Читать книгу: «Meditation ohne Geheimnis»

Jhana Verlag im Buddha-Haus
Inhalt
Widmung
Vorwort
I. Wozu meditieren? oder: Meditation ist kein Hobby
Fragen und Antworten
II. Meditationsmethoden
1. Atem-Meditation
2. Einsichtsmeditation (Vipassanā-Meditation)
3. Geh-Meditation
4. Liebende-Güte-Meditation (Mettā-Meditation)
Liebende-Güte-Meditation: Mutter und Kind
Fragen und Antworten
III. Kontemplationen
Fragen und Antworten
IV. Wege zum Klarblick
1. Klarblick durch Erkennen der Unbeständigkeit (anicca)
2. Klarblick durch Erkennen der Leidhaftigkeit (dukkha)
3. Klarblick durch Erkennen der Substanz-/Ichlosigkeit (anattā)
Fragen und Antworten
V. Wege zur Ruhe Die Meditativen Vertiefungen (jhānas)
1. Die vier feinkörperlichen Vertiefungen
2. Die vier formlosen Vertiefungen
Fragen und Antworten
VI. Einsichtsstufen
1. Unbeständigkeit
2. Auflösung
3. Panik
4. Gefahr
5. Abwenden
6. Loslösen
7. Dringlichkeit
8. Kontemplation und Reflexion
9. Gleichmut
Fragen und Antworten
VII. Fünf Kampfesglieder
1. Gesundheit
2. Vertrauen
3. Aufrichtigkeit
4. Willenskraft
5. Einsicht
VIII. Drei Pfeiler der Meditation
1. Freigebigkeit/Großzügigkeit (dāna)
2. Sittliches Verhalten/Tugendregeln (sīla)
3. Liebende Güte (mettā)
Fragen und Antworten
IX. Läuterung von Hass, Gier und Verblendung
Fragen und Antworten
X. Die fünf edlen Mächte
XI. Empfehlungen für die Praxis im Alltag
Fragen und Antworten
Liebende-Güte-Meditation: Dankbarkeit für den spirituellen Pfad
Glossar
Widmung
Dieses Buch ist allen meinen Lehrern, Schülern, Freunden und Nicht-Freunden gewidmet. Sie alle haben mir auf dem Pfad der Erkenntnis geholfen, das Ich für etwas weniger wichtig anzusehen.
Möge ihnen dieses Buch Freude machen.
Ayya Khema
im April 1988 am Bodensee
Willkommen sei mir ein einsichtiger Mann,
offen, ehrlich, von grader Natur.
Ich leite ihn zu den Übungen schrittweise an.
Ich zeige die Wahrheit ihm auf.
Wenn er nach der Anleitung sich einübt,
so wird er in nicht langer Zeit selber erfahren,
selber sehen.
Dann ist er, wahrlich, von allen Banden frei:
von den Banden des Nichtwissens.
Worte des Buddha (M 80)
(übersetzt von Paul Debes)
Vorwort
Meditation – eine Reise ins Innerste
Meditation ist die Wissenschaft des Herzens. Eine Wissenschaft, die wahrscheinlich so alt ist, wie die Geschichte der Menschheit selbst. In dieser Geschichte gab und gibt es immer wieder große Seelen, die die Fähigkeit hatten, diese Wissenschaft bis in die tiefsten Tiefen zu erforschen und dem Gefundenen dann Ausdruck zu verleihen.
Buddha war so eine große Seele und Ayya Khema ist ihm auf seinem Weg gefolgt. Ihre Richtlinie auf diesem Weg war dabei immer die praktische Frage: Wie macht man das?
Anhand der Erklärungen des Buddha konnte sie diese Frage mit all ihren Feinheiten selbst ergründen und in Worten zum Ausdruck bringen, die es auch uns ermöglichen zu verstehen und zu üben. Und das ist auch das Hauptanliegen in Ayya Khemas Lehrdarlegung. Die praktische Umsetzung des Gehörten und Gelesenen.
In „Meditation ohne Geheimnis“ stellt sie dabei die wichtigsten Meditationsmethoden vor, die immer das gleiche Ziel verfolgen: Nämlich den Geist zur Ruhe zu bringen und diesen ruhigen, gesammelten und geklärten Geist dann dafür zu verwenden, die Welt einmal so zu sehen, wie sie wirklich ist. Dies führt dann zum Loslassen von unseren alten Gewohnheiten, Konzepten und Vorstellungen und öffnet das Herz für ein neues Erleben. Ein Erleben, das viel erfüllender und beglückender ist, als alles, was wir im Alltag erfahren können und das unser Leben verändern wird.
Nicht mehr die Welt der 10 000 Dinge, mit all ihren Verlockungen und Versprechungen wird der Fokus unserer Lebensgestaltung sein, sondern das Wissen um einen inneren Reichtum, der durch die Meditation erschlossen werden kann. Das Leben bekommt eine neue Richtung, einen neuen Sinn. Unsere äußere Lebensreise wird mehr und mehr zu einer Reise in unser Innerstes, dem Platz, wo all das vorhanden ist, nach dem wir uns ein Leben lang gesehnt haben. Das Besondere an diesem Buch ist, dass es ganz klare und nachvollziehbare Anweisungen für diese Reise nach Innen gibt. Anweisungen, die auf einer über 2.500 jährigen Tradition beruhen und von Suchern über die Jahrhunderte hinweg mit Erfolg angewendet wurden. Und das ist auch heute noch möglich!
Danke dem Buddha, Danke dem Dhamma, Danke der Sangha und Danke an Ayya Khema.
Nyanabodhi Bhikkhu
Waldkloster Metta Vihara
Ohne Weisheit gibt es keine Entfaltung
der vertieften Sammlung
und ohne vertiefte Sammlung
gibt es keine Entfaltung von Weisheit.
Jemand, der beides hat,
ist der Freiheit, Nibbāna sehr nah.
Dhp. Vers 372
I
Wozu meditieren?
oder: Meditation ist kein Hobby
Wer noch gar nicht oder nur selten meditiert hat, kennt seinen eigenen Geist noch nicht. Viele verbinden mit Meditation die Vorstellung, sie führe uns in irgendwelche fremde Regionen und jeder erlebe sie auf seine ganz persönliche Weise. So ist es aber nicht.
Der menschliche Geist hat, soweit er das ist, was wir normal nennen, gewisse Eigenschaften, die für jeden Menschen gelten, und die Meditation ist ein vom Buddha klar und genau erklärtes Gebiet des Geistes, das jeder beschreiten kann, und jeder kommt zu den gleichen Ergebnissen, vorausgesetzt, er bemüht sich. Es ist nie irgendeine ungeahnte, verworrene oder persönliche Erfahrung, es ist eine sich Schritt für Schritt entfaltende Klärung. Die Erfahrung ist universell. Andernfalls wäre es unmöglich, Meditation zu lehren. Der Lehrer wüsste ja nicht, was sein Schüler erfahren hat oder kann.
Diese Erfahrungen und sich schrittweise entfaltenden Klärungen hat der Buddha genau beschrieben, man kann sie nachlesen. Das ist für den hilfreich, der die Erfahrung bereits gemacht hat. Er findet sein eigenes Erleben bestätigt. Vorher sollte man nichts darüber lesen; man würde nur vorerst unerfüllbare Erwartungen hegen und notwendigerweise enttäuscht sein.
Dennoch halte ich es, nach all den Jahren meiner Lehrtätigkeit, inzwischen für unumgänglich nötig, diese Schritte im vorhinein zu erklären, um mit der falschen Vorstellung aufzuräumen es gebe eine persönliche Erfahrung, zu der man irgendwie kommt und die dann in ein persönliches Erlebnis mündet.
Vielleicht habt auch ihr, wenn ihr zu Hause für euch allein zu meditieren pflegt, die eine oder andere dieser Erfahrungen bereits gemacht, ohne zu wissen und zu verstehen, worum es sich handelt. Um mit Erfolg zu meditieren, muss man jedoch wissen, was man tut. Wie könnte sonst etwas daraus werden?
Ob ihr indes schon jahrelang meditiert oder gestern erst angefangen habt, macht im Grunde keinen Unterschied. Denn wir müssen an jeden Augenblick herangehen, als wäre er noch nie geschehen. Nur dann können wir eines Tages die absolute Wahrheit hinter jedem Augenblick entstehen sehen, anstatt uns mit der relativen Wahrheit, in der wir leben, noch länger zufriedenzugeben. Das ist Anfängergeist. Mit diesem Anfängergeist können wir uns in der Meditation selbst erkennen. Wir sind mittlerweile so an uns gewöhnt, an unsere Gedanken, Gefühle, Reaktionen, Prinzipien, Meinungen, Charaktereigenschaften, dass es uns beinahe unmöglich ist, zu erkennen, was wirklich in uns vorgeht.
Es kommt vor allen Dingen auf Achtsamkeit an, im Alltag genauso wie in der Meditation, und das bedeutet, mit alten Gewohnheiten zu brechen, nichts mehr so zu akzeptieren, wie wir es bisher getan haben. Es ist zweifelsohne auch viel interessanter, sich selbst zu betrachten, als sehe man sich zum ersten Mal. Aber es ist auch schwierig, gerade weil es so neu für uns ist.
Auf keinen Fall dürfen wir an die Meditation mit Wünschen und Erwartungen herangehen, denn die bringen nichts weiter als dukkha.
Dukkha ist ein Begriff, ohne den wir in der buddhistischen Lehre nicht auskommen. Dukkha bedeutet alles, was nicht zufriedenstellend ist, uns nicht beglückt, uns unerfüllt lässt, Leid erregt. Man kann dukkha auch mit Existenzangst übersetzen.
Wünsche sind der einzige Grund für dukkha. Das muss man selbst erfahren, sonst glaubt man es entweder nicht oder hat nichts davon, weil man nicht fähig ist, die Wünsche fallen zu lassen. Falsche Erwartungen können so weit gehen, dass man sich einredet, man eigne sich nicht für die Meditation, es müsse doch etwas geben, das einfacher und besser funktioniert.
Wünsche und Erwartungen sind auf etwas aufgebaut, das nicht der Realität entspricht, sondern einer Fantasie oder Hoffnung entspringt. Wir wollen aber die Realität kennen lernen; in des Buddhas Worten: „die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind“. Das ist ganz anders, als wir gewohnt sind, sie zu sehen, und dazu brauchen wir die Meditation.
Der gewöhnliche Geist, der sich mit den gewöhnlichen Geschäften des Alltags abgibt, ist nicht in der Lage, die absolute Wirklichkeit hinter der Relativität zu erkennen. Der Geist muss also ganz neue Fähigkeiten erlernen. Wieweit sie gehen, hängt davon ab, wie geübt wir bereits sind, wie gut unser Karma ist, wie stark unsere Entschlusskraft und wieweit wir überhaupt in der Lage sind, dem zu folgen, was der Wille sagt, aber der untrainierte Geist verneint. Wir müssen ständig neu anfangen. Diejenigen, die bereits meditiert haben, wissen, was das bedeutet.
Der Buddha hat nie gesagt, wir sollten unsere Vernunft beiseite schieben oder unseren Geist nicht mehr gebrauchen. Auch das ist ein Trugschluss, der oft gemacht wird. „Man soll doch nicht denken!“ Das schon, aber der Geist besteht nicht nur aus Denken. Er hat viele andere Fähigkeiten, und alle sind nötig. Er kann sogar erleuchtet werden. Erleuchtung geschieht im Geist.
Er muss also benutzt werden, und zwar in einer Art und Weise, die ihn so präpariert, dass er eines Tages wirklich erleuchtet werden kann. Meditation hat nur diesen einen Zweck: die Erleuchtung. Dass sie nicht gleich kommt, ist selbstverständlich. Dass auf dem Wege dorthin anderes kommt, ist auch selbstverständlich.
Es kommen angenehme Gefühle, leider auch unangenehme, es kommt Freude, und sehr oft kommt noch etwas anderes: eine Beschleunigung der Karma-Resultate.
Wenn ihr euch in die Meditation wirklich hineingebt, kann es euch passieren, dass ihr auf unangenehme Resultate stoßt, und zwar auf viele zugleich. Durch das Meditieren und die Klärung, die damit verbunden ist, kommen die schlechten Karma-Resultate, die jeder unerleuchtete Mensch bis dahin gemacht hat, schneller zur Wirkung. Sie kommen zu uns, damit wir die Hindernisse und Blockaden einmal loswerden.
Unsere ewigen Entschuldigungen hat der Buddha so formuliert: „Der Narr sagt, ‚es ist zu früh‘ oder, ‚es ist zu spät‘. Der Narr sagt, ‚es ist zu heiß‘ oder, ‚es ist zu kalt‘. Der Narr sagt, ‚ich fühle mich zu krank‘. Der Narr sagt, ‚ich bin zu voll‘ oder ‚ich bin zu leer‘.“
Wir haben noch viel mehr Ausreden: „Ich kann nicht so früh aufstehen“, „die Kinder machen zuviel Lärm“, „mein Beruf steht mir im Wege“, „ich habe Schmerzen hier und Schmerzen da“ – all diese Blockaden sind karmische Resultate, die uns davon abhalten wollen, auf einem geraden Weg zur Erleuchtung zu kommen. Dagegen hilft nur eines: mit Entschlusskraft weitermachen! Denn nur die Meditation kann uns von diesen Hindernissen befreien.
Meditieren bedeutet nämlich eine Heilung des Geistes. Diese Heilung müssen wir selbst an uns vollziehen, kein anderer kann es für uns tun. Obwohl uns das einleuchtet, versuchen wir doch, uns auf andere zu verlassen, unseren Meditationslehrer, den Buddha, Bücher oder sonst irgendetwas, das von außen kommen soll, wie eine Arznei, die uns der Arzt verschreibt und die wir nur zu schlucken brauchen, um gesund zu werden. Das geht beim Geist nicht. Wir müssen uns von innen her selbst heilen – und können es auch, jeder hat die Fähigkeit dazu.
Menschen kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen zur Meditation. Viele erhoffen sich ein angenehmeres Leben, was eines Tages auch der Fall sein wird, wenn die Meditation Ruhe und Freude mit sich bringt. Aber der Weg dorthin führt eben auch über Hindernisse, darüber muss man sich klar sein. Sperrt euch nicht dagegen oder gebt gar anderen die Schuld. Die Hindernisse, die ihr bei der Meditation erlebt – jeder erlebt sie –, sind genau das, was ihr heilen könnt. Sie sind nämlich aus dem entstanden, was an Unheilsamem in jedem verborgen liegt.
Wenn ihr nun bei dieser Schau nach innen etwas entdeckt, das euch nicht gefällt, gibt es nur eines: es anschauen, akzeptieren und prüfen, ob und wie ihr es ändern könnt. Es gibt keinen Grund, Selbstkritik zu üben, denn sich selbst kritisieren, heißt auch andere kritisieren. Kritik ist immer unnütze Energieverschwendung.
Wenn man etwas in sich erkennt, das nicht heilsam ist, kann man dafür dankbar sein, dass man es erkannt und eine Möglichkeit gefunden hat, an sich zu arbeiten. Tadelt man sich indessen für seine Negativitäten, wird man nur frustriert und deprimiert, und dann ist keine Energie übrig, sich zu ändern.
Erkennen, nicht tadeln – und wenn irgend möglich ändern, heißt die Formel.
Es gibt zwar eine Unzahl Meditationsmethoden – ich komme im nächsten Kapitel darauf zu sprechen –, aber es gibt doch nur zwei Richtungen der Meditation. Es ist wichtig, das stets im Auge zu behalten. Beide Richtungen laufen parallel, vergleichbar einem zweispurigen Weg.
Die eine ist Ruhe (samatha), die andere Klarblick/Einsicht (vipassanā).
Sāriputta, einer der Hauptjünger des Buddha, hat einmal gesagt: Alle seine Schüler, die Erleuchtung vor ihm bestätigt haben, haben sie auf einem der drei Wege erlangt: Entweder hatten sie erst Einsicht und dann Ruhe oder erst Ruhe und dann Einsicht oder beides gleichzeitig und parallel praktiziert.
Auch wir praktizieren beides parallel, denn es ist leider kaum jemals einem Menschen vergönnt, sofort zur Ruhe oder sofort zum Klarblick zu kommen. Aber ein bisschen Einsicht bringt ein bisschen Ruhe und umgekehrt. Das heißt, wir müssen uns darin üben, den Geist zur Ruhe zu bringen und Klarblick zu schaffen, müssen erst einmal im Geist aufräumen, damit er nicht länger aussieht wie eine Baustelle.
Ruhe erlangen wir dadurch, dass wir mit der Konzentration auf dem Meditationsobjekt bleiben. Ein ganz einfacher Satz. Jeder, der es schon probiert hat, weiß, dass er die Wahrheit, nämlich Schwierigkeit, absolut nicht beschreibt.
Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Geist gewöhnt ist zu denken – seit wir auf der Welt sind und schon viele Leben zuvor. Wir kennen den Geist gar nicht anders als aus Gewohnheit denkend. Solange er denkt, kann er natürlich nicht zur Ruhe kommen. Aber nur ein beruhigter Geist ist in der Lage, objektiv klar zu sehen, ohne emotionell zu reagieren.
Die Ruhe-Meditation ist das Mittel zum Zweck, der Zweck ist Klarblick. Er ist immer auf das gerichtet, was der Buddha die drei Charaktereigenschaften des ganzen Universums genannt hat, nämlich Unbeständigkeit (anicca), Leidhaftigkeit (dukkha) und Substanzlosigkeit, Leere (anattā), die in letzter Essenz immer die Ichlosigkeit bedeutet.
Die Ruhe-Meditation ist dazu ein unerlässliches Mittel, ohne sie geht es einfach nicht, auch wenn man sich das einreden möchte oder gehört oder gelesen hat. Man kann es mit dem Meer vergleichen. Wo die Wellen hochschlagen, kann man nicht auf den Grund schauen. Wenn die Wellen geglättet sind, kann man erkennen, was unter dem Meeresspiegel zu finden ist. Die Wellen, die in uns hochschlagen, sind die Gedanken und Gefühle. Gedanken laufen hin und her, Gefühle verstricken uns in die Leidenschaft des entweder Haben- oder Loswerdenwollens. Mit einem derart wogenden Geist ist es unmöglich, in die Tiefe zu schauen; man kann sich mit knapper Not vor dem Ertrinken retten.
Die Lehre des Buddha geht in die absolute Tiefe, in der es keine Gegensätze mehr gibt. Um das erkennen zu können, muss Ruhe walten. Wenn man nicht zu dieser Ruhe kommen kann, muss man so lange daran arbeiten, bis sie kommt, und arbeiten heißt täglich und mit Nachdruck und nicht, wenn es einem gerade einmal beliebt. Meditation ist nicht eine Art Hobby, das man so nebenbei betreiben kann, damit sie einem den Alltag ein bisschen erleichtert. Es gibt nur einen vernünftigen Grund zu meditieren: in die Tiefe schauen und erkennen können, wozu wir auf der Welt sind.
Dass der Alltag dadurch leichter wird, weil viele der Schwierigkeiten, die man bisher mit sich herumgeschleppt hat, automatisch von einem abfallen, ist ein angenehmer und auch wünschenswerter Nebeneffekt, mehr nicht.
Fragen und Antworten
Wenn man intelligent wiedergeboren werden will, muss man viel fragen.
(Buddha)
Frage (= F): Darf ich fragen, was der Name Ayya Khema bedeutet?
Antwort (= A): Ayya ist eine Höflichkeitsanrede und heißt verehrte Dame; khemā heißt Sicherheit und ist ein Synonym für Nibbāna.
F: Ab welchem Alter empfiehlst du zu meditieren? Hat der Buddha etwas gesagt, ob Kinder meditieren sollen?
A: Der Buddha hat das nicht direkt gesagt, aber er selbst ist im Alter von zwölf Jahren spontan in die erste meditative Vertiefung gegangen, das ist überliefert. Sein Sohn war sieben, als der Buddha als Erleuchteter nach Hause kam; es ist anzunehmen, dass er dann auch angefangen hat zu meditieren. Ich kann mich sogar, das ist aber eine Ausnahme, an eine Dreijährige erinnern, die mit ihren Eltern meditiert hat, im Lotussitz. Fast alle Kinder können mühelos im Lotussitz sitzen. Siebenjährige habe ich in der Weise angeleitet, dass ich ihnen Atembetrachtung und Liebende-Güte-Meditation erklärt habe. Die Letztere haben Kinder übrigens besonders gern. Beim ersten Mal genügen vielleicht fünf Minuten. In Sri Lanka habe ich auch manchmal in Schulen Meditation gelehrt, dort waren es Zwölf- bis Vierzehnjährige.
Wenn die Eltern meditieren, sind die Kinder neugierig und wollen es auch. Wenn ein Kind fragt, soll man sowieso antworten. Von sieben Jahren ab können sie ja auch alles verstehen.
F: Wir meditieren regelmäßig mit einer Gruppe Christen und wechseln uns darin ab, vor der Gruppe eine kurze Einführung zu geben. Was würdest du Christen über Meditation sagen?
A: Dasselbe, was ich euch sage; ich weiß nichts anderes.
Das mystische Erlebnis von Meister Eckhart, so wie ich es verstanden habe, deckt sich vollkommen mit den Erfahrungen des Buddha. Er hat sogar einen zwölffachen Pfad, wogegen der Buddha einen achtfachen Pfad lehrt. Von Teresa von Avila habe ich den Vergleich der meditativen Vertiefungen mit acht Zimmern im selben Haus übernommen – sie spricht von sieben Wohnungen – dies werde ich später noch ausführen. Teresa hat gebetet, nicht meditiert, und trotzdem dasselbe erlebt. Das Haus mit sieben Wohnungen ist der Palast des Königs, Gottes, Christus‘, dessen Schönheiten sie erlebt hat. Das ist ihre Bildhaftigkeit und ihre Terminologie. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, sie in unsere zu übersetzen; es kommt genau das Gleiche heraus.
Meister Eckharts Sprache und Bildhaftigkeit ist für uns nicht einfach zu verstehen; dennoch kann man klar erkennen, dass er dieselben Erlebnisse hatte.
Wenn sich der Geist erhoben hat von der gewöhnlichen Ebene, auf der er einkaufen geht und Auto fährt, auf eine Bewusstseinsebene, wo er das Innere erlebt, sind sie alle gleich, ob christlich oder buddhistisch, dann treffen wir uns alle am gleichen Platz.
Ich mag eigentlich das Vergleichen nicht, weil wir dann sehr oft auf die Dualität von gut und schlecht kommen. Ich versuche immer das zu finden, wo wir einander gleich sind. Auf der menschlichen Ebene geht das meistens schief. Man muss eine Stufe höher gehen, sich aus der gewöhnlichen Bewusstseinsebene herausheben.
In Indonesien hatte ich einmal Gelegenheit, mit einer holländischen Karmeliterin über ihre Praxis zu sprechen. Sie erklärte mir vier Stufen ihres Gebets. Die erste ist Hingabe an Jesus Christus. Auf der zweiten versucht sie sich vollkommen mit ihm zu identifizieren, also ihr Ich aufzugeben. Auf der dritten Stufe stand sie zum Zeitpunkt unseres Gesprächs. Sie versucht, Jesus Christus durch sie schalten und walten zu lassen, ständig seine Präsenz zu behalten. Auf der vierten Stufe ist es dann erreicht, dass das Ich aufgegeben ist und nur noch Jesus Christus existiert, der durch diesen Menschen waltet.
Sie nennt es in ihrer Sprache Gebet, in meiner sind es Meditationsstufen. Ich glaube, das Resultat ist das Gleiche. Es geht um das Aufgeben des Ich, nur dass im Christentum dann ein anderer schaltet und waltet, eine Figur der Vision.
II
Meditationsmethoden
Es gibt unendlich viele Meditationsmethoden, und wenn ihr genügend Zeit habt, könnt ihr sie alle ausprobieren; ein Menschenleben ist aber zu kurz dafür. Eine Methode ist nichts weiter als eine Methode, sie ist nicht die Meditation. Meditieren fängt an, wenn die Methoden aufhören. Aber irgendeine Methode braucht man, um zur Meditation zu kommen. Sie ist sozusagen der Haken, an den wir den Geist hängen können.
Ich beschränke mich auf die Methoden, die mir am günstigsten vorkommen. Das heißt keineswegs, es gebe nicht andere, die auch günstig sind. Man kann aber unmöglich in so kurzer Zeit eine Methode nach der anderen lehren und lernen; es käme nur noch mehr Verwirrung in den Geist.
Man bleibt also bei einigen Methoden und wählt solche, die einander ergänzen, wie zum Beispiel die Atem-Meditation und die Einsichts-Meditation, die Liebende-Güte-Meditation und die Geh-Meditation, die schon allein körperlich notwendig ist für diejenigen, die im Sitzen noch nicht so geübt sind. Hinzu kommt die Kontemplation.
Alle Methoden und Richtlinien sind bloß die Werkzeuge, mit denen wir arbeiten, nicht das vollendete Bauwerk. Jeder hat seinen eigenen Weg zu finden, welche er kombiniert, welches Werkzeug er bevorzugt. Es sollte das sein, mit dem man am schnellsten und einfachsten zur Konzentration kommt. Es hat keinen Sinn, sich lange damit abzugeben, Konzentration zu erlangen. Denn das Werkzeug ist nichts als der Schlüssel. Zunächst gilt es, die Tür mit dem Schlüsselloch zu finden.
1. Atem-Meditation
Am Anfang ist unser Meditationsobjekt der Atem.
Der Atem ist traditionell ein sehr günstiges Meditationsobjekt, weil ihn jeder sowieso bei sich hat, er Leben bedeutet und die einzige autonome und auch manipulierbare Körperfunktion ist. Wir können den Atem zwar nicht abstellen aber zum Beispiel anhalten oder verlängern. Atmen ist also eine Körperfunktion, die Möglichkeiten bietet, den Geist darin zu erkennen.
Wenn wir den Atem als Meditationsobjekt benutzen, haben wir verschiedene Arten der Betrachtung zur Auswahl.
Die erste ist, ihn nur an der Nasenspitze zu empfinden, an den Nasenlöchern oder direkt unter der Nase über der Oberlippe. Der Atem macht Wind, und der Wind verursacht auf der Haut ein Gefühl, das uns hilft, uns auf diese Stelle zu konzentrieren. Es ist ein ganz kleiner Punkt, der kleinste und feinste, sodass die Achtsamkeit einspitzig wird.
Sich auf den Atem konzentrieren heißt den Geist in den Atem fallen zu lassen. Versucht nicht, etwas Besonderes mit dem Atem zu machen, wie schnaufen oder ganz tief atmen.
Es kommt oft vor, dass Anfänger den Atem erst einmal gar nicht finden können. Sie sind es nicht gewöhnt, auf den Atem zu achten. In dem Fall sind ein oder zwei tiefe Atemzüge, zu Beginn der Meditationssitzung, angebracht.
Für den Anfänger kann es ferner hilfreich sein zu zählen: „eins“ beim Ein- und „eins“ beim Ausatmen; „zwei“ beim Ein-, „zwei“ beim Ausatmen; nicht weiter als bis „zehn“, dann wieder bei „eins“ beginnen.
Geht auch jedes Mal zu „eins“ zurück, wenn die Gedanken von der Meditation abgeschweift sind, und überlegt nicht, bei welcher Zahl ihr stehen geblieben seid. Das würde das Denken erst recht in Gang bringen. Da unser Geist nicht trainiert ist, kommt er leicht in eine Bahn, die ihn von außen berührt.
Als dritte Möglichkeit kann man den Atem so weit hinein- und herausverfolgen, wie man ihn erkennen kann, zum Beispiel bis zur Lunge oder bis zur Bauchdecke, wie sie sich hebt und senkt, oder im Hals, wo immer es sein mag, manchmal weit, manchmal weniger weit. Es ist zwar nicht einspitzig, aber hilfreich, weil es interessanter ist: Der Geist muss sich ein bisschen mehr engagieren, und da das seine Gewohnheit ist, bleibt er eher bei der Sache.
Wer gewohnt ist, das Auf und Ab der Bauchdecke zu beobachten, kann ruhig dabei bleiben. Ich lehre diese Methode nicht, weil ich die Bauchdecke als eine zu große Fläche empfinde. Für den Anfang ist sie insofern günstig, als man, wie beim Atem selber, genau die Details erkennen kann. Um die Achtsamkeit zu schärfen und die Unbeständigkeit klar zu erkennen, ist es nötig, Anfang, Mitte und Ende des Atems unterscheiden zu lernen. Im Alltag kümmert man sich ja nicht darum, ob der Atem am Anfang, in der Mitte oder am Ende ist. Auch an der Bauchdecke können wir erkennen, wie sie anfängt sich zu heben, sich in der Mitte vollkommen gehoben hat und dann wieder senkt. Je mehr Details man unterscheiden kann, desto achtsamer ist man.
Achtsamkeit bedeutet, etwas unter die Lupe zu nehmen und nicht alles so, wie es ist, als selbstverständlich anzusehen.
Obwohl wir im Prinzip alle gleich sind, haben wir doch unterschiedliche Tendenzen und auch unterschiedliche Stärken.
Mancher Menschen Geist ist mehr zur Ruhe geneigt, anderer mehr zum Nachdenken; der eine neigt zum Verbalisieren, der andere sieht die Welt in Bildern. Man sollte das, was erscheint, zum Erkennen benutzen, um es dann aber fallen zu lassen.
Für einen Geist, der viel verbalisiert, ist es günstig, mit bestimmten Worten zur Ruhe zu kommen, zum Beispiel einem Mantra. Man suche sich ein Wort aus und benutze es zusammen mit dem Atem, zum Beispiel „Frieden“ einatmen und „Frieden“ ausatmen oder „Frie-“ ein- und „-den“ ausatmen. Oder „Liebe“ einatmen und „Liebe“ ausatmen beziehungsweise „Lie-“ ein- und, „-be“ ausatmen.
Ein eher mathematischer Geist mag das bereits erwähnte Zählen hilfreich finden.
Einem Geist, der in Bildern wahrnimmt, verhilft vielleicht ein Bild zur Konzentration. Er kann zum Beispiel den Atem als eine Wolke wahrnehmen, die sich beim Ein- und Ausatmen vergrößert und verkleinert.
Ein Geist, der gewohnt ist, Geschichten zu erzählen, muss die Geschichte erkennen, fallen lassen und durch den Atem ersetzen.
Die Methoden sind individuell verschieden, nicht aber die Resultate; es gibt nur die beiden Richtungen, Ruhe und Einsicht/Klarblick.
Es ist nötig, einmal in sich selbst zu erkennen: Was ist meine Stärke, was kann ich wirklich? Kann ich den Geist ruhig halten und mich auf das Meditationsobjekt Atem konzentrieren? Oder brauche ich ein Wort oder Bild oder Zählen dazu? Oder muss ich erst einmal erkennen, was in mir vorgeht, und damit dann zur Ruhe kommen?
Alle aufgeführten Möglichkeiten sind gleich gut. Probiert aber nicht in einer einzigen Meditationssitzung alle nacheinander aus. Bleibt bei einer und gebt ihr erst einmal eine Chance. Bewährt sie sich nicht, ändert ihr in der nächsten Meditationssitzung die Methode.
Wenn wir ein Meditationsobjekt wie den Atem benutzen, müssen wir wissen, was wir mit der Atembetrachtung eigentlich bezwecken. Wir betrachten den Atem ja nicht, um den Atem zu betrachten, wie manche meinen. Wir betrachten den Atem, um zu Ruhe und/oder Einsicht zu kommen, aus keinem anderen Grund. Auf dem Atem bleiben bringt Ruhe. Den Atem als unbeständig zu erkennen bringt Einsicht. Wozu sonst sollte man den Atem betrachten? Er geht ja sowieso rein und raus. Indes zu sagen, „den Atem betrachten beim Atembetrachten“ ist sinnvoll, denn es bedeutet, dass man nur eines auf einmal tut.
Das Erste, was man mit der Atembetrachtung bezweckt, ist also zur Ruhe zu kommen, das heißt das Denken aufzugeben und nur zu erkennen, nur zu erleben. Den Atem erleben heißt: Wir können erleben, dass er ein- und ausströmt, ein Wind ist, und dort ein Gefühl verursacht, wo er die Nasenlöcher berührt. Wir können erleben, dass er manchmal länger und manchmal kürzer ist, ihn vielleicht bis zur Lunge, vielleicht bis zum Bauch, vielleicht auch nur bis zur Nase verfolgen. Wenn es uns gelingt, mit unserer Konzentration dabeizubleiben und nicht zu denken, kommt ein Gefühl der Problemlosigkeit, der Ruhe. Denn Probleme muss man denken, sonst hat man keine. Das Beste ist immer, nur den Moment zu erleben, und der ist Atmen. Wird man von der Atembetrachtung abgelenkt, ist das Einzige, was in diesem Moment außerdem existiert, das Sitzen. Der Geist kann also zu dem damit verbundenen Gefühl gehen: Hier sitzt eine Masse, die einen Druck von unten hat.
Störenfried: Ablenkende Gedanken
Wenn man nicht bei der Atembetrachtung bleiben kann, weil der Geist unruhig ist und abschweift, werden Gedanken kommen. Sie zu erkennen bringt Einsicht, so wie den Atem zu betrachten Ruhe bringt. Man muss von den Gedanken zurücktreten, statt sich mit ihnen zu identifizieren. Auf diese Weise lernt man kennen, von welcher Art sie waren: Zukunft oder Vergangenheit.
In beiden können wir nicht leben. Zukunft ist nichts als eine Hoffnung und ein Wunschtraum und ganz ungewiss. Die Vergangenheit ist ein- für allemal vorbei. Wir können nur den jeweils gegenwärtigen Augenblick benutzen; einen anderen haben wir nicht, er ist unser Leben.
Das ist etwas, was wir in der Meditation zu lernen haben. Der erste Schritt, mit den Gedanken etwas anzufangen, ist zu wissen, dass sie da sind, statt einfach zu denken. Ob wir gehen, stehen, sitzen, liegen, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, denken wir. Automatisch und instinktiv spielen wir unsere Gedankenspiele. Das ist ermüdend, energieraubend und unproduktiv.
Der Geist denkt, weil das seine naturgegebene Funktion ist, so wie ein lebender Körper atmet. Denken hat so, wie es ist, keine Richtung. Es ist ein Film, der pausenlos abläuft, alle Varianten kommen vor: Stummfilm in Schwarzweiß, Stummfilm in Farbe, Farbfilm mit Text, Schwarzweißfilm mit Text oder auch nur Text ohne Bilder. Solange er ohne jede Unterbrechung läuft, wissen wir gar nicht, dass es ein Film ist und dass eine Leinwand da ist, auf die er projiziert wird. Diese Leinwand ist sauber, weiß und ruhig. Wenn wir das erkannt haben, erscheint es uns wünschenswert, öfter eine Pause zu machen in diesem unaufhörlichen Ablauf des Gedankenfilms, der vom Hundertsten ins Tausendste geht und immer nur den Wunsch des Geistes erfüllt, gefüttert zu werden.
Kehrt, sobald ihr gewahr werdet, dass der Film läuft, zu eurem Meditationsobjekt zurück.
Als Erstes haben wir also von diesem Denken einen Schritt zurückzutreten und als neutraler Beobachter zu registrieren, dass Gedanken gekommen sind. Wenn sie nicht sofort wieder verschwinden und ihr zum Meditationsobjekt Atem zurückkehren könnt, verseht jeden Gedanken mit einem Etikett, nennt das Kind beim Namen: „Zukunft“, „Vergangenheit“, „Erinnerung“, „Widerwille“, „Ablehnung“, „Hoffnung“, „Fantasie“, „Träumerei“, „Aufruhr“, „Wünsche“, „Selbstmitleid“ , „Unsinn“, „Flucht“, was immer, und kehrt zum Atem zurück. Gebt ihm den erstbesten Namen, der euch in den Sinn kommt, und versucht nicht den treffendsten zu finden. Das würde nur neues Denken bedeuten.
Oder sagt „denken, denken“, „nicht denken, nicht denken“ oder „wozu denn denken“ oder „schon wieder denken“ oder „hör auf zu denken!“
Dass die Gedanken bald wiederkommen, ist eine andere Sache. Deshalb praktizieren wir beide Richtungen: zur Ruhe kommen, um beim Meditationsobjekt Atem bleiben zu können und ohne zu denken und damit ohne Probleme zu sein, sowie das Denken einzuordnen, um zu wissen, was in unseren Gedankengängen eigentlich vor sich geht, im Alltag nicht anders als in der Meditation.
Ob wir in der Straßenbahn oder auf dem Meditationskissen sitzen, der Denkprozess ist immer derselbe. Wer in der Meditation erkennt, worum es sich beim Denken wirklich handelt, und es durch Atembetrachtung ersetzen kann, vermag auch im Alltag das ewige Denken einmal fallen zu lassen und durch etwas zu ersetzen, das heilsam ist: Gefühle der Liebe, des Mitgefühls, der Mitfreude und vor allem des Gleichmuts.
In der Meditation lernen wir also das Fallen lassen, das Loslassen der Gedanken durch Erkennen und Ersetzen. Wenn man das einige Male getan hat, erkennt der Geist von selbst, dass Denken in der Meditation keinerlei Zweck erfüllt und ganz nutzlos ist, weil das, was hochkommt, weder Anfang noch Ende hat, vollkommen unbeständig und bedeutungslos ist. Das ist eine sehr wichtige Einsicht, vielleicht die wichtigste zu Beginn der Meditationspraxis.
Es hat keinen Sinn, Meditation als eine nebulöse Fantasiegestalt anzusehen, als etwas, das mal glückt und mal nicht. Meditation ist ganz gezielte Nachhilfe für den Geist, sodass er sich daran gewöhnt, problemlos durchs Leben zu gehen. Es ist im Grunde ganz einfach, man muss nur wissen wie. Fallen lassen, loslassen! Das Festhalten an den Gedanken ist vollkommen unnötig.
Es ist auch nicht von Nutzen, sich zu wünschen, zu hoffen oder zu erwarten, dass die Gedanken verschwinden. Nutzbringend ist nur, sie zu beobachten und zu erkennen. Wenn man nämlich als neutraler Beobachter seiner Gedanken sieht, wie sie hin- und hersausen und keine Festigkeit haben, ist es einfacher, sie fallen zu lassen. Nur solange man sich in sie verspinnt und sich mit ihnen identifiziert, behält man sie.
Fallen lassen ist der Weg des Verzichts. Das spirituelle Leben ist ein Leben des Verzichts auf die weltlichen und in der Welt zu findenden Sinnesbefriedigungen, weil man eine ganz andere Befriedigung gefunden hat. Wenn wir also nicht einmal auf einen Gedanken verzichten können, wie dann eines Tages auf die Welt? Was wir ja am Ende unseres Lebens sowieso müssen.
Störenfried: Ablenkende Gefühle
Genauso störend wie Gedanken sind in der Meditation Gefühle. Es ist ganz natürlich, dass sich nach einiger Zeit des Stillsitzens, vor allem beim Anfänger, ein unangenehmes Körpergefühl bemerkbar macht, hervorgerufen durch die ungewohnte Sitzstellung. Diese Gefühle sind sehr wichtig, mit ihnen müssen wir arbeiten, statt unserer instinktiven Tendenz zu folgen, dem Schmerz auszuweichen, indem wir die Stellung wechseln. Unsere instinktive und immer wiederkehrende Haltung allen unangenehmen Gefühlen gegenüber ist nämlich Weglaufen, so schnell wie möglich, um sie loszuwerden. Aber wohin können wir überhaupt fliehen? Die Erde ist ja rund, wir kommen immer wieder zum Ausgangspunkt zurück: dem Impuls, vor dem unangenehmen Gefühl wegzulaufen.
In der Meditation werden wir gewahr, dass wir durch einen Berührungskontakt, nämlich das Sitzen auf der Meditations-matte, ein Gefühl bekommen haben. Jeder Sinneskontakt ruft Gefühle hervor, und jeder, auch ein Erleuchteter, hat Gefühle. Durch das Gefühl, das entweder angenehm, unangenehm oder neutral sein kann, kommt Mögen oder Nichtmögen. Als Erstes geben wir dem Gefühl einen Namen, zum Beispiel „Schmerz“. Dann fangen wir an nachzudenken. Das geschieht so automatisch, dass wir es gar nicht merken: „Loswerden!“ – und schon bewegt sich der Körper.
Das müssen wir einmal mit Zeitlupe betrachten: Berührungskontakt – Gefühl, entweder angenehm oder unangenehm oder neutral, in unserem Fall unangenehm – Wahrnehmung sagt „Schmerz“ – Gedanken sagen „Weg davon! Ich kann es nicht leiden“.
In dem Moment haben wir schlechtes Karma gemacht – Gedankenformationen sind Karmaformationen –, nicht nur weil es ein negativer Gedanke war, sondern weil wir unserem alten Muster gefolgt sind.
In der Meditation haben wir die Chance, aus dieser alten Gewohnheit herauszukommen und uns zu ändern. Wir können sehen: Es ist ein Gefühl, das ungerufen erschienen ist, andernfalls hätte ich es ja angenehm gemacht. Wieso nenne ich es also mein?
Wir können daraus den Schluss ziehen, dass Gefühle nur Gefühle sind und es uns freisteht, auf sie zu reagieren oder sie einfach fallen zu lassen. In der Meditation ersetzen wir sie durch das Meditationsobjekt, im Alltag durch Gleichmut.
Wem das auch nur für eine Minute gelungen ist, merkt sofort, dass sich der Grad des Unangenehmen um mindestens die Hälfte reduziert hat. Leid wird nämlich erst durch Widerstand stark. Gelingt es nicht, sich auf diese Weise von dem Gefühl abzusondern, kann man sich vollkommen darauf konzentrieren und so seine Veränderlichkeit kennen lernen. Es wird stärker oder schwächer, bewegt sich in sich, hat einen Anfang, eine Mitte – das heißt es bleibt eine Weile – und ein Ende. Wenn man sich ganz stark darauf konzentriert, verschwindet es oft von allein. Außerdem weiß man ja aus Erfahrung, dass es irgendwann sowieso wieder aufhört. Wozu also darauf reagieren?
Dieses unangenehme Gefühl kann ein sehr guter Lehrer sein und uns einmal ganz genau über unsere Reaktionen Klarheit gewinnen lassen. Wenn dann der Geist sagt, „jetzt reicht es aber, jetzt ist das Gefühl zu unangenehm, ich muss mich umsetzen“, gilt es zu erkennen, was der Geist gesagt hat, achtsam den Körper in eine andere Stellung zu bringen und zu akzeptieren, dass man sich von seinem eigenen dukkha hat besiegen lassen. Das ist völlig in Ordnung. Worauf es ankommt, ist das Erkennen – das Erkennen der Gefühle und unserer Reaktionen.
2. Einsichts-Meditation (Vipassanā-Meditation)
Der Name Vipassanā für diese Methode ist etwas unglücklich gewählt, weil vipassanā Einsicht oder Klarblick heißt und sie natürlich nicht die einzige Methode zum Klarblick ist. Jede Meditationsmethode, die wert ist praktiziert zu werden, muss Einsicht/Klarblick bringen.
Die Vipassanā genannte Methode hat als ihre Grundlage die Gefühle, man kann sie auch Achtsamkeit auf die Gefühle nennen: körperliche Gefühle und Emotionen. Im allgemeinen Sprachgebrauch benutzen wir für beide das Wort Gefühl, aber hier müssen wir sie auseinanderhalten, um zu wissen, wovon die Rede ist.
Achtsamkeit auf beide Arten von Gefühlen ist von äußerster Wichtigkeit, weil unsere Gefühle unser Leben bestimmen. Denken ist von den Gefühlen abhängig und deshalb oft so verworren, weil die Gefühle verworren sind. Die Formel dafür ist:
Läuterung der Gefühle bringt Klarheit des Denkens.
Um der Gefühle Herr zu werden, muss man sie kennen, erkennen und – nicht reagieren. Ganz leicht gesagt, aber schwer getan.
Die Vipassanā-Methode, von der ich jetzt spreche, heißt Stück-für-Stück, weil man mit ihr stückweise durch den Körper geht. Ich möchte zunächst erklären, wozu die Vipassanā-Meditationsmethode Stück-für-Stück besonders geeignet ist und was sie uns bringen kann.
a) Achtsamkeit auf die Gefühle
Das Erste ist, dass wir den Gefühlen nahekommen. Da wir anhand unserer Gefühle und nicht unseres Denkens leben, ist es absolut notwendig, sie zu erkennen, und seien sie noch so unangenehm. Viele Menschen nehmen ihre Gefühle effektiv nicht wahr – wie unser Freund in der folgenden Anekdote, die ich immer wieder gerne erzähle:
Ein Assistent am Internationalen Meditationszentrum Rangoon (Burma) war dank der Vipassanā-Meditation seine schwere Migräne losgeworden. Er lud daraufhin einen Freund, der auch an Migräne litt, ins Zentrum ein, um ihn diese hilfreiche Methode zu lehren. Der Freund kam auch, man setzte ihn in eine Meditationszelle und gab ihm die nötigen Anweisungen. Zwei Stunden später schaute der Assistent nach ihm. Er fand ihn, splitterfasernackt, mitten in der Zelle sitzend.
„Wie ist es dir denn in der Meditation ergangen?“
„Ich habe überhaupt nichts gefühlt.“
„Wieso bist du denn ganz nackt?“
„Ich habe derartig geschwitzt, ich musste meine Sachen ausziehen, die liegen klatschnass dort in der Ecke.“
„Aber gefühlt hast du nichts?“
„Nichts!“
Es hat keinen Sinn, nach besonderen Gefühlen zu suchen. Gefühle sind Gefühle. Die Konzentration ist der Grund, warum man sie wahrnimmt. Denn bei unseren alltäglichen Verrichtungen sind wir uns ihrer oft nicht bewusst. Da wir mit Hilfe unserer Gefühle viel über uns lernen können, ist es sehr nützlich, sich mit ihnen zu befassen.
Alle Emotionen, die wir je in unserem Leben hatten, manifestieren sich, das heißt, sie sind ebenso wenig unsichtbar wie unsere Gedanken, obwohl wir das annehmen. Sie setzen sich im Körper fest und erscheinen durch den Körper. Erst kommt die Emotion, zum Beispiel Angst, und dann ist es am Körper sichtbar: Uns stehen die Haare zu Berge.
Die meisten Menschen schenken nur solchen Gefühlen Beachtung, die ganz besonders angenehm oder ganz besonders unangenehm sind. Bei der Vipassanā-Methode ist die Achtsamkeit so geschärft, dass wir jedes kleinste Gefühl im Körper kennen – und zudem verstehen lernen, dass wir es nicht geschaffen haben. Gefühle haben also genauso ihr Eigenleben wie der Körper, dem wir leider auch nicht befehlen können, wie lange er jung und gesund zu sein hat, wir können allenfalls ein bisschen nachhelfen.
Da kommen zum Beispiel Gefühle an Körperstellen hoch, wo wir zuvor nie etwas gespürt haben, die uns fremd sind. Oder es kommen Emotionen hoch, die mit der Körperstelle nichts zu tun haben.
Gerade wegen ihrer starken Wirkung sollte die Vipassanā-Methode Stück-für-Stück am Anfang nicht auf eigene Faust, sondern nur unter kundiger Anleitung geübt werden.
b) Reinigung von festgefahrenen Emotionen
Emotionen, die wir häufig haben, weil wir ja leider immer wieder nach dem gleichen Muster reagieren, lagern sich ganz besonders stark ab. Die sind dann unsere Verspannungen, die es uns schwermachen, zur Klarheit zu kommen, weil sie als Hindernisse in uns haften. Mit genügend konzentrierter Achtsamkeit, können wir an verschiedenen Körperstellen Emotionen feststellen, zum Beispiel Ärger, Kummer, Missmut, Ablehnung, Furcht. Es ist jedoch nicht nötig zu wissen, wieso eine Emotion sich in irgendeinem Körperteil abgelagert hat. Es ist nur wichtig, sie fallen zu lassen, sonst können wir ja nicht weitermeditieren, sondern sitzen an derselben Stelle, mit denselben Emotionen, fest.
Wenn wir an eine Blockierung herankommen, die sich irgendwie zeigt, schwach oder stark, die sich anfühlen kann wie Eisen, wie Leder, wie ein Ball zum Beispiel, können wir sie durch Fallen lassen und Weitergehen loswerden, mitunter beim ersten Mal, meistens nach einigen Wiederholungen. Lässt sich der Körper geschmeidiger und einfacher handhaben, hilft es unserem Geist, der ja immer auf die Gefühle reagiert.
Hat ein Körperteil ganz besonders unangenehme Gefühle, was sehr häufig vorkommt, verfängt sich der Geist immer wieder in ihnen; man kann sein eigenes Leid nicht vollkommen loslassen. Das vermag ohnedies nur der Erleuchtete.
Aber wir können das Fallen lassen in der Meditation immer und immer wieder praktizieren, bis es uns zur zweiten Natur geworden ist. Dann erkennen wir unsere eigenen absurden Reaktionen als den Grund für unser Unglücklichsein. Keiner wird bestreiten, wie absurd zum Beispiel die Umweltverschmutzung ist. Aber dass sie aus unseren eigenen absurden Reaktionen entstanden ist, will uns nicht in den Kopf. Sie ist nur ein Spiegel der Verschmutzung in uns selbst.
Man kann sich mit Hilfe der Konzentration von Schmerzen befreien, bei genügend starker Konzentration sogar von Krankheiten – eine angenehme Auswirkung, aber keineswegs Sinn und Zweck dieser Methode. Der ist in erster Linie die Reinigung von festgefahrenen Emotionen, die sich als Verspannungen der Schultern, des Nackens und so weiter, als Blockaden oder Klöße im Brustkorb zeigen können. Durch diese Methode – deshalb heißt sie vipassanā (Einsicht/Klarblick) – erkennt man sie überhaupt erst.
Wir müssen mit dem Geist das reinigen, was der Geist verschmutzt hat. Unser innerer Besen heißt Loslassen.
Dieser Reinigungsprozess ist sehr, sehr wichtig. Denn je mehr wir uns reinigen und läutern, desto einfacher ist es, die wertvollen Gefühle in sich zu kultivieren, vielleicht sogar zu seinen einzigen zu machen: Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut.
Läuterung geschieht in der Meditation von selbst: Solange wir uns auf ein Gefühl konzentrieren, für viele übrigens einfacher als die Konzentration auf den Atem, können wir nichts Unreines denken.
Läuterung kommt durch Konzentration und dadurch, dass wir an die Blockierungen im Körper herankommen, die uns das Leben erschweren. Jede Schwere, die wir in uns haben, hindert uns daran, die Wahrheit zu erkennen und vollkommenes inneres Glück und Frieden zu erleben.
Wir erfahren also eine Reinigung von körperlichen Blockierungen und die Läuterung der Gedanken mittels einer beinahe automatisch wirkenden Methode. Es ist der Zweck einer Methode, dass sie einen dazu bringt, gar nicht mehr anders zu können.
c) Auf Gefühle nicht reagieren
Will man verhindern, dass sich Emotionen von neuem als Blockierungen ablagern, muss man künftig anders reagieren. Damit sind wir bei der nächsten wichtigen Wirkung dieser Methode: Sie lehrt uns, auf Gefühle nicht zu reagieren.
Wenn im Alltag Ärger hochkommt, haben wir sofort einen Sündenbock zur Hand und reden uns ein, über diese Person oder Situation müsse man sich ärgern. Was für eine Absurdität! Von sich ärgern müssen kann ebenso wenig die Rede sein wie von sich ärgern wollen – es ist nichts als eine instinktive Reaktion auf ein unangenehmes Gefühl.
Tritt aber in der Meditation ein unangenehmes Gefühl auf, können wir nicht umhin, daraus den Schluss zu ziehen, dass eine negative Reaktion gar nicht nötig ist. Wendet man die Achtsamkeit von dem Gefühl ab, ist es in diesem Moment verflogen, man geht zur nächsten Stelle, ein anderes Gefühl ist da.
Wir sind also in der glücklichen Lage, im gegenwärtigen Moment von der gewohnten Reaktion wegzukommen und einzusehen, dass der Ärger nur aus einem einzigen Grund hochgekommen ist, weil er nämlich in uns sitzt. Sich nun darüber zu ärgern wäre noch närrischer. Jeder ist mit sechs Wurzeln geboren, drei heilsamen und drei unheilsamen – ich werde darauf noch zu sprechen kommen. Hier nur soviel: Alle sechs tanzen in uns einen ewigen Tanz, den mal die eine, mal die andere anführt. Wären wir ihrer mächtig, würden wir uns die drei aussuchen, die uns das Leben leichtmachen, uns beglücken. Hätten wir nicht beides in uns, wären wir nicht Menschen geworden.
Gefühle verwandeln sich und entschwinden ständig, im Alltag genauso wie in der Meditation. Es lohnt sich also gar nicht, in einer negativen Form zu reagieren, denn die bereitet uns nur ein neues unangenehmes Gefühl.
Wenn wir es in der Meditation oft genug schaffen, nicht negativ, sondern mit Gleichmut zu reagieren, glückt es uns auch im Alltag. Ohne Gleichmut kann man ein Gefühl nicht fallen lassen, weil man entweder damit beschäftigt ist, es zu hassen, also loswerden will, oder daran anhaftet. Gleichmut sagt „es ist nur ein Gefühl“, und das bringt Einsicht in seine Unbeständigkeit und Substanzlosigkeit.
Wenn wir der Vipassanā-Methode folgen, haben wir eine automatische Klärung dessen, was wirklich vor sich geht: Zuerst ist die Berührung; in diesem Fall berühren wir mit der Achtsamkeit eine Körperstelle. Dadurch entsteht ein Gefühl. Dem folgt sehr häufig die Wahrnehmung, die sagt „Schmerz“, „unangenehm“, „angenehm“; oder detaillierter: „Vibration“, „Stechen“, „Kälte“, „Wärme“, „Prickeln“, was immer.
Und hier können wir aus der Reaktion austreten und zur nächsten Stelle gehen, ohne zu sagen „das hab ich gern“ oder „das hab ich nicht gern“, was man auch mit „Gier“ und „Hass“ übersetzen kann, obwohl die meisten Menschen das gar nicht gerne hören. „Ich hasse doch nicht, ich bin doch nicht gierig, ich habe nur das und das gern und das und das nicht gern“ – das ist aber dasselbe. Es hat keinen Sinn, zu vorsichtig mit sich selbst umzugehen. Da kommt man der Wahrheit nicht nahe. Hass und Gier sind unser Erbe, das Erbe unseres Karmas. Sie sind kein Grund, sich selbst zu betrügen oder zu tadeln.
Aber wir können ganz klar erkennen, dass es möglich ist, aus ihnen auszutreten. Je öfter wir es tun, desto leichter wird es uns fallen. Es ist der einzige Weg heraus aus allem Leid. Unsere Reaktion des Habenwollens (Gier) und Nichthabenwollens (Hass), lässt uns immer wieder in den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt eintreten; die Gier des Habenwollens lässt uns immer wieder an den Annehmlichkeiten anhaften und macht uns vergessen, dass die Unannehmlichkeiten genauso häufig sind.
Bei der Vipassanā-Meditation ist es wohl kaum zu übersehen, dass sich angenehme und unangenehme Gefühle ungefähr die Waage halten. Je stärker das Gefühl – angenehm oder unangenehm –, desto größer ist die Gefahr anzuhaften. Die angenehmen verwickeln uns in Leidenschaften, die uns dann nichts als Schwierigkeiten einbrocken. Die unangenehmen verwandeln sich in Hass, der so eskalieren kann, dass er sich, aus völlig unerklärlichen Gründen, gegen ganze Völkerstämme richtet. Alles fängt in unserem eigenen Körper und Geist an, darin sitzt die ganze Welt – und nur da können wir sie verändern. Es bedarf nimmermüder Praxis und eines Geistes, der erkennen kann und will.
Jegliches Festhalten hindert uns zu wachsen. Wo immer wir festhängen, sind wir verwachsen. Sich damit zu identifizieren bedeutet, dass das Ego wieder einmal etwas gefunden hat, das seine Illusion nährt, es existiere. In der Meditation können wir dieser Illusion auf die Schliche kommen. Intellektuell können wir sie zwar verstehen, aber nur in der Meditation empfinden.
Es ist bedeutend einfacher und ein besserer Weg, zuerst einmal etwas zu fühlen und dann dieses Gefühl zu erkennen. Zu allem bloß verstandesmäßig Gewussten lässt sich auch eine Gegenthese aufstellen.
Da wir mit Emotionen des Anhaftens und Widerwillens vertraut sind, erkennen wir sie leicht. Schwieriger ist es bei Emotionen anderer Art. Wir brauchen Anweisungen.
Der Buddha hat nichts weiter getan, als Richtlinien gegeben und dazu aufgefordert, sie selbst zu überprüfen. Wer Widerwillen oder Abscheu hat, ihnen zu folgen, sollte seinen Widerwillen und seine Abscheu untersuchen, nicht die Richtlinien in Zweifel ziehen.
Ein Gefühl kommt also und vergeht. Wieso vergeht es? Erstens ist Vergänglichkeit seine Charaktereigenschaft, zweitens existiert für uns nur das, worauf wir unsere Achtsamkeit lenken. Wozu also die Achtsamkeit auf etwas lenken, das uns unglücklich macht? Das heißt nicht, den Kopf in den Sand stecken, das wäre töricht. Wenn etwas nicht unseren Wünschen und Vorstellungen entspricht, brauchen wir unsere Achtsamkeit nicht auf unglücklich oder ärgerlich werden zu lenken. Wir können sie auf das Erkennen dessen lenken, was da zu erkennen ist. Wir brauchen uns nicht mehr hin- und hertreiben zu lassen. Jeder lässt sich von seinen Gefühlen treiben. Wir leben alle in diesem Gefängnis und hegen die Wahnidee, frei zu sein. Frei sind wir erst, wenn wir unserer Reaktionen Herr werden.
Klarheit des Denkens kommt durch die Läuterung unserer Gefühle. Wir brauchen beides. Es hat keinen Sinn, nur intellektuell zu arbeiten oder nur gefühlsmäßig etwas ermessen zu wollen. Jeder merkt an sich selbst, welche Seite er mehr entwickeln muss.
Wir müssen verstehen können, was wir tun, und wir müssen liebende Güte in uns entfalten, sodass sie zur Selbstverständlichkeit wird. Das bedeutet, die Emotionen so zu läutern, dass Liebe die Hauptemotion in unserem Herzen ist, die nichts damit zu tun hat, was von außen an uns herantritt, wer da kommt, ob er uns liebenswert erscheint, unsere Liebe braucht oder haben möchte. Es hat nur damit zu tun, dass das eigene Herz geläutert ist.
Die Läuterung der Gefühle findet immer wieder statt, wenn wir in der Lage sind, fallen zu lassen, was sich in uns angestaut hat, immer wieder unsere Reaktionen auf unangenehme Gefühle fallen lassen können. Ergebnis dieser Läuterung ist eine Gefühlswelt, die rein ist und nichts als Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut enthält – der Buddha nannte diese vier die einzigen reinen Emotionen. Das heißt, wir empfinden auch Liebe dem spirituellen Pfad, der Lehre und unserer Praxis gegenüber, weil unser Herz gar nicht mehr anders kann.
3. Geh-Meditation
Bei der Geh-Meditation soll die Achtsamkeit auf die Bewegung des Fußes gelenkt sein oder auf das ganze Bein. Achtsamkeit auf den Fuß ist einspitziger, man kann den Geist besser konzentrieren.
Auch bei der Geh-Meditation kann man sich die Geistesmöglichkeiten, die man von Natur aus hat, zunutze machen.
Wer leicht und gern visualisiert, kann sich vorstellen, unter jedem Schritt wachse eine Blume.
Wer gern nachdenkt, mag sich vorstellen, dass der Rasen oder Erdboden ihn trägt, dass das Gras sich ganz beugt, aber doch gleich wieder aufrichtet, und man selbst vielleicht auch so sein sollte.
Ein mathematischer Geist kann zum Beispiel die Bewegung oder die Schritte oder rechts/links zählen oder zu sich sagen: heben – tragen – senken.
Wir können ferner das Gefühl benutzen. Wenn der Fuß sich hebt, ist das ein leichtes, luftiges Gefühl, wenn er nach vorne geht, ist da ein Gefühl des Druckes nach vorne, wenn er sich senkt des Fallens, und wenn er den Boden berührt ein festes Gefühl. Was immer es sei – ob Bilder, Zahlen, Worte, Gedanken oder Gefühle –, können wir dazu benutzen, auf dem Meditationsobjekt zu bleiben.
Die Geh-Meditation soll ein verlangsamtes Gehen sein, langsam genug, um jeder einzelnen Bewegung gewahr zu werden. Nur um zu wissen, dass sich der Fuß beim Gehen bewegt, brauchten wir ja nicht zu meditieren. Der zweite Fuß soll sich erst heben, wenn der erste den Boden vollkommen berührt hat, im Unterschied zum üblichen Gehen.
Um Achtsamkeit detailliert zu benutzen, kann man die Bewegung des Gehens zerlegen und auf alle ihre Teile achtsam sein, man kann also das Abrollen des Fußes vom Boden betrachten, das Heben, Tragen, Senken und wieder Abrollen, bis der Fuß vollkommen auf dem Boden ist, und dann erst den zweiten heben.
Die Hände soll man auf Bauch oder Rücken zusammenhalten, damit sie nicht auch eine Bewegung machen. Die Augen bleiben offen, der Blick ist gesenkt und fällt direkt vor den Fuß, der den Schritt macht. Dem Atem wird bei der Geh-Meditation keine Beachtung geschenkt.
Auch die Geh-Meditation vermittelt Klarblick, wenn man nämlich erkennt, dass Gehen unbeständig sein muss, sonst käme man ja nicht von der Stelle.
Wenn die Gedanken auch bei der Geh-Meditation vom Meditationsobjekt abschweifen, ist es hilfreich, für einen Augenblick stehen zu bleiben und dann neu anzufangen.
Wenn man sich einen Geh-Pfad nimmt, so soll er ungefähr 20 bis 25 Schritte lang sein. Man geht ihn hin und her in einem Tempo, das einem angenehm ist, aber langsam genug, um jede Bewegung des Fußes genau beobachten zu können. Beim Umkehren am Ende des Pfades beobachten wir auch diese Bewegung.
Gerade von der Geh-Meditation haben viele großen Gewinn. Wer den Eindruck bekommt, sie bringe ihm nichts, dem fehlt es schlicht an Achtsamkeit. Das Aufpassen auf das, was in diesem Augenblick geschieht, kann uns in jeder Situation zur Konzentration bringen. Sie bewirkt, dass wir ganz im Augenblick leben. Mit Achtsamkeit bringt auch die Geh-Meditation ein Gefühl des Da-Seins, der Präsenz. Man erlebt wirklich einmal, wie Gehen ist.
Es ist nützlich, zu Beginn jeder Sitz- oder Geh-Meditation einen Entschluss zu fassen, zum Beispiel: „Ich will mich konzentrieren.“, „Ich will versuchen, durch diese Meditation Einsicht in mich selbst zu gewinnen.“, „Ich will mein Denken erkennen.“, „Ich will die Meditation mal ausprobieren.“ – was immer der Entschluss sei, bleibt jedem selbst überlassen, und wäre es „Ich will Nibbāna erreichen.“ Dann lassen wir den Entschluss natürlich wieder fallen. Er ist sozusagen ein Pfosten, an den man den Geist anbinden kann. Wenn man dann sitzt oder geht und die Gedanken um alles andere kreisen als um das Meditationsobjekt, ist es an der Zeit, den Entschluss zu erneuern. Als Entschluss ganz besonders geeignet ist, Klarheit darüber erlangen zu wollen, was man eigentlich mit sich selbst vorhat, zu welchem Zweck man meditiert.
4. Liebende-Güte-Meditation (Mettā-Meditation)
Es ist hilfreich, jede Meditation, ob Sitzen oder Gehen, mit ein paar Momenten Liebende-Güte-Meditation zu beginnen, und zwar auf sich selbst gerichtet – Gefühle der Dankbarkeit, Zufriedenheit und Freude, dass man jetzt anfangen kann zu meditieren.
Einmal am Tag solltet ihr längere Zeit dafür geben, vor allen Dingen dann, wenn ihr Schwierigkeiten mit der liebenden Güte habt, was gar nicht ungewöhnlich ist.
In den westlichen Sprachen müssen wir zwischen Geist und Herz unterscheiden. In unserem Sprachgebrauch steht Herz für Fühlen und Geist für Denken.
In der Liebende-Güte-Meditation dirigieren wir den Geist in eine bestimmte Richtung. Je öfter wir das tun, desto leichter wird es für das Gefühl sein, ihm eines Tages zu folgen. Besonders, wenn jemand in unserem Leben steht, mit dem wir, aller Vernunft zuwider, Schwierigkeiten haben. Mit Vernunft ist da nicht viel auszurichten, es muss aus dem Gefühl kommen. Wenn wir immer und immer wieder unseren Geist zum Guten wenden, wird uns das zur zweiten Natur.
Auch bei der Liebende-Güte-Meditation müssen wir loslassen, nämlich von den Vorstellungen, die wir von Menschen haben, ob sie uns liebenswert erscheinen oder nicht. Sonst kann unsere Zuwendung nicht wirklich von Herzen kommen. Sie eignet sich auch gut für Kinder, die mitmeditieren wollen.
Der folgende Text soll nur eine Anregung sein, ihr könnt ihn nach Belieben abwandeln und euren Gedanken die Form geben, die euch am meisten zusagt.
Liebende-Güte-Meditation: Mutter und Kind
Bitte schließt die Augen und lenkt die Achtsamkeit für ein paar Momente auf den Atem.
∗
Stellt euch vor, ihr seid euer eigenes Kind, und empfindet die Liebe und Fürsorge, die ihr den eigenen Kindern entgegenbringt, für euch selbst.
∗
Jetzt stellt euch vor, dass derjenige, der euch gerade am nächsten sitzt, euer Kind ist, und bringt ihm die Liebe und Fürsorge entgegen, die ihr den eigenen Kindern entgegenbringt.
∗
Jetzt stellt euch vor, dass alle im Haus eure Kinder sind. Umarmt sie alle mit der Liebe und Fürsorge, die ihr für die eigenen Kinder empfindet.
∗
Jetzt denkt an eure Eltern; denkt an sie, als wären sie eure Kinder. Umarmt sie mit der Liebe und Fürsorge, die ihr für eure Kinder empfindet.
∗
Nun denkt an eure liebsten und nächsten Menschen, als wären sie alle eure Kinder. Umarmt sie und füllt sie mit der Liebe und Fürsorge, wie sie die eigenen Kinder bekommen.
∗
Nun denkt an all eure guten Freunde, als ob sie eure Kinder wären, und gebt ihnen dieselbe Liebe und Fürsorge wie eigenen Kindern.
∗
Denkt jetzt an eure Nachbarn, Arbeitskollegen, an Menschen, die ihr hier und da auf der Straße und in Geschäften trefft. Stellt euch vor, sie alle sind eure Kinder, umarmt sie und füllt sie mit der gleichen Liebe und Fürsorge, die ihr euren eigenen Kindern entgegenbringt.
∗
Nun denkt an irgendeinen Menschen, über den ihr euch geärgert habt oder der euch Schwierigkeiten gemacht hat. Denkt an ihn, als ob er euer Kind wäre. Kinder machen auch Schwierigkeiten und verursachen Ärger, und trotzdem ist die Liebe zu ihnen die gleiche. Lasst auch diesem Menschen die gleiche Liebe und Fürsorge zukommen wie den eigenen Kindern.
∗
Denkt an alle Menschen in eurem Heimatland, als wären sie alle eure Kinder. Lasst euer Herz wachsen und sich weiten, sodass ihr alle diese Menschen umarmen könnt, mit der gleichen Fürsorge und Liebe, die ihr den eigenen Kindern gebt.
∗
Denkt nun an alle Lebewesen, die es auf diesem Erdball gibt, auf dem Land, im Wasser und in der Luft, sichtbare und unsichtbare. Empfindet für all diese Lebewesen Liebe und Fürsorge, zeigt ihnen, dass ihr um ihr Wohlergehen besorgt seid, als wären sie alle eure Kinder.
∗
Lenkt nun die Achtsamkeit wieder auf euch selbst und erkennt das Kind in euch, das der Leitung und Führung durch die Mutter in euch selbst bedarf, der Liebe, Fürsorge und Weisheit. Fühlt euch in dieser Liebe und Fürsorge geborgen und sicher.
∗
Mögen alle Lebewesen glücklich sein.
Fragen und Antworten
F: Eines meiner Probleme bei der Meditation ist immer wieder die Müdigkeit. Ich bin immer noch dabei, mich zu tadeln, dass ich nicht die rechte Anstrengung mache. Ich weiß nicht, ob es in dem Fall mit Loslassen getan wäre.
A: Es ist gut, rechte Anstrengung und Loslassen zusammenzubringen. Sich hinsetzen zum Meditieren ist rechte Anstrengung. Ferner bedarf es der Entschlusskraft.
Ein Geist, der noch nicht vollkommen konzentriert ist, neigt zu Müdigkeit. Der nächste Schritt ist, mit Hilfe rechter Anstrengung die Müdigkeit zu erkennen und loszulassen. Das ist gewiss nicht einfach. Wenn die Müdigkeit erkannt ist, sind zwei Dinge wichtig. Das erste ist, nicht auf Ruhe-Meditation hinzuzielen. Denn sie ist, vor allem im ersten Moment, dem Schlaf oder zumindest Dämmerzustand in gewisser Weise ähnlich. Der Geist, der das noch nicht hundertprozentig im Griff hat, kann zwischen den beiden oft nicht unterscheiden. Zu der Zeit ist es also nötig, auf Einsichts-Meditation hinzusteuern. Sie kann die Müdigkeit als Objekt nehmen: Wieso bin ich eigentlich so müde? Es kann zum Beispiel Abwehr dahinterstecken. Was immer hochkommt an Gedanken oder Gefühlen – versuche sie zu erkennen.
Zweitens kann man der Müdigkeit abhelfen, indem man die Augen öffnet und ins Licht schaut, den Körper leicht bewegt, um die Blutzirkulation etwas anzuregen. Der Buddha hat außerdem empfohlen, sich am Ohrläppchen zu ziehen und die Wangen zu reiben, das bringt neue Energie.
Drittens ist es hilfreich, sich selbst gut zuzureden, wie dankbar man dafür sein sollte, meditieren zu können, zumal unter so günstigen Umständen. Denn das Leben ist ganz ungewiss, der Tod ganz gewiss.
Müdigkeit ist eine instinktive Reaktion des Geistes. Er ist nicht scharf auf Klarblick, weil der dem Ego an den Kragen geht und will lieber schlafen. Tadele dich also nicht dafür. Tadel bringt nur neue Unruhe. Selbsttadel kommt daher, dass man eine viel zu hohe Idealvorstellung von sich hat.
F: Ändert sich durch Meditation auch die Qualität des Schlafes? Die Träume sind, wenn ich intensiv meditiere, ganz deutlich. Dasselbe passiert mir beim Fasten. Was sagt der Buddha zu Träumen?
A: Gar nichts. Aber der Schlaf ändert sich, natürlich. Denn Meditation ist ein geistiges Fasten. Erstens braucht man weniger Schlaf, zweitens kann sogar der Schlaf achtsam werden, kein Tief-, sondern Heilschlaf sein.
Wenn die Träume unangenehm sind, was häufig der Fall ist, kommt altes Unbewusstes hoch. Gute Träume oder Fantasien kommen daher, dass der Schlaf so licht ist, durch den Versuch, sich zu konzentrieren.
F: Ist die so genannte Meditationsmusik oder Musik zur Meditation eine Meditationshilfe oder abzulehnen?
A: Ich lehne sie ab. Was andere davon halten, weiß ich nicht. In der Buddha-Lehre ist die Meditation dafür gedacht, in die meditativen Vertiefungen zu gehen, was nicht möglich ist, wenn man dabei Musik hört. Es ist schlimm genug, dass man seinem eigenen Geist zuhören muss. Musik wird vom Buddha als Sinneskontakt angesehen.
Ruhe und Einsicht sind die beiden klassischen Ziele und Richtungen der Meditation. Sie sind durch Achtsamkeit und Konzentration zu erlangen. Einfacher kann es kaum ausgedrückt sein. Diese vier Worte können wir uns leicht merken: Ruhe und Einsicht durch Achtsamkeit und Konzentration.
Musik und Tanz sind schön, haben aber nichts mit Meditation zu tun. Meditation ist still auf seinem Kissen sitzen und nach innen gehen.
F: Mir wird beim Aufstehen nach dem Sitzen oft schwindelig. Was ist dagegen zu tun?
A: Lasse dir Zeit! Mache niemals die Augen sofort auf und steh‘ rasch auf, wenn die Meditation zu Ende ist. Sondern stelle erst einmal mit geschlossenen Augen das Ende der Meditation fest. Bewege etwas den Körper, vielleicht nacheinander Arme und Hals, öffne dann langsam die Augen und schau dich um, und erst wenn das Alltagsbewusstsein wieder ganz hergestellt ist, steh‘ langsam auf. Es kann fünf Minuten dauern.
F: Kann man Dinge, die man gehabt hat, nicht leichter loslassen als Dinge, die man sich noch wünscht?
A: Ich würde sagen ja, aber ich weiß nicht, ob das bei jedem so ist. Es ist einfacher zu erkennen, dass alles, was man gehabt hat, keine Erfüllung gebracht hat. Wenn man‘s noch nicht gehabt hat – das habe ich bei vielen Menschen gesehen –, denkt man, das wäre es. Leider bedeutet das, dass der Mensch immer und immer wieder sucht. Es kann viele Leben dauern, bis man das erledigt hat, die Möglichkeiten sind ja beinahe unbegrenzt.
F: Ich habe leicht Bilder. Zum Beispiel sehe ich eine große Wasseroberfläche oder einen tiefen See, wahrscheinlich weil du das vorhin erwähnt hast. Ich habe auch den Buddha vor mir gesehen. Soll ich Bilder auch mit einem Etikett versehen und zur Seite tun?
A: Das Etikett könnte sein „Stummfilm“. Es gibt zwei Sorten Geist: den visuellen und den mathematischen, der erklärt und Geschichten erzählt. Manche haben beides, was dann schwerer fallen zu lassen ist. Beim Stummfilm ist es einfacher. Man kann ja erkennen, dass es nur eine Art Fantasie ist und ohne jeden Nutzen.
Also wie bei den Gedanken: etikettieren, fallen lassen, zurück zum Atem.
F: Auch ich habe eine Frage zu Bildern. Ich studiere Kunst, und bei mir läuft alles in Bildern ab. Wenn du die Wasseroberfläche mit Gedankenwellen vergleichst, erscheint bei mir ein so lebhaftes Bild, dass ich es auch in der Meditation nicht wieder loswerde. Ich begreife Gedanken eher über das Bild und bleibe dann immer wieder an dem Bild hängen. Das ist ein richtiger Teufelskreis.
A: Den Musikern geht es ähnlich mit dem Hören.
Was ist das stärkste Bild, das du in der Meditation hattest?
F: Eine glatte Wasseroberfläche – als Spiegel und durchsichtig bis auf den Grund.
A: Wie fühlte sich das an?
F: Schön.
A: Was ist „schön“? Schön ist eigentlich kein Gefühl.
F: Sehr vertraut.
A: Du hattest also ein angenehmes Gefühl. Kannst du dich in diese Wasseroberfläche hineinversenken, das Gefühl der Versenkung bekommen? Ja? Dann mache das.
Benutze die Wasseroberfläche als Meditationsobjekt, um zur meditativen Vertiefung zu kommen, als Beginn; dann ist das angenehme Gefühl dein Meditationsobjekt.
Was passiert dann mit dem angenehmen Gefühl?
F: Dann freue ich mich, weil es so schön ist, bis mir etwas weh tut.
A: Was machst du dann? Dich ärgern?
F: Ich weiß ja, dass beides vergeht und wiederkommt.
A: Die Freude, die da kommt, ist dein nächstes Meditationsobjekt. Beobachte sie ganz scharf, lasse dich von dem pieksenden Körper nicht klein kriegen. Dann kannst du das Gefühl, im Wasser versunken zu sein, loslassen. Es bleibt als angenehmes Gefühl im Hintergrund. Um die Freude als Meditationsobjekt beibehalten zu können, musst du die Konzentration schärfen.
Nach der Freude, wenn du dich vom Körper nicht stören lässt, kommt Zufriedenheit als nächstes Meditationsobjekt.
F: Ich weiß immer nicht, was ich mit der Freude anfangen soll.
A: Beobachten, nichts weiter.
F: Ist Imagination heilsam?
A: Das kommt darauf an, was du dir vorstellt. Wenn sie nur Fantasie ist, ist es nicht so günstig. Aber wenn es Vorstellungen sind, die dein Leben zum Guten beeinflussen können, ist sie sehr günstig. Wie gesagt: Mancher Menschen Geist arbeitet sehr visuell, die sollten sich diese Fähigkeit zunutze machen.
F: Bei mir kamen in der Meditation Bilder und Gedanken derartig schnell hintereinander, dass ich sie gar nicht mehr betrachten konnte. Ich habe mich aufs Atmen konzentriert, und da kamen blitzartig Gedanken und waren ebenso schnell wieder weg.
A: Waren keine Pausen dazwischen?
F: Erst kamen Gedanken, dann Bilder, dann konnte ich ganz kurz zur Konzentration zurückgehen.
A: Diese Schnelligkeit bringt eine gewisse Unklarheit mit sich. Lenke die klaren Gedanken auf die Pausen und versuche sie zu verlängern. Ein gewisser Druck ist dazu nötig, ein bisschen Anstrengung. Du musst dem Geist gut zureden. Einerseits kannst du es so nicht lassen, anderseits darf dieser Druck nur ganz leicht sein, sonst bekommst du Kopfschmerzen und verspannst dich.
F: Sind Erinnerungen nicht in bestimmter Weise auch Bestandteil der Gegenwart? Auf dem spirituellen Pfad zum Beispiel kommt man doch nur dadurch vorwärts, dass man sich merkt, was man erlebt. Vielleicht ist es dann kein Erinnern, sondern ein erneutes Vergegenwärtigen?
A: Ja. Man kann selbstverständlich Dinge, die man erlebt hat, wieder zu lebendiger Gegenwart machen und ein oder auch mehrere Male erneut durchleben, um sie noch einmal zu praktizieren. Das kann gerade bei der spirituellen Praxis nicht nur gut, sondern notwendig sein.
Man kann aber auch dasitzen und sich daran erinnern, was man auf seiner letzten Reise Schönes gesehen hat, kann sich die ganze Zeit mit Geschichten erzählen ablenken. Das ist Erinnerung, die nichts nutzt.
F: Ich habe noch nie lange und regelmäßig meditiert und bin nie richtig reingekommen, und dann hat sich mit der Zeit Resignation breitgemacht. Wenn ich dasitze und doch bloß denke, kann ich auch gleich aufhören zu meditieren. Ich befürchte, dass das diesmal wieder passiert.
A: Hast du jetzt gerade wieder neu angefangen?
Ja? Und wie ging es? Hast du wieder die ganze Zeit gedacht, oder war es besser?
F: Hier habe ich gespürt, dass die Energie, die von dir und der Gruppe ausgeht, hilft, sodass mehr Achtsamkeit und Wachheit da ist als sonst, wenn ich allein meditiere.
A: Geh doch wenigstens einmal die Woche zu einer Gruppe, vielleicht hilft das. Im übrigen musst du Geduld haben.
F: Meinst du denn, wenn man dasitzt und nur denkt, dass es trotzdem einen Sinn hat?
A: Ja, klar. Es ist so: Es muss immer mehr zu der Objektivität führen, das Denken zu beobachten. Dann kommt auch die Meditation. Man darf sich unter Meditation bloß nicht vorstellen, man werde in einen goldfarbenen Himmel erhoben, wo es keinerlei Leid mehr gibt und man wie ein Engel herumschwebt.
Sinn der Meditation ist nichts anderes als Klarblick.
Ist man ein Mensch, der viel nachdenkt, muss man das als Hilfe und nicht als Hindernis anschauen. Wenn du das Denken benutzt, dich sozusagen daneben stellst, es anschaust und erkennst, worum es sich handelt, kannst du erstens davon Abstand nehmen und es zweitens als vergänglich sehen. Manchmal kannst du seine Ursache erkennen, zum Beispiel bei einem Gedanken über die Zukunft. Sie kann Gier sein, Habenwollen. Dadurch erkennst du dich selbst. Du arbeitest also auf Einsicht hin. Sieh das Denken also als wertvolles Werkzeug an, um dem Klarblick näher zu kommen, und nicht als Barriere. Versperre dir nicht den Weg, sondern sei im Gegenteil froh, dass du einen denkenden Geist hast, benutze ihn aber in der richtigen Art und Weise, um tiefer zu schauen.
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