Читать книгу: «Herr Spiro»
1
Der Brief lag obenauf in der Ledermappe. Robert Lohwald setzte sich.
Mein lieber Robert,
das hier ist nur für den Fall der Fälle, und ich hoffe nichts mehr, als dass Du diesen Brief nie lesen wirst, weil alles glatt gegangen ist und ich ihn selbst entsorgen konnte.
Nur noch fünf Minuten für ein paar Zeilen an seinen besten Freund zu haben, ist ein seltsames Gefühl. Aber ich bin mit meinem Latein am Ende, diese Rhythmusstörungen bekomme ich alleine nicht mehr in den Griff. Ich vermute und befürchte eine sehr viel tiefere Ursache. Mir bleibt kein anderer Ausweg, als mich in die Fänge meiner Kollegen zu begeben. Nicht zu ändern.
Wie das, was eingetreten ist, wenn Du das hier liest.
Mach Dir keine Gedanken, ich bin/war selbst dafür verantwortlich, habe vielleicht zu lang gewartet. Frag Dich aber bitte niemals, – hörst Du: NIEMALS, – ob ich es wollte. Die Antwort lautet: Nein. Ich wollte es nicht.
Sie sind unterwegs, einem Taxifahrer möchte ich das im Zweifel nicht antun. Es kann schnell gehen.
Aber nun zu Dir.
Ich habe die Festplatte aufgeräumt, auf dem Stick findest Du sozusagen mein literarisches Erbe. Es sind ein paar Kleinigkeiten und drei Geschichten von Herrn Spiro. Die beiden letzten sind nachts entstanden, nach unseren Gesprächen. Der Fremde und Der Alte dürften Dir also bekannt vorkommen.
Ich will ehrlich sein: Herr Spiro ist mir ans Herz gewachsen und ich wünschte, ich könnte weiterschreiben, bis er neues Öl gefunden hat und wieder glücklich lebt. Momentan fühlt es sich nicht so an, als würde ich es schaffen. Der Schmerz ist unvorstellbar. Eine Scheißangst ist das. Instinktiv. Ich weiß doch, dass alles so kommt, wie es soll, und dass ich Bea wiedersehe. Auch wenn Du es sein wirst, der Herrn Spiro helfen muss.
Was ich Dir übergebe, ist vielleicht ein kleines Pflänzchen. Wenn Du magst, gieß es, und falls es eines Tages blühen sollte, häng nicht an die große Glocke, dass der Sämling dafür von mir ist war. Ich schenke Dir alles, mach damit, was Du möchtest. Nur Du allein weißt, wie wichtig es mir ist. Und damit vielleicht auch Dir.
So, mein Lieber, ich muss. Die Ampel war rot, sie haben sich verraten, gleich werden sie klingeln.
Drück mir die Daumen, dass wir uns wiedersehen. Falls nicht: Alles Liebe für Dich, alles erdenklich Gute und ein verdammt schönes, langes und gesundes Leben. Hau rein, Alter, und für mich mit. Wo auch immer ich dann bin, ich krieg es mit, verlass Dich drauf. Also fang erst gar nicht an zu heulen.
Du weißt, uns beiden geht’s jetzt gut.
Danke Dir, auch im Namen von Bea. Für alles, was war, und alles, was noch kommt.
Für immer
Dein Kai.
Robert starrte aus dem Wohnzimmerfenster auf die Astern im Beet und dachte an damals, als sie zu viert im Urlaub am Meer gewesen waren, zwei Ehepaare. Rundherum satt und zufrieden, nichtsahnend.
„Wenn Sie mal im Treibsand stecken bleiben, bewahren Sie Ruhe!“, hatte der Fremdenführer gesagt. „Strampeln hilft überhaupt nichts, dann sinken Sie nur noch tiefer ein und der Sand wird zu Beton an Ihren Füßen. Außerdem wird Ihnen verdammt kalt, wenn Sie so tief drin stecken. Nach ein paar Stunden kommt die Flut und … das war‘s dann.“
Die Worte klangen Robert nach wie vor im Ohr und er konnte sich gut erinnern, dass sie alle gespannt darauf waren, wie man sich am geschicktesten aus einer solch ausweglosen Situation befreite.
Vor drei Jahren hatte ihm aber sein Job auch noch Spaß gemacht, er hatte eine treue Ehefrau gehabt und da war Kai, der beste Freund der Welt, gewesen.
Alles vorbei.
Roberts Magen knurrte. An der Bäckerei auf dem Weg zwischen der U-Bahn und seiner Wohnung war er vorbeigegangen. Um halb vier hätten die mit Sicherheit keine Nussschnecke mehr gehabt. Ausverkauft. Frühmorgens war ihm die Schlange zu lang gewesen.
Wirst den Tag auch ohne Süßkram überleben, hatte er gedacht und recht behalten! Er war nicht verhungert.
Warum er jetzt so müde war, konnte er auch genau sagen. Die heutige Schicht hatte es in sich gehabt. Überall in München Mord und Totschlag und er war wieder der Depp auf der Suche nach dem Wer und Warum? Sollten sie doch alle! Was hatte er damit zu schaffen? Nichts. Abgesehen davon, dass es sein Beruf war.
Robert steckte sich eine Zigarette an, inhalierte tief. Eigentlich hatte er nur noch einen Wunsch für heute: den, die Füße hochzulegen und irgendwann im Laufe des Abends versehentlich einzuschlafen. Denn wenn er es wollte, klappte es nie.
Die Zigarette war schnell zu Ende, er starrte wieder nach draußen. Was der Wind vor dem Fenster hin und her bewegte, sah grauenhaft aus. Sämtlichen Sträuchern standen die Haare zu Berge, das Gras war viel zu lang zum Überwintern und das Unkraut wucherte überall.
Früher hätte es Robert nicht auf dem Sitz gehalten, er hätte sich erst die Gartenschere geschnappt und anschließend seine Frau. Die war passé.
Sollte die Natur doch machen, was sie wollte.
Er starrte weiter aus dem Fenster.
Wie hatte es der Fremdenführer damals so schön ausgedrückt?
„Es ist ein Märchen, dass der Sog einen nach unten zieht, vergessen Sie das! Sie müssen nur Ihre Panik beherrschen, sich auf den Rücken legen, damit Sie Ihr Gewicht verteilen, und dann können Sie sich aus eigener Kraft herausarbeiten. Danach gehen Sie zügig zurück ans Ufer und erzählen meinetwegen im nächsten Pub, was Sie erlebt haben. Aber wundern Sie sich nicht, wenn die dort alle den Kopf schütteln, dass Sie überhaupt dort unterwegs waren.“
Ja, Robert war in der letzten Zeit in Panik geraten, das musste er zugeben. Er hatte dabei um sich getreten, davon konnten seine Abteilungskollegen ein Lied singen. Dass heute überhaupt noch jemand zu seiner kleinen Ausstandsfeier gekommen war, hatte nur der Anstand geboten. Wenn Robert es sich recht überlegte, hatte er sie aus keinem anderen Grund veranstaltet.
Wie er sich jetzt aus dem Sog befreien musste, den es zwar laut Fremdenführer nicht gab, gegen den er aber trotzdem kämpfte, lag auf der Hand: Es war Zeit, mit der Jammerei aufzuhören und sich aus dem Treibsand herauszuarbeiten. Schließlich hatte er keinen Beton an den Füßen, er schleppte nur ein paar Dinge aus der Vergangenheit mit sich herum.
Er würde mit dem Einfachsten anfangen und die Spuren seiner Frau verschwinden lassen. Robert wickelte einen großen, blauen Müllsack von der Rolle, legte den Rest aufs Bett und setzte sich dazu.
Jetzt musst du nur noch aufstehen, ihre Sachen eintüten und dann das Band zuknoten, dachte er, blieb sitzen und sah dem Display des Weckers beim Hochzählen zu.
Die Aktion musste ja nicht heute sein. Schließlich war Fiona erst knappe zwei Monate weg und würde womöglich noch darauf kommen, dass sie irgendetwas bei ihm vergessen hatte.
Grundsätzlich wollte Robert das Thema aber nicht auf unbestimmte Zeit in den Keller verlagern, sondern wenn schon, dann final abhaken und alles den Aschentonnen übergeben. Ihr Zeug würde brennen, da war er sicher.
Er stand auf, legte die Mülltüte auf die leere Betthälfte und ging zurück ins Wohnzimmer. Dort lud ihn der Scotch zu sich ein und die Ledermappe auf dem Tischchen stach ihm wieder ins Auge. Kais Ledermappe, deren Inhalt tonnenschwer auf Robert lastete. Die Sache mit der Geschichte stand als nächster Punkt auf der Liste.
Selbst drei Monate danach tat es noch genauso weh wie beim ersten Mal, Kais zittrige Schrift in diesem Brief zu lesen, die über die zwei Seiten immer fahriger geworden war. Wie die eines Schülers, nachdem der Lehrer die letzten fünf Minuten bis zur Abgabe eingeläutet hatte.
Kai musste es gespürt haben.
Und dann die schwarze Tinte! Dieser Mann hatte nie schwarze Tinte benutzt. Nur für diese letzten Worte.
Dabei hatte er eigentlich immer gewusst, was zu tun war. Dieses eine Mal nicht. Oder war es doch Absicht? Hatte Kai es darauf angelegt? Am Ende gedacht, dass er es mit Bea besser haben würde?
Hatte Robert versagt? Seinem besten Freund nicht beistehen können, dem Mann, der ihn mit Mitte zwanzig nach dem Durchblättern eines Reisekatalogs einmal gefragt hatte: Welches Paradies? Das Paradies ist doch da, wo ich jetzt bin.
Robert wurde schlagartig klar, dass er Kais letzten Wunsch nie erfüllen konnte. Er sah die Welt nicht so, weil sie es nicht war! Kai war ein unverbesserlicher Träumer gewesen.
Robert stand auf, ging zum Sekretär und griff nach einem Blatt Büttenpapier und dem Füller.
Mein lieber Kai, …
Das klappte. Robert brauchte nicht lang für seinen Brief. Einmal gefaltet, steckte er ihn in die Jackentasche und machte sich auf den Weg.
Kühlschrank und Gefriertruhe hatten am Wochenende ihr Letztes gegeben, Kaffee war auch keiner mehr da. Trotzdem hatte es Anna Wehner nicht zuerst in den Supermarkt, sondern hierher gezogen.
Sie lief schneller als sonst über den Kiesweg. Das Knirschen unter ihren Sohlen sollte sich auf keinen Fall so anhören, als würde sie gerade hinter einem Sarg hergehen.
Der Wind wehte scharf und die feuchte Kälte kroch ihr schnell unter den Mantel, sie steckte ihre Hände noch tiefer in die Taschen.
Dann sah sie sah, den Mann in Schwarz, der mit hängendem Kopf auf ihre Bank am Weiher zusteuerte. Ja, auf der hatte sie zusammengerechnet schon so viele Stunden verbracht!
Er kam aus einem der Seitenwege, die sie auch gut kannte. An dieser Reihe war sie oft vorübergegangen und längst hatte sie sich zu den Zahlen auf den Grabsteinen Schicksale ausgemalt. Die Beiden, die sie am ehesten als ihre Gefährten bezeichnet hätte, lagen auf dem dritten Platz, waren ungefähr so alt wie sie, und einer von ihnen hatte drei Monate länger durchgehalten als der andere. Obwohl auf dem Stein zwei verschiedene Nachnamen eingemeißelt waren, lag es für Anna auf der Hand, dass Kai und Beatrice im Leben zusammengehört haben mussten.
Der Mann ließ sich auf die Bank fallen, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und vergrub sein vollbärtiges Gesicht in den Händen.
Ja, dachte Anna, mit seiner Trauer ist man vor allem eines: allein. Und die meisten wollen es auch sein.
Anna überlegte, dass sie sich wahrscheinlich dazugesetzt hätte, wenn dieser Mann auf der Bank eine Frau gewesen wäre. Der Gedanke fühlte sich so unmenschlich an, dass sie sich schäbig vorkam, als sie an ihm vorbeiging. Doch dann spürte sie eine Böe im Rücken und alles war gut.
Nach ihrer Runde um den Weiher sah sie ihn wieder. Er ging in melancholischer Geschwindigkeit den Hauptweg entlang in Richtung Portal. Sie selbst hatte genug vom Wind und nahm die Abkürzung zum Ostausgang.
Am Grab der Gefährten lag ein gefaltetes Blatt Papier unter der Blumenschale. Da schrieb offenbar jemand Briefe und trug sie hierher. So weit war Anna nie gegangen, der Mann von vorhin etwa schon?
Sie hatte ihre Patentante im Ohr: Mach das Leid der anderen nicht zu deinem. Schau lieber, dass du es linderst!
Annas Herz beschleunigte. Was, wenn in diesem Brief etwas stünde, womit sie dem Mann helfen könnte?
Es war ein Impuls, sie konnte nichts dagegen tun, hier war jetzt Eile geboten und keine Zeit für Ungewissheit oder Rücksicht auf das Briefgeheimnis.
Sie zog das Blatt kurz und schmerzlos unter der Schale hervor und faltete es auseinander. Vorder- und Rückseite waren eng beschrieben. Das war kein billiges, sondern gutes, dickes Papier und eine schöne Handschrift, die nur mit einem schwarzen Füllfederhalter so zur Geltung kommen konnte.
Mein lieber Kai, stand da. Der lag im Grab vor ihr.
Anna las weiter.
Du bist zwar schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr da, aber ich könnte immer noch jeden Tag mindestens drei Mal zum Telefon greifen, Dir irgendeinen Mist erzählen oder Dich fragen, ob Du abends auch ins Training gehst oder bei Paula noch ein Bier trinkst oder, oder, oder. Sie vermisst Dich, hat sie gesagt, ich soll Dich von ihr grüßen, wenn ich Dich besuche. Mache ich hiermit.
Eigentlich müsste ich stocksauer auf Dich sein, dass Du einfach so gegangen bist, das weißt Du. Und ich weiß, dass ich denken soll, wie gut Du es jetzt mit Bea hast. Aber so sehr ich es mir für Euch wünsche, ich glaube nicht daran, es klappt nicht.
Und das, was Du Dir mit Deinem Herrn Spiro vorgestellt hast, das klappt auch nicht. Erstens kann ich nicht so gut schreiben wie Du und zweitens bräuchte ich ein Bild von dem Mann. Hättest Du mir nicht wenigstens ein Phantombild hinterlassen können? Irgendeine Beschreibung. Es ist, als müsste ich jemanden zur Bildfahndung ausschreiben, von dem ich nicht den Funken einer Ahnung habe, wie er überhaupt aussieht. Das geht nicht! Das geht einfach nicht. Glaub mir bitte, dass ich es versucht habe.
Außerdem müsste ich wissen, wie Dein Held wohnt. Wir würden doch nur aneinander vorbeischreiben, wenn die Stube, die ich mir vorstelle, eine andere ist als die, die Du Dir für ihn vorstellst! Und dann die Lampe, um die sich alles dreht. Wie soll ich jetzt noch herausfinden, wie groß sie ist und warum sie in Deinen Augen so schön ist? Und was noch viel schwerer wiegt ist doch, dass Du mir nicht verraten hast, wie Herr Spiro denkt.
Kurz gesagt: Warum hast Du das alles so abstrakt gelassen? Warum lässt Du mich im Dunkeln stehen und verlangst dann auch noch solche Dinge von mir?
Ich verstehe Dich nicht. Und auch wenn ich mich wiederhole: Das geht so nicht. Wenn Du noch da wärst, würde ich Dir jetzt Deine Geschichte zurückgeben. Einer wie ich kann Dir da nicht weiterhelfen. Auch wenn es mir unendlich leid tut. Für Herrn Spiro und noch viel mehr für Dich.
Ja, ich weiß, was Du geschrieben hast. Ich soll nicht heulen. Tu ich auch nicht.
Anna sah dem Papier an, dass es gelogen war. Sie drehte das Blatt um.
Ich fahre jetzt für ein paar Tage ans Meer, aber nur, weil ich schon lange gebucht habe. Aus der Nummer komme ich jetzt nicht mehr raus und es stimmt ja auch: Daheim würde ich doch nur verrückt werden, wenn ich zwei Wochen auf meinen neuen Schreibtisch drüben bei den anderen warten müsste.
Mit Deiner Erlaubnis werde ich Herrn Spiro einpacken und ihn in einer Flasche den Wellen übergeben. Vielleicht findet ihn irgendwann irgendjemand und schreibt weiter. Dann hättest Du wenigstens auf dem Wege das erreicht, wozu ich nicht imstande bin. Es tut mir leid, dass ich Dich so enttäuschen muss, aber es geht nicht anders.
Die Dinge, die sich auf meinen Schultern angesammelt haben, sind so schwer, dass ich nicht mehr weitergehen kann. Ich muss aber, auch ohne Dich, und ich hoffe daher, Du bist mit meinem Vorgehen einverstanden. Nein, anders: Ich glaube zu wissen, dass Du einverstanden bist.
Sei mir nicht böse. Bitte.
Für immer
Dein Robert
Wenn der Mann von vorhin dieser Robert war, hätte Anna ihm vermutlich helfen können.
Hätte. Es war zu spät.
Anna sah ihn nicht mehr, und als sie den Brief in ihrer Hand betrachtete, meldete sich ihr Gewissen. Sie faltete das Blatt und legte es zurück.
Auf dem Weg zum Tor schaute sie sich einige Male um. Sie fühlte sich wie eine Diebin.
2
Anna nahm ihre größte Kaffeetasse aus dem Küchenschrank und sah hinüber zu ihrem Schreibtisch. Überall dazwischen lagen Papierkugeln herum. Zerknüllt, nicht zerfetzt, zum Teil mit Schwung fallengelassen, aber nicht wütend gegen die Wand geworfen.
Ein Fortschritt?, fragte sie sich und kam sich vor wie ihre eigene Therapeutin.
Aber die Zeichnerei brachte nichts, und Anna sagte sich immer wieder, dass sie damit nur ihre Zeit verschwendete. Ihr Chef wusste, dass sie keine bunten Kinderbücher mehr illustrieren würde. Das hatte sie sich geschworen. Scheingraber gab trotzdem nicht auf, bei ihr anzufragen.
Anna stellte die Tasse zurück in den Schrank und sammelte die Skizzen ein. Wie sie waren, landeten sie im Müll. Der eine brauchbare Entwurf für die Schulszene wanderte in die Mappe. Einer war zwar hundert Prozent mehr als sonst, machte aber noch lange kein Buch und schon gar nicht, wenn er nur in Schwarzweiß war.
Sie griff zum Telefonhörer und wählte Scheingrabers Nummer.
„Büro Art & Design for Children Jule Brandstetter guten Morgen was kann ich für Sie tun?“, sagte die Dame am anderen Ende, ohne Luft zu holen.
„Frau Brandstetter, hier ist Wehner.“
„Ah, Frau Wehner! Er ist gerade auf dem Sprung, aber ich stell’ Sie noch schnell durch, einen Moment, bitte.“
Die Zwischenmusik hatte keine Chance.
„Anna! Gut, dass du was hören lässt, ich hab heut schon an dich denken müssen. Wie geht’s dir denn?“
Anna wusste, dass Lisas Geburtstag in seinem speziellen Kalender stand. Der war immerwährend, Lisa war nicht mehr.
„Danke, geht schon“, sagte sie. „Aber darauf wollt‘ ich gar nicht hinaus. Es ist wegen der Sache mit dem Kinderbuch. Ich hab mir das angeschaut, aber ich fürcht‘, das wird nix.“
„Das hab ich mir schon gedacht, weil du gar so lang nix hast hör’n lass‘n. Ist nicht schlimm, dann geb‘ ich das jetzt der Johannserin und ihren Damen, auch wenn ich denk‘, dass du … Aber eines wollt‘ ich dir noch sagen: Ich brauch‘ dich noch und das weißt du hoffentlich, oder? Also, wenn was ist, meldest du dich. Abg’macht?“
„Abg’macht. Und danke.“
„Nix zu danken. Du kommst wieder, du bist noch lang nicht am End‘ deiner Karriere bei mir. Ich schick‘ der weiterhin alles, von dem ich denk‘, dass es was für dich sein könnt‘. Machen wir das so?“
„Machen wir so“, sagte sie nur, weil sie spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte.
Scheingraber kannte das von ihr, es war nicht das erste Mal, dass ihr das an einer solchen Stelle passierte.
„Dann mach’s gut und auf bald, meine Liebe“, sagte er noch und legte auf, bevor sie den Gruß erwidern musste.
Himmelherrgott nochmal, dachte sie, das wird so gehen, bis das ganze Geld vom Hausverkauf aufgebraucht ist.
Nach jedem Gespräch dieser Art fühlte sich Anna wie zerschlagen. Was sollte sie machen? Wie andere nach einem Schockerlebnis nicht mehr redeten, konnte sie nicht mehr farbig illustrieren. Schon gar keine lustigen Kinderbücher. Zumindest nicht in einer vertretbaren Zeit. Aber Scheingraber hatte immer noch Verständnis dafür. Sie glaubte ihm, was er sagte. Dieser Mann würde sie nicht vergessen.
Kaffee hatte sie nach wie vor keinen im Haus, der war beim letzten Einkauf im Supermarktregal geblieben. Anna nahm ihren Mantel vom Haken und machte sich auf den Weg.
Robert zog den Rollkoffer hinter sich her. Daran war seine Schwester schuld, denn sie hatte schon vor Wochen nach einem Hotel und dem dazugehörigen Flug gesucht, und er musste in einer schwachen Minute so etwas wie Ja gesagt haben. Die Reisebestätigung war jedenfalls eines Tages im Briefkasten gewesen.
Ihm blieb jetzt nichts anderes übrig, er musste.
Er sah auf die Uhr, halb neun. Der Zug zum Flughafen fuhr am Hauptbahnhof erst um kurz vor zehn und die Auszubildende aus der Personalabteilung hatte gesagt, es ginge nur um seine Unterschrift.
„Wir haben ein neues Formular. Und das wurde vergessen.“ Die junge Frau hatte sich angehört wie eine Dreizehnjährige im Zeugenstand. So klein, mit Hut, hätte Kai gesagt.
„Und?“, hatte Robert gefragt.
„Das Ding ist sehr wichtig, weil ohne Ihre Unterschrift drauf kann Ihr neuer Ausweis nicht fertig gemacht werden … Und da wollte ich Sie fragen … also, wäre es möglich, dass Sie morgen nochmal vorbeikommen? … Ganz kurz nur! Sonst werden Sie mich wahrscheinlich nie mehr mit Kopf sehen.“
„Wäre vermutlich schade drum“, hatte Robert geantwortet und überlegt, ob er dieser jungen Frau überhaupt schon einmal in natura begegnet war.
„Kommen Sie dann morgen früh?“
„Ich werde da sein. Schönen Feierabend wünsche ich.“
„Wünsche ich Ihnen auch, Herr Lohwald.“
Er hatte die Erleichterung in ihrer Stimme gehört, obwohl er offengelassen hatte, wann er kommen würde. Wenn sie heute seinetwegen früher als sonst im Büro hatte erscheinen müssen, glich sich das nur aus. Von daheim aus hätte er ein Taxi zum Bahnhof nehmen können, jetzt musste er sein Gepäck durch die halbe Stadt karren und sich vom Geräusch der Kofferrollen auf dem Pflaster den letzten verbliebenen Nerv rauben lassen.
Zur Sicherheit sah Robert noch einmal auf die Uhr. Immer noch halb neun, er hatte also Zeit für ein kleines Frühstück.
Der Geruch warmer Brezen und Semmeln schlug ihm aus der Bäckerei entgegen. Frank Fährmann stand hinter dem Tresen, an ein Regal gelehnt, Robert riss ihn aus seinen Gedanken.
Im nächsten Moment vermisste er schon die alte Frau Fährmann und ihm schwante Böses.
„Wie geht’s deiner Mutter?“, fragte er.
Frank kratzte sich hinterm Ohr. „Die hat sich heute frei genommen. Wenn’s Wetter noch wird, will sie mit den Kindern in den Tierpark.“
„Ach so“, sagte Robert und hoffte für Frau Fährmann, dass es stimmte. Sie hatte auf ihn in der letzten Zeit einen gebrechlichen Eindruck gemacht.
Robert ließ sich eine Nussschnecke und ein Schokocroissant einpacken und ging einen Schritt zum Stehtisch am Schaufenster. „Gibst mir bitte noch einen grünen Tee?“
Frank reichte ihm die Tasse über den Tresen.
Die Frau, die zur Tür hereinkam, kannte Robert. Woher, konnte er nicht sagen.
„Ein Pfund gemahlenen Kaffee, bitte“, sagte sie.
Frank hängte die Auffangtüte an das Gerät und schaltete es ein.
Die Frau drehte sich zu Robert um und runzelte die Stirn.
Ich mag das Geräusch der Mühle auch nicht, dachte er.
Aber vielleicht ging es ihr wie ihm und sie überlegte, wohin sie ihn sortieren sollte.
„Möchten Sie auch was trinken?“, fragte Frank die Frau.
„Das wäre eine Idee.“ Ihre Stimme klang angenehm weich. „Saukalt wird’s langsam wieder in der Früh.“
Frank nahm eine große, weiße Tasse. „Kaffee oder Tee?“
„Kaffee, bitte.“
„Milch steht drüben bei dem Herrn, der Zucker auch. Oder wollen Sie einen Süßstoff?“
„Schwarz, danke“, sagte sie und knöpfte ihren Mantel auf.
Was sie darunter trug, war auch schwarz. Sie sah aus, als würde sie von einer Beerdigung kommen. Und doch nicht. Da waren keine Spuren von Tränen.
Robert schob seine Tasse ein wenig beiseite, damit sie Platz hatte.
Die Frau nickte und starrte aus dem Fenster. Nach dem zweiten Schluck Kaffee kniff sie die Lippen aufeinander und schaffte es nicht, ihre Tränen wegzublinzeln.
Einer der langen Momente, dachte Robert und überlegte, ob er ihr ein Taschentuch reichen sollte. Er ließ es bleiben, es war nicht nötig.
Beim gemeinsamen Aufbruch ein paar Minuten später konnten sie sich nicht gleich einigen, wer wem die Tür aufhalten durfte.
Robert hob seinen Hartschalenkoffer von der Stufe aufs Pflaster. „Ein schwerer Tag?“, fragte er, ohne die Frau anzusehen.
„Nicht ganz leicht, ja.“
„Verstehe.“
Sie drehte den Kopf zur Seite und sah ihn an. Ihr Nicken kam zögernd.
Der Mann, den Anna vom Friedhof kannte, blieb mit einem Fuß an einem aufstehenden Pflasterstein hängen und stolperte.
Sein Koffer schwankte, kippte aber nicht um.
„Hoppala“, sagte sie.
Er sah sie aus müden Augen an, verzog für einen Moment den Mund zu einem leichten Grinsen.
Immerhin. Und etwas aufrechter als vor ein paar Tagen ging er auch schon wieder. Sie war sicher, dass er sich nicht an sie erinnern konnte.
Wie auch?
Aus der Nähe tat er ihr mindestens genauso leid. Wer so schaute, war reif für die Insel. Anna kamen Claras Worte zum Thema Mitleid wieder in den Sinn und dass sie diesem Mann helfen wollte.
„Glauben Sie eigentlich an Vorsehung?“, fragte sie.
„Hm“, machte er. „Ich glaube, dass alles so kommt, wie es kommen soll. Ist das dasselbe?“
„Vielleicht.“
Am liebsten hätte sie ihm jetzt gesagt, dass sie ihn verstand. Auch das, was er in seinem Brief an Kai geschrieben hatte, und dass sie gern mit ihm darüber reden würde. Aber so einfach ging das nicht. Sie musste anders anfangen.
Nur wie?
Ihr fiel nichts ein, er lief schweigend neben ihr her und konzentrierte sich auf die Linien zwischen den Pflastersteinen. Sie kamen zum Musikhaus Horn.
Vielleicht so?
Vor der Vitrine blieb Anna stehen. „In so einem Laden wollte ich mal über Nacht eingesperrt werden und alles ausprobieren.“
Er hielt mit zwei Schritten Verzögerung an. „Aha.“
„Wahrscheinlich wäre es ein Cello geworden. Weil meine Patentante … meine Güte, ich texte Sie hier zu.“
„Sie texten mich nicht zu. Ihre Patentante …?“
„War einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben.“ Sie sah wieder ins Schaufenster. „Sie hat Pavarotti geliebt. Kennen Sie …“ Leise summte sie ein paar Töne und hoffte, dass er von alleine auf Nessun dorma kommen würde.
„Vincerò! Vincerò!“, antwortete er prompt. „Und was hat das mit Cello zu tun?“ Er lächelte.
„In cielo, habe ich damals verstanden und es hat einige Jahre gedauert, bis ich irgendwo dem Text begegnet bin. Da war dann natürlich überhaupt kein Himmel drin und ich kam mir ziemlich bescheuert vor.“ Sie sah seinen ernsten Blick.
„Gar nicht. Sie können das von jedem Cellisten hören, dass er ein himmlisches Instrument spielt, wenn Sie ihn fragen.“ Mehr sagte er nicht.
Sie hätte ihn gerne gefragt, ob er ein Cellist war, dass er das so genau wusste, aber sie traute sich nicht mehr. In der kurzen Zeit hatte sie schon genug geredet. Wahrscheinlich hielt er sie jetzt für eine der einsamen Frauen, die für jedes Wort dankbar waren, das einer an sie richtete.
Sie kamen am U-Bahn-Abgang an.
„Wiedersehen“, sagte er und verschwand auf der Rolltreppe in den Untergrund.
Sie sah dem Mann nach. Ohne Koffer hätte er wahrscheinlich immer zwei Stufen auf einmal genommen, um noch schneller ganz unten anzukommen.
Der Weißwein, den ihm die kleine, schwarzhaarige Stewardess vorhin im Kunststoffbecher serviert hatte, arbeitete in ihm. Croissants und Nussschnecken waren keine gute Grundlage, das hätte er eigentlich wissen müssen. Aber den Weg vom Hamburger Flughafen zum Bahnhof hatte er noch gefunden und er saß auch im richtigen Zug, in dem nach Stralsund.
Der letzte Halt war Schwerin gewesen, jetzt stand eine weißhaarige Frau vor Robert im Abteil. Sie ignorierte sämtliche anderen freien Plätze, als hätte sie sich ihn ausgesucht. Wie ein Hund aus dem Tierheim sein neues Herrchen.
Strample hier nicht im Treibsand rum, verteil lieber dein Gewicht, sagte er sich, gab sich einen Ruck und stand auf. „Warten Sie, ich helfe Ihnen.“
Die Frau ließ im selben Moment ihren Koffer los. „Junger Mann, das is‘ aber sehr zuvorkommend. Dass es so was noch gibt unter den Menschen …“
Als er das lederne Gepäckstück mit den abgewetzten Ecken ins Netz wuchtete, dachte er an seine Bandscheiben.
Was war bloß in dem Koffer? Goldbarren?
Was, wenn dieses Ding ihm sein Kreuz endgültig ruinierte? Der Dank für seine Pfadfindertat würde ihm ewig nachschleichen, zuallererst zur Krankengymnastik.
„Besten Dank.“ Die Weißhaarige setzte sich in Fahrtrichtung, Robert gegenüber.
Sein Rückgrat hatte gehalten.
„Ich besuche meine Schwägerin, die wird morgen fünfundachtzig“, sagte sie wie zur Eröffnung ihres persönlichen Damenkränzchens. „Und, wissen Sie, im Zug sind die Viererplätze mit Tisch die besten. Da lernt man die Leute kennen!“ Sie sah ihn prüfend an. „Oder man schweigt gemeinsam.“
Er nickte.
Sie zog ihre Lesebrille an der Kette aus der Tasche, zückte einen dicken Schmöker, versank darin und schmatzte ihr Bonbon, dessen baldiges Ende sich Robert schon nach zwei Minuten sehnlichst wünschte. Als sie es endlich zerbiss, war es wie eine Erlösung.
Er schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als die Bonbontüte raschelte. Die Schmatzerei ging von vorne los. Das würde kein Ende nehmen, bis diese Frau ausstieg, so viel war ihm klar.
Robert überlegte, ob er aufstehen und sich einen Kaffee im Bistro genehmigen sollte. Gab es überhaupt eines in solchen Zügen?
Er blieb sitzen und schaute aus dem Fenster, vor dem kleine weiße Flocken auf grünbraunem Grund vorbeizogen. Wenn er als Kind Schafherden gesehen hatte, war das Ziel nicht mehr weit gewesen. Inzwischen standen überall Windräder herum, denen man in Bodennähe unterschiedlich grüne Ringe verpasst hatte, in der vergeblichen Hoffnung, dass sie sich dadurch besser ins Landschaftsbild einfügten.
Die Veränderungen in Roberts Leben ließen sich auch nicht schönfärben, er hatte sie zu akzeptieren.
Schwamm drüber.
Das Schicksal war in erster Linie hart zu Kai gewesen, nicht zu ihm. Mehr als Begleitung hatte Robert nicht sein können und damit doch nichts erreicht. Außer, dass sich Fiona in derselben Zeit von einem ihrer Arbeitskollegen hatte schwängern lassen.
Schluss jetzt, ermahnte er sich, hör auf zu zappeln, sinkst ja doch nur tiefer ein.
Dieser IC würde ihn jetzt ans Meer bringen. Und wieder daheim würde Robert die Abteilung wechseln, weil er eine junge Frau auf dem Gewissen hatte, die vielleicht zu retten gewesen wäre. Kein Polizeipsychologe der Welt hätte es geschafft, ihm in einem akzeptablen Zeitrahmen das Gegenteil einzureden.
Die Landschaft zog vor Roberts Blick vorüber, es gab keine Bäume am Bahndamm und er war dankbar dafür. Licht- und Schattenspiele hätten ihn jetzt wahrscheinlich an den Rand des Wahnsinns getrieben.
Robert sah die alte Dame an. Wie sie da leise lächelnd saß, hatte sie Ähnlichkeit mit seiner Mutter, die mit fünfundsechzig noch viel zu jung gewesen war fürs Altersheim. Als die elterliche Wohnung aufgelöst werden musste, hatte er mit seiner Schwester die Bücher geteilt. Um genau zu sein, war nur eines zu seinem geworden, weil ihm das Cover mit dem Ausschnitt vom Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle schon zu Zeiten gefallen hatte, als der Geschmack von Bierschinkensemmel und Apfel für ihn noch das größte Glück auf Erden bedeutet hatte.
Die uralte Ausgabe von Stones Michelangelo stand nun daheim im Regal und Robert wollte sie eines Tages als Reisevorbereitung lesen. Nicht heute, sein Ziel war nicht Rom, sondern Rügen.
Robert fiel ein, dass der Zettel mit den Ausflugstipps seiner Schwester noch zu Hause herumlag. Seine Packliste hätte er sich demnach sparen können. Er wurde langsam alt. Bis er fünfundachtzig war, fehlte allerdings noch die Hälfte.
Grausame Vorstellung.
„Schneller, Mama“, sagte ein kleiner Rotschopf und zerrte seine Mutter an der Hand durch den Mittelgang.
„Langsam, ‘ne alte Frau is‘ doch kein D-Zug“, sagte sie und lächelte scheu in Roberts Richtung.
„Ich will aber ganz schnell zum Fahrer vor!“, krächzte der Kleine.
Ein angehender Lokführer.
Robert überlegte. Er selbst war damals elf gewesen, als er endlich und endgültig herausgefunden hatte, was er einmal werden wollte.
„Wir nehmen den Nachtzug. Dann wird das eine Zauberfahrt“, hatte seine Mutter ihm und seiner Schwester versprochen. „Man geht quasi Zuhause ins Bett und wacht kurz nach Sonnenaufgang am Meer wieder auf.“
Nach der Durchsage des Schaffners, ob ein Arzt an Bord wäre, war sein Vater mitten in der Nacht von der Liege in seine Hose gesprungen und auch nach dem ewig langen Halt des Zuges im nächsten Bahnhof nicht wiedergekommen. Robert hatte sich die aufregendsten Geschichten ausgemalt und musste darüber eingenickt sein, denn Vaters Rückkehr ins Abteil hatte er ebenso wie die Weiterfahrt verschlafen.
Die Informationen am nächsten Tag waren spärlich gewesen.
„War nicht so schön. Wir haben die Polizei gebraucht“, hatte sein Vater gesagt.
Mehr war aus ihm über den Grund für die zweistündige Zugverspätung nicht herauszubekommen gewesen, bis heute nicht. Damit sich so etwas nie mehr wiederholte, hatte Robert an dem Tag beschlossen, zur Kripo zu gehen, und er war dabei geblieben.
An eines konnte er sich noch erinnern: Da war nicht der versprochene Sonnenaufgang am Meer gewesen, es hatte junge Hunde geregnet.
Wie heute früh. Und wie vor knapp drei Monaten.
Als Fiona ausgezogen war, hatte sich der werdende Papa, ein breit grinsender Pfeffersack, auf der Ladeluke stehend wichtiggemacht. Robert war in sein Auto gestiegen und in irgendeinem Wald spazieren gegangen. Ohne Schirm im kalten Sommerregen, er hätte nicht mehr sagen können, wie lang, aber die Reste der Erkältung, die er sich dabei eingefangen hatte, lagen ihm immer noch auf den Bronchien, er wurde das Zeug einfach nicht los. Die Raucherei, die er wieder für sich entdeckt hatte, tat vermutlich das Ihrige dazu.
Geschieht dir ganz recht, du Oberhirsch, dachte er bei jedem größeren Hustenanfall, der ihn an Kais Buch von damals erinnerte. Das war ein ausgemustertes internistisches Lexikon gewesen, voll mit eindrucksvollen Bildern von geteerten Lungen und Raucherbeinen. Sein Freund hatte es schon mit zwölf von seinem Vater bekommen.
Und jetzt?
Jetzt lebte Kai nicht mehr, obwohl er nicht geraucht hatte. Und wie Robert bei Bea mitansehen musste, brachte Verzicht auch nichts. Aus welchem Grund sollte ein Mensch auch hundert werden wollen?
Er spürte Bitterkeit aufsteigen.
Die Spiro-Geschichten lagen noch im Drucker, er hatte sie vergessen. An den Memory Stick zu denken war ihm gelungen, aber der eignete sich mit Sicherheit nicht für eine lange Reise als Flaschenpost. Andererseits überlegte Robert schon jetzt, ob er dieses Vermächtnis dadurch loswerden würde. Er hatte seine Zweifel. Was, wenn er sich danach für den Rest seiner Tage wie ein Verräter fühlte?
Er erschrak, als die Frau ihm gegenüber ihr Buch zuklappte.
„Wären Sie gleich nochmal so nett, junger Mann?“, fragte sie.
War der nächste Halt schon Rostock? Dann musste er die Durchsage überhört haben. Abgesehen davon war die Frau eine schlechte Lügnerin. Man konnte viel über ihn sagen, aber nicht, dass er jung aussah. Schon allein der Vollbart mit den ersten grauen Flusen darin musste ihr verraten, dass er die Vierzig gerissen hatte. Er half ihr trotzdem mit dem Koffer.
Früher, als Kind, hätte er sein Gepäck auf dem Bordstein stehen gelassen und wäre an den Strand gelaufen. Robert hielt inne, spürte den kühlen Wind auf der Haut und holte einmal tief Luft. Zu tief. Sein Husten rächte sich, ließ ihn an Teerlungen und Raucherbeine denken, ehe er sein Gepäck aufnahm und die pompöse Lobby betrat.
Der blonde Jüngling an der Rezeption war eifrig, verkniff sich die lehrbuchgemäße Frage nach der Anreise und kam gleich zum Geschäftlichen. „Wenn Sie das hier bitte durchlesen wollen, ob wir Ihre Angaben richtig übernommen haben“, sagte er mit breitem, sächsischem Akzent.
Robert las und nickte.
„Ihr Zimmer ist im vierten Stock, Nummer vierhundertsechs, fast ganz am Ende des Gangs … und wenn ich das richtig sehe, brauchen Sie tatsächlich nur eine Karte?“
Die blondgefärbte Kollegin des Jünglings zuckte leicht zusammen, Robert blieb gelassen.
„Das sehen Sie richtig“, sagte er.
„Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Aufenthalt. Wenn Sie etwas brauchen: Wir sind jederzeit und immerzu für Sie da.“
Die Kollegin deutete auf eine Liste. „Wenn wir Sie noch auf unser Restaurant aufmerksam machen dürften …?“
„Ah ja“, sagte der Jüngling und wurde rot. „Sie können sich hier eintragen. Jeweils bis mittags für den nächsten Abend zum Essen bei uns.“ Er sah zur Wanduhr. „Also für heute nicht mehr, aber dann für morgen.“
„Danke für den Hinweis“, sagte Robert und fragte sich, ob es wohl möglich war, den Tisch im Restaurant als Dauerauftrag für den gesamten Aufenthalt zu reservieren. Denn dass er zwei Wochen lang an der Promenade entlanglaufen und sich jeden Abend damit beschäftigen würde, wo er nun was essen sollte, konnte er sich nicht vorstellen.
„Dann, wie gesagt, einen schönen Aufenthalt und hier ist Ihre Karte.“
Robert nahm sie entgegen und danach den Aufzug in den vierten Stock. Der dicke blaue Teppich auf dem Flur bremste die Kofferrollen, aber der war ihm lieber als unsauber verfugte Pflastersteine.
Er sah das Meer durchs Fenster am Ende des Gangs und las die Zimmernummer. Vierhundertzehn. Robert war zu weit gegangen.
Zwei Türen davor gab ihm der Sensor grünes Licht. Der Raum war in grauen und weinroten Tönen eingerichtet und gefiel ihm sogar besser als auf dem Foto im Netz.
Als Robert das Doppelbett sah, war ihm klar, warum ihm der Azubi zwei Karten geben wollte.
Das war einmal.
Er konnte sich trotzdem noch gut an ihre Urlaube und sogar an die frühen Freitagabende daheim erinnern. Einmal hatte er Fiona, eng aneinandergekuschelt auf dem Sofa liegend, gefragt: „Weißt du eigentlich, wie sich das Warten auf den ersten Kuss nach einer Woche anfühlt?“
„Nein. Wie denn?“ In ihrer Stimme keine Spur von Neugier.
„Wie das Warten auf den Weihnachtsabend.“
Kopfschütteln an seiner Schulter. „Spinner.“
Er hatte trotzdem einen Kuss bekommen. „Spürst du das eigentlich nicht? Bei mir kribbelt es spätestens seit Mittwoch am ganzen Körper.“
„Hm. Nein. Das kenne ich nicht.“
Er war tatsächlich ein Spinner gewesen. Gescheitert an seinem Traum von der ewigen Beziehungsromantik trotz des Alltags. Selbst in der Fernehe hatte sie die Routine eingeholt und die Gespräche waren kürzer geworden.
„Hier gibt’s nichts Neues“, war ihr Dauerbrenner gewesen. Und: „Viel Arbeit, neue Aufträge, noch dazu ein Frischling zum Einarbeiten. Ich komme gar nicht mehr dazu, an andere Sachen zu denken.“
Sachen wie mich, hatte er an solchen Stellen zunehmend stiller ergänzt.
War es um seine Arbeit gegangen, hatte er oft das Gefühl gehabt, sie hätte nebenbei E-Mails gelesen oder SMS getippt.
Am Ende, als der Frischling sich anders als erwartet bewährte, hatte Fiona nur noch gesagt: „Mach dir um mich keine Sorgen.“
Sie hatte da schon keine mehr. Sie hatte für neues Leben gesorgt, während er Bea dabei zusehen musste, wie sie …
Robert drehte den Griff an der Fenstertür und trat über die Schwelle auf den Balkon. Von dort hatte er den seitlichen Meerblick, wie versprochen. Das Hotel lag direkt an der Strandpromenade, einen Katzensprung vom Wasser entfernt. Das war purer Luxus, den er sich da leistete.
Als er wieder ins Zimmer trat, zeigte ihm der Spiegel neben der Garderobe einen Typen, den er auf der Straße weder gegrüßt noch bedauert hätte. Weil jeder seines Glückes Schmied war und wenn einer sich so gehen ließ …
Was Robert jetzt brauchte, hatte er: ein Badezimmer und eine Rasierklinge. Er musste es nur noch tun.
„Mach das Ding bloß nicht auf, bevor ich unter der Erde liege!“, waren Claras Worte gewesen. Annas Patentante hatte ihr schon Jahre vor ihrem Tod diese Schuhschachtel übergeben. Nicht besonders gestaltet, nur ein weißer Karton mit einem dunkelblauen Deckel und einem braunen Paketband verschlossen, vom Gewicht her kaum der Rede wert.
„Du weißt, dass ich nicht an ein Wiedersehen glaube, aber wenn sich deine Meinung über mich dadurch ändert, will ich das wenigstens nicht erleben!“
„So schlimm?“ Anna hatte den Kopf geschüttelt. „Dann möchte ich, dass du die Sachen verbrennst.“
„Aber du schreibst doch noch, oder?“ Clara klang heiter.
Anna zuckte die Schultern. „Ab und zu.“
„Dann heb die Schachtel auf. Vielleicht inspiriert sie dich eines Tages zu einem Roman. Also, ich an deiner Stelle würde sie aufheben. Es geht um Liebe, um nichts anderes.“
Anna war nie neugierig gewesen, sie hatte die Schachtel angenommen und nicht geöffnet. Wollte sie, dass sich ihr Bild von Clara jetzt, fünf Jahre nach deren Tod, wandelte? Anscheinend war sie nun auf dem Trip, neugierig zu sein. Die Sachen waren für sie bestimmt, da durfte sie guten Gewissens hineinschauen.
Anna nahm die Schere und ritzte das Paketband an. Ihre Finger zitterten, als sie den Deckel anhob.
In der Schachtel lagen Postkarten, darunter einige Briefe, mit einer silbernen Schleife zusammengehalten. Dem Absender nach handelte es sich um Post von Claras Mann. Der war fünfzehn Jahre vor ihr ohne jede Vorwarnung am Sekundenherztod verstorben und Clara hatte danach keinen anderen mehr angeschaut.
Als Anna einmal hatte wissen wollen, warum, war die Antwort eine Gegenfrage gewesen: „Glaubst du wirklich, ich würde die Liebe meines Lebens ein zweites Mal finden?“ Clara hatte die Augenbrauen gehoben. „Und nimm an, es wäre so. Was mache ich, wenn der Mann mich auch wieder so Knall auf Fall verlässt wie mein Heiner?“
Unter den gebündelten Briefen lag ein großes Kuvert. Für mein Paten- und Wahlkind stand darauf. Jetzt war es kein Zittern mehr, der Umschlag bebte in Annas Händen. Sie nestelte die Seiten heraus. Die waren auf derselben elektrischen Schreibmaschine geschrieben, auf der sie damals als Kind an so manchem Wochenende das Zehnfingersystem geübt hatte, das war vermutlich kein Zufall. Dem Datum des Briefes nach hätte es zu der Zeit in Claras Haushalt durchaus schon einen Drucker gegeben.
Es war einmal ein kleines Mädchen, das ich schon kannte, als es drei Stunden alt war, und das ich groß werden sah. Neugierig, wissbegierig, mit einer bestechenden Logik gesegnet oder gestraft – wie man es nimmt– und von Tag zu Tag hübscher und charmanter, ohne sich dessen bewusst zu sein, und das war gut so.
Als dieses Mädchen zur jungen Frau geworden war, stellte es mir einen Mann vor. Nicht leibhaftig, sondern in Form von Anekdoten. Ich konnte mir ein Bild von ihm und seinem Charakter malen. Das war kein gutes.
Ich spürte, dass dieses Mädchen einen Menschen ausgewählt hatte, der nicht zu ihm passte, und ich spürte auch, dass es das tief in seinem Herzen wusste, aber nicht zugeben wollte. Es war verliebt, jedoch nicht naiv. Die rosa Brille hielt lange, doch als die Gläser klarer wurden, hörte das Mädchen immer noch nicht auf zu denken, alles könne gut werden, wenn es das nur genug wollte. Es nahm sich vor, sich noch mehr Mühe zu geben, es wollte mit dem Kopf durch die Wand, und es sagte Ja, als der Mann es schließlich fragte, ob es ihn heiraten wolle.
Ich dachte: Nein.
Man kann einen Mann nicht verändern, wenn er in dem Alter noch immer eine kindliche Vorstellung von der Liebe zwischen Mann und Frau hat. Es ist egal, warum er so empfindet, nur eines hätte Dir an der Stelle klar sein müssen: Liebe wird für ihn nie das bedeuten, was sie Dir bedeutet, mein Mädchen. Und ich befürchte sogar Schlimmeres: Er wird sich eines Tages so zeigen, wie er wirklich ist. Vielleicht sogar lieblos, was ich nicht hoffe, aber für möglich halte, nach all dem, was ich gehört habe. Für mich ist er ein seelentauber Mensch, wofür er vermutlich nichts kann. Aber genau deswegen ist er nichts für Dich. Ein Partner ist in seinen Augen ein Besitz, der mit Zähnen und Klauen verteidigt werden darf. Er wird seine Vorstellung davon, wie er geliebt werden soll, durchsetzen, wenn es sein muss, auch mit Gewalt. Solchen Menschen traue ich alles zu, nur nicht das Einfühlungsvermögen für ein lebenslanges Miteinander auf Augenhöhe.
Er ist ein Mann, dessen erklärtes Ziel es nicht ist, seiner Frau die Welt zu Füßen zu legen oder ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Auch nicht, wenn er mit ihr schläft. Er wird immer die Dunkelheit bevorzugen, weil er Angst vor dem Licht hat, und er wird sich auch in der Liebe hauptsächlich um sich selbst kümmern.
Einer wie er kann sich nicht öffnen, er kann nicht loslassen, er kann nicht vertrauen, weil er sich selbst und seine Gefühle nicht kennt und sie sich auch nicht zeigen lassen wird, denn er glaubt, schon alles zu wissen und vor allem besser.
Ich kann Dir nur eines sagen, von Frau zu Frau: Seitdem die Sklaverei und all die anderen abscheulichen Dinge dieser Art abgeschafft wurden, gibt es keinen Besitzanspruch mehr! Der Mensch bleibt auch als Partner frei!
In einer echten Partnerschaft darf jeder stets ein eigenständig denkendes und fühlendes Individuum bleiben. Wer wirklich liebt, gibt dem anderen den Freiraum, den er braucht, denn er vertraut ihm.
Wenn zwei einander im Gespräch nahe bleiben, wird es keine Defizite geben, die sich nicht ausräumen ließen. Es gibt keinen Grund auszubrechen oder sich in fremden Gärten umzusehen, wenn die Basis stimmt und über Jahre und Jahrzehnte gefestigt wird. Mit Festigen meine ich nicht die Macht der Gewohnheit, immer wieder sonntags seinen Lieblingskuchen gebacken zu bekommen wie bei Mama, oder aus Bequemlichkeit beim anderen zu bleiben! Damit meine ich Liebe, die wächst, Liebe, die dadurch stärker wird, dass man sich miteinander entwickelt und einander mit jedem Tag mehr zu schätzen weiß.
Was mich so sicher macht? Meine Erfahrung. Heiner und ich haben uns Treue geschworen und hatten nie das Gefühl, zu ihr gezwungen zu sein. Wir haben einander geachtet und immer mehr dafür geliebt, dass wir einander hatten und füreinander da sein konnten. Wir haben jeden Tag bewusst miteinander gelebt und den Humor nie aus den Augen verloren. Sogar ein Lachen kann ein Liebesbeweis sein, glaub mir.
Als wir noch verlobt waren, hat er mich einmal gefragt, ob ich glaube, dass man eine Liebe wie unsere in einer Ehe aufrechterhalten kann.
„Ja“, habe ich gesagt. „Weil wir uns nicht darauf verlassen, dass sie von alleine hält.“
Er wollte von mir wissen, ob uns nicht eines Tages der Alltag einen Strich durch die Rechnung machen würde. Das war zu einer Zeit, als wir noch dachten, eines Tages würden unsere eigenen Kinder ins Schlafzimmer gelaufen kommen. Ja, habe ich ihm geantwortet, denn ich war von der Kraft unserer Liebe überzeugt. Auch als Eltern bleibt man ein Paar, das sich Zeit füreinander nehmen darf und sich Inseln der Zweisamkeit schafft.
Aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus, sondern auf Folgendes: Man muss nicht alle vierundzwanzig Stunden Sex haben, um zu zweit glücklich zu sein. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, dem anderen zu zeigen, wie sehr man ihn liebt.
Bist Du schon einmal von seinem Blick geküsst worden? Hat er Dich schon einmal kurz angerufen, um Dir zu sagen, dass er Dich noch spürt? Hattest Du schon einmal das Gefühl, dass er Dir in einem Gespräch über Alltagsdinge mit jedem Wort sagt, dass er Dich liebt? Bist Du von ihm nach einem harten Tag schon einmal umarmt worden, Wange an Wange, bis Du Dich ganz wohl gefühlt hast und wieder lächeln konntest, weil er einfach für Dich da war und spürte, was Du gerade brauchtest?
Du musst es mir nicht sagen, ich weiß es.
Solche Dinge würden Dich für den Augenblick alles rundherum vergessen lassen, Du wüsstest, dass Du angekommen bist, dass dieser Mensch der ist, der für Dich geboren wurde. Du wüsstest, dass es nie hätte besser werden können, weil eine solche Liebe das Größte ist, was Dir im Leben passieren kann. Weil Dich Dein Mann so nimmt, wie Du bist, und Du bei ihm so sein darfst, wie Du bist. Und weil Du bei ihm Kraft tanken kannst für die Aufgaben, die Dir das Leben stellt, und für die Herausforderungen, denen Du Dich stellen möchtest, um an ihnen zu wachsen.
Du darfst erst aufhören zu suchen, wenn Du Dich ergänzt fühlst. Dann wirst Du nie denken, Du hättest kostbare Lebenszeit vergeudet, hättest wartend sinnlose Wochen abgesessenen und es gäbe kein Kämpfen um ein bisschen Freude am Leben.
Es gibt nicht nur Sonnenschein auf der Welt, das dörrt sie doch nur aus.
Man kann sich auch nicht versöhnen, ohne zuvor gestritten zu haben. Gewitter tun gut, wenn es zu lang drückend schwül war und kaum auszuhalten. Aber selbst im Streit muss man einander respektieren und den anderen akzeptieren, wie er ist. Nicht wie er sein könnte.
Wer sich vor der Ehe nie nahe gekommen ist, wird es auch in ihr nicht. Außer er wacht auf… und darauf haben schon viele gewartet. Frag mich, ich habe unzählige Beziehungen scheitern gesehen!
Jetzt zu erfahren, dass dieses, mein Mädchen, sich vor dem Gesetz für einen Mann entscheiden wird, dem ich all das nicht zutraue, was mir so immens wichtig erscheint, tut unendlich weh. Es ist schade um die Jahre Deines Lebens und um den Kummer und das Leid, die auf Dich zukommen werden. Ja, es wird viel Leid geben, und das zu wissen macht es für mich noch schlimmer. Es geht ja eines Tages wahrscheinlich nicht mehr nur um Dich allein, sondern auch um Deine Kinder.
Aber ich schweige Dir gegenüber, weil wir oft genug darüber gesprochen und über manches heiß diskutiert haben. Nun merke ich aber, dass Du an Deinen eigenen Erfahrungen reifen und wachsen möchtest, und das ist Dein gutes Recht. Ich bin nur die alte, unabsichtlich kinderlos gebliebene Tante, die Dir schlaue Ratschläge geben möchte. Ich kann es ja verstehen, ich wäre in Deinem Alter auch nicht anders gewesen. Das ist das Schöne an einem Fehler: Man muss ihn nicht zweimal machen. (Von Thomas Edison, glaube ich.)
Ach, Anna, verzeih mir meine Worte. Es tröstet mich nicht im Geringsten, dass Du sie erst lesen wirst, wenn es längst zu spät ist.
Ich wünsche Dir Glück und Kraft. Du wirst beides dringend brauchen. Dass ich da sein werde, so lange ich kann, weißt Du. Und ich werde Dir helfen, wenn es notwendig ist. Du kannst auf mich zählen. Denn ich liebe Dich wie meine eigene Tochter und wünsche mir nichts mehr, als dass Du glücklich bist.
In Liebe
Deine Clara
Anna ließ ihre Tränen laufen.
Hätte sie auf Claras Rat gehört und ihren ersten Mann nicht geheiratet? Sie hatten oft zwischen den Zeilen über ihn gesprochen, da hatte Clara recht, aber nie so deutlich, wie es hier stand. Oder Annas Wille, es nicht zu hören, war stärker gewesen.
Als sich die beiden damals das erste Mal begegnet waren, hatte Anna schon gewusst, dass sie sich nie verstehen würden.
Du hast es geahnt, dachte sie und strich über die Seiten.
Kurz nachdem Clara in Annas Armen gestorben war, hatte sie nicht nur gewusst, dass der Schmerz durch nichts mehr hätte größer werden können, sondern auch, dass es noch ein gutes Stück richtiges Leben vor ihr geben musste.
Und Lisa gab es da schon. Ihre Tochter war nach der Trennung bei ihr geblieben.
Robert joggte an der Wasserkante entlang, spürte feuchten Sand unter den Sohlen und wunderte sich für einen Moment, dass er nicht nennenswert einsank. Das war kein Treibsand, soviel stand fest.
Es war kühler als vorhin, die Mücken, die dem Wind trotzten, suchten nach Nahrung. Robert strich sich über die Wangen, die er seit Monaten nicht mehr so nackt gespürt hatte.
Er fühlte sich erleichtert und kam schneller als gedacht an der Seebrücke an, deren Holz noch im Schein der untergehenden Sonne glänzte. Einmal bis ans Ende und wieder zurück würde er schaffen und wahrscheinlich im letzten Licht des Tages wieder am Hotel ankommen. Wenn nicht, konnte er immer noch auf die beleuchtete Promenade wechseln, die Wahl blieb ihm.
Ein Mann warf Brotstücke nach oben, um die sich zwei Möwen lautstark stritten. Andere stürzten sich ins grünbraune aufgewühlte Meer und flogen wieder auf, ohne dass man ihnen anmerkte, ob sie etwas gefangen hatten.
Unter dem Schild Seebad Binz ließ sich ein schwer verliebtes Pärchen in den Zwanzigern ablichten. Auf der ganzen Welt waren es dieselben Motive für Beweisfotos, Robert langweilte es. Aber die salzige Luft tat seinen Lungen gut, das merkte er schon jetzt. Er verlangsamte sein Tempo und blieb schließlich an der Brüstung stehen, beobachtete schwer atmend das Werden und Vergehen der Schaumkronen.
Auf der Uferpromenade konnte er dann nicht mehr joggen, zu viele Leute waren inzwischen unterwegs. Hier schlenderte man zu zweit. Hand in Hand, eingehakt oder sogar mit der Hand in der Hosentasche des anderen. So etwas zu sehen, tat ihm nicht mehr weh, darüber war er schon hinweg.
Überall roch es nach gegrilltem Fisch, selten nach Pizza. Lichterketten gingen an, die kleinen Häuser standen da wie damals vor dreißig Jahren. Trotzig wirkten sie und stolz, dass sie immer noch an der Stelle bleiben durften, obwohl sie im Vergleich zu den Hotelklötzen wenig Profit abwarfen.
Das Möwengeschrei wurde weniger, je tiefer sich die Dunkelheit senkte. Schwalben flogen zwischen den Gebäuden und jagten Mücken. Gegenüber vom Kurhaus spielte ein Orchester, dessen Bässe auf die Promenade wehten und sich mit dem Meeresrauschen mischten.
Robert dachte an sein Cello. Seit Monaten stand es in der Ecke, unten im Schlafzimmer, er konnte es nicht anrühren.
„Spielst du mir was vor?“, hatte Bea ihn jedes Mal gebeten, wenn er da gewesen war. Auch noch vom Pflegebett aus, das die Couch im Wohnzimmer für ein paar Wochen ersetzen musste.
„Sie hört dich“, hatte Kai gesagt, nachdem sie schließlich ins Koma gefallen war, und Robert hatte gespielt.
An sein Zögern vor dem ersten Schritt in Kais Wohnung nach Beas Tod konnte er sich noch allzu gut erinnern.
„Jetzt tu nicht so fremd“, hatte ihn Kai angeherrscht und sich Sekunden später haltlos schluchzend an Roberts Brust geworfen.
Knappe sechs Monate stand Roberts Cello jetzt herum und staubte vor sich hin. Kais Wohnung war längst aufgelöst, der Schmerz darüber brauchte entschieden länger.
Irgendwann musste Robert den Schritt wagen, sich seiner verschmähten, hölzernen Freundin wieder zuzuwenden.
Nur wann?
Er spürte es nicht mehr, dieses Verlangen, und langsam fragte er sich, ob es in seinem Inneren jemals wieder so brennen würde wie früher, wenn er eine Weile nicht zum Spielen gekommen war. Mit der Zeit hatte er sich offenbar daran gewöhnt, dass überhaupt nichts mehr in ihm brannte.
Robert ging wieder schneller. Die weißen Bänke mit den hohen gebogenen Lehnen sahen verwaist aus. Da war etwas, woran er unbedingt denken sollte.
Er nahm den nächsten Abgang zum Strand, zog noch auf den Holzplanken seine Schuhe samt Socken aus und trug sie in der Hand. Seine Schwester hatte ihm aufgetragen, seine Füße im Sand einzugraben wie damals auf dem Spielplatz zwischen den Häusern. So weit wollte er jetzt nicht gehen.
Eine große Möwe mit weißgrauen Augen stand vor Robert am Ufer. Sie hatte etwas Melancholisches an sich mit ihrem leichten Buckel und dem Blick aufs Wasser. Von Strandspaziergängern ließ sie sich offenbar nicht beeindrucken, sie blieb, wo sie war.
Robert ging ein paar Schritte an ihr vorbei und setzte sich. Er griff nach den halben Muschelschalen und überlegte, ob er ein paar davon sammeln sollte.
Wozu?
Damit diejenigen, die eines Tages seine Wohnung auflösen durften, noch mehr davon zum Entsorgen vorfänden? Dieses Mal würde er keine halbe Hand voll Sand in ein Gläschen abfüllen wie sonst.
Robert sah auf die Gischt, dann zu dem Mann, der am Saum des Wassers entlang auf ihn zukam. Sein Gang war schwer, er trug Bluejeans und einen schwarzen Pullover, dessen Ärmel im Wind flatterten.
Das ist er!, durchfuhr es Robert vom Nacken bis in die Fingerspitzen. Das ist Herr Spiro.
3
Um 4:32 hatte es heute angefangen, Anna konnte sich genau erinnern. Jetzt zeigte der Wecker 5:13 und die bluthungrige Zimmergenossin hatte sich immer noch jedes Mal erfolgreich unsichtbar gemacht, wenn die Nachttischlampe angegangen war.
Anna wollte sich nicht mehr weiter von diesem surrenden Untier traktieren lassen, sie stand auf und setzte sich im ersten Licht des Tages an den Wohnzimmertisch.
„Du und deine Puzzles“, hatte ihr Ex-Mann immer gesagt. „Etwas Sinnloseres als das kann ein Mensch doch gar nicht mit seinem Tag anfangen! Da stanzt eine Maschine ein wunderschönes Poster in Sekundenbruchteilen in tausendfünfhundert Teile und du mühst dich anschließend tagelang ab, bis es nicht annähernd wieder so gut aussieht wie vorher.“
Dieser Mann hatte noch viel mehr nicht verstanden.
Anna saß am Esstisch und spürte den Flow. Der Himmel wurde, Teil für Teil. Blau und leicht bewölkt, darunter im Meer die Segelyacht, die schon seit vorgestern fertig geworden war, gleich nach dem Rand.
Ja, es war Arbeit, aber dieses Mal würde sie das Puzzle nicht wieder einpacken, sondern mit Kleber einstreichen, auf ein Brett ziehen und an die Wand hängen. Genauso wie die anderen Motive aus den fünf Schachteln, die sie im Keller in Salzburg wiederentdeckt hatte. Mit Joe und Lisa war sie anderen Hobbys nachgegangen, ohne diese Beschäftigung zu vermissen, aber jetzt schien die Zeit der Suche wieder angebrochen zu sein. Außerdem waren die Bücher aus.
Nur noch fünf Teile, dachte sie nun schon zum dritten Mal, dann machst du dir Frühstück.
Und wieder blieb sie hängen, bis ihr Magen sie anknurrte.
Sie löste sich schweren Herzens.
Draußen dämmerte es, sie konnte das Licht löschen. Bei Tageslicht war es ohnehin einfacher, die richtigen Teile zu finden. Nach dem Croissant und dem Milchkaffee würde der Endspurt kommen. Die letzten hundert gingen immer am Stück, da konnte sie jedes einzelne Teil so lang in der Hand behalten, bis es irgendwo passte, soviel wusste sie noch.
Und auch das wusste sie: Joe hatte zu ihr gepasst wie das besagte Puzzleteil. Sie war angekommen, und den Gedanken, jemals wieder suchen zu müssen, hatte sie an seiner Seite ad acta gelegt, wie Clara es versprochen hatte. Joe war die Liebe ihres Lebens gewesen, ihn hatte sie jeden Tag ein Stück mehr geliebt.
Obwohl ich nie geglaubt hätte, dass das geht, dachte Anna und wollte tapfer bleiben, doch es war ein ungleicher Kampf. Tränen aus diesem Grund ließen sich von einem solchen Vorsatz noch nie beeindrucken.
Aack ack ack ack …
Durch die geschlossenen Fenster hörte Robert das gleiche Möwengeschrei wie in den letzten zehn Tagen, aber heute knüllte er das Kissen nicht zurecht und drehte sich nicht noch einmal um. Sie hatten ihn soweit: Er stand auf und zog sich an.
Angesichts der menschenleeren Lobby griff er in seine Hosentasche und vergewisserte sich, dass er seine Hotelkarte dabei hatte.
Es war frisch, eine Jacke über dem Pulli hätte ihm nicht geschadet. Ein Lkw mit Rechen musste über den Sand gefahren sein, das Reifenprofil gefiel Robert nicht, aber es tröstete ihn, dass schon in ein paar Stunden nichts mehr davon übrig sein würde, durch konturlose Fußspuren verwischt.
Die Strandkörbe zeigten ihm ihre schwarzen Nummern, kein Mensch war weit und breit zu sehen, nur ein paar Möwen zogen übers Wasser.
Es war sechs Uhr früh, Robert setzte sich in den Sand und sog die kühle Luft tief ein. Ohne Reue. Ein paar Cumuli hoben sich vom Blaugrau des Himmels ab. Noch ein paar Minuten.
Er dachte an Herrn Spiro, der nun endlich ein Gesicht hatte und eine Gestalt. Mittlerweile war Robert froh darüber, dass er keine Flasche von Zuhause mitgenommen hatte, um Kais Helden als erste Urlaubstat im Meer auszusetzen. Diese Märchengestalt war kein Ballast, den man abwerfen musste. Es würde eine andere Lösung geben. Robert wusste noch nicht welche, nur dass.
So, wie die Fahrt auf dem Schiff gestern wider Erwarten noch etwas gebracht hatte. Der Kapitän hatte am Königsstuhl ohne Vorwarnung gewendet, der Perspektivwechsel war Robert zu schnell gegangen, aber er hatte nicht wie die meisten anderen Passagiere die Seite gewechselt, sondern war auf seiner Bank geblieben.
Nur wer alte Ufer verlässt, kann neue erreichen, hatte er gedacht und bis zur Ankunft am Steg aufs offene Meer geschaut.
Heute war die See ruhiger, es passten viele kleine Wellen in eine gefühlte Minute. Nicht zuletzt, weil Robert in den vergangenen Tagen gut gegessen und endlich wieder geschlafen hatte. Er war eben doch ein Meermensch, der die Weite brauchte, und nicht der Bergfex, den Fiona immer in ihm hatte erkennen wollen.
Robert sah aufs Wasser und das Stück Horizont, das sich zunehmend rosa färbte. Er hatte die Alpensinfonie von Richard Strauss im Ohr, die Spannung in den letzten Sekunden vor dem Sonnenaufgang. Genau so fühlte es sich gerade an.
Ein glutroter Punkt tauchte von einem Moment zum anderen aus dem Meer auf und wurde binnen Sekunden zum Kreissegment. Die Cumuli färbten sich, Pastelltöne beherrschten das Bild. Eine Möwe kreischte, das Wellenplätschern blieb die einzige Antwort.
Robert konnte seinen Blick nicht von dem roten Ball abwenden. Es wurde wärmer und heller, das Rot zu einem gleißenden Orange.
Wenn du jetzt deine Sonnenbrille aufsetzt, ist die Magie des Augenblicks dahin, dachte er und stand auf.
Dieser hier war ein Morgen, an dem man barfuß am Strand entlanglaufen und das Meerwasser bis zu den Knöcheln spüren wollte, den Sand zwischen den Zehen. Und dann, wenn keiner es sah: Run down the beach, kicking clouds of sand. Bis man nur noch nach Luft schnappen konnte.
Er ließ es bleiben.
Am Ende des Abgangs zum Strand sah er eine Frau stehen. Sie wischte sich mit dem Daumenballen über die Augen, als er sich näherte. Sie verstanden einander ohne Worte.
Ausziehen wollte Robert seine Schuhe jetzt nicht, zum Laufen waren es die falschen.
Noch.
Er ging zum Hotel zurück.
In der Lobby duftete es nach Kaffee, Croissants und Rührei. Robert hatte Hunger, aber er wollte auch laufen. Sollte er sich das Leben unnötig schwer machen? Er ging in den Frühstücksraum und steuerte auf einen der Tische mit Blick aufs Meer zu, die sonst schon immer besetzt waren. Das frühe Tageslicht gab dem Raum einen neuen Charme, die dunkle Holzvertäfelung wirkte wärmer und das Weiß der Tischdecke nicht so steril.
Er bestellte Milchkaffee und ging zum Büffet. Unberührt standen die Teller mit Käse und Wurst da. Der Obstkorb duftete in seiner bunten Pracht. Zum ersten Mal in diesem Urlaub war Robert nach einem Schluck Sekt, er wollte diesen Moment feiern, sein Glas erheben und Aufs Leben! denken.
Robert saß vor dem, was er sich als Frühstück vorgenommen hatte.
Laufen wirst du danach erst mal länger nicht, dachte er schmunzelnd und ließ es sich schmecken.
Währenddessen sah er aus dem Fenster und immer wieder auf den Stuhl gegenüber. Wie es wohl wäre, wenn die Frau vom Friedhof jetzt dort säße? Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen?
Die wenigen Worte, die sie bisher miteinander gewechselt hatten, waren für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. Auch der eine Moment vor dem Musikladen, in dem in ihren Augen etwas aufgeblitzt und verglüht war wie eine Sternschnuppe. Ein Hoffnungsschimmer, dass in ihrem Leben noch einmal alles gut werden könnte?
Erst in den vergangenen Tagen war ihm bewusst geworden, dass er sie nichts gefragt hatte. Er, der Kriminalkommissar, der sonst nie umhin kam, nachzuhaken.
Und noch etwas war ihm eingefallen. Ein Satz von Bea, den sie gesagt hatte, als sie es noch konnte: „Ich wünsche mir, dass du weiter spielst und immer besser wirst. Egal, wo ich dann bin, ich höre dich.“
Ja, er würde sich wieder ans Cello setzen, das wusste er jetzt. Zu oft war er hier bei den fünf Cellisten gewesen, hatte ihnen zugehört und zugesehen. Er konnte es, wenn er ehrlich war, kaum noch erwarten, wieder damit anzufangen und malte sich aus, dass er Fionas Sachen kurz vorher in die Aschentonnen befördern würde. Einen Sack nach dem anderen.
Robert nahm einen Schluck Sekt und stellte sich wieder die hübsche, junge Frau vom Friedhof vor. Wäre sie hier mit ihm glücklicher als daheim?
Er schüttelte den Kopf. Wie kam er auf solche Gedanken?
Robert sah auf die Uhr. Über eine Stunde saß er nun schon hier beim Spazierendenken.
Meine Güte, du musst Urlaub haben, dachte er und merkte, dass die Vertäfelung an der Wand hinter dem Büffet und die Tischdecken jetzt wieder so wirkten wie in den letzten Tagen. Er nahm es als Zeichen und wartete nicht mehr ab, bis die erste Aufzugladung Lärm in den Frühstücksraum kam und sich wortlos über seine vereinzelte Anwesenheit an einem Vierertisch ärgern konnte.
Robert faltete die Serviette, trank den letzten Rest Sekt aus und stand auf.
Ja.
4
Robert griff noch vor dem Ausgang des Hallenbads nach seiner Zigarettenschachtel. Die zweite Arbeitswoche lag hinter ihm und heute früh hatte er sich schon aufraffen müssen, überhaupt ins Schwimmbad zu gehen. Mit dem Ergebnis war er aber zufrieden, denn jetzt verhielt es sich wieder umgekehrt: Er spürte zwar jeden Muskel, konnte dafür aber wieder entspannt denken.
Der Automat schluckte seine Karte, Robert schob das Drehkreuz mit dem Oberschenkel an und sah hinaus.
Es regnete.
Den rotblauen Schirm, den die Frau an der Eingangstür wie einen Rammbock vor sich hielt, ehe sie ihn zusammenklappte, erkannte er. Es war der vom Friedhof. Die Schirmspitze verfehlte Robert deutlich, er sprang trotzdem zur Seite.
„Oh, Entschuldigung.“ Sie wurde rot.
„Guten Morgen“, sagte er und steckte die Zigaretten wieder ein. „Wir haben uns lange nicht gesehen.“
Sie runzelte die Stirn. „Tatsache! Jetzt hätte ich Sie beinahe nicht erkannt. Guten Morgen.“
Er sparte sich den Griff ans Kinn. Es wunderte ihn nicht, dass sie einen Moment gebraucht hatte.
„Lange her.“ Sie nickte, als bräuchte sie Bestätigung.
„Ich hätte eine Frage an Sie, Frau …“, sagte er.
Sie legte den Kopf etwas schief.
„Lesen Sie gern?“
„Sehr. Warum fragen Sie?“
„Es geht um eine kleine Geschichte. Ich würde gerne Ihre Meinung dazu hören.“
„Eine Geschichte von Ihnen? Gerne“, sagte sie. „Mein Name ist übrigens Wehner. Anna Wehner.“
„Robert Lohwald.“ Er gab ihr erst die Hand, griff dann in seine Jackentasche und reichte ihr die beiden gefalteten Blätter. „Zu treuen Händen, Frau Wehner“, sagte er und war dann einen Moment lang nicht sicher, ob er gerade einen Fehler beging. Indem er seinem Instinkt vertraute, auf den er sich während seiner Zeit als Ermittler – bis auf die eine fatale Ausnahme – immer hatte verlassen können?
„Ihr Vertrauen ehrt mich“, sagte sie leise und sah ihm dabei in die Augen.
Seine Zweifel verflogen.
„Darf ich fragen, worum es geht?“, fragte sie.
„Ich möchte nicht zu viel verraten, nur, dass es mir wichtig ist, Ihre Meinung zu kennen. Rufen Sie mich an? Meine Nummer steht drauf.“
„M-h. Mache ich. Und danke.“
„Bis bald“, sagte er. „Genießen Sie das leere Bad.“
„Danke. Und Sie den Tag.“
Er sah Frau Wehner nach, wie sie ihre Zehnerkarte herausholte, an der Kasse vorbeiging und hinter dem Drehkreuz verschwand. Nach dem zu urteilen, was er spürte, war das gut so. Der stechende Schmerz in der rechten Seite, den er schon kannte, schwoll an. Robert schaffte es gerade noch zum Auto.
Die wellenlose Wasseroberfläche war nach ihrem Geschmack gewesen und die Kraulerei hatte ihr gut getan. Jetzt war sie zwar fertig, aber zufrieden, und als sie wieder auf die Straße trat, hatte es aufgerissen und war wärmer geworden, wie vom Wetterbericht versprochen.
Es zog sie heim.
Dort nahm Anna die Seiten aus der Tasche. Würde sie jetzt endlich Herrn Spiro kennenlernen, von dem sie bisher offiziell nichts wissen durfte?
Zwischen Tür und Angel hatte ihr noch nie jemand eine Geschichte überreicht. Eine, die sehr wichtig war, wie es schien.
Anna dachte an Lohwalds wundersame Verwandlung. Er hatte sich nicht nur wie ein Gentleman benommen, ohne Bart sah er jetzt auch wie einer aus.
Sie stellte die Kaffeetasse auf das Tischchen neben dem Sofa und hätte sich dazu die erste diesjährige Schachtel Oblatenlebkuchen vorstellen können, auch wenn erst September war.
Beim nächsten Einkauf vielleicht, dachte sie, streckte sich lang aus und begann zu lesen.
Die Lampe
In der schmalen Gasse stand zwischen mehreren anderen ein bescheidenes Haus, das große Zufriedenheit ausstrahlte. Es gehörte Herrn Spiro.
Der war ein geselliger Mensch und lud sich gerne Gäste ein. Wer zu ihm kam, fühlte sich wohl und wer es vermochte, brachte zu essen und zu trinken mit für ein gemeinsames Mahl.
Wenn die Dämmerung einsetzte und zur Nacht wurde, entzündete Herr Spiro seine wunderschön verzierte Lampe, die inmitten des Tisches stand. Sie erhellte mit ihrem Licht den ganzen Raum und sorgte für warme Behaglichkeit. Auch seine Freunde wussten das zu schätzen. Stets blieben sie lange, redeten und spielten Karten.
Wieder allein gelassen, saß Herr Spiro oft noch eine geraume Zeit neben seiner Lampe und sah ihr mit Bewunderung zu, wie beständig sie brannte und dabei doch frei von Ruß und Patina blieb.
Der Händler, der ihm die Lampe verkauft und versprochen hatte, das besondere Öl vom Stand nebenan könne in ihr spurlos verbrennen, schien recht zu behalten. Bis jetzt hatte es keine Veränderung gegeben, nichts verdunkelte den Blick auf die Flamme, die Wärme, die von ihr ausging, war immer noch dieselbe wie am Anfang, und Herr Spiro freute sich jeden Abend darauf, heimzukehren.
Wurden zum Sommer hin die Tage länger, wartete er geduldig, bis es dunkel genug war und es sich geziemte, die Lampe zu entzünden. Als Verschwender wollte er keinesfalls dastehen, doch ohne die Momente im Alltag, die er mit ihr teilte, wollte er nie mehr sein.
Das war der Grund, warum Herr Spiro die Vorräte des kostbaren Brennstoffs in seinem Keller aufbewahrte und den immer sorgfältig versperrte. Er war sich des Wertes dieser Flaschen wohl bewusst und auch, dass er nie ein anderes Öl als dieses in die Lampe füllen würde.
Eines Abends erwartete er wiederum Freunde, die mit ihm ein Abendbrot und den Wein teilen wollten. Er ging, von Vorfreude auf seinen Besuch beseelt, hinunter in seinen Keller, um zur Sicherheit noch etwas Öl zu holen, und erstarrte, als er die Flaschen im Regal sah.
Sie waren allesamt leer.
Herr Spiro fiel auf die Knie. Er konnte nicht begreifen, wie sein gutes Öl ausgegangen sein sollte. So viel davon hatte er nicht verbraucht, er war sicher. Er suchte den ganzen Keller ab und fand keine weiteren Flaschen.
Sein Besuch würde bald kommen, er musste wieder hinaufgehen. Er nahm Stufe um Stufe, und jede kam ihm höher vor als die vorherige, bis er schließlich oben ankam.
Als Herr Spiro an diesem Abend seinen Gästen die Tür öffnete, erschraken sie. Ob es ihm nicht gut gehe, er sähe so bleich aus, fragten sie ihn. Ob er krank sei und sie wieder nach Hause gehen sollten. Doch er verneinte und bat sie herein. Hoffend, dass das Öl, das sich noch in der Lampe befand, für diesen Abend reichen würde.
Sie setzten sich alle an den Tisch, wie immer. Ebenso brannte die Lampe, wie immer. Und doch wusste Herr Spiro, dass dieses Mal alles anders war.
Von Stunde zu Stunde wurde er unruhiger, sah so oft wie nie zuvor nach, ob die Flamme noch in derselben Höhe brannte oder ob sie schon aufflackerte.
Er merkte, dass er seinen Gästen gegenüber unaufmerksam war, und er schämte sich dafür. Doch sein Herz war schwer und sie spürten es, ohne dass sie darüber sprachen.
Früher als sonst brachen sie auf, verabschiedeten sich mit Gesichtern, in denen große Besorgnis stand. Doch Herr Spiro sagte kein Wort über das, was ihn bedrückte.
Er überlegte, ob er nun die Lampe löschen sollte und sie am nächsten Tag noch einmal entzünden. Aber nachdem er gesehen hatte, dass nur noch der Boden der Lampe mit Brennstoff bedeckt war, beschloss er auszuharren.
Herr Spiro wollte zusehen, wie der letzte Tropfen Öl verbrannte. So setzte er sich an den Tisch. Die leuchtend gelbe Flamme wurde kleiner und kleiner. Herr Spiro merkte, dass ihn Wehmut erfüllte, je näher das Ende des Lichtes rückte. Sein Herz schlug immer schneller, er hoffte darauf, aus diesem Albtraum erwachen zu dürfen. Seine Hoffnung erfüllte sich nicht.
Ein bläuliches Flämmchen war nur noch zu sehen, ein Saum, der nicht mehr lange währen würde, und Herr Spiro hielt den Atem an, bis die Lampe schließlich verlosch.
Das Kostbarste, was er jemals besessen hatte, war unwiederbringlich dahin. Herr Spiro starrte seine Lampe an und sah sie doch nicht. Seine Gedanken waren wie erstickt. Vom Boden stieg eine eisige Kälte zu ihm auf, die ihn erstarren ließ; er spürte es nicht.
So saß er die halbe Nacht an seinem Tisch vor der wunderbaren Lampe, in stummer Verzweiflung, dass sein Leben nie wieder so werden würde, wie es vorher gewesen war.
Weiche, ungespitzte Bleistifte brauchte sie jetzt, nichts anderes. Anna stand auf, in der Schreibtischschublade waren passende. Sie wollte die leere Seite nutzen, die Lohwald für eine Illustration vorgesehen hatte.
Mit einem zweiten Milchkaffee setzte sie sich an ihren Schreibtisch und begann zu skizzieren. Eine Wohnstube, der Tisch, ein Gedeck.
Sollte sie Herrn Lohwald anrufen?
Warum nicht?
Sie wollte ihm Bescheid geben, doch vorher hätte sie noch gerne etwas anderes gewusst.
In der Kommodenschublade lag ein Telefonbuch, das drei Jahre alt war, die Vormieterin hatte es hinterlassen. Wie viele Lohwalds wohl in Münchens Innenstadt wohnten? Anna wurde fündig, die Nummer stimmte mit der von der letzten Seite der Geschichte überein. Lohwald, Robert und Fiona, Asam 23. Robert, das war klar gewesen. Und Fiona.
Der Kaffee schmeckte ihr nicht mehr. Anna stellte die Tasse beiseite, nahm den weichen Bleistift und skizzierte weiter. Mit den Grautönen fühlte sie sich am wohlsten. Die Lampe war dran.
So lang war die Geschichte nicht. Hätte sich Frau Wehner nicht längst melden können?
Viel schlimmer: Warum hatte Robert diese Seiten nicht in der Schublade behalten, wo sie gut aufgehoben gewesen wären?
Hatte er Kai damit verraten?
Auf alle Fälle war es jetzt zu spät für solche Überlegungen, Herr Spiro war aus Kais und Roberts Welt in die von Frau Wehner getreten. Aber wahrscheinlich lag die Geschichte in ihrem Schwimmrucksack und konnte dort in aller Stille in Vergessenheit geraten.
Mit dem Gedanken wollte Robert sich jetzt schnell anfreunden. Dinge, die sich von selbst erledigten, waren selten genug. Was würde sein zweites Problem machen, das ihm Kopfschmerzen bereitete? Die Nierenkolik war langsam gekommen, aber gewaltig.
Heilige Scheiße, hatte er nur noch gedacht, war froh um den nahen Parkplatz gewesen und hatte es gerade so geschafft, den Autoschlüssel aus der Manteltasche zu fischen und die Tür noch hinter sich zuzuziehen.
Irgendwann, nach unendlich langen Minuten, hatte der Schmerz nachgelassen, Robert war wieder zu Atem gekommen und hatte sich die Schweißperlen von der Stirn gewischt.
Geht jetzt das Theater wieder los?, fragte er sich seitdem in einer Tour.
Er schloss die Augen, um zu rechnen. Mehr als ein dreiviertel Jahr hatte er Ruhe gehabt. Eine Zeit, nach der man normalerweise davon ausgegangen wäre, dass man einen Nierenstein losgeworden sein könnte.
Was war das heute Vormittag dann gewesen? Ein neuer? Abwarten.
Das Andere wiederum hätte er am liebsten nicht abgewartet, aber das Telefon schwieg. Es war gut, dass er Frau Wehner nicht gleich alle drei Geschichten gegeben hatte. Was, wenn er sie durch Herrn Spiro in ein Tief riss? Die herbstliche Jahreszeit würde vielleicht den Rest dazu liefern.
Robert wusste noch, wann Im Bergwerk entstanden war. Er und Kai hatten an dem Abend telefoniert. Sven, der Krankenpflegepraktikant, war am Nachmittag mit seinem Kaffeebecher zur Parkbank gekommen und hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als Kai vom Suizid seines Vaters zu berichten. Kai war wütend gewesen, dass der Junge danach den Kaffee neben der Bank ins Gras geschüttet hatte.
„Neben meine Bank, die bis dato kaum einer kannte. Jetzt bin ich nicht mal mehr da sicher, wenn der Knabe mir ab heute immer hinterherschleicht. In dem Scheißladen ist man nirgends allein! Das wäre aber das Einzige, was ich mir noch wünsche. Meine Ruhe, meine gottverdammte Ruhe.“
„Ich muss dir das jetzt so deutlich sagen, verzeih mir: Was Svens Vater getan hat, war feige. Wir müssen weitermachen, solange wir können. Wir dürfen nicht aufgeben. Nie.”
Kai hatte eine lange Pause gemacht und geantwortet: „Sei mir nicht böse. War ein anstrengender Tag, die Nacht davor auch schon …“
So hatte Kai es immer umschrieben, wenn die Trauer mit ihm durchgegangen war.
„Ich bin müde, verstehst du. Einfach nur müde.“
Roberts Nackenhaare hatten sich aufgestellt, er wäre gerne ruhig geblieben, aber es war ihm nicht gelungen. „Ich höre es, ja. Aber du machst keinen Blödsinn, hörst du?! Keinen Blödsinn! Versprich es mir …“
Kais Schweigen war erdrückend gewesen.
„Soll ich vorbeikommen?“
„Brauchst du nicht.“ Kai hatte sich um eine festere Stimme bemüht. „Ehrlich.“
„Darf ich dir das glauben?“
„Darfst du.“
Robert hatte es dabei belassen und gehofft, dass seine Worte angekommen waren.
Sie waren es. Das konnte er jedes Mal wieder in der Bergwerksgeschichte lesen, der letzten vollständigen Episode über Herrn Spiro. Würden ihr jetzt noch weitere folgen?
Robert wusste nicht, ob Kais Wunsch eines Tages in Erfüllung gehen konnte. Er wusste nur, dass heute ein Weißbierabend angesagt war, denn für Nierenprobleme fehlte ihm die Zeit. Erst einmal musste er in der neuen Abteilung als neuer Kollege Fuß fassen. Bis jetzt war er nur der Mann, der aus dem Kommissariat für vorsätzliche Tötungsdelikte aus persönlichen Gründen ins Dezernat für Prävention und Opferschutz gewechselt hatte.
Drei Halbe und der Grieß dürfte weg sein, hatte sein Internist damals gesagt. Robert solle nicht mehr allzu lang damit warten, denn wenn sich erst einmal Steine gebildet hätten, würde er mit dieser Rosskur das Gegenteil erreichen und unter Umständen seine Niere aufs Spiel setzen.
Wann er beim Arzt gewesen war, fragte sich Robert. Und als Nächstes, wie schnell bei ihm aus Grieß Nierensteine geworden waren, die zum Ausspülen zu groß waren.
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