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Anna Schnell · Nils Schnell

Die Modern Work Tour

Eine Weltreise in die Zukunft unserer Arbeit


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© 2021 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Das E-Book basiert auf dem 2021 erschienenen Buchtitel »Die Modern-Work-Tour« von Anna Schnell und Nils Schnell © 2021 GABAL Verlag GmbH, Offenbach.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96739-062-9

eISBN 978-3-96740-101-1

Lektorat: Claudia Franz, Oberstaufen | info@text-it.org

Umschlaggestaltung: totalitalic Thierry Wijnberg | www.totalitalic.com

Autorenporträts: Georg Ernst und Kathrine Uldbaek Nielsen

Fotos: Anna und Nils Schnell, Icons S. 15, 37 ff.: shutterstock

Gestaltung und Satz: Annett Hansen | www.design-hansen.de

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Wir sind zutiefst dankbar auf Modern Work Tour, auf unsere Moderne Walz, gegangen zu sein. Wir wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und nicht nur unserem Fleiß und Mut zugesprochen werden kann.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei all den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass unser Abenteuer Arbeit so spannend und erkenntnisreich geworden ist. Ohne die Menschen vor Ort, die neugierig und mutig genug waren, sich auf die Arbeit mit uns einzulassen, wäre die Modern Work Tour nicht zustande gekommen.

Für alle, die mutig die Zukunft der Arbeit mitgestalten.

Inhalt

Prolog

Die Modern Work Tour: Eine Moderne Walz

Interessenten – Aspiranten – Freireisende

Eine Zeit über den eigenen Tellerrand hinaus

Der Brauch des Vorsprechens

Prinzipien Moderner Arbeit

Sinn ermöglichen

Meet Steven von No Moss – Australien

Modern-Work-Prinzip: „Sinn ermöglichen“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Mensch im Mittelpunkt

Meet Symphony – Bosnien-Herzegowina

Modern-Work-Prinzip: „Mensch im Mittelpunkt“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Wachstumsmindset stärken

Meet Khulan von L’hamour – Mongolei

Modern-Work-Prinzip: „Wachstumsmindset stärken“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Fähigkeiten entfalten

Meet Damien von Red Hat – Singapur

Modern-Work-Prinzip: „Fähigkeiten entfalten“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Transparenz und Offenheit

Meet ReBootKamp – Jordanien

Modern-Work-Prinzip: „Transparenz und Offenheit“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Selbstbestimmung und Verantwortung

Meet SchoolCraft – Deutschland

Modern-Work-Prinzip: „Selbstbestimmung und Verantwortung“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Lernen und Wissen teilen

Meet Magic Carpet Studio – Nigeria

Modern-Work-Prinzip: „Lernen und Wissen teilen“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Nachhaltigkeit

Meet Awesomity Lab – Ruanda

Modern-Work-Prinzip: „Nachhaltigkeit“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Vielfalt

Meet Swahilipot – Kenia

Modern-Work-Prinzip: „Vielfalt“

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Modernes Arbeiten!?

Rooiklip Guestfarm – Remote Work meets Farm Work in Namibia

Modern Work vs. Traditional Work

Ein Zurück oder ein Nachvorn?

Wieder in unsere Kraft kommen

Was wir gelernt haben

Was zusätzlich entstanden ist

Wie es weitergeht

Schlussgedanken statt Epilog

Reflexionsfragen zum Buch

Leave-outs

Die Autoren


Mongolei


China


Ghana


Kirgistan


Albanien


Bali


Los geht´s!


Jordanien

Prolog

Wie wird eigentlich Modernes Arbeiten weltweit gelebt? Von dieser Frage angeregt, sitzen wir 2017 im wunderschönen Magvetö Café in Budapest. Am Vormittag waren wir für einen Wissensaustausch bei Prezi, einem Unternehmen, das eine wunderbare Alternative zur Powerpoint-Präsentation entwickelt hat. Dort haben wir einen zweistündigen Workshop zum Thema „New Work“ gegeben und im Tausch einen Workshop zum „Storytelling“ erhalten.

Wir hatten vor einiger Zeit unseren Reiseblog travelbees.de ins Leben gerufen und wollten nun im Storytelling-Workshop unseren eigenen „Code of Conduct“ für zukünftige Reisen erarbeiten. In anderen Worten wollten wir die Frage klären: „Wie möchten wir gerne reisen und welche Reisende wollen wir eigentlich sein?“ Schnell wird deutlich, dass wir mit Menschen in Kontakt kommen, lokale Herangehensweisen verstehen und Inspiration bei den Leuten vor Ort suchen wollen. Reisende wollen wir sein – und keine Touristen. Am Ende des Storytelling-Workshops haben wir eine für uns stimmige Ansammlung der wichtigsten Punkte erarbeitet. Diese werden wir in den folgenden Tagen noch mal verdichten und im Laufe der Weltreise in die Zukunft unserer Arbeit als Grundlagen nehmen.

Während wir nun im Magvetö Café unseren herrlich duftenden Kaffee schlürfen, reden wir über das Potenzial und die möglichen Lernerfahrungen, wenn wir solche Treffen wie heute häufiger abhalten würden. Unseren Städtetrip nach Budapest machen wir in unserer Freizeit – nicht als Geschäftsreise. Dennoch wollen wir unbedingt ein solches Arbeitstreffen verwirklichen. Warum? Weil wir unsere Arbeit lieben und der Meinung sind, dass nichts über den gemeinsamen Austausch von Wissen geht.

Für uns wird in diesem Moment klar, dass wir grundlegend hungrig auf mehr sind: mehr Austausch, mehr Lernen, mehr Wissen in und aus fremden Ländern. Der Wissensaustausch heute hat uns solche Freude bereitet, dass wir uns ernsthaft fragen, wie wir daraus ein Konzept entwickeln können.

Reisen und arbeiten: Wir träumen davon, unsere beiden Passionen miteinander zu verbinden. Noch ahnen wir nicht, dass wir ein Jahr später tatsächlich losziehen in eins der größten Abenteuer unseres Lebens! Wer hätte gedacht, dass wir schon ganz bald im mongolischen Fernsehen landen und über Arbeit weltweit sprechen? Oder dass wir uns in Australien festfahren und nicht mehr alleine herauskommen? Dass wir auf Bali unser erstes gemeinsames Buch schreiben, Bäume in Uganda pflanzen, GeschäftsführerInnen weltweit vor Ort coachen? Und dass wir über 130 Treffen mit Trainings, Workshops und vielem mehr erleben werden? Wir auf jeden Fall nicht!


Inzwischen erlaubt die Uhrzeit einen gut gekühlten Weißwein im Magvetö Café, der das Prickeln der Vorfreude auf unser Abenteuer rund ums Arbeiten noch größer werden lässt. Wir stoßen an – Egészségedre! (Ungarisch für „Prost!“.)

2018 wird es dann so weit sein. Mit dem ICE starten wir unsere Modern Work Tour. Zunächst geht es von Hamburg in Richtung Süden: „Hallo Balkan, wir kommen!“ Unsere gesammelte Expertise haben wir in zwei kleinen und zwei großen Rucksäcken dabei. Vier Kontinente werden wir auf der Suche nach Arbeitserfahrungen rund um New Work und Modernes Arbeiten bereisen und unglaublich inspirierende Menschen kennenlernen.

Nach vielfältigen Einblicken aus 34 Ländern haben wir deutlich mehr erlebt, als wir es uns in dem Cafe in Budapest je hätten erträumen können. Mit den gesammelten Erfahrungen wollen wir dir Anregungen geben, damit du

•deine eigene Arbeit reflektieren,

•proaktiver dein (Arbeits-)Leben gestalten und

•mutig neue Initiativen und Projekte ausprobieren kannst.

Wir nehmen dich mit auf Expedition mit dem Namen „Modern Work Tour“ und zeigen dir das Abenteuer Arbeit anhand der daraus entstandenen Prinzipien für „Modernes Arbeiten“ auf. Bitte anschnallen, es geht los! Viel Spaß beim Lesen und gedanklichen Mitreisen,

deine Anna und dein Nils

Die Modern Work Tour: Eine Moderne Walz


» Ein offener Blick in die Welt wird immer bedeutender. «


Die typische Lernreise führt normalerweise ins Silicon Valley – in die selbst ernannte Hochburg Modernen Arbeitens. In Scharen pilgern UnternehmerInnen, GründerInnen und Führungskräfte dorthin, um Anregungen für ihre Arbeit zu finden. Christoph Keese beschreibt das in seinem Buch Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt sehr eindrücklich. Doch wir denken auch, dass Veränderungen in der Arbeitswelt weltweit greifen und nicht auf einen kalifornischen „Kessel“ einzugrenzen sind. Zugegeben, die Reise ins Silicon Valley inspiriert die meisten und viele Initiativen daraus lassen sich im Nachhinein sehen. Aber ist das nicht zu einseitig gedacht, zu kurz gegriffen? Ist das Silicon Valley wirklich übertragbar auf „normale“ Unternehmen – beispielsweise hier in Deutschland, aber auch anderswo auf der Welt? Diese Gedanken kreisen uns im Kopf herum. Gernot, Annas langjähriger Mentor und „Ziehvater“ aus der Universität Bielefeld, hat ihr das Buch von Christoph Keese in die Hand gedrückt, als sie ihm von der Modern Work Tour berichtet hatte – mit dem Hinweis, die vielen kleinen Zettelchen bloß an Ort und Stelle zu lassen.

WORKATION ist eine Kombination der beiden englischen Wörter „work“ (Arbeit) und „vacation“ (Urlaub). Damit ist eine geplante Arbeitszeit an einem anderen Ort als dem „normalen“ Arbeitsplatz gemeint.

Modernes Arbeiten anderswo haben wir schon erlebt – bei Skyscanner in Barcelona oder eben bei Prezi in Budapest. Seit Jahren reisen wir an verschiedene Orte und lernen dort Menschen kennen, die versuchen, ihre Arbeit anders zu gestalten, anders in ihr Leben zu integrieren. Die Erinnerungen an unsere „Workations“ in Spanien und Ungarn lassen uns schmunzeln, denn sie waren es, die uns zu der langersehnten Weltreise angeregt haben. In wenigen Monaten wird es losgehen und aktuell färbt nichts anderes als die Idee zur Modern Work Tour unseren gemeinsamen Alltag bunter.

Das Konzept der Modern Work Tour nimmt mit der Erkenntnis, dass wir auch auf Reisen weiter arbeiten wollen, erst so richtig Gestalt an. Schon eine Weile sparen wir für eine Weltreise und arbeiten beide auf Hochtouren, um weitere Reisetaler auf die hohe Kante legen zu können. Aber dennoch werden und – vor allem – wollen wir auch von unterwegs arbeiten. Eigentlich soll sich an unserer Arbeit nicht allzu viel ändern und auch unsere KundInnen in Deutschland wollen wir weiterhin betreuen, „remote“ – also ortsunabhängig. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch keiner, dass zwei Jahre später die gesamte Welt zwangsweise in „Remote Work“ wechseln wird. Die Idee gefällt uns immer besser, da wir darin eine echte Chance sehen, unsere Beratungsagentur MOWOMIND auch während unserer Abwesenheit aus Deutschland weiter zu führen. „Seid ihr eigentlich beide auf den Kopf gefallen? Jetzt, wo es gerade mit MOWOMIND anfängt, richtig gut zu laufen, und ihr euch in Deutschland einen kleinen Namen gemacht habt?!“, fragt uns ein Bekannter, als wir von unseren Reiseplänen berichten. „Ist das nicht viel zu riskant?“, überlegt eine andere Freundin von uns laut. Wir sehen uns an und wissen schlagartig: Nein, jetzt ist die Zeit. Wenn wir jetzt nicht gehen, dann werden wir dieses Abenteuer vielleicht niemals wagen!


Vorbereitung auf unser großes Abenteuer der Modern Work Tour.

Mit dieser Entscheidung sehen wir uns aber auch mit der Frage konfrontiert, wie wir das überhaupt machen und schaffen wollen? Wer kombiniert eigentlich noch diese beiden Leidenschaften – das Arbeiten und das Reisen – miteinander? Unsere Antwort darauf finden wir, als wir Philipp begegnen. Wir gabeln ihn auf dem Rückweg einer Geschäftsreise auf und nehmen ihn ein Stück im Auto mit. Philipp trägt Melone, eine schwarze Schlaghose, ein weißes Hemd, eine mit Perlmuttknöpfen versehene Weste und hat all seinen Besitz in einem Charlottenburger neben sich auf der Rückbank liegen. Er sagt von sich, dass er „Wildreisender auf Tippeltour“ ist, und grinst. Landläufig ist das unter „Wanderschaft“ oder „Walz“ bekannt. Es bezeichnet die Tradition, sich nach bestandener Gesellenprüfung zur Erweiterung seiner Erfahrungen und Kenntnisse auf Wanderjahre zu begeben.

REMOTE WORK steht für flexibles, ortsunabhängiges Arbeiten. In Deutschland wird es auch Fern- oder Telearbeit genannt und beschreibt hauptsächlich die Arbeitsorganisation außerhalb des „normalen“ Arbeitsplatzes.

Die Idee der Freireisenden begeistert uns sofort. Sie passt irgendwie gut zu uns. Wir leben in Zeiten, in denen Wissen und Erfahrungen so wichtig sind wie nie zuvor. Ein offener Blick in die Welt wird immer bedeutsamer und globale Probleme werden nur gemeinsam zu lösen sein. Wir sehen darin eine spannende Chance. Für uns ist es unglaublich wichtig, sich zu vernetzen, auszutauschen und voneinander zu lernen. Genau das wollen wir auf unserer ganz eigenen „Tippelei“ erleben. Wir wollen auf Moderne Walz gehen, um herauszufinden, wo und wie überall auf der Welt „Modern“ gearbeitet wird. Dafür machen wir uns ein paar Regeln der Walz zunutze, die unsere Vorbereitung, aber auch das Reisen auf der Modern Work Tour beeinflussen:

Interessenten – Aspiranten – Freireisende

Als Interessenten werden diejenigen bezeichnet, die darüber nachdenken, auf Wanderschaft zu gehen. Das sind wir jetzt ganz klar, oder?

GEBURTSTAG


10. April 1985 10. April 1985

MODERN WORK BEDEUTET FÜR MICH


Mit Neugier innovative Arbeitsweisen auszuprobieren und anderen ebenfalls zugänglich zu machen, damit Menschen und Moderne Technik zu einer gesunden Arbeitsgestaltung verknüpft werden. Arbeit bewusst und proaktiv zu gestalten und sich neue innovative Arbeitsansätze sowie erfolgreich bewährte Vorgehensweisen zunutze zu machen.

ZIEL DER MODERNEN WALZ


Modernes Arbeiten weltweit und die Menschen hinter den Ideen kennenlernen. Erkenntnisse und Erfahrungen sammeln, intensives erleben und weltweite Trends zur Zukunft der Arbeit kennenlernen.

3 DINGE, DIE UNTERWEGS PASSIEREN SOLLEN


Fremdes verstehen lernen, Abenteuer erleben und Gelerntes mit der eigenen Lebenswelt verknüpfen. Ich will mutig sein, Abenteuer erleben und mich auf besondere Art und Weise weiter professionalisieren.

UNVERZICHTBARES REISEGEPÄCK


Opas Taschenmesser, antikes Schmuckkästchen und meine Hörbücher bei „Audible“. Lippenpflege-Set, Gedankenbuch und frischer Ingwer.

SUPERPOWER


Es sich überall „schön“ machen zu können und Bestehendes zu nutzen. In Extremsituationen ruhig und super fokussiert zu werden und damit alle Energie auf das Wesentliche zu richten.

Als Aspiranten werden diejenigen verstanden, die sich darum bewerben, auf Wanderschaft zu gehen. „Tippeler auf Probe“ könnte man sagen. Denn während der Aspirantenzeit werden sie häufig von den Meistern auf Herz und Nieren geprüft. Erst dann dürfen sie losziehen. Natürlich müssen wir uns bei niemandem darum bewerben, auf Moderne Walz zu gehen. Die Erlaubnis zu diesem Abenteuer geben wir uns selbst.

Wir beschließen, unsere Hamburger Wohnung komplett aufzugeben und zum Antritt der Reise wohnungslos zu sein. Wir hätten also keinen Ort, an den wir zurückkommen könnten. Wenn schon Abenteuer, dann auch richtig!

Da wir beim Einzug zwei Haushalte zusammengeführt haben, quillt unsere Wohnung ohnehin über. Im Laufe eines Jahres machen wir regelmäßig Inventur und stoßen dabei auf die Marie-Kondo-Methode. Die zierliche Japanerin hat mittlerweile eine eigene Netflix-Serie übers Aussortieren. Sie empfiehlt, jeden Gegenstand in die Hand zu nehmen und sich dabei zu fragen, ob er einen noch glücklich macht. Wahnsinnig charmant. In diesem Jahr haben wir so viel wie nie zuvor in unserem Leben aufgeräumt: Wir haben auf diversen Flohmärkten in Hamburg in bester Fischmarkt-Manier Bücher, Kleidung und Einrichtungsgegenstände feilgeboten. Ein Riesenspaß!

Wir haben aber auch Nützliches und Liebgewonnenes wie Nils’ Spiegelreflexkamera oder Annas Harry-Potter-Sammelbände verkauft. Dabei haben wir uns zu wahren ebay-Profis entwickelt. Emsig beantworten wir Fragen der Nutzer, geben Infos zu unseren Angeboten, feilschen um den Preis und schnüren Pakete. Das Beste daran sind aber die Begegnungen mit den Käufern zwischen Tür und Angel. Häufig enden die Gespräche damit, dass wir Reisetipps oder einen Kontakt zu einem Bekannten erhalten. Mehrmals stecken sie uns einen Obolus zu – für eine Kava in Sarajevo oder ein Weinchen in Ljubljana. Augenzwinkernd weht uns so schon jetzt ein erstes Reisewindchen um die Nase und mit ihm der Geruch nach Freiheit.

Als Freireisende werden diejenigen bezeichnet, die ungebunden gegenüber ihrer Handwerkervereinigung, also nichttraditionell, reisen. Dennoch bewahren sie Elemente der Walz – beispielsweise die Kluft. Da wir keiner Zunft für unsere Moderne Walz unterstehen, können wir die Modern Work Tour frei gestalten und uns miteinander auf dieses Abenteuer vorbereiten. Besonders eindrücklich wird das für uns, als wir das Auto, mit dem wir Philipp mitgenommen haben, an Annas Eltern zurückgeben. Bis heute haben wir uns keinen neuen Wagen angeschafft und vermissen das silberne VW Golf Cabriolet nur in seltenen Momenten. Auf der Walz soll man möglichst ungebunden sein – früher hieß das, ledig, kinderlos und vor allem schuldenfrei zu sein. Die Wanderschaft sollte nicht genutzt werden, um sich vor Verantwortungen zu drücken oder zu flüchten. Freiheit sollte dadurch entstehen, in eine Bestandsaufnahme zu gehen und die eigenen Angelegenheiten vor der Abreise zu klären – ein herrliches Konzept, um sich reisebereit zu machen.

Eine Zeit über den eigenen Tellerrand hinaus

Auf der Walz dürfen die Freireisenden ihrem Heimatort in der Regel nicht näher als 50 Kilometer kommen. Sie müssen sich an den sogenannten Bannkreis halten. Bannkreis – kein besonders schönes Wort, denn es verbannt einen im wahrsten Sinne während der Wanderschaft aus der eigenen Heimat. Für uns macht das Konzept des Bannkreises wenig Sinn, da wir nicht vorhaben, uns lange in Deutschland aufzuhalten. Schließlich wollen wir auf eine weltweite Suche nach Moderner Arbeit gehen. Sich aber bewusst als Fremde auf Abenteuer zu begeben, reizt uns sehr. Das heißt für uns, sich eine „Zeit über den Tellerrand hinaus“ zu nehmen, die erst einmal kein Enddatum hat. Es wird ohnehin die bisher längste Zeit weg von daheim für uns werden, was uns erquickt und unsere Familien schwer schlucken lässt.

Auf der Modern Work Tour selbst haben wir dann eine „Tellerrandzeit“ von höchstens zwei Monaten an einem Ort oder in einem Land festgelegt. Wie heißt es so schön: „Wenn der Postbote grüßt und der Nachbarshund nicht mehr bellt, wird es Zeit zum Weiterreisen.“ Auf Tippelei soll – wie Hannes Wader singt – ein gepflegtes „Heute hier, morgen dort“ gelebt werden, das es uns ermöglicht, in fremde Kulturen einzutauchen, sich aber nicht in ihnen zu verlieren. Auf unserer Modernen Walz sind wir nur in China und auf den Philippinen zwei Monate geblieben. In China verfliegt die Zeit so rasant, dass wir es kaum merken; auf den Philippinen bleiben wir unfreiwillig länger als gewollt hängen.

Der Brauch des Vorsprechens

Der Brauch des Vorsprechens hat uns eine Idee dazu gegeben, wie wir auf der Modern Work Tour Kontakte knüpfen können. Denn uns wird bewusst, dass wir uns in den einzelnen Ländern vernetzen müssen. Den Freireisenden ist es auf Wanderschaft nicht erlaubt, in jeder Stadt oder jedem Dorf ungefragt Arbeit anzunehmen. Deswegen sind sie dazu verpflichtet, bei den jeweiligen Stadtvertretern vorstellig zu werden. Das Ritual des Vorsprechens und was genau dabei gesagt wird, ist ein streng gehütetes Geheimnis. Damit soll sichergestellt werden, dass die Arbeit auch von einem „echten“ Handwerker ausgeübt wird und das Privileg nicht missbraucht werden kann.


In Kunming (China) klappt die Kontaktaufnahme nur mit der Unterstützung unserer kuscheligen HelferInnen in der Airbnb.

Ach, hätten wir gerne ein vorgeschriebenes Codewort oder Sprüchlein gehabt! Das hätte uns als „ehrbare Arbeitsabenteurer“ ausgewiesen und uns einen sehr viel leichteren Zugang in den jeweiligen Ländern verschafft. Ohne ein solches Zauberwort hieß das für uns allerdings viel harte und ernüchternde Arbeit – nämlich viel, sehr viel Kaltakquise. Denn zu diesem Zeitpunkt haben wir kein aktives Netzwerk in den meisten Ländern. Oder kennst du etwa Menschen in Georgien, Kirgistan oder Uganda?

Drei Stufen der Kontaktaufnahme

Wenn schon kein Sprüchlein, so haben wir in der Planung und Vorbereitung drei Stufen des Vorsprechens entwickelt. Auf diese Weise sind wir an unsere Treffen und Aufträge gelangt, womit sich die Modern Work Tour erst geformt hat.

1.UNSER NETZWERK. Wir suchen in unserem eigenen Netzwerk, ob wir bereits Kontakte in den Ländern haben, in die wir reisen wollen. Dabei stellen wir erfreut und teilweise überrascht fest, dass unser Bekanntenkreis internationaler ist als gedacht. So erhalten wir beispielsweise die Gelegenheit, bei einer ehemaligen Arbeitskollegin von Nils in Shanghai zu wohnen. Weiter fragen wir aktiv unser Netzwerk nach Kontakten in den jeweiligen Ländern. Dadurch potenziert sich die Möglichkeit, auf spannende Unternehmen zu treffen. Das gelingt auch immer wieder – zum Beispiel beim American Institute of Architects in Hongkong. Mit regelmäßigen Posts und Visualisierungen auf LinkedIn und Twitter zeigen wir unserer Community, für welche Regionen wir derzeit in der Planung stecken, und fragen nach interessanten Kontakten.

2.DIE KALTAKQUISE. Zugegebenermaßen ist der Aufwand sehr groß und der Ertrag hingegen mickrig klein. Doch uns bleibt nichts anderes übrig! Für uns heißt das: tagelang über LinkedIn, Twitter, Angellist.io und weitere Websites proaktiv die Fühler auszustrecken und hartnäckig für unseren Wunsch einzustehen. Im chinesischen Kunming zum Beispiel haben wir fast zehn Tage lang Unternehmen, Hochschulen mit internationaler Ausrichtung und Menschen mit spannenden Rollen angeschrieben. Das Resultat war mehr als ernüchternd und unsere Laune schon bald tief im Keller. Wir sitzen dort bei schlechtem Wetter und schreiben von morgens bis abends Nachrichten ins Nichts – zumindest fühlt es sich so an.

Besonders in China sollten wir die Erfahrung machen, wie wichtig es ist, das richtige Tool zum Vernetzen zu verwenden. Gelernt haben wir hier, dass per Mail oder LinkedIn Message wenig bis gar nichts zu erreichen ist. Erst als wir uns nach einem Treffen in Shanghai bei WeChat registrieren, werden wir weiterempfohlen – und plötzlich gelingt die Vernetzung im Minutentakt. Wir gewöhnen uns hier so an das rasante Tempo, dass jegliche Antwortzeit, die länger als zehn Minuten ist, uns bald langsam vorkommt. Dagegen warten wir auf wichtige Antworten aus Deutschland manchmal über eine Woche lang. So unterschiedlich funktioniert also Zeit. In der Regel läuft unsere Suche so ab, dass im ersten Schritt gegoogelt wird – zum Beispiel: „innovative companies Sydney“ oder „Singapur inspiring CEO“. So bekommen wir einen ersten Eindruck. Mit der Zeit werden wir echte Profis im Suchen und Finden, auch wenn diese Arbeit häufig keinen Spaß macht.

3.WEITEREMPFEHLUNG VOR ORT. Am besten entstehen großartige Treffen, wenn wir bereits vor Ort sind und schon erste Sessions hatten. In den meisten Fällen sind die Menschen von unserer Modern Work Tour begeistert und vernetzen uns mit Personen und Unternehmen, die wir unbedingt kennenlernen müssen. Durch diese Empfehlungen entstehen in der Regel extrem schöne Erlebnisse, da ein Treffen aufgrund eines persönlichen Kontaktes direkt mit einem Vorschuss an Vertrauen beginnt. Auf diese Weise erhalten wir auch die meisten Aufträge und treffen auf Personen und Unternehmen, die bei einer Kaltakquise wahrscheinlich nicht einmal reagiert hätten. Auch gehen wir auf den tollen Tipp unserer Netzwerk-Kollegin Corinna ein, die uns empfiehlt, bei den jeweiligen deutschen Außenhandelskammern anzuklopfen. Hier bekommen wir immer wieder spannende Empfehlungen und sogar tolle Aufträge. Manchmal reisen wir im jeweiligen Land noch ein wenig herum, um dann anschließend ein geplantes Training durchzuführen. Und plötzlich macht auch die Tellerrandzeit wieder Sinn. Denn so mancher Ort scheint uns gar nicht mehr loslassen zu wollen, weil so viele spannende Möglichkeiten entstehen. Doch dank der Tellerrandzeit geben wir uns einen Ruck und ziehen weiter.

Auf der Modern Work Tour lernen wir, wie wichtig alle drei Stufe des Vorsprechens sind, auch wenn sie manchmal ganz schön anstrengend sind. Aber wir werden im Laufe der Zeit immer besser darin, uns die Arbeit einzuteilen und systematisch zu organisieren. Der Begriff „Shit Sandwich“, den Elizabeth Gilbert in ihrem Buch Big Magic verwendet, passt hier wie die Faust aufs Auge. Das „Shit Sandwich“ ist die Bereitschaft, das Schlechte oder Nervige gemeinsam mit dem Guten hinzunehmen. Sind wir also bereit, die ganze Arbeit auf uns zu nehmen? Oh ja, das sind wir! Sobald wir wieder ein Treffen haben, das uns begeistert, wissen wir genau, warum wir das alles machen.

So manche Nachricht aus Deutschland verwundert uns dann aber schon: „Wie ist denn euer Urlaub so?“ Oder: „Hach, einfach mal so lange nichts tun, das muss herrlich sein!“ Es ist schon interessant, dass der Eindruck von Urlaub entsteht, nur weil man nicht mehr in Deutschland arbeitet. Dieses fluide Arbeitskonzept ist offenbar nicht so leicht zugänglich und die viele Arbeit wird von einigen nicht wahrgenommen – noch so ein „Shit Sandwich“ …

Drei Zeithorizonte der Planung

Nach und nach entwickeln wir bei der Planung ein Vorgehen, das wir in drei Zeithorizonte einteilen. Auf diese Weise gelingt es uns, von losen Kontakten bis hin zu konkreten Treffen zu planen, ohne uns vorschnell Optionen zu nehmen und gleichzeitig Verlässlichkeit aufzuzeigen und Vertrauen aufzubauen.

1.DREI MONATE PLUS. Alles, was länger als drei Monate hin ist, muss noch nicht konkret geplant werden. Dennoch stoßen wir bei unseren Recherchen immer wieder auf Personen und Unternehmen, die wir unbedingt treffen wollen. In den Nachrichten und Mails heißt es dann beispielsweise, dass wir „im Herbst“ wahrscheinlich im Land sind. Stets fragen wir, ob grundsätzliches Interesse an einem Treffen oder Bedarf an unseren Angeboten besteht. In diesem Zeithorizont investieren wir noch nicht viel Aufwand, sondern fühlen ein bisschen vor.


In großen Schritten wird aus Vorfreude endlich die konkrete Planung für die Moderne Walz.

2.EIN BIS DREI MONATE. In diesem Zeithorizont werden wir deutlich konkreter. Wir gehen bereits in die Planung mit Unternehmen: Es werden Inhalte für Workshops oder Trainings vorgeplant und gemeinsame Verabredungen getroffen. Wir können bereits besser abschätzen, wo wir wann sein werden. Wir orientieren uns hier an einem Zeitstrahl, den wir auf unserer Website wie Tourdaten einer Band veröffentlichen. Dank der leichten Flexibilität fühlen wir uns nicht eingeschränkt. Und zur Not verschieben wir die geplanten Treffen noch einmal. Das passiert beispielsweise nach unseren Stationen in Albanien und China. Dort bleiben wir deutlich länger als geplant. Doch so viel Freiheit nehmen wir uns. So ist halt das Arbeitsabenteuer, es kann nicht immer alles perfekt geplant sein. Manchmal schätzen wir die Wegstrecken auch komplett falsch ein und merken erst bei der konkreten Buchung, dass aus den von Google Maps prognostizierten vier Stunden in Wahrheit sieben bis elf Stunden werden.

3.UNTER EINEM MONAT. In diesem Zeithorizont werden wir so konkret wie möglich. Wir wissen, wann wir vor Ort sind, und terminieren fleißig die geplanten Treffen. Dabei erleben wir am eigenen Leibe, dass es sinnvoll sein kann, in einer ganz neuen Umgebung erst einmal einen „Ankommenstag“ zum Akklimatisieren zu haben. Das klappt nicht immer, aber mit der Zeit immer besser. Dennoch sind uns Treffen besonders zu Beginn des Aufenthalts wichtig, weil so Weiterempfehlungen vor Ort leichter Früchte tragen.


Immer wieder nehmen wir uns „Abenteuer-Auszeiten“, um Land und Leute besser kennenzulernen.

Bei der Planung für Afrika werden unsere drei Zeithorizonte etwas aufgeweicht. Hier machen wir die Erfahrung, dass die meisten Treffen zeitlich nur unter einem Monat geplant werden. „Meldet euch, wenn ihr in der Stadt seid!“, hören wir häufig, was für uns erst einmal sehr ungewohnt ist. Warum sagen sie nicht einfach, wann sie können und wir legen das fest? Okay, so läuft es halt nicht. Und letztlich funktioniert diese Spontanität recht gut.

Selbstverständlich klappt nicht immer alles wie in der Dreiteilung beschrieben. Gerade am Anfang müssen wir hier unseren Rhythmus erst finden. Ein so großes Projekt haben wir beide in unserem Leben noch nie gestemmt. Besonders weil wir ja „nur“ zu zweit sind, braucht es eine gute Planung. Das ist zwar aufwendig, aber nicht unbedingt schwierig. Eine sinnvolle Aufteilung und gutes Teamwork helfen uns dabei, das Reisen zu planen, die Treffen vor Ort vorzubereiten, mit den KundInnen zu Hause weiterzuarbeiten und natürlich auch „Quality Time“ auf der Reise zu haben. Es ist eine Menge, doch wir wollen das hinkriegen. Für einen großen Traum, so merken wir, können wir auch viel Energie aufbringen.

Unsere Sessions: Was wir vor Ort anbieten

Alle Treffen fassen wir unter dem Begriff „Sessions“ zusammen. Je nach Bedarf und Machbarkeit schauen wir gemeinsam mit den Unternehmen oder Ansprechpartnern, was am sinnvollsten erscheint. Die Themen „Modern Work“, „New Work“ und „Teamwork“ stehen dabei sehr hoch im Kurs. Folgende Sessions haben wir im Reisegepäck als Angebot dabei:

BERATUNG: Wir bringen unsere geballte Expertise rund um Modernes Arbeiten, Führung und Wissensvernetzung mit ins Unternehmen und geben Tipps und Tricks weiter.

COACHING: Wir begleiten Personen (und manchmal Teams) in ihren persönlichen Entwicklungsprozessen und Herausforderungen. Unterwegs sind das meistens GründerInnen, CEOs und General ManagerInnen.

TRAINING: Wir trainieren eine Gruppe oder ein Team vor Ort zu einem ausgewählten Thema. Alle Trainings basieren auf dem von uns entwickelten Trainity Modell, bei dem wir Input mit praktischen Übungen und Reflexionsschleifen kombinieren.

WORKSHOP: Wir begleiten eine Gruppe oder ein Team zu einer gewählten Thematik im Gruppenprozess, geben kleine Denkanstöße und moderieren in erster Linie.

VORTRAG: Wir berichten von Modernem Arbeiten, New Work und unserer Modern Work Tour mit anschließender Fragerunde, die häufig am meisten Spaß bringt.

INTERVIEW: Häufig gekoppelt mit einem anderen Format, interviewen wir inspirierende Menschen. Wir befragen sie zu ihren Erkenntnissen und Erfahrungen mit Moderner Arbeit im eigenen Land und ihren Wünschen für die Zukunft der Arbeit.

WISSENSAUSTAUSCH: Damit hat alles mal angefangen – wir treffen uns und tauschen uns informell über Themen aus, die beide Seiten bewegen. Daraus entstehen immer wieder Aufträge und wir erhalten allerlei spannende Einblicke.

Mit dieser Auswahl an Sessions machen wir sehr gute Erfahrungen. Für Interessierte ist immer etwas dabei und wir können unsere Expertise genau so einbringen, wie es vor Ort am meisten Sinn ergibt. Denn uns ist es extrem wichtig, nicht nur selbst spannende Einblicke zu erhalten, sondern konkreten Mehrwert vor Ort zu stiften – schließlich befinden wir uns ja auf Moderner Walz.

#MODERNWORKTOUR: Eine moderne Walz


Prinzipien Moderner Arbeit

Und genau davon wollen wir im Anschluss genauer berichten. Nun könnte man meinen, dass eine Weltreise in die Zukunft unserer Arbeit vor allem über die neuesten und innovativsten Technologien berichtet. Doch was wir auf der Modernen Walz erfahren, sind vielmehr Sichtweisen, die Modernes Arbeiten beeinflussen und dadurch erst möglich machen. Dazu gehört auch tolle Technologie, doch viel häufiger geht es darum, wie Menschen auf die Veränderungen der Arbeitswelt reagieren.

Insgesamt sind wir – mit einer kleinen Unterbrechung in Deutschland – von Mai 2018 bis April 2020 auf Moderner Walz. Die Weltkarte zeigt dir unsere Route durch 34 Länder auf vier Kontinenten.

In den nächsten neun Kapiteln stellen wir dir anhand von Beispielen und unseren Erfahrungen aus der Modern Work Tour Erkenntnisse und Ableitungen für Modernes Arbeiten vor. Dabei greifen wir auf 130+ Sessions inklusive knapp 50 geführte Interviews zurück und fassen sie unter Prinzipien Moderner Arbeit zusammen. Dabei erfährst du, durch welche Reise- und Arbeitserfahrungen diese Modern-Work-Prinzipien inspiriert wurden.

MODERN-WORK-PRINZIPIEN sind Handlungsmaximen Moderner Arbeit. Ihr Zweck ist es, Hilfestellungen zur sinnstiftenden Weiterentwicklung der Arbeitswelt zu geben.

Die Prinzipien können dir für deine eigene Auseinandersetzung mit der Zukunft unserer Arbeit eine Orientierung geben. Sie sollen dazu beitragen, dass du deinen eigenen Arbeitskontext reflektierst, mutig neue Initiativen startest und aus eigener Kraft heraus Dinge veränderst. Das bedeutet nicht, dass du dich selbst auf eine Weltreise begeben musst. Du kannst dir aber Inspirationen zur Veränderung holen, sodass deine Arbeitswelt von dir nicht nur erlebt und ertragen, sondern bewusst und proaktiv mitgestaltet wird.

Das Prinzip „Sinn ermöglichen“ halten wir für zentral, sodass wir damit beginnen. Deshalb starten wir mit unserem Bericht auch nicht im Balkan, sondern im fernen Australien.

Los geht´s!

MODERN-WORK-PRINZIP 1
Sinn ermöglichen


Big Lagoon – Westaustralien


Australien




Sydney


Shark Bay




Auf unserem Roadtrip von Perth bis Shark Bay haben wir die Schönheit Westaustraliens erst so richtig erlebt. Dabei sind wir sowohl von den intensiven Farben und endlosen Weiten als auch von der entspannten Lebensart der Australier begeistert.

In Sydney haben wir nicht nur die Gelegenheit, spannende GründerInnen und Unternehmen kennenzulernen. Wir besuchen auch das berühmte Opernhaus.

Hey guys, how are you? Welcome to West Australia!“, begrüßt uns eine große, blonde Zollbeamtin am Perth International Airport schon von Weitem und grinst von einem Ohr zum anderen. Wir reisen auf der Modern Work Tour nun zum 16. Mal in ein neues Land ein. Aber so herzlich sind wir bisher noch nirgends empfangen worden. Das ist ja schon mal sehr entspannt, denken wir uns. Als wir ihr die Reisepässe zuschieben, fragt sie uns noch immer freudestrahlend: „Seid ihr zum ersten Mal in Australien?“ Doch dann runzelt sie die Stirn und sieht zu uns auf. „Seid ihr beiden etwa Zwillinge?“, fragt sie leicht irritiert und mustert unsere Pässe. „Ich hätte darauf gewettet, dass ihr ein Paar seid. Aber dasselbe Geburtsdatum …?“, lässt sie den Satz unbeendet. „Ja, wir sind ein Paar – und wir sind am selben Tag, im selben Jahr, aber nicht zum selben Zeitpunkt und auch nicht am selben Ort geboren. Schau mal hier …“, wir deuten auf die Zeilen mit den Geburtsorten. „So was habe ich hier auch noch nicht gehabt. Es gibt wohl für alles ein erstes Mal“, lacht sie und schüttelt belustigt den Kopf. „Still Firsts“ zu haben und diese zu feiern, das mögen auch wir. Kleinigkeiten, die man zum ersten Mal erlebt, fallen uns nicht nur beim Reisen auf. Aber beim Reisen kommen sie viel häufiger vor.

Noch weiter weg von zu Hause werden wir auf der Modern Work Tour nur noch in Sydney an der Ostküste Australiens sein. Doch schon die Westküste kommt uns sehr weit weg, aber überhaupt nicht fremd vor. Ganz im Gegenteil: Vom ersten Augenblick fühlen wir uns verbunden mit diesem Land und – das ist das Entscheidendste – völlig entspannt.

Wie schon bei der Einreise beginnen hier die meisten Gespräche ähnlich vergnügt und lässig. Bei RAC, dem Royal Automobile Club in Westaustralien, dessen Firmensitz wir in Perth besuchen, gilt so etwas in der Art sogar als Motto für den internen Veränderungsprozess des Unternehmens. Von Cettina Raccuia, Head of Innovation bei RAC, bekommen wir einen tollen Satz zu hören: „Every interaction counts!“ Jede Interaktion zählt. Denn wie wir anderen begegnen, hängt davon ab, wie wir ihnen begegnen wollen, erklärt sie uns: „Wir selbst legen fest, ob wir mit Skepsis und Argwohn oder Offenheit und Neugierde auf eine Anfrage, einen Impuls reagieren. Wenn wir Letzteres tun, können Innovationen entstehen.“ Es liegt an uns, ob wir im Meeting einer kritischen Stimme ausreichend Interesse entgegenbringen, um den aufschlussreichen Teil der Botschaft zu erfahren, oder ob wir direkt abschalten, weil uns dieser Mehraufwand zu anstrengend ist. Wir selbst entscheiden, ob wir auf der Straße einer orientierungslos dreinblickenden Person ein paar Minuten unserer Lebenszeit schenken. Mit nur kleinem Aufwand können wir dabei helfen, den richtigen Weg zum Zielort zu finden. So einfach kann es sein, und die Australier schnacken nicht nur, sondern sie machen auch. Ein Beispiel sind die BusfahrerInnen: Auf wirklich jeder Busfahrt durch Perth werden wir fröhlich von ihnen begrüßt und dann auch wieder verabschiedet. Wie cool ist das denn, bitte?! Sie geben uns jedes Mal das Gefühl, dass sie uns gerne fahren und darin einen Sinn sehen. Eine Busfahrerin lässt uns sogar vorsorglich schon ein bisschen früher raus, als wir ihr sagen, wo wir hinwollen: „Ihr müsst zwar ein kleines Stückchen weiter gehen, aber hier ist es sicherer. Wenn ich euch weiter drüben rauslasse, kommt ihr auf die große Verkehrsstraße – das ist einfach zu gefährlich. Schließlich ist es mein Job, euch sicher von A nach B zu bringen.“


Mit Cetina sprechen wir in Perth über Leitbilder der Transformation bei RAC.

Genau diese Haltung und Sichtweise auf den eigenen Job, die eigene Tätigkeit, macht Modernes Arbeiten aus. Frithjof Bergmann, der Begründer der New-Work-Bewegung, fordert genau das in seinem freiheitsphilosophischen Ansatz: „Frag dich, was du wirklich, wirklich willst.“ Dabei geht er davon aus, dass Arbeit Leben nehmen und geben kann und dass Menschen in ihrer Tätigkeit heutzutage immer weniger Sinnhaftigkeit erkennen. Der Sinn der Busfahrerin, ihre Fahrgäste sicher an ihren Zielort zu bringen, verleiht ihr die Kraft, alles in ihrer Macht Stehende dafür zu tun, damit das auch gelingt. Sie hätte uns einfach wie vorgesehen absetzen und weiterbrausen können. Aber nein, sie fragt nach, wohin wir wollen, als sie unser Gepäck sieht. Dann überlegt sie, wie das auf ihrer Route am besten gelingen kann. Dadurch schreibt sie ihrer Tätigkeit eine Bedeutung zu, die sie ihren Job grundlegend wirksamer und besser ausführen lässt. Bergmann schreibt in seinem Buch Neue Arbeit, Neue Kultur: „Es geht um die Schaffung einer Gesellschaft und Kultur, in der wirklich jeder, Mann oder Frau, die Chance bekommt, einen beträchtlichen Teil seiner Zeit mit einer Arbeit zu verbringen, die er oder sie erfüllend und faszinierend findet und die die Menschen aufbaut und ihnen mehr Kraft und mehr Vitalität gibt.“ Und diese Lebendigkeit, diese Energie bekommen wir hier bei jeder Busfahrt geboten – so ist Arbeiten doch wirklich viel schöner und freier, oder?

Das, was hier zunächst so einfach klingt, ist überhaupt nicht einfach. Schon die Frage nach dem „wirklich, wirklich Wollen“, wie Bergmann es zuspitzt, ist richtig, richtig schwer. Hast du selbst schon mal ausprobiert, dir diese Frage zu beantworten? Allein die schiere Vielfältigkeit, die wahnsinnigen Möglichkeiten, die sich hier auftun, können einen ganz unruhig werden lassen und zu einigen schlaflosen Nächten führen. Das haben wir bei einem unserer nächsten Treffen auf sehr eindrückliche Weise erfahren. Nach unserer Zeit an der Westküste Australiens und einem unvergesslichen Roadtrip durch atemberaubende Landschaften geht es für uns nach Sydney.

Meet Steven von No Moss – Australien

Steven HK Ma ist Geschäftsführer der Beratungsagentur No Moss in Sydney – und es gab eine Zeit, da hatte er mit schlaflosen Nächten zu kämpfen. Denn einige seiner rund 30 Mitarbeitenden hatten ihn, so empfand er es zumindest, ziemlich hart auf die Probe gestellt: Sie waren mit einem ungewöhnlichen Anliegen auf ihn zugekommen, das andere UnternehmerInnen wohl zu einem ungläubigen Lachanfall oder resigniertem Kopfschütteln verleitet hätte. Seine Mitarbeitenden erzählten ihm, dass sie anstelle der bisherigen Finanzprodukte in Zukunft lieber Spiele-Apps entwickeln wollten. Statt das Ganze als Schnapsidee abzutun und den Mitarbeitenden noch mal vor Augen zu führen, was die Unternehmensziele sind, dachte Steven ernsthaft darüber nach. Denn dieser Vorstoß – so gibt er im Interview zu – ist letztlich genau das, was er von seinen Mitarbeitenden erwartet: „We talk a lot about purpose and what drives us to really do things regarding our purpose.“ Bei No Moss wird also viel über die Sinnhaftigkeit gesprochen und darüber, was konkret dafür getan werden kann.


Radikale Veränderungen – und das mit Sinn!

Steven war schon vor einiger Zeit klar geworden, dass seine Mitarbeitenden ihr Potenzial nicht richtig freisetzen können, wenn sie immer nur seine Ziele verfolgen und seine Vorstellungen umsetzen. Daher hat er beschlossen, seine Rolle als CEO abzulegen. Stattdessen nahm er eine neue Rolle ein, die ihn weniger managen, dafür aber mehr führen lässt. Er entwickelte für sich und sein Unternehmen die Rolle des „CPO“, des Chief Purpose Officers. Seine Aufgaben in dieser Rolle beschreibt er so: „I see my role in helping people explore their purpose, articulate their purpose and give them an environment to take action towards their purpose.“ Stevens Mitarbeitende sollen also ihren Sinn finden. Sie sollen sich Themen und Aufgaben widmen, für die sie eine persönliche Passion haben oder eine Berufung verspüren. Menschen dabei zu helfen, ihren Sinn zu erkunden, ihn zu fassen und voranzutreiben, sieht er als wichtigste Aufgabe seiner Rolle. Er findet vor allem, dass er eine dienende Haltung einnehmen muss, um den Menschen die Suche nach ihrer Sinnhaftigkeit zu ermöglichen. Im Interview formuliert er das wie folgt: „To serve the people and their ecosystem to find purpose.“

Nun scheint aber die gesamte Diskussion um diesen „Purpose“ häufig doch sehr willkürlich geführt zu werden. Deswegen fragen wir nach, was denn Purpose für Steven eigentlich bedeutet. Er hat eine interessante Antwort für uns: „For a definition we started with big, unfinishable and unachievable dreams but we have learned that these dreams can be simplified.“ Große, nicht zu erfüllende und nicht zu erreichende Träume? Das klingt nicht besonders motivierend, denken wir und sind skeptisch. „Es sind Vorstellungen, die uns antreiben und deswegen nie ganz verwirklicht werden können“, sagt Steven und erklärt weiter: „Nicht im Sinne, dass sie nie zu erreichen sind. Wie zum Beispiel in meiner Rolle als CPO: Hier liegt mein Sinn darin, Arbeit wieder menschlicher zu machen. Das kann ich auf ganz unterschiedliche Weise tun. Ich kann Aufgaben dafür ableiten oder kleinere Unterziele finden. Diese Arbeit wird aber nie wirklich enden, weil immer wieder neue Ideen entstehen werden, wie Arbeit für einen bestimmten Menschen noch sinnvoller gestaltet werden kann.“ Deswegen unterscheidet Steven verschiedene Ebenen von Purpose. „Deep purpose, big or large purpose, small purpose, defined or undefined purpose“, zählt er lächelnd auf.

Seiner Meinung nach braucht es neben einer sicheren Umgebung, um über den eigenen Sinn zu sprechen, auch die Routine, das regelmäßig zu tun: „One important thing is to practice in order to explore and explain what the purpose is.“ Er tut das beispielsweise in den – wie er sie nennt – „Purpose Talks“. Das sind regelmäßig stattfindende Workshop- und Meeting-Formate, in denen die Mitarbeitenden ihre Projekte und Arbeitsbereiche mit Bezug auf ihren Sinn in dieser Tätigkeit vorstellen und diskutieren. Ideen werden ausgetauscht, um die Umsetzung in einem Diskurs mit allen anderen im Unternehmen zu verfeinern und auszutesten. In einem solchen „Purpose Talk“ wurde Steven dann Folgendes klar: Wenn er seine Rolle als CPO ernst nehmen und konsequent leben will, muss er auch seinen Mitarbeitenden mit der überraschenden Idee, Spiele-Apps zu entwickeln, eine Chance geben. Schlaflose Nächte hin oder her: „To work on a purpose means to reconceptualize and reframe work and your views again and again.“ Also erhielten die Mitarbeitenden tatsächlich die notwendige Unterstützung durch eine aktive Begleitung im Prozess sowie regelmäßige Reflexionsschleifen und Rückmeldungen von KollegInnen in weiteren „Purpose Talks“. Und die Resultate können sich durchaus sehen lassen: Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden bei No Moss stieg. Zudem kann sich das Unternehmen auch über den Aufbau eines neuen und ertragsfähigen Teilbereichs freuen. Durch die Initiative der Mitarbeitenden konnte das Portfolio bei No Moss erfolgreich erweitert werden.


Sightseeing am Opernhaus von Sydney an der Ostküste Australiens.

Steven wiederum ist, wie er sagt, in seiner Führungsrolle gewachsen und hat angefangen zu begreifen, was es wirklich heißt, zu führen: „The greatest thing about leadership is to see how people grow.“ Sein schönstes Erlebnis ist es, wenn die Menschen einen Überraschungsmoment beziehungsweise einen Aha-Effekt erleben, weil sie sich vorher noch nie Gedanken über diese oder jene Frage gemacht haben. Dabei hatte er zum Zeitpunkt unseres Interviews noch nie etwas von New Work und Frithjof Bergmann gehört. Dennoch hat er aus der eigenen Intention heraus ein wesentliches Prinzip von Moderner Arbeit, das auch der New-Work-Begründer Bergmann in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt, verinnerlicht und umgesetzt: als Wegbegleiter bei der Sinnsuche seiner Mitarbeitenden zu fungieren. Damit hat er es geschafft, mit No Moss ein Unternehmen aufzubauen, in dem der Sinn der Mitarbeitenden den Sinn des Unternehmens formt – und nicht umgekehrt.

Und das macht vieles leichter: Denn dort, wo Mitarbeitende Projekte verfolgen, in denen sie einen persönlichen Sinn sehen, wächst die Motivation und die Leidenschaft beim Arbeiten. Es fällt leichter, an der Sache dranzubleiben und mit Rückschlägen umzugehen. Auch steigt die Bereitschaft, zu lernen. Denn von innen heraus möchte man das Thema oder Projekt vorantreiben und erfolgreich machen. Was dagegen sinkt, ist das Interesse der Mitarbeitenden, das Unternehmen zu wechseln – und dabei wertvolles Wissen mitzunehmen. Wissen, das dem Unternehmen letztlich fehlt und wieder aufgebaut werden muss. Wenn aber der persönliche Purpose nicht zum Unternehmen passt oder die Mitarbeitenden eigentlich etwas ganz anderes wollen, wird das durch die „Purpose Talks“ auch sehr schnell deutlich, sagt Steven. Der Unterschied liegt darin, dass der Sinn einen antreibt. Wenn das klar ist, kann man sich auch einfacher und zufriedener voneinander trennen.

Steven brauchte allerdings viel Mut und die Bereitschaft, sein Ego und sein bisheriges Verständnis von Führung zu reflektieren und zu hinterfragen. Auch das ist ein zentrales Element von Moderner Arbeit, das grundsätzlich für alle Führungskräfte gelten sollte: Einen Schritt zurückzutreten und den Mitarbeitenden die Möglichkeit zu geben, mehr für sich einzustehen und somit auch mehr Verantwortung zu übernehmen. Es geht zum Beispiel darum, sich zu fragen: Lehne ich eine Idee ab, weil ich sie aus Sicht des Unternehmens tatsächlich für schädlich halte? Oder gefällt es mir nicht, dass jemand anderes eine potenziell interessantere oder sogar bessere Idee hat?

Modern-Work-Prinzip: Sinn ermöglichen

Für die Busfahrerin besteht der Sinn ihrer Arbeit darin, Menschen sicher zu transportieren. Offenkundig schreibt sie der Sicherheit eine wesentliche Bedeutung in ihrer Tätigkeit zu. Wenn der Sinn die Handlungen formt, führt das auch dazu, dass die Busfahrerin rücksichtsvoller fährt, um ihre Fahrgäste und andere VerkehrsteilnehmerInnen nicht zu gefährden. Oder sie denkt – wie in unserem Fall – auch über die Busfahrt hinaus an das Wohlergehen ihrer Passagiere. Dabei ist der Sinn nie ganz vollendet und treibt uns immer wieder an, danach zu handeln und zu arbeiten. Somit kann Sinn nicht nur zur Zielerreichung motivieren, sondern auch eine gedankliche Auseinandersetzung über das eigene Leben anregen.

Für Moderne Arbeitskontexte bedeutet das, regelmäßig in eine Auseinandersetzung über die Sinnhaftigkeit zu gehen. Dafür hilft es, Formate für das Erkunden und Entdecken von Sinn wie die „Purpose Talks“ bei No Moss zu entwickeln. Die zentrale Ausgangsfrage, um nach dem Sinn oder der Bedeutung der eigenen Tätigkeit zu fragen, ist das WARUM. Zu wissen, WARUM man etwas tut, hilft dabei, das eigene Verhalten, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche besser zu verstehen. In seinem überaus bekannten und bemerkenswerten Ted-Talk greift Simon Sinek dieses Prinzip in seinem „Golden Circle“ auf. Ihm ist aufgefallen, dass sich erfolgreiche UnternehmerInnen und Führungskräfte von anderen darin unterscheiden, wie sie über ihre Arbeit denken, sich dabei verhalten und ihren Sinn kommunizieren. Das WARUM steht dabei stets im Mittelpunkt und beeinflusst das Mindset.

Unter MINDSET werden die Haltung und Sichtweise eines Menschen verstanden, die die eigene Denkart und Handlungsweisen prägen.

Das Prinzip „Sinn ermöglichen“ ist eng mit dem Bergmann’schen Konzept von New Work verknüpft. Sinn zu ermöglichen bedeutet, nach dem „wirklich, wirklich Wollen“ zu fragen und herauszufinden, wie dieser Wunsch das Leben bereichern kann. Um New Work in eine tatsächlich zeitgemäße und damit Moderne Arbeit zu überführen (schließlich stammt der New-Work-Ansatz aus den 1970ern), erscheint es uns auch wichtig, konkrete Handlungen abzuleiten, wie es uns besonders in Australien immer wieder vor Augen geführt wird. Wir halten es für entscheidend, zwischen dem Kern und der Hülle von New Work zu unterscheiden. Damit New Work nicht zu einem Containerbegriff verkommt, unter dem jede Initiative in der Arbeitswelt gefasst werden kann, braucht es eine inhaltliche Abgrenzung. „Für viele ist New Work etwas, was die Arbeit ein bisschen reizvoller macht. Und das ist absolut nicht genug“, beschwert sich Frithjof Bergmann in einem unserer gemeinsamen Gespräche. Eine Idee dazu haben wir bereits bei unserer Workation auf Bali, bevor wir nach Australien fliegen. Deshalb kommen wir auch auf das Bild der Avocado als fruchtig-beerigen Vorschlag, um über New Work nachzudenken. Fast jeder kennt den Moment, wenn man die Avocado aufschneidet und die beiden Hälften auseinanderklappen. Sichtbar werden das quietschgrüne Fruchtfleisch und der runde, festen Kern – umhüllt von der dünnen Schale der Avocado.

New Work

HÜLLE ODER KERN?


Wenn der Fokus auf unseren Purpose und den Purpose der anderen gesetzt wird, kann die Bedeutsamkeit beim Arbeiten gesteigert werden, was wiederum zu besseren Entscheidungen und Handlungsweisen führt. Sinn ermöglichen bedeutet also im ersten Schritt herauszufinden, was wir wirklich, wirklich wollen, um das im zweiten Schritt dann auch wirklich, wirklich zu tun.

Was wir an Erfahrungen mitnehmen

Wir wissen nicht genau, ob es die Entfernung von daheim ist oder dieser ganz bestimmte Geist, den wir hier in Australien verspüren. Vielleicht ist es aber auch das Wissen darum, dass es ab jetzt Stück für Stück zurück nach Deutschland gehen wird. Wir fragen uns, wie wir unser Leben leben wollen: „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten und worin besteht eigentlich unser Sinn beim Arbeiten?“ Australien, als der am weitesten entfernte Punkt unserer Modern Work Tour, erscheint uns ganz richtig dafür, in die Vogelperspektive zu gehen. Manchmal muss man eben erst weit weg, um mit Abstand den Kern sehen zu können. Also: „Was haben wir und was fehlt uns? Womit wollen wir beginnen und wovon sollten wir uns schnellstmöglich verabschieden? Was wollen wir wirklich?“

Wir haben den Eindruck, dass wir besonders in unserer Welt nicht mehr darum herumkommen, eine persönliche Definition von einem guten und sinnvollen Leben zu entwickeln. Das kann uns helfen, eine Art „Leitplanke“ zu haben, um sich einen Weg durch eine Welt zu bahnen, in der so viele verschiedene Lebensformen möglich und vorstellbar sind. In dieser beweglichen Unüberschaubarkeit fangen wir gerade erst an, neue Lebensentwürfe kennenzulernen und auszuprobieren. Flexibilität scheint uns dabei nicht nur für das Berufsleben, sondern auch für das Leben im Allgemeinen eine erstrebenswerte Fähigkeit zu sein. Natürlich hilft es, bei dieser Auseinandersetzung auf Reisen zu sein und ständig neue Ideen oder Einfälle zu entdecken. Es gibt so viele Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten und auszuleben. Wir sollten uns einfach nur mehr Zeit nehmen, auch darüber nachzudenken. Für uns ist die Moderne Walz ein solcher Neuentwurf, um uns selbst einen Freiraum für unseren Sinn zu geben.

Dass es für eine Führungskraft nicht einfach ist, Mitarbeitenden solche Freiräume zu lassen, lag für Steven von No Moss auf der Hand. Deshalb hat er ein anderes Arbeits-Lebens-Modell für sich und seine Umgebung kreiert: „Working, struggling, finding a purpose – it is hard!“, bringt er es auf den Punkt. Aber für sich hat er einen persönlichen Purpose gefunden: seinen ganz eigenen Sinn beim Arbeiten – das, was es für ihn lohnenswert macht, täglich aufzustehen und gern zur Arbeit zu gehen. Dieser Sinn lautet: „Make work more human!“ – Arbeit menschlicher zu machen.

REFLEXION

FRAGEN ZUM PRINZIP: SINN ERMÖGLICHEN

•Welchen Sinn siehst du in deiner eigenen Arbeit?

•Welche Sinnermöglichung wünschst du dir für deine Zukunft und was ist dein wichtigster Schritt auf dem Weg dahin?

•Siehst du Möglichkeiten, andere Menschen in deinem Umfeld auf ihrem Weg des wirklich, wirklich Wollens zu begleiten?

•Vom wirklich, wirklich Wollen zum wirklich, wirklich Tun: Schreibe dir mindestens drei Punkte auf, die du angehen möchtest. Wie willst du diese Punkte umzusetzen?

•Was kannst du aus den aufgezeigten Beispielen in diesem Kapitel für deine eigene Arbeit ableiten?


MODERN-WORK-PRINZIP 2
Mensch im Mittelpunkt


Sarajevo


Bosnien-Herzegowina



Vlorë – Albanien


Skopje – Mazedonien


Sveti Stefan – Montenegro


Split – Kroatien


Der Balkan ist der Auftakt unserer Modern Work Tour, weshalb wir uns hier Zeit lassen, um viele verschiedene Länder kennenzulernen. In Sarajevo sind wir von der Motivation der jungen Menschen vor Ort angeregt. In Albanien gefällt uns vor allem die Gastfreundschaft und das leckere Essen. Der Balkan ist auf jeden Fall eine Reise wert – sowohl zum Arbeiten als auch zum Entspannen.

Auch landschaftlich hat der Balkan viel zu bieten – und wir sind begeistert, als wir unsere „Flybee“ erstmals fliegen lassen.

Als wir Anfang Mai 2018 am Hamburger Hauptbahnhof in den Zug steigen und es uns mit den eingelösten Bahnbonuspunkten in der 1. Klasse im ICE nach München gemütlich machen, werden wir fast ein wenig nostalgisch: „Wie lange werden wir unterwegs sein? Wann sehen wir Familie und Freunde wieder? Wann kommen wir zurück nach Deutschland?“ Wir haben uns bewusst kein fixes Enddatum für die Modern Work Tour gesetzt – zu sehr lockt die Freiheit. Zu groß ist der Reiz, einmal nicht zu wissen, wie lange wir unterwegs sind und wohin es uns verschlägt. Unsere KlientInnen und KundInnen wissen Bescheid, alle haben sich darauf eingelassen, in der nächsten Zeit komplett digital mit uns weiterzuarbeiten. Sie werden zu einer Art ReisegefährtInnen, denn auch sie nehmen an unserem Arbeitsabenteuer teil.

Unser Vorsatz, langsam in die Moderne Walz zu starten und nicht direkt mit einem Langstreckenflug ans andere Ende der Welt zu reisen, bedeutet für uns auch, zu schauen, welche spannenden Arbeitsumgebungen in Europa zu finden sind. Dabei zieht es uns gen Osten und wir lassen bewusst bekannte Hotspots wie London, Amsterdam oder Stockholm (vorerst) aus. Wir wollen in den Balkan! Denn wir haben bereits einiges darüber gehört: tolles Essen, freundliche Menschen, IT-Experten, die nach Westeuropa oder in die USA wollen.

Ab München geht es mit dem Flixbus CO2-neutral weiter. Bis auf eine Zugfahrt durch das sommerliche Bulgarien werden wir alle Länder im Balkan mit dem Bus bereisen. Je weiter wir in den Osten gelangen, desto älter werden die (Flix-)Busse: Am Anfang geht es noch mit WLAN nach Slowenien, später von Mazedonien nach Bulgarien klappern und ruckeln die Sitze schon heftiger, während die Busfahrer ungerührt an ihren Zigaretten ziehen und beschwingt zum lautem Balkan-Pop mit den Köpfen wippen. Eine Busfahrt, die ist lustig; eine Busfahrt, die ist schön. Man lernt die Landschaft der jeweiligen Länder besser kennen. Oh ja, der Balkan kann hier ordentlich etwas bieten. Außerdem erlaubt das Busfahren uns, mit Zeit und Ruhe zu reisen. Wir haben keinen Stress und keinen Zeitdruck. Insgesamt werden wir gut zwei Monate durch den Osten Europas tippeln.

Im Balkan reisen wir nach Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien, Mazedonien und Bulgarien. Wir fühlen uns überall äußerst willkommen und werden sehr gastfreundlich empfangen. Egal, ob von dem Profiboxer in Podgorica, der unbekanntesten Hauptstadt Europas (Montenegro); beim Willkommens-Grappa mit der Airbnb-Vermieterin in Zagreb (Kroatien), während einer Fahrradtour durch das skurril-protzig gestalteten Skopje (Mazedonien) oder beim Public Viewing der Fussball-WM im wunderbar wuseligen Tirana (Albanien). Da sich unsere National-Elf nicht gerade mit Ruhm bekleckert, erfahren wir besonders in Albanien viel Schalk, aber auch Mitleid und Trost.

Vor der Abfahrt haben wir uns vorgenommen, unserer Neugierde nachzugehen und zu versuchen, den Menschen immer offen zu begegnen. Wir wollen unsere Schubladen im Kopf möglichst geschlossen halten. Und wenn wir sie doch mal öffnen, dann alle gleichzeitig, sodass es keine Pflicht der Zuordnung gibt. Wir lieben es, neue Menschen kennenzulernen. Das ist wohl einer der wichtigsten Gründe, warum wir Coaches und Berater beziehungsweise Beraterin geworden sind: Menschen ein Stück ihres Lebens bewusst zu begleiten, mit ihnen zu arbeiten und letztendlich immer auch gemeinsam zu wachsen.

Sarajevo in Bosnien-Herzegowina ist ein besonderer Höhepunkt der Modern Work Tour. Eine Stadt mit (Vor-)Geschichte. Eine Stadt, die noch häufig mit Bürgerkrieg und Leid in Verbindung gebracht wird: Von 1992 bis 1995 wird die Hauptstadt belagert, in 1425 Tagen verlieren über 10 000 Sarajlije (Einwohner Sarajevos) ihr Leben. Bis heute ist das Stadtbild von den damaligen Kampfhandlungen gezeichnet. Von der Dachterrasse unserer Airbnb können wir die einstige „Allee der Heckenschützen“ sehen: Von dort aus wurde die Studentin Suada Dilberović als erstes Opfer des Krieges erschossen.

Aber deswegen sind wir nicht in Sarajevo. Wir wollen eigene Bilder zu dieser Stadt kreieren. Neue Erfahrungen in unseren Köpfen entstehen zu lassen und bestehende Narrative zu hinterfragen, wird uns auf unserer Reise gedanklich immer wieder begleiten. Besonders stark kreisen diese Gedanken an Orten, zu denen es starke kollektive Zuschreibungen gibt, wie beispielsweise China („Da ist doch alles gefälscht!“), Ruanda („Ihr wollt in das Genozidland?“), Nigeria („Fahrt da nicht hin, das ist viel zu gefährlich!“) oder eben Bosnien-Herzegowina („Geht da nicht wandern, da liegen noch Landminen rum!“). Wir werden auf der gesamten Reise das Privileg, unsere eigenen Erfahrungen machen zu dürfen, schätzen lernen. Es ist ein Luxus, der unsere Sichtweisen für unser ganzes Leben prägen wird.

Die Stadt Sarajevo liegt in einem Kessel. Egal, wo wir stehen, sehen wir die kleinen Berge drumherum. Das beschert uns einerseits ein wohliges Gefühl. Andererseits wird uns klarer, wie schrecklich es damals während der Belagerung gewesen sein muss. Dabei verliert man manchmal aus dem Gedächtnis, dass Sarajevo eigentlich als Vielvölkerstadt gilt, wie die Sarajlije stolz berichten. Auch wir nehmen die Stadt so wahr – als einen Ort der multikulturellen, -nationalen und -religiösen Zusammengehörigkeit: Hier leben Menschen aller großen Weltreligionen friedlich miteinander zusammen. Ehen und Familienzusammenschlüsse zwischen Serben, Kroaten, Muslimen, Juden, Christen … sind hier einfach so möglich. Es wird auch gemeinsam gearbeitet, denn Firmenbelegschaften oder Geschäftsführungen können ebenfalls gemischt sein. „Bunt ist toll!“, stellen wir mal wieder fest und freuen uns, in den kommenden Tagen und Wochen diesen besonderen Geist der Stadt besser kennenzulernen.


In unserer Session mit Emina erfahren wir, was es heißt, sich auf „People-first-Entscheidungen“ im Unternehmen zu fokussieren.

Den Wunsch der Sarajlije, an einem so geschichtsträchtigen Ort nun auch die Gegenwart zu leben, spüren wir vor allem bei unserem Besuch im Co-Working-Space Hub387. Dort treffen wir Semir, den Co-Founder von Habeetat und Belma von Bookvar. Wir erfahren, dass sie sich bewusst dazu entschieden haben, in der Stadt zu bleiben und Sarajevo zu einem Zukunftsort zu machen. Sie berichten, dass viele, die zum Studieren ins Ausland gegangen oder geflohen sind, nun zurückkehren. Sie alle wollen vor Ort einen Unterschied machen und positiven Einfluss auf das Leben und das Arbeiten in der Heimat nehmen. Häufig stehen die Gemeinschaft und die Menschen dabei im Fokus ihrer Entscheidungen, was wir als ein Prinzip von Moderner Arbeit verstehen.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
03 июля 2025
Объем:
289 стр. 166 иллюстраций
ISBN:
9783967401011
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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