ALTE!“
„Komm!“ Die Schritte entfernen sich schnell nach oben. Katharina atmet auf. Das war Henriette – die hat oft für sie gearbeitet. Meine Güte: Dieses Tempo! Dabei ist die doch auch schon wenigstens 45?
Was haben die hier immer mit ihrem Namen veranstaltet … Sie schmunzelt außer Atem. Katharina Schick. Als sie anfing, nannte man sie – natürlich hinter ihrem Rücken – die schicke Katharina. Später, als sie Hauptkommissarin wurde und immer mehr Erfolg in ihrem Job hatte, wurde sie Katharina die Große.
Und zum Schluss Katharina DIE ALTE …
Sie rappelt sich auf und macht sich bereit zum Ende des Aufstiegs. Als sie endlich vor Ruppes Tür steht, hat sie den Eindruck, den Bastei-Felsen geschafft zu haben, ihren Lieblingsgipfel im Elbsandsteingebirge. Auf dem Gang ist nichts los. Zu ihrer Zeit kam es ihr manchmal so vor, als handele sich um den Leipziger Hauptbahnhof. Aber es ist eben Dienstag.
Tote Hose! Katharina wartet eine Weile, bis ihr Herz nicht mehr so wummert und ihre Atmung nur noch der eines leichten Asthmatikers gleicht. Nach kurzem Klopfen, auf das niemand reagiert, öffnet sie vorsichtig die Tür und tritt ein.
Ruppe steht am Fenster, mit beiden Hände hält er seinen schmerzenden Rücken fest. Katharina kennt das und muss grinsen. Besonders freundlich begrüßt sie ihren Nachfolger.
„Morgen, Ruppe! Schön, dich zu sehen. Guter Tag, was? Alles ruhig.“
Ruppe, der eigentlich Lothar Rupprecht heißt, was aber gar keiner so recht weiß, hat Katharinas Nachfolge angetreten, als die mit 67 endlich in den „wohlverdienten Ruhestand“ ging. Oder besser: gegangen wurde. Sie hätte doch weitergemacht, bis sie irgendwann an einem Tatort der Schlag getroffen hätte. Aber es gab viele Bürokraten in den Führungsetagen der Ämter. Und so wurde sie ehrenvoll verabschiedet.
Ruppe erbte ihren Stuhl, auf dem sie fast nie gesessen hatte.
Nun war der also Hauptkommissar. Und auch schon 59.
„Scheißrheuma! Und das seit Montag – Scheißwoche!“ flucht er.
Katharina grinst. Der hat ja so manches von ihr übernommen …
„Was für eine Sprache! Bullendeutsch oder was?!“
Ruppe dreht sich nun endlich um und schaut sie etwas entgeistert an.
Sie zerrt die Rotweinflasche aus ihrer Handtasche, stellt sie auf den Tisch und geht zum Schrank.
„Deine Laune wird sich sofort bessern!“
Sie holt zwei Gläser hinter einem Aktenstapel hervor. Ruppe zischt: „Ich trinke nicht im Dienst.“
Katharina schaut ihn echt verwundert an. „Seit wann?“ Er setzt sich auf Katharinas alten Stuhl, holt tief Luft und versucht, so leise wie möglich zu sprechen.
„Ich bin erwischt worden. Es gab eine Verwarnung. Man hat mir sogar mit Vorruhestand gedroht. Das musst du dir mal überlegen …“ Noch bevor sich Katharina über solchen Unsinn beklagen kann, klingelt das Telefon. Ruppe nimmt den Hörer ab.
„Ja? Waaas? Überfall auf eine Tankstelle. Täter bewaffnet? Bin schon unterwegs.“
Sehnsuchtsvoll sieht er zuerst die Rotweinflache an, dann Katharina. „Tut mir leid, Einsatz!“
Die reibt sich die Hände. „Prima.“
Sie stellt die Gläser in den Schrank zurück und schnappt ihre Tasche. Ruppe nimmt seine Dienstpistole aus der Schreibtisch-Schublade. „Nee, nee!“
Er drückt ihr die Rotweinflasche in die Hand.
„Trink du mal zu Hause in Ruhe deinen tollen Rotwein!“
„Ruppe – ich kann dir unterwegs allerhand gute Ratschläge geben!“ Doch Ruppe stöhnt, schüttelt entschieden den Kopf und schiebt sie aus der Tür.
„Nee, nee, nee!”
6
Am Stadtrand Richtung Süden rast ein Löschzug der Feuerwehr mit Tatütata zu besagter Tankstelle.
Dort lehnt ein älterer Mann mit Sonnenbrille lässig an einer der Zapfsäulen und raucht eine dicke Zigarre. Ihm gegenüber, vor dem Eingang zum Kassenraum, Angestellte und Kunden – alle mit erhobenen Händen.
Der Zigarrenraucher fuchtelt ab und zu mit einer Pistole herum und grinst.
Als ein Tankwart die Hände herunternimmt, richtet der Mann mit der Sonnenbrille die Waffe auf die Leute.
Hilfe ist angekommen: Die Feuerwehrmänner springen aus ihrem Wagen.
Der Typ mit der Pistole zieht die Stirn in Falten, gekonnt wie ein Schauspieler. „Halten Sie sich zurück! Sie wollen doch sicher vermeiden, dass hier alles in die Luft fliegt!“
Einer der Feuerwehrleute fasst sich nach einer Schrecksekunde und brüllt: „Machen Sie keinen Scheiß, Mann! Geben Sie auf!“ Die Antwort klingt zynisch: „Wollen Sie Menschenopfer?“ Die Menschen sind entsetzt. Mit diesem Kerl ist nicht zu spaßen. Nun kommt mit Blaulicht und Sondersignal ein Einsatzwagen der Polizei an. Kurz danach ein Zivilfahrzeug: Ruppe und zwei Kollegen. In einigem Abstand gefolgt von Katharina, die ihr Auto um die Ecke fährt und sich dann zu Fuß – immer im Hintergrund – an den Tatort begibt. Ein Polizist brüllt: „Geben Sie auf, die Tankstelle ist umstellt! Sie haben keine Chance!“
Aber der Kerl fuchtelt weiterhin wild mit seiner Waffe um sich, die Zigarre hängt ihm bedrohlich im Mundwinkel. Einige Leute schreien. Katharina steht, gut gedeckt hinter dem Klo der Tanke, und verschafft sich einen Überblick. Sie setzt ihre Brille auf und staunt nicht schlecht. Den Mann mit der Waffe erkennt sie sofort: Es ist Paul. Ein begnadeter Pathologe, mit dem sie während ihrer gesamten Dienstzeit zusammengearbeitet hat. Sie schaut zu Ruppe hinüber.
Auch der weiß inzwischen, um wen es sich handelt. Er flüstert seinen Kollegen zu: „Das ist Prof. Dr. Paul Herr! Einstiger Papst der Leipziger Pathologie – Leichenfinger!“
Ein junger Polizist sieht ihn entsetzt an. „Leichenfinger?“
Ruppe nickt. „Der hat ernsthaft irgendwann behauptet, er erkenne am Finger einer Leiche, die da auf seinem Tisch liegt, wie der Mensch um die Ecke gebracht wurde …“
Er geht ganz langsam auf Leichenfinger zu und spricht ihn leise freundlich an. „Paul, mach keinen Blödsinn – man kann doch über alles reden!“
Paul lächelt milde und antwortet viel zu laut: „Du kennst mich genau, Ruppe! Ich mag die Damen und Herren erst richtig, wenn ich sie aus dem Gefrierfach ziehe!“
Die Leute mit den erhobenen Händen sehen sich irritiert an. Dem Tankwart gehen die Nerven durch.
„Der Arsch ist so was von durchgeknallt – der gehört in den Knast!“ Paul nickt. Dieser Mann hat es kapiert!
Ruppe ist überfordert. Denn nun erinnert ihn Paul auch noch an einige „Vorkommnisse“, die er besser nicht vergessen sollte. Ein Stichwort ist Rum …
Der Tankwart mischt sich wieder ein.
„Der Alte quatscht irgendwelche Opern – und die Polizei lauscht andächtig! Nu tun Sie doch endlich was!“
Ruppe nickt, weiß aber überhaupt nicht mehr, was er denken soll. Und was zu tun ist, erst recht nicht. Auch die Schmerzen in seinem Kreuz machen sich wieder bemerkbar. Doch irgendwie muss er handeln.
„Ruhe! Das ist ein ehemaliger Pathologe im Ruhestand.“ Das verschreckt die Leute noch mehr. Selbst der Tankwart hält nun besser die Klappe.
Eine Dame kreischt hysterisch auf. „Einer, der nur mit Leichen zu tun hatte … Da muss ein Psychologe her – oder besser noch ein Psychiater!“ Paul zerrt daraufhin ein großes Klappmesser aus der Jackentasche. Klick! Mit der Klinge zeigt er auf Ruppe.
In diesem Moment fährt der Reporter Gisbert Fuchs auf die Tankstelle zu.
Er summt gut gelaunt vor sich hin. Im Autoradio bringt sein bevorzugter Regionalsender ein Lied, das er seit ewigen Zeiten nicht mehr gehört hat.
Früher dagegen war es in aller Munde: „Sing, mei Sachse, sing!“ Er tritt auf die Bremse, noch bevor er den Refrain beendet hat und wird von der Polizei am Weiterfahren zu einer der Tanksäulen gehindert. Sofort steigt er interessiert aus und beobachtet das Geschehen. Er stößt fast mit Katharina zusammen.
Die bemerkt es nicht einmal – sie hat einen Plan und verschwindet.
Paul steckt das Messer wieder ein und zieht eine Schachtel Streichhölzer aus der Tasche. Seine Zigarre glimmt nur noch spärlich. Alle weichen zurück.
Die Feuerwehr macht sich bereit zum Einsatz. Da fährt mit Reifenquietschen ein Auto vor. Katharina steigt aus.
„Lassen Sie mich durch, ich bin seine Ärztin! Er ist aus unserer Anstalt ausgebrochen!“
Paul starrt sie entsetzt an.
Dann brüllt er: „Ich ergebe mich! Nehmen Sie mich fest!“ Er schmeißt die Pistole auf den Boden und rennt den Polizisten in die Arme. Doch noch ehe irgendwer irgendwas sagen oder gar tun kann, hat Katharina Paul samt Zigarre in ihr Auto gezerrt und rast mit stark überhöhter Geschwindigkeit davon.
Ruppe hält seine Kollegen auf, die ihr folgen wollen.
„Nee, nee, nee. Lasst die Tante mit ihrem Patienten mal in die Klinik zurückfahren. Ist besser so!“
Sein Wort gilt.
Gisbert Fuchs steigt ins Auto ein und startet den Motor. Der singende Sachse ist leider schon zu Ende. Aber das hier ist sein Ding! Dann sieht er die erleuchtete Benzinstand-Anzeige. Er muss erst tanken … Ruppe schaut kopfschüttelnd in die Richtung, in die Katharina gerast ist. Doch längst ist von ihrem Auto nichts mehr zu sehen. Mit der Hand am schmerzenden Kreuz murmelt er vor sich hin: „Aus unserer Anstalt ausgebrochen …“
Nicht ohne Anstrengung hebt er die zurückgebliebenen Pistole von Paul auf.
Er drückt den Abzugshebel herunter, und vorn kommt Wasser heraus.
7
Paul sieht Katharina voller Hass an. Doch sie konzentriert sich auf die Fahrt. Was man so Fahrt nennt – sie rast noch immer wie eine Wildsau. Schon zweimal hat er versucht, sie anzusprechen. Ohne irgendeine Reaktion ließ sie ihn links, oder besser gesagt, rechts liegen. Beziehungsweise sitzen.
Außer sich brüllt er nun los. „Eigentlich wollte ich nicht im Verkehr mein Leben beenden!“
Ganz und gar umsonst. Eisiges Schweigen.
Schließlich versucht er es auf eine sanftere Tour.
„Sag mal, hast du noch alle Klammern im Hefter?“ Keine Reaktion.
„Warum mischst du dich denn ein?“
Kein Kommentar.
„Na ja, das kennt man ja von früher: Frau Hauptkommissarin Katharina die Große hat alles im Griff!“
Sie nickt grinsend und rappelt sich endlich zu einer Antwort auf. „Grüß dich, Paul! Nett, dich mal wieder zu treffen!“ Er schluckt. Nach einer Weile versucht er, ihr die Sache irgendwie zu erklären. Es sah alles so gut aus. Endlich am Ziel. Das war der 6. Versuch. Sechs ist eine Superzahl – diesmal hätte es geklappt! Wenn sie sich rausgehalten hätte …
Katharina sieht ihn schief an und fragt, ob er in Behandlung sei. Paul kotzt dieses Gerede an. Also, Klartext: „Ich wollte endlich eingebuchtet werden!“
Katharina fährt fast gegen eine schlecht geparkte Luxuslimousine und tritt auf die Bremse. Dem dicken Mercedes hinter ihr gelingt ein Ausweichmanöver. Der Fahrer kriegt die Kurve und zeigt ihr einen Vogel. Den merk ich mir, denkt sie. Und notiert das Kennzeichen auf einem vollgekritzelten Zettel, der über dem Autoradio befestigt ist. „Bist du nun in Behandlung“, fragt Katharina noch einmal, leise. Paul sieht sie fassungslos an. Die hat echt eine Mattscheibe! Dabei war sie ihm früher nicht gleichgültig. Da kann man mal sehen, was das Alter aus den Leuten macht … Fast steigen ihm Tränen in die Augen. Katharina entgeht der Umschwung seiner Gemütsverfassung nicht. Sie bereut ihre grobe Fragerei und ist nun selbst dem Heulen nahe. Sie sehen sich kurz an – und fast wäre es schon wieder zu einem Auffahrunfall gekommen.
„Früher hast du gesagt, die Alten sollten ab 65 noch einmal den Führerschein machen!“ faucht Paul.
Katharina schüttelt den Kopf. Das soll sie früher mal gesagt haben? „So ein Schwachsinn! Hat dir irgendwer in die Zentrale gekackt – oder was?“
Paul ist endlich wieder in der Wirklichkeit angekommen. Das ist Katharina!
„Du redest noch immer so, wie im vorigen Jahrhundert. Und du reißt den Fall an dich – wie in alten Zeiten. Ich will aussteigen!“ Katharina tritt kräftig aufs Gaspedal. Jetzt mischt der sich ein – wie früher.
Sie zupft ihn am Ohr. Wie früher.
„Was für’n Fall, Paul?“
Er schweigt.
Katharina fährt langsamer. Sie überlegt, sucht nach einem Plan. Früher fiel ihr in solchen Situationen sofort etwas ein. Aber nun … Nun hilft ihr der Zufall!
„Da vorn ist eine Dönerbude.“
Sie hat den Besitzer mal aus einer schlimmen Situation gerettet. Ob es ihn noch gibt? Ob der sie noch kennt? Ob sie an diesem gefragten Ort eine Parklücke findet? Ob Paul abhaut?
Paul wittert seine Chance. „Döner find ich gut!“
Katharina nickt zufrieden. Und dann hat sie auch noch Glück: Direkt vor der Bude fährt gerade ein großes Auto raus. War das nicht dieser Mercedes – sie schaut auf ihren Zettel. Das war er. Scheiße! Aber die Lücke ist frei. Sie parkt gekonnt rückwärts ein.
Paul überlegt einen Moment. Er sieht das saftige Fleisch am Drehspieß. „Ich hau nicht ab!“
Katharina steigt aus und stellt sich an. Der Laden scheint gut zu laufen, es gibt eine Schlange. Wie damals im Osten, denkt sie. Doch in diesem Moment entdeckt sie der Mann, der gerade Tomaten, Salat und Rotkraut auf das saftige Fleisch in ein Fladenbrot stopft. Er läßt alles fallen, rennt aus der Bude.
Die anstehenden Kunden kriegen vor Schreck die Münder nicht mehr zu.
Er fasst Katharina bei den Händen, sie zu umarmen wagt er nicht. „Frau, Frau …“
Die Türken kriegen wohl auch Alzheimer, denkt Katharina. Sie drückt ihn fest an sich. Er riecht gut – nach Zwiebeln, Knoblauch und altmodischem Rasierwasser. Sie flüstert ihm was ins Ohr. Er stürzt zurück in seine Bude.
Katharina bekommt gerade noch mit, wie Paul langsam aber entschlossen, die Autotür öffnen will. Sie drückt auf die Fernbedienung. Paul nickt mehrmals und versucht eine versöhnliche Entschuldigungsgeste.
Da nähert sich das Geräusch eines Sondersignals. Katharina entsichert schnell die Türen und steigt in ihr Auto, startet den Motor. Ein Krankenwagen fährt lautstark an ihnen vorbei. Katharina atmet auf, da klopft es an ihre Scheibe. Sie sieht die Plastiktüte, darin zwei Alu-Päckchen, lässt das Fenster herunter und greift nach ihrer Tasche. Der Dönerbudenchef ist schneller. „Geht aufs Haus!“
Er wirft ihr einen Handkuss zu und ist schon wieder weg. Katharina reicht die Tüte an Paul weiter. Der schaut auf die lachenden Kunden und den winkenden Dönermann.
Er betrachtet die windschiefe Bude. „Haus… Na ja.“
Zum erstem Mal an diesem Tag vergisst Paul seinen Plan und schaut Katharina an. Mit seinem unwiderstehlichen Lächeln fragt er: „Zu dir – oder zu mir?“
8
Gisbert ist inzwischen auf dem Weg in die Provinz. Er ärgert sich morsch, dass der Tank leer war – wer weiß, was ihm für eine Story entgangen ist. Da können die mit ihrer Krimiserie nur abstinken. Die Wirklichkeit ist eben viel spannender als das Fernsehen. Er hört seinen Bruder geradezu: „Mein Engel würde sagen: sag ich doch!“
Also, gut – oder nicht gut: Verpasst ist verpasst. Wahrscheinlich würde er morgen in der Zeitung eine Notiz über diesen Vorfall an der Tankstelle lesen.
Er muß sich auf den Verkehr konzentrieren. Das ist eine nützliche Ablenkung …
Gisbert nimmt sich vor, seinen Bruder in Zukunft wirklich häufiger zu sehen.
In den letzten Jahren hatte er sich etwas zurückgezogen, weil der Mann in einer ewig bedrückten Stimmung war. Anscheinend ist dieses Tief jetzt endlich einigermaßen überwunden.
Sein Bruder, der Engelbert heißt, hat von Kindheit an unter diesem Namen gelitten. Was mochte in ihren Eltern vorgegangen sein, als sie den Söhnen die Namen Engelbert und Gisbert gaben? Lebenslänglich! Während Gisbert mit seinem Namen nie Probleme hatte, empfand der große Bruder seinen als eine Art Strafe. Wieso ein Neugeborener, der angeblich ein Wunschkind war, bestraft wurde, verstand er viele Jahre nicht. Um Gebrülle und Zoff zu entgehen, wurde er „Berti“ genannt. Aber das funktionierte nur, solange er klein war und sich nicht wehren konnte. Irgendwann jedoch sah er die Sesamstraße. Fortan wollte er nur Bert heißen, so wurde er auch eingeschult. Schwierigkeiten gab es nur, als ein Personalausweis fällig wurde. Aber den brauchte er ja niemandem zu zeigen.
Nur ein einziges Mal nützte ihm sein richtiger Name. Nach der Berufsschule hatte er schon seinen Platz in der Küche des Fischrestaurants der Eltern gefunden, da kam der Einberufungsbescheid. „Zur Fahne“, wie das damals hieß, wollte er auf keinen Fall. Er rannte also zum Wehrkreiskommando und zog eine Show ab.
„Wo ist hier das Wehr – und wo ist der Kreis?“
Aber die Genossen winkten milde ab. Keine Chance, diese Mätzchen kannten sie wahrscheinlich zur Genüge.
„Gut“, sagte Bert, „dann will ich zur Flugabwehr – ich muss meine Brüder und Schwestern schützen!“
Still legte er seinen Personalausweis auf den Tisch.
„Ich heiße nämlich gar nicht Bert, sondern Engelbert!“ Das war natürlich bekannt – schließlich hatten die ihre Unterlagen aus behördlichen und demzufolge verlässlichen Kreisen. „Ich heiße nicht nur so – ich bin ein Engel!“
Nie hat jemand erfahren, was er dann dort veranstaltet hat. Auf jeden Fall aber wurde er ausgemustert. Er war eben ein schlauer Fuchs und blieb Bert. Doch seither war der Engel aus seinem Namen sein zweites Ich. Das grenzte in manchen Situationen schon fast an eine Persönlichkeitsspaltung. Denn er hatte seine Meinung – und sein Engel oft eine andere. Und damit lebte er nicht schlecht. Gisbert schmunzelte. Berts Engel würde jetzt sagen: „Ich brauche heute eine Thüringer Rostbratwurst!“ Und die wird er sich auch genehmigen, bevor er wieder an seinen Dienst im Sender geht.
9
Die Döner duften – selbst durch die Alufolie. Katharina hat endlich einen Parkplatz vor ihrem Haus gefunden. Hinter einem klapprigen Fiat Panda, der so blöd quer steht, dass sie Mühe hat, sich einzureihen. Sie steigt aus. Paul macht keine Anstalten, ihr zu folgen. Sie setzt sich wieder neben ihn.
„Du solltest vielleicht wirklich mal eine Therapie machen! Vor fünf Minuten hast du mich noch gefragt …“
Er unterbricht sie. „Ja. Es roch so gut.“
„Es riecht immer noch gut. Und nun lass uns hochgehen, bevor das Fleisch völlig kalt ist!“
Paul nickt, bleibt aber steif sitzen. Katharina erinnert sich nicht, ihn jemals so erlebt zu haben.
„Paul – was soll das denn alles? Es geht dir beschissen – das ist nicht zu übersehen. Du brauchst jemanden zum Reden. Und früher haben wir uns doch bei der Arbeit …“
„Das ist es ja. Ich habe nichts mehr zu tun! Andere machen aus ihrer ehemaligen Arbeit ein Hobby. Aber was macht ein Pathologe?“ Katharina mag darüber nicht nachdenken …
„Ich weiß, dass es nicht einfach ist ohne Arbeit. Aus eigener Erfahrung. Aber wir sind nun mal alt! Na ja – ziemlich alt. Du kriegst doch sicher eine ordentlich hohe Rente und kommst ganz gut zurecht. Du hast keine Familie.“
Paul nickt. „Eben!“
„Wolltest du deshalb eingebuchtet werden?“
„Der Winter naht. Ich brauche ein geregeltes Leben.“ Katharina sieht ihn entgeistert an. „Im Knast?“
Paul geht nicht darauf ein. Nun will er aussteigen. Aber Katharina hat die Türen wieder verriegelt.
Er holt tief Luft. „Also, entweder ich kann jetzt raus, oder du lieferst mich bei der Polizei ab. Vielleicht lässt sich Ruppe erweichen und zählt diese Flucht noch zum Überfall der Tanke dazu …“ Katharina zeigt ihm einen Vogel. Dann schwenkt sie den Beutel mit den Dönern vor seiner Nase hin und her.
Paul schüttelt entschieden den Kopf.
„Was ist das denn für ein Leben? Keine Frau, keine Kinder, keine Freunde …“
Katharina schluckt. Das kennt sie alles. Und es gibt nur eine Antwort: „Dafür bist du doch ganz allein zuständig …“
Paul nickt. Langsam aber sicher tut er sich selbst leid. „Meine Rede! Wer wollte es schon mit einem Pathologen zu tun haben? Du hast Recht: Nun bin ich alt – das hab ich jetzt davon …“
Katharina sieht ihn betroffen an. Sie öffnet die Türen, steigt aus und stößt fast mit einer Fußgängerin zusammen, die mit ihrer Tasche nach ihr schlägt.
„Wohl besoffen, was?“
Erschrocken steigt Katharina wieder ein.
Paul sitzt noch immer da wie ein Häufchen Elend.
Bevor die Fußgängerin die Straße überquert, dreht sie sich um und spuckt auf Katharinas Auto. Normalerweise wäre die in einer solchen Situation völlig ausgerastet. Doch Pauls Zustand macht ihr Angst. „Paul – Mann, Knast ist doch keine Lösung! Ich bin auch alleine. Vielleicht können wir uns ab und zu treffen, Schach spielen. Oder mal ins Kino gehen.“
Er schüttelt entnervt den Kopf.
„Ich will in den Bau! Da habe ich Gesellschaft, ordentliches Essen und ich kann helfen, wenn wer stirbt.“
Katharina ist fassungslos. „Willste den zerlegen – oder was? Wenn du so redest, hält dich doch jeder für völlig verblödet!“ Paul sieht sie an und scheint wieder zu sich zu kommen. „Na endlich hast du’s kapiert! Genau das will ich sein: Ein seniler Tattergreis. Denn dann komme ich nicht in irgendeinen Knast, sondern ins PARADIES.“
Katharina ist nun zum Äußersten bereit. Sie packt ihn an den Armen und schüttelt ihn.
„In eine geschlossene Anstalt kommst du bestenfalls! Wenn du das PARADIES nennst …“
Paul wehrt sich nicht und nickt immer wieder.
„Im schönen Vogtland – oder im Erzgebirge? Also, da gibt es einen Seniorenknast. Dort will ich hin!“
Es kommt etwas Finsteres in seine Augen.
Katharina grinst plötzlich. Sie glaubt ihm kein Wort. Dann zupft sie ihn am Ohr, wie damals.
„Ach Paul, ich bin froh, dass du es immer noch drauf hast, mich zu verscheißern!“
Paul überhört die Bemerkung und gerät geradezu ins Schwärmen.
„Ich habe mal zwei Damen kennen gelernt – Nonnen! – die waren des Lobes voll. Sie saßen dort längere Zeit ein. Dann wurden sie aber leider wegen guter Führung vorzeitig entlassen.“
Katharina beschleicht wieder eine gewisse Angst um Paul. „Nonnen? Im Knast …“
Er strahlt. „Im Seniorenknast!“
Sie öffnet nun entschlossen die Fahrertür.
„Okay. Ich schlage vor, wir gehen zu mir hoch, verputzen die Döner und dann mache ich dir einen schönen Beruhigungstee.“ Paul sieht sie verwundert an.
„Kannst auch einen Rotwein haben – allerdings keinen besonders guten.“
Paul nickt nun endlich und steigt aus. Denn er sieht plötzlich eine Lösung.
„Guter Plan! Bei dir suchen mich die Bullen sicher zuerst!“ Katharina sieht ihn fragend an. „Interessant!“
Paul versteht nicht, dass sie nicht versteht.
„Na, Ruppe ist doch nicht blöd! Der hat dich unter Garantie erkannt als meine Ärztin! Außerdem ist heute der 1. Dienstag im Monat …“ Katharina ist baff.
10
Ruppe ist inzwischen wieder in sein Büro zurückgekehrt. Er denkt an Katharinas billigen Rotwein und schüttelt sich. Dann zieht er einen winzigen silbernen Flachmann aus der Jackentasche. Wenigstens einen Schluck will er sich gönnen. Er trinkt und schüttelt sich. Fusel …
Aus seiner Schreibtischschublade kramt er einen kleinen Mundspray. Pfefferminzgeschmack. Meine Güte – was für ein Leben, denkt er angewidert. Wohin hat es solche guten Leute gebracht wie DIE ALTE, seine hoch geschätzte Vorgängerin?
Oder Herrn Professor Paul Herr. Der war sozusagen der Papst unter den Pathologen. Der King. Leichenfinger – die Nummer Eins!
Wie wird es ihm selbst einmal ergehen, wenn er Rentner ist? Darüber mag er gar nicht nachdenken. Sein Telefon klingelt. Wahrscheinlich ist das Katharina. Er nimmt den Hörer nicht ab, hält sein schmerzendes Kreuz wieder fest und geht zum Fenster. Unten fegt ein sanfter Wind Blätter die Straße entlang.
Ihm kommt ein Gedicht über den Herbst in den Sinn, das ihm immer sehr gefallen hat. Er konnte es auswendig. Aber nun fällt ihm weder der Dichter ein, noch bringt er den Text zusammen. Es hat irgendwas mit Alleinbleiben zu tun.
Dabei hat er es doch gut. Er ist nicht allein! Seine Frau wartet jeden Tag zu Hause auf ihn. Die bequemen Hauslatschen stehen bereit und ein ordentliches Bier, nicht zu kalt. Eine Schnitte mit ungarischer Salami und eine zweite mit Harzer Stinkerkäse. Sie sehen fern, dabei strickt sie warme Socken für den kalten sächsischen Winter. Die Dinger stapeln sich in seiner Wäschekommode. Er hat noch nie ein Paar getragen, denn die kratzen. Aber sie strickt und strickt.
Kopfschüttelnd zieht er noch einmal sein kleines Silberfläschchen aus der Tasche und trinkt es leer.
Ein Hüsteln hinter ihm. Er dreht sich erschrocken um. Vor ihm steht der Chef seiner Dienststelle.
11
Sie betreten die Wohnung, Stimmen sind zu hören. Katharina hält den Finger auf den Mund. Paul nickt. Sie schleichen durch den Korridor und werden durch einen Jammerlaut erschreckt. Katharinas Kater Quasimodo sitzt in seinem Tragekorb – eingesperrt! Sofort befreit sie ihn. Er lässt die Ohren hängen und zieht sich beleidigt zurück. Paul grinst.
Leise öffnet sie die Tür zum Wohnzimmer. Das blitzt! Aufgeräumt wie lange nicht. Quasimodo stürzt sich sofort auf Mira, die beim Fensterputzen ist. Fast fällt sie hinaus vor Schreck.
„Blödes Mistvieh!“ zischt sie und rappelt sich wieder auf. Katharina ist echt empört.
„Frau Gründler! Sie sollten doch nicht putzen!“
Mira stellt mit der Fernbedienung den Fernsehton leiser und dreht sich um.
Ihre Augen leuchten, als sie Paul erblickt. Leise und traurig wendet sie sich an Katharina.
„Früher haben Sie mir Mira jenannt!“
Und dann lächelt sie Paul zu: „Ein schönen juten Tach!“ Sie macht sich weiter am Fenster zu schaffen.
Paul sieht sie irritiert an.
„Ick konnte den Dreck hier einfach nich ertragen! Wat sich da in 3 Wochen anjesammelt hat …“
Interessiert schaut Mira nun zum Fernseher und stellt den Ton wieder lauter. Es läuft nämlich die neue Folge ihrer Telenovela. Umständlich erklären zwei Männer einen Vorfall, der wahrscheinlich in der vorigen Folge passiert ist.
Katharina will jetzt mit Paul allein sein.
„Mira, ich hab Ihnen meine Situation hinreichend erklärt!“ Doch die gibt sich nicht so leicht geschlagen – vor allem jetzt nicht, in Pauls Gegenwart. Sie steigt von der Leiter und schließt das Fenster. „Ick will keene Kohle! Es bereitet mir einfach Freude, Ihnen zu helfen! Mit meine Rente komme ick schon irjendwie zurecht.“ Noch einmal lächelt sie Paul zu. Da der nicht reagiert, richtet sie ihr Interesse wieder auf das Geschehen im Schlosshotel am See, wo gerade eine feine, aber finster blickende Dame zu den beiden Herren tritt. Katharina stellt den Fernseher ab. Mira reagiert ernsthaft entsetzt. „Det war doch die Bitsch!“
Paul schaut sie irritiert an.
„Das Biest! Ick muss diese Folje sehen, sonst weeß ick doch morgen ooch wieder nich, wat Neuet passiert ist.“
Paul nickt vorsichtshalber. Katharina sieht von ihm zu Mira und versteht die Welt nicht mehr.
„Jetzt machen Sie uns mal einen Kaffe – sonst werde ich zur Bitsch!“ Mira lässt ihr Fensterleder fallen und strahlt. Sie geht zum Tisch und mustert Paul.
„Herr Leichenfinger – jut schaun Sie aus!“
Katharina hüstelt kopfschüttelnd. Mira schaut sie fragend an und stellt dabei Tassen zurecht.
Katharina flüstert ihr zu: „Das ist mein ehemaliger Kollege Professor Doktor Paul Herr!“
Mira nickt und wendet sich an Paul. „Ick weeß! Als ick noch berufstätig war, hab ick doch ooch in der Pathologie jeputzt!“
Paul scheint sich nicht zu erinnern. „Aha …“
Mira kann ihre Enttäuschung kaum verbergen.
„Na ja – Sie haben sich immer nur für die interessiert, die nicht mehr zum Putzen oder zu irjendwat anderem fähig waren …“ Paul zuckt mit den Schultern. „Das war mein Job.“ Mira nickt unzufrieden.
„Ick habe zu Frau Katharinas 65. Geburtstag – also vor einer Ewigkeit – det Essen bereitet. Heute nennt man det Catering. Und denn durfte ick mitfeiern, und da habe ick Sie und die anderen Herren Kripobullen bisschen näher kennenjelernt.“
Paul versucht krampfhaft, sich zu erinnern. Er zieht die Stirn in kräftige Falten und vertraut auf die Wirkung. „Aha …“
Mira ist noch enttäuschter.
„Kaffee ist schon fertig!“ Sie greift nach der Thermoskanne, die auf dem Tisch steht und will einschenken. Katharina zieht die dritte Tasse weg.
„Danke, Mira. Und nun genug für heute!“
Mira schraubt die Kanne wieder zu und räumt beleidigt ihr Putzzeug zusammen.
Paul schaut versonnen in seine leere Kaffeetasse und wendet sich konspirativ an Katharina.
„Also: Diese Nonnen haben mir erzählt, dass es in besagtem Knast einen schönen Innenhof gibt, sogar einen kleinen Teich!“ Mira stellt ihre Utensilien beiseite und sieht Paul interessiert an. „Im Knast?!“
Katharina geht verärgert zum Regal, greift nach einer Sparbüchse, die als Polizeiauto verkleidet ist, öffnet sie und zieht einen Schein heraus.
„Jetzt zittern Sie endlich ab!“
Sie reicht ihr einen Zwanziger entgegen. Mira ist nun endgültig sauer. „Haben Sie wat mit die Ohren? Ick kann Ihnen ein günstiges Hörjerät empfehlen! Stecken Sie Ihr Jeld weg!“
Katharina gibt es auf. Sie holt eine Dose mit Keksen aus dem Schrank und stellt die dritte Tasse wieder in Reichweite.
Paul schüttelt verwundert den Kopf und geht Richtung Korridor. „Ich bin sofort wieder hier“, sagt er vorsorglich.
Er lässt die Tür offen. Katharina behält seinen Weg zum Klo im Auge. In vertraulichem Flüsterton wendet sie sich an Mira. „Dieser Mann will allen Ernstes in einen Seniorenknast eingeliefert werden! Ich bezweifle ja, dass es so was überhaupt gibt.“ Mira, die sich gerade wieder um den Kaffee kümmern wollte, ist begeistert. „Soll ick det mal im Internet recherchiern?“
Katharina wendet kurz den Blick von der Klotür. „Ich habe kein Internetz!“ Mira stellt die Thermoskanne beiseite, nimmt sich einen Keks und versucht, ein Stück davon anzubeißen.
„Mann, sind die Dinger hart! Wahrscheinlich noch aus dem vorigen Jahrhundert!“
Sie spuckt das harte Scheibchen auf die Untertasse und holt ihre Handtasche. Zerrt schnell ein kleines, flaches Gerät heraus. „Internet muss man einfach haben!“
Sie klappt das Ding auf und tippt irgendetwas ein.
Katharina beobachtet sie misstrauisch.
„Können Sie sich so einen modernen Schnickschnack überhaupt leisten?“
Mira reagiert nicht, sie ist beschäftigt.
„Na bitte! Das hab ick’s doch schon! In der EU jibt es nur zwee Einrichtungen dieser Art: Een Seniorenknast befindet sich bei Konstanz am Bodensee. Nur für Männer. Und der andere zwischen Vogtland und Erzjebirje. Also in Sachsen. In einer alten Festung! Jemischt!“ Katharina starrt sie entgeistert an. Da steht Paul in der Tür und strahlt. „Meine Rede!“
Katharina ist verwundert. Mira reicht ihr das Gerät und deutet auf den Bildschirm. Während es von dem Männerknast eine genaue Beschreibung und sogar Fotos gibt, findet sich über die „gemischte Festung“ nur ein kurzer Text. Katharina liest: „Hier waren schon seit Hunderten von Jahren berühmte Persönlichkeiten inhaftiert …“ Sie überfliegt den Rest. „Gräfin Soundso, berüchtigte Straßenräuber und Wilddiebe, Hofräte und Minister. Und sie lebten dort glücklich und zufrieden bis an ihr Ende!“
Paul nickt, ebenfalls zufrieden. „Meine Rede! Eine Unterkunft mit ordentlicher Vergangenheit.“
Mira stahlt ihn an.
„Zuhause kann ick’s Ihnen ausdrucken. Dann haben Sie det Schwarz auf Weiß!“
Paul schwenkt den Döner-Beutel, den er aus dem Korridor mitgebracht hat. „Wollen wir die Dinger jetzt zu Kaffee und Keksen essen?“ Mira ist schon dabei, die Alupäckchen zu öffnen. Bei dem Duft, der ihr da entgegenschlägt, verdreht sie genüsslich die Augen. „Man sollte det mal probieren!“
Katharina putzt ihre Lesebrille und bemüht sich um Fassung. Paul nutzt die Gelegenheit, denn Mira ist Richtung Küche verschwunden. „Vielleicht könnte man sich diese Festung ja mal anschauen – so weit von Leipzig ist es anscheinend nicht!“
Er steht auf.
„Aber doch nicht sofort“, faucht Katharina.
„Jenau!“ meint auch Mira, die mit drei Tellern und drei Gabeln zurück kommt, verfolgt von Quasimodo, der durch den Fleischgeruch angelockt lauernd vor dem Tisch Platz nimmt.
Mira verfrachtet den Inhalt der Döner auf die Teller und teilt das Fladenbrot.
Paul greift nach der Rotweinflasche, öffnet den Schraubverschluss und riecht daran. Er schüttelt sich, gießt aber dann trotzdem jedem ein paar Schlückchen in die Kaffeetassen. Und bleibt beim Thema.
„Warum nicht sofort? Früher, als du noch bei der Kripo warst, konnte dir nichts schnell genug gehen. Gescheucht hast du alle, zu jeder Tages- und Nachtzeit.“
Mira grinst.
Katharina sieht Paul verwundert an.
„So war ich?“
Er nickt. „Genau so. Einige Kollegen verpassten dir den Spitznamen rasender Roland!“
Katharina fasst sich an den Kopf. „Roland …“ Aber dann schmunzelt sie.
Paul stochert in den Zwiebeln und Tomaten auf seinem Teller herum. „Ehrlich gesagt – es muss nicht Roland gewesen sein. Ich hab’s vergessen. Manchmal hab ich Schwierigkeiten mit den Namen …“ Mira feixt. „Alzheimer, ick hör dir trapsen!“
Sie fängt sich einen bösen Blick von Katharina ein und schaufelt sich schnell Fleisch, Kohl und Tomaten in den Mund.
„Schmeckt supi!“
Katharina und Paul werfen sich einen kurzen, vielsagenden Blick zu. Dann beginnen auch sie zu essen.
Später, als alle drei ziemlich schweigend die kleine Mahlzeit beendet haben, räumt Mira das Geschirr zusammen und verschwindet Richtung Küche.
Katharina sieht ihr nach und macht ihrem Herzen Luft. „Diese Putzi macht mich wahnsinnig. Vor allem mit ihrer frechen Berliner Schnauze!“
Paul wundert sich über ihre Aufregung. „Ich finde die ganz nett. Und ihre freche Berliner Schnauze auch. Bisschen Abwechslung. Lebt die schon lange in Sachsen?“
„Seit ihrem 13. Lebensjahr“, zischt Katharina.
Paul lächelt plötzlich. „Ich kann mich doch an sie erinnern!“ Gerade will Mira wieder zurück ins Wohnzimmer, bleibt aber – von den beiden unbemerkt – hinter der Tür stehen und hält den Atem an. „Hat die nicht irgendwie einen seltsamen Vornamen?“
Katharina nickt. „Dass du das noch weißt! Vorhin hast du so getan, als kennst du sie überhaupt nicht … Ist wohl doch nicht so schlimm mit deinem Alzheimerchen!“
„Und wie war nun der Vorname?“
Katharina gluckst: „Esmiralda!”
Paul korrigiert: „Esmeralda!”
Katharina verdreht die Augen. „Das ist doch gerade das Seltsame. Sogar in ihrem Personalausweis ist es falsch geschrieben. Ich wollte meinen Kater schon Quasomodo nennen …“
Sie lachen beide laut auf.
Miras Gesicht verfinstert sich.
Katharina schaut Paul schief an, ihre Stimmung ist hin. Denn plötzlich fällt ihr etwas ein. „Hast du noch andere Erinnerungen an sie?“ Paul fragt irritiert: „Wieso?“
„Ich hatte immer den Eindruck, die war ein bisschen verknallt in dich!“ Er schmunzelt. „Da gab´s einige … Aber eine Putzfrau? Also, nee!“ Katharina lächelt, lässt sich aber ihre Erleichterung nicht anmerken. Mira verschwindet beleidigt wieder Richtung Küche. Paul schnappt sich Thermoskanne und Keksdose.
„Los! Zum Abendmahl könnten wir zurück sein.“
„Die werden da gerade auf Besucher warten … Ich hab noch nie gehört, dass es in einem Knast so etwas wie Tag der offenen Tür gibt. Oder Die lange Nacht der Justizvollzugsanstalten..“
Sie lacht. Paul kann das nicht komisch finden – was es wohl sein soll. Er steht auf. Katharina zuckt mit den Schultern. Aber irgendwie ist sie nun doch interessiert. Denn irgendwas stimmt da nicht. Sie kennt Paul zu gut.
Der ist schon auf dem Weg. Sie folgt ihm.
Als sie die Wohnung verlassen haben, kommt Mira tieftraurig aus der Küche.
Sie zerrt wütend ein lila Taschentuch aus der Kittelschürze und wischt sich die Tränen weg.
12
Katharina geht entschlossenen Schrittes auf die Haustür zu. Paul hält sie am Ärmel fest. „Du solltest erst mal nachsehen, ob die Luft rein ist!“
„Ach! Vorhin hast du dir noch gewünscht, dass dich Ruppe und seine Leute bei mir antreffen!“
Paul winkt ab. „Das war vorhin. Aber jetzt ist jetzt!“ Vorsichtig tritt Katharina aus dem Haus und sieht sich um. Kein Mensch, geschweige denn ein Polizist in Sicht. Sie schließt ihr Auto auf und gibt Paul einen Wink. Schnell huscht er auf den Beifahrersitz. Katharina schaut ihn an, wie sie früher ihre Täter angeschaut hat. Bei diesem Blick war denen nicht zum Lachen …
Paul versichert ihr, dass er diesen Seniorenknast wirklich nur einmal ansehen will. Und wenn es nur von außen ist. Sie glaubt ihm das nicht so recht, nimmt sich aber vor, ihn während dieses kleinen Ausflugs auf andere Gedanken und zur Vernunft zu bringen.
„Nun fahr endlich los!“
Katharina überlegt. „Eigentlich könnten wir lieber ins Kino gehen.“
Paul schüttelt genervt den Kopf. „Da schlafe ich regelmäßig ein!“
„Oder in die Kneipe, an die du dich sicher erinnerst …“
Wieder schüttelt Paul den Kopf und versucht es mit dem sonst so wirkungsvollen Mittel, die Stirn in kräftige Falten zu ziehen. „Wenn dir das zu simpel ist – ich kenne auch einen guten Italiener, gleich hier um die Ecke!“
Paul findet eine uralte Landkarte im Seitenfach der Autotür. Katharina nimmt sie ihm weg.
„Wahrscheinlich hast du wirklich Schwierigkeiten mit den Ohren!“ Keine Antwort.
„Paul, wenn die dich an der Tanke geschnappt hätten – du kannst nicht ernsthaft damit gerechnet haben, zufällig in diesen Knast zu kommen! In den Seniorenknast, ins PARADIES …“
„Das hätte Ruppe schon irgendwie geregelt!“
„Aha. Ruppe! Du hast also Kontakt zu ihm. Nach deiner Pensionierung wolltest du doch mit der ganzen Mannschaft nichts mehr zu tun haben?“
Paul zuckt mit den Schultern.
„Nicht mal zum Veteranentreffen biste gekommen! Ruppe war ziemlich sauer.“
„Den hab ich einmal zufällig in der Kneipe getroffen, an die ich mich sehr gut erinnere … Und nun fahr! Ich sehe doch, dass du auch irgendwie gespannt bist. Auf die Festung, meine ich.“
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