Читать книгу: «Gesicht der Angst»
G E S I C H T
D E R
A N G S T
(Ein Zoe Prime Fall—Buch Drei)
B L A K E P I E R C E
AUS DEM ENGLISCHEN ÜBERSETZT VON
DÖRTHE RUSSEK
Blake Pierce
Blake Pierce ist der USA Today Bestseller-Autor der RILEY PAGE Mystery-Serie, die sechzehn Bücher (und es werden noch mehr) umfasst. Blake Pierce ist auch der Autor der Mystery-Serie MACKENZIE WHITE, die dreizehn Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Mystery-Serie AVERY BLACK, die sechs Bücher umfasst; der Mystery-Serie KERI LOCKE, die fünf Bücher umfasst; der Mystery-Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Mystery-Serie KATE WISE, die sechs Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe CHLOE FINE, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe JESSIE HUNT, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe AU PAIR, die zwei Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Krimireihe ZOE PRIME, die zwei Bücher umfasst (Tendenz steigend); der neuen Krimireihe ADELE SHARP; sowie der neuen und heimeligen Mystery-Serie EUROPEAN VOYAGE.
Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt es Blake, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie www.blakepierceauthor.com, um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.

Copyright © 2020 von Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Acts von 1976 darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen, in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist ausschließlich für Ihre persönliche Nutzung lizensiert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer weiteren Person teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Ausgabe für jeden Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht erworben haben, oder es nicht ausschließlich für Ihren Gebrauch erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und erwerben Ihre eigene Ausgabe. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Es handelt sich hier um eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle beruhen entweder auf der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebend oder tot, ist völlig zufällig. Titelbild Copyright Tavarius, verwendet mit Lizenz von Shuitterstock.com.
BÜCHER VON BLAKE PIERCE
ADELE SHARP MYSTERY-SERIE
NICHTS ALS STERBEN (Buch #1)
NICHTS ALS RENNEN (Buch #2)
NICHTS ALS VERSTECKEN (Buch #3)
DAS AU-PAIR
SO GUT WIE VORÜBER (Band #1)
SO GUT WIE VERLOREN (Band #2)
SO GUT WIE TOT (Band #3)
ZOE PRIME KRIMIREIHE
GESICHT DES TODES (Band #1)
GESICHT DES MORDES (Band #2)
GESICHT DER ANGST (Band #3)
JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE
DIE PERFEKTE FRAU (Band #1)
DER PERFEKTE BLOCK (Band #2)
DAS PERFEKTE HAUS (Band #3)
DAS PERFEKTE LÄCHELN (Band #4)
DIE PERFEKTE LÜGE (Band #5)
DER PERFEKTE LOOK (Band #6)
DIE PERFEKTE AFFÄRE (Band #7)
DAS PERFEKTE ALIBI (Band #8)
CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE
NEBENAN (Band #1)
DIE LÜGE EINES NACHBARN (Band #2)
SACKGASSE (Band #3)
STUMMER NACHBAR (Band #4)
HEIMKEHR (Band #5)
GETÖNTE FENSTER (Band #6)
KATE WISE MYSTERY-SERIE
WENN SIE WÜSSTE (Band #1)
WENN SIE SÄHE (Band #2)
WENN SIE RENNEN WÜRDE (Band #3)
WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Band #4)
WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Band #5)
WENN SIE FÜRCHTETE (Band #6)
WENN SIE HÖRTE (Band #7)
DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE
BEOBACHTET (Band #1)
WARTET (Band #2)
LOCKT (Band #3)
NIMMT (Band #4)
LAUERT (Band #5)
TÖTET (Band #6)
RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE
VERSCHWUNDEN (Band #1)
GEFESSELT (Band #2)
ERSEHNT (Band #3)
GEKÖDERT (Band #4)
GEJAGT (Band #5)
VERZEHRT (Band #6)
VERLASSEN (Band #7)
ERKALTET (Band #8)
VERFOLGT (Band #9)
VERLOREN (Band #10)
BEGRABEN (Band #11)
ÜBERFAHREN (Band #12)
GEFANGEN (Band #13)
RUHEND (Band #14)
GEMIEDEN (Band #15)
VERMISST (Band #16)
AUSERWÄHLT (Band #17)
EINE RILEY PAIGE KURZGESCHICHTE
EINST GELÖST
MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE
BEVOR ER TÖTET (Band #1)
BEVOR ER SIEHT (Band #2)
BEVOR ER BEGEHRT (Band #3)
BEVOR ER NIMMT (Band #4)
BEVOR ER BRAUCHT (Band #5)
EHE ER FÜHLT (Band #6)
EHE ER SÜNDIGT (Band #7)
BEVOR ER JAGT (Band #8)
VORHER PLÜNDERT ER (Band #9)
VORHER SEHNT ER SICH (Band #10)
VORHER VERFÄLLT ER (Band #11)
VORHER NEIDET ER (Band #12)
VORHER STELLT ER IHNEN NACH (Band #13)
VORHER SCHADET ER (Band #14)
AVERY BLACK MYSTERY-SERIE
DAS MOTIV (Band #1)
LAUF (Band #2)
VERBORGEN (Band #3)
GRÜNDE DER ANGST (Band #4)
RETTE MICH (Band #5)
ANGST (Band #6)
KERI LOCKE MYSTERY-SERIE
EINE SPUR VON TOD (Band #1)
EINE SPUR VON MORD (Band #2)
EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Band #3)
EINE SPUR VON VERBRECHEN (Band #4)
EINE SPUR VON HOFFNUNG (Band #5)
KAPITEL EINS
Callie schob ihre Hände tiefer in die Taschen und hakte ihren Ellenbogen so ein, dass die Handtasche über ihrer Schulter enger gegen ihre Seite gedrückt wurde. Es war die Art von Vorsichtsmaßnahme, die sie immer traf, wenn sie Javier besuchte, einen Freund von ihr, der ein großes Talent für Kunst hatte.
Sie hatten sich an der Universität kennengelernt, und während Callie bereits gezwungenermaßen ihren Bürojob ausübte, versuchte Javier zumindest, seine Träume zu verwirklichen. Natürlich bedeutete das Leben als Künstler mit Studentenschulden, dass er nicht im allerbesten Viertel lebte. Es gab Zeiten, in denen sich auch Callie, die eine attraktive junge Frau war, hier nicht sicher fühlte.
Das war der Grund dafür, warum sie immer Pfefferspray bei sich trug. Beruhigend glitten ihre Finger über die kühle Außenseite des Behälters in ihrer Tasche.
Sie hatte sogar einen Fluchtplan: sprühen und rennen, je nachdem, wo sie gerade war. Es gab eine kleine Gasse, die sie durchqueren musste, um zu Javis Atelierwohnung zu gelangen, und sie stellte ebenfalls den Wendepunkt dar. Bevor sie diese erreichte, wusste sie, dass der schnellste Weg, der Weg zurück zur Hauptstraße war, dort konnte sie sich in Sicherheit bringen. Hatte sie bereits mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt, musste sie zu Javis Tür rennen und so lange in die Gegensprechanlage schreien, bis er sie hereinließ.
Es war nicht so, dass sie sich den ganzen Weg lang nur Sorgen über potenzielle Gefahren machte. Tatsächlich war es eher das Gegenteil. Callie hatte sich diesen Plan ausgedacht, als sie Javi dort zum zweiten Mal besuchte, und seitdem konnte sie auf dem Weg zu seinem Haus ihren Gedanken nachhängen. Sie träumte zum Beispiel von ihrem neuen Tattoo, das er für sie gezeichnet hatte, und wie es aussehen würde.
Bereits seit einigen Jahren arbeiteten sie gemeinsam an Entwürfen. Eigentlich seit ihrem ersten Tattoo. Sie liebte es so sehr, dass sie ihn anflehte, ihr noch ein anderes zu zeichnen. Es wäre bereits das Dritte seiner Designs, das ihren Körper schmücken würde. Es hatte etwas seltsam Intimes an sich, obwohl sie nie ein Liebespaar gewesen waren. Etwas an der Art und Weise, wie seine Arbeit eine Spur auf ihrer Haut hinterließ, eine kleine Geste der Rebellion gegen den spießigen Lebensstil, den sie zweifellos noch jahrzehntelang ertragen musste.
Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht würde sie einen Ausweg finden, um den Dingen nachzugehen, die sie wirklich liebte. Ihr eigenes Unternehmen gründen zum Beispiel, auch wenn sie noch nicht wusste, was genau das sein würde. Callie konnte immer noch hoffen.
Sie ging die Gasse hinunter, vorbei an einer umgestürzten Mülltonne und einem Graffiti Wandgemälde, das inzwischen von Kindern mit Spraydosen besprüht worden war. Kunst, bedeckt von der Art Schmiererei, die die Städte überhaupt erst dazu brachte, generell gegen Graffiti vorzugehen. Es war eine Schande. Die kalifornische Sonne, die ihr eben noch ins Gesicht geschienen hatte, verschwand und wurde durch den kühlen Schatten der hohen Gebäude ersetzt, sodass sich ihre Augen erst an die neue Dunkelheit gewöhnen mussten.
Am anderen Ende der Gasse erschien ein Mann, der in ihre Richtung kam. Callie merkte, wie sich ihr Körper versteifte, und sie beobachtete ihn, während sie versuchte, neben ihn auf den Boden schaute. Er hatte die Kapuze seines Pullovers über den Kopf gezogen, das Gesicht im Schatten, die Hände tief in die Taschen gesteckt, genau wie sie.
Sie konnte nicht viel von ihm erkennen. Das war an einem solchen Ort ein schlechtes Zeichen. Er schien nicht erkannt werden zu wollen. Ein wirklich schlechtes Zeichen.
Callies Finger schlossen sich um das Pfefferspray in ihrer Tasche, ihre Armmuskeln verkrampften sich, als sie daran dachte, es zu benutzen. Sie könnte das Spray mit einer schnellen Bewegung herausziehen und auf sein Gesicht zielen und sprühen. Mit ihrem Zeigefinger fand sie die Düse und brachte es in ihrer Tasche bereits in die richtige Position. Sprühen und rennen.
Sie beschleunigte ihr Tempo. Je schneller sie an ihm vorbeikam, desto weniger Chancen hätte er, die Oberhand zu gewinnen, dachte sie. Sie blickte auf den Abstand zwischen ihnen und überlegte. Ein Blick in den Himmel. War sie schon auf halber Strecke? Wäre es schneller, vorwärts oder zurückzulaufen? Javi erwartete sie. Wenn sie zu ihm lief, würde er sie vielleicht schneller hereinlassen. Ja, sie würde zu Javi rennen.
Sie hielt den Atem an, als der Mann näherkam, und versuchte, weiterzugehen, ohne sich etwas anmerken zu lassen, das Pfefferspray weiterhin fest umklammert. Sie war vorbereitet, bereit zu sprühen.
Der Mann ging einfach an ihr vorbei.
Callie atmete wieder auf und ärgerte sich darüber, wie paranoid sie war. So erging es Menschen, die über vorbereitet waren. Die zu viel darüber nachdachten, möglicherweise in Gassen angegriffen zu werden.
Javi würde bestimmt darüber lachen. Sie würde es ihm erzählen, auch wenn es peinlich war. Er würde lachen und ihr sagen, dass er sie vor großen, furchterregenden Männern beschützen würde. Es würde ihre Beziehung nur noch verstärken.
Plötzlich wurde Callie aus dem Gleichgewicht gebracht, gerade als sie wieder normal atmen konnte. Es kam von hinten. Er, dachte sie. Es musste der Mann sein. Er hatte sie an den Schultern gepackt, einen seiner Arme um sie gelegt und zog sie zu sich. Sie stand mit dem Rücken zu ihm. Ihre Schulterblätter kollidierten mit seiner Brust, und etwas zog an ihrem Hals, etwas Scharfes.
Sie wollte um Hilfe schreien, nach Javi schreien, überhaupt schreien, aber als sie es versuchte, sprudelte die Luft nur durch ihren Hals, durch die neue Öffnung, für die er verantwortlich war. Er hatte ihr die Kehle durchgeschnitten. Etwas Heißes strömte über ihre Brust – sie wusste, was es war – ihr eigenes Blut.
In diesem Moment wusste Callie Everard, dass sie sterben würde. Noch nie zuvor war ihr etwas so klar gewesen.
Sie starb. Es geschah jetzt, in diesem Moment. Sie würde Javi nie wieder sehen, um das neue Tattoo-Design zu bekommen, sie würde nie ihrem Traum folgen, ihr eigener Chef zu sein, und sie würde nie den Mercedes besitzen, den sie sich erträumt hatte, seitdem sie gelesen hatte, dass ein berühmter Moderedakteur ebenso einen Mercedes fuhr. Callies Hände umklammerten ihre Kehle, konnten sich aber aufgrund des vielen Blutes nicht wirklich festhalten.
Sie fühlte die Ränder der neuen Öffnung, deren Position für ihre suchenden Finger keinen Sinn ergab.
Callie fiel, ohne zu wissen, dass sie es tat, bis sie registrierte, dass sie in den Himmel schaute und deshalb auf dem Rücken liegen musste. Sie strengte sich ein letztes Mal an, um ein Geräusch zu machen, saugte verzweifelt Luft durch ihren offenen Mund ein und versuchte, sie mit einem Schrei wieder auszustoßen. Alles, was sie hörte, war ein weiterer Schwall von Blut aus ihrer Wunde, durch die der Sauerstoff heraussprudelte, der nicht einmal mehr ihre Lungen erreichte.
Es dauerte nur noch einen Augenblick, bis Callie überhaupt nichts mehr sah und aufhörte zu atmen, und dann war es nur noch ihr Körper, der verlassen in der Gasse lag. Eine Hülle. Ihre Seele oder ihr Bewusstsein oder was auch immer es war, das Callie ausgemacht hatte, war längst weg.
KAPITEL ZWEI
Zoe stellte ihr Glas auf den Tisch und versuchte, nicht die Wassermenge zu berechnen, die noch darin war. Sie hatte den Kampf natürlich bereits verloren. Sie sah immer, überall Zahlen, ob sie wollte oder nicht.
„Woran denkst du?“
„Hm?“ Zoe blickte schuldbewusst auf und sah in Johns wartende, braune Augen.
Sie erwartete, dass er die Geduld verlieren würde, aber sie hatte es noch nie geschafft, ihn so weit zu treiben. Stattdessen schenkte er ihr ein sanftes Lächeln. Es war ein schiefes Lächeln, das auf der rechten Seite seines Gesichts höher war als auf der linken. Er schien sie immer auf diese Art und Weise anzulächeln und ihr schien es, als würde er ihr damit für das eine oder andere vergeben. Zoe war sich nicht sicher, ob sie es verdiente.
„Worüber denkst du nach?“, fragte John.
Zoe versuchte, so zu auszusehen, als wäre alles in Ordnung. „Ach, nichts“, sagte sie, und hatte dann das Gefühl, dass dies vielleicht nicht die beste Antwort war: „Nur Arbeitskram.“
„Du kannst mir ruhig davon erzählen“, sagte John und legte seine Hand auf ihre, die auf dem Tisch lag. Sie fühlte seinen gleichmäßigen Herzschlag durch seinen Daumen, an der Stelle, an der er auf ihre Haut drückte. Er war langsamer als ihrer. Bei weitem langsamer.
Großartig. Zoe hatte sich eine schnelle Ausrede ausgedacht, und nun fragte er nach Einzelheiten. Was sollte sie jetzt tun? „Es ist ein offener Fall“, sagte sie, zuckte die Achseln und hoffte, dass er es ihr abkaufen würde. „Ich kann nicht wirklich über die Details sprechen, bevor es zur Verhandlung kommt.“
John nickte und schien sich damit abzufinden. Zoe atmete innerlich erleichtert auf. Sie musste sich konzentrieren, nicht die viermal, die sein Kopf in einem Winkel von dreißig Grad nach vorne gekippt war, mitzuzählen, oder wie sehr sein gepflegtes braunes Haar im Licht glänzte, oder die sechs Gläser, die die eins siebzig große Kellnerin auf einem Tablett an ihnen vorbeitrug, oder die …
Zoe blinzelte und versuchte, ihre Augen und Ohren wieder auf John zu richten und zuzuhören, was er sagte.
„Also musste ich ihm sagen: ‚Tut mir leid, Mike, aber ich habe heute Abend schon ein Date‘“, lachte er.
Zoe runzelte die Stirn. „Du hättest das Date auch verschieben können, falls du was Besseres vorgehabt hättest“, sagte sie. „Hätte mir nichts ausgemacht.“
„Was? Nein!“, sagte John, lehnte sich kurz zurück und griff dann wieder nach ihrer Hand. „Oh Gott, nein, Zoe. Ich habe mich so darauf gefreut, dich wiederzusehen. Das war nur – ich war nur sarkastisch. Oder ironisch, oder so. Ich vergesse immer, was was ist. Ehrlich, ich würde ein Date mit dir immer der Arbeit vorziehen.“
Zoe sah auf ihren Teller hinunter, der inzwischen leer war von den ausgezeichneten Lachsrouladen in Zitronenbutter, die ihr Hauptgericht gewesen waren. Dies war einer der beliebtesten Orte in Washington, D.C. für eine Verabredung zum Essen, und sie konnte sich kaum daran erinnern, überhaupt etwas gegessen zu haben.
Sie war sich nicht sicher, ob John jemals an erster Stelle bei ihr stehen würde. Schließlich war sie FBI-Agentin. Man erwartete von ihr, dass sie ihr Leben aufgab, um einen Fall zu verfolgen, nicht andersherum. Sie strich sich eine Strähne ihres kurzen braunen Haares hinters Ohr und fühlte dabei, dass es einen Zentimeter länger war, als sie es gerne hätte. In letzter Zeit war alles sehr hektisch gewesen. Keine Zeit für die alltäglichen Aufgaben des Lebens.
„Ich verstehe es natürlich, dass du manchmal absagen musst“, sagte John und nippte nonchalant an seinem Wein, als hätte er gerade ihre Gedanken gelesen. „Du musst Serienmörder davon abhalten, sich auszuleben. Dein Job ist wichtig. Niemand wird sich aufregen, wenn ich nicht die ganze Nacht im Büro bleibe und versuche, herauszufinden, ob es Gemeinsamkeiten in drei verschiedenen Gutachten aus dem 19. Jahrhundert gibt, die sich auf den Fall meines Klienten auswirken könnten. Außer vielleicht mein Klient, und er wird nur von der ausgezeichneten Stimmung profitieren, in der ich morgen aufwachen werde, weil ich heute meinen Abend mit dir verbracht habe.“
„Du bist so nett zu mir“, sagte Zoe zu ihm. „Immer. Ich verstehe nicht, warum.“
Es stimmte, das tat sie wirklich nicht. Ihre erste Verabredung hatte sie völlig vermasselt, und bei der zweiten hatte sie ihn in ein Krankenhaus geschleppt, um zu versuchen, die Akten eines potenziellen Mörders zurückzuverfolgen. Er hatte in der Kälte auf sie gewartet, weil sie, völlig in Gedanken, vergessen hatte, ihm zu sagen, dass sie den Weg nach Hause selbst finden würde. Nicht viele Männer hätten sich überhaupt auf ein drittes Date eingelassen und dies war bereits ihr fünftes.
„Du musst es nicht verstehen“, sagte John und glättete zum elften Mal in dieser Nacht seine Krawatte, eine Geste, die ihr schon öfter aufgefallen war. „Du musst nur meine Meinung darüber akzeptieren, dass du es verdient hast. Ich bin gar nicht zu nett. Ich bin nur nett genug. Eigentlich könnte ich sogar noch netter sein.“
„Du könntest nicht noch netter sein. Das wäre gegen alle Gesetze der Physik und der Natur.“
„Na ja, wer braucht die denn schon?“ John schenkte ihr wieder sein strahlendes Lächeln und lehnte sich zurück, als der Kellner ihre leeren Teller einsammelte.
„Woran arbeitest du denn gerade?“, fragte sie und wollte versuchen, sich mehr für sein Leben zu interessieren. Er war immer so aufmerksam und fragte nach ihrem Leben. Vermasselte sie jetzt wieder alles? Sie vermasselte es, oder?
„Wie gesagt, es geht um vererbte Grundstücksgrenzen“, sagte John und runzelte verwirrt die Stirn. „Bist du sicher, dass es dir gut geht?“
Zoe schaute ihn an, sah, dass die Pupillen in seinen Augen im gedämpften Licht des Restaurants nur leicht geweitet waren, und hörte den Viervierteltakt der sanften Klaviermusik im Hintergrund und wie sich jede Note, eine aufwärts, eine abwärts, eine aufwärts, eine halbe Note aufwärts, eine abwärts, bewegte. Wenn sie doch nur die Zahlen ausschalten oder zumindest ihre Lautstärke dämpfen könnte. Sie musste sich auf John konzentrieren und auf das, was er ihr erzählte, aber ihr Gehirn hörte einfach nicht auf. Aber sie wollte, dass es aufhörte. Alles drehte sich und sie war sich nicht mehr sicher, ob sie die Kontrolle zurückgewinnen konnte.
„Ich bin wohl ein wenig müde“, sagte sie. Diese Ausrede schien ihr halbwegs akzeptabel zu sein. Falls es überhaupt eine angemessene Entschuldigung dafür gab, ihm nicht ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken.
Er hatte keine Ahnung davon, dass sie überall und in allem Zahlen sehen konnte, und sie hatte nicht vor, es ihm zu sagen. Nicht für die vierzehnhundertdreiundfünfzig Dollar und neunzehn Cent an Speisen und Getränken, die in den Händen des Personals an ihrem Tisch vorbeigetragen wurden, seit sie sich vor einer Stunde und dreizehn Minuten hingesetzt hatten.
„Ich hatte einen wunderbaren Abend“, sagte sie. Das Schlimmste daran war, dass sie es ernst meinte. Wenn John die ganze Zeit damit verbrachte, ihr entgegenzukommen und ihr ein gutes Gefühl zu geben, warum konnte sie ihm dann nicht wenigstens zuhören?
„Ich hatte eine schreckliche Zeit. Sollen wir das nächste Woche wiederholen?“, sagte er und wischte sich sein Lächeln mit einer Serviette ab. Obwohl er sie ansah und seine Augen dabei verschmitzt funkelten, was irgendwie zu seinem schiefen Mund passte, brauchte sie einen Moment, um zu erkennen, dass er scherzte. Die Worte trafen sie bis ins Mark und kurz dachte sie, dass sie wieder alles ruiniert hatte.
„Das wäre sehr schön“, sagte Zoe, nickte und verbarg ihr Gefühlschaos. „Nächste Woche also.“
Sie stand auf, um zu gehen, da sie inzwischen wusste, dass er es nicht zuließ, dass sie ihre achtundneunzig Dollar und zweiunddreißig Cent plus Trinkgeld, selbst bezahlte.
Obwohl es ihr durch den Kopf schoss, sagte sie nicht laut, dass sie ihr nächstes Date nur mit Glück einhalten konnte. Ein aktiver Agent zu sein bedeutete, dass man nie wusste, wann der nächste Fall kam oder wohin man als Nächstes gehen musste.
Wer wusste schon, wo sie nächste Woche um diese Zeit sein würde?
In genau diesem Moment machte ihr nächster Mörder wahrscheinlich schon seine Arbeit, stellte ihnen ein Rätsel, und es bestand immer die Möglichkeit, dass der nächste Fall derjenige sein würde, den sie nicht lösen konnte. Zoe kämpfte gegen das ungute Gefühl in ihrem Bauch an, das sie davon überzeugen wollte, was sie eigentlich schon wusste: Nächste Woche um diese Zeit würde sie tief in einen Fall verwickelt sein, der alle anderen zuvor wie ein Kinderspiel aussehen ließe.
KAPITEL DREI
Zoe änderte ihre Sitzposition und machte es sich in dem gemütlichen, alten Sessel bequem. Sie gewöhnte sich langsam daran, hier zu sitzen und so seltsam es selbst für ihre eigenen Ohren klang, sie gewöhnte sich an die Therapie.
Mit jemandem Woche für Woche über ihre persönlichen Probleme zu sprechen, kam, zumindest früher, Zoes Vorstellung der Hölle, sehr nah, aber Dr. Lauren Monk auf ihrer Seite zu haben, war bisher gar nicht so schlecht gewesen. Schließlich war Dr. Monk diejenige, die sie dazu ermutigt hatte, sich öfter mit John zu treffen, und das war, zumindest bis jetzt, eine sehr gute Entscheidung gewesen.
Jedenfalls von ihrer Seite aus. Sie begann sich zu fragen, ob John das wohl auch sagen würde.
„Also, erzählen sie mir von ihrer Verabredung. Wie lief es?“, fragte Dr. Monk und legte sich ihr Notizbuch auf ihren Knien zurecht.
Zoe seufzte. „Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren“, sagte sie. „Die Zahlen gewannen wieder die Oberhand. Das war alles, woran ich denken konnte. Ich verpasste ganze Sätze seiner Unterhaltung. Ich wollte ihm meine volle Aufmerksamkeit schenken, aber ich konnte es nicht abstellen.“
Dr. Monk nickte ernst und legte ihre Hand ans Kinn. Seit der Sitzung, in der Zoe über ihre Synästhesie – der Fähigkeit, überall und in allem Zahlen zu sehen, wie die Tatsache, dass Dr. Monks Stift wegen des leichten 15-Grad-Neigungswinkels, in dem sie ihn auf ihrem Finger balancierte, überdurchschnittlich schwer war – geredet hatte, fand sie die Therapie noch hilfreicher. Sie war in vielerlei Hinsicht befreiend, und half ihr zugeben zu können, was vor sich ging und wie sie damit zu kämpfen hatte.
Es gab nur wenige Menschen auf der Welt, die von Zoes Synästhesie wussten. Es gab Dr. Monk und Dr. Francesca Applewhite, die seit der Uni, Zoes Mentorin war und dann war da noch ihre Partnerin beim FBI, Special Agent Shelley Rose.
Da waren auch schon alle. Sie brauchte nicht einmal alle Finger ihrer Hand, um sie zu zählen. Das waren die einzigen Menschen, denen sie seit ihrer ersten Diagnose (von einem Arzt, den sie seither nicht mehr gesehen hatte) genug vertraut hatte, um es ihnen zu erzählen. Das hatte sie bewusst getan. Lange Zeit hatte sie geglaubt, dass es vielleicht einen Weg geben würde, vor der Fähigkeit, die ihre Mutter Teufelszauberei nannte, davonzulaufen oder sie zu ignorieren.
Solange sie ihr allerdings dabei half, Verbrechen aufzuklären, war sich Zoe nicht sicher, ob sie sie wirklich vollständig loswerden wollte. Nicht mehr. Es wäre nur praktisch, wenn sie nicht so stark auftreten würde, wenn sie versuchte, eine romantische Beziehung zu führen, für die nun wirklich keine spezifischen Messungen von Flüssigkeit in einem Glas oder die Berechnung der Entfernung zwischen Johns Augen, notwendig war.
„Was hilfreich sein, könnte, ist, wenn wir uns gemeinsam einige Wege ausdenken, die Ihnen helfen könnten, die Lautstärke herunterzudrehen, ihr Gehirn sozusagen leiser zu stellen“, sagte Dr. Monk. „Würden sie sich damit gerne näher beschäftigen?“
Zoe nickte, erschrocken über den Kloß im Hals, bei dem Gedanken an diese Möglichkeit. „Ja“, brachte sie dann heraus. „Das wäre großartig.“
„In Ordnung.“ Dr. Monk dachte einen Augenblick nach und tippe abwesend mit dem Stift gegen ihr Schlüsselbein. Zoe war diese Angewohnheit schon aufgefallen, es handelte sich immer um eine gerade Anzahl von Klopfern.
„Warum tun sie das?“, platzte es aus ihr heraus. Noch im gleichen Moment bereute sie ihre Frage, peinlich berührt.
Dr. Monk schaute sie überrascht an. „Sie meinen das Klopfen auf mein Schlüsselbein?“
„Tut mir leid. Das ist persönlich. Sie müssen es mir nicht sagen.“
Dr. Monk lächelte. „Es macht mir nichts aus. Es ist etwas, dass ich als Studentin aufgeschnappt habe. Es ist eine Art Beruhigungsübung.“
Zoe runzelte die Stirn. „Fühlen sie sich gerade gestresst?“
„Nein, das tue ich nicht. Es ist inzwischen zur Gewohnheit geworden, wenn ich nachdenke. Es erlaubt mir, in einen Zen-Zustand hinabzusteigen. Als ich jünger war, bekam ich oft Panikattacken. Hatten sie jemals eine Panikattacke, Zoe?“
Zoe dachte nach und versuchte herauszufinden, was wohl als Panikattacke zählte. „Ich glaube nicht.“
„Egal, ob es sich um eine vollständige Panikattacke oder um etwas weniger Schwerwiegendes handelt, wir brauchen etwas, das sie beruhigt und sie die Zahlen ausblenden lässt. Wir wollen, dass ihr Verstand aufhört zu rasen, damit sie sich auf eine Sache nach der anderen konzentrieren können.“
Zoe nickte und fuhr mit den Fingern über die Risse im Leder ihres Stuhls. „Das wäre schön.“
„Lassen sie uns mit einer meditativen Übung beginnen. Ich denke, sie sollten damit beginnen, jeden Abend, vielleicht kurz vor dem Schlafengehen, eine Meditationsübung zu machen. Das wird ihnen eine dauerhafte Hilfe sein, mit der sie lernen, ihren Geist zu kontrollieren. Es ist keine Sofortlösung, aber wenn sie dranbleiben, werden sie bald Ergebnisse sehen. Soweit alles klar?“
Zoe nickte stumm.
„Okay. Passen sie gut auf. Ich möchte, dass sie es jetzt gleich ausprobieren, und dann können sie es heute Abend alleine üben. Beginnen sie damit, ihre Augen zu schließen und ihre Atemzüge zu zählen. Versuchen sie, alles andere aus ihrem Kopf zu verbannen.“
Zoe schloss die Augen und begann, tief einzuatmen. Eins, dachte sie. Zwei.
„In Ordnung. Sobald sie bei zehn angelangt sind, fangen sie einfach wieder bei eins an. Zählen sie nicht weiter. Sie wollen einfach nur so lange die Atemzüge zählen, bis sie sich entspannt fühlen.“
Zoe versuchte, alle anderen Gedanken aus ihrem Kopf zu zwingen. Es fiel ihr sehr schwer. Ihr Gehirn wollte ihr sagen, dass ihr rechtes Bein juckte oder dass sie Dr. Monks Kaffee riechen konnte, oder es erinnerte sie daran, wie seltsam es war, mit geschlossenen Augen in einem Büro zu sitzen. Dann wollte es sie davon überzeugen, dass sie die Übung falsch machte und sich ablenken ließ.
Atmete sie überhaupt im richtigen Tempo? Wie schnell sollte man überhaupt atmen? Machte sie es richtig? Was, wenn sie die ganze Zeit falsch geatmet hätte? Ihr ganzes Leben lang? Woher sollte sie das wissen?
Trotz ihrer Zweifel versuchte sie bei der Sache zu bleiben und begann schließlich, sich zu entspannen.
„Sie machen das großartig“, sagte Dr. Monk, ihre Stimme jetzt leiser und tiefer. „Jetzt möchte ich, dass sie sich einen Himmel vorstellen. Sie sitzen und schauen in den Himmel. Wunderschönes Blau, nur eine kleine Wolke, die oben vorbeizieht, sonst nichts am Horizont. Sie erstreckt sich über ein ruhiges blaues Meer. Können sie das sehen?“
Zoe konnte sich generell nicht besonders gut Dinge vorstellen, aber sie erinnerte sich an ein Bild, das sie kürzlich gesehen hatte, eine Werbung für ein Reiseunternehmen. Eine Familie, die fröhlich im Sand spielte, ein unmöglich blaues Paradies hinter sich. Sie stellte sich vor, dort zu sein und konzentrierte sich darauf. Sie nickte ein wenig, um Dr. Monk wissen zu lassen, dass sie bereit war, weiterzumachen.
„Gut. Spüren sie die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht und ihren Schultern. Es ist ein schöner Tag. Nur eine leichte Brise, genau die Art von Wetter, die sie sich wünschen würden. Sie sitzen in einem kleinen aufblasbaren Boot, direkt vor der Küste. Können sie spüren, wie es sanft im Meer schaukelt. Es ist so friedlich und ruhig. Ist die Sonne nicht wunderbar?“
Normalerweise hätte Zoe über so etwas gelacht, aber sie tat, was ihr gesagt wurde, und fast konnte sie es sogar spüren. Echte Sonne, die ihr ins Gesicht schien. Nicht zu aggressiv: Die Art von Sonne, die einen glauben ließ, man würde braun werden und nicht die, von der man Hautkrebs bekam.
Hautkrebs. Sie hätte nicht an Hautkrebs denken sollen. Konzentriere dich, Zoe. Schaukel in der Strömung.
„Schauen sie mal zur Seite. Sie können die Insel hinter ihnen sehen. Den Strand, von dem sie gerade kommen, und dahinter den Rest des Paradieses. Was sehen sie?“
Zoe wusste genau, was sie sah, als sie dorthin schaute: ein weiteres Bild aus einer Reisereklame. Einen Ort, den sie schon immer hatte sehen wollen. In der Reklame wurde es als Flitterwochenziel beworben, aber sie war damals Single gewesen, und hatte sich dadurch nur noch einsamer gefühlt.
„Goldener Sand“, sagte sie, der Klang ihrer eigenen Stimme war seltsam weit entfernt und ungewohnt.
„Dann üppiges Gestrüpp. Dahinter ragen tropische Bäume bis in den Himmel, drei Meter und höher. Die Sonne fällt in einem harten Winkel, die Schatten sind nur einen halben Meter lang. Ich kann nicht über sie hinaussehen. Ein Baum lehnt in einem fünfundvierzig Grad Winkel über dem Wasser, darunter ist eine zwei Meter lange Hängematte gespannt. Sie ist leer.“
„Versuchen sie, sich mehr auf die Szene als auf die Zahlen zu konzentrieren. Jetzt hören sie genau hin. Hören sie, wie die Wellen sanft in den Sand schlagen? Können sie die Vögel hören?“
Zoe atmete tief ein und ließ die neuen Empfindungen über sich ergehen. „Ja“, sagte sie. „Es sind, glaube ich Papageien. Die Wellen kommen in Abständen von drei Sekunden. Die Vögel rufen alle fünf Sekunden.“
„Spüren sie die warme Sonne auf ihrem Gesicht. Sie können ihre Augen schließen und aufhören zu zählen. Sie sind hier sicher.“
Zoe atmete und beobachtete die Insel, noch immer in Gedanken. Ihre Augen wanderten weiter zur Hängematte. Für wen die wohl war? Für sich selbst, oder würde sich ihr eines Tages jemand anschließen? John? Wollte sie ihn dort haben, auf ihrer persönlichen Insel? Die Größe wäre gut für einen Mann. Sie selbst war nur 1,70 m groß. Die Hängematte hing sechzig Zentimeter über dem Wasser.
„Das ist großartig, Zoe. Jetzt möchte ich, dass sie sich wieder auf Ihre Atmung konzentrieren. Zählen sie von zehn abwärts, genau wie vorher, aber in umgekehrter Reihenfolge. Dabei möchte ich, dass sie langsam von ihrer Insel zurückkommen. Lassen sie sie langsam verschwinden und wachen sie nach und nach wieder auf. Langsam. So ist es gut.“
Zoe öffnete die Augen, ein wenig verlegen, wie viel ruhiger sie sich fühlte. Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie seltsam es schien, auf einer kleinen Insel in ihrem Kopf zu sein, während ihre Therapeutin ihr dabei zusah, wie sie einfach nur in einem Sessel saß.
„Das haben sie wirklich gut gemacht.“ Dr. Monk lächelte. „Wie fühlen sie sich jetzt?“
Zoe nickte. „Ruhiger.“ Trotzdem empfand sie Zweifel. Die Zahlen waren da gewesen. Sie waren ihr gefolgt, sogar in diesen Raum. Was wäre, wenn sie sie nie wieder loswürde?
„Es ist ein guter Anfang. Es wird immer beruhigender, je öfter sie die Übung machen. Das ist eine großartige Sache, denn es kann ein ruhiger Ort sein, an den man immer dann zurückkehrt, wenn man sich gestresst oder überfordert fühlt.“ Dr. Monk strich ein paar Notizen aus ihrem Buch, wobei ihr Stift schnelle und krakelige Linien zog, die Zoe nicht erraten konnte.
„Was, wenn ich die Zahlen schneller aus meinem Kopf bekommen muss? Zum Beispiel in einer Notsituation?“, fragte Zoe. „Oder wenn ich der anderen Person nicht sagen kann, warum ich mich beruhigen muss?“
Dr. Monk nickte. „Versuchen sie einfach, ihre Atemzüge zu zählen, so wie sie es getan haben, um in die Meditation einzutreten. Wir müssen das in einem realen Szenario ausprobieren, aber ich glaube, dass das Zählen einer Sache, in diesem Fall ihres Atems, es ihnen erlauben könnte, die Zahlen an anderer Stelle nicht mehr zu sehen. Es ist eine Ablenkungstaktik, die Zahlenseite Ihres Gehirns beschäftigt zu halten, während sie sich auf etwas anderes konzentrieren.“
Zoe nickte und versuchte, diesen Gedanken festzuhalten. „Okay.“
„Jetzt dazu, Zoe, dass sie den Menschen nicht erklären wollen, warum sie die Zahlen ausblenden müssen, oder die Tatsache, dass sie sie überhaupt sehen können. Warum sind sie immer noch entschlossen, dieses Geschenk zu verstecken?“, fragte Dr. Monk und neigte den Kopf so, dass Zoe erkannte, dass dies einen Kurswechsel bedeutete.
Sie bemühte sich, eine passende Antwort zu finden. Wobei, eigentlich musste sie nicht wirklich suchen: Sie kannte den Grund. Es gab eine Angst, die sie seit ihrer Kindheit verfolgte, verstärkt durch die geschrienen Wörter „Teufelskind“ und die erzwungenen Gebetssitzungen, die sie die ganze Nacht auf den Knien hielten und ihr wünschten, dass die Zahlen verschwinden würden. Es war einfach schwer, das laut auszusprechen.
„Ich will einfach nicht, dass die Leute es wissen“, sagte sie und zupfte einen imaginären Fussel von ihrer Hose.
„Aber warum ist das so, Zoe?“, bohrte Dr. Monk weiter. „Sie haben da eine wunderbare Fähigkeit. Warum wollen sie sie nicht mit anderen teilen?“
Zoe kämpfte. „Ich … möchte nicht, dass sie anders über mich denken.“
„Haben sie Angst, dass ihre Kollegen sie anders wahrnehmen, als sie es jetzt tun?“
„Ja. Vielleicht …“ Zoe zögerte und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht würden sie versuchen, es gegen mich zu benutzen. Es auf irgendeine Weise auszunutzen. Ich möchte keine Marionette sein, die von jemand anderem benutzt wird. Oder das Opfer von Streichen. Oder eine Art Theaterstück, das Leute testen können.“
Dr. Monk nickte. „Das verstehe ich. Sind sie sicher, dass das alles ist, wovor sie Angst haben?“
Zoe kannte die Antwort. Sie flüsterte sie sogar in ihren Kopf. Ich habe Angst, dass sie alle wissen werden – dass sie sehen werden, dass ich nicht normal bin. Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich bin eine Laune der Natur. Ich habe Angst, dass sie mich dafür hassen werden. „Ja, ich bin mir sicher“, sagte sie dann laut.
Dr. Monk musterte sie einen Moment lang, und Zoe war sich sicher, dass ihr Spiel jetzt vorbei war. Dr. Monk war Therapeutin – natürlich konnte sie erkennen, wenn jemand sie anlog. Sie würde immer weiter bohren und Zoe dazu bringen, die geheime Angst auszusprechen, die sie so lange Zeit tief in sich vergraben hatte.
Aber sie schloss nur ihr Notizbuch und legte es vorsichtig auf ihren Schreibtisch, wobei sie ein strahlendes Lächeln aufsetzte. „Wir haben heute fantastische Fortschritte gemacht, Zoe. Wir sind am Ende unserer Sitzung, also bitte denken sie daran, die Meditation in ihre abendlichen Gewohnheiten einzubauen, und versuchen sie, daran festzuhalten. Ich würde gerne hören, ob sie Fortschritte gemacht haben, wenn wir uns das nächste Mal treffen.“
Zoe stand auf, bedankte sich und ging mit dem Gefühl, dass die Zeit sie noch einmal gerettet hatte.
Dann hörte sie ein Klingeln, das aus ihrer Tasche kam. Als sie durchs Wartezimmer ging, kramte sie ihr Handy aus der Tasche und sah Shelleys Namen auf dem Bildschirm.
„Special Agent Zoe Prime“, sagte sie. Es fühlte sich gut an, die richtige, offizielle Anrede zu benutzen, selbst wenn sie wusste, wer anrief.
„Z, ich bin's. Der Chef möchte, dass du sofort zum Flughafen kommst. Wir haben einen Fall in LA. Nimm eine Tasche für die Nacht mit, ich treffe dich dort.“
„Wie lange habe ich noch?“, fragte Zoe.
„45 Minuten, dann fliegen wir.“
„Bis gleich“, sagte Zoe. Sie legte auf und ging zielstrebig durch den Flur und rechnete aus, wie viel Zeit sie zum Packen hätte, wenn sie die Fahrtzeit zum Flughafen mit einkalkulierte.
Innerlich freute sie sich, nur ein wenig. Ihr letzter Fall war bereits eine Weile her, in der Zwischenzeit gab es nur Papierkram, Gerichtstermine und viel Bürokratie. Auch wenn sie nicht gerade glücklich darüber war, dass jemand gestorben war, wäre es gut, in einen schönen, einfachen Mordfall verwickelt zu werden. Mental drückte sie sich selbst die Daumen, dass sie den auch bekommen würde.
KAPITEL VIER
Zoe blickte aus dem Fenster und beobachtete die Wolken, die unter dem Flügel des Flugzeugs vorbeizogen. Eigentlich sollte sie sich dabei gut und ruhig fühlen, schließlich gab es nichts zu zählen. Aber sie mochte das Gefühl nicht, so hoch in der Luft zu sein, und das würde sie auch nie. Sie hasste den Gedanken, dass jemand anderes die volle Kontrolle über ihr Leben hatte und damit die Verantwortung trug.
„Der zuständige Special Agent Maitland ließ uns diese Akten bereits zukommen“, sagte Shelley und holte ein paar Ordner hervor, um Zoes Aufmerksamkeit zu erregen.
Zoe drehte sich vom Fenster weg und blinzelte ein paar Mal, um sich zu konzentrieren. „Okay, und was genau sehen wir uns hier an, das so dringend ist, dass es nicht bis zu einer persönlichen Einsatzbesprechung warten konnte?“ Shelleys blonde Haare waren zu einem ordentlichen Knoten an ihrem Hinterkopf zusammengesteckt, ihr Make-up war so gepflegt und präzise wie immer. Zoe fragte sich kurz, wie sie es immer schaffte, so perfekt auszusehen, sogar mit einem kleinen Kind zu Hause, und selbst dann, wenn sie schnell zum Flughafen musste.
„Es gibt zwei Opfer“, sagte Shelley. Sie breitete die Akten vor ihnen aus. „Offensichtlich hatte das Team vor Ort das Gefühl, dass sie ohne die Hilfe des FBI nichts erreichen würden. Sie übergaben den Fall freiwillig.“
„Freiwillig?“ Zoes Augenbrauen schossen hoch. „Kein Wunder, dass Maitland uns so schnell wie möglich dort haben wollte. Er dachte wohl, sie würden ihre Meinung noch ändern.“
Es kam nicht oft vor, dass sie einen Fall erhielten, der freiwillig übergeben wurde. Die Strafverfolgung neigte dazu, territorial zu sein und einen Fall von Anfang bis Ende durchziehen zu wollen. Zoe verstand das. Dennoch führte es in der Regel zu einer angespannten Atmosphäre und auch die Hilfestellungen erfolgten eher ungern. Die Beamten neigten dazu, zu vermuten, dass das FBI da war, um ihnen ihre Arbeit wegzunehmen, und sie als nicht diensttauglich zu melden, auch wenn dies in der Regel nicht der Fall war. Es könnte erfrischend sein, irgendwo tatsächlich mal willkommen zu sein.
Shelley öffnete die erste Akte und begann, aus ihr zu lesen. „Das erste Opfer, das gefunden wurde, war männlich, weiß, Anfang dreißig. Er hieß John Dowling. Die Leute vor Ort brauchten allerdings eine Weile, um ihn zu identifizieren.“
Zoe versuchte, den Namen und die Art und Weise, wie er ihr einen Stich ins Herz versetzt hatte, zu ignorieren. John war schließlich ein weit verbreiteter Name. Sie sollte sich nicht vorstellen, dass John verblutet oder erschossen oder erwürgt worden wäre.
„Warum?“
„Die Leiche war schwer verbrannt. Die Obduktion besagt, dass ihm zuerst die Kehle durchgeschnitten wurde, dann wurde er an einen anderen Ort gebracht und kurz bevor er gefunden wurde, verbrannt.“
„Wissen wir, wo das Verbrechen begangen wurde?“
Shelley studierte die Notizen. „Wir wissen noch nicht, wo der eigentliche Mord stattfand. Es wird vermutet, dass es in einer Privatwohnung geschehen sein könnte, da es viel Blut gegeben haben muss und noch nichts dergleichen gemeldet wurde. Die Leiche wurde auf eine abgelegene Straße gebracht und mitten in der Nacht verbrannt. Als ein Anwohner den Brand bemerkte und mutig genug war, es sich anzusehen, war bereits viel Schaden entstanden.“
Shelley gab ihr wortlos ein Foto. Es zeigte einen geschwärzten und verdrehten Körper, der fast nicht mehr als Mensch zu erkennen war. Es sah aus wie eine Filmrequisite, nicht wie eine reale Person. Zoe musste es demjenigen lassen, dem es gelungen war, die Todesursache festzustellen. Das war sicher kein leichter Job gewesen.
Es gab ein weiteres Foto in der Akte, das Bild eines lächelnden jungen Mannes. John Dowling zu Lebzeiten, wahrscheinlich von einer seiner Social-Media-Seiten. Auf dem Foto befand er sich in einem dunklen Raum, im Hintergrund waren Menschen zu sehen – wahrscheinlich eine Party. Er sah glücklich aus.
„Irgendwelche Hinweise? Feinde, Neider?“
„Bisher nicht. Die Ermittlungen sind noch im Gange.“
„Okay. Und das zweite Opfer?“
Shelley schloss die erste Akte und nahm die andere, während sie scharf einatmete. „Ähnliche Geschichte. Kehle durchgeschnitten, dann verbrannt. Eine junge Frau, Callie Everard. Mitte zwanzig. Auch sie war hübsch.”
Zoe schaffte es gerade noch so, nicht mit den Augen zu rollen. Es erstaunte sie immer wieder, dass Menschen, selbst ihre geschätzte Partnerin, auf solche Dinge Gewicht legten. Jung, alt, hübsch, hässlich, dünn, dick – tot war tot. Jedes genommene Leben war etwas, das untersucht werden musste, jeder Mörder jemand, der bestraft werden sollte. Die Einzelheiten machten kaum einen Unterschied.
„Der Ort?“
„Diesmal fand alles in der gleichen Gasse statt. Es sieht so aus, als ob der Mörder sich ihr näherte, ihr die Kehle durchschnitt, sie tot umfiel und er sie dann anzündete. Immerhin. Sie war nicht mehr bei Bewusstsein, als sie verbrannte.“
Zumindest war dies ein Gefühl, dem Zoe zustimmen konnte. Es gab nur sehr wenige angenehme Wege zu sterben, und verbrennen gehörte definitiv nicht dazu. „Was ist mit ihr? Könnte sie Feinde gehabt haben?“
„Die örtliche Polizei hat die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Sie wurde erst gestern gefunden, heute Morgen wurde sie erst identifiziert. Sie haben bisher nur die Angehörigen informiert, und das war's.“
Zoe nahm die Fotos in die Hand. Dieser Körper war weniger verbrannt, wenn auch nur gradweise. Man konnte immer noch erkennen, dass es sich um eine Frau handelte, und auf dem Körper befanden sich Fleischfetzen, die rot und roh durch das geschwärzte Durcheinander schienen.
„Siehst du sonst noch was in den Bildern?“, fragte Shelley.
Zoe blickte auf und sah, dass sie intensiv beobachtet wurde. „Noch nicht. Ich sehe nichts, was ich verwenden kann. Das Feuer, es erschwert und verzerrt die Dinge. Ich könnte nicht einmal zuverlässig ihre Größe und ihr Gewicht bestimmen, wenn wir nicht ihre medizinischen Unterlagen hätten.“
„Beides gesunde junge Menschen. Vielleicht war es nur ein Verbrechen aus Leidenschaft. Sie haben einen gemeinsamen Freund oder Ex-Freund, der durchgedreht ist und beschlossen hat, die Welt in Brand zu setzen.“
„Hoffen wir das.“ Zoe seufzte und lehnte sich wieder in ihrem Sitz zurück. Warum mussten Flugzeuge immer so ungemütlich sein? Sie hatte gelesen, dass Passagiere der ersten Klasse sogar Betten hatten. Nicht, dass das FBI jemals für so etwas bezahlen würde.
„Wie geht es dir sonst so?“, fragte Shelley. Sie steckte die Akten wieder in ihr Handgepäck und setzte sich wieder auf ihren Platz. „Hast du John gestern wiedergesehen?“
Es war Freitagabend, und John war anscheinend mit der gewohnten Art und Weise, wie Zoe ihr Leben führte, zufrieden gewesen. Die gleichen Dinge zur gleichen Zeit. Der einzige Unterschied war der Ort. „Ja, das habe ich.“
„Ja, und?“, fragte Shelley ungeduldig. „Mehr Einzelheiten, Z. Es läuft doch gut mit euch beiden, oder nicht?“
Zoe zuckte die Achseln und drehte ihren Kopf wieder zum Fenster. „Gut genug, nehme ich an.“
Shelley seufzte verzweifelt. „Gut genug? Was meinst du damit? Magst du ihn oder nicht?“
„Natürlich mag ich ihn.“ Zoe runzelte die Stirn. „Warum sollte ich mich sonst so oft mit ihm treffen?“
Shelley zögerte „Ich schätze, du hast Recht. Obwohl manche Leute einfach weitermachen, auch wenn ihnen etwas nicht wirklich gefällt. Aber du weißt schon, was ich meine. Glaubst du, es ist etwas Ernstes?“
Zoe schloss die Augen. Vielleicht würde Shelley den Hinweis verstehen und denken, sie wolle sich etwas ausruhen. „Ich weiß nicht, was das bedeutet, und ich glaube nicht, dass ich darauf antworten möchte.“
Shelley hielt inne und sagte einen langen Moment lang nichts. Dann sagte sie leise: „Du musst mich nicht ständig wegstoßen, weißt du. Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst. Ich werde niemandem etwas erzählen. Ich habe dein Geheimnis nicht verraten, oder?“
Da war die kleine Sache von damals, als Shelley ihrem Vorgesetzten Maitland gegenüber erwähnt hatte, dass Zoe „gut in Mathe“ sei; Zoe sah jedoch keinen Sinn darin, dies anzusprechen.
Sie antwortete nicht, zumindest nicht direkt. Was konnte sie schon sagen? Es stimmte, dass sie Dinge für sich behielt, das war schon immer so gewesen. Musste sie das überhaupt rechtfertigen? Zuerst tat Dr. Monk so, als wäre das ein Problem und jetzt Shelley. Als wäre es etwas Schlimmes, sein Privatleben für sich behalten zu wollen.
„Ich verstehe nicht einmal, warum du es immer noch geheim hältst“, fuhr Shelley fort. „Du könntest damit wirklich viel Gutes tun.“
„Und wie?“
„Benutze deine Fähigkeiten. Zum Beispiel dazu, einen Mörder fangen.“
„Ich fange bereits Mörder.“
Shelley seufzte. „Du weißt, was ich meine.“
„Nein, das weiß ich wirklich nicht“, antwortete Zoe, die bereit war, dieses Gespräch zu beenden. „Wie lange fliegen wir noch?“ Sie fing an, auf den Bildschirm vor ihr zu tippen, damit er ihre Flugbahn und ihren Fortschritt preisgab, obwohl sie genau wusste, wo sie waren und wie lange sie noch fliegen würden.
„Es ist auf jeden Fall etwas, worüber du nachdenken solltest.“, sagte Shelley. „Ich glaube, dass es einen glücklicher macht, wenn man unter Menschen ist, die Bescheid wissen. Man verkrampft sich sonst nur und lässt Dinge, die raus müssen, nicht raus, wenn man denkt, dass es nicht sicher ist. Vielleicht hättest du insgesamt ein angenehmeres Leben, wenn alle es wüssten.“
„Noch sechsundfünfzig Minuten“, sagte Zoe, als hätte sie sie nicht gehört. „Wir sollten uns vorbereiten. Wir werden vom Flughafen aus direkt zum letzten Tatort fahren. Hast du die Adresse?“
Shelley sagte nichts, sondern warf ihr nur einen langen und fragenden Blick zu, bevor sie sich wieder den Akten zuwandte und nach der Adresse suchte.
KAPITEL FÜNF
Zoe blinzelte und blickte in beide Richtungen, die Gasse hinauf und hinunter, in den Himmel. Es war ein kühler, klarer Tag. Über ihnen verlief ein schmaler hellblauer Streifen, der sich in der Ferne verengte, eingefasst von schmutzigen Ziegelsteinen der Wohnblocks und Lagerhallen auf beiden Seiten.
Dies hier war weit entfernt von dem Luxus und den wogenden Palmen von Beverly Hills. Die Straßen und Bürgersteige waren rissig und grau, und das nächste Gebäude am Ende der Gasse war ein Obdachlosenheim. Dennoch kosteten die auf der anderen Seite hoch aufragenden Atelierwohnungen wahrscheinlich mehr als ihr Elternhaus im ländlichen Vermont.
Es lag immer noch etwas in der Luft, obwohl die Leiche mittlerweile entfernt worden war. Zoe konnte es noch immer riechen. Es würde wahrscheinlich noch eine Weile so riechen. Der Gestank von brennendem menschlichem Fleisch und Haaren hing in der Luft.
Zoe lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Boden und den Fleck mit den versengten Markierungen, die über den Asphalt der Straße liefen und sich über Ziegelsteine, Müllsäcke und Spritzen verteilten. Die meisten von ihnen waren verbrannt und hatten sich nun zu unkenntlichen schwarzen Plastikformen zusammengefunden, die den atemraubenden Gestank, der einem die Tränen in die Augen trieb, weiter verströmten. Der Mörder hatte sich anscheinend nicht sonderlich um die Präsentation gekümmert.
Oder vielleicht doch, und es war ein Hinweis darauf, dass diese junge Frau, diese Callie Everard, auch nur ein weiteres Stück Müll sei.
Shelley sprach mit einem örtlichen Polizeibeamten in der Nähe, während die anderen ihre Sachen zusammenpackten. Das Forensik-Team war bereits vor Ort gewesen, und die Leiche war zum Testen mitgenommen worden. Alles, was noch zu tun blieb, war, all die kleinen Beweisstücke aufzusammeln, die in den Trümmern des Mordes zurückgelassen worden waren. Eine Beamtin mit kurz geschnittenem Haar und kleiner Statur packte diese behutsam, eins nach dem anderen, in Plastikbeutel.
Zoe beobachtete sie nur mit vagem Interesse. Ihr Verstand arbeitete mit Hochdruck und verfolgte, was ihre Augen sahen. Die Frau hatte mit dem Kopf neben den umgestürzten Müllsäcken gelegen, ihre Füße zeigten zur Mitte der Gasse, in einem Winkel von dreißig Grad zur Mittellinie. Sie war höchstwahrscheinlich nach hinten gefallen, nachdem ihre Kehle durchgeschnitten worden war. Unter der Verbrennung und den geschmolzenen Körperflüssigkeiten befanden sich noch einige Blutspuren, die diese Theorie untermauerten.
Sie wussten bereits eine Menge über sie, über Callie, und den Rest würden sie herausfinden, wenn sie ihre Freunde und ihre Familie befragten. Sie würden herausfinden, wer sie war und was sie tat. Vielleicht sogar, warum jemand sie töten wollte.
Der Mörder selbst war ein anderes Thema. Wo war er oder sie? Zoe konnte auf dem Boden der Gasse nichts sehen. Nichts, was ihn oder sie verraten könnte. Es gab keinen einzigen Fußabdruck, in einer Gasse, die täglich von Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Menschen durchquert wurde. Es gab kein weggeworfenes Feuerzeug oder einen Streichholzstummel, keinen leeren Benzinkanister. Jeglicher Beweis, der die Anwesenheit des Mörders hätte verraten können, war weggespült worden, als hätte jemand Wasser über die Leiche kippte, um zu sie zu löschen und womöglich ein Leben zu retten, das bereits vorbei war.
Was hatte er als Brennstoff verwendet? Als Beschleuniger? Wo hatte er gestanden? Was für eine Waffe hatte er benutzt, um ihre Kehle durchzuschneiden? Oder sie, versuchte Zoe sich selbst zu ermahnen. Sie wollte nicht vorzeitig urteilen und aufgeschlossen bleiben; die Statistiken waren jedoch eindeutig. Dieses Maß an Gewalt würde normalerweise auf einen männlichen Verdächtigen hindeuten.
Es war das „normalerweise“, das das Problem war. Zoe verließ sich gern auf ihr Bauchgefühl, aber solange sie sich nicht zu über neunzig Prozent sicher war, war sie nicht bereit, alles darauf zu setzen. Selbst wenn sie sich in der Vergangenheit so sicher gewesen war, hatte sie sich gelegentlich geirrt. Im Moment hatte sie überhaupt nichts, worüber sie sich sicher sein konnte, nicht, wenn es um diesen Mörder ging.
Vielleicht würde sie mehr wissen, wenn sie sich die Leiche anschaute. Sie ging zurück zu Shelley, die gerade ihr Gespräch beendete.
„Hier ist nichts“, sagte Zoe, sobald Shelley fertig war.
„Ich bin nicht wirklich überrascht“, antwortete Shelley. Sie blickte hoch zu den Fenstern der darüber liegenden Wohnungen, geschwärzt nicht durch den aufsteigenden Rauch einer menschlichen Leiche, sondern durch jahrelangen Schmutz und Vernachlässigung. „Niemand in der Nachbarschaft sah etwas. Sie sagten, sie hätten zuerst den Rauch gerochen. Ein paar Anwohner eilten mit einem Eimer Wasser hinaus, um zu versuchen, zu helfen, aber das war alles. Keine Verdächtigen, niemand, der zusah. Keine Zeugen, die um diese Zeit jemanden in die Gasse gehen sahen.“
„Gibt es Material von den Überwachungskameras?“ Zoe nickte in Richtung einer der Kameras, die sich direkt am Eingang auf der Seite befand, an dem sie zuvor vorbeigegangen waren.
Shelley schüttelte den Kopf. „Die Polizisten sagen, dass sie gar nicht angeschlossen sind. Jedes Mal, wenn sie versuchten, sie zu reparieren, kamen Kinder und besprühten die Linse mit Farbe oder kappten die Drähte. Sie behielten sie als Attrappen, um Leute abzuschrecken, aber sie funktionieren seit Jahren nicht mehr richtig.“
„Die Anwohner wissen das sicherlich“, betonte Zoe.
„Eigentlich weiß es auch jeder, der den Zustand des Wohnblocks sieht.“
Zoe sah sich noch einmal um, zufrieden, dass es hier nichts mehr zu lesen gab. Die einzige Geschichte, die ihr die Zahlen erzählten, betraf den Bau der Gebäude und die Gasse selbst. Da sie bezweifelte, dass die Höhe der Mauern irgendeinen Einfluss auf das Verbrechen hatte, waren sie hier fertig. „Dann mal auf zum Gerichtsmediziner“, sagte sie entschlossen und ging auf ihren Mietwagen zu.
***
Zoe verzog die Nase und versuchte ihre Atmung zu kontrollieren. Sie musste sich nur konzentrieren. Sie atmete durch den Mund ein, um dem schlimmsten Geruch zu entgehen, und durch die Nase wieder aus. Shelley bemühte sich, nicht zu würgen, aber Zoe versuchte, sich davon nicht ablenken zu lassen.
„Das ist ein wirklich schlimmer Fall“, sagte die Gerichtsmedizinerin. Sie war eine große junge Frau, braun gebrannt, mit blonden Haaren und zu viel Lidschatten für jemanden, der im medizinischen Bereich arbeitete – selbst, wenn sie nur mit Toten zu tun hatte.
Zoe ignorierte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Leiche. Falls diese überhaupt noch als Leiche bzw. als Körper definiert werden konnte; Kohle war wohl eine passendere Bezeichnung. Der Mann, den Shelley als John Dowling bezeichnet hatte, war kein Mann mehr. Die Beine waren in einem seltsamen Winkel zur Seite gedreht, die Arme lagen eng am Körper an, der Kopf war rund, aber es hätte genauso gut sein können, dass es sich um ein Stück Müll handelte, um den Teil eines Schiffsbauchs oder um ein antikes Relikt, das in den Ruinen von Pompeji verbrannt war.
Die zweite Leiche war besser zu erkennen, wenn auch nur knapp. Auch wenn die Verbrennungen nicht so stark waren, war der Geruch bei diesem Körper schlimmer. Vielleicht, weil sie mitten am Tag der Hitze der kalifornischen Sonne ausgesetzt worden war. Die junge Frau. Die Teile des zerlumpten und verbrannten Fleisches, die noch an ihr hingen, wirkten irgendwie obszön. Dreizehn Zentimeter Bein über dem Fuß, fünf Zentimeter an jedem Ellbogen, ein Stück Haar vom Hinterkopf, das durch den Kontakt mit dem feuchten Boden geschützt worden war. Noch länger in den Flammen, und sie hätte genauso ausgesehen wie er.
„Gab es Vor-Verbrennungswunden?“, fragte Zoe, ohne aufzuschauen.
Die Gerichtsmedizinerin zögerte eine Sekunde lang.
„Bevor sie verbrannt wurden, meine ich“, drückte sich Zoe klarer aus.
„Ich weiß, was es bedeutet“, antwortete die Gerichtsmedizinerin. Zum ersten Mal lag ein Hauch von Spannung in ihrer ruhigen Stimme. Alles an ihr war für Zoe irritierend. „Soweit ich es bei diesem Leichenzustand beurteilen kann, gab es nur einen einzigen Schnitt an der Kehle. Das reichte um sie zu töten. Außer, dass sie dann noch in Brand gesteckt wurden, wurde ihnen nichts weiter angetan.“
Zoe beugte sich herunter und untersuchte die Kehle. Das Mädchen hatte ihre Hände an der Kehle als sie verbrannte, deswegen waren ihre Finger miteinander verschmolzen. Es gab jedoch immer noch eine deutliche und sichtbare Wunde hinter ihren Händen, die an der Stelle, an der ihr Kopf nach hinten gekippt war, klaffte.
„Sehr präzise“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu den anderen.
„Es passierte sehr schnell“, stimmte die Gerichtsmedizinerin ihr zu. „Wer auch immer der Mörder war, er wusste, was er tat. Er kam von hinten, handelte schnell, in beiden Fällen ein einziger Schnitt durch den Hals, um ihn vollständig zu öffnen.“
Zoe richtete sich auf und sah Shelley an, um deutlich zu machen, dass diese nächste Aussage für sie bestimmt war und nicht für die andere irritierende Anwesenheit im Raum. „Dies war kein Verbrechen, das aus einem Impuls heraus begangen wurde. Es war geplant, der Ort wurde sorgfältig ausgewählt.“
„Glaubst du, dass die Opfer mit Absicht ausgewählt wurden?“
Zoe kaute einen Moment auf ihrer Lippe herum und schaute zwischen den Leichen hin und her. Was hatten sie gemeinsam, außer dass sie so verbrannt waren?
„Es ist noch zu früh, um das zu sagen“, entschied sie. „Wir müssen mehr über Callie Everard erfahren. Wenn wir eine Verbindung zwischen ihnen finden können, gut. Wenn nicht, könnte eine größere Botschaft dahinterstecken.“
„Ein Serienmörder?“, stöhnte Shelley. „Ich hoffe, sie sind ein heimliches Liebespaar oder so was. Ich hatte gehofft, dass wir vielleicht am Wochenende nach Hause könnten.“
„Viel Glück dabei“, sagte die Gerichtsmedizinerin, eine Aussage, die absolut unnötig war.
Zoe warf einen bösen Blick in ihre Richtung und war zumindest ein wenig beruhigt, wie erschrocken die Frau wirkte und sich daraufhin mit einem Metalltablett mit Instrumenten in der Nähe beschäftigte, anstatt ihren Blick zu erwidern.
„Wir haben einen Raum, der im örtlichen Revier auf uns wartet“, sagte Shelley. „Der Polizist, mit dem ich sprach, versicherte mir, dass der Kaffee schrecklich ist, aber auch, dass die Klimaanlage nicht wirklich funktioniert, wir können uns also wirklich auf etwas freuen.“
„Geh du vor“, sagte Zoe und wünschte, sie könnte das genauso lustig finden wie ihre Kollegin.
KAPITEL SECHS
Mit einem Seufzer nahm sich Zoe einen Stuhl, setzte sich und griff nach der ersten Akte, die man ihnen hingelegt hatte.
„Danke, Captain Warburton, wir wissen Ihre Hilfe wirklich zu schätzen“, sagte Shelley nahe der Tür. Sie war wirklich gut im Smalltalk und immer höflich, was Zoe hingegen schon immer schwergefallen war.
Es fühlte sich gut an, Teil eines Teams zu sein, das funktionierte. Jeder von ihnen hatte seine eigenen Aufgaben. Shelley verstand die Menschen so, wie Zoe die Zahlen, und obwohl keiner von ihnen wirklich verstehen konnte, was der andere tat, erleichterte es zumindest den Ablauf.
Obwohl sie gut zwanzig Minuten lang die Akten studiert hatten, kamen sie nicht weiter. Zwar war es den Anwohnern gelungen, einige Aussagen zu sammeln, wodurch sie viel mehr Informationen hatten als in den ursprünglichen Akten, die sie im Flugzeug durchgesehen hatten, aber nichts davon schien hilfreich zu sein. Zoe warf ihre Seiten mit einem frustrierten Stöhnen auf den Tisch.
„Warum kann es eigentlich nie eine eindeutige Verbindung geben?“
„Weil dann alles von lokalen Kräften übernommen werden könnte und wir dann arbeitslos wären“, sagte Shelley ruhig. „Lass uns alles nochmal durchgehen, was wir bereits wissen. Vielleicht hilft es, wenn wir es laut aussprechen.“
„Das bezweifle ich sehr. Die beiden waren wirklich sehr unterschiedliche Menschen.“
„Lass es uns trotzdem versuchen. John war ein gesunder Kerl, oder? Ein Fitness-Freak.“
„Sein Mitbewohner sagte, dass er fast seine ganze Freizeit im Fitnessstudio verbrachte. Er war topfit.“
„Und ein netter Kerl war er auch.“
Zoe zog eine Grimasse. „Er spendete Geld für wohltätige Zwecke und half sonntags in einer Suppenküche aus. Das bedeutet nicht unbedingt, dass er ein netter Kerl war. Viele Leute tun so etwas, weil sie etwas zu verbergen haben.“
„Du stellst nur Vermutungen an“, sagte Shelley und schüttelte den Kopf. „Wir können da nichts hineininterpretieren. Er hatte einen sauberen Lebensstil. Keine Drogen, keine Verurteilungen, nicht einmal Probleme am Arbeitsplatz.“
„Sie war das genaue Gegenteil.“ Zoe zeigte bei ihrer letzten Aussage auf ein Foto einer lächelnden Callie Everard, die in die Kamera strahlte und eine Bierflasche in der Hand hielt, während ein betrunken aussehender junger Mann seinen Arm um ihre Schultern legte.
„Nun, vielleicht auch nicht. Ja, sie hatte früher in ihrem Leben einige Probleme mit Drogen. Aber sie ging mit dreiundzwanzig Jahren in eine Entzugsklinik, schloss das Programm erfolgreich ab und hatte seitdem nichts mehr mit Drogen zu tun. Sie war seit ein paar Jahren clean. Wieder auf dem richtigen Weg.“
Zoe zog es in Betracht. „Vielleicht könnte da die Verbindung liegen. Beide führten ein sauberes Leben, wenn auch erst seit kurzem.“
„Du meinst eine Art Fitnesskult oder so etwas?“, fragte Shelley.
Zoe warf ihr einen finsteren Blick zu.
„Na ja, es ist möglich“, sagte Shelley. „Sieh dir nur mal den ganzen Kram mit den Heimtrainern an. Und dieser Selbsthilfekult, der die Frauen dazu gebracht hat, mit dem Gründer zu schlafen und ihm ihr ganzes Geld zu schenken.“
„Okay, ich denke, in diesem Punkt muss ich dir zustimmen.“ Zoe war nicht mit allen Einzelheiten vertraut, aber sie hatte gehört, wie die Fälle erwähnt wurden. Shelley hatte in gewisser Weise Recht. Man wusste nie wirklich, was unter der Oberfläche vor sich ging, bis man sich tief genug hineingegraben hatte.
Sie sah sich Fotos von beiden an und suchte nach Gemeinsamkeiten. Solche Fälle waren immer frustrierend. Mit einem einzigen Opfer konnte man die Beweise zielstrebig analysieren und sich auf jedes kleine Detail dieser einen Person fixieren. Bei drei oder mehr Opfern hatte man genügend Datenpunkte, um ein Muster zu bilden. Um zu erkennen, dass der Mörder eventuell nur in bestimmte Regionen reiste oder nur Blondinen unter 1,70 m im Visier hatte oder dass an jedem Tatort ein bestimmtes Muster gefunden wurde.
Mit zwei Opfern war es viel schwieriger. Man konnte die Dinge nicht auf die gleiche Weise zusammensetzen. Eine zahlenmäßige Ähnlichkeit könnte ein Zufall sein, der durch ein neues Opfer wieder zerstört werden würde. Man könnte bemerken, dass es sich bei beiden Alterszahlen um Primzahlen handelte, nur damit sich das später wieder als bedeutungslos erwies. Man konnte nicht erkennen, was wichtig und was nur eine falsche Fährte war, die das eigene Gehirn, ohne wirkliche Absicht, zusammengebastelt hatte.
„Es gibt eine Sache, die sie gemeinsam haben“, sagte Zoe und klopfte auf die Bilder. „Tätowierungen. Dowling hatte einen Tiger auf seinem linken Bizeps. Everard hatte eine Rose aus Punkten auf dem rechten Oberschenkel. Sie war auf dem Weg zu einem Freund, um sich ein neues Motiv auszusuchen.“
Shelley zuckte die Achseln. „Rechtfertigt das wirklich eine Verbindung? Viele Menschen haben Tattoos.“
Zoe blätterte durch die Fotos und bemerkte weitere Tattoos, die auf verschiedenen Aufnahmen zu sehen waren. Sie stammten fast alle von den Social-Media-Profilen der Opfer, und es sah so aus, als seien beide stolz darauf gewesen. Stolz darauf, sie zu zeigen. Hatte das etwas zu bedeuten? „Sie hatten beide mehr als ein Tattoo. Schau mal. Beide waren quasi voll davon. Dowlings ganzes Bein, bis hinunter zum Fuß, war mit ihnen bedeckt. Und Everard hatte noch welche auf ihrem Rücken und Bauch.“
„Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das wirklich etwas bedeutet. Es ist heutzutage einfach eine kulturelle Sache.“
Zoe rümpfte die Nase. „Eine kulturelle Sache?“
„Ja, klar. Ist dir das bisher nie aufgefallen? Viele Leute lassen sich jetzt mit Anfang zwanzig tätowieren. Sie bedecken ihren ganzen Körper. Sogar Gesichter und Hände. Viele Promis zum Beispiel. Justin Bieber, Ariana Grande und so. Rapper, Sänger und sogar Sportler. Das ist im Moment halt cool.“
„Tattoos im Gesicht oder auf den Händen klingt nach einer wirklich schlechten Idee“, sagte Zoe und zog dabei eine Grimasse. „Stell dir mal vor, du kannst diesen Fehler, den du in jungen Jahren gemacht hast, nie wirklich verstecken, nämlich den Fehler, sich für immer etwas Dummes auf den Körper tätowieren zu lassen.“
„Irgendwo muss es doch noch eine Verbindung zwischen ihnen geben“, fuhr Shelley fort. „Ich wette, es war in ihrem Privatleben. Vielleicht kannten sie beide dieselben Leute. Aus einer Bar oder einem Club, eine Gruppe von Freunden, ein Cousin, der einen Cousin kannte. Vielleicht waren sie zusammen auf derselben Veranstaltung, ohne es überhaupt zu wissen. Wir müssen einfach weitergraben, bis wir es finden.“
Zoe nickte. „Nun, dann weiß ich, wo wir anfangen sollten.“ Sie nahm Callie Everards Akte und notierte sich die darin aufgeführte Adresse. „Der Freund, den sie besuchen wollte: Javier Santos.
KAPITEL SIEBEN
Zoe lief in dem kleinen Atelierraum umher und betrachtete die Illustrationen und Zeichnungen, die überall verstreut lagen. Ob Javier talentiert war oder nicht, konnte sie nicht beurteilen, dafür hatte sie nicht genug Ahnung von Kunst. Man sah allerdings sofort, dass er sehr produktiv war.
„Sind dies alles Entwürfe für Tattoos?“, fragte sie und versuchte, sie sich einzuprägen.
„Ja, klar.“ Javier nickte. „Die meisten von ihnen wurden schon benutzt. Ich kann Ihnen aber auch etwas Einzigartiges zaubern, wenn sie möchten.“
Zoe warf ihm einen Blick zu, um zu sehen, ob er einen Witz machte. Er meinte es anscheinend ernst, was das Ganze noch schlimmer machte.
„Ich glaube eher nicht“, sagte sie und hoffte, dass er das Thema nicht wieder anschneiden würde. Sie wollte die Befragung nicht jetzt schon ruinieren (noch bevor sie überhaupt angefangen hatte), indem sie ihm erzählte, was sie von Menschen hielt, die sich tätowieren ließen.
Besonders Tattoos wie diese hier: zufällige, wahllose Kunstwerke. Zoe konnte es gerade noch verstehen, wenn sich jemand die Karikatur eines Frauengesichts als Kunstwerk an die Wand hängen oder in ein Buch kleben würde. Aber es für den Rest des Lebens auf den Körper tätowieren zu lassen? Das Gesicht dieser Person zu tragen – dieser fiktiven Person, die weder einem selbst noch sonst jemandem etwas bedeutet, die nur aus den zufälligen Tagträumen eines Künstlers geboren wurde?
Es kam ihr wirklich seltsam, vor, und sie wusste nicht, ob sie jemandem vertrauen konnte, der bereit war, aus etwas so Bedeutungslosem ein dauerhaftes Statement zu machen.
„Wie Sie wollen.“ Javier zuckte mit den Achseln, offensichtlich störte ihn ihr Desinteresse nicht wirklich. „Ich weiß nicht, was ich mit dem Entwurf machen soll, den ich für Callie gemacht habe. Ich habe erst überlegt, ob ich ihn mir selbst stechen lassen soll, aber das könnte etwas seltsam sein.“
„Warum?“, fragte Zoe. Wenn jemand, der in einen Mordfall verwickelt war, dachte, dass etwas „seltsam“ erschien, war es ihrer Erfahrung nach, eine Überprüfung wert.
„Na ja, in erster Linie war es ein Erinnerungsstück. Warten Sie, ich zeige es Ihnen.“ Javier begann, auf einem Schreibtisch zwischen Entwürfen und Transparentpapieren zu wühlen, und zog schließlich ein fertig aussehendes Design hervor. Es war mit schweren schwarzen Strichen getuscht, die die Form eines fliegenden Vogels umrissen.
„Was ist das?“, fragte Zoe und ignorierte dabei den Blick, den Javier ihr zuwarf, weil sie seine Kunst nicht sofort verstanden hatte.
„Es ist ein Rabe. Basierend auf dem Mythos von Muninn“, begann er.
„Aus dem Altnordischen“, unterbrach ihn Zoe. Hier konnte sie zumindest beweisen, dass sie etwas wusste. „Ein Vogel, der den Gott Odin besuchte. Deshalb nannten Sie es ein Erinnerungsstück.“
„Ja, und wegen der Blumen.“ Javier deutete auf die Blumensträuße hinter dem schwarzen Vogel, die in sanften Lila- und Violetttönen gefärbt waren. „Es sind Zinnien, die die Erinnerung an einen verlorenen Freund darstellen.“
„Um wen geht es?“, fragte Shelley leise und betrachtete den Entwurf, während sie über Zoes Schulter blickte.
„Einen alten Freund.“ Javier verzog den Mund und zuckte mit den Achseln. „Einen alten festen Freund, um ehrlich zu sein. Damals, als Callie, ähm …“
„Als sie auf Drogen war?“, fragte Zoe. Sie fühlte, dass Shelley neben ihr zusammenzuckte, reagierte aber nicht weiter. Welchen Sinn hatte es, um den heißen Brei zu reden? Sie wussten alle, worüber sie sprachen. Es war für keinen von ihnen ein Geheimnis.
„Ja, genau“, sagte Javier und rieb sich mit einer Hand den Nacken. „Ich wollte sagen, als sie sich in einem schlechten Umfeld bewegte, aber ja.“
„Was war denn mit den beiden?“, fragte Shelley. Ihr Tonfall war viel sympathischer als der von Zoe. Irgendwie hatte sie die Gabe, dieselben direkten Fragen zu stellen, aber sie ließ sie so viel … netter klingen.
„Er sorgte immer für Ärger. Einer aus der Gruppe, die sie überhaupt erst auf Drogen gebracht hat. Soweit ich weiß, waren sie, wenn sie nicht bekifft waren, betrunken. Und wenn sie nicht bekifft oder betrunken waren, haben sie auf der Toilette Koks geschnupft und gevögelt.“ Javier schüttelte den Kopf und holte tief Luft. „Entschuldigung. Ich mag es nicht, so an sie zu denken. So ist sie nicht wirklich. War sie nicht. Nicht die letzten Jahre, die ich sie kannte.“
„Nach der Uni wurde sie clean, oder?“, fragte Shelley.
„Ja, das stimmt. Ich half ihr dabei. Zuerst konnte sie sich die Entziehungsklinik nicht leisten, also organisierten wir eine Art Kunstflohmarkt. Wir sammelten etwas Geld für sie, ich und einige andere aus unserer Klasse. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben.“
„Dieser Ex-Freund“, begann Zoe und versuchte, ihn auf Kurs zu halten.
„Er wurde getötet, glaube ich. Ich weiß es nicht. Callie sprach damals nicht gern über ihn. In den letzten Jahren begann sie, sich damit zu arrangieren, weiterzumachen. Ich glaube, sie hatte endlich akzeptiert, dass er schlecht für sie war, giftig. Aber das, was sie zusammen hatten, war ihr auch wichtig gewesen. Darum die Blumen. Nicht verlorene Liebe, sondern nur ein verlorener Freund.“
Getötet? Das hat Zoes Aufmerksamkeit geweckt. „Kennen Sie die Umstände seines Todes?“
„Es war zumindest keine Überdosis. Die Polizei ermittelte, aber ich weiß nicht, ob sie jemals jemanden festgenommen haben. Das war's. Das ist alles, was ich weiß.“
Zoe grübelte. Es wäre ein sehr verlockender roter Faden, wenn zuerst dieser mysteriöse Freund ermordet wurde und dann Callie. Sie müssten nur eine Verbindung zu Dowling finden, und schon hätten sie etwas. Vielleicht etwas, das mit Drogen zu tun hat.
Shelley sagte zwar, es sei alles nur kulturell, aber die Tätowierungen … Zoe war nie ein Fan gewesen. Sie repräsentierten eine Untergruppe der Gesellschaft, die sie öfter hinter Gittern sah als in respektablen Positionen. Mit einem Tattoo konnte man keinen guten Job bekommen. Sicherlich konnte man nicht in der Strafverfolgung tätig sein, nicht mit einem Tränen-Tattoo im Gesicht oder dem Namen des Kindes am Hals.
Die Tätowierung, die Javier für Callie entworfen hatte, war groß. Achtzehn Zentimeter von oben nach unten. Es war nichts, was man verstecken konnte. Es wurde entworfen, um gesehen zu werden. Menschen mit sichtbaren Tätowierungen, wie ihre und die von Dowling, waren normalerweise keine guten Menschen.
Die Dinge begannen einen Sinn zu ergeben. Callie und ihr Freund waren im Drogenmilieu unterwegs. Sie hingen mit der falschen Art von Menschen herum. Obwohl sie clean war, als sie starb, hatte sie die Art von Vergangenheit, die Mord anzog. Nur weil Dowling zuletzt ein sauberes Leben führte, hieß das nicht, dass er nicht schon früher in etwas verwickelt gewesen sein konnte.
„Danke, Javier“, sagte Zoe schnell. „Das hilft uns bestimmt weiter.“
„Warte mal“, unterbrach Shelley. „Ich habe da noch ein paar Fragen.“
Zoe wollte, dass sie weiterging, und bewegte sich bereits zurück zur Tür, wo sie warten konnte. Ihrer Meinung nach waren sie fertig, und sie wollte sich so schnell wie möglich auf den Weg machen. Sie wollte nicht noch mehr Zeit damit verschwenden, sich diese sinnlosen Tattoo-Zeichnungen anzusehen und mit Javier zu sprechen, der ihnen bereits das Interessanteste, was sie wissen mussten, gegeben hatte.
„Fällt ihnen jemand ein, der Callie hätte schaden wollen?“
Javier schüttelte den Kopf. „Das habe ich der Polizei schon gesagt. Sie war ein süßes Mädchen. Mittlerweile, meine ich. Sie hat sich wirklich verändert. Niemand wollte, dass ihr etwas zustößt.“
Hatte sie sich wirklich verändert, fragte sich Zoe. Konnte ein Leopard seine Flecken ändern? Callie konnte ihre ganz sicher nicht verändern – nicht die, sie sich für immer in ihren Körper hatte stechen lassen. Für immer, das heißt, bis ihr Mörder sie weggebrannt hatte.
Vielleicht hing all das zusammen. Vielleicht hatte sie Gang-Tattoos, die weggebrannt werden mussten. Vielleicht sah jemand in ihr das letzte Glied in einem mörderischen Spiel, das schon seit langer Zeit lief. Die letzte Rache für einen Drogenhändler, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, oder für eine Biker-Gang, die jemanden loswerden musste, der ihre Regeln gebrochen hatte.
„Was ist mit heute Morgen, gestern Abend, gestern? Ist Ihnen jemand Ungewöhnliches aufgefallen?“, fragte Shelley.
„Nein, ganz und gar nicht“, sagte Javier. Er brach auf einer kleinen Bank am Tisch zusammen und vergrub sein Gesicht in den Händen. „Ich wünschte, ich wüsste mehr. Ich wünschte, ich könnte ihnen mehr erzählen, was dabei helfen würde, denjenigen zu finden, der ihr das angetan hat. Sie hat das nicht verdient.“
Aber vielleicht dachte jemand, sie hätte es verdient. Das mussten Zoe und Shelley herausfinden. Aber das würden sie nicht hier tun können.
„Wir lassen Sie jetzt mit Ihren Gedanken allein“, sagte Zoe, ein Satz, den sie schon einmal gehört hatte und von dem sie dachte, dass er zumindest ein bisschen sympathisch klang. „Wenn ihnen etwas Nützliches einfällt, melden sie sich bitte bei uns.“
Sie ignorierte den vorwurfsvollen Blick, den Shelley ihr zuwarf, weil sie nicht freundlicher war, und verließ Javiers Tattoo Höhle, froh darüber, klare Luft zu atmen und nicht mehr durch seine geschmacklosen Entwürfe abgelenkt zu werden.
Бесплатный фрагмент закончился.
