Читать книгу: «Tatort Gemeindebau»
Edith Kneifl (Hg.)
Tatort Gemeindebau
13 Kriminalgeschichten aus Wien
Falter Verlag
© 2016 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.
1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: www.falter.at
Alle Rechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub: 978-3-85439-583-6
ISBN Kindle: 978-3-85439-584-3
ISBN Printausgabe: 978-3-85439-573-7
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
Die Handlung der folgenden Kurzgeschichten ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort ~ Edith Kneifl
Andreas P. Pittler ~ Hausmasters Voice
Lisa Lercher ~ Die Tatort-Fini hat einen Verdacht
Erwin Riess ~ Brief an einen Floridsdorfer im Exil
Reinhardt Badegruber ~ Nackt und rasiert
Eva Holzmair ~ Das Wassermännlein
Manfred Rebhandl ~ « L’Ennui, c’est moi! »
Günther Zäuner ~ Ruf an! Sofort!
Sylvia Treudl ~ Die Stunde des Drachen
Reinhard Kleindl ~ Justin Sedlacek, Meisterdetektiv
Franz Zeller ~ Zerfall
Beatrix Kramlovsky ~ Im Tischtennisraum
Thomas Schrems ~ Hütet euch vor dem Karierten
Edith Kneifl ~ Gloria
Herausgeberin, Autorinnen und Autoren
Fußnoten
Vorwort
»Du bist die Blume aus dem Gemeindebau«. Der bekannte österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros setzte mit diesem wunderschönen Liebeslied dem Wiener Gemeindebau ein musikalisches Denkmal.
Aufgewachsen im Gemeindebau? Ja, einige der zwölf österreichischen Kriminalschriftstellerinnen und Kriminalschriftsteller, die ich einlud, Geschichten für diese Anthologie zu schreiben, sind in einer Gemeindewohnung aufgewachsen, manche leben noch heute dort. Vielleicht ist ihnen auch deshalb die Schilderung dieses ganz spezifischen Milieus so gut gelungen.
Das Rote Wien der Zwischenkriegszeit und der international vorbildliche kommunale soziale Wohnbau in Wien sind untrennbar miteinander verbunden. Begonnen hatte alles in den 1920er-Jahren. Der in Wien regierenden Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gelang es, die verheerenden Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter maßgeblich zu verbessern, indem sie 65.000 billige und hygienisch einwandfreie Gemeindewohnungen errichten ließ. Größter Wert wurde schon damals auf eine gute Infrastruktur gelegt. Lebensmittelgeschäfte, Büchereien, Kindergärten, gemeinsame Waschküchen und Grünflächen mit Kinderspielplätzen wirkten der Isolierung entgegen, stärkten den Gemeinschaftssinn.
Während des Februaraufstandes 1934 gegen die Ständestaatdiktatur wurden einige der festungsartig anmutenden Gemeindebauten vom Republikanischen Schutzbund dazu genützt, sich gegen die Angriffe der Polizei und des Bundesheeres zu verteidigen. Nach der Machtergreifung der Austrofaschisten und in der darauf folgenden NS-Diktatur erlosch die Bautätigkeit des Roten Wien. Kurz nach Kriegsende nahm die Stadt den kommunalen Wohnbau wieder auf und führt ihn bis heute fort.
Architektonisch passten sich die Gemeindebauten immer den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen an. Die klassischen Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit wurden übrigens wegen ihrer oft pompösen Eingänge scherzhaft »Arbeiterbarock« genannt. Die typischen Hochhäuser und Hochhaussiedlungen in Fertigteilbauweise der späten Fünfziger- und Sechzigerjahre wurden als »Emmentaler-Architektur« verspottet und in den reicheren Siebziger- und Achtzigerjahren von Wohnhausanlagen mit schönen Terrassen abgelöst. »Ohne dich wär dieser Bau so grau«, sang Wolfgang Ambros damals und meinte damit seine Blume aus dem Gemeindebau.
Freuen Sie sich auf spannende und witzige Geschichten. Und wer weiß, vielleicht melden Sie sich nach der Lektüre sogar für eine Gemeindewohnung an?
Herzlichst,
die Herausgeberin Edith Kneifl
Wien, im September 2016
Andreas P. Pittler
Hausmasters Voice
Eine schwarze Geschichte
I.
Wer san Sie und was wollen Sie? Ah, vom Fernsehen! Gut, und was wollen S’ da von mir? Weil eins sag ich Ihnen gleich: wenn S’ wegen derer Gschicht da kommen, da sind S’ bei mir an der falschen Adress, weil dazu sag ich einmal aus Prinzip überhaupt nix, nur damit das klar ist. … Ah, eine Dokumentation machen S’. Na gut, wenn’s weiter nix ist, dann kommen S’ halt erst einmal rein.
Von welchem Sender sind Sie noch einmal? ATV? Nein? … Was? … Nie g’hört! Gibt’s den auf Kabel? Na wurscht, ich schau eigentlich eh nie fern. Zahlt sich nicht aus. Ich kenn das von der Pokorny ober mir. Hundert Programme und überall dasselbe. … Ja, ja, das ist mir klar, dass Sie das sagen müssen, von Berufs wegen quasi. Aber mir macht da keiner was vor. Früher, ja, da war Fernsehen noch was! Peter Frankenfeld zum Beispiel, kennen S’ den noch? »Musik ist Trumpf«! … Ah ned, na, da haben S’ echt was verpasst. Das waren noch Sendungen. Oder »Am laufenden Band« mit dem Dings, dem … was? Rudi Carrell! Genau! Der Edamer! Der war echt witzig! Also auch seine Sketche, wissen S’. Trauert man so einem Kasroller gar ned zu, dass der was von Humor versteht. Aber der Rudi, der hat’s draufg’habt, der alte Holzschlapfen. … Na ja, was ich damit sagen will, ist, früher war Fernsehen halt noch Fernsehen, ned wahr! Wir haben zwar nur zwei Sender g’habt, aber genau deswegen war jede einzelne Sendung ein Highlight, verstehen S’! »Dalli Dalli« oder auch das mit dem Eierschädel, wie hat der schnell g’heißen, dieses heitere Beruferaten, das war lustig. Genau! »Was bin ich« hat das g’heißen. … Na und erst die Serien, die waren super damals! Kottan! Mundl! … Robert Lemke – so hat der g’heißen, der was das »Was bin ich« gmacht hat! Und »Ringstraßenpalais«. Mei, das war fesch. Die Leut damals, alle so … fesch, halt! Ned? Aber heute? Lauter Schmarren, wenn S’ mich fragen! »Vorstadtweiber«! Pfff! Was interessiert mich, wer da wann mit wem herumpudert! Wenn ich spechteln will, dann geh ich runter in die Waschküche und schau dem Bösel zu, wie er die Halina schnackselt. Der Depp glaubt, das weiß keiner! Dabei weiß es ein jeder im Bau, sogar die Sevgi, die was die Kopftuchtürkin im zweiten Stock ist. Wahrscheinlich weiß es sogar in Bösel seine Alte, aber die ist wahrscheinlich froh, dass er sie auslasst mit seiner Geilheit, der ausgschamte Haderlump der. … Wo war ich? Ach ja, das Fernsehen von heute! Schrecklich, ganz einfach schrecklich! Heute müssen S’ schon ein Mordstrumm Glück haben, wenn S’ einmal eine gscheite Sendung sehen wollen. Vor der Wahl zum Beispiel, da war so eine Dokumentation über den Jonas Franzl im ORF, die war gut, die hab sogar ich mir angschaut. Da hat der Androsch gredet und der Krimischreiberling, der Pittler! Kennen S’ den? Ned? Na, wurscht, ich kennert ihn ja auch ned, wenn er ned da im Reumannhof auf unserer Stiegen fünfzehn Jahr gwohnt hätt. Ganz nett eigentlich, aber immer eine furchtbare Frisur. Ich glaub fast … Was? Ah! Sie täteten gern anfangen! Na warum sagen S’ das ned gleich. Ich sitz da und wart wie bestellt und ned abg’holt, und Sie plauschen mich da nieder in einer Tour!
Also, was wollen S’ wissen? Sagen S’ jetzt ned, Sie machen schon wieder so eine depperte Dokumentation über die Freaks im Gemeindebau, weil für so etwas bin ich nicht zu haben, dass das gleich einmal klar ist! Bitte, es stimmt schon, dass der Gemeindebau auch nimmer ist, was er einmal war, aber solchene Trottel, wie ihr Fernseh-Fuzzis immer aus uns macht, simma auch wieder nicht. Und als Hausmeister, bitte schön, hat man eine Verantwortung. Immer noch! Auch wenn’s nicht mehr so ist, wie’s früher einmal war.
Früher war man als Hausmeister ja eine Respektsperson, bitte schön. Da hat der ganze Bau auf einen g’hört. Mein lieber Schwan, wenn ich beim Fenster außegschaut hab und nur kurz gschrien hab, eine Ruh is, dann war’s da still wie am Friedhof um Mitternacht. Und genau so g’hört es sich auch! Und wir haben nur astreine Mieter g’habt! Alles Mechaniker, Maurer, Tischler, Elektriker, Installateure! Ned solche windigen Gestalten wie heute, wo du keine Ahnung hast, was die eigentlich machen. So Programmierer, PR-Heinis oder Softwehrentwickler. Ich mein, was soll das überhaupt sein, eine Softwehr, ned wahr! Na ja, früher, da hat man halt noch ehrliches Geld mit ehrlicher Arbeit verdient, drum waren wir früher auch ned so im Oasch daheim wie heute. Mit die ganzen Banken und so, wissen S’ eh, Krise, sag ich nur. Früher war eine Bank eine Sparkassa. Da hat man einen Zehner einzahlt oder auch einen Zwanziger, und die haben das auf ein Sparbuch tan, und wenn man’s braucht hat, dann haben sie es einem wiedergegeben. Da wär keiner auf die Idee gekommen, das als Spielgeld für irgendwelche halbseidenen Gschichten zu nehmen. Aber gut, damals haben die Banken ja auch noch uns g’hört und ned wir den Banken. Das ist ja erst alles mit dem depperten Neoliberalis … was? Ah so, die Kamera rennt schon. Na, warum sagen S’ denn das nicht gleich! Warten S’, bin ich überhaupt gscheit frisiert? Ned, dass mir da irgendwo eine Meschen weghängt oder so. … Gut? Gut! Also, als Hausmeister hat man damals ja noch den Zins kassiert, ned wahr. Da sind die Mieter am Ultimo kommen und haben das Geld bar bei mir auf den Tisch legen müssen. Und da hat’s so ein kleines Zinsbüchl geben, und in das hab ich dann den Empfang quittiert. Stellen S’ Ihnen vor, ich hätt mich da einmal verzählt oder so etwas, der Hausinspektor hätt mir den Kopf abgrissen. Da hätt ich dann schön ausgschaut, mit die ganzen Kabeln, die da dann aus dem Hals außestehn, ned wahr! … Ah, das finden S’ ned lustig? Na gut, ich find auch viel ned lustig. Immer weniger eigentlich. Wenn ich allein schon bei unserer Hauswand heute raufschau, da seh ich diese ganzen depperten Sat-Schüsseln überall hängen. Echt abstoßend, sag ich Ihnen. Das hat ja alles kein Gsicht mehr, aber bitte, allerweil, das wär unsere einzige Sorg. Na wurscht. Jedenfalls hab ich immer in der Nacht vorm Ersten zigtausende Schilling bei mir im Brotladl liegen g’habt. Das war eine unvorstellbar hohe Summe damals. Andere wären da in Versuchung kommen. Aber bei mir hat’s nix geben! Als Hausmeister ist man quasi eine Amtsperson. Und eine Amtsperson, die ist unbestechlich. Also damals halt. Heut, na, das wissen S’ ja eh selber. … Aber egal. Was auch immens wichtig war, das waren die Waschmarken! … Ja, ja! Damals hast ned so einfach in die Waschküche runtergehen können und dein Zeug in die Trommel stopfen! Da hat Ordnung geherrscht, mein lieber Herr! Ich hab einen ganz genauen Plan g’habt, wer wann dran war. Und der hat sich dann pflichtschuldigst bei mir den Schlüssel zur Waschküche abholen dürfen und Waschmarken kaufen dürfen. Je nachdem, für was er es halt gebraucht hat. Unterwäsch oder so, das geht ja schnell, gell, da brauchst höchstens eine. Also Waschmarke, mein ich jetzt. Aber wennst deine Bettwäsch gwaschen hast oder, was weiß ich, Frühjahrsputz halt, da hast mitunter auch zwei oder sogar drei braucht. Na ja, jedenfalls hab ich darüber natürlich auch ganz genau Buch führen müssen.
Und dann natürlich die eigentliche Hausmeisterei! Zweimal die Woche Stiegen kehren, einmal die Woche Stiegen waschen, einmal im Monat Fenster putzen. Lift kehren, das Grünzeug im Hof gießen. Schauen, dass die Kinderschaukel in Ordnung ist, und im Winter natürlich Schnee schaufeln, wenn’s gwesen ist. Glauben S’ mir, als Hausmeister wird dir nie fad. Und vor allem, wie gsagt, als Hausmeister bist ja auch eine Respektsperson, das heißt, du musst zwischen die Leut vermitteln, wenn’s irgendwo Probleme gibt, ned wahr. Früher, ja früher war das ganz leicht. Wir waren ja alle vom selben Schlag, da hat’s eigentlich gar keine Probleme geben. Hie und da sind einmal zwei unten im Wirtshaus aneinandergraten, aber da hat’s mich auch nicht braucht, weil zerst hat sie der Wirt außeg’haut und dann sind s’ eh von ihre eigenen Frauen birnt worden, weil s’ so blöd waren. So haben wir uns unsere Sachen eigentlich immer selber gregelt. So eine Gemeindebaubetreuung oder wie das neumodische Zeug da heute heißt, das die vom Rathaus uns da dauernd aufs Aug drücken wollen, das hätt’s damals nie gebraucht. Wir waren, wenn S’ so wollen, eine einzige große Familie, und da regelt man seine Probleme auch unter der Tuchent, also, Sie wissen schon, wie ich das meine. Man braucht keinen Richter, wenn S’ verstehen!
Was? Ob das jetzt anders ist? Ja schon! Aber ned, wie Sie das jetzt vielleicht hören wollen. Ich kenn euch ja, euch Fernseh-Pülcher. Ihr dreht die Sachen immer gern so, wie ihr sie haben wollt. Aber das sag ich Ihnen gleich: dass es nimmer so ist, wie’s einmal war, das hat nix damit zu tun, dass da jetzt Türken und Jugos und Perser und, was weiß ich, Murlis wohnen. Das ist da ein Gemeindebau. Da hat’s immer schon alle Farben gspielt, bildlich gesprochen! Als ich da im Neunundsiebzigerjahr den Posten antreten hab, da hat’s oben im ersten Stock die Marek geben. Die hat immer noch böhmakelt wie der Maxi Böhm. Die Neziba von der Siemerstiegn, a so eine Kanaille. Gelt. Und der Swetoslawski, das war ein waschechter Pole. Der ist ein Jahr später kommen, direkt aus Krakau oder wo. Der ist damals abpascht wegen dem Kriegsrecht und so, was die g’habt haben in Polen droben. Der Swetoslawski, jöh, der war lustig. So einen Schnurrbart hat der g’habt. So einen, aber wirklich! Und ganz verwoahdagelt hat er Deutsch gredet. Ich komm siebene, wegen Wasch. Na und erst der Spasojević. Der hätt der Hausmeister sein sollen, sag ich Ihnen. War zwar aus einem Ort, den keiner aussprechen hat können, Wrschatz oder so, aber der war ein echtes Genie. Der hat alles reparieren können, vom Klo bis zum Automotor. Und wenn bei uns auf der Stiege einmal eine Glühbirn ausgfallen ist, dann hat die der Spasojević schon auf eigene Regie austauscht g’habt, bevor ich’s überhaupt gmerkt hab. Und von der Marek, die schon seit 1924 da gwohnt hat, hab ich gwusst, dass früher da auch noch Ukrainer und Rumänen, Slowaken und Juden und was weiß ich noch alles da gegeben hat. Also wir im Gemeindebau, wir waren immer schon eine kleine UNO, gell!
Anders? Was soll da bitte heute anders sein? Nur weil die Neuen halt aus anderen Ländern kommen, geh bitte! Der Bösel, der Trottel, der is ein Stoasteirer. Des is aa ein anderes Land. Und verstehen tut man den mit seinem ewigen »Woul, woul« genauso wenig wie den Kümmeltürken im zweiten Stock. Ja, der ist schon ein wengerl streng, stimmt schon. Aber er weiß, was sich g’hört. Und immer ordentlich. Bitte, ja, die Sevgi, die was seine Frau ist, die hat er ein bisserl sehr an der kurzen Leine. Aber wenn er’s wieder einmal übertreibt, dann geh ich hin zu ihm und sag Mustapha, so geht das nicht. Du bist nimmer in Ankara, also reiß dich gfälligst zusammen. Das ärgert ihn dann immer maßlos, weil er ja erstens aus Istanbul ist und zweitens Hassan heißt. Aber ein bissi ein Häkel muss sein, sonst könnten wir ja gleich alle in die Grube fahren. Na, aber sonst ist der Hassan eine harbe Haut. Trinkt Alkohol, pfeift auf die Moschee und ist total fußballnarrisch. Gut, mit dem Schnitzel hat er’s nicht so, aber wenn er sagt, das hat bei ihm nix mit der Religion zu tun, es schmeckt ihm nur einfach nicht, bitte, dann glaub ich ihm das. Na und die Kinder, die sind total brav, bitte. Da könnten sich die österreichischen Fratzen ein Beispiel nehmen. Die Gschrappen von der Naderer zum Beispiel. Die glauben, sie können da im Hof mit ihrem gschissenen … pardon, mit ihrem Scheiß-Skateboard umadum tun. Aber ned mit mir! So schnell können die gar nicht schauen, was das konfisziert ist. Und wenn die Naderer dann ihr Pappn aufmacht, na mehr braucht die ned. Da sieht s’ einmal, was es heißt, Hausmeister zu sein. Aber immer noch, gell!
Wer der Murli ist? Das war der Aschantine …, also der Afrikaner im dritten Stock. Angeblich ein Diplomat, aber ich glaub das nicht, weil simma uns ehrlich, ein Diplomat, der wohnt in einer Villa, auch wenn er schwarz wie die Nacht ist, und ned bei uns im Gemeindebau. Aber bitte, jedenfalls braucht der sie nicht zu interessieren, weil der ist ja …
… ned sagen S’ jetzt, Sie sind doch wegen derer Gschicht da! Sagen S’ einmal, wollen S’ mi pflanzen? Ich hab Ihnen ganz am Anfang schon gsagt, dass von mir dazu nix hören werden. Also so was! Rollen mich da in einer Tour! Schleichen S’ Ihnen, aber gaach aa no! Wiederschaun! Pfff, Dokumentation! Ein ganz ein mieser Spechtler san Sie, ein Elendstourist! Das hat sich der arme Herr Nkonkwo ned verdient, dass Sie da aus seinem Tod Kapital schlagen, Sie Rohling, Sie!
Was? Na sicher könnt ich Ihnen viel erzählen. Alles sogar! Weil einem Hausmeister, dem entgeht aus Prinzip nix, aber auch schon gar nix. Aber machen werd ich’s nicht. Weil Sie das nämlich einen Scheißdreck angeht. Und jetzt auße da, bevor ich rabiat werd. Na, sind S’ noch ned weg? Hörst, mach einen Abgang jetzt, oder ich renn dir einen Regenschirm in Oasch und spann … na endlich. Zeit is’s worden!
II.
Du, servus Antschi, ja, ich bin’s. Du wirst ned glauben, wer grad bei mir war! Nein! Sicher nimmer. Das brauch i auf meine alten Tag ned mehr! Na, ganz wer anderer! Wer vom Fernsehen, stell dir vor! Ja, wegen dem Nkonkwo natürlich. Die haben mich aushorchen wollen. Na, da waren s’ bei mir grad richtig. Außegschmissen hab ich s’, hochkant. Na so weit kommt’s noch! … Was heißt, wer ist der Nkonkwo? Bist hirngschlagelt oder was?! Seit drei Tag redet Wien von nix anderem, und ausgerechnet du, die größte Tratschen vom Bezirk, will von nix wissen? Geh, hör mir auf!
Na sicher, der Neger, den was abkragelt haben die Tag. Ja sicher, der hat bei mir auf der Stiegn gwohnt. Na wenn ich dir’s sag! … Was? Weiß ich nimmer, so drei, vier Jahr wird’s gwesen sein. Is ja wurscht. Jedenfalls war der Murl eigentlich eh ganz in Ordnung. Ein bisserl komisch halt, wie alle Neger, ned. Immer so reserviert, so … so unheimlich … höflich. Weißt eh, das bist ja ned gwohnt als Wiener, da denkst dir gleich, da hat’s was, sonst tät dich der ned so schaßfreundlich grüßen. Und in die Kirchen is er auch grennt jeden Sonntag. Sag ich ja, unheimlich! Na ja, so gsehen war er vielleicht schon selber ein bissl schuld auch, dass eam die Schleifen geben haben. Weil wennst in Wien über die Runden kommen willst, gell, da musst dich halt anpassen. Da darfst ned umadumrennen wie der Kasperl und auf leiwand machen. Da machst dich nur verdächtig. Aber wem sag ich das, das weißt ja eh genauso gut wie ich.
Ha? Na sicher weiß ich das! Na wer glaubst, hat ihn gfunden! Na sicher ich! Wer sonst! Die Stiegen hab ich grad aufgwaschen, und da ist mir aufgfallen, dem seine Tür ist nur anglehnt. Na ja, hab ich mir denkt, eh klar, daheim in seinem Kral und so, da kennt der natürlich keine Türen ned, gell, weil die haben da ja nur so Bastfadeln runterhängen, ned wahr. Aber dann hab ich mir denkt, der wohnt jetzt schon so lang bei uns, da wird er ja glernt haben, dass man eine Tür zumacht. Also sag ich mir, schaust einmal nach. Einfach nur zur Sicherheit, ned wahr.
Ich also eine bei der Tür, ich sag noch, Herr Nkonkwo, hallo, ist Ihnen was? Ihr Tür, die steht offen wie ein Hosenstall! Nix! Alles still wie in der Gruft. Na, ich geh weiter. Durch die Küche durch ins Zimmer rüber. Na, und da ist er glegen. Mitten am Teppich. Aufgschlitzt! Von oben bis unten. Servas, das hat ausgschaut! Allein schon das Blut! Rotes Meer, sage man nur! Ich mein, mir war gleich klar: den Teppich, den kannst wegschmeißen!
Zerst hab ich mir ja denkt, ich muss sofort die Rettung anrufen, aber wie ich dann genauer hingschaut hab, da is mir klar worden, der ist hin, da kannst eh nix mehr machen. Also hab ich mir gsagt, ich kann mir ruhig ein wenig mit dem Anruf Zeit lassen. Schaust dich lieber einmal ein bisserl um. Ich mein, wann hast schon Gelegenheit festzustellen, wie so ein Neger wohnt bei uns, ned wahr? Das ist ja, also quasi, so, wie heißt das, Ethnologie, ned? Und wer weiß, hab ich mir gsagt, vielleicht findst was, ein Souvenir oder so, ein Andenken halt an ihn. Weil er braucht’s ja nimmer, ned wahr?! Also hab ich mich ein bisserl umtan bei ihm. Aber noch bevor ich irgendwas gfunden hätt, was vielleicht interessant sein hätt können, ist mir ganz plötzlich eingschossen! Selbstmord war das keiner! Ja, ich weiß, das klingt jetzt ein wenig seltsam, aber an so was denkst ja normal ned, das … wird dir ja erst … mit der Zeit bewusst. Weißt eh, der Schock und so, der blockiert dich ja erst einmal. Jedenfalls wird mir klar, den hat wer gmacht. Und schon ertapp ich mich bei der Frage: Wer war des?
Also eines ist für mich gleich festgstanden. Von unserer Stiege war das keiner! Für die leg ich alle die Hand ins Feier. Für den Hassan auch? Ja sicher für den Hassan auch! Wenn der Leut abkrageln wollt, dann wär er in Syrien und tät dort Allahu akbar schreien und mit dem Krummsäbel herumfuchteln anstatt dass er bei uns in Wien Kebab verdraht! Ich verbürg mich sogar für den Bösel, den Trottel. Der ist zwar aus Lieboch und hasst als eingfleischter Blauer alles, was Schwarz ist, aber soweit tät er nie gehen. Im Gegenteil, der hat ja sogar eine ganz besondere Vorliebe fürs Exotische, was ich weiß. Wie? Ah nix, das g’hört da jetzt eh ned her. Egal! Ich hab jedenfalls gleich gwusst, vom Bau kann das keiner gwesen sein. Wer also dann? Na, ich hab mir denkt, ich hab Zeit, also spiel ich einmal ein bisserl Detektiv, weil die Kieberer, die san eh mit allem überfordert, was übers Aufschreiben von Falschparkern hinausgeht.
Ich schau mir die Leiche also genauer an. Ein klarer, sauberer Schnitt, seh ich. Ziemlich groß, geradlinig und dick. Also ein Messer, sag ich mir, war das nicht. Eher schon ein Säbel oder so etwas. Nur, wer hat schon einen Säbel, ned wahr? Also denk ich nach. Ich mein, als Hausmeister kommst ja früher oder später in jede Wohnung, auch auf den Nachbarstiegen. Und der Einzige, der mir eingfallen ist, der solche Dinger irgendwie sammelt, war der Feiler von der Neunerstiege. Aber ich hab mir noch denkt, was sollt denn der Feiler gegen den Nkonkwo haben, ned wahr? Außerdem ist der Feiler so ein klasser Bursch, gibt immer ordentlich Schmattes und regt sich nie über irgendwas auf. Also warum sollt der dann ausgerechnet bei unserem Nkonkwo den Gizi kriegt haben?
Na, wie ich mir das so denk – na, wart einmal, lass mich doch erst einmal ausreden –, geh ich, ohne dass ich’s merk, wieder aus der Wohnung raus. Ja, ich weiß auch nicht, irgendwas muss mich aufgschreckt haben. Irgendwas hab ich g’hört. Und tatsächlich, da war ein Geräusch. Von unten ist’s kommen, so Richtung Waschküche. Ich hab mir noch denkt, das wird ja nicht schon wieder der Bösel sein, der wird doch ned schon in aller Früh die Svetlana pempern, weißt eh, die vom Stadtgartenamt, die da alle Ewigkeit einmal nach unseren Blumenbeeteln schaut. Aber nein, orgiastisch hat das ned geklungen, eher nach Weinen.
Na, mir war schon ein wengerl anders, aber weißt eh, die Neugier, die ist ein Hund. Also bin ich runter. Ja, eh ganz vorsichtig, i bin ja ned blöd oder so. Na, und wie ich da so um die Ecken lins, seh ich den Buben vom Feiler im hintersten Winkel hocken und heulen wie den sprichwörtlichen Schlosshund. Na servas, hab ich mir denkt, und eh gleich alles gwusst.
Na sicher war er’s! Na, wenn ich dir’s sag! Da hat’s ned einmal das Geständnis braucht, des hast dem angesehen, zehn Kilometer gegen den Wind. … Warum er den Neger …? Na, wegen die Drogen! Ahaha, sein Dealer? Na, aber überhaupt ned! Ganz anders war des! Der Feilerbua hat ja sofort, wie er mich gsehn hat, gsungen wie ein Lercherl. Ich glaub, der hat einfach wen zum Reden braucht, und da bin ich ihm grad recht kommen. Also hat er mir alles derzählt. Dass ihn der Nkonkwo derwischt hat beim Haschischrauchen. Und der Nkonkwo, weißt, der war wirklich eine Art Diplomat, der war nämlich bei dieser Antidrogenbehörde da in der UNO-City, und so ist der quasi schon von Berufs wegen total in Saft gangen und hat gsagt, er zeigt den Feilerbuben an. Na, und da hat der Feilerbub natürlich eine Mordstrumm Angst kriegt. Die ganze Nacht hat er ned schlafen können, und gleich in der Früh ist er noch einmal hin zum Nkonkwo und wollt ihn überreden, dass er auf die Anzeige verzichtet. Er würd auch nie wieder gifteln, wollt er ihm noch sagen. Und sogar einen von diese Riesenfeiteln von seinem Vater, wie sagt man, Dolch, genau, hat er mitbracht. Den wollt er dem Nkonkwo schenken. So quasi als Entschuldigung. Aber offenbar ist der dadurch erst recht narrisch worden und hat gmeint, jetzt warat des ned nur Drogenmissbrauch, sondern Bestechung aa noch. Na und stechen war das Stichwort. Also hat ihn der Feilerbub abgstochen in seiner Panik. Und drum ist er, wie ich ihn gfunden hab, heulend in der Ecken gsessen.
Warum ich das ned der Kieberei erzählt hab? Na warum sollt ich? Bin i die Heh? Die Wappler solln ruhig selber draufkommen! Kriegen ja zahlt dafür, ned wahr! Na, na, ich misch mich da nicht ein. Ich bin Hausmeister und ned die Dorftratschen. Apropos, siehst, ich muss eh wieder weiter. Stiegen waschen, ja. Das erledigt sich nämlich ned von allein. Alsdern, bis die Tag dann, gell. Servus.
III.
Servus, Ferry! Na, wie geht’s dir? Kannst ned klagen, gell! Ja, wie auch. Seitst hinig bist, san unsere Unterhaltungen ein bissi einseitig, ich weiß. Aber wenigstens redtst mir jetzt nimmer dauernd zruck. Obwohl, manchmal geht mir dei ewige Keiferei direkt ab. Aber bild dir jetzt bloß nix drauf ein, gell, ich komm sehr gut ohne dich zrecht, brauchst gar ned erst glauben! Schau, neue Stiefmütterchen hab ich dir mitbracht, die setz ich dann gleich ein, aber jetzt, jetzt muss ich mich erst einmal ein wengerl ausrasten.
Hast du das da oben mitkriegt mit dem Nkonkwo? Ja, weißt eh, der Bimbo aus dem dritten Stock, den haben s’ meia gmacht. Ja, der kleine Feiler war’s. Aus einer Art Notwehr heraus. Du, der hat mir so leid tan. Das reinste Häuferl Elend war der. Ja, die Angst ist ein Hund, da macht man halt oft einmal eine Blödheit, ich mein, erinner dich, wie wir zwei damals den Rinnsaldampfer von der depperten Vejvoda …, na, wurscht. Jedenfalls hab i mir denkt, das hat er si ned verdient, der Feilerbua, dass er jetzt sitzen geht für a halbertes Leben, weil simma uns ehrlich, deswegen stangert der Nkonkwo aa nimmer auf, ned wahr. Also hab i mein Aufreibfetzn gnommen, hab des depperte Messer drin eingwickelt – weißt eh, der war no pitschnass, des gibt sicher a Batzn Korrosion oder wie das heißt. Dann hab ich den Feilerbuben gschnappt, bin mit eam zum Lift gangen, hab die Schutzklappen unten, weißt eh, die, mit der das Loch zwischen Lift und Boden überbrückt wird, zruckdruckt und das Messer in den Schlitz fallen lassen. Das liegt jetzt ganz unten im Schacht, und da liegt’s gut. Da finden s’ es frühestens bei der nächsten Liftüberprüfung, und die ist erst in zwei Jahr. Und bis dahin interessiert sich für die Gschicht keine Sau mehr.
Jetzt fragst dich sicher, wieso die Kieberei dann den Bösel als Mörder vom Nkonkwo arretiert hat, gell? Ja, recht hast. Des war aa i. Vorgestern rennt mir die Sevgi in d’ Arm, total durchn Wind, und i frag s’ natürlich gleich, was s’ denn hat um Himmels willen. Erzählt s’ mir nach einer ganz schönen Weil, dass s’ in der Waschküch unten war, Wäsch waschen, ned. Auf einmal kommt der Bösel eine und stellt si gleich hinter sie. Du, dera war das richtig peinlich, dass s’ mir das alles erzählen muss, aber sie hat si halt ned anders zum Helfen gwusst, und als Hausmeister bist ja eine Respektsperson, ned! Also sagt s’ mir, dass ihr der oide Hurenbock sei Körpermitten gegen ihren Hintern druckt hat, sodass deutlich gspürt hat, dass er einen Steifen hat. Nein, natürlich hat sie das ned so gsagt, dafür ist s’ viel zu gschamig. Aber nach einer Weil hab ich schon kapiert, was sie meint, ned. Na, und dann hat er ihr offenbar aa no auf die Dutteln griffen, der Saubartl der. Und sie is in voller Panik aus der Waschkuchl grennt und hat ned gwusst, was jetzt machen soll. Und grad da bin i daherkommen.
Und weißt, irgendwie hab ich mir dann denkt, jetzt reicht’s mir mit dem Puderanten. Ich mein echt jetzt, die Blauen wählen und alles nageln, was ned von da ist, des is zvü. Hab ich der Sevgi gsagt, sie soll sich beruhigen. Sogar einen Tee hab ich ihr gmacht. Und dann, wie ma so zsammgsessen san, hab ich gsagt zu ihr, sie soll dem Hassan beiläufig erzählen, dass den Bösel am Morgen von dem Mord aus der Wohnung vom Nkonkwo kommen gsehn hat. Der Hassan mog den Ausländerhasser eh überhaupt ned, und daher, so hab i mir denkt, wird der sofort zur Kieberei rennen und das melden. Und die Heh is eh total froh, wenn s’ endlich an Täter hat, also wird die ned lang fackeln, hab i mir denkt. Na, und so war’s auch. Gestern in der Früh sind s’ angrückt, zehn Funkstreifen, volles Programm. Und der Bösel hat die Achter kriegt. Für den spielt’s jetzt den Herrgott aus Staa.
Na, wurscht. Da sitz i und red, und die Stiefmuatterl pflanzen sie ned selber ein. Also, gemma’s an.
Lisa Lercher
Die Tatort-Fini hat einen Verdacht
Oder: Ana hod imma des Bummerl
Wieder eine weniger – war mein erster Gedanke, als ich den Menschenauflauf bei der Siebenerstiege sah. Hoffentlich nicht die Erni – schoss es mir als Zweites durch den Kopf. Gleichzeitig befiel mich eine innere Unruhe, die ich schon von anderen Anlässen her kannte. »Wos is gschegn?«, fragte ich den hatscherten Ferdl, der am Rand der Gruppe stand, weil ich meinen unguten Vorahnungen einfach nicht trauen wollte.
»Erlauben!«, kam die eindringliche Aufforderung von hinten. Ich wollte protestieren, weil ich nicht einsah, warum sich einer, der später als ich gekommen war, vordrängen wollte. Doch als ich den Mund öffnete, wurde ich von einer resoluten Mittfünfzigerin am Ärmel zur Seite gezogen. Ein Uniformierter der Wiener Bestattung schob sich mit ernster Miene an mir vorbei. Die beiden Kollegen, die ihm folgten, trugen einen Blechsarg, der in der Vormittagssonne aufblitzte.
Das Tuscheln der Umstehenden wich betretenem Schweigen und ich war gewiss nicht die Einzige, die beim Anblick des grauen Behältnisses in trübe Endzeitstimmung verfiel.
Geistesgegenwärtig schloss ich mich den Männern an, bevor sich der Durchlass, den sie sich schufen, wieder schließen konnte, und gelangte unbehelligt in den ersten Stock, wo die Tür zur Wohnung Nummer vier sperrangelweit offen stand. Davor und die Stufen hinauf bis zum Halbstock drängte sich ein kleines Grüppchen Neugieriger, deren Blicke den Uniformierten folgten, bis die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss fiel.
Ich stellte mich zu den teilnahmsvoll dreinschauenden und teilweise schniefenden Frauen, die nun wieder zu tuscheln begannen. Die alte Pospischil wischte sich mit einem Stofftaschentuch über die Nase und schaute mich aus geröteten Augen an. »Sie hod ned leidn miassn«, flüsterte sie. Als ob das ein Trost wäre!
»Wos is passiert?«
»Ihr Nichte hod s’ gfunden. Des oame Madl woa gaunz deschparat. Augleit hod s’ bei mia, i hob eh glei den Dokta augruafn, oba der hod a nimma höfn kenna«, berichtete die Pospischil.
»Im Schlafzimmer is glegn. Es muss schnell gangen sein«, mischte sich die junge Neumeister von der Dreierstiege ein, die, wie mir schon öfter aufgefallen war, immer gleich auftauchte, wenn irgendwo irgendwas geschehen war.
»Die Erni?«, versicherte ich mich, obwohl die Umstände eigentlich keine Zweifel ließen.
»Ja, die Frau Novacek«, bestätigte die junge Frau mit einem mitfühlenden Nicken.
Mir kam plötzlich vor, als würden die Steinsplitter im Terrazzoboden zu tanzen beginnen, gleichzeitig setzte das Stiegenhaus zu sanftem Schaukeln an, wie ich es von den Bootsfahrten auf der Alten Donau kannte. Gerade noch rechtzeitig bekam ich das Geländer zu fassen. Das Nächste, woran ich mich erinnere, war der besorgte Gesichtsausdruck der Pospischil, die sich über mich beugte und meine Wange tätschelte. »Geht schon wieder«, murmelte ich peinlich berührt.
»Gleich zwei am selben Tag wärn a bissl viel«, hörte ich die Neumeister sagen. Dann waren die Frauen wieder abgelenkt, weil sich die Vierertür öffnete und die Männer Erni mit den Füßen voraus im Sarg aus ihrer Wohnung trugen. Ganz so, wie sie es sich immer gewünscht hat, dachte ich. Denn Erni hatte nicht nur einmal gesagt, dass sie lieber zu Hause sterben wollte, als in einem Heim dahinzuvegetieren.
Am Nachmittag trafen wir uns trotzdem – weil es so windig war, im Kaffeehaus an der Ecke unseres Gemeindebaus. Die Gummi-Hilde – so nannten wir sie, weil sie früher bei einem Reifenschuster gearbeitet hatte –, die Erika, deren rosastichige Dauerwelle an Zuckerwatte erinnerte, und die Suchanek-Elfie, die wir als Kinder um ihre vielen Spielsachen beneidet hatten, waren schon da, als ich mit meiner besten Freundin Christl hinkam. Jemand hatte ein Sträußchen Vergissmeinnicht auf Ernis Stammplatz gestellt. Die Spiele, die die Gummi-Hilde mitgebracht hatte, blieben in ihren Schachteln. Die Stimmung war gedrückt.
Die Christl bestellte eine Runde vom Lieblingslikör der Verstorbenen. »Trinken wir auf die Erni«, sagte sie, als wir mit den Stamperln anstießen. »Pickats Zeig. Meins is des ned«, schüttelte sich die Suchanek-Elfie und griff nach ihrem Achterl und der Zigarette.
»Ohne die Erni tät’s unsere Runde gar ned geben«, sinnierte ich. Es war bei einer Geburtstagsfeier gewesen, als die Rede darauf gekommen war, wie man sich früher, bevor es Fernseher gab, die Zeit vertrieb. Ich hatte von meiner Omama erzählt, die sich mit ein paar Nachbarinnen regelmäßig zum Jollyspielen getroffen hatte. Bei Kaffee und Kuchen genoss die Omama den Zeitvertreib und versorgte sich ganz nebenbei mit dem neuesten Tratsch. An diesen Nachmittagen hatten wir Kinder mehr Freiheiten als sonst gehabt. Die Buben veranstalteten ihre Radrennen, wir Mädchen perfektionierten unser Tempelhupfen, sprangen Schnur oder zwangen die Jüngsten beim Vater-Mutter-Kind-Spiel in einen alten Kinderwagen.
»Es muass jo ned unbedingt Jolly sei und dass de Tatort-Fini mit von da Partie is, is sowieso kloa«, hatte Erni die Idee aufgegriffen. Tatort-Fini – den Spitznamen hatte sie mir verpasst. Mir gefiel das Etikett, denn schließlich mochte ich die Kultserie, und rätseln, wer der Mörder war, gehörte zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Schon eine Woche später trafen wir uns im zweiten der insgesamt vier Höfe unseres Gemeindebaus in der Brigittenau. Bis auf die Hilde waren wir alle schon in Pension und Witwen – außer der Elfie, die immer nur Bekannte gehabt hatte. Wir hatten also Zeit und freuten uns auf die gemeinsamen Partien und die gemütlichen Plauscherl.
Die Suchanek-Elfie hatte den Platz bei der Sitzgruppe unter der alten Kastanie gleich nach dem Mittagessen reserviert und damit die Ausländerinnen, die sich dort ebenfalls gern aufhielten, verwirrt. »DU IN PARK GEHEN! NIX HIER SITZEN! GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT!«, hatte sie einer besonders begriffsstutzigen Türkin lautstark erklärt und dabei mit der Zeitung gewachelt, als wollte sie ein lästiges Insekt vertreiben. Mit der Zeit hatten sich die Ausländerinnen damit abgefunden, dass die Sitzgruppe an den Mittwochnachmittagen unser Revier war. Im Sommer war es unter dem Baum und mit dem leichten Lüfterl, das ab und zu durch die Höfe strich, weit angenehmer als in den schwülen Wohnungen. Während der kühleren Jahreszeit, bei Regen und im Winter wichen wir in eine der Wohnungen oder ins Kaffeehaus aus, das früher ein Branntweiner gewesen war.
»Oba dass es scho wieda ane von uns sei muass«, riss mich die Gummi-Hilde aus meinen Erinnerungen und sprach damit endlich aus, was mich schon seit dem Vormittag beschäftigte.
»Vorvorigen Winter die Mitzi, letztn Herbst die blade Vyslozil und jetzt die Erni. Des is do ned normal, oder?«
»Du tuast grod a so, ois waun wir wos dafia kennten«, wies mich die Elfie zurecht. Dabei rückte sie ihre Brillengläser, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Aschenbechern hatten, zurecht.
»Wir sind schließlich alle nicht mehr die Jüngsten«, warf die Christl ein.
»Genau«, bekräftigte die Gummi-Hilde. »Do kummt’s scho vua, dass ane de Bodschn streckt.«
»Aber ihr miassts zuagebn, dass die Umständ komisch sind. Das Krokodü (so hatte Mitzis verstorbener Ehemann sie immer genannt, wenn er mit ihr gestritten hatte – wir hatten das Kosewort in ihrer Gegenwart natürlich nicht benutzt) ertrinkt in ihrer Badewanne, die Vyslozil fliegt mitsamt der Stehleiter um …«, wandte ich mich an die Runde. »Dabei ist sie, seit ihr so oft schwindlig war, nicht amal freiwillig auf a Schamerl gstiegn«, fügte ich hinzu.
»Wenn ich mir’s aussuchen könnt, würd ich auch lieber schnell gehen. Am liebsten im Schlaf, damit ich gar nicht mehr wach werd«, nickte die Erika und ich überlegte, wie viel Spray ihre Zuckerwattenfrisur so gut in Form hielt, dass sich nicht ein einziges Haar dabei bewegte.
»Bei da Mitzi woas a Schlagl, hod da Sohn dazöd, und bei da Vyslozil wahrscheinli de Pumpn«, wiederholte die Gummi-Hilde, was wir ohnehin alle wussten.
»Wer wohl die Wohnung kriegt?«, wechselte die Christl das Thema.
»Gsindel. Keiner, der es sich leisten kann, zieht freiwillig da her.«
»So schlimm, wie du tust, ist es auch wieder nicht«, entgegnete die Christl mit ihrem Talent zum Schönreden.
»Geh schau da au, wie marod unsa Zinsburg beinaund is. Grod vurige Wochn hob i mi wieda bei de Wiena Wohnen wegen meine Fensta beschwert«, ereiferte sich die Suchanek-Elfie.
»Und wos hoben s’ gsogt?«
»Dass i woatn muass. Sie hom ka Göd.«
Die Zuckerwatte hatte sich vertraulich zu mir herübergebeugt. »Meinst, dass mir die Nichte von der Erni den neuen Eiskasten überlässt?« Der Kühlschrank, den sie meinte, war erst vor zwei Wochen geliefert worden. Die Entscheidung für den Gerätetyp war schwierig gewesen. Erni hatte sich letztendlich von Stani, unserem Haus- und Hofelektriker, gegen ein kleines Trinkgeld beraten lassen.
»Red halt mit ihr. Wenn sie selber keine Verwendung dafür hat, wird sie schon mit sich handeln lassen.« Die Zuckerwatte grinste zufrieden. Auf ihrer Zahnprothese schimmerten Reste vom korallenroten Lippenstift, mit dem sie sich immer schminkte. Ehrlich gesagt hätte mich schon interessiert, wie sie den Eiskasten zahlen wollte, wo ihr doch immer noch ein Stück vom Monat übrigblieb, wenn ihre Rente aufgebraucht war. Aber das war ein Thema, über das man von der Erika selber keine Auskunft bekam. Da würde ich schon die Elfie oder die Gummi-Hilde fragen müssen.
Als ich etliche Tage danach um halb acht zur Siebenerstiege kam, war die Arbeit schon in vollem Gange. Dabei war die Erni grad erst eine Woche unter der Erde. Pappelwolle wirbelte durch den Hof. Eine Schar Tauben pickte nach den Brot- und Semmelwürfeln, die die alte Pospischil jeden Morgen auf der Wiese neben den Coloniakübeln ausstreute. Dass diese Luftratzen Krankheiten verbreiteten und deshalb nicht gefüttert werden durften, war ihr einfach nicht beizubringen. Als ich vor der Eingangstür stand, kamen mir zwei Männer mit Ernis Diwan entgegen. Die Sessel und der Schlafzimmerkasten standen schon auf der Ladefläche des Kleinlasters, der im Hof geparkt war. Ein fleckiger Teppich hing über der Klopfstange, auf der wir als Kinder immer so lange herumgeturnt hatten, bis uns die Hausmeisterin mit einem giftigen »Schleichts eich« vertrieben hatte. Die Küchenkastl, auf die Erni seinerzeit so lange gespart hatte, standen im Dreck, Kochtöpfe und Deckel ragten aus einer Schachtel.
Ich ging weiter. Der Anblick hatte mich trübsinnig gemacht. Im dritten Hof schnaufte ich die Elferstiege zur roten Toni, einer der letzten aufrechten Sozialdemokratinnen im Bau, hinauf, für die ich montags und donnerstags einkaufen ging. Nach der Hüftoperation fiel ihr das Stiegensteigen schwer. Zwar gab es einen Aufzug im Haus, allerdings erst ab dem Halbstock, zu dem man sieben Stufen überwinden musste.
Die Toni war schon angezogen und ließ mich hinein. Auf dem Esstisch stand neben ihrem ausgeschlagenen Steinguthäferl eine Kaffeetasse. »Hast heut schon Besuch g’habt?«
»Da Stani woa do. Er hod mir des Fernsehkastl gricht. De Senda san imma ausgfoin.«
Ich griff nach der Einkaufsliste.
»Bei da Erni wird de Wohnung ausgramt.«
»Hob i gsehn«, antwortete ich und überflog, was die rote Toni notiert hatte.
»Da Stani muass olle Leitungen mochn, bevua de neichn Mieta eiziagn.«
»I weiß, seine Firma hat ja einen Vertrag mit der Gemeinde«, nickte ich.
»Oba ins Heim geh i ned.«
»Wieso ins Heim?«, fragte ich, die Türschnalle bereits in der Hand.
»Da Stani hod gmand, dass i’s durtn bessa häd, wäu de oidn Wohnungen komplett renoviert g’hern. Er sogt, dauernd gibt’s Scherereien, amoi mit de Leitungen, daun wieda mitn Strom …« Die Toni kam mir richtig aufgelöst vor. »Solang wir zsammhelfen, brauchst du gar nirgends hin«, beruhigte ich sie und setzte mich noch ein bisserl zu ihr. Einkaufen konnte ich später immer noch.
Natürlich hatte die Erni eine Lücke hinterlassen. Mir fehlten vor allem ihre trockenen Kommentare, mit denen sie uns so oft zum Lachen gebracht hatte. Trotzdem kam es mir nach wenigen Treffen vor, als wäre Dragica schon immer dabei gewesen. »Hobts g’hert?«, sagte sie, noch bevor sie sich niedergesetzt hatte. Ihre dunklen Augen funkelten. Ich stellte gerade den letzten Kegel für das Mensch ärgere Dich nicht-Spiel auf und wartete auf die angekündigte Neuigkeit.
»Bei altes Frau Novacek hot’s Untersuchung geben.«
»Wie?« In meinem Magen rumorte es.
Der Tratsch, mit dem Dragi aufwartete, kam immer direkt von der Quelle. Denn sie war nicht nur mit Rosl, der Ordinationshilfe des praktischen Arztes in unserem Gemeindebau, befreundet, sondern putzte auch regelmäßig dort. So erfuhren wir nicht nur das, was die Suchanek-Elfie aus dem Wartezimmer berichtete, sondern auch einiges von dem, was sich hinter der gepolsterten Tür im Behandlungszimmer abspielte.
»Na, waßt eh. Tote hom s’ ausgroben und aufgschnitten.«
»Exekution«, sagte die Zuckerwatte fachkundig.
»Exhumierung«, verbesserte ich sie. Den Fachausdruck kannte ich aus Kreuzworträtseln.
Die Erika warf mir einen bösen Blick zu.
Dragi hatte sich eine neue Zigarette angezündet und ließ den Rauch aus ihren Nasenlöchern strömen.
»Haben s’ was gfunden?«, fragte ich.
Dragica ließ sich Zeit und nahm einen weiteren tiefen Zug von ihrer Memphis. »Ihr Nichte hat glaubt, irgendwas stimmt ned. Sie sogen, a Sparbuch is weg und Goldschmuck is a nimmer do. Dabei hat altes Novacek ihrer Nichte Sochen zagt, kurz bevor sie is gstorben. Olles woa bei Unterwäsch versteckt.«
»Da schaun die Einbrecher doch immer gleich als Erstes nach«, warf ich ein. Solche ermittlungstechnischen Details wusste ich aus den Krimis, die ich haufenweise las.
»Was hat jetzt die Untersuchung ergeben?«
Dragicas Blick hatte sich verfinstert. »Nix. Oba Doktor woa sehr grantig. Das weiß i von Rosl.« Die Ex-Jugoslawin hatte schon öfter erzählt, dass Rosl, Trabeks Sprechstundenhilfe, unter den Launen des Arztes litt. Offenbar hatte sie sich wieder einmal bei der Putzfrau ausgeweint.
»Und wieso war er zwida?«
»Na hot er Theater g’hobt. Wenn ana sogt, Doktor orbeit nix gut …«
Ich beugte mich vor und stieß dabei einen blauen Kegel um. »Wär es gscheiter, wenn ma nicht einmal ordentlich untersucht, ob bei der Erni nachg’holfn worden is?«
»Nicht wahr!« Die Zuckerwatte-Erika hatte die Augen weit aufgerissen. Auch die anderen schauten mich überrascht und entsetzt an.
Ich ärgerte mich über meine unbeherrschte Bemerkung. Wie sollte ich den anderen das ungute Gefühl erklären, das mir, seit Erni gestorben war, keine Ruhe mehr ließ? Dragi winkte ab. »Nema Einbrecher, nema Mörda! Is nix aussekumma, gaunze Aufregung umsunst.«
»Eh kloar, hob i mia jo glei denkt«, sagte die Gummi-Hilde und legte die Würfel auf das Spielbrett.
»Aber der Schmuck ist weg!«, wandte die Christl ein, deren nachdenklicher Blick auf mir ruhte.
»Den hom s’ am End beim Ausraman übasegn«, erklärte die Gummi-Hilde und würfelte einen Sechser. »I hob a wos in an Etui auf de Unterseitn von an Ladl pickt.«
Mir fielen die Küchenkästen aus Ernis Wohnung ein, die damals im Dreck neben dem Mistkübel gelagert waren.
»Dann hat das Mädl Pech gehabt!« Die Zuckerwatte überholte meinen gelben Kegel mit ihrem roten.
»Womöglich hat sich ein Mistkübler über den Fund gfreut«, spekulierte ich. Aus einem der offenen Fenster hörte man Geschirr klappern. Ein Hund bellte.
»Wieso hob i ned so viel Glick?«, raunzte Dragi und schmiss Erikas Kegel knapp vor dem Ziel aus dem Spiel.
»Blitz und Donner«, schimpfte die Erika.
Wenn mich nicht alles täuschte, hatte Dragica beim Zählen der Felder geschummelt. Da sich niemand darüber aufregte, hielt auch ich den Mund und grinste schadenfroh, weil sich die Zuckerwatte so schön ärgerte.
Die Suchanek-Elfie holte die Thermoskanne mit dem Kaffee aus ihrer Einkaufstasche und schenkte nach. »Mit de neichn Mieta in der Erni ihra Wohnung gibt’s a scho de erschtn Wickl«, wechselte sie das Thema.
Ernis Wohnung war letzte Woche von einer jungen Familie bezogen worden.
»Die Frau versteht kein Wort Deutsch und hat gleich am ersten Tag die Waschkuchl unter Wasser gsetzt«, berichtete ich.
»De Hausmasterin hod si eh glei eigmischt. Schau ma, ob des wos hüft und ob des Kopftiachl vastaundn hod, wia’s bei uns do rennt«, keifte die Suchanek-Elfie, die für Zuwanderer generell nicht viel übrig hatte. »Soin daham bleim, waun sa se ned aupassn woin«, ergänzte sie.
»Samma sowieso boid letzte Oestarreicha do in Bau«, legte die Dragica nach.
»Das Ventil ist gebrochen«, mischte sich die Christl ein. »Da kann die Türkin gar nichts dafür.«
Die Suchanek-Elfie verdrehte die Augen. »Woascheinli hod sie’s söba ruiniert«, sagte sie rechthaberisch. Ich legte Christl die Hand auf den Arm, was unnötig war, weil meine Freundin sich ohnehin auf keine Konfrontation mit der Elfie einließ.
»Ich hob g’hert, die zoin iba siebenhundert Oero fia sechzig Quadratmeter. Siebenhundert!«, wiederholte die Dragi und griff nach den Zigaretten in ihrer Tasche.
»Die Erni hat nicht amal dreihundert zahlt.« Ich schüttelte verwundert den Kopf.
»A neicha Mieta wird neich eigstuft. Sogar ois Vawaunta zoist mehr, wennst die Wohnung iwanimmst«, wusste die Gummi-Hilde.
»De miassn a a Gschäft mochn«, zeigte die Suchanek-Elfie Verständnis.
»Stani had si sicher gefreid«, sagte die Dragi boshaft.
Die Gummi-Hilde packte den Zirbenschnaps aus. Die Suchanek-Elfie verteilte die randvollen Stamperln. »Wiaso?«
»Wäu a floch is.« Die Gummi-Hilde runzelte grimmig die Stirn. »Zwa Scheidungen, Alimente und jetz hod a si a no mit den jungan Flitschal eilossn.«
»Welches?«
»De gaunz schwoaz Gfärbte, de Kassierin mit de komischn Tätowierungen auf de Händ bein Hofa wisawi. Furchtboa wia sie de Menscha heit herrichten!«
»I möcht wissen, was die Weiber an dem finden?«
»An Schmäh hod a.« Die Suchanek-Elfie grinste anzüglich. »Außadem is a a fescha Mau. Samma uns ehrlich. Von da Bettkantn häd eam kane von eich gsteßn.«
»Du musst es ja wissen«, eiferte die Zuckerwatte, die selbst ein Auge auf den Elektriker geworfen hatte.
»Nur Gerüchte. Leida«, wehrte die Suchanek-Elfie ab.
»Fia sei erschte Frau zoid a a no imma«, kam die Gummi-Hilde auf das ursprüngliche Thema zurück.
»De hod nie wos g’hakelt und jetz nimmt s’ kana mehr«, wusste die Suchanek-Elfie.
»Geh hör auf. Wenn man will, findet man schon was. Aber wenn man sich die Finger nicht schmutzig machen will …«, wandte die Zuckerwatte ein, die die meiste Zeit ihres Berufslebens selber Stempeln gegangen war.
»Angeblich ist sie unheilbar krank.«
»Ka Wunda, dass eam seine Viertln schmeckn, waun er rundumandum nix ois Bresln hod.«
Der herannahende Rettungswagen unterbrach unsere Betrachtungen. Das Blaulicht flackerte noch einmal auf, bevor das Auto im nächsten Hof vor der Elferstiege hielt. Wir reckten die Hälse und Dragica stand auf, um nachzuschauen, was passiert war. Obwohl mir die Sonne warm auf den Rücken schien, stellten sich die feinen Härchen an meinen Unterarmen auf. Die Reaktion war mir vertraut und ich kippte meinen Zirbenschnaps hinunter, weil sich meine Kehle mit einem Mal so trocken anfühlte.
Eine halbe Stunde später wusste der halbe Bau Bescheid. Angeblich hatte die rote Toni während ihres Mittagsschlaferls einen Abgang gemacht. Dass sie angezogen in ihrem Bett gefunden worden war, wunderte außer mir offenbar keinen. Wer hatte auch sonst schon gewusst, dass sie sich im Gewand nicht einmal auf die Decke setzte, weil sie da so heikel war? Ich ging nach Hause. Denn es gab einiges, worüber ich in Ruhe nachdenken musste.
Der Anhänger war nicht zu übersehen. Vor lauter Aufregung fiel mir der Salat aus der Hand. Meine Knie waren weich geworden und ich musste mich am Einkaufswagen festhalten. »Hoppala«, sagte die Kassierin, auf deren Unterarm ein Totenkopf tätowiert war. Ein weiterer, aus purem Gold und mit herzförmigen Rubinen in den Augenhöhlen, hing an einer Kette um ihren Hals. Solche Zufälle gab es nicht! Was hatte sich die Erni geärgert, als sie das Schmuckstück im Allerheiligenpark gefunden hatte. »So a schiacha Dreck«, hatte sie gesagt, als sie uns ihren Fund bei der darauffolgenden Spielerrunde gezeigt hatte. Schließlich trösteten wir sie damit, dass der »schiache Dreck« immerhin etwas wert war und sie den Totenschädel zur Not ins Pfandl tragen konnte.
»Ein schöner Anhänger«, sagte ich zur Kassierin.
Sie griff nach dem Schmuckstück. »A Verlobungsgeschenk!«
»Dann steht er sicher unhamlich auf Sie«, schmeichelte ich und packte meine Einkäufe ein.
Die Kassierin grinste wie ein Hutschpferd.
Als ich der Christl davon erzählte, wollte sie es zunächst nicht glauben. Deshalb gingen wir gemeinsam noch einmal zum Hofer gegenüber von unserem Gemeindebau – um einen Liter Milch. Obwohl Kassa zwei frei war, stellten wir uns bei Kassa drei an, wo die Tätowierte saß. Vor uns schlichtete einer seinen Wochenendeinkauf umständlich auf das Förderband. So hatten wir genug Zeit, den Anhänger zu begutachten. Ich stieß die Christl mit dem Ellenbogen an, weil mir ihr auffälliges Starren schon peinlich war.
Wieder daheim, fügten wir die Verdachtsmomente wie Puzzleteile zusammen. »Das ist der Totenschädel, den die Erni im Park gefunden hat«, bestätigte meine Freundin. »Aber wie kommt die Kassierin zu dem Schmuck?«
»Sie ist das neue Flitscherl vom Stani und der Anhänger ist sein Verlobungsgeschenk«, erklärte ich.
»Aber das heißt ja …«
»…, dass der Stani ein Dieb ist«, vervollständigte ich den Satz.
»Unser Stani?« Meine Freundin war ziemlich perplex.
»Ich fürchte, es ist noch viel ärger«, fuhr ich fort. »Ich glaub, der Stani hat was damit zu tun, dass bei uns in letzter Zeit etliche alleinstehende alte Frauen gestorben sind.«
In Christls Miene spiegelte sich Entsetzen. »Im Ernst? Wie kommst du darauf?«
»Erstens hat er bei der Mitzi, der bladen Vyslozil, der Erni und der roten Toni, knapp bevor sie tot gefunden worden sind, was Elektrisches in der Wohnung gerichtet.«
»Bei mir auch, und ich leb noch«, wandte die Christl ein.
»Und zweitens war er auch an ihren Todestagen in unserem Gemeindebau unterwegs, obwohl er für mehrere Zinskasernen im Bezirk zuständig ist«, setzte ich unbeirrt fort.
Die Christl holte den Sliwowitz, den ihr die Dragi zum Geburtstag geschenkt hatte, aus dem Küchenkastl und kippte ein Stamperl des Obstbrands auf ex. »Aber wieso hätte er bei denen nachhelfen sollen? Die hätten sowieso nicht mehr ewig gelebt.«
»Damit er nicht so lange auf große Aufträge warten muss. Du weißt doch, dass die ganze Elektrik erneuert wird, bevor eine Wohnung wieder vergeben wird. Der Stani braucht dringend Geld, bei zwei Scheidungen und für die Alimente, die neue Geliebte, Schulden und was weiß ich noch alles«, erklärte ich.
»Und wenn die Gelegenheit günstig war, hat er gleich noch was mitgehen lassen, so wie den Schmuck bei der Erni«, sagte die Christl und runzelte die Stirn. »Aber wie hat er’s gemacht?«
Diese Frage hatte auch mich beschäftigt, bis mich ein Fernsehkrimi auf eine Idee gebracht hatte. »Ich glaub, er hat sie betäubt, so dass sie sich nicht mehr wehren konnten. Und dann hat er sie erstickt. Dazu reicht ein weicher Fetzen, die fallen in einem Werkzeugkoffer nicht auf. Damit man ihm nicht dahinterkommt, hat er es bei jeder ein bisserl anders ausschauen lassen«, breitete ich meine Theorie aus.
»Da hätte doch spätestens bei der Obduktion was auffallen müssen«, entgegnete die Christl.
Ich winkte ab. »Geh, warum sollte man eine Alte, ohne dass es einen Verdacht gibt, aufschneiden? Das kommt doch viel zu teuer und außerdem gibt’s nicht genug Pathologen. Es wird gespart, wie überall.« Ich schenkte mir nun auch einen Sliwo ein und nahm einen ordentlichen Schluck.
»Und was tun wir jetzt? Sollen wir ihn anzeigen?«, fragte die Christl.
Ich schüttelte den Kopf. »Mit welchen Beweisen? Wen interessieren denn schon ein paar tote alte Weiber aus einer Zinskaserne?«
»Du hast recht. Wahrscheinlich glaubt die Polizei sogar, wir fantasieren uns da was zusammen und wollen uns wichtigmachen, weil uns fad ist.« Die Christl hatte sich aufgerichtet und die Arme auf den Tisch gestützt. »Also, was machen wir?«
Ich griff nach der Flasche und schenkte uns fürs Erste einen weiteren Obstbrand ein. Die Erkenntnis, dass der attraktive Elektriker, für den fast alle aus unserer Runde schwärmten, uns in Wahrheit mit seinem Schmäh nur hatte einkochen wollen, damit er leichtes Spiel mit uns hatte, ließ uns immer zorniger werden. Während wir am Sliwowitz nippten, debattierten wir, wie wir die Sache am besten angehen könnten. Nach und nach entwickelte sich ein Plan. Es war schon sehr spät, als wir uns beim fünften Sliwo auch über die letzten Details einig wurden.
Drei Tage später
Ich stelle mir vor, wie Christl die Tasse mit dem dampfenden Kaffee vor den Elektriker stellt. »Einen kleinen Beifahrer«, sagt sie und platziert den Sliwowitz daneben. Stani, der bereits angeheitert erschienen ist, lässt sich nicht lange bitten, kippt den Obstbrand hinunter und spült mit Kaffee nach. »Oisdann!« Er wankt leicht, als er ruckartig aufsteht. »Da FI is unten«, wiederholt er und macht sich am alten Herd zu schaffen. Er kippt das abgeschlossene Gerät auf die Rodel und stellt es ins Vorzimmer. Der neue E-Herd ist bereits ausgepackt. Jetzt ist es gleich soweit. Sobald Stani den Herd an den Starkstrom anschließt, kommt der wichtigste Teil meiner Aufgabe. Wir haben lange diskutiert, wer von uns beiden es tun soll. Letztendlich haben wir gewürfelt. Ich habe verloren und bin nun froh darüber, dass ich den letzten Akt zwar hören, aber wenigstens nicht sehen muss. Christl hat sich neben der Küchentür postiert und behält gleichzeitig den Elektriker im Blick. Ich warte im Vorzimmer neben dem Sicherungskasten auf meinen Einsatz. Mir ist vor Aufregung jetzt schon ganz schlecht.
»Fini!«, sagt Christl. Das ist mein Stichwort. Ich drücke den FI-Schalter nach oben, vorsichtig, halte ein wenig dagegen, damit ich nur ja kein verdächtiges Geräusch mache. Stani bemerkt nicht, dass der Anschluss wieder unter Strom steht. Das Warten setzt mir langsam zu. Ich bin plötzlich nicht mehr überzeugt, dass es wirklich so eine gute Idee ist. Noch könnte ich die Sache abbrechen. Dann fällt mir Erni ein, der goldene Totenkopf, die tätowierte Kassierin, die rote Toni, die blade Vyslozil …
Christl schreit auf, als es schnalzt. Der dumpfe Schlag deutet darauf hin, dass Stani gegen das Küchenkastl geprallt ist. Der schlimmste Moment steht uns dann noch bevor. Was machen wir, wenn der Elektriker noch lebt? Ziehen wir ihm ein Plastiksackerl über den Kopf und warten, bis er den letzten Rest Leben ausgehaucht hat? Ihm Nase und Mund zuzuhalten wäre auch eine Möglichkeit. Aber das schaffen wir bestimmt nicht! Ich erinnere mich, was Christl über Stromunfälle gesagt hat: »Starkstromopfer sind fast immer tot oder sterben kurz nach dem Schlag.« Während ich an die Bilder der angesengten Leichen aus einer Zeitschrift denke, die mir meine Freundin gezeigt hat, läutet es an der Wohnungstür.
Eigentlich dürfte nichts schiefgehen. Wir haben alles genau geplant und den Ablauf wie einen Fernsehkrimi bis ins kleinste Detail x-mal durchgespielt. Trotzdem sind meine Handflächen vor Aufregung ganz nass. Christl nickt mir aufmunternd zu, bevor sie die Tür öffnet.
»Grüß Sie«, sagt Stani und stellt den Werkzeugkoffer ab.
Ich schicke ein letztes Stoßgebet zum Himmel, damit alles so klappt, wie wir es geplant haben. »Einen Kaffee, Herr Stani? Und vielleicht einen kleinen Beifahrer dazu?«, fragt meine Freundin und holt den Sliwowitz aus dem Küchenkastl. »Nehmen S’ ruhig Platz«, sage ich meinen gut geübten Einleitungssatz für den finalen Showdown auf. »Olles leiwaund?«, fragt Stani und ich merke, wie mein Lampenfieber nachlässt, weil sich auch der Elektriker an unser Drehbuch hält.
Erwin Riess
Brief an einen Floridsdorfer im Exil
Lieber Freund!
Wundere Dich nicht über diesen Brief, nimm ihn als schicksalhaftes Ereignis. Vor langer Zeit, im Winter und Frühling 1976, waren wir Bettnachbarn in der Neurologie des Alten AKH, diesem düsteren Bau, den einige Patienten überlebten, allerdings mit schweren seelischen Schäden. Du erinnerst Dich an den schmächtigen Jungen mit der Vorliebe für Binnenschiffe und Otis Redding. Mittlerweile bin ich nicht mehr schmächtig und fahre im Rollstuhl. Otis Redding liebe ich nach wie vor. All die Jahre habe ich mich gefragt, was aus Dir geworden ist. Nach den vielen Wochen im Krankenhaus haben wir uns nicht mehr gesehen, Du warst wie vom Erdboden verschluckt. Niemand wusste, wo Du Dich herumtreibst, ob Du überhaupt noch in Österreich bist. Die Nachbarn aus Eurem Gemeindebau waren ratlos. Deine Mutter war verzweifelt, zumindest schien es so. Ich wohne nun schon viele Jahre in der Nähe Deiner alten Wohnung in Stammersdorf. Sehr selten ist in den Heurigen der Umgebung noch von Dir die Rede.
Neulich habe ich beim Binder-Heurigen einen pensionierten Erdölingenieur kennengelernt, der in seiner Jugend bei einer kanadischen Firma namens van Sickle arbeitete, einer Pionierin der Erdölwirtschaft in Osteuropa und Österreich. Die van Sickles waren die Ersten, die noch vor dem ersten Krieg in Rumänien Öl erbohrten, und auch in Österreich waren sie Anfang der Dreißigerjahre in der Prospektion erfolgreich. Es war der alte Ingenieur, durch den ich auf Deine Spur gekommen bin.
Die van Sickles mussten vor den Nazi nach England flüchten, ihre Fabrik wurde von den Deutschen beschlagnahmt. Die Kampfflieger der deutschen Luftwaffe, die ihre Bomben über dem Zentrum Londons abluden, wo die van Sickles lebten, waren mit Sprit aus dem in Österreich geraubten Erdöl der van Sickles unterwegs. Nach dem Krieg kam die Familie zurück und führte die Firma weiter. Irgendwann in den späten Siebzigerjahren, der Zeit, in der wir beide im Spital lagen, ging die Firma im Konzern der staatlichen ÖMV auf.
Lieber Karl!
Du fragst Dich, was das alles mit Dir zu tun hat. Lies weiter, Du wirst staunen. Der besagte Ingenieur hatte über die van Sickles Kontakte nach Kanada und war auch immer wieder beim kanadischen Teil der Familie in Ontario zu Gast. Eines Tages besuchte er jenseits der Grenze zu den nahen USA ein Autorennen im entlegensten Nest, das je Formel-1-Rennen gesehen hat, in Watkins Glen an den Finger Lakes im gleichnamigen Nationalpark in Upstate New York. Als der Ingenieur die Finger Lakes erwähnte, fiel bei mir der Groschen. An den Finger Lakes, so hattest du in den endlosen Spitalnächten erzählt, wächst nicht nur akzeptabler Wein, es gibt dort auch tiefe Wälder, in denen Du in den Sechziger- und Siebzigerjahren wie ein Indianer wochenlang im Wald unterwegs warst, mit Pfeil und Bogen, einem Bowie-Knife und einem Schlafsack. Du warst ja nach dem Staatsvertrag ausgewandert, die alten und jungen Nazi kriechen wieder aus ihren Löchern, hattest Du gesagt, ich mag diese Bande nicht triumphieren sehen, lieber geh ich nach Amerika. Du warst nur der Operation wegen nach Wien zurückgekehrt, in den Staaten warst Du nicht versichert. Du warst damals Partner in einer Garage in Arlington, dem Heimatort Franklin und Eleanor Roosevelts, die beiden hatten dort ein Landhaus oberhalb des Hudson River bewohnt. Woody Guthrie wurde von den Roosevelts dorthin eingeladen, er bekam den Auftrag, einen Song zu schreiben, der den Eintritt in den Krieg gegen Nazi-Deutschland populär machen sollte, ein Vorhaben, das damals in den USA auf großen Widerstand nicht nur der Nazi-Anhänger um Walt Disney, Joseph L. Kennedy (Vater von John F. und Robert), des Zeitungsmagnaten Randolph Hearst und des glühenden Antisemiten Henry Ford stieß. Charlie Chaplin setzte sich für den Kriegseintritt ebenso ein wie die gesamte Linke und Teile der Großbourgeoisie. Und der kommunistische Wandersänger Guthrie, der nicht in Konzerthallen, sondern vor den Orangen- und Zitronenpflückern Kaliforniens auftrat, welche unter sklavenartigen Bedingungen unter Wachtürmen und Stacheldraht lebten, sollte den Song für den Kriegseintritt liefern. Ein talentierter Bursche aus Duluth am Oberen See, Sohn jüdisch deutscher Einwanderer, pilgerte 1961 zum kranken Woody in die psychiatrische Klinik. Und der große alte Mann der Folkmusik spielte dem grünen Jungen den Song, den Franklin Delano Roosevelt bei ihm bestellt hatte, vor. Bob Dylan passte gut auf. In »Song for Woody« und dem späteren »Masters of War« findet sich der Song verewigt. Dass Guthries Kriegslied nicht populär wurde, hing damit zusammen, dass man es nicht mehr benötigte. Die Antwort auf die Frage des amerikanischen Kriegseintritts hatten die Japaner mit ihrem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 geliefert.
Du siehst, Deine politischen Schulungsmaßnahmen waren bei mir nicht erfolglos. Bären sind dort oben eine Landplage, pflegtest Du auch zu sagen. Wie die Biber am Marchfeldkanal, könnte ich heute ergänzen. Aber zu Deiner Zeit gab es in Floridsdorf noch keinen Marchfeldkanal und keine Biber. Angeblich hast Du an einem dunklen Tag in den tiefen Wäldern der Finger Lakes zwei Jungbären erschossen, aus Notwehr. Ich glaube, mit einem einzigen Schuss. Die Geschichte war zu gut, um Zweifel aufkommen zu lassen. Diese Leidenschaft hat mich nicht verlassen, alter Freund. Ist eine Story gut, lasse ich mir auch heute noch gern einen Bären aufbinden. Aber den Verstand schalte ich dabei nicht aus. Das ist auch der Grund, warum ich Dir diesen Freundschaftsgruß sende.
Lieber Karl,
Du bist in der Josef-Flandorfer-Straße in Wien-Stammersdorf, dem schönsten Teil von Floridsdorf, aufgewachsen. Eure winzige Wohnung im Gemeindebau aus den Fünfzigerjahren lag neben der Wendestelle des 31ers, der Tramway zu den Heurigen Stammersdorfs. Das Grölen der Betrunkenen und das Quietschen der Straßenbahn wiegten dich in den Schlaf. Von einem Vater hast Du nie erzählt, ich glaube, Deine Mutter war schon sehr früh Alleinerzieherin. Als ich Dich 1976 im AKH kennenlernte, besuchte sie uns jedes Wochenende, werktags arbeitete sie als Putzfrau in Arztpraxen und bei einem Rechtsanwalt, der für die FPÖ im Parlament saß und ehemaliger SS-Flieger der Legion Condor war, die Guernica dem Erdboden gleichgemacht hat. Immer brachte sie Obst und Zeitungen mit, manchmal war eine New York Times dabei, und ich habe mich gefragt, wo man die in Stammersdorf kaufen konnte. Ich erinnere mich an eine kleine, wieselflinke Frau mit sprödem Charme, die ihren Karli abgöttisch liebte.
Du hattest in der ÖMV gelernt, Erdöltechniker. Ein schöner, ein großartiger Beruf. Bevor Du Mitte der Sechzigerjahre ins Land der brave and free abtschapiert bist, hast Du noch viel Zeit auf den Förderstätten des Weinviertels zugebracht. Was Du mir in langen Nächten in dem Sechzehn-Betten-Saal erzähltest, als wir beide nicht schlafen konnten, Du wegen der Schmerzen nach der gescheiterten Bandscheibenoperation, ich wegen der Schmerzen nach meiner ersten Operation an einem Rückenmarkstumor, habe ich nicht vergessen. Der Achtunddreißigjährige und der Achtzehnjährige redeten sich die Welt nicht schön, wir redeten sie uns erträglich. Gute Erzählungen habe ich damals schon geschätzt, und Deine waren ebenso gut wie die Kurzgeschichten von Hemingway und Faulkner, die ich damals las.
Du erinnerst Dich an den Weinhauer aus Gösing am Wagram, mit »Ich komme aus Gösing und heiße Kögl, das merkt man sich leicht« hatte er sich vorgestellt. Ein vierschrötiger Mensch, voll Lebenslust und Tatendrang. In ein paar Tagen bin ich wieder im Weingarten, hatte er trotzig hinzugesetzt. Nach der ersten Kopfoperation fehlte ihm der halbe Schädelknochen. Nach der zweiten konnte er nur mehr lallen und lag im Bett. Die dritte hat er nicht überlebt. Am Tag vor der letzten Operation stand seine Familie mit der apfelgesichtigen Frau und den vier vom Donner gerührten Kindern um das Bett des Vaters, dessen weit aufgerissene Augen ein einziger stummer Schrei des Entsetzens waren. Das alles geschah in einem halben Jahr, ich lag ja Monate auf der Neurologie, und bei Dir war es auch nicht viel kürzer. Damals hat man die Kranken der Welt entzogen, mehrmonatige Aufenthalte waren im Alten AKH die Norm. Jetzt wirft man akutkranke Patienten nach ein paar Stunden aus den Spitälern, sie sollen schauen, wie sie allein zurechtkommen. Krankenhäuser sind für Ärzte und Pflegepersonal da, Patienten stören den Betrieb.
Du erinnerst Dich sicher auch noch an den seltsamen Vogel mit Tiroler Dialekt, ein Schiffsingenieur, der auf Riesentankern zwischen dem Persischen Golf und Rotterdam unterwegs war, rund um Afrika, denn für den Suezkanal waren die Pötte zu groß. Er hatte eine verstopfte Halsschlagader und redete manchmal wirr. Als der Tross der Visite einmal bei ihm hielt und der junge Primar Heiss ihn nach seinem Befinden fragte, stand der Tiroler stramm neben seinem Bett und antwortete: »Herr Doktor, ich rate Ihnen zu einem Opel Commodore, der verfügt über ein ausgezeichnetes Hängevermögen. Ich bin im Ötztal einmal mit einem Commodore in einen steilen Wald gestürzt und dort in den Baumwipfeln hängengeblieben, unverletzt. Und das gedenke ich auch zu bleiben!«
Und dann war da noch der Barmixer vom Hilton-Hotel, ein Burgenländer namens Pinter, gutaussehend, er wäre als Zwilling von Alain Delon durchgegangen. Auch er mit einem Tumor im Kopf, auch er nach einem halben Jahr tot. Hier herrscht Krieg, wir sind in einem Frontlazarett, hast Du gesagt. Überleben, Kollege, überleben! Darum geht’s hier. Vergiss alles andere!
Lieber Karl,
kommen wir zur Sache. Ich möchte Dir von einer Mordserie erzählen, die sich Ende der Siebzigerjahre in meinem Gemeindebau mit seinen fünftausend Leuten ereignet hat. Wie Du ja aus eigenem Erleben weißt, sind Gemeindebauten eine Welt für sich, es verwundert also nicht, dass die Mordserie nie aufgeklärt wurde, obwohl damals auch zwei Kriminalbeamte ums Leben kamen, die ebenfalls im Gemeindebau wohnten. Dann erwischte es noch einen Finanzprüfer, den hat eine Giftschlange hinweggerafft, bedenke: eine Giftschlange in Floridsdorf! Und dann war da noch der Mord an einem bekannten Floridsdorfer Spediteur, welcher über eine beeindruckend große Sattelschlepper-Flotte gebot, die er mit illegalen und ausgebeuteten Chauffeuren aus dem Osten betrieb. Der Mann parkte seinen kanarigelben Ferrari vor den Heurigen und sonnte sich in der Aufmerksamkeit der Gäste. Ein eitler und primitiver Charakter.
Wirtschaftskammer, Gewerkschaft und Polizei waren von ihm bestochen; das ging über Spenden für den Verein der Freunde der Wiener Polizei, den Sportverein Handelsministerium und den Stipendienfonds des ÖGB, der aus den Spenden Mini-Stipendien an Studenten ausschüttete. Ich weiß das, denn ich habe damals von besagtem Leopold-Böhm-Fonds fünfhundert Schilling Jahresstipendium bekommen. Mein Heimplatz kostete das Dreifache, aber monatlich. Wahrscheinlich wäre mehr Geld zur Verfügung gestanden, aber Österreichs Spitzengewerkschafter haben ja auch ihre Bedürfnisse, das wissen wir von den Herren Verzetnitsch, der sich ein Penthouse im ersten Bezirk organisierte, und Flöttl junior, der eine Insel auf den Bermudas sein Eigen nannte und den Streikfonds von drei Generationen, die BAWAG-Bank, in den Sand setzte – und bei dem niemand nachfragte, wo die Milliarden geblieben waren. Ich bin sicher, Du hättest nachgefragt und Du hättest Dich nicht mit Ausreden abspeisen lassen.
Eingangs erwähnte ich den Erdölingenieur von van Sickle. Er erzählte mir von einem erbitterten Verdrängungswettbewerb zwischen »unserem« Spediteur und einem aus dem neunten Bezirk. Die beiden ließen nichts unversucht, dem anderen zu schaden, es hagelte Anzeigen und Sabotageakte, einige Zugmaschinen wurden auf entlegenen Parkplätzen abgefackelt.
Du hast schon als Bub immer etwas dazuverdient, auch das hab ich nicht vergessen. Als Kegelaufsteller, Weingartenhelfer, Beerenpflücker. Bei Deiner Mutter und Dir war Schmalhans Küchenmeister.
Das Seltsame an der Mordserie war die angewandte Technik. Ein Pfeil ins Herz, durchschnittene Kehlen bei den beiden Kriminalbeamten, ein vom Schlangengift getöteter Finanzbeamter. Und der Spediteur wurde an einer Plakatwand angenagelt wie Jesus Christus, allerdings dürfte er da schon tot gewesen sein, auch seine Kehle war durchschnitten. Das Plakat, an dem er hing, zeigte einen Truck, er warb für das Speditionsgewerbe. Wir bringen, was Sie täglich brauchen.
In unserem friedlichen Bezirk ereignen sich zwar immer wieder Morde, es gibt dafür aber hinreichende Erklärungen. Die meisten spielen sich im Familienkreis ab und sind Produkte drückenden Geldmangels oder häuslicher Meinungsverschiedenheiten über die Schärfe eines Gulaschs. Manchmal wird auch das Erscheinen neuer Sexualpartner in abgestorbenen Beziehungen durch klassische Eifersuchtsmorde quittiert. Erweiterte Suizide kommen bei uns selten vor, auch die Unterweltler im Bezirk haben Manieren und Herzensbildung.
Vor den geschilderten Gewalttaten verzeichneten wir Morde im Milieu von Berufsspielern, illegalen Waffenhändlern aus dem Kaukasus und dem ehemaligen Jugoslawien sowie der florierenden Geheimprostitution. So erwischte den »schönen Rudolf«, einen Stoßspieler und Peitscherlbub von Rang, auf dem Nachhauseweg in den Gemeindebau ein Messer. Ein Beziehungsstreit zwischen einer älteren Prostituierten und ihrem Zuhälter fand in der Brünner Straße sein Ende, als der Mann vor einer Ampel anhielt, eine Pumpgun aus dem Kofferraum des Fünfhunderter Mercedes holte und seine Mitarbeiterin durch das Seitenfenster erschoss. Dann setzte der Mann sich auf den Fahrersitz und schoss sich den Kopf vom Rumpf. All das waren bedauerliche Zwischenfälle, das soziale Leben im Grätzel vermochten sie aber nicht zu stören. Man wusste vom jeweiligen Hintergrund der Bluttaten und fühlte sich, da nicht betroffen, in Sicherheit. Einzig der Mord an einem Tankwart hatte in den Neunzigerjahren für Beunruhigung in den Gemeindebauten gesorgt. Es war damals die Zeit nach dem Kollaps der sozialistischen Staaten und man vermutete, dass ein Durchreisender seinen Geldbedarf auf diese Weise gedeckt hatte.
Caro mio!
Im Falle eines Mordes ist grundsätzlich das Motiv entscheidend. Wenn man das Motiv kennt, verliert ein Mord seinen Schrecken und wird Teil des Alltags – wie ein manipulierter Durchlauferhitzer, eine Massenschlägerei bei den Proben der Faschingsgilde, ein ausgelaufener Kühlschrank oder ein Behördenbrief, der zum Antritt einer Haftstrafe auffordert.
Zurück zur Mordserie: Man vermutet, dass die beiden Kriminalbeamten und der Finanzprüfer mit dem Floridsdorfer Spediteur gemeinsame Sache machten, das würde auch die zeitliche und technische Seite ihres Hinscheidens erklären.
Als die Morde geschahen, lag ich noch im Krankenhaus, Du warst ein paar Wochen vor mir entlassen worden und musstest mit einer hohen Honorarforderung rechnen. Ich kenne Dein Faible für abgekürzte Wege in Lebenskrisen und Behördenverfahren, schon als Dreizehnjähriger hast Du einen brutalen und aufsässigen Fußballtrainer in einen Weinkeller voller Gärgase gesperrt, man nannte das damals einen Unfall. Wir beide wissen es besser, lieber Karl.
Wie gesagt, Motive sind bei Morden entscheidend. Lass mich daher die folgende Schlussfolgerung formulieren. Ich denke, dass Du Dich mit dem Spediteurskonkurrenten im neunten Bezirk in Verbindung gesetzt hast und ihm bei der Lösung des Geschäftsstreits zur Hand gegangen bist, mit Deinen eigenwilligen Methoden. Die drei Mithelfer musstest Du auch behandeln, anders ging es nicht. Mit dem Honorar wirst Du wohl Deiner Mutter geholfen haben, und Deine Garage in Upstate New York konnte auch eine Renovierung gebrauchen. Ich zweifle aber, dass Du die Spitalskosten nachgezahlt hast. Das würde mich doch sehr wundern.
Mittlerweile ist über die Sache längst Gras gewachsen, Präriegras, wie ich meine. Ich hoffe sehr, dass es Dir in Deiner neuen Heimat gut geht. Bei uns entwickeln sich gerade die Vorboten einer neuen großen Zeit, wie Karl Kraus die Kriegszeit nannte, aber davon seid Ihr in den USA ja auch nicht gefeit, wenn ich mir Eure Präsidentschaftskandidaten anschaue. Ich glaube nicht, dass ich je nach Upstate New York komme, aber jedes Jahr besuche ich meinen Freund Mister Giordano in New York. Seine »Mulberry Street Bar« in Little Italy führt jetzt sein Sohn Larry, ein patenter Kerl. Für mich ist dort immer ein Platz reserviert, vis-à-vis vom Eingang, der Tisch unter dem Wandgemälde. Dort könnten wir uns treffen. Du brauchst nur meinen Namen zu sagen, die Leute dort wissen, wann ich komme. Einundzwanzig Uhr würde gut passen. Aber nimm Dir nachher nichts vor. Wir haben einander viel zu erzählen.
Mit den besten Grüßen aus dem friedlichen Floridsdorf!
Dein alter Freund aus dem Gemeindebau
Groll
Reinhardt Badegruber
Nackt und rasiert
Von todbringenden Kellerkratzern, Mannlichern und Mauerpeckern im Karl-Marx-Hof
Seit zwei Wochen lebte Gruppeninspektor Frank Karl im Karl-Marx-Hof in Döbling, und zwar »undercover«. Der Polizeipräsident hatte ihm persönlich eine Legende auf den Leib geschrieben: Der Schellhammer-Ferdl wäre auf Urlaub. Einen Monat Malediven. Und er, der Frank Karl, solle nun in die Zimmer-Kabinett-Gang-Wohnung ziehen, um die Blumen zu gießen. »Du bist ein Unpolitischer«, hatte ihn der Polizeipräsident gepflanzt, »und der Karl-Marx-Hof ist so etwas wie der Vatikan der Sozialdemokratie. Als ideologisch unbeschriebenes Blatt (was aus dem Mund des Polizeipräsidenten eine boshafte Umschreibung für »unbedarften Trottel« war) bist du also der Richtige, um jene Rowdies zu stellen, die seit Monaten im Keller des Gemeindebaus ihren Vandalismus ausleben.« Frank Karl hatte von diesen »Kellerkratzern« gehört. Das waren Mauerpecker, die aus einer unverständlichen Motivation heraus Löcher in den Verputz der Gemeindebauten schlugen. Soll sich doch das Bezirkskommissariat um die Gruftieszene kümmern und ihn aus dem Kraut lassen. Aber nein, der Big Boss persönlich bestand darauf, dass er dem Schellhammer-Ferdl seine Blumen gösse. Er brauche bloß undercover einzuziehen und die Augen offenzuhalten.
***
Das sogenannte »Schellhammer-Appartement« im Karl-Marx-Hof hatte den Komfort eines Besenkammerls, weil das »Arbeiterversailles« zwischen 1926 bis 1930 errichtet worden war. Zwar verfügte jede der tausend Wohnungen über Fließwasser, was in der Ersten Republik eine Sensation gewesen war, aber an ein eigenes Badezimmer wagte damals noch niemand zu denken. Also hatten die Eltern des Schellhammer-Ferdls nachträglich eine Duschkabine installiert, was zur Folge hatte, dass fünfunddreißig Jahre später der Wohlstandsbauch des Gruppeninspektors Frank Karl in der Glasschiebetür des besagten Heimwerkertröpferlbads stecken blieb. Um sich aus der Klemme zu quetschen, gab sich der Frank Karl einen Ruck, weshalb seine Füße auf dem Duschschüsselboden ins Schlittern kamen. Er ruderte mit den Armen, umklammerte die Glaswand, bis sie knirschte. Plötzlich der Knall. Die Scheibe splitterte und der Gruppeninspektor hatte einen Glaszacken in der Bauchdecke stecken. Wie eine Sau blutend stürzte er hinaus auf den Gang und quietschte: »Hilfe, i verbliat!«1 Die Nachbarin, die die Wohnung unter ihm hatte, kam über die Stiege gekeucht, klatschte sich die Hände an die Stirn und schrie: »Jessas, a nackter Mann!« Dann zog sie den Verwundeten in ihre Wohnung, warf den Gruppeninspektor wie ein Vergewaltigungsopfer auf die Couch, zog den Glassplitter aus dem Bauch und tupfte mit einem Küchentuch Jod an die Wunde. Frank Karl wimmerte. »Na, na, an so einem Kratzer stirbt man nicht gleich«, gurrte sie und schaute besorgt auf den Bauchnabel, wobei es Frank Karl schien, dass es ihre Augen mehr auf seinen Schwanz als auf sonst was abgesehen hatten. Jetzt zog die Frau ihre Hand zurück und streifte rein zufällig die Spitze seiner Eichel. Die Augenbrauen des Gruppeninspektors zuckten in die Höhe. Er seufzte. Die Frau jagte ihm Angst ein.
»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. I hab Praxis im Umgang mit verwundeten Männern. Mein Mann, der Christian, war zuerst ein Raafer2 im Prater und dann Aussischmeißer3 in einer Bar am Gürtel. Er hat sozusagen sein Hobby zum Beruf gmacht. Also bin i a perfekte Krankenschwester wordn. Des hat bei uns in der Familie Tradition. Meine Mutter ist Ärztin und meine Großmutter hat die Verwundeten des Vierunddreißigerjahres4 verbunden.«
Zwanzig Minuten später war die Mutter der jungen Nachbarin da. Sie stellte sich auch artig vor: »Doktor Apsdor«. Und ohne Übergang: »Hat Ihnen meine Tochter einen Feitl in den Bauch gejagt? Habts einen Joint zu viel geraucht? Sind Sie der neue Lover von der Monika?« Nach einem abschätzigen Blick auf seinen Penis gab sie sich selbst die Antwort: »Na ja, könnte durchaus der Fall sein. Zuletzt soll sie sich ja sogar mit einem Kieberer eingelassen haben.« Die Ärztin schaute Frank Karl scharf ins Gesicht: »Sie sind aber kein Kieberer?« Frank Karl errötete. Dann haute sie ihm ein Jaukerl5 in die Bauchdecke. Der Gruppeninspektor schrie: »Au!« »Der Christian«, fuhr die Ärztin ungerührt fort, »der Mann meiner Tochter, ist eine verkrachte Existenz, ein Nichtsnutz aus Oberdöbling6. Schon meine Mutter hat gesagt, Kind, lass die Finger von so einem Filou aus der Cottage7. Von dort kommt nämlich nichts Guats. Sie musste es wissen, weil ja auch mein Vater so ein versnobter Bonvivant war, der zuerst meine Mutter geschwängert und sich dann aus dem Staub gemacht hat.« Frank Karl schrie auf, als die Ärztin die Nähnadel ansetzte. »Pscht!«, zischte sie. Und an die Tochter gewandt: »Sag deinem Burschi, er soll net so schreien, weil wir sind ja net beim Vögeln.« Dann setzte sie ungerührt ihre Familiengeschichte fort: »Die Gspritzten aus den Herrschaftsvillen haben seit jeher auf uns herabgeblickt. Aber dann haben s’ gschaut, im Sechsundzwanzigerjahr. Weil wir was aufbaut haben. Einen Karl-Marx-Hof mit tausend Wohnungen. Mehr Einwohner als Eisenstadt. Da waren die dreihundertsieben Zimmer in Schönbrunn a Schaß dagegen. ›Eine Trutzburg‹, haben s’ gsagt. Die haben sich direkt gfiacht8. I glaub, ein bisserl Sexualneid war bei de Bürgerlichen a dabei. Die waren ja durch und durch verklemmt. Bis sich so a Tussi auszogen hat, mit ihre fünf Schichten Bluserl, Rüscherl, Rockerl und Negligé, is dem Buderanten9 schon wieder alles vergangen. Diese gspritzten Weiber haben selbstbewusste Frauen wie meine Mutter gehasst, … bis zum Gehtnimmer. Weil die haben ganz genau gewusst, dass ihre Mauna (Männer) die Nudistinnen vom Gemeindebau gerne budert hätten. De san so richtig geil gwen auf knackige Proletenhintern und meiner Mutter dauernd nachgstiegen. Mit lauter Schmäh. Wollen S’ net bei uns a bisserl im Haushalt aushelfen? Fürs Putzen zahl i gut. Aber nix da, revolutionäre Sozialistinnen waren viel zu stolz, um sich mit so an parfümierten Affen einzulassen. Bis so a blasierter Trottel meiner Mutter einmal gsagt hat: Sexualität ist das Kino des kleinen Mannes. Leider war das Arschloch ein echter Feschi10. Er hat meiner Mutter gefallen. Sie hat daher meinem nachmaligen Vater ihren Busen gezeigt, … unter einem Gebüsch auf dem Überschwemmungsgebiet. Ihre Bauchdecke war stramm, die Wade hart, ihr Körper durch Arbeit gestählt. Das sind die Lichtspiele des kleinen Mannes, hat sie gesagt. Für sie war das ein Sieg über die Finsternis, denn die Bürgerlichen haben es ja nur unter der Tuchent getrieben. Wie dann meine Mutter schwanger gwesen ist, hat der reiche Gimpel von ihr nichts mehr wissen wollen. Lang hat er aber eh nimmer gelebt, weil mit dem Hitler ist der Krieg gekommen. Der feine Herr war Reserveoffizier und musste sein Leben für Führer, Volk und Vaterland lassen, … in Russland.« »Fertig! Steh auf!«, herrschte die Ärztin den Gruppeninspektor an. »Lass dich anschauen!« Dann patschte sie ihre Hand auf seinen Arsch, dass es nur so klatschte. »Mach meiner Tochter nur ja kein Kind!«
***
»Was machst denn du da?«, stieß ihn eine Stimme von hinten an. »Hast di verirrt?« Frank Karl wirbelte herum. »Ah du bist’s«, lachte er, als er seinen Kollegen, den Armin Schubert, erkannte. »Oida11, hast du mich aber erschreckt.« »Weil ich dich erwischt hab …« »Erwischt bei was?« »Wie du in Nußdorf12 heraußt nach einem Heurigen suchst, und das in der Dienstzeit.« »Ich bin auf Recherche, und zwar undercover.« »Ha, ha, ha! Na dann«, zerstrudelte sich der Armin Schubert, »setzen wir unsere geheime Mission halt bei einem Viertel fort.« Die Kellnerin hatte die Karaffe Gemischten Satz13 noch nicht auf den Tisch des Gastgartens geknallt, als der Armin Schubert schon im verschwörerischen Ton flüsterte: »Du wohnst jetzt also im Karl-Marx-Hof?« Hoppala!, jetzt war der Karl Frank aber wirklich überrascht. Woher wusste der Armin Schubert das? »Ja«, antwortete er, »die Arschlöcher haben mich ins Rote Wien verbannt … Die Gegend muss dich doch interessieren, hat mich der Oberst Schellhammer g’häkelt. Du hast doch irgendwann einmal in deinem Leben auch ein bisserl Zeitgeschichte studiert. Stimmt, habe ich ihm geantwortet, ich bin durch sämtliche Prüfungen geflogen, und seitdem erfüllt mich alles mit Ekel, was mit Marx und Wien zu tun hat. Da hat der Oberst herzhaft glacht: Ja, i waß. In St. Marx14 haben s’ Ochsen und im Karl-Marx-Hof Arbeiter geschlachtet. Diese Geschmacklosigkeit war dann selbst dem Polizeipräsidenten zu viel. Herr Kollege, wollte er beschwichtigen, man könnte sich ja auch für den architekturgeschichtlichen Aspekt des Karl-Marx-Hofes begeistern. Da bin ich explodiert: Ich scheiß auf den architekturgeschichtlichen Aspekt, weil für die alten Stana muss doch so und so nur der Steuerzahler brennen, und die Tourismusindustrie profitiert davon. Von mir aus sollen s’ aus dem Stephansdom ein Pissoir machen, … ich hätte nichts dagegen. Nach einer Äußerung wie dieser suchen normalerweise sogar Atheisten das Weite. Schließlich hat ja jeder Wiener sein eigenes Heiligtum: die Konservativen die Habsburgerscheune in Hietzing und die Übrigen den Karl-Marx-Hof. Aber wehe dir, du brunzt gegen eine dieser Schlossmauern. Nach dieser Feststellung hat sich der Oberst halb angemacht. Auch der Polizeipräsident schien amüsiert. Köstlich, köstlich, wiederholte er. So, wie Sie sich auszudrücken pflegen, sind sie zweifelsfrei der richtige Mann für unser Anliegen.
»So war das also«, wunderte sich der Armin Schubert. Er strich sich nachdenklich über das Haar. »Jetzt wird mir einiges klar.« Und plötzlich, wie von einer Wespe gestochen, sprang er auf und starrte entsetzt auf die Uhr: »Jessas, ich muss rennen. Ich hab noch einen Termin. Komm mich besuchen. Ich hab mit dir etwas Wichtiges zu besprechen.« Und weg war er. Natürlich blieb der Frank Karl auf der Rechnung und beim Wein sitzen. Und natürlich war er zu besoffen, um drei Stunden später im Waggon der Straßenbahnlinie D einen Fahrschein zu zwicken.
***
»Fahrscheinkontrolle!«
Der Gruppeninspektor rührte sich nicht. Er schlief zusammengekauert auf den hinteren Ecksitzen, der sogenannten »Sandlerbank«.
»Ihren Fahrausweis bitte!« Das »Bitte« fiel jetzt schon etwas schärfer aus. »Your ticket please!«
»Ich mach mich an«, schreckte Frank Karl hoch. »Wie Sie ›ticket‹ aussprechen. Das ist fast so akzentfrei wie ›I am from Austria‹ beim Fendrich.«
»Sama leicht ein Obergscheiter? Ein Professor gar?«
Frank Karl machte eine wegwerfende Handbewegung und schickte sich an weiterzuschlafen. Jetzt fasste ihn der Kontrollor an der Schulter.
»Sand Sie deppert worden oder was?«, knurrte der Polizist.
»Ihren Fahrausweis, aber gschwind.«
»Wer sand Se eigentlich?«
»Ihren Fahrausweis bitte.«
»Ich hab Sie nicht gefragt, was Sie wollen, sondern wer Sie sand. Und wenn wir schon einmal beim Kontrollieren sind, zagen Sie mir zuerst einmal Ihre Legitimation.«
Frank Karl schob langsam seine Augengläser über die Stirn und langte nach der Plastikkarte, die der Kontrolleur an den Kragen seiner Windbluse geklipst hatte.
»Net anrühren!«, brüllte der Schaffner.
»Was jetzt?!«
»Sie sollen mich nicht angreifen.«
»Ich hab Sie gar nicht angegriffen. Wenn einer angriffig ist, dann sind Sie es. Weil Sie schreien. Bin i derisch oder was?«
»Ich schreie nicht, ich mache Sie bloß sachlich darauf aufmerksam, dass Sie mir Ihren Fahrausweis zeigen sollen.«
»Wenn Sie mi fragen«, drehte der Gruppeninspektor nun den Spieß um, »sand Sie gar kein Kontrollor. Weil ein echter Kontrollor ist ein Organ der Stadt, und als solches zeichnet es sich durch die Eleganz mustergültiger Höflichkeit aus. Aber der Ton, den Sie anschlagen, diskreditiert sich als mehr oder minder missglückter Ausdruck rowdyhafter Hilflosigkeit.«
»Gemma! Gemma!«, schrie nun der Kontrolleur siegessicher, denn die Tramway war in die Station Schottentor eingefahren. Aus der Tiefe der Straßenbahn tauchten zwei weitere Kartensheriffs auf. Zu dritt bugsierten sie den Gruppeninspektor zur Tür hinaus. Frank Karl lachte aus Leibeskräften: »Sie untergriffiges Zwickerschweinderl! Sie haben mich an der Achsel gekitzelt.«
»Dreihundert Euro«, brüllte der ältere der drei Fahrscheinkontrolleure, »und die Sache ist erledigt!« »Polizei, Polizei!«, schrie nun der Gruppeninspektor wie am Spieß, und schon kamen zwei Uniformierte über die Straße gestolpert: »Jo, was hamma denn do?«
»Wir haben da einen Schwarzfahrer gschnappt. Jetzt randaliert er. Und bsoffen ist er auch noch.«
»So, so!«, grinsten die beiden und drehten dem Gruppeninspektor die Arme auf den Rücken. »Schön brav bleiben«, rieten ihm die pubertären Gimpel, »weil sonst müssen wir dir ein bisserl wehtun.«
Бесплатный фрагмент закончился.
