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BEATE & ARTHUR ERNEST WILDER-SMITH
ES WAR EIN REICHES LEBEN
DIE LEBENSGESCHICHTE VON
BEATE & ARTHUR ERNEST WILDER-SMITH


Impressum
© 1. Auflage 08/2020 der deutschen eBook-Auflage 2020 by Daniel-Verlag
Daniel-Verlag, Gewerbegebiet 7, 17279 Lychen
Bestell-Nr.: 304636
Cover: Eduardo Souza,snilleblixtar.se
Titelbild: privat
Bilder im Innenteil: privat
Satz: Daniel-Verlag, Lychen
eBook-Erstellung: Alexander Rempel, www.ceBooks.de
ISBN © Copyright der Originalausgabe 1998 by Beate Wilder-Smith
Published by The Word For Today Publishers, Costa Mesa, California 92628
Originaltitel: Fulfilled Journey – The Wilder-Smith-Memoirs
© Copyright der deutschen Ausgabe 2000 by Hänssler Verlag, D-71087 Holzgerlingen
ISBN 978-3-95893-270-8 (eBook)
ISBN 978-3-945515-36-5 (Buch)
Verlags-Seite und Shop: www.daniel-verlag.de
Kontakt: info@daniel-verlag.de
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Inhalt
Impressum
Vorwort
Einführung
Widmung
Teil I ARTHUR ERNEST WILDER-SMITH
Kapitel I FRÜHE ERINNERUNGEN
Kapitel II DIE EVOLUTION DER LANDWIRTSCHAFT
Kapitel III ANSCHAUUNGSUNTERRICHT
Kapitel IV INTERNAT
Kapitel V ATHEISTISCHE AUSSAAT
Kapitel VI DER ERNST DES LEBENS BEGINNT
Kapitel VII AUF UND AB IN MEINER AUSBILDUNG
Kapitel VIII ÜBERWINDUNG MEINER ATHEISTISCHEN AUSBILDUNG IN SCHULE UND UNIVERSITÄT
Kapitel IX FREIMAUREREI UND CHRISTENTUM
Kapitel X DER ZWEITE WELTKRIEG: DAS VERHÄLTNIS DES CHRISTEN ZUM STAAT
Kapitel XI ENGLAND NACH DER INVASION EUROPAS 1944
Kapitel XII DIE AUSWANDERUNG AUS ENGLAND
Teil II BEATE WILDER-SMITH (GEB. GOTTWALDT)
Kapitel I FAMILIE
Kapitel II AUSBILDUNG
Kapitel III AUFSTIEG DER NAZIS
Kapitel IV DIE FLUCHT
Kapitel V GROSSMUTTER ELSE URBAN
Kapitel VI AUFBAU DER ZERBOMBTEN NORD-OST-GEMEINDE
Teil III GEMEINSAMES LEBEN
Kapitel I UNSERE HOCHZEIT
Kapitel II DER MISSLUNGENE STREICH
Kapitel III ZUKUNFTSPLÄNE
Kapitel IV ARBEIT UNTER DEN STUDENTEN
Kapitel V EINLADUNG IN EINE STRAFANSTALT
Kapitel VI MEINE ERSTEN ZWEI BÜCHER ÜBER DIE ENTSTEHUNG DES LEBENS
Kapitel VII EIN BEISPIEL ÜBER DEN URSPRUNG VON CODES UND SPRACHEN
Kapitel VIII LITERATUR ZU VERSCHIEDENEN THEMEN
Kapitel IX FILME ALS MEDIUM ZUR VERBREITUNG DES EVANGELIUMS
Kapitel X VORTRÄGE AN HOLLÄNDISCHEN UNIVERSITÄTEN
Kapitel XI WEIT ENTFERNTE DIENSTE
Kapitel XII DIE UNHALTBARKEIT VON FOX‘ UND MILLERS EXPERIMENTEN
Kapitel XIII UNSER ERSTER WOHNSITZ
Kapitel XIV PRIVATDOZENT IN GENF
Kapitel XV DIE FAMILIE WIRD GRÖSSER
Kapitel XVI PETRAS GEBURT
Kapitel XVII WIEDER ZURÜCK IN DIE SCHWEIZ
Kapitel XVIII ZWEI WEITERE DOKTORHÜTE
Kapitel XIX EINE FRACHTERREISE IN DEN NORDEN
Kapitel XX VON NORWEGEN NACH SPITZBERGEN (SVALBARD)
Kapitel XXI EIN MISSVERSTÄNDNIS MIT POLITISCHEN KONSEQUENZEN
Kapitel XXII DER HEIMGANG MEINER SCHWIEGERMUTTER
Kapitel XXIII DIE REISE NACH BERGEN
Kapitel XXIV DAS „BEDEHUS“
Kapitel XXV EINLEBEN IN NORWEGEN
Kapitel XXVI CLIVES GEBURT
Kapitel XVII DER BESUCH BEIM KÖNIG
Kapitel XXVIII EINE VOLLE PROFESSUR AN DER UNIVERSITÄT VON ILLINOIS
Kapitel XXIX DIE AUTOREISE NACH CHICAGO
Kapitel XXX DER GEISTESBLITZ
Kapitel XXXI DIE FAMILIE
Kapitel XXXII EIN NEUES ANGEBOT
Kapitel XXXIII DIE STAATSUNABHÄNGIGE THEOLOGISCHE HOCHSCHULE (STH) IN BASEL
TEIL IV DIE SPÄTEREN JAHRE
Kapitel I DIE REISE IN DIE TÜRKEI
Kapitel II EINE WOHNUNG IN ANKARA
Kapitel III DAS TÜRKISCHE MILITÄR
Kapitel IV DIE WIEGE FRÜHERER ZIVILISATION
Kapitel V FOSSILIENABLAGERUNGEN IN KIZILCAHAMAM
Kapitel VI „ÄRGERHEPATITIS“ UND UNANNEHMLICHKEITEN
Kapitel VII DAS PEACE CORPS
Kapitel VIII VERBRENNEN VON AUTOS
Kapitel IX BESCHAFFUNG VON DROGEN UND CHEMIKALIEN
Kapitel X NEUE ERFAHRUNGEN IM UMGANG MIT MENSCHEN
Kapitel XI KATASTROPHENHILFE
Kapitel XII INTERNATIONALE VERWENDUNG VON A.I.D.-FONDS
Kapitel XIII DAS GESETZ IN DER TÜRKEI
Kapitel XIV UNSERE AUTOSCHILDER
Kapitel XV WIE ICH DROGENBERATER WURDE
Kapitel XVI MILITÄRISCHE UND DIPLOMATISCHE PRIVILEGIEN
Kapitel XVII ALLAHS GÄSTE
Kapitel XVIII FATMA
Kapitel XIX DER „KAPICI“
Kapitel XX SCHULUNG UNSERER KINDER IN DER TÜRKEI
Kapitel XXI DIE INTERNATIONALE VEREINIGUNG CHRISTLICHER GESCHÄFTSLEUTE (IVCG)
Kapitel XXII DIE GRÜNDUNG VON „PRO UNIVERSITATE“
Kapitel XXV THE MYSTERY DEBATER: EINE DEBATTE AN DER M.I.T. (MASSACHUSETTS INSTITUTE OF TECHNOLOGY)
Kapitel XXIV ÖFFENTLICHE VORTRÄGE UND REDEN IN KIRCHEN
Kapitel XXV HOBBYS
Kapitel XXVI DER 70. GEBURTSTAG VON PROFESSOR WILDER-SMITH
Kapitel XXVII DIE VORLESUNG ZUM HUXLEY MEMORIAL 1986
Kapitel XXVIII DER 75. GEBURTSTAG
Kapitel XXIX DIE OPERATION
Kapitel XXX DIE HOCHZEIT UNSERER TOCHTER
Kapitel XXXI VORTRÄGE IN OSTDEUTSCHLAND NACH DEM FALL DER MAUER
Kapitel XXXII BEATES 65. GEBURTSTAG
Kapitel XXXIII DIE ZWEITE OPERATION UND HEIMGANG
LEBENSLAUF VON ARTHUR ERNEST WILDER-SMITH
Im Daniel-Verlag erschienen:
Vorwort
Prof Dr. Dr. Dr. Arthur E. Wilder-Smith gab durch seine Vorträge und Schriften vielen Christen und auch Nichtchristen in ihrer geistigen und geistlichen Entwicklung entscheidende Anstöße. Als echter Pionier trat er der übermächtig erscheinenden Evolutionslehre unerschrocken entgegen. Dabei schloss er bei seiner Kritik die gerade unter Christen weitverbreitete theistische Evolutionslehre mit ein.
Unter seinen über 80 Veröffentlichungen zu Glaubensfragen hat in besonderer Weise sein 1966 erschienenes Standardwerk Herkunft und Zukunft des Menschen bei vielen Zweiflern intellektuelle Glaubenshindernisse beseitigt und die Augen für die Einzigartigkeit des Wortes Gottes geöffnet.
Auch seine fachwissenschaftliche Forschungsarbeit, die er in der Industrie durchführte, trug reiche Früchte in einer großen Zahl von Veröffentlichungen und in vielen Patenten.
Ganz besonders galt sein Einsatz der jüngeren Generation. Vielen deutschen Kriegsgefangenen konnte er in England mit dem Wort Gottes Trost spenden und ihnen den Weg aus der Hoffnungslosigkeit zu dem lebendigen Jesus Christus zeigen.
In den alliierten Streitkräften half er im Rahmen eines Spezialauftrags zur Drogenbekämpfung Tausenden von Soldaten, von der Drogenabhängigkeit loszukommen. Oft hatte er, dem der Rang eines Generals verliehen worden war, die jungen Leute auch persönlich weitergeführt.
Nicht nur im militärischen Bereich gelang es Wilder-Smith, die Herzen der Jugend zu gewinnen. Seine Liebe zu jungen Menschen zeigte sich in besonderer Weise bei seiner Lehrtätigkeit an der Universität. So stellten zum Beispiel seine Pharmakologiestudenten an der Universität von Illinois bei der Verleihung einer akademischen Auszeichnung fest:
„Er macht uns nicht nur zu besseren Wissenschaftlern, sondern auch zu besseren Menschen.“
Ein unvergessliches Erlebnis war es, Wilder-Smith bei seinen Vorträgen über grundlegende Fragen der Auseinandersetzung zwischen der Evolutionslehre und dem biblischen Schöpfungsbericht zu hören. Seine überragende Persönlichkeit, sein umfassendes Wissen und sein besonderes Talent, packend vorzutragen, zogen viele Hörer an. So war zum Beispiel bei seinen Vorträgen an der Kölner Universität der größte Hörsaal des Hochhauses so stark besucht, dass sogar der blanke Boden des Podiums bis zur unmittelbaren Berührung mit dem Rednerpult Kopf an Kopf besetzt war. Auch die Fensternischen wurden in akrobatischen Kletterkünsten erklommen. Sein ganz außerordentliches Geschick beim Umgang mit der studentischen Jugend wurde besonders dann deutlich, wenn er auf die verschiedenen Fragen seiner Zuhörer einging. Wilder-Smith verlor auch zu später Stunde nach einem anstrengenden Vortrag nicht die Geduld, wenn übermütige Heißsporne in arroganter Weise den sachlichen Bereich zu verlassen drohten. Seine Antworten waren von echtem Feingefühl und durch fördernde Überlegenheit geprägt, die auch von gereizten Fanatikern ohne Gesichtsverlust anerkannt wurde und es nicht gestattete, das durch den Redner geprägte Klima zu zerstören.
Auch in den von ihm begründeten Seminaren „Pro Universitate“ gab Wilder-Smith Akademikern und Studenten wichtige Hilfen für Studium und Beruf. Er schöpfte dabei aus einem reichen Fundus an Wissen und Erfahrung, den er bei der Forschung an den Universitäten Genf, Chicago, Bergen und Ankara aufbauen konnte.
Im Gedenken an Wilder-Smith danken zahllose Christen ihrem Herrn dafür, dass Er uns diesen furchtlosen Bekenner geschenkt hat, der vielen geholfen hat, als Wissenschaft ausgegebenen Ballast abzuwerfen und den Zugang zu dem lebendigen Wort Gottes zu finden.
Der Herr möge es schenken, dass der mächtige Zeuge Wilder-Smith durch das vorliegende Werk auch nach seinem Heimgang noch viele erreicht und den Schöpfer des Himmels und der Erde verherrlicht.
Professor Dr. Dr Theodor Ellinger, Köln
Einführung
Mein Mann und ich begannen 1991, die Memoiren zu schreiben – einige Zeit nach der ersten Kopfoperation meines Mannes. Im März 1991 fand seine Operation statt. Einige Monate später griff er erneut zur Feder, und zwar während der Genesungszeit, als er noch nicht reisen und Vorträge halten konnte. Infolge der Komplikationen nach der zweiten Hirnoperation, die dann zu seinem Tode führten, beendete ich das Buch.
Um eine einheitliche Struktur und Weiterführung zu erlangen, sind die meisten Teile der Memoiren in der „Ich-Form“ niedergeschrieben – aus der Perspektive meines Mannes –, obgleich teilweise von mir erzählt. Ich bitte, der verehrte Leser möge mir diese Freiheit verzeihen. Selbstverständlich ist der letztere Teil aus meiner Sicht weitergegeben.
Meist reisten und arbeiteten wir beide zusammen, besonders als unsere vier Kinder erwachsen waren. So hatte ich das große Vorrecht, an seinem Denken und Arbeiten eng teilzunehmen. Wenn ich nach all den gemeinsamen Jahren durch sein Tagebuch blättere, kann ich über die Vielfalt und Menge seiner Tätigkeiten, die er in aller Stille durchführte, nur staunen.
Zum schnellen Überblick seiner Tätigkeit möchte ich nur einige Fakten erwähnen. Neben all seiner ausgedehnten literarischen Arbeit und natürlich seinem Beruf als Universitätsprofessor, reiste und lehrte er überall in der Welt: Vortragsreisen in den USA, Neuseeland, Australien und unzählbare Vorträge in Europa. Im Laufe dieser Reisen sprach er – nur die letzten 20 Jahre gerechnet – in mehr als 1000 öffentlichen Auditorien und Kirchen und hielt 370 Vorlesungen und Debatten an Universitäten. Außerdem hielt er regelmäßig Vorträge vor Geschäftsleuten und sprach in Fernseh- und Radioprogrammen.
Anfang 1970 wurde mein Mann Berater für Drogenmissbrauch bei der NATO, womit häufiges Reisen, Beraten und Dozieren zu Tausenden von Soldaten und Offizieren in den gesamten NATO-Ländern verbunden war.
Der Grund, warum wir unsere Memoiren veröffentlichen, ist, zu zeigen,
1. auf welche Weise Gott uns für unser Leben und Seine speziellen Aufgaben erzog und formte;
2. wie wunderbar und treu Gott in guten und schweren Zeiten uns führte und für uns sorgte.
Mögen durch diese Aufzeichnungen viele Menschen gesegnet und dazu ermutigt werden, ihr Leben Gott vertrauensvoll auszuliefern. Wir wünschen ihnen die gleichen Erfahrungen, die wir erlebten; nämlich dass Gott uns nicht immer Leid und Schwierigkeiten erspart, sondern inmitten derselben uns liebend beisteht und nahe ist. Diese Gewissheit schenkt Friede, Freude und Zuversicht.
Beate Wilder-Smith
Unseren Kindern Oliver, Petra, Clive und Einar, die alle Freuden und Prüfungen des Lebens mit uns teilten, gewidmet.
Teil I ARTHUR ERNEST WILDER-SMITH
Kapitel I
FRÜHE ERINNERUNGEN
1. Jugendzeit
Die Erinnerungen der frühesten Kindheit kommen einem im späteren Leben wie Träume vor. Aber Träume werden im Allgemeinen relativ schnell vergessen. Hingegen, die ersten Eindrücke des Lebens haben die Tendenz, für immer zu bleiben. So ist es auch, wenn ich an meine frühe Kindheit denke. Ich hatte das große Privileg, drei ältere Schwestern zu haben. Besonders meine älteste Schwester nahm sich meiner an, fuhr mich im Kinderwagen spazieren – und, wie ich meinte, bevormundete mich.
Eines Tages fuhr sie mich im Kinderwagen spazieren. Wir trafen eine Anzahl älterer Damen, die mich gern „inspizieren“ wollten. Sie hoben die Fransen des Kinderwagens hoch – er hatte eine Art befransten Sonnenschirm als Dach, um das Baby vor den Blicken der Neugierigen (nicht nur vor der Sonne) zu schützen. Die Damen zogen Grimassen erschreckendster Art, um mich zum Lächeln zu bringen. Offenbar waren ihre Grimassen so furchterregend, dass ich einen Schock bekam und laut schrie. Darauf ließ meine Schwester die Fransen des Schirmes herunter, um mich vor diesem lähmenden Anblick zu schützen.
Viel später musste meine älteste Schwester mich wieder einmal spazieren fahren. Es war Sommer und heiß. Mutter hatte mich schön weiß angezogen. Meine Schwester bekam von Mutter den striktesten Befehl, mich nicht schmutzig werden zu lassen, weil wir nach dem Spaziergang Gäste erwarteten. Damals gab es keine Waschmaschinen, dafür stellte man zwei Dienstmädchen an, um die Wäsche zu kochen und per Hand zu waschen. Meine Schwester war lieb, aber sie behandelte uns Jungen – mein Bruder war 16 Monate jünger als ich – wie Säuglinge, wie wir meinten. So hegten wir oft einen geheimen Groll gegen diesen „Psychoterror“. Hier bot sich offenbar die große Gelegenheit des Jahres, sich an unserer Schwester zu rächen. Nach einigen hundert Metern gelangten wir auf der Landstraße zu einer Stelle, wo frische, dampfende Pferdeäpfel lagen. Damals musste man nicht gegen den Gestank von Autoabgasen, sondern gegen den lieblichen Geruch von Pferdeäpfeln kämpfen! Kurz entschlossen – ich war vielleicht zweieinhalb Jahre alt – ging ich auf den dampfenden Haufen zu und wälzte mich ausgiebig in der weichen braunen Masse. Der Spaziergang wurde eiligst unterbrochen. Verzweifelt versuchte meine Schwester, das Schlimmste auszubürsten. Leider vergeblich; denn ich sah nachher schlimmer aus als vorher. Alle Vorbeigehenden bewunderten auf dem Rückweg meinen neuen, braun-gesprenkelten Anzug – er war früher ein weißer Matrosenanzug gewesen und hatte jetzt seine politische Farbe etwas geändert. Mutter war entrüstet, als sie diese Veränderung an meinem schönen Sonntagsanzug gewahrte.
Wie vorauszusehen war, schimpfte sie meine arme Schwester heftig aus, was ganz im Sinne ihres bösen Sohnes war, obwohl Mutter das nicht wusste. Unsere drei älteren Schwestern hielten fest gegen die zwei jüngeren Brüder zusammen: ein Kriegszustand, der leider lange dauerte.
Eltern ahnen oft gar nicht, wie bewusst kleine Kinder von frühester Jugend an die restliche Familie um den kleinen Finger wickeln. Menschen sind von Kleinkind an „Intriganten“! Die Aufgabe der Eltern – die schwere Aufgabe der Eltern – ist es, diesen Hang den Kindern früh auszutreiben. Meine Eltern versuchten, das zu tun – obwohl meine Schwestern bis zum heutigen Tag fest behaupten, dass dieses gute Ziel bei den beiden Jungen fehlschlug.
Als ich vor einigen Monaten in London war, sprach ich telefonisch mit meiner zweiten Schwester, die schon einige Jahre Witwe ist. Sie war unerschütterlich der alten Meinung, dass wir Jungen von Anfang an unverbesserlich waren und dass unsere Eltern strenger hätten vorgehen müssen! Nur mit den Töchtern seien sie zu streng gewesen! Ein Familienlied, das vielen Familien sicher bekannt ist!
2. Auf dem Gut
Ich wurde am 22.12.1915 in Reading, Berkshire, England geboren. Mein Vater stammte aus einer alten Familie von Gutsbesitzern. Seit der dänischen Invasion (genauer gesagt Invasionen) Ostenglands bebauten seine Vorfahren das fruchtbare Flachland im Südosten des Landes und breiteten sich nach dem Westen aus, wo die keltischen Urbewohner des Landes ansässig waren. Der Menschentyp im Osten des Landes trägt immer noch den dänischen Phänotyp, obwohl schon viel Vermischung stattgefunden hat. Biologisch gesehen, waren sie meist langlebig (soweit sie ihre ständigen Kriege vermieden), blauäugig und groß von Wuchs. Oft waren sie rotblonde Menschen. Mein Vater trug einen kleinen rotblonden Schnurrbart, wozu meine geduldige Mutter oft bemerken musste, dass die rötliche Farbe durch seine oft hitzigen Worte, die über seine Lippen schlüpften, zustande kam. Vater konnte aber auch sehr lieb sein.
Er versorgte in der ganzen Gegend – aber strikt heimlich –arme Leute, besonders Witwen und Waisen. Er ging oft wortkarg auf seine Runden durch die Nachbarschaft und brachte alten, alleinstehenden Männern und Frauen ein Hühnchen, gutes Gemüse oder sonst etwas, was es auf dem großen Gut gab: Eier, Butter, Milch usw. Besonders während des Krieges wurde seine diskrete Tätigkeit von vielen hoch geschätzt.
Auf dem religiösen Gebiet war Vater ein ausgesprochener Feind der anglikanischen Staatskirche – und das nicht ohne Grund. Wie wir später sehen werden, opponierte er gegen die Tätigkeit der Kirche beim Einziehen des damals sehr ungerechten Zehnten. Aber innerlich war er durchaus ein religiöser Mensch, denn er war Freimaurer und stieg bis zur 32. „Royal Arch“-Würde (königliche Arche) hinauf. Sein Gedächtnis war so phänomenal, dass ihm die Aufgabe zugesprochen wurde, Könige und hohe Glieder der königlichen Familie auf Wortgenauigkeit im Ritus der Loge zu prüfen. Er war der Überzeugung, dass der Glaube an Christus eine Angelegenheit für Frauen und Kinder sei. Er besäße in seiner Loge die eigentliche Religion für Männer. Vater war sehr, sehr enttäuscht, dass ich nicht seinem freimaurerischen Vorbild folgte. Ich prüfte als junger Mann genauestens die Doktrinen der Freimaurer und lehnte sie später als unchristlich ab. Um zu diesem Schluss zu kommen, musste ich seine Riten und Praktiken in der Loge untersuchen, was oft Spannungen zu Hause mit sich brachte. Aber mehr von diesen Angelegenheiten später.
Meine Mutter, die diplomierte Lehrerin war, stammte aus einer Ingenieursfamilie. Mein Großvater mütterlicherseits gründete eine Eisengießerei, die immer noch im Besitz der Familie ist. Er entwarf und entwickelte Maschinen aller Art, besonders landwirtschaftliche Maschinen, die die Farmer in unserer Gegend kauften.
3. Die Farmer und Ingenieure
Durch die Tätigkeit auf dem Gut väterlicherseits und in der Eisengießerei mütterlicherseits pflegten die beiden Familien von frühester Jugend an Kontakt. Durch die Tätigkeit beider Familien als Gutsbesitzer und Ingenieure verkehrten die jungen Glieder beider Familien miteinander. Mutters Bruder, Percy, der neben seinem Beruf als Ingenieur ein guter Musiker war, heiratete Vaters jüngere Schwester Millie. Sie wohnten nicht weit von uns und hatten zwei Kinder, die mit uns zur Schule und später ins Internat gingen.
Vater lernte Mutter als Schulkind kennen – und wie man behauptet, brachte er ihr schon als Kind die schönsten Äpfel, die er aus dem Obstgarten holen konnte.
Mutter interessierte sich für die Wissenschaft und wurde Lehrerin. Sie heiratete deshalb später, wie es in England unter Akademikern oft der Fall ist. Als sie heirateten, war sie 27 Jahre alt und mein Vater etwas älter. Mutters Familie war an Wuchs klein und dunkel, aber auch blauäugig – wie Vaters Familie. Mutters Familie stammte eher von keltischen Vorfahren ab. Vater von Angelsachsen. In den Grafschaften Berkshire, Oxfordshire, Gloucestershire und Hampshire findet man beide Menschentypen vor, heutzutage sehr oft vermischt.
Mein Vater kaufte seine Maschinen, Traktoren, Dreschmaschinen, große Dampfpflüge etc. von der Firma Walter Wilder & Co., also von der Familienfirma meiner Mutter. Die Firma Walter Wilder kaufte Land, damit sie Platz und Gelegenheit hatte, die neuen Maschinen, die sie entwickelte, auszutesten. So bestand ein enger Kontakt zwischen den beiden Familien.
Wenn Vater eine neuartige Dreschmaschine für Klee brauchte (Vater hatte einen Vertrag mit einer Firma, um neue reinrassige Kleearten für die damaligen Kolonien – Neuseeland, Australien etc. – zu züchten), suchte er sie natürlich bei Wilders. Leute dieser Firma kamen jedes Jahr auf unser Gut, um die Saat zu inspizieren. Die Firma Walter Wilder sorgte dafür, dass für jegliche Aufgabe die richtigen, passenden Maschinen geliefert wurden.
4. Die Tiere auf dem Gut
Ehe Benzin- und Kerosintraktoren aufkamen, pflügte man natürlich mit dem Pferd. So besaßen wir große Pferdeställe für unsere treuen Pferde, die das Pflügen, Eggen, die Aussaat und das Walzen übernahmen. In einem unserer Ställe stand ein schöner großer, intelligenter Reinrasse-Hengst namens Framlingen Curfew – ein edles Tier, das uns Kinder offenbar gern hatte, denn wir konnten mit ihm machen, was wir wollten; er nahm unsere Späße nie übel. Auch konnten wir Kinder ihn ohne Gefahr in der Erntezeit führen. Selbst mit unserer Hündin Folly kam der Hengst gut aus und legte seine Ohren an den Kopf zurück, wenn sie während der Arbeit herangefegt kam. Folly hatte einmal sechs oder sieben Kleine bekommen und wir Jungen wollten die Kleinen gerne inspizieren – was man unbedingt nicht tun soll, denn zu dieser Zeit sind Hündinnen oft unberechenbar. Die Hundemutter besaß eine schöne Hütte, nicht weit vom hinteren Eingang zum Hof entfernt. Mein Bruder Walter und ich begutachteten die Neugeborenen, so gut wir es konnten, durch den Eingang zur Hundehütte, aber es war zu dunkel, um richtig sehen zu können. So krochen wir beide in die Hütte hinein bis zur Ecke, wo Folly mit ihrer neuen Familie lag. Ich sehe heute noch, wie ihre Augen feurig glänzten, denn die Welpen waren dabei, sich ihre Mahlzeit zu holen. Wir sprachen mit ihr und sie klopfte mit dem Schwanz gegen den Boden, was das sichere Zeichen war, dass wir willkommene Gäste seien. Dann aber nahmen wir ein kleines Baby in die Hand, – ein Verstoß gegen alle Hundesitten. Folly kam sofort in höchste Not, ihre Augen glänzten noch feuriger in der dunklen Ecke: Das durfte nicht sein! Sie stand auf und flehte uns förmlich an, das Baby zurückzugeben – was wir sofort mit vielen Zeichen guter Absichten taten. Ich höre immer noch, wie die Hündin richtig vor Not winselte, als wir das kleine Baby in der Hand hatten. Aber als sie das Kleine wieder sicher bei sich hatte, legte sie sich und klopfte weiterhin mit dem Schwanz gegen den Boden – das Zeichen, dass alles wieder in Ordnung war.
Folly war unsere treue Begleiterin durch unsere ganze Jugendzeit hindurch. Während des Krieges lebte ich einige Jahre in Nordengland. Nach sehr langer Zeit kam ich unangemeldet nach Hause – mein Vater hatte einen Herzinfarkt erlitten, so musste ich als ältester Sohn nach dem Rechten auf der Farm sehen. Folly traf mich am Haupteingang, als ich vom Bahnhof ankam. Als ich, ohne zu zögern, das große Holztor aufriegelte, war ihr das zu viel, und sie bellte mich heftig an. Ich rief etwas vorwurfsvoll ihren Namen: „Aber Folly, was fällt dir ein!“, da stand sie sofort auf der Stelle still, schaute mich an und beschnüffelte mich. Dann erkannte sie ihren großen, ja unverzeihlichen Fehler, wedelte mit dem Schwanz mit allen ihr zur Verfügung stehenden Gebärden um Entschuldigung und leckte meine Schuhe gründlich ab. Als letztes Zeichen der Buße entschuldigte sie sich, indem sie sich auf den Rücken legte und sich mir anschmiegte. Dies ist ein Zeichen der unbedingten Kapitulation in der Hundesprache. Sie sprang daraufhin auf und galoppierte zum Haus, um meine Ankunft zu melden. Wie schön wäre es, wenn Menschen ihre Fehler ebenso einsähen und sich dementsprechend entschuldigten. Aber Hunde haben von Natur aus nicht immer solch schöne Manieren, sie lernen solche nur von einem guten Herrn. Verhält es sich ähnlich bei uns Menschen?
Doch wir dürfen die Katze nicht vergessen! Limpy hieß sie. Große Konkurrenz herrschte zwischen Limpy und Folly. Wenn man der Katze irgendwie eine Gunst erwies – sie auf dem Schoß nahm und streichelte –, da kam Folly in größte Not. Das konnte die Hündin nicht ausstehen. Mit der Nase versuchte sie, unsere Hand von der Katze wegzustoßen!
Folly fraß Brot nicht gern. Sie schnüffelte ein wenig um das Brot herum, fraß es aber nicht. Aber wenn sie gerade dabei war, das Brot endgültig abzulehnen, brauchte man nur den Namen der Katze Limpy zu rufen, sofort drehte Folly sich um und verschlang mit einem Bissen das ganze Stück Brot, ehe die Katze herbeieilen konnte! Ob Folly auch das bei den Menschen gelernt hatte?
Solche Tiere wie unseren Hund und unsere Katze kann man in einer kleinen, modernen Wohnung nicht halten. Sie brauchen Platz und – wie Menschen – müssen sie noch dazu nützliche Aufgaben erfüllen. Wenn sie weder Platz noch regelmäßige Aufgaben haben, können sie – wie Menschen – unausstehlich werden.
Wir hatten auch Hühner. Unsere Hühner besaßen ihre guten Häuser und festgelegte Nester, aber sie benutzten sie oft nicht. Sie fanden, wie sie meinten, schönere kleine Nester unter den Heuhaufen und zogen diese oft vor. Wir mussten die Eier oft suchen gehen, sonst tauchte eines Tages irgendeine Glucke mit 13 kleinen Küken unter einem Heuhaufen auf. Wer konnte nun die Schlupfwinkel der abtrünnigen Hennen besser oder eher ausfindig machen als Folly mit ihrer unbeirrbaren Nase?
Die Hündin kannte, besser als jeder andere Hund, die nötige Technik und Methodik, wie man Eier sucht und holt. Die erste Regel, die sie beachtete, war nämlich, die Henne äußerst zart zu behandeln, sonst flog sie erschrocken von ihrem Schlupfwinkel auf – und machte die Eier dabei kaputt. So kam die Hündin immer von der Seite – oder gar von hinten – an die Henne heran, schob vorsichtig und leise ihre Schnauze unter die Henne, die oft bis zu 13 Eier unter sich hatte – wenn man lange Zeit ihren Schlupfwinkel nicht entdeckt hatte – und nahm dann ein Ei zwischen die beiden Eckzähne. Dann trottete sie zu Mutter mit dem Ei zwischen den Zähnen. Hielt man dann die Hände zu Folly herunter, ließ sie unendlich sorgfältig das Ei zwischen den Zähnen fallen, trottete zur Henne zurück und holte das nächste Ei. Ich habe es nie erlebt, dass Folly ein Ei fraß oder dass ein Ei kaputtging. Wenn niemand zu Hause war, ließ sie die Eier vor der Tür liegen. Sie waren immer intakt.
Als Folly sehr alt geworden war und wir Kinder alle aus dem Haus waren, schien sie ein ganz besonderes Verhältnis zu meinen alternden Eltern zu haben. Sie schlief meist im Zwinger oder in der Hundehütte, wo sie die Welpen immer bekommen hatte. Es war einmal eine sehr kalte Nacht im Winter, und Vater und Mutter waren früh ins Bett gegangen. Folly merkte irgendwie, dass es ihr nicht gut ging. Da öffnete sie selbst die Tür zum Zwinger – das konnte sie – und schlich zur Hintertür des Hofes, die sie durch Hochspringen selber öffnen konnte. Aber die Kraft dazu brachte sie nicht mehr auf. Am Morgen lag sie tot vor der Tür. Als Letztes in ihrer Not hatte sie meinen Vater gesucht, der immer helfen konnte. Wir begruben sie im Garten. So endete eine Ära in unserer Familie. Folly wurde etwa 18 Jahre alt.
Es ist wirklich schade, dass Kinder, die in der Stadt groß werden müssen, den ganzen Lauf der Natur kaum mehr kennenlernen. Sie sehen nicht mehr aus erster Hand, welche Verhältnisse Menschen, Tiere und Pflanzen zur Entwicklung brauchen, wie alles aufeinander abgestimmt ist. Aus diesem Grund fallen junge Menschen sehr leicht falschen Ideologien, die meist in Städten gedeihen, zum Opfer.
In einer Landbevölkerung, die mit der Natur eng verbunden ist, hätten weder die Nazis noch die Kommunisten viel ausrichten können. Die Kommunisten hielten es für nötig, die Muschiks auf dem Land durch die Kollektivierung der Höfe zu liquidieren, weil sie sie nicht gewinnen konnten. Ungefähr eine Million dieser Landbewohner starben durch Hunger, ehe die falsche kommunistische Ideologie beseitigt wurde. Wie in vielen Ländern heute, folgt Hungersnot den Kommunisten. So ging eine ganze Tradition Russlands zugrunde, und die stabilisierende Wirkung der Landbevölkerung verschwand für immer.
Kapitel II
DIE EVOLUTION DER LANDWIRTSCHAFT
1. Die Technisierung des Landes
Doch die Zustände meiner Jugend auf der Farm konnten nicht andauern. Die damalige sozialistische Politik sorgte dafür, dass die Landknechte, die früher nicht viel Bargeld verdienten – dafür aber Ware –, mehr Geld bekamen. Für die „Supply Side Economics“ (= Angebotswirtschaft, das heißt alle Waren und Leistungen werden gegen Geld angeboten) musste gesorgt werden. Wenn das Volk Bargeld besitzt, kann die Großindustrie florieren. Aber die englischen Farmer konnten damals die hohen Löhne, die hohen Steuern und den hohen kirchlichen Zehnten nicht bezahlen. So viel Bargeld besaßen sie einfach nicht. Deshalb wurden die Landknechte mit ihren schönen kleinen Häusern und den schönen großen Gärten, mit denen sie sich selbst versorgten, arbeitslos. Der Farmer musste mechanisieren, wenn er überleben wollte. Der Landknecht verdiente in meiner Jugend etwa 18 Schilling pro Woche (damals etwa zwölf RM oder etwas weniger). Er bezahlte fünf Schilling pro Woche für ein nettes Häuschen mit großem Garten, sodass er eigene Kartoffeln, Gemüse, Hühner und Kaninchen besaß. Er bezahlte also etwa 25 Prozent des Lohnes für die Haus- und Gartenmiete! Kann er das heute noch? Dann verboten die englischen Sozialisten den Bau dieser Häuser für Landknechte – der Farmer durfte keine preiswerten Häuser, die für die eigenen Landknechte spezifisch reserviert waren, mehr bauen. Der Landknecht musste auf dem offenen Markt eine Wohnung suchen, was natürlich viel teurer war. Deshalb musste sein Bargeldlohn erhöht werden. Die Parole hieß: Sozialisierung. Der Landknecht musste wie alle anderen Arbeiter werden, so entstand eine einheitliche Steuerquelle! Die Landknechte erhielten nun gesetzlich mehr Bargeld – wenn sie einen Bauern finden konnten, der die erhöhten Löhne bezahlen konnte. So entstand Arbeitslosigkeit bei Arbeitermangel! Billige Häuser mit Garten, Hühnern, Ziegen oder Kaninchen verschwanden vom Markt!
Mein Vater kam mit den ihm zur Verfügung stehenden Arbeitskräften nicht mehr aus. Für die Pferde brauchte er mindestens drei Landknechte, um nach der Arbeit auch noch die Pferde füttern und abbürsten zu können. Dann musste man neue Hufeisen besorgen, die Fohlen pflegen und einreiten, was viel Lohn kostete. Ein einziger Traktorfahrer konnte die Arbeit von drei Fuhrknechten mit seinen Pferden erledigen. Dazu muss man noch bedenken, dass der Fuhrmann um 14.00 Uhr nach Hause kam, um seine Pferde zu pflegen. Der Traktorfahrer konnte bis 18.00 Uhr pflügen, den Pflug auf dem Feld stehen lassen und mit dem Traktor nach Hause fahren. Um also bei den erhöhten Löhnen durchzukommen, waren die Landwirte zur Mechanisierung gezwungen.
Nach einigen Jahren standen die Pferdeställe leer, der Fuhrmann lernte um und fuhr Traktor, die Getreidemühle für die Pferde und für die Kühe nebst der alten Dampfmaschine, die die Mühle antrieb, stand still. Eine neue Ära war angebrochen. Bald war das Gut nicht mehr von eigenen Arbeitskräften und eigenem Heu und Getreide abhängig, sondern von teurem Öl aus dem Mittelosten – und der Farmer war nicht mehr von den eigenen Arbeitskräften und dem eigenen Land abhängig, sondern von Ölfinanzen.
2. Der Dampfpflug und andere Maschinen
Unsere erste Anschaffung waren Dampfpflüge. Unser Boden bestand aus einem schweren Lehm, der für Weizen sehr gut geeignet war. Aber Fuhrleute und deshalb Pferde waren fürs Pflügen zu teuer geworden.
Stattdessen bediente man sich nun schwerer Dampfmaschinen, die große Stahlkabelwinden unter dem Boiler aufwiesen. Eine Dampfmaschine stand an einer Seite des zu pflügenden Feldes und die andere an der anderen Seite. Ungefähr ein Kilometer oder mehr lag zwischen den beiden Maschinen. Ein Sechs-Furchen-Pflug wurde ans Kabel befestigt. Die eine Dampfmaschine zog am Kabel und beförderte den Pflug zu sich auf der einen Seite des Feldes. Anschließend zog die andere Dampfmaschine den Pflug zurück zur anderen Seite des Feldes. Dann zog wiederum die andere Dampfmaschine den Pflug zurück zur anderen Seite. Beide Maschinen fuhren einige Schritte vorwärts und der Pflug wurde hin- und hergezogen. Die Dampfmaschine verbrannte Kohle, was damals sehr billig war. Auf diese Weise konnte man ganze Felder gut und billig umpflügen.
Mit der Zeit aber wurde Kohle teurer, denn die Bergarbeiter verdienten (mit Recht) auch mehr Geld. Für ein Dampfpflugteam brauchte man immer mindestens eine Mannschaft von zwei Dampfmaschineningenieuren, was bei den damaligen Lohnverhältnissen teuer kam. Für Wasser- und Kohleversorgung musste ein dritter Mann dazukommen. Nach einigen Jahren der Dampfmaschinenwirtschaft wagte mein Vater den Schritt in das moderne Zeitalter. Er kaufte zwei „Titan“–Kerosintraktoren.
Diese großen amerikanischen Maschinen besaßen vier Stahlräder, die derart schwer waren, dass der Boden zitterte, wenn man sie im Hof herumfuhr. An beiden Seiten der Maschine befand sich ein schweres, offenes Schwungrad.
Um den Motor anzukurbeln, musste man eine große eiserne Kurbel ans Schwungrad anbringen und dann mit Leibeskraft – und etwas mehr dazu – daran drehen. Schlug der Motor zurück, was leicht vorkam, wurde man am Kopf getroffen – was schnell tödlich ausgehen konnte. Sprang er an – die Chancen waren etwas weniger als 50 zu 50! – blieb die Kurbel leicht am Schwungrad hängen und drehte sich ohne Befestigung herum, sodass alle Herumstehenden schleunigst in Deckung gehen mussten. Löste sich die Kurbel dann bei hohen Touren, flog sie im hohen Bogen durch die Luft – oder schlug mit einem dumpfen Knall in den Boden. Gab es eine schmutzige Zündkerze – was recht oft vorkam, explodierten die unverbrannten Gase im Auspuff, und zwar mit einem heftigen Knattern, das man kilometerweit hören konnte.
Wir kauften damals, wie gesagt, zwei solche Ungeheuer. Damit trieben wir die Getreidemühle, die Dreschmaschine und auch die Kleedreschmaschine an. Für Pflügen, Eggen und Walzen aber musste man besondere Stahlräder montieren. Die Maschinen waren derart schwer, dass sie für unseren Lehmboden nicht viel taugten. Nur wenn der Boden ausnehmend trocken war, konnte man mit diesen Maschinen aufs Land fahren, sonst versank der Traktor im Nu bis zu den Achsen im Schlamm. Innerhalb von einigen Minuten hatten solche Maschinen die Eigenschaft, im Boden vor Vaters Augen buchstäblich zu verschwinden. Dann brauchte es eine Dampfmaschine mit Stahlwinde, um sie wieder herauszuziehen – wobei der alte Fuhrmann lächelnd zuschaute. Mit seinen Pferden passierte so etwas nicht.
Es war wirklich verwunderlich, dass wir Jungen in diesen ersten Jahren der Mechanisierung nicht mehr Unfälle erlitten. Alles musste ja schleunigst mechanisiert werden, weil die Löhne in die Höhe schnellten – um Steuern für den Staat zu erzeugen! Dabei gab es viel, viel Arbeitslosigkeit! Die Mittel der Farmer reichten nicht aus, um die neuen Löhne zu zahlen. Deshalb musste man sich nach dem „Do it Yourself“-Verfahren helfen. Die Mechanisierung war notwendig, um die nötigste Arbeit zu erledigen. Aber die Maschinen waren noch nicht so entwickelt, dass jeder Landknecht mit ihnen umgehen konnte.
Autos funktionierten damals ähnlich. Zuerst besaßen wir einen Panhard mit Kettenantrieb, danach einen schönen Cubitt. Aber der graue 1918 De Dion-Bouton übertraf alles. Dieser Wagen war nicht so primitiv. Er schlug nicht zurück, denn ehe man ihn mit der Hand ankurbelte – er besaß sogar einen elektrischen Selbstanlasser, der aber nur bei besonderen Anlässen benutzt wurde, weil er die Batterie rasch erschöpfte –, justierte man per Hand mit einem Hebel am Steuer. Ging der Motor an, justierte man die Zündung mit diesem Hebel nach Bedarf. Wenn man sehr schnell fahren wollte – wir Kinder sind oft mit diesem riesigen Panzer über 100 Stundenkilometer gefahren, was für damalige Verhältnisse als sehr schnell galt –, avancierte man maximal. Damals musste man noch etwas von Maschinen und Motoren verstehen, wenn man ans Reiseziel kommen wollte.
3. Der neue Humber Snipe
Onkel Frank war ein guter Freund von uns Jungen. Er kam regelmäßig zu uns nach Cholsey, denn er war auch Freimaurer und lernte freitagabends mit meinem Vater die Logenriten. Vater und Onkel rezitierten ihren ganzen Ritus, nachdem die anderen alle im Bett waren, denn niemand durfte erfahren, was sie aus dem Buch, das so wie ein Gebetsbuch aussah, lernten. Später lernte ich all das persönlich kennen, aber das ist eine Geschichte für sich.
Nun, Onkel Frank kaufte sich einen nagelneuen Humber Snipe. Zwischen Onkel Frank und Vater bestand eine gewisse Rivalität, obwohl sie sehr gute Freunde waren. Sie waren im gleichen Alter, und Onkel Frank war ja Mutters Bruder. Vater hatte mittlerweile einen Drei-Liter-Bentley gekauft, und der Wagen war der Stolz der ganzen Familie.
Eines Sonntags tauchte Onkel Frank nebst seiner lieben Frau, Tante Ennnie, und einigen Kusinen ganz unerwartet zum Teetrinken auf. Sie wollten im neuen Wagen mit der Familie ein wenig durch die Landschaft spazieren fahren. Das war für uns Kinder ein Fest, denn Onkel Frank spielte gern mit uns, und wir mochten ihn sehr. Dies aber schützte ihn keineswegs vor uns und unseren Streichen. Während die anderen Tee tranken, schlichen mein Bruder und ich aus dem Haus und fanden das nagelneue Auto vorschriftsmäßig vor dem Haus geparkt. Es war ein sehr schönes Auto – aber natürlich noch lange nicht so schön wie unser Bentley – und lief wahrscheinlich nicht ganz so gut, davon waren wir überzeugt. Wenn jemand das bezweifelt hätte, konnten wir es leicht beweisen! Oh ja, das konnten wir.
Schnell machten wir die Haube auf, im Nu stand der Zündverteiler offen vor unseren Blicken. Tief im Verteiler befand sich ein ganz winzig kleines Schräubchen. Mit unserem speziell dazu geeigneten Taschenmesser, das ein eingebautes Millimetermaß besaß, schraubten wir den Unterbrecher, der normalerweise mit einem Abstand von ein bis zwei Millimeter öffnete, auf einen viel zu kleinen Abstand zusammen. Nichts sonst; das war alles und genügte! Verteiler wieder zu, Haube herunter! Jetzt brauchten wir nur zu warten! Wir unterhielten uns mit unserer Tante, unseren Kusinen und Onkel Frank – vollendete Schauspieler waren wir! Nach dem Teetrinken mit gutem Kuchen und Erdbeeren plus Sahne, sagte Onkel Frank, seine Familie wolle die Spazierfahrt in ihrem neuen Wagen fortsetzen. Sie standen auf, bedankten sich für die gute Bewirtung und gingen stolz auf ihr neues Auto zu. Jetzt wurde es für uns spannend! Würde der Motor anspringen?
Ja, das erste Mal sprang er sogar gut an, und Onkel Frank und seine Familie fuhren mit großem Schwung und Gedränge durch die Tore zum Gutshaus hinaus. Auf der Hauptstraße angelangt, gab er Gas, um zu zeigen, wie tadellos der Motor beschleunigte – Humber Snipes waren dafür bekannt; der Motor war groß und die Karosserie sportlich leicht. Aber was war das? Der Motor spuckte laut und zögerte. Onkel Frank gab daraufhin wirklich Gas, um uns Bentley-Besitzern zu zeigen, dass nicht nur Bentleys etwas taugten. Da setzte der Motor plötzlich ganz aus! Er betätigte den Selbstanlasser, woraufhin der Motor etwas zögernd anging – sehr peinlich! Sobald aber der Motor auf Touren kam, fing er wieder an, laut zu spucken und zu husten. Der Wagen ruckte herum wie ein scheuendes Pferd. Onkel Frank meinte offenbar, dass er es mit Gewalt schaffen könnte – und gab Vollgas. Die Antwort des gequälten Motors war diesmal ein riesiger Knall, der von schwarzem Rauch begleitet war! Sehr peinlich – aber von unserem Standpunkt aus total vorschriftsmäßig! Wir schauten gelassen und vergnügt zu. Da probierte es der Ingenieur, Onkel Frank, mit List – er gab diesmal ganz leise Gas. Sobald aber der Motor auf Touren kam, fing ein Spucken, ein Niesen, ein Husten und ein Knallen an, das dem allerbesten Rennwagen Ehre gemacht hätte.
So Fuhr Onkel Frank mit seiner Familie durch das schläfrige sonntägliche Dorf, als ob er der Leitwagen einer Feuerwerksparade wäre; das Knallen, das Explodieren, das Qualmen und das Niesen hörten gar nicht mehr auf. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer. Trotzdem kam er sehr langsam von der Ortschaft fort, lange nachdem er unseren Blicken entschwunden war, hörten wir das Knallen des Motors in der Ferne. Wir schauten uns beglückt an!
„Nanu, ob er so nach Hause kommt?“, sagte mein Vater. Wir Kinder antworteten nicht. Aber was war jetzt los? Das heftige Niesen des Motors schien uns wieder näher zu kommen – wurde das Knallen wirklich lauter? Auf einmal erschien Onkel Frank nebst blasser Familie sehr gedemütigt vor unseren Toren wieder. Sein Motor rauchte und qualmte, lief aber immer noch, wenn auch unregelmäßig. Er fuhr wieder zu uns hinein, stieg aus, öffnete die Haube und inspizierte seinen neuen Schatz. Die Zündung und ihre Verstellung schienen in Ordnung zu sein. Keine Fliege und auch kein Wasser im Vergaser! Alles putzte er, der Ingenieur, fachmännisch aus. Die Damen gingen mittlerweile ins Haus, um eine zweite Portion Kuchen und Erdbeeren zu sich zu nehmen. Aber Onkel Frank, der Ingenieur, fand nicht, was die Ursache seiner sonntäglichen Demütigung sein könnte.
Da hatten wir Jungen plötzlich eine Idee! „Onkel Frank“, sagten wir, „du trinkst doch so gerne Kaffee, geh ins Haus und trink ganz gemütlich eine zweite Tasse. Dürfen wir in der Zwischenzeit versuchen, den Schaden am Motor zu finden – und vielleicht auch zu reparieren?“ Onkel Frank war ein sehr lieber Mann, der immer sehr hilfsbereit war! Er war auch ein wenig mehr als vollschlank und liebte Kuchen, Kaffee und Erdbeeren mit Schlagsahne. Er willigte gern ein und verschwand im Haus.
Schnell rissen mein Bruder und ich die Haube des Wagens auf. Herunter mit dem Zündverteiler, heraus mit dem Taschenmesser mit dem eingebauten Millimetermaß, zwei, drei Touren mit dem Schraubenzieher, bis der Abstand des Unterbrechers den Vorschriften entsprach. Dann zu mit der Haube!
Wir schlenderten langsam und gelassen ins Haus, aßen noch einige Erdbeeren und unterhielten uns überlegen mit unseren Kusinen, die den allergrößten Respekt vor uns Jungen hatten.
„So“, sagte Onkel Frank, „habt ihr was herausgefunden?“ „Möglicherweise“, antworteten wir, „aber wir haben noch nichts ausprobiert.“
Onkel Frank ging hinaus und setzte sich ins Auto, um eine Probefahrt zu machen. Er schoss förmlich aus dem Eingang auf die Hauptstraße, sauste durch das Dorf und kehrte nach fünf Minuten begeistert zurück.
„So gut fuhr mein neuer Wagen noch nie“, sprudelte es aus ihm heraus. „Man sieht, dass eure Mutter eine Ingenieurstochter ist. Es liegt einfach in eurem Blut!“
Mein Vater sagte gar nichts. Er hatte gewisse Erfahrungen mit den Söhnen einer Ingenieurstochter gemacht und riskierte offenbar keinen Kommentar. Aber unser guter Onkel war nicht so reserviert. Er kam auf uns verblüffte Jungen zu, griff tief in seine Tasche und holte ein Geldstück hervor (zweieinhalb Schillinge, so viel Geld hatten wir seit langem nicht gesehen).
„Das ist eine kleine Belohnung dafür, dass ihr in Mutters Fußstapfen tretet“, sagte er, indem er das große Stück Geld in die Hand meines Bruders drückte.
„Oh nein, Onkel Frank“, sagten wir, „so viel haben wir wirklich nicht verdient. Es war nur eine ganz kleine Sache.“
„Reden wir nicht darüber“, sagte er großzügig, „was wichtig ist, ist das Gewusst-wie – zwei Schillinge für Gewusst-wie“, fügte er hell vergnügt hinzu!
Nun, dachten wir tief beschämt, aber nicht bereit, zu unserer Missetat offen zu stehen, was bedeutet Gewusst-wie? Wohl gewusst, wie man einen ahnungslosen gutmütigen Onkel hereinlegt? Was er wirklich dachte, erfuhren wir nie. Er war ein guter Onkel, der immer bereit war, mitzumachen. Er war auch der einzige Onkel, der zu unserer Hochzeit kam. Die anderen waren entweder sehr alt oder bereits verstorben. Onkel Frank war gut über 70 Jahre alt, als wir heirateten.
Kapitel III
ANSCHAUUNGSUNTERRICHT
1. Die Bentley-Geschichte
Als ich etwa elf Jahre alt war, fuhr mein Vater eines Tages nach London, um einige Geschäfte zu erledigen. Er sah dort bei der Vertretung der bekannten Firma Bentley einen Drei-Liter-Bentley. Man verlangte für dieses gebrauchte, aber sehr schöne Auto etwa 900 DM: für damalige Verhältnisse ein horrender Preis.
Es war ein „Salonmodell“, vier Zylinder, blau und hatte viel Platz für die ganze Familie. Der Bentley gefiel Mutter und den Töchtern sehr gut. Man überlegte hin und her in der Familie. Das Auto war gut, aber teuer.
Zwei silberne Knöpfe auf dem Armaturenbrett dienten als Zündschlüssel. Neben diesen Zündknöpfen gab es eine Extra-Benzinpumpe, von Hand betätigt, um Benzin direkt in die Zylinder zu spritzen – sehr nützlich, wenn das Wetter so kalt war, dass der Motor nicht gleich ansprang. Wir Jungen hatten selbstverständlich alle Finessen und Raffinessen des Wagens sehr bald heraus. Das Auto hatte drei Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang. Die Gänge waren nicht synchronisiert, man musste besonders beim Umschalten Zwischengas geben, was meinem guten Vater nicht immer ganz glückte. Da kratzten die Gänge bedrohlich. Wir fuhren sehr oft mit Vater in seinem neuen Spielzeug herum und hatten Luchsaugen dabei! Ob der Motor mit einer eingeschalteten Zündung fahren würde, oder ob beide Magnetzünder unbedingt nötig wären? Ob wir die Gänge besser schalten könnten als Vater? Meinen Schwestern gelang die Schaltung nicht, die Kupplung war für sie zu schwer.
a) Nächtliche Inspektionen
Während die restliche Familie sich abends unterhielt, schlichen wir oft in die neue Garage, die Vater speziell für den Bentley bauen ließ, um alles weiter und privat für unsere Experimente auszukundschaften. Nach sehr kurzer Zeit hatten wir genug theoretisches Wissen gesammelt, jetzt fehlte uns nur ein wenig Praxis! Die Engländer sind ja Pragmatiker! Aber wie und wann – das war die große Frage, die wir zu lösen hatten!
Eines Nachmittags saßen wir alle in reger Unterhaltung zusammen, nachdem wir Tee getrunken hatten. Ohne irgendwie die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, schlich mein Bruder um den Tisch und flüsterte mir sehr leise ins Ohr:
„Es ist offen.“
Mir war sofort klar, was er mit dieser kryptischen Bemerkung meinte, denn nachdem Vater mehrere Male am Morgen in die Garage gegangen war, um mit dem Bentley wegzufahren, entdeckte er eine ganz entladene, platte Batterie, die nur „Wuh“ machte und dann den Geist aufgab, als er auf den großen Anlasserknopf drückte. Die Batterie war mächtig (80–90 Ampèrestunden), entsprach trotzdem den vielen Anforderungen von zwei enthusiastischen Buben nicht, die den Anlasser zu lange und zu oft beanspruchten. Da hatte Vater kurzerhand ein Hängeschloss an der Garagentür befestigt, wofür nur er allein den Schlüssel besaß. So hörten unsere inoffiziellen Besuche in der Garage etwas früher und jäher auf, als wir geplant hatten. Deshalb inspizierten wir regelmäßig das Hängeschloss, denn Vater war ab und zu vergesslich, man wusste also nie!
Und mein Bruder fügte noch flüsternd hinzu: „Nicht beide auf einmal. Es würde auffallen. Komm in fünf Minuten nach, wir treffen uns an der Garage!“
Nach den vorschriftsmäßigen fünf Minuten stand ich vom Tisch auf, half ein wenig mit dem Abräumen vom Geschirr und verschwand leise. Mein Bruder war schon im Auto drin. Aber die Sache hatte einen Haken. Wir waren zu klein und konnten nur durch das Steuer schauen statt über das Steuer. Also noch einmal schnell ins Haus und zwei ganz dicke, große Kissen holen! So konnten wir gerade richtig sitzen! Aber unsere Beine waren für die mächtige Kupplung bedeutend zu kurz. Wir mussten fast aufstehen, um die Kupplung hinunterzudrücken.
b) Das Experiment
Wir ließen also den Drei-Liter-Motor an. Der Laut des Auspuffs war höchst befriedigend für unsere geschulten Ohren. Zündung linke Seite in Ordnung. Zündung rechte Seite ebenso. Benzinhandpumpe diesmal überflüssig. Der große Vierfachvergaser wurde von einem Wassermantel geheizt, sodass alles sehr schnell startbereit war. Dann mit letzter Kraft mit dem linken Fuß hinunter, Rückwärtsgang einlegen, ein wenig Gas, Kupplung langsam hoch und rückwärts – auf zwei große Kissen gestützt – fuhren wir aus der Garage. Wir fuhren ein paar Mal um den Hof, um unsere Theorien wegen der Notwendigkeit von Zwischengas zu prüfen. Alles klappte tadellos. Dann fuhren wir langsam zum Haupteingang des Gutes hinaus auf die Landstraße, dem Bahnhof entgegen.
Der Bahnhofsplatz war groß und bot genügend Platz an, um den Wagen auszutesten. So fuhren wir um den großen Platz herum und schalteten die Gänge. Niemand war da, um uns zu beobachten – das war wenigstens unsere Überzeugung! Immer schneller fuhren wir, immer raffinierter wurde die Technik des Zwischengases. Wir wechselten den Fahrer. Mein Bruder war jünger als ich, und seine Beine waren noch kürzer als meine. Deshalb brauchte er mehr Kissen als ich. Aber stark war er – und geschickt! Rund herum um den Bahnhofsplatz ging es. Gut, dass die Reifen und die Federung neu waren, denn die Karosserie kippte oft bedenklich, besonders in den Kurven, die wir oft zu knapp nahmen.
Zum x-ten Mal fuhren wir am Bürofenster von Mr. James vorbei. Mr. James war der Bahnhofsvorsteher, ein lieber Mann, der mit meinem Vater gut befreundet war. Aber er besaß ein Telefon! Seine Nummer war Cholsey 1 und unsere Nummer war Cholsey 2 – also nicht leicht zu verwechseln. Als wir bereits viele Runden gedreht hatten, fiel uns plötzlich ein, dass Mr. James uns vielleicht beobachtet hatte. Wir hatten ihn zwar nicht gesehen, aber er kannte uns gut – und auch Vaters Bentley. Vielleicht hatte Mr. James sein Telefon sogar benutzt! Vielleicht wusste Vater schon alles! Also mit Vollgas zum Gut zurück! Durch den Haupteingang des Gutes – gut bewältigt, obwohl die Kissen zu rutschen drohten. In die Garage – sehr knapp, die Garage war für ein so großes Auto etwas schmal, aber wie ein Kamel durch das Nadelöhr kamen wir gut hinein. Tore zu. Hängeschloss liegen lassen, wie es war! Ins Haus geschlichen, Hintertreppe hinauf in unser Zimmer. Nach etwa zehn Minuten rief Mutter zum Abendessen hinunter.
„Nein, Mutter, wir haben keinen Hunger. Wir haben Hausaufgaben, die bis morgen erledigt sein müssen.“
In Wirklichkeit wollten wir natürlich unserem Vater nicht begegnen, denn vielleicht wusste er es schon – und sagte nichts. Vater konnte sehr schweigsam sein und lange Zeit kein Wort sagen. Aber anders als bei anderen Menschen/Vätern, nahm sein Zorn mit der Zeit nicht ab.
„Vielleicht weiß er alles, sagt aber nichts. Und wenn es dann herauskommt, wird er um so schlimmer reagieren, je länger wir warten! Also Vater meiden!“, das war die Parole von jetzt an.
c) Die Macht des Gewissens
Vater und Mutter waren beide sehr erstaunt, dass wir nicht essen wollten. Jungen, die keinen Hunger hatten! Das war merkwürdig! Was hatten die beiden ausgeheckt? – Das war die natürliche Reaktion! Am nächsten Morgen mussten wir vor dem Schulgang frühstücken! Das ließ sich leider nicht vermeiden! Mutter teilte den Porridge aus, und nach dem Porridge kamen Eier und Schinken. Der Duft von Eiern und Speck fürs Frühstück ist mir immer noch unvergesslich! Wie schmeckt das lecker, besonders wenn es draußen nass und kalt ist. Aber Vater blickte misstrauisch zu uns herüber, wie wir in unseren Ecken kauerten. Wir würgten unseren Porridge hinunter! Vater sagte nichts, was nicht bedeutete, dass er nichts dachte! Sobald wir die Qual des Frühstückes – lies: Vaters Gegenwart – hinter uns hatten, stürzten wir zur Bahn, um den Zug nach Wallingford zur Schule zu nehmen. Die Schule pflegte sonst keine direkte Befreiung zu sein, heute aber war sie das.
Wir fuhren immer mittags mit der Bahn nach Hause – Wallingford lag nur etwa sechs Kilometer von zu Hause entfernt. Als wir dann gegen 12.30 Uhr nach Hause kamen, saß Vater oben am Tisch und teilte das Fleisch aus – Mutter teilte, wie immer, das Gemüse aus. Wusste es Vater oder wusste er es nicht? Das war die brennende Frage! Wegen des Autos sagte er nichts, die Batterie war offenbar nicht kaputt; schnell genug waren wir gefahren, sodass der Dynamo sich wieder aufladen konnte! Aber Vater schwieg! Mr. James, den wir jeden Tag beim Schulgang sahen, äußerte auch kein Wort! Wenn Vater Bescheid weiß – und nichts sagt, wird sein Zorn von Tag zu Tag größer werden, das wussten wir sehr wohl!
Jede Mahlzeit war für uns eine Qual. Wir mieden Vater, der immer noch nichts sagte, obwohl wir in unseren Knochen fühlten, dass er irgendetwas witterte. Er wartete vielleicht darauf, dass wir uns zu unserer Missetat freiwillig bekannten – wir mussten immer freiwillig zu unserer Schuld stehen. Auf die Jagd mit Vater gehen, das konnten wir jetzt unter diesen Umständen nicht – allein sein mit ihm auf dem Feld –, das kam nicht infrage! Abends pflegten wir bis vor kurzem sehr oft, mit Vater Dame zu spielen – er spielte sehr gut und baute viele „Hühnerfallen“ („chicken traps“ für die Unaufmerksamen, wie er sie nannte). Aber jetzt, in dieser Spannung, unter diesen quälenden Umständen, kam auch das nicht mehr infrage. Wir verschwanden lieber früh auf unser Zimmer und bastelten allein für uns. Vielleicht wussten unsere Schwestern es schon und sagten auch nichts! Denn sie standen mit Vater sehr gut, auch wenn sie Mutter oft Sorgen bereiteten.
Aus unserem Paradies auf dem Gut war über Nacht eine Hölle geworden – die Hölle der Ungewissheit und der Einsamkeit. Vielleicht hielten Vater und Mr. James zusammen, um uns zu quälen! So mieden wir auch Mr. James.
Nach etwa drei Wochen dieser Qual beratschlagten mein Bruder und ich, was zu machen sei. Denn diese Spannung und diese Qual waren unerträglich. Unser Zuhause war kein richtiges Zuhause mehr. Wo konnten wir hin?
Wir kamen nach vielem Hin und Her überein, dass wir zu Vater gehen müssten, um die Sache endgültig ins Reine zu bringen. Aber wann?
Klar, nicht wenn Mutter oder die Schwestern zu Hause waren! Mit Vater mussten wir allein sprechen, am besten wenn die anderen einkaufen gegangen oder im Bett waren. Doch da gab es ein Problem: Die anderen gingen später ins Bett als wir. Also wenn Mutter und die Schwestern freitags einkaufen gingen! Abgemacht!
d) Die Beichte
Nach dem Mittagessen saß Vater gewöhnlich in seinem Lederlehnstuhl, machte die Beine hoch und las ein Viertelstündchen die Zeitung. Er schlief beim Lesen immer schnell ein, aber in dieser Situation war er wenigstens allein. So saß er da, das Haus war still und Vater döste vor sich hin. Mein Bruder und ich betraten leise das Zimmer, was ihn aufweckte. Er schaute zu uns hinüber und fragte, was wir wollten?
„Ja, Vater, wir wollten allein mit dir reden.“
Da war er sofort wach.
„Hm“, sagte er, „das muss aber etwas sehr Wichtiges sein, denn lange Zeit scheint ihr mich sehr fleißig gemieden zu haben. Was ist denn los?“
„Ja“, sagten wir sehr, sehr verlegen, „hast du nicht gesagt, wir dürfen deine Garage nicht mehr allein betreten?“
„Ja, sicher“, antwortete Vater, „seid ihr doch allein in die Garage gegangen? Wie ist euch das gelungen? Habt ihr mein Hängeschloss kaputtgemacht oder einen neuen Schlüssel dafür herbeigeschafft?“
„Nein, Vater“, sagten wir, „du hast einmal vergessen, die Garage zuzuschließen.“
„So“, sagte er, „das mag wohl sein. Was habt ihr sonst angestellt?“
„Vater, wir betraten nicht nur die Garage, wir gingen in deinen Bentley und ließen den Motor an.“
Da stieg Vaters Zorn hoch. Nicht umsonst trug Vater einen rotblonden Schnurrbart!
„Ich habe euch das oft verboten“, tobte er und stand auf. „Was habt ihr sonst angestellt? Ist das alles?“
Die Tränen standen uns in den Augen – obwohl Jungen natürlich nicht weinen! – denn wir sahen, dass Vater zur Tür hinüberlief. Auf dem Sims über der Tür lag in einer Nische seine Reitpeitsche, die er selten benutzte, die er aber benutzen konnte! Einige Male anlässlich ganz schlimmer Delikte hatten wir diese Peitsche experimentell ausgekostet.
„Was habt ihr sonst noch angestellt? Habt ihr etwa die Batterie wieder platt gemacht?“
„Nein, Vater“, sagten wir erleichtert, „wir fuhren schnell genug, so schnell, dass der Dynamo auf Touren kam und die Batterie auflud!“
„So“, sagte er, „jetzt kommt es also allmählich heraus. Ihr habt also nicht nur den Motor angelassen, ihr habt das Auto sogar aus der Garage herausgefahren! Und ihr seid sogar so schnell gefahren, dass der Dynamo auf Touren kam!“
Er war gerade dabei, seine Reitpeitsche von ihrer Nische herunterzuholen.
„Nun, meine kleinen Halunken, jetzt fange ich langsam an, euer Benehmen in den letzten Tagen zu verstehen!“
Jetzt kullerten die Tränen unsere Backen herunter.
„Was habt ihr sonst angestellt?“
Vater wollte offenbar alles wissen, ehe er die Strafe administrierte. „Denkt daran, es heißt jetzt, mir alles zu beichten, sonst wird es euch nicht gut bekommen!“
Also es bestand noch Hoffnung, wenn wir ehrlich sein würden und Vater alles beichteten! Aber es gab so viel zu bekennen, das war unser großes Problem. Offenbar wusste Vater nichts; Mr. James hatte also nicht gepetzt, dafür mussten wir ihm unser Leben lang dankbar sein – nicht mehr zu ihm frech sein, wenn er auf Ordnung in der Bahn bestand. Er musste, der arme Mann, täglich mit vielen Fahrschülern fertig werden. Mein Vater sagte immer, dass diese vielen Jungen jeden Tag in der Kleinbahn arglistiger seien als eine Wagenladung Affen. Erst später im Leben sahen wir ein, dass Vater ein ganz klein wenig Wahrheit über Jungen und ihre Lebensweise erfasst hatte.
„Wir haben den Bentley angelassen, dann ließen wir bei offenen Garagentüren den Motor warm werden und luden die Batterie wieder auf. Wir holten zwei große Kissen, denn ohne sie konnten wir nicht richtig sehen. Dann fuhren wir rückwärts aus der Garage heraus, einige Male um den Hof, danach auf die Hauptstraße, um die Ecke bis zum Bahnhofsvorplatz, wo die anderen Autos den ganzen Tag geparkt stehen. Wie oft wir um den Platz herumgefahren sind, haben wir leider nicht genau gezählt. Vielleicht war es 20-mal, vielleicht auch 40. Wir fuhren nie mehr als 85 Kilometer die Stunde, meist aber weniger. Wir wollten aber schnell genug fahren, sodass der Dynamo die Batterie wieder auflud.“ (Damals gab es die Automatik nicht, die die Ladegeschwindigkeit regelt.)
Diese Liste von Missetaten war uns beiden wirklich zu viel, sogar erdrückend. Wir waren, meinten wir, derart feine Jungen, indem wir alle unsere Schuld bekannten, dass wir gleich vor Mitleid mit uns selbst laut weinten.
Vater war sichtlich bewegt, aber doch recht besorgt: „Habt ihr jemanden überfahren oder sonst Schaden angerichtet?“, fragte er fast ängstlich. Er meinte offenbar, dass irgendeine Geschichte mit der Polizei herauskommen würde.
„Nein, Vater, das Auto ist vollkommen in Ordnung: Wir haben das alles vor bald drei Wochen ausprobiert, und du hast seitdem das Auto gefahren. Alles ist in bester Ordnung, die Batterie ist sogar besser geladen als sonst.“
Vater spielte nachdenklich mit seiner Reitpeitsche herum. Die Gefahr für uns war noch nicht gebannt.
„Was sollte eure Strafe sein?“, fragte er nach einer Weile, währenddessen wir vor Ehrlichkeit, Selbstmitleid und Schuld weiter schluchzten.
„Gib uns die gebührende Strafe, Vater, dann ist die Sache einigermaßen wieder gut.“
Wir hatten die Hosen nicht mit Zeitungspapier ausgestopft, um eine Stoßdämpferwirkung zwischen Peitsche und Po zu bewerkstelligen. Diese Tricks, die unter Jungen damals sehr bekannt waren, wagten wir bei Vater nicht – er konnte ja einen weiteren, für uns kostspieligen Wutanfall bekommen, wenn er einen solchen unverschämten Trick entdeckte! Am etwas dumpfen Laut der Peitsche konnten die Sachverständigen die inneren Geheimnisse zwischen Po und Hosen erkennen. Es wäre einfach zu riskant gewesen. So übten wir unser detailliertes technisches Wissen auf diesem Gebiet nicht aus.
e) Der gerechte, aber liebe Vater
So bereiteten wir uns also auf die Strafe vor. Wir holten einen Stuhl herbei, damit man sich gebührend darüber bücken konnte, während die sechs Hiebe mit der Reitpeitsche verabreicht wurden. Dann hieß es: „Bücke dich über den Stuhl!“ Aber merkwürdigerweise geschah nichts dergleichen. Man war auf den ersten Schock vorbereitet, aber er kam nicht. Vater, Peitsche in der Hand, zögerte immer noch. Wir wollten es schnell hinter uns haben, Vater aber nicht.
„Nein“, sagte er endlich (ich stand oder kauerte gebückt vor dem Stuhl), „das mache ich nicht, es wäre verkehrt. Ihr seid freiwillig ehrlich geworden (ausnahmsweise offenbar). Ich ahnte von alledem nichts. Ich wusste wegen eures Verhaltens, dass irgendetwas nicht stimmte; das aber vermutete ich nicht. Ich strafe euch nicht, weil ihr ehrlich wart und alles gebeichtet habt! Es wäre falsch, euch als Folge eurer Ehrlichkeit bestrafen zu wollen. Ist das wirklich alles? Habt ihr nichts mehr auf dem Gewissen?“
„Nur, dass wir dein Benzin, dein Öl und deine Reifen vergeudet haben. Nichts mehr.“
„Dann steht auf!“
Er gab jedem von uns einen Kuss (was er sehr, sehr selten tat, nur bei ganz besonderen Anlässen kam das vor) und erklärte, die Sache sei erledigt, er wolle nichts mehr davon hören.
Kann man sich vorstellen, wie beschämt und gleichzeitig dankbar wir waren? Wie haben wir unseren Vater respektiert und geliebt, dass er so gerecht war! Obwohl etwas Scham vor ihm geblieben war, war der Bann der bösen Atmosphäre im Raum gebrochen. Wir konnten Vater wieder in die Augen schauen – und er uns. Am Tisch hatten wir wiederum Appetit, wie es sich bei Jungen gebührt. Als Vater wiederum auf die Jagd ging, konnten wir ihn wieder begleiten. Und abends war alles wieder harmonisch und normal. Er spielte mit uns Dame nach englischer Art, baute seine „Hühnerfallen“ und legte uns tüchtig herein – früh lernten wir also an praktischen Beispielen, dass Schuld und Sünde geistig und geistlich trennen und dass Vergebung diese Trennung heilt. Später lernten mein Bruder und ich, dass das gleiche Prinzip zwischen Gott und uns gilt. Schuld und Übertretung der guten Gesetze Gottes trennen uns und schließen uns aus Seiner Gemeinschaft aus, genauso wie Schuld und Übertretung der Gesetze, die Vater mit Recht aufgerichtet hatte, uns von Vaters Gemeinschaft ausschlossen. Aber Vergebung nach einer echten Beichte entfernt diese Entfremdung. So lernten wir früh die Prinzipien hinter der Frohen Botschaft – obwohl wir erst später diese Botschaft persönlich kennenlernten –, nämlich dass ein „In-sich-gehen“, ein „Sich-selbst-ehrlich-prüfen“ und ein Bekennen mit der Absicht, die Ursache der Trennung gründlich zu hinterfragen, die erste Stufe zur Versöhnung mit einem gerechten, aber auch liebenden Gott darstellt.
Ich glaube, dass, wenn wir in späteren Jahren über diese Begebenheit mit Vater gesprochen hätten, er sich nicht mehr daran erinnert hätte. Vergeben war für ihn auch vergessen. Sonst besaß Vater ein gutes Gedächtnis – solange eine Übertretung nicht ins Reine gebracht worden war!
2. Das Zeitalter der Öllampen ist vorbei!
Eine meiner frühesten Erinnerungen ist das Putzen von angeschwärzten Öllampengläsern. Bis zum Jahr 1921 hatten viele Dörfer in England kein Elektrizitätsnetz, deshalb brauchte man Kerosinlampen. Für die großen Zimmer verwendete man Öllampen. Diese Lampen gaben ein schönes weißes Licht, bei dem man gut lesen konnte. Die gewöhnlichen Öllampen besaßen einen langen Docht aus Stoff, der ins Kerosin getaucht und oben angezündet wurde. Eine Schraube regulierte die Größe der Flamme. Solche Lampen entwickelten ein etwas gelbes Licht und durch Rauchentwicklung wurden ihre „Glasschornsteine“ schmutzig und schwarz. Jeden Samstag wurden alle Lampen und ihre Glasschornsteine geputzt, was viel Arbeit bedeutete. Die Lampen hatten den Nachteil, dass sie immer sehr nach Kerosin rochen.
Mein Vater entschied im Jahre 1921, dass Elektrizität auf dem Gut und im Hause viel Arbeit sparen würde und auch nicht viel teurer käme als die Ölwirtschaft mit der ständigen Gefahr des Brandes im alten Farmhaus. Es existierte damals fast kein öffentliches Elektrizitätsnetz im Lande – die Städte besaßen Strom, wir auf dem Land nicht. Vater kannte den Chefelektriker des großen Krankenhauses, Mr. Philips, das einen eigenen Generator besaß. Im gleichen Krankenhaus arbeitete ein Zimmermann, Mr. Cox, der bei der Installation des Generators geholfen hatte. Mr. Cox war spindeldünn und witzig. Mr. Philips war dick, trug einen großen Schnurrbart und war introvertiert. Vater kaufte die ganze elektrische Anlage und richtete alles in einem umgebauten Stall ein.
Ich war gerade sechs Jahre alt geworden und interessierte mich für all diese elektrischen Arbeiten. Ich beobachtete, wie Mr. Philips und Mr. Cox die großen Akkumulatoren auf Holzbänken einrichteten. Dann verdrahteten sie das Haus und das Gut mit Bleikabeln. Es faszinierte uns kleine Jungen, wie die Birnen im Generatorhaus bei der Einfüllung von Schwefelsäure in die Batterien sofort aufglühten. Die Zähler auf dem sehr großen Armaturenbrett in einem getrennten Haus zeigten sofort 110 Volt an.
Als ich acht oder neun Jahre alt war, übergab mir mein Vater die Wartungsaufsicht dieser ganzen Anlage. Jede Woche wurden die Batterien neu aufgeladen. Ich lernte den großen Ölmotor zu bewältigen, obwohl ich nur ein Kind war. Zum Anlassen verwendete ich Mr. Philips‘ Methode, ich stand auf einem Schwungrad (mein Gewicht war leider nicht das von Mr. Philips) und drehte so den Motor rückwärts. Dann reichte ich mit dem linken Arm zum Einlassventil, um im entscheidenden Augenblick Kerosin einzulassen. Im Bruchteil einer Sekunde musste man vom Schwungrad herunterspringen, sonst hätte man eine raketenähnliche Reise zum Mond angetreten, und zwar durch das Dach des Motorenraumes! In späteren Jahren bauten mein Bruder und ich ein elektrisches Zündungssystem ein.
Wir benutzten dann Benzin, um den Motor anzulassen. Nach einigen Minuten war der Motor warm genug, und man konnte auf Kerosin umschalten. Auf diese Weise vermieden wir die Explosionen im Auspufftopf, die durch das Auskühlen des Ballons verursacht wurden.
Diese Tätigkeit als Chef der elektrischen Anlage auf dem Gut übte ich aus, bis mein Bruder und ich ins Internat gingen. Als ich später in Oxford und in Reading Student war, übernahm ich diese Arbeit wieder. Man lernt allerlei Praktisches bei einer solchen Beschäftigung. Mein Bruder und ich hatten alle beide einen Hang zum Ingenieurwesen und neben der elektrischen Anlage bastelten wir viel an Autos herum. Wahrscheinlich hing diese Liebe zum Maschinenwesen mit Mutters Familie zusammen.
Kapitel IV
INTERNAT
1. Das Internat
Zwischen 1922 und 1930 besuchten Walter und ich die Schule in Wallingford. Wir fuhren jeden Tag mit einer Kleinbahn dorthin. Andere Jungen von den umliegenden Ortschaften nahmen den gleichen Zug, sodass die Bahnfahrt eine fröhliche Gemeinschaftsfahrt wurde. Aber meine Mutter, die Lehrerin war, war vom Standard der Lehrerschaft dort in Wallingford nicht so sehr begeistert. Ich galt in Wallingford zum Beispiel als zu dumm, um Latein zu studieren, und musste deshalb Buchführung lernen. Mutter probierte mit mir Latein aus. Offenbar glaubte sie den Schulberichten und Zeugnissen nicht. Das Gleiche galt für Mathematik und Chemie. Mein Bruder und ich galten in der Schule als hoffnungslose Fälle, aber bei Mutter lernten wir offenbar ganz gut.
Vater und Mutter besprachen die Lage und überlegten, ob ein Internat die Lösung wäre. Mutter war der Meinung, dass der Direktor der Schule in Wallingford kein Mensch war, der Kinder unter sich haben sollte. Denn er wurde sehr leicht wütend und bezeichnete uns regelmäßig als unaussprechliche Affen, statt seine Lehrertätigkeit auszuüben. Wir hatten noch dazu einen dünnen, mageren, chronisch schlecht gelaunten Chemielehrer namens Hyslop. Er trug eine Pincenez-Brille, sah sehr asketisch und auch furchterregend aus. Neben Chemie lehrte er uns Physik. Nach einem Jahr seines Unterrichts hatte ich schier nichts gelernt. Meine Noten in seinen Fächern waren schlecht und die meines Bruders noch schlechter. Wir verstanden den Mann einfach nicht.
a) Mutters Gespräch mit dem Lehrer
Meine Mutter suchte eines Abends Mr. Hyslop auf und fragte ihn nach meinem Können. Der Lehrer gab einen positiven Bericht über mich: Ich sei immer höflich, aufmerksam, entgegenkommend und so weiter und so weiter.
„Warum schneidet denn mein Sohn in den Prüfungen so schlecht ab?“, fragte meine Mutter, die Lehrerin, den Lehrer.
„Das ist ein Mysterium“, antwortete er, es sei ihm unerklärlich.
Das war meiner Mutter zu viel. Sie kündigte der Schule – es handelte sich um eine Privatschule; der Staat hatte damals im Schulwesen noch kein Monopol. Sie entgegnete ihm, er und der Direktor seien offenbar untauglich. So viele Schüler seien von der Schule bereits gegangen. Mein Vater war mit Mutters Entscheidung einverstanden; denn man musste auch für die Schule Schulgeld bezahlen. Vater war der Meinung, wenn für das Schulgeld zu wenig geliefert wurde, sollte man kündigen. Was die Kinder in der frühen Jugend verpassen, könnten sie später kaum mehr einholen. Man lernt am schnellsten und am gründlichsten vor und in den Pubertätsjahren. John und Charles Wesley konnten mit zwölf Jahren zur Universität Oxford gehen und dort studieren, weil sie schon Latein, Griechisch, etwas Hebräisch und Französisch konnten. Sie hatten all das von ihrer Mutter gelernt. Dass die heutige Jugend mit zwölf Jahren nichts oder sehr wenig von Mathematik, Sprachen und Grammatik weiß, liegt nicht allein an den Kindern selbst, sondern wahrscheinlich daran, dass sie an Stimulusüberflutung (zu viel Eindrücke von den Massenmedien, sodass das Informationsspeicherungs- und Wiedergabesystem mit der Informationsflut nicht mehr fertig wird) leiden. Dazu kommt die Tatsache, dass auch die Lehrer an der gleichen Krankheit leiden – zu viel Informationsflut durch die Massenmedien und durch billige, minderwertige Literatur.
„Also“, meinten unsere Eltern, „schicken wir die Kinder auf ein Internat. Die Mädchen hatten auf einem Mädcheninternat mit guten Resultaten abgeschlossen. Lasst uns die Jungen auf ein Internat schicken, sonst werden sie nichts lernen und ihr Leben lang darunter leiden.“
Im Internat müssen die Schüler um 21.00 Uhr ins Bett gehen, um 7.00 Uhr morgens aufstehen, sich kalt waschen, im Sommer und Winter bei offenem Fenster schlafen. Gute Umgangsformen werden ihnen auch beigebracht. Die Lehrer werden mit „Sir“ angeredet und die Lehrerinnen mit „Ma’am“ (Madame). Man geht vor einem Lehrer oder vor einem Mädchen nicht zuerst durch eine Tür. Und das schwächere Geschlecht gilt als unantastbar. Die meisten englischen Jungen und Mädchen aus besserer Familie gehen mit zwölf bis 13 Jahren auf ein solches Internat (Public School), das übrigens sehr privat und gar nicht „public“ ist.
b) Taunton School
So wurde beschlossen, dass wir Taunton School in Somerset, Westengland, besuchen sollten. Taunton School ist eine Privatschule mit Internat, die damals etwa 700 Jungen aller Altersgruppen von drei bis achtzehn Jahren unterbrachte. Die ganz kleinen Kinder wurden in einem Extra-Haus namens „Thone“ gepflegt. Warum gingen die Kinder so jung ins Internat? Der Grund war, dass England damals ein großes Kolonialreich war, das mit „Führungskräften“ versehen sein musste. Das Klima in diesen Teilen dieses Kolonialreiches war für Kinder ganz ungeeignet, sodass die Kinder in diesen Teilen der Erde nicht aufwachsen konnten. Oft gab es in solchen Kolonialgebieten überhaupt keine Schulen, die auf die englischen Colleges und Universitäten vorbereiteten. Die Beamten des englischen Kolonialreiches waren also auf Internate wie Taunton School, besonders auf Thone Junior School für die Drei- bis Neunjährigen, angewiesen. Es war oft ergreifend, zu beobachten, wie diese Kinder, drei Jahre und darüber, Sonntag für Sonntag hinter den größeren Jungen zur Kirche marschierten. Meist wurden sie in kleinen Gruppen von fünf bis zehn Jungen von einer älteren Lehrerin an der Hand geführt. Noch ergreifender waren die Szenen, die sich so oft wiederholten, wenn die Eltern drei bis fünf Jahre lang wegfahren mussten. Man konnte damals nicht in ein paar Stunden nach Indien fliegen und dann zum freien Wochenende – mitten in jedem Trimester gab es ein solches freies Wochenende – die Kinder besuchen. Während dieses Wochenendes durften die Eltern, die in der Nähe wohnten, ihre Kinder besuchen oder sie nach Hause nehmen. Die ganz kleinen Kinder kannten ihre Eltern gar nicht mehr, wenn diese sie nach drei bis fünf Jahren besuchen kamen …
Mütter standen dann vor ihren eigenen Kindern, die keine Ahnung hatten, wer oder was Eltern waren. Dort haben mein Bruder und ich gelernt, was es bedeutet, eine Familie und Vater und Mutter hinter sich zu wissen. Die „Thone-Kinder“ konnte man immer erkennen, wenn sie später durch die „Middle-“ und „Senior-School“ gingen. Es war irgendwie auf ihren Gesichtern geschrieben: „Ich bin ein unterprivilegiertes Kind; ich kenne keine Familie.“ Als unsere eigenen Kinder in die Pubertät kamen, standen wir vor ähnlichen Problemen. In der Schweiz durften sie nicht Medizin studieren; als Ausländer konnten sie kein schweizerisches medizinisches Diplom erwerben, nur ein Fakultätsdiplom, das sie weder in der Schweiz noch im Ausland zu irgendeiner medizinischen Praxis berechtigt hätte. Deshalb entschieden wir uns, sie alle, auch unsere Tochter, mit 13 oder 14 Jahren nach England in ein Internat zu senden. Wenn sie bis zum Pubertätsalter in ihrer eigenen Familie erzogen worden sind, lernen sie im Internat Vater und Mutter und die Familie mehr schätzen, als wenn sie nie von der Familie fort waren. Die meisten europäischen Kinder können es mit 16 oder 17 Jahren kaum erwarten, bis sie von zu Hause wegziehen und ein eigenes Zimmer bekommen. Unsere Kinder hängen viel mehr an ihrem Zuhause. Sie kommen gern wieder nach Hause, um wieder „Kind“ sein zu dürfen, obwohl sie alle längst Herr Doktor bzw. Frau Doktor sind.
Im heutigen Internat, so wie unsere Kinder ihre Internate kennen lernten, ist die Situation ähnlich wie damals vor 50 Jahren, als ich im Internat war – aber aus ganz anderen Gründen. In jedem Internat findet man heute noch Kinder, die „unterprivilegiert“ sind, weil sie keine Familie mit Vater und Mutter kennen. Nicht aber, weil England ein Kolonialreich ist, sondern weil England ein Land für Ehescheidungen geworden ist. Im Internat findet man die Kinder aus geschiedenen Ehen. Vater und Mutter können sich nicht mehr vertragen, haben zwei oder mehr Kinder. Was soll mit ihnen geschehen, die jetzt nicht mehr erwünscht sind? Das Zuhause wurde vor der Nase der armen Kinder aufgelöst. Kein Zuhause ist mehr vorhanden, von wo aus die Kinder zur Schule gehen können. Man stopft sie deshalb in irgendein Internat zur „Lösung“ des Problems. Das Resultat ist aber gleich, ob die Scheidung oder das Kolonialreich die Ursache ist. Es steht auf den Gesichtern dieser „unterprivilegierten“ Kinder buchstäblich geschrieben: „Ich kenne die Wärme einer Familie, eines Vaters oder einer Mutter, die mich wollen, nicht.“
Wir haben unseren Kindern sehr betont beigebracht, dass man sich solcher armen Kinder annehmen muss und darf. Die meisten Internate führen Doppelzimmer, – wenigstens in den höheren Altersgruppen. Der Senior in einem solchen Zimmer darf seinen Zimmerkameraden wählen. So wählten unsere Kinder oft „unterprivilegierte“ Kinder und zeigten diesen die Familienliebe, luden sie zum Beispiel über Weihnachten zu uns nach Hause ein. Die Sommerferien wurden auch nicht vergessen, denn niemand wollte solche Kinder; sie waren auch oft schwierig, weil sie unter Komplexen verschiedenster Art litten. Solche Kinder sind also zu uns auch über Weihnachten nach Hause gekommen, haben bei uns Skifahren gelernt, sind mit der Familie im Sommer zelten gegangen. Wir kennen durch die Internate eine Menge solcher Kinder, die uns jetzt noch als ihre Eltern ansehen. Einer bat uns in einem Brief förmlich, ob er uns von jetzt an „Dad und Mum“ nennen durfte. Eine Anzahl sind durch diesen Familienersatzdienst bewusste Christen geworden. Einer hat in letzter Zeit den Schritt in die Ehe getan – er fand ein gläubiges Mädchen, und die beiden wollten eine Familie gründen, die das bietet, was sie selbst nie als Kinder erfahren konnten.
2. Das Leben im Internat
Taunton School war ursprünglich eine Schule, die nicht der anglikanischen Staatskirche angehörte. Sie war also mit anderen Worten eine freikirchliche Schule. Wir als Familie hatten mit der anglikanischen Kirche etwas Mühe, sodass Mutter die Meinung vertrat, wir Jungen sollten alle Aspekte des religiösen Lebens, kirchliche und freikirchliche, erfahren.
Einige Lehrer in Taunton waren bewusste Christen, die meisten aber leider nicht. Die Mehrzahl der Jungen kam nicht aus christlichen Häusern. Sie waren damals eher die Söhne höherer Beamter des Britischen Commonwealth, patriotisch stolz, aber leider oft faul. Also, kurz gesagt, Snobismus konnte in solchen Internaten böse Ausmaße annehmen. Heute ist diese Gefahr weniger groß, aber sie ist immer noch vorhanden.
3. Ordnung im alten Internat
In unserem Internat wurde immer sehr darauf geachtet, dass Ordnung herrschte. Man wurde spartanisch erzogen: keine Teppiche, zum Beispiel im Schlafzimmer, nur Betonböden. In den großen Schlafräumen standen oft zwölf oder dreizehn Betten, alle auf dem unbedeckten Betonboden. Die Fenster standen Tag und Nacht offen, auch bei kältestem Frost. Gewaschen wurde sich jeden Morgen kalt. Die Waschzimmer waren ungeheizt. Einmal die Woche gab es unter Aufsicht eines Hausmeisters ein heißes Bad – sechs Badewannen in einem Badezimmer mit Betonboden. Wohl deshalb klagt kein Engländer – das heißt kein echter Engländer – je über Zug in einem Zimmer. In der Eisenbahn sind es nur die „Parvenüs“ oder die Ausländer, die klagen: „Es zieht.“ In englischen Internaten wird man abgehärtet! Eine frische Brise im Schlafzimmer ist gesund – es zieht doch nie! Luft muss man haben, sonst kann man nicht atmen! Deshalb sind die englischen Kamine wohl so gebaut, dass sie „Luftzug“ im Zimmer erzeugen! Die Vorhänge in einem Zimmer müssen durch Windzug direkt wehen, wenn ein echter Engländer glücklich sein soll.
Als mein Bruder und ich das erste Mal ins Internat fuhren, brachten uns Vater und Mutter zum Bahnhof nach Reading. Dort wurden wir in den 10.45 Uhr Expresszug nach Taunton verfrachtet, und fertig war die Operation. Wir wussten gar nicht, was auf uns wartete, kannten die Schule absolut nicht, waren nie in Taunton gewesen. Wir fanden einige Jungen im Zug, die das gleiche Reiseziel hatten. Sie fuhren auch ins Internat. Vom Bahnhof in Taunton wurden wir vom Vizedirektor selbst, Mr. Record, abgeholt, der uns militärisch zusammenstellte, sodass wir gruppenweise – etwa 30–50 Jungen pro Gruppe – ins Internat marschieren mussten. Der Weg betrug vielleicht vier Kilometer, die wir mit Gepäck unter dem Arm hinter uns brachten. Einmal dort angekommen, wurden wir vom Vizedirektor persönlich „sortiert“. Hast du Verwandte hier gehabt? Wie alt bist du? Hast du Geschwister? Bist du jemals vorher in einem Internat gewesen? Was für Krankheiten hast du gehabt? Dann wurden wir einer „Matrone“ – einer älteren Dame – übergeben, die dafür sorgte, dass wir ein Bett für die Nacht bekamen, einen Schrank für unsere Sachen hatten und einen Platz am Tisch fürs Abendessen – ein Butterbrot ohne Belag und eine Tasse einer unbeschreiblichen Mischung, die man „Stingo“ nannte – bekamen.
Einen wichtigen Punkt darf man an dieser Stelle nicht vergessen: Jeder Junge musste eine mit Schloss abschließbare Holzkiste besitzen, in der er seine „Goodies“, Essbares, eingeschlossen aufbewahrte. Diese Kiste war mit einem Hängeschloss und Riegel versehen. Während der Schulpause morgens und mittags durfte er zu seiner Kiste gehen, um etwas Gutes zum Essen zu holen. Diese Kisten gehören zum Internat wie Wasser zum Fischleben. Meine Kinder besitzen ihre Kisten oben im Estrich immer noch. Sie sind Besitztümer, auf die kein Schüler verzichten möchte. Wenn ein Junge die Kiste eines anderen ausraubte, was sehr selten vorkam, war dieses Vergehen wirklich sehr gravierend.
4. Erste Eindrücke im Internat
Nachdem mein Bruder und ich am nächsten Tag den großen Gebäudekomplex des Internats ausgekundschaftet hatten, waren wir nicht sehr beeindruckt, denn draußen bestand fast alles aus Fußballspielplätzen. Spielplätze für Cricket, Hockeyplätze etc., und innen in den Gebäuden sah alles nach Massenlagern aus. Gar nichts Privates war zu finden. Dazu noch gab es allerlei Plätze, die reserviert waren. Die Terrassen vor dem Internat waren nur für Lehrer und Schulsprecher. Alles war sehr elitär – und wir waren nur Neuankömmlinge, die viele Pflichten und wenig Rechte hatten. Man fühlte sich ständig beobachtet, ob man irgendwie dabei war, eine Regel zu übertreten oder nicht. Während wir alles auskundschafteten, kam eine Gruppe von älteren Schülern auf uns zu und sagte mit ganz erster Miene, dass es Pflicht für alle Neuankömmlinge sei, alle Schulsprecher unaufgefordert bei ihren richtigen Namen laut zu grüßen. Wir sagten, wir könnten das nicht tun, denn wir kennten nicht einmal die Namen der Schulsprecher.
„Wir wollen euch helfen“, sagten sie ernst, „der Große dort auf der Terrasse, der mit den leuchtend roten Haaren und den fast weißen modernen Hosen, der ist Hauptschulsprecher der Schule und geht gerade auf der Terrasse auf und ab, was sein Privileg ist. Ihr geht jetzt hinüber zu ihm, wenn ihr Strafe vermeiden wollt, und ruft ihn Leuchtturm als Vorschriftsgruß zu. Dann habt ihr ihn beim Namen gegrüßt, und er wird euch nicht bestrafen dürfen. Aber seine Terrasse ja nicht betreten!“
Nun, wir wussten schon, dass man keinen Lehrer und keinen Schulsprecher mit Spottnamen ansprechen durfte. Und es kam uns merkwürdig vor, dieser Name für einen Rothaarigen! Er ging mit einigen anderen auf der privilegierten Terrasse auf und ab, sodass er Zeugen gehabt hätte, wenn wir von fern „Leuchtturm“ gerufen hätten. So bedankten wir uns sehr höflich für die freundliche Auskunft und sagten, wir würden morgen die amtliche Begrüßung vorschriftsmäßig durchführen, wenn wir ganz sicher seien, dass er wirklich so hieß. So dumm waren mein Bruder und ich nicht. Ein Schmähname wie Leuchtturm als Gruß hätte uns sechs Hiebe mit der Peitsche gekostet, denn der Rothaarige war bekannt als arrogant und humorlos. So lernten die älteren Schüler des Internats die Neuangekommenen kennen und merkten bald, ob sie etwas Grips hatten oder nicht. Wehe dem Jungen, der von Natur aus gutgläubig war, er wurde von den meisten so gehänselt, bis sie es ihm ausgetrieben hatten.
5. Disziplin und Erziehung im alten Stil
Morgens, pünktlich um 7.00 Uhr, wurden wir von einer großen Handglocke draußen auf der Wiese geweckt. Der alte Gärtner ging durch die Häuser und schwang die große Glocke hin und her, sodass jeder (theoretisch) wach wurde. Der Mensch ist aber zur Gewöhnung verurteilt, denn oft hörte ich die Glocke nicht. Aber die anderen weckten einen dann, denn sie mussten auch aufstehen. Um 7.20 Uhr stand der Hausmeister oben an der großen Treppe unseres Hauses und rief laut „Tallyho“ (das ist der Ruf eines Jägers, der gerade einen Fuchs wittert). Mit diesem Ruf stürzten dann alle „Jäger“, d. h. Jungen, ihm nach die Treppe hinunter. Wer mit seiner Toilette nicht fertig war, wenn der Hausmeister die Tür zum Saal schloss, war zu spät. Wer in dem Saal noch an seinem Schlips oder Kragen herumarbeitete, der galt auch als zu spät gekommen. Wer ein schmutziges Hemd anhatte, der galt auch als – nach dem Gesetz der Meder und Perser – zu spät gekommen. Das Zuspätkommen zum morgendlichen Appell wurde bestraft. Die Namen aller Jungen wurden alphabetisch aufgerufen, und jeder musste mit „adsum“ (ich bin zugegen, in Latein) antworten. Es kostete damals zwei Schläge mit der Rute, wenn man nicht antwortete. War man feige, konnte man unter Umständen die zwei Schläge in 200 „Zeilen“ umtauschen lassen, was bedeutete, dass man 100- oder 200-mal schreiben musste: „Ich darf nicht zu spät zum Appell auftauchen“ oder „Ich muss mich für den Appell richtig und rechtzeitig anziehen“. Aber man zog meist die Peitsche vor. Es war eben ehrenvoller!
Bei Mädchen gebrauchte man damals die Peitsche selbstverständlich nicht, dafür waren sie eben Mädchen!
Schulen, die die Peitsche abschafften, schafften sie ab, weil sie Mädchen statt Jungen hatten. So hieß es unter den Jungen, Disziplin dieser Art schadet nicht, solange man gute, gerechte Schulmeister finden konnte, um das System zu verwalten. Sobald aber verweichlichte, ungerechte Lehrer auftauchten, ging es nicht mehr. Gerade solche wurden brutal, sodass das System auseinanderzufallen drohte.
6. Miseren des Internatslebens
Unter der Aufsicht von Mr. Record, dem Vizepräsidenten des Internats, hatte ich mit Latein und Französisch nie wieder Mühe gehabt. Disziplinarisch war Mr. Record, den wir „Chew“ nannten, weil er immer mit dem Mund arbeitete, eisern. Aber er war ein frommer, gerechter Mann, den wir alle respektierten. Jeden Sonntagmorgen inspizierte er persönlich alle 700 Schüler, die geschlossen in die Stadt zu den verschiedenen Kirchen marschierten. Die Eltern entschieden, welche Kirchen besucht wurden. Mr. Record merkte sofort, ob ein Kandidat für den Kirchgang ein weißes oder ein nicht mehr ganz weißes Hemd trug. Ob sein schwarzer Schlips bekleckert war. Ob sein Taschentuch weiß war. Oft verlangte er aufs Geratewohl, probeweise, das Taschentuch, das während des Vorbeimarsches produziert werden musste. Weh dem Jungen, der keines hatte oder der ein Taschentuch hervorzog, das nicht so aussah wie eine Reklame für Waschpulver. Ein solcher Kirchgangkandidat musste aus den Reihen hervortreten, ein frisches Taschentuch holen, während die ganze Schule ungeduldig auf ihn wartete. Solche Schüler waren nicht populär. So wirkte Mr. Records Disziplin förderlich – die Jungen sorgten letzten Endes selbst für Ordnung!
Obwohl unser Direktor Mr. Record den Beinamen „Chew“ trug, wehe dem Schüler, der mit Kaugummi oder ähnlichen Scheußlichkeiten im Mund erwischt wurde! Wer in der Klasse kaute, spielte direkt mit seinem akademischen Schicksal. Was man im Mund hatte, war eine rein private Angelegenheit, wovon andere gar nichts merken durften.
Andere „Wehen“ unseres Internats folgten schnell: Wehe dem Jungen, der mit Händen in den Hosentaschen mit einem Lehrer – oder sonst einer reifen Person – sprach. Wenn ein solcher über so wenig Feinfühligkeit verfügte, bekam er zuerst eine Reihe von bissigen, verschleierten Bemerkungen, die ihn höflich auf seine Salonunfähigkeit aufmerksam machen sollten. Wenn er aber derart stumpfsinnig war, dass er gar nichts merkte – solche gab es schon damals – konnte er mit der Zeit eine direkte, scharfe Bemerkung erwarten: „Zieh die Hände aus der Tasche, wenn du mit älteren und auch besseren Personen sprichst!“
Dreimal im Jahr bekamen alle Eltern über ihre Kinder ein Schulzeugnis – direkt nach Hause geschickt. Nicht nur die akademische Leistung des Schülers wurde beurteilt, sein allgemeines Verhalten und sein Fortschritt in der Entwicklung von „Schliff“ wurde schriftlich mit entsprechenden Beweisen festgehalten. Frechheit war ein schwerwiegendes Vergehen, besonders älteren Menschen gegenüber.
In der Schulkapelle, wo im Sommer morgens und abends ein Gottesdienst vom Schuldirektor oder von einem Pfarrer abgehalten wurde, wurde sehr auf Benehmen geschaut. Anständig gekleidet musste man sein – man trug eine Schuluniform, damit die Schüler sich nicht gegenseitig wegen Bekleidung „die Augen ausstechen konnten“. Jungen können nicht minder eitel sein bezüglich Bekleidung als Mädchen! Wehe dem Jungen, der vor Gott mit den Händen in der Hosentasche betete, oder sonst erschien! Eine Beleidigung der Majestät Gottes!
Hängt die heutige Formlosigkeit und Undiszipliniertheit mit dem Zerfall unserer ganzen westlichen Gesellschaft zusammen? Ich meine ja! Denn man empfindet vor nichts Respekt, weder vor Menschen, noch vor Gott, noch vor dem Alter. Alles ist erlaubt. Auch das, was sich nicht schickt. Die Konsequenzen liegen heute vor unseren Augen.
Damit möchte ich gar nicht gesagt haben, dass diese spartanische Erziehung nie fehlschlug. Es gibt Menschen, die unreformierbar sind, und solche gab es auch bei uns im Internat. Es gab bei uns im Taunton viel Unsittlichkeit. Die älteren Schüler brachten oft lose Mädchen ins Internat – sie gaben sie als Kusinen oder andere Verwandte aus. Die Gesprächsthemen in den Schlafzimmern waren meist sexueller Art. Schmutzige Witze waren oft die Regel, obwohl es edle Schüler gab, die nicht mitmachten. Solche galten oft als prüde.
Ich kenne christliche Internate, für die diese negativen Aussagen kaum gelten. Aber in den rein säkularen Schulen ist Unsittlichkeit oft die Regel. Solche kann ich deshalb nicht empfehlen. Wir haben unsere Kinder auf christliche Internate geschickt, da war die Atmosphäre besser. Die Gefahr in solchen christlichen Internaten ist die einer Treibhausatmosphäre: Gesetzlichkeit und auch Heuchelei können in solchen Internaten, die wohl einen christlichen Direktor hatten, wo aber auch nichtchristliche Lehrer mitwirkten, auftreten. Da konnten die Kinder selber die Unterschiede zwischen Christen und Nichtchristen sehen und sich selbst ihre eigene Meinung bilden. Da waren die christlichen Lehrer oft wirkliche Lichter in einer Welt, die zum großen Teil nicht christlich war. Auf diese Weise wurden sie auf die wirkliche Welt, wo Christen in einer nichtchristlichen Welt leuchten müssen, vorbereitet.
7. Einige Vorteile des Internats
Das Internat hatte, neben all diesen zum Teil negativen Überlegungen, doch große Vorteile. Obwohl das Internat meine lieben Eltern sehr teuer zu stehen kam – und das in der Zeit (1930–1934) der großen Depression – wurde man dort viel weniger als zu Hause von der Schularbeit abgelenkt. Man fing um 7.00 Uhr morgens mit dem Waschen und Aufstehen an. Kapelle 7.30-8.00 Uhr. Frühstück 8.00–8.30 Uhr. Unterricht 9.00–13.00 Uhr. Mittagessen 13.15–13.45 Uhr. Pause bis 14.00 Uhr, dann Unterricht bis 16.30 Uhr. Danach Spiele – Fußball, Rugby, Football, Hockey (im Winter), Cricket (im Sommer). Dies war alles obligatorisch. Leistung in Sport galt vielleicht noch mehr als akademische Leistung. Danach folgten die Hausaufgaben, die unter Aufsicht in einem großen Saal von 19.30–21.30 Uhr zu erledigen waren. Während wir die Hausaufgaben erledigten, bekamen wir das Abendessen: Butterbrote mit ein wenig Käse, Marmelade oder Marmite (ein Hefeextrakt) plus eine Tasse Kakao – ein undefinierbares Gemisch von Wasser, Milchpulver, Zucker und Kakao. Um 22.00 Uhr ging es ins Bett für die Älteren, für die Jüngeren eine halbe Stunde früher. Um Punkt 22.30 Uhr war Licht aus. Alle Lichter in den Schlafzimmern mussten dann gelöscht werden, alle Gespräche verstummten – und wehe dem Jungen, der mit Radiokopfhörern unter den Bettdecken heimlich Radiomusik oder sonst etwas hörte. Ein Junge in jedem Schlafzimmer war für die Einhaltung dieser Verordnung verantwortlich, und man durfte ihn nie verraten!
Kapitel V
ATHEISTISCHE AUSSAAT
1. Der Kirchenstreit in England
Während mein Bruder und ich im Internat lebten, tobte der Kirchenstreit in England. Zur Zeit der Reformation unter Heinrich VIII. sagte die anglikanische Kirche dem Katholizismus ab. Der englische König Heinrich VIII. wollte dem Papst von Rom nicht untertan sein, denn der Papst machte Heinrich mit seinen vielen Frauen (mit Recht) Mühe.
Nun, Heinrich war kein besonders frommer Mann, im Gegenteil. Er wollte die Doktrin der Kirche in England nicht ändern, sondern nur ihre politische Struktur und Hierarchie. Die römische Hierarchie passte nicht in sein Konzept, obwohl ihm theoretisch ihre Doktrin recht war. Die Machtpolitik des Papstes ärgerte den stolzen englischen König. Deshalb machte er sich zum Papst, indem er den anglikanischen Erzbischof von Canterbury einsetzte. In der Lehre jedoch blieb fast alles beim Alten. So lehrt heute noch die anglikanische Kirche – zumindest nach ihrem Gebetsbuch zu urteilen – zum Beispiel die römisch-katholische Doktrin der Kindertaufe. Die anglikanische Kindertaufe bringt den Täufling angeblich ins Himmelreich, er wird dadurch von neuem geboren. Die römisch-katholischen Doktrinen der Kirche blieben unter Heinrich VIII. fast beim Alten. Auch wenn die Evangelikalen innerhalb der anglikanischen Kirche Englands es bestreiten, dass ihre Kirche eine katholische Säuglingstaufe lehrt, steht diese unbiblische Doktrin heute noch in jedem Gebetsbuch. Die kontinentale lutherische Landeskirche steckte in ähnlicher Lage.
Nun, der Kirchenstreit hatte mit all diesen Problemen nichts zu tun. Diese wurden durch die wirkliche Reformation Englands durch die späteren Reformatoren Charles und John Wesley, George Whitfield und später Spurgeon angegriffen. Der Kirchenstreit von 1925–1935 ging einzig und allein ums Geld – ein Problem, das auch die heutige Kirche – besonders auf dem europäischen Kontinent – plagt. Die anglikanische Staatskirche, deren Oberhaupt der König (bzw. die Königin) ist, kennt keine Kirchensteuern. Das Land wurde mit einem so genannten Zehnten belegt. Jeder Landbesitzer hatte mit dem Kauf seines Landes der Kirche alljährlich einen Barbetrag zu entrichten. Früher wurde dieser Zehnte in natura eingezogen – der Pfarrer hatte seine eigene Scheune, wo er seinen Weizen, die Kartoffeln, das Stroh etc. unterbrachte. In späteren Jahren wollte der Pfarrer nichts mehr in Naturalien annehmen und verlangte den Gegenwert in Bargeld. So wurde des Pfarrers Arbeit erleichtert. Aber es gibt immer noch überall in England alte Scheunen bei dem Pfarrhaus, die heute für andere Zwecke benutzt werden – als Tanzhallen zum Beispiel.
Ganz gleich ob der Landbesitzer sich zur anglikanischen Kirche bekannte oder nicht: Die Tatsache, dass er ein gewisses Stück Land besaß, verpflichtete ihn zur Entrichtung des Zehnten an die anglikanische Kirche.
Oft besaßen Methodisten, Freikirchler und sogar Atheisten Land, das sie dann verpflichtete, den Zehnten an die anglikanische Kirche zu entrichten. Dadurch gab es sehr viel Ärger. Die anglikanische Kirche ist enorm reich und besitzt oder besaß viele Bergwerke und große Elendsviertel in London und anderen Städten.
Solange man Geld leicht verdient, zahlen die meisten Leute – auch wenn es sich um ungerechte Angelegenheiten handelt. Als aber die große Depression 1929 heranrückte, wodurch die Farmer und andere Landbesitzer „knapp bei Kasse“ waren, fing man an, diese kirchliche Steuer nicht mehr entrichten zu wollen. Die Farmer mussten Landknechte entlassen, weil sie nicht über das Geld verfügten, ihre Löhne nebst dem Zehnten zu bezahlen. Wenn es hieß, entweder „John“ und „Harry“ zu entlassen oder den Zehnten abzugeben, weigerten sich viele Farmer, das Geld an die Kirche zu bezahlen.
Die anglikanischen Kirchen waren sowieso überall fast leer – Gottesdienstbesucher bestanden oft aus dem guten Pfarrer, dem Organisten und dem Kirchendiener. Die Predigten dauerten höchstens zehn Minuten der Pfarrer war meist liberal – dafür hatten die theologischen Fakultäten der Universitäten, vornehmlich Oxford und Cambridge, gesorgt. Die Kirchen liberaler Pfarrer waren und sind noch meist leer, und das war auch in unserer Gegend der Fall.
2. Die große Depression 1929–1932
Jeden Tag zogen arbeitslose, vom britischen Heer entlassene junge Männer an unserer Farm vorbei. Oft liefen täglich durch unsere Ortschaft 100–200 junge heruntergekommene Männer und bettelten uns an. Sie liefen von einem „Workhouse“ zum anderen, um ein Bett für die Nacht zu finden. Ein „Workhouse“ war ein Heim für arbeitslose Menschen, die obdachlos waren. Sie mussten ein Pensum an Arbeit leisten – Garten umgraben oder Unkraut jäten; dafür bekamen sie ein Essen und ein Bett für die Nacht. Alles war sehr primitiv, aber besser, als im Straßengraben zu schlafen. Vater hatte kein Geld zum Verschenken – wenn man ihnen Geld gab, verschwendeten sie es oft für Alkohol, was verständlich war, denn sie wollten ihr Elend eine Zeit lang vergessen. Es handelte sich meist um junge Männer, die im Ersten Weltkrieg für England gekämpft und ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten. Solche entlassenen Soldaten waren oft bitter gegen den Staat und die Gesellschaft im Allgemeinen, weil sie so schlecht behandelt wurden. So gab ihnen mein Vater, wo er nur konnte, kurzfristige Arbeit, Essen und ein Bett für die Nacht, wofür die meisten dankbar waren.
Mein Vater stand auf dem Standpunkt, dass die anglikanische Kirche eine tote Organisation sei, die für ihren Leerlauf viel zu viel Geld schluckte. Er hatte bestimmt nicht Unrecht, und als er aufgefordert wurde, den Zehnten zu bezahlen, erklärte Vater, dass er lieber diesen armen Arbeitslosen als der Kirche helfen würde. Meine Mutter als gläubige Frau, die eine praktizierende Christin war, schwebte also zwischen zwei Loyalitäten. Sie war aber gerecht, sah, dass die Kirche für den wahren Glauben ein direktes Hindernis darstellte – und unterstützte Vater. Wir Kinder waren natürlich gleicher Meinung, denn wie sollte ein Pfarrer, der oft das nicht glaubte und auch nicht vorlebte, was er bloß um des Geldes willen predigte, armen Arbeitslosen das Essen aus dem Mund nehmen? Nun, Vater und viele andere benachbarte Farmer bezahlten den Zehnten einfach nicht. Die Konsequenz war vorauszusehen.
Die Kirche musste für die Gehälter der Pfarrer aufkommen, sonst mussten sie und ihre Familien auch hungern! Die reichste und begütertste Kirche des Landes brauchte also Geld und schickte prompt den örtlichen Versteigerer (Betreibungsbeamten) mit der kirchlichen Behörde in jedes Haus, um den Zehnten mit der Gewalt des Gesetzes zu holen. Sie bekamen aber kein Geld, nichts war vorhanden. Daraufhin wurden die Möbel, die Betten, die Tische, das Besteck – kurzum alles, was die Familie besaß – öffentlich versteigert.
3. Versteigerungen
Am festgelegten Tag kamen die Farmer und das Publikum in unser Haus, um zu erkunden, was diese inzwischen verhasst gewordene Kirche im Namen Christi unternehmen würde. Der Versteigerer pries zuerst etwa den Küchentisch an und sagte, dass er etwa 30 DM wert sei. Er bat dann um feste Angebote. Es folgte eine tödliche Stille. Niemand machte irgendein Angebot, denn die anwesenden Farmer waren unsere Freunde aus benachbarten Gütern, die später am gleichen Tag an die Reihe kommen würden, weil auch sie ihren Zehnten nicht bezahlt hatten. Daraufhin drängte der Versteigerer auf Angebote. Ein Farmer bemerkte dann spöttisch, dass der Tisch einen Kratzer in der Mitte aufwies, der Preis sei zu hoch!
„Was bieten Sie mir dafür?“, fragte der Versteigerer verärgert. „Höchstens einen Pfennig“, antwortete der Farmer mit sehr ernster Miene.
„Aber der Tisch ist doch gut“, antwortete der Beamte, „weitere, aber bitte seriöse Angebote?“
Wieder trat tödliche Stille ein. Einige Gesichter wiesen ein leichtes Grinsen auf.
„Ja“, äußerte sich nach einer Weile ein anderer Farmer, „der Kratzer ist doch schwerwiegend, ich biete zwei Pfennige. Ich verdoppele das Angebot, was Sie als seriös anerkennen müssen, Herr Versteigerer.“
Letzten Endes erhielt der arme, aber harte Versteigerer drei Pfennige für den Küchentisch. Der Farmer bezahlte feierlich auf der Stelle den Betrag, bestand auf eine amtliche Quittung, dass der Tisch ihm jetzt zur freien Verfügung gehöre. Dann schritt er feierlich zu meiner Mutter und schenkte ihr zur freien Verfügung ihren schönen Küchentisch.
So ging die ganze Truppe durch das Haus und versteigerte alles, was wir im Haus hatten – Stühle, Besteck, Vorhänge, Teppiche, Tassen, Teller und Uhren. Auch Betten und Bettleinen wurden nicht verschont. Im Laufe dieser Arbeit wurden die Gesichter immer fröhlicher – aber das Gesicht des Versteigerers wurde immer dunkler. Mit solcher Solidarität hatten er und die Kirche nicht gerechnet – dass die Farmer die Quittung den ursprünglichen Besitzern zurückgeben und voneinander in der Notlage nicht profitieren wollten. Er kassierte an diesem Nachmittag vielleicht zwei oder drei Reichsmark für unseren ganzen Haushalt.
Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten, sagt ein Sprichwort. Und so war es an diesem Nachmittag. Als die ganze Truppe des Versteigerers aus dem Haus über den Hof ging, um Vaters Auto zu versteigern, entstand plötzlich ein riesiger Tumult. Die jungen Männer sprangen entsetzt über die Zäune, die Damen schrien laut auf, und der Versteigerer flüchtete mit einem Sprung in die obere Scheune – vier bis fünf Sprossen auf einmal die Leiter hinauf. Warum aber dieser Tumult, das plötzliche Geschrei und diese Hast? Solche Agilität sieht man doch recht selten bei einem Beamten, der sich seiner Würde immer sehr bewusst ist! Es dauerte gar nicht lange, bis man die Ursache dieses buchstäblich sprunghaften Benehmens des Staatsbeamten und seiner Gefolgschaft erkannte; denn der Bulle aus dem Stall, Kopf nach unten und Schwanz wie eine Fahnenstange nach oben, raste auf die Gruppe zu! Ein Farmer, ein guter Freund von uns, hatte einen starken Sinn für groben Humor und war unbemerkt in den Stall geschlichen. Dort hatte er unseren bösen, wilden Bullen losgebunden. Nie war das unserem Bullen je passiert, dass er frei herumlaufen durfte! Man führte ihn immer an einer Kette und einem Stab durch den Nasenring umher. Sich seiner neu gefundenen Freiheit freuend, raste er auf den Versteigerer und seine Gruppe zu. Im Bruchteil einer Sekunde verschwanden alle Menschen; und der Farmer, der sich diesen Spaß erlaubt hatte, zeigte sich grinsend auf der anderen Seite des Hoftores – selbst in absoluter Sicherheit.
Der Versteigerer konnte aus seinem Versteck im Heuboden der Scheune nicht herunterkommen, um Vaters Auto zu versteigern. Er musste kläglich dort oben warten, bis wir den Schweizer gefunden hatten, den der Bulle kannte und dem er auch gehorchte. Eine Zeit lang ließ sich aber dieser Schweizer nicht finden. Merkwürdig! Dann kam er ganz gelassen aus einer anderen Scheune herausgeschlendert, ging langsam auf den Bullen zu und legte den Stab an seinen Nasenring, während er beruhigend zu diesem gefährlichen Tier sprach. Er führte ihn zurück zum Stall und befestigte ihn. Erst dann wagte es der Versteigerer, vom Heuboden herunterzukommen. Irgendetwas von seiner Autorität schien verdunstet zu sein. All die Farmer waren jetzt allerbester Laune und gratulierten meinem Vater, und er bedankte sich bei ihnen und streichelte seine Quittungen.
Aber die Arbeit des Nachmittags war noch nicht zu Ende, denn der Versteigerer entschied, dass es bereits zu spät sei, mit der Versteigerung des Autos fortzufahren. Er schritt auf die Scheune zu, in der sein schönes Auto untergestellt war. Aber oh weh, oh weh! Er erkannte sein Auto gar nicht mehr. Irgendjemand war offenbar in die Hühnerhäuser gegangen, um dort Federn und Mist zu sammeln. Und irgendjemand hatte zur gleichen Zeit flüssigen, warmen Teer, womit man gerade zu der Zeit die Straße vor dem Gut geteert hatte, über das ganze Auto gegossen und oben darauf die Federn gestreut, die hartnäckig festklebten. Man nannte dieses spezielle Verfahren, Autos zu verzieren, teeren und federn, eine Ehre, die jederzeit denen widerfahren konnte, die einer besonderen Ehre wert betrachtet wurden.
Merkwürdigerweise war die Polizei, die von Ferne zugeschaut hatte, auch nicht mehr zu sehen. Die Armen, sie mussten in einer Ortschaft arbeiten, die aus lauter Farmern bestand. Es wäre sicher für ihre polizeiliche Gesundheit nicht gerade günstig gewesen, sich hier einzumischen, wo man sich gelungene Späße erlaubte und niemand ernstlich zu Schaden gekommen war. Die ganze Grafschaft lachte über diesen „aktiv-passiven“ Widerstand gegen die Ungerechtigkeit der Kirche. Alles entwickelte sich mit äußerst gutem Humor – ohne tierischen Ernst aufkommen zu lassen! Englischer Humor spielt sich oft so ab!
4. Konsequenzen der Versteigerung
Nun, was macht man in solchen Fällen? Die Kirche war eine staatliche Einrichtung. Der Staat setzte die Bischöfe ein, sammelte für die Kirche den Zehnten ein und war eins mit der Staatskirche. Wenn die Staatskirche Bankrott geht, muss der Staat dafür aufkommen. Das Geld, das die Kirche als Zehnten nicht eintreiben konnte, musste also von Vater Staat aufgetrieben werden. Vater Staat fühlte sich direkt betroffen, hatte aber Angst, die bedrängten Farmer unnötig zugunsten einer toten Kirche zu verärgern. Was konnte er tun? Ganz einfach! Man musste die Kirche sicherer finanzieren. So wurde schnell ein neues Gesetz verfasst und mit Blitzgeschwindigkeit durchs Parlament geschleust, um die Frage des Zehnten für alle Zeiten zu regeln. Der Zehnte wurde zu einer Staatssteuer für die Staatskirche gemacht und diese Steuer wurde mit polizeilicher Staatsmacht – wie die Einkommenssteuer – bar eingetrieben. Die Landbesitzer, die es so wollten, konnten ihren Zehnten mit einer Kapitalabfindung ein für alle Male abzahlen. Wer diese Regelung nicht anerkennen wollte, der leistete der Staatsmacht Widerstand und wurde als Steuerverweigerer für schuldig erklärt. So gewann der Staat diese Auseinandersetzung, indem sich die Kirche mit der Staatsmacht identifizierte. Und die Staatskirche verlor für immer in England die Berechtigung, zu behaupten: „Mein Reich nicht von dieser Welt“ (Joh 18,36). Diese Handlungsweise in einem finanziell bedrängten Lande blieb natürlich nicht ohne Konsequenzen bei uns. Schon bevor wir ins Internat kamen, hatten wir beschlossen, dass diese Kirche zum größten Teil ein Humbug ist und dass kein Mensch, der denkt, religiös sein kann. Wir verwechselten Christsein mit Religiosität – oder Frommsein und Staatsmacht mit moralischer Autorität. So bildeten wir uns ein, dass wir Atheisten seien, denn diese Kirche war für uns eine Heuchelei und nur ein Deckmantel für Unrecht. Es ist eine besondere Güte Gottes, dass wir später Christen wurden, trotz all dieser negativen Erfahrungen.
Im Internat entschied ich mich, weil ich mich dort in der Schule gut entwickelte, in Oxford oder Cambridge zu studieren. Aber damals stand Oxford direkt unter dem Einfluss der Kirche. Die meisten Stipendien stammten aus kirchlich gebundenen Quellen. Es war deshalb vorteilhaft für mich, wenn ich mich kirchlich konfirmieren ließ. Ich war als Säugling in der anglikanischen Kirche getauft worden, sodass ich konfirmiert werden konnte. Ich ließ mich im Internat konfirmieren! Der arme Pfarrer, der uns konfirmierte, war etwas schwerhörig, aber ein Gentleman in jeder Hinsicht. Wir erzählten ihm während des Unterrichts unpassende Witze, die er erst zu spät erkannte, um uns rechtzeitig unterbrechen zu können. Ich lernte aber nichts vom Christsein. Als ich von dem Bischof von Taunton konfirmiert wurde, konnte ich nicht einmal die Zehn Gebote aufsagen. So beging ich den Frevel, zum ersten Mal in Taunton als Atheist das Abendmahl zu feiern, und zwar um akademischer Vorteile willen. Ich stand vollkommen im Unglauben – und wurde ohne ernsthafte Prüfung konfirmiert. Welche Verantwortungslosigkeit seitens einer Kirche, die eine offene Bibel besitzt und doch nicht benutzt!
5. Der Herr Pfarrer bekommt eine höhere Berufung
Um diesen Abschnitt über Kirche und Zehnten abzuschließen, müssen wir noch eine kleine Begebenheit, die mit der Kirche zu tun hat, beschreiben. Wir hatten im Pfarrhaus in Cholsey einen sehr lieben, milden Pfarrer. Er war kränklich, er litt an einer Art Darmkrebs.
Er predigte einmal die Woche etwa zehn Minuten (selten länger) und gehörte der „Middle Church“ (zwischen den Evangelikalen und Anglokatholiken) an. Sein Kirchenbesuch war äußerst schwach – zehn bis 15 Menschen an einem Sonntag –, denn seine Predigten waren langweilig und irrelevant. Er führte fast keine Hausbesuche durch. Da die meisten Bewohner seiner Pfarrei auf dem Land arbeiteten und die Kirche mit ihrer Politik der Zwangseintreibung des Zehnten sehr unpopulär war, wurde die Situation des armen Pfarrers im Dorf sehr bedenklich.
Eines Tages meldete sich der Pfarrer überraschend zum ersten Besuch bei uns. Der Grund dieses Besuches war nicht seelsorgerlich – das geschah wohl nie und wäre auch bei uns unerwünscht gewesen. Nein, er wollte sich bei uns verabschieden! Wir luden ihn um 17.00 Uhr zum Teetrinken. Der arme kranke Mann tauchte pünktlich bei uns auf und wurde von meiner Mutter willkommen geheißen. Die Lage war geladen, denn auch mein Vater gesellte sich dazu, um den Pfarrer zu verabschieden.
Nach einiger Zeit fragte mein Vater, wo der Pfarrer hingehen wollte. Der Pfarrer antwortete überfromm er habe eine höhere Berufung erhalten. Mein Vater wollte wissen, wo diese Berufung läge. Aber der Pfarrer wollte nicht mit der Sprache herausrücken. Mein Vater ließ nicht locker, bis der Pfarrer die neue Ortschaft, wo er tätig sein würde, beim Namen nannte. Die Ortschaft lag nicht weit von uns. Vater, als Mitglied des Gemeinderats, war gut orientiert und wusste, dass die neue Pfarrei doppelt so hoch dotiert war wie die Pfarrei unserer Ortschaft. Es entstand in der Familie eine peinliche Stille, denn der Ort war wegen der reichen Pfarrei allgemein bekannt. Schließlich bemerkte mein Vater sehr laut und deutlich, er nehme an, der Herr habe den Pfarrer sicher dorthin berufen. Da würde er, der Herr, diese Berufung sicherlich reichlich segnen. Aber, sagte mein Vater sarkastisch, er vermute, der Herr hätte lange und laut rufen müssen, wenn die Dotierung dort nicht doppelt so hoch gewesen wäre wie in Cholsey.
Daraufhin stand der Pfarrer auf und verabschiedete sich höflich. Er tat mir wirklich leid, denn er war ein lieber, aber leidender Mann, der sich in einer äußerst peinlichen Situation befand.
Als konfirmiertes Mitglied der anglikanischen Kirche mit guten schulischen Noten stand mir die Universität Oxford offen. Damals mussten die Eltern die Studien ihrer Kinder finanzieren, was eine starke Familienzugehörigkeit förderte. Man wusste, dass die Eltern finanziell Opfer auf sich nahmen, um den Kindern eine gute Ausbildung zu sichern. Viele Studenten waren ihren Eltern dafür von Herzen dankbar. Noch dazu nutzten sie jede Sekunde des Semesters, um vom Geld der Eltern im Studium zu profitieren.
Kapitel VI
DER ERNST DES LEBENS BEGINNT
1. Erste Prüfungen im Internat
Weil die finanzielle Lage im Lande so drückend und das Internat so enorm teuer war, entschied ich mich, mein „School Certificate“ (bei uns heißt das mittlere Reife) schneller als vorschriftsmäßig zu absolvieren.
1930 fing ich meine Ausbildung im Internat an und sollte meine mittlere Reife im Sommer 1933 absolvieren. Ende 1931 entschied ich mich jedoch, meine mittlere Reife bereits im Dezember 1932 zu probieren. Und der Direktor der Schule meinte, wenn ich das Examen im Dezember 1932 nicht bestünde, ständen mir nur noch zwei Trimester Zeit zur Verfügung, um mich auf den Sommer 1933 vorzubereiten. Deshalb bestand er darauf, dass ich mich tagsüber auf das Examen Sommer 1933 mit den normalen Klassen vorbereitete, abends aber durfte ich privat und mit anderen älteren Schülern für das im Dezember 1932 stattfindende Examen studieren. Weil jene Schüler im Sommer 1932 durchs Examen gefallen waren, mussten sie es im Dezember wiederholen und arbeiteten dafür. So hatte ich zwei Curricula zur gleichen Zeit durchzuackern.
Dezember 1932 rückte heran. Ich war wirklich schlecht vorbereitet, denn die Lehrer waren über Experimente dieser Art (zwei Curricula auf einmal, einmal mit und einmal ohne Lehrer) kaum begeistert. Letzten Endes, wenn es mir gelänge, würden die Lehrer als überflüssig gelten, da ich mich ohne Lehrer vorbereitete!
Die letzten Monate hatte ich wirklich Tag und Nacht an beiden Curricula (sie waren jedes Jahr verschieden: einmal Milton, einmal Shakespeare, einmal Coleridge, einmal Molière, einmal Goethe und die deutschen Philosophen) geschuftet. Kurz vor dem Examen wurde ich krank und in die Klinik der Schule eingeliefert. Dort hatte ich endlich etwas Ruhe, für Dezember zu arbeiten, wie ich wollte! Ich ließ das Curriculum für 1933 ganz fallen und konzentrierte mich ausschließlich auf das Examen von Dezember 1932. Direkt vom Bett stand ich auf und begab mich (allerdings sehr wacklig) in den Prüfungssaal.
Als Deutsch drankam, wurde ich – wie üblich – schriftlich und mündlich geprüft und war so schwach und heiser, dass ich bei der mündlichen Prüfung nur flüstern konnte.
2. Die große Überraschung und ihre Folgen
Als die Resultate für Dezember bekannt wurden, konnte ich meinen Augen nicht trauen – ich hatte mit Auszeichnung bestanden. Auf der Stelle wurde ich befördert und gehörte von einem Tag zum anderen nicht mehr zur Junior School, sondern kam in die sechste Klasse, wo man sich auf das „Higher Certificate“ (das Abitur) vorbereitete.
Die schnelle Beförderung wurde mir mit der Zeit peinlich, denn andere wurden neidisch: Ein Junior wird so schnell zum Senior befördert! Das gab böses Blut. Mein Bruder wollte nicht studieren und kehrte nach Hause zurück, um sich dort für die Landwirtschaft ausbilden zu lassen. So war ich allein im Internat und vermisste meinen Bruder. Man konnte es den meisten Jungen natürlich nicht erklären, warum ich die Examina so früh absolvierte, denn viele von ihnen stammten aus dem kolonialen Beamtentum. Ihre Eltern hatten gesicherte Gehälter und wussten deshalb nicht von der Not der selbstständigen Berufe.
3. Konkurrenz zwischen Internaten
Die schulische Leistung eines Internats variiert von Internat zu Internat. Es besteht auch Wettbewerb zwischen den verschiedenen Internaten. Eltern wählen die Internate nach ihrer Leistung – schulisch oder sportlich – aus. Einige Schulen sind für ihre Leistung auf sportlichem Gebiet bekannt, andere für ihre Leistung auf schulischen Gebieten, und es gibt sogar Spezialisierung in Sport und schulischen Fächern. Taunton war für die Geisteswissenschaften und für Rugby-Football bekannt. Diese Tatsache hatte für mich unvorhergesehene Folgen. Als ich plötzlich in die Unterprima befördert wurde, entschied ich mich für das Studium der Naturwissenschaften. Und dann kam für mich die große Überraschung: Die Schule verfügte über keine Lehrer, die uns die Naturwissenschaften unterrichten konnten. Geisteswissenschaftler gab es in Hülle und Fülle, aber keine Naturwissenschaftler! Der Biologielehrer war ein alter, politisch aktiver Kommunist, der an seinem Lehramt kaum interessiert und hoffnungslos veraltet auf seinem Gebiet war. Auch in Chemie und Physik fehlten die Lehrkräfte. Diese Fächer konnte man sich selbst nicht unterrichten wegen der vielen praktischen Experimente, die man selbstständig nicht durchführen konnte.
Bei der mittleren Reife hatte ich es gut geschafft, vielleicht würde es mir gelingen, das Abitur auch selbst zu erarbeiten. So lernte ich beinahe zwei Jahre lang die Textbücher einfach auswendig. Aber die mikroskopische Arbeit und die chemischen Synthesen waren ein ganz anderes Kapitel; die kann man ohne persönlichen Unterricht nie meistern.
Als der große Tag des Examens in Bristol kam und ich die ersten Fragen las, wurde mir bewusst, dass ich keine Chance hatte.
Sogar die Sprache der Fragen war mir vollkommen fremd, denn ich hatte alte Examensfragen nie vorher durchgenommen! Das Resultat war vorherzusehen: Ich fiel durch.
Kapitel VII
AUF UND AB IN MEINER AUSBILDUNG
1. Die akademische Karriere beginnt
Die Schule war sehr teuer. Da sahen meine Eltern ein, dass meine mittlere Reife als Eintrittsexamen für Oxford genügen würde, denn ich hatte ein „Honours Certificate mit Auszeichnung“ vorzuweisen. Oxford käme etwas teurer als das Internat, aber in Taunton hätte ich meine Zeit nur verloren. So sprach Vater mit seinem Freund Professor Chattaway, der Chemie-Professor im Queens College Oxford und ein Logenbruder meines Vaters war. Dieser leitete alles für mich in die Wege, damit ich in Oxford studieren konnte. Die zwei Jahre im Internat waren absolut verlorene Zeit gewesen – teure, verlorene Zeit. Ich hätte alles in einem Jahr in Oxford besser erledigen können. Wie freute ich mich, als die richtigen Vorlesungen in Oxford anfingen! Die Qualität war unvergleichlich besser als das, was ich im Internat gehört hatte. Noch dazu wurde es mir ermöglicht, in meinem ersten Jahr jeden Tag von zu Hause nach Oxford mit dem Auto zu fahren, um Auslagen zu vermeiden, bis ich mein „Erstes Öffentliches Examen“ in den Naturwissenschaften abgelegt hatte.
Ich wurde in St. Edmund Hall, einem College der Universität Oxford immatrikuliert und studierte unter Professor Gavin de Beer, Professor E. B. Ford, Professor Robert Robinson, Professor Chattaway und anderen. Professor De Beer gab hervorragende Vorlesungen in Evolution und Zoologie. Er war Franzose, sprach ein vollkommenes Englisch und war ein führender Atheist, Evolutionist und Darwinist. In späteren Jahren siedelte er nach London zur Royal Institution um. Er war aber sehr intolerant und hatte die Neigung, Menschen zu verachten, die nicht genau so dachten wie er. Ford war begeisterter Genetiker und sein Lieblingstier war Drosophila melanogaster – die Fruchtfliege. Sein Leben lang arbeitete er „Landkarten“ von den Chromosomen der Fruchtfliege aus. Professor Chattaway war der liebe Onkel im Hintergrund, der über mich wachte. Professor Robert Robinson, der Organiker, stand auf der Höhe seines Rufes im Labor in South Parks Road und besaß dort ein ausgezeichnetes Team von Chemikern.
Nach einem Jahr hatte ich alles, was ich im Internat versäumt hatte, nachgeholt und bestand mein „Erstes Öffentliches Examen“ der Universität Oxford mit „Gut“. Danach stand mir das Recht zu, Residenz in St. Edmund Hall (College) in Oxford aufzunehmen.
Mein Examinator in Allgemeinwissen auf dem Gebiet der Geschichte des Mittelalters war C. S. Lewis. Er war ein strenger Examinator und bestand darauf, dass Studenten sich klar und genau in ihrer Muttersprache ausdrücken konnten. Viele Studenten fürchteten ihn deswegen. Fing ein Student an, zu stottern und zu stammeln beim Versuch, C. S. Lewis’ Fragen zu beantworten, unterbrach er ihn: „Mein Herr, bitte hinausgehen und Ihre Gedanken ordnen und zurückkommen, wenn Sie mir eine gut gegliederte und klare Antwort geben können!“
Andererseits war C. S. Lewis wegen seiner ausgezeichneten Vorlesungen unter Akademikern und Studenten berühmt und wurde respektiert. Immer wenn C. S. Lewis sonntags predigte, war die Kirche überfüllt, im Gegensatz zu den gewöhnlich leeren Kirchen.
2. Die große Depression noch einmal
Es war im Jahr 1933. Ganz Europa war noch einmal in einer schlimmen Krise, England erging es nicht besser. Hitler wurde in Deutschland gewählt, und die Aufrüstung fing an, obwohl alle Nationen bankrott waren. Neville Chamberlain gelangte an die Macht in England – ein Mann, der von Hitler total manipuliert wurde, der mit einem Stück Papier in der Tasche von München nach London zurückkehrte und in die Welt hinausposaunte, er habe den Frieden in der Tasche. In dieser Zeit begann ich meine Studien in Oxford. Mein Vater sagte nicht viel. Aber Mutter berichtete uns, dass Vater die Finanzen für unsere weitere Ausbildung nicht finden konnte. Meine Rechnungen ruinierten die Farm. Wir sollten neue Maschinen kaufen, um Arbeitskräfte zu ersetzen, die aber zu teuer waren. Ganze Schafherden verkaufte Vater ohne ein Wort, um für die Ausbildung seiner Kinder aufzukommen. Die Bank fing an, keine Kredite mehr fürs Gut gewähren zu wollen – die Defizite waren bereits ganz und gar unwirtschaftlich.
Unsere Arbeiter wurden jeden Freitagabend ausgezahlt. Jeder kam zum Bürofenster meines Vaters, um seinen Lohn nebst Überstundengeld zu erhalten. Es waren gute, treue Leute, die ihre Löhne erhalten mussten, denn sie hatten auch ihre eigenen Verpflichtungen. Die meisten hatten Kinder. Eines Freitagabends, kurz vor 17.00 Uhr, wandte sich Vater zu mir mit einer ergreifenden Bitte: Könnte ich für heute sein Bankier werden? Die Bank gebe ihm kein Geld mehr für die am Abend fälligen Löhne. In einer halben Stunde würden die Arbeiter vor seinem Fenster erscheinen, um ihren Lohn zu erhalten. Sowohl er als auch meine Mutter hatten keinen Schilling mehr, womit sie hätten zahlen können. Nun, mein Bruder und ich hatten jede Woche Taschengeld bekommen (damals etwa 50 Pfennig), und dieses Geld hatten wir seit Jahren immer gespart. Mutter erzog uns zur Sparsamkeit. So holten Walter und ich unsere Ersparnisse aus der Sparbüchse und schenkten sie unserem Vater, der damit die ganzen fälligen Arbeiterlöhne gerade noch bezahlen konnte. Was waren wir alle froh, dass das Problem für eine Woche wenigstens gelöst war.
Aber was dann? Nächste Woche mussten wieder die Löhne ausgezahlt werden. Obwohl die Ernte schon verkauft war, hatten die Käufer kein Geld zur Bezahlung. Bis die Kornhändler bezahlten, konnte Vater keine Löhne mehr bezahlen, kein Kerosin für die Traktoren kaufen und auch keine Kolonialwaren für den Haushalt. Ende der Woche bat mich mein Vater, ihm noch einmal finanziell zu helfen, aber ich hatte kein Geld mehr; Walter, mein Bruder, auch nicht. Täglich zogen an der Farm Hunderte von jungen arbeitslosen Männern vorbei, die um Arbeit und etwas zu essen bettelten. Die Lage war trostlos und schier verzweifelt. Was war nun Vaters Plan? Würde ich, bitte, Folgendes versuchen: Ich sollte mit einem Bankscheck für ihn nach Reading zur Bank fahren, dem Bankmanager die Situation erklären und ihn um Hilfe bitten, bis die Kornhändler die Ernte bezahlten. Auf Vater hörte der Manager nicht mehr. Vielleicht würde er auf ein halbes Kind hören. Das Vorhaben war Vater äußerst peinlich, aber die Verzweiflung trieb ihn.
Das war eine schwere Aufgabe, aber vielleicht würde ein Jüngling Erfolg haben, wo ein Mann abgelehnt wurde. Alle Leute bettelten um Kredite, und die Banken mussten hart sein, um zu überleben. So übernahm ich diese unangenehme und peinliche Aufgabe, denn wir waren stolze Landleute, die gewohnt waren, niemandem etwas schuldig zu sein. Soweit ich mich jetzt nach 60 Jahren entsinnen kann, saß eine Kassiererin hinter dem Bankschalter, als ich zögernd auf sie zukam. Ich zeigte ihr den Scheck, erklärte, dass es bald Freitag (Zahltag) sei, dass wir viel Weizen verkauft hätten, dass aber die Zahlung dafür noch nicht eingetroffen sei. Sie hörte genau zu und verschwand. Nach einer für mich ewigen Wartezeit kam sie wieder. Ach Wunder aller Wunder – diesmal lächelte sie und sagte, die Sache komme schon in Ordnung, denn sie habe gerade telefonisch erfahren, dass der Getreidehändler den Scheck für das Getreide an Vater abgeschickt hatte! So kam ich Halbjüngling mit vollen Taschen triumphierend nach Hause. Was waren meine Eltern und meine Geschwister über diesen Erfolg froh! Ich fing langsam an, einen Ruf als Finanzgenie zu bekommen!
Aber die familiäre finanzielle Situation war auch für mich persönlich untragbar. So konnte mein Vater nicht weitermachen. Ich durfte ihm keine weiteren Spesen mit meiner Ausbildung auferlegen. Ich müsste eine Alternativlösung für meine Ausbildung finden. Oxford war zu teuer. Ich müsste eine billigere Universität finden ... oder aber aufs Studium überhaupt verzichten und Geld verdienen.
3. Gewichtige Entscheidungen
Wir wohnten zwischen Oxford, der Kreisstadt von Oxfordshire, und Reading, der Kreisstadt der Grafschaft Berkshire. Reading hatte eine junge Universität, die die meisten Disziplinen außer Medizin und Theologie anbot. So ging ich dorthin, um mich zu erkundigen. Dabei stellte es sich heraus, dass diese Universität mich mit Freuden aufnehmen würde – ich kam ja von der Universität Oxford und hatte meine Examen dort mit Erfolg abgelegt. Sie boten mir einen Diplom-Kursus in den Naturwissenschaften an, und der Kursus würde etwa ein Drittel so viel Geld kosten wie in Oxford. Ohne meinen Eltern ein Wort davon zu sagen, immatrikulierte ich mich in Reading und fing gleich im September 1934 an. Die Vorlesungen und die Professoren waren sympathisch – meist jüngere Menschen, die Karriere machen wollten. Einige besaßen schon ihre FRS („Fellowship of the Royal Society“, die höchste Ehre der akademischen Welt Englands), und ich kam sehr gut voran, obwohl ich besonders am Anfang die Atmosphäre von Oxford sehr vermisste.
Im Jahre 1936 bestand ich dann meinen B.Sc. (General = „Bachelor of Sciences“) in drei Fächern und 1937 bekam ich mein B.Sc. (Hon. Chem.) mit „Gut“. Dieses Diplom entspricht ungefähr einem Staatsexamen auf dem europäischen Kontinent.
Was aber weiter? Wollte ich in das Lehramt, dann müsste ich ein weiteres Diplom erwerben; was noch ein Jahr kosten würde. Dann erst wäre ich diplomierter Sekundarschullehrer gewesen. Die Aussicht, Lehrer zu werden, begeisterte mich gar nicht, obwohl meine Mutter Lehrerin war – und zwar diplomiert in Reading. Meine Eltern und ich berieten lange über meine Zukunft.
Im Herzen wollte ich Naturwissenschaftler und Forscher werden, besonders wenn ich die Biologie mit der strukturellen organischen Chemie verbinden könnte. Ich sprach mit dem Professor der organischen Chemie Dr. A. K. Mills, der bei Freunden in Heidelberg promoviert hatte. Mills kannte mich gut und war mein Tutor (jeder Student in den englischen Universitäten bekommt einen Professor über sich gesetzt, der in seinem Fach über den Fortschritt seines Protegés zu wachen hat).
Ein Tutor wacht aber nicht nur über den akademischen Fortschritt, er achtet auch auf die Charakterentwicklung seines Schützlings. Wie mein Tutor mir selber kundtat, sei er da, um mich auf allen Gebieten von der Ehe bis zur Mathematik zu beraten. Darin liegt ein großer Unterschied zwischen den britischen und kontinentalen Universitäten. Die kontinentalen Universitäten bilden einen Studenten rein akademisch aus und haben nicht darüber zu befinden, ob ein Mensch charakterlich-moralisch fähig ist, Arzt, Rechtsanwalt oder Apotheker zu werden. Wenn ein Krimineller oder ein Drogenhändler Apotheker werden will, das sei seine private Sache – wenn er einmal seine Approbation hat. Die Universität habe nur darüber zu urteilen, ob der Kandidat sein Fach kennt. Wenn er das Fach kennt, dann besteht er sein Examen. Das englische System geht davon aus, dass ein Akademiker als ganzer Mensch Akademiker sein soll. Nur ein guter Mensch soll zum Beispiel Richter werden und nur ein integrer Mensch darf Arzt werden. Aber kein Psychopath darf zum Beispiel Apotheker werden. Darüber muss der Tutor wachen – über den ganzheitlichen Menschen.
Nun, all das ist in Theorie sehr gut – wenn man wirklich gute Professoren aufweisen kann. Wenn aber Materialisten oder Egoisten die Lehrstühle innehaben – was bei der heutigen Entwicklung der Gesellschaft sehr oft der Fall ist –, dann versagt auch das Tutoren-System oft recht kläglich. Ich hatte das große Glück, in Oxford und auch in Reading ausgezeichnete Tutoren zu haben.
Da fragte ich also meinen Tutor, welchen Berufsweg ich, seiner Meinung nach, für die Zukunft einschlagen sollte. Er meinte, dass ich die Gabe der Pädagogik besitze, dass aber das Schullehramt nichts für mich sei, es würde mich, seiner Meinung nach, intellektuell nicht befriedigen. Er kannte mich sehr gut. Seine Frau war eine Deutsche, die er während seiner Zeit in Heidelberg unter Professor Karl Freudenberg kennengelernt hatte. Ab und zu sprachen wir Deutsch miteinander – ich hatte angefangen, die deutsche Sprache zu studieren –, was übrigens die anderen Professoren nicht schätzten. Hitler war 1933 an die Macht gekommen, sodass das englische Volk den Deutschen gegenüber sehr feindlich eingestellt war.
Als mein Tutor und ich über die Zukunft berieten, sagte er plötzlich, er habe noch eine Stelle für einen Ph. D.-Studenten offen. Würde ich mich dafür interessieren? Zwei Forschungsprobleme, für Doktorarbeiten geeignet, könnte er mir anbieten. Es wären theoretische Fragen großer akademischer Tragweite. Er könnte auch – Wunder aller Wunder – mir noch dazu ein kleines Stipendium von 150 DM pro Jahr (!) – so reich war ich nie gewesen – anbieten. Nun, 150 DM damals waren etwa so viel wert wie 15.000 DM heute! Ohne viel zu überlegen, sagte ich gleich zu – fuhr zu meinen Eltern nach Hause und brachte ihnen die gute Nachricht. Was waren Vater und Mutter froh! Aber das war nicht das Ende! Gleich danach sollte ich an einer Konferenz in Aberdeen (BAAS = „British Association for the Advancement of Science“) teilnehmen. Um die Hotel- und Reisespesen zu decken, bot mir mein Tutor in diesen dürren Zeiten ein Stipendium von 15 DM an! So wurde ich Doktorand in der physikalisch-organischen Chemie. Es war im Jahr 1938, und Hitler hielt ganz Europa in Atem. Neville Chamberlain war zu sehr Gentleman, ja zu naiv, um Hitler zu durchschauen. Er glaubte, was Hitler sagte! Gerade diese letzte Naivität trug dazu bei, dass der Zweite Weltkrieg mit seinen verheerenden Folgen ausbrach.
4. Anfang der synthetischen Arbeit in bewegter Zeit
Mittlerweile begann ich mit dem ersten Forschungsprojekt in der chemischen Synthese, an dem ich sechs Monate ohne Erfolg arbeitete. Ich hatte aber mit kniffeligen Problemen etwas Erfahrung gesammelt, sodass die Zeit nicht ganz verloren war. Mein Tutor schlug deshalb vor, dass ich das zweite Problem in Angriff nehme, denn dieses Problem war bedeutend verheißungsvoller. So fing ich mit der asymmetrischen Synthese verschiedener Alpha-Aminosäuren an, die die Basis für die Bildung gewisser optisch aktiver Ketone bildeten. Diese Arbeit mit Kleinstmengen optisch aktiver Substanzen ging, nachdem ich einmal die exakte Methodik ausgearbeitet hatte, sehr gut und flott von der Hand. In ganz kurzer Zeit synthetisierte ich Reihen von reinen optisch aktiven Ketonen, die als die Basis der Methodik für die Messung des Elektronenschubs in einem konjungierten Molekül dienen sollten. Die Arbeit gedieh schnell und gut bis zum Kriegsausbruch im September 1939. Ich hatte bereits ein Jahr am Problem gearbeitet und mein Chef war von der Arbeit begeistert.
5. Kriegsausbruch 1939
Im Herbst 1939 marschierte Hitler in Polen ein. England und Frankreich erklärten Hitler den Krieg. Die Universität wurde auf Kriegsbasis umgestellt, und viele Professoren rückten zum Militär ein. Wir, die wir blieben, mussten das ganze Gebiet von Reading gegen die befürchteten Angriffe, so gut wir konnten, sichern. Wir hatten Muster der verschiedenen Giftgase für Vergleichszwecke hergestellt – eine oft sehr heikle Angelegenheit –, und mittlerweile arbeitete ich an meiner Dissertation Tag und Nacht. So verging das erste Jahr des Krieges 1939–1940 mit synthetischer Arbeit, Gasschutzarbeit und Feuerwehrdienst.
Als dann während des Sommers 1940 Hitler Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark und auch Norwegen einnahm, wurde die internationale Lage sehr, sehr ernst. England hatte die europäischen Häfen für Nachschub verloren. Hitler dagegen musste von jetzt an mit Waffengewalt ganz Europa bis nach Russland hinein unterdrücken, was ihn viel Energie und Soldaten kostete. Im September 1940 versuchte er, England auf dem Luftweg zu erobern, verlor aber so viele Flugzeuge (am 15. September 1940 etwa 180 Flugzeuge), dass er den Versuch aufgeben musste – was verhängnisvolle Folgen für den ganzen Krieg mit sich brachte.
Erst als England endlich die wirklichen Zwecke und Ziele Hitlers erkannte – dass er es fest im Sinn hatte, auch die Britischen Inseln mit zu erobern –, rüstete sich das Land wirklich ernsthaft zum Krieg. Bis 1940 war es der „Phoney War“ (der unwirkliche Krieg) gewesen. Jetzt wurde es todernst. Churchill wurde zum Premierminister gewählt, und Weltherrschaftsziele der Nazis wurden dem Volk dargelegt. Hitler hatte alle diese Ziele in seinem Mein Kampf sehr klar und detailliert – prophetisch – beschrieben, aber die meisten Deutschen und auch die meisten Europäer nahmen Hitlers beschriebenen Plan einfach nicht ernst. Die Deutschen glaubten damals, dass Hitlers Diktatur die Lösung der Weltprobleme bringen würde. Erst als die Tyrannei vor der eigenen Tür stand, erwachten die Engländer. Aber um ein Haar zu spät! Wenn die USA nicht geholfen hätte, wären England und deshalb auch Europa verloren gewesen.
6. Die Evakuierung der Universitäten 1940
Das Resultat all dieser Schreckensereignisse war für uns die Evakuierung der Universitäten. Mir wurde eine Stellung in der Industrie in Nordostengland angeboten. Wegen der katastrophalen Lage willigte ich ein und musste mein gedeihendes, florierendes Laboratorium in der Universität aufgeben. Aber ehe ich die Universität verließ, erwirkte ich vom Senat der Universität, dass ich meine Dissertation in der Industrie zu Ende führen durfte. Ich hatte die meisten Synthesen bereits mit Erfolg durchgeführt und die optischen Messungen mit dem Polarimeter abgeschlossen. Es blieben nur noch viele Mikroanalysen, die ich dann in Stockton-on-Tees, meiner neuen Heimat, zu Ende führen durfte.
Im September 1940 nahm ich den Zug nach Stockton-on-Tees. Durch London konnte man nicht fahren, weil die Stadt täglich von der Luft aus bombardiert wurde. Aber später bin ich oft des Nachts durchgefahren. Die Situation war schlimm. Tausende und Abertausende von Menschen mieteten Plätze auf den Bahnsteigen der Untergrundbahnen und der „Tubes“ (Tiefuntergrundbahnen), wo sie monatelang in aller Öffentlichkeit schliefen. Die Bahnen verkehrten die ganze Nacht weiter, störten aber die Schläfer nicht. Sie waren so daran gewöhnt.
Nach einer Bahnfahrt von über zehn Stunden – man musste das Land durchqueren, weil man London vermeiden musste – landete ich in Stockton-on-Tees, wo ich die nächsten vier Jahre in der chemischen Industrie als professioneller Forscher arbeiten würde.
Kapitel VIII
ÜBERWINDUNG MEINER ATHEISTISCHEN AUSBILDUNG IN SCHULE UND UNIVERSITÄT
1. Der deutsche Freund
Einige Entwicklungen persönlicher Art, nach meiner Zeit im Internat und vor der Universitätszeit, möchte ich nun schildern, um ein genaueres Bild meines Werdeganges darzustellen.
Die materialistische Ausbildung in der Schule – besonders das Lehren der Evolution, als ob es ein Faktum der Naturwissenschaft sei – führte mich dazu, Atheist zu werden. Dieser Schritt geschah, als ich im Internat war. Meine gläubige Mutter war darüber erschüttert, dass meine teuer erworbene Ausbildung auf diese Weise ausartete. Vater war Freimaurer und sagte nicht viel. Er glaubte an einen Gott. Die Kirche verachtete er, und die anglikanische Kirche verwechselte er mit dem Christentum. Aber an Gott glaubte er.
Persönlich war ich sehr unglücklich. Die vielen Kämpfe im Internat und die wirtschaftliche Lage bedrückten mich. Zu dieser Zeit trat ein junger Deutscher als Schüler ins Internat nach Taunton ein. Er hieß Heinz Winkelshoff, war rothaarig, sehr selbstdiszipliniert und sprach gutes Englisch. Bald waren wir befreundet. Er lud mich zu sich nach Hause in den Westerwald ein. Ich verbrachte einige Wochen Ferien während des Sommers 1933 in Deutschland und lernte etwas Deutsch. Dort lernte ich andere deutsche Familien kennen. Der Sohn einer dieser Familien steckte damals in finanzieller Not. Die Familie besaß ein Herren- und ein Damenkonfektionsgeschäft. Die nationalsozialistische Partei lud diesen Sohn ein, SS-Mitglied zu werden, dann könnte man ihm die Alleinvertretung für Parteiuniformen für den Bezirk übertragen. Ein solcher Schritt würde ihm helfen, aus seinen finanziellen Schwierigkeiten herauszukommen. Daraufhin wurde er SS-Mann, und sein Geschäft blühte auf.
Im Jahre 1936 lud er mich noch einmal in den Westerwald ein, und ich nahm die freundliche Einladung an. Die Lage in der Partei hatte sich sehr zugespitzt. Eines Nachts bekam dieser Sohn den Befehl, einzurücken, um einen geheimen SS-Befehl zu erfüllen. Eine ganze Gruppe von SS-Männern sollte eine Aufgabe ausführen, die den Transport eines Autos erforderte. Für diese Aufgabe würde von der Partei ein PKW geliefert werden. Die Schwierigkeit bestand darin, dass niemand in dieser auserlesenen Gruppe Auto fahren konnte. Da fragte mich mein Freund, ob ich bereit wäre, das Autofahren für die Gruppe zu übernehmen. Ich fragte nach dem Zweck der nächtlichen Fahrt, die mir höchst verdächtig schien.
Einige Stunden später kam der Sohn des Hauses, der SS-Mann war, sehr bedrückt und niedergeschlagen nach Hause. Er habe seinem Parteichef gesagt, ich sei eventuell bereit, das Auto zu fahren, worauf der Chef wütend geworden sei, ihn einen Dummkopf genannt habe, da doch alle wüssten, dass ich Engländer sei, und kein Ausländer an wichtigen SS-Missionen beteiligt sein dürfe? Ich ging natürlich nicht mit.
Es war die Kristallnacht, in der so viele jüdische Synagogen zerstört wurden – und die SS-Gruppen hatten die Zerstörung der Synagogen durchgeführt. Mein Freund machte trotzdem weiterhin mit, obwohl er von vielen Seiten gewarnt worden war. Dieses schreckliche Ereignis zerbrach ihn. Er marschierte später im Krieg mit den SS-Truppen in das Baltikum, und dort fiel er. Wir wissen nicht, wo sein Grab liegt.
2. General Frost
Nach dieser Zeit zog ein junger englischer General in unsere Gegend in Berkshire und kaufte sich an der Themse einen schönen großen Bungalow. Er war der jüngste englische General der britisch-indischen Armee und war mehrere Jahre an der Nord-West-Grenze zwischen Indien und Afghanistan stationiert gewesen. Als dieser jüngste General der britischen Streitkräfte etwa 45 Jahre alt wurde, fand er durch das Zeugnis anderer Christen und durch das Lesen der Bibel den Weg zum persönlichen Glauben an Christus. Kurz gesagt, er wurde auf spektakuläre Weise Christ. Er hatte viel Hartes und Schweres im Leben gesehen, war nicht emotional, sondern ein echter Soldat: geradeaus, furchtlos, intelligent und grundehrlich.
Innerhalb kürzester Frist entschied er sich, die restlichen Jahre seines Lebens besser zu verwenden als in seinem Beruf als Soldat. Er wollte, wie er sich ausdrückte, nicht mehr sein Leben für den König in London einsetzen, sondern für Christus, den König der Ewigkeit, der sein Leben hingegeben hatte für ihn! So ließ er sich früh pensionieren und kaufte das Haus an der Themse, ganz in unserer Nähe. Dort baute er eine kleine Kapelle auf seinem Rasen – weil es damals keine lebendigen Gemeinden in unserer Nähe gab – und hielt jeden Sonntag Vorträge. Überall, wo er eingeladen wurde, hielt er Andachten – in Kirchen, Freikirchen und neutralen Sälen. Er hatte sehr schnell Zulauf, denn bei uns in der Nähe gab es auf diesem Gebiet keinerlei Konkurrenz!
Meine Mutter ging zu seinen Vorträgen und wurde gesegnet. Mutter lud dann ihre Schwester (Tante Addie) ein, die dadurch gläubig wurde. Dann gesellte sich eine meiner Kusinen dazu, die viel Schweres im Leben erfahren hatte. Auch sie wurde gläubig. Meine Mutter lud mich ein, sie dorthin in das Haus des Generals zu begleiten. Ich erklärte aber, dass ein Student der Universität Oxford nicht zu einer evangelistischen Versammlung gehe – nicht einmal, wenn ein General spricht! Mutter klagte ihre Not dem General persönlich, der kryptisch entgegnete, wenn Mohammed nicht zum Berg kommen wolle, dann müsse der Berg zu Mohammed gehen! Er lud mich zum Tee zu sich nach Hause ein. Nun, wenn ein Student von einem General nachmittags zum 5.00-Uhr-Tee eingeladen wurde, musste er hingehen, sonst war er nach den damaligen englischen Höflichkeitsregeln nicht mehr salonfähig, sondern gesellschaftlich durchgefallen. Ich musste also wohl oder übel hingehen.
An einem schönen Nachmittag fuhr ich zu „Watersmeet“ (so hieß sein Haus an der Themse) und wurde freundlich empfangen. Wir spielten Tennis, ruderten auf der Themse und tranken vorschriftsmäßig Tee mit der Familie. Nach dem Teetrinken führte mich der General in sein Studierzimmer, um privat mit mir zu sprechen. Er fragte mich, ob ich Christ sei. Ich antwortete, dass ich überzeugter Atheist, obwohl getauft und konfirmiert, sei. Er sagte, er sei überzeugter Christ. Er wisse, dass Christus für seine Sünden gestorben und auferstanden sei. Da lachte ich ihn und seine Naivität aus und fragte ihn, wie er als gebildeter Mann an die Märchen der Bibel glauben könnte. Christus bekannte sich zum Beispiel zum Schöpfungsbericht der Bibel. Kein gebildeter Mensch könne heute an so etwas noch glauben. Adam und Eva als Personen gab es nie, sie waren keine historischen Menschen. Christus aber glaubte an die Mythen der Bibel und verwechselte Geschichte mit Mythen. Nun, wenn Christus wirklich Gottes Sohn gewesen wäre, hätte Er nie Wahrheit mit Unsinn und Mythen verwechselt.
Im Laufe der Entwicklung unserer Unterhaltung sagte ich ihm, dass Darwins Theorien harte Fakten der Geschichte und der Naturwissenschaften seien, die Welt und die Biologie seien durch Zufall und natürliche Auslese zustande gekommen. Natürliche Auslese und Mutationen hätten dann die Entwicklung der Amöbe bis zum Menschen verursacht. Die Idee eines intelligenten Schöpfers sei höchst unwissenschaftlich, selbst die Theologen glaubten das heute nicht mehr. Gottesbeweise gebe es nicht, Feuerbach und andere hätten das längst bewiesen. Seine (des Generals) Religion sei ungebildete Fantasie und sein Glaube konzentrierte Einbildung!
Der gute ehrliche General, der eigentlich gar nicht ungebildet war, schaute mich eher traurig als böse an, gab zu, dass er von Naturwissenschaft so gut wie nichts wisse, und bekannte, dass er mit mir (dem eingebildeten jungen Studenten) nicht vorwärts kam. Gegen 23.00 Uhr verabschiedete ich mich von ihm. Ich war überzeugt, dass ich ihn gebührend geschlagen hätte. Seine Frau, Mrs. Frost, war eine wahre Lady. Nachher sagte sie mir, dass sie mich für untragbar eingebildet hielt und sie ihrem Mann geraten habe, mich aufzugeben. Ich sei für diese Dinge nicht reif, ich sei absolut hoffnungslos unbekehrbar.
Aber der treue mutige General besaß eine Waffe, die ich nicht kannte. Er verstand das inbrünstige Gebet. So betete er drei volle Wochen für mich. Erst als er volle Gewissheit hatte, dass Gott mich ihm „geschenkt“ hätte, lud er mich noch einmal zum Tee ein. Er war in mancher Hinsicht wie Samuel Hebich, der deutsche Missionar, der vor Jahren unter britischen Soldaten in Indien arbeitete. Hebich besuchte kein Haus und lud niemanden zu sich ein, bis er vorher im Gebet die Gewissheit bekommen hatte, dass er den Sieg errungen hatte. Auch der General lud mich erst dann nochmal zu sich ein.
Diesmal hatte ich natürlich keine Bedenken gegen den Besuch. Das Haus an der Themse war schön, der Tennisplatz angenehm. Das Rudern gefiel mir. Und mit dem General wurde ich im Argumentieren leicht fertig. Er verstand praktisch nichts von der Wissenschaft, ich könnte ihn jederzeit leicht zum Schweigen bringen. Ich schäme mich heute noch, wenn ich an meine Unverfrorenheit einem bewährten General gegenüber denke. Die akademische Ausbildung hatte diesen Geist der Überheblichkeit in mir direkt gezüchtet, sodass ich nicht fähig war, einzusehen, wie unweise, ja wie naiv ich handelte und dachte.
Als wir mit dem Tennisspielen, mit dem Rudern und mit dem Teetrinken fertig waren, gingen wir wiederum auf sein Studierzimmer, um unter vier Augen miteinander zu sprechen. Er war ein sehr gütiger Mann – obwohl er als General auch bestimmt auftreten konnte. Diesmal gebrauchte er aber eine ganz andere Strategie mit mir, wie es einem guten General geziemte. Er begann nämlich diesmal nicht mit Naturwissenschaft, wo er mir unterlegen war, sondern mit Lebensführung, Charakterbildung und Selbstdisziplin.
Auf dem Gebiet war er mir natürlich überlegen. Denn innerlich war ich sehr frustriert, Motivierung fehlte mir, oft war ich verzweifelt und auch schlecht gelaunt. Er als General hatte gelernt, „Nein zu sich selbst zu sagen“, (wie der Herr Jesus Christus sagte: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“ (Mt 16,24, Mk 8,34, Lk 9,23). Nun, der General, der mit mir in seinem Studierzimmer saß und seine Zeit für mich opferte, war ein lebendes Vorbild der Jüngerschaft Christi. Er sagte „Nein“ zu sich selbst und „Ja“ zu Ihm und Seinem Willen, und zwar von ganzem Herzen. Die Einstellung seines ganzen Lebens spiegelte sich in seinem ganzen Auftreten, es leuchtete in seinen Augen und in den lieben, aber auch strengen Runzeln und Falten seines Gesichtes.
Die ganze Persönlichkeit des Generals – nicht nur seine Worte und seine Argumentationsweise – wirkte auf mich ein, während er mit mir sprach. Seine Worte beeindruckten mich, und sein ganzes Wesen unterstrich jedes Wort. Was er sprach, das war er. Was er sagte, das lebte er vor. Ich als Naturwissenschaftler konnte hohe Worte sprechen, aber dahinter, hinter meinen Worten, stand herzlich wenig. Ich war hohl, er war solide. So machte er mir klar, dass meine Sünde – die Übertretung der ewigen Gesetze Gottes – mich charakterlich kaputt machte. Die Kraft Gottes in der Vergebung der Sünde in seinem Leben strömte in sein inneres Wesen hinein, sodass Christus ihn stark machte. Diese Kraft brauchte ich. Offenbar hatte er mich gern, sodass er mir die unverblümte Wahrheit sagte. Gerade das zu tun, braucht viel Liebe, Geduld und Ausdauer. Und diese Liebe, Ausdauer und Geduld brachte er in reichlichem Maße auf.
Nach einem langen Gespräch fragte er mich direkt, ob ich diese Vergebung und deshalb auch diese Kraft in meinem Leben brauchte? Die Antwort war kristallklar: „Tausendmal Ja.“ Dann fragte er mich, ob ich die Vergebung Gottes in Christus in meinem Leben haben wollte. Was sollte ich da antworten? Die Antwort für jeden ehrlichen Menschen war „Ja“.
„In dem Falle“, sagte er, „gehen wir beide auf die Knie, um Seine Vergebung durch Christi Tod und Auferstehung zu erbitten.“
Er sprach immer so unmittelbar von seinem Verhältnis zu Christus, der sein ständiger Begleiter war, dass er unwiderstehlich war!
So beugten wir zusammen in seinem Studierzimmer die Knie, und er betete laut für mich. Als ich an die Reihe kam, konnte ich kein Wort über die Lippen bringen, der stumme Geist hatte mich erwischt! Wie sollte ich mit Ihm sprechen und zu Ihm beten wollen, an den ich nicht glaubte? Dann fragte mich der General, ob ich glaubte, dass Jesus Christus in ihm, in seinem (des Generals) Herzen wohne. Ich konnte natürlich nicht anders sein als ehrlich und sagte, dass der Geist Christi offenbar in ihm wohne. Die nächste Frage war, ob ich den gleichen Geist in meinem Herzen haben wollte. Woraufhin ich entschieden „Ja“ antwortete. Dann sagte er, dass ich nur darum bitten müsse, wenn ich ganz ehrlich sei. Denn Christus gäbe immer dem, der da bittet!
Der General gab mir absolut keine Seelenmassage, wie es so viele Evangelisten heute tun, nur um Resultate und Statistiken für ihre Missionsgesellschaften zu erzielen. Er sprach zu mir wie von Mann zu Mann. So fühlte ich mich wohl bei ihm, was dafür sorgte, dass ich letzten Endes um Vergebung meines Versagens und meiner Sünden betete. Ich war sehr bald imstande, diese Vergebung im Glauben bewusst anzunehmen. Denn ich wusste, dass Christus mich erhört hatte und dass ich einen Vertrag mit dem Herrn Jesus geschlossen hatte. So stand ich wieder auf, und der General gab mir die Hand und dankte spontan für Gottes Erhörung meines Gebetes.
Aber der treue Mann war noch nicht fertig. Er las mir die Bibelstelle vor, in der geschrieben steht, dass, wer im Herzen glaubt, errettet ist, und wer mit dem Munde bekennt, selig ist (Röm 10,10). Er fragte mich, ob ich im Herzen glaubte, was ich bejahen konnte. Aber seine zweite Frage war anders. Er fragte mich, ob ich bereit sei, Christus mit dem Munde zu bekennen? Ich war erstaunt, denn das hatte ich, meinte ich, mit dem Mund, und zwar durch das Gebet, getan.
„Nein“, sagte er, „ich meine vor Menschen bekennen.“
Das sei kein Problem, meinte ich; wenn ich vor Gott bekennen kann, dann kann ich auch vor Menschen bekennen. Der General war aber skeptisch, er sei ein Pragmatiker, sagte er, er wolle die Praxis sehen, ehe er eine Aussage wage.
„Lassen Sie uns ganz praktisch werden“, sagte er. „Wie wäre es, wenn Sie jetzt in die Küche gingen, um meiner Frau und meinen Kindern, das zu sagen, was Sie jetzt vor mir bekannt haben?“
Ich zögerte natürlich, denn seine Kinder waren teilweise älter und teilweise in meinem Alter und Mrs. Frost, obwohl sie eine perfekte Lady war, hielt von mir etwas Distanz. Das merkte ich. Als Frau erkannte sie das Wesen anderer Menschen schneller als die meisten Männer! Sie hatte sozusagen so viel Menschenkenntnis, dass ich nicht wusste, wie ich sie nehmen sollte! Die zwei Töchter ebenso. Der Sohn war ein junger Offizier und hatte für Akademiker wenig Zeit oder Sinn.
„Ist es denn wirklich nötig, der Familie in der Küche über meine privaten Erfahrungen Bericht zu erstatten?“, fragte ich.
„Nein“, antwortete er, „aber so werden Sie nie Soldat Christi werden. Sie sind eigentlich viel zu feige! Wir lernten beim Militär, aufs Wort hin zu gehorchen. Sie haben das wahrscheinlich nie getan! Und deshalb werden Sie die Verheißung von Römer 10,10 auch nicht erfahren – die Seligkeit des unkomplizierten Bekenntnisses mit dem Mund – dessen, was man im Herzen glaubt!“
Nun, ich wollte vor einem solchen General kein Feigling sein – besonders vor seiner Familie nicht. Kurz entschlossen klopfte ich deshalb an die Tür der Küche und bekannte mit meinem Mund, was ich im Herzen glaubte nach dem Wort Gottes. Im Augenblick dieses Aktes des Gehorsams meinem eigenen Gewissen gegenüber, erfüllte sich das Wort Gottes in meinem Geiste. Das Bekennen mit dem Mund, die Überwindung der eigenen Scheu, des eigenen Stolzes und der eigenen Furcht brachte verheißene „Seligkeit“. Meine Gerechtigkeit hing mit meinem Glauben im Herzen zusammen, während freimütiges Bekennen mit dem Mund mit der „Seligkeit“ des Herzens gekoppelt war.
Von dem Tag an fing ich an, bewusster Christ zu werden, obwohl ich sehr viel zu lernen hatte! Die intellektuellen Schwierigkeiten in Bezug auf Adam und Eva hinsichtlich der Evolutionslehre, der Zuverlässigkeit der Bibel waren noch keineswegs gelöst! Wenn aber die Bibel voller wissenschaftlicher Irrtümer war, wie kam es, dass Christus, der Sohn Gottes, an diesen Irrtümern festhielt? Das war das eigentliche Problem für mich. Heuchelte Er? Denn als Sohn Gottes, der das Universum, Himmel und Erde und alles, was darin lebt, erschuf, müsse Er doch gewusst haben, auch als Mensch, dass das, was Moses in Genesis 1-3 schrieb, den Tatsachen – den wissenschaftlich-historischen Tatsachen – nicht entsprach! Ich besprach diese Probleme sehr oft mit dem General. Aber er konnte mir nicht helfen. Er meinte, dass ich „nur glauben“ müsse, dann würde alles zurechtkommen! Trotzdem gab er mir eigentlich indirekt die Lösung zu allen Problemen dieser Art, indem er bemerkte, dass, wenn ich Christus und Seinem Wort vertrauen würde, auch wenn ich es rein mit dem Verstand nicht verstehen würde, Gott mir Leute in den Weg schicken würde, die in der Lage seien, mir die nötigen wissenschaftlich stichhaltigen Lösungen zu geben.
Und so ist es in meinem Leben auch gekommen. Ich musste fleißig und lange weiterstudieren, bis mir die Antworten klar wurden. Die Probleme verdunsteten nicht von selbst! Aber ich bat Gott täglich darum, mir Menschen zu schicken, die die Lösungen zu meiner Problematik kannten. Ich kam mit Professor Rendle-Short, Professor der Chirurgie an der Universität Bristol, zusammen. Wir waren sofort auf der gleichen Wellenlänge. Als bewusster Christ beschäftigte er sich eingehend mit der Bibel und auch mit den neuesten naturwissenschaftlichen Theorien. Er war theistischer Evolutionist, weil ihm die chemischen Kenntnisse, die die Evolution nach Darwin zunichte machen, nicht vertraut waren. Durch ihn lernte ich die „Gap-Theorie“ kennen, wonach eine Pause zwischen dem ersten und zweiten Vers von Genesis vorliegen soll. Gott hatte, nach dieser Theorie, eine Welt vor unserer jetzigen Welt erschaffen, die dann durch den Fall Luzifers vernichtet wurde. Nach dieser Urvernichtung erschuf Gott unsere heutige Welt von neuem, und zwar in sechs Tagen.
3. Professor Rendle-Short
Nun, diese Theorie scheint einige Probleme der geologischen Zeitalter zu lösen, aber die theologische Evidenz der „Gap-Theorie“ und die paläontologischen Tatsachen decken sich nicht. Wir besitzen keine Evidenz für diese zweite Spätschöpfung. Professor Rendle-Short war selbst eher dazu geneigt, zu meinen, dass Gott die Evolution nach Darwin heimlich gelenkt habe – er neigte, wie gesagt, zur theistischen Evolution – oder zu progressivem Kreationismus. Es war umsonst, dem feinen alten Professor klarzumachen, dass die Grundbasis der Evolutionstheorie in der schöpferischen Tätigkeit von Zufall und nicht in Intelligenz liegt. Wenn Gott nun alles durch Zufall erschuf, arbeitete Er nicht mehr mittels Intelligenz. Aber die Bibel lehrt eindeutig, dass alles durch Plan und Intelligenz zustande kam! Ich konnte mit ihm in diesem Punkt (Evolutionslehre) nicht einig werden, denn Intelligenz arbeitet immer dadurch, dass sie den Zufall ausschaltet und nicht als Arbeitsbasis benutzt. Intelligenz vernichtet effektiv den Zufall. Wenn man aber Gottes Intelligenz zu Zufall herabsetzt, braucht es gar nicht lange, bis man die Persönlichkeit und die Intelligenz Gottes auch herabsetzt, ja, verachtet.
General Frost selbst stand auf dem Standpunkt, dass der ewige Gott auf wunderbare Art und Weise in die Dimension der Zeit hineinbrach, um dort plötzlich Sein ganzes in der Ewigkeit konzipiertes Schöpfungswerk in sechs buchstäblichen Tagen entstehen zu lassen. Natürlich, die Naturwissenschaftler nahmen den General in diesem Punkt nicht sehr ernst. Und der General kannte die Sprache der Naturwissenschaftler nicht. Sein Standpunkt war, dass das Wort Gottes fester ist als das ganze Universum: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (Mt 24,35, Mk 13,31, Lk 21,33). Die Bibel als Gottes Konzept und Wort wird für immer bestehen, und zwar lange nachdem Himmel und Erde vergangen sind.
4. Lasst Probleme reifen!
Dieses und andere Probleme habe ich in Gedanken über 50 Jahre behalten. Ständig habe ich daran gearbeitet und auch eine Anzahl Bücher darüber geschrieben. Erkenntnisse kommen blitzschnell, wachsen aber und meist wachsen sie langsam. Wenn man nach den neu gewonnenen Erkenntnissen praktisch zu leben versucht, geschieht es gemäß meiner lebenslänglichen Erfahrung, dass Gott einem immer mehr und ergänzende Erkenntnisse dazu anvertraut. Wenn man aber die schon vorhandenen, gottgegebenen Erkenntnisse leugnet oder ihnen untreu ist, dann hört das Wachstum an Erkenntnis und Verständnis auf. Er vertraut uns nicht mehr Seine Geheimnisse an. Man wächst nicht mehr in der Gnade und der Erkenntnis des Herrn. Dies sind meine Erkenntnisse. Über 50 Jahre habe ich sie erfahren. „Wer im Geringsten treu ist, ist auch in vielem treu“ (Lk 16,10), sagt die Heilige Schrift. Wer treu ist in kleinen Erkenntnissen, wird größere erhalten. Deshalb wird theologisches Studium an sich keine großen Erkenntnisse bringen. Indem man die Grunderkenntnisse der Bibel nachzuleben versucht, wachsen weitere Erkenntnisse heran. Gott vertraut mehr Weisheit an – wie Er es bei Daniel, dem Propheten, tat. Daniel war gegenüber dem Gesetz Moses und den Essensvorschriften treu – diese Erkenntnisse über das Gesetz und Diät beachtete er. Deshalb vertraute ihm Gott so viel Einsicht (und Intelligenz) an, dass er nach Nebukadnezars Prüfmethode als zehnmal weiser galt als alle anderen Schriftgelehrten im Lande. Das Prinzip ist heute noch gleich – so wie es im Alten Testament war, so ist es auch im Neuen Testament der Fall.
General Frost liebte das prophetische Wort der Bibel und predigte oft darüber. Diesen prophetischen Aspekt des christlichen Lebens verstand ich als junger Christ gar nicht. Das Gleiche galt für die theologischen Fragen – wie die Frage des freien Willens und der ewigen Erwählung. Ich las Paul Humburg darüber (ob ein freier Wille mit ewiger Erwählung zu vereinbaren ist) und profitierte davon. Aber wie könnte der Mensch einen wirklich freien Willen besitzen, wenn Gott ihn von der Ewigkeit her zum Heil bestimmt hatte? Humburg meinte, dass die parallelen Lehren erst in der Ewigkeit vereinbart werden. Ich las deshalb sehr viel und lernte die guten Autoren beim General kennen. Aber Klarheit hatte ich in vielen Fragen noch nicht. Ich lernte vom General gründlich das eine Prinzip: Wo du einmal Klarheit hast, da handle und lebe danach, sonst wirst du deine Klarheit verlieren. Was dir aber nicht klar ist, das befiehl Ihm an, mit der herzlichen Bitte zu Gott um Klarheit. Lies und behalte im Herzen das Wort, auch wenn du mancherlei nicht verstehst. Das andere überlege in deinem Herzen, bis Gott dir Erleuchtung schenkt. So bin ich über 50 Jahre praktischer Student des Wortes Gottes geworden. Je mehr man lernt und tut, desto größer wird die daraus resultierende Erkenntnis.
5. Mein Bruder Walter stirbt
Kurz nach dieser Zeit fand auch mein Bruder zum Herrn Jesus Christus – ebenfalls durch den General. Er hatte mancherlei Schwierigkeiten, las aber lange Zeit treu in seiner Bibel und kam mit unter Gottes Wort. Als aber der General weiterzog, fand er nicht die richtige Gemeinschaft und wurde im Glauben kalt. Ich war nicht mehr zu Hause. Später, als wir in Norwegen wohnten, kam er uns mit seiner ganzen Familie besuchen und nahm immer am Bibellesen teil. Vorher wohnten wir in Genf, später dann in Wheaton, in den USA, und dann in Ankara, in der Türkei. Außer in Ankara kam er uns immer besuchen. In „The Bible Church“, Wheaton, bat er, ob er am Abendmahl teilnehmen dürfte, und nahm auch daran teil. Dort machte er einen wirklich neuen Anfang. Aber es fehlte ihm zum inneren Wachstum eine örtliche Gemeinde, in der Gegend von Wantage, wo er seine Farm hatte. Er machte bis zu seinem tragischen Tod mit 58 Jahren wenig Fortschritte im Glauben – soweit wir erkennen konnten. Walter war ein treuer Bruder und Mensch. Weil er an Gallenschmerzen litt, ließ er sich an der Universitätsklinik „Radcliff Infirmary“ in Oxford untersuchen. Der Arzt schlug ihm eine Gallenblasenoperation vor. Er wurde dort operiert ohne Zwischenfälle. Aber bald traten starke Schmerzen in der Wade auf – ein sicheres Zeichen einer beginnenden Thrombose. Nach der Operation wurde er von keinem Arzt und nicht einmal mehr von einer ausgebildeten Krankenschwester besucht oder gepflegt. Er lag im Krankenhaus, hatte Schmerzen; ohne jegliche Hilfe und mit all seinen Flaschen, Tropfapparaten und Schläuchen taumelte er allein zur Toilette, kollabierte dort und starb allein.
Sein Tod wurde uns durch die Schweizer Polizei in Einigen um 4.00 Uhr morgens durchgegeben. Gleich darauf flogen wir nach London und begaben uns zur Klinik in Oxford. Ich bat um ein Gespräch mit dem Chirurgen, der mit seinem Rolls-Royce gerade eingetroffen war. Er weigerte sich, mit mir zu sprechen, und sandte seinen jüngsten Assistenzarzt, um mich abzufertigen. Es stellte sich heraus, dass mein Bruder tatsächlich seit der Operation und der Narkose nie – nicht ein einziges Mal – irgendeinen Arzt oder irgendeine Krankenschwester gesehen hatte. Als ich mit meinen Nachforschungen anfing, stieß ich auf die abgrundtiefe Ineffizienz der englischen Staatsmedizin. Niemand fühlte sich verantwortlich – wie beim Staatswesen schlechthin! Ich musste meine Oxforder Nachforschungen bei irgendeinem Ministerium in Oxford (nicht im Krankenhaus) anfangen, das überhaupt keine Ahnung davon hatte, was im Oxforder Krankenhaus passierte! Es war unmöglich, irgendeine verantwortliche Person ausfindig zu machen. Denn in dieser Staatsklinik wurde nicht einmal die primitivste medizinische Disziplin oder Ordnung respektiert. Selbst die Patientenstatistiken waren nicht geführt. Letzten Endes sprach ich mit dem verantwortlichen Chirurgen – dem schon erwähnten sehr berühmten, steinreichen Mann –, der mir mitteilte, dass der Vorfall eine Handlung Gottes, höhere Gewalt also, sei. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass es eine sehr schwer wiegende Angelegenheit sei, Gott für unsere eigene unverantwortliche organisatorische Schlamperei verantwortlich zu machen.
Wir konnten meinen Bruder nicht zurückbringen. Seine Frau und fünf Töchter waren wie wir alle absolut erschüttert. Aber mein Bruder war für immer von uns gegangen, und wir fühlten uns sehr einsam. Er war mein einziger Bruder und Schulkamerad gewesen. Gottes Wege sind oft ganz unerforschlich. Wir können nur anbetend sagen, dass wir „nachher verstehen werden“ (Joh 13,7), was wir hier und jetzt nicht begreifen können.
Kapitel IX
FREIMAUREREI UND CHRISTENTUM
1. Was mein Vater glaubte
Nachdem ich Christ geworden war, versuchte ich, meinen Vater und seinen freimaurerischen Glauben besser zu verstehen. Vaters Einstellung, wie ich bereits erwähnte, war, dass er die wahre Religion für Männer gefunden habe. Wir dagegen hätten die Religion für Frauen und Kinder angenommen. Aber er äußerte nie etwas Spezifisches über seinen Glauben. Das dürfen Freimaurer nicht. Sie sind durch Eide zur absoluten Schweigsamkeit verpflichtet. Besonders die britischen Freimaurer sind sehr verschlossen. Sie dürfen für ihre Logen auch keine Werbung durchführen, dürfen niemanden direkt einladen, Freimaurer zu werden. Sie kennen die Bibel – besonders das Alte Testament – gut. Wenn man sie direkt fragt, was sie glauben, geben sie nie eine wirklich informationsreiche Antwort. Aber für das Evangelium Christi interessieren sie sich meist nicht. Gottes Sohn ist für sie nur ein guter Mensch, nicht unser Schöpfer, der für uns am Kreuz starb. Mein Vater war in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Mit Mutter ging er zur Kirche – ab und zu und wenn der Pfarrer ein Logenbruder war.
Man muss bedenken, dass viele anglikanische Pfarrer Freimaurer sind. Zur Zeit Oliver Cromwells in England ging die Parole um, dass man die „Priester Baals“ ausrotten soll. Als Schulkinder haben wir dieses Wort nie verstanden, denn Oliver Cromwell wurde uns als Politiker hingestellt, der ein religiöser Fanatiker und Fundamentalist war. Später habe ich durch meine Studien des Freimaurertums verstehen gelernt, was Oliver Cromwell mit diesem Ausspruch unter „Priester Baals“ sagen wollte. Er meinte damit anglikanische und andere Pfarrer, die Freimaurer waren. Denn der Name Baals kommt in den Namen der Gottheit der Freimaurer vor. Sie rechnen sich selbst (die Freimaurer) zu den alten babylonischen Mysterien, weil der Logen-Ritus zu den uralten Kulten heidnischer babylonischer Herkunft gehörte, obwohl er mit alttestamentlichen Zitaten angefüllt ist.
Aber eine gewisse sichere Auskunft über Vaters Glauben konnten wir nie ermitteln. Mutter las ihm 40 Jahre lang jeden Abend im Bett aus der Bibel vor. In den ersten Jahren ihrer Ehe drehte sich Vater von ihr weg, als sie zu lesen anfing, aber in späteren Jahren bat er Mutter, ihm jeden Abend aus der Bibel vorzulesen. Ohne Mutters Bibellesen wollte er, als er alt war, nicht einschlafen. Er interessierte sich besonders für gewisse Stellen aus dem Alten Testament und schien sie gut zu kennen (z. B. Pred 12). Aber Mutter erfuhr nie, was Vater eigentlich glaubte. Sie wusste nur, dass er an den Herrn Jesus Christus als Sohn Gottes, der für unsere Sünden am Kreuz starb und auferstand, nicht glaubte. Ein solcher Glaube sei etwas für Frauen und Kinder, nicht aber für erwachsene Männer, pflegte er zu sagen. Er lächelte mitleidig über General Frost und über seinen Einfluss auf Mutter und ihre Söhne.
Um eine Unterhaltung mit anderen Menschen erfolgreich zu führen, muss man gemeinsame Interessen finden. Wir konnten aber auf dem Gebiet des Glaubens nichts Gemeinsames mit Vater finden, sodass es nur schwer zu einer vernünftigen Unterhaltung mit ihm über innere Dinge kam. Aber antireligiös – obwohl antianglikanisch – war er nicht und tat, wie wir immer wieder feststellten, unter Armen, Witwen und Waisen im Dorf heimlich viel Gutes. Aber an was glaubte er wirklich? Das war die große Frage für uns alle.
Ich hatte eine Tante in den USA, die gläubig war und die uns einmal besuchte. Sie war eine intelligente, fromme Dame, die über viel Wissen verfügte. Ich sprach anlässlich ihres Besuches bei uns über dieses Mysterium von Vaters Glauben, wobei sie mir verriet, dass sie bei sich zu Hause Bücher zu diesem Thema besäße. Man könnte jedoch diese Bücher nicht durch die öffentliche Post schicken, sie hätten die Angewohnheit, während des Transits in der Post spurlos zu verschwinden. Der Verlag, der die Bücher vor langer Zeit herausbrachte, sei mehrere Male auf mysteriöse Weise durch Brandstiftung zerstört worden, und der Besitzer sei auch auf unerklärliche Art und Weise verschollen. Sie würde mir aber die Bücher als versiegelten eingeschriebenen Brief – nicht als offene Drucksache – senden, wenn ich versprechen würde, sie sorgfältig und diskret aufzubewahren. Ich versprach ihr das, und nach einigen Monaten traf ein dicker R-Brief bei uns ein, der die versprochenen Bücher enthielt. Eins davon besitze ich heute noch.
In diesem Buch war der vollständige Schlüssel zum „Gebetsbuch“ der Freimaurer enthalten. Vielleicht wissen einige meiner Leser von diesen Dingen nichts. Deshalb muss ich jetzt einiges vorwegnehmen. Onkel Frank und Vater lasen bei ihren Zusammenkünften bei uns – meist freitagabends – aus einem kleinen schwarzen Buch, das so aussah wie ein anglikanisches Gebetsbuch. Einige Male ließ Vater aus Versehen dieses Buch herumliegen, und wir Kinder waren neugierig und schauten hinein. Aber wir verstanden nichts – oder sehr wenig. Das Buch war zwar auf Englisch geschrieben, aber entscheidende Stellen in den meisten Sätzen enthielten nur Buchstaben – Konsonanten – und keine vollständigen Wörter, sodass man den Sinn nur dann verstehen konnte, wenn man die Bedeutung der Konsonanten kannte – so zum Beispiel die Buchstaben „J.B.O.“, die Jahwe, Baal und Osiris bedeuten. J.B.O. ist der Name des Gottes der Freimaurer! Das Buch war, kurz gesagt, streng verschlüsselt, sodass der Uneingeweihte aus dem Text praktisch nichts herausholen konnte. Vater wurde aber böse, als er uns einmal beim Blättern in seinem Büchlein erwischte.
Am 13. Juni 1985 hörte ich auf Radio BBC 4 um 8.00 Uhr morgens von der BBC London einen Bericht über das Wesen der Freimaurer, herausgegeben von der methodistischen Kirche Großbritanniens. Ein methodistischer Pfarrer kommentierte den amtlichen methodistischen Bericht über Freimaurer und behauptete, dass die Freimaurerei eine Gefahr für Christen sei. Als Grund für diese Gefahr gab er an, dass die unterrichteten Freimaurer an einen Gott glauben, dessen Name bekannt sei. Dieser Name sei aus drei Religionen zusammengestellt. Zwei davon seien rein heidnisch und nicht christlich. Der dritte Name Gottes sei jüdisch. Der Interviewer bat ihn dann, diesen dreifachen Namen des Freimaurergottes zu nennen. Der Berichterstatter zögerte, aber der Radiointerviewer gab sich nicht zufrieden, bis der methodistische Pfarrer den Namen des Freimaurergottes nannte: „Jaobulon“ – eine Zusammensetzung also von Jahwe, Bul oder Baal und On oder Osiris. In den Freimaurerbüchern wird dieser Name Gottes nur verschlüsselt in der Form von Buchstaben aufgeführt: als J.B.O. Freimaurerei ist also eine akute Form von Synkretismus, eine Verschmelzung von vielen Religionen, darunter heidnischen Religionen.
Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich gehört, wie der Freimaurergott beim Namen – und zwar öffentlich im Radio – genannt wurde; richtig genannt und auch ausgedrückt wurde. Freimaurer selbst dürfen den großen, geheimen Namen ihres Gottes nie allein aussprechen. Jeder Einzelne darf nur silbenweise den unaussprechlichen Namen aussprechen, sodass sie in Gruppen von drei Freimaurern, mit Händen einen Kreis bildend, anbetend gemeinsam den Namen leise silbenweise – jeder Freimaurer eine Silbe – aussprechen. Der erste Freimaurer sagt „Jao“, dann kommt der zweite, der die Hände des ersten und des dritten Freimaurers hält und sagt „Bul“. Der dritte, der anbetend und mit den Händen der anderen verbunden ist, sagt „On“. Niemand darf den ganzen Namen Gottes allein aussprechen. Wer das tut, ist des Todes schuldig. So stehen die Freimaurer in Gruppen von drei, Hände haltend, in der Loge, und nur eine Gruppe von dreien darf den unaussprechlichen Namen silbenweise und gemeinsam über die Lippen gehen lassen.
Nun, die meisten Freimaurer wissen das alles nicht. Erst in den viel höheren Graden – wenn sie so weit kommen – lernen sie den Namen ihres Gottes kennen. Bis sie so weit sind, zählen sie schon zu den älteren, erfahreren Freimaurern, die ihr Leben lang Eide geleistet haben, den unaussprechlichen Namen nie zu verraten, obwohl sie ihn jahrelang nicht kennen. Bei der echten Freimaurerei handelt es sich also um eine Verbindung der Gottheit „Jahwe“ des Alten Testaments mit den zwei großen Gottheiten der Heiden „Baal“ (Bul) und „On“ (Osiris). Das ganze Alte Testament und das ganze Neue Testament verbieten gerade Synkretismus dieser Art, und zwar aufs Strengste. Es handelt sich also nach der Bibel um „Abgötterei“.
In den höheren Graden der Freimaurerei, die nur eine ganz kleine Elite erreicht (zum Beispiel Königliche Arche im 33. Grad), lernt man diesen synkretistischen Namen kennen.
Die Eide, die die Freimaurer leisten müssen, schon vom neuesten Lehrling an, sind haarsträubend ... und absolut unchristlich. Bei der Einführung eines Mannes in die Loge muss dieser zuerst anfragen, ob man ihn aufnehmen würde. Er wird dann diskret geprüft. Ungelernte Leute von der Straße nimmt man nicht auf, sondern nur Menschen, die im Leben einen Status haben. Wird man in die Loge zugelassen, kann einem im Leben nicht viel Böses passieren, denn der Freimaurer verspricht, in geschäftlichen und beruflichen Angelegenheiten immer einen Logenbruder zu bevorzugen. Wenn zum Beispiel ein Freimaurer Richter und der Angeklagte vor ihm auch Freimaurer ist, kann letzterer das Freimaurer-Zeichen geben und sich auf Hilfe aus seiner Not seitens des Richters verlassen. Er braucht nur versteckt, mitten in der Unterhaltung, sodass ein Außenstehender es nicht merkt, auszusprechen: „Gibt es denn keine Hilfe für den Sohn einer Witwe?“ (Hiram, der König von Tyrus, war der Sohn einer Witwe und spielte im Logen-Ritus eine bedeutende Rolle.) Wenn ein Freimaurer diesen Hilferuf vernimmt, darf er nicht ruhen, bis er seinem Bruder in der Not geholfen hat. Ich wurde als ältester Sohn meines Vaters und meiner Mutter in dem Jahre geboren, in dem mein Vater Meister des Stuhles in der Loge war. Aus diesem Grund bin ich in der Freimaurersprache ein „Louis“. Ich hätte als Freimaurer besondere Rechte und Pflichten. Wäre mein Vater gestorben oder wäre er nicht in der Lage gewesen, für meine Ausbildung aufzukommen, so hätten die Freimaurer mich gratis ausgebildet. Obwohl man mich im Middlesex Hospital, als ich dort in der Krebsforschung tätig war, oft diskret aufforderte, in die Loge einzutreten, lehnte ich diesen Schritt als Christ immer entschieden ab.
Sind wir aber sicher, dass all diese Auskünfte den freimaurerischen Tatsachen entsprechen oder sind sie nur Märchen, die die Feinde des Freimaurertums erfunden haben? Man darf sich auf das Zeugnis von nur einer Quelle nicht verlassen. Man braucht die Bestätigung von möglichst vielen Seiten, sonst kann man sehr getäuscht werden. Es lag mir wirklich viel daran, meinen Vater innerlich zu verstehen, denn er war ein guter Mann, der besonders bei den Armen viel Gutes tat. Freimaurer im Allgemeinen sind oft vorbildlich in ihrer Lebensführung und moralisch sehr hoch stehend. Das war mein Vater ganz bestimmt, obwohl er nie den Namen Christi bekannte.
Um ganz sicher zu sein, dass meine Quellen echt waren, ging ich folgendermaßen vor. Ich nahm meine Bücher aus den USA über die Freimaurerei zur Hand und lernte die Entschlüsselung sorgfältig auswendig. Dann lernte ich auch den Ritus zur Initiation des Maurerlehrlings auswendig, d. h. die Fragen, die dem Eintretenden gestellt werden – und die Antworten, wenn er vor den verschlossenen Türen der Loge steht und anklopft. Dreimal klopft er an, nachdem man ihm die Augen mit einer Augenbinde verbunden hat, sodass er nicht sehen kann und seine Kleider ausgezogen hat. Er zieht dann eine besondere Hose mit nur einem Bein an und klopft. Jemand steht hinter ihm mit einem gezückten Schwert, die Spitze davon wird ihm immer wieder in den Rücken geschoben, sodass er weiß, dass er nicht zurück darf. Beim dreifachen Klopfzeichen antwortet es durch die Tür der Loge: „Wer geht da?“
Der Kandidat antwortet: „Ein armer Kandidat auf der Suche nach Licht!“.
Die Tür geht dann auf und, mit dem Schwert im Rücken, wird der Kandidat, der natürlich nicht sehen kann, wo er ist, nach vorne gesteuert. Er merkt, viele Menschen sind um ihn herum. Er wird in die Knie gezwungen und das heilige Buch des Gesetzes wird ihm zwischen die gefalteten Hände geschoben. Wenn man die Bibel (d. h. das Alte Testament) so zwischen die gefalteten Hände nimmt, weiß jeder unterrichtete Freimaurer, was das zu bedeuten hat! Dann wird Satz für Satz der erste Eid, den er leisten muss, vorgelesen. Der Kandidat muss jeden Satz und jeden Teilsatz nachsprechen, obwohl die Silben, die er der Reihenfolge nach wiederholen muss, noch nicht sinnvoll sind. Ohne zu wissen, was der ganze Eid bedeuten wird, muss er alles silbenweise nachsagen, bis er mit den Aussagen fertig ist. Sehr kurz gesagt, der Kandidat schwört, dass er seine Zunge mit den Wurzeln ausreißen lassen und seine Leiche am Sand des Meeres begraben lassen will, wo Ebbe und Flut zweimal täglich fließen, wenn er die Geheimnisse preisgibt, die er jetzt erfahren wird. Das Lächerliche am Ganzen ist, dass er nach diesem fürchterlichen Eid kein nennenswertes Geheimnis erfährt. Erst viel später, im 33. Grad der königlichen Arche und in anderen höheren Graden, erfährt er das wirkliche Wesen der Freimaurerei, darunter den unaussprechlichen Namen der „Gottheit“. Die meisten jungen Freimaurer haben nicht die blasseste Ahnung davon, was sie in Wirklichkeit tun und getan haben. Erst nach vielen Jahren der abgründigsten Eidleistungen, wie ich oben zum Exempel zitiert habe, lernen sie Nennenswertes – zum Beispiel den Namen ihrer „Gottheit“! Deshalb behaupten viele junge Freimaurer, dass alles in der Loge mit dem Christentum zu vereinbaren sei. Denn dort in der Loge lernen sie viel aus dem Alten Testament auswendig – über den Bau des Tempels etc. – was alles harmlos zu sein scheint. Erst viel später erfahren sie, dass die Loge eine geheime Kammer im Tempel Gottes in Jerusalem darstellt, wo die Priester Gottes heimlich den Baalim dienen und Gott den Rücken kehren! Deshalb verlangte Oliver Cromwell in England die Schlachtung der Priester Baals: Er, Oliver Cromwell, wusste mancherlei, was man heute längst vergessen hat.
Nun, woher soll man all das wissen? Ich war noch nie in der Loge und haben den Ritus nie direkt gehört, noch beobachtet. Ich war damals jung und schäme mich heute über meine radikalen Methoden meinem Vater und meinem Onkel gegenüber. Ich hätte bestimmt mehr Ehrfurcht vor den Alten aufbringen müssen. Aber Jugend ist Jugend, und ich schäme mich in meinem Alter, dass ich auf solche Ideen kam. Ich bin nämlich folgendermaßen vorgegangen: Onkel Frank und Familie waren eines Abends zum Abendessen zu uns gekommen. Danach sollte Onkel Frank den Freimaurerritus mit Vater durchüben. Unsere Familie ging ins Bett und die anderen fuhren nach Hause. Ich aber blieb auf und las in einem Buch im Wohnzimmer. Vater und Onkel holten ihre kleinen Bücher (Gebetsbücher freimaurerischer Art) vor, lasen darin und sagten kein Wort, bis ich gegangen wäre. Aber ich ging nicht. So lasen sie für sich in ihren kleinen schwarzen Büchern weiter. Alles war mucksmäuschenstill. Die Uhr tickte, oben im Hause war es ruhig geworden. Ich fing ganz leise an, den Initiationsritus eines Freimaurerlehrlings zu rezitieren: „Klopf, klopf, klopf“, „Wer geht da?“, „Ein armer Kandidat auf der Suche nach Licht!“ Ich sagte alles wortgetreu auf, genau, wie es verschlüsselt in den Büchern steht, aber ich sagte es natürlich ohne Verschlüsselung. Onkel und Vater schauten sich, offenbar bestürzt, an, sagten aber kein Wort. Dann schloss ich den etwa 20 Minuten dauernden Ritus mit dem schrecklichen Schlusseid ab – dass ich meine Zunge an der Wurzel herausreißen lassen und meine Leiche am Sand des Meeres begraben lassen würde, wo Ebbe und Flut zweimal täglich fließen, wenn ich je verraten würde, was ich jetzt erfahre. Dann hörte ich auf und saß stille über meinem wissenschaftlichen Buch. Ich machte absolut keinen Kommentar. Ich hatte nur den Ritus, den reinen Ritus, ganz leise, aber wortgetreu zitiert, nichts anderes.
Vater und Onkel schauten sich gegenseitig erschrocken an. Dann platzte mein Vater und rief aus:
„Du willst Christ sein und bist ein Dieb. Du hast mein Büchlein, mein schwarzes geheimes, privates Büchlein gestohlen.“
„Nein“, sagte ich, „du weißt, Vater, dass ich das nicht tun würde. Ich weiß aber, dass alles, was in deinem Büchlein steht, verschlüsselt ist. Ohne die Verschlüsselung kann ich es nicht lesen. Aber eins weiß ich jetzt für alle Zeiten, dass all das, was ich aufgesagt habe, in deinem schwarzen Büchlein stehen muss. Sonst hättet ihr nicht so reagiert. Stimmt das oder nicht?“
Die beiden alten Männer schauten sich immer noch erschrocken an. Mein Vater gewann sein Gleichgewicht zuerst wieder und sagte, dass sei absoluter Quatsch, er wisse nicht, wo ich dieses dumme Zeug, das ich rezitiert hatte, her hätte.
Ich wusste, dass der Freimaurer auf diese Weise zu reagieren verpflichtet war. Wenn ein Geheimnis des Ritus oder des Freimaurerglaubens herauskommt und jemand erfährt, was die Freimaurer wirklich glauben, ohne aber selbst Freimaurer zu sein, dann ist der Freimaurer durch Eid verpflichtet, die Wahrheit zu leugnen. Er muss behaupten, dass das, was man über Freimaurer erfahren hat, Unsinn ist.
So erwiderte ich den beiden Männern, dass ich auch diesen Eid zu lügen, wenn die Wahrheit herauskam, kannte. Dies bestärkte mich in meiner Überzeugung, dass sie beide unter Eid so zu reagieren hatten, sollte der Ritus herauskommen.
Bis ich aufstand, um ins Bett zu gehen, beteuerten beide Männer, dass der von mir rezitierte Text ihnen unbekannt sei. Woraufhin ich noch einmal fragte, warum mein Vater als erste Reaktion behauptet hätte, ich hätte sein Büchlein gestohlen, nachdem ich den ganzen Ritus rezitiert hatte? Wenn ich auf der falschen Spur gewesen sei, hätte er eine solche Beschuldigung nie gemacht!
Vater und Onkel Frank waren nach dieser Begebenheit besonders lieb und entgegenkommend zu mir – was ich nie verdient hatte. Und, wie ich erwartete (denn ich kannte die Eide, die sie geleistet hatten), versuchten sie, mich für die Loge zu gewinnen. Jedes Mal aber, wenn sie mir die Vorteile der Loge diskret vortrugen, machte ich sie darauf aufmerksam, dass kein Freimaurer, der wirklich echt ist, für die Loge versteckt oder öffentlich werben wird. Gerade das sei nach ihren eigenen Regeln und Eiden tabu. Sie hörten dann immer sofort mit ihrer diskreten Werbung auf!
Als ich aus Spaß und Ulk später in London meinen Chef, der wie die meisten führenden Leute in England Freimaurer war, hereinlegte, indem ich ihm so ganz nebenbei beim Verabschieden den Freimaurerhandgriff gab – ich kann mich als „Freimaurer ausweisen“ – schaute er mich erstaunt und treu an und sagte, dass er sich wirklich sehr freue, zu vernehmen, dass auch ich „einer von ihnen“ sei.
2. Glasblasen und Freimaurerei
Während des Krieges saß ich einmal in meinem Labor am Glasbläsertisch. Weil wir keine Glasbläser mehr im Labor hatten – sie waren alle in der Armee –, lernte ich Anfang des Krieges selbst das Glasblasen, und zwar bei einem Meisterglasbläser. Ich war für dieses Können dankbar, denn die heikle Mikroapparatur, die ich in der Forschung oft brauchte, konnte ich dann in kürzester Zeit selbst blasen.
Ich saß also am Glasbläsertisch und hatte gerade einen Mikrodestillationsapparat angefertigt. Diese Apparatur wies drei „doppelt versiegelte Fugen“ auf, die heikel anzufertigen sind. Im Krieg stand uns kein Plexiglas zur Verfügung, deshalb mussten wir alles in Sodaglas fabrizieren. Sodaglas bekommt beim Auskühlen leicht Sprünge. Das ganze Laboratorium schaute mir zu, denn der Apparat war ein Kunstwerk – sehr schön anzusehen. So hielt ich mein Kunstwerk in eine rauchende Flamme, um alles langsam und sicher auszukühlen. Ein sehr spannender Augenblick war das.
Der Vizechef des Labors, der mit uns im Labor arbeitete, war auch Freimaurer. Er ahnte, dass ich auf mancherlei Gebieten mehr wusste, als ihm angenehm war, aber ich sprach mit ihm nie über Freimaurerei. Er war etwas intolerant, hatte aber viel Schweres erlebt. Sein Haus wurde von deutschen Fliegern bombardiert und begrub ihn und seine Frau einen ganzen Tag, bis die Rettungsmannschaften das Paar herausholten. Er war deshalb ein Deutschenhasser. Ich behandelte ihn mit Seidenhandschuhen.
Nun, dieser Vizechef schaute beim Glasblasen spöttisch zu, er meinte, die Arbeit würde mir nie gelingen. Und sie war mir doch gelungen! Aber, was war das „Knack“ mitten in der Flamme? Durch die doppelten Fugen entstand ein Sprung und dann „explodierte“ das ganze Kunstwerk. Auf dem Tisch lagen lauter schwarze Scherben! Ich drehte mich um, holte eine Schaufel und einen Besen und fing an, alles wegzufegen und Ordnung herzustellen. Aber das spöttische Gesicht des Vizedirektors reizte mich, und mir kam ein Geistesblitz.
„Mr. L.“, sagte ich, „ich komme mir vor wie der Prophet Serubbabel im Tempel, als er die Scherben des alten Tempels wegbürstete, um Platz für den Neubau zu machen.“
Ich hatte mich natürlich auf den Freimaurerritus bezogen, bei dem Serubbabel in der Loge vorkommt. Er will den zerfallenen Tempel wieder aufbauen und räumt zuerst den alten Schutt weg – wie ich es auf dem Glasbläsertisch tat!
Der Vizedirektor drehte sich um und verschwand wie eine Rakete aus dem Labor! Er lief die Treppe hinaus zum Direktor, platzte in sein Zimmer hinein, wo zufälligerweise ein Kollege von mir stand, der sich mit dem Chef unterhielt. Der Vizedirektor platzte ins Zimmer, ohne zu sehen, wer zugegen war, und schrie laut:
„Sie müssen diesen Wilder-Smith sofort entlassen, er weiß viel, viel zu viel!“
Er nahm seine Freimaurerei sehr ernst – im Gegenteil zum Chef, der religiöse Angelegenheiten oberflächlich behandelte. Es geschah nichts!
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