Читать книгу: «Die großen Klassiker der Antike»

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Homer, Äsop, Herodot, Thukydides, Xenophon, Platon, Aristoteles, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Laotse, Konfuzius, Siddhartha Gautama Buddha, Vatsyayana Mallanaga, Titus Livius, Tacitus, Marcus Tullius Cicero, Vergil, Ovid, Lukian, Petronius, Apuleius, Longos von Lesbos, Mark Aurel, Aurelius Augustinus

Die großen Klassiker der Antike

40+ Bücher in Einem Band

e-artnow, 2022

Kontakt: info@e-artnow.org

EAN 4064066498542

Inhaltsverzeichnis

Das Gilgamesch-Epos

Die Lehre für König Merikare

Ilias (Homer)

Odyssee (Homer)

Fabeln, Mythen und Märchen (Äsop)

Historien (Herodot)

Geschichte des peloponnesischen Kriegs (Thukydides)

Anabasis (Xenophon)

Sokratische Gespräche

Das Gastmahl (Platon)

Der Staat (Platon)

Metaphysik (Aristoteles)

Nikomachische Ethik (Aristoteles)

Antigone (Sophokles)

König Ödipus (Sophokles)

Medea (Euripides)

Hippolytus (Euripides)

Lysistrate (Aristophanes)

Die Vögel (Aristophanes)

Tao Te King (Laotse)

Gespräche (Konfuzius)

Reden (Siddhartha Gautama Buddha)

Das-Kamasutram (Vatsyayana Mallanaga)

Ab urbe condita libri - Römische Geschichte (Titus Livius)

Die Germania (Tacitus)

Vom Redner (Marcus Tullius Cicero)

Aeneis (Vergil)

Metamorphosen: Bücher der Verwandlungen (Ovid)

Göttergespräche (Lukian)

Wahre Geschichten (Lukian)

Der Tyrannenmörder (Lukian)

Der verstoßene Sohn (Lukian)

Der Lügenfreund oder der Ungläubige (Lukian)

Satyricon: Begebenheiten des Enkolp (Petronius)

Der goldene Esel (Apuleius)

Daphnis und Chloe (Longos von Lesbos)

Selbstbetrachtungen (Mark Aurel)

Die Bekenntnisse – Confessiones (Aurelius Augustinus)

Das Gilgamesch-Epos
(Anonym)

Inhaltsverzeichnis

Erste Tafel

Zweite Tafel

Dritte Tafel

Vierte Tafel

Fünfte Tafel

Sechste Tafel

Siebte Tafel

Achte Tafel

Neunte Tafel

Zehnte Tafel

Elfte Tafel

Erste Tafel

Table of Contents

Der alles gesehn hat überall, das Land regierte,

Der die Ferne kannte, Jegliches erfaßt hatte,

. . . er gleichermaßen;

Alles an Kenntnis der Dinge allzumal hatte Anu ihm bestimmt.

Verwahrtes auch sah er, Verborgenes erblickte er;

Hat Kunde gebracht von vor der Sintflut,

Fernen Weg befahren, war dabei matt einmal und wieder frisch,

Auf einen Denkstein hat er die ganze Mühsal gemeißelt.

Die Mauer um Uruk-Gart ließ er bauen,

Um das heil‘ge Eanna, den strahlenden Hort.

Sieh an seine Mauer, deren Friese wie Bronzeschalen scheinen!

Ihren Sockel beschau, dem niemands Werk gleicht!

Auch den Blendstein faß an — der seit Urzeiten da ist! —

Nahe dich Eanna, dem Wohnsitz Ischtars —

Das kein späterer König, kein Mensch ebenso machen kann!

Auch steig auf die Mauer von Uruk, geh fürbaß,

Prüfe die Gründung, besieh das Ziegelwerk!

Ob ihr Ziegelwerk nicht aus Backsteinen ist,

Ihren Grund nicht legten die sieben Weisen!

Ein Sar die Stadt, ein Sar die Palmgärten,

ein Sar die Flußniederung,

dazu der (heilige) Bereich des

Ischtartempels:

Drei Sar und den (heiligen) Bereich von Uruk umschließt sie.

Sieh dir an die Urkundenkapsel aus Kupfer,

Nimm ab davon das Schloß aus Bronze!

Öffne die Tür vor seinem verborgenen Schatz,

Komm und lies gründlich die Lapislazuli-Tafel,

Die erzählt, wie er, Gilgamesch, durch alle Beschwernisse zog!

Überragend ist er weit voran den Königen, der

Ruhmreiche von schöner Gestalt,

Der heldenhafte Abkömmling von Uruk, der stößige Stier.

Er geht voran, ist der Allererste;

Er geht hinterher, ist die Stütze seiner Brüder,

Ein starkes Kampfnetz, der Schirm seines Heerbanns;

Eine wilde Wasserflut, die Steinmauern zerstört,

Sproß des Lugalbanda, Gilgamesch, der an Kräften Vollkommene,

Kind der erhabenen Kuh Rimat-Ninßun.

Der Wildstier Gilgamesch, der Vollkommene, Ehrfurchtgebietende,

Der da fand die Eingänge in das Gebirge,

Der dürstete nach den Zisternen am Rand des Steppenlandes.

Der die See überfuhr, das weite, zum Sonnenaufgang hin liegende Meer.

Der die Weltränder ins Auge faßte, überall das Leben suchend,

Der in seiner Stärke gelangte bis hin zum fernen Utnapischtim.

Der die Städte wiederherstellte, die die Sintflut vernichtet hatte.

Nicht ... für die umwölkten Menschen,

Der mit ihm verglichen werden könnte für das Königtum,

Der wie Gilgamesch sprechen könnte: »Ich bin der König!«

Gilgamesch, seit dem Tage, an dem er geboren wurde, ist sein Name herrlich.

Zwei Drittel an ihm sind Gott, ein Drittel nur Mensch.

Das Bild seines Leibes hat ihm die Mach ...

Sie bereitete seine Gestalt ...

. . . ist prächtig

. . . [Zeile fehlt]

. . . [Zeile fehlt]

In den Hürden von Uruk geht er einher,

Wilde Kraft setzt er ein gleich dem Wildstier, erhabenen Schrittes!

Keinen Nebenbuhler hat seiner Waffen Aufbruch!

Durch seine Trommel sind dauernd im Gang seine Gesellen.

Immer neu regten sich auf die Mannen von Uruk über willkürliches Tun.

»Nicht läßt Gilgamesch den Sohn zum Vater.

Am lichten Tag und bei Nacht bäumt er sich wild auf.

Gilgamesch ist der Hirte von Uruk-Gart,

Übermächtig, stattlich, kundig und weise!

Nicht läßt Gilgamesch die Jungfrau zum Geliebten,¶

Die Tochter des Helden, die Gemahlin des Mannen.«

Ihre Klage hörten so oft die großen Götter,

Die Götter des Himmels riefen Uruks Herrscher Anu:

»Schufest nicht du den trotzigen Wildstier?

Keinen Nebenbuhler hat seiner Waffen Aufbruch.

Durch die Trommel sind aufgestört seine Gesellen;

Nicht läßt Gilgamesch den Sohn zum Vater,

Am lichten Tag und bei Nacht trotzt er ganz wild!

Und er ist nun der Hirte von Uruk-Gart,

Er, ihr Hirte — und dennoch bedrückt er sie!

Übermächtig, stattlich, kundig und weise!

Nicht läßt Gilgamesch die Jungfrau zum Geliebten,

Die Tochter des Helden, die Gemahlin des Mannen.

«Ihre Klage hörte immer neu der erhabene Anu;

Aruru rief man, die große:

»Du, Aruru, hast geschaffen, was Anu befahl!

Nun erschaffe, was er befiehlt!

Dem des andern sei gleich dessen Herzensungestüm!

Wettstreiten sollen sie — Uruk erhole sich!«

Kaum daß Aruru dieses hörte,

Schuf sie sich im Herzen, was Anu befahl;

Aruru wusch sich die Hände,

Kniff sich Lehm ab, warf ihn draußen hin.

Enkidu, den gewaltigen, schuf sie, einen Helden,

Einen Sprößling der Nachtstille, mit Kraft beschenkt von Ninurta

Mit Haaren bepelzt am ganzen Leibe;

Mit Haupthaar versehen wie ein Weib:

Das wallende Haupthaar, ihm wächst‘s wie der Nisaba!

Auch kennt er nicht Land noch Leute:

Bekleidet ist er wie Sumukan!

So verzehrt er auch mit den Gazellen das Gras,

Drängt er hin mit dem Wilde zur Tränke,

Ward wohl seinem Herzen am Wasser mit dem Getier.

Auf ihn nun stieß gegenüber der Tränke

Ein Jäger, ein gewalttät‘ger Mensch:

Einen ersten Tag, einen zweiten und dritten

Stieß er auf ihn gegenüber der Tränke.

Da ihn sah der Jäger, ward reglos sein Antlitz;

Er trat mit seinen Tieren in sein Haus,

Geriet in Erregung, wurde starr und stumm,

Verstört war sein Herz, sein Antlitz umwölkt;

In seinem Gemüt hielt Einzug der Harm,

Einem Wandrer ferner Wege war gleich sein Antlitz.

Der Jäger tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zu seinem Vater:

»Mein Vater, ein Mann, der vom Steppenland gekommen —

Der Stärkste im Land ist er, Kraft hat er,

Gleich der Feste des Anu gewaltig ist seine Stärke —

Er streift im Steppenland beständig umher,

Beständig frißt mit dem Wild er das Gras,

Beständig weilt sein Fuß gegenüber der Tränke;

Ich vermochte ihm nicht zu nahen vor Furcht.

Die ich auswarf, die Gruben, er füllte sie an!

Die Flügelnetze, die ich spannte, riß er heraus,

Ließ entrinnen meinen Händen das Wild, der Steppe Getier!

Nicht gibt er zu mein Tun in der Steppe!«

Sein Vater tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zum Jäger:

»Wisse, mein Sohn, in Uruk wohnt Gilgamesch,

Niemand gibt es, der ihn übermochte,

Gleich der Feste des Anu gewaltig ist seine Stärke.

Auf ihn, den König, richte dein Antlitz,

Ihm bring die Kunde vom Gewalt-Menschen!

Eine Schamkat leih‘ er dir! Führ sie zur Steppe!

Mag das Weib dort bewält’gen den Mann wie ein Starker!

Wann denn das Wild herankommt zur Tränke,

Dann werfe sie ab ihr Kleid, er schwelge in ihrer Lust!

Sieht er sie erst, so wird er ihr nahn:

Doch sein Wild wird ihm untreu, das aufwuchs mit ihm in der Steppe.«

Auf den Rat seines Vaters brach er auf,

Ging der Jäger fürbaß zu Gilgamesch,

Nahm den Weg, stand still inmitten von Uruk:

»Höre mich, Gilgamesch, rate mir auch!

Ein Mann, der vom Steppenland gekommen —

Der Stärkste im Land ist er, Kraft hat er,

Gleich der Feste des Anu gewaltig ist seine Stärke —

Er streift im Steppenland beständig umher,

Beständig frißt mit dem Wild er das Gras,

Beständig weilt sein Fuß gegenüber der Tränke;

Ich vermochte ihm nicht zu nahen vor Furcht.

Die ich auswarf, die Gruben, er füllte sie an!

Die Flügelnetze, die ich spannte, riß er heraus,

Ließ entrinnen meinen Händen das Wild, der Steppe Getier!

Nicht gibt er zu mein Tun in der Steppe!«

Gilgamesch sprach zu ihm, zum Jäger:

»Geh, führ, o Jäger, mit dir

Die Priesterin nun, die Schamkat!

Wann denn das Wild herankommt zur Tränke,

Dann werfe sie ab ihr Kleid, sie enthüll‘ ihre Wollust!

Sieht er sie erst, so wird er ihr nahn:

Doch sein Wild wird ihm untreu, das aufwuchs mit ihm in der Steppe.«

Es ging der Jäger, führend

Die Priesterin mit sich, die Schamkat;

Sie nahmen den Weg, wählten die rechte Straße.

Am dritten Tag langten sie an am Ort der Bestimmung.

In ihr Versteck setzten der Jäger sich und die Schamkat.

Den ersten Tag, den zweiten Tag setzten sie sich gegenüber der Tränke.

Es kam das Wild und trank an der Tränke,

Es kam das Getier, fand sein Wohlsein am Wasser.

Aber Enkidu, der dem Steppenland entsprossen ist,

Er verzehrt auch mit den Gazellen das Gras,

Trinkt mit dem Wild an der Tränke,

Ward wohl seinem Herzen am Wasser mit dem Getier.

Ihn sah die Schamkat, den Wildmenschen,

Den würgerischen Menschen aus dem Innern der Steppe.

»Dies ist er, Schamkat! mach frei deine Brust,

Deinen Schoß tu auf, daß deine Fülle er nehme!

Scheue dich nicht, nimm hin seinen Atemstoß!

Sieht er dich erst, so wird er dir nahn.

Dein Gewand entbreite, daß auf dir er sich bette,

Schaff ihm, dem Wildmenschen, das Werk des Weibes:

Dann wird sein Wild ihm untreu, das aufwuchs mit ihm in der Steppe; Sein Liebesspiel wird er über dir raunen!«

Ihren Busen machte die Schamkat frei,

Tat auf ihren Schoß, er nahm ihre Fülle,

Sie scheute sich nicht, nahm hin seinen Atemstoß,

Entbreitet‘ ihr Gewand, daß auf ihr er sich bettete,

Schaffte ihm, dem Wildmenschen, das Werk des Weibes —

Sein Liebesspiel raunte er über ihr.

Sechs Tage und sieben Nächte war Enkidu auf,

Daß er die Schamkat beschlief.

Als er von ihrem Genusse satt war,

Richtet‘ er sein Antlitz hin auf sein Wild:

Da sie ihn, Enkidu, sahen,

Sprangen auf und davon die Gazellen,

Wich von seinem Leibe das Wild der Steppe.

Anspringen ließ Enkidu seinen gereinigten Leib,

Doch ihm versagten die Knie, da hinwegging sein Wild.

Gehemmt wurde Enkidu, seines Laufens ist nicht wie zuvor.

Er aber wuchs, ward weiten Sinnes,

Kehrte um und setzte sich zu Füßen der Schamkat,

Ihr ins Antlitz schauend, der Schamkat;

Der Priesterin, wie sie redet, hören zu seine Ohren.

Die Schamkat sprach zu ihm, zu Enkidu:

»Weise bist du, Enkidu, bist wie ein Gott!

Warum läufst du in die Steppe mit dem Getier?

Komm, ich führ dich hinein nach Uruk-Gart,

Zum strahlenden Tempel, dem Wohnsitz von Anu und Ischtar!

Wo Gilgamesch ist, vollkommen an Stärke,

Und wie ein Wildstier seine überragende Kraft erprobt an den Mannen!«

Da zu ihm sie gesprochen, fand Beifall ihre Rede:

Der Kluggesinnte sucht einen Freund.

Enkidu sprach zu ihr, zur :

»Komm, Schamkat, lade du mich ein!

Zum strahlenden Tempel, dem Wohnsitz von Anu und Ischtar,

Wo Gilgamesch ist, vollkommen an Stärke,

Und wie ein Wildstier seine überragende Kraft erprobt an den Mannen!

Ich, ja ich will ihm die Fehde ansagen, heftig tobe der Kampf!

Rühmen will ich mich in Uruk: „Der Starke bin ich!“

Zieh ich ein, so ändre ich die Geschicke!

Der geboren in der Steppe — er hat ja Kräfte!« —

»Komm, laß uns gehn, mag er sehen dein Antlitz;

Ich zeig Gilgamesch dir! Wo er ist, weiß ich wohl:

Schau hin inmitten von Uruk-Gart, Enkidu,

Zu den Männern, herrlich mit Gürteln angetan!

Täglich wird dort ein Fest gefeiert

Wo erdröhnen man läßt die Trommeln,

Und Schamkats da sind, geschaffen, wie‘s ihnen ansteht,

Überreich an Fülle, sind sie voll Jauchzens.

Aufs Nachtlager sind gebreitet die großen Decken.

Enkidu, dir, der du das Leben nicht kennst,

Will ich Gilgamesch zeigen, den so ungleich Gestimmten !

Sieh ihn, schau auf sein Angesicht:

An Männlichkeit schön ist er, Würde hat er,

An Fülle überreich an seinem ganzen Leibe;

Stärke, gewalt‘gere, hat er denn du,

Ohne Ruhe bei Tag und bei Nacht.

Enkidu, gib deine Unart auf! Gilgamesch — Schamasch hat Lieb‘ ihm erzeigt,

Anu, Enlil und Ea den Sinn ihm geweitet:

Ehe aus der Steppe du gekommen,

Sah Gilgamesch Träume von dir in Uruk:

Auf stand Gilgamesch, erzählt‘ den Traum,

Und sprach zu seiner Mutter:

„O Mutter, im Traum meiner letzten Nacht

Ging ich kraftgeschwellt fürbaß unter den Mannen;

Da sammelten sich um mich die Sterne des Himmels —

Die Waffe des Anu stürzte auf mich herab;

Heben wollt‘ ich‘s, da war sie mir zu schwer,

Bewegen wollt‘ ich‘s und konnt‘s nicht bewegen!

Uruk-Land sammelte sich herzu,

Die Mannen küßten die Füße ihm;

Da lehnt‘ ich mich dagegen, sie standen mir bei,

Ich hob sie auf und trug‘s hin zu dir.“

Gilgameschs Mutter, der alles kund ist, sprach zu Gilgamesch:

„Vielleicht, Gilgamesch, wurde einer wie du

In der Steppe geboren,

Heranwachsen ließ ihn das Steppenland —

Siehst du ihn, so wirst du Freude haben;

Die Mannen küssen die Füße ihm!

Du wirst ihn umarmen, ihn zu mir führen!

Der starke Enkidu ist‘s,

Ein Gesell, der dem Freund aus der Not hilft!

Der Stärkste im Land ist er, Kraft hat er,

Gleich der Feste des Anu gewaltig ist seine Stärke!

Wie über einem Weib hast du über ihm geraunt,

... er aber wird dich immer wieder erretten.“

Er legte sich schlafen und sah einen anderen Traum;

Stand dann auf, sprach zu seiner Mutter:

„O Mutter, ich sah einen anderen Traum;

Ich schaute ein ... auf der Straße von Uruk-Markt.

Eine Axt lag plötzlich da

Versammelt war man über ihr.

Diese Axt sah unheimlich aus!

Da nun ich sie erblickte, wurde ich froh,

Gewann sie lieb; wie über einem Weib

Raune ich über ihr.

Ich nahm sie und legte an meine Seite sie an.“

Die Mutter Gilgameschs, die weise, alles Wissens kundig,

Sprach zu ihrem Sohn,

Rimat-Ninßun, die weise, alles Wissens kundig,

Sprach zu Gilgamesch:

„Die Axt, die du sahst, ist ein Mann!

Du gewannst ihn lieb, wie über einem Weib wirst du über ihm raunen,

Und ich werde ihn mit dir gleichstellen.

Er wird zu dir kommen,

Der Gesell, der dem Freund aus der Not hilft!

Im Lande ist er stark, übt Gewalt,

Gleich der Feste des Anu gewaltig ist seine Stärke!“

Nochmals sprach Gilgamesch zu seiner Mutter:

„Auf Befehl des großen Beraters Enlil möge es eintreffen:

Möcht‘ einen Freund ich gewinnen, einen Berater.

Gewinnen möcht‘ einen Freund ich als Berater!

Du deutetest mir die Träume von ihm!“«

Zweite Tafel

Table of Contents

Enkidu saß vor der Schamkat;

Es umschmeichelten einander die beiden.

Die Steppe vergaß nun Enkidu, wo er geboren ward.

Er hörte ihr Wort, stimmte zu ihrer Rede,

Des Weibes Rat fiel in sein Herz.

Ein Gewand zog sie aus:

Ihn bekleidete sie mit dem einen,

Das andere Gewand behielt sie selbst an.

Sie nahm ihn an die Hand, ihn wie ein Gott

Zu führen zu des Hirten Tisch, zur Stätte des Hofes.

Um ihn scharten die Hirten sich.

Aber Enkidu, der im Gebirge daheim ist —

Verzehrte auch mit den Gazellen das Gras,

[drei Verse fehlen]

Pflegt‘ er die Milch des Getiers zu saugen.

Sie setzten ihm Speise vor, er sah genau hin,

Er schaut und guckt

Nicht weiß Enkidu Brot zu essen.

Rauschtrank zu trinken ward er nicht gelehrt!

Die Schamkat tat den Mund auf und sprach zu Enkidu:

»Iß das Brot, Enkidu, das gehört zum Leben!

Trink den Rauschtrank, wie‘s Brauch ist im Lande!«

Brot aß Enkidu, bis er gesättigt war,

Trank den Rauschtrank — der Krüge sieben!

Frei ward sein Inneres und heiter,

Es frohlockte sein Herz, und sein Antlitz erstrahlte!

— Mit Wasser wusch er ab seinen haarigen Leib:

Er salbte sich mit Öl und wurde dadurch ein Mensch.

Ein Gewand zog er an, wie die Männer ist er nun.

Seine Waffe nahm er, gegen die Löwen anzugehen;

Es legten sich nachts schlafen die Hirten

!

Er erschlug die Wölfe, verjagte die Löwen.

Es ruhten die alten

Hüter:

Enkidu ist ihr Wächter,

Der wache Mensch, der eine Mann.

[Lücke von 14 Versen. Enkidu ist mit der Schamkat zusammen:]

Der Wollust ergibt er sich.

Da er aufhob die Augen, erblickt‘ er einen Menschen!

Zur Schamkat sprach er:

»Schamkat, laß den Menschen fortgehen!

Weswegen kam er? Seinen Namen will ich rufen!«

Die Schamkat rief den Menschen an,

Trat zu ihm hin und sprach zu ihm:

»Mann, wohin eilst du? Worum geht dein Mühen?«

Der Mann tat den Mund auf und sprach zu Enkidu:

»Zum Hochzeitshause lud man mich ein.

Das Schicksal der. Leute ist die Erstwahl zur Brautschaft!

[Gilgamesch nahm das jus primae noctis für sich in Anspruch; die Männer in Uruk mussten ihm dann ihre Häuser offen halten. Das „Netz der Leute“ trennt den Schlafraum vom Wohnraum ab.]

Auf den Tisch häufte ich die Festspeisen,

Die köstlichen Gerichte des Hochzeitshauses.

Für den König von Uruk-Markt als Erstwerber

Ist geöffnet das Netz der Leute!

Für Gilgamesch, den König von Uruk-Markt, als Erstwerber,

Ist geöffnet das Netz der Leute!

Die, so zu Ehefraun bestimmt sind, beschläft er,

-Er zuvor, danach erst der Ehemann:

Nach göttlichem Rat ist‘s geboten,

Schon als man ihm abschnitt die Nabelschnur, Ward‘s ihm bestimmt. «

Auf des Mannes Wort

Wurde bleich sein Antlitz.

[Lücke von 9 Versen]

Voran geht Enkidu, und die Schamkat ihm nach,

Da er hineingekommen nach Uruk-Markt,

Scharte um ihn sich die Bürgerschaft;

Da er stehn bleibt auf der Straße von Uruk-Markt,

Sind geschart auch die Leute und sprechen von ihm:

»Er gleicht an Gestalt dem Gilgamesch,

Ist jedoch kleiner an Wuchs, aber überaus stark.

Vielleicht, wo er geboren wurde, aß er die Kräuter des Frühlings,.

Saugte immer wieder ein die Milch des Getiers.

Dauernd fanden in Uruk Opfer statt,

Die Mannen reinigten sich,

Wie schwache Kindlein küssen sie seine Füße:

Hingestellt ist eine Leier für den Mann, dessen Gesicht

gleichmütig ist;

Für Gilgamesch ist wie für einen Gott eine Opfergabe hingestellt..

Der Ischchara ist schon das Lager gerüstet,

Gilgamesch war mit der jungen Frau in der Nacht zusammengekommen.

[Ischchara ist eine Göttin, der Ischtar verwandt. Es ist hier von der „heiligen Hochzeit“ die Rede, die der Stadtfürst von Zeit zu Zeit mit einer Priesterin oder einer noch

unberührten Frau als Vertreterin der Göttin feierte, um dem Land die Fruchtbarkeit zu erhalten.]

Als er herankam, trat ein Mann hin auf der Straße,

Versperrte den Weg dem Gilgamesch,

[Lücke von 9 Versen]

Gilgamesch ...

Über ihm ... zürnt er ...

Er machte sich auf und ging auf ihn zu,

Sie stießen zusammen auf dem Markte des Landes.

Enkidu sperrte das Tor mit dem Fuß,

Dal Gilgamesch eintrat, gab er nicht zu.

Da packten sie sich, gingen in die Knie wie Stiere,

Zerschmetterten den Türpfosten, es erbebte die Wand! —

Gilgamesch und Enkidu —

Ja, sie packten sich, gingen in die Knie wie Stiere,

Zerschmetterten den Türpfosten, es erbebte die Wand! —

Als Gilgamesch ins Knie sank, am Boden den Fuß —

Da verrauchte sein Zorn, er wandte seine Brust.

Sobald er gewandt seine Brust,

Sprach Enkidu zu ihm, zu Gilgamesch:

»Wie so einzig gebar deine Mutter dich,

Des Geheges4 Wildkuh, Rimat-Ninßun!

[Für die jüngere Fassung des Epos war diese Frau die Mutter des Gilgamesch]

Erhöht ist über die Männer dein Haupt,

Dir bestimmte der Leute Königtum Enlil!

Die Fürsten der Welt überragt deine Kraft..

[Lücke von etwa 10 Versen]

Sie küßten einander und schlossen Freundschaft...

»Der Stärkste im Land ist er, Kraft hat er!

Wie die Feste des Anu gewaltig ist seine Stärke!

Stand hält ihm niemand! — Erweis du ihm Gnade!«

Die Mutter des Gilgamesch sprach zu ihrem Sohn,

Rimat-Ninßun sprach zu Gilgamesch:

»Mein Sohn, ...

Bitterlich . . . «

[drei Verse fehlen]

»Bitterlich klagt er...

Nicht hat Enkidu Vater und Mutter;

Sein loses Haupthaar wurde niemals geschnitten,

In der Steppe ist er geboren, so erzog ihn niemand.« Es stand Enkidu da, er vernahm seine Rede,

Seine Augen füllten mit Tränen sich,

Weh ward ihm zumute, ... mühte er sich ab;

Enkidus Augen füllten mit Tränen sich,

Weh ward ihm zumute, ... mühte er sich ab.

Sie faßten einander, zusammen sich setzend,

Die Hände verschrankend wie Liebende —

Gilgamesch neigte sein Antlitz herab —

Und sprach zu Enkidu:

»Mein Freund, warum sind gefüllt deine Augen mit Tränen,

Ward weh dir zumute, mühtest... du dich ab?«

Enkidu tat den Mund auf und ,sprach zu Gilgamesch:

»Die Klagen, mein Freund, machten meinen Nacken starr;

Meine Arme sind erschlafft, meine Kraft ward geschwächt.

Gilgamesch tat den Mund auf und sprach zu Enkidu:

[vier Verse fehlen]

»Im Wald wohnt der reckenhafte Chumbaba,

Ich und du, wir wollen ihn töten,

Aus dem Lande tilgen jegliches Böse!

Laß uns fällen den Zederbaum !«

[drei Verse fehlen]

Enkidu tat den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:.

»Ich erfuhr es, mein Freund, im Steppenland

Da umher ich streift‘ mit dem Wild:

Auf sechzig Doppelstunden liegt unberührt der Wald1 Wer ist‘s, der hinab in sein Inneres steige? Chumbaba — sein Brüllen ist Sintflut, Ja, Feuer sein Rachen, sein Hauch der Tod!.

Weswegen begehrtest du, solches zu tun?

Man besteht nicht im Kampf um Chumbabas Wohnsitz.«

Gilgamesch tat seinen Mund auf und sprach zu Enkidu:

»Des Waldes Berg will ich ersteigen.

[ein Vers fehlt]

Zum Wald will ich ziehen, der Wohnstatt Chumbabas,

Eine Axt und ein Schwert sollen mir Helfer sein!

Du bleibe nur hier, ich werde hinziehn.«

Enkidu tat den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:

»Wie sollen wir hinziehn ... zum Walde der Zeder?

Sein Wächter ist Wer [oder „Werwer“ eine Wettergottgestalt] . . .

Stark ist er und schlummert nimmer.

Chumbaba..., Wer ist mit ihm,

Adad...

Zu bewahren die Zeder hat Enlil ihn

Als Schrecknis bestimmt für die Leute!

Und wer hinab in den Wald steigt — Lähmung packt ihn!«

Gilgamesch tat den Mund auf und sprach zu Enkidu

»Wer, mein Freund, könnte zum Himmel aufsteigen?

Götter nur thronen ewig mit Schamasch;

Der Menschheit Tage aber, sie sind gezählt,

Eitel Wind ist, was immer sie wirken mag!

Du hier aberscheuest den Tod!

Was ist‘s mit der Kraft deines Heldensinns?

So will ich denn ziehen, dir voran —

Dein Mund mag dann rufen: „Geh ,ran! Sei nicht bang!“

Fiele ich selbst —

meinen Namen richtet‘ ich auf:

“Gilgamesch hat wider den reckenhaften Chumbaba den

Kampf gewagt“, wird es heißen.

Du wurdest geboren und wuchsest auf in der Steppe,

Ein Löwe sprang dich an, du weißt alles!

[fünf Verse fehlen]

Ich will Hand anlegen, die Zeder abhaun,

Einen Namen, der dauert — mir will ich ihn setzen!

Jetzt, mein Freund, will ich zum Waffenschmied mich aufmachen!

Beile soll man gießen vor uns.«

Sie faßten sich an, zu den Schmieden zu eilen:

Da saßen die Meister, pflogen Rats,

Beile, große, gossen sie,

Axte zu drei Talenten gossen sie; [1 Talent = 60 Pfund]

Schwerter, große, gossen sie — Die Klingen zu zwei Talenten,

Die Knijufe zu dreißig Pfund an den Griffen,

Sie brachten Schwerter zu dreißig Pfund, von Gold!

Gilgamesch und Enkidu waren jeder mit zehn Talenten gerüstet!

Die sieben Stadttore von Uruk verriegelte er.

Das Wort hörte sie, die Bürgerschaft scharte sich,

Man gab sich der Freude hin auf der Straße von Uruk-Markt.

Des Volkes Freude sah Gilgamesch auf der Straße von Uruk-Markt, Da redete er, indes sich das Volk vor ihm setzte,

Gilgamesch redet‘ zum Volke von Uruk-Markt:

»Ich will ziehen zum reckenhaften Chumhabal

Den Gott, von dem man redet, will ich sehen!

Dessen Namen die Lande im Munde führen —

Den will ich ereilen im Zedernwald!

Daß gar stark der Sproß von Uruk ist,

Will ich hören lassen das Land!

Ich will Hand anlegen, die Zeder abhaun,

Einen Namen, der dauert — mir will ich ihn setzen!«

Die Ältesten von Uruk-Markt sprachen hinwiederum zu Gilgamesch:

»Weil du jung bist, Gilgamesch, trägt dein Herz dich davon:

Du weißt nicht, was immer du tun sollst.

Wie wir hören, sieht Chumbaba gar unheimlich aus —

Wer ist es, der seinen Waffen begegnet?

Auf sechzig Doppelstunden liegt unberührt der Wald —

Wer ist‘s, der hinab in sein Inneres steige?

Chumbaba — sein Brüllen ist Sintflut,

Ja, Feuer sein Rachen, sein Hauch der Tod! —

Weswegen begehrtest du, solches zu tun?

Man besteht nicht im Kampf um Chumbabas Wohnsitz. «

Da Gilgamesch das Wort seiner Ratgeber angehört,

Heftet‘ er lächelnd den Blick auf seinen Freund:

»Jetzt, mein Freund, sage ich s

Mag ich ihn auch fürchten ...,

[acht Verse fehlen]

»Dein Schutzgott möge dich bewahren,

Dich den Weg gesund vollenden lassen

Her zum Staden von Uruk-Markt.«

Da Gilgamesch hingekniet, hob er die Hand empor:

»Was sie gesprochen, möge geschehen.

Nun zieh ich, Schamasch! ...

Auch fürderhin mög‘ ich heil am Leben bleiben!

Heim laß mich kehren zum Walle in Frieden!

Breite du über mich deinen Schirm!«

Nun rief Gilgamesch seinen Freund,

Sein Vorzeichen schaute er an mit ihm.

[sechs Verse fehlen]

Aus Gilgameschs Augen rannen die Tränen:

.... einen Weg, den ich nimmer befahren.

Auch kenne ich gar nicht seinen Wandel, o mein Gott!

Soll ich da heil am Leben bleiben,

So will ich dir dienen nach Herzenslust,

Will mich sättigen am Haus in deiner Wonne

Will dich sitzen lassen auf Thronen.»

Nun brachten die Knechte herbei sein Gewaff:

Große Schwerter, Bogen und Köcher waren es.

... händigten sie ein. Er nahm sich Beile,

Hing um seinen Köcher, den Bogen von Anschan,

An seinen Gürtel legt‘ er das Schwert.

Die Mannen gehn fürbaß,

... bringen sie heran: »Gilgamesch,

Wann wirst du ihn zurückbringen können zur Stadt?«

(Das für die 2.Tafel sehr schlecht erhaltene jüngere Epos erzählt einiges etwas anders. Nach einem kürzlich gefundenen Tafelbruchstück antwortet Gilgamesch auf die Warnung der Ältesten, daß er (gegen Chumbaba) ziehen werde und dann nach der Rückkehr in Uruk das Neujahrsfest (des Frühjahrs) feiern wolle. Freudengesange sollen ertönen und »elluri» [»elluri‘«, »jilurt« oder »allari«, »alliri« ist als Ruf bei Festen auch in anderen Tezten bezeugt] solle man immer wieder rufen. Darauf spricht Enkidu zu den Ältesten:)

»Sprecht zu ihm, daß er nicht ziehe zum Zedernwald!

Den Weg dahin kann man nicht gehen!»

[Danach Textlücke.]

1Statt dessen folgt in der jüngeren Fassung hier: [Er hört auf 60 Doppelstunden das Rauschen seines Waldes. Wer wagte da, in seinenWald hinabzusteigen?]

Dritte Tafel

Table of Contents

Die Ältesten segneten ihn,

Für den Weg berieten sie Gilgamesch:

»Nicht solltest du, Gilgamesch, traun deiner Kraft!

Deine Augen seien erleuchtet, behüte dich selbst!

Der da kennt den Steg, behütet den Freund:

Es gehe Enkidu vor dir her,

Gesehn hat er den Weg, befahren die Straße,

Er kennt des Waldes Zugänge,

All die bösen Anschläge Chumbabas!

Schon früher hat er bewahrt den Gefährten;

Seine Augen sind erleuchtet, er wird dich beschützen!

Deinen Wunsch erlangen lasse dich Schamasch,

Lasse sehn dein Auge, was kundtat dein Mund!

Er tue dir auf den versperrten Pfad!

Die Straße erschließe er deinem Schritt,

Den Berg erschließe er deinem Fuß!

Die Nacht heut bringe dir, was dich erfreut,1

Lugalbanda steh‘ zum Erfolge dir bei!

Komm recht bald zu deinem Erfolg!

Im Flusse Chumbabas, zu dem du strebst,

Wasch dir die Füße!

Bei deiner Abendrast grab einen Brunnen,

Sei stets reines Wasser in deinem Schlauch!

Kühles Wasser bringe dem Schamasch dar!

Lugalbandas sollst du immer gedenken!

Enkidu möge den Freund behüten, den Gefährten

bewahren,

Bis zu den Gattinnen bring‘ er seinen Leib!

In unsrer Versammlung übergeben wir dir [Enkidu] den König,

Du wirst heimführend den König uns übergeben!«

Enkidu tat den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:

»Bis du den Weg zurückgelegt hast, reise unverdrossen!

Dein Herz sei furchtlos — schau nur auf mich!

Dahin, wo er aufschlug seine Wohnung,

Zum Weg, den Chumbaba zu wandeln pflegt,

Unsern Aufbruch befiehl — wende die Ältesten von hinnen!«

Gilgamesch tat den Mund auf und sprach zu den Ältesten von Uruk-Markt:

[drei Verse fehlen]

..... mögen mit mir ziehen!

Tun will ich, was ich euch gesagt hab,

Mögen freudig folgen die Mannen!«

Da sie diese seine Rede vernahmen,

Da flehten ihn an die Männer:

»Zieh hin, Gilgamesch, glücklich sei dein Beginnen!

Es gehe dein Schutzgott zur Seite dir,

Er lasse dich kommen zu deinem Erfolg!«

Gilgamesch tat zum Reden den Mund auf und sprach zu Enkidu:

»Komm, Freund, gehn wir zum Großpalast,

Vor Ninsun, die große Königin!

Ninsun, die kluge, alles Wissens kundig,

Sie erteilt unsern Füßen bedachtsamen Schritt.«

Da faßten einander sie, Hand in Hand,

Gilgamesch und Enkidu gingen zum Großpalast

Vor Ninsun, die große Königin.

Es erhob sich Gilgamesch und trat bei ihr ein:

»Ninsun, ich bin nun erstarkt ...

Einen fernen Pfad, wo Chumbaba ist, zieh ich,

Einen Kampf besteh ich, den ich nicht kenne,

Einen Weg befahr ich, den ich nicht kenne!

Über die Zeit, daß ich gehe und rückkehr,

Daß ich gelange zum Zedernwald,

Daß ich erschlage den Recken Chumbaba

Und jegliches Böse, das Schamasch verhaßt ist, tilg aus dem Lande —

Fleh du zu Schamasch um meinetwillen.

Wenn ich ihn getötet, gefällt seine Zeder,

Mag Friede im Lande sein oben und unten,

Des Sieges Zeichen erricht ich vor dir. «

Die Rede ihres Sohnes Gilgamesch

Vernahm bekümmert die Königin Ninsun.

[vierzehn Verse fehlen]

Ninsun tritt in ihr Gemach ein,

Für ihren Leib nahm sie Laugenkraut.

Sie legt ein Gewand an, wie s ziemt ihrem Leib,

Ein Geschmeide auch, wie‘s ziemt ihrer Brust,

Sie hat angetan Gürtel und Königsmütze,

Sprengt Wasser aus Schalen auf Erde und Staub.

Die Stiege betrat sie, erklomm den Söller,

Erstieg das Dach, brachte Weihrauch dar vor Schamasch,

Sie vollzog das Opfer, vor Schamasch hob sie die Arme empor:

»Warum verliehst du zum Sohn mir Gilgamesch,

Erteiltest du ihm ein Herz ohne Ruh‘?

Und nun hast du ihn angerührt, daß er hinzieht

Einen fernen Pfad, wo Chumbaba ist,

Er will einen Kampf bestehn, den er nicht kennt,

Einen Weg befahren, den er nicht kennt!

Uber die Zeit, daß er geht und rückkehrt,

Daß er gelangt zum Zedernwald,

Daß er erschlägt den Recken Chumbaba,

Und jegliches Böse, das dir verhaßt ist, tilgt aus dem

Lande:

Am Tage, da du auf Gilgameschs Weg schaust,

Möge sie keine Scheu vor dir haben, Aja, die Braut, dich erinnern!

Auch den Wächtern der Nacht befiehl ihn an,

Den Sternen, und abends dem Sin, deinem Vater. «

[Nach einer Lücke von etwa 92 Versen folgen die nachstehenden, vorläufig schwer verständlichen Worte:]

Rimat-Ninsun häufte den Weihrauch und sprach die Beschwörung.

Enkidu rief sie, Bescheid zu erteilen:

»Enkidu, starker, nicht meinem Schoß entsprossest du!

Jetzt sprach ich zudir mit den Tempeloblaten des Gilgamesch,

Den Gottesbräuten, Geweihten, Tempeldienerinnen !

«Ein Kleinod legte sie um Enkidus Hals,

Die Gottesbräute nahmen...,

Und die Gottestöchter wollten ihn auferziehn.

[84 Verse fehlen]

Zweite Rede der Ältesten an Enkidu:

»Enkidu möge den Freund behüten, den Gefährten bewahren,

Bis zu den Gattinnen bring‘ er seinen Leib!

In unsrer Versammlung übergeben wir den König,

Du wirst heimführend den König uns übergeben!«

[Der Rest der Tafel ist zerstört; die fehlenden 20 bis 30 Verse müssen den Aufbruch der beiden Freunde zum Zedernberg geschildert haben.]

Vierte Tafel

Table of Contents

Nach zwanzig Doppelstunden nahmen sie einen Imbiss ein,

Nach dreißig Doppelstunden schickten sie sich zur Abendrast,

Fünfzig Doppelstunden zogensie den ganzen Tag,

Eine Strecke von einem Monat und fünfzehn Tagen.

Am dritten Tage näherten sie sich dem Libanon.

Im Blick auf die (sinkende) Sonne gruben sie einen Brunnen.

[um dem Sonnengott Wasser zu spenden ]

[In die nun folgende Textlücke oder eine der folgenden Textlücken könnte der Traum Gilgameschs gehören, den die altbabylonische Fassung wie folgt erzählt:]

«Steig hinauf auf den Felsen des Berges, schau an . . . !

Des Schlafes der Götter bin ich beraubt!

Mein Freund, ich sah einen Traum:

Wie ist er schlecht, wie . . . , wie wirr!

Ich packte eben Wildstiere der Steppe;

Bei seinem Rufen . . . t den Erdboden seine Staubwolke beim Weichen des Regens.

Bei seinem Anblick verging ich schier.

Es packt. . . , die meinen Arm umfasst.

Die Zunge zog mir heraus

Meine Schläfe schwoll mir an . . .

Mit Wasser aus seinem Schlauch tränkte er mich. «

»Der Gott, mein Freund, zu dem wir hinziehen,

Ist nicht der Wildstier! Fremdartig ist alles an ihm!

Der Wildstier, den du sahst, ist Schamasch, der Beschützer!

In der Not wird er unsere Hand ergreifen.

Der mit Wasser aus seinem Schlauch dich tränkte,

Ist dein Gott, der dir Ehre erweist, ist Lugalbanda!

Wir wollen uns zusammentun und das eine verrichten,

Ein Werk, das nicht zuschanden wird im Tode. «

[vier Verse fehlen]

»Den zweiten Traum, den ich sah, will ich dir erzählen:

In tiefen Gebirgsgründen standen wir,

Da stürzte der Berg, . . .

Wir waren vor ihm wie Röhrichtfliegen . . . «

Der in der Steppe geboren ward und . . . ,

Zu seinem Freunde sprach er, den Traum zu deuten:

»Mein Freund, schön ist dein Traum,

Der Traum ist überaus kostbar, . . .

Freund, der Berg, den du sahst, ist Chumbaba!

Wir werden Chumbaba packen, ihn töten,

Und hinaus ins Gefild‘ seinen Leichnam werfen,

Und am Morgen . . . «

Nach zwanzig Doppelstunden nahmen sie einen Imbiss ein,

Nach dreißig Doppelstunden schickten sie sich zur Abendrast.

Im Blick auf die (sinkende) Sonne gruben sie einen Brunnen.

Es stieg Gilgamesch auf einen Berg, Brachte ein Mehlopfer dar für . . . und sprach:

»Berg, bring mir einen Traum, eine gute Botschaft!«

Es bereitete ihm Endiku für die Nacht das Lager.

[In der folgenden großen Textlücke wurden zwei weitere Traume Gilgameschs mit ihrer Deutung durch Enkidu erzählt.]

Nach zwanzig Doppelstunden nahmen sie einen Imbiss ein,

Nach dreißig Doppelstunden schickten sie sich zur Abendrast.

Im Blick auf die (sinkende) Sonne gruben sie einen Brunnen.

Es stieg Gilgamesch auf einen Berg,

Brachte ein Mehlopfer dar für . .. und sprach:

»Berg, bring mir einen Traum, eine gute Botschaft!«

Es bereitete ihm Enkidu für die Nacht das Lager,

Ein Regensturm zog vorüber, da befestigt‘ er ein Dach.

Er ließ ihn sich legen, und an einem Ring . . .

Sie . . . ten wie Korn des Gebirges . . .

Während Gilgamesch dasitzt, das Kinn an sein Bein gelegt,

Befiel ihn der Schlaf, der auf die Menschen herabquillt,

In der mittleren Wache brach er den Schlaf ab,

Fuhr empor und sagte zum Freunde:

»Freund, riefst du mich etwa? Warum denn bin ich erwacht?

Stießest du mich etwa an? Warum denn bin ich entsetzt?

Ging etwa ein Gott hier vorbei? Warum denn schaudert‘s mich an den Gliedern?

Freund, ich sah einen dritten Traum,

Und der Traum, den ich sah, war ganz entsetzlich:

Auf schrien die Himmel, das Erdreich dröhnte — !

Der Tag erstarrte, die Finsternis kam heraus,

Auf blitzte ein Blitz, es entlodert‘ ein Feuer,

wurden immer dichter,es regnete Tod.

Dann wurde rot das weißglühende Feuer und verlosch;

Alles aber, was da herabfiel, ward zu Asche.

Komm hinab, im Gefild‘ können Rats wir pflegen.«

Da Enkidu seinen Traum, den er ihm vorgebracht, hörte,

Sprach er zu Gilgamesch:

[Die nun folgende Textlücke von 30 bis 40 Versen enthielt die Deutung dieses Traumes. Danach wurde ein weiterer Traum erzählt, von dessen Deutung nur Reste erhalten sind. Enkidu deutet auch diesen Traum auf den Sieg über Chumbaba, dessen Name zweimal genannt zu sein scheint.]

»Sein . . ., wir werden stehen auf . . .

. . . das gute Wort des Schamasch . . . «

Nach zwanzig Doppelstunden nahmen sie einen Imbiss ein,

Nach dreißig Doppelstunden schickten sie sich zur Abendrast.

Fünfzig Doppelstunden zogensie den ganzen Tag.

Im Blick auf die (sinkende) Sonne gruben sie einen Brunnen.

[ein Vers fehlt]

Es stieg Gilgamesch auf einen Berg,

Brachte ein Mehlopfer dar für . . . und sprach:

»Berg, bring mir einen Traum, eine gute Botschaft!«

Es bereitete ihm Enkidu für die Nacht das Lager.

Ein Regensturm zog vorüber, da befestigt‘ er ein Dach.

Er ließ ihn sich legen, und an einem Ring . . .

[Es folgt wieder eine große Textlücke von 50 bis 60 Versen. In ihr wurden vermutlich zunächst wieder zwei Träume Gilgameschs mit ihrer Deutungdurch Enkidu erzählt. Vermutlich war die Deutung nicht so positiv wie die für die früheren Träume gegebene; denn Enkidu selbst wollte, wie es scheint, vor Erreichung des Zieles umkehren, als er des riesigen Zedernwaldwächters ansichtig wurde. Nach der Lücke spricht wohl Gilgamesch:]

»Was du in Uruk gesagt hast und . . . ,

Bedenke, tritt herzu und . . . !«

Des Gilgamesch, der in Uruk-Gart geboren ward,

Bittworte hörte Schamasch.

Plötzlich ruft er ihm zu ein Alarmsignal aus dem Himmel:

»Tritt eilends hinzu, dass der Wächter nicht hineingehe in den Wald,

Nicht hinabsteige in den Forst, nicht sich verberge!

Hat er doch noch nicht angelegt seine sieben Panzermäntel;

Einen nur hat er an, abgelegt jedoch die sechs!«

Sie nun machten daraufhin sich bereit

Einem trotzigen Wildstier gleich aufeinander zu stoßen . . .

Da mit einem Mal schrie Enkidu und ward des Schreckens voll,

Denn es schreit der Wächter der Wälder,

Chumbaba wie . . .

[Kurze Lücke. Wohl durch den Schrei des Wächters des Waldes geriet Enkidu erneut in Angst, so dass Gilgamesch ihm mit dem Hinweis auf das, was zwei zusammen leisten können, Mut zusprechen muss:]

»Eine schlüpfrige Wegstelle gefährdet nicht zwei, die einander helfen;

Zwei dreifache . . .

Ein dreifach geflochtenes Seil wird nicht . . .

Des gewaltigen Löwen zwei Junge können ihn fortstoßen.

[Etwa 10 bis 15 Verse fehlen. Enkidu ließ sich von Gilgamesch überreden, nicht umzukehren. Den schlecht erhaltenen Schluss der Tafel darf man vielleicht so herstellen:]

Enkidu tat zum Reden den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:

»Sobald wir hinabgestiegen sein werden in den Zedernwald.

Wollen wir den Baum spalten und abreißen sein Astwerk!«

Gilgamesch tat zum Reden den Mund auf und sprach zu Enkidu:

»Warum, mein Freund, haben wir bisher so kümmerlich. . . ?

Gemeinsam kamen wir hinweg über all die Gebirge.

[ein Vers fehlt]

Mein Freund, der du mit dem Kampf so vertraut bist,

Der die Schlacht . . .

. . . schlugst du so oft, daher fürchtest du nicht den Tod.

. . . wie ein Buhlknabe . . .

Wie eine Kesselpauke ertöne laut deine Stimme!

Es gehe fort der lähmende Schmerz aus deinen Armen

Und es hebe sich weg die Entzündung in deinen Knien!

fass an, mein Freund, dass vereint wir weiterziehen,

Dein Herz soll den Kampf fordern,

Vergiss den Tod, erlahme nicht!

Der an der Seite wacht, der umsichtige Mann,

Der vorangeht, hat sich selbst geschützt, er bewahre nun

auch den Gefährten,

Sobald durch ihren Kampf sie sich einen Namen gemacht haben!«

Zum allzeit grünenden Wald gelangten die beiden;

Sie unterbrachen ihr Reden und standen still.

Fünfte Tafel

Table of Contents

[Ninive-Fassung:]

Still standen sie am Rande des Waldes,

Staunen immer wieder an die Höhe der Zedern,

Staunen zugleich an den Eingang des Waldes.

Wo Chumbaba zu gehen pflegte, war eine Fußspur,

Die Wege sind gerichtet, schön gemacht ist die Bahn.

Sie sehen den Zedernberg, die Wohnstatt der Götter, Irninis Weihesitz.

Angesichts dieses Berges trägt die Zeder ihre Fülle,

Ist ihr Schatten so wonnig, reich an Erquickung.

Ineinander verschlungen war das Dornbuschwerk, verfilzt das Gehölz.

... die Zeder, der Styraxbaum ...

Von einem Graben, eine Meile lang, war umschlossen der Wald,

[mind. 35 Verse fehlen]

Plötzlich die Schwerter...

Und nachdem die Scheiden abgezogen waren ...

Die Äxte waren bestrichen mit Gift ...

Kurze und lange Schwerter...

[2 Verse fehlen]

Chumbaba ...

Er kommt aber nicht ...

[9 Verse fehlen]

Enkidu tat seinen Mund auf und sprach zu Gilgamesch:

»... Chumbaba ...

... einzeln ...

[1 Vers fehlt]

Eine schlüpfrige Wegstelle gefährdet nicht zwei, die einander helfen;

Zwei dreifache ...

Ein dreifach geflochtenes Seil wird nicht ...

Des gewaltigen Löwen zwei Junge können ihn fortstoßen.

[Spätbabylonische Uruk-Fassung:]

[Die Freunde sind nun in den Wald eingedrungen und stehen zum ersten Mal Chumbaba gegenüber.]

Chumbaba tat seinen Mund auf zu reden und sprach zu Gilgamesch:

»Beraten sollen sich da doch, Gilgamesch, der Tölpel (und) der Dummkopf: Warum lieft ihr bis zu mir?

Gib den Rat doch, Enkidu, du Fischsohn, der seinen Vater nicht kennt,

Den Schildkröten, klein groß, die nicht einsaugen konnten die Milch ihrer Mutter!

Schon, als du noch klein warst, blickte ich dich an, trat aber nicht heran an dich;

... in meinem Inneren.

... den Gilgamesch du gelangen ließest bis vor mich.

Bevor du ... mit einem Feind, einem Fremden hintratest,

Hätte ich ..., Gilgamesch, Kehle und Nacken,

Hätte dein Fleisch fressen lassen sollen den Schlangenvogel, den Adler und Geier!«

Gilgamesch tat seinen Mund auf zu reden und sprach zu Enkidu:

»Mein Freund, Chumbabas Gesicht änderte jetzt sein Aussehen,

Er reckte hoch seine Gestalt; wie sollen wir da zu ihm gelangen?

[2 Verse fehlen]

Enkidu tat seinen Mund auf zu reden und sprach zu Gilgamesch:

Warum, mein Freund, klagst du so gar kümmerlich,

Wurde ganz schlaff dein Mund und verstecktest du dich?

Jetzt aber, mein Freund, ist eines ... :

In der Gußrinne des Schmiedes Kupfer ...

Die Aschenglut über eine Meile hin anfachen, das Angefachte über eine Meile hin!

Den Flutsturm zu schicken, die Peitsche fest anfassen!

Zieh nicht weg deine Füße, wende dich nicht rückwärts!

... mach stark deinen Schlag!»

[20-25 Verse fehlen]

... sie seien vertrieben!

... den fernen.

Er schlug den Kopf, ... trat ihm gegenüber hin.

Mit ihren Fußsohlen stampfen sie auf der Erde,

Durch ihr Herumspringen bersten Sirara und Libanon.

Da wurde schwarz das weiß‘ Gewölk,

Der Tod regnet wie Nebel auf sie herab.

Schamasch erweckte gegen Chumbaba große Sturmwinde,

Den Süd(ost)wind, den Nord(west)wind, den (Nord-) Ostwind, den (Süd-) Westwind, den Böenwind,

Den Sturm, den Wildsturm, den bösen Wind, den Simurru-Wind,

Den Asakku-Dämon, den Schüttelfrost, den Sturmwind, den Sandsturm:

Dreizehn Winde erhoben sich gegen ihn und verfinsterten Chumbabas Gesicht.

Er kann nicht nach vorn stoßen, er kann nicht nach hinten laufen.

Auch konnten die Waffen des Gilgamesch den Chumbaba erreichen.

Chumbaba sucht sein Leben (zu retten) und spricht zu Gilgamesch:

»Klein noch warst du, deine Mutter hatte dich geboren,

Und du bist doch der Sprößling des ...,

Auf den Befehl des Schamasch, des Herrn des Gebirges, erhobst du dich,

Du, der aus Uruk Entsprossene, der König Gilgamesch!

[3 Verse fehlen]

Ich will mich für dich hinsetzen, in ...

Bäume, so viele du mir sagen wirst ...

Ich will für dich bewahren den Myrtenbaum ...

Die Hölzer für die würdige Ausstattung deines Palastes!«

Enkidu tat seinen Mund auf zu reden und sprach zu Gilgamesch:

mein Freund, hör nicht auf das, was Chumbaba dir sagt!

[20 Verse fehlen]

»Du weißt Bescheid mit meinem Wald, dem Bescheid ...

Auch kennst du die Anordnungen alle!

Ich hätte dich hochheben sollen, dich töten am Eingang zum Gezweig meines Waldes;

Hätte dein Fleisch fressen lassen sollen den Schlangenvogel, den Adler und Geier!

Jetzt nun, Enkidu, liegt bei dir das Freigeben!

Sprich zu Gilgamesch, daß er das Leben schone!«

Enkidu tat seinen Mund auf zu reden und sprach zu Gilgamesch:

»Mein Freund, Chumbaba ist der Wächter des Zedernwaldes.

Zermalme ihn, töte ihn, zermahle ihn und ...!

Chumbaba, den Wächter des Waldes, zermalme ihn, töte ihn, zermahle ihn und ...!

Bevor es hört der Allererste (der Götter), Enlil ...,

Werden des Zornes gegen uns voll werden die Götter .. .!

Enlil in Nippur, Schamasch in Sippar ...

Errichte einen dauernden ...,

Daß Gilgamesch den Chumbaba erschlug ... !«

Als Chumbaba das hörte, ...

[60 Verse fehlen]

»Auch wurden veranlaßt Anschwärzungen ...

Du sitzest da wie ein Hirt ...

Und wie ein Mietling seines Mundes ...

Jetzt nun, Enkidu, liegt bei dir das Freigeben!

Sprich zu Gilgamesch, daß er das Leben schone!«

Enkidu tat seinen Mund auf zum Reden und sprach zu Gilgamesch:

Mein Freund, Chumbaba ist der Wächter des Zedernwaldes; töte ihn und dann...!

Bevor es hört der Allererste (der Götter), Enlil...,

Werden des Zornes gegen uns voll werden die Götter

Enlil in Nippur, Schamasch in Sippar ...

Daß Gilgamesch den Chumbaba erschlug ...!«

Als Chumbaba das hörte, ...

[25-30 Verse fehlen, in denen Chumbaba die beiden Freunde zu verfluchen beginnt]

»Nicht soll ...!

Nicht gewähre er ein hohes Alter den beiden.

Über seinen Freund Gilgamesch hinaus soll Enkidu kein >Ufer< finden!«

Enkidu tat seinen Mund auf zu reden und sprach zu Gilgamesch:

»Mein Freund, ich rede zu dir, aber du hörst nicht auf mich!

[4 Verse fehlen]

... das Innere bis zur Lunge rissen sie heraus

... springt er.

läßt er plätschern den Kessel.

... der Fülle fiel auf den Berg

... der Fülle fiel auf den Berg.

[30 Verse fehlen]

... die Zeder fällten sie

... >Schlag< ihres Abfallholzes.

Gilgamesch fällt die Bäume, Enkidu durchsucht das Wurzelwerk.

Enkidu tat zum Reden den Mund auf und sprach zu Gilgamesch:

»Mein Freund, gefällt haben wir nun die hochragende Zeder,

Deren Wipfel den Himmel durchstieß!

Zimmere daraus eine Tür, deren Höhe sechs Doppelruten beträgt, der Breite zwei Doppelruten,

Deren Dicke eine Elle; ihre Türstange, ihre untere und obere Türangel werden aus einem Stück (gefertigt).

Nach Nippur bringe man sie, der Euphrat trage sie hinab, Nippur freue sich ihrer!

[1 Vers fehlt]

Sie fügten zusammen ein Floß ...

Enkidu fährt darauf ...

Gilgamesch aber trägt das Haupt des Chumbaba ...

[Altbabylonische Fassung, soweit verständlich:]

Enkidu sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Erschlage den Chumbaba, ...deinen Göttern!

[1 Vers fehlt]

... wirst du Vergeltung an ihm üben!«

Gilgamesch sprach zu ihm, zu Enkidu:

Jetzt werden wir ... veranstalten,

Dann werden die Lichtglanzstrahlen im Dickicht verschwinden;

Lichtglanzstrahlen werden verschwinden und der Strahlenglanz tritt ein in... «

Enkidu sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

Mein Freund, fang den Vogel (zuerst)! Wohin sollen dann seine Küchlein gehen?

Die Lichtglanzstrahlen wollen wir hernach suchen,

Sie werden wie die Küchlein im Gras herumlaufen!

Ihn schlage erneut, dann erschlage seinen Diener mit ihm!«

Es hörte Gilgamesch das Wort seines Gesellen,

Nahm die Axt in seine Hand,

Zog das Schwert aus seinem Gürtel.

Gilgamesch schlug ihn am Hals,

Sein Freund Enkidu packte ihn ...

Beim dritten Schlag fiel er.

Seine verwirrten ... sind totenstill,

Als den Wächter Chumbaba er zu Boden geschlagen hatte.

Auf zwei Doppelstunden ...

Mit ihm hatte Enkidu erschlagen ...

[1 Vers fehlt]

Erschlagen hatte er den Schurken des Waldes;

Vor dessen Gebrüll gebebt hatten Saria und Libanon.

In Furcht gerieten ... die Berge,

...erzitterten alle Gebirge.

Er erschlug den Schurken des Zedernwaldes;

Die zerschlagenen ... sie und erschlugen sieben.

Das Kampfnetz ..., das Schwert von acht Talenten,

Die Last von zehn Talenten nahm er ... den Wald.

Die verborgene Wohnung der Anunnaku öffnete er.

Gilgamesch fällt die Bäume, Enkidu durchgräbt das Wurzelwerk.

Enkidu sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

.... Gilgamesch, erschlage die Zeder!

[Der Rest dieser Tafel ist fast ganz zerstört. Die nächste Tafel fährt fort:]

Mit deiner Kraft allein hast du den Wächter erschlagen.

Was ist es mit deinen Gürtelklammern ...?

Leg hin die hochragende Zeder, die dir nun gehört, deren Wipfel den Himmel erreichte!

Ich will eine Tür zimmern von einer Rute Breite.

Ich suche eine Türangel, am Gewände >gehe< sie!

Eine Elle soll sie dick sein, eindrittel Rute ihre Breite.

Nicht nähere sich ihr ein Fremder, der Gott soll hindurchschreiten!

Zum Tempel des Enlil bringe sie der Euphrat!

Es freue sich über dich Enlil, ...!

jauchze über sie Enlil!

[Auch der Rest dieser Tafel ist zerstört.]

Sechste Tafel

Table of Contents

Seinen Schmutz wusch er ab, reinigte sein Wehrgehäng,

Seinen Haarschopf schüttelt‘ er sich in den Rücken,

Warf die unreinen Kleider ab, zog sich saubre an,

Mit dem Mantel umhüllt‘ er sich, hat den Gürtel um.

Wie Gilgamesch die Königsmütze sich aufgesetzt,

Erhob zu Gilgameschs Schönheit Ihre Augen die fürstliche Ischtar:

»Komm, Gilgamesch! Du sollst mein Gatte sein!

Schenk, o schenke mir deine Fülle!

Du sollst mein Mann sein, ich will dein Weib sein!

Ich will dir bespannen lassen einen Wagen von Gold und Lasurstein,

Mit goldenen Rädern und Hörnern von >Mondstein<!

Mit Stürmen, mit großen Mauleseln soll er bespannt sein!

Unter Zederndüften betritt unser Haus!

Dir sollen beim Eintritt in unser Haus

Türpfosten und Thronsessel die Füße küssen!

Vor dir sollen knien Könige, Vornehme und Fürsten,

Die Lullubäer‘ des Gebirgs und das Land sollen dir Abgaben bringen!

Die Ziegen sollen dir Drillinge werfen, die Schafe Zwillinge!

Dein lastbarer Esel hole das Maultier ein!

Dein Roß vorm Wagen, der feurigste Renner sei‘s!

Dein Rind im Joch habe keins, das ihm gleichkommt!«

Gilgamesch tat seinen Mund zum Reden auf

Und sprach zur fürstlichen Ischtar:

»Was muß ich dir geben, wenn ich dich nehme?

Brauchst du Salbe für den Leib, oder brauchst du Gewänder?

Fehlt es dir etwa an Brot oder Nahrung?

Freilich habe ich götterwürdige Speise,

Habe manchen Trank, der dem Königtum ansteht!

[1 Vers fehlt]

Doch wozu? An der Straße, da sei dein Sitz,

... mit einem Mantel magst du bekleidet sein,

Dann wird dich nehmen, wer immer Lust hat!

Ein Ofen bist du, der das Eis nicht ...

Eine unfertige Türe, die Wind und Blast nicht abhält!

Ein Palast, der niederschmettert den Helden,

Ein Elefant, der da abreißt seine Decke!

Erdpech, das seinen Träger besudelt,

Ein Schlauch, der seinen Träger durchnäßt!

Ein Kalkstein, der die steinerne Mauer sprengt,

Ein Jaspis, der das feindliche Land herbeilockt!

Ein Schuh, der seinen Besitzer kneift!

Welchen deiner Buhlen behältst du für allezeit lieb?

Welche deiner Racken, die ... hinaufgekommen wäre?

Wohlan, deine Liebsten will ich dir nennen!

[1 Vers fehlt]

Dumuzi, deinem Jugendgeliebten —

Ihm hast Jahr für Jahr du zu weinen bestimmt.

Da du die bunte Racke liebtest,

Hast du sie geschlagen, ihr den Flügel zerbrochen,

In den Wäldern weilt sie nun, >Kappi< [= mein Flügel] rufend!

Da den Leu du liebtest, den kraftvollkommenen,

Grubst du ihm Gruben, sieben und abermals sieben.

Da du liebtest das schlachtenfromme Roß,

Hast ihm Peitsche du, Stachel und Peitschenschnur bestimmt,

Sieben Doppelstunden zu rennen bestimmt,

Aufgewühltes zu saufen bestimmt,

Seiner Mutter Silili zu weinen bestimmt!

Da du den Hirten, den Hüter liebtest,

Der ständig dir Aschenkuchen geschichtet,

Täglich dir Zicklein geschlachtet hatte,

Hast du ihn geschlagen, in einen Wolf verwandelt:

Die eigenen Hirtenknaben verjagen ihn nun,

Und seine Hunde beißen ihn in die Schenkel.

Da du liebtest Ischullânu, deines Vaters Palmgärtner,

Der ständig dir Körbe voll Datteln brachte,

Täglich prangen ließ deinen Tisch —

Erhobst du zu ihm die Augen, gingst hin zu ihm:

,Mein Ischullânu, ach, genießen wir deine Kraft!

Und deine Hand sei ausgestreckt, faß an unsere Blöße!<

Ischullânu redete zu dir:

>Was verlangst du eigentlich da von mir?

Buk nicht meine Mutter? Hab ich nicht gegessen?

Daß ich nun essen müßte mein Brot unter Beschimpfungen und Flüchen,

Daß Halfagras nur meine Bedeckung wäre gegen die Kälte?<

Da du nun diese seine Rede hörtest,

Hast du ihn geschlagen, in einen Verkümmerten verwandelt,

Auch ließest du ihn wohnen inmitten von Mühsal.

Nicht sind oben ..., nicht liegt unten sein Schöpfeimer

Und liebst du mich, so machst du mich jenen gleich!«

Ischtar — kaum daß sie dieses hörte,

War sie, Ischtar, sehr zornig, stieg empor zum Himmel,

Es ging Ischtar hin, weint vor Anu, ihrem Vater.

Vor Antum, ihrer Mutter, fließen ihre Tränen:

»Mein Vater! Gilgamesch hat mich sehr beschimpft!

Beschimpfungen gegen mich reihte er aneinander,

Beschimpfungen und Flüche gegen mich!«

Anu tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zur fürstlichen Ischtar:

»Wohl reiztest du selber den König von Uruk,

Darum reihte Gilgamesch Beschimpfungen gegen dich aneinander,

Beschimpfungen und Flüche gegen dich!«

Ischtar tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zu Anu, ihrem Vater:

»Mein Vater! Schaff mir den Himmelsstier,

Daß er Gilgamesch töte in seinem Hause!

Schaffst du mir aber den Himmelsstier nicht,

So zerschlag ich die Türen der Unterwelt,

Zerschmeiß ich die Pfosten, laß die Tore weit offenstehn,

Laß ich auferstehn die Toten, daß sie fressen die Lebenden,

Der Toten werden mehr sein denn der Lebendigen!«

Anu tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zur fürstlichen Ischtar:

»Wenn du den Himmelsstier von mir verlangst,

Wird es für Uruk sieben Spreujahre geben.

Dann muß ich für die Menschen Korn sammeln,

Wachsen lassen viel Gras für das Vieh!«

Ischtar tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zu Anu, ihrem Vater:

»Vater, ich häufte Korn für die Menschen auf,

Gras für das Vieh hab ich auch beschafft!

Daß sie satt in den sieben Spreujahren werden,

Hab für die Menschen ich Korn gesammelt,

Wachsen lassen viel Gras für das Vieh.«

Als nun Anu der Ischtar Rede hörte,

Legte er des Himmelsstiers Leitseil in ihre Hand.

Hinab zur Erde führt‘ ihn jetzt Ischtar.

Als nun der Himmelsstier nach Uruk gelangte,

[1 Vers fehlt]

Stieg er hinunter zum Euphratfluß,

Durch das Schnauben des Himmelsstiers wurde eine Grube geöffnet:

Einhundert Männer von Uruk fielen in sie hinein.

Durch sein zweites Schnauben wurde eine Grube geöffnet:

Zweihundert Männer von Uruk fielen in sie hinein.

Durch sein drittes Schnauben wurde eine Grube geöffnet,

Und nun fiel Enkidu bis zu seiner Hüfte in sie hinein.

Herauf aus ihr sprang Enkidu, packte am Horn den Himmelsstier.

Der Himmelsstier warf nach vorn den Geifer aus,

Mit des Schweifes Dicke schleuderte er seinen Mist.

Enkidu tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zu Gilgamesch:

»Wir rühmten uns, Freund,

... Wie sollen wir antworten ...?

Ich sah, mein Freund, ...

[1 Vers fehlt]

Ich will ausreißen ...

Ich und du, wir müssen uns teilen:

Packen will ich den Stier am Schweif

[2 Verse fehlen]

Zwischen Nacken, Hörnern und ... soll ihn treffen dein Schwert.«

Es jagte Enkidu, zu greifen den Himmelsstier,

Da packte er ihn am Schweife fest,

Enkidu hält ihn mit beiden Händen,

Und Gilgamesch, wie ein kundiger Schlachter,

Stark und sicher trifft er den Himmelsstier,

Zwischen Nacken, Hörnern und ... mit seinem Schwert ...

Da sie getötet den Himmelsstier, sein Inneres ausgeweidet,

Legten sie vor Schamasch ihn nieder.

Sie traten zurück, voll Ehrfurcht vor Schamasch sich beugend;

Dann setzten sich beide Brüder. —

Auf stieg Ischtar auf Uruk-Garts Mauer,

Sie sprang auf ..., stieß ein Wehgeschrei aus:

»Weh über Gilgamesch, der mich beschmäht hat!

Den Himmelsstier erschlug er!«

Da Enkidu diese Rede der Ischtar hörte,

Riß er des Himmelsstiers Keule aus und warf sie ihr hin:

»Kriegte ich dich, auch dir tät‘ ich wie diesem! Sein Geweide hängt‘ ich an deinen Arm!«

Es scharte Ischtar die Dirnen um sich,

Die Huren und Priesterinnen:~

Über der Keule des Himmelsstiers hebt sie ein Klagen an.

Aber Gilgamesch rief die Meister, alle die Waffenschmiede,

Es rühmten die Meisterssöhne der Hörner Umfang.

Aus dreißig Pfund Lasurrstein sind sie gebildet,

Zwei Zoll beträgt ihrer Schalen Dicke. —

Sechs Kor [= 1’500 L] Öl, den Inhalt der beiden,

Schenkt‘ er als Salbe seinem Schutzgott Lugalbanda;

Erhängte sie hinein ins Schlafgemach des Hausherren.

Im Euphrat wuschen sie sich die Hände,

Sie faßten einander und zogen dahin,

Fahrend auf der Straße von Uruk.

Sie zu schauen, scharen sich Uruks Leute.

Gilgamesch spricht zu den Dienerinnen seines Palastes die Worte:

»Wer ist der herrlichste unter den Mannen?

Wer ist der gewaltigste unter den Helden?

Gilgamesch ist der herrlichste unter den Mannen!

Gilgamesch ist der gewaltigste unter den Helden!

Sie, der wir des Himmelsstiers Keule hinwarfen in unserem Grimm,

Ischtar ... hat auf der Straße niemand, der ihr Herz erfreut!

...!«

Gilgamesch hat in seinem Palast ein Freudenfest gefeiert —

Nun schlafen die Mannen, auf dem Nachtlager ruhend;

Auch Enkidu schläft und sieht einen Traum.

Da fuhr Enkidu auf, erzählt den Traum,

Und spricht zu seinem Freunde:

Siebte Tafel

Table of Contents

»Mein Freund, weshalb nur ratschlagen die großen Götter?

[Stück aus der hethitischen Fassung]

Vernimm, welch einen Traum heute nacht ich gesehen:

Anu, Enlil, Ea und der himmlische Schamasch

Hielten Rat; zu Enlil sprach Anu:

>Dafür, daß sie getötet den Himmelsstier,

Auch den Chumbaba getötet haben,

Soll<, sprach Anu, >von ihnen sterben

Der, der den Bergen die Zeder entrissen!<

Enlil aber sprach: >Enkidu soll sterben,

Gilgamesch aber soll nicht sterben.<

Nun widersprach der himmlische Schamasch dem Helden Enlil:

>Haben sie nicht auf mein Geheiß

Den Himmelsstier und Chumbaba getötet?

Und nun soll Enkidu unschuldig sterben?<

Aber Enlil erzürnte sich gegen den himmlischen Schamasch:

>Weil du täglich zu ihnen wie ihresgleichen hinabgingst!<

Enkidu lag (krank) darnieder vor Gilgamesch.

Dem brachen da die Tränen in Strömen hervor:

»Bruder, lieber Bruder! warum sprechen sie mich frei anstatt meines Bruders?«

Sodann: »Werd ich mich nun zu einem Totengeist

Setzen müssen, zur Totengeisttür?

Meinen lieben Bruder nimmermehr sehen mit meinen Augen?«

[Lücke]

[jüngere Fassung]

Enkidu hob die Augen auf,

Mit der Türe spricht er als wie mit einem Menschen:

»Du Türe aus dem Forst, du unvernünftige...:

Ohne den Verstand, der nicht vorhanden ist, ...

Auf zwanzig Doppelstunden ersah ich das gute Holz für dich!

Bis daß ich die hohe Zeder gesehen . .

War dein Holz ohnegleichen in meinen Augen.

Sechsmal zwölf Ellen beträgt deine Höhe,

Zweimal zwölf Ellen beträgt deine Breite;

Türstange, Polschuh und Stangenknopf bei dir sind

Ich zimmerte dich, ich hob dich auf, in Nippur.

Hätt‘ ich, o Türe, gewußt, daß dies deine Schönheit,

Und dies deines Holzes Schönheit war,

Erhoben hätt‘ ich ein Beil, es gehandhabt,

Fügen lassen ein Floß

[ca. 12 Verse fehlen]

Doch jetzt, o Türe: Ich zimmerte dich, ich hob dich auf, ... Nippur.

Entweder mag ein König, der nach mir aufkommt, dich, >wecken<,

Oder mag der Gott ... dich ...

Er mag meinen Namen beseitigen und seinen Namen einsetzen!«

Er riß aus...,warf... hin.

Auf seine Worte hört‘ er hin, eilends gar früh... te er ihn.

Gilgamesch hört hin auf die Worte seines Freundes Enkidu, und es fließen seine Tränen.

Gilgamesch tat zum Reden den Mund auf, sagt und spricht zu Enkidu:

>Es schenkte dir der Gott ... ein weites Herz, zuverlässige Rede;

Er gab dir, Vernunft zu haben, und doch gar Seltsames redest du!

Warum, mein Freund, sprach dein Herz so seltsame Dinge?

Der Traum war doch sehr kostbar, des Schreckens aber auch viel!

[ein Vers fehlt]

...waren viel, der Traum war kostbar:

Dem Lebenden überließen die Götter das Klagen!

Der Traum überließ dem Überlebenden die Klage!

Ich will beten und die großen Götter anflehen!

Ich will stets ... suchen, zu deinem Gott beten!

... Enlil, Vater der Götter, ...

[ein Vers fehlt]

Aus Gold in unendlicher Menge will ich dein Bildnis fertigen!

... bekümmere dich nicht! Das Gold ...

Was Enlil sagte, ist nicht wie ...

Was er sagte, ging nicht zurück, nicht ...

Was er... legte, ging nicht zurück, nicht ...

Mein Freund, ...

Die ... der Geschicke gehen zu den Menschen!

Kaum, daß ein Schimmer des Morgens graute,

Erhob Enkidu sein Haupt und weint vor Schamasch,

Vor dem Glanz des Schamasch fließen seine Tränen.

»Ich rief dich an, Schamasch, wegen meines kostbaren Lebens,

Ich wandte mich an dich, Schamasch, wegen des Jägers, des gewalttätigen Menschen,

Der mir nicht Gleiches zukommen ließ wie meinem Gefährten.

Der Jäger erreiche nicht, was seinen Gefährten zuteil ward!

Vernichte seinen Gewinn, mindere seine Kräfte!

Daß man ihn fortiage, sei sein Anteil vor dir!

In... soll er nicht eintreten können, durch die Fenster hinausgehen müssen!«

Als er den Jäger verflucht hatte nach Herzenslust,

Trieb es ihn, auch die Dirne zu verfluchen.

»Wohlan, Dirne, die Geschicke will ich dir bestimmen,

Ein Schicksal, das kein Ende nimmt für der Ewigkeit Dauer!

Ich will dich verwünschen mit großer Verwünschung,

Eilends früh stehe auf meine Verwünschung wider dich!

Nicht sollst du einrichten dürfen ein Haus, in dem du Frau bist,

Auf daß du nicht lieben kannst ein Kind deines Leibes!

Nicht sollst du wohnen im... der Mädchen!

Deinen guten Schoß soll . . . schwängern!

Dein Festgewand soll der Trunkene mit Gespei besudeln!

[ein Vers fehlt]

Als ... bleibe dir nur der Lehmklumpen des Töpfers!

Vom glänzenden Alabastron sollst du nichts bekommen!

..., das den Menschen Fülle bringt, soll in deinem Hause nicht aufbewahrt werden!

Als Frauenlager diene dir der Türdurchgang!

Der Kreuzweg sei dein Wohnsitz,

Wüste Gegenden dein Lager!

Der Schatten der Mauer sei dein Aufenthalt,

Stachelkraut und Dornen sollen deine Füße wund stechen!

Auf die Backe soll der Trunkne dich und der Durstige schlagen!«

Auf deiner Reise soll der Löwe gegen dich brüllen!

Deine Wand soll der Baumeister nicht verputzen!

... niste das Käuzchen,

... kein Gastmahl finde statt!

[fünf Verse fehlen]

... weil du gegen mich gepißt hast!«

Da Schamasch die Rede seines Mundes hörte,

Rief er alsbald ihn vom Himmel aus an:

»Warum, Enkidu, verfluchst du die Dirne, die Priesterin?

Die dich götterwürdige Speisen essen ließ,

Mit feinstem Bier, wie es Königen ansteht, dich tränkte?

Mit vornehmer Kleidung dich kleidete,

Und Gilgamesch dir, den herrlichen, als Gesellen zu eigen gab?

Jetzt, Freund, ist Gilgamesch gar dein leiblicher Bruder!

Er läßt dich ruhen auf vornehmem Lager,

Ja, auf einem Ehrenlager dich ruhen,

Auf einem Sitz des Friedens, einem Sitz zur Linken läßt er dich hinsitzen,

Daß die Herrscher der Erde die Füße dir küssen.

Weinen läßt er um dich die Leute von Uruk und klagen,

Wohlgestellte Leute erfüllt er mit Gram um dich;

Er selbst läßt, bleibt er nach dir, schmutzbedeckt seinen Leib,

Tut eine Löwenhaut an und läuft in die Steppe.

«Da Enkidu Schamaschs, des Helden, Rede vernommen,

Ward alsbald sein zorniges Herz besänftigt.

»Wohlan, Dirne, die Geschicke will ich dir bestimmen,

Mein Mund, der dich eben verfluchte, soll nun dich segnen!

Statthalter und Fürsten sollen dich lieben;

Wer eine Doppelstunde ging, soll den Schenkel sich schlagen,

Wer zwei Doppelstunden ging, soll sein Haupthaar schütteln!

Nicht versage sich dir der Hauptmann, er löse für dich seinen Gürtel,

Er gebe dir Obsidian, Lasurstein und Gold!

Einen Scheibchenring lege er an an deine Ohren!

Für. .. sind gefüllt seine Kohlebecken, seine Vorräte eingebracht.

In das ... der Götter soll er dich hineinbringen,

Die Gattin, die Mutter von sieben Kindern,

Soll deinethalben verlassen werden!«

Enkidu grämte sich ab in seinem Gemüt,

Während er so lange einsam dalag.

Wie es ihm zumute war, sagte er dem Freund und sprach zu ihm:

»Mein Freund, ich sah einen Traum heute nacht:

Der Himmel schrie, die Erde gab Antwort.

Zwischen ihnen stand ich.

Da erschien ein Mann mit düsterem Antlitz,

Dem Anzû-Vogel glich sein Antlitz,

Eine Löwentatze war seine Tatze,

Adlerklauen waren seine Klauen.

Er packte mich an meinem Schopf und überwältigte mich.

Ich schlug ihn, da sprang er auf und ab gleich einem Springseil [=Symbol der Ischtar].

Er schlug mich und wie ein.., drückte er mich hinunter.

Wie ein Wildstier trampelte er mich nieder,

Er umklammerte meinen ganzen Leib.

>Rette mich, mein Freund< (rief ich), aber du halfst mir nicht,

Du hattest Angst und ... nicht ...

[4 Verse fehlen]

Da hat er mich ganz und gar in eine Taube verwandelt,

Daß mir die Arme wie Vögeln befiedert sind.

Er faßt mich an, führt mich zum Hause der Finsternis, der Wohnung Irkallas,

Zum Hause, das nicht verläßt, der‘s betreten,

Zur Straße hin, deren Bahn nicht umkehrt,

Zum Haus, darin wohnend man des Lichts entraten muß,

Wo Erdstaub die Nahrung ist, Lehm die Speise,

Man Flügelgewänder trägt wie Vögel

Und Licht nicht sieht, im Dunkeln sitzt.

Auf Tür und Riegel liegt der Staub.

Wo ich eingetreten, im Hause des Erdstaubs,

Liegen am Boden die Königsmützen,

Die Fürsten, die Träger von Königsmützen,

Die seit der Vorzeit das Land beherrschten,

Die Stellvertreter von Anu und Enlil —

Sie tragen auf gebratenes Fleisch,

Tragen Gebäck auf, kredenzen aus Schläuchen kühles Wasser.

Wo ich eingetreten im Hause des Erdstaubs,

Wohnen Hohepriester und Opferhelfer,

Wohnen Reinigungspriester, Geweihte,

Wohnen die gesalbten Priester der großen Götter,

Wohnt Etana‘, wohnt Sumukan“,

Wohnt Ereschkigal, die Königin der Erde‘:

Beletßêri, die Schreiberin der Erde, kniet vor ihr,

Sie hält eine Schreibtafel und liest ihr vor.

Sie wandte ihr Haupt und erblickte mich —

Da nahm sie diesen ... hinweg.«

[50 Verse fehlen]

»Der mit mir durch alle Beschwernisse zog,

Gedenke an alles, was ich durchwanderte all die Jahre!

Mein Freund sah einen Traum, der Ungutes weissagt.«

Der Tag, da den Traum er sah, war zu Ende.

Da liegt nun Enkidu einen Tag, einen zweiten Tag;

Es sitzt der Tod in Enkidus Schlafgemach.

Einen dritten Tag und einen vierten Tag

Sitzt der Tod in Enkidus Schlafgemach,

Einen fünften, sechsten und siebenten,

Einen achten, neunten und zehnten.

Enkidus Krankheit wird schlimmer und schlimmer.

Einen elften und zwölften Tag liegt er da, Enkidu liegt auf dem Lager des Todes.

Da rief er Gilgamesch und sprach zu ihm:

»Mich hat, mein Freund, verwünscht eine böse Verwünschung!

Nicht wie jemand mitten im Streite fällt, sterb ich,

Mich schreckte die Schlacht, so sterb ich ruhmlos.

Mein Freund, wer da fällt in der Schlacht, ist glücklich,

Ich aber dulde Schmach im Sterben.«

Achte Tafel

Table of Contents

Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute,

Tat Gilgamesch den Mund auf und sprach zu seinem Freund:

»Enkidu, mein Freund, deine Mutter, die Gazelle,

Dein Vater, der Wildesel, haben dich gezeugt.

Vier Wildesel mit ihrer Milch haben dich aufgezogen,

Und das Getier zeigte dir alle Weidestätten.

Die Wege Enkidus führten bis zum Zedernwald,

Sie mögen weinen über dich und nicht schweigen Tag und Nacht!

Weinen mögen über dich die Ältesten des weiten Uruk-Gart,

Alles Volk, das betet nach unserem Tode, weine über dich!

Weinen mögen über dich die Männer der Berge, des Gebirges!

[Text im Folgenden (wo Auslassungspunkte) ungewiss,

von schlecht erhaltenen, fehlerhaft geschriebenen Schülertafeln]

... lege ich mich hin.

Klagen mögen die Fluren wie deine Mutter!

Weinen möge über dich der Wald, die Zypresse und die Zeder!

..., die wir verwüsteten in, unserem Grimm!

Weinen möge über dich Bär, Hyäne, Tiger, Wisent, Parder,

Löwe, Wildstier, Hirsch, Steinbock, alles Getier des Feldes!

Weinen möge über dich der heilige Ulai-Fluß, an dessen Ufer wir stolz einhergingen!

Weinen möge über dich der reine Euphrat-Fluß,

An dem wir so oft opferten (klares) Schlauchwasser!

Weinen mögen über dich die Männer des weiten Uruk-Gart,

Die wir im Kampf sahen, als wir den Himmelsstier töteten.

Weinen möge über dich der Landmann wegen der Löwen,

Der im frohen Arbeitslied deinen Namen erhob!

Weinen möge über dich ... der weiten Stadt, der ...,

Der im ersten ... deinen Namen erhob.

Weinen möge über dich der Hirte, der...

Butter und Leichtbier recht bereitete für deinen Mund.

Weinen möge über dich ...

... trug auf auf deinen .. die Butter.

Weinen möge über dich

stellte hin feines Bier für deinen Mund.

Weinen möge über dich die Dirne ...

... mit Öl salbtest du dich, (und) es gefiel dir.

Weinen möge über dich ...

Im Sippenhaus des Gatten einen Ring gab man dir.

Weinen möge über dich ...

Die Brüder mögen weinen über dich wie Schwestern!

Deine ... seien Klagepriester. .

Ausgerauft seien ihre Haare über dir!

... Enkidu, deine Mutter und dein Vater sind in ihrer Steppe,

Ich weine über dich ...

Hört mich, ihr Ältesten von Uruk, ihr Männer hört mich an!

Um Enkidu weine ich, um meinen Freund,

Wie ein Klageweib bitterlich klagend!

Du Axt an meiner Seite, so verläßlich in meiner Hand!

Du Schwert an meinem Gurt, du Schild, der vor mir ist!

Du mein Festgewand, du Gurt für meine Kraftfülle!

Ein böser Dämon stand auf und nahm ihn mir weg!

Mein Freund, du flüchtiger Maulesel, Wildesel des Gebirges, Panther der Steppe!

Enkidu, mein Freund, du flüchtiger Maulesel, Wildesel des Gebirges, Panther der Steppe!

Nachdem wir, alles gemeinsam verrichtend, den Berg erstiegen,

Den Himmelsstier packten und töteten,

Auch den Chumbaba umbrachten, der da wohnte im Zedernwald — !

Was ist das nun für ein Schlaf, der dich gepackt hat?

Du wurdest umdüstert und hörst mich nicht mehr!«

Der aber schlägt die Augen nicht auf,

Und da er nach seinem Herzen faßte, schlug es nicht mehr!

Nun, da er dem Freund gleich einer Braut das Gesicht verhüllt hat,

Springt er über ihm umher wie ein Adler,

Wie eine Löwin, die ihrer Jungen beraubt ist.

Er wendet sich immer wieder vorwärts und rückwärts,

Rauft sich das gelockte Haar, schüttet es zu Boden,

Reißt seine schönen Kleider ab und wirft sie hin wie etwas Unberührbares.

Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute,

Ließ Gilgamesch über das Land den Ruf ausgehen:

»Du Schmied, Edelsteinschleifer, Kupferformer, Goldschmied, Ziseleur,

Bilde meinen Freund, schaffe sein Bildnis!«

Da schuf der.., ein Bildnis seines Freundes,

Von seinen Gliedmaßen ...

»... von Lasurstein sei deine Brust, von Gold dein Leib!«

[ca. 25 Verse fehlen]

»Ich lasse dich ruhen auf vornehmem Lager,

Ja auf einem Ehrenlager dich ruhn,

Auf einem Sitz des Friedens, einem Sitz zur Linken, lasse ich dich hinsetzen,

Daß die Herrscher der Erde die Füße dir küssen.

Weinen laß ich um dich die Leute von Uruk und klagen,

Wohlgestellte Leute erfüll ich mit Gram um dich;

Ich selbst laß schmutzbedeckt meinen Leib nach dir,

Tu eine Löwenhaut um und lauf in die Steppe.«

[137 Versen fehlen]

Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute,

Ließ er einen großen Tisch von Elammakku hinaustun,

Von Karneol eine Schale füllt‘ er mit Honig,

Von Lasurstein eine Schale füllt‘ er mit Butter an.

Mit . . . stattete er aus und ließ es den Schamasch sehen.

[Von der weggebrochenen Tafel fehlen 30 bis 50 Verse]

Neunte Tafel

Table of Contents

Gilgamesch — um Enkidu, seinen Freund,

Weint er bitterlich, läuft herum in der Steppe:

»Werd ich nicht, sterbe ich, ebenso sein wie Enkidu?

Harm hielt Einzug in meinem Gemüte,

Todesfurcht überkam mich, nun lauf ich herum in der Steppe;

Zu Utnapischtim hin, dem Sohn Ubara-Tutus,

Hab den Weg ich genommen, zieh eilig dahin.

Zu den Pässen des Berges gelangt‘ ich des Nachts.

Löwen sah ich und fürchtete mich,

Hob empor mein Haupt, betend zu Sin,

An die Größte unter den Göttern ergeht mein Flehn:

> ... laß heil mich bleiben in dieser Gefahr!<«

Nachts schlief er ein; von einem Traum schreckt‘ er auf:

Ein ..., er freute sich des Lebens.

Er nahm eine Axt an seine Seite,

Zog das Schwert aus seinem Gürtel.

Unter sie stürzte er wie ein Pfeil,

Hieb auf sie drein und zerstreute sie.

[32 Verse fehlen]

[Gilgamesch kommt zu einem Berge:]

Des Berges Benennung ist Mâschu.

Sowie er zum Berge Mâschu gelangt war: —

Die täglich Auszug und Einzug bewachen,

Über die nur die Himmelshalde hinwegragt,

Denen unten die Brust an den Höllengrund stößt —

Skorpionmenschen halten am Bergtor Wacht,

Deren Furchtbarkeit ungeheuer ist, deren Anblick Tod ist,

Deren großer Schreckensglanz Berge überhüllt,

Die beim Auszug und Einzug der Sonne die Sonne bewachen —

Da Gilgameschdiese sah, überdeckte er mit Furchtbarkeit und Schreckensglanz sein Angesicht.

Er faßte sich und neigte sich vor ihnen.

Der Skorpionmensch ruft seinem Weibe zu:

»Der zu uns da gekommen — sein Leib ist Götterfleisch!«

Das Weib des Skorpionmenschen antwortet ihm:

»Zwei Teile sind Gott an ihm — Mensch ist sein dritter Teil!«

Der Skorpionmensch, das Mannsbild, ruft,

Zum Sprößling der Götter sagt er die Worte:

»Weshalb zogst du so fernen Weges,

Kamst du hierher, bis vor mich hin,

Quertest du mühsam zu querende Ströme?

Gerne wüßt‘ ich, worum es dir geht.«

[28 Versen fehlen]

[Gilgamesch antwortet:]

»Um Utnapischtims, meines Ahnen willen...!

Der trat in die Götterschar, bekam geschenkt das Leben —

Nach Tod und Leben will ich ihn fragen!«

Der Skorpionmensch tat den Mund auf

Und sprach zu Gilgamesch:

»Nicht gab es, Gilgamesch, Menschen, die‘s konnten!

Des Berges Inneres hat niemand durchschritten,

Auf zwölf Doppelstunden ist finster sein Inneres!

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da!

Zum Sonnenaufgang lenkt sich der Weg,

Zum Sonnenuntergang ...

[69 Versen fehlen]

Unter Klagen ...

In Nässe und Sonnenglut ...

Unter Seufzen-...

Jetzt . . . «

Der Skorpionmensch tat den Mund auf,

Zu Gilgamesch sprach er die Worte

»Zieh hin, Gilgamesch, fürchte dich nicht!

Die Berge von Mâschu geb ich dir frei,

Die Berge, die Gebirge durchschreite getrost!

Heil mögen heim deine Füße dich bringen!«

[1 Vers fehlt]

Kaum hatte Gilgamesch dies vernommen,

Als des Skorpionmenschen Wort er befolgte,

Auf dem Wege des Schamasch trat er ins Bergtor ein.

Als er eine Doppelstunde weit gedrungen:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er zwei Doppelstunden weit gedrungen:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er drei Doppelstunden weit gedrungen:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er vier Doppelstunden weit gedrungen:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er fünf Doppelstunden weit gedrungen:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er sechs Doppelstunden weit gedrungen:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er sieben Doppelstunden weit gedrungen:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er acht Doppelstunden weit gedrungen, schreit er auf:

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er neun Doppelstunden weit gedrungen, spürt er den Nordwind,

... es lächelt sein Antlitz.

Dicht ist die Finsternis, kein Licht ist da,

Nicht ist ihm vergönnt zu sehen, was hinten liegt.

Als er zehn Doppelstunden weit gedrungen,

Da ist nahe der Ausgang ...

[1 Vers fehlt]

Als er elf Doppelstundenweit gedrungen, kommt er heraus vor Sonnenaufgang.

Als er zwölf Doppelstunden weit gedrungen, herrscht die Helle.

Er strebt, die Edelsteinbäume zu sehen:

Der Karneol, er trägt seine Frucht,

Eine Traube hängt dran, zum Anschauen geputzt.

Der Lasurstein trägt Laubwerk,

Auch trägt er Frucht, lustig anzusehn.

Zehnte Tafel

Table of Contents

Der Schenkin Siduri, die da wohnt in des Meeres Abgeschiedenheit,

Sie wohnt und ...

Hat man gemacht einen Krug, gemacht einen goldenen Maischbottich,

Mit Hüllen ist sie umhüllt...

Gilgamesch ward umhergetrieben und kam daher.

Mit einem Felle ist er bekleidet ...,

Götterfleisch hat er ...,

Harm ist da in seinem Gemüte,

Einem Wanderer ferner Wege gleicht sein Antlitz.

Die Schenkin schaut in die Ferne aus,

Mit ihrem Herzen sich beredend, sagte sie die Worte,

Ja, mit sich selber ging sie zu Rate:

»Vielleicht ist dieser ein Mörder...

Irgendwohin geht er ...!«

Da die Schenkin ihn gesehen, riegelte sie die Türe zu,

Ihr Tor riegelte sie zu, riegelte zu den Riegel.

Er aber, Gilgamesch, hatte acht auf ihre Stimme,

Hob empor sein Kinn, richtete den Blick auf sie;

Gilgamesch sprach zu ihr, zur Schenkin:

»Schenkin, was sahst du, daß deine Türe du verriegeltest?

Dein Tor verriegeltest, verriegeltest den Riegel?

Die Türe zerschlag ich, zerbreche den Riegel!«

[Das Folgende stammt aus einer altbabylonischen Tafel]

»In ihre Felle kleidet er sich, ißt rohes Fleisch,

In die Brunnen, Gilgamesch, die nie zuvor vorhanden waren,

Wird, wenn du es sagst, mein Wind das Wasser treiben!«

Schamasch betrübte sich, machte sich auf zu ihm

Und sprach zu Gilgamesch:

«Gilgamesch, wohin läufst du?

Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden!«

Gilgamesch sprach zu ihm, zu Schamasch, dem Helden:

»Ward seit dem Laufen und Rennen über die Steppe hin

Auf der Erde des Ausruhens viel?

Und doch schlief ich alle die Jahre!

Möge mein Auge die Sonne erblicken, ich am Licht mich ersättigen!

Ist die Finsternis fern, wieviel Helligkeit ist da?

Wann könnte ein Toter den Sonnenglanz sehen?«

[zurück zum jüngeren Epos:]

Gilgamesch sprach zu ihr, zur Schenkin:

»Ich packte den Stier, der vom Himmel herabkam, erschlug ihn;

Ich habe den Wächter des Forstes erschlagen,

Chumbaba umgebracht, der im Zedernwald wohnt,

In den Pässen der Berge Löwen getötet.«

Die Schenkin sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Wenn du Gilgamesch bist, so den Wächter erschlagen,

Chumbaba umgebracht, der im Zedernwald wohnt,

In den Pässen der Berge Löwen getötet,

Gepackt und erschlagen den Stier, der vom Himmel herabkam —

Warum sind denn abgezehrt deine Wangen, gebeugt dein Antlitz, Ist unfroh dein Herz, verlebt deine Züge,

Ist Harm in deinem Gemüte da,

Gleicht einem Wanderer ferner Wege dein Antlitz,

Ist von Nässe und Sonnenglut dein Antlitz versengt,

... und läufst in die Steppe?«

Gilgamesch sprach zu ihr, zur Schenkin:

»Mein Freund, den ich über die Maßen liebte,

Der mit mir durch alle Beschwernisse zog;

Enkidu, den ich über die Maßen liebte,

Der mit mir durch alle Beschwernisse zog —

Er ging dahin zur Bestimmung der Menschheit.

Um ihn hab ich Tag und Nacht geweint,

Ich gab nicht zu, daß man ihn begrübe —

Ob mein Freund nicht doch aufstünde von meinem Geschrei —

Sechs Tage und sieben Nächte,

Bis daß der Wurm sein Gesicht befiel.

Seit er dahin ist, fand ich das Leben nicht,

Strich umher wie ein Räuber inmitten der Steppe.

Nun, Schenkin, hab ich dein Antlitz erblickt —

Möchte ich den Tod, den ich so fürchte, nicht ersehen!«

Die Schenkin sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Gilgamesch, wohin läufst du?

Das Leben, das du suchst, wirst du sicher nicht finden!

Als die Götter die Menschheit erschufen,

Teilten den Tod sie der Menschheit zu,

Nahmen das Leben für sich in die Hand.

Du, Gilgamesch — dein Bauch sei voll,

Ergötzen magst du dichTag und Nacht!

Feiere täglich ein Freudenfest!

Tanz und spiel bei Tag und Nacht!

Deine Kleidung sei rein, gewaschen dein Haupt, Mit Wasser sollst du gebadet sein!

Schau den Kleinen an deiner Hand,

Die Gattin freu‘ sich auf deinem Schoß!

Solcher Art ist das Werk der Menschen!«

[einige Verse fehlen]

Gilgamesch sprach zu ihr, zur Schenkin:

»Nun, Schenkin, wie ist der Weg zu Utnapischtim?

Was ist sein Merkmal? Gib mir, ja gib mir sein Merkmal!

Wenn‘s möglich ist, will ich das Meer überqueren,

Wenn‘s unmöglich ist, durch die Steppe laufen!«

[entsprechend sind altbabylonischen Verse:]

»Was, meine Schenkin, sagst du ...?

Um meinen Freund ist mein Herz bekümmert gar sehr!

Was, meine Schenkin, sagst du ...?

Um Enkidu ist mein Herz bekümmert gar sehr.

Du wohnst, meine Schenkin, am Gestade des Meeres,

Daher weißt du Bescheid, dein Herz umfaßt alles.

Wohin ich gehen soll, weise mir...!

Wenn es möglich ist, will ich das Meer überschreiten!«

Die Schenkin sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Nicht gab es, Gilgamesch, je eine Übergangsstelle,

Und niemand, der seit vergangenen Zeiten herkommt, geht übers Meer.

Meerüberschreiter ist nur Schamasch, der Held;

Wer geht außer Schamasch hinüber?

Mühe schafft der Ubergangsort, mühselig ist der Weg dahin,

Und dazwischen liegt das Gewässer des Todes, das unzugänglich ist!

Irgendwo einmal, Gilgamesch, überschrittest du das Meer.

Kommst du aber zum Wasser desTodes — was willst du tun?

Gilgamesch, da ist Urschanabi, Utnapischtims Schiffer!

Dem gehören die Steinernen; drinnen im Walde sammelt er Warane.

Geh hin, daß er dein Angesicht schaue!

Wenn‘s möglich ist, fahr über mit ihm,

Wenn‘s nicht möglich ist, weiche hinter dich!«

Kaum hatte Gilgamesch dies gehört,

Da nahm er die Axt auf in seine Hand.

Zückte das Schwert an seiner Seite,

Schlüpfte hinein, stieg hinab zu ihnen,

Unter sie stürzte er wie ein Pfeil,

Inmitten des Waldes läßt er die Stimme erdröhnen,

Es sah ihn Urschanabi, den helläugigen ..., den Mann.

Er hörte die Axt, lief hinzu und ...

Dann schlug er den Kopf des ...

Packte seine Hand und ...

Und die Steinernen hielt er zurück ...

[2 Verse fehlen]

In seinem Zorne« zerschmetterte er sie.

Er kehrte um, zu ihm hinzutreten,

Urschanabi sieht in seine Augen.

Urschanabi sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Wer du mit Namen seist, sage mir!

Ich bin Urschanabi, im Dienst des fernen Utnapischtim.«

Gilgamesch sprach zu ihm, zu Urschanabi:

»Gilgamesch ist mein Name,

Der ich gekommen aus Uruk, dem Hause des Anu,

Der ich umherging in den Bergen,

Einen fernen Weg, den Pfad des Schamasch.

Nun, Urschanabi, hab ich dein Antlitz erblickt;

Zeig mir den fernen Utnapischtim!«

Urschanabi sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

[bis zu 5 Verse fehlen]

»Wenn ich dir zeigen soll den fernen Utmapischtim,

Mußt du mit mir das Schiff besteigen,

Zu dem, der..., will ich dich hinbringen. «

Gemeinsam beraten die beiden;

Gilgamesch sagt ein Wort zu diesem.

[Durch die jüngere Fassung eingefügt:]

»Warum sind abgezehrt deine Wangen, gebeugt dein Antlitz,

Ist unfroh dein Herz, verlebt deine Züge,

Ist Harm in deinem Gemüte da,

Gleicht einem Wanderer ferner Wege dein Antlitz,

Ist von Nässe und Sonnenglut dein Antlitz versengt,

...und läufst in die Steppe?«

Gilgamesch sprach zu ihm, zum Schiffer Urschanabi:

»Urschanabi, sollen meine Wangen nicht abgezehrt sein, nicht gebeugt mein Anlitz?

Nicht unfroh mein Herz sein, nicht verlebt meine Züge,

Nicht Harm in meinem Gemüte sein,

Nicht gleichen einem Wanderer ferner Wege mein Antlitz,

Nicht von Nässe und Sonnenglut mein Antlitz versengt sein,

..., ich nicht in die Steppe laufen?

Mein Freund, der flüchtige Maulesel, der Wildesel des Gebirges, der Panther der Steppe!

Enkidu, mein Freund, der flüchtige Maulesel, der Wildesel des Gebirges, der Panther der Steppe!

Nachdem wir, alles gemeinsam verrichtend, den Berg erstiegen,

Die Stadt ... einnahmen, den Himmelsstier töteten,

Auch den Chumbaba umbrachten, der da wohnte im Zedernwald,

In den Pässen der Berge Löwen töteten —

Mein Freund, den ich über die Maßen geliebt,

Der mit mir durch alle Beschwernisse zog,

Enkidu, mein Freund, den ich über die Maßen geliebt,

Der mit mir durch alle Beschwernisse zog,

Es hat ihn ereilt die Bestimmung der Menschheit.

Um ihn weint‘ ich sechs Tage und sieben Nächte,

Ich gab nicht zu, daß man ihn begrübe,

Bis daß der Wurm sein Gesicht befiel.

Mir graute vor meines Freundes Aussehn,

Ich erschrakvor dem Tod, daß ich lief in die Steppe!

Meines Freundes Sache lastet auf mir,

Daß ich lief einen fernen Pfad in die Steppe!

Enkidus, meines Freundes, Sache lastet auf mir,

Daß ich lief einen fernen Weg in die Steppe!

Ach, wie soll ich stumm bleiben? Ach, wie schweigen?

Mein Freund, den ich liebte, ist zu Erde geworden!

Enkidu, mein Freund, den ich liebte, ist zu Erde geworden!

Werd ich nicht auch wie er mich betten

Und nicht aufstehn in der Dauer der Ewigkeit?«

Gilgamesch sprach zu ihm, zum Schiffer Urschanabi:

»Nun, Urschanabi, wie ist der Weg zu Utnapischtim?

Was ist sein Merkmal? Gib mir, ja gib mir sein Merkmal,

Wenn‘s möglich ist, will ich das Meer überqueren,

Wenn‘s unmöglich ist, durch die Steppe laufen!«

Urschanabi sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Die Steinernen, Gilgamesch, waren es, welche mich hinüberbringen,

Auf daß ich nicht berühre die Wasser des Todes.

Deine Hände, Gilgamesch, hemmten die Überfahrt!

Du zerschlugst die Steinernen, rissest aus ihre Ketten.

Nun, wo die Steinernen zerschlagen, ihre Ketten herausgerissen sind,

Nimm die Axt auf, Gilgamesch, in deine Hand!

Wohlan, geh wieder zum Wald hinab,

Hundertzwanzig Stangen zu fünfmal zwölf Ellen schneide dir zu,

Schäle sie, und bring Ruderblätter an! Die magst du mir bringen.«

Kaum hatte Gilgamesch dieses gehört,

Da nahm er die Axt auf, in seine Hand, ...

Wieder ging er zum Wald hinab,

Hundertzwanzig Stangen schnitt er sich zu zu fünfmal zwölf Ellen,

Schälte sie und brachte Ruderblätter an

Und brachte sie hin zu Urschanabi.

Gilgamesch und Urschanabi bestiegen das Schiff,

Setzten das Schiff ein, und sie fuhren dahin.

Ein Weg von einem Monat und fünfzehn Tagen

War am dritten Tage ganz zurückgelegt,

So gelangte Urschanabi zum Wasser des Todes.

Urschanabi sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Halte dich zurück, Gilgamesch, nimm eine Stange!

Über die Wasser des Todes darf deine Hand nicht hinwegfahren, ...

Eine zweite Stange, Gilgamesch, nimm, eine dritte und vierte!

Eine fünfte Stange, Gilgamesch, nimm, eine sechste und siebte!

Eine achte Stange, Gilgamesch, nimm, eine neunte und zehnte!

Eine elfte Stange, Gilgamesch, nimm, eine zwölfte!«

Mit zweimal sechzig‘ hatte Gilgamesch die Stangen verbraucht.

Er indes löste seinen Gürtel ...,

Gilgamesch riß sich die Kleidung vom Leibe,

Mit den Händen befestigt‘ er sie am Mast ...

Utnapischtim schaut in die Ferne aus,

Mit seinem Herzen sich beredend, sagt er die Worte,

Ja, mit sich selber geht er zu Rate:

»Weshalb sind des Schiffes Steinerne zerschlagen,

Und fährt wer im Schiff, der kein Recht darauf hat?

Der da gekommen, der Mensch, ist doch keiner der Meinen?

[3 Verse fehlen]

Was begehrt wohl sein Herz von mir?«

[20 Verse fehlen]

Utnapischtim sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Warum sind abgezehrt deine Wangen, gebeugt dein Antlitz,

Ist unfroh dein Herz, verlebt deine Züge,

Ist Harm in deinem Gemüte da,

Gleicht einem Wanderer ferner Wege dein Antlitz,

Istvon Nässe und Sonnenglut dein Antlitz versengt,

... und läufst in die Steppe?«

Gilgamesch sprach zu ihm, zu Utnapischtim:

»Utnapischtim, sollen meine Wangen nicht abgezehrt sein, nicht gebeugt mein Antlitz?

Nicht unfroh mein Herz sein, nicht verlebt meine Züge,

Nicht Harm in meinem Gemüte sein,

Nicht gleichen einem Wanderer ferner Wege mein Antlitz,

Nicht von Nässe und Sonnenglut mein Antlitz versengt sein,

..., ich nicht in die Steppe laufen?

Mein Freund, der flüchtige Maulesel, der Wildesel des Gebirges, der Panther der Steppe!

Enkidu, mein Freund, der flüchtige Maulesel, der Wildesel des Gebirges, der Panther der Steppe!

Nachdem wir, alles gemeinsam verrichtend, den Berg erstiegen,

Die Stadt ... einnahmen, den Himmelsstier töteten,

Auch den Chumbaba umbrachten, der da wohnte im Zedernwald,

Inden Pässen der Berge Löwen töteten!

Mein Freund, den ich über die Maßen geliebt,

Der mit mir durch alle Beschwernisse zog,

Enkidu, mein Freund, den ich über die Maßen geliebt,

Der mit mir durch alle Beschwernisse zog —

Es hat ihn ereilt die Bestimmung des Menschen.

Um ihn weint‘ ich sechs Tage und sieben Nächte,

Ich gab nicht zu, daß man ihn begrübe,

Bis daß der Wurm sein Gesicht befiel.

Mir graute vor meines Freundes Aussehn,

Ich erschrak vor dem Tod, daß ich lief in die Steppe!

Meines Freundes Sache lastet auf mir,

Daß ich lief einen fernen Pfad in die Steppe!

Enkidus, meines Freundes, Sache lastet auf mir,

Daß ich lief einen fernen Weg in die Steppe!

Ach, wie soll ich stumm bleiben?

Ach, wie schweigen? Mein Freund, den ich liebte, ist zu Erde geworden!

Enkidu, mein Freund, den ich liebte, ist zu Erde geworden!

Werd ich nicht auch wie er mich betten

Und nicht aufstehn in der Dauer der Ewigkeit?«

Gilgamesch sprach zu ihm, zu Utnapischtim:

»Auf daß ich käme zu Utnapischtim,

Den sie den Fernen nennen, sehen möge —

Durchirrte ich wandernd all die Lande,

Überschritt ich viele beschwerliche Berge,

Fuhr ich hin über alle die Meere,

Erlabte sich mein Antlitz nicht an süßem Schlummer,

Kränkte ich durch Nicht-Schlafen mich selber,

Erfüllte ich meine Adern mit Harm; doch was gewann ich zum Leben?

Da zum Haus der Schenkin ich noch nicht gelangt war,

War meine Kleidung schon abgenützt.

Ich tötete Bär, Hyäne, Löwe, Panther, Tiger,

Hirsch, Steinbock, das Wild und der Steppe Getier;

Ich aß ihr Fleisch, zog an ihre Felle.

Verriegeln möge man endlich dasTor zur Wehklage;

Mit Pech und Asphalt soll man es verschließen!

Weil mich mit Freudenspiel nicht ...,

Reißt mich Armen ab ... «

Utmapischrim sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Warum, Gilgamesch, vermehrst du die Klage,

Der du aus Fleisch der Götter und Menschen herrlich

gestaltet bist,

Der wie dein Vater und deine Mutter... tat?

Wurdest du irgendwann, Gilgamesch, einem Tölpel ...?

Einen Thron in der Versammlung stellen sie hin, ...

Dem Tölpel jedoch wurde Biersatz statt Butter gegeben,

Kleie und altes Mehl, das wie ... ist.

Angetan ist er nur mit einer Leibbinde statt ...

Und ihn statt eines Gürtels ...

Weil er nicht ... hat ...,

Ein Wort des Rates nicht annimmt ...

Kümmere dich um ihn, Gilgamesch, ...

[3 Verse fehlen]

Eine Mondfinsternis ...

Wach sind die Götter ...

Sind ruhelos bemüht ...

Seit jeher ist vorhanden ...

Du bemüh dich und ...!

Deine Hilfe gewähre ...

[5 Verse fehlen]

...nahmen sie zu seinem Schicksal.

Du wurdest nun schlaflos, doch was hattest du davon?

Da du nicht schläfst, seufzt du ...

Deine Adern füllst du mit Harm ...

Deine Tage, die schon ferngerückt waren, bringst du dir wieder heran.

Die Menschen, deren Nachkommen wie Rohr abgeknickt sind,

Den guten Mann, das gute Mädchen

... nimmt weg derTod.

Möchte da etwa jemand den Tod sehen, jemand des Todes Angesicht,

Jemand des Todes Ruf hören?

Und doch ist es der grimme Tod, der die Menschen abknickt!

Irgendwann errichten wir ein Haus!

Irgendwann siegeln wir ein Testament!

Irgendwann teilen die Brüder!

Irgendwann herrscht Haß im Lande!

Irgendwann führte das Hochwasser des angeschwollenen Flusses (etwas) davon,

Libellen treiben flußab!

Ein Antlitz, das in die Sonne sehen könnte,

Gibt es seit jeher nicht.

Der Verschleppte und der Tote, wie gleichen sie einander!

Das Bild des Todes zeichnen sie nicht!

Ja, du Mensch, Mann! Seit Enlil segnete,

Sind die Anunnaki, die großen Götter, versammelt,

Mammetum, des Schicksals Erzeugerin,

Bestimmt mit ihnen die Schicksale

Sie haben Tod oder Leben zugeteilt,

Des Todes Tage aber nicht bekannt gemacht. «

Elfte Tafel

Table of Contents

Gilgamesch sprach zu ihm, zum fernen Utnapischtim:

»Schau ich auf dich, Utnapischtim,

So sind deine Maße nicht anders — wie ich bist du,

Ja, du bist nicht anders — wie ich bist du!

Mein Herz ist ganz darauf gerichtet, mit dir zu kämpfen,

Und doch ist mein Arm untätig gegen dich!

Daher sage mir: wie tratst du in die Schar der Götter und gingst dem Leben nach?«

Utnapischtim sprach zu ihm, zu Gilgamesch: »Ein Verborgenes, Gilgamesch,

will ich dir eröffnen,

Und der Götter Geheimnis will ich dir sagen.

Schuruppak — eine Stadt, die du kennst,

Die am Ufer des Euphrat liegt — ,

Diese Stadt war schon alt, und die Götter waren ihr nah.

Eine Sintflut zu machen, entbrannte das Herz den großen Göttern.

Den Eid leistete ihr Vater Anu,

Enlil, der Held, der sie berät,

Ihr Minister Ninurta, ihr Deichgraf Ennugi.

Ninschiku-Ea hatte mit ihnen geschworen;

Ihre Rede jedoch gab er einem Rohrhaus wieder:

>Rohrhaus, Rohrhaus! Wand, Wand!

Rohrhaus, höre, Wand, begreife!

Mann von Schuruppak, Sohn Ubara-Tutus!

Reiß ab das Haus, erbau ein Schiff,

Laß fahren Reichtum, dem Leben jag nach!

Besitz gib auf, dafür erhalt das Leben!

Heb hinein allerlei beseelten Samen ins Schiff!

Das Schiff, welches du erbauen sollst —

Dessen Maße sollen abgemessen sein,

Gleichgemessen seien ihm Breite und Länge;

Du sollst es wie das Apsû bedachen.<

Da ich‘s verstanden, sprach ich zu Ea, meinem Herrn:

>Das Geheiß, Herr, das du mir gegeben,

Ich achtete wohl darauf und werde danach tun.

Wie antwort ich aber der Stadt, der Bürgerschaft und den Ältesten?<

Ea tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zu mir, seinem Knecht:

>Du Mann, zu ihnen sollst also du reden:

Mir scheint, daß Enlil nichts mehr von mir wissen will;

Da darf ich in eurer Stadt nicht mehr wohnen,

Darf auf Enlils Boden meine Füße nimmer setzen.

So will ich steigen hinab zum Apsû.

Dann wohn ich bei meinem Herren Ea.

Auf euch aber läßt er dann Überfluß regnen,

Ertrag der Vögel, auch „Verborgenes“ der Fische!

Schenken wird er euch Reichtum und Ernte.

Am Morgen wird er Küchlein,

Am Abend auf euch einen Weizenregen niedergehen lassen! — <

Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute,

Versammelt‘ zu mir sich das Land.

Der Zimmermann brachte die Holzpfosten,

Der Bootsbauer brachte die Klammern.

... die Männer...

... das Geheimnis.

Das Kind trug herzu das Erdpech,

Der Arme ... brachte den Bedarf heran.

Am fünften Tage entwarf ich des Schiffes Außenbau;

Ein „Feld“ groß war seine Bodenfläche,

Je zehnmal zwölf Ellen hoch seine Wände,

Zehnmal zwölf Ellen ins Geviert der Rand seiner Decke.

Ich entwarf seinen Aufriß und stellte es dar:

Sechs Böden zog ich ihm ein,

In sieben Geschosse teilt‘ ich es ein.

Seinen Grundriß teilte ich neunfach ein.‘

Wasserpflöcke‘ schlug ich ihm ein in der Mitte.

Für Schiffsstangen sorgt‘ ich, legte nieder den Bedarf:

Sechs Saren Erdpech goß für den Ofen ich dar,

Drei Saren Pech tat ich hinein;

Drei Saren Korbträgersleute waren es, die das Öl trugen:

Außer einem Sar Öl, das das Backmehl verbrauchte,

Zwei Saren Öl, die der Schiffer speicherte.

Rinder schlachtete ich für den Proviant,

Schafe tötete ich Tag für Tag;

Most, Feinbier, Öl und Wein,

Dazu Suppen tranken sie, als ob‘s Flußwasser wäre,

Daß sie ein Fest begingen als wie am Neujahrstag!

Bei Sonnenaufgang legte ich Hand an, das Letzte zu tun;

Das Schiff war fertig am siebenten Tag bei Sonnenuntergang.

Schwierig waren ...

Immer neue Stützhölzer brachten sie „oben und unten“,

Bis das Schiff zu zwei Dritteln im Wasser schwamm.

Was immer ich hatte, lud ich darein:

Was immer ich hatte, lud ich darein an Silber,

Was immer ich hatte, lud ich darein an Gold,

Was immer ich hatte, lud ich darein an allerlei Lebenssamen:

Steigen ließ ich ins Schiff meine ganze Familie und die Hausgenossen,

Wild des Feldes, Getier des Feldes,

Alle die Meistersöhne hab ich hineinsteigen lassen.

Den Zeitpunkt hatte Schamasch mir so angesetzt:

>Am Morgen werde ich Küchlein, am Abend einen Weizenregen niedergehen lassen.

Dann tritt hinein ins Schiff und verschließ dein Tor!<

Der Zeitpunkt kam herbei:

Am Morgen gingen Küchlein nieder, am Abend ein Weizenregen.

Des Wetters Aussehn betrachtete ich —

Das Wetter war fürchterlich anzusehn.

Ich trat hinein ins Schiff und verschloß mein Tor.

Dem Schiffer Pusur-Amurri, dem Verpicher des Schiffes,

Übergab den Palast ich samt seiner Habe.

Kaum daß ein Schimmer des Morgens graute,

Stieg schon auf von der Himmelsgründung schwarzes Gewölk.

In ihm drin donnert Adad,

Vor ihm her ziehen Schullat und Chanisch.

Über Berg und Land als Herolde ziehen sie.

Eragal reißt den Schiffspfahl heraus,

Ninurta geht, läßt das Wasserbecken ausströmen,

Die Anunnaki hoben Fackeln empor,

Mit ihrem grausen Glanz das Land zu entfiammen.

Die Himmel überfiel wegen Adad Beklommenheit,

Jegliches Helle in Düster verwandelnd;

Das Land, das weite, zerbrach wie ein Topf.

Einen Tag lang wehte der Südsturm...,

Eilte dreinzublasen, die Berge ins Wasser zu tauchen,

Wie ein Kampf zu überkommen die Menschen. Nicht sieht einer den andern,

Nicht erkennbar sind die Menschen im Regen.

Vor dieser Sintflut erschraken die Götter,

Sie entwichen hinauf zum Himmel des Anu —

Die Götter kauern wie Hunde, sie lagern draußen!

Es schreit Ischtar wie eine Gebärende,

Es jammert die Herrin der Götter, die schönstimmige:

>Wäre doch jener Tag zu Lehm geworden,

Da ich in der Schar der Götter Schlimmes geboten!

Wie konnte in der Schar der Götter ich Schlimmes gebieten,

Den Kampf zur Vernichtung meiner Menschen gebieten!

Erst gebäre ich meine lieben Menschen,

Dann erfüllen sie wie Fischbrut das Meer!<

Die Anunnaki-Götter klagen mit ihr,

Die Götter ... sitzen da und weinen;

Die verdorrten Lippen nehmen ... -Speisen.

Sechs Tage und sieben Nächte

Geht weiter der Wind, die Sintflut,

Ebnet der Orkan das Land ein.

Wie nun der siebente Tag herbeikam,

Schlug plötzlich nieder der Orkan die Sintflut, den Kampf,

Nachdem wie eine Gebärende sie um sich geschlagen.

Ruhig und still ward das Meer, Der böse Sturm war aus und die Sintflut.

Ausschau hielt ich einen Tag lang, da war Schweigen ringsum,

Und das Menschengeschlecht war ganz zu Erde geworden!

Gleichmäßig war wie ein Dach die Aue.

Da tat ich eine Luke auf, Sonnenglut fiel aufs Antlitz mir;

Da kniete ich nieder, am Boden weinend,

Über mein Antlitz flossen die Tränen. —

Nach Ufern hielt ich Ausschau in des Meeres Bereich:

Auf zwölfmal zwölf Ellen stieg auf eine Insel,

Zum Berg Nißir trieb heran das Schiff.

Der Berg Nißir erfaßte das Schiff und ließ es nicht wanken;

Einen Tag, einen zweiten Tag erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken;

Einen drittenTag, einen vierten Tag erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken;

Einen fünften und sechsten erfaßte der Berg Nißir das Schiff und ließ es nicht wanken.

Wie nun der siebente Tag herbeikam,

Ließ ich eine Taube hinaus;

Die Taube machte sich fort — und kam wieder:

Kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um. —

Eine Schwalbe ließ ich hinaus;

Die Schwalbe machte sich fort — und kam wieder:

Kein Ruheplatz fiel ihr ins Auge, da kehrte sie um. —

Einen Raben ließ ich hinaus;

Auch der Rabe machte sich fort; da er sah, wie das Wasser sich verlief,

Fraß er, scharrte, hob den Schwanz — und kehrte nicht um.

Da ließ ich hinausgehn nach den vier Winden; ich brachte ein Opfer dar,

Ein Schüttopf er spendete ich auf dem Gipfel des Berges:

Sieben und abermals sieben Räuchergefäße stellte ich hin,

In ihre Schalen schüttete ich Süßrohr, Zedernholz und Myrte.

Die Götter rochen den Duft,

Die Götter rochen den wohlgefälligen Duft,

Die Götter scharten wie Fliegen sich um den Opferer.

Sobald wie die Mach herzugekommen,

Hob sie die großen Fliegengeschmeide empor,

Die Anu ihr zum Vergnügen gemacht:

>Ihr Götter hier, so wahr des Lasuramuletts

An meinem Halse ich nicht vergesse:

Will ich die Tage hier, fürwahr, mir merken,

Daß ewig ihrer ich nicht vergesse!

Die Götter mögen nur kommen zum Schüttopf er!

Doch Enlil soll nicht kommen zum Schüttopfer,

Weil er unüberlegt die Sintflut machte

Und meine Menschen dem Verderben anheimgab!<

Sobald wie Enlil herzugekommen,

Sah das Schiff und ergrimmte Enlil,

Voller Zorn ward er über die Igigi-Götter:

,Eine Seele wäre entronnen?

Überleben sollt‘ niemand das Verderben!<

Ninurta tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zu Enlil, dem Helden:

,Wer bringt denn etwas hervor außer Ea?

Auch kennt ja Ea jedwede Verrichtung!

Ea tat zum Reden den Mund auf

Und sprach zu Enlil, dem Helden:

> Held, du Klügster unter den Göttern!

Ach, wie machtest unüberlegt du die Sintflut?!

Seine Sünde leg auf dem Sünder!

Seinen Frevel leg auf dem Frevler!

Lockere, daß nicht ganz abgeschnitten werde;

Ziehe hin, daß nicht getötet werde!

Statt daß eine Sintflut du machst,

Mag ein Löwe aufstehen, die Menschen zu mindern!

Statt daß eine Sintflut du machst,

Mag ein Wolf aufstehen, die Menschen zu mindern!

Statt daß eine Sintflut du machst,

Mag eine Hungersnot gesandt werden, das Land zu fällen!

Statt daß eine Sintflut du machst,

Mag Era aufstehen, die Menschen zu erwürgen!

Nicht aber enthüllt‘ ich der großen Götter Geheimnis! Den Hochgescheiten ließ ich schaun einen Traum!

So vernahm er der Götter Geheimnis;

Schaffet nun für ihn Rat!<

Da hat Enlil das Schiff bestiegen,

Meine Hand gefaßt, mich einsteigen lassen,

Lassen einsteigen, knien mein Weib neben mir,

Hat berührt unsre Stirn, zwischen uns stehend, uns segnend:

„Ein Menschenkind war zuvor Utnapischtim;

Uns Göttern gleiche fortan Utnapischtim und sein Weib!

Wohnen soll Utnapischtim fern an der Ströme Mündung!<

Da nahmen sie mich und ließen mich fern an der Ströme Mündung wohnen. —

Wer aber wird nun zu dir die Götter versammeln,

Daß du findest das Leben, welches du suchst?

Auf, begib des Schlafs dich sechs Tage und sieben Nächte !

Als er sich nun zu Boden gesetzt —

Wie ein Nebel haucht der Schlaf ihn an.

Utnapischtim sprach zu ihr, zu seiner Gattin:

»Sieh den Mann, der Leben verlangte!

Wie ein Nebel haucht der Schlaf ihn an!«

Seine Gattin sprach zu ihm, zu Utnapischtim:

»Faß ihn an, daß der Mensch erwache!

Den Weg, den er kam, kehr‘ er in Frieden,

Durchs Tor, da er auszog, kehr‘ er zur Heimat!«

Utnapischtim sprach zu ihr, zu seiner Gattin:

»Trügerisch sind die Menschen; er wird auch dich betrügen!

Auf, back ihm Brote, leg sie ihm zu Häupten,

Und die Tage, die er schlief, vermerk an der Wand!«

Sie buk ihm Brote, legte sie ihm zu Häupten,

Und die Tage, die er schlief, bezeichnet‘ sie ihm an der Wand.

Sein Brot ist ganz trocken, sein erstes,

Das zweite kaum genießbar, das dritte noch feucht,

Das vierte ward weiß — sein Röstbrot!

Leicht grau geworden ist das fünfte, das sechste schon gar gebacken,

Das siebente — gleichzeitig rührt‘ er ihn an,

Da erwachte der Mensch.

Gilgamesch sprach zu ihm, zum fernen Utnapischtim:

»Sowie der Schlaf auf mich niederquoll,

Hast du alsbald mich angerührt und mich aufgestört!«

Utmapischtim sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Auf, zähle, Gilgamesch, zähl deine Brote!

Was auf der Wand eingezeichnet ist, möge dir kund werden!

Dein Brot ist ganz trocken, dein erstes,

Das zweite kaum noch genießbar, das dritte noch feucht,

Das vierte ward weiß — dein Röstbrot,

Leicht grau geworden ist das fünfte, das sechste schon gar gebacken,

Das siebente — gleichzeitig wachtest du auf!«

Gilgamesch sprach zu ihm, zu Utnapischtim:

»Ach, wie soll ich handeln, wo soll ich hingehn?

Da der Raffer das Innere mir schon gepackt hat!

In meinem Schlafgemach sitzt der Tod,

Selbst wenn ich den Fuß an einen Ort des Lebens setzen will: auch da ist derTod!«

Utnapischtim sprach zu ihm, zum Schiffer Urschanabi:

»Urschanabi, der Landeplatz mißachte dich, Die Übergangsstelle verschmähe dich!

Der du einhergingst an seiner Küste,

Entbehre nun seiner Küste!

Der Mensch, den du hergeführt —

Von Schmutz ist befangen sein Leib,

Die Schönheit seiner Glieder haben Felle entstellt.

Nimm ihn, Urschanabi, bring ihn zum Waschort,

Daß er wasche mit Wasser seinen Schmutz — wie Schnee!

Seine Felle werf’ er ab, daß das Meer sie entführe! Sein schöner Leib werde überspült!

Seines Hauptes Binde werde erneuert!

Ein Gewand zieh‘ er an, das seiner Würde gemäß ist!

Bis daß er kommt zu seiner Stadt,

Bis er gelangt auf seinen Weg,

Werde nicht grau sein Gewand, neu bleib‘ es, neu!«

Es nahm ihn Urschanabi, bracht‘ ihn zum Waschort,

Er wusch mit Wasser seinen Schmutz — wie Schnee!

Seine Felle warf er ab, daß das Meer sie entführte,

Sein schöner Leib wurde überspült.

Seines Hauptes Binde wurde erneuert,

Ein Gewand zog er an, das seiner Würde gemäß war.

Bis daß er komme zu seiner Stadt,

Bis daß er gelange auf seinen Weg,

Sollt‘ es nicht grau werden, neu sollt‘ es bleiben, neu!

Gilgamesch und Urschanabi stiegen ins Schiff,

Das Schiff setzten sie ein, und sie fuhren dahin.

Seine Gattin sprach zu ihm, zum fernen Utnapischtim:

»Gilgamesch kam, hat sich abgemüht, abgeschleppt —

Was solltest du ihm geben, daß er kehrt in die Heimat?«

Er aber, Gilgamesch, hob die Schiffsstange,

Brachte das Schiff ans Ufer heran.

Utnapischtim sprach zu ihm, zu Gilgamesch:

»Du, Gilgamesch, kamst, hast dich abgemüht, abgeschleppt —

Was soll ich dir geben, daß du kehrst in die Heimat?

Ein Verborgenes, Gilgamesch, will ich dir enthüllen,

Und ein Unbekanntes will ich dir sagen:

Es ist ein Gewächs, dem Stechdorn ähnlich,

Wie die Rose sticht dich sein Dorn in die Hand.

Wenn dies Gewächs deine Hände erlangen, Findest du das Leben!«

Kaum hatte Gilgamesch dieses gehört, grub er einen Schacht.

Da band er schwere Steine an die Füße,

Und als zum Apsû sie ihn niederzogen,

Da nahm er‘s Gewächs, ob‘s auch stach in die Hand,

Schnitt ab von den Füßen die schweren Steine,

Daß ihn die Flut ans Ufer warf.

Gilgamesch sprach zu ihm, zum Schiffer Urschanabi:

»Urschanabi, dies Gewächs ist das Gewächs gegen die Unruhe,

Durch welches der Mensch sein Leben erlangt!

Ich will‘s bringen nach Uruk-Gart, es dort zu essen geben und dadurch das Gewächs erproben!

Sein Name ist >Jung wird der Mensch als Greis<;

Ich will davon essen, daß mir wiederkehre die Jugend. « —

Nach zwanzig Doppelstunden nahmen sie einen Imbiß ein,

Nach dreißig Doppelstunden schickten sie sich zur Abendrast.

Da Gilgamesch einen Brunnen sah, dessen Wasser kalt war,

Stieg er hinunter, sich mit dem Wasser zu waschen.

Eine Schlange roch den Duft des Gewächses.

Verstohlen kam sie herauf und nahm das Gewächs;

Bei ihrer Rückkehr warf sie die Haut ab!

Zu der Frist setzte Gilgamesch weinend sich nieder,

Über sein Antlitz flossen die Tränen:

»Ach, rate mir doch, Schiffer Urschanabi!

Für wen, Urschanabi, mühten sich meine Arme?

Für wen verströmt mein Herzblut?

Nicht schafft‘ ich Gutes mir selbst —

Für den Erdlöwen wirkte ich Gutes!

Jetzt steigt zwanzig Doppelstunden weit die Flut,

Und ich ließ, als den Schacht ich grub, das Werkzeug fallen!

Welches könnte ich finden, das an meine Seite ich legte?

Wäre ich doch zurückgewichen und hätte das Schiff am Ufer gelassen!«

Nach zwanzig Doppelstunden nahmen sie einen Imbiß ein,

Nach dreißig Doppelstunden schickten sie sich zur Abendrast.

Als sie hinein nach Uruk-Gart kamen,

Sprach Gilgamesch zu ihm, zum Schiffer Urschanabi:

»Steig einmal, Urschanabi, auf die Mauer von Uruk, geh fürbaß,

Prüfe die Gründung, besieh das Ziegelwerk,

Ob ihr Ziegelwerk nicht aus Backsteinen ist,

Ihren Grund nicht legten die sieben Weisen!

Ein Sar die Stadt, ein Sar die Palmgärten,

Ein Sar die Flußniederung, dazu der (heilige) Bereich des Ischtartempels:

Drei Sar und den (heiligen) Bereich von Uruk umschließt sie!«

[mit der elften Tafel endet vermutlich das Epos,

denn die letzen Verse nehmen den Anfang der Tafel 1 wieder auf]

Die Lehre für König Merikare
(Anonym)

Inhaltsverzeichnis

DIE LEHRE FÜR KÖNIG MERI-KA-RE3.

Die Lehre für König Merikarê gehört zu der bekannten großen Gruppe ägyptischer Texte, die Anweisungen geben für richtiges Benehmen in verschiedenen Lebenslagen. Der König Achthöes spricht zu seinem Sohn, dem zukünftigen König Merikare, und rät ihm, wie man ein guter König ist und wie man das Böse vermeidet.

Wenn wir dieses Buch auch nur aus der 18. Dynastie kennen, so wird man doch nicht daran zweifeln, daß es auch aus der älteren Zeit stammt. Von dem Könige Merika-re wissen wir nur, daß er in den verworrenen Zeiten zwischen dem alten und mittleren Reiche — also in der zweiten Hälfte des dritten Jahrtausends — lebte und zu den Königen von Herakleopolis gehörte. Gleichzeitig mit diesen Herrschern regierten in Theben die Könige der sogenannten 10. Dynastie und mit diesen kämpften jene um die Stadt Thinis, wie das unser Buch erwähnt und wie das jetzt auch Inschriften aus Theben bestätigen.

Bemerkenswert ist, daß in dieser Schrift auch religiöse Gedanken hervortreten, die in den anderen Büchern dieser Gattung doch so gut wie ganz fehlen.

Vom Anfange des Buches sind nur geringe Reste erhalten. Man sieht, daß der Vater, der zu dem Meri-ka-re spricht, selbst ein König ist. Auch im folgenden erschweren große Lücken das Verständnis.

[Verfahren gegen Aufrührer.]

Bei einem, der viele Anhänger hat und der seinen Hörigen schön erscheint und der ein Wortemacher ist, rät der König: verjage ihn, töte ihn, wische seinen Namen aus, — — — — rotte sein Gedächtnis aus und seine Partei, die ihn liebt.

Eine Aufreizung für die Bürgerschaft ist ein Zänker, der zwei Parteien unter der Jugend macht. Wenn du findest, daß die Bürgerschaft ihm anhängt . . ., so zeige ihn vor den Hofleutcn an4, verjage ihn; auch er ist ein Feind.

Es folgten noch zwei ähnliche Abschnitte, der eine von einem Bettler, der das Heer aufreizt, und dann kam die Versicherung, daß, wenn der Sohn richtig handle, es ihm gut gehen werde: die Bürgerschaft jauchzt und du wirst neben dem Gotte5 gerechtfertigt. ----Eines Mannes Himmel (?) ist das gute Wesen, aber das Fluchen eines Leidenschaftlichen ( ?) ist übel.

[Nützlichkeit des guten Redens und der Weisheit.]

Sei ein Künstler im Reden, damit du stark seiest, denn die Kraft eines (Menschen) ist die Zunge und das Reden ist kräftiger als jedes Kämpfen. — — — — Wer gescheut ist, den greifen die Gelehrten nicht an, wenn er gelehrt ist und kein (Unheil) geschieht, wo er ist. Die Wahrheit kommt zu ihm durchgeknetet6, nach Art von dem, was die Vorfahren sagten.

Ahme deinen Vätern nach, deinen Vorfahren — — — —. Sieh, ihre Worte stehen dauernd aufgeschrieben; mache (das Buch) auf und lies und ahme das Wissen7 nach, damit der Künstler auch zu einem Weisen (?) werde.

[Sei gütig, aber mit Vorsicht.]

Sei nicht böse, freundlich sein ist gut. Lasse dein Denkmal8 dauern durch deine Beliebtheit. — — — — Dann dankt man Gott um deinetwillen, man preist deine Güte und betet für deine Gesundheit.

Ehre die Großen und tue deinen Leuten wohl -----

es ist gut, wenn man für die Zukunft handelt. Aber halte die Augen offen, ein Vertrauender wird ein Bekümmerter werden — — — —.

[Von den hohen Beamten.]

Mache deine Räte groß9, damit sie nach deinen Gesetzen handeln, denn wer reich ist in seinem Hause, ist auch nicht parteiisch, er ein Besitzender, der keine Not leidet.

(Aber) der Geringe redet nicht nach dem, was für ihn recht ist, und einer, der „hätte ich doch“ sagt, ist nicht gerecht. Er ist parteiisch für den, der eine Bezahlung für ihn hat.

Groß ist ein Großer, dessen Räte groß sind; stark ist ein König, der einen Hof hat10.----Sagst du die Wahrheit in deinem Hause, so fürchten sich vor dir die Großen, die im Lande walten. Einem Herrn mit rechtem Sinne geht es gut; das Innere des Hauses ist es, das der Außenseite Furcht einflößt11.

[Wie der König selbst handeln soll.]

Tue das Rechte solange du auf Erden weilst. Beruhige den Weinenden, quäle keine Witwe, verdränge keinen Mann von der Habe seines Vaters und schädige die Räte nicht an ihren Sitzen12. Hüte dich davor ungerechterweise zu strafen. Schlage nicht (selbst), das schickt sich nicht für dich; strafe durch Prügelnde und durch Gefangenschaft (?). Damit wird dieses Land (schon) wohlgegründet sein. — — — — Gott kennt die Frevler, Gott schlägt die Sünde gegen ihn im Blute13.----Töte niemand, dessen Trefflichkeit du kennst, mit dem du einst die Schriften gesungen hast14.

Lies in dem Sipubuche (?):.. (wer bei Gott ist?) schreitet frei an den unzugänglichen Stellen; die Seele kommt zu der Stätte, die sie kennt, und weicht nicht ab von ihren Wegen von gestern; kein Zauber wehrt sie ab15 und sie gelangt zu denen hin, die ihr Wasser spenden“16.

[Warnung vor dem Totengericht.]

Die Richter, die den Bedrückten richten, du weißt, daß sie nicht milde sind an jenem Tage, wo man den Elenden richtet17, in der Stunde, wo man die Bestimmung ausführt18. Übel ergeht es, wo der Ankläger der Weise19 ist! — Vertraue nicht auf die Länge der Jahre; sie sehen die Lebenszeit als eine Stunde an20. Der Mann bleibt nach dem Sterben übrig und seine Taten werden haufenweise neben ihn gelegt21. Die Ewig-keit aber währt es, daß man dort ist22, und einTor ist, wer sie23verachtet (?); wer aber zu ihnen kommt, ohne daß er gesündigt hat, der wird dort wie ein Gott sein, frei schreitend wie die Herren der Ewigkeit24.

[Von der Behandlung der Jüngeren.]

Erhebe deinen Nachwuchs, daß die Residenz dich liebe, und erwirb dir einen großen Anhang ...; sieh, deine Bürgerschaft ist voll von neu Aufgewachsenen, von solchen, die zwanzig Jahre alt sind. Der Nachwuchs freut sich, wenn er seinem Wunsche folgt.----Mache deine Räte groß, laß deine . .. vorwärts kommen und vermehre den Nachwuchs deines Gefolges, daß er versehen sei mit Listen25, belehnt mit Feldern und beschenkt mit Herden.

[Sei gerecht, tätig und fromm?] 26

Erhebe den Sohn eines angesehenen Mannes nicht mehr als einen Bürger, sondern hole dir den Mann wegen seiner Taten. Tue jegliche Kunst, — — — — schütze deine Grenze und befehlige deine Festungen (?), damit die Truppe ihrem Herrn nütze. Mache Denkmäler . . . für den Gott, die lassen den Namen ihres Erbauers weiter leben. Ein Mann soll tun, was seiner Seele nützet: daß er den monatlichen Priesterdienst27 verrichtet, die weißen Sandalen nimmt, sich zum Tempel begibt, das Geheime enthüllt, das Allerheiligste betritt und das Brot im Tempel ißt28.

[Sei fromm.]

Lasse den Getränktisch29 gedeihen und bringe viele Brote dar. Vermehre das ständige Opfer — das ist nützlich für den, der es tut. Laß deine Denkmäler gedeihen, solange du Kraft dazu hast: ein einziger Tag gibt der Ewigkeit und eine Stunde tut der Zukunft Gutes. Gott kennt den, der etwas für ihn tut30.

Der Schluß: führe deine Statuen in ein fernes Fremdland ----spricht auch von dem Feinde und Ägypten und führt wohl zu dem Folgenden über.

Der zweite Teil des Buches, der hier beginnt, nimmt auf allerhand politische Dinge und auf Taten des Vaters Bezug und bleibt uns, die wir diese nicht kennen, zum großen Teile unklar. Das Reich dieser Könige umfaßte, wie wir auch sonst wissen, nicht ganz Ägypten und ein ,,Südland“ stand neben ihm.

Der Nachwuchs wird den Nachwuchs bedrängen, wie das die Vorfahren vorher verkündet haben. Ägypten kämpft in der Totenstadt mit Zerhacken der Gräber31 . . . Solches habe ich getan und solches geschah. — — — —

Stelle dich nicht schlecht mit dem Südland, denn du weißt, was die Residenz darüber vorhergesagt hat und jenes geschieht wie dieses geschah. Von der Stadt Thinis, die etwa die Südgrenze des Reiches bildete, heißt es dann: ich habe sie wie eine Wasserwolke erobert; König Mer ... re hat das nicht getan. Jetzt aber sei milde gegen sie, denn: gut ist es für die Zukunft handeln.

Stelle dich gut mit dem Südland. Dann kommen die Sackträger zu dir mit Gaben. Ich tat dasselbe wie die Vorfahren: „hat es auch kein Korn, daß es es gebe, doch sei es dir angenehm, weil sie matt zu dir sind; sättige dich mit deinem Brot und deinem Bier“32. Dann kommt auch der Granit zu dir ohne Hinderung33. Schädige nicht die Denkmäler eines andern, und brich dir selbst Steine in Turah34. Baue dein Grab nicht aus Abbruch --— —. Siehe, du König, du Herr der Freude, . . . du schläfst in deiner Stärke35. Folge deinem Herzen in dem, was ich tat, so hast du keinen Feind innerhalb deiner Grenzen.

Das Folgende behandelt die Verhältnisse des Delta, dessen Westseite ja immer von den Libyern bedrängt wurde; man versteht nur: Es stand einer auf, ein Herr in der Stadt36, und sein Herz war betrübt wegen des Delta, — — — —. Ich beruhigte den gesamten Westen bis hin zu den Rändern (?) des Sees37. Auch um die Ostseite des Delta stand es schlimm, sie ist zu Gauen und Städten gemacht und die Herrschaft eines einzigen ist bei zehnen. Aber jetzt (?) geben sie doch eine ganze Liste von allerlei Steuern, der Priester ist mit Feldern belehnt und man zinst dir als wären sie eine Truppe. Es wird nicht geschehen, daß böse Feinde darunter sind. Du krankst nicht am Nile, daß er nicht kommt, und du hast die Abgaben des Delta38.

Die Ostgrenze des Reiches ist jetzt gegen die asiatischen Beduinen gesichert: Siehe, ich habe den Pflock eingeschlagen39, . . . im Osten; die Grenze von Hebenu an (?) bis zu dem Horuswege40 ist mit Städten besiedelt und mit Menschen gefüllt von den Auserlesensten des ganzen Landes, um die Arme (der Asiaten) abzuwehren.

Ich werde einen Tapfern sehen41, wie er (mir) darin gleich kommt und wie er noch mehr tut als ich getan habe.----

Man sagt aber auch dieses von (?) dem Fremden: der elende Asiat, übel ist der Ort, wo er weilt, mit schlechtem Wasser, unzugänglich durch die vielen Bäume und die Wege daselbst sind übel wegen der Berge42. Nie wohnt er an demselben Orte und seine Füße wandern (?). Seit der Zeit des Horus43 kämpft er und siegt nicht, aber er wird auch nicht besiegt und nie sagt er den Tag beim Kampfe an, gleich dem . . . träger einer Bande44.

Des weiteren heißt es von diesen Fremden: ich habe das Delta sie schlagen lassen, ich habe ihre Leute erbeutet, ich habe ihr Vieh geraubt — — — — mache dir keine Sorge um ihn, den Asiaten----; er beraubt eine einzelne Ansiedlung ( ?), aber er erobert nicht eine volkreiche (?) Stadt. Von diesen Städten, die er besiedelt hat, hebt er dann Kemui, das spätere Athribis, hervor: sieh, das ist der Nabel der Barbaren45. Seine Mauern sind kampfgerüstet (?), seine Soldaten zahlreich, Bürger sind in ihm, die das ... zu nehmen wissen. Und ebenso steht es mit dem Gebiet von Ded-esut, das wohl bei Memphis lag: es zählt zehntausend an Bürgern, die rein46 sind und ohne Abgaben. Die Großen aus ihm gehen seit der Zeit (des Horus?) zur Residenz. Seine Grenzen sind festgestellt . . ., viele Nordleute sind es, die sie bewässern----, sie haben einen Damm bis Herakleopolis gemacht — — — —.

Ist deine Grenze gegen das Südland in Aufruhr, so werden auch die Fremdvölker (des Nordens?) Kampf anfangen (?). Baue (daher) Städte im Delta; der Name eines Mannes wird nicht verringert werden durch das, was er getan hat und eine besiedelte Stadt wird nicht geschädigt. Baue Städte . . . Der Feind sieht es gern, daß man verdrossen (?) ist, von schlechtem Wesen (?). König Achthoës47 hat in seiner Unterweisung bestimmt: „wer da schweigt gegen einen Frechen, der schädigt ---—; Gott greift den an, der gegen den Tempel feind ist.“

Von hier an wendet sich das Buch wieder allgemeineren Betrachtungen zu, von der ersten versteht man nur:---- ehre den Gott und sage nicht: „er hat einen schwachen Sinn(?)“. Laß deine Arme nicht hängen. Weiter dann mit Bezug auf die Denkmäler, die ein anderer König errichtet hat: er wird sie nicht beschädigen, weil er wünscht, daß das, was er selbst gemacht hat, von einem anderen, der nach ihm kommt, hergestellt werde. Es gibt ja keinen, der keinen Feind hätte.

[Der König sollte alles wissen?]

Ein Wissender ist er, der (Herr?) der beiden Ufer und kein König ist töricht, da er Hofleute hat48. Er ist schon verständig, wenn er geboren wird — — — —.

[Pietät gegen die Vorgänger.]

Das Königtum ist ein schönes Amt. Auch wenn es keinen Sohn und keinen Bruder hat, der die Erinnerung daran fort-dauern ließe, so stellt doch einer (das Denkmal) des andern wieder her. Es tut es ein jeder für einen Vorgänger, weil er wünscht, daß das, was er selbst gemacht hat, auch von einem anderen, der nach ihm kommt, hergestellt werde49.

Sieh, etwas Böses ist (freilich) zu meiner Zeit geschehen: die Ortschaften (?) von Thinis wurden zerhackt. Das geschah bei dem, was ich tat und ich erfuhr es (erst) nachdem es getan war50. Das war schlecht----hüte dich davor, ein Schlag wird mit einem andern vergolten51 — — — —.

[Gott und die Menschen.]

Ein Geschlecht geht zum andern unter den Menschen und Gott hat sich verborgen, der die Wesensarten (?) kennt.----. Ehre du Gott auf seinem Wege52, ihn, der gemacht ist aus Edelsteinen und gebildet aus Kupfer, so wie Wasser, das durch Wasser ersetzt wird53. Es gibt keinen Strom, der sich verbergen ließe; er zerstört den Damm (?), mit dem er verborgen war54.

Die Seele geht zu dem Orte, den sie kennt und irrt nicht ab von ihrem gestrigen Wege. (Darum) mache dein Haus des Westens schön und deinen Sitz in der Totenstadt herrlich, als ein rechter Mann, einer, der das Rechte getan hat; das ist es, worauf ihr Herz sich stützt55.

Die Tugend des recht Gesinnten wird (von Gott) lieber entgegengenommen als der Ochse des Unrecht Tuenden. Tue etwas56 für Gott, daß er dir gleiches tue mit einer Spende, die den Opfertisch gedeihen läßt und mit einer Inschrift, einer, die deinen Namen verewigt (?). Gott kennt den, der für ihn etwas tut.

Wohl besorgt sind die Menschen, das Vieh Gottes. Er hat Himmel und Erde nach ihrem Wunsche gemacht; er hat den Durst (?) nach Wasser gestillt; er hat die Luft gemacht, damit ihre Nasen leben. Sie sind seine Abbilder, die aus seinen Gliedern hervorgegangen sind. Er geht am Himmel auf nach ihrem Wunsche. Er hat die Pflanzen für sie gemacht, und die Tiere, Vögel und Fische, um sie zu ernähren. Aber er straft auch: er hat seine Feinde getötet und hat seine Kinder bestraft wegen dessen, was sie dachten, als sie feindlich wurden57.

Er macht das Licht nach ihrem Wunsch; aber läßt sie auch schlafen — — — — und wenn sie weinen, so hört er es.

Er hat ihnen Herrscher von Mutterleib an58 gemacht, einen Stützenden, um den Rücken des Schwachen zu stützen (?).

Er hat ihnen Zauber zu Waffen gemacht, um den Geschehnissen (?) zu wehren und Träume in der Nacht wie am Tage59.

Er hat die Frevler unter ihnen getötet, so wie jemand seinen Sohn und seinen Bruder schlägt. Gott kennt jeden Namen60.

Es folgt zum Schluß eine allgemeine Ermahnung, von der nur wenig verständlich ist:

Mögest du mich erreichen, ohne daß du einen Ankläger hast61. Töte niemand, der dir nahe steht62, nachdem du ihn gelobt hast und Gott kennt ihn — — — —. Laß dich beliebt sein bei aller Welt — — — —. Sieh, ich habe dir das Beste meines Innern gesagt; du wirst nach dem vor dir Gegründeten tun (?).

3 In einem Petersburger Papyrus der Zeit Thutmosis’ III. (1478—1447 v. Chr.) und in Bruchstücken derselben Epoche in Moskau. Schon 1876 von Golenischeff entdeckt und 1913 von ihm herausgegeben. Vgl. die Übersetzung von Gardiner, Journ. of Egypt. Archaeol. I 20ff.

4 also in der Form des Rechtes?

5 Osiris, vor dem das Gericht im Totenreich gehalten wird.

6 der Vergleich ist vom Brauen des Bieres hergenommen, bei dem man leicht gebackene Gerstenbrote in Wasser knetete, das dann gärte und das Bier ergab. Diese Arbeit des Knetens ist für dich schon getan, denn in den alten Schriften liegt dir die Wahrheit schon verarbeitet vor.

7 das W. der Vorfahren, d. h. folge ihren Lehren.

8 die Erinnerung an dich.

9 d. h. reich, damit sie es nicht nötig haben, sich bestechen zu lassen.

10 nämlich einen zuverlässigen.

11 dein gutes Beispiel im Palaste wirkt auch auf deine Beamten im Lande.

12 beraube sie nicht ohne zwingenden Grund ihrer Stellen; ein ägyptischer König hat die Pflicht, den Söhnen möglichst die Stellung ihrer Väter zu bewahren.

13 Also kannst du die Rache ihm überlassen?

14 d. h. lesen gelernt hast? Das geschieht in orientalischen Schulen ja in einem singenden Tone.

15 Sinn wohl: die Seele des Gemordeten kann dich immer heimsuchen, sie findet den Weg, den sie gestern gegangen ist, wieder zurück; daß die Seelen der Toten den Lebenden aus Rache Krankheit und Elend brächten, war ein verbreiteter Glaube.

16 ihren Angehörigen?

17 Die von dir Gemordeten werden dich bei dem Totengericht der Unterwelt verklagen.

18 d. h. richtet.

19 Wohl Thoth, der Gott der Weisheit, der das Totengericht leitet.

20 Denke nicht, es sei ja noch lange hin bis zum Gerichte und bis dahin sei alles vergessen; die Totenrichter behalten alles im Gedächtnis.

21 für das Gericht, zur Prüfung.

22 im Totenreich.

23 die Totenrichter.

24 Name der seligen Toten.

25 Listen des ihm zustehenden Einkommens.

26 Bei diesem Abschnitt gehört der Anfang eigentlich zum Vorhergehenden, der Schluß zum Folgenden. Das kommt auch sonst in diesem Buche und in anderen ägyptischen Schriften vor und ist gewiß eine beabsichtigte Feinheit. Ich konnte diese Einteilung nicht immer beibehalten.

27 oder: das monatliche Bad? Ein Bad wurde von dem erfordert, der vor den Gott trat.

28 d. h. an dem Opfer teilnimmt. Diese ganze Tätigkeit im Gottesdienste gilt also als etwas Verdienstliches, das auch der abgeschiedenen Seele einst angerechnet werden wird.

29 auf dem man Wasser usw. im Tempel darbringt.

30 Gott lohnt dir einst alles, was du im Leben für seinen Kultus getan hast.

31 wie man dies betrieben hat, zeigen noch heute Gräber aller Zeiten; es war das Schlimmste, was man den Feinden antun konnte. — Zu der Stelle vgl. unten S. 118 Anm. 1.

32 Sinn wohl: verzichte lieber auf das Korn, das sie als Tribut geben müßten, als daß du sie wieder zum Kampfe treibst.

33 die Granitbrüche von Hamamat und von Elephantine lagen im Bereich des Südlandes; wem sie nicht zu Gebote standen, der war darauf angewiesen, ältere Bauten für die seinen zu plündern. Daher der nächste Gedanke.

34 die Brüche südöstlich von Kairo, in denen man den feinen weißen Kalkstein gewann.

35 unbesorgt; worauf diese ganze Stelle anspielt, entgeht uns, da uns der Anfang des Buches fehlt.

36 Wohl der alte König selbst, der als Verteidiger des Landes gegen die Libyer zur Herrschaft gekommen sein mochte.

37 die Lagunen an der Küste des Delta?

38 die Überschwemmung fällt gut aus und damit auch der Steuerertrag.

39 Sonst Ausdruck für „landen“.

40 Hebenu liegt in Mittelägypten; über die Horuswege vgl. S. 53 Anm. 2.

41 er vertraut auf seinen Solin, der diese Gründungen erhalten wird.

42 dieses bewaldete Gebirgsland mit nomadischer Bevölkerung muß Palästina sein.

43 Horus hat als letzter der Götter die Welt regiert.

44 ein Räuberhauptmann?

45 was heißt das?

46 heißt das steuerfrei als Ansiedler?

47 Achthoës ist der Begründer des Königtumes von Herakleopolis, zu dem auch die Könige unseres Buches gehörten. Die griechische Überlieferung wußte von ihm, daß „er schrecklicher war als alle vor ihm und allen in Ägypten Böses antat“. Nach unserer Stelle hätte er auch ein Weisheitsbuch verfaßt.

48 Gemeint ist wohl, daß dem Könige auch das Wissen seiner Umgehung zu Gebote steht.

49 Ein Privatmann ohne Hinterbliebene ist bald vergessen, aber die Könige haben es besser, denn bei denen ist es die Pflicht der Nachfolger, das Andenken der Vorgänger nicht untergehen zu lassen.

50 Also seine Soldaten zerstörten die Denkmäler der heiligen Stadt ohne sein Zutun; das ist das „Zerhacken der Gräber“, das er oben S. 114 erwähnte.

51 Sinn: Gott straft solchen Frevel? Auch oben nach der ersten Erwähnung dieser Zerstörungen ist „Gott“ erwähnt.

52 bei der Prozession?

53 Sinn vielleicht: da Gott selbst sich verborgen hält, so mußt du sein Bild verehren; das ist freilich nur ein Ersatz, aber ein genügender.

54 So ist auch Gott nur scheinbar verborgen?

55 Die Seelen brauchen ein gutes Grab, in dem sie Speise und Wohnung finden, wenn sie auf die Erde kommen, um sich des Lichtes zu freuen.

56 d. h. opfere; dann läßt dir Gott dereinst ein wohlgepflegtes Grab zuteil werden.

57 Anspielung auf die Sage von der Auflehnung der Menschen gegen den alternden Sonnengott (vgl. S. 77ff.).

58 d. h. legitime Könige.

59 ob Träume, die die Zukunft verkünden?

60 er kennt jeden und weiß daher auch, wen er zu strafen hat.

61 im Totenreich?

62 d. h. wohl: bringe deine Verwandten nicht bei der Thronbesteigung um, wie das ja im Orient so oft geschieht.

Ilias
(Homer)

Inhaltsverzeichnis

Erster Gesang

Zweiter Gesang

Dritter Gesang

Vierter Gesang

Fünfter Gesang

Sechster Gesang

Siebenter Gesang

Achter Gesang

Neunter Gesang

Zehnter Gesang

Elfter Gesang

Zwölfter Gesang

Dreizehnter Gesang

Vierzehnter Gesang

Fünfzehnter Gesang

Sechzehnter Gesang

Siebzehnter Gesang

Achtzehnter Gesang

Neunzehnter Gesang

Zwanzigster Gesang

Einundzwanzigster Gesang

Zweiundzwanzigster Gesang

Dreiundzwanzigster Gesang

Vierundzwanzigster Gesang

Erster Gesang

Inhalt

Den Priester Chryses zu rächen, dem Agamemnon die Tochter vorenthielt, sendet Apollon den Achaiern eine Pest. Agamemnon zankt mit Achilleus, weil er durch Kalchas die Befreiung der Chryseïs fordern ließ, und nimmt ihm sein Ehrengeschenk, des Brises Tochter. Dem zürnenden Achilleus verspricht Thetis Hilfe. Entsendung der Chryseïs, und Versöhnung Apollons. Der Thetis gewährt Zeus so lange Sieg für die Troer, bis ihr Sohn Genugtuung erhalte. Unwille der Here gegen Zeus. Hephästos besänftigt beide.


Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum AïsSendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,
5 Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet:Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweitenAtreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus. Wer hat jene der Götter empört zu feindlichem Hader? Letos Sohn und des Zeus. Denn der, dem Könige zürnend,
10 Sandte verderbliche Seuche durchs Heer; und es sanken die Völker:Drum weil ihm den Chryses beleidigst, seinen Priester,Atreus Sohn. Denn er kam zu den rüstigen Schiffen Achaias,Frei zu kaufen die Tochter, und bracht’ unendliche Lösung,Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
15 Und den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherren der Völker: Atreus Söhn’, und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier, Euch verleihn die Götter, olympischer Höhen Bewohner,Priamos Stadt zu vertilgen, und wohl nach Hause zu kehren;
20 Doch mir gebt die Tochter zurück, und empfahet die Lösung,Ehrfurchtsvoll vor Zeus ferntreffendem Sohn Apollon. Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier, Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;
25 Dieser entsandt’ ihn mit Schmach, und befahl die drohenden Worte: Daß ich nimmer, o Greis, bei den räumigen Schiffen dich treffe, Weder anitzt hier zaudernd, noch wiederkehrend in Zukunft!Kaum wohl möchte dir helfen der Stab, und der Lorbeer des Gottes!Jene lös’ ich dir nicht, bis einst das Alter ihr nahet,
30 Wann sie in meinem Palast in Argos, fern von der Heimat,Mir als Weberin dient, und meines Bettes Genossin!Gehe denn, reize mich nicht; daß wohlbehalten du kehrest! Jener sprach’s: doch Chryses erschrak, und gehorchte der Rede. Schweigend ging er am Ufer des weitaufrauschenden Meeres;
35 Und wie er einsam jetzt hinwandelte, flehte der AlteViel zum Herrscher Apollon, dem Sohn der lockigen Leto: Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst, Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest,Smintheus! hab ich dir je den prangenden Tempel gekränzet,
40 Oder hab’ ich dir je von erlesenen Farren und ZiegenFette Schenkel verbrannt; so gewähre mir dieses Verlangen:Meine Tränen vergilt mit deinem Geschoß den Achaiern! Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon. Schnell von den Höhn des Olympos enteilet’ er, zürnendes Herzens,
45 Auf der Schulter den Bogen und ringsverschlossenen Köcher.Laut erschallen die Pfeile zugleich an des Zürnenden Schulter,Als er einher sich bewegt’; er wandelte, düster wie Nachtgraun;Setzte sich drauf von den Schiffen entfernt, und schnellte den Pfeil ab;Und ein schrecklicher Klang entscholl dem silbernen Bogen.
50 Nur Maultier’ erlegt’ er zuerst und hurtige Hunde:Doch nun gegen sie selbst das herbe Geschoß hinwendend,Traf er; und rastlos brannten die Totenfeuer in Menge. Schon neun Tage durchflogen das Heer die Geschosse des Gottes. Drauf am zehnten berief des Volks Versammlung Achilleus,
55 Dem in die Seel’ es legte die lilienarmige Here;Denn sie sorgt’ um der Danaer Volk, die Sterbenden schauend.Als sie nunmehr sich versammelt, und voll gedrängt die Versammlung;Trat hervor und begann der mutige Renner Achilleus: Atreus Sohn, nun denk’ ich, wir ziehn den vorigen Irrweg
60 Wieder nach Hause zurück, wofern wir entrinnen dem Tode;Weil ja zugleich der Krieg und die Pest hinrafft die Achaier.Aber wohlan, fragt einen der Opferer, oder der Seher,Oder auch Traumausleger; auch Träume ja kommen von Zeus her:Der uns sage, warum so ereiferte Phöbos Apollon:
65 Ob versäumte Gelübd’ ihn erzürneten, ob Hekatomben:Wenn vielleicht der Lämmer Gedüft und erlesener ZiegenEr zum Opfer begehrt, von uns die Plage zu wenden. Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich Kalchas der Thestoride, der weiseste Vogelschauer,
70 Der erkannte, was ist, was sein wird, oder zuvor war,Der auch her vor Troja der Danaer Schiffe geleitetDurch wahrsagenden Geist, des ihn würdigte Phöbos Apollon;Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung: Peleus Sohn, du gebeutst mir, o Göttlicher, auszudeuten
75 Diesen Zorn des Apollon, des fernhintreffenden Herrschers.Gerne will ich’s ansagen; doch du verheiße mit Eidschwur,Daß du gewiß willfährig mit Wort und Händen mir helfest.Denn leicht möcht’ erzürnen ein Mann, der mächtiges AnsehnsArgos Völker beherrscht, und dem die Achaier gehorchen.
80 Stärker ja ist ein König, der zürnt dem geringeren Manne.Wenn er auch die Galle den selbigen Tag noch zurückhält;Dennoch laur’t ihm beständig der heimliche Groll in den Busen,Bis er ihn endlich gekühlt. Drum rede du, willst du mich schützen? Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
85 Sei getrost, und erkläre den Götterwink, den du wahrnahmst.Denn bei Apollon fürwahr, Zeus Lieblinge, welchem, o Kalchas,Flehend zuvor, den Achaiern der Götter Rat du enthüllest:Keiner, so lang’ ich leb’, und das Licht auf Erden noch schaue,Soll bei den räumigen Schiffen mit frevelnder Hand dich berühren,
90 Aller Achaier umher! und nenntest du selbst Agamemnon,Der nun mächtig zu sein vor allem Volke sich rühmet! Jetzo begann er getrost, und sprach, der untadliche Seher: Nicht versäumte Gelübd’ erzürnten ihn, noch Hekatomben;Sondern er zürnt um den Priester, den also entehrt’ Agamemnon,
95 Nicht die Tochter befreit’, und nicht annahm die Erlösung:Darum gab uns Jammer der Treffende, wird es auch geben.Nicht wird jener die schreckliche Hand abziehn vom Verderben,Bis man zurück dem Vater das freudigblickende MägdleinHingibt, frei, ohn’ Entgelt, und mit heiliger Festhekatombe
100 Heim gern Chrysa entführt. Das möcht’ ihn vielleicht versöhnen. Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich Atreus Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon,Zürnend vor Schmerz; es schwoll ihm das finstere Herz voll der Galle,Schwarz umströmt; und den Augen entfunkelte strahlendes Feuer.
105 Gegen Kalchas zuerst mit drohendem Blicke begann er: Unglücksseher, der nie auch ein heilsames Wort mir geredet! Immerdar nur Böses erfreut dein Herz zu verkünden!Gutes hast du noch nimmer geweissagt, oder vollendet!Jetzt auch meldest du hier als Götterspruch den Achaiern,
110 Darum habe dem Volk der Treffende Wehe bereitet,Weil für Chryses Tochter ich selbst die köstliche LösungAnzunehmen verwarf. Denn traun! weit lieber behielt’ ichSolche daheim; da ich höher wie Klytämnestra sie achte,Meiner Jugend Vermählte: denn nicht ist jene geringer,
115 Weder an Bildung und Wuchs, noch an Geist und künstlicher Arbeit.Dennoch geb’ ich sie willig zurück, ist solches ja besser.Lieber mög’ ich das Volk errettet schaun, denn verderbend.Gleich nur ein Ehrengeschenk bereitet mir, daß ich allein nichtUngeehrt der Danaer sei; nie wäre das schicklich!
120 Denn das seht ihr alle, daß mein Geschenk mir entgehet. Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus: Atreus Sohn, ruhmvoller, du habbegierigster aller,Welches Geschenk verlangst du vom edlen Volk der Achaier?Nirgends wissen wir doch des gemeinsamen vieles verwahret:
125 Sondern so viel wir aus Städten erbeuteten, wurde geteilet;Auch nicht ziemt es dem Volke, das einzelne wieder zu sammeln.Aber entlass’ du jetzo dem Gotte sie; und wir AchaierWollen sie dreifach ersetzen und vierfach, wenn uns einmal ZeusGönnen wird, der Troer befestigte Stadt zu verwüsten.
130 Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon: Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,Sinn’ auf Trug! Nie wirst du mich schlau umgehn, noch bereden!Willst du, indes dir bleibt das Geschenk, daß ich selber umsonst hierSitze, des meinen beraubt? und gebietest mir, frei sie zu geben?
135 Wohl denn, wofern mir ein andres verleihn die edlen Achaier,Meinem Sinn es erlesend, das mir ein voller Ersatz sei!Aber verleihn sie es nicht; dann komm’ ich selber, und nehm’ es,Deines vielleicht, auch des Ajas Geschenk wohl, oder Odysseus’Führ’ ich hinweg; und zürnen vielleicht wird, welchem ich nahe!
140 Doch von solcherlei Dingen ist Zeit zu reden auch künftig.Auf nun, zieht ein schwärzliches Schiff in die heilige Meerflut;Sammelt hinein vollzählig die Ruderer; bringt auch ApollonsHekatomb’; und sie selbst, des Chryses rosige Tochter,Führet hinein; und Gebieter des Schiffs sei der Könige einer:
145 Ajas, oder der Held Idomeneus, oder Odysseus,Oder auch du, Peleide, du schrecklichster unter den Männern!Daß du den Treffenden uns durch heilige Opfer besänftigst. Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus: Ha, du in Unverschämtheit gehülleter, sinnend auf Vorteil!
150 Wie doch gehorcht dir willig noch einer im Heer der Achaier,Einen Gang dir zu gehn, und kühn mit dem Feinde zu kämpfen?Nicht ja wegen der Troer, der lanzenkundigen, kam ichMit hieher in den Streit; sie haben’s an mir nicht verschuldet.Denn nie haben sie mir die Rosse geraubt, noch die Rinder;
155 Nie auch haben in Phtia, dem scholligen Männergefilde,Meine Frucht sie verletzt; indem viel Raumes uns sondert,Waldbeschattete Berg’, und des Meers weitrauschende Wogen.Dir, schamlosester Mann, dir folgten wir, daß du dich freutest;Nur Menelaos zu rächen, und dich, du Ehrevergeßner,
160 An den Troern! Das achtest du nichts, noch kümmert dich solches!Selbst mein Ehrengeschenk, das drohest du mir zu entreißen,Welches mit Schweiß ich errungen, und mir verehrt die Achaier!Hab’ ich doch nie ein Geschenk, wie das deinige, wann die AchaierEine bevölkerte Stadt des troischen Volkes verwüstet;
165 Sondern die schwerste Last des tobenden SchlachtengetümmelsTrag’ ich mit meinem Arm: doch kommt zur Teilung es endlich,Dein ist das größte Geschenk; und ich, mit wenigem fröhlich,Kehre heim zu den Schiffen, nachdem ich erschlafft von dem Streite.Doch nun geh’ ich gen Phtia! denn weit zuträglicher ist es,
170 Heim mit den Schiffen zu gehn, den gebogenen! Schwerlich auch wirst du,Weil du allhier mich entehrst, noch Schätz’ und Güter dir häufen! Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon: Fliehe nur, wenn’s dein Herz dir gebeut! Nie werd’ ich dich wahrlichAnflehn, meinethalb zu verziehn! Mir bleiben noch andre,
175 Ehre mir zu erwerben; zumal Zeus waltende Vorsicht!Ganz verhaßt mir bist du vor allen beseligten Herrschern!Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf’ und die Schlachten!Wenn du ein Stärkerer bist, ein Gott hat dir solches verliehen!Schiffe denn heim, du selbst mit den Deinigen, daß du in Ruhe
180 Myrmidonen gebietest! denn du bist nichts mir geachtet;Nichts auch gilt mir dein Pochen! vielmehr noch droh’ ich dir also:Weil mir Chryses Tochter hinwegnimmt Phöbos Apollon,Werd’ ich sie mit eigenem Schiff und eignen GenossenSenden; allein ich hole die rosige Tochter des Brises
185 Selbst mir aus deinem Gezelt, dein Ehrengeschenk: daß du lernest,Wie viel höher ich sei als du, und ein anderer zage,Gleich sich mir zu wähnen, und so mir zu trotzen ins Antlitz!


Jener sprach’s; da entbrannte der Peleion’, und das Herz ihmUnter der zottigen Brust ratschlagete, wankendes Sinnes:
190 Ob er das schneidende Schwert alsbald von der Hüfte sich reißendTrennen sie sollt’ auseinander, und niederhaun den Atreiden;Oder stillen den Zorn, und die mutige Seele beherrschen.Als er solches erwog in des Herzens Geist und Empfindung,Und er das große Schwert schon hervorzog; naht’ ihm vom Himmel
195 Pallas Athen’, entsandt von der lilienarmigen Here,Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt war.Hinter ihn trat sie, und faßte das bräunliche Haar des Peleiden,Ihm allein sich enthüllend; der anderen schaute sie keiner.Staunend zuckte der Held und wandte sich: plötzlich erkannt’ er
200 Pallas Athenens Gestalt, und fürchterlich strahlt’ ihm ihr Auge.Und er begann zu jener, und sprach die geflügelten Worte: Warum, o Tochter Zeus des Ägiserschütterers, kamst du? Etwa den Frevel zu schaun von Atreus Sohn Agamemnon?Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:
205 Sein unbändiger Stolz wird einst noch das Leben ihm kosten! Drauf antwortete Zeus blauäugige Tochter Athene: Deinen Zorn zu stillen, gehorchtest du, kam ich vom Himmel;Denn mich sendete Here, die lilienarmige Göttin,Die für beide zugleich in liebender Seele besorgt ist.
210 Aber wohlan, laß fahren den Streit, und zucke das Schwert nicht.Magst du mit Worten ihn doch beleidigen, wie es dir einfällt.Denn ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet:Einst wird dir noch dreimal so herrliche Gabe geboten,Wegen der heutigen Schmach. Drum fasse dich nun, und gehorch’ uns.
215 Ihr antwortete drauf der mutige Renner Achilleus: Euer Wort, o Göttin, geziemet es, wohl zu bewahren,Welche Wut auch im Herzen sich hebt; denn solches ist besser.Wer dem Gebot der Götter gehorcht, den hören sie wieder. Sprach’s, und hemmte die nervichte Hand an dem silbernen Hefte,
220 Stieß in die Scheide zurück das große Schwert, und verwarf nichtAthenäens Gebot. Sie wandte sich drauf zum Olympos,In den Palast des donnernden Zeus, zu den anderen Göttern. Doch der Peleide begann mit erbitterten Worten von neuem Gegen des Atreus Sohn; denn noch nicht ruht’ er vom Zorne:
225 Trunkenbold, mit dem hündischen Blick, und dem Mute des Hirsches! Niemals weder zur Schlacht mit dem Volke zugleich dich zu rüsten,Noch zum Hinterhalte zu gehn mit den edlen Achaias,Hast du im Herzen gewagt! Das scheinen dir Schrecken des Todes!Zwar behaglicher ist es, im weiten Heer der Achaier
230 Ihm sein Geschenk zu entwenden, der dir entgegen nur redet!Volkverschlingender König! Denn nichtigen Menschen gebeutst du!Oder du hättest, Atreide, das letzte Mal heute gefrevelt!Aber ich sage dir an, und mit heiligen Eide beschwör’ ich’s!Wahrlich bei diesem Scepter, der niemals Blätter und Zweige
235 Wieder zeugt, nachdem er den Stamm im Gebirge verlassen;Nie mehr sproßt er empor, denn ringsum schälte das Erz ihmLaub und Rinde hinweg; und edele Söhne AchaiasTragen ihn jetzt in der Hand, die Richtenden, welchen KronionSeine Gesetze vertraut: dies sei dir die hohe Beteurung!
240 Wahrlich vermißt wird Achilleus hinfort von den Söhnen AchaiasAllzumal; dann suchst du umsonst, wie sehr du dich härmest,Rettung, wenn sie in Scharen, vom männermordenden HektorNiedergestürzt, hinsterben; und tief in der Seele zernagt dichZürnender Gram, daß den besten der Danaer nichts du geehret!
245 Also sprach der Peleid’, und warf auf die Erde den Scepter, Rings mit goldenen Buckeln geschmückt; dann setzt’ er sich nieder.Gegen ihn stand der Atreid’ und wütete. Jetzo erhub sichNestor mit holdem Gespräch, der tönende Redner von Pylos,Dem von der Zung’ ein Laut wie des Honiges Süße daherfloß.
250 Diesem waren schon zwei der redenden MenschengeschlechterHingewelkt, die vordem ihm zugleich aufwuchsen und lebten,Dort in der heiligen Pylos; und jetzt das dritte beherrscht’ er.Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung: Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
255 Traun, wohl freun wird sich Priamos des, und Priamos Söhne,Auch das Volk der Troer wird hoch frohlocken im Herzen,Wenn sie das alles gehört, wie ihr durch Zank euch ereifert,Ihr, die ersten Achaier im Rat, und die ersten im Kampfe.Aber gehorcht! Ihr beide seid jüngeres Alters, denn ich bin!
260 Denn schon vormals pflog ich mit stärkeren Männern Gemeinschaft,Als ihr seid; und dennoch verachteten jene mich nimmer!Solche Männer ersah ich nicht mehr, und ersehe sie schwerlich,So wie Peirithoos war, und der völkerweidende Dryas,Käneus auch, und der Held Exadios, auch Polyphemos,
265 Oder wie Ägeus Sohn, der götterähnliche Theseus.Traun, das waren die stärksten der lebenden Erdebewohner,Waren selbst die stärksten und kämpften nur wider die stärksten,Wider die Bergkentauren, und übeten grause Vertilgung.Seht, und jenen war ich ein Kriegsgenoß, der aus Pylos
270 Herkam, fern ans dem Apierland; denn sie riefen mich selber;Und ich kämpfte das meinige mit. Doch jene vermochteKeiner, so viel nun leben des Menschengeschlechts, zu bekämpfen.Dennoch hörten sie Rat von mir, und gehorchten dem Worte.Aber gehorcht auch ihr; denn Rat zu hören ist besser.
275 Weder du, wie mächtig du seist, nimm jenem das Mägdlein;Sondern laß, was ihm einmal zum Dank verliehn die Achaier:Noch auch du, o Peleid’, erhebe dich wider den KönigSo voll Trotz; denn es ward nie gleicher Ehre ja teilhaftEin bescepterter König, den Zeus mit Ruhme verherrlicht.
280 Wenn du ein Stärkerer bist, und Sohn der göttlichen Mutter:Ist er mächtiger doch, weil mehrerem Volk er gebietet.Atreus Sohn, laß fahren den Zorn; und ich selbst will AchilleusAnflehn, auch sein Herz zu besänftigen, ihn, der die großeSchutzwehr ist dem achaiischen Volk im verderbenden Kriege.
285 Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon: Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet.Aber der Mann will immer den anderen allen zuvor sein;Allen will er gebieten im Heer, und alle beherrschen,Allen Gesetz’ austeilen, die niemand, mein’ ich, erkennet!
290 Wenn sie ja Lanzenkund’ ihm verliehn, die ewigen Götter;Stellen sie darum ihm frei, auch Schmähungen auszurufen? Ihm in die Red’ einfallend, begann der edle Achilleus: Ja fürwahr, ein Feiger und Nichtiger müßt’ ich genannt sein,Wenn ich in allem mich dir demütigte, was du nur aussprichst!
295 Andern gebeut’ du solches nach Willkür; aber nur mir nichtWinke Befehl; ich möchte hinfort dir wenig gehorchen!Eines verkünd’ ich dir noch, und du bewahr’ es im Herzen.Niemals heb’ ich die Arme zum Streit auf wegen des Mägdleins,Weder mit dir, noch andern; ihr gabt, und nehmet sie wieder.
300 Aber so viel mir sonst bei dem dunkelen Schiffe sich findet,Davon nimmst du mir schwerlich das mindeste, wider mein Wollen.Oder wohlan, versuch’ es! damit sie alle mit ansehn,Wie alsbald an der Lanze dein schwarzes Blut mir herabträuft! Also haderten beide mit widerstrebenden Worten,
305 Standen dann auf, und trennten den Rat bei den Schiffen Achaias.Peleus Sohn, zu den Zelten gewandt und schwebenden Schiffen,Wandelte, samt Menötios’ Sohn und seinen Genossen. Doch der Atreid’ entließ ein hurtiges Schiff in die Meerflut; Wählete zwanzig hinein der Ruderer; bracht’ auch Apollons
310 Hekatomb’; und darauf des Chryses rosige TochterFührt’ er hinein; und Gebieter des Schiffs war der weise Odysseus.Alle nun eingestiegen, durchsteuerten flüssige Pfade. Drauf hieß Atreus Sohn sich entsündigen alle Achaier: Und sie entsündigten sich, und warfen ins Meer die Befleckung,
315 Opferten dann für Apollon vollkommene SühnhekatombenMutiger Stier’ und Ziegen am Strand des verödeten Meeres;Und hoch wallte der Duft in wirbelndem Rauche gen Himmel. So war alles im Heere beschäftiget. Doch Agamemnon Ließ nicht ruhn, was er zankend zuvor gedroht dem Achilleus;
320 Sondern Talthybios schnell und Eurybates rief er ermahnend,Die Herold’ ihm waren und rasch aufwartende Diener: Gehet hin zum Gezelte des Peleiaden Achilleus; Nehmt an der Hand und bringt des Brises rosige Tochter.Wenn er sie nicht hergäbe, so möcht’ ich selber sie nehmen,
325 Hin mit mehreren kommend; was ihm noch schrecklicher sein wird! Jener sprach’s und entließ sie, die drohenden Worte befehlend. Ungern gingen sie beid’ am Strand des verödeten Meeres,Bis sie die Zelt’ und Schiffe der Myrmidonen erreichten.Ihn nun fanden sie dort am Gezelt und dunkelen Schiffe
330 Sitzend; und traun, nicht wurde des Anblicks fröhlich Achilleus.Beide bestürzt vor Scheu und Ehrfurcht gegen den KönigStanden, und wageten nichts zu verkündigen, oder zu fragen.Aber er selbst vernahm es in seinem Geist, und begann so: Freude mit euch, Herold’, ihr Boten Zeus und der Menschen!
335 Nahet euch! Ihr nicht seid mir Verschuldete; nur Agamemnon,Der euch beide gesandt um Brises rosige Tochter.Auf denn, führe heraus das Mägdelein, edler Patroklos,Und laß jene sie nehmen. Doch sei’n sie selber mir Zeugen,Vor den seligen Göttern, und vor den sterblichen Menschen,
340 Auch vor dem Könige dort, dem Wüterich: Wenn man hinfort nochMeiner Hilfe bedarf, dem schmählichen Jammer zu steuernJenes Volks…! Ha, wahrlich, er tobt in verderblichem Wahnsinn,Blind im Geiste zugleich vorwärts zu schauen und rückwärts,Daß bei den Schiffen er sichre das streitende Heer der Achaier!
345 Jener sprach’s; und Patroklos, dem lieben Freunde gehorchend, Führt’ aus dem Zelt, und gab des Brises rosige TochterJenen dahin; und sie kehrten zurück zu den Schiffen Achaias.Ungern ging mit ihnen das Mägdelein. Aber AchilleusWeinend setzte sich schnell, abwärts von den Freunden gesondert,
350 Hin an des Meeres Gestad’, und schaut’ in das finstre Gewässer.Vieles zur trauten Mutter nun flehet er, breitend die Hände: Mutter, dieweil du mich nur für wenige Tage gebarest, Sollte mir Ehre doch der Olympier jetzo verleihen,Der hochdonnernde Zeus! doch er ehret mich nicht, auch ein wenig!
355 Siehe, des Atreus Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,Hat mich entehrt, und behält mein Geschenk, das er selber geraubet! Also sprach er betränt; ihn vernahm die treffliche Mutter, Sitzend dort in den Tiefen des Meers beim grauen Erzeuger.Eilendes Schwungs entstieg sie der finsteren Flut, wie ein Nebel;
360 Und nun setzte sie nahe sich hin vor den Tränenbenetzten,Streichelt’ ihn drauf mit der Hand, und redete, also beginnend: Liebes Kind, was weinst du? und was betrübt dir die Seele? Sprich, verhehle mir nichts, damit wir es beide wissen. Doch schwerseufzend begann der mutige Renner Achilleus:
365 Mutter, du weißt das alles; was soll ich es dir noch erzählen?Thebe belagerten wir, Eëtions heilige Feste,Und verwüsteten sie, und führeten alles von dannen.Redlich teilten den Raub die tapferen Söhne Achaias,Und man erkor dem Atreiden des Chryses rosige Tochter.
370 Chryses darauf, der Priester des treffenden Phöbos Apollon,Kam zu den rüstigen Schiffen der erzumschirmten Achaier,Frei zu kaufen die Tochter, und bracht’ unendliche Lösung,Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos ApollonUm den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
375 Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherrn der Völker.Drauf gebot beifallend das ganze Heer der Achaier,Ehrend den Priester zu scheun, und die köstliche Lösung zu nehmen.Aber nicht Agamemnon, des Atreus Sohne, gefiel es;Dieser entsandt’ ihn mit Schmach, und befahl ihm drohende Worte.
380 Zürnend vernahm es der Greis und wandte sich. Aber ApollonHörte des Flehenden Ruf, denn sehr geliebt war ihm jener.Und nun sandt’ er sein Todesgeschoß; und die Völker AchaiasStarben in Scharen dahin, da rings die Geschosse des GottesFlogen im weiten Heere der Danaer. Siehe da weissagt’
385 Uns ein kundiger Seher den heiligen Rat des Apollon.Eilend riet ich selber zuerst, den Gott zu versöhnen.Aber der Atreion’ ereiferte: schnell sich erhebendSprach er ein drohendes Wort, das nun der Vollendung genaht ist.Jene geleiten im Schiff frohblickende Söhne Achaias
390 Heim nach Chrysa zurück, auch bringen sie Gaben dem HerrscherDoch mir nahmen nun eben die Herold’ aus dem GezelteBrises Tochter hinweg, das Ehrengeschenk der Achaier.O wenn du es vermagst, so hilf dem tapferen Sohne!Steig empor zum Olympos, und flehe Zeus, wenn du jemals
395 Ihm mit Worten das Herz erfreuetest, oder mit Taten.Denn ich habe ja oft dich selbst im Palaste des VatersRühmen gehört, wie du einst dem schwarzumwölkten Kronion,Du von den Göttern allein, die schmähliche Kränkung gewendet,Als vordem ihn zu binden die andern Olympier drohten,
400 Here und Poseidaon zugleich, und Pallas Athene.Doch du kamst, o Göttin, und lösetest ihn aus den Banden,Rufend zum hohen Olympos den hundertarmigen Riesen,Den Briareos nennen die Himmlischen, aber ÄgäonJeglicher Mensch; denn er raget auch selbst vor dem Vater an Stärke.
405 Dieser nun saß bei Kronion dem Donnerer, freudiges Trotzes.Drob erschraken die Götter, und scheuten sich, jenen zu fesseln.Setze nun, des ihn erinnernd, zu jenem dich, fass’ ihm die Knie’ auch,Ob es vielleicht ihm gefallen den Troern Schutz zu gewähren,Aber zurück zu drängen zum Lager und Meer die Achaier,
410 Niedergehaun, bis sie alle sich sättigen ihres Gebieters,Auch er selbst der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,Kenne die Schuld, da den besten der Danaer nichts er geehret! Aber Thetis darauf antwortete, Tränen vergießend: Wehe mir! daß ich, mein Kind, dich erzog, unselig Geborner!
415 Möchtest du hier bei den Schiffen doch frei von Tränen und KränkungSitzen; dieweil dein Verhängnis so kurz nur währet, so gar kurz!Aber zugleich frühwelkend und unglückselig vor allenWurdest du! Ja, dich gebar ich dem Jammergeschick im Palaste!Dies dem Donnerer Zeus zu verkündigen, ob er mich höre,
420 Geh’ ich selber hinauf zum schneebedeckten Olympos.Du indes an des Meers schnellwandelnden Schiffen dich setzend,Zürne dem Danaervolk, und des Kriegs enthalte dich gänzlich.Zeus ging gestern zum Mahl der unsträflichen ÄthiopenAn des Okeanos Flut; und die Himmlischen folgten ihm alle.
425 Aber am zwölften Tag, dann kehret er heim zum Olympos.Hierauf steig’ ich empor zum ehernen Hause Kronions,Und umfass’ ihm die Knie’; und ich traue mir, ihn zu bewegen.


Als sie solches geredet, einteilte sie. Jener allein nunZürnt’ im Geist, und gedachte des schöngegürteten Weibes,
430 Das man mit Trotz und Gewalt ihm hinwegnahm. Aber OdysseusKam und brachte gen Chrysa die heilige Sühnhekatombe.Als sie nunmehr in des Ports tiefgründige Räume gekommen,Zogen sie ein die Segel, und legten ins schwärzliche Schiff sie;Lehnten darauf zum Behälter den Mast, an den Tauen ihn senkend,
435 Eilig hinab, und schoben das Schiff mit Rudern zur Anfuhrt;Warfen dann Anker hinaus, und befestigten Seil’ am Gestade.Aus nun stiegen sie selbst an den wogenden Strand der Gewässer,Aus auch lud man das Opfer dem treffenden Phöbos Apollon;Aus auch stieg Chryseïs vom meerdurchwallenden Schiffe.
440 Diese nun führte sogleich zum Altar der weise Odysseus,Gab in des Vaters Hände sie hin, und redete also: Chryses, mich sandte daher der Völkerfürst Agamemnon, Daß ich die Tochter dir brächt’, und die Sühnhekatombe dem PhöbosOpferte für die Achaier, den Zorn zu versöhnen des Herrschers,
445 Der nun Argos’ Volke so schmerzliches Wehe verhänget. Sprach’s, und gab in die Hände sie ihm; und mit Freuden empfing er Seine geliebte Tochter. Auch ordneten jene des GottesHerrliche Sühnhekatomb’ um den schöngebaueten Altar;Wuschen darauf sich die Händ’, und nahmen sich heilige Gerste.
450 Aber Chryses betete laut mit erhobenen Händen: Höre mich, Gott, der du Chrysa mit silbernem Bogen umwandelst, Samt der heiligen Killa, und Tenedos mächtig beherrschest!So wie schon du zuvor mich höretest, als ich dich anrief,Wie du Ehre mir gabst, und furchtbar schlugst die Achaier;
455 Also auch nun von neuem gewähre mir dieses Verlangen:Gib den Danaern nun der schmählichen Plage Genesung! Also rief er betend; ihn hörete Phöbos Apollon. Aber nachdem sie gefleht, und heilige Gerste gestreuet:Beugten zurück sie die Häls’, und schlachteten, zogen die Häut’ ab,
460 Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit FetteZwiefach umher, und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.Jetzo verbrannt’ es auf Scheitern der Greis, und dunkeles WeinesSprengt’ er darauf; ihn umstanden die Jünglinge, haltend den Fünfzack.Als sie die Schenkel verbrannt, und die Eingeweide gekostet;
465 Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten’s an Spieße,Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet,Schmausten sie, und nicht mangelt’ ihr Herz des gemeinsamen Mahles.Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
470 Füllten die Jünglinge schnell die Krüge zum Rand mit Getränke,Wandten von neuem sich rechts und verteileten allen die Becher.Jene den ganzen Tag versöhnten den Gott mit Gesange,Schön anstimmend den Päan, die blühenden Männer Achaias,Preisend des Treffenden Macht; und er hörte freudiges Herzens.
475 Als die Sonne nunmehr hinsank, und das Dunkel herauszog, Legten sich jene zur Ruh’ an den haltenden Seilen des Schiffes.Als aufdämmernd nun Eos mit Rosenfingern emporstieg;Jetzo schifften sie heim zum weiten Heer der Achaier.Günstigen Hauch sandt’ ihnen der treffende Phöbos Apollon;
480 Und sie erhuben den Mast, und spannten die schimmernden Segel.Voll nun schwellte der Wind des Segels Mitt’, und umher schollLaut die purpurne Wog’ um den Kiel des gleitenden Schiffes;Und es durchlief die Gewässer, den Weg in Eile vollendend.Als sie nunmehr hinkamen zum weiten Heer der Achaier,
485 Zogen das schwärzliche Schiff sie empor an die Feste des Landes,Hoch auf den kiesigen Sand, und breiteten drunter Gebälk hin;Selbst dann zerstreuten sie sich ringsher zu Gezelten und Schiffen. Jener zürnt’, an des Meers schnellwandelnden Schiffen sich setzend, Peleus göttlicher Sohn, der mutige Renner Achilleus:
490 Niemals mehr in den Rat, den männerehrenden, ging er;Niemals mehr in die Schlacht. Doch Gram zernagte das Herz ihm,Daß er blieb; er verlangte nur Feldgeschrei und Getümmel. Als nunmehr die zwölfte der Morgenröten emporstieg; Kehreten heim zum Olympos die ewigwährenden Götter
495 Alle zugleich; Zeus führte. Doch Thetis vergaß das Geheiß nichtIhres Sohns; sie enttauchte der Woge des Meers, und erhub sichSchon in dämmernder Frühe zum Himmel empor und Olympos;Fand nun den wartenden Zeus abwärts von den anderen sitzend,Dort auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
500 Und sie setzte sich nahe vor ihm, umschlang mit der LinkenSeine Knie’, und berührt’ ihn unter dem Kinn mit der Rechten;Flehend zugleich begann sie zum herrschenden Zeus Kronion: Vater Zeus, wenn ich je mit Worten dir, oder mit Taten, Frommt’ in der Götterschar; so gewähre mir dieses Verlangen:
505 Ehre mir meinen Sohn, der frühhinwelkend vor andernSterblichen ward! Doch hat ihn der Völkerfürst AgamemnonJetzo entehrt, und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!Aber o räch’ ihn du, Olympier, Ordner der Welt, Zeus!Stärke die Troer nunmehr mit Siegskraft, bis die Achaier
510 Meinen Sohn mir geehrt, und reichliche Ehr’ ihm vergolten! Jene sprach’s; ihr erwiderte nichts der Wolkenversammler; Lange saß er und schwieg. Doch Thetis schmiegte sich fest ihmAn die umschlungenen Knie’, und flehete wieder von neuem: Unverstellt verheiße mir jetzt, und winke Gewährung;
515 Oder verweigere mir’s! (Nichts scheuest du!) daß ich es wisse,Ganz sei ich vor allen die ungeehrteste Göttin! Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus: Heillos traun ist solches, daß du mit Here zu hadernMich empörst, wann sie künftig mich reizt durch schmähende Worte.
520 Zanket sie doch schon so im Kreis der unsterblichen GötterStets mit mir, und saget, ich helf’ im Streit den Troern.Eile du denn jetzt wieder hinweg, daß nicht dich bemerkeHere; doch mir sei die Sorge des übrigen, wie ich’s vollende.Aber wohlan, mit dem Haupte dir wink’ ich es, daß du vertrauest.
525 Solches ist ja meiner Verheißungen unter den GötternHeiligstes Pfand, denn nie ist wandelbar, oder betrüglich,Noch unvollendet das Wort, das mit winkendem Haupt ich gewähret. Also sprach, und winkte mit schwärzlichen Brauen Kronion; Und die ambrosischen Locken des Königes wallten ihm vorwärts
530 Von dem unsterblichen Haupt; es erbebten die Höhn des Olympos. So ratschlagten sie beid’, und trennten sich. Siehe, die Göttin Fuhr in die Tiefe des Meers vom glanzerhellten Olympos;Zeus dann in seinen Palast. Die Unsterblichen standen empor ihmAlle vom Sitz, dem Vater entgegen zu gehn; und nicht einer
535 Harrte des Kommenden dort, entgegen ihm traten sie alle. Er nun nahte dem Thron, und setzte sich. Aber nicht achtlos Hatt’ es Here bemerkt, wie geheim ratschlagte mit jenemNereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.Schnell mit kränkender Rede zu Zeus Kronion begann sie:
540 Wer hat, Schlauer, mit dir der Unsterblichen wieder geratschlagt? Immer war es dir Freude, von mir hinweg dich entfernend,Heimlich ersonnenen Rat zu genehmigen! Hast du doch niemalsMir willfähriges Geistes ein Wort gesagt, was du denkest! Drauf begann der Vater des Menschengeschlechts und der Götter:
545 Here, nur nicht alles getraue dir, was ich beschließenEinzusehn; schwer würde dir das, auch meiner Gemahlin!Zwar was dir zu hören vergönnt ist, keiner soll jenesFrüher erkennen denn du, der Unsterblichen oder der Menschen.Doch was mir von den Göttern entfernt zu beschließen genehm ist,
550 Solches darfst du mir nicht auskundigen, oder erforschen. Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here: Welch ein Wort, Kronion, du schrecklicher, hast du geredet!Nie doch hab’ ich zuvor mich erkundiget, oder geforschet;Sondern ganz in Ruhe beschließest du, was dir genehm ist.
555 Doch nun sorg’ ich im Herzen und fürchte mich, daß dich beschwatzeNereus Tochter des Greises, die silberfüßige Thetis.Denn sie saß in der Frühe bei dir, und umschlang dir die Kniee.Ihr dann winkend, vermut’ ich, gelobtest du, daß du AchilleusEhren willst, und verderben der Danaer viel’ an den Schiffen.
560 Gegen sie rief antwortend der Herrscher im Donnergewölk Zeus: Immer, du Wunderbare, vermutest du; spähest mich immerDoch nicht schafft dein Tun dir das mindeste; sondern entfernterWirst du im Herzen mir stets: was dir noch schrecklicher sein wird;Wenn auch jenes geschieht, so wird mir’s also gelieben!
565 Sitze denn ruhig und schweig’, und gehorche du meinem Gebote.Kaum wohl schätzten dich sonst die Unsterblichen all’ im Olympos,Trät’ ich hinan, ausstreckend zu dir die unnahbaren Hände! Jener sprach’s; da erschrak die hoheitblickende Here; Schweigend saß sie nunmehr, und bezwang die Stürme des Herzens.
570 Doch rings traurten im Saale die göttlichen Uranionen.Jetzo begann Hephästos, der kunstberühmte, zu reden,Seiner Mutter zu Gunst, der lilienarmigen Here:Heillos traun wird solches zuletzt, und gar unerträglich,Wenn ihr beid’ um Sterbliche nun euch also entzweiet,
575 Und zu Tumult aufreizet die Himmlischen! Nichts ja geneußt manMehr von der Freude des Mahls; denn es wird je länger, je ärger!Jetzt ermahn’ ich die Mutter, wiewohl sie selber Verstand hat,Unserem Vater zu nahn mit Gefälligkeit, daß er hinfort nichtSchelte, der Vater Zeus, und uns zerrütte das Gastmahl.
580 Denn sobald er es wollte, der Donnergott des Olympos,Schmettert’ er uns von den Thronen; denn er ist mächtig vor allen,Aber wohlan, du wollest mit freundlichen Worten ihm schmeicheln;Bald wird wieder zu Huld der Olympier uns versöhnt sein. Jener sprach’s, und erhub sich, und nahm den doppelten Becher,
585 Reicht’ in die Hand der Mutter ihn dar, und redete also:Duld’, o teuerste Mutter, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!Daß ich nicht, du Geliebte, mit eigenen Augen es sehe,Wann er dich straft; darin sucht’ ich umsonst, wie sehr ich mich härmte,Rettung: schwerlich ja mag dem Olympier einer begegnen!
590 Denn schon einmal vordem, als abzuwehren ich strebte,Schwang er mich hoch, bei der Ferse gefaßt, von der heiligen Schwelle.Ganz den Tag hinflog ich, und spät mit der sinkenden SonneFiel ich in Lemnos hinab, und atmete kaum noch Leben;Aber der Sintier Volk empfing mich Gefallenen freundlich.
595 Sprach’s; da lächelte sanft die lilienarmige Here; Lächelnd darauf entnahm sie der Hand des Sohnes den Becher.Jener schenkte nunmehr auch der übrigen GötterversammlungRechts herum, dem Kruge den süßen Nektar entschöpfend.Doch unermeßliches Lachen erscholl den seligen Göttern,
600 Als sie sahn, wie Hephästos in emsiger Eil’ umherging. Also den ganzen Tag bis spät zur sinkenden Sonne Schmausten sie; und nicht mangelt’ ihr Herz des gemeinsamen Mahles,Nicht des Saitengetöns von der lieblichen Leier Apollons,Noch des Gesangs der Musen mit hold antwortender Stimme.
605 Aber nachdem sich gesenkt des Helios leuchtende Fackel, Gingen sie auszuruhn, zur eigenen Wohnung ein jeder,Dort wo jedem vordem der hinkende Künstler HephästosBauete seinen Palast mit erfindungsreichem Verstande.Zeus auch ging zum Lager, der Donnergott des Olympos,
610 Wo er zuvor ausruhte, wann süßer Schlaf ihm genaht war:Dorthin stieg er zu ruhn mit der goldenthronenden Here.

Zweiter Gesang

Inhalt

Zeus, des Versprechens eingedenk, bewegt Agamemnon durch einen Traum, die Achaier zur Schlacht auszuführen. Rat der Fürsten; dann Volksversammlung. Agamemnon, das Volk zu versuchen, befiehlt Heimkehr; und alle sind geneigt. Odysseus, von Athene ermahnt, hemmt sie. Thersites dringt schmähend auf Heimkehr, und wird gestraft. Das beschämte Volk, durch Odysseus und Nestor völlig gewonnen, wird von Agamemnon zur Schlacht aufgefordert. Frühmahl, Opfer und Anordnung des Heers. Verzeichnis der achaiischen Völker. Die Troer in Versammlung hören die Botschaft, und rücken aus. Verzeichnis der troischen Völker.


Alle nunmehr, die Götter und gaulgerüsteten Männer,Schliefen die ganze Nacht; nur Zeus nicht labte der Schlummer;Sondern er sann im Geiste voll Unruh, wie er AchilleusEhren möcht’, und verderben der Danaer viel’ an den Schiffen.
5 Dieser Gedank’ erschien dem Zweifelnden endlich der beste:Einen täuschenden Traum zu Atreus Sohne zu senden.Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte: Eile mir, täuschender Traum, zu den rüstigen Schiffen Achaias; Gehe dort ins Gezelt zu Atreus Sohn Agamemnon,
10 Ihm das alles genau zu verkündigen, was ich gebiete.Heiß’ ihn rüsten zur Schlacht die hauptumlockten AchaierAll’ im Heer; denn jetzo sei leicht ihm bezwungen der TroerWeitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches EntschlussesSein die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alle
15 Here durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben. Jener sprach’s; und der Traum, sobald er die Rede vernommen, Eilte hinweg, und kam zu den rüstigen Schiffen Achaias.Hin nun eilt’ er, und fand des Atreus Sohn AgamemnonSchlafend in seinem Gezelt; ihn umfloß der ambrosische Schlummer.
20 Jener trat ihm zum Haupt’, an Gestalt dem Sohne des NeleusNestor gleich, den hoch vor den Ältesten ehrt’ Agamemnon;Dessen Gestalt nachahmend begann der göttliche Traum so: Schlummerst du, Atreus Sohn, des feurigen Rossebezähmers? Keinem Richter gebührt’s die ganze Nacht zu durchschlummern,
25 Dem zur Hut sich die Völker vertraut, und so mancherlei obliegt.Auf, nun höre mein Wort; ich komm’, ein Bote Kronions,Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten AchaierAll’ im Heer; denn jetzo sei leicht dir bezwungen der Troer
30 Weitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches EntschlussesSein die olympischen Götter; bewegt schon habe sie alleHere durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe VerderbenHer von Zeus. Du merk’ es im Geiste dir, daß dem GedächtnisNichts entfällt, wann jetzo vom lieblichen Schlaf du erwachest.
35 Also sagt’ ihm der Traum, und wandte sich; jenen verließ er Dem nachsinnend im Geist, was nie zur Vollendung bestimmt war.Denn er hoffte noch heut’ des Priamos Stadt zu erobern;Tor! und erkannte nicht, was Zeus für Taten geordnet.Denn er beschloß noch Jammer und Angstgeschrei zu erregen
40 Troern zugleich und Achaiern im Ungestüme der Feldschlacht.Jetzo erwacht’ er vom Schlaf, noch umtönt von der göttlichen Stimme;Setzte sich aufrecht hin, und zog das weiche Gewand an,Sauber und neugewirkt, und warf den Mantel darüber;Unter die glänzenden Füß’ auch band er sich stattliche Sohlen;
45 Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silberner Buckeln;Nahm auch den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;Wandelte dann zu den Schiffen der erzumschirmten Achaier. Eos aber die Göttin erstieg den hohen Olympos, Zeus und den anderen Göttern des Tageslicht zu verkünden.
50 Und er gebot Herolden von hellaustönender Stimme,Rings zur Versammlung zu rufen die hauptumlockten Achaier.Tönend ruften sie aus, und flugs war die Menge versammelt.Einen Rat nun setzt’ er zuerst der erhabenen Ältsten,Am Nestorischen Schiffe, des herrschenden Greises von Pylos;
55 Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung: Freunde, vernehmt; ein göttlicher Traum erschien mir im Schlummer Durch die ambrosische Nacht; und ganz dem erhabenen NestorWar an Wuchs und Größ’ und Gestalt er wunderbar ähnlich.Dieser trat mir zum Haupt, und redete, also beginnend:
60 Schlummerst du, Atreus Sohn, des feurigen Rossebezähmers?Keinem Richter gebührt’s die ganze Nacht zu durchschlummern,Dem zur Hut sich die Völker vertraut, und so mancherlei obliegt.Auf, nun höre mein Wort; ich komm’ ein Bote Kronions,Der dich sehr, auch ferne, begünstiget, dein sich erbarmend.
65 Rüsten heißt er zur Schlacht die hauptumlockten AchaierAll’ im Heer, denn jetzo sei leicht dir bezwungen der TroerWeitdurchwanderte Stadt. Nicht mehr zweifaches EntschlussesSein die olympischen Götter; bewegt schon haben sie alleHere durch Flehn; und hinab auf Ilios schwebe Verderben
70 Her von Zeus. Du merk’ es im Geiste dir. - Dieses geredet,Flog er hinweg und verschwand; und der liebliche Schlummer verließ mich.Aber wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier!Selber zuerst durch Worte versuch’ ich sie, wie es Gebrauch ist,Und ermahne zur Flucht in vielgeruderten Schiffen:
75 Ihr dann, anderswo andre, beredet sie wieder zu bleiben. Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich Nestor, welcher gebot in Pylos sandigen Fluren;Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung: Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
80 Hätte von solchem Traum ein anderer Mann uns erzählet;Lug wohl nennten wir ihn, und wendeten uns mit Verachtung.Doch ihn sah, der den ersten vor allem Volke sich rühmet.Drum wohlan, ob vielleicht zu rüsten gelingt die Achaier! Jener sprach’s, und wandte der erste sich aus der Versammlung.
85 Rings dann standen sie auf, dem Völkerhirten gehorchend,Alle bescepterten Fürsten. Heran nun stürzten die Völker.Wie wenn Scharen der Bienen daherziehn dichtes Gewimmels,Aus dem gehöhleten Fels in beständigem Schwarm sich erneuend;Jetzt in Trauben gedrängt umfliegen sie Blumen des Lenzes;
90 Andere hier unzählbar entflogen sie, andere dorthin:Also zogen gedrängt von den Schiffen daher und GezeltenRings unzählbare Völker am Rand des hohen GestadesSchar an Schar zur Versammlung. Entbrannt in der Mitte war Ossa,Welche, die Botin Zeus, sie beschleunigte; und ihr Gewühl wuchs.
95 Weit nun hallte der Kreis, und es dröhnete drunten der Boden,Als sich das Volk hinsetzt’; und Getös war. Doch es erhubenNeun Herolde den Ruf, und hemmten sie, ob vom Geschrei sieRuheten, und anhörten die gottbeseligten Herrscher.Kaum saß endlich das Volk, umher auf den Sitzen sich haltend;
100 Und es verstummt ihr Getön. Da erhub sich der Held Agamemnon,Haltend den Herrscherstab, den mit Kunst Hephästos gebildet.Diesen gab Hephästos dem wartenden Zeus Kronion;Hierauf gab ihn Zeus dem bestellenden Argoserwürger;Hermes gab ihn, der Herrscher, dem Rossebändiger Pelops;
105 Wieder gab ihn Pelops dem völkerweidenden Atreus;Dann ließ Atreus ihn sterbend dem lämmerreichen Thyestes;Aber ihn ließ Thyestes dem Held Agamemnon zu tragen,Viel’ Eilande damit und Argos reich zu beherrschen.Hierauf lehnte sich jener, und sprach die geflügelten Worte:
110 Freund’, ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares, Hart hat Zeus der Kronid’ in schwere Schuld mich verstricket!Grausamer! welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.Doch nun sann er verderblichen Trug, und heißet mich ruhmlos
115 Wieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.Also gefällt’s nun wohl dem hocherhabnen Kronion,Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert,Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.Schande ja daucht es und Hohn noch spätem Geschlecht zu vernehmen,
120 Daß so umsonst ein solches, so großes Volk der AchaierNiemals frommenden Streit rastlos fortschreitet und kämpfetGegen mindere Feind’, und noch kein Ende zu sehn ist.Denn wofern wir wünschten, Achaier zugleich und Troer,Treuen Bund uns schwörend, die Zahl zu wissen von beiden:
125 Erst zu erlesen die Troer, so viel dort eigenes Herdes;Wir dann ordneten uns je zehn und zehn, wir Achaier,Einen Mann der Troer für jegliche wählend zum Schenken:Viele der Zehenten wohl entbehreten, mein’ ich, das Schenken.So weit daucht mir größer die Zahl der edlen Achaier,
130 Als dort wohnen der Troer in Ilios. Aber GenossenSind aus vielen der Städt’ auch lanzenschwingende Männer,Deren Macht mir verwehrt, und nicht, wie ich wollte, gestattet,Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser.Sind doch bereits neun Jahre des großen Zeus uns vergangen,
135 Und schon stockt den Schiffen das Holz, und die Seile vermodern;Unsere Weiber indes und noch unmündigen KinderSitzen daheim und schmachten mach uns: wir aber umsonst hierEndigen nimmer das Werk, um dessenthalb wir gekommen.Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:
140 Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja! Jener sprach’s; und allen das Herz im Busen bewegt’ er, Ringsumher in der Menge, die nicht anhörten den Ratschluß.Rege nun ward die Versammlung, wie schwellende Wogen des Meeres
145 Auf der ikarischen Flut, wann hoch sie der Ost-und der SüdwindAufstürmt, schnell dem Gewölke des Donnerers Zeus sich entstürzend.Wie wenn brausend der West unermeßliche Saaten erreget,Zuckend mit Ungestüm, und die wallenden Ähren hinabbeugt:So war rings die Versammlung in Aufruhr. Hin mit Geschrei nun
150 Stürzte das Volk zu den Schiffen; empor stieg unter dem FußtrittFinsterer Staub in die Luft; sie ermunterten einer den andern,Anzugreifen die Schiff’, und zu ziehn in die heilige Meerflut;Und man räumte die Graben; es scholl gen Himmel der heimwärtsStrebenden Ruf, und den Schiffen entzog man die stützenden Balken.
155 Jetzo geschah den Argeiern auch trotz dem Schicksal die Heimkehr,Hätte nicht, zur Athene gewandt, so Here geredet: Weh mir, des ägiserschütternden Zeus unbezwungene Tochter! Also sollen nun heim zum lieben Lande der VäterArgos Völker entfliehn auf weitem Rücken des Meeres?
160 Ließe man so dem Priamos Ruhm, und den troischen MännernHelena, Argos Kind, um welche so viel der AchaierHin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?Auf nun, geeilt in das Heer der erzumschirmten Achaier!Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red’, und verbeut ihm,
165 Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefachrudernden Schiffe! Jene sprach’s; ihr gehorchte die Herrscherin Pallas Athene. Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos;Schnell erreichte sie dann die rüstigen Schiffe Achaias.Jetzo fand sie Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion,
170 Stehn; und nicht an sein Schiff; das schöngebordete schwarze,Rühret’ er, weil ihm der Gram in Herz und Seele gedrungen.Nahend redete Zeus’ blauäugige Tochter Athene: Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus, Also wollt ihr nun heim zum lieben Lande der Väter
175 Hinfliehn, alle gestürzt in vielgeruderte Schiffe?Ließet ihr so dem Priamos Ruhm, und den troischen MännernHelena, Argos Kind, um welche so viel der AchaierHin vor Troja gesunken, entfernt vom Vatergefilde?Auf nun, geeilt in das Heer der Danaer, nicht so gezaudert!
180 Hemme da jeglichen Mann durch schmeichelnde Red’, und verbeut ihm,Nicht zu ziehen ins Meer die zwiefach rudernden Schiffe! Jene sprach’s; da erkannte der Held die Stimme der Göttin. Schnell abwerfend den Mantel enteilet er; aber den MantelHob Eurybates auf, sein Herold, der ihm gefolgt war.
185 Jener, wie Atreus Sohn Agamemnon gegen ihn herkam,Nahm ihm den Herrscherstab, den ererbeten, ewiger Dauer;Hiermit durcheilt’ er die Schiffe der erzumschirmten Achaier. Welchen der Könige nun und edleren Männer er antraf, Freundlich hemmt’ er diesen, mit schmeichelnden Worten ihm nahend:
190 Halt du, wenig dir ziemt’s, wie ein feiger Mann, zu verzagen! Sitz’ in Ruhe du selbst, und treibe zur Ruh’ auch die andern!Denn noch weißt du ja nicht, wie der Atreione gesinnt sei.Jetzo vielleicht versucht er, und züchtiget bald die Achaier.Denn nicht all’ im Rate vernahmen wir, was er geredet.
195 Daß nicht entbrenne sein Zorn, und wüte durchs Heer der Achaier!Furchtbar ist der Eifer des gottbeseligten Königs;Seine Ehr’ ist von Zeus, und ihn schirmt Zeus’ waltende Vorsicht. Welchen Mann des Volkes er sah, und schreiend wo antraf, Diesen schlug sein Scepter, und laut bedroht’ er ihn also:
200 Halt du! rege dich nicht, und hör’ auf anderer Rede, Die mehr gelten denn du! Unkriegerisch bist du und kraftlos,Nie auch weder im Kampf ein gerechneter, noch in dem Rate!Nicht wir alle zugleich sind Könige hier, wir Achaier!Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur einer sei Herrscher,
205 Einer König allein, dem der Sohn des verborgenen KronosScepter gab und Gesetze, daß ihm die Obergewalt sei. Also durchherrscht’ er das Heer, ein Waltender; und zur Versammlung Stürzten die Völker zurück, von den Schiffen daher und Gezelten,Lärmvoll: wie wenn die Woge des weitaufrauschenden Meeres
210 Hoch an das Felsengestad’ anbrüllt, und die stürmende Flut hallt.


Alles saß nun ruhig, umher auf den Sitzen sich haltend;Nur Thersites erhob sein zügelloses Geschrei noch:Dessen Herz mit vielen und törichten Worten erfüllt war,Immer verkehrt, nicht der Ordnung gemäß, mit den Fürsten zu hadern,
215 Wo ihm nur etwas erschien, das lächerlich vor den ArgeiernWäre. Der häßlichste Mann vor Ilios war er gekommen:Schielend war er, und lahm am anderen Fuß; und die SchulternHöckerig, gegen die Brust ihm geengt; und oben erhub sichSpitz sein Haupt, auf der Scheitel mit dünnlicher Wolle besäet.
220 Widerlich war er vor allen des Peleus Sohn’ und Odysseus;Denn sie lästert’ er stets. Doch jetzt Agamemnon dem HerrscherKreischt’ er hell entgegen mit Schmähungen. Rings die AchaierZürnten ihm heftig empört, und ärgerten sich in der Seele.Aber der Lästerer schalt mit lautem Geschrei Agamemnon:
225 Atreus Sohn, was klagst du denn nun, und wessen bedarfst du? Voll sind dir von Erz die Gezelt’, und viele der WeiberSind in deinen Gezelten, erlesene, die wir AchaierImmer zuerst dir schenken, vom Raub eroberter Städte.Mangelt dir auch noch Gold, das ein rossebezähmender Troer
230 Her aus Ilios bringe, zum Lösungswerte des Sohnes,Welchen ich selbst in Banden geführt, auch sonst ein Achaier?Oder ein jugendlich Weib, ihr beizuwohnen in Wollust,Wann du allein in der Stille sie hegst? Traun, wenig geziemt sich’s,Führer zu sein, und in Jammer Achaias Söhne zu leiten!
235 Weichlinge, zag’ und verworfen, Achai’rinnen, nicht mehr Achaier!Laßt doch heim in den Schiffen uns gehn, und diesen vor TrojaHier an Ehrengeschenken sich sättigen: daß er erkenne,Ob auch wir mit Taten ihm beistehn, oder nicht also!Hat er Achilleus doch, den weit erhabeneren Krieger,
240 Jetzo entehrt, und behält sein Geschenk, das er selber geraubet!Aber er hat nicht Gall’ in der Brust, der träge Achilleus!Oder du hättest, Atreide, das letztemal heute gefrevelt! Also schalt Thersites den Hirten des Volks Agamemnon, Atreus Sohn. Ihm nahte sofort der edle Odysseus;
245 Finster schaut’ er auf jenen, und rief die drohenden Worte: Törichter Schwätzer Thersites, obgleich ein tönender Redner, Schweig’, und enthalte dich, immer allein mit den Fürsten zu hadern!Denn nicht mein’ ich, daß irgend ein schlechterer Mensch wie du selberWandle, so viel herzogen mit Atreus Söhnen vor Troja!
250 Nie drum nenne dein Mund die Könige vor der Versammlung!Schreie sie nicht mit Schmähungen an, noch laur’ auf die Heimfahrt!Denn noch wissen wir nicht, wohin sich wende die Sache:Ob wir zum Glück heimkehren, wir Danaer, oder zum Unglück.Sitzest du, Atreus Sohn, den Hirten des Volks Agamemnon,
255 Darum zu schmähn allhier, weil ihm die Helden AchaiasSchätze so reichlich geschenkt, und lästerst ihn vor der Versammlung?Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich vollendet!Find’ ich noch einmal dich vor Wahnsinn toben, wie jetzo;Dann soll Odysseus Haupt nicht länger stehn auf den Schultern,
260 Dann soll keiner hinfort des Telemachos Vater mich nennen:Wenn ich nicht dich ergreif, und jedes Gewand dir entreiße,Deinen Mantel und Rock, und was die Scham dir umhüllet,Und mit lautem Geheul zu den rüstigen Schiffen dich sende,Aus der Versammlung gestäupt mit schmählichen Geißelhieben!
265 Also der Held; und zugleich mit dem Scepter ihm Rücken und Schultern Schlug er; da wand sich jener, und häufig stürzt’ ihm die Träne.Eine Striem’ erhub sich mit Blut aufschwellend am RückenUnter des Scepters Gold. Er setzte sich nun, und bebte,Murrend vor Schmerz, mit entstelltem Gesicht, und wischte die Trän’ ab.
265 Rings, wie betrübt sie waren, doch lachten sie herzlich um jenen.Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar: Trau, gar vieles bereits hat Odysseus gutes vollendet, Heilsamen Rat zu reden berühmt, und Schlachten zu ordnen;Aber anjetzt vollbracht er das Trefflichste vor den Argeiern,
275 Daß er den ungestümen und lästernden Redner geschweiget!Schwerlich möcht’ er hinfort, wie das mutige Herz ihn auch antreibt,Wider die Könige sich mit schmähenden Worten empören! Also das Volk. Da erhub sich der Städteverwüster Odysseus, Haltend den Herrscherstab; und neben ihm Pallas Athene,
280 Gleich an Gestalt dem Herold, gebot Stillschweigen den Völkern:Daß die Nächsten zugleich und die äußersten Männer AchaiasHörten des Redenden Wort, und wohl nachdächten dem Rate.Jener begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung: Atreus Sohn, nun bereiten die Danaer dir, o Gebieter,
285 Hohn und Schmach vor den Völkern des redenden Menschengeschlechtes;Und vollenden dir nicht die Verheißungen, die man gelobet,Als man hieher dir folgt’ aus der rossenährenden Argos:Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.Denn wie zarte Kindelein tun, und verwitwete Weiber,
290 Klagen sie dort einander ihr Leid, und jammern um Heimkehr.Freilich ringt wohl jeder, wer Trübsal duldet, nach Heimkehr.Denn wer auch einen Mond nur entfernt ist seiner Gemahlin,Weilet ja schon unmutig am vielgeruderten Schiffe,Welches der winternde Sturm aufhält, und des Meeres Empörung.
295 Doch uns schwand das neunte der rollenden Jahre vorüber,Seit wir allhier ausharren. Ich tadele nicht die Achaier,Daß man traurt bei den Schiffen, und heimstrebt. Aber es wär’ unsSchändlich doch, die so lange geweilt, leer wiederzukehren!Duldet, o Freund’, und harrt noch ein weniges, daß wir erkennen,
300 Ob uns Wahrheit von Kalchas enthüllt ward, oder nicht also.Denn wohl denken wir jenes im Geiste noch, und ihr bezeugt esAlle, die nicht wegführten die graulichen Keren des Todes.Gestern war’s, wie mir daucht, da sich unsere Schiffe bei AulisSammelten, Böses zu bringen dem Priamos selbst und den Troern.
305 Ringsher opferten wir um den Quell den unsterblichen GötternAuf geweihten Altären vollkommene Festhekatomben,Unter des Ahorns Grün, dem blinkendes Wasser entsprudelt.Sich, und ein Zeichen geschah. Ein purpurschuppiger Drache,Gräßlich zu schaun, den selber ans Licht der Olympier sandte,
310 Unten entschlüpft dem Altar, fuhr schlängelnd empor an dem Ahorn.Dort nun ruhten im Neste des Sperlings nackende Kindlein,Oben auf schwankendem Ast, und schmiegten sich unter den Blättern,Acht; und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter.Jener nunmehr verschlang die kläglich Zwitschernden alle;
315 Nur die Mutter umflog mit jammernder Klage die Kindlein,Bis er das Haupt hindreht’, und am Flügel die Schreiende haschte.Aber nachdem er die Jungen verzehrt, und das Weibchen des Sperlings;Stellte zum Wunderzeichen der Gott ihn, der ihn gesendet:Denn zum Stein erschuf ihn der Sohn des verborgenen Kronos.
320 Wir nun standen umher, und stauneten ob der Erscheinung,Wie doch solcherlei Graun eindrang in der Himmlischen Opfer.Schleunig vor allem Volk weissagete Kalchas der Seher:Warum steht ihr verstummt, ihr hauptumlockten Achaier?Uns erschuf dies Wunder der Macht Zeus’ waltende Vorsicht,
325 Spät von Dauer, und spät erfüllt, zu ewigem Nachruhm!Gleichwie jener die Jungen verzehrt, und das Weibchen des Sperlings,Acht; und die neunte war der Vögelchen brütende Mutter:Also werden wir dort neun Jahr auch kriegen um Troja,Doch im zehnten die Stadt voll prächtiger Gassen erobern.
330 So weissagete jener; und nun wird alles vollendet.Auf denn, bleibt miteinander, ihr hellumschienten Achaier,Hier nun, bis wir gewonnen des Priamos türmende Feste! Jener sprach’s; auf schrieen die Danaer laut, und umher scholl Ungestüm von den Schiffen das Jubelgetön der Achaier,
335 Alle das Wort hochpreisend des göttergleichen Odysseus.Drauf vor jenen begann der gerenische reisige Nestor: Götter! ja traun ihr redet wie Knäbelein hier in Versammlung, Die unmündig noch nichts um Taten des Kriegs sich bekümmern!Wo sind unsere Verheißungen nun, und die heiligen Schwüre?
340 Soll denn in Rauch aufgehen der Rat, und die Sorge der Männer,Opfer des lauteren Weins, und der Handschlag, dem wir vertrauet?Denn mit eiteler Rede ja zanken wir; aber vergebensSpähen wir heilsam Rat, wie lange wir hier auch verweilen!Atreus Sohn, du künftig, wie vor, unerschüttertes Herzens,
345 Führe der Danaer Volk in wütendes Waffengetümmel.Aber dahin laß schwinden die einzelnen, welche gesondertEtwa von uns ratschlagen, (denn nie wird solchen Erfüllung!)Heim gen Argos zu kehren, bevor vom ÄgiserschüttrerWir erkannt, ob er Täuschung gelobete, oder nicht also.
350 Denn ich sag’, uns winkte der hocherhabne KronionJenes Tags, da wir stiegen in meerdurchgleitende Schiffe,Argos’ Volk, die Troer mit Mord und Verderben bedrohend:Rechtshin zuckte sein Blitz, ein heilsweissagendes Zeichen!Drum daß keiner zuvor wegdräng’ und strebe zur Heimkehr,
355 Eh’ er allhier mit einer der troischen Frauen geruhet,Eh’ er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer!Sehnt sich einer indes so gar unbändig nach Heimkehr,Wag’ er mir’s, sein schwarzes gebogenes Schiff zu berühren:Daß er zuerst vor allen den Tod und das Schicksal erreiche!
360 Sinne denn selbst, o König, auf Rat, und hör’ ihn von andern.Nicht wird dir verwerflich das Wort sein, welches ich rede.Sondere rings die Männer nach Stamm und Geschlecht, Agamemnon:Daß ein Geschlecht dem Geschlecht beisteh’, und Stämme den Stämmen.Tust du das, und gehorchen die Danaer dir; dann erkennst du,
365 Wer von den Führern des Heers der Feigere, wer von den Völkern,Und wer tapferer sei: denn es kämpft nun jeder das Seine.Auch erkennst du, ob Göttergewalt die Eroberung hindert,Oder des Heers Feigheit, und mangelnde Kriegserfahrung. Ihm antwortete drauf der Völkerfürst Agamemnon:
370 Wahrlich im Rat besiegst du, o Greis, die Männer Achaias.Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen’, und Apollon,Noch zehn andere Räte wie du mir wären im Volke!Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert!
375 Aber Zeus Kronion, der Donnerer, sandte mir Unheil,Der in ein eitles Gewirr von Hader und Zank mich verwickelt.Denn ich selbst und Achilleus entzweiten uns, wegen des Mägdleins,Mit feindseligen Worten; ich aber begann die Entrüstung.Wenn wir je uns wieder vereinigen; traun nicht länger
380 Säumt dann noch das Verderben von Ilios, auch nicht ein kleines!Doch nun geht zum Mahle, damit wir rüsten den Angriff.Wohl bereite sich jeder den Schild, wohl schärf’ er die Lanze;Wohl auch reich’ er die Kost den leichtgeschenkelten Rossen;Wohl auch späh’ er den Wagen umher, und gedenke der Feldschlacht:
385 Daß wir den ganzen Tag im schrecklichen Kampf uns versuchen.Denn nicht wenden wir uns zum Ausruhn, auch nicht ein kleines,Ehe die Nacht herkommend den Mut der Männer gesondert.Triefen vom Schweiß wird manchem das Riemengehenk um den BusenAm ringsdeckenden Schild, und starren die Hand an der Lanze;
390 Triefen auch manchem das Roß, vor den zierlichen Wagen gespannet.Aber wofern mir einer, der Schlacht mit Fleiß sich enthaltend,Bei den geschnäbelten Schiffen zurückbleibt; wahrlich umsonst wirdDieser umher dann schaun, zu entfliehn den Hunden und Vögeln! Jener sprach’s; auf schrien die Danaer laut: wie die Meerflut
395 Brüllt um den hohen Strand, wann kommend der Süd sie emporwühltAm vorragenden Fels, der nie von Wogen verschont ist,Aller Wind’ umher, ob sie dorthin wehen, ob dorthin.Schnell nun sprangen sie auf, und liefen umher durch die Schiffe;Rings entstieg den Gezelten der Rauch, und sie nahmen das Frühmahl.
400 Andere opferten andern der ewig währenden Götter,Flehend, dem Tode der Schlacht zu entgehn, und denn Toben des Ares.Jener selbst auch weihte, der Völkerfürst Agamemnon,Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.Und er berief die ältesten, die edleren aller Achaier:
405 Nestor zuerst vor allen, Idomeneus dann, den Beherrscher,Auch die Ajas beid’, und Tydeus Sohn Diomedes,Auch den sechsten Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion.Aber es kam freiwillig der Rufer im Streit Menelaos;Denn er erkannt’ im Herzen, wie viel dem Bruder zu tun war.
410 Und sie umstanden den Stier, und nahmen sich heilige Gerste;Betend erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon: Zeus, ruhmwürdig und hehr, schwarzwolkiger, Herrscher des Äthers! Nicht bevor laß sinken die Sonn’, und das Dunkel heraufziehn,Eh’ ich hinab von der Höhe gestürzt des Priamos Wohnung,
415 Dunkel von Rauch, und die Tore mit feindlicher Flamme verwüstet;Eh’ ich vor Hektors Brust ringsher zerrissen den PanzerMit eindringendem Erz, und viel um ihn der Genossen,Vorwärts liegend im Staub, mit Geknirsch in die Erde gebissen! Jener sprach’s; doch mit nichten gewährt’ ihm solches Kronion;
420 Sondern er nahm sein Opfer, und häuft’ ihm unnennbare Drangsal.Aber nachdem sie gefleht, und heilige Gerste gestreuet;Beugten zurück sie den Hals, und schlachteten, zogen die Haut ab,Sonderten dann die Schenkel, umwickelten solche mit FetteZwiefach umher, und bedeckten sie dann mit Stücken der Glieder.
425 Dies verbrannten sie alles, gelegt auf entblätterte Scheiter;Wendeten dann durchspießt die Eingeweid’ an der Flamme.Als sie die Schenkel verbrannt, und die Eingeweide gekostet;Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten’s an Spieße,Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.
430 Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet;Schmausten sie, und nicht mangelt’ ihr Herz des gemeinsamen Mahles.Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;Jetzo begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor: Atreus Sohn, ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon:
435 Laß uns nicht hier redend die Zeit verlieren, und längerNicht aufschieben das Werk, das jetzo der Gott uns vertrauet.Auf denn und heiß ausrufend die Herolde, rings der AchaierErzumpanzertes Volk umher bei den Schiffen versammeln.Wir dann wollen gesellt das weite Heer der Achaier
440 Alle durchgehn, um schneller die wütende Schlacht zu erregen.


Jener sprach’s; ihm gehorchte der Völkerfürst Agamemnon,Eilt’ und gebot Herolden von hellaustönender Stimme,Rings in die Schlacht zu rufen die hauptumlockten Achaier.Tönend ruften sie aus, und flugs war die Menge versammelt.
445 Jen’ um den Atreionen, die gottbeseligten Herrscher,Stürmten umher anordnend. Zugleich ging Pallas Athene,Haltend die Ägis voll Pracht, unalternd stets und unsterblich:Hundert zierliche Quäst’ aus lauterem Golde geflochtenHingen daran, und vom Werte der Hekatomben war jeder.
450 Hiermit weithinleuchtend durchflog sie das Heer der Achaier,Trieb zur Eile sie an, und rüstete jegliches MannesBusen mit Kraft, rastlos im Streite zu stehn und zu kämpfen.Allen sofort schien süßer der Kampf, als wiederzukehrenIn den geräumigen Schiffen zum lieben Lande der Väter.
455 Wie ein vertilgendes Feuer entbrennt in unendlicher Waldung Auf den Höhn des Gebirgs, und fern die Flamme gesehn wird:Also dem wandelnden Heer entflog von dem prangenden ErzeWeithin leuchtender Glanz, und durchstrahlte die Luft bis zum Himmel. Dort, gleichwie der Gevögel unzählbar fliegende Scharen,
460 Kraniche, oder Gäns’, und das Volk langhalsiger Schwäne,Über die asische Wies’ um Kaystrios weite Gewässer,Hierhin flattern und dorthin, mit freudigem Schwunge der Flügel,Dann mit Getön hinsenken den Flug, daß umher das Gefild’ hallt:So dort stürzten die Scharen von Schiffen daher und Gezelten
465 Auf die skamandrische Flur; und ringsum dröhnte die ErdeGraunvoll unter dem Gang des wandelnden Heers und der Rosse.Jetzo standen sie all’ in der blumigen Au des Skamandros,Tausende, gleich wie Blätter und knospende Blumen im Frühling. Aber dicht, wie der Fliegen unzählbar wimmelnde Scharen
470 Rastlos durch das Gehege des ländlichen Hirten umherziehn,Im anmutigen Lenz, wann Milch von den Butten herabtrieft:So unzählbar standen die hauptumlockten AchaierGegen die Troer im Felde, sie auszutilgen verlangend. Jetzo, wie oft Geißhirten die schweifenden Ziegenherden
475 Ohne Müh’ aussondern, nachdem sie sich weidend gemischet:So dort stellten die Führer, und ordneten hierhin und dorthin,Einzugehn in die Schlacht; mit ihnen der Held Agamemnon,Gleich an Augen und Haupt dem donnerfrohen Kronion,Gleich dem Ares an Gurt, und an hoher Brust dem Poseidon.
480 So wie der Stier in der Herd’ ein Herrlicher wandelt vor allen,Männlich stolz; denn er ragt aus den Rindern hervor auf der Weide:Also verherrlichte Zeus an jenem Tag Agamemnon,Daß er hoch aus vielen hervorschien unter den Helden. Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend:
485 Denn ihr seid Göttinnen, und wart bei allem, und wißt es;Unser Wissen ist nichts, wir horchen allein dem Gerüchte:Welche waren die Fürsten der Danaer, und die Gebieter?Nie vermöcht’ ich das Volk zu verkündigen, oder zu nennen;Wären mir auch zehn Kehlen zugleich, zehn redende Zungen,
490 Wär unzerbrechlicher Laut, und ein ehernes Herz mir gewähret:Wenn die olympischen Musen mir nicht, des ÄgiserschüttrersTöchter die Zahl ansagten, wie viel vor Ilios kamen.Drum die Ordner der Schiffe genannt, und die sämtlichen Schiffe. Führer war den Böoten Peneleos, Leïtos Führer,
495 Arkesilaos zugleich, und Klonios, samt Prothoenor.Alle, die Hyrie rings, und die felsige Aulis bewohnten,Schönos auch, und Skolos, und weit die Höhn Eteonos,Dann Thespeia, und Gräa, und weit die Aun Mykalessos;Auch die Harma umwohnten, Eilesion auch, und Erythrä,
500 Auch die Eleon sich, und Peteon bauten, und Hyle,Rings Okalea dann, und Medeons prangende Gassen,Kopä, samt Eutresis, und Thisbe, flatternd von Tauben;Die Koroneia umher, und die Grasgefild’ Haliartos,Die Platäa gebaut, und die in Glissas gewohnet,
505 Die umher Hypothebe bewohnt in prangenden Häusern,Auch Onchestos lieblichen Hain um den Tempel Poseidons;Die dann Arne bewohnt voll Weinhöhn, auch die Mideia,Auch die heilige Nissa, und fern Anthedon die Grenzstadt:Diese zogen daher in fünfzig Schiffen, und jedes
510 Trug der böotischen Jugend erlesene hundert und zwanzig. Die in Orchomenos wohnten, der Minyer, und in Aspledon, Führt’ Askalaphos an, und Ialmenos, Söhne des Ares,Aus der Astyoche Schoß: in der Burg des azeidischen AktorsStieg sie einst in den Söller empor, die schüchterne Jungfrau,
515 Hin zum gewaltigen Ares, und sank in geheimer Umarmung.Diese trug ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen. Aber Schedios herrscht’ und Epistrophos vor den Phokäern, Beide des Iphitos Söhne, des naubolidischen Königs:Die umher Kyparissos gebaut, und die felsige Python,
520 Auch die herrliche Krissa, und Panopeus Äcker, und Daulis;Die um Anemoreia, und her um Hyampolis wohnten;Dann die längs dem Kephissos, dem heiligen Strome, gehauset;Auch die Liläa bestellt, bis hinauf zum Quell des Kephissos:Diese zogen einher in vierzig dunkelen Schiffen.
525 Jene stellten in Reihn die phokäischen Männer umwandelnd;Und sie schlossen sich links an die Männerschar der Böoten. Ajas führte die Lokrer, der schnelle Sohn des Oileus: Kleiner, und nicht so groß, wie der Telamonier Ajas,Sondern geringer an Wuchs; doch klein, und im leinenen Harnisch.
530 War er geübt mit der Lanze vor allem Volk der Achaier.Alle, die Kynos bewohnt, Kalliaros Auen und Opus,Bessa rings, und Skarphe, die liebliche Flur um Augeia,Tarphe, und Thronios Au, von Boagrios Strome gewässert:Folgeten jenem zugleich in vierzig dunkelen Schiffen,
535 Lokrer, die jenseits wohnen dem heiligen Land Euböa. Darin die Euböa bewohnt, die mutbeseelten Abanter, Chalkis, Eiretria darin, und die Traubenhöhn Histiäas,Auch Kerinthos am Meer, und Dios ragende Bergstadt,Auch die Karystos umher, und Styrons Fluren bebauten:
540 Diese führt’ Elephenor zum Kampf, der Sprößling des Ares,Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter.Rasch ihm folgte sein Volk mit rückwärts fliegendem Haupthaar,Schwinger des Speers, und begierig mit ausgestreckter EscheKrachend des Panzers Erz an feindlicher Brust zu durchschmettern.
545 Deren folgt ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen. Dann die Athenä bewohnt, des hochgesinnten Erechtheus Wohlgebauete Stadt, des Königes, welchen AtheneNährte, die Tochter Zeus, (ihn gebar die fruchtbare Erde;)Und in Athenä setzt’ in ihren gefeierten Tempel:
550 Wo das Herz ihr erfreun mit geopferten Farren und LämmernJünglinge edler Athener, in kreisender Jahre Vollendung.Jenen gebot anführend des Peteos Sohn Menestheus.Ihm war nie zu vergleichen ein Mann von den Erdebewohnern,Rosse zur Schlacht zu ordnen, und schildgewappnete Männer.
555 Nur wetteiferte Nestor; denn der war höheres Alters.Diesem folgt ein Geschwader von fünfzig dunkelen Schiffen. Ajas führte daher aus Salamis zwölf der Schiffe, Stellte sie darin, wo in Reihn der Athener Schar sich geordnet. Dann die Argos bewohnt, und die festummauerte Tiryns,
560 Asinens samt Hermionens Port an besegelter Meerbucht.Trözen, Eionä auch, und die Traubengestad’ Epidauros,Auch die Ägina und Mases bewohnt, die jungen Achaier:Diesen gebot obwaltend der Rufer im Streit Diomedes;Sthenelos auch, des Kapaneus Sohn, des gepriesenen Helden;
565 Auch der dritte gebot Euryalos, ähnlich den Göttern,Er des Mekistheus Sohn, des taläonidischen Königs.Alle gesamt dann führte der Rufer im Streit Diomedes.Ihnen folgt’ ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen. Dann die Mykenä bewohnt, die Stadt voll prangender Häuser,
570 Auch die reiche Korinthos, und schöngebaute Kleonä;Auch die Orneia bestellt, und Aräthyreens Äcker,Sikyon auch, wo vordem der Held Adrastos gewaltet,Hyperesia dann, und die Felsenstadt Gonoessa;Auch die Pellene gebaut, und Ägion ringsum bestellet,
575 Und die Gestad’ umher, und Helike, grün von Ebnen:Führt’ in hundert Schiffen der Völkerfürst Agamemnon,Atreus Sohn. Ihm folgte das mehreste Volk und das besteHer zum Streit; und er selber, in blendendem Erze gerüstet,Trotzte voran, da er herrlich hervorschien unter den Helden;
580 Weil er der tapferste war, und mit mehrerem Volke daherzog. Dann die gewohnt in der großen umhügelten Stadt Lakedämon, Auch die Phare, und Sparta, die Messe, flatternd von Lauben,Und die Briseia bestellt, und die liebliche Flur um Augeia;Die in Amyklä gewohnt, auch Helos Bürger, der Meerstadt,
585 Auch die Laas gebaut, und Ötylos Auen bestellet:Deren führt’ ihm der Bruder, der Rufer im Streit Menelaos,Sechzig Schiffe daher; doch hielt gesondert die Heerschar.Aber er selbst durchging sie, dem eigenen Mute vertrauend,Und ermahnte zur Schlacht: denn am heftigsten brannte das Herz ihm,
590 Bis er gerächt der Helena Angst und einsame Seufzer. Dann die Pylos bewohnt, und die anmutsvolle Arene, Thryos, Alpheios Furt, und die schöngebauete Äpy,Auch die Kyparisseïs bestellt, und Amphigeneia,Pteleos auch, und Helos und Dorion: dort wo die Musen
595 Findend den Thrakier Thamyris einst des Gesanges beraubten,Der aus Öchalia kam von Eurytos. Denn sich vermessendPrahlt’ er laut, zu siegen im Lied, und sängen auch selberGegen ihn die Musen, des Ägiserschütterers Töchter.Doch die Zürnenden straften mit Blindheit jenen, und nahmen
600 Ihm den holden Gesang, und die Kunst der tönenden Harfe.Diesen herrschte voran der gerenische reisige Nestor,Und ihm folgt’ ein Geschwader von fünfzig geräumigen Schiffen. Die in Arkadia weit die kyllenischen Höhen umwohnten, Am äpytischen Male, die hartandringenden Kämpfer:
605 Die durch Pheneos Flur, und Orchomenos Triften gewohnet,Ripe, und Stratie dann, und Enispens wehende Gipfel,Auch die Tegea sich, und die schöne Mantinea bauten,Auch Stymphalos umher, und Parrhasiens frohe Bewohner:Deren führt’ Ankäos gebietender Sohn Agapenor
610 Sechzig Schiffe daher; und viel’ in jedes der SchiffeTraten arkadische Männer, gewandt in Kriegeserfahrung.Denn er selbst gab ihnen, der Völkerfürst Agamemnon,Schöngebordete Schiffe, das dunkele Meer zu durchsteuern,Atreus Sohn; nicht waren der Meergeschäfte sie kundig.
615 Die Buprasion dann, und die heilige Elis bewohnten, Was Hyrmine umher, und Myrsinos äußerste Grenzstadt,Dort der olenische Fels, und dort Aleision einschließt:Ordneten vier Heerführer zum Kampf; und jeglichem folgtenZehn der hurtigen Schiffe, gedrängt voll edler Epeier.
620 Denn Amphimachos dort und Thalpios führten die Heerschar.Jener des Kteatos Sohn, des aktorischen Eurytos dieser;Hier Amarynkeus Sohn, der tapfere Krieger Diores;Doch der vierten gebot der göttliche Held Polyxeinos,Den Agasthenes zeugte, der augeiadische König.
625 Aber Dulichions Volk, und der heiligen Echinaden Meereilande, die fern von Elis Ufer man schauet:Dieses ordnete Meges zur Schlacht, dem Ares vergleichbar,Phyleus Sohn, den erzeugte der Rossebändiger Phyleus,Der in Dulichion einst auswanderte, zürnend dem Vater.
630 Diesem folgt’ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen. Aber Odysseus führte die mutigen Kephallener: Die durch Ithaka wohnten, um Neritons rauschende Wälder,Die Krokyleia bestellten, und Ägilips rauhe Gefilde;Die Zakynthos umher, und die weitbevölkerte Samos,
635 Auch die Epeiros dort und die Gegenküste bestellten:Diesen gebot Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion;Und ihm folgt’ ein Geschwader von zwölf rotschnäblichten Schiffen. Aber Thoas gebot, Andrämons Sohn, den Ätolern: Welche von Pleuron kamen, von Olenos, und von Pylene,
640 Auch von Chalkis Gestad’, und Kalydons felsichter Gegend.Denn nicht labeten mehr vom Geschlecht des erhabenen Öneus,Noch er selbst; auch starb der bräunliche Held Meleagros:Drum ward jenem vertraut die Obergewalt der Ätoler;Und ihm folgt’ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
645 Kretas Volke gebot Idomeneus, kundig der Lanze: Alle, die Gnossos bewohnt, und die festummauerte Gortyn,Lyktos auch, und Miletos, und rings die weiße Lykastos,Phästos und Rhythios auch, die volkdurchwimmelten Städte,Auch die sonst noch Kreta in hundert Städten bewohnet:
650 Diesen herrschte voran Idomeneus, kundig der Lanze,Auch Meriones, gleich dem männermordenden Ares.Ihnen folgt’ ein Geschwader von achtzig dunkelen Schiffen.


Aber der Herakleide Tlepolemos, groß und gewaltig,Führt’ in neun Meerschiffen der Rhodier trotzende Jugend:
655 Welche die heilige Rhodos umwohneten, dreifach geordnet,Lindos, samt Ialyssos umher, und die weiße Kameiros:Diesen herrschte voran Tlepolemos, welchen die FürstinAstiocheia gebar der hohen Kraft Herakles.Diese gewann Herakles an Ephyras Strome Selleïs,
660 Viel Städt’ austilgend der gottbeseligten Männer.Aber Tlepolemos wuchs in Herakles prangender WohnungKaum zum Jüngling empor, da erschlug er Lykymnios plötzlich,Ihn, des Vaters grauenden Ohm, den Sprößling des Ares.Schnell nun bauet’ er Schiff’, und viel des Volkes sich sammelnd,
665 Floh er hinweg auf das Meer; denn Rach’ ihm drohten die andern,Söhne zugleich und Enkel der hohen Kraft Herakles.Endlich kam er in Rhodos, der Irrende, Kummer erduldend.Dreifach wohnten sie dort in Stämme geteilt, und gedeihten,Lieblinge Zeus, der Götter und sterbliche Menschen beherrschet;
670 Segnend herab goß ihnen des Reichtums Schätze Kronion. Nireus kam aus Syma mit drei gleichschwebenden Schiffen, Nireus, Charopos Sohn des Herrschenden, und der Aglaia;Nireus, der der schöneste Mann vor Ilios herzog,Rings im Danaervolk, nach dem tadellosen Achilleus:
675 Aber er war unkriegrisch, und klein ihm folgte die Heerschar. Dann die Nisyros umher, und Krapathos bauten, und Kasos, Kos, des Eurypylos Stadt, und umher die kalydnischen Inseln:Diesen gebot Pheidippos zugleich und Antiphos führend,Beide Thessalos Söhne, des herakleidischen Königs.
680 Ihnen folgt’ ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen. Nun auch sie, die umher das pelasgische Argos bewohnten: Die sich in Alos gebaut, und Alope, auch die in Trachin,Auch die Phtia bewohnt, und Hellas, blühend von Jungfraun;Myrmidonen genannt, Hellenen zugleich, und Achaier.
685 Diesen in fünfzig Schiffen gebot obwaltend Achilleus.Doch nicht diese gedachten des schrecklichen Waffengetöses;Denn nicht war, der jetzo geordneten Scharen voranging.Still ja lag in den Schiffen der mutige Renner Achilleus,Zürnend des Mägdleins wegen, der schöngelockten Briseïs,
690 Die aus Lyrnessos vordem nach hartem Kampf er erbeutet,Als er umher Lyrnessos zerstört, und die Mauren um Thebe,Als er den Mynes erlegt und Epistrophos, lanzengeübte,Mutige Söhn’ Euenos, des selepiadischen Königs.Zürnend lag er vor Schmerz; allein bald sollt’ er emporstehn.
695 Dann die Philake bauten, und Parrhasos Blumengefilde, Gern von Demeter bewohnt, und die lämmernährende Iton,Antrons laute Gestad’, und Pteleos schwellende Rasen:Diesen herrschte voran der streitbare Protesilaos,Weil er lebt’; itzt aber umschloß ihn die dunkele Erde.
700 Einsam in Phylake blieb mit zerrissenen Wangen die GattinUnd sein verödetes Haus: ihn erlegt’ ein dardanischer Krieger,Als er dem Schiff entsprang, zuerst vor allen Achaiern.Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt es den Führer;Sondern es ordnete nun des Ares Sprößling Podarkes,
705 Sohn von Phylakos Sohne, dem herdenreichen Iphiklos,Und ein leiblicher Bruder des mutigen Protesilaos,Jünger er selbst an Geburt; der ältere war und der stärkreProtesilaos, ein Held wie der Kriegsgott. Zwar es gebrach nichtAm Heerführer dem Volk; doch vermißten sie ihn, den Erhabnen.
710 Jenem folgt’ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen. Darin die Pherä bewohnten, am böbeïdischen Landsee, Böbe, und Glaphyrä weit, und die prangende Stadt Iaolkos:Diese führt’ Eumelos, der traute Sohn des Admetos,In elf Schiffen zum Streit; ihn gebar Alkestis, die Fürstin
715 Aller Fraun, die schönste von Pelias blühenden Töchtern. Die Methone sodann, und Thaumakia ringsum bestellet, Die Meliböa bewohnt, und das rauhe Gefild Olizon:Diesen gebot Philoktetes der Held, wohlkundig des Bogens;Sieben waren der Schiff’, und der Ruderer fünfzig in jedem,
720 Alle der Bogenkund’ erfahrene, tapfere Streiter.Aber er selber lag in dem Eiland, Qualen erduldend,Dort in der heiligen Lemnos, wo Argos Heer ihn zurückließ,Krank an schwärender Wunde, vom Biß der verderblichen Natter.Jammernd lag er in Schmerz; allein bald sollte gedenken
725 Argos Heer bei den Schiffen des Königs Philoktetes.Zwar nicht blieb ungeführt sein Volk, doch vermißt’ es den Führer;Sondern es ordnete Medon, ein Nebensohn des Oileus,Welchen Rhene gebar dem Städteverwüster Oileus. Dann die Trikka bewohnt, und die Felsanhöhen Ithomens,
730 Auch Öchalia rings, des Öchaliers Eurytos Feste:Diesen herrschten voran Podaleirios samt Machaon,Zween heilkundige Männer, sie beid’ Asklepios Söhne.Ihnen folgt’ ein Geschwader von dreißig gebogenen Schiffen. Die in Ormenion wohnten, und die am Quell Hypereia,
735 Die um Asterion auch, und Titanos schimmernde Häupter:Führt’ Eurypylos her, der glänzende Sohn des Euämon;Und ihm folgt’ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen. Dann die Argissa bestellt, und die Gyrtone bewohnet, Orthe dann, und Elon’, und die schimmernde Burg Oloosson:
740 Diesen herrschte voran der mutige Held Polypötes,Er, Peirithoos Sohn, den Zeus der unsterbliche zeugte;Doch dem Peirithoos selbst gebar ihn HippodameiaJenes Tags, da er strafte die mähnichten Ungeheuer,Und sie vom Pelion drängte, zum Volk der Äthiker verjagend:
745 Nicht er allein; auch Leonteus zugleich, der Sprößling des Ares,Sohn von Käneus Sohne, dem hochgesinnten Koronos.Diesen folgt’ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen. Guneus kam aus Kyphos mit zweiundzwanzig der Schiffe; Dieser führt Eniener, und kriegsfrohe Peräber,
750 Die um Dodonas Hain, den winternden, Häuser bewohnten,Auch die am lieblichen Strom Titaresios Äcker bestellten:Der in Peneios Flut hinrollt sein schönes Gewässer,Aber sich nie einmischt in Peneios Silbergestrudel,Sondern wie glattes Öl auf oberer Welle hinabrinnt;
755 Weil vom furchtbaren Eide, dem stygischen Strom, er entspringet. Aber Prothoos führte, Tendredons Sohn, die Magneter, Die am Peneios umher und Pelions rauschenden GipfelnWohneten: diesen gebot der hurtige Sohn des Tendredon;Und ihm folgt’ ein Geschwader von vierzig dunkelen Schiffen.
760 Solche waren die Fürsten der Danaer, und die Gebieter. Doch wer war der trefflichste dort: das verkünde mir, Muse:Jener selbst und der Rosse, die Atreus Söhnen gefolget?Rosse waren die trefflichsten dort des Pheretiaden,Die, von Eumelos gelenkt, hinflogen im Lauf, wie die Vögel,
765 Gleiches Haars, gleichjährig, und schnurgleich über den Rücken:Auf pierischer Weid’ ernährte sie Phöbos Apollon,Stuten beid’, und drohend umher mit den Schrecken des Ares.Trefflich vor Männern war der Telamonier Ajas,Weil Achilleus zürnte; denn er war tapfrer denn alle;
770 Auch das Gespann, das ihn trug, den untadligen Peleionen.Aber er, bei den schnellen gebogenen Schiffen des Meeres,Ruhete, zürnend im Geist dein Fürsten des Volks Agamemnon,Atreus Sohn; und die Völker am wogenden Strande des MeeresFreueten sich, mit Scheiben und Jägerspießen zu schleudern,
775 Und mit Geschoß. Auch standen an jeglichem Wagen die RosseMüßig, den Lotos rupfend und sumpfentsprossenen Eppich;Aber die Wagen, umhüllt mit Teppichen, standen den EignernIn dem Gezelt: sie selber, den streitbaren Führer vermissend,Wandelten hier im Lager und dort, und mieden das Schlachtfeld.
780 Sie dort zogen einher, wie wenn Glut durchs ganze Gefild’ hin Loderte; dumpf aufhallte der Grund, wie dem Gotte der DonnerZeus, wenn des Zürnenden Strahl weitschmetternd das Land des TyphoeusArima schlägt, wo sie sagen, Typhoeus ruhe gelagert:Also dort ertönte der Grund von der herkommenden Völker
785 Mächtigen Gang; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug. Aber den Troern kam die windschnell eilende Iris Her vom Ägiserschütterer Zeus mit der traurigen Botschaft.Jene rieten im Rat an Priamos Pforte des Königs,Alle gedrängt miteinander, die Jünglinge so, wie die Greise.
790 Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris,Gleich an tönender Stimme des Priamos Sohne Polites,Der zur Hut der Troer, den hurtigen Fersen vertrauend,Oben saß auf dem Grabe des grauenden Äsyetes,Spähend, sobald vom Gestad herstürzte das Volk der Achaier;
795 Dessen Gestalt nachahmend begann die schwebende Iris: Edler Greis, noch immer gefallen dir eitele Reden, So wie im Frieden vordem; da der Krieg unermeßlich herannaht!Traun, schon oftmals kam ich in blutige Schlachten der Männer;Doch nie hab’ ich ein solches, so großes Volk noch gesehen!
800 Gleich den Blättern des Waldes an Zahl, und dem Sande des Meeres,Ziehn sie daher im Gefilde, die Stadt ringsum zu bestürmen!Hektor, du vor allen gehorche nun meiner Ermahnung.Viel sind umher in Priamos Stadt der Bundesgenossen,Andre von andrer Sprache der weitzerstreueten Menschen.
805 Denen gebiete nunmehr ein jeglicher, welchen er vorsteht;Diese führ’ er hinaus, in Ordnungen stellend die Bürger. Jene sprach’s; und Hektor, der Göttin Wort nicht verkennend, Trennte sofort die Versammlung; und alles entflog zu den Waffen.Ringsum standen geöffnet die Tor’, und es stürzte das Kriegsheer,
810 Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel. Draußen liegt vor den Toren der Stadt ein erhabener Hügel, Abgewandt im Gefild’, umgehbar hierhin und dorthin.Diesen pflegt Batieia der Sterblichen Rede zu nennen,Aber die Götter das Mal der sprunggeübten Myrine.
815 Dort nun teilten die Troer in Reihen sich, und die Genossen. Erst den Troern gebot der helmumflatterte Hektor, Priamos Sohn; ihm folgte das mehreste Volk und das beste,Wohlgeordnet zur Schlacht, voll Muts die Speere bewegend. Drauf vor den Dardanern ging Äneias einher, des Anchises
820 Starker Sohn, den ihn Aphrodite gebar auf des IdasWaldigen Höhn, die Göttin zum sterblichen Manne gelagert:Nicht er allein; zugleich ihm die beiden Söhn’ Antenors,Akamas und Archilochos beid’, allkundig des Streites. Dann die Zeleia bewohnt, am äußersten Hange des Ida,
825 Reich an Hab’, und trinkend die dunkele Flut des Äsepos,Troisches Stamms: die führte der glänzende Sohn des Lykaon,Pandaros, dem den Bogen Apollon selber verliehen. Aber die Adrasteia gebaut, und Apäsos Gemeinfeld, Auch Pityeia gebaut, und die Felsenhöhn von Tereia:
830 Führt’ Adrastos daher, und in leinenem Panzer Amphios,Beide von Merops erzeugt dem Perkosier: welcher vor allenFernes Geschick wahrnahm, und nie den Söhnen verstattet,Einzugehn in den Krieg, den verderblichen; aber sie hörtenNicht sein Wort; denn sie führte des dunkelen Todes Verhängnis.
835 Welche Perkote sodann, und Praktion ringsum bestellet, Sestos dann und Abydos gebaut, und die edle Arisbe:Ordnete Hyrtakos Sohn, Held Asios, Männergebieter,Asios, Hyrtakos Sohn, den hergebracht aus ArisbeRosse, glänzend und groß, vom heiligen Strom Selleïs.
840 Aber Hippothoos führte der speergewohnten Pelasger Stämme daher aus Larissa, dem Land hochscholliger Äcker;Samt Hippothoos führte des Ares Sprößling Pyläos:Beide von Teutamos Sohn, dem pelasgischen Lethos erzeuget. Aber Akamas führt’ und Peiroos Thrakiens Völker,
845 Welche der Hellespontos mit reißendem Strome begrenzet. Weiter gebot Euphemos kikonischen Lanzenschwingern, Den Trözenos gezeugt, der gottgeliebte Keade. Nächst ihm führte Pyrächmes päonische Krümmer des Bogens Fern aus Amydon her, von des Axios breitem Gewässer,
850 Axios, der mit lieblichster Flut die Erde befruchtet. Weiter gebot Paphlagonen Pylämenes, trotziges Herzens, Her aus der Eneter Lande, wo wild aufwachsen die Mäuler:Die den Kytoros bewohnt, die Sesamos ringsum bestellet,Und um Parthenios Strom sich gepriesene Häuser gebauet,
855 Kremna, Ägialos auch, und die felsenhohn Erithynö. Aber Hodios kam und Epistrophos samt Halizonen Fern aus Alybe her, allwo des Silbers Geburt ist. Mysern gebot dann Chromis, und Ennomos, kundig der Vögel: Aber nicht durch Vögel vermied er das schwarze Verhängnis;
860 Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners,Dort im Strom, wo gemordet noch andere Troer ihm sanken. Phorkys sodann und der Held Askanios führten die Phryger Fern von Askania her; und sie dürsteten alle nach Feldschlacht. Mesthles ordnete drauf und Antiphos kühne Mäonen,
865 Beide Pylämenes Söhn’, und der Nymph’ im Teiche Gygäa,Die auch mäonische Stämme geführt vom Fuße des Tmolos. Nastes führte die Karen, ein Volk barbarischer Mundart, Welche Miletos umwohnt, und das Waldgebirge der Phteirer,Auch des Mäandros Flut, und Mykalens luftige Scheitel:
870 Diese führt’ Amphimachos her und Nastes zur Feldschlacht,Nastes, der glänzende Held, und Amphimachos, Söhne Nomions;Er, der mit Golde geschmückt, in die Schlacht einging, wie ein Mädchen.Tor! nicht konnte das Gold ihn befrein vom grausen Verderben;Sondern ihn tilgte die Hand des äakidischen Renners
875 Dort im Strom; und das Gold trug hin der erhabne Achilleus. Lykier führte Sarpedon zum Kampf, und der rühmliche Glaukos, Fern aus Lykia her, von Xanthos wirbelnden Fluten.

Dritter Gesang

Inhalt

Begegnung der Heere. Alexandros oder Paris, nachdem er vor Menelaos geflohn, erbietet sich ihm durch Hektor zum Zweikampf um Helena, welchen Menelaos annimmt. Die Heere ruhn, und Priamos wird zum Vertrage aus Ilios gerufen. Indes geht Helena auf das skäische Tor, wo Priamos mit den Älteste sitzt, und nennt ihm die achaiische Heerführer. Priamos fährt in das Schlachtfeld hinaus. Vertrag, Priamos Rückkehr, Zweikampf. Den besiegten Paris entführt Aphrodite in seine Kammer, und ruft ihm Helena. Agamemnon fordert den Siegespreis.


Aber nachdem sich geordnet ein jegliches Volk mit den Führern,Zogen die Troer in Lärm und Geschrei einher, wie die Vögel:So wie Geschrei hertönt von Kranichen unter dem Himmel,Welche, nachdem sie dem Winter entflohn und unendlichem Regen,
5 Dort mit Geschrei hinziehn an Okeanos strömende Fluten,Kleiner Pygmäen Geschlecht mit Mord und Verderben bedrohend;Und aus dämmernder Luft zum schrecklichen Kampfe herannahn.Jene wandelten still, die mutbeseelten Achaier,All’ im Herzen gefaßt, zu verteidigen einer den andern.
10 Wie auf des Bergs Anhöhen der Süd ausbreitet den Nebel, Der nicht Hirten erwünscht, doch dem Raubenden besser wie Nacht ist;Und man so weit vorschauet, als fliegt der geworfene Feldstein;Also wirbelte Staub von dem Gang der kommenden VölkerDicht empor; denn in Eile durchzog das Gefilde der Heerzug.
15 Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander; Trat hervor aus den Troern der göttliche Held Alexandros,Tragend ein Pardelvlies und ein krummes Geschoß um die Schultern,Samt dem Schwert; zwo Lanzen, gespitzt mit der Schärfe des Erzes,Schwenkt’ er, und rief hervor die tapfersten aller Achaier,
20 Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung. Aber sobald ihn sahe der streitbare Held Menelaos Vor dem Scharengewühl einhergehn mächtiges Schrittes:So wie ein Löwe sich freut, dem größere Beute begegnet,Wenn ein gehörneter Hirsch dem Hungrigen, oder ein Gemsbock
25 Nahe kommt; denn begierig verschlinget er, ob auch umher ihnHurtiger Hunde Gewühl wegscheucht, und blühende Jäger:So war froh Menelaos, den göttlichen Held AlexandrosDort mit den Augen zu schaun; denn er wollt’ ihn strafen, den Frevler.Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
30 Aber sobald ihn sahe der göttliche Held Alexandros Schimmern im Vorderheer, da erbebte vor Angst sein Herz ihm;Und in der Freunde Gedräng’ entzog er sich, meidend das Schicksal.So wie ein Mann, der die Natter ersah, mit Entsetzen zurückfuhr,In des Gebirgs Waldtal; ihm erzitterten unten die Glieder;
35 Rasch nun floh er hinweg, und Bläss’ umzog ihm die Wangen:Also taucht’ er zurück in die Meng’ hochherziger Troer,Zagend vor Atreus Sohn, der göttliche Held Alexandros.Hektor schalt ihn erblickend, und rief die beschämenden Worte: Weichling, an Schönheit ein Held, weibsüchtiger, schlauer Verführer!
40 Wärest du nie doch geboren, das wünscht’ ich dir, oder gestorben,Eh’ du um Weiber gebuhlt! Viel heilsamer wäre dir solches,Als nun so zum Gespött dastehn, und allen zum Anschaun!Ja, ein Gelächter erheben die hauptumlockten Achaier,Welche des Heers Vorkämpfer dich achteten, weil du so schöner
45 Bildung erscheinst; doch wohnt nicht Kraft dir im Herzen, noch Stärke!Wagtest denn du, ein solcher! in meerdurchwandelnden SchiffenÜber die Wogen zu gehn, von erlesenem Volke begleitet,Und zu Fremden gesellt, ein schönes Weib zu entführen,Aus der Apier Lande, die Schwägerin kriegrischer Männer?
50 Deinem Vater zum Gram, und der Stadt und dem sämtlichen Volke,Aber den Feinden zur Wonn’, und zu ewiger Schande dir selber?Ha, nicht mochtest du stehn vor Atreus Sohn! denn gelernetHättest du, welchem Manne die blühende Gattin du raubtest!Nichts auch frommte die Laute dir jetzt, und die Huld Aphroditens,
55 Nichts dein Haar, und der Wuchs, wenn dort du im Staube dich wälztest!Wären die Troer nur nicht Feigherzige; traun, es umhüllteLängst dich ein steinerner Rock, für das Unheil, das du gehäuft hast! Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros: Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht;
60 Stets ist dir ja das Herz, wie die eherne Axt, unbezwingbar,Welche das Holz durchstrebt vor dem Zimmerer, wann er zum SchiffbauKünstlich die Balken behaut, und ihr Schwung ihm die Stärke vermehret:So ist fest dir das Herz, und stets unerschrockenes Mutes.Nur nicht rüge die Gaben der goldenen Aphrodite.
65 Unverwerflich ja sind der Unsterblichen ehrende Gaben,Welche sie selber verleihn, und nach Willkür keiner empfänget.Doch jetzt, willst du mich sehn im tapferen Streite des Krieges,Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier,Laßt dann mich vor dem Volk und den streitbaren Held Menelaos
70 Kämpfen um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.Wer von beiden nunmehr obsiegt, und stärker erscheinet,Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib und führe sie heimwärts.Ihr dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund euch beschwörend,Wohnt in der scholligen Troja; und jen’ entschiffen zu Argos
75 Rossenährender Flur, und Achaias rosigen Jungfraun. Jener sprach’s; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede; Trat dann hervor in die Mitt’, und hemmte die troischen Haufen,Haltend die Mitte des Speers; und still nun standen sie alle.Auf ihn spannten den Bogen die hauptumlockten Achaier,
80 Zieleten mit Wurfspießen daher, und schleuderten Steine.Aber es rief lauttönend der Völkerfürst Agamemnon: Haltet ein, Argeier, und werft nicht, Männer Achaias! Denn er begehrt zu reden, der helmumflatterte Hektor! Jener sprach’s; und sie ließen vom Streit, und harreten schweigend
85 Flugs umher; doch Hektor begann in der Mitte der Völker: Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier, Was mir gesagt Alexandros, um welchen der Streit sich erhoben.Dieser heißt euch andern, die Troer umher und Achaier,Strecken das schöne Gerät zur nahrungsprossenden Erde;
90 Daß er allein vor dem Volk und der streitbare Held MenelaosKämpf’ um Helena selbst und die sämtlichen Schätze den Zweikampf.Wer von beiden nunmehr obsiegt, und stärker erscheinet,Nehme die Schätze gesamt mit dem Weib’, und führe sie heimwärts.Freundschaft sollen wir andern und heiligen Bund uns beschwören.
95 Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen. Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Menelaos: Hörer anjetzt auch mich; am meisten ja lastet der Kummer Meine Seel’; und ich denke, versöhnt nun werdet ihr scheiden,Argos Volk und ihr Troer, nachdem viel Böses ihr truget,
100 Wegen unseres Streits, den mir Alexandros begonnen.Wem nunmehr von uns beiden der Tod und das Schicksal bevorsteht,Solcher sterb’; und ihr andern versöhnt euch eilig, und scheidet.Bringt zwei Lämmer herbei, dem Helios weiß und ein Böcklein,Schwarz der Erd’ und ein Weibchen; wir bringen dem Zeus noch ein drittes.
105 Ruft alsdann auch Priamos Macht, daß jener das BündnisSchwör’, er selbst! denn die Söhne sind übermütig und treulos:Daß kein frevelnder Mann Zeus’ heiligen Bund verletze.Stets ja flattert das Herz den Jünglingen; doch wo ein AlterZwischen tritt, der zugleich vorwärts hinschauet und rückwärts,
110 Solcher erwägt, wie am besten die Wohlfahrt beider gedeihe. Jener sprach’s; ihm erfreuten sich hoch Achaier und Troer, Hoffend, nun auszuruhn vom unglückseligen Kriege.Und sie hemmten die Ross’ in den Ordnungen, sprangen vom Wagen,Zogen die Rüstungen aus, und legten sie nieder zur Erde,
115 Nahe nur voneinander; denn wenig war Feldes dazwischen. Aber Hektor beschied zween Herold’ eilig gen Troja, Schnell die Lämmer zu bringen, und Priamos her zu berufen.Auch den Talthybios sandte der Völkerfürst Agamemnon,Zu den geräumigen Schiffen zu gehn, damit er das Lamm ihm
120 Holete; jener enteilt’ und gehorcht’ Agamemnon dem Herrscher. Iris brachte nunmehr der schimmernden Helena Botschaft, Ihrer Schwägerin gleich, des Antenoriden Gemahlin,Ihr, die Antenors Sohn sich vermählt, der Fürst Helikaon,Priamos rosiger Tochter Laodike, reizender Bildung.
125 Jene fand sie daheim: sie webt’ ein Gewand in der Kammer,Groß und doppelt und hell, durchwirkt mit mancherlei KämpfenRossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier,Welche sie ihrethalb von Ares Händen erduldet.Nahe trat und begann die leichthinschwebende Iris:
130 Komm doch, du trautes Kind, die seltsamen Taten zu schauen Rossebezähmender Troer und erzumschirmter Achaier.Die jüngst gegeneinander das Graun des Ares getragenDurch das Gefild’, anstrebend zur tränenbringenden Feldschlacht:Diese ruhn stillschweigend umher, und der Krieg ist geendigt,
135 Hingelehnt auf die Schild’, und die rasenden Speer’ in dem Boden.Nur Alexandros allein und der streitbare Held MenelaosWerden anjetzt um dich mit langem Speer sich bekämpfen;Und wer den Gegner besiegt, der nennt dich traute Gemahlin. Also sprach die Göttin, und schuf ihr süßes Verlangen
140 Nach dem ersten Gemahl, nach Vaterstadt und Gefreunden.Schnell in den Schleier gehüllt von silberfarbener Leinwand,Flog sie hinweg aus der Kammer, die zarte Trän’ an den Wimpern:Nicht sie allein; ihr folgten zugleich zwo dienende Jungfraun,Äthra, des Pittheus Tochter, und Klymene, herrschendes Blickes.
145 Bald nun kamen sie hin, allwo das skäische Tor war.Aber Priamos dort, und Panthoos, neben Thymötes,Lampos, und Klytios auch, und Ares Sproß Hiketaon,Auch Antenor der Held, und Ukalegon, beide voll Weisheit,Saßen, die Ältsten der Stadt, umher auf dem skäischen Tore:
150 Welche betagt vom Krieg ausruheten; doch in VersammlungRedner voll Rat, den Cikaden nicht ungleich, die in den WäldernAus der Bäume Gesproß hellschwirrende Stimmen ergießen:Gleich so saßen der Troer Gebietende dort auf dem Turme.Als sie nunmehr die Helena sahn zum Turme sich wenden;
155 Leise redete mancher, und sprach die geflügelten Worte: Tadelt nicht die Troer und hellumschienten Achaier, Die um ein solches Weib so lang’ ausharren im Elend!Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleicht jene von Ansehn!Dennoch kehr’, auch mit solcher Gestalt, sie in Schiffen zur Heimat,
160 Ehe sie uns und den Söhnen hinfort noch Jammer bereitet! Also die Greis’; und Priamos rief der Helena jetzo: Komm doch näher heran, mein Töchterchen, setze dich zu mir;Daß du schaust den ersten Gemahl, und die Freund’ und Verwandten!Du nicht trägst mir die Schuld; die Unsterblichen sind es mir schuldig,
165 Welche mir zugesandt den bejammerten Krieg der Achaier!Daß du auch jenes Manns, des gewaltigen, Namen mir nennest,Wer doch dort der Achaier so groß und herrlich hervorprangt!Zwar es ragen an Haupt noch andere höher denn jener;Doch so schön ist keiner mir je erschienen vor Augen,
170 Noch so edler Gestalt; denn königlich scheint er von Ansehn! Aber Helena sprach, die edle der Fraun, ihm erwidernd: Ehrenwert mir bist du; o teurer Schwäher, und furchtbarHätte der Tod mir gefallen, der herbeste, ehe denn hieherDeinem Sohn ich gefolgt, das Gemach und die Freunde verlassend,
175 Und mein einziges Kind, und die holde Schar der Gespielen!Doch nicht solches geschah; und nun in Tränen verschwinde ich!…Jetzo will ich dir sagen, was du mich fragst und erforschest.Jener ist der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,Beides, ein trefflicher König zugleich, und ein tapferer Streiter.
180 Schwager mir war er vordem, der Schändlichen; ach, er war es! Jene sprach’s; und der Greis bewundert ihn, laut ausrufend: Seliger Atreion’, o gesegneter, glücklichgeborner!Wahrlich doch unzählbar gehorchen dir Männer Achaias!Vormals zog ich selber in Phrygiens Rebengefilde,
185 Wo ich ein großes Heer gaultummelnder phrygischer MännerSchauete, Otreus Volk und des götterähnlichen Mygdon,Welches umher am Gestade Sangarios weit sich gelagert;Denn ich ward als Bundesgenoss’ mit ihnen gerechnet,Jenes Tags, da die Hord’ amazonischer Männinnen einbrach:
190 Doch war minder die Zahl, wie der freudigen Krieger Achaias! Jetzo erblickt’ Odysseus der Greis, und fragte von neuem: Nenne mir nun auch jenen, mein Töchterchen; siehe, wie heißt er?Weniger ragt er an Haupt, als Atreus Sohn Agamemnon,Aber breiteres Wuchses an Brust und mächtigen Schultern.
195 Seine Wehr ist gestreckt zur nahrungsprossenden Erde;Doch er selbst, wie ein Widder, umgeht die Scharen der Männer:Gleich dem Bock erscheinet er mir, dickwolliges Vlieses,Welcher die große Trift weißschimmernder Schafe durchwandelt. Ihm antwortete Helena drauf, Zeus’ liebliche Tochter:
200 Der ist Laertes Sohn, der erfindungsreiche Odysseus,Welcher in Ithakas Reich aufwuchs, des felsichten Eilands,Wohlgeübt in mancherlei List und verschlagenem Rate. Und der verständige Greis Antenor sagte dagegen: Wahrlich, o Frau, du hast untrügliche Worte geredet.
205 Denn auch hieher kam er vorlängst, der edle Odysseus,Deinethalben gesandt, und der streitbare Held Menelaos.Ich herbergete beid’, in meinem Palast sie bewirtend:So daß beider Gestalt und kluger Geist mir bekannt ist.Als sie nunmehr in der Troer versammelten Kreis sich gesellet,
210 Ragt’ im Stehn Menelaos empor mit mächtigen Schultern:Doch wie sich beide gesetzt, da schien ehrvoller Odysseus.Aber sobald sie mit Red’ und Erfindungen alles umstrickten;Siehe da sprach Menelaos nur fliegende Worte voll Inhalts,Wenige doch eindringender Kraft: denn er liebte nicht Wortschwall,
215 Nicht abschweifende Rede, wiewohl noch jüngeres Alters.Aber nachdem sich erhub der erfindungsreiche Odysseus;Stand er und schaute zur Erde hinab mit gehefteten Augen;Auch den Stab, so wenig zurückbewegend wie vorwärts,Hielt er steif in der Hand, ein Unerfahrner von Ansehn:
220 Daß du leicht für tückisch ihn achtetest, oder für sinnlos.Aber sobald er der Brust die gewaltigen Stimmen entsandte,Und ein Gedräng’ der Worte, wie stöbernde Winterflocken;Dann wetteiferte traun kein Sterblicher sonst mit Odysseus,Und nicht stutzten wir so, des Odysseus Bildung betrachtend.


225 Jetzo sah den Ajas der Greis, und fragte noch einmal:Wer ist dort der achaiische Mann, so groß und gewaltig,Höher denn alles Volk an Haupt und mächtigen Schultern? Aber Helena sprach, die herrliche, langes Gewandes: Ajas heißt der gewaltige Held, der Danaer Schutzwehr.
230 Dorthin steht, wie ein Gott, Idomeneus unter den Kretern;Und es umstehn den König die kretischen Führer versammelt.Oft herbergete jenen der streitbare Held Menelaos,Wann er aus Kreta kam, daheim in unserer Wohnung.Nun zwar schau’ ich sie alle, die freudigen Krieger Achaias,
235 Die ich wohl noch erkennt’, und jeglichen nennte mit Namen:Zween nur vermag ich nirgend zu schaun der Völkergebieter,Kastor den reisigen Held, und den Kämpfer der Faust Polydeukes,Beide mir leibliche Brüder, von einer Mutter geboren.Folgten sie nicht hieher aus der lieblichen Flur Lakedämon?
240 Oder folgten sie zwar in meerdurchwandelnden Schiffen,Aber enthalten sich nun, in die Schlacht zu gehen der Männer,Weil sie die Schand’ abschreckt und die große Schmach, die mich zeichnet? Jene sprach’s; doch die beiden umfing die ernährende Erde In Lakedämon bereits, im lieben Lande der Väter.
245 Aber die Herolde trugen die Bundesopfer der Götter Durch die Stadt, zwei Lämmer, und fröhlichen Wein des Gefildes,Im geißledernen Schlauch; es trug Idäos der HeroldEinen blinkenden Krug in der Hand, und goldene Becher.Dieser nahte dem Greis’, und sprach die ermahnenden Worte:
250 Mache dich auf, Laomedons Sohn; dich rufen die Fürsten Rossebezähmender Troer und erzumschirmter AchaierDort hinab ins Gefilde, den heiligen Bund zu beschwören.Nur Alexandros allein und der streitbare Held MenelaosWerden anjetzt um das Weib mit langem Speer sich bekämpfen;
255 Und wer den Gegner besiegt, dem folgt das Weib und die Schätze.Wir dann zugleich, Freundschaft und heiligen Bund uns beschwörendBaun die schollige Troja; und jen’ entschiffen zu ArgosRossenährender Flur, und Achaias rosigen Jungfraun. Jener sprach’s; da schaurte der Greis, und befahl den Gefährten,
260 Anzuschirren die Ross’; und sie eileten flugs ihm gehorchend.Priamos trat in den Wagen, und zog die lenkenden Zügel;Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;Schnell durch das skäische Tor entflogen die Ross’ ins Gefilde. Als sie nunmehr hinkamen zu Trojas Volk und Achaias,
265 Stiegen sie beid’ aus dem Wagen zur nahrungsprossenden Erde,Wandelten dann in die Mitte der Troer einher und Achaier.Eilend darauf erhub sich der Völkerfürst Agamemnon,Auch Odysseus voll Rat. Die stattlichen Herolde jetzoFührten die Bundesopfer herbei, auch Wein in dem Kruge
270 Mischten sie, sprengeten dann der Könige Hände mit Wasser.Doch der Atreid’, ausziehend mit hurtigen Händen das Messer,Das an der großen Scheide des Schwerts ihm immer herabhing,Schnitt vom Haupt der Lämmer das Haar; und die Herolde jetzoTeileten rings der Troer und Danaer edlen Gebietern.
275 Laut nun fleht’ Agamemnon empor, mit erhobenen Händen: Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida! Helios auch, der alles vernimmt, und alles umschauet!Auch ihr Ström’, und du Erd’, und die ihr drunten die GeisterToter Menschen bestraft, wer hier Meineide geschworen!
280 Seid uns Zeugen ihr all’, und bewahrt die Schwüre des Bundes!Wenn den Held Menelaos vielleicht Alexandros erleget;Dann behalt’ er Helena selbst und die sämtlichen Schätze,Doch wir kehren zurück in meerdurchwandelnden Schiffen.Aber sinkt Alexandros dem bräunlichen Held Menelaos;
285 Dann entlassen die Troer das Weib und die sämtlichen Schätze;Buße zugleich den Argeiern bezahlen sie, welche geziemet,Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern.Doch wenn Priamos dann und Priamos Söhne sich weigern,Mir zu bezahlen die Buße, nachdem Alexandros gefallen;
290 Dann werd’ ich von neuem mit Kriegsmacht wegen der SühnungKämpfen und nicht heimziehn, bis der Zweck des Krieges erreicht ist. Sprach’s, und die Kehlen der Lämmer zerschnitt er mit grausamem Erze. Beide legt’ er nunmehr, die zappelnden, nieder im Staube,Matt aushauchend den Geist, da die Kraft vom Erze geraubt war.
295 Hierauf Wein aus dem Krug in die goldenen Becher sich schöpfendGossen sie aus, und flehten den ewigwährenden Göttern.Also betete mancher der Troer umher und Achaier: Zeus, ruhmwürdig und hehr, und ihr andern unsterblichen Götter! Welche von uns zuerst nun beleidigen, wider den Eidschwur;
300 Blutig fließ’ ihr Gehirn, wie der Wein hier, rings auf der Erde,Ihrs und der Kinder zugleich; und die Gattinnen schände der Fremdling! Also das Volk; doch mit nichten gewährt’ ihm solches Kronion. Aber Priamos sprach, des Dardanos herrschender Enkel: Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier.
305 Jetzo kehr’ ich wieder zu Ilios luftigen HöhenHeim; denn nimmer vermag ich mit eigenen Augen zu schauenKämpfend den lieben Sohn mit dem streitbaren Held Menelaos.Zeus erkennt es allein und die andern unsterblichen Götter,Wem nunmehr von beiden das Ziel des Todes verhängt ist.
310 Also der göttliche Held, und legt’ in den Wagen die Lämmer, Trat dann selber hinein, und zog die lenkenden Zügel;Auch mit ihm Antenor bestieg den prächtigen Sessel;Schnell dann kehrten sie beide, zu Ilios Höhen sich wendend. Hektor drauf, des Priamos Sohn, und der edle Odysseus,
315 Maßen umher die Weite des Kampfraums, warfen dann eilendLos’ in den ehernen Helm, und schüttelten: welchem das SchicksalGönnte, zuerst auf den Gegner die eherne Lanze zu werfen.Ringsum flehte das Volk, und erhob zu den Göttern die Hände.Also betete mancher der Troer umher und Achaier:
320 Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida! Wer von beiden den Grund zu solchem Streite geleget,Den laß jetzo vertilgt eingehn in Aïdes Wohnung;Aber uns versöhne der Freundschaft heiliges Bündnis! Also das Volk; doch der große, der helmumflatterte Hektor
325 Schüttelte, rückwärts gewandt: da entsprang das Zeichen des Paris.Rings nun setzten sich all’ in Ordnungen, dort wo sich jederRosse gehobenes Hufs, und gebildete Waffen gereihet.Aber er selbst umhüllte mit zierlichen Waffen die Schultern,Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte.
330 Eilend fügt’ er zuerst um die Beine sich bergende Schienen,Blank und schön, anschließend mit silberner Knöchelbedeckung;Weiter umschirmt’ er die Brust ringsher mit dem ehernen HarnischSeines tapferen Bruders Lykaon, der ihm gerecht war;Hängte sodann um die Schulter das Schwert voll silbener Buckeln,
335 Eherner Kling’; und darauf den Schild auch, groß und gediegen;Auch das gewaltige Haupt mit stattlichem Helme bedeckt’ er,Von Roßhaaren umwallt; und fürchterlich winkte der Helmbusch;Nahm dann die mächtige Lanze, die ihm in den Händen gerecht war.So auch zog Menelaos, der streitbare, Waffengeschmeid’ an.
340 Als sich diese nunmehr in jeglichem Heere gerüstet, Traten beid’ in die Mitte der Troer einher und Achaier,Mit androhendem Blick; und Staunen ergriff, die es ansahn,Rossebezähmende Troer, und hellumschiente Achaier.Und nun standen sie nah’ im abgemessenen Kampfraum,
345 Wild die Speere bewegend, und zornvoll widereinander.Erstlich entsandt’ Alexandros die weithinschattende Lanze;Und sie traf dem Atreiden den Schild von gerundeter Wölbung:Doch nicht brach sie das Erz, denn rückwärts bog sich die SpitzeAuf dem gediegenen Schild. Nun erhob auch jener die Lanze,
350 Atreus Sohn Menelaos, und betete laut zu Kronion: Waltender Zeus, laß strafen mich ihn, der zuerst mich beleidigt, Alexandros den Held, und meinen Arm ihn bezwingen:Daß man schaudre hinfort auch in späteren Menschengeschlechtern,Böses dem Freunde zu tun, der wohlgesinnt ihn beherbergt!
355 Sprach’s, und im Schwung’ entsandt’ er die weithinschattende Lanze; Und sie traf dem Paris den Schild von gerundeter Wölbung.Siehe den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;Grad’ hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den Leibrock
360 Stürmend: da wand sich jener, und mied das schwarze Verhängnis.Hurtig zog der Atreide das Schwert voll silberner Buckeln,Hieb dann im Schwunge den Helm, den gekegelten; aber an jenemDreifach zerkracht und vierfach, entsprang es umher aus der Rechten.Atreus Sohn wehklagte, den Blick gen Himmel erhebend:
365 Vater Zeus, nie gleicht dir an Grausamkeit einer der Götter! Ha, ich hoffte zu strafen die Freveltat Alexandros;Aber es sprang aus der Hand mir in Trümmer das Schwert, und die LanzeFlog mir hinweg aus den Händen umsonst, und verwundete nicht ihn! Sprach’s, und stürmte hinan, und ergriff ihn am Busche des Helmes,
370 Zog dann gewandt ihn daher zu den hellumschienten Achaiern.Jenen engt’ an der Kehle der buntgezeichnete Riemen,Den er unter dem Kinne, des Helmes Band, sich befestigt.Und er hätt’ ihn geschleift, und ewigen Ruhm sich erworben,Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus Aphrodite,
375 Und ihn zersprengt den Riemen des stark erschlagenen Stieres.Leer nun folgte der Helm der nervichten Hand Menelaos.Diesen schleuderte drauf zu den hellumschienten AichaiernHochaufschwingend der Held; es erhoben ihn teure Genossen;Und nun stürmt’ er von neuem in heißer Begier zu ermorden
380 Hin mit dem ehernen Speer. Doch jenen entrückt’ AphroditeSonder Müh, als Göttin, und hüllt’ in Nebel ihn ringsher;Setzt’ ihn drauf in die Kammer, von duftender Würze durchräuchert;Schnell dann Helena suchend enteilte sie. Jene noch fand sieDort auf ragendem Turm, und umher viel troische Weiber.
385 Leis’ ihr feines Gewand voll Nektarduft ihr bewegend,Redete sie, in Gestalt der wollekrämpelnden Greisin,Hochbetagt, die ihr einst in heimischer Burg LakedämonsLiebliche Wolle gezupft, und ihr am meisten geliebt war;Dieser gleich an Gestalt, begann Aphrodite die Göttin:
390 Komm; dich ruft Alexandros, mit mir nach Hause zu kehren. Jener ruht in der Kammer auf zierlichem Lagergestelle,Strahlend in Reiz und Feiergewand. Kaum solltest du glauben,Daß er vom Zweikampf komme; vielmehr er gehe zum Reigen,Oder er sitz’ ausruhend vom fröhlichen Reigen ein wenig.
395 Jene sprach’s, und erregt’ ihr das wallende Herz in dem Busen. Aber sobald sie bemerkte den lieblichen Nacken der Göttin,Auch den Busen voll Reiz, und die anmutstrahlenden Augen;Tief erstaunte sie jetzt, und redete, also beginnend: Grausame, warum strebst du, mich nochmals schlau zu verleiten?
400 Soll ich vielleicht noch weiter die wohlbevölkerten StädtePhrygiens, oder der holden Mäonia Städte durchwandern,Wenn auch dort ein Geliebter dir wohnt der redenden Menschen?Drum weil jetzt Menelaos den edlen Held AlexandrosÜberwand, und beschleußt mich heim, die Verhaßte, zu führen;
405 Darum schleichst du mir jetzo daher voll trüglicher Arglist?Setze zu jenem dich hin, und verlaß der Unsterblichen Wandel;Und nie kehre dein Fuß zu den seligen Höhn des Olympos:Sondern teile des Sterblichen Weh, und pfleg’ ihn mit Sorgfalt,Bis er vielleicht zum Weibe dich aufnimmt, oder zur Sklavin!
410 Dorthin geh’ ich dir nimmer, denn unanständig ja wär’ es,Ihm sein Bett zu schmücken hinfort. Des würden mich alleTroerinnen verschmähn; und Gram schon lastet das Herz mir! Aber voll Zorns antwortete drauf Aphrodite die Göttin: Reize mich nicht, o Törin! ich könnt’ im Zorne mich wenden,
415 Und so sehr dich hassen, als innig mein Herz dich geliebet!Beid’ entflammt’ ich die Völker sodann zu verderblicher Feindschaft,Troer sowohl wie Achaier; dann raffte dich böses Verhängnis! Jene sprach’s; und verzagt ward Helena, Tochter Kronions. Eilend ging sie, gesenkt den silberglänzenden Schleier,
420 Still, unbemerkt den übrigen Fraun; und es führte die Göttin.Als sie nunmehr Alexandros gepriesene Wohnung erreichten,Wandten die dienenden Mägde sich schnell zur befohlenen Arbeit.Jene trat in ihr hohes Gemach, die edle der Weiber.Einen Sessel ergriff die holdanlächelnde Kypris,
425 Trug und stellt’ ihn, die Göttin, dem Held Alexandros entgegen.Helena setzte sich drauf, des Ägiserschütterers Tochter,Wandte die Augen hinweg, und schalt den Gemahl mit den Worten: Kommst du vom Kampfe zurück? O lägest du lieber getötet Dort vom gewaltigen Manne, der mir der erste Gemahl war!
430 Ha, du prahltest vordem, den streitbaren Held MenelaosWeit an Kraft und Händen und Lanzenwurf zu besiegen!Gehe denn nun, und berufe den streitbaren Held Menelaos,Wiederum zu kämpfen im Zweikampf! Aber dir rat’ ich,Bleib’ in Ruh, und vermeide den bräunlichen Held Menelaos,
435 Gegen ihn anzukämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung,Ohne Bedacht; daß nicht durch seinen Speer du erliegest! Aber Paris darauf antwortete, solches erwidernd: Frau, laß ab, mir das Herz durch bittere Schmähung zu kränken.Jetzo hat Menelaos mir obgesiegt mit Athene;
440 Ihm ein andermal ich; denn es walten ja Götter auch unser.Komm, wir wollen in Lieb’ uns vereinigen, sanft gelagert.Denn noch nie hat also die Glut mir die Seele bewältigt,Auch nicht, als ich zuerst aus der lieblichen Flur LakedämonSegelte, dich entführend in meerdurchwandelnden Schiffen,
445 Und auf Kranaens Au mich gesellt’ in Lieb’ und Umarmung;Als ich anjetzt dir glühe, durchbebt von süßem Verlangen.Sprach’s, und nahte dem Lager zuerst; ihm folgte die Gattin.Beide ruheten dann im schöngebildeten Bette. Atreus Sohn durchstürmte das Heer nun, ähnlich dem Raubtier,
450 Ob er ihn wo ausspähte, den göttlichen Held Alexandros.Doch nicht einer des troischen Volks, noch der edlen Genossen,Konnt’ Alexandros ihm zeigen, dem Rufer im Streit Menelaos.Nicht aus Freundschaft wahrlich verhehlten sie, wenn man ihn schaute:Denn verhaßt war er allen umher, wie das schwarze Verhängnis.
455 Jetzo erhub die Stimme der Völkerfürst Agamemnon: Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen! Offenbar ist Sieger der streitbare Held Menelaos.Gebt denn Helena jetzt die Argeierin, samt der Besitzung,Uns zurück; auch Buße bezahlet uns, welche geziemet,
460 Und die hinfort auch daure bei kommenden Menschengeschlechtern. Also sprach der Atreid’; und es lobten ihn alle Achaier.

Vierter Gesang

Inhalt

Zeus und Here beschließen Trojas Untergang. Athene beredet den Pandaros, einen Pfeil auf Menelaos zu schießen. Den Verwundeten heilt Machaon. Die Troer rücken an, und Agamemnon ermuntert die achaiischen Heerführer zum Angriff. Schlacht.


Aber die Götter um Zeus ratschlageten all’ in Versammlung,Sitzend auf goldener Flur; sie durchging die treffliche Hebe,Nektar umher einschenkend; und jen’ aus goldenen BechernTranken sich zu einander, und schaueten nieder auf Troja,
5 Schnell versuchte Kronion, das Herz der Here zu kränkenDurch aufregende Wort’, und redete solche Vergleichung: Zwo sind hier Menelaos der Göttinnen jetzo gewogen, Here von Argos zugleich, und Athen’, Alalkomenens Göttin.Aber beide von fern, des Anschauns nur sich erfreuend,
10 Sitzen sie; weil dem andern die holdanlächelnde KyprisStets als Helferin naht, und die graulichen Keren ihm abwehrt.Nun auch entzog sie jenen, da Todesgraun er zuvorsah.Aber gesiegt hat wahrlich der streitbare Held Menelaos.Uns nun laßt erwägen, wohin sich wende die Sache:
15 Ob wir hinfort durch Kriegsgewalt und verderbende ZwietrachtZüchtigen oder in Frieden die beiderlei Völker versöhnen.Wäre dies euch allen so angenehm und gefällig;Gern noch möchte sie stehn, des herrschenden Priamos Feste,Doch Menelaos zurück die Argeierin Helena führen.
20 Jener sprach’s; da murrten geheim Athenäa und Here. Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.Jene nunmehr blieb schweigend, und redete nichts, Athenäa,Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so:
25 Welch ein Wort, Kronion, du schrecklicher, hast du geredet! Willst du, daß ganz ich umsonst arbeitete, daß ich vergebensSchweiß der Mühe vergoß, und umher mit ermatteten RossenVölker erregt’, um dem Priamos Gram und den Söhnen zu schaffen?Tu’s! doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!
30 Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus: Grausame, was hat Priamos doch und Priamos SöhneDir so Böses getan, daß sonder Rast du dich abmühst,Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser?Möchtest du doch, eingehend durch Tor’ und türmende Mauern,
35 Roh ihn verschlingen, den Priamos selbst und Priamos Söhne,Samt den Troern umher; dann würde dein Zorn dir gesättigt!Tue, wie dir’s gefällt: daß nicht der Hader in ZukunftBeiden, dir selber und mir, zu größerem Zwiste gedeihe.Eines verkünd’ ich dir noch, und du bewahr’ es im Herzen:
40 Wenn auch mir im Eifer hinwegzutilgen gelüstetEine Stadt, wo dir erkorene Günstlinge wohnen;Daß du alsdann nicht weilest den Rächenden, sondern mich lassest!Gab doch ich selbst dir willig, obgleich unwilliges Herzens.Denn was unter der Sonn’ und dem sternumleuchteten Himmel
45 Irgend erscheint von Städten der sterblichen Erdebewohner;Hoch mir vor allen geehrt war Ilios heilige Feste,Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.Nie ja mangelte mir der Altar des gemeinsamen Mahles,Nie des Weins und Gedüftes, das uns zur Ehre bestimmt ward.
50 Ihm antwortete drauf die hoheitblickende Here: Siehe drei vor allen sind mir die geliebtesten Städte,Argos und Sparta zugleich, und die weitdurchwohnte Mykene:Diese verderb’ im Zorn, wenn etwa dein Herz sie erbittern;Niemals werd’ ich solche verteidigen, oder dir eifern.
55 Wenn ich ja gleich mißgönnend dir wehrete, sie zu verderben;Nichts doch schaffte mein Tun; denn weit gewaltigen bist du.Aber auch mein Arbeiten geziemet es nicht zu vereiteln.Denn auch ich bin Göttin, entstammt dem Geschlechte, woher du;Ich die erhabenste Tochter gezeugt vom verborgenen Kronos,
60 Zweifach erhöht, an Geburt, und weil ich deine GenossinWard ernannt, der du mächtig im Kreis der Unsterblichen wartest.Aber wohlan, dies wollen wir nachsehn einer dem andern,Dir ich selbst, und du mir; auch andre unsterbliche GötterFolgen uns dann. Doch jetzo beschleunige Pallas Athene,
65 Hinzugehn in der Troer und Danaer furchtbare Schlachtreihn;Daß sie versuch’, ob die Troer die siegesstolzen AchaierEtwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur. Sprach’s; ihr gehorchte der Vater des Menschengeschlechts und der Götter, Wandte sich schnell zur Athen’, und sprach die geflügelten Worte:
70 Eile sofort in das Heer der Troer hinab und Achaier;Daß du versuchst, ob die Troer die siegesstolzen AchaierEtwa zuerst anfahn zu beleidigen wider den Eidschwur. Also Zeus, und erregte die schon verlangende Göttin; Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
75 Gleich wie ein Stern, gesendet vom Sohn des verborgenen Kronos,Schiffenden, oder dem Heere gewaffneter Völker zum Zeichen,Strahlend brennt, und im Flug’ unzählige Funken umhersprüht:Also senkt’ hineilend zur Erde sich Pallas AtheneZwischen die Heere hinab; und Staunen ergriff, die es ansahn,
80 Rossebezähmende Troer, und hellumschiente Achaier.Also redete mancher, gewandt zum anderen Nachbar: Wieder fürwahr soll Kriegesgewalt und verderbende Zwietracht Züchtigen, oder in Frieden versöhnt nun beiderlei VölkerZeus, der dem Menschengeschlecht des Kriegs Obwalter erscheinet!
85 So nun redete mancher der Troer umher und Achaier. Jen’, ein Mann von Gestalt, durchdrang der Troer Getümmel,Gleich dem Antenoriden Laodokos, mächtig im Speerkampf,Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob sie ihn fände.Jetzo fand sie den starken untadlichen Sohn des Lykaon
90 Stehend, und rings um den Herrscher die starke geschildete HeerscharSeines Volks, das ihm folgte vom heiligen Strom des Äsepos.Nahe trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte: Möchtest du jetzt mir gehorchen, verständiger Sohn des Lykaon? Wagtest du wohl, Menelaos ein schnelles Geschoß zu entsenden?
95 Preis gewännst du und Dank von allem Volke der Troer,Aber vor allem zumeist vom herrschenden Held Alexandros:Der dich traun vorzüglich mit glänzenden Gaben belohnte,Säh’ er jetzt Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus,Deinem Geschosse besiegt, die traurige Flamme besteigen.
100 Auf denn, und schnelle den Pfeil zum rühmlichen Held Menelaos.Aber gelob’ Apollon, dem lykischen Bogenberühmten,Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,Heimgekehrt in dein Haus zur heiligen Stadt Zeleia. Jene sprach’s, und bewegte das Herz des törichten Mannes.
105 Schnell entblößt’ er den Bogen, geschnitzt von des üppigen SteinbocksSchönem Gehörn, dem er selber die Brust von unten getroffen;Als er dem Felsen entsprang, am gewähleten Ort ihn erwartend,Zielt’ und durchschoß er die Brust, daß rücklings ans Fels er hinabsank.Sechzehn Handbreit ragten empor am Haupte die Hörner.
110 Solche schnitzt’ und verband der hornarbeitende Künstler,Glättete alles umher, und beschlug’s mit goldener Krümmung.Diesen nun stellt’ er geschickt, nachdem er ihn spannt’, auf die ErdeAngelehnt; und mit Schilden bedeckten ihn tapfere Freunde,Daß nicht zuvor anstürmten die streitbaren Männer Achaias,
115 Eh’ er gefällt Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias.Jetzo des Köchers Deckel eröffnet’ er, wählte den Pfeil dann,Ungeschnellt und gefiedert, den Urquell dunkeler Qualen.Eilend ordnet’ er nun das herbe Geschoß auf der Senne;Und er gelobt’ Apollon, dem lykischen bogenberühmten,
120 Eine Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern,Heimgekehrt in sein Haus zur heiligen Stadt Zeleia;Fassend dann zog er die Kerbe zugleich, und die Nerve des Rindes,Daß die Senne der Brust annaht’, und das Eisen dem Bogen.Als er nunmehr kreisförmig den mächtigen Bogen gekrümmet;
125 Schwirrte das Horn, und tönte die Senn’, und sprang das Geschoß hin,Scharfgespitzt in den Haufen hineinzufliegen verlangend. Doch nicht dein, Menelaos, vergaßen die seligen Götter, Ewig an Macht, vor allen des Zeus siegprangende Tochter,Welche vor dich hintretend das Todesgeschoß dir entfernte.
130 Gleich so wehrete sie’s vom Leibe dir, wie wenn die MutterWehrt’ vom Sohne die Flieg’, indem süßschlummernd er daliegt.Aber dorthin lenkt’ es die Herrscherin, wo sich des GurtesGoldene Spang’ ihm schloß, und zwiefach hemmte der Harnisch.Stürmend traf das Geschoß den festanliegenden Leibgurt,
135 Sieh’ und hinein in den Gurt, den künstlichen, bohrte die Spitze;Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;Und in das Blech, das er trug zur Schutzwehr gegen Geschosse,Welches am meisten ihn schirmt’; allein sie durchdrang ihm auch dieses;Und nun ritzte der Pfeil die obere Haut des Atreiden,
140 Daß ihm sogleich vorströmte das dunkelnde Blut aus der Wunde. Wie wenn ein Elfenbein die Mäonerin, oder die Karin, Schön mit Purpur gefärbt, zum Wangenschmucke des Rosses;Dort nun liegt’s im Gemach, und viel der reisigen MännerWünschten es wegzutragen; doch Königen hegt sie das Kleinod,
145 Beides ein Schmuck dem Rosse zu sein, und Ehre dem Lenker:Also umfloß, Menelaos, das färbende Blut dir die Schenkel,Stattlich von Wuchs, und die Bein’ und zierlichen Knöchel hinunter. Schauer durchdrang alsbald den Herrscher des Volks Agamemnon, Als er sah, wie das Blut ihm schwarz hinfloß aus der Wunde;
150 Schauer durchdrang ihn selber, den streitbaren Held Menelaos.Aber sobald er die Schnur auswärts und die Haken erblickte;Ward von neuem mit Mut sein männliches Herz ihm erfüllet.Schwer aufseufzend begann der Völkerfürst Agamemnon,Haltend die Hand Menelaos; es seufzten umher die Genossen:
155 O du teurer Bruder, zum Tode dir schloß ich das Bündnis, Dich allein hinstellend, für uns mit den Troern zu kämpfen!Denn dich trafen die Troer, das heilige Bündnis zertretend!Aber umsonst ist nimmer der Eidschwur, oder der LämmerBlut, noch der lautere Wein, und der Handschlag, dem wir vertrauet.
160 Wenn auch jetzo sogleich der Olympier nicht es vollendet;Doch vollendet er spät! und hoch ihm werden sie büßen,Werden mit eigenem Haupte, mit Weib und Kindern es büßen!Denn das erkenn’ ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
165 Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs!Dann wird Zeus der Kronid’ aus strahlender Höhe des ÄthersGegen sie all’ erschüttern das Graun der umnachteten Ägis,Zürnend ob solchem Betrug! Geschehn wird dieses unfehlbar!Aber in bitteren Schmerz versenkst du mich, o Menelaos,
170 Wenn du stirbst, und das Maß der Lebenstage nun füllest!Siehe voll Schmach dann kehrt’ ich zur wasserdürftigen Argos!Denn alsbald gedächten des Vaterlands die Achaier;Und wir verließen den Ruhm dem Priamos hier und den Troern,Helena, Argos Kind; es moderten deine Gebeine
175 Liegend in Trojas Gefild’, am unvollendeten Werke!Mancher vielleicht dann spräche der übermütigen Troer,Fröhlich das Grab umhüpfend dem rühmlichen Held Menelaos:Daß doch so bei allen den Zorn vollend’ Agamemnon,Wie er jetzo umsonst herführte das Volk der Achaier!
180 Denn schon kehret’ er heim zum lieben Lande der Väter,Leer die sämtlichen Schiff’, und verließ den Held Menelaos!Also spräche man einst! Dann reiße sich weit mir die Erd’ auf!


Doch ihn tröstete so der bräunliche Held Menelaos:Sei getrost, und schrecke noch nicht das Volk der Achaier.
185 Nicht zum Tod’ hat jetzo das scharfe Geschoß mich verwundet;Sondern mich schützte der Gurt von getriebener Pracht, und darunterAuch die Bind’ und das Blech, das Erzarbeiter gebildet. Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon: Möcht’ es doch also sein, du geliebtester, o Menelaos!
190 Aber es prüfe der Arzt die blutende Wund’, und legeLinderung drauf, um vielleicht die dunkele Qual zu bezähmen. Sprach’s, und rief Talthybios schnell, den göttlichen Herold: Auf, Talthybios, eil’ und rufe mir schleunig Machaon,Ihn, Asklepios Sohn, des unvergleichbaren Arztes,
195 Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Fürsten Achaias;Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger TroerOder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis. Jener sprach’s; da gehorchte des Königes Worte der Herold; Schnell durchging er die Scharen der erzumschirmten Achaier,
200 Schauete forschend umher, und fand den Helden MachaonStehend, und rings um den Herrscher die starke geschildete HeerscharSeines Volks, das ihm folgt’ aus der rossenährenden Trikka.Nahe trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte: Auf, Asklepios Sohn, dich ruft der Fürst Agamemnon,
205 Anzuschaun Menelaos, den streitbaren Sohn des Atreus;Diesen traf mit Geschoß ein bogenkundiger TroerOder ein Lykier jetzt, zum Ruhme sich, uns zur Betrübnis. Jener sprach’s; ihm aber das Herz im Busen erregt’ er; Schnell durchwandelten sie das Gedräng’ in den Scharen Achaias.
210 Als sie nunmehr hinkamen, wo Atreus Sohn MenelaosBlutend stand, und um jenen die Edelsten alle versammeltRings, er selbst in der Mitte, der götterähnliche Streiter;Zog er sofort das Geschoß aus dem festanliegenden Leibgurt;Und wie er auszog, bogen die spitzigen Haken sich rückwärts.
215 Hierauf löst’ er den Gurt von getriebener Pracht, und darunterAuch die Bind’, und das Blech, das Erzarbeiter gebildet.Als er die Wunde geschaut, wo das herbe Geschoß ihm hineindrang;Sog er das quellende Blut, und legt’ ihm lindernde Salb’ auf,Kundig, die einst dem Vater verliehn der gewogene Cheiron.
220 Während sie dort umeilten den Rufer im Streit Menelaos; Zogen bereits die Troer heran in geschildeten Schlachtreihn.Jen’ auch hüllten sich wieder in Wehr, und entbrannten von Streitlust. Jetzt nicht hättest du schlummern gesehn Agamemnon den Herrscher, Nicht hinab sich schmiegen, und nicht unwillig zu kämpfen;
225 Sondern gefaßt hineilen zur männerehrenden Feldschlacht.Denn dort ließ er die Ross’ und den erzumschimmerten Wagen;Und sein Genoß hielt jene, die mutig schnaubenden abwärts,Held Eurymedon, Sohn von Piräos’ Sohn Ptolemäos.Ihm gebot er mit Ernst, daß er nahete, würden ihm etwa
230 Matt die Glieder vom Gang, die Ordnungen rings zu durchwalten.Selbst dann eilt’ er zu Fuß, und umging die Scharen der Männer. Wo er nunmehr streitfertig erfand Gaultummler Achaias, Nahe trat er hinan, und sprach die ermunternden Worte: Nun, Argeier, gedenkt rastlos des stürmenden Mutes!
235 Denn nicht wird dem Betruge mit Hilf’ erscheinen Kronion;Sondern welche zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur,Deren Leichname sollen, ein Raub der Geier, vermodern;Aber die blühenden Weiber und noch unmündigen KinderFühren wir selbst in Schiffen, nachdem die Stadt wir erobert!
240 Die er alsdann saumselig erfand zur traurigen Feldschlacht, Solche straft’ er mit Ernst, und rief die zürnenden Worte: Arges Volk, Pfeilkühne, Verworfene, schämt ihr euch gar nicht? Warum steht ihr dort so betäubt, wie die Jungen der Hindin,Die, nachdem sie ermattet vom Lauf durch ein weites Gefilde,
245 Dastehn, nichts im Herzen von Kraft und Stärke noch fühlend?Also steht ihr jetzo betäubt, und starrt vor der Feldschlacht!Säumt ihr, bis erst die Troer herannahn, wo wir die SchiffeStellten mit prangendem Steuer, am Strand der grauen Gewässer;Dort zu sehn, ob schirmend Kronions Hand euch bedecke?
250 So mit Herrschergebot umwandelt’ er jegliche Heerschar. Jetzo erreicht’ er die Kreter, im Gang durch der Männer Getümmel.Jen’ um Idomeneus her, den feurigen, standen gewappnet;Aber Idomeneus selber voran, in der Stärke des Ebers;Und Meriones folgte, die hinteren Reihn ihm erregend.
255 Diese sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,Und zu Idomeneus schnell mit freundlicher Rede begann er: Du, Idomeneus, bist mir geehrt vor den Reisigen allen, Du im Kriege sowohl, als sonst in jedem Geschäfte,Auch am Mahl, wann festlich den edleren Helden von Argos
260 Funkelnder Ehrenwein in vollen Krügen gemischt wird.Denn obgleich die andern der hauptumlockten AchaierTrinken beschiedenes Maß; doch steht dein Becher beständigAngefüllt, wie der meine, nach Herzenswunsche zu trinken.Auf denn, gestürmt in die Schlacht, wie du immer vordem dich gerühmet!
265 Aber Idomeneus rief, der Kreter Fürst, ihm entgegen: Atreus’ Sohn, dir bleib’ ich ein treugesinnter GenosseImmerdar, wie zuerst ich angelobt und beteuert.Nur die anderen reize der hauptumlockten Achaier,Schleunig den Kampf zu beginnen; dieweil sie kränkten das Bündnis;
270 Trojas Volk! Nun möge sie Tod und Jammer in ZukunftTreffen, dieweil sie zuerst nun beleidigten wider den Eidschwur! Jener sprach’s; und vorbei ging freudiges Muts Agamemnon. Jetzo erreicht’ er die Ajas, im Gang durch der Männer Getümmel.Beide standen in Wehr, und es folgt’ ein Gewölke des Fußvolks.
275 Also schaut von der Warte die finstere Wolke der GeißhirtÜber das Meer aufziehn, von Zephyros Hauche getragen;Siehe schwärzer denn Pech dem Fernestehenden scheint sieÜber das Meer annahend, und führt unermeßlichen Sturmwind;Jener erstarrt vor dem Blick, und treibt die Herd’ in die Felskluft:
280 Also zog mit den Ajas Gewühl streitfertiger JugendDort zur blutigen Schlacht in dichtgeordneten Haufen,Schwarz einher, von Schilden umstarrt und spitzigen Lanzen.Diese sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon;Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte:
285 Ajas beid’, Heerführer der erzumschirmten Achaier, Ihr dort braucht, zu erregen das Volk, nicht meines Gebotes;Denn schon selbst ermahnt ihr die Eurigen tapfer zu kämpfen.Wenn doch, o Vater Zeus, und Pallas Athen’, und Apollon,Solch ein Mut nun allen das Herz im Busen beseelte!
290 Bald dann neigte sich uns des herrschenden Priamos Feste,Unter unseren Händen besiegt und zu Boden getrümmert! Dieses gesagt, verließ er sie dort, und eilte zu andern; Wo er den Nestor fand, den tönenden Redner von Pylos,Emsig die Freund’ anordnend, und wohl ermahnend zur Feldschlacht:
295 Jen’ um Pelagon her, und Chromios, und den Alastor,Auch um Hämon den Held, und den völkerweidenden Bias.Erst die Reisigen stellt’ er mit Rossen zugleich und Geschirren:Hinten sodann die Männer zu Fuß, die vielen und tapfern,Mauer zu sein des Gefechts; und die Feigen gedrängt in die Mitte,
300 Daß, wer sogar nicht wollte, die Not ihn zwänge zu streiten.Erst die Reisigen nun ermahnet’ er, jedem gebietend,Wohl zu hemmen die Rosse, nicht wild durcheinander zu tummeln. Keiner, auf Wagenkund’ und Männerstärke vertrauend, Wag’ allein vor andern zum Kampfe sich gegen die Troer;
305 Keiner auch weiche zurück: denn also schwächt ihr euch selber.Welcher Mann vom Geschirr hinkommt auf des anderen Wagen,Strecke die Lanze daher; denn weit heilsamer ist solches.Das war der Alten Gebrauch, die Städt’ und Mauren zertrümmert,Solchen Sinn und Mut im tapferen Herzen bewahrend.
310 Also ermahnte der Greis, vorlängst wohlkundig des Krieges. Ihn auch sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon;Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte: Möchten, o Greis, wie der Mut dein Herz noch füllet im Busen, So dir folgen die Knie’, und fest die Stärke dir dauern!
315 Aber dich drückt des Alters gemeinsame Last! O ihr Götter,Daß sie ein anderer trüg’, und du ein Jüngling einhergingst! Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor: Atreus Sohn, ja gerne verlangt’ ich selber noch jetzoDer zu sein, wie ich einst den Held Ereuthalion hinwarf!
320 Doch nicht alles zugleich verliehn ja die Götter den Menschen.War ich ein Jüngling vordem, so naht mir jetzo das Alter.Aber auch so begleit’ ich die Reisigen noch, und ermahneAndre mit Rat und Worten; denn das ist die Ehre der Alten.Speere laß hinschwingen die Jünglinge, welche der Jahre
325 Weniger zählen denn ich, und noch vertrauen der Stärke! Jener sprach’s; und vorbei ging freudiges Muts Agamemnon; Fand dann Peteos Sohn, den Rossetummler Menestheus,Stehn, und umher die Athener geschart, wohlkundig des Feldrufs.Aber zunächst ihm stand der erfindungsreiche Odysseus,
330 Welchem umher Kephallener in unverächtlichen SchlachtreihnStanden. Denn nicht ertönte noch beider Volke der Aufruhr,Weil nur jüngst miteinander erregt andrängten die ScharenRossebezähmender Troer und Danaer. Aber erwartendStanden sie, wann vorrückend ein anderer Zug der Achaier
335 Stürmt’ in der Troer Volk, und dort anhöbe das Treffen.Diese schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte: O du, Peteos Sohn, des gottbeseligten Herrschers! Und du, reichlich geschmückt mit Betörungen, sinnend auf Vorteil!
340 Warum also geschmiegt entfernt ihr euch, harrend der andern?Wohl euch beiden geziemt’ es, zugleich mit den ersten der KämpferDazustehn, und der flammenden Schlacht euch entgegen zu stürzen!Seid doch ihr die ersten zum Mahle mir immer gerufen,Rüsteten wir den Edlen ein Ehrenmahl wir Achaier!
345 Freud’ ist’s dann, zu schmausen gebratenes Fleisch, und zu trinkenBecher des süßen Weins, des erlabenden, weil euch gelüstet!Doch nun säht ihr mit Freude, wenn auch zehn Scharen AchaiasEuch zuvor eindrängen mit grausamem Erz in die Feldschlacht! Finster schaut’ und begann der erfindungsreiche Odysseus:
350 Welch ein Wort, o Atreid’, ist dir aus den Lippen entflohen?Wie doch nennst du zur Schlacht saumselig uns? Wann wir AchaierGegen die reisigen Troer die Wut des Ares erregen;Wirst du schaun, so du willst, und solcherlei Dinge dich kümmern,Auch Telemachos Vater gemischt in das Vordergetümmel
355 Troischer Reisigen dort! Du schwatzest da nichtige Worte! Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher des Volks Agamemnon, Als er zürnen ihn sah, und wendete also die Rede: Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus, Weder Tadel von mir verdienest du, weder Ermahnung.
360 Denn ich weiß, wie das Herz in deinem Busen beständigMilde Gedanken mir hegt; du gleichst an Gesinnung mir selber.Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wenn ja ein hartesWort entfiel; das mögen die Himmlischen alles vereiteln!


Dieses gesagt, verließ er sie dort, und eilte zu andern.
365 Tydeus Sohn nun fand er, den stolzen Held Diomedes,Stehn auf rossebespanntem und wohlgefügetem Wagen;Neben ihm Sthenelos auch, den kapaneïschen Sprößling.Ihn auch schalt erblickend der Völkerfürst Agamemnon;Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:
370 Wehe mir, Tydeus Sohn, des feurigen Rossebezähmers, Wie du erbebst! wie du bang’ umschaust nach den Pfaden des Treffens!Nie hat Tydeus wahrlich so gar zu verzagen geliebet,Sondern weit den Genossen voraus in die Feinde zu sprengen.Also erzählt, wer ihn sah in der Kriegsarbeit: denn ich selber
375 Traf und erblickt’ ihn nie; doch strebet’ er, sagt man, vor andern.Vormals kam, sich entfernend vom Krieg, der Held in MykeneGastlich, samt Polyneikes dem Göttlichen, Volk zu versammeln,Weil sie mit Streit bezogen die heiligen Mauern von Thebe;Und sie fleheten sehr um rühmliche Bundesgenossen.
380 Jen’ auch wollten gewähren, und billigten, was sie gefodert;Doch Zeus wendete solches durch unglückdrohende Zeichen.Als sie nunmehr uns verlassen, und fort des Weges gewandelt,Und den Asopos erreicht, von Gras und Binsen umufert;Sendeten dort die Achaier den Tydeus wieder mit Botschaft.
385 Jener enteilt’, und fand die versammelten KadmeionenFröhlich am Mahl im Palaste der heiligen Macht Eteokles.Doch er erblödete nicht, der Rossebändiger Tydeus,Fremdling zwar, und allein, von vielen umringt der Kadmeier;Sondern rief zu Kämpfen hervor; und in jeglichem siegt’ er
390 Sonder Müh: so mächtig als Helferin naht’ ihm Athene.Jene, von Zorn ihm entbrannt, die kadmeiischen Sporner der RosseLegeten Hinterhalt, auf dem Heimweg seiner zu harren,Jünglinge fünfzig an Zahl; und zween Anführer geboten,Mäon der Hämonid’, unsterblichen Göttern vergleichbar,
395 Und Autophonos Sohn, der trotzende Held Lykophontes.Aber es ward auch jenen ein schmähliches Ende von Tydeus;Alle streckt’ er dahin, und einen nur sandt’ er zur Heimat;Mäon entsandt’ er allein, der unsterblichen Zeichen gehorchend.So war Tydeus einst, der Ätolier! Aber der Sohn hier
400 Ist ein schlechterer Held in der Schlacht, doch ein besserer Redner. Jener sprach’s; ihm erwiderte nichts der Held Diomedes, Ehrfurchtvoll dem Verweise des ehrenvollen Gebieters.Aber Kapaneus Sohn, des Gepriesenen, gab ihm zur Antwort: Rede nicht falsch, Atreide, so wohlbekannt mit der Wahrheit!
405 Tapferer rühmen wir uns, weit mehr denn unsere Väter!Wir ja eroberten Thebe, die siebentorige Feste,Weniger zwar hinführend des Volks vor die trotzende Mauer,Doch durch Götterzeichen gestärkt und die Hilfe Kronions.Jene bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben.
410 Darum preise mir nicht in gleicher Ehre die Väter! Finster schaut’ und begann der starke Held Diomedes: Trauter, halte dich still, und gehorche du meiner Ermahnung.Denn nicht ich verarg’ es dem Hirten des Volks Agamemnon,Daß er treibt zum Kampfe die hellumschienten Achaier.
415 Denn ihm folgt ja der Ruhm, wenn Achaias Söhne die TroerBändigen, und mit Triumph zur heiligen Ilios eingehn;Ihm auch unendlicher Gram, wenn gebändigt sind die Achaier.Aber wohlan, und beide gedenken wir stürmendes Mutes! Sprach’s, und vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
420 Graunvoll klirrte das Erz umher am Busen des Königs,Als er sich schwang; ihm hätt’ auch ein männlicher unten gezittert. Wie wenn die Meeresflut zum hallenden Felsengestad’ her Wog’ an Woge sich stürzt, vom Zephyros aufgewühlet;Weit auf der Höhe zuerst erhebt sie sich; aber anjetzo
425 Laut am Lande zerplatzt erdonnert sie, und um den VorstrandHänget sie krumm aufbrandend, und speit von ferne den Salzschaum:Also zogen gedrängt die Danaer, Haufen an Haufen,Rastlos her in die Schlacht. Es gebot den Seinen ein jederVölkerfürst; still gingen die anderen; keiner gedächt’ auch,
430 Solch ein großes Gefolg’ hab’ einen Laut in den Busen:Ehrfurchtsvoll verstummend den Königen; jeglicher HeerscharHell von buntem Geschmeid’, in welches gehüllt sie einherzog.Trojas Volk, wie die Schafe des reichen Mannes in der HürdeZahllos stehn, und mit Milch die schäumenden Eimer erfüllen,
435 Blökend ohn’ Unterlaß, da der Lämmer Stimme gehört wird:Also erscholl das Geschrei im weiten Heere der Troer;Denn nicht gleich war aller Getön, noch einerlei Ausruf,Vielfach gemischt war die Sprach’, und mancherlei Stammes die Völker.Hier ermunterte Ares, und dort Zeus Tochter Athene;
440 Schrecken zugleich und Graun, und die rastlos lechzende Zwietracht,Sie des mordenden Ares verbündete Freundin und Schwester:Die erst klein von Gestalt einherschleicht; aber in kurzemTrägt sie hoch an den Himmel ihr Haupt, und geht auf der Erde.Diese nun streuete Zank zu gemeinsamem Weh in die Mitte,
445 Wandelnd von Schar zu Schar, das Geseufz’ der Männer vermehrend. Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet; Trafen zugleich Stierhäut’, und Speere zugleich, und die KräfteRüstiger Männer in Erz; und die hochgenabelten SchildeNaheten dichtgedrängt; und umher stieg lautes Getös’ auf.
450 Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,Würgender dort und Erwürgter; und Blut umströmte die Erde.Wie zween Ström’ im Herbste geschwellt, den Gebirgen entrollend,Zum gemeinsamen Tal ihr strudelndes Wasser ergießen,Aus unendlichen Quellen durch tiefgehöhltes Geklüft hin;
455 Ferne hört ihr Geräusch der weinende Hirt auf den Bergen:Also erhub den Vermischten sich Wutgeschrei und Verfolgung. Erst nun erschlug den Troern Antilochos einen der Kämpfer, Mutig im Vordergewühl, des Thalysios Sohn Echepolos.Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
460 Daß er die Stirne durchbohrt’; hineindrang tief in den SchädelJenem die eherne Spitz’, und Nacht umhüllt ihm die Augen,Und er sank, wie ein Turm, im Ungestüme der Feldschlacht.Schnell des Gefallenen Fuß ergriff Elephenor der Herrscher,Chalkodons Sohn, Heerfürst der hochgesinnten Abanter;
465 Dieser entzog den Geschossen begierig ihn, daß er ihm eiligRaubte das Waffengeschmeid’; allein kurz währt’ ihm die Arbeit.Denn wie den Toten er schleifte, da sah der beherzte Agenor,Daß dem Gebückten die Seit’ entblößt vom Schilde hervorschien,Zuckte den erzgerüsteten Schaft, und löst’ ihm die Glieder.
470 Also verließ ihn der Geist; doch über ihm tobte der Streit nunSchrecklich umher der Troer und Danaer: ähnlich den Wölfen,Sprangen sie wild aneinander, und Mann für Mann sich erwürgend. Ajas der Telamonid’ erschlug Anthenions Sohn itzt, Jugendlich, blühend an Kraft, Simoeisios: welchen die Mutter
475 Einst vom Ida kommend, an Simois Ufer geboren,Als sie, die Herde zu schaun, dorthin den Eltern gefolgt war:Darum nannten sie ihn Simoeisios. Aber den ElternLohnet er nicht die Pflege: denn kurz nur blühte das LebenIhm, da vor Ajas Speer, des mutigen Helden, er hinsank.
480 Denn wie er vorwärts ging, traf jener die Brust an der WarzeRechts, daß gerad’ hindurch ihm der eherne Speer aus der SchulterDrang, und er selbst in den Staub hintaumelte: gleich der Pappel,Die in gewässerter Aue des großen Sumpfes emporwuchs,Glattes Stamms, nur oben entwuchsen ihr grünende Zweige;
485 Und die der Wagener jetzt abhaut mit blinkendem Eisen,Daß er zum Kranz des Rades sie beug’ am zierlichen Wagen;Jetzo liegt sie welkend am Bord des rinnenden Baches:So Anthemions Sohn Semoeisios, als ihm die RüstungAjas raubte der Held. Doch Antiphos, rasch in dem Panzer,
490 Sandt’ ihm, Priamos Sohn, die spitzige Lanz’ im Gewühl her;Fehlend zwar; doch dem Leukos, Odysseus edlem Genossen,Flog das Geschoß in die Scham, da zurück den Toten er schleifte:Auf ihn taumelt’ er hin, und der Leichnam sank aus der Hand ihm.Um den erschlagenen Freund entbrannt’ im Herzen Odysseus,
495 Ging durchs Vordergefecht mit strahlendem Erze gerüstet,Stand dann jenem genäht, und schoß den blinkenden Wurfspieß,Rings umschauend zuvor; und zurück ihm stoben die Troer,Als hinzielte der Held; doch flog nicht umsonst das Geschoß ihm,Sondern Priamos Sohn Demokoon traf es, den Bastard,
500 Der von Abydos ihm kam, vom Gestüt leichtrennender Gaule.Ihm nun sandte die Lanz’, um den Seinigen zürnend, OdysseusDurch den Schlaf, und hindurch aus dem anderen Schlafe gestürmetKam die eherne Spitz’; und Nacht umhüllt’ ihm die Augen;Dumpf hinkracht’ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen.
505 Rückwärts wichen die ersten des Kampfs, und der strahlende Hektor.Doch laut schrien die Danaer auf, und entzogen die Toten,Drangen dann noch tiefer hinein. Des zürnet’ Apollon,Hoch von Pergamos schauend, und rief, die Troer ermunternd: Auf, ihr reisigen Troer, wohlauf! und räumet das Feld nicht
510 Argos Volk’; ihr Leib ist ja weder von Stein, noch von Eisen,Daß abprallte der Wurf des leibzerschneidenden Erzes!Nicht einmal Achilleus, der Sohn der lockigen Thetis,Kämpft; er ruht bei den Schiffen, das Herz voll nagendes Zornes! Also rief von der Stadt der Schreckliche. Doch die Achaier
515 Trieb Zeus’ Tochter zum Kampf, die herrliche Tritogeneia,Wandelnd von Schar zu Schar, wo säumende Kämpfer erschienen. Jetzt umstrickte der Tod Amarinkeus Sohn, den Diores; Denn ihn traf an dem Knöchel des rechten Fußes ein Feldstein,Fausterfüllend und rauh; es warf der thrakische Führer
520 Peiros, Imbrasos Sohn, der hergekommen von Änos.Sehnen zugleich und Knochen zerschmetterte sonder VerschonenIhm der entsetzliche Stein; daß er rücklings hinab auf den BodenTaumelte, beide Händ’ umher zu den Freunden verbreitend,Atemlos hinschlummernd. Da nahete, der ihn verwundet,
525 Peiros, und bohrte die Lanz’ in den Nabel ihm; und es entstürztenAlle Gedärme zur Erd’, und Nacht umhüllt’ ihm die Augen. Ihn den Stürmenden traf mit dem Speer der Ätolier Thoas Über der Warz’ in die Brust; und es drang in die Lunge das Erz ihm.Eilend sprang nun Thoas hinan, und riß ihm des Speeres
530 Mächtigen Schaft aus der Brust; dann zog er das schneidende Schwert aus,Schwang es und haut’ ihm über den Bauch, und raubt’ ihm das Leben.Doch nicht nahm er die Wehr; denn rings umstanden ihn ThrakerMit hochsträubendem Haar, langschaftige Spieße bewegend,Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war, und wie ruhmvoll,
535 Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung.Also lagen sie beid’ im Staube gestreckt miteinander.Thrakiens edler Fürst, und der erzumschirmten EpeierFürst zugleich; auch sanken noch viel’ umher der Genossen. Jetzo hätte kein Mann das Werk der Krieger getadelt,
540 Wandelt’ er, ungetroffen und ungehaun von dem Erze,Rings durch das Waffengewühl, und leitete Pallas AtheneIhn an der Hand, abwehrend den fliegenden Sturm der Geschosse.Denn viel sanken der Troer, und viel der Danaer vorwärtsJenes Tags in den Staub, und bluteten nebeneinander.

Fünfter Gesang

Inhalt

Diomedes, den Athene zur Tapferkeit erregt, wird von Pandaros geschossen. Er erlegt den Pandaros, und verwundet den Äneias, samt der entführenden Aphrodite. Diese flieht auf Ares Wagen zum Olympos. Apollon trägt, von Diomedes verfolgt, den Äneias in seinen Tempel auf Pergamos, woher er, geheilt bald zurückkehrt. Auf Apollons Ermahnung erweckt Ares die Troer, und die Achaier weichen allmählich. Tlepolemos von Sarpedon erlegt. Here und Athene fahren vom Olympos, den Achaiern gegen Ares zu helfen. Diomedes von Athene ermahnt und begleitet, verwundet den Ares. Der Gott kehrt zum Olympos, und die Göttinnen folgen.


Jetzo schmückt’ Athene des Tydeus Sohn DiomedesHoch mit Kraft und Entschluß, damit vorstrahlend aus allemDanaervolk er erschien’, und herrlichen Ruhm sich gewänne.Flammen ihm hieß auf Helm und Schilde sie mächtig umher glühn:
5 Ähnlich dem Glanzgestirne der Herbstnacht, welches am meistenKlar den Himmel durchstrahlt, in Okeanos Fluten gebadet:Solche Glut hieß jenem sie Haupt umflammen und Schultern,Stürmt’ ihn dann mitten hinein, wo am heftigsten schlug das Getümmel. Unter den Troern war ein unsträflicher Priester Hephästos’,
10 Dares, mächtig und reich, der ins Heer zween Söhne gesendet,Phegeus und Idäos, geübt in jeglichem Kampfe.Diese, getrennt vom Haufen, entgegen ihm sprengten sie jetzo,Beid’ auf Rossegeschirr; er strebte zu Fuß von der Erde.Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
15 Sendete Phegeus zuerst die weithinschattende Lanze.Aber es flog dem Tydeiden das Erz links über die SchulterHin, und verwundete nicht. Nun schwang auch jener den Wurfspieß,Tydeus Sohn; und ihm flog nicht umsonst das Geschoß aus der Rechten;Sondern traf in die Kerbe der Brust, und stürzt’ ihn vom Wagen.
20 Aber Idäos entsprang, den zierlichen Sessel verlassend;Denn ihm zagte das Herz, den ermordeten Bruder zu schützen.Kaum auch, kaum er selber entrann dem schwarzen Verhängnis;Doch ihn entrückt’ Hephästos, in schirmende Nacht ihn verhüllend,Daß nicht ganz ihm versänke das Herz des Greises in Jammer.
25 Seitwärts trieb das Gespann der Sohn des erhabenen Tydeus,Und ihm führten die Freund’ es hinab zu den räumigen Schiffen.Doch wie die mutigen Troer geschaut die Söhne des Dares,Ihn von dannen entflohn, und ihn entseelt am Geschirre;Regte sich allen das Herz. Allein Zeus’ Tochter Athene
30 Faßt’ an der Hand, und redete so zum tobenden Ares: Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Maurenzertrümmrer! Lassen wir nicht sie allein die Troer hinfort und AchaierKämpfen, zu welcherlei Volk Zeus’ Vorsicht wende den Siegsruhm;Doch wir weichen zurück, und meiden den Zorn Kronions?
35 Jene sprach’s, und entführte der Schlacht den tobenden Ares; Diesen setzte sie drauf am gehügelten Strand des Skamandros. Argos Söhn’ itzt drängten den Feind, und jeglichem Führer Sank ein Mann. Erst stürzte der Völkerfürst AgamemnonHodios aus dem Geschirr, den Halizonengebieter.
40 Als er zuerst umwandte, da flog in den Rücken der Speer ihmZwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;Dumpf hinkracht’ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen. Aber Idomeneus tilgte den Sohn des mäonischen Boros, Phästos, der her aus Tarne, dem scholligen Lande, gekommen.
45 Dieser strebt’ auf den Wagen empor, doch die ragende LanzeStieß ihm der speerberühmte Idomeneus rechts in die Schulter;Und er entsank dem Geschirr, und Graun des Todes umhüllt’ ihn;Aber Idomeneus Freund’ entzogen ihm eilig die Rüstung. Ihn, des Strophios Sohn Skamandrios, kundig des Jagens,
50 Raffte mit spitziger Lanze des Atreus Sohn Menelaos,Jenen tapferen Jäger. Gelehrt von Artemis selberTraf er alles Gewild, das der Forst des Gebirges ernähret.Aber nichts ihm nunmehr half Artemis, froh des Geschosses,Nichts die gepriesene Kunst, ferntreffende Pfeile zu schnellen;
55 Sondern des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,Als er vor ihm hinbebte, durchstach mit dem Speer ihm den RückenZwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang.Jener entsank vorwärts, und es rasselten um ihn die Waffen. Auch Meriones traf den Phereklos, stammend von Tekton,
60 Harmons Sohn, der mit Händen erfindsam allerlei KunstwerkBildete; denn ihn erkor zum Lieblinge Pallas Athene.Er hatt’ auch Alexandros die schwebenden Schiffe gezimmert,Jene Beginner des Wehs, die Unheil brachten den Troern,Und ihm selbst; weil nicht er vernahm der Unsterblichen Ausspruch.
65 Diesen traf, da er jetzt im verfolgenden Lauf ihn ereilte,Rechts hindurch ins Gesäß Meriones, daß ihm die SpitzeVorn die Blase durchbohrend am Schambein wieder hervordrang.Heulend sank er aufs Knie, und Todesschatten umfing ihn. Meges warf den Pedäos dahin, den Sohn des Antenor,
70 Der unehelich war; doch erzog ihn die edle TheanoGleich den eigenen Kindern, gefällig zu sein dem Gemahle.Diesem schoß nachrennend der speerberühmte PhyleideHinten die spitzige Lanze gerad’ in die Höhle des Nackens;Zwischen den Zähnen hindurch zerschnitt die Zunge das Erz ihm;
75 Und er entsank in den Staub, am kalten Erze noch knirschend. Doch der Euämonid’ Eurypylos traf den Hypsenor, Ihn Dolopions Sohn, des Erhabenen, der dem SkamandrosWar ein Priester geweiht, wie ein Gott im Volke geehret.Aber Eurypylos nun, der glänzende Sohn des Euämon,
80 Als er vor ihm hinbebte, verfolgt’ und schwang in die SchulterIhm anstürmend das Schwert, und hieb ihm den nervichten Arm ab:Blutig entsank ihm der Arm ins Gefild’ hin; aber die AugenÜbernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis. So arbeiteten jen’ im Ungestüme der Feldschlacht.
85 Aber des Tydeus Sohn, nicht wüßte man, welcherlei Volks erSchaltete, ob er mit Troern einherging, ob mit Achaiern.Denn er durchtobte das Feld, dem geschwollenen Strome vergleichbar,Voll vom Herbst, der in reißendem Sturz wegflutet die Brücken;Nicht ihn zu hemmen vermag der Brücken gewaltiges Bollwerk,
90 Auch nicht hemmen die Zäune der grünenden SaatengefildeIhn, der sich schleunig ergießt, wann gedrängt Zeus’ Schauer herabfällt;Weit dann versinkt vor jenem der Jünglinge fröhliche Arbeit:Also vor Tydeus Sohn enttaumelten dichte GeschwaderTroisches Volks, und harreten nicht, wie viel sie auch waren.
95 Aber sobald ihn schaute der glänzende Sohn des Lykaon, Wie er durchtobte das Feld, und umher zerstreute die Scharen;Richtet’ auf Tydeus Sohn er sofort sein krummes Geschoß hin,Schnellte dem Stürmenden zu, und traf ihn rechts an der SchulterIn sein Panzergelenk; ihm flog das herbe Geschoß durch,
100 Grad’ in die Schulter hinein, und Blut umströmte den Panzer.Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon: Angedrängt, ihr Troer voll Kriegsmut, Sporner der Rosse! Denn nun traf’s den besten der Danaer! Nimmer vermut’ ichWird er es lang’ aushalten, das starke Geschoß, so in Wahrheit
105 Mich Zeus’ herrschender Sohn zum Streit aus Lykia hertrieb! Jener riefs aufjauchzend; doch nicht bezwang das Geschoß ihn! Sondern er wich, und gestellt vor den rossebespanneten Wagen,Redet’ er Sthenelos an, den kapaneïschen Sprößling: Auf, o trautester Kapaneiad’, und steige vom Wagen,
110 Daß du hervor aus der Schulter das herbe Geschoß mir entziehest. Jener sprach’s; doch Sthenelos sprang von dem Wagen zur Erde, Trat hinan, und entzog den durchdringenden Pfeil aus der Schulter;Hell durchspritzte das Blut die geflochtenen Ringe des Panzers.Jetzo betete laut der Rufer im Streit Diomedes:
115 Höre, des ägiserschütternden Zeus’ unbezwungene Tochter! Wenn du mir je und dem Vater mit sorgsamer Liebe genahetIm feindseligen Streit; so liebe mich nun, o Athene!Laß mich treffen den Mann, und den fliegenden Speer ihn erreichen,Welcher zuvor mich verwundet, und nun frohlockend sich rühmet,
120 Nicht mehr schau’ ich lange das Licht der strahlenden Sonne! Also rief er flehend; ihn hörete Pallas Athene. Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß’, und die Arme von oben;Nahe nun trat sie hinan, und sprach die geflügelten Worte: Kehre getrost, Diomedes, zum mutigen Kampf mit den Troern;
125 Denn dir goß ich ins Herz die Kraft und Stärke des Vaters,Unverzagt, wie sie trug der geschildete reisige Tydeus.Auch das Dunkel entnahm ich den Augen dir, welches sie deckte;Daß du wohl erkennest den Gott und den sterblichen Menschen.Drum so etwa ein Gott herannaht, dich zu versuchen;
130 Hüte dich, seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,Allen sonst: doch käme die Tochter Zeus AphroditeHer in den Streit, die magst du mit spitzigem Erze verwunden. Also sprach und enteilte die Herrscherin Pallas Athene. Aber es flog Diomedes zurück in das Vordergetümmel.
135 Hatt’ er zuvor im Herzen geglüht, mit den Troern zu kämpfen;Jetzo ergriff ihn dreimal entflammterer Mut, wie den Löwen,Welchen der Hirt im Felde, die molligen Schafe bewachend,Streifte, doch nicht erschoß, da über den Zaun er hereinsprang;Jenem erhebt sich der Zorn, und hinfort kann keiner ihm wehren,
140 Sondern er dringt in die Ställe hinein, die Verlassenen scheuchend;Und nun liegen gehäuft die Blutenden übereinander;Aber voll Wut entspringt er dem hochumschränkten Gehege:Also drang in die Troer voll Wut der Held Diomedes. Jetzo rafft’ er Astynoos hin und den Herrscher Hypeinor:
145 Ihn an der Warze der Brust mit eherner Lanze durchbohrend;Jenem schwang er ins Schultergelenk des gewaltigen SchwertesHieb, daß vom Halse die Schulter sich sonderte, und von dem Rücken.Diese verließ, und zu Abas enteilet’ er, und Polyeidos,Beid’ Eurydamas Söhne, des traumauslegenden Greises.
150 Doch den Scheidenden hatte der Greis nicht Träume gedeutet;Sondern es raubt’ ihr Geschmeide der starke Held Diomedes.Drauf den Xanthos und Thoon verfolget’ er, Söhne des Phänops,Beide spät ihm geboren; und schwach vom traurigen Alter,Zeugt’ er kein anderes Kind, sein Eigentum zu ererben.
155 Jener entwaffnete nun, ihr süßes Leben vertilgend,Beid’, und ließ den Vater in Gram und finsterer SchwermutDort; dieweil nicht lebend sie heim aus dem Treffen ihm kehrten,Freudig begrüßt, und das Erb’ eindringende Fremde sich teilten. Jetzo zween aus Priamos’ Blut, des Dardanionen,
160 Traf er auf einem Geschirr, den Chromios und den Echemon;Und wie ein Löw’ in die Rinder sich stürzt, und den Nacken der starkeAbknirscht, oder der Kuh, die Laubgehölze durchweiden:Also beide zugleich warf Tydeus Sohn aus dem WagenSchrecklich herab mit Gewalt; und hierauf nahm er die Rüstung;
165 Doch das Gespann entführten die Seinigen ihm zu den Schiffen. Jenen sah Äneias umher verdünnen die Schlachtreihn; Flugs durcheilt’ er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,Rings nach Pandaros forschend, dem Göttlichen, ob er ihn fände.Jetzo fand er den starken untadlichen Sohn des Lykaon,
170 Trat nun hinan vor jenen, und redete, also beginnend: Pandaros; wo dein Bogen, und wo die gefiederten Pfeile, Und dein Ruhm, den weder allhier ein anderer teilet,Noch in Lykia einer dir abzugewinnen sich rühmet?Hebe die Hände zu Zeus, und sende dem Mann ein Geschoß hin,
175 Der da umher so schaltet, und schon viel Böses den TroernStiftete, weil er Vieler und Tapferer Kniee gelöset!Ist er nicht etwa ein Gott, der im Zorn heimsuchet die Troer,Rächend der Opfer Schuld; denn hart ist die Rache der Götter. Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
180 Edler Fürst, Äneias, der erzgepanzerten Troer,Gleich des Tydeus Sohne, dem Feurigen, acht’ ich ihn völlig;Denn ich erkenne den Schild, und die längliche Kuppel des Helmes,Auch sein Rossegeschirr; doch vielleicht auch mag er ein Gott sein.Ist der Mann, den ich sage, der feurige Sohn des Tydeus;
185 Traun nicht ohne Götter ergrimmt’ er so, sondern ihm naheSteht ein Unsterblicher dort, ein Gewölk um die Schultern sich hüllend,Der auch das schnelle Geschoß abwendete, welches ihm zuflog.Denn ihm sandt’ ich bereits ein Geschoß, und traf ihm die SchulterRechts, daß hinein es drang, das Panzergelenk ihm durchbohrend;
190 Und ich hofft’, ihn hinab zu beschleunigen zum Aïdoneus.Dennoch bezwang ich ihn nicht. Ein Gott muß wahrlich erzürnt sein.Auch nicht hab’ ich die Ross’, und ein schnelles Geschirr zu besteigen;Sondern ich ließ in Lykaons Palast elf zierliche Wagen,Stark und neu vom Künstler gefügt, mit Teppichen ringsum
195 Überhängt; und bei jeglichem stehn zweispännige RosseMüßig, mit nährendem Spelt und gelblicher Gerste gesättigt.Dringend ermahnete zwar der grauende Krieger LykaonMich den Scheidenden dort in der schöngebaueten Wohnung,Daß ich erhöht im Sessel des rossebespanneten Wagens
200 Trojas Schar anführte zum Ungestüme der Feldschlacht.Aber ich hörete nicht, (wie heilsam, hätt’ ich gehöret!)Schonend des edlen Gespanns, daß mir’s nicht darbte der NahrungBei umzingeltem Volk, da es reichliches Futter gewohnt war.Also kam ich zu Fuß gen Ilios, ohne die Rosse,
205 Nur dem Bogen vertrauend; allein nichts sollt’ er mir helfen!Denn schon zween umher der edleren Helden erreicht’ ich,Tydeus Sohn, und des Atreus Sohn; und beiden hervor drangHelles Blut aus der Wunde: doch reizt’ ich beide nur stärker.Zur unseligen Stund’ enthob ich Bogen und Köcher
210 Jenes Tages dem Pflock, da nach Ilios lieblicher FesteTrojas Schar ich führte, zu Gunst dem erhabenen Hektor.Werd’ ich hinfort heimkehren, und wiedersehn mit den AugenVatergefild’ und Weib, und die hohe gewölbete Wohnung;Schleunig haue mir dann das Haupt von der Schulter ein Fremdling,
215 Wo nicht dieses Geschoß in loderndes Feuer ich werfe,Kurz in den Händen geknickt, daß ein nichtiger Tand mich begleitet!


Aber Äneias sprach, der Troer Fürst, ihm erwidernd:Freund, nicht also geredet! Zuvor wird dieses nicht anders,Ehe dem Mann wir beide mit Kriegesrossen und Wagen
220 Kühn entgegengerennt, und mit unserer Wehr ihn versuchet.Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die GefildeDort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung.Uns auch wohl in die Stadt erretten sie, wenn ja von neuem
225 Zeus ihm Ehre verleiht, des Tydeus Sohn Diomedes.Auf denn, die Geißel sofort, und die purpurschimmernden Zügel,Nimm; ich selbst verlasse die Ross’ und warte des Kampfes.Oder begegn’ ihm du; und mir sei die Sorge der Rosse. Ihm antwortete drauf der glänzende Sohn des Lykaon:
230 Lenke du selbst, Äneias, dein Rossegespann mit den Zügeln.Hurtiger mögen, gewohnt des Lenkenden, jen’ uns entreißenAuf dem gebognen Geschirr, wann wieder verfolgt der Tydeide:Daß sie uns nicht abschweifen umhergescheucht, und dem Schlachtfeld’Uns unwillig enttragen, des Eigeners Stimme vermissend;
235 Aber dahergestürmt der Sohn des mutigen TydeusUns dann beid’ erschlag’, und entführe die stampfenden Rosse.Darum lenke du selbst dein Wagengeschirr und die Rosse;Jenem will ich, so er kommt, mit spitziger Lanze begegnen. Also redeten beid’, und den künstlichen Wagen besteigend’,
240 Sprengten auf Tydeus Sohn sie daher mit hurtigen Rossen.Sie nahm Sthenelos wahr, der kapaneïsche Krieger,Wandte sich schnell zum Tydeiden, und sprach die geflügelten Worte: Tydeus Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter, Schau zween tapfere Männer auf dich herstürmen zum Kampfe,
245 Beid’ unermeßlicher Kraft: der dort, wohlkundig des Bogens,Pandaros, welcher den Sohn des Lykaon rühmend sich nennet;Weil Äneias ein Sohn des hochbeherzten AnchisesTrotzt entsprossen zu sein von der Tochter Zeus’ Aphrodite.Laß uns schnell im Wagen entfliehn, und wüte mir so nicht
250 Unter dem Vordergewühl, daß nicht dein Leben dir schwinde. Finster schaut’ und begann der starke Held Diomedes: Nichts von Flucht mir gesagt; denn schwerlich möcht’ ich gehorchen!Mir nicht ist’s anartend, zurückzubeben im Kampfe,Oder hinab mich zu schmiegen; noch fest mir dauret die Stärke!
255 Mich verdreußt’s im Wagen zu stehn; vielmehr, wie ich hier bin,Wandl’ ich gegen sie an; Furcht wehret mir Pallas Athene.Nie trägt jene zurück ihr Gespann schnellfüßiger RosseBeid’ aus unseren Händen, wofern auch einer entrinnet.Eines verkünd’ ich dir noch, und du bewahr’ es im Herzen.
260 Wenn ja den Ruhm mir gewährt die ratende Göttin Athene,Beide sie hinzustrecken; dann unsere hurtigen RosseHemme zurück, das Gezäum am Sesselrande befestigt;Und zu Äneias’ Rossen enteile mir, daß du sie wegfährstAus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern.
265 Jenes Geschlechts sind diese, das Zeus Kronion dem Troß einstGab zum Entgelte des Sohns Ganymedes: edel vor allenRossen, so viel’ umstrahlet das Tageslicht und die Sonne.Jenes Geschlechts entwandte der Völkerfürst Anchises,Ohne Laomedons Kunde die eigenen Stuten vermählend,
270 Welche darauf sechs Füllen in seinem Palast ihm gebaren,Vier von jenen behaltend ernähret’ er selbst an der Krippe;Diese gab er Äneias dem Sohn, zween stürmende Renner.Könnten wir dies’ erbeuten, dann würd ein herrlicher Ruhm uns! Also redeten jen’ im Wechselgespräch miteinander.
275 Schnell nun nahten sie dort, die hurtigen Rosse beflügelnd.Gegen ihn rufte zuerst der glänzende Sohn des Lykaon: Feuriger, hochbeherzter, du Sohn des strahlenden Tydeus, Nicht das herbe Geschoß, das der Bogen schnellte, bezwang dich;Aber anjetzt mit dem Speere versuch’ ich es, ob er mir treffe.
280 Sprach’s, und im Schwung’ entsandt’ er die weithinschattende Lanze; Und sie traf auf den Schild des Königes; aber hindurch flogStürmend die eherne Spitz’, und schmetterte gegen den Panzer.Jauchzend erhub die Stimme der glänzende Sohn des Lykaon: Ha! das traf doch hindurch in die Weiche dir! Nimmer vermut’ ich,
285 Wirst du es lang’ aushalten; und großen Ruhm mir gewährst du! Drauf begann unerschrocken der starke Held Diomedes: Nicht getroffen, gefehlt! Doch schwerlich werdet ihr, mein’ ich,Eher zur Ruh hingehn, bis wenigstens einer entfallendAres mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
290 Sprach’s, und entsandte den Speer; ihn richtete Pallas Athene Grad’ am Aug’ in die Nas’; und die weißen Zähn’ ihm durchdrang sie;Hinten zugleich die Zunge zerschnitt das starrende Erz ihm,Daß die Spitz’ ihm entfuhr am äußersten Ende des Kinnes.Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen,
295 Reges Gelenks, weitstrahlend; und seitwärts zuckten die Rosse,Mutig und rasch; ihn aber verließ dort Atem und Stärke.Aber es stürmt’ Äneias mit Schild und ragendem Speer an,Sorgend, daß ihm wegzögen den toten Freund die Achaier.Rings umwandelt’ er ihn, wie ein Löw’ in trotzender Kühnheit;
300 Vor ihn streckt’ er die Lanz’, und den Schild von gerundeter Wölbung,Ihn zu erschlagen bereit, wer nur annahte zu jenem,Mit graunvollem Geschrei. Da ergriff den gewaltigen FeldsteinTydeus’ Sohn, so schwer, daß nicht zween Männer ihn trügen,Wie nun Sterbliche sind; doch er schwang ihn allein und behende.
305 Hiermit traf er Äneias das Hüftgelenk, wo des SchenkelsBein in der Hüfte sich dreht, das auch die Pfanne genannt wird;Und er zermalmt’ ihm die Pfann’, und zerriß ihm beide die Sehnen;Rings auch entblößte die Haut der zackige Stein: und der Held sankVorwärts hin auf das Knie, und stemmte die nervichte Rechte
310 Gegen die Erd’, und die Augen umzog die finstere Nacht ihm. Dort nun wär’ er gestorben der Völkerfürst Äneias, Wenn nicht schnell es bemerkt die Tochter Zeus’ Aphrodite,Die dem Anchises vordem ihn gebar bei der Herde der Rinder.Diese den trautesten Sohn mit Lilienarmen umschlingend,
315 Breitet’ ihm vor die Falte des silberhellen Gewandes,Gegen der Feinde Geschoß, daß kein Gaultummler AchaiasJenem die Brust mit Erze durchbohrt’, und das Leben entrisse.Also den trautesten Sohn enttrug sie hinweg aus der Feldschlacht. Doch nicht Kapaneus Sohn war sorglos jenes Vertrages,
320 Welchen ihm anbefahl der Rufer im Streit Diomedes;Sondern er hemmt’ abwärts sein Gespann starkhufiger RosseAußer dem Sturm, das Gezäum am Sesselrande befestigt;Schnell dann Äneias Rosse, die schöngemähnten, entführt’ erAus der Troer Gewühl zu den hellumschienten Achaiern;
325 Gab sie darauf dem Genossen Deïpylos, den er vor allenJugendfreunden geehrt, weil fügsames Sinnes sein Herz war:Daß zu den Schiffen hinab er sie führete. Selber der Held dannStieg in das eigne Geschirr, und ergriff die prangenden Zügel,Lenkte dann schnell zum Tydeiden die mächtig stampfenden Rosse,
330 Freudiges Muts. Der folgte mit grausamem Erze der Kypris,Weil er erkannte, sie erschein’ unkriegerisch, keine der andernGöttinnen, welche der sterblichen Schlacht obwaltend durchwandeln,Weder Athenens Macht, noch der Städt’ Unholdin Enyo.Als er nunmehr sie erreicht, durch Schlachtgetümmel verfolgend;
335 Jetzo die Lanze gestreckt, der Sohn des erhabenen Tydeus,Traf er daher sich schwingend mit eherner Spitze die Hand ihr,Zart und weich; und sofort in die Haut ihr stürmte die LanzeDurch die ambrosische Hülle, die ihr Charitinnen gewebet,Nah am Gelenk in der Fläche: da rann ihr unsterbliches Blut hin,
340 Klarer Saft, wie den Wunden der seligen Götter entfließet;Denn nicht essen sie Brot, noch trinken sie funkelndes Weines;Blutlos sind sie daher, und heißen unsterbliche Götter.Laut nun schrie die Göttin, und warf zur Erde den Sohn hin.Aber ihn in den Händen errettete Phöbos Apollon,
345 Hüllend in dunkles Gewölk, daß kein Gaultummler AchaiasJenem die Brust mit Erze durchbohrt’, und das Leben entrisse.Jetzo erhub die Stimme der Rufer im Streit Diomedes. Weiche zurück, Zeus’ Tochter, aus Männerkampf und Entscheidung! Nicht genug, daß du Weiber von schwachem Sinne verleitest?
350 Wo du hinfort in den Krieg dich einmengst; wahrlich ich meine,Schaudern sollst du vor Krieg, wenn du fern nur nennen ihn hörest! Jener sprach’s; und verwirrt enteilte sie, Qualen erduldend. Iris nahm und enttrug sie windschnell aus dem Getümmel,Ach, vom Schmerze betäubt, und die schöne Hand so gerötet!
355 Jetzo fand sie zur Linken der Schlacht den tobenden AresSitzend, in Nacht die Lanze gehüllt, und die hurtigen Rosse.Jen’ auf die Knie’ hinfallend vor ihrem teuersten Bruder,Bat und flehete sehr um die goldgeschirreten Rosse. Teuerster Bruder, schaffe mich weg, und gib mir die Rosse;
360 Daß zum Olympos ich komm’, allwo die Unsterblichen wohnen.Heftig schmerzt mich die Wunde; mich traf ein sterblicher Mann dort,Tydeus’ Sohn, der anjetzt wohl Zeus den Vater bekämpfte. Jene sprach’s; und er gab die goldgeschirreten Rosse. Und sie trat in den Sessel, ihr Herz voll großer Betrübnis.
365 Neben sie trat dann Iris, und faßt’ in den Händen die Zügel;Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse.Bald erreichten sie dann die seligen Höhn des Olympos.Dort nun hemmte die Rosse die windschnell eilende Iris,Schirrte sie ab vom Wagen, und reicht’ ambrosische Nahrung.
370 Aber mit Wehmut sank in Dionens Schoß Aphrodite;Jene ritterlich hielt die göttliche Tochter umarmend,Streichelte sie mit der Hand, und redete, also beginnend: Wer mißhandelte dich, mein Töchterchen, unter den Göttern Sonder Scheu, als hättest du öffentlich Frevel verübet?
375 Ihr antwortete drauf die holdanlächelnde Kypris: Tydeus’ Sohn dort traf mich, der stolze Held Diomedes,Weil ich den lieben Sohn aus dem Kampf enttrug, den Äneias,Welcher mir vor allen geliebt ist unter den Menschen.Nicht ist’s mehr der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht;
380 Sondern es nahn die Achaier sogar Unsterblichen kämpfend! Ihr antwortete drauf die herrliche Göttin Dione: Dulde, du liebes Kind, und fasse dich, herzlich betrübt zwar!Viele ja duldeten schon, wir Götter umher des Olympos,Gram von sterblichen Menschen, indem wir einander gekränket.
385 Ares ertrug’s, als jenen die Riesenbrut des Aloeus,Otos samt Ephialtes, in schmerzenden Banden gefesselt.Dreizehn lag er der Mond’ umschränkt vom ehernen Kerker;Und er verschmachtete schier, der unersättliche Krieger,Wenn nicht der Brut Stiefmutter, die reizende Eëriböa,
390 Solches dem Hermes gesagt: der stahl von dannen den Ares,Kraftlos schon und ermattet; denn hart bezwang ihn die Fessel.Here auch trug’s, als einst Amphitryons mächtiger Sohn ihrMit dreischneidigem Pfeil an der rechten Seit’ in den BusenTraf. da hätte sie fast unheilbare Schmerzen empfangen.
395 Selbst auch Aïdes trug’s, der gewaltige Schattenbeherrscher,Als ihn eben der Mann, der Sohn des Ägiserschüttrers,Unten am Tor der Toten mit schmerzendem Pfeile verwundet.Aber er stieg zum Hause des Zeus und dem hohen Olympos,Traurend das Herz, durchdrungen von wütender Pein; denn geheftet
400 War in der mächtigen Schulter der Pfeil, und quält’ ihm die Seele.Doch ihm legt’ auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.Kühner, entsetzlicher Mann, der frech, nicht achtend des Frevels,Sein Geschoß auf Götter gespannt, des Olympos Bewohner!
405 Jenen erregte dir Zeus’ blauäugige Tochter Athene:Tor! er erwog nicht solches, der Sohn des mutigen Tydeus,Daß nicht lange besteht, wer wider Unsterbliche kämpfet,Daß nicht Kinder ihm einst an den Knien: mein Väterchen! stammeln,Ihm der gekehrt aus Krieg und schreckenvoller Entscheidung.
410 Darum hüte sich jetzt, wie tapfer er sei, Diomedes,Daß nicht stärker denn du ein anderer gegen ihn kämpfe;Daß nicht Ägialeia, die sinnige Tochter Adrastos,Einst aus dem Schlaf aufschluchzend die Hausgenossen erwecke,Schwermutsvoll um den Jugendgemahl, den besten Achaier,
415 Sie, das erhabene Weib von Tydeus’ Sohn Diomedes! Sprach’s, und trocknete jener mit beiden Händen die Wunde; Heil ward jetzo die Hand, und besänftiget ruhten die Schmerzen.Aber es schauten daher Athen’ und die Herrscherin Here,Und mit stichelnden Worten erregten sie Zeus Kronion.
420 Also redete Zeus’ blauäugige Tochter Athene: Vater Zeus, ob du solches verargen mir wirst, was ich sage? Sicher bewog nun Kypris ein schönes achaiisches Weiblein,Mitzugehn zu den Troern, die jetzt unmäßig sie liebet;Dort vielleicht am Gewande der holden Achaierin streichelnd,
425 Hat sie mit goldener Spange die zarte Hand sich geritzet. Lächelnd vernahm’s der Vater des Menschengeschlechts und der Götter, Rief sie heran, und sprach zur goldenen Aphrodite: Töchterchen, dein Geschäft sind nicht die Werke des Krieges. Ordne du lieber hinfort anmutige Werke der Hochzeit.
430 Diese besorgt schon Ares der Stürmende, und Athenäa. Also redeten jen’ im Wechselgespräch miteinander. Dort auf Äneias stürzte der Rufer im Streit Diomedes,Wissend zwar, daß selber Apollons Hand ihn bedeckte.Doch nicht scheut’ er den Gott, den gewaltigen; sondern begierig
435 Strebt’ er zu töten den Held, und die prangende Rüstung zu rauben.Dreimal stürzt’ er hinan, voll heißer Begier zu ermorden;Dreimal erregte mit Macht den leuchtenden Schild ihm Apollon.Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon,Rief mit schrecklichem Drohn der treffende Phöbos Apollon:
440 Hüte dich, Tydeus’ Sohn, und weiche mir! Nimmer den Göttern Wage dich gleich zu achten; denn gar nicht ähnliches StammesSind unsterbliche Götter, und erdumwandelnde Menschen!


Jener sprach’s; da entwich mit zauderndem Schritt Diomedes,Scheuend den furchtbaren Zorn des treffenden Phöbos Apollon.
445 Doch den Äneias enttrug dem Schlachtgetümmel Apollon,Wo sein Tempel ihm stand auf Pergamos heiliger Höhe.Sein dort pflegeten Leto und Artemis, froh des Geschosses,Drinnen im heiligsten Raum, ihm Kraft und Herrlichkeit schenkend.Jener schuf ein Gebild, der Gott des silbernen Bogens,
450 Selbst dem Äneias gleich an Gestalt und jeglicher Rüstung;Und um das Bild die Troer und hochbeherzten AchaierHaueten wild einander umher an den Busen die StierhautSchöngeründeter Schild’ und leichtgeschwungener Tartschen.Doch zum tobenden Ares begann nun Phöbos Apollon:
455 Ares, o Ares voll Mord, Bluttriefender, Maurenzertrümmrer! Möchtest du nicht den Mann aus der Schlacht hingehend vertreiben,Tydeus’ Sohn, der anjetzt wohl Zeus den Vater bekämpfte?Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend;Aber darauf mich selber bestürmet er, stark wie ein Dämon!
460 Dieses gesagt, ging jener auf Pergamos Höhe sich setzend. Aber die Troer durcheilt’ und ermunterte Ares der Wütrich,Akamas gleich an Gestalt, dem rüstigen Führer der Thraker.Jetzt des Priamos Söhnen, den gottbeseligten, rief er: O ihr Priamos Söhne, des gottbeseligten Herrschers,
465 Bis wie lang’ erlaubt ihr das Morden des Volks den Achaiern?Bis vielleicht um der Stadt schönprangende Tore gekämpft wird?Liegt doch der Mann, den gleich wir geehrt dem göttlichen Hektor,Dort Äneias, der Sohn des hochgesinnten Anchises!Aber wohlan, dem Getümmel entreißt den edlen Genossen!
470 Jener riefs, und erregte den Mut und die Herzen der Männer. Jetzo begann Sarpedon, und schalt den göttlichen Hektor: Hektor, wohin entflohe der Mut dir, den du zuvor trugst? Schirmen auch ohne Volk und Verbündete wolltest du Troja,Du allein mit den Schwägern und deinen leiblichen Brüdern!
475 Keinen davon nun kann ich umherschaun, oder erblicken;Sondern geschmiegt sind alle, wie scheue Hund’ um den Löwen;Doch wir tragen die Schlacht, die wir als Berufene mitgehn.Auch ich selbst, ein Bundesgenoß, sehr ferne ja kam ich,Her aus dem Lykierland’ an Xanthos wirbelnden Fluten:
480 Wo ein geliebtes Weib und ein zarter Sohn mir zurückblieb,Auch der habe so viel, als nur ein Darbender wünschet.Aber auch so ermahn’ ich die Lykier, eifere selbst auch,Meinem Mann zu begegnen; wiewohl nichts solches mir hier ist,Welches hinweg mir trüg’ ein Danaer, oder entführte.
485 Doch du stehst da selber, und auch nicht andere treibst duAuszuharren im Volk, und Schutz zu schaffen den Weibern.Daß nur nicht, wie gefangen im weiteinschließenden Zuggarn,Ihr feindseligen Männern zu Raub und Beute dahinsinkt,Welche sie bald austilgten, die Stadt voll prangender Häuser!
490 Dir ja gebührt’s, das alles bei Tag’ und Nacht zu besorgen,Flehend umher den Fürsten der fernberufenen Helfer,Rastlos hier zu bestehn, und nicht zu drohen mit Vorwurf! Also sprach Sarpedon, das Herz verwundend dem Hektor. Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.
495 Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt’ er alle Geschwader,Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.Jene nun wandten die Stirn, und begegneten kühn den Achaiern;Argos Volk dort harrte, gedrängt in Scharen und furchtlos.Doch wie der Wind hinträget die Spreu durch heilige Tennen,
500 Unter der Wurfeler Schwung, wann die gelbgelockte DemeterSondert die Frucht und die Spreu im Hauch andrängender Winde;Fern dann häuft das weiße Gestöber sich: also umzog nunWeiß von oben der Staub die Danaer, den durch die HeerscharHoch zum ehernen Himmel emporgeschlagen die Rosse,
505 Wieder zum Kampf anrennend, da rings umwandten die Lenker.Rasch mit der Hände Gewalt vorstrebten sie. Aber in Nacht nunHüllte der tobende Ares die Schlacht, zum Schirme den Troern,Wandelnd um jegliche Schar, und richtete aus die Ermahnung,Was ihm Phöbos Apollon mit goldenem Schwerte geheißen,
510 Trojas Volke den Mut zu erhöhn; als Pallas AtheneScheiden er sah, die dort als Helferin ging den Achaiern. Jener entsandt’ Äneias nunmehr aus des prangenden Tempels Heiligtum, und erfüllte mit Kraft den Hirten der Völker.Plötzlich trat zu den Seinen der Herrliche; aber mit Freude
515 Schaueten sie, daß lebend und unverletzt er daherging,Und voll tapferes Mutes; allein ihn fragete keiner;Denn es verbot das Geschäft, das sonst Apollon erregte,Ares der Würger zugleich, und die rastlos lechzende Eris. Aber die Ajas beid’, und Odysseus, samt Diomedes,
520 Trieben daher zum Kampfe die Danaer, welche von selbst auchWeder dem Drang der Troer erzitterten, weder dem Feldruf;Sondern sie harreten fest, dem Gewölk gleich, welches KronionStellt’ in ruhiger Luft auf hochgescheitelten Bergen,Unbewegt, weil schlummert des Boreas Wut, und der andern
525 Vollandrängenden Winde, die bald die schattigen WolkenMit lautbrausendem Hauche zerstreut auseinander dahinwehn:Also standen dem Feind die Danaer ruhig und furchtlos.Atreus Sohn durcheilte die Heerschar, vieles ermahnend: Seid nun Männer, o Freund’, und erhebt euch tapferes Herzens!
530 Ehret euch selbst einander im Ungestüme der Feldschlacht!Denn wo sich ehrt ein Volk, stehn mehrere Männer denn fallen;Doch den Fliehenden wird nicht Ruhm gewährt, noch Errettung! Rief’s, und entsandte den Speer mit Gewalt; und im vorderen Treffen Streckt’ er Deïkoon hin, den Freund des edlen Äneias,
535 Pergasos Sohn, den hoch wie Priamos Söhne die TroerEhrten; denn rasch war jener im Vorderkampfe zu kämpfen.Diesem traf mit der Lanze den Schild Agamemnon der Herrscher;Und nicht hemmete jener den Speer; durchstürmte das Erz ihmUnten hinein in den Bauch, den künstlichen Gurt ihm durchbohrend.
540 Dumpf hinkracht’ er im Fall, und es rasselten um ihn die Waffen. Jetzo entrafft’ Äneias der Danaer tapferste Männer, Krethon samt dem Bruder Orsilochos, Söhne Diokles.Aber der Vater wohnt’ in der schöngebaueten Fähre,Reich an Lebensgut, und erwuchs vom Geschlecht des Alpheios,
545 Welcher den breiten Strom hinrollt durch der Pylier Äcker:Der den Orsilochos zeugt’, ein großes Volk zu beherrschen;Aber Orsilochos zeugte den hochgesinnten Diokles;Und dem Diokles wurden die Zwillingssöhne geboren,Krethon und Orsilochos, beid’ allkundig des Streites.
550 Beid’ als Jünglinge nun in dunkelen Schiffen des MeeresFolgeten Argos Heere zum Kampf mit den Reisigen Trojas,Ruhm für Atreus Söhn’, Agamemnon und Menelaos,Suchend im Streit: nun hüllte sie dort des Todes Verhängnis.Wie zween freudige Löwen zugleich auf ragenden Berghöhn
555 Wuchsen genährt von der Mutter, in dunkeler Tiefe des Waldes;Jetzo Rinder umher und gemästete Schafe sich raubend,Weit der Männer Gehege verwüsten sie; bis sie nun selberFallen durch Menschenhand, von spitzigem Erze getötet:So voll Kraft, von Äneias gewaltigen Händen besieget,
560 Sanken die zween, gleich Tannen mit hochaufsteigenden Wipfeln. Ihren Fall betraurte der Rufer im Streit Menelaos. Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,Nahet’ er, schwenkend den Speer; und das Herz ermuntert’ ihm Ares,Weil er hofft’, ihn gestreckt von Äneias Händen zu schauen.
565 Als ihn Antilochos sahe, der Sohn des erhobenen Nestor,Eilt er durchs Vordergewühl; denn er sorgt’ um den Hirten der Völker,Daß er blieb’, und dem Volke vereitelte alle die Arbeit.Beide schon die Arm’ und die erzgerüsteten LanzenHielten sie gegeneinander gewandt, in Begierde des Kampfes.
570 Aber Antilochos trat dem Völkerhirten zur Seite:Und nicht harrt’ Äneias, obgleich ein rüstiger Kämpfer,Als er sah zween Männer, voll Muts miteinander beharrend.Jene, nachdem sie die Toten zum Volk der Achaier gezogen,Ließen dort die Armen gelegt in die Hände der Freunde;
575 Doch sie selber gewandt, arbeiteten wieder im Vorkampf. Ihnen sank Pylämenes nun, dem Ares vergleichbar, Fürst der Paphlagonen, der schildgewappneten Streiter:Welchen des Atreus Sohn, der streitbare Held Menelaos,Stach, wie er stand, mit der Lanz’, am Schlüsselbein ihn durchbohrend.
580 Aber Antilochos warf den zügellenkenden Diener,Mydon, Atymnios Sohn, da er wandte die stampfenden Rosse,Grad’ an des Armes Gelenk mit dem Feldstein; daß ihm die Zügel,Schimmernd von Elfenbein, in den Staub des Gefildes entsanken.Doch Antilochos naht’ und hieb ihm das Schwert in die Schläfe;
585 Und er entsank aufröchelnd dem schöngebildeten Sessel,Häuptlings hinab in den Staub, auf Scheitel gestellt und Schultern.Also stand er lange, vom lockeren Sande gehalten,Bis anstoßend die Ross’ in den Staub hinwarfen den Leichnam;Denn sie trieb mit der Geißel Antilochos zu den Achaiern.
590 Jetzt wie sie Hektor ersah durch die Ordnungen, stürmt’ er auf jene Her mit Geschrei; ihm folgten zugleich Heerscharen der Troer,Tapfere. Dort ging Ares voran, und die grause Enyo:Diese Getös’ herbringend und unermeßlichen Aufruhr;Ares dort in den Händen die schreckliche Lanze bewegend,
595 Wandelte bald vor Hektor einher, bald folget’ er jenem.Ihn erblickt’ aufschauend der Rufer im Streit Diomedes.So wie ein Mann unkundig, der Fremdlinge Fluren durchwandernd,Steht am Rand des reißenden Stroms, der ins Meer sich ergießet,Starr voll Schaum hinbrausen ihn sieht, und in Eile zurückkehrt:
600 Also entriß der Tydeid’ in Eile sich, sprach dann zum Volke: Freunde, wie sehr erstaunen wir doch dem göttlichen Hektor, Ihm als Lanzenschwinger und unerschrockenen Krieger?Geht bei ihm doch immer ein Gott, und wehrt dem Verderben!Jetzt auch naht’ ihm Ares, der dort wie ein Sterblicher wandert!
605 Auf denn, gegen die Troer zurückgewendet das Antlitz,Weichen wir, nicht verlangend den Kampf mit unsterblichen Göttern! Jener sprach’s; und die Troer in Schlachtreihn wandelten näher. Aber Hektor erschlug zween streiterfahrene Männer,Beid’ auf einem Geschirr, Anchialos und Menesthes.
610 Ihren Fall betraurte der Telamonier Ajas.Näher trat er hinan, und schwang die eherne Lanze;Selagos Sohn dort traf er, Amphios, welcher in PäsosWohnete, güterreich und feldreich; doch das VerhängnisFührt’ ihn, Helfer zu sein, dem Priamos her und den Söhnen.
615 Diesen traf am Gurte der Telamonier Ajas,Daß ihm tief in den Bauch eindrang die ragende Lanze;Dumpf hinkracht’ er im Fall. Da naht’ ihm der leuchtende Ajas,Rasch die Wehr zu entziehn; doch es schütteten Speere die Troer,Blinkend und scharfgespitzt, und den Schild umstarreten viele.
620 Jetzo den Fuß anstemmend, die eherne Lanz’ aus dem LeichnamZog er heraus; doch nicht vermocht’ er die prangende RüstungAuch von der Schulter zu nehmen; denn dicht umstürmte Geschoß ihn.Furcht nun gebot der mächtige Kreis hochherziger Troer,Welche viel und tapfer ihm droheten, Speere bewegend;
625 Welche, wie groß der Held, wie gewaltig er war, und wie ruhmvoll,Dennoch zurück ihn drängten; er wich voll jäher Bestürzung. So arbeiteten jen’ im Ungestüme der Feldschlacht. Aber den Herakleiden Tlepolemos, groß und gewaltig,Trieb auf Sarpedon daher, den göttlichen, böses Verhängnis.
630 Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander,Sohn zugleich und Enkel des schwarzumwölkten Kronion;Jetzo hub Tlepolemos an, und redete also: Herrscher des Lykiervolks Sarpedon, rede, was zwang dich, Hier in Angst zu vergehn, ein Mann unkundig des Streites?
635 Unwahr preisen sie dich ein Geschlecht des ÄgiserschüttrersZeus, denn sehr gebricht dir die Heldentugend der Männer,Welche von Zeus abstammten in vorigen Menschengeschlechtern!Welch ein anderer war die hohe Kraft Herakles,Wie man erzählt, mein Vater, der trotzende, löwenbeherzte:
640 Welcher auch hieher kam, Laomedons Rosse zu fodern,Von sechs Schiffen allein und wenigem Volke begleitet,Aber die Stadt verödet, und leer die Gassen zurückließ!Du bist feig im Herzen, und führst hinsterbende Völker;Und nicht wirst du den Troern, so scheinet es, Hilfe gewähren,
645 Kommend aus Lykiens Flur, auch nicht wenn du tapferer wärest,Sondern von mir bezwungen zu Aïdes Pforten hinabgehn! Drauf begann Sarpedon, der Lykier Fürst, ihm erwidernd: Zwar, Tlepolemos, jener verwüstete Ilios Feste,Um des erhabenen Helden Laomedons frevelnde Torheit,
650 Weil er für Wohltat ihn mit heftiger Rede bedrohend,Nicht die Rosse verliehn, weshalb er ferne gekommen.Doch dir meld’ ich allhier den Tod und das schwarze Verhängnis,Durch mich selbst dir bestimmt; von meiner Lanze gebändigt,Gibst du mir Ruhm, und die Seele dem Sporner der Gaul’ Aïdoneus.
655 Also sprach Sarpedon; und hoch mit eschenem Wurfspieß Drohte Tlepolemos her, und zugleich entstürmeten beiderLange Geschosse der Hand. Es traf dem Gegner SarpedonGrad’ in den Hals, daß hinten die Spitz’ ihm schrecklich hervordrang;Schnell umhüllt’ ihm die Augen ein mitternächtliches Dunkel.
660 Aber Tlepolemos traf den linken Schenkel SarpedonsMit dem gewaltigen Speer; und hindurch flog strebend die Spitze,Bis an den Knochen gedrängt; nur den Tod noch hemmte der Vater. Jetzo den göttlichen Held Sarpedon führeten liebend Edle Freund’ aus dem Kampf, doch die ragende Lanze beschwert’ ihn,
665 Nachgeschleift; denn keiner bemerkte sie, oder besann sich,Daß er dem Schenkel entzöge den Wurfspieß, leichter zu wandeln,Unter der Hast; so in Eil’ arbeiteten seine Besorger.


Auch Tlepolemos trugen die hellumschienten AchaierSchnell aus dem Kampfe zurück. Dies sah der edle Odysseus,
670 Voll ausdaurender Kraft; und bewegt ward innig das Herz ihm.Und er erwog hinfort in des Herzens Geist und Empfindung:Ob er zuvor Zeus’ Sohn, des donnerfrohen, verfolgte;Oder mehreren dort der Lykier raubte das Leben.Aber Odysseus nicht, dem Erhabenen, gönnte das Schicksal,
675 Zeus’ gewaltigen Sohn mit scharfem Erz zu erlegen;Drum in das Volk der Lykier trieb den Mut ihm Athene.Dort den Köranos rafft’ er, den Chromios, und den Alastor,Halios auch, und Alkandros, und Prytanis, auch den Noëmon.Und noch mehr der Lykier schlug der edle Odysseus,
680 Wenn nicht schnell ihn bemerkt der helmumflatterte Hektor.Rasch durch das Vordergewühl, mit strahlendem Erze gewappnet,Kam er, ein Graun der Achaier; doch froh des nahenden FreundesWard Zeus’ Sohn Sarpedon, und sprach mit trauriger Stimme: Laß nicht, Priamos’ Sohn, mich nun zum Raub den Achaiern
685 Liegen; verteidige mich! Dann mög’ auch fliehen mein LebenDort in euerer Stadt; dieweil ja nicht mir verhängt ward,Heimgekehrt in mein Haus, zum lieben Lande der Väter,Einst mein liebendes Weib und den zarten Sohn zu erfreuen! Jener sprach’s; ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor!
690 Sondern er stürmte vorbei, voll heißer Begier, wie er eiligWegdrängt’ Argos Volk, und vielen noch raubte das Leben.Aber den göttlichen Held Sarpedon legten die FreundeUnter des ägiserschütternden Zeus’ weitprangende Buche.Dort nun zog ihm hervor den eschenen Speer aus dem Schenkel
695 Pelagon, tapfer und stark, der ihm ein trauter Genoß war.Und ihn verließ sein Geist, und Nacht umzog ihm die Augen.Doch nun atmet’ er auf, und kühlende Hauche des NordwindsWehten umher Erfrischung dem matt arbeitenden Leben. Argos Volk, von Ares gedrängt und dem strahlenden Hektor,
700 Wandte sich weder hinab zu den dunkelen Schiffen des Meeres,Noch auch strebt’ es entgegen den Streitenden; sondern allmählichWichen sie, als sie vernahmen im Heer der Troer den Ares. Welchen entblößte zuerst, und welchen zuletzt des Geschmeides Hektor zugleich, des Priamos’ Sohn, und der eherne Ares?
705 Teuthras den göttlichen Held, und den Rossetummler Orestes,Drauf den Önomaos auch, und Ätoliens Kämpfer den Trechos,Helenos, Önops Sohn, und Oresbios, rüstig im Leibgurt:Der einst Hyle bewohnt, des Reichtums sorgsamer Hüter,Wo am See Kephissis er bauete, und ihm benachbart
710 Viel der böotischen Männer, der Segensflur sich erfreuend. Aber nunmehr bemerkte die lilienarmige Here Argos Volk hinsinkend in schreckenvoller Entscheidung,Wandte sich schnell zur Athen’, und sprach die geflügelten Worte: Weh mir, des ägiserschütternden Zeus’ unbezwungene Tochter!
715 Traun ein eiteles Wort verhießen wir einst Menelaos,Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja,Wenn wir so zu wüten dem tobenden Ares vergönnen!Aber wohlan, auch selber gedenken wir stürmendes Mutes! Sprach’s; und willig gehorcht’ ihr Zeus’ blauäugige Tochter.
720 Jene nun eilt’ anschirrend die goldgezügelten Rosse,Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.Hebe fügt’ um den Wagen alsbald die gerundeten Räder,Eherne mit acht Speichen, umher an die eiserne Achse.Gold ist ihnen der Kranz, unalterndes; aber umher sind
725 Eherne Schienen gelegt, anpassende, Wunder dem Anblick.Silbern glänzen die Nahen in schönumlaufender Ründung.Dann in goldenen Riemen und silbernen schwebet der SesselAusgespannt, und umringt mit zween umlaufenden Rändern.Vornhin streckt aus Silber die Deichsel sich; aber am Ende
730 Band sie das goldene Joch, das prangende; dem sie die Seile,Schön und golden, umschlang. In das Joch nun fügete HereIhr schnellfüßig Gespann, und brannte nach Streit und Getümmel. Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter, Ließ hingleiten das feine Gewand im Palaste des Vaters,
735 Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.Siehe sie warf um die Schulter die Ägis, prangend mit Quästen,Fürchterlich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzet.
740 Drauf ist Streit, drauf Stärke und drauf die starre Verfolgung,Drauf das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers,Schreckenvoll und entsetzlich, das Graun des donnernden Vaters!Auch umschloß sie das Haupt mit des Helms viergipflichter Kuppel,Golden und groß, die Streiter aus hundert Städten zu decken.
745 Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich; nahm dann die LanzeSchwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der HeldenBändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.Here beflügelte dann mit geschwungener Geißel die Rosse;Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die Horen
750 Hüteten, welchen der Himmel vertraut ward, und der Olympos,Daß sie die hüllende Wolk’ itzt öffneten, jetzo verschlossen.Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse. Jetzo fanden sie Zeus, der entfernt von anderen Göttern Saß auf dem obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.
755 Dort nun hemmt’ ihr Gespann die lilienarmige Here,Und den erhabenen Zeus befragte sie, also beginnend: Zürnst du nicht, Vater Zeus, den gewaltigen Taten des Ares, Wie er verderbt ein so großes und herrliches Volk der Achaier,Frech, nicht der Ordnung gemäß? Mich schmerzet es! Aber in Ruhe
760 Freuen sich Kypris zugleich und der Gott des silbernen Bogens,Welche den Wüterich reizten, der keine Gerechtigkeit kennet!Vater Zeus, ob du des mir ereifertest, wenn ich den AresSchlagend mit traurigem Schlag hinweg aus dem Kampfe verscheuchte? Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
765 Frisch nur, gereizt auf jenen die Siegerin Pallas AtheneDie am meisten ihn pflegt in bitteren Schmerz zu versenken! Jener sprach’s; ihm gehorchte die lilienarmige Here. Treibend schwang sie die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse,Zwischen der Erd’ einher und dem sternumleuchteten Himmel.
770 Weit wie die dunkelnde Fern’ ein Mann durchspäht mit den Augen,Sitzend auf hoher Wart’, in das finstere Meer hinschauend:So weit heben im Sprung sich der Göttinnen schallende Rosse.Aber nachdem sie Troja erreicht, und die doppelte Strömung,Wo des Simois Flut sich vereiniget und des Skamandros;
775 Jetzo hemmt ihr Gespann die lilienarmige Here,Abgelöst vom Wagen, und breitete dichtes Gewölk aus;Aber Ambrosia sproß der Simois jenen zur Weide. Sie nun eilten dahin gleich schüchternen Tauben am Gange Beid’ entbrannt zu helfen den Männerscharen von Argos.
780 Als sie nunmehr hinkamen, allwo die meisten und stärkstenStanden um Tydeus’ Sohn, den gewaltigen Rossebezähmer,Dichtgedrängt, blutgierig, wie raubverschlingende Löwen,Oder wie Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke;Jetzo stand sie und rufte, die lilienarmige Here,
785 Stentorn gleich, dem starken an Brust und eherner Stimme,Dessen Ruf laut tönte, wie fünfzig anderer Männer: Schande doch, Argos Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung! Weil noch mit in die Schlacht einging der edle Achilleus,Wageten nie die Troer aus Dardanos schirmenden Toren
790 Vorzugehn; denn sie scheuten Achilleus mächtige Lanze!Nun ist ferne der Stadt bei den räumigen Schiffen ihr Schlachtfeld! Jene riefs, und erregte den Mut und die Herzen der Männer. Aber zu Tydeus Sohn enteilete Pallas Athene;Und sie fand den Herrscher am rossebespanneten Wagen,
795 Wie er die Wund’ abkühlte, die Pandaros Pfeil ihm gebohret.Denn ihn quälte der Schweiß, und der Druck des breiten GehenkesAn dem gerundeten Schild’; und kraftlos starrte die Hand ihm.Jetzo hob er den Riemen, und wischte sich dunkeles Blut ab.Aber das Joch der Rosse berührt’, und sagte die Göttin:
800 Wenig gleicht dem Erzeuger der Sohn des mutigen Tydeus! Tydeus dort war klein von Gestalt nur, aber ein Krieger!Selbst einmal, da ich jenem den Kampf nicht wollte verstatten,Noch ausschweifenden Trotz, da er einging fern von Achaiern,Abgesandt in Thebe, zu häufigen Kadmeionen;
805 (Ruhig hieß ich ihn sitzen am Feiermahl im Palaste:)Dennoch zeigt’ er den Mut voll Ungestüms, wie beständig,Rief die Kadmeier zu Kämpfen hervor; und in jeglichem siegt’ erSonder Müh’: so mächtig als Helferin naht’ ich ihm selber.Zwar auch deiner walt’ ich mit Hilf’ und schirmender Obhut,
810 Und zu freudigem Kampf ermahn’ ich dich wider die Troer:Doch dir starren vielleicht von stürmischer Arbeit die Glieder;Oder dich lähmt auch Furcht, die entseelende! Nimmer in ZukunftScheinst du von Tydeus erzeugt, dem feurigen Sohne des Öneus! Ihr antwortete drauf der starke Held Diomedes:
815 Wohl erkenn’ ich dich, Göttin, des Ägiserschütterers Tochter;Drum verkünd’ ich dir frei und unverhohlen die Wahrheit.Weder lähmt mich die Furcht, die entseelende weder die Trägheit;Sondern annoch gedenk’ ich, o Herrscherin, deines Gebotes:Niemals seligen Göttern im Kampf entgegen zu wandeln,
820 Allen sonst; doch käme die Tochter Zeus’ AphroditeHer in den Streit, die möcht’ ich mit spitzigem Erze verwunden.Darum weich’ anjetzo ich selber zurück, und ermahn’ auchAndre von Argos Volk, sich hieher alle zu sammeln;Denn ich erkenne den Ares, der dort das Treffen durchwaltet.
825 Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene: Tydeus’ Sohn, Diomedes, du meiner Seele Geliebter,Fürchte du weder den Ares hinfort, noch einen der andernGötter umher: so mächtig als Helferin nah’ ich dir selber!Mutig, zuerst auf Ares gelenkt die stampfenden Rosse!
830 Dann verwund’ in der Näh’, und scheu’ nicht Ares den Wütrich,Jenen Rasenden dort, den verderbenden Andrenumandren!Ihn der neulich mir selbst und zugleich der Here gelobte,Trojas Volk zu bekämpfen, und beizustehn den Argeiern;Aber anjetzt die Troer verteidiget, jener vergessend!
835 Jene sprach’s; und sofort den Sthenelos trieb sie vom Wagen, Ihn mit der Hand abreißend; und nicht unwillig entsprang er.Doch sie trat in den Sessel zum edlen Held Diomedes,Heiß in Begierde des Kampfs; laut stöhnte die buchene AchseLastvoll, tragend den tapfersten Mann, und die schreckliche Göttin.
840 Geißel sofort und Zügel ergriff nun Pallas Athene,Eilt’ und lenkt’ auf Ares zuerst die stampfenden Rosse.Jener entwaffnete dort der Ätolier tapfersten Krieger,Periphas, groß und gewaltig, Ochesios edlen Erzeugten:Diesen entwaffnete Ares, der blutige. Aber Athene
845 Barg sich in Aïdes Helm, damit nicht Ares sie sähe. Als nun der mordende Ares ersah Diomedes den Edlen; Ließ er Periphas schnell, den Gewaltigen, dort in dem StaubeLiegen, allwo er zuerst des Erschlagenen Seele geraubet;Eilte dann grade daher auf den reisigen Held Diomedes.
850 Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;Vor dann streckte der Gott sich über das Joch und die ZügelMit erzblinkender Lanz’, in Begier ihm die Seele zu rauben.Doch mit der Hand sie ergreifend, die Herrscherin Pallas AtheneStieß sie hinweg vom Sessel, daß nichtiges Schwungs sie vorbeiflog.
855 Jetzo erhub sich auch jener, der Rufer im Streit Diomedes,Mit erzblinkender Lanz’; und es drängte sie Pallas AtheneGegen die Weiche des Bauchs, wo die eherne Binde sich anschloß:Dorthin traf und zerriß ihm die schöne Haut Diomedes;Zog darin die Lanze zurück. Da brüllte der eherne Ares:
860 Wie wenn zugleich neuntausend daherschrien, ja zehntausendRüstige Männer im Streit, zu schrecklichem Kampf sich begegnend.Rings nun erbebte das Volk der Troer umher und Achaier,Voll von Angst: so brüllte der rastlos wütende Ares. Jetzo wie hoch aus Wolken umnachtetes Dunkel erscheinet,
865 Wenn nach drückender Schwül’ ein Donnersturm sich erhebet:Also dem Held Diomedes erschien der eherne Ares,Als er in Wolken gehüllt auffuhr zum erhabenen Himmel.Eilendes Schwungs erreicht’ er die seligen Höhn des Olympos.Dort nun saß er bei Zeus dem Donnerer, trauriges Herzens,
870 Zeigte das göttliche Blut, das niedertroff aus der Wunde;Und er begann wehklagend, und sprach die geflügelten Worte: Zürnst du nicht, Vater Zeus, die gewaltigen Taten erblickend? Stets doch haben wir Götter die bitterste Qual zu erdulden,Einer vom Rat des andern, und Gunst den Menschen gewährend!
875 Doch dir streiten wir alle! denn dein ist die rasende Tochter,Die, zu verderben entbrannt, nur frevele Taten ersinnet!Alle die anderen Götter, so viel den Olympos bewohnen,Folgen dir untertan, und huldigen deinem Gebote.Jene nur, weder mit Worten bezähmst du sie, weder mit Taten;
880 Sondern vergönnst, weil selbst die verderbende Tochter du zeugtest:Welche nun den Tydeiden, den stolzen Held Diomedes,Reizte daherzuwüten auf uns unsterbliche Götter!Kypris traf er zuerst, die Hand am Knöchel verwundend;Aber darauf mich selber bestürmet’ er, stark wie ein Dämon!
885 Nur mit eilenden Füßen entrann ich ihm. Lange vielleicht nochRäng’ ich dort mit Qualen im gräßlichen Leichengewimmel;Oder ich lebt’ ein Krüppel, entstellt von des Erzes Verwundung! Finster schaut’ und begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus: Hüte dich, Andrerumandrer, mir hier zur Seite zu winseln!
890 Ganz verhaßt mir bist du vor allen olympischen Göttern!Stets doch hast du den Zank nur geliebt, und die Kämpf’ und die Schlachten!Gleich der Mutter an Trotz und unerträglichem Starrsinn,Heren, welche mir kaum durch Worte gebändiget nachgibt!Auch ihr Rat, wie ich mein’, hat dieses Weh dir bereitet!
895 Aber ich kann nicht länger es ansehn, daß du dich quälest.Bist du doch meines Geschlechts, und mir gebar dich die Mutter.Hätt’ ein anderer Gott dich erzeugt, heilloser Verderber;Traun du lägest vorlängst tief unter den Uranionen. Also Zeus, und gebot dem Päeon, jenen zu heilen.
900 Ihm nun legt’ auf die Wunde Päeon lindernden Balsam,Und er genas; denn nicht war sterbliches Los ihm beschieden.Schnell wie die weiße Milch von Feigenlabe gerinnet,Flüssig zuvor, wann in Eil’ umher sie dreht der Vermischer:Also schloß sich die Wunde sofort dem tobenden Ares.
905 Jetzo badet’ ihn Hebe, und hüllt’ ihm schöne Gewand’ um;Und er saß bei Kronion dem Donnerer, freudiges Trotzes. Heim nun kehreten jen’ in Zeus’ des Allmächtigen Wohnung, Here von Argos zugleich, und Athen’ Alalkomenens Göttin,Als sie gehemmt den Verderber, den männermordenden Ares.

Sechster Gesang

Inhalt

Die Achaier im Vorteil. Hektor eilt in die Stadt, damit seine Mutter Hekabe zur Athene flehe. Glaukos und Diomedes erkennen sich als Gastfreunde. Hekabe mit den edlen Troerinnen fleht. Hektor ruft den Paris zur Schlacht zurück. Er sucht seine Andromache zu Hause, und findet sie auf dem skäischen Tore. Er kehrt mit Paris in die Schlacht.


Einsam war der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht.Viel nun hierhin und dort durchtobte der Kampf das Gefilde,Ungestüm aufeinander gewandt erzblinkende Lanzen,Innerhalb des Simois her und des strömenden Xanthos.
5 Ajas der Telamonide zuerst, Schutzwehr der Achaier, Brach die Schar der Troer, und schaffte Licht den Genossen,Treffend den Mann, der der beste des thrakischen Volkes einherging,Ihn des Eusoros’ Sohn, den Akamas, groß und gewaltig.Diesem traf er zuerst den umflatterten Kegel des Helmes,
10 Daß er die Stirne durchbohrt’; hineindrang tief in den SchädelJenem die eherne Spitz’, und Nacht umhüllt’ ihm die Augen. Drauf den Axylos erschlug der Rufer im Streit Diomedes, Teuthrans Sohn: er wohnt’ in der schöngebauten Arisbe,Reich an Lebensgut; auch war er geliebt von den Menschen,
15 Weil er alle mit Lieb’ herbergete, wohnend am Heerweg.Doch nicht einer davon entfernt’ ihm das grause Verderben,Vor ihn selbst hintretend: es tötete beide der Krieger,Ihn und den Kampfgenossen Kalesios, der des GespannesLenker ihm war; und zugleich versanken sie unter die Erde.
20 Aber Euryalos nahm des Opheltios Waffen und Dresos; Drauf den Äsepos ereilt’ er und Pedasos, die mit der NaïsAbarbarea einst der edle Bukolion zeugte.Aber Bukolion war Laomedons Sohn des Erhabnen,Seines Geschlechts der erste; doch heimlich gebar ihn die Mutter.
25 Hütend vordem der Schafe gewann er Lieb’ und Umarmung,Und befruchtet gebar ihm Zwillingssöhne die Nymphe.Beiden löste nunmehr die Kraft und die strebenden GliederEr der Mekisteiad’, und entzog den Schultern die Rüstung. Auch den Astyalos schlug der streitbare Held Polypötes;
30 Und den Pedytes bezwang, den Perkosier, stürmend OdysseusMit erzblinkender Lanz’; und Teukros den Held Aretaon.Nestors mutiger Sohn Antilochos warf den AblerosHin, und den Elatos hin der Völkerfürst Agamemnon:Dieser bewohnt’ an des Stroms Satniois grünenden Ufern
35 Pedasos luftige Stadt; den Phylakos traf, da er hinfloh,Leïtos; und Eurypylos nahm des Melanthios Rüstung. Doch den Adrastos erhaschte der Rufer im Streit Menelaos Lebend anjetzt; denn die Rosse durchsprengten ihm scheu das Gefilde,Aber die Füß’ im Zweige der Tamariske verwickelnd
40 Brachen sie vorn die Deichsel des krummen Geschirrs, und enteiltenSelber zur Stadt, wo noch andre verwilderte Rosse hinaufflohn.Jener entsank dem Sessel, und taumelte neben dem RadeVorwärts hin in den Staub auf das Antlitz. Siehe da naht’ ihmAtreus’ Sohn Menelaos mit weithinschattender Lanze.
45 Aber Adrastos umschlang ihm die Knie’, und jammerte flehend: Fahe mich, Atreus Sohn, und nimm dir würdige Lösung. Viel der Kleinode hegt der begüterte Vater im Hause,Erz und Goldes genug, und schöngeschmiedetes Eisen.Hievon reicht mein Vater dir gern unermeßliche Lösung,
50 Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias. Jener sprach’s, und diesem das Herz im Busen bewegt’ er. Und schon war er bereit ihn dem Kampfgenossen zu geben,Der zu den hurtigen Schiffen ihn führete. Doch AgamemnonEilete laufend heran, und laut ihn scheltend begann er:
55 Trautester, o Menelaos, warum doch sorgest du also Jener? Ja herrliche Taten geschahn dir daheim von den MännernTrojas! Keiner davon entfliehe nun grausem Verderben,Keiner nun unserem Arm! auch nicht im Schoße das Knäblein,Welches die Schwangere trägt, auch das nicht! Alles zugleich ihm
60 Sterbe, was Ilios nährt, hinweggerafft und vernichtet! Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon, Denn sein Wort war gerecht; und er stieß den edlen AdrastosWeg mit der Hand. Da bohrt’ ihm der Völkerfürst AgamemnonSeine Lanz’ in den Bauch; und er kehrte sich. Atreus Sohn dann
65 Stemmte die Fers’ auf die Brust, und zog den eschenen Speer aus. Nestor anjetzt ermahnte mit lautem Ruf die Argeier: Freund’, ihr Helden des Danaerstamms, o Genossen des Ares!Daß nun keiner zu Raub und Beute gewandt mir dahintenZaudere, um das meiste hinab zu den Schiffen zu tragen!
70 Laßt uns töten die Männer! Nachher auch könnt ihr geruhigLeichnamen durch das Gefild’ ausziehn ihr Waffengeschmeide. Jener sprach’s, und erregte den Mut und die Herzen der Männer. Bald nun wären die Troer vor Argos kriegrischen SöhnenIlios zugeflohn, durch Ohnmacht alle gebändigt;
75 Aber schnell zu Äneias und Hektor redete nahendHelenos, Priamos’ Sohn, der kundigste Vogeldeuter: Hektor du, und Äneias; denn euch belastet die meiste Kriegsarbeit der Troer und Lykier, weil ihr die BestenSeid zu jeglichem Zweck, mit Kraft gerüstet und Weisheit:
80 Steht allhier, und hemmet das Volk zurück vor den Toren,Rings das Gedräng’ umwandelnd, bevor in die Arme der WeiberFliehend sich jene gestürzt, dem höhnenden Feinde zum Jubel!Aber nachdem ihr umher die Ordnungen wieder ermuntert,Wollen wir selbst hier bleibend der Danaer Scharen bekämpfen,
85 Hart bedrängt wie wir sind; denn Not gebietet ja solches:Hektor, du geh indessen gen Ilios, sage dann eilendUnserer Mutter es an. Sie, edlere Weiber versammelndHoch auf die Burg, zum Tempel der Herrscherin Pallas AtheneÖffne dort mit dem Schlüssel die Pforte des heiligen Hauses;
90 Und das Gewand, so ihr das köstlichste scheint und das größteAller umher im Palast, und ihr das geliebteste selber,Lege sie hin auf die Kniee der schöngelockten Athene;Und gelob’ in dem Tempel ihr zwölf untadliche Kühe,Jährige, ungezähmte, zu heiligen: wenn sie der Stadt sich,
95 Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet;Wenn sie des Tydeus’ Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter,Den ich fürwahr den Stärksten im Volk der Danaer achte!Selbst vor Achilleus nicht, dem Herrschenden, zagten wir also,
100 Welcher doch Sohn der Göttin gepriesen wird! Jener, wie heftigWütet er! Keiner vermag an Gewalt ihm gleich sich zu stellen! Jener sprach’s; doch Hektor gehorcht’ unverdrossen dem Bruder. Schnell vom Wagen herab mit den Rüstungen sprang er zur Erde.Schwenkend die spitzigen Lanzen, durchwandelt’ er alle Geschwader,
105 Rings ermahnend zum Kampf, und erweckte die tobende Feldschlacht.Jene nun wandten die Stirn’, und begegneten kühn den Achaiern.Argos’ Söhn’ itzt wichen zurück, und ruhten vom Morde,Wähnend, es sei ein unsterblicher Gott vom sternichten HimmelNiedergeeilt, zu helfen den schnell umkehrenden Troern.
110 Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer: Trojas mutige Söhn’, und fernberufene Helfer! Seid nun Männer, o Freund’, und gedenkt des stürmenden Mutes;Während ich selbst hinwandle gen Ilios, und die erhabnenGreise des Rats anmahne, zugleich auch unsere Weiber,
115 Daß sie den Himmlischen flehn, und Sühnhekatomben verheißen. Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor. Oben schlug ihm den Nacken, und tief die Knöchel des schwarzenFelles Rand, der rings am genabelten Schild’ ihm umherlief. Glaukos nun, des Hippolochos’ Sohn, und der Held Diomedes,
120 Kamen hervor aus den Heeren gerannt in Begierde des Kampfes.Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander,Redete also zuerst der Rufer im Streit Diomedes: Wer doch bist du, Edler, der sterblichen Erdebewohner? Nie ersah ich ja dich in männerehrender Feldschlacht
125 Vormals; aber anjetzt erhebst du dich weit vor den andern,Kühnes Muts, da du meiner gewaltigen Lanze dich darstellst.Meiner Kraft begegnen nur Söhn’ unglücklicher Eltern!Aber wofern du ein Gott herabgekommen vom Himmel,Nimmer alsdann begehr’ ich mit himmlischen Mächten zu kämpfen.
130 Nicht des Dryas Erzeugter einmal, der starke Lykurgos,Lebete lang’, als gegen des Himmels Mächt’ er gestrebet:Welcher vordem Dionysos des Rasenden Ammen verfolgendScheucht’ auf dem heiligen Berge Nysseion; alle zugleich nunWarfen die laubigen Stäbe dahin, da der Mörder Lykurgos
135 Wild mit dem Stachel sie schlug; auch selbst Dionysos voll SchreckensTaucht’ in die Woge des Meers, und Thetis nahm in den Schoß ihn,Welcher erbebt’, angstvoll vor der drohenden Stimme des Mannes.Jenem zürnten darauf die ruhig wartenden Götter,Und ihn blendete Zeus der Donnerer; auch nicht lange
140 Lebt’ er hinfort, denn verhaßt war er allen unsterblichen Göttern.Nicht mit seligen Göttern daher verlang’ ich zu kämpfen.Wenn du ein Sterblicher bist, und genährt von Früchten des Feldes;Komm dann heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest. Ihm antwortete drauf Hippolochos edler Erzeugter:
145 Tydeus’ mutiger Sohn, was fragst du nach meinem Geschlechte?Gleich wie Blätter im Walde, so sind die Geschlechte der Menschen;Einige streuet der Wind auf die Erd’ hin, andere wiederTreibt der knospende Wald, erzeugt in des Frühlinges Wärme:So der Menschen Geschlecht, dies wächst, und jenes verschwindet.
150 Soll ich dir aber auch dieses verkündigen, daß du erkennestUnserer Väter Geschlecht; wiewohl es vielen bekannt ist:Ephyra heißt die Stadt in der rossenährenden Argos,Wo einst Sisyphos war, der schlaueste unter den Männern,Sisyphos, Äolos’ Sohn; der zeugte sich Glaukos zum Sohne;
155 Glaukos darauf erzeugte den herrlichen Bellerophontes,Welchem Schönheit die Götter und reizende MännerstärkeSchenketen. Aber Prötos ersann ihm Böses im Herzen:Der aus dem Land’ ihn vertrieb, dieweil er mächtig beherrschteArgos’ Volk, und Zeus ihm Gewalt und Scepter vertrauet.
160 Jenem entbrannt’ Anteia, des Prötos edle Gemahlin,Daß sie in heimlicher Lieb’ ihm nahete; doch er gehorcht’ ihrNicht, der edelgesinnte verständige Bellerophontes.Jetzo mit Lug erschien sie, und sprach zum Könige Prötos: Tod dir, oder, o Prötos, erschlage du Bellerophontes,
165 Welcher frech zuliebe mir nahete, wider mein Wollen.


Jene sprach’s; und der König ereiferte, solches vernehmend.Dennoch vermied er den Mord, denn graunvoll war der Gedank’ ihm.Aber er sandt’ ihn gen Lykia hin, und traurige ZeichenGab er ihm, Todesworte geritzt auf gefaltetem Täflein:
170 Daß er dem Schwäher die Schrift darreicht’, und das Leben verlöre.Jener wandelte hin, im Geleit obwaltender Götter.Als er nunmehr gen Lykia kam, und dem strömenden Xanthos;Ehrt’ ihn gewogenes Sinns der weiten Lykia König,Gab neuntägigen Schmaus, und erschlug neun Stiere zum Opfer.
175 Aber nachdem zum zehnten die rosige Eos emporstieg;Jetzo fragt’ er den Gast, und hieß ihn zeigen das Täflein,Welches ihm sein Eidam, der herrschende Prötos gesendet.Als er nunmehr vernommen die Todesworte des Eidams;Hieß er jenen zuerst die ungeheure Chimära
180 Töten, die göttlicher Art, nicht menschlicher, dort emporwuchs:Vorn ein Löw’, und hinten ein Drach’, und Geiß in der Mitte,Schrecklich umher aushauchend die Macht des lodernden Feuers.Doch er tötete sie, der unsterblichen Zeichen vertrauend.Weiter darauf bekämpft’ er der Solymer ruchtbare Völker;
185 Diesen nannt’ er den härtesten Kampf, den er kämpfte mit Männern.Drauf zum dritten erschlug er die männliche Hord’ Amazonen.Aber dem Kehrenden auch entwarf er betrügliche Täuschung:Wählend die tapfersten Männer des weiten LykierlandesLegt’ er im Hinterhalt; allein nicht kamen sie heimwärts,
190 Alle vertilgte sie dort der untadliche Bellerophontes.Als er nunmehr erkannte den Held aus göttlichem Samen;Hielt er dort ihn zurück, und gab ihm die blühende Tochter,Gab ihm auch die Hälfte der Königsehre zum Anteil.Auch die Lykier maßen ihm auserlesene Güter,
195 Schön an Ackergefild’ und Pflanzungen, daß er sie baute.Jene gebar drei Kinder dem feurigen Bellerophontes,Erst Isandros, Hippolochos dann, und Laodameia.Laodameia ruht’ in Zeus des Kroniden Umarmung;Und sie gebar Sarpedon, den götterähnlichen Streiter.
200 Aber nachdem auch jener den Himmlischen allen verhaßt ward;Irrt’ er umher einsam, sein Herz von Kummer verzehret,Durch die aleïsche Flur, der Sterblichen Pfade vermeidend.Seinen Sohn Isandros ermordete Ares der Wütrich,Als er kämpft’ in der Schlacht mit der Solymer ruchtbaren Völkern.
205 Artemis raubt’ ihm die Tochter, die Lenkerin goldener Zügel.Aber Hippolochos zeugete mich, ihn rühm’ ich als Vater.Dieser sandt’ in Troja mich her, und ermahnte mich sorgsam,Immer der erste zu sein, und vorzustreben vor andern;Daß ich der Väter Geschlecht nicht schändete, welches die ersten
210 Männer in Ephyra zeugt’, und im weiten Lykierlande.Sieh aus solchem Geschlecht und Blute dir rühm’ ich mich jetzo. Sprachs; doch freudig vernahm es der Rufer im Streit Diomedes. Eilend steckt’ er die Lanz’ in die nahrungsprossende Erde,Und mit freundlicher Rede zum Völkerhirten begann er:
215 Wahrlich, so bist du mir Gast aus Väterzeiten schon vormals! Öneus der Held hat einst den untadlichen BellerophontesGastlich im Hause geehrt, und zwanzig Tage geherbergt.Jen’ auch reichten einander zum Denkmal schöne Geschenke.Öneus Ehrengeschenk war ein Leibgurt, schimmernd von Purpur,
220 Aber des Bellerophontes ein goldener Doppelbecher;Und ihn ließ ich scheidend zurück in meinem Palaste.Tydeus gedenk’ ich nicht mehr; denn noch ein stammelnder KnabeBlieb ich daheim, da vor Thebe das Volk der Achaier vertilgt ward.Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos;
225 Du in Lykia mir, wann jenes Land ich besuche.Drum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im Getümmel.Viel ja sind der Troer mir selbst, und der rühmlichen Helfer,Daß ich töte, wen Gott mir gewährt, und die Schenkel erreichen;Viel’ auch dir der Achaier, daß, welchen du kannst, du erlegest.
230 Aber die Rüstungen beide vertauschen wir, daß auch die andernSchaun, wie wir Gäste zu sein aus Väterzeiten uns rühmen. Also redeten jen’, und herab von den Wagen sich schwingend, Faßten sie beid’ einander die Händ’, und gelobten sich Freundschaft.Doch den Glaukos erregte Zeus, daß er ohne Besinnung
235 Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen,Wechselte, hundert Farren sie wert, neun Farren die andern. Als nun Hektor erreicht das skäische Tor und die Buche; Jetzt umeilten ihn rings die troischen Weiber und Töchter,Forschend dort nach Söhnen, nach Brüdern dort, und Verwandten,
240 Und den Gemahlen im Heer. Er ermahnte sie, alle die GötterAnzuflehn; doch vielen war Weh und Jammer verhänget. Als er den schönen Palast des Priamos jetzo erreichte, Der mit gehauenen Hallen geschmückt war: aber im InnernWaren fünfzig Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,
245 Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des KönigsPriamos Söhn’ umher, mit blühenden Gattinnen wohnend;Aber den Töchtern waren zur anderen Seite des HofesZwölf gewölbte Gemächer aus schöngeglättetem Marmor,Dicht aneinander gebaut; es ruheten drinnen des Königs
250 Priamos Eidam’ umher, mit züchtigen Gattinnen wohnend:Dort begegnete Hektor der gernausteilenden Mutter,Die zu Laodike ging, der holdesten Tochter an Bildung.Jene faßt ihm die Hand, und redete, also beginnend: Lieber Sohn, wie kommst du, das wütende Treffen verlassend?
255 Hart uns drängen fürwahr die entsetzlichen Männer Achaias,Kämpfend um unsere Stadt; daß nun dein Herz dich hierhertrieb,Deine Hände zu Zeus von Ilios Burg zu erheben!Aber verzeuch, bis ich jetzo des süßen Weines dir bringe;Daß du Zeus dem Vater zuvor und den anderen Göttern
260 Sprengest, und dann auch selber des Labetrunks dich erfreuest.Denn dem ermüdeten Mann ist der Wein ja kräftige Stärkung,So wie du dich ermüdet, im Kampf für die deinigen stehend. Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor: Nicht des süßen Weins mir gebracht, ehrwürdige Mutter,
265 Daß du nicht mich entnervst, und des Muts und der Kraft ich vergesse.Ungewaschener Hand Zeus dunkelen Wein zu sprengen,Scheu ich mich; nimmer geziemts, den schwarzumwölkten KronionAnzuflehn, mit Blut und Kriegesstaube besudelt.Aber wohlan, zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
270 Gehe mit Räuchwerk hin, die edleren Weiber versammelnd;Und das Gewand, so dir das köstlichste scheint und das größteAller umher im Palast, und dir das geliebteste selber,Solches leg’ auf die Kniee der schöngelockten Athene,Und gelob’ in dem Tempel ihr zwölf untadliche Kühe,
275 Jährige, ungezähmte, zu heiligen: wenn sie der Stadt sich,Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmet;Wenn sie des Tydeus Sohn von der heiligen Ilios abwehrt,Jenen Stürmer der Schlacht, den gewaltigen Schreckengebieter.Auf denn, gehe zum Tempel der Siegerin Pallas Athene
280 Du; dieweil zu Paris ich wandele, jenen zu rufen,Ob er vielleicht noch achte des Rufenden. O daß die Erd’ ihnLebend verschläng’! Ihn erschuf zum Verderben der Gott des OlymposTrojas Volk, und Priamos selbst, und den Söhnen des Herrschers.Säh’ ich jenen versunken, hinab in Aïdes Wohnung;
285 Dann vergäß’ ich im Herzen des unerfreulichen Elends! Jener sprach’s; und die Mutter ins Haus sich wendend, beschied dort Mägd’ in die Stadt; und sie riefen die Schar der edleren Weiber.Selbst dann stieg sie hinab in die lieblich duftende Kammer,Wo sie die schönen Gewande verwahrete, reich an Erfindung,
290 Werke sidonischer Fraun, die der göttliche Held AlexandrosSelbst aus Sidon gebracht, weithin die Wogen durchschiffend,Als er Helena heim die Edelentsprossene führte.Deren enthub itzt Hekabe eins zum Geschenk der Athene,Welches das größeste war, und das schönste zugleich an Erfindung:
295 Hell wie ein Stern, so strahlt’ es; und lag am untersten aller.Und sie enteilt’, ihr folgten gedrängt die edleren Weiber. Als sie nunmehr auf der Burg den Tempel erreicht der Athene; Öffnete jenen die Pforte die anmutvolle Theano,Kisseus Tochter, vermählt dem Gaulbezähmer Antenor,
300 Welche die Troer geweiht zur Priesterin Pallas Athenens.All’ erhuben die Hände mit jammerndem Laut zur Athene.Aber es nahm das Gewand die anmutvolle Theano,Legt’ es hin auf die Kniee der schöngelockten Athene,Flehete dann gelobend zu Zeus des Allmächtigen Tochter:
305 Pallas Athene voll Macht, Stadtschirmerin, edelste Göttin! Brich doch jetzo den Speer Diomedes’; aber ihn selberLaß auf das Antlitz gestürzt vor dem skäischen Tore sich wälzen!Daß wir jetzo sofort zwölf stattliche Küh’ in dem Tempel,Jährige, ungezähmte, dir heiligen: wenn du der Stadt dich,
310 Und der troischen Fraun und zarten Kinder erbarmest! Also sprach sie betend; es weigerte Pallas Athene. Während sie dort nun flehten zu Zeus des Allmächtigen Tochter;Wandelte Hektor dahin zum schönen Palast Alexandros,Welchen er selbst sich erbaut mit den kunsterfahrensten Männern
315 Aller umher in Troja, dem Land hochscholliger Äcker:Diese bereiteten ihm das Gemach und den Saal und den Vorhof,Hoch auf der Burg, und nahe bei Priamos Wohnung und Hektors.Dort hinein ging Hektor, der göttliche; und in der rechtenTrug er den Speer, elf Ellen an Läng’; und vorn an dem Schafte
320 Blinkte die eherne Schärf’, umlegt mit goldenem Ringe.Ihn im Gemach dort fand er, die stattlichen Waffen durchforschend,Panzer und Schild, und glättend das Horn des krummen Geschosses.Aber Helena saß, die Argeierin, unter den WeibernEmsig, den Mägden umher anmutige Werke gebietend.
325 Hektor schalt ihn erblickend, und rief die beschämenden Worte: Sträflicher, nicht geziemt’ es, so unmutsvoll zu ereifern! Siehe das Volk verschwindet, um Stadt und türmende MauerKämpfend; und deinethalb ist Feldgeschrei und GetümmelRings entbrannt um die Feste! Du zanktest ja selbst mit dem andern;
330 Welchen du wo saumselig ersähst zur traurigen Feldschlacht.Auf denn, ehe die Stadt in feindlicher Flamme verlodre! Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros: Hektor, dieweil du mit Recht mich tadeltest, nicht mit Unrecht;Darum sag’ ich dir an; doch du vernimm es, und höre.
335 Gar nicht wider die Troer so unmutsvoll und ereifert,Saß ich hier im Gemach; zum Grame nur wollt’ ich mich wenden.Doch nun hat mich die Gattin mit freundlichen Worten beredet,Auszugehn in die Schlacht; auch scheinet es also mir selberBesser hinfort zu sein; denn es wechselt der Sieg um die Männer.
340 Aber verzeuch, bis ich jetzo in Kriegesgerät mich gehüllet;Oder geh, so folg’ ich, und hoffe dich bald zu erreichen.


Jener sprach’s; ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor.Aber Helena sprach mit hold liebkosenden Worten: O mein Schwager, des schnöden, des unheilstiftenden Weibes!
345 Hätte doch jenes Tags, da zuerst mich die Mutter geboren,Ungestüm ein Orkan mich entführt auf ein ödes Gebirg’ hin,Oder hinab in die Wogen des weitaufrauschenden Meeres,Daß mich die Woge verschlang’, eh solche Taten geschahen!Aber nachdem dies Übel im Rat der Götter verhängt ward;
350 Wär’ ich wenigstens doch des besseren Mannes Gemahlin,Welcher empfände die Schmach und die kränkenden Reden der Menschen!Dem ist jetzo kein Herz voll Männlichkeit, noch wird hinfort ihmSolches verliehn; und ich meine, genießen werd’ er der Früchte!Aber o komm doch herein, und setze dich hier auf den Sessel,
355 Schwager; dieweil dir am meisten die Arbeit liegt an der Seele,Um mich schändliches Weib und die Freveltat Alexandros:Welchen ein trauriges Los Zeus sendete, daß wir hinfort auchBleiben umher ein Gesang der kommenden Menschengeschlechter! Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
360 Heiße mich, Helena, nicht so freundlich sitzen; ich darf nichtDenn schon dringt mir das Herz mit Heftigkeit, daß ich den TroernHelfe, die sehnsuchtsvoll nach mir Abwesenden umschaun.Aber du muntere diesen nur auf, auch treib’ er sich selber;Daß er noch in den Mauren der Stadt mich wieder erreiche.
365 Denn ich will in mein Haus zuvor eingehn, um zu schauenMein Gesind’, und das liebende Weib, und das stammelnde Söhnlein.Denn wer weiß, ob ich wieder zurück zu den Meinigen kehre,Oder jetzt durch der Danaer Hand mich die Götter bezwingen. Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
370 Bald erreicht’ er darauf die wohlgebauete Wohnung.Doch nicht fand er die schöne Andromache dort in den Kammern;Sondern zugleich mit dem Kind und der Dienerin, schönes Gewandes,Stand sie annoch auf dem Turm, und jammerte, seufzend und weinend.Als nun Hektor daheim nicht fand die untadliche Gattin,
375 Trat er zur Schwelle hinan, und rief den Mägden des Hauses: Auf wohlan, ihr Mägde, verkündiget schnell mir die Wahrheit. Wohin ging die schöne Andromache aus dem Palaste?Ob sie zu Schwestern des Manns, ob zu stattlichen Frauen der Schwäger,Oder zum Haus Athenens sie eilete, wo auch die andern
380 Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen? Ihm antwortete drauf die emsige Schaffnerin also: Hektor, weil du gebeutst, die Wahrheit dir zu verkünden;Nicht zu Schwestern des Manns, noch zu stattlichen Frauen der Schwäger,Oder zum Haus Athenens enteilte sie, wo auch die andern
385 Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen;Sondern den Turm erstieg sie von Ilios, weil sie gehöret,Daß der Achaier Macht siegreich die Troer bestürme.Eben geht sie hinaus mit eilendem Schritte zur Mauer,Einer Rasenden gleich; und die Wärterin trägt ihr das Kind nach.
390 Also sprach zu Hektor die Schaffnerin; schnell aus der Wohnung Eilt’ er den Weg zurück durch die wohlbebaueten Gassen.Als er das skäische Tor, die gewaltige Feste durchwandelnd,Jetzo erreicht, wo hinaus sein Weg ihn führt’ ins Gefilde;Kam die reiche Gemahlin Andromache eilendes Laufes
395 Gegen ihn her, des edlen Eëtions blühende Tochter:Denn Eëtion wohnt’ am waldigen Hange des Plakos,In der plakischen Thebe, Kilikiens Männer beherrschend,Und er vermählte die Tochter dem erzumschimmerten Hektor,Diese begegnet’ ihm jetzt; die Dienerin aber ihr folgend
400 Trug an der Brust das zarte, noch ganz unmündige Knäblein;Hektors einzigen Sohn, dem schimmernden Sterne vergleichbar.Hektor nannte den Sohn Skamandrios, aber die andernNannten Astyanax ihn, denn allein schirmt’ Ilios Hektor.Siehe mit Lächeln blickte der Vater still auf das Knäblein,
405 Aber neben ihn trat Andromache, Tränen vergießend,Drückt’ ihm freundlich die Hand, und redete, also beginnend: Trautester Mann, dich tötet dein Mut noch! und du erbarmst dich Nicht des stammelnden Kindes, noch mein des elenden Weibes,Ach bald Witwe von dir! denn dich töten gewiß die Achaier,
410 Alle daher dir stürmend! Allein mir wäre das beste,Deiner beraubt, in die Erde hinabzusinken; denn weiterIst kein Trost mir übrig, wenn du dein Schicksal vollendest,Sondern Weh! und ich habe nicht Vater mehr noch Mutter!Meinen Vater erschlug ja der göttliche Streiter Achilleus,
415 Und verhehrte die Stadt, von kilikischen Männern bevölkert,Thebe mit ragendem Tor: den Eëtion selber erschlug er,Doch nicht nahm er die Waffen; denn graunvoll war der Gedank’ ihm;Sondern verbrannte den Held mit dem künstlichen Waffengeschmeide,Häufte darauf ihm einmal; und rings mit Ulmen umpflanzten’s
420 Bergbewohnende Nymphen, des Ägiserschütterers Töchter.Sieben waren der Brüder mir dort in unserer Wohnung;Diese wandelten all’ am selbigen Tage zum Aïs;Denn sie all’ erlegte der mutige Renner AchilleusBei weißwolligen Schafen und schwerhinwandelnden Rindern.
425 Meine Mutter, die Fürstin am waldigen Hange des Plakos,Führet’ er zwar hieher mit anderer Beute des Krieges;Doch befreit’ er sie wieder, und nahm unendliche Lösung:Aber sie starb durch Artemis Pfeil im Palaste des Vaters.Hektor, siehe du bist mir Vater jetzo und Mutter,
430 Und mein Bruder allein, o du mein blühender Gatte!Aber erbarme dich nun, und bleib’ allhier auf dem Turme!Mache nicht zur Waise das Kind, und zur Witwe die Gattin!Stelle das Heer dorthin bei dem Feigenbaume; denn dort istLeichter die Stadt zu ersteigen, und frei die Mauer dem Angriff.
435 Dreimal haben ja dort es versucht die tapfersten Krieger,Kühn um die Ajas beid’, und den hohen Idomeneus strebend,Auch um des Atreus’ Söhn’, und den starken Held Diomedes:Ob nun jenen vielleicht ein kundiger Seher geweissagt,Oder auch selbst ihr Herz aus eigener Regung sie antreibt.
440 Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor: Mich auch härmt das alles, o Trauteste; aber ich scheueTrojas Männer zu sehr, und die saumnachschleppenden Weiber,Wenn ich hier, wie ein Feiger, entfernt das Treffen vermeide.Auch verbeut es mein Herz; denn ich lernete tapferes Mutes
445 Immer zu sein, und voran mit Trojas Helden zu kämpfen,Schirmend zugleich des Vaters erhabenen Ruhm, und den meinen!Zwar das erkenn’ ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.
450 Doch nicht kümmert mich so der Troer künftiges Elend,Nicht der Hekabe selbst, noch Priamos auch des Beherrschers,Noch der Brüder umher, die dann, so viel und so tapfer,All’ in den Staub hinsinken, von feindlichen Händen getötet:Als wie dein’s, wenn ein Mann der erzumschirmten Achaier
455 Weg die Weinende führt, der Freiheit Tag dir entreißend;Wenn du in Argos webst für die Herrscherin, oder auch mühsamWasser trägst aus dem Quell Hypereia, oder Messeïs,Sehr unwilliges Muts; doch hart belastet der Zwang dich!Künftig sagt dann einer, die Tränenvergießende schauend:
460 Hektors Weib war diese, des tapfersten Helden im VolkeRossebezähmender Troer, da Ilios Stadt sie umkämpften!Also spricht man hinfort; und neu erwacht dir der Kummer,Solchen Mann zu vermissen, der retten dich könnt’ aus der Knechtschaft!Aber es decke mich Toten der aufgeworfene Hügel,
465 Eh’ ich deines Geschreies vernehm’, und deiner Entführung! Also der Held, und hin nach dem Knäblein streckt’ er die Arme; Aber zurück an den Busen der schöngegürteten AmmeSchmiegte sich schreiend das Kind, erschreckt von dem liebenden Vater,Scheuend des Erzes Glanz, und die flatternde Mähne des Busches,
470 Welchen es fürchterlich sah von des Helmes Spitze herabwehn.Lächelnd schaute der Vater das Kind, und die zärtliche Mutter.Schleunig nahm vom Haupte den Helm der strahlende Hektor,Legete dann auf die Erde den schimmernden; aber er selberKüßte sein liebes Kind, und wiegt’ es sanft in den Armen;
475 Dann erhob er die Stimme zu Zeus und den anderen Göttern: Zeus und ihr anderen Götter, o laßt doch dieses mein Knäblein Werden dereinst, wie ich selbst, vorstrebend im Volk der Troer,Auch so stark an Gewalt, und Ilios mächtig beherrschen!Und man sage hinfort: Der ragt noch weit vor dem Vater!
480 Wann er vom Streit heimkehrt, mit der blutigen Beute beladenEines erschlagenen Feinds! Dann freue sich herzlich die Mutter! Jener sprach’s, und reicht’ in die Arme der liebenden Gattin Seinen Sohn; und sie drückt’ ihn an ihren duftenden Busen,Lächelnd mit Tränen im Blick; und ihr Mann voll inniger Wehmut
485 Streichelte sie mit der Hand, und redete, also beginnend: Armes Weib, nicht mußt du zu sehr mir trauren im Herzen! Keiner wird gegen Geschick hinab mich senden zum Aïs.Doch dem Verhängnis entrann wohl nie der Sterblichen einer,Edel oder geringe, nachdem er einmal gezeugt ward.
490 Doch zum Gemach hingehend besorge du deine Geschäfte,Spindel und Webestuhl, und gebeut den dienenden Weibern,Fleißig am Werke zu sein. Der Krieg gebühret den MännernAllen, und mir am meisten, die Ilios Feste bewohnen. Als er dieses gesagt, da erhob der strahlende Hektor
495 Seinen umflatterten Helm; und es ging die liebende GattinHeim, oft rückwärts gewandt, und häufige Tränen vergießend.Bald erreichte sie nun die wohlgebauete WohnungHektors des Männervertilgers, und fand die Mägd’ in der KammerViel an der Zahl; und allen erregte sie Kummer und Tränen.
500 Lebend noch ward Hektor beweint in seinem Palaste;Denn sie glaubten gewiß, er kehre nie aus der FeldschlachtWieder heim, der Achaier gewaltigen Händen entrinnend. Paris auch zauderte nicht in der hochgewölbeten Wohnung; Sondern sobald er in Waffen von strahlendem Erz sich gehüllet,
505 Eilt’ er daher durch die Stadt, den hurtigen Füßen vertrauend.Wie wenn im Stall ein Roß, mit Gerste genährt an der Krippe,Mutig die Halfter zerreißt, und stampfendes Laufs in die FelderEilt, zum Bade gewöhnt des lieblich wallenden Stromes,Trotzender Kraft; hoch trägt es das Haupt, und rings an den Schultern
510 Fliegen die Mähnen umher; doch stolz auf den Adel der Jugend,Tragen die Schenkel es leicht zur bekannteren Weide der Stuten:Also wandelte Paris daher von Pergamos Höhe,Priamos’ Sohn, umstrahlt von Waffenglanz, wie die Sonne,Freudiges Muts; und es flogen die Schenkel ihm. Eilend nun hatt’ er
515 Hektor den Bruder erreicht, den Erhabenen, als er sich wendenWollte vom Ort, wo vertraulich mit seinem Weib’ er geredet.Also begann zu jenem der göttliche Held Alexandros: Wahrlich, mein älterer Bruder, dich Eilenden hielt ich zu lange Zaudernd auf, und kam nicht ordentlich, wie du befahlest.
520 Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor: Guter, dir darf kein sterblicher Mann, der Billigkeit achtet,Tadeln die Werke der Schlacht, du bist ein tapferer Streiter.Oft nur säumest du gern, und willst nicht. Aber es kränkt mirInnig das Herz, von dir die schmähliche Rede zu hören
525 Unter dem troischen Volk, das um dich so manches erduldet.Komm, dies wollen hinfort wir berichtigen, wann uns einmal ZeusGönnen wird, des Himmels unendlich waltenden GötternDankend den Krug zu stellen der Freiheit in dem Palaste,Weil wir aus Troja verjagt die hellumschienten Achaier.

Siebenter Gesang

Inhalt

Athene und Apollon, die Schlacht zu enden, heißen Hektor den tapfersten Achaier zum Zweikampf fodern. Unter neun Fürsten trifft das Los den Ajas, Telamons Sohn. Die Nacht trennt die Kämpfer. Nestor in Agamemnons Gezelt rät Stillstand, um die Toten zu verbrennen, und Verschanzung des Lagers. Antenor in Ilios rät, die Helena zurückzugeben; welches Paris verwirft. Am Morgen läßt Priamos die Achaier um Stillstand bitten. Bestattung der Toten. Verschanzung des Lagers, und Poseidons Unwille. In der Nacht unglückliche Zeichen von Zeus.


Dieses gesagt, durcheilte das Tor der strahlende Hektor;Auch Alexandros der Bruder enteilete; aber ihr Herz warBeiden entbrannt, zu kämpfen den tapferen Kampf der Entscheidung.Wie wenn ein Gott den Schiffern nach sehnlichem Harren den Fahrwind
5 Sendet, nachdem arbeitend mit schöngeglätteten RudernLange das Meer sie geregt, und müd’ hinsanken die Glieder:Also erschienen sie dort den sehnlich harrenden Troern. Jeder entrafft’: er nun den Menesthios, jenes Beherrschers Areithoos’ Sohn, den der Keulenschwinger in Arne
10 Areithoos zeugt’ und die herrliche Philomedusa.Aber Hektor durchschoß dem Eïoneus unter des HelmesEhernem Rand mit dem Speere den Hals, und löst’ ihm die Glieder.Glaukos, Hippolochos’ Sohn, der lykischen Männer Gebieter,Traf den Iphinoos jetzt im Sturme der Schlacht mit dem Wurfspieß,
15 Dexias’ Sohn, da das schnelle Gespann er bestieg, in die Schulter;Und er entsank vorn Wagen zur Erd’, ihm erschlafften die Glieder. Doch als jene bemerkt’ die Herrscherin Pallas Athene, Argos Volk hinraffend im Ungestüme der Feldschlacht;Stürmendes Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos
20 Hin zu Ilios Stadt. Entgegen ihr eilet’ Apollon,Schauend von Pergamos Zinne, den Troern gönnend den Siegsruhm.Jetzt begegneten sich die Unsterblichen dort an der Buche;Und zur Athene begann Zeus’ Sohn, der Herrscher Apollon: Warum so voller Begier, o Zeus’ des Allmächtigen Tochter,
25 Kamst du anjetzt vorn Olympos? wie treibt dich der heftige Eifer?Daß du vielleicht den Achaiern der Schlacht abwechselnden Sieg nunGebest? Denn nicht der Troer, der fallenden, jammert dich jemals!Aber gehorchtest du mir, was weit zuträglicher wäre;Jetzt darin ließen wir ruhn den feindlichen Kampf der Entscheidung,
30 Heut’: doch künftig erneun sie die Feldschlacht, bis sie das SchicksalIlios endlich erreicht; dieweil es also im HerzenEuch Göttinnen gefällt, die hohe Stadt zu verwüsten. Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene: Also sei’s, Ferntreffer; denn dies auch selber gedenkend
35 Kam ich anjetzt vom Olympos zu Troern herab und Achaiern.Aber wohlan, wie strebst du den Kampf der Männer zu stillen? Ihr antwortete drauf Zeus’ Sohn, der Herrscher Apollon: Hektor erhöhn wir den Mut, dem gewaltigen Rossebezähmer,Ob er einzeln vielleicht der Danaer einen hervorruft,
40 Gegen ihn anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung;Und ob dann unwillig die erzumschienten AchaierEinen allein hersenden zum Kampf mit dem göttlichen Hektor. Jener sprach’s; ihm gehorchte die Herrscherin Pallas Athene. Helenos aber vernahm, des Priamos’ Sohn, in der Seele
45 Jenen Rat, der beider unsterblichen Sinne gefallen;Eilend trat er zu Hektor hinan, und redete also: Hektor, Priamos’ Sohn, an Ratschluß gleich dem Kronion, Willst du jetzt mir gehorchen Dein liebender Bruder ja bin ich.Heiße die anderen ruhn, die Troer umher und Achaier;
50 Selbst dann rufe hervor den tapfersten aller Achaier,Gegen dich anzukämpfen in schreckenvoller Entscheidung.Denn noch nicht dir fällt es, den Tod und das Schicksal zu dulden:Also vernahm ich die Stimme der ewigwährenden Götter. Jener sprach’s; doch Hektor erfreute sich hoch ob der Rede;
55 Trat dann hervor in die Mitt’, und hemmte die troischen Haufen,Haltend die Mitte des Speers; und still nun standen sie alle.Auch Agamemnon setzte die hellumschienten Achaier.Aber Pallas Athen’ und der Gott des silbernen BogensSetzten sich beid’, an Gestalt wie zween hochfliegende Geier,
60 Auf die erhabene Buche des ägiserschütternden Vaters,Froh die Männer zu schaun; und die Ordnungen saßen gedrängt nun,Dicht von Schilden und Helmen und ragenden Lanzen umstarret.So wie unter dem West hinschauert ins Meer ein Gekräusel,Wann er zuerst andrängt, und dunkler die Flut sich erhebet:
65 Also saßen geschart die Achaier umher und die TroerDurch das Gefild’; und Hektor begann in der Mitte der Völker: Hört mein Wort, ihr Troer, und hellumschiente Achaier, Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.Unseren Bund hat Zeus der Erhabene nicht vollendet;
70 Sondern bösen Entschluß verhänget er beiderlei Völkern:Bis entweder ihr selbst einnahmt die getürmete Troja,Oder vor uns ihr erliegt bei den meerdurchwandelnden Schiffen,Euch ja sind im Heere die tapfersten Helden Achaias.Wem nun Solcher das Herz mit mir zu kämpfen gebietet,
75 Hieher tret’ er hervor, mit dem göttlichen Hektor zum Vorkampf!Also beding’ ich das Wort, und Zeug’ uns werde Kronion.Wenn mich jener erlegt mit ragender Spitze des Erzes,Trag’ er den Raub des Geschmeides hinab zu den räumigen Schiffen;Aber den Leib entsend’ er gen Ilios, daß in der Heimat
80 Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.Wenn ich jenen erleg’, und Ruhm mir gewähret Apollon,Trag’ ich den Raub des Geschmeides in Ilios heilige Feste,Daß ich ihn häng’ an den Tempel des treffenden Phöbos Apollon;Doch der Erschlagene kehrt zu den schöngebordeten Schiffen,
85 Daß mit Pracht ihn bestatten die hauptumlockten Achaier,Und ihm ein Grab aufschütten am breiten Hellespontos.Künftig sagt dann einer der spätgeborenen Menschen,Im vielrudrigen Schiffe zum dunkelen Meer hinsteuernd:Seht das ragende Grab des längst gestorbenen Mannes,
90 Der einst tapfer im Streit hinsank dem göttlichen Hektor!Also spricht er hinfort, und mein ist ewiger Nachruhm. Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen; Schimpflich war’s zu weigern, und anzunehmen gefahrvoll.Endlich stand Menelaos empor, und redete also,
95 Strafend mit herbem Verweis, und schwer erseufzt’ er im Herzen: Weh mir, drohende Prahler, Achairinnen, nicht mehr Achaier! Traun, doch Schmach ist solches und unauslöschliche Schande,Wenn kein Danaer nun dem Hektor wagt zu begegnen!Aber o mögt ihr all’ in Wasser und Erd’ euch verwandeln.
100 Wie ihr umher dasitzet, so herzlos jeder und ruhmlos!Selber dann gürt’ ich jenem zum Kampfe mich! Oben im HimmelHangen des Siegs Ausgäng’ an der Hand der unsterblichen Götter! Jener sprach’s, und hüllte das stattliche Waffengeschmeid’ um. Jetzo war, Menelaos, des Lebens Ziel dir genahet,
105 Unter Hektors Händen, der weit an Kraft dich besiegte;Hätten dich nicht auffahrend gehemmt die König’ Achaias.Selbst auch Atreus’ Sohn, der Völkerfürst Agamemnon,Faßt’ ihm die rechte Hand, und redete, also beginnend: Nimm doch Bedacht, Menelaos, du Göttlicher! wenig bedarfst du
110 So unbedachtsamer Wut; drum fasse dich, herzlich betrübt zwar;Und wetteifere nicht, den stärkeren Mann zu bekämpfen,Hektor, Priamos’ Sohn, vor dem auch andere zittern!Ihm hat Achilleus selbst in der männerehrenden FeldschlachtSchaudernd stets sich genaht, der doch viel stärker wie du ist.
115 Du denn setze dich nun, zur Schar der Deinigen wandelnd;Diesem zum Kampf erhebt sich ein anderer wohl der Achaier.Mög’ er auch furchtlos sein, auch unersättlich des Krieges;Doch wird, mein’ ich, er froh die ermüdeten Kniee beugen,Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung!
120 Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon, Denn sein Wort war gerecht; er gehorcht’ ihm; und die GenossenZogen ihm freudig nunmehr den Waffenschmuck von den Schultern.Aber Nestor erhub sich in Argos Volk, und begann so: Wehe, wie großes Leid dem achaiischen Lande herannaht!
125 Weinen ja würde vor Schmerz der graue reisige Peleus,Rühmlich die Myrmidonen mit Rat und Rede beherrschend;Der einst herzlich erfreut mich fragt’ in seinem Palaste,Rings nach aller Argeier Geschlecht und Zeugungen forschend!Hört’ er nun, wie sie alle sich scheu hinschmiegen vor Hektor;
130 Flehend würd’ er die Händ’ empor zu den Himmlischen heben,Daß aus den Gliedern der Geist einging’ in Aïdes Wohnung!Wenn ich, o Vater Zeus, und Pallas Athen’, und Apollon,Grünete, so wie einst, da an Keladons reißendem StromeKämpfte der Pylier Heer mit Arkadiens Lanzengeübten,
135 Hart an Pheias Mauern, wo schnell der Jardanos hinströmt!Vorn war jenen im Kampf Ereuthalion, ähnlich den Göttern,Hell um die Schultern geschmückt mit des Areithoos Rüstung,Jenes erhabenen Helden, der Keulenschwinger mit NamenRings von Männern genannt und schöngegürteten Weibern:
140 Denn nie trug er Bogen noch ragende Lanz’ in der Feldschlacht,Sondern trennte die Reihn mit dem Schwung der eisernen Keule.Diesen erschlug Lykurgos durch Arglist, nicht durch Gewalt ihn,Laurend im engen Wege, wo nichts ihm die eiserne KeuleFrommete gegen den Tod: denn zuvor ihm rannte Lykurgos
145 Mitten die Lanz’ in den Leib, daß zurück auf den Boden er hinsank.Und er entblößt’ ihn der Wehr, die geschenkt der eherne Ares;Diese trug er selber hinfort im Getümmel des Ares.Aber nachdem Lykurgos daheim im Palaste gealtert,Übergab er die Wehr Ereuthalion, seinem Genossen;
150 Der nun trotzend darauf die Tapfersten alle hervorrief.Doch sie erbebten ihm all’ und zitterten; keiner bestand ihn.Mich nur entflammte der Mut voll kühnes Vertrauns zu dem Kampfe,Unverzagt; doch war an Geburt ich der jüngste von allen.Und ich kämpft’ ihm entgegen, und Ruhm verlieh mir Athene.
155 Ihn den größesten nun und gewaltigsten Mann erschlug ich,Daß weit ausgestreckt er umherlag hiehin und dorthin.Wär’ ich so jugendlich noch, und ungeschwächtes Vermögens;Traun bald fände des Kampfs der helmumflatterte Hektor!Aber von euch ringsher, den tapfersten Helden Achaias,
160 Keiner auch wagt es getrost dem Hektor dort zu begegnen! Also schalt der Greis; da erhuben sich neun in der Heerschar. Erst vor allen erstand der Herrscher des Volks Agamemnon;Ihm zunächst der Tydeide, der starke Held Diomedes;Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet;
165 Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus Kriegesgenoß auch,Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares;Auch Eurypylos darin, der glänzende Sohn des Euämon;Thoas auch, der Andrämonid’, und der edle Odysseus.Alle sie waren bereit zum Kampf mit dem göttlichen Hektor.
170 Doch von neuem begann der gerenische reisige Nestor: Jetzt durchs Los miteinander entscheidet es, welcher bestimmt sei. Hoch erfreun wird dieser die hellumschienten Achaier;Aber er wird auch selbst in seinem Herzen sich freuen,Wenn er entrinnt dem blutigen Kampf und der ernsten Entscheidung.
175 Jener sprach’s; und ein Los bezeichnete jeder sich selber; Alle warfen sie dann in den Helm Agamemnons des Königs.Aber das Volk hub flehend die Händ’ empor zu den Göttern;Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet: Vater Zeus, gib Ajas das Los, o gib’s dem Tydeiden,
180 Oder ihm selbst, dem König der golddurchstrahlten Mykene. Also das Volk; dort schüttelte nun der reisige Nestor; Und es entsprang dem Helme das Los, das sie selber gewünschet,Ajas Los; rings trug es der Herold durch die VersammlungRechtshin, allen es zeigend, den edelen Helden Achaias.
185 Aber nicht erkennend verleugnete solches ein jeder.Doch wie er jenen erreicht, ringsum die Versammlung durchwandelnd,Der das bezeichnete warf in den Helm, den strahlenden Ajas;Hielt er unter die Hand, und hinein warf’s nahend der Herold,Schnell erkannt’ er schauend sein Los, und freute sich herzlich;
190 Warf es darin vor die Füße zur Erd’ hin, also beginnend: Wahrlich mein ist, Freunde, das Los, und ich freue mich selber Herzlich; dieweil ich hoffe den Sieg vom göttlichen Hektor.Aber wohlan, indes ich mit Kriegsgerät mich umhülle;Fleht ihr alle zu Zeus, dem waltenden Sohne des Kronos,
195 Vor euch selbst in der Stille, daß nicht die Troer es hören;Oder mit lautem Gebet, denn niemand fürchten wir wahrlich!Keiner soll durch Gewalt unwillig mit Zwang mich vertreiben,Noch durch siegende Kunst; denn nicht unkundig des KriegesHoff’ ich in Salamins Flur geboren zu sein und erzogen!
200 Jener sprach’s; und sie flehten zu Zeus Kronion dem Herrscher. Also betete mancher, den Blick gen Himmel gewendet: Vater Zeus, ruhmwürdig und hehr, du Herrscher vom Ida, Gib nun Ajas den Sieg, daß glänzenden Ruhm er gewinne!Aber ist auch Hektor dir wert, und waltest du seiner;
205 Gleich darin schmücke sie beide mit Kraft und Ehre des Sieges! Also das Volk; denn es deckte mit blinkendem Erze sich Ajas. Aber nachdem er den Leib ringsum in Waffen gehüllet;Stürmt’ er daher, wie Ares der Ungeheure sich nahet,Der in die Schlacht eingehet zu Männern, welche Kronion
210 Trieb zum erbitterten Kampfe der geistverzehrenden Zwietracht:Also erhub sich Ajas, der ragende Hort der Achaier,Lächelnd mit finsterem Ernste des Antlitzes; und mit den FüßenWandelt’ er mächtiges Schritts, und schwang die erhabene Lanze.Sein erfreuten sich hoch die Danaer ringsher schauend;
215 Aber dem Volk der Troer durchschauderte Schrecken die Glieder.Selbst dem Hektor begann sein Herz im Busen zu schlagen;Doch nicht konnt’ er nunmehr wo zurückfliehn, noch sich verbergenUnter die Haufen des Volks; denn er forderte selber den Zweikampf.Ajas nahte heran, und trug den türmenden Schild vor,
220 Ehern und siebenhäutig, den Tychios klug ihm vollendet,Hoch berühmt in des Leders Bereitungen, wohnend in Hyle:Dieser schuf ihm den regsamen Schild aus sieben HäutenFeistgenähreter Stier’, und umzog zum achten mit Erz sie.Den nun trug vor der Brust der Telamonier Ajas,
225 Stellte sich nahe vor Hektor, und sprach die drohenden Worte: Hektor, deutlich nunmehr erkennest du, einer mit einem, Wie sich im Danaervolk noch andere Helden erheben,Auch nach Peleus’ Sohn, dem zermalmenden, löwenbeherzten!Jener zwar bei den schnellen gebogenen Schiffen des Meeres
230 Ruht nun, zürnend im Geist dem Hirten des Volks Agamemnon;Aber auch wir sind Männer, mit Freudigkeit dir zu begegnen,Und noch viel! Wohlauf, und beginne du Kampf und Entscheidung!


Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
235 Denke mich nicht durch Trotz, wie ein schwaches Kind, zu versuchen,Oder ein Weib, das nimmer des Kriegs Arbeiten gelernet!Wohl sind mir die Kämpfe bekannt, und die Schlachten der Männer!Rechtshin weiß ich zu wenden, und links zu wenden den Stierschild,Dürrer Last, um stets unermüdeter Stärke zu kämpfen;
240 Weiß zu Fuß ihn zu tanzen den Tanz des schrecklichen Ares,Weiß auch rasch im Getümmel die fliegenden Rosse zu lenken!Aber nicht ereile mein Speer dich, tapferer Krieger,Heimlich mit laurender List; nein öffentlich, ob er dich treffe! Sprach’s, und im Schwung’ entsandt’ er die weithinschattende Lanze;
245 Und sie traf dem Ajas den siebenhäutigen StierschildAuf das obere Erz, das ihm zum achten umherlag:Sechs der Schichten durchdrang das spaltende Erz unbezwingbar,Doch in der siebenten Haut ermattet es. Wieder entsandt’ ihmAjas der göttliche Held die weithinschattende Lanze;
250 Und sie traf dem Hektor den Schild von gerundeter Wölbung.Siehe den strahlenden Schild durchschmetterte mächtig die Lanze,Auch in das Kunstgeschmeide des Harnisches drang sie geheftet;Grad’ hindurch an der Weiche des Bauchs durchschnitt sie den LeibrockStürmend: da wand sich jener, und mied das schwarze Verhängnis.
255 Beide dann zogen heraus die ragenden Speer’, und zugleich nunRannten sie an, blutgierig, wie raubverschlingende Löwen,Oder wie Eber des Waldes von nicht unkriegrischer Stärke.Priamos’ Sohn stieß mächtig den Speer auf die Mitte des Schildes;Doch nicht brach er das Erz, denn rückwärts bog sich die Spitze.
260 Ajas stach nun den Schild anlaufend ihm; aber hindurch drangSchmetternd die eherne Lanz’, und erschütterte jenen im Angriff.Streifend am Hals hinfuhr sie, und schwarz entspritzte das Blut ihm.Doch nicht ruhte vom Kampf der helmumflatterte Hektor;Sondern wich, und erhub mit nervichter Rechte den Feldstein,
265 Der dort lag im Gefilde, den dunkelen, rauhen und großen;Schwang ihn hin, und dem Ajas den siebenhäutigen StierschildTraf er gerad’ auf den Nabel, daß ringsum dröhnend das Erz scholl.Wieder erhub nun Ajas den noch viel größeren Feldstein,Sandt’ ihn daher umschwingend, und strengt’ unermeßliche Kraft an.
270 Einwärts brach er den Schild mit dem mühlsteinähnlichen Felsen,Und verletzt ihm die Kniee, daß rücklings jener dahinsank,Fest den Schild in der Hand; doch schnell erhub ihn Apollon.Jetzt auch hätten mit Schwertern in nahem Kampf sie verwundet,Wenn nicht zween Herolde, die Boten Zeus’ und der Männer,
275 Eilend genaht, von den Troern und erzumschirmten Achaiern,Dort Idäos, und hier Talthybios, beide verständig.Zwischen die Kämpfenden streckten die Stäbe sie; aber IdäosSprach das Wort, der Herold, verständiges Rates erfahren: Nun nicht mehr, ihr Kinder, des feindlichen Kampfs und Gefechtes!
280 Beide ja seid ihr geliebt dem Herrscher im Donnergewölk Zeus’;Beid’ auch tapfere Streiter: das schaueten jetzo wir alle.Doch nun nahet die Nacht; gut ist’s, auch der Nacht zu gehorchen. Gegen ihn rief antwortend der Telamonier Ajas: Erst den Hektor ermahnt, Idäos, also zu reden;
285 Weil er selbst zum Kampfe die Tapfersten alle hervorrief.Jener beginn’; und gerne gehorch’ ich dir, wenn er zuerst will. Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor: Ajas, dieweil dir ein Gott die Kraft und die Größe verliehen,Und den Verstand, und im Speere der beste du bist der Achaier;
290 Laß uns jetzt ausruhen vom feindlichen Kampf der Entscheidung,Heut; doch künftig erneun wir die Feldschlacht, bis uns ein DämonTrennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm.Denn nun nahet die Nacht; gut ist’s, auch der Nacht zu gehorchen:Daß du dort bei den Schiffen das Herz der Achaier erfreuest,
295 Doch vor allen der Freund’ und deiner lieben Genossen;Aber ich selbst, heimkehrend in Priamos Stadt des Beherrschers,Trojas Männer erfreu’ und saumnachschleppende Weiber,Welche für mich aufflehend an heiliger Stätte sich sammeln,Laß uns jetzt auch einander mit rühmlichen Gaben beschenken;
300 Daß man sage hinfort bei Troern und bei Achaiern:Seht, sie kämpften den Kampf der geistverzehrenden Zwietracht,Und dann schieden sie beid’ in Freundschaft wieder versöhnet. Jener sprach’s, und reicht’ ihm das Schwert voll silberner Buckeln Samt der Scheid’ in die Hand, und dem schöngezierten Gehenke.
305 Ajas schenkt’ ihm dagegen den Leibgurt, schimmernd von Purpur.Also schieden sie beid’; es kehrte zum Volk der AchaierEiner, zum Heer der Troer der andere: jene mit FreudeSchaueten nun, daß lebend und unverletzt er daherging,Ajas Händen entflohn und unaufhaltsamer Stärke;
310 Führten ihn dann in die Stadt, und glaubeten kaum ihn errettet.Auch den Ajas führten die hellumschienten AchaierHin zum Held Agamemnon, der hoch des Sieges erfreut war. Als sie nunmehr ins Gezelt um Atreus’ Sohn sich versammelt; Opferte, jenen zum Schmaus, der Völkerfürst Agamemnon
315 Einen Stier, fünfjährig und feist, dem starken Kronion.Rasch ihn zogen sie ab, und zerlegeten alles geschäftig,Schnitten behend’ in Stücke das Fleisch, und steckten’s an Spieße,Brieten es dann vorsichtig, und zogen es alles herunter.Aber nachdem sie ruhten vom Werk, und das Mahl sich bereitet;
320 Schmausten sie, und nicht mangelt’ ihr Herz des gemeinsamen Mahles.Aber den Ajas ehrt’ er mit weithinreichendem Rücken,Atreus’ Heldensohn, der Völkerfürst Agamemnon.Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,
325 Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung: Atreus’ Sohn, und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias, Viele ja sind gestorben der hauptumlockten Achaier,Welchen das schwarze Blut um den schönen Strom des Skamandros
330 Ares der Wütrich vergoß, und die Seelen zum Aïdes sanken.Darum laß mit dem Morgen den Krieg ausruhn der Achaier,Daß wir gesamt auf Wagen die Leichname holen, von RindernUnd Maultieren geführt; alsdann verbrennen wir alle,Etwas entfernt von den Schiffen, damit einst jeder den Kindern
335 Bringe den Staub, wann wieder zum Vaterlande wir heimziehn.Einen Hügel am Brand’ erheben wir draußen versammeltAllen zugleich im Gefild’; und neben ihm bauen wir eiligHochgetürmt die Mauer, uns selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.Drin auch bauen wir Tore mit wohleinfugenden Flügeln,
340 Daß bequem durch solche der Weg sei Rossen und Wagen.Draußen umziehn wir sodann mit tiefem Graben die Mauer,Welcher rings abwehre den Reisigen Zeug und das Fußvolk;Daß nicht einst andränge die Macht hochherziger Troer. Jener sprach’s; und umher die Könige riefen ihm Beifall.
345 Auch die Troer kamen auf Ilios Burg zur Versammlung,Schreckenvoll und verwirrt, vor Priamos’ hohem Palaste;Und vor ihnen begann der verständige Held Antenor: Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen, Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
350 Auf, die Argeierin Helena nun, und die Schätze mit jener,Geben wir Atreus’ Söhnen zurück. Nun streiten wir treulosGegen den heiligen Bund; drum hoff ich nimmer, daß WohlfahrtUnserem Volke gedeihe, bevor wir also gehandelt. Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich
355 Alexandros der Held, der lockigen Helena Gatte;Dieser erwiderte drauf, und sprach die geflügelten Worte: Keineswegs, Antenor, gefällt mir, was du geredet! Leicht wohl könntest du sonst ein besseres raten, denn solches!Aber wofern du wirklich in völligem Ernste geredet;
360 Traun dann raubeten dir die Unsterblichen selbst die Besinnung!Jetzo verkünd’ auch ich den rossebezähmenden Troern;Grade heraus bekenn’ ich: Das Weib, nie geb’ ich es wieder;Aber das Gut, so viel ich aus Argos führt’ in die Wohnung,Will ich gesamt nun erstatten, und noch des Meinen hinzutun.
365 Also redete jener, und setzte sich. Wieder erhub sich Priamos, Dardalios Enkel, an Rat den Unsterblichen ähnlich;Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung: Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen; Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.
370 Jetzo nehmet das Mahl durch das Kriegsheer, so wie gewöhnlich,Und gedenkt der nächtlichen Hut, und jeder sei wachsam.Morgen geh’ Idäos hinab zu den räumigen Schiffen:Daß er den Fürsten des Volks Agamemnon und MenelaosSage die Red’ Alexandros, um welchen der Streit sich erhoben;
375 Auch dies heilsame Wort dann verkündige, ob sie geneigt sind,Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die TotenErst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein DämonTrennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm. Jener sprach’s; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
380 Ringsum nahm man das Mahl durch das Kriegsheer, Haufen bei Haufen.Morgens ging Idäos hinab zu den räumigen Schiffen.Und er fand die Achaier im Rat, die Genossen des Ares,Neben dem Hinterschiff Agamemnons. Jener sich nahendTrat in den Kreis, und begann, der lautaustönende Herold:
385 Atreus’ Söhn’, und ihr andern, erhabene Fürsten Achaias, Priamos sendete mich, und die anderen Edlen der Troer,Daß ich, wär’ es vielleicht euch angenehm und gefällig,Sagte die Red’ Alexandros’, um welchen der Streit sich erhoben.Alles Gut, so viel Alexandros in räumigen Schiffen
390 Her gen Troja geführt, (hätt’ eher der Tod ihn ereilet!)Will er gesamt euch erstatten, und noch des Seinen hinzutun.Aber die Jugendvermählte von Atreus’ Sohn MenelaosGibt er nie, wie er sagt; ob zwar ihn die Troer ermahnen.Dieses Wort auch sollt’ ich verkündigen, ob ihr geneigt seid
395 Auszuruhn vom Getöse der Feldschlacht, bis wir die TotenErst verbrannt; doch künftig erneuen wir, bis uns ein DämonTrennen wird, und geben der Völker einem den Siegsruhm. Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen. Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
400 Daß nur keiner das Gut Alexandros’ nehme, ja selbst nicht Helena! Wohl ja erkennt, auch wer unmündiges Geistes,Daß nunmehr den Troern das Ziel des Verderbens daherdroht! Jener sprach’s; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias, Hoch das Wort anstaunend von Tydeus’ Sohn Diomedes.
405 Jetzo sprach zu Idäos der Völkerfürst Agamemnon:Selber jetzt, Idäos, vernahmst du das Wort der Achaier,Welchen Bescheid sie geben; auch mir geliebet es also.Doch der Toten Verbrennung sei euch mit nichten verweigert.Nicht ja gebührt Kargheit bei abgeschiedenen Toten,
410 Daß man, nachdem sie gestorben, mit Glut zu besänftigen eile.Höre den Bund Zeus selber, der donnernde Gatte der Here! Jener sprach’s, und empor zu den Himmlischen hob er den Scepter. Aber es kehrt’ Idäos zur heiligen Ilios wieder.Jene noch saßen im Rat, die Troer und Dardanionen,
415 Alle gedrängt miteinander, und harreten seiner Zurückkunft.Jetzo kam Idäos daher, und sagte die Botschaft,Hingestellt in die Mitte. Da rüsteten jene sich eilig,Andere, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern.Auch die Argeier indes von den schöngebordeten Schiffen
420 Eileten, Leichen zu holen, und andere, Holz aus den Wäldern. Aber die Sonn’ erhellte mit jungem Strahl die Gefilde, Aus des tiefergoßnen Okeanos ruhiger Strömung,Steigend am Himmel empor. Da begegneten jen’ einander.Schwer nun war’s zu erkennen im Schlachtfeld jeden der Männer.
425 Doch sie wuschen mit Wasser den blutigen Mord von den Gliedern,Heiße Tränen vergießend, und huben sie all’ auf die Wagen.Aber zu weinen verbot Held Priamos; jene nun schweigendLegten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, trauriges Herzens,Zündeten an das Feuer, und kehrten zur heiligen Troja.
430 Also auch dort entgegen die hellumschienten AchaierLegten gehäuft auf die Scheiter die Leichname, trauriges Herzens,Zündeten an das Feuer, und kehrten zu räumigen Schiffen.Als noch nicht der Morgen erschien, nur grauende Dämmrung,Jetzo erhub um den Brand sich erlesenes Volk der Achaier.
435 Einen Hügel umher erhoben sie draußen versammeltAllen zugleich im Gefild’; und neben ihm bauten sie eiligHochgetürmt die Mauer, sich selbst und den Schiffen zur Schutzwehr.Drin auch bauten sie Tore mit wohleinfugenden Flügeln,Daß bequem durch solche der Weg war Rossen und Wagen.
440 Draußen umzogen sie dann mit tiefem Graben die Mauer,Breit umher und groß, und drinnen auch pflanzten sie Pfähle.So arbeiteten hier die hauptumlockten Achaier. Dort die Götter um Zeus den Wetterleuchtenden sitzend Staunten dem großen Werke der erzumschirmten Achaier.
445 Unter ihnen begann der Erderschüttrer Poseidon: Vater Zeus, ist irgend ein Mensch der unendlichen Erde, Der zu den Himmlischen noch mit Herz und Sinne sich wende?Siehest du nicht, wie jetzo die hauptumlockten AchaierEine Mauer den Schiffen erbaueten, rings auch den Graben
450 Führeten, ohn’ uns Göttern zuvor Hekatomben zu opfern?Nun wird diesen ein Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet;Doch vergessen wird jene, die ich und Phöbos ApollonEinst um Laomedons Stadt mit ringender Kraft gegründet! Unmutsvoll nun begann der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
455 Wehe mir, Erderschüttrer, gewaltiger! welcherlei Rede!Wenn ja ein anderer noch der Unsterblichen jener ErfindungZitterte, der weit schwächer denn du an Arm und Gewalt ist!Doch dir währet der Ruhm, so weit der Tag sich verbreitet.Auf wohlan, sobald nun die hauptumlockten Achaier
460 Heimgekehrt in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;Reiße dann ein die Mauer, und stürze sie ganz in die Meerflut,Wieder das große Gestad’ umher mit Sande bedeckend,Daß auch die Spur hinschwinde vom großen Bau der Achaier. Also redeten jen’ im Wechselgespräch miteinander.
465 Nieder sank nun die Sonn’, und der Danaer Werk war vollendet.Rings in den Zelten erschlugen sie Stier’, und genossen des Mahles.Aber viel der Schiffe, mit Wein beladen, aus LemnosLandeten, hergesandt vom Jasoniden Euneos,Welchen Hypsipyle trug dem Völkerhirten Jason.
470 Atreus’ Söhnen allein, Agamemnon und Menelaos,Sandt’ er edleren Trank zum Geschenk her, tausend der Maße.Dort nun kauften des Weins die hauptumlockten Achaier:Andere brachten Erz, und andere blinkendes Eisen,Andere dann Stierhäut’, und andere lebende Rinder,
475 Andre Gefangne der Schlacht, und bereiteten lieblichen Festschmaus. Also die Nacht durchharrten die hauptumlockten Achaier Schmausend; auch dort die Troer in Ilios und die Genossen.Aber die ganze Nacht sann Unheil Zeus der Erhabne,Drohend mit Donnergetön; da faßte sie bleiches Entsetzen.
480 Ringsher Wein aus den Bechern vergossen sie; keiner auch durft’ ihnTrinken, bevor er gesprengt dem allmächtigen Sohne des Kronos.Jeder ruhete dann, und empfing die Gabe des Schlafes.

Achter Gesang

Inhalt

Den versammelten Göttern verbietet Zeus, weder Achaiern noch Troern beizustehn, und fährt zum Ida. Schlacht. Zeus wägt den Achaiern Verderben, und schreckt sie mit dem Donner. Here bittet den Poseidon umsonst, den Achaiern zu helfen. Die Achaier in die Verschanzung gedrängt. Agamemnon und ein Zeichen ermuntert sie zum neuen Angriff. Teukros streckt viele mit dem Bogen, und wird von Hektor verwundet. Die Achaier von neuem in die Verschanzung getrieben. Here und Athene fahren vom Olympos den Achaiern zu Hilfe. Zeus befiehlt ihnen durch Iris umzukehren. Er selbst zum Olympos gekehrt droht den Achaiern noch größere Niederlage. Hektor mit den siegenden Troern übernachtet vor dem Lager.


Eos im Safrangewand’ erleuchtete rings nun die Erde,Als der Donnerer Zeus die Unsterblichen rief zur VersammlungAuf den obersten Gipfel des vielgezackten Olympos.Selbst nun begann er den Rat; und die Himmlischen horchten ihm alle.
5 Hört mein Wort, ihr Götter umher, und ihr Göttinnen alle, Daß ich rede, wie mir das Herz im Busen gebietet.Keine der Göttinnen nun erhebe sich, keiner der Götter,Trachtend, wie dies mein Wort er vereitele; sondern zugleich ihrStimmt ihm bei, daß ich eilig Vollendung schaffe dem Werke!
10 Wen ich jetzt von den Göttern gesondertes Sinnes erkenne,Daß er geht, und Troer begünstiget, oder Achaier;Schmählich geschlagen fürwahr kehrt solcher mir heim zum Olympos!Oder ich fass’ und schwing’ ihn hinab in des Tartaros Dunkel,Ferne, wo tief sich öffnet der Abgrund unter der Erde:
15 Den die eiserne Pforte verschleußt und die eherne Schwelle,So weit unter dem Aïs, wie über der Erd’ ist der Himmel!Dann vernimmt er, wie weit ich der Mächtigste sei vor den Göttern!Auf wohlan, ihr Götter, versucht’s, daß ihr all’ es erkennet,Eine goldene Kette befestigend oben am Himmel;
20 Hängt dann all’ ihr Götter euch an, und ihr Göttinnen alle:Dennoch zögt ihr nie vom Himmel herab auf den BodenZeus den Ordner der Welt, wie sehr ihr rängt in der Arbeit!Aber sobald auch mir im Ernst es gefiele zu ziehen;Selbst mit der Erd’ euch zög’ ich empor, und selbst mit dem Meere;
25 Und die Kette darauf um das Felsenhaupt des OlymposBänd’ ich fest, daß schwebend das Weltall hing’ in der Höhe!So weit rag’ ich vor Göttern an Macht, so weit vor den Menschen! Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen, Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt’ er geredet.
30 Endlich erwiderte Zeus’ blauäugige Tochter Athene: Unser Vater Kronion, o du, der Gebietenden höchster, Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest.Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden.
35 Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,Daß nicht all’ hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne. Lächelnd erwiderte drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus: Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
40 Meinung sprach ich das Wort; ich will dir freundlich gesinnt sein! Jener sprach’s und schirrt’ in das Joch erzhufige Rosse, Stürmendes Flugs, umwallt von goldener Mähne die Schultern;Selbst dann hüllt’ er in Gold sich den Leib, und faßte die Geißel,Schön aus Golde gewirkt, und trat in den Sessel des Wagens.
45 Treibend schwang er die Geißel, und rasch hinflogen die Rosse,Zwischen der Erd’ einher und dem sternumleuchteten Himmel.Schnell den Ida erreicht’ er, den quelligen Nährer des Wildes,Gargaros, wo ihm pranget ein Hain und duftender Altar.Dort nun hielt der Vater des Menschengeschlechts und der Götter,
50 Löste die Rosse vom Wagen, und breitete dichtes Gewölk aus.Selber setzt’ er nunmehr auf die Höhe sich, freudiges Trotzes,Und umschaute der Troer Stadt, und die Schiffe Achaias. Jene nun nahmen das Mahl, die hauptumlockten Achaier, Rasch in den Zelten umher, und hüllten sodann ihr Geschmeid’ um.
55 So auch dort die Troer in Ilios faßten die Waffen,Weniger zwar, doch entbrannt zum blutigen Kampf der Entscheidung,Durch hartdringende Not; denn es galt für Weiber und Kinder.Ringsum standen geöffnet die Tor’, und es stürzte das Kriegsheer,Streiter zu Fuß und zu Wagen, hinaus mit lautem Getümmel.
60 Als sie nunmehr anstrebend auf einem Raum sich begegnet; Trafen zugleich Stierhäut’, und Speere zugleich, und die KräfteRüstiger Männer in Erz; und die hochgenabelten SchildeNaheten dichtgedrängt; und umher stieg lautes Getös’ auf.Jetzo erscholl Wehklagen und Siegsgeschrei miteinander,
65 Würgender dort und Erwürgter; und Blut umströmte die Erde. Weil noch Morgen es war, und der heilige Tag emporstieg; Hafteten jegliches Heeres Geschoss’, und es sanken die Völker.Aber nachdem die Sonne den Mittagshimmel erstiegen;Jetzo streckte der Vater empor die goldene Waage,
70 Legt’ in die Schalen hinein zwei finstere Todeslose,Trojas reisigem Volk und den erzumschirmten Achaiern,Faßte die Mitt’, und wog: da lastete schnell der AchaierSchicksalstag, daß die Schale zur nahrungsprossenden ErdeNiedersank, und der Troer zum weiten Himmel emporstieg.
75 Laut vom Ida herab nun donnert’ er, und sein entbrannterStrahl durchzuckte das Heer der Danaer; jen’ ihn erblickendStarreten auf, und alle durchschauerte bleiches Entsetzen.Nicht Idomeneus selber verweilt itzt, nicht Agamemnon,Nicht die Ajas wagten zu stehn, die Genossen des Ares.
80 Nestor allein noch stand, der gerenische Hort der Achaier,Ungern, weil ihm verletzt war ein Roß: das traf mit dem PfeileAlexandros der Held, der lockigen Helena Gatte,Grad’ in die Scheitel des Haupts, wo zuerst die Mähne der RosseVorn dem Schädel entwächst, und am tödlichsten ist die Verwundung.
85 Angstvoll bäumt’ es empor, weil tief der Pfeil ins Gehirn drang,Und verwirrte die Ross’, um das Erz in der Wunde sich wälzend.Während der Greis die Stränge dem Nebenroß mit dem SchwerteAbzuhaun sich erhub; kam Hektors schnelles Gespann ihmDurch die Verfolgung daher, mit dem unerschrockenen Lenker,
90 Hektor! Dort nun hätte der Greis sein Leben verloren,Wenn nicht schnell ihn bemerkt der Rufer im Streit Diomedes.Furchtbar jetzt ausrufend, ermahnt’ er so den Odysseus: Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus, Wohin fliehst du, den Rücken gewandt, wie ein Feiger im Schwarme?
95 Daß nur keiner den Speer dir Fliehenden heft’ in die Schulter!Bleib doch, und hilf vom Greise den schrecklichen Mann mir entfernen! Jener sprach’s; nicht hörte der herrliche Dulder Odysseus, Sondern er stürmte vorbei zu den räumigen Schiffen Achaias.Doch der Tydeid’, auch selber allein, drang kühn in den Vorkampf,
100 Stellte sich nun vor die Rosse des neleiadischen Greises,Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte: Wahrlich, o Greis, sehr hart umdrängen dich jüngere Männer! Deine Kraft ist gelöst, und mühsames Alter beschwert dich;Auch ist schwach dein Wagengefährt, und ermüdet die Rosse.
105 Auf denn, zu meinem Geschirr erhebe dich, daß du erkennest,Wie doch troische Rosse gewandt sind, durch die GefildeDort zu sprengen und dort, in Verfolgungen und in Entfliehung:Die ich jüngst von Äneias errang, dem Schreckengebieter.Jene laß den Gefährten zur Obhut; wir mit den Meinen
110 Wollen den reisigen Troern entgegen gehn, daß auch HektorLern’, ob mir selber vielleicht auch wüte der Speer in den Händen! Sprach’s; und ihm folgete gern der gerenische reisige Nestor. Jetzt die nestorischen Rosse besorgeten beide Gefährten,Sthenelos, tapferes Muts, und Eurymedon, glühend vor Ehrsucht.
115 Jene dann traten zugleich in das rasche Geschirr Diomedes’.Nestor faßt’ in die Hände die purpurschimmernden Zügel,Schwang dann die Geißel zum Lauf; und bald erreichten sie Hektor.Ihm, wie er grad’ andrang, entsandte den Speer Diomedes;Und er verfehlt’ ihn zwar; doch dem wagenlenkenden Diener,
120 Jenem Eniopeus, dem Sohn des erhabnen Thebäos,Als er hielt das Gezäum, durchschoß er die Brust an der Warze;Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,Fliegendes Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker;
125 Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes,Liegen; und forscht’, ob irgend ein mutiger Lenker erschiene;Und nicht lang’ ihm entbehrten die Rosse der Hut, denn er fand nunIphitos’ mutigen Sohn Archeptolemos: eilend ihn hieß erSteigen ins rasche Geschirr, und reicht’ in die Hand ihm die Zügel.
130 Jetzt wär’ entschieden der Kampf und unheilbare Taten vollendet, Und sie zusammengescheucht in Ilios, gleich wie die Lämmer;Schauete nicht der Vater des Menschengeschlechts und der Götter.Furchtbar erscholl sein Donner daher, und der leuchtende Strahl schlugSchmetternd hinab in den Grund vor dem raschen Gespann Diomedes:
135 Schrecklich lodert’ empor die schweflichte Flamme des Himmels;Und wild bebten in Angst die Rosse zurück vor dem Wagen.Nestors Hand entsanken die purpurschimmernden Zügel,Und er erschrak im Herzen, und sprach zum Held Diomedes: Tydeus’ Sohn, auf! wende zur Flucht die stampfenden Rosse!
140 Oder erkennest du nicht, daß Zeus nicht Sieg dir gewähret?Jetzo zwar wird jener von Zeus Kronion verherrlicht,Heut’; doch künftig werden wir selbst auch, wenn’s ihm gelüstet,Wieder geehrt! Darf keiner doch Zeus’ Ratschlüsse verhindern,Nicht der Gewaltigste Selbst; denn er ist mächtig vor allen!
145 Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Diomedes: Wahrlich, o Greis, du hast wohlziemende Worte geredet;Aber ein heftiger Schmerz durchdringt mir die Tiefe des Herzens!Hektor sagt nun hinfort in des troischen Volkes Versammlung:Tydeus’ Sohn ist vor mir hinabgeflohn zu den Schiffen!
150 Also trotzt er hinfort; dann reiße sich weit mir die Erd’ auf! Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor: Wehe mir, Tydeus’ Sohn, des Feurigen, welcherlei Rede!Denn wofern dich Hektor auch feig’ einst nennet und kraftlos,Niemals glauben ihm doch die Troer und Dardanionen,
155 Oder die Fraun der Troer, der schildgewappneten Streiter,Welchen umher in den Staub die blühenden Männer du strecktest. Jener sprach’s, und wandte zur Flucht die stampfenden Rosse Durch die Verfolgung zurück; nach stürmeten Troer und HektorMit graunvollem Geschrei, und schütteten herbe Geschosse.
160 Aber es rief lauttönend der helmumflatterte Hektor: Tydeus’ Sohn, dich ehrten die reisigen Helden Achaias Hoch an Sitz, und an Fleisch, und vollgegossenen Bechern.Künftig verachten sie dich; wie ein Weib erscheinest du jetzo!Fort, du zagendes Mädchen! denn nie, mich selber vertreibend,
165 Steigst du die Mauren hinan von Ilios, oder entführestUns die Weiber im Schiff; zuvor dir send’ ich den Dämon!


Jener sprach’s; da erwog mit wankendem Sinn Diomedes,Ob er die Ross’ umlenkt’, und kühn entgegen ihm kämpfte.Dreimal sann er umher in des Herzens Geist und Empfindung;
170 Dreimal erscholl vom Ida das Donnergetön des Kronion,Trojas Volk ankündend der Schlacht abwechselnden Siegsruhm.Hektor anjetzt ermahnte mit lautem Rufe die Troer: Troer, und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe, Seid nun Männer, o Freund’, und gedenkt des stürmenden Mutes!
175 Denn ich erkenne, wir mir voll Huld zuwinkte KronionSieg und erhabenen Ruhm, doch Schmach den Achaiern und Unheil.Törichte, welche nunmehr zum Schutz sich erfanden die Mauer,Schwach und verachtungswert, die nichts vor meiner Gewalt ist!Denn mir springen die Rosse mit Leichtigkeit über den Graben!
180 Aber sobald ich dort den gebogenen Schiffen genahet,Dann gedenke man wohl für brennendes Feuer zu sorgen;Daß ich die Schiff’ anzünde mit Glut, und sie selber ermorde,Argos’ Söhn’ um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes! Jener sprach’s; und die Ross’ ermahnet’ er, laut ausrufend:
185 Xanthos, und du Podargos, und mutiger Lampos, und Äthon,Jetzt die reichliche Pflege vergeltet mir, welche mit SorgfaltEuch Andromache gab, des hohen Eëtions Tochter;Da sie zuerst vor euch den lieblichen Weizen geschüttet,Auch des Weines gemischt, nach Herzenswunsche zu trinken,
190 Eher denn mir, der doch ihr blühender Gatte sich rühmet!Auf denn, mit großer Gewalt, und verfolget sie: daß wir erobernNestors strahlenden Schild, des Ruhm nun reichet zum Himmel,Golden sei die Wölbung umher, und die Stangen des Schildes;Auch herab von der Schulter dem reisigen Held Diomedes
195 Jenen künstlichen Harnisch, den selbst Hephästos geschmiedet!Würd’ uns solches ein Raub, dann hofft’ ich wohl, die AchaierMöchten die Nacht noch steigen in leichthinsegelnde Schiffe! Also jauchzet’ er laut; da zürnt’ ihm die Herrscherin Here, Wandte sich heftig im Thron, und erschütterte weit den Olympos.
200 Drauf zu Poseidaon, dem mächtigen Gotte begann sie: Wehe mir, Erderschüttrer, Gewaltiger, wenden auch dir nicht Argos sinkende Scharen das Herz im Busen zu Mitleid?Bringen sie doch gen Ägä und Helike dir der GeschenkeViel’ und erfreuende stets! O gönne du ihnen den Sieg nun!
205 Denn wenn wir nur wollten, der Danaer sämtliche Helfer,Trojas Volk wegdrängen, und Zeus dem Donnerer steuern;Traun bald säß’ er daselbst sich einsam härmend auf Ida! Unmutsvoll nun begann der Erderschüttrer Poseidon: Welch ein Wort, o Here, Verwegene, hast du geredet!
210 Nimmermehr verlang’ ich mit Zeus Kronion zu kämpfen,Ich und die anderen hier; denn er ist mächtig vor allen! Also redeten jen’ im Wechselgespräch miteinander. Dort so weit von den Schiffen zum Wall und Graben sich hinstreckt,Voll war’s rings von Rossen und schildgewappneten Männern,
215 Dichtgedrängt; denn es drängte, dem stürmenden Ares vergleichbar,Hektor, Priamos’ Sohn, nachdem Zeus Ruhm ihm gewährte.Und nun hätt’ er verbrannt in lodernder Flamme die Schiffe,Legete nicht Agamemnon ins Herz die erhabene Here,Ihm der auch selbst umeilte, die Danaer schnell zu ermuntern.
220 Schleunig ging er hinab der Danaer Schiff’ und Gezelte,Haltend in nervichter Hand den großen purpurnen Mantel,Und er betrat des Odysseus’ gewaltiges dunkeles Meerschiff,Welches die Mitt’ einnahm daß beiderseits sie vernähmen,Dort zu Ajas Gezelten hinab, des Telamoniden,
225 Dort zu des Peleionen, die beid’ an den Enden ihr SchiffheerAufgestellt, hochtrotzend auf Mut und Stärke der Hände.Laut erscholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier: Schande doch, Argos Volk, ihr Verworfenen, trefflich an Bildung! Wo ist jetzo der Ruhm, da wir uns Tapfere priesen;
230 Was ihr vordem in Lemnos mit nichtiger Rede geprahlet,Schmausend das viele Fleisch der hochgehörneten Rinder,Und ausleerend die Krüge, zum Rand mit Weine gefüllet?Gegen hundert der Troer, ja selbst zweihundert, vermaß sichJeder im Kampfe zu stehn! Nicht einem auch gelten wir jetzo,
235 Hektor, der bald die Schiffe verbrennt in loderndem Feuer!Hast du, o Vater Zeus, je einen gewaltigen KönigSo beladen mit Fluch, und des herrlichen Ruhms ihn beraubet?Weißt du doch, wie ich nie vor deinem prangenden AltarIm vielrudrigen Schiff hinsteuerte, als ich hieherkam;
240 Nein auf allen verbrannt’ ich der Stiere Fett und die Schenkel,Wünschend hinwegzutilgen die festummauerte Troja.Aber, o Zeus, gewähre mir doch nur dieses Verlangen:Laß uns wenigstens selber errettet sein und entfliehen,Und nicht so hinsinken vor Trojas Macht die Achaier!
245 Jener sprach’s; da jammerte Zeus des weinenden Königs; Und er winkt’ ihm Errettung der Danaer, nicht ihr Verderben.Schnell den Adler entsandt’ er, die edelste Vorbedeutung;Dieser trug in den Klauen ein Kind der flüchtigen Hindin,Und vor Zeus’ Altar, den prangenden, warf er das Hirschkalb,
250 Wo dem enthüllenden Zeus die Danaer pflegten zu opfern.Jene, sobald sie gesehn, wie von Zeus herschwebte der Vogel,Drangen gestärkt in der Troer Gewühl, und entbrannten vor Streitlust. Keiner rühmte sich nun, so viel auch Danaer waren, Daß vor Tydeus’ Sohn er gelenkt die hurtigen Rosse,
255 Vorgesprengt ans dem Graben, und kühn entgegen gekämpfet;Sondern zuerst den Troern ermordet’ er einen der Kämpfer,Fradmons’ Sohn Agelaos: zur Flucht dort wandt’ er die Rosse;Doch dem Gewendeten stieß der Tydeide den Speer in den Rücken,Zwischen der Schulterbucht, daß vorn aus dem Busen er vordrang;
260 Und er entsank dem Geschirr, und es rasselten um ihn die Waffen.Hinter ihm Atreus’ Söhn’, Agamemnon und Menelaos;Drauf die Ajas zugleich, mit trotzigem Mute gerüstet;Dann Idomeneus selbst, und Idomeneus’ Kriegesgenoß auch,Held Meriones, gleich dem männermordenden Ares;
265 Auch Eurypylos dann, der glänzende Sohn des Euämon;Teukros auch kam der neunte, gespannt den schnellenden Bogen,Hinter des Ajas’ Schilde gestellt, des Telamoniden:Oft daß Ajas den Schild ihm hinweghob; aber der Held dortSchaut’ umher, und sobald sein Todesgeschoß im Getümmel
270 Traf, dann taumelte jener dahin, sein Leben verhauchend;Doch er eilte zurück, wie ein Kind an die Mutter sich schmieget,Nah an Ajas gedrängt, der mit strahlendem Schild’ ihn bedeckte. Wen nun traf von den Troern zuerst der untadliche Teukros? Erst den Orsilochos traf er, und Ormenos, auch Ophelestes,
275 Dätor und Chromios auch, und den göttlichen Held Lykophontes,Auch Polyämons Sohn Hamopaon, auch Melanippos:All’ aneinander gestürzt zur nahrungsprossenden Erde.Ihn nun sah mit Freude der Völkerfürst Agamemnon,Wie er mit starkem Geschoß die troischen Reihen vertilgte;
280 Nahe trat er hinan, und sprach zu jenem die Worte: Teukros, edelster Freund, Telamonier, Völkergebieter, Triff so fort, und werde der Danaer Licht, und des VatersTelamon auch, der in Liebe dich nährete, als du ein Kind warst,Und, der Dienerin Sohn, dich pflegt in seinem Palaste:
285 Ihn, den Entferneten nun, erhebe zu glänzendem Ruhme!Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet.Wenn mir solches gewährt der Donnerer Zeus und Athene,Ilios auszutilgen, die Stadt voll prangender Häuser;Werd’ ich zuerst nach mir die geehrteste Gabe dir reichen:
290 Ob es ein Dreifuß sei, ob ein rasches Gespann mit dem Wagen,Oder ein blühendes Weib, das dir dein Lager besteige. Jener sprach’s; ihm erwiderte schnell der untadliche Teukros: Atreus’ Sohn, Ruhmvoller, warum, da ich selber ja strebe,Treibst du mich an? Nichts wahrlich, so viel die Kraft mir gewähret,
295 Zauder’ ich; sondern seitdem gen Ilios jene wir drängen,Hab’ ich feindliche Männer mit zielendem Bogen getötet.Acht schon hab’ ich versandt der langgespitzten Geschosse,Und sie hafteten all’ in streitbarer Jünglinge Leibern.Jenen nur nicht vermag ich, den wütenden Hund zu erreichen!
300 Sprach’s, und sandt’ ein andres Geschoß von der Senne des Bogens, Grad’ auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch ihn zu treffen.Und er verfehlt’ ihn zwar; doch den edlen Gorgythion traf er,Priamos’ tapferen Sohn, ihm die Brust mit dem Pfeile durchbohrend:Welchen ein Nebenweib, aus Äsyme gewählt, ihm geboren,
305 Kastianeira die Schön’, an Gestalt den Göttinnen ähnlich.So wie der Mohn zur Seite das Haupt neigt; welcher im GartenSteht, von Wuchs belastet, und Regenschauer des Frühlings:Also neigt’ er zur Seite das Haupt, vom Helme beschweret. Teukros sandt’ ein andres Geschoß von der Senne des Bogens
310 Grad’ auf Hektor dahin, mit herzlichem Wunsch ihn zu treffen.Aber auch jetzt verfehlt’ er; denn seitwärts wandt’ es Apollon.Archeptolemos nur, dem mutigen Lenker des Hektor,Als er sprengt’ in die Schlacht, durchschoß er die Brust an der Warze;Und er entsank dem Geschirr, und zurück ihm zuckten die Rosse,
315 Fliegendes Laufs; ihm aber erlosch der Geist und die Stärke.Hektors Seele durchdrang der bittere Schmerz um den Lenker;Dennoch ließ er ihn dort, wie sehr er traurte des Freundes.Schnell nun hieß er den Bruder Kebriones, der ihm genaht war,Nehmen der Rosse Gezäum; und nicht unwillig gehorcht’ er.
320 Aber er selbst entschwang sich dem glänzenden Sessel des Wagens,Mit graunvollem Geschrei, und faßt’ in der Rechte den Feldstein,Drang dann grad’ auf Teukros, in heißer Begier ihn zu treffen.Jener hatt’ aus dem Köcher ein herbes Geschoß sich gewählet,Und auf die Senne gefügt; da traf der gewaltige Hektor,
325 Als er die Senn’ anzog, ihn am Schlüsselbein auf die Achsel,Zwischen Hals und Brust, wo am tödlichsten ist die Verwundung:Dort den Strebenden traf er mit zackigem Stein des Gefildes,Und zerriß ihm die Senn’; es erstarrte die Hand an dem Knöchel,Und er entsank hinknieend, es glitt aus der Hand ihm der Bogen.
330 Doch nicht Ajas vergaß des hingesunkenen Bruders,Sondern umging ihn in Eile, mit großem Schild ihn bedeckend.Schnell dann bückten sich her zween auserwählte Genossen,Echios’ Sohn Mekisteus zugleich, und der edle Alastor,Die zu den räumigen Schiffen den Schweraufstöhnenden trugen.
335 Wieder erhob die Troer mit Mut der olympische König.Grade zurück an den Graben verdrängten sie nun die Achaier;Hektor drang mit den ersten voran, wutfunkelndes Blickes.So wie ein Hund den Eber des Bergwalds, oder den Löwen,Kühn mit dem Rachen erhascht, den hurtigen Füßen vertrauend,
340 Hinten an Hüft’ und Lend’, und stets des Gewendeten achtet:Also verfolgt’ itzt Hektor die hauptumlockten Achaier,Immerdar hinstreckend den äußersten; und sie entflohen.Aber nachdem sie die Pfähle hindurch und den Graben geeiletFliehend und manchen gestürzt die mordenden Hände der Troer;
345 Jetzo hemmeten jene sich dort bei den Schiffen beharrend,Und ermahnten einander; und rings mit erhobenen HändenBetete laut ein jeder zu allen unsterblichen Göttern.Hektor tummelt’ umher das Gespann schönmähniger Rosse,Graß wir Gorgo an Blick, und der männermordende Ares.
350 Jene nun sah erbarmend die lilienarmige Here, Wandte sich schnell zur Athen’, und sprach die geflügelten Worte: Weh mir, o Tochter Zeus’ des Donnerers, wollen wir noch nicht Retten das sterbende Volk der Danaer, auch nur zuletzt noch?Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden,
355 Unter des einen Gewalt! Da wütet er ganz unerträglich,Hektor, Priamos’ Sohn, und viel schon tat er des Frevels!


Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:Wohl schon hätte mir dieser den Mut und die Seele verloren,Unter der Hand der Argeier vertilgt im heimischen Lande;
360 Aber es tobt mein Vater mit übelwollendem Herzen,Grausam, und stets unbillig, und jeden Entschluß mir vereitelnd.Nicht gedenkt er mir dessen, wie oft vordem ich den Sohn ihmRettete, wann er gequält von Eurystheus Kämpfen sich härmte.Auf zum Himmel weinte der Duldende; aber es sandt’ ihm
365 Mich zur Helferin schnell von des Himmels Höhe Kronion.Hätt’ ich doch solches gewußt im forschenden Rate des Herzens,Als er hinab in Aïs verriegelte Burg ihn gesendet,Daß er dem Dunkel entführte den Hund des greulichen Gottes!Niemals wär er entronnen dem stygischen Strom des Entsetzens!
370 Nun bin ich ihm verhaßt; doch den Rat der Thetis vollführt er,Welche die Knie’ ihm geherzt, und die Hand zum Kinn ihm erhoben,Flehend, daß Ruhm er gewähre dem Städteverwüster Achilleus.Aber er nennt mich einmal blauäugiges Töchterchen wieder!Auf, und schirr’ uns sofort das Gespann starkhufiger Rosse;
375 Weil ich selbst, in den Saal des ägiserschütternden VatersGehend, zum Kampf anlege die Rüstungen: daß ich erkenne,Ob uns Priamos’ Sohn, der helmumflatterte Hektor,Freuen sich wird, wenn ich plötzlich erschein’ in den Pfaden des Treffens.Traun wohl mancher der Troer wird sättigen Hund’ und Gevögel
380 Seines Fettes und Fleisches, gestreckt bei den Schiffen Achaias! Sprach’s; und willig gehorcht’ ihr die lilienarmige Here. Jene nun eilt’ anschirrend die goldgezügelten Rosse,Here, die heilige Göttin, erzeugt vom gewaltigen Kronos.Aber Pallas Athene, des Ägiserschütterers Tochter,
385 Ließ hinsinken das feine Gewand im Palaste des Vaters,Buntgewirkt, das sie selber mit künstlicher Hand sich bereitet.Drauf in den Panzer gehüllt des schwarzumwölkten Kronions,Nahm sie das Waffengeschmeide zur tränenbringenden Feldschlacht.Jetzt in den flammenden Wagen erhub sie sich; nahm dann die Lanze,
390 Schwer und groß und gediegen, womit sie die Scharen der HeldenBändiget, welchen sie zürnt, die Tochter des schrecklichen Vaters.Here beflügelte nun mit geschwungener Geißel die Rosse;Und aufkrachte von selbst des Himmels Tor, das die HorenHüteten, welchen der Himmel vertraut ward, und der Olympos,
395 Daß sie die hüllende Wolk’ itzt öffneten, jetzo verschlossen.Dort nun lenkten sie durch die leichtgesporneten Rosse. Aber da Zeus vom Ida sie schauete, heftig ergrimmt’ er; Drauf als Botin entsandt’ er die goldgeflügelte Iris: Eile mir, hurtige Iris, und wende sie, ehe daher sie
400 Kommen; denn unsanft möchten im Kampf wir einander begegnen!Denn ich verkündige dir, und das wird wahrlich vollendet.Lähmen werd’ ich jenen die hurtigen Ross’ an dem Wagen,Stürzen sie selbst vom Sessel herab, und den Wagen zerschmettern!Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre Vollendung
405 Würden die Wunden geheilt, womit mein Strahl sie gezeichnet:Daß mir erkenn’ Athene den schrecklichen Kampf mit dem Vater!Minder erregt mir Here des Unmuts, oder des Zornes;Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was ich beschlossen! Jener sprach’s; doch Iris, die windschnell eilende Botin,
410 Flog von Idas Gebirg’ einher zum großen Olympos.Jetzt am vordersten Tore des vielgebognen OlymposHielt sie die Kommenden an, und sprach die Worte Kronions: Sagt mir, wohin so eifrig? was wütet das Herz euch im Busen? Nicht verstattet euch Zeus, der Danaer Volke zu helfen.
415 Denn so droht’ euch jetzo der Donnerer, wo er’s vollendet:Lähmen werd’ er euch beiden die hurtigen Ross’ an dem Wagen,Stürzen euch selbst vorn Sessel herab, und den Wagen zerschmettern.Nicht auch einmal in zehn umrollender Jahre VollendungWürden die Wunden geheilt, womit sein Strahl euch gezeichnet:
420 Daß du erkennst, Athene, den schrecklichen Kampf mit dem Vater.Minder erregt ihm Here des Unmuts, oder des Zornes;Stets ja war sie gewohnt, daß sie einbrach, was er beschlossen.Aber Entsetzliche du, Schamloseste, wenn du in WahrheitWagst, zum Kampfe mit Zeus den gewaltigen Speer zu erheben!
425 Also sprach, und entfloh die leichthinschwebende Iris. Aber Here begann, und sprach zu Pallas Athene: Weh mir, o Tochter Zeus’ des Donnerers! länger fürwahr nicht Duld’ ich es, daß wir Zeus um sterbliche Menschen bekämpfen!Mag ein anderer sinken in Staub, und ein anderer leben,
430 Welchen es trifft! Doch jener, nach eigenem Rate beschließend,Richte den Streit der Troer und Danaer, wie es ihm ansteht! Sprach’s, und lenkte zurück das Gespann starkhufiger Rosse. Dort nun lösten die Horen die schöngemähneten Rosse;Diese banden sie fest zu ambrosischen Krippen geführet,
435 Stellten darauf den Wagen empor an schimmernde Wände.Jene selbst dann setzten auf goldene Sessel sich nieder,Unter die anderen Götter, ihr Herz voll großer Betrübnis. Aber Zeus vom Ida im schöngeräderten Wagen Trieb zum Olympos die Ross’, und kam zu der Götterversammlung.
440 Dort nun löst’ ihm die Rosse der Erderschüttrer Poseidon,Hub aufs Gestell den Wagen empor, und umhüllt’ ihn mit Leinwand.Er, dem goldenen Throne genaht, der Ordner der Welt ZeusSetzte sich; unter dem Gang’ erbebten die Höhn des Olympos.Jene, getrennt von Zeus und allein, Athenäa und Here,
445 Saßen, und wageten nichts zu verkündigen, oder zu fragen.Aber er selbst vernahm es in seinem Geist, und begann so: Warum seid ihr also betrübt, Athenäa und Here? Doch nicht lange bemüht’ euch die männerehrende Feldschlacht,Trojas Volk zu verderben, das heftigen Groll euch erregt hat!
450 Alle, so weit ich rag’ an Gewalt und unnahbaren Händen,Möchten mich nicht abwehren, die Götter gesamt im Olympos!Doch euch bebten ja eher vor Angst die reizenden Glieder,Eh’ ihr den Krieg noch gesehn, und die schrecklichen Taten des Krieges.Denn ich verkündige nun, und wahrlich wär’ es vollendet!
455 Nimmer in eurem Geschirre, vom Schlag der Donner verwundet,Wärt ihr gekehrt zum Olympos, dem Sitz der unsterblichen Götter! Jener sprach’s; da murrten geheim Athenäa und Here. Nahe sich saßen sie dort, nur Unheil sinnend den Troern.Jene nunmehr blieb schweigend, und redete nichts, Athenäa,
460 Eifernd dem Vater Zeus, und ihr tobte das Herz in Erbittrung.Here nur konnte den Zorn nicht bändigen, sondern begann so: Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet! Wohl ja erkennen auch wir, wie an Macht unbezwinglich du waltest.Aber es jammern uns der Danaer streitbare Völker,
465 Welche das böse Geschick nunmehr vollendend verschwinden.Dennoch entziehn wir hinfort dem Gefecht uns, wenn du gebietest;Rat nur wollen wir geben den Danaern, welcher gedeihe,Daß nicht all’ hinschwinden vor deinem gewaltigen Zorne. Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
470 Morgen gewiß noch mehr, du hoheitblickende Here,Wirst du schaun, so du willst, den überstarken KronionTilgen ein großes Heer von Achaias Lanzengeübten.Denn nicht ruhn soll eher vom Streit der gewaltige Hektor,Eh’ sich erhebt bei den Schiffen der mutige Renner Achilleus,
475 Jenes Tags, wann dort sie zusammengedrängt um die SteuerKämpfen in schrecklicher Eng’, um den hingesunknen Patroklos.Also sprach das Verhängnis! Doch dein der Zürnenden acht’ ichNichts, und ob du im Zorn an die äußersten Enden entflöhestAlles Lands und des Meers, wo Japetos drunten und Kronos
480 Sitzen, von Helios nie, dem leuchtenden Sohn Hyperions,Noch von Winden erfreut; denn tief ist der Tartaros ringsum!Nicht ob auch dort hinschweifend du wandertest, nicht auch ein wenigAcht’ ich der Tobenden doch; weil nichts schamloser denn du ist! Sprach’s; ihm erwiderte nichts die lilienarmige Here.
485 Doch zum Okeanos sank des Helios’ leuchtende Fackel,Ziehend die dunkele Nacht auf die nahrungsprossende Erde.Ungern sahn die Troer das tauchende Licht; doch erfreulichKam und herzlich erwünscht die finstere Nacht den Achaiern. Jetzo berief die Troer zum Rat der strahlende Hektor,
490 Abgewandt von den Schiffen zum wirbelnden Strome sie führend,Wo noch rein das Gefild’ aus umliegenden Leichen hervorschien.Alle, den Wagen entstiegen zur Erd’ hin, hörten die Rede,Welche nun Hektor begann, der Göttliche: und in der RechtenTrug er den Speer, elf Ellen an Läng’; und vorn an dem Schafte
495 Blinkte die eherne Schärf’, umlegt mit goldenem Ringe;Hierauf lehnte sich jener, und sprach die geflügelten Worte: Hört mein Wort, ihr Troer, ihr Dardaner, und ihr Genossen. Jetzo hofft’ ich, verderbend die Schiff’ und alle Achaier,Siegreich heimzukehren zu Ilios luftigen Höhen;
500 Doch uns ereilte die Nacht, die jetzt am meisten gerettetArgos Volk und die Schiff’ am wogenden Strande des Meeres.Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen,Und das Mahl uns bereiten. Die schöngemähneten RosseLöst aus dem Joch der Geschirr’, und reicht vorschüttend das Futter.
505 Doch aus der Stadt führt Rinder zum Schmaus’ und gemästete SchafeEilend daher; auch Wein, den herzerfreuenden, bringt unsReichlich, und Brot aus den Häusern, und Holz auch leset in Menge:Daß wir die ganze Nacht bis zum dämmernden Schimmer der EosFeuer brennen durchs Heer, und der Glanz den Himmel erreiche;
510 Daß nicht gar im Finstern die hauptumlockten AchaierUns zu entfliehn versuchen auf weitem Rücken des Meeres,Wenigstens nicht in Muße die Schiff’ und ruhig besteigen;Nein daß mancher von jenen daheim die Wunde des PfeilesOder des scharfen Speers sich lindere, welche den Flüchtling,
515 Springend ins Schiff, noch ereilte; damit auch andre sich scheuen,Gegen die reisigen Troer das Weh des Krieges zu tragen.Aber ruft durch die Stadt, ihr Herolde, Freunde Kronions,Daß die blühenden Knaben und silberhaarigen GreiseRings um die Stadt sich lagern, auf gottgebaueten Türmen.
520 Aber die zarten Fraun, umher in den Wohnungen jede,Brennen ein mächtiges Feuer; und wachsame Hut sei beständig:Daß nicht schlau einbreche der Feind, da die Krieger entfernt sind.Also sei’s, wie ich red’, ihr edelmütigen Troer;Und gesagt ist das Wort, das jetzt ich heilsam geachtet.
525 Morgen werd’ ich das andre den reisigen Troern verkünden.Flehend wünsch’ ich, und hoffe zu Zeus und den anderen Göttern,Endlich hinwegzutreiben die wütenden Hunde des Schicksals,Welche das Schicksal gebracht auf dunkelen Schiffen des Meeres.Auf, und laßt uns die Nacht das Heer sorgfältig bewachen;
530 Aber früh am Morgen, mit ehernen Waffen gerüstet,Gegen die räumigen Schiff’ erheben wir stürmenden Angriff.Dann will ich sehn, ob Tydeus’ gewaltiger Sohn DiomedesMich von den Schiffen zur Mauer hinwegdrängt, oder ich selbst ihnTöte mit meinem Erz, und blutige Waffen erbeute.
535 Morgen zeig’ uns der Held die Tapferkeit, ob er vor meinerNahenden Lanze besteht. Doch unter den vordersten, mein ich,Sinkt er dem Stoße der Hand, und viel umher der Genossen,Wann uns Helios morgen emporstrahlt. O so gewiß nurMöcht’ ich unsterblich sein, und blühn in ewiger Jugend,
540 Ehrenvoll, wie geehrt wird Athene selbst und Apollon:Als der kommende Tag ein Unheil bringt den Argeiern! Also redete Hektor; und laut herriefen die Troer. Sie nun lösten die Rosse, die schäumenden unter dem Joche,Banden sie dann mit Riemen, am eigenen Wagen ein jeder.
545 Schnell nun führte man Rinder zum Schmaus’ und gemästete SchafeHer aus der Stadt; auch Wein, den herzerfreuenden, trug manReichlich, und Brot aus den Häusern, und Holz auch las man in Menge.Und man brachte den Göttern vollkommene Festhekatomben;Und dem Gefild’ entwallte der Opferduft in den Himmel,
550 Süßes Geruchs: doch verschmäheten ihn die seligen Götter,Abgeneigt; denn verhaßt war die heilige Ilios jenen,Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs. Sie dort, mutig und stolz, in des Kriegs Abteilung gelagert, Saßen die ganze Nacht; und es loderten häufige Feuer.
555 Wie wenn hoch am Himmel die Stern’ um den leuchtenden Mond herScheinen in herrlichem Glanz, wann windlos ruhet der Äther;Hell sind rings die Warten der Berg’, und die zackigen Gipfel,Täler auch; aber am Himmel eröffnet sich endlos der Äther;Alle nun schaut man die Stern’, und herzlich freut sich der Hirte.
560 So viel, zwischen des Xanthos Gestad’ und den Schiffen Achaias,Loderten, weit erscheinend vor Ilios, Feuer der Troer.Tausend Feuer im Feld’ entflammten sie; aber an jedemSaßen fünfzig der Männer, im Glanz des lodernden Feuers.Doch die Rosse, mit Spelt und gelblicher Gerste genähret,
565 Standen bei ihrem Geschirr, die goldene Früh’ erwartend.

Neunter Gesang

Inhalt

Agamemnon beruft die Fürsten, und rät zur Flucht. Diomedes und Nestor widerstehn. Wache am Graben. Die Fürsten von Agamemnon bewirtet ratschlagen. Auf Nestors Rat sendet Agamemnon, den Achilleus zu versöhnen, den Phönix, Ajas Telamons Sohn, und Odysseus, mit zween Herolden. Achilleus empfängt sie gastfrei, aber verwirft die Anträge, und behält den Phönix zurück. Die anderen bringen die Antwort in Agamemnons Zelt. Diomedes ermahnt zur Beharrlichkeit, und man geht zur Ruhe.


So dort wachten die Troer vor Ilios. Doch die AchaierÄngstete greuliche Flucht, des starrenden Schreckens Genossin;Und unduldsamer Schmerz durchdrang die Tapfersten alle.Wie zween Winde des Meers fischwimmelnde Fluten erregen,
5 Nord und sausender West, die beid’ aus Thrakia herwehn,Kommend in schleuniger Wut; und sogleich nun dunkles GewogeHoch sich erhebt, und häufig ans Land sie schütten das Meergras:Also zerriß Unruhe das Herz der edlen Achaier. Atreus’ Sohn, von unendlichem Gram in der Seele verwundet,
10 Wandelt’ umher, Herolden von tönender Stimme gebietend,Jeglichen Mann mit Namen zur Ratsversammlung zu rufen,Doch nicht laut; auch selbst arbeitet’ er unter den ersten.Jetzo saßen im Rat die Bekümmerten; und AgamemnonStand voll Tränen empor, der schwärzlichen Quelle vergleichbar,
15 Die aus jähem Geklipp hergeußt ihr dunkles Gewässer.Also schwer aufseufzend vor Argos’ Söhnen begann er: Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger, Hart hat Zeus der Kronid’ in schwere Schuld mich verstricket!Grausamer, welcher mir einst mit gnädigem Winke gelobet,
20 Heimzugehn ein Vertilger der festummauerten Troja.Doch nun sann er verderblichen Trug, und heißet mich ruhmlosWieder gen Argos kehren, nachdem viel Volks mir dahinstarb.Also gefällt’s nun wohl dem hocherhabnen Kronion,Der schon vielen Städten das Haupt zu Boden geschmettert,
25 Und noch schmettern es wird; denn sein ist siegende Allmacht.Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle:Laßt uns fliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter;Nie erobern wir doch die weitdurchwanderte Troja! Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
30 Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes: Atreus’ Sohn, gleich muß ich dein törichtes Wort dir bestreiten, Wie es gebührt, o König, im Rat; du zürne mir des nicht.Zwar mir schmähtest du jüngst die Tapferkeit vor den Achaiern,
35 Mutlos sei ich und ganz unkriegerisch; aber das allesWissen nun Argos’ Söhne, die Jünglinge so wie die Greise.Dir gab eins nur von beiden der Sohn des verborgenen Kronos:Nur mit dem Scepter der Macht geehrt zu werden vor allen;Doch nicht Tapferkeit gab er, die edelste Stärke der Menschen!
40 Wunderbarer, du glaubtest im Ernst, die Männer AchaiasWären so gar unkriegrisch und mutlos, wie du geredet?Doch wenn dir selber das Herz so eifrig drängt nach der Heimkehr,Wandere! Frei ist der Weg, und nahe die Schiff’ an dem MeerstrandAufgestellt, die in Menge dir hergefolgt von Mykene.
45 Aber die anderen bleiben, die hauptumlockten Achaier,Bis wir zerstört die Feste des Priamos! Wollen auch jene,Laß sie entfliehn in den Schiffen zum lieben Lande der Väter!Ich dann und Sthenelos kämpfen, und ruhn nicht, bis wir das SchicksalIlios endlich erreicht; denn ein Gott geleitet’ uns hieher!
50 Jener sprach’s; da jauchzten ihm rings die Männer Achaias, Hoch das Wort anstaunend von Tydeus’ Sohn Diomedes.Jetzo erstand vor ihnen und sprach der reisige Nestor: Tydeus’ Sohn, wohl bist du der tapferste Krieger im Schlachtfeld, Auch im Rat erscheinst du von deinem Alter der beste.
55 Keiner mag dir tadeln das Wort, von allen Achaiern,Noch entgegen dir reden; nur ward nicht vollendet das Wort dir.Zwar auch bist du ein Jüngling, und könntest sogar mein Sohn sein,Selber der Jüngst’ an Geburt! allein du sprichst mit VerstandeUnter den Fürsten des Heers, da der Sache gemäß du geredet.
60 Aber wohlan, ich selber, der höherer Jahre sich rühmet,Will ausreden das Wort und endigen; schwerlich auch wird mirEiner die Rede verschmähn, auch nicht Agamemnon der Herrscher.Ohne Geschlecht und Gesetz, ohn’ eigenen Herd ist jener,Wer des heimischen Kriegs sich erfreut, des entsetzlichen Scheusals!
65 Aber wohlan, jetzt wollen der finsteren Nacht wir gehorchen,Und das Mahl uns bereiten. Allein die Hüter der ScharenGehn hinaus, und lagern am Graben sich, außer der Mauer.Solches nun befehl’ ich den Jünglingen. Aber du führ’ uns,Atreus’ Sohn, ins Gezelt; denn du bist Obergebieter.
70 Gib den Geehrten ein Mahl; dir gleich ist solches, nicht ungleich.Voll sind dir die Gezelte des Weins, den der Danaer SchiffeTäglich aus Thrakia her auf weitem Meere dir bringen;Dir ist aller Bewirtung genug, der du vieles beherrschest.Sind dann viele gesellt, so gehorch’ ihm, welcher den besten
75 Rat zu raten vermag: denn Not ist allen AchaiernKluger und heilsamer Rat, da die Feind’ uns nahe den SchiffenBrennen der Feuer so viel! Wer mag wohl dessen erfreut sein?Diese Nacht wird vertilgen das Kriegsheer, oder erretten! Jener sprach’s; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
80 Schnell zur Hut enteilten gewappnete Männer dem Lager:Dort um Nestors Sohn, den Hirten des Volks Thrasymedes;Dort um Askalaphos her und Jalmenos, Söhne des Ares;Auch um Meriones dort, um Deïpyros auch, und den edlenAphareus, auch um Kreions erhabenen Sohn Lykomedes.
85 Sieben geboten der Hut; und hundert Jünglinge jedemFolgten gereiht, in den Händen die ragenden Speere bewegend.Zwischen dem Graben umher und der Mauer setzten sich jene;Dort entflammten sie Feuer, und rüsteten jeder die Nachtkost. Atreus’ Sohn nun führte die edleren Fürsten Achaias
90 All’ ins Gezelt, und empfing sie mit herzerfreuendem Schmause.Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;Jetzo begann der Greis den Entwurf zu ordnen in Weisheit,Nestor, der schon eher mit trefflichem Rate genützet;
95 Dieser begann wohlmeinend, und redete vor der Versammlung: Atreus’ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon, Dir soll beginnen das Wort, dir endigen; weil du so vielenVölkern mächtig gebeutst, und dir Zeus selber verliehn hatScepter zugleich und Gesetz, daß aller Wohl du beratest.
100 Drum ziemt dir’s vor allen, zu reden ein Wort, und zu hören,Auch zu vollziehn dem andern, wem sonst sein Herz es gebietet,Daß er rede zum Heil; denn du entscheidest, was sein soll.Aber ich selbst will sagen, wie mir’s am heilsamsten dünket.Denn kein anderer mag wohl besseren Rat noch ersinnen,
105 Als mein Herz ihn bewahrt, nicht vormals, oder anjetzt auch,Seit dem Tag, da du, Liebling des Zeus, die schöne BriseïsAus dem Gezelt entführtest dem zürnenden Peleionen:Nicht nach unserem Sinne fürwahr; denn ich habe mit großemErnste dich abgemahnt. Doch du, hochherziges Geistes,
110 Hast den tapfersten Mann, den selbst die Unsterblichen ehrten,Schmählich entehrt; denn du nahmst sein Geschenk ihm. Aber auch jetzoSinnt umher, wie wir etwa sein Herz versöhnend bewegenDurch gefällige Gaben, und sanft einnehmende Worte. Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon:
115 Greis, nicht unwahr hast du mir meine Fehle gerüget.Ja ich fehlt’, und leug’n es auch nicht! Traun, vielen der VölkerGleicht an Stärke der Mann, den Zeus im Herzen sich auskor:Wie nun jenen er ehrt’, und niederschlag die Achaier.Aber nachdem ich gefehlt, dem schädlichen Sinne gehorchend;
120 Will ich gern es vergelten, und biet’ unendliche Sühnung.Allen umher nun will ich die herrlichen Gaben benennen:Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger KesselSieben vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.
125 Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes:Als mir Siegskleinode gebracht die stampfenden Rosse!Sieben Weiber auch geb’ ich, untadlige, kundig der Arbeit,Lesbische, die, da er Lesbos, die blühende, selber erobert,
130 Ich mir erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.Diese nun geb’ ich ihm; es begleite sie, die ich entführet,Brises Tochter zugleich; und mit heiligem Eide beschwör’ ich’s,Daß ich nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.
135 Dieses empfang’ er alles sogleich. Wenn aber hinfort unsPriamos’ mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern;Reichlich soll er sein Schiff mit Gold und Erz belasten,Selbst einsteigend, wann einst wir Danaer teilen den Siegsraub.Auch der troischen Weiber erwähle sich zwanzig er selber,
140 Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn;Soll er mein Eidam sein, und ich ehr’ ihn gleich dem Orestes,Der mein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.Drei sind mir der Töchter in wohlverschlossener Wohnung:
145 Deren wähl’ er sich eine, Chrysothemis, Iphianassa,Oder Laodike auch, und führ’ umsonst die ErkorneHeim in des Peleus Haus; ich geb’ ihm selber noch Brautschatz,Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.Sieben geb’ ich ihm dort der wohlbevölkerten Städte:
150 Enope, und Kardamyle auch, und die grasige Hire,Phera, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,Auch Äpeia die schön’, und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.Alle sind nah’ am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos;Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich, und an Rindern:
155 Welche hoch mit Geschenk, wie einen Gott, ihn verehrten,Und dem Scepter gehorchend ihm steuerten reichliche Schatzung.Dieses vollend’ ich jenem, sobald er sich wendet vom Zorne.Zähm’ er sich! Aïdes ist unbiegsam, und unversöhnlich;Aber den Sterblichen auch der Verhaßteste unter den Göttern.
160 Mir nachstehn doch sollt’ er, so weit ich höher an Macht bin,Und so weit ich älter an Lebensjahren mich rühme. Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor: Atreus’ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,Nicht verächtliche Gaben gewährst du dem Herrscher Achilleus.
165 Auf denn, erlesene Männer entsenden wir, eilendes SchrittesHinzugehn ins Gezelt des Peleiaden Achilleus.Oder wohlan, ich selber erwähle sie; und sie gehorchen.Phönix gehe zuerst, der Liebling des Zeus, als Führer;Dann auch Ajas der Große zugleich, und der edle Odysseus.
170 Aber Hodios folg’ und Eurybates ihnen als Herold.Sprengt nun mit Wasser die Händ’, und ermahnt zur Stille der Andacht;Daß wir Zeus den Kroniden zuvor anflehn um Erbarmung. Jener sprach’s; und allen gefiel die Rede des Königs. Eilend sprengten mit Wasser die Herold’ ihnen die Hände;
175 Jünglinge füllten sodann die Krüge zum Rand mit Getränke,Wandten von neuem sich rechts, und verteileten allen die Becher.Als sie des Tranks nun gesprengt, und nach Herzenswunsche getrunken;Eilten sie aus dem Gezelte von Atreus’ Sohn Agamemnon.Viel ermahnte sie noch der gerenische reisige Nestor,
180 Jeglichem Mann zuwinkend, allein vor allen Odysseus,Eiferig doch zu bereden den herrlichen Peleionen. Beide nun gingen am Ufer des weitaufrauschenden Meeres, Beteten viel und gelobten dem Erdumgürter Poseidon,Daß sie doch leicht gewönnen den hohen Sinn des Achilleus.
185 Als sie die Zelt’ und Schiffe der Myrmidonen erreichten; Fanden sie ihn, erfreuend sein Herz mit der klingenden Leier,Schön und künstlich gewölbt, woran ein silberner Steg war;Die aus der Beut’ er gewählt, da Eëtions Stadt er vertilget:Hiermit erfreut’ er sein Herz, und sang Siegstaten der Männer.
190 Gegen ihn saß Patroklos allein, und harrete schweigendDort auf Äakos’ Enkel, bis seinen Gesang er vollendet.Beid’ itzt gingen daher, und voran der edle Odysseus,Nahten und standen vor ihm; bestürzt nun erhub sich Achilleus,Samt der Leier zugleich, verlassend den Sitz, wo er ruhte.
195 Auch Patroklos erhub sich, sobald er sahe die Männer.Beid’ an der Hand anfassend begann der Renner Achilleus: Freude mit euch! willkommen ihr Teuersten! Zwar ist gewiß Not! Doch auch dem Zürnenden kommt ihr geliebt vor allen Achaiern. Also sprach, und führte hinein, der edle Achilleus,
200 Setzte sie dann auf Sessel und Teppiche, schimmernd von Purpur.Eilend sprach er darauf zu Patroklos, der ihm genaht war: Einen größeren Krug, Menötios’ Sohn, uns gestellet; Misch’ auch stärkeren Wein, und jeglichem reiche den Becher;Denn die wertesten Männer sind unter mein Dach nun gekommen.
205 Jener sprach’s; da gehorchte dem lieben Freunde Patroklos. Selbst nun stellt’ er die mächtige Bank im Glanze des Feuers,Legte darauf den Rücken der feisten Zieg’ und des Schafes,Legt’ auch des Mastschweins Schulter darauf voll blühendes Fettes.Aber Automedon hielt, und es schnitt der edle Achilleus;
210 Wohl zerstückt’ er das Fleisch, und steckt es alles an Spieße.Mächtige Glut entflammte Menötios’ göttlicher Sohn itzt.Als nun die Loh’ ausbrannt’, und des Feuers Blume verwelkt war;Breitet’ er hin die Kohlen, und richtete drüber die Spieße,Sprengte mit heiligem Salz, und dreht’ auf stützenden Gabeln.
215 Als er nunmehr es gebraten, und hin auf Borde geschüttet;Teilte Patrokles das Brot in schöngeflochtenen KörbenRings um den Tisch; und das Fleisch verteilete selber Achilleus;Setzte sich dann entgegen dem göttergleichen Odysseus,Dort an der anderen Wand, und gebot, daß Patroklos den Göttern
220 Opferte; dieser gehorcht’, und warf die Erstling’ ins Feuer.Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;Jetzt winkt Ajas dem Phönix. Das sah der edle Odysseus,Füllte mit Wein den Becher, und trank dem Peleiden mit Handschlag:


225 Heil dir, Peleid’! es mangelt uns nicht des gemeinsamen Mahles,Weder dort im Gezelt um Atreus’ Sohn Agamemnon,Noch auch jetzo allhier; denn genug des Erfreuenden stehetHier zum Schmaus; doch nicht nach lieblichem Mahle verlangt uns;Sondern das große Weh, du Göttlicher, ringsum schauend,
230 Zagen wir! Jetzo gilt’s, ob errettet sind, oder verloren,Uns die gebogenen Schiffe, wo du nicht mit Stärke dich gürtest!Nahe den Schiffen bereits und der Mauer drohn sie gelagert,Trojas mutige Söhn’, und die fernberufenen Helfer,Ringsum Feuer entflammend durchs Heer; und es hemme sie, trotzt man,
235 Nichts annoch, sich hinein in die dunkelen Schiffe zu stürzen.Ihnen gewährt auch Zeus rechtshin erscheinende ZeichenSeines Strahls; doch Hektor, die funkelnden Augen voll Mordlust,Wütet daher, und vertrauend dem Donnerer, achtet er nichts mehr,Weder Menschen noch Gott; so treibt ihn der Taumel des Wahnsinns.
240 Sehnlich wünscht er, daß bald der heilige Morgen erscheine;Denn er verheißt von den Schiffen zu haun die prangenden Schnäbel,Sie dann selbst zu verbrennen in stürmender Flamm’, und zu mordenArgos’ Söhn’ um die Schiffe, betäubt im Dampfe des Brandes.Doch nun sorg’ ich im Herzen, und fürchte mich, daß ihm die Drohung
245 Ganz vollenden die Götter, und uns das Schicksal verhängt sei,Hinzusterben in Troja, entfernt von der fruchtbaren Argos.Aber wohlauf! wenn das Herz dir gebeut, die Männer AchaiasJetzt, auch spät, zu befrein aus der drängenden Troer Getümmel.Siehe dich selbst hinfort bekümmert es; aber umsonst ja
250 Sucht man geschehenem Übel noch Besserung; lieber zuvor nunSinn’ umher, wie du wendest den schrecklichen Tag der Achaier.Ach mein Freund, wie sehr ermahnte dich Peleus der VaterJenes Tags, da aus Phtia zu Atreus’ Sohn er dich sandte:Lieber Sohn, Siegsstärke wird dir Athenäa und Here
255 Geben, wenn’s ihnen gefällt; nur bändige du dein erhabnesStolzes Herz in der Brust; denn freundlicher Sinn ist besser.Meide den bösen Zank, den verderblichen, daß dich noch höherEhre das Volk der Argeier, die Jünglinge so wie die Greise.Also ermahnte der Greis; du vergaßest es. Aber auch jetzt noch
260 Ruh’, und entsage dem Zorne, dem kränkenden! Sieh AgamemnonBeut dir würdige Gaben, sobald du dich wendest vom Zorne.Willst du, so höre mich an, damit ich dir alles erzähle,Was dir dort im Gezelt zur Gabe verhieß Agamemnon:Zehn Talente des Goldes, dazu dreifüßiger Kessel
265 Sieben vom Feuer noch rein, und zwanzig schimmernde Becken;Auch zwölf mächtige Rosse, gekrönt mit Preisen des Wettlaufs.Wohl nicht dürftig wäre der Mann, dem so vieles geworden,Und nicht arm an Schätzen des hochgepriesenen Goldes;Als Agamemnons Rosse der Siegskleinode gewannen.
270 Sieben Weiber auch gibt er, untadlige, kundig der Arbeit,Lesbische, die, da du Lesbos, die blühende, selber erobert,Er sich erkor, die an Reiz der Sterblichen Töchter besiegten.Diese nun gibt er dir; es begleite sie, die er entführet,Brises Tochter zugleich; und mit heiligem Eide beschwört er’s,
275 Daß er nie ihr Lager verunehrt, noch ihr genahet,Wie in der Menschen Geschlecht der Mann dem Weibe sich nahet.Dieses empfängst du alles sogleich. Wenn aber hinfort unsPriamos’ mächtige Stadt die Götter verleihn zu erobern;Reichlich sollst du dein Schiff mit Gold und Erz belasten,
280 Selbst einsteigend, wenn einst wir Danaer teilen den Siegsraub.Auch der troischen Weiber erwähle du zwanzig dir selber,Die nach Helena dort, der Argeierin, prangen an Schönheit.Wann zum achaiischen Argos, dem Segenslande, wir heimziehn;Sollst du sein Eidam sein, und er ehrt dich gleich dem Orestes,
285 Der sein einziger Sohn aufblüht in freudiger Fülle.Drei sind ihm der Töchter in wohlverschlossener Wohnung:Deren wähle dir eine, Chrysothemis, Iphianassa,Oder Laodike auch, und führ’ umsonst die ErkorneHeim in des Peleus Haus; er gibt dir selber noch Brautschatz,
290 Reichlichen, mehr als je ein Mann der Tochter gegeben.Sieben gibt er dir dort der wohlbevölkerten Städte:Enope, und Kardamyle auch, und die grasige Hire,Pherä, die heilige Burg, und die grünenden Aun um Antheia,Auch Äpeia die schön’, und Pedasos, fröhlich des Weinbaus.
295 Alle sind nah’ am Meere, begrenzt von der sandigen Pylos;Und es bewohnen sie Männer, an Schafen reich, und an Rindern:Welche hoch mit Geschenk, wie einen Gott, dich verehrten,Und dein Scepter gehorchend dir steuerten reichliche Schatzung.Dieses vollendet er dir, sobald du dich wendest vom Zorne.
300 Aber wenn Atreus’ Sohn zu sehr dir im Herzen verhaßt ist,Er und seine Geschenk’; o so schau der andern AchaierDrängende Not mit Erbarmen im Heer, das wie einen der GötterEhren dich wird; denn wahrlich erhabenen Ruhm dir gewännst du:Hektor entraftest du nun! denn nahe dir wagt’ er zu kommen,
305 Voll unsinniger Wut; da er wähnt, nicht einer auch gleicheIhm in der Danaer Volk, so viel hertrugen die Schiffe. Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus: Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus,Sieh ich muß die Rede nur grad’ und frank dir verweigern,
310 So wie im Herzen ich denk’; und wie’s unfehlbar geschehn wird;Daß ihr mir nicht vorjammert, von hier und dort mich belagernd.Denn mir verhaßt ist jener, so sehr wie des Aïdes Pforten,Wer ein andres im Herzen verbirgt, und ein anderes redet.Aber ich selbst will sagen, wie mir’s am heilsamsten dünket.
315 Weder des Atreus’ Sohn Agamemnon soll mich bereden,Noch die andern Achaier; dieweil ja nimmer ein Dank war,Stets unverdrossenen Kampf mit feindlichen Männern zu kämpfen!Gleich ist des Bleibenden Los, und sein, der mit Eifer gestritten;Gleicher Ehre genießt der Feig’ und der tapfere Krieger;
320 Gleich auch stirbt der Träge dahin, und wer vieles getan hat.Nichts ja frommt es mir selbst, da ich Sorg’ und Kummer erduldet,Stets die Seele dem Tod’ entgegentragend im Streite.So wie den nackenden Vöglein im Nest herbringet die MutterEinen gefundenen Bissen, wenn ihr auch selber nicht wohl ist:
325 Also hab’ ich genug unruhiger Nächte durchwachet,Auch der blutigen Tage genug durchstrebt in der Feldschlacht,Tapfere Männer bestreitend, um jenen ein Weib zu erobern!Zwölf schon hab’ ich mit Schiffen bevölkerte Städte verwüstet,Und elf andre zu Fuß umher in der scholligen Troja;
330 Dort aus allen erkor ich der Kleinode viel und geehrteMir voraus, und brachte sie all’ Agamemnon zur Gabe,Atreus’ Sohn; er ruhend indes bei den rüstigen Schiffen,Nahm die Schätz’, und verteilt’ ein weniges, vieles behielt er.Dennoch gab er den Helden und Königen Ehrengeschenke,
335 Die noch jeder verwahrt; nur mir von allen AchaiernNahm er’s, und hat das reizende Weib, womit er der WollustPflegen mag! Was bewog denn zum Kriegszug gegen die TroerArgos’ Volk? Was fährt’ er hieher die versammelten Streiter,Atreus’ Sohn? War’s nicht der lockigen Helena wegen?
340 Lieben allein denn jene die Fraun von den redenden Menschen,Atreus’ Söhn’? Ein jeglicher Mann, der edel und weis’ ist,Liebt und pflegt die Seine mit Zärtlichkeit: so wie ich jeneAuch von Herzen geliebt, wiewohl mein Speer sie erbeutet.Nun er mir aus den Händen den Siegslohn raubte mit Arglist,
345 Nie versuch’ er hinfort mich Kundigen! Nimmer ihm trau’ ich!Sondern mit dir, Odysseus, und anderen VölkergebieternSinn’ er nach, von den Schiffen die feindliche Glut zu entfernen.Wahrlich schon sehr vieles vollendet’ er ohne mein Zutun:Schon die Mauer erbaut’ er, und leitete draußen den Graben,
350 Breit umher und groß; und drinnen auch pflanzet’ er Pfähle!Dennoch kann er ja nicht die Gewalt des mordenden HektorsBändigen! Aber da ich im Danaervolke noch mitzog;Niemals wagt’ es Hektor, entfernt von der Mauer zu kämpfen;Sondern nur zum skäischen Tor und der Buche gelangt’ er,
355 Wo er einst mich bestand, und kaum mir entfloh vor dem Angriff.Nun mir nicht es gefällt, mit dem göttlichen Hektor zu kämpfen;Bring’ ich morgen ein Opfer für Zeus und die anderen Götter,Wohl dann belad’ ich die Schiff’, und nachdem ich ins Meer sie gezogen,Wirst du schaun, so du willst, und solcherlei Dinge dich kümmern,
360 Schwimmen im Morgenrot auf dem flutenden HellespontosMeine Schiff’, und darin die emsig rudernden Männer;Und wenn glückliche Fahrt der Gestaderschüttrer gewähret,Möcht’ ich am dritten Tag’ in die schollige Phtia gelangen.Vieles hab’ ich daheim, das ich hieher wandernd zurückließ;
365 Anderes auch von hier, des rötlichen Erzes und Goldes,Schöngegürtete Weiber zugleich, und grauliches Eisen,Bring’ ich, durchs Los mir beschert; doch den Siegslohn, der ihn gegeben,Nahm ihn mir selbst hochmütig, der Völkerfürst Agamemnon,Atreus’ Sohn! Das alles verkünd’ ihm, so wie ich sage,
370 Öffentlich: daß auch die andern im Volk der Achaier ergrimmen,Wenn er vielleicht noch einen der Danaer hofft zu betrügen,Jener in Unverschämtheit gehüllete! Schwerlich indes mirWagt er hinfort, auch frech wie ein Hund, ins Antlitz zu schauen;Nimmer ihm werd’ ich zu Rat mich vereinigen, nimmer zu Taten!
375 Einmal betrog er mich nun, und frevelte; nimmer hinfort wohlTäuscht sein tückisches Wort; er begnüge sich! sondern geruhigWandr’ er dahin: denn ihm raubte der waltende Zeus die Besinnung.Greul sind mir seine Geschenk’, und ich acht’ ihn selber nicht so viel!Nein, und böt’ er mir zehnmal und zwanzigmal größere Güter,
380 Als was jetzo er hat, und was er vielleicht noch erwartet;Böt’ er sogar die Güter Orchomenos, oder was ThebeHegt, Ägyptos Stadt, wo reich sind die Häuser an Schätzen:Hundert hat sie der Tor’, und es ziehn zweihundert aus jedemRüstige Männer zum Streit mit Rossen daher und Geschirren:
385 Böt’ er mir auch so viel, wie des Sandes am Meer und des Staubes;Dennoch nimmer hinfort bewegte mein Herz Agamemnon,Eh’ er mir ausgebüßt die seelenkränkende Schmähung!Keine Tochter begehr’ ich von Atreus’ Sohn Agamemnon;Trotzte sie auch an Reiz der goldenen Aphrodite,
390 Wäre sie klug, wie Pallas Athen’, an künstlicher Arbeit;Dennoch begehr’ ich sie nicht! Er wähle sich sonst der AchaierEinen, der ihm gemäß, und der auch höher an Macht ist.Denn erhalten die Götter mich nur, und gelang’ ich zur Heimat;Dann wird Peleus selbst ein edeles Weib mir vermählen.
395 Viel der Achaierinnen sind rings in Hellas und Phtia,Töchter erhabener Fürsten, die Städt’ und Länder beherrschen;Hievon, die mir gefällt, erwähl’ ich zur trauten Gemahlin.Dort auch trachtet mir oft des mutigen Herzens Verlangen,Einer Ehegenossin vermählt, in gefälliger Eintracht,
400 Mich der Güter zu freun, die Peleus der Greis sich gesammelt.Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir: nichts, was vordem auchIlios barg, wie man sagt, die Stadt voll prangender Häuser,Einst, als blühte der Fried’, eh’ die Macht der Achaier daherkam;Noch, was die steinerne Schwelle des Treffenden drinnen bewahret,
405 Phöbos Apollons Schatz, in Pythos klippichten Feldern.Beutet man doch im Kriege gemästete Rinder und Schafe,Und gewinnt Dreifüß’ und braungemähnete Rosse;Aber des Menschen Geist kehrt niemals, weder erbeutet,Noch erlangt, nachdem er des Sterbenden Lippen entflohn ist.
410 Meine göttliche Mutter, die silberfüßige Thetis,Sagt, mich führe zum Tod’ ein zweifach endendes Schicksal.Wenn ich allhier verharrend die Stadt der Troer umkämpfe;Hin sei die Heimkehr dann, doch blühe mir ewiger Nachruhm.Aber wenn heim ich kehre zum lieben Lande der Väter;
415 Dann sei verwelkt mein Ruhm, doch weithin reiche des LebensDauer, und nicht frühzeitig ans Ziel des Todes gelang’ ich.Auch den übrigen möcht’ ich ein ratsames Wort zureden,Heim in den Schiffen zu gehn: nie findet ihr doch der erhabnenIlios Untergang; denn der waltende Zeus Kronion
420 Deckt sie mit schirmender Hand, und mutvoll trotzen die Völker.Aber ihr nun geht, den edelen Fürsten AchaiasBotschaft anzusagen: das Ehrenamt der Geehrten:Daß sie anderen Rat und besseren jetzo ersinnen,Welcher die Schiff’ errette zugleich, und das Volk der Achaier
425 Bei den geräumigen Schiffen; denn nicht ist jener gedeihlich,Welchen sie jetzt ausdachten, da ich im Zorne beharre.Phönix indes mag bleibend bei uns zur Ruhe sich legen,Daß er mit mir heimschiffe zum lieben Lande der VäterMorgen, wenn’s ihm gefällt; denn nicht aus Zwang soll er mitgehn.


430 Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen,Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt’ er geredet.Endlich begann vor ihnen der graue reisige Phönix,Mit vordrängenden Tränen, besorgt um der Danaer Schiffe: Hast du die Heimkehr denn im Geiste dir, edler Achilleus,
435 Vorgesetzt, und entsagst du durchaus, vom vertilgenden FeuerUnsere Schiffe zu retten, da Zorn dein Herz dir erfüllet;O wie könnt’ ich von dir, mein Sohn, verlassen noch weilen,Einsam? Mich sandte mit dir der graue reisige PeleusJenes Tags, da aus Phtia zu Atreus’ Sohn er dich sandte,
440 Noch sehr jung, unkundig des allverheerenden Krieges,Und ratschlagender Reden, wodurch sich Männer hervortun.Darum sandt’ er mich her, um dich das alles zu lehren:Beides beredt in Worten zu sein, und rüstig in Taten.Also könnt’ ich von dir, mein trauter Sohn, mich unmöglich
445 Trennen, und gäbe mir auch ein Himmlischer selbst die Verheißung,Mich vorn Alter enthüllt zum blühenden Jüngling zu schaffen:So wie ich Hellas verließ, das Land der rosigen Jungfraun,Fliehend des Vaters Zank, des Ormeniden Amyntor,Der um die Lagergenossin, die schöngelockte, mir zürnte:
450 Diese liebt’ er im Herzen, die ehliche Gattin entehrend,Meine Mutter. Doch stets umschlang sie mir flehend die Kniee,Jene zuvor zu beschlagen, daß gram sie würde dem Greise.Ihr gehorcht’ ich, und tat’s. Doch sobald es merkte der Vater,Rief er mit gräßlichem Fluch der Erinnyen furchtbare Gottheit,
455 Daß nie sitzen ihm möcht’ auf seinen Knieen ein Söhnlein,Von mir selber gezeugt; und den Fluch vollbrachte der grauseUnterirdische Zeus, und die schreckliche Persephoneia.Erst zwar trieb mich der Zorn mit scharfem Erz ihn zu töten;Doch der Unsterblichen einer bezähmte mich, welcher ins Herz mir
460 Legte des Volks Nachred’, und die Schmähungen unter den Menschen:Daß nicht rings die Achaier den Vatermörder mich nennten.Jetzo durchaus nicht länger ertrug’s mein Herz in dem Busen,Daß vor dem zürnenden Vater ich dort umging’ in der Wohnung,Häufig zwar umringten mich Jugendfreund’ und Verwandte,
465 Welche mit vielem Flehn zurück im Hause mich hielten.Viele gemästete Schaf’ und viel schwerwandelndes HornviehSchlachteten sie, und manches mit Fett umblühete MastschweinSengten sie ausgestreckt in der lodernden Glut des Hephästos;Viel auch wurde des Weines geschöpft aus den Krügen des Greises.
470 Neun der Nächte bei mir verweileten jene beständig,Wechselnd die Hut umeinander; und nie erloschen die Feuer;Eins am Tor in der Halle des festummauerten Vorhofs,Eins auf des Hauses Flur, vor der Doppelpforte der Kammer.Aber nachdem die zehnte der finsteren Nächte gekommen;
475 Jetzt erbrach ich der Kammer mit Kunst gefügete Pforte,Eilte hinaus, und erstieg die feste Mauer des VorhofsLeicht, von keinem der Hüter bemerkt und der wachenden Weiber,Sprang dann hinab, und entfloh durch Hellas weite Gefilde,Bis ich zur scholligen Phtia, voll wimmelnder Auen, gekommen,
480 Hin zum Könige Peleus; der gern und freundlich mich aufnahm,Und mich geliebt, wie ein Vater den einzigen Sohn nur liebet,Den er im Alter gezeugt, sein großes Gut zu ererben.Jener machte mich reich, und gab mir ein Volk zu verwalten,Fern an der Grenze von Phtia, der Doloper mächtige Herrschaft.
485 Dich auch macht’ ich zum Manne, du göttergleicher Achilleus,Liebend mit herzlicher Treu; auch wolltest du nimmer mit andernWeder zum Gastmahl gehn, noch daheim in den Wohnungen essen,Eh’ ich selber dich nahm, auf meine Kniee dich setzend,Und die zerschnittene Speise dir reicht’, und den Becher dir vorhielt.
490 Oftmals hast du das Kleid mir vorn am Busen befeuchtet,Wein aus dem Munde verschüttend in unbehilflicher Kindheit.Also hab’ ich so manches durchstrebt, und so manches erduldet,Deinethalb; ich bedachte, wie eigene Kinder die GötterMir versagt, und wählte, du göttergleicher Achilleus,
495 Dich zum Sohn, daß du einst vor traurigem Schicksal mich schirmtest.Zähme dein großes Herz, o Achilleus! Nicht ja geziemt dirUnerbarmender Sinn; oft wenden sich selber die Götter,Die doch weit erhabner an Herrlichkeit, Ehr’ und Gewalt sind.Diese vermag durch Räuchern und demutsvolle Gelübde,
500 Durch Weinguß und Gedüft, der Sterbliche umzulenken,Flehend, nachdem sich einer versündiget oder gefehlet.Denn die reuigen Bitten sind Zeus’ des Allmächtigen Töchter,Welche lahm und runzlig und scheeles Blicks einhergehn,Und stets hinter der Schuld den Gang zu beschleunigen streben.
505 Aber die Schuld ist frisch und hurtig zu Fuß; denn vor allenWeithin läuft sie voraus, und zuvor in jegliches Land auchKommt sie, schadend den Menschen; doch jen’ als heilende folgen.Wer nun mit Scheu aufnimmt die nahenden Töchter Kronions,Diesem helfen sie sehr, und hören auch seines Gebetes.
510 Doch wenn einer verschmäht, und trotziges Sinnes sich weigert;Jetzo flehn die Bitten, zu Zeus Kronion gewendet,Daß ihm folge die Schuld, bis er durch Schaden gebüßet.Aber gewähr’, Achilleus, auch du den Töchtern KronionsEhre, die auch Andrer und Tapferer Herz gebeugt hat.
515 Denn wofern nicht Gaben er böt’, und künftig verhieße,Atreus’ Sohn, und stets in feindlichem Sinne beharrte;Nimmer fürwahr begehrt’ ich, daß leicht wegwerfend den Zorn duArgos Volk abwehrtest die Not, wie sehr sie’s bedürften.Doch nun gibt er ja vieles sogleich, und andres verheißt er;
520 Sandt’ auch, dich zu erflehen, daher die edelsten Männer,Die er in Argos Volk auswählete, weil sie die liebstenAller Achaier dir sind. Du verschmäh’ nicht diesen die Rede,Oder den Gang. Nicht war ja zuvor unbillig dein Zürnen.Also hörten wir auch in der Vorzeit rühmen die Männer
525 Göttliches Stamms, wenn einer zu heftigem Zorn sich ereifert;Doch versöhnten sie Gaben und mild zuredende Worte.Einer Tat gedenk’ ich von alters her, nicht von neulich,Wie sie geschah; ich will sie vor euch, ihr Lieben, erzählen.Mit den Kureten stritt der Ätolier mutige Heerschar
530 Einst um Kalydons Stadt, und sie würgten sich untereinander:Denn die Ätolier kämpften für Kalydons liebliche Feste,Weil der Kureten Volk sie mit Krieg zu verheeren entbrannt war.Artemis sandte das Weh, die goldenthronende Göttin,Zürnend, daß ihr kein Opfer der Ernt’ auf fruchtbarem Acker
535 Öneus bracht’; ihm genossen die Himmlischen all Hekatomben;Ihr nur opfert’ er nicht, der Tochter Zeus’ des Erhabnen,Achtlos, oder vergessend; doch groß war seine Verschuldung.Jene darauf voll Zorns, die Unsterbliche, froh des Geschosses,Reizt’ ihm ein borstenumstarrt Waldschwein mit gewaltigen Hauern,
540 Das viel Böses begann, des Öneus Äcker durchstürmend.Viel hochragende Bäume hinab warf’s übereinanderSamt den Wurzeln zur Erd’, und samt den Blüten des Obstes.Endlich erschlug den Verderber des Öneus’ Sohn Meleagros,Der aus vielen Städten die mutigsten Jäger und Hunde
545 Sammelte; denn nie hätt’ er mit kleinerer Schar es bezwungen,Jenes Gewild, das viel’ auf die traurigen Scheiter geführet.Artemis aber erregt’ ein großes Getös’ und GetümmelÜber des Ebers Haupt und borstenstarrende Hülle,Zwischen dem Volk der Kureten und hochgesinnten Ätoler.
550 Weil nunmehr Meleagros der Streitbare mit in die FeldschlachtZog, traf stets die Kureten das Unheil; und sie vermochtenNicht mehr außer der Mauer zu stehn, so viel sie auch waren.Doch da von Zorn Meleagros erfüllt ward, welcher auch andernOft anschwellt im Busen das Herz, den Verständigsten selber;
555 Jener nunmehr, Groll tragend der leiblichen Mutter Althäa,Ruhte daheim bei der Gattin, der rosigen Kleopatra,Die von der raschen Marpissa erwuchs, der Tochter Euenos,Und dem gewaltigen Idas, dem tapfersten ErdebewohnerJener Zeit; denn selbst auf den herrschenden Phöbos Apollon
560 Hatt’ er den Bogen gespannt, um das leichthinwandelnde Mägdlein.Jene ward im Palaste darauf von Vater und MutterMit Zunamen genannt Alkyone, weil ihr die MutterEinst das Jammergeschick der Alkyon traurig erduldend,Weinete, da sie entführt der treffende Phöbos Apollon.
565 Bei ihr ruhete jener, das Herz voll nagendes Zornes,Hart gekränkt ob der Mutter Verwünschungen, welche die GötterAngefleht viel seufzend, um ihres Bruders Ermordung:Viel mit den Händen auch schlug sie die nahrungsprossende Erde,Rufend zu Aïdes Macht und der schrecklichen Persephoneia,
570 Hingesenkt auf die Knie’, und netzte sich weinend den Busen,Tod zu senden dem Sohn; und die wütende grause ErinnysHört’ aus dem Erebos sie, das nachtdurchwandelnde Scheusal.Schnell nun erscholl um die Tore der feindliche Sturm, und die TürmeRasselten laut von Geschoß. Da kamen Ätoliens Greise
575 Flehend zu ihm, und sandten die heiligsten Priester der Götter,Daß er zum Kampf auszög’, ein großes Geschenk ihm verheißend.Wo die fetteste Flur der lieblichen Kalydon prange,Dort geboten sie ihm ein stattliches Gut sich zu wählen,Fünfzig Morgen umher: die Hälft’ an Rebengefilde,
580 Und die Hälft’ unbeschattetes Land für die Saat zu durchschneiden.Viel auch flehet’ ihm selbst der graue reisige Öneus,Steigend hinan die Schwelle der hochgewölbeten Kammer,Schütternd die festeinfugende Pfort’, und jammernd zum Sohne.Viel auch die Schwestern zugleich und die ehrfurchtwürdige Mutter
585 Fleheten ihm; doch mehr nur verweigert’ er; viel auch die Freunde,Welche stets vor allen geliebt ihm waren und teuer.Dennoch konnten sie nicht sein Herz im Busen bewegen;Bis schon häufig die Kammer Geschoß traf, schon auf die TürmeKlomm der Kureten Volk, und die Stadt rings flammte von Feuer.
590 Jetzo bat den Helden die schöngegürtete Gattin,Flehend mit Jammerton, und nannt’ ihm alle das Elend,Das unglückliche Menschen umringt in eroberter Feste:Wie man die Männer erschlägt, und die Stadt mit Flammen verwüstet,Auch die Kinder entführt, und die tiefgegürteten Weiber.
595 Jetzt ward rege sein Herz, da so schreckliche Taten er hörte.Eilend ging er, und hüllte das strahlende Waffengeschmeid’ um.Also wandt’ er nunmehr den bösen Tag der Ätoler,Folgend dem eigenen Mut; doch gaben sie nicht die Geschenk’ ihm,Viel’ und köstliches Wertes, umsonst nun wandt’ er das Übel.
600 Nicht so denke du mir, mein Trautester; laß dir den DämonNicht dorthin verleiten das Herz! Weit schlechter ja wär’ es,Wenn du die brennenden Schiffe verteidigtest! Nein, für GeschenkeKomm; dann ehren dich rings, wie einen Gott, die Achaier.Doch wenn sonder Geschenk in die mordende Schlacht du hineingehst;
605 Nicht mehr gleich wird Ehre dir sein, wie mächtige du obsiegst. Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus: Phönix, mein alter Vater, du Göttlicher, wenig bedarf ichJener Ehr’; ich meine, daß Zeus’ Ratschluß mich geehret!Diese dauert bei den Schiffen der Danaer, weil mir der Atem
610 Meinen Busen noch hebt, und Kraft in den Knieen sich reget.Eines verkünd ich dir noch, und du bewahr’ es im Herzen.Störe mir nicht die Seele mit jammernder Klag’ und Betrübnis,Atreus’ Heldensohn zu begünstigen. Wenig geziemt dir’s,Daß du ihn liebst; du möchtest in Haß die Liebe mir wandeln.
615 Besser daß du mit mir den kränkst, der mich selber gekränket!Gleich mir herrsche hinfort, und empfang die Hälfte der Ehre.Diese verkünden es schon; du lege dich auszuruhenHier auf weichem Lager. Sobald der Morgen sich rötet,Halten wir Rat, ob wir kehren zum Unsrigen, oder noch bleiben.
620 Sprach’s, und gebot dem Patroklos geheim mit deutenden Wimpern, Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen; daß sie der HeimkehrSchnell aus seinem Gezelt sich erinnerten. Eilend begann nunAjas, der göttliche Sohn des Telamon, vor der Versammlung: Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus,
625 Laß uns gehn; denn schwerlich, so scheint’s, wird jetzo der EndzweckUnseres Weges erreicht; zu verkündigen aber in EileZiemt’s das Wort den Achaiern, wiewohl es wenig erfreuet;Denn sie sitzen gewiß, und erwarten uns. Aber AchilleusTrägt ein Herz voll Stolzes und Ungestüms in dem Busen!
630 Grausamer! nichts bewegt ihn die Freundschaft seiner Genossen,Die wir stets bei den Schiffen ihn hochgeehrt vor den andern!Unbarmherziger Mann! Sogar für des Bruders Ermordung,Oder des toten Sohns, empfing wohl mancher die Sühnung;Dann bleibt jener zurück in der Heimat, vieles bezahlend;
635 Aber bezähmt wird diesem der Mut des erhabenen Herzens,Wann er die Sühnung empfing. Allein dir gaben ein hartesUnversöhnliches Herz die Unsterblichen, wegen des einenMägdleins! Bieten wir dir doch sieben erlesene Jungfraun,Auch viel andres dazu! O sei doch erbarmendes Herzens;
640 Ehr’ auch den heiligen Herd: wir sind dir Gäste des HausesAns der Danaer Volk, und achten es groß, vor den andernNahe verwandt dir zu sein, und die wertesten aller Achaier. Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus: Ajas, göttlicher Sohn des Telamon, Völkergebieter,
645 Alles hast du beinahe mir selbst aus der Seele geredet.Aber es schwillt mein Herz von Galle mir, wenn ich des MannesDenke, der mir so schnöde vor Argos’ Volke getan hat,Atreus’ Sohn, als wär’ ich ein ungeachteter Fremdling.Ihr demnach geht hin, und verkündiget dort die Botschaft.
650 Denn nicht eher gedenk’ ich des Kampfs und der Männerermordung,Ehe des waltenden Priamos’ Sohn, der göttliche Hektor,Schon die Gezelt’ und Schiffe der Myrmidonen erreicht hat,Argos’ Volk hinmordend, und Glut in den Schiffen entflammt.Doch wird, hoff’ ich, bei meinem Gezelt und dunkelen Schiffe
655 Hektor, wie eifrig er ist, sich wohl enthalten des Kampfes. Jener sprach’s; und jeglicher nahm den doppelten Becher, Sprengt’, und ging zu den Schiffen gewandt; sie führet’ Odysseus.Aber Patroklos befahl den Genossen umher und den Mägden,Phönix ein wärmendes Bett zu beschleunigen, ohne Verweilen.
660 Ihm gehorchten die Mägd’, und breiteten emsig das Lager,Wollige Vlies’, und die Deck’, und der Leinwand zarteste Blume.Dort nun ruhte der Greis, die heilige Früh’ erwartend.Aber Achilleus schlief im innern Gemach des Gezeltes;Und ihm ruhte zur Seit’ ein rosenwangiges Mägdlein,
665 Das er in Lemnos gewann, des Forbas Kind, Diomede.Auch Patroklos legt’ ihm entgegen sich; aber zur Seit’ ihmIphis hold und geschmückt, die der Peleion’ ihm geschenket,Als er Skyros bezwang, die erhabene Stadt des Enyeus. Jene, nachdem sie erreicht die Kriegsgezelt’ Agamemnons,
670 Grüßte mit goldenen Bechern die Schar der edlen Achaier,Andere anderswoher entgegeneilend und fragend.Aber zuerst erforschte der Völkerfürst Agamemnon: Sprich, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achaier, Will er vielleicht abwehren die feindliche Glut von den Schiffen?
675 Oder versagt er, und nähret den Zorn des erhabenen Herzens? Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus: Atreus’ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,Noch will jener den Zorn nicht bändigen, sondern nur höherSchwillt ihm der Mut; dein achtet er nicht, noch deiner Geschenke.
680 Selber heißer er dich mit Argos’ Söhnen erwägen,Wie du die Schiffe zu retten vermögst und das Volk der Achaier.Aber er selber droht, sobald der Morgen sich rötet,Nieder ins Meer zu ziehen die schöngebordeten Schiffe.Auch den übrigen möcht’ er ein ratsames Wort zureden,
685 Heim in den Schiffen zu gehn: nie findet ihr doch der erhabnenIlios Untergang; denn der waltende Zeus KronionDeckt sie mit schirmender Hand, und mutvoll trotzen die Völker.Also sprach er; auch diese bezeugen es, welche mir folgten,Ajas und beid’ Herolde zugleich, die verständigen Männer.
690 Phönix der Greis blieb dort, und legte sich; denn so gebot er:Daß er mit ihm heimschiffe zum lieben Lande der VäterMorgen, wenn’s ihm gefällt; denn nicht aus Zwang soll er mitgehn. Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen, Hoch das Wort anstaunend; denn kraftvoll hatt’ er geredet.
695 Lange saßen verstummt die bekümmerten Männer Achaias.Endlich begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes: Atreus’ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon, Hättest du nie doch gefleht dem untadligen Peleionen,Reiche Geschenk’ ihm verheißend! Denn stolz ist jener ja so schon;
700 Und nun hast du noch mehr im stolzen Sinn ihn bekräftigt.Doch fürwahr ich denke, wir lassen ihn; ob er hinweggeht,Oder bleibt. Dann wird er zur Feldschlacht wieder mit ausziehn,Wann sein Herz im Busen gebeut, und ein Gott ihn erreget.Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
705 Jetzo geht zur Ruhe, nachdem ihr das Herz euch erfreuetNährender Kost und Weines; denn Kraft ist solches und Stärke.Aber sobald nun Eos mit Rosenfingern emporstrahlt;Ordne du schnell vor den Schiffen die Reisigen so wie das Fußvolk,Muntre sie auf, und kühn mit den vordersten kämpfe du selber.
710 Jener sprach’s; und umher die Könige riefen ihm Beifall; Hoch das Wort anstaunend von Tydeus’ Sohn Diomedes.Als sie des Tranks nun gesprengt, da kehrten sie heim in die Zelte,Jeder ruhete dort, und empfing die Gabe des Schlafes.

Zehnter Gesang

Inhalt

Der schlaflose Agamemnon und Menelaos wecken die Fürsten. Sie sehn nach der Wache, und besprechen sich am Graben. Diomedes und Odysseus, auf Kundschaft ausgehend, ergreifen und töte den Dolon, welchen Hektor zum Spähen gesandt. Von ihm belehrt, töten sie im troischen Lager den neugekommenen Rhesos mit zwölf Thrakiern, und entführen des Rhesos’ Rosse.


Alle sonst bei den Schiffen, die edleren Helden Achaias,Schliefen die ganze Nacht, von sanftem Schlummer gefesselt;Nur nicht Atreus’ Sohne, dem Hirten des Volks Agamemnon,Nahte der süße Schlaf, da vieles im Geist er bewegte.
5 Wie wenn der Donnerer blitzt, der Gemahl der lockigen Here,Vielen Regen bereitend, unendlichen, oder auch Hagel,Oder ein Schneegestöber, das weiß die Gefilde bedecket,Oder des Kriegs weit offenen Schlund, des bitteren Unheils:So vielfältig erseufzt im Innersten nun Agamemnon
10 Tief aus dem Herzen empor, und Angst durchbebte die Brust ihm.Siehe so oft er das Feld, das troische, weit umschaute;Staunt’ er über die Feuer, wie viel vor Ilios brannten,Über der Flöten und Pfeifen Getön, und der Menschen Getümmel.Aber so oft zu den Schiffen er sah und dem Volk der Achaier;
15 Viel alsdann aus dem Haupt mit den Wurzeln rauft’ er sich Haare,Hoch aufflehend zu Zeus; und das edele Herz ihm durchdrang Weh. Dieser Gedank’ erschien dem Zweifelnden endlich der beste: Erst zu Nestor zu gehn, dem neleiadischen König;Ob er mit jenem vielleicht unsträflichen Rat aussönne,
20 Welcher das Bös’ abwehrte von allem Volk der Achaier.Aufrecht nun umhüllt’ er die Brust mit wolligem Leibrock;Unter die glänzenden Füß’ auch band er sich stattliche Sohlen;Warf dann das blutige Fell des gewaltigen Leun um die Schultern,Falb und groß, das die Knöchel erreicht’; und faßte die Lanze.
25 So auch war Menelaos in bebender Angst, und niemals Ruht’ ihm Schlaf auf den Augen, dem Sinnenden, was doch verhängt seiArgos’ tapferem Volk, das um ihn durch weites GewässerKam in der Troer Gefild’, unverdrossenem Streite sich bietend.Erst nun ein Pardelvlies um den breiten Rücken sich hüllt’ er,
30 Zottig und buntgefleckt; dann barg er das Haupt in des HelmesEhernen Schirm, und faßte den Speer mit nervichter Rechte,Schnell dann ging er zu wecken den herrschenden Bruder, der mächtigAllen Achaiern gebot, wie ein Gott im Volke geehret.Ihn nun fand er, die Schultern mit strahlender Rüstung sich deckend,
35 Hinten am dunkelen Schiff, und herzlich erwünscht ihm erschien er.Jetzo begann zuerst der Rufer im Streit Menelaos: Warum wappnest du dich, mein Älterer? Soll zu den Troern Dir hingehen ein Freund zu erkundigen? Aber ich fürchteSehr im Geist, daß keiner zu solcher Tat sich erbiete,
40 Hin zum feindlichen Heer als Spähender einsam zu wandelnDurch die ambrosische Nacht; der müßt’ ein entschlossener Mann sein! Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon: Rat bedürfen wir beide, du Göttlicher, o Menelaos,Wohl ersonnenen Rat, der Sicherheit schaff’ und Errettung
45 Argos’ Volk’ und den Schiffen; dieweil Zeus’ Herz sich gewandt hat.Wahrlich zu Hektors Opfer hat mehr sein Herz er geneiget!Denn nie sah ich vordem, noch höret’ ich je erzählen,Daß der Wunder so viel ein Mann am Tage vollendet,Als nun Hektor getan, Zeus’ Liebling, am Volk der Achaier,
50 Selber für sich, obzwar nicht Gott ihn zeugte noch Göttin.Aber er tat, des wahrlich mit Schmerz die Argeier gedenken,Spät und lange hinfort: so häuft’ er das Weh den Achaiern!Eile mir, Ajas nun und Idomeneus herzurufen,Hurtiges Laufs zu den Schiffen: weil ich zum göttlichen Nestor
55 Wandl’ und aufzustehn ihn ermuntere; ob er geneigt sei,Hin zur heiligen Schar der Wächter zu gehn, und zu ordnen.Ihm gehorchen sie wohl am freudigsten; denn sein Sohn istFührer der Hut mit Meriones dort, des kretischen KönigsWaffenfreund; denn diesen vertraueten wir sie am meisten.
60 Ihm antwortete drauf der Rufer im Streit Menelaos: Was denn ist dein Will’, und die Absicht deines Gebotes?Bleib’ ich dort mit jenen, und warte dein, bis du hinkommst?Oder lauf’ ich dir nach, sobald ich’s jenen verkündigt? Wiederum antwortete drauf Agamemnon der Herrscher:
65 Bleibe dort; vielleicht verfehlten wir sonst einanderIrrend in Nacht; denn viel durchkreuzen ja Wege das Lager.Rufe, wohin du gehst, und ermuntere rings zu wachen,Jeglichen Mann nach Geschlecht mit Vaternamen benennend,Jeglichem Ehr’ erweisend; und nicht erhebe dich vornehm.
70 Laß uns vielmehr arbeiten wie andere! Also verhängt’ esZeus bei unsrer Geburt, dies lastende Weh uns bereitend! Jener sprach’s, und entsandte den wohl ermahneten Bruder; Eilete dann, um Nestor den Völkerhirten zu wecken.Diesen fand er dort am Gezelt und dunkelen Schiffe,
75 Ruhend im weichen Bett’; und neben ihm prangte die Rüstung:Schild, und strahlender Helm, und zwo erzblinkende Lanzen;Neben ihm prangt’ auch der Gurt, der künstliche, welcher den AltenGürtete, wann zur mordenden Schlacht er gewappnet einherzog,Führend das Volk; denn erachtete nicht des traurigen Alters.
80 Jetzo erhob er das Haupt, auf den Ellenbogen sich stützend,Rief dem Atreiden zu, und fragt’ ihn, also beginnend: Wer bist du, der einsam des Lagers Schiffe durchwandelt, Jetzt in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen?Ob du einen der Freund’ umhersuchst, oder ein Maultier?
85 Red’, und nahe mir nicht, ein Schweigender! Wessen bedarfst du? Ihm antwortete drauf der Herrscher des Volks Agamemnon: Nestor, Neleus’ Sohn, du erhabener Ruhm der Achaier,Kenne doch Atreus’ Sohn Agamemnon, welchen vor allenZeus in unendlichen Jammer versenkt hat, weil mir der Atem
90 Meinen Busen noch hebt, und Kraft in den Knieen sich reget.So nun irr’ ich, dieweil kein ruhiger Schlaf mir die AugenZuschließt, sondern der Krieg und die Not der Achaier mich kümmert.Denn ich sorge mit Angst um die Danaer; hin ist der festeMut, und alle Besinnung dahin; es entfliegt aus dem Busen
95 Mir das klopfende Herz, und es zittern mir unten die Glieder!Aber sinnst du auf Tat, da auch dir nicht nahet der Schlummer;Laß zu den Hütern nunmehr uns hinabgehn, daß wir erkennen,Ob sie vielleicht, entkräftet von Kriegsarbeit und Ermüdung,Sich zum Schlummer gelegt, und ganz der Wache vergessen.
100 Denn das feindliche Heer ist nah uns; keiner ja weiß es,Ob nicht selbst in der Nacht sie anzugreifen beschließen. Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor: Atreus’ Sohn, Ruhmvoller, du Völkerfürst Agamemnon,Nie wird doch dem Hektor ein jeglicher Wunsch von Kronion
105 Gänzlich erfüllt, den er jetzt sich erträumete, sondern ihn, hoff’ ich,Drängen der Sorgen hinfort noch mehrere, wenn nur AchilleusVon dem verderblichen Zorn die erhabene Seele gewendet.Gern begleit’ ich dich nun; doch laß uns auch andere wecken:Tydeus’ Sohn, den Schwinger des Speers, und den edlen Odysseus,
110 Ajas den Schnellen zugleich, und Phyleus’ tapferen Sprößling.Wenn auch einer geschwind’ hinwandelte, jene zu rufen,Ajas, Telamons Sohn, und Idomeneus, Kretas Beherrscher;Deren Schiffe ja stehn am fernesten, nicht in der Nähe.Aber ihn, den geliebten und edlen Freund Menelaos,
115 Schelt’ ich fürwahr, und wiewohl du mir eifertest, nimmer verberg’ ich’s,Daß er schläft, und allein dir zugewendet die Arbeit.Ziemt’ es ihm doch, arbeitend die sämtlichen Fürsten AchaiasAnzuflehn; denn die Not umdrängt uns, ganz unerträglich! Wiederum antwortete drauf Agamemnon der Herrscher:
120 Greis, zu anderer Zeit verstatt’ ich dir, jenen zu tadeln;Denn oft säumt mein Bruder, und geht ungern an die Arbeit,Nicht von Trägheit besiegt, noch Unverstande des Geistes,Sondern auf mich herschauend, und mein Beginnen erwartend.Doch nun wacht’ er früher vom Schlaf, und besuchte mich selber;
125 Und ich sandt’ ihn umher, daß er forderte, welche du wünschest.Gehen wir denn! sie finden wir sicherlich dort bei den HüternAußer dem Tor, wo ich ihnen bedeutete sich zu versammeln. Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor: So wird kein Achaier hinfort ihm zürnen, noch ungern
130 Folgen, sobald er einen zur Arbeit treibt und ermuntert. Dieses gesagt, umhüllt’ er die Brust mit wolligem Leibrock: Unter die glänzenden Füß’ auch band er sich stattliche Sohlen;Um sich schnallt’ er darauf den purpurschimmernden Mantel,Doppelt, und weitgefaltet, umblüht von der Wolle Gekräusel;
135 Nahm auch die mächtige Lanze, gespitzt mit der Schärfe des Erzes;Eilte dann längs den Schiffen der erzumschirmten Achaier.Jetzo zuerst den Odysseus, an Ratschluß gleich dem Kronion,Weckte der Greis aus dem Schlaf, der gerenische reisige Nestor,Lautes Rufs; doch jenem erscholl zum Herzen die Stimme;
140 Und er kam aus dem Zelt, und sprach zu ihnen die Worte: Warum irrt ihr so einsam, des Lagers Schiffe durchwandelnd, Durch die ambrosische Nacht? Was doch für Not, die euch antreibt? Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor: Edler Laertiad’, erfindungsreicher Odysseus,
145 Zürne nicht; denn große Bekümmernis drängt die Achaier.Komm denn, und wecke mit uns noch andere, welchen es ziemet,Heilsamen Rat zu raten, der Heimkehr, oder des Kampfes. Jener sprach’s; da eilt’ ins Gezelt der weise Odysseus, Warf den prangenden Schild um die Schulter sich, folgte dann jenen.
150 Schnell nun kamen sie hin, wo Tydeus’ Sohn DiomedesDraußen lag am Gezelt mit den Rüstungen; auch die GenossenSchliefen umher, auf den Schilden das Haupt; und jegliches LanzeRagt’ auf des Schaftes Spitz’ emporgerichtet, und fernhinStrahlte das Erz, wie die Blitze des Donnerers. Aber der Held selbst
155 Schlummerte, hingestreckt auf die Haut des geweideten Stieres;Auch war unter dem Haupt ein schimmernder Teppich gebreitet.Nahend weckt’ ihn vom Schlaf der gerenische reisige Nestor,Rührend den Fuß mit der Fers’, und ermuntert’ ihn, scheltend ins Antlitz: Wache doch, Tydeus Sohn! Was schlummerst du ruhig die Nacht durch?
160 Hörtest du nicht, wie die Troer sich dort auf dem Hügel des FeldesLagerten, nahe den Schiffen, und weniger Raum sie entfernet? Also der Greis; doch schleunig erstand aus dem Schlaf Diomedes; Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte: Allzu emsiger Greis, du ruhst auch nimmer von Arbeit!
165 Sind nicht andere noch und jüngere Männer Achaias,Welchen es mehr obläge, der Könige jeden zu wecken,Rings durchwandelnd das Heer? Du übertreibst es, o Alter! Ihm antwortete drauf der gerenische reisige Nestor: Wahrlich, o Freund, du hast wohlziemende Worte geredet.
170 Selber hab’ ich ja Söhn’ und treffliche, hab’ auch der VölkerSonst genug, daß mir einer umhergehn könnte zu rufen.Aber viel zu große Bekümmernis drängt die Achaier!Denn nun steht es allein fürwahr auf der Schärfe des Messers:Schmählicher Untergang den Achaiern, oder auch Leben!
175 Auf denn, Ajas den Schnellen, und Phyleus’ tapferen SprößlingWecke vom Schlaf, du bist ja der jüngere, daurt dich mein Alter. Sprach’s; und sogleich warf jener das Löwenfell um die Schultern, Falb und groß, das die Knöchel erreicht’, und faßte die Lanze;Hin dann eilte der Held, und erweckt’ und brachte die andern.
180 Als sie nunmehr der Hüter versammelte Scharen erreichten, Fanden sie auch nicht schlafen die edelen Führer der Scharen;Sondern munter und wach mit den Rüstungen saßen sie alle.So wie die Hund’ unruhig die Schaf’ im Gehege bewachen,Hörend das Wutgebrüll des Untiers, das aus der Waldung
185 Herkommt durch das Gebirg’, umtönt von lautem GetümmelTreibender Männer und Hund’; entflohn ist ihnen der Schlummer:Also entfloh auch jenen der süße Schlaf von den Wimpern,Welche die Nacht durchwachten, die schreckliche, stets nach dem FeldeHingewandt, ob sie etwa die kommenden Troer vernähmen.
190 Diese sah mit Freude der Greis, und redete Stärkung;Und er begann zu ihnen, und sprach die geflügelten Worte: Recht so, trauteste Kinder, seid wachsam; keinen besiege Nun der Schlaf. daß nicht zur Freude wir werden den Feinden!


Jener sprach’s; und den Graben durcheilet er; aber ihm folgten
195 Argos’ Könige nach, so viel zum Rat sich versammelt.Auch Meriones folgt’, und Nestors edler Erzeugter,Ihnen zugleich; denn sie selber beriefen sie mit zur Beratung.Jetzt nachdem sie den Graben durchwandelten, setzten sich alle,Wo noch rein das Gefild’ aus umliegenden Leichen hervorschien;
200 Dort wo der stürmende Hektor sich wendete von der ArgeierBlutigem Mord’, als schon die finstere Nacht sie umhüllte:Dort nun setzten sich jen’, und redeten untereinander.Also begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor: Freund’, o möcht nicht jetzt ein Mann vertrauen der Kühnheit
205 Seines entschlossenen Muts, zu den edelmütigen TroernHinzugehn? ob er einen der äußersten etwa erhaschte,Oder vielleicht ein Gespräch der feindlichen Männer behorchte,Was sie jetzo im Rat abredeten: ob sie gedenken,Fern allhier zu bleiben von Ilios, oder zur Stadt nun
210 Heim von den Schiffen zu kehren, nachdem sie besiegt die Achaier.Dieses erforscht’ er alles vielleicht, und kehrte zu uns dannUnverletzt; groß wäre der Ruhm ihm unter dem HimmelRings in der Menschen Geschlecht, auch lohnten ihm edle Geschenke.Denn so viel den Schiffen umher gebieten der Herrscher,
215 Deren sollt’ ein jeder ein schwarzes Schaf ihm verehren,Samt dem saugenden Lamm; kein Eigentum wär’ ihm vergleichbar;Auch zu jeglichem Fest und Gastmahl würd’ er geladen. Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen. Jetzo begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:
220 Nestor, mich reizt mein Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit, Einzugehn in das Heer der nahe gelagerten Troer.Doch wenn ein anderer Mann zugleich mir folgte; dann wäreMehr der Zuversicht, und des unerschrockenen Mutes.Wo zween wandeln zugleich, da bemerkt der ein’ und der andre
225 Schneller, was heilsam sei; doch der einzelne, ob er bemerket,Ist doch langsamer stets sein Sinn, und schwach die Entschließung. Jener sprach’s; und viel’ erboten sich schnell dem Tydeiden: Willig waren die Ajas zugleich, die Genossen des Ares;Willig Meriones auch, sehr willig der Sohn des Nestor,
230 Willig der Atreione, der Schwinger des Speers Menelaos;Willig war auch Odysseus, der Duldende, unter die TroerEinzugehn; denn er trug ein wagendes Herz in dem Busen.Jetzo begann vor ihnen der Völkerfürst Agamemnon: Tydeus’ Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter,
235 Selbst nunmehr zum Genossen erwähle dir, welchen du wünschest,Aller umher den besten, dieweil so viele bereit sind.Doch nicht täusche das Herz die Ehrfurcht, daß du den bessernÜbergehst, und den schlechtern aus blöder Scheu dir gesellest,Schauend auf edleren Stamm, und wer erhabner an Macht sei.
240 Jener sprach’s; denn er sorgt’ um den bräunlichen Held Menelaos. Jetzo begann von neuem der Rufer im Streit Diomedes: Wenn ihr nun den Genossen mir selbst zu wählen gebietet, Wie vergäße doch ich des göttergleichen Odysseus?Dem so entschlossen der Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit
245 Ragt in jeder Gefahr; denn es liebt ihn Pallas Athene.Wenn mich dieser begleitet, sogar aus flammendem FeuerKehrten wir beide zurück; weil keiner ihm gleicht an Erfindung. Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus: Tydeus’ Sohn, nicht darfst du so sehr mich rühmen, noch tadeln;
250 Denn vor kundigen Männern von Argos redest du solches.Gehen wir denn! schnell eilet die Nacht, und nah ist der Morgen.Weit schon rückten die Stern’, und das Meiste der Nacht ist vergangen.Um zwo Teile bereits; nur der dritte Teil ist noch übrig. Dieses gesagt, verhüllten sich beid’ in schreckliche Rüstung.
255 Tydeus’ Sohne nun gab der streitbare Held ThrasymedesSein zweischneidiges Schwert; denn das eigene blieb bei den Schiffen;Auch den Schild; und bedeckt’ ihm das Haupt mit dem Helme von StierhautSonder Kegel und Busch, der auch Sturmhaube genannt wird,Und ohn’ Erz die Scheitel der blühenden Jünglinge schirmet.
260 Aber Meriones gab dem Odysseus Bogen und Köcher,Samt dem Schwert; und bedeckte des Königes Haupt mit dem Helme,Auch aus Leder geformt: inwendig mit häufigen RiemenWölbt’ er sich, straff durchspannt; und auswärts schienen die HauerVom weißzahnigen Schwein, und starreten hiehin und dorthin,
265 Schön und künstlich gereiht; und ein Filz war drinnen befestigt.Einst aus Eleon hatt’ Autolykos diesen erbeutet,Stürmend den festen Palast des Hormeniden Amyntor;Jener gab dem Kytherer Amphidamas ihn gen Skandeia;Aber Amphidamas gab zum Gastgeschenk ihn dem Molos;
270 Dieser gab ihn Meriones drauf dem Sohne zu tragen;Und nun barg er umher Odysseus’ Haupt zur Beschützung. Jetzo nachdem sich beid’ in schreckliche Rüstung gehüllet, Eilten sie hin, und verließen die edelen Helden Achaias.Ihnen naht’ ein Reiher, gesandt von Pallas Athene,
275 Rechtsher fliegend am Weg’; ihn sahen sie nicht mit den AugenDurch die finstere Nacht, nur ward sein Tönen gehöret.Freudig vernahm Odysseus den Flug, und rief zu Athene: Höre mich, Tochter Zeus’ des Donnerers, die du beständig Mich in allen Gefahren verteidigest, und, wo ich hingeh’,
280 Meiner gedenkst; auch jetzo gewähre mir Lieb’, o Athene!Laß uns wohl zu den Schiffen und ruhmvoll wieder gelangen,Täter erhabener Tat, die Kummer schaffe den Troern! Ihm zunächst auch flehte der Rufer im Streit Diomedes: Höre du jetzt auch mich, o Zeus’ unbezwungene Tochter!
285 Folge mir, wie du dem Vater gefolgt, dem göttlichen Tydeus,Als er gen Thebe ging, ein Gesendeter von den Achaiern.Jen’ am Asopos verlassend, die erzumschirmten Achaier,Bracht’ er freundliche Worte den kriegrischen KadmeionenDorthin; doch umkehrend vollendet’ er schreckliche Taten,
290 Mit dir, heilige Göttin, da ihm willfährig du beistandst.So nun wollest du mir auch beistehn und mich behüten!Dir gelob’ ich ein jähriges Rind, breitstirnig und fehllos,Ungezähmt, das nimmer ein Mann zum Joche gebändigt:Dieses gelob’ ich zum Opfer, mit Gold die Hörner umziehend.
295 Also flehten sie dort; sie hörete Pallas Athene. Drauf nachdem sie gefleht zu Zeus’ des Allmächtigen Tochter;Gingen sie schnell, zween Löwen an Mut, im nächtlichen Dunkel,Hin durch Mord, durch Leichen, durch Rüstungen hin, und Schlachtblut Auch nicht ließ dort Hektor die edelmütigen Troer
300 Ausruhn, sondern berief die Edelsten nun zur Versammlung,Alle des troischen Volks erhabene Fürsten und Pfleger.Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung: Wer doch möchte die Tat mir übernehmend gewähren, Um ein großes Geschenk, das ihm zum Lohne genug sei?
305 Einen Wagen ihm geb’ ich, und zween hochwiehernde Rosse,Welche die edelsten sein bei den rüstigen Schiffen Achaias:Wer auch immer es wagt, und selbst den Ruhm sich erstrebet,Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer, und zu erforschen:Ob sie stets noch bewachen die rüstigen Schiffe, wie vormals;
310 Oder ob sie vielleicht, von unseren Händen bezähmet,Schon die Flucht miteinander beschleunigen, und sich enthalten,Nächtliche Hut zu versehn, entnervt von der schrecklichen Arbeit. Jener sprach’s; doch alle verstummten umher, und schwiegen. Aber im troischen Volk war Dolon, Sohn des Eumedes,
315 Eines göttlichen Herolds, an Golde reich und an Erze;Zwar ein häßlicher Mann von Gestalt, doch ein hurtiger Läufer,Und der einzige Sohn mit fünf aufwachsenden Schwestern.Dieser begann hintretend im Rat der Troer zu Hektor: Hektor, mich reizt mein Mut, und das Herz voll freudiger Kühnheit,
320 Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer, und zu erforschen.Aber wohlan, den Scepter erhebe mir, heilig beschwörend,Daß du jenes Gespann, und den erzumschimmerten Wagen,Schenken mir willst, das ihn trägt, den untadligen Peleionen.Nicht umsonst auch werd’ ich dir spähn, noch gegen Erwartung.
325 Denn so weit ihr Lager durchwander’ ich, bis ich erreicheSelbst Agamemnons Schiff, wo vielleicht sein werden die Fürsten,Heilsamen Rat zu raten, der Heimkehr, oder des Kampfes. Jener sprach’s; doch Hektor erhub den Scepter, und schwur ihm: Höre den Schwur Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!
330 Nie soll jenes Gespann ein anderer lenken der Troer;Sondern dir verheiß’ ich daherzuprangen beständig! Also der Held, und beschwur Meineid, und reizete jenen. Eilend hängt’ er darauf das krumme Geschoß um die Schulter,Hüllete dann sich umher ein graugezotteltes Wolfsfell,
335 Fügte den Otterhelm auf das Haupt, und faßte den Wurfspieß,Eilete dann zu den Schiffen der Danaer. Aber ihm ward nichtWiederkehr von den Schiffen, um Hektorn Kunde zu bringen.Als er nunmehr verlassen der Ross’ und der Männer Getümmel,Ging er den Weg mit Begier. Allein der edle Odysseus
340 Merkte des Nahenden Gang, und sprach zum Sohne des Tydeus: Siehe doch, Diomedes, da kommt ein Mann aus dem Lager! Will er vielleicht auskundend zu unseren Schiffen herannahn,Oder einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?Aber wir lassen ihn erst vorübergehn im Gefilde
345 Wenig; und dann verfolgen wir ihn, und erhaschen den FlüchtlingEilendes Laufs. Doch wenn er zuvor uns rennt mit den Füßen;Immer dann zu den Schiffen vom Lager hinweg ihn gescheuchet,Mit anstürmendem Speer, daß nicht zur Stadt er entrinne. Also besprachen sich beid’, und bargen sich außer dem Wege,
350 Unter den Toten geschmiegt; und vorbei lief jener bedachtlos.Als er so weit sich entfernt, wie ein Joch Maultier’ an des AckersEnde gewinnt; denn sie gehn vor langsam folgenden Stieren,Mutig die Brach’ entlang mit starkem Pflug zu durchfurchen:Schnell nun liefen sie nach; und er stand, das Getöse vernehmend;
355 Denn er vermutet’ im Geist, zurück berufende FreundeKämen aus Trojas Volk, ihm nachgesendet von Hektor.Aber so weit nur entfernt, wie ein Speerwurf, oder noch minder,Kannt’ er die Männer als Feind’; und die hurtigen Kniee bewegend,Floh er dahin; doch jene verfolgeten angestrenget.
360 Wie wenn zween scharfzahnige Hund’, erfahren der Wildjagd,Dringender Eil’ hintreiben ein Hirschkalb oder den Hasen,Durch dickwaldige Räum’, und voran der Quäkende rennet:Also trieb der Tydeid’ und der Städteverwüster OdysseusJenen in dringender Eil’, hinweg von dem Lager ihn scheuchend.
365 Aber nachdem schon nahe der Danaer Hut er gekommen,Fliehend hinab zu den Schiffen; mit Zorn nun erfüllt’ AthenäaTydeus’ Sohn, daß keiner der erzumschirmten AchaierFrüheres Wurfs sich rühmt’, und er selbst der zweite nur käme;Drohend erhub er die Lanz’, und rief, der Held Diomedes:
370 Steh da, oder ich werfe die Lanze dir! Schwerlich noch wirst du Lange dem schrecklichen Tod’ aus meinen Händen entfliehen! Sprach’s, und im Schwung’ entsandt’ er den Speer, und fehlte mit Vorsatz; Rechtshin über die Schulter ihm flog des geglätteten SpeeresErz in den Boden hinein: und er stand nun, starr vor Schrecken,
375 Bebend das Kinn, und es klappten ihm laut in dem Mund die Zähne,Blaß sein Gesicht vor Angst. Jetzt nahten sie keuchend, und hieltenBeid’ an den Händen ihn fest; doch er mit Tränen begann so: Faht mich; dann erkauf’ ich mich frei. Mir lieget daheim ja Erz und Goldes genug, und schöngeschmiedetes Eisen.
380 Hievon reicht mein Vater dir gern unendliche Lösung,Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias. Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus: Sei getrost; kein Todesgedank’ umschwebe das Herz dir!Aber sage mir jetzt, und verkündige lautere Wahrheit.
385 Warum gehst du allein vom Lager hinab zu den Schiffen,Jetzt in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen?Willst du einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?Oder sandte dich Hektor, daß wohl bei den Schiffen du allesSpähetest? Oder bewog dein eigenes Herz dich zu gehen?

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Дата выхода на Литрес:
11 октября 2024
Объем:
5261 стр. 20 иллюстраций
ISBN:
4064066498542
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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