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Die Zärtliche Versuchung

Barbara Cartland

Barbara Cartland E-Books Ltd.

Vorliegende Ausgabe ©2015

Copyright Cartland Promotions 1985

9781782136835

Gestaltung M-Y Books

www.m-ybooks.co.uk

1816 ~ 1.

Die Marquise trank einen Schluck Madeira.

„Der Arzt“, sagte sie, „hat mir jede Art von Alkohol strengstens verboten, aber dein Besuch muß gefeiert werden.“

„Tut dir der Aufenthalt hier denn gut, Mama?“

Die Stimme des Marquis klang besorgt, was seiner Mutter nicht entging.

Der blasierte Ton, der im Kreis des Prinzregenten Mode war, war ihr wohl bekannt. Sie hütete sich davor, es auszusprechen, aber die arrogante Art der jungen Leute war ihr zuwider.

„Ja“, antwortete sie. „Die Schmerzen sind durch die Bäder erheblich zurückgegangen, aber Harrogate ist langweilig und ich sehne mich nach meinem Zuhause.“

Der Marquis stand auf, ging zum Kamin und lehnte sich gegen den Sims.

Die Suite, die seine Mutter im besten und teuersten Hotel von Harrogate bewohnte, war elegant, doch recht nüchtern eingerichtet. Die Marquise hatte jedoch eine Menge persönlicher Dinge mitgebracht, und die Atmosphäre war daher sehr angenehm.

Auf einem Beistelltisch stand eine Miniatur ihres Sohnes, weiche Seidenkissen lagen auf den düsteren Damastbezügen der Sitzmöbel, Silberdöschen zierten Kommoden und Fensterbänke, und in der ganzen Suite waren Vasen mit frischen Blumen verteilt.

Und das Wichtigste - die Marquise hatte natürlich ihre zwei kleinen Spaniel mitgebracht, die den Marquis stürmisch begrüßt hatten.

„Du hast es aber recht gemütlich hier“, sagte der Marquis, offensichtlich erstaunt, daß auch ein Hotel seine Vorteile haben konnte.

„Es geht“, entgegnete die Marquise. „Und was führt dich hierher? Ich bin überzeugt davon, daß du ein Anliegen hast. Du machst doch nicht die lange Reise, weil du sehen willst, ob ich entsprechend untergebracht bin.“

Während sie sprach, ruhte der Blick der Marquise bewundernd auf ihrem Sohn. Niemand, fand sie, sah besser aus, war besser angezogen und wirkte männlicher.

Der Marquis hatte breite Schultern und sehr schmale Hüften - sehr zur Verzweiflung seines Schneiders und Hemdenmachers. Es war nicht in Mode, Muskeln zu haben, aber der Marquis war der beste Boxer seines Herrenklubs in der Bond Street. Auch im Fechten war er so perfekt, daß er kaum einen Partner fand, der sich mit ihm hätte messen können. Dazu kam, daß er einer der elegantesten und weltgewandtesten jungen Herren Londons war und von allen beneidet wurde.

Auf andere wirkte er gleichgültig, zynisch und unbeeinflußbar, doch seine Mutter wußte, daß er sehr freundlich, sehr verantwortungsbewußt und mitfühlend und zum Teil auch sehr lieb und anhänglich sein konnte.

„Wenn ich das Gefühl hätte, Mama“, sagte er, und die Marquise wußte, daß es ehrlich gemeint war, „daß du meine Gesellschaft brauchst, würde ich überallhin kommen.“

„Sicherlich“, entgegnete die Marquise. „Aber sag mir den wirklichen Grund.“

„Ich habe beschlossen zu heiraten, Mama.“

„Gallen!“ Die Marquise war so erschrocken, daß sie schnell das Glas wegstellte. Sie schlug die Hände zusammen und sah ihren Sohn an. „Das ist doch nicht dein Ernst! Nach all den Jahren hast du jemanden kennengelernt, den du wirklich zu deiner Frau machen willst!“

„Ich habe mich zur Heirat entschlossen, Mama, weil ich einen Erben brauche“, sagte der Marquis. „Und daß ich eine Frau haben will, die aus guter Familie kommt und mich nicht zu Tode langweilt, versteht sich wohl von selbst.“

„Und für wen hast du dich entschieden?“

„Ich habe um die Hand von Lady Beryl Fern angehalten“, antwortete der Marquis. „Da ich vermeiden wollte, daß du in der Gazette von dem Verlöbnis deines Sohnes liest, habe ich Beryl und ihren Vater gebeten, absolutes Schweigen zu bewahren, bis ich mit dir gesprochen habe.“

„Lady Beryl Fern“, sagte die Marquise langsam. „Natürlich ist sie mir ein Begriff.“

„Sie ist unumstritten das hübscheste Mädchen Englands“, erklärte der Marquis. „Da sind sich alle einig. Der Prinz nennt sie sogar die Unvergleichliche.“

Der spöttische Unterton in der Stimme des Marquis war unverkennbar.

Seine Mutter runzelte die Stirn. „Was für ein Mädchen ist sie, Gallen?“ fragte sie.

„Sie liebt die Fröhlichkeit und ist das Herz und die Seele von allen Festen, an denen sie teilnimmt. Sie wird die Empfangsräume und Salons von Havingham House aufhellen und dafür sorgen, daß der Familienschmuck, den du so selten trägst, wieder von allen bewundert wird.“

„Meine Frage war anders gemeint, Gallen“, sagte die Marquise.

Ihr Sohn ging vom Kamin zum Fenster und sah auf die Bäume hinaus, die hier im Norden gerade erst ausschlugen.

„Was willst du denn sonst wissen, Mama?“ fragte er nach einer Weile.

„Du weißt ganz genau, was ich wissen will“, entgegnete die Marquise. „Bist du verliebt?“

„Ich bin dreiunddreißig, Mama“, sagte der Marquis zögernd, „und mit dreiunddreißig ist man über die Schwärmereien eines Jünglings hinaus.“

„Dann heiratest du also nur, um einen Sohn zu zeugen.“

„Ich kann mir keinen besseren Grund für eine Ehe vorstellen“, sagte der Marquis.

„Ich hätte dir so gewünscht, daß du dich verliebst.“

„Ich bin zu alt für so einen Unsinn - das habe ich dir eben schon gesagt.“

„Das ist kein Unsinn, Gallen. Dein Vater und ich, wir waren unendlich glücklich, und ich habe immer gehofft, daß du einmal das Glück finden wirst, das wir genießen durften, bis dein Vater von mir genommen wurde.“

„Heutzutage gibt es keine Frauen mehr wie dich, Mama.“

Die Marquise seufzte. „Ich habe deinen Vater auf einer Gartenparty kennengelernt“, sagte sie. „Wie oft hat er erzählt, ich sei von einem weißen Licht umgeben gewesen, als er mich zum ersten Mal sah!“

„Das hat mir Papa auch erzählt.“

„Ich habe ihn erst bemerkt, als er mir vorgestellt wurde“, fuhr die Marquise mit weicher Stimme fort. „Aber als er meine Hand berührte, geschah etwas sehr Merkwürdiges.“ Sie schüttelte den Kopf, als könne sie es immer noch nicht ganz fassen. „Ich habe mich auf der Stelle in ihn verliebt. Ich wußte sofort, daß er der Mann meiner Träume ist. Ich habe immer daran geglaubt, daß es diesen Mann irgendwo auf der Welt gibt, hatte aber Angst gehabt, ihn nicht finden zu können.“

„Das Glück war auf deiner Seite, Mama.“

„Das war nicht Glück, Gallen, das war das Schicksal. Die Eltern deines Vaters hatten ihn mit der Tochter des Herzogs von Newcastle verheiraten wollen, doch wir wußten, daß nichts in der Welt uns mehr trennen konnte.“

Eine leichte Ungeduld befiel den Marquis. Er wußte das alles, und es war ihm immer etwas peinlich, wenn seine Mutter von seinem Vater erzählte. Seine Eltern hatten sich so abgöttisch geliebt, daß seine Kindheit von ihrem Glück überstrahlt war. Daß sie nur ein Kind gehabt hatten, war ihr einziger Kummer gewesen, und weil der Marquis seine Mutter liebte, hatte er nach dem Tod seines Vaters stets versucht, sich um sie zu kümmern und sie zu beschützen. Sie brauchte ihm nicht zu sagen, was es bedeutete, so verliebt zu sein, wie seine Eltern es gewesen waren. Er hatte es selbst erfahren, wußte aber, daß es ihm nie wieder passieren würde.

„Die Zeiten haben sich geändert, Mama“, sagte er. „Die Liebe ist außer Mode gekommen - nur beim Prinzregenten nicht.“

„Du kannst die Liebe und Seine Königliche Hoheit nicht in einem Atemzug nennen, Gallen“, sagte die Marquise fast vorwurfsvoll. „Denk nur daran, wie er die arme Mrs. Fitzherbert behandelt hat! Und ich war immer überzeugt davon, daß sie wirklich verheiratet sind. Und dann diese alberne Lady Hereford - ich kann die Frau nicht ausstehen.“

Der Marquis lachte. „Er gibt uns allen ein Beispiel, Mama. Du kannst also kaum erwarten, daß mir im Carlton House die idyllische Liebe begegnet.“

„Und deshalb hast du kaltblütig beschlossen, Lady Beryl zu heiraten.“

„Wir werden gut miteinander auskommen, Mama“, entgegnete der Marquis. „Wir sprechen dieselbe Sprache, wir haben die gleichen Freunde, und wenn nach einer gewissen Zeit jeder seine eigenen Wege geht, so wird das mit größter Diskretion und Vorsicht gehandhabt werden. Es wird keinerlei Skandal geben, und wir werden alle aufkommenden Probleme friedlich lösen.“

Die Marquise schwieg, doch ihr Blick war so unglücklich, daß ihr Sohn zu ihr ging und ihre Hand nahm.

„Bitte, mach dir meinetwegen keine Sorgen, Mama. Das ist mir wirklich das Wichtigste. Schließlich besteht doch keinerlei Grund, warum Beryl und ich nicht ein halbes Dutzend gesunder Enkel produzieren sollten, was dich sehr freuen wird - habe ich recht?“

Die schmale Hand der Marquise lag in der ihres Sohnes. „Dein Vater und ich haben immer das Beste für dich gewollt, Gallen“, sagte sie. „Leider muß ich gestehen, daß das, was du vorhast, das Zweitbeste zu sein scheint.“

„Du gehst immer noch von deinem Leben aus, Mama“, erwiderte der Marquis. „Ich bin zufrieden, und mehr kann man nicht verlangen.“

„Doch, das kann man, und ich tue es“, entgegnete die Marquise. Sie drückte die Hand ihres Sohnes. „Du denkst doch nicht immer noch an das Mädchen, das dich so - miserabel behandelt hat?“ fragte sie.

Als habe sie Angst, ihn zu verletzen, klang ihre Stimme zögernd, doch der Marquis lachte nur.

„Weiß Gott nicht, Mama“, sagte er. „Diese Wunden sind verheilt. Ich war damals noch ein Grünschnabel, und die erste Liebesaffäre ist wohl immer etwas zu gefühlsbetont.“

Er ließ die Hand seiner Mutter los und ging zum Kamin zurück. Er sah in das Feuer. Daß der Marquise, die ihm kein Wort geglaubt hatte, plötzlich die Tränen in die Augen stiegen, bemerkte er nicht.

Es war eine lange Zeit her. Der Marquis war damals erst einundzwanzig gewesen. Das Mädchen, in das er sich verliebt hatte, war sehr schön und sehr verwöhnt gewesen. Er hatte es auf idealistische Weise verehrt und angebetet, und das hatte dieses Mädchen nicht verstanden.

Die Marquise wußte, daß ihr Sohn diesem Mädchen Herz und Seele zu Füßen gelegt hatte, doch das junge Ding war darauf herum getrampelt und hatte aus materiellen Gründen und wohl auch wegen des Titels einen Herzog geheiratet.

Die Marquise würde niemals den Blick ihres Sohnes vergessen, als er damals nach Hause gekommen war. Er hatte kein Wort darüber verloren, es wäre ihm unmöglich gewesen, aber er hatte sich in ein Schneckenhaus zurückgezogen, um niemanden merken zu lassen, wie sehr er verletzt war.

Und von diesem Augenblick an hatte er sich verändert. Aus dem lachenden, glücklichen, sorgenlosen Jungen war ein Mann geworden, der von Jahr zu Jahr zynischer und gelangweilter wurde.

Lediglich während seiner Dienstzeit bei seinem Regiment hatte er eine Begeisterungsfähigkeit gezeigt, die sie für ihn glücklich gemacht hatte, obwohl sie vor Angst halb krank gewesen war, er könne fallen oder in Gefangenschaft geraten.

Als er nach dem Tod seines Vaters vom Militärdienst entbunden worden und nach Hause gekommen war, um sich um sie und die Besitzungen zu kümmern, war ihr ein Stein vom Herzen gefallen.

Es hatte viele Frauen im Leben ihres Sohnes gegeben. Einige davon hatte die Marquise kennengelernt, aber die meisten lebten in einer Welt, zu der sie keinen Zugang hatte und auch nicht haben wollte. Sie wußte, daß ihm alle diese Frauen nichts bedeuteten. Sein Herz war nie beteiligt.

Sie hatte das Mädchen, das ihm so weh getan hatte, verflucht. Und jetzt verfluchte sie es noch mehr, denn es war daran schuld, daß ihr geliebter Sohn eine Vernunftehe eingehen wollte. Die Marquise war jedoch zu klug, diese Gedanken zu äußern.

„Und wann wirst du heiraten, Gallen?“ fragte sie.

„Noch vor Ende der Saison“, antwortete der Marquis. „Der Prinz, das nehme ich zumindest an, wird uns anbieten, den Empfang im Carlton House abzuhalten. Wir müssen eine Unzahl von Leuten einladen, und das Stadthaus von Beryls Vater in der Curzon Street ist dafür zu klein.“

„Und was für ein Mensch ist Graf Fernleigh?“ fragte die Marquise. „Soweit ich mich erinnern kann, ist er ein ausnehmend gutaussehender Mann.“

„Er ist recht sympathisch und umgänglich“, antwortete der Marquis vorsichtig. „Im Gegensatz zu seiner Frau und seiner Tochter Beryl liebt er das Landleben. Die beiden Damen hingegen lassen keinen Ball und keinen Empfang aus.“ Ein fast abfälliges Lächeln glitt über das Gesicht des Marquis. „Beryls Mutter hat es sich in den Kopf gesetzt, ihre Tochter zum Gespräch von ganz London zu machen, und das ist ihr hundertprozentig gelungen.“

Die Marquise erinnerte sich an die Gräfin Fernleigh. Sie war eine Frau, mit der sie nicht das Geringste gemein hatte.

„Ich werde die Gräfin natürlich aufsuchen, wenn ich von hier abgereist bin“, sagte sie. „Ich hatte allerdings vorgehabt, nach Hause und nicht nach London zu fahren.“

Mit ,nach Hause’ meinte die Marquise eine Villa, die auf dem großen Besitz des Marquis in Huntingdonshire stand.

Der Marquis wußte, daß seine von Arthritis geplagte Mutter London mied, wo es nur ging, und sich viel lieber mit ihren Hunden auf dem Land aufhielt.

„Du brauchst nicht vor der Hochzeit nach London zu kommen“, sagte er. „Sobald es dir paßt, lade ich den Grafen und natürlich Beryl aufs Schloß ein.“ Er lächelte. „Das hat alles Zeit“, fuhr er fort. „Ich nehme allerdings an, daß Beryl bereits voll damit beschäftigt ist, ihre Aussteuer zusammenzukaufen.“

„Und du, Gallen?“

„Der Prinz nimmt einen Großteil meiner Zeit in Anspruch“, antwortete der Marquis. „Ich habe die mehr oder weniger freundschaftliche Abmachung mit ihm getroffen, ihn zu Pferderennen oder anderen Amüsements zu begleiten, die unter Tags stattfinden, und kann mir dafür die überfüllten und meist stickigen Partys sparen, die Seine Königliche Hoheit am Abend so gern besucht.“

„Und was tust du statt dessen?“ fragte die Marquise.

„Das ist eine sehr indiskrete Frage, Mama“, entgegnete der Marquis und zwinkerte ihr zu.

Seine Mutter lachte. „Ich habe nicht gefragt, was du bisher mit deinen Abenden angefangen hast“, sagte sie. „Ich weiß sehr wohl, daß du in dem Ruf stehst, ein Frauenheld zu sein. Ich meine, was machst du jetzt? Ich nehme an, Lady Beryl wünscht, daß du sie zu den überfüllten und stickigen Partys begleitest - wie du dich ausdrückst.“

„Als verlobter Mann bleibt man nicht ungestraft, Mama“, sagte der Marquis. „Aber ich versichere dir, daß ich nach wie vor lieber Bridge spiele, als mich auf Festen herumzutreiben, und ich habe nicht die geringste Absicht, mir jede Nacht um die Ohren zu schlagen, ob nun Beryl oder der Prinz mich dazu verführen wollen oder nicht.“

Die Marquise lächelte. „Ich weiß, daß du neue Pferde hast, und nehme an, daß du sie einreiten willst. Und du bist ja schon immer sehr früh am Morgen ausgeritten.“

„Ja, zwölf Vollblutpferde. Ich freue mich schon, wenn ich sie dir vorführen kann.“

„Und ich freue mich darauf, sie zu sehen.“

Für Pferdeliebhaber war einer der großen Vorteile des Friedens mit Frankreich die Tatsache, daß wieder Pferde eingeführt werden konnten. Der Marquis hatte sich aus Syrien Stuten kommen lassen, die vor einem Monat eingetroffen waren. Wenn er von seinen Pferden sprach, klang seine Stimme zufriedener und glücklicher als eben noch, wo er von seiner zukünftigen Frau gesprochen hatte.

Im Februar, ehe die Marquise nach Harrogate gefahren war, waren ungarische Pferde angekommen, und die Marquise hatte zu ihrer größten Freude in ihrem Sohn wieder den glücklichen Menschen gesehen, der er früher gewesen war.

„Ist Lady Beryl eine gute Reiterin?“ fragte sie jetzt.

„Sie sitzt gut im Sattel“, antwortete der Marquis. „Und bei den Jagden wird sie natürlich eines meiner Pferde reiten. Da fällt mir ein, daß ich die Jagdhütte in Leicestershire renovieren lassen muß.“ Er lächelte mokant. „Die Junggesellenpartys, die ich dort abhielt, haben den Zustand der Einrichtung nicht verbessert, und ich fürchte, daß eine Frau die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, wenn sie zu sehen bekäme, wie es dort im Moment aussieht.“

„Dein Vater und ich haben dort sehr glückliche Tage verbracht“, sagte die Marquise.

„Wie überall“, entgegnete der Marquis. „Bitte, Mama, es hat doch keinen Sinn. Ich bin eben nicht Papa.“ Er ging zu ihr und nahm wieder ihre Hand. „Ich brauche dir nicht zu sagen“, fuhr er fort, „daß es nie wieder eine so schöne und so liebenswerte Frau wie dich geben wird. Hör also bitte damit auf, dich darüber zu beschweren, daß ich mich mit dem Zweitbesten zufriedengeben muß.“

„Ich will doch nur dein Glück, Gallen“, sagte die Marquise leise.

„Du mußt es mir glauben, Mama, ich bin zufrieden.“ Die Marquise konnte sich nicht helfen, sie fand den Ton ihres Sohnes zynisch.

Einige Meilen vom mondänen Harrogate mit seinen heilsamen Quellen, seinen teuren Hotels und aristokratischen Gästen entfernt, aber immer noch in Yorkshire, lag das Dorf Barrowfield. In der Nähe von Leeds gelegen, war es ein Dorf mit ärmlichen, heruntergekommenen und düsteren Häusern, auf deren Dächern eine dünne Schicht Kohlenstaub lag.

Außerhalb des Dorfes standen auf einem Hügel eine häßliche Kirche aus grauem Naturstein und daneben ein ebenso häßliches, unnötig großes Pfarrhaus. In der Küche mit dem großen, altmodischen Herd und dem Steinfußboden versuchte eine grauhaarige, propere Haushälterin, einem reichlich unbedarften jungen Ding beizubringen, wie man einen Hammelschlegel übergoß.

„Paß doch wenigstens auf, Ellen“, sagte die ältere Frau streng. „Ich habe dir schon x-mal erklärt, daß man die Sauce über das Fleisch gießen muß, und zwar löffelweise.“

„Das tue ich doch“, entgegnete das junge Ding.

„Eben nicht“, schimpfte die Frau. „Du rührst in der

Bratpfanne herum und denkst dabei an etwas ganz anderes.“

Die Küchentür ging auf, und ein junges Mädchen kam hereingestürmt. „Abby! Abby!“

Abigale, denn das war der volle Name der Haushälterin, drehte sich zu dem jungen Mädchen um. Mit den blonden Haaren und den tiefblauen Augen hätte man es als typisch englisch beschreiben können, wäre das Gesicht nicht von einer seltenen Schönheit gewesen, die keineswegs einem bestimmten Typ angehörte. Die Augen waren groß und so tiefblau, daß man an einen Gebirgssee dachte, wenn man sie sah.

„Was gibt es denn, Miss Torilla?“ fragte Abby.

„Ich habe einen Brief bekommen, Abby“, antwortete das junge Mädchen. „Einen Brief von Lady Beryl, und stell dir vor, Abby, sie hat sich verlobt und wird bald heiraten.“

„Wird aber auch langsam Zeit“, sagte Abby mit der Vertrautheit einer alten Hausangestellten. „Sie wird einundzwanzig, und bei all ihren Erfolgen in London müßte sie doch längst verheiratet sein.“

„Jetzt ist sie immerhin verlobt“, sagte Torilla. „Und stell dir vor, sie schreibt, daß ich unbedingt kommen soll.“ Sie sah auf den Brief in ihrer Hand und las vor : „,Du mußt Brautjungfer werden, Torilla. Ich möchte nur eine haben, denn unnötig viel Konkurrenz ist nicht gut.’“ Torilla lachte. „Als ob auch nur ein Mädchen mit Beryl konkurrieren könnte!“

Abby nahm diese Bemerkung kommentarlos hin, und Torilla las weiter: „,Du mußt so schnell wie möglich kommen. Auf der Stelle. Es gibt noch so irrsinnig viel zu tun, und ich möchte Dich bitten, mir dabei zu helfen. Außerdem wird es so viele Einladungen geben, weil alle Leute meinen Verlobten kennenlernen wollen.’“

„Und wer ist der Verlobte?“ fragte Abby.

Torilla starrte auf den Brief. „Du wirst es nicht glauben, Abby“, antwortete sie, selbst erstaunt, „aber das schreibt sie nicht.“ Sie schüttelte lachend den Kopf. „Ist das nicht typisch Beryl?“ fragte sie. „Das Wichtigste hat sie schon immer vergessen. Ich sehe schon, ich werde von früh bis spät auf sie aufpassen müssen - das heißt, wenn Papa mich fahren läßt.“ Zweifel trat in die großen blauen Augen.

„Er muß dich fahren lassen, Torilla“, sagte Abby. „Was du allerdings anziehen sollst, weiß der Himmel.“

„Das ist meine geringste Sorge“, erwiderte Torilla. „Beryls Kleider passen mir wie angegossen, und sie hat mich schon immer alles anziehen lassen, was ich wollte, sogar ihre Reitsachen.“ Ihr Blick wurde sehnsüchtig. „Glaubst du, Onkel Hector läßt mich reiten? Wieder einmal auf einem wirklich guten Pferd sitzen zu dürfen - es wäre zu schön!“

„Aber natürlich“, sagte Abby im Brustton der Überzeugung. „Dein Onkel hat dich doch schon als Kind immer reiten lassen.“

„Ich glaube, Pferde habe ich hier am meisten vermißt“, sagte Torilla.

„Du mußt hier sehr viel vermissen, Torilla“, entgegnete Abby. „Wenn du ehrlich bist, wirst du es zugeben.“

Die Haushälterin nahm die braune Schürze ab, die sie über die weiße gebunden hatte.

„Ich mache mich auf der Stelle daran, deine Sachen zu packen, Torilla.“

„Um Gottes willen - bitte nicht!“ rief Torilla. „Ich muß erst Papa fragen. Vielleicht hat er etwas dagegen, daß ich heim fahre.“ Sie blickte nachdenklich vor sich hin. „Für mich ist Fernford immer noch wie ein Zuhause", fügte sie hinzu. „Aber vielleicht ist das auch nicht verwunderlich, wenn man siebzehn Jahre dort gelebt hat.“

„Das ist allerdings nicht verwunderlich, Torilla“, sagte Abby. „Fernford ist dein Zuhause. Wenn deine Mama nicht gestorben wäre, wärst du heute noch dort. Wir hätten nie hierher kommen sollen, ich denke das fast stündlich.“

Torilla lächelte. Wie oft die gute Abby das betonte! „Aber du weißt doch, was es für Papa bedeutet“, sagte sie.

Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als sie die Haustür ins Schloß fallen hörte.

„Da ist er!“ rief sie. „Bring schnell das Essen auf den Tisch, Abby, sonst läuft er wieder mit leerem Magen davon. Und ich frage ihn jetzt gleich.“

Torilla verließ die Küche und lief durch den schmalen, düsteren Gang, der zu der reichlich theatralischen Diele führte.

Reverend Augustus Clifford, der Vikar von Barrowfield, hängte gerade seinen Hut auf. Er war ein gutaussehender Mann, der älter aussah, als er in Wirklichkeit war. Seine Haare waren fast völlig grau, sein hageres Gesicht hatte tiefe Falten. Er wirkte wie ein Mensch, der sich zu viel zumutete und über seine Kräfte lebte.

Seine Miene war besorgt, doch als er Torilla auf sich zukommen sah, lächelte er.

„Siehst du, Torilla“, sagte er, „ich bin ausnahmsweise einmal pünktlich.“

„Das ist lieb von dir, Papa. Das Essen ist auch schon fertig. Es wäre jammerschade gewesen, wenn die Hammelkeule, die uns Shipton geschenkt hat, zu lange im Rohr gewesen wäre.“

„Ja, natürlich“, sagte der Vikar. „Wenn sie groß genug ist, dann könnten wir doch eigentlich...“

„Nein, Papa“, schnitt ihm Torilla das Wort ab, „wir können niemandem etwas davon abgeben. Bitte, komm mit ins Eßzimmer, ich muß dir nämlich etwas erzählen.“

Der Vikar nickte, und sie gingen zusammen in das kleine, dunkle Zimmer, dessen Fenster nach Norden zeigten.

Sie hatten ein paar gute Möbelstücke mitgebracht, als sie hierher umgezogen waren, aber die Vorhänge waren aus einem einfachen Stoff, und trotz aller Mühe, die sich Torilla und Abby gegeben hatten, sie so zu raffen, wie sie es von Fernleigh Hall her kannten, wirkten sie billig.

Elizabeth, die jüngere Schwester der Gräfin von Fernleigh, hatte Augustus Clifford geheiratet, als dieser Hilfspfarrer der Gemeinde von St. George am Hanover Square in London gewesen war.

Um seiner Frau einen Gefallen zu tun, hatte ihn der Graf von Fernleigh als Vikar in seinen kleinen Sprengel von Fernford geholt, und so war es gekommen, daß Torilla und Beryl zusammen auf dem Besitz in Hertfordshire aufgewachsen waren. Für die beiden Kusinen war dieses Arrangement sehr erfreulich gewesen, und die Tatsache, daß Beryl zwei Jahre älter war als Torilla, hatte nie etwas ausgemacht. Torilla war die weitaus klügere der beiden jungen Mädchen, und wenn jemand im Unterricht hinterher gehinkt war, dann nicht sie, sondern Beryl.

Da die Gräfin von Fernleigh fast das ganze Jahr über in London gelebt hatte, hatte Beryl mehr Zeit mit ihrer Tante als mit ihrer Mutter verbracht. Sie hatte Mrs. Clifford geliebt, und als diese eines kalten Winters völlig unerwartet gestorben war, war sie fast ebenso untröstlich gewesen wie Torilla.

Durch den Tod der Mutter hatte sich Torillas Leben völlig geändert. Ihr Vater hatte nur eine Möglichkeit gesehen - das Haus zu verlassen, in dem er mit seiner Frau so glücklich gewesen war. Er hatte nicht mehr in der ruhigen Landgemeinde arbeiten wollen, wo es im Grunde wenig zu tun gab. Deshalb hatte er um Versetzung in eine der ärmsten Gegenden des Nordens gebeten und war zwei Monate nach dem Tod seiner Frau nach Barrowfield berufen worden.

Alles war so schnell gegangen, daß Torilla kaum begriffen hatte, welche Veränderung sich anbahnte, bis sie sich plötzlich in einer völlig fremden Umgebung wiederfand und nur noch Abby hatte, an die sie sich in ihrem Unglück klammern konnte. Für Augustus Clifford hatte die Veränderung Ablenkung von seinem Kummer und vor allem die berufliche Erfüllung gebracht, die er letztlich sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Von dem Wunsch getrieben, Menschen zu helfen, die weniger begütert waren als er selbst und von sehr sozialem Denken beseelt, hatte er sich mit aller Kraft auf die Probleme und Schwierigkeiten gestürzt, denen er im Elend dieser Bergbausiedlung begegnet war.

In seinen Bemühungen zur Verbesserung der Lebensbedingungen seiner Gemeindemitglieder wäre Augustus Clifford ohne Schlaf und ohne Essen geblieben, hätten nicht Torilla und Abby dafür gesorgt, daß er einen gewissen Rhythmus einhielt.

Jeder Pfennig seines spärlichen Gehalts und des geringen Privatvermögens, den er erübrigen konnte, wurde für wohltätige Zwecke ausgegeben. Sie hätten gehungert, hätte nicht Abby darauf bestanden, genug Haushaltsgeld zu bekommen, sobald das Gehalt überwiesen war.

Als sie sich jetzt an den Eßtisch setzten, wußte Torilla, daß die Hauptschwierigkeit darin bestand, von ihrem Vater das Geld für die Reise zu bekommen.

„Ich habe heute einen Brief von Beryl erhalten, Papa“, sagte sie, als sich der Vikar gerade ein Glas Wasser eingoß und Abby den Hammelschlegel brachte.

„Von Beryl?“ fragte Augustus Clifford, als sei ihm dieser Name kein Begriff.

„Beryl heiratet bald, Papa. Sie fragt, ob ich nicht kommen und ihr bei den Vorbereitungen helfen kann. Außerdem soll ich Brautjungfer werden.“

„Ach, Beryl!“ rief der Vikar und machte sich daran, das Fleisch aufzuschneiden.

„Du hast doch nichts dagegen, Papa, oder?“ fragte Torilla.

„Nein, nein, natürlich nicht“, entgegnete Augustus Clifford. „Aber ich glaube kaum, daß wir es uns leisten können.“

„Wenn ich mit der Postkutsche fahre“, sagte Torilla, „und Abby hier bleibt - sie muß ja hier bleiben, damit sich jemand um dich kümmert -, dann wird es nicht so teuer.“

Anfangs hatte sie gehofft, Abby mitnehmen zu können, doch jetzt wußte sie, daß es unmöglich war. Nicht nur wegen des Geldes, sondern vor allem, weil ihr Vater allein nicht zurechtkam. Abby schaffte weitaus besser als sie, den Vater dazu zu bewegen, etwas zu essen und genügend zu schlafen.

„Ich hatte mir vorgenommen“, sagte der Vikar, „jeden roten Heller, den wir abknapsen können, Mrs. Coxwood zukommen zu lassen. Sie erwartet das neunte Kind, und ihre älteste Tochter hat die Schwindsucht.“

„Die Coxwoods tun mir von Herzen leid, Papa“, entgegnete Torilla, „aber du weißt so gut wie ich, daß Mr. Coxwood jeden Freitagabend in der Wirtschaft sitzt und den halben Wochenlohn vertrinkt.“

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Augustus Clifford, „aber der Mann hat es auch nicht leicht. Kein Wunder, wenn er ab und zu ein Glas trinkt.“

„Und seine Kinder verhungern läßt“, fügte Torilla hinzu.

„Die zweite Tochter wird diesen Monat fünf, und ich glaube, sie wollen sie zum Arbeiten ins Bergwerk schicken.“

„Oh nein!“ rief Torilla. „Das ist ja grauenvoll. Weißt du noch, wie schlecht es der kleinen Barnsby gegangen ist? Wenn ein Kind den ganzen Tag im Schacht bis zu den Waden im Wasser steht, ist es aber auch kein Wunder, wenn es Lungenentzündung bekommt.“

Der Vikar stieß einen tiefen Seufzer aus. „Sie müssen wenigstens kräftig essen, Torilla.“

„Und Sie ebenfalls, Sir“, sagte Abby, die gerade ins Eßzimmer zurückkam. Sie stellte zwei Schüsseln auf den Tisch. Eine mit Kartoffeln, die andere mit Kohl.

„Ich habe genug hier“, sagte Augustus Clifford und sah auf das winzige Stück Fleisch, das auf seinem Teller lag.

„Ich nehme diese Hammelkeule nicht vom Tisch, Sir, bis Sie nicht anständig gegessen haben.“

Abby hatte den liebevoll strengen Ton einer Kinderfrau angenommen, die mit einem widerspenstigen Zögling spricht.

Der Vikar schnitt sich noch zwei hauchdünne Scheiben Fleisch ab und legte sie auf seinen Teller.

Nachdem Abby so lange gewartet hatte, bis sich der Vikar auch noch Kartoffeln und Kohl aufgetan hatte, wartete sie, bis Torillas Teller leer war.

„Bist du so lieb, Torilla, und holst mir den Auflauf aus dem Rohr?“ sagte sie dann.

„Ja, gern“, antwortete Torilla.

Abby gab ihr die Fleischplatte, und Torilla ging damit in die Küche. Sie wußte, daß Abby sie hinausgeschickt hatte, um allein mit dem Vikar sprechen zu können.

Sie war noch kaum aus dem Zimmer, als Abby auch schon tief Luft holte. „Miss Torilla hat Ihnen doch gesagt, Sir“, begann sie, „daß sie nach Fernleigh Hall eingeladen worden ist.“

„Ja, das hat sie mir gesagt“, entgegnete der Vikar. „Aber leider wird sie nicht fahren, weil wir es uns nicht leisten können. Auch die Postkutsche kostet Geld, und bis Hertfordshire ist es ein weiter Weg.“

„Aber es wird höchste Zeit, Sir - wenn Sie mir die Offenheit verzeihen -, daß Miss Torilla endlich wieder einmal unter anständige Menschen kommt.“

Augustus Clifford sah erstaunt hoch, und Abby sprach weiter, ehe er zu Wort kommen konnte.

„Ist Ihnen eigentlich klar“, fuhr sie fort, „daß Miss Torilla nun schon fast zwei Jahre hier ist und kaum ein Wort mit einer Lady oder einem Gentleman gewechselt hat? Ihre Mutter würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüßte, wohin das arme Mädchen geraten ist. Jawohl - das ist die Wahrheit.“

Der Vikar runzelte die Stirn. „Das habe ich mir noch gar nicht überlegt, Abby“, sagte er.

„Aber ich habe es mir überlegt, Sir. Miss Torilla ist achtzehn, und wenn ihre Frau noch am Leben wäre, Sir - Gott sei ihrer Seele gnädig, dann würde sie sich nach einem passenden Mann für Miss Torilla umsehen. Sie würde Feste für sie geben und Freunde ihres Alters einladen.“ Abby seufzte verächtlich. „Und was für Leute könnten wir hier einladen?“ fragte sie. „Abgerissene, schmutzige Kerle, denen der Kohlenstaub in den Haaren hängt.“

Der Vikar wollte etwas sagen, kam aber nicht zu Wort.

„Ich weiß, ich weiß, Sir, auch sie haben Seelen, die gerettet werden müssen, sind Christen und in den Augen Gottes nicht anders als wir. Aber Sie erwarten doch nicht, daß Miss Torilla einen Bergarbeiter heiratet, oder?“

Augustus Clifford zuckte verlegen mit den Schultern.

„Ehrlich, Abby, ich habe noch nicht darüber nachgedacht, daß Torilla ja eigentlich erwachsen ist.“

„Das ist sie aber inzwischen, Sir, und es ist eine Schande, wirklich eine Schande, daß sie hier in diesem gottverlassenen Nest bei lebendigem Leib begraben ist - und das ist sie, das können Sie mir glauben, Sir.“

„Aber ich werde doch hier gebraucht“, sagte der Vikar, als müsse er sich verteidigen.

„Das mag schon stimmen, Sir“, entgegnete Abby. „Und ich behaupte ja nicht, daß Sie nicht die Arbeit Gottes tun und sie gern tun. Es ist sozusagen Ihr Beruf, Sir, aber Miss Torilla ist kein Pfarrer, sondern ein junges Mädchen und noch dazu ein sehr hübsches.“

Mehr konnte Abby nicht sagen, denn Torilla kam mit einem kleinen Auflauf zurück, der auf eine reichlich große, runde Platte gestürzt war. Sie stellte die Platte vor ihren Vater, der so in Gedanken war, daß er sie überhaupt nicht wahrnahm.

Torilla warf Abby einen ängstlichen Blick zu, doch die Haushälterin ließ sich nicht beirren. Sie wechselte die Teller und drückte dem Vikar resolut einen Vorlegelöffel in die Hand.

Augustus Clifford sah erst auf den Löffel, dann hob er den Blick und ließ ihn von Abby zu Torilla schweifen

„Sie haben recht, Abby“, sagte er schließlich. „Torilla muß einmal hier raus und andere Leute sehen. Das Geld werden wir schon irgendwie aufbringen.“

Von dem Auflauf probierte er nur einen knappen Löffel voll. Erst als er das Haus wieder verlassen hatte, konnte Torilla mit Abby reden.

„Du hast Papa dazu überredet, Abby“, sagte das junge Mädchen. „Ich fühle mich jetzt richtig schuldig. Er wollte das Geld, das er jetzt für mich ausgibt, doch den Coxwoods zukommen lassen.“

„Diese Coxwoods haben schon viel zu viel von deinem Vater gekriegt“, sagte Abby zornig. „Diese Frau ist eine Heulsuse, und der Vikar glaubt ihr in seiner Gutmütigkeit jedes Wort.“

„Ich weiß, Abby, aber Papa hat es hier auch wirklich schwer. Das Elend der Menschen macht ihn krank. Wenn wenigstens die Kinder nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen würden!“

Sie stieß einen Seufzer aus.

„Vielleicht ist es wahnsinnig egoistisch von mir“, fuhr sie fort. „Wenn ich hier bleibe und Papa das Geld den Coxwoods gibt, dann ist vielleicht wenigstens einer Familie geholfen.“

„Und wenn hundert Coxwoods verhungern“, sagte Abby mit Bestimmtheit, „du fährst zu deiner Kusine.“

„Aber ich sollte Papa vielleicht nicht allein lassen.“

„Du wirst diese Einladung annehmen, Torilla“, sagte Abby streng. „Und jetzt setz dich hin, beantworte den Brief und schreibe deiner Kusine, daß du am Montag losfährst.“

„Aber, Abby, das ist ja schon übermorgen.“

„Je früher, desto besser“, sagte Abby. „Und wegen deines Vaters brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ich kümmere mich schon um ihn, das weißt du.“

„Auf dich hört er viel mehr als auf mich“, meinte Torilla und lächelte. „Ich hätte ihn nie dazu bringen können, sich noch Fleisch zu nehmen. Er hat zwar nichts gesagt, aber ich glaube, es hat ihm richtig gut geschmeckt.“

„Diese Hammelkeule reicht uns bis Ende der Woche“, sagte Abby. „Dein Vater braucht mehr Fleisch. Wenn er satt ist, macht er sich nicht so viele Sorgen um die Armen und Kranken.“

Torilla wußte, wie weh es ihm tat, dieses Elend täglich mit ansehen zu müssen. Aber er war nicht der Einzige, der litt. Auch ihr krampfte sich das Herz zusammen, wenn sie sah, wie kleine Kinder in den Bergwerken arbeiten mußten und ausgepeitscht wurden, wenn sie weinten oder einschliefen. Der Erfolg war erschütternd. Frauen von dreißig waren alt, verbraucht und meistens von irgendeiner Krankheit befallen. Sie konnte es verstehen, daß die Männer in ihrer Verzweiflung ins Gasthaus liefen und ihr Elend in Bier ertränken wollten.

In dieser trostlosen Gegend hatten die Menschen nicht einmal das Existenzminimum, und fast täglich brachte Torilla kranken Frauen und Kindern, die nie genug zu essen bekamen, einen Topf Suppe. Aber sie hatte ja selbst so wenig. Wenn Abby ihrem Vater nicht von Zeit zu Zeit ein paar Shilling für einen billigen Stoff abbetteln würde, müßte Torilla in genauso ausgewaschenen, immer wieder zusammengeflickten Kleidern herumlaufen wie die Frauen der Bergarbeiter.

Es gab herzlich wenig einzupacken, aber trotzdem verbrachte Abby den darauffolgenden Tag mit Waschen und Bügeln. Torilla besaß ein paar Kleider, die noch von ihrer Mutter stammten, elegante Kleider, die sie hier nie hatte tragen können.

Wahrscheinlich waren sie völlig außer Mode, aber nicht einmal das wußte Torilla mit Bestimmtheit, denn das Geld reichte kaum zum täglichen Leben, also war nicht daran zu denken, auch nur einen Penny für ein Modejournal auszugeben.

Aber Torilla machte sich keine Gedanken über ihr Äußeres, denn sie wußte, daß Beryl so großzügig sein würde, wie sie es immer gewesen war.

Und so verließ sie am Montagmorgen in einem einfachen Hemdblusenkleid das Pfarrhaus. Der Umhang, den sie über die Schultern geworfen hatte, war schon fadenscheinig, doch das kümmerte sie nicht weiter. Dafür war das Strohhütchen, das noch aus der Garderobe ihrer Mutter stammte, um so flotter.

„Eigentlich solltest du ja nicht allein reisen“, sagte Abby, während sie auf die Postkutsche warteten.

„Ach was - ich bin doch kein kleines Kind mehr“, entgegnete Torilla lächelnd. „Außerdem gibt es keine andere Möglichkeit.“

„Und daß du mir nicht mit Fremden sprichst!“ ermahnte Abby das junge Mädchen. „Und noch etwas, was ich dir sagen wollte…“

„Was denn?“ fragte Torilla.

„Während der letzten zwei Jahre hast du in einer seltsamen und für ein junges Mädchen höchst unpassenden Welt gelebt. Nichts als Schmutz, Elend und Leid um dich herum. Was ich dir also noch sagen wollte - sprich nicht so viel darüber, wenn du mit Lady Beryl, also ich meine, wenn du mit deiner Kusine zusammen bist.“

„Warum denn nicht?“ fragte Torilla.

„Weil die Menschen so etwas nicht hören wollen. Sie wollen sich über fröhliche Sachen unterhalten und nicht über traurige.“

Abby überlegte einen Moment.

„Weißt du noch, was deine Mutter immer zu deinem Vater gesagt hat?“ fragte sie schließlich. „, Sei doch etwas fröhlicher’, hat sie immer gesagt, ,du kannst dir nicht alle Sünden dieser Welt auf die Schultern laden.’“

Torilla lächelte.

„Ja, ich erinnere mich daran“, entgegnete sie. „Und Papa hat dann immer gefragt, ob er denn langweilig sei.“

„Genau“, sagte Abby zufrieden. „Und seit dem Tod deiner Mutter ist dein Vater ziemlich verdrießlich, und das mögen andere nicht.“

„Das finde ich nicht, Abby.“

„Ich habe ja auch gesagt, daß die anderen es nicht

mögen, Torilla. Und deshalb sollst du vergessen, was du hier alles gesehen und erlebt hast, und sollst wieder so fröhlich sein, wie du es zu Hause immer warst.“

In den blauen Augen des jungen Mädchens leuchtete es plötzlich auf.

Abby wußte, daß Torilla an früher dachte. Wie glücklich sie doch alle gewesen waren in dem Pfarrhaus mit seinem hübschen kleinen Garten... Mitten in einem sauberen Dorf hatten sie gewohnt, umgeben von zufriedenen Menschen.

„Versprichst du mir das?“ fragte Abby.

„Daß ich niemand langweilen werde?“ fragte Torilla. „Natürlich verspreche ich dir das. Ach, Abby! Wenn du doch mitkommen könntest! Wenn jemand Erholung verdient hätte, dann du.“

„Wenn ich weiß, daß du glücklich bist und endlich wieder einmal eine andere Umgebung siehst, ist das Erholung genug für mich.“

In diesem Augenblick kam die Postkutsche um eine Biegung.

„Da ist sie!“ rief Abby. „Ich wünsche dir alles, alles Gute, Torilla, und genieß jeden Augenblick und vergiß alles andere.“

„Dich vergesse ich ganz bestimmt nicht, Abby“, sagte Torilla.

Sie schlang die Arme um den Nacken der alten Haushälterin und küßte sie auf beide Wangen.

„Und vielen Dank, daß du dich um Papa kümmerst. Allein dir habe ich es zu verdanken, daß ich wegfahren darf.“

„Richte deiner Kusine aus, daß ich ihr alles Glück dieser Erde wünsche“, sagte Abby. „Hoffentlich kriegt sie einen braven Mann.“

„Das hoffe ich auch.“

Die Postkutsche hielt neben ihnen. Ein junger Mann sprang vom Bock und lud Torillas kleinen Koffer auf das Dach, dann öffnete er die Tür für sie. Zwischen zwei großen, dicken Reisenden war noch ein Platz frei.

„Adieu, Abby!“ rief Torilla, kletterte in die Kutsche und entschuldigte sich bei jemandem, dem sie auf den Fuß gestiegen war.

Sie setzte sich, der junge Mann stieg wieder auf den Bock, und Torilla beugte sich nach vorn und winkte. Abby winkte zurück. Obwohl sie Tränen in den Augen hatte, lächelte sie.

Der Kutscher knallte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, und Torillas Reise begann.

2.

Der Marquis von Havingham fuhr mit seinem Gespann von vier prachtvollen rotbraunen Füchsen auf den Hof des Peligan Inn. Er hatte diese Reise in der leichten Kutsche unternommen, einer Spezialanfertigung, die schneller war als alles, was man auf der Landstraße antraf.

„Heute haben wir, glaube ich, einen Rekord herausgefahren, Jim“, sagte der Marquis.

„Allerdings, Mylord“, entgegnete Jim und freute sich schon darauf, daß er vor den anderen Pferdeburschen angeben konnte.

Der Marquis sah sich erstaunt in dem überfüllten Hof um. So viele elegante Kutschen auf einmal? Hier war doch sonst nicht so viel los.

„Natürlich!“ rief er dann. „Das Rennen in Doncaster! Daran habe ich überhaupt nicht gedacht.“

„Seine Lordschaft werden bestimmt nicht darunter zu leiden haben“, sagte Jim. „Wie ich Mr. Harris kenne, hat er Ihnen das beste Zimmer reserviert.“

Diesbezüglich hatte auch der Marquis keine Zweifel, denn er hatte seinen Kammerdiener mit dem Gepäck vorausgeschickt, wie er es immer zu tun pflegte, denn er legte Wert darauf, daß bei seiner Ankunft bereits alles ausgepackt und seinen Wünschen entsprechend hergerichtet war.

Ein Rennen jedoch zog alle reichen Leute aus der Umgebung zusammen, und das hieß, daß das Gasthaus überfüllt war, daß die Angestellten alle Hände voll zu tun hatten und es zwangsläufig laut sein würde, was er nach einem langen Tag auf der Landstraße gar nicht schätzte. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern, und so stieg der Marquis aus der Kutsche, leicht verärgert darüber, daß er sich nicht bei Freunden angemeldet hatte.

„Wen besuchst du auf dem Rückweg?“ hatte ihn seine Mutter gefragt, als er sich von ihr verabschiedet hatte.

„Niemanden“, hatte er geantwortet. „Ich möchte keine Zeit verlieren. Außerdem finde ich diese Besuche unterwegs immer reichlich langweilig.“

Was er seiner Mutter verschwiegen hatte, war die Tatsache, daß die Großgrundbesitzer auf dem Land die lästige Angewohnheit hatten, ihre Töchter dem Gast schier an den Hals zu werfen. Dazu kam, daß diese Töchter meistens von einer Einfalt und Humorlosigkeit waren, die den Marquis umso schneller in die Welt zurücktrieben, in der die Frauen weltgewandt, spritzig und charmant waren. Und meistens waren sie bereits verheiratet und kannten die Spielregeln. Es bestand also keine Gefahr, plötzlich mit einem Ehering bedroht zu werden, der für ihn Handschellen gleichkam.

„Aber du hast doch eine Abscheu vor Hotels und Gasthöfen, Gallen“, hatte seine Mutter gesagt.

„Das stimmt, Mama“, hatte der Marquis geantwortet, „aber ich habe ja Harris dabei, der mir alles vorbereitet und dafür sorgt, daß die ein, zwei Nächte erträglich werden.“

„Ich fände es trotzdem netter, wenn du bei Freunden übernachten würdest“, hatte die Marquise gesagt.

„Mach dir keine Gedanken, Mama.“ Der Marquis hatte gelacht. „Außerdem reise ich, wie meistens, inkognito.“

Der Marquis war nicht nur wegen seiner gesellschaftlichen Stellung bekannt und wurde von vielen beneidet, er galt auch als der Rennstallbesitzer schlechthin. Aus diesen Gründen bediente er sich in Hotels oder Gasthäusern eines seiner geringeren Titel. Daß ihn Harris hier im Peligan Inn als Sir Alexander Abdy eingetragen hatte, wußte er. Er lief also nicht Gefahr, von Schlachtenbummlern belagert zu werden, die jeder Rennstall mit sich zog, und war auch vor Menschen sicher, die ihn um Hilfe baten oder, was noch unangenehmer war, behaupteten, ihn aus Kriegszeiten zu kennen und sozusagen ,Kameraden’ zu sein.

Er betrat den Gasthof durch einen Seiteneingang und stieß sofort auf Harris und seinen ersten Stallburschen, den er mit dem Kammerdiener vorausgeschickt hatte.

„Guten Abend, Mylord“, grüßten die beiden Bediensteten wie aus einem Munde.

„Eine sehr zufriedenstellende Reise, Ben“, sagte der Marquis. „Die vier Rotfüchse sind jeden Penny wert, den ich für sie bezahlt habe.“

„Das hört man gern, Mylord.“

„Ich habe sie heute ziemlich hergenommen“, sagte der Marquis. „Sie müssen also morgen geschont werden. Und passen Sie auf den neuen Stallburschen auf. Er ist mir ein wenig zu forsch.“

„Mache ich, Mylord.“

Der Marquis folgte Harris durch einen schmalen Gang und über eine alte Eichentreppe hinauf.

Aus den Gaststuben drang Lärm herauf. Die Rennbesucher feierten bereits ihre Gewinne oder ertränkten ihren Kummer über den Verlust in Alkohol.

Das Zimmer, in das Harris seinen Herrn führte, hatte einen Erker und ein großes Bett, das recht bequem aussah.

„Ich hatte völlig vergessen, daß diese Woche in Doncaster Rennen sind“, sagte der Marquis, als Harris die Tür hinter ihm schloß.

„Das habe ich mir fast gedacht“, entgegnete der Diener. „Da wir unsere Pferde im Frühjahr noch nicht laufen lassen, habe ich es dummerweise auch völlig vergessen.“

Der Marquis war daran gewöhnt, daß sich die Diener, die schon lange bei ihm waren, mit ihm und seinem Besitz identifizierten.

„Ich nehme an“, sagte er daher nur, „daß es hier reichlich voll ist.“

„Allerdings, Mylord“, sagte Harris, „aber ich hoffe, daß Sie sich hier trotzdem einigermaßen wohlfühlen. Leider ist es mir mit dem besten Willen nicht gelungen, auch das Zimmer nebenan zu bekommen.“ Er half dem Marquis aus dem Mantel. „Es ist ganz klein“, fuhr er fort, „aber ich habe den Wirt wenigstens dazu überreden können, es einer Dame zu überlassen und nicht, wie eigentlich geplant, einem Herrn. Ich dachte, eine Dame ist bestimmt weniger laut.“

Der Marquis nickte, fürchtete aber jetzt schon, während der Nacht kein Auge zutun zu können. Da er für gewöhnlich sehr aktiv war, legte er größten Wert auf einen ungestörten Schlaf. Seine Diener hatten daher die Anweisung, jeweils die Nebenzimmer dazu zu mieten. Daß es diesmal nicht möglich gewesen war, war seine eigene Schuld. Er mußte froh sein, daß er überhaupt ein Zimmer bekommen hatte.

Nachdem der Marquis gebadet und einen Abendanzug angezogen hatte, ging er in eines der kleinen, aber sehr gemütlichen Séparées hinunter. Im Kamin brannte Feuer, das Essen war ausgezeichnet und der Service einwandfrei.

Nach dem Dinner setzte sich der Marquis mit einem Glas Cognac vor den Kamin und las die Zeitungen, die ihm Harris besorgt hatte. Zufrieden stellte er fest, daß die Pferde, die bereits auf Rennen liefen, keinerlei Konkurrenz für seinen Stall waren. Wie recht hatte er getan, seine Pferde nicht an den Rennen in Doncaster teilnehmen zu lassen! Dieses Jahr konzentrierte er sich ganz auf Ascot, wo er den Goldpokal zu gewinnen glaubte.

Er überflog die innenpolitischen Nachrichten und stieß auf die üblichen Klagen über die Schwierigkeiten Englands, sich den Friedensbedingungen anzupassen. Die Regierungsberichte waren trocken und langweilig, wie gewöhnlich.

Nachdem er den ganzen Tag im Freien gewesen war, machte ihn die Wärme des Kaminfeuers bald schläfrig. Er trank sein Glas leer und ging früher als sonst in sein Zimmer hinauf, wo Harris auf ihn wartete. Wenn der Marquis gezwungen war, in einem Hotel oder einem Gasthof zu übernachten, dann bezog sein Kammerdiener nicht nur das Bett mit eigens mitgebrachten Laken und Überzügen, sondern er hatte auch eigene Kopfkissen dabei.

„Wünschen seine Lordschaft früh geweckt zu werden?“ fragte Harris.

Er hatte die Kleider des Marquis über dem Arm und war fest entschlossen, sie noch am Abend einzupacken. Wie gewohnt würde er am nächsten Morgen mit dem ersten Licht des Tages aufbrechen und vorausfahren, um bei Ankunft seines Herrn alles vorbereitet zu haben.

„Ich glaube, acht Uhr ist früh genug“, antwortete der Marquis. „Haben Sie meine Sachen für morgen herausgelegt?“

„Natürlich, Mylord“, antwortete Harris. „Es hängt alles im Schrank.“ Da der Kammerdiener die Frage seines Herrn als überflüssig empfand, klang in seiner Stimme eine Spur von Vorwurf mit.

„Gut“, sagte der Marquis. „Sie können sich dann zurückziehen, Harris.“

„Vielen Dank, Mylord“, entgegnete Harris und verbeugte sich. „Ich wünsche Mylord eine angenehme Nacht und hoffe, daß seine Lordschaft nicht gestört werden.“

„Das hoffe ich auch“, sagte der Marquis.

Der Kammerdiener ließ einen letzten prüfenden Blick durch das Zimmer wandern, dann ging er hinaus und schloß die Tür hinter sich.

Der Marquis zog den langen, reinseidenen Morgenrock aus, warf ihn über seine Stuhllehne und ging ins Bett. Es war tatsächlich bequem, er hatte sich nicht getäuscht. Zufrieden legte er sich zurück. Er war tausendmal lieber allein als in Gesellschaft von irgendwelchen Gastgebern, die ihn mit ihrer Konversation zu Tode langweilten. Wenn es wenigstens dabei geblieben wäre! Meistens nämlich hatte man ihm zu Ehren die gesamte Nachbarschaft zum Dinner eingeladen. Und das hieß dann, daß er nett und liebenswürdig zu Leuten sein mußte, mit denen er nicht das Geringste gemein hatte, die ihm völlig fremd waren und denen er nie wieder zu begegnen hoffte.

Seine Laken waren weich und kühl, im Kamin brannte Feuer, das einen rötlichen Schein auf die Schatten des Zimmers warf.

Der Marquis schlief schon fast, als er schwere Schritte die Treppe heraufkommen hörte. Warum der Wirt aber auch keinen Läufer über die Stufen spannt, dachte er im Halbschlaf.

Und dann fuhr er plötzlich in die Höhe, denn es hatte geklopft. Zuerst glaubte der Marquis, es sei an seiner eigenen Tür gewesen, doch als das Klopfen wiederholt wurde, wußte er, daß es nebenan war.

„Wer ist da?“ fragte eine Frauenstimme.

Die Wand zwischen den beiden Zimmern war so dünn, daß der Marquis alles genau verstand.

„Ich will Ihnen etwas geben, was Sie drunten im Speiseraum haben liegen lassen“, antwortete die Stimme eines Mannes.

„Ich habe aber doch gar nichts liegen gelassen“, entgegnete die Frau.

„Doch, Miss, deswegen bin ich doch heraufgekommen.“

Der Marquis interessierte sich im Grunde nicht dafür, was da vor sich ging, stellte sich jedoch vor, wie die Frau aus dem Bett stieg.

„Ich kann mir nicht vorstellen ...“ Die Tür knarrte. „Ach - Sie sind es!“ rief die Frau.

„Ja, ich bin es“, sagte der Mann, und seine Stimme klang plötzlich ganz anders. „Sie sind gegangen und haben nicht einmal gute Nacht gesagt.“

„Wie komme ich dazu!“ entgegnete die Frau. „Sie hatten kein Recht, mich anzusprechen, Sir.“

„Aber ich will mit Ihnen sprechen.“

„Aber ich nicht mit Ihnen. Bitte, gehen Sie!“

Der Marquis hatte das Gefühl, daß die Frau die Tür schließen wollte, aber daran gehindert wurde.

„Nein!“ rief sie plötzlich. „Ich lasse Sie nicht herein. Gehen Sie! Auf der Stelle!“

„Ich will aber mit Ihnen reden.“

„Bitte - lassen Sie mich in Ruhe. Sie werden mein Zimmer nicht betreten.“

„Ich bin ja schon drin. Und was wollen Sie jetzt dagegen machen?“

Der Mann brach in Gelächter aus.

„Wenn Sie nicht sofort gehen, rufe ich um Hilfe.“

„Das hört kein Mensch.“

„Gehen Sie jetzt! Ich möchte schlafen.“

„Aber ich will doch mit Ihnen reden. Sie sind eine reizende Person, Miss Clifford. Sehen Sie, Sie wollten mir Ihren Namen nicht nennen, und jetzt weiß ich ihn doch.“

„Ich bitte Sie zum allerletzten Mal, auf der Stelle zu gehen. Sie haben in meinem Zimmer nichts zu suchen.“

„Da ist doch nichts dabei. Hören Sie endlich mit Ihrem vornehmen Getue auf! Man wird doch noch seinen Spaß haben dürfen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Gehen Sie jetzt, und lassen Sie mich in Ruhe.“

„Ich denke nicht daran. Los - seien Sie doch nicht so! Sie gefallen mir. So ein hübsches Ding habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“

Der Mann mußte weiter in das Zimmer hineingegangen sein, denn die Frau schrie plötzlich. Es war ein Angstschrei.

Der Marquis fuhr in die Höhe. Das ging zu weit. Nicht nur er wurde in seinem Schlaf gestört, sondern diese arme Frau wurde auch noch auf die unflätigste Weise belästigt. Der Mann hatte anfangs die Stimme verstellt, um sie zum Öffnen der Tür zu bewegen, und jetzt schien er handfest zu werden.

Der Marquis war kein prüder Mensch. Wenn er eine Frau begehrte, machte er ihr den Hof, aber er wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, jemanden zu bedrängen, der sich ganz eindeutig ablehnend verhielt.

Und eine Frau zu bedrängen, die offensichtlich allein reiste und ohne Schutz war - ein solches Benehmen fand er schändlich.

Die Frau stieß einen zweiten Schrei aus, und jetzt sprang der Marquis aus dem Bett, zog seinen Morgenrock an und stürzte aus dem Zimmer.

Die Tür nebenan war geschlossen, und er riß sie auf, ohne anzuklopfen.

Die Szene, die sich ihm bot, war genau wie erwartet - eine Frau, die sich verzweifelt gegen die Umarmung eines Mannes wehrte. Der Marquis erkannte den Mann auf den ersten Blick. Es war Sir Jocelyn Threnton, ein höchst unsympathischer Zeitgenosse, der auf keinem Rennen fehlte.

Sir Jocelyn war so darauf versessen, die Frau in seinen Armen zu küssen, daß er den Marquis nicht hereinkommen hörte.

Torilla sah ihn zuerst. „Helfen Sie mir!“ rief sie. „Bitte -helfen Sie mir!“

Mit zwei Schritten war der Marquis hinter Sir Jocelyn, packte ihn an den Schultern und drehte ihn zu sich um.

„Raus hier!“ herrschte er ihn an.

„Was geht das denn Sie...“ Sir Jocelyn brach mitten im Satz ab. Es hatte ihm die Rede verschlagen, denn er hatte den Marquis erkannt.

„Raus!“

Mehr brauchte der Marquis nicht mehr zu sagen.

Sir Jocelyn machte den Mund auf, als wolle er sein Verhalten erklären oder sich den Ton des Marquis verbieten, nahm jedoch plötzlich davon Abstand. Wie ein geprügelter Hund schlich er sich aus dem Zimmer und die Treppe hinunter.

Der Marquis sah die Frau an, der er im letzten Moment noch zu Hilfe gekommen war, und sein Atem stockte. Sie war sehr jung und sehr hübsch. Das blonde Haar ging ihr fast bis zur Taille, und die großen angstvollen Augen beherrschten das ganze Gesicht.

Sie stand an die Wand gelehnt und sah ihn ernst an.

„Vielen Dank“, sagte sie mit bebender Stimme. „Vielen Dank, daß Sie gekommen sind. Ich wußte nicht mehr, was ich tun sollte.“

„Es tut mir sehr leid, daß Sie auf diese Weise belästigt worden sind“, entgegnete der Marquis. „Er kommt bestimmt nicht wieder, aber schließen Sie zur Vorsicht die Tür ab und machen Sie unter keinen Umständen ein zweites Mal auf.“

„Es war sehr dumm von mir, aber ich hätte nie gedacht -nicht einmal im Traum, daß es solche Menschen gibt.“

Der Marquis konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Sie müssen in Zukunft vorsichtiger sein“, sagte er.

„Ja“, entgegnete das junge Mädchen mit der Stimme eines gehorsamen Kindes. „Und nochmals vielen, vielen Dank.“

„Gehen Sie wieder ins Bett, und denken Sie nicht mehr daran“, sagte der Marquis.

Damit ging er und machte die Tür hinter sich zu. Er war noch nicht wieder in seinem Zimmer, als er hörte, wie nebenan der Schlüssel im Schloß umgedreht wurde.

Er konnte Sir Jocelyn fast verstehen. Er habe schon lange nicht mehr ein so hübsches Ding gesehen, hatte er gesagt, und da mußte ihm der Marquis beipflichten.

Wer das Mädchen wohl war, und warum sie allein reiste? Miss Clifford hatte Sir Jocelyn zu ihr gesagt. Kein ungewöhnlicher Name, dachte der Marquis, aber das Mädchen stammte offensichtlich aus sehr gutem Haus. Und Haare hatte es, wie der Sonnenschein im Frühling.

Über seinen Anflug von Poesie lachend, ging der Marquis wieder ins Bett.

Es dauerte lange, bis sich Torilla wieder beruhigt hatte.

Als sie ins Bett ging, zitterte sie immer noch am ganzen Körper. Daß ein Gentleman es wagen würde, sich Einlaß in ihr Zimmer zu erzwingen, hätte sie nie für möglich gehalten.

Während des Abendessens hatte sie bemerkt, wie er immer wieder zu ihr herübergesehen hatte. Er war mit anderen Herren zusammengesessen, und es war immer lauter geworden an deren Tisch. Sie hatten zu viel getrunken.

An ihrem Tisch in der anderen Ecke, der für die Reisenden aus der Postkutsche reserviert worden war, hatten die Männer Bier bestellt. Die Frauen hatten um Mineralwasser gebeten.

Da ihnen zuletzt serviert wurde, war ihr Essen kalt und die Auswahl der Speisen nur noch gering gewesen, aber Torilla hatte vor lauter Müdigkeit keinen Hunger gehabt. Sie hatte gerade überlegt, ob sie sich schon vor dem Nachtisch zurückziehen sollte, als sie neben sich eine Stimme gehört hatte.

„Darf ich mich Ihnen vorstellen?“

Sie hob den Kopf, und da stand der Gentleman neben ihr, der sie während der ganzen Mahlzeit auf die peinlichste Weise angestarrt hatte.

„Ich bin Sir Jocelyn Threnton und würde Sie gern zu einem Glas Wein einladen.“

„Nein“, hatte Torilla entgegnet. „Vielen Dank.“

„Sie werden mir doch keinen Korb geben“, hatte der Gentleman selbstsicher gesagt. „Kommen Sie, wir wollen uns doch etwas besser kennenlernen.“

„Nein, Sir, vielen Dank“, hatte Torilla steif erwidert. Sir Jocelyn hatte insistieren wollen, doch jemand von seinem Tisch hatte ihn zurückgerufen. Er hatte sich abgewandt, und Torilla war schnell aufgestanden und hatte den Speiseraum verlassen, ehe Sir Jocelyn es gemerkt hatte.

Als sie die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, glaubte sie in Sicherheit zu sein.

Sie hatte schon eine ganze Zeit im Bett gelegen, als sie nebenan jemanden sprechen hörte. Es klang, als gäbe jemand einem Diener Anweisungen.

Sicherlich ein Teilnehmer des Pferderennens, dachte sie, denn sie konnte sich nicht vorstellen, daß jemand, der es im Grunde nicht nötig hatte, in einem Gasthof an der Landstraße übernachtete.

Als sie vor zwei Jahren mit ihrem Vater Richtung Norden gereist war, war dieser Gasthof wie ausgestorben gewesen. Lediglich ein paar Bauern aus der näheren Umgebung hatten ihr Bier getrunken und nicht gewagt, die Reisenden anzustarren, geschweige denn sie anzusprechen.

Mit großem Erstaunen hatte Torilla während des Abendessens festgestellt, wie elegant die Herren waren, die vom Rennplatz kamen. Es war lange her, seit sie seidene Krawatten, champagnerfarbene hautenge Kniehosen und hohe Stiefel gesehen hatte, die so glänzten, daß man sich hätte darin spiegeln können.

Daß sich jedoch ein Mann, der sich den Anschein gab, ein Gentleman zu sein, so benahm, wie Sir Jocelyn es getan hatte, war ihr unbegreiflich.

Die Reisenden aus der Postkutsche wurden um halb sechs Uhr morgens geweckt. An Torillas Tür klopfte ein Zimmermädchen.

„Das Frühstück ist fertig, Miss!“ rief es.

Torilla war schon seit geraumer Zeit wach. Sie hatte unruhig geschlafen und war immer wieder aufgeschreckt, weil Alpträume sie geplagt hatten. Immer wieder hatte sie geglaubt, von jemandem festgehalten zu werden und nicht fliehen zu können.

Je früher ich von hier verschwinde, desto besser, dachte sie.

Sie zog sich an und steckte ihr Nachthemd in die Reisetasche, in der sich ihre Waschsachen befanden.

Sie rechnete nicht damit, daß von den Besuchern des Pferderennens schon jemand auf den Beinen war. Während sie das wenig appetitanregende Frühstück aß, das man für sie und ihre Mitreisenden zubereitet hatte, sah sie trotzdem ständig zur Tür. Erst als die Pferde anzogen und die Postkutsche abfuhr, stieß Torilla einen Stoßseufzer der Erleichterung aus. Die bittere Erfahrung, die sie in dem Gasthof hatte machen müssen, sollte ihr eine Lehre sein.

Nachdem der Marquis ein geradezu köstliches Frühstück zu sich genommen hatte, das ihm auf das Zimmer gebracht worden war, verließ er den Gasthof um neun Uhr dreißig. Das neue Gespann, vier völlig ausgeruhte Pferde, war genauso sehnsüchtig darauf bedacht wie sein Besitzer, endlich unterwegs zu sein.

Es war ein klarer, sonniger Tag, die Luft roch nach dem nahen Sommer.

Als der Marquis sein Zimmer verlassen hatte, sah er, daß die Tür nebenan offen stand. Beim Anblick des leeren Raums hatte er sich vage daran erinnert, daß er früh am Morgen Geräusche gehört hatte. Sie waren jedoch so leise gewesen, daß sie ihn nicht ganz geweckt hatten.

Das Mädchen, so dachte er jetzt, dem er am Abend zuvor aus der peinlichen Situation geholfen hatte, mußte zu den Reisenden aus der Postkutsche gehört haben. Die Kutsche war um sechs Uhr aufgebrochen, der Rest der Gäste blieb wahrscheinlich noch eine Nacht.

Da der Marquis diesem unsympathischen Sir Jocelyn nicht noch einmal begegnen wollte, hielt er sich nicht lange im Hof auf, in dem große Betriebsamkeit herrschte. Pferde wurden aus den Ställen gebracht und vor die verschiedenen Kutschen gespannt. Die Stallhalter und die Stallburschen von Privatleuten schrieen sich gegenseitig an, und der Wirt lief mit Rechnungen hin und her.

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18+
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160 стр.
ISBN:
9781782136835
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