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ann brondhem
tristan & Ramona
vier geschichten über die liebe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
mit der Seele suchend
Total versaut
Tristan & Ramona
Phase 8 / Umkehrung der Vorzeichen
Impressum neobooks
mit der Seele suchend
"Ich hab einfach kein Glück mit Männern", sagte ich, zu Verena umgewandt. Sie lag auf der Rückbank, die nackten Füße gegen das rechte Seitenfenster gestemmt. "Hatt ich auch genau genommen noch nie."
"Okay?", sagte sie, mit diesem typischen kleinen Grinsen, das ich in den nächsten Wochen noch so oft bei ihr sehen sollte. Und wahrscheinlich fand sie es eine ziemlich merkwürdige Antwort auf die Frage, ob ich einen festen Freund habe.
Ellen fing an zu lachen. "Nah, Mädle! Lass dich net täusche! Unsere kleine Sonia hier jammert nämlich immer ganz gern mal ein bisschen, wenn's ums leidige Thema Kerle geht. Aber immer auf höchstem Niveau."
"Stimmt ja gar nicht!", protestierte ich.
"Doch, doch doch!", sagte Ellen. "Nur dass es bei ihr in Wirklichkeit immer dieses Ding ist... Ach was weiß ich, an jedem Finger zehn. Weil Sonia... Sonia nämlich nicht bloß einen festen Freund hat, sondern obendrein auch meistens immer noch einen Liebhaber. Plus jede Menge..."
"Pfff!"
"One-Night-Stands. Ach komm, sag was du willst!", sagte Ellen und knuffte mich liebevoll auf den linken Oberarm. "Für mich warst du jedenfalls schon immer sowas wie die... Ach was weiß ich! Das leuchtende Vorbild oder so. Die letzte Hoffnung. Für alle Mädels."
Der erste Eindruck: so wichtig! Und für Verena war das ja praktisch der erste Eindruck, den sie von mir bekam, wir hatten ja gerade erst angefangen, uns kennenzulernen. Und dann kam Elli mit ihren Geschichten. Andererseits ist es natürlich schon auch immer hochinteressant mitzukriegen, wie andere Leute dich wahrnehmen – im Gegensatz zu dem, wie du dich selbst siehst und dein Leben. Und in diesem Falle war es eben auch deshalb besonders interessant, weil diese bestimmt liebgemeinte, aber eben nicht nur schmeichelhafte Charakterisierung nun ausgerechnet von Ellen kam. Sie ist meine älteste Freundin, wir kennen uns schon ewig, schon unser halbes Leben. Ach, mehr als das halbe Leben, wir sind zusammen aufgewachsen, praktisch. Zuerst war's Pony und Barbie, und später dann Party, Kiffen und Jungs. Und zusammen Abi machen. Auf'ne Art war Elli die Schwester, die ich nie hatte.
"Weswegen jetzt?", fragte Verena. Sie hatte sich aufgesetzt und ihren Kopf zwischen den beiden Sitzen hindurch nach vorn geschoben, ihr Oberarm lag auf meiner linken Schulter. "Also wofür jetzt, letzte Hoffnung?"
"Na, dafür halt", sagte Ellen und machte eine Kopfbewegung, als würde sie mit dem Kinn darauf deuten. "Das Ganze so. Liebööö!"
"Liebeee!", rief Verena lachend und patschte mir dabei auf den linken Oberarm. "Voll fett!"
"Yeah!", rief Elli. "Und Sex natürlich! Böp, böp, böp!" Und dabei drückte sie auf die Hupe, dreimal.
"Oh fuck, nee", sagte ich und legte die Hände vors Gesicht. Denn ich hatte bereits zu diesem Zeitpunkt ein ganz bestimmtes Gefühl, worauf das alles hier hinauslaufen würde.
Kaum zu glauben, dass das erst vier Wochen her ist. Und jetzt ist es schon wieder vorbei, einfach so: Zack, Ferienende! Und du sitzt heulend im Flieger und starrst aus dem Fenster. Oder auf die Rückenlehne des Vordersitzes. Oder auf die Fotos in deinem Mobiltelefon. Oder in dein Reisetagebuch.
Zu Anfang des Urlaubs hat man ja immer dies Gefühl, man würde eintauchen in einen paradiesischen Zustand völliger Zeitlosigkeit. So dies Ferien-auf-Saltkrokan-Feeling, wie in den Sommerferien damals mit Mama und Oma in Dänemark. Und Ferienende, das findet ja wahrscheinlich jeder doof. Oder gibt's das? Leute, die es toll finden, wenn die Ferien vorbei sind, so nach dem Motto: Oh super, jetzt schön wieder arbeiten gehen! Ja wohl eher nicht. Also kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.
Vorhin haben wir noch zusammen gefrühstückt, Verena war vorbeigekommen, und nach dem Frühstück fuhren meine beiden Mädels mich zum Flughafen und halfen mir beim Einchecken. Anschließend saßen wir noch zusammen in der Halle und warteten, bis mein Flug dran war.
"Ach, war das geil, Leute!", sagte Ellen. "Gelle?" Sie legte die Arme um Verenas und meine Schultern und küsste uns nacheinander auf die Wange. "Eine anstrengende, aber auch sehr schöne Reise."
"Ja, ich fühl mich auch komplett… amorph", meinte Verena und seufzte. "Dabei kommen wir doch gerade erst aus dem Urlaub."
"Ich mich auch", sagte ich. Mir war schon den ganzen Morgen schlecht (Mama würde sagen: wie Buttermilch und Spucke), und ich hatte deswegen auch kaum was gegessen. Aber dafür hatte ich extra viel Make-up aufgelegt.
"Vielleicht 'ne leichte Irritation der kleinen rosa Festkörperchen", sagte Verena lachend.
"Ja, vielleicht. Könnte sein."
"Und zudem dann auch noch Urlaub vorbei und Auftritt Ernst, wie in Ernst des Lebens."
"Na, ich bin jedenfalls scheißfroh, dass Michi nichts gemerkt hat", sagte Ellen. "Von daher glaube ich, ich kann mir meine Beichte sparen."
"Kann ja noch kommen."
"Mensch, hör auf! Sowas soll man nicht beschreien."
Dann wurde mein Flug aufgerufen, und die beiden brachten mich noch bis zum Securitycheck. Wir verabschiedeten uns tränenreich voneinander, obwohl es in Wirklichkeit ziemlich lustig war: Ellen umarmte mich, Verena umarmte mich, Verena umarmte Ellen.
"Ach Gott ach Gott!", sagte sie und winkte mit beiden Händen ab. "Ich bin heut ganz konfus. Ich flieg doch gar nicht weg."
"Ich spüre eine Erschütterung der Macht", sagte Ellen lachend. Sie umarmte mich und küsste mich noch einmal. "Hierbleiben du musst!"
"Ist das auch ein Spezialgebiet von dir?", fragte ich Verena, mit einem Lächeln, das wahrscheinlich etwas verunglückt aussah.
"Manchmal, ja." Sie probierte ihr Lächeln. Und es wirkte, zumindest bei mir. "Es kommt auf die Umstände an, gell? Die Umgebungsvariablen sind ja das A und O bei solchen Sachen."
"So, kommt her, Mädels", jauchzte Ellen. "Einmal noch Po-Ebene per tutti!"
Die letzte Umarmung. Verenas Gesicht ganz nah vor mir. Nur ein riesiges Auge, tiefblau.
"She's lookin' at you, kid." Sie küsste mich, ganz zart, mitten auf den Mund. "Und das nächste Mal machen wir dann einfach alles anders", flüsterte sie mir ins Ohr. Ich fühlte ihre Hand auf meinem Po, zum letzten Mal. "Von Anfang an."
"Okay. Von Anfang an."
Dann ging ich durch die Sicherheitsschleuse.
"Tschü'üs!", rief Ellen von der anderen Seite und winkte überschwänglich. "Bis ba'ald! Und ruf an, wenn du da bist, hörst du!"
Und damit war alles vorbei. Unser Superduper-Mädelsurlaub war zu Ende und alles andere auch. Als ich im Flugzeug saß, das erste Mal allein seit mehr als vier Wochen und mit meinen ganzen Erinnerungen, rollten mir unablässig die Tränen. Ich konnte sie nicht stoppen, sondern immer nur wegwischen.
Und es waren wirklich megageile Ferien, von Anfang an. OK, auf dem ersten Stück durch Österreich hat es geregnet, und wir waren alle drei noch ein wenig müde, so: muffelig und ein bisschen maulfaul. Aber zwei Stunden später waren wir schon über den Brenner und freuten uns wie die Schneeköniginnen, weil uns die liebliche Sonne des Südens anlachte. Und wir dann alle so: Yippie yeah! Mädelsurlaub!
"Jetzt fangen die Ferien so richtig an", verkündete Ellen. "Sommer. Sonne. Sex."
"Sommer und Sonne sind schon da", sagte ich und setzte meine Sonnenbrille auf. "Ziemlich viel davon."
"Fehlt also bloß noch – Sex!", meinte Ellen grinsend. "Und bitte auch gerne viel davon! Oder hat jemand Gegenvorschläge?" Ich rollte schon so leicht mit den Augen, als sie das sagte, so nach dem Motto: Oh bitte nicht das wieder! Das konnte Ellen aber nicht sehen. "Die müssten dann allerdings auch mit S sein", fügte sie hinzu.
"Wieso?", fragte Verena.
"Wieso wieso?"
"Wieso müssen die mit S sein?"
"Par ordre du mufti", sagte Ellen und machte sich mit dem Zeigefinger einen Schnurrbart. Und so sammelten wir dann bis zur nächsten Pipi-Pause einen ganzen Haufen von Gegenvorschlägen, alle mit S: Shoppen, Strand, Sizilien, Sightseeing, Stracciatella, Siena usw. Mein Vorschlag Sixtinische Kapelle wurde von Ellen ausgebuht ("Langweilig!"), Verenas bunga bunga dagegen fand Gnade vor ihren Augen.
"Hä? Bunga bunga geht ja nun wohl gar nicht", protestierte ich.
"Aber sicher doch", meinte Verena, "das ist hier sozusagen Volkssport."
"Geht nicht! Ist nicht mit S."
Und Ellen dann meinte: "Peace, Mädels. Ich subsumier das mal unter Sex, dann passt's schon."
Dieser Mädelsurlaub war Ellens Idee. Ich wollte ja ursprünglich eigentlich mit Jan in die Ferien fahren, aber mein beknackter Freund hatte mal wieder andere Pläne. Insofern passte es mir dann natürlich ganz gut, als Elli anfragte, von wegen mal wieder zusammen in Urlaub fahren und Italien, und ich sagte spontan ja. Zum einen, weil Urlaub mit Ellen sowieso immer schon toll war. Wüst, aber toll. Und zum anderen fand ich es nach diesem erneuten Debakel mit meiner Urlaubsplanung völlig evident, dass ich mir ganz dringend einmal über ein paar Sachen klarwerden musste. Und bei so einem vierwöchigen Urlaub im sonnigen Süden würde ich ja wahrscheinlich massig Zeit haben: also zum einen, in Ruhe nachzudenken, wie es für mich eigentlich weitergehen sollte mit Jan, oder ob überhaupt, und zum anderen natürlich auch ein bisschen zu entspannen und mich zu regenerieren.
Dritte im Bunde war Verena, eine Freundin und Arbeitskollegin von Ellen aus Innsbruck. Ich kannte Verena vorher noch nicht, wir waren uns mal flüchtig begegnet, als ich Elli in Innsbruck besucht habe, das war alles, und in solch einer Konstellation in Urlaub zu fahren, ist natürlich schon immer Risiko. Aber es stellte sich dann ziemlich schnell heraus, dass wir zwei gut miteinander auskommen würden, im Prinzip schon gleich am allerersten Tag. Ich fand sie gleich von Anfang an supersympathisch und schloss sie sofort ins Herz.
Es waren wirklich wunderschöne Ferien, the best Urlaub ever. Und was das Wichtigste war: Ich war in diesen vier Wochen mental völlig weg von allem, was mich zuhause bedrückte. Meistens jedenfalls. Es gab auch so Depri-Momente, aber meistenteils war ich einfach happy und wunderbar entspannt. Oder eben "völlig bunga bunga" (O-Ton Verena), was dann so ungefähr das gleiche bedeutete.
Insofern ist die Situation jetzt schon irgendwie ziemlich paradox. Denn hätte Jan mich nicht versetzt, hätte es unseren supertollen Mädelsurlaub nie gegeben. Nichts von alledem, was passiert ist, wäre jemals geschehen. Nur dass ich jetzt auf 'ne Art eben noch viel unglücklicher bin als vorher.
Kurz hinter der Grenze fuhren wir auf die Raststätte, für Pipi-Pause und Fahrerwechsel, und weil Ellen sich Zigaretten kaufen wollte. Sie rauchte zwar eigentlich schon ewig nicht mehr, außer beim Kiffen vielleicht noch und eben in den Ferien.
"Also i'ich, ich brauch jetzt erstmal Fortuna", sagte sie und zog los Richtung Tankstelle. Und als sie kurz darauf zurückkam, rief sie schon von weitem: "Die haben hier gar nicht Fortuna! MS heißen die hier, die Zigaretten."
"Fortuna ist Spanien", sagte Verena.
"Stimmt! Jetzt wo du's sagst", meinte Ellen und zündete sich eine Zigarette an. "Ist ja aber auch kackegal, wie die heißen. Zigaretten sind Zigaretten. Obwohl so'n büschen Fortuna könnt ich natürlich auch gut gebrauchen", fügte sie hinzu, ließ die Zungenspitze kurz aufblitzen, und dann lachte sie dieses kleine debile dreckige Lachen, wo du schon gleich weißt: OK, der Feierdrachen fährt gerade schon wieder hoch.
Irgendwie war das bei Elli schon immer so, dass sie so völlig ausrastete, wenn wir zusammen im Urlaub waren oder auf einem Festival. Oder wenn sie mich in Hamburg besuchen kam. Und sie es dann immer so darstellte, als wäre ich diejenige welche. Böse Sonia!
Und auch dieses Mal war sie anscheinend wild entschlossen, die Sau rauszulassen. Was insofern erstaunlich war, als sie ja in einer festen Beziehung ist, wie wir alle drei übrigens, mehr oder weniger. Aber Elli eben mehr: Sie war schon seit fünf Jahren mit Michi ein Paar, und die beiden wohnten ja sogar zusammen. Und schon seit längerem war immer die Rede von Kind und von Heiraten und Hochzeitsglocken, vor allem in letzter Zeit. Aber Ellis Credo ist irgendwie schon immer gewesen: Urlaub is Urlaub, und da gelten andere Tabus.
"Also mein planning für diese Ferien ist einfach ein bisschen Detox", sagte ich, "ein bisschen Wellness, ein bisschen Strand."
"Boarr, langweilig!", rief Elli und stampfte mit dem Fuß auf.
"Bisschen Lesen. Schlafen. Gut essen."
"Oarr, Mann! Das sind Oma-Ferien, echt!", sagte Elli und stampfte gleich nochmal mit dem Fuß auf. Sie war ernsthaft enttäuscht.
"Ja. Herrlich. Superlangweilig", sagte ich grinsend. ("Soni-Maus, ist dir auch schön langweilig?" war dann die nächsten vier Wochen immer so die Standardfrage, wenn Ellen mich aufziehen wollte.) "Aber vor allem will ich diesmal nicht wieder dieses übliche Chaos. Keine dämlichen Flirts, keine besoffenen Typen nachts im Apartment. Keinen Mount-Everest-Sex."
"Was ist Mount-Everest-Sex?", fragte Verena.
"Wieso Mount Everest? Weil er da ist", sagten Elli und ich gleichzeitig.
"Das ist so'n running gag zwischen Sonia und mir", sagte Ellen.
"Ah ja!"
"Also Gag würd ich das nicht nennen", sagte ich.
"Jaja. Nur dass erfahrungsgemäß ja meistens du diejenige bist, die als erstes damit anfängt."
"Achso, jetzt ist alles meine Schuld. Ja, klar."
"Ja, genau. Du bringst immer all meine ganzen schlechten Angewohnheiten zum Vorschein", sagte Ellen lachend. "So wie rauchen zum Beispiel. Ich rauch echt nur noch, wenn ich mit dir zusammen bin. Sonst nie."
"Lass mich da mal schön raus! Wenn du rauchen willst, rauch. Und wenn du in den Ferien rumpoppen willst wie eine Beknackte, kannst du das gerne tun. Nur ich kann da diesmal glaub ich gepflegt drauf verzichten."
"Ich nicht! Ich muss das ganze Jahr schon immer verzichten. Aber jetzt – sind Ferien! C'est les vacances les filles!"
"Worauf musst du denn verzichten?", fragte ich. Aber das war auch eher eine rhetorische Frage: Elli Feierdrachen reitet wieder.
Ellen ging nach dem Abi damals zum Physikstudium nach Freiburg, während ich in Hamburg blieb. Und seit fünf Jahren lebt sie jetzt in Innsbruck. Dort hat sie promoviert, und dort hat sie auch ihren Freund kennengelernt, Michael. Trotzdem blieb unser Kontakt immer total eng, und bis heute besuchen wir uns immer noch ganz oft oder fahren zusammen in Urlaub.
Verena ist auch Physikerin und arbeitet an dem gleichen Forschungsinstitut wie Ellen und ihr Freund. Sie kommt auch aus Deutschland, aus dem Hochschwarzwald, weshalb sie mit diesem wahnsinnig niedlichen Dialekt spricht, wenn sie denkt, sie spräche das reinste Hochdeutsch.
"D's kleine Vreni ist halt a richtigs Schwarzwaldmädle", meinte Ellen, wobei sie Verenas Akzent ziemlich perfekt nachmachte.
"Stimmt ja gar net!", sagte Verena lachend. "Was du immer redst!"
"Doch doch! Sie kommt nämlich so echt total vom Dorf", sagte Ellen grinsend. "Aus Hinterzarten am Titisee. "
"Wäwäwä!", machte Verena, so leicht angepisst.
"Das ist gleich um die Ecke von Sankt Blasien. Kein Witz!"
"Ach, die Ellen tut mich immer aufziehen damit", sagte Verena und lachte mich strahlend an, während sie gleichzeitig versuchte, Elli zu hauen. "Aber net, dass ich jetzt die ganzen Ferien hindurch für euch das Schwarzwaldmädle spielen muss. Da hätt ich nun absolut keinen Bock dazu. Und wenn, wär ich außerdem sowieso eher so der Waldbauernbub." Sie kniff Ellen in die kleine Speckrolle an der Hüfte.
"Touché", kommentierte Ellen trocken, und Verena gnickerte.
Das blieb dann natürlich Verenas nickname für den Rest der Reise: Waldbauernbub. Selber schuld, würde ich sagen. Und es passte einfach auch zu gut: jung klein muskulös, rotzfrech – obwohl sie für einen Buben vielleicht ein klein wenig zu viel Busen hat.
Ellens nickname auf der Reise war Mamma Ellen oder einfach la mamma, weil sie sich immer total fürsorglich um alles Organisatorische kümmerte und außerdem unsere gemeinsame Kasse verwaltete.
Ich war il dottore, klar, schon weil ich für alle kleinen Wehwehchen zuständig war.
"Dottore Sonia isse die mit die bittere pille und mit die condomi", meinte Ellen immer, um mich ein bisschen aufzuziehen, weil ich ihnen angeblich ständig Vorträge halten würde über Safe Sex. Obwohl, Verena nannte mich meistens "Kleine", dabei bin ich a) einen halben Kopf größer als sie und 2. die Älteste von uns dreien.
Selbstverständlich hatten wir unsere Reise nicht bis ins Kleinste durchgeplant, aber ganz grob einen Masterplan gab's schon: Wir wollten nach Sizilien und dort dann herumcruisen, die Insel erkunden bis hinüber nach Palermo und auch das Binnenland. Liparische Inseln, wenn die Zeit es erlaubt. Außerdem Strandleben, baden, feiern, joggen, lesen. Lecker essen. Und shoppen natürlich, klar: "Wir sind schließlich Mädchen" (O-Ton Elli). Für die Rückfahrt wollten wir uns dann ein bisschen Zeit nehmen, ein paar Städte abklappern, Neapel, Rom, Florenz usw., aber die Hinfahrt runter nach Sizilien wollten wir in einem Rutsch machen.
"Und da'as", hatte Ellen am Vorabend unserer Abfahrt noch gemeint, "wird ein richtiger Höllentrip. Ein 24-Stunden-Höllentrip!"
In Wirklichkeit war die Fahrt dann das absolute Gegenteil von Höllentrip: sehr sehr angenehm, vollkommen gechillt, fast ein wenig hypnotisch. Wie ein langer, schöner Trip. Wir hatten praktisch von Anbeginn eine superschöne Stimmung miteinander, total locker und fröhlich. Und Verena und ich hatten die ganze lange Autofahrt Zeit, um uns ein bisschen näher kennenzulernen und miteinander warm zu werden. Wir befanden uns ja noch in dieser allerersten Kennlern-Phase. Wo dann aber einfach ziemlich schnell klar war, dass es passt mit uns beiden.
Die meiste Zeit quasselten wir äußerst angeregt über alles Mögliche. Manchmal auch ernsthaft, klar, aber meistens war es eben einfach nur superlustig, komplett gaga und laa lala. Wir machten jede Menge Quatsch. OK, beim Autogrill war ich die Einzige, die es lustig fand, aber über die Po-Ebene zum Beispiel konnten wir uns stundenlang amüsieren, wie die kleinen Kinder. Und manchmal wurde es dann auch ein bisschen versaut, klar, wir sind ja schließlich schon große Mädchen.
"Hehehehe", gackerte Ellen, "guckt mal, Mädels: der Laster. Der ist aus Poland." Sie konnte sich wirklich königlich darüber amüsieren. "Der kommt bestimmt aus Hinterzarten, was ja bekanntlich die Hauptstadt von Poland ist", fügte sie grinsend hinzu und streckte Verena die Zunge raus.
"Wäwäwä!"
"Unterwegs nach Hinterzarten! Aber wer weiß, vielleicht ist er ja auch auf dem Weg nach St. Blasien. Wie auch immer, ich fühl misch jedenfalls jetzt schon ganz popo-popolisch."
"Von wegen popo-popolisch", sagte ich grinsend. "Du bist rollig wie eine Lernschwester." Verena musste so lachen, als sie das hörte, sie konnte sich kaum wieder einkriegen.
"Könnte sein. Könnte durchaus sein. Obwohl eigentlich vertrittst du ja die Medizinberufe hier." Jetzt bekam ich die Zunge gezeigt. "Guck, da steht's sogar schon dran", fügte sie hinzu, als wir unter einer dieser Signaltafeln hindurchfuhren. "Per traffico intenso! Schätze, das bedeutet genau das, was ich denke, dass es bedeutet. Ist also genau unsere Richtung."
"Da steht auch controllo elettronico della velocità. Schätze, das heißt: mach mal halblang auf Italienisch."
"Ach weißt du, lang oder halblang, ich bin da ganz offen", sagte Elli. Und wieder das reizende kleine dreckige Lachen.
Unser Höllentrip verlief mehr oder weniger planmäßig, ohne größere Staus oder sonstige Probleme, so dass wir gegen Abend kurz vor Rom waren. Wir fuhren auf die Raststätte, für Pipi-Pause und um Don Vito vollzutanken.
"Jetzt sind wir schon so richtig im Süden, find ich", meinte Verena, als wir nach dem Tanken beim Wagen standen und rauchten. "Die Vegetation undsoweiter und wie alles aussieht, das ist echt schon so Südeuropa, finde ich." Da konnte man ihr nur zustimmen. Bella Italia! Ellen hatte dann die glorreiche Idee, dass wir doch einfach zum Abendessen nach Rom hineinfahren könnten.
"Ich mein, wir kommen doch so oder so erst morgen früh auf Sizilien an", sagte sie. "Und dann doch lieber so, oder?"
Und dagegen ließ sich ja nun wirklich nichts einwenden. Also gesagt getan, fuhren wir nach Rom und in einen phantastischen Sonnenuntergang hinein und verbrachten unseren ersten Abend in der Ewigen Stadt. Wir fanden ein schickes kleines Restaurant, das auch Pizza anbot, und wo wir auf einer Terrasse unter Platanen draußen sitzen konnten. Das Lokal war halb leer, genau wie die Stadt. Offenbar waren viele Einheimische schon in den Ferien.
"Die sind bestimmt alle auf Sizilien", meinte Ellen. "Könnte doch sein."
Es war jedenfalls eine tolle Atmosphäre, beinahe ruhig und friedlich, wenn man bedenkt, dass wir ja mitten im Zentrum waren, fast so, als könnten wir der großen Stadt beim Atmen zuhören.
Beim Essen sprachen wir noch ein bisschen weiter über unsere gemeinsame Reise und unsere jeweiligen Vorstellungen. Ich wollte Strand, ein bisschen Spaß und im Übrigen "Oma-Ferien". Verena wollte auch an den Strand, sie musste aber auch ein bisschen was arbeiten, weil sie einen Aufsatz fertigschreiben wollte, den sie für eine Fachzeitschrift vorbereitete.
"Außerdem will ich alle Caravaggios sehen. Und in die Oper will ich auch."
"Schätze, wir haben da also weitgehend Konsens, was das Unterhaltungsprogramm anbetrifft, oder?", sagte Ellen. "Die vier großen S: Sonne, Strand, Shoppen und – bunga bunga!" Die beiden letzten Worte sang sie förmlich und wackelte dabei mit dem Hintern.
"O menno", sagte ich lachend, "ich wusste es!"
"Ach komm! Sei ein Schatz, Darling", flehte Ellen und flatterte mit den Augenlidern. "Nur einen ganz klitze-klitzekleinen Urlaubsflirt für misch." Mit dieser Babe-goes-Vamp-Nummer konnte sie mich schon immer zum Lachen bringen.
"Ach mach doch, was du willst, Hasi! Nur bitte nicht wieder solche Dramen wie auf Lesbos."
"Was war Lesbos?", fragte Verena mit unverhohlener Neugier.
"Mhmmm, Lesbos war legendär", sagte Ellen schwärmerisch und schloss für einige Sekunden die Augen im Gedanken an unseren letzten gemeinsamen Urlaub vor vier Jahren.
"Was war Lesbos?", wiederholte Verena und sah mich fragend an. "Lesbisch?"
"Nichts. Nichts-nichts", sagte ich lachend und legte die Hand über die Augen. "Lesbos war gar nichts. Ich will nur noch vergessen."
"Hehehehehe", kicherte Ellen. "Sag isch legendär, mein isch legendär. Dat Land der Grieschen mit der Möse suchen." Und in wenigen anschaulichen Zügen gab sie Verena einen kurzen Abriss über unsere Reise auf die griechischen Inseln.
"Oooh, es war echt so geil! Irgendwie haben wir die ganze Zeit nur mit Wölfen jongliert. Du vor allem, ma chère, wenn ich dich daran erinnern darf. Und waren ansonsten dauer-stoned. Und wahrscheinlich wären wir da völlig versackt, wenn uns die Vermieterin nicht am Ende rausgeschmissen hätte."
"Na, da kann ich mich ja auf was gefasst machen", sagte Verena und zog die Nase kraus.
"Okay", sagte ich. "Lesbos war extrem. Aber es war nicht so extrem."
"Aber ziemlich extrem", sagte Ellen. "Weißt du noch Jannis? Jannis Galanakis? Der Mann mit den goldenen Fingern, hab ich immer gesagt. Wo ich dachte, das wäre so eine Art Lustzauber-Balsam, womit er mich da einschmiert, während er mich die ganze Zeit auf Griechisch zusäuselte. Dabei war es nur ganz ordinäres Olivenöl."
"Kannst du Griechisch?", fragte Verena.
"Nah, naturlich nichtoss!"
"Und wie habt ihr euch verständigt?"
"Hehehe, das war mehr so – intuitiv. Er sprach Griechisch und liebte Französisch. Besser wie umgekehrt, würd ich sagen." Elli lachte. Dann trommelte sie mit beiden Händen auf den Tisch und stand auf. "So, nun aber genug der heiteren Reminiszenzen. Ich geh jetzt noch mal schnell Lulu machen und dann können wir, oder?"
Ellen ging zur Toilette, und Verena rückte ihren Stuhl näher zu mir heran.
"Jetzt sag einmal: Ist das alles nur Gered oder meint sie das ernst?", fragte sie.
"Was denkst du?"
"Ich weiß net. Sag du's mir, du kennst sie schon länger."
"Sie meint das todernst. Ellen findet, im Urlaub wäre alles erlaubt."
"Naja, irgendwie stimmt es ja auch", sagte Verena und grinste verschmitzt.
"Und das war schon immer so bei ihr. Urlaub mit Ellen ist immer so ein bisschen wie Kegelclub: oberwitzig, aber auch oberpeinlich manchmal, ungefähr so peinlich wie Springbreak in Lloret de Mar."
"Oder Lesbos extrem", sagte Verena.
"Oder Lesbos extrem." Und wir mussten beide von Herzen lachen. Dann kam Elli vom Klo zurück.
"What's up, Mädels?"
"Wir reden gerade über dich", sagte Verena.
"Nur Gutes, hoff ich."
"Naja, wir diskutieren deinen sexualrevolutionären Weltaufstandsplan."
"Hehehe! Meinen Welturlaubsplan meinst du", sagte Ellen. "Ich kann nix dafür. Bin isch Triebnatur, weissu?"
"Jaja, von wegen, Triebnatur. Oversexed bist du."
"Hehehe! Ja, genau. Oversexed and underfucked. Und vor allem underfucked. Ich bin so underfucked, in Wirklichkeit müsste die Krankenkasse meinen Urlaub bezahlen."
"Na denn: Lasset die Spiele beginnen!", sagte ich.
"Jo! Panem et circenses, würd ich sagen."
Wir mussten die ganze Zeit so lachen, als wir zum Auto zurückgingen, dass uns fast die Tränen herunterliefen.
Die Nachtfahrt von Rom nach Reggio di Calabria war dann die zweite Hälfte unseres Höllentrips. Zuerst waren wir noch total aufgekratzt und unterhielten uns über dies und das. Um die Fahrerin wachzuhalten, klar, aber es gab auch so unendlich viel zu erzählen. Und insbesondere Verena und ich hatten natürlich auch Bock darauf, uns gegenseitig so ein bisschen auszufragen. Später hielten wir uns mit Singen und Ratespielen bei Laune, diese Art Spiele, die wir schon gespielt hatten, als wir zusammen Ferien auf dem Ponyhof gemacht haben, nachts im Bett. Wir grölten das Biene-Maja-Lied und natürlich immer wieder Pippi Langstrumpf, Ellis Version: "Hej, Pippi Langstrumpf, ich mach, was mir gefällt."
Als ich wieder dran war mit Fahren, war es dann schon tierisch spät. Ellen lag auf dem Rücksitz und schlief. Verena gab sich noch eine Zeit lang redlich Mühe, mich zu unterhalten, aber schlief dann auch ein. Ich kam mir vor wie in einem Roadmovie: allein durch die Nacht brausen, warm und südlich, das Autoradio dudelt leise italienische Schnulzenmusik. Der neue Kitsch! Und wahrscheinlich hörte ich da dann auch zum ersten Mal Cercavo Amore, das in Italien gerade der absolute Top-Hit war und stets und ständig und überall lief, und das dann sowas wie unsere Hymne werden sollte. Aber das konnte ich da natürlich noch nicht wissen.
Montag 16. Juli 2012
Auch ich in Arkadien ! Benvenuti a Sicilia! Gestern morgen in Innsbruck bei Regen losgefahren, und keine 24 Stunden später sind wir schon da! Die Fahrt war lang, aber sehr nett.
Elli dreht schon wieder ein bisschen am Rad (" oversexed + underfucked ") Aber was soll's, wenn sie unbedingt will. Sind schließlich Ferien. Und auch ich bin bereit, alles von mir abfallen zu lassen
Kaum waren wir in Messina von der Fähre runter, nahmen wir erstmal einen Cappuccino und futterten die A-Klasse-Sandwiches, die Ellen uns besorgt hatte.
"Hehehe, ich sorge für euch wie eine Mutter", sagte sie, und Verena meinte: "Mamma Ellen!" und prägte damit Ellis nickname für den Rest unserer Reise.
Verena hatte sich aus ihrem schwarzen "Schnuffelanzug" aus Nicki-Stoff geschält, den sie auf der Fahrt getragen hatte, und zeigte der dankbaren Welt ihre schlanken braunen Beine.
"O, wie's scheint, haben Madame schon etwas vorgearbeitet", meinte Ellen und tätschelte Verenas Oberschenkel, worauf die nur trocken meinte: "Bräunungscreme. Give's you a kind of a head start."
Die erste Nacht auf Sizilien verbrachten wir planmäßig in einer Jugendherberge in den Bergen (der "absolute Geheimtipp" einer Kollegin von Mama, die letztes Jahr im Herbst dort gewesen war), die jetzt im Sommer natürlich rappelvoll war mit Travellern zwischen 18 und 80. Und dort lernten wir dann Sascha und Torsten kennen, ein süßes schwules Pärchen aus Berlin. Die beiden hatten für die Dauer ihres Aufenthaltes ein Apartment in Catania gemietet, das sie als Basislager nutzten, von wo aus sie ihre Exkursionen unternahmen.
Wir hatten ja eigentlich unseren supertollen Masterplan, aber da es so unglaublich heiß war, warfen wir kurzentschlossen alles über den Haufen. Statt die ganze Insel abzugrasen, wollten wir lieber erstmal ein paar Strandtage einschieben und dann am Ende der Woche das Appartamento der beiden Jungs übernehmen.
Doch bis zur Wohnungsübernahme waren es noch vier Tage. Also machten wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft am Meer, wo wir bis dahin residieren konnten. Ursprünglich hatten wir ja eigentlich auch geplant zu zelten, tatsächlich gemacht haben wir es schlussendlich kein einziges Mal.
Tageslosung: "O menno! Hunger, Pipi, heiß!" (Elli)
Wir fuhren hinunter in den Süden, den Ätna immer im Blick. Majestätischer Berg. Der Vulkan ist so hoch, dass er praktisch von überall zu sehen ist. Schließlich landeten wir in Marina di Modica, wo wir trotz Ferienzeit problemlos ein Hotelzimmer bekamen.
"Ja, Bombe! Das klappt doch hervorragend", sagte ich.
"Ja genau", sagte Ellen. "Und innert drei Tagen übernehmen wir dann die Hütte von den beiden Berlinern. Sorry, Maus, für diese kleinen Austriazismen", fügte sie entschuldigend hinzu.
"Ist schon okay", meinte ich nur. "Sowas bleibt ja nicht aus, wenn man im Ausland lebt."
In meiner Erinnerung war unser Hotelzimmer grün. Die Jalousien blieben den ganzen Tag geschlossen, um die Hitze draußen zu halten, und deshalb war alles in ein grünliches Licht getaucht wie in einem 50er-Jahre-Südstaaten-Film, Katze auf dem heißen Blechdach oder sowas. Es gab nur ein Doppelbett, weshalb kleine Verena sich zum Schlafen "zwischen die beiden dicken Mädchen quetschen" musste. Aber sie meinte, es wäre recht gemütlich. Und das fand ich in Wirklichkeit auch.
Und ab da waren wir dann eigentlich jeden Tag alla spiaggia.
Heiß heißer superheiß – und damit ist nicht bloß der Zustand von Ellis Libido gemeint, sondern die hiesige Lufttemperatur.
Es war so heiß, dass man es nur am Meer unterm Sonnenschirm liegend aushalten konnte.
"Schweinchen Madonna, was 'ne Affenhitze!", stöhnte Elli. "Ich fühl mich komplett juicy-fruity. Hundert Prozent Lustfeuchtigkeit." Und sie lachte ihr reizendes schmutziges Lachen. Sie wollte es wirklich wissen. Was sie allerdings nicht daran hinderte, eifersüchtig zu sein und jeden Tag zuhause bei ihrem Freund anzurufen.
"Der tägliche Kontrollanruf. Ich muss doch schließlich checken, ob alles in Ordnung ist."
"Und? Ist alles in Ordnung?"
"Pfff! Er sagt ja. Aber ob da die nackerten Weiber rumspringen, weil er bei uns in der Bude ohne Ende Party macht, weißt du ja eh nicht. Und wenn ich ihm hier jetzt fremdginge, wär das also so gesehen nix anderes als wie so'ne Art Putativnotwehr."
Auch Verena telefonierte praktisch täglich mit ihrem Freund.
"Hast du das noch nicht gemerkt?", fragte Ellen mit nachsichtigem Grinsen. "Immer wenn sie so sch-sch-sch in ihr Handy säuselt und dabei diesen leicht debilen Gesichtsausdruck hat, ist Gary dran." Für den debilen Gesichtsausdruck kassierte sie einen kleinen Fausthieb von Verena. "Ach Gary, Gary Gary, uuhuu! Naja, du kennst das."
"Du bist doof", schmollte Verena. "Dir erzähl ich nie nix mehr."
"Nee", lachte ich. "Kenn ich nicht!"
Kannte ich wirklich nicht. Mein Freund rief mich nämlich nicht an. Seit Jan mit Ex und Kind in Urlaub gefahren war, hatte er mich noch kein einziges Mal angerufen. Und am Ende war ich es dann mal wieder, die ihn anrufen musste. Die einzigen, die mich angerufen haben, waren Mama und Lena. Die meisten Leute wussten, dass ich im Ausland war, und beschränkten sich daher auf SMS. OK, dass Mama anruft, war klar, dem kann man ja schlecht entgehen, und als einziges Kind muss man da ja sowieso einiges abpuffern. Und dass Lena mich anrufen würde, war auch irgendwie klar. Sie ist aktuell mal wieder der Verzweiflung nahe, was in der letzten Zeit häufiger der Fall war, und muss sich dann einfach ein bisschen entlasten. Ich find's OK, dafür sind Freunde schließlich da. Nur mein beknackter Freund zog es vor, mich mit Kontaktsperre zu belegen.
"Mach dir nichts draus", sagte Elli. "Das Leben ist halt kein Kindergeburtstag."
"Doch, das ist ja genau das Problem", sagte ich. "Das Leben ist Kindergeburtstag. Am Anfang wollen alle Prinzessin sein, und am Ende heulen dann alle."
"Ach was weiß ich, dann ist es eben kein Ponyhof. Jedenfalls ist es scheiße!"
Eigentlich finde ich das gar nicht. Mein Leben ist nicht scheiße. Soll heißen: Es gibt auch schöne Dinge. Die Affäre mit Tim zum Beispiel. Seit neun Monaten geht das jetzt mit ihm. Ellen würde sagen, er ist mein "Lover", aber ich sage Liebhaber. Das ist ein Unterschied. Dein Liebhaber bringt dich zum Flughafen, während dein eigener Freund dich versetzt. Und es war Tim, der mich zum Flughafen gefahren und mir mit dem Gepäck geholfen hat. Er ist einfach ein Lieber. Die letzte Nacht vor meiner Abreise hatten wir zusammen verbracht, inklusive Abschiedssex. Schöner, schmutziger Timmi-Sex. Hart und rumpelig, wo dir noch drei Tage hinterher alles wehtut. Süßer Schmerz der Wollust...
Verenas Freund Gary war ebenfalls Physiker. Die beiden hatten sich in Boston kennengelernt, als Verena dort ihr Auslandsjahr gemacht hatte.
"Ist das ein Ami?", fragte ich.
"Nah, nee nee. Er ist eigentlich Engländer. Aber er arbeitet schon seit ein paar Jahren dort."
"Verenas Süßer ist nämlich so eine Art physikalisches Wunderkind", sagte Ellen. "Solche Verbindungen werden im Himmel geschlossen: das höchstbegabte Fräulein Gutlieb und Mister Gary Saunders, das junge Alphamännchen unseres Faches."
"Gutlieb", wiederholte ich grinsend, und Verena wurde ein bisschen rot.
"Und zusammen zeugen sie dann den nächsten Einstein."
"Und seht ihr euch oft? Wenn er in den USA lebt?"
"Ja, meistenteils schon. Aber jetzt sind's schon fast drei Monate."
"Uffa!"
"Tja, s'ist halt eine Fernbeziehung. Aber zum Glück gibt's ja Internet. Und wenn’s alles geht wie geplant, gehe ich nächstes Jahr auch nach Boston. Also jetzt net wegen Gary, net nur. Mit etwas Glück kann ich dort am Institut eine Assistentenstelle bekommen."
"Von wegen Glück", sagte Ellen. "Du bist einfach die Beste."
"Du nun wieder!", sagte Verena, ein wenig verlegen. "Naja. Aber wenn wir wieder zurück sind, kommt Gary nach Innsbruck. Das erste Mal. Und dann mal schauen, was wir machen. Vielleicht fahren wir meine Eltern besuchen."
"Er kommt dann rüber?"
"Nee. Er ist zurzeit in London bei seiner Familie. Also genaugenommen ist er bei seinen Eltern. Und bei seiner Ex und..."
"Nah, das find ich schon echt brutal", sagte Ellen.
"Ja, irgendwie schon." Verena drehte ihr Haar zusammen und steckte es hoch. Ich war immer vollkommen davon fasziniert, was sie alles mit ihren Haaren anstellte. Sie hatte nie mehr als ein paar Stunden die gleiche Frisur. "Andererseits, die beiden haben nun mal ein Kind zusammen, so eine richtige kleine Prinzessin, sechs Jahre alt. Sheila. Von daher."
"Wir hatten früher mal einen Hund, der Sheila hieß", sagte Ellen. "Einen total süßen Bordercollie."
"Und kennst du sie?", fragte ich.
"Sheila, komm bei!" rief Ellen energisch und lachte.
"Das Kind meinst du? Nee. Achso, nee, die Ex auch nicht. Sie ist anscheinend so eine richtige englische Oberschichten-Tante aus der erstbesten Londoner Gesellschaft, mit endlos Geld und so. Grace Kelly, sag ich immer."
"Weil sie so aussieht wie Grace Kelly?"
"Ach scheiße, nein! Keine Ahnung. Das sind alles nur so meine Phantasien. Aber Gary ist ja auch Upper Class. Die Eltern haben eine Villa in Kensington, das ist so ein richtiger Palast. Mehr Schicki geht net. Das kommt gleich nach Buckingham Palace, weischt? Und da passt Waldbauernbub halt net so gut."
"Tja, da hast du dann immer gleich die Klassenfrage", sagte ich.
"Ja", sagte Verena. "Leider. Aber London ist geil!"
"Klar. Obwohl, mit der Olympiade jetzt, das muss doch auch das absolute Grauen sein. Also für die Einwohner von London, stell ich mir vor."
"Vermutlich. Obwohl, sie sind grad gar net in London, sondern auf dem Land, ganz standesgemäß. Ich sag immer: Schloss Balmoral oder sowas in der Art."
Da waren wir also, jede mit ihrem Beziehungsstatus, wie er unterschiedlicher nicht sein konnte. Verena hatte ihren englischen Traumprinzen. Ellen hatte ihren Michi aus Tirol, und das einzige Problem bestand darin, dass sie immer total eifersüchtig war und von daher, paradoxerweise, permanent auf Rachefeldzug wegen des eingebildeten oder tatsächlichen Fremdgehens Michaels. Und ich? Ich hatte gefühlt nichts. Das konnte man sicherlich auch anders sehen. Ellen jedenfalls fand meine Situation äußerst komfortabel.
"Wasse du wolle? Du hast deinen super Haupt-Mann. Und obendrein hast du auch noch deinen Sex-Knecht." Sie leckte sich die Lippen bei dem bloßen Gedanken an all die versauten Implikationen dieses Begriffs.
"Hihihi", gnickerte Verena, "Sex-Knecht."
"Ja, genau. El Toro." Sie machte sich Stierhörner mit den Zeigefingern. "Olé!"
"Ah Scheiße Mann, ich erzähl dir bald gar nix mehr," stöhnte ich, musste dann aber trotzdem grinsen. Ich fand es auch nicht wirklich schlimm, dass sie das sagte, weil es ja nur Verena war, die es mitbekam. Aber ich hasste Ellens Angewohnheit, intime Details, die man ihr erzählt, öffentlich auszuplaudern. Da musste man schon aus Prinzip immer ein bisschen gegensteuern.
Anders als Elli hatte ich in diesen Ferien gar nichts vor, was Sex anging. Mein Liebesleben ist ohnehin schon kompliziert genug. Meine Rolle im Team hätte also gut und gern die der "vernünftigen Erwachsenen" sein können. Nur dass dann schon an unserem vierten Abend auf Sizilien die "vernünftige" Sonia plötzlich zur Drama-Queen mutierte und um ein Haar unseren ganzen Mädelsurlaub gecrasht hätte.
Eigentlich war es keine große Sache, mein kleines Techtel mit Jonas. Im Nachhinein verstehe ich auch nicht mehr, was mich da geritten hat. Denn eigentlich war da nichts. Wir waren uns ein paar Mal über den Weg gelaufen, tagsüber am Strand und abends im Dorf, auf der Piazza. Wir haben uns erst angeguckt, dann angelächelt und schließlich auch ein paar Worte gewechselt, so: "Hallo, ich bin der Jonas." "Freut mich. Ich bin Sonia." Das war alles. Nur dass er dann an unserem letzten Abend in Marina di Modica plötzlich vor unserem Tisch stand, als ich mit den Mädels auf der Terrasse vom ristorante saß.
"Ach, da schau her. Sonias kleiner Kavalier", meinte Ellen trocken. "Und, wo hast du dein Pferd geparkt, Froschkönig?"
Jonas guckte leicht irritiert, aber er ließ sich davon nicht abschrecken und durfte sich dann auch zu uns an den Tisch setzen. Nach dem Essen verabschiedeten sich meine Mädels zügig.
"Scusi amici, aber wir können nicht bleiben", meinte Ellen, "wir müssen vorm Zubettgehen noch ein paar Kerle aufreißen."
Und Verena flüsterte mir deutlich hörbar zu: "Buona sera signorina! Va fanculo! Baccia mi!"
"Das – war Vulgärlateinisch!", sagte Elli und klimperte mit den Augen wie die Maus aus der Sendung mit der Maus.
Dann zogen die beiden ab, und ich war mit Jonas allein.
Wir blieben noch ein bisschen sitzen, tranken, rauchten, redeten ganz viel und lachten noch mehr. Und gingen dann, irgendwann spät, hinunter zum Strand. Es war stockfinster, das Wasser pechschwarz und beinahe still, nur ein sanftes Wogen. Wir gingen nackt schwimmen, und danach lagen wir am Strand und haben geknutscht.
Das war schön. Sehr schön! Ziemlich heiß, auch ohne Sex. Ich fühlte mich vollkommen gelöst und irgendwie zufrieden.
Jonas brachte mich noch zurück zum Hotel. Und beim Abschied hat er dann gefragt, ob wir uns morgen wiedersehen würden, und ich meinte dann so: Nee. Und dass wir am nächsten Tag weiterwollten nach Catania. Und dann, ganz spontan, ohne vorher groß darüber nachzudenken, sagte ich: "Aber du kannst dich uns doch einfach anschließen. Das wäre toll, dann könnten wir noch ein paar Tage zusammenbleiben."
Ich fand das in dem Moment eine ganz bezaubernde Idee. Und Jonas offenbar auch. Er meinte aber, dass ich das doch wahrscheinlich zunächst mal mit meinen Freundinnen besprechen müsste, bevor wir etwas abmachten. Und dass er auch nochmal darüber nachdenken würde.
Als ich dann ein paar Minuten später im Hotelzimmer Ellen und Verena davon erzählte, hörte sich meine bezaubernde Idee allerdings schon total dämlich an. Und die beiden fanden die Idee auch überhaupt nicht bezaubernd, sondern schlicht doof. Ellen lavierte zuerst noch ein bisschen herum und verpackte ihr Nein in höfliche Ausflüchte. Verena war schlicht dagegen.
"Sorry, aber ich fänd's halt einfach net gut. Ich fänd's halt einfach net gut, wenn wir uns unseren schönen Mädelsurlaub jetzt so kaputtmachen täten, und nur wegen einem Kerl."
"Genau!", meinte Ellen dann. "Wir sind schließlich ein Team, und das geht gar nicht, dass eine von uns hier so'ne Solonummer durchzieht."
Ich meinte dann zwar noch: "Das sagt echt die Richtige", aber mit Verenas Veto war es im Grunde schon entschieden. Wäre es nur Elli gewesen, hätte ich meinen Kopf wahrscheinlich durchsetzen können und Jonas behalten dürfen. Sie konnte mir eigentlich nie was abschlagen.
Aber so musste ich am nächsten Morgen Jonas anrufen und ihm sagen, dass ich meine Einladung wieder zurückziehen müsse: "Sorry!" Er schien davon total überrascht, meinte dann aber selbst auch, dass er sich inzwischen ganz ganz viele Gedanken gemacht hätte, und dass er sich letztlich dafür entschieden hätte, doch lieber allein weiterzufahren. Das kränkte zwar mein Ego ein bisschen, aber im Grunde war ich doch eigentlich auch ganz froh darüber, dass er das so sah. Weil das nämlich bedeutete, dass er gar nicht erst versuchen würde, mich umzustimmen. Wir meinten dann beide noch, dass wir uns eventuell ja in Florenz noch einmal treffen könnten, falls das Timing stimmt. Und das war's dann. Im Nachhinein konnte ich auch ganz gut damit leben. Ich hatte jedenfalls keine Sekunde lang in Erwägung gezogen, meine beiden Mädels im Stich zu lassen und mit Jonas allein weiterzuziehen.
Nach vier Tagen wechselten wir nach Catania, was dann für die restliche Zeit unser Basislager wurde. Catania gefiel mir auf Anhieb. Es ist eine hart arbeitende Stadt, laut und schmutzig, eine richtige Hafenstadt eben, abgeschottet gegen das wilde, unbeherrschte Meer. Unser appartamento lag in der Via Antonio nahe der Piazza Bellini, also quasi mitten im centro storico. Die Nachbarschaft ist eine bunte Mischung aus Wohnen, Geschäften, Partymeile und Red-Light-District. Eine Straße weiter von unserer Wohnung warteten Straßenmädchen auf Freier, sogar tagsüber.
"Straßenmädchen, ich finde, das klingt immer so… keine Ahnung, Pretty-woman-mäßig", meinte Elli. "Dabei sind die meisten hier Frauen deutlichst Ü30, die wie wir alle gegen Verfall und Schwerkraft kämpfen müssen, und wo du dich wunderst, dass die überhaupt irgendwas gerissen kriegen."
Aber für uns war es natürlich top: Für billiges Geld hatten wir eine schöne, großzügige Wohnung, das Badezimmer hübsch renoviert. Alles ein bisschen improvisiert, die Gas-Wasser-Installationen z.B. waren haarsträubend. Aber sehr hübsch eingerichtet: praktisch leer, die wenigen Möbelstücke eine wilde Mischung aus Louis XVI und Gelsenkirchener Barock. Schon molto siciliano. Es gab keine Klima-Anlage, daher wohl auch der relativ günstige Preis. Aber für uns war es sehr in Ordnung. Führten wir halt ein Leben in Unterwäsche in unserer "Model-Villa", gammelten herum und ließen italienische Game-Shows im TV laufen. Und für Don Vito gab es sogar eine eigene Garage.
Tagsüber machten wir manchmal Ausflüge (nach Taormina oder nach Siracusa), aber meistens waren wir einfach nur am Strand. Und abends waren wir dann in der Stadt unterwegs. Wir machten bella figura, gingen essen und danach auf die Piste. Auf Sizilien hat ja jedes kleine Kaff seine Partyzone, wo die Einheimischen abends flanieren, quatschen, trinken. Jung und alt, bunt gemischt. Und natürlich erst recht in Catania. In den Straßen rund um die Piazza Bellini tobt nachts das Leben. Es gibt unendlich viele Bars und Kneipen, aber ganz ganz viel findet einfach auch draußen statt. Dort gehörten wir schon zu den älteren unter den Pistengängern, hauptsächlich waren es Kiddies, Oberschüler und Studenten, alles zwischen 16 und 22.
"Fuck, da fühlt man sich plötzlich schon richtig alt", meinte Verena.
"Ach was! Du bist doch noch ein junger Hüpfer", meinte Ellen trocken. "Was soll ich denn da sagen? Oder la dottora hier." Sie tauchte geschickt unter meinem Fausthieb hindurch. "Zu langsam! Sie wird nämlich schon bald 33, unsere Sonia."
"Oje, die große Doppel-Drei", sagte Verena und rubbelte tröstend meinen Unterarm.
"Schnapszahl", sagte Ellen. "Eigentlich kannst du ja gleich schon mal anfangen, einen darauf auszugeben. Wo ist denn hier die nächste Schnapsausgabe?"
Zweimal haben wir abends auch selbst gekocht. Verena kann super kochen. Das waren nur so ganz einfache Sachen, Pasta und Fisch und dazu Salat, aber es schmeckte ganz wunderbar, als ginge einem beim Essen das Herz auf.
"Definitiv Heiratsmaterial, die Frau", sagte Ellen und bedeckte Verenas Hand mit Küssen.
"Kochen ist die dunkle Seite der Physik", meinte Verena und grinste mich an. "Außerdem bin ich ja eigentlich auch eher der häusliche Typ, weischt?"
"Ah, isch liebe es", seufzte Ellen. "Ich find's echt so geil, wie wir hier residieren. Voll die Mische aus Frauen-WG und Model-Villa. So wie bei Top-Model, nur ohne das Gekreische."
"Aber dafür mit Senior-Models", sagte Verena lachend und musste flitzen, weil Ellen ihr Haue androhte für diese kleine Frechheit.
Appartamento hatte natürlich auch den Vorteil, dass wir immer ein bisschen Wellness machen konnten, was weiß ich: Haare waschen, Fußnägel lackieren, Wichteln usw., und das tausendmal besser als im Hotel. In der "Model-Villa" wurde natürlich auch das zum Happening.
"Hehehe, das wär's doch: kollektive Haarentfernung", sagte Elli. "Vielleicht sollte Heidi das mal ins Programm aufnehmen. Statt Umstyling."
"Oder zusätzlich", schlug ich vor.
"Du meinst Umstyling untenrum?"
Überflüssig zu sagen, dass Verena auch bei unseren Depilier-Partys die Anmut selbst war. Wie die Mädchen auf den Bildern von Degas. "Einfach hinreizend!" (O-Ton Elli). Breitbeinig stapfte sie durch die Wohnung, mit nichts am Leib als schneeweißer Enthaarungscreme in ihrer Bikinizone.
"Das schaut aus wie ein Weihnachtswichtel, findst net?", sagte sie und wackelte mit dem Hintern. Eine gewisse Ähnlichkeit war nicht zu leugnen. Hinterher sollten Ellen und ich dann das Resultat begutachten. "Meint's, ich kann mich so sehen lassen, alla spiaggia?" Wir fanden es sehr OK, und sie selbst war auch zufrieden, als sie das Ergebnis im Spiegel betrachtete.
"Mhm, eine richtige Mädchen-Pussy." Sie legte beide Hände auf ihren Unterleib und neigte den Kopf auf die Seite. "Glatt und makellos. Wie der Schoß einer 15jährigen Jungfrau."
"Hehehe", machte Ellen. "Und, ist das was Gutes?"
"Pfff, eigentlich net", sagte Verena. "Nur die Kerle stehen bestimmt drauf wie verrückt. Also eher als wie so auf die haarige Zottel-Mumu von einer 28jährigen Physikerin."
"Oder einer 32jährigen Ärztin", sagte ich.
"Hallo? Was soll ich denn da sagen?", meinte Ellen. "Ich bin 32 und Physikerin?"
"Das tät i so nun net sagen, Kleine. Das tät ich nun echt so net sagen."
"Na, am Strand behältst du dein Unterteil ja an", meinte Ellen. "Zum Glück! Sonst gäb's wahrscheinlich Herzkasper am laufenden Band, und die dottora käme gar nicht hinterher mit Wiederbelebung."
"Ich könnt's ja mal probieren", sagte Verena, und wir mussten alle lachen bei dieser Vorstellung: Verena nackt alla spiaggia.
"Schnappatmung", sagte ich.
"Na, ich geh dann mal meinen Wichtel abspülen", meinte Ellen. "Weil der ist jetzt bestimmt ja schon langsam mal gar." Und sie verzog sich unter die Dusche.
"32", sagte Verena mit diesem frechen kleinen Grinsen. "I hatt ja ursprünglich denkt, dass wir gleich alt wären, du und ich. Dabei bist du auch schon so eine alte Tante wie die Mamma Ellen."
"Bitch!", sagte ich lachend und gab ihr einen kleinen Klaps aufs immer noch nackte Hinterteil.
Komplimente machen kann sie.
Zwei Wochen Strand und Meer: Ich fand das einfach nur traumhaft! Ich war wirklich sehr zufrieden mit unserer Planänderung. Ich bin der absolute Meermensch. Und wenn ich die Wahl habe, entscheide ich mich immer fürs Meer.
Zum Baden fuhren wir immer ins Stella Marina, so ein typisch italienisches Strandbad, wo es alles gab, was das Herz begehrt: einen schönen hellen Sandstrand mit Strandliegen und Sonnenschirmen, Strandbar, Umkleidekabinen und Service direkt am Liegestuhl. Es gab dort keine aufdringliche Animation, keine "aquagym" mit hyperaktiven Vorturnerinnen, keine hammerlaute Musik all day long, die den ganzen Strand beschallt, wie in so vielen anderen italienischen Beachclubs. Kein Radau, sondern ganz classico. Und das fanden wir wunderbar.
Das Publikum war eine ganz bunte Mischung. Viele Touristen, klar, aber auch viele Einheimische. Familien, Paare. Und auch ganz viele junge Leute aus Catania.
Es wurden sehr entspannte Tage. Vollgepackt mit einer Fülle von Geschehnissen und Eindrücken, aber irgendwie auch immer das Gleiche, weil im Prinzip ja ein Tag wie der andere war. Ewige Wiederkehr.
Wir kamen immer gegen Mittag an den Strand, wenn die Frühschicht schon wieder ging. Die Einheimischen hielten uns vermutlich für völlig bekloppt: Nur Touristen legen sich in der Mittagshitze an den Strand. Nach zwei Tagen hatten wir praktisch unseren Stammplatz unweit des Wassers. Und der Rest verschwimmt in der Erinnerung. Es bleibt nur ein buntes Chaos im Kopf zurück: witzige Szenen, unsere kleinen Rituale. Gesprächsfetzen, Leute, Blicke...
Am Strand ging dann jede von uns ihren bevorzugten Beschäftigungen nach. Verena hatte immer eine ihrer Physikschwarten vor der Nase, ließ sich aber gern und leicht ablenken. Elli las ihre "Saftschinken" (O-Ton Verena) oder löste Kreuzworträtsel und unterhielt uns mit ihren Erkenntnissen: "Bedürfnis, Verlangen mit vier Buchstaben?" "Unbekleidet mit fünf Buchstaben?" Oft vergnügte sie sich mit Leutegucken und lästern. Ansonsten war sie mit Flirten beschäftigt, was sich allerdings auch praktisch kaum vermeiden ließ, weil wir permanent von irgendwelchen "Ragazzos" umlagert wurden, die mit uns "passeggio" machen wollten.
Insbesondere Verena wirkte auf die Kerle wie ein Magnet. Vielleicht lag es an ihrem türkismetallic schimmernden Bikini, aber das war es glaube ich nicht. Es hätte kaum schlimmer sein können, wenn sie komplett nackt gewesen wäre. Wir wurden auch nicht nur von den einheimischen Jungs belagert, sondern auch von Touristen: Amerikanern, Franzosen und Deutschen natürlich. Typen aller Gegenden und Zonen, die sich neben uns im Sand niederließen und anfingen, Konversation zu machen. Und es war evident, dass sie es nur darauf anlegten, eine von uns ins Bett zu kriegen. Und am liebsten Verena.
Keine von uns konnte Italienisch, obwohl ich z.B. ja mit den Liedern von Gianna Nannini quasi großgezogen worden bin. Aber das war nicht wirklich ein Problem. In den touristischen Zentren funktioniert Englisch eigentlich immer ganz gut. Und mit der Zeit schnappt man ja auch ganz schnell das wichtigste auf, so scusi, grazie, prego, fai accendere usw., alla spiaggia, porca madonna, va fanculo. Und damit kommt man ja eigentlich schon ganz gut durch. Ellen hatte sich zunächst noch ernsthaft mit dem Sprachreiseführer abgemüht, während Verena und ich eher lo-fi unterwegs waren.
"Ich glaub ja, das, was die da immer brabbeln, dies facciamo passeggio, heißt: Spaziergang machen auf Italienisch", sagte Ellen. "Nur in Wirklichkeit ist das glaub ich einfach die Aufforderung zu schnellem Sex, so nach dem Motto: hehehe, bella donna, maken spazieren gehen, alles klar? Irgendwo so rucki zucki im Stehen hinter einem dürftigen Gebüsch 'ne schnelle Nummer schieben. Oder Blowjob. Eine blasen maken."
"Bääh, ist das widerlich!" Verena schüttelte sich vor amüsiertem Ekel.
"Och, naja. Kann man so oder so sehen." Elli grinste vergnügt.
"Na, dann passt mal gut auf euch auf!", meinte ich, ein wenig spöttisch. "Make spaziere gehe." Verena grinste mich an und legte den Arm um mich.
"Keine Sorge, Kleine, wir haben alles im Griff. Festkörperphysik ist schließlich unser Spezialgebiet, weischt?", sagte sie und kniff mich in die Taille.
"Hehehe, genau. Alles bloß Physik", meinte Ellen.
"Maken spazieren gehen va bene, aber dann ist auch basta! Sollen sie sich selbst einen runterholen, ich mach's jedenfalls net!"
"Ich überleg noch", meinte Elli grinsend. "Aber keine Bange, dottore. Wenn uns einer blöd kommt, machisch Spock-Griff und: bum!"
"Das gibt's wirklich", sagte ich.
"Jaja, klar, bei den Vulkaniern."
"Nee, ganz wirklich. Wenn du hier am Hals die Carotis abdrückst, führt das augenblicklich zur Ohnmacht. Ist aber auch nicht ganz ungefährlich."
"Na dann! Greif ich dem voll in die Karotte, wenn uns einer blöd kommt."
"Festkörperphysik" als Synonym für Rummachen war natürlich der Brüller. Obwohl sich dann herausstellte, dass es tatsächlich das Spezialgebiet der beiden ist, und Verena dazu eine Publikation vorbereitete. Aber ich bin so völlig unbeleckt, was Physik angeht, und von daher prädestiniert für dumme Fragen.
"Festkörperphysik, ist das sowas wie Raketentechnik?"
"Häh?"
"Na, so Festkörperraketen. Sagt man das nicht?"
"Feststoff", sagte Verena. "Du meinst Feststoff-Raketen. Die Wunderwaffe der Nazis. Und die Weltraumrakete der Amerikaner. Nein, damit hat es nix zu tun."
Verena hat dann ein paarmal versucht, mir wenigstens die Grundlagen zu erklären: "Festkörperphysik befasst sich mit der Physik von Materie im festen Aggregatzustand." Aber Elli sei Dank glitten diese Ansätze immer schnell in Ferkelkram ab.
"Fester Aggregatzustand. Weißt Bescheid?", sagte Elli und legte die Spitze ihres Zeigefingers unter ihr rechtes Auge.
"Dabei sind die amorphen Festkörper letztlich die interessanteren, weil die Modelle nicht passen."
"Jo, völlig komplett amorph!"
Ich glaube, Verena war schlussendlich gar nicht an Sexabenteuern interessiert. Sie flirtete gern mal, aber im Grunde wollte sie einfach nur ein bisschen Spaß haben, was weiß ich: in die Strandbar gehen, kickern, Beachvolleyball, Strandspaziergänge.
"Keine Sorge, Kleine", sagte sie und legte mir die Hand um den Nacken. "Außer kickern und Cola trinken geschieht da gar nix. Eis essen vielleicht noch, aber sonst nix. Und wenn's du's genau wissen willst: das letzte Mal Sex hatte ich vor drei Monaten, als ich bei Gary in Boston war. Beruhigt?"
"Ja", sagte ich grinsend. Und merkwürdigerweise beruhigte es mich tatsächlich.
"Ich mach's wie die Ellen", fügte sie verschmitzt grinsend hinzu. "Höchstens mal heavy petting." Es war nur ein Scherz, aber Verena genoss den erschrockenen Ausdruck auf meinem Gesicht. "Ich glaub ja, sie gibt nur ein wenig an. Und sie mag halt im Urlaub gern a bissel strawanzen, weil's zuhaus ja net geht."
"Was will sie?"
"Aber i glaub net... Strawanzen. So sagt man in Innsbruck für sich herumtreiben," sagte sie grinsend. "Na, du kannst aber auch net Fremdsprachen! Ich hab gedacht, du wärst multilingual." Und wir mussten kichern wie zwei Oberstufen-Mädchen von der katholischen Schule.
"Was sagt denn eigentlich Gary dazu, wenn du hier so viel rumflirtest?", fragte ich.
"Wer?"
"Gary? Dein Freund."
"Ach Gary!" Verena lachte fröhlich. "Herr Gott, was soll er schon sagen? Amerika ist weit. Und so ist es halt bei einer Fernbeziehung: Ich betrüg ihn ein bissel, vielleicht. Er betrügt mich ein bissel, und das wahrscheinlich öfter als ich ihn. Was so schwer net ist, weil ich ja eigentlich immer ganz brav bin. Oder fast immer. Aber was auch immer geschieht, in Wirklichkeit ist es doch alles nur ein bisschen dumdidum, was überhaupt nichts zu bedeuten hat. Wir sind zusammen, und alles ist gut."
Genaugenommen flirtete Verena auch gar nicht. Sie war einfach freundlich. Sie unterhielt sich gern und hatte gern Spaß, hielt die Männer aber auf Distanz. Ich dagegen wäre einem Urlaubsflirt im Prinzip gar nicht abgeneigt gewesen, aber hauptsächlich wollte ich meine Ruhe haben. Aus Ellis permanenten Flirtereien hielt ich mich jedenfalls heraus.
Fast 800 Fotos habe ich in diesem Urlaub gemacht, und auf fast allen Bildern ist Verena drauf. Sie war mein Fotomotiv schlechthin: Verena im Kolosseum, Verena lachend vor der Pasticceria Felice, Verena mit Etna. An der Fontana di Trevi, mit Kätzchen im Arm. Beim Frühstück. Morgens im Bett. Auf der Tanzfläche. Verena, Verena, Verena, Verena.
Und immer wieder und vor allem: Verena am Strand.
Sie saß neben mir auf meinem Handtuch und schaute aufs Meer hinaus. Der Wind spielte mit ihrem Haar, das von der Sonne schon ganz hell geworden war. Sie hatte sich einen dünnen Zopf geflochten, den sie wie ein Haarband über ihre Stirn gelegt hatte.
"Hier ist's schön, gell?" Sie musste blinzeln wegen der Sonne. "Das Meer. So wahnsinnig blau."
"Ja. Es ist wunderschön hier", sagte ich.
Sie wandte den Kopf und sah mich an. "Weischt was, Kleine? Ich glaub, wenn ich überhaupt mit jemand was anfangen wollt in diesen Ferien, dann tät ich mich in dich verknallen." Bei diesen Worten stupste sie mich leicht an der Schulter.
"Das wär dann allerdings wahrscheinlich so richtig dumdidum", sagte ich.
"Ja, schon. Das tät ich Gary dann wohl lieber net erzählen", sagte sie fröhlich. "Das dürft ich ihm glaub ich net antun." Sie sprang auf und versuchte mich hochzuziehen. "Komm mit, schwimmen!" Sie rannte lachend hinunter zum Wasser und stürzte sich ohne anzuhalten kopfüber in die Brandung.
Nach dem Baden cremten wir uns dann immer gegenseitig den Rücken ein.
"Hier am Ansatz muss man immer besonders sorgfältig eincremen", sagte Verena und schob die Hand unter den Saum meiner Bikini-Hose, "wegen Sonnenbrand." Sie schnupperte an meinem Nacken. "Mmmmh, das riecht echt so unglaublich nach Sommer! Ich frag mich ja immer, was die da reintun, dass es so gut riecht. Pheromone wahrscheinlich. Das macht mich jedenfalls immer völlig heiß, dieser Geruch. So absolut nach Sommer."
"Rollig wie eine Lernschwester?", fragte ich lachend, und Verena kicherte entzückt. "Aber mich macht dieser Geruch von Sonnencreme auch immer total an."
"Schnips", sagte sie und ließ das Gummi meines Slips zurückschnappen, "und fertig."
Sie rollte sich auf ihr Strandlaken, drehte sich auf den Bauch und öffnete den Verschluss ihres Oberteils.
"So, und jetzt ich. Aber ganz zärtlich, bitte!"
Zarte anmutige Märchengestalt mit vier Buchstaben? – "Hexe?"
Dass meine beiden Mädels es übernommen hatten, mit den Wölfen zu jonglieren, war für mich natürlich ein Segen. Ich wurde nämlich weitgehend in Ruhe gelassen und konnte ganz nach Belieben tun, was ich wollte: ungestört schlafen, in die Gegend gucken und, vor allem, in aller Ruhe lesen. Das stand ja ganz oben auf meiner Urlaubswunschliste. Und vier Wochen Ferien sind natürlich auch die perfekte Gelegenheit, endlich mal den dicken Wälzer von Jonathan Franzen zu lesen, den Mama mir zu Weihnachten geschenkt hatte.
"Oh, du liest Freedom", hatte Verena gesagt, als sie mein Buch sah. "Ich fand das ja echt ein ganz ganz tolles Buch, also wirklich super super toll. Aber auch supertraurig, auf der anderen Seite, weil sie müssen sich alle die ganze Zeit so schrecklich quälen, und am Ende bekommt dann doch keiner, was er will. Uh Scheiße!" Sie schlug wie erschrocken die Hand vor den Mund und lachte. "Sorry! Jetzt habe ich schon alles verraten. Sorry, Spoiler! Sorry sorry!"
Meistens lag ich also mit meinem "doofen Hut" (O-Ton Verena), Sonnenbrille und Kopfhörern auf meiner Strandliege, hatte mein Buch vor der Nase und war somit perfekt abgeschirmt von allen schädlichen Umwelteinflüssen. Oder ich schaute aufs Meer, den Kopf voller selbstquälerischer Gedanken und zielloser Grübeleien, die mir die Seele verdunkelten und die ich dann in mein Reisetagebuch kritzelte. Niemand interessierte sich für die Große Depressive. Auch wenn Ellen das anders sah.
"Also ehrlich, davon träumt glaub ich jede Frau, hier so neben Scarlett Johansson und Anne Hathaway am Strand zu liegen. Das ist fast wie unsichtbar sein. Danke schön!"
Das war natürlich reine Koketterie, denn tatsächlich erhielt sie jede Menge Aufmerksamkeit von den Ragazzos. Vielleicht nicht ganz so viel wie Verena, aber jedenfalls sehr sehr viel mehr als ich.
"Was schreibst da eigentlich die ganze Zeit? Dein Tagebuch?", fragte Verena.
"Ja."
"Über die Reise?"
"Auch."
"Komm ich auch darin vor?"
Ich grinste amüsiert. "Klar. Über dich schreib ich überhaupt das meiste."
"Cool!" Sie strahlte mich an. "Darf ich lesen?"
Ich reichte ihr die Kladde hinüber, und sie vertiefte sich eine Weile darin.
"Es liest sich ehrlich gesagt wie ein Lebewohl", sagte sie.
"Hm! Kann man so sehen, ja." Ich zog die Mundwinkel hoch zu einem kurzen Lächeln und zuckte mit den Schulter. "Es ist, wie es ist."
Zugegebenermaßen war Verena auch wirklich wahnsinnig heiß in ihrem magnetischen Bikini. Manchmal, wenn ich schwitzend unterm Sonnenschirm auf meinem Liegestuhl döste, ertappte ich mich dabei, dass ich ihr so leicht verträumt auf den Hintern starrte. Und Ellen ging's offenbar ganz genauso.
"Aus dieser Perspektive sieht man sofort, dass du aus Hinterzarten bist", rief sie Verena zu, die im seichten Wasser stand, das blaue Meer als Hintergrund.
"Pfff! Du immer!", lachte Verena und sprang im Wasser umher, dass es spritzte.
"Ich find, sie hat einen Arsch wie ein Junge", sagte Ellen. "Hörst du, Burschi? Ich will auch so einen flachen Arsch wie du!", rief sie Verena zu.
Kurz darauf kam Verena zu unserem Lager zurück.
"Ich weiß ja net, was ihr vorhabt. Ich geh Seestern." Sie zog sich ihr neues Hemdchen aus weißer Baumwollspitze über, das ihr knapp bis zum Oberschenkel reichte, schlüpfte in ihre ollen Strandlatschen und schnappte sich meinen "doofen Hut", den ich auf Mallorca gekauft hatte.
"Das schaut doch nicht blöde aus, gell?", fragte sie und sah an sich hinunter.
"Nee, is super!"
"Nee. Sehr OK", meinte Ellen. "Was Neues, was Altes, was Geborgtes und was Blaues."
"Ciao ragazzo, uno momento, va bene?", sagte Verena. "Make spaziere gehe, weischt? Zwinker zwinker". Sie winkte uns mit den Fingern, streckte mir die Zunge raus und stapfte los Richtung Strandbar.
"Ich find, sie hat echt den geilsten Arsch der Welt", sagte Ellen. "Da könnt ich direkt lesbisch werden. Ich hab selber ja eigentlich auch einen ganz guten Hintern, aber gegen sie habe ich praktisch einen Hängearsch."
"Ach was", sagte ich, "deine Po-Ebene ist voll in Ordnung. Kein Grund sich Sorgen zu machen." Allerdings teilte ich ihre Ansicht über Verenas Arsch zu hundert Prozent.
In den ersten Tagen hatte Verena noch gemeint, sie fände die Aufmerksamkeit der Ragazzos "eigentlich ganz charmant", aber bald darauf war sie nur noch abgenervt davon. Und irgendwann platzte ihr dann die Hutschnur, und sie gab den drei Typen, die keine zwei Meter von ihr entfernt im Sand saßen und sie mehr oder weniger unverhohlen anglotzten, deutlichst zu verstehen, dass sie abhauen sollen, auf Deutsch und mit unmissverständlicher Gestik. Und die Jungs trollten sich dann auch tatsächlich.
"Meine Fresse!" Sie war ernsthaft sauer.
"Das – war Swediss", meinte Ellen lachend und klimperte mit den Augen wie die Maus.
"Ich find's echt eine Zumutung. Also dass du echt immer erst laut werden musst, bevor Typen es schnallen, dass sie sich verpissen sollen."
"Ärger dich nicht, Bub", meinte Ellen. "Die Wölfe holen sich immer zuerst die Kranken und Schwachen. Das ist das Gesetz der Wälder." Verena musste grinsen, trotz ihres Ärgers.
"Pfff, meinethalben. Nur irgendwann ist auch mal gut. Die sollen mich einfach mal in Ruhe lassen, sonst gibt's auf die Nase."
"Jetzt gibt's erstmal Fortuna per tutti ", sagte Ellen. "Als Stimmungsaufheller."
"Also ich würde ja echt zu gerne mal wissen, wo diese ganzen Verrückten immer herkommen", sagte Verena und strich den Sand aus ihrem Buch.
"Die werden von vorbeifliegenden Raumschiffen hier ausgesetzt?", schlug ich vor.
"Wahrscheinlich." Verena machte ein finsteres Gesicht, aber dann grinste sie doch. "Aber wieso landen die dann immer ausgerechnet bei uns?"
Bei der "Jonas-Affäre" hatten wir zwar feierlich unsere Einigkeit beschworen, aber schon beim nächsten Mal war wieder business as usual: Meine Mädels machten facciamo passeggio, und ich lag allein am Strand.
Nur dass diesmal Verena kurz darauf aus der Strandbar zurückkehrte. Sie ließ sich wortlos neben mich in den Sand fallen. Wir schauten ins Blaue hinaus, Himmel und Meer, und rauchten. Irgendwann drehte sie sich zu mir um und sah mich an, den Kopf auf den Arm gestützt.
"Ahm öh... Das da mit dem Jonas da, am Strand, habt's ihr da... Oder du mit ihm... Du weißt schon!"
"Meinst du dumdidum?", sagte ich, so leicht amüsiert. Verena nickte. Und als ich dann meinte: nee, hätt ich nicht, schien sie ein wenig erstaunt.
"Aha?"
"Ich weiß nicht mal, ob ich das überhaupt wirklich wollte."
"Also eher so verknallt, ein bisschen, teenagermäßig?"
"Nee Quatsch verknallt. Es war... Weiß nicht. Ach, keine Ahnung! Ein Urlaubsflirt? Mit der Betonung auf Flirt?"
"Aber wieso hast du denn dann unbedingt gewollt, dass er mitkommt mit uns?"
"Weiß nicht." Ich sah hinunter auf meine Füße und strich mir den Sand von den Schienbeinen. "Es war, glaub ich, diese besondere Stimmung, die ich hatte, da an dem Abend." Ich lächelte sie an, so leicht verlegen. "Oder schon den ganzen Tag über eigentlich. So'n besonderer Zauber, gewissermaßen. Und ich wollte glaub ich einfach noch mehr davon haben." Und nach einer Pause fügte ich hinzu: "Aber inzwischen ist der Zauber auch schon wieder verflogen."
"Tja", sagte Verena. "Scheint so. Sonst säßen wir jetzt wohl nicht hier zusammen, oder? Brauken Fortuna?"
"Ja, gerne!"
Sie krabbelte auf allen vieren zu ihrer blauweißgestreiften Strandtasche und holte Zigaretten und Feuerzeug.
"Und du?", fragte ich. "Wieso bist du schon wieder zurück? Keine Lust mehr auf make spaziere gehe?"
"Ach, ich glaube, ich hatte plötzlich einfach genug vom mit Wölfen Jonglieren. Ich mach's wie's Rotkäppchen und lauf ganz schnell heim zur Großmutter."
"Das ist lieb von dir, Bub. Die alte Frau weiß das zu schätzen!"
"Gern geschehen", sagte sie mit einem kleinen Grinsen. "Ich hätt's halt einfach saublöd gefunden, wenn du dich da mit dem großen bösen Wolf einlassen hättst, weischt?" Sie nahm einen kleinen schwarzen Kiesel und warf ihn Richtung Wasser. "I hätt's halt wirklich blöd gefunden."
Ich war mehr als ein bisschen gerührt, dass sie das sagte. Ich sah hinaus aufs blaue Meer und wischte mir etwas Sand aus dem Augenwinkel. Alles war gut. Alles war gut so, wie es war.
"Kleine Sonias One-Night-Stand" war für Elli natürlich Wasser auf ihre Mühlen.
"Sowas will ich auch! Allein schon aus Revanchegründen. Ich mein, Michi hat jetzt vier Wochen sturmfreie Bude, während ich mit euch hier unten bin. Und ich möchte echt nicht wissen, was er so alles treibt in der Zwischenzeit. Naja, könnt ihr euch ja vorstellen."
"Nee, keine Ahnung", sagte ich, und Verena meinte: "Arbeiten?"
"Pfff, Arbeiten! Ha ha ha, das wüsst ich aber! Er ist bestimmt damit beschäftigt, die liebliche Ficktoria flachzulegen." Sie hielt sich beide Hände mit Abstand vor die Brust, um Megatitten anzudeuten.
"Das ist die neue Assistentin bei uns am Institut", sagte Verena zu mir. "Victoria."
"Oder vielmehr sie ihn. Die legt es drauf an, die kleine Schlampe."
"Sie macht's schlimmer als wie es ist", gnickerte Verena.
"Ich glaub auch", sagte ich lachend.
"So der Typ pumperlg'sundes Wiener Mädel mit rosigen Apfelbäckchen. A bissel feist, a bissel plump, aber die Typen drehen trotzdem alle so mittelmäßig durch wegen ihr: Hach, die süße, die reizende, die ach so wunderschöne Ficktoria. Auch Ficki genannt."
"I find scho auch, dass sie hübsch ist", widersprach Verena. "Und da kann sie ja nichts dafür, fürs Hübschsein."
"Doch. Klar."
"Sagst du mal so, als Betroffene", sagte ich.
"Außerdem ist sie gar nicht hübsch."
"Was?", fragte Verena.
"Na, ich mein, du sprichst aus Erfahrung. Von wegen hübsch sein."
"Ach du immer", sagte Verena lächelnd und patschte mir auf den Arm.
"Es ist gar nicht so, dass ich besonders eifersüchtig wäre", sagte Ellen. "Aber es ist im wirklichen Leben eben nun mal einfach nicht so wie im Schlager, so nach dem Motto: Hossa hossa, shalalalala, mehr brauchst du nicht zum Glücklichsein. Das sind einfach alles Lügen. Komplett. Von A bis Z."
"Na, es kommt halt schon auch ein bisschen darauf an, welche Konzeption von Glück du hast, oder?", sagte ich.
"Was meinst du, Konzeption?"
"Na, ich find so... Na, ich seh das ja zum Beispiel bei meiner Kollegin Lena. Wenn ich mir anschaue, was sie sich wünscht, so in puncto Konzept vom Glück."
"Der kleine Vampir?", fragte Verena grinsend und machte sich mit den Fingern Vampirzähne.
"Wieso Vampir?", fragte ich. "Ach so. Weil sie immer anruft?"
"Ja genau. Da musst du auch lachen", sagte Verena mit diesem lieblichen kleinen Grinsen. "Das ist schön. Ich mag es, wenn du lachst. Du siehst dann so hübsch aus." Sie nahm ein bisschen weißen Sand zwischen die Finger und ließ ihn auf meinen Oberschenkel rieseln. "Total hübsch."
"Na, jedenfalls schiebt sie momentan ziemlich den Frust, Lena."
"Wegen Männers?", fragte Verena.
"Ja, mehr oder weniger schon. Ich mein, wer kennt das nicht?"
"Guck nicht mich an!", sagte Elli. "Ich hab das praktisch erfunden."
"Aber sie hat echt so leicht den Knall, was das angeht", sagte ich. "Also dass sie jetzt unbedingt ein Kind will, zum Beispiel. Auf Biegen und Brechen und ganz egal mit wem. Und dafür irgendwie alles bereit ist zu machen. Ich zieh sie ganz oft auf damit, also dass sie so völlig hysterisch immer so auf dieses Ding, Traumprinz, Kind, Familie abfährt. Aber was weiß ich. Vielleicht ist das ja auch völlig normal, für Frauen in unserem Alter. Nur ich finde, sie hat da echt voll den Tunnelblick, völlig gaga irgendwie. Und bringt sich damit von einer Malaise in die nächste."
"Also ich kenn sie ja nicht wirklich", sagte Ellen, "aber ich weiß echt nicht, was die Alte für'n Problem hat. Das ist so'n richtiges Klageweib, so: mimimi, die Kerle sind alle so gemein zu mir."
"Kann sein. Aber sie weiß wenigstens, was sie will. Und das zieht sie auch gnadenlos durch. Während ich, ich weiß nicht, was ich will. Ich weiß nur, dass das, was ich habe, mich tendenziell unglücklich macht. Oder unzufrieden? Oder eigentlich doch eher unglücklich, in the long run." Verena lachte kurz auf. "Ich leb von Wochenende zu Wochenende, immer in der Hoffnung, dass etwas passiert. Dass es passiert. Auch wenn ich nicht weiß, was das ist."
"So'n bisschen wie damals als Teenie", sagte Ellen. "Wo du jedes Wochenende feiern gehst und hoffst, dass es passiert."
"Ja, genau."
"Was passiert?", fragte Verena.
"Und es passiert natürlich nie. Aber du ziehst trotzdem immer wieder los, jedes verfickte Wochenende."
"Jedes verfickte Wochenende", wiederholte ich. "Nur dass ich mittlerweile kein Teenie mehr bin. Leider."
"Time is runnin' out on you", sagte Verena und kitzelte mich am Knie.
"Bitch!", sagte ich lachend.
"Ach, weißt du, Soni-Maus, manchmal beneide ich dich trotzdem", sagte Elli. "Ganz in echt! Du kannst immer noch losgehen, wenn du Bock drauf hast, und kannst auf die Kacke hauen, als gäbe es kein Morgen. Das ist noch der alte Spirit. Meine eine hat dazu höchstens mal in den Ferien Gelegenheit."
"Naja. Ganz so ist es ja nicht."
"Aber so ungefähr, so ungefähr. Ich meine, im Prinzip ist es für dich doch noch genauso wie früher: Die Typen fressen dir aus der Hand, und du kannst alle haben, die du willst."
"Kann es sein, dass du das gerade alles ein bisschen idealisierst?", fragte ich. "Irgendwie ist es schon ein bisschen paradox, dass wir uns gegenseitig um das Leben beneiden, dass wir führen."
"Hä? Du willst Michi heiraten?"
Mein Telefon klingelte, und Verena machte wieder ihr Vampirgesicht. Das ist ja das Schöne an der Mobiltelefonie, dass man immer erreichbar ist. Das Blöde daran ist, dass man eben immer erreichbar ist.
Während ich mit Lena telefonierte, gingen Ellen und Verena zur Strandbar, "Lulu machen" und Eis holen.
"Am besten ist ja, man macht sein Telefon komplett aus", meinte Ellen, als sie und Verena vom Seestern wieder zurück waren. "Sonst ruft am Ende noch deine Mutti an, wenn du gerad so schön dabei bist... Hehehe, mitten im ungeeignetsten Augenblick, zwinker zwinker!" Sie klimperte mit den Augen wie die Maus. "Obwohl, bei deiner fänd ich das nicht so schlimm. Silke ist cool. Verglichen mit meiner Mutter auf jeden Fall." Ellen und meine Mutter waren schon immer ganz dicke miteinander und sind es bis heute. Ellen wohnte ja damals zeitweise praktisch bei uns, als ihre Eltern sich getrennt hatten.
"Was ich mich ja immer frage", sagte Ellen, "also zu dem Thema Konzeption von Glück jetzt nochmal. Sind unendliches Unglück und unendliches Glück eigentlich das gleiche? Zwei Seiten einer Medaille? Oder sind sie etwas ganz anderes, unterschiedliches? Sozusagen dieselbe Seite zweier gänzlich verschiedener Medaillen?"
"Na, du fährst hier ja das ganz schwere Geschütz auf", sagte ich lachend. "Achtung Achtung! Sollten Philosophinnen an Bord sein: Bitte melden Sie sich umgehend beim Kabinenpersonal."
"Ich find, das ist genau diese Art Frage, wie sie immer bei Frag doch mal die Maus gestellt werden", sagte Verena.
"Hehehe, genau", sagte Ellen und klimperte mit den Augenlidern wie die Maus. "Obwohl, historisch gesehen ja Sonia eigentlich immer die Maus war, und ich der kleine blaue Elefant. Keine Ahnung, wie das zustande gekommen ist." Sie lachte. "Und in letzter Zeit muss ich meistens zusätzlich auch noch den Maus-Part übernehmen. Als Doppel-Rolle sozusagen", fügte sie hinzu und knuffte mich liebevoll auf den Oberarm. "Soni-Maus!"
"Elli-Fant", sagte ich und knuffte sie liebevoll zurück. So hatte ich sie schon ewig nicht mehr genannt.
"Hihi, Elli-Fant! Wie süß!", sagte Verena lachend. "Und? Was sagt ihr beiden Mäuse jetzt zu dieser hochphilosophischen Frage nach der Einheit von Glück und Unglück?"
"Naja. Dass es halt eine philosophische Frage ist", sagte ich. "Medizin und Biologie können da nicht allzu viel beitragen. Gut, wir wissen aus der Hirnforschung, dass beim Gefühlshaushalt diverse Botenstoffe im Gehirn beteiligt sind. Endorphine, Oxytocin oder Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin, die bei den verschiedenen Aktivitäten freigesetzt werden, was weiß ich, beim Sex."
"Hehehe."
"Oder beim Essen. Oder beim Sport."
"Bitte?", sagte Elli.
"Aber es ist nicht so, dass es jetzt für Glücksgefühle oder Unglücksgefühle jeweils einen speziellen Botenstoff geben würde. Das wäre ja auch ein bisschen zu einfach."
"Na, ich komme auf die Frage, weil in der Quantenphysik spricht man ja vom Quantensprung", sagte Elli. "Das ist so diese unsichtbare Grenze, wo eins ins andere umschlägt."
Ich musste laut loslachen. "Sorry Leute", japste ich, "aber ich bin so ein schlichtes Gemüt, ich muss bei Quantenphysik immer an Füße denken."
"Naja, nobody's perfect", sagte Elli lachend. "Ich muss bei Neurotransmittern immer an Ecstasy denken."
"Geht wahrscheinlich den meisten Leuten so", sagte Verena. "Du hast übrigens schöne Füße."
"Danke. Obwohl ich glaube, wenn ich mir das hier so angucke, ich sollte mal meinen Nagellack neu machen."
"Also ich steh auf Füße. Ich liebe Füße, wirklich. Ich glaub, ich bin fussophil."
"Podophil", sagte ich lachend.
"Meinetwegen. Oder podosexuell." Verena gnickerte. "Oder vielleicht doch eher popo-sexuell", sagte sie und klapste mir auf den Hintern.
Wir lagen nebeneinander unterm Sonnenschirm, und Verena beguckte sich Fotos auf meinem Mobiltelefon.
"Hübsch! Ist das der Jan?"
"Nee, das ist Tim", sagte ich. "Mein, äh... mein Liebhaber." Und irgendwie war es mir peinlich, merkwürdigerweise.
"Tim. Er sieht nett aus."
"Das ist er auch", sagte ich. "Nett. Und ausgesprochen praktisch."
Verena grinste mich an und scrollte weiter durch meine Bilder.
"Und ist das der kleine Vampir?", fragte sie und hielt mir das Display entgegen.
"Genau", sagte ich lachend. "Das ist Lena."
"Sie ist hübsch", sagte Verena.
"Mhm. Ziemlich hübsch."
"Wow! Sie schaut aus wie ein Model. Ich mein, mein Typ wär sie eher net, weil ich steh nun mal net so auf große Busen. Aber ihr Look ist der Hammer." Und sie scrollte weiter durch mein Leben. "Weischt, ich denk gerad, ob sie vielleicht auch deshalb immer anruft, weil sie ein bisschen in dich verknallt ist."
"Quatsch verknallt."
"Und jetzt ist sie eifersüchtig, weil... Na, weil du mit uns in Urlaub fährst und nicht mit ihr. Kann doch sein. Also ich wär bestimmt eifersüchtig."
Und just in dem Moment klingelte natürlich mein Telefon, und Verena machte wieder ihr Vampirgesicht.
Ellen hatte sich ausschließlich Erotikromane zu lesen mitgenommen, unter anderem Shades of Grey natürlich.
"Hab'isch mir gleich geholt. Man will ja schließlich mitreden können", sagte sie.
Verena hatte das Buch schon in den Staaten gelesen: "Also i fand's ja eher harmlos, so viel wie davon geredt wurde. Und irgendwie... Ja, langweilig auch. Die ersten hundert Seiten passiert nix. Echt so gähn. Und danach wird dann eigentlich nur noch gefickt, und das ist dann auch langweilig. Da kannst du dir echt gleich 'n Porno reinschieben."
Elli hat das Buch natürlich trotzdem gelesen, "durchaus mit Gewinn". Auch wenn sie Verena teilweise recht geben musste. "Die Alte hat echt schwer einen an der Meise, kann man nicht anders sagen."
Meistens las Verena in ihren Fachbüchern, aber zur Abwechslung und als Bettlektüre nahm sie auch gern mal einen von Ellis Saftschinken zur Hand.
"Das find ich ganz schön mitunter, so zur Entspannung. Und wenn man möcht, kann man dabei auch noch ein bissel an sich herumspielen."
"Öh." Ellen guckte so leicht pikiert "Also machst du nicht ernsthaft, oder?"
"Was meinen?"
"Na, dir an der Mumu rumspielen, während wir alle zusammen im Bett liegen."
"Nah. Wenn ihr schon schlaft halt."
"Also ich fass es nicht! Da schläft man so völlig nichtsahnend, während du dir hier still und heimlich einen runterjuckelst."
"Soll ich dich das nächste Mal wecken?"
"Vielleicht sollten wir es einfach alle mehr machen", meinte ich grinsend. "Lesen."
"Na. Also macht, was ihr wollt, aber... Also dafür fahr ich nicht in Urlaub, echt nicht! Masturbieren tu ich ja schließlich zuhause schon oft genug."
Leutegucken und lästern geht am Strand natürlich immer besonders gut. Und mit Elli konnte man schon immer super lästern.
Sie hat ein scharfes Auge, dem nichts entgeht: "Heiliger Sankt Blasius! Also jetzt brat mir doch einer 'n Storch! Der Typ dahinten, der holt sich doch einen runter. Also echt! Ich fass es nicht. Der holt sich tatsächlich einen runter. Am helllichten Tag."
Sie ist eloquent und schlagfertig: "Leude, drüben bei den Ossis ist schon wieder Freischwinger-Alarm."
Und sie hat ein mitfühlendes Herz für die kleinen Schwächen ihrer Mitmenschen: "Haua haua haua ha! Also wenn ich mir das hier so angucke, dann bin ich ja echt sowas von froh, dass ich mir damals kein Arschgeweih hab stechen lassen. Und dass ich das auch nicht gemacht hab, als das damals losging mit Intimschmuck, sonst hätte ich jetzt wahrscheinlich auch beide Brustwarzen gepierct. Oder am besten auch noch die Klitoris." Sie schüttelte sich vor gespieltem Entsetzen. "Will man sich auch nicht vorstellen."
Da konnte man ihr natürlich nur beipflichten, obwohl wir ja beide selber auch unser Päckchen zu tragen hatten, in Gestalt mehr oder weniger schlechter Tätowierungen.
"Jaja, da wünscht man sich schon manchmal, dass man sich damals anders entschieden hätte", sagte ich.
"Ach, dein Miezekätzchen find ich ganz hübsch", sagte Verena, und betastete die Tätowierung auf meinem linken Schulterblatt.
"Danke. Naja. Obwohl, ich mag Katzen ja auch immer noch ganz gerne."
In unserer Nähe lagerte immer eine Gang sizilianischer Mädchen, alle so ca. 15, 16 Jahre alt. Stets vergnügt genossen sie ihr junges Leben. Spielten mit ihren Mobiltelefonen und lasen Modemagazine. Redeten unaufhörlich. Balgten und neckten sich.
Zwei von ihnen hatten offenbar schon einen festen Freund, zwei picklige Jungs, die manchmal auftauchten. Aber im Laufe des Nachmittags kamen immer diverse Jungs vorbei. Und auch ein paar Mädchen, die jedoch nicht zum harten Kern der Gang zu gehören schienen.
Manchmal lag ich einfach nur träge auf meiner Strandliege und beobachtete die Mädels, wie sie ihre Verführungsspiele spielten. Sich von Jungs betatschen und vielleicht sogar küssen ließen. Ein wildes spätpubertäres Spiel, das durch und durch sexualisiert war.
Eins der Mädels hatte es mir besonders angetan, ein hübsches, etwas schüchternes Mädchen, sehr groß und schlank, mit wenig Busen und kurzen dunklen Haaren. Sie hieß auch Sonia, und vielleicht war sie deshalb mein Liebling. Ich hatte bei ihr immer ein bisschen das Gefühl, sie wäre mein Zeit-Zwilling: wie die Sonia von vor 16 Jahren.
Verena kam und setzte sich neben mich in den Sand.
"Die Ragazzas sind ein bisschen so wie Ellen", sagte sie. "Die wollen's auch wissen. Zumindest glauben sie das."
"Ja, vermutlich. Genau das nennt meine Mama: mit Wölfen jonglieren."
"Hihi. Kluge Mama."
"Is'n gefährliches Spiel."
"Ja, sehr gefährlich", sagte Verena und strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn.
"Mhm. Molto pericoloso."
"Ja, genau. Molto." Sie hatte meine Hand genommen und betrachtete eingehend meine Finger. "Ich finde, du hast richtige Sandkastenhände. Wegen der Fingernägel, mein ich."
"Typische Ärztinnenfingernägel", sagte ich. "Oder Klavierspielerfingernägel."
"Spielst du Klavier?"
"Nee. Also nicht wirklich. Ich würde gern, aber irgendwie war es mir nicht gegeben. Als Kind."
In dem Moment kam Ellen angeschlurft und ließ sich mit einem Plumps neben uns in den Sand fallen.
"Schweinchen Madonna, what a fuck! Gehe mische Ahsche!"
"Ich weiß nicht genau, ob ich weiß, was du meinst."
"Ich weiß, dass du nix weißt", seufzte Ellen. "Und i weiß a'nix."
Sie hatte uns Sandwich misto und Sfogliatelle aus dem Seestern mitgebracht, über die wir uns gierig hermachten.
"Und? Was gibt's Neues bei Ragazza-TV?"
Wir brachten Elli kurz auf Stand, was in der Clique gerade anlag.
"Könnte gut sein, dass Schluss ist zwischen Valeria und ihrem Freund. Er ist jedenfalls noch nicht aufgetaucht."
"Nah, es ist doch gerade mal halb fünf", sagte Verena. "Gib ihm noch eine Chance."
"Na, so rattenscharf, wie Valeria ist, dürfte das wohl nicht allzu lange dauern, bis sie einen neuen hat", sagte Ellen. "Glaubt mir, das ist voll der Heiratsmarkt hier."
"Ach geh, Heiratsmarkt. Diese Jungs wollen bestimmt alle bloß bumsen", sagte Verena bekümmert.
"Hehehe, genau meine Möge", sagte Ellen.
"Ja nu. Aber für diese Mädels hier ist es ja schon nochmal etwas anderes als wie bei uns."
"So ist das nun mal", sagte Ellen. "Die Konkurrenz schläft nicht. Aber noch haben sie alle Vorteile auf ihrer Seite, weil sie noch so jung sind. Sie haben den Glow."
"Sie haben den Glow", bestätigte ich.
"Eine wie die andere."
"Eine wie die andere."
"Auch die kleine Dicke."
"Auch die kleine Dicke."
"Da kannste nicht gegen an", sagte Ellen. "No chance. Ich nenne das den Ficktoria-Effekt. Zum Beispiel, wenn ich mir manchmal unsere kleine Dick-Madame hier so angucke, denke ich: Wow, ich steh echt sowas von auf große Ärsche. Nur wenn ich dann die ganzen alten Weiber hier am Strand sehe, denke ich: Nee, komm, Scheiße, ich nehm alles zurück. Ich steh doch nicht auf große Ärsche."
"Hätte mich jetzt auch gewundert", sagte Verena grinsend.
"Mich auch", sagte Ellen. "Muss an der Hitze liegen. Wahrscheinlich habe ich einen Sonnenstich."
Ich hatte mein Buch schon lange zugeklappt und beobachtete zwei junge Sizilianerinnen, die sich vor uns in den Sand gelegt hatten. Die beiden waren sich ihrer Anziehungskraft wohl bewusst, und ich bewunderte sie für ihre Selbstsicherheit. Sie trugen beide den gleichen Bikini, dunkelgrün, fast schwarz, ziemlich knapp, mit Schleifchen links und rechts am Höschen, das ihre knackigen Hintern eher enthüllte als verdeckte. Üppiges blühendes Fleisch.
"Wach auf, Faulpelz!" Ellen stupste mich an. "Wir wollen was essen gehen."
Offenbar war ich eingeschlafen. Die beiden Sizilianerinnen waren verschwunden. Ellen und Verena hatten sich schon was übergezogen.
"Bäähähä", heulte Verena, "meine ganze Unterhose ist voller Sand!" Sie hüpfte auf der Stelle und lupfte dabei den Saum ihres Slips, damit der Sand herausrieseln konnte.
Ich stand auf, klopfte mir den Sand von der Haut und stiefelte hinter den beiden her Richtung Strandbar.
Es waren wunderschöne, unbeschwerte Tage voller Sonnenschein in unserem "Seestern". Baden, schwimmen, in der Sonne brutzeln, im Schatten schlummern. Reden, rauchen, lästern, essen und trinken. Unsere "Schicht" ging immer von 12 bis 6. Jede von uns hatte Zeit für ihre eigenen Interessen. Und gemeinsam hatten wir Zeit mit- und füreinander. Gegen fünf, halb sechs war dann auch Elli spätestens wieder zurück aus dem Stella Marina.
"Na, ihr Süßen!", rief sie uns schon von weitem zu. "Mhm, lecker! Knackärsche im Sonnenuntergang." Sie ließ sich im Lotussitz neben uns im Sand nieder. "Ich hoffe doch, ihr hattet einen genauso schönen Nachmittag wie ich."
Meistens gingen wir dann noch einmal zusammen schwimmen, bevor wir unsere Sachen zusammenpackten und zurück nach Hause fuhren.
"Time to get the party started", sagte Ellen.
Ellen hatte ja schon von Anfang an ihre Fremdgeh-Phantasien gepflegt und ohne Ende davon gequatscht. Und sie war fest entschlossen, diesen Worten auch Taten folgen zu lassen. Und sie fackelte dann auch nicht lange.
Renato hieß der Glückliche. Sie hatte ihn im Paraluna aufgegabelt, gleich an unserem zweiten Abend in Catania. Oder er sie? Wie auch immer... Renato war Anfang 30, leidlich hübsch, schwarze Haare, 7-Tage-Bart, lila gemustertes rosa Hemd, schwarze Jeans.
"Gebügelt", sagte Verena und zog die Augenbrauen nach oben. "Bestimmte von mamma."
Eine stylische schwarze Sonnenbrille vervollständigte die Gesamtkomposition. Es war übrigens Nacht!
Ellen hatte schon eine ganze Zeit lang mit ihm geflirtet und später auf der Tanzfläche rumgemacht. Trotzdem hatte ich zumindest es nicht kommen sehen, was dann passierte. Und Ellen vermutlich auch nicht, das Ganze war wohl eine ziemliche Spontan-Entscheidung. Irgendwann kam sie herüber zu uns an den Tisch, schnappte sich ihre Handtasche und meinte: "Ich bin dann mal weg. Grins! Don't wait me up!" Sie winkte uns zum Abschied kurz zu und dann verließ sie mit Renato den Club.
"Zadong! Und weg ist sie!", sagte ich.
"Was war das denn?", fragte Verena. Und ich meinte noch: "Ich schätze, die sehen wir erstmal so schnell nicht wieder."
Aber dann brach keine zwei Stunden später eine hochgradig aufgekratzte Elli durch die Tür unseres Apartments, immer noch völlig erregt von ihrem Erlebnis, so diese Mischung aus Angst vor der eigenen Courage und stolz wie Oskar.
"Leude Leude Leude Leude!" sagte sie und ließ sich mit Schwung zwischen Verena und mich aufs Sofa fallen. "Schweinchen Madonna, ich kann euch sagen! Echt!"
"Wie?" fragte Verena. "Was ist passiert?"
"Erzähl uns alles, alle schmutzigen Details."
"Ich fürchte, da gibt's nicht viel zu erzählen."
"Na, dann erzähl uns alles andere."
"Okay, Ragazzas. Weil ihr es seid." Ellen genoss sichtlich unsere neugierige Aufmerksamkeit. "Also: Er war mit dem Auto da. Der Wagen parkte direkt vor dem Club, logo, so eine knackschwarze Sportkarre mit mächtig wrumm wrumm. Wir also rein ins Auto und ab. Ich hatte ja gedacht, wir fahren irgendwohin an den Strand oder so. Darüber hatten wir gesprochen, vorher, also das dacht ich wenigstens, dass wir darüber gesprochen hätten. Und ich dann natürlich schon so Phantasien hatte, so: aah und ooh, molto romantico, mit Blick aufs Meer und so. Aber dann hielten wir keine zwei Minuten später vor einer Bar, wo zwei Kumpels von ihm waren, die er von unterwegs aus angerufen hatte."
"O weh!", meinte Verena.
"Ja genau. Das hab ich auch gleich gedacht, so: hupa, was wird das jetzt hier? Sexo di gruppo oder was, keine Ahnung, also ob ich jetzt hier so weitergereicht werden soll, gang-bang-mäßig. Na, die drei hatten dann ein paar Minuten gequatscht und gelacht, so: blablabla bellissima ragazza, bla'blablabla hähähä. Und im ersten Moment hatte ich schon so ein bisschen ein mulmiges Gefühl. Aber es war dann eigentlich doch ganz niedlich. Wahrscheinlich wollte er einfach nur ein bisschen mit mir angeben." Sie beugte sich vor und kämmte mit den Fingern ihre Haare durch, die sie dann zu einem Knoten hochsteckte.
"Nach diesem Boxenstopp fuhren wir dann weiter, ich fand, ziemlich weit, raus aus der Stadt. Gerade lange genug, um ein bisschen Angst zu kriegen, allein mit einem wildfremden Typen, und ich ja auch null Ahnung hatte, wo wir eigentlich hinfahren und wie ich hinterher wieder zurückkomme. Schließlich bogen wir dann ab in so eine Art Feldweg, und wo wir dann schließlich anhielten, das war einfach nur so bäh, also wo du denkst, echt so: Müllplatz! Also kein bisschen romantisch. Es roch auch schon so, irgendwie so völlig verbrannt und gammelig, und ich dann auch null Bock hatte auszusteigen."
"Krass!", sagte Verena.
"Wir blieben also im Auto sitzen, und er fing dann an, so mucho complimenti und küssen, andaddeln und so weiter, alle Wellen."
"Hihi, andaddeln", rief Verena entzückt.
"Das war OK, aber auf mehr hatte ich da ehrlich gesagt dann auch schon keine Lust mehr. Wär in dem Auto wahrscheinlich auch gar nicht gegangen. Haben wir dann halt so ein bisschen geknutscht, und ich hab ihm dann noch einen... Naja, so 'n bisschen sein Ding gerubbelt halt, durch die Hose durch. Naja. So was halt." Sie zündete sich eine neue Zigarette an.
"Also ich fand das auf 'ne Art irgendwie... na, irgendwie auch fair, einerseits, nach dem ganzen Aufriss, den er veranstaltet hat. Und ich natürlich auch irgendwie so'n büschen... Na, Angst ist jetzt vielleicht zu viel gesagt. Aber dass er vielleicht sauer wird, wenn nun so rein gar nichts passiert. Und danach war er dann eigentlich ganz süß. Auf der Rückfahrt war's dann die ganze Zeit so bella, bellissima, amore, amore, il tuo marito, blablabla, all das Zeugs."
"Und jetzt bist du verlobt?", sagte ich grinsend.
"Hehehe, kann man so sagen. Morgen stellt er mich seinen Eltern vor."
"Mamma!", sagte Verena. "Bella ragazza di Germania."
"Nee, Quatsch! Natürlich nicht."
Wir saßen noch die halbe Nacht zusammen. Ellen war mächtig stolz auf ihr "adventura catanese" und sonnte sich auch in den nächsten Tagen noch ein bisschen in ihrem Erfolg. Andererseits hielt sie sich nach diesem "One-Night-Stand wie aus'm Witzfilm" spürbar zurück und verzichtete auf weitere Extratouren. Stattdessen blieb sie "lieber bei der Herde, wo die dottora auf uns aufpasst."
Ich hatte mir ja vorgenommen, auch im Urlaub was für die Fitness zu tun. In Catania gingen wir fast jeden Morgen laufen. Also Verena und ich. Wir standen gegen sieben Uhr auf und liefen eine dreiviertel Stunde, bevor es dafür zu heiß wurde. Wir liefen runter zum Hafen und raus auf die Mole. Natürlich war es auch morgens früh schon ziemlich warm, und uns rann der Schweiß in Strömen herunter.
"Da, schau!", sagte Verena, "Wet-T-Shirt-mäßig. Ziemlich geil, oder?"
"Ja, ziemlich geil", sagte ich und legte die Zungenspitze in den Mundwinkel.
"Wie so ein richtiges Work-Out-Luder, gell?"
Auf dem Rückweg lag dann strahlend in der Morgensonne Etna vor uns: riesig groß, beeindruckend, geheimnisvoll, majestätisch. Der Berg ist megafaszinierend. Wir sind allerdings trotzdem nicht hinaufgefahren, weil er zu der Zeit gerade wieder ziemlich aktiv war. Wir konnten nachts sogar von Catania aus den Feuerschein in der Gipfelregion sehen. Und da fühlt man sich ehrlich gesagt schon etwas beklommen.
Früh aufstehen ist scheiße, vor allem im Urlaub, aber andererseits war es auch jedes Mal ein tolles Gefühl, nach dem Laufen frischgeduscht am Frühstückstisch zu sitzen und sich wahnsinnig fit zu fühlen.
"Oarr, menno! Ich will auch joggen", jammerte Ellen dann immer, die meistens noch nicht einmal geduscht hatte. Aber sie kam morgens einfach nicht aus dem Bett.
"Sorry Leute, aber ich schaff's einfach nicht, wenn ich so dermaßen viel Sex on the Beach hatte wie gestern Abend."
Die Wahrheit ist, sie ist einfach zu faul. Obwohl sie sich immer Sorgen macht von wegen Hüftgold und ständig fragte, ob ihr Arsch schon fetter geworden wäre.
"Nah, i glaub net. Obwohl... Ach nee, nee, das war bloß ein Schatten. Oder? Was denkst du, Kleine?"
"Ha ha. Sehr. Witzig." Sie war nicht amüsiert, kriegte dann aber doch noch die Kurve. Elli ist ja furchtbar schnell eingeschnappt manchmal. "Ich brauch nun mal vorm Aufstehen immer erstmal so eine richtig schöne Morgen-Latte, sonst bin ich irgendwie kein richtiger Mensch".
Das mit der Morgenlatte war immer Ellens Standardspruch morgens. Sie liebt einfach solche kleinen Ferkeleien. Und das ist eigentlich auch schon immer so gewesen. Das war immer schon sie. Als Teenie hat sie immer Cock Monsieur gesagt statt Croque. Und schon seit Teenie-Zeiten träumte sie von jenem sagenhaften "Spontanfick", so wie in dem einen von Mamas feministischen Sexbüchern, aus denen wir uns immer gegenseitig vorgelesen haben. Und diesen Traum träumt sie immer noch. Und vor allem redet sie fortwährend darüber. Das hatte sich auch nicht geändert.
Mit dem Umzug nach Catania hat unser Urlaub noch einmal ganz neu angefangen. Wir hatten unsere tolle Wohnung. Wir verbrachten wunderschöne Tage am Strand. Und meistens herrschte megaschöne Stimmung zwischen uns, so fast ein bisschen wie frischverliebt. "Und abends brennt hier regelmäßig der Torf" (O-Ton Ellen).
Wir hatten unsere Lieblingsläden in Catania, wo wir immer hingingen. Aber vorher war natürlich erstmal Aufbrezeln angesagt. Und ein bisschen Vorglühen selbstverständlich auch.
Aufbrezeln war bei mir und Verena immer schnell erledigt, aber Ellen brauchte wie üblich ewig, bis sie mit sich und ihrem Outfit zufrieden war. Wenn sie aus dem Badezimmer rief: "I'll be ready in the flashiest of flashes", konnte man davon ausgehen, dass sie vielleicht in einer guten halben Stunde fertig sein könnte.
Verena und ich nutzten die Zeit, um uns mit einem Glas Rotwein auf den Balkon zu setzen und zu rauchen. Manchmal telefonierte sie auch mit ihrem Freund, diskret vom Schlafzimmer aus. Oder wir legten uns zusammen aufs Sofa und guckten italienisches Fernsehen.
Irgendwann kam dann Elli ins Wohnzimmer und stellte sich vor den großen Standspiegel. Sie hatte sich für den Abend ein Kleid von mir ausgeliehen und fand sich jetzt aber "viel zu moppelig" dafür.
"Oh fuck ey! Ich bin auf dem besten Wege, eine dralle Mittdreißigerin zu werden. Das ist der Tribut ans gute Leben. Ich kann echt nur hoffen, dass es auch dafür Connaisseure gibt, so nach dem Motto: Osgood Fielding der Dritte, für die ich dann trotzdem immer noch der Knaller bin."
"Uahahaha!"
"Kann doch sein. Allein schon wegen der Haare."
"Ich finde, du übertreibst maßlos", sagte ich.
"Meinst du mit Mittdreißigerin oder mit drall? Und bitte keine falschen Antworten jetzt."
"Ja."
"Du kannst eine Oder-Frage nicht mit Ja oder Nein beantworten."
"Doch, habe ich gerade gemacht."
"Du bist einem auch keine Hilfe." Sie schüttelte mit den Händen ihre Haare auf. "Ich mache mir einfach Sorgen, ich könnte so langsam in dieses gewisse Älter kommen, wo frau sich ständig 'n Kopf macht, ob sie... Ey, was gibt es denn da so blöde zu lachen?"
"Dieses gewisse Älter, hast du gesagt", sagte ich lachend.
"Echt? Ah verdammt!" Elli musste dann auch lachen. "Scheiße Freud, du warst mal cool!"
Zum Abendessen gingen wir meistens ins Le due pescatrici ganz in der Nähe unserer Wohnung. Das Restaurant hat eine tolle sizilianische Küche, und außerdem konnten wir uns von unserer Lieblingskellnerin Francesca verwöhnen lassen, die, warum auch immer, einen kleinen Narren an uns gefressen hatte.
"Ah, herrlich", sagte Ellen. "Das Essen ist super und obendrein gibt's auch noch so viele hübsche Männers hier."
"Und schöne Frauen", sagte ich, weil just in diesem Augenblick Francesca mit unseren Getränken kam.
"Die macht hier bestimmt auch einiges mit", meinte Ellen, "bei den ganzen geilen Kerlen."
"O Francesca!", seufzte Verena und verdrehte verliebt die Augen.
"Und Weibern."
"Die Ärmste", sagte ich.
"Ja und nein. Also kann man so oder so sehen, find ich" sagte Ellen. "Find ich wirklich!"
Nach dem Abendessen zogen wir dann durch die Partyzone an der Piazza Bellini. Gingen für die ersten Drinks in die Bar Sport. Und landeten schließlich meistens im Paraluna, einem ultraschicken Night-Beachclub in der Nähe des Bahnhofs. Zweimal waren wir auch dancen im sub aqua club, dem angesagtesten Techno-Laden der ganzen Gegend, wo Elli und ich dann immer so ein bisschen unsere Jugend wiederauferstehen lassen konnten.
In den Clubs war es dann im Prinzip genauso wie am Strand. Wir wurden von "Ragazzos" belagert, so dass wir oft, wenn überhaupt, eigentlich nur den Eintritt zahlen mussten, die Drinks aber häufig spendiert bekamen. Für unsere Reisekasse war das natürlich super, auch wenn wir es eigentlich nicht nötig hatten zu sparen, als gut verdienende Akademikerinnen.
"Aber liebe Gewohnheiten soll man nicht ändern", meinte Ellen lakonisch.
Verena trug abends natürlich nicht ihren türkis schimmernden Bikini, sondern einen superkurzen Minirock.
"Grundgütiger!", sagte Ellen. "Also bei dem Rock musst du echt aufpassen, dass dir keiner auf die Weihnachtsinseln guckt."
"Pfff, und wenn schon! Sch'gal!"
"Ich schau dir in den Ausschnitt, Kleines", sagte Ellen.
"She's lookin' at you, kid", sagte Verena mit ihrem typischen kleinen Grinsen und zwinkerte mir zu, die Zungenspitze in den Mundwinkel gelegt.
Wir ließen uns durch den warmen Sommerabend treiben, mal hier mal dort. Mal ernsthaft, mal ausgelassen. Es waren wunderschöne Partynächte. Wir tanzten, wir hatten Spaß und führten gute Gespräche.
Und wir waren zusammen, das war die Hauptsache. Wir hüpften zu unserer Power-Hymne Cercavo amore auf dem Dancefloor herum. Wir lagen uns bei unserer Liebeskummer-Hymne Summertime Sadness in so einer Art Engtanz-Dreier in den Armen. Wir genossen unsere Togetherness. Wir redeten redeten redeten, rauchten, lachten und machten ohne Ende Quatsch. Bis irgendwann Elli dann aufsprang und uns zurück auf die Tanzfläche scheuchte.
"Ey, Mädels! Sie spielen unser Lied."
"Unser Vreni ist eine richtige Sex-Bombe, find ich", meinte Ellen mit Blick auf Verena, die gerade an der Schnapsausgabe stand, um neue Getränke zu holen. Ich nickte zustimmend. "Hörst du, Frau!", rief Ellen lauthals durch die Bar. "Du bist die Sex-Bombe vor dem Herrn!"
"Tss, was du immer redst", rief Verena und lachte.
"Meine Freundin Mariella hat mir gemailt", sagte Verena. "Sie ist gerad in Nepal, und sie schreibt, sie würde sich da durch alle Backpacker vögeln."
"Klingt interessant", sagte Elli. "Wo ist das genau?"
"Allerdings meint sie, die Typen dort wären scheiße."
"Hehehe, wir dagegen achten auf Qualität."
"Ist wahrscheinlich das typische Problem von Frauen über 30", sagte Verena mit einem kleinen Grinsen. "Sie ist nämlich gerad 30 geworden."
"Pass auf, was du sagst, Puppi", sagte Ellen. "Hier sind nämlich ausnahmsweise mal die alten Tanten in der Mehrheit, da kannst du dir nicht alles erlauben so wie zuhause. Und was dieses 30 angeht: Ja, ich bin ziemlich untervögelt. Und ja, ich werd sie alle ficken. Alle alle alle."
"Scheiße Leute, rauchen lässt die Haut altern", sagte Ellen und hielt uns ihre Zigarettenschachtel entgegen. "Guckt mal, da steht's: Il fumo invecchia la pelle."
"Na und", meinte Verena trocken, "auf meiner steht: Il fumo uccide. Ist auch nicht gerade schön."
"Was heißt ucc... Ah, schon klar." Ellen packte ihre Kehle mit der Hand und streckte die Zunge heraus. "Aber egal! Braucken Fortuna!"
"Braucken Fortuna per tutti!", sagte Verena und warf mir die Schachtel zu.
Im Paraluna lernten wir Paulina kennen, mit der wir uns dann ein bisschen angefreundet haben. Sie lebte schon seit drei Jahren hier unten. Sie hatte in Mailand Wirtschaft studiert und arbeitete jetzt in Catania, irgendwas mit Schifffahrt. Ich hatte sie zuerst für eine Einheimische gehalten, vom Aussehen her, so eher klein und dunkelhaarig.
"Nee, ich bin aus Schwerin", sagte sie lachend. "Und du? Bist du Italienerin?"
"Nee", sagte ich, "hundert Prozent Hamburg."
"Hätt ich echt gedacht", sagte sie lächelnd. "Ich hab gedacht, du bist bestimmt Italienerin. Wegen der Augen." Das war mir auf dieser Reise schon ein paar Mal passiert, dass Leute dachten, ich wäre eine Einheimische, und mich dann auf Italienisch ansprachen.
"Sie hat super Titten", meinte Elli später, als wir wieder unter uns waren. "Echt umwerfend, die Frau!"
"Ja, sie ist wirklich megahübsch", sagte Verena. Und das traf es eigentlich auch ganz gut.
Paulina hatte Ellen und mich zuerst für Schwestern gehalten, wie so viele Leute, wenn sie uns zum ersten Mal sehen. Sie fand, wir wären uns so ähnlich. Und vielleicht stimmt es ja auch. Das war auch schon früher immer so. Dabei ist Elli blond und blauäugig.
Durch Paulina bekamen wir natürlich viele Infos und Einblicke, wie man sie als Tourist normalerweise nicht bekommt. Sie konnte uns vieles erzählen und erklären, über Sizilien und Catania und über das Leben hier unten: über Arbeit und Nightlife im allgemeinen und sex life im Besonderen.
"Du kannst hier als Frau eigentlich alles machen, was du willst. Es ist schon ziemlich freizügig mittlerweile. Du musst nur echt aufpassen, dass du niemals diese unsichtbare Grenze des Anstands verletzt, weil sonst bist du plötzlich die puttana, das heißt Nutte, und dann bist du für viele Leute untendurch. Aber das ist ja bei uns eigentlich ganz genauso. Nur hier ist das eben noch mal viel strenger als bei uns."
Und von Paulina erfuhren wir auch, dass der Titel unserer Hymne auf Deutsch "Ich suchte Liebe" bedeutet.
"Na, das passt doch wie Faust aufs Auge", sagte Elli.
Nach der Renato-Sache war Elli etwas vorsichtiger geworden und stieg nicht mehr zu fremden Männern ins Auto. Aber natürlich baggerte und flirtete und knutschte und fummelte sie immer noch Abend für Abend wie eine Weltmeisterin.
"Man ist schließlich nur einmal jung", sagte sie. Und auf Verenas kritischen Blick hin fügte sie missmutig hinzu: "Und man wird schließlich auch nur einmal älter."
Bei der Wahl ihrer "Lustobjekte" war sie ziemlich wahllos. Es kam ihr glaub ich eher darauf an, dass etwas lief, und nicht so sehr auf das mit wem.
"Lowered expectations", trällerte sie. "Falls sich noch jemand erinnert."
"Das ist selbsterklärend", sagte ich. "Auch wenn ich nie gedacht hätte, dass es mal so weit kommen würde."
"Ich mach's einfach wie weilend Fräulein Bumske." Und Verenas Blick so: Hä!?
"Das war eine Frau bei uns aus der Schule", sagte ich zur Erklärung.
"Unsere Oberstufen-Schlampe. Philomena Boomstra. Miss Blowjob 1998. Und das trotz Monika Luwinski. Ich glaub, die hat wirklich echt alles gebumst, was ihr über den Weg gelaufen ist: Lehrer, Schüler, Eltern. Männlein und Weiblein, wohlgemerkt." Sie lachte ihr dreckiges kleines Lachen. "Aber das lass ich heute mal aus, glaub ich."
Manchmal griff sie auch etwas daneben bei den Objekten ihrer Begierden, was für so leicht peinliche Situationen sorgte und manchmal auch ein korrigierendes Eingreifen meinerseits erforderlich machte.
"Mensch, hast du das Tattoo nicht gesehen?", fragte ich. "Der ist schwul."
"Nee. Nee, hab ich nicht gesehen", flüsterte sie. "Ich mein, sonst hätte ich mir das doch geschenkt, logisch!"
"Tut mir leid für dich!"
"Tut mir auch leid für mich."
"Flirttechnisch" lief also nach wie vor jede Menge bei ihr. Aber mehr passierte eben nicht, und das war auch gut so. Dafür sorgte auch nicht zuletzt der Schnaps. "Je später der Abend, desto voller die Gäste", pflegt Ellen immer zu sagen. Und das traf eben auch durchaus auf sie selbst zu. Alkohol hat bei Ellen schon immer als eine Art Selbstbegrenzungsmechanismus funktioniert. Ab einem gewissen Level ließ sie einfach niemand mehr an sich heran.
Auf Sizilien ist es in den Discos immer noch so: Irgendwann später des Abends kommt diese Phase, wo nur noch Engtanz-Mucke läuft, so Songs aus der Abteilung When a Man loves a Woman, wo ich dann am liebsten echt immer gleich hätte kotzen können. Oder irgendwelche Italoschnulzen, die bei uns kein Mensch kennt und auf die die Einheimischen immer voll abfahren. Wenn's so weit war, saß ich meistens schon allein am Tisch. Verena geisterte irgendwo im Club umher und jonglierte mit Wölfen, die sie als gehorsame Hündchen hinter sich her zog. Ab und an kam sie elfengleich vorbeigeschwebt, um nach mir zu schauen. Vielleicht auch, um mich zum Mitspielen zu verleiten. Elli hatte sich um diese Uhrzeit meistens schon wieder in irgendeinen Ragazzo verbissen und machte mit ihm auf der Tanzfläche rum.
Gegen spät wurde Elli dann immer ein bisschen sentimental, so wie üblich, und begann, wüste Geschichten "von früher" zu erzählen. Und das immer in dieser typischen Elli-Mischung aus absoluter Wahrhaftigkeit und maßloser Übertreibung, Aufrichtigkeit und Angabe.
"Wir waren so richtige Krawallschwestern damals. Allzeit bereit! Wie die kleinen Pfadfinderinnen, nur dass wir uns eher auf die Schandtaten spezialisiert hatten."
"Ich kann es mir lebhaft vorstellen", sagte Verena.
"Wieso waren?", fragte ich.
"Naja, für mich zumindest sind das doch mehr oder weniger tempi passati. Les jeux sont faits. Du hast eben einfach Glück gehabt, Soni, du hast noch so eine Art Verlängerung bekommen. Ach Gott, das ist echt ewig her, dass ich gekokst habe. Ewig. In Innsbruck wüsste ich nicht mal, wen man fragen könnte. Und als Tiroler Hipster-Mutti to be schickt sich des a net. Aber damals, wenn wir feiern gegangen sind: immer auf coke. Echt. Immer auf coke! A la cocaina sempre!" Sie lachte und klatschte mit beiden Händen auf ihre Oberschenkel. "War 'ne wilde Zeit. Wir waren echt so total krass unterwegs damals."
"Du vor allem", sagte ich.
"Right you are." Sie zeigte ihr breitestes Grinsen. "Und Soni hier wollte mich immer beschützen."
"Bullshit!" Ich hatte noch nie Lust darauf, wenn Ellen versuchte, mich in die Blöde-Große-Schwester-Ecke zu stellen.
"Ach komm! Das wolltest du schon immer", sagte sie und knuffte mir liebevoll auf den Oberarm. "Olle Spaßbremse", fügte sie lachend hinzu.
"Du kannst machen, was du willst. Das hast du schon immer gemacht."
"Weißt du noch, Soni, dies eine Mal, wo wir da in den Osten gefahren sind. Nach Melthin oder Melzin oder wie das hieß. Zu so'nem Rave, wo ein Kumpel/Lover von Patricia damals aufgelegt hatte. Wie alt waren wir da? 17, 18 sag ich mal. Na, schnurzenpurzenkackegal, so Mitte/Ende 90er irgendwann. Patsy hatte jedenfalls schon ihren Führerschein, und wir sind dann mit dem Auto ihrer Mutter da rübergefahren. Und auf der Party, ja... haben wir dann E genommen. Und ich war dann die ganze Zeit so richtig richtig auf Ecstasy-Flash, ja? Und die Mädels alle schon so: oarr, was macht die da jetzt schon wieder! Und auf der Rückfahrt dann, auf so'ner Tanke, ich so ferngesteuert wie so ein Zombie ein bisschen mir Sachen aus dem Regal genommen hab, als wollte ich die klauen. Sonia meinte dann hinterher, ich hätte mir immer so Schokoriegel genommen und reingebissen und die danach dann ins Regal zurückgelegt. Und ich hab das nicht gemerkt. Ich hab das nicht gemerkt! Der Mann von der Tanke war natürlich echt so voll abgenervt, logisch. Weil für den war das natürlich so: Da kommt so'ne Alte, die so völlig laa lala voll neben der Spur ist, und klaut ihm den ganzen Laden leer."
Verena hörte Ellis Geschichten immer mit großem Interesse und Amüsement. Aber sie war auch nicht wenig konsterniert, weil sie in den Tagen unserer Reise eine ganz neue Ellen kennengelernt hatte, die so ganz anders war als die, die sie aus Innsbruck kannte.
"Ich verstehe es net, echt net! Also ich meine: Ellen! Ellen, die bei den legendär-berüchtigten Partys bei uns am Institut nur alkoholfreie Cocktails trinkt. Und die hinterher dann die einzig Nüchterne ist, die alle nach Hause fährt."
"Abgründe tun sich auf", sagte ich grinsend. In dem Moment rief Elli vom Tresen aus "Huhuu!" und winkte zu uns herüber. "Nur dass in diesem Fall der Abgrund freundlich zurückwinkt."
Nach den Geschichten aus der Jugendzeit war es dann immer nur eine Frage der Zeit, ehe Ellen die Weltschmerz-Phase kriegte.
"Oje! Wahrscheinlich stimmt's einfach. Oversexed and underfucked. Heul!" Sie ließ den Kopf Richtung Tischplatte fallen. Elli neigt in diesen Stimmungen zu einer gewissen Theatralik. Aber es hat auch immer etwas sehr Rührendes. "Wer will noch was trinken? Schnaps ist der beste Freund der Frau. Und das auch nur solange du Geld hast." Sie durchwühlte ihre Handtasche. "Hat noch jemand Geld? Und Zigaretten? Zigaretten per favore! Brauken Fortuna subito!"
Was sie allerdings nicht davon abhielt, einen auf dicke Hose zu machen.
"Hehehe, nicht weglaufen, Jungs! Hier kommt jeder dran!", rief sie, während sie sich, schon schwer angeschickert, am Tresen festhielt. "Ich besorg es euch wie eine Mutter."
"Lasst uns lieber abhauen, bevor Ellen Super-MILF hier alle Männer verrückt macht" (O-Ton Verena).
Unsere Ausgeh-Abende beendete Ellen regelmäßig in einem Zustand, den sie selbst "lustrig betunken" nannte und Verena "sternhagelblau". Die allerdings selbst meistens ziemlich viel getrunken hatte, so dass ich wundersamerweise immer die Nüchternste war von uns dreien. Meistens stand Elli dann irgendwann mitten auf der Tanzfläche, mit einer Flasche Bier in der Hand, nickte mit dem Kopf im bzw. gegen den Rhythmus der Musik und machte dazu komische kleine Tanzschritte, die so aussahen, als hinge ihr der Slip auf den Knöcheln.
Mein Job war es dann, die beiden besoffenen Weiber irgendwie nach Hause zu bugsieren. Elli zeigt sich in solchen Situationen auch gern mal unkooperativ, aber das kenne ich ja bei ihr, damit komme ich klar. Ganz anders Verena: Sie gehört zu jenen seltenen Exemplaren von Mensch, die im betrunkenen Zustand genauso freundlich und charmant sind wie nüchtern.
"Komm, steh auf, wir gehen jetzt!" Ich versuchte, Elli hochzuziehen, die halb von der Sitzbank gerutscht war.
"Lass mich einfach hier liegen, Maus."
"Du kannst hier nicht liegenbleiben."
"Alles eine Frage der Perspektive, Maus", sagte Elli und ließ sich vollständig auf den Boden rutschen. "Alles eine Frage der Perspektive. Je nachdem ob du oben liegst oder unten. It's lonely at the top."
"On top!", gnickerte Verena. "Nur net so lonely, gell!" Und über solchen Quatsch konnten sich die beiden dann köstlich amüsieren.
Auf dem Nachhauseweg ging's dann so weiter. Ellen und Verena machten alles zwischen Quatsch und gefährlichem Blödsinn, und ich konnte zusehen, dass ich das Schlimmste verhütete. Und sagen wir mal so: Das Gute war, dass sie dabei keine zotigen Lieder gegrölt haben.
"Eujeujeujeujeu!", jammerte Elli. "Ich muss so dermaßen pissen, mir platzt gleich die Blase." Sie hockte sich zwischen zwei geparkte Autos und pinkelte in den vollgemüllten Rinnstein. Und musste sich danach dann auch gleich noch gepflegt übergeben.
"Ich halt dir die Haare", sagte Verena fürsorglich.
"Du Engel!" Elli saß auf ihren vier Buchstaben auf dem Bordstein und streckte die Arme nach Verena aus. "Lass mich dich küssen!"
"Und was hab ich davon?"
"Einen Kuss."
"Okay. Sounds fair."
Es war übrigens ein langer Kuss.
Singe mir, o Dichter, von der Schönheit betrunkener Frauen.
Am Morgen danach tat es Ellen dann immer furchtbar leid. Sie bedauerte die Exzesse der vergangenen Nacht, aber vor allem auch sich selbst, spätestens beim Blick in den Spiegel.
"Oarr, menno, ich seh echt aus wie die absolute Halbleiche!" Sie zog die Gesichtshaut Richtung Ohren und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge raus. "Es stimmt offensichtlich: Je älter man wird, desto weniger verträgt man. Man verträgt einfach nichts mehr im Alter."
Verenas Wunsch, überall, wo wir hinkamen, in die Oper zu gehen, ging nicht in Erfüllung. Sommerferien. Auch in Catania war das Opernhaus natürlich geschlossen. Wären wir erst im Herbst gekommen, hätten wir Rigoletto sehen können. So blieb uns nur die Besichtigung des wirklich eindrucksvollen Saales.
"Schade", sagte Verena. "Hätte ich gern gesehen, Rigoletto. Ich liebe Verdi."
"Ich auch", sagte ich. "Und als Stück finde ich Rigoletto wirklich bemerkenswert, weil es keinen einzigen sympathischen Charakter gibt."
"Ja, stimmt. Jetzt wo du's sagst."
"Außerdem frag ich mich immer: Woran stirbt Gilda eigentlich?"
"Na, sie wird umgebracht. Erstochen."
"Ja nee, klar wird sie erstochen. Oder ihr wird die Kehle durchgeschnitten, das bleibt offen. Aber dann, dann wird sie in einen Sack gesteckt, der später an Rigoletto übergeben wird. Und der entdeckt dann noch ein paar Stunden später, dass sie in dem Sack steckt und nicht der Herzog, wie er gedacht hat. Und da ist sie dann immer noch am Leben und hat Luft für eine ausgewachsene Arie."
"Also echt! Solche Fragen kann wirklich nur eine Ärztin stellen."
Wir sind ja beide ziemliche Opernfans, insofern hatten wir natürlich ein unerschöpfliches Thema. Verena hörte zurzeit gerade ständig La Traviata.
"Und das hat nichts mit Garys versnobter Familie zu tun", meinte sie lachend. "Oder vielleicht doch?"
Ihre Lieblingsheldin war allerdings nicht Violetta Valéry, sondern Tatjana Larina.
"Einfach weil sie so voller Selbstbewusstsein ist. Und die Grenzen und die Beschränkungen, die ihr die Zeit und die Gesellschaft auferlegen, überschreitet."
Morgen verlassen wir Sizilien. Schade! So viel Übriggebliebenes, so viel Nichtgesehenes... Aber das Verpasste ist ja auch immer ein Grund noch einmal zurückzukehren. Das Gefühl ist ein bisschen so, als wäre der Urlaub damit schon zu Ende. Was natürlich nicht stimmt, weil ja ganz Italien noch vor uns liegt.
An unserem letzten Tag waren wir natürlich nochmal am Strand. Und ich besorgte auch schnell noch ein paar Mitbringsel für die Lieben daheim. Und natürlich musste ich auch noch eine Postkarte an Mama schreiben.
Für unseren letzten Abend in Catania hatten wir uns eine schöne Abschiedsrunde vorgenommen. Wir wollten all unsere Lieblingslocations nochmal abklappern: zum Essen ins Pescatrici zu Lieblingskellnerin Francesca, in die Bar Sport und auf die Meile an der Piazza Bellini. Und zum krönenden Abschluss ins Paraluna natürlich.
Der Abend begann allerdings mit einem ziemlichen Schock, weil Verena die Treppe runterfiel. Sie hatte eine Treppenstufe verpasst und war dann die letzten drei vier Stufen runtergesegelt. Und um ein Haar hätte sie sich an der Wand den Schädel eingeschlagen. Zum Glück konnte sie sich gerade noch mit den Händen abstützen.
"Meine Fresse!", rief Elli, total erschrocken. "Das war echt scheiße knapp!" Sie half Verena hoch, barg sie schützend in ihren Armen und wischte ihr zärtlich übers Gesicht. "Hm? Alles gut?"
"Alles noch dran", meinte Verena trocken. Und dann umarmten wir uns alle drei, ganz lange und ganz fest. Ihr war nichts passiert, aber es war natürlich ein immenser Schock. Vor allem für mich, offensichtlich. Verena selbst schien gar nicht so mitgenommen, aber ich konnte mich erst gar nicht beruhigen. Der Gedanke, was alles hätte passieren können bei diesem Sturz, ließ mich nicht los.
Es wurde dann trotz dieses fürchterlichen Auftaktes ein ziemlich langer, aber auch sehr schöner Abend. Im Paraluna orderte Ellen Champagner, "zur Feier des Tages". Und dann ergab sich dieser Augenblick, wo Ellen und ich zusammensaßen, nur wir beide, weil Verena auf der Tanzfläche war oder mit ihren gezähmten Wölfen Stöckchenwerfen machte. Einer der wenigen Momente auf dieser Reise, die wir ganz für uns hatten. Elli erhob ihr Glas.
"Here's to the good times!" Wir stießen an. "Auf Ex!" Wir stürzten den Champagner hinunter, und Elli füllte unsere Gläser neu.
"War echt 'ne geile Zeit", sagte sie. "Nicht bloß die letzten Tage, sondern überhaupt. Danke, Soni-Maus!"
Wir umarmten und küssten uns. Ich fing an zu weinen, weil ich so tief ergriffen war. Solange ich denken kann, waren wir füreinander das Alter Ego: das Scheidungskind und die Halbwaise, die sich auf'ne Art gegenseitig so ein bisschen das Leben gerettet haben.
"Och Mensch, jetzt hör bloß auf, sonst fang ich auch noch an zu heulen." Ellen hielt mich in den Armen, aber für mich gab es da schon kein Halten mehr, so sehr war ich bewegt von diesem Augenblick höchster Innigkeit. Mein kleiner blauer Elli-Fant: meine liebevolle, liebenswerte, lustige, leichtsinnige und über alles geliebte Freundin.
Kurz darauf kam Verena zurück und brachte eine neue Flasche spumante francese mit.
"Ah, neuer Schampus!", sagte Elli. "Du hast echt den sechsten Sinn, Bub. Genau zur rechten Zeit, bevor das hier alles trockenläuft. Wir hatten hier nämlich gerade einen kleinen emotionalen Zwischenfall." Ich meldete mich wie in der Schule, ziemlich kläglich, und Elli umarmte und herzte mich. "Mit erheblichem Flüssigkeitsverlust, fürchte ich. Und das meine ich ausnahmsweise mal nicht anzüglich." Und sie lachte ihr reizendes dreckiges kleines Lachen.
"Ach ihr zwei, ihr seid's echt die beiden süßesten kleinen alten Damen, wo ich kenne", sagte Verena. Und sie wusste sehr gut, dass sie das nicht hätte sagen sollen.
"Oho!" rief Elli. "Darauf steht Durchkitzeln, bis einer lacht. En garde!" Sie stürzte sich auf Verena, die zwar versuchte zu entkommen, aber leider in die falsche Richtung, nämlich mitten in meine Arme. Wir kitzelten sie so richtig durch. Sie quiekte und schrie und versuchte vergeblich, sich zu befreien. Aber kurz darauf war es dann schon alle gegen alle, ein richtiger Catfight: "mit alle Tricks, aber ohne Haareziehen" (O-Ton Elli). Wir balgten uns auf den Sesseln und im Sand. Und es war uns in diesem Moment herzlich egal, wer uns dabei auf die Weihnachtsinseln gucken konnte.
Wir haben danach noch zwei weitere Flaschen Schampus geleert. Es war ein wildes Abschiedsfest, eingehüllt in einen bunten Schleier aus Gelächter und Champagner-Bläschen. In meiner Erinnerung ist es ein einziges witziges, wüstes, amorphes, ausgelassenes, riesiges, rauschhaftes... Kuddelmuddel.
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