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Die Braut des Rebellen
Barbara Cartland
Barbara Cartland E-Books Ltd.
Vorliegende Ausgabe ©2016
Copyright Cartland Promotions 1981
Gestaltung M-Y Books
www.m-ybooks.co.uk
1873
Ich bin da, dachte Theola, ich bin wirklich da!
Am liebsten hätte sie es laut hinausgeschrien. Auch als sie England schon verlassen hatten, hatte sie es immer noch nicht glauben können. Und, daß sie jetzt tatsächlich in Kawonien waren - es kam ihr wie ein Wunder vor.
Sie waren in Marseille an Bord des Schiffes gegangen, das eben angelegt hatte. Am Kai ein großes Aufgebot von Würdenträgern. Der Empfang, den man Catherine bereitete, war beeindruckend.
Daß sie nicht aus verwandtschaftlicher Liebe aufgefordert worden war, ihren Onkel, den Herzog von Wellesbourne, und ihre Cousine, Lady Catherine Bourne, auf dieser Reise zu begleiten, war Theola nur zu bewußt. Der Herzog hatte einfach niemand anderen gefunden, der als Hofdame für Catherine, die Königin von Kawonien werden sollte, in Frage kam.
Die Eltern von Catherines Internatsfreundinnen hatten kategorisch abgelehnt. Sie waren nicht bereit, bei den derzeitigen Unruhen in Europa ihre Töchter in ein so entferntes Land reisen zu lassen.
„Verängstigte Narren!“ hatte der Herzog eines Morgens beim Frühstück gesagt und einen Antwortbrief nach dem anderen zerrissen.
„Man kann wirklich nur hoffen, daß wenigstens dort Ruhe herrscht“, hatte die Herzogin erwidert.
„Was denn sonst?“ Der Herzog war von Tag zu Tag ungeduldiger geworden. „Wie du sehr gut weißt, Adelaide, ist Kawonien seit Jahren unabhängig. Seit König George in Griechenland Ordnung und Frieden geschaffen hat, besteht nicht mehr der geringste Grund, sich wegen Ferdinands Souveränität Sorgen zu machen. Schließlich regiert er das Land nun schon seit zwölf Jahren, und in der ganzen Zeit hat es nicht den geringsten Zwischenfall gegeben.“
„Gott sei Dank nicht!“ Ein Stoßseufzer der Herzogin zur Decke. „Wir müssen uns jetzt aber wirklich um eine Hofdame für Catherine kümmern. Und ich finde, es sollte schon eine junge Dame sein, die absolut standesgemäß ist.“
Die schmalen Lippen des Herzogs waren noch schmaler geworden. Wenn er etwas nicht ertragen konnte, dann Ablehnung und Widerrede. Er war ein willensstarker Mann, der zu Jähzorn und Grausamkeit neigte.
„Was hältst du denn von Lord Pierrepoints Tochter?“ hatte die Herzogin gefragt. „Ich finde sie zwar reichlich anmaßend in ihrer Art und recht freizügig soll sie auch sein, heißt es, aber die Pierrepoints halten es sicher für eine große Ehre, wenn ihre Tochter Catherine begleiten darf.“
„Ich kann auf weitere Absagen verzichten“, hatte der Herzog aufbrausend entgegnet. „Theola wird Catherine begleiten, und damit ist der Fall erledigt.“
„Theola?“ hatte die Herzogin mit schriller Stimme gerufen.„Theola?“
Catherine hatte verständnislos den Kopf geschüttelt. „Aber Papa …“
„Keine Widerrede!“ Der Herzog war aufgestanden. „Theola wird mit uns nach Kawonien reisen und dort bleiben, bis wir jemanden gefunden haben, der sich besser eignet.“
Theola hatte es nicht fassen können und war an dem Abend erst sehr spät eingeschlafen. Nachdem sie ihr Nachtgebet gesprochen hatte, hatte sie sich - wie so oft - in Gedanken mit ihren Eltern unterhalten. Sie hatte von der bevorstehenden Reise erzählt und das Gefühl gehabt, von ihrer Mutter vor Freude in den Arm genommen zu werden.
Seit ihre Eltern tot waren und sie bei ihrem Onkel und ihrer Tante in dem kalten freudlosen Schloß in der Grafschaft Wiltshire lebte, hatte es unzählige Momente dieser Art gegeben.
Der Herzog war einer der reichsten Männer Englands, aber gleichzeitig auch einer der gemeinsten. Und die Herzogin, eine geborene Fürstin von Holtz-Melderstein, war eine geizige, humorlose, spröde Frau.
Fast täglich träumte Theola von der Gemütlichkeit, die in dem einfachen Häuschen ihrer Eltern geherrscht hatte. Und nachts, wenn die Kälte der hohen, ungeheizten Räume schier unerträglich war, wünschte sie sich oft, mit ihren Eltern umgekommen zu sein. Manchmal glaubte sie, die Erniedrigungen nicht mehr ertragen zu können und sich wie ein Tier verkriechen zu müssen.
Daß seine einzige Schwester, Theolas Mutter, mit dem Hauslehrer weggelaufen war, hatte der Herzog nie vergessen, geschweige denn verzeihen können.
Richard Waring war damals ein hochintelligenter junger Mann von neunundzwanzig Jahren gewesen, der schon so manches Aristokratensöhnchen durch die Examina geboxt hatte. Blendend aussehend, gebildet und aus gutem Haus, das alles hatte für den alten Herzog nichts gegolten. Für ihn war der Hauslehrer ein Angestellter gewesen.
Dieselbe Einstellung hatte sein Sohn Septimus vertreten. Wie sein Vater war er außer sich, als herauskam, daß sich Richard Waring unsterblich in seine einzige Schwester, Lady Elizabeth Bourne, verliebt hatte.
Richard Waring hatte - wie es sich gehörte - beim Herzog um die Hand Elizabeths angehalten und war im wahrsten Sinn des Wortes hinausgeworfen worden.
Daß Elizabeth daraufhin das Haus der Eltern verlassen hatte und dem jungen Mann gefolgt war, hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Alles hatte man für möglich gehalten, nur das nicht.
Jahrelang war Elizabeths Name nicht erwähnt worden.
Nach Theolas Geburt hatte Elizabeth an ihre Eltern geschrieben und ihnen das freudige Ereignis mitgeteilt. Der Brief war ungeöffnet zurückgekommen.
Erst nachdem er die Todesnachricht erhalten hatte - Elizabeth und Richard Waring waren bei einem Zugunglück ums Leben gekommen - war Septimus, der inzwischen das Herzogtum geerbt hatte, zu dem Häuschen außerhalb von Oxford gekommen, um Theola mitzuteilen, daß sie ab jetzt bei ihm wohnen würde.
Septimus hatte mit einundzwanzig geheiratet und hatte eine Tochter, Catherine, die ein Jahr älter war als Theola.
„Glaube bloß nicht, daß es mir Freude macht, dich bei mir aufzunehmen“, hatte er gesagt. „Das Benehmen deines Vaters war skandalös. Ich werde ihm und deiner Mutter nie verzeihen, daß sie solche Schande über die Familie gebracht haben.“
„Schande?“ hatte Theola gefragt. „Was haben sie denn getan? Sie haben sich geliebt und geheiratet, weiter nichts.“
„Wenn unser Blut mit dem eines ganz gewöhnlichen Parvenü vermischt wird, dann ist das sehr wohl eine Schande! Als Hauslehrer seinen Lebensunterhalt verdienen! So jemand kann ja nur aus der Gosse kommen.“
„Das stimmt nicht“, hatte Theola gesagt. „Die Eltern von Papa waren brave Leute. Jeder in Bedfordshire hatte sie gern. Und Papa war sehr klug und ...“
Weiter war sie nicht gekommen, denn ihr Onkel hatte sie mit dem Handrücken mitten ins Gesicht geschlagen.
„Du wagst es, mir zu widersprechen?“ hatte er gebrüllt. „Das wollen wir einmal gleich am Anfang unserer Bekanntschaft klarstellen. Ich kann dich nicht verhungern lassen, weil du meine Nichte bist. Ich nehme dich also in meiner Familie auf. Aber du wirst mir gehorchen und sprichst weder in meinem Beisein noch vor anderen von deinen Eltern. Ist das klar?“
Theolas Gesicht hatte gebrannt wie Feuer. Sie hatte den Onkel mehr entsetzt als verängstigt angesehen. Sie war noch nie in ihrem Leben geschlagen worden. Aber in den folgenden Monaten sollte sie erfahren, daß ihr Onkel bei jeder Gelegenheit zuschlug. Die ständige Erniedrigung schmerzte Theola wie eine Wunde, die nicht heilen wollte. Daß es Menschen wie ihren Onkel und ihre Tante gab, hatte das junge Mädchen bis dahin nicht gewußt. Auch nicht, was es hieß, mit Haß leben zu müssen.
Sie war immer von Liebe umgeben gewesen. Die Liebe, die ihr Vater und ihre Mutter füreinander empfanden, hatte auch sie stets wie ein wärmender, schützender Mantel eingehüllt und ihr das Gefühl gegeben, daß sie etwas sehr Kostbares war.
Nach ein paar Monaten der Qual war Theola wie ein kleiner grauer Geist durch das Schloß gehuscht und hatte es möglichst vermieden, jemandem zu begegnen.
Sie hatte versucht, sich mit ihrer Cousine Catherine zu befreunden, hatte aber feststellen müssen, daß das nicht möglich war. Catherine hatte die Unnahbarkeit ihres Vaters geerbt und interessierte sich genau wie ihre Mutter nur für die eigene Person. Sie sah in Theola einen Dienstboten, der nach ihrer Pfeife zu tanzen hatte und hielt das junge Mädchen von früh bis spät auf Trab.
Theola wusch und bügelte Catherines Kleider und mußte sich pausenlos die Lobhudeleien der Cousine über die eigene Person anhören.
„Ich denke oft, daß ich griechische Züge habe“, hatte Catherine einmal gesagt. „Ich sehe den viel bewunderten Plastiken der griechischen Götter ähnlich.“
Theola hatte sich nur mit Mühe eine Entgegnung verkneifen können. Catherine hatte mit dem besten Willen keine griechischen Züge. Sie war blond und hatte blaue Augen, und es hieß, sie sei hübsch, aber in dem Ruf stand sie, weil sie zur Gesellschaft gehörte, elegant gekleidet war und mit arrogantem Stolz auftrat.
Theola wußte mehr über Griechenland als sonst über ein Land dieser Erde. Ihr Vater war ein fanatischer Verehrer des klassischen Altertums gewesen und hatte Theola von klein auf mit den Sagen und der hochstehenden Zivilisation der Griechen vertraut gemacht. Auch hatte er schon früh damit angefangen, ihr Sprachunterricht in Französisch, Deutsch, Latein und Griechisch zu geben, und Theola las mühelos die Klassiker der jeweiligen Länder.
Daß eine so hochgestellte Persönlichkeit wie der Herzog von Wellesbourne noch nie in seinem Leben ein Buch gelesen hatte, war und blieb ihr unbegreiflich.
Manchmal, wenn sie am Abend todmüde und mit schmerzenden Gliedern ins Bett fiel, sehnte sie sich danach, einmal wieder mit einem Menschen wirklich reden zu können. Der geistige Austausch in einem Gespräch fehlte ihr so sehr, daß sie Angst hatte, ihr Geist und ihre Seele könnten verkümmern.
Und Zeit zum Lesen fand sie kaum. Dazu kam, daß in den Schlafgemächern des Schlosses kein elektrisches Licht war. Man behalf sich mit Kerzen, und bei Theola und dem Personal wurde sogar an diesen gespart. Am Abend zu lesen, war also unmöglich, und während des Tages hatte Theola keine Zeit.
Und, oh Wunder, nach einem Jahr voll Trübsal und Stumpfheit, war sie jetzt hier in Kawonien!
Mit Hilfe ihrer Holtz-Meldersteinschen Verwandtschaft hatte die Herzogin die Heirat ihrer Tochter Catherine mit einem Cousin, dem König Ferdinand von Kawonien, arrangiert.
Dem Muster Griechenlands folgend, das ein Mitglied eines ausländischen Königshauses zum Regenten gemacht hatte, hatte Kawonien Ferdinand auf den Thron gesetzt. Die ursprüngliche Idee, sich den König aus Skandinavien zu holen, hatte sich nicht verwirklichen lassen, daher hatte man sich für Ferdinand, einen Verwandten Kaiser Franz Josephs, entschieden.
In England hatte man wenig über ihn in Erfahrung bringen können. Man wußte lediglich, daß er fünfunddreißig und schon einmal verheiratet gewesen war. Seine Frau war vor zwei Jahren gestorben und hatte ihm keinen Erben hinterlassen.
Daß die Herzogin die Tochter nicht hatte begleiten können, war bitter für sie gewesen. Ihre Ärzte hatten ihr dringendst davon abgeraten, eine so lange und anstrengende Reise zu machen.
Die Herzogin hatte seit Jahren mit dem Herzen zu tun, und ihr Mann hatte nach einigem Hin und Her strikt erklärt, daß sie kein Risiko eingehen dürfe und in England bleiben müsse.
Nachdem sie den Kanal überquert hatten und in Calais an Land gegangen waren, hatten sie die Reise durch Frankreich in einem luxuriösen Zugabteil fortgesetzt. In ihrer Begleitung waren der Kurier des Königs von Kawonien, der Sekretär des Herzogs, sein Kammerdiener und eine Zofe für Catherine.
Die Zofe war, kaum in Marseille angekommen, nach England zurückgeschickt worden, denn sie hatte sich während der ganzen Reise durch Frankreich nicht von der Übelkeit erholt, die sie auf der Fähre über den Ärmelkanal befallen hatte.
Und so war Theola allein mit Catherine an Bord des Schiffes gegangen, das König Ferdinand geschickt hatte. Das Mittelmeer war ruhig gewesen, bis sie den Südzipfel Italiens umfahren hatten. Dann waren sie in einen Sturm hineingekommen, und Catherine hatte die Kabine nicht mehr verlassen. Stöhnend und jammernd war sie im Bett gelegen und hatte Theola und zwei Stewardessen den ganzen Tag springen lassen. Zum Glück war ein Arzt an Bord gewesen, der ihr schließlich ein Beruhigungsmittel gegeben hatte, das Catherine über Stunden in tiefen Schlaf versetzt und damit Theola Zeit für sich selbst gegeben hatte.
An Bord war eine Anzahl Würdenträger des Landes gewesen, die den König zu vertreten hatten. Da sie samt und sonders fanatische Kartenspieler waren, verstand sich der Herzog prächtig mit ihnen. Die Herren hatten ihre Zeit im Rauchsalon verbracht, während Theola bald jemand gefunden hatte, der gewillt gewesen war, ihr Kawonisch beizubringen.
Es war der Adjutant des Feldmarschalls, also des Mannes, der für die Eskorte verantwortlich gewesen war. Der junge Offizier hätte sich an Bord vielleicht gelangweilt, hätte ihn Theola nicht auf ihre bescheidene Weise gebeten, ihr die Grundbegriffe seiner Sprache zu erklären.
„Und wie kommt es, daß Sie Kawonisch lernen wollen?“ hatte der Adjutant gefragt.
„Ich freue mich sehr, Ihr Land kennenlernen zu dürfen, Captain Petlos“, hatte Theola geantwortet.
„Hoffentlich werden Ihre Erwartungen nicht enttäuscht, Miss Waring“, hatte der junge Offizier geantwortet.
„Ganz sicherlich nicht. Ich werde alles noch mehr genießen können, wenn ich mich mit den Menschen unterhalten und sie verstehen kann.“
Captain Nicias Petlos hatte sich zwar nichts anmerken lassen, aber Theola hatte gespürt, mit welcher Skepsis er an die erste Unterrichtsstunde herangegangen war. Nach der zweiten Stunde war jedoch jede Skepsis verflogen und hatte heller Begeisterung Platz gemacht.
„Unglaublich!“ hatte Captain Petlos gesagt. „Ich hätte nie gedacht, daß jemand so schnell Kawonisch lernen kann.“
Theola hatte gelächelt.
„Es ist für mich eine große Hilfe, daß so viele Worte griechischen Ursprungs sind.“
„Ja, unsere Sprache ist eine Mischung aus Griechisch und Albanisch, wobei Griechisch überwiegt.“
Als sie auf der Höhe von Sizilien gewesen waren, hatte sich Theola bereits recht geschickt ausdrücken können und - was noch wichtiger war - sie hatte fast alles verstanden, was Captain Petlos in seiner Muttersprache zu ihr gesagt hatte.
„Sie sind ein Phänomen!“ hatte der junge Offizier an dem Tag ausgerufen. „Wenn doch bloß -.“
Er hatte mitten im Satz abgebrochen.
„Was wollten Sie gerade sagen?“
„Ach, lieber nicht.“
„Wieso denn nicht?“ Theola hatte sich in der leeren Bibliothek umgesehen. „Fassen Sie sich ein Herz. Es hört doch sonst niemand.“
„Na gut.“ Captain Petlos hatte gelächelt. „Ich wollte sagen, wenn doch bloß unser König Interesse an der Sprache seines Volkes hätte.“
„Spricht er sie denn nicht?“
Captain Petlos hatte den Kopf geschüttelt.
„Nicht ein Wort.“
„Wie ist das denn möglich?“ Theola hatte es nicht glauben wollen. „Er ist doch seit zwölf Jahren in Kawonien.“
„Seine Majestät ziehen es vor, Deutsch zu sprechen“, hatte der junge Offizier etwas steif entgegnet.
„Das ist irgendwie verständlich, aber gleichzeitig finde ich es seltsam. Wie sprechen denn die Leute am Hof mit dem König?“
„Sie mußten Deutsch lernen.“
„Aber das ist doch ...“ Theola hatte verlegen gelächelt. „Verzeihen Sie, mir steht keine Kritik zu.“
„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Miss Waring, üben Sie in Kawonien nie Kritik. Wenn der König von unserer Unterhaltung wüßte, würde ich auf der Stelle degradiert und Sie des Landes verwiesen.“
Theola hatte ihn mit großen Augen angesehen.
„Ist das Ihr Ernst?“
Captain Petlos hatte genickt.
„Ich erlaube mir, Sie zu warnen, weil ich weiß, daß die Engländer manchmal sehr offen sind. Am Hof in Wien kann man sich das nicht leisten, und am Hof König Ferdinands erst recht nicht.“
„Sehr seltsam“, hatte Theola gesagt.
„Deshalb erlaube ich mir ja, Sie darauf aufmerksam zu machen, Miss Waring.“ Der Captain hatte einen schnellen Blick über die Schulter geworfen. „Der Feldmarschall ist übrigens der Meinung, es sei recht unkonventionell, daß wir so viel Zeit zusammen verbringen.“
„Mein Gott!“ hatte Theola gesagt. „Ich wollte Sie nicht in Schwierigkeiten bringen. Das tut mir leid.“
„Es braucht Ihnen nicht leid zu tun, denn mir macht es viel Freude.“
Der junge Offizier hatte sie angelächelt, und zum ersten Mal seit dem Tod ihrer Eltern hatte Theola das Gefühl gehabt, wie ein ganz normaler Mensch behandelt zu werden.
Sie hatte die Feder weggelegt.
„Bitte, erzählen Sie mir von Ihrem Land“, hatte sie gebeten.
„Wollen Sie die Wahrheit wissen, oder das, was Sie auch in einem Fremdenführer nachlesen können?“
„Die Wahrheit, natürlich.“
„Die Kawonier sind fröhliche Menschen, wenn sie nicht unterdrückt werden. Sie wollen lachen und tanzen, singen und lieben.“ Captain Petlos hatte die Stimme gesenkt. „Aber seit Jahren lacht und tanzt kaum jemand mehr.“
„Warum nicht?“ hatte Theola gefragt.
„Weil das Leben schwer geworden ist.“
„Wieso?“
Captain Petlos hatte seine Worte mit Bedacht gewählt.
„Zum Beispiel, weil die Steuern schier unerträglich geworden sind.“
„Aus welchem Grund?“
„Zur Finanzierung von öffentlichen Gebäuden, zur Renovierung des Palastes, für die Erstellung einer großen Armee und so weiter.“
„Ich denke, Kawonien lebt in Frieden mit den angrenzenden Ländern. Die Türken bedrohen doch das Land nicht etwa?“
„Die Türken haben alle Hände voll damit zu tun, Albanien in Schach zu halten. Falls die Türken einem europäischen Land den Krieg erklären sollten, würde Albanien sofort die Gelegenheit nutzen und revoltieren.“
„Und Griechenland hat doch auch kein Interesse an Kawonien, oder?“
„Nein! König George will den Frieden, weiter nichts.“
„Wozu dann eine große Armee?“
Wieder wählte Captain Petlos die Worte mit Bedacht.
„Weil innerhalb des Landes eine gewisse Unruhe herrscht.“
„Unter der Landbevölkerung?“
Der junge Offizier hatte genickt.
„Die Bauern ernähren sich zum größten Teil von trockenem Brot. Wenn es Ärger gibt, verstecken sie sich in den Bergen.“
„Aber die Soldaten sind doch Kawonier, oder?“
„Schon, aber die Offiziere stammen zu neunundneunzig Prozent aus Österreich. Ich bin eine Ausnahme.“
„Wieso das?“
„Vor knapp zwölf Jahren wurde ein Attentat auf König Ferdinand verübt. Mein Vater hat ihm das Leben gerettet. Zum Dank gewährt der König meiner Familie gewisse Privilegien.“
Er war aufgestanden und hatte die Bücher zusammengesammelt, die er zum Unterricht benutzt hatte.
„Und warum wurde ein Ausländer geholt, um das Land zu regieren?“ hatte Theola gefragt. „In Kawonien hat es doch bestimmt eine königliche Familie gegeben.“
„Ja“, hatte Captain Petlos geantwortet. „Durch Jahrhunderte hindurch waren die Vasilas auf dem Thron. Als der letzte König starb, wurden Stimmen gegen das Königshaus laut. Außerdem war der Thronfolger noch zu jung.“
„Demnach gibt es noch einen Vasilas, der Anspruch auf den Thron hat?“ hatte Theola gefragt.
Zu ihrem Erstaunen hatte Captain Petlos die Frage nicht beantwortet.
Er hatte sich die Lehrbücher unter den Arm geklemmt, die Hacken zusammengeschlagen und sich verbeugt.
„Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, Miss Waring. Es war mir, wie immer, ein Vergnügen, Ihnen Unterricht geben zu dürfen.“
Steifen Schrittes hatte er dann die Bibliothek verlassen.
Theola war enttäuscht gewesen. Sie hätte den Offizier gerne noch so viel gefragt. In den nächsten zwei Tagen jedoch hatte sie trotzdem eine Menge über das Land erfahren, das sie besuchen sollte. In Kawonien herrschten mehr Unruhe und vor allem Unzufriedenheit unter der Bevölkerung, als der Herzog auch nur geahnt hatte. Die Kawonier schienen von der österreichischen Herrscherschicht auf harte, wenn nicht brutale Weise unterdrückt zu werden.
Als sie die Küste Kawoniens endlich erreicht hatten und das Schiff anlegte, strahlte die Sonne aus einem tiefblauen Himmel. Eine Militärkapelle spielte einen Begrüßungsmarsch, als Catherine mit ihrem Gefolge von Bord ging.
Niemand würdigte Theola auch nur eines Blickes. Es wurden Reden gehalten, und währenddessen hatte Theola Zeit, sich umzusehen. Hohe Berge hoben sich majestätisch gegen den Himmel ab. Ihre Gipfel waren von ewigem Schnee bedeckt, ihre Hänge zierten Pinienwälder und Olivenhaine. Hinter den Holzhäusern an ihrem Fuße Orangen- und Zitronenbäume, auf den Balkons eine Fülle von Geranien.
Als die Kutschen den Hafen Khevea verließen, um in die Hauptstadt Zanthos zu fahren, glaubte sich Theola in einem Märchen. Eine solche Pracht von Blüten und Farben war einfach unvorstellbar. Die Straßen waren mit Girlanden überzogen, überall wehten Fahnen, die Brücken, über die sie fuhren, waren von Soldaten bewacht.
In den Dörfern war alles auf der Straße. Die Menschen in ihrer farbenfrohen Tracht winkten und jubelten. Die Frauen hatten sich Blüten ins Haar gesteckt.
Theola konnte es einfach nicht fassen, daß Catherine sich nicht mehr für ihre zukünftigen Untertanen interessierte. Die Menschen, die die Straße einsäumten, schienen ihr egal zu sein. Es berührte sie nicht im geringsten, daß man sie mit so großer Herzlichkeit empfing. Sie hatte nur Augen für den Premierminister, der sie im Auftrag des Königs am Schiff abgeholt hatte. Theola und Captain Petlos, die ihr gegenüber saßen, ignorierte sie total.
Der Premierminister war ein älterer Mann mit einer knarrenden Stimme und stechenden Augen. Er war Österreicher.
Der Herzog folgte in einer zweiten Kutsche mit dem Feldmarschall und anderen Würdenträgern des Landes. Insgesamt waren es sechs Kutschen, die von Soldaten zu Pferd begleitet wurden.
„Die Soldaten an der Spitze“, erklärte Captain Petlos, „gehören zur Leibgarde des Königs.“
Theola nickte nur. Sie hätte sich gern mit dem jungen Offizier unterhalten, aber sie hatte Angst, dadurch die Konversation zwischen Catherine und dem Premier zu stören und schwieg. Wie gerne hätte sie wenigstens den Kindern zugewinkt, die kleine Blumensträuße auf die Kutschen warfen, aber von niemand beachtet wurden. Ihre Sträußchen wurden unter den Pferdehufen zertrampelt, die Kinder selbst blieben unbeachtet.
Nach einer Stunde Fahrt hatten sie den Rand der Hauptstadt erreicht. Sie überquerten einen breiten Fluß. Die Brücke war mit Blumengirlanden geschmückt und von Soldaten bewacht.
Sie kamen durch enge Sträßchen. Zu beiden Seiten bescheidene Häuser. Zu Theolas Erstaunen waren sie nicht geschmückt und sahen fast unbewohnt aus. Die Fensterläden waren geschlossen. Keine lachenden, winkenden Menschen, keine Blumensträuße. Die Pferde schienen schneller zu laufen, und Theola hätte Captain Petlos gern gefragt, warum hier alles so finster und freudlos war. Nicht einmal der Himmel war mehr strahlend. Eine Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben.
Sie kamen schließlich durch eine Gasse, in der ein paar ärmlich gekleidete barfüßige Kinder spielten. Die Kutsche schwankte plötzlich, ein Aufschrei, und der Kutscher zügelte die Pferde und brachte sie zum Stehen.
„Was ist denn los?“ fragte der Premierminister. „Ist was passiert?“
Captain Petlos sprang aus der Kutsche.
„Ein Kind ist angefahren worden, Exzellenz“, rief er nach einem Moment. „Ein kleines Mädchen. Es muß direkt in die Räder hineingelaufen sein.“
„Ein Kind?“ rief Theola.
Ohne eine Sekunde zu überlegen, stieg sie aus der Kutsche. Neben dem rechten Vorderrad lag ein Mädchen von vielleicht vier Jahren. Die kleinen Beinchen waren voll Blut.
Theola kniete sich neben dem Kind auf den Boden. Es war besinnungslos und schien kaum zu atmen. Im linken Oberschenkel klaffte eine tiefe Wunde.
Theola legte den Kopf des Kindes in ihren Schoß.
„Ihr Taschentuch, bitte“, sagte sie zu Captain Petlos, der neben ihr stand.
Der junge Offizier kramte in den Taschen. Da er offensichtlich kein Taschentuch bei sich zu haben schien, zog sich Theola kurz entschlossen den Seidenschal vom Hals und band damit dem kleinen Mädchen das Bein ab.
„Das Kind muß sofort in ein Krankenhaus gebracht werden“, sagte sie. „Es muß ärztliche Hilfe bekommen. Ist die Mutter in der Nähe?“
Theola sah hoch und mußte zu ihrem Erstaunen feststellen, daß niemand mehr da war. Die Kinder waren weggelaufen.
„Was ist denn los?“ rief der Premierminister aus der Kutsche. „Wir können hier nicht stehenbleiben, Captain Petlos.“
„Das Kind ist verletzt, Exzellenz.“
„Dann sollen sich die Eltern darum kümmern.“
„Es ist niemand da, Sir.“
„Legen Sie das Kind an den Straßenrand. Wir müssen weiter.“
„Das können wir doch nicht machen“, sagte Theola zu Captain Petlos. „Ich habe das Bein zwar abgebunden, aber das Kind muß schnellstens von einem Arzt behandelt werden. Versuchen Sie doch die Eltern zu finden. Oder wenigstens jemand, der sich um das Kind kümmert. Schauen Sie sich die Wunde an! Das Kind muß ins Krankenhaus!“
„Es gibt kein Krankenhaus“, entgegnete Captain Petlos leise.
„Hallo!“ rief der junge Offizier in dem Moment laut. „Jemand wird doch noch so viel Anstand haben und sich um das Kind kümmern!“
Es dauerte eine ganze Weile, bis schließlich eine Tür aufging und ein Mann auf sie zukam.
„Das muß der Vater sein“, meinte Theola erleichtert. „Bitte, erklären Sie ihm - ich weiß ja nicht, ob er mich versteht - daß die Binde in zehn Minuten abgenommen werden muß, sonst verliert das Kind das Bein. Der Mann muß es schnellstens zu einem Arzt bringen.“
Dann war der Mann bei ihnen.
Und nun traute Theola ihren Ohren nicht.
„Bist du wahnsinnig?“ flüsterte der Captain dem Mann zu. „Wenn sie dich erkennen, knallen sie dich ab.“
„Das weiß ich“, entgegnete der Mann leise.
„Mann Gottes!“ stöhnte Captain Petlos. Aus seiner Stimme schwang Angst.
„Ihr Kind ist leider verletzt worden“, setzte er laut hinzu. „Die Dame hier läßt Ihnen ausrichten, daß es sofort zu einem Arzt gebracht und die Binde innerhalb von zehn Minuten abgenommen werden muß.“
Der Mann bückte sich und nahm das Kind in die Arme. Jetzt sah Theola zum ersten Mal sein Gesicht. Sie zweifelte keinen Moment daran, daß er griechischer Abstammung war? Doch nach den Bildern, die ihr ihr Vater gezeigt hatte, waren Theola diese Züge so vertraut, daß sie das Gefühl hatte, den Mann schon seit langem zu kennen.
Und als sich ihre Blicke trafen, schrak sie zusammen. Noch nie hatte sie in den Augen eines Menschen so viel Verachtung gesehen.
„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Premierminister scharf.
„Ich nehme an, der Vater des Kindes, Exzellenz“, antwortete Captain Petlos.
Der Mann, der jetzt das kleine Mädchen in den Armen hielt und sich aufgerichtet hatte, wandte sich an Theola.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe“, sagte er ruhig. „Dürfte ich Sie noch um einen Gefallen bitten?“
„Nämlich?“ fragte Theola.
„Würden Sie mir helfen, das Kind vorsichtig ins Haus zu tragen? Wenn Sie nur die Beine stützen, dann sind die Schmerzen nicht so groß.“
Die Begründung kam Theola reichlich gesucht vor, sie hätte es jedoch nicht übers Herz gebracht, die Bitte abzulehnen. So trug sie das Kind mit dem Mann zusammen zu einem Haus, dessen Tür wie von selbst auf ging.
Und genau in dem Moment wurde Theola klar, daß sie auf dem kurzen Weg zu dem Haus als Deckung für den Mann gedient hatte.
Sie gingen in das Haus. Ein einfacher Raum, in dem kaum Möbel standen. An einer Wand lehnte ein Mann. Auf einem Stuhl saß eine Frau, der die Tränen über das Gesicht liefen. Sie mußte die Mutter des Kindes sein.
Die Frau sprang auf und kam mit ausgestreckten Armen auf Theola und den Mann zu.
„Das ist Alexius Vasilas!“ hörte Theola in dem Moment den Premierminister rufen. „Erschießt ihn! Schießen, sage ich!“
Der Mann legte der Mutter das Kind in die Arme und verschwand wortlos durch die rückwärtige Tür.
Sie hatte sich gerade hinter ihm geschlossen, als Captain Petlos, die Pistole in der Hand und von vier Soldaten gefolgt, auf das Haus zukam. Warum Theola es tat, wußte sie nicht, aber sie stellte sich absichtlich vor die Tür, durch die der Mann verschwunden war.
„Was ist denn los?“ fragte sie.
„Geben Sie den Weg frei, Miss Waring“, sagte Captain Petlos. „Ich habe meine Befehle.“
„Was für Befehle?“ fragte Theola.
„Der Mann, der das Kind ins Haus getragen hat, muß festgenommen werden.“
„Der Premierminister hat aber gesagt, daß er erschossen werden soll.“
„Ich muß ihn erst einmal finden, Miss Waring.“
„Er holt bestimmt einen Arzt“, meinte Theola. „Ihn daran zu hindern wäre eine Todsünde. Es kann dem Kind das Leben kosten.“
„Ich muß meine Pflicht tun, Miss Waring.“
Theola rührte sich nicht von der Stelle.
Die vier Soldaten, die dem Captain gefolgt waren, hämmerten an die Türen der Nebenhäuser.
„Zurück!“ rief in dem Moment der Premierminister. „Zurückkommen!“
„Wir müssen weiter!“ drängte einer der Offiziere, die zum Begleitschutz gehörten. „Diese Gegend ist zu unsicher.“
„Dann fahren wir doch endlich weiter!“ schrie der Premier. „Dieser Vasilas ist uns wieder einmal entkommen. Warum hat man mich nicht informiert, daß er in der Stadt ist?“
Niemand antwortete auf die Frage, und Theola wußte, daß die Gefahr vorüber war. Sie streifte das perlenbestickte Beutelchen ab, das sie am Handgelenk trug, nahm eine Goldmünze heraus und legte sie auf den Stuhl neben der Tür.
„Für das Kind“, sagte sie nur und folgte Captain Petlos zur Kutsche.
„Also alles was recht ist!“ schimpfte Catherine, als Theola einstieg. „Wie kannst du dich so lachhaft benehmen. Dein Kleid ist ruiniert.“
„Verzeih, Catherine“, antwortete Theola. „Es tut mir leid, daß ich alle aufgehalten habe.“
„Wenn Papa von deinem Benehmen hört, wird er entsetzt sein“, entgegnete die Cousine mit einem drohenden Unterton in der Stimme. „Voll Blut bist du. Schämen muß man sich ja mit dir!“
Theola schwieg.
2.
Die Kutsche fuhr weiter, und Catherine wandte sich wieder dem Premierminister zu.
„Wer ist dieser Vasilas?“ fragte sie neugierig.
„Ein Revolutionär“, antwortete dieser. „Ein Mann, der überall Unruhe stiftet. Meine Truppen haben den Befehl, ihn auf der Stelle niederzuschießen, aber zum Teil sind die Soldaten ja so blöd, daß sie ihn nicht einmal erkennen. Sie brauchen jedoch keine Angst haben, Lady Catherine. Sobald wir im Palast sind, wird der Feldmarschall die Fahndung anberaumen. Diesmal wird der Mann gefunden, und damit ist der Fall ein für allemal erledigt.“
Theola beobachtete Captain Petlos aus dem Augenwinkel. Der junge Offizier war blaß und machte einen sehr besorgten Eindruck. Sie wußte nicht, was das alles auf sich hatte, spürte jedoch, daß es von großer Bedeutung war.
Falls Alexius Vasilas tatsächlich ein Mitglied der Familie war, die ehemals in Kawonien regiert hatte, warum war er dann wie ein ganz einfacher Mann angezogen? Und warum lebte er in dem Armenviertel, durch das sie gerade gefahren waren?
Nach den Worten des Premiers zu schließen, jagte man ihn schon seit geraumer Zeit. Unter solchen Umständen war es ein Zeichen besonderen Mutes, daß er sich aus dem Haus gewagt hatte, um das verletzte Kind zu holen. Das alles war sehr verwirrend. Auch die Tatsache, daß die Stadtteile, in denen die Armen wohnten, menschenleer und wie ausgestorben waren. Einmal durch sie hindurch, säumten wieder jubelnde Bürger die Straßen ein. Jetzt sah man auch überall Bilder von Catherine. An Hauswänden, an Laternenpfosten, an Zäunen. Zahlreiche Leute hatten sogar Abbildungen von Catherine aus Zeitungen ausgeschnitten und auf ein Stück Pappe geklebt. Sie hielten sie stolz in die Luft.
Das gefiel Catherine.
„Sie haben Bilder von mir!“ rief sie.
„Natürlich, Lady Catherine“, entgegnete der Premierminister. „Das Volk heißt seine zukünftige Königin willkommen. Die Menschen lieben Sie. Nicht nur, weil Sie Engländerin und sehr hübsch sind, sondern auch wegen der Legende.“
„Wegen welcher Legende?“ fragte Catherine.
„Es gibt eine uralte Prophezeiung. Sie besagt, daß im Land Friede und Reichtum herrschen werden, wenn eine blonde, weißhäutige Prinzessin über das Meer kommt, um in Kawonien auf dem Thron zu sitzen.“
„Wie interessant“, entgegnete Catherine.
„Als ich Ihr Bild sah, Lady Catherine, wußte ich sofort, daß Sie die Prinzessin sind, von der die Legende spricht.“
„Aber ich bin ja gar keine Prinzessin.“
„In Kawonisch bedeutet das Wort auch nicht allein Prinzessin, sondern auch liebliche Dame von großer Bedeutung.“
Catherine war geschmeichelt und lächelte, aber Theola spürte, daß das Volk nicht wegen der Legende, sondern auf Befehl des Premiers jubelte.
Catherine winkte huldvoll aus der Kutsche. Sie sah in dem blaßblauen Kleid, das fast die Farbe ihrer Augen hatte, sehr Englisch und sehr attraktiv aus. Die Federn auf ihrem Hut wehten im Wind.
Sie kamen über einen großen Platz und bogen in einen breiten Boulevard ein, an dessen Seiten herrschaftliche Häuser in gepflegten Gärten standen. Und dann konnte man den Palast sehen.
Er war beeindruckend. Als sie näher kamen, war sich Theola sicher: der Palast war eine Nachbildung des Schlosses Schönbrunn in Wien.
Fontänen und Statuen schmückten den großen Platz vor dem Palast. Die Leibgarde des Königs war ebenso farbenprächtig wie die große Anzahl vornehmer Gäste, die auf den Stufen des Palastes warteten. Die Geschmeide der Frauen und die Orden der Männer glitzerten im Schein der Sonne, der alles einzuhüllen schien, als wolle der Himmel damit dem Festtag seinen Segen geben.
Als die Kutsche zum Stehen gekommen war, schritt über einen roten Samtläufer ein Mann in einer blütenweißen Uniform.
Das muß der König sein, dachte Theola und fragte sich, wie Catherine in diesem Moment zumute sein mußte. Sie begegnete zum ersten Mal ihrem zukünftigen Mann, und das Herz schlug ihr sicher bis zum Hals hinauf.
Je näher der König kam, desto enttäuschter war Theola. Bis jetzt war alles wie im Märchen und so hinreißend gewesen, daß sie angenommen hatte, der König müsse wie ein griechischer Gott sein.
Doch König Ferdinand war ein ganz durchschnittlich aussehender Mann von mittlerer Größe. Er neigte zur Korpulenz und trug dieselbe kalte, abweisend arrogante Haltung zur Schau wie meistens auch Catherine.
Theola stieg nach Catherine aus der Kutsche und sank in einem tiefen Knicks zu Boden. Dann kamen zwei Stunden, in denen kaum Zeit zum Atem holen blieb. Sie wurde zahlreichen Menschen vorgestellt, die alle Deutsch sprachen und aus Österreich stammten. Theola konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sie und Catherine wie seltsame, fremde Tiere betrachtet wurden. Alles stierte sie an, ihre simpelsten Bemerkungen wurden mit gieriger Aufmerksamkeit bedacht.
Catherine wird es genießen, so wichtig genommen zu werden, dachte Theola irgendwann.
Seit sie England verlassen hatten, zeigte sich ihre Cousine zum ersten Mal in bester Laune. Sogar der Herzog war so geschmeichelt, daß er, ganz entgegen seiner Natur, leutselig und verbindlich war.
Und dann waren Catherine und Theola schließlich allein. Man hatte sie in den königlichen Wohntrakt gebracht, beide Frauen saßen nun in einem weißgoldenen Salon.
„Mama hatte recht“, war das erste, was Catherine ausrief. „Ich werde es genießen, Königin zu sein.“
„Das denke ich mir“, entgegnete Theola. „Das Volk hat dich ja auch mit großem Jubel begrüßt.“
„Wundert dich das?“ fragte Catherine spitz. „Der Premierminister hat mir immer und immer wieder versichert, wie glücklich er und seine Kollegen sind, daß eine Engländerin auf dem Thron sitzen wird.“
„Ich habe eher an die Leute gedacht“, meinte Theola.
„Ach, die!“ Catherine zog ein abfälliges Gesicht.„Die Hochzeitsfeierlichkeiten - die übrigens sehr viel Geld kosten werden, wie mir der König versichert hat und ...“
„Weißt du eigentlich, daß es in Zanthos kein Krankenhaus gibt?“ fiel Theola der Cousine ins Wort.
„Das kümmert mich wenig“, erwiderte Catherine scharf. „Wenn du immer noch an das Kind denkst, dessentwegen du dich so skandalös benommen hast, dann muß ich dir sagen, daß du dich lächerlich machst. Wenn du dich weiterhin so miserabel zu benehmen gedenkst, werde ich Papa bitten, dich nach England mit zurückzunehmen. Das werde ich wahrscheinlich sowieso tun. Ich bin überzeugt davon, daß es eine Menge von charmanten Österreicherinnen gibt, die sich darum reißen, meine Hofdame zu werden.“
Theola hielt die Luft an. Sie wußte nur zu gut, welches Los in England auf sie wartete. So schnell wieder zurückgeschickt zu werden, die Idee war grauenvoll.
„Verzeih mir“, sagte sie bescheiden. „Es tut mir leid.“
„Das kann dir auch leid tun. Benimm dich in Zukunft, wie es sich gehört, Theola! Der Premierminister war sehr verärgert, daß du dich diesem Offizier in den Weg gestellt hast. Rebellen gehören schließlich erschossen.“
Nur mit Mühe konnte Theola die Worte zurückhalten, die ihr sofort in den Sinn kamen. „Darf ich jetzt in mein Zimmer gehen und mich umziehen?“ bat sie stattdessen. „Ich nehme an, daß du mich in einer Stunde wieder brauchst.“
„Schon früher. Beeile dich! Du mußt diesen neuen Zofen erklären, wie ich angezogen und frisiert zu werden wünsche.“
„Ist gut, Catherine.“
Eine Zofe brachte Theola in ihr Zimmer. Es lag neben dem Schlafgemach Catherines. Dieses war elegant und geschmackvoll eingerichtet. Die Möbel stammten offensichtlich aus Wien, denn alles war in barockem Stil gehalten.
Im Palast gab es übrigens nirgends einen Kamin, wie Theola es von zu Hause gewöhnt war. Die Räume wurden nach Wiener Art durch Kachelöfen geheizt.
Die Gemälde in den Gängen des Palastes zeigten entweder die Vorfahren König Ferdinands oder Landschaften und Szenen aus Österreich. Nichts ließ darauf schließen, daß man sich in einem Mittelmeerland befand.
Theolas Schlafzimmer war natürlich viel kleiner, als das der Cousine, aber es war sehr gemütlich und natürlich auch in österreichischem Stil eingerichtet.
Als Theola eintrat, waren gerade zwei Zimmermädchen damit beschäftigt, ihre Koffer auszupacken. Theola bedankte sich auf Kawonisch, die beiden Mädchen sahen sie erstaunt und gleichzeitig erfreut an.
Das eine Mädchen war noch blutjung und wurde offensichtlich von dem älteren, das an die dreißig sein mochte, angelernt.
„Aber Sie sprechen ja unsere Sprache, Fräulein“, rief das ältere Zimmermädchen aus und lächelte.
„Ich versuche es zumindest“, erwiderte Theola. „Sie müssen mir bitte helfen und mich immer verbessern, wenn ich Fehler mache.“
„Wir dürfen im Palast nur Deutsch sprechen, Fräulein.“
„Aber nicht, wenn Sie mit mir zusammen sind“, sagte Theola. „Bitte nicht. Sie helfen mir doch, wenn Sie Kawonisch mit mir sprechen. Ich möchte die Sprache so gerne perfekt beherrschen.“
Beide Mädchen strahlten.
Ich muß mich beeilen, dachte Theola, als sie vor dem Schrank stand und überlegte, was sie anziehen sollte.
Ihre Garderobe war jämmerlich. Jeder Penny, den sie für Theola ausgegeben hatte, hatte der Herzogin weh getan. Sie hatte daher immer den billigsten Stoff ausgesucht, den es gegeben hatte. Aber wenn es das allein gewesen wäre! Düstere Farben ohne Druck - Theola mochte manchmal gar nicht hinsehen.
Obwohl ihre Mutter das Geld hatte sehr einteilen müssen, hatte sie alles getan, um Theola hübsch zu kleiden. Sie hatte pastellfarbene, weiche Töne ausgesucht und die Sachen meist selbst genäht.
Theola war so groß wie Catherine, aber sie war viel schmaler und zierlicher gewachsen und hatte viel feinere Züge.
„Wenn ich doch nur wie eine griechische Göttin aussehen würde!“ hatte Theola als Kind einmal zu ihrem Vater gesagt. „Wie Aphrodite möchte ich gern aussehen.“
Richard Waring hatte gelacht und Theola in die Arme genommen.
„Wie Aphrodite wirst du wahrscheinlich nie aussehen, mein Kleines“, hatte er geantwortet, „aber vielleicht wie eine der Nymphen, die aus dem Meer kamen und auf der Insel Delos lebten, um dem Gott des Lichts zu dienen.“
„Wie hieß der Gott des Lichts, Papa?“
„Er hieß Apoll und hat die Welt mit der Macht seiner Schönheit erobert. Er besaß keine irdischen Güter, hat den Menschen aber trotzdem reich beschenkt. Er hat ihm das Licht der Sonne gebracht.“
Von dem Tag an hatte Theola den Gott Apoll ebenfalls glühend verehrt. Er war für sie zum Inbegriff der Liebe geworden.
Erst nachdem Jahre vergangen waren, hatte Theola verstanden, warum ihr Vater sie mit einer Nymphe verglichen hatte. Sie hatte ein sehr fein geschnittenes, herzförmiges Gesicht mit riesengroßen Augen.
Und in diesen Augen lag - was ihr nicht bewußt war - eine geheimnisvolle Tiefe, die in die unsichtbare Welt zu führen schien, mit der ihr Vater so vertraut gewesen war.
Sie war blond, aber nicht von dem goldenen Blond wie Catherine. Ihr Haar hatte einen Glanz, der an Platin erinnerte. Ihre Haut war sehr weiß, und Theola wirkte wegen der freudlosen Kleider, die zu tragen sie gezwungen war, meistens unnatürlich blaß.
Theola hatte sich manchmal gefragt, ob die Herzogin absichtlich versuchte, das Licht auszulöschen, von dem ihr Vater so oft gesprochen hatte und von dem sie wußte, daß es in ihrer Seele glühte.
Ihr Leben im Schloß des Herzogs war voll von Trübsal gewesen. Harte Arbeit, harte Worte - manchmal hatte sie sich gar nicht mehr an die Zeiten erinnern können, wo sie das Gefühl gehabt hatte, in den Wolken zu schweben und ein Teil des Schönen zu sein, das ihren Vater zu umgeben schien.
Erst nach des Tages Hast hatte sie sich manchmal in der Dunkelheit ihres Zimmers die Worte ihres Vaters ins Gedächtnis zurückgerufen.
„Die Stimme des Gottes, der den Menschen auffordert, in sich das Glühen des heiligen Lichts zu suchen, kann man nur in der Stille hören.“
„Welches Kleid werden Sie tragen, Fräulein?“ fragte das ältere Zimmermädchen und unterbrach somit Theolas Gedanken.
Eines ist so scheußlich wie das andere, dachte Theola, sprach es aber nicht aus. Draußen schien die Sonne, die Farbenpracht der Pflanzen und Blüten in den Gärten war paradiesisch. Catherine würde eine weiße Robe tragen, die mit rosa Röschen übersät war, und Theola hatte die Wahl zwischen einem grauen Hemdblusenkleid aus billigstem Batist, einem graubraunen Kleid aus fadenscheiniger Baumwolle und einem schmutzig blauen Kleid mit Puffärmeln, das an einen Winterhimmel erinnerte.
„Das graue“, sagte sie.
Während ihr die Mädchen den Rock zurecht zupften, kämmte sich Theola, wobei sie kaum in den Spiegel sah.
Obwohl sie wirklich kaum zwanzig Minuten gebraucht hatte, war Catherine schon wieder gereizt, als sie zurückkam.
„Da bist du ja endlich!“ rief sie. „Sag diesen Trampeln, daß ich meine besten Seidenstrümpfe haben will.“
Catherine hatte Englisch gesprochen, aber der Ton war der Zofe und den beiden Mädchen, die ihr halfen, nicht entgangen. Sie sahen verschreckt und ängstlich drein. Theola war überzeugt davon, daß sie ihre Sache gut und richtig machen wollten, aber Catherine war wie immer ungeduldig und vor allem ungerecht. Sie verlangte von einem Dienstboten, daß er automatisch wußte, was sie gerade wollte. Sie machte sich nicht einmal die Mühe, ihre Wünsche klar und deutlich zu äußern.
Theola hatte die Strümpfe im Handumdrehen gefunden und erklärte den Mädchen, wie deren neue Herrin bedient zu werden wünschte.
Schon nach einem Moment war ein Lächeln auf allen drei Gesichtern. Die Mädchen waren emsig bemüht, Theolas Anweisungen zu befolgen, während sich Catherine im Spiegel betrachtete und langsam bessere Laune bekam.
„Dieses Kleid steht mir wirklich fabelhaft“, sagte sie. „Daß auch nur eine Frau im Palast eleganter ist als ich, kann ich mir nicht vorstellen.“
„Es steht dir wirklich ausgezeichnet“, sagte Theola, und sie meinte es auch. „Du wirst die Schönste sein.“
„Allerdings!“ Catherine warf arrogant den Kopf in den Nacken. „Ich werde meine Garderobe in Zukunft aus Paris kommen lassen.“
„Das kann aber sehr teuer werden.“
Catherine zuckte mit den Schultern.
„Na und? Das Geld wird vorhanden sein, darauf kannst du dich verlassen. Der Premierminister hat mir zwar erzählt, daß das Land hoch verschuldet ist, aber das kann doch mir egal sein.“
„Hoch verschuldet?“ fragte Theola. „Das ist ja schrecklich.“
Catherine sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Was kümmert das dich denn? Mir ist das egal, das schwöre ich dir.“
„Aber dann muß die Bevölkerung ja noch mehr Steuern bezahlen“, meinte Theola. „Du wirst dir vorstellen können, daß sie schon genug abgeben mußten, bis dieser Palast gebaut war.“
„Das ist doch nicht mehr als recht und billig“, entgegnete Catherine. „Sie können doch nicht erwarten, daß ihr König in einer Lehmhütte wohnt.“
Catherines Stimme war aggressiv, und Theola konnte sich kaum verkneifen, darauf hinzuweisen, daß der Bau eines Krankenhauses wichtiger gewesen wäre. Aber sie wußte, daß es keinen Sinn hatte, mit Catherine über derlei Dinge zu sprechen. Catherine dachte nur an sich und ihr Äußeres.
Theola jedoch mußte immer wieder an die ärmliche Behausung denken, in die sie das Kind gebracht hatten. Lehmfußboden und keinerlei Komfort. Zwei Holzstühle, ein Tisch und ein Bett, weiter nichts. Sowohl die Mutter als auch das Kind hatten einen unterernährten Eindruck gemacht.
Theola verstand nur zu gut, warum die Kawonier nicht mehr lachten und tanzten. Ihr König gab Unsummen für einen Palast aus, aber für die Armen wurde nichts getan.
Theola ertappte sich dabei, wie sie inständig hoffte, daß die Soldaten, die inzwischen zur Verfolgung ausgeschickt worden waren, Alexius Vasilas nicht fanden.
Gut, er hatte sie voll Verachtung angesehen, aber sie wußte, weshalb. Er glaubte, daß sie zu dem Regime gehörte, gegen das er rebellierte.
Er war der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hatte. War er eine Art Apoll, der seinen Landsleuten helfen und das Licht zeigen wollte, das sie auf ein besseres Leben hoffen lassen konnte? Oder war er lediglich ein Anarchist, der Gesetz und Ordnung haßte und Chaos hervorrief, ohne etwas dagegen zu setzen? Theola konnte es sich nicht vorstellen. Er war bestimmt ein Mensch, der seine Träume verwirklichen und alles zum Guten wenden wollte.
Sie fragte sich, ob sie ihn je wiedersehen würde.
Und als sie etwas später inmitten der vielen österreichischen Adeligen und Offiziere auf dem Empfang stand, den der König gab, kam es ihr höchst unwahrscheinlich vor.
„Leben Sie schon lange hier?“ fragte sie eine der Damen.
„Seit zehn Jahren“, bekam sie zur Antwort. „Seine Majestät wünschen, von Landsleuten umgeben zu sein.“
„Ist es Ihnen denn nicht schwergefallen, Österreich zu verlassen?“ fragte Theola.
„Manchmal hatte ich schon Heimweh“, erwiderte die Dame. „Aber inzwischen sind wir ja so zahlreich, und fast jeder ist mit jedem entfernt verwandt. Kawonien hat ein phantastisches Klima. Ich sage es oft zu meinem Mann - das ist eine der wertvollsten Eigenschaften dieses Landes.“
„Wir sind hier eine sehr fröhliche Gesellschaft“, meinte später am Abend ein ältlicher Baron zu Theola. „Ich bin überzeugt davon, Miss Waring, daß Sie sich blendend amüsieren werden.“
„Ich hoffe vor allem, das Land kennenzulernen“, entgegnete Theola.
Der Baron sah sie verständnislos an.
„Aber alles, was von Wichtigkeit ist, spielt sich doch hier in der Stadt und am Hofe ab“, entgegnete er. „Es gibt natürlich die Bärenjagden, aber ich bezweifle, daß Sie das interessiert. Die Damen der Gesellschaft pflegen nicht daran teilzunehmen. Am Hofe gibt es dafür immer genug Abwechslung für unsere Damen. Ein neues, hübsches Gesicht wie Ihres, Miss Waring, und natürlich das unserer zukünftigen Königin, erregen immer Aufsehen.“
Es mangelte nicht an jungen österreichischen Junggesellen, die alle Offiziere waren, aber Theola fand sie samt und sonders steif und mühsam in der Unterhaltung. Man zollte ihr zwar ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, aber das wahrscheinlich nur, weil sie die Cousine Catherines war. Bald, so nahm sie an, würde sich jedoch herumgesprochen haben, daß sie niemand von Wichtigkeit war.
Ihre Annahme sollte sich bestätigen.
Catherines scharfer, unfreundlicher Ton Theola gegenüber, die fast beleidigenden Zurechtweisungen des Herzogs in aller Öffentlichkeit - nichts entging den versnobten, standesbewußten Österreichern. Sie waren bekannt dafür, daß sie vor lauter Ehrfurcht vor dem Protokoll kaum ein Glas an die Lippen heben konnten, ohne Angst haben zu müssen, irgendeine spezielle Regel der Etikette zu verletzen.
„Ich habe mir erzählen lassen“, sagte Catherine zu Theola, „daß die Damen in Wien sogar beim Essen die Handschuhe anbehalten.“
„Wie lächerlich!“ entgegnete Theola und lachte. „Und unbequem obendrein. Das muß eine Königin mit häßlichen Händen erfunden haben.“
„Eine ähnliche Bemerkung“, sagte Catherine spitz, „soll auch die Kaiserin Elisabeth gemacht haben. Der ganze Hof war schockiert.“
„Hoffentlich führst du diese Unsitte hier nicht ein“, meinte Theola. „Bei den Temperaturen, die in Kawonien herrschen, wäre bestimmt niemand begeistert.“
„Ich werde darüber nachdenken“, meinte Catherine von oben herab.
Von Tag zu Tag wurde Catherine überheblicher. Sie paßte sich voll und ganz der Art des Königs an.
Jedes Mal, wenn Theola Seine Majestät zu Gesicht bekam, fand sie von neuem, daß er geradezu unausstehlich langweilig und in völlig unbegründetem Maße von sich überzeugt war. Es gab Momente, wo der Herzog seinen zukünftigen Schwiegersohn nur mit Mühe zu ertragen schien oder seine nichtssagenden Bemerkungen einfach ignorierte. Theola konnte sich in solchen Situationen ein Schmunzeln nur schwer verkneifen.
Daß alles am Hofe König Ferdinand fürchtete, war offensichtlich, und Theola war überzeugt davon, daß er als Regent gnadenlos war. Allein wie er seine Untergebenen und die jungen Offiziere behandelte, war Beweis genug. Der König war Autokrat und kannte nur die eigenen Gefühle.
Theola hätte Mitleid mit ihrer Cousine empfunden, hätte sie nicht festgestellt, daß Catherine das Verhalten und Benehmen Ferdinands bewundernswert fand und ihn imitierte, wo sich nur die Gelegenheit bot.
Wenn Theola in Catherines Schlafzimmer kam, fand sie oft die Zimmermädchen in Tränen aufgelöst. Mit eigenen Augen hatte sie es zwar nie gesehen, aber sie vermutete, daß Catherine die armen Dinger mit der Haarbürste oder was sie gerade zur Hand hatte schlug, genau wie die Herzogin Theola geschlagen hatte. Und da Catherine viel zu ungeduldig war, den Mädchen auch nur das geringste beizubringen, erwartete sie von Theola, daß diese von früh bis spät zu ihrer Verfügung stand. Wenn Theola im herzoglichen Schloß schon wenig Zeit für sich selbst gehabt hatte, so hatte sie jetzt noch weniger. Deshalb hielt sie es auch für unwahrscheinlich, daß sie nach der Hochzeit nach England zurückgeschickt werden würde. Catherine kam ohne sie nicht aus, und das war in sich ein Trost.
Aber Theola fürchtete langsam, daß sie nichts anderes zu sehen bekommen würde, als die eleganten Räume des Palastes mit ihren Stuckverzierungen und die streng angelegten Gärten darum herum.
„Fahren wir denn nie in die Stadt oder einmal aufs Land?“ fragte Theola Captain Petlos.
„Das kommt sehr selten vor“, antwortete er. „Zu dieser Jahreszeit nie. Die Damen finden es zu heiß.“
„Ich wäre so gern einmal draußen“, sagte Theola lächelnd.
„Vielleicht ergibt sich nach der Hochzeit die Möglichkeit“, entgegnete der junge Offizier. „Wenn Sie jetzt den Vorschlag machen, stoßen Sie bestimmt auf Ablehnung.“
„Ich komme mir in diesem Palast wie eine Gefangene vor.“
„Mir geht es manchmal nicht anders. Aber ich komme wenigstens raus, wenn der Feldmarschall seine Truppen besichtigt.“
„Es gibt so viel, was ich gerne sehen würde“, meinte Theola und seufzte.
„Wenn Ihre Cousine Königin ist, müssen Sie sie dazu überreden, ab und zu ein Picknick zu veranstalten. Oder einen Ausflug.“
Theola nickte, aber sie war überzeugt davon, daß Catherine zu so etwas nicht zu überreden war. Sie würde voll damit ausgefüllt sein, die Königin zu spielen, Intrigen zu spinnen, zu klatschen und an den krampfhaften Amüsements teilzunehmen, die sich täglich wiederholten.
Ich darf mich nicht beschweren, dachte Theola immer wieder. Ich sollte dankbar sein, daß ich überhaupt hier bin und nicht mehr auf dem herzoglichen Schloß leben muß.
Ihren Onkel hatte sie selten zu Gesicht bekommen, denn er wurde in der Gesellschaft herumgereicht. Zwei Tage vor der Hochzeit jedoch ließ er Theola rufen.
Sie gingen in den Salon der Königin, wo er auf sie wartete. Die Angst, er könne ihr eröffnen, daß sie mit ihm nach England zurück mußte, begleitete sie.
„Ich muß dich sprechen, Theola“, sagte der Herzog, als sie in den Salon kam.
„Natürlich, Onkel Septimus“, antwortete Theola nervös.
„Ich reise am Tag nach der Hochzeit ab. Da du mit Catherine viel zu tun haben wirst, ist das vielleicht die letzte Gelegenheit, dich zu sprechen. Du wirst hier bleiben, bis dich Catherine nicht mehr braucht. Eines möchte ich bis dahin klarstellen: du wirst dich tadellos benehmen und wirst dich vor allem für keinen Mann interessieren. Auch wirst du es nicht zulassen, daß ein Mann sich für dich interessiert!“
Theola sah den Onkel mit großen Augen an.
„Wie soll ich das denn verstehen?“ fragte sie.
„Das werde ich dir erklären. Ob du in England lebst oder in Kawonien, dein Vormund bin ich! Ohne meine Einwilligung kannst du nicht heiraten! Und diese Einwilligung wirst du von mir nie bekommen. Deine Mutter hat unserem Namen Schande gemacht, und ich bin nicht bereit, einem Mann, der dich zur Frau nehmen will, zu erklären, daß deine Mutter hinunter geheiratet hat. Dein Vater war nichts mehr als ein besserer Dienstbote.“
Der angewiderte Ton traf Theola mehr als die verletzenden Worte. Sie biß die Zähne zusammen und holte tief Luft.
„Hier hat man dich als meine Nichte und Catherines Cousine akzeptiert“, fuhr der Herzog fort. „Daß jemand von der skandalösen Mesalliance deiner Mutter erfährt, ist absolut unnötig. Aber du weißt davon, und ich ebenfalls. Deshalb wirst du unverheiratet bleiben und die Sünden deiner Eltern durch Demut und Arbeit büßen bis an dein Lebensende.“
„Aber Onkel Septimus ...“
„Wage es, dich gegen mich aufzulehnen!“ schrie der Herzog. „Es wird kein Wort mehr darüber verloren! Du wirst dich so verhalten, wie ich es dir befehle! Catherine hat die Anweisung, dich auf der Stelle nach Hause zu schicken, wenn du dir auch nur die kleinste Kleinigkeit zuschulden kommen läßt. Und was dir dann blüht, wird dich ewig bereuen lassen, daß du nicht folgsam gewesen bist. Ist das klar?“
„Ja, Onkel Septimus.“
„Du kannst von Glück reden, daß Catherine dich gebrauchen kann, sonst wärst du erstens nicht hier und zweitens würde ich dich nie hier lassen. Zeige deine Dankbarkeit, indem du fleißig und bescheiden bist. Und wehe, du bist es nicht!“
Damit stand der Herzog auf und marschierte aus dem Salon. Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, schlug Theola beide Hände vor das Gesicht. Daß sie nie heiraten sollte, sie konnte es nicht fassen! Sollte ihr das Glück verwehrt bleiben, das ihre Eltern zu strahlenden, ausgeglichenen Menschen gemacht hatte?
Was war ihr Vater in Oxford wegen seiner Intelligenz von allen verehrt und bewundert worden. Als er gestorben war, hatte Theola hunderte von Kondolenzbriefen bekommen. Sie hatte nie gewagt, sie ihrem Onkel zu zeigen. Er hätte sie nie gelesen, aber sie Theola unter Garantie weggenommen. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte der Herzog alles verkauft, auch Dinge, die Theola gehört hatten. Sie hatte ins Schloß nur ihre paar Kleider mitbringen dürfen. Das wenige Geld, das sie gehabt hatte, war ihr weggenommen worden.
„Kann ich bitte etwas Geld haben, Onkel Septimus“ hatte Theola gefragt, als es feststand, daß sie mit nach Kawonien reisen sollte. „Ich brauche etwas für meine persönlichen Bedürfnisse.“
„Und welcher Art sind diese Bedürfnisse?“ hatte ihr Onkel zurückgefragt.
„Ich muß mir doch von Zeit zu Zeit etwas zum Anziehen kaufen. Ich muß auch einmal ein Trinkgeld geben können.“
„Wenn man selbst nicht viel mehr als ein Dienstbote ist, erwartet keiner von einem, daß man Trinkgeld gibt“, hatte der Onkel in seiner beleidigenden Art geantwortet. „Und was deine Garderobe anbelangt, Catherine wird schon dafür sorgen, daß du das Notwendigste hast.“
„Aber ich kann doch nicht mit leerem Portemonnaie reisen.“
„Dann läßt du dein leeres Portemonnaie zu Hause!“
Das einzige, was Theola besessen hatte, waren drei Goldmünzen von ihrem Vater, die sie in einem kleinen Kästchen versteckt hatte. Jede Münze hatte ihre Bedeutung.
Die eine stammte aus dem Jahr 1855, ihrem Geburtsjahr. Die zweite war 1868 geprägt worden, in dem Jahr, in dem sie konfirmiert worden war. Und die dritte schließlich hatte sie mit den anderen beiden zum Geburtstag bekommen, als sie fünfzehn geworden war.
Theola hatte sich vorgenommen gehabt, sich nie von den Münzen zu trennen, doch der Unfall mit dem kleinen Mädchen hatte sie so betrübt, daß sie der armen Familie eine der Münzen geschenkt hatte.
Sie hatte es nicht eine Sekunde bereut.
„Freust du dich auf deine Hochzeit?“ hatte Theola die Cousine am Abend dieses Tages gefragt, als sie von einem Ball zurückgekommen waren, auf dem sich Theola wieder einmal gelangweilt und sich wie eine graue Maus gefühlt hatte.
„Klar, denn dann bin ich Königin“, hatte Catherine geantwortet.
„Und meinst du, daß du mit König Ferdinand glücklich werden wirst?“
„Ich finde es angenehm, mit ihm zusammen zu sein“, sagte Catherine, nachdem sie einen Moment überlegt hatte. „Und außerdem bewundere ich, wie er das Land regiert.“
„Hat er mit dir darüber gesprochen?“
„Er hat mir gesagt, daß die Kawonier eine strenge Hand brauchen und unter Druck gehalten werden müssen. Sie sind zu einem Teil griechischer Abstammung und daher sehr temperamentvoll.“
„Aber es ist doch ihr Land“, meinte Theola, ohne vorher nachzudenken.
„Aber ganz gewiß nicht!“ entgegnete Catherine scharf. „Es ist Ferdinands Land. Er hat mir erzählt, wieviel er schon getan hat, um das Ansehen des Landes auf internationaler Basis zu heben.“
„Zum Beispiel?“ fragte Theola.
„Andere Monarchen sprechen voll Respekt von ihm. Er ist schließlich erst seit zwölf Jahren Regent von Kawonien. Schau dir doch an, was er in der kurzen Zeit zustande gebracht hat.“
„Was hat er denn zustande gebracht?“ fragte Theola.
„Den Palast. Als er ankam, war das ein altes, baufälliges Schloß, weiter nichts. Und die Stadt bestand aus einem Durcheinander von ärmlichen Häusern. Nicht ein anständiges Geschäft hat es gegeben. Die Damen mußten ihre Spitzen und Ripsbänder aus Athen oder Neapel kommen lassen!“
Theola sagte nichts. Darauf gab es nichts zu sagen. Die Gefühle und die Armut der Kawonier interessierten Catherine nicht. Sie machte sich ja nicht einmal die Mühe, die Menschen überhaupt kennenzulernen.
„Ich möchte jetzt schlafen gehen“, sagte Catherine. „Ich möchte morgen ausgeschlafen sein, um die ankommenden Hochzeitsgäste würdig empfangen zu können.“
„Bist du denn gar nicht nervös?“ fragte Theola.
„Warum soll ich denn nervös sein?“ entgegnete Catherine. „Wie du weißt, bin ich dazu geboren, Königin zu sein. Und daß ich eine bildschöne Braut sein werde, daran zweifelst du wohl nicht, oder?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Die Kathedrale ist zwar nicht sonderlich groß, aber es wird schon jeder hineinpassen.“
„Die Kawonier sind doch bestimmt griechisch-orthodox.“
„Ich glaube schon“, meinte Catherine desinteressiert. „Aber der König ist Katholik. Da die katholische Kirche von Zanthos sehr klein und unscheinbar ist, hat Ferdinand beschlossen, sich in der griechisch-orthodoxen Kirche trauen zu lassen. Sie ist viel größer und auch viel pompöser.“
Бесплатный фрагмент закончился.
