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Ein Kronzeuge der ’Ndrangheta enthüllt die Geheimnisse des größten Familienunternehmens der Welt

Aus dem Italienischen von Elisabeth Liebl





Umschlagidee und -gestaltung: kratkys.net

© 20011 by Gianluigi Nuzzi




Deutsche Ausgabe: © 2011 Ecowin Verlag, Salzburg

Lektorat: Dr. Arnold Klaffenböck, Mag. Claudia Dehne

Autorenfoto Nuzzi: Massimo Prizzon

Gesamtherstellung: www.theiss.at

ISBN 978-3-7110-5099-1


www.ecowin.at

Ich habe beschlossen, alles zu sagen und euch in dieses Inferno mitzunehmen.

Giuseppe Di Bella


 
Wenn ein Mann wie Versace tut,
was die ’Ndrangheta ihm sagt,
dann ist das kein Pappenstiel.
Paolo De Stefano hat mir gesagt,
er hätte Versace in der Hand.
 
Filippo Barecca, der als Kronzeuge unter falschem Namen lebt.
Sein Bruder wurde ermordet.
Paolo De Stefano ist ein wichtiger ’Ndrangheta-Boss.


Der Tod Versaces war inszeniert.

Als er angeblich in Miami ermordet wurde, war Versace in Zürich. Jetzt müssen wir die Asche verschwinden lassen, damit man die DNS nicht kontrollieren kann.

Diese Rekonstruktion des Versace-Falls will Giuseppe Di Bella von der Person mit dem Decknamen Alpha gehört haben. Deren Identität kann nicht enthüllt werden, da sie dem Untersuchungsgeheimnis unterliegt.



Ich weiß nicht, ob das wahr ist oder nicht …

Aber für uns war und ist Versace noch am Leben.

Aus den Aussagen von Giuseppe Di Bella.
Die offizielle Version des Versace-Mordes weist denn auch einige Ungereimtheiten auf.


„Dort ist Gamma.“

„Und worüber reden sie?“

„Worüber sollen sie schon reden?

Über Blondinen und Wählerstimmen.“

Gespräch zwischen Giuseppe Di Bella und Agostino Rusconi, März 1990.
Die Person mit dem Decknamen Gamma ist ein hochrangiges Mitglied der Lega.


Und das Motto ist immer das gleiche: Wählt die Lega.

Aus den Aussagen von Giuseppe Di Bella.


Der Justizpalast von Lecco ist ein einladender Ort. So einladend, dass man als Angehöriger der ’Ndrangheta dort jederzeit eine offene Tür findet.

Von der Handelskammer gar nicht zu reden.

Deren Direktor hatte von 1983 an nur eine Aufgabe: Freunde und Unternehmen des Clans zu fördern.

Aus den Aussagen von Giuseppe Di Bella.


Die Clans der ’Ndrangheta machen jedes Jahr einen Umsatz von mehr als 44 Milliarden Euro, das sind 2,9 Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes. Allein in Reggio Calabria gibt es 73 Familien.

Daten des Europäischen Instituts für politische, wirtschaftliche und soziale Studien (EURISPES), Jahresbericht für Italien 2008


Für meinen Sohn.
Und für Federica, die mir von da oben den Mut gibt, all das zu erzählen.

Für Matilde und Camilla.
Für Giovanni.

Hinweis in eigener Sache

Der Vorabdruck dieses Buches wurde zusammen mit dem Exposé dem Staatsanwalt Giancarlo Capaldo zur Verfügung gestellt, dem Leiter der Distrezione distrettuale antimafia (DDA) von Rom. Wir betrachten es als unsere Pflicht, die Staatsanwaltschaft im Vorfeld von allen Informationen in Kenntnis zu setzen, die strafrechtlich relevant sind und zu laufenden Ermittlungen beitragen können. Auf den Seiten dieses Buches werden Unbekannten Verbrechen zur Last gelegt und der Justiz bereits bekannte Personen bislang unaufgeklärter Morde bezichtigt. Der Leser wird es uns daher nachsehen, wenn wir die Identität einzelner Personen, die Gegenstand polizeilicher Ermittlungen werden könnten, nur mit Decknamen nennen.

Natürlich müssen die Aussagen von Kronzeugen durch die Staatsanwaltschaft eingehend geprüft werden. Daher gelten die hier genannten Personen so lange als unschuldig, bis die Justizbehörden eindeutige Beweise für ihre Schuld gefunden haben. Um ihre Identität zu schützen, werden einige dieser Personen nur mit Buchstaben des griechischen Alphabets als Decknamen genannt.

Zu diesem Buch

Der Anstoß zu diesem Buch ergibt sich im Winter 2009, mehr oder weniger durch Zufall, während ich in meinem Büro in der Redaktion saß. Es gilt, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und eine Geschichte daraus zu machen, ehe sie vielleicht dem Vergessen anheimfällt. Spätnachmittags sitze ich am Schreibtisch, als das Telefon klingelt. Die Sekretärin: „Ich stelle Ihnen da mal einen Herrn durch. Die Geschichte hört sich seltsam an.“ Wenn der Anrufer diese erste Hürde genommen hat, ist an der Geschichte vielleicht wirklich etwas dran. Das Gespräch wird durchgestellt. Ich vernehme eine Stimme mit eindeutig süditalienischem Akzent: „Guten Tag. Ich bin ein Kronzeuge und arbeite mit der Justiz zusammen.“ Er atmet hörbar aus. Pause. Die Stimme ist dunkel, emotionslos, ohne Höhen und Tiefen. Dann fährt sie fort: „Ich möchte Ihnen meine Geschichte erzählen.“

Das Buch, das Sie in Händen halten, ist der exklusive Bericht der Lebensgeschichte Giuseppe Di Bellas. Er ist einer der wenigen Männer, die je die ’Ndrangheta verlassen haben, eine Organisation, der er ein halbes Jahrhundert lang die Treue hielt. Er hat eine Entscheidung getroffen, von der es kein Zurück gibt: Er hat sich zur Zusammenarbeit mit der Justiz entschlossen.

Di Bella ist Jugendfreund und langjähriger Vertrauter des ’Ndrangheta-Bosses Franco Coco Trovato, der zu den historischen Bossen der Organisation gehört. Er ist der kalabresische Pate, der den Norden Italiens von der Lombardei bis zum Veneto mit Blut kolonialisiert hat. Di Bellas Aussagen zeigen, wie es der ’Ndrangheta gelungen ist, sich in Politik, Verwaltung, Arbeitswelt und Gesellschaft zu verwurzeln. Wie eine Krankheit, die immer weiter fortschreitet, uns vergiftet, unsere Abgeordnetenhäuser erfasst. Und Metastasen bildet.

Di Bella kann die Codes rekonstruieren, die ungeschriebenen Gesetze und Riten der kalabresischen Mafia. Er berichtet, wie alles seinen Anfang nahm: mit Waffenhandel, dem Erwerb einzelner Pistolen von den Partisanen, bis hin zur Möglichkeit, alles und jeden zu kaufen. Bis die ’Ndrangheta mit ihren bösartigen Auswüchsen Fabriken, Geschäfte, Kanzleien und Leben überwucherte. Dort, wo es um die großen, publicityträchtigen Affären wie die Verbindungen zu Gianni Versace und dessen Tod geht, wird Di Bellas Geschichte von den Aussagen eines anderen Kronzeugen bestätigt: Filippo Barreca. Die beiden kannten sich nicht. Barreca machte seine kriminelle Karriere 1200 Kilometer entfernt. Seine und Di Bellas Wege kreuzten sich nie. Doch ihre Geschichten überschneiden sich und werfen neue Fragen auf.

Für die Glaubwürdigkeit Di Bellas sprechen mehrere Umstände. Zum einen hegten die Staatsanwälte und Richter, die ihn in Varese, Como, Mailand, Bergamo und anderen Städten verhörten1, keine Zweifel an der Richtigkeit seiner Aussagen. Dank seiner Informationen konnten zahlreiche Angehörige der ’Ndrangheta festgesetzt und verurteilt werden. Dass man ihn als zuverlässigen Gewährsmann sah, spricht sicherlich für ihn. Doch daraus lässt sich noch nicht ableiten, dass seine Aussagen durchweg der Wahrheit entsprechen müssen. Kronzeugen sind keine Orakel, deren Mund stets nur die Wahrheit kundtut. Daher müssen auch Di Bellas Aussagen, so wahrscheinlich sie klingen mögen, einer Überprüfung unterzogen werden. Allerdings sollten dabei drei Punkte erwogen werden:

1.) Di Bella gesteht in diesem Buch zum ersten Mal ein, dass er weitere Straftaten begangen hat. Er gibt zu, in bislang von der Justiz nicht geahndeten Straftaten eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. Er riskiert folglich neuerliche Strafverfolgung durch seine Aussagen. Dass er seinen Anteil nicht verschweigt, macht ihn glaubwürdiger als so manchen anderen selbst ernannten „Reuigen“, wie die italienische Bezeichnung für die Kronzeugen in Mafiaprozessen wörtlich übersetzt lautet. Di Bella allerdings leistet tatsächlich tätige Reue, und das bereits seit mehr als zehn Jahren.

2.) Bei schwerwiegenderen Anschuldigungen erzählt Di Bella nie, was er nur vom Hörensagen weiß, sondern ausschließlich Dinge, die er selbst erlebt hat. Gerade bei den spektakulärsten Aktionen war er als Augenzeuge zugegen. Filippo Barrecas Aussagen liefern den Kontext zu Di Bellas Schilderungen. Er berichtet von anderen Delikten und bestätigt dadurch indirekt die Ausführungen des anderen ’Ndrangheta-Mitglieds. Die Fakten ihrer Aussagen ergänzen einander.

3.) Da Di Bella seit einigen Monaten nicht mehr unter staatlichem Polizeischutz steht und trotzdem Angehörige der ’Ndrangheta neuer Delikte beschuldigt, geht er ein hohes Risiko ein. Doch er weigert sich, erneut um Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm zu ersuchen. (Aus diesem Grund wurde der Vorabdruck des Buches sofort der Staatsanwaltschaft übergeben.)

Warum aber sprechen diese „Ehrenmänner“ erst jetzt? Weshalb entschließen sie sich erst jetzt, zu dem, was sie der Staatsanwaltschaft bereits mitgeteilt haben, neue, wichtige Details zu liefern? Barrecas Motive sind noch eher nachvollziehbar, macht er doch nur detaillierte Angaben zu früheren Aussagen. Di Bellas Schritt allerdings rührt aus einer tief greifenden persönlichen Wandlung. Dieser Weg ist es, der es ihm – entgegen dem Anraten seines Anwalts – unmöglich macht, weiter zu schweigen und der Justiz nicht neue Hinweise zu geben: „Schon vor drei oder vier Jahren habe ich meinem Anwalt gesagt, dass ich neue Angaben machen könnte. Ich wollte damit bessere Haftbedingungen herausschlagen, weil es mir wirklich dreckig ging. Aber der Anwalt meinte: ‚Schluss damit. Behalt für dich, was du weißt. Sag nichts mehr.‘ Also habe ich den Mund gehalten, mir aber gleichzeitig vorgenommen, dass ich eines Tages reden würde.“

„Dieser Tag kam, als meine Frau starb. Ich habe ihr auf dem Totenbett versprochen, dass ich alles sagen würde, weil unser Sohn eine Zukunft haben sollte. Sie war ein gutes Mädel, sie hat nach und nach mein ganzes Leben umgemodelt. Sie hat versucht, mich zu ändern, und sie hat es wirklich geschafft. Ihretwegen habe ich angefangen, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Als sie gestorben ist, habe ich kapiert, dass es in der Mafia keine Freundschaft gibt, sondern nur Tod und Eigeninteresse. Wenn du nicht tust, was sie sagen, ist es aus. Einer der Bosse hat mir bei einem Treffen mit Leuten von der Cosa Nostra, Männern wie Giovanni Brusca, mal gesagt: ‚Man lässt die Prinzen und Barone in Ruhe, weil sie die Fäden ziehen. Sie haben die Politiker, die Marionetten, in der Hand.‘ Aber ich halte meinen Mund nicht. Ich habe keine Angst mehr. Ich habe beschlossen, alles zu sagen und euch in dieses Inferno mitzunehmen.“

Die erste Begegnung

„Ich lebe unter Zeugenschutz“

„Ich komme aus dem Süden und bin diesen Weg gegangen.“ Seine Stimme klingt fest und verrät nur leichte Nervosität. Er wirkt ganz normal. Offensichtlich hat er das, was er sagen will, nicht irgendwie vorbereitet. Er spricht bedächtig, klingt nicht wie auswendig gelernt. Ich wähle bewusst einen beruhigenden Ton, um ins Gespräch zu kommen. Ich möchte herausfinden, ob er zu den Märchenerzählern gehört, und suche nach einem Aufhänger. Ich möchte einen vertrauenswürdigen Eindruck machen, doch er hört scheinbar gar nicht zu.

„Ich komme aus Kalabrien und lebe im Zeugenschutzprogramm.“

Einer der „Kronzeugen“ der ’Ndrangheta also, der kalabresischen Mafia. Einer der wenigen, die den heiligen Pakt zwischen Clan und Familie gebrochen und die Geheimnisse einer kriminellen, militärisch strukturierten Organisation enthüllt haben. Die ’Ndrangheta hat die sizilianische Cosa Nostra und ihre Paten weit hinter sich gelassen. Sie durchsetzt die ganze Gesellschaft und weist einen Jahresumsatz auf wie Microsoft. Auf welcher Stufe der Typ wohl steht? Ich wage einen Versuch: „Wie ist Ihr Name?“

Stille. „Nein, nein, nicht am Telefon. Machen Sie Witze? Nennen Sie mich Angelo, aber das ist nicht mein richtiger Name und überhaupt … Interessiert Sie meine Geschichte? Wenn nicht, dann ciao.“

Er wartet. Bitte, Angelo, leg nicht auf. Ich versuche, Zeit zu gewinnen: „Natürlich. Seit wie vielen Jahren arbeiten Sie denn schon mit der Justiz zusammen?“

„Seit zehn Jahren, aber ich kann über bestimmte Dinge einfach nicht mehr schweigen. Der Anwalt hat mir geraten, den Richtern und Staatsanwälten nicht mehr zu erzählen und den Mund zu halten. Es gibt Dutzende Akten mit meinen Verhörprotokollen, aber jetzt stehe ich allein da, mit meinen Toten, mit der Trauer und sonst gar nichts. ‚Bestimmte Geschichten behältst du besser für dich‘, hat mir der Anwalt gesagt. ‚Das bringt dir sowieso nichts mehr.‘ Ich hatte Angst. Ich habe rein gar nichts begriffen. Ich dachte, wenn ich alles sage, knallen sie mich ab wie einen Hund. Und dann wären meine Frau und mein Sohn allein auf der Welt gewesen. Jetzt aber habe ich keine Angst mehr.“

Aus den Worten, die aus dem Hörer dringen, klingt kalte Entschlossenheit.

„Sagen Sie mir, für wen haben Sie gearbeitet?“

„Die Telefonkarte ist gleich leer …“

Daher werfe ich schnell ein: „Treffen wir uns doch.“

Und er, plötzlich grob, faucht: „Wie viel ist Ihr Wort wert? Und Ihr Kopf?“

Ich verstehe nicht, was er meint. „Ich bin da, Angelo. Am besten ist es, wir treffen uns. Dann können wir reden und uns dabei in die Augen sehen.“ Ich komme mir ein bisschen blöd vor, wie ich da im Mafiaslang rede, um sein Vertrauen zu gewinnen. Ich weiß nicht einmal, wer er ist: ein Wichtigtuer oder ein echter Kronzeuge? Doch die Sekunden vergehen und in mir verstärkt sich der Eindruck, dass diese unbekannte Stimme meine Aufmerksamkeit verdient.

„Übermorgen, um neun Uhr.“ Er nennt mir den Namen einer Bar. Bevor ich noch zusagen kann, hängt Angelo ein.

Das Treffen ist riskant. Ich brauche Unterstützung. Daher rede ich mit meinem Kollegen Claudio Antonelli und bitte ihn, bei dieser Geschichte mit mir zusammenzuarbeiten. Er hat, bevor er Gerichtsreporter wurde, bei den Carabinieri gedient, einem Polizeikorps, das aus dem Militär hervorging. Wir beschließen, gemeinsam hinzugehen.

Gegen acht Uhr sind wir dort. Wir lassen das Auto in einiger Entfernung stehen, da niemand unsere Autonummer kennen soll. Der Ort, an dem wir uns treffen wollen, liegt im Stadtzentrum, das dem vieler anderer Städte in der Provinz Emilia gleicht: Restaurants, Cafés, Geschäfte. Der Treffpunkt ist eine Bäckerei mit ein paar Tischen. Ein L-förmiger Tresen, Menschen, die für Cappuccino und Croissant anstehen, zwei Verkäuferinnen mit grauenvollen Häubchen. Ein seltsamer Ort für ein geheimes Treffen. Zu viele Menschen, zu viel Lärm, wenige Tische – vier, um genau zu sein – und alles von außen einsehbar. Ziemlich gut einsehbar sogar. Wir sind enttäuscht. Und uns wird mulmig.

Wir beschließen, uns nicht allzu lange hier aufzuhalten. Draußen kaufen wir eine Tageszeitung und vertreten uns die Beine, bis es fast neun Uhr ist. An den Tischen in der Bäckerei sitzen ein paar ältere Damen. Claudio bleibt draußen. Er bezieht im Geschäft gegenüber Posten. Ich überquere die Straße und betrete das Café: „Einen Espresso, bitte!“ Die Minuten vergehen. Niemand kommt. Er ist zu spät. Oder er kommt überhaupt nicht. Ich drehe mich um und gehe wieder hinaus, etwa 30 Meter die Straße auf und ab. Ich überprüfe noch einmal das Ladenschild der Bäckerei. Habe ich mich geirrt? Nein, ich bin schon richtig. Also wieder zurück. Ich sehe mich um. Die Tische, die Kaffeemaschine, und siehe da: dahinter ein Holm, eine Treppe, die ich vorhin nicht bemerkt hatte. Wie beiläufig frage ich, wo es dort hingeht.

„Das ist unser Teesalon im ersten Stock. Für den Nachmittag.“

Bin ich ein Anfänger! Ich lächle und steige die Treppe hinauf.

Die Treppen führen ins Halbdunkel. Es herrscht eine stickige Stille und gedämpftes Licht. Die Fenster sind geschlossen. Es mögen etwa 15 Tische sein. In der Mitte sitzt ein Mann, der mich durchdringend ansieht. Neben ihm ein Kind. Es hat das Gesicht weggedreht und träumt gedankenverloren vor sich hin. Neun oder zehn Jahre alt vielleicht. Das ist eine überraschende Wendung. Was mag der Kleine hier zu suchen haben, wo es um die ’Ndrangheta gehen soll? Sein unerwarteter Anblick verblüfft mich.

„Das ist mein Sohn. Ich hatte niemanden, bei dem ich ihn hätte lassen können. Ich bin gerade umgezogen, und er geht noch nicht zur Schule“, sagt der Mann zu mir und sieht mich verständnisheischend an.

„Hallo, wie geht’s dir?“, sage ich versuchshalber. Keine Antwort. Ich spüre seine Anspannung. Er hält sich steif, fast bewegungslos. In seinen Augen stehen Verzweiflung und Verlorenheit. Auf Gesicht und Armen sehe ich Flecken von Schuppenflechte. Er sagt nichts. Der Vater richtet seinen Blick zur Decke, endlos. Auch sein düsterer Blick ist voller Einsamkeit. Ich setze mich, und wir fangen an, uns zu unterhalten. Wir reden stundenlang. Angelo ist misstrauisch und entsprechend vorsichtig, öffnet sich mir gegenüber jedoch ein kleines bisschen. Er versteht meine Befürchtungen und ist einverstanden, dass Claudio heraufkommt.

Das Kind bleibt einfach sitzen und kehrt uns den Rücken zu. Es dreht sich nicht um, spricht nicht, trinkt nicht. Es will nichts, gar nichts. Wir werden erst mit der Zeit herausfinden, dass der Kleine elf Jahre alt ist und dass er seinen Vater – der Giuseppe heißt, nicht Angelo, Giuseppe „Pippo“ Di Bella – in die Bäckerei begleitet hat, weil seine Mutter krebskrank war und innerhalb von sechs Monaten starb.

Pippo Di Bella kam 1951 in Caronia zur Welt, in der Provinz Messina. Später zog er mit seiner Familie in den Norden, in die Lombardei, in die Provinz Lecco. Ein Vierteljahrhundert lang war er direkt dem Befehl von Franco Coco Trovato unterstellt, der in den Achtzigerjahren einer der wichtigsten ’Ndrangheta-Bosse im Norden Italiens war. Er leitete in der Lombardei ein Bündnis aus mehreren Mafiafamilien, das ganze Provinzen kontrollierte – von Mailand bis Lecco, von Como bis Varese – und eng mit anderen Clans zusammenarbeitete.

Heute sitzt Coco Trovato im Gefängnis, doch seine Organisation ist weiterhin höchst aktiv und wird mittlerweile von seinen Söhnen und seinem Bruder geführt.

Hoch droben im Norden

Deutliche Warnzeichen

Der Norden Italiens ist ein Hort des Friedens. Scheinbar. Die Sprösslinge der dritten Paten-Generationen besuchen private Universitäten. Der EXPO-Kuchen steht zur Verteilung an, und die regionalen Unternehmer wissen nicht, wie sie ihre Interessen verteidigen können. Hören wir, was Claudio De Albertis dazu sagt, der Präsident der Assimpredil, der Vereinigung der Bauunternehmer in den Provinzen Mailand, Lodi, Monza und Brianza: „Auf den Baustellen machen sie uns tausend Auflagen. Dafür sind die Behörden zuständig, die jede unternehmerische Tätigkeit im Keim ersticken. Wir können ja schließlich keine ‚Baustellenpolizei‘ einrichten. Der ’Ndrangheta gegenüber sind wir machtlos. Egal, welches Geschäft ansteht, wir erfahren von den Behörden nichts. Wir erhalten nicht die Informationen, die wir brauchen würden, um den Clans mit Saubermann-Image Konkurrenz zu machen. Und so werden wir zu Sklaven unserer Ängste. In die Welt des Unternehmertums frisst sich ein Krebsgeschwür ein, über das niemand spricht. Und es treibt äußerst gefährliche Metastasen.“

Über diese Dinge spricht man nur im vertrauten Kreis, doch auch im Schatten der Kuppel des Mailänder Doms macht sich mittlerweile Unmut breit, seit im November 2009 die Kronzeugin Lea Garofalo entführt, ermordet und in 50 Liter Säure aufgelöst wurde. Dies ist der erste Fall in Mailand, bei dem ein Mord geschieht, die Leiche aber nicht gefunden wird. Für die Stadt war dies ein Schock, dessen Widerhall nur von der Scham jener gedämpft wurde, die endlich zugeben mussten, dass auch in der Lombardei die ’Ndrangheta keineswegs besiegt ist. Im Gegenteil, sie herrscht mittlerweile unangefochten. Die Geschichte der Kalabresin Garofalo erinnert an frühere Zeiten. Sie, deren Leben zwischen Mode, Design und Avantgarde-Architektur in hippen In-Vierteln verlief, brach das Schweigegebot über die Aktivitäten der ’Ndrangheta in der lombardischen Hauptstadt. Und diese reagierte mit einer Grausamkeit, die man bislang nur von der sizilianischen Mafia kannte. Auch Giuseppe di Matteo, der dreizehnjährige Sohn eines Kronzeugen, wurde 1996 in Sizilien in einem Säurebad beseitigt. Sein Vater Santino hatte die Bosse aus Corleone mit dem Attentat auf den Richter und Mafiajäger Giovanni Falcone in Verbindung gebracht.

Nun heißt es, dass die ’Ndrangheta durchaus zu noch blutigeren Warnungen an den italienischen Staat fähig ist, als sie seit Beginn des Jahres 2010 immer wieder erfolgen: Vor der Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria explodierte ein Gasbehälter. Als Staatspräsident Giorgio Napolitano die Region besuchte, wurde ein Auto voller Waffen und Sprengstoff am Flughafen von Reggio Calabria gefunden. Richter, die sich dem Kampf gegen die kalabresische Mafia verschrieben haben, finden schon mal eine Pistolenkugel in der Post. Und im Oktober 2010 wurde nur 300 Meter vom Sitz der Antimafia-Behörde in der Hauptstadt Kalabriens eine Panzerfaust M80 „Zolja“ aufgefunden. Die radikalste Kehrtwendung in der Strategie der Kalabresen wäre es, den Schauplatz künftiger Attentate von Kalabrien in den Norden zu verlagern. Damit würde das Gefährdungspotenzial der ’Ndrangheta wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen rücken. Denn Kalabrien hat der Staat aufgegeben. Die meisten Politiker, auch auf Regierungsseite, betrachten die Provinz mittlerweile als „verloren“.

Der stellvertretende Staatsanwalt von Reggio Calabria, Nicola Gratteri, der bei allen Ermittlungen gegen die Kalabresen an vorderster Front steht, sieht die Lage nicht ganz so kritisch: „Die Anschläge werden aufhören, bevor sie wirklich Aufsehen erregen. Sonst hätte die ’Ndrangheta nichts aus der Geschichte gelernt. Nach dem Mafiakrieg in Kalabrien hat der Staat mit aller Härte reagiert. Umfangreichen Ermittlungen folgten die sogenannten ‚Maxi-Prozesse‘, bei denen zahlreiche Angehörige der ’Ndrangheta verurteilt wurden. Das war ein harter Schlag für die meisten Familien. Daher glaube ich, dass der Angriff auf die Institutionen des Staates in Kalabrien begrenzt bleiben wird und aus einem gewissen Machtvakuum hervorgeht. Viele Bosse wurden verhaftet, neue Kräfte streben nach Machtgewinn. Möglicherweise waren die verhinderten Attentate Machtproben, mit denen das interne Gleichgewicht wiederhergestellt werden soll. Als würde man sich sagen: ‚Jetzt lege ich erst mal die Bomben, dann sehen wir weiter.‘ Ich glaube, die Oberbosse der ’Ndrangheta fahren im Moment diese Strategie. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass es ein gemeinsames Vorgehen der Paten gibt. Es ist klar erkennbar – und unsere Ermittlungen weisen ebenfalls in diese Richtung –, dass von den gewaltbereitesten und unversöhnlichsten Mitgliedern eine Art stillschweigendes Einverständnis kommt, das signalisiert, dass hinter schwerwiegenden Ereignissen wie diesen eine doppeldeutige Botschaft steht.“


Barreca: Die ’Ndrangheta strebt einen Pakt mit dem Staat an

Nur einer kann enthüllen, wie Gegenwart und Vergangenheit zusammenhängen. Dieser Mensch ist Filippo Barreca, eines der ersten Mitglieder der kalabresischen Mafia, die sich zur Zusammenarbeit mit der Justiz bereit erklärten und Entscheidendes zum Kampf des Staates gegen die ’Ndrangheta beitrugen. 2002 wurde sein Bruder Vincenzo in einem Friseurladen in Reggio Calabria ermordet. Er war der erste ’Ndrangheta-Angehörige, der das Zeugenschutzprogramm in Anspruch nahm, und lebt noch heute, 18 Jahre später, inkognito. Der Staat stellte ihm für seine soziale Wiedereingliederung 1,6 Milliarden alter Lire (umgerechnet etwa 800.000 Euro) zur Verfügung. Heute ist Barreca ein angesehener Unternehmer. Wenn er in einem Prozess aussagt, tut er dies hinter einem Paravent, sodass niemand sein Gesicht und seine Gestalt erkennen kann.

Um verständlich zu machen, welche Rolle Barreca spielte, möchten wir hier Staatsanwalt Nicola Gratteri zu Wort kommen lassen, der uns darüber in einem kürzlich erfolgten Gespräch aufklärte: „Die Inanspruchnahme der Kronzeugenregelung fand ihren Höhepunkt in den Neunzigerjahren. Damals hatten wir etwa zweitausend Camorra-Angehörige, die mit der Justiz zusammenarbeiteten, etwa eintausend von der Cosa Nostra, und höchstens einhundert von der ’Ndrangheta. Doch unsere kalabresischen Informanten gehörten sozusagen alle zum Fußvolk. Sie konnten uns nichts über die weitergehenden Pläne der Kalabresen mitteilen. Nur zwei hatten eine höhere Position in der Organisation inne: Franco Pino, Boss einer Familie aus Cosenza, und eben Barreca, der in Pellaro, in der Nähe von Reggio Calabria, das Regiment führte. Die Patriarchen der ’Ndrangheta-Clans wie zum Beispiel der Nirta-Romea aus San Luca, der Di Stefano und der Condello aus Reggio Calabria haben nie mit der Justiz zusammengearbeitet. Gestalten wie Tommaso Buscetta oder Giovanni Brusca gab es bei der kalabresischen Mafia nicht. Aber Barreca gehörte zumindest zur ‚Santa‘, also zur Führungsriege, die man auch ‚Società Maggiore‘ nennt, selbst wenn er nur auf der untersten Stufe stand. Nur wenn man zur Santa gehört, kann man gleichzeitig Freimaurer sein.“

Er führt weiter aus: „Nur wenn man zur Santa gehört, hat man Zugang zu den Schalthebeln der Macht. Nur dann kann man im Zweifelsfall auch als Informant für die Polizei arbeiten. Die Santa hat gleichsam Stoßdämpferfunktion. Sie kann, um Morde oder Blutrache zu verhindern, einzelne Mafiosi an die Ordnungskräfte verraten. Sie ist gleichsam eine Art Thermostat, der das Schicksal vieler Menschen beeinflusst. Daher ist es so bedeutsam, wenn jemand Zugang zur Santa hat.“

Barreca stieg schon 1979 zum Santa-Mitglied auf. Er wurde von der copiata gleichsam geweiht. Diese besteht aus dem Triumvirat, das die Geschäfte der Familie leitet: dem capobastone, dem „Dienstältesten“, dem contabile, der für die Finanzen verantwortlich ist, und dem crimine, der die kriminellen Aktivitäten plant. In Barrecas Fall bestand sie aus dem Boss Santo Araniti, aus Natale Iamonte und Turi Scriva. Er gehörte also zur Führungsriege, in die nur hochrangige ’Ndrangheta-Mitglieder wie die Bosse Paolo Di Stefano, Antonio Nirta oder Mommo Piromalli aufsteigen konnten.

Wegen seiner Stellung in der Organisation ist Barreca einer der wertvollsten Kronzeugen überhaupt. Und er hat uns zum Thema Attentate Folgendes zu sagen: „Meine Aussagen haben überhaupt nichts bewirkt. Dabei habe ich sie wohl mehr als tausend Mal wiederholt. Egal, wo man mich verhört hat, ob in Mailand oder in Reggio Calabria, immer wieder habe ich den Staatsanwälten gesagt, dass die ’Ndrangheta die mächtigste Organisation der Welt ist, weil die einzelnen Mitglieder durch Familienbande verknüpft sind. Daher bleiben die Geschäftsgeheimnisse in der Familie. Die ’Ndrangheta hat sich schon seit einiger Zeit dorthin entwickelt, wo die Sizilianer einmal waren. Gleich nach dem zweiten Mafiakrieg, als sich die Gruppe Di Stefano-Tegano-Libri bildete, gründete man eine Art Regionalkommission, die schon seit 1985 alle Geschäfte überwacht. Da der Mafiakrieg gut tausend Tote mit sich brachte und man sah, wohin es führt, wenn die einen dorthin wollen und die anderen dahin, gründete man eine Kommission, die heute alle Aktivitäten verfolgt und sich um die Interessen der verschiedenen Familien beziehungsweise Clans kümmert. Unter dieser Voraussetzung ist es absolut undenkbar, dass hinter den Ereignissen, die ich auch im Fernsehen verfolgt habe, keine lenkende Hand steht. Für mich sind das Warnschüsse.“

„Solche Aktionen können ohne die Genehmigung der Regionalkommission nicht durchgeführt werden“, fährt Barreca fort. „Diese Einschüchterungsversuche haben letztlich einen doppelten Zweck: Zum einen dienen sie als konkrete Warnung an bestimmte Ermittlungsbehörden, zum anderen aber steht dahinter auch eine allgemeine Warnung an den Staat.“

Barreca jedenfalls ist nicht der Meinung, dass es sich bei den Vorfällen um ein regionales Phänomen handelt. Die ’Ndrangheta ist gewachsen. Wie die Cosa Nostra sucht sie nun den Dialog mit den Institutionen. Barreca zufolge ist dieser in der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität angesiedelt. Im Grunde handelt es sich um die alten Pfade der Demonstration von Macht und Stärke, die schon von der Cosa Nostra beschritten wurden, als sie die beiden Richter Falcone und Borsellino ermordete: „Heute ist das nicht mehr wie in den Neunzigerjahren. Die Lage hat sich verbessert. Der ’Ndrangheta ist es gelungen, ihren Weg in Politik und Institutionen zu finden. Aber natürlich gab es zwischen der Welt der Mafia und der Welt der Institutionen immer ein gewisses dialektisches Zusammenspiel. Das gilt auch für die Politik, und zwar nicht nur im Süden, wie die Ermittlungen zeigen, die sich heute mit einzelnen Politikern der Lega Nord beschäftigen.“

„Das ging schon mit den Entführungen los. Diese hatten nicht nur ökonomische Bedeutung für die ’Ndrangheta. Sie dienten auch als Botschaft an die Staatsorgane. Diese Botschaft war letztlich ganz einfach: ‚Herrschaften, wir können euch jederzeit erwischen. Und jeder von euch kann ins Visier geraten.‘ Natürlich war es besser, Drogen zu verkaufen als Leute zu entführen, doch mit den Entführungen sicherten wir uns einen gewissen Einfluss auf den Staat, den wir später aufrechterhalten konnten. Wenn also die Organisation am Tag des Präsidentenbesuchs ein Auto voller Sprengstoff am Flughafen stehen lässt, dann heißt das: ‚Achtung! Wir sind da! Wenn ihr nicht tut, was wir wollen, schlagen wir zu.‘“

„Genaueres kann ich dazu auch nicht sagen, da ich ja nicht mehr zur Organisation gehöre“, fährt Barreca fort. „Aber Sinn und Zweck des Ganzen liegen doch auf der Hand: Sie suchen den Dialog. Darum geht es. Worauf es ihnen dabei genau ankommt, ist letztlich nicht so wichtig. Der Dialog ist das, was zählt. Das ist für die ’Ndrangheta von enormer Bedeutung.“

„Als ich von der Autobombe am Flughafen und von den Drohungen an die Staatsanwälte hörte, dachte ich mir: ‚Das ist ja wie 1992.‘ Man kann die aktuellen Ereignisse tatsächlich mit den Attentaten von 1992/93 vergleichen. Diese hatten dasselbe Ziel: in Dialog mit dem Staat zu treten und einen Pakt auszuhandeln. Was mir wichtig erscheint, ist die Tatsache, dass sich die Sizilianer und die Kalabresen diesbezüglich wohl untereinander abgestimmt haben. Da gibt es Mittelsmänner, auch Vertreter des Staatsapparates, die jetzt tätig werden. So ähnlich, wie es mit den Entführungen lief. Heute will man über alles verhandeln. Das ist fast unvermeidlich.“

Mafia-High-Tech

„Zu meiner Zeit“, erzählt Barreca weiter, „hatte die Cosa Nostra zweifelsohne enormen politischen Einfluss. Heute ist das nicht mehr so. Die kalabresischen Bosse haben ihren Weg in die Institutionen gefunden. Und Signale wie die Autobombe dienen dazu, ihre ‚Bedeutung‘ unter Beweis zu stellen, um Einfluss auf den Staat ausüben zu können. Ich wiederhole: Die ’Ndrangheta durchdringt die Gesellschaft und vor allem die Politik. Das liegt nicht zuletzt an ihrer wirtschaftlichen Macht. Das kann ich auch aus persönlicher Erfahrung bestätigen. Ich habe manchmal an einem Tag 25.000 Euro ausgegeben. Ich habe 600 Kilogramm Kokain pro Monat verkauft. Den drohenden Ermittlungen konnte ich mich deshalb entziehen, weil der Staat, kurzsichtig wie er ist, immer wieder denselben Fehler macht: Er unterschätzt die Notwendigkeit aktiver Gegenmaßnahmen. Die Mittel, die den Staatsorganen zur Verfügung stehen, sind der enormen wirtschaftlichen und technologischen Macht der ’Ndrangheta unterlegen.“

Dass der italienische Staat zu wenig zur Verbrechensbekämpfung unternimmt, ist nicht neu. Aber Barreca will uns noch etwas anderes sagen. Man hielt die ’Ndrangheta immer für einen recht rückständigen Verein, der von Geldwäsche keine Ahnung und dem technologischen Sachverstand anderer Organisationen wie der Cosa Nostra wenig entgegenzusetzen hatte. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die kalabresischen Familien sind, was die logistischen Planungen angeht, seit Jahrzehnten auf dem neuesten Stand. Und sie nutzen die neuesten Technologien, um die Prinzipien der ’Ndrangheta, allen voran das strenge Schweigegebot, aufrechtzuerhalten. Auch diesbezüglich sind Barrecas Aussagen recht interessant: „Ich besaß schon Anfang der Achtzigerjahre ein Telefon, das man einfach an ein beliebiges öffentliches Telefon anschließen konnte. Das hatte zur Folge, dass die Polizei den Anruf nicht zurückverfolgen konnte. Die Leute, die mich verfolgten, mussten halt immer mit den damals üblichen Jetons telefonieren. Und das war eben entscheidend. Wisst ihr, was ich gemacht habe? Ich habe diese Dinger an die Clans aus San Luca verkauft, die damals die Entführungen in Kalabrien durchführten. Bei den Verhandlungen mit dem Staat war es enorm wichtig, telefonieren zu können, ohne entdeckt zu werden. Das war bis heute offensichtlich niemandem so recht klar.“

Die beunruhigenden Beziehungen der Mafia zu den Staatsorganen fanden also – wie Barreca behauptet – schon damals unter dem Schutz der Technologie statt.

Und er erzählt: „Eine bestimmte Episode macht deutlich, welchen enormen strategischen Wert die Entführungen hatten, abgesehen natürlich von den gewaltigen Summen, die sie einbrachten. Eines Tages trafen wir uns auf der Piazza Cavour in Rom mit dem Hochkommissar für den Kampf gegen die Mafia, Domenico Sica. Damals sagte Sica aufgeregt zu mir, wir müssten unter allen Umständen Cesare Casella freilassen, einen jungen Mann, der 1988 in Pavia entführt – und zwei Jahre später freigelassen – worden war. Er war völlig fertig mit den Nerven und wollte das Problem auf der Stelle gelöst sehen. ‚Pippo‘, sagt er zu mir, ‚ich kriege Druck von oben und unten. Ihr müsst mir unbedingt Casella freilassen.‘ Ich schaue ihn an und lache: ‚Na, ich habe ihn ja nicht in der Tasche. Ich kann ihn ja nicht einfach schnappen und dir hierher bringen.‘ Er: ‚Aber du weißt ja, dass unsere Geheimdienste sich darum kümmern werden.‘“

„Sica arbeitete eng mit dem Geheimdienst zusammen“, berichtet Barreca weiter. „Er wusste, dass die Agenten an Casellas Fall arbeiteten. Tatsächlich trat der Geheimdienst über Mittelsmänner an die Entführer heran und bot ihnen 1,5 Milliarden Lire. Geld hatten sie ja genug zur Verfügung. Und so kam Casella frei. Die Entführer haben also nicht nur Geld von der Familie bekommen, sondern auch die 1,5 Milliarden Lire vom Staat, damit er zeitnah zurückkam. Die Entführung hatte viel Aufsehen in der Öffentlichkeit erregt. Alle Gelder, die durch Entführungen erpresst wurden, landeten am Ende in den Händen der Papalias aus Mailand. Diese reinvestierten das Geld, entweder in den Drogenhandel oder in legale Geschäfte. Das war der Leim, der die Entführungsgeschichten zusammenhielt.“

Der 18-jährige Cesare Casella, Sohn eines Citroën-Vertragshändlers, wurde Opfer eines der langwierigsten Entführungsfälle in der Geschichte Italiens. Bis zum Januar 1990, also zwei lange Jahre, lebte er angekettet in einer Höhle im Aspromonte-Gebirge als Geisel, während seine Entführer mit seiner Familie verhandelten. Zwischen den beiden Parteien stand der Staat, der sich als unfähig erwies, den gefangenen Jungen oder seine Kidnapper zu finden. Das Lösegeld diente dem Clan als Grundkapital zum Einstieg in den Kokainhandel mit den kolumbianischen Drogenkartellen.

Bei der Freilassung setzte man Casella am Kiesufer eines Flusses bei Natile di Careri aus, einem Dorf zwischen Platì und Bovalino in der Region Locri. Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen, doch Careri ist und bleibt das Gefängnis Casellas – wie im Übrigen ganz Kalabrien. In den unverputzten Betongaragen stehen Autos im Wert von einhundert- oder zweihunderttausend Euro. Die Straßen sind ebenso wie die Häuser in schlechtem Zustand. Niemand käme auf die Idee, dass sich dahinter Wasserhähne aus Gold verbergen.

Reichtum und omertà

„Eines Tages musste ich nach Careri, um einen der ’Ndrangheta-Bosse zu verhaften“, erzählt der stellvertretende Polizeidirektor Carmine Gallo, der Dutzende von Entführungsfällen untersucht hat und als einer der erfahrensten polizeilichen Ermittler gilt. „Die Häuser dort haben keine Hausnummern. Ich wusste folglich nicht, wo der Mann wohnt. Also fragte ich einen der Ortspolizisten. Dieser starrte mich nur schweigend an. Er gab einfach keine Antwort. Ich konnte es nicht glauben, also provozierte ich ihn. „Ich nehme Sie fest, wenn Sie nicht antworten“, sagte ich, um ihm Angst einzujagen. Kein Wort. Er redete nicht einmal, als ich ihm Handschellen anlegte und ihn ins Auto schob. Ich fuhr 40 Kilometer weit, bevor er es wagte, den Mund aufzumachen. ‚Wenn ich Ihnen sage, wo er wohnt, bringen die mich heute Nacht noch um‘, flüsterte er mit ängstlicher Stimme. Ich musste zurück und einer seiner Kollegen zeigte mir schließlich von Weitem, wo der Typ wohnte.“

Dass ein Polizist einem anderen Handschellen anlegen muss, um zu erfahren, wo ein Verbrecher lebt, ist im Norden kaum zu vermitteln. Wenn ein Journalist in der Gegend um Locri unterwegs ist, kommt es schon mal vor, dass die ’Ndrangheta ihn verfolgen lässt. Eine höfliche Beschattung. In Platì, wo das Heiligtum der Madonna von Polsi liegt, die gleichzeitig Patronin der Mafiosi und der Polizisten ist, fährt man Ihnen dann auf einem Motorrad nach. Wenn Sie stehen bleiben, überholt es Sie ganz langsam. Der Beifahrer zeigt mit dem Finger gen Himmel. Das soll heißen: „Besser, Sie überfliegen die Gegend nur. Am allerbesten kehren Sie gleich nach Mailand zurück.“

Überall herrscht die omertà, der Mantel des Schweigens, der über die Mafia gebreitet wird. Wenn Sie auf dem Schulhof der Grundschule von Careri die Kinder nach der ’Ndrangheta fragen, heißt es, man wisse von nichts. Manche antworten erst gar nicht und starren Ihnen nur minutenlang ins Gesicht. Der Direktor ist ein wandelndes Paradebeispiel für diese Art von Opportunismus: „Die ’Ndrangheta? Hier an der Schule gibt es so etwas nicht. Und draußen … keine Ahnung. Das interessiert mich nicht.“

In der Kaserne der Carabinieri geht höchstens gelegentlich eine Anzeige wegen Werkzeugdiebstahls ein. Giovanni Capello, der bis August 2010 dort das Sagen hatte, erzählt: „Als meine Frau schwanger war, lebte sie wie in Quarantäne. Sie ging kaum vor die Tür, ja sie vereinsamte regelrecht. Man sprach nicht mit uns oder behandelte uns mit offener Feindseligkeit. Irgendwann gewöhnt man sich dann daran. Erst heute, nach meiner Versetzung, begreife ich Careri, einen Ort, an dem ich sieben Jahre lang lebte. Und ich kann selbst kaum glauben, dass so etwas möglich ist.“

Dieses winzige Dorf hält einen der schlimmsten vorstellbaren Negativrekorde. Careri ist das Dorf mit dem höchsten Prozentsatz von Mafiaangehörigen in der Bevölkerung: Auf gerade einmal 2500 Einwohner – Frauen und Kinder inbegriffen – kommen 600 bis 700 Mafiosi. Ein anderer Rekord des Örtchens, auf den man jahrzehntelang stolz war, fiel jedoch vor Kurzem. Es hieß immer, aus der Gegend von Careri sei noch nie ein Kronzeuge gekommen. Niemand dort hatte sich je vom Staat, ja nicht einmal vom Tod der bei diversen Bandenkriegen ermordeten Verwandten zu einer Aussage bewegen lassen. Alle waren dem Verbrechen treu ergeben. Verräter gab es dort nicht.

2006 aber kam es dann zum Skandal. Was für eine Schande! Rocco Varacalli, Jahrgang 1970, dreht nach 18 Jahren im Dienst des Clans Cua-Pipicella durch und beginnt, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. „Rocco sagt aus“ – was für ein Schock. Die ganze Familie, auch Bruder Mimmo, trägt wochenlang Schwarz zum Zeichen der Trauer. Für sie ist Rocco gestorben. „Wir sind nicht länger seine Familie“, heißt es in einem Brief an die Presse. „Er ist unser nicht würdig, er war es nie. Er ist es nicht wert, Teil einer sauberen, ehrlichen, einigen Familie zu sein. Kein Urteil würde je dieser Schande gerecht. Wir sind sprachlos angesichts eines solchen Menschen, der – offen gesagt – auch keine Worte verdient hat.“

Die Familie jedenfalls geht auf Distanz, aus Überzeugung oder aus Angst, getötet zu werden. Und letztlich kann man es ihr nicht verdenken. Nicht in dieser Gegend. Nicht in Careri.

Einen „Gevatter“ zu finden, der sich aus diesem Umfeld befreien will, der Hintergründe aufdeckt und Stück um Stück demontiert, der die Organisation und seine Genossen herausfordert, ist für den Staat also ein echter Gewinn. Und ein Schritt vorwärts für die ganze Gesellschaft. Vor allem, wenn er als glaubwürdiger Zeuge das Netz des Einverständnisses zerreißt und enthüllt, wie weit die Mafia bereits in die Politik und Unternehmenswelt vorgedrungen ist.

Die Weihe

„Man wird mich töten!“

Wir kehren noch vier Mal in den Teesalon der Bäckerei zurück, nachdem Di Bella aus dem Zeugenschutzprogramm ausgestiegen ist. Allmählich lernt er, uns zu vertrauen. Und wir treffen ihn viele Male in seiner Wohnung in einem anonymen Wohnhaus, in dem das Leben dieses Mannes, der einst Verbrecher war und jetzt zum Helfer der Justiz geworden ist, sich zu verlieren droht. Kein Name steht an der Klingel, weder unten noch oben, kein Hinweis prangt auf dem Briefkasten. Ein Geist, den wir in seiner schmucklosen Küche besuchen. Der Kaffee schmeckt furchtbar, überdeckt kaum den Nachgeschmack der drohenden Gefahr. Und immer läuft der Fernseher. Damit die Nachbarn nichts hören von den Erinnerungen, den Geschichten, in denen es um Blut und Geld geht, um scheinbar untadelige Bürger, die Hand in Hand mit den Paten arbeiten. Vorsichtshalber bleiben auch die Rollläden unten. „Und kommt in Arbeitskleidung, als wärt ihr Handwerker. Wenn die Polizei vorbeikommt, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist, stelle ich einfach den Werkzeugkasten im Wohnzimmer auf. Dann sagen wir eben, ihr seid … Schlosser, die die Eingangstür reparieren.“ Und tatsächlich legt Di Bella jedes Mal alles bereit – Schraubenzieher und ein altes Schloss. Wenn eine Polizeikontrolle kommt, werden wir sagen, dass wir Handwerker sind und jetzt sofort weg müssen, um ein neues Schloss zu kaufen. Und was, wenn jemand anderer anklopft?

„Wenn sie jetzt kommen, um mich umzulegen, töten sie euch auch, was denkt ihr denn? Das sind nicht die Sizilianer, die wenigstens noch ein bisschen Respekt vor Kindern zeigen. Die ’Ndrangheta achtet nichts und niemanden, auch nicht das Leben der Kleinen. Wenn die beschließen, die ganze Familie umzubringen, dann kommen die und fragen erst gar nicht, ob du mein Cousin bist oder jemand anderer. Die töten alle. Mit einem sizilianischen Mafioso kannst du noch verhandeln, mit einem ’Ndrangheta-Mitglied nicht. Das ist nämlich dämlich, nur wird es von ziemlich intelligenten Leuten gesteuert. Mit Argumenten brauchst du denen nicht zu kommen. Die sagen einfach: ‚Das machen wir nicht selbst. Das lassen wir andere machen. Die Rumänen beispielsweise. Da drücken wir einem eine Pistole in die Hand und dann heißt es: Geh dort vorbei und leg den oder jenen um.‘ Denen ist es egal, ob Kinder darunter sind oder nicht. Bei den Sizilianern hingegen wird der Typ kunstgerecht gefesselt, sodass er sich bei jeder Bewegung selbst die Luft abschnürt. Die wollen, dass man sieht, wer den Kerl umgelegt hat. Da können sie nicht jeden Beliebigen hinschicken, versteht ihr? Aus diesem Grund ist die ’Ndrangheta so gefährlich: Die wollen ihre Rache und sonst nichts. Wenn sie das so beschlossen haben, dann wird das auch so gemacht und damit Schluss.“

„Ich werde mit 99-prozentiger Sicherheit getötet“, fährt Di Bella fort. „Aber an einem bestimmten Punkt muss man einfach einen Schlussstrich ziehen. Du musst deine Rechnung mit dem Leben machen und eine endgültige Entscheidung treffen. Seit ich angefangen habe, als Kronzeuge auszusagen, weiß ich, dass es morgen mit mir vorbei sein kann. Ich kenne mein Risiko. Ich werde nicht eines natürlichen Todes sterben, das weiß ich. Früher oder später werden sie mich bezahlen lassen, aber ich weiß trotzdem, was ich tue … Ja, sie werden mich bezahlen lassen, da bin ich zu 99,99 Prozent sicher. Daher wage ich mich jetzt hier mit euch auch vollkommen aus der Deckung. Es ist besser, wenn alles gesagt ist. Heute lebe ich doch sowieso wie ein Gespenst. Mein einziger Identitätsnachweis ist der Vertrag, den ich mit den Justizbehörden geschlossen habe, die für das Zeugenschutzprogramm zuständig sind. Ein Vertrag, der mir meine Identität genommen, mich aber nicht von meiner kriminellen Vergangenheit befreit hat. Diese habe ich in insgesamt 29 Verhören der Staatsanwaltschaft in Mailand, Lecco und Reggio Calabria erzählt. Und ich bekomme im Moment 1200 Euro für dieses Leben ohne Namen und ohne Illusionen. Mir ist sonnenklar, wie mein Leben enden wird. Das weiß man, wenn man aus der ’Ndrangheta ausgestiegen ist. Aus der ’Ndrangheta tritt man nicht einfach aus. Seine Familie verlässt man nur, wenn man mit den Füßen nach vorne aus dem Haus getragen wird. Das haben sie ja auch geschworen: dass sie dich töten werden.“

Warum aber will er nun einmal über all das reden, was der Anwalt ihm zu verschweigen riet?

„Ich rede nur deshalb, weil meine Frau gestorben ist. Der Krebs hat Federica in nur sechs Monaten dahingerafft. Man hat mir nicht erlaubt, für sie eine bessere Behandlung zu organisieren. Die Richter haben mir nicht geholfen, sie in die Schweiz zu bringen, in eine Spezialklinik, wo man sie vielleicht hätte retten können. Die brauchen sechs Monate, nur um dir eine einfache Briefmarke zu genehmigen, von einer Ausreisegenehmigung ganz zu schweigen. Im Grunde war es die Bürokratie, die sie auf dem Gewissen hat. Und jetzt ist sie fort. Sie wollten noch nicht mal, dass Federicas Eltern zu uns nach Hause kommen, um sich von ihr zu verabschieden. Eine Frage der Sicherheit, hieß es da. Wir leben an einem geheimen Ort, und sie meinten, das dürfe niemand wissen. Aber wie konnte ich meiner Frau verweigern, sich von ihrer Mutter, ihrem Vater zu verabschieden? Nein, ich habe sie kommen lassen, damit sie sich noch einmal umarmen konnten. Aber das war noch nicht alles. Als Federica gestorben war, hat man mir sogar verboten, hinter ihrem Sarg herzugehen. Sie wurde auf dem alten Friedhof in Lecco beigesetzt. Die Leibwache hat mich hingebracht, und nach fünf Minuten musste ich wieder gehen. Ich habe nicht einmal die Beerdigung miterlebt. Es bestand Gefahr für meine Sicherheit. Ich musste mich an der Haustür von ihr verabschieden. Ich lebe unter falschem Namen. Ich bin niemand mehr.“

Pippo Di Bella hat seine Entscheidung, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, nie bereut. Doch heute hasst er sich selbst dafür, dass er sein Leben weggeworfen hat, indem er die kriminellen Träume von Coco Trovato umsetzte, die Träume des Bosses, nicht seine eigenen. Denn diese Träume entwickelten sich schnell zu Albträumen: die Festnahme, die Falschaussagen seiner „Genossen“, sein Entschluss zur Aussage, das Leben auf der Flucht und nun der Tod seiner Frau.

Im Clan von Coco Trovato

Wenn Di Bella von seiner Weihe erzählt, hört sich das an wie ein Filmdrehbuch. „Letztlich aber bin ich an der ganzen Misere selbst schuld. Als ich noch jung war, wollte ich einfach nicht auf meinen Vater hören, der ein durch und durch ehrlicher Mann war. Ich habe Franco getroffen, Franco Coco Trovato, jenen Mann, der die ’Ndrangheta in den Norden Italiens gebracht hat. Ich lernte ihn im Oratorium von Maggianico kennen, gar nicht weit von Lecco entfernt. Da war ich 15, vielleicht auch schon 16 Jahre alt. Er war gerade von Marcedusa hierher gezogen. Das liegt bei Catanzaro. Und er benahm sich schon ganz wie einer, der das Sagen hat. Mit den Jahren tauschte er den Fußball und später seine Arbeit als Maurer gegen das Vergnügen, andere über den Tisch zu ziehen. Ob es nun seine Kokain-Mulis waren, die Ermordeten, in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Armee oder in den letzten Jahren seine Erben. Man sah ihm schon als Junge an, wie er gestrickt war. Er hatte ein durch und durch kriminelles Wesen. Mir fiel sofort auf, wie gut er andere einschüchtern konnte und wie selbstverständlich er Befehle erteilte.“

„Und doch löste ich mich für eine Zeit von Coco Trovato, weil mein Vater dagegen war: Er wusste, was das für ein Typ war, und das gefiel ihm nicht. Aber Franco und ich waren nun mal Freunde und so fingen wir bald wieder an, gemeinsam etwas zu unternehmen. Zu ,arbeiten‘, aber auf unsere Art. Das ging mit den Motorrädern los. Franco war ziemlich schlau, also suchte er die Opfer aus. Er beobachtete sie von der Bar aus und wählte den ungeschicktesten Gleichaltrigen aus. In einer Sekunde war er draußen, zog ihn vom Sattel herunter, schnappte sich das Motorrad und zischte: ‚Halt bloß das Maul, kapiert? Was willst du? Zur Polizei gehen? Bist du dir da sicher?‘“

Diese anfangs noch ungeschickten Drohungen eines Jugendlichen wurden mit der Zeit immer geschickter. Tag um Tag schlossen sich ihm neue Leute an, bis sich allmählich eine Organisation gebildet hatte, die ihre kriminellen Aktivitäten ausweiten konnte.

„Wir sind einfach so aufgewachsen. Die Autos, die Erpressung, da und dort ein bisschen Drogenhandel, dann die Raubüberfälle. Unser Radius vergrößerte sich allmählich, bis er auch Olginate erfasste, Lecco, die Brianza-Region. Wo er seinen Fuß hinsetzte, war sein Territorium. Er riss alles an sich und ließ niemand anderen neben sich zu.“

Als er etwa 19 Jahre alt ist, hat Franco Coco sich eine Bande aufgebaut. In den nächsten 20 Jahren wird die Zahl seiner „Gevattern“ und Spießgesellen auf circa 1400 bis 1500 Personen anwachsen. „Etwa ein Drittel davon habe ich persönlich gekannt“, erzählt Di Bella. „Wenn jemand nicht spuren wollte, gab es sofort Druck. Zuerst eine Warnung, dann massive Einschüchterung, schließlich Mord. Francos Charakter sicherte ihm eine Menge Zulauf in seiner Familie. Anfangs gehörte er zum Fußvolk, aber wir wussten alle, dass er das Zeug hatte, bald zur Santa aufzusteigen. Er war ein echter Boss. Mitte der Achtzigerjahre hatte er in ganz Lecco das Sagen.“

Die Wende für Coco Trovatos Organisation kommt im Sommer 1976. Wir befinden uns in Lecco, im „Vereinslokal“ der Kommunisten mit dem hübschen Namen „Kleiner Schmetterling“. Man feiert die jährliche Festa dell’Unità der damaligen Kommunistischen Partei Italiens. Der organisierte Arbeiter Pier Antonio Castelnuovo ist 22 Jahre alt. Sein Bruder ist der bekannte Schauspieler Nino Castelnuovo. Pier Antonio rügt an diesem Tag eine Gruppe von jungen Männern, weil sie zu viel Krach machen. In der Zeitung heißt es später, es sei zu einer „angeregten Diskussion“ gekommen, die schließlich „in Streit ausartete“. Was wirklich geschah: Castelnuovo hatte sich unwissentlich mit ein paar ganz harten Jungs aus Coco Trovatos Bande angelegt. Sie verlangen von jedermann Respekt, wollen sie doch klarmachen, dass sie hier die Bosse sind. Wir sind hier nicht in der Ebene von Gioia Tauro oder in den Vororten von Reggio Calabria, wo bekanntermaßen die ’Ndrangheta herrscht. In Lecco ist man an solches Verhalten zu jener Zeit noch nicht gewöhnt. Und so wird Castelnuovo umgebracht. Angelo Musolino aber, der ihn erschlug, wird freigesprochen. Er war damals erst 16 Jahre alt und eine glanzvolle Mafiakarriere lag vor ihm. Einen Mann getötet zu haben, weil der ihn getadelt hatte, wird ihm für immer den Respekt seiner Kameraden sichern. Das macht sich gut im kriminellen Lebenslauf. Und so zollt der junge Boss Coco Trovato der Gruppe gleich die höchste Anerkennung: Er lässt fast alle „taufen“. Sie dürfen sich dem Weiheritus der ’Ndrangheta unterziehen.

„Diese Kids“, erzählt Di Bella, „stürzten sich auf Castelnuovo mit einer unglaublichen Wut: ‚Welches Recht hast du, uns hier herumzukommandieren?‘ Und er: ‚Verpisst euch!‘ Da malträtierten sie ihn mit Faustschlägen und Fußtritten, bis er leblos dalag. Niemand schritt ein. Am Ende ging jemand dazwischen, aber da war es schon zu spät. Castelnuovo hat mit dem Leben bezahlt. Mit diesem Vorfall bewiesen die jungen Leute Coco Trovato, der damals noch nicht der große Boss, sondern erst Franco Coco war, zu welcher Grausamkeit sie fähig waren. Bald darauf haben sie für ihn gearbeitet. Das war gleichsam ihre Mutprobe.“

Das ist es, was ein ’Ndrangheta-Mitglied antreibt: Es will sich anderen überlegen fühlen. Es will nicht nur mehr Geld, als es im Normalfall verdienen würde, es will auch die mit Verehrung durchmischte Angst, die ihm sonst niemand entgegenbringen würde, in den Augen der anderen sehen. Erst dann glaubt es sich unbesiegbar.

„Ein Getaufter“, erzählt Di Bella, „fühlt sich anderen gegenüber wie ein Gott. Er ist ein Gott. Ganz egal, wie er aussieht oder wie er gebaut ist. Auch wenn er klein und schmächtig ist: Von diesem Tag an fühlt er sich wie Gott. Und wenn er in eine Auseinandersetzung gerät, wird er alles tun, um seiner Organisation zu beweisen, dass er der bessere Mann ist. Ein Getaufter betrachtet andere nicht mehr als Mitgeschöpfe mit einem Herzen, einem Leben, Wünschen und Gefühlen. Wir von der ’Ndrangheta sehen die anderen nicht als Menschen an. Wir sehen über sie hinweg, halten sie durchweg für Weicheier, Trottel, Menschen ohne Mumm in den Knochen, die sich mit 1000 Euro im Monat durchschlagen, ohne Würde, ohne Spaß zu haben.“

Ein perverses Wertesystem, in dem es um Macht und Überlegenheit geht. Die allgemein verbreitete Vorstellung, dass es ein Privileg ist, zur ’Ndrangheta zu gehören, dass der Clan die eigentliche Familie ist und nur aus Eliteangehörigen besteht.

„Im Süden stehen vor den Toren der Bosse ganze Menschentrauben, die hoffen, auf die Probe gestellt zu werden, um in die Familie Eingang zu finden. Aber auch im Norden gibt es immer mehr Menschen, die dazugehören wollen. Ich bin in die Organisation mehr oder weniger hineingeraten, aber ich habe nie aufgehört, meinen Kopf zu benutzen. Was innerhalb der ’Ndrangheta aber nur eines heißt: Man denkt wie die Bosse, versucht zu erraten, was sie tun werden, versucht herauszufinden, wo ein gutes Geschäft drin ist, wo hingegen der Tod lauert. Ich hatte immer Angst, das schon. Ich hatte Angst vor den Leuten, die um mich herum waren. Ein Mitglied der ’Ndrangheta oder der Camorra um mich zu haben, macht mich nervös. Ich sehe mich dauernd um, weil man nie weiß, was die als Nächstes anstellen werden. Man weiß nicht, welche Befehle sie erhalten haben oder wie sie denken, vor allem wenn sie zum aktiven Kern gehören. Mit denen ist das, als hätte man den Teufel hinter sich. Die murksen dich ab, wenn es sein muss. Mit solchen Leuten kann man sich nicht entspannen. So ganz ruhig ist man nie, auch wenn sie eigentlich zum eigenen Clan gehören.“

Natürlich musste auch Pippo Di Bella seine Mutprobe ablegen, um in den kriminellen Zirkel aufgenommen zu werden. Er muss eine Mission, die man ihm aufträgt, erfolgreich zu Ende führen. „Meine Probe war es, das Geld der Familie zu kassieren. Mit 18 Jahren habe ich angefangen, Geld einzutreiben, die Leute zu schlagen, die nicht bezahlten, oder ihre Autos und Lagerhallen anzuzünden. Sie gehörten Leuten, die Franco kein Schutzgeld bezahlen wollten. Wenn sie nicht bezahlten, zündeten wir den Laden beziehungsweise das Auto an oder wir griffen zu härteren Mitteln: Wir schlugen sie krankenhausreif oder schüchterten die Familie ein. Nicht in Kalabrien, sondern in der Lombardei. Und alle taten so, als hätten sie nichts gesehen. Wir hatten unsere Ruhe, denn in der Zeitung erschien höchstens eine Kurznachricht, und auch die wurde gleich wieder vergessen. Wer hingegen das Schutzgeld bezahlte, konnte sich in Sicherheit wiegen. Wurde diese Person ausgeraubt, kam sie einfach zu uns und in 99 Prozent der Fälle fanden wir heraus, wer dahintersteckte, und brachten unserem ‚Schutzbefohlenen‘ das Geld zurück. Franco hatte Verbindungen zu den Zigeunern, den Schaustellern, den Hehlern, zu allen, auch zur korrupten Polizei und zu den ebenso korrupten Carabinieri. Die schnappten sich die Räuber nicht einmal, wenn sie wussten, wer es gewesen war. Sie marschierten vielmehr zu Franco und berichteten ihm: ,Sieh mal, Franco, die stecken hinter dem Raubüberfall. Wir haben sie laufen lassen. Ihr wisst ja, wo ihr sie findet.‘ Die Polizei sperrte die Straftäter nicht ein, weil sonst unser Kunde vielleicht nicht das ganze Geld zurückbekam. So funktioniert das Schutzgeld. Das geht nur, weil die Polizei korrupt ist und von der ’Ndrangheta bezahlt wird.“

Aber neben der Schutzgelderpressung gibt es natürlich auch schmutzigere „Arbeiten“. Manchmal steckt hinter der Brandstiftung an einem Luxuswagen, einer Lagerhalle oder einer Garage auch etwas anderes als die klassische Schutzgeldpraxis. „Natürlich wandten wir solche Einschüchterungsmaßnahmen auch an, wenn Franco sich für irgendwelche Sachen interessierte oder wenn er sie einem Freund versprochen hatte. Man wollte ihm diese Lagerhalle nicht vermieten? Dann ließ er sie abfackeln, aber so gründlich, dass er sie später für ein paar Lire bekam und das Unternehmen gleichsam davon befreite. Wenn Franco oder einer seiner Freunde sich für eine Immobilie, ein Grundstück interessierte, wurden wir aktiv. Wenn ein Freund zu ihm sagte: ‚Das Haus dort interessiert mich‘, versicherte Franco ihm gleich: ‚Kein Problem. Das regle ich schon so, dass du es für wenig Geld bekommst.‘ Wenn ein Lokal ihn interessierte und er wusste, dass es – sagen wir mal – einen Umsatz von 10.000 machte, verlangte er 50.000 Schutzgeld. Das konnte der Besitzer natürlich nicht bezahlen. Er musste verkaufen und Franco übernahm das Lokal dann zu einem Spottpreis.“

„Einen Buchhalter aus Valmadrera brachten wir zu den drei Brücken von Lecco am Comer See. Wir wählten die Eisenbahnbrücke und tauchten ihn mit dem Kopf nach unten ins Wasser. Er sollte uns ein paar Mietshäuser verkaufen, die ihm gehörten, aber er hatte dabei einen Fehler begangen, und unser Auftrag lautete, ihm ein wenig Angst einzujagen. Wir brachten ihn also auf die Brücke, banden ein Seil um seine Beine, dann ließen wir ihn hinab und tauchten ihn immer wieder unter, bis er endlich schrie: ‚Ja, ja, ich verkaufe ja! Ich gebe euch alles, was ihr wollt!‘ Dann haben wir ihn in Unterhosen stehen lassen. Er war arm geworden. Wir hatten ihn regelrecht ruiniert. Aber er hatte keine andere Wahl: Entweder nachgeben oder sterben. Das ist eine der Geschichten, die mich erschüttert haben und auf die ich später noch zurückkommen möchte.“

Di Bella ist kein Blutsverwandter eines ’Ndrangheta-Mitglieds, daher muss er seine Tätigkeit für die Organisation vor den Augen der Freunde und der Eltern verbergen. Er muss lernen, sich unsichtbar zu machen, eine Kunst, die jeder Mafioso beherrschen muss: „Damals hatte ich auch eine ‚offizielle‘ Arbeit. Wenn ich für die Organisation unterwegs war, nahm ich mir halt mal zwei Wochen frei. Aber ich musste arbeiten gehen, zumindest so lange mein Vater lebte. Danach habe ich dann ein eigenes Lokal eröffnet. Vorher aber habe ich sechs Jahre lang nachts als Schwarzer Sheriff gearbeitet. So habe ich auch immer herausgefunden, ob eine Bank oder eine Poststelle gerade viel Geld aufbewahrte oder ob diese oder jene Firma einen Safe hatte … Und dann sagte ich meinen Leuten Bescheid: ‚Kinder, da steht ein Riesensafe, das könnte sich lohnen.‘“

„Damals standen wir noch ganz am Anfang. Wir waren entsprechend ungeschickt. Ich habe das dem Staatsanwalt nicht gesagt, aber der Überfall auf das Nationale Sozialversicherungsinstitut in Mailand im Jahr 1986 geht auf das Konto der im Entstehen begriffenen ’Ndrangheta des Nordens. Damals wurde ja alles noch in bar bezahlt. Es ging auf Weihnachten zu, und ich machte unserer Organisation das Sozialversicherungsinstitut schmackhaft, indem ich sie darauf hinwies, wie viel Geld dort bisweilen aufbewahrt wurde. Eines Morgens vor Dienstantritt hatte ich zufällig mit angehört, dass in der Geschäftsstelle in der Via Melchiorre Gioia in Mailand ein äußerst wichtiger, geheimer Transport ankommen sollte. Dieser müsse am selbigen Abend in Empfang genommen werden, weil am nächsten Tag Zahlungen zu leisten seien. Ich, nicht faul, rufe sofort einen Mann an, der eng mit Franco Coco zusammenarbeitet, und gebe ihm den Tipp. ‚Aber ich kann heute Nacht nicht dorthin‘, antwortet er. ‚Ich schicke drei Freunde.‘ Mir ist das egal. Ich habe mit dem Anruf meine Pflicht erfüllt. Doch die drei Freunde sind Dummköpfe. Sie dringen in die Büros der Versicherung ein, finden den Safe, können ihn aber nicht öffnen. Also laden sie ihn ins Auto … einen alten Fiat, der unter dem Gewicht fast zusammenbricht. Der Kofferraum bleibt offen stehen, und als sie beim Wegfahren einem Nachtwächter auf dem Fahrrad begegnen, bekommen sie Angst und hauen ab. Zwei Tage später kaufe ich eine Tageszeitung. Der Aufmacher auf der ersten Seite: der Überfall auf das Sozialversicherungsinstitut. Im Safe befanden sich 300 Millionen Lire, eine immense Summe, und diese Idioten lassen sich das entgehen.“

Die Gesetze der Familie

Die erste und wichtigste Regel für den inneren Aufbau der ’Ndrangheta ist die Blutsverwandtschaft: „Gevatter“, also Mitglieder der Organisation, werden nur und ausschließlich Verwandte. Unter Francos Befehl bekam jeder seinen eigenen Bereich.

Vincenzo Musolino ist der Bruder von Francos Frau Eustina und von Angelo, der als Sechzehnjähriger wegen des Mordes an dem Arbeiter Pier Antonio Castelnuovo nicht einmal eine Freiheitsstrafe erhält. Er wird der Finanzchef der neuen Organisation: Er eröffnet Immobilienagenturen, Unternehmen für Abfallentsorgung, Restaurants. Der Kokainhandel hingegen obliegt den Brüdern Salvatore und Gianni Marinaro, die mit den Nichten des Bosses verheiratet sind. Sie kontrollieren den Drogenhandel und bestrafen jene, die auf eigene Rechnung verkaufen oder mit Heroin dealen. „Heroin ist schlecht fürs Geschäft“, pflegt Franco zu sagen und natürlich widerspricht ihm niemand. Wer Heroin verkauft, wird entweder verprügelt oder gleich getötet.

Eine etwaige Blutsverwandtschaft festigt auch die eingegangenen Bindungen. Daher macht die Familie Franco Cocos nach der Einheirat in den De-Stefano-Clan auch einen Qualitätssprung. Franco gibt seine Tochter Giuseppina dem Lieblingssohn von Paolo De Stefano, Carmine, zur Frau. Paolo De Stefano ist einer der mächtigsten Bosse von Reggio Calabria. Als Paolo 1985 auf der Straße ermordet wird, wird Franco Coco noch mächtiger und wird von den Clans in Reggio und Catanzaro gleichermaßen akzeptiert.

„Franco war der letzte große Boss“, erzählt Di Bella. „Heute ist alles anders. In keiner Organisation gibt es noch so etwas wie Ehre. Das ist wie bei der Cosa Nostra. Jene, die dort jetzt am Ruder sind, sind alle gleich. Seitdem es das Koks gibt, existiert keine Ehre mehr. Ich habe Leute gesehen, die auch nicht geredet haben, wenn man ihre Hand mit einem Messer am Tisch festnagelte. Dieselben Leute habe ich 10 oder 15 Jahre später wieder getroffen, nachdem sie angefangen hatten zu schnupfen. Du haust ihnen ein paar rein, und sie erzählen dir alles, was du hören willst, und noch mehr. Die Droge hat die Organisation ruiniert. Heute ist kein Ernst mehr dabei, keine Treue. Manchmal frage ich mich, wie das wohl enden wird. Die klugen Köpfe werden in die Politik gehen oder sich die Gelder aus öffentlichen Ausschreibungen unter den Nagel reißen. Und jene, die die Drogen unter die Leute bringen, werden sich bis aufs Messer bekämpfen, um den Markt unter sich aufzuteilen. Sie werden sich gegenseitig umbringen, das kann gar nicht anders sein. Mittlerweile ist ja niemand mehr da, der sie zurückpfeift.“

„Früher war Franco mächtig. Selbst wenn er im Gefängnis saß, erteilte er Anweisungen und Befehle. Vielleicht tut er das ja auch heute noch. Ich behaupte jedenfalls nicht das Gegenteil. Wenn er sagt: ‚Legt den oder jenen um!‘, dann wird die Person ermordet, keine Frage. Aber die Ernsthaftigkeit von früher ist dahin. Wenn ich Franco Botschaften ins Gefängnis schmuggelte, wurde ich sofort belohnt, innerhalb weniger Minuten. Aber mit mir ist das sowieso so eine Sache. Denn auf mich ist er garantiert stinksauer. Ich habe dafür gesorgt, dass sein Sohn Emiliano 22 Jahre bekommt. Und der Sohn seines Bruders Mario 18 oder 19.“

Di Bella jedenfalls wurde nie „getauft“, vielleicht weil er in Sizilien geboren ist, vielleicht weil er sich nicht darauf einlassen möchte, obwohl er für die Familie allerhand erledigt, vom Handel mit Drogen oder Waffen bis hin zum Geldeintreiben. Di Bella ist nicht „von ihrem Blut“. Vielleicht fand er auch darum den Mut, gegen sie alle auszusagen: „Sie wollten, dass ich der Organisation beitrete, aber ich habe nie Ja gesagt. Ich bin Sizilianer, ich wollte mich nicht von den Kalabresen der ’Ndrangheta taufen lassen. Zwischen den Sizilianern und den Kalabresen gab es immer böses Blut. Und wenn man Franco kannte, wusste man, dass er Fehler schon mal mit dem Tod bestrafte. Schon allein deshalb wollte ich nicht dazugehören. Aber auch wegen meines Vaters. Wenn der gewusst hätte, was ich da treibe, hätte er mich ‚getauft‘, aber mit seinen eigenen Händen. Außerdem ist bei der ’Ndrangheta die Blutsverwandtschaft die oberste Regel. Und ich habe der Familie nie so ganz getraut. Ich rede hier von der Familie Trovato, die für mich die ’Ndrangheta darstellt. Da ich Sizilianer bin, war zwischen mir und der Familie immer eine gewisse Distanz. Außerdem war ich immer höllisch vorsichtig. Denn diese Leute pusten dich in weniger als zehn Sekunden um.“

„Um zu begreifen, ob du in Lebensgefahr bist oder nicht, musst du auf jede Kleinigkeit achten, vor allem, wenn du einen Befehl nicht befolgt hast. Wenn man etwas getan hatte, was Franco nicht wissen sollte, wenn man beispielsweise Geld zurückgehalten oder Waffen beziehungsweise Drogen auf eigene Rechnung verkauft hat, musste man wochenlang auf der Hut sein. Machte er einem sofort Vorwürfe, war alles in Ordnung. Dann drückte er ein Auge zu, weil man ihm nützlich oder der Schaden nicht allzu groß war und das Ganze für ihn keine Gefährdung seiner Macht darstellte. Aber wenn er nichts sagte und mit einem irgendein seltsames Treffen vereinbarte, dann gab es allen Grund zur Vorsicht. Dann musste man die Antennen ausfahren. Ich zum Beispiel habe mir angewöhnt, niemanden für dumm zu halten. Ich nehme auch den dümmsten Bauern ernst, denn in meinem Dorf heißt es, dass der schlaue Fuchs vom dämlichen Jäger erledigt wird.“

„Franco Coco Trovato fällt seine Todesurteile auf seine ganz eigene Weise. Wenn er dir von seiner rechten Hand oder seinem Fahrer ausrichten ließ: ‚Komm nach Mailand. Wir haben dort etwas zu erledigen‘, dann hieß es: Achtung! Wenn du dich dort blicken lässt, bist du tot. Ich kenne niemanden, der nach einem solchen Befehl noch nach Hause gekommen wäre, um davon zu berichten.“

„Francos Leben bestand aus Geschäften, Vergnügen und Abenteuern. Sorgen kannte er nicht. Jeden Tag fuhr er ein anderes Auto, einmal einen Ferrari, dann wieder einen Porsche. Er organisierte Feste mit einem Haufen Frauen und kiloweise Kokain für alle. Die schnüffelten wie die Schweine. Das war schon was. Franco allerdings habe ich nie schnupfen sehen. Ansonsten haben alle in der Organisation gekokst. Ja, ich habe es auch probiert. Warum sollte ich auch Nein sagen, das fehlte gerade noch. Aber ich wusste, wann es genug war. Die anderen hingegen konnten gar nicht mehr aufhören. Die zogen sich 20 bis 30 Gramm auf einmal rein und machten dann Party. Das war ziemlich gefährlich, weil sie in diesem Zustand unglaublich bösartig waren. Kein Wunder, sie waren einfach viel wacher als vorher. Danach sah man sie meistens drei, vier Tage lang nicht mehr auftauchen. Die waren zu Hause und schliefen sich aus. Leider ist das so: Das Zeug nehmen alle, alle, die ich kennengelernt habe. Auch die Rechtsanwälte und Geschäftsfreunde von Franco. Auch sie zogen sich Koks rein. Wer hingegen Heroin nahm, wurde gnadenlos bestraft.“

„Letztlich aber stärkte auch das den Zusammenhalt. Und wenn es ein Problem gab, wurde es einfach gelöst. Wie der Dreifachmord 1991 in Manfredonia. Damals wurden die Brüder Pasquale und Michele Pio Placentino getötet und mit ihnen Fabio Tamburrano. Sie hatten sich zu weit ausgebreitet.“

„Aber auch wir, die wir zu Francos Bande gehörten, riskierten den Tod. Wie Raffaele Laudari di Valmadrera, einer von uns. Er stammte aus Catanzaro. Er machte das Gleiche wie Franco: Ausschreibungen für Bauten der öffentlichen Hand, Zementfabriken und so weiter. Er war 47 Jahre alt. 1990 hatte er beschlossen, sich zu vergrößern. Allein. Eines Tages hieß es dann, er solle doch nach Mailand kommen. Er zögert keine Sekunde, setzt sich in seinen Lancia Thema, kommt in die Stadt, parkt in der Via Lario und lässt den Motor laufen. Da erscheinen zwei Kerle auf einem Motorrad. Einer steigt ab, ohne den Helm abzunehmen, und Laudari sitzt immer noch ruhig im Wagen. Sie haben ihn mit 21 Schüssen in den Kopf getötet, eine Hinrichtung, an die ich mich heute noch erinnere. In den Zeitungen stand dann, eine rivalisierende Bande habe ihn umgelegt, doch der wahre Grund war, dass er zu groß geworden war. Und Verschleierung ist seit jeher eine Kunst, die Franco perfekt beherrscht.“

„Eines Tages beschlossen sie, einen Jungen umzubringen. Ich erinnere mich nur noch an den Vornamen. Er hieß Pepè. Danach verbreiteten sie überall, dass jemand anderer Pepè getötet habe. Es hieß, Pepè habe Drogen im Veltlin verkaufen wollen, und die dort ansässige Familie habe ihn ermorden lassen. Aber man hat die Leiche ja nie gefunden, nur seine Rolex und seinen Pullover, geborgen am Ufer eines Sees, der an der Straße ins Veltlin gelegen war. Pepè aber blieb für immer verschwunden.“

„Die zweite Regel betraf die Bündnisse: Franco organisierte sie durchweg selbst.“ Der Boss pflegte Beziehungen zu anderen Bossen sowohl in der Lombardei als auch im Süden Italiens. Alle 10 bis 15 Tage kam ein anderer Mafioso aus Reggio Calabria, Crotone, Squillace oder Castrovillari zu einem Geschäftsessen in den Norden. Was den Drogenverkauf im Comasina-Viertel oder im Mailänder Hinterland anging, war Giuseppe „Pepè“ Flachi der Mann der Wahl. Buccinasco hingegen ist fest in der Hand Antonio Papalias, der die Logistik des Drogenhandels organisiert. Das Netz reicht bis in die Reihen der neapolitanischen Camorra, mit der Coco Trovato sich nach der „Thronbesteigung“ anlegen wird. Die Verbindung mit der Familie Batti aus Neapel verschafft ihm Verbindungen zu Mitarbeitern von Justiz und Polizei, aber auch zu Politikern, was der Camorra bald aufstoßen wird. Und so bricht Franco die Vereinbarung wieder, sobald er es sich leisten kann. Er, der aus der Organisation in Lecco hervorgegangen ist, mausert sich in den Achtzigerjahren zu einem der geachtetsten Bosse in Italien.

„Die dritte Regel ist die Sicherung der Familie. Wenn einer seiner Männer im Gefängnis ist, sorgt Franco dafür, dass es ihm und seiner Familie an nichts fehlt. Er trägt zur Erziehung der Kinder bei und bezahlt den Anwalt. Er zahlt alles, ohne mit der Wimper zu zucken. Diese drei Prinzipien sind der Grund, weshalb man selten jemanden aus der Organisation findet, der erzählt, wie es dort wirklich läuft. So einen findest du sonst nicht, außer der Typ ist sowieso schon in Ungnade gefallen, dann redet er vielleicht. Innerhalb der ’Ndrangheta findet sich so schnell kein Kronzeuge.“

„Aus Francos Gruppe gab es allerdings einen anderen, der zur Aussage bereit war, und er war sogar einer seiner engeren Mitarbeiter. Aber das begreife ich nicht ganz. Ich habe es nie verstanden. Er nennt sich Tonino, Spitzname ’o Scugnizzo, ,kleiner Strolch‘. Er hat 50 Morde gestanden, ist aber mindestens für 100 verantwortlich. Hat er die andere Hälfte vergessen? Dabei wäre es gar nicht so schwer herauszufinden, ob ein Kronzeuge echt ist oder nicht. Man muss sich nur an seinen Anwalt hängen und ihn bitten, einen echten Kronzeugen zu verteidigen. Nimmt er an, ist alles in Ordnung. Verlangt er hingegen erst einmal eine hohe Anzahlung, heißt das, dass er nur falsche Kronzeugen annimmt, die von der Organisation bezahlt werden, und dass er die Justiz hinters Licht führen will.“

Zu guter Letzt: die Rituale respektieren

Die letzte Regel hat mit den Ritualen der ’Ndrangheta zu tun. Die Organisation gewinnt ihren Zusammenhalt, weil sie sich auf traditionelle Hierarchien gründet, auf bestimmte Kodizes, aber auch auf uralte Riten und Gebräuche.

„Das wichtigste Ritual“, so Di Bella, „ist die Taufe. Damit wird man offiziell in die Familie aufgenommen. Das ist ein wirklich bedeutender Schritt. Der capobastone, der ‚Dienstälteste‘ der Familie, führt den Neuling ein. Dabei riskiert er viel, denn wenn er den falschen Mann zur Aufnahme vorschlägt, ist auch er ein toter Mann. Wenn er als ‚Vorarbeiter‘ der Gruppe einen Mann zur Aufnahme vorschlägt, der sich dann als Spion, als Polizist herausstellt, bringt man ihn ohne viel Federlesens um.“

„Wenn er seinen Mann taufen lässt, sagt der Dienstälteste damit, dass der Junge Mumm hat. Dabei ist die Taufe nur der letzte in einer ganzen Reihe von Schritten. Man muss sich diesen capobastone ein bisschen so vorstellen wie einen Fußballtrainer. Er ist in den Bars, in den Lokalen unterwegs, und wenn er jemanden findet, der es seiner Ansicht nach verdient hat, stellt er ihn auf die Probe. Besteht er die Prüfungen, die man ihm gibt, entscheidet man, dass er getauft wird. Da heißt es zum Beispiel: ‚Da oder dort ist ein Gestüt. Dort steht ein Pferd, das 20.000 Euro wert ist. Bring uns den Kopf.‘ Manchmal trägt man ihm auch einen Mord auf. Wenn er das dann tut, hat er – wie sie sagen – bewiesen, dass er was in der Hose hat, also Mumm besitzt.“

„Der Dienstälteste entscheidet dann zusammen mit dem Familienoberhaupt, ob der Junge getauft wird. Denn viele sind gar nicht Mitglied der Organisation. Von den 1500 Männern, die für Franco gearbeitet haben, sind vielleicht 500 getauft worden. Die anderen sind keine Mitglieder, aber stets bereit, es zu werden. Wenn man beschließt, den Mann zu taufen, wird er an einen ‚heiligen‘ Ort eingeladen. Dann gibt man ihm ein Bild. Das Ritual dient dazu, ihn seine Ursprünge, seine Familie, seine Eltern vergessen zu lassen. An dem Tag, an dem man sagt: ‚Ja, ich nehme an‘, hat man geschworen, die Regeln zu beachten. Wenn sie dir dann befehlen, deine Mutter umzubringen, musst du das tun. Einer der Sätze des Rituals lautet: ‚Möge mein Fleisch verbrennen, wie dieses Bild verbrennt.‘ Man hält dabei ein Heiligenbild in der Hand, meist von der Madonna oder von einer anderen Heiligen, und es muss ganz verbrennen, während man es in der Hand hält. Du darfst nicht einmal zucken, weil du sonst nichts taugst. So wird man zum Angehörigen der ’Ndrangheta. Dann musst du dich an den Kodex halten, vom Moment der Taufe bis zum Grab. Wenn ein ’Ndranghetista stirbt, muss er in der Erde beigesetzt werden. Er darf nicht verbrannt werden. Man muss zur Erde zurückkehren. Weil wir Erde sind und zur Erde zurückkehren. Weil wir Staub sind und zu Staub zurückkehren werden.“

Doch die ’Ndrangheta verlässt man auch als Toter nicht. Für die Angehörigen jedenfalls wird nach dem Ableben des Mitglieds entsprechend gesorgt, je nachdem, welchen Rang die Person einnahm. So geht die Zugehörigkeit zur ’Ndrangheta auf die Familie über, für deren Wohl gesorgt wird. Das ist eine Art Lebensversicherungspolice, welche die Bande zwischen den Mitgliedern noch stärkt.

„Im Jahr 2002“, berichtet Di Bella, „erhielt so ein junger Mann im unteren Rang 5000 bis 6000 Euro im Monat, ein Getaufter, der schon ein paar Jahre im Geschäft war, bekam 10.000 Euro. Und dann gibt es noch die eine oder andere Extrazahlung, denn wenn es etwas Wichtiges zu tun gab, brauchte man auch einen Extra-Anreiz. Der Dienstälteste bekam monatlich etwa 20.000 Euro, und all seine Familienmitglieder waren voll abgesichert. Wenn du zur ’Ndrangheta gehörst und in Ausübung deines Berufes dein Leben verlierst, wird die Familie automatisch versorgt.“

„Die Organisation verpflichtet sich schon beim Treueeid, die Familie zu unterhalten, falls etwas passiert. Zu Weihnachten beispielsweise besucht einer die Familien der Organisation und bittet um eine Spende für die Hinterbliebenen ehemaliger Mitglieder und für diejenigen, die im Gefängnis sind. Dann werden Alimente gezahlt, die Frau erhält Geld, die Kinder bekommen eine ordentliche Ausbildung … Das geht aber nur, wenn sie versprechen, danach für die Organisation zu arbeiten. Sagt die Witwe hingegen: ‚Nein, ich will keine Probleme mehr mit Verbrechen haben. Der ganze Ärger ist mir einfach zu viel‘, dann wird sie aus der Bindung entlassen. Sie und ihre Kinder haben der Organisation gegenüber keinerlei Verpflichtung mehr.“

Die strengen Regeln der Organisation wirken sich auch auf das Zusammenleben der Paare aus. Di Bella fährt fort: „Wenn einer heiratet, hat er nicht das Recht, seine Frau zu betrügen. Diese Regel nimmst du mit der Taufe an. Wenn sie erfahren, dass du dich nicht daran hältst, wirst du vorgeladen. Wenn die Frau sich gar an die Organisation wendet und ihr den Namen der Geliebten mitteilt, werden entsprechende Vorkehrungen getroffen. Da wird einer hingeschickt, der ihr sagt: ‚Für diesmal lassen wir es noch durchgehen. Du haust ab und Schluss. Wenn du deine Finger nicht von unserem Freund lassen kannst, bist du selbst schuld.‘“

„Doch die meisten betrügen ihre Frauen trotzdem. Auch Franco meinte immer, man könne seine Eier nicht alle in einen Korb legen … Er hat seine Frau nach Strich und Faden beschissen. (Ich weiß das. Ich habe seine Geliebten schließlich alle gekannt.) Aber er hat es immer gut versteckt. Oder seine Frau war einverstanden.“

„Mitunter üben die Frauen auch eine aktive Rolle in der Organisation aus. Wenn eine Schneid hat, kann sie schon mal eine Gruppe führen. Oder sich um die Prostituierten kümmern … In Francos Gruppe allerdings gab es keine Frauen in höheren Positionen, auch nicht, nachdem er verhaftet wurde. In den Neunzigerjahren haben sich die Frauen um die Kinder gekümmert, um ihre Familie. Die Ehefrau hat immer so getan, als wüsste sie von nichts. Aber natürlich war sie sich über alles im Klaren.“

„Meine Frau hat nie auch nur die kleinste Aufgabe für die Organisation übernommen. Sie wollte nicht. Und sie hätten zu ihr auch kein Vertrauen gehabt. Ich habe ihr die gefährlichsten Sachen erzählt, vom Coup meines Lebens allerdings habe ich ihr nichts gesagt. Und habe mich zu den Versaces aufgemacht.“

Sommer 1997. Die Aussage von Pippo Di Bella führt uns mitten in eines der dunkelsten Geheimnisse der jüngeren italienischen Geschichte. Bei dem, wie unser Kronzeuge meint, die ’Ndrangheta eine bedeutende Rolle spielt. Es geht um den Mord an dem Modeschöpfer Gianni Versace.

Versace lebt?

Der Coup seines Lebens

Im Dezember 1997 steht Pippo Di Bella vor dem Coup seines Lebens. Ein richtig dickes Ding. Das liegt zum einen an der Familie, die Gegenstand der Operation ist, zum anderen am Geld, das auf dem Spiel steht. Außerdem handelt es sich nicht um die üblichen ’Ndrangheta-Geschäfte. „Nachdem Versace im Sommer 1997 in Miami ermordet wurde“, erzählt Di Bella, „bekamen wir von der ’Ndrangheta den Auftrag, die Urne des Modeschöpfers zu stehlen. Wir erhielten 150 Millionen Lire als Anzahlung. Das Problem war nur, dass das Grab gesichert war: massive Ketten, Alarmanlage, Videoüberwachung und Wachposten. Aber in der Silvesternacht 1997 fuhren wir mit zwei Autos zum Friedhof. Wir waren zu fünft, alles Vertrauensmänner von Franco Coco Trovato. Ich war mit Agostino Rusconi unterwegs, der vor nichts und niemand Halt macht. Wenn jemand umgebracht werden muss, dann erledigt Agostino das, ohne mit der Wimper zu zucken. Im anderen Auto saßen Tonino Lo Cocco, der aus Corsico in der Mailänder Gegend kam, und zwei Brüder, die ich noch nie gesehen hatte. Lo Cocco hatte in einem Koffer Vorschlaghammer und Schlägel mitgebracht.“

Der Friedhof von Moltrasio ist ein relativ abgelegener Ort. Er befindet sich auf einer Anhöhe am Comer See und wirkt wie eine Weihnachtskrippe. Man kommt auf einem schmalen Weg dorthin, der sich hinter den ersten Häusern der Gemeinde vorüberschlängelt. Der Friedhof selbst ist nicht besonders groß. Um den Weg in Kreuzform liegen 30 Grabreihen. Als der Trupp dort ankam, blieb einer der Brüder als Wachposten am Eingangstor zurück. Die anderen vier ziehen die Halstücher übers Gesicht und marschieren über den Weg auf das Grab zu, immer auf der Hut vor etwaigen Infrarotstrahlen oder den Kameras der Videoüberwachung.

„Um die Asche Versaces hatte es schon einigen Aufruhr gegeben“, fährt Di Bella fort. „Erst vor ein paar Monaten, im August, hatte man einen Kerl aufgegriffen, der die Absperrkette um die Kapelle aufgebrochen hatte und die Urne stehlen wollte. In der Folge hatte die Familie Versace Vorkehrungen getroffen. Das Grab wurde Tag und Nacht überwacht. Ich hatte schließlich zwischen Weihnachten und Neujahr den Ort inspiziert, nachdem ich den Auftrag angenommen hatte. Ich ging hin, um die Wege abzumessen und die Zeit zu kalkulieren, die wir in etwa brauchen würden. Und ich wollte wissen, wer zu welcher Zeit den Friedhof besuchte.“

Am letzten Abend des Jahres 1997, kurz nach Mitternacht, befindet sich dort keine Menschenseele. Doch die vier Einbrecher fürchten, von einem der Überwachungssysteme erfasst zu werden. Wenn sie das Tor zur Kapelle aufbrechen, stehen innerhalb von fünf Minuten die Carabinieri mit ihren M12-Maschinenpistolen da. Doch sogar wenn der Einbruch gelingen würde, wüsste am nächsten Tag die ganze Welt Bescheid: Die Polizei würde nach Fingerabdrücken suchen und Straßensperren aufstellen. Eine Katastrophe.

Doch die „Familie“ der ’Ndrangheta will keine Aufmerksamkeit, kein Blut, kein Geschrei. Denn im Norden, vom Piemont zum Veneto, aber auch in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden bewegt die ’Ndrangheta sich lautlos, ohne die Gemüter zu erregen. Dort dringt sie seit Jahrzehnten, seitdem die Bosse der kalabresischen Mafia in den Norden ausgewandert sind, immer weiter und weiter ins gesunde Gewebe der Gesellschaft vor. Zuerst werden kleine Geschäfte gekauft, dann Rechtsanwälte, Betriebswirte, schließlich Politiker, Unternehmen, ganze Industriezweige. Alles schön gemächlich, Schritt für Schritt.

Aber um die Asche Versaces zu stehlen, braucht es Fingerspitzengefühl, so als wolle man einen Tresor knacken, ohne Spuren zu hinterlassen. Denn am Neujahrstag kommen vielleicht die Geschwister Donatella und Santo, die Nichte Allegra, um den Verstorbenen zu beweinen. Und natürlich dürfen sie nicht merken, dass die Asche verschwunden ist.

„Dummerweise sah man die Hand vor Augen nicht“, erzählt Di Bella weiter. „Der Himmel war schwarz und voller Wolken. Und Agostino machte mit seinen Militärstiefeln einen Heidenlärm auf dem Kies. Ich sagte ihm, er solle leiser gehen, aber er wollte nicht hören, sondern meinte, ich solle mich zum Teufel scheren. Schließlich hatten wir keine Erfahrung mit so etwas. Wer geht schon auf einen Friedhof? Gewöhnlich waren wir nicht einmal bei der Beerdigung unserer eigenen Leute, damit die Antimafia-Leute uns nicht fotografierten. So eine Arbeit hatten wir noch nie gemacht.“

Bei der ’Ndrangheta sind die Aufgabengebiete gewöhnlich streng getrennt. Wer sich um das Geld kümmert, fasst keine Waffe an. Wer mit Kokain handelt, überlässt anderen die Entführungen und so weiter. „Die Asche eines Toten vom Friedhof zu stehlen, noch dazu eines so wichtigen Toten, nein, das hatten wir wirklich noch nie gemacht“, fährt Di Bella fort. „Außerdem bin ich katholisch: Ich habe ja nichts gegen einen Diebstahl, aber das war doch ein bisschen hart. Die Toten lässt man normalerweise in Ruhe. Asche, Leichen, das sollte man in Frieden lassen, finde ich.“

„Zum Glück waren noch andere mit von der Partie. Zum Beispiel Agostino. Wenn der so etwas organisiert, dann rennt man da am Tag rein, mit Pumpguns, und holt das Ding raus, als wäre man im Wilden Westen. Dem ist es gleichgültig, was die Leute denken. Der fackelt nicht lange. Er macht einfach. Dem ist das Leben der Leute egal, die nicht zur Organisation gehören. Und das ist immer gut. Wer mit Agostino arbeitete, hatte quasi eine Leibwache. Dem konnte man wirklich vertrauen. Der ließ dich nicht in der Scheiße hocken, wenn du in Schwierigkeiten warst. Wenn man in der Welt des Verbrechens lebt, gibt es immer Schwierigkeiten mit der einen oder anderen Familie. Wenn du dann einen neben dir hast, der sich vor Angst halb in die Hosen macht, bist du am Arsch. Hast du aber Agostino dabei, musst du dir keine Sorgen machen. Der lässt sich lieber selbst erschießen, als dich im Stich zu lassen. Das meine ich mit ‚Der macht einfach‘. Er hat keine Angst.“

Die Kapelle der Familie Coccini ist ein stilvoller Bau. Eindrucksvoll erhebt sie sich über einer kleinen Treppe. Die vier steigen langsam hinauf. Das Gitter davor wird von zwei Marmorsäulen gehalten. Etwa ein halbes Dutzend Grabplatten sind mit Schrauben an der gegenüberliegenden Wand befestigt. Dazwischen Blumen und Lichter. Die einzige Wand des Gebäudes, die sich vermutlich durchbrechen lässt, liegt linkerhand. Dort gibt es einen Gang, in dessen Wände mehrere Grabstellen eingelassen sind. Es ist dunkel, eine Taschenlampe flammt auf. Agostino fängt an zu fluchen, dann beruhigt er sich. Eine Hälfte von ihm ist Maurer und befühlt die Wand, um herauszufinden, wo er am besten durchkommt. Er wird zwei Gräber ausräumen müssen, dann die Trennwand durchbrechen, die aber höchstens zwei Finger dick ist. Schließlich werden sie einen mehrere Meter langen Tunnel graben müssen, um von hinten in die Kapelle zu gelangen. So bleibt das Gitter intakt. Agostino will sofort loslegen. Er ist ein ungeduldiger Typ. „Los, her mit dem Hammer. Wir schnappen uns die Urne und überbringen sie gleich, dann kriegen wir das Geld.“

„Ich bin eher von der vorsichtigen Sorte“, berichtet Di Bella. „Immer schon gewesen. Sogar heute noch, nachdem ich mehr als dreißig Jahre lang im Clan von Coco Trovato und gut zehn Jahre als Kronzeuge mit verdeckter Identität gelebt habe. Vielleicht gerade deshalb. Ich habe zum Beispiel nie Koks genommen. Agostino hingegen schnupfte. Das ist der Unterschied zwischen mir und vielen von Francos Männern: Agostino hatte nichts im Hirn, er war einfach nur Handlanger. Du hast zu ihm gesagt: ‚Den musst du umlegen!‘, und er hat es oft noch am selben Tag erledigt. Es war ihm völlig egal. Wenn mir jemand sagt: ‚Den oder jenen musst du töten!‘, dann sage ich erst mal: ‚Nein, danke.‘ Wenn wirklich jemand getötet werden musste, habe ich solche Aufträge immer weitergegeben. Ich wollte mir die Hände nicht schmutzig machen. Das war der Unterschied zwischen mir und Agostino. Daher sagte ich ihm, er solle Ruhe geben. Zuerst vermaßen wir mal die Wände. Das war ohnehin eine Sache, die für unliebsame Aufmerksamkeit sorgen konnte. Dann prüften wir noch, ob es andere Möglichkeiten gab, in die Kapelle zu gelangen, fanden aber keine. Wir mussten die Särge rausräumen und diese Wand durchbrechen.“

Die Milliarden-Asche

Die Asche von Gianni Versace war vor etwa fünf Monaten nach Moltrasio gekommen. Am 18. Juli 1997 wurde sie mit einem Privatflugzeug aus den USA eingeflogen, 72 Stunden nach dem Mord. Der Modedesigner war von zwei Schüssen in den Hinterkopf getötet worden. Dann war er auf den Stufen seiner Villa am 1116 Ocean Drive in Miami Beach zusammengebrochen. Die Villa ist übrigens heute ein Luxushotel, Zimmer für 4000 Dollar pro Nacht.

Santo und Donatella Versace hatten die Asche im Hubschrauber von Bergamo nach Moltrasio gebracht. Dann hatte Don Bartolomeo Franzi schnell eine Messe zelebriert, und die Urne war in der mit einhundert weißen Rosen geschmückten Kapelle der Familie Coccini beigesetzt worden. Emma Coccini hatte den Versaces dieses Angebot gemacht. 1923 geboren, war sie eine Dame vom alten Schlag. Nachdem 1989 ihr Mann gestorben war, widmete sie sich ganz dem Dienst an ihren Mitmenschen. Und so hatte sie gleich nach dem Mord den Bürgermeister des Dorfes angesprochen, in dem Gianni Versace seinen Sommersitz hatte, um der Familie anzubieten, die Asche des Designers in ihrer Kapelle beisetzen zu lassen. „Ich hatte gelesen“, erzählte sie den Journalisten vom Corriere della Sera, „dass der Bürgermeister sich nicht in der Lage sehe, die Asche von Gianni Versace auf dem Friedhof von Moltrasio beisetzen zu lassen. Also habe ich ihn angerufen, um ihm zu sagen, dass man Versace in der Kapelle unserer Familie bestatten könne.“ Was dann auch geschah. Ein geschützter Ort, nicht einmal einen Kilometer von der Villa Fontanelle entfernt, in der die Versaces am Comer See leben. Dorthin zog Gianni Versace sich zurück, wenn er über seine neue Kollektion nachdenken wollte, dort empfing er enge Freunde wie Elton John und Naomi Campbell. Natürlich war dies nur als vorübergehende Lösung gedacht, bis die Versaces die Erlaubnis erhalten würden, ein Grabmal im Park des wunderschönen Anwesens zu errichten.

Doch der Ärger ließ nicht auf sich warten. Zunächst einmal riss der Besucherstrom am Grab nicht ab. Touristen und Paparazzi stürmten den kleinen Friedhof. Von den Geiern einmal völlig abgesehen. Der Friedhof des ruhigen Dorfes wird zum Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Gianni Versace ist einer der berühmtesten Modeschöpfer der Welt. Und er ist auf tragische Weise durch die Hand eines Serienmörders gestorben. Am helllichten Tag. Als wolle man eine Rechnung begleichen.

Die Neugier schlägt bald in ein morbides Interesse um. Und es kommt immer wieder zu merkwürdigen Zwischenfällen auf dem Friedhof. Zum ersten Mal Anfang August. Am 9. August, drei Wochen nach der Beerdigung, wird die mit einem Vorhängeschloss gesicherte Kette vor der Gittertür der Kapelle gesprengt. Alarm wird ausgelöst und nicht deaktiviert. Die Eindringlinge nehmen nichts mit. Sie fliehen, vermutlich, weil sie vom Alarm überrascht wurden. Die Familie Versace verstärkt die Wachmannschaft. Durch einen merkwürdigen Zufall wird mit der Überwachung ein Unternehmen beauftragt, in dem Giuseppe Di Bella von 1980 bis 1986 gearbeitet hat: ILVI. Dort hat er etwa eine Million alter Lire monatlich verdient, umgerechnet nicht einmal ganz 500 Euro, Nacht- und Gefahrenzulage eingeschlossen. Dieser Job dient ihm als Deckmantel, damit niemand merkt, dass er für die ’Ndrangheta arbeitet.

Doch auch die neuen Sicherungssysteme reichen nicht aus. Eine Woche später, am Samstag, den 16. August, kommt es zu einem weiteren Zwischenfall. Jemand nutzt die Pause, in der die Wachmannschaft der privaten Sicherheitsfirma abgelöst wird, aus, um eine Holzschachtel durch das Gitter in die Kapelle zu werfen. Sie hat zwei Löcher, als sei sie von zwei Kugeln durchschlagen worden. Darin findet sich eine in Stücke geschnittene Krawatte. Gianfranco Paesano, 48, aus dem Friaul stammend, jetzt aber in Rumänien lebend, erzählt dem ermittelnden Staatsanwalt Vittorio Nessi aus Como eine unglaubliche Geschichte. Er behauptet, von zwei Albanern zu der Tat gezwungen worden zu sein. Diese hätten die Familie Versace um eine Million Schweizer Franken erpressen wollen. 2001 wird Paesano wegen Grabschändung und versuchtem Diebstahl der Asche zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Staatsanwalt Nessi fasst zusammen: „Leider ist es uns nicht gelungen, diese Geschichte vollkommen aufzuklären. Wir haben nie herausgefunden, ob Paesano einfach ein chronischer Lügner ist oder ob sich hinter dem Versuch, die Asche Gianni Versaces zu stehlen, tatsächlich mehr verbarg.“ Doch das Schlimmste sollte noch kommen.

Di Bella erzählt weiter von jener Nacht auf dem Friedhof. „Wir haben uns so langsam wie möglich bewegt. Ich nehme mich vor Alarm- und Videoüberwachungsanlagen höllisch in Acht. Denn wenn man uns erkennt, wenn die Polizei auch nur einen von uns identifiziert, ist der Teufel los. Und trotzdem sehen wir plötzlich einen Wachmann. Ich weiß nicht, ob er einfach nur einen Kontrollgang macht oder ob er wegen der Geschichte mit der Asche im Sommer vorsichtig ist. Aber er geht dauernd vor dem Grab auf und ab. Fast hätte er uns entdeckt. Doch wir versteckten uns in einem kleinen Gang zwischen der Friedhofsmauer und der Wand eines anderen Grabmals. Der Wachmann mit der Taschenlampe geht weiter. Das ist noch mal gut gegangen. Ein echter Glücksfall, aber jetzt wird es Zeit zu verschwinden. Wir müssen den Zeitplan der Wachen besser studieren. Oder den Wachmann während seines nächtlichen Rundgangs beschatten, damit wir hinter seine Route kommen. Aber für dieses Mal lassen wir es gut sein. Wir kehren nach Hause zurück, wo Frau und Kinder auf uns warten, um mit uns Silvester zu feiern. Um drei Uhr morgens sind wir daheim. Meine Frau hat eine Flasche Spumante mitgebracht, und so stoßen wir an und feiern.“

„Den Auftrag hatte ich ein paar Wochen vorher von Alpha [Codename eines Beteiligten, der unter Umständen Gegenstand neuer Ermittlungen wird, Anm. d. Autors] bekommen. Der Sohn dieses Mannes ist in der Modebranche, er selbst arbeitet für Franco. Offiziell ist er Geschäftsmann. Er kauft Wein, Lebensmittel und so weiter. In Wirklichkeit aber ist er der Geldverleiher der ’Ndrangheta-Familie. Er lebt zwischen Caslino d’Erba und Canzo in einer prachtvollen Villa. Er kennt sich aus. Er weiß, wie er seine Leute aussuchen muss. Wir kennen uns seit 20 Jahren. Der Staatsanwaltschaft habe ich nie von ihm erzählt, weil ich Angst hatte: Er ist frei, mächtig und kennt viele Leute zwischen Mailand, Lecco und Como. Ich habe für ihn verschiedene kleinere Jobs erledigt, habe Geld eingetrieben bei Leuten, die Schulden bei ihm hatten und dann nicht zahlen konnten.“

„Eines Abends lässt er mich rufen. Ich suche ihn auf, und er sagt zu mir: ‚Willst du dir ein bisschen Geld verdienen?‘ – ‚Womit?‘, frage ich zurück. ‚Ich hätte da einen besonderen Auftrag zu erledigen. Jemand muss die Asche Versaces entwenden.‘ – ‚Und was soll ich damit anfangen?‘ Hätte Coco Trovato mir den Auftrag gegeben, hätte ich natürlich niemals nachgehakt, aber mit Alpha lagen die Dinge anders. Außerdem lassen mir – wie schon gesagt – Friedhöfe, Gräber und Schwarze Messen die Haare zu Berge stehen. Es gefällt mir nicht, wenn ich auf einem Friedhof die Asche von Toten stehlen soll. Diese Art von Arbeit ist nicht normal. Außerdem widerspricht sie meinem Glauben. Aber er bot mir eine Riesensumme an. Eine Milliarde alter Lire. Also ließ ich mir die Sache durch den Kopf gehen, dachte darüber nach, welche alten Bekannten mir eventuell helfen könnten. Aber so ganz klar war mir das Ganze nicht. ‚Was willst du denn mit der Asche?‘, fragte ich. ‚Red mal Klartext, in Ordnung? Wenn mir hinterher was zu Ohren kommt, was nicht in Ordnung ist, dann unterhalte ich mich noch mal mit dir.‘ Ich hatte mit ihm schon das ein oder andere Problem gehabt. Einmal hätte ich ihm fast das Fell gegerbt. Ich wollte nicht, dass er mir irgendeinen Mist erzählte. Also senkte er die Stimme, setzte sich aufs Sofa und sagte zu mir: ‚Der Tod Versaces war inszeniert. Als man den Mord in Miami plante, hielt er sich in Wirklichkeit in Zürich auf und nicht in den USA. Jetzt müssen wir die Asche verschwinden lassen, weil man sonst die DNS kontrollieren kann.‘ Ich weiß nicht, was zu jener Zeit passiert ist, aber jedenfalls hatten sie Angst, dass irgendwelche Kontrollen kommen könnten. Mir kam das alles höchst fantastisch vor, aber wenn sie mir solch ein Ding befahlen, musste etwas Wichtiges dahinterstecken.“

„Ich weiß nicht, ob das tatsächlich stimmt oder nicht. Die Amerikaner meinen ja, es sei ein Mord gewesen und man hätte den Mörder erwischt. Aber damals habe ich Alpha jedenfalls geglaubt. Schließlich bot er mir unglaublich viel Geld an. Der gibt mir doch nicht eine Milliarde, wenn die Geschichte nicht stimmt. Aber natürlich wollte ich ihn auf die Probe stellen. ‚Gut, aber ich brauche mehr Leute dazu‘, sagte ich. ‚Da brauche ich sofort einen Vorschuss.‘ Er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er redet ohnehin nicht viel, und zu jener Zeit hatte er immer gut und gerne 200 bis 300 Millionen Lire in bar zu Hause. Schließlich war er Geldverleiher. Also marschierten wir in den Salon, er öffnete den Safe und gab mir 150 Millionen Lire. Mehr musste ich gar nicht wissen. Mir war sofort klar, dass Franco den Job in Auftrag gegeben hatte. Der war zwar mal im Gefängnis, mal wieder draußen, doch die Familie befehligte immer noch er. Alpha verlor auch nicht viele Worte. Er fing erst gar nicht an mit dem Käse von wegen ‚Sag bloß niemandem etwas!‘. Er wusste, dass ich diese Angelegenheit als Auftrag von Franco behandeln würde. Vermutlich war ihm auch klar, dass ich Agostino bitten würde, mir zu helfen, denn wir erledigten oft zusammen das ein oder andere. Und so akzeptierte ich. Ich verlasse sein Haus, gehe direkt zu Agostino, treffe mich mit Lo Cocco. Aber ich lasse kein Wort über das Ziel der Operation verlauten. Hätte ich Agostino erzählt, dass Alpha glaubte, Versace sei noch am Leben, hätte der mir bloß Chaos angerichtet.“

1.Die wichtigsten Aussagen machte Di Bella zwischen 2002 und 2005, als er – wie es im 2009 gefällten Urteil des Berufungsgerichts von Mailand unter Vorsitz von Richter Cesare Beretta heißt – „nach der Verhaftung von Franco Trovato die kriminelle Struktur und die Entwicklung der ‚Familie Trovato‘“ aufdeckte. Genauer gesagt: „Di Bella hat vom Oktober 2002 bis zum März 2005 in 29 Verhören zahlreiche wesentliche Aussagen gemacht […] Es war ein wichtiger Strafmilderungsgrund, dass seine Aussagen dazu beitrugen, weitere kriminelle Aktivitäten zu verhindern. Außerdem gab er sachdienliche Hinweise zur Erkennung verschiedener Straftäter.“ Da – wie es weiter heißt – „Di Bella zur Aufdeckung der Aktivitäten einer mafiösen Vereinigung Entscheidendes beitrug, ist die höchste Strafmilderung gerechtfertigt.“

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12 ноября 2025
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