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Sabine & Burkhard Koch
NO WORRIES, TOO EASY
40.000 Kilometer Offroad-Abenteuer in Australien mit der kleinen lila Pistenkuh

IMPRESSUM
No worries, too easy
40.000 Kilometer Offroad-Abenteuer in Australien mit der kleinen lila Pistenkuh
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar
© 2014 360° medien gbr mettmann | Nachtigallenweg 1 | 40822 Mettmann
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Der Inhalt des Werkes wurde sorgfältig recherchiert, ist jedoch teilweise der Subjektivität unterworfen und bleibt ohne Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität.
Redaktion und Lektorat: Andreas Walter
Satz und Layout: Serpil Sevim
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
Bildnachweis:
Alle Bilder von Sabine und Burkhard Koch außer den im Folgenden mit Seitenzahlen angegebenen: S. 8/8 Andreas Walter; S. 14/15 Qantas Airways Ltd, credits: Adrian Pingstone; S. 17 oben: kgbo, cc; S. 18, pd; S. 62/63: flickr_andy, cc; S. 70/71: Adam. J. W.C.S., cc; S. 140: Flickr_ Stephan, cc; S. 141: Pigeon, pd; S. 142: Flickr_Owen65, cc; S. 160: pd; S. 161: Andreas Walter Die Creative-Commons-Lizenzen (cc) sind hier abrufbar: http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
ISBN: 978-3-944921-34-1
Hergestellt in Deutschland
www.360grad-medien.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
„Suche zwei Sitze mit 200 PS in Australien“
Mit 1000 km/h über eine verrückte Welt
Blinker, Scheibenwischer und Polizei
Alles meins, alles
Zahlenspiele
Fraser Island
Sein Papi wäre stolz
Stahlbeton für Schickimickis
Der Q1 Tower
600 Kilometer durch tropischen Regenwald
Schlangen und Spinnen
Der beste Kaffee in Manly
Sydney, die schönste Stadt der Welt?
Alles unter Wasser
Offroad-Paradies High Country
Reise-Infos: Alpine National Park
Oxford English
Spinnen machen Jagd auf Sabine
Alles scenic
Tankstopp in Peterborough
Abenteuer Old Ghan
Prozentiges in Alice Springs
Aborigines – So viele Antworten wie Flusswindungen
Verschiedene Sichtweisen der Aborigines
Der Uluru – zeige Respekt
Über 1100 Dünen
Reise-Infos: Durchquerung der Simpson Desert auf der French Line
Ich pass' ja auf
Goldrausch
Old Telegraph Track
Reise-Infos: Old Telegraph Track, Cape York
Direkt in unseren Cruiser
Das Krokodilbild
„Ich will hier weg“
Erotik im Outback
Der Wrecker
Die Frage stellt man nicht
Nichts Spannendes entlang des Hay River
Das Klo brennt
Das Sklavenschiff
Nature Thing
Richtung Westen
Kleiner Grill-Imbiss
Reise-Infos: Great Central Road
„Sorry for this, Mister Kuck“
Roadtrains – Unterwegs mit Charlie
Seilwinde aus Holz
Im Südwesten
Auf dem Highway Number One nach Perth
Vom Bauernsohn zum König
Nicht ganz dicht
Vor Gericht
Das hat heute Nacht der Bilby gebracht
Canning Stock Route – Tanz mit dem Staub
Reise-Infos: Canning Stock Route, Western Australia
Zapp Zarapp – du weißt schon
Mountain Brothers
Verbranntes Gummi
Letzte Fotos
Vorwort
Eine Reise um die Welt, ohne Zeitlimit, ohne großen Luxus, das war der Teenagertraum von uns. Die finanzielle Basis dafür wurde geschaffen und seit zehn Jahren ist das Nomadenleben ohne festen Wohnsitz, das ständige unterwegs sein mit Geländewagen, Schlafsack und Kamera, unser Leben.
Unser Antrieb ist die Neugier, der Wissensdrang, was es hinter dem Horizont zu entdecken gibt, welche Schlucht sich hinter der nächsten Flussbiegung öffnet. Nicht nur Landschaften und Naturwunder, nicht nur Abenteuer, Spannung und Spaß interessieren uns, sondern vor allem Menschen, die uns ihre Geschichte erzählen, uns ihre Welt beschreiben.
Nach Jahren in Afrika, Indien und im Orient lag Australien hinter dem Horizont und damit auf unserem Weg. Außer Neugierde zog uns nichts, und mehr als einmal war eine gehörige Portion Glück nötig, um weiterhin neugierig durch die Welt fahren zu können. Zum Beispiel, als ich einen Tierkadaver und eine elektrische Zahnbürste in den Fluss warf, um Krokodile für ein Foto direkt vor die Kamera zu locken. Die beeindruckendsten Erlebnisse waren ohne Zweifel die zufälligen Begegnungen mit Menschen im Outback. Nie werde ich vergessen, wie ein Aborigine, den wir nach einer Fahrzeugpanne in unserem Land Cruiser mitnahmen, eine gegrillte Echse aus der Tasche zog, sie in der Mitte durchbrach und mir eine Hälfte anbot. Oder Ben, der plötzlich bewaffnet neben unserem Lagerfeuer stand und von illegalen Goldsuchern erzählte, was uns gleich auf die Idee brachte, diese in den Wäldern auf Cape York zu suchen. Natürlich hatte man uns gewarnt, dass diese darüber nicht amüsiert seien. Aber das war Steve, der Vizepräsident einer Motorradgang, zu Beginn ja auch nicht und es ist später fast eine Freundschaft entstanden.
Um der Langeweile auf Teerstraßen zu entgehen, bevorzugen wir Pisten und Offroad-Strecken. Die Highlights waren die Durchquerung der Simpson Desert über 1100 Sanddünen, das Badeabenteuer auf dem Old Telegraph Track, bei dem beinahe unser Land Cruiser abgesoffen wäre, und die längste Offroad-Strecke der Welt, die Canning Stock Route, die ohne Konvoi eine größere logistische Planung voraussetzte.
40.000 Kilometer Abenteuer in 18 Monaten liegen hinter uns bzw. in Buchform vor dir.
Neugierig geworden? No worries, auf der nächsten Seite beginnt das Abenteuer, too easy.
Sabine & Burkhard Koch

„Suche zwei Sitze mit 200 PS in Australien“

„Suche zwei Sitze mit 200 PS in Australien“
Diesen kleinen provokanten Aufruf schalten wir im Frühjahr 2011 auf unserer Webseite. Nach der dreijährigen Afrikaumrundung soll Australien unter die Räder genommen werden. Unser eigentliches Reisefahrzeug, ein zum Expeditionsmobil umgebauter Magirus-Deutz Lkw, scheidet aus Kostengründen aus. Die Verschiffung von Deutschland nach Australien und nach ein paar Jahren wieder zurück kostet einen Betrag von deutlich über 10.000 Euro. Dafür können wir auch einen Geländewagen mit Campingausrüstung vor Ort kaufen. Zudem dürfen temporär eingeführte Fahrzeuge maximal nur ein Jahr in Australien bleiben.
Dienstag Nachmittag, das Handy gibt einen lauten „Muh“-Ton von sich. „Holger“ steht auf dem Display.
„Hey, Burkhard ich habe euer Auto gefunden. Hat zwar keine 200 PS, aber ich denke, es ist genau das, was ihr sucht. Guck mal bei ‚AUSTRALIEN-INFO.DE‘ am schwarzen Brett. Da verkauft einer seinen Buschcamper.“ Die Internetseite ist bei mir wegen der guten Infos zu Australien unter „Favoriten“ gespeichert und daher bin ich schnell auf der Seite der Autoverkäufe.
Marke: Toyota Land Cruiser HZJ-78
Baujahr: 2002
Hubraum: 4,2 l
PS: 130
Kilometer-Stand: 250.000
Farbe: weiß
Preis: 15.000 Euro
Abzugeben ab 15. Dez. in Brisbane
Telefon: 0176 - 64215435
Das Fahrzeug war früher in der Vermietung bei Britz und wurde danach von verschiedenen Reisenden genutzt.
Folgende Ausrüstung ist im Fahrzeug vorhanden:
Profi Bushranger Airjack, ARB Snatch Strap, Kassettenradio mit Adapter für iPod oder MP3 Player, Reifen-Montierhebel, Starthilfekabel, Flickzeug, kompletter Satz Keilriemen, Ratschenkasten, Satz Ringschlüssel, Zangen, Schraubendreher, div. Kleinmaterial für Reparaturen, Kitt-Presse, usw.
Campingzubehör:
Küchenzeile im Auto, Klapptisch an der Hecktür, Tisch, Stühle, Kocher 2-flammig, Gasflasche, Wassersack, Solardusche, Tarp mit Stangen und Befestigung am Fahrzeug, Zelt, Campinglampen, 40-Liter-Engel-Kühlbox, langes Stromkabel, Angel, Krabbennetz, Reiseliteratur.
„Hört sich doch gut an, danke für die Info, da ruf ich gerade mal an.“ „Viel Glück, Tschüss.“
Die Nummer ist schnell eingetippt.
„Frank, hallo“
„Hi, ich rufe wegen des Cruisers in Australien an, ist der noch zu haben?“
„Ich habe den gestern erst auf verschiedene Boards gestellt, bisher haben sich drei Interessenten gemeldet, aber noch keiner hat fest zugesagt. Ich kann dir mal ein paar Bilder und Unterlagen schicken. Das Auto habe ich auch gerade erst von jemandem gekauft, der damit ein Jahr unterwegs war. Ich habe es selbst noch gar nicht gesehen. Meine Frau und ich fliegen Mitte September nach Cairns und übernehmen dort den Toyota. Am 16. Dezember geht’s dann zurück.“ „Und die 250.000 Kilometer hat er jetzt?“ „Nein, er hat jetzt 238.000, ich denke, wir werden etwa 10.000 Kilometer damit fahren.“ „Okay, gekauft. Schick mir mal einen Kaufvertrag und deine Bankverbindung, ich überweise dir dann die Kohle.“
Ruhe am anderen Ende der Leitung. Ich weiß, doofe Metapher, wir telefonieren ja mobil.
Sabine zeigt mir den Vogel und macht den Scheibenwischer. Frank hat meinen Schnellschuss aus der Hüfte weggesteckt: „Das ging ja schnell, dann gib mir mal deine Adresse.“
Kurz noch ein paar Vertragsbedingungen geklärt und ich lege auf. Zu Sabine, die mir am Kaffeetisch gegenüber sitzt: „So, Auto gekauft. Australien ab 16. Dezember.“ „Du hast ’nen Knall. Du hast doch noch gar nicht richtig recherchiert, du kannst doch nicht die erst beste Möhre kaufen.“ „Was soll ich machen? Soll ich nach Australien fliegen und mir jeden Wagen vorher ansehen? Wir kaufen so oder so die Katze im Sack. Der Karren ist zehn Jahre alt, hat 250.000 gelaufen, kostet 15 Riesen, die Relationen stimmen doch. Entspann dich. Ob ich irgendwo eine Schleuder krieg, die für 15.000 nur 230.000 gelaufen hat oder der Wagen nur 13.000 Wert ist, spielt doch keine Rolle; die Katze bleibt im Sack. Sonst müssen wir hinfliegen, ins Hotel gehen und mit dem Leihwagen alle Autohändler abklappern. Da habe ich keinen Bock drauf. Und jetzt wochenlang hinter den Karren her rennen und den Verkäufern mit ewigem hin und her auf die Nüsse gehen will ich auch nicht. Ich mach jetzt noch ’nen Kaffee und du buchst zwei Flüge.“
Das ging zugegebenermaßen schnell. Vor einer Stunde war Australien noch weit weg, jetzt wartet der Buschcamper, wir nennen ihn die Mini-Pistenkuh, und der Reisetermin steht.
Die Flugtickets sind das geringste Problem. Die australische Fluggesellschaft Qantas bietet die günstigste Verbindung. Mit der Boing 747 - 400 im Nachtflug von Frankfurt am Main nach Singapur. Dort wird die Maschine aufgetankt und weiter nach Sydney. Ein Inlandsflug soll uns an der Küste entlang nach Brisbane bringen. Macht knappe 1000 Euro für jeden (hin und zurück).
In den nächsten Tagen gehen Büchersendungen bei uns ein. Freunde und Bekannte schicken ihre Reise- und Naturführer. Andere stellen Kontakte zu Australiern her, nennen uns gute Werkstätten und schicken ihre GPS-Daten von Routen, die sie gefahren sind. Es fehlt jetzt nur noch das Visum. Es soll ein Touristenvisum für ein Jahr geben und genau so eines hätten wir gerne.
„Die spinnen doch“, höre ich Sabine schreien, sie sitzt am Schreibtisch bei unserem Freund Thorsten. Kommt nicht oft vor, dass Sabine laut wird, sie ist mehr die ruhige Arbeitsbiene, die sich ohne zu klagen am Laptop durch Verwaltungsvorschriften ackert, aber Australien kriegt es hin, dass Sabine schreit.
„Was ist los?“
„Die wollen, dass wir nach Frankfurt zum Arzt fahren und uns dort röntgen lassen.“ „Was wollen die?“ „Jeder, der in den letzten fünf Jahren mehr als sechs Monate in bestimmten Ländern Afrikas war, muss sich von einem Radiologen die Lunge röntgen lassen. Das Röntgenbild wird nach Australien geschickt und ein Arzt untersucht es auf Tuberkulose-Merkmale.“
„Die haben doch einen Knall, das können wir doch hier in Siegen auch.“ „Nein, die schreiben den Arzt vor. Wir können nach Berlin, Hamburg und noch ein paar andere Städte, Frankfurt ist für uns am nächsten.“
„Wenn das die Regularien sind, müssen wir wohl da hin. Andere Länder andere Unsitten. Mach mal einen Termin.“ „Und die wollen ein Kontoauszug. Und wissen, ob du schon mal in irgendeinem Land verurteilt oder abgeschoben worden bist.“
Die Zahl unterm Strich auf dem Depotauszug ist ganz ordentlich und so wird das Ding schon mal als PDF an den Antrag angehängt. Die Vorstrafen sind verjährt, verspätete Jugendsünden, zudem wäre es gar nicht zur Vorstrafe gekommen, wenn der Richter meiner Argumentation gefolgt wäre. Ich ging damals davon aus, ich bewege mich haarscharf am Rand der Legalität, der Richter meinte ich sei schon außerhalb und so kam die Verurteilung wegen illegalen Grenzübertritts und die Abschiebung aus Algerien. Das geben wir jetzt mal nicht an, das waren ja noch Papierordner, die jetzt in irgendeinem Verwaltungsschrank in Algier lagern.
Innerhalb von ein paar Tagen haben wir den Termin beim Radiologen. Eine Villa fast im Bankenviertel, wahrscheinlich damit der Transport des Geldes einfacher ist, empfängt uns.
Das nenne ich mal rationalisiert. In der Praxis werden für die Visaanträge der Länder Australien, USA, Kanada – und vielleicht noch für andere – die erforderlichen medizinischen Untersuchungen durchgeführt. Es geht zu wie beim Schafe scheren. Personalbogen ausfüllen, ein paar Sekunden warten, Röntgenbild schießen, Herz und Lunge abhören, Blutdruck messen, ein paar Sekunden warten und ab zur Kasse jeweils 60 Euro abdrücken.
Zusammen mit der Visum-Verwaltungsnummer wird das Bild digital den Behörden übermittelt.
Vier Tage später ist das Touristen-Jahresvisum erteilt. Die Reise kann beginnen.

Der Einreisestempel im Reisepass
Mit 1000 km/h über eine verrückte Welt

Mit 1000 km/h über eine verrückte Welt
Ein Mittwochabend im Dezember in Köln. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof schlägt uns der kalte Wind Regen ins Gesicht. Die Straßen sind weihnachtlich beleuchtet, die Schaufenster passend dekoriert und die bunte Leuchtreklame spiegelt sich im nassen Asphalt. Von einem Balkon seilt sich der Nikolaus ab. Bei dem nasskalten Sauwetter hat er die Wohnung sicher nicht freiwillig verlassen, wahrscheinlich ist er auf der Flucht vor dem eifersüchtigen Ehemann, vielleicht hat er auch nur seinen Schlitten im Parkverbot stehen und mehr Angst vor Politessen als vor eifersüchtigen Ehemännern, mit denen könnte man ja reden.
Der Intercity bringt uns von Köln zum Fernbahnhof Frankfurt. Zwei Stunden rauschen die Lichter der Dörfer und Städte im Rheintal an uns vorbei. Unser Gepäck ist leicht, von den 23 Kilo Freigepäck pro Person nutzen wir nur 10 Kilo und davon ist ein guter Teil noch Kameraausrüstung wie Stativ, Akkus, Festplatten etc.
22 : 20 Uhr, die Boeing 747 - 400 von Qantas hebt ab und steigt über das Lichtermeer des Ballungsraums Frankfurt. Gigantisch. Nachtflug Richtung Osten mit knapp 1000 km/h. Über Prag, nördlich am schwarzen Meer entlang, Baku, hinweg über das kaspische Meer.
Der Flug wird unruhiger, das Hindukusch-Gebirge verursacht ein paar Luftlöcher. Die Sonne geht auf. Die Wolken wechseln die Farbe von tiefrot über orange zu weiß. Wahnsinn. Der Steward reicht mir eine Cola. Unter uns tief eingeschnittene Schluchten, das Rückzugsgebiet der Taliban. Dann wieder Geröllflächen, man erkennt abenteuerliche Pisten, Schafställe, einfache Lehmbauten. Eine verrückte Welt: Auf einen Fingerschnipp hin wird hier oben Wein, Cola und Whisky gereicht. Sechs Kilometer entfernt, senkrecht unter uns, hat nicht mal jeder sauberes Trinkwasser oder ein wärmendes Feuer. Sechstausend Meter und doch so weit weg.
Drei Sitzreihen weiter vorn flackert auf dem Sitzmonitor irgendein neuer Kinofilm US-amerikanischer Produktion. Autos fliegen in Feuerwolken durch die Luft und der Held ballert mit starrem Blick aus zwei Maschinengewehren gleichzeitig. Unter uns, wir fliegen nördlich an Kabul vorbei, könnten die meisten auf Sprengungen und brennende Autos verzichten. Die Maschine fliegt mit Kurs auf Islamabad. Erinnerungen werden wach, da unten, am Ufer des gewaltigen Indus, sind wir vor ein paar Jahren lang gefahren. Die karge Landschaft ändert sich, Terrassenfelder, kleine Parzellen mühevoll mit Hand und Hacke bewirtschaftet, ergeben einen bunten Flickenteppich. Traditionelles Leben wie in biblischen Zeiten, gesellschaftliche Veränderungen im Tempo eines Ochsenwagens, sechs Kilometer weiter oben zeigt die GPS-Anzeige 1000 km/h an. Die Sonne beleuchtet das Himalaya Gebirge, unter uns der heilige Ganges mit dem spirituellen Ort Varanasi. Eine gute halbe Stunde später verlassen wir bei Kalkutta Indien und das Festland.

Am Domestic Terminal des Flughafens von Brisbane
Nur noch über den Golf von Bengalen mit Blick auf die Küste und die Traumstrände Thailands, eine kleine Mahlzeit über Kuala Lumpur und dann setzt die Boeing zur Zwischenlandung in Singapur an. Zwei Stunden warten, bis der Flieger voll getankt wieder abhebt. Einsame Inseln im türkisblauen Meer – palmenbewachsen – auf manchen erkenne ich zwei, drei Hütten am Strand. Boah, was ist das da unten schön. Die Inseln gehören zu Indonesien. Die Sonne geht unter, Nachtflug über den Indischen Ozean und Australien. Als endlich die Sonne wieder aufgeht, landen wir auch schon in Sydney. Knappe vier Stunden müssen wir auf unseren Anschlussflug nach Brisbane warten. Wir haben jetzt Freitagmorgen, sind seit 33 Stunden wach und dennoch nicht müde. Eineinhalb Stunden fliegen wir entlang der australischen Goldküste von Sydney nach Brisbane.

Der Campingplatz in Brisbane
Das Taxi vom Flughafen zum Campingplatz, auf dem wir relativ günstig einen Wohnwagen gemietet haben, kostet nur unwesentlich mehr als die Busfahrt, also gönnen wir uns den Luxus der entspannten Taxifahrt. Unser vorläufiges Zuhause, wir haben drei Tage Zeit, bis wir den Land Cruiser übernehmen können, ist ein voll eingerichteter Caravan, in dem wir uns selbst versorgen können. Der Wohnwagen ist alt, aber sauber, sauberer als wir erwartet haben.
Bevor es endlich ins Bett geht, noch ein kleiner Gang zum Supermarkt „Coles“, nur zwei Straßenkreuzungen weiter. Irgendwie verlassen uns die Rechenkünste, es liegt wohl am Schlafmangel. Eigentlich müssen wir die angeschriebenen Preise nur mit drei multiplizieren und anschließend durch vier dividieren um auf den Euro-Betrag zu kommen. Aber mein errechnetes Ergebnis ist so hoch, dass es einfach nicht stimmen kann. Okay, mache ich es anders. Ich multipliziere mit sieben, dividiere durch zehn und addiere zehn Prozent. Das Ergebnis ist immer noch viel zu hoch. Egal wie ich auch rechne, es wird nicht billiger, aber das liegt, wie ich inzwischen herausgefunden habe, nicht am Schlafmangel, sondern Australien ist einfach teuer. Halbwegs bezahlbar sind Hühner, Gehacktes, Karotten, Kartoffeln, Nudeln und Zwiebeln. Damit können wir doch leben. An der Kassenreihe ein noch nie gesehenes Bild. An zwölf Kassen stehen wartende Kunden, doch nur sechs Kassen sind besetzt, aber an jeder Kasse wird kassiert, wie von Geisterhand.
Im Coles Supermarkt
Die Geisterhand ist Kundenhand, der Kunde kassiert sich selbst. Es geht ganz einfach: Man nimmt ein Teil aus seinem Wagen, zieht es über den Scanner, packt es in eine Plastiktüte und legt es zurück in den Einkaufswagen. Am Ende drückt man den „PAY“ Button, zieht entweder die Kreditkarte durch einen Schlitz oder steckt Scheine in den Automaten. Münzen nimmt er natürlich auch. Funktioniert ähnlich wie das Fahrscheinziehen am Fahrkartenautomat. Genial.
So, jetzt aber in den Caravan und pennen.

Das vorläufige Zuhause
Blinker, Scheibenwischer und Polizei

Noch ist die zukünftige Pistenkuh ein „stinknormaler“ Land Cruiser
Blinker, Scheibenwischer und Polizei
Der Jetlag war nach vier Tagen vergessen. Die Fahrzeugübergabe ging schnell über die Bühne. Frank und Christine brachten uns den Land Cruiser gegen elf Uhr zum Camp und alles war wie zugesichert.

Ein erstes Foto von der zukünftigen kleinen Pistenkuh
Wir haben den beiden zwar angeboten, sie zum Hotel zu fahren, aber sie wollten lieber ein Taxi nehmen. Dann machen wir die Probefahrt eben allein.
Etwas ungewohnt mit der linken Hand zu schalten, aber kein Problem. Größere Probleme bereitet mir das Blinken. Statt dem Blinker setze ich immer wieder den Scheibenwischer in Betrieb.
Das blau weiße „ALDI“ Schild zieht mich magisch an. Hat auf mich die gleiche Wirkung wie Müllsäcke auf spanische Straßenköter. Blinker rechts, in die Seitenstraße abgebogen und gleich die rote Kelle der Polizei.
„Fahren Sie bitte links ran und machen Motor und Wischer aus.“
„Oh shit, ich habe nicht geblinkt, bin gespannt, was das hier kostet“, geht es mir durch den Kopf.
„Haben Sie das Schild ‚Rechts abbiegen verboten’ nicht gesehen?“
„Nein, wo?“
„Gleich da vorn, wo Sie ohne zu blinken abgebogen sind.“
„Nein, Entschuldigung.“
„Bitte Ihren Führerschein.“
„Sorry, den habe ich auf dem Campingplatz liegen gelassen.“
„Ist das Ihr Fahrzeug?“
„Ja, aber ich bin noch nicht als Eigentümer registriert, ich habe es erst seit zehn Minuten.“
„Auf wen ist denn das Fahrzeug zugelassen?“
„Frank aus Bonn, seinen Nachnamen und Adresse habe ich mir nicht behalten. Alle Papiere liegen auf dem Campingplatz. Ich weiß nur, er heißt Frank.“
„Da kommt ja ganz schön was zusammen. Wie lange sind Sie in Australien?“
„Der Tageskilometerzähler zeigt 1,4 Kilometer, wir sind vor vier Tagen gelandet.“
„No worries, willkommen in Australien, dann ist das hier das Begrüßungsgeschenk der Polizei, achten Sie demnächst auf die Verkehrszeichen, too easy.“
„Too easy?“ wiederhole ich ungläubig, „Yeap, tschüss.“
Einige Dinge von unserem Vorgänger gehen sofort über Bord, die Angelausrüstung, ein riesiger Tisch, eine Matratze und Kleinkram. Wir wollen Platz im Auto haben und vor allem soll der Cruiser leichter werden. Hinzugekommen ist vor allem stabiles Werkzeug wie Ratschenkasten, Zangen, Ring- und Maulschlüssel, Sandbleche, stabile Schaufel, Spannbänder, 220-Volt-Wandler zum Laden der Akkus für die Kamera, um möglichst von Campingplätzen unabhängig zu sein.

Im ersten Schritt wird die Pistenkuh „geliftet“
Wir schlafen am besten im Bett unterm Dach, den Tisch im Fahrzeug brauchen wir nicht, also weg damit. Der Land Cruiser ist mit der Serienbereifung ausgerüstet, wie er auch bei Britz vermietet wurde. Um eine bessere Geländetauglichkeit zu erreichen, lassen wir neue Räder montieren, größere und etwas breitere. Damit diese in die Radkästen passen, muss die Karosserie etwas angehoben werden. In einer kleinen Werkstatt sind die Arbeiten an einem halben Tag gemacht. Mittags ist ein neues Fahrwerk (Federn und Dämpfer) von „Ironman“ eingebaut, der Body kam 50 mm höher und wir konnten so Reifen der Größe 285/75R16 mit einem MUD-Profil auf neue Felgen aufziehen.
Alles meins, alles

Es ist vollbracht. Die kleine Pistenkuh ist lila
Alles meins, alles
Damit aus dem HZJ eine kleine Pistenkuh wird, fehlt jetzt nur noch die lila Farbe. Wir wollen den Land Cruiser mit Farbrolle und Pinsel streichen, so wie man zuhause die Raufaser tüncht. Pinsel, Rolle und Schleifpad sind schnell im Baumarkt gekauft. Einen Autolackhandel zu finden, der uns den Acryllack im entsprechenden Farbton mischt, war schon schwieriger, aber auch das hat geklappt. Es fehlt jetzt nur noch der Ort, an dem wir die Malerarbeiten durchführen können. Die erste Idee ist naheliegend: auf dem Campingplatz. Der Manager des Platzes findet tausend Gründe dagegen, ich kann alle entkräften. Aber er findet den tausendundersten und tausendundzweiten Grund dagegen. Sagte man uns nicht, die Australier seien so direkt, sagen einfach, was ihnen passt und was nicht? Im Moment beginnt jeder Satz mit: „Ich helfe euch gerne aber …“. Ich gebe auf, er will einfach nicht. Dabei hätten wir uns für's Streichen auf den Müllplatz, einige hundert Meter entfernt von den Stellplätzen, gestellt und natürlich den Boden abgedeckt, damit auch kein einziges Farbtröpfchen ein Sandkorn violett färbt.
„Lass uns mal zu Peter fahren, der war ja ganz okay“, ist Sabines Idee.
Peter hat uns in seiner Werkstatt die neuen Federn eingebaut und die neuen Reifen besorgt. Zudem ist er vor 19 Jahren mit einem VW-Passat durch Afrika gefahren, bevor er in Australien hängen blieb. Wir finden ihn in seiner Werkstatt.
„Hi Peter, alles klar?“
„Yeap, und bei euch?“
„Auch. Kurze Frage: Kann ich bei dir meinen Toyo rollen? Nicht lackieren, kein Schleifstaub, kein Farbnebel, nur anstreichen, und bitte keine Diskussion, ich habe zwei Stunden Diskussion hinter mir, sag einfach ja oder nein.“
„Ja, am besten fahrt ihr hinter die Werkstatt, da stört ihr keinen und euch stört keiner.“
So muss das laufen, kein langes Gerede, einfach umsetzen.
Mit Schleifpad und Schweiß ist der alte Lack schnell aufgeraut. Gerade will ich den Härter in den Lack mischen, als hinter mir eine ältere Männerstimme schreit: „Was machen Sie da? Hören Sie sofort auf! Wer hat Ihnen das erlaubt?“ Ich drehe mich um, komme gar nicht zum Antworten, der Mann im Tennisdress und Tennisschläger unter dem Arm redet sich in Rage. Dabei provoziere ich noch nicht mal.

Aus weiß wird lila
„Wer hat Ihnen das erlaubt? Ich weiß davon nichts. Das gehört alles mir. Die Tankstelle, die Werkstatt, die drei Häuser gegenüber, alles gehört mir. Alles meins, alles.“ Ui, ein Alphamännchen verteidigt sein Revier, denke ich. Dabei will ich ihm gar nichts wegnehmen, von seiner Tochter will ich auch nichts und von seiner Frau schon mal gar nicht. In der Natur wäre es einfach, Affen untereinander würden dem Aggressivling etwas Futter reichen als Zeichen der Anerkennung der Rangordnung. Aber ob es jetzt das Richtige wäre, ihm eine Dose Baked Beans in die Hand zu drücken? Oder soll ich warten bis er kollabiert, weggetragen wird und dann einfach weiterarbeiten? Ich denke wieder darüber nach, ob ich nicht doch 'ne Dose Bohnen aus dem Vorrat hole, nur um mal zu sehen, wie das Alphamännchen reagiert. Habe ich noch nie gemacht. Doch dann bekomme ich die Chance zu antworten, er braucht Zeit zum Luft nachpumpen.
„Guten Tag, ich bin Burkhard und das ist meine Frau Sabine. Wir sind vor ein paar Tagen aus Deutschland gekommen, haben den Toyota gekauft und Peter hat uns erlaubt, ihn hier zu streichen. Wir achten peinlichst darauf, niemanden zu stören und heute Abend wird alles so aussehen wie vorher, das ist alles mit Peter abgesprochen.“
„Peter hat nicht das Recht, euch das zu erlauben. Er hat die Fläche als Abstellfläche gemietet und nicht als Arbeitsfläche. Für Arbeitsfläche müsste er mir viel mehr bezahlen. Das ist alles vertraglich geregelt. Stellen Sie Ihre Arbeiten sofort ein. Sofort!“
„Doofes Arschloch“, denke ich mir und in Worten umschrieben hört sich das so an: „Natürlich hören wir sofort auf. Wenn uns die Sachlage bekannt gewesen wäre, hätten wir selbstverständlich Sie gefragt und seien Sie gewiss, wir sind Menschen die sich immer sehr genau an Gesetze und Verträge halten. Ohne das strikte Einhalten von Verträgen wäre ein vernünftiges Zusammenleben ja gar nicht möglich. Verträge sind doch Zeichen der Zivilisation. Schade, dass Peter das nicht so sieht.“
„Ja, sehr schade. Er kann doch nicht Abstellfläche mieten und euch erlauben hier zu arbeiten, das steht so nicht im Vertrag.“ „Vielleicht können wir ja mit Ihnen einen mündlichen Vertrag für die Flächennutzung von vier Stunden schließen?“ Trotz meiner Diplomatie kommen wir nicht auf eine Welle. Er steigert sich schon wieder rein, kriegt einen roten Kopf, wird laut. „Wie stellen Sie sich das vor, ich werde doch ohne meinen Anwalt keine Zusagen machen.“ Wenn wir nicht sofort einpacken, liegt er gleich mit einem Herzinfarkt im Hof.
Wir wollen nicht in der ersten Woche schon einen auf dem Gewissen haben, also packen wir ein und lassen noch schöne Grüße an den Juristen ausrichten.

Uniting Church im Zentrum von Brisbane
In Schleichfahrt geht es mit unserem aufgerauten Toyo durch die Vororte von Brisbane auf der Suche nach irgendeinem Parkplatz, wo man ein Auto streichen kann. „Die Gegend ist hier einfach zu nobel, die rufen sofort die Polizei, wenn ich den Farbeimer raus hole.“
„Vielleicht können wir bei der Polizei unters Schattendach“, spaßt Sabine.
„Zeig mal den Stadtplan, da gibt es doch bestimmt irgendwo ein Industriegebiet, wo am Wochenende nichts los ist.“
Vier Kilometer später stehen wir im Gewerbegebiet, in einer Seitenstraße hämmert noch ein Autoschlosser auf Autos herum. „Der wird uns nicht stören, hier wird jetzt gestrichen.“ Rückwärtsgang rein, eingeparkt und Pinsel raus. Auf einem kleinen Parkplatz direkt am Straßenrand bekommt der Land Cruiser seine schöne violette Farbe.
Ich sehe schon Ärger auf mich zukommen, es ist der Autoschlosser der nahen Werkstatt. „Hi, ich bin Jack, was zur Hölle macht ihr hier?“ Jack sieht cool aus. Seine langen grauen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und seinen langen, ebenso grauen Kinnbart geflochten. „Das Auto muss violett werden, weiß ist langweilig, ich hoffe, es stört dich nicht, wenn wir das mal kurz hier auf dem Parkplatz machen.“ „No worries, aber das auf dem Parkplatz zu machen, ist doch Scheiße. Morgen ist Sonntag, da könnt ihr den ganzen Tag in meine Halle. Macht abends das Tor zu und werft den Schlüssel in den Briefkasten. Too easy.“ „Und wenn wir was klauen?“ „Ich vertraue euch.“ „Wir können dir 'ne Kopie vom Pass geben.“ „Ich habe doch gesagt, dass ich euch vertraue, das reicht mir.“ Und mit etwas Verzögerung und einem Lachen: “Ich habe noch nie einen violetten Land Cruiser in Australien gesehen, ich finde euch.“
Sonntag Abend war der Land Cruiser violett und es ist uns gelungen, eine schöne Orangenhaut mit der Rolle zu produzieren, war zwar nicht so geplant, ist aber so gekommen.

Von: Burkhard
An: Thorsten
Lieber Thorsten,
die ersten Tage in Australien sind gut rum gegangen. Es macht Spaß, hier zu sein.
Bisher sind wir von Fairness, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft überrascht, ich kann mich an kein Land erinnern (vielleicht Syrien und Iran) indem es so auffallend war.
Dass im Stadtbus Jüngere für Ältere den Platz räumen, ist fast überall auf der Welt normal, hier bietet man auch Frauen und Übergewichtigen seinen Sitzplatz an.
Unbekannte grüßen sich beim Spazierengehen im Stadtpark.
Am Zebrastreifen wird angehalten.
Okay, das sind eigentlich alles Selbstverständlichkeiten, aber die Art wie man miteinander umgeht, nicht reserviert höflich, eher kameradschaftlich locker, führt dazu, dass wir uns recht schnell in der Gesellschaft der Aussies wohl fühlen.
Hier kann man bleiben. Australien hat das Potenzial unser Lieblingsland zu werden und damit Namibia, unser bisheriges Traumland Nr. 1, abzulösen. Das Wetter könnte besser nicht sein, Sonne den ganzen Tag.
Seltsamerweise habe ich noch kein Motorrad und kein Cabrio gesehen, obwohl das Klima im Sunshine State Queensland dafür optimal wäre.
Wir sind jetzt auf dem Weg nach Fraser Island.
Bis in ein paar Wochen.
Liebe Grüße auch von Sabine
Burkhard
Zahlenspiele

Easy Rider in Brisbane
Zahlenspiele
Mit dem violetten Cruiser geht es auf dem Highway M1 endlich raus aus Brisbane, Richtung Norden, Richtung Traumstrände und Regenwald auf Fraser Island. Eigentlich ist alles erledigt und die Reise kann beginnen. Eigentlich heißt, es fehlt eine unbedeutende Kleinigkeit, der Land Cruiser muss noch auf meinen Namen zugelassen werden. Ein routinemäßiger Verwaltungsakt. Von der Zulassungsstelle in Brisbane wurde uns abgeraten, sie sei zu betriebsam, die Beamten von begriffsstutzigen Touristen genervt und Wartezeiten von zwei Stunden seien dort normal. Kein Problem, man kann zu irgend einer der mehr als 100 Zulassungsstellen im Bundesland gehen. Wir wählen einen Ort mittlerer Größe, direkt am Highway gelegen und parken die Mini-Pistenkuh kurz nach zwölf Uhr vor der Eingangstür zum „Department of Transport“. Ein modern eingerichtetes Verwaltungsgebäude empfängt uns. Es könnte eher die Schalterhalle einer modernen Bank sein als eine Amtsstube. Die 20 Sitzplätze für Wartende sind frei, von den fünf durchnummerierten Schaltern ist nur die Nr. 1 besetzt und damit unser Ziel. Die Dame, Mitte 50, Lippenstift vielleicht etwas zu dick aufgetragen, empfängt uns freundlich mit einem Lächeln. Das Gefühl, das sich bei mir in deutschen Behörden oft einstellt, man störe den Beamten gerade – egal zu welcher Uhrzeit – bei seiner wohlverdienten Pause oder im Fachgespräch mit dem Kollegen, stellt sich hier nicht ein. Doch bevor wir unser Anliegen vortragen können, werden wir genauso freundlich gebeten, doch am Servicecomputer eine Wartenummer zu ziehen.
Ich verstehe den Sinn nicht ganz, wir sind die einzigen Kunden, Besucher, Antragsteller, Bittsteller oder was auch immer, das wird sich noch zeigen, sie ist die einzige Mitarbeiterin am einzig besetzten Schalter. Egal. Einfach nicht drüber nachdenken und eine Wartenummer ziehen.
Sabine drückt den grünen Button am Touchscreen, der Automat spuckt ein kleines Zettelchen mit der Nummer 689 aus und im gleichen Moment ertönt eine Computerstimme: „Number 689 to service one“.
„Ah – jetzt verstehe ich, uns soll nur unsere Stellung in der Hierarchie verdeutlicht werden.“ Fünf Sekunden später stehen wir der netten Dame wieder gegenüber.
„Wir haben ein Auto gekauft und möchten dieses auf unseren Namen übertragen“, erklärt Sabine und ich füge hinzu: „Wir sind Deutsche, vor einer Woche angekommen und haben von nichts irgend eine Ahnung.“
„No worries. Das ist ganz einfach, haben Sie einen aktuellen TÜV-Bericht, Ihren Ausweis, eine Postanschrift, eine Kreditkarte und den Verkaufsbericht dabei?“ „Ja, alles dabei.“
„Dann füllen Sie diese beiden Formulare aus und dann war’s das schon. Too easy.“
Während sie das sagt, holt sie bereits die Formulare aus ihrer Schublade. An einem Schreibpult, etwa drei Meter entfernt, füllen wir die Formulare aus.
Ein weiterer Kunde nutzt die Ruhe der Mittagszeit für sein Anliegen. Die Sache ist schnell geklärt: Er ist besoffen zu schnell gefahren und will seinen Führerschein zurück. Doch den gibt es nicht ohne Idiotentest, weil er nicht das erste mal besoffen unterwegs war. Er begreift es nicht. Wie will der dann den Test schaffen? Der Besuch dauert keine zwei Minuten.
„So, alle Formulare ausgefüllt, hier bitte.“
„Ziehen Sie bitte eine neue Wartenummer.“
Ich habe einen Anflug von Verwunderung, was soll das? Kennt sie uns nicht mehr? Ich verstehe es nicht. Vielleicht müsste ich auch mal zum Idiotentest? Das gleiche Spiel: Sabine drückt die grüne Schaltfläche und die Computerstimme schickt die Nr. 691 zur Nr. eins.
„Ah, dem Computer soll Betriebsamkeit vorgegaukelt werden“, kombiniere ich. „Gegenüber der Maschine muss die menschliche Existenz gerechtfertigt werden.“ Zum weiteren Sinnieren fehlt die Zeit, egal.
Wir sind zwar in der Hierarchie etwas abgestiegen, werden aber genau so freundlich behandelt als zuvor.
„Den TÜV-Bericht bitte.“ „Kein Problem.“
„Den Ausweis bitte.“ „Kein Problem.“
„Die Kreditkarte bitte.“ „Kein Problem.“ Das Limit ist zwar überschritten, aber zur Identifikation tut sie ihren Dienst.
„Ihre Postanschrift bitte.“ „Kein Problem.“ Ich lege die Visitenkarte des Caravanparks in Brisbane auf ihren Schreibtisch.
Auf der Rückseite notierte der Manager seine Handy-Nr. für evtl. Rückfragen. Hotels und Campingplätze stellen Reisenden oft ihre Adresse für solche Behördengänge zur Verfügung und dies wird von den Behörden in der Regel auch akzeptiert.
„Die Visitenkarte reicht nicht, ich brauche eine Rechnung vom Caravanpark, dass Sie dort eine Unterkunft gemietet haben oder hatten.“
„Die habe ich weggeworfen“, sagt Sabine etwas leise. „Ach du Scheiße, vielleicht ist sie noch im Müllbeutel?“ „Ich gehe mal gucken.“
Während Sabine unseren Müll durchforstet, bewege ich mich schon mal zum Computer um die Wartenummer 692 zu holen.
„Das brauchen Sie nicht, Ihr Vorgang ist ja noch nicht abgeschlossen“, ruft die gelippenstiftete Dame zu mir rüber. Irgendwie habe ich das System noch nicht richtig verstanden.
Sabine hat die Rechnung gefunden, doch die kann man keiner Behörde auf der Welt vorlegen, sie lag zwei Tage mit Kaffeesatz und Möhrenschalen in unserer Biotonne.
„Wir haben die Rechnung, aber die kann man nirgends vorzeigen, das geht einfach nicht.“
„Geben Sie mal her.“ Aber die Dame weigert sich dann doch, die Rechnung anzufassen oder sie gar auf ihren Schreibtisch zu legen.
„No worries, wir nehmen die Adresse von der Visitenkarte und Sie lesen mir einfach die Rechnungsnummer vor. Too easy.“
„Okay, das ist ein guter Kompromiss. Hauptsache das Papier wird nirgends abgeheftet.“
„So, das war’s. Sind die 14.500 Dollar, die Sie hier eingetragen, das, was Sie für den Wagen gezahlt haben?“
„Ja.“ Es waren zwar Euro, aber ich will wegen der Kleinigkeit von 25 Prozent keine Diskussion über Umrechnungskurse beginnen.
„Dann bekomme ich von Ihnen 618 Dollar.“
Sabine neben mir ist geschockt, völlig sprachlos und ihr Sonnenbrand wirkt blass. Gleich kippt sie rückwärts um, befürchte ich, aber sie kommt wieder zu sich.
„Ich dachte, die Verwaltungsgebühr liegt zwischen 50 und 70 Dollar.“ „Ja, aber in Queensland fällt zusätzlich eine Steuer bei Eigentümerwechsel an, die sich nach dem Fahrzeugwert richtet.“
Ich habe den Kuli vom Ausfüllen des Formulars noch in der Hand, mit einem knappen „No worries“ ziehe ich das Formular zu mir rüber, streiche die Null am Ende und schwupps, sind nur noch 1450 zu versteuern. „Too easy“. Die Verwaltungsangestellte starrt mit halb geöffnetem Mund auf die geänderte Zahl.
„Das kannst du hier nicht machen, wir sind nicht in Afrika“, flüstert mir Sabine mit strengem Ton zu. „Da habe ich vielleicht etwas übertrieben“, geht es mir durch den Kopf. Die Angestellte reagiert immer noch nicht, das hat sie so wohl noch nicht erlebt. Ich ziehe noch mal das Formular zu mir, schreibe die Null wieder hin und streiche die vordere eins. Aus 1450 werden 4500 Dollar. Die nette Dame ist zurück im Leben: „Was haben Sie denn jetzt für den Wagen gezahlt?“, fragt sie in einem Ton, als sei sie nicht sonderlich amüsiert von meinen Korrekturen.
„14.500“, antworte ich ehrlich, sieht man mal von dem Umstand ab, dass ich nichts von Euro erwähne. „Aber der Verkäufer hat uns beschissen. Der Karren ist nur 4500 wert und in dem Preis waren ja auch noch Kaffeetassen, Angel und Bratpfanne dabei. Darauf muss ich ja keine Steuern zahlen.“
Sie zögert, schüttelt den Kopf, tippt was in den Computer und sagt: „Das macht dann 179 Dollar.“ Sabine legt schnell vier fünfziger auf den Tisch, steckt das Wechselgeld und die Papiere ein und dann nichts wie raus.
„Na, wie habe ich das gemacht? Mal gerade in einer halben Stunde 400 Dollar verdient, da ist heute Abend wohl ein Schuss Whisky in meiner Coke und nicht nur Eis.“
„Vielleicht hast du das nicht bemerkt, wir haben gerade keine 400 Dollar verdient, sondern 180 Dollar ausgegeben. So ist in den nächsten Wochen sicher kein Whisky in deiner Cola.“
Jetzt gehört der Toyota ganz offiziell uns. Fühlt sich gut an.
Zurück auf den Highway. Die Scheiben runtergekurbelt, im Radio läuft Kid Rock mit „All Summer long“, die Tachonadel steht bei 70 und die Sonnenbrille sättigt die Farben. Das ist es, was ich mag, einfach dahin cruisen, vollgetankt, Schlafsack auf dem Rücksitz, der Sonne entgegen. „Yeah“.
Wir haben unsere Reise nur grob geplant, haben keinen genauen Zeitplan. Es ist auch egal, ob die Reise zwei, drei oder fünf Jahre dauert oder ob wir nach drei Monaten keine Lust mehr haben und die Kutsche verkaufen. Wir müssen etwas auf unser Budget achten, die finanziellen Mittel sind begrenzt, daher wollen wir versuchen, langsam zu reisen und Campingplätze zu meiden.
Die Routenplanung richtet sich hauptsächlich nach den Klimatabellen. In der Regenzeit sind weite Landstriche im Norden unpassierbar und die Ortschaften werden aus der Luft versorgt. Zu dieser Zeit sind wir im trockenen Süden. Vorläufig sieht unsere Route erst mal so aus:
Von Brisbane nach Fraser Island. Durch die Glasshouse Mountains zurück nach Brisbane und Surfers Paradise. Entlang der Great Dividing Range nach Sydney und durch die Wälder der High Country im Bundesstaat Victoria zur Great Ocean Road mit ihren berühmten zwölf Aposteln. Den Stuart Highway hoch nach Alice Springs im Zentrum des Outback. Auf der sogenannten French Line quer durch die Simpson Desert nach Birdsville. Sind die Pisten des Old Telegraph Track auf Cape York befahrbar, soll es hoch zum nördlichsten Punkt Australiens gehen. Von dort „irgendwie“ möglichst offroad diagonal durch Australien zum südwestlichsten Punkt beim Cape Leeuwin, der Uluru und die Great Central Road sollen dabei auf der Route liegen. Perth und das selbst ernannte Königreich Hutt River Province wollen wir uns auf jeden Fall ansehen und die „längste und einsamste Offroad-Strecke der Welt“, die Canning Stock Route, ist ein Muss. Eventuell noch einen Umweg über die Gibb River Road und der Savannah Way bringt uns dann nach Cairns, wo der Cruiser verkauft werden soll. Findet sich kein Käufer, verschiffen wir ihn über Japan nach Wladiwostok und fahren zurück nach Köln.

Fraser Island

Mit der kleinen lila Pistenkuh auf dem Strand-Highway auf Fraser Island
Fraser Island
An einem perfekten Sommermorgen starten wir von unserem kleinen „wilden“ Camp im Staatsforst nach Rainbow Beach. Die letzte Möglichkeit, Diesel zu normalen Preisen zu kaufen, nutzen wir natürlich und füllen Haupt- und Zusatztank bis zum Stehkragen. Auf der Insel gibt es zwar eine Tankstelle, aber Treibstoff ist dort 30 Prozent teurer, genau wie Lebensmittel und alles andere.
Wir haben unsere Vorräte bei Aldi in Gympie ergänzt und sind mindestens 18 bis 20 Tage autark, sieht man mal vom Trinkwasser ab. Aber Wasser wird es im Regenwald wohl genug geben.
Im kleinen Fährticketbüro können wir auch gleich das Permit erwerben, das uns berechtigt, 30 Tage mit dem Allradler die Offroad-Pisten zu befahren, dazu kommen noch vier Euro pro Person und Nacht für das Nutzen der zahlreichen Campspots.

Perfekter Ausklang des Tages
Eigentlich verrückt: Ein Nationalpark mit der weltweiten Einzigartigkeit, dass sich tropischer Regenwald auf einer reinen Sandinsel gebildet hat – und genau diese einzigartige Natur ist das Reiseziel vieler Allradfreunde. Nationalpark, Naturschutz und Offroad Fahren ist kein Widerspruch, im Gegenteil, für den Besuch der Insel ist Allradantrieb vorgeschrieben.
Und noch etwas Einzigartiges gibt es auf Fraser Island: einen 125 Kilometer langen, bei Ebbe zu befahrenden Sandstrand. Wir sind gespannt, aber jetzt weht uns der Wind ins Gesicht, wir stehen auf der Fähre, die uns in ein paar Minuten am Strand von Fraser absetzen wird.
Zunächst fahren wir auf dem überraschend festen Sandstrand 40 Kilometer nach Norden und schlagen uns dann in die Büsche für die erste Nacht. Schilder regeln, an welchen Strandabschnitten man campen darf und wo nicht. Die insgesamt ausgewiesenen 16 Stellen sind etwa zwei Kilometer lang und bieten traumhafte Plätze im Schatten kleiner Pinien mit Blick auf den Pazifik.
Das Ende des ersten Tages ist perfekt. Vom Meer her weht ein warmer Wind und vertreibt die Moskitos. Wir sitzen auf der Düne, bewundern den Sternenhimmel mit einem Glas Rotwein in der Hand und lauschen dem gleichmäßigen Rauschen der Wellen.
Der nächste Morgen, einfach nur herrlich. Blaues Firmament, die warme Sonne, der salzige Duft des Pazifiks lassen den Kaffee richtig gut schmecken. Am Strand entlang geht’s weiter. Kleine Wasserrinnsale, die ins Meer münden, sind zu durchqueren, alle nur wenige Zentimeter tief. Lediglich der Eli Creek ist etwas tiefer und das klare, warme Wasser eignet sich hervorragend für ein Bad. Nur ein paar Kilometer nördlich des Eli Creek liegt das rostige Schiffswrack der Maheno am Strand.
In Sichtweite zum Wrack finden wir einen tollen Platz für die Nacht.

Luxusdampfer in Auflösung
Das Schiffswrack der Maheno
Die Maheno wurde 1905 in Schottland als Luxuspassagierdampfer für die Verbindung zwischen Australien und Neuseeland gebaut. Während des Ersten Weltkrieges diente der Dampfer als Lazarettschiff im Mittelmeer und kehrte danach als Luxusliner nach Australien zurück. 1935 wurde das Schiff zum Abwracken an Japan verkauft. Auf dem Weg dorthin geriet es am 25. Juni 1935 in einen Sturm und kenterte. Einige Tage später fand man das Schiffswrack an der Küste von Fraser Island, wo es jetzt seit fast 80 Jahren liegt und langsam von Rost und Umwelteinflüssen aufgelöst wird. Immer noch ein spektakulärer Anblick.

Traumhafter „Stellplatz“ unweit der Maheno
Gleiches Bild am nächsten Morgen. Über dem Pazifik geht orangerot die Sonne auf und wenig später hat sich das Schwarz der Nacht zu einem dunklen Blau gewandelt. Wir sind früh unterwegs. Sandige Dschungelpisten, auf die nur selten Sonnenlicht fällt, das Blätterdach der immergrünen Urwaldriesen ist einfach zu dicht, führen uns zum Lake McKenzie, einem der zahlreichen Süßwasserseen der Insel. Außer Dingos und ein paar Schlangen, die Besucher nur selten erschrecken, gibt es keine gefährlichen Tiere auf der Insel. Das Wasser ist glasklar und tropisch warm, und da wir mit der Sonne aufgestanden sind, haben wir den See in den ersten Morgenstunden für uns allein.
Für zehn Tage haben wir ein Camp-Permit und schlafen mal am Strand und mal im Central Station Camp mitten im Regenwald. Dort gibt es auch die Möglichkeit zu duschen, und wenn man einen Dollar in das Kästchen wirft, ist das Wasser sogar warm.

Einsamkeit am Lake McKenzie
Lake McKenzie
Die einzige Chance, den Lake McKenzie mit seinem kristallklarem Wasser in Ruhe und Einsamkeit zu genießen, ist früh aufzustehen. Gegen neun Uhr, spätestens um zehn, kommen die Touristenbusse und es geht zu wie im Freibad während der Sommerferien. Aber auf der Insel gibt es etwa 200 Süßwasserseen und die weniger bekannten wie Lake Jennings sind genauso schön, dafür aber einsamer. Wegen der Verschmutzung mit Sonnenmilch fordern Umweltschützer, das Baden zu verbieten.
Strand

Unterwegs am Ostküstenstrand von Fraser Island

Über urige Pisten an die schönsten Plätze
Fraser Island ist eine etwa 125 Kilometer lang gestreckte Sandinsel, mit einer Breite von nur fünf bis 25 Kilometer. Der Strand der Ostküste ist sehr verdichtet und lässt sich leicht mit dem Geländewagen befahren. Die größte Gefahr ist zu hohe Geschwindigkeit. Fährt man mit einer Seite in eine doch weiche Stelle, wird der Wagen einseitig abgebremst, und wenn man nicht schnell reagiert, ist ein Überschlag die Folge. Und, man glaubt es nicht, Frontalzusammenstöße sind nicht selten. 10.000 bis 15.000 Geländewagen bügeln jedes Jahr den Strand auf und ab.
Urwaldpisten
Die Insel ist zum Teil mit dichtem subtropischem Regenwald bedeckt. Überwiegend jedoch mit Eukalyptus, Mangroven und Buschwald. Über ein Netz von sandigen, teils abenteuerlichen Urwaldpisten gelangt man mit dem Allradler an die schönsten Plätze.
Sein Papi wäre stolz

Regenwald auf Fraser Island
Sein Papi wäre stolz
Die ganze Nacht über hat es geregnet, besser gesagt, geschüttet. Zahlreiche Pfützen haben sich auf dem Central Station Camp gebildet, einige, wie die vor unserem Auto, richtig tief.

Undurchdringlicher Regenwald …
Der Urwald erwacht. Ich sitze auf der Motorhaube des Land Cruisers, in der Hand meine alte Blechtasse mit heißem Kaffee. Der frische Kaffeeduft mischt sich mit dem modrig feuchten Duft des Regenwaldes. Die Baumwipfel werden von den ersten Sonnenstrahlen in gelblich leuchtendes Grün getaucht, leichte Nebelschwaden ziehen über die vermoosten, am Boden liegenden Baumstämme.
Vögel schreien laut, irgendwo höre ich einen Gecko. Stundenlang könnte ich hier sitzen und vor mich hinträumen. Eine weiche junge Frauenstimme ruft mir ein freundliches „Guten Morgen“ zu. Die Camp-Nachbarin ist auf dem Weg zur Dusche, zumindest lässt Shampoo und Badetuch in ihrer Hand dies vermuten und die Richtung zum Sanitärblock stimmt auch. Ihr kleiner Spross, vielleicht zweieinhalb oder drei Jahre alt, folgt mit etwas Abstand. Ihm macht es großen Spaß, seinen großen, blauen Plastikkipplaster durch die Pfützen zu schieben. Seine Mami hat ihn mit Gummistiefeln und Regenjacke wetterfest gemacht. Ihr liebevolles „Nun komm endlich“ beantwortet der Kleine mit einem frechen und lachenden „Nein, nein, nein.“ Er hat es offensichtlich nicht ganz so eilig, zum Klo zu kommen. „Gehen Sie ruhig schon vor, ich passe auf den Kleinen auf. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“
„Danke.“
Die Mutter ist gerade außer Sichtweite, da gibt der Kleine mit dem Kipplaster richtig Gas und steuert ihn zielstrebig in die große Pfütze vor unserer Campsite. Gebremst wird erst, als er merkt, dass Wasser in seine Gummistiefel läuft. Aber für einen Allradkipper gibt es kein zurück. Es geht nur vorwärts. Langsam verschwindet der Plastiklaster vollständig und das braunschwarze Schlammwasser steigt genauso langsam in den Ärmeln des Blondschopfs nach oben. Zwei Kinderschritte weiter rinnt die Brühe in seinen Kragen.
Es geht weiter vorwärts. Respekt.
Erst als das Pfützenwasser ihm bis zum Kinn steht, verzieht er das Gesicht, als wolle er losheulen. „Wenn er jetzt den Mund aufmacht, säuft er ab“, denke ich und springe von der Haube.
Aber das ist ihm wohl auch in dem Moment klar geworden und so presst er die Lippen fest zusammen und schiebt weiter. Der Pfützentiefpunkt ist durchschritten. Das Kind und auch der Laster tauchen wieder auf. Beide sind total mit Schlamm und Modder behangen, weder von den Klamotten des Fahrers noch vom Kipplaster lässt sich irgendeine Farbe erkennen. Wasser läuft aus den Ärmeln und bei jedem Tritt spritzt eine kleine Fontäne aus den Stiefeln.
Es sind vielleicht gerade mal 40 Sekunden vergangen und die Mutter kommt zurück: „Ich nehme ihn doch mit“, wollte sie wohl sagen, aber ihr Satz endet, als sie an den Umrissen erkennt, dass der Schlammhaufen ihr Sohn sein muss. Mit weiten Schritten stürmt sie auf ihn zu und zieht den kleinen Rabauken hinter sich her. Ich werde keines Blickes mehr gewürdigt. „Er hat überhaupt nicht geweint, sein Papi kann stolz auf ihn sein“, rufe ich noch hinterher, setzte mich wieder auf die Motorhaube und denke: „Der Tag fängt gut an, den Morgenkaffee noch nicht leer getrunken und schon eine gute Tat vollbracht.“

I'm dreaming of a purple christmas …
Die angelegten Urwaldwege werden von Rangern instand gehalten und fordern unseren Land Cruiser nicht wirklich, aber man sieht am Pistenrand häufiger abgerissene Plastikteile vom Motorschutz oder Schmutzfänger liegen, so ganz ohne sind die Wege wohl doch nicht.
Über dunkle Dschungelpisten geht es zurück zum Strand. Heute ist Weihnachten und wir müssen noch den Baum schmücken. Nur welchen Baum, die Auswahl ist groß. Letztendlich entscheiden wir uns für einen abgefallenen Pinienast, den wir vor unseren Tisch in den Sand stecken und mit Kugeln behängen – violette natürlich.
Namensgebung von Fraser Island
Der Name Fraser Island geht auf ein Schiffsunglück im Jahr 1836 zurück. Zuvor hieß die Insel „Great Sandy Island“. Der Kapitän James Fraser steuerte das Segelschiff „Stirling Castle“ von Sydney nach Singapur. Am Great Barrier Reef lief das Schiff auf Grund, der Rumpf wurde beschädigt, das Schiff sank. Die Überlebenden, darunter James Fraser und seine Frau Eliza, versuchten mit Rettungsbooten das Festland zu erreichen, was ihnen auch nach etwa 30 Tagen gelang. Kapitän James Fraser und viele Schiffbrüchige verstarben auf der Insel. Seine Frau überlebte durch die Hilfe von Aborigines. Monate später wurde sie gerettet und kehrte nach England zurück. Die Geschichte erzählte sie als Jahrmarktattraktion in London und die Insel bekam ihren heutigen Namen nach Kapitän James Fraser.
Die Geschichte wird in dem Roman „A Fringe of Leaves“ des australischen Literaturnobelpreisträgers Patrick White nacherzählt.
Stahlbeton für Schickimickis

Surfers Paradise: Wolkenkratzer direkt am Strand
Stahlbeton für Schickimickis
Durch ein Gebiet erloschener Vulkane kurven wir zurück nach Brisbane. Die Felsspitzen erinnerten James Cook, den Entdecker Australiens (na ja, ob er überhaupt Australien entdeckt hat, ist zweifelhaft) an seine Heimat mit den hohen Schornsteinen der Glashütten. Die Landschaft bekam von James Cook den Namen Glasshouse Mountains verpasst. Wahrscheinlich waren die Holländer bereits mehr als 150 Jahre vorher an Land gegangen, als sie auf der Suche nach einem sicheren Seeweg von Indien in ihre Heimat waren. Da sie außer Haue von ein paar Wilden nichts mitnehmen konnten, war ihr Interesse gering. Die Arbeit, einen Mast in die Erde zu rammen und die Fahne zu hissen, machten sie sich erst gar nicht.
Die Ehre gebührt dementsprechend offiziell James Cook. Dass die Ureinwohner Australien bereits vor 50.000 Jahren entdeckten, ist zu lange her, als dass es noch Beachtung hervor ruft, es zählt nicht.

Glasshouse Mountains
Unser Cruiser blubbert mit 80 km/h vor sich hin, an einer Schilderbrücke auf dem Pazifik-Highway sehen wir das erste Hinweisschild zum „Surfers Paradise“.
Surfers Paradise, der Name klingt gut, klingt nach ein paar Strandbuden, vor denen sonnengebräunte Twenties ihren Graffiti besprühten VW-Bus parken und sich mit Surfbrett in die meterhohen Wellen stürzen, klingt nach Bikini, Bacardi und Party. Klingt gut.
Die paar Strandbuden sind inzwischen aus Stahlbeton, unzählige Stockwerke hoch und die Bude Q1 war bei der Erbauung 2005 der höchste bewohnte Wolkenkratzer. Sonnengebräunte Twenties sieht man auch, aber in der Mehrzahl blasse Japaner und hellhäutige Nordeuropäer, die, sobald sie braun gebraten sind, nach Hause fliegen. Und einige Deppen rennen mit ihrem Surfbrett herum, hätten sie mal richtig gegoogelt, wüssten sie, dass Surfers Paradise keine guten Surfbedingungen bietet, die Wellen sind am kilometerlangen Sandstrand einfach nicht hoch genug.
Die Hochhäuser sind austauschbar, der Badeort könnte auch an der Côte d’Azur oder in Miami liegen. Die Postkarten sehen so gleich aus wie die Hotels der internationalen Ketten von Hilton, Marriott und Mercure oder die Schaufenster von Rolex, Prada, Gucci und Ralph Lauren. Davor stehen schöne Pärchen und solche, die sich nur für schön halten.
Da Surfers Paradise ein Touristenort ist, an dem ordentlich Geld verdient wird, sieht man auch keine alten VW-Busse (außer den Surfern, die sich verfahren haben), sondern dicke Ami-Schlitten, fette Geländewagen und alles, was einen guten Sound hat, wohingegen mein 4,2-Liter-Motor nur ein Summen von sich gibt. Was bleibt ist Bikini, Bacardi und Party.

Das Hard Rock Café unweit des Q1
Bunte Neonlichter in der Nacht werben für Partys in Discos und Nachtclubs, für Pubs, Restaurants und Hotels, welche die imposante Skyline bilden. Vor allem die Skyline ist absolut beeindruckend, zumindest für jemanden, der aus Wilnsdorf kommt. Okay, der Bauer in Wilnsdorf melkt die Kuh im Stall auch bei Neonlicht. Licht hatte der Bauer, der an der Stelle, wo heute das Stadtzentrum liegt, vor 150 Jahren seine Farm baute, nicht. Er hätte mit seinen bescheidenen Erträgen die Stromrechnung gar nicht bezahlen können. 1877 war der Bauer pleite und verkaufte die Farm an einen Deutschen namens Meyer. Dieser baute Zuckerrohr an und war nach nicht einmal zehn Jahren ebenfalls ruiniert. Er verkaufte das Land und baute am Strand eine Bude, die er Main Beach Hotel nannte. Um das Hotel herum entstand in den nächsten 20 Jahren eine kleine Siedlung. Wahrscheinlich hießen alle Einwohner „Meyer“. Die Meyers vermehrten sich, Touristen kamen und eine bessere Verkehrsanbindung brachte noch mehr Touristen zu den Meyers. Die Meyers wurden reich und die Chance auf Reichtum zog Spekulanten und Investoren an, die das unfruchtbare Land an der Küste erwarben und Hotels bauten. 1925 eröffnete Jim Cavill aus Brisbane das Surfers Paradise Hotel und brachte es mit List und Tücke fertig, dass der Landstrich nach seinem Hotel benannt wurde. 1960 setzte ein Touristenboom ein, Schauspieler und Promis feierten Partys, bauten Villen, brachten Geld und noch mehr Geld. Land wurde knapp und teuer und so wurde in die Höhe gebaut. Wer weiß, was in 150 Jahren aus dem Wilnsdorfer Kuhstall geworden ist, vielleicht heißt Wilnsdorf dann „Bauer’s Paradise“ und Touristen aus fernen Ländern staunen über die höchsten Wolkenkratzer, die die Welt je gesehen hat und werden vom schlauen Bauern bei Neonlicht gemolken.
Der Q1 Tower

Der Q1 Tower

Der Q1 Tower – einst das höchste Wohnhaus der Welt
Wir staunen über die Informationstafel am Eingang des Q1. „Das Q1 soll das höchste Wohnhaus der Welt sein?“, fragt Sabine ungläubig. „Noch nie was von gehört, ich dachte die Dinger stehen in USA, beim Scheich oder in Hongkong.“ „Guck mal, da gibt es eine Aussichtsterrasse im 77. Stock.“
Der Aufzug bringt uns nach oben, die Stockwerksanzeigen rasen so schnell, dass man sie nicht mehr lesen kann. Durch den geänderten Luftdruck knackt es in den Ohren. Schon geht die Aufzugstür auf und wir sind auf 230 Meter Höhe. Hier befindet sich ein Restaurant für 400 Personen und durch dicke Glasscheiben eröffnen sich atemberaubende Blicke auf die Stadt.
Verzehren muss man im Restaurant nichts, jeder zahlt 21 Dollar Eintritt. Natürlich recherchiere ich später, ob es wirklich das höchste Wohnhaus der Welt ist: Es stimmt, es war mit 323 Metern bei seiner Erbauung 2005 das höchste bewohnte Haus der Welt, Bürogebäude zählen da nicht mit. Es ist mit seinen 78 Etagen der höchste Wolkenkratzer auf der Südhalbkugel. Im Q1 Tower sind 526 exklusive Wohnungen untergebracht. Die kleinsten, billigsten Wohnungen mit 84 Quadratmetern kann man für schlappe 985.000 Dollar kaufen. Wer oben im 74. Stock wohnen möchte, legt 12 Millionen Dollar auf den Tisch.

Atemberaubende Ausblicke auf Surfers Paradise
Die Aussicht von hier oben ist für jemanden vom Dorf beeindruckend, bei klarer Sicht kann man das 80 Kilometer entfernte Brisbane sehen. Leider stören ein paar Reflektionen in den Scheiben beim Fotografieren. Etwas Besonderes ist die gebogene, rostfreie Stahlspitze. Sie ragt 47 Meter über das eigentliche Dach hinaus und ist nachts beleuchtet. Dadurch ist das Wahrzeichen noch aus 200 Kilometern Entfernung zu sehen.

Surfers Paradise by Night
Man munkelt, dass das investierte Geld an der Gold Coast und vor allem in Surfers Paradise von den Bossen der Halbwelt aus Japan und Hongkong stammt, also jenen eleganten Herren, die ihr Geld mit Drogen, Zuhälterei, Waffenhandel und anderen kriminellen Geschäften verdienen. Ich fahre unseren Toyo besonders langsam und konzentriert, um ja nicht aus Unachtsamkeit einen der noblen V8-Schlitten der Gangsterbosse zu rammen. Mit „No worries, too easy“ ist spätestens Schluss, wenn ich erkläre, dass unser Toyo nicht versichert ist.
Anmerkung zur Kfz-Versicherung
In Australien ist eine Versicherung die Personenschäden abdeckt, Pflicht. Diese Versicherungsgebühr wird mit der Fahrzeugregistrierung (Kfz-Steuer) erhoben.
Sachschäden können, müssen aber nicht versichert werden.
600 Kilometer durch tropischen Regenwald

Bachdurchquerung mit der Pistenkuh
600 Kilometer durch tropischen Regenwald
Fast alle Reisende mit Mietwagen fahren entlang der Goldküste mit ihren tollen Badestränden und malerischen Sonnenaufgängen über dem Pazifik. Die Küstenstraße ist natürlich geteert und Shopping Malls, Restaurants, Cafés und Hotels reihen sich aneinander. Die Touristenorte sind international und damit auch international austauschbar. Wie schon gesagt, Surfers Paradise könnte auch Miami sein.
Hundert Kilometer westlich verläuft die Great Dividing Range, die das ostaustralische Hochland zur Küstenebene trennt. Hier reiht sich ein Nationalpark an den anderen, unterbrochen von Naturreservaten und riesigen „State Forests“.
Australien ist ein Offroad-Land. Im Staatsforst darf man jeden noch so kleinen Waldweg befahren und durch die Nationalparks führen Pisten, die in fünf Schwierigkeitsgrade eingeteilt sind. Das ist unsere Welt.

„Natural Bridge“ im Springbrook National Park
„Wir können ja versuchen, im Wald zu fahren, so dass die Kompassnadel möglichst immer 180° zeigt“, ist Sabines Vorschlag. Die Idee gefällt mir, wir ändern sie nur soweit ab, dass wir die Highlights nicht verpassen. Über den Daumen gepeilt, liegen jetzt 500 bis 600 Kilometer durch tropischen Regen- und vor allem Eukalyptuswald vor uns. Im Supermarkt füllen wir die Vorräte auf und ich betanke den Zusatztank mit Diesel.
Eines der Touristen-Highlights ist die „Natural Bridge“ im Springbrook National Park. Sie ist in nahezu jedem Bildband zu finden und über einen guten Wanderweg leicht und sicher zu erreichen.

Typischer Waldweg in Australien
Australien ist ein reiches Land, daher sind die Waldwege und selbst „fire cut lines“ instand gehalten, zumindest so weit, dass sie für den Land Cruiser keine Herausforderung bedeuten und sich daher leider nie eine Fahrsituation ergibt, bei der die Hände feucht und der Mund trocken werden.
Übernachtungsplätze mit Aussicht sind nicht leicht zu finden. Wenn doch, stellen wir uns morgens den Wecker, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen. Oft liegt dichter Nebel über den feucht-warmen Urwaldtälern. Mit einer Tasse Kaffee sitzen wir auf der Klippe und hören, wie der Dschungel erwacht. Stimmungsvolle Bilder zu schießen ist dann nicht schwer.

Der Dschungel erwacht …

Auch der Zusatztank ist rappelvoll
Drei, vier Mal ziehen wir umgestürzte Bäume vom Weg, indem wir einfach den Bergegurt um den Stamm schlingen und diesen dann am Zurrhaken der kleinen Pistenkuh einhängen. Hierbei macht sich zum ersten Mal die Investition in Mud-Terrain-Reifen bemerkbar. Sie bringen die erforderliche Kraft auf den Boden, um den Stamm so weit beiseite zu ziehen, dass sich eine zwei Meter breite Durchfahrt ergibt. Die Bachdurchquerungen sind nicht tief, dennoch erfordert der schlammige Untergrund Allradantrieb, um die zweieinhalb Tonnen sicher ans andere Ufer zu schieben.
Zum Glück ist der Zusatztank gefüllt, denn so einfach, wie wir es uns vorgestellt haben, ist es doch nicht. In unserer Karte sind nicht alle Wege eingezeichnet und, viel ärgerlicher, einige eingezeichnete Wege gibt es nicht mehr oder sie sind am Ende, also nachdem wir uns durchgekämpft haben, mit einer nicht mit Bordmitteln zu öffnenden Schranke versehen, weil sie ein Stück über privates Land verlaufen. Da heißt es zurück, und so werden aus den geplanten 600 Kilometer knapp 750.

Gemütliches Nachtlager am Waldesrand
Für unser Nachtlager finden wir am späten Nachmittag genau zur richtigen Zeit eine kleine Waldlichtung. Nicht einsehbar vom Weg, aber hier kommt sowieso keiner und wenn doch, wäre es kein Problem. Die Reispfanne ist aufgegessen, unterm Tisch glimmt eine Spirale, die Moskitos fernhalten soll und auf wundersame Weise dies auch tut. Wir hören Schritte im Wald, sind ganz ruhig, lauschen. Die Schritte kommen näher. Wir sehen zwei große Ohren, dann einen Kopf. Schwupps, noch einen Sprung, schon steht das Känguru, fast größer als Sabine, auf der Lichtung.
Vielleicht ist es der Rauch der Moskitospirale, es scheint uns nicht wahrzunehmen, ja, es kommt direkt auf uns zugesprungen. Fotoapparat liegt natürlich im Auto. Wir bleiben starr sitzen, kein Wimpernzucken, und beobachten, wie das ausgewachsene männliche Tier in vier Metern Abstand Grashalme kaut. In den letzten Tagen haben wir immer wieder Kängurus und Wallabies im Wald gesehen. Aber sie sind so scheu, dass sie sofort abhauen, wenn ich mit dem Fotoapparat in ihre Richtung ziele. Ein Verhalten, als würden andere mit der Flinte auf sie anlegen.
Bei Vögeln ist es ähnlich. Stundenlang sitzen die roten, gelben, grünen, blauen, bunten Vögel dicht bei uns. Kaum liegt die Kamera auf dem Tisch, sind sie weg. Meine Achtung vor Tierfotografen ist enorm gestiegen. Tage später parken „Birdwatcher“ ihren Ford Falcon neben uns. Harry kennt sie alle, kann ihr Zwitschern nachmachen, kennt ihr Verhalten, sitzt stundenlang in Tarnkleidung hinter einem Bretterverschlag und beobachtet sie mit seinem Fernglas. „Wenn sie sehen, dass du hinter den Bretterverschlag gegangen bist, kommen sie den ganzen Tag nicht. Du musst dich morgens früh vor der Dämmerung im Wald verstecken und dann nicht mehr raus kommen. Dein Kameraobjektiv sieht für sie aus wie ein riesiges Auge. Ist doch klar, dass die Angst bekommen und weg sind.“
Wir sind keine Ornithologen, ich verschweige ihm unsere einfache Einteilung in vier Gruppen: Papageien, alles was bunt ist. Adler, alles was segelt. Spatzen, alles Kleine, was singt. Hühner, alles was auf dem Boden läuft und eine gute Mahlzeit geben würde. Am liebsten sind mir Hühner.
In den Wäldern gibt es Tiere, die sich leichter fotografieren lassen. Das Possum beispielsweise ist neugierig, vor allem futtergierig und überhaupt nicht menschenscheu. Im Gegenteil, selbst Blitzlicht und Scheinwerfer bringen es nicht davon ab, uns vom Baum herab zu beobachten. Stundenlang sitzen wir ruhig da und beobachten uns gegenseitig. Wir sind jedoch nicht nachtaktiv, geben auf und kriechen ins Bett. Genau darauf scheint das Possum gewartet zu haben. Keine zwei Minuten später hören wir, wie es auf unseren Tisch springt und alles, was noch von uns draußen ist, nach Essensresten durchsucht.

Futtergieriges Possum
Schlangen und Spinnen

Eine Braunschlange
Schlangen und Spinnen
Jeder, wirklich jeder, selbst die Australier, warnten uns vor Schlangen und Spinnen. Die Spinnennetze haben manchmal beeindruckende Größen, fast wie kleine Trampoline. Und wenn man eines übersieht, was häufig auf kleinen Waldpfaden vorkommt, klebt einem das Netz an Haaren, Kopf und Armen. Die Spinnen sind klein oder haben normale Größe im Vergleich zu den Spinnen in Deutschland. Manche sind silber oder gelbschwarz, fast schön, die meisten eklig hässlich.
Sabine kreischt jedes Mal, wenn sie sich im Netz verfängt, als wolle die Spinne sie fressen. Zur Beruhigung behaupte ich einfach, ich hätte gelesen, dass alle Spinnen, die Netze bauen, völlig harmlos seien. Nur die Spinnen, die auf dem Boden leben und Jagd machen, seien giftig und gefährlich. Mit dem kleinen Trick kriecht auch Sabine durchs Unterholz.
Später lese ich, dass ich zufällig recht hatte, die meisten Spinnen sind zwar giftig, aber nur eine einzige, die „Funnel-web Spider“, kann einen Menschen töten. Diese kommt nur in der Gegend um Sydney vor und baut keine Netze in Bäumen oder Sträuchern. Alle anderen Spinnen verursachen maximal schmerzhafte Bisse, ähnlich einem Wespenstich. Selbst die von den Australiern gefürchtete „Redback“, eine kleine Spinne mit einem roten Punkt auf dem Rücken, ist nur für Kinder gefährlich. Erwachsene sind nach einem Biss ein paar Tage krank, mit Kopfschmerzen und Erbrechen.

Spinnen: beeindruckend oder beängstigend?
Mit Schlangen ist es ähnlich. Die giftigsten Schlangen leben in Australien, aber in Indien sterben 50 Mal mehr Menschen je eine Million Einwohner durch Schlangenbisse als in Australien. Vor Schlangen haben wir schon deutlich mehr Respekt als vor Spinnen, aber erst einmal eine gesehen. Hätte sie sich nicht bewegt, hätten wir sie gar nicht bemerkt. Durch ihre grüngelbe Färbung war die zwei Meter lange Schlange ihrer Umgebung optimal angepasst. Als wir etwas dichter herankamen, flüchtete sie. Zum Glück hatte ich die Filmkamera in der Hand und konnte sie auf Video einfangen. Ich war so dicht dran, wie man sonst im Zoo an der Glasscheibe des Terrariums steht. Aber da die Glasscheibe fehlte, ist vieles vor Aufregung verwackelt und falsch fokussiert. Dabei hätte ich ganz relaxt sein können, im Reptilienführer lese ich am Abend, dass die Schlange harmlos ist, sofern man nicht mit einer Maus verwechselt wird.

Von: Burkhard
An: Thorsten
Lieber Thorsten,
jetzt sind wir sechs Wochen unterwegs. Die zehn Tage auf Fraser waren fast wie Urlaub. Mit dem Toyo über Urwaldpisten schaukeln, zu Fuß entlang kleiner Dschungelpfade zu kleinen Seen mit absolut glasklarem Wasser zum Baden. Der Vater des kleinen Jungen, der mit seinem Kipplaster die Schlammpfütze durchschritten hat, du erinnerst dich? Hat mich Abends zum Bier eingeladen, war ganz lustig. Allerdings müssen wir uns an das Aussie-Englisch erst noch gewöhnen.
Surfers Paradise ist nicht unser Ding. Hotelburgen, Schickimicki, und solche, die es gerne wären. Gut waren die letzten Tage entlang der Great Dividing Range. In den Wäldern sind wir nachts immer allein, von Possums, Kängurus und Schnabeligel abgesehen. Die Natural Bridge war etwas enttäuschend, vielleicht war sie zu einfach zu erreichen. Wenn ich nur über einen breiten Weg hin gehen muss, kann ich sie mir auch im Bildband angucken. Ich mag es, wenn ich mir den Aus- oder Anblick erarbeiten muss, wenn sich nach schwieriger, mühevoller Kletterei der Ausblick über die Berggipfel öffnet, wenn nach tagelanger Fahrt über staubige, öde Wüstenpisten plötzlich die grüne Oase im Tal vor mir liegt. Das ist der Anblick, den ich genieße, auch wenn das Bild nicht in einem Bildband gedruckt wird.
In der Great Dividing Range unternahmen wir eine solche, ich nenne es mal Erkundungstour, entlang eines moosigen glitschigen Bachlaufes. Immer volle Konzentration, dass man nicht ausrutscht und ins Wasser fällt, immer Ausschau nach Schlangen und Echsen. Und dann der kleine Wasserfall in unberührter Natur. Das Bild und ein paar vom Bachlauf habe ich dir angehängt.
Grüße an den Sohnemann
Burkhard

Der beste Kaffee in Manly

Sydney by Night
Der beste Kaffee in Manly
Eine kleine Teerstraße bringt uns zurück zum Pacific Highway und dieser führt direkt nach Sydney. Zeit, mal wieder unsere E-Mails zu checken. Eine hört sich ganz gut an:
„Hi ihr beiden,
ich verfolge seit ein paar Jahren eure Reisen auf eurer Webseite. Afrika ist unser nächstes Ziel, in ein paar Monaten werden wir unseren Land Rover nach Südafrika verschiffen. Ihr müsstet ja jetzt auf dem Weg nach Sydney sein, vielleicht habt ihr Lust auf einen Gedanken- und Informationsaustausch. Ihr seid eingeladen, mal vorbeizukommen, wir können euch in Sydney unser Gästezimmer anbieten.
Hoffentlich bis bald, Michael“

Geteert zurück zum Pacific Highway
Natürlich haben wir Lust, Gedankenaustausch ist gut, Informationsaustausch noch besser. Und an Infos zu Australien, insbesondere von jemandem, der selbst mit einem 4x4 Fahrzeug reist, sind wir immer interessiert.
Nur, so wie wir aus dem Busch kommen, können wir unmöglich jemanden besuchen. Eine intensive Körperreinigung ist nach den Tagen im Dschungel unumgänglich.
Australien ist das Land der Roadtrains, der großen Distanzen, die mit gigantischen Lastzügen zurückgelegt werden. Die Trucker haben das gleiche Problem, müssen ja auch gelegentlich Staub, Dieselöl und Ruß abwaschen. Auf dem nächsten Rasthof frage ich einen Fahrer, wie sie das Problem handhaben. „Too easy, an jeder großen Tankstelle, an jedem Truckstop gibt es kostenlose Duschen, du gibst deinen Autoschlüssel als Pfand und bekommst den Schlüssel für eine Duschkabine.“
„Kostenlos?“, frage ich ungläubig.
„Hey, Mann, wenn ich tanke, pumpe ich 1600 Liter Diesel ab, da ist doch wohl eine Gratisdusche drin.“
Tausendsechshundert Liter kriege ich in den Toyo zwar nicht rein, aber den Tipp probieren wir gleich mal aus. Die Duschen sind im Gebäude des Autobahnrestaurants und die Dame, die Pappbecher im Akkord mit heißem Kaffee befüllt und an eine Busladung Touristen ausgibt, bestätigt, was der Trucker gesagt hat: „Die Duschen sind für jedermann kostenlos. Ihr müsst auch nicht tanken oder Kaffee trinken, das ist einfach Service. Wollt ihr einen oder zwei Schlüssel?“
„Einer genügt.“
Im Keller des Restaurants gehen vom breiten Gang zehn Türen ab, die mit großen Zahlen durchnummeriert sind. Wir haben die Nr. 3. Der Schlüssel passt und es öffnet sich ein kleines Badezimmer. Waschbecken mit Fön und Seifenspender, Garderobe, Stuhl, Tisch und Dusche. Beleuchtet mit unschönen Neonröhren, aber Radiomusik. Alles absolut sauber, aber davon kann man in Australien in der Regel ausgehen. Zum Schluss noch einen Kaffee und ein Stück Kuchen im Restaurant, denn so ganz für lau wollen wir den Service doch nicht nutzen.
Jetzt aber zurück auf den Highway und zu Michael.
Michael und seine Lebenspartnerin Sira wohnen in Manly, einem Vorort von Sydney. Die Adresse liegt in einem Villenviertel, gepflegter englischer Rasen, in den Zufahrten und Garagen stehen Jaguar, Rolls Royces und S-Klassen.
Einen kleinen Hügel hinauf und direkt vor dem Haus ist sogar ein Parkplatz für die Mini-Pistenkuh frei. Sira erwartet uns bereits und geleitet uns ins Wohnzimmer. Es ist eigentlich kein Zimmer, sondern ein offener Wohnbereich. Genial ist die Glasfront zum Ozean hin. Unverbaubare Aussicht. Der Blick schweift über den kleinen Vorort, über den Sandstrand und über schäumende Wellen bis zum Horizont. Sira öffnet das große Fenster und klatscht zweimal in die Hände, wir warten ein paar Sekunden. Kaum zu glauben, ein weißer Kakadu stürzt herbei um sich ein Stück Banane aus ihrer Hand abzuholen. „Das klappt nicht immer, aber wenn er in der Nähe ist und das Klatschen hört, holt er sich ein Stück Obst.“ Inzwischen hat Michael das Telefonat in seinem Büro beendet und kocht Kaffee für alle.
Sira zeigt uns das Gästezimmer, eine kleine Suite mit eigenem Bad und kleinem Balkon mit Meerblick.
Die Unterhaltung beim Kaffee mit Michael macht Spaß. Endlich jemand (der Erste), der nicht überängstlich ist und schon einiges selbst gefahren ist.
Bisher waren die Informationen der Australier wenig brauchbar: „Ihr könnt die Simpson Desert nicht allein durchqueren, ihr braucht unbedingt ein zweites Auto, schließt euch einem Convoy an.“ Wir reisen grundsätzlich allein. Wir werden auch die Simpson Desert allein durchqueren.
„Ihr braucht unbedingt eine Winch.“ Brauchen wir nicht.
„Meldet euch bei der Polizei und hinterlasst dort euren Routenplan.“ Wir haben keinen Zeitplan und wenn doch, teilen wir das keinem mit.
„Passt auf die Schlangen auf.“
Solche Ratschläge kann man in die Tonne kloppen. Ihr Informationsgehalt ist gleich Null. Michael hingegen ist ein guter Informant, weil er viele Gebiete selbst abseits der Pisten gefahren ist. Von ihm bekommen wir die Infos, die wir brauchen: Wie hoch ist der Durchschnittsverbrauch seines Land Rovers in den unwegsamen Gebieten? Das erleichtert unsere Kalkulation für den Dieselvorrat.
„Ich habe die GPS-Koordinaten der Camps der Madigan-Expedition, ist es möglich der Expeditionsroute mit einem Geländewagen zu folgen und gibt es dort Wasserlöcher, die nicht in den Detailkarten verzeichnet sind?“ Michael ist gut informiert, engagiert sich in einem Offroad-Club und ist jede freie Minute mit seinem Land Rover TD5 im Busch. Neben den Fakten sind vor allem seine Fotos sehr informativ. Wir können uns nun ein Bild von dem Gelände machen und so das Risiko besser einschätzen. Ähnliche Fragen haben Michael und Sira zu Afrika.
Manly Sydney Harbour
Die Glut leuchtet rot in der Dämmerung, Michael legt ein paar Filetsteaks auf den Grill und ein fast schwarz scheinender Rotwein kreist im Glas, in der Ferne rauscht das Meer.
„Wie kommt man nach Manly?“, frage ich Michael, der wahrscheinlich Anfang 40 ist. „Mein Vater war Kampfjetpilot bei der Bundeswehr und während seiner Dienstzeit sowohl in England als auch in den USA stationiert. Ich wuchs dort zweisprachig auf, zu Hause sprachen wir Deutsch, in der Schule und mit Freunden Englisch.
Später studierte ich in London Ökonomie, also Wirtschaft. Als Investmentbanker arbeitete ich zunächst in Frankfurt, dann in London und New York. Eine Bank in Sydney machte mir ein gutes Angebot und so kam ich nach Australien. Die Arbeitsbedingungen sind gut, hinzu kommt das angenehme Klima, die Freizeitmöglichkeiten und überhaupt der Lifestyle Australiens. In Sydney kaufte ich meine erste Eigentumswohnung, inzwischen sind noch ein paar dazu gekommen, die alle vermietet sind, und da war es doch nur konsequent, dass wenn ich hier lebe, hier arbeite, hier investiere, auch die australische Staatsbürgerschaft beantrage.“
Sira ist chinesischer Abstammung, ihr Vater kam als Goldgräber nach Australien und hatte Glück. Ihre Familie besitzt ebenfalls ein paar vermietete Immobilien in Sydney. Sira pendelt zwischen Äthiopien, Brasilien und Guatemala, sie ist Rohkaffeeeinkäuferin für eine Rösterei. Das erklärt auch den guten Kaffee, den wir bei ihr bekommen haben.
Sydney, die schönste Stadt der Welt?

Die Sydney Harbour Bridge
Sydney, die schönste Stadt der Welt?
Nein, Sydney ist nicht die Hauptstadt, aber es ist die Stadt, die jeder kennt. Und was kennt man in Sydney? Eigentlich nur das Opernhaus.
Dabei hat Sydney so viel zu bieten, dass man sich einen Satz Schuhsohlen ablaufen könnte. Man könnte sich den Fischmarkt ansehen, in Chinatown asiatische Spezialitäten probieren, die dort auf engstem Raum angeboten werden. Man könnte durch den Botanischen Garten spazieren, sich im Paddy’s Market über drei Etagen durch billigen Kleinkram, Klamotten und Souvenirs drängen. Man könnte auch was für die Bildung tun, sich das Nationalmuseum ansehen oder das Aboriginal Kunstmuseum oder das Powerhouse Museum. Natürlich auch durch die Kirchen laufen, das Theater und den Zoo besuchen und die Bücher der Stadtbibliothek lesen.
Interessant wäre vielleicht auch das Rotlichtviertel Kings Cross, zum einen wegen der Mischung aus Bahnhofsviertel und Reeperbahn, aber vor allem weil es hier eine Tiefgarage gibt, in der Traveller ihre gebrauchten Schlitten und andere Reiseausrüstung verscherbeln.
Wäre unsere Tochter dabei, wäre natürlich das Nationalmuseum Pflicht. Aber so können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: Opernhaus, Harbour Bridge, Skyline und Fish and Chips.
Bei Sira und Michael sind wir erst nachmittags aufgebrochen. So geht es erst mal darum, in Sydney einen kostenlosen Platz für die Nacht zu finden. „Lass uns zum Zoo fahren, da gibt es bestimmt nachts jede Menge freie Parkplätze“, mutmaßt Sabine. Nur wenige hundert Meter entfernt bietet sich eine bessere Möglichkeit. In einem Ausflugslokal bei Bradleys Head wird Hochzeit gefeiert. Der öffentliche Parkplatz steht voller Autos und mit Sicherheit werden hier in den frühen Morgenstunden, wenn die Feier sich dem Ende neigt, einige mit dem Taxi nach Hause fahren. Unsere Mini-Pistenkuh wird gar nicht auffallen. Von Bradleys Head ist der Blick auf Sydney beeindruckend. Opernhaus, Skyline und Harbour Bridge auf einem Bild. Die Sonne verschwindet unspektakulär im Dunst hinter den Hochhäusern. Das Grau am Firmament wechselt zu Schwarz und immer mehr Lichter erleuchten die Metropole.

Skyline in der Dämmerung
Seltsame Hochzeitsfeier oder wird in Australien immer so gefeiert? Die Hochzeit ist pompös aufgezogen, drei schwarze Maserati Limousinen, Fotografen und Filmcrew, doch ab 22 Uhr leert sich der Parkplatz. Eine Stunde später ist unser lila Toyo der einzige Wagen auf der Teerfläche, unsere Tarnung ist abgereist (später erfahren wir, dass viele Restaurants nur eine Öffnungslizenz bis 23 Uhr haben, Feierlichkeiten daher oft sehr früh enden).
Aber Tarnung wäre gar nicht erforderlich gewesen. Es stört keinen und es kommt keiner, der Parkplatz ist auch von der Straße nicht einsehbar, man (Polizist) müsste schon gezielt fahnden, ob dort jemand die Nacht verbringt. So schlafen wir dort auch die folgenden beiden Nächte.

Standesgemäßer Parkplatz unter der Harbour Bridge
Am nächsten Morgen parken wir den Toyo unter der Harbour Bridge. Der Parkplatz ist mit 60 Cent pro Stunde billig und man darf sieben Stunden parken. Von hier kann man zu Fuß über die gigantische Stahlbrücke gehen. 30.000 Tonnen wiegt allein der Stahlbogen, nur zur Vorstellung, das sind etwa 30 komplette Güterzüge. 1923 wurde beschlossen, die Brücke zu bauen. Neun Jahre war das Schlagen der mehr als sechs Millionen Nieten zu hören. Die Brücke sollte aber nicht nur den Hafen überspannen und eine wichtige Verkehrsanbindung sein, sie sollte die längste Einbogenspannbrücke der damaligen Zeit werden. 503 Meter lang. Was für ein Pech, was für eine Trauer, nur wenige Monate vor Fertigstellung wurde in New York die Bayonne Bridge eröffnet, und die ist 60 Zentimeter länger.
Natürlich haben wir die Brücke bei der Reiseplanung auf vielen Bildern aus allen möglichen Perspektiven gesehen, aber in Realität ist sie beeindruckender, als wir sie uns vorstellten. Das will was heißen, oft ist die Realität kleiner und „normaler“, als sie von Fotografen dargestellt wird.
Ein paar Treppenstufen bringen uns auf die Brücke und beim Marsch auf die andere Seite haben wir unser nächstes Ziel, das weltberühmte Opernhaus, nur die „Opera“ genannt, immer im Blick. 45 Minuten später stehen wir vor dem Bauwerk mit der weltberühmten Dachkonstruktion.
Ich könnte mir vorstellen, dass es das Bauwerk ist, das Architekten und Bauherren die meisten schlaflosen Nächte bereitet hat. Sechs Jahre sollte der Bau dauern. Fünf Jahre dauerte es allein, die Dachkonstruktion zu planen und zu berechnen. Bei Baubeginn war keinem der Verantwortlichen klar, ob man das Dach überhaupt so bauen kann, wie es sich der Architekt vorstellte. Irgendwann gingen wohl die Nerven durch und man hat den 37-jährigen dänischen Architekten gefeuert. Sein berühmtes Bauwerk hat Jørn Utzon nie gesehen. Als man ihn rausschmiss, verließ er Australien und kehrte nie mehr zurück. Statt sechs baute man 15 Jahre, und die Hiobsbotschaften der Kostensteigerung werden den Stadtkämmerer wohl oft nachts senkrecht im Bett stehen lassen haben. Die Baukosten lagen 14 mal so hoch wie veranschlagt. Einwände wegen der Kosten wurden als Knickrigkeit bezeichnet.

Das Sydney Opera House
Wir könnten jetzt auf die Plattform des AMP Centrepoint Tower fahren und in 173 Metern Höhe eine Rundum-Aussicht über die Hochhäuser der Stadt genießen. Ja, könnte man machen, wir laufen jedoch zurück zu Millers Point, wo der kleine Toyota auf uns wartet. Unterwegs ein verlockendes Angebotsschild: “Only today, Fish and Chips five Dollar, take away.”
Okay, das nehmen wir mit. Kurz später sitzen wir mit zwei Riesenfischfilets und einem gigantischen Berg Pommes auf einer Parkbank vor unserem Auto. Im Blick die Skyline, Opera und Harbour Bridge. Sydney ist eine der schönsten Städte, die wir bisher gesehen haben, vielleicht die schönste Stadt der Welt. Ob die Bewohner von Sydney das wissen? Ahnen tun sie es bestimmt.
Aber die Stadt hat auch Schattenseiten. Diese Schattenseiten werden mit Videokameras bewacht und davon scheint es viele zu geben. Ständig haben wir das Gefühl, beobachtet zu werden, weil gerade irgendwo eine Kamera schwenkt. Und es ist tatsächlich so: Während wir unseren Fisch verdrücken, klettert ein junger Mann vielleicht Mitte zwanzig auf das Dach des Fähranlegers und macht einen Kopfsprung ins Hafenbecken. Vier Minuten später erreichen drei Polizeiwagen, aus unterschiedlichen Richtungen kommend, fast zeitgleich den Tatort und nehmen den Mann mit. Der Kopfsprung hat keine Minute gedauert, aber die Polizei kriegt es mit.
Auf Parkplätzen der Innenstadt ist die Parkzeit oft begrenzt, zum Beispiel auf zwei Stunden.
„Brauche ich eine Parkscheibe oder lege ich einen Zettel mit der Uhrzeit hinter die Scheibe?“, fragte ich beim ersten Mal noch irritiert einen Passanten. „No worries, stell dein Auto einfach ab, der Platz wird videoüberwacht und nach zwei Stunden wirst du abgeschleppt. Die Stadtverwaltung weiß genau, wie lange welches Auto wo steht. Too easy.“
Ihr werdet es mir nicht glauben, aber ich habe in Australien noch nie falsch geparkt. Die Strafen sind drastisch. Parkzeitüberschreitung in Brisbane: 160 Dollar. Kein Parkticket gelöst: 200 Dollar. Auf die Harbour Bridge geklettert: 3000 Dollar. Hundekot im Park nicht aufgesammelt: 500 Dollar. Die Strafen werden bei jedem Verbots- oder Gebotsschild gleich mit angeschlagen. Macht Eindruck, aber ich trete lieber mal in Hundescheiße, als durch einem Park zu laufen, wo jeder Hund beim Kacken videoüberwacht wird.

Historisches Schiff
Alles unter Wasser

Nach tagelangem Dauerregen zurück an der Küste
Alles unter Wasser
Wir verlassen Sydney. Wieder bietet sich die Alternative, entweder die touristische Route entlang des Ozeans oder die abenteuerliche Route über die Great Dividing Range mit ihren riesigen Waldgebieten zu wählen. Strand und Ozean reizt uns nicht so sehr, also fällt die Entscheidung für den Dschungel. Das heißt, bevor die Kompassnadel das große S zeigt, fahren wir erst einmal knapp 200 Kilometer nach Westen. Graue Wolken hängen tief am Horizont und bald ziehen wir eine Gischtfahne hinter uns her. Der Scheibenwischer läuft auf Stufe zwei. Es ist der Beginn von tagelangem Dauerregen. Von wegen trockenster Kontinent. Wenn es mal eine halbe Stunde nur nieselt, statt zu schütten, hebt das gleich die Stimmung. In unserem kleinen Wohnmobil läuft das Kondenswasser innen an den Scheiben runter, die Handtücher trocknen nicht mehr, alles wird klamm und feucht. Vier Tage warten wir auf einer Lichtung im Wald auf besseres Wetter. Dann noch einmal drei Tage auf einem Caravan Park, aber nichts ändert sich. Dummerweise habe ich den Regenschirm, den unser Vorbesitzer im Land Cruiser gelassen hatte, gleich am ersten Tag weggeschmissen. „Den brauchen wir nie“. Jetzt habe ich bei BIG W einen neuen gekauft.
Schade, wir haben in einem Bildband so tolle Bilder von den „Three Sisters“, einer Felsformation ganz in der Nähe, gesehen, jetzt ist alles grau und in Nebel gehüllt. Nach sieben Tagen endet der Regen, der Nebel steigt auf, die Sonne scheint. Was tut das gut. Lüften, Bettzeug trocknen und ein paar Bilder von den „Three Sisters“ gelingen auch. Abends schüttet es schon wieder. Egal, jetzt reicht’s, wir setzten die Reise fort. Es geht über schlammige Waldwege, dem Land Cruiser macht’s Spaß und was dem Cruiser Spaß macht, gefällt auch uns. An den Stellen, wo wir unbedingt fotografieren wollen, warten wir mehrere Tage für ein paar Sonnenstrahlen, so zum Beispiel an den Kanangra Walls.

Die Three Sisters in den Blue Mountains

Blick in die Tiefe an den Kanangra Walls
Kanangra Walls
An der senkrechten Abbruchkante des Boyd Plateaus bietet sich ein spektakulärer Blick in die Schluchten und Canyons des Sandsteingebirges der Blue Mountains. Die Berge erscheinen tatsächlich blau, was auf die ätherischen Öle zurückzuführen ist, die die an den Hängen wachsenden Eukalyptuswälder an die Luft abgeben; diese Öle reflektieren das Blau des Himmels.
Die Nachrichten im Radio werden von Stunde zu Stunde dramatischer. Niederschlagsmengen werden bekanntgegeben und Ortschaften genannt, deren Bewohner sich zur Evakuierung vorbereiten müssen. Die Flüsse im Tal treten über die Ufer und die flachen Ebenen laufen voll Wasser. So gesehen, geht es uns hier oben auf dem Gebirgskamm ganz gut. Kein Australier hat zu dieser Jahreszeit solche Regenmassen erlebt. Normalerweise ist jetzt die Zeit der höchsten Waldbrandgefahr. Viele Waldgebiete werden dann gesperrt und einzelne Gehöfte vorsorglich wegen der Feuergefahr evakuiert. Jetzt stehen alle Indikatoren auf grün, das heißt, man darf im Wald sogar Lagerfeuer entzünden.

Infotafeln über das aktuelle Waldbrandrisiko
In Australien zeigen Tafeln die Waldbrandgefahr in sieben Stufen an. Jede Farbe bedeutet bestimmte Verhaltensregeln. Zum Beispiel grün: Waldbrandgefahr sehr gering, man darf fast überall Feuer machen, bis hin zu rot: katastrophal hoch, niemand darf in den Wald, und diejenigen, die ihre Häuser oder Wochenendhäuser im Wald haben, müssen diese verlassen. In den Ortschaften sind Schweißarbeiten und grillen auf Gas oder Kohle verboten.
Es ist so nass, dass wir kaum trockenes Holz finden, um abends ein Feuer zu entfachen, und wenn es endlich brennt, sitzen wir im Qualm. Hier oben können wir recht entspannt die Nachrichten aus unserem Autoradio verfolgen. Nach und nach werden die Landstraßen und Zufahrten in den Tälern unter uns geschlossen und immer mehr Orte evakuiert. Wir haben Lebensmittel für ein paar Wochen an Bord und unser Biosystem hat es wohl schon geahnt und in den letzten Monaten vorsorglich Chips und Cola in ein paar Speckpolster verwandelt.
Wir sind beeindruckt, wie professionell die Australier die Katastrophe managen. Die lokalen Radiosender senden unentwegt Statusberichte, welche Ortsteile sich zur Evakuierung vorbereiten müssen, welche Ortsteile evakuiert werden, welche Straßen noch passierbar sind. Dazwischen immer wieder Wetterberichte mit erwarteten Niederschlagsmengen und Wasserstandspegel für die nächsten Stunden. Die Evakuierten werden in Turnhallen und Schulen untergebracht. Unterricht findet verständlicherweise in diesen Tagen nicht statt. Der Highway wird gesperrt. Wir bleiben im Wald auf der Berghöhe, zum Glück spielt Zeit bei uns keine Rolle.
Aber nicht nur die Behörden, wie Polizei und Feuerwehr, sind professionell, auch die Bürger verhalten sich vorbildlich. Keine Blockaden, keine Plünderungen, keine Panik. Viele sind schon vorzeitig zu Freunden gereist oder haben einfach den Wohnwagen angekuppelt und sind auf einen vor Überflutungen geschützten Caravan Park gefahren.
Sofort werden Spendenkonten eingerichtet und spenden kann man ganz einfach im Supermarkt. Beim Bezahlen an der Kasse nennt man der Kassiererin einen Spendenbetrag, den sie in die Kasse tippt. Bei Beträgen über zwei Dollar druckt das Kassensystem zusätzlich zum Kassenzettel auch gleich eine Spendenquittung aus. Viele runden ihre Supermarktrechnung auf und verzichten auf das Wechselkleingeld. Alles nur kleine Beträge, aber vermutlich kommt so mehr rein als bei jedem anderen Spendenaufruf.
Ein schönes Beispiel wie professionell die Katastrophe gemanagt wurde, zeigt sich in der Kritik, die von Bürgern in einem Radiointerview geäußert wurde. Man glaubt es nicht, aber der Hauptkritikpunkt war die zu einseitige Ernährung in der Turnhalle, es gab zu wenig frisches Obst und Gemüse, des Weiteren zu wenig Toiletten und Duschen und zu wenig Spielsachen für die Kleinen.
Anstatt angesichts der Kritik in schallendes Gelächter auszubrechen, entschuldigt sich der Bürgermeister ernsthaft für fehlendes Kinderspielzeug und die überwiegende Versorgung aus Konservendosen.
Der Regen lässt nach, hört aber nicht auf. Kalt ist es geworden. Das Leben im Mini-Wohnmobil wird von Tag zu Tag qualvoller. Die Enge nervt, man kann nicht mal die Beine ausstrecken. Einfach mal einen Tee zu kochen bedeutet Räumerei. Computer, Landkarten und Bücher wegräumen, Kocher auspacken und aufbauen. Anschließend Kocher wegpacken, Computer und Bücher aus der einen in die andere Ecke räumen. Es scheint, als würde unser Hausrat und alles, was wir haben, ständig auf zwei Quadratmetern rotieren, und wir mittendrin. Am schlimmsten ist die Feuchtigkeit. Nicht nur, dass Handtücher, Hose und Jacke nicht mehr trocknen, das ist normal. Auch das Bettzeug, Polster, Mehl, Zucker, einfach alles wird klamm. Wir müssten unbedingt heizen und lüften, am besten, das Auto in die Sonne stellen. Aber wir wollen nicht klagen, anderen läuft im Tal die Wohnung voll Wasser, bei uns wird es nur klamm.
Nach vier Tagen ist die Straße im Tal wieder für Geländewagen passierbar. Vielleicht ist es an der Küste besser. Der Wetterbericht im Internet zeigt an der Küste Regen und Sonne und vor allem wärmere Temperaturen. Also zurück zur Küste, dann doch die Touristenroute. Wie schön, der Scheibenwischer läuft nur noch im Intervallbetrieb. Das Wetter an der Küste entspricht genau den Symbolen der Wetterkarte: Regen, Sonne und dunkle Wolken. Schon besser als Dauerregen, vor allem weil endlich unser Bettzeug und Handtücher wieder richtig trocken sind. Ach, was ist es für ein schönes Gefühl, in ein trockenes Bett zu kriechen.

Känguru im Futtermodus …
Obwohl wir im Touristengebiet unterwegs sind, finden wir jeden Abend grandiose Plätze mit Blick auf den Ozean für uns ganz allein. Man darf halt keine Angst vor Kratzern im Lack haben und muss den Toyo auch mal durch fast zugewachsene Wege schicken. Die Kängurus und Wallabies werden in dem Gebiet offensichtlich schon lange nicht mehr gejagt, sie lassen mich mit der Kamera auf 20 Meter herankommen und grasen ganz ungestört weiter. Endlich ein paar richtig gute Bilder von Australiens Nationaltier, wohl das einzige Nationaltier auf der Welt, auf das man schießen darf.
Бесплатный фрагмент закончился.
