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Andreas Gnesda

NEXT WORLD

OF WORKING

Zu den Gipfeln

eines

sinnerfüllten Lebens


Inhalt

Cover

Titel

Zitat

Warum (m)ein Buch?

Schritt eins: Wer kommt mit?

Schritt zwei: Persönliche Konstitution und Medizincheck

Schritt drei: Die richtige Route hat mehrere Wege

Schritt vier: Die richtige Ausrüstung

Schritt fünf: Wir sind ein Team

Schritt sechs: Die Schwierigkeitsgrade kennen

Schritt sieben: Wir gehen los

Schritt acht: Gruppen funktionieren anders

Schritt neun: Hör auf deine Kameraden

Schritt zehn: Anseilen

Schritt elf: Nicht umkehren

Schritt zwölf: Die Anziehungskraft des Gipfels

Danke!

Anmerkungen

Bücher, die ich dir empfehle

Impressum

Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.

(Mahatma Gandhi)

Warum (m)ein Buch?

Diese Frage habe ich mir selbst oft gestellt. Aber nicht nur ich, auch viele andere Menschen wollten wissen, was mich bewegt hat, ein Buch zu schreiben. „Warum schreibst du ein Buch?“, war die Frage, die ich unzählige Male gestellt bekam. Beim Versuch, mich zu erklären, bin ich nicht wirklich weitergekommen. Was mich selbst und auch andere in vielen Momenten unzufrieden in der Situation zurückließ. Es gab und gibt darauf keine logische, für andere und auch mich nachvollziehbare Erklärung; ich wusste einfach, dass ich schreiben möchte. Ich möchte die Geschichte meines Unternehmens und damit auch zum Teil meine Geschichte mit anderen teilen, um Menschen ein Beispiel dafür zu geben, wie visionäres Unternehmertum im Hier und Jetzt funktionieren kann. Menschen sollen ihre Potenziale nützen, ihre ganz persönlichen Entwicklung voranbringen.

Geht es nicht in allen Dingen, die wir schöpferisch hervorbringen und teilen wollen, um uns selbst, um das Loslassen und um das Geben? Kürzlich habe ich mich mit einem sehr lieben Freund und Mitarbeiter, Marko Rostek, ausgetauscht. Er hat gerade sein erstes Buch geschrieben und hat mir den wertvollen Tipp gegeben: Schreibe einfach DEIN Buch. Es geht um deine Erfahrungen, deine Gedanken, deine Thesen und Schlüsse daraus – es geht um DICH.

„Zu den Gipfeln eines sinnerfüllten Lebens“ soll Sie dieses Buch führen. Kommen Sie mit! Wir werden gemeinsam eine Skitour in ungeahnte Höhen machen, Dinge erleben, die Sie noch nicht kennen, und Erfahrungen in unseren Rucksack packen, die wir beide nicht so schnell vergessen werden. Es hat lange gedauert, bis ich für mich die Begeisterung des Skitourengehens entdeckt habe. Heute sind die Berge, die beruhigende Ausstrahlung der Natur, die Gipfelerlebnisse und die anschließenden Tiefschneeabfahrten in unverspurten Hängen aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Tourengehen hat mein Leben unglaublich bereichert. Als begeisterter Skifahrer habe ich also die Metapher der Skitour gewählt. Sie wird uns in diesem Buch begleiten und eignet sich hervorragend, an der einen oder anderen Stelle begreiflich zu machen, worum es mir geht. Wir werden uns näherkommen und ich werde Ihnen eine mögliche Anleitung zur besseren Erkennung des eigenen Ich geben. Darauf aufbauend werden Sie in der Lage sein, Ihr Umfeld, Ihre Organisation und Ihr Unternehmen nachhaltig positiv zu verändern.

Bevor wir beide Bergkameraden werden, möchte ich dir das Du anbieten. Am Berg ist das so üblich. Ich bin Andreas, dein Tourguide, und das ist das Buch in deine neue Arbeitswelt. Also lass uns gemeinsam on tour gehen!

Am Anfang wirst du dich ein wenig mit dir selbst beschäftigen. Du wirst der Frage „Was treibt mich an, was motiviert mich?“ auf den Grund gehen. Das wird dich an tiefe Stellen des eigenen Ich führen. Du wirst dabei auch viel über mich erfahren, weil ich gerne zeigen möchte, wie ich über mein Leben und meine Erfahrungen zu meinem Ich gefunden habe. Die autobiografischen Passagen entspringen nicht einem überhöhten Selbstdarstellungsdrang, sondern dienen vielmehr dazu, in den eigenen Tiefen zu stöbern, wozu ich dich auch aufrufen möchte. Dann widmen wir uns Organisationen, um schließlich SINN: VOLLEN Arbeitswelten einen Schritt näher zu kommen.

Ich habe – wie du später entdecken wirst – einen sehr persönlichen Zugang zum Arbeiten und den daraus resultierenden Arbeitswelten. Das Buch, das du in Händen hast, wird dich durch unterschiedliche Bereiche deines Lebens führen und dir die eine oder andere Frage stellen. Ich habe sie mir selbst alle im Laufe der Zeit gestellt und die Formulierung von Antworten hat mir geholfen, mich stärker zu fokussieren auf das, was mir wirklich wichtig ist in meinem Leben. Das Buch hält aber nicht nur Fragen für dich bereit, sondern auch Übungen. Diese Übungen werden dich deinen Werten, deinen Überzeugungen und damit auch deinen Erfolgen näher bringen.

Mir ist es wichtig, mit meinem Buch einen Impuls zu geben, der im Leben vieler Menschen etwas in Bewegung bringt. Ich möchte Interesse für neue Perspektiven bei dir wecken und gleichzeitig unterhalten. Genauso wichtig ist es mir, zu betonen: Wenn es langweilig wird, überspring bitte ein paar Seiten und kippe an der nächsten für dich geeigneten Stelle wieder hinein. Deine Zeit ist viel zu kostbar, als dass du dich mit für dich belanglosen Dingen auseinandersetzt. Ich als ehrgeiziger Perfektionist habe lange dafür gebraucht, Bücher richtig zu genießen. Ich dachte immer, dass ich aus jedem Buch alles mitnehmen müsste. Dabei liegt die Kraft des Lesers darin, sich das Vergnügen selbst einzuteilen. Ein Buch und das Wissen, das sich darin versteckt, sollte nicht konsumiert, sondern erlebt werden.

Mein besonderer Dank gilt all jenen, die in diesem Buch Stellung bezogen haben. Mein Leben ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl an Begegnungen mit interessanten Menschen. Einige davon habe ich gebeten, hier einen Beitrag zu leisten. Unzählige Gespräche, gemeinsame Erfahrungen und Einstellungen spielen eine wichtige Rolle auf meinem Lebensweg. Ich danke ihnen allen dafür! Du wirst sehen, es lohnt sich, auch jene Menschen ein klein wenig näher kennenzulernen, die mich auf meinem Weg bis hierher begleitet haben.

Nun aber zu einer meiner Leidenschaften: Ich liebe Bücher und habe aus einer Vielzahl an Büchern wesentliche Erkenntnisse gewonnen. Ich möchte dich gerne auf den Geschmack bringen und dich zur Vertiefung verführen. Daher habe ich am Ende dieses Buches einschlägige Quellen und Buchempfehlungen angeführt. Diese Empfehlungen beinhalten Bücher, die ich in den Kapiteln erwähne, aber auch solche, die eine weiterführende Lektüre für dich sein sollen.

Nun jedoch noch einmal zurück zu jener Frage, die ganz am Anfang dieses Buches steht: Was veranlasst einen übermäßig beschäftigten Menschen, einen dreifachen Familienvater mit vielen Hobbys, der in seinem Beruf Berufung erfahren hat, ein Buch zu schreiben? Der Versuch einer Antwort: Ich treffe berufsbedingt täglich viele Menschen. Eigentlich müsste ich sagen: Ich liebe es, Menschen kennenzulernen, zu kommunizieren und mich auszutauschen. Wo aber treffe ich all diese Menschen? Es sind vor allem Büros, Unternehmenszentralen, in denen ich mich seit mehr als dreißig Jahren bewege. Das Bild, das sich mir in diesen Gebäuden meist bietet, ist für mich ein sehr berührendes. Manchmal macht es mich auch traurig. Warum? Menschen zu sehen – oder sagen wir an dieser Stelle besser – Lebewesen zu erleben, die orientierungslos und unfokussiert einen traurigen Alltag fristen, ist nicht das, was ich persönlich unter einer SINN: VOLLEN Arbeitswelt verstehe. Sie vegetieren dahin vom morgendlichen Arbeitsbeginn bis zum Mittagessen, vom Ende der Mittagspause bis zum Ende des Arbeitstages, von Montag bis Freitag, vom Ende des letzten Urlaubes bis zum Beginn des nächsten Urlaubes, vom Arbeitsbeginn in jungen Jahren bis zur Pension. Erhellt werden diese Phasen durch den einen oder anderen Kaffeeplausch mit Kollegen und Kolleginnen, von der einen oder anderen Dienstreise oder Weiterbildung und wenn sie zu den Privilegierten gehören, von dem einen oder anderen kreativen Brainstorming.

Es fällt mir schwer, in solchen Situationen einfach nur zuzusehen, und ich wundere mich darüber, dass niemand oder besser gesagt nur wenige etwas dafür tun, dass sich derartige Zustände verändern! Es ist mir sehr wohl bewusst, dass nicht jeder Mensch in seiner Aufgabe in jedem Moment so viel Erfüllung finden kann, wie mir das im Moment möglich ist, aber Beruf sollte doch zumindest irgendetwas mit Berufung zu tun haben.

Im Kern dieses Buches geht es genau darum: Die eben beschriebenen Situationen in den Unternehmen bieten den Ausgangspunkt für dieses Buch. Und eines kann ich dir schon jetzt verraten: Es geht auch ganz anders! Ich habe gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für mein Unternehmen und damit auch für mich herausgefunden, wie es funktionieren kann. Meine Schilderungen darüber sollen dir Anregung und Anleitung zur Veränderung geben.

Das größte Anliegen ist mir, dich und andere aus einer möglichen Orientierungslosigkeit zu holen, die sich meist in einer Stagnation zeigt. Die Orientierungslosigkeit hat mich erschüttert, und so habe ich beschlossen, mein Leben so zu führen, dass ich sie bekämpfe. Eine Gesellschaftskrankheit ist dabei die Permissivität. Dieses Wort beschreibt unsere Einstellung dazu, dass wir zu viel geschehen lassen, was wir eigentlich nicht dulden sollten.

Dieses Buch wird dich zu einer größeren Selbstbestimmtheit führen und dir zeigen, wie du dein Leben auch führen kannst.


Basiswissen ist die Grundlage für ein Outdoorabenteuer. Grundsätzliche Dinge wie die Ausrüstungsfrage, Notfallmaßnahmen oder einfache Techniken sollten nicht erst auf halber Strecke zum Problem werden. Somit fängt man bei einer Skitour nicht damit an, die Ski anzuschnallen und loszulegen, sondern bereitet sich auf die wichtigsten Dinge mithilfe von Büchern und Übungen vor. All das orientiert sich an den Teilnehmern der Tour? Wer kommt mit? Wo stehen die einzelnen Teilnehmer, wo holen wir sie am besten ab und warum wollen sie auf eine Skitour gehen? Wenn der Tourguide das weiß, kann er die richtigen Trainingsmaßnahmen setzen. Du kannst sicher sein, dass ich mir sehr viel Zeit nehmen werde, um auf dich ganz persönlich einzugehen. Eingangs wollen wir aber einen allgemeinen Blick auf den Wandel der Menschen in unserer Arbeitswelt werfen. Unsere Skitour führt uns zu SINN: VOLLEN Arbeitswelten. Um zu verstehen, weshalb diese für uns wichtig sind, starten wir mit einer historischen Perspektive, um eine Antwort auf folgende Frage zu finden: In welchem Kontext stehen Menschen und ihre Arbeitswelten?

Über viele Millionen Jahre war unser Arbeitsplatz der Wald. Vor circa 12.000 Jahren hat der Mensch das Haus als Wohn- und Arbeitsstätte entdeckt. Ein vergleichsweise kleiner Zeitraum. Zum Einstieg danke ich nun vorab Valentina Flores, die sich in ihrer Arbeit ausführlich mit Menschbildern in der Arbeitswelt im historischen Kontext auseinandergesetzt hat. Sie widmet sich der jüngeren Geschichte von Menschenbildern in Arbeitswelten, die die Geschichte maßgeblich beeinflusst haben, und hat mich zu diesem ersten Kapitel inspiriert.

Menschenbilder

Technischer Fortschritt und Innovationen führten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu großen gesellschaftlichen Veränderungen. Diese Phase ist vergleichbar mit der Erfindung des Computers, der nun unser Leben maßgeblich verändert und unser alltägliches Leben erleichtert hat. In diesem Fall, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, waren es die Auswirkungen der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die eine neue Ära einläuteten. Eine fortwährende Modifikation und Verbesserung des alltäglichen Lebens und des Arbeitskontextes waren die Folge. Es folgten im Laufe des 19. Jahrhunderts die Erfindungen des Fließbandes, des Telefons und des Benzinmotors. Diese Erfindungen führten zum Ausbau der Verkehrsnetze und der Handelsrouten, zum Aufschwung der chemischen Industrie und der Wandlung des Arbeitsmarktes. Alle diese Entwicklungen werden als „Zweite Industrielle Revolution“ bezeichnet.

Die wachsende Industrialisierung beeinflusste natürlich auch das Wachstum der Städte und die zunehmende Verflechtung von Wirtschaft und Staat. Die Staatsführung veränderte sich und somit auch die dazugehörige Ideologie. Der Kapitalismus wurde zur entscheidenden Wirtschaftsform und rückte so immer mehr ins Bewusstsein der Menschen. Die Arbeiter protestierten. Es gab Forderungen nach geregelten und vor allem humanen Arbeitszeiten, aber auch nach gerechteren Verhältnissen zwischen den erbrachten Leistungen und der Entlohnung. Aus der Perspektive der Arbeitgeber hatte sich der Mensch den veränderten Bedingungen des Arbeitslebens anzupassen. Die Unternehmer hatten die Verantwortung über Mensch und Maschine. Investitionen und die Gesundheit der Menschen, die in den Fabriken arbeiteten, lagen in der Hand des Marktes. Die Produktion und die Produktivität standen im Vordergrund der Organisation und bestimmten Erfolg und Gewinn der Arbeitgeber. Die zentrale Überlegung seitens der Unternehmer war die durch die Verkürzung des Arbeitstages bedingte Intensifikation der Arbeit, von der man damals sprach. Diese Regulierung eröffnete neue Potenziale der Organisation. Zusätzlich musste darauf geachtet werden, dass die Arbeitnehmer sich nicht zu viel verausgabten. Maschinen übernahmen daher immer mehr Prozesse in der Produktion. Diese differenten Vorstellungen und Forderungen zwischen Arbeitnehmerschaft und Unternehmertum führten in weiterer Folge zu Gewerkschaftsbildungen und Streiks. Dies veranlasste die Politik, die Gesetze, die den Arbeitsalltag regelten, anzupassen. Zum Beispiel wurde die Kinderarbeit verboten.

Die hier skizzierte Entwicklung erfolgte allerdings sehr langsam. Die Arbeits- und Organisationspsychologin Valentina Flores beschreibt, dass sich diese gesellschaftlichen Bedingungen maßgeblich auch auf die Psychologie und ihre Entwicklungsgeschichte auswirkten. Sie beschreibt Taylorismus und Fordismus als Vorläufer der Arbeits- und Organisationspsychologie, denn auch die Wissenschaft, wie die Psychologie eine ist, wurde durch die soziologischen Entwicklungen beeinflusst.1

Arbeitgeber entwickelten neue Maßnahmen zur Steigerung der Effektivität in den Arbeitsprozessen und schufen somit abermals eine erhebliche Kluft zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Der sich in den Arbeitern bildende Widerstand sollte unterdrückt und die Intensifikation weiter vorangetrieben werden. Der US-Ingenieur und Begründer der Arbeitswissenschaft, Frederick Winslow Taylor (1856 – 1915), versuchte die Konflikte zwischen Unternehmern und Arbeitern zu überwinden und der Verschwendung menschlicher Ressourcen sowie der Gefährdung des geschaffenen Wohlstandes mittels des „Scientific Managements“ entgegenzuwirken. Das Prinzip der wissenschaftlichen Betriebsführung brachte die erhofften Veränderungen sowohl aufseiten der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer. Taylor vertrat die Annahme, dass sich die Interessen der beiden Gruppen nicht entgegenstünden, sondern im Gegenteil sehr gut aufeinander abgestimmt werden könnten. So konnten auf Unternehmerseite Produktivitätssteigerungen erzielt werden, während die Arbeiter sich über angepasste Löhne freuen und ihren Wohlstand vermehren konnten.

Das zu Taylors Zeiten vorherrschende Menschenbild wird als Homo oeconomicus bezeichnet. Nach diesem Modell wird der Mensch von ökonomischen Zielen geleitet, strebt nach Nutzenmaximierung, handelt völlig rational und ist lediglich durch monetäre Anreize motivierbar. Ein wichtiges Merkmal ist seine Kenntnis aller am Markt bestehenden Informationen sowie Entscheidungsalternativen. Der Homo oeconomicus weiß, was für ihn den meisten Nutzen bringt und kennt seine Präferenzen genau. Somit entscheidet er sich für oder gegen eine Tätigkeit aufgrund der inhärenten Rationalität, aber auch den für ihn daraus resultierenden Gewinn. Der Durchschnittsmensch ist ausschließlich durch extrinsische Motive geleitet, das heißt durch von außen wirkende Anreize motiviert. Im Gegensatz dazu stehen die intrinsischen Motive, die dir diese Lektüre im weiteren Verlauf näherbringen soll. Taylor erzielte mithilfe seines Prinzips ein besseres Entlohnungssystem für die Arbeiter und konnte sie durch dieses System zu besseren Arbeitsleistungen antreiben.

Etwa zur gleichen Zeit entwickelte der US-Autofabrikant Henry Ford (1863 – 1947) das Fließbandsystem zur mechanisierten Massenfertigung in industriellen Betrieben. Der Fordismus schuf somit eine Ergänzung zu Taylors Prinzip und konnte gleichzeitig dem Transportproblem entgegenwirken. Aufgrund der enormen Arbeitsteilung hatte ein Arbeiter nur noch wenige Handgriffe an einem Werkstück zu verrichten. Durch die Einführung des Fließbandes im Bereich der Massenfertigung wurde abermals eine Steigerung der Produktion und Produktivität erreicht. Ebenso konnte die Kontrollspanne durch das Management weitgehend aufgelöst werden, da nun das Fließband über zeitliche Vorgaben bestimmte.

Die Kombination von Taylorismus und Fordismus, also von bürokratischer und technischer Kontrolle des Arbeitsprozesses, wurde zum beherrschenden Konzept der Massenproduktion.

Obwohl der Taylorismus und auch der Fordismus zum allgemeinen Wohlstand und zur Produktionssteigerung beitrugen, überwiegt heute die kritische Beleuchtung dieser Form der Arbeitsgestaltung. Natürlich verbesserten die beiden Herren das Arbeitsklima und gestalteten fairere Entlohnungsmodelle. Doch ihr alleiniger Fokus war die Produktionssteigerung. Zwischenmenschliche Beziehungen, Arbeitszufriedenheit und Selbstverwirklichung der Angestellten spielten dabei keine große Rolle.

In der Psychologie folgten Forschungen zu zwischenmenschlichen Beziehungen im Arbeitsleben und zur Entstehung des soziotechnischen Systems. Dieses geht einerseits auf die Untersuchungen von Eric Trist und Ken Bamforth (1951) vom „Tavistock Institute for Human Relation“ im englischen Kohlebergbau, andererseits auf das „Ahmedabad-Experiment“ von A. K. Rice (1958) in einer indischen Weberei zurück. Der soziotechnische Systemansatz baut explizit auf einer Theorie offener und komplexer Systeme auf und leitet daraus das Prinzip der Selbstregulation zur flexiblen Bewältigung unvermeidbarer Schwankungen und Störungen ab. Wer also selbst über seine Arbeitswelt bestimmt, ist produktiver, und das Unternehmen ist stabiler.

Die Studie im Kohlebergbau versuchte die Ursachen für hohe Fluktuationsraten, niedrige Arbeitsmotivation und die steigende Anzahl von Unfällen zu ergründen. Die von den Forschern untersuchten Probleme waren nach der Implementierung einer bisher unerprobten Vorgehensweise eines teilmechanisierten Abbausystems für Kohle aufgetreten. Das von den Arbeitern bisher angewandte „Shortwall-System“ ermöglichte es den Kohlearbeitern, selbstständig über die Verteilung der Löhne, die Arbeitstätigkeiten und die Schichtarbeit zu entscheiden. Die Arbeitenden verrichteten ihre Tätigkeiten in kleinen, überschaubaren Gruppen. Nach der Einführung des „Longwall-Systems“ wurden den einzelnen Schichten keine ganzheitlichen Aufgaben mehr übertragen, sondern sie verrichteten nur noch Teilaufgaben. Damit wurden die jeweiligen Qualifikationen der Kohlearbeiter beschränkt und das gegenseitige Vertrauen in die Mitarbeiter wurde minimiert. Im alten System konnte die folgende Schicht darauf vertrauen, dass die Arbeiten vollständig und korrekt ausgeführt worden waren. Aufgrund der Arbeitsteilung und der Auflösung ganzheitlicher Tätigkeiten mussten die Mitarbeiter zunächst die vorab verrichtete Tätigkeit auf ihre Richtigkeit überprüfen. Das Vertrauen schwand und die Loyalität wurde damit aufgehoben. Das bisher funktionierende System und die damit verbundene Autonomie waren durch die Unternehmensleitung zerschlagen worden. Die Veränderungen in der sozialen Struktur der Gruppe wurden als Ursache für die Verschlechterung der Arbeitsmotivation angesehen und konnten nicht aus der Neuerung technischer Gegebenheiten abgeleitet werden. Erstaunlich waren die Erkenntnisse zur Notwendigkeit teilautonomer Gruppen und deren Autonomie sowie die Wechselwirkung zwischen technischen und sozialen Bedingungen am Arbeitsplatz.

Zu vergleichbaren Ergebnissen kam auch die von A. K. Rice durchgeführte Studie in einer indischen Weberei. Ähnlich wie in den Kohleminen wurden die Arbeitsaufgaben in Einzelteile gegliedert, die Arbeiten hatten keine inhaltliche Verbindung mehr, die Arbeiter konnten durch die räumliche Trennung ihre sozialen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen und Gruppenstrukturen schienen gänzlich aufgehoben worden zu sein. Das Resultat waren der Rückgang der Produktionsleistung und die Verschlechterung der Qualität der Produkte. Abermals war die Verschlechterung auf die Veränderung sozialer Strukturen und nicht auf die Implementierung eines neuen technischen Systems zurückzuführen.

Die bisher beschriebenen Menschenbilder verdeutlichen eine einseitige Anschauung menschlicher Bedürfnisse, die im Complex man zusammengefügt wurden und somit eine vielfältige Sichtweise und Organisationsstruktur ermöglichten. Generalisierungsformen wurden aufgehoben und schufen Platz für individualistische Entfaltungsmöglichkeiten sowie eine flexible Arbeitsgestaltung. Die von Abraham Maslow (1908 – 1970) entwickelte Bedürfnispyramide, auf die ich später in diesem Buch noch zu sprechen komme, wurde zwar beibehalten, jedoch mit der Erkenntnis, dass der Mensch mehrere und vor allem vielfältige Bedürfnisse hat, diese in unterschiedlicher Ausprägung und Intensität vorliegen und die auch nicht, wie angenommen, starr angeordnet sind. Diese gilt es nun zu ergründen.2

Was treibt uns heute an?

Durch die Erkenntnisse von Valentina Flores konnte ich Veränderungen, durch die Generationen vor uns gegangen sind, schildern. Du wirst auch an dir selbst festgestellt haben, dass deine Ansprüche an das Leben maßgeblich von deinem Umfeld und vor allem deiner Familie geprägt werden.

Wie du bald erfahren wirst, habe ich eng mit meinem Vater zusammengearbeitet. Ich wurde also stark von ihm geprägt, er wiederum von seinem Vater. Es sind also die Prägungen, die wir mit bestimmten Zielen in unserem Leben verbinden. Es wirken also noch immer Vor- und Einstellungen voriger Generationen auf uns ein. Kaum etwas hat sich so maßgeblich geändert wie unser Verhältnis zur Arbeit, und das erkennt man schon ganz einfach in alltäglichen Gesprächen mit älteren oder jüngeren Generationen. In der Industrialisierung wurden Arbeitsprozesse zerlegt, und es mussten Personen gefunden werden, die diesen Teilprozess so schnell wie möglich machen konnten. Menschen wurden somit zu Prozess-Reproduzierenden und sind es bis heute geblieben. Auch die Kontrollprozesse im scheinbaren Management verfahren nach derselben Reproduktion von Prozessen, aber in diesem Fall mittels Zahlen. Die Arbeit wurde somit jeglicher Spiritualität und Kreativität beraubt. Ist das wirklich erstrebenswert? Sicherlich nicht. Die Wissenschaften, vor allem die Sozialwissenschaften, widmen sich der Beantwortung dieser Fragen.

Könnte ich dich für eine Skitour begeistern, wenn ich die Tour in kleinstmögliche Prozesse zerlege und hinter jeden Prozess mehrere Zielwerte lege? Das würde dann so klingen: „Die vierhundertsiebzig Meter gehen wir mit mäßiger Schrittgeschwindigkeit von 5,6 km/​h. Das sind in Summe 1150 Schritte. Für jeden Schritt hast du 2,2 Sekunden. Nach dem ersten Abschnitt habe ich eine Trinkpause von 30 Sekunden eingeplant, da kannst du dann 250 ml Wasser zu dir nehmen. Für diesen ersten Abschnitt dürfen wir nicht mehr als 7 Minuten und 45 Sekunden brauchen. Für jede unterschrittene Sekunde bekommst du 0,25 Sekunden mehr Pause. Wir wollen schließlich so rasch wie möglich am Gipfel ankommen!“ Viel Spaß, kann ich da nur sarkastisch sagen.

Wir müssen noch viel lernen, aber wir werden noch ein bisschen brauchen, um uns von alten Mustern zu lösen. Was treibt uns an? Warum gehen wir auf einen Gipfel? Doch nicht, um dafür immer weniger Zeit zu brauchen. Das Erreichen von Zielen bewirkt in uns etwas. Schlicht und einfach ist es das Gefühl des Glücks, das wir anstreben. Das Wort „Glück“ darf ja heute nicht mehr überall verwendet werden. Es wird allzu oft mit Begriffen wie Weichheit, Gefühl und daraus resultierender Emotion verbunden, die in unserem „straight forward“ ausgerichteten Leben keinen Platz haben, ja sogar Angriffsfläche bieten könnten. Ein Mensch, der seinen Erfolg damit erklärt, dass er Glück hatte, wird meist nicht ernst genommen. Ergänzend dazu: Wann hast du das letzte Mal einen Menschen getroffen, der von sich behauptet, dass er „glücklich“ ist? Wir bezeichnen uns zwar als ergebnisorientiert, erfolgreich, zielstrebig und stolz, am Ende einer gelungenen Sache steht jedoch immer der Zustand des Glücklichseins.

Glück ist …

Im alten Griechenland gab es einen Begriff, den wir in unserem Sprachgebrauch so nicht kennen: Eudämonie. Er bezeichnet das Gelingen und Gedeihen der Lebensführung und gilt als höchstes Gut und Endziel des menschlichen Daseins. In unsere heutige Zeit übersetzt könnten wir ihn als „Glückseligkeit“ und „Lebensziel“ bezeichnen.

Es sind insgesamt vier Bereiche, in denen wir Glück und Zufriedenheit erfahren können. Einige Menschen stecken viel zu viel Energie in die Erfüllung der materiellen Aspekte. Mit diesen verhält es sich höchst eigenartig: Hat man einmal eine gewisse Basis erreicht, macht Geld nicht mehr glücklich. Aristoteles Onassis meinte einmal: „After a certain point, money is meaningless. It ceases to be the goal. The game is what counts.“ Es ist vielmehr so, dass „kein Geld“ zu haben unglücklich macht. Hat man sein Auskommen aber gefunden, dann macht es Spaß, Dinge zu besitzen, sein Eigentum nennen zu können – aber es wird nicht mehr als alleiniges Ziel angesehen. Der Besitz einer Ferienwohnung, ein Zweitwagen und sich vielleicht neben dem Sport ein zweites Hobby leisten zu können sind keine Indikatoren für Glückssteigerung. Und so setzt sich das fort bis in obersten Einkommensschichten, wo die zweite Ferienvilla, der dritte Sportwagen und das Bild von Picasso gekauft werden, um sich am Besitz zu erfreuen. Das erzeugt bei einer großen Mehrheit ein angenehmes wohliges Gefühl. Doch hier ist höchste Vorsicht angebracht. Warum? Unser Wirtschaftssystem und die Maschinerie von Werbung und Marketing ist darauf ausgerichtet, uns zu vermitteln, dass wir Glück über Status und Besitz definieren.

Männern wird beispielsweise vermittelt: „Wenn du einen Porsche besitzt, eine Rolex am Handgelenk hast, einen Anzug von Hugo Boss trägst und die Sonnenbrille von Ray-Ban deinen Blick schärft, bist du ein cooler Kerl und die Frauen werden sich alle nach dir umdrehen“. Und schon kauft „Mann“ mit den genannten Produkten das damit versprochene Lebensgefühl. Überspitzt ausgedrückt kann das bittere Ergebnis dieses Lifestyles aber auch Folgendes sein: Die Frauen werden sich nicht umdrehen, weil in dem Porsche ein in die Jahre gekommener, übergewichtiger Mann sitzt, dem man den beruflichen Stress so richtig ansieht und der eigentlich gar keine Zeit hat, mit dem Porsche herumzufahren. Man könnte fast so weit gehen, zu behaupten, das Auto suggeriere dem Mann, die Probleme zu lösen, die er ohne das Auto nie gehabt hätte. Die Ursache: Wir leben in einer stark materialistisch geprägten Welt. Status und Wohlstand werden in erster Linie über materielle Dinge manifestiert. Mit Eudämonie hat das natürlich sehr wenig zu tun, aber konsumfördernd ist es allemal.

Kaufentscheidungen sollten also weder dein innerer Antrieb für deine Lebensart, noch der Grund für deine professionelle Betätigung sein. Deine Kaufentscheidungen bleiben natürlich dir überlassen, aber mein Rat an dich ist, das Bewusstsein oder besser gesagt dein Unterbewusstsein mehr in diese Entscheidungen hineinzulassen: Warum brauche, gönne ich mir das jetzt? Das soll dich keineswegs im Konsum einschränken – unsere Wirtschaft braucht Konsum. Du sollst nur vor persönlichen Enttäuschungen bewahrt werden. Vor allem aber empfehle ich dir, dein Glück nicht davon abhängig zu machen. Genauso verhält es sich im Arbeitsleben: Entscheidungen dürfen sich keinesfalls ausschließlich am Profit orientieren.

Materialismus

Da du nun schon gemerkt haben wirst, dass ich dieses Buch sehr persönlich aufbaue, möchte ich dir das Lifestyle-Bild eines Mannes Ende der Vierziger – am eigenen Leib erlebt und gefühlt – vermitteln. Er ist beruflich sehr erfolgreich, arbeitet viel und bringt viel Geld nach Hause. Er hat eine „mächtige“ Position, ist Pionier und Vorreiter in seiner Branche und definiert sich über die Anzahl seiner Mitarbeiter, den Umsatz seines Bereichs, letztlich das Maß seiner Verantwortung. Ein wenig stolz macht ihn die Beherrschung unlauterer Techniken des Ellenbogengerangels und der Unaufrichtigkeit, wenn es um Karriere und Weiterkommen geht. Sein Körper ist durchtrainiert und strotzt vor Ausdauer, die jährliche Teilnahme an mindestens einem Marathon in einer Laufzeit von unter vier Stunden ist selbstverständlich. Im Frühjahr geht es per Skitour in die Hochalpen, im Herbst mit dem Mountainbike ins Alpenvorland. Gleich nach dem Marathon im Frühjahr beginnt die Golfsaison, ein niedriges Handicap gehört genauso dazu wie die Tiefschneetechnik, die Ausdauer beim Laufen und die Geschicklichkeit beim Mountainbiken. Hinzu kommt noch, dass einzelne Muskelpartien auf Empfehlung des Personaltrainers regelmäßig trainiert werden müssen, sonst ist es nichts mit dem gestählten Body in der Badehose.

Die Familie: Der Mann steht mitten im Leben. Er hat immer Zeit für seine Kinder im Teenageralter, macht mit ihnen Sport, spielt mit ihnen Spiele, er lernt mit ihnen, chillt mit ihnen und ist genauso wie sie rund um die Uhr auf WhatsApp. Er lässt keine Vorführung in der Schule oder im Sportverein aus, feuert seine Kinder an und engagiert sich im Elternverein. Seine Frau trägt er auf Händen. Arbeiten im Haushalt werden aufgeteilt. Die Pflege des Gartens und des Pools gehören zu seinen Aufgaben. Am Wochenende ist er der perfekte „Handyman“, wenn es um kleine Reparaturen und Erneuerungen in Haus und Garten geht.

Natürlich liest er viel – jeden Tag mehrere Tageszeitungen, Wochenmagazine und viele Bücher. Er bringt sich aktiv in jede Diskussion ein, hat zu jedem Thema eine Meinung, die er durch Sachargumente und wissenschaftliche Thesen unterstützen kann. Zum Ausgleich und um seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen malt, musiziert oder schreibt er.

Für seine Freunde ist er immer da. Sie gehen gemeinsam auf Sportreisen, engagieren sich in Vereinen und Clubs und das eine oder andere Mal wird einer „draufgemacht“. Wenn er auf der Partymeile unterwegs ist, ist er der Schwarm aller bis zu zwanzig Jahre jüngeren Damen. Er unterhält und fasziniert sie, bleibt aber immer sauber, denn „gegessen wird zu Hause“. Der moderne Mann ist aber auch ein kulturell anspruchsvoller und gebildeter Mensch – er geht in die Oper, ins Theater, zu Konzerten und veranstaltet zu Hause Salonabende mit spannenden Diskussionsteilnehmern.

Last but not least wäre da noch seine altruistische Ausprägung. Er beteiligt sich an Fundraising-Aktionen für soziale Projekte, stellt seine spärliche Zeit zur Verfügung, um Menschen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, zu helfen, wieder Orientierung zu finden, und ist Förderer vieler Charity-Aktionen und natürlich gern gesehener Gast bei den daraus folgenden Events.

Beeindruckend – nicht wahr? Weit haben wir es gebracht in unserer Evolution. Wenn du Lust hast, lies die Passage nochmals durch und mach ein Häkchen bei den Dingen, die man von dir erwartet. Machen wir das alles wirklich für uns selbst? Ich glaube, dass ich die Frage mit Nein beantworten kann. Vieles davon macht Freude, aber wenn ich es mir aufhalse, wird jeder Bereich zu einem erschwerenden To-do, und das nicht nur in den beruflichen Dingen. Wir machen uns diesen Druck also vielmehr, um Götzenbildern zu entsprechen, nämlich dem konsumorientierten Multitalent. Auf Fotos und in Filmen sind es immer diese Männer, die entspannt und ausgeglichen lächeln – alles nur Schein. Der Tag müsste mindestens 48 Stunden haben, um diesem Muster auch nur halbwegs entsprechen zu können. Und nochmals die rhetorische Frage: Für wen machen wir das? Albert Schweitzer hat einmal gesagt, dass wir uns in der Entwicklung vom Affen zum Menschen befänden. Der Affe hat wohl ganz glücklich gelebt, er hat seine Triebe im ausreichenden Maß befriedigt und ein unspektakuläres Dasein gefristet. Heute ist auch der Konsum etwas Triebhaftes. Auf der Stufe vom Affen zum Menschen sind wohl einige Dinge in der Orientierung zu ändern. Dies war ein kleiner Exkurs in Sachen Materialismus, der unsere Gesellschaft heute in so großem Ausmaß prägt. Eines von vier Motiven, die unser Leben prägen und bereichern. Was sind denn nun aber die drei weiteren Motive?

Sozial-karitative Tätigkeit

Da wäre zunächst einmal die sozial-karitative Tätigkeit. Es befriedigt ungemein, anderen Gutes zu tun. Das heißt, man darf auch in der Solidarität egoistisch sein. Daher stammt auch zu einem guten Teil das Engagement in sozialen Einrichtungen, bei der Feuerwehr, in der Kirche, bei der Caritas, in Serviceclubs wie „Rotary“ und „Lions“ und in Vereinen. Wir erfahren dort sehr viel Daseinsberechtigung. Gerade Österreich ist ein Land, in dem karitatives Engagement weit verbreitet ist. Wir haben eine fast flächendeckende „Freiwillige Feuerwehr“, einen hohen Einsatz und Unterstützung im Katastrophenfall und stehen in Europa an den vordersten Plätzen, wenn es ums Geldspenden geht. Aktionen wie „Licht ins Dunkel“ sind zutiefst beeindruckend. Oft lässt sich auch bemerken, dass bei sinkender Begeisterung im Job nach karitativem Ausgleich gesucht wird, um wenigstens dort „gebraucht zu werden“.

Sozialisierung

Das dritte und vierte Motiv machen uns in einem unglaublichen Ausmaß aus. Sie bestimmen unser Leben, entscheiden über Glückseligkeit und Erreichung des Lebensziels. Zunächst ist da einmal unser großer Drang nach Sozialisierung. Der Mensch ist ein soziales Wesen, der seit der Höhle in Gruppen und Gemeinschaft lebt und der Austausch mit Menschen braucht und sucht. Sein Dasein wird in weitem Maß über die Interaktion mit Mitmenschen artikuliert. Wir wollen und brauchen andere Menschen um uns. Wir wollen mit ihnen sprechen, wir wollen sie aber auch fühlen, ihnen intensiv begegnen, sie erfahren. Hier bekommen wir Feedback und Anerkennung. In der Sozialwissenschaft gibt es den Begriff der „kontinuumbasierten Entwicklung“. Das Kontinuum ist die Summe der Verhaltensweisen, Instinkte und Gefühle, die wir aus der Steinzeit mitgenommen haben und die fest in unsere „menschliche Festplatte“ eingebrannt sind. Die stärkste Prägung erfolgt in den ersten Lebensjahren, besser: in der gemeinschaftlichen Umgebung der ersten Lebensjahre. Wie weit das gehen kann, zeigen die Untersuchungen der US-Autorin und Psychotherapeutin Jean Liedloff. Sie verbrachte mehrere Monate beim Amazonasvolk der Yequana in Venezuela und hat vollkommen abgeschnitten von unserer Kultur gelebt. Ihre Erfahrungen schildert sie in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“3. Neugeborene werden bei den Yequana ein Jahr lang ständig am Arm oder am Körper der Mutter getragen und nach Bedarf gestillt. Die Kinder schlafen so lange im Bett ihrer Eltern, bis sie von selbst ausziehen, was zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr der Fall ist. Körperkontakt spielt eine wesentliche Rolle. Erziehung bei den Yequana kommt ohne Tadel und Ermahnung aus. Das Volk ist ungewöhnlich freundlich, friedlich und selbstbewusst. Es ist sehr beeindruckend, wie es im Zusammenleben von Gemeinschaften auch anders gehen kann.

Fast paradox muten Beispiele an, bei denen Kinder offensichtlich von Tieren aufgezogen wurden, was dazu führte, dass sie deren Instinkte und Eigenschaften teilweise annahmen. Die sogenannten „Wolfskinder“ Kamala und Amala wurden in den 1920er-Jahren in Indien in der Höhle einer aggressiven Wölfin gefunden. Sie wurden aus dem Wolfsrudel gerissen und kamen in ein Waisenhaus. Die Neun- beziehungsweise Zweijährige zeigten typische Verhaltensweisen von Wolfskindern: Sie bissen, ließen sich nicht anziehen, lehnten gekochte Nahrung ab und gingen auf allen Vieren. Sie waren so stark von ihrem Umfeld geprägt worden, dass sie rohes Fleisch aus einer Entfernung von sechzig Metern riechen und in der Dunkelheit sehen konnten. In der menschlichen Umgebung überlebten sie nicht. Die Jüngere starb schon nach einem Jahr, die Ältere nach neun Jahren, nachdem sie einige Worte zu sprechen und halbwegs aufrecht zu gehen gelernt hatte. Diese extremen Beispiele sollen unterstreichen, wie stark uns Gemeinschaft prägt.

Somit ist nicht nur unsere familiäre Prägung und die Auseinandersetzung damit wichtig, sondern auch die Etablierung eines wohltuenden Freundeskreises und eines kollegialen beruflichen Umfelds, die eben auch über unser Glücksgefühl mitbestimmen. In Unternehmen versuchen wir alles, um die Kommunikation zu fördern. Aber warum tun wir das? Um das Wohlbefinden der Menschen zu steigern. Es geht darum, ein angenehmes Gefühl der Bestätigung zu generieren und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, sich zu artikulieren und sich untereinander auszutauschen, Gemeinschaft zu leben und zu praktizieren. Es geht um menschliche Freiheit im Miteinander-Tun. Wir brauchen das! Die Wissenschaft weiß heute, dass Gemeinschaft ein wesentlicher Baustein zum Glück ist.

Selbstverwirklichung

Kommen wir jetzt zum höchsten Motiv, der Selbstverwirklichung. Wir wollen in unserem Tun und Handeln einen Sinn verwirklicht sehen. Jeder Mensch zieht ein unglaubliches Maß an Kraft aus dem Ziel, etwas Neues, etwas Besseres zu schaffen, das Aussterben von etwas Gutem zu verhindern oder etwas Schlechtes zu zerstören. In dieser Selbstverwirklichung liegt die größte Kraft. Sie steht gepaart mit Anerkennung auf der höchsten Stufe der Maslow’schen Bedürfnispyramide. Gerald Hüther stellt in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“4 einen Vergleich mit dem Rattenfänger von Hameln an: Die deutsche Stadt Hameln litt der Legende nach am Ende des 13. Jahrhunderts unter einer Ratten- und Mäuseplage und beauftragte einen Mann, die Stadt von der Plage zu befreien. Mit seiner Flöte verzauberte der Rattenfänger die Tiere und lockte sie aus der Stadt in den nahe gelegenen Fluss, in dem sie alle ertranken. Als man ihm nicht den vereinbarten Lohn zahlen wollte, kam er in die Stadt zurück und spielte wieder auf seiner Flöte. In der Stadt lebten viele Kinder, die ihm begeistert zuhörten. Diese Kinder waren auf der Suche, hatten eine unbefriedigte Sehnsucht, und so folgten sie ihm aus der Stadt hinaus und wurden nie wieder gesehen. Die Geschichtsforschung spricht von „einem Versprechen, die Welt durch einen Kreuzzug der Kinder zu erlösen“. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie einer Hoffnung, einem Versprechen gefolgt sind, das ihnen die Stadt Hameln nicht geben konnte. Vielleicht lag dieses Versprechen in herausfordernden Aufgabenstellungen, die eine Zukunftsperspektive eröffneten, vielleicht lag es aber auch in Freundschaft und Gemeinschaft oder in einer willkommenen Gesinnung, die ihre Werte widerspiegelte. Gerald Hüther erklärt das Rattenfänger-Phänomen aus der modernen Hirnforschung und Psychologie. Menschen lassen sich von nichts mehr begeistern, als von der Gelegenheit, glücklich sein zu können. Die Wurzeln dieses Glücks liegen in dem Grundbedürfnis nach Wachstum, Autonomie und Freiheit und in dem Bestreben nach Beziehung und Achtung in der Gemeinschaft. Wenn diese beiden Faktoren erfüllt sind, gibt es kein Kind, keinen Menschen, der sich von einem Rattenfänger verführen lässt.

Also merken wir uns diese vier Motive:

 Materialismus

 sozial-karitative Tätigkeit

 Sozialisierung

 Selbstverwirklichung und Anerkennung

Die vier Motive und meine ersten Skitouren

Was ist also in diesem Kontext nun die Motivation für meine Skitouren? Die damit verbundene Anstrengung war für mich über viele Jahre unüberwindbar und undenkbar. Am wichtigsten war es mir, schnell über die Pisten zu ziehen, an geeigneter Stelle einen Sprung einzubauen und da und dort ein paar Schwünge im Gelände zu machen, wenn es sich denn leicht erreichen ließ. Ich bin also zuerst die blauen, das sind die einfachsten, dann die roten und schließlich die schwarzen Pisten gefahren. Ich habe mit meinen Freunden Schanzen gebaut, bin Buckelpisten gefahren und habe manchmal neben der Piste ein paar Schwünge im Gelände hingelegt. Mit 23 Jahren habe ich meine heutige Frau kennengelernt. Meine Schwiegereltern waren damals schon begeisterte Skitourengeher. Um also in der Familie mithalten zu können, war Tourengehen angesagt. Ich war froh, dass dies nicht nur eine Rolle war, die ich erfüllt habe, beziehungsweise eine Erwartung war, die ich mir aufgehalst habe. Bei aller Kritik, die Schwiegereltern oft zuteil wird, sei hier einmal angeführt, dass ich ihnen für die Entdeckung dieser Leidenschaft und manch anderer Dinge in meinem Leben sehr dankbar bin.

So habe ich erkannt, dass es eine unberührte Natur gibt, durch die man in monotonem Schritt, mit Fellen auf den Skiern, den Berg hinaufsteigen kann. In kleiner Gruppe oder auch ganz allein, wenn es das Gelände und die Bedingungen zulassen, ist man vollkommen ungestört, man saugt die Energie und Ruhe der Natur in sich auf und schreitet Schritt für Schritt den Berg empor. Alleine dieses Aufstiegserlebnis macht die Tour unvergesslich. Das ist aber noch lange nicht alles. Belohnt wirst du mit der Ankunft am Gipfel, mit einem unbeschreiblichen Gefühl der Selbstverwirklichung und des Glücks. In Worten vermag das niemand zu beschreiben. Die Fanfaren der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss empfinden für mich noch am ehesten das Gefühl des Gipfelsieges, des Erreichens eines Zieles im majestätischen Umfeld der Berge nach. Wenn die Fanfaren ausgeklungen sind, erfolgt eine kurze Rast, die Felle werden abgeschnallt, eine Pause und die Justierung für die nun folgende Abfahrt stehen an. Dann stichst du als Erster in einen unberührten und unverspurten Hang, die Schneeoberfläche suggeriert durch ein eigentümliches Blitzen der Kristalle die Perfektion, Schönheit und Leichtigkeit der Natur. Im Walzertakt ziehst du deine Schwünge, eins – zwei – drei, eins – zwei – drei, um dann stehenzubleiben, zurückzublicken auf den erklommenen Gipfel und auf die eigene und einzigartige Spur, die du hinterlassen hast. Stolz und Zufriedenheit machen sich breit. Zuhause angekommen, erschöpft vom Staunen, Schauen und von der Anstrengung lässt man den Tag glücklich Revue passieren. Jetzt verstehst du vielleicht, warum das so schön ist und warum ich dieser Leidenschaft nicht widerstehen konnte.

Bezogen auf unsere vier Motive des Glücks geht es im höchsten Maße um Selbstverwirklichung und Sozialisierung, wenn man sich entscheidet, mit einer Gruppe den Berg zu besteigen. Materielle Aspekte und sozial-karitative Themen stehen hier nicht im Vordergrund. Es ist die Selbstverwirklichung, für die die Tour steht. Und jede Tour steht für den Abschnitt eines Lebens. Genau genommen ist das ganze Leben eine große Tour. Sie führt uns über verschiedenste Anstiege in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, durch Gelände in Kinder- und Jugendjahren, auf Erhöhungen und Gipfel, aber auch auf Sättel und Zwischentäler. Belohnt werden wir mit einer Vielzahl an Gipfelsiegen und -erlebnissen. Manchmal sind es aber auch die Stimmungen in Talsenken und Schluchten, die unvergessliche Erinnerungen erzeugen. Die vielen Abfahrten von Gipfeln, Hügeln und Anhöhen sind steil oder flach. Mal ist der Schnee schön, dann ist er wieder heimtückisch und unfahrbar. Hinzu kommt die Unbekannte des Wetters, das uns manchmal die schwierigsten Passagen im Sonnenlicht erfreuen lässt und auf der anderen Seite jedes Gipfelerlebnis massiv einschränken kann. Manchmal wagen wir uns auch zu weit hinauf, überschreiten unsere Grenzen und muten uns und der Gruppe dabei zu viel zu. Aber letztlich zählt nur eines, und zwar: dass wir gehen. Neue Wege entstehen nur, indem man sie geht!

An dieser Stelle möchte ich meinen lieben Freund und Bergführer Hans Oberluggauer, meinen Tourguide, vorstellen. Hans und ich haben uns beim Heliskiing in Gudauri im Kaukasus kennengelernt. Er ist dort einer der erfahrensten und längst eingesetzten Tourguides. Er kommt aus dem Lesachtal. Das liegt südlich von Lienz und verbindet Osttirol mit Kärnten. Es ist einer der schönsten und verträumtesten Orte, um Erholung zu finden. Vom ersten Tag an hat mich die ruhige und souveräne Ausstrahlung von Hans Oberluggauer fasziniert. Er verkörpert den Begriff Sicherheit. Auf jede Tour bereitet er sich ausführlich vor, studiert unterschiedliche Aufstiegsvarianten, beobachtetet den Wetter- und Lawinenbericht mehrere Tage hindurch, schaut sich den Schneedeckenaufbau an und bereitet sich und seine Gäste perfekt auf ein außergewöhnliches Bergerlebnis vor.

2009 waren wir gemeinsam auf dem Großvenediger (3666 m), ein herrlicher Anstieg Anfang April bei Sonnenschein über die Johannishütte zum Gipfel, der mit einer meiner schönsten Firnabfahrten belohnt wurde. Während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich die glitzernde weiche Schneeoberfläche, über die wir hinuntergewischt sind, und höre den schmierenden Schnee. Zur Erklärung für die Nichtskifahrer: Bei einer Firnabfahrt macht man sich die kalten Temperaturen in der Nacht zunutze. Oberfläche und Schnee frieren durch. Wenn dann die Sonneinstrahlung einsetzt, firnt der Hang auf, die Oberfläche wird weich, der Schnee schmierig. Man fährt auf der Oberfläche eines unverspurten Hanges und schiebt nur einige wenige Zentimeter Schnee weg. Es bedarf einiger Erfahrung, denn die Hänge müssen vom Zeitpunkt her richtig erwischt werden. Zu früh bedeutet, man fährt auf der gefrorenen Oberfläche, zu spät, man bricht ein im sulzigen Schnee – das Vergnügen ist dann schnell vorbei. Hans beherrscht das großartig. Oft rät er einem, nur zwei bis drei Meter links oder rechts zu fahren, weil dort der Schnee besser ist.

Im Jahr 2010 wollten wir erstmals in die Schweiz. Unser Flug wurde aber dann überraschend aufgrund eines Vulkanausbruchs auf Island und einer unglaublichen Aschewolke über Europa storniert, sodass wir uns kurzerhand vorgenommen haben, den Großglockner zu erklimmen. Vom Lucknerhaus aus sind wir am ersten Tag eine Eingeh-Tour gegangen. Am zweiten Tag ging es dann auf die Stüdlhütte und am nächsten Morgen auf den Gipfel des höchsten Berges Österreichs mit 3798 m. Ich bin noch immer richtig stolz, diesen Anstieg, die Kletterei am Schluss und die lange, teilweise schwierige Abfahrt geschafft zu haben. 2011 waren wir dann endlich in der Schweiz mit dem Ziel, die Viertausendergrenze zu überspringen. Von Zermatt aus waren wir am Breithorn mit 4159 m und am Pollux mit 4092 m. Von Saas-Fee haben wir den Alphubel mit 4206 m gemacht. Eine Reihe weiterer Touren ist gefolgt, im Sommer am Johannisberg, 3453 m, Touren im Lesachtal und im Großarltal. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, einmal im Jahr ein verlängertes Wochenende gemeinsam zu verbringen.

Auf Hans kann man sich einfach verlassen. Er ist ein großartiger Bergführer und ein wertvoller Freund. Die vielen schönen Gespräche auf unseren Touren führen uns regelmäßig in unsere inneren Tiefen. Im Übrigen klingen diese Berge weitaus eindrucksvoller, als sie sind, das schaffst du auch. Mit ein wenig Konditionstraining und Erfahrung im Geländeskilauf ist das kein Problem. Die gewonnenen Erinnerungen sind eine große Bereicherung in meinem Leben. Vielleicht hast du ja jetzt ein wenig Lust auf die Berge bekommen …

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
193 стр. 39 иллюстраций
ISBN:
9783990404164
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