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Psychotherapie kompakt
Herausgegeben von Nina Heinrichs, Rita Rosner, Günter H. Seidler, Carsten Spitzer, Rolf-Dieter Stieglitz und Bernhard Strauß
Begründet von Harald J. Freyberger, Rita Rosner, Ulrich Schweiger, Günter H. Seidler, Rolf-Dieter Stieglitz und Bernhard Strauß
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Der Autor

Prof. Dr. phil. Bernhard Strauß, Professor für Medizinische Psychologie und Psychotherapie, Direktor des Instituts für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena.
Studium der Psychologie in Konstanz, Promotion zum Dr. phil. an der Universität Hamburg, Habilitation an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Psychologischer Psychotherapeut (tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie/Psychoanalyse), Past President der Society for Psychotherapy Research (SPR), des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM) und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie (DGMP).
Arbeitsschwerpunkte sind die Psychotherapieforschung mit Schwerpunkt Gruppentherapie, klinische Bindungsforschung, unerwünschte Wirkungen von Psychotherapie, Psychoonkologie und psychologische Interventionen in verschiedenen Bereichen der Medizin sowie die klinische Sexualforschung.
Bernhard Strauß
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-031655-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-031656-0
epub: ISBN 978-3-17-031657-7
Geleitwort zur Reihe
Die Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt: In den anerkannten Psychotherapieverfahren wurde das Spektrum an Behandlungsansätzen und -methoden extrem erweitert. Diese Methoden sind weitgehend auch empirisch abgesichert und evidenzbasiert. Dazu gibt es erkennbare Tendenzen der Integration von psychotherapeutischen Ansätzen, die sich manchmal ohnehin nicht immer eindeutig einem spezifischen Verfahren zuordnen lassen.
Konsequenz dieser Veränderungen ist, dass es kaum noch möglich ist, die Theorie eines psychotherapeutischen Verfahrens und deren Umsetzung in einem exklusiven Lehrbuch darzustellen. Vielmehr wird es auch den Bedürfnissen von Praktikern und Personen in Aus- und Weiterbildung entsprechen, sich spezifisch und komprimiert Informationen über bestimmte Ansätze und Fragestellungen in der Psychotherapie zu beschaffen. Diesen Bedürfnissen soll die Buchreihe »Psychotherapie kompakt« entgegenkommen.
Die von uns herausgegebene neue Buchreihe verfolgt den Anspruch, einen systematisch angelegten und gleichermaßen klinisch wie empirisch ausgerichteten Überblick über die manchmal kaum noch überschaubare Vielzahl aktueller psychotherapeutischer Techniken und Methoden zu geben. Die Reihe orientiert sich an den wissenschaftlich fundierten Verfahren, also der Psychodynamischen Psychotherapie, der Verhaltenstherapie, der Humanistischen und der Systemischen Therapie, wobei auch Methoden dargestellt werden, die weniger durch ihre empirische, sondern durch ihre klinische Evidenz Verbreitung gefunden haben. Die einzelnen Bände werden, soweit möglich, einer vorgegeben inneren Struktur folgen, die als zentrale Merkmale die Geschichte und Entwicklung des Ansatzes, die Verbindung zu anderen Methoden, die empirische und klinische Evidenz, die Kernelemente von Diagnostik und Therapie sowie Fallbeispiele umfasst. Darüber hinaus möchten wir uns mit verfahrensübergreifenden Querschnittsthemen befassen, die u. a. Fragestellungen der Diagnostik, der verschiedenen Rahmenbedingungen, Settings, der Psychotherapieforschung und der Supervision enthalten.
Nina Heinrichs (Bremen)
Rita Rosner (Eichstätt-Ingolstadt)
Günter H. Seidler (Dossenheim/Heidelberg)
Carsten Spitzer (Rostock)
Rolf-Dieter Stieglitz (Basel)
Bernhard Strauß (Jena)
Die Buchreihe wurde begründet von Harald J. Freyberger, Rita Rosner, Ulrich Schweiger, Günter H. Seidler, Rolf-Dieter Stieglitz und Bernhard Strauß.
Gruppenerfahrungen – Eine persönliche Vorbemerkung
»Der Sprung ins kalte Wasser«
Mein eigener Kontakt mit Gruppenpsychotherapie war rückblickend absolut abschreckend. Als neues Mitglied des Teams einer psychosomatischen Universitätsklinik, noch ohne abgeschlossene Psychotherapie-, geschweige denn Gruppenausbildung, wurde ich ganz überraschend mit der Aufgabe konfrontiert, die für die stationäre Gruppe zuständige Oberärztin etliche Wochen zu vertreten. Das Setting war speziell: eine 10-Betten-Station für überwiegend strukturell stark beeinträchtigte Patientinnen und Patienten mit einer üblichen Aufenthaltsdauer von sechs Monaten in einer halb-offenen Gruppe. Alle Behandlungsangebote waren in Gruppen organisiert, Einzelgespräche fanden in der Regel nicht statt, die »analytische« Gruppe wurde fünfmal pro Woche für 90 Minuten durchgeführt. Nach einer Woche als Beobachter der scheidenden Oberärztin (die eine extrem abstinente Haltung einnahm und dazu beitrug, dass in zwei von fünf Sitzungen komplett geschwiegen wurde) musste ich übernehmen – ohne jede Vorbildung und mit wenig Supervision. Im Nachgang hatte ich das Gefühl, dass die Gruppenmitglieder mit mir machten, was sie wollten, ein wirklicher Fortschritt war nach den wenigen Wochen nicht erkennbar.
Meine Verarbeitung dieser negativen Erfahrung, die mir in ähnlicher Form danach und bis heute oft von vielen Kolleginnen und Kollegen berichtet wurde, insbesondere von jenen Ausbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmern, die im Rahmen ihrer PiA-Zeit in Kliniken ebenso unvorbereitet und unsupervidiert in das »kalte Gruppenwasser« geworfen wurden, war eher kontraphobisch. Ich zog mich nicht von Gruppen zurück, sondern versuchte mehr über sie zu erfahren, Selbsterfahrung in Gruppen zu machen und die bestmögliche Kompetenz zu erwerben, um Gruppen selbst durchführen zu können. Dies führte dann auch dazu, dass ich nach einiger Zeit für die oben beschriebene stationäre Gruppe selbst zuständig war und trotz aller Anstrengung und aller immer wieder auftauchender Schwierigkeiten große Freude an der Leitung dieser und später vieler anderer Gruppen fand.
Wissenschaftliche Neugierde als Bewältigungsstrategie
Ein Teil der Verarbeitung war auch die Entwicklung eines wissenschaftlichen Interesses an der Gruppe, das in dem besagten stationären Setting zunächst realisiert wurde durch die sog. Kieler Gruppenpsychotherapiestudie (gefördert durch die Breuninger Stiftung, Stuttgart), in der wir über einen Zeitraum von fast zwei Jahren den Verlauf einer stationären Gruppenpsychotherapie mit vielfältigen Methoden bis hin zu Videoaufzeichnungen und täglichen Einschätzungen zu verstehen versuchten (Strauß und Burgmeier-Lohse 1994a).
Die besagte Studie fiel in eine Zeit (Ende der 1980er Jahre), in der die Mainzer Kollegen Sven Olaf Hofmann, der dortige Lehrstuhlinhaber für Psychosomatische Medizin, und Markus Bassler die sog. Mainzer Werkstatt zur empirischen Forschung in der stationären Psychotherapie gründeten. Dies war ein mutiger und notwendiger Schritt. Gemeinsam mit Jochen Eckert (damals Professor für Klinische Psychologie an der Universität Hamburg) stellte ich fest, dass trotz der hohen Bedeutung von Gruppenpsychotherapien im stationären Setting keine der in dieser Werkstatt gegründeten Arbeitsgruppen sich mit dieser speziellen Thematik befassen wollte, was 1989 dazu führte, dass Jochen Eckert und ich den Arbeitskreis stationäre Gruppenpsychotherapie im Rahmen der Mainzer Werkstatt begründeten, der dann 1990 erstmalig an der Universität Kiel zusammenkam und tatsächlich bis heute noch existiert (seit 2020 unter der Leitung von Ulrike Dinger). Der Arbeitskreis schaffte es, immer mit »Bordmitteln«, kleinere Studien zu klinischen Fragen, insbesondere aber auch zur Entwicklung von Methoden durchzuführen, die die Literatur zur Gruppenpsychotherapie und die gruppenpsychotherapeutische Praxis bereichern konnten (z. B. Strauß 2011a).
Rollenmodelle
Im Kontext dieses Arbeitskreises und darüber hinaus habe ich von vielen Kolleginnen und Kollegen1 viel über Gruppen, Gruppenpsychotherapieforschung und andere relevante Themen gelernt. Viele davon waren treue Mitglieder des Arbeitskreises und waren rückblickend für meine eigene Gruppensozialisation wichtig. Ich kann keineswegs alle erwähnen, möchte jedoch besonders hervorheben Susanne Davies-Osterkamp, Jürgen Ott, Anne Biermann-Ratjen und Jochen Eckert, Reinholde Kriebel, Henning Schauenburg, Karin Schreiber-Willnow und Klaus-Peter Seidler oder Diether Höger, der mit mir gemeinsam die Bindungsthematik in den Arbeitskreis brachte (Strauß et al. 2006).
Erfahrungen mit Gruppen »im Osten«
Helga Hess aus (Ost-)Berlin, mit der sich bereits vor der Wiedervereinigung ein Kontakt ergab, war ebenfalls von Anfang an Mitglied des Arbeitskreises. Der Kontakt mit ihr förderte den Austausch mit Konzepten und Forschungsansätzen in Ostdeutschland und im sozialistischen Europa, der u. a. auch seinen Niederschlag in einem Methodenbuch zur Gruppentherapie fand (Strauß et al. 1996). Helga Hess ermöglichte mir auch die Teilnahme an einer »internationalen [überwiegend osteuropäischen] Selbsterfahrungsgruppe«, die sie und ihr polnischer Kollege Czeslaw Czabala aus Warschau leiteten und die für viele kurzfristig ein Ort der Verarbeitung der Wendezeit gewesen war.
»Learning by doing and by teaching«
Der rege Austausch im Arbeitskreis zwischen den Forschern, Praktikern und in der Klinikorganisation Erfahrenen machte immer wieder deutlich, dass es (bis heute) massive Mängel im Bereich der Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Gruppentherapie gibt. Eine gemeinsam durchgeführte Studie aus dem Arbeitskreis machte deutlich, dass tatsächlich die Mehrzahl gruppentherapeutisch Tätiger ihre Kompetenz schlicht über »Learning by Doing« erwerben musste (Strauß et al. 2012).
Dies hat dazu geführt, dass ich mich angeregt durch den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen aus dem Arbeitskreis zunehmend intensiver für die Organisation und Durchführung von Weiterbildungsveranstaltungen engagierte. Diese fokussierten auf die »traditionellen« Weiterbildungswochen in Orten wie Erfurt, Lindau, Lübeck oder Langeoog und diverse Ausbildungsinstitute.
Darüber hinaus entwickelte ich mit Dankwart Mattke aus München ein Curriculum zu »Allgemeinen und spezifischen Techniken der institutionellen Gruppenpsychotherapie« (AsTiG) unter dem Motto »Keine Angst vor Gruppen«, in dem wir versuchten, entweder dezentral oder in Form eines Inhouse-Trainings die ganze Breite allgemeiner und störungsspezifischer Ansätze in institutionalisierten Gruppen mit etlichen namhaften Gästen zu vermitteln (vgl. Strauß und Mattke 2009). Eine kondensierte Form dieses Curriculums konnte über fünf Jahre als Modul im Rahmen der Lindauer Psychotherapiewoche unter unserer Leitung angeboten werden (vgl. Mattke, Reddemann und Strauß 2017; Strauß und Mattke 2018).
Später wurde das Konzept wieder aufgegriffen in einer Weiterbildungskonzeption, die ich gemeinsam mit meinem leider viel zu früh verstorbenen Freund und Kollegen Harald J. Freyberger aus Greifswald/Stralsund entwickelte und in der wir versuchten, parallel verhaltenstherapeutische und psychodynamische Gruppenansätze zu vermitteln und zu unterrichten.
»Die kleine Community der Gruppenforscher«
Innerhalb der Psychotherapieforschung ist die Gemeinde der Gruppenpsychotherapieforscher vergleichsweise klein. Dies gilt sowohl auf nationaler Ebene, wie auch international, wo auch in Verbänden und Fachgesellschaften (für die Gruppe früher der DAGG, später die D3G) zumindest die empirische Forschung eine Randexistenz führt. Dort stehen mehr theoretische, klinische, gesellschaftstheoretische Themen im Mittelpunkt.
Auch die American Group Psychotherapy Association (AGPA) ist primär keine Forschungsorganisation, auch wenn dort immer wieder der Versuch gemacht wird, die Forschung sichtbar zu machen und zu verbreiten. Immerhin gibt es dort eine Special Interest Group für Gruppenforschung, eine Task Force Science to Service (S2S) und vor einigen Jahren eine Task Force, die Materialien und Methoden aus der Forschung zur Unterstützung von Gruppenpsychotherapeuten empfahl (Strauß et al. 2006b; Burlingame et al. 2006).
Im Hinblick auf die internationale Zusammenarbeit und Kooperation auf wissenschaftlicher Ebene war eine Begegnung anlässlich der jährlichen Tagung der Society for Psychotherapy Research (SPR) 2000 in Chicago von besonderer Bedeutung: Damals wurde ich von Gary M. Burlingame und K. Roy MacKenzie eingeladen, als Vertreter der europäischen Perspektive mit den beiden Kollegen ein Kapitel über die Gruppenpsychotherapieforschung in der 5. Auflage des Handbook of Psychotherapy and Behavior Change mit zu verfassen. Mit dieser Begegnung begann eine wirklich extrem produktive und intensive Kooperation speziell mit Gary Burlingame und seiner Arbeitsgruppe an der Brigham Young University, die auch von hoher Effizienz und von großem Gewinn für einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meiner eigenen Arbeitsgruppe bzw. meines Instituts war, die über verschiedene Stipendien und andere Finanzierungsformen die Möglichkeit hatten, Arbeitsaufenthalte an der Brigham Young University in Provo im Labor von Gary Burlingame zu absolvieren.
Die gemeinsamen Projekte und Arbeiten sind zahlreich. Das damals mit Roy MacKenzie verfasste Handbuchkapitel fand zunächst einen Nachfolger in einem Folgekapitel, in dem Anthony Joyce den leider verstorbenen Roy MacKenzie ersetzte und wurde soeben über ein gemeinsames Kapitel für die nunmehr 7. Auflage des Handbuchs, die Ende 2021 erschienen ist, grundlegend aktualisiert.
Absicht dieses Buches
Wie im Untertitel ausgedrückt, geht es in diesem Buch darum, die allgemeinen Grundlagen und integrative Konzepte der Gruppenpsychotherapie kompakt darzustellen. Mir ist klar, dass mit der Kompaktheit auch eine manchmal starke »Verdichtung« von Inhalten einhergeht, die aber vielleicht dazu anregt, anderswo weiterzulesen und weiterzulernen. Die dargestellten Konzepte sind für gruppentherapeutisch Tätige in allen Verfahren relevant. Informationen zu spezifischen Gruppenverfahren sind deshalb relativ knappgehalten (
Kap. 2), ebenso wie die Hinweise auf störungsorientierte oder -spezifische Gruppentherapien (
Kap. 6). Die Kapitel orientieren sich an einem einfachen Modell der wichtigen Einflussfaktoren auf das Ergebnis der Gruppentherapie, das sich gut eignet, sowohl die theoretischen Konzepte als auch Forschungsergebnisse zusammenzufassen. Ergebnisse der Gruppenpsychotherapieforschung, soweit sie die Wirkung und ausgewählte Prozessfaktoren betreffen, sind in einem gesonderten Kapitel behandelt (
Kap. 7), wie einige Aspekte der Gruppenpsychotherapieaus-, fort- und -weiterbildung (
Kap. 8). Der Umfangsbegrenzung ist geschuldet, dass in diesem Buch auf die Darstellung kasuistischen Materials verzichtet wurde.
Dank für wertvolle Gruppenerfahrungen
In dem Abriss meiner wesentlichen Erfahrungen mit Gruppenpsychotherapie in Klinik, Forschung und Ausbildung sind nur einige wenige Personen explizit genannt, denen ich ebenso wie zahlreichen anderen Kollegen, Patienten und Weiterbildungsteilnehmern sehr dankbar bin für den Austausch, viele reale Gruppenerfahrungen und dafür, von deren praktischem und theoretischem Wissen unendlich viel profitiert zu haben. All denen, die mir auf diesem Weg begegnet sind, möchte ich ebenso danken, wie den Menschen in meinem privaten Umfeld, die immer sehr viel Verständnis dafür hatten, dass ich mich in Gruppendingen engagierte und sich davon teilweise durchaus auch anstecken ließen.
Ich danke nicht zuletzt den Mitherausgebern dieser Buchreihe, insbesondere Carsten Spitzer, der den Text sehr gründlich und konstruktiv kritisch durchgesehen hat, und den Mitarbeitern des Kohlhammer Verlages, dieses kleine Kompendium der Gruppenpsychotherapie veröffentlichen zu können, das – wenngleich sehr kondensiert – versuchen will, jene Themen integrativ zusammenzufassen, die mir im Laufe der Jahre für die Praxis der Gruppenpsychotherapie besonders wichtig geworden sind.
Ein Zusatz: Gruppe in Zeiten der Pandemie
Die zeitlichen Freiräume für die Fertigstellung dieses kompakten Buches sind in den vergangenen Monaten paradoxerweise durch die COVID-19-Pandemie entstanden, aufgrund derer andere Aktivitäten und damit leider auch wichtige Gruppenerfahrungen stark eingeschränkt wurden.
Die Pandemie und ihre Bewältigung hat uns aus gruppenpsychologischer Sicht angesichts ihrer gewaltigen sozialen Dimension vieles über Gruppenprozesse gelehrt, wenngleich daran auch die Zweischneidigkeit der Gruppenperspektive deutlich wurde: Einerseits gilt körperliche Nähe und die Zusammenkunft von Gruppen als Gefahr und Ursache für die Verbreitung der Erkrankung, auf der anderen Seite sind Gruppenzusammenkünfte bekanntermaßen auch ein probates Mittel gegen Stress und Belastungen: »An intervention intended to reduce the likelihood of physiological illness likely contributes to a rise in likelihood of psychological illness« (Marmarosh et al. 2020, S. 124).
Allgemein ist jedoch zu erwarten, dass Gruppen und Gruppenpsychotherapie im Angesicht der Pandemie einen gewaltigen Aufschwung erleben, wie dies Craig Parks in einem Schwerpunktheft der Zeitschrift Group Dynamics formulierte:
»The light is shining more brightly than ever on the power of group psychotherapy to help people quickly make meaningful improvements in their quality of life. Hopefully, all of this will spur interest in groups, interest in funding scholars of groups, and willingness to more fully underwrite group-based treatments for mental and life issues« (Parks 2020, S. 120).
Jena, im Januar 2022
Bernhard Strauß
1 Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird im Folgenden in aller Regel das generische Maskulinum verwendet, das alle Geschlechter (weiblich, männlich, divers) einschließt und ansprechen möchte.
Inhalt
1 Geleitwort zur Reihe
2 Gruppenerfahrungen – Eine persönliche Vorbemerkung
3 1 Gruppen und Gruppenpsychotherapie
4 1.1 Konzepte der Gruppe
5 1.2 Ambivalenz gegenüber Gruppen
6 1.3 »Bowling Alone« – Stellenwert der Gruppe im Wandel
7 1.4 Individuelle Ängste gegenüber Gruppen
8 1.5 (Wegfall von) Barrieren für die praktische Durchführung von Gruppenpsychotherapie
9 1.6 Ein allgemeines Modell zu Determinanten des Gruppentherapieergebnisses
10 2 Geschichte der Gruppenpsychotherapie und der Gruppentheorien
11 2.1 Formale Veränderungstheorien der Gruppenpsychotherapie
12 2.2 Historische Aspekte der Gruppenpsychotherapie
13 2.3 Übersicht über gruppenpsychotherapeutische Verfahren
14 3 Strukturelle Aspekte von Gruppenpsychotherapie
15 3.1 Typen therapeutischer Gruppen
16 3.2 Verschiedene Behandlungssettings und ihre Besonderheiten
17 3.3 Allgemeine Rahmenbedingungen von Gruppentherapien
18 3.4 Auswahl von Gruppenmitgliedern/Indikation für Gruppentherapien
19 3.5 Zusammensetzung einer Gruppe
20 3.6 Vorbereitung und Information
21 4 Gruppendynamik und Kleingruppenprozesse
22 4.1 Definitorisches zur Gruppendynamik
23 4.2 Gruppendynamik und Prozesse in therapeutischen Gruppen
24 4.3 Therapeutische Beziehungen in Gruppen
25 4.4 Beendigung von Gruppen
26 4.5 Spezifische und inhaltliche Aspekte von Kleingruppenprozessen
27 4.6 Gruppendynamik in die Gruppe holen
28 5 Merkmale der Gruppenmitglieder
29 5.1 »Matching« von Patientenmerkmalen und Behandlungsansätzen
30 5.2 Prädiktoren für den Behandlungsprozess und das -ergebnis
31 5.3 Besondere Herausforderungen durch Patientenmerkmale
32 6 Gruppenleitung und Merkmale der Gruppenleiter
33 6.1 Aufgaben der Gruppenleitung
34 6.2 Leiterstile
35 6.3 Gruppenpsychotherapeutische Kompetenz
36 7 Gruppentherapieforschung und Qualitätssicherung
37 7.1 Das Verhältnis von Forschung und Praxis – Ein Grundproblem
38 7.2 Forschungsergebnisse zur Wirksamkeit von Gruppenpsychotherapie
39 7.3 Feedbacksysteme in Gruppen
40 7.4 Prozessforschung
41 7.5 Forschungsrückblick und -ausblick
42 7.6 Qualitätssicherung
43 8 Aus- und Weiterbildung in Gruppenpsychotherapie
44 8.1 Formale und organisatorische Aspekte
45 8.2 Inhaltliche Aspekte der Ausbildung
46 8.3 Praxis und Verlauf der Ausbildung
47 Literatur
48 Sachwortverzeichnis
1 Gruppen und Gruppenpsychotherapie
»You lose yourself, you reappear, you suddenly find you got nothing to fear…« (Bob Dylan, It’s alright, Ma)
Dieses Kapitel führt zunächst in einige Gruppenkonzepte ein und beschreibt die häufige Ambivalenz gegenüber Gruppen und ihre Quellen. Die Gruppe hat aus gesellschaftlicher Sicht in unterschiedlichen Zeiten eine unterschiedliche Wertigkeit und ist auf individueller Ebene durchaus mit verbreiteten Ängsten assoziiert. Im Hinblick auf die Durchführung von Gruppenpsychotherapie gab es jüngst eine Reihe von Maßnahmen, die es psychotherapeutisch Tätigen erleichtern, Gruppen anzubieten. Das Kapitel schließt mit einem Modell zu den Determinanten von Gruppentherapieergebnissen, das die Struktur für die Folgekapitel vorgibt.
1.1 Konzepte der Gruppe
Emile Durkheim hat in seiner Studie über den Selbstmord (1897) vermutet, dass eine entscheidende Ursache dieses freiwilligen Abschieds aus dem Leben die »schwindende Integrationskraft einer Gemeinschaft« sei (zit. nach Abels 2019). Um zu verhindern, dass ein Individuum »im Egoismus und in der Regellosigkeit versinkt«, sei es deshalb wichtig, es wieder in eine Gruppe zu integrieren. Durkheim, der bei dieser Gruppe in erster Linie an die »Berufsgruppe« dachte, führte an anderer Stelle (1902) aus, dass die Gruppe die moralische Funktion habe, die Bindung der Individuen untereinander und an die Gesellschaft zu sichern. Ähnlich wie Durkheim betonte in der Frühzeit der Soziologie auch Georg Simmel (1898) die zentrale Bedeutung von Gruppenbindungen für die Gesellschaft (Gesellschaft sei überall dort, »wo eine Anzahl von Menschen in Wechselwirkung treten und eine vorübergehende oder dauernde Einheit bilden«, S. 313). Seither wird der Gruppe in der Soziologie und der Entwicklungspsychologie eine hohe Bedeutung als »Motor der Sozialisation« zugewiesen.
Innerhalb der Sozialwissenschaften – so machen König und Schattenhofer (2020) deutlich – hat das Thema »Gruppe« von 1930 bis in die späten 1970er Jahre eine besondere Blütezeit erlebt und sei zum einen als eine »soziale Form«, zum anderen als »Prinzip« untersucht worden. Entsprechend war das Verständnis des Gegenstandes »Gruppe« lange Zeit sehr unterschiedlich und wurde im Laufe der Zeit vor allem mit zwei anderen zentralen sozialen Formen in Verbindung gebracht, nämlich der Familie [als prototypische Primärgruppe, Cooley 1909] einerseits, der Organisation andererseits.
Primäre Gruppen, wie die Familie und die »Peer Group«, die als »Schwelle zur Gesellschaft« verstanden wird, umfassen den ganzen Menschen und sind geprägt durch ein Gefühl der engen persönlichen Verbundenheit. Im Kontext von Primärgruppen lassen sich oft benutzte Attribute der Gruppe am besten verstehen, wonach diese als Heimat, Übergangsraum, Container, Mutter, Vater, sicherer Hafen oder sicherer Ort begriffen wird. In der Primärgruppe geht es von Anfang an um die ganze Person, in der Sekundärgruppe, die nur unter einem spezifischen Interesse beansprucht wird, geht es dagegen zunächst nur um die Rolle, die sie spielt (Abels 2019, S. 249).
Eine »paradigmatische Bedeutung« – so König (2015) – erreichte der Gruppenbegriff durch eine Einengung in den 1940er Jahren, in denen sich speziell die Sozialpsychologie mit Kleingruppenforschung und Gruppendynamik befasste. Dies ist insbesondere verknüpft mit Personen wie Jacob Moreno und Kurt Lewin, die maßgeblich prägten, was heute auch im klinischen Kontext an gruppendynamischen Konzepten noch bedeutsam ist (
Kap. 4).
Anfang der 1940er Jahre wurde der Begriff der Bezugsgruppe (Merton 1957) für Gruppen geprägt, »deren Zustimmung oder Ablehnung dem Individuum sehr wichtig sind« mit hoher normativer Funktion (jeder Mensch möchte so sein, wie die Anderen in seiner Bezugsgruppe; die Bezugsgruppe fungiert quasi als unsichtbarer Dritter in jeder dyadischen Interaktion, Strauss 1959).
In der sozialpsychologischen und soziologischen Literatur wird die Gruppe oft als intermediäre Instanz begriffen, die zwischen dem Individuum und der Gesellschaft vermittelt. König und Schattenhofer (2020) haben dies ausführlich dargestellt, indem sie eine innere Umwelt und eine äußere Umwelt des interaktionellen Raumes Gruppe differenzieren (
Abb. 1.1). Ein wichtiges Konzept, das vor allem mit dem Familienbild der Gruppe verbunden ist, ist die Auffassung, dass die Gruppe eben auch eine spezifische Gemeinschaft darstellt, während die gruppendynamischen Studien der Sozialpsychologie oftmals Gruppenarbeit im Kontext von produktiven Aufgaben (Gruppe als Team) gesehen haben.

Abb. 1.1: Horizontale und vertikale »Schnittstellen« von Gruppen (König 2018, S. 20, Abchdruck mit Genehmigung von Springer © 2018)
Auf diesen Grundlagen baut die Konzeption der Gruppe als Therapeutikum auf, wobei (
Kap. 2), neben Jacob Moreno und Kurt Lewin auch einige frühe Psychoanalytiker für diesen Aspekt Pate standen.
S.H. Foulkes (2007) griff den erwähnten intermediären Ansatz in seinen Ausführungen auf, wenn er schreibt: »Der eigentliche Grund, weshalb unsere Patienten in der therapeutischen Gruppe ihre normalen Reaktionen erstarken lassen und ihre neurotischen Reaktionen korrigieren können, liegt darin, dass sie kollektiv die eigentliche Norm, von der sie abweichen, konstituieren (S. 39).«
Von großer Bedeutung für diese Schnittstelle, vielleicht fast etwas unterschätzt (vgl. Schultz-Venrath 2018), ist die Konzeption der therapeutischen Gruppe als sozialer Mikrokosmos, also die Annahme, dass sich in einer Kleingruppe alle sozialen Prozesse und Strukturen einer Gesellschaft reflektieren. Diese Auffassung geht ursprünglich auf Syz (1928) zurück und spielt auch in der gruppentherapeutischen Konzeption von Yalom (1970) eine tragende Rolle. Hans Caspar Syz scheint tatsächlich einer der vergessenen Väter der Gruppenpsychotherapie, -analyse und der Auffassung der sozialen Einbettung »neurotischer Zustände« (1928) zu sein: »Die sozial bedingte Natur des in einem gegebenen Fall erscheinenden Symptoms muss speziell berücksichtigt werden; man muss sich vergegenwärtigen, dass darin die Beziehung des Individuums zu Anderen ihren Ausdruck findet, dass das Symptom durch die für die allgemeine soziale Struktur charakteristischen Wechselbeziehungen bedingt ist« und »es muss definitiv mit dem Umstand gerechnet werden, dass die Untersuchungsinstrumente des Beobachters, sein Wahrnehmen, Überlegen und seine affektive Einstellung in einer für das soziale System typischen Weise modifiziert und geleitet werden« (Syz 1928/2018, S. 49). Entsprechend sei »in der Gruppenuntersuchung das Interesse nicht auf das individuelle System konzentriert. Es wird eher die Einstellung des Individuums im System lebendiger Dinge und die reziproke Haltung des sozialen Systems ihm gegenüber untersucht« (S. 50).
In
Kap. 2 wird die Weiterführung der Gruppenidee in der Psychotherapie im historischen Kontext und bezogen auf diverse Behandlungstheorien weiter dargestellt. Diese Weiterentwicklung ist eng mit dem Konzept der therapeutischen Gemeinschaft und des therapeutischen Milieus verbunden, das ursprünglich mit Personen wie Cody Marsh und Tom Main verbunden war.
1.2 Ambivalenz gegenüber Gruppen
Der Pionier der Milieutherapie, Cody Marsh (1933), soll den Satz gesagt haben: »By the crowd they have been broken, by the crowd they shall be healed«, worin bereits die Ambiguität von Gruppen beschrieben ist, d. h. ihr heilsames ebenso wie ihr destruktives Potential. Es ist wichtig, beide Pole zu kennen, um die therapeutische Kraft der Gruppe optimal nutzen zu können.
Die destruktiven Seiten von Gruppen wurden früh in Schriften zur Massenpsychologie thematisiert und später in der gruppendynamischen Literatur wieder aufgegriffen. Wichtig sind in diesem Kontext auch einige »klassische« sozialpsychologische Befunde.
Sigmund Freud, der in seiner Abhandlung zur »Massenpsychologie und Ich-Analyse« das destruktive Potential von Großgruppen oder »Massen« beschrieben hat, beruft sich auf eine heute interessanterweise wieder sehr populär gewordene Schrift des französischen Wissenschaftlers Gustave Le Bon (1895) mit dem Titel »Psychologie der Massen« (»Psychologie des foules«), die bereits einige wichtige Themen der Gruppendynamik (wie z. B. Konformität, Entfremdung, Führung,
Kap. 4) markierte: Le Bon betonte die zentrale Rolle des Unbewussten und vermutete, dass der Einzelne, sei er auch noch so kultiviert, in der Masse im Sinne einer Ansteckung kritikunfähig wird und sich primitiv verhält und damit von »Führern« leicht zu lenken sei.
Dieses Problem findet sich auch in Aphorismen klassischer Schriftsteller (von Friedrich Schiller stammt der Ausspruch: »Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig; sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus«; Goethe formulierte: »Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will«).
In seiner berühmten Schrift zur Massenpsychologie verglich Freud (1921) die Masse mit einer Urhorde, die für den Einzelnen einerseits unheimlich, andererseits aber auch vertraut sei. Freud war der Auffassung, dass die Massenbildung immer die individuelle Neurose zurücktreten ließe und ebenso die Realitätsprüfung hinter die Stärke affektiver Wunschregelung stelle. Die Masse, Freud bezog sich hauptsächlich auf die künstlichen Massen der Kirche und des Heeres (heute könnte man seine Auswirkungen z. B. auf Hooligans und extreme politische Gruppen beziehen), sei geleitet von einem Massenideal zu dessen Gunsten das Ich-Ideal des Einzelnen aufgegeben wird. In der Masse, meist gerichtet auf eine Autorität, kommt es zu Regressionen, die sich zeigen an einer intellektuellen Schwäche, ungehemmter Affektivität, der Unfähigkeit zur Mäßigung, affektiven Grenzüberschreitungen und einer Gefühlsabfuhr in Handlungen. In der Masse würden – so Freud – Verdrängungen abgeworfen. Grundtatsachen der Massenpsychologie seien die Affektsteigerung und die Denkhemmung.
Auch wenn er mit diesen Charakterisierungen sicher nicht die Kleingruppe im Blick hatte, die wir heute therapeutisch nutzen, ist in dieser Darstellung doch deutlich, dass Gruppen eine gewisse Gefährlichkeit haben und somit auch durchaus Angst machen können.
Aus gruppendynamischer Sicht haben bspw. Sader (2008) und Antons (2009) viel dazu gearbeitet, wie man »die dunkle Seite von Gruppen« besser verstehen kann. Antons bezog sich gelegentlich auf Schulerfahrungen, wenn es um die destruktiven Gruppenerfahrungen geht und meinte »Wer immer auch einmal in einer Schule war, kennt die dunklen Seiten von Gruppen« (S. 324). Die Thematik ist immer wieder in gruppendynamischen Publikationen – recht vielfältig in den 1970er Jahren, in denen die Gruppe einen Auf- und Abschwung erlebte (siehe unten) – behandelt worden, bspw. von Sbandi (1973), der bspw. zum Gruppendruck, der in sozialpsychologischen Experimenten von zentraler Bedeutung war, meinte: »Dies alles scheint darauf hinzuweisen, dass der Einzelne nicht ertragen kann, sich in einer Situation zu befinden, in der er sich in Gefahr erlebt, isoliert zu werden. Er wird rasch versuchen, sich denjenigen anzuschließen, die ihn aus dieser Situation befreien können. Es kann sich dabei um einen Partner, jedoch auch um eine Mehrheit mit verworrenen Ideen, ja sogar um eine Autorität handeln, die von ihm Schreckliches verlangt« (S.65). (Wie aktuell ist dieses Resümee in Zeiten einer Corona-Pandemie geworden.)
Antons, der die sozialpsychologischen Experimente und auch gruppendynamische Konzepte durchaus kritisch diskutierte, bietet ein sehr brauchbares Modell zweier polarer Kräfte an, die Gruppen am Leben halten und die seiner Meinung nach für die Entstehung von Gruppendynamik überhaupt notwendig sind. Die beiden Kräfte bezeichnet er als die zentripetale (für den Zusammenhalt des Systems sorgende) und die zentrifugale Kraft, die für Ausdehnung und Abgrenzung sorgt. Zurecht meint Antons, dass jedes Individuum in einer Gruppe sich der Herausforderung stellen muss, eine gute Balance zu finden zwischen der (relativen) Aufgabe von Autonomie, Selbstbestimmung und Individualität, um überhaupt Gemeinsamkeit zu schaffen und zu erleben, demgegenüber jedoch auch sich selbst abzugrenzen und vor »dem Sog des Kollektivs« zu schützen: »Gruppe bringt etwas – kostet aber auch etwas. Zugehörigkeit wird gegen Freiheit eingetauscht.« Zu viel zentripetale Energie kann dazu führen, dass es zu einer Verschmelzung mit dem Kollektiv kommt, die sich bspw. in hohem Konformitätsdruck zeigt.
Das von Janis (1972, 1982) entwickelte Konzept des Gruppendenkens (Groupthink) beschreibt beispielhaft eine Tendenz zu Harmoniesucht und Konfliktscheu. Interessanterweise hat Janis das Konzept anhand wichtiger politischer Entscheidungen von Spitzengremien im Weißen Haus entwickelt (ursprünglich zur Amtszeit J.F. Kennedys anlässlich der Entscheidung seines Beratergremiums für die Invasion der Schweinebucht auf Kuba), um für eine wachsame Entscheidungsfindung zu plädieren. Groupthink wird bedingt durch eine hohe Kohäsion der Gruppe, eine hohe soziale und ideologische Homogenität ihrer Mitglieder, ein hohes Maß an Belastung, eine direktive und autoritäre Leitung, das Fehlen von Entscheidungsverfahren und die Tatsache, dass die Gruppe von äußeren Einflüssen isoliert arbeitet. Forsyth (2020) hat das Konzept des Gruppendenkens im Kontext der COVID-19-Pandemie wieder aufgegriffen und gezeigt, dass insbesondere bestimmte Gruppen, die sich dezidiert gegen die Befolgung von Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit stellen, potentiell Mechanismen des Gruppendenkens unterliegen (vgl. Strauß et al. 2021a).
Maßnahmen gegen die Homogenisierung, die in der Gruppendynamik empfohlen werden, sind durchaus auch für die Gruppenpsychotherapie relevant, wie bspw. der Versuch, Gruppen möglichst heterogen zu besetzen, um eine Vielzahl von Perspektiven und Standpunkten zu ermöglichen (Antons 2009, S. 335). Auch die Verfestigung von Gruppengrenzen und die Abschottung nach außen und die in bspw. Philip Zimbardos Stanford Prison Experiment (s. u.) nachgewiesene Unterwerfung und Gehorsam sind Folgen allzu zentripetaler Kräfte. Antons, wie auch ein weiterer Pionier der Gruppendynamik, Manfred Sader, haben in verschiedenen Arbeiten gezeigt, wie Sozialisationsprozesse ebenso wie Prozesse auf politischer Ebene letztlich durch die Dynamik von Gruppen beeinflusst sind und immer wieder die dunkle Seite der Gruppe reflektieren.
Im Hinblick auf die zentrifugalen Kräfte führt Antons ein Modell an, das in Kap. 4 ausführlicher aufgegriffen wird, nämlich die soziodynamische Grundformel nach Schindler (2006), die beinhaltet, dass sich eine Gruppe immer auch gegenüber einem fiktiven Gegner formiert und darüber zusammenfindet (
Kap. 4). Folgen von übermäßigen zentrifugalen Kräften können zur Zerstörung der Gruppe führen, zur Spaltung der Gruppe, zur Schaffung eines Sündenbocks oder mehrerer Sündenböcke, für die ebenfalls wieder Schindlers Modell im Sinne der Omega-Position einer Gruppe ein gutes Beispiel liefert.
Letztendlich gehört die dunkle Seite zur Realität der Gruppe ebenso wie ihre helle Seite. Antons (2009) meint, dass ein Modell von Gruppe, das Evolution auf dem Prinzip von Kooperation sieht und ein konstruktives Miteinander für nötig und möglich hält (wie es therapeutische Gruppen zweifelsfrei beinhalten sollten) geeignet ist, um die grundlegende Frage immer wieder im Blick zu haben, »Wie bekomme ich die zentrifugalen Kräfte wieder in eine Balance mit den zentripetalen?« (S. 355). Wenn Gruppenleiter sich dies vor Augen halten und die Thematik auch mit Gruppenmitgliedern diskutieren, dürfte das sozialpsychologisch gut belegte destruktive Potential von Gruppen gut zu entgiften sein.
Aufgrund einiger Verstöße gegen gute wissenschaftliche Praxis und im Kontext der Replikationskrise in der Psychologie ist die Sozialpsychologie jüngst etwas in Verruf geraten, dennoch hat sie wesentlich dazu beigetragen, dass Gruppenprozesse – sowohl die positiv wirksamen wie die destruktiven – gut untersucht sind.
Es gibt eine Reihe von klassischen Experimenten in der Geschichte der (Sozial-)Psychologie, die eine Ambivalenz gegenüber Gruppen begründen, wie z. B. Solomon Aschs Studie (1951) zur Konformität, in der es um eine extrem simple Aufgabe, nämlich die Einschätzung einfacher Linien ging:
Auf einer Karte wurde einer Probandengruppe (in der außer dem jeweiligen Probanden nur »Komplizen« des Versuchsleiters enthalten waren) eine Linie dargeboten. Neben dieser Referenzlinie wurden drei weitere Linien gezeigt und es war die Aufgabe der Personen, einzuschätzen, welche dieser drei Vergleichslinien gleich lang war wie die Referenzlinie. Bei jedem Durchgang war eine der Linien deutlich erkennbar gleich lang wie die Referenzlinie. In der Kontrollgruppe sollten die Vertrauten des Versuchsleiters ihre wahre Einschätzung in der Gruppe äußern, welche Linie die gleich lange sei. Erwartungsgemäß macht die Versuchsperson, die mit den heimlich Vertrauten am Tisch sitzt, unter dieser Bedingung kaum Fehler (unter 1 %).
In der Experimentalgruppe fanden jeweils 18 Schätzungen statt. Während sechs dieser Durchgänge waren die heimlichen Vertrauten des Versuchsleiters instruiert, ein richtiges Urteil abzugeben. Während der verbliebenen zwölf Durchgänge (zufällig unter die sechs richtigen gemischt) sollten die Vertrauten einstimmig ein falsches Urteil abgeben. Die Probanden passten sich bei etwa einem Drittel der Durchgänge trotz offensichtlicher Fehlentscheidung der Mehrheit an. Nur ein Viertel der Versuchspersonen ist unbeeinflusst geblieben, sie machten auch in den zwölf manipulierten Durchgängen keinen Fehler. Wenn ein Vertrauter des Versuchsleiters willentlich falsche Urteile abgab, dann passten sich die Probanden in einem Drittel aller Versuchsdurchgänge trotz ganz offensichtlicher Fehlentscheidung der Mehrheit an. Lediglich ein Viertel blieb unbeeinflusst.
Die Experimente von Asch wurden erst vor wenigen Jahren mit 4jährigen Kindern repliziert (Haun und Tomasello 2011). In dieser Studie wurden Vorschulkinder in Gruppen von vier Kindern untersucht.
Die Kinder erhielten scheinbar identische Bücher mit 30 doppelseitigen Illustrationen, auf denen Tierfamilien abgebildet waren. Auf der linken Seite waren die Mutter, der Vater und das Kind gemeinsam zu sehen, auf der rechten Seite nur eines der drei Mitglieder. Die Kinder wurden gebeten, die Familienmitglieder aus dem rechten Blatt zu identifizieren. Obwohl die Kinder alle glaubten, identische Bücher zu haben, waren nur drei der vier Bücher tatsächlich identisch, in dem vierten war gelegentlich ein Mitglied einer anderen Tierfamilie auf der rechten Seite zu sehen. Diese experimentelle Variation diente dazu, das Kind mit der abweichenden Buchversion mit einer aus seiner Sicht falschen, aber einhelligen Meinung der Gleichaltrigen zu konfrontieren. Von 24 Kindern passten sich 18 mindestens einmal der Mehrheitsentscheidung an, obwohl diese aus eigener Sicht falsch war. in der Fortführung dieser Studie wurde die Motivation für die Konformität der Kinder weiter untersucht. Kurz zusammengefasst, zeigte diese Fortsetzung, dass Konformität dadurch noch gesteigert wurde, dass die Antwort der Kinder öffentlich (in diesem Fall laut ausgesprochen) war, was die Untersucher damit interpretierten, dass sozialer Druck ein wesentlicher Motivator für die soziale Anpassung darstellt.
Ein Schüler von Solomon Asch, Stanley Milgram (1974), wurde berühmt mit einem Experiment zur Bereitschaft Einzelner, autoritären Anweisungen auch dann zu folgen, wenn sie mit dem eigenen Gewissen gar nicht vereinbar waren. In diesem »Milgram-Experiment« ging es darum, Fehler zu bestrafen und elektrische Schläge gegenüber einem »Schüler« zu applizieren, die eigentlich real gar nicht auszuhalten gewesen wären. In dem Originalexperiment verabreichten 26 von 40 Probanden elektrische Schläge von maximaler Spannung (450 Volt). Die Relevanz des Experiments für die Gruppe liegt u. a. in der Bedeutung von Gehorsam und der Bereitschaft unter Autoritätsdruck asoziales Verhalten zu zeigen.
Eine ähnliche Berühmtheit hat das von Philip Zimbardo entwickelte, sog. Stanford-Prison-Experiment erreicht (auch dieses hat in jüngster Zeit einige Zweifel hervorgerufen). Das Experiment (Haney et al. 1973) teilte eine Freiwilligengruppe in Gefangene und Wärter ein und beobachtete, wie die Gruppen ihre Rollen finden. Nach wenigen Tagen musste das Experiment bereits abgebrochen werden, da die gegenseitige Gewaltbereitschaft eskalierte und Exzesse zu befürchten waren.
Schließlich sei beispielhaft noch auf das sog. Robbers-Cave-Experiment verwiesen, das von Sherif et al. (1961) durchgeführt wurde und das im Rahmen eines Ferienlagers zwei separate Gruppen betreute mit dem Ziel, ein Gruppengefühl zu entwickeln. Dieses Vorgehen führte dazu, dass die beiden Gruppen sich gegenseitig beschimpften und aggressiv wurden, wenn sie miteinander in Wettbewerb treten mussten. Sherif konnte zeigen, dass die Stereotype, die sich in den Gruppen entwickelten, erst dann auflösbar waren, wenn man den Gruppen Aufgaben stellte, die sie letztendlich nur gemeinsam lösen konnten. Damit wurde das Experiment von einer äußerst destruktiven in eine konstruktive Richtung umgewandelt durch die Setzung gemeinsamer Ziele und die Notwendigkeit aktiver Zusammenarbeit.
Einige dieser Experimente und ihre Grundprinzipien wie Konformität, Beeinflussbarkeit und Gruppendruck sind in Spielfilmen wie z. B. »Das Experiment« (2001), »Die zwölf Geschworenen« (1957) oder »Die Welle« (2008) hervorragend nachzuvollziehen.
1.3 »Bowling Alone« – Stellenwert der Gruppe im Wandel
Es war vermutlich der Geist der 1968er Jahre, der Gruppen als Bühne für Selbsterfahrung, Begegnung und Entwicklung einen mächtigen Auftrieb gab. Das von Horst Eberhard Richter 1972 publizierte Buch »Die Gruppe« kennzeichnet diesen Geist, der sich auch im Untertitel des Buches »Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien« spiegelt. Gruppen hatten damals hehre Ziele, die – wie König (2011) ausführt – einen sehr weitgehenden sozialen und moralischen Anspruch ausdrückten, verbunden mit der Idee, durch die Nutzung von Gruppen auch die Gesellschaft zu verändern und sie u. a. zu einer sozialeren, gerechteren und altruistischeren Gesellschaft zu machen.
Der Anspruch führte dazu, dass es sehr modern und speziell in bestimmten Schichten geradezu als politisch korrekt galt, sich in Gruppen zu finden, zu begegnen und zu entwickeln (bei Richter 1972 war die Rede von der Krise des Individuums). In den letzten Jahren ist in den Diskussionen über den Stellenwert von Gruppen und Gruppenpsychotherapie von diesem Geist der Revolte nicht mehr viel übrig, stattdessen – siehe unten – von der Krise der Gruppe und der Zunahme des Individualismus (und des Narzissmus) in der Gesellschaft.
Für die Jahre seit 2000 in der Bundesrepublik Deutschland machte König (2011) deutlich, dass Gruppenkonzepte, die in den 1970er Jahren zunächst im therapeutischen und pädagogischen Bereich, dann aber auch mehr und mehr in der Arbeitswelt an Bedeutung gewannen, ihren Stellenwert eingebüßt hätten. Der Deutsche Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG), der sich in Sektionen differenzierte, die sich eher mit gruppenanalytischen/gruppentherapeutischen, gruppendynamischen und psychodramatischen Ansätzen befassten, hat seine Organisationsform 2011 aufgelöst, u. a. auch, da die einzelnen Sektionen sich doch sehr voneinander separiert hatten. Parallel dazu haben Gruppenkonzepte in verschiedenen Bereichen des psychosozialen Feldes zumindest einen Bedeutungswandel erfahren. Sie sind sehr viel fokussierter, ökonomisierter und von den idealistischen Ansprüchen, die oben genannt wurden, »befreit«. König (2011) beschreibt, dass heute Gruppen Konjunktur hätten, die für genau definierte Bedürfnisse und Ansprüche gedacht sind, wie bspw. religiöse oder spirituelle Gruppen für die Sinnsuche, Trainingsgruppen für den Erwerb spezifischer Fertigkeiten, selbstverständlich vielfältige soziale Gruppen, zu denen auch die sozialen Netzwerke im Internet gehören, Kreativgruppen und auch gesundheitsbezogene Gruppen, die sich sowohl in Fitness-Studios als auch unter dem Label einer störungsspezifischen Therapiegruppe – im psychotherapeutischen Versorgungssystem – finden lassen.
König (2011) macht die Modernisierung und damit verbundene Wandlungsprozesse für eine Veränderung der kulturellen Bedeutung von Gruppen verantwortlich und deutet an, dass diese Wandlung zugunsten der Individualität erfolgte. Dies stimmt überein mit den Überlegungen eines US-amerikanischen Soziologen, Robert D. Putnam, der in seinem 2000 erschienenen Buch »Bowling alone« deutlich macht, dass auch in der US-amerikanischen Gesellschaft eine Verhaltensänderung stattgefunden hat, gekennzeichnet durch die Loslösung des einzelnen von anderen und Gemeinschaften, jedoch auch eine damit verbundene Desintegration sozialer Strukturen.
In einer Abhandlung des britischen Gruppenanalytikers Farhad Dalal (1999), die sich mit den Themen Macht, Identität und Konflikt in Gruppen befasst, vertritt dieser die Auffassung, dass Identität letztendlich maßgeblich aus einer Bewertung der Beziehungen zwischen Menschen entsteht (z. B. den Anhängern eines Therapieverfahrens, einer Theorie oder einer politischen Idee). Nach Dalal neigen Menschen dazu, Gruppenidentitäten zu kreieren (zumindest in der Phantasie) mit dem Zweck, die Illusion von Stabilität zu konstruieren (Wer ich bin und was ich bin, hängt davon ab, zum wem/was ich gehöre).
Nun werden Identitäten kontinuierlich bedroht (bspw. von außen und durch andere Gruppen). In dieser Bedrohung kämpfen Menschen um ihre Identität, indem sie an den Bezeichnungen (Labels) für ihre Gruppen umso mehr festhalten, diese für essentiell halten und erklären. Dalal macht deutlich, dass dann oft Fundamentalismus (z. B. religiöser oder politischer) resultiert, wenn diese Tendenz zu mächtig wird. Über diese Funktion ist die Notwendigkeit der Identifikation mit Gruppen und die Affinität zu Gruppen trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen des Stellenwertes von Gruppen gesichert. Diese Veränderung betraf auch die Gruppenpsychotherapie, wie Hirsch (2004) zeigte, der sich Gedanken zum »Schwinden der Attraktivität analytischer Gruppenpsychotherapie« machte.
Die Debatte um die Frage der Attraktivität von Gruppen hat dazu geführt, dass eine eigene Arbeitsgruppe im Jahr 2010 im Rahmen einer Repräsentativerhebung bei 2512 Bundesbürgern überprüft hat, wie Personen ganz allgemein Gruppen erleben und welche Einstellung und Haltung sie gegenüber klinischen Gruppen haben. Die Ergebnisse dieser Studie sind bei Strauß et al. (2015) ausführlich beschrieben. Die Studie zeigte, dass die »Bundesbürger« sowohl im Arbeits- als auch im Freizeitbereich vielfältige Erfahrungen mit Gruppen berichten, die sie auch überwiegend positiv bewerten. Interessanterweise hatten mehr als die Hälfte bekannt, dass sie sich etwas unter »Gruppenpsychotherapie« vorstellen könnten, noch mehr waren der Meinung, dass Gruppenpsychotherapie etwas Sinnvolles sei (83%), immerhin 6,4% gaben sogar eigene Erfahrungen mit Gruppenpsychotherapien an, was möglicherweise durch die Verbreitung von Gruppen in Reha-Kliniken innerhalb der Bundesrepublik Deutschland zu erklären ist. Auf die Frage, was die Befragten empfehlen würden, wenn ein guter Freund Probleme hätte und psychotherapeutische Hilfe bräuchte, gaben immerhin etwa 35% (gegenüber 65% für die Einzeltherapie) an, Gruppenpsychotherapien zu empfehlen, insbesondere im Falle von traumatisierenden Erfahrungen oder Unfällen, Angst, Depression, aber auch Trauer und Verlust.
Einer durchaus positiven Einstellung innerhalb der Bevölkerung, wie sie sich in dieser Repräsentativerhebung abzeichnete, steht nach wie vor entgegen, dass Gruppenpsychotherapien zumindest im ambulanten Versorgungssystem immer noch vergleichsweise wenig verbreitet sind (
Kap. 1.5).
1.4 Individuelle Ängste gegenüber Gruppen
Wenn man sich Antons’ (2009) Hinweis darauf vergegenwärtigt, dass bspw. Schulerfahrungen oft die dunklen Seiten von Gruppen darlegen, ist gut vorstellbar, dass kaum jemand im Laufe der Entwicklung keine negative Gruppenerfahrung gemacht haben dürfte. Solche Erfahrungen beginnen u. U. bereits im Vorschulalter, reichen über die Schul- und Ausbildungszeit bis hin ins Berufsleben, wo negative Gruppenerfahrungen in unterschiedlichen Arbeitsgruppen, im Extremfall »Mobbing«, berichtet werden. Diese Erfahrungen sind sicher eine wesentliche Quelle für ein Unbehagen von Patienten, das oft zu beobachten ist, wenn ein gruppentherapeutisches Angebot unterbreitet wird.
Dazu kommen oft generelle Ängste vor anderen Menschen und davor, sich selbst zu öffnen, oder sich öffnen zu müssen und dann beschämt zu werden. Häufig werden Befürchtungen geäußert, dass in Gruppentherapien Themen und Emotionen erst durch die Berichte und Darstellungen anderer Gruppenmitglieder aktiviert werden, was bei einzelnen Personen durchaus die Angst vor Retraumatisierungen schürt. Umgekehrt gibt es auch die Angst, dass die Probleme anderer »ansteckend« sein könnten oder dass die Situation in Gruppen insgesamt schwer kontrollierbar ist und somit auch Einzelne die Befürchtung haben müssen, die Kontrolle über sich und die Situation zu verlieren.
Des Weiteren – und dies ist vermutlich besonders verbreitet – äußern viele Patienten Zweifel, ob sie sich innerhalb einer Gruppe anvertrauen, Vertrauen zu anderen, zunächst fremden Menschen finden können, was bei Menschen mit psychischen Störungen naturgemäß entwicklungsbedingt ein schwieriges Unterfangen darstellt. Es gibt – möglicherweise auch verbunden mit eigenen Vorerfahrungen – häufige Mythen über therapeutische Gruppen, bspw. dass man sich dort unentwegt »entblößen« müsse, man schutzlos ausgeliefert sei und ständig Gefahr laufe, von anderen zurückgewiesen zu werden. Schließlich gibt es oft Bedenken, dass die Vertraulichkeit im Hinblick auf Themen, Inhalte und Affekte, die in Gruppen offenbart werden, außerhalb der Gruppe nicht gewahrt bleiben könnte, dass also Informationen von anderen Gruppenmitgliedern weitergegeben werden und Schweigepflichten bzw. Verschwiegenheitsgebote nicht eingehalten werden.
All diese Aspekte schüren eine gewisse Skepsis gegenüber Gruppen, sind weit verbreitet, können jedoch in der Regel durch eine adäquate Information und Aufklärung entkräftet oder zumindest soweit reduziert werden, dass Patienten den Mut schöpfen, sich in eine Gruppe hineinzubegeben (
Kap. 3). Wenn die dort gemachten Erfahrungen dann hinreichend positiv sind, werden die meisten durchaus bereit sein, sich auf einen länger dauernden Gruppenprozess einzulassen. Eine wichtige Voraussetzung dafür, Bedenken von Patienten gegenüber Gruppen auszuräumen, ist selbstverständlich die Überzeugung der Therapeuten, dass Gruppenpsychotherapie ein hochwirksames und vielversprechendes Behandlungsangebot darstellt.
1.5 (Wegfall von) Barrieren für die praktische Durchführung von Gruppenpsychotherapie
Im Hinblick auf die Bereitschaft und die Motivation, Gruppen anzubieten bzw. – auf Patientenseite – Gruppen in Anspruch zu nehmen, gibt es mittlerweile große Unterschiede in Abhängigkeit vom Behandlungssetting. In stationären und teilstationären Einrichtungen gehören Gruppentherapien i. d. R. zu den Standardbehandlungselementen (
Kap. 3).
Die ambulante Gruppenpsychotherapie war im Rahmen von Richtlinienverfahren lange nur wenig verbreitet, obwohl eine beträchtliche Zahl an niedergelassenen Psychotherapeuten eigentlich fachlich befähigt bzw. ermächtigt wäre, Gruppen durchzuführen. Es gibt Hinweise dafür, dass beginnend in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts der Anteil an Gruppenbehandlungen im Bereich der Richtlinienpsychotherapie stetig zurückging: wurden im Jahr 1991 noch 3,5% der Richtlinienpsychotherapien in Gruppen angeboten, waren es 1998 nur noch 1,5% und 2005 nur noch 0,8%, ein Anteil, der erst nach einer verbesserten Gratifikation wieder leicht anstieg. Dennoch wurden noch unlängst Befunde berichtet, die zeigen, dass von den abrechnungsberechtigten und für Gruppenpsychotherapie qualifizierten Psychotherapeuten (in der Untersuchung von Walendzik et al. 2011 waren dies 24,2%) nur ein Drittel tatsächlich gruppentherapeutische Behandlungen durchführte (7,7%).
Nach einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK 2018) zur Versorgung ein Jahr nach wesentlichen Reformen der Psychotherapierichtlinien (z. B. Einführung von Sprechstunde, Akutbehandlung, Einzel- und Gruppentherapiekombination) machte die Gruppenpsychotherapie unmittelbar nach den Reformen immer noch nur einen Anteil von 1–2% der Behandlungen in der ambulanten Versorgung aus, obwohl 28,9% der in der Studie Befragten angaben, dass sie über eine Abrechnungsgenehmigung für Gruppenpsychotherapie verfügten. Nur ein Drittel der Psychotherapeuten (34,3 %), die über eine Abrechnungsgenehmigung für Gruppenpsychotherapie verfügen, hatte bisher überhaupt Gruppen angeboten. »Nach Ansicht der befragten Psychotherapeuten haben sich durch die Reform der Psychotherapie-Richtlinie die Grundlagen für ein ambulantes gruppentherapeutisches Angebot nicht wesentlich verbessert. Fast alle Psychotherapeuten (91,6 %), die über eine Abrechnungsgenehmigung für Gruppenpsychotherapie verfügen und bisher davon keinen Gebrauch gemacht haben, tun dies auch nach der Reform nicht. Auch die Psychotherapeuten, die vor der Reform bereits Gruppenpsychotherapien angeboten haben, weiteten ihre gruppenpsychotherapeutischen Angebote kaum aus. Lediglich 16,3 Prozent der Psychotherapeuten, die bereits zuvor Gruppenpsychotherapie durchgeführt haben, haben ihr Angebot ausgebaut« (BPtK 2018, S. 27).
Lange waren im ambulanten Kontext organisatorische und administrative Hindernisse relevant für die mangelnde Verbreitung der Gruppen. Ganz profan ist es bis heute (nicht zuletzt auch angesichts der COVID-19-Pandemie) nicht immer einfach, die richtigen räumlichen Voraussetzungen für eine Gruppenpsychotherapie zu schaffen.
Die Koalitionsvereinbarung zwischen CDU/CSU und SPD aus dem Jahr 2013 (»Deutschlands Zukunft gestalten«, Bundesregierung 2013) führte im Verbund mit anderen Maßnahmen der Entbürokratisierung und zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung die Absicht auf, die »Gruppentherapie zu fördern« (S. 54).
Tatsächlich sind in den vergangenen Jahren bis in die jüngste Vergangenheit eine Reihe von Reformen beschlossen worden, die es in der psychotherapeutischen Praxis erheblich erleichtern sollten, Gruppenpsychotherapien durchzuführen, nämlich
• deutliche Verbesserungen der Vergütung von gruppenpsychotherapeutischen Sitzungen
• flexible Kombination von Einzel- und Gruppenpsychotherapie (auch in den psychoanalytisch begründeten Verfahren)
• flexible Gruppengröße und Möglichkeit, Gruppen mit drei Teilnehmern zu beginnen (was die früher oft lange Planungs- und Wartezeit vor einer Gruppe massiv verringert)
• Wegfall des Gutachterverfahrens für Gruppenpsychotherapien
• »Gruppenpsychotherapeutische Grundversorgung«, die der strukturierten Vermittlung und weiteren Vertiefung von grundlegenden Inhalten der ambulanten Psychotherapie dient, »auch mit dem Ziel, individuelle Hemmschwellen und Vorbehalte, insbesondere gegenüber Psychotherapie in Gruppen, abzubauen und die Motivation zur Teilnahme an einer Gruppentherapie aufzubauen und zu stärken« (GBA 2020)
• probatorische Sitzungen im Gruppensetting
• Durchführung von Gruppentherapie (ab 6 Pat.) gemeinsam von zwei Therapeuten (ggf. auch praxisübergreifend)
Es ist wahrscheinlich und – beispielsweise im Supervisionskontext – auch zu bemerken, dass sich die Attraktivität durch all die genannten Reformen tatsächlich deutlich erhöht hat. Es ist auch bekannt, dass einige niedergelassene Psychotherapeuten mittlerweile ihre Praxis ausschließlich gruppenpsychotherapeutisch organisieren und davon offensichtlich gut leben können.
Nach wie vor liegen Barrieren in der Ausbildung (
Kap. 8). Die Gruppenausbildung bzw. -weiterbildung fand nur verzögert Eingang in die »üblichen« Curricula zur Qualifikation von Psychotherapeuten, wird jedoch wohl in der künftigen Weiterbildung von Fachärzten und Psychotherapeuten fest verankert sein.
Psychotherapeutische und psychosomatische Fachgesellschaften kümmerten sich lange relativ wenig um die Belange der Gruppenpsychotherapie. Intensivere Gruppenausbildungen, wie sie bspw. im gruppenanalytischen Kontext stattfinden, sind häufig sehr zeit- und geldaufwändig und werden von vielen Personen nicht zuletzt primär zum Zwecke der Selbsterfahrung genutzt.
Die mangelnde Akzeptanz von Gruppen mag eine weitere Barriere darstellen. Patienten präferieren in der Regel in ambulanten Behandlungen eine Einzeltherapie, zumindest wenn sie die Wahl haben und die Gruppentherapie nicht als gleichwertige Alternative angeboten wird.
Die oben genannte BPtK-Studie kam bezüglich der Zukunft der Gruppe zu Schlussfolgerungen und Forderungen, die aus heutiger Sicht bereits teilweise nicht mehr relevant sind (z. B. die Reduktion des bürokratischen Aufwandes i. S. der Antrags- und Genehmigungspflicht). Relevant ist immer noch der Vorschlag, die Kassenärztlichen Vereinigungen mögen regional Transparenz über bestehende gruppenpsychotherapeutische Angebote herstellen (was private Organisationen mittlerweile »übernommen« haben, vgl. www.gruppenplatz.de).
1.6 Ein allgemeines Modell zu Determinanten des Gruppentherapieergebnisses
Abb. 1.2 zeigt ein Modell, das im Kontext systematischer Reviews zur Gruppenpsychotherapie ursprünglich von Burlingame et al. (2004) entwickelt wurde. Dieses Modell umfasst fünf Faktoren, von denen die Ergebnisse einer Gruppenpsychotherapie potentiell abhängig sein können, nämlich – in gewisser Hinsicht übergeordnet – die sog. formale Veränderungstheorie der Gruppenbehandlung (
Kap. 2), strukturelle Merkmale der Gruppe (
Kap. 3), die Gruppendynamik (
Kap. 4) sowie Merkmale der Gruppenmitglieder/Patienten (
Kap. 5) und der Person des Leiters bzw. das Leiterverhalten (
Kap. 6).
Entlang dieser Komponenten lassen sich wesentliche Prinzipien der Gruppenpsychotherapie und entsprechende Kompetenzbereiche skizzieren. Die in der Abbildung gezeigten Komponenten bilden die Gliederung für die folgenden fünf Kapitel.

Abb. 1.2 Ein allgemeines Modell relevanter Einflussfaktoren auf das Ergebnis von Gruppenpsychotherapien (Darstellung in Anlehnung an Burlingame, MacKenzie und Strauß 2004)
Weiterführende Literatur
Edding C, Schattenhofer K, Amman K (Hrsg.) (2015) Handbuch Alles über Gruppen. Theorie, Anwendung, Praxis. 2. Aufl. Weinheim: Beltz.
Frey D, Bierhoff HW, Corcoran K (2011) Sozialpsychologie – Interaktion und Gruppe. Göttingen: Hogrefe.
König O, Schattenhofer K (2020) Einführung in die Gruppendynamik. Heidelberg: Carl Auer.
Putnam RD (2000) Bowling alone. New York: Simon und Schuster.
Mattke D, Reddemann L, Strauß B (2017) Keine Angst vor Gruppen. 3. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta.
2 Geschichte der Gruppenpsychotherapie und der Gruppentheorien
»The times, they are a-changin’« (Bob Dylan)
Aufbauend auf der Übersicht in
Abb. 1.2 wird in diesem Kapitel das Konzept der »formalen gruppentherapeutischen Veränderungstheorie« definiert. Einer historischen Übersicht über Meilensteine der Gruppenpsychologie und Gruppentherapie folgt eine kurze Darstellung der wichtigsten Gruppentherapieverfahren und der Versuch, diese zu integrieren.
2.1 Formale Veränderungstheorien der Gruppenpsychotherapie
In dem Modell in
Abb. 1.2 wird die »formale gruppenpsychotherapeutische Veränderungstheorie« als ein wesentlicher Einflussfaktor genannt. Mit diesem Begriff wird zum einen die zugrundeliegende Therapietheorie (im Sinne der Methode oder des Therapieverfahrens) beschrieben. Neben der Therapietheorie umfasst die »formale Veränderungstheorie« aber auch eine Konzeption zur Nutzung allgemeiner Wirkfaktoren und Prinzipien des Mediums Gruppe, etwa die explizite Berücksichtigung gruppendynamischer und interaktioneller Prozesse. Letzteres war lange eher typisch für Gruppentherapien in der Tradition der Psychoanalyse oder der humanistischen Psychotherapie (Lorentzen 2014; Biermann-Ratjen und Eckert 2018), während die Gruppendynamik in der Verhaltenstherapie wenig Beachtung fand (manche [z. B. Fiedler 2005] bezeichneten die Gruppendynamik gar als »Mythos«). Nachdem sich die Psychotherapieforschung zur Wirksamkeit von formalen Veränderungstheorien vermehrt in Richtung störungsspezifischer und manualisierter Therapieansätze entwickelte (
Kap. 7), die in der (kognitiven) Verhaltenstherapie schon lange als Standard gelten, hat sich auch die verhaltenstherapeutische Gruppentherapie deutlich im Sinne einer umfassenderen Beachtung von störungsunabhängigen Gruppenprozessen weiterentwickelt (Sipos und Schweiger 2018; Marwitz 2016).
In einigen neueren Publikationen (z. B. Sipos und Schweiger 2018; Marwitz 2016) wird bezüglich der Gruppenkonzepte eine Differenzierung in drei wesentliche Ansätze vorgeschlagen, nämlich
• interaktionsorientierte Gruppenkonzepte (besonders zentral in der psychodynamischen und humanistischen Psychotherapie), in denen die Interaktion zwischen den Gruppenmitgliedern (inkl. Gruppenleiter) das zentrale therapeutische Agens darstellt,
• einzelfallorientierte Gruppenkonzepte (verbreitet in der Verhaltenstherapie, jedoch auch in der Gestalttherapie und im Psychodrama), bei denen meistens Protagonisten im Vordergrund stehen bezüglich einer Problemstellung oder -lösung (»Einzel in der Gruppe«), die übrigen Mitglieder aber mehr oder weniger einbezogen sind als Quelle von Feedback und Erfahrungen und von dem Geschehen modellhaft etwas für sich erfahren und lernen können,
• störungsspezifische, mitgliederorientierte Gruppentherapie (typisch z. B. für bestimmte verhaltenstherapeutische, aber auch psychoedukative Ansätze), in denen – meist manual-basiert – im Hinblick auf spezifische Störungen zunächst Informationen vermittelt, Verhaltens- und Problemanalysen durchgeführt und dann mittels Fertigkeitstraining und anderen (z. B. kognitions- oder emotionsbezogenen) Interventionen Verhaltensmodifikation angestrebt werden.
Die drei verschiedenen Modelle sind in
Abb. 2.1 noch einmal im Hinblick auf die Interaktionsrichtungen visualisiert. Theoretisch sind diese verschiedenen Interaktionsrichtungen (zumindest temporär) in jeder Gruppe möglich, sie können auch innerhalb einer Gruppensitzung wechseln. Zum Beispiel kann auch in einer psychodynamisch interaktionsorientierten Therapie etwa in der Anfangsphase (wenn es um die Erläuterung des Rahmens geht) eine eher »unidirektionale« Informationsvermittlung des Therapeuten an die Gruppe erfolgen. Im Falle einer spezifischen, auf ein Mitglied bezogenen »Störung« (z. B. das Auftreten einer Dissoziation bei einem Mitglied oder wenn eine Person droht, die Gruppe zu verlassen) kann zeitweise ein Fokus auf diese Person i. S. eines Protagonisten sinnvoll sein, während vielleicht über die meiste Zeit die Interaktionsform dem Muster A in
Abb. 2.1 entsprechen wird.

Abb. 2.1: Graphische Darstellung unterschiedlicher Gruppenmodelle: A: Interaktionsorientierte Gruppe (bei Gruppen nach dem Tavistock Modell (
Kap. 2.3.1) wäre der Gruppenleiter (meist nur einer) eher außerhalb des Kreises zu platzieren; B: Einzelfallorientierte Gruppen; C: Störungsorientierte/psychoedukative Gruppen. T = Therapeut/Leiter/»Dirigent«, K = Ko-Leiter (
Kap. 6.2), M = Mitglied, P = Protagonist
2.2 Historische Aspekte der Gruppenpsychotherapie
Vorläufer von Gruppentherapien finden sich in anthropologischen und philosophischen Diskursen, die weit in die Geschichte zurückreichen. Ebenso gibt es zahlreiche Mythen und Geschichten über den Einfluss gruppenpsychologischer Aspekte auf das menschliche Verhalten in der Weltliteratur (vgl. z. B. Sbandi 1973). Vorläufer der Entwicklung einer Gruppenpsychologie und -dynamik werden bei Le Bon (1895) und seiner Schrift zur Psychologie der Masse (
Kap. 1) und bei Triplett (1898) gesehen, der sich mit der Frage befasste, zu welchen Leistungen Gruppen im Vergleich zu Einzelpersonen imstande sind (und hierbei den Vergleich des individuellen Radfahrens mit dem Fahren im »Peloton« anstellte).
Als Pionier der Gruppenpsychotherapie gilt der Internist Joseph Hersey Pratt, der 1907 erstmalig – heute würde man sagen – psychoedukative Gruppen installierte, um Hygienebedingungen für sozial Unterprivilegierte zu vermitteln, die an Tuberkulose litten (vgl. Ambrose 2013). Pratt beschrieb, dass sich die sozialen Kontakte im Zusammenhang seiner »Klassen« sowohl positiv auf die Symptomatik wie auch auf den Zusammenhalt und den Optimismus der einzelnen Teilnehmer auswirkten. Die Teilnehmer meldeten auch zurück, dass der Kontakt mit anderen wichtiger als die Information gesehen wurde, was später ähnliche »psychoedukative« Ansätze inspirierte (bspw. von Lazell, der 1921 Veteranen des Ersten Weltkriegs in ähnlichen Gruppen behandelte, die psychotische Symptome entwickelt hatten).
Sigmund Freud, der sich mit der Psychologie der Gruppe durchaus beschäftigte (Freud 1921,
Kap. 1), war eher skeptisch gegenüber der Anwendung »seiner« Psychoanalyse innerhalb von Gruppen. Der nachfolgende Auszug aus einem Brief an Trigant Burrow, der wiederum selbst versuchte, die Psychoanalyse in Gruppen zu befördern und die Begriffe »Gruppenanalyse« und »Hier und Jetzt« geprägt haben soll, macht Freuds Haltung deutlich.
»Ich glaube nicht, dass die Analyse eines Patienten auf irgendeine andere Weise als in der familiären Situation, d. h. begrenzt auf zwei Personen, durchgeführt werden kann. Die Massensituation wird entweder sofort in einem Führer resultieren und sol chen, die durch ihn geführt werden, was [zwar] bedeutet, dass es einer familiären Situation nahekommt, die aber mit großen Schwierigkeiten in der Funktion des Ausdrucks und unnötigen Komplikationen von Eifersucht und Rivalität verbunden ist, oder es bildet sich eine ›Bruderhorde‹, in der jeder dasselbe Recht hat und ein analytischer Einfluss, so fürchte ich, unmöglich ist« (Freud an Trigant Burrow am 14.11.1926, zit. n. Campos 1992, S.8).
Neben Burrow war es vor allem Samuel Slavson, der schon 1919 psychoanalytisch fundierte Therapiegruppen durchführte. Slavson war Ingenieur, Journalist und Lehrer und setzte sich sehr für fortschrittliche Erziehungsmethoden ein, publizierte über Gruppenpsychotherapie und gründete 1942 die American Group Psychotherapy Association (AGPA).
Er begann mit Aktivitätsgruppen mit Kindern und Jugendlichen und propagierte dann die sog. Interviewgruppentherapie, in der die Gruppenmitglieder offen und ehrlich miteinander kommunizieren und vor allem auf die positiven Eindrücke fokussieren sollten, die sie von anderen in der Gruppe hatten. Er war der Überzeugung, dass »Self-Expression« und Selbstakzeptanz Gesundheit und Zufriedenheit fördern würden.
Die »Gruppenanalyse« bekam während und nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Impulse, vor allem aus England (durch S.H. Foulkes und W. Bion), die Entwicklungen einer psychodynamischen Gruppenpsychotherapie beförderten (
Kap. 2.3).
Der Begriff Gruppenpsychotherapie soll von Jacob Levy Moreno 1931 geprägt worden sein, 1932 gab es eine erste Konferenz der American Psychology Association (APA), die sich mit Gruppentherapie befasste. Moreno war bekanntlich Urheber des Psychodramas, das per se eigentlich eine Gruppentherapie darstellt, in der einzelne Gruppenmitglieder Rollen spielen, darüber im Austausch mit anderen unter Verwendung bekannter Techniken wie Rollenwechsel oder Doppelung und spontane Bewertungen des Erlebten reflektieren. Vermutlich ist das Psychodrama die älteste Gruppenanwendung im Bereich der humanistischen Psychotherapie, die allerdings auch in der Gestalttherapie, der Transaktionsanalyse und in der klienten- oder personenzentrierten Gesprächspsychotherapie sehr auf die Gruppe als Behandlungssetting setzte.
Unter den wichtigen Gruppentheoretikern und Forschern, die die gruppentherapeutische Praxis nachhaltig beeinflusst haben, ist Irvin D. Yalom hervorzuheben, der neben der Entwicklung seiner spezifischen interpersonalen Therapie in der Gruppe vor allem durch praxisrelevante Veröffentlichungen Generationen von Gruppentherapeuten geholfen hat. Zu nennen sind hier der »Concise guide to group therapy« (Vinogradov und Yalom 1989), »Inpatient Group Psychotherapy« (1983; dt. »Im Hier und Jetzt«, 2005a) und das Standardwerk »Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie«. Dieses Buch ist in englischer Sprache erstmalig 1970 erschienen, soeben hat Yalom gemeinsam mit M. Lesczc (2020) die 6. Auflage des Buches publiziert.
Innerhalb psychiatrischer Kliniken wurde in den 1930er Jahren Gruppenpsychotherapie befördert, bspw. durch den Initiator der Milieutherapie, Cody Marsh oder Thomas Main, der für das Konzept der therapeutischen Gemeinschaft Pate stand, die wiederum die stationären Gruppentherapieangebote bis heute sehr beeinflusst (
Kap. 3).
Spätestens in den 1960er Jahren, in denen bekanntlich die Psychoanalyse mehr und mehr kritisiert wurde, da sie als zu ätherisch, abstrakt, schwer zu beforschen und manchmal verstörend sei (vgl. Burlingame und Baldwin 2018), bekam ein eher logisch-positivistischer Zeitgeist die Vorderhand, der behavioristische Ideen, wie sie anfangs mit den Namen Pawlow, Watson, Skinner und Wolpe assoziiert waren, beförderte. Von diesen Theoretikern übernahm die (kognitive) Verhaltenstherapie sowohl die Verhaltensgrundlagen (Konzepte des Konditionierens oder der reziproken Hemmung) wie auch kognitive Grundlagen, wie sie bspw. Albert Ellis im Zusammenhang mit irrationalen Vorstellungen, Aaron Beck mit dem Konzept der automatisierten pathogenen Gedanken über sich, die Welt und die Zukunft beisteuerte, was eine wichtige Grundlage der kognitiven Depressionsbehandlung wurde. Alle Techniken, die sich innerhalb der kognitiven Verhaltenstherapie im Laufe der Jahrzehnte entwickelten, wurden früher oder später auch in Gruppen angewandt, wobei lange Zeit diesen Techniken eindeutig das Primat zugeordnet wurde gegenüber psycho- und gruppendynamischen Aspekten und dem Ziel, Einsicht in unbewusste intrapsychische Konflikte zu finden.
Wie oben erwähnt, hat sich die verhaltenstherapeutische Gruppenbehandlung sowohl im Hinblick auf wissenschaftliche Studien (
Kap. 7) als auch Konzepte deutlich weiterentwickelt und im Zuge der diversen »Wellen« viele Elemente – zuletzt in starkem Maße Techniken der Achtsamkeits-und Commitment- (ACT) und der achtsamkeitsbasierten (kognitiven) Therapie (MBCT) auch in Gruppen integriert (Michalak et al. 2021).
Tab. 2.1 versucht (sicher sehr selektiv) einige Meilensteine der Geschichte der Gruppenpsychotherapie, bezogen auf Personen, Ideen und Handlungen (einschließlich der Veröffentlichung von Schriften), zusammenzufassen (vgl. auch Burlingame und Baldwin 2018). Aus der Tabelle wird deutlich, dass nach den Pionierjahren bis zum Zweiten Weltkrieg (Burlingame und Baldwin sehen die Jahre 1900–1930 als die wesentlichen »foundational years«), in der Zeit danach wichtige Impulse für die Gruppenpsychotherapie aus der Sozialpsychologie (z. B. durch Lewin, Arendt), aus den einzelnen Psychotherapieschulen und der Gesellschaft kamen (man denke an die Folgen der 1968er für die Gruppe). Daraus resultierte eine zunehmende Anerkennung von Gruppen, eine Differenzierung von Gruppenangeboten (Burlingame und Baldwin: »Expansion of group models and practice«) und deren Vertretung/Verbreitung in einzelnen wissenschaftlichen Fachgesellschaften, die vermutlich auch zu einer noch besseren Verankerung in der psychotherapeutischen Versorgung geführt hat. Ein wesentliches Kennzeichen der Jahre um die Jahrtausendwende ist eine zunehmende Spezifizierung von Gruppen für spezifische Populationen.
Tab. 2.1: Einige Meilensteine aus der Geschichte der Gruppenpsychotherapie (und Gruppenpsychologie)






JahrPerson/Ereignis/Publikation
2.3 Übersicht über gruppenpsychotherapeutische Verfahren
Die in
Tab. 2.1 dargestellten historischen »Meilensteine« zeigen, dass in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts, in den »Gründungsjahren« neben pragmatisch-edukativen vor allem psychoanalytisch begründete Entwicklungen wichtig waren, weswegen es nicht überrascht, dass bis heute vielfältige gruppenanalytische Methoden existieren und zuerst mit Moreno, dann – deutlich später – mit dem Behaviorismus, andere Ansätze an Bedeutung gewannen.
In der Psychotherapie werden heute gemeinhin vier als wissenschaftlich fundiert geltende Psychotherapieverfahren differenziert, die auch als Gruppenverfahren ausgearbeitet sind und die im Folgenden mit einigen historischen Bezügen relativ kurz skizziert werden.
Tab. 2.2 zeigt zunächst eine fokussierte Abgrenzung der zentralen Therapietheorien (bzw. Verfahren) bezüglich ihrer Anwendung in Gruppen (differenzierte Darstellungen finden sich z. B. bei Marwitz 2016 für die Verhaltenstherapie, bei Strauß 2016a für die psychodynamische, bei Herr et al. 2018, für die systemische sowie bei Biermann-Ratjen und Eckert 2018 für die Gesprächspsychotherapie).
Tab. 2.2: Spezifika gruppentherapeutischer Arbeit in den Psychotherapieverfahren (Rief, Schramm, Psychotherapie, 1. A. 2021 © Elsevier GmbH, München)


CharakteristikaPsychodynamische TherapieVerhaltenstherapieGesprächs- psychotherapieSystemische Therapie
2.3.1 Psychodynamische Gruppentherapie
Angesichts der Vielfalt von Gruppenmethoden in der Tradition psychoanalytischer Theorien überrascht es nicht, dass in der psychodynamischen Gruppentherapie immer wieder eine begriffliche Unschärfe besteht. Nachfolgend wird zunächst auf die Gruppenanalyse2 eingegangen, wie sie sich insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte, dann aber sowohl im Kontext theoretischer Verzweigungen innerhalb der Psychoanalyse als auch angesichts der Anforderungen in der Versorgung von Menschen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern, Varianten und Modifikationen entwickelt wurden, die letztlich jedoch alle psychoanalytisch begründet und »psychodynamisch« sind, weswegen dieser Oberbegriff (wie mittlerweile auch in der Psychotherapie allgemein) hier benutzt wird.
Nach dem Zeiten Weltkrieg erfuhr die Gruppenpsychotherapie einen dramatischen Schub sowohl im Hinblick auf Anwendung, Theorieentwicklung als auch auf Forschung. Dies wurde sicher dadurch befördert, dass viele Soldaten nach dem Krieg an psychologischen Problemen und Traumafolgestörungen litten und einen besonderen Bedarf an neuen Behandlungsansätzen generierten. Besonders hervorzuheben in diesem Kontext ist zunächst Siegmund Heinrich Foulkes, ein in Karlsruhe gebürtiger Psychiater, der über Wien nach England emigrierte und am Northfield Hospital in einem »Military Neurosis Center« tätig war und der, basierend auf der Beobachtung, dass sich die Patienten bereits im Warteraum frei assoziativ miteinander unterhielten, die Konzepte der Gruppenanalyse und der therapeutischen Gemeinschaft weiterentwickelte.
Auf Foulkes geht bspw. die Konzeption der »Gruppe als Ganzes« zurück, die Konzeption multipler Übertragungen innerhalb der Gruppe und das Konzept der Matrix, wobei interessant ist, dass Foulkes den Begriff »Dirigent« dem Begriff des »Leiters« (oder »Führers/Leader«) aufgrund der negativen Konnotation dieses Begriffs nach dem Zweiten Weltkrieg vorzog. Viele der heute praktizierten Varianten psychodynamischer Gruppen gehen auf die Gruppenanalyse S.H. Foulkes zurück.
Foulkes und andere Repräsentanten der Gruppenanalyse sehen die Gruppe als wesentliches Behandlungsinstrument und gehen dabei von folgenden Annahmen aus:
• Eine entwicklungspsychologische Perspektive auf die Persönlichkeit,
• die Existenz intrapsychischer Repräsentationen interpersonaler Beziehungen
• primär psychische Ursachen von Problemen (mentale Störungen sind interpersonale Störungen),
• ein Einfluss unbewusster individueller und gruppenbezogener Prozesse,
• die Allgegenwart psychischer Konflikte und
• die Existenz psychischer Abwehr.
Wesentlich in der Foulkes’schen Theorie ist der Begriff der Matrix, zu der Foulkes sagt:
»The matrix is the hypothetical web of communication and relationship in a given group. It is the common shared ground which ultimately determines the meaning and significance of all events and upon which all communications and interpretations, verbal and non-verbal rest« (Foulkes 1964, S. 292).
Oder an anderer Stelle:
»The network of all individual mental processes, the psychological medium in which they meet, communicate and interact, can be called the matrix« (Foulkes und Anthony 1984, S. 26).
Foulkes sieht den Menschen als primär soziales Wesen, für den in Folge kultureller Entwicklungen Individualität zwar zugenommen hat, die Gruppe jedoch bedeutsam bleibt. Diese repräsentiert deutlich mehr als Individuen oder »Einzelteile«. Die Komplexität der Gruppe wird beschrieben durch die Foundation matrix (Körper, Sozialisation in der Gruppe, Abhängigkeit von Kommunikation, Sprachfähigkeit etc.), die determiniert durch die »interactional/dynamic matrix« (Netzwerke, Geschichte einer spezifischen Gruppe) ist. Die einzelnen Personen sind sich der Matrix nicht bewusst.
Steinar Lorentzen (2014) sieht in der Gruppenanalyse eine »investigative Therapie«, die das Ziel hat, Interaktionen zwischen den Mitgliedern zu optimieren und das Verständnis für die Gruppendynamik und die intrapsychischen Konflikte der Mitglieder zu fördern. Entsprechend zielt die Gruppenanalyse auf der Basis der genannten Annahmen darauf ab, durch Einsichten und korrektive Erfahrungen Verhaltensänderungen inner- und außerhalb der Gruppe zu bewirken, ein positiveres Selbstbild und die Verbesserung/Überwindung maladaptiver/dysfunktionaler Verhaltensmuster zu erreichen.
Auf Lorentzen (2014) geht die nachfolgende Zusammenstellung der Grundprinzipien der Gruppenanalyse (GA) zurück:
• Die Rekapitulation interpersonaler Muster in der Gruppe entspricht der »Übertragungsneurose« in der Einzeltherapie, moderner: Mitglieder entwickeln multiple Übertragungen (inkl. Übertragung auf den Gruppenleiter), die u. a. von frühen Bindungs- und interpersonalen Erfahrungen in anderen Kontexten und zu anderen Personen abhängen
• In der GA erfolgt eine Sozialisation durch die Gruppe (über Imitation, Identifikation, soziales Lernen, direktes Erproben interpersonaler Strategien)
• Typisch für die GA sind die Spiegelphänomene (Foulkes bezeichnete die Gruppe als »hall of mirrors«), d. h. die Konfrontation mit sozialen, psychischen und körperlichen Merkmalen des Einzelnen in der Wahrnehmung und den Rückmeldungen der anderen Gruppenmitglieder (und des Leiters),
• die Kondensation (Verdichtung von archaischem und primitivem Material und Gedanken und Phantasien),
• die Kettenreaktion/Amplifikation (freie Assoziation der gesamten Gruppe zu relevanten Themen) und
• die Resonanz (Sprechen und Verstehen, Interpretationen und Missverständnisse basieren auf innerer Resonanz, die von der Situation und dem aktuellen Zustand abhängig ist).
Der zweite wichtige Nachkriegspsychoanalytiker, der sich um die Gruppenanalyse bemühte, war Wilfred Bion, ein Schüler von Rickman und Melanie Klein, der innerhalb der Psychoanalyse viele theoretische Impulse bspw. im Hinblick auf die Entwicklung von Theorien des Denkens und von Veränderungsprozessen beitrug.
1961 wurde eine Aufsatzsammlung von Bion unter dem Titel »Experiences in Groups« publiziert. Bion benutzte in erster Linie unstrukturierte Gruppenansätze, um Gruppenprozesse zu untersuchen und motivierte die Mitglieder, sich ganz der Gruppendynamik »auszusetzen«. Eine seiner wichtigsten Theorien war die Theorie der Grundannahmen, die mit der konstruktiv-produktiven Arbeit von Gruppen interferieren.
Diese Grundannahmen sind eines von vielen gruppendynamischen, vornehmlich jedoch psychodynamischen Konzepten, wobei die Grundannahmen letztendlich der Abwehr archaischer Ängste dienen, die unbewusst mit dem Wirken von Gruppen verbunden sind (z. B. Selbstaufgabe, Verlust von Sicherheit und Autonomie).
Die von Bion formulierten Grundannahmen sind:
Kampf und Flucht: Dies beschreibt, dass Gruppenmitglieder sich so verhalten, als würde es darum gehen, sich mit einem Feind zu identifizieren und diesen dann zu bekämpfen (dies kann der Leiter sein, die Gruppe als Ganzes, einzelne Mitglieder, die bspw. Sündenbockfunktion haben, aber auch externe »böse Objekte«).
In der Grundannahme der Abhängigkeit, die häufig in den Anfangsphasen von Gruppentherapien relevant ist, verhalten sich die Gruppenmitglieder so, als wäre es das primäre Ziel, totale Sicherheit für alle Mitglieder zu erlangen. Dies ist mit Versorgungswünschen verknüpft sowie mit einer Idealisierung des Leiters. Wenn das Sicherheitsbedürfnis frustriert wird, reagieren die Gruppenmitglieder nach diesem Modus mit einer Gegenabhängigkeit (Infragestellung der Macht des Leiters), die Aggression, Vermeidung, nichtkooperatives Verhalten und Entmutigung beinhaltet.
Der dritte Modus einer Grundannahme im Bion’schen Sinne ist die Paarbildung, die für die Gruppe dazu dient, eine fast messianische Phantasie im Hinblick auf das Paar (das zwei Mitglieder, ein Mitglied und der Leiter oder die Ko-Leiter sein können) zu attribuieren, auf dass dieses die Gruppe auf wunderbare Weise erretten könnte.
Im Bion’schen Sinne stehen diese Grundannahme einem Modus einer »Sophisticated Work Group« (Arbeitsgruppe) entgegen, in der die Mitglieder unabhängig und autonom aufgabenbezogen und differenziert arbeiten.
Später fügte Hopper (2010) auch auf der Basis der Beiträge anderer Autoren eine vierte Grundannahme hinzu, die er »Incohesion: Aggregation/Massification« nannte.
Massification wird dabei als Phänomen beschrieben, demzufolge sich das differenzierte Selbst der Mitglieder in einer Fusion mit der Gruppe als Ganzes (einem »ozeanischen Zustand«) verliert. Das Gegenkonzept der Massification ist das Konzept Aggregation, in dem das Gefühl interpersonaler Verbindung und eine Gruppenidentität verloren geht und durch ein alleiniges »Sense of Me« ersetzt wird, was andere Autoren auch als Fragmentierung bezeichnet haben. Eine schöne Analogie hierzu: »Sometimes, a group and its members want or act like a collection of individual potatoes, completely apart from one another, while at other times the desire to be and behave like a pot of mashed potatoes losing all sense of separateness and individuality. Back and forth swings the group.« (Kaklauskas und Greene 2020, S. 74).
Innerhalb der psychodynamischen Welt hat sich die Gruppentherapie auch in Abhängigkeit von den unterschiedlichen »Psychologien« der Psychoanalyse (Objektbeziehungs-, Ich-und Selbst-Psychologie) differenziert, die sich innerhalb von Gruppen entsprechend auf unterschiedliche Themen wie bspw. die inneren Repräsentanzen von sich und anderen, Ich-Funktionen oder auf den Narzissmus bezogene Aspekte beziehen. Für die Ideengeschichte der psychodynamischen Psychotherapie muss hier auf andere Quellen, z. B. den aktuellen Übersichtsbeitrag von Boll-Klatt et al. (2021), verwiesen werden.
Es gibt in der Geschichte der Gruppenpsychotherapie auch spezifische gesellschaftsbezogene (regionale) Entwicklungen. Genannt sei hier beispielhaft die in der DDR entwickelte intendierte dynamische Gruppenmethode (IDG), die maßgeblich von Kurt Höck (1981) konzipiert wurde. Kern dieses Ansatzes war es u. a. als Gruppenleiter(paar), einen gruppendynamischen Prozess aus der Abhängigkeits- in eine Arbeitsphase zu ermöglichen, wozu der sog. Kippprozess maßgeblich beitragen sollte. Die IDG existiert nach der politischen Wende nach wie vor – unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie (D3G) – als gruppenanalytische Methode, wenn auch gegenüber den DDR-Zeiten modifiziert (vgl. Seidler et al. 2010).
Die verschiedenen gruppenanalytischen Methoden unterscheiden sich im Hinblick auf den Fokus, aber auch die Haltung des Gruppenanalytikers, die beispielsweise in dem auf Bion und Ezriel basierenden Tavistock-Ansatz neben intrapsychischen und interpersonalen Prozessen vor allem auf die »Gruppe als Ganzes« (und deren unbewusste Muster) fokussiert, durch die o. g. Grundannahmen und einen Leiterstil gekennzeichnet ist, bei dem nur Geschehnisse im Hier und Jetzt gedeutet werden. Ereignisse und Beziehungen außerhalb der Gruppe werden hier ebenso wenig berücksichtigt wie Ereignisse der Vergangenheit.
Übergeordnete Darstellungen von Konzepten für (moderne) psychodynamische Gruppentherapie oder Gruppenanalyse finden sich beispielsweise bei Rutan, Stein und Shay (2011), Staats, Dally und Bolm (2014), Lorentzen (2014), Schlapobersky (2018) oder Janssen und Sachs (2018).
Der norwegische Gruppenanalytiker und -forscher Steinar Lorentzen (2014) beschrieb Konzepte der Gruppenanalyse sehr anschaulich in einem Manual, das als Grundlage für eine vergleichende Studie einer psychodynamischen Kurzzeit- und einer Langzeitgruppenpsychotherapie diente (
Kap. 7). Neben allgemeinen Prinzipien der Gruppenleitung, orientiert an den konsekutiven/parallelen Aufgaben des Zuhörens, Beobachtens, Reflektierens und Intervenierens (
Kasten 2.1), differenziert Lorentzen die Unterschiede zwischen der eher supportiven Kurzzeittherapie und der eher interpretativen (d. h. deutenden und einsichtsfördernden) Langzeittherapie (
Tab. 2.3).
Die Konzeption der Kurzzeittherapie basiert beispielsweise auf Ansätzen psychodynamischer Gruppen, die von Budman und Gurman (1988) bzw. MacKenzie (1990) als »time-effective« bzw. »time-managed group therapies« beschrieben wurden. Sicherlich ist die Entwicklung von psychodynamischen Kurzzeitgruppenansätzen sowie fokussierter, z. T. auch störungs- (z. B. Gawlytta et al. 2014, bezogen auf soziale Angststörungen) bzw. problemorienterter (z. B. Piper et al. 2011, bezogen auf komplizierte Trauer) Ansätze kennzeichnend für die jüngere Vergangenheit und vermutlich auch die Zukunft.
Kasten 2.1: Zusammenfassung psychodynamischer Gruppeninterventionen auf der Basis des Manuals von Lorentzen (2014) und der Beschreibungen von Kennard et al. (2005): Die (simultanen) therapeutischen Handlungen des Zuhörens, Beobachtens, Reflektierens und (ggf.) Intervenierens
Voraussetzung für Interventionen:
Fragen der KONFIGURATION (jedes Ereignis vor dem Hintergrund der Gruppe zu sehen) und der LOKALISIERUNG (»Ursache« einer Störung)
Zuhören
Beobachtung (here-and now, Geschichte, Kontext, bifokale Oriantierung [Individuen, Gruppe])
Reflexion:
In Welcher Situation befindet sich die Gruppe? (z. B. Aktivität, Emotionalität, Thema)
Welcher Prozess trägt dazu bei (z. B vorangehende Ereignisse, Reaktionen auf Mitteilungen, repetitive Muster)
Worüber wird nicht gesprochen? (Aussparen anstehender Themen, Schweigen)
Ist die Situation konstruktiv, destruktiv, neutral? Ist es wünschenswert, etwas an der Situation zu ändern?
Ja, wenn Gruppe blockiert ist, sich wiederholt, wenn jmd. Attacktiert/missbraucht wird, wenn Schweigen unproduktiv ist, wenn die Gruppe nocht voran komm bzw. sich zu nehr müht, etwas zu verstehen
Ist es möglich, etwas zu verändern? (Aktiv werden oder abwarten) Welche Interventionen kommen zur Beeinflussung des Prozesses und der Situation infrage?
Richtung (Gruppe, Individuen, Subgruppen) und Art der Intervention (Beschreibung/Deutung von Inhalten, Form, Bedeutung, Motiven, Lokalisationen)
Habe ich die notwendigen Interventionen in meinem Repertoire? »Hoffentlich, sonst die Gruppe fragen« oder »Anleihen nehmen« Ist die Zeit reif für Interventionen?
Konfigurationen und Lokalisationen klar genug, dass Intervention auf fruchtbaren Boden fällt und nicht die Abwehr erhöht?, Interventionen sollten für Einzelne keine »narzisstischen Attacken« darstellen (Bedeutung der Formulierung)
Sicherung des »Rapports« und der Kohäsion (keine Deutungen in frühen Phasen einer Gruppe)
Zuhören, Beobachten, Reflektieren > Intervenieren (speziell in Langzeittherapie)
Reflektieren ALLER verfügbarer Informationen (Vordergrund, Hintergrund, individuelle Geschichten, Geschichte der Gruppe, Emotionalität, Verteilung von Affekten, Worte, Ausdrucksformen, nonverbales Geschehen etc.) und kontextueller Faktoren (z. B. wer fehlt, neue Mitglieder, Störungen jedweder Art)
Gruppe sollte so viel wie möglich selbst erarbeiten und lösen, Leiter hat Verantwortung für »gruppenanalytische Situation« (optimale Atmosphäre)
Mögliche Intervention (Beispiele)
• Aufrechterhalten der Struktur
• Offene und geleitete Prozessförderung
• Keine sofortige Reaktion
• Aktion
• Selbstöffnung
• Modelling
• Klarifikation – Konfrontation – Deutung
Insbesondere im deutschen Sprachraum wurde die psychoanalytisch-interaktionelle Methode (piM) als ein wichtiges Konzept psychodynamischer Gruppen bzw. der Gruppenanalyse entwickelt, in dem eine Differenzierung des therapeutischen Vorgehens und der Gruppengestaltung (speziell der Regressionstiefe) in Abhängigkeit vom Strukturniveau der Patienten (piM für eher strukturschwache Patienten) angestrebt wird.
Die piM ist Teil einer Konzeption, die auch unter dem Begriff des Göttinger Modells für Gruppenpsychotherapie in die Literatur einging und die ursprünglich von Heigl und Heigl-Evers (1973) entwickelt wurde. Das Ehepaar Heigl differenzierte die psychoanalytisch begründete therapeutische Gruppe für unterschiedliche Patientengruppen in drei Kategorien und berücksichtigte dabei auch ganz explizit sozialpsychologisch-gruppendynamische Konzepte unter Bezug auf Raoul Schindler, David Rapaport und Hannah Arendt (vgl. Heigl-Evers et al. 1998). Während die »klassische« psychoanalytische Gruppentherapie oder Gruppenanalyse i. S. von Foulkes die Regression durch Zurückhaltung und Abstinenz des Therapeuten fördert, zielt die analytisch orientierte (oder tiefenpsychologisch fundierte) Gruppentherapie darauf ab, Menschen mit etwas weniger ausgeprägter Struktur- oder Ichschwäche zu behandeln und deren unbewusste Konflikte zu verstehen sowie Autonomie und Selbstsicherheit zu fördern. Im Gegensatz zur psychoanalytischen Gruppenpsychotherapie wird hier weitgehend auf Deutungen verzichtet.
Tab. 2.3: Abgrenzung eher supportiver (kurzzeitiger) und interpretativer (langzeitiger) psychodynamischer Gruppentherapie nach Aspekten der therapeutischen Beziehung und der Techniken bzw. dem Umgang mit Übertragung (in Anlehnung an Lorentzen 2014, 2020; MacKenzie 1997a, b)

Supportive Therapie/ KurzzeittherapieInterpretative Therapie/ Langzeittherapie
Die piM als dritte Kategorie bzw. dritter Ansatz im Rahmen des Göttinger Modells fördert primär die Ich-Funktionen, wie etwa die Wahrnehmung und Differenzierung von Affekten. In der piM steht anstelle der Deutung das Prinzip »Antwort « im Vordergrund. Antworten bedeutet in diesem Fall, »dass der Therapeut seine persönliche Reaktion (Gegenübertragung) auf den Gruppenprozess und auch auf die einzelnen Teilnehmer selektiv so mitteilt, dass davon eine Anregung für interpersonelles Lernen und die Entwicklung von Ich-Funktionen der Teilnehmer zu erwarten« ist (Staats et al. 2014, S. 53). Staats et al. (2014) verweisen darauf, dass mit der »Betonung der Entwicklung der Ich-Funktionen, mit den Antworten des Therapeuten und dem Eingehen auf Lernschritte innerhalb der Gruppe« (S. 53) die piM deutliche Bezüge zu humanistischen Gruppentherapieverfahren aufweise, teilweise auch zur Verhaltenstherapie und besonders zu der mentalisierungsbasierten Gruppentherapie (s. u.). Das Lehrbuch von Staats, Dally und Bolm (2014) stellt die Methoden des Göttinger Modells ausführlich dar.
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