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MÄDCHENNAME
KÜSSE AUF MIRABEL

AVA LENNART
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Zoch/Kapfhamer, Ava Lennart GbR
Liesl-Karlstadt-Str. 19
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unter Verwendung eines Fotos von VeronikaCH bei iStockphoto.com und von eyewave bei Fotolia.com
Lektorat/Korrektorat: Kornelia Schwaben-Beicht, ABC-Lektorat
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
„Ich habe was gegen Millionäre, aber wenn ich die Chance hätte, einer zu werden, könnte ich für nichts garantieren.“
Mark Twain
HIGH NET WORTH INDIVIDUAL

„Vielleicht heirate ich ja auch einen Millionär?“ Julia Sandhagen schob ihren leeren Teller zur Seite und strahlte ihre Freundin Stella an.
Stella grinste. „Mach ruhig. Solange du mich auf deine Yacht einlädst, erlaube ich dir das.“ Sie freute sich, dass Julias anfängliche Trauer weg war. „Nun lies schon vor, was das für ein geheimnisvoller Job sein soll!“
Julia hob theatralisch die Brauen und las die Anzeige vor:
„Für einen langjährigen Kunden suchen wir zur Ergänzung des Teams auf einem Anwesen an der Côte d‘Azur im Zeitraum Juni bis August ein Personal Assistant, der/die auch eine zeitlich überschaubare Betreuung eines distinguierten älteren Herrn mit vorübergehender Immobilität übernimmt. Erfahrung aus der Assistenz von High Net Worth Individuals ist wünschenswert. Weiteres Personal für Reinigung, Garten etc. sind vorhanden. Die gut dotierte Position bietet sehr angenehme Arbeitsbedingungen bei erstklassiger Kost und Logis. Umfang ca. 30 Stunden bei einer 5-Tage-Woche.
Bei Interesse und Qualifikation senden Sie uns bitte Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen.“
Julia ließ den Zeitungsausschnitt sinken.
„Das ist nicht dein Ernst, Julia?“ Stella schaute sie ungläubig an. „Du bist doch Juristin! Und was um Himmels willen ist denn dieses High Net Dingsda überhaupt? Hört sich pervers an.“
Julia verdrehte die Augen. „Es heißt ‚High Net Worth Individual’. Das ist ein anderes Wort für Millionäre. Aber ich gestehe, ich musste das auch erst googeln.“ Schmunzelnd faltete Julia die Seite mit der Stellenanzeige wieder zusammen und steckte sie in ihre Handtasche.
Stella kratzte nachdenklich den Milchschaum aus ihrer Cappuccinotasse. Ihr gemeinsamer Lunch im Kölner Café Alcazar war schon beendet, und sie hätte eigentlich wieder in ihre psychotherapeutische Praxis gemusst, die sie zusammen mit ihrem schwulen Sandkastenfreund Bernd im Belgischen Viertel in Köln betrieb. Aber der unwirtliche Nieselregen vor den Fenstern, der den Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite verschleierte, hielt sie beide auf ihren Plätzen, und sie hatten sich lieber noch einen Kaffee bestellt.
Stella betrachtete ihre beste Freundin genauer. Sie hatten sich seit Monaten nicht mehr gesehen. Ihr gemeinsamer Trip in ein Wellnesshotel auf Elba lag über zwei Jahre zurück. Mehrfach hatte Julia Treffen mit ihr aus fadenscheinigen Gründen abgesagt, was Stella sehr verwundert hatte. Sie selbst, frisch verheiratet mit Steven und mit Kleinkind und Praxis viel um die Ohren, hatte sich sogar ein Wochenende freischaufeln können, um Julia in Zürich zu besuchen. Aber Julia hatte drei Tage vorher wegen eines angeblichen Fristenablaufs bei einem wichtigen Rechtsstreit abgesagt. Ein Ersatztermin war nie Thema gewesen. So war es gekommen, dass sie sich seit Stellas Hochzeit letzten Oktober, also ganze sechs Monate, nicht getroffen hatten.
Aus heiterem Himmel hatte sich Julia aber gestern gemeldet und darum gebeten, ab dem nächsten Tag bei Stella unterzukommen. Vor Freude war Stella mit ihrem glucksenden Töchterlein durch die Wohnung getanzt. Steven hatte angeboten, Antonia von der Krippe abzuholen, damit sie nach Julias Ankunft in Ruhe lunchen könnten.
Stella hatte bereits seit einiger Zeit aus der Ferne die Entwicklung ihrer Freundin kritisch beobachtet. Ihr war aufgefallen, dass Julia trotz oder gerade wegen der vermeintlich blendenden Karriere immer weniger Zeit für die schönen Dinge des Lebens zu bleiben schien.
Julia sah mitgenommen aus, obwohl sie nach Stellas Auffassung mit Überschreiten der dreißig an Attraktivität gewonnen hatte. Vor einem knappen Jahr, zu ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag, hatte sich ihre Freundin von ihrem langen dunkelblonden Haar getrennt und sich einen Bob schneiden lassen. Zum Glück waren die wunderschönen vollen Haare inzwischen wieder gewachsen.
Feine Lachfältchen um Mund und Lider unterstrichen die intelligent blickenden grauen Augen Julias. Ihr in Teenagerzeiten recht extravagantes Outfit war einem dezenteren Stil gewichen. Dies hatte auch mit ihrer beruflichen Entwicklung als Justiziarin in einem großen Schweizer Energiekonzern und ihrer Beziehung mit dem erfolgreichen Partner einer internationalen Großkanzlei zu tun. Marcus Sowieso – seinen Nachnamen konnte sich Stella noch nie merken. Julia war vor vier Jahren der Liebe wegen in die Schweiz gezogen und dort geblieben. Stella hatte ihre Freundin in Köln seitdem schmerzlich vermisst.
Bereits bei der Begrüßung war Stella der unbekannt herbe Zug um Julias Mund aufgefallen. Noch bevor der Kellner die Bestellung aufgenommen hatte, war es aus Julia herausgesprudelt.
„Stella, es tut mir so leid, dass ich in letzter Zeit so furchtbar war.“
„Furchtbar? Ich würde es eher als abwesend bezeichnen.“
„Ja, ich weiß. Es lag allein an mir. Ich würde es ja gerne auf die Arbeit schieben. Oder auf Marcus ...“
Julia runzelte bei der Erwähnung ihres Freundes derart die Stirn, dass Stella bereits ahnte, was jetzt anstand. Sie ergriff in einer tröstenden Geste Julias Hand.
Diese räusperte einen Kloß in ihrem Hals fort. „Wie du dir schon denken kannst … ich habe Marcus verlassen. Es ging einfach nicht mehr.“
Stella, die dem konservativen Marcus noch nie etwas hatte abgewinnen können, schwieg.
Julia hatte während eines Praktikums in Zürich diesen in ihren Augen wunderbaren Mann getroffen. Hals über Kopf brach sie ihre Zelte in Köln ab und zog zu ihm nach Zürich. Schon bald stellte sich heraus, dass Marcus ein sehr „einnehmendes“ Wesen hatte. Als Stella Julia auf Marcus’ krankhafte Eifersucht ansprach, zuckte diese nur mit den Schultern und behauptete: „Er liebt mich eben sehr.“
Die wenigen Male, die Stella Marcus erlebte, schürten in ihr jedoch Zweifel daran, Marcus könnte jemand anderen als sich selbst lieben. Ihrer Freundin Julia zuliebe, die so glücklich schien, hatte sich Stella jedoch jeglichen Kommentar verboten. Bevor Stella mit Steven zusammengekommen war, war sie ohnehin keine gute Adresse als Ratgeber in Beziehungsfragen gewesen – zumindest im privaten Umfeld.
Mit einer kleinen Prise Genugtuung stellte sie jetzt fest, dass ihr damaliger Instinkt sie anscheinend nicht getrogen hatte.
Julia stöhnte nur. „Vier verlorene Jahre. Vier!“ Sie vergrub kopfschüttelnd ihr Gesicht in den Händen. „Kannst du dir vorstellen, dass wir sogar eine Weile lang erfolglos versucht haben, ein Kind zu zeugen?“
Stella schaute erstaunt zu ihr hin. „Aber ich dachte, ihr hättet das Thema fallen gelassen? Ihr seid doch noch nicht mal verheiratet gewesen.“ Im selben Moment, in dem sie diese naiven Worte ausgesprochen hatte, schüttelte sie über sich selbst den Kopf, schließlich war sie auch schwanger geworden, bevor sie Steven geheiratet hatte.
Wenigstens führte diese Aktion bei Julia zu einer kurzen Erheiterung. „Ich weiß, warum du das fragst. Weil man bei einem Typen wie Marcus einfach erwartet, dass die Eheschließung vor der Zeugung erfolgt. Ganz traditionell.“
Stella nickte, während Julia verbittert aus dem Fenster in den trüben Nebel starrte und an ihrer Unterlippe nagte. „Er hat doch tatsächlich gesagt, er wollte erst mal sehen, ob ich überhaupt fruchtbar bin, bevor er mir seinen Namen gibt“, flüsterte Julia, den Blick immer noch im Nirgendwo.
Stella konnte sich ein verächtliches Schnauben nicht verkneifen.
Julia wandte sich ihr zu, ihren ansonsten schönen Mund zu einer Linie verkniffen. „Es ist alles meine eigene Schuld. Ich habe mir das viel zu lange gefallen lassen. Wer hätte gedacht, dass meine Sehnsucht nach einem Mann in meinem Leben so groß ist, dass ich mich über Jahre so demütigen lasse? Und dann noch von einem solchen Idioten! Aber damit ist jetzt Schluss!“
Rigoros hatte sie einen Schluck aus ihrem Wasserglas genommen. In diesem Moment hatte der Kellner das Essen gebracht. Wie um ihren neu gewonnenen Aktionismus zu unterstreichen, hatte Julia energisch ihr Spargelrisotto aufgegabelt.
„Und du hast ihn jetzt abgesägt?“, fragte Stella nach.
„Genau, nachdem er meine Eier mit vertrockneten Pflaumen verglichen hatte, war meine Schmerzgrenze erreicht.“
„Wie bitte? Was hat er?“ Stella ließ fassungslos die Gabel sinken.
Da brach Julia in schallendes Gelächter aus, sodass die älteren Herrschaften am Nachbartisch leicht irritiert herüberblickten. „Ja, stell dir vor! So ein Idiot!“
Stella freute sich, wie in diesem Moment die alte Julia, die sich zu Zeiten vor Marcus souverän und selbstbewusst durchs Leben bewegt hatte, wieder durchschimmerte. Dann fragte sie kauend: „Und wo wohnst du jetzt? Warum hast du mich nicht früher angerufen?“
Als sie ihre Freundin in Marcus’ Penthouse in der noblen Zürcher City zum ersten Mal besucht hatte, konnte sie zwischen dem maskulinen Chrom-Stahl-Ambiente außer einem antiken Stuhl, den Julia aus ihrer Altbauwohnung in Köln mitgenommen hatte, keine weiteren Spuren von Julias altem Leben entdecken.
Julia verzog ihr Gesicht. „Erst war ich eine Woche bei meinen Eltern. Das hat mich allerdings noch mehr Nerven gekostet, weil mein Vater überhaupt nicht verstehen konnte, weshalb ich einen so guten Fang wie Marcus einfach sausen lasse. Ich wollte dich nicht stören, weil ich weiß, du hast grad selbst so viel um die Ohren mit Praxis und Kind.“
„Spinnst du? Du bist meine beste Freundin! Für dich habe ich immer Zeit und Platz. Insbesondere, wenn du Kummer hast und nicht weißt, wohin.“
Julia sah Stella nur vielsagend an und holte aus ihrer Handtasche ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. „Das ist lieb von dir. Ich habe aber eine viel bessere Lösung. In Kürze bin ich weg. Ich verbringe diesen Sommer in Südfrankreich.“ Julia wedelte mit dem Stück Papier vor Stellas Nase herum.
„Weg? Was meinst du?“
Julia holte tief Luft. Sie entfaltete das Blatt, und Stella erkannte eine Zeitungsseite, augenscheinlich eine Stellenanzeige. „Ich habe mich auf diese Stelle hier beworben und sie – warum auch immer – bekommen. Ich werde also den Sommer an der Côte d’Azur verbringen.“ Jetzt vergnügt, blitzte Julia Stella an und tippte auf eine Anzeige an exponierter Stelle in eleganter Schrifttype.
Stella blieb der Mund offen stehen. Sie hatte tausend Fragen. „Und dein Job? Und danach? Was ist das überhaupt für ein Job?“
Julia neigte sich vor. „Mein Job in Zürich war sowieso furchtbar. Den hätte ich, genau wie Marcus, schon längst schmeißen sollen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es mir gegen den Strich ging, mich nur noch mit Strom und Gas, Kilowatt und Netzbetreibern zu beschäftigen. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Vielleicht heirate ich ja auch einen Millionär?“
Und dann hatte Julia Stella die geheimnisvolle Stellenanzeige vorgelesen.
Nachdem sie noch eine Weile in den Möglichkeiten, die ein solcher Sommer für Julia barg, geschwelgt hatten, hielt Stella plötzlich inne.
„Du weißt aber schon, dass du dir für dieses Abenteuer eine ordentliche Garderobe zulegen musst, oder?“
„Aber ich habe doch eine ordentliche Garderobe!“
Stella rollte die Augen. „Ja, klar, du hast deine Anwältinnen-Outfits. Aber das meine ich doch gar nicht.“
Julia blickte Stella stirnrunzelnd an.
„Jetzt denk doch mal nach, Julia! Du wirst in Südfrankreich sein. Mit Superreichen. Klingelt es? Cocktailpartys, Yachtausflüge, Golf-Events ...“
„Oh Gott, du hast recht!“, fiel es Julia offenbar wie Schuppen von den Augen. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Meinst du, ich muss mit den Leuten dann überall hin? Was muss ich mir denn da alles anschaffen …?“ Sie schaute Stella nachdenklich an.
Um Stellas Mundwinkel spielte bereits ein verschmitztes Lächeln. „Ich glaub, ich hab da bereits eine Idee“, sagte sie und zückte ihr Handy. „Elena kann uns sicher helfen. Sie kennt einige Jetset-Damen. Meine Schwester hat mir mal erzählt, diese Damen hätten ganze Kleiderzimmer. Und ich meine Zimmer und nicht Schränke! Ich ruf Elena mal an.“

Zwei Tage später traf Julia Elena am Friesenplatz. Elena war Stellas zehn Jahre jüngere Schwester, arbeitete als Model und sah auch an diesem Tag einfach umwerfend aus.
Das lag nicht nur an ihrer hochgewachsenen Figur, die in der schlichten schmalen Jeans und dem eng anliegenden Oberteil gut zur Geltung kam. Vielmehr hatte Elenas Gesicht eine besondere Ausstrahlung, die schwer in Worte zu fassen war. Alles schien eine Spur zu groß: die Augen, die Lippen, die Nase. Aber in der Komposition harmonierte alles zu einem stimmigen Ganzen, das insbesondere wegen Elenas natürlich melancholischen Blicks besonders anrührte. Der Modelscout, der sie, als sie gerade mal sechzehn war, in einem Drogeriemarkt angesprochen hatte, hatte dies auf den ersten Blick erfasst. Und ihr Erfolg auf internationalen Laufstegen und Hochglanzmagazinen gab ihm recht.
Julia kannte Elena schon seit deren Geburt. Schließlich hatte sie als Stellas beste Freundin deren Hand gehalten, als Stellas Mutter Katja damals mit Wehen ins Krankenhaus gerauscht war. Dennoch stand sie jedes Mal aufs Neue stumm staunend vor diesem für sie überirdisch schönen Geschöpf.
Elena hatte vor einem guten Jahr den erfolgreichen Kölner Bar- und Eventmanager Gregor de Jong geheiratet, den besten Freund von Stellas Ehemann Steven. Die Ehe schien sie noch schöner gemacht zu haben, und Elenas inneres Strahlen wärmte Julia an diesem nasskalten Nachmittag. Julia umarmte Elena herzlich.
„Hab ich Stella richtig verstanden? Du hast deinen Anwaltsberuf an den Nagel gehängt?“, fragte Elena sie als Erstes.
„Zunächst einmal. Dieser Job an der Côte d’Azur, von dem Stella dir berichtet hat, ist ja nur für diese Saison. Danach habe ich, ehrlich gesagt, überhaupt noch keine Idee, wie es weitergehen soll.“
„Also ich finde das eine klasse Entscheidung. Und sehr mutig. Komm, wir gehen zu Carmen.“
Carmen war die Gattin von Elenas Entdecker und langjährigem Agenten Manni. Sowohl Manni als auch Carmen stammten aus schlichten Verhältnissen. Ihr Sinn fürs Geschäftliche und ihr Ehrgeiz hatten beide zu einer festen Größe in der Kölner Mode- und Jetset-Szene werden lassen.
„Carmens Äußeres ist ein wenig gewöhnungsbedürftig“, warnte Elena Julia schmunzelnd vor. „Aber sie ist eine Seele von Mensch und sehr hilfsbereit.“
Als Carmen lachend die Tür aufriss und Elena in ihre Arme zog, verstand Julia sofort, was Elena gemeint hatte.
Julia schätzte sie auf Anfang sechzig, und Carmen tat wohl alles, um ihr Alter zu verleugnen. Ihr Haar war pechschwarz gefärbt und ihr solariumgegerbtes Gesicht stark geschminkt. Sie hatte gegelte Nägel mit Strassapplikationen. Julia meinte zu erkennen, dass die fuchsiarosa geschminkten Lippen verdächtig aufgepumpt waren. Carmens Outfit, das an einer Sechzehnjährigen vermutlich sexy gewirkt hätte, ließ Julia zweifeln, ob Carmen dieselbe ästhetische Wellenlänge haben würde wie sie.
Als die mit starkem kölschen Akzent sprechende Carmen sie wie eine Tochter in die Arme nahm, war Julia etwas überrumpelt. Freudestrahlend geleitete Carmen sie in ihr „Reich“, wie sie es nannte. Und Julia musste sich eingestehen, dass Stella nicht übertrieben hatte.
Carmens Ankleidezimmer war größer als Julias Wohnzimmer in der Schweiz. Auffällig waren die Ordnung und das System, mit dem die unzähligen Schuhe, Stiefeletten, Pumps, Sandälchen, Accessoires und Taschen in jeder Farbe auf der linken Seite angeordnet waren. Auf der rechten Seite hingegen fanden sich Reihen an Regalen und Kleiderstangen, die thematisch und farblich geordnete Kleidungsstücke aller Art enthielten. Julia fühlte sich fast erschlagen von der Menge.
Carmen beobachtete sie lächelnd. „Elena hat mir erzählt, du wirst den Sommer mit Millionären an der Côte d’Azur verbringen? Das ist ja so aufregend! Ich bin sicher, wir finden was für dich“, strahlte sie Julia an.
Julia musste sich erst räuspern. „Das ist unglaublich freundlich. Mein Budget ist allerdings gerade etwas eingeschränkt ...“
„Papperlapapp, Mädchen! Du musst doch nichts zahlen! Ich hab so viel Zeug. Das ziehe ich immer nur einmal an, und dann hängt es hier rum. Kann leider nix wegschmeißen. Aber es macht mich glücklich, wenn ich weiß, ein Stück kommt in gute Hände.“
Und so verging der Nachmittag wie in einer Vorher-Nachher-Show. Carmen und Elena schwirrten um Julia herum und übertrumpften sich gegenseitig mit Vorschlägen, zu welchem Anlass sie welches Outfit tragen sollte. Erstaunlicherweise waren Carmens Vorschläge alle geschmack- und stilvoll. Ein Schielen auf die Labels ließ Julia mehrmals ehrfürchtig innehalten. Konnte sie diese Preziosen wirklich annehmen?
Carmen winkte nur laut lachend ab. Julia kam sich vor wie Cinderella und konnte ihr Glück kaum fassen, als sie auch noch passenden Modeschmuck und Täschchen verpasst bekam. Idealerweise passten sogar die Schuhe.
Manni schneite zwischendurch herein und öffnete zur Feier des Anlasses eine Flasche Schampus. Sie hatten sehr viel Spaß, und Julia bedankte sich immer wieder glückselig und überschwänglich bei Carmen und Elena.
Drei Stunden später stand Julia einen Augenblick ratlos vor dem Kleiderberg, den Carmen ihr geschenkt hatte. Sie wandte sich an die Frau. „Hast du vielleicht ein paar Tüten für mich?“
Carmen lachte schallend und betrachtete sie dann schmunzelnd. „Tüten, so, so. So jung und so bescheiden.“ Immer noch vor sich hin kichernd, verließ Carmen das Kleiderzimmer und kehrte wenig später mit einem großen Rollkoffer und dem dazu passenden Handköfferchen zurück.
War das etwa die Marke, von der Julia annahm, sie war es? Sie schluckte aufgeregt. Ging das nicht langsam zu weit? Immerhin war sie eine erwachsene Frau mit einer klassischen Ausbildung. Sie sollte wenigstens die Koffer selbst bezahlen. Dumm nur, dass sie gerade ihren Job geschmissen hatte und nach dem Sommerjob noch keinen Plan hatte, wie es weitergehen sollte. Sie sollte ihr Budget zusammenhalten.
Carmen sah wohl an Julias Mienenspiel, was gerade in ihr vorging. Beruhigend tätschelte sie Julias Arm. „Spätzelein, nun mal ganz ruhig. Weißt du, wie lange diese Koffer hier schon ungenutzt herumstehen? Fünfzehn Jahre! Ich bin früher viel gereist. Aber jetzt finde ich es zu Hause in Köln eben am schönsten. Außerdem reise ich nicht gerne mit großem Gepäck. Ich kann mir ja vor Ort alles kaufen. Da reicht auch ein kleiner Koffer.“
Carmen wartete nicht auf Julias Einverständnis und begann, die Klamotten in dem geräumigen Koffer zu verstauen. Als sie fertig waren, mussten sich die beiden Frauen auf den Koffer setzen, um den Reißverschluss festzuzurren. Carmen rieb sich eine Lachträne aus den Augen. „Ach, Kinderlein, ich hatte schon lange nicht mehr solchen Spaß. Danke euch für diesen schönen Nachmittag!“
Julia kreischte. „Bist du verrückt? Ich habe zu danken“, fiel sie Carmen zum Abschied in die Arme, und auch Elena bekam eine gehörige Portion Dankbarkeit ab.
Erschöpft, aber zufrieden klingelte Julia wenig später an Stellas Wohnungstür. Stella half ihr, den großen Louis-Vuitton-Koffer in den zweiten Stock zu schleppen. Julia mochte noch gar nicht darüber nachdenken, wie sie dieses schwere Ungetüm alleine nach Frankreich bekam.
Als sie später im Wohnzimmer vor Stella und Steven die schönsten Kleider vorführte, waren alle begeistert. Und Stella wirkte ganz aufgeregt, als sie erkannte, welche Werte Carmen Julia vermacht hatte. Selbst die erst anderthalbjährige Antonia schnappte sich eine türkis-schillernde Clutch und spielte eine Weile glucksend damit.
Langsam stieg in Julia die Vorfreude auf den Sommer am Meer. „Jetzt kann es ja losgehen!“, prustete sie und warf sich lachend neben ihre Freundin aufs Sofa.
JETSET FÜR ANFÄNGER

Der Taxifahrer setzte Julia weit entfernt vom Hauptterminal am Flughafen Zürich ab. Als sie nun die Privatjets erspähte, wurde sie aufgeregt. Jetzt war es also tatsächlich so weit! Ihre Hand zitterte unmerklich, als sie den Fahrer bezahlte.
„Muss du ausgerechnet jetzt klemmen?“, schimpfte Julia, denn der Griff ihres großen Rollkoffers bestreikte sie gerade. Und sie hatte nur eine Hand frei, da sie neben ihrer Handtasche auch noch den kleineren Koffer balancieren musste. Wenig elegant und erfolglos zerrte sie am verhakten Koffergriff. Bevor jedoch ein Schaden an ihren frisch manikürten Fingernägeln entstand, entschied sie, dass es auch so gehen musste. Schließlich konnte sie nicht riskieren, dass ihr für die Reise sorgfältig ausgewähltes Business-Outfit sabotiert wurde. Wie von Zauberhand löste sich auf einmal der Griff.
„Na also, in der Ruhe liegt die Kraft“, murmelte sie. Sie straffte ihre Schultern und begab sich in den eleganten Terminal für die Privatflieger. Kaum hatte sich die Glasschiebetür hinter ihr geschlossen, eilte Stéphane Parsdorf, ein hagerer, sommersprossiger Mittvierziger, freudestrahlend auf sie zu.
„Da sind Sie ja, meine Liebe. Haben Sie es gut gefunden?“
Julia schmunzelte, als sie Stéphane begrüßte, und vermeinte ein verschmitztes Zwinkern in seinen Augen zu erkennen. Sie kannte ihn von ihrem Bewerbungsgespräch, das etwa zwei Monate zurücklag.
Die Agentur, die die Stellenanzeige geschaltet hatte, hatte ihr die Adresse von Charles de Bertrand, dem Inhaber einer der führenden Privatbanken Zürichs, mit der Bitte um äußerste Diskretion übermittelt. Stéphane Parsdorf hatte ihr die eindrucksvolle, mit geschmiedeten Ranken verzierte Tür zu dem Haus geöffnet, in dem sie sich hatte einfinden sollen.
Da sie glaubte, Charles de Bertrand gegenüberzustehen, begrüßte sie ihn lächelnd und streckte ihm die Hand hin: „Guten Tag, Herr de Bertrand. Julia Sandhagen. Wir haben telefoniert. Es freut mich, Sie kennenzulernen.“
Ein Hauch von Irritation huschte über das Gesicht des Mannes, bevor er ihr mit einem undurchdringlichen Pokerface, das eine erfolgreiche Saison in Las Vegas versprach, entgegnete: „Herr de Bertrand erwartet Sie, Frau Sandhagen. Folgen Sie mir, bitte!“
Julia schalt sich stumm. Warum hatte sie nicht daran gedacht, dass „High Net Worth Individuals“ auf jeden Fall einen Butler hatten?
Sie folgte Stéphane durch eine imposante Eingangshalle. Der Boden war mit marmornen Intarsien ausgelegt, und die hohen, mit zarten Wandmalereien geschmückten und von Säulen getragenen Decken muteten eher wie der Petersdom in Rom an als ein Zürcher Haus. Dennoch wirkte nichts überladen, sondern geschmackvoll dezent.
Stepháne öffnete eine Flügeltür auf der anderen Seite der Halle und ließ Julia höflich den Vortritt. Sie betrat ein modernes, sehr maskulin eingerichtetes Arbeitszimmer. Linkerhand stand eine nüchtern wirkende Sitzgruppe aus Chromstahl und schwarzem Leder. Eine Längsseite des Raumes zierten Aktenschränke. Der einzige bunte Farbfleck des Zimmers war ein großes, gerahmtes Foto von einer mediterranen Villa auf der der Tür gegenüberliegenden Seite. War dies das Haus in Südfrankreich? Beim zweiten Hinsehen bemerkte sie, dass es sich nicht um ein Foto, sondern um ein sehr realistisches Gemälde handelte. Das Bild strahlte eine heitere, friedliche Stimmung aus.
Vor der Fensterfront, die den Blick auf den nahen See öffnete, stand ein Glasschreibtisch, der ebenfalls von Chromträgern unterbaut war. Auf mehreren Monitoren auf einem seitlichen Tisch erkannte Julia Diagramme von Börsenbewegungen.
Hinter dem Schreibtisch saß ein älterer Herr, den Julia auf etwa sechzig schätzte. Er trug einen dunklen, sicher maßgeschneiderten Anzug und wirkte äußerst gepflegt. Sein graues, noch volles Haar war akkurat geschnitten und von einem scharfen Seitenscheitel unterteilt. Sein Aussehen erinnerte Julia an Cary Grant. Charles de Bertrand hob bei ihrem Eintreten mit der Bitte um ein wenig Geduld die Hand. Er tippte rasch etwas in einen der Computer ein.
Dann schaute er sie an. Die jung gebliebenen Augen, die Julia freundlich ansahen, und die schlanke Figur ließen sie darauf schließen, dass Charles de Bertrand in seiner Jugend ein umwerfend attraktiver Mann gewesen war. Charmant war er immer noch.
„Frau Sandhagen. Wunderbar, dass Sie kommen konnten. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Stéphane Parsdorf, meinen Assistenten, haben Sie ja bereits kennengelernt. Wie Sie sehen, bin ich etwas indisponiert, ansonsten hätte ich mich selbstverständlich erhoben.“ Charles de Bertrand deutete auf den Rollstuhl, in dem er saß. „Ein dummer Sportunfall. Nichts von Dauer, aber äußerst lästig im Alltag.“
Er legte seine Fingerspitzen aneinander und musterte Julia, die ihn ebenso höflich begrüßt hatte, interessiert. „Ich lese aus Ihrer Vita, dass Sie eine recht erfolgreiche Anwältin waren. Warum möchten gerade Sie diesen Job als meine Assistentin?“
Julia hatte sich im Vorfeld verschiedene Versionen als Antwort auf diese Frage, die unweigerlich kommen musste, zurechtgelegt. Sie war dennoch verblüfft, dass der Mann das Gespräch damit eröffnete. Letztlich entschied sich Julia für die Wahrheit. Gerade das stetige Taktieren, das von einer Juristin erwartet wurde, war sie leid. Mit einem kurzen Seitenblick auf Stéphane, der sich seitlich vom Schreibtisch auf einem freischwingenden Designerstuhl postiert hatte, beantwortete sie die Frage daher recht nüchtern.
„Es war einfach Zeit für einen Wechsel.“
Die knappe Aussage schien de Bertrand zu gefallen zu, denn er ließ das Thema ruhen. „Sprechen Sie Französisch?“, fragte er stattdessen auf Französisch.
Julia, die während ihrer Tätigkeit in der Schweiz hauptsächlich Großkunden aus dem französischsprachigen Raum betreut hatte und ihre Sprachkenntnisse deshalb hatte perfektionieren können, wechselte mühelos ebenfalls ins Französische.
Charles de Bertrand berichtete ihr, das Haus Mirabel an der Côte d’Azur befände sich schon lange im Besitz der Familie seiner Frau, und er würde seit seiner Verlobung dort die Sommer mit seiner Frau Inès verbringen. Er deutete mit der Hand auf das Bild der Villa und bestätigte Julias anfängliche Vermutung, dass dies ihr Wohnsitz für den Sommer sein könnte. Ihr Blick heftete sich auf die Blumen und die blauen Fensterläden, was eine unerklärliche Sehnsucht in ihr auslöste. Als würde das Haus sie rufen. Als sie sich Charles wieder zuwandte, sah dieser ihrem Gesicht wohl an, dass sie diesen Job wirklich wollte. Er lächelte nur und fuhr fort.
„Dieses Jahr will ich meinen fünfundsechzigsten Geburtstag dort groß feiern.“
Julias Bemerkung, sie hätte ihn jünger geschätzt, nahm er erfreut hin.
„Stéphane hat in der Regel den Sommer über frei und ist auch dieses Jahr familiär verplant. Ich habe mich erst kürzlich entschieden, meinen Geburtstag so groß zu begehen. Ohne Assistenz geht es daher nicht.“
Stéphane schüttelte bei diesen Worten betrübt den Kopf.
„Ausgerechnet jetzt bin ich durch den Sportunfall zusätzlich eingeschränkt. Aber keine Sorge, ich brauche keine Pflege. Ich kann sogar laufen, soll mein Bein aber schonen. Der Job beinhaltet nur leichte organisatorische Aufgaben einer Assistentin. Eventuell Unterstützung bei der Planung der Feier. Obwohl sich selbstverständlich eine renommierte Eventagentur aus Paris um die komplette Organisation kümmern wird.“
Julia hörte interessiert zu und konnte bislang keinen Grund erkennen, weshalb sie den Job ablehnen sollte. Insbesondere die auf das Wesentliche reduzierte Art Charles de Bertrands beeindruckte sie.
„Und ich spiele mit dem Gedanken“, fuhr de Bertrand leise fort, „einige Ereignisse aus meinem Leben aufzuschreiben. Und ich gehe davon aus, dass Sie sicher im Umgang mit der deutschen Sprache sind und meine Erzählungen in eine gute Form bringen können.“
Das wurde ja immer besser! Sie liebte es, Texte zu verfassen, die aber nach ihrem Geschmack immer etwas zu sachlich bleiben mussten – berufsbedingt. Hier bekäme sie die Chance, ihre Leidenschaft auf einer ganz anderen sprachlichen Ebene auszuleben.
Freudig nickte sie. „Ja, das wäre kein Problem.“
„Das Gehalt ist recht bescheiden. Sie bekommen dafür aber freie Kost und Logis. Und für die Reise werden Ihnen keine Kosten entstehen.“ Charles de Bertrand kritzelte eine Zahl auf einen Zettel, faltete diesen und reichte ihn Julia.
Als sie den Betrag las, den er als monatliche Vergütung ihrer Tätigkeit vorgesehen hatte, stockte ihr kurz der Atem. Die Zahl reichte an ihr Einkommen als Anwältin für eine Sechzigstundenwoche heran. Sie runzelte die Stirn. Vielleicht hatte sie etwas falsch verstanden und ihre Assistenz sollte auch die Erfüllung von erotischen „Sonderwünschen“ umfassen?
Als sie Charles de Bertrand anblickte, schien dieser ihren Gedankengang erraten zu haben. Amüsiert lächelnd lehnte er sich zurück und ließ sie augenscheinlich schmoren, um zu beobachten, wie sie eine entsprechende Frage formulierte.
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Charles de Bertrand blickte Richtung Eingang.
„Ah, das wird mein Sohn Philippe sein. Das ist hervorragend, so können Sie ihn gleich kennenlernen, Frau Sandhagen. Er wird den Sommer über ebenfalls oft auf Mirabel sein.“
Julia drehte sich leicht in ihrem Stuhl und erblickte im Türrahmen einen hochgewachsenen blonden Mann, der Charles de Bertrand wie aus dem Gesicht geschnitten war. Hätte er nicht ebenfalls einen eleganten, aber konservativen Anzug getragen, hätte Julia ihn für ein Model gehalten. Er kam auf sie zu, und Julia erhob sich. Seine blauen Augen richteten sich fragend auf sie, und als er ihr die Hand gab, bemerkte sie ein kleines Grübchen auf seinem Kinn.
Charles de Bertrand begrüßte seinen Sohn: „Philippe, schön, dass du kommen konntest. Darf ich dir Julia Sandhagen vorstellen? Sie ist eine der Bewerberinnen für diese Stelle, die ich über die Agentur ausgeschrieben habe. Von Haus aus ist sie Juristin, und ich frage mich, ob sie für diese Tätigkeit nicht überqualifiziert ist.“
Philippe de Bertrand, dessen warme, kräftige Hand Julias anscheinend nicht loslassen wollte, grinste. „Und da komme ich gerade recht, um dir diese zauberhafte Person einzureden? Das glaube ich nicht, Vater. Gib es zu, du hast dich längst für sie entschieden.“
Julia stieg vor Verlegenheit eine leichte Röte in die Wangen. Gleichzeitig hatte sie keine Lust, sich wie ein kleines Mädchen behandeln zu lassen, und entzog Philippe de Bertrand energisch ihre Hand.
„Es gibt noch eine klitzekleine Ungereimtheit wegen der Höhe der Vergütung“, fügte Charles de Bertrand hinzu.
Ungereimtheit?, dachte Julia empört. Ein Blick in Charles de Bertrands schmunzelndes Gesicht zeigte ihr, dass er ihre Zweifel durchschaut hatte und immer noch eine Antwort von ihr erwartete. Na warte, dachte Julia, dieses Spiel kann ich auch.
„Im Gegenteil, Monsieur de Bertrand, die Vergütung erscheint mir angemessen, und ich werde selbstverständlich sämtliche Ihrer Wünsche zu Ihrer vollsten Zufriedenheit erfüllen.“ Sie konnte sich einen koketten Augenaufschlag nicht verkneifen.
Charles de Bertrands jetzt doch irritierter Gesichtsausdruck, während es in ihm ratterte, ob er sie völlig falsch eingeschätzt hatte, sprach Bände. Julia biss sich auf die Unterlippe. Gleichzeitig bangte sie, ob sie zu weit gegangen war. Philippe de Bertrand und Stéphane Parsdorf beobachteten sie verwirrt. Während sie Charles de Bertrand vermeintlich cool ansah, bemerkte Julia aus dem Augenwinkel eine einsame Segelyacht auf dem See. Fuhr diese gerade mit ihren Träumen davon? Bitte, bitte nicht!!
Unvermittelt brach Charles de Bertrand in schallendes Gelächter aus. Julia entspannte sich und stieß unbemerkt die Luft aus, die sie angehalten hatte. Charles de Bertrand strahlte über das ganze Gesicht. Er wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel.
„Na, Sie sind mir aber auf die Schliche gekommen. Sämtliche meiner Wünsche. Köstlich! Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut amüsiert. Ich sehe schon, Sie sind perfekt!“ Er fasste sich. „Nein, im Ernst. Wir erwarten aufgrund unserer Stellung äußerste Diskretion. Das können wir erfahrungsgemäß nur erreichen, wenn das Gehalt stimmt. Haben Sie mich verstanden, Frau Sandhagen?“
Julia hatte mehr als verstanden. Der Sommer lag wie ein goldener Teppich vor ihr. „Sie können mich gerne Julia nennen“, antwortete sie.
Anstelle seines Vaters ergriff Philippe de Bertrand abermals ihre Hand. „Abgemacht, Julia. Willkommen im Team. Ich freue mich.“
Sein dezentes Rasierwasser sprach ihre Sinne an. Und er sah wirklich verdammt gut aus. Sie ertappte sich dabei, wie sie seine gepflegten Hände nach einem Ehering absuchte. Als sie bemerkte, wie Charles de Bertrand seinen Sohn und sie neugierig musterte, räusperte sich Julia und nahm sofort wieder eine professionelle Haltung ein.
Die eine Hand bereits über einem blinkenden Lämpchen auf seinem Schreibtisch schwebend, hatte sich Charles de Bertrand dann rasch verabschiedet. „Wir fliegen am 16. Juni. Stéphane wird Sie mit den nötigen Informationen versorgen, Julia.“
Und sie hatte nur noch freudig erregt denken können: Das war es dann wohl. Ich habe tatsächlich meinen Traumjob für den Sommer.
Und heute war es endlich so weit. Julia, die durch ihr Leben in der Schweiz den Umgang mit gut betuchten Personen gewöhnt war und schon einigen Luxus erlebt hatte, staunte beim Betreten des Privatjets. Hatte sie vorher noch gedacht, Charles de Bertrand würde wohl nicht sonderlich aus der Menge der ihr bekannten Schweizer Millionäre herausstechen, war ihr schlagartig bewusst, welches Vermögen hinter ihm stehen musste.
Im Innenraum befand sich ein komplettes kleines Wohnzimmer. Sogar ein Ölbild schmückte die Kabine. Von mehreren geschmackvollen Blumenarrangements ganz zu schweigen.
„Julia, schön, dass Sie da sind.“ Die Begrüßung durch Charles de Bertrand, der bereits in einem der bequemen Sessel saß, war sehr zuvorkommend. „Dort drüben geht es zu einem Arbeitszimmer, und hinter dieser Tür ist sogar ein Schlafzimmer “, erklärte er ihr die weiteren Räumlichkeiten seines Privatflugzeuges.
Als sich Julia kurz vor dem Start frisch machte, stand sie sprachlos vor Staunen in einem geräumigen Badezimmer mit modernster Ausstattung. Ein freundlicher Stewart wies ihr dann einen Platz auf dem beigefarbenen Sessel neben Charles de Bertrand zu. Er reichte ihr lächelnd einen Kelch mit Champagner, und Julia kam zu der Erkenntnis, dass sie sich an diesen Luxus gewöhnen könnte.
Stepháne Parsdorf verabschiedete sich. „Einen guten Sommer, Julia, ich beneide Sie.“
Mit einem freundlichen Zwinkern, das Julia wohl andeuten sollte, dass er wegen ihr erst recht zu beneiden war, prostete ihr Charles de Bertrand zu. Während der kalte Champagner auf ihrer Zunge kribbelte, setzte sich das Flugzeug in Bewegung.
Das Abenteuer konnte beginnen.
WIE IM FILM

Als der Privatjet auf dem Flughafen in Nizza aufsetzte, überkam Julia leichte Panik. War es wirklich richtig gewesen, ihrem Leben der letzten Jahre so radikal den Rücken zu kehren? Sie schloss die Augen und wäre am liebsten noch eine Weile in dem weichen Sessel sitzen geblieben, um den ersten Schritt in den neuen Lebensabschnitt ein wenig hinauszuzögern.
Vor ihr räusperte sich jemand. Als sie die Augen öffnete, blickte sie in Charles de Bertrands Augen, die sie nachdenklich musterten. Er schien auf sie zu warten. Die Maschine stand still. Julia besann sich schlagartig auf ihre Aufgabe und gab dem Stewart ein Zeichen. Gemeinsam halfen sie Charles de Bertrand aus dem Sessel.
Die Tür des Fliegers glitt nach unten und wandelte sich so in eine Treppe. Julia schlug die unvergleichliche Mittelmeerluft, leicht verfälscht durch einen Hauch von Kerosin, entgegen. Ein Range Rover mit dunkel getönten Scheiben erwartete sie.
Der Fahrer, der am Fahrzeug gelehnt hatte, straffte die Schultern, hob zwei Finger zum Gruß an seine Mütze und übernahm Charles de Bertrand am Fuße der Treppe mit einer fröhlichen Begrüßung. Dann wandte er sich Julia zu. „Bonjour, Madame, ich bin Gerard. Ich fahre Sie.“
Julia schmunzelte, weil Gerards Chauffeurs-Outfit, insbesondere die Mütze, so stilecht war, dass sie sich wie in einem Disneyfilm vorkam.
Bereits nach nur gefühlt einer Minute stoppte das Fahrzeug wieder. Julia schaute verwirrt nach draußen. Gerard hielt ihr die Tür auf. Vor ihnen stand ein kleiner Helikopter. Sie konnte nicht vermeiden, dass ihr Mund offen stand. Das wurde ja immer besser! Sie war noch nie in einem Heli geflogen, und ihr Herz schlug in Vorfreude wie bei einem kleinen Mädchen.
Nachdem das leichtere Gepäck im Helikopter verstaut war, hoben sie mit viel Getöse ab. Gerard würde den Rest des Gepäcks mit dem Auto zum Haus bringen. Julia war zuerst ein wenig mulmig, als ihr Magen Richtung Boden sackte. Dann hatte sie allerdings keine Zeit mehr, sich darüber Gedanken zu machen. Sie blickte auf das blinkende Mittelmeer, dessen spiegelglatte Fläche sich unter ihnen im Dunst verlor. Nach einem kleinen Schwenker über das Wasser flogen sie die eindrucksvolle Küstenlinie entlang. Julia konnte sich kaum sattsehen an den imposanten Villen und hellen Sandstrandabschnitten, der üppigen Vegetation und den schroffen Felsen des Hinterlandes.
Charles de Bertrand neben ihr schnalzte anfangs ein paar Mal missbilligend die Zunge und regte sich anscheinend darüber auf, welche neu errichteten Industriegebiete und Baukräne seit seinem letzten Besuch zur Verschandelung der Küste geführt hatten. „Kein Vergleich zum Flair der Sechziger- und Siebzigerjahre, junge Dame.“
Je mehr sie sich jedoch von Nizza entfernten und die sattgrünen Hügel der Côte d’Azur sichtbar wurden, hob sich seine Stimmung unvermittelt. Begierig wie ein Kind deutete er aus dem Fenster und erzählte Julia mit verträumtem Gesichtsausdruck Anekdoten zu einzelnen Hügelsilhouetten und einsamen Prachtvillen auf der Strecke.
Seine Laune steckte an, und als er plötzlich aufgeregt nach unten deutete, breitete sich unbändige Vorfreude in Julia aus. An der Küste sammelten sich recht hässliche Hochhäuser, die vereint jedoch unerklärlicherweise Eleganz ausstrahlten, um einen Yachthafen.
„Das ist Monaco, meine Liebe. Jetzt ist es nicht mehr weit. Da vorne liegt bereits Roquebrune“, erklärte ihr Arbeitgeber.
Julia blickte staunend auf die dicht gedrängten sandfarbenen Gebäude und die palmengesäumten Boulevards, die eindrucksvollen Yachten, die im Hafen lagen, und die imposante Palastanlage der Grimaldis. Das war es also: der Inbegriff von Dekadenz und Reichtum. Julia lächelte und entspannte sich. Sie hatte allmählich richtig Lust auf den Neuanfang bekommen.
Der Helikopter näherte sich dem dicht besiedelten Hügel Roquebrunes. Julia erspähte unzählige Prachtvillen, deren Swimmingpools türkis glitzernd in der Sonne lagen. Während der Pilot den Helikopter langsam über einer runden Plattform absenkte, löste sich ein junger Mann, der kaum älter als achtzehn sein konnte, von einem wartenden Golfcart und lief in leicht gebückter Haltung gegen den Wind der auslaufenden Rotorblätter auf sie zu.
„Bienvenu, Madame. Bienvenu, Monsieur de Bertrand“, begrüßte er sie und half zuerst Julia aus dem Hubschrauber.
„Ah, Pierre! Sie sind aber groß geworden.“ Erfreut ergriff Charles de Bertrand Pierres Hand und ließ sich, von ihm gestützt, zu dem Golfcart führen. Zu Julia gewandt, erklärte er: „Pierre ist der Enkel unserer Haushälterin Estelle, und ich kenne ihn schon sein ganzes Leben. Pierre, das ist Julia Sandhagen, meine Assistentin.“
Pierre nickte Julia freundlich interessiert zu. Nachdem alles verstaut war, setzte Pierre das Cart in Bewegung und sie erklommen rappelnd einen bekiesten Weg, der in sanften Serpentinen den Hügel hinaufführte.
Nach der letzten Kehre, die sich um eine eindrucksvolle Pinie wand, blieb Julia abermals vor Staunen der Mund offen stehen. Vor ihr lag ein verwinkeltes, großes Haus, das mit seinen unzähligen Balkonen, pflanzenbeschatteten Treppchen, kleinen Terrassen und Türmen wie ein kleines Schloss anmutete. Blaue Fensterläden umrahmten die unzähligen Fenster und Balkontüren. Sie erkannte das Haus vom Bild in de Bertrands Büro wieder, doch in natura wirkte alles noch viel imposanter. Julia assoziierte sofort eine Villa aus dem alten Rom. Ehrwürdig gewachsene Bäume, vornehmlich gigantische Schirmpinien, Zypressen und Palmen, warfen ihre Schatten auf einen Vorplatz. Auf der Eingangstreppe hatte sich das Personal für den Empfang des Hausherrn versammelt. Wie bei Downton Abbey, ihrer Lieblingsserie um einen englischen Landsitz, dachte Julia entzückt.
Als die Reifen des Carts im Kies knirschend zum Stehen kamen, holte Charles de Bertrand tief Luft. „Ah, tut das gut, wieder hier zu sein.“
Schon stürmte eine etwa sechzigjährige Frau auf den Wagen zu. „Oh, Monsieur Charles, wie schön, Sie zu sehen. Eine solche Freude!“, rief sie. Ihr Gesicht zeigte mütterliche Freude.
Charles de Bertrands Gesicht leuchtete ebenfalls freudig auf, und Julia vermutete, er musste sich zurückhalten, die rundliche Frau nicht zur Begrüßung in seine Arme zu schließen. Er wandte sich zu Julia. „Darf ich vorstellen, das ist Estelle. Seit ich denken kann, die gute Seele dieses Hauses. Estelle, das ist meine Assistentin für diesen Sommer – Julia. Sie spricht übrigens fließend Französisch, Sie müssen sich also nicht auf Deutsch abmühen“, zwinkerte Charles ihr vertraulich zu.
Als hätte Charles seine lange verlorene Tochter vorgestellt, umfasste Estelle Julias Hand mit beiden Händen und drückte diese herzlich. „Oui, wir haben Sie bereits erwartet und das Dahlienzimmer für Sie hergerichtet. Sie wollen sicherlich erst einmal ankommen und sich nach der Reise ausruhen.“ Freundlich zwinkerte sie Julia zu und zog sie leicht Richtung Eingang.
Julia folgte ihr verblüfft. „Ja … aber … ich muss mich um Monsieur de Bertrand kümmern.“
„Ach was, das können Sie auch später noch. Hier sind genug eifrige Helfer. Sie sollen doch ein wenig Freizeit haben.“
Julia stellte nach einem Blick über ihre Schulter beruhigt fest, wie Charles de Bertrand ihr entspannt nachwinkte. Am Eingang knickste eine junge Frau vor ihr und stellte sich als Virginie vor. Julia schätzte sie auf Anfang zwanzig.
„Ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer, Madame.“ Sie winkte Pierre. „Pierre, du holst bitte das Gepäck von Madame und trägst es ins Dahlienzimmer hoch, und sobald Gerard da ist, bringst du den Rest.“
Der Junge machte sich eifrig an seine Aufgabe. Julia fühlte sich wie in einem Traum: das Personal, der Knicks, die Kiesauffahrt. Das durfte doch alles nicht wahr sein, schmunzelte sie innerlich über diese Klischee-Wunderwelt, die ihr Zuhause für die nächsten Wochen sein sollte.
Virginie führte Julia über mehrere Treppchen und Wandelgänge zu einem Wohntrakt, der in einem ruhigen Teil des Hauses lag. Das Innere des Hauses schien vollständig modernisiert und war geschmackvoll im mediterranen Stil eingerichtet. Die Ausstattung war zu schlicht, um billig zu sein. Julia war erleichtert, dass sie weder die kühle Atmosphäre der Sechzigerjahre noch die Seidentapeten-Opulenz, die sie von einer französischen Villa an der Côte d’Azur erwartet hatte, umgab.
Julia folgte Virginie, die eine große Flügeltür geöffnet hatte und sie hineinbat. Als sie den Raum betrat, musste sich Julia schon wieder ermahnen, rasch den Mund zu schließen, der sich beim Anblick des Dahlienzimmers staunend geöffnet hatte. Das war wohl eher eine Dahlien-Suite: ein hoher Raum, der auf der gesamten südlichen Wandfläche von Terrassentüren gesäumt war, vor denen lichte Vorhänge im Wind flatterten. Vor einem der Fenster entdeckte sie einen großen Schreibtisch aus hellem Holz, auf dem ein MacBook mit Drucker stand. In der gegenüberliegenden Ecke neben der Tür lud eine Sitzkombination zum Ausruhen ein. Hinter dem Sofa hing ein großformatiges modernes Ölgemälde, das einen Dahlienstrauß andeutete.
Das Hausmädchen hatte einen großen Schrank zu ihrer Rechten geöffnet, in den eine komplette kleine Küchenzeile integriert war. „Falls Sie sich mal einen Tee machen möchten, Madame. Selbstverständlich bringen wir Ihnen alles, was Sie wünschen, auch aufs Zimmer. Was es auch sein mag. Wählen Sie die Siebzehn.“ Virginie deutete auf ein Telefon beim Schreibtisch. Schnell durchquerte sie den Wohnraum und öffnete eine weitere Flügeltür zum angrenzenden Schlafzimmer.
Julia holte tief Luft, so beeindruckt war sie. Ein Himmelbett in zarten mediterranen Blautönen nahm den halben Raum ein, und Julia hatte nicht übel Lust, wie ein junges Mädchen vor Freude darauf herumzuspringen. Vom Bett aus blickte man über die bodentiefen Fenster auf das blinkende Mittelmeer. Angrenzend erspähte Julia ein schickes Badezimmer in weiß-grauem Marmor und Glas mit einer riesigen Badewanne. Sowohl vom Bad als auch vom Schlafzimmer aus gelangte man in einen weiteren Raum, einen begehbaren Kleiderschrank. Ihr eigenes Kleiderzimmer!
Virginie hatte Julias Staunen registriert und grinste. „Wunderschön, nicht? Ich finde, Sie haben das schönste Gästezimmer im Haus“, strahlte sie Julia nicht ohne Besitzerstolz an. In diesem Moment hörten sie ein leises Klopfen. „Das wird Pierre mit dem Handgepäck sein. Soll ich Ihnen später beim Auspacken helfen, wenn Gerard mit dem großen Gepäck angekommen ist, Madame?“
Julia wurde bewusst, dass ihr Kofferinhalt den Kleiderraum gerade mal zu einem Zehntel füllen würde. Sie sandte einen stillen Dank an ihre Kölner Freundinnen Carmen, Stella und Elena, die sie immerhin mit der passenden Kleidung versorgt hatten. Da sie es nicht erwarten konnte, endlich die auf sie einstürmenden Eindrücke zu verarbeiten und allein zu sein, schüttelte sie den Kopf. „Das ist nicht nötig. Danke, Virginie.“
„Wenn Sie eine Hausführung möchten, wählen Sie bitte ebenfalls die Siebzehn, und ich komme und zeige Ihnen alles. Ansonsten gibt es um acht Uhr ein leichtes Dîner im großen Speisezimmer. Die Terrasse ist die nächsten paar Tage noch im Umbau, deswegen wird im Moment noch drinnen serviert. Soll ich Sie um kurz vor acht hier abholen und Ihnen zeigen, wo es ist?“
Julia schaute rasch auf ihre Armbanduhr. Sie hatte also noch drei Stunden Zeit für sich. Sie nickte dankbar und schloss die Tür hinter Virginie und Pierre. Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und starrte fassungslos auf ihr neues Reich. Vielleicht sollte sie sich kneifen, um aus diesem Prinzessinnentraum zu erwachen. Das war allerdings das Letzte, wonach ihr der Sinn stand.
Beschwingt machte sie sich erst einmal daran, ihren kleinen Koffer zu öffnen. Wie vermutet: Ihre wenigen Kleider würden sich in dem riesigen Raum verlieren, auch wenn sie später noch den Inhalt des großen Koffers einräumte. Als Julia ihre Zahnbürste aus ihrem Kulturbeutel kramte, bemerkte sie, dass bereits ein elektrisches Dentalcenter für ihre Mundhygiene bereitstand. Schmunzelnd ließ sie dennoch ihre Zahnbürste in das Glas auf der Marmorkonsole plumpsen, um so ihr Territorium zu markieren. Ihr Blick streifte das in die Wand eingelassene Soundsystem, das – wie Virginie ihr erklärt hatte – via Bluetooth von allen Räumen aus bedient werden konnte.
Kurzerhand streifte sie sich das Business-Outfit ab, das sie während der Reise getragen hatte, und öffnete die Glastür, die in das „Duschareal“ führte. Schmunzelnd erkundete sie die Funktionen der unzähligen Knöpfe in ihrer Dusche und gab einen spitzen Schrei von sich, als sich ein eiskalter Schwall blau illuminierten Wassers begleitet von Bossanova-Musik über ihr ergoss.
Nach der Dusche wickelte sie sich zufrieden in ein flauschiges Badetuch und wischte ausgelassen mit einem Handtuch Teile des beschlagenen Spiegels frei. Zu ihrem verschwommenen Konterfei mit Handtuchturban hauchte sie auf Französisch: „Allo, Madame! Comment allez-vous?“
„Mir geht es sehr gut!“, antwortete sich Julia, tanzte Richtung Himmelbett und gab endlich dem Drang nach, sich darauf zu werfen. Sie war allerdings zu aufgeputscht, um dort liegen zu bleiben, und sprang nach wenigen Minuten wieder auf.
Inzwischen stand ihr anderer Koffer auch im Kleiderzimmer. Gut gelaunt verstaute sie jedes einzelne Teil auf Bügeln und Regalen. Wie erwartet, blieb noch viel Platz für ausgiebige Shoppingtouren in Monaco. Sie konnte ja schließlich nicht ihr ganzes Gehalt für Notzeiten zurücklegen. Überwältigt von Carmens Kleidervielfalt verweilte sie einen Moment ratlos vor dem Regal. Dann entschied sie sich für ein zart geblümtes Sommerkleid und eine leichte Strickjacke. Prada las sie auf dem Etikett. Wie weich sich der Stoff anfühlte. Kein Vergleich mit ihren üblichen Sachen.
Sie drehte sich um und staunte über ihr Abbild im Spiegel. Das Kleid endete knapp über ihren Knien. Der geblümte leichte Stoff war fast transparent und ließ ihre durch das eng anliegende Unterkleid geformte Figur im Gegenlicht erahnen. Die geflochtenen Spaghettiträger brachten ihr schönes Dekolleté zur Geltung. Wer hätte gedacht, dass sie so sexy aussehen könnte? Na, ja, ein wenig Sonnenbräune könnte nicht schaden. Julia konnte dem Drang nicht widerstehen, sich einmal um ihre eigene Achse zu drehen, um das Schwingen des Kleides auszulösen.
Vergnügt trat sie mit nackten Füßen auf ihre Terrasse an das von der Juni-Sonne erwärmte Steingeländer. Während sie ihr feuchtes Haar kämmte, bewunderte sie die grandiose Aussicht auf das Mittelmeer. Eine stattliche Anzahl von großen Yachten dümpelte vor der Küste. Einzelne Wellenkämme blinkten in der Sonne. Ein hellblaues Glitzern durch die Pflanzen zu ihrer Linken ließ Julia vermuten, dass sich dort der Swimmingpool befand.
Julia sog tief die nach Rosmarin und Pinien duftende Luft ein und genoss die friedliche Spätnachmittagsstimmung. Sie schloss lächelnd über ihr Glück die Augen und konnte es gar nicht erwarten, ihrer Freundin Stella von allem zu berichten.
DER GÄRTNER IST IMMER...

„Mathieu? Mathieu?!“
Julia beugte sich leicht vor und sah Pierre unter sich. Die Hände zu einem Trichter geformt, wiederholte er sein Rufen. „Mathieu, wo bist du denn?“
„Hier unten!“, antwortete eine tiefe Stimme aus dem dichten Buschwerk unterhalb Julias Terrasse.
Pierre hastete auf einem Pfad aus Steinplatten, der von hohem Gras fast überwuchert war, in Richtung der Stimme. Ob dieser Mathieu der Gärtner war? Er musste ein rechter Faulpelz sein.
Julia starrte stirnrunzelnd auf die struppigen Oleanderbüsche, zwischen denen Pierre verschwunden war. Der Garten machte, im Gegensatz zum Haus, einen eher ungepflegten, fast verwilderten Eindruck. Aber gerade diese Wildheit des Gartens erweckte in ihr den Entschluss, das Areal zu erkunden.
Sie zog rasch weiße Stoffschuhe an und verließ ihr Zimmer. Vor der Tür musste sie sich erst einmal orientieren, aus welcher Richtung sie zuvor mit Virginie gekommen war. Leichtfüßig sprang sie eine Wendeltreppe aus Stein hinab, die auch tatsächlich in den Garten mündete. Sie befand sich unterhalb ihrer Terrasse an der Stelle, an der sie Pierre hatte rufen hören. Zufrieden folgte sie dem Pfad der Steinplatten und fühlte sich ein wenig wie Alice im Wunderland.
Als sie den Weg ein paar Meter gegangen war, kam ihr Pierre entgegen. Er hatte den Gärtner Mathieu anscheinend gefunden, befand sich auf dem Rückweg und nickte ihr kurz zu.
An der nächsten Weggabelung stand Julia tatsächlich vor einem Swimmingpool. Wie alles im Garten wirkte auch dieser leicht vernachlässigt. Das Becken war sicher zwanzig Meter lang, und einige der hellblauen Fliesen am Boden waren gesprungen. Das Wasser erschien allerdings klar und wurde offensichtlich gereinigt. Auf einer verwitterten Holzterrasse stand etwa ein halbes Dutzend verblichener Holzliegen. An der gegenüberliegenden Seite des Pools sah Julia ein einstöckiges Gebäude mit Flachdach, das sich als Poolhaus entpuppte, das Waschräume und Umkleidekabinen beherbergte. Flauschige Badetücher und -mäntel warteten auf Schwimmer. Aber auch hier herrschte ein eher gestriger Charme vor, wie Julia bei ihrer Inspektion feststellte.
„Merkwürdig“, murmelte sie.
Sie drehte sich um. Das Haupthaus war von hier aus betrachtet fast vollständig von Bäumen verdeckt. Wenn sie wie jetzt rechts vom Poolhaus stand, konnte sie gerade noch eine kleine Ecke des Geländers einer Terrasse ausmachen, und Julia nahm an, dass es sich um ihre vor dem Dahlienzimmer handelte. Rechts vom Poolhaus führte ein weiterer Pfad mit Steinplatten in die Büsche.
Neugierig setzte Julia ihre Erkundungstour fort und passierte einen kleinen Gartenschuppen. Die in den Weg ragenden Zweige eines Feigenbaumes drückte sie zur Seite, dann bog sie in einen von einer Hecke umgebenen, leicht verrotteten Tennisplatz ohne Netz ein. Büschel von Unkraut hatten sich ihren Weg durch die vormals rote Asche zurückerobert. Tennis spielte hier wohl auch seit langer Zeit niemand mehr.
„Das ist mir gleich, Antoine. Ich brauche die Lieferung spätestens morgen Vormittag.“
Julia fuhr herum: Sie war nicht allein. Mit dem Rücken zu ihr nahe bei der Hecke stand ein schlanker Mann, der mit der einen Hand ein Handy ans Ohr hielt und sich mit der anderen Hand heftig durch braune halblange Locken fuhr. Er trug eine mit Erde verschmutzte Jeans und ein verblichenes olivfarbenes T-Shirt, das im Rücken eine Schweißspur aufwies. Seine Füße steckten in einer Art Bergsteigerstiefel. Neben dem Mann lagen eine Spitzhacke und ein Eimer.
Julia wusste nicht, weshalb, aber sie konnte den Blick kaum von seinen breiten Schultern und der feuchten Spur, die sich vom Nacken bis zum Hosenbund zog, abwenden. Obwohl sie sein Gesicht noch nicht gesehen hatte, strahlte er eine enorme männliche Präsenz aus: Typ kerniger Naturbursche. Fasziniert starrte sie auf die definierten, braun gebrannten Unterarme und registrierte, wie perfekt die Jeans um seine Hüften saß.
Ihr Herz klopfte aus unerfindlichen Gründen heftiger, als es in einer solchen Situation notwendig war. Der Mann – er mochte ungefähr vierzig Jahre alt sein – wandte ihr nun sein Profil zu, während er mit unzufrieden gekräuselter Stirn in sein Telefon lauschte. Er schien sie immer noch nicht bemerkt zu haben.
Die Nachmittagssonne tauchte die ganze Szenerie in ein fast kitschiges orangenes Licht.
„Ich meine es ernst, Antoine. Das ist ein wichtiger Auftrag. Vermassel es mir nicht.“
Der unfreundliche Gesichtsausdruck, den er dabei aufsetzte, tat seinem guten Aussehen keinen Abbruch. Seine Stimme war trotz seines offensichtlichen Ärgers angenehm und tief und brachte Julias Sinne zur höchsten Anspannung.
Julia folgte mit den Augen der markanten Linie seiner Wange und registrierte seinen leichten Bartschatten. Der Mann hatte etwas Herbes, Ungebändigtes an sich. Die Nase war ein wenig zu groß, das Kinn schroff, die Lippen ausdrucksstark und jetzt, wo er offensichtlich schlechter Stimmung war, an der ihr zugewandten Seite fast abweisend hochgezogen. Aus demselben Grund war seine Stirn gefurcht.
Sein ganzes Äußeres strahlte Ablehnung aus.
Sein ganzes Äußeres zog Julia magnetisch an.
Irgendwie kam ihr seine Kinnpartie vage bekannt vor. Bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, beendete der Mann sein Telefonat und bemerkte, wie Julia ihn anstarrte. Julia zuckte ertappt zusammen und spürte zu ihrem Ärger, wie Hitze in ihre Wangen stieg. Zugleich schossen ihr tausend Gedanken durch den Kopf.
Wie lange sie ihn wohl so angegafft hatte? Was musste er von ihr denken? Ob das der Gärtner war? Wie hieß er noch mal? Ah, Mathieu. Was für eine Lieferung? Handelte der mit Drogen? Dürfen Gärtner so gut aussehen? Kernig. Männlich. Oh Gott, Julia, sag doch was! Plötzlich schienen ihre Französischkenntnisse zu versagen.
Als hätte der Gärtner ihre Gedankensprünge an ihrem Gesicht ablesen können, begann er, zu grinsen. Er nahm seine Spitzhacke auf und stützte sich auf deren Stiel, während er unverhohlen zurückgaffte. Er musterte sie von oben bis unten und zog sie mit seinem Blick förmlich aus. Ihr wurde heiß.
Oh weh, dachte Julia. Wie megapeinlich! Gleichzeitig fiel ihr auf, wie schön sein Mund wurde, wenn er lächelte. Das Lächeln glättete auch die Zornesfurche zwischen seinen Brauen, und Julia war von dieser Wandlung seiner Gesichtszüge hingerissen. Sie spürte einen impulsiven Drang, mit den Fingern seine Lachfältchen links und rechts des Mundes zu erkunden. Als seine eindringliche Inspektion endlich ihre Augen erreicht hatte, wurde es einen Moment ganz still in ihr. Sie versank in seinen schönen Augen und war gefangen von dem Gefühl der Nähe, das dieser Blick auslöste. Dann mahnte sie eine innere Stimme, sich nicht völlig lächerlich zu machen.
Julia räusperte sich. „Bonsoir, Monsieur“, fiel ihr als einzig sinnvoller Satz ein.
An seinem amüsierten Schnauben bemerkte sie, wie läppisch der Satz in dieser seltsamen Situation klang. Dann verflog sein Lächeln.
„Bonsoir, Madame“, entgegnete er, nahm den Eimer auf und wandte sich schon halb ab, um den Tennisplatz zu verlassen.
Leichtes Bedauern stieg in Julia auf. Sie wollte nicht, dass er ging.
„Ich bin Julia. Ich wohne im Haus“, brach es atemlos aus ihr heraus, während sie mit einer vagen Geste Richtung Villa fächelte. Spontan zückte sie ihre Hand zur Begrüßung.
Der Mann hielt inne und drehte sich ihr zu. Zögerlich stellte er seinen Eimer wieder hin und wischte seine rechte Hand an seiner Jeans ab, ohne den Blick von ihren Augen zu lassen.
Seine Augen waren braungrün und von dichten dunklen Wimpern umrahmt. Sein Blick sog Julia in unergründliche Tiefen, und ihr Herz begann, aufgeregt zu flattern. Als seine Hand ihre umfasste, blinzelte Julia, so sehr genoss sie seine körperliche Wärme. Dabei war es ein lauer Spätnachmittag. Von Nahem machte sie einzelne silbrige Fäden, die sein Haar durchzogen, aus. Der Druck seiner Hand war kräftig, doch ließ er sie abrupt los, so, als hätte er sich verbrannt.
„Mathieu. Ich mache den Garten“, erwiderte er kurz angebunden und betrachtete nachdenklich seine Hand.
„Ich weiß“, konnte Julia nur sagen.
Mathieus Augen verengten sich kurz, dann tippte er noch einmal grüßend an die Stirn und verließ den Tennisplatz.
Als seine Schritte verklungen waren, löste sich Julia aus ihrer Starre. Sie vergrub stöhnend ihr Gesicht in den Händen.
„Oh, Julia. Bist du vierzehn oder was?“, schalt sie sich halblaut. Ärgerlich kickte sie einen Kieselstein über den Tennisplatz. Dann wurde ihr bewusst, was gerade mit ihr geschehen war. Oh Mann! Gab’s so etwas wirklich? Sie starrte auf einige Erdkrümel, die seine Berührung auf ihrer Hand zurückgelassen hatte. Sie schienen kostbarer als Gold.
Ein jubelndes Gefühl wärmte unvermittelt ihre Brust, und sie lief den Plattenweg zurück. Sie musste Stella unbedingt sofort alles erzählen. Alles. Auch, dass sie sich gerade in den gut aussehenden Gärtner verknallt hatte.

Als Mathieu seine Arbeitsutensilien auf der Ladefläche seines Lieferwagens verstaute, dachte er immer noch über die merkwürdige Begegnung mit dieser Frau nach.
Gerade hatte er sich noch über Antoines Schusseligkeit geärgert. Er hatte seinem Gehilfen ausdrücklich die Anweisung gegeben, für heute Nachmittag Natursteinblöcke für den Bau neuer Mauereinfassungen zu bestellen. Dieser Träumer hatte sich jedoch in den Daten um eine Woche vertan. So lohnte sich der Beginn der weiteren Arbeiten jedoch nicht, sodass Mathieus Zeitplan gefährdet war. Und die Hauptterrasse musste auch so schnell wie möglich fertig werden, denn die Hausgäste waren heute angereist.
Dies war der erste richtig große Auftrag in dieser Reichengegend, der hoffentlich viele andere nach sich ziehen würde, wenn er ihn zufriedenstellend abschloss. Er durfte sich keinen Fehler erlauben, hatte er gedacht.
Im nächsten Moment hatte er sich von dieser schönen Frau angestarrt gefühlt. Ihre Verlegenheit, als er sie dabei ertappte, war so entzückend. Die hektische Röte, die in ihre Wangen gestiegen war, und das Zittern ihrer Stimme ließen sie wie ein Backfisch wirken. Zugleich strahlte sie die erotische Souveränität einer erwachsenen Frau aus, die in Mathieu lang verschüttetes Begehren weckte.
Er betrachtete ihre schmalen Fesseln in den flachen Turnschuhen, in deren Verschnürung sich ein Oleanderblatt verfangen hatte. Er registrierte, wie sich die Rundung ihrer Hüfte unter dem durchsichtigen geblümten Kleid andeutete. Ihre feuchten Haarspitzen, anscheinend frisch gewaschen, hinterließen einen schimmernden Film an ihren nackten Schultern. Er konnte unwirklich deutlich kleine Härchen im Gegenlicht ausmachen, die auf den Spitzen einer leichten Gänsehaut an dieser Stelle saßen. Dann heftete er seinen Blick endlich auf ihre grauen Augen, die seinen eindringlichen Blick ruhig erwiderten. Sofort machte sich ein merkwürdiges Ziehen in seiner Brust breit und fand seinen Weg in seine Lendengegend. Unmerklich wechselte er seine Haltung, um die peinliche Erregung, die ihn erfasst hatte, zu verbergen.
Er war so fasziniert gewesen von ihrem Anblick – und dann brachte ihn ihr förmlicher Gruß auf den Boden der Tatsachen zurück. Er hatte seinen Job zu erledigen und sonst nichts. Warum nur hatte sie ihn daraufhin nicht einfach gehen lassen können? Allein schon ihre Betonung, sie sei ein Hausgast, ließ ihn sich besinnen, dass ihre Welten meilenweit auseinanderlagen. Sie war augenscheinlich eine dieser reichen Tussis, die den Sommer über das wilde Leben an der Küste verbrachten. Ohne Gedanken an ihr Auskommen oder an Konsequenzen. Von solchen Frauen hatte er definitiv die Nase voll. Aber ihr Duft fand seinen Weg aus ihrem feuchten Haar in seine Nase.
Plötzlich war er zutiefst beunruhigt. Was wollte sie nur von ihm? Suchte sie einen kernigen, hart arbeitenden Typen, der sich von den verweichlichten Superreichen unterschied, als Bettgenossen für die Saison? Nein, danke. Nicht mit ihm. Nicht noch einmal.
Trotz seiner Abscheu bei diesem Gedanken regte sich unwillkürlich Verlangen in ihm. Nur widerwillig ergriff er ihre Hand, war er sich doch seiner erdigen Hände bewusst. Sie hatte ungewöhnliche graue Augen, die ihn magisch anzogen. Von ihrer Berührung stieg ein starkes Kribbeln in seine Hand, das unerträglich war. Er konnte sich einen Augenblick lang nicht entscheiden, ob er dem übermächtigen Drang, sie ganz nah zu sich zu ziehen, nachgeben sollte. Vor Schreck über diesen Impuls ließ er ihre weiche Hand abrupt los. So nah bei ihr hatte er den erregten Pulsschlag an ihrem Hals wahrnehmen können.
Das muss enden. Sofort!, war ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen.
Also war er gegangen.
Während er sich anschnallte und losfuhr, überdachte er stirnrunzelnd ihren letzten Satz.
„Ich weiß“, hatte sie gesagt.
Was sollte das bedeuten? Was wusste sie denn über ihn?
„Gar nichts!“, schnaubte er seinem Augenausschnitt im Rückspiegel zu. Am besten, er vergaß diese Begegnung, entschied er, als er sich mit seinem Wagen langsam die Serpentinen gen Meer hinunterschlängelte.
DAS SCHWEIGEN

Am nächsten Morgen erwachte Julia früh. Obwohl sie sonst keine Frühaufsteherin war und es liebte, vor sich hinzudösen, war sie heute schlagartig hellwach. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr: Es war erst sechs Uhr. Ob das an den Austern liegt?, grübelte sie vor sich hin.
Am Abend hatte sie mit Charles de Bertrand in einem der Speisezimmer ein leichtes mediterranes Dîner eingenommen. Zur Einstimmung – wie hätte es auch anders sein sollen – reichte die Küche eisgekühlte Austern. Dazu gab es einen exzellenten Perrier Jouët, mit dem Julia den Geschmack nach Meer herunterspülen konnte.
Julia betrachtete bewundernd die im Jugendstil verzierte Champagnerflasche, als Virginie ihr nachschenkte. Die Austern waren hervorragend, und Julia hatte einige davon geschlürft.
„Julia, erzählen Sie mir doch bitte von sich.“
Julia wand sich innerlich. Sie mochte ihren Arbeitgeber, fand es aber nicht angebracht, ihm ihr Privatleben zu offenbaren. Insbesondere, dass es so glorreich in Scherben hinter ihr lag. Leider fiel ihr auf die Schnelle kein interessantes, aber unverfängliches Thema ein.
„Nun, Monsieur de Bertrand, ich bin in Köln aufgewachsen ...“
Er lachte laut auf. „Charles“, sagte er. „Nein, ich meine etwas, was ich nicht Ihrem Lebenslauf entnehmen kann.“
Julia strich nachdenklich über den Stiel ihres Champagnerkelches.
„Gibt es denn keinen Mann, der sich nach Ihnen sehnt, wenn Sie den Sommer über mit einem alten Mann in Frankreich verbringen?“
„Also, ich ... da gab es bis vor Kurzem jemanden. Er war auch der Grund, weshalb ich in Zürich gewohnt habe. Aber das ist vorbei, und ich lebe derzeit bei meiner Freundin Stella und ihrer Familie in Köln. Und ich wäre Ihnen mehr als dankbar, nicht über diesen Mann sprechen zu müssen.“
Charles zog fragend seine Brauen hoch.
„Der Kerl hat Sie doch nicht etwa schlecht behandelt? Dann müssen Sie mir sagen, wer es ist, und ich schwöre, er wird die längste Zeit in Zürich glücklich gewesen sein.“
Er blickte so ernsthaft, dass Julia darüber nachsann, ob er tatsächlich so mächtig war, Marcus’ Zukunft zu beeinflussen. Kurz war sie versucht, Charles’ Angebot zu überdenken. Aber, wie sie bereits Stella versucht hatte zu erklären, traf Marcus nicht alleine die Schuld daran, dass Julia sich am Ende klein gefühlt hatte. Außerdem war sie nicht auf Rache aus. Sie wollte diesen Sommer nutzen, so rasch wie möglich zu vergessen. Und wenn alle Tage so würden wie der erste, würde ihr das auch ohne Zweifel gelingen.
„Danke für Ihr Angebot, Charles, aber das wird nicht nötig sein. Was sind das eigentlich für wunderbare Blumen?“ Julia deutete auf eine hohe Vase mit auffallend exotischen Blumen, deren Blüten orange und blau auffächerten und die fast wie ein Vogelkopf anmuteten.
Charles ging grinsend auf ihre eindeutigen Hinweis, das Thema zu beenden, ein. „Das sind Strelitzien. Sie wuchsen auch mal hier im Garten beim Pool. Aber das ist lange her.“
Einen Moment verlor sich Charles in Gedanken. Keine angenehmen, wie Julia aus seiner gerunzelten Stirn schloss. Dann besann er sich wieder auf seinen Gast und hob ein weiteres Mal sein Glas.
„Sie werden sehen, Julia, auf Mirabel heilen alle Wunden schneller als anderswo.“
Lächelnd stießen sie ihre Gläser aneinander.
Der weitere Abend verging mit angeregter Plauderei wie im Flug. Erleichtert stellte Julia fest, dass Charles ein unkomplizierter und interessierter Gesprächspartner war. Er unterließ jeden weiteren Versuch, Julia über ihr Privatleben auszuhorchen. Was sie sehr erleichterte. Wobei sie selbst darüber grübelte, ob sie derzeit überhaupt ein von der Arbeit getrenntes „Privatleben“ hatte.
Das Essen war wirklich köstlich, und Julia, leicht euphorisiert vom Alkohol und den Eindrücken des Tages, genoss den Abend in vollen Zügen. Charles zog sich recht bald zurück, und auch Julia war froh, in ihrem Dahlienzimmer Ruhe zu finden. Nach dem Zähneputzen stand sie noch eine Weile auf ihrer Terrasse und schaute auf die glitzernden Lichter an der Küste und die Boote auf dem Meer. Hoch über ihr bildeten unzählige Sterne eindrucksvoll die Milchstraße. Julia stand dort, den Kopf in den Nacken gelegt, und betrachtete die flimmernden Konstellationen.
Das unvermittelt einsetzende Rauschen der Bewässerungsanlage für den Garten hatte sie an Mathieu denken lassen, und mit einem stillen Lächeln hatte sie sich wenig später glücklich in ihr Himmelbett gekuschelt. Wenn alle Tage dieses Sommers so werden wie dieser ..., hatte sie noch kurz gedacht, bevor sie eingeschlafen war.
Obwohl es noch sehr früh war, sprang Julia energiegeladen aus dem Bett, um gleich darauf ein wenig ratlos in ihrem Schlafzimmer herumzustehen. Was sollte sie jetzt tun? Ihre Arbeit mit Charles würde nicht vor zehn Uhr beginnen. Dann kam ihr ein Geistesblitz. Sie würde die Zeit nutzen, um Sport zu treiben. Genau das, was sie während ihrer zeitintensiven Tätigkeit als Anwältin nie hatte tun können.
Entschlossen kramte sie ihren Badeanzug und ihre Schwimmbrille hervor, schnappte sich eines der Handtücher, schlüpfte in Flipflops und stand schon wenige Minuten später am Rand des großen Pools. Dieser lag, genau wie am Vortag, verwunschen einsam da. Außer ein paar Insekten, die über die Wasseroberfläche tanzten, war Julia allein.
Ein erster Kältetest mit der Hand brachte sie fast wieder von ihrem Vorhaben ab. Brrr. Mehr als achtzehn Grad konnten das nicht sein. Sie hob den Blick und sah, wie die Sonne jeden Moment hinter einer Hügelkette hervorkommen musste. So würde sie wenigstens nach dem Schwimmen ein wenig gewärmt werden.
„Sei keine Pussy“, sagte sie zu sich und warf ihr Handtuch auf eine der Holzliegen nahe der Pooltreppe. Mit einem mutigen Kopfsprung zerteilte sie das Wasser. Dem folgenden Kälteschock gab sie keine Chance und begann in kräftigen Zügen ihr Brustschwimmprogramm. Herrlich! Sie genoss die meditative Wirkung, die diese gleichförmigen Bewegungsabläufe im Wasser auslösten.
Als Kind war sie in einem Schwimmverein gewesen. Weil sie damals „keinen Bock“ darauf hatte, die kostbaren Wochenenden auf Wettkämpfen zu verbringen, hatte sie das Vereinsschwimmen als Jugendliche wieder aufgegeben. Seitdem war sie nur sporadisch zum Schwimmen gekommen. Aber jedes Mal, wenn sie es tat, stieg sofort wieder ein beruhigendes Gefühl in ihr auf. Vielleicht eine Kindheitsprägung aus der Zeit, als ihr Leben noch behütet und unbeschwert war?
Julia war erstaunt und auch etwas stolz auf sich, geschätzte eintausendfünfhundert Meter zügig durchgehalten zu haben. Sie riss ihre Schwimmbrille ab, ließ sich erschöpft auf dem Rücken im Wasser treiben, starrte in den wolkenlosen Morgenhimmel und spürte ihrem pochenden Herzschlag nach. Mittlerweile lag der Pool im hellen Morgenlicht. Jetzt, wo ihr Körper von der Anstrengung so erhitzt war, genoss sie die erfrischende Kühle des Wassers. Was für ein Leben! Unwillkürlich lächelte sie breit und stöhnte wohlig. Da nahm sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Sie wandte den Kopf – und ihr Herz setzte einen Moment aus: Mathieu.

Eigentlich hatte Mathieu nur seinen Spaten holen wollen, den er am Abend zuvor in dem kleinen Geräteschuppen hinter dem Poolhaus verstaut hatte. Während er noch das Vorhängeschloss entsicherte, hörte er ein gleichmäßiges Platschen. Wer um alles in der Welt war um diese Uhrzeit schon im Schwimmbecken? Seine Neugier siegte, und er spähte vorsichtig um die Ecke des Poolhauses.
In dem aufgewühlten Wasser konnte er eine Frau ausmachen, die in fast hypnotisch regelmäßigen Schwimmzügen das Becken durchmaß. Sie war es. Er holte tief Luft. Sein Verstand sagte ihm, er sollte sich so schnell wie möglich entfernen. Aber gleichzeitig war er wie gelähmt. Sein Gehirn wurde blank, und er vergaß vollkommen, dass er vorgehabt hatte, vor der Ankunft der Natursteinlieferung die letzten Begradigungen vorzunehmen.
Automatisch ging er noch einen Schritt auf das Becken zu, ohne den Blick von der Schwimmerin abzuwenden. Es war faszinierend, wie gleichförmig sie sich bewegte. Er lehnte sich an die Wand des Poolhauses und holte seinen Tabakbeutel hervor, um seine unnützen Hände zu beschäftigen. Die vertrauten Handgriffe beruhigten ihn. Dann vernahm er ein leichtes Stöhnen.
Er hob den Blick und sah, dass die Frau mittlerweile auf dem Rücken im Wasser lag und wie eine zufriedene Katze lächelte, angestrahlt vom gleißenden Morgenlicht. Die ganze Szenerie erinnerte Mathieu auf einmal an keusche 50er-Jahre-Hollywoodfilme mit diesen üppigen Synchronschwimmerinnen in geblümten Badekappen und mit Dauerlächeln. Fast erwartete er, dass die Frau mit gespanntem Rist grazil ein Bein in die Höhe recken würde. Gleichzeitig schien sein Körper diese Szene alles andere als keusch zu finden. Im Gegenteil.
Teile ihres Körpers ragten über die Wasseroberfläche, ihre Hände, ihre Schultern, ihre Hüftknochen, ihre Knie, ihre Füße. Er konnte jedoch den Blick nicht von ihren Brustwarzen wenden, die sich deutlich unter dem grünen Badeanzug abzeichneten. Ihr Stöhnen war ihm direkt in die Lenden gefahren, und er veränderte unruhig seine Beinstellung. Schon wieder führte er sich wie ein Teenager auf. Er sollte jetzt wirklich gehen. Noch war es nicht zu spät, sie hatte ihn noch nicht entdeckt. Warum, verdammt, ging er dann nicht einfach? Stirnrunzelnd wandte er sich wieder dem Drehen der Zigarette zu. Was war nur los mit ihm?

Lässig an die Wand des Poolhauses gelehnt, drehte er sich seelenruhig eine Zigarette. Hatte er sie etwa beobachtet? Spanner! Julia räusperte sich.

Da hörte er ihr Räuspern und wusste, dass das Unvermeidliche geschehen würde. Sie starrte ihn mit fragend gehobenen Brauen an. Als hätte ihn ein Teufel angetrieben, leckte er über die Klebefläche seiner Zigarette. Was war nur in ihn gefahren? Ihm war bewusst, wie das bei ihr ankommen musste, aber er konnte einfach nicht anders. Er wollte es. Sie war in ihn gefahren, wie eine schnell wirkende Droge. Und so sehr er sich auch dagegen sträubte: Er wollte sie. Und sie sollte das wissen.

Ohne in seinem Tun innezuhalten, hob er die Augen und sah Julia mit unergründlichem Blick an. Dann nahm er die Zigarette an die Lippen und leckte einmal an ihr entlang, ohne den Blick von ihr zu wenden.
Julia wurde ganz anders, als diese Geste ein leises Ziehen in ihrem Schoß hervorrief. Sie war zum Glück durch den Sport schon so gut durchblutet, dass ihr heftiges Erröten nicht auffallen konnte. Gleichzeitig war sie empört. Das war doch eindeutig eine obszöne Geste gewesen! Oder hatte er sich einfach nur eine Zigarette gedreht und sie überinterpretierte das?
Rasch schwamm sie Richtung Pooltreppe und stieg aus dem Becken. Überrascht hielt sie inne. Mathieu, die Zigarette im Mundwinkel, hielt ihr das Handtuch hin. Julia runzelte verblüfft die Stirn. Wie hatte er nur so schnell vom Poolhaus auf der anderen Seite hierhin kommen können? Noch mehr wunderte sie allerdings, weshalb er immer noch nichts sagte.

Sie schwamm in ruhigen Zügen zur anderen Seite des Pools. Im selben Moment löste sich unvermittelt seine Starre, und er ging großen Schrittes zur Pooltreppe. Mein Gott, sie würde ihn sicherlich für aufdringlich halten. Aber er musste einfach näher bei ihr sein. Während sie tropfend aus dem Wasser stieg, der feuchte Badeanzug eng an ihrer Haut klebte, reichte er ihr das Handtuch.
Seine Kehle war vor Begehren wie zugeschnürt. Er konnte einfach nichts sagen. Zumindest nichts, was nicht profan geklungen hätte. Nichts, das auch nur ansatzweise ausgedrückt hätte, wie es ihm gerade erging und wie viel er über sie erfahren wollte. Dann lieber still sein. Außerdem war er abgelenkt durch das stete Rinnsal von Wassertropfen, die aus ihren Haaren über ihren Hals und ihre Schultern liefen und in Regionen kullerten, die er liebend gerne sogleich mit seiner Zunge ebenfalls erkundet hätte. Diese Frau machte ihn wahnsinnig!
Als sie ihn flüchtig berührte, musste er seinen Kiefer eng zusammenpressen, um sie nicht gleich an sich zu reißen und auf einer der Poolliegen zu nehmen. Herrgott, er würde noch diesen Job verlieren! Diese Gefühle waren pures Gift für seine berufliche Zukunft. Und vielleicht nicht nur die berufliche.

Julia sah ihn einen kurzen Augenblick abwartend an, ob er sie vielleicht begrüßen wollte. Bis auf ein paar Tauben, deren Gurren vom Dach des Poolhauses herüberwehte, war nichts zu hören. Ihr Herz klopfte heftig, als sie sich bewusst wurde, wie sie hier alleine mit diesem geheimnisvollen Mann stand, der sie mit seinen Blicken verschlang, mit anzüglichen Gesten zeigte, dass er offensichtlich nur ein Ziel hatte, und dennoch keinen Ton hervorbrachte.
Merkwürdig. Wieso sagte er nichts? Sie erinnerte sich an ihr eigenes peinliches Gestammel am Vorabend, das ihn so überheblich hatte schnauben lassen, und beschloss, ebenfalls nichts zu sagen. Vielleicht war er einfach schüchtern?
Die Stille war greifbar, und gleichzeitig spielten ihre überreizten Sinne ihr einen Streich. Sie nahm seinen männlichen Geruch wahr. Erdig. Er zog an seiner Zigarette, und als er den Rauch seitlich ausstieß, zwang Julia sich, den Blick von seinen herrlichen Lippen zu lösen. Wie es sich wohl anfühlte, diesen Mund zu küssen?
Das Poolwasser reflektierte die Morgensonne in seinen Augen und ließ seinen Blick noch intensiver leuchten. Oder bildete sie sich das nur ein? Sie nickte freundlich und ergriff das Handtuch. Dabei streiften ihre Hände kurz die seinen. Ein angenehmes Kribbeln zog sich ihren Arm hoch. Julia sah, wie sich seine Augen weiteten. Also musste er auch etwas gespürt haben.
Ihr Herz flatterte mittlerweile wie ein verschreckter Vogel. Die Sehnsucht ihres Körpers, von seinen Händen überall berührt zu werden, ließ sie fast ohnmächtig werden. Es hätte nicht viel gefehlt und sie hätte ihre Arme um seinen Hals geschlungen und ihren nassen Körper an ihn gepresst. Aber ihre Vernunft, auf die seit jeher Verlass war, schaltete sich wieder ein. Was sollte das? Er war doch auch nur ein Mann. Seit wann führte sie sich so auf? War sie etwa nach Marcus so ausgehungert nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, dass sie jetzt völlig den Verstand verlor?
Sie räusperte sich und strich ihre feuchten Haarsträhnen hinter die Ohren, um etwas Druck abzubauen. Dann wickelte sie sich mit zitternden Händen in das Handtuch und schlüpfte in ihre Flipflops. Mit einem weiteren vagen Nicken zu Mathieu hin steuerte sie auf den Plattenweg zu, der vom Swimmingpool zum Haus führte. Sein Blick brannte in ihrem Rücken, und sie unterdrückte den Impuls, sich noch einmal umzudrehen. Weshalb fiel gerades, entspanntes Gehen bloß so schwer, wenn man beobachtet wurde?
Sie hatte das Gefühl, zu taumeln, und konzentrierte sich auf ihr Gleichgewicht, den Blick fest auf die Platten gerichtet. Die wuchernden Pflanzen zwischen ihnen piksten ihre Füße in den Flipflops. In ihrem Kopf hämmerte es unablässig: „Er ist ein Mann, und du bist eine Frau!“
Beim Haus angelangt, erhöhte sie ihr Tempo, und als sie ganz sicher war, dass er sie nicht mehr sehen konnte, falls er ihr überhaupt so lange nachgeblickt haben sollte, rannte sie fast die letzten Meter bis zum Dahlienzimmer. Mit klopfendem Herzen schloss sie die Tür und lehnte sich von innen dagegen. Ein fast hysterisch klingender, abgehackter Laut entwich ihrer Kehle. Was um Himmels willen war hier gerade geschehen? Fast war sie wieder ärgerlich. So ein Spanner!
Weshalb hatte er nicht wenigstens „Bonjour“ gesagt?
Noch während sie das dachte, musste sie sich eingestehen, dass gerade diese Wortlosigkeit ihren Herzschlag erhöht hatte. Wenn sie darüber nachsann, war diese stumme Szene eben das Erotischste gewesen, was ihr bislang passiert war. Nicht zu vergleichen mit der eher sachlichen Zugewandtheit, die sie in den letzten Jahren mit Marcus geteilt hatte.
Schmunzelnd drückte Julia sich von der Tür ab und pellte sich aus ihrem feuchten Badeanzug. Noch unter der heißen Dusche spürte sie den feinen Vibrationen ihres Körpers nach. Das Lächeln blieb auf ihrem Gesicht.

Fast erleichtert beobachtete er, wie sie sich von ihm entfernte. Er sah ihren wiegenden Hüften unter dem Handtuch und den wohlgeformten Waden nach, als sie sich über den Plattenweg Richtung Haus begab. Kaum war sie außer Sicht, stieß er zischend die Luft aus, die er unbewusst angehalten hatte. Er fuhr sich mit beiden Händen in seine Haare und warf den Kopf in den Nacken, um seine angestauten Emotionen mit einem ungläubigen Schnauben in den blauen Himmel zu schicken.
Verflucht! So etwas war ihm noch nie passiert. Was hatte diese Frau an sich, dass er so extrem reagierte? Und warum wollte sein Körper nicht einsehen, dass er von dieser reichen Tussi nichts zu wollen hatte. Als er langsam zum Geräteschuppen zurückging, ertappte er sich bei einem Lächeln.
MEMOIREN

Julia trat gerade aus der Dusche, als es an ihrer Zimmertür klopfte. Ein Adrenalinstoß durchfuhr sie. In einem wahnwitzigen Gedanken wünschte sie, es wäre dieser geheimnisvolle Gärtner. Aber dann besann sie sich. So weit würde er sicherlich nicht gehen.
Sie warf sich einen Bademantel über und öffnete die Tür. Vor ihr stand ein massiger Typ mit kahl geschorenem Kopf. Er trug ein weißes T-Shirt und eine weiße Hose. An seinem rechten Oberarm lugte ein bläuliches Tattoo aus dem Ärmel. Sein auf den ersten Blick gefährliches Aussehen wurde allerdings durch sein freundliches Lächeln und sein sanftes Auftreten sofort gemildert.
„Bonjour, Madame. Ich bin Anatol. Möchten Sie eine Massage?“ Er sprach mit leicht russischem Akzent.
Julia blieb schon wieder der Mund offen stehen. Eine Massage? Für sie? Wow. Das wurde ja immer luxuriöser. Sie nickte, trat zur Seite und ließ Anatol ein, der ein Wägelchen hinter sich herzog. Von diesem hievte er eine zusammengeklappte Liege und baute diese in Julias Wohnzimmer auf. Er drapierte ein Kosmetiktuch auf der bagelförmigen Auflage für das Gesicht.
„Legen Sie sich bitte mit dem Gesicht nach unten auf die Liege.“
Julia war leicht verlegen, weil sie unter dem Bademantel nichts anhatte, und zögerte kurz. Anatol betrachtete sie lächelnd und reichte ihr dann einen hauchzarten Papierslip. Dankbar streifte sie diesen über und legte sich hin. Wenig später genoss sie wohlig seufzend die kundigen Griffe von Anatol, die ihre fliegenden Gedanken in einen ruhigen Strom kanalisierten. Wie herrlich so ein reiches Leben doch sein konnte.
Einen großen Café au Lait und ein Croissant später traf sich Julia mit Charles de Bertrand im Arbeitszimmer, einem luftigen Raum im ersten Stock, dessen Terrassentüren offen standen, sodass sich die cremefarbenen Vorhangschals leicht bauschten. Von draußen hörte man entfernt Stimmen.
Wie auch in der Villa in Zürich war der Raum dominiert von einem großen Schreibtisch, auf dem mindestens vier Monitore vor sich hin flimmerten. Ein großes Bücherregal befand sich rechts von ihm. Bei Julias Eintreten stand Charles, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, am Fenster und beobachtete irgendein Geschehen draußen.
Julia trat neben ihn und konnte weiter unten am Hang einen kleinen Laster sehen, von dem mehrere Arbeiter grob behauene Steine entluden. Als sie in einem von ihnen Mathieu erkannte, hämmerte unerklärlicherweise ihr Herz.
Charles wandte sich ihr zu und deutete auf die Sitzecke. „Lassen Sie uns dort Platz nehmen, das ist gemütlicher.“
Julia registrierte, dass Charles heute wohl keinen Rollstuhl benötigte und nur noch leicht hinkte. Stattdessen stützte er sich auf einen Gehstock aus blank poliertem, dunklen Holz.
Charles hatte Julias Blick bemerkt. „Anatol ist ein begnadeter Physiotherapeut. Allein deswegen hat sich die Reise gelohnt. Sie sehen ja die Fortschritte nach nur zwei Behandlungen.“
Julia nickte. Ja, dass Anatol heilende Hände hatte, konnte sie nur bestätigen.
Auf halbem Weg zur Sitzecke, neben der Tür, waren auf einem Sideboard mehrere Bilderrahmen mit Familienaufnahmen angeordnet.
„Schauen Sie ruhig, Julia“, gab Charles sein Einverständnis.
Julia betrachtete die Fotos aufmerksam. Sie konnte auf einem Bild den jüngeren Charles neben einer Frau entdecken. Vor ihnen standen zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen. Dem Mädchen, das zwei dicke Zöpfe trug und mit einem bezaubernden Zahnlückenlächeln in die Kamera strahlte, hatte Charles die Hände auf die Schultern gelegt. Der Junge, der recht selbstbewusst in die Kamera starrte, musste Philippe sein.
Charles war neben Julia getreten und blickte versonnen auf das Foto. „Ja, das ist lange her. Philippe haben Sie ja in Zürich kennengelernt. Er wird übrigens bald hier eintreffen. Das neben mir ist meine Frau, Inès de Bertrand. Mirabel wurde von ihrem Großvater erworben und ist seither in Familienbesitz. Und das ist Salomé, genannt Zaza, unsere Tochter. Beide werden ebenfalls bald hier sein. Aber bei Zaza weiß man nie, wann genau. Sie ist sehr engagiert in der Bank und hat immer neue Ideen, die sie dann auch direkt umsetzen will. Zurzeit strukturiert sie unsere Filiale in New York um.“
Charles rieb sich über das Kinn, und Julia konnte die Zuneigung für seine Tochter in seinen Augen sehen. Sie setzte sich und klappte ihr Laptop auf. Im selben Moment ertönte ein leises Klopfen an der Tür, und Virginie erschien mit einem kleinen Wägelchen, auf dem eine Auswahl an kalten und warmen Getränken sowie Obst angerichtet war. Sie parkte es neben der Sitzecke und zog sich still wieder zurück.
Charles bediente sich, und Julia hatte den Eindruck, als wollte er den Arbeitsbeginn hinauszögern. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Dann ließ sich Charles ächzend neben ihr nieder. Er hatte wohl Schmerzen. Nach einer Minute räusperte er sich.
„Julia, weshalb ich diesen Sommer vornehmlich eine Assistentin brauche, habe ich ja nur am Rande erwähnt. Mit ‚einigen Ereignissen’ aus meinem Leben meinte ich eigentlich etwas viel Umfassenderes.“
Julia wappnete sich innerlich. Was hatte er ihr verschwiegen? Sie hob die Brauen.
„Ich habe vor, und nicht nur in beruflicher Hinsicht, meine Memoiren zu schreiben. Ich gestehe, es ist mir etwas peinlich.“
Etwas beruhigt, lockerte sich Julia. Memoiren? Was sollte daran so unangenehm sein? Sie lächelte Charles verschmitzt an. „Weshalb peinlich? Haben Sie eine düstere erotische Vergangenheit?“
Charles hielt kurz inne und kicherte dann unvermittelt auf. „Ich? Nein, Gott bewahre.“
Julia entspannte sich noch mehr.
„Es ist mir einfach peinlich, weil nur alte, nervige Egomanen ihr eigenes Leben für so wichtig halten, es aufschreiben zu wollen. Erst letzten Sommer habe ich über meinen Freund Alexandre gelästert, als er seine Memoiren im Eigenverlag präsentiert hat. Als ob sein Leben irgendjemanden außer ihn selbst interessiert hätte.“ Kopfschüttelnd starrte er auf das Stück Melone auf seinem Teller.
„Aber Sie müssen sie ja nicht unbedingt veröffentlichen. Sein Leben aufzuschreiben, dient ja in erster Linie dazu, für sich selbst alles zu ordnen“, warf Julia ein.
Charles blickte sie verblüfft an. Ein erleichtertes Lächeln erhellte sein Gesicht. „Julia, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich Sie gefunden habe.“
„Charles, die Freude ist ganz auf meiner Seite. Sie haben mich in dieses Paradies eingeladen und verwöhnen mich nach Strich und Faden. Heute bin ich sogar massiert worden. Damit hatte ich als Ihre Angestellte gar nicht gerechnet.“
Charles legte seine Hand auf ihren Unterarm. „Nun vergessen Sie mal die Angestellte. Sie sind meine persönliche Assistentin und damit eine Freundin der Familie. Wenn es Ihnen gut geht, geht es mir ebenso gut. Und jetzt legen wir los, ja?“
Sie arbeiteten beschwingt bis zum Mittag. Julia hatte vorgeschlagen, dass Charles einfach anfangen sollte und sie dann hinterher alles in eine chronologische Ordnung bringen würde. Sobald Charles begonnen hatte, befand er sich in seiner eigenen Welt der Erinnerungen. Seine Augen leuchteten, als er Stationen seiner Kindheit Revue passieren ließ.
Julia erfuhr zu ihrer Verwunderung, dass er nicht immer so reich gewesen war. Sein Nachname war vielmehr der Mädchenname seiner Frau, den er angenommen hatte, als er in die Bankendynastie de Bertrand einheiratete. Und aus Karl wurde durch den französischen Einfluss Charles. Erstaunt lauschte sie den Erlebnissen des kleinen Karls, der ursprünglich im Ruhrgebiet Deutschlands als behütetes einziges Kind eines Lehrerpaars aufgewachsen war. Das schien ja spannend zu werden! Die Arbeit machte ihr wirklich Spaß. Viel besser, als trockenes Kleingedrucktes zu verfassen. Die Zeit verging wie im Flug.
Charles erzählte gerade: „Und als Jüngster meiner Zeit habe ich ein Stipendium für ein Auslandsjahr an der juristischen Fakultät in Lausanne erhalten. Dies war der Wendepunkt meines Lebens. In der Schweiz habe ich dann die Welt der Reichen und Ehrgeizigen kennengelernt.“ Vielsagend schaute er sie an. Da hallte ein Gong durchs Haus. Überrascht hielt Charles inne und checkte seine Uhr. „Oh, schon so spät. Lunchtime. Ich hatte Sie ja gewarnt, dass ich redseliger Narr Sie langweilen werde.“ Kopfschüttelnd versuchte Charles, sich zu erheben, und Julia bemerkte, welche Mühe er dabei hatte. Daher half sie ihm aus dem Sessel.
„Im Gegenteil, Charles, ich habe mich prächtig unterhalten. Vielleicht sollten Sie doch über eine Veröffentlichung nachdenken. Das wird sicherlich ein Bestseller“, grinste Julia ihn an.
Charles hob abwehrend die Hände. „Kommen Sie, Julia, wir stärken uns, und dann genießen Sie bitte den Nachmittag und erholen sich von meinem Gefasel.“ Charles hielt ihr die Tür auf, und einträchtig verließen sie das Arbeitszimmer.
Nach dem köstlichen Essen – Estelle war wirklich eine begnadete Köchin – zog Charles sich zurück.
Julia wollte auf dem Laptop die Arbeitsergebnisse des Morgens überarbeiten. Hierfür machte sie es sich auf einer der Liegen auf ihrem Balkon gemütlich. Die Mittagssonne war um diese Jahreszeit noch nicht so drückend, und Julia hoffte auf ein wenig Sonnenbräune. Ab und zu schielte sie in den Garten hinunter, um vielleicht einen Blick auf einen bestimmten Arbeiter zu erspähen. Aber die Vegetation war so dicht, dass sie außer dem Steinplattenweg keinen Teil des Grundstücks erkennen konnte. Gegen vier Uhr nachmittags hatte sie Hummeln im Hintern und fühlte sich auch ein wenig allein. Außerdem knurrte ihr Magen. Er erinnerte sie daran, dass sie in Zürich um vier Uhr immer eine Kleinigkeit gegessen hatte. Sie verließ ihr Zimmer und machte sich auf die Suche nach Virginie.
Julia traf sie und Estelle in der großen Küche im Erdgeschoss. Staunend schaute sich Julia in dem großen Raum um. So in etwa hätte sie sich die Küche einer großen Burganlage vorgestellt. Dieser Eindruck wurde durch einen großen begehbaren Kamin, über dem getrocknete Kräuter hingen, noch verstärkt.
Estelle stand an einem riesigen kupferfarbenen Gasherd, der nur auf den ersten Blick altertümlich wirkte, bei näherem Hinsehen allerdings sämtliche Features aufwies, von denen die moderne Hausfrau träumte. Virginie saß an einem großen antiken Holztisch, der in der Mitte des Raumes stand, und schnitt Gemüse. Diese Szenerie, wie beide Frauen einträchtig das Dîner vorbereiteten und dabei unbefangen miteinander plauderten, hatte etwas so Friedliches und Ursprüngliches, dass Julia unwillkürlich ehrfürchtig innehielt, um das Bild zu bewahren.
Dann kam Estelle freudestrahlend auf sie zu. „Julia, ist alles in Ordnung? Kann ich etwas für Sie tun, ma chère?“
Julia wurde verlegen. „Nein, Estelle, es ist alles gut. Kann ich Ihnen vielleicht etwas helfen?“
Mit einem Anflug von Irritation musterte Estelle sie und sah dann kurz zu Virginie.
Julia schluckte. Sie wollte nichts komplizieren. Sie hob beschwichtigend die Hände. „Natürlich nur, wenn es Ihnen recht ist. Der Nachmittag war mir nur so lang, und ...“
Da erschien ein mütterliches Strahlen auf Estelles Gesicht. „Oh, ich verstehe. Sie sind einsam“, sagte sie und zog Julia am Ellbogen zum Holztisch, wo sie sie auf eine Bank platzierte. Einsam?
„Nein, das nicht. Nur etwas ... unterbeschäftigt. Und ich vermisse die Arbeit in der Küche. Ich würde mich wirklich freuen, wenn ich Ihnen zur Hand gehen dürfte.“
Die beiden Frauen tauschten erneut einen Blick. Grinsend schob ihr Virginie ein Brettchen und ein Messer hin und wies auf eine Schüssel mit Tomaten, die darauf warteten, entkernt und gewürfelt zu werden.
Freudig machte sich Julia an die Arbeit. Sie liebte es, zu kochen, und genoss nun die vertrauten Bewegungen des Gemüseschnippelns. Kochen war ihre große Leidenschaft.
In den letzten Monaten, bevor sie sich endlich das Ende ihrer Beziehung mit Marcus eingestanden hatte, war die Küche ihre Zuflucht gewesen. Es hatte damit begonnen, dass sie beim Zwiebelschneiden plötzlich nicht mehr hatte aufhören können zu weinen. Marcus steckte mit einem Stirnrunzeln seinen Kopf in die Küche, wobei er ungeduldig mit der Zeitung, die er gerade gelesen hatte, gegen sein Bein schlug. Nachdem er gesehen hatte, dass Julia nur Zwiebeln schälte, verließ er mit tadelnd schnalzender Zunge – wie konnte sie ihn nur stören – die Küche.
Von diesem Moment an kochte Julia in ihrer Freizeit wie eine Besessene. Sämtliche Betty-Bossi-Wunderrezepte kredenzte sie Marcus. Sogar nachts sann sie über Bratenfond kochen und Buttercreme für die phänomenale Schichtentorte schlagen nach. Hauptsache, sie musste nicht über sich selbst nachdenken. Und wie elend und nutzlos sie sich fühlte. Wie Marcus ihr das Gefühl gab, unzulänglich zu sein. Vertrocknete Pflaumen, ha!
Irgendwann hatte sie den Punkt der Ruhe erreicht. Die Entscheidung hatte ihr plötzlich, mitten in der Zubereitung eines wirklich exzellenten Züricher Geschnetzelten, glasklar vor Augen gestanden. Am nächsten Tag hatte sie ihre Koffer gepackt und ihren Job gekündigt. Marcus verstand wahrscheinlich die Welt nicht mehr. Erst hatte ihn Julia wochenlang mit kulinarischen Schmankerln verwöhnt, um ihn dann Knall auf Fall zu verlassen.
Wie sich jetzt bestätigte, war das die einzig richtige Entscheidung gewesen, denn Julia fühlte sich so lebendig und zuversichtlich, wie schon lange nicht mehr.
Nachdem sie etwa eine Viertelstunde einträchtig, aber stumm miteinander gearbeitet hatten, entspannten sich Virginie und Estelle und nahmen ihre Plauderei wieder auf. Dann spitzte Julia die Ohren. Der Name Mathieu war gefallen. Und schon wieder fing Julias Herz seltsamerweise an, schneller zu schlagen. Virginie hackte gerade einen Berg Mandeln und kicherte vor sich hin.
Estelle verdrehte die Augen. Auf Julias fragenden Blick hin erklärte sie mit rollenden Augen: „Ach, die junge Liebe. Virginie hat sich in einen Jungen aus dem Dorf verguckt. Der junge Antoine arbeitet für Mathieu.“ Sie hielt inne. „Haben Sie Mathieu schon kennengelernt?“
„Ja, ist das nicht der Gärtner? Dem bin ich schon begegnet“, antwortete Julia so neutral wie möglich. Weshalb war sie nur so aufgeregt? Hoffentlich merkte ihr Estelle nichts an.
„Der Gärtner?“ Belustigt schaute Estelle Virginie an, die wieder kicherte.
Julia war verwirrt.
„Mathieu ist nicht unser Gärtner. Er ist Landschaftsarchitekt und gestaltet die Gartenanlage des Anwesens neu. Das war ein Wunsch von Monsieur Charles, denn der Garten wurde in den letzten Jahrzehnten stark vernachlässigt. Und für das große Geburtstagsfest im August soll der Garten in neuem Glanz erstrahlen. Dafür ist Mathieu genau der Richtige! Er ist zwar von hier, hat aber in Paris studiert und war sogar im Ausland für ein Praktikum.“ Estelle füllte ein Huhn mit Zitronenscheiben und Kräutern. „Auf jeden Fall ist Virginie aufgeregt, weil ihr Antoine heute hier arbeitet. Ihnen ist doch sicher der Lärm heute Vormittag aufgefallen? Es wurden Steine für neue Gehwege angeliefert.“
Als sie den Blick hob, bemerkte sie, wie Estelle sie nachdenklich musterte. Julia räusperte sich und wischte sich die Hände an einem Küchenpapier sauber.
„Danke, dass ich hier so freundlich aufgenommen wurde. Ich freue mich schon sehr auf das Abendessen. Das wird sicherlich wieder köstlich. Bis später.“ In weniger als einer Minute hatte Julia die Küche verlassen und hörte nur noch Virginies Kichern.
Ein Landschaftsarchitekt also.
Julia wusste selbst nicht, weshalb sie diese Auskunft so beschäftigte. War sie etwa enttäuscht? Eine Affäre mit dem Gärtner hätte schließlich etwas Verruchtes. Vielleicht sogar Vulgäres? Jetzt komm aber mal auf den Teppich!, ermahnte sie sich. Schließlich war sie nur Julia und nicht eine Dame aus Monaco, die das Personal vernaschen wollte. Auf jeden Fall war ein Landschaftsarchitekt weniger geheimnisvoll als ein Gärtner. War der Gärtner nicht auch immer der Mörder?
Sie schmunzelte. Seufzend gestand sie sich ein, dass sie mit ihren Gedanken wohl zu keinem Ergebnis kam. Sie hatte einfach weiche Knie, wenn sie an diesen Mathieu dachte, Gärtner hin oder her.
GÄNSEHAUT

Er war wieder da. Julia spürte ihn, bevor sie ihn sah.
Der Himmel war heute bedeckt, und Julia war wieder um sechs Uhr aufgewacht. Ein Adrenalinstoß war durch ihre Adern gefahren, als sie sich voll Vorfreude den Badeanzug übergezogen hatte. Sie hatte gewusst, er würde kommen.
Als sie seine Anwesenheit jetzt spürte, während sie ihre letzten Bahnen absolvierte, lächelte sie in sich hinein, zufrieden mit ihrem Instinkt. Aber nun war es gar nicht so einfach, ihr Training zu beenden. Am liebsten hätte sie ihn gleich angesehen, wäre gleich zu ihm hingeschwommen, denn schließlich hatte sie genau darauf gewartet. Aber auch wenn sie ihn nicht ansah, spürte sie es wie ein Brennen auf ihrer nassen Haut, wie er jede ihrer Bewegungen im Auge behielt.
Als sie aus dem Becken stieg, hielt er ihr genau wie die ganzen Tage zuvor stumm das Handtuch hin. Sie blinzelte ihn an. Wegen der fehlenden Sonne war sie von einer Gänsehaut überzogen. Dennoch fror Julia nicht, oder sie fühlte es nicht. Sein Blick löste sich nicht von ihrem, als sie das Handtuch entgegennahm und sich damit abtupfte.
Seit Mathieu sie das erste Mal bei ihrem Training beobachtet hatte, spielte sich jeden Morgen dieselbe wortlose Szene ab. Selbst wenn sie sich danach im Laufe eines Tages zufällig auf dem Grundstück über den Weg liefen, nickten sie sich nur zu. Julias Herz schlug jedes Mal so kräftig in ihrem Hals, dass sie zu mehr auch gar nicht imstande war.
Doch heute war es anders: Gerade als Julia in ihre Flipflops schlüpfte und sich von ihm abwenden wollte, ergriff Mathieu mit einem Mal ihr Handgelenk und stoppte ihre Bewegung. Julia erstarrte. Seine warme Hand auf ihrer kalten Haut beschleunigte ihren ohnehin schon schnellen Herzschlag. Vage verfluchte sie, dass er ihren verräterisch flatternden Puls durch seinen Griff unmittelbar wahrnehmen musste.
Er drehte sie zu sich. Sie standen dicht voreinander. Einzelne Wassertropfen lösten sich ausgerechnet in ihrem Schritt und rieselten ihr Bein hinab. So nah vor seinem Gesicht nahm sie ein Muttermal rechts von seinen Lippen wahr. Sie sah ihm in seine braungrünen Augen. Durfte ein Mann so verboten lange Wimpern haben?
Glutäugig. Das Wort schoss ihr unvermittelt in den Sinn. Was hatte er nur vor? Würde er sie etwa küssen? Unbewusst hob sie ihm ihr Gesicht entgegen. Er war groß, mindestens einen Kopf größer als sie, und sie war nicht klein. Mathieu blickte sie mit dunklen Augen an und holte tief Luft. Jetzt, dachte Julia erwartungsfroh.
Mathieu neigte sich vor.
Julia leckte sich unbewusst über die Lippen.
Doch er küsste bedächtig erst ihre eine Wange, dann die andere. Julia registrierte, dass er jeweils länger an ihrer Wange verweilte, als eine Begrüßung es erfordert hätte.
„Bonjour, Julia“, flüsterte er und schaute sie ernst an.
Julia spürte der Wärme seiner Haut und dem leichten Kratzen seines Bartschattens auf ihren Wangen nach. Unwillkürlich hatte sie die Nasenflügel gebläht, um mehr von diesem Duft, den er mit sich trug, zu inhalieren. Er roch vertraut, wieder nach sonnengewärmter Erde und Tabak. Einem Impuls folgend, hob sie ihre Hand und legte sie auf seine rechte Wange. Es gefiel ihr, wie ihr Name aus seinem Mund geklungen hatte. „Dschülia“, die letzte Silbe fragend angehoben. Das klang um Ellen erotischer als das strenge deutsche „Julia“.
„Oh“, krächzte sie. Das durfte doch nicht wahr sein. Hatte sie tatsächlich „Oh“ gesagt? Das erste Wort, das sie seit Wochen an ihn richtete? Sie räusperte sich und straffte ihre Schultern. „Bonjour, Mathieu.“ Offen blickte sie ihn an und war erleichtert, ein wenig von ihrer Souveränität zurückerlangt zu haben.
Seine Worte hatten diesen lächerlichen stummen Bann gebrochen, der seit knapp drei Wochen über ihren Begegnungen lag, diese Magie, die zwischen ihnen geherrscht hatte. Das leichte Bedauern, das Julia darüber empfand, wischte sie energisch fort. Schließlich war das hier kein Kitschroman, sondern sie war eine moderne, hübsche Frau und er ein höllisch attraktiver Mann.
Er schien ebenfalls darüber froh zu sein, denn ein erleichtertes kurzes Schnauben entfuhr ihm, bevor er sie freundlich anlächelte. Julia überlegte fieberhaft, wie sie eine unbefangene Unterhaltung mit ihm beginnen könnte.
„Du bist Landschaftsarchitekt?“, war die erste, denklogische Frage, die ihr in den Sinn kam.
Erstaunt blickte er sie an. „Ja, ich habe den Auftrag, das Anwesen umzugestalten.“ Er deutete mit einer umfassenden Geste auf die Pflanzen um sie herum.
„Und was hast du geplant?“, fragte sie aufrichtig interessiert.
Er fuhr sich mit der Hand durch die braunen Locken und überlegte einen Augenblick.
„Das kann ich so nicht erklären. Ich würde es dir gerne zeigen. Aber du solltest dir vorher trockene Sachen anziehen. Sonst holst du dir den Tod.“
Das klang so unerwartet vernünftig. Julia musste grinsen. „Wartest du hier?“, erkundigte sie sich.
„Das geht leider nicht, es kommt gleich eine Gruppe von Arbeitern, die ich einweisen muss. Du kannst mich ja suchen.“ Er blickte sie herausfordernd an.
„Okay, bis gleich“, sagte sie nur und wandte sich Richtung Plattenweg.
„Bis gleich, Julia“, hörte sie ihn flüstern. Sie entfernte sich rasch und musste an sich halten, nicht zu laufen. Eine unglaubliche Euphorie durchflutete sie.
Sie hatte ein Date! Mit Mathieu! Zugegeben, es war kein richtiges Date, aber es fühlte sich einfach so an.

Mathieu sah Julia nach. Wie schön sie war. Er liebte es, wenn Frauen natürlich aussahen. Seit die Neureichen Roquebrune für sich entdeckt hatten, war es ungewöhnlich, hier einer Frau zu begegnen, die nicht durchgestylt und schmuckbehangen oder zumindest stark geschminkt war.
Er drehte sich um und betrachtete eine Weile nachdenklich die vom Wind sanft gewellte Oberfläche des Wassers. Ein leichtes Lampenfieber wallte in ihm auf. Wollte sie tatsächlich wissen, welche Pläne er für den Garten hatte? Oder war das nur eine Tour, ihn ins Bett zu bekommen? Das alte Gefühl der Bitterkeit stieg in ihm hoch. Er schluckte es schnell hinunter, denn er begriff schlagartig, dass ihm das herzlich egal war. Er wollte sie auch, egal aus welchen Motiven.
Seit vier Uhr heute früh hatte er sich im Schlaf gewälzt und an sie gedacht. An ihre wiegenden Hüften, ihre Gänsehaut unter den Trägern ihres Badeanzuges, ihre katzenhaften grauen Augen. Sein Körper brannte von diesen Bildern und schrie nach Erleichterung.
Mathieu wusste, er durfte keinem erzählen, dass er seit knapp drei Wochen jeden Morgen um kurz vor sieben Uhr im Gärtnerschuppen herumkramte, um sie nur ja nicht zu verpassen. Dabei war er sich nach der ersten Begegnung nicht einmal sicher gewesen, ob sie am nächsten Tag wieder schwimmen würde. Jedes Mal, wenn er ihr gleichmäßiges Plätschern vernahm, verdichteten sich alle seine Sinne auf dieses Geräusch und die damit verbundene Vorstellung von ihrem Körper im Wasser.
Fast eine Ewigkeit verharrte er beim Poolhaus und genoss das lebendige Gefühl, das über ihn kam. Über sich selbst belustigt, gestand er sich ein: Er war verknallt. Verknallt, craquer, fou. Dieses Wort hatte er seit der Schule nicht mehr gebraucht. Aber einen anderen Begriff dafür, dass sie ihm ständig im Kopf herumspukte und er ihre Nähe suchte, gab es nicht. Oder doch?
Wieder wallte die Panik in ihm auf. Er verdrängte den Gedanken an Céline. War er dabei, den gleichen Fehler noch einmal zu begehen? Nein! Sicherlich war es nur körperliches Verlangen. Was auch sonst? Die Frauen, die er in seinem Leben begehrt hatte, hatte er in der Regel auch bekommen. Es war leicht. Irgendwann hatte er festgestellt, dass es ausreichte, mit einer Zeitung im Café zu sitzen und eben nicht zu lächeln. Seltsamerweise schien gerade das die Frauen anzuziehen.
Sein Freund Fredo, der bei Frauen sämtliche Register seines Charmes spielen ließ, war schier verzweifelt. „Wie machst du das nur?“, hatte er ihn immer wieder gefragt, wenn ein hartnäckiges weibliches Wesen sich mit eindeutigen Signalen in der Nähe seines Tisches positioniert hatte.
Mathieu konnte nur mit den Achseln zucken. Er wusste, er war keine Schönheit. Sein Gesicht war eher rau und markant. Seine Mimik nachdenklich bis abweisend. Aber gerade das schien die Frauen anzuziehen wie ein Honigtopf die Bären. Das und sein Desinteresse.
„Weniger ist mehr“, hatte Mathieu damals versucht, Fredo als Tipp an die Hand zu geben.
Fredo war es allerdings nicht gelungen, diese Philosophie umzusetzen. Sobald er eine Frau attraktiv fand, rutschte er unruhig umher wie ein Pennäler. Er konnte es einfach nicht lassen, zu lächeln, zu schauen, zu flirten. Seine gesamte Körpersprache war so offensichtlich, dass er auch gleich ein T-Shirt mit der leuchtenden Aufschrift „Ich will Sex“ hätte tragen können.
Mathieu jedenfalls musste mehrfach schallend lachen, wenn die Frauen vor Fredo die Flucht ergriffen und dieser verzweifelt überlegt hatte, worin sein Fehler diesmal gelegen hatte. Weshalb die Frauen gerade auf Typen abfuhren, die sie nicht wollten, würde Mathieu nie verstehen. Und das betraf nicht nur die Frauen an der Côte d’Azur. Dieselbe Erkenntnis hatte er auch während seiner Studienjahre in Paris und während seiner praktischen Zeit in England vertiefen können.
Auf jeden Fall hatte Mathieu sich zeit seines Erwachsenenlebens nicht über weibliche Zuwendung beklagen müssen. Aber so sehr die wenigen Frauen, denen er nachgegeben hatte, sich auch bemühten, sie hatten sein Herz nicht erreicht. Bei zweien hatte er kurz gedacht, er wäre verliebt.
Die durchgeknallte Lisa in Paris hatte ihn anfangs sogar stark fasziniert. Sie war ein verrücktes Huhn gewesen. Eine Kunststudentin, die durch das nächtliche Paris gestreift war, um ihre Street Art an Brücken und Häuserwände zu verewigen. Dass ausgerechnet Lisa nach wenigen Wochen Beziehung anfing, zu klammern und zu einem extrem häuslichen Typen mutiert war, der am liebsten DVD-Abende zu zweit veranstaltete, hatte er nicht erwartet. Abstand zu Lisa zu schaffen, war auch eines der Motive gewesen, weshalb er sich für ein Auslandspraktikum bewarb.
Charlotte war seine Chefin beim Gartenbaupraktikum im südenglischen Cheltenham gewesen. Sie war eine typische Engländerin, und zum ersten Mal war es ihm ergangen wie den Frauen anscheinend bei ihm. Sein Ehrgeiz, diese spröde Frau zu knacken und ihr ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern, war geweckt gewesen. Nächtelang hatte er Strategien ersonnen, wie er sie von sich überzeugen könnte. Merkwürdigerweise war seine Leidenschaft schlagartig abgekühlt, sobald er sie endlich erobert hatte. Das „Projekt Charlotte“ war, so sehr er sich auch dafür schämte, sie zu verletzen, rasch abgehakt. Erleichtert hatte er den Ablauf seiner Zeit in England vorgeschoben und Charlotte zurückgelassen.
Seither waren immerhin zwölf Jahre vergangen, und er trat in der Liebe immer noch auf der Stelle. Fredo war seit einer Ewigkeit mit der drallen, rothaarigen Joline verheiratet und Vater von ebenso drallen, rothaarigen Zwillingen. Manchmal hatte Mathieu den Eindruck, Fredo bemitleidete ihn. Dabei fehlte Mathieu nichts. Im Gegenteil. Er hatte sich die letzten Jahre auf den Aufbau seiner Selbstständigkeit konzentriert. Oft hatte er alleine in den Abendstunden noch in den Gärten gearbeitet, während seine Kollegen zu ihren Familien heimgekehrt waren. Selbstständigkeit erforderte eben einen enormen zeitlichen Einsatz, und er war erleichtert, sich nicht gegenüber einer Frau rechtfertigen zu müssen, dass er diesen erbrachte.
Zu Hause, in dem kleinen, von seiner Mutter Suzanne geerbten Haus, genoss er die stillen Abende bei einer Flasche Wein oder einem Buch auf der Terrasse mit dem schönen Blick auf das Meer. Ab und zu wärmte er einer attraktiven Frau das Bett. Was wollte er mehr?
Und jetzt war da Julia. Er konnte sich nicht erklären, weshalb er von ihr so angezogen war. Wie magisch. Sie war weder spröde wie Charlotte noch so wild wie Lisa. Er konnte es kaum erwarten, mehr über sie zu erfahren. Ob sie studiert hatte, ob sie gerne las, ob sie ein ausgefallenes Hobby hatte? Sie sprach fließend Französisch und hatte einen entzückenden, kaum wahrnehmbaren deutsch-schweizerischen Akzent. Ihr Lächeln war sanft. Sie hatte kluge, wache Augen, in denen ein Anflug von Traurigkeit hing.
Gerade diese Traurigkeit führte dazu, dass er den beinahe übermächtigen Drang verspürte, sie glücklich zu machen. Als er eben ihre vom Wasser kalten Wangen berührt hatte, hatte er ihr Frösteln gespürt. Mathieu hätte sie am liebsten in seine wärmenden Arme gerissen, um die Gänsehaut von ihrem Dekolleté zu vertreiben.
Gleich würde er sie wiedersehen. Ein breites Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Gut gelaunt entnahm er dem Schuppen sein Werkzeug und machte sich an sein Tagwerk.
ANKUNFT DER FAMILIE

Sie hatte geduscht und verzweifelt versucht, ihren widerspenstigen Haaren einen pfiffigen Touch einzuföhnen. Aus Carmens Schatzkiste fischte sie ein weißes, schlichtes – wahrscheinlich dennoch höllisch teures – Sommerkleid heraus, zu dem sie silberne Riemchensandalen anzog. Mit leichtem Bedauern schickte sie den freundlichen Anatol weg, der ihr eine weitere Massage angeboten hatte. Kurz überlegte sie, ob sie sich noch ein Frühstück einwerfen sollte. Immerhin musste sie um zehn Uhr bei Charles im Büro sein. Allerdings war ihr Magen vor Aufregung so zugeschnürt, dass sie ohnehin nichts heruntergebracht hätte.
Als sie eine nun den Plattenweg entlanglief, fühlt sich Julia wie ein junges Mädchen.
Am Pool war Mathieu nicht mehr. Aber das hatte er ihr ja gesagt. Julia folgte dem Weg den Hügel hinunter, vorbei an der verwitterten Tennisanlage, bis die üppige Vegetation einen atemberaubenden Ausblick freigab. Hier war Julia bisher noch nicht gewesen.
Vor ihr lag das Mittelmeer unter einem perfekten Himmel mit zarten Schäfchenwolken. Die Wasserfläche war noch spiegelglatt. Am Horizont konnte sie die Silhouetten von mehreren Frachtern erkennen. Weiter vorne, in der Bucht von Cap Martin, lief das Meer türkisfarben aus. Die roten Hausdächer, die Julia zwischen den Wipfeln der Zypressen, Pinien und Palmen ausmachte, schmiegten sich an die Küste.
Julia holte tief Luft und genoss das Gefühl der Spannung und Vorfreude, das sie durchströmte. Lächelnd blickte sie sich um. Etwa einhundert Meter zu ihrer Rechten erkannte sie Mathieu, und ihr Herz klopfte bei seinem Anblick in ihrem Hals. Er hatte sie noch nicht entdeckt, und Julia nutzte die Gelegenheit, ihn wieder zu beobachten.
Eine Locke hing in seiner Stirn, wurde jedoch just in diesem Moment von seiner Hand nach hinten geschoben. Sein Arbeitsoutfit, wieder Jeans und T-Shirt, sah unbeschreiblich lässig an ihm aus. Neben Mathieu stand Charles, und die beiden waren in ein angeregtes Gespräch vertieft. Charles stützte sich auf seinen Gehstock. Mathieus linke Hand ruhte auf dem Griff seines Spatens. Mit seiner Rechten deutete Mathieu ab und an im Garten umher. Als er in ihre Richtung zeigte und sie sah, hielt er kurz inne. Ein Lächeln huschte über seine Züge, und Julia lächelte automatisch zurück.
Charles, der Mathieus Reaktion bemerkt hatte, drehte sich ihr nun ebenfalls zu. Er winkte sie erfreut heran. Julia räusperte sich und näherte sich den beiden Männern. Sie waren beide gleich groß und wirkten, als wären sie sehr vertraut miteinander. Sie erinnerte sich daran, wie verträumt Charles bei ihrer Hinreise nach Roquebrune sowohl von der Landschaft als auch von den Menschen der Region geschwärmt hatte. Offenbar kannten sich die beiden Männer schon lange.
„Julia, bonjour. Das ist ja eine Überraschung, Sie hier anzutreffen. Machen Sie einen Spaziergang?“, begrüßte Charles sie überschwänglich.
Julia lächelte ihn breit an und nickte nur. Sie wagte es kaum, Mathieu in die Augen zu schauen. Als sie doch den Kopf hob, begegnete sie seinem aufmerksamen Blick. Er lächelte sie verschwörerisch an. Julia schien es in diesem Moment, als würde die Welt nur aus ihnen beiden bestehen. Nervös strich sie sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
Charles schien etwas gesagt zu haben.
Sie riss sich zusammen. „Wie bitte?“
„Ich hatte Sie gefragt, ob Sie Mathieu bereits kennen? Aber mir scheint, Sie tun es.“
Julia bemerkte, wie Charles schmunzelte. Oh nein, war ihre Verknalltheit so offensichtlich? Wie peinlich. So neutral wie möglich entgegnete sie: „Ja, wir haben uns bereits am Tag unserer Ankunft kennengelernt.“
Charles wandte sich Mathieu zu. „Also, dann haben Sie ja bereits meine zauberhafte Assistentin Julia kennengelernt. Sie kommt aus Deutschland. Spricht sie nicht ein hervorragendes Französisch?“
Mathieu nickte.
Charles runzelte nachdenklich die Stirn. „Mathieu hat wunderbare Pläne für das Grundstück“, wandte er sich wieder an Julia. Da schien ihm etwas einzufallen. „Julia, wie gut, dass ich Sie schon so früh treffe. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne unser Treffen heute vorverlegen. Meine Familie wird gegen Mittag ankommen, und so bleibt uns wenig Zeit. Je früher wir heute anfangen, umso besser kommen wir voran.“ Er rieb sich mit leuchtenden Augen die Hände.
Er schien sich auf seine Familie ebenso zu freuen wie auf die Fortsetzung seiner Memoiren. Doch sie seufzte innerlich: aus der Traum eines aufregenden Vormittags mit Mathieu. Wie bedauerlich. Sie blickte Mathieu mit einem Achselzucken entschuldigend an. An seinem Blick konnte Julia erkennen, dass er ebenfalls enttäuscht war. Charles hatte sich bereits abgewandt.
Kaum hörbar flüsterte Mathieu: „Ein andermal dann.“
Julia strahlte ihn an. „Oui, ein andermal.“ Sie nickte Mathieu zu und folgte Charles zum Haus.
Julia erlebte gemeinsam mit Charles einen produktiven Vormittag, nur unterbrochen von einem phänomenalen Frühstück, das ihnen Virginie im Arbeitszimmer servierte. Charles schilderte Julia seine Zeit in der Schweiz bis zu dem Tag, an dem er ein Praktikum im bedeutenden Bankhaus de Bertrand in Zürich begonnen hatte. Wieder verging die Zeit wie im Fluge, und erst das Geräusch eines sich nähernden Helikopters riss beide aus ihrer Gedankenwelt.
Charles lächelte freudig und erhob sich hastig. „Das werden sie sein.“
Julia war bereits routiniert darin, ihn dabei dezent zu stützen.
In diesem Augenblick öffnete Estelle die Tür und rief aufgeregt: „Sie sind da, Monsieur Charles. Sie sind da!“
„Ich hab’s gehört, meine Liebe.“
Vor dem Haus hatte sich bereits das Empfangskomitee aufgestellt. Julia schmunzelte, als sie sich mit Charles neben Virginie stellte. War es tatsächlich erst knappe drei Wochen her, seit sie selbst hier angekommen war? Es kam ihr eher wie Monate vor.
Einen Augenblick später bog auch schon Pierre mit dem Golfcart um die Ecke. Neben Pierre saß Philippe de Bertrand. Diesmal war er leger gekleidet in Jeans und weißem Hemd. Julia stellte anerkennend fest, wie gut er aussah. Als er Julia erkannte, lächelte er ihr vertraulich zu.
Auf der Rückbank saß die perfekteste Frau, die Julia je gesehen hatte. Obwohl sie sicherlich schon knapp sechzig war, strahlte sie eine gepflegte Präsenz aus, die Julia den Atem verschlug. Wie eine Königin, so huldvoll blickte sie auf die Wartenden. Das musste Charles’ Frau Inès sein. Sie trug einen aprikotfarbenen Hosenanzug, unter dem ein goldfarbenes T-Shirt hervorblitzte. Neben Brillantohrringen gehörte eine edle Uhr zu ihren Accessoires. Ihr blond gesträhntes Haar war kunstvoll hochgesteckt.
Neben ihr saß wohl die Tochter des Hauses, Salomé, die ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit dem frechen, bezopften Mädchen auf dem Foto, das Julia in Charles’ Büro betrachtet hatte. Im Gegensatz zu Inès waren ihre Haare nicht blond, sondern fast schwarz. Ihre Kleidung war mit Jeans und Bluse eher unauffällig. Als einzigen modischen Akzent machte Julia den modern geschnittenen Pony über dem stufigen Haarschnitt aus.
Unter viel Hallo, begleitet von den obligatorischen Küsschen, wurden die Ankömmlinge begrüßt. Julia war ein wenig befangen, als sie Inès die Hand reichte. Diese betrachtete sie interessiert und ignorierte ihre förmliche Begrüßung, indem sie die verblüffte Julia herzlich an sich zog und ihr ebenfalls zwei Küsschen verpasste.
„Ah, Julia. Wie schön, Sie endlich kennenzulernen. Charles und Philippe haben in den höchsten Tönen von Ihnen geschwärmt. Und das will etwas heißen!“
Julia spürte, wie sie leicht errötete.
Salomé war neben ihre Mutter getreten und drängte sie spielerisch zur Seite. „Darf ich auch endlich mal die berühmte Julia begrüßen. Hallo, ich bin Salomé. Aber hier in Südfrankreich nennt mich eigentlich jeder Zaza.“
Julia wurde noch verlegener. Ehe sie sich’s versah, fand sie sich in Salomés Armen wieder. Julia sah dabei in Philippes Augen, der entschuldigend die Schultern zuckte.
„Ich bin nicht alleine daran schuld. Mein Vater hat auch seinen Teil dazu beigetragen.“ Wie zuvor Salomé bei ihrer Mutter, schubste Philippe Salomé energisch beiseite und riss Julia fast in seine Arme.
Sie war so überrumpelt, dass sie kaum wusste, wie ihr geschah. Du meine Güte! So gut kannten sie sich nun wirklich nicht. Sie hatten sich doch erst einmal kurz getroffen. Julia verstand nicht, weshalb jeder so tat, als wäre sie ein lang vermisstes Familienmitglied. Aber sie hatte ja bereits bei Charles gesehen, wie herzlich und vertrauensvoll er sich ihr gegenüber verhielt. Ihr Vorurteil, reiche Leute wären eher blasiert und unnahbar, musste sie auf jeden Fall streichen.
Philippe hielt sie länger als nötig in seinen Armen. Julia spürte, wie sich ihre Atmung gegen seine breite Brust hob und senkte. Sein herbes Aftershave stieg ihr in die Nase. Streichelten seine Hände etwa über ihren Rücken? Julia nestelte sich aus seiner Umarmung. Mit einem Anflug von Irritation schaute sie ihn an. Philippe überging ihren fragenden Blick und wandte sich herzlich an Estelle. Dann betrat die Gesellschaft munter plaudernd das Haus, und wenig später servierte Estelle einen aufwändigen Lunch.
Julia genoss die angeregte Atmosphäre und war wieder erstaunt über den herzlichen Umgang miteinander. Unweigerlich dachte sie an ihre eigene Familie.
Sie war ein Einzelkind und nach Auffassung ihrer Mutter viel zu selten „zu Hause“. Sie hatte es damals kaum übers Herz gebracht, ihren Eltern beizubringen, dass sie in die Schweiz ziehen würde. Ihre Eltern waren zwar auch herzliche Menschen. Allerdings nicht so offensichtlich wie die de Bertrands. Vielleicht lag es an der provenzalischen Umgebung, dass alles so unbeschwert schien. Zugegebenermaßen war das Reihenhaus ihrer Eltern in einem Kölner Vorort nicht mit diesem Ort vergleichbar. Dort gab es auch keine Estelle und keine Virginie, die wie gute Geister umherflatterten und alle lächelnd verwöhnten. Außerdem durfte man nicht vergessen, sie alle waren in Urlaubsstimmung.
Salomé hatte sich den Platz neben Julia ergattert und Philippe dabei triumphierend angegrinst. Es fehlt noch, dass sich die Geschwister gegenseitig die Zunge herausstrecken, dachte Julia.
Salomé war eine interessante Gesprächspartnerin. Julia betrachtete die Tochter des Hauses, die sie auf Anfang dreißig schätzte, aufmerksam. Ihre strahlend hellblauen Augen leuchteten, und sie gestikulierte leidenschaftlich, als sie von ihrem Leben in New York erzählte, wo sie zurzeit in einer Dependance des familieneigenen Bankhauses arbeitete.
„Ich habe übrigens während des Sommers Geburtstag, und ich wollte eine kleine Party schmeißen. Hast du Lust, zu kommen?“, fragte Salomé.
„Ja, selbstverständlich. Wann denn? Ich habe nämlich auch bald Geburtstag, am 4. August.“
Salomé kreischte entzückt auf und klatschte begeistert in die Hände. „Das gibt es doch nicht. Das wird dann ja wohl die Party des Jahres! Philippe, hast du das mitbekommen? Julia hat am selben Tag wie ich Geburtstag.“
„Moment mal, die Party des Jahres feiere ja wohl immer noch ich!“, warf Charles mit gespielter Empörung ein.
Salomé und Julia grinsten ihn nachsichtig an. In diesem Moment klopfte es, und Pierre betrat den Raum. „Madame Inès, Gerard ist soeben mit dem Gepäck und Ihrem Personal eingetroffen.“
Inès erhob sich und verließ den Raum. Salomé verdrehte schalkhaft die Augen. „Es ist unglaublich, wie viel Zeug Maman für den Sommer braucht.“
Julia war verwirrt. Hatte Pierre „Personal“ gesagt? „Aber wofür braucht sie denn weiteres Personal?“
Salomé lachte nur und winkte ab. „Das wirst du schon noch sehen. Eigentlich gar nicht schlecht, denn wir werden auch davon profitieren. Dir wird aufgefallen sein, wie gut sie aussieht. Das kommt ja schließlich nicht von ungefähr. Nein, da braucht es Trainer, Berater, Stylisten und, und, und.“
Julia blieb schon wieder der Mund offen stehen.
Salomé sprang auf und ergriff ihre Hand. „Komm, ich zeig dir, was ich meine.“
Als sie den Eingangsbereich passierten, mussten sie eine stattliche Anzahl von Koffern und Kisten umrunden. Inès stand vor einer Gruppe junger Menschen. Neben ihr stand eine streng gekleidete, sehr schlanke Frau, deren Haare zu einem Knoten zusammengefasst waren. Sie erläuterte den anderen die Hausregeln. Unwillkürlich assoziierte Julia mit ihr das Fräulein Rottenmeier aus dem Roman Heidi.
Auf Julias fragenden Blick rollte Salomé nur genervt mit den Augen und flüsterte: „Das ist Mademoiselle Courbier, die persönliche Assistentin meiner Mutter. Ich sage dir, die hat Haare auf den Zähnen.“
Julia entwich ein Kichern, was sogleich mit einem strengen Blick von Fräulein Rottenmeier quittiert wurde. Selbst Inès schien in deren Gegenwart wie verwandelt und schnalzte tadelnd mit der Zunge. Salomé zog Julia aus dem Haus, und sie brüllten vor Lachen wie junge Mädchen, sobald sie außer Hörweite waren.
„Oh mein Gott, die nimmt sich fürchterlich wichtig. Ich verstehe nicht, wie meine Mutter sich mit einer so spaßfreien Person umgeben kann. Da gibt es doch ...“
Salomé stockte in ihrem Satz und blickte mit offenem Mund über Julias Schulter. Julia drehte sich, um zu sehen, was Salomé so abgelenkt hatte. Etwa zwanzig Meter von ihnen entfernt war Mathieu aus einem Oleandergang getreten. Sein T-Shirt war verschwitzt und lehmverschmiert. Selbst sein Gesicht zierte ein breiter Erdstreifen. Den Spaten hatte er wie ein Wandersmann über die Schulter gelegt. Noch hatte er sie nicht entdeckt.
„Oh. Mein. Gott“, entfuhr es Salomé leise, die ihren Blick nicht von Mathieu lösen konnte.
Moment mal, der gehört mir!, dachte Julia empört. So sehr sie Salomé in diesen wenigen Stunden bereits ins Herz geschlossen hatte, durchfuhr Julia ein jäher Schreck. Konnte sie mit der attraktiven, reichen Salomé überhaupt mithalten, sollte es um die Gunst von Mathieu gehen? Julia konnte die Augen ebenfalls nicht von Mathieu wenden. Dieser war ihnen jetzt näher und hob den Kopf. Ein Strahlen ging über sein Gesicht, als er Julia erkannte. Er trat zu ihnen.
„Salut, Julia. Hast du einen schönen Tag?“, fragte er.
Julia verlor sich kurz in seinem Lächeln. Gebannt von dem Grübchen auf seiner Wange, antwortete sie automatisch: „Oui, Mathieu. Sehr. Merci.“
Salomé räusperte sich vernehmlich.
Julia besann sich. „Ah, das ist Salomé de Bertrand. Salomé, das ist Mathieu ...“ Sie hielt inne. Unvermittelt wurde ihr bewusst, dass sie seinen Nachnamen gar nicht kannte. „Ach, ihr kennt euch doch sicher schon lange.“
„Nein, wir kennen uns bisher noch nicht. Mathieu Fontaine, sehr erfreut, Salomé“, sprang Mathieu hilfreich ein und nickte Salomé zu. Da er mit der Rechten den Spaten hielt, fügte er hinzu: „Ich schüttele Ihnen lieber nicht die Hand. Zu erdig.“
Salomé stutzte. „Mathieu Fontaine?“, überlegte sie. „Sind Sie hier aus der Gegend?“
Mathieu nickte und neigte fragend den Kopf. „Ja, ich lebe in Roquebrune. Sind wir uns vielleicht früher doch schon einmal begegnet?“
Salomé winkte ab und grinste ihn keck an. „Nein, nicht persönlich. Also, wenn überhaupt kennen wir uns nur vom Sehen. Aber ich muss zugeben, dass ich Ihren Namen in meiner Jugend öfter gehört habe.“
Mathieus Gesichtsausdruck versteinerte. Mit einem Male schien er es eilig zu haben. Er nickte Julia und Salomé zu.
„Also ... hat mich gefreut.“ Mathieu wandte sich bereits wieder Richtung Plattenweg. Dann hielt er kurz inne und sah Julia an. Sein Blick schweifte zu ihren Lippen. „Bis dann“, sagte er rau.
„Bis dann“, wisperte Julia und blickte ihm nach.
Kaum war Mathieu um die Ecke verschwunden, konnte Salomé nicht mehr an sich halten. „Oh, oh. Da hat es aber zwei ganz schön erwischt.“ Sie klatschte in die Hände. „Unsere Julia und Mathieu Fontaine, ich glaube es einfach nicht.“
Julia holte tief Luft. Das konnte doch nicht so weitergehen, dass alle Welt sofort um ihre Gefühle für diesen Mann wusste. Hilflos zuckte sie die Achseln und grinste Salomé an.
„Du kennst ihn ja doch! Er schien es jedenfalls nicht so toll zu finden, dass du seinen Namen kennst. Gibt es etwas, was ich wissen sollte?“
Lachend hakte sich Salomé bei Julia unter und zog sie wieder ins Haus.
„Ach was! Sein Name war nur einen Sommer lang bei einigen Mädchen meiner Clique sehr angesagt. Wie alt war ich da? … Ich glaube … siebzehn. Meine Freundinnen haben mich ziemlich genervt mit ihrer Schwärmerei für ihn. Ich hätte ihn eigentlich gleich erkennen sollen. Aber er war ein bisschen … erdig.“ Sie lachte laut auf.
Julia konnte an ihren glasigen Augen sehen, wie sie in weit entfernten Erinnerungen kramte. Ihre Neugier war geweckt. Sie fand es hochspannend, zu erfahren, wie Mathieu wohl damals gewesen war.
„Jetzt erzähl schon, Zaza!“
„Hach. Er war ... war so anders. Er war wild und schroff. Ganz anders als die braven Jüngelchen, mit denen wir sonst so loszogen. Wenn er den Strand langging, seufzten alle Frauen auf. Und nicht nur die jungen! Es war so wie in diesem Girl from Ipanema-Song, nur halt mit Mathieu Fontaine.“
„Und er? Hatte er eine Freundin?“
„Eine?“ Salomé lachte laut auf. „Ach, Julia. Ich weiß ja nicht, wie er heute ist. Aber ich habe doch gesagt, dass er wild war. Das machte ja gerade seinen Reiz aus. Ich glaube, neunzig Prozent der Mädchen damals waren total in ihn verknallt.“
Julia kaute nachdenklich ihre Unterlippe.
„Und du? Warst du auch in ihn verknallt?“
Belustigt begegnete Salomé ihrem zaghaften Blick. Dann wurde sie schlagartig ernst. „Nein, ich war damals immun gegen ihn. Ich hatte einen Freund.“
„Und das hat dich abgehalten?“
Salomé zuckte die Achseln. „Tja. Was wieder ein Beweis dafür wäre, wie dumm man mit siebzehn sein kann.“
Sie brach wieder in schallendes Gelächter aus, und Julia war erleichtert, dass ihr Anflug trüber Stimmung so rasch verflogen war. Kichernd betraten sie wieder den Essraum.
Inès erhob sich. „Da seid ihr ja! Ihr zwei Kichererbsen. Ich warte schon auf euch. Alleine macht es einfach keinen Spaß.“
Julia runzelte verwirrt die Stirn. Was meinte Inès?
Salomé hingegen klatschte wieder begeistert in die Hände. „Au ja, ich fange mit der Maniküre an, Julia nimmt das andere.“
Julia begriff, dass es sich also um ein Kosmetikprogramm handelte. Wow. Zuerst Massage, jetzt Kosmetik. Was für ein Leben. Aber was um alles in der Welt meinte Salomé mit „das andere“? Selbst Inès hatte bei Salomés Worten geschmunzelt. Salomé zog Julia am Arm hinter ihrer Mutter her, die den Speiseraum bereits verlassen hatte und dabei in unbestimmter Richtung mit den Fingern schnippte. Sogleich traten aus versteckten Ecken Fräulein Rottenmeier und ihr Gefolge zu ihr.
„Was meinst du mit das andere, Zaza?“, fragte Julia.
„Du wirst schon sehen.“ Salomé lächelte sibyllinisch und folgte der Prozession in Inès’ Gemächer.
ÜBERRASCHENDE ZEILEN

„Autsch!“ Julia biss sich auf die Unterlippe, um einen saftigen Fluch zurückzuhalten. Warum nur hatte sie dieses Waxing an Stellen ihres Körpers zugelassen, mit deren Behaarung sie die letzten zwanzig Jahre eigentlich ganz zufrieden gewesen war?
Salomé grinste. „Wie heißt es so schön: Wer schön sein will, muss leiden.“
Julia schnaubte. Salomé hatte gut reden. Ihr Leidensdruck bestand darin, ihre Hand ruhig zu halten, während dunkelroter Nagellack appliziert wurde.
Die drei Frauen befanden sich bereits seit einer Stunde in Inès’ Räumen, die mit unzähligen Köfferchen, Tiegeln, Tüchern und Spiegeln eher einem Kosmetikinstitut glichen. Inès, an deren Kopf Alufolienpakete für frische Strähnchen baumelten, plauderte entspannt über einen Karibiktrip mit einer Freundin, von dem sie kürzlich zurückgekehrt war.
Julia fragte sich, ob sie selbst es ertragen könnte, keine sinnvolle Aufgabe im Leben zu haben. Wie es wohl wäre, um die Welt zu jetten und zu setten? Ohne Termindruck, ohne Leistungsanspruch. Julia war überzeugt davon, sie würde bereits nach einem Jahr vor Unterforderung die Tapete der Hotelzimmer von den Wänden knibbeln.
Inès hingegen machte nicht gerade einen depressiven Eindruck. Aber sie war ja wesentlich älter als sie selbst und hatte schon erwachsene Kinder, quasi „ihr Soll erfüllt“. Wer weiß, wie es ihr selbst in zwanzig Jahren ergehen würde. Und Julia musste zugeben, die Annehmlichkeiten des Luxus, die sie bislang erleben durfte, hatten auf jeden Fall einen großen Teil dazu beigetragen, dass der Druck der letzten Monate von ihr abgefallen war.
Ihre Zeit mit Marcus, die enttäuschten Morgen vor dem negativen Teststäbchen, der Termindruck in dem Justiziariat des Konzerns, die gehetzten Mittagessen mit Kollegen waren ganz weit weg von ihrem jetzigen Leben auf Mirabel. Sie schienen in einen gnädigen Nebel der Erinnerung eingehüllt, und Julia hoffte, sie würden gefälligst dort bleiben.
„Wie kommt es eigentlich, dass du Zaza genannt wirst?“, wandte sie sich an Salomé.
„Den Namen hat ihr Philippe verpasst“, antwortete Inès an Salomés Stelle. „Er war damals ziemlich eifersüchtig, als seine kleine Schwester ihn vom Thron des Einzelkindes stieß. Salomé war schon recht früh sehr eigensinnig, und Philippe merkte, wie sehr sie sich ärgerte, wenn er absichtlich ihren Namen zu Zaza verstümmelte, indem er sie imitierte. Sie konnte ihren Namen als Kleinkind nicht richtig sagen. Es klang eher wie Zaza.“
Salomé fiel strahlend in Inès’ Erläuterung ein. „Ja, und irgendwann habe ich begriffen, dass es ihn wurmt, wenn ich den Namen Zaza toll fände. Also habe ich aus reinem Trotz begonnen, mich selbst so zu nennen, auch als ich dann meinen Namen bereits sagen konnte, und es seitdem beibehalten. Der Einzige, der mich heutzutage nicht mehr gerne Zaza nennt, ist Philippe.“ Salomé klatschte belustigt in die Hände.
Eine Geste, die Julia schon bei ihr aufgefallen war.
Drei Stunden später verließ Julia rundum erneuert Inès’ Zimmer. Zufrieden betrachtete sie ihre korallenroten Zehennägel, die durch die silbernen Riemchen ihrer Sandalen blitzten, und freute sich über die lindernde Wirkung von Aloe vera an diversen wunden Stellen zwischen ihren Beinen. Es war bereits sieben Uhr abends. Unglaublich, dass schon wieder ein Tag verflogen war. Bis zum Abendessen blieb ihr nur wenig Zeit. Unschlüssig verharrte sie vor ihrer Zimmertür.
Sie hätte eigentlich die Arbeitsergebnisse des Vormittags mit Charles noch ein wenig ordnen müssen. Andererseits spürte sie den unbändigen Drang, Mathieu zu suchen. Aufgeregt lief sie über die Plattenwege, vorsichtig darauf bedacht, ihr Nagelwerk vom Gestrüpp nicht zerstören zu lassen. Die Stelle, an der sie Mathieu am Morgen mit Charles angetroffen hatte, lag verlassen da. Julia suchte noch eine Weile, von Mathieu war allerdings nichts zu sehen. Enttäuscht kehrte sie zum Dahlienzimmer zurück und schaltete lustlos den Computer an.
Wie Julia erwartet hatte, gestaltete sich das Abendessen mit der Familie de Bertrand heiter. Sie registrierte amüsiert, wie Philippe alle Register seines Charmes zog, um sie zu umgarnen. Er war sehr unterhaltsam und mit seinem unglaublich guten Aussehen eine Augenweide. Auch Salomé beteiligte sich rege am Gespräch, und ihre Schlagfertigkeit brachte die Runde öfter zum Lachen. Die jungen de Bertrands hatten von den Eltern sowohl Charme, Intelligenz als auch Schönheit geerbt. Inès hatte eine etwas zurückhaltendere Art, war jedoch sehr belesen und konnte neben dem üblichen Small Talk mit fundiertem Wissen über Kunst und Kunstgeschichte begeistern. Es war schön zu sehen, wie wohl Charles sich im Kreise seiner Familie fühlte.
Julia zog sich dennoch früh zurück. Erschöpft – von was eigentlich? – sank sie in ihr Himmelbett.
Für den nächsten Morgen hatte sich Julia zum ersten Mal einen Wecker gestellt, um nur ja nicht zu spät zu ihrem Schwimmtraining – und Mathieu – zu kommen. Doch diesmal musste sie sich selbst das Handtuch nehmen. Mathieu war nicht erschienen. Fröstelnd stand Julia am Beckenrand und schaute sich enttäuscht nach ihm um.
Den restlichen Tag hielt sie nach ihm Ausschau, konnte ihn aber nirgends entdecken. Vermeintlich ohne Ziel schlenderte sie durch den Garten, passierte mit raschem Herzklopfen mehrfach die Gruppe von Arbeitern, die mit der Einfassung der Wege beschäftigt waren. Aber Mathieu war nicht unter ihnen. Seltsam, wie sehr sie sich in den Tagen vorher bereits an seine Anwesenheit und die lieb gewonnenen Treffen gewöhnt hatte.
Die kommenden Tage blieben ebenfalls Tage ohne Mathieu. Julia musste sich auf die Zunge beißen, um Charles während ihrer gemeinsamen Arbeit an seinen Memoiren nicht nach ihm zu fragen. Ansonsten folgte ihre Zeit langsam einer eingespielten Routine.
Das Manuskript über Charles’ Leben wurde immer umfangreicher. Nach einem leichten Lunch vertieften Salomé und Julia ihre neue Freundschaft. Allerdings ging sie auf Salomés neckende Anspielungen, was einen gewissen sexy Gärtner anging, nicht ein. Sie zog es vor, ihre Gefühle für sich zu behalten. Das stimmte allerdings nur zur Hälfte, denn ihrer Freundin Stella gab sie per SMS ein tägliches Mathieu-Sichtungs-Update.
Wenn die Kosmetiktruppe von Inès nicht gerade neue Einsatzgebiete fand, führte Philippe sie in schicke Cafés nach Cap Martin, ins Monte Carlo Beach Hotel oder zum Shoppen in die Boutiquen von Monaco aus. Das heißt, Julia schaute in der Regel Salomé beim Shoppen zu. Bei der Fülle ihres Kleiderschranks und ihrer ungewissen Zukunft verspürte sie dann doch kein Bedürfnis, sich noch mehr Klamotten anzuschaffen.
Julia nahm staunend die Atmosphäre des unbeschwerten Lebens an der Côte d’Azur in sich auf: die dünnen Models, die teuren Outfits, die hohen Absätze, die imposanten Sportwagen, die Menge der Yachten, die weißen Tischdecken in den designten Lokalen. Aber auch die zauberhafte Landschaft, die charmanten Menschen, die Strände und das imposante Blau des Mittelmeeres.
Sie absolvierte unzählige Begrüßungsküsschen, als sie Freunden von Philippe und Salomé vorgestellt wurde, deren Namen sie sich anfangs noch zu merken versuchte, es irgendwann jedoch aufgab, denn es waren einfach zu viele.
Philippe führte sich bei diesen Ausflügen auf wie ein Prinz. Nach Julias Geschmack kam er ihrem Körper dabei zu häufig viel zu nah. Wie selbstverständlich legte er seine Hand um ihre Schultern und an ihre Hüfte, ergriff ihre Hand, umarmte sie zum Abschied. Auf ihren strengen Blick hin hob er mit einem entwaffnenden Grinsen die Schultern. „Was soll ich tun? Bei schönen Frauen kann ich halt nicht widerstehen.“
Julia und vor allem Salomé rollten nur mit den Augen. Aber Philippes jungenhafter Charme schaffte es, dass Julia ihm nicht ernstlich böse sein konnte. Es gab Schlimmeres, als von attraktiven Männern berührt zu werden. Innerlich seufzte sie jedoch, denn der eine Mann, dessen Berührung sie herbeisehnte, war weit und breit nicht zu sehen.
Nach einer Woche dachte Julia schon fast, sie hätte sich Mathieu und seine blitzenden Augen nur eingebildet. Es war Freitagabend, kurz vor dem Abendessen. Julia trocknete ihr Haar und trat währenddessen auf ihre Terrasse, um einen abendlichen Gruß an das Meer zu senden. Sie genoss dieses kleine Ritual und liebte die Stimmung des frühen Abends und vor allem das Licht, das den Garten und die Bucht in eine orange angehauchte Kitschpostkarte verwandelte. Während sie die Haarspitzen mit dem Handtuch knetete, schaute sie entspannt auf ein großes Kreuzfahrtschiff, das vor der Küste aufgetaucht war.
Da berührten ihre nackten Füße auf einmal einen Gegenstand. Erstaunt erblickte sie auf dem Terrassenboden einen Papierflieger. Sie hob ihn lächelnd auf und wollte ihn gerade wieder segeln lassen, da hielt sie in der Bewegung inne. Auf dem einen Flügel des Fliegers erkannte sie ihren Namen. Julia sah sich herzklopfend nach dem Absender des Fliegers um, konnte jedoch niemanden entdecken. Behutsam entfaltete sie das Blatt Papier. Auf diesem standen nur wenige Zeilen, aber Julia wusste sofort, von wem diese waren.
Julia,
ein andermal kann morgen sein. Ich erwarte dich nachmittags um vier vor dem Tor.
M.
Julia spürte, wie sich ihre Atmung beschleunigte. Unwillkürlich hielt sie ihre Hand an die Brust. Hatte sie jemals etwas so geheimnisvoll Romantisches erlebt? Freude breitete sich in ihr aus und ließ sie innerlich ganz warm werden. Wie einen kostbaren Schatz faltete sie das Schreiben zusammen und kehrte mit einem leisen Lächeln in ihr Zimmer zurück.

Charles senkte seufzend das Blatt Papier, das er zum hundertsten Mal in den letzten Monaten gelesen hatte. Tief in Gedanken verloren, starrte er auf das große Kreuzfahrtschiff, das seit gestern vor der Bucht lag, ohne jedoch wahrzunehmen, was er sah. Er erinnerte sich genau an den Moment, als er den Brief zum ersten Mal gelesen hatte.
Ein Windstoß hatte einen Schwall vertrockneter Oleanderblätter vor die Steinbank geweht, auf der er gesessen hatte. Seufzend erwachte er aus der Starre, die ihn befallen hatte, und er konnte sich endlich überwinden, den Brief zu öffnen, den er seit einer gefühlten Ewigkeit nur angestarrt hatte.
Mit dem Zeigefinger bohrte er am oberen Rand des Umschlags behutsam ein Loch und erweiterte dann vorsichtig die Öffnung. Als der Briefumschlag offen war, dauerte es wieder eine Weile, bis er sich in der Lage sah, fortzufahren. Was würde er zu lesen bekommen? Mit zittrigen Händen entnahm er die Zeilen und entfaltete das Blatt Papier. Die feinen, leicht nach rechts geneigten Buchstaben ließen seine Hand noch stärker zittern. Ihre Schrift war ihm so vertraut, und ihm war, als flüsterten die raschelnden Oleanderblätter in diesem Moment mit ihrer Stimme und mit der ihr eigenen Zärtlichkeit seinen Namen. Er riss sich zusammen und heftete seinen Blick auf das Schreiben.
Es war still um ihn herum. Wie immer hier um die Mittagszeit. Vor allem aber an diesem durch die wuchernden Oleanderbüsche fast verborgenen Ort. Hier hatten sie sich heimlich getroffen, und jeder Zweig schrie ihren Namen. Seitdem sie fortgegangen war, war er nicht mehr hier gewesen.
Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, ließ er das eng beschriebene Papier in seinen Schoß sinken und starrte wieder eine Weile auf das Schattenspiel der Blätter auf den Steinplatten vor ihm.
Sie war also tot.
Er horchte in sich hinein. Die lang unterdrückten Gedanken an sie sammelten sich zu einem dumpfen Schmerz in seiner Brust. Mit jedem Bild seiner fernen Erinnerung nahm er still Abschied von dieser Frau. Als die Trauer abebbte – er wusste nicht, wie viel Zeit verstrichen war –, sah er klarer als je zuvor: Sie hatte recht mit ihren Zeilen. Seine Entscheidung war die einzig richtige gewesen. Er bereute es nicht. Im Gegenteil. Er wurde sich erst in diesem Moment mit aller Klarheit bewusst, dass nichts anders sein sollte in seinem Leben. Dann riss er sich aus seinen Tagträumen. Er musste sich konzentrieren.
„Ein Sohn?“, flüsterte er, als erwartete er von den Pflanzen rings um sich eine Antwort. Es blieb weiter still. Beim Anblick der wild wuchernden Oleanderbüsche reifte langsam in ihm ein Plan. Zufriedenheit machte sich auf seinem Gesicht breit.
Mit einer ruckartigen Bewegung hob er die Hand und rieb sich die Benommenheit aus den Augen. Wie es seine Art war, faltete er den Brief sorgfältig wieder zusammen, falzte ihn sogar mit einem Fingernagel. Dann war er aufgestanden und hatte die schattige Laube über den Steinplattenweg verlassen.
Ein unerwartetes Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Virginie steckte ihren Kopf in das Arbeitszimmer.
„Monsieur Charles, Ihr Freund Alexandre ist soeben eingetroffen.“
„Danke, Virginie, ich komme sofort“, antwortete Charles seufzend. Wie lästig. Ausgerechnet Alexandre, der Schwätzer, hatte sich für heute angesagt. Es war Samstag, und so würde seine lieb gewonnene, anregende Arbeit mit Julia ausfallen. Aber die Gute war so fleißig und hatte sich ihr Wochenende redlich verdient. Er war mehr als zufrieden mit seinem Gespür. Julia einzustellen hatte sich als ausgesprochenen Glücksgriff erwiesen. Nicht nur für seine Memoiren. Ihre freundliche Art und ihre unaufdringliche Anwesenheit erfüllte das gesamte Haus mit Licht.
Charles atmete tief aus und wandte sich endlich vom Fenster ab. Da hörte er bereits Alexandres unverwechselbaren Bass durch den Flur schallen.
„Der alte Schwerenöter lässt mich doch wohl nicht absichtlich warten und hat ein Stelldichein?“
Charles verdrehte genervt die Augen, als die verzweifelte Virginie wieder im Türrahmen erschien und gerade noch entschuldigend die Achseln hob, bevor sie von dem massigen Alexandre zart, aber bestimmt zur Seite geschoben wurde. Geduld und gutes Benehmen waren noch nie Alexandres Stärke gewesen. Mit einem beschwichtigenden Blick zu Virginie legte Charles rasch den Brief auf seinem Schreibtisch ab und humpelte seinem alten Freund entgegen.
„Alexandre, du musst nicht immer von dir auf andere schließen. Lass das bloß nicht Inès hören!“
Lachend klopfte Alexandre seine kräftige Hand auf Charles’ Schulter. „Die gute Inès weiß doch ohnehin, dass du kein Kostverächter bist.“
Langsam wurde es Charles zu bunt. Vor allem wollte er diese Gespräche nicht vor den Angestellten austragen. Geschickt wechselte er das Thema.
„Kann das sein, dass du zehn Elefanten verputzt hast, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“ Frech kniff er Alexandre in den stattlichen Bauch, der daraufhin in schallendes Gelächter ausbrach.

„Papa, hast du ein Aufladekabel?“ Salomé öffnete nach einem raschen Anklopfen die Tür zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Das Büro war leer. Im selben Moment hörte sie Alexandres aufdringliche Stimme durchs Haus schallen.
Salomé verzog ihr Gesicht. Eigentlich mochte sie Alexandre. Er war gutmütig und von berechenbarer Natur. Sie kannte ihn schon, seit sie denken konnte. Aber sie hatte gerade keine Lust auf Small Talk. Sie konnte hören, wie sich die Stimmen langsam Richtung Terrasse entfernten.
Salomé war gerade auf dem Weg zum Pool gewesen, um mit Julia ein Sonnenbad zu nehmen, als sie bemerkt hatte, dass ihr Handy-Akku leer war. Obwohl sie wusste, es musste sich mindestens ein Dutzend Ladegeräte im Haus befinden, hatte sie verflixterweise keines finden können.
Als sie gerade wieder die Tür schließen wollte, erblickte sie aus dem Augenwinkel ein Kabel auf dem Schreibtisch, das eindeutig zu einem Ladegerät gehörte. Rasch durchmaß sie das Zimmer und nahm das Kabel an sich. Während sie noch damit beschäftigt war, den Stecker in die Buchse ihres Handys zu schieben, blieb ihr Blick an einem Schreiben hängen, das offen auf dem Tisch lag.
Salomé war nicht der Typ, der in fremden Sachen schnüffelte. Sie hatte es ihre ganze Studienzeit über, die sie sich Zimmer in Wohnheimen geteilt hatte, geschafft, diese Maxime für sich durchzuhalten. Sie hatte es auch heute nicht vor. Schließlich ging es sie überhaupt nichts an, welche Briefe ihr Vater erhielt. Der rasche Blick hatte allerdings zwei Worte in ihre Netzhaut gebrannt.
„Mein Charles“, stand dort als Anrede. Unbewusst begann es, in Salomé zu rattern. Wer, wenn nicht Inès, würde ihren Vater „Mein Charles“ nennen. Aber das war eindeutig nicht die Handschrift ihrer Mutter. Vielleicht ein guter männlicher Freund?
Salomés Neugier war letztlich stärker als ihre Willenskraft. Sie musste diesen Brief lesen. Es war wie ein Sog. Schließlich war es besser, Verdächtigungen gleich auszuräumen, als sich über Halbinformationen den Kopf zu zerbrechen und ihrem Vater vielleicht Unrecht zu tun. Oder etwa nicht? Salomé blickte sich dennoch rasch um und sah zur Tür. Weit entfernt vernahm sie die gedämpften Stimmen ihres Vaters und Alexandres. Nach einem klärenden Räuspern hob sie den Brief langsam auf und las:
Suzanne Fontaine
Hôpital Saint-Joseph
6 Boulevard de Louvain
13285 Marseille
Charles de Bertrand
Mirabel
8, Chemin des Gorges
06190 Roquebrune-Cap Martin
Mein Charles,
wie unwirklich das für dich klingen mag. Aber es stimmt: Du warst immer mein. Selbst, als du mit ihr gegangen bist. Ich habe nie wieder jemanden so geliebt wie dich!
Ich habe dein Leben aus der Ferne mitbekommen, und es scheint dir gut zu gehen. Dann war deine Entscheidung damals richtig, und all deine Träume und Vorstellungen, wie dein Leben zu sein hat, sind in Erfüllung gegangen.
Vielleicht war es nicht richtig, dich die ganzen Jahre nicht mit meiner Sehnsucht nach dir zu belasten. Wie oft habe ich mich gefragt, ob ich mich damals zu schnell zurückgezogen habe. Aber im Grunde wusste ich, dass deine Entscheidung für dich das Glück bringen würde. Und da ich dich immer geliebt habe, lag mir an deinem Glück, und ich bereue nichts.
Meine Stunden sind gezählt. Ich bin sehr krank, und wenn du diesen Brief liest, bin ich bereits gestorben.
Unsere Liebe von damals ist nicht ohne Folgen geblieben: Wir haben einen Sohn gezeugt, und er heißt Mathieu Charles Fontaine. Er trägt meinen Mädchennamen, aber sein zweiter Vorname ist von dir, ebenso wie seine Augen, sein Charme und seine Intelligenz.
Aus ihm ist inzwischen ein wunderbarer Mann geworden, und er betreibt ein kleines Unternehmen als Landschaftsarchitekt hier in Roquebrune. Es ist schmerzlich für mich, dass ich sein weiteres Vorankommen nicht mehr miterleben werde. Aber du kannst es, wenn du das möchtest.
Er ist ein gut aussehender, beliebter Mann. Dennoch habe ich den Eindruck, dass er einsam ist. Er würde es niemals zugeben. Aber ich kenne ihn. Er sucht nach einer Gefährtin, aber er traut es sich nicht zu, sie wirklich zu finden.
Ich fürchte, daran bin ich schuld. Oder aber wir beide, Charles.
Glaube mir, ich habe versucht, Mathieu Zuversicht in das Leben und die Liebe zu lehren. Aber wie hätte ich ihm etwas erfolgreich vermitteln können, das mir selbst abgeht? Er weiß nicht, dass du sein Vater bist – ich möchte es dir überlassen, ob du mit ihm in Kontakt treten und ihn kennenlernen möchtest.
Leb wohl, mein Charles!
Für immer die deine,
Suzanne
Die Adresse deines Sohnes:
Mathieu Charles Fontaine
Architecte paysagiste
Rue du midi 68
06190 Roquebrune-Cap Martin
Salomé ließ den Brief sinken und stieß die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte. In ihrem Kopf arbeitete es. Ihr Vater hatte noch einen Sohn? Von einer Suzanne? Wusste ihre Mutter davon? Wer war diese Frau? Warum hatte er sie verlassen? Wie alt war dieser Sohn? Es gab also noch einen Bruder. Halbbruder, korrigierte sie sich automatisch. Ihre Gedanken rasten. Was würde Philippe dazu sagen? Würde dieser neue Bruder eine Rolle in der Bank spielen? Würde er alles zerstören?
Plötzlich schwindelig, lehnte sie sich kraftlos gegen die Tischkante. Sie ermahnte sich, Ruhe zu bewahren, und atmete tief ein und aus, bis sich ihr Puls beruhigt hatte. Dann begann sie in der ihr eigenen Art, die Sache rational zu durchdenken.
Er hieß Mathieu und lebte hier in Roquebrune, war Landschaftsarchitekt ... Hm, die Wahrscheinlichkeit, dass er für die Bank arbeiten wollte, war vermutlich gering.
Stirnrunzelnd wiederholte sie seinen Namen: Mathieu, Mathieu Fontaine ... und schlagartig fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr neuer Bruder Mathieu war Julias Mathieu! Mathieu, der Gärtner! Unfassbar! Salomé konnte nicht verhindern, dass ihr bei dieser Erkenntnis ein keuchender Laut entfuhr, der im leeren Zimmer widerhallte. Erschrocken blickte sie zur Tür, aber nichts tat sich.
Mathieu Fontaine war ihr Bruder! Sie hatte ihn bisher nur kurz gesehen, und da war er mit Erde beschmiert gewesen und hatte auch nur Augen für Julia gehabt. Je weiter sie den Gedanken vertiefte, desto offensichtlicher wurde, welche Tomaten sie auf den Augen gehabt hatte! Wie ähnlich Mathieu ihrem Vater sah. Dieselbe Kinnpartie. Dieselbe maskuline, selbstbewusste Ausstrahlung. Unglaublich, wie ihr das entgangen war. Unvermittelt freute sie sich darauf, Mathieu näher kennenzulernen. Ob er ihr auch ähnlich war? Ein erstauntes Glucksen entwich ihr, als ihr aufging, dass Julia vielleicht ihre Schwägerin werden würde. Oder wäre das dann auch nur Halbschwägerin?
Dann kappte schlagartig ein bitterer Gedanke ihre Träumerei. Falls ihre Mutter bislang keine Ahnung von dem weiteren Sohn ihres Mannes hatte, wie verletzt würde sie sich fühlen, wenn sie es nach all den Jahren herausbekam? Arme Maman!
Ein Geräusch von draußen ließ sie zusammenfahren. Sie hörte Schritte im Gang. Durch den Türspalt erspähte sie Pierre, der sie allerdings nicht bemerkt hatte und am Arbeitszimmer vorbeiging. Sie entspannte sich.
Achtsam legte sie den Brief wieder so auf den Tisch, wie sie ihn vorgefunden hatte. Am liebsten hätte sie das Schreiben kopiert und in Ruhe auf ihrem Zimmer noch einmal durchgelesen. Aber das wagte sie nicht.
Um ihre Spuren zu verwischen, entstöpselte Salomé sogar rasch das Handy und legte das Kabel zurück an seinen Platz. Dann schlich sie aus dem Arbeitszimmer, dessen Tür sie geräuschlos schloss. Äußerlich gelassen, arbeitete es in ihr weiter. Da gab es noch einiges zu klären. Eine leise Furcht, was diese Entdeckung für ihre Familie bedeuten könnte, griff nach ihr. Salomé seufzte. Sie war ein optimistischer Mensch. Es würde alles gut gehen. Fest stand nur: Dieser Sommer war in jeder Hinsicht bisher anders als die vorausgegangenen.
LA CABANE DU SOLEIL

Sie war natürlich viel zu früh. Julia stand im Schatten einer Bougainvillea vor der Toreinfahrt von Mirabel. Entsetzt stellte sie fest, dass sie unglaubliches Lampenfieber hatte.
Ja, das Gefühl war tatsächlich vergleichbar mit dem vor fünfundzwanzig Jahren, als sie aufgeregt durch den Vorhang der Schulbühne geblinzelt hatte. Ihre Geige hatte sie fest umklammert und gewusst, dass sie gleich vor ihren Klassenkameraden und Lehrern, die erwartungsvoll in der Aula saßen, ein Stück von Mozart spielen musste.
Nachdem sie diesen Auftritt gemeistert hatte, war sie nie wieder in ihrem Leben aufgeregt gewesen. Auch nicht vor den mündlichen Prüfungen ihrer Staatsexamina, den Vorstellungsgesprächen und den Gerichtsverhandlungen. Gerade jene Unaufgeregtheit hatte den Personalchef des Schweizer Energiekonzerns damals so stark beeindruckt, dass er sie umgehend eingestellt hatte, ohne den üblichen Weg einer zweiten Vorstellungsrunde zu gehen.
Aber jetzt trippelte Julia unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie ärgerte sich fast über die ihr ungewohnte Anspannung. Gleichzeitig genoss sie jede Sekunde der Vorfreude, den Blick auf ihre nochmals frisch lackierten korallenroten Nägel gerichtet.
Sie hatte den Nachmittag damit verbracht, sich mindestens ein Dutzend Mal umzuziehen, da sie nicht wusste, was Mathieu genau vorhatte. Stirnrunzelnd hatte sie sich das zartblaue Dessous angehalten und sich an Carmens vielsagenden Blick dazu erinnert.
Das regelmäßige morgendliche Schwimmen machte sich bereits nach nur vier Wochen bemerkbar. Bei einem Blick in den großen Spiegel des Ankleidezimmers hatte es ihr den Atem verschlagen. Die leichte Sonnenbräune ihrer Haut ließ den zarten Blauton der Spitze leuchten. Der Stoff fühlte sich auf ihrer unbehaarten Haut einzigartig sinnlich an.
Nach vielen transparenten Kleidchen hatte sie sich endlich für eine schlichte weiß-blaue Tunika entschieden, die durch einen schmalen Ledergürtel in der Taille gerafft wurde. Den Look komplettierte sie mit einer schmal geschnittenen dunkelblauen Leinenhose. Ihr gefiel es, und sie ging davon aus, dass Mathieu sie nicht gerade ins Casino von Monte Carlo ausführen würde.
Als sie allerdings hier in der Nachmittagssonne stand und wartete, wäre sie am liebsten panisch wieder zurückgelaufen, um sich doch für ein anderes Outfit zu entscheiden. Herrgott noch mal!, ermahnte sie sich und versuchte, tief ein- und auszuatmen. Warum nur war sie auf einmal so unsicher wie ein Teenager?
Sie blickte links und rechts die verschlafen wirkende, enge Straße entlang. Eigentlich ziemlich unspektakulär, wenn man bedachte, welcher Reichtum hier angesiedelt war. Die leuchtend rote Bougainvillea, unter der sie stand, umrankte eine lange Steinmauer, die das Grundstück der de Bertrands begrenzte und sich die Straße entlang zog. Der Briefkasten rechts vom Tor wirkte fast gammelig.
Philippe hatte ihr erklärt, weshalb die Einfahrt nicht so imposant war, wie Julia das erwartet hätte. „Das ist eine Gegend, die in den Sechzigerjahren von den Reichen entdeckt und mehr und mehr besiedelt wurde. Unser Haus wurde zwar schon früher erbaut, aber in dieser Ära von meinem Urgroßvater komplett saniert. Damals dachte man noch, Einbrecher ließen sich abhalten, wenn die Anwesen von der Straße her nicht so aufsehenerregend wirkten. Daher der schlichte Eingang.“
Julia hatte verstanden und genickt.
„Damals gab es aber auch noch nicht Google Earth“, hatte Philippe lachend geschnaubt. „Jetzt lassen sich die Ganoven nicht mehr täuschen und erkunden alles vom Weltraum aus.“
Endlich vernahm Julia ein leichtes Motorengeräusch, und ihr Herz begann, wie wild zu hämmern. Das wird er sein, dachte sie. Endlich sehe ich ihn wieder und werde mehr über ihn erfahren. Und wer weiß, was der Abend noch bereithält?
Sie trat aus dem Schatten, straffte die Schultern und blickte dem sich nähernden Geräusch entgegen.

Durch das Visier seines Helmes sah er die Frauengestalt am Straßenrand langsam größer werden. Julia. Sie hatte seine Nachricht tatsächlich bekommen. Er zog scharf die Luft ein, als ihn bei ihrem Anblick ein unerwarteter Adrenalinstoß durchfuhr.
Mathieu brachte seine Vespa neben ihr zum Stehen, bockte sie auf und nahm während des Absteigens seinen Helm ab. Wie schön sie war! Ihre Augen leuchteten, und sie strich sich mit ihrer schmalen Hand eine Haarsträhne hinters Ohr. Ihr Gesicht war hübsch gebräunt, und sie wirkte entspannter als noch vor einer Woche. Einen Augenblick lang standen sie befangen voreinander. Dann sagten sie gleichzeitig: „Salut …!“ „Mathieu …!“
Sie stoppten und lachten sich an. Mathieu beugte sich vor und küsste sie rechts und links auf ihre Wangen. Sie roch gut. Nach Teerosen. Sie hatte während der Begrüßung eine ihrer Hände kurz auf seine Brust gelegt und sich ihm entgegengereckt. Er unterdrückte den unvermittelten Wunsch, sie ganz in seine Arme zu ziehen, und schluckte schwer. „Schön, dass du gekommen bist, Julia.“
„Danke für den Flieger. Das war sehr ...“, sie stockte kurz, suchte wohl nach dem richtigen Wort im Französischen, „... außergewöhnlich.“
Sie blickten sich an. Weshalb war er nur so aufgeregt?“ Seine Handflächen waren schweißnass, und er widerstand dem Drang, sie an seiner Jeans zu trocknen.
„Wo warst du?“, fragte Julia jetzt.
„Ich musste nach Nizza. Lästige Formalitäten. Und ich habe noch ein anderes Projekt bei Cannes, das ich bereits zu sehr vernachlässigt hatte. Dort war im wahrsten Sinne des Wortes einiges zu begradigen.“
Er strich sich mit seiner Hand über das Kinn und blickte sie gequält an bei der Erinnerung daran.
Gequält hatte er sich nämlich gefühlt, als sein Assistent Antoine ihm von den fehlenden Genehmigungen für den Umbau der Terrasse auf dem Grundstück der Villa in Cannes erzählt hatte und er kurzfristig abreisen musste. Er hatte geahnt, dass das eine langwierige Angelegenheit werden würde. Seit er dann noch versucht hatte, das Chaos in den Griff zu bekommen, das seine Jungs so bravourös in Cannes bereitet hatten, wusste er, es würde länger dauern. Vielleicht kann ich mir fähigere Mitarbeiter leisten, wenn erst dieser Auftrag bei den de Bertrands gut abgeschlossen ist, hatte er gedacht.
Jeden Tag, den er Julia nicht sehen konnte, hatte seine Sehnsucht nach ihr ins Unendliche geschürt. Eine leichte Panik, sie könnte das Interesse an ihm verlieren, war hinzugekommen. Er hatte schließlich Augen im Kopf. Der Sohn von Charles de Bertrand hatte nach seiner Ankunft die Augen und Finger nicht von Julia lassen können.
„Du hast gefehlt.“ Julia blickte ihn zaghaft und zugleich herausfordernd an, wenn das möglich war.
Mathieu war verwirrt. Hatte sie das wirklich gerade zu ihm gesagt? Andererseits hatte sie nicht wörtlich gesagt, dass er ihr gefehlt hatte. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und schien selbst darüber nachzudenken, wie sie so mutig sein konnte. Ein Hauch von Unsicherheit schlich sich in ihren Blick. Erleichterung wallte in ihm auf. Er hatte also ihr gefehlt. Dann war bestimmt nichts gewesen mit diesem Philippe. Er bewunderte ihre Ehrlichkeit. Keine Spielchen. Warum auch? Sie waren ja schließlich keine fünfzehn mehr. Genug mit „Versuch und Irrtum“. Keine Zeit mit Nebensächlichkeiten verlieren. Er nahm sich das selbst als Credo für den bevorstehenden Abend vor.
Er freute sich unbändig auf den Abend mit ihr. Es war lange her, dass er so bewusst die Umgebung wahrgenommen hatte. Schon auf der Fahrt zu ihr war ihm das erste Mal seit Langem der unverwechselbare Duft der Region nach Rosmarin und Meer in die Nase gestiegen. Und wie ein Tourist hatte ihn der Farbkontrast der roten Ziegeldächer von Roquebrune gegen den blauen Himmel, ein beliebtes Postkartenmotiv, fasziniert. Das Leben war schön! Er hatte noch mal richtig Gas gegeben und seine Hochstimmung genossen.
„Gut, dass du Hosen anhast. Es wird vielleicht kühl auf der Fahrt.“ Er entnahm einem kleinen Kasten auf dem Roller einen zweiten Helm und reichte ihn ihr. Julia winkte, wie zur Bestätigung seiner Worte, mit einer Strickjacke und schlang sich diese um die Hüfte. Sie überreichte ihm ihre kleine Handtasche, die er in der Box verstaute.
Nachdem er Platz genommen und die Maschine gestartet hatte, stieg sie hinter ihm auf den Sitz. Wie selbstverständlich legte sie ihre Hände auf seine Hüften. Mathieu musste kurz seine Augen schließen, weil die Wärme ihrer Finger seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Dann fuhr er an. Der Druck ihrer Finger verstärkte sich, als sie sich fester an ihn klammerte. Unvermittelt regte sich sein Verlangen, und er konnte es kaum erwarten, die kurvigen Serpentinen mit ihr hinabzubrausen.

Julia saß andächtig hinter Mathieu. Es war lange her, dass sie auf einer Vespa gesessen hatte. Und jetzt auch noch hinter diesem Mann und vor dieser Kulisse. Fast hätte sie den Kopf über so viel Lebensglück geschüttelt. Dann aber lächelte sie sacht. Sie hatte sich lange genug von diesem Idioten Marcus klein halten lassen und sich jede Minute Glück verdient.
Mathieu hatte so gut ausgesehen, als er so unbeschreiblich cool von der Vespa gestiegen war. Er trug eine tief sitzende Jeans mit weißem Hemd, das auf der einen Seite aus der Hose gerutscht war. Das sah so unglaublich lässig aus, dass Julia sich fast wie ein kleines Mädchen fühlte, dem gerade ihr begehrtestes Geburtstagsgeschenk überreicht wurde. Und das sie gleich auspacken ... Oh nein, Julia, reiß dich zusammen!, ermahnte sie sich wieder. Ob du ihn auspacken willst oder darfst, steht doch noch in den Sternen.
Als sie gemächlich den Berg hinunterkurvten, zog Julia tief die laue Sommerluft in ihre Lungen. Sie spürte Mathieus muskulöse Hüften warm unter ihren Händen und war fast versucht, ihre Hände streichelnd wandern zu lassen. Auf der anderen Seite war gerade die Anstrengung, es nicht zu tun, äußerst erregend.
Als eine enge Kehre die Vespa zur Seite legte, lehnte sie ihren Körper näher an ihn und spürte, wie sein breiter Rücken unter seinem weißen Hemd zart gegen ihre Brüste rieb. Um ihre Finger davon abzuhalten, sich in seine Seite zu krallen, nahm sie die Hände rasch vor seinen Bauch und verschränkte sie vor diesem. Jetzt war sie noch näher an ihm. Sie spürte ein Vibrieren in seiner Brust. Brummte er? Hoffentlich vor Genuss und nicht als Zeichen der Abwehr.
Julia hätte ewig so weiterfahren können. Sie liebte es. Das Knattern des Motors, Mathieus Nähe, der Wind in den Haaren. Als sie den Fuß des Berges erreicht hatten, fuhr Mathieu an der Küste entlang. Zu ihrer Linken glitzerte das Meer. Mathieu manövrierte sie geschickt durch den Verkehr von Monaco, und Julia erfasste gestochen scharf jede kleine Szene am Straßenrand, um sie auf ewig im Gedächtnis zu behalten.
Unter ihren Fingern spürte sie bei jeder Bremsung und jedem Anfahren das Spiel seiner Bauchmuskeln. Ein kleines Stück hinter Monaco bog Mathieu von der Hauptstraße ab und steuerte eines der vielen kleinen Kaps an der Küste an. Die privaten Villen, die das Ufer säumten, wurden spärlicher, bis Matthieu und sie einen staubigen Privatweg entlangholperten.
Vor einer flachen Hütte, eigentlich eher ein Holzverschlag, auf der in handgepinselten gelben Lettern „La Cabane du Soleil“ stand, mündete die Straße in einen kleinen Parkplatz. Mathieu drosselte den Motor und bedeutete Julia, abzusteigen. Nachdem er die Helme verstaut hatte, hielt er ihr lächelnd seine Hand hin. Julia ergriff sie, und ein seltsam vertrautes Gefühl überkam sie. Es fühlte sich so richtig an.
„Durstig?“, fragte er.
Julia spürte ihre trockene Kehle. „Ja, sehr sogar.“
Offenbar zufrieden zog er sie Richtung Hütte. Julia fühlte in den Sandalen den Sand zwischen ihren Zehen, als sie den Parkplatz verließen und auf die weinbeschattete einfache Terrasse des Lokals traten. Hier herrschte, abseits der Hektik von Monaco, eine friedliche Stimmung. An einem der Tische nahe bei der Bar saßen zwei ältere Männer, vertieft in ein Damespiel. Eine junge Frau fegte Sand und getrocknete Weinblätter sorgfältig zusammen. In einer Nische neben der Bar spielte ein Halbwüchsiger an einem Spielautomaten. Ohne sichtbares Konzept drückte er auf die blinkenden Tasten.
Hinter dem Tresen stand ein etwa vierzigjähriger, beleibter Mann mit starken Geheimratsecken in einem gestreiften T-Shirt. Er polierte gerade Gläser. Sein strahlendes Lachen, als er Mathieu ausmachte, zauberte einen jugendlichen Glanz in seine freundlichen Augen.
„Mathieu, das gibt es ja gar nicht! Lässt du dich auch mal wieder blicken, altes Haus?“
Mathieu grinste schief. Der Mann kam flink wie ein Wiesel hinter seinem Tresen hervor und herzte Mathieu. Bereits während der Umarmung betrachtete er Julia neugierig und zwinkerte ihr frech zu. Julia mochte ihn sofort.
„Darf ich vorstellen: Julia. Julia, das ist mein guter Freund Fredo. Fredo, sag brav ‚Hallo’ zu Julia!“
Fredo verdrehte gespielt die Augen und boxte Mathieu in die Seite, der daraufhin tat, als hätte es ihm wirklich wehgetan. Dann kam Fredo auf Julia zu. Und ehe sie sich’s versah, hatte er auch sie in eine feste Umarmung gezogen. Ich muss mich langsam an diese stürmische Art in Südfrankreich gewöhnen, dachte sie.
„Nun mal halt, das ist mein Mädchen!“, dröhnte Mathieu von hinten.
Julias Bauch kribbelte bei Mathieus Worten.
„Mädchen ist gut. Wo hast du denn diese atemberaubende Venus aufgegabelt? Die hast du doch gar nicht verdient.“
Julia schoss unweigerlich die Röte in die Wangen, als Fredo sie losließ. Sämtliche Anwesenden des Lokals hatten jede Sekunde der Szene im Auge behalten. Die beiden Damespieler nickten beifällig, und die Frau hatte ihre Hände auf den Besen gestützt. Selbst der Jugendliche verpasste mindestens drei blinkende Tasten, während er sie angrinste.
Julia kam sich ein bisschen vor wie eine Preiskuh auf dem dörflichen Viehmarkt. Gleichzeitig fühlte sie sich sehr entspannt. Der ganze Reichenschnickschnack hatte zwar seine Annehmlichkeiten. Hier in dieser schlichten Bar fühlte sie sich allerdings auf Anhieb wohl und zugehörig.
Mathieu ergriff sacht ihren Arm, wie, um keinen Zweifel an seinem Besitz zu lassen.
„Fredo, hast du noch eine deiner unglaublich guten Pasteten, ein wenig Brot und Käse und eine Flasche Wein, zum Mitnehmen?“
Fredo strahlte wieder. Er hob die Brauen und schaute bedeutsam auf Mathieu.
„Ah, mon ami, ich ahne, was du vorhast. Seit wann bist du so ein Romantiker?“
War Mathieu etwa verlegen? Er strich sich nervös durch sein Haar und entgegnete mit ein wenig Schärfe: „Fredo, wir sprechen uns später noch. Jetzt quatsch nicht, sondern pack das Zeug ein!“
Fredo verschwand kichernd hinter einem Vorhang aus Bastfäden, hinter dem sich vermutlich die Küche befand. Mathieu wandte sich Julia zu und hob entschuldigend die Schultern. „Was will man machen? Es gibt kaum etwas Nervigeres als alte Freunde, die zu allem ihren Senf dazugeben müssen.“
Julia grinste ihn an. „Das kenn ich“, sagte sie knapp und dachte in diesem Moment innig an ihre Freundin Stella.
Mathieu ging hinter die Bar und fragte Julia nach ihrem Wunsch.
„Ein Glas Rosé, bitte.“
Er hantierte versiert hinter der Bar, als wäre das sein Laden. Julia schielte unauffällig auf seine definierten Unterarme.
„Uns auch noch zwei Bier!“, riefen prompt die Damespieler.
Nachdem er die beiden und sich selbst mit einem kühlen Bier versorgt hatte, zog Mathieu Julia zu einem großen verwitterten Holztisch in der hintersten Ecke der Terrasse. Der Platz lag im Halbschatten, die Sonne zeichnete zitternde Weinrankenmuster auf die Tischplatte.
„Julia, erzähl mir bitte von dir.“
Julia verschluckte sich fast an ihrem Wein. Hatte nicht Charles vor nicht allzu langer Zeit dieselbe Frage gestellt? Seitdem hatte sie nicht wirklich an einer plausiblen Geschichte gearbeitet. Wo sollte sie nur anfangen? Bei ihrer Geburt in Köln oder bei dem Desaster ihrer letzten Beziehung? Plötzlich kam Julia ihr Leben recht uninteressant vor. Nachdenklich fuhr sie mit dem Finger den feuchten Kreis nach, den ihr Glas auf der Tischplatte hinterlassen hatte, während sie einen weiteren großen Schluck nahm.
Mathieu hatte ihr Zögern bemerkt. „Pardon, tut mir leid, du musst nichts erzählen. Aber mich würde schon interessieren, weshalb du den Sommer bei den de Bertrands verbringst.“
„Nein, mir tut es leid. Halte mich bitte nicht für verschlossen. Es ist nur so, dass ich hier die letzten Wochen wie in einer Kapsel gelebt habe. Mein Leben außerhalb dieser Kapsel kommt mir gerade sehr fern vor. Du wirst mir nicht glauben, aber ich musste mich tatsächlich erst einmal daran erinnern und überlegen, wo genau ich beginne.“
Er blickte sie ernst an und nahm bedächtig einen Schluck aus seiner Flasche. Als er nichts sagte, fuhr Julia fort: „Also, ich habe mich bei Charles de Bertrand für eine Assistentenstelle beworben, und jetzt bin ich hier.“ Sie machte eine allumfassende Geste.
„Du bist also kein Hausgast?“ Warum nur schien er so erleichtert?
„Nein, ich bin die Assistentin von Charles de Bertrand. Eigentlich ganz einfach. Und wie es scheint, wird das der Sommer meines Lebens“, grinste sie ihn wieder herausfordernd an. Die Unsicherheit von eben war wie weggeblasen.
„Der Sommer deines Lebens? Ich hoffe, ich habe daran einen großen Anteil, Julia.“ Sanft legte er seine Finger auf ihren Unterarm.
Sofort bildete sich eine leichte Gänsehaut, die ihr bis in den Unterleib zog. Am liebsten hätte sie seinen Kopf umfasst und ihn ungestüm geküsst. Aber wie viel köstlicher war es, diesen Moment hinauszuzögern.
„Davor hatte ich ein vergleichsweise stressiges Leben als Juristin in Zürich.“
Er verzog sein Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Deshalb verwunderte sie sein anschließender Satz. „Aber Juristin zu sein, ist doch nicht schlecht.“
„Das kann gut sein. Aber mein Bild von mir als Jeanne d’Arc, die flammende Reden vor Gericht hält und Unschuldige vor dem Strang bewahrt, ist recht bald von der Realität des Gerichtsalltags eingeholt worden. Im Alltag hatte ich dann irgendwann die Leidenschaft verloren.“
Er knibbelte stirnrunzelnd den Rand des feuchten Bieretiketts ab, während er ihr zuhörte. Seine Hände waren gepflegt. Nicht ein einziger Trauerrand am Fingernagel zeugte davon, dass er den ganzen Tag in der Erde buddelte.
Бесплатный фрагмент закончился.
