Читать книгу: «Ab dä Fisch»
Bernd Dombek
Ab dä Fisch
Satire
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Der Anfang
Genesis
Lebewesen und Planeten
Das Firmament erzittert
Spione und Agenten
Unschlagbare Argumente
Gott und Frauen
Kosmischer Nebel
Spirituelles
Wilde Romanzen
Die Reifeprüfung
Göttin und Männer
Unsinnige Spielereien
Auf ein Neues
Evolution 2.0
Das Ende
Präludium
Intermezzo
Auge um Auge
Zahn um Zahn
EPILOG
Impressum neobooks
Prolog
Selbst in der schlechtesten aller möglichen Welten
ist immer noch Schönheit
Die Firma ist unglaublich alt. Sie steht ehern und sakrosankt in ihrer unermesslichen Glorie. Niemand stellt ihre Kompetenz in Frage, denn die Firma wurde schon vor dem Beginn der Zeitrechnung gegründet und verfügt über eine schier unglaubliche Sammlung an empirischen Daten. Ihr Status ist sprichwörtlich Legende, doch trotz der nur mäßigen Fluktuation unter den Fachkräften ist keiner der Mitarbeiter dort länger beschäftigt als Helge.
Er gehört tatsächlich zur ursprünglichen Stammbelegschaft. Ein richtiges Fossil sozusagen.
Aus diesem Grund nennen ihn die Angestellten hinter vorgehaltener Hand zwar etwas respektlos aber dennoch liebevoll ''Der Alte''.
Mittlerweile ist er in die Jahre geraten, hat etwas von seiner früheren Sehschärfe eingebüßt und wackelige Zähne bekommen. Besonders gut hören kann er inzwischen auch nicht mehr. Zu allem Überfluss sitzt der Alte in der letzten Zeit obendrein auch noch schief auf dem Stuhl.
Das ist ihm wirklich peinlich. Man sollte es daher einfach besser nicht in seiner Gegenwart erwähnen. Noch viel unangenehmer ist es ihm aber, wenn er nach seiner vorherigen Beschäftigung gefragt wird. Über die Zeit in dem damaligen Arbeitsverhältnis würde er nur zu gerne den Mantel des Vergessens ausbreiten. Leider passt dort nicht alles drunter und so bahnt sich durch das eine oder andere Leck hin und wieder die Wahrheit ihren Weg ins Freie. Es ist nämlich derselbe Betrieb, nur das er zu jener Zeit noch keine profunde Berufserfahrung hat und deshalb ein Volontariat absolviert. Der Alte ist damals noch ein junger Bursche und hüpft sozusagen als Springer von Abteilung zu Abteilung. Weil man als Volontär dem Arbeitgeber gegenüber recht ungebunden ist, kann er seiner Neugier freien Lauf lassen. Die Verantwortlichen werden schnell auf sein technisches Verständnis aufmerksam. Aus diesem Grund er darf innerhalb kürzester Zeit auch schon an ziemlich delikaten Experimenten teilnehmen. Die heikle Platzierung von angereicherten Isotopen auf der äußeren Protonen Schale zum Beispiel oder die Fusion von Wasserstoff. Diese Vorgänge hat er an einem Vormittag zur Gänze durchgespielt, vollständig verstanden und im Anschluss daran ohne weitere Hilfestellung völlig selbstständig im Labor wiederholt.
Der Betriebsvorstand ist massiv beeindruckt. Dies um so mehr, als auch die Umwandlung von Wasserstoff in schwerere Elemente wie Helium auf Anhieb gelingt. Sein Tutor erklärt ihm den Sinn der Gravitationskonstante und das, wenn sie erst einmal eingerichtet ist, man besser die Finger von ihr lässt. Der Alte wird mit viel Geduld und Feingefühl an Geheimnisse wie kleiner und großer Elektromagnetismus herangeführt. Dazu gehören natürlich ebenfalls alle Naturkonstanten wie Lichtgeschwindigkeit, Cluster Ballungen, sowohl schwarze als auch weiße Löcher, dunkle Materie und dunkle Energie, Struktur der Filamente, die geheimnisvolle Quantenmechanik und nicht zu vergessen das ultimative kosmische Gesetz schlechthin:
Der Ablauf der Hersteller Garantie!
Trotz seiner brillanten Auffassungsgabe, wird sein Augenmerk wiederholt auf das innerbetriebliche Hauptproblem gelenkt. Ein Problem mit ungeheurem Gefahrenpotenzial.
''Also Helge, das hier ist der Beschleuniger Knopf. Da drückst du uns auf keinen Fall drauf! Klar?''
''Ist klar, ich drück nicht drauf. Versprochen!''
Als Vorsichtsmaßnahme wird in dem Gebäude auf jeder Etage mit entsprechenden Schildern auf den Knopf hingewiesen. Da steht zum Beispiel schon im Foyer ein Hinweisschild mit dem Aufdruck:
'Achtung! Beschleuniger Knopf ist in der zweiten Etage. Bitte nicht daran herumfummeln. Wehe!'
In der zweiten Etage steht ein Schild mit dem Hinweis:
'Der Knopf ist hier gleich links um die Ecke nur 4 Schritte entfernt. Nicht anfassen!'
Der besagte Knopf selbst wird durch mehrere leuchtend rote Hinweispfeile, die um ihn herum an den Wänden angebracht sind, für jedermann deutlich erkennbar gemacht. Die Pfeile zeigen alle in seine Richtung, wurden in der hausinternen Dekorationsabteilung angefertigt und tragen Aufdrucke wie:
'Hier ist er! Nicht drücken!'
oder,
'Diesen Knopf nicht berühren!'
oder,
'Hände in den Taschen lassen!'
oder einfach nur,
'Finger weg!'
Dieses eigenwillige System der Prävention funktioniert nun schon, man mag es kaum glauben, seit Äonen recht erfolgreich. Niemand hat jemals den Knopf gedrückt, ist zufällig daran gestoßen oder hat ihn anderweitig betätigt. Die Oldtimer des Betriebes können die Frage, wann überhaupt jemand das letzte Mal auch nur in die Nähe des Knopfes geraten ist, selbst nach reichlich Bedenkzeit nicht zufriedenstellend beantworten. So unglaublich lange ist das schon her. Außerdem gilt in der Firma das ungeschriebene Gesetz, dass der scheiß Knopf in keinem Gespräch zwischen den Beschäftigten erwähnt wird. Auch nicht während der Zigarettenpause oder beim Frühstück. Niemals! Und wenn wieder einmal Betriebsfremde an einem geführten Rundgang durch die Firma teilnehmen, dann erst recht nicht. Die zweite Etage wird sowieso bei solchen Veranstaltungen immer konsequent ausgelassen.
Im Laufe der Zeit hat sich der Alte mit Doktor L aus dem Versuchslabor angefreundet. Sie sind sich öfter zur Frühstückspause in der Cafeteria und zum Mittagessen in der Kantine begegnet. Doktor L arbeitet in einer streng geheimen Spezialabteilung und wird meistens, obwohl er ein wirklich netter Kerl ist, von seiner Umwelt nicht richtig wahrgenommen. Manchmal erscheint er mit verkohlten Haaren und Brandflecken auf seinem Techniker Kittel. Also alles in allem in einem recht derangierten Zustand. Seltsamerweise wird er dann jedoch von fast allen Beschäftigten erkannt.
''Ah, da ist ja unser Herr Doktor L wieder'', flötet Frau Doktor Haferflocke, ''den haben wir schon lange nicht mehr gesehen.''
Frau Doktor arbeitet in der Verwaltung, hat Prokura und ist für sämtliche Einträge ins Handelsregister zuständig. In der Kantine nimmt sie ständig neben dem Alten Platz sobald er sich setzt. Muss wohl Zuneigung sein.
''Schade, dass er sich nur in solch einem Zustand zeigt'', fügt sie an.
''Woran das wohl liegen mag'', sinniert der Alte.
''Wahrscheinlich am Kittel'', antwortet Doktor Haferflocke bestimmt.
Und das ist fein beobachtet! Techniker Kittel haben die Eigenschaft ihre Träger vor aufdringlichen Blicken zu schützen. Wenn sich also jemand auf einen Techniker optisch fokussieren will, dann bekommt er einfach kein klares Bild justiert. Schon gar nicht, wenn er wie Doktor L aus einer Spezialabteilung kommt. Nur aus dem Augenwinkel hat man eine Restwahrnehmung. Erst sehr viel später wird dieses Phänomen als 'Heisenbergsche Unschärferelation' Einzug in die wissenschaftliche Literatur finden.
''Darf ich vorstellen? Das ist Doktor L.''
''Angenehm'', sagt der Alte.
''Und das ist Helge. Unser Volontär'', ergänzt Haferflocke mit schmelzendem Blick.
''Sehr erfreut'', antwortet L.
Wie gesagt, der Alte und Doktor L freunden sich an. Außer einigen Treffen in der Cafeteria und der Kantine gibt es jedoch keine gemeinsamen Aktivitäten. Das ändert sich erst nach einer gewissen Weile, als sich gegenseitiges Vertrauen entwickelt hat.
''Sag mal, ist L eigentlich dein richtiger Name?''
''Nein, ich darf dir den aber nicht sagen. Ist geheim.''
''So wie dein Labor, was?''
''Mein Name ist geheim. Mein Labor ist es nicht.''
''Und was geschieht dort?''
''Wir machen dort Spezialeffekte.''
''Ach. Worin bestehen die?''
''Explosionen, Qualm, Rauch, Schwefel und Feuer. Solche Sachen.''
''Klasse! Würde ich mir gerne einmal anschauen.''
''Kein Problem. Komm morgen einfach nach der Frühstückspause in den Tiefkeller und klingel am 'Labor für Pyrotechnik'. Ich mach dir dann auf.''
''Stört es auch niemanden wenn ich dort auftauche?''
''Nein Helge, ich arbeite dort ganz alleine.''
Am folgenden Morgen stiefelt der Alte wie verabredet in den Tiefkeller. Dort ist alles aus Ultra verstärkten und extra schweren Materialien gebaut worden und das ist auch gut so. Grundsätzlich liegen Labore mit einem gewissen Gefahrenpotenzial immer mehrere Ebenen unterhalb der normalen Bereiche. Sollte einmal etwas schiefgehen, so ist dort immer noch genügend Zwischenraum zum puffern. Und Experimente, bei denen Explosionen ausgelöst werden die das ganze Fundament zerfetzen und damit das komplette Gebäude zum Einsturz bringen könnten, werden schon seit geraumer Zeit nicht mehr durchgeführt. Man hat einfach zu viele schlechte Erfahrungen damit gemacht. Je tiefer der Alte hinabsteigt, desto mehr dringt ihm der penetrante Geruch von Schwefel in die Nase. Außerdem macht das Gebäude hier unten einen doch recht ungepflegten Eindruck.
''Wahrscheinlich jagen die hier jeden Tag so viel Zeug in die Luft, dass die Raumpfleger gar nicht mehr mithalten können'', denkt der Alte, ''muss ich später mal nachfragen.''
Inzwischen ist auch die Musik, welche bisher leise im Hintergrund zu hören war, auf ein erhebliches Lautstärke Niveau angewachsen. Der Sound ist kernig, mit einem Bass, der direkt in Magen und Beine fährt. In den oberen Etagen des Gebäudes sind zwar auch ständig Töne zu hören, handelt es sich dabei jedoch eher um von Hand gespielte Kammermusik mit gepflegten Geigen und Harfen Klängen. Im Gegensatz dazu läuft hier unten richtig fette Party Mucke.
''Ganz schön was los hier. Vielleicht hat Doktor L Geburtstag oder so'', schießt es dem Alten durch den Kopf.
Dann biegt er auch schon um die Ecke und steht vor einer mehrfach gesicherten Stahltür. Die Wand ist drum herum mit allerlei Schildern zugekleistert. Auf ihnen wird vor Radioaktivität, Bio-Hazard und chemischen Stoffen gewarnt. Auf der Tür selbst wird und das findet der Alte besonders witzig da es auf die hausinterne Postzustellung abzielt, auf einen kleinen bissigen Hund hingewiesen. Gleich neben der Tür befindet sich unterhalb des Schildes 'Labor für Pyrotechnik' eine ziemlich angeschmorte Klingel. Nach kurzem Zögern nimmt sich der Alte ein Herz und betätigt das Teil. Fast im selben Augenblick klappt der kleine Hund nach hinten und es bildet sich eine Luke in der Tür. Die ist so winzig, dass der Alt nur zwei stechend schwarze, vom Wahnsinn gezeichnete Augen erkennen kann.
''Was is' los'', keift es von innen.
''Ich bin es. Helge, der Volontär.''
''Willst du hier sozial Stunden abarbeiten, oder was?''
''Nein. Ich folge einer Einladung von Doktor L'', antwortet der Alte sichtlich um Entspannung bemüht.
Die schwarzen Augen schießen sofort nach vorne, kleben jetzt förmlich an der Luke, wandern von oben nach unten und mustern den Alten intensiv.
''O.K. Ist in Ordnung. Stehst auf der Gästeliste. Komm 'rein!''
Die Tür schwenkt erhaben auf. Sofort strömt gedämpftes rotes Licht und noch mehr Schwefelaroma in den Gang. Das Nächste was ihm auffällt ist ein kleiner Hund, der fast nur aus Gebiss zu bestehen scheint. Breitbeinig und mit maßloser Selbstüberschätzung versperrt er dem Alten den Weg ins Labor.
''Cerbi, geh' auf Seite und lass Onkel Helge durch'', wird er vom Türsteher zurückgepfiffen.
Erstaunlicherweise gehorcht der Köter aufs Wort und lässt den Alten eintreten. Der wird vom Türsteher mit einem Lächeln und einer auffordernden Handbewegung bedacht. Er marschiert daraufhin weiter in die Tiefen des Labors. Es geht vorbei an einer gestreckten Theke, auf der aus kleinen Vulkankegeln Rauch mit benebelnden exotischen Düften aufsteigt. Mehrere Pole-Dance Tänzerinnen wiegen ihre makellosen Körper im Rhythmus der Musik und heizen die Stimmung im Raum an.
''Ganz schön warm hier'', denk der Alte, ''aber ein echt geiles Ambiente!''
Als dann auch noch Frau Doktor Haferflocke mit Strapsen bekleidet durch den Raum schwebt und ihn mit einem gesäuselten,
♫''Hallo Helge, ♪schön das du auch hier bist''♫,
begrüßt, kennt seine Begeisterung keine Grenze mehr.
Haferflocke zieht den Alten freundlich aber bestimmt zur Theke.
''Lass uns erst einmal einen anständigen Drink nehmen, Helge. Doktor L muss ein wichtiges Experiment zu Ende führen. Das kann sich noch ein paar Minuten hinauszögern.''
Also genehmigen sich die Beiden erst einmal ein Getränk auf Kosten des Hauses. Weil man sich danach noch immer in der Warteschleife befindet, bestellen sie sich gleich das Nächste. Die lustigen kleinen Vulkane auf der Theke rauchen derweil fröhlich vor sich hin und benebeln die Sinne der Anwesenden. Als dann irgendwann Doktor L auftaucht, ist der Alte von den happy Essenzen dermaßen breit, dass er keine klare Wahrnehmung mehr hat. Auch Doktor Haferflocke hängt mittlerweile wie ein angeschossenes Reh auf dem Barhocker. Zur Sicherheit hat sie sich aber mit ihren Strapsen an der Theke fixiert.
''Wie ich sehe, habt ihr euch gut amüsiert'', strahlt L zufrieden.
''Das kann man mit Fug und Recht behaupten'', erwidert der Alte, ''ist ein echter Knaller dein Labor.''
''Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Komm mit Helge, ich zeig dir den Rest.''
''Ja, aber mach bitte langsam. Mir ist ein bisschen schwindelig.''
''Du musst dich beim nächsten Mal nicht so nah an die Vulkane setzen'', sagt L schmunzelnd und hilft dem Alten behutsam vom Barhocker.
''Ich dachte du arbeitest hier alleine. Dafür ist deine Bude aber ganz schön voll'', bemerkt der Alte.
Doktor L erklärt daraufhin den Sachverhalt.
''Der Verantwortliche bin ich, aber natürlich werden die Experimente von vielen Helfern ausgeführt. Es würde eine fast unlösbare Aufgabe sein, wenn das alles hier nur von einer Person abhängig wäre. Hat etwas mit Gewaltenteilung und delegieren zu tun.''
''Und was hat Doktor Haferflocke hier unten zu schaffen? Ich denk die ist aus der Verwaltung.''
''Ist sie auch, aber nach der Mittagspause kommt sie regelmäßig zum abfeiern ins Tiefgeschoss. Hier unten lassen die von der Personalabteilung und der gesamte Einkauf regelmäßig völlig ungehemmt die Sau raus. Es bleibt nämlich alles unter uns und man kann sogar Themen erörtern die in den anderen Etagen tabu sind.''
''Der berüchtigte Beschleuniger Knopf zum Beispiel?!''
''Zum Beispiel'', pflichtet Doktor L bei.
''Ja was hat es denn eigentlich mit dem Teil auf sich?''
''Ach das ist wie immer viel Wirbel um nichts. Es hat etwas mit Entropie zu tun und dem Grad der Unumkehrbarkeit eines Vorganges.''
''Also Umwandlung von thermischer in mechanische Energie?!''
''Genau das geschieht'', bestätigt L, ''und macht gewisse Dinge irreversibel.''
Mittlerweile haben die Beiden die Tiefen des Labors erreicht und stehen jetzt vor einer Art Panzerglasscheibe. Dahinter strahlt und funkelt eine Versuchsanordnung in ungeheurer Helligkeit.
''Das ist eines meiner favorisierten Experimente, Helge. Zieh' dir bitte zur Sicherheit eine Schutzbrille auf. Wir haben hier unten strenge Sicherheitsauflagen'', erklärt L und reicht dem Alten einen Augenschutz.
''Was passiert denn da drüben?''
''Wir lassen jetzt gleich einen Stern mit 15 Millionen Standardsonnenmassen zu einem schwarzen Loch kollabieren!''
''Das ist aber viel!''
''Kannst du wohl laut sagen!''
''Aber dabei geht doch in der näheren Umgebung alles kaputt!''
''Nun ja, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Kann später aber alles wieder ausgebeult werden.''
''Aber das ganze Leben wird dort ausgelöscht'', interveniert der Alte.
''Jetzt mach mal 'n Punkt, Helge. Indianer kennt kein' Schmerz'', zwinkert L fröhlich.
Der Alte kommt zu keiner weiteren Erwiderung, denn hinter dem Panzerglas entsteht just in diesem Moment eine ungeheure Lichtkugel, die sich rasend schnell ausdehnt. Das monströse Ding überstrahlt alles mit seiner Helligkeit, kommt dann aber abrupt zum Stillstand und schrumpft innerhalb eines Wimpernschlages auf die Größe eines Stecknadelkopfes zusammen. Dann ist gar nichts mehr zu sehen. Noch nicht einmal irgendwelche Reste des ganzen Vorganges.
''So eine Umwandlung ist jedes Mal aufs Neue faszinierend. Mein Lieblingsversuch übrigens'', schwadroniert Doktor L und knufft dem Alten leutselig in die Rippen.
''So kann man das auch sehen'', erwidert dieser, ''ich hab eine ganz trockene Kehle bekommen. Brauch jetzt echt etwas zu trinken.''
''Lass uns zur Theke gehen. Die Drinks gehen selbstverständlich auf mich'', erwidert der Doktor jovial.
Dann schnappt er sich den Alten und manövriert ihn zurück in die Pole-Dance Sektion. Natürlich wird er wieder ganz nah an den rauchenden Vulkanen platziert, was seinem benebelten Zustand weiterhin erheblich zuträglich ist.
''Mix uns bitte zwei 'Bloody Purgatory'. Extra stark'', ordert er augenzwinkernd beim Barkeeper.
''Geht klar, kommt sofort'', antwortet der und füllt augenblicklich mehrere undefinierbare Substanzen in einen Shaker. Das chromblitzende Teil wird danach von ihm mit der Gewandtheit eines Zirkusjongleurs geschüttelt. Die lustigen Lichtreflexe auf dem Shaker haben eine mild hypnotisierend Wirkung auf den Alten, sodass er seine Augen nicht mehr von der Darbietung abwenden kann. Als sich dann schließlich zwei grüne, dampfende Getränke vor ihm auf der Theke materialisieren, ist er definitiv in einer anderen Sphäre angekommen.
''Auf ex'', fordert Doktor L den Alten auf, ''ist hier die Hausordnung.''
''Wenn es sein muss, so sei es'', erwidert der.
Klirrend stoßen sie ihre Gläser zusammen und stürzen sich das Gebräu die Kehlen hinunter. Als das Gesöff den Magen erreicht, explodiert es dort mit der Gewalt einer nuklearen Tellermine.
Der Alte sackt auf dem Barhocker in sich zusammen und ihm dämmert langsam der Sinn hinter dem Begriff : 'Heilige Dreifaltigkeit'.
Zugedröhnt! Hypnotisiert! Besoffen!
Was der Alte zu diesem Zeitpunkt nicht weiß ist die Tatsache, dass der ganze Event im Labor für Pyrotechnik von langer Hand geplant wurde. Alles ist eine einzige, hervorragend gestaltete Kulisse. Die Pole Tänzerinnen, der Türsteher und selbst der kleine Hund sind nicht das was sie vorzugeben scheinen. Doktor L hat keine Kosten und Mühen gescheut und die teuerste Schauspieler Agentur mit der Besetzung der einzelnen Rollen beauftragt. Selbstverständlich ist Frau Doktor Haferflocke ebenfalls von einer Schauspielerin aus einer Doppelgänger Agentur gedoubelt worden. Frau Doktor würde nie ihren Fuß über die Schwelle dieses Labors setzen, ebenso wenig wie auch die gesamte Personalabteilung nebst Einkauf. Das sind nämlich alles anständige Leute und würden 'im Leben nicht' ein solch verruchtes Etablissement betreten. Doktor L hat sogar am Morgen das ganze Tiefgeschoss vorsorglich und abgefeimt mit konzentriertem Hasch Dampf fluten lassen um die Zielperson schon im Vorfeld zu benebeln. Damit der süßliche Geruch nicht sofort auffällt, lässt er ein paar milde, harmlose Schwefel Experimente auf dem Flur durchführen. Immerhin hat das alles erfolgreich funktioniert, denn der Alte ist bis zum jetzigen Zeitpunkt immer noch völlig ahnungslos.
Daran wird sich auch nichts ändern, denn Hand aufs Herz, nach einem 'Bloody Purgatory' ist die Chance noch irgendetwas zu merken auf ein verschwindend geringes Minimum geschrumpft.
Und all dies geschieht nur aus einem einzigen perfidem Grund.
''Mir ist übel. Ich geh' jetzt besser'', nuschelt der Alte.
''Glaub' ich auch, sonst kotzt du mir nachher noch auf den Teppich'', pflichtet der Doktor bei.
''Hilf mir mal hier runter bitte, ich kann kaum noch gerade stehen. Das Zeug ist wirklich sehr stark.''
''Wenn man es nicht gewöhnt ist, zieht es einem schon die Beine weg.''
Doktor L greift dem Alten hilfreich unter den Arm und bugsiert ihn danach vorsichtig zum Eingang.
''Ich habe hier unten einen kleinen Lastenaufzug. Nimm den doch einfach, dann brauchst du dich nicht mit den Treppen abquälen'', schlägt L vor.
''Gute Idee'', sagt der Alte, ''wie hoch fährt der? Ich muss in die 5te Etage.''
''Leider nur bis zur Ersten, aber dort gehst du einfach links um die Ecke und steigst in den regulären Aufzug um.''
Und das ist eine glatte Lüge! In Wahrheit fährt der Lift in die 2te Etage, aber aus Gründen infamer Täuschung wird dies von Doktor L verschwiegen. Voller Fürsorge ist er weiterhin behilflich, erreicht mit dem Alten im Schlepp den Lastenaufzug und betätigt den Rufknopf. Es dauert ein paar Sekunden bis unter ordentlichem Getöse der Lift schließlich erscheint.
Innen ist eine Schalttafel mit Bedienelementen.
''Ich mach das schon für dich'', sagt der Doktor und fummelt an der Tafel herum. Der Alte lehnt derweil eingekeilt und sternhagelvoll in einer Ecke des Liftes.
''Ich danke dir von ganzem Herzen für deine Bemühungen. Bist ein guter Mann.''
''Keine Ursache, denk dran, oben gehst du links um die Ecke und drückst einfach den Rufknopf für den normalen Aufzug.''
''O.K. Mach ich.''
Doktor L zieht sich aus dem Lift zurück und winkt dabei noch einmal freundlich. Dann gleitet die Tür zu. Damit ist, ohne dass in dem Alten der kleinste Argwohn aufkeimt, die Falle endgültig zugeschnappt!
Der Aufzug quält sich ächzend in die Höhe und kommt nach kurzer Zeit zum Stehen. Nachdem sich die Tür mit einem leisen 'ping' geöffnet hat, torkelt der Alte hinaus und biegt links ums Eck. Er findet den Rufknopf für den regulären Lift sofort, weil der freundlicherweise durch Hinweispfeile markiert ist. Erschöpft und gleichzeitig erleichtert legt der Alte seinen Daumen darauf.
Und drückt zu!
Im selben Augenblick geschieht außerhalb des Gebäudes das Unfassbare.
Die Entropie beschleunigt sich!
Zur selben Zeit in der Zentrale für Sicherheit und Ordnung schrillen die Alarmglocken. Gleich mehrere Systemanalytiker versuchen sich an einem Ektropie Bypass, um den Ordnungszustand des lebendigen Systems wieder zu erhöhen. Leider ist das System aber grundsätzlich so gestaltet worden, dass es keine Seiteneinspeisung zulässt. Sie erkennen sehr schnell die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen. Langsam breitet sich Panik in der Zentrale aus.
''Legt den 'Reset' Schalter um! Das ist unsere letzte Chance! Schnell'', brüllt der diensthabende Aufsichtsleiter quer durch den Raum.
Sofort hechtet ein Techniker über die Absperrung und fliegt fast waagerecht zum Hauptschaltpult. Dort sitzt der Schalter unter einer Abdeckung und blinkt in einem gefährlichen Rot. Voller verzweifeltem Ungestüm nestelt der Mitarbeiter an der Abdeckung und reißt sie schließlich einfach hektisch herunter.
Dabei bricht der Schalter ab!
In diesem Moment lassen alle Anwesenden die Hoffnung fahren. Es ist ein fast körperlich spürbares Gefühl, wie sich die Verzweiflung in ihnen breit macht und sie niedergeschlagen die Köpfe hängen lassen. Ein deprimierender Anblick.
Wie zum Hohn, thront über der ganzen Szene ein riesiger Monitor auf dem zu sehen ist, dass der Alte immer noch mit seinem blöden Daumen auf den scheiß Beschleuniger Knopf drückt!
Draußen vor dem Gebäude kann man jetzt gut beobachten, wie die stetige Expansion zum Stillstand kommt und sich langsam in eine Umkehrbewegung verwandelt. Riesige Filamente aus den Tiefen des Alls streben nun alle einem gemeinsamen Punkt entgegen. Stellare Staubwolken werden rasant beschleunigt und glühen dabei in allen Farben des Regenbogens. Gigantische Cluster flitzen vorüber und werden auseinander gerissen. Ganze Galaxien bahnen sich brutal ihren Weg, wirbeln im feurigen Tanz der Apokalypse vorbei und alles, alles will sich in einem einzigen Punkt vereinen. Die Geschwindigkeit hat sich mittlerweile ins Unendliche gesteigert und ist jetzt nicht mehr messbar.
Am Zielpunkt wird es eng. Richtig eng!
Der Grad der Unumkehrbarkeit ist erreicht!
Fassungslos starren die Techniker in der Zentrale für Sicherheit und Ordnung auf ihre Monitore.
''Helge du Arschloch. 15 Milliarden Jahre Arbeit absolut sinnlos vertan'', murmelt der diensthabende Aufsichtsleiter völlig frustriert.
Im selben Augenblick implodiert draußen das Weltall und schrumpft zur Alpha Singularität!
Als die Schockwelle schließlich das Gebäude wie ein Hammer trifft und in seinen Grundfesten erschüttert, da löst sich über dem Eingang das Schild mit dem Firmenlogo!
HIMMEL
WIR BAUEN UNIVERSEN FÜR SIE
Der Anfang
Aller Anfang ist schwer und es ist auch noch kein Meister vom Himmel gefallen, doch der Einstieg ins Business hätte für den Alten nicht suboptimaler sein können. Natürlich hat er zur damaligen Zeit noch keine allzu große Ahnung von der Dualität der Dinge. Will heißen, wo viel Licht ist, da gibt es auch viel Schatten. In seinem Fall bedeutet es, dass er zwar den Himmel einigermaßen gut definieren kann, aber bis dato keinen blassen Schimmer über die Existenz der Hölle hat. Nun gut, nach dem Vorfall mit dem Beschleuniger Knopf bei dem ein ganzes Universum zu Bruch gegangen ist, weiß er jetzt Bescheid über die Abgründe der Tiefetage und die Machenschaften eines Doktor L!
Lernen durch Schmerz ist nachhaltig. Die Erinnerung auch und so ist es nicht verwunderlich, dass man dem Alten das Desaster noch für sehr lange Zeit unter die Nase reibt.
''Ruf dir doch den Aufzug'', wird er gefoppt, als wieder einmal stoßweise Aktenstapel in die oberen Etagen gebracht werden mussten. Bis zum Abwinken treibt man allerlei Schabernack mit ihm, den er aber mit stoischer Gelassenheit ignoriert. Letztendlich, nach zirka vier Millionen Jahren, kehrt wieder Ruhe ein und es wächst langsam Gras über die Angelegenheit. Im Himmel geht man derweil wie gewohnt seinen Geschäften nach und irgendwann befindet der Betriebsvorstand, es ist an der Zeit für eine neue Schaffensperiode!
''Das Universum ist reif für einen neuen Urknall'', heißt die aktuelle Direktive aus der Chefetage, ''gesucht wird eine Führungskraft für eine unbefristete, krisensichere und sozialversicherungspflichtige Stellung!''
Sofort rotiert der ganze Himmel quer durch alle Abteilungen. Die Aufregung kennt keine Grenzen. Jeder möchte gerne ganz vorne mit dabei sein, wenn es losgeht. Bewerbungen werden komplettiert und Empfehlungsschreiben eingereicht.
Es wird über eine neue Prozedur nachgedacht, bei dem jeder einzelne Kandidat oder Kandidatin eine gerechte Chance auf die neu zu besetzende Position bekommt.
Für einen kurzen Moment zieht man Karaoke Gesang in die engere Wahl. Damit wären jedoch wieder einmal nur die textsicheren starken Stimmen im Vorteil, also ließ man es dieses Mal auf sich beruhen. Auch das allseits beliebte Wettpinkeln, bei dem es um Zielgenauigkeit und Trefferquote geht, hätte die feminine Abteilung gnadenlos ins Hintertreffen geraten lassen. Aus diesem Grund nimmt man auch von dieser Idee Abstand. Dafür hat sich die Aufsicht ein völlig neues Auswahlverfahren ausgedacht. Um die Chancengleichheit für Mann und Frau zu garantieren, soll die Frage wer nun der oder die Verantwortliche für das neue Universum wird, durch einen spielerischen Intelligenztest geklärt werden. De facto einigt sich die Aufsicht mit dem Betriebsrat auf einen außergewöhnlichen und in dieser Form noch nie dagewesenen Wettstreit.
Das Buchstabensuppe-Turnier!
Die Bedingungen sind denkbar einfach. Gespielt wird es als Einzelwettbewerb, also Person gegen Person und selbstverständlich im K.O. Verfahren. Es gibt nur einen Gewinner, der sich für die nächste Runde qualifiziert. Die Spielregeln des Turniers lauten wie folgt:
Erstens: Bilde ein möglichst kompliziertes Wort aus nur einem Löffel Buchstabensuppe!
Zweitens: Das Wort muss komplett sein und Sinn machen!
Drittens: Es darf kein Nachschlag genommen werden!
Das Datum für den Event wird festgelegt. Alle gemeldeten Teilnehmer haben genau zwei Wochen Zeit sich darauf vorzubereiten. Unter dieser Prämisse wittern einige Kandidaten sofort eine Konspiration, jedoch handelt es bei ihnen eh um die bekannten Paranoiden, die hinter alles und jedem ein abgekartetes Spiel vermuten. Die Praktiker studieren ihre Duden, die eher spielerisch veranlagten vertiefen sich in Kreuzworträtsel. Jeder bereitet sich auf seine eigene Art und Weise vor und je näher der Tag des jüngsten Gerichts rückt, desto aufgeregter wird die Stimmung.
Dann endlich ist es so weit!
Der Einfachheit halber richtet man das Turnier in der Kantine aus. Dort finden erstens alle Teilnehmer genügend Platz und zweitens ist in der Küche ein ausreichend großer Kessel nebst Kochplatte und Ceranfeld vorhanden. Vor den Augen einer unbestechlichen Jury werden genau 12 Maxi Haushaltstüten Buchstabensuppe in den Kessel gefüllt und zum Kochen gebracht.
''Wollt ihr sie lieber ganz weich oder doch lieber 'al dente' haben'', fragt Frau Erika Blum, Köchin und gutes Herz der Kantine.
''Angenehmer ist 'al dente'. Sonst zermanschen die zu sehr beim Legen'', erklärt die Jury.
''So sei es'', strahlt Erika und konzentriert sich weiter auf die Zubereitung.
Fünf Minuten später nimmt sie den Kessel vom Ceranfeld und schiebt ihn hinein in den Saal. Die Teilnehmer bilden eine lange Schlange und defilieren an Frau Blum vorbei. Dabei bekommt jeder von ihnen, kontrolliert durch die Argusaugen der Jury, eine ordentliche Kelle Buchstabensuppe in die Teller geschaufelt. Danach geht es zurück an die Tische wo man wieder gesittet Platz nimmt.
''Auf unser Kommando'', schallt es von der Jury.
''Und los!''
An 100 Tischen klappern nun fröhlich die Löffel in der Suppe und die eine oder andere Person verschluckt auch schon einmal im Eifer des Gefechtes versehentlich einen wichtigen Buchstaben.
Doch selbst solch ein Missgeschick wird mit großem sportlichen Geist hingenommen. Nach einigen Minuten ist von verschiedenen Tischen aus unterschiedlichen Ecken der Kantine die Rufe,
''Ich bin fertig'', zu hören. Mitglieder der Jury flitzen eifrig umher und untersuchen fachmännisch die Ergebnisse. Noch nicht einmal 20 Minuten später sind die ersten 50 Gewinner ermittelt und aussortiert. Die Freude bei ihnen ist unbeschreiblich, wohingegen die Verlierer einen leicht depressiven Eindruck hinterlassen. Das ist nur allzu verständlich, wenn man im schlimmsten Fall wieder 15 Milliarden Jahre auf die nächste Ausscheidung warten muss. Der Tag vergeht wie im Flug und zwischendurch müssen immer wieder die Wogen geglättet werden, wenn Kandidaten mit einem Urteilsspruch nicht einverstanden sind.
''Doch! KIKIKAWAWA ist wohl ein Wort!''
''Nein ist es nicht! Was soll das denn bedeuten?!''
''KINDERKARNEVAL!''
''Dann musst du das beim nächsten Mal auch bitteschön so hinlegen!''
Richtig haarig wird es aber, wenn sich die Kandidaten des Diebstahls beschuldigen.
''Der hat mir mein Ä geklaut! Jetzt stimmt das Wort nicht mehr!''
''Was wolltest du denn schreiben?''
''Schäwardnadse!''
''Meinst du den vormaligen russischen Außenminister und Präsidenten von Georgien Eduard Schewardnadse?! Der wird aber mit E geschrieben'', stellt ein Juror treffend fest.
''Nein! Ich meine den berüchtigten Zuhälter aus Köln!''
''Der heißt Schäfers Naas. Tut mir leid. Hast verloren. Du bist raus!''
Bei manchen Leuten ist es niemals ganz klar, ob sie über einen wirklich feinsinnigen Humor verfügen oder einfach nur blöde sind.
Als sich der Tag schließlich dem Abend zuneigt und der kleine Hunger bei den Kandidaten langsam größer wird, beschließt man das Turnier zu beenden. Am nächsten Morgen will man es frisch ausgeruht wieder neu aufzunehmen. Immerhin sind schon fast die Hälfte der Matches ausgetragen worden. Niemand soll deshalb ohne große Not hungrig zu Bett gehen. Der Alte hat sich sehr gut geschlagen und seine insgesamt fünf Matches mit Bravour gemeistert. Das Schmökern in alten Kreuzworträtsel Heften hat sich definitiv für ihn schon bezahlt gemacht. Abends schaut er noch ein Fußballspiel im Fernsehen und begibt sich danach zur wohlverdienten Nachtruhe. Der nächste Tag kann kommen.
Und der kommt gewaltig!
Frau Blum steht schon am frühen Vormittag wieder mit dem dampfenden Riesentopf Buchstabensuppe in der Kantine und wartet auf die ersten Abnehmer. Sie hat wieder 12 Maxi Haushaltspackungen wie am Vortag eingerührt und gekonnt 'al dente' zubereitet. Die Kandidaten stehen vor ihr wie auf einer Perlenkette eingefädelt und warten auf die Ausgabe. Nachdem die Jury vollzählig im Raum versammelt ist, geben sie das Startzeichen und schon kommt wieder Bewegung in die Sache. Frau Blum schaufelt die Teller voll und die Teilnehmer setzen sich wieder an ihre Tische.
''Und Los!''
Jetzt wird noch zäher und verbissener gekämpft als tags zuvor. Die Wörter werden länger und komplizierter. Da die Rechtschreibung in den letzten X Millionen Jahren erheblich evolvierte, ist deshalb permanent fachmännischer Beistand an den Tischen gefordert.
''Schifffahrt mit drei F?''
''Ja.''
''Und Rheinschifffahrt?''
''Auch!''
Die Anzahl unmoralischer Angebote nimmt mit zunehmender Dauer des Turniers erheblich zu.
''Wer tauscht ein 'M' gegen zwei 'F' mit mir?''
''Keiner tauscht hier! Wehe! Ist nicht erlaubt und zieht sofortigen Rausschmiss nach sich'', interveniert die Jury sofort.
Der Alte bleibt weiterhin emotional gelassen und dominiert gerade sein Gegenüber mit einem klassisch gelegten 'Quietscheentchen'. So zieht sich das durch den ganzen Vormittag und er gewinnt ein ums andere Mal. Dann endlich ist Mittagspause und die Teilnehmer haben genau eine Stunde Zeit etwas zu essen und sich wieder zu konsolidieren.
''Kommst du mit ins Pyro Labor, Helge? Was saufen'', fragt Doktor Hans Walter Freudenschuss.
''Fuck off Hansi'', raunzt der Alte und stochert in seinem Henkelmann herum. Es ist hochgradig unfair, wenn man mit blöden Sprüchen aus dem Konzept gebracht werden soll.
Wie dem auch sei, drei Stunden später sind nur noch eine kleine handvoll Kandidaten übrig. Die Endphase des Spiels beginnt. Kameras sind auf die verbliebenen Tische gerichtet und die Luft knistert voller Spannung. Die Zuschauer daheim sind Zeuge wie der Alte seinen Kontrahenten gekonnt abfertigt.
''Scheiße Helge, das ist doch Verarsche! Was bedeutet denn Pelagialhavarie?''
''Das ist, wenn man mit einem U-Boot gegen ein Riff schippert Hansi!''
Und damit steht der Alte als erster Finalist im Buchstabensuppe Turnier fest!
Jetzt sind nur noch zwei Tische übrig an denen gespielt wird. An einem von ihnen hat eine Kandidatin die Konkurrenz hinter sich gelassen und zieht unter großem Jubel ebenfalls ins Finale.
Und am letzten verbliebenen Tisch sitzt mutterseelenallein Doktor L und zeigt der Welt ein unverschämtes Grinsen.
''Wieso muss der Satansbraten nicht spielen wie jeder andere auch'', möchte der Alte wissen.
''Der ist durchgewunken worden. Eine Direktive von ganz oben. Und mit ins neue Universum darf er auch ohne sich zu qualifizieren'', antwortet die Jury.
''Warum das denn?!''
''Er hat die Wild Card gezogen!''
Dahinter steckt ein tiefer Sinn. Man braucht selbst solche Leute wie Doktor L um ein funktionierendes Universum nicht nur aufzubauen, sondern auch in Gang zu halten. Typen von seinem Schlag sind sozusagen das gemischte Publikum. Er garantiert die Ausgewogenheit und Balance eines Systems. Er ist das Salz in der Suppe. Ohne ihn wäre wirklich kein Geschmack.
''Der baut doch nur Scheiße'', mögen einige einwenden.
Ja, das ist tatsächlich fein beobachtet. Nichtsdestotrotz wird sein Scheiß dringend zur Aufrechterhaltung eines lebendigen Systems benötigt.
Ansonsten wäre ja einfach alles immer nur richtig super dufte gut.
Und soviel Güte hält doch kein Mensch aus!
Mittlerweile ist ein Tisch für den finalen Endkampf hergerichtet worden. Man hat ihn mit Lampen ausgeleuchtet und sogar mit einer frischen Tischdecke bezogen. Für die live Übertragung im Fernsehen sind mehrere Dutzend Fernsehkameras in unterschiedlichen Winkeln um ihn herum aufgebaut. Niemand soll auch nur das kleinste Detail verpassen. Frau Blum steht mit frischer Suppe bereit und genießt die volle Aufmerksamkeit des Fernsehens.
Langsam wird das Licht in der Kantine herunter gedimmt. Die Atmosphäre gewinnt mehr und mehr an Dramatik. Man könnte jetzt sogar eine Stecknadel fallen hören.
Ein Spotlight springt an und richtet sich auf den Kantineneingang. In dem kreisrunden Fleck schält sich jetzt der Umriss des Alten heraus. Langsam, gemessenen Schrittes und mit stolz erhobenem Haupt marschiert er zum Austragungstisch.
''Wie ein Preisboxer zum Ring'', rutscht es einem Reporter heraus.
Im selben Augenblick ertönt olympische Musik und ein weiteres Spotlight reißt den gegenüberliegenden Eingang aus der Dunkelheit. Dort steht eine Frau mit Sportjacke bekleidet und einer Kapuze über dem Kopf. Auch sie marschiert jetzt in Richtung Epizentrum der Spannung. Leider kann man ihr Gesicht nicht erkennen, weil es von der Kapuze verdeckt wird und im Schatten liegt.
''Die Amazone sieht verdammt entschlossen aus'', begeistert sich der Reporter nochmals.
''Ja, was für ein Finale. The Beauty and the Beast'', pflichtet ihm sein Kollege bei.
Die zwei Kontrahenten stehen sich jetzt gegenüber und halten Frau Blum ihre Teller hin.
Die werden auch sogleich von ihr zu gleichen Teilen mit Suppe befüllt.
''Bitte nehmt jetzt Platz und wartet auf unser Kommando'', werden sie von der Jury aufgefordert.
Unsere Finalisten setzen sich und stellen ihre Teller vorsichtig auf den Tisch.
Dann ertönt das Kommando: ''Und los!''
In diesem Moment streift die Frau ihre Kapuze zurück und gibt den Blick auf einen Wasserfall goldgelber, engelhafter Haare frei.
''Hallo Helge'', schmunzelt die Schöne.
Beim Alten kommt es augenblicklich zur emotionalen Kernschmelze. Er kann buchstäblich fühlen wie seine Laktatwerte ins Bodenlose rutschen. Der Anblick hat ihn wirklich kalt erwischt.
''Hallo Wolke.''
Dem Alten gegenüber sitzt seine ältere Schwester!
Schon als Kind hat er keine Chance gegen sie gehabt. Später in seiner Jugend auch nicht und wahrscheinlich jetzt erst recht nicht. Eigentlich ist ihr Erreichen des Finales auch kaum verwunderlich. Mädchen sind sowieso viel wortreicher und sprachgewandter als Jungs. Bei Wolke kommt noch ein sagenhafter IQ von weit über 100.000 hinzu. Das ist, um der Wahrheit die Ehre zu geben, nur eine grobe Schätzung. Einen Test, um den exakten Wert festzustellen, gibt es sogar im Himmel noch nicht. Das weiß der Alte nur allzu genau und muss nun dagegen antreten. Er braucht seine ganze Willenskraft, um eine Panikattacke beiseite zu schieben. Trotzdem bildet sich ein kleiner Schweißfilm auf seiner Stirn.
''Konzentriere dich Helge, konzentriere dich'', leiert er im Geiste wie ein Mantra herunter.
Und tatsächlich klärt sich sein Blick wieder für die eigentliche Aufgabe. Durch sein Zögern hat sich Wolke inzwischen einen kleinen Vorteil verschafft. Bei ihr liegen schon die ersten Buchstaben fein säuberlich auf dem Tisch. Geschickt fischt der Alte nun ebenfalls in seiner Suppe herum. Aus irgendeinem geheimnisvollen Grund sind dort jetzt mehr Buchstaben drin als in den Runden zuvor.
Das ist ein echter Glücksfall, denn nun kann der Alte sein Vorhaben, ein besonders langes und schwieriges Wort zu legen, in die Tat umsetzen. Was er in diesem Augenblick nicht richtig realisiert, ist die Tatsache, dass aus Gründen der Gerechtigkeit in Wolkes Teller exakt die gleiche Anzahl Lettern schwimmen.
''Meine Schwester hat mich lange genug unterdrückt. Hat mir als Kind sogar Speiseeis und Fischstäbchen eingeteilt. Mir reicht es. Wollen doch mal sehen wer hier am längeren Hebel sitzt. Ich knall der jetzt so ein Wort vor den Latz, dass ihr Hören und Sehen vergeht'', denkt der Alte entschlossen.
Er breitet alle seine Lettern auf der Tischdecke aus und bringt so ein gerüttelt Maß an Ordnung in das Chaos. Der Alte überlegt kurz und scharf. Dann hat er den zündenden Einfall.
''Das wird den Rahmen sprengen'', murmelt er zuversichtlich und prüft die Buchstaben auf Vollständigkeit. Dann legt er los.
Auf der anderen Seite des Tisches geht Wolke mit der abgeklärten Ruhe einer älteren Schwester zu Werke. Auch sie hat ihr Wort gewählt und legt entspannt einen Buchstaben an den anderen. Ein letztes Mal wird die Rechtschreibung überprüft.
''Ich bin fertig'', ruft Wolke entzückt.
Nur den Bruchteil einer Picosekunde später komplettiert auch der Alte seine Arbeit.
''Ich ebenfalls!''
Die Fernsehkameras zoomen auf das vom Alten gelegte Wort.
LYSERGSÄUREDIETHYLAMID
''Jetzt bist du platt Wolke, was? Und das Wort hat obendrein 22 Buchstaben'', tönt der Alte stolz.
''Das hast du fein gemacht Helge. Respekt. Ehre, wem Ehre gebührt'', erwidert Wolke.
''Damit bin ich ja wohl durch, nicht wahr?''
''Gemach Gevatter, gemach'', ruft Wolke.
''Jetzt behaupte bitte nicht, dass das kein Begriff ist. Es handelt sich hierbei um LSD'', erklärt Helge.
''Ich weiß, war ja schließlich auch mal jung'', antwortet seine Schwester schmunzelnd, ''aber willst du nicht wissen, was ich gelegt habe?''
Am liebsten hätte der Alte ''nein, lieber nicht'' gerufen, aber es sind zu viele Zeugen in der Kantine anwesend. Das hätte zu Peinlichkeiten geführt. Stattdessen würgt er sich ein freundliches
''ja gerne, zeig doch mal her bitte'', heraus.
Kameras schwenken herüber und zoomen sich ein. Das Licht erscheint jetzt sogar noch etwas heller als vorher. Alles hält den Atem an und Wolke präsentiert ihr Wort.
DESOXYRIBONUKLEINSÄURE
In der Kantine brandet unbeschreiblicher Jubel auf. Was für ein Knaller Finale! Jedes der Worte hat genau die gleiche Anzahl Buchstaben. Nämlich 22, um es auf den Punkt zu bringen. Und jedes der Worte hat den gleichen Schwierigkeitsgrad. Jetzt ist die Jury gefragt. Nach kurzer Untersuchung der Sachlage ist die Entscheidung getroffen.
''Foto finish!''
Und so geschieht es, dass man im Himmel zum allerersten Mal eine Endscheidung per Fotoanalyse durchführen lässt. Das Ergebnis ist sonnenklar und für niemanden überraschend.
''Wir freuen uns von ganzem Herzen bekannt geben zu dürfen, dass aufgrund eines klitzekleinen Zeitvorsprungs der Sieg an Wolke geht'', verkündet die Jury.
Und zum wiederholten Mal wird eine Frau zur Göttin eines gesamten Universums gekürt.
Applaus brandet durch den gesamten Himmel und die Fanfaren Kapelle der himmlischen Chöre schmettern in ihre Instrumente. Doktor L sitzt immer noch am Nebentisch und klatscht ebenfalls mit gemessenen Bewegungen in die Hände.
''Meine Anerkennung liebe Wolke. Hochachtung. Dann bist du es dieses Mal, die als meine Gegenspielerin antreten muss'', grüßt L geheimnisvoll lächelnd.
''Wir wollen einmal eins von vorneherein feststellen mein lieber Doktor L. Du bist ''MEIN'' Gegenspieler und nicht umgekehrt. Außerdem bin ich nicht deine liebe Wolke. Merk dir das!''
''Gut gut, ist mir in der Freude einfach so herausgerutscht'', beschwichtigt er sofort.
Nun, die Begeisterung ist allgemein, nur beim Alten will keine richtige Freude aufkommen. Das Schicksal nimmt jedoch urplötzlich einen anderen Verlauf. Wolke bittet ihren Bruder in einen Nebenraum für ein Gespräch unter vier Augen. Dort unterbreitet sie ihm einen Vorschlag von ungeheurer Tragweite.
''Ich weiß, du hast geübt Helge.''
''Stimmt.''
''Und ich glaube ganz fest, dass du das neue Universum auch ganz passabel regeln würdest.''
''Stimmt auch.''
''Deshalb, liebes Bruderherz, trete ich hiermit zurück.''
''Wie bitte?!''
''Natürlich nicht offiziell. Das muss unter uns bleiben. Wir haben dann die besten Chancen Doktor L dieses Mal richtig kaltzustellen. Er wird sich ganz auf mich konzentrieren und dich dabei völlig außer Acht lassen.''
''Hört sich gut an.''
''Aber das Ganze passiert nur unter einer Bedingung!''
''Und die wäre?''
''Ich will auf einem kleinen blauen Planeten wohnen.''
''Okay, geht klar.''
''Und der soll so richtig langweilig am Rand einer noch langweiligeren Galaxie liegen.''
''Gut. Bitteschön. Geht auch klar.''
''Und dort will ich an einem kleinen langweiligen Fluss leben.''
''Ist gebongt. Sonst noch etwas?''
''Ja, und zwar mein Herzenswunsch.''
''Ist schon erfüllt.''
''Ich will eine Wäscherei in Kleve!''
Selbstverständlich hat sich der Alte sofort darauf eingelassen und in den nächsten zig Milliarden Jahren genau so daran gearbeitet. Seine Schwester reist fortan durch das Universum um irgendwo wieder einmal nett zu entspannen. Zwischendurch zeigt sie sich leicht bekleidet dem entstehenden Leben und behauptet, die Schöpferin des Universums zu sein. Daher kommen übrigens die ganzen halbnackten Abbildungen von Fruchtbarkeits-, Sieges-, Jagd-, Kampf-, Mond- oder Sonnengöttinnen. Wolke hat die Eingeborenen ganz schön kirre gemacht.
''Hast du die Titten von der Alten gesehen?! Boah!''
Das alles dient jedoch einem guten Zweck. Doktor L wird abgelenkt. Er fokussiert tatsächlich sein Augenmerk nur noch auf Wolke und fragt sich natürlich woher eigentlich die ganze Schöpfung kommt. Wolke macht nichts außer Urlaub auf fremden Planeten und liegt dort auch nur ausnahmslos am Strand. Hat ab und zu einen neuen Badefummel dabei, ist aber ansonsten überhaupt nicht mit der Genesis beschäftigt. Währenddessen bastelt der Alte am Universum. Ständig bemüht keine Aufmerksamkeit zu erregen, schleichen sich aber hier und da kleine Flüchtigkeitsfehler in das System ein. Meistens sind sie unscheinbar und nicht der Rede wert, manchmal jedoch recht nervig.
Genesis
Zuerst aufgefallen ist es bei den Globsch. Die leben auf einem Wasserplaneten, haben sich irgendwie semi amphibisch entwickelt und auch schon einen gewissen Grad an Intelligenz erreicht. Genau da liegt der Haken. Bis heute kann es nicht ganz geklärt werden, ob nicht doch Doktor L seine Finger im Spiel hat, oder es sich um einen Systemfehler handelt.
''Du hast dort nicht richtig aufgepasst, Helge'', lautet Wolkes Kommentar dazu.
Bei den Globsch ist jedenfalls folgende Sachlage eingetreten. Zur Fortpflanzung müssen sie unbedingt ins Wasser gehen und dort ablaichen. Das hat bis dato einwandfrei funktioniert, jedoch kommt es in der letzten Zeit immer mehr zu Störfällen. Anstatt ins Wasser, platziert einer von den Froschköpfen sein Gelege auf das Blatt einer Teichrose. Selbstverständlich trocknen die Eier dadurch aus. Es entstehen jedoch knisternde Geräusche dabei, die den Globsch ein angenehm kitzelndes Gefühl im Hypothalamus verschaffen. Von diesem Augenblick an beherrscht ein kollektives, grenzenloses Entzücken die gesamte Population.
''Der heilig' knisternde Laich, der heilig' knisternde Laich'', betet die Gemeinschaft in jeder Laichzeit. Völlig berauscht vom eigenen Schwachsinn basteln sie sich auf diese Weise die erste verbriefte Religion der Schöpfung.
Ein ums andere Mal wird die zukünftige Generation der Globsch von nun an auf Blätter von Teichrosen gelegt. Umringt von frömmelnden Anbetern, vertrocknen die Gelege dort innerhalb kürzester Zeit. Und so geschieht es zum ersten Mal in diesem Universum, dass eine Lebensform durch eigene Idiotie von der Bildfläche verschwindet.
Viele Milliarden Jahre später wird von einer anderen angeblich intelligenten Lebensform eine durchaus galaktisch umstrittene These entwickelt.
Die Hochintelligenz Theorie!
Diese Theorie beschreibt im Detail, dass Lebensformen die absolut verblödet, ungetrübt durch Fachwissen, von sich selbst über alle Maßen eingenommen und obendrein in der Schule das nächste Level nie erreichen, aller Wahrscheinlichkeit nach hochbegabte Wesen sind.
Es kommt darauf hin zu vermehrten elterlichen Versuchen, ihre beknackten Sprösslinge als 'Ultima Ratio' anzupreisen, weil bei ihnen sämtliche Voraussetzungen für Hochintelligenz zutreffen.
''Hier guck mal, unser Kevin. Nur Sechsen in der Schule. Der Junge hat es richtig drauf!''
Wie gesagt, diese These stößt im Universum nicht unbedingt auf ungeteilte Zustimmung.
Was dem Alten im Laufe der Zeit klar wird, ist der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Idiotie. Je mehr Grips er den Lebensformen mit auf den Weg gibt, desto blöder verhalten die sich.
Ein gutes Beispiel dafür sind Wesen, die zu mehr als 90% aus Wasser bestehen. Aus einem dem Alten immer noch schleierhaften Grund, zieht es diese Leute immer wieder in die trockensten Gebiete ihrer Planeten.
''Wieso schickst du die eigentlich immer in die Wüste'', will Wolke von ihrem Bruder wissen.
''Damit hab ich nichts zu tun! Die Irren gehen von ganz alleine dahin!''
Das stimmt. Ohne Zwang und aus völlig freien Stücken marschiert immer mal wieder das eine oder andere Individuum in die Wüste. Angeblich fühlt es sich auserwählt, kann dort am allerbesten meditieren und mit seinem Gott in Kontakt treten.
''Was erzählst du dem denn für ein Zeug'', fragt Wolke neugierig.
''Ich erzähl dem gar nichts. Der Bekloppte hört Stimmen!''
Auch das stimmt. Nach mehreren Wochen mangelhafter Nahrungsaufnahme und gefährlicher Wasserunterversorgung haben die sogenannten Auserwählten einen besorgniserregend dehydrierten Zustand erreicht. In diesem Stadium arbeitet der klare Verstand eigentlich nur noch wie eine Stotterbremse. Warum dieser sogenannte Messias dann von seinen Artgenossen überhaupt noch ernst genommen wird, bleibt wohl für immer deren Geheimnis. Noch viel rätselhafter sind jedoch die 'Worte Gottes', die solch ein Messias in der Wüste empfangen haben will.
''Helge?!''
''Ich hab' keinen Ton gesagt'', beteuert der Alte immer wieder bei seiner Schwester.
Mittlerweile vermutet er Doktor L hinter all den Einflüsterungen. Mit seinem schon fast kriminell zu bezeichnendem Humor würde er nur allzu gut ins Bild passen. Das ist das stille Post Prinzip auf galaktischer Basis. Erzähle irgendeinem etwas und lass es von ihm an seine Jünger weitergeben. Was am Ende dabei herauskommt ist bar jeglichen Verstandes und meistens haarsträubend schrill. Trotzdem aber hochgradig lustig und das liebt Doktor L.
Was die ganze Angelegenheit aber wirklich ärgerlich macht, sind die Mitteilungen an den Alten. Es verhält sich ungefähr so wie in den sozialen Netzwerken. Er bekommt sofort eine Nachricht, sobald wieder irgendein angeblich Berufener seinen Namen nennt.
'Gott, du wurdest in einem Kommentar erwähnt'.
Ping und schon klingelt es beim Alten. Wirklich ärgerlich.
An dieser Stelle muss unbedingt darauf hingewiesen werden, dass Wolke dies alles geahnt hat. Außerdem weiß sie auch, dass der Alte mehrere Milliarden Jahre für den kleinen blauen Planeten brauchen wird. Dann kommt noch einmal der Fluss nebst Kleve hinzu. Das sind summa summarum zusätzlich ein paar hundert Millionen Jahre obendrauf. In der ganzen Zeit hat sie nichts weiter zu tun als Urlaub machen und die Aufmerksamkeit des Doktors auf sich zu ziehen, während ihr Bruder für alles verantwortlich zeichnet. Da zeigt sich wahre Intelligenz. Immerhin und das spricht für ihren guten Charakter, steht sie ihm mit Rat und Tat hilfreich zur Seite. Trotzdem gibt es immer wieder Vorkommnisse, zu denen selbst Wolke kein guter Ratschlag mehr einfallen möchte. Da ist zum Beispiel das Ritual des Nahrungsmittelopfers. Man begegnet diesem Phänomen vorwiegend auf Planeten mit konstanter Nahrungsmittelknappheit, oder in Gegenden, wo außer Flechten und Moose nichts Vernünftiges zu essen wächst. Angefangen hat es auf dem Planeten Kul Üp. Aus einem dem Alten völlig unerklärlichen Grund, brachten die dort lebenden Kököck an jedem Wochenende Nahrungsmittel zu einem Versammlungsort, um sie ihm dort als Gabe zu opfern.
''Helge, isst du den Kököck etwa das Essen weg? Das reicht ja kaum für die selbst!''
''Jetzt mach aber mal 'nen Punkt Wolke. Das Zeug von denen ist doch unter aller Sau.''
An dieser Aussage ist tatsächlich etwas dran. Da man sich auf Kul Üp vorwiegend vegetarisch ernährt und obendrein Rohkost unter den Einheimischen die favorisierte Zubereitungsart ist, kann das Spektrum der Geschmacksvielfalt eher als lausig bezeichnet werden. Als einzige fleischliche Alternative wird ein Wurm, der an einen ausgehungerten Engerling erinnert und auch genau so schmeckt, zu gewissen Festivitäten serviert. Dieser Wurm wird von den Dorfältesten zuerst mit einem Kissen erstickt, bevor man ihn zusammen mit einem vergoldeten Zahnstocher und einer winzigen Bürste auf einem Teller serviert. Der Zahnstocher ist jedoch nicht für die Reinigung der Zahnzwischenräume gedacht, sondern man durchsticht damit den Anus des Poi Pjong, wie der Wurm von den Kököck genannt wird. Danach kann das Vieh ganz einfach mit den Fingern vom Kopf her in Richtung untere Körperhälfte ausgedrückt werden. Um nichts vom köstlichen Innenleben zu verschwenden, muss der Feinschmecker daher konstant kräftig saugen, während seine Lippen den Anus kräftig umschließen. Aus hygienischen Gründen wird der deswegen mit der beigelegten winzigen Bürste vorher sorgfältig gereinigt. Dann wünscht man sich einen guten Appetit. Den Kököck scheint der Poi Pjong tatsächlich hervorragend zu munden. Für den Alten ist es jedoch eine Zumutung. Allein der Gedanke an zermanschtes Organ-Fäkalien Gemisch im Mund, verursacht bei ihm immer einen spontanen Ekelherpes. Da bevorzugt er doch lieber eine leckere Kohlroulade.
''Solange Frau Blum in unserer Kantine arbeitet und dort das Essen zubereitet, kommt mir so ein Scheiß nicht auf den Teller. Das ist voll eklig'', entrüstet sich der Alte.
''Schon gut Helge. Die haben es doch nur gut gemeint'', besänftigt Wolke.
''So viel Güte halte ich nicht aus!''
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass eine Woche auf Kul Üp zirka 36 irdischen Stunden entspricht und es dann schon wieder Wurm zu essen gibt, kann man den Alten voll verstehen. Bis auf den heutigen Tag ist es ihm übrigens nicht gelungen diesem blödsinnigen Ritual Einhalt zu gebieten. Mit Sicherheit hat Doktor L, verkleidet als falscher Prophet, seine Finger im Spiel und feuert mit kontraproduktiven Kommentaren an die Ureinwohner den Wahn weiter an.
''Eure Sünden werden vergeben. Opfert noch mehr kostbare Nahrung als Zeichen eures Glaubens und betet auch zur Mutter Gottes um Fürbitte für euch.''
''Was hat denn jetzt unsere Mutti damit zu schaffen? Helge unternimm etwas dagegen'', fordert Wolke ihren Bruder auf.
''Ich stopf' dem Antichristen jetzt das Maul'', erklärt der Alte entschlossen.
Durch dauerhaftes Anbieten von Ekelwürmern und beleidigendes Involvieren von Familienangehörigen platzt dem Alten, zum ersten Mal in der Geschichte des Universums, der Kragen. Am nächsten Wochenende, also gerade einmal 36 Stunden später, hält der falsche Messias wieder eine Rede an sein Volk. Doch bevor er weiteren Blödsinn zum Besten geben kann, greift der Alte ein, öffnet den Himmel und lässt ihn vor versammelter Mannschaft von einem Blitz erschlagen.
''Hättest du das nicht vielleicht etwas eleganter lösen können'', fragt Wolke.
''Jetzt kann ich es eh nicht mehr ändern, aber sag der Mutti nix davon, bitte!''
Von diesem Augenblick an betrachtet der Alte das Ausschalten von ihm nicht genehmen Kreaturen durch Blitzschlag, als ein zuverlässiges, zweckdienliches und probates Mittel.
Auf Kul Üp ändert sich jedenfalls nach dem öffentlichen Toasten ihres Hauptschamanen einiges an den Essgewohnheiten. Man sieht den Vorfall als klares Omen und beginnt die kargen Speisen zu kochen. Auch gegrillt wird dort jetzt mit der nötigen Hingabe. Ab sofort steht gesottenes Moos mit überbackenen Flechten auf der Kököck Tageskarte. Dazu gibt es den Poi Pjong jetzt gegrillt.
Hand aufs Herz, das Vieh schmeckt auch gegrillt immer noch extrem beschissen. Erst sehr viel später, nachdem der Alte Tomaten und Chilischoten erfunden hat, findet so ein Poi Pjong gebraten, in grobe Stücke geschnitten und serviert mit Pommes Rot-Weiß, als kulinarisches Highlight einen Ehrenplatz in der Geschichte des Ruhrpottes. Man nennt ihn dort der Einfachheit halber Currywurst. Es ist aber, wie gesagt, der gleiche Wurm und schmeckt immer noch fragwürdig.
Auf anderen Planeten ist die Entwicklung für die Ureinwohner nicht so glücklich verlaufen, obwohl die Currywurst als eine glückliche Fügung zu betrachten, in großen Teilen des Universums weiterhin stark angezweifelt wird.
Ein Paradebeispiel dafür, dass ungefilterte Opferbereitschaft ziemlich unglücklich enden kann, ist Kotscheboil. Dieser Planet liegt ziemlich genau am anderen Ende der Galaxis. Ruhig und friedlich rotiert er ohne großes Aufsehen um sein Heimatgestirn. Einerseits ist es von Anfang an eine sehr karge und nährstoffarme Welt. Andererseits hat der Alte den dort ansässigen Bilsch eine gehörige Portion Intelligenz, als intellektuelles Rüstzeug für die Ansprüche der Evolution mit auf den Weg gegeben. Es herrscht für sehr lange Zeit eine ruhige Ausgewogenheit zwischen Nahrungsangebot und Nahrungsverbrauch auf Kotscheboil. Die Bilsch gehen wirklich außerordentlich klug mit den Ressourcen um. Alles was sie betreiben ist fachgerecht und nachhaltig. Gastfreundschaft nimmt bei ihnen einen hohen Stellenwert ein und so wird jeder Fremde der sich in ihre Dörfer verirrt, stets mit offenen Armen empfangen und üppig bewirtet. Alles in allem sind sie ein gottgefälliges Völkchen.
Das ist dem Alten selbstverständlich nicht entgangen und so drückte er eines Tages sein Wohlgefallen in gewählten Worten aus.
''Siehst du Wolke, auf Kotscheboil läuft alles richtig gut, nicht wahr?''
Durch eine zufällige, von Doktor L initiierte Raumzeit Verwerfung, die eine kurze Verformung der galaktischen Feldlinien verursacht, werden die Worte des Alten just in diesem Moment absichtlich in Richtung der Bilsch weitergeleitet. Zur selben Zeit steht Fräulein Regula, ihres Zeichens selbsternannte Seherin der Bilsch, auf der Hundeauslaufwiese des Zentralparks ihres Heimatplaneten. Sie versucht dort zum wiederholten Mal telepathischen Kontakt zu ihrem Haustier herzustellen. Es handelt sich hierbei um eine Überschlagreaktion, denn ansonsten ist Fräulein Regula eine ziemlich intelligente und seriöse Person mit ausgeglichener Mentalität. Sobald aber der kleine 'Pittermann' mit ins Spiel gebracht wird, kommt es bei ihr zu einer progressiven Infantilität. Man kann dann praktisch dabei zusehen, wie sich ihr IQ Stück für Stück erst einmal verabschiedet. Da steht man als Verteidiger des Abendlandes recht hilflos daneben und versucht eine Erklärung zu finden. Und in genau diesen Zustand ertönt die Aussage des Alten hinein.
''Pittermann, was hast du gesagt?!''
Natürlich hat der kleine Hund nichts gesagt und gehört hat er auch nichts. Eigentlich hat er genug Auslauf für heute gehabt, hat ordentlich auf die Wiese gekackt und will jetzt am liebsten sofort wieder nach Hause, denn der kleine Hunger klopft gerade wieder an seine Tür. Doktor L hat vorsorglich eine Wiederholungsschleife in die Textübertragung eingebaut und so kommt es, dass Fräulein Regula die Worte des Herrn noch einmal in veränderter Form zu hören bekommt.
''Der Schöpfer schaut mit Wohlgefallen auf euch, aber ihr könntet euch langsam etwas erkenntlicher zeigen und eurem Herrn zum Dank ein Opfer bringen!''
Im sicheren Gefühl eine Botschaft Gottes durch ihren keinen Hund empfangen zu haben und selbst die Auserkorene zu sein, macht sich Fräulein Regula auf den Weg in ihr Dorf um den Bilsch die freudige Nachricht zu übermitteln.
Die Begeisterung ist grenzenlos!
Endlich ist man vom Herrn wahrgenommen worden. In diesem Augenblick wird eine neue Religion aus der Taufe gehoben und geht als 'Tag der Interferenz' in die Geschichte ein.
Von nun an wird geopfert was das Zeug hält. Und zwar mehr als man sollte. Um ihre Dankbarkeit zu zeigen hätte weniger als die Hälfte schon glatt ausgereicht.
Und so wird in der glückseligen Euphorie das Momentum einfach etwas überstrapaziert. Die Bilsch opfern nun jeden Tag in frommer Verzückung ihre kostbaren Ressourcen. Auch warten sie auf ein erneutes Zeichen des Herrn in Form einer kleinen anerkennenden Ansprache. Fräulein Regula wird von den Dorfbewohnern gebeten noch einmal ihren kleinen Hund zu beschwören. Trotz ihrer Bemühungen in den folgenden Tagen, kommen jedoch keine verwertbaren Informationen aus der kleinen Kreatur heraus. Sie versucht es sogar mit einer besonders leckeren Futterration um dem Tier wenigstens ein paar Worte zu entlocken. Doch 'Pittermann' schweigt und auch eine erneute telepathische Verbindung zu ihrem kleinen Hund kann sie nicht mehr herstellen. Schließlich nimmt man das Schweigen als 'Gottes Wille' hin und beschließt Fräulein Regula und ihren kleinen treuen Begleiter erst einmal nicht weiter zu behelligen. Nichtsdestotrotz wird aber für den Fall einer erneuten Mitteilung des Herrn, zur Sicherheit ein Botendienst eingerichtet. Man will ja schließlich auf dem Laufenden bleiben. Aber es vergeht Jahr um Jahr ohne das sich etwas Außergewöhnliches ereignet. Schließlich segnet 'Pittermann' das Zeitliche und bekommt daraufhin einen Ehrenplatz als 'Der heilig Hörende' im spirituellen Glauben der Bilsch. Als viele Jahre später dann auch Fräulein Regula ihr Dasein quittiert, wird sie posthum und einstimmig zur ersten Prophetin ihres Volkes gekürt. Über diesen Titel hätte sie sich zu Lebzeiten im Diesseits sicherlich sehr gefreut, aber im Jenseits kann man sich dafür einfach nichts kaufen. Letztendlich kommt es wie es kommen muss:
Die Evolution übernimmt die Kontrolle!
Die gesamte Population der Bilsch beginnt nun langsam, ja fast unmerklich, zu schrumpfen. Nicht das ihre Anzahl geringer wird, nein, aber im Verlauf einiger Generationen büßen sie ständig mehrere Millimeter ihrer Körpergröße ein. Anfänglich fällt diese Entwicklung auch nicht weiter auf, da sie sich in Zeitlupen Geschwindigkeit abspielt. Als jedoch nach zirka 300 Generationen der Erste aus der Gemeinschaft plötzlich nicht mehr in seine Wohnung hineinkommt, weil er mittlerweile so klein geworden ist, dass sich für ihn das Schlüsselloch nun in schwindelerregender Höhe befindet, da merkt selbst der Blödeste unter ihnen:
''Hier stimmt etwas nicht! Unsere Großeltern kamen noch an die Türklinke heran!''
Anstatt nun über diese Entwicklung nachzudenken und eventuell die richtigen Schlüsse daraus zu folgern, ziehen es die Bilsch vor, nicht darüber nachzudenken. Statt dessen beschließt man im religiösen Wahn, noch mehr kostbare Lebensmittel dem Schöpfer zu opfern.
''Irgendwann wird unser Herr wieder alles ins rechte Lot rücken'', hoffen die Bilsch inbrünstig und voller Zuversicht.
In der Zwischenzeit behilft man sich mit alten Apfelsinen- und Kartoffelkisten. Die werden kurzerhand vor die Eingangstüren gestellt und schon sind Schlüsselloch und Klinke keine Hindernisse mehr. Da es aber aufgrund der sowieso schon knappen Nahrungsmittel Ressourcen nicht genügend Obst- und Gemüsekisten gibt, nimmt man, um in Aufzügen die Knöpfe zu bedienen, der Einfachheit halber alte Kochlöffel. Es wird eh kaum noch etwas gegessen, daher kann auf Besteck und andere Küchenutensilien leicht verzichtet werden.
Leider will der Augenblick des rechten Lotes einfach nicht kommen.
Selbst als Wolke bei ihrem Bruder wieder einmal interveniert:
''Sag' mal Helge, willst du denen nicht ein bisschen helfen? Irgendwie stecken die in einer Sackgasse!''
''Geht nicht Wolke. Im Universum Vertrag steht ganz klar im Kleingedruckten, dass alle Bewohner volle Autorität über ihre Planeten haben. Mir sind sogar dann die Hände gebunden, wenn die ihren Dotz mutwillig im Arsch machen!''
''Helge, bitte, achte auf deine Wortwahl!''
''Ist ja gut, aber ich hab' einfach keinen Bock mehr mich von einem windigen Rechtsverdreher verklagen zu lassen und dann in feuchten Gerichtssälen meine Zeit zu verplempern. Einmal hat gereicht!''
Die Bilsch haben von all dem nicht die leiseste Ahnung. Daher ist es auch kein Wunder, dass ihre gesamte Population progressiv weiter schrumpft. Wiederum 300 Generationen später stehen dann letztendlich alle geschlossen auf der Straße. Niemand kommt mehr in seine Bude!
Das bedeutet im Klartext, dass durch übertriebene Opferbereitschaft zum ersten Mal ein ganzer Planet obdachlos geworden ist. Obendrein kann nun keiner mehr von ihnen sein Klo benutzen.
Womit sich den Bilsch sofort die Frage stellt: ''Wo machen wir denn jetzt hin?''
Da es ein sehr pingeliges und reinliches Völkchen ist, behelfen sie sich mit alten Tageszeitungen auf die nun geschissen wird. Das alles geschieht aus einer vom tiefsten Herzen kommenden Liebe zur Natur. Es gilt als Sakrileg guten Mutterboden zu kontaminieren. Proportional zu ihrer schrumpfenden Körpergröße wird im Verlauf der Jahrtausende der Bedarf an Zeitungen natürlich immer geringer. Schließlich kommt der Tag an dem die Bilsch nur noch kleine Papierschnipsel abreißen auf denen sie dann ihr Geschäft platzieren.
Aus Gründen der Hygiene und der gesellschaftlichen Kommunikation, benutzt man deshalb irgendwann nur noch eine einzige Stelle im Wald als gemeinschaftliche Latrine.
Plötzlich, eines schönen Tages, verschwindet der erste Bilsch auf dem Weg dorthin!
Da es sich um ein beliebtes Mitglied der Gemeinschaft handelt, ist die Bestürzung riesig groß. Sofort beginnt man intensiv nach seinem Verbleib zu forschen, doch selbst nach stundenlanger Suche ist keine Spur zu finden.
''Er ist wie vom Erdboden verschluckt'', stellen die Ermittler konsterniert fest.
Sie haben zu diesem Zeitpunkt nicht die leiseste Ahnung wie unglaublich nahe ihre Aussage an der Wahrheit liegt.
Und dann verschwindet der Zweite!
Als ein paar Tage darauf auch Nummer Drei und Vier einfach weg sind ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen oder wieder aufzutauchen, da breitet sich langsam so etwas wie Panik unter den Bilsch aus.
''Wir sollten besser unserem Schöpfer noch ein Opfer darbringen, auf das er uns verschone'', lautet die Devise der Hinterlassenen.
Es ist im Dorf zwar kaum noch etwas übrig das man opfern kann, aber mit einem,
''Ich hab' noch 'ne Tüte Müsli zu Hause'',
macht sich jedoch sofort jemand auf den Weg.
Als er schließlich zurückkehrt sind alle verschwunden.
Mutterseelenallein steht er nun auf dem Dorfplatz und fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben so richtig verlassen.
Er ist zu spät gekommen!
Mutlos schaut er auf die Tüte Müsli und sein letzter Gedanke ist: ''Hol's doch der Teufel!''
Genau in diesem Moment öffnet sich urplötzlich der Boden unter ihm, es wird schwarz und er stürzt für eine Ewigkeit ihm unbekannten Gefilden entgegen -
und dann sitzt er zwar arg derangiert, aber immerhin ohne größere Blessuren wieder im Kreise seines Völkchens!
''Hast dir ganz schön Zeit gelassen Alter'', wird er freudig begrüßt.
Man liegt sich in den Armen und ist heilfroh nun endlich wieder komplett zu sein. Nach einer kurzen Analyse der Situation stellen die Bilsch fest, dass ihre ganze Population durch die Eingangsschächte von Regenwürmern in die Tiefe gerutscht ist.
Da bekommt der Ausdruck ''Wurmloch'' gleich eine ganz andere Bedeutung!
Leider ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende, denn die Entwicklung, sprich die Schrumpfung, geht weiter. Nach mehreren zig tausenden von Jahren sind die Bilsch dann endlich auf der Ebene von Fadenwürmern und anderem mikroskopisch kleinen Leben angekommen. Auf der Oberfläche des Planeten ist derweil eine andere Spezies entstanden, hat Intelligenz entwickelt und den Ackerbau als eine gute Sache zur Nahrungsversorgung entwickelt. Auch die Nutzhaltung von domestizierten Tieren in sogenannter Stallhaltung wird als probates Mittel praktiziert und trägt maßgeblich zur Versorgung der Bevölkerung bei. Die anfallenden Fäkalien werden schließlich als hervorragender Dünger erkannt. Von da an gibt es kein Halten mehr. Ungebremst und mit wachsender Begeisterung wird nun täglich die Gülle auf die Felder ausgebracht. Bei einer dieser Aktionen wird just die Ackerfläche behandelt, unter der die gesamte Population der Bilsch friedlich mit ihren neuen Kumpanen, Fadenwürmer und Pantoffel-Tierchen, im Untergrund lebt.
Das Letzte was die Bilsch sehen ist ein brauner Tsunami aus Scheiße, der sich durch Wurmlöcher und Kapillare seinen Weg unerbittlich in die Tiefe bahnt.
Es gibt kein Entrinnen!
Die großartige Zivilisation der Bilsch mit all ihren Errungenschaften, gottesfürchtig, opferbereit, dankbar und dem Herrn ergeben, wird in einem einzigen Augenblick des Schreckens von einer Welle aus stinkender Jauche weggeschwemmt.
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man es glatt für einen Witz halten.
Was man im Kosmos hingegen für einen grandiosen Witz hält ist der Umstand, dass von eben dieser Gülle verspritzenden Nachfolgegeneration sehr viel später die ehemalige Gemeinschaftslatrine der Bilsch im Wald entdeckt und ausgegraben wird. Die mittlerweile steinhart mineralisierten Zeitungsschnipsel, inklusive der fossilen Köttel obendrauf, werden einer intensiven Prüfung unterzogen und von den Archäologen nach deren Dafürhalten pikanterweise als prähistorisches Bodenmosaik eingestuft.
''Da gibst du denen richtig viel Grips mit, damit die auch wirklich strahlende Momente haben können und dann so etwas'', wundert sich der Alte und schüttelt resigniert den Kopf.
''Nimm es nicht persönlich, Helge'', sagt Wolke tröstend zu ihrem Bruder, ''die meinen es nicht so, aber irgendwie liegen sie auch richtig. Da ist schon ein Muster zu erkennen.''
''Fang du jetzt bitte nicht auch noch an. Für mich persönlich hat Doktor L dort seine Finger im Spiel gehabt, der alte Pfuscher!''
''Und was ist mit Galon? Meinst du da auch?!''
''Boah Wolke, erinnere mich bloß nicht daran!''
Lebewesen und Planeten
Beim Alten verursacht die Erwähnung dieses Planeten augenblicklich eine schwere Reizung der Magenschleimhaut. Er hat auch schon versucht, die Situation in dieser Ecke des Universums auf alle erdenkliche Arten zu klären. Zum Beispiel das Zentralgestirn als Supernova explodieren zu lassen. Damit hätte es sich für Galon und alles was auf ihm lebt erledigt. Leider ist die Sonne aber noch viel zu jung für solch einen Prozess und es wäre sofort aufgefallen.
''OK, das geht schon mal nicht'', kommentiert der Alte seine Idee.
Als nächste Option er den Sturz des gesamten Sonnensystems in ein schwarzes Loch in Betracht. Leider liegt das System aber am Rand der Galaxis und aus bekannten physikalisch astronomischen Gründen findet man schwarze Löcher eher in ihrem Zentrum. Es gibt also nichts Brauchbares in der näheren Umgebung, in das man Galon hätte stürzen lassen können.
''OK, das geht auch nicht.''
Der Einschlag eins großen Asteroiden würde ebenfalls zum gewünschten Ergebnis führen.
Jetzt verhält es sich aber leider so: Der Planet ist echt flott unterwegs!
In knapp 360 Tagen flitzt er mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit um seine Sonne. Zusätzlich ist die Umlaufbahn leicht elliptisch und daher weiteren Schwankungen der Zentrifugalkraft unterworfen.
Will heißen: Mal ist er etwas schneller, ein anderes Mal bremst er wieder ab!
Dieses Verhalten ist gelinde gesagt überhaupt nicht zuträglich, um vernünftig zielen und obendrein auch noch treffen zu können. Erschwerend kommt die Tatsache hinzu, dass so ein Meteorit im Vergleich zu einem Planeten doch eher klein ist. Auch wenn einige Brocken die stolze Größe von mehreren Kilometern erreichen, sind sie auf kosmischer Ebene dennoch winzig. Der Alte experimentiert daraufhin mit dem 'viel hilft viel' Prinzip und lenkt ganze Meteoriten Schwärme in das Sonnensystem. Tatsächlich wird der Planet nun hin und wieder von einem Meteoriten getroffen.
Das reicht aber bei weitem nicht für eine völlige Zerstörung aus. Die meisten komischen Trümmer verglühen sowieso in der Atmosphäre oder prallen von ihr ab und verabschieden sich auf nimmer Wiedersehen.
''OK, so funktioniert es überhaupt nicht'', grummelt der Alte, ''Wolke, willst du mal versuchen?''
''Nein!''
''Wieso nicht?!''
''Ich packe grade meinen Koffer. Es geht in den Urlaub!''
''Ja klar, hau jetzt einfach ganz entspannt ab und lass mich hier mit dem ganzen Mist alleine!''
''Mein lieber Helge. Anstatt deine Zeit mit Zielübungen zu vergeuden, solltest du dich besser mal um meine Wäscherei in Kleve kümmern!''
''Ruhig Blut Wolke, bin dabei. Ist in Arbeit!''
Warum dem Alten bei Galon ständig die Galle überläuft, liegt in dessen evolutionärem Verlauf begründet. Nicht das mit dem Planeten etwas nicht in Ordnung wäre, nein, den hat der Alte wirklich gut hinbekommen. Die kalten Regionen sind auf ihm genau dort, wo eh niemand wohnt und die warmen Gegenden liegen auf Wolkes Anregung hin fast alle, abgesehen von ein paar Wüsten, in den Tropen. Ein Mond, hübsch anzuschauen und in ausreichender Größe zur Stabilisierung der Planetenachse, kreist ebenfalls gemächlich um Galon. In einem Anfall von großzügigem Wahn hat der Alte auch noch eine Neigung der Planetenachse zu dessen Ekliptik eingebaut.
''Damit es dort verschiedene Jahreszeiten gibt. Dann merken die Chaoten wenigstens, wenn es Sommer wird und sie ihren Urlaub nehmen können'', erklärt der Alte sein Vorgehen.
''Hast du schön hinbekommen Helge! Ich glaube, das schaue ich mir auch mal an.''
''Bekommst du eigentlich kein schlechtes Gewissen mich hier ständig alleine zu lassen?!''
''Nein. Und übrigens kann Urlaub nur der genießen, wer reinen Herzens ist'', bemerkt seine Schwester.
''Ach papperlapapp Wolke, das ist doch Kokolores!''
Helge ist ständig leicht angesäuert von der Tatsache, dass seine Schwester mit ihren Kolleginnen vom Sternschnuppen-Klub jeden freien Moment nutzt, um 'mal eben' mit Eternity-Airways irgendwo hinzufliegen. Der Alte fühlt sich dadurch massiv übervorteilt, Wolke findet es hingegen große Klasse!
Abgesehen von diesen unbedeutenden Meinungsunterschieden über Sinn und Zweck von Freizeitgestaltung, ist man sich dennoch über Galons gelungenes Design zweifelsfrei einig.
Was da jedoch auf seiner Oberfläche so kreucht und fleucht ist jenseits jeglichen Wohlgefallens.
Es ist auch nicht das 'was' sich dort bewegt, sondern eher das 'wie'.
Dabei hat der Alte es so gut geplant.
''Sportlich und dynamisch sollen sie sein. Belastbar, widerstandsfähig, ausdauernd, zäh und trotzdem elastisch, bescheiden, demütig, aufrecht und ehrlich, gottesfürchtig und im Einklang mit der Natur sollen sie leben'', murmelt der Alte, während er das alles auf seine Agenda schreibt.
''Nun hau doch bitte nicht so übertrieben auf die Sahne, Helge. Das werden ja richtige Gutmenschen. Das bekommen die niemals hin'', mahnt Wolke zweifelnd ob all der Tugenden.
''Nein nein, die schaffen das schon'', erwidert der Alte überzeugt.
Für die nächsten Jahrhunderttausende halten sich die Einheimischen auch buchstabengetreu daran. Sie haben eine voluminöse Lunge entwickelt, um die saubere Luft ihres Planeten zu genießen und zwei kräftige Beine ausgebildet auf denen sie sich problemlos von A nach B bewegen können. Eigentlich läuft alles wie am Schnürchen. Dann geschieht jedoch eines Tages etwas Seltsames. Nach einem ausgiebigen Trinkgelage anlässlich einer örtlichen Geburtstagsfeier, legt sich einer der Teilnehmer einfach auf die erstbeste Parkbank, zur kurzen Entspannung, wie er später behauptet.
Und das ist glatt gelogen!
Erstens:
Der Typ braucht keine Entspannung, sondern muss sich ausnüchtern, weil er sturzbetrunken ist!
Zweitens:
Es gibt zu dieser Zeit noch gar keine Parks auf Galon!
Drittens:
Folglich kann er also auf gar keinen Fall auf einer Parkbank gelegen haben!
Das, was er in seiner benebelten Wahrnehmung für eine Parkbank hält, ist in Wirklichkeit die weit verbreitete Art einer Riesen-Landschildkröte.
Dieses Ereignis wird im Nachhinein als das erste verdeckte Eingreifen Doktor L's in die galonsche Planeten Historie datiert, denn anders kann man sich die nun folgenden Abläufe nicht erklären.
Von den alkoholischen Ausdünstungen des Schläfers in milde Panik versetzt, kommt die Riesen-Landschildkröte langsam aber stetig in Bewegung. Angetrieben von ihrem Fluchtinstinkt, marschiert das arme Tier Stunde um Stunde unermüdlich durch Galons atemberaubende Landschaft. Zwar versucht sie mit unerwarteten Richtungswechseln, (ein bei U-Boot Besatzungen später als ''Irrer Iwan'' bekanntes Manöver), ihren Passagier wieder abzuschütteln, aber Besoffene kleben an Objekten wie ein 'Kalter Bauer' an der Bettdecke. Daher ist der bemitleidenswerten Kreatur leider kein Erfolg vergönnt und so zieht sich die Tortur noch einige Zeit hin. Als schließlich der Morgen graut und die Riesen-Landschildkröte sich langsam mit dem Gedanken anfreundet, für den Rest ihres Lebens mit dem alkoholisierten Einheimischen oben auf ihrem Panzer durch die heimische Flora zu marschieren, (eine schreckliche Vorstellung, denn die Tiere werden in der Regel bis zu 500 Jahre alt.), da geschieht das Unerwartete. Etwas, das sich anhört wie ein durch eine Feinripp-Unterhose gedämpfter Furz, ist zu vernehmen. Danach verspürt die Schildkröte ein leichtes Schaukeln, gefolgt von dem Geräusch panisch auf Schildpatt kratzender Fingernägel. Ein letzter verzweifelter Bremsversuch um das Schicksal doch noch herumzureißen, verursacht jedoch nur ein nerviges Quietschen von Gummisohle auf taufeuchtem Schildkröten Panzer. Dann segelt in erhabenem Flug eine aus nachhaltig angebauten Rohstoffen, handgefertigte linke Flip-Flop Badelatsche am Kopf unseres unfreiwilligen Spediteurs vorbei. Dieser zieht denselben auch sogleich vorsichtshalber zurück in sein gepanzertes Häuschen. Keine Sekunde zu spät, denn es folgt nun die rechte Flip-Flop Badelatsche in der noch der dazugehörige Eigentümer steckt.
Im freien Fall rotiert er einen gekonnten Salto mit anschließender halber Schraube, dann presst ihm der Einschlag ins Moos sämtliche Luft aus seinen Lungen.
Zwei Dinge passieren.
Erstens:
Der Einheimische bleibt derangiert und benommen am Boden liegen, ist seltsamerweise inzwischen wieder völlig ausgenüchtert, kann sich aber an nichts mehr erinnern.
Zweitens:
Die Riesen-Landschildkröte, froh den irren Passagier wieder los zu sein, nutzt die Gunst des Augenblicks, nimmt ihre Beine in die Hand und verschwindet vom Epizentrum des Wahnsinns.
Nachdem der erste Schock überwunden ist und sich sein Zustand wieder auf ein normales Niveau beruhigt hat, lässt der Einheimische seinen Blick in die Runde schweifen. Was er sieht, versetzt ihn in ungläubiges Erstaunen. Er kennt diese Gegend nur zu gut.
Es ist sein Zuhause!
Dies ist der Augenblick, in dem ein neues Kapitel in der evolutionären Entwicklung aufgeschlagen wird. Galon erlebt die Geburtsstunde einer neuen Doktrin, welche von nun an wie folgt lautet:
''Das Ziel ist die absolute Bewegungslosigkeit!''
Die Einheimischen entdecken die Bequemlichkeit. Anstatt ihre Körper mit all seinen hervorragenden Funktionen zu nutzen, verlegen sie sich aufs Faulenzen. Man hat keine Lust mehr auf anstrengende Fußmärsche, sondern sucht jetzt nach alternativen Transportmöglichkeiten.
Außerdem erschleicht sich eine ziemlich schlechte Charaktereigenschaft den Zugang in die Gesellschaft. Die Lüge!
Diese Attitüde wird durch verbale Schönfärberei verniedlicht indem man jetzt ''schummeln'' oder ''mogeln'' als Begrifflichkeit benutzt, aber im Kern bleibt es das Gleiche. Die Einheimischen sind nicht mehr länger aufrecht und ehrlich.
''Boah, mir tun die Füße so weh. Ich kann nicht mehr laufen. Kannst du mich nach Hause tragen'', ist zum Beispiel eine dieser Betrügereien zu jener Zeit.
''Ich hab irre Rückenschmerzen, kann mich nicht mehr alleine auf den Beinen halten'', eine Andere.
Manchmal reicht auch schon ein einfaches ''mir ist jetzt gerade echt nicht gut'', um sich von gutgläubigen Zeitgenossen nach Hause transportieren zu lassen.
Auf Galon entsteht im Laufe der Zeit ein richtiger Beförderungs-Hype.
Schnell wird entdeckt, dass sich bestimmte Tiere dafür bestens eignen. Alles, was einen geraden Rücken hat, ist schon mal prima. Dort kann man nämlich wunderbar darauf sitzen, ohne die Befürchtung zu haben, ständig von da oben abzurutschen. Die Riesen-Landschildkröten ziehen sich zu dieser Zeit geschlossen auf 2 entfernt gelegene Eilande zurück. Die Furcht, von den Einheimischen am Ende völlig verschlissen zu werden, ist die Triebfeder ihres Handelns. Ihnen ist der ausgebrochene Trubel einfach suspekt. Eine ruhige Kugel zu schieben entspricht sowieso eher ihrem Naturell. Das gelingt den Riesen-Landschildkröten auch dermaßen gut, dass sie auf Galon schließlich in Vergessenheit geraten. Einige Jahrtausende leben sie friedlich und im Einklang mit der Natur auf ihren Inseln. Dann jedoch werden sie zufällig von Mitgliedern einer seefahrenden Nation wiederentdeckt. Es handelt sich genauer gesagt um Schiffbrüchige, die schon seit geraumer Zeit auf dem Ozean ziellos umhertreiben und jetzt durstig und hungrig an den Strand besagter Inseln gespült werden. Ohne viel Zeit zu verlieren, fangen sie kurzerhand eine Riesen-Landschildkröte und bereiten sich aus ihr eine nahrhafte Mahlzeit. Da die Schildkröte höchsten Wert auf ein gesundes Leben legt und deshalb immer viel Obst und Gemüse auf ihrer Speisekarte stehen hat, ist sie nicht nur nahrhaft, sondern schmeckt obendrein auch noch besonders hervorragend.
Das ist der Anfang vom Ende, denn von nun an gilt sie als köstliche Delikatesse.
Es dauert wirklich nur einen Wimpernschlag, dann ist die gesamte Population aufgefuttert und der gesamte Exodus damit ad absurdum geführt.
Der Alte beobachtet das Treiben mit zunehmendem Argwohn.
''Die Irren da unten kommen auf ziemlich schräge Ideen. Von mir haben sie das nicht'', betont er leutselig mit einem Seitenblick auf seine Schwester.
Zur gleichen Zeit schlägt sich Doktor L im Labor für Pyrotechnik freudig auf die Schenkel.
''In Anbetracht unserer bescheidenen Einflussnahme muss ich zugeben, dass wir großartige Fortschritte machen. Es gilt jetzt weiter tapfer nach vorne zu schauen und nicht nachzulassen in unserem Bemühen, die Evolution auch weiterhin nachhaltig zu versauen. Liebe Mitarbeiter, die nächste Runde geht aufs Haus.''
Tosender Beifall brandet auf und sofort werden die Gläser mit neuem dampfenden 'Bloody Purgatory' gefüllt. Neue Tänzerinnen schweben an die Polestangen, die kleinen Vulkankegel werden frisch angeheizt und schwere Heavy Metal Musik aufgelegt. In Doktor L's Reich herrscht eine Bombenstimmung.
''Wir werden jetzt Phase Zwei unseres Plans in Angriff nehmen, aber zuerst feiern wir!''
Das Firmament erzittert
Phase Zwei ist eine perfide ausgeklügelte Strategie zur Umgehung der himmlischen Vorsichtsmaßnahmen. Der Alte hat dafür gesorgt, dass es zwar auch auf Galon eine Wüste gibt, aber kein Weg dorthin führt. Irgendwie ist er von den dehydrierten armen Seelen die ständig vorgeben seine Stimme zu hören mittlerweile ziemlich genervt. Genau dort setzt Doktor L an. Er lanciert per Mundpropaganda an den Lagerfeuern der Einheimischen die Idee, dass man seine Heimat in den Bergen entdecken sollte. Dort ist es schön, man verspürt den Atem der Natur und einiges andere mehr. Von diesem Augenblick an werden ausgiebige Bergwanderungen in der Bevölkerung favorisiert. Der springende Punkt dabei ist folgender:
Je höher man im Gebirge aufsteigt, desto weniger Sauerstoff steht dem Wanderer zur Verfügung.
Ab einer gewissen Grenze zeigt dieser Mangel eine eklatante Auswirkung ähnlich einer Dehydration in der Wüste. Es entstehen seltsame Gedanken im Kopf des Betroffenen. Und da die Einheimischen sowieso keine große Lust mehr auf Eigenbewegung haben, ist es nur logisch, dass sich etwas Bahnbrechendes ereignet.
Genau zwei Wochen nach dem ersten Höhenkoller wird das Rad erfunden!
Jetzt gibt es kein Halten mehr.
Es werden Sachen um das Rad herum konstruiert wie zum Beispiel Transportpritschen.
Die Einheimischen setzen im Handumdrehen ihre domestizierten Haustiere, wie Rind und Pferd, als ideale Zugmittel ein. Jetzt kann man auf die Pritschen nicht nur Handelsware legen, sondern obendrein auch noch sich selbst. Das kommt, wie nicht anders zu erwarten, bei den Galonern sehr gut an. Da man obendrein auch einen stark ausgeprägten Hang zum Schöngeistigen hat, versuchen einheimische Designer die Innenausstattung der immer noch primitiv wirkenden Vehikel geschmackvoll zu gestalten. Zu aller Freude wird nach einiger Zeit ein wirksamer Regenschutz in Form einer stabilen Blechverkleidung entwickelt. Da sich dort ebenfalls Gestalt gebende Möglichkeiten ergeben, biegt, hämmert und knetet sich in kürzester Zeit fast jeder Galoner seine eigene Karosserie zusammen. Je nach handwerklicher Begabung fallen die Resultate manchmal doch eher etwas kläglich aus, wohingegen es bei anderen Hobbyhandwerkern zu recht pompösen Entwürfen kommt. Was alle Machwerke jedoch gemeinsam haben, ist der nicht von der Hand zu weisende Mangel an Platz für die einzuspannenden Zugtiere. Metall ist schwer und Blech gehört unzweideutig zur Gruppe der Metalle. Dort wo man sich früher noch mit einer oder zwei Ziegen behelfen konnte, ist mittlerweile eine ganze Herde nötig. Selbst bei stärkeren Zugtieren wie Ochse und Pferd muss inzwischen massiv aufgestockt werden. Kurz gesagt bedeutet das, die Viecher passen alle gemeinsam irgendwie nicht mehr unter die Haube.
''Wir läuten jetzt Phase 2 unseres Planes ein'', erklärt Doktor L seinen engsten Vertrauten im Labor für Pyrotechnik.
Er sitzt dort mit ihnen in entspannter Runde und tüftelt schon eine ganze Weile an dem weiteren Vorgehen auf Galon.
''Famose Idee Chef! Was machen wir als nächsten Schritt?'', wendet Spalte fragend ein.
Spalte's richtiger Name lautet frei übersetzt in etwa 'Göttliche Narretei', oder 'Himmlischer Schabernack'. Er hält sich für einen begnadeten Musiker und spielt auch tatsächlich am Beginn seiner Karriere zusammen mit den himmlischen Chören.
Spalte betätigt dort diverse Zupfinstrumente, von denen er in Wirklichkeit aber keines richtig beherrscht. Das wird von ihm jedoch meisterlich kaschiert, weil er sich in der Gruppe der anderen Musikanten erfolgreich verstecken kann. Auffällig wird es daher erst, als zur Geburtstagsfeier des Alten eine musikalische Solo-Performance ansteht.
Die Wahl fällt auf Spalte, weil getreu seinem Motto:
''Wenn man schon nichts richtig kann, so soll man mit dem Wenigen, was einem dann noch bleibt, richtig auf die Kacke hauen'',
wird er niemals müde auf seine musikalisch fachlichen Qualifikationen hinzuweisen.
Es bleibt selbstverständlich müßig zu erwähnen, dass seine Performance in einem Desaster endet.
Ein einfaches ''Happy Birthday'' artet in einer dermaßen kümmerlichen Stümperei aus, dass man ihn umgehend aus den himmlischen Chören wirft und außerdem mit einem für den gesamten Himmel geltenden Musikverbot belegt.
In den Reihen der Mitmusikanten entsteht dadurch eine sichtbare Lücke auf die sich fortan sein Spitzname bezieht.
In der nächsten Zeit versucht er sein Glück als Bote in der firmeneigenen Zustellabteilung.
Als Spalte sich zum wiederholten Male auf einem seiner Botengänge verläuft und im Untergeschoss des Gebäudes durch die Flure irrt, wird Doktor L auf ihn aufmerksam.
''Was machst du denn hier unten?''
''Ich muss ein Päckchen zustellen'', antwortet Spalte.
''Bei mir?''
''Nein, nein. Bei einem Fräulein Sollma-Vögele.''
''Ah, das ist die Peitschen Gaby. Sie hat ihr Studio aber zwei Stockwerke höher! Du hast es wohl nicht so gut mit der Navigation, hm?''
''Ich hab' den Job erst seit kurzer Zeit.''
''Was hast du denn vorher so gemacht'', fragt Doktor L interessiert.
''Ich bin Profimusiker und war Sologitarrist bei den himmlischen Chören.''
''Ach du bist das! Kannst du außerdem noch etwas anderes?''
''Ja, kiffen.''
''Sehr gut! Komm mal einen Augenblick mit rein.''
Spalte wird auf der Stelle vom Doktor engagiert und ist seitdem für den reibungslosen Nachschub diverser Drogen ins Labor verantwortlich.
''Spalte, schau mal nach, ob wir jemand geeignetes im Hochgebirge haben!''
''Soll er irgendwelche besonderen Fähigkeiten haben, Chef?''
''Das ist egal. Hauptsache in den Bergen. Check das mal.''
''Wir haben dort momentan einen Produzenten. Wie wäre es mit dem?''
''Was produziert der Gute denn bitteschön?''
''Vegane Handcreme'', antwortet Spalte beflissen.
''Ist ja irre. Genau der Richtige. Das passt hervorragend'', sinniert Doktor L und drückt gleich darauf entschlossen die berüchtigte 'Action' Taste.
Nur einige Sekunden später ereignen sich im Hochgebirge folgende Umstände.
Durch den sich ständig erhöhenden Druck eines Manteldiapirs aus dem Planeteninneren, lösen sich zwei seit Äonen verhakte Kontinentalplatten. Das machen sie aber nicht einfach so, sondern mit der Freisetzung einer gehörigen Schockwelle. Dadurch kommt ein schon grundsätzlich brüchiger Abhang ins Rutschen und mehrere hunderttausend Tonnen loses Geröll poltern daraufhin ungebremst zu Tal. Außer einigen Murmeltieren, die sich in ihrem Balzritual kurzfristig gestört fühlen, nahm den Vorfall ansonsten keine andere Kreatur zur Kenntnis. Als Ergebnis bleibt jedoch einige tausend Meter tiefer, ein durch das Geröll zugeschütteter Trekking Pfad zurück.
Und wie durch Zauberhand geleitet, steht nun ein Hinweisschild, welches mit der Lawine zu Tal rutschte, unübersehbar mitten auf der Endmoräne.
Einige Zeit später marschiert Théo Dorant, Produzent der veganen Handcreme, auf seiner alpinen Trekking Tour genau zu dieser Stelle. Sofort bemerkt er das Hinweisschild, auf dem in verführerisch bunten Lettern geschrieben steht:
''Essen wie bei Muttern!''
Ein Pfeil auf dem Schild zeigt die exakte Richtung an und deutet verwegen bergauf. Da Théo schon seit einiger Zeit nichts mehr gegessen hat und sich in seinem Magen langsam ein kleines aber doch sehr präsentes Hungergefühl ausbreitet, beschließt er bei 'Muttern' eine Vesper einzunehmen.
Mutigen Schrittes wandert Théo den Bergrücken hinauf. Höher und immer höher zieht sich der Pfad und wie um jeden aufkeimenden Zweifel zu zerstreuen, stößt er nach geraumer Zeit auf ein weiteres Schild mit dem Hinweis:
''Von Zuhaus' nach Daheim!''
Dieses Schild trägt ebenfalls einen Richtungspfeil, der den tapferen Wanderer noch weiter den Berg hinauf verweist. Unerschrocken folgt Théo der angegebenen Richtung und im selben Augenblick kennt die Freude im Labor für Pyrotechnik keine Grenze mehr.
''Grandios eingefädelt Chef'', jubelt Spalte im Brustton der Überzeugung.
''Ich weiß Spalte, ich weiß'', antwortet Doktor L zufrieden.
Langsam und um das Gefühl vollkommen zu genießen, wandert sein Finger zur 'Enter' Taste hinüber. Mit einem geflüsterten: ''Und ab dä Fisch'' drückt er entschlossen die Taste und das Programm, dass jetzt von niemanden mehr gestoppt werden kann, beginnt sein zerstörerisches Werk.
Niemand kann später sagen, ob der wackere Théo eine Vesper bei 'Muttern' eingenommen, oder die besagte Almhütte überhaupt jemals erreicht hat. Fakt ist jedoch, dass ihm auf zirka 5000 Metern Höhe nicht nur sein Sauerstoffniveau auf ein Minimum absackt, sondern er obendrein eine seltsame Offenbarung über die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors bekommt.
Darin eingeschlossen sind Kolben, Einspritzdüsen, Verbrennungskammer, Zündkerzen und sogar noch zusätzlich die Explosionszeichnung eines Turboladers.
In diesem denkwürdigen Augenblick wird der Grundstein der galonschen Autoindustrie gelegt und es kommt wie es kommen muss. Zugtiere werden mit der Zeit obsolet, die Fahrzeuge dadurch immer kompakter und eine ordentliche Produktionslinie kann aufgebaut werden. Auf Galon opfert man Schritt für Schritt sämtlichen freien Raum in den Städten dem Automobil und die Einwohner machen sich in kürzester Zeit von ihnen abhängig. Ziele, die man früher bequem zu Fuß erreicht hat, werden von nun an mit dem Auto angesteuert. Dazu gehören Zeugs einkaufen im Supermarkt, die Kinder zur Kita bringen, Fluppen an der Tanke und Bier am Büdchen holen. Die Galoner werden schließlich so bequem, dass einige von ihnen nicht davor zurückschrecken, den Gang zur Toilette ebenfalls mit dem Auto zu absolvieren.
Sehr viel später lockt sogar eine renommierte Krankenkasse ihre Klientel mit dem Angebot einer monatlichen Freifahrt im Krankenwagen nach Hause, bei Abschluss einer privaten Krankenversicherung.
Dem Alten bleibt das Treiben auf Galon natürlich nicht verborgen und erregt in zunehmendem Maße seinen Argwohn. Ganz stark vermutet er Doktor L hinter dem ganzen unseligen Treiben, findet jedoch keinen unwiderlegbaren Beweis, der auf das Labor für Pyrotechnik hindeutet.
''Wer hat sich diesen ganzen Quatsch eigentlich ausgedacht, Wolke?''
''Ein Mann namens Théo Dorant. Der hat vor ein paar Jahren auch schon eine vegane Handcreme auf den Markt gebracht, Helge.''
''HÄ!?!'', entfährt es dem Alten fassungslos und man kann deutlich erkennen wie es bei ihm in diesem Augenblick zu einem emotionalen Kollaps kommt, ''wer sich so etwas Bescheuertes einfallen lässt, dem ist wohl auch das Automobil zuzutrauen.''
Auf Galon derweil, entfaltet das L'sche Programm eine weitere Facette des Irrsinns.
Mittlerweile ist die Kapazität der Vehikel nämlich rasant angewachsen und der freie Verkehrsfluss hat sich zunehmend in einen klumpigen Pfropf verwandelt. Das ungestörte Fortkommen von 'A' nach 'B' ist zu einer schöngefärbten Utopie mutiert. Ein neuer Begriff macht nun die Runde: 'STAU'
Jetzt kommt es auf Galon zu einem folgenschweren Phänomen.
In der Psychologie wird es später als ''Das ungewollte Zusammentreffen im Straßenverkehr und der sich daraus resultierenden kompulsiven Störungen im vegetativen Nervensystem'' verbucht. Dieses Phänomen bedeutet in einfachen Worten nichts anderes, als dass man im Stau steht und sich dauerhaft mit seinen Nachbarn im Auto nebenan konfrontiert sieht.
Das nervt enorm und löst Kackreiz aus!
Also entwickeln unsere tapferen Landfahrer logischerweise gewisse Ängste, die wiederum zu erhöhtem Konsum von allerlei Süßigkeiten führen. Unvermeidlicherweise geht damit eine Vergrößerung der Körperoberfläche einher. Sprich, die Galoner werden in zunehmender Form adipös und da sich von denen sowieso keiner mehr freiwillig zu körperlicher Aktivität hinreißen lässt, außer vielleicht unter Zwang oder mit vorgehaltener Waffe, werden die Autos für ihre Insassen irgendwie zu eng. Der normale Galoner fühlt sich mittlerweile eingequetscht wie eine Ölsardine in der Dose.
Jetzt startet unbemerkt von allen Kontrollinstanzen die nächste Phase des L'schen Programms.
Die Autoindustrie beginnt nun den Markt mit überdimensionierten Fahrzeugen zu sättigen.
Ab sofort wird mit 4 Tonnen Metall, 100 Kilogramm Galoner plus 5 Kubikmeter Luft durch die Gegend befördert. Wird ein Kleinkind zur Kita gefahren, sind es nochmals 25 Kilogramm mehr.
Die Abmessungen dieser Fahrzeuge überschreitet teilweise die Größe eines Lastkraftwagens.
In den Städten kommt man deshalb nur noch im Gänsemarsch voran und es droht jeder Zeit der Verkehrsinfarkt. Die Automobilisten fühlen sich zunehmend von anderen Verkehrsteilnehmern genötigt und im wahrsten Sinne des Wortes in die Enge gedrängt.
Alles an diesen Autos ist irgendwie maßlos übertrieben und als Sahnehäubchen der Absurdität nennt man die Teile auch noch: 'Sport Utility Vehicle'.
Diese Bezeichnung kommt aus dem Marketing und muss sich nicht im Geringsten an die Wahrheit anlehnen. Überhaupt lässt sich auf dem Planeten alles recht gut verkaufen wo 'SPORT' draufsteht.
Beginnend mit Bier, Salzstangen und Schokolade, wird ganz plötzlich auch der sportliche Fahrstil als erstrebenswert favorisiert.
Der ganze Planet ist mittlerweile ein einziges widersprüchliches Tollhaus geworden.
Es ist fast unmöglich geworden unbeschadet die Fahrbahn zu überqueren.
In den Städten sollte man deshalb inzwischen auf der richtigen Straßenseite wohnen, also die mit den Restaurants und Supermärkten. Anderenfalls ist man wegen des immensen Verkehrsaufkommens angewiesen auf Zulieferfirmen wie 'Essen auf Räder'.
Zwischenzeitlich wird immer mal wieder vereinzelt eine Stimme laut die zur Besonnenheit mahnt.
''Wir sollten uns alle auf früher besinnen. Was waren das für schöne Zeiten als wir noch auf den Riesenlandschildkröten durch die Gegend gereist sind!''
Solche Einwände werden jedoch von der Verkehrslobby als Ultra reaktionär und nicht mehr zeitgemäß gebrandmarkt und schnell zum Verstummen gebracht.
Je mehr der Verkehr ins Stocken gerät, desto vehementer wird folgende Forderung von den Automobilisten und deren Fachverbände lanciert:
'Freie Fahrt für freie Bürger!'
''Siehst du Spalte, jetzt sind die genau an dem Punkt wo ich sie haben wollte'', schmunzelt Doktor L in seinem Labor verzückt.
''Chapeau Chef. Sauber eingefädelt, wie immer'', nickt Spalte dienstbeflissen aber völlig ahnungslos wie ein Neugeborenes und rollt dabei den nächsten Joint, ''und welcher Punkt wäre das nochmal?''
Doktor L setzt gerade zu einer expliziten Erklärung an, schaut jedoch in ein völlig bekifftes Gesicht mit glasigen Augen und erkennt die Sinnlosigkeit seines Unterfangens. Spaltes Denkprozesse bewegen sich momentan mit der Geschwindigkeit eines Öltankers bei einer Dreipunkt-Wende im Ärmelkanal. Also eher recht gemächlich.
Etwas schneller geht es dafür auf den galonischen Autobahnen zu und genau da setzt der perfide Plan des Doktors an.
Die Bewegung 'Freie Fahrt für freie Bürger' hat sich dort ziemlich erfolgreich für das Verbot eines umfassenden Tempolimits eingesetzt. Natürlich wäre ein solches Limit mitunter sehr vernünftig und auch den Umständen entsprechend mehr als sachgemäß zu bezeichnen, aber das L'sche Programm hat die Vernunft, wenn es ums Auto geht, auf ein fast nicht mehr erkennbares Minimum herabsacken lassen.
''Geschwindigkeit bedeutet Freiheit'', wird ab sofort von Politikern aller Couleur propagiert.
Und da jede noch so kleine Seele gerne frei sein möchte, ist die Begeisterung in der Bevölkerung bei solchen Slogans einfach grenzenlos.
Nahezu in Vergessenheit gerät dabei die Tatsache, dass steht man erst einmal im Stau, es mit der individuellen Beschleunigung seines Fahrzeuges eher schlecht bestellt ist.
Das bedeutet in letzter Konsequenz Freiheitsverlust!
Dieser Sachverhalt wird selbstverständlich von keinem der Automobilverbände oder verantwortlicher Industrie widerspruchslos hingenommen.
Und so nimmt das Verhängnis seinen unabänderlichen Lauf.
''Stillstand auf unseren Autobahnen ist gleichzusetzen mit einem Angriff auf unsere Demokratie'', lanciert ein politischer Flügel, ''es untergräbt die Säulen unserer Gesellschaft und zersetzt die Stützen unserer freiheitlich rechtlichen Grundordnung. Das kann nicht toleriert werden!''
Jetzt sind die Galoner wirklich in Angst und Schrecken versetzt und fühlen sich richtig bedroht.
Aus irgendeinem auch später nicht mehr nachzuvollziehendem Grund schaltet sich nun die Waffenlobby in das ohnehin schon emotional aufgeheizte und konfuse Szenario ein.
Mit der These, jeder Bürger hat das Recht sich zur Not auch mit Waffengewalt zu verteidigen, wenn die persönliche Freiheit auf dem Spiel steht, sorgt sie innerhalb kürzester Zeit für Furore.
Ohne jegliches Zögern rüstet sich die Bevölkerung daraufhin konsequenterweise mit Nah – und Fernkampfwaffen aus.
Frauen greifen ab jetzt gerne einmal zu Damenbaseballschlägern und Handtaschen kompatiblem Reizgas in modisch gestalteten Sprühflacons. Auch die eine oder andere Design Taserpistole findet von nun an ihren Weg in die Köfferchen der Mädels. Der Wahrheit halber muss aber angefügt werden, dass diese Mittel zwar jemanden ausschalten können, aber nicht so richtig wehtun. Der Aphorismus 'Lernen durch Schmerz' findet hier keinen richtigen Hebelansatz.
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