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Die Perelandra-Trilogie

Zweiter Band

Perelandra

C. S. Lewis


Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

eISBN 9783865064295

© 2005 für diese Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

Vollständige, ungekürzte Ausgabe. Übersetzung von Walter Brumm

Neubearbeitung von Nicola Volland

© der deutschen Übersetzung: Thienemann Verlag, 1990

PERELANDRA previously published in paperback by Voyager 2000

First published in Great Britain by John Lane (The Bodley Head) Ltd 1943

Copyright © C. S. Lewis Pte Ltd 1943

Einbandgestaltung: BrendowCreativ, Moers

Titelmotiv: GettyImages, München

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titelseite

Impressum

Inhalt

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Als ich den Bahnhof von Worchester verließ und mich auf den drei Meilen weiten Weg zu Ransoms kleinem Landhaus machte, ahnte wohl niemand auf dem Bahnsteig, was es mit dem Mann, den ich besuchen wollte, auf sich hatte. Vor mir (denn das Dorf lag im Norden, auf der anderen Seite der Bahnstation) erstreckte sich flaches, etwas eintöniges Heideland, und der Fünfuhrhimmel war trübe, wie so oft an Herbstnachmittagen. Die wenigen Häuser und die roten oder gelblichen Baumgruppen fielen in keiner Weise auf. Wer konnte sich vorstellen, dass ich weiter draußen in dieser stillen Landschaft einem Mann gegenübertreten und die Hand geben würde, der auf einer vierzig Millionen Meilen von London entfernten Welt gelebt, gegessen und getrunken hatte; einem Mann, der die Erde als kleinen grünen Lichtpunkt im All gesehen und von Angesicht zu Angesicht mit einem Wesen gesprochen hatte, das schon lebte, als unser Planet noch unbewohnbar war?

Denn auf dem Mars war Ransom nicht nur den Marsianern begegnet. Er hatte Eldila genannte Wesen gesehen und vor allem den großen Eldil kennen gelernt, den Herrscher des Mars oder, in ihrer Sprache, den Oyarsa von Malakandra. Die Eldila unterscheiden sich sehr von allen erdgebundenen Geschöpfen. Ihr physischer Organismus, wenn man überhaupt von einem Organismus sprechen kann, ist ganz anders als der eines Menschen oder Marsianers. Sie essen nicht, atmen nicht, zeugen nicht und sterben keines natürlichen Todes, sodass sie sich eher mit denkenden Mineralien vergleichen lassen als mit irgendwelchen uns bekannten Lebewesen. Obgleich sie auf Planeten erscheinen und es unseren Sinnen zuweilen so vorkommen mag, als hielten sie sich dort auf, bietet die genaue räumliche Lokalisierung eines Eldil zu einem bestimmten Zeitpunkt große Schwierigkeiten. Sie selbst sehen den Weltraum (oder die Himmelstiefen) als ihr eigentliches Element an, und die Planeten sind für sie keine geschlossenen Welten, sondern einfach bewegliche Punkte – vielleicht sogar Unterbrechungen – in dem, was wir das Sonnensystem und sie die Gefilde Arbols nennen.

Ich besuchte Ransom auf ein Telegramm hin, in dem es geheißen hatte: »Kommen Sie Donnerstag, wenn möglich. Geschäftlich.« Ich ahnte, welche Art von Geschäften er meinte, und versuchte mir immer wieder einzureden, dass es höchst angenehm wäre, einen Abend mit Ransom zu verbringen; doch ich merkte, dass die Aussicht mich weniger erfreute, als sie eigentlich sollte. Die Sache mit den Eldila machte mir zu schaffen. Ich konnte mich gerade noch an den Gedanken gewöhnen, dass Ransom auf dem Mars gewesen war … aber einem Eldil begegnet zu sein, mit einem Wesen gesprochen zu haben, dessen Leben praktisch unendlich schien … Die Reise zum Mars war schon schlimm genug. Ein Mann, der auf einer anderen Welt gewesen ist, kehrt nicht unverändert zurück. Der Unterschied lässt sich nicht in Worte fassen. Wenn der Mann ein Freund ist, kann es schmerzlich sein: Das alte Verhältnis ist nicht leicht wiederherzustellen. Aber weitaus schlimmer war meine zunehmende Überzeugung, dass die Eldila ihn nicht

allein ließen. Kleine Ungereimtheiten im Gespräch mit ihm, eigenartige Wendungen, zufällige Anspielungen, die er dann mit einer unbeholfenen Entschuldigung zurücknahm, ließen darauf schließen, dass er sich in seltsamer Gesellschaft befand; dass es in seinem Landhaus – nun ja – Besucher gab.

Während ich die menschenleere Straße entlang durch das nicht eingezäunte Gemeindeland von Worchester stapfte, versuchte ich, mein wachsendes Unbehagen loszuwerden, indem ich es analysierte. Wovor fürchtete ich mich eigentlich? Kaum hatte ich mir diese Frage gestellt, als ich es auch schon bereute. Ich war bestürzt, dass ich in Gedanken das Wort »fürchten« gebraucht hatte. Bis dahin hatte ich versucht, mir weiszumachen, ich empfände nur Abneigung oder Verlegenheit oder sogar Langeweile. Doch das Wort »fürchten« hatte die Katze aus dem Sack gelassen. Mir wurde jetzt klar, dass ich Angst verspürte, nichts anderes, nicht mehr und nicht weniger. Und mir wurde klar, dass ich mich vor zweierlei fürchtete: davor, früher oder später selbst einem Eldil zu begegnen, und davor, mit hineingezogen zu werden. Wohl jeder kennt diese Angst, hineingezogen zu werden – den Augenblick, in dem einem klar wird, dass bisher rein theoretische Überlegungen einen plötzlich in die Arme der kommunistischen Partei oder einer christlichen Kirche treiben – das Gefühl, eine Tür sei hinter einem zugeschlagen. Ein solch unglückliches Zusammentreffen lag hier vor. Ransom selbst war gegen seinen Willen und beinahe durch Zufall zum Mars (beziehungsweise nach Malakandra) gebracht worden, und ein weiterer Zufall hatte mich in seine Angelegenheiten verwickelt. Doch nun gerieten wir beide mehr und mehr in den Sog von etwas, das ich nur als interplanetarische Politik bezeichnen kann. Was meinen heftigen Wunsch betrifft, niemals selbst mit den Eldila in Berührung zu kommen, so weiß ich nicht, ob ich ihn begreif-lich machen kann. Es war mehr als das kluge Bedürfnis, fremdartigen, sehr mächtigen und sehr intelligenten Geschöpfen aus dem Weg zu gehen. Alles, was ich über sie gehört hatte, brachte zwei Dinge miteinander in Verbindung, die der Verstand gern trennt, und diese Verbindung versetzte einem gewissermaßen einen Schock. Wir neigen dazu, nichtmenschliche Intelligenzen in zwei unterschiedliche Kategorien einzuteilen – eine wissenschaftliche und eine übernatürliche.

In einer bestimmten Stimmung denken wir an H. G. Wells’ Mond- und Marsbewohner (wobei letztere übrigens sehr wenig Ähnlichkeit mit den wirklichen Malakandriern aufweisen); in einer anderen Stimmung lassen wir unsere Gedanken um die Existenz von Engeln, Geistern, Feen und dergleichen kreisen. Aber sobald wir ein Geschöpf der einen oder anderen Kategorie als wirklich ansehen müssen, verwischt sich allmählich der Unterschied, und bei Geschöpfen wie den Eldila verschwindet der Unterschied gänzlich. Sie waren keine Lebewesen mit physischen Körpern – in dieser Hinsicht gehörten sie in die zweite Gruppe; aber es gab eine Art Trägersubstanz, die (im Prinzip) wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte. In dieser Hinsicht gehörten sie in die erste Gruppe. Die Unterscheidung zwischen natürlich und übernatürlich wurde aufgehoben; und nachdem sie aufgehoben war, merkte man, wie tröstlich sie gewesen war – wie sehr sie die unerträgliche Fremdartigkeit des Universums gemildert hatte, indem sie sie säuberlich in zwei Hälften geteilt und den Verstand bestärkt hatte, diese niemals im gleichen Zusammenhang zu sehen. Welchen Preis an falscher Sicherheit und allgemein anerkannter Gedankenverwirrung wir möglicherweise für diesen Trost gezahlt haben, ist eine andere Frage.

»Was für eine lange, trostlose Straße«, dachte ich. »Nur gut, dass ich nichts zu tragen habe.« Und dann fiel mir mit Schrecken ein, dass ich eigentlich etwas tragen müsste, nämlich den Rucksack mit meinen Sachen für die Nacht. Ich fluchte vor mich hin. Ich musste ihn im Zug gelassen haben. Wird man mir glauben, dass mein erster Impuls war, zur Bahnstation zurückzukehren und »etwas zu unternehmen«? Natürlich gab es nichts zu unternehmen, was nicht genauso gut durch einen Anruf vom Landhaus aus erledigt werden konnte. Der Zug mit meinem Rucksack musste inzwischen weit über alle Berge sein.

Jetzt ist mir das ebenso klar wie meinen Lesern, doch damals hatte ich das unbedingte Gefühl, umkehren zu müssen, und auch bereits die ersten Schritte getan, ehe die Vernunft oder das Bewusstsein erwachte und ich in der bisherigen Richtung weiterging. Dabei spürte ich deutlicher als zuvor, wie wenig ich das eigentlich wollte. Es fiel mir so schwer, dass ich den Eindruck hatte, gegen den Wind zu gehen; dabei war es einer jener stillen, leblosen Abende, da kein Blatt sich regt, und ein leichter Nebel stieg auf.

Je weiter ich ging, desto unmöglicher war es mir, an etwas anderes als an diese Eldila zu denken. Was wusste Ransom wirklich über sie? Ihm zufolge besuchten die, die er kennen gelernt hatte, unseren Planeten nicht – oder erst seit seiner Rückkehr vom Mars. Wir hätten unsere eigenen Eldila, meinte er, irdische Eldila, doch sie gehörten einer anderen Art an und seien den Menschen meistens feindlich gesinnt. Dies sei der Grund, warum unsere Erde von der Verbindung mit den anderen Planeten abgeschnitten sei. Unsere Erde befinde sich in einer Art Belagerungszustand, sie sei genau genommen feindlich besetztes Gebiet, unterdrückt von Eldila, die sowohl mit uns als auch mit den Eldila der Himmelstiefen oder des Weltraums im Streit lägen. Wie Bakterien auf der mikroskopischen Ebene, so durchsetzten diese schädlichen Mitbewohner auf der makroskopischen unsichtbar unser ganzes Leben und seien die wahre Erklärung für die verhängnisvolle Wendung, die die Menschheitsgeschichte genommen habe. Wenn das alles stimmte, dann mussten wir natürlich begrüßen, dass Eldila einer besseren Art endlich die Grenze (die, wie es heißt, der Mondumlaufbahn entspricht) durchbrochen hatten und nun zu uns kamen. Immer unter der Voraussetzung, dass Ransoms Bericht der Wahrheit entsprach.

Ein hässlicher Gedanke kam mir in den Sinn. Vielleicht wurde Ransom zum Narren gehalten? Wenn jemand aus dem Weltraum eine Invasion unseres Planeten plante, konnte er sich kaum eine bessere Tarnung ausdenken als Ransoms Geschichte. Gab es überhaupt den geringsten Beweis für die Existenz der angeblich bösartigen Eldila auf der Erde? Wie, wenn mein Freund, ohne es zu wissen, die Brücke wäre, das trojanische Pferd, das irgendwelchen Invasoren die Landung auf Tellus ermöglichte? Und wieder überkam mich der Impuls umzukehren, genau wie bei der Entdeckung, dass ich meinen Rucksack im Zug gelassen hatte. »Kehr um, kehr um«, wisperte es mir zu. »Schick ihm ein Telegramm, sag ihm, du wärest krank und kämest ein andermal – oder irgendetwas anderes.« Die Heftigkeit des Gefühls erstaunte mich. Ich blieb kurz stehen und ermahnte mich, mich nicht wie ein Dummkopf zu benehmen; als ich schließlich weiterging, fragte ich mich, ob sich so nicht vielleicht ein Nervenzusammenbruch ankündigte. Kaum war mir dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, als er auch schon zu einem weiteren Grund wurde, Ransom nicht zu besuchen. Offensichtlich war ich nicht in der Verfassung für solch heikle »Geschäfte«, wie ich sie aus seinem Telegramm herausgelesen hatte. Ich war nicht einmal im Stande, ein gewöhnliches Wochenende fern von zu Hause zu verbringen. Das einzig Vernünftige war, sofort umzukehren und heimzufahren, bevor ich mein Gedächtnis verlor oder hysterisch wurde, und mich in die Hände eines Arztes zu begeben. Es war heller Wahnsinn weiterzugehen.

Das Heideland war jetzt zu Ende, und ich ging einen kleinen Hügel hinab; zu meiner Linken befand sich Gestrüpp, und zu meiner Rechten lagen einige anscheinend verlassene Fabrikgebäude. In der Talmulde hing stellenweise schon dichter Abendnebel. Zuerst sprechen sie von einem Zusammenbruch, dachte ich. Gab es nicht eine Geisteskrankheit, in der ganz gewöhnliche Gegenstände dem Patienten ungeheuer

bedrohlich erschienen? Genau so, wie mir jetzt diese leer stehende Fabrik erschien? Große, wulstige Betongebilde, seltsame Schreckgespenster aus Ziegeln glotzten mich über verdorrte, struppige, mit grauen Pfützen durchsetzte und von schmalen Gleisen durchzogene Grasflächen hinweg drohend an. Ich fühlte mich an Wesen erinnert, die Ransom in jener anderen Welt gesehen hatte, nur waren es dort Leute gewesen. Lange, spindeldürre Riesen, die er Sorne nannte. Die Sache wurde noch schlimmer dadurch, dass er sie als gute Leute betrachtete – sehr viel angenehmer als unsere eigene Rasse. Er war mit ihnen im Bunde! Wie konnte ich wissen, ob er wirklich nur zum Narren gehalten wurde? Er mochte etwas Schlimmeres sein … Und wieder blieb ich stehen.

Der Leser, der Ransom nicht kennt, wird nicht verstehen, wie sehr dieser Gedanke jeglicher Vernunft zuwiderlief. Der rationale Teil meines Verstandes wusste selbst in jenem Moment nur zu gut, dass, auch wenn das ganze Universum verrückt und feindselig wäre, Ransom vernünftig, gesund und aufrichtig war. Und dieser Teil meines Verstandes trieb mich schließlich weiter – doch ich ging mit einem Widerwillen und einer Mühe, die ich kaum in Worte fassen kann. Ich konnte nur weitergehen, weil ich (tief in meinem Innern) wusste, dass jeder Schritt mich dem Freund näher brachte; dennoch hatte ich das Gefühl, mich dem Feind zu nähern – dem Verräter und Hexenmeister, dem Mann, der mit ›ihnen‹ im Bunde war … Mit offenen Augen, wie ein Narr in die

Falle zu rennen. Zuerst sprechen sie von einem Zusammenbruch, ging es mir durch den Kopf, und bringen dich in ein Sanatorium; später stecken sie dich dann in eine Irrenanstalt.

Die verlassene Fabrik lag jetzt hinter mir, und ich ging unten im Nebel, wo es sehr kalt war. Dann kam der – erste – Augenblick nackten Entsetzens, und ich musste mir auf die Lippe beißen, um nicht laut aufzuschreien. Es war nur eine Katze über den Weg gelaufen, aber ich war völlig außer mir. Bald wirst du wirklich schreien, sagte mein innerer Peiniger. Du wirst schreiend im Kreis herumlaufen und nicht mehr damit aufhören können.

Am Straßenrand stand ein kleines, unbewohntes Haus. Die meisten Fenster waren mit Brettern vernagelt, aber eines starrte blind wie das Auge eines toten Fisches. Der Leser möge mir glauben, dass mir normalerweise die Vorstellung von einem Spukhaus nicht mehr ausmacht als ihm selbst. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich musste damals nicht eigentlich an Geister denken. Es war nur das Wort »Spuk«. Spuk, spuken … Was beinhaltet dieses Wort nicht alles! Würde nicht ein Kind, das das Wort nie zuvor gehört hat und seine Bedeutung nicht kennt, schon beim bloßen Klang erschaudern, wenn es die Eltern am Abend sagen hörte: »In diesem Haus spukt es«?

Schließlich kam ich an die Straßenkreuzung bei der kleinen Methodistenkapelle, wo mein Weg mich nach links und unter den Buchen entlangführte. Inzwischen müsste ich das Licht in Ransoms Fenstern sehen können – oder war es schon Zeit für die Verdunkelung? Meine Uhr war stehen geblieben, und ich wusste es nicht. Es war ziemlich dunkel, aber das mochte am Nebel und an den Bäumen liegen. Nicht die Dunkelheit fürchtete ich, das kann ich versichern. Wir alle kennen Augenblicke, in denen unbelebte Gegenstände beinahe einen Gesichtsausdruck anzunehmen scheinen, und es war der Ausdruck dieses Straßenstücks, der mir nicht gefiel. Es stimmt nicht, ging es mir durch den Kopf, dass Leute, die verrückt werden, sich dessen niemals bewusst sind. Angenommen, ich würde gerade hier dem Wahnsinn verfallen, dann wäre die schwarze Feindseligkeit dieser tropfenden Bäume – ihr grausiges Abwarten – natürlich eine Halluzination. Aber das machte es nicht um ein Haar besser. Der Gedanke, das Gespenst, das man sieht, sei eine Sinnestäuschung, nimmt ihm nichts von seinem Schrecken; er fügt höchstens den Schrecken des eigenen Wahnsinns hinzu – und zudem die furchtbare Vermutung, die, die von den anderen für verrückt gehalten werden, hätten als Einzige die ganze Zeit hindurch die Welt so gesehen, wie sie wirklich ist.

All das bedrückte mich. Ich wankte weiter durch Kälte und Dunkelheit, schon halb überzeugt, dass ich am Rand des Wahnsinns stünde. Aber mit jedem Augenblick änderte sich meine Auffassung von geistiger Gesundheit. War diese jemals mehr gewesen als eine Konvention – bequeme Scheuklappen, eine anerkannte Form von Wunschdenken, das die Augen verschließt vor der ganzen Fremdartigkeit und Feindseligkeit des Universums, in dem wir leben müssen? Was ich während der letzten Monate meiner Bekanntschaft mit Ransom erfahren hatte, war mehr, als ein »gesunder Geist« gelten lassen würde; doch ich war bereits zu weit vorgedrungen, um es als unwirklich abtun zu können. Ich zog seine Deutungen oder seine Gutgläubigkeit in Zweifel, nicht jedoch die Existenz dessen, was er auf dem Mars angetroffen hatte – der Pfifltriggi, der Hrossa, der Sorne oder jener interplanetarischen Eldila. Ich bezweifelte nicht einmal, dass es wirklich jenes geheimnisvolle Wesen gab, das die Eldila Maleldil nennen und dem sie anscheinend in einem so vollkommenen Gehorsam ergeben sind, wie kein irdischer Diktator ihn je gebieten könnte. Ich wusste auch, für wen Ransom Maleldil hielt.

Das musste Ransoms Landhaus sein. Es war sehr gut verdunkelt. Ein kindischer, weinerlicher Gedanke ging mir durch den Kopf: Warum stand er nicht draußen an der Gartenpforte, um mich zu begrüßen? Dann kam mir ein noch kindischerer Gedanke: Vielleicht war er tatsächlich im Garten und wartete auf mich, in einem Versteck. Vielleicht würde er sich hinterrücks auf mich stürzen. Vielleicht würde ich eine Gestalt sehen, die Ransom glich und mir den Rücken zukehrte; wenn ich sie anredete, würde sie sich umwenden und ein Gesicht zeigen, dem nichts Menschliches anhaftete …

Natürlich möchte ich diesen Teil meiner Geschichte nicht unnötig breittreten. Beschämt blicke ich heute auf den Gemütszustand zurück, in dem ich mich damals befunden habe. Und ich wäre auch darüber hinweggegangen, wenn ich es nicht für notwendig hielte, ihn wenigstens zu erwähnen, damit der Leser das Folgende – und vielleicht noch ein paar andere Dinge – besser versteht. Jedenfalls kann ich beim besten Willen nicht beschreiben, wie ich die Eingangstür des Hauses erreichte. Obwohl Abscheu und Angst mich zurückhielten und eine Art unsichtbarer Mauer sich mir entgegenzustemmen schien, obwohl ich vor Entsetzen beinahe laut geschrien hätte, als ein harmloser Zweig der Hecke mein Gesicht streifte, gelang es mir, durch die Gartenpforte zu treten und mich Schritt für Schritt den kleinen Weg vorwärts zu kämpfen. Dann stand ich endlich an der Schwelle, trommelte gegen die Tür, rüttelte an der Klinke und begehrte brüllend Einlass, als hinge mein Leben davon ab.

Keine Antwort – kein Laut außer dem Widerhall der Geräusche, die ich selbst gemacht hatte. Nur etwas Weißes flatterte am Türklopfer. Ich konnte mir natürlich denken, dass das eine Nachricht war. Als ich ein Streichholz anzündete, um sie zu lesen, merkte ich, wie zittrig meine Hände waren; und als das Zündholz erlosch, merkte ich, wie dunkel der Abend geworden war. Nach mehreren Anläufen hatte ich den Zettel gelesen. »Musste leider nach Cambridge und werde erst mit dem Spätzug zurückkommen. Essen in der Speisekammer, Bett in Ihrem gewohnten Zimmer gemacht. Warten Sie nicht mit dem Abendessen, wenn Ihnen nicht danach zu Mute ist.

E. R.« Und sofort überfiel mich der Impuls kehrtzumachen, der mich bereits mehrmals bedrängt hatte, mit beinahe dämonischer Gewalt. Nun stand es mir frei umzukehren; ich wurde förmlich dazu aufgefordert. Dies war meine Chance. Wenn irgendjemand erwartete, ich würde in dieses Haus gehen und mehrere Stunden allein darin herumsitzen, so hatte er sich

getäuscht! Doch dann nahm der Gedanke an den Rückweg

in meinem Kopf Gestalt an, und ich zögerte. Die Vorstellung, wieder durch die Buchenallee zu gehen (die jetzt stockfinster sein musste) mit diesem Haus im Rücken (man hatte das absurde Gefühl, es könne einem folgen), war wenig verlockend. Und dann kam mir, wie ich hoffte, etwas Besseres in den Sinn – ein Fetzen Vernunft und eine gewisse Abneigung, Ransom im Stich zu lassen. Ich konnte ja wenigstens probieren, ob die Tür wirklich nicht abgeschlossen war. Ich tat es. Und sie war offen. Im nächsten Augenblick, ich weiß kaum wie, war ich drinnen und ließ die Tür hinter mir zufallen.

Es war ganz dunkel und warm. Ich tastete mich einige Schritte vorwärts, stieß mit dem Schienbein heftig gegen etwas und fiel. Eine Weile saß ich still und rieb mein Bein. Ich glaubte, die Einrichtung von Ransoms Wohnzimmer, das zugleich Diele war, ziemlich gut zu kennen und konnte mir nicht vorstellen, worüber ich gestolpert war. Ich suchte in der Tasche, zog die Streichhölzer heraus und versuchte, Licht zu machen. Der Streichholzkopf sprang ab. Ich trat darauf und schnüffelte, um mich zu vergewissern, dass er nicht auf dem Teppich weiterglühte. Dabei fiel mir ein seltsamer Geruch

im Raum auf. Ich konnte aber beim besten Willen nicht herausfinden, was es war. Er war ganz anders als die normalen häuslichen Gerüche, so wie der von Chemikalien, aber ein chemischer Geruch war es auch nicht. Dann zündete ich ein weiteres Streichholz an. Es flammte auf und erlosch gleich wieder – was nicht weiter erstaunlich war, da ich auf der Fußmatte saß und es selbst in solider gebauten Häusern als Ransoms wenige Eingangstüren gibt, unter denen es nicht zieht. Ich hatte nichts als meine hohle Handfläche gesehen, mit der ich die Flamme hatte abschirmen wollen. Ich musste weg von der Tür. Behutsam stand ich auf und tastete mich vorwärts. Ich stieß sogleich gegen ein Hindernis – etwas Glattes und sehr Kaltes, das ein wenig höher war als meine Knie. Als ich es berührte, merkte ich, dass der Geruch von ihm ausging. Ich tastete mich daran entlang nach links und gelangte an das Ende. Es schien mehrere Flächen zu haben, aber ich konnte mir die Form nicht vorstellen. Ein Tisch war es nicht, denn es hatte keine Deckplatte. Meine Hand tastete sich auf dem Rand einer Art niedrigen schmalen Wand entlang – der Daumen auf der Außenseite, und die Finger auf der Innenseite. Hätte es sich wie Holz angefühlt, so hätte ich es für eine große Kiste gehalten. Aber es war kein Holz. Zuerst glaubte ich, es sei nass, kam aber rasch zu dem Schluss, dass ich Kälte mit Nässe verwechselt hatte. Als ich am Ende des Dinges stand, zündete ich ein drittes Streichholz an.

Ich sah etwas Weißes und halb Durchsichtiges – ähnlich wie Eis. Es war groß und ziemlich lang, eine Art Kasten, ein offener Kasten von einer unheimlichen Form, die ich nicht sofort erkennen konnte. Der Kasten war so groß, dass ein Mensch hineinpasste. Ich trat einen Schritt zurück, hielt das Zündholz hoch, um einen besseren Überblick zu gewinnen, und stolperte über irgendetwas hinter mir. Ich lag lang ausgestreckt in der Dunkelheit, nicht auf dem Teppich, sondern auf dem kalten Material mit dem merkwürdigen Geruch. Wie viele von diesen Teufelsdingern gab es denn hier?

Ich wollte gerade wieder aufstehen und den Raum systematisch nach einer Kerze durchsuchen, als ich hörte, wie Ransoms Name ausgesprochen wurde; und beinahe gleichzeitig sah ich – sah ich das Ding, dessen Anblick ich so lange gefürchtet hatte. Ich hörte, wie Ransoms Name ausgesprochen wurde: Aber ich könnte nicht sagen, dass eine Stimme ihn aussprach. Die Laute glichen einer menschlichen Stimme erstaunlich wenig. Gleichwohl waren sie genau zu verstehen; man konnte sie sogar ausgesprochen schön finden. Aber die Stimme war, wenn man so will, anorganisch. Ich denke, wir empfinden den Unterschied zwischen Stimmen von Lebewesen (einschließlich derjenigen des Menschen) und allen anderen Geräuschen ziemlich deutlich, auch wenn er schwer zu bestimmen ist. Blut und Lungen und die warme, feuchte Mundhöhle schwingen irgendwie in jeder Stimme mit. Hier taten sie es nicht. Die beiden Silben klangen eher, als würden sie auf einem Instrument gespielt, dennoch hatten sie keinen mechanischen Klang. Eine Maschine stellen wir aus natürlichen Materialien her; diese Laute klangen eher so, als habe Gestein oder Kristall oder Licht gesprochen. Und durch meinen Körper ging ein Schauder, so wie er einen durchfährt, wenn man meint, beim Erklettern einer Felswand den Halt verloren zu haben.

Das war, was ich hörte. Was ich sah, war nur ein sehr schwacher Lichtstab oder Lichtpfeiler. Ich glaube nicht, dass er einen Lichtkreis auf Boden oder Decke warf, doch ich bin mir nicht sicher. Die Leuchtkraft war jedenfalls sehr gering und erhellte die nähere Umgebung kaum. Soweit ist alles ganz einfach. Aber das Ding hatte zwei andere Merkmale, die weniger leicht zu erfassen waren. Das eine war seine Farbe. Da ich das Wesen sah, muss ich es entweder weiß oder farbig gesehen

haben; aber auch wenn ich mein Gedächtnis noch so sehr anstrenge: ich weiß beim besten Willen nicht mehr, welche Farbe es hatte. Ich habe es mit Blau und Gold, Violett und Rot versucht, aber nichts davon passt. Wie es möglich ist, eine visuelle Erfahrung so gründlich zu vergessen, versuche ich gar nicht erst zu erklären. Das andere war der Winkel; es befand sich nicht im rechten Winkel zum Boden. Aber ich muss sofort hinzufügen, dass ich das erst im Nachhinein so sehe. In jenem Augenblick schien die Lichtsäule vertikal, der Fußboden aber nicht horizontal zu sein; der ganze Raum schien Schlagseite zu haben, so wie an Bord eines Schiffes. Ich hatte den Eindruck – wie auch immer er zu Stande gekommen sein mochte – dieses Geschöpf stehe in Beziehung zu einer Horizontalen, ja einem ganzen Bezugssystem außerhalb der Erde, und seine bloße Gegenwart zwinge mir dieses fremde System auf und hebe den irdischen Horizont auf.

Ich zweifelte nicht im Geringsten daran, dass ich einen Eldil sah, wahrscheinlich den Statthalter des Mars, den Oyarsa von Malakandra. Und nun, da es geschehen war, war die panische Angst verschwunden. Allerdings empfand ich ein unbestimmtes, aber starkes Unbehagen. Die Tatsache, dass dieses Wesen ganz offensichtlich nicht organisch war – das Wissen, dass irgendwo in diesem ebenmäßigen Lichtzylinder Intelligenz wohnte, aber nicht zu ihm in Beziehung stand, wie unser Bewusstsein zu Gehirn und Nerven in Beziehung steht – war höchst beunruhigend.1 Es passte nicht in unsere Denkkategorien. Unser übliches Verhalten Lebewesen gegenüber schien hier ebenso unangebracht wie unser gewohnter Umgang mit unbelebten Dingen. Andererseits waren all die Zweifel, die ich hatte, bevor ich das Haus betrat, die Zweifel, ob diese Geschöpfe Freund oder Feind seien und ob Ransom ein Vorreiter oder ein Narr sei, einstweilen geschwunden. Ich hatte jetzt vor etwas ganz anderem Angst. Ich war sicher, dass dieses Wesen im landläufigen Sinne gut war, nicht aber, ob das Gute mir auch in dem Maße zusagte, wie ich geglaubt hatte. Das ist eine schreckliche Erfahrung. Solange man sich vor etwas Bösem fürchtet, kann man immer noch hoffen, das Gute werde einem zu Hilfe kommen. Doch angenommen, man ringt sich zum Guten durch und merkt dann, dass es ebenfalls schrecklich ist? Wie, wenn Nahrung sich gerade als das erweist, was man nicht essen kann, das Heim als die Stätte, wo man nicht leben kann, und der Tröster als derjenige, bei dem man sich unbehaglich fühlt? Dann ist wirklich keine Rettung möglich; dann ist das Spiel aus. Einen Moment lang war mir so ähnlich zu Mute. Hier war endlich etwas aus jener anderen Welt, die ich immer geliebt und herbeigesehnt zu haben meinte, in unsere Welt vorgestoßen und vor meinen Augen erschienen, und ich mochte es nicht, wollte, dass es wieder verschwand. Ich wollte irgendeine Distanz – einen Abgrund, einen Vorhang, eine Wolldecke – irgendeine Schranke zwischen diesem Wesen und mir schaffen. Aber kein Abgrund verschlang mich. Seltsamerweise rettete mich ausgerechnet meine Hilflosigkeit und gab mir Halt. Denn nun war ich ganz offensichtlich in die Sache verstrickt. Der Kampf war vorüber. Die nächste Entscheidung lag nicht bei mir.

1 Im Text halte ich mich natürlich an das, was ich damals dachte und empfand, denn dies allein ist Beweis aus erster Hand. Aber selbstverständlich kann man weiter über die Form spekulieren, in der Eldila unseren Sinnen erscheinen. Die einzigen ernsthaften Überlegungen zu diesem Problem stammen aus dem frühen 17. Jahrhundert. Als Ausgangspunkt für künftige Untersuchungen empfehle ich folgenden Text von Natvilcius: De aethereo et aerio corpore, Basel 1627, II, xii: »Liquet simplicem flammem sensibus nostris subjectam non esse corpus proprie dictum angeli vel daemonis, sed potius aut illius corporis sensorium aut superficiem corporis in coelesti dispositione loconim supra cogitationes humanas existentis« (Es scheint, dass die von unseren Sinnen wahrgenommene, ebenmäßige Flamme nicht der eigentliche Körper eines Engels oder Dämonen ist, sondern eher der Sitz der Sinne dieses Körpers oder die Oberfläche eines Körpers, der jenseits unseres Wahrnehmungsvermögens im himmlischen Rahmen räumlicher Beziehungen existiert). Mit dem »himmlischen Rahmen räumlicher Beziehungen« ist vermutlich gemeint, was wir heute als mehrdimensionalen Raum bezeichnen. Das soll natürlich nicht heißen, Natvilcius habe etwas über mehrdimensionale Geometrie gewusst, sondern nur, dass er empirisch zu den Ergebnissen gelangt sein mag, die im Folgenden von der Mathematik theoretisch erarbeitet worden sind.

Dann, mit einem Geräusch wie aus einer anderen Welt, öffnete sich die Tür; ich hörte das Scharren von Stiefeln auf dem Fußabstreifer, und in der Türöffnung vor dem grauen Nachthimmel sah ich Ransoms dunkle Silhouette. Wieder kam aus der Lichterscheinung das Sprechen, das keine Stim-me war, und anstatt einzutreten, blieb Ransom auf der Fußmatte stehen und antwortete. Beide redeten in einer fremdartigen, vielsilbigen Sprache, die ich noch nie gehört hatte.

Ich will gar nicht versuchen, die Gefühle zu entschuldigen, die in mir aufkamen, als dieses nichtmenschliche Ding meinen Freund ansprach und dieser ihm in der nichtmenschlichen Sprache antwortete. Sie sind im Grunde unentschuldbar; aber wer glaubt, sie wären in einem solchen Augenblick unwahrscheinlich, der kennt weder die Weltgeschichte richtig noch sein eigenes Herz. Ich empfand Unmut, Entsetzen und Eifersucht. Am liebsten hätte ich geschrien: »Lass doch deinen Schutzgeist, verfluchter Magier, kümmer dich endlich um mich!«

Doch wirklich sagte ich: »Ah, Ransom. Gott sei Dank, dass Sie da sind!«

2 _______

Die Tür fiel zu (zum zweiten Mal an diesem Abend), und nach kurzer Suche hatte Ransom eine Kerze gefunden und angezündet. Ich sah mich schnell um, konnte aber niemanden außer uns beiden sehen. Das Auffälligste im Raum war der große weiße Gegenstand. Jetzt konnte ich seine Form genau erkennen. Es war eine große, sargähnliche Kiste, und sie war offen. Auf dem Boden daneben lag der Deckel, über den ich wahrscheinlich gestolpert war. Beides bestand aus demselben weißen Material, das wie Eis aussah, doch trüber war und weniger glänzte.

»Mein Gott, bin ich froh, dass Sie hier sind!«, sagte Ransom. Er kam auf mich zu und gab mir die Hand. »Ich hatte Sie vom Bahnhof abholen wollen, aber alles musste in solcher Eile vorbereitet werden, und im letzten Moment musste ich noch nach Cambridge. Ich hatte wirklich nicht die Absicht, Sie diesen Weg allein machen zu lassen.« Dann merkte er offenbar, dass ich ihn noch immer ziemlich benommen an sah, und fügte hinzu: »Sagen Sie – es fehlt Ihnen doch

nichts, oder? Sie sind ohne Schaden durch die Sperre gekommen?« »Die Sperre? Ich verstehe nicht.«

»Ich dachte, Sie hätten vielleicht Schwierigkeiten gehabt, hierher zu kommen.«

»Ach, das!«, sagte ich. »Sie meinen, es waren nicht bloß meine Nerven? War da wirklich etwas?«

»Ja. Die anderen wollten nicht, dass Sie kommen. Ich habe schon befürchtet, dass so etwas passieren würde; aber ich hatte keine Zeit, etwas zu unternehmen. Außerdem war ich ziemlich sicher, dass Sie irgendwie durchkommen würden.«

»Wen meinen Sie mit den anderen? Unsere irdischen Eldila?«

»Natürlich. Sie haben Wind bekommen von dem, was hier vorgeht …«

Ich unterbrach ihn. »Um die Wahrheit zu sagen, Ransom, die ganze Sache beunruhigt mich von Tag zu Tag mehr. Auf dem Weg hierher ging mir durch den Kopf …«

»Oh, sie setzen Ihnen alle möglichen Dinge in den Kopf, wenn Sie es zulassen«, sagte Ransom leichthin. »Am besten ist es, sich nicht darum zu kümmern und einfach weiterzugehen. Versuchen Sie nicht, ihnen zu antworten. Sie verwickeln Sie dann gern in endlose Diskussionen.«

»Aber sehen Sie«, sagte ich, »dies ist kein Kinderspiel. Sind Sie ganz sicher, dass dieser Herr der Finsternis, dieser verdorbene Oyarsa der Erde, wirklich existiert? Wissen Sie genau, dass es zwei Seiten gibt, und auf welcher wir stehen?«

Er richtete plötzlich einen seiner sanften, aber seltsam Furcht erregenden Blicke auf mich.

»Sie zweifeln im Grunde an beidem, nicht wahr?«, fragte er. »Nein«, antwortete ich nach einer Pause ziemlich beschämt.

»Dann ist es gut«, sagte Ransom vergnügt. »Kümmern wir uns also um das Abendessen; dabei kann ich Ihnen dann alles erklären.«

»Was ist mit diesem Sarg?«, fragte ich ihn, als wir in die Küche gingen.

»Darin soll ich reisen.« »Ransom!«, rief ich. »Er – es – der Eldil will Sie doch wohl nicht nach Malakandra zurückbringen?«

»Nicht doch«, sagte er. »Sie verstehen nicht, Lewis. Wenn er mich nur wieder nach Malakandra bringen würde! Ich würde alles geben, was ich besitze, nur um noch einmal in eine dieser Talschluchten zu blicken und zu sehen, wie sich das herrlich blaue Wasser durch die Wälder schlängelt. Oder oben auf dem Hochland zu stehen und zu beobachten, wie ein Sorn die Hänge hinabgleitet. Oder um noch einmal einen Abend zu erleben wie jenen, an dem Jupiter aufgestiegen ist, so strahlend, dass man nicht hinsehen konnte, und an dem die Asteroiden wie eine Milchstraße waren, in der jeder Stern so hell leuchtete wie die Venus, wenn man sie von der Erde aus betrachtet! Und die Düfte! Sie wollen mir nicht aus dem Sinn. Man sollte meinen, es wäre am schlimmsten bei Nacht, wenn Malakandra am Himmel steht und ich es sehen kann. Aber nicht dann ist meine Sehnsucht am stärksten, sondern an heißen Sommertagen, wenn ich in das tiefe Blau hinaufblicke und denke, dass es dort, viele Millionen Meilen entfernt, wo ich nie, nie wieder hinkommen werde, einen Ort gibt, den ich kenne, dass dort in diesem Augenblick Blumen über Meldilorn blühen und Freunde von mir ihren Geschäften nachgehen und mich willkommen hießen, wenn ich wiederkäme. Nein, nichts dergleichen. Ich werde nicht nach Malakandra geschickt. Mein Ziel ist Perelandra.«

»Das, was wir Venus nennen?« »Ja.« »Und Sie sagen, Sie würden dort hingeschickt?«

»Ja. Vielleicht erinnern Sie sich, dass Oyarsa mir vor meiner Rückkehr von Malakandra zu verstehen gab, meine Reise könnte der Beginn eines neuen Abschnitts sein im Leben des Sonnensystems – den Gefilden Arbols. Es könnte bedeuten, sagte er, dass die Isolation unseres Planeten, die Belagerung, sich ihrem Ende nähere.«

»Ja, ich erinnere mich.« »Nun, es sieht tatsächlich so aus, als sei etwas im Gange. Zum einen nehmen die beiden Seiten, wie Sie sagen, hier auf Erden allmählich deutlichere Konturen an, scheinen weniger in unsere menschlichen Angelegenheiten verwickelt. Man könnte sagen, sie beginnen, Farbe zu bekennen.«

»Ja, den Eindruck habe ich auch.«

»Zum anderen plant der Schwarze Statthalter – unser verbogener Oyarsa – irgendeinen Angriff auf Perelandra.«

»Aber kann er sich denn frei im Sonnensystem bewegen? Wie kommt er dort hin?«

»Genau das ist der springende Punkt. In seiner eigenen Gestalt kann er sich nicht dort hinbegeben. Wie Sie wissen, wurde er lange vor der Entstehung menschlichen Lebens in die Grenzen dieses Planeten verwiesen. Wenn er sich außerhalb der Mondbahn blicken ließe, würde man ihn zurücktreiben – und zwar mit Gewalt. Zu einem solchen Krieg könnten Sie oder ich so wenig beitragen wie ein Floh zur Verteidigung Moskaus. Nein. Wenn er auf Perelandra Fuß fassen will, muss er es auf andere Art und Weise versuchen.«

»Und was haben Sie damit zu tun?«

»Nun – ich bin einfach hinbeordert worden.«

»Von dem – von Oyarsa?«

»Nein. Der Befehl kommt von weiter oben. Alle Befehle kommen letzten Endes von dort, wissen Sie.«

»Und was sollen Sie tun, wenn Sie da sind?«

»Das hat man mir nicht gesagt.«

»Sie werden also einfach zu Oyarsas Gefolge gehören?«

»O nein. Er wird nicht dort sein. Er wird mich zur Venus bringen – mich dort abliefern. Soweit ich weiß, werde ich danach ganz auf mich gestellt sein.«

»Aber hören Sie, Ransom – ich meine …« Die Stimme versagte mir.

»Ich weiß«, sagte er mit seinem entwaffnenden Lächeln, »es klingt absurd. Dr. Elwin Ransom im Alleingang gegen die Mächte der Finsternis. Vielleicht fragen Sie sich sogar, ob ich größenwahnsinnig geworden bin.«

»So habe ich es nicht gemeint«, sagte ich.

»Ich glaube doch. Jedenfalls habe ich selbst es so empfunden, seit ich von der Sache weiß. Aber wenn Sie es genau überlegen, ist es dann wirklich absonderlicher als das, was wir alle jeden Tag tun sollten? Wenn die Bibel vom Kampf gegen die Mächte der Finsternis und gefallene Engel spricht (unsere Übersetzung ist hier übrigens höchst irreführend), dann heißt das, dass ganz gewöhnliche Menschen diesen Kampf ausfechten müssen.«

»Nun, das mag sein«, sagte ich. »Aber das ist etwas völlig anderes. Das bezieht sich doch auf einen moralischen Konflikt.«

Ransom warf seinen Kopf zurück und lachte. »Ach, Lewis!«, sagte er, »Sie sind unnachahmlich, einfach unnachahmlich!«

»Sagen Sie, was Sie wollen, Ransom, da besteht einfach ein Unterschied.«

»Ja, das stimmt. Aber der Unterschied ist nicht so groß, dass die Vorstellung, jeder von uns könnte den Kampf womöglich in dieser und in jener Form ausfechten müssen, größenwahnsinnig wäre. Ich will Ihnen sagen, wie ich es sehe. Sie haben doch gemerkt, dass unser kleiner Krieg hier auf Erden verschiedene Phasen durchläuft, und bei jeder benehmen die Leute sich so, als werde diese Phase ewig dauern. Dabei ändert die Lage sich ständig vor unseren Augen, und die Chancen und Gefahren in diesem Jahr sind ganz andere als noch im letzten. Genauso ist Ihre Vorstellung, normale Menschen kämen nie oder höchstens auf psychologischer oder moralischer Ebene – in Form von Versuchungen und dergleichen – mit den dunklen Eldila in Berührung, einfach ein Gedanke, der während einer bestimmten Phase des kosmischen Krieges Gültigkeit hatte: nämlich während der Phase der großen Belagerung, der Phase, die unserem Planeten den Namen Thulkandra eintrug, der schweigende Stern. Aber angenommen, diese Phase ist vorbei? In der nächsten Phase kann es jedermanns Aufgabe sein, ihnen auf … nun, auf völlig andere Art und Weise gegenüberzutreten.«

»Ich verstehe.«

»Denken Sie nur nicht, ich sei auserwählt worden, nach Perelandra zu gehen, weil ich etwas Besonderes sei. Man weiß nie, oder erst viel später, warum dieser oder jener für irgendeine Aufgabe auserwählt worden ist. Und wenn man es erfährt, hat man gewöhnlich keinen Grund zur Eitelkeit. Ganz gewiss wird niemand wegen der Eigenschaften ausgewählt, die er selbst als seine besonderen Stärken betrachtet. Ich denke eher, dass ich hingeschickt werde, weil die beiden Kerle, die mich nach Malakandra entführt haben, dadurch, ohne es zu wollen, einem Menschen Gelegenheit gegeben haben, die Sprache zu lernen.«

»Welche Sprache meinen Sie?«

»Hressa-Hlab natürlich. Die Sprache, die ich auf Malakandra gelernt habe.«

»Aber glauben Sie denn, dass diese Sprache auch auf der Venus gesprochen wird?«

»Habe ich Ihnen nichts davon erzählt?«, fragte Ransom und beugte sich vor. Wir saßen jetzt am Tisch und hatten

unsere Mahlzeit aus kaltem Fleisch, Bier und Tee fast beendet. »Das überrascht mich, denn ich habe es schon vor zwei oder drei Monaten entdeckt, und aus wissenschaftlicher Sicht ist es einer der interessantesten Aspekte der ganzen Angelegenheit.

Es scheint, dass wir uns mit der Annahme, Hressa-Hlab sei die eigentliche Sprache der Marsbewohner, gründlich getäuscht haben. Eigentlich müsste man diese Sprache Alt-Solarisch nennen, oder Hlab-Eribol-ef-Cordi.«

»Was in aller Welt wollen Sie damit sagen?«

»Ich will damit sagen, dass es für alle vernunftbegabten Lebewesen auf den Planeten unseres Sonnensystems ursprünglich eine gemeinsame Sprache gab. Ich meine die Planeten, die immer bewohnt waren und von den Eldila die ›Niederen Welten‹ genannt werden. Die meisten Planeten waren natürlich nie bewohnt und werden es nie sein, jedenfalls nicht in unserem Sinne. Diese ursprüngliche Sprache ging auf unserer Welt, auf Thulkandra, im Verlauf der ganzen Tragödie verloren. Keine der jetzt bekannten menschlichen Sprachen hat sich aus ihr entwickelt.«

»Aber was ist mit den beiden anderen Sprachen auf dem Mars?«

»Ich muss gestehen, dass ich darüber nichts weiß. Eines jedoch weiß ich und könnte es wohl auch philologisch beweisen. Diese anderen Sprachen sind unvergleichlich jünger als Hressa-Hlab, vor allem Surnibur, die Sprache der Sorne. Ich glaube, es ließe sich zeigen, dass Surnibur eine für malakandrische Verhältnisse relativ neue Entwicklung ist. Wahrscheinlich ist es erst in einer Zeit entstanden, die etwa unserem Kambrium entspricht.«

»Und Sie glauben, auf der Venus wird Hressa-Hlab oder Alt-Solarisch gesprochen?«

»Ja. Ich kann also bereits die Sprache, wenn ich ankomme. Das macht vieles leichter, obwohl – als Philologe finde ich es eher enttäuschend.«

»Aber Sie haben keine Ahnung, was Sie tun sollen oder was für Verhältnisse Sie antreffen werden?«

»Nicht die geringste Ahnung. Wissen Sie, bei manchen Aufgaben darf man vorher nicht zu viel wissen … Vielleicht muss man Dinge sagen, die nicht richtig zur Wirkung kämen, wenn man sie vorbereitet hätte. Und was die Verhältnisse betrifft, nun, so weiß ich nicht viel. Es ist warm, und ich werde nackt sein. Unsere Astronomen wissen überhaupt nichts über die Oberfläche von Perelandra. Die äußere Schicht der Atmosphäre ist zu dick. Die Hauptfrage scheint zu sein, ob der Planet sich um seine eigene Achse dreht oder nicht, und wenn ja, mit welcher Geschwindigkeit. Es gibt zwei Theorien. Ein Mann namens Schiaparelli glaubt, der Planet brauche für eine Umdrehung um die eigene Achse dieselbe Zeit wie für eine Umkreisung Arbols – ich meine der Sonne. Die anderen glauben, er drehe sich in dreiundzwanzig Stunden einmal um sich selbst. Das ist eines der Dinge, die ich herausfinden werde.«

»Wenn Schiaparelli Recht hat, dann wäre es auf der einen Seite der Venus immer Tag und auf der anderen immer Nacht, nicht wahr?«

Er nickte nachdenklich. »Und es gäbe eine eigenartige Übergangszone«, sagte er nach kurzer Pause. »Stellen Sie sich das einmal vor. Man käme in ein Land immer währenden Zwielichts, und mit jeder Meile würde es kälter und dunkler. Und dann könnte man nicht weitergehen, weil es keine Luft mehr gäbe. Ich frage mich, ob man an der Grenze, gerade noch im Hellen, stehen und in die unzugängliche Nacht

hineinblicken könnte? Und vielleicht ein paar Sterne sehen – der einzige Ort, wo dies überhaupt möglich wäre, denn auf der Tagseite wären sie natürlich nie zu sehen … Wenn es dort eine technische Zivilisation gibt, dann haben sie vielleicht eine Art Tauchanzüge oder U-Boote auf Rädern, um auf die Nachtseite vorzudringen.«

Seine Augen blitzten, und selbst ich, der ich hauptsächlich daran gedacht hatte, wie ich ihn vermissen würde und wie wohl die Chancen stünden, ihn lebend wiederzusehen, erschauderte vor Staunen und Wissbegierde. Dann sprach er weiter.

»Sie haben mich noch nicht gefragt, welche Rolle Ihnen zufällt«, sagte er.

»Heißt das etwa, dass ich mitkommen soll?«, sagte ich und erschauderte wieder, diesmal jedoch aus den genau entgegengesetzten Gründen.

»Keineswegs. Sie sollen mich hineinpacken und zur Stelle sein, um mich bei der Rückkehr wieder auszupacken – wenn alles gut geht.«

»Einpacken? Ach so, ich hatte diese Sache mit dem Sarg vergessen. Ransom, wie um alles in der Welt wollen Sie in diesem Ding reisen? Wie wird es angetrieben? Wie steht es mit Luft – und Nahrung – und Wasser? Es bietet gerade genug Platz, dass Sie darin liegen können.«

»Der Oyarsa von Malakandra selbst wird die Antriebskraft sein. Er wird den Behälter einfach zur Venus bewegen. Fragen Sie mich nicht wie. Ich habe keine Ahnung, welche Organe oder Werkzeuge sie benutzen. Aber ein Geschöpf, das seit mehreren Milliarden Jahren einen Planeten in seiner Umlaufbahn hält, wird wohl im Stande sein, mit einer Kiste fertig zu werden!«

»Aber was werden Sie essen? Wie werden Sie atmen?«

»Er sagt, keines von beiden sei nötig. Soweit ich verstanden habe, werde ich mich in einem scheintoten Zustand befinden. Aber das ist seine Sache.«

»Und Sie sind damit einverstanden?«, fragte ich, denn wieder beschlich mich eine Art Grauen.

»Wenn Sie fragen, ob mein Verstand darauf vertraut, dass er mich (sofern kein Unfall passiert) wohlbehalten auf Perelandra absetzt, dann ist die Antwort ja«, sagte Ransom. »Wenn Sie fragen, ob meine Nerven und meine Fantasie ebenso darauf vertrauen, dann, fürchte ich, ist die Antwort nein. Man kann viel von Anästhesie halten und trotzdem in Panik geraten, wenn einem die Maske über das Gesicht gezogen wird. Mir ist zu Mute wie einem Mann, der an ein Leben nach dem Tod glaubt, zu Mute sein mag, wenn er einem Erschießungskommando vorgeführt wird. Vielleicht ist es eine gute Übung.«

»Und ich soll Sie in dieses verwünschte Ding packen?«, fragte ich.

»Ja«, sagte Ransom. »Das ist der erste Schritt. Sobald die Sonne aufgegangen ist, müssen wir damit hinaus in den Garten und es so aufstellen, dass keine Bäume oder Gebäude im Weg sind. Das Gemüsebeet ist wohl der richtige Platz. Dann lege ich mich hinein – mit einer Augenbinde, weil diese

Wände das Sonnenlicht außerhalb der Atmosphäre nicht hinreichend abhalten –, und Sie schrauben den Deckel darauf. Danach werden Sie wahrscheinlich sehen, wie das Ding davongleitet.«

»Und dann?«

»Nun, dann beginnt der schwierige Teil. Sie müssen sich bereithalten; sobald Sie verständigt werden, müssen Sie wieder herkommen, den Deckel abnehmen und mich herauslassen.«

»Wann werden Sie voraussichtlich zurückkommen?«

»Das kann niemand sagen. In sechs Monaten – einem

Jahr – zwanzig Jahren. Das ist das Problem. Ich fürchte, es ist eine ziemlich schwere Bürde, die ich Ihnen da auferlege.«

»Ich könnte in der Zwischenzeit sterben.«

»Ich weiß. Sie werden sich die Mühe machen müssen, einen Nachfolger auszuwählen, und zwar umgehend. Es gibt vier oder fünf Menschen, denen wir vertrauen können.«

»Wie wird man mich verständigen?«

»Oyarsa wird Ihnen ein Zeichen geben. Es wird unmissverständlich sein. Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Und noch etwas. Ich habe keinen besonderen Grund zu der Annahme, dass ich verletzt zurückkomme. Aber für alle Fälle – wenn Sie einen Arzt kennen, den wir in das Geheimnis einweihen könnten, wäre es vielleicht gut, ihn mitzubringen, wenn Sie kommen und mich herauslassen.«

»Käme Humphrey in Frage?«

»Genau der Richtige. Und nun zu den persönlichen Angelegenheiten. Ich konnte Sie in meinem Testament nicht berücksichtigen, und Sie sollen wissen, warum.«

»Lieber Ransom, ich habe bis jetzt noch nie an Ihr Testament gedacht.«

»Natürlich nicht. Aber ich würde Ihnen gerne etwas hinterlassen. Ich habe es aus folgendem Grund nicht getan. Ich werde verschwinden. Es ist möglich, dass ich nicht zurückkomme, und in dem Fall wäre ein Mordprozess durchaus denkbar. Wir können also gar nicht vorsichtig genug sein. Um Ihretwillen, meine ich. Und nun zu ein paar privaten Dingen.«

Wir steckten die Köpfe zusammen und redeten lange über Dinge, die man normalerweise mit Verwandten und nicht mit Freunden bespricht. Ich erfuhr sehr viel mehr über Ransom, als ich zuvor gewusst hatte, und die Anzahl merkwürdiger Menschen, die er ›für den Fall, dass ich etwas für sie tun könne‹, meiner Fürsorge empfahl, machte mir Ausmaß und Verschwiegenheit seiner Wohltätigkeit deutlich. Mit jedem Satz schienen die Schatten der bevorstehenden Trennung und eine Art Grabesstimmung drückender auf uns zu lasten. Plötzlich fielen mir alle möglichen liebenswerten kleinen Eigenheiten und Wendungen an Ransom auf, so wie sie uns bei einer geliebten Frau auffallen, bei einem Mann jedoch nur, wenn die letzten Stunden seines Fronturlaubs ablaufen oder das Datum einer möglicherweise lebensgefährlichen Operation näher rückt. Wie wir Menschen nun einmal sind, konnte ich kaum glauben, dass jemand, der jetzt so nahe, so greifbar war und mir (in gewisser Weise) zur Verfügung stand, in wenigen Stunden völlig unerreichbar wäre, nur noch ein Bild – bald sogar nur noch ein flüchtiges – in meiner Erinnerung. Und schließlich kam zwischen uns eine Art Scheu auf, weil jeder wusste, was der andere empfand. Es war sehr kalt geworden.

»Bald geht es los«, sagte Ransom.

»Erst wenn er – der Oyarsa – zurückkommt«, sagte ich, obwohl ich nun, da der Augenblick der Trennung so nahe war, wünschte, es wäre schon vorbei.

»Er hat uns gar nicht verlassen«, sagte Ransom. »Er war die ganze Zeit hier im Haus.«

»Sie meinen, er hat all diese Stunden im Nebenzimmer gewartet?«

»Nicht gewartet. Das kennen sie gar nicht. Sie und ich, wir wissen, dass wir warten, weil wir Körper haben, die müde oder unruhig werden, und darum empfinden wir das Verstreichen der Zeit. Außerdem unterscheiden wir zwischen Pflicht und Freizeit und haben daher den Begriff der Muße. Das ist bei ihm nicht so. Er war die ganze Zeit hier, aber das können Sie ebenso wenig ›Warten‹ nennen, wie Sie seine gesamte Existenz als ›Warten‹ bezeichnen können. Genauso gut könnten Sie sagen, ein Baum warte im Wald, oder das Sonnenlicht warte am Hang eines Berges.« Ransom gähnte. »Ich bin müde«, sagte er, »und Sie sind es auch. Ich werde in meinem Sarg dort gut schlafen. Kommen Sie, wir tragen ihn hinaus.«

Wir gingen ins Nebenzimmer, und ich musste mich vor der gesichtslosen Flamme aufstellen, die nicht wartete, sondern einfach war, und mit Ransom als Übersetzer wurde ich dort gewissermaßen vorgestellt und auf das große Vorhaben eingeschworen. Dann nahmen wir die Verdunkelung ab und ließen den grauen, trostlosen Morgen ein. Gemeinsam trugen wir Sarg und Deckel hinaus, die sich so kalt anfühlten, dass es uns die Finger zu verbrennen schien. Das Gras troff von Nachttau, und meine Schuhe waren sofort durchnässt. Der Eldil war mit uns dort draußen auf dem kleinen Rasenplatz; meine Augen konnten ihn im trüben Tageslicht kaum erkennen. Ransom zeigte mir die Verschlüsse des Deckels und wie er befestigt werden musste; dann standen wir eine Weile verloren herum, bis schließlich der letzte Augenblick kam. Er ging ins Haus und kam nackt wieder zum Vorschein, eine lange, weiße, fröstelnde, müde Vogelscheuche von einem Mann in der bleichen, nasskalten Morgenstunde. Sobald er in die abscheuliche Kiste gestiegen war, musste ich ihm eine dicke

Augenbinde anlegen. Dann legte er sich hin. Ich dachte jetzt nicht an den Planeten Venus und glaubte nicht wirklich, dass ich Ransom jemals wiedersehen würde. Hätte ich es gewagt, so wäre ich von dem ganzen Vorhaben zurückgetreten: Aber das andere Ding – das Wesen, das nicht wartete – war da, und die Furcht vor ihm lastete auf mir. Mit einem Gefühl, das

seitdem oft in Albträumen wiederkehrt, befestigte ich den kalten Deckel über dem lebendigen Mann und trat zurück. Im nächsten Augenblick war ich allein. Ich hatte nicht gesehen, wie er verschwand. Ich ging wieder hinein, und mir wurde übel. Einige Stunden später schloss ich das Haus ab und kehrte nach Oxford zurück.

Die Monate verstrichen, wurden zu einem Jahr und sogar noch etwas mehr. Es gab Bombenangriffe, schlimme Nachrichten und enttäuschte Hoffnungen, und die Erde war voller Finsternis und grausamer Heimsuchungen. Dann kam eines Nachts Oyarsa wieder zu mir. Humphrey und ich mussten in aller Eile aufbrechen, stundenlang in überfüllten Zügen stehen und in frühen Morgenstunden auf zugigen Bahnsteigen warten, bis wir schließlich im klaren Morgensonnenlicht in der kleinen Unkrautwildnis standen, zu der Ransoms Garten inzwischen geworden war, und einen schwarzen Punkt am Himmel sahen; und dann war die Kiste plötzlich beinahe lautlos zwischen uns herabgeglitten. Wir machten uns an die Arbeit, und nach etwa anderthalb Minuten hatten wir den Deckel geöffnet.

»Großer Gott! Ganz zerfetzt!«, rief ich beim ersten Blick ins Innere.

»Moment«, sagte Humphrey. Da begann die Gestalt in dem Sarg sich zu regen und richtete sich auf, wobei sie eine Menge rotes Zeug abschüttelte, das Kopf und Schultern bedeckt hatte und das ich im ersten Augenblick für Fleisch und Blut gehalten hatte. Als es herunterfiel und vom Wind davongetragen wurde, sah ich, dass es Blumen waren. Ransom blinzelte ein wenig, dann rief er uns beim Namen, streckte jedem von uns eine Hand entgegen und stieg heraus ins Gras.

»Wie geht es euch beiden?«, fragte er. »Ihr seht ziemlich mitgenommen aus.«

Ich schwieg einen Augenblick, verblüfft über die Gestalt, die aus diesem engen Gehäuse gestiegen war – beinahe ein neuer Ransom, strahlend vor Gesundheit, mit kräftigen Muskeln und scheinbar zehn Jahre jünger. Früher hatte er bereits ein paar graue Strähnen gehabt; doch nun war der Bart, der ihm bis auf die Brust reichte, wie aus reinem Gold.

»Oh, Sie haben sich in den Fuß geschnitten«, sagte Humphrey. Und dann sah auch ich, dass Ransom an der Ferse blutete.

»Brr, es ist kalt hier unten«, sagte Ransom. »Hoffentlich haben Sie den Boiler angezündet und heißes Wasser gemacht. Und etwas zum Anziehen könnte ich auch gebrauchen.«

»Ja«, sagte ich, während wir ihm ins Haus folgten. »Humphrey hat an alles gedacht. Ich fürchte, mir wäre es nicht eingefallen.«

Ransom verschwand im Badezimmer, ließ die Tür offen und war bald in dichte Dampfwolken gehüllt. Humphrey und ich unterhielten uns mit ihm vom Treppenabsatz aus. Wir stellten ihm so viele Fragen, dass er sie kaum beantworten konnte.

»Die Theorie von Schiaparelli ist ganz falsch«, rief er. »Es gibt dort einen gewöhnlichen Wechsel von Tag und Nacht.« Und: »Nein, meine Ferse tut nicht weh – oder jedenfalls noch nicht lange.« Und: »Danke, irgendwelche alten Sachen. Legen Sie sie einfach auf den Stuhl.« Und: »Nein, danke. Mir ist nicht nach Spiegeleiern und Schinken oder dergleichen. Obst ist nicht da, sagen Sie? Nun, macht nichts. Brot oder Haferbrei oder so etwas.« Und: »In fünf Minuten bin ich fertig.«

Immer wieder fragte er, ob es uns wirklich gut ginge, er meinte wohl, wir sähen krank aus. Ich ging hinunter, um Frühstück zu machen; Humphrey wollte bleiben und die Schnittwunde an Ransoms Ferse untersuchen und verbinden. Als er wieder zu mir kam, betrachtete ich gerade eine der roten Blüten, die in der Kiste gelegen hatten.

»Eine sehr schöne Blume«, sagte ich und reichte sie ihm.

»Ja«, sagte Humphrey und untersuchte sie mit den Händen und Augen eines Naturwissenschaftlers. »Welch außerordentliche Zartheit! Ein Veilchen wirkt daneben wie gemeines Unkraut.«

»Wir könnten ein paar von ihnen in Wasser legen.«

»Hat keinen Zweck. Sehen Sie – sie ist schon verwelkt.«

»Wie finden Sie Ransom?«

»Im Großen und Ganzen scheint er in bester Verfassung. Aber diese Ferse gefällt mir nicht. Er sagt, sie blute schon lange.«

Bald darauf gesellte Ransom sich fertig angezogen zu uns, und ich schenkte Tee ein. Den ganzen Tag und bis tief in die Nacht hinein erzählte er uns die folgende Geschichte.

3 _______

Wie es ist, in einem himmlischen Sarg zu reisen, hat Ransom nie beschrieben. Er sagte, er sei außer Stande dazu. Aber wenn er von ganz anderen Dingen sprach, machte er immer wieder die eine oder andere Andeutung über diese Reise.

Seiner Darstellung zufolge war er nicht im üblichen Sinne bei Bewusstsein, dennoch war es eine sehr deutliche Erfahrung ganz eigener Art. Bei einer anderen Gelegenheit hatte einmal jemand über Lebenserfahrung gesprochen und sich dabei ganz allgemein auf das Umherschweifen in der Welt und das Zusammentreffen mit fremden Menschen bezogen. B., der dabei war (er ist Anthroposoph), sagte etwas, an das ich mich nicht genau erinnern kann, in dem der Ausdruck ›Lebenserfahrung‹ aber eine ganz andere Bedeutung hatte. Ich glaube, er bezog sich auf eine Art der Meditation, die den Anspruch erhob, »die Gestalt des Lebens selbst« erfahrbar, dem inneren Auge sichtbar zu machen. Jedenfalls musste Ransom sich einem langen Kreuzverhör aussetzen, da er durchblicken ließ, dass er mit diesem Ausdruck eine ganz genaue Vorstellung verband. Als wir in ihn drangen, ging er sogar so weit, zu sagen, das Leben sei ihm in diesem Zustand als eine ›farbige Form‹ erschienen. Nach der Art der Farbe gefragt, sah er uns verwundert an und konnte nur sagen: »Welche Farben! Ja, welche Farben!« Aber dann machte er alles wieder zunichte, indem er hinzufügte: »Natürlich war es in Wirklichkeit gar keine Farbe. Ich meine, nicht, was wir Farbe nennen würden«, und an dem Abend keinen Ton mehr sagte. Eine andere Andeutung machte er, als ein skeptischer Freund namens McPhee Einwände gegen die christliche Doktrin von der Auferstehung des Fleisches vorbrachte. Zuerst war ich das Opfer McPhees gewesen, und er bedrängte mich in seiner schottischen Art mit Fragen wie: »Sie glauben also, Sie wer-den für ewige Zeiten Gedärme und Gaumen in einer Welt haben, in der es nichts zu essen gibt, und Geschlechtsorgane in einer Welt, in der niemand sich paart? Na, viel Vergnügen!« Da platzte Ransom plötzlich in großer Erregung heraus: »Sehen Sie denn nicht, Sie Esel, dass es einen Unterschied zwischen einem übersinnlichen und einem nichtsinnlichen Leben gibt?« Damit lenkte er natürlich McPhees Pfeile auf sich selbst. Schließlich kam heraus, dass Ransom zufolge die gegenwärtigen Funktionen und Triebe des Körpers verschwinden würden, nicht etwa, weil sie verkümmerten, sondern weil sie, wie er es ausdrückte, »überflutet« würden. Ich erinnere mich, dass er das Wort »übergeschlechtlich« gebrauchte und nach einer entsprechenden Bezeichnung für das Essen suchte (nachdem er das Wort »transgastronomisch« verworfen hatte); und da er nicht der einzige Philologe im Kreise war, geriet das Gespräch in andere Bahnen. Aber ich bin ziemlich sicher, dass er an eine Erfahrung dachte, die er auf seiner Reise zur Venus gemacht hatte. Die geheimnisvollste Äußerung, die er vielleicht je zu diesem Thema gemacht hat, war Folgende. Ich hatte ihm Fragen dazu gestellt – was er nur selten zuließ – und unbedachterweise gesagt: »Natürlich sehe ich ein, dass das alles viel zu unbestimmt ist, als dass Sie es in Worte fassen könnten.« Ziemlich scharf für einen so geduldigen Mann unterbrach er mich: »Ganz im Gegenteil, die Worte sind unbestimmt. Es lässt sich nicht ausdrücken, weil es zu eindeutig für die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache ist.« Und das ist auch schon alles, was ich über seine Reise berichten kann. Sicher ist jedenfalls, dass diese Reise ihn noch mehr verändert hat als die zum Mars. Aber das kann natürlich an dem liegen, was ihm nach seiner Landung dort widerfuhr.

Von dieser Landung will ich nun, so wie Ransom sie mir geschildert hat, berichten. Aus seinem himmlischen Dämmerzustand geweckt (wenn das der richtige Ausdruck ist) wurde er offenbar durch das Gefühl des Fallens – mit anderen Worten, als er der Venus nahe genug war, um sie als unter ihm liegend zu empfinden. Als Nächstes merkte er, dass seine eine Seite sehr warm und die andere sehr kalt war, doch keine der beiden Empfindungen war so stark, dass sie schmerzhaft gewesen wäre. Beide gingen ohnedies bald in einer Flut von weißem Licht unter, das jetzt von unten durch die halb durchsichtigen Wände des Behälters drang. Das Licht wurde immer stärker und blendete Ransom, obwohl seine Augen geschützt waren. Offenbar handelte es sich um die Albedo, den äußeren, die Sonnenstrahlen stark reflektierenden Bereich der sehr dichten Venusatmosphäre. Aus irgendeinem Grund war er sich – anders als bei seiner Landung auf dem Mars – seines rasch zunehmenden Gewichtes nicht bewusst. Als das weiße Licht nahezu unerträglich geworden war, verschwand es plötzlich ganz, und bald danach ließen die Kälte an seiner linken Seite und die Hitze an seiner rechten nach und machten einer gleichmäßigen Wärme Platz. Vermutlich war er nun in die äußeren Schichten der perelandrischen Atmosphäre eingedrungen – zuerst in ein blasses, dann in ein farbiges Zwielicht. Soweit er durch die Wände seines Behälters erkennen konnte, herrschten goldene oder kupferfarbene Töne vor. Inzwischen musste er der Oberfläche des Planeten sehr nahe sein, wobei der Behälter sich offenbar im rechten Winkel zu dieser Oberfläche befand und er mit den Füßen voran herabsank, wie in einem Aufzug. Das Gefühl zu fallen – hilflos und unfähig, die Arme zu bewegen – wurde beängstigend. Dann tauchte er plötzlich in eine große grüne Dunkelheit ein, erfüllt von unbestimmbaren Geräuschen – der ersten Botschaft aus der neuen Welt –, und zugleich wurde es spürbar kühler. Er schien sich jetzt in einer horizontalen Lage zu befinden und sich zu seiner großen Überraschung nicht abwärts, sondern aufwärts zu bewegen. Doch zuerst hielt er dies für eine Sinnestäuschung. Die ganze Zeit über musste er unbewusst schwache Versuche gemacht haben, Arme und Beine zu bewegen, denn plötzlich merkte er, dass die Seitenwände seines Gefängnisses auf Druck nachgaben. Er konnte seine Glieder bewegen, jedoch behindert von einer zähflüssigen Substanz. Wo war der Sarg? Seine Eindrücke waren sehr verworren. Bald schien er zu fallen, bald emporzufliegen, dann sich wieder in der Waagerechten fortzubewegen. Die zähflüssige Substanz war weiß. Sie schien mit jedem Augenblick weniger zu werden – weißes, wolkiges Zeug, genau wie das Material des Sargs, nur nicht fest. In jähem Schrecken begriff er, dass es tatsächlich der Sarg war; er schmolz, löste sich auf, machte einem unbeschreiblichen Durcheinander von Farben Platz, einer üppigen, bunten Welt, in der einstweilen nichts greifbar erschien. Jetzt war von dem Behälter nichts mehr da. Ransom war frei – ausgesetzt – allein. Er war auf Perelandra.

Zuerst hatte er nur den undeutlichen Eindruck einer Schräge – so als betrachte er eine Aufnahme, bei der der Fotograf die Kamera nicht gerade gehalten hatte. Doch das dauerte nur einen Augenblick. Die Schräge wich einer anderen Schräge; dann rasten zwei Schrägen aufeinander zu und bildeten eine Spitze, die Spitze flachte plötzlich zu einer horizontalen Linie ab, und die horizontale Linie kippte und wurde zum Rand eines unermesslichen, glänzenden Abhangs, der wild auf ihn zustürmte. Im gleichen Moment fühlte er, wie er emporgehoben wurde, immer höher und höher, bis er meinte, nach der flammenden goldenen Kuppel greifen zu können, die an Stelle eines Himmels über ihm hing. Dann war er auf einem Gipfel; aber noch ehe sein Blick das riesige Tal erfasst hatte,

das – leuchtend grün wie Glas und mit schaumig weißen Streifen marmoriert – unter ihm gähnte, sauste er mit vielleicht dreißig Meilen pro Stunde in dieses Tal hinab. Und nun merkte er, dass köstliche Kühle seinen Körper bis zum Hals umgab, dass er keinen Boden unter den Füßen spürte und dass er seit einiger Zeit unbewusst Schwimmbewegungen gemacht hatte. Er trieb auf den Wellen eines Ozeans, frisch und kühl nach den heißen Temperaturen des Himmels, aber für irdische Begriffe warm – warm wie das seichte Wasser einer sandigen Bucht in einer subtropischen Gegend. Als er sanft den breiten, gewölbten Abhang der nächsten Welle hinaufglitt, schluckte er einen Mund voll Wasser. Es schmeckte kaum salzig. Man konnte es trinken – wie Süßwasser, nur eine winzige Spur weniger schal. Obgleich er bisher keinen Durst verspürt hatte, verschaffte der Trunk ihm einen überraschenden Genuss. Es war beinahe, als begegne er zum ersten Mal dem Genuss selbst. Er tauchte sein gerötetes Gesicht in die grüne Durchsichtigkeit, und als er aufblickte, fand er sich wieder auf dem Kamm einer Woge.

Land war nicht in Sicht. Der Himmel war flach und golden wie der Hintergrund eines mittelalterlichen Gemäldes. Er wirkte sehr fern – so fern wie feine Schäfchenwolken vom Erdboden aus. Auch der Ozean war hier auf offener See golden und mit unzähligen Schatten übersät. Die Wellen in Ransoms Nähe waren golden, wo ihre Kämme das Licht auffingen, und an den Flanken grün: oben smaragdgrün und weiter unten von einem leuchtenden Flaschengrün, das sich im Schatten anderer Wellen zu Blau vertiefte.

All dies schoss wie ein Blitz an Ransoms Augen vorbei; dann sauste er abermals in ein Wellental hinab. Irgendwie hatte er sich auf den Rücken gedreht und sah nun das goldene Dach dieser Welt, auf dem hellere Lichter hin und her huschten, so wie Lichtreflexe an einer Badezimmerdecke, wenn man an einem Sommermorgen in die Wanne steigt. Das war wohl die Spiegelung der Wellen, in denen er schwamm. Diese Erscheinung ist auf dem Planeten der Liebe an drei von fünf Tagen zu sehen. Die Königin dieser Meere sieht sich ständig in einem himmlischen Spiegel.

Wieder hinauf auf den Kamm, und noch immer kein Land in Sicht. Weit zu seiner Linken etwas, das wie Wolken aussah – oder konnten es Schiffe sein? Und wieder hinunter, weiter und weiter … Es schien kein Ende nehmen zu wollen. Jetzt fiel ihm auf, wie gedämpft das Licht war. Zu diesem Schwelgen im lauen Wasser – diesem für irdische Begriffe köstlichen Baden – schien eigentlich eine brennende Sonne zu gehören. Aber hier gab es nichts dergleichen. Das Wasser glänzte, der Himmel loderte in Goldtönen, alles war prächtig, aber gedämpft, und seine Augen weideten sich daran, ohne geblendet zu werden oder zu schmerzen. Schon die Farben Grün und Gold, mit denen er notgedrungen den Schauplatz beschrieb, waren zu grell für diese zarte, leicht schillernde, diese warme, mütterliche, wohlige, herrliche Welt. Sie war sanft wie der Abend, warm wie ein Sommertag, freundlich und gewinnend wie die frühe Morgendämmerung, eine einzige Wohltat. Er seufzte.

Vor ihm erhob sich jetzt eine Woge so hoch, dass er erschrak. Auf unserer Welt sprechen wir oft leichthin von Wellenbergen, wenn sie in Wirklichkeit nicht viel höher als ein Schiffsmast sind. Aber hier traf der Ausdruck zu. Wäre das mächtige Gebilde nicht aus Wasser gewesen, sondern ein Berg auf festem Land, so hätte er sicher einen ganzen Vormittag oder länger gebraucht, um den Gipfel zu erreichen. Die Riesenwelle riss ihn jetzt mit sich und schleuderte ihn innerhalb von Sekunden zum Kamm empor. Doch bevor er ihn ganz erreicht hatte, hätte er vor Schreck beinahe aufgeschrien. Denn diese Welle hatte keinen weichen, glatten Kamm wie die anderen. Ein furchtbarer Grat kam zum Vorschein; gezackte und wogende, fantastische Formen von unnatürlichem, nicht einmal flüssigem Aussehen ragten aus dem Wellenkamm hervor. Felsen? Schaum? Seeungeheuer? Kaum war ihm die Frage durch den Kopf geschossen, als das Ding auch schon über ihm war. Unwillkürlich schloss er die Augen. Dann wurde er wieder hinabgerissen. Was immer es war, es war an ihm vorbeigerauscht. Aber es war etwas gewesen, denn er war ins Gesicht geschlagen worden. Er befühlte es mit den Händen, fand aber kein Blut. Er war von etwas Weichem getroffen worden, das ihn nicht verletzt hatte und nur durch die Wucht des Aufpralls wie ein Peitschenschlag brannte. Er drehte sich wieder auf den Rücken und wurde dabei erneut tausende von Fuß zum nächsten Wellenkamm emporgehoben. Weit unter sich, in einem tiefen, momentanen Tal, sah er das Ding, mit dem er beinahe zusammengestoßen wäre. Es war unregelmäßig geformt mit vielen Vorsprüngen und Einbuchtungen und bunt wie ein Flickenteppich – feuerrot, ultramarin, blutrot, orange, ockergelb und violett. Mehr konnte er nicht sagen, denn er erhaschte nur einen flüchtigen Blick darauf. Was immer es war, es trieb auf dem Wasser, denn es glitt die Flanke der Welle gegenüber hinauf und über den Kamm außer Sicht. Es lag wie eine Haut auf dem Wasser und passte sich dessen Bewegungen an. Auf dem Kamm nahm es die Form der Welle an, sodass einen Augenblick lang die eine Hälfte schon auf der anderen Seite und nicht mehr zu sehen war, während sich die andere noch auf der diesseitigen Flanke befand. Das Ding verhielt sich ähnlich wie eine Schilfmatte auf einem Fluss, die jede Bewegung der kleinen, von einem vorbeirudernden Boot erzeugten Wellen mitmacht – nur in einem ganz anderen Maßstab. Das Ding hier mochte eine Fläche von dreißig Hektar oder mehr haben.

Worte sind umständlich. Man darf nicht vergessen, dass Ransom gerade erst fünf Minuten auf der Venus zugebracht hatte. Er war nicht im Mindesten müde und machte sich auch keine ernsthaften Sorgen, ob er in einer solchen Welt überleben könne. Er vertraute auf die, die ihn hergeschickt hatten, und einstweilen waren die Kühle des Wassers und die Bewegungsfreiheit seiner Glieder noch neu und angenehm. Bedeutsamer aber war etwas anderes, das ich bereits angedeutet habe und das sich kaum in Worte fassen lässt – das seltsame Gefühl eines übermäßigen Genusses, das ihm alle seine Sinne gleichzeitig zu vermitteln schienen. Ich verwende das Wort »übermäßig«, weil Ransom selbst die Empfindung nur so beschreiben konnte. Verfolgt wurde er in den ersten paar Tagen auf Perelandra nicht von einem Schuldgefühl, sondern von der Überraschung darüber, dass er ein solches nicht verspürte.

Allein die Tatsache, lebendig zu sein, war ein so außerordentlich süßes und überschwängliches Gefühl, wie das Menschengeschlecht es meist mit Verboten und Ausschweifungen in Verbindung bringt. Doch es war auch eine heftige Welt. Kaum hatte er das treibende Ding aus den Augen verloren, als er von unerträglich grellem Licht geblendet wurde. Eine gleichmäßige, bläulich-violette Beleuchtung ließ den goldenen Himmel vergleichsweise dunkel erscheinen und enthüllte für wenige Augenblicke mehr von dem Planeten, als Ransom bisher gesehen hatte. Vor ihm erstreckte sich eine grenzenlose Wasserwüste, und in weiter Ferne, am Ende der Welt, erhob sich vor dem Himmel eine glatte Säule aus geisterhaftem Grün, das einzig Feste und Senkrechte in dieser Welt der gleitenden, sich verlagernden Ebenen. Dann kehrte das prächtige Zwielicht zurück (das ihm nun beinahe als Dunkelheit erschien), und er hörte Donner. Doch dieser hörte sich anders an als irdischer Donner, hallte länger nach, und in der Ferne schwang sogar eine Art Klingen mit. Der Himmel schien eher zu lachen als zu toben. Ein weiterer Blitz folgte, und noch einer, und dann war der Gewittersturm über ihm. Riesige, purpurne Wolken trieben zwischen ihm und dem goldenen Himmel, und ohne jedes Vorzeichen ging plötzlich ein Regen nieder, wie er ihn nie zuvor erlebt hatte. Es gab nicht einmal Tropfen; das Wasser über ihm schien nur etwas weniger dicht zu sein als das des Meeres, und er hatte Mühe zu atmen. Ein Blitz jagte den anderen. Wenn er zwischen zweien von ihnen über den Ozean blickte, sah er in jeder Richtung – außer da, wo sich die Wolken befanden – eine völlig veränderte Welt. Es war, als befände er sich im Mittelpunkt eines Regenbogens oder in einer Wolke aus vielfarbigem Dampf. Das Wasser, das nun die Luft erfüllte, verwandelte Himmel und Meer in ein Gewirr von farbenprächtigen, tanzenden Leuchtbildern. Ransom war geblendet und verspürte zum ersten Mal ein wenig Angst. Im Licht der Blitze sah er wie zuvor nur die endlose See und die unbewegliche grüne Säule am Ende der Welt. Nirgends Land – von einem Horizont zum anderen keine Spur eines Ufers.

Der Donner war ohrenbetäubend, und Ransom bekam kaum genug Luft. Alle möglichen Dinge schienen mit dem Regen herunterzukommen – anscheinend Lebewesen. Sie sahen wie seltsam luftige und anmutige, gewissermaßen veredelte Frösche aus und schillerten wie Libellen, aber er war nicht in der Lage, genauere Beobachtungen anzustellen. Er spürte jetzt die ersten Anzeichen von Müdigkeit, und von der Farborgie in der Atmosphäre war ihm ganz wirr im Kopf.

Wie lang dies alles dauerte, konnte er nicht sagen, aber das Nächste, was er deutlich wahrnahm, war, dass der Seegang nachließ. Er hatte den Eindruck, sich am Rand eines Wassergebirges zu befinden und in tiefer gelegenes Land hinabzublicken. Lange kam er nicht in dieses Tiefland hinunter; was im Vergleich mit den Wellen, die er bei seiner Ankunft erlebt hatte, wie ruhiges Wasser aussah, erwies sich als eine nur geringfügig niedrigere Dünung, sobald er hineingeriet. Es schien hier viele von den großen treibenden Dingern zu geben. Aus der Ferne wirkten sie wie ein Archipel, doch wenn er näher kam und sie auf den noch immer hohen Wogen reiten sah, glichen sie eher einer Flotte. Schließlich aber gab es keinen Zweifel mehr, dass der Seegang nachließ. Der Regen hörte auf, und die Wellen erreichten nur noch atlantische Höhen. Die Regenbogenfarben verblassten und wurden zusehends durchsichtiger. Der goldene Himmel schien, schwach zuerst, hinter ihnen durch und breitete sich dann schließlich wieder von Horizont zu Horizont aus. Der Seegang ließ weiter nach. Ransom atmete freier, aber nun war er wirklich erschöpft und begann, sich Sorgen zu machen.

Eines der großen treibenden Dinger glitt nur wenige hundert Schritt entfernt eine Welle hinab. Ransom betrachtete es gespannt und überlegte, ob er wohl darauf steigen und sich dort ausruhen könnte. Er hatte die Befürchtung, dass es lediglich Teppiche aus Wasserpflanzen oder die obersten Äste unterseeischer Wälder waren, unfähig, ihn zu tragen. Aber während er dies dachte, wurde das Ding von der Dünung emporgehoben und geriet zwischen ihn und den Himmel. Es war nicht flach. Von seiner bräunlich gelben Oberfläche erhob sich eine Reihe gefiederter und wogender Gebilde von unterschiedlicher Höhe dunkel vor dem mattgoldenen Glanz des Himmelsgewölbes. Dann, als das Ding, das sie trug, über den Wellenkamm glitt, kippte alles auf eine Seite und war nicht mehr zu sehen. Aber da, keine dreißig Meter entfernt, glitt ein anderes zu ihm herab. Er schwamm darauf zu und merkte, wie matt und lahm seine Arme waren, und zum ersten Mal packte ihn wirkliche Angst. Als er sich dem Ding näherte, sah er, dass sein Rand unzweifelhaft aus Pflanzen bestand; es zog nämlich einen dunkelroten Saum aus Röhren, Ranken und Blasen hinter sich her. Ransom griff danach, doch er war noch nicht nahe genug. Er schwamm verzweifelt, denn die Insel glitt mit einer Geschwindigkeit von etwa zehn Meilen an ihm vorbei. Er griff wieder zu und bekam eine Hand voll peitschenartiger roter Ranken zu fassen, doch sie entglitten ihm wieder und zerschnitten ihm fast die Haut. Dann warf er sich mitten hinein und versuchte wie wild, irgendetwas zu packen. Eine Sekunde lang war er in einer Art Pflanzenbrühe aus blubbernden Röhren und platzenden Blasen; dann griff seine Hand etwas Festeres, etwas wie sehr weiches Holz. Schließlich lag er völlig außer Atem und mit aufgeschlagenem Knie bäuchlings auf einer festen Oberfläche. Er zog sich noch ein kleines Stückchen weiter. Ja – kein Zweifel: man brach nicht ein; es war etwas, worauf man liegen konnte.

Anscheinend war er sehr lange auf dem Bauch liegen geblieben, ohne etwas zu tun oder zu denken. Als er seine Umgebung wieder wahrnahm, war er jedenfalls ausgeruht. Als Erstes entdeckte er, dass er auf einer trockenen Oberfläche lag, die bei näherer Betrachtung und abgesehen von der kupferfarbenen Tönung eine gewisse Ähnlichkeit mit Heidekraut hatte. Als er mit den Fingern ein wenig darin wühlte, stieß er auf etwas, das wie trockene Erde zerbröckelte. Doch davon gab es nur sehr wenig, denn gleich darunter lag eine Schicht aus zähen, ineinander verflochtenen Fasern. Dann rollte er sich auf den Rücken und merkte, dass die Oberfläche, auf der er lag, außerordentlich elastisch war. Es war nicht nur die federnde, heideartige Vegetation; Ransom hatte den Eindruck, als sei die ganze schwimmende Insel unter dieser Vegetation eine Art Matratze. Er wandte sich um, sozusagen landeinwärts, und einen Augenblick lang glaubte er, festes Land zu sehen. Er blickte ein langes, einsames Tal hinauf, dessen kupferfarbener Grund zu beiden Seiten von sanften, mit vielfarbigen Wäldern bestandenen Hängen gesäumt war. Aber noch während er dieses Bild in sich aufnahm, wurde das Tal zu einem langen, kupferfarbenen Höhenrücken, von dem die Wälder sich nach beiden Seiten abwärts senkten. Natürlich hätte er damit rechnen müssen, aber er sagte, ihm sei vor Schrecken beinahe übel geworden. Das Ganze hatte auf den ersten Blick wie eine wirkliche Landschaft ausgesehen, und er hatte vergessen, dass er sich auf einer schwimmenden Insel befand – einer Insel mit Hügeln und Tälern, wenn man so will, aber Hügeln und Tälern, die ständig ihre Plätze wechselten, sodass man eine Art Landkarte nur mithilfe eines Kinematographen hätte erstellen können. Und eben das ist die Eigenart der schwimmenden Inseln von Perelandra. Auf einer Schwarzweißphotographie, die die Farben und ständigen Formveränderungen nicht wiedergibt, sähen sie unseren irdischen Landschaften täuschend ähnlich, aber die Wirklichkeit ist ganz anders; denn sie sind zwar trocken und fruchtbar wie festes Land, aber sie haben die unbeständige Form des Wassers, auf dem sie treiben. Doch dem Anschein war schwer zu widerstehen. Mit seinem Verstand hatte Ransom zwar begriffen, was geschah, nicht aber mit seinen Muskeln und Nerven. Er stand auf, um ein paar Schritte landeinwärts zu gehen – bergab, wie es schien, als er aufstand –, und fiel sofort vornüber aufs Gesicht; das Kraut war so weich, dass er sich nicht verletzte. Er rappelte sich wieder auf, sah, dass er nun einen Steilhang hochsteigen musste – und fiel ein zweites Mal. Die Anspannung, die seit seiner Ankunft nicht von ihm gewichen war, löste sich wohltuend in einem leisen Lachen. Kichernd wie ein Schuljunge wälzte er sich auf der weichen, duftenden Oberfläche hin und her.

Das ging vorüber. Und dann brachte er sich während der nächsten ein oder zwei Stunden erst einmal das Gehen bei. Es war viel schwieriger, als sich auf einem Schiff fortzubewegen, denn ob die See stürmisch ist oder ruhig, das Schiffsdeck bleibt eine ebene Fläche. Aber dies war, als lerne er auf Wasser zu gehen. Er brauchte mehrere Stunden, um vom Rand oder der Küste der schwimmenden Insel hundert Schritt landeinwärts zu gehen; und er war stolz, als er fünf Schritte gehen konnte, ohne zu fallen – mit ausgestreckten Armen und tief in den Knien, um die plötzlichen Veränderungen auszugleichen; sein ganzer Körper war angespannt und schwankte, so als würde er Seiltanzen lernen. Vielleicht hätte er schneller gelernt, wenn er nicht so weich gefallen wäre, wenn es nicht so angenehm gewesen wäre, nach einem Fall still liegen zu bleiben, zum goldenen Himmel aufzublicken, dem leisen, gleichmäßigen Rauschen des Meeres zu lauschen und den eigenartigen, köstlichen Duft der Kräuter zu atmen. Und es war höchst eigenartig, nachdem er Hals über Kopf in eine Mulde gepurzelt war, die Augen zu öffnen und sich unvermittelt auf der höchsten Erhebung der Insel wieder zu finden, von wo man wie Robinson Crusoe nach allen Seiten bis zur Küste blicken konnte. Man musste einfach ein wenig sitzen bleiben und den Ausblick genießen – und wieder innehalten, denn kaum schickte man sich an aufzustehen, waren Berg und Tal verschwunden, und die ganze Insel war eine ebene Fläche.

Endlich erreichte er den bewaldeten Teil. Dort gab es eine Art Unterholz mit gefiederter Vegetation, die ungefähr die Höhe von Stachelbeerbüschen und die Farbe von Seeanemonen hatte. Darüber erhoben sich die höheren Gewächse; seltsame Bäume mit grauen und purpurnen Röhrenstämmen breiteten mächtige Baldachine über ihn, in denen orangene, silbrige und blaue Farbtöne vorherrschten. Mithilfe der Baumstämme konnte er sich jetzt leichter auf den Füßen halten. Die Düfte in diesem Wald hätte er sich nicht einmal im Traume vorstellen können. Es wäre irreführend zu sagen, sie hätten ihn hungrig oder durstig gemacht; sie weckten in ihm beinahe eine neue Art von Hunger und Durst, ein Verlangen, das vom Körper in die Seele zu fließen schien und das einfach himmlisch war. Immer wieder blieb er stehen, hielt sich an einem Ast fest, um nicht zu fallen, und atmete die Düfte ein, als ob das Atmen eine Art Ritus geworden wäre. Und zugleich bot die Waldlandschaft die wechselnden Kulissen von einem halben Dutzend Erdenlandschaften – bald ebenen Wald mit Bäumen so senkrecht wie Türme, bald einen tiefen Talgrund, in dem man einen Bach erwartet hätte, bald eine bewaldete Bergflanke und dann wieder eine Hügelkuppe, von der man durch schräg stehende Stämme die ferne See erblicken konnte. Bis auf die nicht organischen Geräusche der Wellen herrschte völlige Stille. Er empfand seine Einsamkeit jetzt sehr stark, aber keineswegs schmerzlich – es fügte den unirdischen Genüssen, die ihn umgaben, nur einen Hauch von Wildheit hinzu. Wenn er jetzt noch irgendeine Angst verspürte, dann die leise Befürchtung, sein Verstand könne in Gefahr sein. Perelandra hatte etwas, das vielleicht zu viel für ein menschliches Gehirn war.

Inzwischen war er zu einem Teil des Waldes gekommen, in dem große, kugelförmige gelbe Früchte von den Bäumen hingen – in Trauben, wie Luftballons eines Jahrmarkthändlers und ungefähr von der gleichen Größe. Er pflückte eine von ihnen und drehte sie hin und her. Die Schale war glatt und fest und schien sich nicht aufbrechen zu lassen. Dann stieß er zufällig mit einem Finger hinein und spürte etwas Kühles. Nach kurzem Zögern setzte er die kleine Öffnung an die Lippen. Er hatte nur einen winzigen Schluck probieren wollen, aber der Geschmack ließ ihn alle Vorsicht vergessen. Es war natürlich ein Geschmack, genauso wie sein Durst Durst und sein Hunger Hunger gewesen waren. Aber er unterschied sich so sehr von jedem anderen Geschmack, dass es beinahe Pedanterie gewesen wäre, überhaupt von Geschmack zu sprechen. Es war wie die Entdeckung einer völlig neuen Art von Genüssen, etwas Unerhörtes, Unvorstellbares, beinahe Unschickliches. Für eine einzige dieser Früchte wären auf Erden Kriege entfesselt und Völker verraten worden. Der Geschmack war nicht einzuordnen. Nach seiner Rückkehr auf die Welt der Menschen konnte Ransom uns nie sagen, ob er scharf oder mild, würzig oder süß, weich oder herb gewesen war. »Nein, so nicht«, war alles, was er auf solche Fragen antworten konnte. Er ließ die leere Schale fallen und wollte gerade eine zweite Frucht pflücken, als ihm bewusst wurde, dass er weder Hunger noch Durst hatte. Dennoch erschien es ihm das Nächstliegende, einen so herrlichen und beinahe geistigen Genuss erneut zu kosten. Sein Verstand, oder was wir in unserer Welt gewöhnlich für Verstand halten, war ganz dafür, dieses Wunder noch einmal zu erleben: der kindlich unschuldige Genuss einer Frucht, die Anstrengungen, die er hinter sich hatte, die Ungewissheit der Zukunft, alles schien dafür zu sprechen. Aber irgendetwas in ihm widersetzte sich dieser Vernunft. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass dieses Widerstreben dem Verlangen entsprang, denn welches Verlangen würde schon von solch einer Köstlichkeit ablassen? Aber wie auch immer, es schien ihm besser, nicht noch einmal zu kosten. Vielleicht war die Erfahrung so vollkommen gewesen, dass eine Wiederholung sie entweiht hätte – so als wollte man an einem Tag zweimal dieselbe Symphonie hören.

Während er darüber nachdachte und überlegte, wie oft er sich – nicht auf Grund eines Verlangens, sondern gegen sein Verlangen und einem falschen Rationalismus gehorchend – auf der Erde immer wieder dieselben Genüsse verschafft hatte, merkte er, wie sich das Licht allmählich veränderte. Hinter ihm war es dunkler als zuvor, und vor ihm schimmerten Himmel und Meer mit einer neuen Intensität durch den Wald. Auf der Erde hätte er nicht mehr als eine Minute gebraucht, um den Wald zu verlassen; auf dieser schwankenden Insel brauchte er viel länger, und als er schließlich heraustrat, bot sich ihm ein außerordentliches Schauspiel. Den ganzen Tag hatte es an keinem Punkt des goldenen Himmels irgendeine Verände-rung gegeben, die auf den Sonnenstand hätte schließen lassen; jetzt aber zeigte der halbe Himmel ihn an. Die Sonnenscheibe selbst blieb unsichtbar, doch auf dem Seehorizont ruhte ein Bogen von so strahlendem Grün, dass er nicht hinsehen konnte; darüber breitete sich fast bis zum Zenit wie das Rad eines Pfaus ein gewaltiger Farbenfächer aus. Als Ransom sich umblickte, sah er, dass die ganze Insel in leuchtendes Blau getaucht war und dass sich über sie und fast bis ans Ende jener Welt sein eigener riesengroßer Schatten erstreckte. Die See, die jetzt viel ruhiger war, als er sie bisher gesehen hatte, dampfte in mächtigen blauen und purpurnen Schwaden zum Himmel empor, und eine milde, angenehme Brise spielte mit seinem Stirnhaar. Der Tag verglühte. Von Minute zu Minute wurde das Wasser ruhiger; Ransom spürte, wie die Stille immer tiefer wurde. Er setzte sich mit übereinander geschlagenen Beinen am Ufer der Insel nieder, der einsame Herrscher, wie es schien, über all diese Feierlichkeit. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, er könnte auf eine unbewohnte Welt geschickt worden sein, und der Schrecken darüber verlieh den verschwenderischen Genüssen einen bitteren Beigeschmack.

Wieder überraschte ihn ein Phänomen, das er hätte voraussehen können. Nackt zu sein und dennoch nicht zu frieren, zwischen köstlichen Fruchtbäumen zu wandeln und in duftendem Heidekraut zu liegen – dies alles hatte in ihm die Vorstellung vom warmen Halbdunkel einer Mittsommernacht geweckt. Aber noch ehe die großartigen, geheimnisvollen Farben im Westen erloschen waren, war der Himmel im Osten bereits schwarz. Nach wenigen Minuten hatte die Schwärze auch den westlichen Horizont erreicht. Im Zenit hielt sich noch eine Weile ein schwacher rötlicher Schimmer, in dessen Licht Ransom in den Wald zurückkroch. Man konnte buchstäblich »nicht mehr die Hand vor Augen sehen«. Und noch bevor er sich unter den Bäumen niedergelegt hatte, war es wirklich Nacht geworden – eine nahtlose Finsternis, nicht wie in der Nacht, sondern wie in einem Kohlenkeller. Absolute Schwärze, unermesslich und undurchdringlich, lastete auf seinen Augen. Es gibt keinen Mond in jenem Land, kein Sternenlicht dringt durch das goldene Dach. Aber die Finsternis war warm, und neue süße Düfte stahlen sich daraus hervor. Die Welt hatte jetzt keine Ausdehnung mehr; ihre Grenzen waren die Länge und Breite seines eigenen Körpers und der Flecken des weichen, duftenden Krauts, auf dem er wie in einer Hängematte sanft hin und her schaukelte. Die Nacht hüllte ihn wie eine Decke ein und hielt alle Einsamkeit fern. Diese Schwärze hätte auch in seinem eigenen Zimmer sein können. Der Schlaf kam wie eine Frucht, die einem in die Hand fällt, kaum dass man ihren Stiel berührt hat.

4 _______

Beim Erwachen widerfuhr Ransom etwas, das vielleicht nur jemand erlebt, der seine eigene Welt verlassen hat: Er sah die Wirklichkeit und hielt sie für einen Traum. Er schlug die Augen auf und erblickte einen seltsam heraldisch gefärbten Baum mit gelben Früchten und silbrigem Laub. Um den unteren Teil des indigoblauen Stammes ringelte sich ein kleiner Drache mit rotgoldenen Schuppen. Sofort erkannte er den Garten der Hesperiden. »So einen deutlichen Traum habe ich noch nie gehabt«, dachte er. Irgendwie merkte er dann, dass er wach war; aber sowohl den Schlaf, der ihn gerade verlassen hatte, als auch die Erfahrung nach dem Erwachen erlebte er in einer Art Trance und empfand sie als so angenehm, dass er reglos liegen blieb. Er erinnerte sich, wie er auf jener ganz anderen Welt namens Malakandra – einer kalten und archaischen Welt, wie ihm jetzt schien – dem Urbild der

Zyklopen begegnet war, einem Riesen, der in einer Höhle hauste und Hirt war. War am Ende alles, was auf Erden Mythologie war, auf anderen Welten Wirklichkeit? Dann erst fiel ihm wieder ein, dass er auf einem unbekannten Planeten war, nackt und allein, und dass dieses Tier gefährlich sein könnte. Aber er hatte keine große Angst. Er wusste, dass die Angriffslust irdischer Tiere im Kosmos eher die Ausnahme war, und seltsamere Geschöpfe als dieses hier waren ihm wohlgesonnen gewesen. So blieb er noch eine Weile liegen und beobachtete es. Es war eine Art Echse, groß wie ein Bernhardiner, und hatte einen gezackten Rückenkamm. Seine Augen waren offen.

Nach einer Weile richtete er sich ein wenig auf und stützte sich auf einen Ellbogen. Das Tier schaute ihn unverwandt an. Die Insel war jetzt völlig eben. Er setzte sich auf und sah durch die Baumstämme, dass die Insel in ruhigem Wasser trieb. Die See sah wie vergoldetes Glas aus. Wieder beobachtete er den Drachen. Konnte dies ein intelligentes Lebewesen sein – ein Hnau, wie man auf Malakandra sagte –, und war er vielleicht hergeschickt worden, um mit diesem Geschöpf zusammenzutreffen? Es sah nicht danach aus, aber er konnte ja einen Versuch machen. Er bildete einen ersten Satz auf Alt-Solarisch, und seine eigene Stimme kam ihm fremd und ungewohnt vor.

»Fremder«, sagte er, »ich bin von den Dienern Maleldils durch den Himmel zu deiner Welt geschickt worden. Heißt du mich willkommen?«

Das Tier blickte ihn sehr fest und vielleicht sehr weise an. Dann schloss es die Augen. Kein viel versprechender Anfang. Ransom schickte sich an aufzustehen, und die Echse schlug die Augen wieder auf. Er stand da und sah sie an, ungewiss, was er als Nächstes tun sollte. Nach einer Weile sah er, dass das Tier sich langsam entrollte. Es kostete ihn große Willenskraft, stehen zu bleiben; ob das Geschöpf vernunftbegabt war oder nicht, mit Flucht war auf Dauer nichts gewonnen. Der Drache löste sich vom Baum, schüttelte sich und breitete zwei schimmernde Reptilienflügel aus – bläulich, golden und fledermausähnlich. Nachdem er sie geschwungen und wieder angelegt hatte, ließ er seinen Blick wieder auf Ransom ruhen; schließlich machte er sich halb watschelnd, halb kriechend auf den Weg zum Rand der Insel, wo er seine lange, metallische Schnauze ins Wasser tauchte. Als er getrunken hatte, hob er den Kopf und gab ein nicht ganz unmelodisches Blöken oder Krächzen von sich. Dann wandte er sich um, blickte wieder zu Ransom herüber und kam schließlich auf ihn zu. »Es ist Wahnsinn, auf das Untier zu warten«, flüsterte die falsche Vernunft, doch Ransom biss die Zähne zusammen und rührte sich nicht vom Fleck. Die Echse kam ganz nahe und stupste mit der kalten Schnauze gegen seine Knie. Ransom war völlig verwirrt. War das Tier intelligent, und war dies seine Sprache? War es unvernünftig, aber freundlich – und wenn ja, wie sollte er reagieren? Ein Tier mit Schuppen konnte man kaum streicheln! Oder scheuerte es sich bloß an seinen Beinen? In diesem Moment schien die Echse ihn so plötzlich zu vergessen, dass Ransom jetzt sicher war, nur ein Tier vor sich zu haben; sie wandte sich ab und begann, gierig das Unterholz abzufressen. Mit dem Gefühl, dass der Ehre nun Genüge getan sei, wandte auch Ransom sich ab und ging wieder in den Wald.

In seiner Nähe standen Bäume mit den Früchten, die er bereits gekostet hatte, aber seine Aufmerksamkeit wurde von einer seltsamen, etwas weiter entfernten Erscheinung in Anspruch genommen. Mitten im dunkleren Laubwerk eines graugrünen Dickichts schien etwas zu funkeln. Sein erster Eindruck, aus dem Augenwinkel heraus, war der eines Treibhausdaches im Sonnenschein. Auch als er es jetzt deutlicher sah, wirkte es noch wie Glas, aber wie Glas in ständiger Bewegung. Licht schien in unregelmäßigen Abständen zu kommen und gehen. Gerade als er dieses Phänomen genauer untersuchen wollte, schreckte er auf, weil ihn etwas an seinem linken Bein berührt hatte. Das Tier war ihm gefolgt. Wieder beschnupperte es ihn und stieß ihn leise an. Ransom ging schneller. Die Echse auch. Ransom blieb stehen. Die Echse auch. Als er weiterging, blieb sie so dicht an seiner Seite, dass ihre Flanke immer wieder seine Hüften streifte und ihr kalter, harter und schwerer Fuß gelegentlich auf seinen trat. Die Entwicklung der Dinge behagte ihm so wenig, dass er ernsthaft überlegte, wie er dem ein Ende machen könnte. Doch dann wurde seine ganze Aufmerksamkeit plötzlich auf etwas anderes gelenkt. Über seinem Kopf hing an einem haarigen, röhrenartigen Ast eine große, glänzende und beinahe durchsichtige Kugel. Das Licht spiegelte sich darin, und an einer Stelle spielten Regenbogenfarben. Das war also die Erklärung für die glasähnlichen Erscheinungen im Wald. Als er umherblickte, sah er überall unzählige dieser glänzenden Kugeln. Aufmerksam betrachtete er diejenige, die am nächsten hing.

Zuerst schien sie sich zu bewegen, dann wieder nicht. Unwillkürlich streckte er die Hand aus und berührte sie. Im nächsten Augenblick ergoss sich eine für diese warme Welt eiskalte Dusche über Kopf, Gesicht und Schultern; zugleich erfüllte ein scharfer, durchdringender, erlesener Duft seine Nase, und wie von ungefähr ging ihm Popes Verszeile »An einer Rose sterben in duftiger Pein« durch den Kopf. Er fühlte sich so erfrischt, dass ihm war, als sei er bisher nur halb wach gewesen. Als er die Augen, die sich im ersten Schreck unwillkürlich geschlossen hatten, wieder öffnete, schienen alle Farben ringsum frischer zu sein, und sogar das Matte dieser Welt wirkte klarer. Wieder fühlte er sich wie verzaubert. Das goldene Tier an seiner Seite kam ihm nicht länger gefährlich oder lästig vor. Wenn ein nackter Mensch und ein weiser Drache wirklich die einzigen Bewohner dieses schwimmenden Paradieses sein sollten, dann war es gut so, denn in diesem Augenblick hatte er weniger das Gefühl, ein Abenteuer zu bestehen, als vielmehr einen Mythos darzustellen. Und er wollte gar nicht mehr als in diesem unirdischen Geschehen die Gestalt sein, die er war.

Wieder wandte er sich dem Baum zu. Das Ding, das ihn übergossen hatte, war verschwunden. Der röhrenartige Zweig endete, seiner hängenden Kugel beraubt, in einer kleinen zitternden Öffnung, an der ein Tropfen kristallklarer Flüssigkeit hing. Verdutzt sah Ransom sich um. Nach wie vor war der Wald voll von den schillernden Früchten, doch nun merkte er, dass irgendetwas langsam, aber stetig vor sich ging; einen Moment später wusste er auch, was. Jede der schimmernden Kugeln nahm langsam an Umfang zu, und wenn sie eine gewisse Größe erreicht hatte, verschwand sie mit einem leisen Geräusch; für kurze Zeit war da, wo sie gehangen hatte, der Boden feucht, und in der Luft blieben ein köstlicher, flüchtiger Duft und eine gewisse Kühle zurück. Eigentlich waren die Dinger gar keine Früchte, sondern Blasen: Die Bäume (er taufte sie in dem Augenblick) waren Blasenbäume. Sie sogen anscheinend Wasser aus dem Ozean, reicherten es in ihrem saftigen Innern an und gaben es dann auf diese Weise wieder von sich. Er setzte sich nieder, um sich an dem Schauspiel zu ergötzen. Nun, da er das Geheimnis kannte, konnte er sich

erklären, warum dieser Wald so anders aussah und wirkte als alle anderen Teile der Insel. Jede Blase konnte man, einzeln betrachtet, als erbsengroße Perle dem Mutterzweig entquellen, langsam anschwellen und platzen sehen; betrachtete man jedoch den Wald als Ganzes, so nahm man nur eine leichte Veränderung des Lichtes wahr, eine kaum merkliche Unterbrechung der allgegenwärtigen perelandrischen Stille, eine ungewöhnliche Kühle und einen frischeren Duft in der Luft. In diesem Wald hatte ein auf unserer Welt Geborener in weit stärkerem Maß das Gefühl, sich im Freien aufzuhalten, als in den unbewaldeten Teilen der Insel, oder sogar auf dem Meer. Ransom blickte zu einer schönen Traube von Blasen auf, die über seinem Kopf hing, und dachte, wie einfach es wäre aufzustehen, in die ganze Traube einzutauchen und diese magische Erfrischung verzehnfacht noch einmal zu genießen. Doch das gleiche Gefühl, das ihn am Abend zuvor gehindert hatte, eine zweite Frucht zu genießen, hielt ihn auch diesmal zurück. Er hatte immer etwas gegen Leute gehabt, die in der Oper ihre Lieblingsarie noch einmal gesungen haben wollten. Das verderbe den Genuss, hatte er gemeint. Hier nun schien ihm dieses Prinzip eine viel größere Tragweite und tiefere Bedeutung zu haben. Der Drang, sich etwas immer wieder zu verschaffen, so als wäre das Leben ein Film, der zweimal oder sogar rückwärts laufen könnte … War das vielleicht die Wurzel allen Übels? Nein, die lag, wie man so sagte, in der Liebe zum Geld. Aber liebte man das Geld an sich? Vielleicht schätzte man es vor allem als Schutz vor Schicksalsschlägen, als Garantie, Dinge immer wieder bekommen zu können, als Mittel, den Ablauf des Films aufzuhalten …

Er wurde unsanft aus seinen Betrachtungen gerissen, weil irgendetwas unangenehm auf sein Knie drückte. Der Drache hatte sich niedergelegt und seinen langen, schweren Kopf auf Ransoms Beine gebettet. »Weißt du eigentlich, dass du ziemlich lästig bist?«, fragte Ransom auf Englisch. Das Tier regte sich nicht. Er sollte vielleicht versuchen, sich mit ihm anzufreunden, und streichelte den harten, trockenen Kopf, aber es nahm keine Notiz davon. Er ließ seine Hand weiterwandern. Unten am Hals war die Haut weicher oder sogar ein Spalt im Schuppenpanzer. Aha – dort ließ es sich gerne kraulen. Es grunzte, ließ eine lange, zylindrische, schiefergraue Zunge herausschnellen und leckte ihn. Dann wälzte es sich auf den Rücken und enthüllte einen fast weißen Bauch, den Ransom mit den Zehen knetete. Seine Bekanntschaft mit dem Drachen entwickelte sich sehr zu seiner Zufriedenheit. Schließlich schlief das Tier ein.

Ransom stand auf und stellte sich wieder unter einen Blasenbaum. Die zweite Dusche machte ihn so frisch und wach, dass er allmählich Hunger verspürte. Er hatte vergessen, wo auf der Insel die gelben Kürbisfrüchte zu finden waren, und als er sich auf die Suche machte, merkte er, dass es schwierig geworden war zu gehen. Zuerst fragte er sich, ob die Flüssigkeit in den Blasen eine berauschende Wirkung haben mochte, doch ein Blick auf die Landschaft zeigte ihm den wahren Grund. Vor seinen Augen schwoll die ebene Fläche kupferfarbener Heide zu einem niedrigen Hügel an, der in seine Richtung wanderte. Der Anblick von Land, das wie Wasser in einer Welle auf ihn zurollte, schlug ihn aufs Neue in seinen Bann; er vergaß, sich der Bewegung anzupassen, und fiel. Nachdem er sich aufgerappelt hatte, ging er vorsichtiger weiter. Diesmal war kein Zweifel möglich: Die See wurde wieder unruhig. Zwischen zwei Wäldern hindurch konnte er bis zum Rand dieses lebenden Floßes sehen; dort war das Wasser aufgewühlt, und der warme Wind war inzwischen so stark, dass er ihm das Haar zerzauste. Er bewegte sich behutsam auf die Küste zu, doch bevor er sie erreichte, kam er an einigen Büschen vorbei, die voller ovaler grüner Beeren hingen, etwa dreimal so groß wie Mandeln. Er pflückte eine und brach sie auf. Das Fleisch war eher trocken und wie Brot oder vielleicht wie eine Banane. Es schmeckte gut. Es verschaffte nicht den orgiastischen und schon fast beängstigenden Genuss wie die Kürbisfrüchte, sondern eher den Genuss eines einfachen Essens – das Vergnügen, zu kauen und satt zu werden, eine »nüchterne Gewissheit wachen Glücks«. Ein Mensch, oder wenigstens

jemand wie Ransom, hat in solchen Augenblicken das Bedürfnis, ein Dankgebet zu sprechen; und das tat er auch. Zu den Kürbisfrüchten hätten eher ein Oratorium oder eine mystische Verzückung gepasst. Aber auch diese einfache Mahlzeit hatte ihre unerwarteten Höhepunkte. Hin und wieder stieß man auf Beeren, die in der Mitte hellrot waren; diese schmeckten vorzüglich, stachen aus tausendundeinem Aroma heraus, sodass er wohl nur nach ihnen Ausschau gehalten und sich nur von ihnen ernährt hätte, hätte ihn nicht derselbe innere Ratgeber, der ihn seit seiner Ankunft auf Perelandra schon zweimal ermahnt hatte, daran gehindert. Auf der Erde, dachte Ransom, würde man bald lernen, diese Rotherzen zu züchten, und sie wären viel teurer als die anderen. Und das Geld würde die Möglichkeit schaffen, mit gebieterischer Stimme »mehr!« zu rufen.

Als er fertig gegessen hatte, ging er hinunter zum Ufer, um zu trinken, aber ehe er dort anlangte, lief es bereits zum Ufer »hinauf«. Die Insel war in diesem Moment ein kleines Tal hellen Landes zwischen grünen Wasserhügeln, und als er auf dem Bauch lag und trank, machte er die außerordentliche Erfahrung, sein Gesicht in ein Meer zu tauchen, das höher war als die Küste. Dann saß er eine Weile aufrecht und ließ die Beine über den Rand in die roten Pflanzen hängen, die sein kleines Reich säumten. Seine Einsamkeit kam ihm immer deutlicher zu Bewusstsein. Wozu hatte man ihn hierher gebracht? Ihm ging die fantastische Idee durch den Kopf, diese leere Welt habe auf ihn als ersten Bewohner gewartet, er sei auserwählt als Begründer und Adam dieser Welt. Es war seltsam, dass die völlige Einsamkeit während all dieser Stunden ihn weit weniger bedrückt hatte als eine Nacht des Alleinseins auf dem Mars. Vielleicht lag der Unterschied darin, dass ein bloßer Zufall, oder was er für einen Zufall gehalten hatte, ihn nach Malakandra geführt hatte, während er hier Teil eines Plans war. Er war nicht mehr ungebunden, kein Außenstehender mehr.

Wenn seine Insel die glatten Hänge des matt schimmernden Wassers hinaufglitt, konnte er immer wieder sehen, dass viele andere Inseln in der Nähe waren. Sie unterschieden sich in den Farben von seiner Insel und untereinander mehr, als er für möglich gehalten hätte. Es war faszinierend, überall diese großen Matten oder Teppiche schaukeln zu sehen, wie Segelboote im Hafen an einem stürmischen Tag – und genau wie die Masten standen die Bäume jeden Augenblick in einem anderen Winkel. Es war faszinierend zu sehen, wie weit über ihm ein leuchtend grüner oder samtig roter Saum über einen Wellenkamm glitt, und dann zu warten, bis die ganze Insel über die Flanke herabkam und sich seinem Blick darbot. Zuweilen befanden sich seine und eine andere Insel auf den gegenüberliegenden Hängen eines Wellentals und waren nur durch eine schmale Wasserstraße voneinander getrennt; dann gaukelte einem ein Moment lang eine irdische Landschaft vor. Es sah aus, als wäre man in einem dicht bewaldeten Tal mit einem Fluss unten auf dem Grund. Aber während man es betrachtete, tat der vermeintliche Fluss das Unmögliche: Er hob sich empor, sodass das Land zu beiden Seiten abfiel, bis die eine Hälfte der Landschaft hinter dem Kamm nicht mehr zu sehen war. Gleich darauf ragte er als ein mächtiger goldgrü-ner Wasserrücken zum Himmel und drohte auch die andere Landhälfte zu verschlingen, die nun rückwärts hinuntergewirbelt und den nächsten Rücken hinaufgetragen wurde.

Ein brausendes, surrendes Geräusch schreckte ihn auf. Im ersten Augenblick dachte er, er sei in Europa und ein Flugzeug fliege dicht über ihn hinweg. Dann erkannte er seinen Freund, den Drachen. Das Tier hatte den Schwanz lang ausgestreckt und sah aus wie ein fliegender Wurm. Es hielt auf eine benachbarte, etwa eine halbe Meile entfernte Insel zu. Als Ransom ihm nachblickte, sah er geflügelte Lebewesen – dunkel vor dem goldenen Firmament – in zwei langen Reihen von links und rechts auf dieselbe Insel zusteuern. Aber es waren keine Reptilien mit Fledermausflügeln. Er versuchte, sie aus der Ferne zu erkennen, und kam zu der Überzeugung, dass es Vögel waren; als der Wind sich dann drehte und ihm melodisch schnatternde Töne zutrug, war er sich seiner Sache sicher. Sie mussten ein wenig größer als Schwäne sein. Dass sie alle auf dieselbe Insel wie der Drache zuhielten, ließ ihn aufmerken und erfüllte ihn mit einer unbestimmten Erwartung. Was dann geschah, steigerte diese zu regelrechter Erregung. Vor ihm, im Wasser, entdeckte er eine weiche, schäumende Unruhe, die ebenfalls der Insel zustrebte. Eine ganze Flotte von Dingern bewegte sich wie in einer Formation vorwärts. Er stand auf. Eine Welle erhob sich und nahm ihm die Sicht. Dann konnte er sie wieder sehen, hunderte von Fuß unter sich. Silbrige Dinger, die springende, kreisende Bewegungen vollführten … Wieder verlor er sie aus den Augen und fluchte. In einer so ereignisarmen Welt kam ihnen große Bedeutung zu. Aha, da waren sie wieder. Offensichtlich Fische, sehr große, dicke, delfinartige Fische, von denen einige regenbogenfarbene Wasserfontänen aus ihren Nasen bliesen. Sie schwammen in zwei langen Reihen, angeführt von einem Leittier. Mit diesem schien etwas nicht zu stimmen, es hatte eine Art Buckel oder Verwachsung auf dem Rücken. Wenn sie doch nur ein einziges Mal länger als fünfzig Sekunden zu

sehen wären! Mittlerweile hatten sie die andere Insel fast erreicht, und die Vögel kamen alle herunter, um am Ufer mit ihnen zusammenzutreffen. Da war wieder das Leittier mit seinem Buckel oder Sockel auf dem Rücken. Einen Augenblick lang schien Ransom seinen Augen nicht zu trauen, dann versuchte er, sich breitbeinig am äußersten Rand seiner Insel zu halten, und schrie aus Leibeskräften. Denn in dem Augenblick, da der Fisch die Nachbarinsel erreicht hatte, war diese von einer Welle zwischen Ransom und den Himmel gehoben worden; deutlich und unverkennbar hatte er in der Silhouette des Dinges auf dem Fischrücken eine menschliche Gestalt erkannt – eine menschliche Gestalt, die ans Ufer sprang, sich mit einer leichten Verneigung zum Fisch umwandte und dann aus Ransoms Gesichtskreis verschwand, als die ganze Insel über den Wellenkamm davonglitt. Mit pochendem Herzen wartete Ransom, bis er die andere Insel wieder sah. Diesmal war sie nicht zwischen ihm und dem Himmel, und anfangs konnte

er die menschliche Gestalt nicht entdecken. Wie ein Stich durchfuhr ihn die Verzweiflung; doch da war sie wieder – eine winzige dunkle Figur, die langsam vor einem Stück blauer Vegetation entlangging. Er winkte, fuchtelte und schrie, bis er heiser war, aber die Gestalt beachtete ihn nicht. Immer wieder verlor er sie aus den Augen, und selbst wenn er sie dann wieder entdeckte, fragte er sich, ob es nicht doch eine optische Täuschung war – eine Form des Laubwerkes, der sein sehnlicher Wunsch Menschengestalt verliehen hatte. Aber jedes Mal, wenn er der Verzweiflung nahe war, tauchte sie unverkennbar wieder auf. Dann begannen seine Augen zu ermüden, und er wusste, dass er immer weniger sehen würde, je länger er hinüberspähte. Trotzdem hielt er weiter Ausschau.

Schließlich war er so erschöpft, dass er sich setzen musste. Die Einsamkeit, die er bisher kaum als schmerzlich empfunden hatte, war ihm ein Gräuel geworden. Die Aussicht, wieder allein zu sein, schien unerträglich. Seine Umgebung hatte ihre überwältigende, betörende Schönheit verloren. Ohne diese eine menschliche Gestalt war der Rest dieser Welt auf einmal ein Albtraum, eine schreckliche Zelle oder Falle, in der er gefangen saß. Der Verdacht, er beginne an Halluzinationen zu leiden, ging ihm durch den Sinn. Er sah sich für immer und ewig auf dieser scheußlichen Insel leben, allein, doch umgetrieben von den Trugbildern menschlicher Wesen, die ihm lächelnd und mit ausgestreckten Händen entgegenkamen, sich aber verflüchtigten, sobald er auf sie zuging. Er legte den Kopf auf die Knie, biss die Zähne zusammen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Zuerst lauschte er nur seinem eigenen Atmen und zählte seine Herzschläge. Aber er versuchte es noch einmal, und nun gelang es ihm. Wie eine Offenbarung kam ihm auf einmal der einfache Gedanke, dass er, um die Aufmerksamkeit dieses menschenähnlichen Wesens zu erregen, warten müsse, bis er auf dem Kamm einer Welle wäre. Wenn er dann aufstünde, müsste es seine Silhouette vor dem Himmel sehen.

Dreimal wartete er, bis das Ufer, auf dem er stand, zu einer Hügelkuppe wurde, erhob sich, schwankend auf diesem seltsamen Land, und winkte mit den Armen. Beim vierten Mal hatte er Erfolg. Die Nachbarinsel lag gerade wie ein Tal unter ihm, und die kleine dunkle Gestalt dort unten winkte unverkennbar zurück. Sie löste sich von einem undeutlichen Hintergrund grünlicher Vegetation und lief über ein orangefarbenes Feld auf ihn zu, das heißt zu dem Teil der Küste, der seiner Insel am nächsten war. Sie lief leichtfüßig; die wogende Oberfläche des Feldes schien sie nicht im Mindesten zu stören. Dann wirbelte Ransoms Insel rückwärts hinunter; eine gewaltige Wasserwand drängte zwischen den beiden Ländern empor und nahm ihnen die Sicht. Kurz darauf sah Ransom aus dem Tal, in dem er nun stand, hoch über sich das orangefarbene Feld wie einen beweglichen Hang über den leicht nach außen gewölbten Wellenkamm zu sich herabgleiten. Das Wesen lief immer noch. Der Wasserarm zwischen den beiden

Inseln war nur noch etwa dreißig Fuß breit, und die Gestalt war jetzt weniger als hundert Schritt von ihm entfernt. Er sah, dass sie nicht nur menschenähnlich war, sondern ein Mensch – ein grüner Mensch auf einem orangefarbenen Feld, grün wie die prächtig schimmernden grünen Käfer in einem englischen Garten; er lief leichtfüßig und sehr schnell zu Ransom herunter. Dann hob das Meer Ransoms Insel, und der grüne Mensch wurde zu einer perspektivisch verkürzten Gestalt tief unter ihm, so wie ein Sänger in Covent Garden von der Galerie aus betrachtet. Ransom stand am äußersten Rand seiner Insel, beugte sich weit vor und brüllte. Der grüne Mensch blickte zu ihm auf. Auch er schien zu rufen und hatte die Hände wie einen Trichter an den Mund gelegt; aber das Rauschen der See übertönte die Stimmen, und im nächsten Augenblick sank Ransoms Insel in ein neues Wellental, und der hohe grüne Wasserrücken nahm ihm die Sicht. Es war zum Verrücktwerden. Quälende Angst, die Entfernung zwischen den beiden Inseln könnte sich vergrößern, befiel ihn. Gott sei Dank: da kam das orangefarbene Land über den Kamm und folgte ihm ins Tal hinab. Und dort war der andere jetzt unmittelbar am Ufer, direkt ihm gegenüber. Einen Moment lang blickten die fremden Augen voller Liebe und Erwartung in die seinen. Dann veränderte sich das ganze Gesicht schlagartig und nahm einen Ausdruck von Bestürzung und Enttäuschung an. Ransom begriff seinerseits enttäuscht, dass er für jemand anderen gehalten worden war. Das Laufen, das Winken und die Rufe hatten nicht ihm gegolten. Und der grüne Mensch war kein Mann, sondern eine Frau.

Es ist schwer zu sagen, warum ihn das so sehr überraschte. Wenn die Gestalt ein Mensch war, konnte sie ebenso gut eine Frau wie ein Mann sein. Aber es hatte ihn überrascht, und erst als die beiden Inseln aufs Neue in verschiedene Wellentäler sanken, wurde ihm klar, dass er nichts gesagt, sondern sie nur närrisch angestarrt hatte. Und nun, da sie außer Sicht war, überfielen ihn die Zweifel. War sie es, wegen der man ihn hergeschickt hatte? Er hatte Wunder erwartet, war auf Wunder vorbereitet gewesen, doch nicht auf eine Göttin, die aussah wie aus grünem Stein gemeißelt, aber lebte. Und dann fiel ihm ein – er hatte es nicht bemerkt, solange er das Bild vor Augen gehabt hatte –, dass sie in seltsamer Begleitung gewesen war. Sie hatte zwischen allen möglichen Tieren und Vögeln gestanden wie ein junger Baum zwischen Büschen. Da waren große taubenblaue und feuerrote Vögel gewesen, Drachen und biberähnliche Geschöpfe so groß wie Ratten, und zu ihren Füßen im Wasser heraldisch aussehende Fische. Oder hatte er sich das eingebildet? Waren dies die ersten Sinnestäuschungen, wie er befürchtet hatte? Oder war hier ein weiterer Mythos Wirklichkeit – vielleicht ein schrecklicherer Mythos, von Circe oder Alcina? Und der Ausdruck auf ihrem Gesicht … Wen mochte sie erwartet haben, dass sein Anblick sie so enttäuschte?

Die andere Insel kam wieder in Sicht. Mit den Tieren hatte er Recht gehabt. Etwa zehn oder zwanzig von ihnen umgaben die Frau, alle sahen sie an, die meisten reglos, doch einige suchten wie bei einer Zeremonie mit sanften, leisen Bewegungen ihre Plätze. Die Vögel bildeten lange Reihen, und immer mehr schienen sich auf der Insel niederzulassen und diesen Reihen anzuschließen. Aus einem Wald von Blasenbäumen hinter der Frau kam ein halbes Dutzend Tiere – wie längliche Schweine mit sehr kurzen Beinen, vielleicht eine Art Dackel unter den Schweinen – herangewatschelt und gesellte sich zu den anderen. Winzige froschartige Wesen, wie er sie im Regen hatte herabfallen sehen, sprangen um die Frau herum, gelegentlich über ihren Kopf hinaus, und landeten dann und wann auf ihren Schultern. Ihre Farben waren so lebhaft und leuchtend, dass er sie zuerst für Eisvögel hielt. Und die Frau stand inmitten dieses Gewimmels und blickte zu Ransom herüber. Ihre Füße waren geschlossen, ihre Arme hingen seitlich herab, ihr Blick war ruhig und furchtlos und verriet nichts. Ransom beschloss, sie auf Alt-Solarisch anzusprechen. »Ich bin von einer anderen Welt«, hub er an und brach gleich wieder ab. Die grüne Frau hatte etwas getan, worauf er nicht gefasst gewesen war. Sie hatte einen Arm gehoben und auf ihn gezeigt: nicht drohend, sondern so als fordere sie die anderen Geschöpfe auf, ihn anzusehen. Gleichzeitig veränderte sich ihr Gesichtsausdruck erneut, und einen Augenblick lang glaubte er, sie werde weinen. Stattdessen brach sie in schallendes Gelächter aus; Kaskaden von perlendem Gelächter brachen aus ihr hervor, sie schüttelte und bog sich, stützte die Hände auf die Knie, lachte weiter und deutete immer wieder auf ihn. Wie bei ähnlichen Gelegenheiten

unsere Hunde, verstanden die Tiere, dass etwas Lustiges im Gange war; sie begannen herumzuspringen, mit den Flügeln zu schlagen, zu grunzen und sich auf die Hinterbeine zu stellen. Und die grüne Frau lachte, bis eine Welle sie wieder trennte und sie nicht mehr zu sehen war.

Ransom war wie vom Donner gerührt. Hatten die Eldila ihn hergeschickt, um mit einer Idiotin zusammenzutreffen? Oder mit einem bösen Geist, der ihn verspottete? Oder war es letztlich eine Sinnestäuschung? Denn genau so stellte man sich doch eine Sinnestäuschung vor. Dann kam ihm ein Gedanke, der bei dem Leser oder bei mir vielleicht länger auf sich hätte warten lassen: möglicherweise war nicht sie verrückt, sondern er lächerlich. Er sah an sich herunter. Seine Beine boten in der Tat einen seltsamen Anblick, denn das eine war rotbraun wie die Flanken eines tizianischen Satyrs, und das andere weiß – von einem vergleichsweise beinah leprösen Weiß. Soweit er sich selbst sehen konnte, war er von oben bis unten zweifarbig – ein natürliches Ergebnis der einseitigen Sonnenbestrahlung während seiner Reise. War das die Ursache ihrer Heiterkeit? Er wollte sich schon ärgern über das Geschöpf, das die Begegnung zweier Welten verdarb, indem es über eine solche Nebensächlichkeit lachte. Doch dann musste er wider Willen über seine wenig eindrucksvolle Karriere auf Perelandra lächeln. Auf Gefahren war er vorbereitet gewesen; aber zuerst eine Enttäuschung und dann etwas absolut Lächerliches zu sein … Halt! Da kamen die Frau und ihre Insel wieder in Sicht.Sie hatte sich von ihrem Lachanfall erholt, saß am Ufer und ließ die Beine ins Wasser hängen; halb abwesend liebkoste sie ein gazellenähnliches Tier, das die weiche Schnauze unter ihren Arm geschoben hatte. Es war kaum zu glauben, dass sie jemals gelacht oder irgendetwas anderes getan hatte, als am Rand ihrer schwimmenden Insel zu sitzen. Nie zuvor hatte Ransom ein so ruhiges und unirdisches Gesicht gesehen, trotz der vollkommen menschlichen Züge. Vielleicht rührte die unirdische Wirkung daher, meinte er später, dass in diesem Ant-litz keine Spur von Resignation lag, die, wenn auch in noch so geringem Maße, bei jeder tiefen Ruhe auf irdischen Gesichtern immer mitschwingt. Dies hier war eine Ruhe, der noch nie ein Sturm vorausgegangen war. Vielleicht war es Schwachsinn, vielleicht war es Unsterblichkeit, vielleicht ein Geisteszustand, für den keine irdische Erfahrung irgendeinen Hinweis bot. Ein seltsames und erschreckendes Gefühl beschlich ihn. Auf dem alten Planeten Malakandra war er Geschöpfen begegnet, deren Gestalt nicht im Entferntesten menschlich gewesen war, die sich jedoch bei näherer Bekanntschaft als vernunftbegabt und freundlich erwiesen hatten. Unter einem fremdartigen Äußeren hatte er ein Herz wie sein eigenes entdeckt. Sollte er nun die umgekehrte Erfahrung machen? Denn jetzt wurde ihm klar, dass das Wort ›menschlich‹ mehr als nur die körperliche Gestalt oder den Verstand bezeichnete. Es bezeichnete auch das gemeinsame Blut und die gemeinsame

Erfahrung, die alle Männer und Frauen auf der Erde verbindet. Aber dieses Geschöpf war nicht von seiner Rasse; keine noch so gewundenen Verästelungen irgendeines Stammbaums konnten jemals eine Verbindung zwischen ihm und ihr ziehen. In diesem Sinne war kein Tropfen ihres Blutes ›menschlich‹. Das Universum hatte ihre Art und die seine völlig unabhängig voneinander hervorgebracht.

All das schwirrte ihm durch den Kopf; doch bald wurde er in seinen Überlegungen unterbrochen, denn er merkte, dass das Licht sich veränderte. Anfangs dachte er, die grüne Frau habe sich von selbst bläulich verfärbt und eine seltsam elektrische Strahlung angenommen. Dann entdeckte er, dass die ganze Landschaft in blauen und purpurnen Tönen leuchtete – und dass die beiden Inseln nicht mehr so nah beieinander waren wie zuvor. Er blickte auf. Der Himmel schien in Flammen zu stehen, glühte in den Farben des kurzen Abends. In wenigen Minuten würde es stockfinster sein … Und die Inseln trieben auseinander. So laut und deutlich er konnte, rief er in der alten Sprache zu ihr hinüber: »Ich bin ein Fremder. Ich komme in Frieden. Möchtest du, dass ich zu dir hinüberschwimme?«

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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301 стр. 2 иллюстрации
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9783865064295
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