Читать книгу: «Kopfkino»
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© 2020 Wörterseh, Lachen
Lektorat: Andrea Leuthold
Korrektorat: Lydia Zeller
Umschlaggestaltung: Thomas Jarzina
Layout, Satz und herstellerische Betreuung: Beate Simson
Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel
Print ISBN 978-3-03763-116-4
E-Book ISBN 978-3-03763-789-0
www.woerterseh.ch
ÜBER DAS BUCH
Blanca Imbodens neues Buch, »Kopfkino«, ist für einmal kein Roman, sondern überrascht mit Geschichten, die durch den ganz normalen Alltag inspiriert sind. Manchmal braucht es nur einen Satz, den die Autorin irgendwo aufschnappt, und schon läuft vor ihrem inneren Auge ein Film ab, den sie dann in kürzeren oder längeren Kolumnen in Worte fasst. Einige der Texte sind in Zeitungen erschienen, viele trug sie immer wieder an ihren Lesungen vor und hörte danach genauso oft: »Gibt es diese Geschichten nicht auch in einem Buch?« Und jetzt ist es so weit, hier sind sie, Blanca Imbodens so gern gehörte Antworten auf Fragen wie »Hat der Gummistiefel eine Seele?«, »Was macht eine Kakerlake im Paradies?«, »Kann ich den November überspringen?«, »Wer ist eigentlich dieser Bethlehem?«, »Helfen Kleiderschranksprünge beim Abnehmen?« oder »Wie viele Wörter braucht ein Mensch?«.

Hinter diesem roten Vorhang entdecken Sie kleine Geschichten, die einen großen Einblick in die Gedankenwelt von Blanca Imboden gewähren, geschrieben in ihrer wunderbar unterhaltsamen, manchmal tiefsinnigen, oft aber auch einfach enorm witzigen Art. Das Buch ist ein zeitloses Potpourri aus Beobachtungen, Erlebtem, Durchgestandenem, ein Rückblick auf zwanzig Jahre Leben. Und manchmal sieht man es beim Lesen förmlich: ihr Augenzwinkern, das Lächeln auf ihren Lippen oder aber die Träne, die sich beim Schreiben in ihrem Augenwinkel festgesetzt hat.
»Kopfkino – Geschichten, die mein Leben schrieb« ist definitiv Blanca Imbodens persönlichstes Buch.
»Blanca Imboden gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Schweiz. Das Feuilleton kennt sie nicht, ihre Fans lieben sie.«
Annik Hosmann, DIE ZEIT Schweiz
ÜBER DIE AUTORIN
© René Lang
Blanca Imboden, geb. 1962, war Sekretärin, Sängerin und Seilbähnlerin und lebt heute ihren Traumberuf: Schriftstellerin. Wenn sie nicht gerade in den Bergen unterwegs ist oder auf Lesetour durch die ganze Schweiz reist, tut sie das, was ihr das Liebste ist: Sie setzt sich hin und schreibt. Meist Romane, immer wieder mal Kolumnen und ab und zu auch eine Kurzgeschichte. Für Wörterseh schrieb Blanca Imboden zahlreiche Bestseller – die erfolgreichsten: »Wandern ist doof – Ein Kreuzworträtsel mit Folgen« (2013) und »heimelig – Warum Nelly aus dem Altersheim spazierte und nie mehr wiederkam« (2019). Die Autorin, die im Schwyzer Talkessel aufgewachsen und verwurzelt ist, lebt heute in Malters LU.
www.blancaimboden.ch
LIEBE LESERIN, LIEBER LESER
Seit über zwanzig Jahren schreibe ich nicht nur Romane, sondern auch mit viel Freude Kolumnen und Kurzgeschichten. An Lesungen ziehe ich es vor, kleinere, in sich geschlossene Texte vorzutragen, statt mitten aus einem Buch einen beliebigen Abschnitt vorzulesen. Immer wieder werde ich anschließend gefragt: »Gibt es diese Geschichten nicht auch in einem Buch?«
Jetzt schon. Voilà! Dies ist ein Buch mit kurzen Texten.
Beim Zusammentragen, Auswählen und Überarbeiten der Geschichten habe ich mich durch meine letzten zwanzig Lebensjahre gelesen, denn natürlich ist so eine Sammlung von Texten auch eine Art Tagebuch, da ich immer über das geschrieben habe, was mich gerade beschäftigte: Diäten, Reisen, Liebe, Tod, Glück, Schreiben …
Es ist der Alltag, der mich inspiriert, der regelmäßig mein Kopfkino beflügelt. Manchmal braucht es nur ein Wort, und die Bilder sind nicht mehr zu bremsen. So entstehen meine Texte.
Es ist ein sehr persönliches Buch geworden.
Wer meine Romane gelesen hat, wird vielleicht einige Episoden wiedererkennen, da ich sie dort eingewoben hatte. Viele dieser hier gedruckten Zeilen sind in Zeitungen erschienen, die es längst nicht mehr gibt, und haben trotzdem überlebt. Ich wünsche auch diesem Buch mit den kurzen Werken ein langes Leben und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, viel Spaß mit den Geschichten, die mein Leben schrieb!
Blanca Imboden, Mai 2020
INHALT
1 Leben in Zeiten von Corona
»Kommen Sie ja nicht vorbei!«
Staatlich verordnete Zweisamkeit
2 Vom Schreiben und vom Lesen
Eigentlich wollte ich lieber lesen
Niedergemetzelt
Mängelexemplar
Ticken Kinder heute anders?
Mein Ackergaul streikt
3 Auf Reisen
Kopfkissenpralinen
Der Volksheld und ich
Pflanzen Sie Ihren eigenen Schreibtisch!
Eine Kakerlake im Paradies?
Über Afrika, Ali, Heim- und Fernweh
Mehr Fragen als Antworten
Das Landei in der Großstadt
Nein, heute schreiben wir keinen Aufsatz
Nackt durch den Regen tanzen
4 Als Bähnlerin am Stanserhorn
Freundlich ist das neue Cool
Häuser, Bäume und eine nasse Kuh
Von Hans und Hänschen
Rote Autos in stillen Wäldern
5 Älter werden …
Ich bin doch noch nicht alt!
Alte Chläuse und neue Begeisterung
Entschleunigte Erkenntnisse
Langsam wird es unheimelig
6 Eine Fastenwoche
Montag – Keine Ausreden mehr
Dienstag – Eine kleine Krise
Mittwoch – Hokuspokus bis zum Herztod
Donnerstag – Die Stimmung steigt
Freitag – Kann man Tee kauen?
Samstag – Jeder Dumme kann fasten
Montag – Alice im Wunderland
7 Überwintern
Wer ist eigentlich dieser Bethlehem?
Bleiben Sie wachsam!
Kann ich den November überspringen?
Krawatten verbinden
La Ola hinter dem Küchenvorhang
Antizyklisches Verhalten
Wanderlust statt Winterfrust
Wadenwickel und Zungenküsse
8 Meine Lieblinge
Kleiderschranksprünge
Herzensworte
Flügellahme Schmetterlinge
Zügige Inspirationen
Wie viele Wörter braucht ein Mensch?
Von Freund und Feind
Auf den Punkt gebracht
Wie eine Wurst
Rot, rund und resistent
Brauchen wir einen achten Bundesrat?
9 Als Hans ging – und Peter kam
Gemütlich – Höhle – auf Wiedersehen
Der Januar war ein mieser Verräter
Reden wir doch über Brot
Sehen wir uns im Wald?
Der Januar ist kein mieser Verräter
Ein Vitaparcours für die Liebe
Zwischen Kisten, Koffern und Kartonschachteln
10 Dies und das
Berufe, die es noch nicht gibt
Hat der Gummistiefel eine Seele?
Muttertag? Nein danke!
Von Vorbildern und Vorurteilen
Eine Japanerin
Events und Experimente
Wer bin ich?
»Wir machen einen Ausflug!«
Sitzen ist das neue Rauchen
Spannende Studien studieren …
11 Das und dies
Kann man bei Ihnen vom Boden essen?
Bin ich ein Tier?
Nichts hören, nichts sehen …
Mein Coming-out: Ich bin eine Fernseherin
Nichts und niemand kann mich aus der Ruhe bringen
Wer ist Freund, wer ist Feind?
Vom Couch-Potato zum Wandervogel
Wie die Maden im Speck
Bratwürste zum Blanca-Tag
12 Herz und Schmerz – noch mehr Lesestoff
Gelegenheit macht Liebe
Keine Lust auf Lametta
1 LEBEN IN ZEITEN VON CORONA
»Kommen Sie ja nicht vorbei!«
MÄRZ 2020
Am Sonntag, 8. März, besuchte ich eine Operette. Volles Haus. Ich war gesund, fröstelte bloß ein wenig, was mich erstaunte. Und in der Nacht zum Montag hatte ich 38,8 Grad Fieber, mit einem leichten trockenen Husten.
CORONA!?!
Ich hatte ein wenig Angst und sah mich vor meinem geistigen Auge schon am Beatmungsgerät hängen. Was hatte ich jetzt schon wieder in meine Patientenverfügung geschrieben bezüglich künstlicher Beatmung?
Am Montagmorgen wollte ich sofort einen Corona-Test machen lassen und rief meinen Hausarzt an. Das war wohl ziemlich naiv. »Kommen Sie ja nicht vorbei!«, hieß es nämlich abwehrend. Einen Test könne ich nicht machen lassen, weil ich nicht zur Risikogruppe gehöre. »Aber mein Partner gehört zur Risikogruppe«, warf ich ein. Keine Chance! Ich solle zu Hause bleiben. Ich hätte doch sicher noch irgendwelche Medikamente daheim.
Oha. Selbstmedikation war plötzlich erlaubt, sogar verordnet. In meinem Schrank fand ich alles Mögliche: Imodium, Temesta (schon zwei Jahre abgelaufen), einige Schmerzmittel, teilweise auch fiebersenkend, grüne Pferdesalbe, natürlich auch diverse homöopathische Kügelchen, ein paar Lutschtabletten und einen Spray, von dem ich nicht mehr genau wusste, wofür er eigentlich gedacht war, oder wogegen. Was sollte ich nun anwenden, und in welcher Reihenfolge oder Kombination?
Ich hätte nie gedacht, dass mich die Verweigerung eines Arzttermins so erschüttern könnte. Wie sollte ich jetzt mit meinem Partner umgehen? Wie mit der einzigen Lesung, die noch nicht annulliert worden war?
Am Mittwoch waren meine Augen entzündet. Eine hässliche Suppe lief heraus. Nach Selbstquarantäne und Selbstmedikation jetzt die Selbstdiagnose: Bindehautentzündung – laut BAG (Bundesamt für Gesundheit) übrigens auch eine der möglichen Nebenerscheinungen von Covid-19. Ich rief meinen Arzt an. »Kommen Sie ja nicht vorbei!«, hieß es wieder abwehrend. Man werde mir ein Medikament in einen Kasten neben der Eingangstür legen, wo ich es dann abholen lassen könne.
Natürlich fragte man mich bei jedem Telefon nach Atembeschwerden. Wenn ich welche hätte, müsse ich sofort wieder anrufen. Und ich sei jetzt auf einer Liste mit all den anderen, die sich daheim durchseuchen würden.
Ich war auf einer Durchseucher-Liste!
Das fühlte sich gut an. Beruhigend.
Ich tauchte zwar in keiner Statistik auf, aber ich war immerhin auf einer Liste.
Ich tauchte zwar in keiner Statistik auf, aber ich war immerhin auf einer Liste.
Immer wieder schaute ich mir Corona-Berichterstattungen im TV an und sah dort die Infizierten-Zahlen. Dann bewarf ich den Bildschirm mit Papiertaschentüchern und schrie: »Mich hat keiner gezählt!« Die Zahlen mussten ja extrem daneben sein, wenn man die meisten Leute gar nicht testete, sogar die, die es sich so sehr wünschten wie ich.
Das Fieber kam und ging und kam. Der Husten veränderte sich. Nach einer Woche Bettruhe, am Montag, 16. März, rief ich wieder beim Hausarzt an und hoffte auf einen Termin. Ich war einfach erschöpft, wollte nicht noch länger krank sein. Inzwischen hatte ich starke Halsschmerzen, und die Augen waren noch immer nicht sauber.
»Kommen Sie ja nicht vorbei!«, hieß es einmal mehr. Sie müssten sich und ihre Risikopatienten schützen, meinte die Arztgehilfin. »Ich habe auch einen Risikopatienten daheim«, wiederholte auch ich einmal mehr.
Ich bin jetzt über vierzehn Tage krank, aber ich jammere nicht mehr. Es geht mir wesentlich besser, nahezu gut. Winzige Beschwerden sind geblieben, Schluckweh vor allem. Gesund bin ich erst, wenn gar keine Symptome mehr da sind, und dann muss ich noch vierundzwanzig Stunden dazuzählen.
Was ich wirklich hatte oder habe, spielt keine Rolle, wenn man es im Verhältnis zum Weltgeschehen sieht.
Schön, wenn man wirklich Zeit hat, sich auszukurieren.
Und was mache ich, wenn ich gesund bin?
Beginnt dann erst meine persönliche Corona-Krise?
Je besser es mir geht, desto mehr mache ich mir Sorgen. Mit gutem Grund: Die Welt gerät gerade aus den Fugen.
Was ist mit meinen Liebsten? Ich hoffe, sie bleiben alle gesund, aber ich kann sie nicht beschützen.
Beruflich mache ich mir auch Gedanken. Alle Lesungen wurden und werden annulliert. Tausende von Franken habe ich schon verloren. Lesungen sind ein großer Teil meiner Einnahmen. Im Büro, in dem ich Teilzeit arbeite, gibt es zurzeit auch keine Arbeit für mich. Die Story des Romans, den ich angefangen habe, erhängt sich gerade selber am Lauf der Geschichte und muss eine Weile ruhen. Mein neues Buch – »Kopfkino« – sollte am 4. Mai erscheinen. Macht das Sinn? Wann öffnen die Buchhandlungen wieder?
Aber der Staat verteilt ja Geld. Auch für Selbständige wie mich. Auch für die Kultur. Ich muss nur noch herausfinden, wo genau, wie genau und wann genau. Noch glaube ich nicht daran.
Diese Corona-Krise wird an niemandem spurlos vorbeigehen. Wir werden alles neu überdenken müssen: die Globalisierung, die Abhängigkeiten, unseren Umgang miteinander, das Gesundheitssystem, unser Krisenmanagement, unsere Werte. Wir lernen gerade, dass nichts selbstverständlich ist, rein gar nichts. Die Tatsache, wie schnell sich alles verändern kann, bringt mich etwas aus dem Gleichgewicht. Ich möchte planen können, brauche Sicherheit. Meine verwöhnte innere Prinzessin ist gerade mal kurz vom Barbie-Ross gefallen. Echt.
Meine verwöhnte innere Prinzessin ist gerade mal kurz vom Barbie-Ross gefallen.
Einige wenige haben es gut: Sie müssen über rein gar nichts nachdenken, haben keine Zeit für Sorgen, weil sie sich mit diversen Hamsterkäufen beschäftigen und zum Beispiel ihre Reserven an WC-Papier für die nächsten zehn Jahre aufstocken. Pure Beschäftigungstherapie. Plumpe Ablenkungsmanöver. Das geht auch anders: Ich glaube, ich fange an, die Fenster zu putzen.
Und bleibe zu Hause.
Das auf jeden Fall.
Bleiben auch Sie zu Hause – und gesund!
Noch eine kurze Anmerkung: Schon immer war es mir ein Dorn im Auge, dass jede zweite Pflegekraft aus dem Ausland kommt. Wir machen es uns bequem, bilden zu wenig Leute aus, behandeln Pflegende zu schlecht und verlassen uns auf den Zustrom von Fachkräften aus dem Ausland. Dass diese Leute – gerade jetzt, aber auch sonst – in ihren eigenen Ländern fehlen, beschämt mich. Nun zittern Spitäler um Tausende Grenzgänger, und das geschieht ihnen und uns recht.
Es wird nicht reichen, wenn wir alle Schaltjahre einmal unserem Pflegepersonal aus den Fenstern heraus applaudieren. Da müssen andere Zeichen der Wertschätzung folgen, um hier langfristig eine Veränderung zu bewirken.
Und dringend noch dies: Nach dieser Krise wird es viele Neugeborene geben, aber sicher auch viele Ehescheidungen. Meine Eltern hätten sich umgebracht, wenn man sie zusammen in Quarantäne gesteckt hätte. Eine traurige Vorstellung, gell? Man spricht tatsächlich auch jetzt schon über die zunehmende häusliche Gewalt. Das ist schlimm, aber vorstellbar.
Die Corona-Krise kann schnell zur Ehekrise mutieren. Gut, dass ich Peter habe, der auch in schwierigen Zeiten lacht und singt und Musik macht und der meine schlechte Laune erträgt (wenn ich krank bin, bin ich ziemlich grantig). Zur omnipräsenten Aufforderung des Bundes »Bleibt zu Hause!« müsste man eigentlich noch anfügen: »Und seid nett zueinander!«
Ganz zum Schluss ein paar schöne Gedanken: Wir müssen uns voneinander distanzieren. Physisch. Das schon. Aber irgendwie spüre ich auch ein erfreuliches Zusammenrücken. Noch nie bin ich so oft angerufen worden wie in diesen Tagen. Ich höre von Hilfsaktionen überall. Gerade haben Peters Großkinder ein feines Dessert in unserem Milchkasten deponiert. In unserem Hauseingang hängt ein Schreiben des Hauswarts, der allen seine Hilfe anbietet.
Vielleicht sind am Ende die Erkenntnisse, die wir aus dieser Krise ziehen, nicht nur negativ. Vielleicht werden wir auch schöne Erinnerungen haben, später einmal, wenn wir zurückblicken, wenn alles wieder gut ist, anders gut, aber eben doch irgendwie gut. Im Idealfall haben wir mehr Miteinander und Füreinander gelernt.
Es drängte sich geradezu auf, dieses Buch mit einem Text über das Coronavirus zu beginnen. Corona ist DAS Thema des Jahres 2020. Nicht darüber zu schreiben, ist daher unmöglich. Ich hätte es also sowieso getan – dass ich einen Auftrag von Bluewin hatte, freute mich umso mehr.
Staatlich verordnete Zweisamkeit
JUNI 2020
Was für eine Zeit! Ich selber war ja nur krank, andere mussten um ihr Leben bangen oder sich in Spitälern um das Leben anderer kümmern. Ich hatte finanzielle Einbußen, andere hatten große, berechtigte Ängste um ihre berufliche Existenz. Meine Sorgen galten meinen Lieben, von denen so viele den Risikogruppen angehören.
Was ich mir am Anfang dieses Jahres sehnlichst wünschte, war freie Zeit. Und dann – PENG – implodierte die Agenda mit einem lauten Knall, begleitet von Fanfaren und Feuerwerk.
Von einem Tag auf den anderen gab es keine Termine mehr.
Gar keine.
Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich mich – nachdem ich mich vom ersten Schrecken erholt hatte – darüber freute. Endlich einmal eine staatlich verordnete Zweisamkeit. Nur Peter und ich. Und das wochenlang.
Wir haben es wirklich genossen. Da waren so viel Ruhe, Sonne, Vogelgezwitscher und Liebe. Wir haben auf dem Balkon der Wäsche beim Trocknen zugeschaut, Koch-Experimente gemacht, unzählige Bücher gelesen.
Anfangs sah ich sowieso viel Positives in der Krise. Obwohl man auf Distanz gehen musste, rückte man doch irgendwie zusammen, musste es teilweise auch. Es gab eine neue Nähe, die ich mochte. Hilfsangebote schossen aus dem Boden. Auch der Staat bemühte sich. Auf den Balkonen wurde Musik gemacht. Noch nie haben wir innerhalb der Familie so viel telefoniert. Alle möglichen digitalen Netzwerke wurden aktiviert.
Das tat gut.
Einer meiner Freunde fand, der Lockdown lasse sich mit einer kollektiven Entziehungskur vergleichen. Wollten wir nicht alle immer mehr – und das auch noch immer schneller – und verloren uns dabei im Dauerstress? Jetzt wäre der Moment, uns aus der Wachstumsspirale zu befreien. Ob uns das gelingen würde? Es wäre schön, wir könnten ein neues Gleichgewicht finden: mit weniger zufrieden sein und weniger müssen wollen.
Dann änderte sich die Stimmung. Plötzlich erklärte sich jeder, der in der Lage war, Youtube-Videos anzuschauen, zum Experten. Sänger, Starköche und Komiker wollten mehr wissen als studierte Virologen. Jede Studie wurde mit einer anderen Studie widerlegt. Um mich herum wurde unschön gestritten, und ich fühlte mich, als stünde ich zwischen allen Fronten. Jeder hatte die Wahrheit für sich gepachtet und fand, die anderen seien eben noch nicht »erwacht«.
Irgendwann wurde sogar der Wert des Lebens diskutiert. »Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären«, erklärte Boris Palmer, ein deutscher Politiker der Partei Bündnis 90 / Die Grünen. Und auch Samih Sawiris, der Andermatt-Investor, äußerte sich ähnlich, und dies – wie er betonte – im Wissen darum, dass es politisch unkorrekt sei: »In der Schweiz gehen Milliarden von Franken verloren, damit es einige Hundert weniger Tote gibt.«
Die Kaltschnäuzigkeit, wie Menschenleben zur Disposition gestellt wurden, bedrückte mich zunehmend. Ab und zu schaltete ich die irritierende Informationsflut einfach aus, atmete tief durch und marschierte mit Peter im Eigenthal durch den Wald. Aber sogar beim Spazieren wurden ältere Bekannte von uns von Jugendlichen angepöbelt. Die jungen Leute schrieben ihnen vor, sie hätten gefälligst zu Hause zu bleiben, denn schließlich würde nur wegen ihnen so ein Zirkus veranstaltet.
Ab und zu schaltete ich die irritierende Informationsflut einfach aus.
Ich dachte, wir würden alle aus dieser Krise lernen. Aber es war nicht nur Schönes, das da zum Vorschein kam. Sicher muss man aufpassen, dass nicht auf dem Rücken einer Pandemie Volksrechte und Datenschutzgesetze ausgehebelt werden. Und die Ängste der Impfgegner verstehe ich auch. Außerdem ist die Diskussion, was denn nun wirklich »systemrelevant« ist, durchaus wichtig.
Ich begreife den Ärger darüber, dass wir sogar bei den gängigsten Medikamenten von China abhängig sind. Viele Ideen und Theorien kann ich aber überhaupt nicht nachvollziehen. Ich denke, dass man auch mal Ungewissheit und Kontrollverlust aushalten können muss, ohne überall Verrat und Böses zu wittern und Sündenböcke zu suchen.
Und natürlich machen auch Regierungen Fehler, wenn sie Neuland betreten und plötzlich schnelle Entscheidungen treffen müssen. Alles in allem war ich aber eindeutig im »Team Daniel Koch«.
Heute versuche ich meine innere Mitte zu finden.
Irgendwann sehen wir uns alle wieder.
Irgendwann halten Sie dieses Buch in den Händen.
Irgendwann ist alles wieder wie früher.
Nur bestimmt – und hoffentlich – dann doch irgendwie ein bisschen anders.
Heute weiß ich, dass ich nicht am Coronavirus erkrankt war. Ich durfte einen Antikörper-Test machen. Mir geht es gut. Dankbar sehe ich auf viele erholsame, entspannte Wochen zurück und freue mich riesig, wenn es mit Lesungen und Arbeit wieder losgeht. Ich bin bereit. –
Ich hoffe, dass auch Sie die Corona-Krise gut überstanden haben. Und schließe dieses Kapitel mit den Worten, die seit dem Frühling 2020 eine neue Bedeutung haben: Bleiben Sie gesund!
2 VOM SCHREIBEN UND VOM LESEN
Eigentlich wollte ich lieber lesen
JANUAR 2018
Erstmals schreibe ich einen Text über mein Schreiben. Eine echte Herausforderung. Plötzlich soll ich mich selber analysieren, hinterfragen, erklären, vielleicht sogar rechtfertigen. Und das in einem Literaturmagazin. Keine Sorge, ich weiß, dass ich keine Literatur schreibe. Ich bekomme hier nur ein einmaliges, kleines Gastspiel. Allerdings könnte man über den Begriff Literatur natürlich fröhlich streiten.
Aber es ist schon so: Ich bin keine, die über einen Satz eine Stunde lang nachdenkt, die tagelang nach dem richtigen Wort sucht, über einer Formulierung schwitzt und an der Unvollkommenheit ihrer Arbeit verzweifelt. Ich habe fünfzehn Jahre bei einer Zeitung gearbeitet, dort eine einfache, klare, leicht verständliche Sprache gelernt und beibehalten. Möglicherweise auch deshalb, weil ich es gar nicht anders kann.
Ich fing an zu schreiben, weil ich keine Bücher hatte. Eigentlich wollte ich lieber lesen. Unsere Dorfbibliothek war leider nur ein Kellerloch im Pfarrhaus und konnte meinen großen Lesehunger nicht stillen. In meiner Familie fehlte das Geld, um Bücher zu kaufen. Ich fing deshalb als Fünftklässlerin an, die Geschichten zu schreiben, die ich gern gelesen hätte, um mich selber zu unterhalten.
Vielleicht ist das heute noch mein Hauptantrieb? Dass es mir einfach Spaß macht, Geschichten zu erfinden? Früher lasen sie meine Schulkameraden. Sie tauschten meine vollgekritzelten Schulhefte auf dem Pausenplatz. Heute habe ich eine große, treue Leserschaft, die auf meine Bücher wartet. Das ist ein weiterer Ansporn.
Meine letzten acht Bücher waren Schweizer Bestseller. Darauf bin ich stolz. Ich habe davor auch erfolglose Bücher geschrieben und trotzdem nie aufgegeben. Schreiben, das ist meine Leidenschaft. Und heute kann ich davon sogar leben. Die Bezeichnung »Bestsellerautorin« habe auch etwas Abwertendes, meinte neulich jemand, aber eigentlich spiegelt der Begriff ja nur meine Verkaufszahlen. Diese wiederum sagen natürlich nichts über Qualität aus, denn auch Dieter Bohlen hat fantastische Verkaufszahlen. Bohlen glaubt deswegen sogar, ein besonders guter Musiker zu sein. Ich jedoch kann mein Können sehr wohl einordnen, hebe nicht ab. Im Gegenteil. Viele abwertende Ausdrücke, die in Zeitungen erschienen sind, habe ich leider selber generiert, wie etwa den Begriff »Unterhaltungstante«. Dass ich ihn hier wiederhole, würde meine Marketingabteilung ausrasten lassen, wenn ich denn eine hätte. Tele Züri bezeichnete mich als »Rosamunde Pilcher vom Vierwaldstättersee«. Ich kann damit umgehen. Auch damit, dass ich nie einen Literaturpreis gewinnen werde.
Ich kann mein Können einordnen.
Meine Leserinnen und Leser schreiben mir, dass meine Bücher sie zu Tränen rühren, zum Lachen bringen oder überhaupt erst wieder zum Lesen gebracht haben. Unterhaltung ist mein Anspruch. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich will ich eine saubere Arbeit abliefern. Ich recherchiere genau und manchmal aufwendig: Ich mache ein Praktikum bei einem Tierarzt, besuche ein Frauengefängnis, fahre mit einem Dampfschiffkapitän über den See, arbeite in einem Kuhstall mit, verbringe einen Monat in Arosa, wandere ganze Gegenden ab … Ich tue alles für die Authentizität meiner Geschichten. Ich beobachte, höre zu, schaue hin, reise herum, frage nach. Mein Verlag stellt mir eine gute Lektorin zur Seite, auch zwei Korrektorinnen. Die Bücher werden sorgfältig hergestellt. Nein, sie sind kein Trash. Banal, trivial, primitiv? Die Tatsache, dass ich im Magazin »Literarischer Monat« unter dem Übertitel »Trash!« zu Wort komme, sagt mir, dass meine Bücher von einigen Literaten so eingeordnet werden. Kann ich damit leben? Auf jeden Fall.
Ein Literaturmagazin lud mich ein, einen Text einzureichen. Ich fühlte mich geehrt. Dann erfuhr ich: Das Magazin erschien unter dem Schwerpunkt »Trash!«. Ich war ein wenig beleidigt. Aber nur kurz. Dann sprang ich über meinen Schatten und schrieb diesen Text.
Niedergemetzelt
JUNI 2019
Ich glaube, ich habe das schon mal geschrieben: Eskimos haben über zwanzig Wörter für Schnee. Das las ich irgendwann in irgendeiner Zeitung. Inzwischen zweifle ich allerdings daran. Natürlich gibt es auch bei uns Begriffe wie Schneeflocken, Schneematsch, Schneeregen, Schnee von gestern, Schneetreiben, Pulverschnee. Würde man die alle zählen, könnten wir schnell einmal mit den Eskimos gleichziehen. Und sagt man überhaupt noch Eskimos? Einige davon möchten heute lieber als Inuit bezeichnet werden. Es ist schwierig mit den Bezeichnungen, mit den Wörtern, mit der Sprache.
Meine Kollegin Dora fährt inzwischen viel Zug und trifft dabei regelmäßig junge Leute auf dem Weg ins Gymnasium. »Ich erlebe tagtäglich live mit, wie im Zug die deutsche Sprache blutig und brutal niedergemetzelt wird«, meinte sie neulich und spielte damit auf den eigenartigen Slang an, den viele Teenies heute sprechen. »Sie wollen tatsächlich wie Fremdsprachige klingen.« Auch der Wortschatz der jungen Leute sei bedenklich. Neulich sei eine junge Frau aus Deutschland mit dabei gewesen und habe erzählt: »… und dann stellt er sich drei Wecker und schlummert immer wieder …« Das Wort schlummern habe danach die Jugendlichen mindestens drei Zugstationen lang beschäftigt. Schlummern, das gebe es gar nicht. Schlummern, das sage man einfach nicht. Das habe doch i-Phone erfunden. Schließlich entdeckte dann einer das Wort im Online-Duden, und große Verwunderung herrschte im Abteil. Ich kann dazu nur sagen: Hoffentlich schlummert in diesen jungen Menschen noch sehr viel …
Auch ich hatte ein ähnliches Erlebnis, das ich lange nicht vergessen konnte. Ein Mann in einem beigen Trenchcoat ging durch den Zug. Ein jugendlicher Mitreisender sagte: »Der sieht aus wie einer, der darunter nackt ist und dann plötzlich den Mantel öffnet und damit Kinder erschreckt. So was gibt es im Fall!« Gelächter und Gekicher folgte. »Wirklich?«, wunderten sich einige. »Dafür gibt es sogar ein Wort«, erklärte jemand. »Nein? Krass! Ein eigenes Wort für so einen ›Grüsel‹?« Ich musste mir auf die Zunge beißen, um nicht das gesuchte Wort einfach ins Abteil zu posaunen. Stattdessen schaute ich den jungen Leuten beim Suchen im Internet zu. Es war gar nicht so einfach, über die Stichworte »Mantel« und »nackt« zum Lösungswort zu kommen. Kurz bevor sie den Zug verließen, hatten sie die Antwort: »Exhibitionist. So einer nennt sich Exhibitionist!« Ich atmete erleichtert aus.
»Ein eigenes Wort für so einen ›Grüsel‹?«
Natürlich weiß ich, dass die Wörter »schlummern« und »Exhibitionist« nicht unbedingt nötig sind, um im Leben weiterzukommen oder um zwischenmenschliche Beziehungen zu knüpfen. Aber manchmal täte unserer oft so sprachlosen Welt, die uns manchmal selber sprachlos macht, ein größerer Wortschatz gut. Es wäre leichter, sich näherzukommen und sich zu verstehen. Neue Wörter kann man sich übrigens aneignen, indem man viel liest, zum Beispiel eine Zeitung, oder halt eben im Zug, wenn man denn bereit ist, zuzuhören.
Nehmen Sie beim Zugfahren mal die Kopfhörer von den Ohren und hören Sie zu, was da so gesprochen wird. Vielleicht lassen Sie auch die Ohrstöpsel drin und tun so, als würden Sie Musik hören. Oft wird man dann bestens unterhalten.
Mängelexemplar
JUNI 2016
Mängelexemplar, klingt das nicht nach einem spannenden Titel für einen neuen Roman mit Bestsellerpotenzial? Mein Puls beschleunigt sich vor Aufregung und Vorfreude wie bei einer Skirennfahrerin am Start, die sich kaum noch bremsen kann und sich möglichst schnell in die Abfahrt stürzen möchte. Mein Kopfkino läuft heiß. Vor meinem geistigen Auge sehe ich die Geschichte bereits in allen Einzelheiten: Die Hauptfigur, Jolanda Joller, muss mit fünfzig auf Stellensuche gehen und fühlt sich wie ein Mängelexemplar. Vielleicht ist Jolanda sogar Buchhändlerin und hat oft genug leicht beschädigte oder verschmutzte Bücher mit dem Stempel »Mängelexemplar« versehen. Danach waren diese nur noch halb so viel wert. Und jetzt fühlt sie sich selber abgestempelt, weil sie auf dem Arbeitsmarkt einen der größten Mängel überhaupt aufweist: Sie ist zu alt.
Wird dieser neue Roman dann lustig und heiter und führt unweigerlich zum Happy End, so wie sich das die Leserinnen und Leser meiner Bücher gewohnt sind? (Jolanda eröffnet einen Laden für Mängelexemplare und findet so die gewinnbringende Marktnische.) Oder wird es vielmehr ein Drama, weil die Buchhändlerin nach und nach ihre Verzweiflung in Alkohol ertränkt? (Am Ende lässt sie sich im Vollrausch »Mängelexemplar« auf den Hintern tätowieren.) Ich könnte auch einen Thriller daraus machen, in welchem Jolanda alle jüngeren Mitbewerber umbringt. (Sie wird gefasst, weil sie auf jeder Leiche den Stempel »Mängelexemplar« hinterlässt.) Vielleicht wird es gar ein Sachbuch, das aufzeigt, wie man seine Mängel erfolgreich vertuschen kann (»Von mangelhaft zu makellos in dreißig Tagen«)?
Romananfänge sind wie ein Glücksrausch. Ich bin voller Ideen und Zuversicht, sprühe vor Fantasie und Inspiration, will sofort loslegen. Ich bin die wunderschöne Araberstute in der Startbox, die mit den Hufen scharrt und im Geiste schon mit fliegender Mähne vorwärtsprescht, dem Ziel entgegen, jedes Hindernis elegant überspringend. Wenn ich ein Buch beginne, hat das nichts mit Arbeit zu tun. Anfänge sind reine, pure Schreibfreude, explodieren wie ein Feuerwerk, schmecken wie süßeste Schokolade. Mein Schreibfluss ist voller bunter Fische und fließt fröhlich voran, dem Happy End entgegen. Die Sätze sprudeln, die Seiten füllen sich. Erst viel später kommen die Zweifel, die Krisen, die Fragen und stellen sich mir in den Weg. Aus der Schokolade wird irgendwann alter, zäher Kaugummi, und das Schreiben artet in Arbeit aus. Angehende Autoren wollen das oft nicht sehen. Sie denken, das Schreiben müsse immer Spaß machen. Tut es nicht. Sorry.
Ja, so ist es bei mir, wenn ich schreibe. Und im Leben? Ich bin jetzt dreiundfünfzig, und es gibt nicht mehr so viele berauschende, explodierende Anfänge. Ganz ehrlich und unter uns: Tief in meinem Innern fühle ich mich nach wie vor wie eine temperamentvolle Araberstute in der Startbox, bereit zum Losrennen, wohin auch immer, und ich warte auf den Startschuss. Nur die Außenwahrnehmung ist halt manchmal anders. Da bin ich dann doch eher das Mängelexemplar.
Neulich las ich irgendwo im Internet: »Ich habe schon so viel aus meinen Fehlern gelernt – ich glaube, ich mache noch ein paar.« Das hat mir gefallen. Das ist genau die richtige Einstellung. Wir versuchen doch immer, alles perfekt zu machen, und sind damit schon zum Scheitern verurteilt. Dabei habe ich gar nicht so viel falsch gemacht in meinem Leben. Ich habe immer versucht, meine Träume zu leben, habe mich dafür eingesetzt, dafür gekämpft, nicht aufgegeben, durchgehalten. So bin ich heute ein glücklicher, zufriedener Mensch. Und ich bereue nichts, trauere keinen verpassten Gelegenheiten hinterher.
Trotzdem fühle ich mich ab und zu als Mängelexemplar. Wenn ich beispielsweise einen Nebenjob zu meiner Tätigkeit als Buchautorin suche und meine Akte altershalber immer wieder vom Bewerbungsstapel direkt in den Papierkorb fällt, dann brauche ich nicht erst einen Stempel. Ich fühle ihn, imaginär, mitten auf der Stirn: Mängelexemplar. Aber sind wir das nicht alle irgendwie? Meine Mutter fühlt sich als Mängelexemplar, seit sie sich mit der Hilfe eines Rollators durch die Gegend bewegen muss. Sie meint, das werte sie ab, obwohl es sicher kein Makel ist, wenn frau mit siebenundachtzig Jahren ein wenig Unterstützung beim Gehen braucht. Meine Freundin Berta fühlt sich als Mängelexemplar, weil sie wegen Übergewichts von ihrer Versicherung als Risiko eingestuft wurde und keine Taggeldversicherung abschließen konnte. Es ging um drei Kilo!
Aber was ist ein Mängelexemplar wirklich? Mängelexemplar ist ein Begriff aus dem Buchhandel und bezeichnet ein Buch, das aufgrund eines deutlichen Mangels nicht mehr der Buchpreisbindung (in Deutschland) unterliegt und somit billiger wird. Ein leicht beschädigtes, gebrauchtes Buch ist deswegen trotzdem ganz bestimmt nicht wertlos. Bei einem Buch geht es schließlich um die inneren Werte. Der Inhalt ist immer noch der gleiche, unverändert, auch wenn das kostbare Buchcover eventuell Schaden genommen hat oder eine Seite zerknittert ist und eine Ecke umgeknickt. Der Text kann trotzdem bezaubern, in fremde Welten entführen, schlaflose Nächte verursachen, Spannung erzeugen, Gefühle vermitteln, weiterbilden, zum Weinen oder Lachen animieren. Ich weiß das aus diversen Selbstversuchen: Ich stöbere nämlich gern auf Flohmärkten auf den Büchertischen und nehme immer mehr Bücher heim, als ich abliefere. Ein paar unappetitliche Flecken oder vergilbte Seiten können mich da nicht schrecken, solange noch alle Seiten drin sind und mich der Inhalt interessiert.
Nicht alle Leser denken so. Die meisten schauen mehr auf Äußerlichkeiten – wie im wirklichen Leben halt. Ich habe neulich in einer Studie gelesen, dass die Menschen nur eine Zehntelsekunde brauchen, um ein Urteil über ihr Gegenüber zu fällen, und dieser erste Eindruck werde selten revidiert. So viel zu den inneren Werten …
So viel zu den inneren Werten …
Aber abgesehen davon: Bald einmal wird es keine Mängelexemplare mehr geben. Wenn wir nur noch E-Books lesen, können wir das Thema abhaken, das Wort ersatzlos streichen. Eigentlich schade. Ich habe im Internet kürzlich ein Parfüm mit dem Duft »Bibliothek« entdeckt (»In The Library«, Christopher Brosius). Es scheint, als hätten einige Leser schon Sehnsucht nach Büchern, die sie aus ihrem Leben verbannt und durch E-Books ersetzt haben. Irgendwann wird es vielleicht auch einen Duft »Mängelexemplar« auf dem Markt geben. Manchmal frage ich mich schon: Sind wir Menschen nicht alle ein bisschen … mangelhaft?
Dies war eine Auftragsarbeit für ein Literaturmagazin. Thema: Mängelexemplar. So etwas macht mir Spaß. Das sind Herausforderungen – fast wie in der Schule, als wir zu unmöglichen Themen Aufsätze schreiben mussten. Ich habe es geliebt.
Ticken Kinder heute anders?
MAI 2017
Neulich durfte ich eine Talentklasse besuchen und mit Mädchen sprechen, die gerade ihr erstes Buch schreiben. Sie hatten gar nicht so viele Fragen an mich, sondern vor allem eine, und die schien besonders wichtig zu sein: »Was verdient eine Autorin an einem Buch?« Wäre diese Frage eine von vielen gewesen, hätte sie mich nicht verwundert, aber so erhielt sie großes Gewicht, zu großes, wie ich fand.
Ticken heute Kinder so viel anders als wir früher? Und ist das schlecht oder vielleicht sogar gut?
Ich wollte schon als Kind Bücher schreiben und Sängerin werden, und dabei spielten für mich Karriere, Verdienstaussichten oder Ruhm überhaupt keine Rolle. Ich wollte singen und schreiben, Punkt. Wenn eine Kameradin Floristin oder Bäuerin werden wollte, hat ihr keiner vorgerechnet, dass man in diesem Beruf wenig Aufstiegschancen habe oder damit kaum reich werden könne. Waren wir naiv? Sind Kinder heute cleverer?
Waren wir naiv?
Ich habe den Schülerinnen erzählt, was man so verdient pro Buch. War das gemein von mir? Haben wir jetzt einen ganzen Schriftstellerjahrgang verloren? Mit dem Schreiben reich zu werden, das schaffen halt nur wenige. Davon leben zu können, das ist schon ein großes Privileg. Ich bin ein Glückskeks.
Kürzlich war ein Fernsehteam bei mir. Während ich die Leute in meine Dreizimmerwohnung in einem Wohnblock lotste, meinte die Produzentin schockiert: »Können Sie sich denn jetzt nicht ein Haus leisten?«
Ein Haus? Ein Pferd? Einen Swimmingpool? Nein.
Ja, Kultur und Geld. Ein heikles Thema. Und jetzt kommen auch noch diese leidigen Urheberrechtsdebatten. Alles soll allen überall jederzeit frei zugänglich sein. Meine E-Books werden längst auf Piratenseiten gratis angeboten. Cornelia meinte zu dieser Problematik, dass Musiker und Schriftsteller ja gern arbeiten würden, und dann könne man nicht den Anspruch haben, damit Geld zu verdienen. Aha. Weil ich gern schreibe, soll ich es gratis machen. Muss ich also davon ausgehen, dass mein Zahnarzt extrem ungern arbeitet, weil er so hohe Rechnungen stellt? Paul, der auch in der Freizeit schon immer an Autos herumgewerkelt hat und jetzt Automechaniker geworden ist: Darf er für seine Arbeit Geld nehmen? Ist Arbeit nur Arbeit, wenn man sie nicht gern macht? Warum verdienen eigentlich Profifußballer so viel?
Cornelia findet, diese Gratis-Downloads seien doch kein Thema. »Musiker können von den Konzerten leben, und du kannst mit Lesungen Geld verdienen. Tut doch nicht so kompliziert!« Okay. Wenn ich aber in keiner Bestsellerliste mehr auftauche, weil meine Bücher gratis heruntergeladen werden, wer bucht mich noch für eine Lesung? Und wie viel Honorar darf ich dann verlangen?
Kürzlich habe ich das gelesen: Ein Westschweizer Autor wollte ein Honorar für seine Lesung, mit der Begründung, er lebe schließlich vom Schreiben, und bekam von einer Buchhandlung zur Antwort: »Es ist naiv, zu glauben, man könne vom Schreiben leben.«
Aha. Ich war also nicht nur als Kind naiv, ich bin es immer noch.
Möglicherweise kommt die Rache für meine Naivität dann im Alter, wenn meine Rente nicht reicht und die Pensionskasse leer ist. Vielleicht besuche ich dann meine Talentklassen-Kinder. Die sind ja in fünfzehn Jahren sicher reich und leihen mir ein bisschen Geld. Ich bin gespannt, ob sie auch glücklich geworden sind.
Es hat mich wirklich ernsthaft beschäftigt, warum den Kindern heute Geld und Verdienst so wichtig sind. Ich glaube, ich hätte als Kind stundenlang mit einer Autorin plaudern können, ohne dass wir über Geld gesprochen hätten.
Einmal stand ich mit Frank Baumann vor einer Schulklasse, als ich gefragt wurde, ob ich denn jetzt reich sei. Da gab er zurück: »Schaut sie euch doch an! Sie musste ihre Brille selber schnitzen, aus einer Tür.« Damit spielte er auf meine Holzbrille an. Seither betrachte ich Türen aus einem ganz anderen Blickwinkel.
Die letzten Schüler gaben im Voraus zu Protokoll, dass sie sehr viele Fragen an mich hätten. Das gefiel mir. Dann kam die erste Frage: »Was für ein i-Phone haben Sie?« Ich wusste es nicht einmal. Die zweite Frage: »Wenn Sie sich entscheiden müssten zwischen Ihrem Handy und Ihren Freunden: Was würden Sie wählen?«
Nein, Schullesungen sind kein Zuckerschlecken …
Mein Ackergaul streikt
SEPTEMBER 2001
Unsere beiden Nachbarskatzen haben eine neue Lieblingsbeschäftigung: Sie klettern über das Autodach aufs Garagendach, hüpfen auf unseren Balkon und schlüpfen schwupp in unser Wohnzimmer, wo sie sich dann gegenseitig durch unsere Wohnung jagen. Ist das nun Katzenwahnsinn? (Liebe Einbrecher und Meuchelmörder: Bitte klettern Sie nicht auf unser neues Auto! Der Hausschlüssel liegt unter der Matte!)
Wenn ein berühmter Fotograf massenhaft nackte Leute auf kalte Plätze legt und sie dann ablichtet, kann man das eventuell als Kunstwahnsinn bezeichnen?
Diese zwei kleinen obigen Abschnitte habe ich vor etwa zwei Wochen geschrieben, und damals wusste ich noch ganz genau, was mein September-Kolumnenthema sein sollte. Ich wollte wohl irgendetwas über den Wahnsinn an sich oder im Besonderen schreiben. Keine Ahnung mehr! Inzwischen werde ich selber langsam wahnsinnig. Der Schreiber-Wahnsinn.
Es ist wirklich schlimm: Seit Tagen versuche ich, eine Kolumne zu schreiben, aber in meinem Schreibhirn herrscht völlige Leere. Es gibt so viele Themen, die mich berühren, und flüchtige Ideen aller Art. Diese fallen aber in ein schwarzes Loch, wenn ich versuche, sie zu konkretisieren.
Schreibblockaden, darüber klagen weit bedeutendere Autoren als meine Wenigkeit. Ich starre auf die Tasten und kann es nicht fassen, dass mir so etwas passieren kann. Das Bild vom höhnisch lächelnden Reich-Ranicki über meinem Schreibtisch gibt mir den Rest. Schließlich kaue ich auf den Fingernägeln herum, räume den Schreibtisch noch einmal auf und tigere dann durchs Haus, um meine schlechte Laune möglichst großflächig zu verbreiten.
Auf der Toilette kommen einem oft gute Einfälle. Aber nicht heute. Nicht mir. Ich sehe nur, dass mein Badezimmer dringend geputzt werden sollte. Wahrscheinlich von mir. Aber ein Kolumnenthema ist das wirklich nicht. Vor dem Einschlafen habe ich manchmal gute Ideen. Aber jetzt schlafe ich immer viel zu schnell ein, bin wohl zu müde. Selbst beim Friseur und beim Frauenarzt werde ich nicht von der Muse geküsst.
Einen gesunden Geist gibt es nur in einem gesunden Körper. Diese Weisheit ist nicht von mir. Ich zwänge mich also in meine Jogginghosen und renne ein paar Runden auf der Finnenbahn Wintersried. Der Schweiß läuft schneller, als es meine Füße tun. Ich japse bald schon nach Luft und kann mir nicht vorstellen, dass so mein Schreibhirn genug Sauerstoff bekommt. Sport kann doch nicht meine Lösung sein.
»Schreiben ist kein Spaziergang. Eher ist es Ackerarbeit. Mit Pflug und Pferd. Manchmal will es nicht mehr weiter, das Pferd. Manchmal braucht es einen Stups, einen Klaps, ein aufmunterndes Hü«, schreibt Herbert Squindo im Nachwort zu seinem neuen Buch. Ich glaube fast, mein Pferd steht im Moment still und streikt. (Aufmunternde Hüs bitte an meine E-Mail-Adresse.)
»Schreiben ist kein Spaziergang.«
Ich mag Pferde. Soll er sich eben etwas ausruhen, mein Ackergaul, damit er dann bei der nächsten Kolumne wieder munter vorwärtsgaloppiert. Inzwischen biete ich Ihnen diese Kolumne an, in der eigentlich nichts steht.
Vielleicht habe ich eine versteckte Begabung: Ich kann viel schreiben, ohne etwas zu sagen. Ich könnte mich vielleicht von Politikern engagieren lassen?
Wenn man regelmäßig Kolumnen abliefern darf / muss, kann das manchmal schon viel Druck bedeuten. Nicht immer hat man auf Kommando die zündende Idee. Oft muss man einfach etwas schreiben, auf Teufel komm raus.
Leider habe ich Jahr für Jahr mehr mit Schreibblockaden zu kämpfen, über die ich früher noch gelächelt habe. Das liegt wohl an den eigenen Ansprüchen, daran, dass ich manchmal das Gefühl habe, alles schon geschrieben zu haben, an Abgabeterminen und am Erfolgsdruck.
3 AUF REISEN
Kopfkissenpralinen
SEPTEMBER 2018
Waren Sie auch in den Ferien? In einem Hotel? Ich liebe Hotels. Die meisten jedenfalls. Und ich habe da so mein eigenes Bewertungssystem. Es ist bereits ein Running Gag, wenn ich aus einem Hotel zuerst ein Foto der Kleiderbügel auf Facebook poste. Ich fing damit an, als ich nach einer Lesung in einem schmuddeligen Hotel absteigen musste. Beim Öffnen des Kleiderschranks lachte ich laut über sieben total verschiedene, zum Teil furchtbar verbogene Kleiderbügel. Das passte so perfekt zum Bild dieses Hauses. Seither bin ich bekannt für meine Kleiderbügelfotos. Für mich sind sie eine Art Visitenkarte eines Hotels.
Ja, ja, das ist natürlich ein wenig verrückt. Es gibt aber viel verrücktere Menschen. Ich habe von einem Mann gehört, Kammerjäger von Beruf, der, wenn er ein Hotelzimmer betritt, zuerst die Matratze wendet und schaut, ob auf deren Rückseite Spuren von Bettwanzen zu finden sind. Bevor er diesen Test gemacht hat, öffnet er noch nicht einmal seinen Koffer. Da ist mein Kleiderbügeltick doch harmlos, oder?
Was ich an Hotels liebe, sind große Fenster, wenn möglich mit Blick auf irgendetwas Schönes, wie Berge oder Meer zum Beispiel. Wenn an diesem Fenster dann auch noch ein Schreibtisch steht, bin ich bereit, krumme, bunte, willkürlich zusammengewürfelte Kleiderbügel zu ignorieren. Balkone sind für mein Hotelglück ein Muss.
Was ich nicht brauche, sind edle Wellnesstempel oder direkt neben meinem Bett eine frei stehende Badewanne und ähnlicher Designer-Unsinn. Dafür schätze ich eine Bar mit einem Live-Musiker.
Viele Dinge sind ja heute selbstverständlich. In einem Buch über Arosa sah ich eine ganz alte Anzeige. Darin warb ein Hotel noch mit elektrischem Licht und einer Heizung!
Trotzdem darf man nicht überall alles voraussetzen. Ich war neulich in Paris und hatte übers Internet ein Einzelzimmer gebucht. Leider hatte es kein Fenster. Und ja, stimmt: Es wurde in der Zimmerbeschreibung nicht von Fenstern gesprochen. Seither bin ich ein wenig übervorsichtig. Und da scheine ich in guter Gesellschaft zu sein.
Ich amüsierte mich, als ich auf Booking.com bei Hotelbeschreibungen plötzlich immer wieder »Toilettenpapier« las. Ach was? Ein Hotel mit Toilettenpapier? Ohne Witz: In einem Fünfsternehotel in Bern fand man es erwähnenswert, dass im Zimmer ein Schrank stehe und auch Bettwäsche vorhanden sei. Und natürlich Toilettenpapier.
Aber, und das möchte ich hier doch auch einmal betonen, ein Hotel kann noch so viel Schnickschnack vorweisen – gerade war ich im »Tschuggen« in Arosa, das sogar eine eigene Bergbahn für die Hotelgäste hat –, es ist immer nur so gut wie die Menschen, die darin arbeiten. Sie sind das Herz des Ganzen. Ein guter Gastgeber ist mehr wert als Designermöbel. Ein freundlicher Empfang und eine persönliche Ansprache zählen wesentlich mehr als Kopfkissenpralinen.
Ein Hotel ist immer nur so gut wie die Menschen, die darin arbeiten.
Nun, eine Ausnahme bildet vielleicht das Fehlen von Toilettenpapier und Fenstern. Selbst das netteste Lächeln und die schönsten Kleiderbügel können in so einem Fall nicht mehr helfen.
In den letzten Wochen hat sich der Wert von Toilettenpapier natürlich ins Unermessliche gesteigert. Vielleicht ist der Besitz davon in Zukunft tatsächlich erwähnenswert. Es hat sich so viel verändert seit der Corona-Krise!
Ich gebs zu: Ich mag Hotels, die ich mir nicht leisten kann, wie zum Beispiel das Kulm-Hotel oder das »Tschuggen« in Arosa. Ich halte mich gern in schönen Häusern auf. Sehr gern. Aber nur so nebenbei: Der Wirt des anfangs erwähnten eher schäbigen Hotels mit den hässlichen Kleiderbügeln hat mich persönlich zu meiner Lesung gefahren, weil das Wetter so schlecht war. Solche Herzlichkeit biegt manchen Bügel gerade.
Der Volksheld und ich
JANUAR 2003
Im letzten September habe ich mir, gemeinsam mit meiner Mutter, einen Traum erfüllt: eine Rundreise durch China. Mit einer bunt gemischten, aufgestellten Gruppe besuchten wir unter ausgezeichneter Führung Peking, Xian, Guilin, Kanton und Hongkong. Es war eine Reise voller Höhepunkte. Meine Favoriten: die Große Mauer in Peking, die gigantische Stadt Hongkong und die bizarre Karsthügellandschaft von Guilin. Wir besichtigten eine endlose Anzahl von Tempeln und Palästen. Am Ende der Reise waren wir erschlagen von all den großartigen Eindrücken. Diese Erinnerungen wird uns keiner mehr nehmen können.
Eine kleine Geschichte wird jedoch ganz speziell mir immer im Gedächtnis bleiben, und wenn ich denn Kinder hätte, würde ich mich schon auf die Großkinder freuen, denen ich sie erzählen könnte …
Haben Sie schon von der Terrakotta-Armee in Xian gehört? Erst 1974 entdeckte ein Bauer, der nach Wasser grub, diese unterirdische Grabanlage. Ein nicht nur größenwahnsinniger, sondern auch sehr grausamer Kaiser ließ lange vor Christus etwa siebenhunderttausend Zwangsarbeiter für sich schuften und ganze Armeen von Terrakotta-Soldaten in Lebensgröße vor seinen unterirdischen Grabeingang stellen. Viele der Arbeiter waren echte Künstler und wurden nach vollendetem Werk umgebracht, damit sie den Standort des Monumentalgrabes nicht verraten konnten. Bis heute wurde erst ein kleiner Teil der unzähligen Soldaten und Pferde freigelegt. Die Anlage erstreckt sich über Kilometer, und man muss einfach dort gewesen sein, um einen Eindruck davon zu bekommen. Man sagt, das müsste eigentlich als ein weiteres Weltwunder gelten.
Und was ist aus dem Bauern geworden, der die Grabanlage zufällig entdeckt hatte? Sein Land wurde natürlich nicht enteignet, denn es hat ihm ja in dem kommunistischen Land nie gehört. Es wurde ihm weggenommen. Dafür darf er jetzt im Museumsladen an einem Tisch sitzen, den ganzen Tag über Autogramme geben, rauchen, Tee aus einer kunstvollen Tasse trinken und sich von Touristenhorden anstarren lassen. Er ist eine Art Star geworden und auf jeden Fall ein Volksheld. Ob er sich nicht manchmal zurücksehnt nach der Zeit, als er mit seiner Familie noch draußen arbeiten durfte, selbständig, in der Natur, mit Tieren? (Könnte er die Zeit zurückdrehen, würde er das gegrabene Loch vielleicht einfach zuschütten und den historischen Fund geheim halten?)
Ich wollte ihn natürlich auch sehen, diesen ganz besonderen Bauern. Und ich drängelte mich wohl doch ein wenig zu sehr vor. Dann geschah es: Ich stieß mit meinem – zugegeben nicht gerade kleinen – Hintern an den Tisch des Bauern. Damit brachte ich seine kunstvolle Porzellantasse zu Fall, und sie zerbrach in tausend Stücke.
Die Tasse des Volkshelden!
Einen ganz winzig kleinen Moment lang blieb die Welt stehen. Alle hielten den Atem an. Unsere chinesische Reiseleiterin wurde blass und klein. Hatte ich nun eine diplomatische Krise ausgelöst? Würde ich des Landes verwiesen? Wie hatte unser Schweizer Reiseführer erzählt: In China ist die Todesstrafe noch an der Tagesordnung!
Nach dem ersten Schrecken konnte ich nicht anders: Ich ging hinter den Tisch, streckte dem Volkshelden meine Hand entgegen und stotterte in Englisch eine Entschuldigung, die er natürlich nicht verstand. Aber es war sofort Wachpersonal zur Stelle. Die dachten wahrscheinlich, nun wolle ich endgültig zum Angriff übergehen.
Am schlimmsten wurde der Tumult, als ich sagte, ich wolle ihm die kostbare Tasse bezahlen. Dabei hatte ich doch längst gelesen, dass ein Chinese nie sein Gesicht verlieren will. Nein, ich müsse die Tasse sicher nicht bezahlen, erklärte eine beleidigte Dame mit unbeweglicher Miene.
Mir tat aber alles so leid, der Bauer, die Aufregung und überhaupt. Das war so peinlich und mein Kopf so rot – und das ganze Drama vor einem riesigen Touristen-Publikum! Im Museumsladen kaufte ich also eine wirklich schöne, viel zu teure, einem Volkshelden eindeutig würdige, neue Teetasse und brachte sie dem Bauern. Schon wieder ein Fehler! Er habe längst eine neue Tasse (hatte er tatsächlich), und man brauche meine Tasse nicht, erklärte man mir böse.
Sämtliche chinesischen Fettnäpfchen hatten in Xian wirklich nur auf mich gewartet! Da bewiesen die Aufseherinnen mehr Diplomatie, als man hätte erwarten können. Sie erklärten, die Tasse (meine, wohlverstanden) sei ein Geschenk des Bauern an mich. Er schenke sie mir. Der Volksheld schrieb sogar mit einem dicken Stift seine wunderschönen, verschnörkelten Namenszeichen darauf.
Sämtliche chinesischen Fettnäpfchen hatten in Xian wirklich nur auf mich gewartet!
Jetzt steht die Teetasse in meiner Wohnung auf einem Ehrenplatz. Chinas Volksheld hat mir eine Teetasse geschenkt! Wer kann schon so etwas von sich behaupten? Nicht, dass ich sonderlich stolz darauf wäre, denn auch die Peinlichkeit des Augenblicks wird mir immer in Erinnerung bleiben.
Für diese Ferien-Geschichte habe ich vor zwanzig Jahren einen Preis gewonnen. Nein, keinen Kulturpreis, aber immerhin ein Taschenmesser von Victorinox. Und die schöne Tasse aus China steht noch immer in meinem Schrank. Die Unterschrift darauf hat sich allerdings nicht gehalten.
Pflanzen Sie Ihren eigenen Schreibtisch!
FEBRUAR 2001
Ich habe im Januar eine Kreuzfahrt in der Karibik gemacht. Meine Tante Erna fand das fragwürdig. »Du schimpfst immer darüber, dass man in den Pistenrestaurants im Winter Erdbeerkuchen anbietet. Und jetzt fliegst du im Winter in den Sommer!«, meinte sie. Meine grüne Freundin Klara hatte andere Einwände: »So eine Reise ist eine ökologische Todsünde. Kreuzfahrten sowieso.« Und meine Schwester gab zu bedenken: »Du bist doch eh schon zu fett. Warum gehst du dann noch auf so eine Fressreise?!«
Natürlich waren alle diese Einwände berechtigt. Trotzdem habe ich die Reise genossen. Meine Mutter und ich sind auf einem luxuriösen Schiff um kleine karibische Inseln gekurvt. Jeden Tag schien die Sonne, herrliche Sandstrände luden zum Baden ein, exotische Inseln boten Einblick in andere Welten.
Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so weit von Schwyz entfernt. Wie ein Schwamm habe ich all die neuen Eindrücke in mich aufgesaugt. Und es gab viele davon. Die Inselausflüge waren interessant und lehrreich. Auf Barbados führte uns beispielsweise eine Deutsche auf der Insel herum, die schon seit zwanzig Jahren dort lebt. Erika erzählte viel Wissenswertes über Land und Leute. Ich hätte am liebsten mitgeschrieben.
Die ganze Sklavengeschichte ließ sie vor unserem geistigen Auge aufleben und fuhr mit uns kreuz und quer über die Insel. Wir sahen »shuttle houses«. Diese verlotterten Hütten stehen nur provisorisch auf dem Land, weil den Bewohnern das Land nicht gehört. Einem Hausbesitzer auf Barbados müsste mein Elternhaus im Eigenwies wie eine Villa vorkommen.
Unsere Reiseleiterin zeigte und erklärte uns die Tier- und Pflanzenwelt. Vor einem Mahagonibaum blieb sie stehen und riet uns, ein paar Samen davon mit in die Schweiz zu nehmen: »Pflanzen Sie Ihren eigenen Schreibtisch!« Das habe ich getan und warte nun gespannt auf das große Schreibtischwachsen in meinem Garten.
Wir sahen Männer, die auf der Straße lagen. Nicht etwa Obdachlose. Nein. Sie lagen einfach am Straßenrand und lasen Zeitung. Die Mentalität dieser Leute hat mich fasziniert. Erika erzählte, dass sie anfangs sehr erstaunt war, dass hier alle derart bescheiden leben und so wenig arbeiten würden. »Die Menschen hier wundern sich jedoch viel mehr über die Europäer. Warum arbeiten die so viel? Um sich Luxusgüter anzuschaffen, für deren Erhalt sie dann noch mehr arbeiten müssen?«
Ich versuche also, mich mit den Augen eines Barbadiers zu sehen. Was habe ich mir im letzten Jahr alles angeschafft? Den Laptop, die Bügelstation, Gartenmöbel und ein Auto. Hätte ich auf diese Luxusgüter verzichtet, müsste ich sicher ein paar Monate nicht arbeiten. Ich könnte am Straßenrand liegen und Zeitung lesen. Nur würde das im kalten Schwyz natürlich keinen Spaß machen.
Ein bisschen vom positiven Lebensgefühl der fröhlichen Menschen auf Barbados habe ich als Souvenir mit nach Hause genommen. Wenn es da regnet, nennt man das »liquid sunshine«. Flüssigen Sonnenschein. Das hat mich beeindruckt. Es ist also alles eine Frage der Einstellung. Und so habe ich dann beschlossen, diesen Winter mit etwas karibischer Grundhaltung zu überstehen. Wenn es schneit, dann ist das eben »frozen sunshine«. Und wenn es weder schneit noch regnet, der Himmel sich einfach nur grau auf unsere Gemüter senkt, dann wird es wohl »dirty sunshine« sein.
Wenn es regnet, nennt man das flüssigen Sonnenschein.
Ja, so eine Reise kann viele Denkanstöße liefern. Aber man kann seinen Horizont bestimmt auch auf einem Trip nach Einsiedeln oder ins Muotatal erweitern, wenn man mit offenen Augen durchs Leben geht.
Meine allererste große Ferienreise führte mich mit meiner Mutter Madeleine in die Karibik. Ich war schon über dreißig und noch nie so weit von zu Hause entfernt. Es war meine erste und möglicherweise auch letzte Kreuzfahrt. Das schwimmende Hotel war mir viel zu groß, dabei hatten wir eines der kleinsten Schiffe gebucht. Eine Flussfahrt könnte mich noch reizen. Das schon. Eventuell. Irgendwann.
Eine Kakerlake im Paradies?
JUNI 2001
Das Jahr des Buntspechts … das Jahr des Kindes … der Tag des Journalismus … der Tag des Schlafs …
Haben Sie sich nicht auch schon gefragt, wer eigentlich diese Jahre und Tage bestimmt?
Nun, ich habe mich nicht nur gewundert. Ich bin sogar einen Schritt weiter gegangen und habe mein eigenes Jahr ausgerufen: das »Jahr des Reisens«. Versuchen Sie es doch auch einmal! Vielleicht haben Sie Lust auf ein »Jahr der Schwarzwäldertorte« oder ein »Jahr der Schwiegermütter«?
Weil ich nun also das »Jahr des Reisens« ausgerufen habe, muss ich natürlich reisen. Immerhin habe ich bisher noch fast nichts von dieser schönen Welt gesehen. Mit zunehmender Zahl meiner Lebensjahre hat sich jetzt so eine Art Nachholbedürfnis angemeldet, ein intensives Fernweh. Im April bin ich deshalb auf die Malediven geflogen.
Die Malediven haben alle meine exotischen Träume erfüllt. Wie oft habe ich Bilder von Palmen, einsamen Sandstränden und blauem Meer sehnsuchtsvoll angehimmelt. Plötzlich saß ich mittendrin. Ich war überglücklich. Beim Spazieren durch die seichte Lagune konnte ich die buntesten Fische beobachten, als würde ich durch ein Aquarium waten. Große Seevögel stolzierten um meinen Bungalow herum. Flinke Geckos flitzten über meine Füße. Und es war unglaublich warm: Selbst nachts wurde es nie kälter als achtundzwanzig Grad.
Keine Autos, kein Lärm, kein Fernsehen, keine Hektik. Ich war entzückt und begeistert und erkundigte mich bereits unauffällig nach der Einwanderungsbehörde. Jetzt, wo ich das Paradies auf Erden gefunden hatte, wollte ich auch hier bleiben.
Keine Autos, kein Lärm, kein Fernsehen, keine Hektik.
Da entdeckte ich sie: eine riesige Kakerlake an der Decke des Schlafzimmers! Ein wirklich monströses Exemplar, mit mächtigen Fühlern! Fett, gefräßig und angriffslustig sah sie aus. Beim Schlafen hielt ich daraufhin immer ein Auge offen, was eine sehr ausgeklügelte Schlaftechnik erforderte. Das Tier sah allerdings nur gefährlich aus, ließ mich ansonsten in Frieden. Und ich hatte doch einen enormen Aufpreis für die Alleinbenützung dieses Bungalows bezahlt!
Eine Kakerlake im Paradies? War das ein Zeichen? Ich bin dann jedenfalls wieder heimgekehrt, wie das die meisten Touristen ohnehin tun. Aber ich habe mir sofort wieder einen großen Stapel Reiseprospekte besorgt, den ich seither ständig mit mir herumtrage.
Im Mai kam meine Freundin Elke aus Leipzig zu Besuch. Sie verbot mir, ständig in den Reiseunterlagen zu blättern. Sie rieb mir den Satz »Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!« unter die Nase.
Sie schleppte mich auf die wildesten Wanderungen. Kein Berg war ihr zu hoch. Jede Pflanze in meinem Garten, ob Unkraut oder nicht, wurde von ihr bejubelt. Jede noch so hässliche Kuh bewunderte sie mit Ausdauer. Sie hielt schon am frühen Morgen die Nase in den Wind und verkündete mir, dass die Luft nur hier so unglaublich würzig rieche. Die Schwyzer fand sie extrem freundlich, und als ich mit ihr an einem Regentag ins sonnige Tessin fuhr, freute sie sich wie ein Kind.
Eine Katechetin sagte mir neulich in einem Interview, es gäbe nun mal kein Paradies auf Erden. »Und wenn, dann liegt es direkt vor deiner Nase«, entschied meine Freundin Elke.
Trotzdem: Ein Ferienparadies waren die Malediven auf jeden Fall. Und ich habe auch schon wieder Ferien gebucht. Und nächstes Jahr, da werde ich zwangsläufig mein »Jahr des Sparens« ausrufen müssen.
Meine zweite große Reise führte mich auf die Malediven. Ganz allein. Ein echtes Paradies! Kleiner persönlicher Reisetipp: Besser wäre, man würde an diesen romantischen Ort zu zweit reisen. Aber ich habe es trotzdem genossen.
Über Afrika, Ali, Heim- und Fernweh
FEBRUAR 2002
Ich habe das Januarloch in einen Januarhöhenflug umgewandelt und bin nach Afrika geflogen. Kenia hat mich mit seiner Vielzahl von völlig neuen Eindrücken fast erschlagen. Ich war begeistert vom romantischen Hotel, das in einen Korallenfelsen hineingebaut worden war, vom feinkörnigen Sand am Strand und vom warmen Meer. Das bunte Völkergemisch, angefangen von den rot gewandeten Massaikriegern bis zu schwarz verhüllten Muslimfrauen, faszinierte mich. Auch auf meiner ersten Safari hatte ich viel Glück. Unser Fahrer lenkte den Jeep vorsichtig mitten in Herden von Giraffen, Elefanten oder Zebras. Es gibt keine Worte, um dieses ergreifende Erlebnis zu beschreiben.
Aber Kenia ist kein Land, in dem man nur die schönen Eindrücke aufnehmen kann, um sich ansonsten die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Bei meinen ersten Schritten Richtung Meer wurde mir das sofort klar. Die Einheimischen am Strand waren ziemlich aufdringlich, bettelten oder wollten alles Mögliche verkaufen – auch sich selber. Die große und so offensichtliche Armut erschreckte mich. Man fragte mich, ob ich alte T-Shirts für sie dabeihabe oder einen Kugelschreiber verschenken würde. Später sah ich Dörfer, in denen kaum ein Haus die Bezeichnung Haus auch wirklich verdiente.
Einer unserer Hotel-Animateure, ein junger Kenianer namens Ali, war ständig hinter mir her. Er wollte mit mir ausgehen und überhäufte mich mit Komplimenten. Ali sprach erstaunlich gut Deutsch; er hatte es sich sogar selber beigebracht. Irgendwann erklärte er mir auch den Grund dafür: »Ich möchte in die Schweiz kommen.« Nun suche er eine Frau, die ihm dabei helfen könne. Dieser nette Kerl wäre bereit gewesen, sich an jede Alleinreisende heranzumachen, um an sein Ziel zu kommen. Seine Liebesschwüre galten meinem Schweizerpass und meinem vermeintlich gut gefüllten Bankkonto.
Ich konnte ihm nicht böse sein. Er war ja leicht zu durchschauen. Trotzdem: Sein so inniger Wunsch, von Kenia wegzukommen, der ging mir nicht aus dem Kopf. Er gehörte doch zu den Privilegierten, denn er hatte immerhin Arbeit. Welche Perspektiven hätte er wohl in der Schweiz? Warum glauben immer so viele Menschen, anderswo sei auf jeden Fall alles besser? Ali fing an, meine Fantasie anzuregen.
Ein eiskalter Januarmorgen. Ali steigt in Zürich aus dem Flugzeug. Er trägt sein schönstes T-Shirt, das mit dem aufgedruckten Suaheli-Sprachkurs, dazu seine Turnschuhe, die etwa fünf Nummern zu groß sind. Er friert erbärmlich, zum ersten Mal in seinem Leben.
Bald wird ihm ohnehin bewusst, dass er falschen Vorstellungen erlegen ist. Er kennt die Schweizer ja nur von den Liegestühlen am Strand und denkt, wir würden auch daheim vor allem das Leben genießen und viel Geld ausgeben. Aber jetzt hat keiner Zeit für ihn, keiner beachtet ihn, und wenn, dann nur, weil er auffällt mit seiner dunklen Hautfarbe.
Im Mythen Center Schwyz, unserem riesigen Einkaufstempel, fühlt er sich wie im Schlaraffenland, aber dann fange ich an, mit ihm zu rechnen.
Er begreift: Das alles hat seinen Preis.
Ich kann ihm mit viel Mühe einen Job als Tellerwäscher in einem Hotel organisieren. Mehr liegt für ihn einfach nicht drin. Bei seinem ersten Anflug von Heimweh besuche ich mit ihm den Tierpark Goldau, wo er in Tränen ausbricht.
Um ihm dann wirklich den Rest zu geben, besuche ich mit ihm einen Folkloreabend in Brunnen. Ich habe die Volkstänze seiner Landsleute gesehen: Die Tänzer wirbelten in bunten Gewändern durch den Sand. Sie gaben alles. Der Rhythmus der Trommeln versetzte sie mehr und mehr in Ekstase. Die Blasinstrumente verstärkten den exotischen Zauber. Alles wirkte wild, mitreißend, gefühlvoll, spontan und auch irgendwie erotisch.
Unsere Volkstänze dagegen zeigen beinahe überspitzt, wie wir Schweizer eben sind. Alles verläuft nach genau festgelegten Mustern. Geplant, geübt und organisiert. Schon die Trachten werden nach exakten Vorschriften genäht und getragen. Es gibt keinen Spielraum für Farbe und Fantasie. Dafür wirkt alles sauber, ordentlich, und die Spitzen sind mehrfach gestärkt. Ab und zu lächeln die Tänzer ein wenig, bevor sie sich wieder auf ihre vorgeschriebenen Tanzschritte konzentrieren.
Unsere Volkstänze dagegen zeigen fast überspitzt, wie wir Schweizer eben sind.
Ali will nur noch heim nach Kenia. Das verstehe ich gut. Auch ich kann mir nicht vorstellen, in einem fremden Land zu leben, obschon ich mich Jahr für Jahr mehr nach Sonne und Meer sehne. Ich verspreche ihm, ihn irgendwann zu besuchen und ihm T-Shirts und Kugelschreiber mitzubringen. Als Ali ins Flugzeug steigt, schaut er nicht zurück.
Ich bin nach Kenia geflogen, und das war keine Liebe auf den ersten Blick. Meine erste Rundmail heimwärts hatte den Titel »Kenia – einmal und nie wieder«. Inzwischen war ich fünfzehn Mal dort, habe Freunde gefunden, sogar eine Art Familie. Vielleicht haben Sie ja Lust, meine Romane zu lesen, in denen meine Liebe zu Kenia spürbar ist, zum Beispiel »Ein kenianischer Sommer« oder »Allein in Afrika«.
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