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Wikis, Blogs, Social Networks und Microblogging haben sich zu wichtigen Publikations- und Kommunikationsmitteln entwickelt und führen zur Bildung von Gemeinschaften. Diese Entwicklung impliziert einen in den Massenmedien bisher nicht erreichten Grad an Partizipation und Demokratie.

Ausgehend von der Geschichte des Social Webs werden zunächst dessen Erscheinungsformen vorgestellt. Darauf folgt eine Beschreibung der technischen Grundlagen sowie der auftretenden Gruppenprozesse und der gesellschaftlichen Bedeutung.

In der 3. Auflage wurde die Geschichte des Social Webs fortgeschrieben, durch relevante Neuerungen ergänzt und alle Beispiele und Referenzen auf den neuesten Stand gebracht.


Anja Ebersbach, Markus Glaser und Dr. Richard Heigl betreiben in Regensburg ein Unternehmen zur Entwicklung von Wiki-Projekten.

Online-Angebote, elektronische Ausgaben sowie zusätzliche Materialien zum Buch sind erhältlich unter www.utb-shop.de.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2008

2. Auflage 2011

3. Auflage 2016

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2016

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Titelfoto: iStock.com/Studiovision

Korrektorat: Daniel Rost, Neckargemünd

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Datenkonvertierung: CPI books GmbH, Leck

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 · 78462 Konstanz · Deutschland

Tel.: 07531-9053-0 · Fax: 07531-9053-98

www.uvk.de

UTB-Band-Nr. 3065

ISBN 978-3-8252-3933-6 (Print)

ISBN 978-3-8463-3933-6 (EPUB)

Inhalt

Vorwort

1 Einleitung

1.1 Perspektiven für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Social Web

1.2 Geschichte des Internets als sozialer Treffpunkt

1.2.1 Vernetzte Computer als Kommunikationsmedien

1.2.2 Die ersten selbstverwalteten Computernetze

1.2.3 Kommerzialisierung und Professionalisierung

1.2.4 Web 2.0 – die Aneignung des Netzes

1.3 Begriffsklärung und Abgrenzung

1.3.1 Social Web und Web 2.0

1.3.2 Definition »Social Web«

2 Praxis des Social Webs

2.1 Einteilungskriterien

2.2 Wikis

2.2.1 Geschichte

2.2.2 Öffentliche Wikis

2.2.3 Funktionsweise

2.2.4 Komponenten

2.2.5 Anwendungsgebiete

2.2.6 Der Wiki-Effekt

2.2.7 Ein kleiner Kulturschock

2.2.8 Schattenseiten

2.2.9 Ein eigenes Wiki erstellen

2.3 Blogs

2.3.1 Geschichte

2.3.2 Einteilungskriterien

2.3.3 Beliebte Blogs

2.3.4 Funktionsweise

2.3.5 Komponenten eines Blogs

2.3.6 »Wie ich blogge!?«

2.3.7 Die Blogosphäre

2.3.8 Zwischen Tagebuch und Graswurzel-Journalismus

2.3.9 Podcast

2.3.10 Schattenseiten

2.3.11 Einen eigenen Blog betreiben

2.4 Microblogs

2.4.1 Die Erfolgsgeschichte von Twitter

2.4.2 Twitterfunktionen

2.4.3 Twitter-Lingo

2.4.4 Wer twittert was?

2.4.5 Werkzeuge für Twitter

2.4.6 Ein eigenes Microblogsystem betreiben

2.5 Social Networks

2.5.1 Soziale Netzwerkforschung

2.5.2 Prominente Beispiele

2.5.3 Eigenschaften und Unterschiede

2.5.4 Mehr-Ebenen-Networking

2.5.5 Facebook – ein exemplarischer Sonderfall

2.5.6 Schattenseiten

2.5.7 Messaging

2.5.8 Ein eigenes Netzwerk erstellen

2.6 Social Sharing

2.6.1 Funktionsweise

2.6.2 Social Bookmarking

2.6.3 Mediale Inhalte

2.6.4 Produktbewertung

2.6.5 Eine eigene Sharing-Plattform?

2.7 Weitere Konzepte des Social Webs

2.7.1 Tagging

2.7.2 Newsfeeds

2.7.3 Mashups

2.7.4 Funktionen, die die Community unterstützen

2.8 Die Technik des Social Webs

2.8.1 Grundlagen der Web-Anwendung

2.8.2 Benutzerfreundlichkeit durch Scripts und Ajax

2.8.3 Viele neue Schnittstellen

2.8.4 Verwendete Sprachen

2.8.5 Mikrodata

3 Theorie des Social Webs

3.1 Gruppenprozesse

3.1.1 Computervermittelte Kommunikation

3.1.2 Medienwahl

3.1.3 Online-Communitys

3.1.4 Das Individuum in der Gruppe

3.1.5 Dynamik der Kooperation

3.1.6 Kollektive Intelligenz

3.1.7 Das ewige Beta

3.1.8 Web Monitoring

3.1.9 Wie starte ich meine eigene Community?

3.2 Gesellschaftliche Bedeutung

3.2.1 Was zieht das Individuum ins Social Web?

3.2.2 Die Gesellschaft im Ringen mit den neuen Medien und mit sich selbst

3.2.3 Neue Geschäfts- und Finanzierungmodelle

3.2.4 Eine webgerechte Rechtsordnung

3.2.5 Sicherung freien Wissens

3.2.6 Schutz persönlicher Daten

4 Ausblick

4.1 Herausforderungen der Technik

4.2 Gesellschaftliche Herausforderungen

4.3 Anforderungen

Anhang

Glossar

Literatur & Links

Besprochene Websites

Sekundärliteratur

Bildnachweis

Index

Vorwort

Warum eine dritte Auflage? Ganz sicher deswegen, weil uns der Verlag mit großer Beharrlichkeit gebeten hat, das Buch zu aktualisieren. Was ja nur umgekehrt wieder zeigt, dass es immer noch eine Nachfrage und einen Orientierungsbedarf beim Thema Social Web gibt und eine neue Auflage rechtfertigt. Gerade für Menschen, die sich das Thema neu aneignen und die Debatten in den letzten zehn Jahren nicht verfolgen konnten, leistet dieses Überblicksbuch nach wie vor sehr gute Dienste.

Als das Buch 2008 zum ersten Mal erschien, dachten viele Rezensenten und auch wir, dass es sich inhaltlich schnell überholen würde. Und selbstverständlich gibt es heute für viele Themenfelder, die 2008 noch »neu« waren, weitergehende Erfahrungen und eingehendere Studien. Doch die Grundlinien haben sich bis heute nicht verändert.

Und so konnte »Social Web« trotz seiner begrenzten Auflage sogar zu einem kleinen Standardwerk werden. Uns freut es besonders, wenn Lehrerinnen und Lehrer, Schüler, aber auch der wissenschaftliche Nachwuchs auf unser Überblickswerk zurückgreifen, um ihre Hausarbeiten und Veranstaltungen zu gestalten. Das Buch hat aber auch jenseits der Bildungseinrichtungen ein Publikum gefunden. Das motiviert natürlich, das Buch noch einmal herauszubringen.

Wir haben das Buch noch einmal durchgesehen, fortgeschrieben und aktualisiert. Und auch wenn wir gerade in den Schlusskapiteln vieles gründlich überarbeitet und nachgezogen haben, waren wir doch überrascht, dass sich die wesentlichen technologischen und sozialen Konzepte des Social Webs kaum verändert haben. Es gibt nach wie vor fünf Medientypen (Blog, Wiki, Social Network, Social Sharing, Microblogging). Und auch die gesellschaftlichen Konfliktlinien und Fragestellungen haben sich im Kern nicht verändert: Das Social Web ist nach wie vor ein Leitmedium einer sich tiefgreifend verändernden Gesellschaft, das von politischen, sozialen und kulturellen Kämpfen durchzogen ist, auch wenn sich die Beteiligten dessen nicht bewusst sind.

Würde man das Buch heute komplett neu schreiben, gäbe es dennoch einige Akzentverschiebungen.

• Wenn das Social Web seine Möglichkeiten für eine offene Gesellschaft entfalten soll, ist der Blick stärker auf die Bedingungen einer kollaborativen Kultur zu richten, die immer noch aussteht. Die Formen der Zusammenarbeit und des Umgangs miteinander sind für das gemeinsame Erarbeiten und Verteilen von Wissen zentral und werden vielfach blockiert. Diesen Zusammenhang müssen wir besser verstehen lernen.

• Es wäre auch genauer nach den ökonomischen Bedingungen des Social Webs zu fragen. Gibt es so etwas wie eine Ökonomie des freien Wissens? Und wie würde sie aussehen? Wer hat Einfluss? Wer hat Zugriff? Die ökonomische Zukunft der digitalen Medien ist nicht nur ein Thema von Lobbyisten großer Player, sondern von Bedeutung für alle, die das Social Web als möglichst offenen medialen Raum erhalten wollen.

• Nach dem NSA-Schock steht das Thema Datenschutz und Bürgerrechte ganz oben auf der digitalen Agenda. Das Social Web und die privaten Daten sind dem Zugriff von Geheimdiensten und Konzernen maßgeblich ausgesetzt.

Wir werden diese Punkte vor allem im Ausblick ansprechen. Es sind Zukunftsfragen, die auch nicht in wenigen Jahren erledigt sind.

So liegt nun eine entsprechend aktualisierte Neuauflage vor. Wir möchten an dieser Stelle den Leserinnen und Lesern, aber auch den Rezensenten für ihr Feedback und ihre Unterstützung danken. Wir danken aber auch nicht zuletzt unserem Lektor Rüdiger Steiner bei der UVK Verlagsgesellschaft, der Geduld bewahrt und unser Buchprojekt zum Glück nicht aufgegeben hat.


Regensburg, April 2016 Anja Ebersbach, Markus Glaser, Richard Heigl

1 Einleitung
1.1 Perspektiven für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Social Web

Worum geht es im Social Web? Eigentlich nicht um die Technik. Sie ist nur Bedingung. Im Mittelpunkt stehen die medial vermittelten Kooperationsformen, die kollektive Meinungsbildung und der kulturelle Austausch sozialer Gruppen. Das Verhalten im Netz ist eine spezifische Form sozialen Verhaltens mit Zusammenschlüssen und Abgrenzungen. Deshalb kann eine sinnvolle Analyse des Social Webs eigentlich nur sozialwissenschaftlich sein. Und dazu gehören natürlich auch die Ebenen des Kulturellen und des Politischen. Diese drei Ebenen müssen zusammengedacht werden. Schließlich ist das Social Web eng mit allen gesellschaftlichen Bereichen verzahnt: Es greift in die Arbeits- und Lebensweisen von Menschen ein, es gibt klare ökonomische Interessen, politische und rechtliche Implikationen, Auswirkungen auf die Erschließung von Inhalten für Bildung und Wissenschaft. Das Öffentliche und das Private, Fragen des Eigentums müssen neu bestimmt werden. Ganz generell erweitert das Social Web Horizonte der Nutzer und grenzt sie gleichzeitig wieder ein. Es ist ein Unterhaltungsmedium, das Spaß bereitet. Auf der privaten Ebene lernt man Menschen und Sichtweisen kennen, erlebt Erfolge und Enttäuschungen – auch Bedrohungen. Man erfährt sich als Teilhabender an einem Medium. Für Jugendliche, aber auch Ältere ist das Social Web längst Teil ihrer Sozialisation und Teil ihres kulturellen Austauschs.

Dies alles unterstreicht, dass man sich dem Thema nur interdisziplinär nähern kann. Die Politologin, der Medienwissenschaftler oder der Sozialpsychologe sind hier verloren, wenn sie sich nur in den engen Grenzen ihrer Disziplinen bewegen. Die unendliche Vielfalt der Beziehungen von Individuen über das Internet lässt sich aber nur wissenschaftlich ordnen, wenn man eine konkrete, sinnvolle Fragestellung an den zu untersuchenden Gegenstand hat.

Wir wollen in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass die moderne Wissenschaft im Zeitalter der Aufklärung mit dem Programm antrat, den Menschen als gesellschaftliches Wesen zum selbstkritischen Subjekt seiner Geschichte zu machen. Mit diesem Auftrag in der Tasche will sie auf das Bewusstsein der Menschen wirken und ihnen ihre emanzipatorischen Perspektiven aufzeigen. Das heißt konkret: Wie können Menschen über das Web ihre gesellschaftlichen Verhältnisse, ihre soziale Lage verändern oder auch nur besser erkennen? Was tun sie, bewusst oder unbewusst? Wo liegen Potenziale, wo Lernblockaden?

Das ist ein anderes Programm als das einer rein anwendungsorientierten Wissenschaft. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Medien wie dem Social Web kann und muss mehr sein als der Erwerb eines weiteren Passierscheins auf dem persönlichen Karriereweg, möglicherweise in ein Unternehmen, das sich zum Ziel gesetzt hat, Communitys aufzubauen, um diese oder die gewonnenen privaten Profile zu vermarkten.

Eine in unserem Sinne gefasste Wissenschaft der Medien ist praxisorientiert, nicht nur, weil eine mediale Praxis ihren Gegenstand bildet, sondern weil sie diese Praxis analysiert und Theorien darüber ausarbeitet, die auf diese Praxis zurückwirken und sie verändern. Dies ist schon deshalb dringlich, weil der Umgang und die notwendigen Kulturtechniken für das Social Web erst noch von allen Beteiligten zu erlernen sind.

Das sind hochgesteckte Ziele für ein Themengebiet, für das wir eine erste Einführung mit Lehrbuchcharakter vorlegen. Entsprechend können wir vieles nur andeuten. Und es ist uns bewusst, dass dieser Versuch, das Social Web etwas systematischer zu erfassen, oft Wirklichkeitsebenen auseinanderreißt, die eigentlich zusammengehören. Aber sollte es Sie zum Weiterdenken und Weiterarbeiten anregen – und sei es nur aus Widerspruch –, so haben wir unser Ziel erreicht.

Eine Wissenschaft der Medien kann eine spannende, fundierte, aber auch notwendig kontroverse Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftlichen, dem »Sozialen«, in Gang setzen. Dazu muss sie ihren passiven Beobachterstandpunkt verlassen. Frei nach Brecht: Man kann die Welt nur erkennen, wenn man sie verändert.

1.2 Geschichte des Internets als sozialer Treffpunkt

Ab wann kann man eigentlich von einem »Social Web« sprechen? Die Begriffe »Social Software« und »Social Web« selbst gibt es erst seit vergleichsweise wenigen Jahren, aber die Entwicklung des Social Webs reicht bis in die Anfänge des Internets zurück.

Neue Perspektiven in der Internetgeschichte. Seit ein paar Jahren rücken die politischen Aspekte der Netzentwicklung in den Vordergrund. Wurde uns bislang die Geschichte des Internets oft nur als Geschichte technischer Entwicklungen und ihrer Erfinder präsentiert, so arbeitet beispielsweise Grasmuck (2002) in seiner Geschichte der freien Software den Kampf um Ordnungsmodelle und öffentliches Eigentum heraus. Der deutsche Wikipedia-Artikel zur Geschichte des Internets stellt den Konflikt zwischen basisorientierten Entwicklern und zentralistischen Tendenzen durch staatliche Kontrollorgane und Medienkonzerne dar (Wikipedia 2015)1.

Umkämpfter sozialer Raum. Die beiden genannten Artikel sind erste Versuche, die Entwicklung des Internets in seinen historisch-gesellschaftlichen Kontext zu stellen und das Netz als umkämpften sozialen Raum zu begreifen. Die wissenschaftliche Forschung steht hier aber immer noch völlig am Anfang. Die Hervorhebung bisher unberücksichtigter Akteure und ihrer Intentionen ist dabei immer in Gefahr, alte Mythen durch neue Mythen zu ersetzen. Die 1970er-Jahre gelten beispielsweise als »wilde Phase« mit einer »Tauschökonomie für Software und Information«, einer »graswurzelbasierten Selbstorganisation«, »emergierende[n] Communities« und einem »Hacker-Geist, der jede Schließung, jede Beschränkung des Zugangs und des freien Informationsflusses zu umgehen weiß« (vgl. Grasmuck 2002: 180). Dieser Idealzustand wurde dann, folgt man dem eben genannten Wikipedia-Artikel, durch staatliche Eingriffe und vor allem durch die Kommerzialisierung des Internets in den 1990er-Jahren zerstört.

Sehen wir uns diese Entwicklung etwas genauer an, auch wenn wir dazu nur wenige Einzelereignisse aus der Geschichte herausgreifen können.

1.2.1 Vernetzte Computer als Kommunikationsmedien

Großrechner als Kooperations- und Kommunikationsinstrumente. Der erste Schritt auf dem Weg zum Social Web war eine veränderte Sichtweise auf den Computer. Computer dienten in den 1950er-Jahren ausschließlich als Rechenmaschinen des Militärs und der Wirtschaft. Doch in den 1960er-Jahren wurden Computer zunehmend auch als Kommunikationsmedium verstanden. Dieser bedeutende Schritt wird mit dem Psychologieprofessor Joseph Carl Robnett Licklider in Verbindung gebracht. Licklider, ein Pionier der Internetentwicklung, arbeitete ab 1957 beim Rüstungslieferanten BBN und hatte dort Erfahrungen mit einem Time-Sharing-System, einem ersten Mehrbenutzersystem für Großrechneranlagen, gesammelt. Damit konnten mehrere Teilnehmer über Terminals gleichzeitig einen Großrechner bedienen. Licklider nahm den Teamgeist unter den Nutzern des ersten Time-Sharing-Systems wahr und wies auf die Gemeinschaftsphänomene hin, die zum Teil durch den gemeinsamen Zugriff auf die Ressourcen des Systems aufkamen (vgl. Grasmuck 2002: 181).


Abb. 1.1: Geschichte des Social Webs


Abb. 1.2: IBM-Großrechneranlage IBM 704

Erste Communities. Wir sehen, dass schon mit der ersten Zusammenarbeit mehrerer Menschen an einem Rechner jene Phänomene auftraten, die wir heute im World Wide Web mit seinen vielen Servern beobachten können. Die Computerpioniere der 1960er-Jahre bildeten die ersten Onlinegemeinschaften (»Communitys«). Ein Beispiel für eine Online-Community dieser Periode ist PLATO. Das PLATO-System war in den frühen 1960er-Jahren auf dem Urbana Campus der University of Illinois für ein computerbasiertes Lernen entwickelt worden. Aber viele Leute nutzten das System lieber als unkompliziertes Kommunikationssystem (vgl. Woolley 1994)2. Das zeigt, dass sich auch die Pioniere der ersten Periode die Computertechnologie spielerisch aneigneten.

E-Mail-Kommunikation. Die Erfindung der E-Mail 1965 unterstützte diesen Paradigmenwechsel. Die elektronische Post, ein asynchrones Kommunikationsmedium, war nicht nur viel schneller als die normale Post und billiger als ein Ferngespräch, in den E-Mails konnte man auch auf viele Formalitäten bei der Formulierung und bei der Gestaltung verzichten. Auch die ersten E-Mails wurden zunächst über Einzelrechner verschickt.

Erstes Computernetzwerk. Als erstes landesweites Computernetzwerk entstand das ARPANET. Mit diesem wurde ein dezentrales Netzwerk geschaffen, über das die unterschiedlichen US-amerikanischen Universitäten, die für das Verteidigungsministerium forschten, verbunden sein sollten. Das dezentrale Konzept des über Telefonleitungen verbundenen ARPANETs war revolutionär. Im Jahr 1969 konnten die ersten vier Knoten des ARPANETs in Betrieb gehen. Anfang 1975 verfügte es bereits über 61 Knoten.

Mailinglisten. Ende der 1970er-Jahre wurde dort die erste E-Mail-Diskussionsgruppe eingerichtet: die Liste SF-LOVERS war nicht zufälligerweise eine Science-Fiction-Liste. Mailinglisten wurden zusammen mit den Requests for Comments (RFC) zum wichtigsten Mittel der offenen Kooperation der technischen Community. RFCs dienten der Entwicklung von Standards im Internet: Die Vorschläge wurden zur Diskussion gestellt. Schließlich ging 1978 die erste Mailbox in Betrieb. Eine Mailbox, im englischen Sprachbereich auch als Bulletin Board System (BBS) bekannt, ist ein meist privat betriebenes Rechnersystem, das per DFÜ zur Kommunikation und zum Datenaustausch genutzt werden kann.

1.2.2 Die ersten selbstverwalteten Computernetze

Zentrale vs. dezentrale Organisation. Generell können wir feststellen, dass in den 1960er-Jahren ein technischer Diskurs über die Vor- und Nachteile zentraler und dezentraler Rechnerarchitekturen einsetzte. Mit dieser Debatte war die Frage verbunden, ob dezentrale und offene Organisationsmodelle generell zentralistischen Ansätzen überlegen sind – und ob, wie im Falle der RFCs, die Einbindung aller Nutzer in Entscheidungsprozesse nicht zu stabileren Ergebnissen führen würden. In den Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Betriebssystems Linux und Windows wird dieses Thema ebenso wieder aufgegriffen wie im Zeitalter des Social Webs bezüglich der Vorzüge einer von vielen Nutzern geschriebenen Wikipedia gegenüber einem redaktionell betreuten, gedruckten Lexikon.

Zivile Nutzung durch Privatpersonen. Dieser Diskurs schloss auch eine Diskussion über alternative Nutzungspotenziale des Computers ein. Philosophierten in der Pionierzeit des Computers vor 1960 Einzelpersonen und kleine Kreise über das Verhältnis von Mensch und Computer, so erhielt diese Debatte in den radikalen 1960er-Jahren neue Impulse und überhaupt einmal eine soziale Trägerschicht, weil neue gesellschaftliche Gruppen, vor allem Studentinnen und Studenten, mit dem Medium Computer experimentierten und beispielsweise nach 1969 Zugriff auf das ARPANET erhielten.

Hackerkultur. In diesem Zusammenhang wurde die Open-Source- und Free-Software-Hackerkultur bedeutsam, die in den 1960er-Jahren im akademischen Umfeld entstand. Ihr Anliegen: Der Kampf gegen die Bildung von Informationseliten (vgl. Raymond 1999)3. Das war damals ein verhältnismäßig kleiner und elitärer Kreis. Die ersten Hacker bildeten sich als eine Gruppe, die sich u. a. über die spielerische Verwendung der Technik formierte. Dabei entwickelte sich, wie Steven Levy schreibt, »ein neuer Way of Life, mit einer Philosophie, einer Ethik und einem Traum heraus« (vgl. Levy 1984)4. Diese Ethik wurde zunächst nicht formuliert, sondern entstand durch stille Übereinstimmung. Aber sie entsprach dem liberalen Selbstverständnis vieler Akademiker und korrespondierte mit den sozialen Bewegungen gegen die atomare Bedrohung und gegen den Autoritarismus in der Gesellschaft. Levy fasste die Hackerethik 1984 so zusammen:

1. Access to computers – and anything which might teach you something about the way the world works – should be unlimited and total.

2. Always yield to the Hands-on Imperative!

3. All information should be free.

4. Mistrust authority – promote decentralization.

5. Hackers should be judged by their hacking, not bogus criteria such as degrees, age, race or position.

6. You can create art and beauty on a computer.

7. Computers can change your life for the better.

Hier entstand eine neuartige, weltweit vernetzte Technik-Community mit einem eigenen Selbstverständnis und identitätsstiftenden kulturellen Codes: Das Jargon File, ein Wörterbuch der Hackerkultur, wurde 1975 zum ersten Mal im Netz publiziert. Die Hackerkultur entwickelte sich weiter und etablierte sich als Anwalt eines freien Zugangs zu Wissen über digitale Medien. Diese Kultur blieb allerdings immer eine Subkultur verhältnismäßig weniger avantgardistischer Technikakteure, die jedoch eine Öffentlichkeit schufen und eine bedeutende meinungsbildende Rolle in Fragen der Informations- und Kommunikationstechnologien erlangen konnten.

Erstes alternatives Netz. Ein weiterer Meilenstein in Richtung eines öffentlichen Netzes wurde 1979 das USENET als freie Alternative zum ARPANET. USENET funktionierte als internetweites schwarzes Brett. Die Kommunikation dort ist mit den heutigen Foren zu vergleichen. Im Prinzip konnte sich jeder Nutzer mit Postings an der Diskussion beteiligen und eigene Bereiche eröffnen. Besonders berüchtigt war die alt.*-Gruppe, in der sich alle möglichen und unmöglichen Interessengruppen zusammenfanden. Sozial bildete sich mit dem USENET ein öffentlicher Raum, in dem jeder zu jedem Thema lesen und schreiben konnte. Aktuell erlebt das USENET eine unerwartete Renaissance als unkontrollierte Tauschbörse für Musik und Videos.

Geburtsstunde des technischen Internets. Auf technischer Ebene vollzogen sich Anfang der 1980er-Jahre zwei wichtige Durchbrüche. 1981 stellte IBM seinen Personalcomputer vor. Damit wurde der Zugang zum Netz räumlich unabhängig von den großen Rechenzentren. Ein Jahr später wurde das Internetprotokoll TCP/ IP zum Standard, als die Defence Communications Agency und die ARPA diese beiden Protokolle implementierten. Mit der Implementierung wurde auch zum ersten Mal der Begriff »Internet« wirklich definiert. Von nun an bezeichnete man damit die Menge der verbundenen Netzwerke, die auf dem Protokoll TCP/IP basieren.

Separate Communities mit eigenen Computernetzwerken. Mitte der 1980er- Jahre entdeckten schließlich auch Menschen außerhalb der Hochschulen Computernetze als Medium. Im Jahr 1985 gründete Stewart Brand und Larry Brilliant das Whole Earth ’Lectronic Link (WELL) in San Francisco, eine der ältesten noch aktiven Online-Communitys im Internet. Über dieses Forum fanden dann auch die Gründer der Electronic Frontier Foundation zusammen, einer Organisation der Free-Speech-Bewegung. Dies ist neben den Hackern ein weiteres Beispiel für die enge Verzahnung von politischen Bewegungen mit progressiven Szenen in der Medienwelt. Howard Rheingold, ein frühes und sehr aktives Mitglied von The WELL, verarbeitete schließlich seine Erfahrungen in einem Buch mit dem sprechenden Titel »The Virtual Community« (1993).

Freenets. Für Menschen außerhalb der Universitäten entstanden zudem eine Reihe sogenannter Freenets, mit denen man Zugang zum Internet erhielt. Das erste, das Cleveland Freenet, wurde 1986 von der Society for Public Access Computing (SoPAC) in Betrieb genommen. Das Cleveland Freenet war zunächst ein separates, lokales Netz mit 10 Modems, das sich erst nach einer Weile mit dem Internet verband. Ausgehend von diesem Beispiel entstanden weitere Freenets als Orte technischen Experimentierens, aber auch für Debatten und den täglichen Klatsch und Tratsch. Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass Ende der 1980er-Jahre mit dem Internet Relay Chat (IRC) von Jarkko Oikarinen ein synchrones Kommunikationsformat hinzukam, das in Konkurrenz zum Telefon trat und bis heute ein beliebtes Medium von Schülern und Studenten ist.

1.2.3 Kommerzialisierung und Professionalisierung

Kommerzielle Dienste. Für unser heutiges Bild vom Internet war jedoch der Aufstieg der ersten Onlinedienstleister und hier vor allem der kommerziellen Onlinedienste, wie CompuServe, The SOURCE und AOL in den 1980er-Jahren prägender. Diese Unternehmen wandten sich zunächst nur an Großkunden, boten aber bald auch normalen PC-Besitzern Zugänge zu Computernetzwerken. Diese separaten Netze richteten Ende der 1980er-Jahre Gateways zum Internet ein, über die sie seither E-Mail und News austauschen können.

Außerdem wurde das Internet in den 1980er-Jahren international, so dass die Onlinedienstleister ein transnationales Medium zur Verfügung stellten, mit dem sich zukünftig eine global verteilte Produktion neu organisieren ließ. Das Internet wurde so zum zentralen Medium für die weltweite Güterproduktion und zum Transfer von Finanzdienstleistungen. Letzteres war, wie wir heute wissen, der Beginn einer neuen globalen hochtechnologischen Produktionsweise.

Übergang zum marktgesteuerten Internet. Die radikale Veränderung der makropolitischen Rahmenbedingungen mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus hatte ab 1989 auch Auswirkungen auf das Internet zur Folge. Während des Kalten Krieges entwickelte sich das Internet auf der Basis einer engen Verzahnung von Industrie, wissenschaftlichem Apparat und Politik. So war das ARPANET zweifellos ein Projekt eines tonangebenden Warfare States, der wirtschaftliches Wachstum über Rüstungsanstrengungen und Wissenschaftsförderung generierte. Im Jahr 1990 wurde das ARPANET abgeschaltet. Dies gilt heute als ein Wendepunkt in der Geschichte des Internets hin zur Kommerzialisierung des Netzes. Der Staat trat erkennbar als maßgeblicher Impulsgeber auch bei der Entwicklung des Netzes zurück. Die weitere Gestaltung wurde ab jetzt von der Initiative privater Unternehmen geprägt.

Schließlich verhieß die »Informationsgesellschaft« neue wirtschaftliche Wachstumschancen und Renditen. Deshalb veränderte die Politik die Rahmenbedingungen hin zu einer marktgesteuerten Entwicklung. Die öffentliche Hand stellte nur noch die teure technische Infrastruktur bereit und bewarb diese mit dem Schlagwort des »Information Super-Highways«. Charakteristisch war hierfür die Initiative des späteren Vizepräsidenten der USA, Al Gore. Dieser hatte während seiner Amtszeit als Senator 1991 den »High Performance Computing Act« zur Förderung des Internets initiiert, was als wichtiger Schritt zur Verbreitung des Internets gilt. Im Ergebnis kam es zu einem euphorischen Run privater Unternehmen auf das Internet hin zur »New Economy«.

Konzeption des Webs. Technisch eröffnete die Erfindung des WWW, ein über das Internet abrufbares Hypertextsystem, durch Tim Berners-Lee im Jahr 1989 neue Horizonte für die öffentliche Nutzung des Netzes. Die Idee einer dezentralen, netzartigen Speicherung des Wissens war eigentlich schon in den 1940er-Jahren entstanden. In seinem Essay »As we may think« beschrieb Vannevar Bush5 (1945) ein System, das elektronisch an eine Bibliothek angeschlossen ist und dort enthaltene Bücher und Filme anzeigen sowie untereinander referenzieren konnte. Sein System Memex sollte es zudem jedem Benutzer erlauben, eigene »Spuren«, wir würden heute Links sagen, zu setzen. Schon damals war die massive Beteiligung aller Nutzer fest in das Konzept eingeplant.


Abb. 1.3: Skizze des Memex-Systems

1965 hatte dann Ted Nelson ein Hypertextsystem kreiert, das nichts »vergisst«: Xanadu. Er stellte sich darunter eine unbegrenzte Informationsdatenbank vor. Sämtliche Information der Welt sollte darin gespeichert werden. Der Gegensatz zwischen Autor und Leser sollte aufgehoben sein, weil die darin enthaltenen Dokumente simultan und kollektiv bearbeitet werden können. Auch war geplant, alle alten Versionen weiter zu erhalten, falls die Texte aktualisiert würden. Dabei sollte jedes »Stück Information« eine eigene Adresse erhalten, um die Linkstrukturen konsistent zu halten. Auch hier war die aktive Beteiligung aller Benutzer angedacht. Damit hatte Nelson nicht nur die Technologie des WWW vorweggenommen, sondern auch viele Elemente des Social Webs beschrieben.

»Web 1.0« – Das Internet wird zum Massenmedium. Das Internet wurde mit dem WWW, das technisch gesehen als Dienst auf dem Internet aufsetzt, visuell spannender und weitete die Möglichkeit digitaler Publikationen. Die neuen grafischen Benutzeroberflächen der Browser ermöglichten es auch Computerlaien, das Internet zu nutzen. Der Webbrowser Mosaic eroberte ab 1993 das Internet im Sturm. Leider besaß dieser im Gegensatz zu seinem Vorläufer Nexus keine Editierfunktion. Nexus erlaubte das gleichzeitige Editieren und Verlinken mehrerer Seiten in verschiedenen Fenstern. Ohne diese Funktion konnten dann später nur noch technisch versierte Menschen Homepages erstellen. Dennoch stellten damals private Homepages einen Großteil des WWW. Sie enthielten sehr unterschiedliche Inhalte. Dominant waren: die Bereitstellung von spezifischem Wissen, private Fotoalben sowie kommentierte Linklisten. Darüber hinaus entstanden sogenannte Webringe, die auf befreundete Webseiten verlinkten.

Zunehmend entdeckte die Wirtschaft das WWW als Kommunikationsmedium zwischen Standorten und Abteilungen. Das Internet wurde damit auch Teil des Vertriebs. Für Provider, Webdesigner und Nachrichtenanbieter boten sich neue Handlungsfelder und Internetseiten wurden zunehmend als Werbeträger entdeckt. So kam es zu einer verstärkten Professionalisierung, mit deren inhaltlichen Qualität und optischer Ästhetik private Homepages kaum mehr mithalten konnten. Sie wurden – mit wenigen Ausnahmen – in einen marginalen Bereich des WWW gedrängt, wo sie weiterhin ihre Subgruppen bildeten.

1.2.4 Web 2.0 – die Aneignung des Netzes

Webradio, Wikis, Blogs und Foren. Die Aneignung des Netzes durch immer neue Nutzergruppen blieb an den technischen Fortschritt gebunden. Aus Sicht der Produzenten und Nutzer wurde das Internet allmählich multimedial. Die ersten regelmäßigen »Radiosendungen« im Netz waren die Audiodateien von Interviews mit Netzpionieren, die Carl Malamud ab 1993 unter dem Namen Internet Talk Radio ins Netz stellte. Überhaupt weiteten sich die Möglichkeiten für einfache Nutzer, das Netz mit Inhalten zu füllen. Ein großer Schritt in Richtung user-generated content waren Mitte der 1990er-Jahre die ersten Weblogs und Wards Wiki. Frühe webbasierte Foren, beispielsweise mit der Software UBB.classic betrieben, komplettieren das Bild.

Instant Messaging und Online-Spiele. Ende der 1990er-Jahre erhielt das Internet zusätzliche populäre Funktionen: Ab 1996 stand der beliebte Instant Messenger ICQ des israelischen Start-up-Unternehmens Mirabilis zur Verfügung. Massive Multiplayer Online Games (MMOG) machten das Internet vor allem für Schülerinnen und Schüler zur beliebten Spielwiese. Die ältesten MMOGs entstanden Anfang der 1990er-Jahre als Online-Rollenspiele. Das Platzen der sogenannten Dotcom-Blase im März 2000, die erste Wirtschaftskrise der IT-Branche, hatte auf die steigende Nutzung des Internets zumindest keine Rückwirkungen. Vielmehr wurden neue Geschäftsmodelle und Angebote entwickelt.

Das Web als Dokumentationsplattform. Mit neuen datenbankbasierten Applikationen und der Erweiterung der Bandbreiten wurde es möglich, immer größere Datenmengen über das WWW zur Verfügung zu stellen. Dies veränderte das Wesen des Internets insoweit, als nun das Netz zunehmend als Plattform wahrgenommen wurde, auf der man Inhalte hinterlegen konnte.

Blogosphäre und Wikipedia. Der wachsende Anteil der von privaten Nutzern erstellten Inhalte schmälert die exklusive Stellung der etablierten Nachrichtenportale und Wissensdatenbanken. Im Zusammenhang mit der globalisierungskritischen Bewegung wurden alternative und offene Medienprojekte wie »indymedia« gestartet. Vor allem die aufkommenden Blogs und die entstehende Blogosphäre eröffneten Hoffnungen auf einen Journalismus »von unten«. Weblogs wurden als neue Mitteilungsform populär. Gleichzeitig explodierte die Anzahl der Online-Communitys und ehrenamtlichen Beiträger. Mit Wikipedia startete 2001 das bislang wohl erfolgreichste Community-Projekt überhaupt.

Die Bedeutung der Blogosphäre und des Wikipedia-Projekts für die Diskussion um die Möglichkeiten eines Netzes, das als offenes Kommunikations- und Dokumentationsmedium verfügbar wurde, kann nicht überschätzt werden. Mit Wikipedia besetzte zum ersten Mal ein nicht-kommerzielles Projekt einen absolut zentralen Kommunikationsknoten. Nach Google ist Wikipedia der zweite Rechercheort für Erstinformationen. Die Blogosphäre zeigte neue Möglichkeiten dezentraler Nachrichtenverbreitung. Mit dem Erfolg der Blogosphäre und dem Wikipedia-Projekt mussten sich nun auch die Öffentlichkeit, Organisationen, Staaten, Unternehmen und die etablierten Massenmedien mit den Steuerungsmodellen im neuen Web auseinandersetzen.

Begriff »Social Software«. Im Zusammenhang mit Wikis und Weblogs fiel dann auch um 2002 zum ersten Mal der Begriff »Social Software« im Rahmen einer Tagung »Social Software Summit« des Internetexperten Clay Shirky (Himpsl 2007). Nun entstanden in kürzester Zeit die bekanntesten Vorreiter der Social Softwareanwendungen: Mit Flickr wurde im Jahr 2002 das öffentliche Sharing zu einer Massenveranstaltung. Der Anbieter del.icio.us wies mit seinem Social Tagging neue Wege in der kollektiven Verschlagwortung. Ab 2003 konnte man bei OpenBC (Open Business Club, heute Xing) und MySpace kostenlose Benutzerprofile mit Fotos, Videos, Blogs, Gruppen usw. einrichten und mit Facebook nahm 2004 ein weiteres großes Social Network seinen Anfang. Als große Player kamen Twitter 2006 und 2011 Google+ ins Spiel.

Mobile Web. Wireless LAN und Bandbreitentechnologien wie UMTS oder LTE machten es Ende der 2000er-Jahre in bislang nie gekanntem Umfang möglich, über mobile Geräte (Laptops, Smartphones, Tablets) mit dem Internet und dem Web in ständiger Verbindung zu bleiben. Die zunehmende Erreichbarkeit des Internets erweitert die Interaktionsmöglichkeiten der Nutzer erheblich, beispielsweise was die Orientierung und Terminplanung betrifft. Die Wahrnehmung der Welt wird mit dem mobilen Web aber nicht nur erweitert, sondern gleichzeitig wieder eingeschränkt, weil etwa jedes Ereignis dokumentiert und geteilt, aber in dem Moment nur eingeschränkt erlebt werden kann. Der breiten Bevölkerung sind in jedem Fall mit dem mobilen Web mächtige Tools an die Hand gegeben. Und so überrascht es nicht, dass das mobile Web seit wenigen Jahren das Web insgesamt formt. Einige wie die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation Lila Tretikov (2014)6 prognostizieren sogar ein Sterben klassischer Websites. In jedem Fall verlagert sich der Entwicklungsschwerpunkt, so dass auch klassische Social-Web-Anwendungen wie Wikipedia mit Hochdruck den Anforderungen des mobilen Webs und seiner Nutzer angepasst werden.

Crowd. Unter den verschiedenen Online-Communities (Entwicklercommunities, Wikicommunities, Ratingcommunities) lassen sich seit einigen Jahren Gruppen identifizieren, die als »Crowds« beschrieben werden. Das Zusammentragen von Wissen wird als »Crowdsourcing« bezeichnet. Die Vorfinanzierung von Projekten wird über Crowdfunding- oder Crowdinvesting-Plattformen organisiert. Crowds schaffen bewusst über Arbeit oder finanzielle Beteiligung Werte. So öffnen sich völlig neue Möglichkeiten, über das Web nachfrageorientiert die Herstellung teurer Produkte und Dienstleistungen zu koordinieren und bereitzustellen. Crowds decken einen allgemeinen Bedarf und die Beteiligten unterstützen ein gemeinsames, meist auch gemeinnütziges Ziel, das sie meist emotional berührt, indem sie einen begrenzten persönlichen Beitrag leisten. Eine negative Entwicklung kennzeichnet dagegen der Begriff des Crowdworkings. Dieser beschreibt die Entstehung eines neuen Niedriglohnbereichs, in dem Menschen prekär Akkordarbeit für Unternehmen leisten.

Eroberung des Öffentlichen. Was bleibt von dem oben skizzierten Bild eines früher freien Netzes, das heute durch die Kommerzialisierung und den Zugriff der öffentlichen Gewalt bedroht bzw. zerstört ist? Hier wird ein differenzierterer Blick nötig. So haben zwar große Bevölkerungsteile in den hochindustrialisierten Ländern Zugang zum Web. Sie erobern das Netz aber unter kommerzialisierten Bedingungen, die gleichzeitig die Möglichkeiten dieser Eroberung schufen. Auch bei der der oft vorgebrachten These der Rückeroberung einer Öffentlichkeit im Internet feststellen, dass die Öffentlichkeit des Netzes vielfach erst hergestellt werden muss.

Die Entwicklung der Social Software und des Social Webs ist gegenwärtig nicht abzusehen, da sie sehr widersprüchlich verläuft. So sind Medienkonzerne an der Verknappung der Ware Wissen interessiert, was sich mit der Offenheit des Mediums Internet, die nun zur größten Kopiermaschine der Welt wurde, nicht verträgt. Dadurch entsteht gegenwärtig eine neue Konfliktlinie um Fragen des Urheberrechts, freier Software und geistigen Eigentums. Hier gibt es Selbstorganisationsprozesse, die auf die Verwertungsinteressen großer Konzerne antworten. Die File Sharing Communities und jüngst auch die Crowdfunding-Communities entwickeln über ihre große Anzahl an teilnehmenden Nutzern eine erste wirtschaftlich ernstzunehmende Gegenbewegung.

1.3 Begriffsklärung und Abgrenzung
1.3.1 Social Web und Web 2.0

Warum heißt dieses Buch eigentlich nicht »Web 2.0«? Eine sehr gute Frage, die wir uns auch schon wiederholt gestellt haben. Um es ganz kurz zu beantworten: Web 2.0 ist ein Begriff, der zwar häufig synonym mit dem Social Web benutzt wird, jedoch viel umfassender ist. Hier werden – je nach Blickwinkel – technische, ökonomische und rechtliche Aspekte mit einbezogen, die wir in diesem Buch nur behandeln, wenn sie unmittelbar mit unserem enger gefassten Thema, dem Social Web, zu tun haben. Zudem widerstrebt es uns ein wenig, einen derart kommerziell belegten und unscharfen Begriff für eine wissenschaftliche Publikationsform zu verwenden, auch wenn »Web 2.0« lange als ideenleitendes Schlagwort benutzt wurde. Um zu einer Einschätzung zu gelangen, ist es dennoch wichtig, zu wissen, wie der Begriff entstand und welche Implikationen mit ihm verbunden sind.

Entstehung des Begriffs. Anders als es die Versionsnummer vermuten lässt, ist das Web 2.0 keine neue technische Ausführung des WWW, die man sich von irgendeiner Website herunterladen und installieren kann. Vielmehr spielt der Begriff auf eine gefühlte Veränderung des WWW während der letzten Jahre an.

Er entstand während eines Brainstormings zwischen dem O’Reilly Verlag und MediaLive International. Der Vizepräsident von O’Reilly, Dale Dougherty, stellte dabei fest, dass das Internet durch das Zerplatzen der Dotcom-Blase 2000 nicht zusammengebrochen war, sondern heutzutage wichtiger denn je sei. Der seither festzustellende Wandel des WWW wurde mit einem starken Schlagwort belegt: »Web 2.0«. Man beschloss eine Konferenz zu organisieren, bei der genau dieses Thema Mittelpunkt sein sollte. Dass nicht nur das Management von O’Reilly die vielschichtigen Veränderungen im WWW spürte, zeigt die enthusiastische Aufnahme des Begriffs: Nach jener ersten Web-2.0-Konferenz im Jahre 2004 verbreitete sich der Ausdruck unaufhaltsam im Internet und wurde schnell zum Oberbegriff für alle möglichen Neuerungen im Web 7.

Die sieben Punkte von O’Reilly. Tim O’Reilly hatte sich ein Jahr nach der legendären Webkonferenz die Mühe gemacht, den Begriff in dem Artikel »What is the Web 2.0?«7 zu präzisieren und nannte folgende Aspekte:

1. Web als Service-Plattform. Das WWW ist mittlerweile überall. Es ist daher nahe liegend, alltägliche Aufgaben ins Netz zu verlegen. Terminplanung, Projektmanagement und Text- oder Bildverarbeitung verlassen die Grenzen lokaler Desktopanwendungen und werden im Internet abgelegt und verwaltet. Steigende Kapazitäten in der Breitbandkommunikation und die neue Funktionalität moderner Webapplikationen machen dies möglich.


Abb. 1.4: Bildbearbeitung im WWW mit Fotor

Hier sind nur einige Beispiele von einer Fülle an neuen Webapplikationen:

• Pixlr: Bildbearbeitungsprogramm,

• Lino: Haftnotizzettel und Fotos teilen,

• Doodle: Tool für Umfragen,

• Google Drive/Microsoft Office 365: Ein komplettes Office-Paket im Netz,

• Dropbox: Cloud-Speicherdienst (auch »Filehosting«),

• Trello: Tool für Projektmanagement und Workflows,

• Tricider: Brainstorming- und Abstimmungsprozesse.

Der Nutzer genießt durch diese WWW-Dienste einige Vorteile:

• Programme müssen nicht mehr auf dem lokalen Rechner installiert und gepflegt werden.

• Der User kann unabhängig vom Betriebssystem sämtliche Dienste nutzen.

• Zudem kann er von überall auf seine persönlichen Daten, wie z. B. seine Fotos, Adressen oder Lesezeichen, zugreifen und sie bearbeiten.

• Kooperative und kollaborative Arbeitsformen werden möglich.

Diesen Annehmlichkeiten steht natürlich die entscheidende Frage nach dem Datenschutz gegenüber, die erheblich an Bedeutung gewinnt, wenn persönliche und daher zu schützende Dateien zunehmend direkt im Web gespeichert werden.

2. Einbeziehung der kollektiven Intelligenz der Nutzer. Schlagworte wie Mitmach-Netz oder user-generated content fallen unter diesen Punkt. Es ist also nicht mehr der Betreiber, der die Inhalte seiner Website gestaltet, sondern der Nutzer selbst, der die jeweiligen Plattformen mit Bildern, Videos, Informationen und seinen Meinungen füllt. Selbst die Struktur einer Seite kann gemeinsam verändert werden. Durch einfache, benutzerfreundliche Oberflächen werden die Einstiegshürden so gering wie möglich gehalten, so dass die Nutzer fast ohne jegliche technische Vorkenntnisse aktiv an der Veränderung der Website mitwirken können. Ein beliebtes Beispiel ist die Enzyklopädie Wikipedia, auf der jeder Nutzer Wissen niederschreiben und ein anderer beliebiger User diesen Artikel ändern darf. Anders als vermutet, hat das Fehlen eines zentralen Redaktionsprozesses keine Qualitätseinbußen zur Folge. Vielmehr steigert die Teilhabe vieler Nutzer am Gesamtwerk den Wert der Anwendung und jeder Teilnehmer profitiert davon.

3. Daten stehen im Mittelpunkt der Anwendungen. Die Anwendungen stehen und fallen mit den Daten, die von Nutzern permanent generiert werden. Die Qualität und Quantität der Datenbestände spiegeln das Kapital der Webanwendungen wider. Die Inhalte sind damit wesentlich wichtiger als ihre Darstellung. Datenbestände wie das gesammelte Wissen von Wikipedia oder die Strukturen landesweiter sozialer Netze samt Adressen und Telefonnummern bei XING konnten bisher nur mit hohem Aufwand und viel Fleißarbeit gewonnen werden. Jetzt geht es darum, sie zu verbinden und zu nutzen. Dabei hat das Rennen um die wichtigsten Daten bereits begonnen, vor allem um geografische, persönliche, terminliche und produktspezifische.

4. Neue Formen der Softwareentwicklung. Software wird im Web 2.0 nicht mehr als Produkt ausgeliefert, sondern als Service. Denn ein Produkt aktuell zu halten, ist wesentlich schwieriger als einen Service, bei dem die Software zentral auf einem Server vorgehalten wird.

Die aus der Softwareentwicklung traditionsgemäß gepflegte Versionsnummerierung und die Publikation von neuen Versionen einer Software alle paar Jahre gelten seit dem Web 2.0 als überflüssig und inkonsistent. Neue Versionen werden möglichst früh und möglichst oft im Betastadium veröffentlicht.

Der Entwickler profitiert davon:

• Bei einem Millionenpublikum bekommt man selbst auf kleinste Veränderungen hin ein schnelles, aussagekräftiges Feedback.

• Neue Praktiken können schnell ausprobiert und frische Ideen sofort umgesetzt werden.

• Das Publikum, also diejenigen, die eine Software nutzen werden, weiß oft besser als die Entwickler, was verbessert werden soll.

• Auch aus dem Verhalten, z. B. der Reihenfolge von Klicks, lassen sich Rückschlüsse ziehen.

Im Social Web ist das Image des permanenten Beta so gut, dass es sogar dem Anwender gegenüber immer wieder als Qualitätsmerkmal und als Zeichen für eine besonders innovative Plattform dargestellt wird. Ganz nach dem Motto: »It’s not a bug, it’s a feature!«


Abb. 1.5: Logo mit »Beta«

5. »Leichtgewichtige« Programmiermodelle. Um die Daten einer breiten Menge zugänglich zu machen, werden »Lightweight Programming Models« implementiert. Das heißt, dass die Daten sehr einfach über eine HTTP- oder Web-Service-Schnittstelle bereitgestellt werden. Neue offene, flexible, leicht zu bedienende Schnittstellen, sogenannte APIs, ermöglichen den Zugriff auf die global gesammelten Daten, die auf den Servern großer Onlineunternehmen, wie z. B. eBay, abgespeichert und ständig aktualisiert werden.

Verschiedenste digitale Daten lassen sich beliebig vermischen und in neue Formen bringen. So entstehen sogenannte Mashups, die Inhalte von verschiedenen Anwendungen des Internets zusammenbringen, z. B. Placeopedia, die die Funktionalitäten von Google Maps und Wikipedia vereinigt, so dass sämtliche Plätze der Welt mit Wikipedia-Einträgen angereichert werden können.

6. Software, die auf vielen Geräten nutzbar wird. Nicht nur der PC kommt als Endgerät in Frage, sondern auch mobile oder sonstige Geräte. Damit wird ein altes Ziel von Webseiten wieder belebt. Sie sollen so gestaltet werden, dass die Darstellung auf verschiedenen Medien möglich ist. Mittlerweile ist es weder schwierig noch kostenintensiv, über Smartphones und Tablets ins Internet zu gelangen. Da diese Helfer zu unseren täglichen Begleitern geworden sind, liegt es nahe, die erwähnten Datenbestände auch mit solchen Geräten abzurufen. Ein Beispiel ist das Mobile Tagging mit zweidimensionalen Strichcodes, die an Gegenständen angebracht werden können und eine URL kodieren. Mit einem Fotohandy können diese gelesen und via mobilem Browser abgerufen werden.

7. Rich User Experience. Der letzte Aspekt bezieht sich noch einmal auf den ersten Punkt in O’Reillys Liste, geht dabei jedoch direkt auf die konkrete Bedienbarkeit der Software ein. Wenn der Desktop zum Webtop mutiert und kein Unterschied zwischen einer Applikation im Netz und einem lokal installierten Programm besteht, bedeutet dies, dass die Webapplikationen einen riesigen Sprung in Sachen Usability gemacht haben. Und in der Tat ist es auf einmal möglich Drag & Drop, ausgereifte Fenstertechniken und andere bequeme Funktionalitäten zu nutzen, die man bisher nur von der Desktopsoftware kennt. Der »Touch«-Screen erweiterte die Interaktionsformen. Eine Schlüsseltechnologie dabei ist Ajax (siehe Kapitel 2.8.2).

Soweit also die sieben Punkte, die O’Reilly angeführt hat. Mittlerweile haben sich mindestens drei zusätzliche Aspekte herauskristallisiert, die immer wieder im Zusammenhang mit dem Web 2.0 auftauchen.

Juristische Herausforderungen. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr stellt die Transparenz persönlicher Informationen im WWW dar. Da das Web 2.0 davon lebt, dass Nutzer ihre Vorlieben, Interessen und Meinungen gerne ins Web verlagern und offenlegen, hat jeder Zugriff darauf. Dies wirft ganz neue rechtliche Problemstellungen auf, die natürlich auf das reale Leben abfärben und damit auch dort nach der momentanen Gesetzeslage behandelt werden müssen. Leider ist die Rechtsprechung mit der neuen Technologie zum Teil überfordert, so dass wenig Rechtssicherheit besteht und manchmal skurrile Urteile gesprochen werden1. Es ist anzunehmen, dass es noch Jahre dauern wird, bis der rechtspolitische Klärungsprozess tragfähige Ergebnisse bringt.

Neue Geschäftsmodelle. Die Frage, wie man momentan mit Dienstleistungen im WWW Geld verdienen kann, ist nicht trivial: Die Basissoftware läuft zum großen Teil auf Open-Source-Technologie, die meisten Dienste werden kostenlos zur Verfügung gestellt und die Konkurrenz ist riesig. Keine guten Voraussetzungen also, um einen Mehrwert zu generieren. Doch es gibt durchaus Ideen, mit denen Unternehmen im Web 2.0 Profite machen, z. B. über Premiummitgliedschaften, Werbung oder Nischenprodukte (siehe Kapitel 3.2.3).

10. Eigene Web-2.0-Ästhetik. Mit dem Web 2.0 entwickelte sich ein ganz eigenes Look&Feel. Dieses ist sehr verspielt, farbenfroh und kennt im Prinzip keine strengen Gestaltungsregeln. Das zeigten schon die für das frühe Web 2.0 so typischen lustigen, vokalarmen, zum Teil lautmalerischen Titel an, die mit Punkten und Zahlen angereichert wurden – z. B. lib.rario.us, Voo2do und Qooxdoo (sprich »kuckst du«). Das Webdesign selbst zeichnete sich durch bunte, kontrastreiche Farben, Badges, Bänder, Schaltflächen, Farbverläufe, Schatten und Spiegeleffekte aus. Zudem nahm man nicht mehr die ganze Breite des Browserfensters in Anspruch, sondern stellte die Inhalte in die Mitte, so dass die Seiten stärker an Din-A4-Seiten im Hochformat erinnern.


Abb. 1.6: Chocri besitzt das typische Web-2.0-Look&Feel und ist ein Beispiel für die neuen Geschäftsmodelle im Social Web.

Die Webseite »Web 2.0 Name Generator« nimmt die Ästhetik des neuen Webs ein wenig auf die Schippe und generiert per Mausklick typische Web-2.0-Namen.

Aktuell erleben wir mit dem sogenannten Flat-Design, einem grafisch minimalistischen Gestaltungsstil, bereits eine neue Generation der Web 2.0-Ästhetik, die den Anforderungen des mobilen Webs besser entspricht.

1.3.2 Definition »Social Web«

Ein Teilbereich des Web 2.0 ist das »Social Web«.2 Der Begriff fokussiert auf die Bereiche des Web 2.0, bei denen es nicht um neue Formate oder Programmarchitekturen, sondern um die Unterstützung sozialer Strukturen und Interaktionen über das Netz geht. Einen Ausgangspunkt für eine Definition bietet Hippner (2006), der jedoch den Begriff »Social Software« verwendet. Dieser umfasst für ihn:

• »webbasierte Anwendungen,

• die für Menschen,

• den Informationsaustausch, den Beziehungsaufbau und die Kommunikation

• in einem sozialen Kontext unterstützen.«

Gegenstand sozialer Software sind also Programme oder dynamische Webseiten, die die Techniken des Internets als Trägermedium für sich nutzen. Es geht dabei nicht primär darum, Verbindungen zwischen Servern herzustellen oder Daten auszutauschen, sondern Menschen als Zielpublikum dabei zu helfen, bestimmte zwischenmenschliche Interaktionen auszuführen. Diese bewegen sich vor allem in den Bereichen Austausch von Informationen oder Wissen, Herstellung von Kontakten zu anderen Personen und Unterhaltung mit diesen über das Internet. Diese Interaktionen finden innerhalb eines definierbaren Netzwerks statt, sind also zielgerichtet und durch Regeln gebunden. Hippner ergänzt seine Beschreibung noch um eine Reihe »spezifischer Prinzipien«, die wir weiter unten diskutieren werden.

Diese Definition ist in vielen Teilen auf das Social Web anwendbar. Jedoch sind hier Adaptionen nötig. Während Hippner von »webbasierten Anwendungen« spricht, nimmt er beispielsweise Instant Messaging mit auf, das nicht auf dem WWW aufsetzt. Wir plädieren dafür, das WWW als hartes Kriterium vorauszusetzen. Andere Plattformen benötigen jeweils eigene Software, während webbasierte Anwendungen im von uns gebrauchten Sinn im Browser laufen und nicht von externen Komponenten abhängen. Damit ist auch eine Abgrenzung von vielen Online-3D-Infrastrukturen wie Second Life möglich. Auch erweiterte Techniken wie Java oder Flash werden wir in diesem Buch weitestgehend ausklammern, obwohl durch die fast flächendeckende Verbreitung der entsprechenden Plug-ins hier möglicherweise von einer Kerntechnik des WWW gesprochen werden könnte.

Die Bereiche, in denen Anwendungen des Social Webs eingesetzt werden, sind zu erweitern und anzupassen. Neben dem Austausch von Informationen ist auch deren Erstellung von entscheidender Bedeutung. Wie wir in Kapitel 3.1.5 argumentieren werden, ist die elektronische Vernetzung eine entscheidende Voraussetzung für kollaborative Verfahren, die in vielen Bereichen des Social Webs eingesetzt werden, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Anders als bei der individuellen Inhaltserstellung kann dieser kreative Akt ohne die Plattformen im Netz nicht stattfinden. Wir sehen daher die Kollaboration als eine wesentliche Dimension der sozialen Interaktion im Netz an. Des Weiteren werden Beziehungen im Social Web nicht nur aufgebaut, sondern auch aufgefrischt oder gepflegt, wenn dies anderweitig nicht mehr so leicht möglich wäre. Festzustellen ist, dass gerade in sozialen Netzwerken die Rückbindung an realweltliche Gruppen enorm ist, ja diese sogar häufig vor einer Kontaktaufnahme im Social Web bestehen. Beziehungspflege scheint daher ein wesentliches Moment der Partizipation in diesem Bereich darzustellen.

Der Begriff »sozial« ist im Englischen doppeldeutig und wird mit »gesellschaftlich« oder »gesellig« übersetzt. Er besitzt also sowohl eine gesellschaftliche als auch eine gemeinschaftliche Dimension. Während sich Mitglieder einer Gesellschaft dieser aus rationalen Gründen und Zwecküberlegungen anschließen, überwiegt bei der Gemeinschaft ein emotionales Moment. Beide können im Social Web gefunden werden. Dies gilt sowohl bei der Wahl der Plattformen, auf denen die Webnutzer partizipieren, als auch bei der Art der Teilnahme. Daher ist diesen unterschiedlichen Zielsetzungen in der Definition Rechnung zu tragen.

Social Software zielt auf Programme und Anwendungen ab. So sprechen Koch und Richter (2009, S. 12) in ihrer Definition des Begriffes von »Anwendungssysteme[n], die unter Ausnutzung von Netzwerk- und Skaleneffekten, indirekte und direkte zwischenmenschliche Interaktion (Koexistenz, Kommunikationen, Koordination, Kooperation) auf breiter Basis ermöglichen und die Identitäten und Beziehungen ihrer Nutzer im Internet abbilden und unterstützen.« In der Unterscheidung sind unter Social Web auch die bereitgestellten Daten sowie das soziale Geflecht der Beteiligten untereinander subsumiert. Diese tragen ganz wesentlich zur Attraktivität der Plattformen und deren Nutzen für die Websurfer und somit deren Erfolg bei. Die bereitgestellten Daten bieten die Grundlage für einen kom munikativen Austausch über die Plattform, der sonst nicht stattfinden würde. Social-Web-Anwendungen ohne zugehörige Community sind nicht denkbar, sie gehört als zwingende Voraussetzung dazu, um diesen Titel tragen zu können.

Wir schlagen in der Konsequenz des Gesagten vor, »Social Web« wie folgt zu definieren.

Das »Social Web« besteht aus:

• (im Sinne des WWW) webbasierten Anwendungen,

– die für Menschen

– den Informationsaustausch, den Beziehungsaufbau und deren Pflege, die Kommunikation und die kollaborative Zusammenarbeit

– in einem gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Kontext unterstützen, sowie

• den Daten, die dabei entstehen und

• den Beziehungen zwischen Menschen, die diese Anwendungen nutzen.

Betrachtet man die Anwendungen des Social Webs, so kristallisieren sich einige Prinzipien heraus, die allen diesen Formen mehr oder weniger gemeinsam sind (vgl. Hippner 2006):

• Im Mittelpunkt steht das Individuum bzw. die Gruppe. Funktionen der Kommunikation untereinander sind wesentlich für eine Social-Web-Anwendung. Fast alle Dienste sind personalisiert, so dass die Aktionen des Einzelnen nachvollziehbar werden. Das steht im Gegensatz zu Programmen oder herkömmlichen Webseiten, die quasi anonym genutzt werden.

• Das Individuum integriert sich in die Gruppe. Einzelkämpfer, die auf Kosten der Community arbeiten, werden nicht gerne gesehen. Das ist auch verständlich. Viele Teilnehmer in Social-Web-Anwendungen stecken viel Energie in den Aufbau der Community, sie leisten dabei kostenlose Arbeit. Wer sich hier nicht integriert, stört diesen Aufbau.

• Personen, Beziehungen, Inhalte und Bewertungen sollen sichtbar gemacht werden. Es herrscht eine große Transparenz hinsichtlich der Aktionen, Daten und Zusammenhänge in Social Webs.

• Grundlage ist die Idee der Selbstorganisation. Es werden keine starren Verhaltensregeln oder Datenstrukturen vorgegeben. Die Community passt die Inhalte an ihre Bedürfnisse an und macht eine Plattform zu ihrem Medium. Dazu gehört auch, gewisse Verhaltensnormen herauszubilden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer »Demokratisierung« des Webs.

• Es wird eine soziale Rückkopplung beispielsweise in Form von Social Ratings gegeben. Freiheit der Selbstorganisation wird dadurch in Bahnen gelenkt. Beiträge werden bewertet und können nach diesen Bewertungen geordnet werden. Somit werden diejenigen belohnt, die Inhalte beisteuern, die eine bestimmte Community gerne sieht.

• Der Fokus liegt weniger auf der einzelnen Information, sondern vielmehr auf der Struktur, die aus der Verknüpfung derselben erwächst. Erst, wenn die Beiträge verbunden und miteinander in Beziehung gesetzt werden, können die Inhalte ihre Stärke ausspielen. Es wird eine Art kollektives Wissen aufgebaut.

Mit dieser Definition gewappnet, können wir uns im folgenden Abschnitt den konkreten Erscheinungsformen von Social-Web-Anwendungen widmen.

2 Praxis des Social Webs
2.1 Einteilungskriterien

Die Fülle der Social-Web-Anwendungen ist schier unüberschaubar. Zu fast jedem erdenklichen Bereich des Lebens findet man mittlerweile eine passende Community im Netz. Dennoch kristallisieren sich – ihrem Aufbau nach – gewisse Prototypen heraus, nach denen die Plattformen einzuteilen sind:

• Wikis fokussieren auf die kollaborative Erstellung von Texten. Ziel der Community ist es, Inhalte gemeinsam zu schreiben. Dabei steht die Sache im Mittelpunkt, der einzelne Autor ist kaum erkennbar.

• Blogs sind persönlich gefärbte Journale. Sie werden meistens von Einzelpersonen geführt und haben häufig tagesaktuelle Themen zum Gegenstand. Die Gemeinschaft entsteht durch die Vernetzung der einzelnen Blogs.

• Microblogging konzentriert sich, wie der Name sagt, auf besonders kurze Botschaften, die über eine zentrale Plattform ausgetauscht werden. Diese haben einen kommunikativen Charakter und in der Regel eine kurze Aktualitätsspanne.

• Social-Network-Dienste dienen dem Aufbau und der Pflege von Beziehungsnetzwerken. Es gibt viele verschiedene Plattformen, die sich an spezifische Gruppen wie Studenten oder Geschäftsleute richten.

• Social Sharing, gelegentlich auch als objektzentrierte Software tituliert, bezeichnet eine Gruppe von Anwendungen, die sich mit der Bereitstellung und dem Tausch von digitalen Inhalten beschäftigen. Das können beispielsweise Videos, Bilder oder Bookmarks sein.

• Daneben gibt es Elemente, die auf vielen dieser Plattformen zu finden sind. Die Quervernetzung mit RSS ist ein Beispiel dafür. Diese lassen sich nicht einer der Formen zuordnen, sondern sind als Erweiterungen zu begreifen.

Zunehmend nehmen die einzelnen Dienste auch Elemente anderer Bereiche mit auf, z. B. Blogs mit einer Social Network-Erweiterung. Wir sprechen hier von integrierten Plattformen.

Neben der technischen Herangehensweise bietet es sich an, die Anwendungen des Social Webs nach ihrem Zweck zu bestimmen. In der Literatur zum Social Web findet man häufig Einteilung der Applikationen anhand von drei Kriterien. Hippner (2006) nennt diese Information, Beziehungen und Kommunikation. Es ist jedoch festzustellen, dass der letzte Punkt kein distinktives Merkmal einzelner Formen ist. Vielmehr sind in allen Anwendungen des Social Webs kommunikative Funktionen enthalten und werden dort auch genutzt. Schmidt (2006a) spricht von Informationsmanagement, Beziehungsmanagement und Identitätsmanagement. Beziehungsmanagement und Identitätsmanagement bedingen sich gegenseitig, so dass wir diese als zwei Seiten einer Medaille begreifen.

Betrachten wir die Bereiche, die in der Definition von »Social Web« zu finden sind:

• Beim Informationsaustausch liegt der Schwerpunkt auf der Publikation und Verteilung von Objekten, die gewisse Informationen enthalten. Das können multimediale Dateien genauso wie subjektive Meinungen oder Erkenntnisse sein.

• Der Beziehungsaufbau und deren Pflege fokussiert auf zwischenmenschliche Verbindungen. Es geht darum, andere Menschen kennen zu lernen, Informationen über sie zu gewinnen oder Bekanntschaften aus der realen Welt im Netz wiederzufinden.

• Eine kollaborative Zusammenarbeit dient der Sammlung und Herstellung von neuem Wissen, Aussagen oder Erkenntnissen. Dabei gruppiert sich eine Reihe von Menschen um ein Thema, um dies gemeinsam zu bearbeiten und zu veröffentlichen

• Kommunikation bezieht sich im hier verwendeten Sinn vor allem auf den Austausch von Mitteilungen zwischen zwei Personen. Dies kann beispielsweise über Messaging-Funktionen geschehen.

In der Tendenz beziehen sich alle diese Kategorisierungen auf ein Dreieck, das auf die Entitäten Information/Daten und Person sowie die Aktion der Übermittlung (Kommunikation) aufbaut3. Wie im vorherigen Kapitel schon erläutert, halten wir die Erstellung der Informationen in der Gruppe für ein wichtiges Element und plädieren dafür, aus drei Dimensionen vier zu machen, indem man die Kollaboration mit aufnimmt. Ein Nachteil an dieser Stelle ist der Verlust geometrischer Schönheit in der Darstellung.

Zwischen den einzelnen Bereichen bestehen Wechselwirkungen. So ist eine Kollaboration ohne Kommunikation nur sehr schwer denkbar, gleiches gilt für die Beziehungspflege. Der Austausch von Informationen ist auch gegeben, wenn kollaborativ erstellte Werke im Netz zur Verfügung gestellt werden. Und der Tausch multimedialer Daten dient nicht selten der Beziehungspflege, beispielsweise bei Online-Fotoalben aus dem privaten Bereich.


Abb. 2.1: Dreiecksmodell

Wie bereits festgestellt, ist Kommunikation ein Thema, das in allen Anwendungen in mehr oder weniger intensiver Form zu finden ist. Wir vernachlässigen diese Dimension daher in der folgenden Übersicht und verbinden die restlichen Aspekte in Anlehnung an das aus der Literatur bekannte Dreiecksmodell. Ein ideales Medium, das alle drei Aufgaben erfüllt, wäre in der Mitte angesiedelt. Abb. 2.1 zeigt, wo die Autoren die genannten Typen von Social-Web-Anwendungen verorten würden.

Sehen wir uns im folgenden Kapitel die einzelnen Typen im Detail an.

2.2 Wikis

Stellen Sie sich vor, Sie browsen durch das Internet und finden auf einer Seite die Publikationsliste Ihrer Lieblingsautorin. Nur das neueste Buch ist nicht verzeichnet. Nun gibt es auf dieser Seite einen Knopf »bearbeiten«. Sie klicken ihn an, es öffnet sich ein Bearbeitungsfenster mit dem Quellcode der Seite, Sie fügen den neuen Titel ein und speichern die Eingabe ab. Der neue Titel ist sofort online. Wenn Sie eine Internetseite finden, auf der man das machen kann, dann haben Sie es höchstwahrscheinlich mit einer Wiki-Seite zu tun.

Selbstverständlich kann nun ein anderer Internetnutzer Ihren Beitrag erweitern, verändern oder rückgängig machen. So sind die Regeln. Doch diese Fähigkeit der Wiki-Software hat die Qualität des Mediums Internet tiefgreifend verändert. Und es wird schon bald keinen Arbeitsbereich mehr geben, der nicht in der einen oder anderen Form ein Wiki als Plattform nutzt – ob für die gemeinsame Wissenssammlung, zur Vorbereitung von Projekten oder zu Dokumentationszwecken.

Was sind eigentlich Wikis? Im Mittelpunkt von Wiki-Projekten steht der gemeinsam erarbeitete Text. Ein Wiki ist eine webbasierte Software, die es allen Betrachtern einer Seite erlaubt, den Inhalt zu ändern, indem sie diese Seite online im Browser editieren. Damit ist das Wiki eine einfache und leicht zu bedienende Plattform für kooperatives Arbeiten an Texten und Hypertexten. Sowohl Wikis als auch Blogs arbeiten meistens mit einer vereinfachten Layoutsyntax, die das Erstellen von Inhalten nicht schwerer macht als das Schreiben von E-Mails. Für anspruchsvollere Nutzer stellen die meisten Systeme mittlerweile einen WYSIWYG-Editor zur Verfügung.

Das heißt, die eigentliche Revolution des Wiki-Ansatzes besteht im Berechtigungssystem. Alle Nutzer haben zunächst gleiche Bearbeitungsrechte. Diese können freilich eingeschränkt werden. Aber grundsätzlich ist der Vertrauensvorschuss bei Wiki-Projekten Grundlage jeder Kooperation. Es handelt sich um ein echtes Many-to-many-Medium. Alle Beteiligten arbeiten am gleichen Text. Der zufällige Leser sieht immer die aktuelle Fassung des Artikels.


Abb. 2.2: Beim Wiki steht die gemeinsame Arbeit an einer Artikelsammlung im Mittelpunkt.

Damit es nicht zu einem größeren Chaos kommt, besitzen Wiki-Seiten eine Versionierung, über die alle Änderungen nachvollzogen werden können. Über spezielle Seiten kann man sehen, welche Seiten zuletzt oder sehr häufig bearbeitet wurden und somit einen Brennpunkt darstellen.

Der Gemeinschaft kommt bei Wikis eine sehr große Bedeutung zu. Nur wenn sich die Teilnehmer kooperativ verhalten, kann ein Wiki funktionieren. Andererseits handelt es sich um ein tendenziell demokratisches Medium mit flachen Hierarchien, bei dem der Einzelne eine gewichtige Stimme hat.

Merkmale:

• Jeder Teilnehmer darf Inhalte editieren.

• Beiträge können je nach Konfiguration des Wiki-Systems anonym oder nur mit Registrierung erfolgen.

• Die Daten liegen nicht in strukturierter Form vor.

• Die Strukturierung und Ordnung der Inhalte wird komplett den Nutzern übertragen.

• Nutzer können neue Seiten anlegen und die Verweisstruktur verändern.

• Die Vorgehensweise ist ergebnisorientiert und man sieht jeweils die neueste Fassung.

• Der Benutzer rückt als Person in den Hintergrund.

2.2.1 Geschichte

Das allererste Wiki. Dieses wurde unter dem Namen WikiWikiWeb bereits 1995 von Ward Cunningham entwickelt. Der Entwickler suchte aus Unzufriedenheit mit den gängigen Textverarbeitungsprogrammen nach einem neuen Dokumentationssystem, das stärker den Bedürfnissen eines Programmierers entspricht. Sein Ziel war die Erstellung einer möglichst einfachen Software, die es ermöglichen sollte, gemeinschaftlich an Softwarecodes zu arbeiten und diese sofort zu veröffentlichen. Das neue Programm sollte alle Bearbeitungsschritte automatisch dokumentieren, um Änderungen leichter nachvollziehen zu können. Ideengeber für Cunningham war der Shuttlebus vom Flughafen Honolulu zum Strand: der Wikiwiki Bus. »Wikiwiki« ist ein hawaiianisches Wort und bedeutet so viel wie »schnell« oder »sich beeilen«. Der Name steht für die Programmatik der Wiki-Software, schnell und unkompliziert Inhalte zur Verfügung zu stellen. Am Ende ging der erste Wiki-Server ans Netz und ist bis heute in Betrieb. Seitdem wurden zahlreiche Weiterentwicklungen von Cunninghams erstem Wiki veröffentlicht, sogenannte Klone. Die meisten davon wurden unter eine Open-Source-Lizenz gestellt und sind kostenlos verfügbar. Prominente Vertreter sind MediaWiki, TWiki oder DokuWiki.


Abb. 2.3: Startseite der chinesischen Wikipedia

Wikipedia. Nach Wards Wiki entstanden weitere Wiki-Communitys, z. B. das berühmte MeatballWiki, in dem sich die Autoren stark mit Online-Communitys an sich auseinandersetzen. Aber erst mit dem Erfolg der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia wurden Wikis einem breiteren Publikum bekannt. Bei Wikipedia wird das Wiki-Konzept eingesetzt, um enzyklopädisches Wissen kooperativ »von unten« erarbeiten und darstellen zu können. Allein in der deutschsprachigen Ausgabe wurden von Mai 2001 bis August 2015 über 1.838.000 Artikel gemeinsam erarbeitet. Flaggschiff der Wiki-Technologie bleibt jedoch die englische Ausgabe, für die bis August 2015 rund 5 Millionen Artikel geschrieben wurden. Weltweit existiert Wikipedia in rund 300 Sprachen.

Corporate Wikis. Parallel dazu hat das Wiki eine – naturgemäß weniger sichtbare – Karriere in den Intranets größerer Firmen wie Motorola oder SAP gemacht, wo es vornehmlich als Projekt- und Wissensmanagement-Werkzeug verwendet wird. Gerade IT-Abteilungen verwenden Wikis in ihrer täglichen Arbeit. Die Entwicklung eigener Corporate oder Enterprise Wikis, die ihr Angebot an den organisatorischen und rechtlichen Bedürfnissen von Unternehmen ausrichten, läutete eine neue Phase ein. Eines der frühen Systeme, das auf diesen Zweck hin optimiert wurden, ist TWiki. Die kommerziellen Nachfolger sind häufig proprietäre Software, für die eine Lizenz bezahlt werden muss, wie z. B. für das australische Confluence-Wiki.

Andere Verbreitungswege. Daneben gab es von der Öffentlichkeit unbemerkt weitere Verbreitungswege der Wiki-Software. So kennen beispielsweise viele Onlinespieler Wikis von Dokumentationen von Spielregeln und Spielstrategien. Auch andere Nutzergruppen, sogenannte Special-Interest-Gruppen, nutzen Wikis schon seit geraumer Zeit, um sich über Autos, Software, Fernsehserien, Bildung oder Städte auszutauschen. Als typisches Beispiel ist hier das »Game of Thrones«-Wiki zu nennen. Es nutzt den Dienst »Wikia«, der sich auf diese Zielgruppen spezialisiert hat.

2.2.2 Öffentliche Wikis

Fragt man nach berühmten Wikis, so meint man hauptsächlich diejenigen im World Wide Web und nicht die »versteckten« Wikis in Unternehmen und Organisationen. Die hier angegebene Liste ist sehr subjektiv und auf keinen Fall erschöpfend.

Es gibt eine Gruppe von Wikis, die von den Pionieren, von Wiki-Freaks und Philosophen betrieben wird. Ästhetisch sicher ein Blick in graue Vorzeiten, aber eben auch die am längsten existierende Wiki-Community:

Wards Wiki. Das Urwiki ist immer noch online.

Meatball-Wiki. Das englische Meatball-Wiki versteht sich als Plattform für Praktiker, die sich mit Online-Communitys beschäftigen.

Gründer-Wiki. Das Gründer-Wiki ist ein deutsches Pendant zum Meatball-Wiki.

Die Projekte der Wikimedia Foundation zielten von Beginn an auf eine große Leser- und Autorenschaft rund um den Globus und haben als Maxime, dass ihre Inhalte frei verfügbar sind. Insgesamt gibt es derzeit 16 Wikimedia-Projekte. Die Wikipedia ist nach wie vor das Bekannteste davon. Dabei geraten die nicht minder interessanten Schwesternprojekte gerne in den Hintergrund:

Wikipedia. Größte jemals geschaffene Enzyklopädie. Das Open-Source-Projekt läuft rein auf der Basis von Spenden. Hier lohnt es sich auch einmal, hinter die Kulissen zu sehen, indem man beispielsweise die Diskussionsprozesse und Moderatorenwahlen beobachtet.

Wikimedia Commons. Ein weiteres beachtenswertes Projekt der Wikimedia Foundation. Hier werden zentral freie Bilder, Videos, Musik und Texte für alle Wikimedia-Projekte aufbewahrt. Bilder, die dort zum Download angeboten werden, müssen gemeinfrei sein oder der GNU-FDL unterliegen.

WikiData ist der Name einer frei bearbeitbaren Datenbank, die bestimmte Datentypen für Wikimedia-Projekte zur Verfügung stellt, z. B. Geburtsdaten oder sonstige allgemeingültige Daten, die in allen Artikeln der Wikimedia-Projekte verwendet werden können. Sie ermöglichen damit eine gewisse Vereinheitlichung sowie die Nutzung gezielter Abfragen, auch durch Maschinen.

Wiktionary. Ziel dieses Projekts ist ein frei zugängliches, vollständiges und mehrsprachiges Wörterbuch sowie ein entsprechender Thesaurus in jeder Sprache. Seit der Gründung 2002 wuchs die Anzahl der Einträge in die Wiktionarys international auf über 6,6 Millionen an.

Wikivoyage. Projekt mit dem Ziel, einen vollständigen und aktuellen weltweiten Reiseführer zu entwickeln.

Die rasante Ausbreitung der Wiki-Technologie geschieht über Themen-Wikis. Das Game of Thrones-Wiki wurde oben bereits genannt. Hier sind noch ein paar weitere deutschsprachige Beispiele:

Wien Geschichte Wiki. Dieses Wiki ist eine georeferenzierte, historische Wissensplattform der Stadt Wien, die das Ziel verfolgt, historisches Wissen über Wien aus der Stadtverwaltung selbst mit jenem von Expertinnen und Experten zusammenzuführen. Es wurde vom Wiener Stadt- und Landesarchiv und der Wienbibliothek im Rathaus aufgebaut und 2014 zur Bearbeitung freigegeben. Zuvor wurden mehr als 27.000 Artikel (bzw. 31.000 Einträge) des sechsbändigen Werks »Historisches Lexikon Wien«, herausgegeben von Felix Czeike, in das Wiki migriert.

ZUM Wiki. Offene Plattform für Lehrinhalte und Lernprozesse. Ein Wiki für Lehrerinnen, Lehrer und andere Menschen im Bildungsbereich.

Memory Alpha. Freies, gemeinschaftliches Projekt zur Erstellung einer umfangreichen Enzyklopädie rund um Star Trek. Ein klassisches Beispiel für Wikis von Fangemeinden.

Und zum Schluss hier ein Beispiel für die seltene Spezies der öffentlichen Firmenwikis:

Classic Wiki hat die Oldtimer von Mercedes Benz als Thema. Akribisch listet und beschreibt Daimler seine alten Modelle in Wort, Bild und Video. Leider sind die Inhalte nicht frei verfügbar und auch die Möglichkeit der Mitarbeit ist stark eingeschränkt.

Eine umfassende Liste von öffentlichen Mediawikis gibt es übrigens auf WikiApiary.

2.2.3 Funktionsweise

Wie arbeitet man mit einem Wiki? Wiki-Seiten unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht sofort von anderen Internetseiten. Meistens fallen sie durch ein einfaches Layout auf.

Man findet am Rand des Inhaltsbereichs einen Link »Bearbeiten« oder »Edit«. Sobald dieser geklickt wird, öffnet sich ein Bearbeitungsfenster. Zu sehen sind dann der eigentliche Text und verschiedene Steuerungszeichen, sogenannte WikiTags. Mit ihnen lassen sich einfache Formatierungen vornehmen. Mit einem Knopf »Seite speichern« oder »Save page« werden Text und Wiki-Tags vom System in eine HTML-Seite interpretiert und online gestellt.

Nehmen wir an, das Rezept für Fish and Chips soll im Wiki hinterlegt werden. Das Rezept soll auf eine eigene Seite. Wie geht man vor? Zunächst lohnt es sich zu prüfen, ob es bereits eine Seite »Fish and Chips« gibt, die man nur noch ergänzen muss. Alle Inhaltsseiten eines Wikis werden meist irgendwo über eine Spezialseite angezeigt. Muss eine neue Seite angelegt werden, legt man einfach von einer bereits bestehenden Wiki-Seite einen Link zu der noch nicht existierenden. Das heißt, man trägt an einer Stelle, die geeignet erscheint, einen Link auf die Seite »Fish and Chips« ein. Also wird eine Seite, z. B. »Englische Küche«, geöffnet und der Link dazugeschrieben. Das könnte so aussehen: [[Fish and Chips]]. Wenn man die Seite mit dem Eintrag abspeichert, wird die Aktualisierung sofort sichtbar. Der neue Link ist jetzt deutlich mit einem Fragezeichen oder als roter Link gekennzeichnet. Damit wird klar, dass diese Seite noch nicht existiert. Wenn man nun diesen Link, der »ins Leere« führt, aufruft, öffnet das System ein Bearbeitungsfenster für die neue Seite »Fish and Chips«. Hier kann nun der gewünschte Text eingetragen und abspeichert werden. Jetzt ist das Rezept online (vgl. Abb. 2.4).


Abb. 2.4: Klassischer Aufbau einer Wiki-Seite

Der Reiz eines Wikis liegt darin, dass man mit wenigen Handgriffen Formatierungen vornehmen kann. So verwenden viele Wikis * (Sternchen) für Aufzählungszeichen oder‹ (Hochkomma) für Fettungen und Kursivsetzungen. Wir haben hier einmal ein Beispiel für einen Eintrag im Bearbeitungsfenster:

Je mehr Wert auf das Design gelegt wird, desto komplexer wird nun diese Syntax. Grundsätzlich kommen aber Wiki-Autoren mit einer Handvoll Formatierungsbefehlen aus. Und es ist motivierend, die Ergebnisse seiner Aktionen sofort zu sehen. Man benötigt kein großes Expertentum, um mit der Software zu arbeiten. Allerdings bewegt man sich im Unterschied zu Anwendungen wie Word bereits auf der Codeebene (vgl. Abb. 2.5). Und je nach Reifegrad des Wikis lassen sich hier auch komplexe Operationen realisieren.

Für viele Wiki-Neulinge sind diese Handlungsspielräume verwirrend. Wir sind es heute gewohnt, dass uns die Software mit Eingabemasken lenkt, dass wir beispielsweise nicht einfach eine neue Seite anlegen oder ein Menü verändern können. Im Wiki ist genau diese Offenheit erwünscht. Diejenigen, die sich nicht mit Formatierungsbefehlen herumschlagen wollen, müssen trotzdem nicht verzweifeln, da mittlerweile fast jede moderne Wiki-Software mit einem WYSIWYG-Editor ausgestattet ist.

Um sich im Wiki zurechtzufinden, gibt es in der Regel eine Seite, die letzte Änderungen anzeigt. So bleibt jeder informiert, was neu eingestellt oder verändert wurde. Ausgereiftere Wiki-Systeme ermöglichen es, private Beobachtungslisten zusammenzustellen, mit denen sich Seiten, für die sich der Bearbeiter verantwortlich fühlt, überprüfen lassen. So kann er schnell sehen, wenn ein anderer Autor etwas verändert hat. Jedes Wiki verfügt darüber hinaus über eine Versionierung, die es erlaubt, ältere Fassungen eines Artikels aus dem Speicher zu holen und wieder hochzuladen. So geht nichts verloren.


Abb. 2.5: Bearbeitungsmodus im Rezepte-Wiki

Eine wichtige Rolle spielt bei dieser Form des kollaborativen Schreibens der Kontakt mit den anderen Autoren. Dies geschieht häufig über Diskussionsseiten. Das MediaWiki bietet für jede Seite eine eigene Diskussionsseite, auf der über Inhalt und Form des Textes debattiert werden kann oder auf der Änderungen begründet und dokumentiert werden. Anders als in Foren werden so Artikel und Diskussion scharf getrennt. Wie in keiner anderen Social Software erfordern Wikis eine Kommunikationskultur mitdenkender Menschen. Es kommt darauf an, zu verstehen, dass jeder Beiträger zumindest nach eigenem Verständnis sich viel Arbeit mit einem Text gemacht hat. Er oder sie identifiziert sich mit dem Gesagten und verleiht den eigenen Erfahrungen und Anschauungen Ausdruck. Das ist bei technischen Dokumentationen weniger dramatisch als bei der Beschreibung eines gesellschaftlichen Zusammenhangs, so gab es z. B. eine ellenlange Debatte in der deutschen Wikipedia, ob es sich bei dem Wiener Donauturm um einen Fernseh- oder Aussichtsturm handelt. Die Diskussionsseite kann mittlerweile ein Buch füllen.

Es kann manchmal dazu kommen, dass sich zwei Autoren nicht einigen können. Im Extremfall kommt es zu einem Edit-War. Die Autoren machen dann jeweils die Änderungen des anderen rückgängig. Hier muss ein Moderator vermitteln. Bei Wikipedia werden Moderatoren demokratisch gewählt und erhalten erweiterte Rechte. So können sie eine Seite oder einen Benutzer sperren, um einen Konflikt zu beenden. Das sind aber Extremfälle. In der Regel sind die Wiki-Communitys klein und überschaubar. Die Mitglieder kennen sich oft schon eine Weile und die Projekte definieren ihre Zielsetzungen und erarbeiten Konventionen, wie Artikel aufgebaut sein sollen oder wie bei Streitigkeiten verfahren wird.

Ähnlich der Netiquette, mit der allgemeingültige Verhaltensregeln im Internet beschrieben werden, gibt es auch eine Wikiquette, eine Sammlung von Regeln für das Verhalten der Leute miteinander. Die Wikiquette ist kein festgelegter Textkorpus, sondern variiert von Wiki zu Wiki. Üblich sind folgende Aussagen:

• Keine persönlichen Angriffe. Sachlichkeit bei Diskussionen und Kritik. Kritik möglichst schonend vortragen.

• Von den guten Absichten des Gegenübers ausgehen und respektvoller Umgang. Das heißt, Änderungen nicht ohne Begründung rückgängig zu machen und Dissens in der direkten Diskussion mit dem Gegenüber klären.

• Freundlich bleiben.

• Anderen helfen, z. B. Neuankömmlinge begrüßen und unterstützen. Auf Anfragen antworten.

• Ruhig bleiben.

• Vergeben und vergessen. Das heißt, nach einer Auseinandersetzung Beleidigungen auch einmal vergessen, um Entschuldigung bitten und Konflikte nach angemessener Zeit begraben.

Die Wikiquette ist vor allem in großen Projekten im WWW wichtig. In anderen Arbeitsumgebungen, bei der Dokumentation einer Software im Intranet einer Firma werden solche Regelungen weitaus weniger benötigt.

Das Funktionieren eines Wiki-Projekts hat etwas mit technischem Verständnis zu tun, vor allem aber mit sozialen und redaktionellen Kompetenzen, die jedoch über ein Wiki-Projekt erworben werden können.


Abb. 2.6: Administratorenwahl

2.2.4 Komponenten

Alle Wiki-Systeme werden durch essenzielle Funktionen charakterisiert:

Bearbeitungsmodus. Der allen zugängliche Edit-Button auf jeder Seite ist das auffallendste Merkmal eines Wikis. Er führt zu einem Formular, in dem der Quelltext einer Seite verändert und gespeichert werden kann. Dieser Text ist in den meisten Fällen kein HTML-, sondern Wiki-eigener Code, der Formatierung und Strukturierung der Seite für die Autoren vereinfachen soll. Manche Seiten (z. B. Startseiten) werden von der Bearbeitung ausgenommen.

Interne Verlinkung. Alle Seiten können auf die Titel anderer Seiten verweisen. In den meisten Wikis werden interne Links mit einem Wiki-Wort erzeugt: Wörter werden mit großen Anfangsbuchstaben versehen und ohne Zwischenraum (Binnenversalie) aneinander gesetzt (CamelCase). Der CamelCase macht das Verlinken einfach, erschwert aber die Lesbarkeit eines Textes und erzeugt gelegentlich unbeabsichtigte Links. In Printmedien werden diese Wortbildungen sinnvollerweise mit einem Bindestrich versehen, so auch in diesem Buch. Deshalb werden auch alternative Methoden zu Kennzeichnung eines Verweises verwendet. Falls die entsprechende Seite zum Link innerhalb des Wikis noch nicht existiert, kann diese nach dem Speichern mit einem einfachen Mausklick auf den Link kreiert werden.

History. Diese Funktion dokumentiert im Prinzip alle vorausgegangenen Versionen bzw. Veränderungen einer einzelnen Seite. Sie erlaubt es auch, eine alte Version wiederherzustellen (Rollback) und ist damit ein wirksames Mittel gegen unfreundliche Besucher, die eine Seite zerstören wollen. Viele Wiki-Klone bieten zudem eine »Diff«-Funktion, die Änderungen zwischen zwei Versionen einer Seite anzeigt.

Weiterhin finden sich in den meisten Wiki-Systemen zusätzliche typische Komponenten: letzte Änderungen, ein Übungsfeld, Nutzerverwaltung und eine Suchfunktion.

Recent Changes. Diese Seite gibt einen aktuellen Überblick über eine bestimmte Anzahl von kürzlich veränderten Wiki-Seiten oder über alle Veränderungen innerhalb eines vordefinierten Zeitraums. Sie wird automatisch produziert und kann von den Nutzern nicht geändert werden.

Sandbox. Einsteiger wie erfahrene Nutzer können in einem »Sandkasten« den Umgang mit dem Wiki lernen und Lösungsmöglichkeiten ausprobieren, ohne eine normale Seite benutzen zu müssen. Diese Testumgebung ist dabei nichts weiter als eine Wiki-Seite, die in regelmäßigen Abständen geleert wird.

Suchfunktion. Die meisten Wikis bieten zudem eine klassische Volltext- oder Titelsuche für die Wiki-Seiten.

Nutzerverwaltung. Während die ersten Wikis gänzlich ohne Anmeldung auskamen, muss man sich heute in vielen Systemen namentlich zu erkennen geben. Dafür und zur Absperrung interner Bereiche wird oft eine Userverwaltung angeboten. Die Nutzerverwaltung ist nur teilweise eine Zurücknahme der ursprünglichen Wiki-Idee. Eine radikale Offenheit und Anonymität verbietet sich in vielen Anwendungsbereichen. Es ist jedoch entscheidend, dass Einschränkungen auf ein absolutes Mindestmaß beschränkt bleiben.

Neben den Standardfunktionen gibt es eine Vielzahl nützlicher Erweiterungen, die für die jeweiligen Wiki-Engines entwickelt wurden, z. B. Workflow- und Freigabemechanismen oder statistische Auswertungstools.

2.2.5 Anwendungsgebiete

Wir haben bislang Wikis nur unter dem Aspekt eines kollektiv erstellten Lexikons behandelt. Sie können aber sehr vielfältig eingesetzt werden:

Brainstorming. Nicht umsonst wird das Wiki häufig mit einem Zettelkasten verglichen. Hier können Ideen gesammelt, kommentiert und geordnet werden. Ideen werden von mehreren Teilnehmern zusammengetragen, aber nicht jeder muss alles noch einmal schreiben. Es wird nur ergänzt, was bisher fehlt. Das üblicherweise einfache Layout von Wikis unterstreicht den improvisierten Charakter dieser Anwendung.

Wissensbasis. Eine häufige Anwendung ist die Erstellung von FAQ-Seiten, Problemlösungen oder Glossarien. Der Leser muss sich nicht mehr wie in Foren durch einen gesamten Thread klicken, sondern sieht gleich die Quintessenz einer möglicherweise langen Diskussion. Wenn er trotzdem noch einen Fehler findet, kann er ihn gleich beheben. Damit wird ein Artikel (im Idealfall) immer besser. Der erfolgreiche Betrieb einer Wissensbasis erfordert im besonderen Maße eine aktive Trägergruppe, die sich um die Inhalte und das Wachstum des Wikis kümmern (»Wiki-Gärtner«).

Dokumentation. Als Dokumentationstool sind Wikis ebenfalls sehr beliebt, da sie durch das leichte Erstellen neuer Seiten, eine interne Verlinkung und die Suche einige Strukturierungsmechanismen bereitstellen, um das Wissen zu ordnen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Aspekt der leichten Aktualisierbarkeit. Damit können auch Inhalte, etwa eines Betriebs-, Mitarbeiter- oder Qualitätshandbuchs, immer auf dem neuesten Stand gehalten werden, und das zudem von den Personen, die gleichzeitig die Nutznießer der Informationen sind.

Projektmanagement. Wikis ersetzen keine professionellen Projektmanagementsysteme. Es hat aber viele Vorteile, wenn Mitarbeiter eines Teams Tipps zur Arbeitsorganisation oder Informationen zu einem bestimmten Projekt in einem Wiki sammeln, statt sie per E-Mail an alle Kollegen zu schicken. Sie sparen damit Zeit bei der täglichen E-Mail-Bearbeitung, haben eine Anlaufstelle für die Suche nach einer bestimmten Information und können sichergehen, dass diese Wissensbasis immer auf dem aktuellen Stand ist. Auch in der Planung von Projekten kann das Werkzeug helfen. So kann die Agenda eines Treffens bereits im Vorfeld von allen Teilnehmern erarbeitet und der Verlauf des Meetings sofort als Protokoll im Wiki festgehalten werden.

E-Learning. In vielen Schulen (im deutschsprachigen Raum vor allem in der Schweiz und Österreich) werden Wikis als Lernplattform eingesetzt, um den Schülern nicht nur das gemeinsame Erarbeiten von Inhalten zu ermöglichen, sondern auch den Umgang mit dem Internet spielerisch zu erlernen (vgl. Ebersbach/Glaser 2007).

2.2.6 Der Wiki-Effekt

Die Faszination von Wikis beruht nicht zuletzt auf den (Groß-)Gruppenphänomenen, die bei prominenten Wiki-Projekten wie der Wikipedia zu beobachten sind:

• Die Webseite wird von Mitgliedern der Community zunehmend regelmäßig aufgerufen.

• Die Einstiegshürde, selbst etwas inhaltlich beizutragen, wird überwunden.

• Es besteht die Bereitschaft, diese Inhalte gegebenenfalls zu diskutieren und Feedback zu geben. Die Kommunikation zwischen den Mitgliedern steigt quantitativ und qualitativ.

• Es besteht die Bereitschaft, im Webprojekt aktiv zur Strukturierung, zur Gestaltung und zur Qualitätssicherung beizutragen.

• Die Kooperation kann und soll in einem weiteren Schritt sogar kollaborative Formen annehmen: Die Nutzer identifizieren sich mit dem Projekt.

• Es entstehen Vertrauensverhältnisse.

Man kann also mit einer gewissen Berechtigung von einem Wiki-Effekt, der vergleichbar mit dem Crowdsourcing ist, sprechen. Das Ergebnis ist ein sich selbst tragender Gruppenprozess mit einer hohen Selbstmobilisierung der Nutzer. Dieser Dynamik ist aber nicht auf Wikis beschränkt. Der Wiki-Effekt unterscheidet sich jedoch durch seinen Gegenstand und die dazugehörigen Arbeitsweisen.

Kollaboratives Schreiben. Das gemeinsame, zeitversetzte Verfassen eines gemeinsamen Textes ist eine intellektuell anspruchsvolle Aufgabe, weil ein Themengebiet nicht nur im eigenen Kopf geordnet und formuliert werden muss, sondern auch das Ordnungssystem und die Aussage eines Koautors bewertet und gegebenenfalls eingearbeitet werden muss. In den meisten Fällen schreiben auch in Wikis nur wenige Autoren an einem Text und es bildet sich ein Hauptautor heraus, der aufgrund seiner Kompetenz oder seines Engagements die inhaltliche Strukturierung organisiert. Treffen jedoch zwei oder mehrere Autoren mit unterschiedlichen Aussageabsichten zusammen, wird das Projekt eines gemeinsamen Textes notwendigerweise konfliktreich. So gibt es in der Wikipedia ideologisch umkämpfte Einträge zu Hitler, Homöopathie, globaler Erwärmung, Astrologie oder Islam. Weshalb das Wikipedia-Projekt eine Konvention erarbeitet hat, die Artikel möglichst ideologisch neutral zu schreiben und mehrere Sichtweisen zuzulassen: der Neutral Point of View (NPOV). Die komplexe Aufgabe, an einem gemeinsamen Text mitzuwirken, ist ein wikispezifischer, wichtiger Motivationsfaktor. Vor allem wenn einem Autor ein Thema unter den Nägeln brennt.

Öffentliches Schreiben. Dass das Schreiben von Artikeln und die Diskussion der Inhalte »unter Beobachtung« in einem öffentlichen Raum geschehen, gibt einem Wiki-Projekt eine besondere Dynamik. Dadurch werden Wikis, wie auch Foren oder Blogs, oft von Selbstdarstellern als Bühne missbraucht, aber in der Tendenz fördert die Öffentlichkeit des Gesamtprozesses eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Diskussion, weil sich langfristig nur durchsetzen kann, wer die Ordnungsregeln des etablierten Diskurssystems beachtet. Und dieses Diskurssystem beruht heute auf einem wissenschaftlich-aufgeklärten Verweis- und Belegsystem, hinter dem ältere Begründungsmuster zurücktreten müssen. Wiki spezifisch ist, dass in den von Wikis geschaffenen öffentlichen Räumen die Beachtung und Durchsetzung des Diskurssystems vollständig auf alle Community-Mitglieder übertragen wurde. In einem System, in dem alle weitgehend über gleiche Editierrechte verfügen, kann die Verantwortung für den Gesamtprozess nicht mehr auf wenige Maintainer abgeschoben werden.

Autor-Leser-Interaktion. Nun bleibt auch ein qualitativ guter Beitrag mit Belegen und Argumenten in Wiki-Systemen editierbar. Diese Funktion, die vor allem die Aktualisierbarkeit der Beiträge sichern soll, macht es umgekehrt notwendig, dass Texte von Mitgliedern einer Wiki-Community »bewacht« werden müssen. Zwar lassen sich die eingestellten Texte über die Artikel-Versionierung immer wieder herstellen, aber die Texte sind nicht sicher. Lässt man Formen des Vandalismus einmal unberücksichtigt, gibt es ständig Veränderungen von Mitgliedern im System, die den bisherigen Diskussionsprozess zum einen möglicherweise nicht nachvollzogen haben oder aufgrund anderer Erfahrungen eine inhaltliche Umgestaltung für notwendig halten. Das Bewachen und Verteidigen von Inhalten durch die »Inhaber« zieht eine intensive Autor-Leser-Interaktion nach sich. Das kann im Vorfeld schon dazu führen, dass die Texte für eine bestimmte Leserschaft zurechtgemacht werden – von einer ansprechenden und nachvollziehbaren Aufmachung bis hin zur Selbstzensur (»Schere im Kopf«). Es gilt aber auch, Mut zu haben und Hemmungen zu überwinden, um aktiv werden zu können. Diese permanente Spannungssituation hat den Vorteil, dass auch bereits bestehende Texte von den Autoren selbst auch immer wieder geprüft und gelesen werden. Das bedeutet, die spannende Arbeit des Autors ist mit der Publikation der ersten Fassung noch nicht beendet, sondern wird fortgeführt. Dies kann einem Wiki-Projekt eine langfristige Dynamik sichern.

Mitgliedschaft in einer Online-Community. Teilnehmer werden erst zu Mitgliedern, wenn Verhalten und Handlungen von den anderen Mitgliedern bestätigt werden. Dies kann durch inhaltliche Beiträge oder technischen Support geschehen. Wikispezifisch ist jedoch, dass nicht zuletzt durch Moderationstätigkeit und inhaltlich strukturelle Arbeit (den roten Faden finden helfen, Artikel ordnen, kürzen, Inhaltsverzeichnisse und Kategoriesysteme erstellen) Meriten verdient werden können. Dies ist die Voraussetzung dafür, um beispielsweise die Position eines Moderators oder Administrators einnehmen zu können.

Einarbeiten in das System. Für die Veröffentlichung in einem Wiki sind gar keine oder wenige Grundkenntnisse der Wiki-Syntax erforderlich. Doch diese eröffnet sehr große Gestaltungsmöglichkeiten. Für Menschen, die sich für die Gestaltung von Webseiten interessieren, bieten Wikis ein anregendes und interessantes Experimentierfeld. Ist man ein wenig eingearbeitet, steigt auch der Spaßfaktor. Man kann das Medium als Ganzes, das heißt auch von seiner technischen Seite her erfahren. Dass die Ergebnisse der eigenen Arbeit sofort sichtbar sind, mobilisiert.

Herstellung eines Arbeitsklimas. In Wiki-Projekten ist es Aufgabe der ganzen Community, die Mitarbeit attraktiv zu machen und eine Atmosphäre der Toleranz zu schaffen, in der sich Autoren wohlfühlen. Neue Benutzer werden im Idealfall und im Geiste der Wikiquette begrüßt, ermutigt und mit reichhaltigem, positivem Feedback versorgt. Gerade bei Wiki-Projekten gilt es, eine Kommunikationskultur zu erlernen, in der gegenseitiger Respekt und die Integration widersprüchlicher Meinungen einen hohen Stellenwert haben, in der aber auch Kritikfähigkeit gefragt ist.

Identifikation. Die mögliche Intensität der Interaktionen, die Aufwände für Recherche, Ordnung und Gestaltung und das sichtbare Ergebnis führen bei aktiven Mitgliedern der Community zu einer Identifikation mit dem Gesamtprojekt. Die Qualität dieser Identifikationsprozesse kann in einem Wiki-Projekt ein anderes Niveau erreichen als in anderen Social-Web-Applikationen. Der Unterschied wird deutlich, wenn man sich die Community eines Social Bookmarking Systems oder eines Online Social Networks vorstellt. Auch hier kann es zu intensiven Kontakten der Gruppenmitglieder kommen, aber es ist ein Unterschied, ob man die Zielsetzung und Inhalte einer Online-Enzyklopädie mitgestalten kann und mitzutragen hat oder ob man ein vorstrukturiertes System mit einer klaren Zieldefinition mit Inhalten füllt. So gab die Verteidigung des Wikipedia-Projekts gegen die Kritik von außen nicht nur Impulse für die Binnenidentifikation, sondern beförderte auch die Anstrengungen, die Qualität der Inhalte aktiv zu verbessern.

»Reife« Wikis. Der Umgang mit bereits bestehenden Systemen wirft neue Fragen auf. Wie werden diese Systeme inhaltlich und personell erneuert? Neueinsteiger sind mit einem »fertigen« System konfrontiert, das nicht mehr den Reiz hat, etwas Neues aufzubauen. Erfahrene Wikibetreiber möchten die erarbeiteten Standards nicht immer wieder neu diskutieren, sondern setzen diese voraus. Sie bewachen also nicht nur einzelne Seiten, sondern das Projekt. Weiter geht es um Archivierung von Zwischenständen und Fragen der Neustrukturierung. In der Welt des WWW ist eine inhaltliche Ausdifferenzierung zu beobachten: Stadt- und Regionalwikis, Wikis von Fangemeinden oder zu Fachthemen. Dieses Wachstums- und Ausweichstrategien lösen jedoch nicht die Probleme der bestehenden reifen Wikis. Auch wird dem Wikipedia-Projekt eine gewisse Pionierrolle zufallen.

2.2.7 Ein kleiner Kulturschock

Ein ganz anderer Wiki-Effekt ergab sich nicht innerhalb der Communitys, sondern außerhalb. Kein anderes Social-Software-Projekt hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit, Bewunderung und Kritik erfahren wie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Das große Interesse an der Wikipedia lässt sich nicht allein damit erklären, dass scheinbar aus dem Nichts innerhalb weniger Jahre die größte Enzyklopädie der Welt entstand. Aufsehen erregte vor allem, wie sie entstand: In der Wikipedia kann nicht nur jeder Benutzer eigene Artikel erstellen, sondern auch fremde Lexikoneinträge frei bearbeiten. Diese unkonventionelle Eigenschaft der Wiki-Software, die ein grundsätzliches Vertrauen in die anderen Nutzer voraussetzt, hatte erhebliche Konsequenzen. Im Falle der Wikipedia war sie der Reiz, der zum Motor des Projektes wurde.

Dass trotz dieser uneingeschränkten Offenheit über freie Kooperationen ein wertvolles Nachschlagewerk entstand, führte bei vielen Beobachtern zu Irritationen: Die gängigen Annahmen über die begrenzten Fähigkeiten selbstorganisierter großer Gruppen waren angesichts des Erfolgs der Wikipedia infrage gestellt. So hatten nur die wenigsten erwartet, dass die Qualität der Wikipedia-Beiträge trotz aller Mängel und vieler Ausreißer überdurchschnittlich gut ausfallen würde. Ebenso hatte kaum jemand erwartet, dass sich eine so große Zahl an Menschen an das mühsame Geschäft machen, das elektronisch vorhandene Wissen neu zu verkarten und im erheblichen Maß zu erweitern. Noch dazu formulierte die Wikipedia-Community ehrgeizige Ziele: Qualitätssicherung, Quellenkritik, klare Argumentationsmuster und Abgrenzung von Meinung und Kommentar vom enzyklopädischen Schreiben wurden zu zentralen Diskussionsgegenständen der Wikipedia-Autoren.

Angesichts des Beispiels Wikipedia standen nun mit einem Mal nicht nur die gängigen zentralistischen Verfahren von Wissensgewinnung, Beurteilung und Verteilung auf dem Prüfstand, vielmehr wurden wieder sehr grundsätzliche Fragen nach alternativen Arbeitsweisen, nach Kontrolle und nach Wahrheit gestellt. Die Etablierung der Social Software »Wiki« provozierte so wie keine andere Fragen nach dem gesellschaftlichen Ganzen (vgl. Ebersbach et al. 2008).

Überhaupt bedeutete die Einführung der Wiki-Technologie bereits ein mediengeschichtliches Ereignis. Im Kampf um Aufmerksamkeit und Deutungsmacht im massenmedialen Großsystem Internet hatten bis dahin die etablierten Institutionen und Unternehmen alle wichtigen Knoten- und Verteilerpunkte besetzt. Deren Position wurde unter anderem durch Wikipedia erschüttert. Mit der Wiki-Technologie an sich erweiterten sich zudem die Möglichkeiten des Mediums Internet erheblich. Noch nie war es so einfach, im Internet vom Leser zum Autor zu werden. Für viele wurde das Internet erstmals zu einem gestaltbaren Medium, zu einem Lernort. Die zukünftige Entwicklung bleibt sicher abzuwarten, aber die Netzentwicklung hat durch die Wiki-Technologie eine qualitative Veränderung erfahren.

Und hier gilt es gleich zu unterscheiden: Wikipedia ist nicht Wiki. Wikipedia ist ein Projekt, das mit einer bestimmten Wiki-Software betrieben wird. Allerdings wurde über Wikipedia die Wiki-Software populär. Die Möglichkeiten dieser Software werden aber erst nach und nach erkannt. Dabei verdecken die Debatten um Wikipedia, dass sehr viele Wiki-Projekte gar nicht zum Laufen kommen und dass Wikis nicht nur als Lexikon benutzt werden können sondern oder schon lange in Betrieben für normale Dokumentationen benutzt werden, ohne Grundsatzdiskussionen auszulösen.

2.2.8 Schattenseiten

Die Eigenschaften von Wikis können auch erhebliche Probleme bereiten und haben auch vielfach Kritik hervorgerufen.

Edit-Wars und Vandalismus. Produktiven Gruppenprozessen stehen immer auch destruktive Praktiken entgegen. Gerade bei öffentlichen Projekten wie der Wikipedia gibt es sogenannte »Vandalen«, die Texte mit Wörtern entstellen oder Passagen löschen. Bekannt geworden sind auch verschiedene Fälle von Politikern und PR-Beratern, die versuchen, einen Kandidaten oder ihr Produkt in einem besseren Licht erscheinen zu lassen.

Eine andere Erscheinung sind die schon erwähnten Edit-Wars, also Rededuelle zweier Autoren, die dann jeweils ihre Fassung eines Textes immer wieder hochladen. »Trolls« rufen in langen, überflüssigen oder provokativen Beiträgen bewusst Flame Wars hervor. Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich diese Praktiken im Verhältnis zum Gesamtprojekt in Grenzen halten. Bei Intranet-Wikis spielt Vandalismus eine zu vernachlässigende Rolle.

Interesselosigkeit und mangelnde Motivation. Tatsache ist, dass viele Wiki-Projekte nicht genügend Mitarbeiter motivieren können und nicht genügend Inhalt erstellen, um einen selbst tragenden Gruppenprozess zu initiieren. Das kann viele Ursachen haben. Wichtig ist sicher, dass eine Kerngruppe das Wiki-Projekt als Teil ihrer normalen Arbeit versteht und regelmäßig Inhalte einarbeitet und administriert. Oft wird der enorme Zeitaufwand bei der Etablierung einer Community unterschätzt. Eine moderierende Begleitung ist von großer Bedeutung. Und gerade hier fehlt es nicht selten am entsprechenden Know-how, an einer Strategie oder an der Unterstützung durch einen geeigneten Träger. Ebenso schwierig ist es, wenn das Wiki nicht die Lösung für eine Herausforderung darstellt, nicht »mein Thema« ist oder unter den Beteiligten ein Delegationsdenken vorherrscht. Bei letzterem erschöpfen sich alle Energien in den Diskussionen, was »man« machen müsste und meint damit, was »die anderen« machen müssten. Um die Motivation zu erhalten, sind bei dieser tendenziell textlastigen Social Software die spielerischen Elemente von großer Bedeutung. Hier gilt es vor allem, Freiräume für verschiedene kreative, humorvolle und experimentelle Aneignungsformen des Mediums zu sichern.

Qualität und ewiges Beta. Immer wieder in der Diskussion ist die Qualität von Wiki-Texten. Da kein einzelner Autor, sondern ein Autorenkollektiv verantwortlich zeichnet, ist die Einschätzung der Richtigkeit der Einträge für den Leser möglicherweise schwierig. Auch die Vollständigkeit der Beiträge lässt sich nicht einfach verifizieren. Der Qualitätsprozess basiert in erster Linie auf der Aufmerksamkeit der Nutzer (vgl. Hammwöhner 2007)9. Hier müssen oft begleitende Maßnahmen eingeleitet werden – fachliche Begutachtung, Kennzeichnung geprüfter Artikel. In der täglichen Praxis aber auch statistisch erweisen sich die Informationen eines Wikis als nicht weniger zuverlässig als die Informationen, die von einer zentralen Redaktion zusammengestellt und verteilt werden (Giles 2005, Günderoth/Schönert 2007). Die Nutzer eines Wikis müssen sich bewusst sein, dass ein Wiki vor allem der Erstinformation dient.

Probleme kann aber auch die Willkür von Administratoren bereiten. Diese tendieren dazu, die Einträge im Wiki überzubehüten. Sei es aus Zeitmangel oder einer gewissen Schließungstendenz heraus, werden Änderungen schnell rückgängig gemacht und immer wieder voreilig als nicht adäquat zurückgewiesen. Berichte über dieses Verhalten häufen sich zurzeit in der Wikipedia, sind aber auch aus anderen Projekten bekannt. Der Unmut darüber hat sich sogar schon in einer Protestseite manifestiert:


Abb. 2.7: Die Stupidedia

Chaos und verlorene Information. Wertvolles Wissen einfach ins Wiki zu stellen genügt nicht. Damit die gesuchten Informationen auch gefunden werden können, müssen die jeweiligen Artikel verlinkt, kategorisiert und in ein – am besten – kollaborativ erstelltes Ordnungssystem eingefügt werden. Auf diesen essentiell wichtigen Bereich der Wiki-Gärtnerei wird häufig nicht allzu viel Mühe verwendet. Möglicherweise steht dann zwar alles fein säuberlich im Wiki, doch niemand weiß, was genau an welcher Stelle abgelegt wurde.

Zwang zu Neutralität und Mittelmaß. Kooperatives Arbeiten beinhaltet Kompromisse. Dadurch werden pointierte Darstellungen oder individuelle Interpretationen oft abgeschwächt. Die Stärke, viele Gesichtspunkte berücksichtigen zu müssen, kann in Open-Editing-Systemen zur Schwäche werden. Besonders gefährlich wird es, wenn aus dem Zwang zur Neutralität Sachverhalte relativiert werden. Dies kann passieren, wenn bei einem Thema wie »Holocaust« die Aussagen der Leugner gleichberechtigt neben den wissenschaftlichen Befunden stehen.

Der Zwang zur Neutralität und zum Kompromiss ist allerdings beim Großprojekt Wikipedia besonders ausgeprägt. Die zentrale Position der Wikipedia ermöglicht keine Interpretationen jenseits des gesellschaftlichen Konsenses. Jeder Internetbenutzer kann auf dieses Medium zugreifen. Das ist anders bei Projekten wie Conservapedia, eine Plattform des US-amerikanischen Neokonservativismus, die sich aufgrund ihrer geringen Bedeutung eine geschlossenere Interpretationslinie erlauben kann. Für eine wissenschaftliche Bewertung muss daher die soziale Zusammensetzung der Communitys, ihre Sozialisation und Ordnungsvorstellung in Betracht gezogen werden, auch wenn diese sich neutral und unpolitisch geben.

Autorenschaft und Urheberrechte. Die Aufgabe des Autorenprinzips führt zu weiteren Fragen: Wer ist bei kooperativ geschriebenen Inhalten rechtlich verantwortlich? Wem gehört der Text? Wenn jemand viel beiträgt, könnte er ein Copyright geltend machen. Um Konflikte zu vermeiden, stellen die offenen Wiki-Projekte die Texte unter eine Lizenz, die GNU Free Documentation Licence. Das bedeutet, der Text darf von jedem kopiert und für andere Zwecke benutzt werden. Voraussetzung dafür ist, den Ursprungstext über einen Link zur Verfügung zu stellen.

2.2.9 Ein eigenes Wiki erstellen

Das Betreiben eines Wikis lohnt sich auch schon in kleinen Gruppen. So wurde z. B. dieses Buch zu großen Teilen von den drei Autoren in einem Wiki verfasst. Die Frage nach einem eigenen Wiki ist daher naheliegend.

Installation auf eigenem Server oder Webspace. Wer technisch ein bisschen versiert ist, wird keine Probleme haben, ein geeignetes Wiki-System auf dem eigenen Server oder auf dem Server des Providers zu installieren. Zur Auswahl stehen eine Reihe von interessanten Open-Source-Produkten, die sich in ihren Eigenheiten jedoch sehr stark unterscheiden:

Mediawiki ist die stabile, recht komfortable und leicht zu installierende Software, auf der die Wikipedia basiert.

BlueSpice ist eine freie Mediawiki-Distribution, die Wert auf Benutzerfreundlichkeit legt und für den Einsatz in Unternehmen spezialisiert ist.

DokuWiki. Diese Software ist für die Dokumentation von Projekten bewusst einfach und übersichtlich gestaltet.

TWiki ist das wohl älteste Wiki für den Unternehmenseinsatz. Es besteht aus der Programmiersprache Perl und bietet daher viele Schnittstellen für Tüftler. Im Jahr 2008 spaltete sich ein Großteil der TWiki-Entwickler-Community ab und entwickelt ihre Version als Foswiki weiter

Confluence ist ein an sich kostenpflichtiges Wiki mit Herz für Open-Source-Communities. Es ist im Unternehmensumfeld weit verbreitet und zeichnet sich unter anderem durch die Abgrenzung von Artikeln in verschiedene Bereiche (»Spaces«) aus.

Wer Entscheidungshilfe bei der Suche nach der geeigneten Software braucht, bekommt bei WikiMatrix eine erste Vergleichsübersicht.

Gehostete Lösungen. Ganz ohne die Tücken der Installation und Pflege des Wikis funktioniert das Wiki-Hosting. Mit wenigen Klicks kann hier das eigene Wiki bestellt und meistens in wenigen Minuten in Betrieb genommen werden. Einige Wikis können gratis geordert werden, für besondere zusätzliche Funktionalitäten fällt jedoch oft eine monatliche Gebühr an. So erlaubt z. B. Wikia das kostenlose Hosting von Wikis. Das von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gegründete Unternehmen finanziert sich über Werbung.

Nutzung einer Wiki-Extension. Die Wiki-Software wird sich nicht nur als Einzelsystem durchsetzen, sondern auch in Kombination mit anderen bereits bekannten Anwendungen. Die Verknüpfung von Wikis mit anderer Software ist schon deshalb sinnvoll, weil viele Anforderungen von einem Wiki allein nicht bewerkstelligt werden können. Daher gibt es mittlerweile Wiki-Extensions für die Integration von Wikis in Content-Management-Systemen wie Joomla! oder Drupal. Wikis werden auch kombiniert mit Blogs. Oder sie sind Teil einer Groupware mit Adressverwaltung und Kalender.

Übungsfragen

1. Wikipedia als Beispiel:

– Suchen Sie auf www.wikipedia.de nach dem Artikel »Sacco und Vanzetti«.

– Gehen Sie auf die Diskussionsseite zum Artikel. Was stellen Sie fest?

– Klicken Sie auf »Letzte Änderungen« und rufen Sie einen neu bearbeiteten Artikel auf.

– Suchen Sie die Auflistung der verschiedenen Versionen des Beitrags. Was wurde verändert?

2. Welche weiteren Anwendungsgebiete für ein Wiki fallen Ihnen ein?

3. Was könnten im Wiki Maßnahmen zur Qualitätssicherung sein?

4. Was unterscheidet das Wiki von einem klassischen Content-Management-System?

5. Welche Use Cases könnten für das Semantic Wiki prädestiniert sein?


Literatur

Lih, Andrew (2009): The Wikipedia Revolution: How a Bunch of Nobodies Created the World’s Greatest Encyclopedia. Hyperion, New York.

Dieses sehr flüssig zu lesende Buch veranschaulicht die Entwicklung der Wikipedia anhand vieler kleiner Anekdoten. Sozusagen ein Blick hinter die Kulissen.

Mayer Florian Leander (2013): Erfolgsfaktoren von Social Media: Wie »funktionieren« Wikis? Eine vergleichende Analyse kollaborativer Kommunikationssysteme im Internet, in Organisationen und in Gruppen. Reihe: Studien zur Organisationskommunikation, Band 4. LIT-Verlag, Berlin/Münster.

Eine kommunikationswissenschaftliche Doktorarbeit, die wichtige Rahmenbedingungen für die Einführung von Wikis innerhalb von Organisationen beleuchtet.

Pflaum, Wätzold (2012): Die Wiki-Revolution: Absturz und Neustart der westlichen Demokratie. Rotbuch, Berlin.

Ein Blick über den Tellerrand: Ausgehend vom Wiki-Gedanken überträgt der Autor die Wiki-Prinzipien auf andere Bereiche der Gesellschaft.

Pscheida, Daniela (2013): Das Wikipedia-Universum: Wie das Internet unsere Wissenskultur verändert. Transcript, Bielefeld.

Eine ausgiebige 500 Seiten starke Doktorarbeit über die Auswirkungen von Internet-Plattformen wie die Wikipedia auf die Wissenskultur.

2.3 Blogs

Weblogs (kurz: Blogs) sind auf WWW-Seiten geführte öffentliche Tagebücher. Daher kommt auch ihr Name: Log (Tagebuch, Fahrtenbuch, Protokoll) im WWW (Web). Inhaltlich ergreifen darin Autorinnen und Autoren das Wort, die mit kurzen Texten auf Inhalte im Netz verweisen oder persönliche Erfahrungen verarbeiten.

Man könnte sagen, Weblogs sind autobiografische Dokumentationen in chronologischer Form. Die Erzählsituation ist meist die eines Ich-Erzählers. Damit greift das Weblog auf literarische Genres, wie z. B. auf die politischen Pamphlete des 18. Jahrhunderts oder den in Tagebuchform geschriebenen Roman, zurück. Wie ihre Vorläufer sind sie immer bewusst subjektiv gehalten, kommentierend, vorläufig und mit tagesaktuellen Bezügen.

Weblogs übertragen aber ihre literarischen Vorläufer nicht einfach in ein digitales Massenmedium. So werden gerne multimediale Elemente wie Videos, Tonaufnahmen oder Bilder eingebunden. Vor allem ändert sich aber dank der technischen Möglichkeiten von Content-Management-Systemen die chronologische Reihenfolge: Der aktuelle Eintrag steht ganz oben. Das hat nicht nur den Effekt, dass die Leser sofort die neuesten Einträge sehen können. Die veränderte Erzählrichtung führt auch zur Abwertung älterer Beiträge.

Ein Vergleich mit der bürgerlichen privaten Tagebuchkultur liegt nahe und greift insoweit, als Weblogs selbstreflexive Prozesse unterstützen können. Allerdings richtet sich das laute Nachdenken im WWW, anders als bei Tagebüchern, die wirklich nur mit Blick auf die private Verwendung geschrieben werden, sofort an ein potenzielles Massenpublikum. Auch die Erschließung anderer Weblogs, etwa über Trackback- und Pingbacksysteme, und die Vernetzung zu einer »Blogosphäre« ist eine grundlegende Neuerung.


Abb. 2.8: Durch die Vernetzung mehrerer Blogs entsteht die Dynamik der Blogosphäre.

Softwaretechnisch ist ein Weblog eine Anwendung im Internet, die eine Liste mit Artikeln ausgibt. Die Beiträge sind über URLs einzeln adressierbar und bieten in der Regel die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlassen.

Bloggen gehört heute in den USA, in Frankreich und Großbritannien schon fast zum Alltag. Hierzulande war es bis vor kurzem noch ein Randgruppenhobby. Dabei entwickeln sich Blogs zu einem alternativen Informations- und Unterhaltungssystem. Die Blogsuchmaschine Technorati erfasste im Januar 2008 schon 112 Millionen Blogs und entschied 2009 auf Grund des großen Wachstums nur noch englischsprachige Blogs zu erfassen. Leider existieren keine exakten Informationen darüber, wie viele Weblogs und Corporate Blogs derzeit aktiv sind.

Merkmale:

• Chronologisch umgekehrte Reihenfolge,

• ein Autor bzw. wenige Autoren und viele Kommentatoren (Schreiben können in einem Blog meistens nur berechtigte Personen, wohingegen die Kommentarfunktion allen Besuchern offen steht),

• kurze Texte (Weblogs sind ein geeignetes Genre für kürzere Texte),

• hohe Aktualität der Beiträge,

• Authentizität durch Subjektivität (Weblogs belegen nicht nur über Verweise auf die Quellen, sondern berufen sich auch auf die Autorität der persönlichen Erfahrung),

• leichte Bedienbarkeit und

• schnelle Verbreitung durch Vernetzung.

2.3.1 Geschichte

Die Frühformen der Blogs. Das Auftreten des ersten Blogs ist schwer bestimmbar. Höchstwahrscheinlich muss man Anfang der 1990er-Jahre als Beginn ansetzen. Die Urblogs waren einfache, manuell codierte Webseiten, die von ihren Betreibern regelmäßig aktualisiert wurden (das heißt, es gab noch keine eigene Blogsoftware) und Links zu anderen interessanten Homepages enthielten. Damit fungierten sie als interessenspezifische Filter für die beginnende Informationsflut.

Die Erfinder der Begriffe Weblogs und Blogs. Der Begriff Weblog wird erstmalig von Jørn Bager 1997 gebraucht. Der Programmierer und Philosoph ist Betreiber des Weblogs Robot Wisdom. Er bezeichnet damit eine »Webpage where a Weblogger ›logs‹ all the other Webpages she finds interesting«. Die erste Definition bezeichnet also einen sogenannten Linking Blog (siehe unten); für eine andere Aussprache »we_blog« plädierte Peter Merholz in seinem Blog. Damit war die Kurzform »Blog« geboren und zudem eine Unterscheidung zu den nach wie vor existierenden Weblogs als Logeinträge getroffen.

Blogpioniere. Mitte der 1990er-Jahre kamen die ersten tagebuch- oder journalartigen Weblogs auf. Pioniere des Bloggens, von denen einige heute noch existieren:

• Dave Winer (scripting.com)

• Steve Bogart (nowthis.com)

• Cameron Barret (camworld.org)

Abgrenzung von anderen Communitys und erste Blogsoftware. 1999 wird zu einem wichtigen Datum für die Webloghistorie: Zum einen veröffentlichte der Blogger Barrett den Artikel »Anatomy of a Weblog« (Barett 1999)10, in dem er versuchte, den Blog als eigene Form zu definieren und damit von anderen Communitys, z. B. von Diskussionsformen, abzugrenzen. Zum anderen wurde in diesem Jahr die ersten sogenannten Weblog-Publishing-Systeme – eine Art Mini-CMS – wie Blogger, Pitas und Manila veröffentlicht, die den Betrieb eines Blogs stark automatisierten und damit ein besonders einfaches Publizieren von Einträgen ermöglichten. Ab nun waren keinerlei HTML-Kenntnisse mehr nötig: Ein Internetzugang und ein Webbrowser genügten. Dass sowohl die Software als auch das Hosting von Blogs in den meisten Fällen kostenlos war, machte die Plattform besonders attraktiv.


Abb. 2.9: Der allererste Blogeintrag auf Camworld

Explosionsartige Verbreitung. Durch die technischen Möglichkeiten explodierte die Anzahl von Blogs. Waren es im Frühjahr 1999 noch genau 23, so verzeichnete Eatonweb, ein Metablog der Blogs sammelte, nun täglich neue Blogs. Ebenso kamen neue Softwarelösungen und Hoster dazu. In dieser Zeit etablierte sich auch die Kommentarfunktion. Waren es zuvor mehr Linksammlungen, wurden Blogs nun verstärkt als »Onlinetagebücher« genutzt, eine Verwendung, die als die Hauptnutzung der Blogs im Gedächtnis der Medien hängen blieb – obwohl Tagebücher gerade nicht öffentlicher, sondern privater Natur sind.

Journalismus und politische Meinungsbildung. Ein weiterer Sprung im Wachstum der Weblog-Community trat in der Folge des Anschlags vom 11. September 2001 ein. Schlagartig wuchs die Community um ein Vielfaches. Tausende von Bloggern berichteten, kommentierten und lieferten Hintergrundinformationen. Das Genre des Warblogs war geboren, das sich in den folgenden Jahren besonders während und nach Katastrophen wie dem Tsunami im Dezember 2006 oder dem Irakkrieg 2003 weiterentwickelte. Die etablierten Medien konnten mit der Geschwindigkeit und der Authentizität der bloggenden Augenzeugen nicht Schritt halten und nutzten sie zum Teil selbst als Quellen. Auch die Politik entdeckte die Blogs als PR-Mittel: Im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2004 verhalfen sie dem Demokraten Howard Dean zu großer Popularität und Spendengeldern in Millionenhöhe. Mittlerweile besitzt jeder US-amerikanische Politiker ein eigenes Weblog. Im Präsidentschaftswahlkampf von Barak Obama 2008 und während der iranischen Protestbewegung 2009 wurde schließlich der Online-Dienst Twitter weltbekannt und etablierte ein neues Format: das Microblogging.

Corporate Blogging. Natürlich hielten Blogs auch in das Businessumfeld Einzug. Corporate Blogs dienen dabei in erster Linie dem Marketing und der PR nach innen und außen. Sie können aber auch für ein kollektives Newspublishing verwendet werden und somit die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander oder mit den Kunden erweitern. Ähnlich einem Wiki bedürfen Blogs als wirkliche Medien »von unten« einer entsprechenden Firmenkultur. Mit der entsprechenden Unterstützung der Unternehmensleitung können sie diese aber auch fördern. Zum Corporate Blogging gehören auch Versuche einzelner Firmen populäre Blogs einfach aufzukaufen.

2.3.2 Einteilungskriterien

Es gibt so viele unterschiedliche Blogs, dass ein einziges Einteilungskriterium dieser Vielzahl nicht gerecht werden würde. Daher möchten wir eine ausführliche Kategorisierung aus einem Wikipedia-Artikel zum Thema Blog aufgreifen und diese ein wenig ergänzen (Wikipedia 2007e)11. Diese Einteilung war in der Diskussion des Artikels hochumstritten. Auch die folgende Kategorisierung umfasst nicht die gesamte Vielfalt der Weblogs und hat ihre Schwächen, aber wir stellen sie gern zur Diskussion:

Nach Inhalten:

• »Tagebücher« sind sehr persönlich gehaltene Blogs (oft mit einem Passwort geschützt).

• Zeitungsblogs werden von Printmedien betrieben.

• Watchblogs hinterfragen kritisch, was auf anderen Webseiten oder in anderen Medien kommuniziert wird.

• Warblogs berichten aus Krisengebieten.

• Eventblogs verfolgen ein bestimmtes Ereignis, z. B. eine Bundestagswahl.

• Hobbyblogs beschäftigen sich mit einem Hobby, z. B. Stricken.

• Infoblogs informieren themenspezifisch.

• Scienceblogs informieren in den jeweiligen Fachbereichen über wissenschaftliche Studien und neue Erkenntnisse, berichten über Fachtagungen usw.

Nach den eingestellten Medien:

• Textblogs sind meist für Nachrichten oder Newsportale im Einsatz. Es werden täglich die neuesten Nachrichten über ein spezielles Thema publiziert.

• Filter und Linksammlungen gelten als die ursprünglichste Form des Weblogs.

• Fotoblogs werden häufig im privaten Bereich für ganze Fotoserien verwendet. Einsatz aber auch im kommerziellen Bereich.

• Videoblogs: Videofilme, die in verschiedenen Abständen aktualisiert werden.

• Audioblogs werden in der Regel mit kurzen Audiobeiträgen befüllt. Die Grenzen zum Podcast sind fließend.

Nach dem Betreiber:

• Corporate Blogs werden innerhalb von Unternehmen genutzt.

• Edublogs dienen z. B. in Schulen als Lerntagebücher.

• Private Blogs konzentrieren sich sehr stark auf die Meinungen und Ansichten einer Person, die häufig ein Pseudonym angenommen hat.

Nach dem genutzten Gerät:

• Moblogs werden von einem mobilen Telekommunikationsgerät aus, wie z. B. einem PDA oder einem Handy, betrieben.

Suchmaschinen und Metablogs:

• Sie durchsuchen Weblogs nach eingegebenen Suchbegriffen und zeigen zum Teil die neuesten Einträge angemeldeter Blogs auf ihrer Startseite an (Twingly, Technorati, Icerocket usw.).

2.3.3 Beliebte Blogs

Die Freiheit, im eigenen Blog publizieren zu können, bedeutet noch nicht, dass dieser auch von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Aus den verschiedensten Gründen genießen einige Weblogs mehr Aufmerksamkeit als andere. Hier ist eine Auswahl der beliebtesten deutschen Blogs:

Bildblog. Ist nicht eine Onlineversion der Bild-Zeitung. Ganz im Gegenteil: Hier werden die Irrtümer und Peinlichkeiten dieser beliebten Tageszeitung zusammengetragen. Seit kurzen versteht sich Bildblog auch als Watchblog für andere (Print-) Medien.

Huffington Post. Hierbei handelt es sich um eine Online-Zeitung, die verschiedene Autorenmodelle miteinander kombiniert. So gibt es eine Anzahl selbst verfasster Artikel, aber auch Verlinkungen zu anderen Nachrichtenquellen sowie Inhalte von freien Journalisten und Bloggern, die diese zum großen Teil ohne Bezahlung zur Verfügung stellen.

Urlaubsguru. Ein sogenannter »Schnäppchenblog«. Die Anbieter filtern günstige Flüge, Hotels oder Reisen aus dem Web und bieten sie in ihrem Blog an.

Der Postillion. Ein Autorenteam veröffentlicht täglich satirische Beiträge im Format und Stil von Nachrichtenagenturmeldungen und »seriösen« Zeitungsartikeln.

Netzpolitik. Nach eigenen Angaben ein »Blog und eine politische Plattform für Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter«. Nimmt kritisch Stellung zu allen Fragestellungen der digitalen Welt und wurde dafür bereits mit angesehenen Preisen z. B. von »Reportern ohne Grenzen« bedacht.

Fefes Blog. Das meinungsstarke Weblog des deutschen IT-Sicherheitsexperten Felix »Fefe« von Leitner. Von Leitner kommentiert dort Tagespolitik aber auch Software-Sicherheitsprobleme. Fefes Blog hat in der IT-Techniker-Szene einen gewissen Kult-Status.

Für weitere interessante deutsche Blogs gibt es eine Art Hitliste der beliebtesten Weblogs: deutscheblogcharts.de.

2.3.4 Funktionsweise

Kommen wir zur praktischen Arbeit mit einem Weblog. Wie oben schon erwähnt, haben gerade die geringen Einstiegshürden zu Aufstieg dieser Technologie beigetragen. Dies zeigt sich nicht zuletzt an der einfachen Bedienbarkeit: Ein Blogger öffnet im Browser seinen Blog und meldet sich an. Er kann seinen Beitrag nun in einem Formular eingeben und abspeichern. Gleichzeitig werden damit mehrere »unsichtbare« Aktionen angestoßen:

• Das Weblogsystem erstellt eine dauerhafte Website, die von nun an entweder in der Liste der aktuellen Artikel oder im Archiv zu finden ist.

• Der Blog erstellt von dem neuen Eintrag einen RSS-Feed, der von Newsreadern oder anderen Programmen abgeholt werden kann.

• Es wird ein Ping an einen oder mehrere Ping-Server gesendet, die die Meldung, dass eine Aktualisierung stattgefunden hat, z. B. an Suchmaschinen weitergibt. Diese wiederum indizieren die neuen Beiträge des Blogs und können damit sehr schnell auf die aktuelle Information verweisen.

Auf dem Weblog selbst kann der Artikel sofort nach der Speicherung gelesen und von den anderen Usern kommentiert werden. Wenn der Autor nachträglich etwas an seinem Beitrag ändern möchte, werden die entfernten Passagen aus Gründen der Nachvollziehbarkeit durchgestrichen.

2.3.5 Komponenten eines Blogs

Ein Blogbetreiber kann aus einer Vielzahl von verschiedenen Blog-Softwaresystemen auswählen. Diese unterscheiden sich bezüglich ihres grundlegenden Look&Feels und ihren Funktionalitäten (s. u.). Die folgenden technischen Elemente sind jedoch für alle Weblogs mehr oder weniger typisch.

Einträge. Die Einträge (auch Postings, kurz Posts genannt) sind die Hauptbestandteile aller Weblogs. Sie werden über einen Editor, also ein kleines integriertes Textverarbeitungsprogramm erstellt, abgespeichert und in umgekehrt chronologischer Reihenfolge angezeigt. Beim Veröffentlichen versieht die Software den Artikel automatisch mit einer Datierung. Ältere Beiträge werden zum Teil auf weiteren Seiten angezeigt oder in Archiven aufgelistet.

Permanentlinks/Permalinks. Jeder Eintrag, bei manchen Weblogsystemen auch jeder Kommentar besitzt eine eindeutige und sich nicht verändernde Adresse (URL). So können andere Nutzer direkt einzelne Texte anstatt des gesamten Weblogs verlinken. Diese Permanentlinks werden dann genutzt, wenn man einen einzelnen Artikel aus einem RSS-Feed heraus aufruft. Der Permalink erscheint entweder unter oder über dem Text und ist fest mit dem Beitrag verknüpft, das heißt, er bleibt auch nach einer Textveränderung oder der Archivierung bestehen. Lediglich mit der Löschung des Artikels verschwindet er.

Archiv. Damit die älteren Beiträge auch weiterhin gefunden werden können, werden sie im Archiv verstaut, das häufig chronologisch nach Jahreszahlen und Monaten geordnet im Menü angezeigt wird.

Kommentare. Bei vielen Weblogs ist es möglich, eine eigene Meinung zu einem Eintrag zu veröffentlichen. Ein solcher Kommentar wird dann auf der gleichen Seite wie der Eintrag selbst oder als Pop-up angezeigt. Die Eingabe des Kommentars erfolgt über ein Formular am Ende eines Weblogeintrags und muss häufig obligatorisch durch weitere Angaben, wie z. B. Name oder E-Mail-Adresse des Kommentators, ergänzt werden. Die Kommentare sind fest mit dem ursprünglichen Beitrag verbunden und entwickeln oft eine Eigendynamik, die vom Betreiber des Blogs beobachtet werden sollte. Allzu häufig entstehen heftige Diskussionen, die den guten Geschmack überschreiten und zur Not gelöscht werden müssen.

Trackback/Pingback. Trackback ist eine Funktion, die Reaktionen auf einen Eintrag anzeigt, die nicht im eigenen Blog selbst sichtbar sind, wenn der Artikel auf einer anderen Website kommentiert wird. So wird z. B. vermerkt, wenn in einem anderen Blog auf einen Beitrag des eigenen Blogs Bezug genommen wird, indem dieser verlinkt wurde. Dies setzt voraus, dass die genutzte Weblogsoftware mit einer automatischen Trackback-Erkennung ausgestattet ist. Die Trackback-Meldungen werden meistens am Ende eines Eintrags angezeigt und beinhalten den Namens des verlinkenden Blogs, seine URL und einen Auszug des Bezug nehmenden Textes.

Ping. Ein Ping ist ein Sendesignal, das dazu dient, festzustellen, ob eine IP (Internetadresse in Zahlenform) aktiv im Netz erreichbar ist. Die Senderadresse eines Pings wird dabei mitgeliefert. Weblogs liefern meist mehr als nur Ping mit ihrer Adresse, es werden auch Titel, URL (Adresszeile im Browsereingabefeld) und einen Textauszug aus dem Beitrag ausgeliefert. Dadurch werden neue Beiträge in Blogsuchmaschinen und Katalogen publik gemacht.

Tagging. Dies ist eine sehr freie Möglichkeit, die Beiträge zu ordnen. Dem jeweiligen Artikel werden einfach Stichworte zugewiesen. Aus diesen Stichworten werden Übersichten innerhalb des Weblogs, z. B. in Form von Tag Clouds, gebildet. (siehe Kapitel 2.7.1)

Kategorien. Neben der freien Vergabe von Schlagwörtern können die jeweiligen Artikel bereits vorgegebenen Kategorien zugeordnet werden. Die Kategorien tauchen dann meistens in einer der Menüleisten auf und können von den Usern ausgewählt werden.

Feed. Ein Feed enthält die Inhalte eines Weblogs in vereinheitlichter Form. Ein Feed kann mittels Feedreader von einem interessierten Leser abonniert werden. Mit dem Feedreader kann der Leser erkennen, dass es im abonnierten Weblog neue Beiträge gibt. Diese Beiträge können auch im Feedreader gelesen werden. Es gibt verschiedene Feeddienste; der Bekannteste ist Feedburner und gehört inzwischen zu Google.

Blogroll. Eine Blogroll ist ein mittlerweile sehr weit verbreitetes Blogfeature. Es handelt sich dabei um eine für den Leser öffentliche Linksammlung, die auf andere vom Blogbetreiber häufig besuchte Blogs verweist. Diese Linkliste ist auf dem Weblog – meistens am Rand – sichtbar platziert und hat gleich mehrere Funktionen:


Abb. 2.10: Eine typische Weblogstartseite auf der Basis von Wordpress

Sie gibt dem Leser Empfehlungen für andere Websites, die ihn interessieren könnten, lässt Rückschlüsse über die Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit des Bloggers zu und erlaubt dem Blogger einen schnellen Zugriff auf seine Favoriten. Außer der manuellen Pflege einer Linkliste gibt es einige Onlinedienste für Weblogbetreiber, die das Führen und Verwalten der Blogrolls vereinfachen und ihr Einbinden in die Weblogs ermöglichen.

2.3.6 »Wie ich blogge!?«

Zur Thematik der Weblogs hat die Umfrage »Wie ich blogge?!« von Jan Schmidt von der Forschungsstelle »Neue Kommunikationsmedien« (FONK) der Universität Bamberg interessante empirische Ergebnisse für die deutsche Blogosphäre erbracht. An der Umfrage, die unter Weblogautoren und -lesern im Oktober 2005 durchgeführt wurde, nahmen 5246 Personen teil. Da die Erhebungseinheit durch Selbstrekrutierung der Teilnehmer zustande kam, erheben die Autoren keinen Anspruch auf Repräsentativität.

Obwohl die Studie nun bereits über zehn Jahre alt ist, zeigen kleinere Untersuchungen (wie z. B. die Bloggerumfrage 2015 »So bloggt Deutschland« (Rankseller 2015)), dass sich die Ergebnisse nicht großartig verändert haben. Für den Blog »politik-digital« fasste Jan Schmidt die Erkenntnisse der Studie kurz zusammen (Schmidt 2006b)12:

Fast ausgeglichenes Geschlechterverhältnis unter Bloggern. 84 Prozent der Befragten waren aktive Blogger, 3 Prozent ehemalige Weblogautoren sowie 13 Prozent, die Weblogs lediglich lasen. Die meisten Blogger betrieben ihr Weblog zum Zeitpunkt der Befragung noch nicht länger als ein halbes Jahr. Das soziodemografische Profil der Weblogautoren entspricht in etwa dem typischen Nutzer neuer Internettechnologien: Sie sind zwischen 0 und 30 Jahren alt, haben eine hohen Bildungsstand und befinden sich oft noch in der Ausbildung. Ein bemerkenswertes Ergebnis der Studie ist jedoch das vergleichsweise ausgeglichene Geschlechterverhältnis von etwa 54 Prozent Männern zu 46 Prozent Frauen. Im Teenager-Alter sind die weiblichen Blogger gegenüber den Männern sogar mit 66 zu 34 Prozent deutlich in der Überzahl. Als Motivation für das Bloggen wurden hauptsächlich Spaß, Freude am Schreiben, aber auch das Festhalten von Ideen und Erlebnissen für sich selbst genannt. Diese Gründe tauchten bei mehr als 60 Prozent aller Befragten auf. Etwa die Hälfte führte als Beweggrund allerdings explizit an, mit anderen kommunizieren zu wollen.

Formen und Inhalte. Durch die individuelle Gestaltung des eigenen Weblogs und die Auswahl von Themen zur Veröffentlichung drückt sich die Persönlichkeit des Bloggers aus. Die Mehrheit der Weblogautoren schreibt über Episoden und Erlebnisse aus ihrem Privatleben (75 Prozent) bzw. zu Themen wie Arbeitswelt, Schule und Studium (58 Prozent). Oft werden die eigenen Bilder und Fotos (64 Prozent) oder Verweise auf »Fundstücke« im Internet (58 Prozent) eingefügt. Etwa 40 Prozent äußern auch Meinungen zu politischen, beruflichen und ausbildungsbezogenen Themen. Neuere multimediale Formate wie Filmdateien (5 Prozent) oder Podcasts (3 Prozent) werden bislang jedoch nur von einer Minderheit der Blogger eingesetzt. Etwa drei Viertel der Befragten aktualisieren zumindest mehrmals die Woche ihren Weblog, elf Prozent veröffentlichen sogar mehrmals am Tag neue Beiträge. Die persönliche Authentizität drücken 70 Prozent der Blogger durch Hinweise auf ihre wirkliche Identität aus. Nur 30 Prozent bloggen anonym oder unter einem Pseudonym.

Weblogs als Werkzeug des Informationsmanagements. Über die Lektüre von Weblogs gelangt man an Informationen, die in dieser Form nicht in anderen Medien verfügbar sind (59 Prozent aller Befragten geben an, dass dies einer der Aspekte ist, die sie von Weblogs erwarten). Diese Leistung wird durch zwei Merkmale weblogbasierter Kommunikation unterstützt: Einerseits können durch die hochgradig vernetzte Struktur der Blogosphäre bestimmte Nachrichten und Themen an Aufmerksamkeit gewinnen, die sich quasi epidemisch verbreiten. Andererseits sind sie als Ausdruck von interpersonaler Kommunikation zu verstehen und helfen dem Einzelnen, über Ereignisse und Meinungen aus dem eigenen sozialen Netzwerk auf dem Laufenden zu bleiben. Die Informationsfilterung geschieht dabei augenscheinlich in eher kleinen Zirkeln: Nur 20 Prozent geben an, mehr als 20 Weblogs regelmäßig zu verfolgen, während 40 Prozent fünf Weblogs oder weniger lesen.

Weblogs stärken soziale Beziehungen. Über Verweise auf andere Quellen, durch Kommentare zu Beiträgen und durch die Blogrolls setzen Weblogautoren nicht nur hypertextuelle Links, sondern knüpfen und bestärken auch soziale Beziehungen unterschiedlicher Intensität. Je länger ein Weblog geführt wird, desto umfangreicher sind in der Regel auch diese sozialen Netzwerke: Autoren, deren Weblog älter als ein halbes Jahr ist, erhalten z. B. verhältnismäßig öfter und mehr Kommentare auf ihre Beiträge. Sie haben auch mehr Weblogs in ihrer Blogroll, die vor allem Ausdruck der eigenen regelmäßigen Lektüre (85 Prozent) oder freundschaftlicher Beziehungen (60 Prozent) zu den verlinkten Autoren ist. Erschwert wird das Knüpfen von sozialen Beziehungen dadurch, dass Leser eines Weblogs zunächst für den Autoren nicht oder nur sehr eingeschränkt sichtbar sind, solange sie »Lurker« bleiben und keine Kommentare hinterlassen. 41 Prozent der Befragten können dementsprechend nicht einschätzen, wie viele und welche Personen ihren Weblog lesen. Eine Strategie, um zumindest einen ungefähren Eindruck vom Leserkreis zu bekommen, ist die Analyse der eigenen Server Log Files oder von Zugriffsstatistiken – das machen 66 Prozent der befragten Blogger zumindest gelegentlich.

2.3.7 Die Blogosphäre

Die Blogosphäre bezeichnet die Masse aller Weblogs und ihrer Verbindungen. Von einer einzigen Blogosphäre zu sprechen, ist eigentlich nicht richtig, vielmehr gibt es viele Communitys, die locker untereinander vernetzt sind. Gerade diese Struktur ist der Grund dafür, dass sich Informationen bisweilen schnell verbreiten.

Technische und soziale Vernetzung. Die Blogtools kommunizieren automatisch mit zentralen Diensten. Jede gängige Blogsoftware benachrichtigt die Verzeichnisse von Weblogs.com oder Blo.gs, die somit stets über Listen frisch aktualisierter Weblogs verfügen. Diese Aufstellungen dienen wiederum Blogsuchmaschinen wie Twingly oder Icerocket als Anstoß für eine inhaltliche Indizierung. Anders als bei herkömmlichen Websuchdiensten wie Google oder Yahoo dauert es somit nur noch Minuten, bis ein neuer Beitrag erfasst wird.

Ein wichtiger Faktor ist die Vernetzung der Blogs untereinander: Trackbacks linken auf andere Blogs, die sich thematisch auf den aktuellen Eintrag beziehen. Somit weiß der Blogautor, wenn sein Beitrag von anderen Blogs aufgegriffen wurde. Der Leser kann aber auch einfach die Kommentarfunktion auf dem jeweiligen Blog selbst nutzen. Abgerundet wird der Funktionsumfang durch RSS. Damit lassen sich Inhalte von Blogs und Newsportalen bequem in den eigenen Newsreader transferieren.

In der Blogosphäre werden zudem diverse Aktionen durchgeführt, die u. a. dem Informationsaustausch dienen. Auch der Bekanntheitsgrad eines Blogs kann mit solchen Veranstaltungen gesteigert werden. Bekannte Blogaktionen sind:

• Stöckchen werfen. Es handelt sich dabei in der Regel um einen Fragebogen zu einem Thema. Irgendjemand fängt damit an, entwickelt den Fragebogen und beantwortet ihn auf seinem Blog. Dann »wirft« er das Stöckchen ein paar anderen Leuten zu, indem er ein Link auf sie setzt und sie dazu auffordert, den Fragebogen ebenfalls zu beantworten.

• Blogparade. Ein Blogger gibt ein bestimmtes Thema vor und verschiedene Blogautoren verfassen Artikel dazu, die dann im »veranstaltenden« Blog zusammengetragen werden. Bei manchen Blogparaden findet eine Prämierung des besten Artikels statt. Unter Seiten wie blog-paraden.blogspot.de/ werden diese Veranstaltungen angekündigt.

• Blogtouren. Bei einer Blogtour ist ein Blogger zu einem Thema zu Gast bei anderen Bloggern. Er reist sozusagen von Blog zu Blog, schreibt dort Artikel oder wird von den anderen Bloggern interviewt.

Zusammengenommen entsteht aus diesen technischen und sozialen Komponenten ein einzigartiges dynamisches Informationsgeflecht, welches die Lücke zwischen Kommunikation und Publikation füllt (vgl. Sixtus 2005)13.

Aufmerksamkeitsökonomie. Ein vollständiger Überblick über alle Blogs ist kaum möglich. Jeder User hat einige bestimmte Blogs, bei denen er sich regelmäßig informiert und gegebenenfalls »mitarbeitet«. Das Interesse an den Blogs verteilt sich jedoch nicht gleichmäßig über die Blogosphäre, sondern konzentriert sich im Wesentlichen auf einige Weblogs, deren Autoren A-Blogger oder A-Lister genannt werden. Diese haben mehr als tausend Besucher pro Tag und übernehmen für ihre Leser und viele andere Blogger eine Art Orientierungsfunktion. Entgegen der Graswurzelidee des Bloggens haben sich somit neue Strukturen der Meinungsmacher herausgebildet. Steht eine Meldung einmal in einem der sogenannten A-List-Blogs, wird sie von Hunderttausenden gelesen – darunter sind oft genug Journalisten, die das Thema schließlich in ihre Medien tragen.

Die Herausbildung von A-Bloggern, überwiegend Männer, ist ein spannendes Phänomen. Etablieren sich damit neue Gatekeeper, die maßgeblich entscheiden können, ob eine Meldung zum Thema der Blogosphäre wird? Und was lenkt das Interesse so vieler Leser auf spezielle Blogs?

Die Popularität eines Blogs hängt zum einen an der Persönlichkeit des Bloggers. Von ihm wollen die Leser nicht nur Neues erfahren, wichtig ist auch sein intellektueller Zugriff, die Formulierungskunst und Ausdrucksweise, mit der ein Thema präsentiert wird. Das kann eine pointierte und witzige Darstellungsform sein. Die Ästhetik des Blogs hinsichtlich des Layouts spielt eine Rolle. Oder der Blog regt mit der Herstellung ungewöhnlicher Bezüge zum Nachdenken an. Der Blog entwickelt also einen unverkennbaren Charakter, der die Leserschaft anspricht.

Weiter hängt die Popularität von den diskutierten Themen ab. Diese müssen in den aktuellen soziokulturellen Kontext passen und die Interessen der Leser treffen. Eventblogs, beispielsweise zu einer Bundestagswahl, genießen grundsätzlich nur eine kurzzeitige Aufmerksamkeit. Aber auch die Bedeutung anderer Weblogs ist schon deshalb einem ständigen Wandel ausgesetzt, weil der Klärungsbedarf zu bestimmten Themen bei den Lesern zeitlich begrenzt ist. Hat man ein Thema durchdrungen, wendet man sich anderen zu. Weil Weblogs auch stark unterhaltende Funktion haben, kann es vorkommen, dass sich der Stil eines Bloggers abgreift und die Leser zu anderen Autoren wandern. Nachhaltige Aufmerksamkeit erfahren dadurch nur wenige Blogger, die sich auch selbst weiterentwickeln. Man kennt derartige Prozesse generell aus der Unterhaltungsbranche. Auch hier gibt es Kabarettisten und Entertainer, die nur kurzzeitig großen Zuspruch erfahren.

Weblogs müssen, wenn sie langfristig populär bleiben wollen, schon kontinuierlich relevante Informationen über das soziale und kulturelle Umfeld der Leserschaft bereithalten, der Selbstvergewisserung oder Selbstorganisation dienen. Insofern bleibt es abzuwarten, ob die A-Blogger von heute ihre Gatekeeper-Position behaupten können oder einfach durch neue ersetzt werden.

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9783846339336
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