Читать книгу: «Wenn Träume wahr werden»
Table of Contents
Title Page
Prolog
Neuanfänge
Aller Anfang ist schwer
Beziehungsprobleme
Der erste Tag
Eine Hochzeit mit unerwartetem Ausgang
Kaffee liegt in der Luft
Eine ereignisreiche Woche
Unvorhergesehene Begegnungen
Der Morgen danach
Alles hat Konsequenzen
Veränderungen
Manche lernen's nie
Freundschaft und Feindschaft
Eine erste Annäherung
Neues Jahr, neues Glück
Gute Vorsätze
Ehrlichkeit siegt
Küsse und schlechte Noten
Das Blatt wendet sich
Kommt die Wahrheit ans Licht?
Epilog
Danksagung
Impressum
Wenn Träume wahr werden
Prolog
Das einhunderteinunddreißigste Schaf ist hingefallen. Na toll! Seufzend öffnete ich die Augen und setzte mich im Bett auf. Ich hatte gedanklich Schafe über eine Hürde springen lassen, um einzuschlafen. Nur das 131. Schaf war ein Pummeliges mit zu kurz geratenen Beinchen, das es leider nicht über das Hindernis geschafft hatte. Es lief mit voller Wucht gegen die Stange und stürzte. Dadurch war meine Entspannung endgültig weg!
Ich sah auf das Display meiner Digitaluhr. 3 Uhr morgens zeigte sie an. Ich bin morgen nie und nimmer ausgeschlafen! Doch eigentlich musste ich das sein. Jedoch war ich viel zu aufgeregt, um überhaupt an Schlaf denken zu können.
Ich knipste meine kleine Nachttischlampe an, tapste barfuß zu meinem Schreibtisch und nahm den Grund für meine Nervosität in die Hand. Einen Brief. Ich begann zu lesen:
Sehr geehrte Frau Hallstedter,
wir freuen uns, Sie für das Schuljahr 2017/2018 an unserer Impresa Fremdsprachen- und Dolmetscherschule in Hamburg begrüßen zu dürfen. Bitte finden Sie sich am 31.08.2017 um 11 Uhr zur Einführungsveranstaltung der Erstklässler im Festsaal ein. Wo dieser zu finden ist, erfragen Sie bitte am Empfang.
Eine Liste der benötigten Bücher für das erste Schuljahr finden Sie anbei.
Ich freue mich auf Sie und verbleibe
Mit freundlichen Grüßen
Helena Ahrens
Direktorin
Als ich fertig war, legte ich den Brief wieder auf meinen Schreibtisch und kletterte zurück in mein Bett. Oh ja, morgen, besser gesagt schon heute, würde ein neuer Abschnitt in meinem Leben beginnen. Ich würde meine geliebte, vertraute Umgebung, genau genommen Ostereistedt, verlassen, um in Hamburg an der Impresa Fremdsprachen- und Dolmetscherschule zu studieren.
Schon in der Grundschule hatte ich mehr auf Rechtschreibung und Grammatik geachtet, als darauf, im Zahlenraum bis 100 ordentlich rechnen zu können. Mit Englisch, Französisch und Spanisch im Gymnasium war mir dann relativ schnell klar, dass ich später unbedingt etwas mit Fremdsprachen machen möchte.
Und so hatte ich mich dann dazu entschlossen, mein Nest zu verlassen und in die große, weite Welt hinauszuziehen, um meinen Traum zu verwirklichen!
Die Schule würde drei Jahre dauern. Und wenn alles gut lief, hatte ich die Möglichkeit, nach meiner Ausbildung auch in Hamburg als Fremdsprachenkorrespondentin zu arbeiten. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg, denn was ich so von meiner älteren Schwester Valentina gehört, die an der gleichen Schule studiert hatte und jetzt in Hamburg am Flughafen Karriere machte, war es alles andere als ein Zuckerschlecken.
Während ich so darüber nachdachte, wie schwer es wohl werden würde, durchzuckte es mich plötzlich, und ein angsteinflößender Gedanke kam mir in den Sinn.
‚Oh Gott, was mache ich denn, wenn in meiner Klasse ein total süßer Junge sitzt, den ich toll finde? Dann kann ich mich ja überhaupt nicht mehr auf den Unterricht konzentrieren und mir wäre permanent speiübel! Noch so etwas wie mit Danny würde ich garantiert nicht überleben.‘
Danny war einmal mein Schwarm in der elften Klasse gewesen und es hatte ewig gedauert, bis er mich auf ein Date eingeladen hatte, weil ich einfach viel zu schüchtern war, um ihn anzusprechen.
Bis er mich eines Tages, nach einer verpatzten Mathematik-Schulaufgabe gefragt hatte, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm ins Kino zu gehen. Ich hatte zwar nicht gleich antworten können, da ich so perplex war, doch nach kurzem Suchen der Wörter in meinem Kopf, hatte ich ihm gesagt, dass ich mich sehr gerne mit ihm treffen würde. Augenblicklich besserte sich meine Laune und der schreckliche Test war vergessen.
Doch nach kurzem Enthusiasmus kapierte ich schlagartig, was das bedeutete. Ich, mit einem Jungen, der genau mein Typ war, im Kino - vielleicht sogar händchenhaltend - und nah neben mir. Bevor ich diesen Gedanken zu Ende bringen konnte, meldete sich mein Magen mit einem unguten Gefühl, und ich versuchte mühsam, den dicken Kloß im Hals herunterzuschlucken.
Es war schon wirklich seltsam!
Jedes andere Mädchen würde es kaum abwarten können, sich mit ihrem Schwarm zu treffen und hätte ganz bestimmt auch kein Problem damit, wenn er ihre Hand nehmen oder sie sogar küssen würde. Doch bei mir war das anders. Natürlich freute ich mich auch, dass Danny mich gefragt hatte, doch in meine Freude mischte sich auch Angst. Angst davor, etwas falsch zu machen. Davor, dass er mich langweilig finden könnte. Davor, dass ich schrecklich küsste. Ich könnte tausend Dinge aufzählen, die mich in Bezug auf Liebe beziehungsweise Männer beunruhigten. Es ist klar, dass man immer ein bisschen aufgeregt ist, wenn man ein Date hat, doch meine Angst war so ausgeprägt, dass mir schon Tage vor dem Treffen schlecht war, ich wenig essen konnte und öfter auf die Toilette musste.
Ich habe dieses Handicap schon, seit ich mit 14 Jahren in einen der Sänger meiner damaligen Lieblingsband verschossen war. Damals hatte ich noch einen Vorteil gegenüber der heutigen Zeit: Der Kerl kannte mich nicht und hat somit auch nicht mitbekommen, wie ich mich bei seinem Auftritt, ausgerechnet bei einer der schönsten Balladen, vor Aufregung übergeben musste und zu allem Überfluss auch noch die nagelneuen Schuhe meiner Freundin Bettina erwischte, die mich zu dem Konzert begleitet hatte.
Danny allerdings kannte mich und sah mich jeden Tag in der Schule und mit ihm konnte ich mir durchaus eine Beziehung vorstellen. Diese konnte jedoch nur funktionieren, wenn ich mein Problem schnellstmöglich in den Griff bekam, denn mittlerweile war es schon so schlimm, dass sich mein Magen hob, sobald sich zufällig kurz unsere Blicke begegneten. Eine Sekunde zu lang Blickkontakt halten und ich fürchtete, sofort meinen Mageninhalt vor allen anderen preisgeben zu müssen.
Dieses Hindernis war wirklich lästig und ich war deswegen sogar schon beim Psychologen gewesen, doch der meinte, dass meine Ängste womöglich von einem Trauma in meiner Kindheit herrühren. Unsinn! Ich hatte eine ganz wunderbare Kindheit, im Gegensatz zu Bettina, deren Eltern sich scheiden ließen, als sie sechs Jahre alt war. Da könnte der Psychiater sagen, dass man ein Kindheitstrauma erlitten hat!
Jedenfalls hatte ich das Gefühl, dass der gute Mann mir bei meinem Anliegen nicht helfen konnte und habe die Behandlung nach den ersten paar Sitzungen abgebrochen. Ich wollte es alleine schaffen!
Trotz meiner großen Angst bin ich mit Danny ins Kino gegangen. Wir sahen uns eine Komödie an. Mir war das ganze Date lang schlecht, aber ich versuchte tapfer zu sein und mir nichts anmerken zu lassen. Doch essen oder trinken konnte ich nichts. Das konnte ich meinem ohnehin schon empfindlichen Magen nicht antun. Danny versuchte während des ganzen Films immer wieder meine Hand zu nehmen, was sich auch gut anfühlte. Doch dadurch wurde mir noch übler.
Nach dem Kino fuhr er mich heim und hielt vor meiner Haustür an. Den ganzen Weg lang hatte ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was jetzt wohl passieren würde. Würde er mich küssen? Oder würde er mich halb aus seinem Auto schmeißen und das Weite suchen, weil er gemerkt hatte, wie langweilig ich war?
Er sagte jedoch, dass es ein schöner Abend war und er das gerne wiederholen wollte. Ehe ich mich versah, kam sein Gesicht näher und näher und seine Lippen legten sich auf meine. Darauf war ich, einschließlich meines Magens, der sich just in diesem Moment hob, nicht vorbereitet und so spie ich dem armen Kerl auf die Hose. Unfähig, irgendeine Erklärung abzugeben, stürzte ich aus seinem Auto heraus und zu unserer Haustür hinein.
Nach diesem Abend sprach Danny nie wieder ein Wort mit mir. Wahrscheinlich dachte er, ich fände ihn abstoßend oder er küsse so schlecht, dass ich mich gleich übergeben musste. Mir war das Ganze unendlich peinlich gewesen und auch jetzt erinnerte ich mich mit Schrecken daran zurück.
Ich sah auf die Uhr. Himmel, schon viertel nach vier! Hatte ich jetzt wirklich über eine Stunde vor mich hin gegrübelt? Jetzt musste ich aber wirklich schlafen! Ich schaltete die Nachttischlampe aus, rollte mich auf die Seite und hoffte, jetzt endlich ins Reich der Träume abzudriften.
Neuanfänge
Emma
"Emma, du musst aufstehen! Wir müssen in einer Stunde los. Ich habe dir dein Lieblings-Frühstück gemacht: frische Himbeer-Waffeln mit Nougatsahne. Das magst du doch so gerne. Ich dachte, zum Abschied noch ein letztes Mal..."
Die Stimme meiner Mutter riss mich aus dem kurzen Schlaf.
"Ach Mama, noch fünf Minuten. Bitte..."
Ich versuchte, mir die Ohren mit meinem Kissen zuzudecken und kuschelte mich enger in meine herrliche Bettwäsche mit dem beleuchteten Eiffelturm-Druck.
Jetzt begann sie energisch die Jalousien hochzuziehen.
"Nichts da, Schatz, wenn du nicht aufstehst, kommst du zu spät zur Einführung und musst außerdem eines der verbliebenen Zimmer im Wohnheim beziehen, weil die Guten alle schon weg sind."
"Okay, ich komme gleich runter", brummte ich verschlafen und krabbelte aus meinem Bett.
Gähnend schnappte ich mir meine Kleidung, die ich schon am Vorabend rausgelegt hatte, von meinem Sessel und verschwand damit im Bad. Ich duschte schnell, trocknete mich ab, schlüpfte in meine Unterwäsche und streifte meine Lieblingsjeans über. Das Ganze rundete ich mit einem schlichten weißen Trägertop und einem roten, nicht zu feinen, aber dennoch schicken Blazer ab. Meine schulterlangen Haare ließ ich offen, zupfte lediglich ein paar meiner honigblonden Locken zurecht.
Meine Haare waren von Natur aus gewellt, etwas, worum mich meine Freundin Bettina schon immer beneidet hatte. Sie hatte glattes, feines Haar, deshalb hielten Locken bei ihr nicht einmal eine Stunde lang.
Eilig trug ich etwas Mascara auf und rannte die Treppe hinunter in unsere kleine, aber gemütliche Küche. Nur meine Mutter saß noch am Frühstückstisch und wartete auf mich. Als ich mich setzte, reichte sie mir einen Teller mit den Waffeln und eine Schüssel mit der Nougatsahne.
"Mmh, danke Mum. Die Waffeln sehen fantastisch aus!", lobte ich sie und stellte mit Wehmut fest, dass dieser Luxus, den ich gerade noch genoss, bald ein Ende hatte. Aber natürlich freute ich mich trotzdem auf mein neues Abenteuer!
Mein Vater war leider schon außer Haus. Von ihm hatte ich mich schon am Vorabend verabschieden müssen. Er war Bäcker und musste schon um halb vier auf der Arbeit sein, damit die Backwaren rechtzeitig fertig wurden, bis die ersten Kunden kamen und die frisch duftenden, noch lauwarmen Brötchen mitnehmen konnten.
Meine Mutter war die einzige Person, die von meinem Männer-Problem wusste. Natürlich bin ich nicht einfach zu ihr hingegangen und habe gesagt:
"Du Mama, ich muss dir etwas erzählen..."
Nein. Das wäre mir viel zu peinlich gewesen! Sie hat mehr oder weniger so lange nachgebohrt, bis es aus mir herausgebrochen ist. Wann es passiert ist, weiß ich noch genau:
Es war in der Woche, in der ich meine Verabredung mit Danny hatte. Zum Frühstück brachte ich damals keinen Bissen hinunter, weil mein Magen vor Anspannung schon wieder Achterbahn fuhr. Da ich selbst meine heißgeliebten Himbeer-Waffeln am Frühstückstisch verschmähte, wurde meine Mutter langsam misstrauisch und wollte wissen, was denn mit mir los sei.
Meinen Beteuerungen, dass alles in bester Ordnung sei und ich einfach in der Schule viel um die Ohren und deswegen keinen Appetit frühmorgens hatte, schenkte sie keinen Glauben. Wahrscheinlich sah sie mir an der Nasenspitze an, dass ich log oder aber auf meiner Stirn stand in dicken, schwarzen Buchstaben das Wort "LÜGNER".
"Emma, das glaube ich dir nicht. Die Schule kann nicht der Grund sein, du hast gute Noten. Und wegen Mathe brauchst du dich auch nicht zu sorgen. Das Schuljahr ist bald zu Ende und deine Vier wirst du halten."
Sie nahm meine zierliche Hand in ihre und sah mich aus ihren haselnussbraunen Augen besorgt an.
"Ich kann in deinen Augen sehen, dass da noch etwas anderes ist, das dir Kummer bereitet."
Ich traute mich nicht, sie anzusehen und so hielt ich meinen Blick auf die blau gesprenkelte Tischdecke gesenkt.
"Emma, Schatz, dir ist seit Tagen morgens schlecht und du hast keinen Hunger. Ich weiß rein gar nichts über dein Liebesleben, weil du bei dem Thema immer abblockst, aber kann es sein, dass... dass du..."
"Oh Gott, Mama, du meinst doch nicht etwa, ob ich schwanger bin??", beendete ich ihren Satz und sah sie entsetzt an.
"Nein, natürlich nicht!... Naja, irgendwie kam mir der Gedanke in den Sinn eben wegen der Morgenübelkeit. Aber ich hoffe nicht! Du bist mit deinen 17 Jahren viel zu jung und hast noch nicht einmal eine abgeschlossene Schulausbildung!"
Traurig dachte ich darüber nach, dass ich mit meinem Problem sowieso nie schwanger werden würde und sprach den Gedanken aus Versehen laut aus.
"Was hast du gesagt? Wieso glaubst du, dass du nie Kinder haben wirst?"
Ich stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab und ließ meinen Kopf hineinfallen.
"Weil ich niemals einen Freund haben werde. Deswegen!"
"Ach Schatz, sag doch so was nicht."
Dann nahm sie mich in ihre tröstenden Arme und ich erzählte ihr schluchzend von meiner unbändigen Angst vor Beziehungen, Männern, meiner ständigen Übelkeit und auch von Danny. Sie reagierte so, wie ich es mir erhofft hatte.
An diesem Tag ging ich nicht in die Schule, weil mir ohnehin hundeelend war. Meine Mutter hatte donnerstags immer frei, da sie die Chefin ihrer Gärtnerei war und sich ihre Zeit mehr oder weniger selbst einteilen konnte. So machten wir es uns auf dem Sofa gemütlich, wo wir stundenlang über meine Ängste redeten. Ich versicherte ihr, dass ich nicht schwanger war, da ich ja noch nie Sex hatte und sie gab mir Ratschläge, wie ich das bevorstehende Date mit Danny lockerer angehen lassen könnte.
Trotz ihres lieben Rates ging mein Rendezvous mit meinem damaligen Herzblatt dank meiner Spei-Attacke und der anschließenden überstürzten Flucht aus seinem Auto leider in die Hose.
Als ich ihr davon berichtete, meinte meine Mutter dazu:
"Wenn er dich wirklich interessant findet, wird er mit dir über den Vorfall reden wollen und dich nicht einfach in der Schule ignorieren. Sollte er dir dennoch aus dem Weg gehen, kannst du ihn sowieso vergessen! Er sollte dich nämlich so akzeptieren, wie du bist!"
Von ihren Worten war ich sehr gerührt. Dass ich mich ihr anvertraut hatte, hat uns, meiner Meinung nach, enger denn je zusammengeschweißt.
Leider hatte mich Danny seit diesem Abend nicht einmal mehr mit seinem, bestimmt äußerst knackigen, Allerwertesten angeschaut, was mich damals sehr traurig stimmte, mir jetzt aber an meinem, mindestens genauso knackigen, Frauen-Po vorbeiging.
Während des Frühstücks unterhielten meine Mutter und ich uns darüber, welchen Wahlkurs ich noch belegen sollte. Ich wollte gerne Italienisch nehmen, da ich schon ein paar Mal in Italien Urlaub gemacht hatte und mir die Sprache sehr gut gefiel.
Sie hingegen war der Meinung, Chinesisch wäre später für den Beruf sinnvoller und außerdem könne ich schon so viele romanische Sprachen, da wäre diese Exotische mal etwas ganz anderes.
"Das mit dem Wahlkurs muss ich ja erst in der nächsten Woche entscheiden. Viel wichtiger ist, dass ich mir schon wieder Gedanken mache, wenn ich jemanden kennenlerne und dann wieder Übelkeit verspüre. Am allerwichtigsten ist mir natürlich die Ausbildung, aber es kann ja immer möglich sein, dass ich mich verliebe und mein Problem die Sache dann wie immer kompliziert macht."
"Ach Emmalein, denk einfach nicht so viel vorher darüber nach und lass es auf dich zukommen. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, aber einen anderen Ratschlag habe ich nicht für dich! Ich weiß nur, dass du ein bildschönes, junges und kluges Mädchen bist und der Junge, der dich bekommt, sich glücklich schätzen kann."
Zuversichtlich lächelte ich sie an.
"Danke, Mama! Du bist die Beste!"
Sie schenkte mir ein Strahlen zurück.
"Und jetzt los, in 20 Minuten müssen wir fahren. Sonst fängt dein neues Abenteuer ohne dich an."
Zusammen hievten wir meinen Koffer in unseren Kombi und dann ging es auch schon los. Der Abschied von unserem Haus fiel mir schwer. Immerhin hatte ich 19 Jahre hier gelebt. Ich liebte dieses Haus mit seiner roten Fassade und dem für den Norden typischen Flachdach.
Mit einem Schmunzeln erinnerte ich mich daran zurück, wie ich als kleines Mädchen im Sommer immer aus meinem Fenster auf unsere angrenzende Garage, die genau unter meinem Fenster endete, geklettert bin und es mir da oben mit einer Decke, einem guten Buch und einem Becher unserer selbstgemachten Himbeermilch gemütlich gemacht hatte. Hier konnte ich oft Stunden verbringen und einfach vor mich hinträumen. Dort oben fühlte ich mich, als könnte ich alles schaffen.
Irgendwann, als ich älter wurde, war es mir jedoch zu lästig geworden, immer diese ganzen Dinge auf das Dach zu schleppen und so suchte ich mir einen neuen Ort zum Lesen: unsere Hängematte.
Die drängende Stimme meiner Mutter riss mich aus meinen Gedanken.
"Emma, komm jetzt endlich. Los, steig ein."
Ich strich mir eine Strähne meiner honigblonden Locken hinters Ohr, warf noch einen letzten Blick auf unser Haus und stieg dann ein.
Die Fahrt von Ostereistedt nach Hamburg dauerte ungefähr eineinhalb Stunden. Je näher wir der Stadt kamen, desto nervöser wurde ich. Meine zukünftige Schule lag zentral in der Altstadt von Hamburg. Nur fünf Gehminuten von der Schule entfernt fand man die Haltestelle der U-Bahn, mit der man nur ein paar Minuten fuhr, ehe man die für Hamburg berühmten Landungsbrücken erreichte. Auch die Kaufhäuser und Geschäfte musste man nicht lange suchen. Lediglich ein Straßenseitenwechsel und das Überqueren einer Brücke waren nötig und schon befand man sich am Anfang einer wunderbaren Einkaufspassage, die nur darauf wartete, von neugierigen Konsumenten entdeckt zu werden.
Das alles hatte ich schon herausgefunden, als ich mit meiner Mutter am Tag der offenen Tür der Schule hier gewesen war. Aufgeregt stellte ich mir vor, wie ich nach dem Unterricht mit meinen neu gewonnenen Freundinnen die Läden unsicher oder in einem Café mit ihnen Latte Macchiato trinken und plaudern würde. Alleine würde ich einen Ausflug zu den Landungsbrücken unternehmen und dort in all den kleinen Souvenirläden, die ich nur kurz am Besichtigungstag gesehen hatte, bummeln gehen. Der verlockende Duft von frischen Krabbenbrötchen würde mir in die Nase steigen und ich würde mir wünschen, nie mehr aus Hamburg wegzugehen...
"So Schatz, wir sind da."
Ich hatte so sehr in meinen Vorstellungen gehangen, dass ich gar nicht mitbekommen hatte, dass wir unser Ziel in diesem Moment erreichten.
Vor uns erstreckte sich ein langer Gebäudekomplex mit großzügigen Fenstern und einer einladenden Dachterrasse. Die Fassade des Hauses war in einem blassen, nicht auffälligen Orangeton gestrichen und trotzdem stach es von den umliegenden in Grau gehaltenen Nachbarbauten heraus. In weißen Großbuchstaben waren die Wörter Impresa Fremdsprachen- und Dolmetscherschule Hamburg zu lesen. Davor befand sich ein weitläufiger Pausenhof mit ein paar hochgewachsenen Kastanienbäumen und Sitzgelegenheiten, die zwischen den Unterrichtseinheiten zum Verweilen einluden. ‚Oder man verbringt seine Freizeit lieber auf der tollen Dachterrasse und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen‘, dachte ich mit einem Grinsen und spürte innerlich Vorfreude.
Ungefähr 200 Meter weiter befand sich ein weiterer Bau in demselben Farbton, allerdings hatte dieser kleinere Fenster und keinen Schriftzug. Die beiden Gebäude waren durch einen verglasten überirdischen Gang miteinander verbunden, in dem sich, wie ich jetzt sah, Schüler bewegten. Denselben Durchgang gab es auch noch etwas weiter oben, ungefähr im zweiten oder dritten Stock.
Der Tag der offenen Tür lag schon fast ein Jahr zurück und meine Anmeldung für die Ausbildung hatte ich damals per Post geschickt, deshalb war ich nun über die Größe der Schule etwas verblüfft.
"Wow, so riesig hatte ich sie gar nicht mehr in Erinnerung...", sagte ich mehr zu mir selbst.
“Möchtest du, dass ich mit reinkomme? Oder willst du lieber alleine gehen?", fragte mich meine Mutter zaghaft.
"Du kannst mich noch bis zur Eingangstür begleiten, wenn du möchtest."
Wir hatten gegenüber dem Gelände einen Parkplatz gefunden und gingen nun auf die Schule zu. Ich sah auf meine Armbanduhr. Viertel vor Elf. In 15 Minuten begann die Einführung, bei der die Direktorin die neuen Schüler begrüßte und eine Rede hielt. So stand es zumindest auf dem Einladungsschreiben, das ich per Post erhalten hatte.
Darauf war ebenfalls das Lehrmaterial aufgelistet, das ich das Schuljahr über benötigte. Für den Englischunterricht hatte ich die meisten Bücher kaufen müssen - vier verschiedene. Für Französisch waren es zwei und für Spanisch nur eins, da diese Sprache im ersten Jahr nur nebensächlich war.
Wir erreichten die andere Straßenseite und mit jedem Schritt wurde ich unruhiger. Zögerlich ging ich auf das orangefarbene Gebäude zu. Meine Mutter, der meine Anspannung nicht entgangen war, begleitete mich, worüber ich jetzt doch ganz froh war.
"Bist du sehr nervös, Schatz?", fragte sie mich und legte mir beruhigend ihre Hand auf die Schulter.
Ich schluckte aufgeregt.
"Ja, schon etwas. Was ist, wenn ich keine Freunde finde? Oder mir mein Problem wieder in die Quere kommt?"
"Ach Schätzchen, das wird schon. Alles der Reihe nach, du wirst sehen!"
Sie nickte mir aufmunternd zu. Ich lächelte sie skeptisch an.
Vor der Eingangstür hatten sich mehrere Schüler versammelt, die teilweise auch von ihren Eltern gebracht wurden, teilweise aber auch alleine kamen. Es war zwar sehr nett von meiner Mutter gewesen, dass sie mich bis zum Eingang begleitete, jedoch wollte ich nicht, dass sie mit hineinkam. Nein, von hier an wollte und musste ich es auf eigene Faust schaffen.
Wir hielten am Treppenabsatz an und ich drehte mich zu ihr.
"So Mum, ab hier schaffe ich es allein."
"Bist du sicher, Mäuschen?"
Sie sah mich zögerlich an.
"Klar! Grüß Papa von mir. Und bitte vergiss nicht, meine Fische zu füttern, solange ich weg bin."
Ich umarmte sie.
Sie drückte mich liebevoll an sich.
"Ich bin so stolz auf dich, Emma. Du wirst dich bestimmt schnell einleben. Genau wie Valentina damals. Melde dich heute Abend kurz, wie der erste Tag gelaufen ist, okay?", sagte sie. "Und keine Sorge wegen der Jungs", fügte sie flüsternd hinzu.
"Ja, ich gebe Bescheid. Danke für alles, Mama. Jetzt muss ich aber los. Mach's gut!", sagte ich, nahm meinen Koffer, straffte die Schultern und stieg die wenigen Stufen zur Eingangstür hinauf.
Die anderen Schüler, die vorhin noch draußen standen, waren in der Zwischenzeit alle hineingegangen. Hoffentlich kam ich nicht zu spät. Mein Herz klopfte wild vor Aufregung. Ich war bereit für mein neues Leben in der Großstadt.
Ich atmete noch einmal tief durch und legte meine Hand auf die kunstvoll verzierte Klinke der großen Holztür. Ich drückte sie herunter und zog daran. Nichts geschah. Da kapierte ich, dass ich nicht ziehen, sondern drücken musste. Typisch ich, so etwas passierte mir ständig, wenn ich unterwegs war.
Bettina sagte nicht ohne Grund zu mir "Emma und die Türen..." und sah mich jedes Mal mit einem belustigten Blick an. Dieses Mal drückte ich dagegen und wieder geschah nichts.
"Das gibt's doch nicht! Wahrscheinlich klemmt sie bloß", murmelte ich vor mich hin und stemmte mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen. In diesem Moment merkte ich, wie jemand die Tür auf der anderen Seite schwungvoll aufriss, sodass ich hineingezogen wurde und direkt in die Arme eines Fremden taumelte.
Aller Anfang ist schwer
"Hey! Nicht so stürmisch", sagte eine tiefe, männliche Stimme überrascht. Plötzlich wurde ich von zwei starken Armen festgehalten. Der Griff war zwar fest, aber in keinster Weise so, dass es wehtat.
"Geht es wieder?", fragte mich mein Retter.
Ich hob den Kopf, um ihm zu versichern, dass mit mir alles in Ordnung sei und mich zu bedanken, dass er mich aufgefangen hatte, doch als ich ihm ins Gesicht sah, verschlug es mir mit einem Mal die Sprache.
Ich blickte in ein wunderschönes Gesicht mit hohen Wangenknochen und sonnengebräunter Haut. Der junge Mann besaß dichtes, kurzes, braunes Haar, das zum Durchwuscheln einlud und ozeanblaue Augen, in denen wohl jedes Mädchen heillos ertrinken würde. Diese Augen schauten mich jetzt mit einem sorgenvollen Blick an, als ich auf seine Frage nicht antwortete. "Geht es dir gut? Hast du dir wehgetan?", fragte er erneut.
Ich glotzte ihn weiterhin nur an. Hätte nur noch gefehlt, dass ich zu Sabbern anfing. Ich war wie gelähmt. In meinem Kopf schrie eine energische Stimme, ich solle ihm doch gefälligst antworten, dass es mir gut ginge, um dann schnellstmöglich meinen Koffer zu schnappen und pünktlich zu meiner Einführungsveranstaltung zu kommen.
Doch da war noch eine zweite innere Stimme. Eine Stimme, die sanfter war. Geradezu gefühlsbetont. Jene Stimme wollte auch nicht, dass der Fremde mich losließ. Sie wollte weiter von ihm festgehalten werden und dabei in seine fesselnden, wunderschönen Augen blicken.
Gleichzeitig spürte ich aber auch, wie Übelkeit und Nervosität aufstiegen, da ich in diesem Moment realisierte, dass mein Gegenüber mir unheimlich gut gefiel. Dass er mir so durchdringend in die Augen sah, machte es definitiv nicht besser.
Gerade gewann meine Vernunft die Oberhand und ich wollte mich von ihm losmachen, da ertönte eine verärgert klingende Frauenstimme hinter dem jungen Mann, der mich daraufhin selbst losließ.
Verschreckt machte ich einen Schritt zurück und wäre um ein Haar rückwärts über meinen Koffer geflogen. Mit hochrotem Kopf richtete ich mich wieder auf, als auch schon ein bildschönes Mädchen Anfang zwanzig an mir vorbeirauschte, den Fremden im Schlepptau. Ich sah den beiden hinterher.
"Baby, jetzt komm. Ich habe um viertel nach Elf den Termin bei Sonya und den darf ich nicht verpassen! Weißt du, wie schwer es war so kurzfristig einen Termin bei der angesagtesten Nageldesignerin der Stadt zu bekommen?"
"Ja, ich weiß, Victoria!", entgegnete der Mann etwas genervt.
"Ich brauche unbedingt diese Gel-Nägel in Rosé. Die passen doch perfekt zu meinem Kleid für Christins Hochzeit am Samstag. Und du möchtest doch auch, dass ich die Hübscheste bin..."
Das Mädchen drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Dann zog sie ihn an der Hand weiter und die zwei verließen das Schulgelände.
Oh man! Das hätte ich mir ja wohl denken können, dass so ein hübscher Typ vergeben ist. So einer will doch nichts von einem Tollpatsch wie mir, ärgerte ich mich und zog energisch an meinem Koffergriff. Meine Übelkeit, die schon wieder etwas nachgelassen hatte, vergaß ich in diesem Moment ganz, denn die Eingangshalle der Schule nahm mich voll und ganz gefangen. Dass sie pompös war, wusste ich noch vom Tag der offenen Tür, aber so pompös…
Links von mir befand sich eine Art Empfang, wie man ihn normalerweise nur aus Hotels kannte. Seine Front war mit dunklem Holz getäfelt. Dahinter stand eine schick angezogene Dame mittleren Alters mit dunklem Pagenschnitt und Brille. Sie musterte mich, sagte jedoch nichts.
Den Boden der gesamten Halle zierte ein edler Marmorboden. Rechts von mir war eine schnuckelige Sitzecke mit kleinen, runden Tischen und gemütlichen Sesseln. Obenauf lagen Zeitschriften in verschiedenen Sprachen. Ich konnte das Wort Comprendre erkennen, was verstehen auf Französisch, bedeutet. Dies war der Titel der Zeitschrift, die ich zuhause auch schon des Öfteren gelesen hatte. Am anderen Ende der Halle wand sich eine gigantisch breite Holztreppe ins obere Stockwerk, wobei man dann die Wahl hatte nach rechts, links oder geradeaus zu gehen. Die weiteren Etagen konnte man von hier aus noch gar nicht sehen.
"Wahnsinn, ich kann es kaum abwarten, in diesen heiligen Hallen hier zu studieren!", staunte ich und lächelte dabei in mich hinein.
"Kann ich Ihnen helfen?", riss mich die Stimme der Empfangsdame aus meinen Träumereien. Ich wandte mich ihr zu.
"Äh, ja..." Ich schluckte nervös. "Ich muss zur Einführung für die Erstklässler. Können Sie mir sagen, wo ich hinmuss?" Ich lächelte. "Bitte?", fügte ich noch hinzu.
"Nach dem Empfang nach links und dann die zweite Tür auf der rechten Seite. In diesem Gang." Die Dame deutete auf den entsprechenden Gang. "Aber an Ihrer Stelle würde ich mich etwas beeilen. Die Direktorin sieht es nicht gerne, wenn man zu spät kommt!"
So, wie sie mich mit Nachdruck ansah, war das kein gut gemeinter Ratschlag, sondern ein Befehl!
"Vielen Dank!", war alles, was ich herausbrachte.
"Den Koffer lassen Sie bitte hier bei mir. Sie bekommen ihn nach der Veranstaltung wieder." Wortlos übergab ich ihr meinen Koffer.
"Name?", fragte sie und holte eine Liste hervor.
"Von meinem Koffer?", entgegnete ich verblüfft.
"Nein, von Ihnen!", blaffte sie mich an.
"Achso..."
Obwohl ich es nicht zulassen wollte, verunsicherte mich diese Frau total durch ihre gehässige Art.
"Emma Hallstedter", murmelte ich.
Schon jetzt hasste ich sie. Ich konnte mich nicht erinnern, diese Tussi am Tag der offenen Tür hier gesehen zu haben. Damals waren alle sehr nett gewesen.
"Ich habe keine Emma Hallstedter auf meiner Liste", sagte sie und sah mich herausfordernd an.
"Das kann nicht sein. Ich habe mich für dieses Schuljahr angemeldet. Ich habe auch eine schriftliche Einladung erhalten." Ich hielt ihr meine Einladung hin.
Ein kurzer Blick auf meine Handyuhr sagte mir, dass ich nur noch zwei Minuten hatte. Na super! Wenn ich noch länger mit dieser Kuh diskutierte, kam ich wirklich zu spät.
Leon
Die Straßenbahn kam zum Stillstand. Ein paar Leute stiegen aus und Victoria und ich traten ein. Um diese Zeit war nicht viel los und wir bekamen fast immer einen Sitzplatz. Die meisten Menschen waren bei der Arbeit und die Schüler noch im Unterricht.
Ich setzte mich ans Fenster und Victoria ließ sich auf den freien Platz neben mir fallen. Sie drehte den Kopf zu mir.
"Sag mal, dieses Provinzweib vorhin, das dir in die Arme getaumelt ist, was war denn das für eine? So ein Tollpatsch! Einfach nur peinlich, findest du nicht auch? Und hast du ihre Kleidung gesehen?" Sie lachte verächtlich.
Ich antwortete nur mit einem Schulterzucken.
"Offenbar ist sie eine neue Schülerin. Ich hoffe nur, sie kommt pünktlich zur Einführung, sonst bekommt meine Mutter wieder einen Tobsuchtsanfall..."
Victoria lächelte spöttisch.
"Na und, dann wird sie halt schneller wieder von der Schule geschmissen als sie überhaupt FREMDSPRACHENSCHULE sagen kann. Ich verstehe sowieso nicht, wieso man freiwillig an einer Sprachenschule studieren möchte…"
Sie zog die Nase kraus, als ob sie in eine saure Zitrone gebissen hätte. Victoria hasste Sprachen. Eigentlich interessierte sie sich nur für Kleidung, Make-Up und sämtliche Hochglanzmagazine.
"Nur weil du eine Abneigung gegen Fremdsprachen hast, müssen nicht alle so eingestellt sein", verteidigte ich die Unbekannte. Selbst war ich leider nicht sprachbegabt, bewunderte jedoch die Menschen, die sich problemlos neue Vokabeln einprägen konnten, die Grammatik der Sprache verstanden und am Wichtigsten, keine Probleme hatten sich in unterschiedlichen Ländern in der jeweiligen Sprache zu verständigen.
"Pff, mir doch egal", entgegnete Victoria, nahm ihr Handy aus ihrer Tasche, rief eine Seite auf und begann zu lesen. Ich linste verstohlen auf das Display. "DER NEUESTE KLATSCH UND TRATSCH UNSERER BELIEBTESTEN PROMIS" stand da in großen, pinken Lettern. Genervt verdrehte ich die Augen und schalt mich selbst innerlich dafür, dass ich ernsthaft geglaubt hatte, sie würde ein E-Book lesen. Echte Literatur hasste sie nämlich ebenfalls. Ich hingegen las viel und hätte ihr hin und wieder gerne von meinem Gelesenen erzählt, was sie jedoch nicht gerne hörte, da Lesen in ihren Augen etwas für Langweiler sei.
Darauf erwiderte ich immer, dass sie mich damit auch als Langweiler abstempelte. Dann kam sie zu mir, nahm mein Gesicht in ihre Hände und versuchte mich mit einem Kuss zu besänftigen, den ich nur halbherzig erwiderte. Ich sei kein Langweiler, sagte sie, da ich gut aussah und Markenkleidung trug. Das war ihre Definition!
Zugegeben, unsere Beziehung war nicht einfach und in letzter Zeit fühlte ich mich auch nicht mehr so wohl mit ihr. Allerdings war das nicht immer so gewesen. Wir waren nun fast drei Jahre zusammen und ich erinnerte mich immer noch – als wäre es erst gestern gewesen – an den Tag, an dem ich sie zum ersten Mal sah und hin und weg von ihr war.
Total frustriert kam sie damals in die Speicherstadt Kaffeerösterei, in der ich als Barista arbeitete, und ließ sich niedergeschlagen auf einem Hocker am Tresen nieder. Seufzend bestellte sie einen Cappuccino, rührte ihn aber kein einziges Mal an.
Sie hatte glänzendes, hellblondes Haar, das sie auf Kinnlänge trug. Ihre Nase war eben und glich der einer Puppe und ihren Mund zierten perfekt geschwungene Lippen, die in einem fast hautfarbenen Ton bemalt waren. Ein todschicker, bestimmt sündhaft teurer Hosenanzug umschmeichelte ihre gertenschlanke Figur.
Ich wunderte mich, warum eine so bildhübsche junge Frau so traurig dreinsah. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und fragte sie, ob alles in Ordnung sei. Sie hob den Kopf und sah mich mit einem Blick an, der vermuten ließ, dass sie gerade ganz woanders mit ihren Gedanken gewesen war. Da sah ich zum ersten Mal ihre Augen. Eisblaue Augen, die mich erschöpft ansahen.
"Hm, ja, alles in Ordnung...", antwortete sie mit schleppender Stimme, hielt kurz inne und meinte dann kopfschüttelnd: "Nein, eigentlich nicht. Nichts ist in Ordnung."
"Ich habe mal gehört, dass Barista gute Zuhörer sein sollen", versuchte ich sie aufzumuntern und zwinkerte ihr zu.
"Waren das nicht eigentlich Barkeeper?", entgegnete sie und musste ein bisschen schmunzeln.
"Es hat funktioniert!"
"Was hat funktioniert?", fragte sie verwirrt.
Ich sah sie mit einem intensiven Blick an.
"Dich zum Lächeln zu bringen."
Sie streckte mir ihre Hand hin und ich ergriff sie.
"Victoria", stellte sie sich vor.
"Leon. Freut mich dich kennenzulernen."
"Ebenfalls, Leon!" Sie sah mir tief in die Augen.
"Nun erzähl mal, was verschlägt dich in diese" – ich machte eine ausholende Handbewegung – "Kaffeerösterei in unserer wunderschönen Speicherstadt?"
Sie lächelte verkniffen.
"Naja, ich hatte hier in der Gegend ein Vorstellungsgespräch. Aber das ging leider völlig nach hinten los. Ich komme ursprünglich aus Frankfurt und bin vor meinem kontrollsüchtigen Vater geflohen. Er ist dort ein erfolgreicher Anwalt und wollte schon immer, dass sein einziges Töchterchen auch Jura studiert und in seine Fußstapfen tritt, im besten Falle sogar seine Kanzlei übernimmt. Doch ich hatte von Anfang an andere Pläne für mein Leben. Ich hatte schon immer den Traum, als Fotomodell Karriere zu machen. Für meinen Vater ist dieser Beruf natürlich nicht tragbar, ich solle was Anständiges lernen!"
Victoria verdrehte die Augen und machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Jedenfalls hat mir zuerst so ein Vollpfosten seinen Kaffee im Aufzug auf meine Bluse geschüttet, dann durfte ich drei Stunden auf den Modelagenten warten, nur um von ihm mitgeteilt zu bekommen, dass sie schon ein anderes Model gefunden haben!"
Frustriert stützte sie den Kopf auf ihren Arm.
"Oh je, das ist bitter! Tut mir leid, dass es so blöd gelaufen ist. Wenn du möchtest, kannst du versuchen deine Bluse zu retten. Den Gang runter geht es zu den Toiletten."
Ich deutete hinter mich.
Sie winkte ab.
"Ach lass nur, das hab ich in der Agentur schon versucht. Die Bluse ist hinüber. Genauso wie mein Selbstbewusstsein."
Ich tätschelte ihren Arm.
"Hey, wenn das Modeln wirklich dein Traum ist, wirst du eine andere Agentur finden, bei der du unter Vertrag kommst."
"Jetzt muss ich erst einmal eine Pension oder ein Hostel finden und mir dann überlegen, was ich als Nächstes mache. Zurück zu meinem Vater gehe ich sicherlich nicht!" Sie schüttelte energisch den Kopf.
Mir kam eine Idee. Ich wusste nur nicht, ob ich zu forsch vorging. Aber ich wollte diese attraktive Frau einfach nicht wieder gehen lassen.
Ich räusperte mich: "Also, wenn du möchtest, kannst du gerne mit zu mir kommen. Du kannst in meinem Bett schlafen und ich nehme die Couch. Morgen überlegen wir gemeinsam, wie es weitergeht. Na, was meinst du?"
"Hast du denn keine Freundin, die zuhause auf dich wartet?", fragte sie und lächelte dabei verführerisch.
Ich zog eine Augenbraue hoch.
"Nicht, dass ich wüsste."
Wir lächelten uns beide vielsagend an.
Nach meiner Schicht nahm ich sie mit zu mir. Ich besaß eine kleine Altbauwohnung in der Altstadt von Altona mit schnuckeligem Balkon und Blick auf einen kleinen Park. Ein klein wenig Grün in so einer großen Metropole musste sein!
Nachdem sie sich umgezogen hatte – die dreckige Bluse warf sie sofort in den Müll – machte ich uns beiden etwas zu essen. Ich kann ganz gut kochen und mein Nudelauflauf schien ihr zu schmecken.
Nach dem Essen machten wir es uns mit einem Glas Rotwein im Wohnzimmer auf dem Sofa gemütlich und unterhielten uns über Gott und die Welt. Im Laufe des Abends erfuhr ich, dass sie es nie leicht hatte. Ihre Mutter hatte die Familie verlassen, als Victoria neun Jahre alt war. Da ihr Vater nie darüber hinwegkam, von seiner großen Liebe abserviert worden zu sein, und er sich gleichzeitig Sorgen um sein Image als erfolgreicher, aber sitzengelassener Anwalt machte, begann er abends seinen Frust mit Alkohol zu bekämpfen. Am Anfang war es nur zwei- bis dreimal die Woche ein Glas.
Doch mit der Zeit wurde es immer mehr. Für Victoria war es damals eine harte Zeit. Ihre Mutter brach den Kontakt zu ihrer Tochter ab, da sie sich mit ihrem neuen Freund ein Leben abseits ihres Kindes und ihres Exmannes aufgebaut hatte. Dadurch musste Victoria schon früh lernen, für sich selbst zu sorgen, aber das hatte sie nur stärker gemacht.
Ihre Geschichte schockte mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es war, wenn die eigene Mutter nichts mehr von ihrem Kind wissen wollte. Was für Ängste man haben musste. Wahrscheinlich suchte man den Fehler für das Verschwinden der Mutter bei sich, da man noch zu jung war, um zu verstehen, dass ein unschuldiges Kind rein gar nichts dafür konnte! Das musste schrecklich sein. Sie gab mir aber auch zu verstehen, dass sie kein Mitleid wollte. Sie sei damit durch und lebe jetzt ihr eigenes Leben. Nach Mitternacht kamen wir uns näher und küssten uns zum ersten Mal.
Emma
"Können Sie bitte noch einmal nachsehen? Ich muss auf der Liste stehen! Ich habe mich ganz sicher für dieses Schuljahr angemeldet", flehte ich die ungehobelte Dame an.
Sie seufzte genervt.
"Ich habe es Ihnen doch schon gesagt, hier befindet sich keine Emma Hallstedter!"
Ich blickte verstohlen auf ihre Liste. Angestrengt versuchte ich zu erkennen, welche Klasse als Überschrift darauf stand. Da ich auf dem Kopf lesen musste, war das gar nicht so leicht. Ich entzifferte eine "1" und dahinter ein "a_3". Das kleine "a_3" irritierte mich. Ich sah hastig auf mein Einladungsschreiben. Tatsächlich. Da stand, dass ich in der Klasse 1a_2 war. Ich räusperte mich.
"Kann es sein, dass Sie die falsche Liste haben? Auf meiner Einladung steht, dass ich in der Klasse 1a_2 bin, nicht in der 1a_3", versuchte ich sie sanft darauf hinzuweisen.
Die Frau hob den Kopf und sah mich mit böse funkelnden Augen an.
"Wollen Sie mir jetzt auch noch sagen, wie ich meinen Job zu machen habe?"
Sie riss mir den Brief aus der Hand, checkte kurz die Klasse auf dem Schreiben und überprüfte dann ihre Liste. Sie schien den Fehler zu bemerken. Ganz kurz huschte ein verwirrter Blick über ihr Gesicht, bevor sich ihre Züge wieder in die selbstgefällige Miene verwandelten, die sie an den Tag legte. Sie griff nach einem Stift und hakte mich auf der Liste ab.
"Sie können gehen" war alles, was sie zu mir sagte. Keine Entschuldigung. Nicht mal ein Lächeln.
Jetzt war jedoch keine Zeit, um mich über sie zu ärgern. Ohne ein Wort darauf zu erwidern, rannte ich den Gang entlang. Eine Minute nach Elf Uhr. Ich kam vor einer dunklen Doppeltür aus Holz zum Stehen. Ich atmete tief durch und stieß die Tür auf.
Sämtliche Köpfe fuhren wie auf Kommando herum und musterten die Person mit einer Mischung aus Neugier und Entsetzen, die es sich erlaubte, zu spät zur Einführung zu kommen: mich. Ich schluckte. Na, wenn das mal kein peinlicher Auftritt ist, den du hier hinlegst!, dachte ich betreten und schloss die Tür. Es war totenstill.
Während ich hektisch den Mittelgang auf der Suche nach einem freien Platz entlangschritt, starrten mich alle an. Ich hasste es, wenn sich alle Augen auf mich richteten und ich im Mittelpunkt stand. Am liebsten wäre ich ganz tief im Erdboden versunken! Warum ist denn hier nirgendwo ein freier Platz?, fluchte ich innerlich.
Die Frau, die vorne auf einer kleinen Bühne an einem Rednerpult stand, blickte erwartungsvoll auf mich herab.
"Und Sie sind?", fragte sie genervt.
"Emma Hallstedter", druckste ich kleinlaut.
"Ich bin in der 1a_2", fügte ich noch hinzu. Meine Stimme zitterte.
Die Frau hob herausfordernd eine Augenbraue.
"Nun, Frau Hallstedter, Sie sind zu spät!"
Ich strich mir eine Haarlocke hinters Ohr.
"Entschuldigen Sie. Das wird nicht wieder vorkommen. Es gab ein Missverständnis am Empfang", brachte ich heraus. Mein Herz pochte wie verrückt, denn ich fürchtete schon, gleich wieder den Heimweg antreten zu müssen.
"Soso, ein Missverständnis. Na gut, ich drücke noch einmal ein Auge zu, da heute Ihr erster Tag ist. Suchen Sie sich bitte einen freien Platz, damit wir dann endlich anfangen können." Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. In der zweiten Reihe fand ich einen freien Stuhl. Ich entschuldigte mich bei allen, die wegen mir aufstehen mussten, damit ich durchkam und schob mich erleichtert auf den Platz.
"Mein Name ist Helena Ahrens und ich bin die Direktorin dieser Schule. Ich heiße Sie alle ganz herzlich Willkommen an unserer Impresa Fremdsprachen –und Dolmetscherschule hier in Hamburg! Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise!
Welcome, Bienvenue, Bienvenidos, Benvenuto, Huānyíng guānglín, Bem vindo und Добро пожаловать!", begann die Frau zu sprechen.
"Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Chinesisch, Portugiesisch und Russisch sind alles Fremdsprachen, die Sie hier erlernen können, beziehungsweise, in denen Sie hier ausgebildet werden, um später im Beruf damit zu arbeiten. Das ist es, was unsere Schule auszeichnet. Internationalität! Aber darüber erfahren Sie später mehr. Ich werde Ihnen nun etwas zum heutigen Ablauf erzählen:
Die Einführung dauert in etwa eine Stunde. Um 12.30 Uhr gibt es für Sie alle das erste Mittagessen in unserer Kantine. Natürlich ist es kein Muss, in der Schulkantine mitzuessen, viele unserer Schüler, die schon länger hier sind, gehen in der Mittagspause oder in den Freistunden in die nahegelegene Innenstadt und essen dort etwas. Das können Sie frei entscheiden.
Zurück zum Ablauf:
Nach dem Mittagessen bekommen Sie Ihre Koffer zurück und werden sich im Wohnheim ein Zimmer aussuchen. Das wird um 13.30 Uhr stattfinden. Es gibt überwiegend Zweierzimmer, aber auch ein paar Einzelzimmer. Dann haben Sie erstmal ein wenig Zeit, um auszupacken und anzukommen. Heute findet noch kein Unterricht statt – erst ab morgen – aber um 16 Uhr erwarte ich Sie alle wieder hier. Dann bekommen Sie Ihren Stundenplan ausgehändigt und eine Führung durch die Schule, damit auch jeder von Ihnen morgen sein Klassenzimmer findet. Danach haben Sie den restlichen Tag zu Ihrer freien Verfügung. Morgen beginnt der Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler um Punkt acht Uhr."
Das Wort "Punkt" betonte sie extra. Bildete ich es mir ein, oder blickte sie bei diesem Satz ausgerechnet in meine Richtung?
"Nun erfahren Sie von mir noch etwas über die Entstehung und Gründung unserer Schule. Sie wurde im Jahre 1976 von Professor Dr. Marco Impresa-Fleischhauer und seinem Sohn Professor Tommaso Impresa-Fleischhauer gegründet. Professor Dr. Marco Impresa-Fleischhauer erwarb 1966 in Italien – seinem Heimatland – seinen Doktortitel in Sprachwissenschaften und ist der Liebe wegen nach Deutschland ausgewandert."
Die Direktorin sprach noch weiter über die Entstehungsgeschichte, jedoch hörte ich nicht mehr zu. Zum ersten Mal nahm ich meine Umgebung richtig wahr.
Der Saal, in dem ich mich befand, war groß und eindrucksvoll. Der Boden war aus hellem Marmor und die Wände waren in Weiß gehalten. Dadurch wirkte der Raum insgesamt sehr hell und freundlich. Das Rednerpult, hinter welchem die Direktorin mit Inbrunst sprach, hatte einen warmen Nussbaumton. Ich richtete meinen Blick nach oben. Dort über unseren Köpfen hing ein imposanter Kronleuchter. Rechts und links von mir saßen Schüler, die alle aus demselben Grund hier waren wie ich.
Einige hörten Frau Ahrens aufmerksam zu, andere sahen sich ebenfalls um oder unterhielten sich leise miteinander. Im Sitzblock gegenüber erblickte ich ein Mädchen, das mir ein aufmunterndes Lächeln zuwarf. Ich lächelte freundlich zurück. Sie sah mich noch einen kurzen Moment an und richtete dann ihren Blick wieder auf die Direktorin. Ich tat es ihr gleich.
Die Frau, die hinter dem Podium stand, war schätzungsweise um die 50 Jahre alt und ziemlich groß gewachsen. So, wie sie dastand – aufrecht und die Hände lässig zu beiden Seiten des Pultes – strahlte sie sehr viel Selbstsicherheit aus. Der untere Teil ihres Körpers wurde von dem Podium verdeckt, aber ich konnte sehen, dass sie einen eleganten, dunkelblauen Blazer trug, den silberne Pailletten am Revers und an den Ärmeln zierten. Ihre Haare waren dunkelbraun und zu einem strengen Dutt frisiert und auf ihrer Nase saß eine schwarze Hornbrille, durch die sie noch selbstbewusster wirkte. Ich konnte mir vorstellen, dass diese Frau sehr streng, aber dennoch fair war. Hoffentlich würde ich gut mit ihr klarkommen.
Nachdem ich mit der Begutachtung der Direktorin fertig war, entdeckte ich an der Wand hinter ihr eine große Uhr. Sie zeigte 12.01 Uhr. Mir fiel auf, dass viele Schüler mittlerweile auf die Uhr blickten, aus dem Fenster sahen oder anfingen, auf ihren Stühlen herumzurutschen. Auch mir wurde es allmählich zu lange, über die Geschichte der Schule informiert zu werden. Meine Gedanken schweiften ab und landeten bei dem Jungen, mit dem ich vorhin zusammengestoßen war.
Jetzt musste ich über meine Tollpatschigkeit schmunzeln. Und an seine wunderschönen blauen Augen denken, die direkt in meine sahen, als er mich fragte, ob es mir gut gehe. Ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus, welches gleich darauf von meiner altbekannten Übelkeit zunichte gemacht wurde.
Schlag ihn dir aus dem Kopf, du könntest sowieso nicht mit ihm zusammen sein, da du dieses nervige Problem hast und außerdem hat er schon eine Freundin!, ermahnte ich mich selbst.
Applaus donnerte durch den Saal und riss mich jäh aus meinen Gedanken. Die Rede war zu Ende, alle Schüler standen von ihren Plätzen auf und eilten zum Ausgang. Auch ich setzte mich in Bewegung. Jedoch wusste ich gar nicht, wo sich die Mensa befand. Allerdings hatte ich sowieso keinen Appetit mehr, da mir schon wieder schlecht war.
Ich fragte trotzdem ein Mädchen mit langen dunklen Haaren, ob sie wüsste, wo die Schulkantine sei. Sie antwortete, dass Frau Ahrens das doch gerade gesagt hatte, am Ende ihrer Rede. Das hatte ich gar nicht mitbekommen, weil ich so vertieft in meine Gedanken war. Das Mädchen gab mir aber dennoch die gewünschte Information.
Die Schulkantine befand sich im Erdgeschoss, rechts neben der breiten Holztreppe, die in die oberen Geschosse führte. Ich trat zusammen mit einer Traube von anderen Schülern durch die Tür hindurch und sogleich schlug mir ein starker Geruch nach frittierten Pommes Frites entgegen. Die Kantine war – ebenso wie der Saal, in dem die Einführung stattgefunden hatte – eher in hellen Tönen gehalten. Einzig eine Wand war in demselben Orange gestrichen, wie die Außenfassade des Gebäudes. Vor dieser Wand waren Sitzgruppen angeordnet, an denen die Schüler Platz nehmen konnten. Gegenüber befand sich eine lange Theke, an der verschiedene Gerichte ausgegeben wurden.
Zielstrebig steuerte ich nur die Salatbar an und setzte mich an einen freien Platz am Fenster. Lustlos fing ich an in meinem Salat herumzustochern. Ich war frustriert darüber, dass mir meine Übelkeit, noch bevor der Unterricht überhaupt angefangen hatte, schon wieder in die Quere kam. Aber ich konnte es nicht leugnen, der Junge von vorhin gefiel mir ausgesprochen gut! Jedoch war es aussichtslos, mit ihm zusammen zu kommen…
"Hi, du bist Emma, richtig?", wurde ich plötzlich angesprochen. Ich sah auf. Mir gegenüber saß ein Mädchen. Genauer gesagt war es das Mädchen, das ich zuvor nach der Mensa gefragt hatte. Ich musterte sie genauer. Sie hatte fast schwarzes Haar, das in sanften Wellen über ihren Rücken fiel und trug ein gelb-pink geblümtes Spaghettiträger-Top mit tiefem Ausschnitt, welches sie bei ihrer Oberweite auch locker tragen konnte. Sie war sehr hübsch. Ich räusperte mich und erwiderte:
"Ja genau. Und du bist?"
Sie hielt mir ihre Hand hin. Ich ergriff sie.
"Lucía Flores", stellte sie sich vor.
"Hey, dein Name klingt spanisch! Wo kommst du denn her?", wollte ich wissen. Meine schlechte Laune von eben rückte in den Hintergrund.
Ich erntete ein Grinsen.
"Sí, ich bin Spanierin, aber in Deutschland geboren. Ich komme aus Hannover. Meine Eltern sind auch Spanier und kommen ursprünglich aus einer kleinen Stadt nahe Sevilla. Sie sind nach Deutschland ausgewandert, weil dort die Arbeitssituation besser ist als in Spanien." Ein klein wenig sprach sie mit spanischem Akzent, was aber sehr schön klang.
"Achso, aber kennst du trotzdem deine Heimat in Spanien? Und wurdest du dann zweisprachig erzogen?"
Auf einmal war ich ganz euphorisch, mehr über Lucía zu erfahren. So war das immer mit mir. Sobald es um Fremdsprachen ging, war ich wie in einer anderen Welt!
Sie nickte.
"Ich war die Sommerferien über bei meiner Familie in Santiponce. Meine Großeltern wohnen dort immer noch in einem großen Haus, das genügend Platz für die ganze Familie bietet. Sogar mein Bruder und meine zwei Schwestern mit Familie und Kindern sind gekommen und wir haben stundenlang gegessen und Ausflüge unternommen. Bei uns ist es immer sehr lustig und laut." Sie lächelte versonnen. Offenbar erinnerte sie sich an die schöne Zeit.
Ihre Augen, die die Farbe von dunkler Schokolade hatten, glänzten vor Freude. Dadurch kam ihr schwarzer Lidstrich noch mehr zur Geltung.
"Klingt toll!", sagte ich und meinte es auch so.
Das Mädchen strahlte.
"Und ja, ich bin zweisprachig aufgewachsen", fügte sie hinzu. "Meine Eltern haben von Anfang an viel Wert darauf gelegt, dass ich meine Heimat und die Traditionen – eben auch die Sprache – kennenlerne und beibehalte, auch wenn ich in Deutschland geboren bin."
Lucía legte den Kopf schief und sah mich an.
"Und wo kommst du her?"
"Ich komme aus Ostereistedt – einem kleinen Dorf, das ungefähr 90 Kilometer von Hamburg weg ist", antwortete ich.
"Und du interessierst dich offensichtlich für Spanisch!", schlussfolgerte sie.
"Ja, total! Ich liebe Sprachen! Naja, deswegen bin ich ja auch hier."
Sie nickte.
"A mí también!", sagte sie, was "ich auch" bedeutete. Wir lachten beide.
Die Schulklingel ertönte mit einem lauten "Ding Dong" und läutete das Ende der Pause ein. "Wir müssen unsere Koffer holen. Vorne am Empfang", bemerkte Lucía.
"Juhu, bei der unfreundlichsten Schnepfe auf der ganzen Welt!", entgegnete ich theatralisch und verdrehte die Augen.
Fragend sah mich meine neue Freundin an. Ich winkte ab.
"Erzähl ich dir später!"
Wir sprangen auf, brachten unsere Tabletts zum Essenswagen und eilten aus der Cafeteria.
Beziehungsprobleme
Leon
Ich saß in einem pinken Ledersessel und langweilte mich. Victoria war im Nebenraum und quatschte mit der Nageldesignerin Sonya über die letzte Modenschau, während diese ihr falsche Fingernägel in Rosé verpasste. Es war mir einfach nicht klar, wieso sie diese langen Krallen brauchte. Ich hatte nichts gegen lackierte Nägel, aber mussten es immer diese Künstlichen sein?
Obwohl ich Sonya, die immer viel zu viel Parfüm auftrug, nicht ausstehen konnte, musste ich zugeben, dass sie eine Koryphäe auf ihrem Gebiet des Nageldesigns war. Die Kundinnen standen Schlange bei ihr. Wie auch jetzt. Ich war umgeben von lauter Frauen, die auf ihren Termin warteten. Da ich der einzige Mann in dem Zimmer war, kam ich mir ziemlich fehl am Platz vor. Aber Victoria musste mich ja unbedingt überreden, mitzukommen. Und ich hatte mal wieder ihr zuliebe ja gesagt.
Ich wusste nicht, wie ich die Wartezeit verbringen sollte – mein Handy war leer und im Wartezimmer lagen nur Frauenzeitschriften aus. Also begann ich wieder über die Anfangszeit unserer Beziehung nachzudenken:
Am nächsten Tag, nachdem Victoria in meinem Bett geschlafen hatte, frühstückten wir zusammen und suchten dann im Internet gemeinsam nach einem günstigen Hostel für sie. Den Kuss, welchen wir letzte Nacht geteilt hatten, erwähnte keiner von uns. Gar nicht lange und wir fanden eine geeignete Unterkunft mitten in der Innenstadt, zufällig recht nah an meiner Wohnung. Sie rief dort an und mietete sie erst einmal für eine Woche.
Nachdem sie aufgelegt hatte, sah sie mich an und sagte:
"Für eine Woche reicht mein Budget. Aber wenn ich länger bleibe und innerhalb einer Woche noch nichts als Model verdient habe, brauche ich einen Nebenjob! Ich habe leider nicht so viel Erspartes mitgenommen, weil ich dachte, dass ich auf jeden Fall den Job bekomme, bei dem ich dann als Model entdeckt werde und das große Geld verdiene." Victoria verdrehte genervt die Augen.
"Ich bin aber auch eine blöde Kuh so naiv zu sein…"
Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Ehrlich gesagt fand ich diese Einstellung auch naiv, aber das wollte ich ihr natürlich nicht sagen, um sie nicht zu kränken. Also ging ich zu ihr.
"Wenn du willst, könnte ich meinen Chef mal fragen, ob du bei uns in der Kaffeerösterei anfangen kannst."
Sie sah zu mir auf.
"Wirklich?"
"Naja, ich muss, wie gesagt, erst fragen… Hast du denn schon mal im Gastronomiebereich gearbeitet?"
"Hm… leider nein... Aber ich lerne schnell. Und der Kontakt mit Gästen wird mir bei den Castings fürs Modeln helfen."
Jetzt war sie aufgestanden und stand vor mir. Ihr Blick war wieder zuversichtlicher.
"Ich muss heute um 13 Uhr zur Arbeit. Du könntest mitgehen und dich persönlich bei meinem Chef vorstellen. Vielleicht wirst du schon ab morgen anfangen können."
In diesem Moment fühlte ich mich mutig, deswegen fügte ich noch ein "Es würde mich freuen, dich öfter zu sehen" hinzu.
Sie lächelte mich an. Am liebsten hätte ich sie jetzt wieder geküsst.
"Ich will dich auch öfter sehen, Leon."
Die Art, wie sie meinen Namen sagte, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Sie stand jetzt ganz dicht vor mir. Wir beide sahen uns tief in die Augen. Blau in Blau. Ich streckte eine Hand aus und berührte zärtlich ihre Wange. Dann beugte ich den Kopf nach vorne und dann… wurde die Stille von einem Handyklingelton zerrissen.
So ein Mist! Innerlich fluchte ich. Wer auch immer da anrief, hatte wirklich ein super Timing! Allerdings war es nicht mein Klingelton, also musste es Victorias Handy sein, das uns gestört hatte. Sie wich ein Stück von mir zurück und sagte verkniffen:
"Tut mir leid, ich muss kurz schauen, wer das ist. Es könnte eine Modelagentur sein."
Also ging sie zu ihrer Handtasche im Flur. An ihrem verärgerten Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass sie nicht erfreut über den Anrufer war.
"Nicht schon wieder!", fluchte sie und drückte den Störenfried weg.
"Alles okay? Wer war es denn?" Sie kam wieder zu mir ins Wohnzimmer.
"Ach, mein Vater wieder. Er hat gestern schon angerufen. Er soll mich einfach in Ruhe lassen!"
"Hm, meinst du nicht, du solltest ihm wenigstens sagen, dass es dir gut geht? Dann macht er sich keine Sorgen."
Ungläubig sah sie mich an.
"Nein! Ich will nicht mit ihm reden!" Sie packte ihre Sachen. "Ich gehe jetzt ins Hostel, checke ein und bin dann um 13 Uhr in der Kaffeerösterei. In Ordnung?"
"Äh, ja okay."
Ich war enttäuscht, dass der schöne Moment vorbei war.
Mein Chef war von Victoria sofort begeistert und stellte sie zur Probe ein. Sie bekam von Peer – so hieß mein Chef – eine kurze Einweisung, wie sie die Gäste zu bedienen hatte und ich erklärte ihr, wie die Kaffeemaschine funktionierte.
Dann hatte sie zwei Stunden Zeit sich vor Peer zu beweisen. Er beobachtete sie mit Argusaugen, damit ihm jeder noch so kleine Fehler sofort auffiel. Ja, er war streng, aber wenn man sich bei der Arbeit wirklich Mühe gab, kam man gut mit ihm klar. Er wollte eben nur die engagiertesten Mitarbeiter für seine Kaffeerösterei! Schließlich zählten wir nicht umsonst zu einem der besten Cafés in der Speicherstadt. Meiner Meinung nach schmeckte der Kaffee nirgendwo anders so gut, wie bei uns. Was vielleicht auch daran liegen mochte, dass wir eine hauseigene Röstung verwendeten.
Ich selbst arbeitete hier seit ich 17 Jahre alt war. Ich suchte damals in der Schule einen Nebenjob, um mir meinen Gitarrenunterricht leisten zu können. Dadurch kam ich hierher und entdeckte meine Leidenschaft für Kaffee. Auch liebte ich den Umgang mit den Gästen. Im Gastronomiebereich fühlte ich mich einfach wohl. Deshalb blieb ich auch nach Abschluss meines Abiturs hier und erhöhte von einem Nebenjob auf einen Vollzeitjob.
Meine Mutter war zwar alles andere als begeistert, als ich ihr eröffnete, dass ich auf keine Universität gehen wollte, um zu studieren, doch nach einiger Zeit akzeptierte sie meinen Wunsch. Sobald ich genug Geld verdient hatte, wollte ich mir eine eigene Wohnung suchen. Da meine Mutter jedoch darauf bestand, dass ich nicht zu weit wegzog, kaufte sie kurzerhand eine Wohnung in Altona und ließ mich dann darin zur Miete wohnen. Natürlich etwas günstiger als zu den sonst so horrenden Preisen. Als Barista hätte ich mir nämlich nie und nimmer eine Mietwohnung in Hamburgs beliebtestem Stadtteil leisten können. Dadurch, dass ich ausgezogen war, entspannte sich unser Verhältnis merklich.
Das war gut, da mir, als ich noch bei ihr wohnte, ihre ewige Kritik an mir – "Leon, bitte steck dein Hemd ordentlich in die Hose!", "Geh studieren, so wie ich!" oder "Lass deine Kleidung nicht immer in deinem Zimmer liegen, sondern hänge sie in den Schrank!" – wirklich zum Hals heraushing. Doch seitdem ich in meinen eigenen vier Wänden lebte, hatte sie darauf zum Glück keinen Einfluss mehr.
Nach den zwei Stunden Probearbeit, entschied sich Peer, Victoria einzustellen. Sie hatte sich wirklich wacker geschlagen. Wenn sie zu einem Casting eingeladen wurde, versuchten wir ihre Schichten so zu legen, dass sie zu diesem problemlos hingehen konnte. Notfalls musste jemand von uns mit ihr tauschen.
Ich ging zu ihr – sie strahlte, weil sie in so kurzer Zeit einen Job gefunden hatte – und umarmte sie.
"Glückwunsch, das hast du echt toll gemacht!", flüsterte ich ihr ins Ohr. Grinsend sah sie mich an:
"Das müssen wir feiern! Wann hast du heute Schluss? Danach lade ich dich auf einen Drink ein!"
Mein Herz machte einen Satz. Ich freute mich sehr, dass sie mich später wiedersehen wollte.
"Sehr gerne würde ich mit dir darauf anstoßen! Ich arbeite bis 18 Uhr."
"Perfekt, dann gehe ich jetzt ein bisschen in die Stadt und hole dich dann um 18 Uhr hier ab. Bis dann, Leon! Ich freue mich!"
Ich konnte es gar nicht abwarten, bis Schichtende war und ich mit dieser tollen Frau auf ihren Erfolg anstoßen konnte! Wer weiß, ob es beim Anstoßen bleiben würde…
Um Punkt 18 Uhr stand Victoria in der Eingangstüre des Cafés und ich musste mich höllisch konzentrieren, das Tablett mit dem Latte Macchiato und dem Espresso darauf nicht fallen zu lassen, welches ich gerade zum Tisch des älteren Ehepaars balancierte.
Ihr Aussehen haute mich um. Sie trug einen cognacfarbenen Mantel, schwarze High Heels, für die sie eigentlich einen Waffenschein gebraucht hätte, weil sie jedem Mann den Atem raubten, und verführerischen roten Lippenstift. Wie hieß es so schön, rote Lippen soll man küssen…
Sie hauchte ein "Hi" in meine Richtung und lächelte mich an. Ich brachte nur ein "Wow" zustande. Ich kassierte das ältere Ehepaar ab, das mich irritiert anblickte, weil ich ihnen das falsche Wechselgeld gegeben hatte, legte meine Schürze ab und eilte zu meiner Traumfrau, die auf mich wartete.
"Gib mir fünf Minuten, dann bin ich bei dir", sagte ich und verschwand kurz auf der Toilette, um mich frisch zu machen.
Da sich Victoria in Hamburg noch nicht wirklich auskannte, entschied ich für uns, wo wir hingingen. Ich entführte sie in eine meiner liebsten Anlaufstellen in der Altstadt: nicht zu groß, mit gediegener Lounge-Musik und kuscheligen Nischen, die Raum für tiefe Blicke und Zweisamkeit ließen, ohne, dass man auf dem Präsentierteller saß.
Drinnen half ich meinem Date aus seinem Mantel. Darunter kam ein kleines Schwarzes zum Vorschein, welches nur knapp über ihren Po ging und viel nacktes Bein zeigte. Falls mich ihr Anblick vorhin nicht schon völlig aus der Bahn geworfen hätte, wäre dies jetzt auf jeden Fall geschehen!
"Du siehst atemberaubend aus!", bewunderte ich sie.
Sie schenkte mir ein Lächeln:
"Dankeschön!"
Ihr Blick strich einmal über mein dunkelblaues, bis zu den Ellenbogen hochgekrempeltes Hemd, über meine schwarze Skinny-Jeans und wanderte zurück zu meinem Gesicht.
"Du siehst aber auch sehr gut aus", sagte sie anerkennend.
Wir suchten uns einen Platz etwas weiter hinten im Lokal. Ich bestellte einen Cosmopolitan für die Dame und einen Mojito für mich. Als unsere Drinks kamen, stieß Victoria mit mir an und sagte:
"Also, Leon. Nochmal vielen Dank, dass du mir bei der Jobsuche geholfen hast. Und natürlich auch dafür, dass ich bei dir übernachten durfte."
Unsere Gläser klirrten.
"Es war mir ein Vergnügen, eine so attraktive Frau wie dich mit nach Hause nehmen zu dürfen", erwiderte ich augenzwinkernd.
Wir sahen uns tief in die Augen. Ihr Gesicht kam näher. Im nächsten Moment fühlte ich, wie ihre Lippen auf meine trafen. Ich schloss die Augen und erwiderte ihren Kuss. Darauf hatte ich so gehofft! Diese Traumfrau wieder zu küssen und vielleicht noch mehr Sachen mit ihr anzustellen… Victoria seufzte an meinen Lippen und küsste mich stürmischer. Sie duftete nach Vanille und noch einem berauschenden Duft, den ich in diesem Moment nicht einordnen konnte, da sich mein Hirn zu Brei verwandelt hatte. Zudem klopfte mein Herz in meiner Brust, als ob es einen Marathon hinter sich hätte.
Meine Hände wanderten in ihr Haar. Es war seidig weich.
"Wow, hast du schöne Haare!", murmelte ich etwas außer Atem an ihren Lippen. Sie sah mich mit geröteten Wangen an. Ihr weinroter Lippenstift war verschmiert von unserer Knutscherei. Auch sie war ein wenig atemlos. Sie wollte schon wieder mein Gesicht zu ihrem ziehen und da weitermachen, wo wir gerade aufgehört hatten, doch ich sagte zu ihr:
"Hast du nicht Lust, das hier woanders fortzusetzen? Wo wir ungestört sind?"
Bei mir zuhause angekommen, verloren wir keine Zeit. Schon im Flur rissen wir uns gegenseitig die Kleider vom Leib und ich bugsierte sie unter leidenschaftlichen Küssen in mein Schlafzimmer.
Von da an waren wir ein Paar und im November zog sie bei mir ein. Sie arbeitete Teilzeit in der Speicherstadt Kaffeerösterei. Des Öfteren hatten wir die gleiche Schicht, weshalb wir es uns erlaubten, wenn nicht viel los und Peer nicht da war, ein paar heiße Küsse im Gang auszutauschen. Tagsüber arbeiteten wir Hand in Hand und in der Nacht liebten wir uns heiß und innig. Wir konnten sowohl Kollegen als auch Liebespaar sein. Es funktionierte perfekt. Ich führte sie zum Essen aus, wir gingen ins Kino, in die Disco mit Freunden – eben alles, was frischverliebte Pärchen so taten.
Victorias Vater rief seine Tochter noch mehrmals an und irgendwann erbarmte sie sich auf mein Drängen hin und beantwortete den Anruf. Ihrem Vater gefiel es zwar nicht, dass sie in Hamburg blieb, doch im Prinzip konnte sie tun und lassen, was sie wollte, da sie volljährig war. Jedoch versprach sie ihm, sich hin und wieder telefonisch bei ihm zu melden.
Im Sommer 2015 ergatterte Victoria ihren ersten großen Model-Job. Vorher hatte sie immer nur kleinere Fotoshootings absolviert. Manchmal gab es auch wochenlang Durststrecken, in denen sie zwar von einem zum anderen Casting hetzte, jedoch nur Absagen bekam. In diesen Zeiten war sie besonders froh, dass sie die Arbeit in der Kaffeerösterei hatte, damit sie wenigstens einen Teil zur Miete und was sonst noch so anfiel, beisteuern konnte.
Ein paar Mal begleitete ich meine Freundin zu ihren Castings und drückte ihr hoffnungsvoll die Daumen. Jedoch merkte ich schnell, dass diese glitzernde, oberflächliche Welt, in der man nur auf sein Äußeres reduziert wird, nichts für mich war.
Doch dieser Job war ihre Eintrittskarte ins Modelbusiness gewesen. Der Kunde wollte sie als Werbegesicht für eine große Parfümkampagne buchen. Das Shooting fand auf Mallorca statt. Drei Tage verbrachte sie dort, in denen ich vor Sehnsucht nach ihr fast verging.
Da sie das Shooting mit Bravour absolvierte, kam sie daraufhin bei einer namhaften Agentur unter Vertrag und heimste prompt ihre erste große Gage ein. Diesen Erfolg feierten wir gebührend. So ging es weiter, sie schwamm regelrecht auf einer Erfolgswelle und wurde mit der Zeit immer bekannter. Wir lebten glücklich und zufrieden, machten ein paar Mal im Jahr Urlaub an Orten, von denen ich nur geträumt hatte, bevor ich sie kennenlernte. Doch der Ruhm hatte leider auch Schattenseiten. Victoria veränderte sich – zwar schleichend – aber die Veränderung war zu spüren...
Der erste Tag
Emma
Geschafft, aber glücklich, ließ ich mich rückwärts auf mein neues Bett in meinem Wohnheimzimmer fallen. Es war mein erster Abend in Hamburg und ich war gerade damit fertig geworden, es ein bisschen wohnlicher zu gestalten. Eben hatte ich eine kurze Nachricht an meine Mutter geschickt.
Ich verschränkte die Arme hinter dem Kopf und seufzte zufrieden auf. Mein neues Zimmer, das ich mir mit Lucía teilte, gefiel mir echt gut. Es war weiß gestrichen und besaß moderne Möbel aus hellem Holz. An der einen Wand stand mein Bett und neben meinem, an der anderen Wand, Lucías. Dazwischen war ein großes Fenster, das uns Licht spendete. Von meinem Bett aus konnte ich auf unseren geräumigen Schrank blicken, in dem wir vorhin schon unsere Kleidung verstaut hatten und rechts neben dem Schrank ging es in unser kleines Bad mit Dusche und WC. Es war zwar winzig klein, aber ich war sehr froh darüber, dass ich mir die Dusche nicht mit zwanzig anderen Mädels teilen musste.
Dann gab es noch zwei kleine Schreibtische. Auf einem von beiden lag mein Stundenplan, den ich vorhin bei Frau Ahrens abgeholt hatte. Neben meinem Bett hatte ich an der Wand ein paar Fotos angebracht, um meinem Bereich des Zimmers eine persönliche Note zu verleihen. Ein Foto zeigte Bettina und mich. Es wurde vor dem Konzert unserer Lieblingsband aufgenommen. Noch bevor ich die neuen Schuhe von Bettina vollgekotzt hatte. Wir waren darauf in Fanshirts und mit dem Namen der Boyband zu sehen, den wir uns mit schwarzem Stift auf die Stirn geschrieben hatten.
Auf einem anderen waren meine Eltern, Valentina und ich am Strand von Sizilien zu sehen. Wir Frauen trugen alle bunte Sommerkleider und mein Vater hatte glücklich die Arme um uns geschlungen. Die Aufnahme war ein Jahr alt. Ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus und ging über in meinen ganzen Körper, als ich daran dachte, wie wunderschön dieser Urlaub gewesen war.
Dann gab es noch ein Bild, das meine Schwester und mich bei einem unserer Mädelsabende zeigte – wir schnitten Grimassen und hatten eine selbstgemachte Avocado-Maske im Gesicht. Valentina streckte der Kamera frech ihre Zunge heraus.
Auf der letzten Fotografie war ich zu sehen, wie ich auf einer flauschigen Decke auf unserem Dach saß, ein Buch auf den Knien liegen hatte und meinen Becher Himbeermilch grinsend in die Kamera hielt, meine geflochtenen Zöpfe flogen nur so umher. Auf dem Bild war ich ungefähr sieben Jahre alt. Ich musste lächeln als ich das Foto nun betrachtete.
Die Tür flog auf. Lucía kam herein, ihr langes dunkles Haar wallte um sie herum.
"Chica", begrüßte sie mich. "Werf dich in deinen schärfsten Fummel und dann machen wir Party!"
Sie lief immer noch im Minirock herum, obwohl es mittlerweile echt frisch war.
"Sag mal, frierst du gar nicht?", überging ich ihre Forderung.
Sie ließ sich auf ihr eigenes Bett nieder und wippte auf und ab, wie als würde sie auf einem Gymnastikball sitzen. Dieses Mädchen war wie ein Flummi, ständig in Bewegung. Sie schüttelte den Kopf.
"Nö. Und jetzt komm! Ich will Hamburg unsicher machen."
Sie warf mir ein Kissen zu, das mich mitten ins Gesicht traf. Ich setzte mich auf und zahlte es ihr mit gleicher Münze heim.
"Ach Lucía, ich weiß, dass du es liebst zu feiern, aber können wir das bitte auf morgen Abend verschieben? Ich will heute früh ins Bett gehen, damit ich morgen ausgeschlafen bin." Sie schürzte gespielt beleidigt die Lippen und seufzte tief.
"Na gut. Aber dann musst du mir jetzt erklären, was deine Fotos an der Wand bedeuten."
Ich grinste und fing an zu erzählen.
Am nächsten Morgen standen wir zeitig auf und machten uns für den ersten Schultag zurecht. Ich kam viel schlechter aus dem Bett als Lucía – sie pfiff schon morgens um sieben Uhr gut gelaunt ein spanisches Lied vor sich hin.
Ich entschied mich für eine dreiviertellange weiße Jeans, ein pinkes Top, darüber eine Jeansjacke und schlichte weiße Ballerinas. Rasch packte ich meine Tasche zusammen und kurz darauf verließen wir beide unser Zimmer.
Bei der Teeküche, die für unsere gesamte zweite Etage gedacht war, legten wir einen Zwischenstopp ein, um uns aus dem Kühlschrank unser Frühstück – belegte Brötchen, die Lucía gestern Abend für uns in der Cafeteria besorgt hatte – zu holen. Diese aßen wir im Gehen, wobei ich sowieso fast nichts herunterbrachte, weil ich wegen der neuen Situation etwas nervös war. So ließ ich das Brötchen angebissen in die Verpackung zurückgleiten und verstaute es in meiner Tasche.
Da wir im zweiten Stock wohnten, hatten wir das Glück direkt über den überirdischen Gang in die Schule gehen zu können. Die Schüler, die jedoch im ersten Stock wohnten, mussten entweder ein Stockwerk hoch oder ein Stockwerk runter, um in die Schule zu gelangen. Eine Glastür schwang automatisch auf, als wir näherkamen und schon trennten mich nur noch ungefähr 30 Meter von meinem ersten Schultag. Vor und hinter uns waren ebenfalls Schüler, die auch auf dem Weg in den Unterricht waren. Vorfreude erfüllte mich und mischte sich mit meiner Aufregung.
So lange hatte ich davon geträumt, endlich Fremdsprachenkorrespondentin zu werden und nun hatte ich die Chance, diesen Traum zu verwirklichen. Das fühlte sich toll an. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Ich sah zu Lucía und mein Lächeln verblasste. Sie war kreidebleich und blickte ängstlich. Ich fasste sie am Arm.
"Hey Lucía, was ist denn? Du bist ja ganz blass."
"Äh, ja, ähm…der Gang…ist…er ist hoch…er ist ganz schön hoch…", stotterte sie.
Nanu? Ich kannte sie erst den zweiten Tag, aber in dieser kurzen Zeit war sie kein einziges Mal um einen flotten Spruch verlegen gewesen. Doch nun war ihr Selbstbewusstsein wie weggeblasen.
"Hast du Höhenangst?"
Sie nickte nur.
Ich beruhigte sie: "Hey, ganz ruhig. Sieh einfach nicht nach rechts oder links. Nur geradeaus. Gleich haben wir es geschafft."
Wir waren in einem weiteren Korridor angelangt, von dem verschiedene Räume abzweigten. Lucía hatte sich wieder beruhigt, jetzt, nachdem sie den Gang überwunden hatte. Sie steuerte unser Klassenzimmer an, warf dabei selbstbewusst ihre Haare über die Schulter.
Bei der vierten Tür auf der rechten Seite – Raum E214 – blieben wir stehen. Nervös – oder in Lucías Fall weniger nervös – traten wir durch die angelehnte Tür.
Der Raum war groß. Es gab überwiegend Zweierbänke, nur die letzte Reihe war hufeisenförmig angeordnet. Diese anscheinend beliebte Sitzreihe war schon komplett besetzt. Deshalb schnappten Lucía und ich uns einen Tisch in der vorletzten Reihe, bevor es jemand anderes tun konnte. Logisch, dass wir nebeneinander sitzen wollten. Was war ich erleichtert, dieser unangenehmen Situation, sich neben jemand Fremdes setzen zu müssen, entgehen zu können.
Ich sah mich um. Links von mir waren mehrere große Fenster, durch die uns jetzt schon die Sonne kräftig begrüßte. So wie es aussah, würde es ein angenehm warmer Tag werden. An den restlichen Wänden waren bunte Plakate angebracht. Da dies hauptsächlich unser Englischzimmer war, waren die Poster in englischer Sprache – Verbentabellen, Karten von Großbritannien und Amerika, Redewendungen und Sprichwörter.
"Good Morning, Ladies and Gentlemen! My name is Mary Bolt and I am your teacher for English Correspondence and Business Translation."
Eine kleine, schlanke Frau Anfang vierzig war zur Tür hereingerauscht, stellte schwungvoll ihre Sachen auf dem Lehrerschreibtisch ab und wandte sich uns zu. Sie blickte strahlend in die Klasse. Sie hatte dunkelbraune, kurze Haare und war, ihrem Namen und ihrer Aussprache nach zu urteilen, Muttersprachlerin. Tatsächlich entpuppte sie sich als Britin.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde unsererseits stiegen wir auch schon in den Unterrichtsstoff ein. Begeistert schlug ich mein großes Buch für Correspondence auf und tauchte augenblicklich in die englische Geschäftswelt mit all ihren Anfragen, Angeboten, Aufträgen und Reklamationen ein. Wobei wir mit der Anfrage starteten. In null Komma Nichts hatte Mrs. Bolt die ganze Tafel vollgeschrieben. Sie legte schon jetzt ein zügiges Tempo an den Tag und gab uns Hausaufgaben für nächste Woche auf.
Als nächstes hatten wir spanische Grammatik bei Señora Carmen García. Señora García war eine kleine, freundlich dreinblickende Frau, die mir sofort sympathisch war. Sie bestand ebenfalls darauf, dass wir uns kurz vorstellten - "En español, por favor!" -, was für Lucía selbstverständlich ein Leichtes war. Selbstbewusst ratterte sie in fließendem Spanisch ihren Namen, ihr Alter und ihre Herkunft herunter.
Nach ihr war ich an der Reihe. Zwar nicht ganz so selbstbewusst, aber dennoch sicher präsentierte ich mich der Klasse. Beeindruckt über meine Spanischkenntnisse nickte Señora García und lächelte mir zu. Entspannt lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück. Meine Aufregung von vorhin war vorbei. Bis jetzt lief alles sehr gut. Ich sah mich in der Klasse um. Auf den ersten Blick waren keine allzu hübschen Jungs zu sehen, die mich nervös werden lassen könnten. Sehr gut. So konnte ich mich voll und ganz auf den Unterricht konzentrieren.
Der unbekannte Mann, dem ich gestern bei meiner Ankunft sprichwörtlich in die Arme gestolpert bin, kam mir wieder in den Sinn. Tja, so einen schmucken Kerl gab es halt nur einmal!
Hui, mein Magen machte einen Satz, sobald ich an seine meerblauen Augen dachte. Schnell lenkte ich meine Gedanken auf etwas Unverfängliches – auf die Tatsache, dass der Großteil unserer Klasse weiblich war. Insgesamt waren wir 16 Schüler, davon zwölf Frauen und vier Männer.
Der Tag zog sich so durch, nach Grammatik folgte Textverarbeitung im Keller bei einer blutjungen, blonden Referendarin, die einen sehr naiven Eindruck auf mich machte. Ständig strich sie sich ihre Haarsträhnen aus dem Gesicht und - entweder bildete ich es mir ein oder es war tatsächlich so – sie kümmerte sich besonders viel um den männlichen Part der Klasse und brachte dabei extrem ihr ausladendes Dekolleté zur Geltung.
Lucía machte sich über sie lustig und flüsterte mir amüsiert zu:
"Wenn sie sich noch weiter nach vorne lehnt, fallen ihre Titten gleich auf den Tisch. Offenbar hat die einen sexuellen Notstand."
Ich lächelte nur verkniffen und sagte nichts dazu. Meine sexuellen Erfahrungen beschränkten sich auf einen einzigen Kuss von Danny. Das konnte man nicht einmal ‚sexuell‘ nennen.
In der Mittagspause saß ich mit Lucía und einem Mädchen aus unserer Klasse, die Pauline hieß, zusammen an einem Tisch. Zum ersten Mal hatte ich richtig Appetit und verdrückte ein paniertes Schnitzel mit Pommes.
Pauline Lanton war zwar Halbfranzösin, hatte jedoch wenig mit den sonst so schlanken, grazilen Französinnen gemeinsam. Sie war sehr klein, mit fraulichen Kurven, großer Oberweite und einem rundlichen Gesicht. Schulterzuckend erklärte sie uns, dass sie einiges von ihrer deutschen Mutter geerbt hatte, bis auf die blonden, fast schulterlangen Haare, die hatte sie von ihrem französischen Vater. Sie nahm sich selbst nicht zu ernst, ein Charakterzug, der mir sehr sympathisch war.
Vor der Mittagspause hatten wir eine Doppelstunde Übersetzung in Französisch bei Frau Lenk gehabt. Über besagte Frau diskutierten wir nun hitzig. Denn Frau Lenk, eine hochgewachsene Mittvierzigerin mit blondem Wuschelkopf, hatte leider eine ganz schreckliche Aussprache. Man konnte bei ihr den deutschen Akzent so stark hören, dass die sonst so melodisch und weich klingende Sprache sogar in Lucías Ohren, die auf Anfänger-Niveau trainiert waren, hart klang.
"Das ist doch grausam!"
Pauline fasste sich entsetzt an die Stirn.
"Wie sollen wir das nur zwei Stunden die Woche aushalten? Ich habe das Gefühl meine Ohren sterben ab, wenn ich diesen schlimmen Akzent noch länger ertragen muss! C'est une maladie!"
Ein bisschen kam ihre französische Ader also doch durch, die Lucía allerdings nicht verstand.
"Mala…was?", fragte sie und lachte.
"Maladie. Das heißt "Krankheit", antwortete ich ihr wie aus der Pistole geschossen.
"Streber!", neckte mich Lucía.
Ich streckte ihr spielerisch die Zunge heraus. Pauline lachte.
Als Dreiergespann machten wir nachmittags ein wenig die Stadt unsicher und gönnten uns ein Eis. Die Sonne brannte auf uns herunter und ich musste mich beeilen, die leckere Erfrischung schnell genug zu schlecken, bevor sie mir auf die Hand tropfte.
Lucías Blick ruhte auf mir.
"Sag mal Emma, hast du einen Freund?"
Auch Pauline schaute nun interessiert zu mir. Unwillkürlich tauchte vor meinem inneren Auge das Bild des hübschen Fremden auf.
"Ähm, nein. Und du?"
Ich versuchte schnell die Aufmerksamkeit von mir zu lenken. Dieses Thema war mir immer unangenehm.
"Warum nicht? Du bist so hübsch!"
Sie beugte sich zu mir und berührte meine Haare.
"Ich liebe diese Farbe! Como miel!"
Ich lachte verlegen.
"Miel bedeutet Honig, oder?", wollte Pauline wissen.
Ich nickte und war froh über den Themenwechsel. Doch meine spanische Freundin beließ es nicht dabei.
"Dann müssen wir für dich einen Freund finden! Lasst uns heute Abend ausgehen!"
Ihre dunkelbraunen Augen fingen an zu leuchten. Offenbar fand sie ihre Idee großartig!
"Und ich habe übrigens einen Freund. Leider lebt er in Spanien. Er heißt Tulio und ist der tollste Mann im ganzen Universum!"
Als sie "im ganzen Universum" sagte, breitete sie ihre Arme aus und warf den Kopf in den Himmel. Dadurch zog sie die Blicke aller umstehenden Passanten auf sich, was sie aber überhaupt nicht zu stören schien. Ein älteres Ehepaar blickte neugierig zu uns. Lucía bemerkte es und lächelte ihnen freundlich zu. Überrascht und etwas zögerlich erwiderten sie ihr Lächeln.
Wahnsinn, wie Lucía die Leute in ihren Bann zog. Ich wünschte ich wäre auch nur im Entferntesten so selbstbewusst wie sie…
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