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Wildfell Hall
Anne Brontë
Inhaltsverzeichnis
Erster Theil.
An Lord Halford Esq.
Erstes Kapitel. Eine Entdeckung.
Zweites Kapitel. Eine Zusammenkunft.
Drittes Kapitel. Eine Controverse.
Viertes Kapitel. Die Gesellschaft.
Fünftes Kapitel. Das Atelier.
Sechstes Kapitel. Fortschritte.
Siebentes Kapitel. Die Excursionen.
Achtes Kapitel. Das Geschenk.
Neuntes Kapitel. Eine Schlange im Grase.
Zehntes Kapitel. Ein Kontrakt und ein Zank.
Elftes Kapitel. Wieder der Vikar.
Zwölftes Kapitel. Ein tête-à-tête und eine Entdeckung.
Dreizehntes Kapitel. Die Rückkehr zur Pflicht.
Vierzehntes Kapitel. Ein Straßenanfall.
Fünfzehntes Kapitel. Eine Begegnung und ihre Folgen.
Sechzehntes Kapitel. Die Wanderungen der Erfahrung.
Zweiter Theil.
Erstes Kapitel. Weitere Warnungen.
Zweites Kapitel. Das Portrait.
Drittes Kapitel. Ein Ereigniß.
Viertes Kapitel. Beharrlichkeit.
Fünftes Kapitel. Ansichten.
Sechstes Kapitel. Freundschaftsstückchen.
Siebentes Kapitel. Erste Ehewochen.
Achtes Kapitel. Der erste Zank.
Neuntes Kapitel. Erste Abwesenheit.
Zehntes Kapitel. Die Gäste.
Elftes Kapitel. Ein Vergehen.
Zwölftes Kapitel. Vaterliebe.
Dreizehntes Kapitel. Der Nachbar.
Vierzehntes Kapitel. Häusliche Scenen.
Dritter Theil.
Erstes Kapitel. Gesellige Vorzüge.
Zweites Kapitel. Vergleichungen. — Zurückgewiesene Mittheilungen.
Drittes Kapitel. Zwei Abende.
Viertes Kapitel. Schweigen.
Fünftes Kapitel. Herausforderungen.
Sechstes Kapitel. Einsamkeit zu Zweien.
Siebentes Kapitel. Wieder der Nachbar.
Achtes Kapitel. Der betrogene Mann.
Neuntes Kapitel. Ein Fluchtplan.
Zehntes Kapitel. Ein Mißgeschick.
Elftes Kapitel. Die Hoffnung sproßt ewig in der menschlichen Brust auf.
Zwölftes Kapitel. Eine Besserung.
Vierter Theil.
Erstes Kapitel. Die Grenzlinie ist übersprungen.
Zweites Kapitel. Das Asyl.
Drittes Kapitel. Die Aussöhnung.
Viertes Kapitel. Freundschaftliche Ratschläge.
Fünftes Kapitel. Ueberraschende Nachrichten.
Sechstes Kapitel. Weitere Nachrichten.
Siebentes Kapitel. Da nun ein Platzregen fiel, und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und that einen großen Fall.
Achtes Kapitel. Zweifel und getäuschte Erwartung.
Neuntes Kapitel. Ein unerwartetes Ereigniß.
Zehntes Kapitel. Schwankungen.
Elftes Kapitel. Schluß.
Erster Theil.
An Lord Halford Esq.
Lieber Halford.
Als wir das letzte Mal beisammen waren, theilten Sie mir eine ausführliche und höchst interessante Erzählung der merkwürdigsten Umstände Ihres Lebens vor unserer Bekanntschaft mit und forderten mich dann zur Erwiederung des Vertrauens auf. Da ich damals nicht in der Laune zum Geschichten erzählen war, lehnte ich es unter dem Vorwande, daß ich nichts zu erzählen habe, und dergleichen unhaltbaren Ausflüchten ab, die Sie, ganz und gar unstichhaltig ansahen, denn obgleich Sie das Gespräch augenblicklich auf etwas Anderes lenkten, geschah es doch mit der Miene eines sich nicht beklagenden, aber tief gekränkten Mannes und Ihr Gesicht war von einer Wolke überschattet, die es bis zum Ende unseres Gesprächs verdunkelte und vielleicht sogar noch verdunkelt, denn Ihre Briefe haben sich seit jener Zeit durch eine gewisse würdevolle, halb melancholische Steifheit und Zurückhaltung ausgezeichnet, die höchst rührend sein würde, wenn mich mein Gewissen beschuldigte, sie verdient zu haben.
Schämen Sie sich nicht, alter Junge — bei Ihrem Alter noch dazu — und nachdem wir einander so lange und so vertraut gekannt und ich Ihnen bereits so viele Beweise von Offenherzigkeit und Vertrauen gegeben und Ihre vergleichsweise Verschlossenheit und Schweigsamkeit nie gerügt habe? — Da wird wahrscheinlich aber der Haase im Pfeffer liegen. Sie sind von Natur nicht mittheilsam und glaubten, daß Sie bei jenem denkwürdigen Anlasse — welchen Sie ohne Zweifel mit feierlichen Schwüren für den letzten dieser Art erklärt haben, große Dinge gethan und einen Beweis ohne Gleichen von freundschaftlichem Vertrauen gegeben hätten — und Sie meinten, daß die geringste Vergeltung, welche ich Ihnen für eine so ungeheure Gefälligkeit zu Theil werden lassen konnte, die sei, Ihrem Beispiele, ohne mich einen Augenblick zu bedenken, nachzufolgen.
Nun, nun! — ich habe die Feder weder in die Hand genommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen, noch mich zu vertheidigen, noch um für vergangene Sünden um Entschuldigung zu bitten, sondern um wo möglich dafür zu entschädigen.
Es ist ein regnerischer, nasser Tag, die Familie macht Besuche, ich befinde mich allein in meiner Bibliothek und habe gewisse moderige, alte Briefe und Pariere durchgesehen und über alte Zeiten nachgesonnen, so daß ich mich selbst ganz in der gehörigen Geistesverfassung befinde, Sie mit einer Geschichte aus alter Zeit zu unterhalten — und nachdem ich meine halb gebratenen Füße vom Kamine weggezogen, meinen Stuhl an den Tisch herumgerollt und die obigen Zeilen an meinen brummigem alten Freund aufgesetzt, bin ich im Begriffe, ihm eine Skizze, — nein, nicht eine Skizze — einen vollständigen und treuen Bericht über gewisse Umstände, die sich auf das wichtigste Ereigniß meines Lebens — wenigstens vor meinem Bekanntwerden mit Jack Halford, zu geben — und wenn sie diesen gelesen haben, so beschuldigen Sie mich der Undankbarkeit und der unfreundlichen Zurückhaltung, wenn Sie können.
Ich weiß, daß Sie sich gern lange Geschichten erzählen lassen und eben so sehr, wie meine Großmutter, auf ausführlicher Darstellung der Umstände bestehen; ich will sie daher nicht schonen und die einzigen Grenzen sollen meine eigne Geduld und Muße sein.
Unter den Briefen und Papieren, von denen ich sprach, befindet sich ein gewisses altes, verblichenes Tagebuch von mir, dessen ich erwähne, um sie zu versichern, daß ich mich nicht auf mein Gedächtniß allein verlasse — so zähe es auch ist — damit Ihre Leichtgläubigkeit nicht zu sehr auf die Probe gestellt wird, wenn sie mir durch die einzelnen Umstände meiner Erzählung folgen.
Ich beginne also mit dem ersten Kapitel — denn es soll eine vielkapitelige Erzählung werden.
Erstes Kapitel.
Eine Entdeckung.
Sie müssen mit mir zum Herbste des Jahres 1827 zurückkehren
Mein Vater war, wie Sie wissen, ein wohlhabender Landwirth in der Grafschaft — und ich folgte ihm auf seinen ausdrücklichen Wunsch in demselben einfachen Geschäfte, wenn auch nicht sehr gern, denn der Ehrgeiz trieb mich zu etwas Höherem und die Eitelkeit versicherte mir, daß ich dadurch, daß ich seiner Stimme nicht gehorche, meine Talente vergrabe und mein Licht unter den Scheffel stelle.
Meine Mutter hatte ihr Bestes gethan, um mich zu überreden, daß ich großer Thaten fähig sei, aber mein Vater, der den Ehrgeiz für den sichersten Weg zum Ruin und Veränderung nur für ein anderes Wort für Untergang hielt, wollte auf keinen von allen meinen Plänen zur Verbesserung meiner Lage oder der meiner Mitmenschen hören. Er versicherte mit, daß alles dies nichts wie Unrath wäre, und ermahnte mich mit dem letzten Hauche noch, auf dem guten, alten Wege zu bleiben, seinen Schritten und denen seines Vaters vor ihm zu folgen und es meinen höchsten Ehrgeiz sein zu lassen, ehrlich durch die Welt hinzugehen, weder zur Rechten, noch zur Linken zu schauen und die väterlichen Aecker auf meine Kinder in wenigstens eben so blühendem Zustande, als wie er sie mir hinterließ, zu überliefern.
Nun! — ein ehrlicher, fleißiger Landwirth ist eines der nützlichsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, und wenn ich meine Talente auf den Anbau meines Gutes und die Beförderung des Ackerbaues im Allgemeinen verwende, so werde ich dadurch nicht nur denen — die unmittelbar mit mir in Verbindung stehen und von mir abhängen, sondern gewissermaßen auch der Menschheit im Allgemeinen nützen und daher nicht umsonst gelebt haben.
Mit dergleichen Gedanken bemühte ich mich, mich zu trösten, als ich an einem kalten, feuchten, bewölkten Abende gegen das Ende des Oktober vom Felde nach Hause ging.
Der Schimmer eines hellen, rothen Feuers durch das Fenster des Wohnzimmers trug jedoch mehr dazu bei, meine Laune zu erheitern und meine undankbaren Bedauernisse zu tadeln, als alle weisen Gedanken und guten Entschlüsse, zu denen ich meinen Kopf gezwungen hatte — denn Sie müssen bedenken, daß ich damals noch jung — erst vierundzwanzig Jahr alt war und noch nicht die halbe Herrschaft über meinen Geist erlangt hatte, welche ich jetzt besitze, so geringfügig diese auch sein mag.
Ich durfte jedoch in diesen Hafen des Glückes nicht eher einlaufen, als bis ich meine schmutzigen Stiefeln mit reinen Schuhen und meinen rauhen Surtout mit einem anständigen Rocke vertauscht und mich vor anständiger Gesellschaft präsentabel gemacht hatte, denn meine Mutter war bei aller ihrer Güte in gewissen Punkten ungemein eigen.
Als ich nach meinem Zimmer hinaufstieg kam mir auf der Treppe ein hübsches, neunzehnjähriges Mädchen, mit netter gerundeter Gestalt, rundem Gesicht, rothen, blühenden Wangen, glänzendem dichten Locken und kleinen, lustigen, braunen Augen entgegen.
Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß dies meine Schwester Rosa war, ich weiß, daß sie noch eine hübsche Matrone und ohne Zweifel — in Ihren Augen — noch eben so liebenswürdig ist, wie an dem glücklichen Tage, wo Sie ihrer erst ansichtig wurden. Ich ahnte damals nicht, daß sie nach wenigen Jahren die Frau eines Mannes werden würde — der mir damals noch ganz unbekannt, aber bestimmt war, später zu einem engeren Freunde zu werden, als selbst sie, — zu einem vertrautem, als der unmanierliche, siebzehnjährige Bursche, der mich im Hausgange, als ich herabkam, beim Kragen faßte und bei nahe umgeworfen hätte und zum Lohne für seine Unverschämtheit einen schallenden Schlag über den Schädel er hielt, welcher indeß davon keinen ernstlichen Nachtheil erlitt, da er erstlich dicker, als gewöhnlich und zweitens durch einen reichlichen Wulst kurzer, röthlicher Locken geschützt wurde, die meine Mutter kastanienbraun nannte.
Als wir in das Zimmer traten, fanden wir die geehrte Dame auf ihrem Armstuhle am Kamin sitzend und strickend, wie sie gewöhnlich zu thun pflegte, wenn sie nichts zu thun hatte. Sie hatte den Heerd rein gefegt und ein hellloderndes Feuer zu unserm Empfange gemacht, die Magd so eben das Teebrett hereingebracht und Rosa langte die Zuckerschale und die Theebüchse aus dem Kasten in dem schwarzeichenen Buffet, das in der milden Dämmerung des Zimmers wie polirtes Ebenholz glänzte
»Nun, da sind sie Beide,« rief meine Mutter, indem« sie, ohne die Bewegung ihrer geschäftigen Finger und glänzenden Nadeln dadurch verzögern zu lassen, sich nach uns umblickte. — »Nun, macht die Thüre zu und kommt an’s Feuer, während Rosa den Thee bereitete ihr müßt sicher halb verhungert sein, — und erzählt mir, was Ihr den ganzen Tag gethan habt, ich möchte gern wissen, was meine Kinder thun.«
»Ich habe das graue Füllen zugeritten — nichts Leichtes — das Umpflügen der letzten Weizenstoppeln geleitet — denn der Ackerknecht hat nicht soviel Verstand, um es selbst zu thun — und einen Plan zur ausgedehnten und wirksamen Entwässerung der tiefen Wiesen aus geführt.«
»Du bist ein braver Junge! — Und Fergus, was hast Du gethan?«
»Einen Dachs ausgegraben!«
Und nun begann er eine ausführliche Erzählung seiner Jagd und der einzelnen Züge von Tapferkeit, welche der Dachs und die Hunde entwickelt hatten, wobei meine Mutter that, als höre sie mit der tiefsten Aufmerksamkeit zu, und sein beliebtes Gesicht mit einem Vorrathe mütterlicher Bewunderung betrachtete, welchen ich für seinen Gegenstand höchst unproportionirt hielt.
»Es wird Zeit, daß Du etwas Anderes thust, Fergus,« sagte ich, sobald mir eine momentane Pause in seiner Erzählung ein Wort einzuschieben gestatten.
»Was kann ich thun?« fragte er; »meine Mutter will mich nicht auf die See gehen oder in die Armee treten lassen und ich bin einmal entschlossen, nichts Anderes zu thun, außer so viele Dummheiten, daß Ihr am Ende froh sein werdet, mich, unter welchen Bedingungen es auch sein mag, los zu werden.«
Unsere Mutter streichelte ihm besänftigend die steifen, kurzen Locken. Er brummte und versuchte ein mürrisches Gesicht zu machen, und dann setzten wir uns, der dreimal wiederholten Aufforderung Rosa’s gehorsam, Alle um den Tisch
»Nun, trinkt Euern Thee,«M sagte sie; »jetzt will ich Euch sagen, was ich gethan habe. Ich bin zum Besuch bei den Wilsons gewesen und es ist tausend Schade, daß Du nicht mitgingst, Gilbert, denn Elise Milward war dort.«
»Nun, was solls mit ihr?«
»O nichts! — Ich habe nicht im Sinne, Dir etwas von ihr zu erzählen — nur daß sie ein nettes, amüsantes, kleines Ding ist, wenn sie sich in guter Laune befindet, und ich würde gar nichts dawider haben, wenn Du sie —«
»Still, still, mein liebes Kind, Dein Bruder denkt nicht daran,« flüsterte meine Mutter eindringlich und hielt den Finger warnend in die Höhe.
»Nun,« fuhr Rosa fort, »ich wollte Euch eine wichtige Neuigkeit erzählen, die ich dort gehört habe — das Geheimniß hat mich fast zum Platzen gebracht — Ihr wißt, daß es vor einem Monate hieß, daß Jemand im Begriff sei, Wildfell Hall zu miethen — und — denkt Euch, — jetzt ist es schon seit mehr als einer Woche bewohnt — und wir haben nichts davon gewußt.«
»Unmöglich!« rief meine Mutter.
»Unsinn!!!« schrie Fergus.
»Es ist wirklich so! — und das von einer einzelnen Dame.«
»Guter Gott, Kind, das Haus ist ja eine Ruine.«
»Sie hat zwei bis drei Zimmer in wohnlichen Stand setzen lassen und dort lebt sie ganz allein, außer einer alten Frau, die sie bedient.«
»Du lieber Gott, das verdirbt den ganzen Witz — ich hoffte schon, daß sie eine Hexe wäre,« bemerkte Fergus, während er sich ein zolldickes Butterbrot abschnitt.
»Unsinn, Fergus.«
»Ist es aber nicht sonderbar« Mama?«
»Sonderbar! — ich kann es kaum glauben.«
»Aber Sie können es glauben,« den Jane Wilson hat sie gesehen. Sie ist mit ihrer Mutter hingegangen, die natürlich, sobald sie hörte, daß sich eine Fremde in der Gegend befand, auf Nabeln und Kohlen saß, bis sie bei ihr gewesen war und, so viel sie konnte, aus ihr herausgelockt hatte. Sie heißt Mrs. Graham und ist in Trauer, nicht in Witwentrauer, sondern in Halbtrauer, und sie wäre ganz jung, heißt es — nicht über fünf oder sechsundzwanzig Jahr — aber so zurückhaltend. — Sie versuchten alles Mögliche, um ausfindig zu machen, wer sie sei und wo sie herkommt u. s. w., aber weder Mrs. Wilson mit ihren hartnäckigen, impertinenten, geradezu gestellten Fragen, noch Miß Wilson mit ihren geschickten Manövern, war im Stande, eine einzige zufriedenstellende Antwort, oder auch nur eine beiläufige Bemerkung oder einen zufälligen Ausdruck aus ihr zu bringen, der geeignet war, ihre Neugier zu befriedigen, oder den schwächsten Lichtstrahl auf die Geschichte, die Verhältnisse oder Familie der Dame zu werfen. Ueberdies hat sie sich höflich gegen sie benommen, das war aber auch Alles, denn Jene konnten deutlich sehen, daß es ihr lieber war: Leben sie wohl! zu sagen als: Wie befinden sie sich? — Elise Milward sagt aber, daß ihr Vater beabsichtige, sie bald zu besuchen, um ihr einige geistliche Ratschläge zu ertheilen, deren sie, wie er fürchtet, bedarf, da sie bekanntlich schon vorige Woche in die Nachbarschaft gezogen, dessenungeachtet aber am vergangenen Sonntag nicht in der Kirche erschienen ist, und sie — das heißt Elise — will ihn bitten, mitgeben zu dürfen und ist über zeugt, daß sie etwas aus ihr bringen kann — Du weißt, Gilbert, daß sie Alles thun kann, was sie will — und auch wir sollten einmal einen Besuch dort machen, Sie wissen ja, daß es die Schicklichkeit gebietet?«
»Natürlich, mein liebes Kind; das arme Ding, wie einsam es ihr sein muß.«
»Und beeilt Euch damit, und vergeßt nicht, mir Nachricht zu bringen« wie viel Zucker sie in ihren Thee thut und was für Hauben und Schürzen sie trägt, und was sie sonst noch angeht, denn ich weiß nicht, wie ich leben soll, bis ich es weiß,« sagte Fergus mit äußerst ernsthaftem Gesichte
Wenn er aber erwartet hätte, seine Rede als ein Meisterstück des Witzes aufgenommen zu sehen, so mißlang ihm dies gänzlich, denn kein Mensch lachte. Darüber ließ er sich aber nicht aus der Fassung bringen, denn als er einen Mundvoll Butterbrot zu sich genommen hatte und eben einen Schluck Thee hinterschlucken wollte, brach der Humor der Sache mit so unwiderstehlicher Gewalt auf ihn ein, daß er vom Tische aufspringen und schnaubend und fast erstickend aus dein Zimmer stürzen mußte und eine Minute später in furchtbarer Pein im Garten kreischend gehört wurde.
Was mich betrifft, so war ich hungrig und begnügte mich damit, schweigend den Thee mit Schinken und Butterbrot zu demoliren, während meine Mutter und Schwester fortplauderten und die bekannten oder unbekannten Umstände und die wahrscheinliche oder unwahrscheinliche Geschichte der geheimnißvollen Dame besprachen; aber ich muß gestehen, daß ich nach dem Unglücksfalle meines Bruders ein paar Mal die Tasse an die Lippen führte, aber wieder niedersetzen mußte, ohne den Inhalt zu kosten zu wagen, um nicht meiner Würde durch eine ähnliche Explosion zu schaden.
Am nächsten Tage beeilten sich meine Mutter und Rosa, der schönen Einsiedlerin ihr Compliment zu machen, und kamen nur um wenig klüger, als sie gegangen waren, zurück, wenn auch meine Mutter erklärte, daß sie der Weg nicht daure, da sie auch, wenn sie nicht viel Gutes für sich gewonnen, sich doch schmeichele, selbst Einiges gethan zu haben, was besser wär, sie hatte einige nützliche Rathschläge gegeben, die hoffentlich nicht weggeworfen sein würden, denn Mrs. Graham schiene, wenn sie auch sehr wenig spreche und etwas von sich selbst eingenommen sei, doch des Nachdenkens nicht unfähig. Wenn sie auch nicht wüßte, wo das arme Ding ihr ganzes Leben zugebracht haben müsse, da sie eine klägliche Unwissenheit in gewissen Punkten verrieth und nicht einmal den Verstand hatte sich derselben zu schämen.
»In welchen Punkten, Mutter?« fragte ich
»In Haushaltungssachen und allen kleinen Küchendelikatessen und dergleichen Dingen, mit denen jede Dame vertraut sein sollte, ob es nun nöthig ist, daß sie von ihren Kenntnissen praktischen Gebrauch mache oder nicht. Ich habe ihr jedoch einige nützliche Mittheilungen gemacht und verschiedene ausgezeichnete Küchenrecepte gegeben, deren Werth sie offenbar nicht beurtheilen konnte, denn sie bat mich, ich solle mir nur keine Mühe machen, da sie so einfach und still lebe, daß sie sie sicher nie in Anwendung bringen werde. — »»Das thut nichts, mein liebes Kind,«« sagte ich — »»jedes respektable Frauenzimmer muß das wissen und übrigens sind sie zwar jetzt allein, werden es aber nicht immer bleiben, sie sind vetheirathet gewesen und werden wahrscheinlich — ich möchte fast sagen, sicherlich — sich wieder verheirathen.«« — »»Da irren Sie sich, Madame,«« sagte sie fast hochfahrend — »»ich bin überzeugt, daß ich es nie thun werde.«« — Aber ich sagte ihr, daß ich das besser wüßte.«
»Wahrscheinlich eine romantische junge Wittwe,« sagte ich, »die dorthin gegangen ist, um ihre Tage in der Einsamkeit zuzubringen und um den theuern Entschlafenen im Geheimen zu trauern; es wird aber nicht lange anhalten.«
»Nein, das denke ich auch nicht,« bemerkte Rost, »denn sie schien nicht überaus untröstlich zu sein, und ist ungemein hübsch — vielmehr angenehm — Du mußt sie sehen, Gilbert, Du wirst sie eine vollkommene Schönheit nennen, wenn Du auch kaum im Stande sein wirst, eine Aehnlichkeit zwischen ihr und Elise Milward zu entdecken.«
»Nun, ich kann mir viel schönere Gesichter vorstellen, als das Elisens, wenn auch kein reizenderes. Sie hat allerdings nur geringen Anspruch auf Vollkommenheit, aber ich behaupte, daß sie weniger interessant sein würde; wenn sie vollkommener wäre.«
»Du ziehst also ihre Fehler den Vollkommenheiten anderer Leute vor?« —
»Ganz richtig — die gegenwärtige Gesellschaft ist natürlich immer ausgenommen.«
»O, lieber Gilbert, welchen Unsinn Du da schwatztest! — Ich weiß, daß Du es nicht so meinst, es ist ganz außer aller Frage,« sagte meine Mutter, indem sie aufstand und unter dem Vorgehen, daß sie Haushaltungsgeschäfte habe, aus dem Zimmer trippelte, um dem Widerspruche zu entgehen, welcher schon auf meiner Zunge zitterte.
Hierauf beglückte mich Rosa mit weiteren Ausführlichkeiten über Mrs. Graham, ihr Aeußeres, ihre Manieren und Kleidung, — kurz Alles, bis zu den Möbeln des von ihr bewohnten Zimmers herab, wurde mir Alles mit bedeutend größerer Klarheit und Ausführlichkeit, als sich zuhören Lust hatte, auseinander gesetzt; da ich aber nicht eben ein aufmerksamer Zuhörer war, so könnte ich die Beschreibung nicht wiedergeben, wenn ich auch wollte.
Der nächste Tag war der Sonnabend und am Sonntage erging sich Alles in Vermuthungen, ob die schöne Unbekannte den Vorstellungen des Vikars folgen und in die Kirche kommen werde oder nicht.
Ich muß gestehen, daß ich selbst mit einigem Interesse nach der Wildfell Hall gehörenden alten Familien-Loge blickte, wo die verblichenen karmoisinrothen Kissen und Ueberzüge so viele Jahre lang unbenutzt und unerneuert geblieben waren und die düsteren Wappen mit ihren begräbnißmäßigen Rändern von verschossenem, schwarzen Tuch so finster von der Mauer darüber herabschauten.
Und dort erblickte ich eine hohe,schwarzgekleidete Gestalt von vornehmer Haltung. Ihr Gesicht war mir zugekehrt und in demselben befand sich ein gewisses Etwas, das einmal gesehen, mich einlud, wieder hinzublicken. Ihr Haar war rabenschwarz und in langen, seidenartigen Locken arrangiert, die damals noch etwas Ungewöhnliches waren, aber immer graziös und zierlich sind, ihr Teint war rein und blaß, ihre Augen konnte ich nicht sehen, denn sie waren auf ihr Gebetbuch geheftet und von ihren gesenkten Lidern und langen, schwarzen Wimpern verborgen; aber die Augenbrauen waren ausdrucksvoll und schön begrenzt, die Stirn hoch und intellektuell, die Nase eine vollkommene Adlernasse und die Züge im Allgemeinen tadellos — nur daß eine leichte Gesunkenheit um die Wangen und Augen sichtbar und die Lippen, wenn auch schön geformt, doch etwas zu schmal, etwas zu fest zusammengepreßt waren und ein Etwas um sich hatten, das, wie ich dachte, ein nicht eben weiches oder liebenswürdiges Gemüth bekundete, und ich sagte in meinem Herzen:
»Ich möchte Sie lieber aus der Ferne bewundern, schöne Dame, als in einem Hause mit Ihnen wohnen.«
In diesem Augenblicke erhob sie zufällig ihre Augen und sie begegneten den meinen. Ich wendete meinen Blick nicht ab und sie richtete dieselben wieder auf ihr Buch, aber mit einem momentanem unbeschreiblichen Ausdrucke ruhiger Verachtung, der ungemein aufreizend für mich war.
»Sie hält mich für einen unverschämten Hasenfuß,« dachte ich, »hm! sie soll ihre Ansicht bald ändern, wenn ich es für der Mühe werth halte.«
Dann aber fiel es mir plötzlich ein, daß dies sehr unpassende Gedanken für ein Gotteshaus seien und daß mein jetziges Benehmen ganz und gar nicht so sei, wie es sich für mich schicke. Ehe ich jedoch meinen Geist wieder auf den Gottesdienst lenkte, ließ ich meine Augen in der Kirche umherschweifen, um zu sehen, ob mich Jemand beobachtet habe — aber nein, — Alle, die nicht auf ihre Gebetbücher schauten, blickten nach der fremden Dame hin, wozu auch meine gute Mutter und Schwester und Mrs. Wilson nebst ihrer Tochter gehörte, und selbst Elise Milward blickte aus den Winkeln ihrer Augen verstohlen nach dem Gegenstande der allgemeinen Aufmerksamkeit hin, dann sah sie mich an, lächelte ein wenig und erröthete, — sah, verschämt auf ihr Gebetbuch und bemühte sich, ihre Züge in Ordnung zu bringen.
Da sündigte ich schon wieder, und diesmal wurde ich durch einen plötzlichen Rippenstoß von dem Ellbogen meines vorwitzigen Bruders darauf aufmerksam gemacht. Für jetzt konnte ich die Beleidigung nur dadurch rächen, daß ich meinen Fuß auf seine Zehen setzte und verschob die weitere Rache, bis wir aus der Kirche kommen würden.
Nun, Halford, ehe ich diesen Brief schließe, will ich Ihnen sagen, wer Elise Milward war. Sie war die jüngste Tochter des Vikars und ein recht einnehmendes Geschöpfchen, dem ich nicht wenig gewogen war — und sie wußte es, obgleich ich mir nie eine direkte Erklärung erlaubt und auch keine entschiedene Absicht hatte, dies zu thun, da meine Mutter, die behauptete, daß es zwanzig s Meilen in der Runde Keine gäbe, die gut genug für mich sei, den Gedanken nicht ertragen konnte, daß ich das unbedeutende, kleine Ding zur Frau nähme, das außer seinen zahlreichen übrigen Eigenschaften, die es dazu untauglich machten, keine zwanzig Pfund besaß.
Elisens Gestalt war schlank, aber voll, ihr Gesicht klein und fast so rund, wie das meiner Schwester, — Teint, dem dieser etwas ähnlich, aber zarter und nicht so außerordentlich blühend, — Nase retroussée — Züge im Allgemeinen unregelmäßig — und im Ganzen genommen war sie eher reizend als schön; aber ihre Augen — diese bemerkenswerthen Theile ihres Gesichts, darf ich nicht vergessen, denn darin lag ihre hauptsächlichste Anziehungskraft, wenigstens im Aeußern — sie waren lang und schmal geformt, die Augäpfel schwarz oder von sehr dunklem Braun, der Ausdruck wechselnd und immer veränderlich, aber stets entweder übernatürlich — ich hätte fast gesagt satanisch — schelmisch oder unwiderstehlich bezaubernd — oft beides. Ihre Stimme war sanft und kinderartig, ihr Schritt leicht und unhörbar wie der einer Katze und ihr ganzes Wesen meist das eines hübschem muthwilligen Kätzchens, das bald vorwitzig, bald schelmisch, bald furchtsam, bald demüthig ist, wie es gerade will.
Ihre Schwester Mary war um mehrere Jahre älter, mehrere Zoll länger und von stärkerem, gröberen Bau — ein häßliches, stilles, verständiges Mädchen, das ihre Mutter während ihrer letzten langen, schleichenden Krankheit geduldig gepflegt und von da an bis zum gegenwärtigen Augenblicke die Haushälterin und der Familie Aschenbrödel gewesen war.
Ihr Vater vertraute ihr und schätzte sie hoch, alle Hunde, Katzen, Kinder und Arme liebten sie und schmeichelten ihr und alle Uebrigen vernachlässigten sie und schätzten sie gering.
Seine Hochwürden, Herr Michael Milward selbst, war ein langer, schwerfälliger, ältlicher Herr, der einen breitkrämpigen, hinten aufgeschlagenen Hut über sein breites, viereckiges, massives Gesicht setzte, in der Hand einen dicken Spazierstock trug und seine noch kräftigen Beine in Kniehosen und Gamaschen, oder bei feierlichen Gelegenheiten in schwarz-seidene Strümpfe steckte.
Er war ein Mann von festen Grundsätzen, starken Vorurtheilen und regelmäßigen Gewohnheiten. Er duldete keinen Widerstand, in welcher Gestalt er auch erscheinen mochte und handelte nach der festen Ueberzeugung, daß seine Ansichten stets die richtigen seien und, wer von ihnen abwich, entweder bedauernswerth unwissend oder absichtlich blind sein müsse.
In der Kindheit war ich stets gewohnt gewesen, ihn mit ehrfurchtsvollem Schrecken zu betrachten, das ich erst seit ganz kurzer Zeit überwunden hatte, denn wiewohl er gegen gut erzogene Kinder eine väterliche Güte bewies, so war er doch ein strenger Freund der Disciplin und hatte unsere jugendlichen Fehler und kleinen Sünden oftmals hart bestraft und wenn er unsere Eltern besuchte, hatten wir immer vor ihn treten und unsern Katechismus hersagen, oder »was thut die kleine fleißige Biene« oder eine andere Hymne deklamirem oder — was das Schlimmste war, — uns über seinen letzten Text und die Theile seiner Predigt, deren wir uns nie entsinnen konnten, ausfragen lassen müssen.
Mitunter tadelte der gute Mann sogar meine Mutter darüber, daß sie gegen ihre Söhne so nachsichtig wäre und erging sich dabei in Beziehungen auf den alten Eli oder David und Absalom, die sie ganz besonders kränkten, und so hoch sie ihn und alle seine Worte auch verehrte, hörte ich sie doch einmal ausrufen: — »Ich wollte doch, daß er selbst eigen Sohn hätte, dann würde er nicht so bereitwillig sein, anderen Leuten immer Rathschläge zu geben — er würde sehen, was das heißt, wenn man ein paar Jungen in Ordnung halten muß.«
Er besaß eine löbliche Sorgfalt für seine körperliche Gesundheit — stand früh auf und ging bei Zeiten zu Bette, machte regelmäßig vor dem Frühstück einen Spaziergang, war ungemein eigen in Bezug auf warme und trockne Kleidung, hatte nie eine Predigt gehalten, ohne vorher ein rohes Ei zu verschlucken, obgleich er mit guten Lungen und einer kraftvollen Stimme begabt war, und war im Allgemeinen in Bezug, auf das, was er aß und trank, äußerst eigen, wenn auch keineswegs enthaltsam, und hatte eine ganz eigenthümliche Diät, indem er Thee und dergleichen Gewäsch höchlichst verachtete und dafür Bier, Speck und Eier, Schinken, Rauchfleisch und andere kräftige Speisen in Schutz nahm, die mit seinen Verdauungsorganen in gutem Vernehmen standen, weshalb er behauptete, . daß sie für Jedermann gut und gesund seien und sie den schwächlichsten, kranken oder an Unverdaulichkeit Leidenden eifrig empfahl und ihnen dann, wenn sie von seinen Recepten nicht den versprochenen Nutzen zogen, sagte, daß es nur daher komme, daß sie nicht lange genug damit fortgefahren seien, und wenn sie sich über unangenehme Folgen davon beklagten, ihnen versicherte, daß es nichts wie Einbildung sei
Ich will zwei andere Personen, die ich erwähnt habe, nur kurz berühren und dann diesen langen Brief schließen. Dies sind Mrs. Wilson und ihre Tochter.
Erstere war die Witwe eines wohlhabenden Gutsbesitzers, eine engherzige, schwatzhafte alte Frau Base, deren Charakter keine Beschreibung verdient. Sie hatte zwei Söhne, Robert, einen rauhen, verbauerten Landmann und Richard, einen schüchternen, fleißigen, jungen Mann, der unter Beihilfe des Vikars die classischen Sprachen studierte und sich für die Universität vorbereitete, um später in die Kirche zu treten.
Ihre Schwester Jane war eine junge Dame von einigem Talent, aber noch größerem Ehrgeiz. Sie hatte ihrem eigenen Wunsche zufolge, eine ordentliche Pensionats-Erziehung, die vornehmer war, als sie irgend ein Mitglied der Familie vor ihr erhalten hatte, genossen; sie hatte die Politur gut angenommen, höchst elegante Manieren erhalten, ihren Provinzialaccent gänzlich verloren und konnte sich größeren Wissens rühmen, als die Töchter des Vikars.
Man hielt sie überdies für eine Schönheit, sie konnte mich jedoch nie auch nur auf einen Augenblick zu ihren Bewunderern zählen. Sie war etwa sechsundzwanzig, « ziemlich lang und sehr schlank, ihr Haar weder kastanienbraun noch auburn, sondern von höchst entschiedenen grellem hellen Roth. Ihr Teint auffallend weiß und brillant, ihr Kopf klein, Hals lang, Kinn gut geformt, aber sehr kurz, die Lippen schmal und roth, die Augen hellbraun, durchdringend und scharf, aber des Gefühls und der Poesie gänzlich ermangelnd. Sie hatte oder hätte in ihrem Stande eine Menge von Bewerbern haben können, wies sie aber alle verächtlich zurück oder ab, denn ihrem feinen Geschmacke konnte nur ein Gentleman gefallen und ihrem Ehrgeize nur ein reicher Mann genügen. Es gab einen Gentleman, der ihr in der lebten Zeit ziemlich auffallende Aufmerksamkeit bewiesen und auf dessen Herz, Namen und Vermögen, wie man sich zuflüsterte, sie ernsthafte Absichten hatte.
Dies war Mr. Lawrence, der junge Gutsherr, dessen Familie früher Wildfell Hall bewohnt, es aber vor etwa fünfzehn Jahren verlassen hattest, um ein moderneres und bequemeres Haus im benachbarten Kirchspiele zu bewohnen.
Nun, Halford, für jetzt nehme ich von Ihnen Abschied. Dies ist die erste Ratenzahlung meiner Schuld; sagen Sie mir, ob Ihnen die Münze zusagt, und ich werde Ihnen dann das Uebrige nach Muster zusenden. Wollen Sie aber lieber mein Gläubiger bleiben, als Ihre Börse mit so unbehilflichen, schweren Geldstücken vollstopfen — so sagen Sie mir es dessenungeachtet und ich werde Ihrem schlechten Geschmack verzeihen und den Schatz gern für mich behalten.
Unveränderlich der Ihrige
Gilbert Markham.
Zweites Kapitel.
Eine Zusammenkunft.
Ich nehme mit Freuden wahr, mein hochgeschätzter Freund, daß sich die Wolke Ihres Unwillens verzogen hat, Sie lassen die Sonne Ihres Antlitzes wieder leuchten und verlangen die Fortsetzung meiner Geschichte und sollen dieselbe also ohne weitere Umschweife erhalten.
Ich glaube, daß der von mir zuletzt erwähnte Tag der letzte Oktobersonntag des Jahres 1827 gewesen ist. Am folgenden Dienstag war, ich mit meinem Hunde und meiner Flinte ausgegangen, um solches Wild aufzusuchen, wie es sich auf dem Gebiete von Linden-Car vorfand; da ich aber gar keines erblickte, wendete ich meine Waffen gegen die Falken und Aaskrähen, deren Räubereien mich, wie ich argwöhnte, besserer Beute beraubt hatten.
Zu diesem Zwecke verließ ich die häufiger besuchten Gegenden, die Waldthäler, Kornfelder und Wiesen, und erstieg die steile Anhöhe von Wildfell, die wildeste und höchste Gegend unserer Nachbarschaft, wo, wenn man höher hinauf kommt, die Hecken, wie die Bäume, dünn und verkrüppelt werden und die ersteren endlich rauhen Steinmauern, die zum Theil mit Epheu und Moos überzogen sind, die letzteren Lerchen und Kiefern, oder einsamen Schwarzdorn weichen. Die unebenen und steinigen und für den Pflug gänzlich ungeeigneten Felder waren meist zu Schaf- und Rindviehweiden bestimmt, der Boden leicht und mager, — hier und da blickten graue Felsenstücke unter den bemoosten Anschwellungen hervor, unter den Mauern wuchsen Preiselsbeeren und Haidekraut — Ueberbleibsel von einem noch wilderen Zustande des Bodens, und in vielen Einfriedigungen hatten Sandbinsen und Quecken die Oberherrschaft über den spärlichen Graswuchs usurpiert — aber es war nicht mein Eigenthum.
Fast auf der Spitze des Hügels und etwa eine Stunde von Linden-Car entfernt, stand Wilder Hall, ein aus dunkeln, grauen Steinen errichtetes invalides Gebäude aus der elisabethischen Zeit — ehrwürdig und malerisch zu betrachten, ohne Zweifel aber kalt und düster genug zu bewohnen, mit seinen dicken, steinernen Fensterstöcken und kleinen, runden Fensterscheiben, seinen vom Zahne der Zeit genagten Luftlöchern und seiner zu einsamen und zu ungeschützten Lage — vor dem Kampfe des Windes und Wetters nur durch eine Kieferngruppe beschirmt, die selbst von den Stürmen halb abgestorben war und eben so düster und finster aussah, wie die Halle selbst.
Hinter dem Hause lagen einige nackte Felder und dann kam der braune, mit Haidekraut bekleidete Gipfel des Hügels. Vor ihm — von steinernen Mauern umgeben und durch ein eisernes Gitterthor, dessen Seitenmauern mit großen, grauen Granitkugeln versehen waren, wie sie das Dach und die Giebel zierten, zugänglich — war ein Garten, einst mir kräftigen Pflanzen und Blumen, wie sie dem Boden und Klima am besten entsprachen, und Bäumen, wie sie die Scheeren des Gärtners am besten aushalten und am leichtesten die Formen, welche er ihnen zu geben beliebte, annehmen konnte, besetzt — der aber, nach dem er so viele Jahre ungegraben und unbeschnitten dem Unkraut und Grase, Frost und Wind, dem Regen und der Dürre überlassen geblieben war, ein wahrhaft eigenthümliches Aussehen besaß.
Die dichten, grünen, spanischen Holländerwände, welche den Hauptgang begrenzt hatten, waren zu zwei Dritteln verdorrt und das Uebrige über alle vernünftigen Grenzen bin ausgewuchert. Der alte Buchsbaumschwan, welcher neben dem Abtrete-Eisen saß, hatte den Hals und die Hälfte seines Körpers verloren, die Lorbeerthürme in der Mitte des Gartens, der gigantische Krieger, welcher auf der einen Seite des Eingangs stand und der die andere bewachende Löwe waren in so phantastische Gestalten ausgesproßt, daß sie keinem Dinge im Himmel und auf Erden, noch in den Gewässern und unter der Erde glichen, boten aber meiner jungen Phantasie alle ein koboldisches Aussehen, das vor trefflich mit den gespenstischen Legionen und dunkeln Sagen harmonierte, welche uns unsre alte Amme über die Spukhalle und ihre geschiedenen Bewohner erzählt hatte.
Es war mir gelungen, einen Falken und zwei Krähen zu erlegen, als ich das Gebäude erblickte, worauf ich meinen weiteren Beutezug aufgab und darauf zuschlenderte, um das alte Haus zu betrachten, und zu sehen, welche Veränderungen die neue Bewohnerin darin hervorgebracht habe.
Ich wollte nicht gerade nach der Vorderseite gehen und zur Thür,hereingaffen, sondern verweilte an der Gartenmauer und betrachtete mir es, sah aber keine Veränderung — mit Ausnahme des einen Flügels, wo die zerbrochenen Fenster und das verfallene Dach offenbar ausgebessert worden waren und eine dünne Rauchsäule aus dem Kamine in die Höhe kräuselte.
Während ich so, auf meine Flinte gelehnt und nach den dunkeln Giebeln aufblickend, in müßige Träumereien versunken dastand, und einen Schleier von capritiösen Phantasien wehte, in denen alte Erinnerungen und die schöne, junge Einsiedlerin, welche sich jetzt innerhalb dieser Mauern befand, fast gleichen Antheil hatten, hörte ich ein leichtes Knacken und Knistern im Garten und erblickte, als ich nach der Gegend, aus welcher der Laut herkam, sah, eine kleine sich über der Mauer erhebende Hand; sie hielt sich an dem obersten Stein fest und dann erhob sich eine zweite kleine Hand, um sich fester anzuhalten und dann erschien eine kleine weiße Stirn von hellbraunen Locken umgeben, ein paar dunkelblaue Augen darunter und der obere Theil einer winzig-kleinem elfenbeinweißen Nase.
Die Augen bemerkten mich nicht, sondern funkelten hocherfreut, als sie Sancho, meinen schönen schwarz und weißen Hühnerhund,.erblickte, der mit der Nase auf dem Boden im Felde herumsprang. Das kleine Geschöpf erhob sein Gesicht und rief dem Hunde laut zu. Das gutmüthige Thier blieb stehen, schaute auf und wedelte mit dem Schwanze, kam aber nicht näher. Das Kind — ein kleiner, etwa fünfjähriger Knabe — kletterte auf die Höhe der Mauer und rief wieder und wieder, schien sich aber, da er fand, daß es nichts nutzte, zu entschließen, wie Mahomed zum Berge zu gehen, da der Berg nicht zu ihm kommen wollte und versuchte herüberzuklettern; aber ein knorriger, alter Kirschbaum, der dicht daneben wuchs, hielt sein Kleidchen in einem der krummverschlungenen Aeste, die sich . über die Mauern hinstreckten, fest.
Er versuchte, sich loszumachen, sein Fuß glitt ab — aber nicht bis zur Erde — der Baum hielt ihn in der Luft fest. Es fand ein stiller Kampf statt und darauf ertönte ein durchdringender Schrei — augenblicklich aber hatte ich meine Flinte in das Gras geworfen und den kleinen Burschen in meinen Armen aufgefangen
Ich wischte seine Augen mit seinem Kleidchen, sagte ihm, daß er ganz wohlbehalten sei und rief Sancho, um ihn zu beruhigen. Er legte eben seine kleine Hand auf den Hals des Hundes und begann durch seine Thränen zu lächeln, als ich hinter mir das Knarren des eisernen Thores und ein Rauschen von weiblichen Gewändern hörte, und siehe da, Mrs. Graham mit unbedecktem Halse und im Winde wehenden schwarzen Locken schoß auf mich zu.
»Geben Sie n«r das Kind.«
Sie sagte dies mit einer Stimme, die kaum lauter, als ein Flüstern war, aber mit furchtbarer Heftigkeit, ergriff den Knaben, riß ihn von mir fort, als ob meine Berührung verpestend wäre, und stand dann, mit der einen Hand fest die seinige fassend, die andere auf seine Schulter gelegt, und ihre großen, lichtvollen Augen auf mich heftend, bleich, athemlos und vor Aufregung bebend da.
»Ich habe dem Kinde nichts zu Leide gethan,« sagte ich, kaum wissend, ob ich mehr erstaunt, oder unwillig sein sollte. »Er stürzte dort von der Mauer herab und ich war so glücklich, ihn aufzufangen, während er köpflings von jenem Baume herabhing, und wer weiß, welche Katastrophe zu verhindern.«
»Ich bitte um Verzeihung, Sir,« stammelte sie, sich plötzlich beruhigend — das Licht der Vernunft schien in ihren bewölkten Geist zu brechen und ein leichtes Erröthen bedeckte ihre Wangen. Ich kannte Sie nicht, und ich dachte —«
Sie hielt inne, um das Kind zu küssen, und schlang zärtlich ihren Arm um dessen Hals.
»Sie dachten wahrscheinlich, daß ich im Sinne habe, Ihren Sohn zu stehlen.«
Sie streichelte seinen Kopf mit halbverlegenem Lachen und antwortete:
»Ich wußte nicht, daß er die Mauern zu erklettern versucht hatte. — Ich glaube das Vergnügen zu haben, mit Mr. Markham zu sprechen,« fügte sie etwas abrupt hinzu.
Ich verbeugte mich, erlaubte mir aber, zu fragen, woher sie mich kenne.
»Ihre Schwester hat mich vor einigen Tagen mit Mrs. Markham besucht.«
»Ist die Aehnlichkeit denn so auffallend,« fragte ich etwas erstaunt und von der Idee nicht so schmeichelhaft berührt, wie ich wohl hätte sein sollen.
»Ich glaube, einige Aehnlichkeit um die Augen und in der Gesichtsfarbe zu finden,« antwortete sie, indem sie mein Gesicht etwas zweifelhaft überschaute — »«und ich glaube sie am Sonntags in der Kirche gesehen zu haben.«
Ich lächelte. — In diesem Lächeln oder in den Erinnerungen, welche es erweckte, mußte etwas für sie ganz besonders Unangenehmes liegen, denn sie nahm plötzlich wieder das stolze, eisige Gesicht an, welches meine verderbte Natur in der Kirche so unaussprechlich aufgeregt hatte.
Ein Aussehen zurückstoßender Verachtung, das so leicht und ohne die mindeste Entstellung eines einzigen Zuges angenommen wurde, daß es, so lange es sich dort befand., der natürliche Ausdruck des Gesichtes zu sein schien, und mir um so ärgerlicher war, als ich es nicht für affektiert halten konnte.
»Guten Morgen, Mr. Markham,« sagte sie und zog sich, ohne weiter ein Wort oder einen Blick an mich zu richten, mit ihrem Kinde in den Garten zurück; und ich kehrte erzürnt und unzufrieden heim — weshalb, vermöchte ich Ihnen kaum zu sagen — und will es daher auch nicht versuchen.
Ich verweilte nur so lange, um Flinte und Pulverhorn hinwegzulegen und einem von den Knechten einige nothwendige Weisungen zu geben, und verfügte mich dann nach dem Pfarrhause, um mich durch die Gesellschaft und Unterhaltung Elise Milwards zu erquicken und mein aufgeregtes Gemüth zu beschwichtigen.
Ich fand sie, wie gewöhnlich, mit Sticken beschäftigt — die Wuth, mit bunter Wolle zu sticken, war damals noch nicht eingetreten — während ihre Schwester am Kaminwinkel saß, die Katze auf dem Schooße hatte und einen Haufen von Strümpfen stopfte.
»Mary — Mary, stecke hinweg,« sagte Elise hastig, als ich in das Zimmer trat.
»Gott bewahre!« war die phlegmatische Antwort, und mein Erscheinen verhinderte seine Fortsetzung der Diskussion.
»Sie treffen es so unglücklich, Mr. Markham,« bemerkte die jüngere Schwester mit einem ihrer schelmischen Seitenblicke — »der Papa ist soeben ausgegangen und wird unter einer Stunde nicht wieder zurückkehren.«
»Das thut nichts, ich werde wohl ein paar Minuten bei seinen Töchtern zubringen können, wenn sie es mir erlauben wollen, sagte ich, indem ich einen Stuhl an das Feuer setzte und mich darauf, ohne erst auf eine Einladung zu warten.
»Nun, wenn sie sehr gut und unterhaltend sein wollen, so haben wir nichts dagegen.«
»Ich bitte um unbedingte Erlaubniß, denn ich komme nicht, um Vergnügen zu bereiten, sondern es zu suchen,« antwortete ich
Ich hielt es indeß für angemessen, einige kleine Anstrengungen zu machen, um mich meiner Gesellschaft angenehm zu erweisen, und war darin, wie es schien, glücklich genug, denn Miß Elise hatte sich nie in besserem Humor befunden.
Wir schienen gegenseitig aneinander Gefallen zu finden und unterhielten ein munteres und belebtes, wenn auch nicht sehr tiefes Gespräch; es war wenig besser als ein tête-à-tête, denn Miß Milward öffnete die Lippen nur, um mitunter eine unbedachte Behauptung oder einen übertriebenen Ausdruck ihrer Schwester zu berichtigen und einmal, um sie aufzufordern, ihr den Garnknäul, welcher unter den Tisch gerollt war, aufzuheben Dies thue ich jedoch geziemender Weise selbst.
»Ich danke Ihnen, Mr. Markham,« sagte sie, als ich ihr denselben hinreichte, »ich würde Ihn selbst aufgehoben haben, wollte aber nur die Katze nicht stören.«
»O, liebe Mary, das wird Dich in Mr. Markhams Augen nicht entschuldigen,« sagte Elise; »er wird die Katzen wohl eben so herzlich hassen, wie die alten Jungfern, wie alle Mannen — nicht wahr, Mr. Markham?«
»Ich denke, daß es für unser unliebenswürdiges Geschlecht natürlich ist, die Geschöpfe zu hassen,« entgegnete ich, »denn Ihr Damen verschwendet zu viele Liebkosungen an sie.«
»Gott segne die lieben, kleinen Dinger,« rief sie in einem plötzlichen Ausbruch den Enthusiasmus, indem sie sich plötzlich umwendete und das Schooßthier ihrer Schwester mit einer Fluch von Küssen überhäufte.
»Laß sie gehen, Elise,« sagte Miß Milward etwas Verdrießlich, indem sie sie ungeduldig bei Seite schob. — «
Es wurde aber Zeit, daß ich ging: ich mochte eilen, wie ich wollte, so kam ich doch zu spät zum Thee und meine Mutter war die Ordnung und Pünktlichkeit selbst. —
Meine schöne Freundin nahm offenbar nicht gern Abschied von mir. Ich drückte ihr zärtlich die kleine Hand und sie belohnte mich mit ihrem sanftesten Lächeln und bezauberndsten Blicke.
Ich ging sehr glücklich heim und mein Herz strömte von Selbstgefälligkeit und Liebe zu Elisen über.
Drittes Kapitel.
Eine Controverse.
Zwei Tage nachher machte Mrs. Graham einen Besuch in Linden-Car, gegen alle Erwartungen Rosa’s, die die Idee hatte, daß die geheimnisvolle Bewohnerin von Wildfell Hall die gewöhnlichen Pflichten des civilisirten Lebens gänzlich aus den Augen setzen würde — in welcher Ansicht sie die Wilsons unterstütztem welche behaupteten, daß weder ihr Besuch, noch der der Milwards bis jetzt erwiedert worden sei
Jetzt wurde indeß der Grund der Unterlassungssünde erklärt, wenn auch nicht ganz zu Rosa’s Zufriedenheit
Mrs. Graham hatte ihren Sohn mitgebracht, und als meine Mutter ihr Erstaunen und gab, daß er so weit gehen könne, antwortete sie:
»Es ist ein weiter Weg für ihn, aber ich mußte ihn entweder mitnehmen oder den Besuch ganz unterlassen, denn ich lasse ihn nie allein, — und werde Sie bitten müssen, Mrs. Markham, mich bei den Milwards und Mrs. Wilson zu entschuldigen, wenn Sie sie wieder sehen, da ich fürchte, mir das Vergnügen, sie zu besuchen, versagen zu müssen, bis mein kleiner Arthur im Stande sein wird, mich zu begleiten.«
»Aber Sie haben eine Dienerin,« sagte Rosa, »könnten Sie ihn nicht bei der lassen.«
»Sie hat ihre eignen Geschäfte zu besorgen und ist überdies zu alt, um einem Kinde nachzulaufen, und Er zu lebhaft, um sich immer bei einem ältlichen Frauenzimmer aufzuhalten.«
»Aber Sie ließen ihn doch zu Hause, um in die Kirche zu gehen?«
»Ja, einmal, aber ich würde dies auch unter keinen andern Umständen gethan haben und denke, daß ich es in Zukunft so einrichten muß, daß ich ihn mitbringe oder selbst zu Hause bleibe.«
»Ist er denn so bösartig?« fragte meine Mutter ungemein entsetzt.
»Nein,« entgegnete die Dame mit trübem Lächeln und streichelte das lockige Haar ihres Sohnes, der ihr zu Füßen auf einem niedrigen Schemel saß, »aber er ist mein einziger Schatz, und ich sein einziger Freund, so daß wir uns nicht gern von einander trennen.«
»Aber, mein liebes Kind, das nenne ich Verzärteln,« sagte meine freimüthige Mutter, »Sie sollten sich bemühen, diese thörichte Zärtlichkeit zu unterdrücken, um sowohl Ihren Sohn vor Ruin, als sich selbst vor dem Auslachen zu retten.«
»Ruin, Mrs. Markham.«
»Ja, Sie verziehen dadurch das Kind; — selbst in seinem Alter sollte er nicht immer an dem Schürzenbande seiner Mutter hängen, er sollte lernen, sich dessen zu schämen.«
»Mrs. Markham, ich bitte Sie, dergleichen Dinge wenigstens in seiner Gegenwart nicht zu sagen. Ich hoffe, daß sich mein Sohn nie der Liebe zu seiner Mutter schämen wird,« sagte Mrs. Graham mit einer Energie, die die Gesellschaft in Erstaunen setzte.
Meine Mutter versuchte sie durch eine Erklärung zu beschwichtigen, sie schien aber zu denken, daß bereits genug über den Gegenstand gesprochen worden sei, und lenkte das Gespräch kurz auf etwas Anderes.
»Gerade wie ich dachte,« sagte ich zu mir, »das Gemüth der Dame ist keines von den mildesten, trotz ihres lieblichen, blassen Gesichts und der hohen Stirn, auf die Nachdenken und Leiden ihren Stempel gedrückt zu haben scheinen.
Ich war die ganze Zeit über an einem Tische auf der andern Seite des Zimmers, anscheinend in das Lesen einer Nummer der Ackerbauzeitung versenkt, die ich bei der Ankunft unserer Besucherin zufällig vor mir hatte sitzen geblieben, hatte mich, als sie hereintrat, da ich nicht übermäßig höflich sein wollte, blos vorbeugt und meine frühere Beschäftigung fortgesetzt.
Nach einer Weile bemerkte ich jedoch, daß sich mir Jemand mit leichten, aber langsamen und zagenden Schritten nähere. Es war der kleine Arthur, der von meinem, zu meinen Füßen liegenden Hunde, Sancho, unwiderstehlich angezogen wurde.
Als ich aufblickte, sah ich ihn etwa zwei Schritte von mir stehen und mit seinen hellen, blauen Augen sehnsüchtig nach dem Hunde schauen, aber an seine Stelle geheftet, nicht etwa aus Furcht vor dem Thiere, sondern aus schüchterner Abneigung, sich seinem Herrn zu nähern.
Einige Aufmunterung von meiner Seite bewog ihn indeß, heranzukommen; er war zwar scheu, aber nicht mürrisch. In einer Minute kniete er auf dem Teppich und hatte seine Arme um Sancho’s Hals geschlungen und ein paar Minuten später saß der kleine Bursche auf meinem Knie und betrachtete begierig die verschiedenen Abbildungen von Pferden, Rindern, Schweinen und Musterhäusern,die sich in dem Hefte vor mir befanden.
Ich blickte von Zeit zu Zeit nach seiner Mutter hin, um zu sehen, wie ihr die neue Freundschaft gefalle, und bemerkte an dem unruhigere Ausdruck ihres Auges, daß ihr die Lage in welcher sich das Kind befand, aus dem einen oder andern Grunde unbehaglich war.
»Arthur,« sagte sie endlich, komm her, »Du störst Mr. Markham, er will lesen.«
»Nicht im Geringsten, Mrs. Graham, ich bitte, lassen Sie ihn bleiben. Ich unterhalte mich eben so gut, als er,« wendete ich ein. Dessenungeachtet rief sie ihn aber mit Hand und Auge schweigend an ihre Seite.
»Nein, Mama,« sagte das Kind, »laß mich erst die Bilder ansehen, dann will ich kommen und Dir erzählen, was es ist.«
»Wir werden am nächsten Montag, den 5. November, eine kleine Gesellschaft haben,« sagte meine Mutter, »und ich hoffe, daß Sie es nicht abschlagen werden, daran Theil zu nehmen, Mrs. Graham. Sie können ja Ihren Kleinen mitbringen, wir werden wohl im Stande sein, ihn zu unterhalten, und dann können Sie den Milwards und Wilsons Ihre Entschuldigung selbst machen, sie werden hoffentlich Alle hier sein.«
»Ich danke Ihnen, ich gehe nie zu Gesellschaften.«
»O, das wird nur eine Familiengeschichte sein — wir gehen zeitig zu Bett und Niemand ist da außer uns, die Milwards und Wilsons, von denen Sie die Meisten bereits kennen, und Mr. Lawrence, Ihr Gutsherr, den Sie doch kennen lernen sollten.«
»Ich kenne ihn bereits ein wenig, aber Sie müssen mich für diesmal entschuldigen, denn die Abende sind jetzt schon dunkel und feucht und ich fürchte, daß Arthur zu zart ist, um sich ihnen ungestraft auszusetzen. Wir müssen den Genuß Ihrer Gastfreundschaft verschieben, bis die Tage wieder länger und die Nächte wärmer werden.«
Rosa brachte jetzt, auf einen Wink von meiner Mutter, eine Weinflasche mit Gläsern und Kuchen aus dem Schranke unter dem Eichenbuffet und präsentierte den Gästen die Erfrischungen. Sie genossen Beide etwas Kuchen, schlugen aber den Wein, trotz der gastfreien Versuche der Hausfrau, ihnen denselben aufzubringen, hartnäckig aus. Arthur besonders zog sich von dem rothen Nektar, wie entsetzt und von Ekel ergriffen, zurück und wollte weinen, als man in ihn drang, denselben zu nehmen.
»Es thut nichts, Arthur,« sagte seine Mutter. »Mrs. Markham denkt, daß es Dir gut thun wird, da Du von Deinem weiten Wege müde warst, aber sie wird Dich nicht zwingen, ihn zu trinken, es wird wohl auch so schon gehen. Er verabscheut schon den Anblick des Weines,« fügte sie hinzu, und der Geruch desselben macht ihn fast krank. Ich habe ihm, wenn er unwohl war, mitunter etwas Wein oder schwachen Cognac in Wasser als Medicin eingegeben, und in der That Alles was ich konnte, gethan, um ihn dazu zu bringen, denselben zu hassen.«
Alle, mit Ausnahme der jungen Witwe und ihres Sohnes, lachten.
»Nun, Mrs. Graham,« sagte meine Mutter, indem sie sich die Lachthränen aus den hellen, blauen Augen wischte, »nun, Sie setzen mich in Erstaunen. Ich hatte wirklich geglaubt, daß Sie mehr Verstand hätten — das arme Kind wird wirklich zu einem Ofenhocker werden, wenn Sie darauf bestehen.«
»Ich halte es für ein vortreffliches System,« unter brach sie Mrs. Graham mit unerschütterlichem Ernste. »Hierdurch hoffe ich ihn wenigstens von einem herabwürdigenden Laster zu retten — ich wollte, ich könnte die Reizungen zu jedem andern für ihn eben so unschädlich machen.«
»Dadurch,« sagte ich, »werden Sie ihn aber nie tugendhaft machen. Worin besteht die Tugend, Mrs. Graham? — Liegt sie darin, daß man fähig und bereit ist, der Versuchung zu widerstehen, oder darin, daß man keine Versuchungen hat, denen man widerstehen kann? Ist derjenige ein starker Mann, der große Hindernisse überwältigt und erstaunliche Thaten verrichtet, wenn auch durch große Körperanstrengung und auf Gefahr einiger späteren Müdigkeit, oder der, welcher den ganzen Tag auf seinem Stuhle sitzt und nichts Mühsameres zu thun hat, als das Feuer zu schüren und seine Nahrung zum Munde zu führen? — Wenn Sie wollen, daß Ihr Sohn ehrenvoll durch die Welt geht, so dürfen Sie nicht versuchen, ihm die Steine aus dem Wege zu räumen, sondern ihm lehren, fest darüber hinwegzugehen; nicht darauf bestehen, ihn an der Hand zu führen, sondern ihn allein dahinzuschreiten lernen lassen.«
»Ich werde ihn an der Hand führen, Mr. Markham, bis er Kraft hat, allein zu gehen, und so viele Steine, als ich kann, auf seinem Pfade räumen und ihm lehren, die übrigen zu vermeiden, oder, wie Sie sagen, fest darüber zu wandeln; denn wenn ich mein Aeußerstes in dieser Beziehung gethan habe, wird immer noch genug vorhanden sein, um alle Gelenkigkeit, Festigkeit und Umsicht, die er je besitzen wird, in Anspruch zu nehmen. — Es ist ganz gut, wenn man von edlem Widerstande und Prüfungen der Tugend spricht, aber zeigen Sie mir von fünfzig — oder fünfhundert Männern, die der Versuchung unterlegen sind, nur einen einzigen, der die Tugend behauptet, um zu widerstehen. Und warum sollte ich es für sicher halten, daß mein Sohn eine Ausnahme von Tausenden sein wird — und mich nicht lieber auf das Schlimmste vorbereiten und annehmen, daß er wie sein — wie die übrigen Menschen sein wird, wenn ich nicht Sorge trage, es zu verhindern?«
»Sie sprechen höchst schmeichelhaft für uns,« bemerkte ich
»Von Ihnen! das ich nicht wüßte; ich spreche von denjenigen, die ich kenne — und wenn ich sehe, wie das ganze Menschengeschlecht — mit wenigen seltenen Ausnahmen — auf dem Pfade des Lebens hinstolpert und schwankt, in jede Grube sinkt und sich die Schienbeine an jedem Hindernisse, welches auf seinem Wege liegt, zerstößt, soll ich da nicht alle Mittel in meiner Macht anwenden, um ihm einen ebeneren und sicheren Weg zu verschaffen?«
»Ja, aber das sicherste Mlttel dazu würde sein, ihn wo möglich gegen die Versuchung zu stärken, nicht aber sie aus seinem Wege zu räumen.«
»Ich will Beides thun, Mr Markham. — Gott weiß, daß er von Versuchungen, innern sowohl wie äußern, genug bestürmt werden wird, wenn ich auch Alles gethan habe, was ich kann, um das Laster für ihn so uneinladend zu machen, als es seinem eignen Wesen noch verabscheuenswerth ist. Ich selbst habe allerdings nur wenige Verlockungen zu dem, was die Welt Laster nennt, gehabt, aber doch Versuchungen und Prüfungen anderer Art erfahren, die bei vielen Anlässen mehr Wachsamkeit und Widerstandsfähigkeit erfordert haben, als ich bisher gegen sie aufzubieten im Stande gewesen bin, — und dies, glaube ich, werden die Meisten anerkennen, die an das Nachdenken gewöhnt sind und gegen ihre angeborene Verderbniß zu kämpfen wünschen.«
»Ja,« sagte meine Mutter, die nur halb verstand, worauf sie zielte, »Sie werden aber einen Knaben nach sich selbst beurtheilen wollen — und, meine liebe Mrs. Graham, lassen Sie sich bei Zeiten — noch vor dem Irrthume, — dem verderblichen Irrthume, wie ich ihn nennen kann, selbst die Erziehung des Knaben zu übernehmen, warnen. — Sie können sich, weil sie in einigen Dingen talentvoll und gut unterrichtet sind, für die Aufgabe gewachsen halten, sind es aber wirklich nicht, und glauben Sie mir, daß Sie, sobald Sie auf dem Versuche bestehen, es bitterlich bereuen werden, wenn das Unglück geschehen ist.«
»Ich werde ihn also wohl in die Schule schicken sollen, damit er die Autorität und Liebe seiner Mutter verachten lernt?« sagte die Dame mit etwas bitterem Lächeln.
»O nein; wenn Sie aber wollen, daß ein Knabe seine Mutter verachten soll, so muß sie ihn zu Hause behalten und ihr Leben damit zubringen, ihn zu verzärteln und seinen Thorheiten und Launen sklavisch zu; genügen.«
»Darin stimme ich Ihnen vollkommen bei Mrs. Markham; aber, von meinen Grundsätzen und meinem Verfahren kann nichts entfernter sein, als solche verbrecherische Schwäche.«
»Nun, Sie behandeln ihn aber wie ein Mädchen, Sie werden ihm den Muth rauben und eine Mamsell aus ihm machen — das werden Sie gewiß thun, Mrs. Graham, was Sie auch denken mögen. Ich muß aber nur Mr. Milward veranlassen, mit Ihnen darüber zu sprechen — er wird Ihnen die Folgen davon auseinandersetzen, er wird es Ihnen sonnenklar hinstellen und Ihnen sagen, was Sie thun sollen und so weiter — und ich zweifle nicht, daß er im Stande sein wird, Sie in einer Minute zu überzeugen.«
»Es ist unnöthig, den Vikar zu bemühen,« sagte Mrs. Graham mit einem Blicke auf mich, — ich werde sowohl über das unbegrenzte Vertrauen meiner guten Mutter zu dem alten Herrn gelächelt haben — »Mr. Markham hier hält seine Ueberzeugungsfähigkeit für der Mr. Milwards wenigstens gleich. Wenn ich nicht auf ihn höre, würde ich mich auch nicht überzeugen lassen, und wenn Jemand von den Todten auferstände, möchte er Ihnen sagen. — Nun, Mr. Markham, da Sie behaupten, daß ein Knabe nicht vor dem Bösen beschirmt, sondern hinausgeschickt werden soll, um dagegen allein und Beistandslos zu kämpfen, nicht gelehrt werden soll, die Fallstricke des Lebens zu vermeiden, sondern kühn in dieselben hin, oder über dieselben weg, wie es sich nun eben trifft, zu stürzen — die Gefahr eher aufzusuchen, als sie zu vermeiden und seine Tugend von der Versuchung zu nähren, —wollen Sie — «
»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie unterbreche« Mrs. Graham, aber Sie gehen zu weit. Ich habe noch nicht gesagt, daß man einem Knaben lehren solle, sich in die Fallstricke des Lebens zu stürzen oder selbst mit Willen die Lockung aufzusuchen, um seine Tugend durch die Ueberwindung derselben zu üben; ich sage nur, daß es besser ist, Ihren Helden zu bewaffnen und zu kräftigen, als den Feind zu entwaffnen und zu schwächen, und wenn Sie ein Eichbäumchen in einem Gewächshaus aufziehen, es Tag und Nacht sorgfältig pflegen und vor jedem Windhauche beschirmen wollten, so können Sie nicht er warten, daß es ein kräftiger Baum wird wie der, welcher draußen auf dem Bergabhange aller Einwirkung der Elemente ausgesetzt und selbst nicht vor der Macht des Sturmes geschützt, aufgewachsen ist.«
»Zugegeben — würden Sie aber das Gleiche in Bezug auf ein Mädchen sagen?«
»Nein keinesfalls.«
»Nein, Sie möchten sie zärtlich und vorsichtig pflegen lassen, wie eine Gewächshauspflanze — ihr lehren, sich an Andere zu schmiegen, um sich lenken und stützen zu lassen und sie so viel als möglich schon vor der bloßen Kenntniß des Bösen bewahren. Wollen Sie aber so gut sein, mir zu sagen, weshalb Sie diese Unterscheidung machen? Denken Sie etwa, daß sie keine Tugend hat?«
»Sicherlich nicht.«
»Nun, aber Sie behaupten, daß Tugend nur durch die Versuchung hervorgerufene wird, und Sie denken, daß ein Frauenzimmer nicht zu wenig der Versuchung ausgesetzt, oder mit dem Laster oder irgend einem demselben nahe kommenden Gegenstande bekannt gemacht werden kann, — Sie müssen es also entweder für so wesentlich Verderbt oder so schwach halten, daß es der Versuchung nicht widerstehen kann — und wenn es auch rein und unschuldig ist, so lange es in Unwissenheit und Zwang gehalten wird, so muß, da es der ersten Tugend ermangelt, wenn man ihr lehrt, wie man sündigt, eben so viel sein, als es zu einer Sünderin zu machen, und je größer sein Wissen, je weiter seine Freiheit ist, desto tiefer wird seine Schlechtigkeit sein, während das edlere Geschlecht eine angeborene Neigung zur Tugend besitzt und von einer größeren Stärke beschirmt wird, die sich durch Prüfungen und Gefahren nur um so mehr entwickelt —«
»Der Himmel bewahre mich, so zu denken,« fiel ich endlich in die Rede.
»Nun wohl, so müssen Sie denn denken, daß sie beide schwach und zum Irren geneigt sind, daß aber der höchste Schatten eines Unrechts das Weib ins Verderben stürzt, während der Charakter des Mannes durch einige praktische Bekanntschaft mit verbotenen Dingen gekräftigt und verschönert und seine Erziehung dadurch gehörig beendigt wird. Eine solche Erfahrung wird für ihn — um ein ideales Bild zu gebrauchen — wie der Sturm für die Eiche sein, die er, wenn er auch die Blätter abreißt und die kleinen Zweige zerbricht, doch in ihren Wurzeln nur noch fester macht und in ihren Fasern abgehärtet und verdichtet. Sie verlangen, daß unsere Söhnen Alles durch eigene Erfahrung erproben sollen, während unsere Töchter nicht einmal von der Erfahrung Anderen Vortheil ziehen sollen. Ich möchte aber, daß beide von der Erfahrung anderer und den Lehren einer höheren Gewalt solchen Vorteil ziehen sollen, daß sie im Voraus das Böse meiden und das Gute wählen können um keines Experimentalbeweises bedürfen, um ihnen das Unrecht der Uebertretung zu zeigen. Ich möchte ein armes Mädchen nicht gegen ihre Feinde unbewaffnet und unwissend über die Fallstricke, welche auf ihrem Wege liegen, in die Welt hinausschicken eben so wenig sie aber auch bewachen und bewahren, bis sie aller Selbstachtung und alles Selbstvertrauens beraubt, die Macht oder den Willen verlieren würde, sich selbst zu bewachen und zu bewahren, und was meinen Sohn betrifft, so möchte ich, wenn ich dächte, daß er zu dem, was Sie einen Weltmann nennen, der das Leben mitgemacht hat und sich auf seine Erfahrung etwas zu Gute thut, aufwachsen würde, selbst, wenn er insofern davon Vortheil zöge, daß er sich endlich zu einem nützlichen und geachteten Mitgliede der bürgerlichen Gesellschaft ernüchterte, lieber, daß er morgen sterbe. — Ja, tausendmal lieber,« wiederholte sie ernstlich, indem sie ihren Liebling an sich drückte und mit inniger Liebe seine Stirn küßte. Er hatte seinen neuen Freund bereits verlassen und eine Zeitlang am Kniee seiner Mutter gestanden, in ihr Gesicht geblickt und in schweigender Verwunderung auf ihre unverständlichen Reden gehorcht.
»Nun, die Damen müssen immer das letzte Wort haben,« sagte ich, als ich bemerkte, wie sie aufstand und von meiner Mutter Abschied nahm.
»Sie mögen so viele Worte sprechen, als Sie wollen, — nur kann ich nicht verweilen, um Sie anzuhören.«
»Nein, so geht es immer; Sie hören von den Gründen einer Streitfrage nur so viel, als Sie wollen, und das Uebrige kann in den Wind gesprochen werden.«
»Wenn Sie danach verlangen, etwas mehr über den Gegenstand zu sagen,« entgegnete sie, als sie Rosa die Hand gab, so müssen Sie mich eines schönen Tages mit Ihrer Schwester besuchen, und ich werde dann mit aller Geduld, wie Sie nur wünschen können, Alles, was Sie darüber sagen wollen, anhören. Es würde mir lieber sein, Ihre Vorlesung zu erhalten, als die des Vikars, weil es mich weniger dauern würde Ihnen am Ende der Predigt zu sagen, daß ich gerade dieselbe Meinung behalte, wie zu Anfang derselben — was, meiner Ueberzeugung nach, bei jedem von den beiden Logikern der Fall sein würde.«
»Ja, natürlich,« entgegnete ich, entschlossen, eben so ausfordernd, wie sie zu sein, »denn wenn sich eine Dame herabläßt, auf Gründe, die ihren Ansichten zuwiderlaufen, zu hören, so ist sie immer im Voraus entschlossen, ihnen Widerstand zu leisten, nur mit ihren körperlichen Ohren zu hören und die geistigen Organe fest gegen die stärksten Argumente verstopft zu halten.«
»Guten Morgen, Mrs. Markham,« sagte meine Gegnerin mit einem mitleidigen Lächeln, machte dann, ohne mich einer weiteren Entgegnung zu würdigen, eine leichte Verbeugung und war im Begriff zu gehen.
Ihr Sohn hielt Sie aber mit kindischer Impertinenz fest, indem er rief:
»Mamma, Du hast Mr. Markham keine Hand gegeben.«
Sie wendete sich lachend um und hielt mir ihre Hand hin. Ich gab ihr einen boshaften Druck, denn ich war ärgerlich über das Unrecht, welches sie mir vom ersten Augenblicke unsrer Bekanntschaft angethan hatte. Sie war, ohne etwas von meinem wahren Charakter und meinen Grundsätzen zu wissen, offenbar gegen mich eingenommen und schien nur darauf bedacht zu sein, mir zu zeigen, daß ihre Ansichten über mich in jeder Beziehung weit unter denjenigen standen, welche ich selbst hegte.
Ich war von Natur empfindlich, sonst würde mich dies nicht so geärgert haben. Vielleicht war ich auch von meiner Mutter und Schwester und einigen anderen Damen meiner Bekanntschaft etwas verzogen, und doch war ich keineswegs ein Geck, davon bin ich vollkommen überzeugt, mögen Sie es sein oder nicht.
Viertes Kapitel.
Die Gesellschaft.
Unsere Gesellschaft am 5. November lief trotz Mrs. Grahams Weigerung, sie durch ihre Gegenwart zu verherrlichen, recht gut ab. Es war sogar wahrscheinlich, daß, wenn in sie da gewesen wäre, weniger Herzlichkeit, Freiheit und Lustigkeit unter uns geherrscht haben würde, als ohne sie der Fall war.
Meine Mutter war wie gewöhnlich munter und gesprächig, voller Beweglichkeit und Gutmüthigkeit und versah es nur durch ihren zu großen Eifer, es ihren Gästen angenehm zu machen, wodurch sie mehrere davon zwang in Bezug auf Essen und Trinken, Sitzen vor dem lodernden Feuer oder Sprechen, wenn sie lieber geschwiegen hätten, zu thun, was ihre Seele verabscheute.
Dessenungeachtet ertrugen sie die Sache recht gut, da sie Alle in ihrer Feiertagslaune waren.
Mr. Milward erging sich in wichtigen Lehrsprüchen und sentenziösen Späßen, wortreichen Anekdoten und orakelhaften Predigten zur Erbauung der ganzen Gesellschaft im Allgemeinen und der bewundernden Mrs. Markham, des höflichen Mr. Lawrence, der gesetzten Mary Milward, des stillen Richard Wilson und des hausbackenen Robert als die aufmerksamen Zuhörer im Besonderen.
Mrs. Wilson war mit ihrem Budget von frischen Neuigkeiten und alter Medisance, die sie mit trivialen Fragen und Bemerkungen und oft wiederholten Wahrnehmungen aneinander reihte, und wie es schien nur zu dem Zwecke, um ihren unermüdlichen Redeorganen keinem Augenblicke Ruhe zu gestatten, von sich gab, glänzender als je. Sie hatte ihr Strickzeug mitgebracht und es schien, als sei ihre Zunge mit ihren Fingern eine Wette eingegangen, wer es dem Andern in schneller, unablässiger Bewegung zuvorthun könne.
Ihre Tochter Jane war natürlich so graziös und elegant, so witzig und verführerisch, wie es ihr nur immer möglich war, denn sie hatte alle Damen zu verdunkeln und alle Herren zu bezaubern und Mr. Lawrence besonders zu fesseln und zu besiegen Ihre kleinen Künste, womit sie seine Eroberung bezweckte waren zu fein und unerfaßbar, um meine Aufmerksamkeit an sich zu ziehen, aber es kam mir vor, als habe sie eine gewisse feine Affektastion von Superiorität und ein unangenehmes Selbstvertrauen an sich welches alle ihre Vorzüge zunichte machte, und nachdem sie fort war, legte mir Rose alle ihre verschiedenen Blicke, Worte und Handlungen mit einem Gemisch von Scharfsinn und Bitterkeit aus, das meine Verwunderung eben sowohl über die Kunstgriffe der Damen den Scharfblick meiner Schwester erregte und innerlich fragen ließ, ob sie nicht auch ein Auge auf den Squire habe.
Sie brauchen sich aber nicht darum zu bekümmern, Halford, denn dem war nicht so.
Richard Wilson, Jane’s jüngerer Bruder, saß in einer Ecke, wie es schien, gutmüthig, aber schweigsam und scheu, mit dem Wunsche, der Beobachtung zu entgehen, aber bereit genug, selbst zu hören und zu beobachten, und obgleich er etwas außer seinem Elemente war, würde er in seiner stillen Weise glücklich genug gewesen sein, wenn ihn meine Mutter nur ungeschoren hätte lassen können.
In ihrer mißverstandenen Gutmüthigkeit verfolgte sie ihn aber fortwährend mit ihren Aufmerksamkeiten, drängte ihm, in der Ansicht, daß er zu schüchtern sei, um selbst zuzulangen, alle Arten von Speisen auf und nöthigte ihn, seine einsylbigen Antworten auf die Menge von Fragen und Bemerkungen, wodurch sie vergebens versuchte, ihn in das Gespräch zu ziehen, über das Zimmer hinweg zu schreien.
Rosa sagte mir, daß er uns nicht mit seiner Gesellschaft beglückt haben würde, wenn nicht seine Schwester Jane eifrig darnach verlangte, dem Mr. Lawrence zu zeigen, daß sie wenigstens einen gentlemänischern und gebildeteren Bruder, als Robert, besitze, auf das Aeußerste in ihn gedrungen wäre. Sie war ebenso bemüht gewesen, dieses achtungswerthe Individuum fern zu halten; er behauptete aber, daß er nicht einsähe, warum er nicht ebenso gut, wie der Beste von uns, mit Markham und der alten Dame — meine Mutter war noch gar nicht so alt — und der hübschen Miß Rosa und dem Pfarrer ein Wort sprechen solle — und er hatte dazu ein volles Recht. Er sprach also mit meiner Mutter und Rosa von alltäglichen Dingen und diskutirte mit dem Vikar über Gemeindesachen, Ackerbauangelegenheiten mit mir und Politik mit uns Beiden.
Mary Milward war ebenfalls stumm — nicht so sehr von grausamer Güte geplagt, wie Richard Wilson, weil sie eine gewisse kurze, entschiedene Art zu antworten und abzuschlagen hatte und eher für mürrisch als schüchtern gehalten wurde.
Wie dem auch sein mochte, so verbreitete sie in der Gesellschaft keinesfalls viel Vergnügen, schien von dieser aber auch nicht viel zu erhalten. Elise sagte mir, daß sie nur gekommen sei, weil ihr Vater daraus bestanden habe, da er es sich in den Kopf gesetzt, daß sie sich zu aus schließlich mit ihren Haushaltungspflichten beschäftige und darüber die für ihr Alter und Geschlecht passenden unschuldigen Freuden und Erholungen vernachlässige. Mir erschien sie im Ganzen gutlaunig genug. Ein paar Mal wurde sie durch den Witz oder die Lustigkeit eines begünstigsten Individuums unter uns zum Lachen gebracht und dann bemerkte ich, wie sie das Auge des ihr gegenüber sitzenden Richard Wilson aufsuchte, Da er seine Studien unter der Anleitung ihres Vaters machte, hatte sie trotz der zurückgezogenen Gewohnheiten Beider einige Bekanntschaft mit ihm und ich denke mir, daß zwischen ihnen eine Art von Gedankenaustausch bestand.
Meine Elise war über alle Beschreibung reizend, kokott ohne Affektastion und offenbar von dem Verlangen beseelt, meine Aufmerksamkeit mehr als die der ganzen übrigen Gesellschaft zu fesseln. Ihr Entzücken, mich in ihrer Nähe zu haben, wenn ich neben ihr saß oder stand, ihr ins Ohr flüsterte oder ihre Hand im Tanze drückte, war ihrem glühenden Gesichte und wogenden Busen deutlich lesbar, wie sehr sie dasselbe auch durch schelmische Worte Geberden zu verleugnen suchte; aber ich würde besser thun davon zu schweigen; denn wenn ich mich jetzt dieser Dinge rühme, werde ich später erröthen müssen.
Um also mit den verschiedenen Individuen unserer Gesellschaft fortzufahren.
Rosa war einfach und natürlich, wie immer, und voller Munterkeit und Lebenslust.
Fergus war impertinent und absurd, aber seine Impertinenz und Thorheit brachte Andere zum Lachen, wenn sie ihn auch nicht in ihrer Achtung hob.
Und schließlich — denn ich lasse mich selbst aus — Mr. Lawrence war gentlemänisch und harmlos gegen Alle und höflich gegen den Vikar und die Damen, besonders seine Wirthin und ihre Tochter und Miß Wilson — der irre geleitete Mensch, er hatte nicht den guten Geschmack, Elise Milward vorzuziehen.
Mr. Lawrence und ich standen in ziemlich vertrautem Verhältnisse. Von wesentlich zurückhaltenden Gewohnheiten und nur selten den abgeschiedenen Ort seiner Geburt verlassend, wo er seit dem Tode seines Vaters in einsamer Pracht gelebt hatte, besaß er weder die Gelegenheit noch die Neigung, viele Bekanntschaften zu machen und von Allen, die er je gekannt hatte, war ich — nach dem Resultate zu urtheilen — der für seinen Geschmack angenehmste Gefährte. Ich konnte den Mann gut genug leiden, aber er war zu kalt und scheu und verschlossen, um meine herzliche Sympathie zu erhalten. Er bewunderte an Andern Offenheit und ein freimüthiges Wesen, wenn es ganz ohne Rohheit war, konnte sich diese Eigenschaften selbst aber nicht aneignen. Seine ausnehmende Zurückhaltung in Bezug auf alle seine eignen Angelegenheiten war in der That ärgerlich und erkältend genug,aber ich verzieh sie, in der Ueberzeugung, daß sie weniger aus Stolz und Mangel an Vertrauen auf seine Freunde, als einem gewissen krankhaften Gefühle von Delikatesse und einer eigenthümlichen Schüchternheit, die er recht gut kannte, welche er aber zu besiegen nicht Energie genug besaß, entsprang. Sein Herz glich einer Sinnpflanze, die sich zwar im Sonnenschein auf einen Augenblick öffnet, aber bei der leichtesten Berührung des Fingers oder dem schwächsten Windhauche zusammenrollt und in sich selbst zurückzieht.
Im Ganzen war unser vertrautes Verhältniß eher gegenseitiges Vorziehen unseres Umgangs, als eine tiefe feste Freundschaft, wie sie sich seitdem zwischen mir und Ihnen, Halford, erhoben hat, den ich trotz seiner gelegentlichen Rauhheit mit nichts besser vergleichen kann, als mit einem alten Rocke von untadelhaftem Gewebe, aber bequemer Facon, der sich der Gestalt des ihn Tragenden angeschlossen hat, und den er gebrauchen kann, wie er will, ohne sich von der Furcht, ihn zu verderben, quälen zu lassen — während Mr. Lawrence einem neuen Kleide glich, dessen Aussehen wohl recht nett und fein, das aber in den Ellbogen so eng ist, daß man fürchten muß, durch die freie Bewegung der Arme die Nähte aufzusprengen und eine so platte feine Oberfläche besitzt, daß man Anstand nimmt, es auch nur einem einzigen Regentropfen auszusetzen.
Bald nach der Ankunft der Gäste erwähnte meine Mutter der Mrs. Grahams, bedauerte, daß sie nicht da sei, erklärte den Milwards und Wilsons, welche Gründe für die Vernachlässigung, ihre Besuche zu erwiedern, gegeben, und hoffte, daß diese sie entschuldigen würden, da sie sicherlich keine Unhöflichkeit beabsichtigt habe und jederzeit erfreut sein würde, sie bei sich zu sehen.
»Aber sie ist eine höchst sonderbare Dame,« Mr. Lawrence, fügte sie hinzu. — »Wir wissen nicht, was wir aus ihr machen sollen — aber Sie, werden uns wohl etwas von ihr sagen können, denn Sie sind ja ihr Gutsherr, wissen Sie, — und sie sagte, daß sie Sie ein wenig kenne.«
Alle Augen richteten sich auf Lawrence, es war mir, als sähe er unnöthig verwirrt aus, als man sich so auf ihn berief.
»Ich, Mrs. Markham,« sagte er, »Sie irren sich — ich weiß nicht — das heißt — ich halbe sie allerdings gesehen, bin aber die letzte Person, an die Sie sich wenden dürfen, um Auskunft über Mrs. Graham zu erlangen.«
Hierauf wendete er sich augenblicklich zu Rosa und bat sie, die Gesellschaft mit einem Liede oder einem Clavierstücke zu erfreuen.
»Nein,« sagte sie, »da müssen Sie Miß Wilson fragen, die uns im Gesang und in der Musik Alle verdunkelt.«
Miß Wilson erhob dagegen Einwendungen
»Sie wird zum Singen bereit genug sein,« warf Fergus ein, »wenn Sie ihr versprechen, bei ihr zu stehen, Mr. Lawrence, und ihr die Noten umzuwenden.«
»Ich werde dies mit dem grüßten Vergnügen thun,« Miß Wilson; wollen Sie mir erlauben, Sie an’s Clavier zu begleiten.«
Sie streckte ihren langen Hals in die Höhe, und lächelte, und ließ sich von ihm an das Instrument führen, wo sie auf das Beste ein Stück nach dem andern hören ließ, während er geduldig dabeistand, die eine Hand auf die Lehne ihres Stuhles legte und mit der andern die Notenblätter umwendete. Er war vielleicht von ihrem Spiele eben so sehr entzückt, als sie; es war in seiner Art recht schön, ich, kann aber nicht sagen, daß es mich sehr tief gerührt hätte, es war Geschicklichkeit und Brillanz genug darin, aber ausnehmend wenig Gefühl.
Wir waren mit Mrs. Graham aber noch nicht fertig.
»Ich trinke keinen Wein, Mrs. Markham,« sagte Milward, als die Gläser kamen; »ich will lieber etwas von ihrem Hausbiere trinken. Ich ziehe Ihr Hausbier allem andern vor.«
Von diesem Complimente geschmeichelt, zog meine Mutter die Klingel und bald darauf erschien ein Porzellankrug von unserm besten Ale und wurde vor den hochmütigen Herrn gesetzt, der dessen gute Eigenschaften so zu schätzen verstand.
»Nun, das ist das Rechte!« rief er, indem er sich in einem langen Strome, der geschickt aus dem Kruge in das Glas gegossen wurde, so daß er eine Menge von Schaum hervorbrachte, ohne einen Tropfen zu verschütten, einfüllte, und nachdem er es einen Augenblick gegen das — Licht betrachtet, that er einen tiefen Zug, schwatzte dann mit den Lippen, athmete tief auf und füllte sein Glas abermals, wobei ihm meine Mutter mit der größten Zufriedenheit zuschaute.
»Es giebt nichts Besseres als dies, Mrs. Markham,« sagte er, »ich bleibe dabei, daß sich mit Ihrem Haus-Ale nichts vergleichen läßt.«
»Ich bin wirklich froh, daß es Ihnen behagt, Sir, ich beaufsichtige das Brauen eben so gut wie das Käse und Butter-machen immer selbst — ich habe es gern, wenn Alles gut gemacht wird.«
»Ganz richtig« Mrs. Markham.«
»Aber, Mr. Milward, Sie halten es doch nicht für unrecht, von Zeit zu Zeit etwas Wein oder etwas Branntwein zu genießen?« fragte meine Mutter, als sie einen dampfenden Becher mit Gin und Wasser gegen Mrs. Wilson hinreichte, die behauptete, daß ihr der Wein schwer im Magen liege, und deren Sohn Robert sich in diesem Augenblicke ein ziemlich starkes Glas von demselben Getränke bereitete.
»Keineswegs,« antwortete das Orakel mit jupitergleichem Kopfnicken. »Diese Dinge sind Segensgaben Gottes, wenn wir nur den rechten Gebrauch davon machen.«
»Aber Mrs. Graham denkt nicht so. — Hören Sie, was sie neulich zu uns sagte — ich habe es ihr aber gesagt, das kann ich Ihnen sagen.«
Hierauf beglückte meine Mutter die Gesellschaft mit einer ausführlichen Darstellung der irrigen Ideen und Benehmungsweise dieser Dame in Bezug auf den vorliegenden Gegenstand und schloß mit:
»Nun, denken Sie nicht, daß es unrecht ist?«
»Unrecht!« wiederholte der Vikar mit mehr als gewöhnlicher Salbung; »sündhaft würde ich es nennen — sündhaft! — sie macht nicht nur aus dem Jungen einen Narren, sondern verachtet auch die Gaben der Vorsehung und lehrt ihm, sie mit Füßen zu treten.«
Hierauf ging er tiefer in den Gegenstand ein und — erklärte die Thorheit und Gottlosigkeit solchen Gebahrens auf das ausführlichste.
Meine Mutter hörte ihm mit der grüßten Ehrerbietung zu und selbst Mrs. Wilson gewann es über sich, ihre Zunge einen Augenblick ruhen zu lassen und schweigend zuzuhören, während sie gemächlich ihren Gin-Grog schlürfte.
Mr. Lawrence saß, mit dem Ellbogen auf den Tisch gestützt da, spielte nachlässig mit seinem halb geleerten Weinglase und lächelte verstohlen vor sich hin
»Denken Sie aber nicht, Mr. Milward,« meinte er, als Jener endlich seine Predigt geendet hatte, daß, wenn ein Kind von Natur zur Unmäßigkeit geneigt ist — zum Beispiel von seinen Eltern oder Voreltern her — einige Vorsichtsmaßregeln räthlich sind.« — (Man glaubte allgemein, daß Mr. Lawrence’s Vater sein Leben durch Unmäßigkeit verkürzt habe.)
»Einige Vorsichtsmaßregeln wohl, aber Mäßigkeit ist Eines und Enthaltsamkeit ein Anderes.«
»Aber ich habe gehört, daß für manche Personen Mäßigkeit fast unmöglich ist, und wenn Enthaltsamkeit ein Uebel ist — was Manche bezweifeln — so wird Niemand leugnen, daß Uebermaß ein noch größeres ist. — Manche Eltern verbieten ihren Kindern gänzlich, berauschende Getränke zu berühren, aber die elterliche Gewalt kann nicht ewig dauern. Die Kinder sind von Natur geneigt, sich nach dem Verbotenen zu sehnen, und ein Kind würde in einem solchen Falle höchst wahrscheinlich sehr neu gierig sein, dasjenige, was von Andern so gelobt und genossen wird, aber ihm so streng verboten ist, zu kosten und dessen Wirkungen zu versuchen, eine Neugier, die gewöhnlich bei der ersten Gelegenheit befriedigt würde und wenn der Zwang einmal durchbrochen wäre, so könnten daraus ernstliche Folgen entstehen. Ich gebe mich für keinen Kenner in dergleichen Dingen aus, es scheint mir aber, als ob das von Ihnen, Mrs. Markham, beschriebene System der Mrs. Graham, so ungewöhnlich es auch ist, seiner Vortheile nicht ermangelt, denn hier sehen Sie, daß dem Kinde die Versuchung gänzlich benommen ist — es hat keine Neugier, keinen verstohlenen Wunsch, ist mit den verlockenden Flüssigkeiten so bekannt, wie es nur je wünschen kann, und dieselben ekeln es an, ohne daß es von ihren Wirkungen zu leiden gehabt hat.«
»Und ist das recht, Sir? — Habe ich Ihnen nicht bewiesen, wie unrecht — wie sehr im Widerspruche mit der heiligen Schrift und der Vernunft es ist, wenn man einem Kinde lehrt, die Segensgaben der Vorsehung mit Verachtung und Ekel anzublicken, statt sie richtig zu benutzen.«
»Sie mögen das Opium auch für eine Segensgabe der Vorsehung ansehen, Sir,« antwortete Mr. Lawrence lächelnd, »und doch werden Sie zugestehen müssen, daß die Meisten von uns am besten thun werden, sich selbst des mäßigen Genusses desselben zu enthalten; aber,«i fügte er hinzu, »ich wünsche nicht, daß Sie mein Gleichniß zu streng ausführen und leere zum Zeichen davon mein Glas.«
»Und genießen doch hoffentlich noch eines, Mr. Lawrence,« sagte meine Mutter, indem sie ihm die Flasche hinschob.
Er lehnte es höflich ab, rückte seinen Stuhl etwas von dem Tische fort, neigte sich zu mir zurück — ich saß im Hintergrunde auf dem Sopha neben Elise Milward und fragte mich nachlässig, ob ich Mrs. Graham kenne.
»Ich habe sie ein paar Mal gesehen und gesprochen,« entgegnete ich.
»Was denken Sie von ihr?«
»Ich kann nicht sagen, daß sie mir sehr gefällt, sie ist von schönem — oder ich sollte vielmehr sagen, vornehmen und interessantem Aeußern, aber keineswegs liebenswürdig; sie kommt mir vor wie eine Frau, die gern starke Vorurtheile annimmt und durch Dick und Dünn mit ihnen geht, wobei sie Alles in Uebereinstimmung mit ihren vorgefaßten Meinungen zu drehen und zu wenden sucht — zu hart, zu schroff, zu bitter für meinen Geschmack.«
Er antwortete nicht, sondern blickte nieder und biß sich die Lippen und kurz nachher stand er auf und schlenderte zu Miß Wilson hin, wie es mir vorkam, gleich stark von mir zurückgestoßen, wie von ihr angezogen. Ich bemerkte es zu jener Zeit kaum, später aber erinnerte ich mich an diese und andere Kleinigkeiten ähnlicher Art, als — doch ich darf meiner Erzählung nicht vorgreifen.
Wir beendigten den Abend mit einem Tänzchen, dem beizuwohnen unser guter Pfarrer für keine Sünde hielt, obgleich einer von den Dorfmusikanten gemiethet worden war, um unsere Evolutionen mit seiner Violine zu leiten.
Mary Milward weigerte sich indeß hartnäckig, daran Theil zu nehmen und das Gleiche that Richard Wilson, obgleich meine Mutter ernstlich in ihn drang und sich ihm sogar zur Tänzerin anbot.
Es ging jedoch auch ohne sie recht gut. Mit einem einzigen Quarré zum Contretanze und einigen Anglaisen trieben wir es bis ziemlich spät und endlich rief ich unsern Musikus auf, einen Walzer aufzuspielen und wollte, von Lawrence mit Jene Wilson und Fergus mit Rosa gefolgt eben anfangen, Elisen in diesem schönen Tanze umherzuwirbeln, als sich Mr. Milward in’s Mittel legte und sprach:
»Nein, nein, das erlaube ich nicht! — Komm, es ist jetzt Zeit zum Gehen.«
»Ach nein, Papa,« bat Elise
»Hohe Zeit, meine Tochter — hohe Zeit! — Seid mäßig in allen Dingen! das ist mein System.«
Zur Rache aber folgte ich Elisen in den schwach erleuchteten Hausgang, wo ich unter dem Vorwande, ihr den Shawl umzulegen, mich leider schuldig bekennen muß, ihr hinter dem Rücken ihres Vaters einen Kuß geraubt zu haben, während Jener Hals und Kinn in einen ungeheuren, wollenden Shawl wickelte. Aber ach, als ich mich umwendete, stand meine Mutter dicht neben mir, und die Folge davon war, daß ich, sobald die Gäste Abschied genommen hatten, eine äußerst ernsthafte Strafpredigt anhören mußte, die den Galopp meiner guten Laune auf unangenehme Weise zügelte und einen häßlichen Schluß des Abendvergnügens abgab.
»Mein lieber Gilbert,« sagte sie, »ich wollte, Du thätest das nicht! — Du weißt, wie sehr mir Dein Wohl am Herzen liegt, wie ich Dich über Alles in der Welt liebe und schätze und wie sehr ich mich sehne, Dich im Leben gut untergebracht zu sehen, — und wie bitterlich es mich bekümmern würde, wenn ich Dich mit diesem Mädchen oder irgend einem andern in der Nachbarschaft verheirathet erblicken sollte. Ich weiß nicht, was Du an ihr siehst, ich denke nicht nur an ihre Vermögenslosigkeit — ganz und gar nicht — aber sie besitzt weder Schönheit noch Talente, noch Güte, noch irgend etwas Anderes, was man sich sonst wünschen könnte. Wenn Du Deinen Werth so gut kenntest, als ich, so würdest Du nicht im Traume an sie denken. Warte doch noch eine Weile und sieh zu — wenn Du Dich an sie, bindest, so wirst Du es lebenslänglich bereuen, sobald Du Dich nachher umschaust und siehst, wie viele Bessere es gibt, als sie. — Nimm mein Wort darauf, daß es so kommen wird.«
»O Mutter, sei doch ruhig! — ich hasse die Vorlesungen! — ich denke noch nicht an’s Heirathen, das sage ich Dir, aber Du lieber Gott, soll ich denn mein Leben gar nicht genießen?«
»Ja, lieber Junge, aber nicht aus diese Art. Du solltest wirklich dergleichen Dinge nicht thun, Du würdest dem Mädchen Unrecht zufügen, wenn sie das wäre, was sie sein sollte; aber ich versichere Dir, daß sie eine schlaue kleine Kröte ist, wie man sie nur zu sehen wünschen kann, und Du wirst Dich in ihren Netzen fangen, ehe Du weißt wo Du bist, und wenn Du sie heirathest, Gilbert, so wirst Du mir das Herz brechen. — Weiter sage ich Dir nichts.«
»Nun. weine nicht darum, Mutter,« sagte ich, denn die Thränen standen ihr in den Augen. »Da, laß diesen Kuß denjenigen, den ich Elisen gegeben, verwischen, schilt nicht mehr auf sie und beruhige Dich, denn ich verspreche Dir, nie — das heißt, ich will Dir versprechen, mich — mich zweimal zu bedenken — ehe ich einen wichtigen Schritt thue, den Du ernstlich mißbilligst.«
Hiermit zündete ich mein Licht an und ging mit bedeutend gedämpfter guter Laune zu Bett.
Fünftes Kapitel.
Das Atelier.
Es war gegen das Ende des Monats, als ich endlich dem eifrigen Drängen Rosa’s nachgab und sie zu einem Besuche nach Wildfell Hall begleitete
Zu unserm Erstaunen wurden wir in ein, Zimmer gewiesen, wo der erste Gegenstand, welcher mein Auge traf, eine Malerstaffelei mit einem Tische daneben war, worauf Leinwandrollen, Oel und Firnißflaschen, eine Palette, Pinsel, Farben u. s. w. umherlagen. An der Wand lehnten mehrere Skizzen auf verschiedenen Stufen der Ausführung und einige ausgeführte Gemälde, meist Landschaften und Figuren.
»Ich muß Sie in meinem Atelier willkommen heißen,« begann Mrs. Graham, »es ist heute im Wohnzimmer kein Feuer und das Wetter etwas zu kalt, um Sie in ein Zimmer mit kaltem Kamin zu weisen.«
Hierauf räumte sie die Malergeräthschaften von ein paar Stühlen, nöthigte uns zum Sitzen und nahm ihren Platz wieder vor der Staffelei ein, nicht gerade derselben gegenüber, sondern so, daß sie während des Gespräches von Zeit zu Zeit auf das Gemälde blickte und mitunter einen Pinselstrich daran that, als ob ihr es unmöglich wäre, ihre Aufmerksamkeit der Beschäftigung, wobei wir sie fanden, gänzlich zu entziehen und sie auf ihre Gäste zu heften. Es war eine Ansicht von Wildfell Hall, wie man es am frühen Morgen von dem Felde darunter aus dunkel gegen einen Himmel von hellem, silbernen Blau aufsteigen sah, mit einigen, wenigen rothen Streifen am Horizonte, mit vieler Treue gezeichnet und gefärbt und äußerst elegant und künstlerisch behandelt.
»Ich sehe, daß Ihr Herz bei Ihrer Arbeit ist, Mrs. Graham,« bemerkte ich; »ich muß Sie bitten, darin fort zufahren, denn wenn Sie sich von unserer Gegenwart unterbrechen lassen, so werden wir uns als unwillkommene Eindringlinge betrachten müssen.«
»O nein,« antwortete sie indem sie wie in die Höflichkeit geschreckt, ihren Pinsel auf den Tisch warf. »Ich werde von Besuchern nicht so überlaufen, daß ich den Wenigen, die mich mit ihrer Gesellschaft beehren, nicht ein paar Minuten widmen könnte.«
»Ihr Gemälde ist beinahe fertig,« sagte ich näher tretend, um es deutlicher zu betrachten und es mit mehr Bewunderung und Entzücken anblickte, als ich laut werden lassen wollte. »Ich sollte meinen, daß es mit einigen weiteren Strichen im Vordergrunde beendigt werden wird. — Warum haben Sie es aber Fernley Maner, Cumberland, statt Wildfell Hall, — schon genannt?« fragte ich, mich auf den Namen beziehend, den sie in kleinen Buchstaben unten auf die Leinwand geschrieben hatte.
Ich bemerkte jedoch augenblicklich daß ich mir eine Impertinenz zu schulden kommen gelassen hatte, denn sie erröthete und zauderte; nach einer momentanen Pause antwortete sie aber mit einer Art von verzweifelter Freimüthigkeit:
»Weil ich Freunde — wenigstens Bekannte — in der Welt habe, vor denen ich meinen gegenwärtigen Aufenthalt verheimlichen möchte, und da sie vielleicht das Gemälde sehen und die Manier, trotz der falschen Anfangsbuchstaben, die ich in die Ecke gesetzt habe, wieder erkennen könnten, so gebrauche ich die Vorsicht, dem Gegenstande ebenfalls einen falschen Namen zu geben, um sie auf die unrechte Spur zu bringen, wenn sie versuchen sollten, mich in Folge derselben aufzusuchen.«
»Sie haben also nicht im Sinne, das Gemälde zu behalten?« fragte ich, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen
»Nein, ich bin nicht reich genug, um blos zu meinem Vergnügen zu malen.«
»Die Mama schickt alle ihre Bilder nach London,« sagte Arthur, »und dort verkauft sie Jemand für sie und schickt uns das Geld.«
Als ich die übrigen Gemälde ansah, bemerkte ich eine hübsche Skizze von Lindenhope, vom Gipfel des Hügels, eine zweite Ansicht der alten Halle im sonnigen Dufte eines stillen Sommer-Nachmittags, und ein einfaches, aber rührendes Bildchen von einem Kinde, das mit schweigen dem, aber tiefem, kummervollen Bedauern über eine Hand voll verwelkter Blumen gebeugt war, mit dunkeln, niedrigen Hügeln und herbstlichen Feldern dahinter und einem düstern, bewölkten Himmel darüber.
»Sie sehen, daß ich einen trübseligen Mangel an Gegenständen habe,« bemerkte die schöne Künstlerin. »Ich habe die alte Halle einmal in einer Mondnacht aufgenommen und werde sie wohl wieder einmal an einem Winterschneetage und dann wieder einmal an einem dunkeln, bewölkten Abend aufnehmen müssen, denn ich habe wirklich weiter nichts zu malen. — Man hat mir gesagt, daß sich in der Nachbarschaft eine schöne Seeaussicht befindet — ist dies wahr? — und ist sie nicht zu weit, um zu Fuße, dahin zu gehen?«
»Ja, wenn Sie sich nichts daraus machen — vier — Meilen —— oder beinahe so viel — fast acht Meilen hin und zurück — und auf einem etwas rauhen, anstrengenden Wege zu gehen.«
»In welcher Richtung liegt sie?«
Ich beschrieb die Situation, so gut ich konnte, und wollte eben eine Erklärung der verschiedenen Straßen Heckenwege und Felder, durch die man gehen mußte, um sie zu erreichen, der Wege geradezu, und Wendungen zur Rechten und zur Linken beginnen, als sie mir Einhalt that und sagte:
»O« halten Sie ein — sagen Sie es mir jetzt nicht, ich werde alle Ihre Anweisungen vergessen haben, ehe ich sie brauche. Vor dem nächsten Frühjahr kann ich doch nicht daran denken, hinzugehen und dann werde ich Sie vielleicht bemühen. Jetzt haben wir den Winter vor uns —« sie hielt plötzlich inne, sprang mit einem unterdrückten Ausrufe von ihrem Stuhle auf, und sagte:
»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, eilte aus dem Zimmer und schloß die Thüre hinter sich.
Ich war neugierig, was sie so aufgeschreckt haben konnte, und blickte nach dem Fenster, denn ihre Augen waren im Augenblicke vorher demselben nachlässig zugewendet gewesen, und sah den Rock eines Mannes hinter einem großen Stechpalmenbusche, welcher zwischen dem Fenster und dem Vorhause stand, verschwinden
»Es ist der Freund der Mama,« sagte Arthur.
Rosa und ich blickten einander an.
»Ich weiß wirklich nicht, was ich von ihr denken soll,« flüsterte Rosa.
Das Kind sah sie in ernsthaftem Erstaunen an. Sie begann augenblicklich von gleichgültigen Dingen zu ihm zu sprechen, während ich mich mit Betrachten der Bilder unterhielt. In einem dunkeln Winkel befand sich eines, das ich früher nicht bemerkt hatte; es war ein kleines Kind, das mit von Blumen gefülltem Schooße auf dem Rasen saß. Die kleinen Züge und großen, blauen Augen, welche durch eine Fülle hellbrauner Locken, die, als es sich über seinen Sohns bog, über die Stirn herabgefallen waren, hervorlächelten, besaßen Aehnlichkeit genug mit denen des jungen Herrn vor mir, um es als ein Portrait Arthur Grahams in seiner frühen Kindheit zu erkennen.
Als ich dasselbe in die Höhe nahm, um es an das Licht zu bringen, entdeckte ich dahinter ein anderes, das der Wand zugekehrt war. Ich erlaubte mir, auch dieses aufzuheben; es war das Portrait eines Mannes in der Blüthe des jugendlichen Mannesalters — hübsch genug und nicht schlecht ausgeführt, aber wenn es von der gleichen Hand wie die übrigen herrührte, so war es offenbar vor mehreren Jahren gemalt, da es weit mehr Sorgfalt und Ausführlichkeit im Detail und weniger von der frischen Färbung und freien Behandlung besaß, wovon ich in diesem überrascht und entzückt worden war.
Dessenungeachtet betrachtete ich es mit bedeutendem Interesse.
Die Züge und der Ausdruck hatten eine gewisse Individualität, welche es zu einem ähnlichen Portrait stempelte. Die hellen, blauen Augen sahen den Beschauer mit einer Art von verstecktem Humor an — man erwartete fast, sie blinzeln zu sehen. Die etwas zu üppig-vollen Lippen schienen in ein Lächeln ausbrechen zu wollen, die warm-gefärbten Wangen waren von einem dichten, röthlichen Backenbart geziert, während das glänzend-kastanienbraune Haar in reichlichen, wellenförmigen Locken etwas zu weit in die Stirn ging und anzudeuten schien, daß der Besitzer desselben auf seine Schönheit stolzer, als auf seinen Verstand war, wozu er vielleicht auch Grund hatte, und doch sah er nicht wie ein Narr aus.
Ich hatte das Portrait noch keine zwei Minuten in der Hand, als die schöne Künstlerin zurückkehrte.
»Nur Jemand, der nach dem Gemälde kommt,« sagte sie, um ihre schnelle Entfernung zu entschuldigen. Ich sagte ihm, daß er warten solle.«
»Ich fürchte, daß Sie es für eine Impertinenz halten werden,« sagte ich, »daß ich es gewagt, ein Gemälde anzusehen, welches der Maler der Wand zugekehrt hat; darf ich eben fragen —«
»Es ist eine sehr große Impertinenz, Sir,I und ich bitte Sie daher, nichts weiter darüber zu fragen, denn Ihre Neugier wird nicht befriedigt werden,« antwortete sie, in dem sie sich bemühte, die Strenge ihres Tadels mit einem Lächeln zu verdecken — ich konnte aber an ihrer erhitzten Wange und ihrem funkelnden Auge sehen, daß sie sich ernstlich ärgerte.
»Ich wollte nur fragen, ob Sie es selbst gemalt hätten,« fragte ich, indem ich ihr das Gemälde verdrießlich überließ, denn sie nahm es mir ohne alle Umstände aus der Hand, stellte es schnell wieder mit der Vorderseite nach der Wand in den dunkeln Winkel, das ändere wie früher dagegen und wendete sich dann lachend zu mir.
Ich war aber in keiner scherzhaften Laune; ich wendete mich nachlässig nach dem Fenster und blickte in den Garten hinaus, indem ich sie ein paar Minuten lang mit Rosa sprechen ließ, sagte dann, daß es Zeit zum Gehen sei, schüttelte dem Kleinen die Hand, verbeugte mich kühl gegen die Dame und bewegte mich der Thüre zu.
Nachdem Mrs. Graham jedoch von Rosa Abschied genommen, hielt sie mir die Hand hin und sagte mit sanfter Stimme und keineswegs unangenehmem Lächeln:
»Lassen Sie die Sonne nicht über Ihrem Zorne untergehen, Mr. Markham; es thut mir leid, daß ich Sie durch meine Unfreundlichkeit beleidigt habe.«
Wenn sich eine Dame herabläßt, Entschuldigungen zu machen, so ist es natürlich unmöglich zornig zu bleiben. Wir trennten uns also zum ersten Male als gute Freunde und diesmal gab ich ihrer Hand einen herzlichen und nicht einen malitiösen Druck.
Sechstes Kapitel.
Fortschritte.
In den nächsten vier Monaten trat weder ich in Mrs. Grahams Haus noch sie in das unsere, dessenungeachtet aber fuhren die Damen fort über sie zu sprechen und dessenungeachtet machte unsere Bekanntschaft, wenn auch nur langsame, Fortschritte. Was ihr Gerede betraf, so bewies ich demselben nur geringe Aufmerksamkeit — wenn es sich auf die schöne Einsiedlerin bezog, meine ich — und die einzige Belehrung, welche ich dadurch erhielt, war die, daß sie sich an einem schönen, frostigen Tage hinausgewagt und ihren kleinen Knaben bis zum Pfarrhause mitgenommen hatte, wo unglücklicher Weise Niemand als Miß Milward zu Hause war. Trotzdem war sie lange dort geblieben und Beide hatten, allen Berichten nach, viel miteinander gesprochen und sich mit dem gegenseitigen Wunsche, wieder zusammenzutreffen, getrennt. — Mary hatte aber die Kinder gern und zärtliche Mamas lieben diejenigen, welche ihre Schätze gehörig würdigen.
Mitunter sah ich sie aber auch selbst — nicht nur wenn sie in die Kirche kam, sondern auch wenn sie mit ihrem Sohne im Freien war und entweder einen langen entschlossenen Spaziergang mit ihm machte, oder — an besonders schönen Tagen gemächlich über das Moor oder das öde Weideland um die alte Halle her hinstreifte und mit einem Buche in der Hand dahinging, während ihr Knabe um sie her sprang, und bei allen diesen Anlässen wußte ich es, wenn ich sie auf meinen einsamen Spaziergängen oder Ritten erblickte oder meinen ländlichen Geschäften folgte, meist so einzurichten, daß ich mit ihr zu sammentraf oder sie einholte, denn ich fand Behagen daran, Mrs. Graham zu sehen und mit ihr zu sprechen und entschiedene Freude am Plaudern mit ihrem kleinen Gefährten, an dem ich, nachdem einmal das Eis seiner Schüchternheit gebrochen war, einen recht liebenswürdigen, intelligenten und unterhaltenden kleinen Burschen fand, und wir wurden bald vortreffliche Freunde, inwiefern zur Zufriedenheit seiner Mama, kann ich mich nicht zu sagen erkühnen. Ich argwöhnte anfänglich, daß sie kaltes Wasser über diese zunehmende Vertraulichkeit zu schütten, — so zu sagen, die auflodernde Flamme unsrer Freundschaft zu verlöschen wünschte — als sie aber endlich, trotz ihrer Vorurtheile gegen mich, entdeckte, daß ich vollkommen harmlos war und selbst gute Absichten hatte, und daß ihr Sohn von der Bekanntschaft mit mir und meinem Hunde viele Freuden hatte, die er sonst nicht gekannt haben würde, so hörte sie endlich auf, Einwendungen dagegen zu machen, und bewillkommnete mich selbst, wenn ich erschien, mit einem Lächeln.
Was Arthur betraf, so schrie er mir seinen Gruß schon von ferne zu und lief mir wohl fünfzig Schritt von der Seite seiner Mutter her entgegen. Wenn ich zufällig zu Pferde war, so machte er immer einen Trab oder Galopp darauf mit, oder wenn sich eines von den Zugpferden in nicht zu großer Entfernung befand, so machte er einen langsamen Ritt darauf, der ihm fast eben so gut gefiel.
Aber seine Mutter folgte und ging stets neben ihm her — ich glaube nicht sowohl um zu sehen, daß er nicht zu Schaden komme, als um zu verhindern, daß ich seinem Kindergeiste keine ihr unangenehmen Gedanken einflößte, denn sie war immer auf ihrer Hut und gestattete nie, daß er ihr aus dem Gesichte kam.
Was ihr am besten gefiel, war, ihn mit Sancho spielen und wettlaufen zu sehen, während ich neben ihr hin ging — ich fürchte allerdings, nicht aus Vorliebe für meine Gesellschaft — obgleich ich mich zuweilen auch mit dieser Idee schmeichelte — als wegen der Freude, die es ihr machte, ihren Sohn mit denjenigen Leibesübungen beschäftigt zu sehen, welche für seinen zarten Körper so stärkend waren, die er aber doch ans Mangel an einem seinem Alter entsprechenden Spielgefährten so selten genießen konnte. Und ihre Freude wurde vielleicht auch nicht wenig durch den Umstand versüßt, daß ich bei ihr und nicht bei ihm und daher unfähig war, ihm direkt oder indirekt, absichtlich oder unabsichtlich Uebles zuzufügen — wofür ich ihr jedoch wenig dankte.
Mitunter glaube ich aber, daß es ihr wirklich etwas Vergnügen machte, mit mir zu sprechen, und an einem schönen Februarmorgen legte sie bei einem zwanzig Minuten langen Gange aus dem Moor ihre gewöhnliche Rauhheit und Zurückhaltung ab, und begann ein ordentliches Gespräch mit mir, bei dem sie mit solcher Beredtsamkeit und Tiefe des Gedankens und Gefühles von einem Gegenstande sprach, der glücklicher Weise mit meinen eignen Ideen übereinstimmte, wobei sie so schön aussah, daß ich bezaubert nach Hause ging und auf dem Wege — moralisch —— zusammenschrack, als ich mich bei dem Gedanken ertappte, daß es, Alles recht bedacht — am Ende doch besser sein würde, wenn man seine Tage mit einer solchen Frau verlebte, als mit Elise Milward — und dann erröthete ich — figürlich — über meine Unbeständigkeit.
Als ich in das Wohnzimmer trat, fand ich dort Elisen bei Rosa, aber sonst Niemand. Die Ueberraschung war mir nicht ganz so angenehm, wie sie hätte sein sollen. Wir plauderten lange Zeit zusammen, aber ich fand sie im Vergleich mit der reiferen und ernsteren Mrs. Graham etwas frivol und selbst etwas abgeschmackt, — ach, über die menschliche Beständigkeit!
Ich dachte jedoch, ich darf Elisen nicht heirathen, da meine Mutter so sehr dawider ist, das Mädchen aber auch nicht mit der Idee täuschen, daß ich es im Sinne habe. Wenn nun diese Laune anhält, so werde ich um so weniger Schwierigkeiten haben, mich von ihrer milden, aber unausgesetzten Herrschaft zu befreien, und wenn auch gegen Mrs. Graham so viele Einwendungen vorhanden sein sollten, so wird es mir am Ende doch gestattet sein, wie die Aerzte ein größeres Uebel durch ein kleineres zu heilen denn ich denke nicht, daß ich mich ernstlich in die junge Witwe verlieben werde, — noch sie in mich — das ist gewiß — wenn ich aber etwas Vergnügen an ihrer Gesellschaft finde, so mag es mir wohl gestattet sein, es zu suchen, und wenn der Stern ihrer Gottheit glänzend genug ist, um die Strahlen von dem Elisens zu verdunkeln, dann ist es um so besser, — aber ich kann es kaum glauben.
Und von da an ließ ich selten einen schönen Tag vorübergehen, ohne um die Zeit, wo meine neue Bekannte ihre Einsiedelei zu verlassen pflegte, einen Besuch in Wildfell zu machen, aber so häufig wurde ich in meinen Aussichten auf eine Zusammenkunft getäuscht, so veränderlich war die Zeit ihres Ausgehens, und die Lokalität, nach welcher sie sich begab, so flüchtig waren die Gespräche, welche ich erlangen konnte, daß ich mich halb und halb zu dem Gedanken neigte, daß sie sich ebenso viele Mühe gebe, um meine Gesellschaft zu vermeiden wie ich, die ihre zu suchen.
Das war jedoch ein zu unangenehmer Gedanke, um mir ihn einen Augenblick länger, als ich ihn passender Weise im Kopfe behalten konnte, zu bewahren.
An einem ruhigen, hellen Märznachmittage sah ich indeß, als ich das Walzen der Wiese und die Ausbesserung einer Hecke im Thale beabsichtigte, Mrs. Graham unten am Bache mit einem Skizzenbuche in der Hand und gänzlich von ihrer Lieblingskunst in Anspruch genommen, während Arthur sich damit die Zeit vertrieb, in dem flachen, steinigen Gewässer Dämme und Wehre zu erbauen. Ich verlangte gerade sehr nach Unterhaltung und eine so seltene Gelegenheit durfte nicht versäumt werden, weshalb ich so wohl Wiese als Hecke verließ und mich schnell hinab begab — aber nicht vor Sancho, der sobald er seinen jungen Freund bemerkte, augenblicklich in vollem Galopp hinab sprang und auf ihn mit einer lustigen Heiligkeit lossetzte die das Kind fast in die Mitte des Baches stürzte, wo es aber glücklicher Weise durch die Steine vor einer ernstlichen Durchnässung geschützt wurde, während dieselben zu glatt waren, als daß er sich hätte an ihnen verletzen können.
Mrs. Graham studierte die Unterscheidungszeichen der verschiedenen Bäume in ihrer winterlichen Nacktheit und kopierte ihre Verästungen mit geistreichen, zarten Strichen. Sie sprach nicht viel, aber ich blieb stehen und beobachtete die Fortschritte ihres Bleistiftes, es war ein wirkliches Vergnügen, denselben von den schönen, graziösen Fingern so geschickt geführt zu sehen. Bald aber verminderte sich ihre Geschicklichkeit, sie begann zu zaudern, zu zittern und falsche Striche zu machen und dann trat plötzlich eine Pause ein, in der die Eigenthümerin lachend ihr Gesicht zu dem meinen emporrichtete und mir sagte, daß ihre Skizze durch mein Zusehen nicht gewinne.
»Dann,« sagte ich, »will ich mit Arthur plaudern, bis Sie fertig sind.«
»Ich möchte einmal reiten,« Mr. Markham, wenn mich die Mama lassen will,« rief das Kind.
»Worauf« mein Junge?«
»Dort ist ja ein Pferd auf dem Felde,« antwortete er, nach der kräftigen, schwarzen Stute zeigend, welche die Walze zog.
»Nein, mein Arthur, es ist zu weit,« wendete seine Mutter ein
Ich versprach ihn aber wohlbehalten zurückzubringen, wenn er ein paar mal auf der Wiese hin und hergeritten sein würde, und als sie sein begieriges Gesicht sah, lächelte sie und ließ ihn gehen.
Es war das erste Mal, daß sie mir gestattet hatte, ihn auch nur ein halbes Feld weit von ihrer Seite zu entführen.
Auf seinem riesenhaften Rosse thronend und feierlich auf der großen steilen Wiese auf und ab reitend, sah er wie die Inkarnation stiller, heiterer Zufriedenheit und Freude aus. Das Walzen war jedoch bald zu Ende; als ich aber den wackeren Reiter herabnahm und seiner Mutter wieder zustellte, schien sie etwas unwillig zu sein, daß ich ihn so lange zurückgehalten habe. Sie hatte ihr Skizzenbuch geschlossen und wahrscheinlich seit einigen Minuten schon ungeduldig auf seine Rückkehr gewartet.
Es war jetzt sehr Zeit, nach Hause zu gehen, »wie sie sagte und wollte mir guten Abend wünschen; ich hatte aber noch keine Lust, sie zu verlassen und begleitete sie daher halbwegs den Berg hinauf. Sie wurde geselliger und ich fing an, mich sehr glücklich zu fühlen, als sie aber die düstere, alte Halle erblickte, stand sie still und wendete sich im Sprechen zu mir, als erwarte sie, daß ich nicht weiter gehen, sondern daß das Gespräch hier enden und ich jetzt Abschied nehmen werde, — wozu es in der That auch Zeit war, denn der helle, kalte Abend brach schnell herein, die Sonne war untergegangen und die Mondsichel wurde am blassen, grauen Himmel sichtlich glänzender, aber ein Gefühl fast des Mitleids nietete mich an die Stelle fest.
Es schien hart zu sein, sie nach einem so einsamen, unfreundlichen Hause gehen zu lassen; ich schaute hinauf, es erhob sich schweigend und düster vor uns. Aus den unteren Fenstern des einen Flügels schimmerte ein schwaches, rothes Licht — alle übrigen Fenster aber waren dunkel und viele zeigten schwarze Glas- und rahmenlose Fenster höhlen.
»Finden Sie es nicht öde, dort zu wohnen?« fragte ich nach einem Augenblicke schweigender Betrachtung.
»Mitunter!« entgegnete sie; »an Winterabenden, wenn Arthur zu Bett ist und ich dort allein sitze und den kalten Wind um mich her heulen und in den verfallenen, alten Gemächern seufzen höre, kann kein Buch, keine Beschäftigung die trüben Gedanken und Befürchtungen, welche sich mir aufdrängen, unterdrücken. Ich weiß aber, daß es thöricht ist, solcher Schwäche nachzugehen — Wenn Rahel mit einem solchen Leben zufrieden ist, muß ich es auch sein — ich kann wirklich Gott für ein solches Asyl nicht genug danken, so lange es mir bleibt.«
Der letzte Satz wurde halblaut gesprochen und eher an sie selbst als an mich gerichtet. Hieran bot sie mir guten Abend und entfernte sich.
Ich war auf meinem Heimwege noch nicht weit gekommen, als ich Mr. Lawrence auf seinem hübschen grauen Pony den unebenen Heckenweg, welcher über den Hügel führte, heraufreiten sah. Ich ging ein Stück von meinem Pfade ab, um mit ihm zu sprechen, denn wir hatten einander seit einiger Zeit nicht getroffen.
»War das Mrs. Graham, mit der Sie so eben sprachen?« fragte er, nachdem die ersten Begrüßungsworte zwischen uns Vorüber waren.
»Ja.«
»Hm, ich dachte es mir.«
Er blickte bei den Worten die Mähne seines Gaules nachdenklich an, als habe er ernstlichen Grund, mit ihr oder etwas Anderem unzufrieden zu sein
»Nun, was ist weiter dabei?«
»O nichts!« antwortete er; »Ich dachte nur, daß sie Ihnen mißfiel,« fügte er ruhig hinzu, indem sich seine klassische Lippe zu einem leichten, sarkastischen Lächeln kräuselte.
»Nun, wenn dem auch so gewesen wäre, kann man seine Ansicht bei näherer Bekanntschaft nicht ändern?«
»Ja natürlich,« entgegnete er, während er vorsichtig einen Knoten in der rauhen, üppigen Mähne des Ponys auflöste.
Hierauf wendete er sich plötzlich zu mir, heftete seine scheuen, braunen Augen mit Einem festen, durchdringenden Blicke auf mich und fügte hinzu:
»Sie haben also Ihre Ansicht verändert?«
»Das kann ich gerade nicht sagen, — nein, ich denke, daß ich, noch meiner früheren Ansicht über sie bin, — sie aber etwas verbessert habe.«
»O!« — Er sah sich um, um etwas ausfindig zu machen, worüber er sprechen könne, blickte zum Monde auf und machte eine Bemerkung über die Schönheit des Abends, welche ich, als nicht zur Sache gehörig, nicht beantwortete.
»Lawrence,« sagte ich, ihm ruhig ins Gesicht blickend; »sind Sie in Mrs. Graham verliebt?«
Statt hiervon tief beleidigt zu sein, wie ich mehr als halb erwartet hatte, folgte dem ersten Anfall des Erstaunens über eine so kühne Frage, ein kicherndes Lachen, als sei er von der Idee höchlich belustigt.
»Ich in sie verliebt?« wiederholte er, »was bringt Sie auf einen solchen Gedanken?«
»Nach dem Interesse, welches Sie an den Fort schritten meiner Bekanntschaft mit der Dame und der Veränderung meiner Ansicht über sie nehmen, dachte ich, Sie könnten etwa eifersüchtig sein.«
Er lachte von Neuem.
»Eifersüchtig? — nein! — aber ich dachte, daß Sie im Sinne hätten, Elise Milward zu heirathen.«
»Dann haben Sie falsch gedacht; ich habe, so viel ich weiß, nicht im Sinne, die Eine oder die Andere zu heirathen.«
»Dann, denke ich, würden Sie am besten thun, sie ungeneckt zu lassen.«
»Haben Sie im Sinne, Jane Wilson zu heirathen?«
Er erröthete und spielte von Neuem mit der Mähne, antwortete aber:
»Nein, ich denke nicht.«
»Dann würden Sie am besten thun, sie ungeneckt zu lassen.«
Er hätte sagen können, sie läßt mich nicht ungeneckt, aber er machte nur ein verlegenes Gesicht und sagte etwa eine halbe Minute lang nichts, worauf er einen neuen Versuch machte, das Gespräch abzulenken, und diesmal ließ ich es so hingehen, denn er hatte bereits genug ertragen. Noch ein weiteres Wort über den Gegenstand würde das Stäubchen gewesen sein, welches den Rücken des Kameels gebrochen hätte.
Es war zu spät zum Thee, aber meine Mutter hatte die Theekanne und das Weißbrod heißgestellt und nahm, obgleich sie mich ein wenig ausschalt, meine Entschuldigungen bereitwillig genug an, und als ich mich über den Geschmack des Thees, welcher zu lange gezogen hatte, beklagte, schüttete sie das Uebrige aus und trug Rosa auf, frischen in die Kanne zu thun und neues Wasser zu kochen, was mit bedeutender Geschäftigkeit und unter gewissen auf fallenden Commentaren vor sich ging.
»Nun! — wenn ich es gewesen wäre, so würde ich gar keinen Thee erhalten haben, wäre es selbst Fergus gewesen, so würde er sich mit dem haben begnügen müssen, welcher da war und man hätte ihm gesagt, daß er dafür dankbar sein solle, denn er wäre noch zu gut für ihn, aber Du — für Dich können wir nie zu viel thun. — So geht es immer — wenn es bei Tische etwas besonders Gutes gibt, so blinzelt und nickt mir die Mama zu, mich dessen zu enthalten, und wenn ich darauf nicht achte, so flüstert sie: — Iß nicht zu viel davon, Rosa — Gilbert wird es gern zum Abendbrod genießen: ich bin ganz und gar nichts — im Wohnzimmer heißt es: — Komm Rosa, räume Deine Sachen auf und mache das Zimmer hübsch nett, daß sie sich freuen, wenn sie nach Hause kommen, und schier das Feuer gut, Gilbert sieht es gern, wenn das Feuer hellauflodert. In der Küche: Mache die Pastete groß, Rosa, die Jungen werden wohl hungrig sein — und pfeffere sie nicht zu sehr, es wird ihnen gewiß recht schmecken, oder: Rosa, thue nicht zu viel Gewürz in den Pudding, Gilbert hat ihn so nicht gern — oder: Backe eine gute Menge kleine Rosinen in den Kuchen, denn Fergus ißt ihn gern so. Wenn ich sage: aber ich, Mama, thue es nicht, so heißt es: an mich soll ich nicht denken — du weißt, Rosa, daß wir in allen Haushaltungsdingen nur zweierlei zu bedenken haben, erstlich was sich paßt, und zweitens was den Männern im Hause am angenehmsten ist — für die Damen ist Alles gut genug.«
»Das ist eine sehr gute Lehre,« sagte meine Mutter »Gilbert denkt sicherlich auch so.«
»Auf alle Fälle ist es eine sehr bequeme Lehre für uns,« sagte ich, »aber wenn Sie meine Behaglichkeit wirklich befördern wollen, Mutter, so müssen Sie Ihre Bequemlichkeit und Behaglichkeit etwas mehr berücksichtigen, als sie es thun. — Was Rosa betrifft, so zweifle ich nicht, daß sie für sich sorgen wird, und wenn sie einmal ein Opfer bringt, oder eine besondere Hingebung beweist, so wird sie schon Licht unterlassen, mir es vorzuhalten. — Sie thun so viel, daß ich in die gröbste Sorglosigkeit in Bezug auf Andere und die größte Genußsucht versinken könnte, blos weil ich gewohnt werde, beständig für mich gesorgt, alle meine Bedürfnisse im Voraus oder doch augenblicklich, nachdem ich sie äußere, befriedigt zu sehen — während ich in vollkommener Unwissenheit über das, was für mich gethan wird, bleibe, wenn mich nicht Rosa von Zeit zu Zeit darüber aufklärte, und ich würde Ihre Güte als eine Sache, die sich von selbst versteht, aufnehmen und nie erfahren, wie viel ich Ihnen zu verdanken habe.«
»Ja, das wirst Du auch nicht eher, Gilbert, als bis Du verheirathet bist. Wenn Du dann ein leichtsinniges, eingebildetes Mädchen, wie Elise Milward, hast, das sich um weiter nichts kümmert, als ihren augenblicklichen Vortheil und ihr Vergnügen, oder eine irregeleitete, hartnäckige Frau, wie Mrs. Graham, die über ihre vornehmsten Pflichten in Unwissenheit schwebt und nur in Bezug auf das, was ihr am wenigsten angeht, klug ist, — dann wirst Du den Unterschied finden.«
»Es wird mir gut thun« Mutter. Ich bin nicht blos dazu in die Welt geschickt worden, um die guten Eigenschaften und Gefühle Anderer zu üben, sondern um — auch die meinigen für sie anzustrengen, und wenn ich heirathe, erwarte ich mehr Vergnügen darin zu finden, meine Frau glücklich und es ihr behaglich zu machen, als daß sie dies gegen mich thäte: ich möchte lieber geben als empfangen.«
»O, das ist Alles Unsinn, lieber Junge — das ist Jungengeschwätz! Du wirst es bald müde werden, Deine Frau anzubeten und ihren Launen nachzuleben, wenn sie auch noch so reizend ist, und dann kommt die Prüfung.«
»Nun wohl, dann muß das Eine die Last des Andern tragen.«
»Dann muß Jedes in seine gehörige Stelle treten. Du wirst Deine Geschäfte verrichten, und sie, wenn sie Deiner würdig ist, die ihrigen, aber es ist Dein Geschäft, es Dir selbst recht zu machen, und das ihre, es Dir recht zu machen. Sicherlich war Euer armer, lieber Vater ein so guter Ehemann, wie nur je einer gelebt hat; nachdem aber die ersten sechs Monate oder so vorüber waren, hätte ich eben so gut erwarten können, daß er fliegen würde, als daß er einen Schritt mir zu Gefallen aus seinem Wege gegangen sei. Er sagte immer, ich sei eine gute Frau und thue meine Schuldigkeit — Gott habe ihn selig — that immer die seine, war fleißig und pünktlich, tadelte selten ohne Grund, ließ meinem guten Essen immer Gerechtigkeit widerfahren und verdarb meine Speisen nie durch zu langes Ausbleiben, und mehr kann eine Frau von ihrem Manne nicht verlangen.«
Ist dem so, Halfords — ist dies der Umfang Ihrer häuslichen Tugenden? — und verlangt Ihre glückliche Frau weiter nichts, als dies?
Siebentes Kapitel.
Die Excursionen.
Nicht lange nachher, an einem milden, sonnenhellen Morgen, an dem es sich ziemlich weich ging, denn der letzte Schnee war kaum erst verschwunden, und hatte nur hier und da auf dem frischen, grünen Grase unter den Hecken noch einen schmalen dünnen Streifen zurückgelassen, neben dem jedoch hier und da bereits die jungen Himmelschlüsselchen unter ihrem feuchten, dunkeln Laube hervorlugten, und die Lerche über mir sang ihr Lied vom Sommer, und Hoffnung und Liebe und allen himmlischen Dingen, — befand ich mich draußen auf dem Hügelabhange, gab mich dem Genusse dieser Naturreize hin, und sah zu, wie es meinen jungen Lämmern und deren Müttern erging. Als ich mich, dabei einmal umschaute, erblickte ich drei aus dem Thal herauskommende Personen. Es war Elise Milward, Rosa und Fergus; ich ging ihnen also über das Feld entgegen, und erklärte mich, als sie mir sagten, daß sie nach Wildfell Hall gingen, bereit, mitzukommen, bot Elisen meinen Arm, den sie statt desjenigen meines Bruders auch gern annahm, und sagte diesem, daß er zurückgehen könne, da ich die Damen begleiten werde.
»Da bitte ich sehr um Entschuldigung!« rief er — »die Damen begleiten mich, aber nicht ich sie. Ihr habt alle die merkwürdige Fremde gesehen, nur ich bin noch nicht so glücklich gewesen, und ich konnte meine bedauernswürdige Unwissenheit nicht länger ertragen, und mußte, was auch kommen möge, meine Wißbegier ebenfalls befriedigen, weshalb ich Rosa bat, mit mir nach der Halle zu gehen und mich auch dort vorzustellen. Sie schwor hoch und theuer, daß sie es nicht thun werde, außer wenn Miß Elise auch mitkomme; ich lief also nach dem Pfarrhause und holte sie, und wir haben den ganzen Weg zusammengehakt und zärtlich wie ein Liebespaar miteinander gemacht — und jetzt nimmst Du sie mir ab und willst mich auch noch meines Sgazierganges und Besuches berauben. — Geh zu Deinem Felde und Vieh zurück, Du Bauer, Du passest nicht dazu, mit Damen und Herren umzugehen, wie wir, die weiter nichts zu thun haben, als in die Häuser unsrer Nachbarn zu laufen, in ihre geheimsten Winkelchen zu spionieren, ihre Geheimnisse auszuspionieren, und ihnen Löcher in den Rock zu hacken, wenn er nicht nach unserm Geschmacke gemacht ist — Du verstehst Dich gar nicht auf dergleichen feine Genüsse.«
»Könnt ihr nicht Beide gehen?« meinte Elise, ohne auf seine letzten Reden zu achten.
»Ja, gewiß, kommt alle Beide,« rief Rosa — »je mehr, desto lustiger — ich bin so überzeugt, daß wir alle gute Laune, die wir haben, brauchen werden, um sie in das große, finstre, düstre Zimmer mit seinen schmalen Gitterfenstern und trübseligen alten Möbeln mitzunehmen — wenn sie uns nicht etwa wieder in ihr Atelier führt.«
Wir gingen also Alle in copore, und die magere alte Magd, die uns die Thüre öffnete, führte uns in ein Gemach, wie mir es Rosa von ihrem ersten Besuch bei Mrs. Graham her beschrieben hatte — es war ein ziemlich geräumiges und hohes Zimmer, das aber von den altmodischen Fenstern nur schwach erhellt wurde — die Decke, Vertäfelung und das Kaminsims von düsterem, schwarzen Eichenholz — letzteres fleißig, aber nicht eben geschmackvoll geschnitzt — mit eben solchen Stühlen und Tischen, auf der einen Seite des Kamines einem alten, mit einer bunten Auswahl von Büchern vollgestopften Bücherschranke, und einem ältlichen Spinett auf der andern.
Die Dame saß in einem steifen, hochlehnigen Armstuhle, mit einem runden Tischchen, worauf sich ein Schreibpult und Arbeitskörbchen befand, auf der einen Seite, und auf der andern ihrem kleinen Sohne, der mit auf ihrem Knie gelehnten Ellbogen dastand und ihr mit ausfallender Geläufigkeit aus einem kleinen, in ihrem Schooße liegenden Buche vorlas, während sie ihre Hand auf seine Schulter gelehnt hatte, und zerstreut mit den langen Ringellocken spielte, die auf seinen elfenbeinweißen Nacken fielen. Sie bildeten einen angenehmen Contrast mit allen Gegenständen um sie her, da sie aber natürlich bei unserm Eintritte sogleich ihre Stellung veränderten, konnte ich das Familienbildchen nur während den, wenigen kurzen Sekunden, wo Rahel die Thüre offen hielt, um uns einzulassen, beobachten.
Ich glaube nicht, daß Mrs. Graham von unserm Anblicke besonders entzückt war; ihre ruhige Höflichkeit hatte etwas unbeschreiblich Frostiges; ich sprach jedoch nicht viel mit ihr, sondern setzte mich, ein wenig von dem Kreise entfernt, an das Fenster, rief Arthur zu mir, und unterhielt mich mit ihm und Sancho sehr angenehm, während die beiden jungen Damen seine Mutter mit unbedeutenden Redensarten abquälten, und Fergus mit übereinander geschlagenen Beinen und in die Hosentaschen gesteckten Händen ihr gegenüber in seinem Stuhl zurückgelehnt saß, und bald an die Decke, bald seiner Wirthin gerade ins Gesicht starrte, daß ich große Lust hatte, ihn zur Thüre hinauszuwerfen, bald leise ein Stück von einer seiner Lieblingsmelodieen vor sich hin pfiff, bald das Gespräch unterbrach, oder eine Pause mit einer impertinenten Frage oder Bemerkung ausfüllte. Einmal hieß es:
»Ich bin erstaunt, Mrs. Graham, wie Sie sich eine so verfallene, wackliche, alte Boutique, wie diese, zum Wohnen aussuchen konnten. Warum haben Sie nicht eine nette, kleine Cottage gemiethet, wenn Sie nicht im Stande waren, das ganze Haus mit Ihren Leuten zu füllen und es renovieren zu lassen?«
»Vielleicht war ich zu stolz dazu, Mr. Fergus,« antwortete sie lächelnd; »vielleicht hatte ich auch eine besondere Vorliebe für dieses romantische, altmodische Gebäude gefaßt — aber es besitzt wirklich auch viele Vorzüge vor einer Cottage — erstens, sehen Sie, sind die Zimmer größer, und höher, zweitens können die unbewohnten Gemächer, für die Ich nichts bezahle, zu Rumpelkammern dienen, wenn ich etwas hineinzustecken habe; und dann sind sie von großem Vortheil für meinen kleinen Sohn, der an Regentagen, wo er nicht ausgehen darf, darin herumlaufen kann, und dann habe ich auch den Garten für ihn zum Spielen, und für mich zum Arbeiten. Sie sehen, daß ich bereits einige Verbesserungen angebracht habe,« fuhr sie, zum Fenster gewendet, fort: »Dort in der Ecke ist ein Beet mit jüngeren Gemüse, und hier blühen schon einige Schneeglöckchen und Schlüsselblumen — und dort, im Sonnenscheine, öffnet sich eben ein gelber Crokus.«
»Wie können Sie es aber in einer solchen Lage aushalten — Ihre nächsten Nachbarn in zwei Meilen Entfernung, und keinen Menschen, der Sie besucht, oder hier vorübergeht? — Rosa würde in einer solchen Wohnung Wahnsinnig werden. Sie kann nicht leben, wenn sie des Tages nicht wenigstens ein halbes Dutzend verschiedene Kleider und Hüte sieht — von den Gesichtern darunter gar nicht zu sprechen; aber Sie können den ganzen Tag hier am Fenster sitzen und aufpassen, ohne auch nur eine alte Frau zu erblicken, die ihre Eier zu Markte trägt.«
»Ich möchte sagen, daß die Einsamkeit des Hauses eine seiner besten Empfehlungen gewesen ist — ich finde kein Vergnügen daran, am Fenster zu sitzen und nach den Vorübergehenden auszuschauen; und ich habe es gern still.«
»O, das ist so viel, als wollten Sie sagen, Sie wünschten, daß wir uns Alle um uns selbst bekümmern und Sie ungeschoren lassen.«
»Nein, ich bin einer weit ausgebreiteten Bekanntschaft abgeneigt; wenn ich aber einige Freunde habe, so sehe ich sie natürlich gern von Zeit zu Zeit. Kein Mensch kann in ewiger Einsamkeit glücklich leben. Wenn Sie daher mein Haus als Freund betreten, Mr. Fergus, so werde ich Sie willkommen heißen, wo nicht, so muß ich allerdings gestehen, daß es mir lieber ist, wenn Sie wegbleiben.«
Hierauf wendete sie sich zu Rose und Elisen, und richtete einige Worte an diese.
»Und, Mrs. Graham,« sagte er fünf Minuten später von Neuem, »wir stritten uns auf unserem Wege über eine Frage, die Sie am besten entscheiden können, da sie hauptsächlich Sie selbst betrifft — wir haben wirklich oft Diskussionen über Sie; denn Viele von uns haben weiter nichts zu thun, als von den Angelegenheiten unsrer Nachbarn zu sprechen, und wir, die einheimischen Erzeugnisse des Bodens, kennen einander so lange, und haben einander so oft besprochen, daß und dieses Spiel wahrhaft zum Ekel geworden ist, und ein Fremder, der sich unter uns niederläßt, eine unscheinbare Vermehrung unserer erschöpften Unterhaltungsquellen darbieten Nun, die Frage, oder Fragen, um deren Lösung wir Sie ersuchen —«
»Halt den Mund, Fergus!« rief Rosa in einem Fieber von Furcht und Zorn.
»Ich will nicht, sage ich Dir. Die Fragen, um deren Lösung Sie ersucht werden, sind: — Erstlich, Ihre Geburt, Familie und früherer Aufenthaltsort. Manche behaupten, Sie seien eine Ausländerin; Andere sagen, Sie seien eine Engländerin; manche, Sie seien im Norden, und Andere, Sie wären im Süden zu Hause; wieder Andere sagen —
»Nun, Mr. Fergus, ich will es Ihnen sagen. Ich bin eine Engländerin — und ich sehe nicht ein, warum Jemand daran zweifeln sollte — und ich bin weder im äußersten Norden, noch im äußersten Süden unserer glücklichen Insel geboren, und habe den größten Theil meines Lebens auf dem Lande zugebracht, und nun, hoffe ich, sind Sie zufrieden; denn ich habe jetzt keine Lust, weitere Fragen zu beantworten.«
»Nur diese eine —«
»Nein keine einzige mehr!« lachte sie, indem sie von — ihrem Stuhle aufsprang, an dem Fenster, wo ich saß, Zuflucht suchte, und sich in der Verzweiflung, und um den Verfolgungen meines Bruders zu entgehen, bemühte, mich ins Gespräch zu ziehen.
»Mr. Markham,« sagte sie mit beflügelten Worten und erhöhter Gesichtsfarbe, die ihre Unruhe nur zu deutlich blicken ließen, »haben Sie die schöne Seeaussicht vergessen, von der wir vor einiger Zeit sprachen? Ich denke, ich werde Sie nun bemühen müssen, mir den nächsten Weg dorthin zu beschreiben, denn wenn dieses schöne Wetter anhält, so werde ich vielleicht im Stande sein, hinzugehen und meine Skizze zu machen; ich habe alle übrigen Gegenstände er schöpft und sehne mich, diesen zu sehen.«
Ich war im Begriffe ihrem Wunsche zu entsprechen, wurde jedoch Von Rosa daran verhindert.
»O, sage es ihr nicht, Gilbert!« rief sie; — »sie soll mit uns gehen. Sie meinen gewiß die Bai, Mrs. Graham. Es ist ein weiter Weg für Sie, und für Arthur ganz unmöglich, hinzugehen. Aber wir hatten im Sinne, eines schönen Tages ein Picknick zu machen und sie anzusehen; und wenn Sie warten wollen, bis sich das schöne Wetter befestigt, so werden wir Alle hocherfreut sein, Sie bei uns zu haben.«
Die arme Mrs. Graham sah bestürzt aus, und wollte Entschuldigungen vorbringen; aber Rosa, die entweder mit ihrem einsamen Leben Erbarmen hatte, oder sich eifrig bemühte, nähere Bekanntschaft mit ihr anzuknüpfen, war entschlossen, sie mitzunehmen, und besiegte alle ihre Einwendungen. Man sagte ihr, daß die Gesellschaft nur klein sein, und blos aus Freunden bestehen solle, und daß die beste Aussicht von der Klippe, die volle fünf Meilen, entfernt liege, sei.
Ein hübscher Spaziergang für die Herren,« fuhr Rosa fort« »aber die Damen werden abwechselnd gehen und fahren; denn wir nehmen unseren Ponywagen mit, der groß genug ist, um den kleinere Arthur und drei Damen, und Ihr Zeichnenmaterial, und unsere Mundvoräthe zu fassen.«
Der Vorschlag wurde also endlich angenommen, und nach einigen Diskussionen über die Zeit und Art der beabsichtigten Excursion, erhoben wir uns und nahmen Abschied.
Wir waren aber erst im März; ein kalter, feuchter April, und zwei Wochen des Mai vergingen, ehe wir mit der vernünftigen Hoffnung, das Vergnügen angenehmer Aussicht, heiterer Gesellschaft, frischer Luft, guter Speisen und Getränke und Leibesübung, welches wir suchten, ohne die Beimischung von schlechten Wegen, kalten Winden und drohenden Wolken zu genießen, unseren Ausflug anzutreten wagen konnten. Dann aber zogen wir eines schönen Morgens unsere Streitkräfte zusammen, und machten uns auf den Weg. Die Gesellschaft bestand aus Mrs. und Master Graham, Mary und Elise Milward, Jane und Richard Wilson, und Rosa, Fergus und Gilbert Markham.
Mr. Lawrence war ebenfalls eingeladen worden, hatte es aber, aus ihm wahrscheinlich am besten bekannten Gründen, abgeschlagen, uns seine Gesellschaft zu schenken. Ich hatte ihn selbst darum gebeten. Als ich dies that, zauderte, er und fragte, wer Alles mitgehe. Da ich Jane Wilson nannte, schien er halb und halb zum Kommen geneigt zu sein, als ich aber in dem Glauben, daß dies eine weitere Versuchung sei, Mrs. Grahams Namen erwähnte, schien dieß gerade die entgegengesetzte Wirkung auszuüben, und er lehnte es gänzlich ab — die Wahrheit zu gestehen, nicht eben zu meinem Mißvergnügen, obgleich ich Ihnen kaum den Grund davon angeben könnte.
Es mochte etwa Mittag sein, als wir unseren Bestimmungsort erreichten. Mrs. Graham ging die ganze Strecke, bis nach den Klippen zu Fuße, und der kleine Arthur that den größten Theil des Weges über das Gleiche; denn er war jetzt bei weitem abgehärteter und gelenkiger, als zur Zeit, wo er in die Gegend gekommen war, und er wollte nicht gern mit Fremden im Wagen sitzen, während, alle seine vier Freunde, die Mama, und Sancho, und Mr. Markham, und Miß Milward zu Fuße waren, und entweder weit hinten, oder durch ferne Felder und Heckenwege hinwanderten.
Ich habe eine höchst angenehme Erinnerung an diesen Spaziergang auf der hier und da von grünen Bäumen beschatteten und mir blumenreichen Grasrändern und blühenden Hecken vom köstlichsten Dufte geschmückten, sonnenbeschienenen weißen Landstraße, oder durch mit lieblichen Blumen und dem glänzenden Grün des köstlichen Mai prangenden Wiesen und Heckenwege hin. Allerdings befand sich Elise nicht bei mir, aber sie war bei ihren Freunden in dem Ponywagen hoffentlich eben so glücklich, wie ich, und selbst, als wir Fußgänger die Landstraße verließen, um einen kürzeren Weg über die Felder einzuschlagen, und den kleinen Wagen in weiter Ferne hinter den grünen, laubigen Bäumen verschwinden sahen, haßte ich diese Bäume weder, weil sie den lieben, kleinen Hut und Shawl meinen Blicken entrissen, noch fühlte ich, daß alle diese Gegenstände zwischen meinem Glücke und mir lägen, denn ich war, die Wahrheit zu gestehen, in Mrs. Grahams Gesellschaft viel zu glücklich, um die Elise Milwards zu vermissen.
Erstere war zwar anfangs zum Verzweifeln ungesellig, und wie es schien, entschlossen, mit Niemandem, außer Miß Milward und Arthur zu sprechen. Sie und Mary gingen zusammen, meist mit dem Knaben zwischen sich: — wo es aber der Weg gestattete, ging ich stets auf ihrer andern Seite, während Richard Wilson die andere Seite Miß Milwards in Beschlag nahm, und Fergus sich nach Belieben hier und da umhertrieb,— nach einer Weile wurde sie jedoch freundlicher, und endlich gelang es mir, ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich zu fesseln — und dann war ich wahrhaft glücklich, denn wenn sie sich zum Sprechen herabließ, so hörte ich gern zu. Wo ihre Ansichten und Aussprüche mit den meinen übereinstimmten, entzückte mich ihr gesunder Verstand, ihr ausgesuchter Geschmack und Gefühl; wo sie von ihnen abwichen, war es doch stets die rücksichtslose Kühnheit, womit sie diese Verschiedenheit gestand und vertheidigte — ihre Ueberzeugtheit und ihr Scharfsinn, die meine Phantasie piquirten; und selbst wenn sie mich durch unfreundliche Worte oder Blicke und lieblose Schlüsse auf mich erzürnte, machte sie mich dadurch unzufrieden mit mir selbst, daß ich einen so ungünstigen Eindruck auf sie gemacht, und verlangender, meinen Charakter und mein Gemüth in ihren Augen zu recht fertigen und wo möglich ihre Achtung zu erringen
Endlich kam unser Spaziergang zu Ende. Die zu nehmende Höhe und Steilheit der Hügel hatte die Aussicht seit einiger Zeit verdeckt; als wir aber den Gipfel einer steilen Anhöhe erreicht hatten, und zu unseren Füßen hinabblickten, lag eine breite Lücke vor uns — und das blaue Meer bot sich unseren Blicken dar! — tief veilchenblau nicht todtenstill, sondern mit glitzernden Wellenkämmen bedeckt — winzigen, weißen Flecken, die auf seiner Brust schimmerten und durch das schärfste Auge kaum von den kleinen Seemöven, die sich darüber wiegten und deren weiße Flügel im Sonnenscheine erglänzten, zu unterscheiden waren; nur zwei bis drei Schiffe waren zu sehen, diese aber befanden sich in weiter Ferne.
Ich blickte meine Begleiterin an, um zu sehen, was sie von diesem herrlichen Schauspiele denke. Sie sagte nichts, blieb aber stehen, und heftete ihre Augen mit einem Blicke darauf, welcher mir versicherte, daß ihre Erwartungen nicht getäuscht worden seien. Sie hatte, beiläufig bemerkt, sehr schöne Augen — ich weiß nicht, ob ich es Ihnen schon gesagt habe — aber sie waren seelenvoll, groß, klar und fast schwarz — nicht braun, sondern von sehr dunklem Grau. Ein kühles, belebendes Lüftchen wehte vom Meere her — weich, rein und gesund; es ließ ihre Locken flattern, und verlieh ihren sonst zu blassen Lippen und Wangen eine lebhaftere Farbe. Sie fühlte seinen er heiternden Einfluß, und so ging es auch mir — ich fühlte es durch meinen ganzen Körper prickeln, wagte es aber nicht, seine Einwirkung kundzugeben, so lange sie so still blieb. Ihr Antlitz trug den Ausdruck milder Heiterkeit, welcher fast zu einem Lächelns exaltierter, froher Intelligenz aufloderte, als ihr Auge das Meine traf. Sie hatte noch nie so schön ausgesehen, noch nie hatte ihr mein Herz so warm entgegengeklopft, wie jetzt. Wenn wir noch zwei Minuten allein so stehen geblieben wären, so hätte ich für die Folgen nicht bürgen können. Zum Glück für meine Diskretion, vielleicht auch für meinen Genuß des Tages, wurden wir schnell zum Mahle — einer höchst respektablen Collation, beschieden, die Rosa, von Miß Wilson und Elise unterstützt, welche mit ihr und dem Wagen vor uns angekommen waren, auf einer erhöhten Stelle, von der aus man die See überschauen konnte, welche zugleich aber auch durch einen steilen Felsen und überhängende Bäume vor der Sonne geschützt war, aufgetischt hatte.
Mrs. Graham setzte sich in einiger Entfernung von mir nieder. Meine Nachbarin war Elise, die ihr Möglichstes that, um sich auf ihre sanfte, von aller Aufdringlichkeit entfernte Art angenehm zu machen und ohne Zweifel eben so reizend und fesselnd wie sonst war, wenn ich es nur hätte fühlen können. Bald aber begann sich mein Herz wieder für sie zu erwärmen und wir waren Alle, soviel ich sehen konnte, während des langen, geselligen Mahles äußerst heiter und froh.
Sobald dies vorüber war, forderte Rosa Fergus auf, ihr beizustehen, die Ueberbleibsel und die Messer, Teller u s. w. zusammenzuräumen und in die Körbe zu legen, und Mrs. Graham nahm ihren Feldstuhl und ihr Zeichengeräth und verließ uns, nachdem sie Miß Milward gebeten, die Aufsicht über ihren kostbaren Sohn zu übernehmen und ihm streng verboten, sich von der Seite seiner neuen Aufseherin zu entfernen, um sich nach einem höheren, steileren Punkte in einiger Entfernung zu begeben, von wo die Aussicht noch schöner war, und wo sie es vorzog, ihre Skizze aufzunehmen, obgleich ihr einige von den Damen sagten, daß es ein entsetzlicher Ort sei, und ihr riethen, es nicht zu versuchen.
Sobald sie fort war, fühlte ich, als ob der ganze Spaß des Picknicks zu Ende sei — obgleich sich kaum sagen läßt, was sie zur Heiterkeit der Gesellschaft beigetragen hatte. Ihren Lippen war kein Scherz, kein Lachen — entflohen, aber ihr Lächeln hatte meine Laune belebt; eine scharfsinnige Bemerkung oder ein heiteres Wort von ihr, hatte meinen Witz, mir selbst unbewußt, geschärft, und Allem, was die Uebrigen sagten oder thaten, neues Interesse verliehen. Selbst meine Unterhaltung mit Elisen war durch ihre Gegenwart lebhafter geworden, obwohl ich es nicht wußte; und nun sie fort war, hörte Elisens scherzhafter Unsinn auf mich zu belustigen — ja wurde mir sogar langweilig, und ich es müde, sie zu unterhalten; ich fühlte mich durch eine unwiderstehliche Anziehungskraft nach dem fernen Punkte gelockt, wo die schöne Künstlerin saß und einsam ihre Arbeit verrichtete — und ich versuchte nicht lange derselben Widerstand zu leisten, sondern stand, während meine kleine Nachbarin einige Worte mit Miß Wilson austauschte, auf und schlürfte leise hinweg. Einige schnelle Schritte, und ein kurzes, gelenktes Klettern brachte mich bald zu der Stelle, wo sie saß — einem schmalen Felsenvorsprung dicht am Rande der Klippe, welche steil zum felsigen Strande hinabschoß.
Sie hörte mich nicht kommen; als mein Schatten auf ihr Papier fiel, schrack sie, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen und blickte sich hastig um — jede andere Dame meiner Bekanntschaft würde bei einem so plötzlichen Schrecken laut aufgeschrieen haben.
»O, ich wußte nicht, daß Sie es seien — warum haben Sie mich so erschreckt?« sagte sie etwas unwillig; — »ich kann es nicht leiden, wenn man mir so unerwartet über den Hals kommt.«
»Ei, für wen haben Sie mich gehalten,« sagte ich, »wenn ich gewußt hätte, daß Sie so ängstlich wären, so würde ich vorsichtiger gewesen sein: aber —«
»Nun, es thut nichts. Weshalb sind Sie gekommen? Kommen sie Alle?«
»Nein, dieser kleine Vorsprung würde kaum Platz genug für Alle bieten.«
»Das freut mich, denn ich bin des Redens müde.«
»Nun wohl, ich will nicht sprechen, sondern mich nur hersetzen, und zusehen, wie Sie zeichnen.«
»O, aber Sie wissen doch, daß ich das nicht leiden kann.«
»Dann will ich mich damit begnügen, diese herrliche Aussicht zu bewundern.«
Hiergegen machte sie keine Einwendung und zeichnete eine Zeitlang schweigend weiter. Ich konnte mich aber nicht enthalten, von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick von der herrlichen Aussicht zu unseren Füßen auf die schöngeformte, weiße Hand, welche den Bleistift hielt, und den graziösen Nacken und die glänzenden Rabenlocken, die über das Papier herabhingen, zu werfen.
»Jetzt,« dachte ich, könnte ich, falls ich Bleistift und ein Stück Papier hätte, eine schönere Skizze, als die ihre, machen, vorausgesetzt, daß ich die Fähigkeit besäße, das, was sich vor mir befindet, treu nachzubilden.«
Obgleich mir aber diese Genugthuung versagt blieb, war ich doch sehr zufrieden, neben ihr sitzen zu können, ohne etwas zu sagen.
»Sind Sie noch da. Mr. Markham?« sagte sie endlich, sich nach mir umsehend — denn ich saß etwas hinter ihr auf einem bemoosten Vorsprunge der Klippe. — »Warum gehen Sie nicht und unterhalten sich mit Ihren Freunden?«
»Weil ich ihrer müde bin, wie Sie, und sie morgen oder jederzeit noch genug sehen kann, während ich vielleicht, wer weiß wie lange, nicht wieder das Vergnügen, Sie zu sehen, haben werde.«
»Was that Arthur, als Sie fortgingen?«
»Er war bei Miß Milward, wo Sie ihn .gelassen hatten — in der besten Verfassung, hoffte aber, daß die Mama nicht lange ausbleiben werde. Sie haben mir ihn, beiläufig erwähnt, auch nicht anvertraut,« brummte ich, »obgleich ich die Ehre einer viel längeren Bekanntschaft hatte; aber Miß Milward versteht die Kunst, Kinder in Ruhe zu halten und zu belustigen,« fügte ich nachlässig hinzu, »wenn sie auch sonst zu nichts taugt.«
»Miß Milward hat viele schätzbare Eigenschaften, die Leute, wie Sie, nicht wahrnehmen oder beurtheilen können. Wollen S« Arthur sagen, daß ich in wenigen Minuten kommen werde?«
»Wenn das ist, so will ich, mit Ihrer Erlaubniß warten, bis diese wenigen Minuten vorüber sind, und dann kann ich Ihnen beim Herabsteigen dieses beschwerlichen Weges beistehen.«
»Ich danke Ihnen — bei dergleichen Anlässen komme ich ohne Beistand stets am Besten zurecht.«
»Aber ich kann wenigstens Stuhl und Skizzenbuch tragen.«
Diese Gunst schlug sie mir nicht ab; ich fühlte mich aber von ihrem offenbaren Wunsche, mich loszuwerden, etwas gekränkt und fing schon an, meine Hartnäckigkeit zu bereuen, als sie mich dadurch wieder ein wenig beschwichtigte, daß sie meinen Geschmack und mein Urtheil über einen zweifelhaften Punkt in ihrer Zeichnung zu Rathe zog. Meine Ansicht wurde glücklicher Weise von ihr gebilligt und die von mir vorgeschlagene Verbesserung ohne Anstand angenommen.
»Ich habe oft vergeblich gewünscht, sagte sie, »an das Urtheil eines Andern appellieren zu können, wenn ich kaum meinem Auge und Kopfe vertrauen konnte, nachdem diese so lange von der Betrachtung eines einzigen Gegenstandes in Anspruch genommen worden waren, daß sie fast unfähig wurden, sich eine gehörige Idee darüber zu machen.«
»Damit antwortete ich, »ist nur eins von den vielen Uebeln, denen uns ein einsiedlerisches Leben aussetzt.«
»Seht wahr,« antwortete sie, und wir versanken wie der in unser früheres Schweigen.
Etwa zwei Minuten später erklärte sie ihre Skizze für fertig, und machte das Buch zu.
Als wir zu der Stelle, wo das Mahl gehalten worden war, zurückkehrten, fanden wir sie von der ganzen Gesellschaft, mit Ausnahme Mary Milwards, Richard Wilsons und Arthur Grahams, verlassen. Der junge Herr lag, mit in dem Schooße der Dame ruhendem Kopfe, in tiefem Schlafe da, und der Andere saß, mit einer Taschenausgabe eines griechischen Autors in der Hand, neben ihr. Er ging nie ohne einen solchen Begleiter zur Ausfüllung seiner freien Augenblicke aus: alle Zeit, die nicht dem Studium, oder von seinem Körper zur Lebenserhaltung gebieterisch gefordert wurde, erschien ihm als verloren. Selbst jetzt konnte er sich nicht dem Genusse der reinen Luft und des glänzenden Sonnenscheins, der herrlichen Aussicht und der Musik der Wellen und des leisen Windes in den schützenden Bäumen über ihm hingeben — selbst nicht mit einer Dame neben ihm (allerdings keiner sehr reizenden, wie ich gestehen muß) — ohne sein Buch herauszuziehen und seine Zeit so gut als möglich zu benutzen, während er sein mäßiges Mahl verdaute und seine, nicht an viele Bewegung gewöhnten, milden Glieder ausruhen ließ.
Vielleicht darbte er sich jedoch von Zeit zu Zeit einen Augenblick ab, um mit seiner Gefährtin ein Wort oder einen Blick auszutauschen — auf alle Fälle schien sie sein Betragen keineswegs übel zu nehmen, denn ihre häßlichen Züge trugen einen Ausdruck ungewöhnlicher Zufriedenheit und Heiterkeit, und sie studiere, als wir ankamen, sein blasses, gedankenvolles Gesicht mit vieler Behaglichkeit.
Der Heimweg war mir keineswegs so angenehm, wie der erste Theil des Tages, denn jetzt befand sich Mrs. Graham im Wagen und Elise Milward war meine Begleiterin auf dem Wege. Sie hatte den Vorzug, welchen ich der jungen Witwe gegeben, bemerkt und fühlte sich offenbar hintenangesetzt. Sie gab ihren Kummer nicht durch spitzige Vorwürfe, bittere Sarkasmens oder schmollendes, mürrisches Schweigen kund, — denn alles dies hätte ich leicht hinweglachen können, sondern sie zeigte denselben durch einen milden, vorwurfsvollen Trübsinn, der mir in’s Herz schnitt. Ich versuchte, sie zu erheitern, was mir auch, ehe wir nach Hause kamen, einigermaßen gelungen zu sein schien; indem ich es aber that, machte mir mein Gewissen Vorwürfe, da ich wußte, daß das Band seither oder später zerrissen werden müsse, und ich dadurch nur täuschende Hoffnungen nährte und den schlimmen Tag hinausschob.
Als der Ponywagen Wildfell Hall so nahe gekommen war, als es die Straße gestattete — wenn sie nicht den langen, rauhen Heckenweg hinaufging, was Mrs. Graham nicht gestatten wollte, stiegen die junge Witwe und ihr Sohn ab, und überließen Rosen den Kutschersitz, während ich Elisen überreden, den Jener einzunehmen. Nachdem ich sie bequem hineingepackt, sie gebeten, sich vor der Abendluft in Acht zu nehmen und ihr eine freundliche gute Nacht gewünscht hatte, fühlte ich mich bedeutend erleichtert, und eilte, der Mrs. Graham meine Dienste anzubieten, um ihren Zeichnenapparat hinaufzutragen; — sie hatte jedoch bereits ihren Feldstuhl an den Arm gehangen und ihr Skizzenbuch in die Hand genommen und bestand darauf, mir mit der übrigen Gesellschaft Adieu zu sagen. Diesmal lehnte sie aber meine angebotenen Hilfeleistungen so gütig und freundlich ab, daß ich ihr fast verzieh.
Achtes Kapitel.
Das Geschenk.
Sechs Wochen waren vorübergezogen. Es war ein herrlicher Morgen gegen das Ende des Juni. Der größte Theil des Heu’s war gehauen; die letzte Woche war jedoch sehr ungünstig für die Ernte gewesen und jetzt, wo das schöne Wetter sich endlich einstellte, hatte ich, entschlossen, dasselbe auf’s Beste zu benutzen, alle Arbeiter auf der Wiese versammelt und arbeitete mitten unter ihnen in Hemdsärmeln, mit einem leichten, schattigen Strohhute auf dem Kopfe, raffte Arme voll feuchten, dampfenden Grases auf, schüttelte es, an der Spitze einer ansehnlichen Reihe von Dienstboten und Miethlingen, in alle vier Winde und gedachte so vom Morgen bis zur Nacht, mit ebensoviel Eifer und Fleiß, als ich von irgend einem unter demselben er warten konnte, zu arbeiten, theils um die Arbeit durch meine Anstrengungen zu fördern, theils aber auch die Arbeiter durch mein Beispiel anzufeuern — als plötzlich alle meine guten Entschlüsse durch den einfachen Umstand vernichtet wurden, daß mein Bruder zu mir heranlief, und ein kleines, soeben von London angekommenes Packet, welches ich seit einiger Zeit erwartet hatte, in meine Hand drückte. Ich riß die Umhüllung ab und es erschien eine elegante Taschenausgabe von Walter Scotts »Marmion.«
»Ich kann mir denken, für wen das ist,« sagte Fergus, der dabei stand und zuschaute, während ich den Band vergnügt von allen Seiten ansah. »Das ist sicher für Miß Elise.«
Dieß sprach er mit so ungemein schlauem Ton und Blicke, daß es mich freute, ihm widersprechen zu können.
»Fehlgeschossen, mein Söhnchen,« sagte ich, hob meinen Rock auf, steckte das Buch in eine seiner Taschen und zog ihn sodann an. »Nun komm her, Du fauler Schlingel, und stifte einmal ausnahmsweise etwas Nützliches,« fuhr ich fort, — »ziehe Deinen Rock aus und vertritt meine Stelle auf dem Felde, bis ich zurückkomme.«
»Bis Du zurückkommst? — und wohin gehst Du, wenn man fragen darf?«
»Das Wohin geht Dich gar nichts an — das wenn ist Alles, worum Du Dich zu kümmern hast; — und ich werde spätestens bis zum Essen wieder da sein.«
»Oho! und ich soll also bis dahin arbeiten, nicht wahr? — und alle diese Burschen überdieß noch streng daran halten? — Nun, nun, einmal mag es noch so hin gehen. — Kommt, ihr Lenke, ihr müßt Euch daran halten; ich werde Euch jetzt helfen, und wehe dem Manne — oder Frauenzimmer — der einen Augenblick inne hält, sei es nur um sich umzusehen, sich im Kopfe zu kratzen, oder sich die Nase zu schneuzen — ich lasse keine Vorwände gelten — nichts als arbeiten, arbeiten, arbeiten, im Schweiße Eures Angesichts — u. s. w., u. s. w.«
Ich ließ ihn also die Leute harrenguiren, eher zu ihrer Belustigung, als ihrer Erbauung, kehrte nach Hause zurück, und eilte, nachdem ich meine Toilette ein wenig geändert, mit dem Buche in der Tasche nach Wilder Hall, denn es war für Mrs. Grahams Bücherschrank bestimmt.
»Wie, vertrugt Ihr Euch schon so gut, daß es bis zum Geben und Empfangen von Geschenken zwischen Euch gekommen war?« — Noch nicht gerade so weit, alter Bursche; dies war mein erstes Experiment in dieser Beziehung und ich war äußerst begierig, das Resultat desselben zu sehen.
Wir waren seit dem Ausflug nach Bai mehrere Male zusammengetroffen, und ich hatte sie meiner Gesellschaft nicht abgeneigt gefunden, vorausgesetzt, daß ich meine Unterhaltung auf die Besprechung abstracter Gegenstände, oder solcher von allgemeinem Interesse beschränkte; — im Augenblicke, wo ich das Sentimentale oder Komplimentarische berührte, oder mich in Wort oder Blick dem Zärtlichen näherte, wurde ich nicht nur durch eine augenblickliche Veränderung ihres Wesens für die gegenwärtige Zeit bestraft, sondern auch verurtheilt, sie das nächste Mal, wo ich ihre Gesellschaft aufsuchte, kälter und fremder, wo nicht gar unzugänglich zu finden. Dieser Umstand setzte mich jedoch nicht sehr in Verlegenheit, da ich ihn nicht sowohl einer Abneigung gegen meine Person, als vielmehr einem vor unserer Bekanntschaft, entweder aus übermäßiger Liebe zu ihrem verstorbenen Gatten, oder weil sie von ihm und der Ehe genug gehabt hatte, gegen eine zweite Heirath gefaßten Entschlusse zuschrieb Anfänglich hatte es allerdings geschienen, als fände sie Vergnügen daran, meine Eitelkeit zu kränken und meinen Vorwitz zu ersticken — sie hatte erbarmungslos eine Knospe nach der andern, wie sie sich zeigten, abgerissen und, damals war ich, wie ich gestehen Muß, tief Verwundet, wiewohl zu gleicher Zeit auch zur Rache gereizt worden — als sie aber später unbezweifelt wahrnahm, daß ich nicht der hohlköpfige Geck sei, für den sie mich anfänglich gehalten, hatte sie meine bescheidenen Approchen auf ganz andre Art zurückgewiesen. Es war eine Art von ernsthaftem, fast kummervollem Unwillen, den ich zu erwecken bald sorgfältig vermeiden lernte.
Erst will ich meine Stellung als Freund festsetzen, dachte ich — als Schutzherr und Spielkamerad ihres Sohnes und nüchterner, fester, gerade gehender Freund ihrer selbst und dann, wenn ich mich ihrer Behaglichkeit und ihrem Genusse des Lebens (wie ich zu können glaube) noth wendig gemacht habe, wollen wir sehen, was sich weiter thun läßt.
Wir sprachen also von Malerei, Dichtkunst und Musik, Theologie, Geologie und Philosophie, ein paar Mal lieh ich ihr Bücher und einmal lieh sie mir dafür wieder eins, ich traf auf ihren Spaziergängen mit ihr zusammen und kam, so oft ich es wagte, in ihr Haus. Mein erster Vorwand zum Eindringen in das Heiligthum war der Arthur ein kleines, watschelndes Hündchen zu bringen, dessen Vater Sancho war, und welches das Kind über alle Maaßen entzückte und daher auch nicht ermangeln konnte, seiner Mama zu gefallen; mein zweiter war, ihm ein Buch zu dringen, welches ich, da ich die eigenthümlichen Ansichten seiner Mutter kannte, sorgfältig gewählt hatte und ihr zur Billigung vorlegte, ehe ich es ihm gab; dann brachte ich ihr im Namen meiner Schwester einige Pflanzen für ihren Garten, nachdem ich Rosa vorher überredet, dieselben zu schicken. Jedesmal erkundigte ich mich dabei nach dem Gemälde, welches sie nach der auf der Klippe gezeichneten Skizze malte, und wurde in das Atelier geführt und über meine Ansicht oder meinen Rath über dasselbe befragt.
Bei meinem letzten Besuche hatte ich ihr das mir von ihr geliehene Buch zurückgegeben und hierbei hatte sie, in einer zufälligen Besprechung der dichterischen Werke Sie Walter Scotts, den Wunsch zu erkennen gegeben, Marmion zu sehen und ich die vorwitzige Idee gefaßt, ihr dasselbe zu schenken und augenblicklich nach meiner Heim kehr das hübsche, kleine Buch, welches ich an diesem Morgen empfangen, bestellt. Es war aber immer noch ein Vorwand zum Eindringen in die Einsiedelei nöthig; ich versah mich also mit einem blauen Maroquin-Halsbande für Arthurs kleinen Hund, und nachdem dieses übergeben und vom Empfänger mit bei weitem größerer Freude und Dankbarkeit angenommen worden war, als der Werth der Gabe, oder das egoistische Motiv des Gebers verdiente, erlaubte ich mir, Mrs. Graham zu bitten, das Gemälde noch einmal ansehen zu dürfen, wenn es sich noch da befinde.
»Ja wohl, kommen Sie herein,« sagte sie, denn ich, hatte sie im Garten getroffen, »es ist fertig und eingerahmt und zum Fortschicken bereit. Theilen Sie mir aber Ihre letzte Ansicht darüber mit und wenn Sie noch eine Verbesserung daran vorschlagen können, so soll sie — wenigstens gehörig in Betracht gezogen werden.«
Das Bild war auffallend schön; es war die Landschaft selbst, wie durch Zauberei auf die Leinwand übergetragen. Ich drückte jedoch meinen Beifall in gemäßigten und kurzen Worten aus, um ihr nicht zu mißfallen. Sie beobachtete jedoch mein Gesicht aufmerksam, und ihr Künstlerstolz fühlte sich ohne Zweifel geschmeichelt, meine innige Bewunderung in meinen Augen zu lesen; während ich aber darauf hinschaute, dachte ich jedoch an das Buch und überlegte mir, wie ich es überreichen solle. Der Muth sank mit, ich beschloß jedoch, nicht so thöricht zu sein, fortzugehen, ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben. Es war nutzlos, auf eine Gelegenheit dafür zu warten und eben so nutzlos zu versuchen, dafür eine Rede zusammenzubauen, je einfacher und natürlicher es geschähe, dachte ich, desto besser. Ich blickte also zum Fenster hinaus, um meinen Muth auf die rechte Höhe zu schrauben, zog das Buch heraus, wendete mich um, und legte es ihr mit der folgen den kurzen Erklärung in die Hand:
»Sie wünschen Marmion zu sehen, Mrs. Graham, e und hier ist es, wenn Sie so gütig sein wollen, es anzunehmen.«
Eine momentane Nöthe überzog ihr Gesicht — viel leicht ein Erröthen sympathetischer Scham über eine so ungeschickte Art der Ueberreichung; sie besichtigte ernsthaft beide Seiten des Buches, wendete dann schweigend einige Blätter um, runzelte während dessen nachdenkend die Augenbrauen, schloß dann das Buch, wendete sich zu Mir, und fragte mich ruhig nach dem Preise desselben. — Ich fühlte das heiße Blut in mein Gesicht strömen.
»Es thue mir leid, wenn ich Sie kränken sollte, Mr. Markham,« sagte sie; »ich kann aber das Buch nicht an nehmen, ohne es zu bezahlen.«
Und sie legte es auf den Tisch.
»Warum können Sie das nicht?«
»Weil —« sie hielt inne und blickte auf den Teppich.
»Warum können Sie das nicht?« wiederholte ich mit einer so gereizten Stimme, daß sie ihre Augen erhob und mir fest ins Gesicht blickte.
»Weil ich mir nicht Verbindlichkeiten auferlegen lassen will, die ich nie wieder vergelten kann: ich bin Ihnen bereits für Ihre Güte gegen meinen Sohn verbunden, dafür aber müssen Sie seine dankbare Liebe und Ihre eignen Gefühle belohnen.«
»Unsinn!« platzte ich heraus.
Sie heftete wieder ihre Augen mit einem Blicke ruhigen, ernsten Erstaunens auf mich, welcher die Wirkung eines Tadels hatte, mochte er nun dazu bestimmt sein oder nicht.
»Sie wollen also das Buch nicht nehmen?« fragte ich milder, als ich noch gesprochen hatte.
»Ich will es gern annehmen, wenn sie mich dafür bezahlen lassen.«
Ich sagte ihr den genauen Preis und die Transport kosten dafür mit dem ruhigsten Tone, welchen ich aufbieten konnte, — denn ich war in der That nahe daran, vor getäuschter Erwartung und Aerger zu weinen.
Sie zog ihren Beutel heraus und zählte kaltblütig das Geld ab, nahm aber Anstand, es mir in die Hand zu geben. Sie betrachtete mich aufmerksam und bemerkte mit weichem, besänftigenden Tone:
»Sie halten sich für beleidigt, Mr. Markham — ich wollte, daß ich Ihnen begreiflich machen könnte, daß — daß ich —«
»Ich verstehe Sie vollkommen,« sagte ich, »Sie denken, daß ich, wenn Sie jetzt die Kleinigkeit von mir annehmen, mir später in Bezug darauf Zudringlichkeiten gegen Sie erlauben könnte, aber Sie irren sich. Glauben Sie mir’s, daß ich, wenn Sie, mich nur durch die Annahme derselben verbinden wollen, keine Hoffnungen darauf baue und dies nicht als Beispiel für künftige Begünstigungen betrachten werde — und es ist ein Unsinn, davon zu sprechen, daß Sie sich gegen mich Verbindlichkeiten auf laden, während Sie wissen müssen, daß in diesem Falle die Verbindlichkeit ganz auf meiner Seite — die Gunst auf der Ihren liegt.«
»Nun wohl, so nehme ich Sie beim Worte,« entgegnete sie mit dem engelhaftesten Lächeln, indem sie das verhaßte Geld wieder in ihre Börse gleiten ließ. »Aber, bedenken Sie,« —
»Ich will bedenken — was ich gesagt habe — bestrafen Sie aber meine Voreiligkeit nicht dadurch, daß Sie mir Ihre Freundschaft gänzlich entziehen und erwarten Sie nicht, daß ich dafür büßen werde, daß ich mich — fremder gegen Sie benehme,« sagte ich, die Hand ausstreckend, um Abschied zu nehmen, denn ich war zu sehr aufgeregt, um bleiben zu können.
»Nun wohl, so wollen wir bleiben, wir wir gewesen sind,« antwortete sie, bereitwillig ihre Hand in die meine legend, und während ich sie darin hielt, kam es mir äußerst schwer an, sie nicht an meine Lippen zu drücken — aber das wäre selbstmörderische Tollheit gewesen; ich war bereits kühn genug gewesen, und diese voreilige Gabe hätte beinahe schon den Todesstreich gegen alle meine Hoffnungen geführt.
Mit aufgeregtem, brennenden Herzen und Gehirn eilte ich heimwärts, ohne auf die glühende Mittagssonne zu achten — Alles außer ihr, die ich eben verlassen, vergessend — nichts bereuend, als ihre Undurchdringlichkeit und meine eigne Voreiligkeit und Taktlosigkeit — nichts fürchtend, als ihren verhaßten Entschluß und meine Unfähigkeit, denselben zu besiegen — nichts hoffend — aber halt — ich will Sie nicht mit dem Kampfe meiner Hoffnungen und Befürchtungen — meiner ernsthaften Gedanken und Beschlüsse langweilen.
Neuntes Kapitel.
Eine Schlange im Grase.
Obgleich meine Liebe jetzt gänzlich von Elise Milward abgezogen war, stellte ich meine Besuche im Pfarrhause doch noch nicht ganz ein, weil ich sie, so zu sagen, allmählig fahren lassen wollte, ohne viel Kummer zu erregen oder mich vieler Rachsucht auszusetzen — oder mich zum Gegenstande des Gespräches im Kirchspiel zu machen und weil übrigens, wenn ich ganz ausgeblieben wäre, der Vikar, welcher glaubte, daß meine Besuche hauptsächlich, wo nicht gänzlich ihm galten, sich durch die Vernachlässigung entschieden beleidigt gefühlt haben würde. Als ich aber am Tage nach meinem Gespräch mit Mrs. Graham dort einen Besuch machte, war er zufällig nicht zu Hause — ein Umstand, der mir jetzt keineswegs mehr so angenehm war, als früher. Allerdings befand sich Miß Milward zu Hause, sie galt aber natürlich wenig mehr, als gar nichts; ich entschloß mich jedoch, meinen Besuch kurz zu machen und mit Elisen auf brüderliche, freundschaftliche Art zu sprechen, wie sie durch unsre lange Bekanntschaft gerecht fertigt wurde und die meiner Ansicht nach weder kränken, noch zu falschen Hoffnungen aufmuntern konnte.
Ich war nie gewohnt gewesen, mit ihr oder sonst Jemandem von Mrs Graham zu sprechen, ich saß aber noch keine drei Minuten da, ehe sie die Dame selbst auf etwas auffallende Weise aufs Tapet brachte.
»O, Mr. Markham,« sagte sie mit entsetztem Ausdruck und fast flüsternder Stimme — »was halten Sie von den entsetzlichen Gerüchten über Mrs. Graham? — Können Sie uns veranlassen, ihnen den Glauben zu versagen?« —
»Welche Gerüchte?«
»Ach, Sie wissen es gewiß!« sie lächelte schlau und schüttelte den Kopf
»Ich weiß nichts davon; was in aller Welt meinen Sie, Elise?«
»Ach, fragen Sie mich nicht, ich kann es Ihnen nicht erklären!«
Sie nahm das Batisttaschentuch, welches sie mit einer breiten Spitzkante zu verschönern angefangen hatte, und that äußerst beschäftigt.
»Was gibt es, Miß Milward? was meinen Sie?v sagte ich, mich an ihre Schwester wendend, die vom Säumen eines großen, groben Hemdes ganz in Anspruch genommen zu werden schien.
»Ich Weiß es nicht,« antwortete sie — »wahrscheinlich eine müßige Verleumdung, die Jemand erfunden hat; ich habe selbst nicht eher davon gehört, als neulich, wo mir Elise davon vor schwatzte — wenn mir aber auch das ganze Kirchspiel in den Ohren lüge, so würde ich kein Wort davon glauben — ich kenne Mrs. Graham zu gut.«
»Ganz recht, Miß Milward! — so geht es auch mir — was es auch immer sein mag.«
»Nun,« bemerkte Elise mit einem sanften Seufzen, »es ist gut, eine so tröstliche Sicherheit über den Werth derjenigen, welche wir lieben, zu besitzen, — ich wünsche nur, daß Sie Ihr Vertrauen nicht am Ende doch noch übel angebracht finden.«
Und sie erhob ihr Gesicht und richtete einen solchen Blick bekümmerter Zärtlichkeit auf mich, daß mein Herz wohl davon hätte gerührt werden können. In diesen Augen lauerte aber etwas, das mir nicht gefiel, und ich wunderte mich, wie ich sie je hatte bewundern können, das ehrliche Gesicht und die kleinen grauen Aeuglein ihrer Schwester erschienen mir bei weitem angenehmer — aber ich war in diesem Augenblicke auf Elisen wegen ihrer Infinuationen gegen Mrs. Graham — was sie auch sein mochten — böse; denn diese mußten erlogen sein.
Ich sagte damals jedoch nichts weiter über den Gegenstand und nur wenig über einen andern; denn da ich fand, daß ich meinen Gleichmuth nicht wohl wiedererlangen konnte, stand ich bald nachher auf, und nahm unter dem Vorwande von Geschäften auf dem Gute, Abschied — und nach dem Gute begab ich mich, ohne mich im mindesten über die mögliche Wahrheit dieser geheimnißvollen Gerüchte zu beunruhigen, sondern nur verlangend, zu wissen, worin sie bestanden, von wem sie ausgingen und auf welchen Gründen sie beruhten — und wie sie am besten zum Schweigen gebracht, oder als falsch erwiesen werden könnten.
Wenige Tage nachher hatten wir wieder eine von den prunklosen, kleinen Gesellschaften, zu denen die gewöhnlichen Freunde und Nachbarn eingeladen wurden, und unter ihnen befand sich auch diesmal Mrs. Graham. Sie konnte sich jetzt nicht mehr unter dem Vorwande finsterer Abende oder unfreundlichen Wetters zurückziehen, und erschien zu meinem großen Troste auch wirklich. Ohne sie würde mir die ganze Sache unerträglich langweilig gewesen sein; mit dem Augenblicke ihrer Ankunft kam ein neues Leben in das Haus, und obgleich ich die übrigen Gäste unsertwillen nicht vernachlässigen, noch einen zu großen Theil ihrer Unterhaltung für mich in Anspruch nehmen durfte, so erwartete ich doch einen ungewöhnlich angenehmen Abend.
Mr. Lawrence kam ebenfalls; er langte erst einige Zeit, nachdem die Uebrigen versammelt waren, an. Ich war neugierig, wie er sich gegen Mrs. Graham benehmen würde. Eine leichte Verbeugung war Alles, was bei seinem Eintritt zwischen ihnen gewechselt wurde, und nachdem er die übrigen Mitglieder der Gesellschaft höflich gegrüßt, setzte er sich fern von der jungen Witwe zwischen meine Mutter und Rosa.
»Haben Sie wohl je solche Schlauheit gesehen,« flüsterte Elise, die meine Nachbarin war, »sollten Sie nicht sagen, daß sie einander vollkommen fremd wären?«
»Fast so — aber was wollen Sie damit sagen?« —
»Was ich damit sagen will? — Sie können doch nicht thun, als ob Sie unwissend darüber wären?« —
»Unwissend, über was?« fragte ich so scharf, daß sie zusammenschrak und antwortete: »O still und sprechen Sie nicht so laut!«
»Nun, so sagen Sie mir es denn,« sagte ich mit leiserer Stimme, »was meinen Sie? ich hasse die Räthsel.«
»Nun, Sie wissen, ich kann mich für die Wahrheit nicht verbürgen — in der That, weit davon entfernt, — haben Sie aber nicht gehört?« —
»Ich habe nichts gehört, außer von Ihnen.« —
»Dann müssen Sie absichtlich taub sein, denn jedermann kann Ihnen sagen, daß — aber ich sehe, daß ich Sie nur erzürne, indem ich die Sache wiederhole, und will daher lieber den Mund halten.«
Sie schloß die Lippen und faltete die Hände, mit der Miene gekränkter Unschuld, vor sich.
»Wenn Sie mich nicht zu erzürnen wünschen, so hätten Sie gleich von Anfang an den Mund halten, oder Alles, was Sie zu sagen hatten, deutlich und ehrlich aus sprechen sollen.«
Sie wendete sich ab, zog ihr Taschentuch heraus, stand auf und ging an das Fenster, wo sie, offenbar in Thränen zerfließend, eine Zeitlang stehen blieb. Ich war erstaunt, ärgerlich, beschämt — nicht so wohl über meine Härte, als über ihre kindische Schwachheit; sie schien jedoch von Keinem beachtet zu werden, und kurz nachher wurden wir zum Theetisch berufen, da es in unserer Gegend gebräuchlich war, sich zum Thee um den Tisch zu versammeln und das Teetrinken als eine Mahlzeit zu betrachten; denn wir aßen zeitig zu Mittag.
Als ich Meinen Stuhl nahm, fand ich auf der einen Seite Rosa und auf der andern einen leeren Platz.
»Darf ich mich neben Sie setzen«i fragte eine sanfte Stimme hinter mir.
»Wenn Sie wollen,« war die Antwort, und Elise schlüpfte auf den leeren Stuhl, blickte dann mit halb trübem, halb schelmischem Lächeln in mein Gesicht auf und sage:
»Sie sind so streng, Gilbert.«
Ich reichte ihr den Thee mit etwas verächtlichem Lächeln hin, und sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen.
»Womit habe ich Sie beleidigt?« sagte sie klagender, »ich wollte, ich wüßte es.«
»Da, trinken Sie Ihren Thee, Elise, und seien Sie keine Thörin,« antwortete ich, indem ich ihr den Zucker und Rahm hinhielt.
In diesem Augenblicke entstand auf meiner andern Seite einige Bewegung, welche dadurch veranlaßt wurde, daß Miß Wilson kam und Rosa einen Stuhltausch antrug.
»Wollen Sie so gut sein, mit mir den Platz zu vertauschen, Miß Markham,« sagte sie, »denn ich möchte nicht gern neben Mrs. Graham sitzen; wenn Ihre Mama es für pressend hält, solche Personen in ihr Haus zu laden, so kann sie auch nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ihre Tochter denselben Gesellschaft leistet.«
Den letzten Satz fügte sie in einer Art von Selbstgespräch hinzu, nachdem Rosa fort war, ich war jedoch nicht höflich genug, ihn so durchschlüpfen zulassen.
»Wollen Sie so gut, sein, mir zu sagen, was Sie damit meinen, Miß Wilson?« fragte ich.
Sie erschrack etwas über die Frage, aber nicht bedeutend.
»Ei, Mr. Markham,« antwortete sie kaltblütig, nach dem sie schnell ihre Fassung wieder erlangt hatte, »ich bin sehr erstaunt, daß Mrs. Markham eine Person, wie Mrs. Graham, in ihr Haus ladet; vielleicht weiß sie aber nicht, daß man ihren Ruf nicht für den besten hält.«
»Sie weiß es nicht, ebensowenig wie ich, und Sie würden mich daher verbinden, wenn Sie sich etwas deutlicher erklärten.«
»Das ist kaum eine Zeit, oder ein Ort, wie sie sich für dergleichen Erklärungen eignen; ich glaube aber nicht, daß Sie so unwissend sind, wie Sie vorgeben, Sie müssen sie eben so gut kennen, wie ich.«
»Ich denke, das thue ich, und vielleicht auch noch etwas besser, und wenn Sie mir daher mittheilen wollen, was Sie gegen die Dame gehört haben, oder sich über, sie vorstellen, so werde ich vielleicht im Stande sein, Sie zu berichtigen.«
»Nun, können Sie mir etwa sagen, wer ihr Gatte gewesen ist, oder ob sie je einen gehabt hat?« —
Die Indignation schloß mir den Mund — ich konnte mir zu einer solchen Zeit und an einem solchen Orte, kaum eine Antwort, wie sie es verdiente, erlauben.
»Haben Sie,« fragte Elise, »nie die auffallende Aehnlichkeit bemerkt, welche zwischen ihrem Kinde und —«
»Und wem? herrscht,« fragte Miß Wilson mit kalter, aber schneidender Strenge.
Elise erschrack, die schüchtern gesprochene Muthmaßung war für mein Ohr allein bestimmt gewesen.
»O, ich bitte um Entschuldigung,« sagte sie, »ich kann mich irren — vielleicht habe ich mich geirrt.« —
Aber sie begleitete die Worte mit einem schlauen, spöttischen Blick aus dem Winkel ihres unaufrichtigen Auges.
»Es ist unnöthig; mich um Verzeihung zu bitten,« antwortete ihre Freundin, »aber ich sehe hier Keinem der dem Kinde ähnlich wäre, außer seiner Mutter, und wenn Sie böswillige Gerüchte hören, Miß Elise« so werde ich Ihnen dankbar sein — das heißt, ich denke, Sie werden wohl thun, dieselben nicht weiter zu tragen; ich vermuthe, daß die Person, worauf Sie sich beziehen, Mr. Lawrence ist, aber ich glaube, Ihnen versichern zu können, daß Ihr Verdacht, (wenigstens in dieser Beziehung) jeder Begründung entbehrt, und wenn er überhaupt mit der Dame in besonderer Verbindung steht ( was zu behaupten Niemand ein Recht hat), so besitzt er wenigstens ( was mehr ist, als man von gewissen Leuten sagen kann) Anstandsgefühl genug, um in Gegenwart respektabler Personen seine Bekanntschaft durch nichts, als eine Verbeugung kundzugeben — er war offenbar erstaunt und ärgerlich, sie hier zu finden.«
»Nur immer zu,« rief Fergus, der auf der andern Seite Elisens saß, und das einzige Individuum war, welches sich außer uns auf dieser Seite des Tisches befand, »nur immer zu, und hütet Euch, einen Stein auf dem andern zu lassen!«
Miß Wilson richtete sich mit einem Blicke eisiger Verachtung in die Höhe, sagte aber nichts; Elise wollte antworten, ich that ihr aber Einhalt, indem ich so ruhig, als möglich, wenn auch in einem Tone, der ohne Zweifel etwas von dem verrieth, was in meinem Innern vorging, sagte:
»Wir haben von diesem Gegenstande genug gesagt, wenn wir nur sprechen können, um bess’re Menschen, wie wir, zu verleumden, so wollen wir lieber den Mund halten.«
»Das wird wohl das Beste sein,« bemerkte Fergus, »und so denkt auch unser guter Pastor, der die Gesellschaft die ganze Zeit über auf das Glänzendste unterhalten und Euch von Zeit zu Zeit mit Blicken strengen Unwillens betrachtet hat, während Ihr dasaßet und unehrerbietig zusammen flüstertet und murmelten und einmal hielt er so gar mitten in einer Erzählung oder Predigt — was es war, weiß ich nicht recht, inne, als wollte et sagen: »Wenn Mr. Markham aufgehört haben wird, mit diesen Damen zu liebeln, so will ich weiter sprechen.«
Ich kann mich weder erinnern, was weiter am Theetische gesprochen wurde, noch wie ich Geduld fand, so lange sitzen zu bleiben, bis das Mahl vorüber war; ich entsinne mich jedoch, nur mit Mühe den Thee, welcher sich noch in meiner Tasse befand, hinuntergeschluckt und nichts gegessen zu haben, und daß ich erst Arthur Graham anstarrte, der auf der andern Seite des Tisches neben seiner Mutter saß, und den Mr. Lawrence, der seinen Stuhl am unteren Ende hatte; nur anfänglich fiel es mir auf, daß wirklich eine Aehnlichkeit vorhanden sei, dann aber bei weiterer Betrachtung schloß ich, daß diese nur in der Einbildung liege. Beide besaßen allerdings zartere Züge und kleinere Knochen, als sie gewöhnlich Individuen vom rauheren Geschlechte zu Theil werden, und Lawrence’s Teint war blaß und hell und der Arthurs äußerst zart und weiße aber Arthurs kleine, etwas aufgestülpte Nase konnte nie so lang und gerade werden, als die Mr. Lawrence’s, und der Umriß seines Gesichtes konnte, obgleich er nicht voll genug war, um rund und nach dem kleinen Grübchenkinn zu hübsch convergirte, um viereckig zu sein, nie zu dem langen Oval Jenes auseinander gezogen werden, während das Haar des Kindes offenbar eine hellere, wärmere Färbung besaß, als das des Mannes je gehabt, und seine großen, hellen, blauen Augen, wenn auch zuweilen vorzeitig ernsthaft, den scheuen, haselbraunen Augen Mr. Lawrence’s, aus denen die schüchterne Seele so mißtrauisch hervorlugte, daß sie immer bereit war, sich vor den Eingriffen einer zu rauhen, zu unfreundlichen Welt ins Innere zurückzuziehen, ganz und gar unähnlich waren. Wie konnte ich Elender diesen verabscheuungswürdigen Ideen auch nur einen Augenblick Raum geben? Kannte ich nicht Mrs. Graham? hatte ich sie nicht gesehen, mit ihr zu wiederholten Malen gesprochen? war ich nicht sicher, daß sie an Verstand, Reinheit und Hochsinn ihren Verläumdern unermeßlich überlegen war:, daß sie in der That die Edelste, die Anbetungswürdigste ihres Geschlechtes, welche ich je gesehen, oder mir selbst vorgestellt, sei? Ja, und ich wollte mit Mary Milward (welch ein verständiges Mädchen sie war) sagen, daß, wenn auch das ganze Kirchspiel, ja die ganze Welt diese entsetzlichen Lügen in meine Ohren schreien sollte, ich sie doch nicht glauben würde, denn ich kannte sie besser, als Jene. Unterdessen glühte mein Kopf von Indignation und mein Herz schien von kämpfenden Leidenschaften aus seinem Kerker gedrängt werden zu wollen. Ich betrachtete meine beiden schönen Nachbarinnen mit einem Gefühle von Abscheu und Ekel, das ich mich, kaum zu verbergen bemühte; ich wurde von verschiedenen Seiten her über meine Zerstreutheit, und ungalante Vernachlässigung der Damen geneckt, aber daraus machte ich mir wenig. Alles, worum ich mich außer dem Hauptgegenstand meiner Gedanken kümmerte, war, die Tassen zum Theebrette hinauf und nicht wieder herab kommen zu sehen. Ich dachte, Mr. Milward werde nie aufhören, uns zu sagen, daß er keinen Thee trinke, und daß es äußerst ungesund wäre, den Magen mit solchem Gemisch vollzufüllen, und dadurch gesündere Stoffe aus demselben fernzuhalten — um ihm selbst dadurch Zeit zum Trinken seiner vierten Tasse zu geben.
Endlich war es vorüber und ich stand auf und verließ, ohne ein entschuldigendes Wort, den Tisch und die Gäste — ich konnte ihre Gesellschaft nicht länger ertragen. — Ich stürzte hinaus, um mein Gehirn in der balsamischen Abendluft abzukühlen und mich zu fassen, oder meinen leidenschaftlichen Gedanken in der Einsamkeit des Gartens nachzuhängen.
Um nicht vom Fenster aus erblickt zu werden, ging ich eine stille, kleine Allee hinab, welche an der einen Seite des Gartens hinlief, und an deren Ende sich eine Rosen und Geisblattlaube fand. Hier setzte ich mich nieder, um über die Tugenden der Dame von Wildfell Hall und das Unrecht, welches sie erlitten, nachzudenken; ich war aber noch keine zwei Minuten so beschäftigt gewesen, als schon Stimmen und Gelächter und sich zwischen den Bäumen bewegende Gegenstände mir sagten, daß die ganze Gesellschaft herausgekommen sei, um ebenfalls die frische Luft im Garten zu genießen. Ich schmiegte mich jedoch in eine Ecke der Laube und hoffte vor Beobachtungen und unwillkommenem Eindrängen gleich sicher, Besitz davon zu behaupten, aber nein — zum Henker, es kam Jemand die Allee herab; warum konnten sie nicht die Blumen und den Sonnenschein offnen Gartens genießen und mir und den Mücken den sonnenlosen Winkel überlassen?
Als ich aber durch meinen duftigen Schirm von verschlungenen Zweigen blickte, um zu entdecken, wer die Hereingedrungenen seien (denn Stimmengemurmel theilte mir mir, daß es mehr als Einer wäre), verschwand mein Aerger augenblicklich und meine noch immer bewegte Seele wurde von ganz andern Gefühlen bestürmte denn es war Mrs. Graham, die mit Arthur an ihrer Seite langsam auf dem Gange herankam, und weiter Niemand. Warum waren sie allein? Hatte sich das Gift verleumderischer Zungen durch die ganze Gesellschaft verbreitet, und hatten sie ihr Alle den Rücken gewendet. Ich erinnerte mich nun, daß ich gesehen, wie Mrs. Wilson zu Anfange des Abends ihren Stuhl dicht an den meiner Mutter gerückt, und sich, offenbar um eine wichtige, vertrauliche Nachricht mitzutheilen, vorgebeugt, und nach dem unablässigen Nicken ihres Kopfes, den häufigen Verzerrungen ihres runzligen Gesichtes und dem boshaften Funkeln und Blinzeln ihrer kleinen, häßlichen Augen geschlossen, daß sie von einer hochgewürzten Verläumdung in Anspruch genommen werde, so wie nach der vorsichtigem geheimnißvollen Art derselben vermuthet, daß eine von den gegenwärtigen Personen der unglückliche Gegenstand ihrer Mittheilungen sei, und glaubte jetzt allen diesen Zeichen, so wie den entsetzten und ungläubigen Blicken und Geberden meiner Mutter entnommen, daß dieser Gegenstand Mrs. Graham gewesen sei. Ich trat aus meinem Versteck nicht eher, als bis sie fast an das Ende des Ganges gekommen war, um sie nicht durch meinen Anblick zu verscheuchen, und selbst so blieb sie, als ich heraustrat, stehen und schien geneigt zu sein, sich zurück zuwenden.
»O, lassen Sie sich nicht stören, Mr. Markham,« sagte sie, »wir sind selbst herausgekommen, um die Einsamkeit zu suchen, nicht um in die Ihrige zu dringen.«
»Ich bin kein Einsiedler, Mrs. Graham,« sagte ich — »obgleich ich gestehen muß, daß es aussieht, als ob ich, einer wäre, da ich mich auf diese unhöfliche Weise von meinen Gästen entferne.«
»Ich fürchtete, daß Sie unwohl seien,« sagte sie mit wahrhaft besorgten Blicken:
»Ich war es ein wenig, jetzt ist es aber vorüber; ich bitte, setzen Sie sich, ruhen Sie aus, und sagen Sie mir, wie Ihnen diese Laube gefällt,« sagte ich, erhob Arthur an den Schultern und setzte ihn auf die Mitte der Bank, um mich seiner Mama zu versichern, die gestand, daß es wirklich ein lockender Zufluchtsort sei und sich in eine Ecke warf, während ich von der andern Besitz nahm. —
Aber das Wort Zufluchtsort, berührte mich unangenehm. Hatte die Unfreundlichkeit der Gesellschaft sie wirklich herausgetrieben, um in der Einsamkeit Frieden zu suchen?
»Warum hat man Sie allein gelassen?« fragte ich
»Ich bin es vielmehr, die die Gesellschaft verlassen hat,« war die lächelnde Antwort. »Ich war von dem Geschwätz drinnen todmüde — es gibt nichts Ermüdenderes, als dies — ich kann nicht begreifen, wie man es so aus halten kann.«
Ich konnte mich des Lachens über die ernsthafte Tiefe ihrer Verwunderung nicht enthalten
»Halten sie es denn für eine Pflicht, fortwährend zu sprechen?« fuhr sie fort, »und deshalb nie inne zu halten, um nachzudenken, sondern ihre Reden mit nichtssagenden Kleinigkeiten und eiteln Wiederholungen auszufüllen, wenn sich ihnen keine Gegenstände von wahrem Interesse bieten? oder finden sie wirklich Vergnügen an einer solchen Unterhaltung?«
»Höchst wahrscheinlich thun sie das,« sagte ich, »ihr seichter Geist ist nicht im Stande, große Ideen zu fassen, und ihre kleinen Köpfe werden von Kleinigkeiten mit fortgerissen, die ein besser mit Gedanken versehenes Gehirn nicht berühren würden — und die einzige Abwechselung von solchen Reden, welche sie sich erlauben, besteht darin, sich köpflings in den Pfuhl der Medisance zu stürzen, was ihr Hauptvergnügen ist.«
»Doch sicherlich nicht bei Allen?« rief die Dame über die Bitterkeit Meiner Bemerkung erstaunt.
»Nein, gewiß nicht, ich spreche meine Schwester von so entwürdigten Neigungen frei, und meine Mutter ebenfalls, wenn Sie diese in Ihren Tadel mit einschließen.
»Ich habe Niemand zu tadeln beabsichtigt, und keinesfalls achtungswidrige Anspielungen auf Ihre Mutter machen wollen. Ich habe einige sehr verständige Personen gekannt, große Adepten in dieser Art von Unterhaltung waren, wenn sie durch die Umstände dazu gedrängt wurden; es ist aber eine Gabe, mit deren Besitz ich nicht prahlen kann. Ich habe heute meine Aufmerksamkeit bewahrt, so lange ich konnte, als aber meine Kraft erschöpft war, stahl ich mich hinweg, um auf einige Minuten Ruhe in diesem einsamen Gange zu suchen; ich hasse das Sprechen, wenn kein Austausch von Ideen oder Empfindungen dabei stattfindet und nichts Gutes zu geben oder zu empfangen ist.«
»Nun,« sagte ich, »wenn ich Sie je mit meiner Geschwätzigkeit belästige, so bitte ich Sie, mir dies sogleich mitzutheilen, und ich verspreche Ihnen, mich nicht davon beleidigt fühlen zu wollen, denn ich besitze die Fähigkeit, mich der Gesellschaft Derjenigen, welche ich meine Freunde nenne — sowohl im Schweigen wie im Gespräche zu erfreuen.«
»Ich glaube Ihnen nicht ganz; wenn dem aber so wäre, so würden Sie gerade zur Gesellschaft für mich passen.«
»Bin ich denn in anderer Beziehung Alles, was Sie wünschen?«
»Nein, das meine ich nicht. Wie schön diese kleinen Laubenmassen aussehen, wenn die Sonne durch sie scheint,« sagte sie, um das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.
Und sie sahen wirklich schön aus, wo in Zwischenräumen die schiefen Strahlen der Sonne durch die dichten Bäume und Gebüsche auf der gegenüberliegenden Seite des Weges vor uns drangen und in ihr dunkles Grün durch den glänzenden Goldschein, welchen sie erzeugten, eine köstliche Abwechselung waren.
»Ich möchte fast wünschen, daß ich keine Malerin wäre,« bemerkte meine Gesellschafterin.
»Warum? man sollte denken, daß Sie zu einer solchen Zeit gerade am meisten über das Privilegium triumphieren würden, die verschiedenen Tinten und köstlichen Malereien der Natur nachzuahmen?«
»Nein, denn statt mich dem vollen Genusse derselben hinzugeben, wie Andere. zerbreche ich mir immer den Kopf mit Nachdenken, wie sich derselbe Effekt darstellen lasse und da dies nie geschehen kann, so ist es weiter nichts, als Eitelkeit und Aerger.«
»Vielleicht können Sie es nicht so thun, um sich selbst Genüge zu leisten, wenn es Ihnen auch gelingt, Andre mit dem Resultate Ihrer Bestrebungen zu entzücken.«
»Nun, ich sollte mich eigentlich allerdings nicht beklagen; es giebt wenige Menschen, die ihr Brot mit so viel Freude an ihrer Arbeit erwerben, wie ich, — da kommt Jemand.«
Sie schien über diese Unterbrechung ärgerlich zu sein.
»Es ist nur Mr Lawrence und Miß Wilson,« sagte ich, »die kommen um einen ungestörten Spaziergang zu machen; sie werden uns nicht stören.«
Ich konnte den Ausdruck ihres Gesichts nicht vollkommen entziffern, war aber überzeugt, daß keine Eifersucht darin liege. Welches Recht hatte ich, mich darnach umzusehen?
»Was für eine Person ist Miß Wilson?« fragte sie.
»Sie ist eleganter und gebildeten als die meisten Personen ihrer Geburt und ihres Standes, und Manche sagen, daß sie fein und angenehm im Umgange sei.«
»Ich hielt sie für etwas kalt und heute für etwas hochmüthig.«
»Das konnte sie gegen Sie recht wohl seine ich glaube, daß sie ein Vorurtheil gefaßt hat, und denke, daß sie Sie als eine Rivalin betrachtet.«
»Mich? Unmöglich, Mr. Markham,« sagte sie, offenbar erstaunt und ärgerlich.
»Nun, ich weiß nichts davon,« antwortete ich etwas versteckt, da ich glaubte, daß ihr Aerger hauptsächlich gegen mich gerichtet sei.
Das Pärchen hatte sich uns jetzt bis aus wenige Schritte genähert; unsre Laube stand in einem Winkel, vor dem die Allee sich an ihrem Ende nach dem helleren Gang an der unteren Seite des Gartens hin abwendete. Als sie sich diesem näherten, bemerkte ich an dem Gesichtsausdrucke Jane Wilsons, daß sie die Aufmerksamkeit ihres Begleiters auf uns lenke, und erkannte sowohl aus ihrem kalten, sarkastischen Lächeln, wie aus den wenigen, vereinzelten Worten ihres Gespräches, welche mein Ohr erreichten, daß sie ihm die Idee beibringe, daß zwischen uns ein Liebesverhältniß existiere. Ich sah, daß er bis an die Schläfe erröthete, uns im Vorübergehen einen verstohlenen Blick zuwarf und mit ernstem Gesichte, wie es schien, aber ohne Antwort auf ihre Infinnationen, weiter ging.
Es war also richtig, daß er Absichten auf Mrs. Graham hatte und würde, wenn sie ehrenhaft gewesen wären, sich nicht so viele Mühe gegeben haben, sie zu verhehlen Sie war natürlich tadellos, er jedoch über alle Maßen verabscheuenswert.
Während diese Gedanken durch meinen Geist zuckten erhob sich meine Gesellschafterin hastig; rief ihrem Sohn, sagte, daß sie jetzt die Gesellschaft aufsuchen wolle, und entfernte sich die Allee hinauf. Ohne Zweifel hatte sie von Miß Wilsons Bemerkungen etwas gehört oder errathen und es war, daher natürlich genug, daß sie keine Lust hatte, das tête-à-tête, fortzusetzen, besonders da in diesem Augenblicke mein Gesicht von Indignation gegen meinen früheren Freund glühte, was sie für ein Erröthen dummer Verlegenheit halten konnte. Dies hatte Miß Wilson eben falls zu verantworten, und je mehr ich über ihr Benehmen nachdachte, desto mehr haßte ich sie.
Es war spät am Abend, ehe ich wieder zur Gesellschaft kam; ich fand Mrs. Graham bereits zum Scheiden gerüstet und mit Abschiednehmen von den Uebrigen, welche jetzt nach dem Hause zurückgekehrt waren, beschäftigt. Ich erbot mich — ja bat, sie heimbegleiten zu dürfen. Mr. Lawrence stand dabei und unterhielt sich mit einer andern Person; er sah sich nicht nach uns um, hielt aber, als er meine Bitte hörte, mitten in einem Satze ein, um ihre Antwort anzuhören, und fuhr mit einem Blicke ruhiger Zufriedenheit in seinem Gespräche fort, sobald er fand, daß sie mir es abschlug.
Es war, eine Weigerung, entschieden, wenn auch nicht unfreundlich; sie konnte sich nicht überreden lassen, zu denken, daß für sie oder ihr Kind Gefahr darin liege, wenn sie ohne Begleitung über die einsamen Hecken- und Feldwege nach Hause gehe. Es war noch hell und sie würde keinem Menschen begegnen, oder wenn sie es that, so waren die Leute ruhig und harmlos, davon war sie überzeugt.
In der That wollte sie nichts davon hören, daß sich irgend Jemand bemühen solle, um sie zu begleiten, obgleich Fergus geruhte, »ihr seine Dienste anzubieten, falls sie annehmbarer sein sollten, als die meinen, und meine Mutter bat, einen von den Gutsknechten mitschicken zu dürfen. Sobald sie fort war, erschien mir alles Uebrige öd und leer, oder noch schlimmer. Lawrence versuchte es, mich in ein Gespräch zu ziehen, aber ich fertigte ihn kurz ab, und begab mich nach einem anderen Theile des Zimmers. Kurz nachher brach die Gesellschaft auf, und er nahm ebenfalls Abschiede als er zu mir kam, war ich blind für seine aus gestreckte Hand, und taub für seine »gute Nacht«. — bis er es wiederholte und dann brummte ich, um ihn los zu werden, eine von einem mürrischen Kopfnicken begleitete, unverständliche Antwort.
»Was haben Sie, Markham,« flüsterte er.
Ich antwortete nur durch ein zorniges und verächtliches Anstarren.
»Sind Sie erzürnt, weil Sie Mrs. Graham nicht mit nach Hause gehen lassen wollte?« fragte er mit einem schwachen Lächeln, welches mich so erbitterte, daß ich mich fast nicht mehr beherrschen konnte.
Ich schluckte jedoch die wüthende Antwort, welche ich ihm geben wollte, hinab, und sagte blos:
»Was geht das Ihnen an?«
»Allerdings nichts,« antwortete er mit mich fast zur Verzweiflung dringender Ruhe, »nur « — und hier erhob er die Augen, zu meinem Gesichte, und sprach mit ungewöhnlicher Feierlichkeit — »nur lassen Sie sich sagen, Markham daß, wenn Sie Absichten auf die Dame haben, dieselben sicherlich erfolglos bleiben werden und es mir leid thut, Sie falsche Hoffnungen nähren und Ihre Kräfte mit nutzlosen Anstrengungen verschwenden zu sehen, denn —« »Heuchler!« rief ich, und er hielt den Athem an und sah sehr verwirrt aus, erbleichte und ging fort, ohne weiter ein Wort zu sprechen.
Ich hatte ihn tief verwundet und freute mich darüber.
Zehntes Kapitel.
Ein Kontrakt und ein Zank.
Als Alle fort waren, erfuhr ich, daß die niederträchtige Verläumdung wirklich in Gegenwart ihres Opfers unter der ganzen Gesellschaft verbreitet worden war. Rosa betheuerte jedoch, daß sie dieselbe nicht glauben könne und wolle, und meine Mutter gab die gleiche Erklärung ab, wiewohl, wie ich fürchte, nicht mit derselben wahren, hartnäckigen Ungläubigkeit. Es schien ihr beständig im Kopfe zu liegen und sie erzürnte mich von Zeit zu Zeit durch Ausdrücke wie: »Du lieber Himmel, wer hätte das gedacht! — nun, ich habe immer gesagt, daß sie etwas Sonderbares an sich habe — da seht ihr, was es heißt, wenn die Weiber thun, als ob sie anders wären wie andere Leute.« Einmal hieß es sogar:
»Ich habe mir über die Geheimnißthuerei gleich von Anfang an Gedanken gemacht — ich dachte, daß nichts Gutes daraus kommen würde; aber dies ist allerdings eine schlimme, schlimme Geschichte!«
»Ei, Mutter, Sie sagten ja, daß Sie nicht an diese Gerüchte glaubten,« meinte Fergus.
»Das thue ich auch nicht, mein Kind; aber weißt Du, es muß doch ein Grund dazu vorhanden sein?«
»Der Grund ist die Bosheit und Lügenhaftigkeit der Welt sagte ich, »und der Umstand, daß Mr. Lawrence ein paar Mal Abends auf dem Wege dorthin gesehen worden ist, und die Dorfklatschen sagen, daß er hingehe, um der fremden Dame den Hof zu machen und die Lästerzungen haben sich des Gerüchtes begierig bemächtigt, um es zur Grundlage ihres eignen, satanischen Gebäudes zu machen.«
»Nun, aber Gilbert, es muß doch etwas in ihrem Wesen liegen, um solchen Gerüchten Begründung zu verleihen.«
»Haben Sie etwas Besonderes in ihrem Wesen gesehen?«
»Nein, allerdings nicht, aber Du weißt doch, daß ich immer gesagt habe, daß sie etwas Sonderbares an sich hätte.«
Ich glaube, es war an demselben Abende, daß ich wieder einen Einfall in Wilder Hall zu machen wagte. Von der Zeit unserer Gesellschaft an, die vor länger als einer Woche stattgefunden, hatte ich mich täglich bemüht, der Dame auf ihren Spaziergängen zu begegnen, aber immer umsonst (sie muß es absichtlich so eingerichtet haben), und jeden Abend nach einem Vorwande zu einem neuen Besuche umgeschaut. Endlich dachte ich, daß die Trennung nicht länger zu ertragen sei (Sie sehen, daß es jetzt ziemlich weit mit mir gekommen war), nahm aus dem Bücherschrank ein altes Buch, an dem ich dachte, daß sie Antheil nehmen könne, obgleich ich wegen seines etwas zerlesenen Zustandes noch nicht gewagt hatte, es ihr zum Durchlesen anzubieten, und eilte fort, aber nicht ohne Befürchtungen, wie sie mich aufnehmen würde, oder wie ich Muth genug aufbieten solle, um mich ihr mit einer so geringfügigen Entschuldigung vorzustellen. Vielleicht aber sah ich sie auf dem Felde oder im Garten und dann hatte die Sache keine große Schwierigkeit, es war nur das förmliche Klopfen an der Thüre mit der Aussicht darauf, ernsthaft von Rahel zu einer überraschten, unfreundlichen Herrin hineingewiesen zu werden, die mich so beunruhigte.
Mein Wunsch wurde jedoch nicht befriedigt, Mrs. Graham selbst war nicht sichtbar. Arthur aber spielte mit seinem muntern Hündchen im Garten. Ich sah über die Thür und rief ihn zu mir her; er verlangte, daß ich hereinkommen solle, ich sagte ihm aber, daß ich es ohne die Erlaubniß seiner Mutter nicht thun könne.
»Ich will zu ihr gehen, und sie fragen,« sagte das Kind.
»Nein, nein, Arthur,d« das darfst Du nicht thun — aber wenn sie nicht beschäftigt ist, so bitte sie, auf eine Minute herauszukommen, und sage ihr, daß ich mit ihr zu sprechen habe.«
Er lief fort, um mein Gebot zu erfüllen, und kehrte schnell mit seiner Mutter zurück. Wie schön sie aussah als ihre dunkeln Locken im milden Sonnenwinde flatterten, ihre schöne Wange leicht geröthet, und ihr Gesicht von strahlendem Lächeln erhellt war. — Du lieber Arthur, wie viel verdankte ich Dir nicht für dieses und jedes andere glückliche Zusammentreffen? — Durch ihn kam ich, sofort von allen Formalitäten, Schrecken und allem Zwanglose in der Liebe gibt es keinen besseren Vermittler, als ein fröhliches, offenes Kind, das stets bereit ist, getrennte Herzen zu vereinigen, den unfreundlichen Abgrund der Gesellschaftsgebräuche auszufüllen, das Eis kalter Zurückhaltung zu zerschmelzen, und die Scheidewände furchtbarer Convenienz und des Stolzes niederzuwerfen.
»Nun, Mr. Markham, was gibt es?« fragte die junge Mutter, indem sie mit einem freundlichen Lächeln auf mich zukam.
»Ich möchte, daß Sie dieses Buch ansehen, und wenn Sie so gut sein wollen, es mit hineinnehmen und nach Muße durchlesen. Ich entschuldige mich nicht, Sie an einem so herrlichen Abend herausgerufen zu haben, ob gleich es keine Sache von Wichtigkeit ist.«
»Sag’ ihm, daß er hereinkommt, Mama,« rief Arthur.
»Haben Sie Lust, hereinzukommen?« fragte die Dame.
»Ja, ich möchte Ihre neuen Einrichtungen im Garten ansehen.«
»Und wie die Wurzeln Ihrer Schwester unter meiner Pflege gediehen sind,« fügte sie hinzu indem sie die Thür öffnete.
Und wir schlenderten durch den Garten und sprachen von den Blumen, den Bäumen, dem Buche — und dann von andern Dingen. Der Abend war mild und freundlich und ebenso meine Gefährtin. Ich wurde allmählig wärmer und zärtlicher, als ich es je vielleicht gewagt hätte, aber dessenungeachtet erklärte ich mich nicht deutlich, und sie versuchte mich nicht zurückzuweisen, bis sie, als wir an einem Moosrosenbusche vorüberkamen, welchen ich ihr vor einigen Wochen im Namen meiner Schwester gebracht hatte, eine schöne, halbaufgebrochene Knospe abpflückte, und sagte daß ich sie Rosa geben solle.
»Darf ich sie nicht selbst behalten,« fragte ich
»Nein, aber hier ist eine andere für Sie.«
Statt dieselbe ruhig zu nehmen, ergriff ich auch die Hand, welche sie anbot, und blickte ihr in’s Gesicht. Sie ließ mir dieselbe auf einen Augenblick und ich sah ihre Augen erglänzen, ein Aufleuchten froher Aufregung in ihrem Gesichte — ich dachte daß die Stunde des Sieges gekommen sei——plötzlich aber schien eine schmerzliche Erinnerung hereinzubrechen, eine Wolke der Pein verdunkelte ihre Stirn, eine marmorne Blässe bleichte ihre Wangen und Lippen, es schien ein kurzer, innerer Kampf stattzufinden, und mit einer plötzlichen Anstrengung entzog sie mir ihre Hand und trat um ein paar Schritte zurück.
»Nun, Mr. Markham,« sagte sie mit einer Art verzweifelter Ruhe, »ich muß Ihnen ohne Umschweife sagen, daß ich dies nicht gestatten kann; Ihre Gesellschaft gefällt mir, weil ich hier allein bin, und das Sprechen mit Ihnen mir mehr Vergnügen macht, als das mit irgend einer andern Person; wenn Sie sich aber nicht damit begnügen können, mich als Freundin, als kalte, einfache, mütterliche oder schwesterliche Freundin zu betrachten, so muß ich Sie bitten, mich jetzt zu verlassen, und in Zukunft nicht mehr zu besuchen — so müssen wir in der That einander fremd werden.«
»Dann will ich Ihr Freund — oder Ihr Bruder — oder was Sie sonst wünschen« sein, wenn Sie mir nur gestatten, Sie ferner zu besuchen; sagen Sie mir aber, warum ich Ihnen nicht mehr sein kann?«
Es trat eine verlegene, nachdenkliche Pause ein.
»Ist es in Folge eines vorschnellen Gelübdes?«
»Es ist etwas dieser Art,« antwortete sie, »ich werde es Ihnen dereinst vielleicht sagen, für jetzt aber thun Sie am Besten, mich zu verlassen, und, Gilbert, versetzen Sie mich nie in die schmerzliche Nothwendigkeit, das, was ich Ihnen eben jetzt gesagt, zu wiederholen!« fügte sie ernst hinzu, indem sie mir freundlich ihre Hand gab. Wie süß, wie melodisch mein Name in ihrem Munde erklang!
»Ich werde es nicht thun, antwortete ich, »aber Sie verzeihen mir doch für dieses Mal?«
»Unter der Bedingung, daß Sie das Vergehen nicht wiederholen.«
»Und darf ich Sie von Zeit zu Zeit besuchen?«
»Vielleicht — gelegentlich, vorausgesetzt — daß Sie es nie mißbrauchen.«
»Ich mache keine leeren Versprechungen, Sie werden aber sehen.«
»In dem Augenblicke, wo Sie es thun, hat auch unser Verkehr ein Ende, das ist Alles.«
»Und wollen Sie mich immer Gilbert nennen! — Es klingt schwesterlicher und wird mich an unsern Kontrakt erinnern.«
Sie lächelte und hieß mich nochmals gehen, und endlich hielt ich es für das Gerathenste, zu gehorchen, und sie trat wieder in das Haus, und ich begab mich den Hügel hinab. Auf meinem Wege fiel mir, aber das Geräusch von Pferdehufen aufs Ohr, und unterbrach die Stille des thauigen Abends, und als ich nach der Straße blickte, sah ich einen einzelnen Reiter herankommen, obgleich die Dämmerung schon hereingebrochen war, erkannte ich ihn doch auf den ersten Blick — es war Mr. Lawrence auf seinem grauen Pony. Ich floh über das Feld — sprang über die Steinmauer und ging ihm dann entgegen. Als er mich erblickte, hielt er plötzlich sein kleines Pferd an und schien geneigt zu sein, sich zurückzuwenden, schien es aber bei weiterem Besinnen für besser zu halten, in der früheren Richtung zu bleiben. Er begrüßte mich mit einer leichten Verbeugung, hielt sich dicht an der Mauer und versuchte vorüber zureiten, aber — ich hatte keine Lust, das geschehen zu lassen, sondern ergriff die Zügel und rief:
»Jetzt, Lawrence, muß dieses Geheimniß aufgeklärt werden. — Sagen Sie mir sofort und deutlich, wohin Sie gehen, und was Sie im Sinne haben!«
»Nehmen Sie Ihre Hand vom Zügel,« sagte er ruhig — »Sie verletzen das Maul meines Ponys.«
»Gehen Sie mit Ihrem Pony zum Teufel.«
»Was macht Sie so roh und brutal, Markham, ich schäme mich Ihrer wirklich.«
»Sie werden meine Fragen beantworten, ehe ich Sie von der Stelle lasse! Ich muß wissen, was Sie mit dieser perfiden Doppelzüngigkeit im Sinne haben!«
»Ich werde nicht eher eine Frage beantworten, bis Sie den Zügel loslassen, und wenn Sie bis zum Morgen stehen blieben!«
»Nun wohl,« sagte ich, die Hand öffnend, ohne aber aus seinem Wege zu treten.
»Fragen Sie mich ein anderes Mal, wenn Sie wie ein Gentleman sprechen können,« antwortete er, und machte einen neuen Versuch an mir vorüberzureiten; ich aber fing den Pony schnell wieder ein, der über eine so unhöfliche Behandlung kaum weniger erstaunt war, als sein Herr.
»Wahrlich, Mr. Markham, das ist zu viel; kann ich meine Pächterin nicht in Geschäften besuchen, ohne auf diese Art angefallen zu werden?«
»Das ist keine Zeit zu Geschäften, Herr! — ich will Ihnen jetzt sagen, was ich von Ihrem Benehmen denke.«
»Sie würden am Besten thun, Ihre Ansicht bis auf eine gelegnere Zeit zu versperren,« unterbrach er mich leise, »hier ist der Vikar.«
Und richtig befand sich der Vikar auf dem Heimweg von einem fernen Winkel seines Kirchspiels gerade hinter mir. Ich ließ Lawrence augenblicklich los; und er ritt, Mr. Milward im Vorbeigehen begrüßend, fürbaß.
»Wie, Sie zanken, Markham?« rief der Letztere mir zu — »und sicherlich wegen der jungen Witwe,« fuhr er mit vorwurfsvollem Kopfschütteln fort, »lassen Sie sich aber sagen, junger Mann« (hier neigte er sein Gesicht mit wichtiger, vertraulicher Miene zudem meinen) »sie ist es nicht werth!« Und er bestätigte seine Behauptung mit einem feierlichen Nicken.
»Mr. Milward!« rief ich in einem Tone grimmiger Drohung, über den sich der hochwürdige Herr, von so ungewohnter Insolenz entsetzt, umwendete und mir mit einem Blicke, der deutlich sagte: »Wie, das mir?« in’s Gesicht starrte.
Ich war aber zu indigniert, um mich zu entschuldigen oder noch ein Wort zu ihm zu sprechen, wendete mich also um, eilte mit schnellen Schritten den steilen, rauhen Weg hinab, heimwärts, und ließ ihn folgen, wie er Lust hatte.
Elftes Kapitel.
Wieder der Vikar.
Sie müssen jetzt annehmen, daß etwa drei Wochen vergangen waren; Mrs. Graham und ich waren jetzt an erkannte Freunde —— oder vielmehr Geschwister, wie wir uns zu nennen beliebten. Sie nannte mich auf meinen ausdrücklichen Wunsch Gilbert und ich sie Helene; denn ich hatte diesen Namen in ihren Büchern gesehen. Ich machte selten den Versuch, sie mehr als zweimal wöchentlich zu sehen, und ließ unsre Begegnungen immer noch, so oft ich konnte, als das Resultat des Zufalls erscheinen, da ich es nöthig fand, äußerst vorsichtig zu sein, und benahm mich im Ganzen mit so ausnehmendem Anstand, daß sie — nie Anlaß fand, mich zu tadeln, und doch mußte ich zu weilen bemerken, daß sie unglücklich oder unzufrieden mit sich — oder ihrer Lage sei, mit welcher letzteren ich wahrhaftig auch nicht ganz zufrieden war. Die brüderliche Nonchalence war ungemein schwer zu behaupten, und ich fühlte mich oft dabei als einen verwünschten Heuchler und sah oder fühlte vielmehr, daß ich ihr trotz ihrer Strenge, »nicht gleichgültig war,« wie es Romanhelden bescheiden ausdrücken, und während ich dankbar mein gegenwärtiges Glück genoß, konnte ich mich nicht enthalten, von der Zukunft etwas Besseres zu wünschen und zu hoffen, behielt aber natürlich dergleichen Träume für mich.
»Wohin gehst Du, Gilbert?« sagte Rosa eines Abends kurz nach dem Thee, nachdem ich den Tag über auf dem Gute thätig gewesen war.
»Spazieren,« war die Antwort
»Bürstest Du immer Deinen Hut so sorgfältig und kämmst Du Dein Haar stets so schön, und ziehst Du immer so elegante neue Handschuhe an, wenn Du spazieren gehst?«
»Nicht immer.«
»Nicht wahr, Du gehst nach Wildfell Hall?«
»Weshalb denkst Du das?«
»Weil Du aussiehst,« als ob es so wäre — ich wollte aber, Du gingst nicht so oft.«
»Unsinn, Kind, ich gehe kaum alle sechs Wochen ein mal hin — was meinst Du denn eigentlich?«
»Nun, wenn ich an Deiner Stelle wäre, so würde ich mir nicht so viel mit Mrs. Graham zu thun machen.«
»Ei, Rosa, schließest Du Dich auch der herrschenden Ansicht an?«
»Nein,« antwortete sie zaudernd — »aber ich habe sowohl bei den Wilsons, wie im Pfarrhauses in der letzten Zeit so viel gehört — und übrigens sagt die Mama, daß sie nicht so allein dort leben würde, wenn sie eine anständige Person wäre — und weißt Du nicht mehr, vergangenen Winter, Gilbert, die Geschichte mit dem falschen Namen auf dem Gemälde — und wie sie ihn erklärt — indem sie sagte, daß sie Freunde oder Bekannte habe, vor denen sie ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort verborgen halten möchte, und daß sie fürchte, daß sie dieselben ausfindig machen könnten — und dann, wie plötzlich sie auffuhr, als jene Person kam — von der sie uns nichts sehen ließ, und die, wie uns Arthur mit so geheimnißvoller Miene sagte, der Freund seiner Mama war?«
»Ja, Rosa, ich erinnere mich noch an Alles, und kann Dir Dein liebloses Urtheil verzeihen, denn wenn ich sie nicht selbst kennte, so würde ich vielleicht alle diese Dinge zusammenstellen und dasselbe glauben wie Du, aber ich kenne sie, Gott sei Dank, und würde des, Namens eines Mannes unwürdig sein, wenn ich etwas zu ihrem Nachtheil glauben könnte, außer, wenn ich es von ihren eigenen Lippen hörte — ebensogut könnte ich dergleichen Dinge von Dir glauben, Rosa!«
»O Gilbert!«
»Nun, denkst Du, daß ich etwas von der Art glauben könnte — was auch die Wilsons und Milwards zu flüstern wagen?« —
»Ich sollte hoffen, daß Du es nicht thätest.«
»Und warum nicht? — weil ich Dich kenne — nun und eben so gut kenne ich Sie.«
»O nein, Du weißt nichts von ihrem früheren Leben, und vergangenes Jahr um diese Zeit wußtest Du noch gar nicht, daß eine solche Person existiere.«
»Das thut nichts« man kann einem Menschen durch die Augen in das Herz sehen, und in einer Stunde mehr von der Höhe und Breite und Tiefe der Seele eines Andern lernen, als man in einem ganzen Menschenleben entdecken würde, wenn er oder sie nicht geneigt wären, es zu enthüllen — oder wenn man nicht den Verstand hätte, es zu begreifen.«
»Dann gehst Du also wirklich heute Abend hin?«
»Allerdings!«
»Was wird aber die Mama sagen, Gilbert?«
»Die Mama braucht es nicht zu wissen.«
»Aber sie muß es einmal erfahren, wenn Du es so forttreibst.«
»Forttreibst.? — es gibt kein Forttreiben bei der Sache — Mrs. Graham und ich sind gute Freunde — und werden es bleiben, und kein Mensch auf der Welt soll es verhindern — oder hat ein Recht sich zwischen uns einzumischen.«
»Aber, wenn Du wüßtest, wie man redet, so würdest Du Dich mehr in Acht nehmen — um ihretwillen sowohl als um deinetwillen. Jane Wilson hält Deine Besuche in der alten Halle nur für einen weiteren Beweis ihrer Schlechtigkeit.« —
»Zum Kuckuk mit Jane Wilson.«
»Und Elise Milward ist ganz bekümmert über Dich.«
»Das will ich hoffen.«
»Aber ich würde es nicht, wenn ich an« Deiner Stelle wäre.«
»Du würdest was nicht? — woher können sie wissen, daß ich hingehe?«
»Vor ihnen ist nichts verborgen, sie spionieren Alles aus.«
»O, daran hatte ich nicht gedacht! — Sie wagen es also, meine Freundschaft als Nahrung für ihre weiteren Verleumdungen zu betrachten! — Das beweist auf alle Fälle, daß ihre übrigen Verläumdungen erlogen sind, wenn es eines Beweises bedürfte. — Widersprich ihnen, Rosa, wo Du kannst.«
»Aber sie sprechen über dergleichen Dinge nicht offen mit mir. Es geschieht nur durch Winke und Anspielungen, und nach dem, was ich Andere sagen höre, erfahre ich, was sie denken.«
»Nun wohl, ich will heute nicht gehen, da es schon etwas spät wird; aber zum Satan mit ihren verwünschten giftigen Zungen,« murmelte ich in der Bitterkeit meines Herzens.
In diesem Augenblicke trat der Vikar in das Zimmer wir waren von unserm Gespräche zu sehr in Anspruch genommen worden, um sein Klopfen zu bemerken. Nach seinen gewohnten heitern und väterlichen Begrüßungen Rosa’s, die ein Liebling des alten Herrn war, wendete er sich etwas streng zu mir:
»Nun« Sir,« sagte er, »Sie sind ja ein wahrer Fremder für mich geworden; es ist — lassen — Sie — mich — sehen« — fuhr er langsam fort, indem er seinen dicken Leichnam auf den Armstuhl niederließ, welchen ihm Rosa dienstfertig gebracht hatte, »es ist — meiner Rechnung nach — gerade — sechs Wochen seit Sie über meine — Schwelle — gekommen sind.« Er sprach diese Worte mit scharfer Betonung und schlug dabei mit seinem Stocke auf den Boden.
»Wirklich, Sir?« sagte ich.
»Ja, so ist es!« Er fügte ein bestätigendes Kopf nicken hinzu und fuhr fort, mich mit einer Art von erzürnter Feierlichkeit anzusehen, indem er seinen dicken Stock zwischen seinen Knieen hielt und über dem Knopfe die Hände faltete. —
»Ich habe viel zu thun gehabt,« sagte ich, denn es wurde offenbar eine Entschuldigung gefordert.
»Zu thun!« wiederholte er spöttisch.
»Ja, Sie wissen, daß ich mein Heu eingebracht habe, und jetzt ist die Ernte vor der Thür.«
»Hm, hm.«
In diesem Augenblicke kam meine Mutter herein und machte durch ihre gesprächige, lebhafte Bewillkommnung des Gastes eine Diversion zu meinen Gunsten. Sie bedauerte tief, daß er nicht etwas zeitiger gekommen sei, um mit Thee zu trinken, erbot sich aber augenblicklich wieder welchen zu bereiten, wenn er so gütig sein wolle, darauf zu warten.
»Für mich nicht, ich danke Ihnen,« antwortete er, »ich werde in einigen Minuten zu Hause sein.«
»O warten Sie nur und trinken ein wenig, er wird in fünf Minuten fertig sein.«
Er schlug jedoch das, Anerbieten mit einer majestätischen Handbewegung aus.
»Ich will Ihnen sagen, was ich genießen werde, Mrs. Markham,« sagte er« »ich will ein Glas von Ihrem vortrefflichen Ale trinken!«
»Mit Vergnügen,« rief meine Mutter, indem sie eilig die Klingel zog und das Lieblingsgetränk des Vikars bestellte.
»Ich dachte,« fuhr er fort, »ich wollte auf meinem Heimwege einmal bei Ihnen mit hereinschauen und Ihr Haus-Ale kosten. Ich habe einen Besuch bei Mrs. Graham gemacht!«
»Wirklich?«
Er nickte gravitätisch mit dem Kopfe und fügte mit furchtbarem Nachdrucke hinzu:
»Ich hielt es für meine Pflicht, dies zu thun.«
»Wirklich!« rief meine Mutter nochmals
»Wie so, Mr. Milward?« fragte ich.
Er blickte mich etwas streng an, wendete sich dann nochmals zu meiner Mutter, und wiederholte:
»Ich hielt es für meine Pflicht, dies zu thun.» Hierbei stieß er mit dem Stocke auf den Boden; meine Mutter saß ihm als ehrfurchtsvolle, bewundernde Zuhörerin gegenüber.
»Mrs. Graham« sage ich,« fuhr er kopfschüttelnd fort, »das sind entsetzliche Gerüchte.«
»Was, Sir, sagt sie und thut, als wüßte sie nicht, was ich meine. Es ist meine — Pflicht — als Ihr Pastor, sagte ich, Ihnen sowohl Alles zu sagen, was ich an Ihrem Benehmen Tadelnswerthes finde, als auch Alles, was ich zu argwöhnen Grund habe, und was mir Andere über Sie mittheilen. — Ich sagte es ihr also!«
»Sie haben das gethan, Sir?» rief ich, von meinem Stuhle aufspringend und mit der Faust auf den Tisch schlagend
Er warf blos einen flüchtigen Blick auf mich und fuhr dann, zu meiner Mutter gewendet, fort:
»Es war eine schmerzliche Pflicht, Mrs. Markham; aber ich habe es ihr gesagt!«
»Und wie hat sie es aufgenommen?» fragte meine Mutter.
»Verhärtet, fürcht’ ich —« antwortete er mit niedergeschlagenem Kopfschütteln, »und zu gleicher Zeit gab sie irregeleitete, ungebeugte Leidenschaften kund, ihr Gesicht wurde weiß, und sie zog den Athem auf wilde Art durch die Zähne ein; aber sie gab keine Milderung- oder Vertheidigungsgründe kund und sagte mir mit einer Art von schamloser Ruhe — die bei einem so jungen Wesen wahrhafte entsetzlich zu sehen war — soviel wie, daß meine Vorstellungen nutzlos und meine geistlichen Rathschläge an ihr ganz weggeworfen seien. Ja, daß ihr meine Gegenwart schon, während ich von solchen Dingen sprach, unangenehm wäre. Und ich entfernte mich endlich, da ich nur zu deutlich wahrnahm, daß sich nichts thun lasse, und schwer bekümmert, ihr Uebel so hoffnungslos zu finden; aber ich bin fest entschlossen, Mrs. Markham, daß meine Tochter mit ihr keinen — Umgang pflegen solle. Fassen Sie in Bezug auf die Ihrigen den gleichen Entschluß! Was Ihre Söhne betrifft — was Sie betrifft, junger Mann, fuhr er sich streng zu mir wendend fort —
»Was mich betrifft, Sir,« begann ich, sagte aber, durch ein Hinderniß in meiner Kehle zurückgehalten und wahrnehmend, daß mein ganzer Körper vor Grimm zitterte, weiter nichts, sondern befolgte das weisere Verfahren, meinen Hut vom Tische zu reißen, aus dem Zimmer zu schießen und die Thür mit einer Gewalt zuzuschlagen, von der das ganze Haus bis in seine Grundfesten erzitterte und meine Mutter zu kreischen anfing und meine aufgeregten Gefühle auf einen Augenblick beschwichtigt wurden.
In der nächsten Minute eilte ich mit schnellen Schritten nach Wildfell zu — zu welchem Zwecke oder in welcher Absicht, konnte ich kaum sagen, aber ich mußte mich nach irgend einer Richtung hin bewegen und konnte an kein anderes Ziel denken. — Ich mußte sie sehen und mit ihr sprechen, so viel war gewiß. Aber was ich sagen, oder wie ich mich benehmen sollte, davon hatte ich keine bestimmte Idee. So stürmische Gedanken — so viele verschiedene Entschlüsse drängten sich auf mich ein, daß mein Geist um wenig besser als ein Chaos streitender Ideen war.
Zwölftes Kapitel.
Ein tête-à-tête und eine Entdeckung.
Ich machte den Weg in weniger als zwanzig Minuten. An der Gartenthür blieb ich stehen, um meine schweiß triefende Stirn abzuwischen, zu Athem zu kommen und einige Fassung zu erlangen. Von dem schnellen Gehen war meine Aufregung bereits ein wenig gemildert worden, und ich schritt festen, geraden Ganges über den Gartenweg hin. Als ich an dem bewohnten Theile des Hauses vorüberkam, erblickte ich durch das offene Fenster Mrs. Graham, die langsam in ihrem einsamen Zimmer auf und ab ging. Sie schien von meiner Ankunft bewegt und selbst erschreckt zu werden, als denke sie, daß auch ich komme, um sie anzuklagen. Ich war in der Absicht in ihr Zimmer getreten, ihr über die Gottlosigkeit der Welt zu kondolieren und ihr beizustehen, auf den Vikar und seine gemeinen Gewährsleute zu schimpfen — jetzt schämte ich mich aber geradezu, den Gegenstand zu erwähnen, und beschloß, mich nicht darauf zu beziehen, wenn sie nicht selbst den Weg dazu bahnte.
»Ich komme zu einer unpassenden Stunde,« sagte ich, eine Heiterkeit heuchelnd, die ich nicht fühlte, um ihr ihre Fassung wiederzugeben, »aber ich werde nicht lange da bleiben.«
Sie lächelte mich an, zwar schwach, aber äußerst gütig — ich hätte beinahe gesagt, dankbar, als ich ihre Befürchtungen entfernte,
»Wie trübe Sie sind, Helene! warum haben Sie kein Feuer?« sagte ich, mich in dem düsteren Zimmer umschauend.
»Es ist noch Sommer,« antwortete sie.
»Aber wir haben des Abends immer Feuer, wenn wir es ertragen können — und Sie besonders bedürfen in diesem kalten Hause und traurigen Zimmer der Wärme.«
»Sie hätten etwas eher kommen sollen, dann würde ich für Sie Feuer haben anzünden lassen, aber es ist jetzt nicht der Mühe werth — Sie werden, wie Sie sagen« nicht lange bleiben, und Arthur ist zu Bett gegangen.«
»Aber ich habe das Feuer gern; wollen Sie befehlen, das eins angezündet wird, wenn ich klingle?«
»Ei, Gilbert, Sie sehen doch nicht aus, als ob Sie frieren,« sagte sie, indem sie lächelnd mein Gesicht betrachtete, welches ohne Zweifel warm genug aussah.
»Nein, aber ich möchte Sie behaglich sehen, ehe ich gehe.«
»Ich, behaglich!« wiederholte sie mit bitterem Lachen, als ob in der Idee etwas lächerliches, absurdes liege. »Es paßt so besser für mich,« fügte sie im Tone kummervoller Resignation hinzu.
Ich war aber entschlossen, meinen Willen zu haben, und zog die Klingel.
»Da, Helene,« sagte ich, als die sich nahenden Schritte Rahels hörbar wurden. Sie konnte jetzt weiter nichts thun, als sich umwenden und die Magd auffordern, Feuer anzuzünden.
Ich habe noch heut zu Tage auf Rahel einen Groll für den Blick, welchen sie auf mich warf, ehe sie hinaus ging, um ihren Auftrag zu verrichten — den sauern, argwöhnischen, inquisitorischen Blick, der deutlich fragte: »Ich möchte wissen, was Du hier willst.« Ihre Herrin ermangelte nicht, denselben ebenfalls zu bemerken, und ihre Stirn wurde durch einen Schatten von Unruhe bewölkt.
»Sie dürfen nicht lange bleiben, Gilbert,« sagte sie, als sich hinter Jener die Thür schloß.
»Das werde ich auch nicht,« sagte ich mürrisch, wiewohl ohne einen Gran von Zorn in meinem Herzen gegen irgend Jemanden, außer dem seinen Rath aufdringenden alten Weibe, »aber, Helene, ich habe Ihnen, ehe ich gehe, noch etwas zu sagen.«
»Was ist dies?«
»Nein, jetzt nicht — ich weiß noch nicht genau, was es ist, noch wie ich es sagen soll,« antwortete ich, wahrer als klug und hierauf begann ich, in der Furcht, von ihr aus dem Hause gewiesen zu werden, und um Zeit zu gewinnen, von gleichgültigen Gegenständen zu sprechen. Unterdessen kam Rahel herein, um das Feuer anzuzünden, was bald dadurch geschehen war, daß sie ein rothglühendes Schürreisen zwischen die Kaminstäbe steckte, wo das Holz zum Anzünden bereits aufgehäuft war. Sie beehrte mich beim Hinausgehen wieder mit einem zweiten ihrer harten, ungastlichen Blicke — ich ließ mich davon aber wenig rühren, sondern fuhr fort, zu sprechen, setzte auf die eine Seite des Kamins einen Stuhl für Mrs. Graham und auf die andere einen für mich und wagte mich zu setzen, obgleich ich halb und halb vermuthete, daß sie es lieber sehen würde, wenn ich ging
Nach einiger Zeit versanken wir Beide in Schweigen und blickten mehrere Minuten lang zerstreut in das Feuer sie mit ihren eigenen, trüben Gedanken beschäftigt und ich denkend, wie herrlich es sein würde, so neben ihr zu sitzen, ohne daß uns die Gegenwart eines Andern störte selbst nicht die Arthurs, unseres gemeinschaftlichen Freundes, ohne, den wir noch nie zusammengekommen waren — wenn ich es nur wagen könnte, mich auszusprechen und mein volles Herz der Gefühle zu entlasten, die es so lange gedrückt hatten und welche es mit einer Anstrengung, die noch länger fortzusetzen unmöglich zu sein schien, es zu behalten strebte — und überlegte die Pro’s und Contra’s des Eröffnens meines Herzens in diesem Augenblicke und an diesem Orte und Flehens um eine Erwiederung meiner Liebe, der Erlaubniß, sie von nun an als die Meine betrachten zu dürfen, und des Rechtes und der Macht, sie gegen die Verläumdungen boshafter Zungen zu vertheidigen; andererseits fühlte ich ein neues Vertrauen auf meine Ueberredungskraft — eine starke Ueberzeugung, daß die Gluth meines Geistes mir Beredtsamkeit gewähren würde, — daß meine Entschlossenheit selbst — die absolute Nothwendigkeit des Gelingens, die, wie ich fühlte, mir das erringen mußten, was ich suchte«, während ich andrerseits fürchtete, den mit so vieler Mühe und Geschicklichkeit gewonnenen Grund und Boden zu verlieren und durch eine voreilige Anstrengung alle künftigen Hoffnungen zu vernichten, wenn Zeit und Geduld mir den Sieg verschafft haben würden. Es war, als ob ich mein Leben auf den Würfel setze, und doch war ich bereit, den Versuch zu wagen. Auf alle Fälle wollte ich sie um die Erklärung bitten, die sie mir früher halb und halb zu geben versprochen hatte. Ich wollte nach dem Grunde der verhaßten Schranken, des geheimnißvollen Hindernisses meines Glücks, und, wie ich überzeugt war, auch des ihren fragen.
Während ich aber noch überlegte, auf welche Weise ich meinen Besuch am besten fassen könne, erwachte meine Gefährtin mit einem hörbaren Seufzer aus ihren Träumen, blickte nach dem Fenster, wo der blutrothe Erntemond, der sich so eben hinter einem der phantastischen, immergrünen Bäume erhoben hatte, zu uns hereinschien, und sagte:
»Gilbert« es wird spät.«
»Ich sehe es,« sagte ich, »Sie werden wünschen, daß ich gehe.«
»Ich denke, Sie sollten es thun; wenn meine guten Nachbarn diesen Besuch erfahren — was ohne Zweifel geschehen wird — so werden sie ihn nicht sehr zu meinem Vortheil auslegen.«
Sie sagte dies mit einem Lächeln, was der Vikar ohne Zweifel ein wildes genannt haben würde
»Sie mögen es auslegen, wie sie wollen,« sagte ich, »was gehen ihre Gedanken Ihnen oder mir an, so lange wir mit uns und mit einander zufrieden sind. Sie mögen mit Ihren gemeinen Auslegungen und lügnerischen Erfindungen zum Kuckuk gehen!«
Dieser Zornesausbruch brachte ein tiefes Erröthen auf ihr Gesicht.
»Sie haben also gehört, was man von mir sagt?«
»Ich habe einige abscheuliche Lügen gehört, aber kein Mensch, der nicht ein Narr ist, wird sie auch nur einen Augenblick glauben.«
»Ich hielt Mr. Milward für keinen Narren und doch glaubt er das Alles; aber wie wenig Sie auch die Ansichten Ihrer Umgebungen schätzen — wie gering Sie dieselben als Individuen halten mögen, so ist es doch nicht angenehm, für einen Lügner und Heuchler gehalten zu werden, im Rufe zu stehen, das zu thun, was man verabscheut, und die Laster, welche man verdammt, zu üben, — zu finden daß alle guten Absichten durch die geargwöhnte Unwürdigkeit vereitelt und die Grundsätze, zu denen man sich bekennt, geschmäht werden.«
»Ganz richtig, und wenn ich durch meine Gedankenlosigkeit und egoistische Rücksichtslosigkeit in Bezug auf den äußern Schein auch nur im geringsten dazu beigetragen habe, Sie diesen Uebeln auszusetzen, so flehe ich Sie an, mir nicht nur zu verzeihen, sondern mich auch in den Stand zu setzen, Sühnung zu üben, mich zu ermächtigen, Ihren Namen von jeder Beschuldigung zu reinigen, mir das Recht zu geben, Ihre Ehre, als mit der meinen gleich bedeutend zu betrachten, und Ihren Ruf, als kostbarer, wie mein eigenes Leben, zu vertheidigen.«
»Sind Sie Held genug, um sich mit einem Mädchen zu verbinden, von dem Sie wissen, daß es von allen Ihren Umgebungen beargwöhnt und verachtet wird, und Ihre Interessen und Ihre Ehre mit der seinen zu verschmelzen? Bedenken Sie, es ist eine ernste Sache.«
»Ich würde stolz sein, es zu thun, Helene! — höchst glücklich — unaussprechlich entzückt! — und wenn dies alle Hindernisse unsrer Vereinigung sind, so enden dieselben hiermit und Sie müssen, — Sie sollen mein werden!« —
Ich sprang in leidenschaftlicher Gluth von meinem Stuhle auf, bemächtigte mich ihrer Hand, und wollte sie an meine Lippen drücken; sie riß dieselbe aber ebenso plötzlich hinweg und rief mit bitterem Schmerze:
»Nein, das ist nicht Alles!«
»Was ist es denn? Sie haben mir versprochen, daß ich es dereinst erfahren solle und —«
»Sie sollen es erfahren — aber jetzt nicht, — der Kopf schmerzt mir fürchterlich« — sagte sie, ihre Hand an die Stirne drückend, »und ich muß etwas Ruhe haben. Ich bin doch sicherlich heute schon elend genug gewesen,« fügte sie fast wild hinzu.
»Aber es könnte Ihnen nichts schaden, wenn Sie es sagen; es würde Ihren Geist beruhigen, und ich wüßte dann, wie ich Sie trösten solle.«
Sie schüttelte verzweifelnd den Kopf. »Wenn Sie Alles wüßten, so würden auch Sie mich tadeln — vielleicht mehr noch, als ich verdiene — obgleich ich Ihnen schweres Unrecht zugefügt habe,« fügte sie murmelnd, als ob sie laut dächte hinzu.
»Sie, Helene? Unmöglich!«
»Ja, nicht absichtlich, denn ich kannte die Stärke und Tiefe Ihrer Liebe nicht — ich dachte, — wenigstens bemühte ich mich zu denken, — daß Ihre Zuneigung so kalt und brüderlich sei, wie sie vorgaben.«
»Oder wie die Ihre?«
»Oder wie die meine — hätte sein sollen — von so leichter und selbstsüchtiger, aber flüchtiger Natur, daß —«
»Da haben Sie mir wirklich Unrecht gethan!«
»Ich weiß, daß ich das gethan habe, und zuweilen argwöhnte ich es damals; aber ich dachte, daß es im Ganzen keinen großen Schaden thun könne, wenn ich Ihren Phantasieen und Hoffnungen überließ, sich auszuträumen, oder zu einem geeigneteren Gegenstande hinwegzuflattern, während ich Ihre freundschaftliche Zuneigung bewahrt hatte. Würde ich aber die Tiefe Ihrer Neigung, die edle, uneigenützige Liebe gekannt haben, welche Sie zu fühlen scheinen —«
»Scheinen, Helene?«
»Nun, die Sie fühlen, so hatte ich anders gehandelt.«
»Wie? Sie konnten mir nicht weniger Aufmunterung geben, noch mich mit größerer Strenge behandeln, als Sie es thaten. Und wenn Sie denken, daß Sie mir dadurch Unrecht gethan, daß Sie mir Ihre Freundschaft gewahrt, und zuweilen den Genuß Ihrer Gesellschaft und Unterhaltung gestattet haben, wenn alle Hoffnungen auf eine innigere eitel waren — wie sie mir in der Zeit stets zu Verstehen gegeben haben — wenn Sie denken, daß Sie mir dadurch Unrecht zugefügt, so irren Sie sich, denn solche Begünstigungen sind an sich schon nicht nur meinem Herzen köstlich, sondern auch reinigend, erhebend, veredelnd für meine Seele, und ich möchte lieber Ihre Freundschaft, als die Liebe irgend eines anderen Weibes auf der Welt genießen.«
Hierdurch wenig getröstet, faltete sie ihre Hände auf dem Kniee, blickte nach oben, und schien in schweigender Qual den Beistand des Himmels anzurufen; woraus sie sich zu mir wendete und ruhig sagte:
»Wenn Sie mich morgen gegen Mittag auf dem Moore treffen wollen, so werde ich Ihnen Alles sagen, was sie zu wissen wünschen, und dann sehen Sie vielleicht, die Nothwendigkeit ein, unsern Verkehr einzustellen, wenn Sie mich nicht gern als Eine, die nicht länger Achtung verdient, aufgeben sollten.«
»Ich kann hierauf zuversichtlich mit Nein antworten. Sie können nicht so schwere Bekenntnisse zu machen haben — Sie müssen meine Treue auf die Probe setzen, Helene.«
»Nein, nein, nein,« rief sie ernstlich, »ich wollte, daß dem so wäre; dem Himmel sei Dank,« fuhr sie fort, »ich habe kein grobes Verbrechen zu beichten, aber ich habe mehr, als Ihnen zu hören angenehm sein wird, oder Sie vielleicht zu entschuldigen bereit sein werden — und mehr, als ich Ihnen jetzt sagen kann, — lassen Sie sich also bewegen, mich zu verlassen!«
»Ich will; beantworten Sie mir aber erst eine Frage: Lieben Sie mich?«
»Ich werde darauf nicht antworten.«
»Dann werde ich schließen, daß Sie es thun, und nun gute Nacht!« — Sie wendete sich von mir ab, um die Bewegung, welche sie nicht gänzlich zu beherrschen vermochte, zu verbergen. Aber ich ergriff ihre Hand und küßte sie glühend.
»Gilbert, ich bitte, verlassen Sie mich!« rief sie in einem Tone so tiefer Qual, daß ich fühlte, es würde grausam sein, wenn ich ihr den Gehorsam versagen wollte.
Ehe ich die Thür schloß, warf ich aber noch einen Blick nach rückwärts und sah sie mit gegen die Augen gepreßten Händen convulsivisch schluchzend; sich am Tische vorlehnen. Ich entfernte mich jedoch schweigend, ich fühlte, daß ich durch Aufdringen meiner Tröstungen in diesem Augenblicke ihre Leiden nur vergrößern würde.
Wenn ich Ihnen alle die Fragen und Conjekturen, die Befürchtungen und Hoffnungen und milden Regungen erzählen wollte, die einander in meinem Geiste drängten und jagten, so könnte ich damit allein schon einen Band füllen; ehe ich aber noch halb herabgekommen war, hatte ein Gefühl von der Theilnahme an der, welche ich so eben Verlassen, alle übrigen verdrängt, und schien mich gebieterisch zurückzurufen. Ich begann zu denken:
»Warum eile ich so schnell nach dieser Richtung hin? Kann ich zu Hause Trost, Frieden, Gewißheit, Zufriedenheit, alles oder irgend etwas von dem, was mir noth thut, finden? Und kann ich dort alle Unruhe, Sorge und Bekümmernisse hinter mir zurücklassen?«
Und ich wendete mich um und schaute nach der alten Halle. Ueber meinem engen Horizonte war außer dem Schornstein nur wenig davon sichtbar, — ich schritt zurück, um eine bessere Aussicht zu erhalten, als sie sich vor meinen Blicken erhob, blieb ich einen Moment stehen, um darauf hin zu schauen und schritt dann nach dem düstern Gegenstande, welcher mich anzog, weiter. Ein gewisses Etwas rief mich näher — immer näher — und warum nicht? Konnte ich nicht mehr Nutzen aus der Betrachtung des ehewürdigen Gebäudes, über das der volle Mond am wolkenlosen Himmel so ruhig mit dem einer Augustnacht eigenthümlichen warmen, goldenen Glanze herabschien, und in dem sich die Herrin meiner Seele befand, als wenn ich nach meiner Heimath zurückkehrte, wo Alles verhältnißmäßig hell und lebensvoll und heiter und mir das her bei meiner gegenwärtigen Stimmung feindlich war — umso mehr, als alle Bewohner derselben mehr oder weniger von dem verabscheuungswürdigen Glauben angesteckt waren, bei dem bloßen Gedanken an welchem schon das Blut in meinen Adern kochte — und wie konnte ich ertragen, ihn offen kund geben, oder was schlimmer noch, vorsichtig insinuiren zu hören, — da ich so schon Mühe genug mit einem geschwätzigen Satan hatte, — der mir fortwährend in das Ohr flüsterte: »Es kann doch wahr sein,« — bis ich laut schrie: »»Es ist eine Lüge, ich biete dir Trotz, mich zum Glauben daran zu bewegen!««
Ich konnte den rothen Feuerschein in ihrem Zimmer glimmen sehen, ich ging bis an die Gartenmauer, lehnte mich darüber, heftete meine Augen auf das Fenster und dachte, was sie wohl jetzt thun, denken oder leiden möge und wünschte, daß ich jetzt nur ein Wort zu ihr sprechen oder auch unreinen Blick von ihr erhaschen könne, ehe ich ging.
Ich hatte noch nicht lange so hingeblickt, und gewünscht und gedacht, als ich unfähig, der Versuchung, noch einen Blick in das Fenster zu werfen, um zu sehen ob sie gefaßter sei, als bei unsrem Scheiden — und wenn ich sie noch in tiefem Kummer finde, vielleicht ein Wort des Trostes zu versuchen — einem von den vielen Dingen Worte zu geben, die ich früher hätte sagen sollen, statt ihre Leiden durch meine einfältige Heftigkeit zu vergrößern — zu widerstehen, über die Mauer sprang. — Ich sah hinein, ihr Stuhl war leer und ebenso das Zimmer. In diesem Augenblicke öffnete aber Jemand die Hausthür und eine Stimme — ihre Stimme — sagte:
»Komm heraus, ich möchte den Mond sehen und die Abendlust einathmen, dies wird mir wohlthun, wenn es irgend etwas vermag.«
Sie kam also mit Rahel heraus, um einen Spaziergang im Garten zu machen! Ich wünschte mich wohlbehalten über die Gartenmauer zurück — blieb jedoch im Schatten des hohen Stechpalmenbusches stehen, welcher sich zwischen dem Fenster und der Thür befand, und mich für den Augenblick vor Bemerkung schützte, aber nicht verhindern konnte, daß ich zwei Gestalten in dem Mondschein herauskommen sah.
Mrs. Graham, welcher eine andre folgte, nicht — Rahel, sondern ein junger, schlanker, ziemlich langer Mann. O Himmel! wie meine Schläfe pochten! Die furchtbarste Qual verdunkelte meine Augen, aber ich dachte — und die Stimme bestätigte es —— daß es Mr. Lawrence sei.
»Du solltest Dich nicht so sehr davon beängstigen lassen, Helene,« sagte er, »ich werde künftig vorsichtiger sein und mit der Zeit —«
Ich hörte das Uebrige des Satzes nicht, denn er ging dicht neben ihr, und sprach so sanft, daß ich die Worte nicht vernehmen konnte. Mein Herz wollte mir vor Hast zerspringen, aber ich lauschte aufmerksam auf ihre Antwort. Ich hörte sie deutlich genug.
»Aber ich muß diesen Ort verlassen, Friedrich,« sagte sie, »ich kann hier nie glücklich sein — noch irgendwo anders; was das betrifft,« fügte sie mit einem Lachen ohne Heiterkeit hinzu, »aber ich kann hier nicht bleiben.«
»Aber wo könntest Du einen bessern Ort finden,« antwortete er, »so abgeschieden — so nahe bei mir — wenn Du darauf Werth legst.«
»Ja,« antwortete sie« »er ist Alles, was ich wünschen kann, wenn man sich nur nicht um mich kümmern wollte.«
»Aber Du magst gehen, wohin Du willst, Helene, überall wirst Du dieselben Quellen des Aergernisses finden. Ich kann nicht zugeben, daß ich Dich verliere; ich muß mit Dir gehen, oder zu Dir kommen, und es giebt an andern Orten eben so gut aufdringliche Narren, wie hier.«
Unter diesen Reden waren sie langsam den Gartengang hinab an mir vorbei gekommen und ich hörte von ihrem Gespräch weiter nichts, sah aber, wie er seinen Arm um ihren Leib schlang, während sie liebevoll ihre Hand auf seiner Schulter ruhen ließ — und dann verdunkelten sich meine Blicke, das Herz that mir weh und der Kopf brannte mir wie Feuer. Ich stürzte halb, halb schwankte ich von der Stelle hinweg, an die mich das Entsetzen gefesselt hatte, und sprang oder fiel über die Mauer — welches von beiden, weiß ich selbst kaum — aber ich weiß, daß ich mich nachher wie ein erzürntes Kind auf den Boden warf und dort in einem Paroxysmus von Wuth und Verzweiflung liegen blieb — wie lange, kann ich nicht wohl sagen — aber es muß eine bedeutende Zeit gewesen sein, denn als ich, theilweise durch einen Thränenstrom erleichtert, zum Monde hinauf sah, der so ruhig und sorglos, von meinem Elende so wenig berührt wie ich durch sein friedliches Strahlen — herabschien und eifrig um Tod oder Vergessen gebetet hatte. — Als ich mich darauf erhob und, ohne aus den Weg zu achten, aber instinktmäßig von meinen Füßen nach Hause getragen, hinwegging, fand ich die Thür verriegelt und verschlossen und Alles im Bette, außer meiner Mutter, die sich beeilte, auf mein ungeduldiges Klopfen herabzukommen und mich mit einem Regen — von Fragen und Vorwürfen überschüttete.
»O« Gilbert, wie konntest Du das thun? Wo bist Du gewesen! Komm herein und iß Dein Abendbrot — es steht Alles bereit, obgleich Du es nicht verdient hast, da Du mich nach der sonderbaren Art, in der Du heute Abend das Haus verließest, so in Schrecken zurückgelassen hast. Mr. Milward war ganz — um Gotteswillen, Junge, wie krank Du aussiehst! O gütiger Himmel, was ist Dir geschehen!«
»Nichts, nichts — geben Sie mir ein Licht.«
»Aber willst Du nicht erst etwas zu Abend essen?«
»Nein, ich will zu Bett gehen, sagte ich, indem, ich ein Licht nahm, welches sie in ihrer Hand hielt, und es anzündete.
»O, Gilbert, wie Du zitterst,« rief meine Mutter besorgt. »Wie weiß Du aussiehst! — sage mir, was es giebt? Ist Dir etwas zugestoßen?«
»Es ist nichts!« rief ich, vor Aerger, weil das Licht nicht anbrennen wollte, fast mit den Füßen stampfend. Hierauf fügte ich, meine Reizbarkeit unterdrückend, hinzu: »Ich bin zu schnell gegangen, das ist Alles; gute Nacht! und marschierte zu Bett, ohne das mir von unten nach gerufene:
»Zu schnell gegangen, — wo bist Du gewesen?« zu achten
Meine Mutter folgte mir mit ihren Fragen und Rathschlägen über meine Gesundheit und mein Benehmen bis an die Thür meines Zimmers. Aber ich flehte sie an, mich bis zum Morgen ungeschoren zu lassen, und sie entfernte sich und endlich hatte das Vergnügen, sie ihre eigene Thür schließen zu hören. Ich dachte jedoch, daß mir diese Nacht keinen Schlaf bringen werde und schritt, statt denselben zu suchen schnell im Zimmer auf und ab, nachdem ich die Stiefeln ausgezogen hatte, damit mich meine Mutter nicht hören sollte; aber die Dielen knarrten und sie war wachsam. Ich hatte es noch keine Viertelstunde so getrieben, als sie sich schon wieder an der Thür befand.
»Gilbert, warum bist Du nicht im Bette? — Du sagtest doch, daß Du gehen wolltest?«
»O, zum Kuckuk, ich gehe schon,« sagte ich.
»Warum machst Du aber so lange daran? Es muß Dir etwas im Kopfe herumgehen —«
»Um Himmelswillen, lassen Sie sich um mich unbekümmert, und gehen Sie selbst zu Bett!« —
»Ist es etwa die Mrs. Graham, die Dich so bekümmert?«
»Nein, nein, ich sage Ihnen, es ist nichts.«
»Wollte Gott, es wäre so,« murmelte sie mit einem Seufzer, als sie nach ihrem Zimmer zurückkehrte, während ich mich selbst auf das Bett warf und mich mit großem Mangel an kindlicher Liebe über sie ärgerte, weil sie mich des einzigen Schattens von Trost, welcher mir noch geblieben zu sein schien, beraubt, und an das elende Dornenlager gefesselt hatte.
Ich habe noch nie eine so lange, so elende Nacht verlebt, wie diese, und doch war sie nicht ganz schlaflos. Gegen Morgen begannen meine Gedanken alle Prätensionen auf Zusammenhang zu verlieren und sich zu verwirrten, fieberischen Träumen zu bilden und endlich folgte ein Zwischenraum bewußtlosen Schlafes; aber dann das Aufdämmern bitterer Erinnerungen, welches diesem folgte, — das Erwachen, — und das Leben als eine Einöde, und schlimmer als dies, da es von Pein und Elend überströmte, zu erkennen, — nicht als eine bloße nackte Wüste, sondern mit Dornen und Disteln gefüllt, — mich getäuscht, betrogen, hoffnungslos, meine Gefühle mit Füßen getreten, meinen Engel nicht als Engel, und meinen Freund als eingefleischten Teufel zu finden — es war schlimmer, als wenn ich gar nicht geschlafen hätte. —
Es war ein trüber, bleigrauer Morgen, das Wetter hatte sich geändert, wie meine Aussichten, und der Regen schlug an die Fenster. Ich stand jedoch auf und ging aus, nicht sowohl, um nach dem Gute zu sehen, obgleich ich dies zum Vorwand nahm, sondern um meinen Kopf zu kühlen, und wo möglich wieder Fassung genug zu erlangen, um beim Frühstück mit der Familie zusammentreffen zu können, ohne mir unbequeme Bemerkungen zu erregen. Wenn ich durchnäßt wurde, so konnte dies in Verbindung mit vorgeblicher, zu großer Anstrengung, bei dem Frühstück meinen plötzlichen Verlust des Appetites entschuldigen, und wenn ich mir eine Erkältung zuzog — je schlimmer, desto besser — so konnte diese die mürrische Laune und brütende Melancholie, welche mein Gesicht wahrscheinlich auf lange genug bewölken würde, erklären helfen.
Dreizehntes Kapitel.
Die Rückkehr zur Pflicht.
»Mein lieber Gilbert, ich wollte, Du versuchtest es, etwas liebenswürdiger zu sein, sagte meine Mutter eines Morgens nach einer Kundgebung ungerechter, übler Laune von meiner Seite. »Du sagst, daß Du nichts habest und nichts vorgefallen sei, was Dich betrüben könne, und doch habe ich noch nie einen Menschen in so wenigen Tagen so verändert gesehen, wie Dich. Du hast für keinen Menschen ein freundliches Wort — Freunde wie Fremde, Gleichstehende wie Untergebene — es ist dies alles eins. Ich wollte, Du versuchtest, dem Einhalt zu thun.«
»Wem Einhalt zu thun?«
»Nun, Deiner seltsamen Laune; Du weißt nicht, wie schlecht sie Dir steht; es gibt wirklich keinen besseren Charakter, wie der Deine von Natur ist, wenn Du ihm nur freies Spiel gäbest — damit kannst Du Dich also nicht entschuldigen.«
Während sie mir so Vorstellungen machte, nahm ich ein Buch, legte es offen vor mir auf den Tisch und that, als ob ich von demselben ganz in Anspruch genommen wäre; denn ich vermochte ebensowenig, mich zu rechtfertigen, als ich meine Irrthümer zugestehen wollte, und wünschte über den Gegenstand gar nichts zu sagen — aber meine vortreffliche Mutter fuhr fort, mir vorzupredigen, und kam dann ins Schmeicheln, und begann mir das Haar zu streicheln, und ich fing schon an, mich wieder als einen guten Jungen zu fühlen; als mein muthwilliger Bruder, der sich müßig im Zimmer herumtrieb, meine Verderbtheit wieder neu belebte, indem er rief: »Rühr’ ihn nicht an, Mutter, er beißt! er ist ein wahrer Tiger in Menschengestalt! Ich meines Theils habe ihn aufgegeben — geradezu enterbt — mit Wurzel und Stamm aus meinem Herzen gerissen — ich bin in Lebensgefahr, wenn ich ihm auf sechs Schritte zu nahe komme. — Neulich hat er mir beinahe den Schädel zerschlagen, weil ich ein hübsches, unschuldiges Liebeslied sang, um ihn ein wenig zu erheitern.«
»O, Gilbert, wie konntest Du das thun!« rief meine Mutter.
»Du weißt« Fergus, daß ich Dir vorher gesagt habe, daß Du Deinen Spektakel einstellen sollst,« sagte ich.
»Ja, aber als ich Dir versicherte, daß es mir nun ganz und gar keine Mühe mache, und den zweiten Vers anfing, da ich dachte, daß er Dir besser gefallen würde, packtest Du mich bei der Schulter und warfst mich mit solcher Gewalt dort an die Wand, daß ich dachte, ich hätte mir die Zunge entzweigebissen, und sie mit meinem Gehirn bespritzt zu sehen erwartete, und als ich meine Hand an den Kopf hielt und fand, daß er nicht zerschmettert war, hielt ich es für ein Wunder und weiter nichts. Aber der arme Bursche, fügte er mit einem sentimentalen Seufzer hinzu — »sein Herz ist gebrochen — das ist die reine Wahrheit — und sein Kopf ist —«
»Willst Du jetzt den Mund halten!« schrie ich, aufspringend und den Burschen so grimmig anblickend, daß meine Mutter, welche dachte, daß ich ihm eine schwere Verletzung zuzufügen beabsichtige, ihre Hand auf meinen Arm legte und mich bat, ihn gehen zu lassen, worauf er gemächlich mit den Händen in den Hosentaschen hinausging, und mir zum Aerger sang:
»Das Lieben ist nun aus 2c.«
»Ich werde mir die Finger nicht an ihm beschmutzen,« antwortete ich auf die Vorstellungen meiner Mutter, »ich würde ihn nicht mit der Zange angreifen.«
Jetzt entsann ich mich, daß ich mit Robert Wilson in Bezug auf den Kauf eines an mein Gut stoßenden Feldes zu thun hatte — ein Geschäft, welches ich von Tag zu Tag verschoben; denn ich nahm jetzt an nichts mehr Antheil, und war überdies menschenfeindlich gesinnt, und hatte außerdem eine besondere Abneigung, mit Jane Wilson oder mit ihrer Mutter zusammenzutreffen, denn obgleich ich jetzt nur zu guten Grund besaß, ihren Gerüchten in Bezug auf Mrs. Graham Glauben zu schenken, so waren sie mir dadurch doch um kein Haar lieber geworden — ebenso wenig, als Elise Milward — und der Gedanke an eine Begegnung mit ihnen war mir um so mehr zuwider, als ich jetzt nicht mehr, wie früher, ihren anscheinenden Verläumdungen Trotz bieten und in meinen eignen Ueberzeugungen triumphieren konnte.
Heute aber beschloß ich, eine Anstrengung zu machen, um wieder zu meiner Pflicht zurückzukehren. Obgleich ich kein Vergnügen davon zu erwarten hatte, war es doch weniger unangenehm, als das Nichtsthun — jedenfalls aber vortheilhafter; wenn mir das Leben keinen Genuß in meinem Berufe versprach, so bot es mir doch wenigstens außer demselben keine Lockungen und von nun an wollte ich meine Schulter an das Rad stimmen und mich abmühen wie ein armer Kartengaul, der zu seiner Arbeit gehörig abgerichtet war, und durchs Leben schleichen, wenn auch nicht mit Freuden, doch, nicht ganz nutzlos, und wenn nicht mit meinem Schicksale zufrieden, doch ohne mich zu beklagen.
Unter diesen Entschlüssen begab ich mich mit einer Art von mürrischer Resignation, wenn man einen solchen Ausdruck gebrauchen darf, auf den« Weg nach Ryecot, obgleich ich kaum erwartete, den Besitzer zu dieser Stunde des Tages zu Hause zu finden, hoffte aber, zu erfahren, in welchem Theile des Gutes er wahrscheinlich zu finden sein würde
Er war allerdings nicht zu Hause, wurde aber in wenigen Minuten erwartet, und man forderte mich auf, in das Wohnzimmer zu treten, bis er komme. Mrs. Wilson war in der Küche beschäftigt, das Zimmer aber nicht leer, denn Miß Wilson saß darin und schwatzte mit Elise Milward. Ich beschloß jedoch, kalt und höflich zu sein. Elise schien ihrerseits den gleichen Entschluß gefaßt zu haben. Wir waren seit dem Abend der Theegesellschaft nicht zusammengetroffen, aber es zeigte sich keine freudige, noch schmerzliche Aufregung, — kein Versuch zum Pathos — keine Kundgebung von gekränktem Stolzes sie war kaltblütig und benahm sich höflich. Ihre Miene und ihr Wesen besaßen selbst eine Ruhe und Heiterkeit, woraus ich keinen Anspruch machte; in ihrem zu ausdrucksvollen Auge lag jedoch eine tiefe Bosheit, die mir deutlich sagte,, daß mir keine Verzeihung zu Theil geworden sei; denn obgleich sie nicht mehr hoffte, mich für sich zu erringen haßte sie ihre Nebenbuhlerin doch noch immer und war offenbar entzückt, ihr Gift an mir auszulassen. Andrerseits war Miß Wilson zuthulich und höflich, wie es das Herz nur wünschen konnte, und obgleich ich selbst nicht in gesprächiger Laune war, gelang es den beiden Damen doch ein fortwährendes . Feuer von Geschwätz zu unterhalten. Elise benutzte jedoch die erste Pause, welche sich ihr darbot, um zu fragen, ob ich in der letzten Zeit Mrs. Graham gesehen habe, und that dies in einem Tone bloßer zufälliger Erkundigung, aber mit einem Seitenblicke, welcher scherzhaft-heiter sein sollte, wirklich aber von Bosheit überströmte.
»In der letzten Zeit nicht,« antwortete ich nachlässigen Tones, wobei ich jedoch ihre odiösen Blicke mir meiner Augen streng zurückwies; denn ich ärgerte mich, zu fühlen, wie mir trotz meiner Anstrengungen, mich unbewegt zu zeigen, das Blut in die Stirn stieg
»Wie! fangen Sie schon an, ihrer müde zu werden? Ich dachte doch, daß ein so herrliches Geschöpf Sie wenigstens auf ein Jahr zu fesseln im Stande sein würde.«
»Ich bitte Sie, jetzt nicht von ihr zu sprechen.«
»Ach, so sind Sie also endlich von Ihrem Irrthum überzeugt — Sie haben endlich entdeckt, daß Ihre Göttin nicht ganz die fleckenreine —«
»Ich habe gebeten, daß Sie nicht von ihr sprechen möchten, Miß Elise —«
»O, ich bitte um Entschuldigung! ich sehe, daß die Pfeile Amors für Sie zu scharf gewesen sind; die Wunden sind tiefer als in die Haut gegangen und noch nicht zugeheilt — und bluten jedesmal bei der Erwähnung der Geliebten von Neuem!« —
»Sagen Sie lieber,« unterbrach sie Miß Wilson, »Mr. Markham fühlt, daß ihr Name unwürdig ist, in Gegenwart ehrbarer Frauenzimmer erwähnt zu werden; es wundert mich, Elise, daß Sie daran denken können, von der unglückseligen Person zu sprechen. Sie sollten doch wissen, daß die Erwähnung ihres Namens für Alle hier keineswegs angenehm sein kann.«
Wie sollte ich dies ertragen? Ich stand auf und wollte eben den Hut auf den Kopf stülpen und in grimmigem Zorne aus dem Hause stürzen, bedachte aber noch gerade zu rechter Zeit, um meine Würde zu retten, die Thorheit eines solchen Benehmens, und daß dasselbe meine Quälgeister nur auf meine Kosten zum Lachen bringen würde — und noch dazu um eines Wesens willen, welches ich in meinem Herzen als des geringsten Opfers unwürdig erkannt hatte — wenn mich auch das Gespenst meiner früheren Achtung und Liebe noch so verfolgte, daß ich ihren Namen von Andern nicht schmähen hören konnte. — Ich trat daher bloß an das Fenster, und nachdem ich einige Sekunden mit zornigem Nagen an meiner Lippe zugebracht und das leidenschaftliche Klopfen meines Herzens streng unterdrückt hatte, bemerkte ich gegen Miß Wilson, daß ich von ihrem Bruder noch nichts wahrnehmen könne, und fügte hinzu, daß es, da meine Zeit kostbar wäre, vielleicht besser sein würde, wenn ich morgen zu einer Stunde, wo ich ihn sicherer zu treffen erwarten könne, wiederkommen würde.
»O nein,« sagte sie, »wenn Sie nur eine Minute warten, so werden Sie ihn gewiß treffen in L. (so hieß die Stadt nach welcher wir unsre Produkte zu Markte brachten) und wird einiger Erfrischungen bedürfen, ehe er geht.«
Ich unterwarf mich daher mit der bestmöglichen Miene und brauchte glücklicherweise nicht lange zu warten. Mr. Wilson kam bald, und so wenig ich in diesem Augenblicke auch zu Geschäften aufgelegt war und so wenig mir auch an dem Felde oder dessen Eigenthümer lag, zwang ich doch meine Aufmerksamkeit mit höchst lobenswerther Entschlossenheit auf den vorliegenden Gegenstand und schloß schnell den Handel ab — wahrscheinlich zur größeren Zufriedenheit des geldliebenden Gutsbesitzers, als er kund zu geben Lust hatte.
Hierauf überließ ich ihn dem Genusse seines kräftigen Frühmahls, verließ das Haus und ging hinweg, um nach meinen Mähern zu sehen.
Ich ging von diesen hinweg, nachdem ich gesehen, daß sie auf dem Thalgange fleißig arbeiteten, stieg den Hügel hinauf, da ich ein Kornfeld in den höheren Regionen zu besuchen gedachte und wollte zuschauen, wenn dieses zur Ernte geeignet sein würde. Ich besuchte es aber an jenem Tage nicht — denn beim Näherkommen bemerkte ich in nicht großer Entfernung Mrs. Graham und ihren Sohn, die mir gerade entgegenkamen. — Sie sahen mich und Arthur lief schon auf mich zu, aber ich wendete mich augenblicklich um und lenkte nach Hause ein, denn ich war fest entschlossen, nie wieder mit seiner Mutter zusammenzutreffen. Ohne auf die Kinderstimme in, meinen Ohren zu achten, welche mir zurief: »Einen Augenblick zu warten,« verfolgte ich meinen Weg und er stellte bald das Nacheilen als hoffnungslos ein oder wurde von seiner Mutter zurückgerufen. Auf alle Fälle war, als ich mich fünf Minuten später Umsah, von Keinem von Beiden eine Spur zu erblicken.
Dieser Vorfall bewegte und regte mich aus höchst — unerklärliche Weise auf — außer wenn Sie dies dadurch erklären wollen, daß Sie sagen: Amors Pfeile seien nicht nur für mich zu scharf, sondern auch mit Widerhaken versehen und zu tief eingedrungen und ich noch nicht im Stande gewesen, sie aus meinem Herzen zu reißen. Wie dem auch sein mochte, so wurde ich dadurch doch auf den übrigen Theil des Tages doppelt elend gemacht.
Vierzehntes Kapitel.
Ein Straßenanfall.
Am nächsten Morgen erinnerte ich mich, daß ich ebenfalls Geschäfte in L. habe. Ich stieg also bald nach dem Frühstück auf mein Pferd und machte mich dorthin auf. Es war ein trüber, regnerischer Tag — dies kümmerte mich aber nicht, oder paßte vielmehr nur um so besser zu meiner Gemüthsverfassung. Ich hatte die Aussicht auf eine einsame Reise, denn es war kein Markttag und die Straße zu anderen Zeiten nur wenig frequentiert — dies aber behagte mir ebenfalls nur um so besser.
Als ich jedoch dahin trabte und mich meinen bitteren Gedanken überließ, hörte ich in nicht großer Entfernung hinter mir ein anderes Pferd kommen, ahnte aber nicht, wer der Reiter sein könne und bekümmerte mich überhaupt nicht um ihn, bis ich meinen Schritt verzögerte; um eine sanfte Anhöhe hinauf zu gelangen — oder vielmehr meinem Pferde überließ, seinen Trab in einen trägen Schritt zu verwandeln, denn ich gestattete ihm, in meine Gedanken versunken, so gemächlich als es für angemessen hielt, zu gehen — und wurde von meinem Reisegenossen eingeholt. Er begrüßte mich, indem er meinen Namen nannte, denn es war kein Fremder — es war Mr. Lawrence! — Instinktmäßig zuckten die Finger, womit ich meine Reitgerte hielt, und faßten ihre Last mit konvulsivischer Energie, aber ich hielt den Impuls zurück, beantwortete seinen Gruß mit einem Kopfnicken und gab meinem Pferde die Sporen; aller er that desgleichen und begann vom Wetter und von der Ernte zu sprechen. Ich gab auf seine Fragen und Bemerkungen die möglichst kurzen Antworten und hielt mein Pferd zurück; er that dasselbe und fragte, ob mein Pferd lahm sei —— ich antwortete mit einem Blicke — auf den er freundlich lächelte.
Ich war über diese sonderbare Hartnäckigkeit und unerschütterliche Zudringlichkeit von seiner Seite ebenso sehr erstaunt als erbittert. Ich hatte gedacht, daß die Umstände unsrer letzten Begegnung einen solchen Eindruck auf seinen Geist gemacht haben würden, daß er auf ewig fremd und kalt geworden wäre — statt dessen schien er aber nicht nur alle früheren Kränkungen vergessen zu haben, sondern auch für alle jetzigen Unhöflichkeiten blind und taub zu sein. Früher war der leiseste Wink, eine, wenn auch nur eingebildete Kälte in Ton und Blick hinreichend gewesen, um ihn zurückzuweisen, jetzt vermochte ihn positive Ungezogenheit nicht hinwegzutreiben. Hatte er von meinem Mißgeschick gehört und kam er, um zu sehen, welches Resultat dasselbe gehabt habe und über meine Verzweiflung zu triumphieren? Ich erfaßte meine Peitsche mit entschlossenerer Energie, als bisher, gewann es aber noch immer über mich, sie nicht zu erheben, und ritt schweigend — dahin, indem ich auf eine wesentlichere Kränkung wartete, ehe ich die Schleusen meines Zornes öffnete und die auf gedämmte Wuth, welche in meinem Innern kochte und braus’te, überstürmen ließ.
»Markham,« sagte er in seinem gewöhntem ruhigen Tone, »warum zürnen Sie mit Ihren Freunden, weil Ihre Erwartungen von Andern getäuscht worden sind? Sie haben Ihre Hoffnungen als vergeblich erkannt, wie aber bin ich dafür zu tadeln? Ich warnte Sie im Voraus dagegen, wie Sie wissen, aber Sie wollten nicht —«
Er sagte weiter nichts, denn schon hatte ich, wie von einem bösen Dämon hinter mir getrieben, meine Reit peitsche am dünnen Ende ergriffen und das andre schnell und plötzlich wie ein Blitzstrahl auf seinen Kopf herab fahren lassen. Ich erblickte nicht ohne ein Gefühl wilder Zufriedenheit die augenblickliche Todtenblässe welche sein Gesicht überzog und die wenigen rothen Tropfen, welche über seine Stirn herabträufelten, während er einen Augenblick im Sattel schwankte und dann hinterwärts zu Boden sank. Der Pony war erstaunt, auf so sonderbare Weise seine Last los zu werden und schrack zusammen und sprang und schlug ein wenig aus und benutzte sodann seine Freiheit, um das Gras unter der Hecke abzuweiden, während sein Herr still und stumm wie eine Leiche dalag. Hatte ich ihn getödtet? — Eine eisige Hand schien mein Herz zu umfassen und seinem Klopfen Einhalt zu gebieten, als ich mich über ihn beugte und mit athemloser Angst auf das gespenstige, nach oben gekehrte Gesicht blickte. Aber nein, er bewegte seine Augenlider und stieß ein leichtes Aechzen aus. Ich athmete von Neuem — er war nur von dem Falle betäubt, — es war ihm schon recht — er mußte dadurch in Zukunft bessere Manieren lernen; sollte ich ihm — auf sein Pferd helfen? — Nein, für jede andre Combination von Beleidigungen würde ich es gethan haben, aber die seinigen waren zu unverzeihlich. Er konnte selbst hinaufsteigen, wenn er Lust hatte, — in einer Weile — er fing schon an sich zu bewegen und umzusehen und dort war es und weidete ruhig auf dem Grase unter der Hecke.
Mit einer, vor mich hingemurrten Verwünschung überließ ich den Burschen seinem Schicksale und galoppierte hinweg. Ich war von einer Verbindung von Gefühlen aufgeregt, die sich nicht leicht analysieren lassen würden, und wenn ich dies thäte, würde das Resultat schwerlich sehr günstig für meinen Charakter ausfallen, denn ich glaube so halb und halb, daß eine Art von Triumph über das was ich gethan, ein Hauptbestandtheil desselben war.
Nach kurzer Zeit besänftigten sich jedoch die aufgeregten Gefühlswellen und nach wenigen Minuten wendete ich mich um und ritt zurück, um mich nach dem Schicksale meines Opfers zu erkundigen. Es war kein großmüthiger Impuls, keine Reue, die mich dazu veranlaßte — nicht einmal die Furcht vor den möglichen Folgen für mich, wenn ich meinen Anfall auf Mr. Lawrence dadurch die Krone aufsetzte, daß ich ihn so unberücksichtigt und weiterer Verletzung ausgesetzt zurückließ. Es war einfach die Stimme des Gewissens und ich that mir nicht wenig darauf zu Gutes daß ich seinen Geboten so schnell gehorcht — und wenn man das Verdienst der That nach der Ueberwindung, welche sie kostete, beurtheilen will, so hatte ich nicht ganz unrecht.
Mr. Lawrence und sein Pony hatten beide ihre Stellung einigermaßen verändert, — der Pony war nun etwa acht bis zehn Schritte weiter gewandert und Jenem war es gelungen, sich aus der Mitte des Weges fortzuschleppen. Ich fand ihn zurückgelehnt im Graben sitzen — er sah noch immer sehr blaß und und unwohl aus und hielt sein Batisttaschentuch (das jetzt eher roth als weiß war) an seinen Kopf. Es mußte ein furchtbarer Schlag gewesen sein, aber die Hälfte der Wirkung war der Peitsche, deren Knopf aus einem massiven versilberten Pferdekopfe bestand, zuzuschreiben. Das vom Regen durchnäßte Gras gewährte dem jungen Manne ein ziemlich ungastliches Lager, sein Hut lag auf der andern Seite des Weges im Kothe; seine Gedanken schienen jedoch hauptsächlich auf seinen Pony gerichtet zu sein, nach dem er halb hilflos verlangend und halb hoffnungslos in sein Schicksal ergeben blickte.
Ich stieg ab und hob, nachdem ich mein Thier an den nächsten Baum befestigt hatte, zuerst seinen Hut auf, den ich ihm auf den Kopf zu setzen beabsichtigte; er dachte aber entweder, daß sein Kopf für einen Hut ungeeignet, oder der Hut in seinem gegenwärtigen Zustande ungeeignet für seinen Kopf sei, denn er zog den Einen zurück, nahm mir den Andern aus der Hand und warf ihn widerwillig bei Seite.
»Er ist gut für Sie,« antwortete ich.
Meine nächste Gefälligkeit war, seinen Pony einzufangen und ihm zu bringen, was bald geschehen war; denn das Thier hielt sich im Ganzen ruhig genug und kokettierte nur ein wenig, bis ich mich des Zügels bemächtigt hatte — aber dann mußte ich ihm noch in den Sattel helfen.
»Hier, Sie Kerl — Schuft — Hund — geben Sie mir Ihre Hand, ich will Ihnen hinaufhelfen.«
»Nein,« — Er wendete sich mit Widerwillen von mir ab; ich versuchte, ihn am Arm zu nehmen, aber er zog denselben zurück, als ob meine Berührung besudelnd gewesen wäre.
»Wie, Sie wollen nicht? Nun, so mögen Sie denn meinetwegen bis zum jüngsten Tage hier sitzen bleiben Aber Sie werden wohl nicht alles Blut aus Ihrem Körper verlieren wollen — ich will mich herablassen, Sie zu verbinden.«
»Lassen Sie mich allein.«
»Nun, mit dem größten Vergnügen; gehen Sie zum Teufel, wenn Sie Lust haben — und sagen Sie, daß ich Sie geschickt hätte.«
Ehe ich ihn aber seinem Schicksale überließ, hing ich den Zügel seines Pony über einen Pfahl im Zaun und warf ihm mein Taschentuch zu, da das seine jetzt ganz von Blut durchdrungen war. Er nahm es und warf es mir mit aller Kraft, welche er aufbieten konnte, voller Abscheu und Verachtung zurück. Dies machte das Maaß seiner Sünden voll. Mit nicht lauten, aber tiefen Verwünschungen überließ ich ihn seinem Schicksale, überzeugt, daß ich meine Pflicht gethan, indem ich versucht, ihn zu retten . —— vergaß aber, daß ich es gewesen, der ihn in diese Lage gebracht und wie kränkend ich ihm später meine Dienste angeboten — und bereitete mich mürrisch darauf vor, den Folgen entgegenzutreten, wenn er sagen sollte, daß ich ihn zu ermorden versucht, was ich nicht für unmöglich hielt, da es wahrscheinlich erschien, daß er von dergleichen boshaften Gründen angetrieben worden sei, den ihm von mir dargebotenen Beistand so hartnäckig zurückzuweisen.
Nachdem ich mein Pferd wieder bestiegen, blickte ich noch einmal zurück, um zu sehen, wie es ihm ergehe, ehe ich hinwegritt. Er hatte sich vorn Boden erhoben, die Mähne seines Pony erfaßt und bemühte sich, aufzusteigen. Kaum hatte er jedoch den Fuß in den Steigbügel gesetzt, als er vom Schwindel übermannt zu werden schien. Er lehnte sich, mit auf dem Rücken des Thieres liegendem Kopfe, vorn über, machte noch einen Versuch, welcher sich als erfolglos erwies und sank auf den Rasen zurück, wo er allem Anscheine nach so ruhig lag, als ob er sich zu Hause auf seinem Sopha befände.
Ich hätte ihm trotzen, selbst beistehen, die Wunde, deren Blutung er nicht zu hemmen vermochte, verbinden, darauf bestehen sollen, ihm auf sein Pferd zu helfen, und ihn nach Hause bringen müssen; aber außer meiner bitteren Indignation gegen ihn selbst waren noch die Fragen zu berücksichtigen, welche seine Dienerschaft und meine eigene Familie stellen würden. Entweder hätte ich die That gestehen müssen, weshalb man mich für einen Tollhäusler erklärt haben würde, außer wenn ich auch den Grund dafür angegeben hätte, und dies erschien mir unmöglich oder ich mußte eine Lüge ersinnen, was ebenso sehr außer aller Frage zu sein schien, besonders da Mr. Lawrence höchst wahrscheinlich die ganze Wahrheit mittheilen und mich dadurch zehnfacher Schande aussetzen würde, wenn ich nicht schlecht genug war, auf den Mangel an Zeugen zu pochen und auf meiner eignen Auslegung der Sache zu beharren, wodurch er als ein noch größerer Schuft, wie er wirklich war, dagestanden haben würde. Nein, er hatte nur eine Wunde über die Schläfe und vielleicht ein paar Brauschen vom Falle oder den Hufen seines eignen Ponys erhalten und dies konnte ihn nicht tödten, wenn er auch den ganzen Tag da liegen blieb, und wenn er sich nicht selbst helfen konnte, so war es doch ganz unmöglich, daß nicht Jemand vorüberkam — es war unmöglich, daß ein ganzer Tag vorbeigehen werde, ohne daß außer uns Beiden Jemand erschien. Was das betraf, was er später darüber sagen mochte, so wollte ich die Gefahr auf mich nehmen. Wenn er log, so beabsichtigte ich ihm zu widersprechen, sagte er aber die Wahrheit, dieselbe so gut ich konnte, zu ertragen. Ich war nicht verbunden, mich auf weitere Erklärung, als ich für angemessen hielt, einzulassen; vielleicht zog er es auch vor, aus Furcht, Nachforschungen über den Grund des Streites zu erregen und die Aufmerksamkeit des Publikums auf sein Verhältniß zu Mrs. Graham zu ziehen, welches er aus dem einen oder dem andern Grunde geheim halten zu wollen schien, zu schweigen.
Unter diesen Gedanken trabte ich nach der Stadt weiter, verrichtete dort meine Geschäfte und besorgte, wenn man die verschiedenen Umstände der Sache in Betracht nimmt, einige kleine Aufträge Rosa’s und der Mutter mit löblicher Sorgfalt. Auf dem Heimwege wurde ich von einiger Unruhe über das weitere Schicksal des unglücklichen Lawrence bestürmt. Die Frage, »wie, wenn ich ihn noch auf der feuchten Erde liegend, vor Kälte und Erschöpfung dem Tode nah, sterbend oder bereits kalt und steif finden sollt?« drängte sich mir auf höchst unangenehme Art auf, und die entsetzliche Möglichkeit malte sich mit schmerzlichen Farben in meinem Geiste aus, als ich mich der Stelle näherte, wo ich ihn verlassen hatte. Aber nein, dem Himmel sei Dank, sowohl Mann wie Pferd waren fort und nichts zurückgeblieben, was gegen mich zeugen konnte, mit Ausnahme zweier Gegenstände, die allerdings an sich schon unangenehm genug waren und einen sehr häßlichen, um nicht zu sagen, mörderischen Schein auf die Sache warfen. — An der einen Stelle der vom Regen durchweichtem mit Straßenkoth überzogene, eingebogene und an der Krämpe von dem verwünschten Reitpeitschenstiele zerschlagene Hut — an einer andern das in einer rothgefärbten Wasserpfütze (denn es war unterdessen viel Regen gefallen) schwimmende, purpurrothe Taschentuch.
Schlimme Nachrichten verbreiten sich schnell, es war kaum vier Uhr, als ich nach Hause kam, aber meine Mutter kam mir ernst mit den folgenden Worten entgegen:
»O, Gilbert, welch ein Unglück! Rosa hat im Dorfe Einkäufe gemacht und dort gehört, daß Mr. Lawrence von seinem Pferde abgeworfen und sterbend nach Hause gebracht worden ist.«
Das entsetzte mich ein wenig, wie Sie sich leicht denken können, aber es tröstete mich, als ich hörte, daß er den Kopf entsetzlich zerschlagen und ein Bein gebrochen habe, denn da ich wußte, daß dies erlogen sei, hoffte ich, daß der übrige Theil der Geschichte eben so unrichtig sein werde und als ich meiner Mutter und Schwester seine Lage so gefühlvoll beklagen hörte, wurde es mir sehr schwer, mich zu enthalten, Ihnen zu sagen, wie weit sich seine Verletzungen, so weit sie mir bekannt waren, wirklich erstreckten.
»Du mußt morgen hingehen und ihn besuchen,« sagte meine Mutter.
»Oder heute,« meinte Rosa, »es ist noch Zeit genug dazu, und Du kannst den Pony nehmen, wenn Dein Pferd müde ist. Willst Du es nicht thun, Gilbert, so bald Du etwas gegessen hast?«
»Nein« nein — wie können wir wissen, ob nicht das ganze ein falsches Gerücht ist’s es ist höchst unp —«
»O, das ist es gewiß nicht, denn das ganze Dorf redet davon und ich habe zwei Männer gesehen, die Andere gesehen haben, die den Mann« gesehen hatten, von dem er gefunden wurde. Das klingt weit hergeholt, aber es ist nicht so, wenn Du es bedenkst.«
»Nun, aber Lawrence ist ein guter Reiter; es ist nicht wahrscheinlich, daß er überhaupt von seinem Pferde fallen wird, und wenn es geschehen sein sollte, so ist es höchst unwahrscheinlich, daß er seine Glieder auf diese Art brechen sollte — es muß wenigstens eine grobe Uebertreibung sein!«
Бесплатный фрагмент закончился.
