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Alida Leimbach
Die Tote von der Maiwoche
Kriminalroman

Zum Buch
Schicksalstag Maiwoche in Osnabrück: gute Laune, Bier, Musik. Und Jessica Wagner wird ein Teil davon sein! Hin- und hergerissen zwischen Freude und Angst betritt die junge Sängerin mit ihrer Band die Bühne. Am Morgen danach ist sie tot. Erstochen. Die Schlüsselfigur für die Tat scheint Jessicas Konkurrentin Katharina zu sein. Sie machte keinen Hehl daraus, Jessica zu hassen. Doch hat sie auch den Mord begangen? Je tiefer Kommissarin Birthe Schöndorf in den Fall einsteigt, desto größer werden ihre Zweifel. Das Ergebnis von Jessicas Autopsie wirft zahlreiche Fragen auf. Und Bandleader Carsten scheint etwas zu verbergen. Ihm wird eine Affäre mit Jessica nachgesagt. Hat er sie nur benutzt? Im Zuge der Ermittlungen stößt Birthe Schöndorf darauf, dass Jessica einen Stalker hatte. Sowohl er als auch Jessicas beste Freundin, die in einem Bestattungsunternehmen arbeitet, bringen die Kommissarin auf eine heiße Spur. Doch als Birthe Schöndorf dem Täter dicht auf den Fersen ist, begeht sie einen folgenschweren Fehler …
Alida Leimbach, Jahrgang 1964, ist in Lüneburg geboren und in Osnabrück aufgewachsen. Nach ihrer Buchhandelslehre studierte sie Sprachen und war einige Jahre als Übersetzerin in Frankfurt am Main tätig. Dann entschloss sie sich, noch einmal zu studieren: Evangelische Theologie, Germanistik und Englisch auf Lehramt. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt und schreibt erfolgreiche Krimis und Romane.
Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:
Deichkrone (2017)
Ostfriesenkind (2016)
Börsentöpfchen (2014)
Villenzauber (2013)
Wintergruft (2011)
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Band Blue Box gibt es nicht in Wirklichkeit.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2019
Lektorat: Katja Ernst
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Jan Schuler / fotolia.com
Druck: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-8392-5968-9
Zitat
Und plötzlich weißt du, es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.
Meister Eckhart
Kapitel 1
Osnabrück, Freitag, 5. Mai, 19.50 Uhr
Kurz vor ihrem Auftritt saß Jessica Wagner auf einem Barhocker im hinteren Teil der Bühne und schaute zum wiederholten Male auf ihr Handy. In zehn Minuten war es so weit. Dann würde sie aufstehen, nach vorn gehen, ihr Lampenfieber überwinden und eine perfekte Show abliefern. Sie dachte an den Applaus hinterher, an Carsten. Er sollte stolz auf sie sein, sie beglückwünschen und in den Arm nehmen. Nichts anderes zählte in diesem Augenblick, nichts war wichtiger.
Als sie ihr Handy wieder einstecken wollte, zeigte ein Brummton den Eingang einer neuen Nachricht an.
Ich denke an dich, Schatz. Wie geht’s dir?
Jessica runzelte die Stirn. Schaffte sie es noch zu antworten? Die Zeit war eigentlich zu knapp. Weiß nicht, gab sie zurück. Die ignorieren mich.
Immer noch? Auch Carsten?
Nein, der nicht. Der will ja, dass ich singe. Aber die anderen hassen mich. Was kann ich dafür, dass ich für Katha einspringe.
Die kennen dich doch gar nicht.
Doch, als Backing schon. Da war ich ihnen egal. Kaum bin ich vorne und singe Kathas Solo, werde ich gemobbt.
Jemand von der Technik kam, um ihr ein neues Funkmikrofon zu bringen. Das andere hatte vorhin beim Soundcheck versagt.
Du machst das schon, textete ihre Mutter. Wir denken an dich!
Danke, Mama, tippte Jessica unter plötzlich aufsteigenden Tränen, die sie schnell wegklimperte, aus Angst, die Wimperntusche könne verschmieren. Wenn ich das bloß schon hinter mir hätte.
Schreib gleich, wie’s war, hörst du?
Ja.
Toi, toi, toi. Grüße auch von Papa!
Danke, Grüße zurück!
Seufzend ließ sie das Handy in ihre Tasche fallen. In der Zwischenzeit hatte sich der Jürgensort nahe der Alten Posthalterei gefüllt. Am Eröffnungstag der Maiwoche zeigte sich die Stadt Osnabrück von ihrer besten Seite. Die Temperaturen waren sommerlich warm, aber nicht drückend wie im Hochsommer, und vor allem regnete es nicht, wie so oft im Mai. Die Innenstadt hatte sich in ein Open-Air-Festival verwandelt, bei dem Musikgruppen auf mehreren Bühnen für ein buntes, stimmungsvolles und obendrein kostenloses Programm sorgten.
Als Jessica die Menschen sah, die sich dicht an dicht vor der Bühne drängelten, wurde ihr schwindlig. Ihr Herz klopfte nun gewaltig, und sie fragte sich, wie die anderen Bandmitglieder so ruhig bleiben konnten.
Max schlug leise die Sticks gegeneinander, um seine Hände aufzuwärmen. Mit seinem modernen Haarschnitt, dem Vollbart, der markanten Brille und den bunt tätowierten Armen setzte er sich von den älteren Musikern ab. Jessica fand ihn interessant und hätte gern mal ein paar Worte mit ihm gewechselt, aber Max gab sich ihr gegenüber äußerst einsilbig.
Gerade kam Jürgen und nahm seine Position am rechten Bühnenrand ein. Mit Carsten, Clarissa und Katharina hatte er vor Jahrzehnten die Blue Box gegründet. Damals waren sie noch eine Schülerband gewesen – jung, ambitioniert, leicht chaotisch, aber vollkommen unbekannt außerhalb der Schulmauern des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums. Mittlerweile hatten sie sich auch außerhalb Osnabrücks einen Namen gemacht und waren von der jährlich stattfindenden Maiwoche nicht mehr wegzudenken. Jessica kannte Jürgen auf der Bühne nur mit schwarzer Satinweste über dem weißen Hemd. Die silbergrauen, streng zurückgekämmten Haare und die auf Hochglanz polierten Schuhe machten ihn zum Gentleman der Band. Konzentriert stimmte er seine E-Gitarre, ließ sich durch nichts ablenken.
Clarissa war auch schon da und schraubte ihre Wasserflasche auf. Die Sängerin mit der kräftigen Stimme, der roten Lockenmähne und den weiblichen Rundungen fiel durch ihren ausgefallenen Kleidungsstil auf. Ihre weiten, knallbunten Klamotten kombinierte sie im Lagenlook. Dazu trug sie derbe Boots mit pinkfarbenen Schnürsenkeln.
Mit zittrigen, eiskalten Händen schaltete Jessica ihr drahtloses Mikrofon ein und vergewisserte sich, dass es funktionierte, indem sie »Test, Test, Test, eins, zwei, drei« hineinhauchte. Der Tontechniker reckte zur Bestätigung einen Daumen in die Höhe. Sie nickte ihm zu und schaltete ihr Mikro aus, um ihre Stimmbänder zu lockern. »Ksch-ksch-ksch, mjam-mjam-mjam, do-mi-fa-so, mi-ma-mo-mu«, murmelte sie, und dabei fiel ihr Blick auf Carstens breiten Rücken.
Er musste am Klavier Platz genommen haben, während sie mit ihrer Mutter gechattet hatte. Den Hut tief in die Stirn gezogen, drehte er sich genau in dem Moment zu ihr um, als sie ihn beobachtete. Ein kräftiger Mann im grauen T-Shirt und zerrissener Jeans. Eine große Ruhe und Wärme ging von ihm aus. Er war fast 25 Jahre älter als sie, aber das hatte nie eine Rolle gespielt. Sie schluckte, als sich ihre Blicke trafen. Carsten hatte sie vor einer halben Stunde noch in den Arm genommen und ihr Mut zugesprochen. »Keine Angst, Hase, wird schon schiefgehen«, hatte er gesagt. »Sei authentisch, hab Spaß und zeig vor allen Dingen Gefühle. Wenn du es schaffst, sie zu berühren, werden sie dich lieben und dir auch kleine Fehler verzeihen. Wenn nicht, werden sie dich noch in dieser Nacht vergessen haben.« Das waren seine letzten Worte, bevor er sich zum Soundcheck begeben und sie völlig aufgewühlt zurückgelassen hatte. Gefühle kamen in ihr hoch, die sie nicht zulassen wollte. Schnell drehte sie sich weg. Sie musste sich auf ihren Auftritt konzentrieren.
Beginnen würden sie mit dem Hallelujah von Leonard Cohen, dann kamen etwas rockigere Stücke, die wahrscheinlich jeder im Publikum kannte und mitsingen würde, und danach wieder gefühlvolle Balladen. Vor allem die Solopartien, die sonst Katharinas Part waren, lagen ihr auf der Seele. In den Kehrversen würde Clarissa sie mit ihrer Altstimme unterstützen.
Fast automatisch sah sie wieder zu Carsten hinüber; sie konnte nichts dagegen tun. Die drei Monate mit ihm waren die schönsten in ihrem Leben gewesen. Fünf Jahre Lebenszeit hätte sie gegeben für ein weiteres Vierteljahr mit ihm, vielleicht auch zehn. Sie wusste, dass sie auf keinen Fall nochmals einen Mann finden würde, an dessen Seite sie sich so wohl, dermaßen geborgen und geliebt fühlen würde. Ob sie jemals darüber hinwegkommen würde, dass er sie nicht mehr wollte? Wahrscheinlich hatte er längst eine Andere, aber da er ein Riesengeheimnis um sein Privatleben machte, würde sie es vermutlich nie erfahren.
Jemand kam auf sie zu und bedeutete ihr, von dem Barhocker aufzustehen, auf dem sie saß. Sie brauchte ihn, um sich daran festzuhalten und gab ihn nur ungern frei. Als sie sich erhob, knickten ihre Beine ein wenig ein. Jetzt nur keinen Schwächeanfall bekommen, beschwor sie sich. Es fühlte sich schon wieder so an: Dröhnen in den Ohren, taube Beine, butterweiche, zittrige Knie, ein Gefühl von Luftknappheit. Am liebsten hätte sie auf der Stelle kehrtgemacht und die Bühne verlassen, aber zum Weglaufen war es ohnehin zu spät. Sie musste da durch.
Zum letzten Mal öffnete sie ihre Handtasche, um auf die Uhr zu sehen. Noch zwei Minuten. Nervös trippelte sie von einem Bein aufs andere. Sie verspürte plötzlich ein dringendes Bedürfnis und sah sich suchend um. Wo war gleich das nächste WC? Irgendwo hatte sie doch Dixi-Klos gesehen. Egal, die Zeit reichte sowieso nicht.
Die Techniker richteten die Scheinwerfer aus. Jessica blinzelte gegen das grelle Licht an. Das Publikum vor ihr war zu einer grauschwarzen, anonymen Masse verschmolzen. Vielleicht war es gut, dass sie keine Gesichter erkennen konnte, das machte es etwas leichter.
Max gab am Schlagzeug den Takt vor. Fast gleichzeitig setzte Jürgen mit seiner Elektrogitarre ein und Carsten schlug in die Tasten des weiß glänzenden Clavinova-Flügels. Er hatte ihn auf Orgelklang eingestellt. Als Carsten ihr zunickte, brach ihr der Schweiß aus. Mit zittrigen Beinen und einem Kloß im Hals trat sie vor zum Bühnenrand, atmete tief durch und dachte gerade rechtzeitig daran, ihr Mikrofon einzuschalten.
*
Mit dem kräftigen Applaus fiel zwei Stunden später endlich die Anspannung von ihr ab. Alles war gutgegangen. Weder war sie mit ihren High Heels über ein Kabel gestolpert noch hatte ihre Stimme versagt. Vor allem war das gefürchtete Blackout ausgeblieben, ihre Angst vor Textschwächen, Aussetzern oder verwechselten Strophen. Das kam manchmal vor, wenn sie besonders aufgeregt war. Aber heute war alles wie geschmiert gelaufen. Der größte Lohn war Carstens zufriedener Gesichtsausdruck.
Alle fünf fassten sich nun an den Händen und verbeugten sich tief. Jessica fühlte Carstens warme, zupackende Hand und gleichzeitig Jürgens schlaffes, feuchtes Händchen. Sie ließen los, um sich sogleich in den Armen zu halten. Eine Reihe gut befreundeter, bestens aufgelegter, zufrieden strahlender Musiker.
»Jessi, Jessi!«, ertönten Rufe aus dem Publikum. Jessica suchte Blickkontakt mit Clarissa, doch die reagierte nicht. Der Auftritt war vorbei und Clarissa nicht mehr in ihrer Rolle. Sie musste sich nicht länger zusammenreißen, nicht wie eben auf der Bühne die beste Freundin spielen. Clarissa sah stur geradeaus und verzog keine Miene.
Carsten schob Jessica nach vorn, damit sie sich für ihr Solo einen Extra-Applaus abholte. Mit einer weit ausholenden Geste deutete er auf sie und strahlte stolz und selbstsicher ins Publikum. Jessica war es peinlich, die Aufmerksamkeit so sehr auf sich zu ziehen, gleichzeitig genoss sie es.
Beim Zurückgehen bemerkte sie Jürgens Blick, und da fühlte sie sich sofort schlecht.
Vereinzelt ertönten immer noch Zugabe-Rufe, aber nun war Schluss.
Die Scheinwerfer gingen aus, die Menschenmenge löste sich auf. Die Bühne gehörte jetzt den Technikern, die Instrumente entstöpselten und das Equipment abbauten. In zwei Tagen würden sie alles am Nikolaiort erneut aufbauen.
Jessica stand verloren im Backstagebereich und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie war wieder das schüchterne, unsichere Mädchen, das sie vor dem Auftritt gewesen war.
Carsten kam mit ausgestreckten Armen auf sie zu. »Glückwunsch, Jessi, das war dein bester Auftritt bisher! Du hast dich endlich mal getraut, loszulassen, man hat dir angesehen, dass du Spaß hattest. Du hast Gefühl gezeigt, warst bei dir, total authentisch! Und du hast der Blue Box eine ordentliche Portion Glamour verliehen! Komm her und lass dich drücken.« Er zog sie an sich und küsste ihr Haar. »Ich bin stolz auf dich, Süße. Und du Dummerchen wolltest mir nicht glauben. Du bist doch tatsächlich eine Rampensau, wer hätte das gedacht. Unsere kleine Prinzessin war der Star des Abends. Das Publikum liebt dich, es hat dich ins Herz geschlossen!«
»Ich hätte nicht gedacht, dass es so voll wird«, gab Jessica zu. »Ich habe am ganzen Körper gezittert, als ich das Menschenmeer gesehen hab. Unglaublich, echt!«
»Was hast du erwartet, heute ist Eröffnung, da steppt der Bär!«, erwiderte er, während er sie mechanisch streichelte. »Das wird noch ordentlich rundgehen in den nächsten zehn Tagen. Letztes Jahr kamen fast 900.000 Besucher zur Maiwoche. Ich bin froh, dass ich mein Hotel rechtzeitig gebucht habe. Seit Wochen ist kein Bett mehr in Osnabrück zu bekommen, besonders in der Nähe der Festmeile.«
»Das glaub ich. Sonst hättest du auch pendeln können, nach Rheine ist es ja nicht wirklich weit.«
»Gut, aber es ist schöner, dicht dran zu sein. Ich genieße das sehr«, raunte er in ihr Ohr. »Wenn wir übermorgen am Nikolaiort spielen, hoffe ich, dass Katharina immer noch krank ist. Da bin ich ehrlich, auch wenn es etwas gemein klingt. Ich mag im Moment keine Auseinandersetzungen mit ihr. Hat Zeit bis nach der Maiwoche. Der Zufall wollte es, dass du endlich deine Chance bekommst. Du hast Katha würdig ersetzt, Engel. Ganz großes Kino!« Erneut küsste er ihr Haar.
»Danke, die anderen sind da anscheinend anderer Meinung.«
Er seufzte. »Neider gibt es immer, das ist leider so. Damit musst du klarkommen. Sei stolz auf dich und genieße deinen Erfolg. Du bist einfach besser als Katharina. Bald bist du die Nummer eins der Blue Box und bekommst ihren Platz. Du wirst dann unsere Frontfrau. Mir egal, was die anderen dazu sagen. Ich trage schließlich die Verantwortung.«
»Und Katharina? Du kannst sie nicht einfach rauswerfen! Wie komme ich mir denn vor? Ich kann doch nicht meine Karriere auf ihrem Leid aufbauen. Ich will Katha nicht den Platz wegnehmen. Sie tut mir leid.«
Nachdenklich löste er sich von ihr und betrachtete sie. »Schau mal, wäre sie nicht krank geworden, hätte sie den Applaus bekommen und nicht du. Vergiss nicht, wie lange wir darauf hingearbeitet haben! Jetzt kann keiner mehr sagen, Jessica Wagner wäre nur schmückendes Beiwerk. Das war deine Chance, und du hast sie genutzt!«
»Ich kann mich nicht richtig freuen, solange es Katha schlecht geht und mir die anderen den Erfolg nicht gönnen.«
Er runzelte die Stirn. »Von wem sprichst du?«
»Das weißt du genau.«
»Sag es mir.«
Sie zögerte einen Moment. »Alle. Jürgen und Clarissa. Und natürlich Katharina und Max.«
Er winkte ab. »Du machst dich verrückt. Katharina hat ihre Chance gehabt, aber ihre besten Zeiten sind vorbei. Ihre Stimme trägt nicht mehr, sie sieht nicht mehr ganz so gut aus wie früher. Sie muss damit fertigwerden, dass jetzt für sie der Hammer fällt. Ich schicke sie in Rente. Jeder Mensch ist ersetzbar, das ist leider Fakt. Irgendwann ist Schluss. Das ist das Business, das läuft überall so. Man muss anpassungsfähig bleiben, sonst laufen einem auf Dauer die Fans weg. Und neue kommen nicht hinzu, weil unsere Band langsam überaltert. Manchmal muss man einfach Entscheidungen treffen, auch wenn sie im ersten Moment nicht schmecken.«
»Und irgendwann bin ich dann weg vom Fenster«, sagte Jessica nachdenklich.
»Quatsch, irgendwann ist nicht heute. Heute bist du gut. Sogar saugut, um es auf den Punkt zu bringen. Und jetzt wird gefeiert!« Er nahm ihren Arm, um sie mitzuziehen.
Sie stemmte sich dagegen. »Nein, Carsten, sei mir bitte nicht böse, aber ich komme nicht mit.«
Er konnte seine Unzufriedenheit nicht verbergen. »Was soll das heißen, du kommst nicht mit?«
»Mir ist nicht danach.«
Zwischen seinen Augen bildete sich eine Furche. »Willst du mich strafen, weil ich mit dir Schluss gemacht hab? Ist es das?«
Sie errötete. »Nein, ist schon okay. Das ist es nicht.«
Er sah sie eindringlich an und redete ruhig auf sie ein. »Du musst dich entscheiden, zu wem du gehören willst, Jessica, zu den Gewinnern oder zu den Verlierern. Gewinner glauben an sich, während Verlierer nur auf andere schauen und aus Angst, ihnen nicht das Wasser reichen zu können, den Kopf in den Sand stecken. Willst du das? Aufgeben? Ist es das, was du willst? Zeig ihnen, dass du dazu gehörst und sie ab heute mit dir rechnen müssen!«
Plötzlich verdüsterte sich ihre Miene. »Sie war da, oder? Ich meine, ich hätte sie im Publikum gesehen, rechts vor der Bühne.«
Er steckte die Hände in die Jeanstaschen und stieß die Luft aus. »Ja, du hast recht. Sie war da.«
»Hast du ihren Gesichtsausdruck gesehen?«
Er seufzte. »Jessi, hör mir zu, wisch das alles beiseite. Ich mache mir manchmal Sorgen um dich, weil du so sensibel bist und leicht Stimmungen von anderen aufnimmst. Das ist nicht gut. Lass dich nicht runterziehen, hm? Vor allem nicht von ihr. Sie muss allein damit fertigwerden. Es ist ihre Sache. Sie ist erwachsen und schafft das. Erfolg kann man nicht im Laden kaufen, nach dem Motto: ›Hey, gib mir mal eine Portion Erfolg für drei Euro!‹ Nee, so läuft das nicht. Vor allem nicht in diesem Business.«
»Ich weiß, aber es ist ein verdammt blödes Gefühl.«
»Denk dran, was ich dir gesagt habe. Denk positiv. Denk nur an dich. Jessi first. Sonst geht die Rolltreppe wieder abwärts, und das willst du doch nicht. Ich will dich oben sehen, Jessi, ganz oben, da gehörst du hin!«
Sie sah an ihm vorbei. »Ich glaube, ich kann das nicht, Carsten. Ich habe Angst.«
»Oh doch, das kannst du. Das musst du sogar. Ich verlange es von dir, schließlich hab ich eine Menge Kohle in dich gesteckt. Ich habe viel in dich investiert, vergiss das nicht, nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Herzblut. Ich will, dass sich das auszahlt! Du lässt mich nicht im Stich, Jessi. Du ziehst das durch. Und was die Fehler anbelangt, bleib cool. Ein kluger Mann hat mal gesagt, ich glaube, es war Dietrich Bonhoeffer: ›Der größte Fehler, den man machen kann, ist, immer Angst zu haben, einen Fehler zu machen.‹ Und jetzt wird gefeiert! Wir wollen noch ein paar Bier zischen. Und ich will dich dabeihaben.« Wieder versuchte er, sie mitzuziehen.
Sie machte sich steif. »Heute nicht, Carsten. Die letzten Tage waren extrem anstrengend, die Proben und so, ich bin total durch den Wind und will früh schlafen gehen.«
»Schlafen gehen?« Er streifte sie mit einem Blick der Verachtung. »Du kannst genug schlafen, wenn du tot bist. Wir feiern heute Abend vor allem dich, Prinzessin! Deinen Aufstieg zur Frontsängerin! Sei nicht so undankbar! Ein Bierchen, mehr nicht. Danach schläfst du wie ein Baby. Wir treffen uns ja morgen erst um zehn.«
Sie winkte ab. »Ich mach mich vom Acker, ehrlich. Ich bin fertig. Da hat keiner was von. Außerdem will ich jetzt nicht mit den anderen reden, will mich nicht rechtfertigen müssen. Hab keine Lust auf ihre mürrischen Gesichter. Die ziehen mich runter. Wir sehen uns morgen bei der Probe.«
Carsten setzte eine enttäuschte Miene auf und rückte seinen Hut zurecht. »Okay. Wenn du es dir anders überlegst, kommst du einfach nach. Wir sind am Maibrunnen auf dem Marktplatz, vor der Marienkirche, du weißt schon.«
»Ja, ich weiß.« Jessica schulterte ihre Tasche und ging, ohne sich noch einmal umzusehen.
Kapitel 2
Samstag, 6. Mai
Der Lieneschweg gehörte zu den Top-Adressen Osnabrücks. In den goldenen 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten hier betuchte Osnabrücker Beamten- und Unternehmerfamilien ihre Villen errichtet – fernab vom Lärm, der Hektik und der Geruchsbelästigung der Innenstadt. Große, elegante Stadthäuser, im Laufe der Jahre aufwendig saniert, reihten sich wie Perlen entlang der begrünten Allee und prägten das Bild einer gehobenen Lebensart. Einige Villen waren zu Mehrfamilienhäusern umgebaut worden, weil die Familien kleiner geworden waren und kein Personal mehr mit im Haus untergebracht werden musste. Die Lage war ideal – nicht weit zu den Einkaufsmeilen Lotter Straße und Innenstadt und ebenfalls nicht weit entfernt vom Naherholungsgebiet Westerberg. Auch das weitläufige Waldgebiet Heger Holz mit dem idyllisch gelegenen Rubbenbruchsee war mit einem etwas längeren Spaziergang zu erreichen.
Das Villenviertel lag am Samstagmorgen noch verschlafen da, als Else Leinweber bereits ihren Hausputz erledigt hatte. Energisch zog die Mittsiebzigerin die Wohnungstür hinter sich zu. Sie ärgerte sich darüber, dass die Sängerin aus der Erdgeschosswohnung trotz mehrmaliger Aufforderung das Treppenhaus nicht geputzt hatte. Es war schon öfter vorgekommen, dass sich die Nachbarin über Regeln und mündliche Absprachen hinweggesetzt hatte. Else Leinweber war es leid, die Arbeit für die junge, verwöhnte Dame mit zu erledigen. Ihr Hals schwoll an, als sie im Vorbeigehen Wollmäuse in den Ecken und feinen grauen Staub auf dem Geländer bemerkte.
Sie ordnete ihre bläuliche Lockenfrisur und läutete im Erdgeschoss neben dem Namensschild mit der Aufschrift »Jessica Wagner«. Die Tür war nicht richtig ins Schloss gezogen worden. Else Leinweber klingelte ein zweites Mal und ging einfach hinein. Ein eigentümlicher Geruch strömte aus der Wohnung. Die Bewohnerin musste da sein, denn das Radio lief.
»Hallo? Frau Wagner?« Mit einem beklemmenden Gefühl blieb Else Leinweber im Flur stehen. Es roch nicht nur ungelüftet, sondern auch süßlich, metallisch. Sie kannte das aus dem Pflegeheim, wenn sie ihren dementen Bruder dort besuchte. Ein unangenehmes Geruchspotpourri aus Urin, Kot, Blut, Reinigungs- und Desinfektionsmittel und billigem Eau de Toilette, das aus Duftspendern aus den Ecken kam, im verzweifelten Versuch, für ein angenehmes Raumklima zu sorgen. Else Leinweber runzelte die Stirn. War die Nachbarin in der Nacht etwa volltrunken nach Hause gekommen? »Frau Wagner?« Langsam tastete sie sich vor, sie kannte sich ja aus. Die Wohnung hatte den gleichen Schnitt wie ihre eigene. Oft genug war sie hier gewesen, um der Nachbarin etwas zu bringen, was der Bote bei ihr abgegeben hatte. Die jungen Leute bestellten ja nur noch im Internet. Sogar Essen ließ sich die kaufsüchtige Person anliefern. Oft bekam sie Kartons einer bekannten Supermarktkette. Die Hälfte des Inhalts landete hinterher in den Mülleimern hinterm Haus. Und Kleidung, jede Menge Kleidung, fast jede Woche bestellte sie was im Internet! Alles wurde anprobiert und dann wieder zurückgeschickt. Else Leinweber beobachtete oft durchs Küchenfenster, wie ihre Nachbarin mit einem Paket unterm Arm das Haus verließ. Kein Wunder, dass die schönen alten Geschäfte in Osnabrück langsam ausstarben!
Die alte Dame steuerte auf die Küche zu. Links davon war das Schlafzimmer, daneben das Bad und das Gäste-WC, und rechts vom Eingang das Wohnzimmer.
In der Küche lief das Radio, ziemlich laut sogar, amerikanische Popmusik, doch es war niemand zu sehen. Auf dem Tisch standen Essensreste, ein Pappteller mit den Resten einer Currywurst, auf dem die bräunliche Soße bereits unappetitlich verdickt war, und labbrige, vollgesogene Pommes frites. Daneben lag eine eingedrückte Büchse Cola.
Die stechenden Ausdünstungen kamen aus dem Wohnzimmer. Bereits an der Türschwelle blieb Else Leinweber stehen und schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund.
Da war sie! Jessica Wagner lag auf dem Bauch in einer Blutlache. Sie musste sich eingenässt und eingekotet haben.
Die alte Dame griff sich an die Brust. Ein plötzlich einsetzendes heftiges Schwindelgefühl erfasste sie und wollte sie zu Boden reißen. Gerade rechtzeitig konnte sie sich an einer Kommode abstützen. Der Schweiß trat ihr aus allen Poren und ihr Herz begann zu stechen und zu rasen. Um Hilfe schreiend schwankte sie aus der Wohnung ins Treppenhaus. Später hätte sie nicht sagen können, wie sie ihre arthritischen Gelenke plötzlich so schnell und schmerzlos hatte bewegen können. Sie spürte ihre Beine nicht mehr, als sie die Holztreppe hinaufpolterte, ihre Wohnungstür aufschloss und dann hastig hinter sich zuzog, um sie doppelt zu verriegeln. Erschöpft riss sie das Telefon an sich und wählte die 110.
*
»Osna 4,23, Meier«, knödelte das Funkgerät im Rettungswagen der Johanniter. »Ihr Standort?«
»Knappheide hier, Lotter Straße, Höhe Emma.«
»Osna 4,23, Meier, RTW zum Lieneschweg, leblose Person, Notarzt rückt nach.«
Der Fahrer des Rettungswagens vergewisserte sich, die Hausnummer richtig verstanden zu haben und brummelte dann: »Verstanden.« Sofort schaltete er das Martinshorn ein und gab Gas. Glücklicherweise verhielten sich die Autofahrer heute vorbildlich, rechts und links wichen die Fahrzeuge aus, es war ohnehin noch nicht viel los, sodass er in weniger als fünf Minuten das Ziel am Lieneschweg erreichte.
Er traf fast gleichzeitig mit dem Notarztwagen und zwei Streifenwagen am Unglücksort ein.
Aus dem Haus kam eine kleine, ältere Frau mit blauen Haaren, gräulicher Gesichtsfarbe und irrem Blick gelaufen. »Kommen Sie!«, schrie sie. »Kommen Sie schnell, die Frau Wagner ist tot. Die Frau Wagner von unten! Eine ganz junge Frau! Tot! Alles voller Blut! Sie wurde ermordet! Erstochen! Auf dem Teppich! Alles voller Blut, ganz viel Blut!«, schrie sie panisch.
Ein junger Polizeibeamter kümmerte sich um sie und forderte über Funk einen Notfallseelsorger an.
Der Sanitäter eilte im Laufschritt mit seinem Notfallkoffer an ihnen vorbei, gefolgt von zwei Kollegen und dem Notarzt. »Wo müssen wir hin?«
»Erdgeschoss, links, die Tür steht offen«, rief jemand. Dort angekommen, reichten wenige Sekunden, um festzustellen, dass es nichts mehr zu tun gab. Die Leiche wies mehrere Stichwunden am Rücken auf. Sie war schon kalt. Als der Sanitäter die Bluse der jungen Frau hochzog, waren erste Totenflecken sichtbar. Er nickte dem Notarzt zu, der trotzdem ordnungsgemäß den Puls nahm und sein Stethoskop herauszog. »Das ist was für K1«, sagte er mit hochrotem Kopf. Über Funk forderte er die Kriminalpolizei an.
*
Das rot-weiß gestreifte Flatterband der Polizei störte die Idylle am Lieneschweg unweit der Musikschule, die früher mal eine Frauenklinik gewesen war. Vor einem charmanten Zweifamilienhaus mit Erkern, Giebeln und Mansardendach standen drei Polizeiwagen. Autofahrer fuhren noch langsamer als die vorgeschriebenen 30 Kilometer pro Stunde und Fußgänger blieben stehen, um zu sehen, was da los war.
Ein uniformierter Polizeibeamter passte am Gartentor auf, dass kein Unbefugter ins Haus gelangte.
Birthe Schöndorf von der Osnabrücker Mordkommission erreichte den Tatort am Samstagvormittag, etwa eine halbe Stunde nach den Kollegen der Schutzpolizei.
»Ich übernehme jetzt die Ermittlungsleitung«, rief die junge, blonde Frau den Beamten im Eingangsbereich zu. »Gibt es Zeugen? Haben Sie bereits Bürger aus der Nachbarschaft befragt?«
»Von den Anwohnern der Nachbarhäuser hat offenbar niemand etwas mitbekommen. Kollegen sind unterwegs, um in den Häusern gegenüber nachzufragen. Am meisten kann uns wohl die ältere Dame sagen, die in der oberen Etage wohnt, aber die steht unter Schock, befindet sich gerade im RTW und ist zur Stunde nicht vernehmungsfähig.«
Die hochgewachsene Mittdreißigerin begrüßte ihre Kollegen von der Tatortgruppe. Einer war damit beschäftigt, mit Pinsel und Ruß an der Haustür Spuren zu nehmen. Ein anderer tütete gerade mithilfe einer Pinzette ein dunkles Haar in einen durchsichtigen Beutel ein.
»Gibt es Anzeichen für einen Einbruch?«
»Nein. Das Opfer muss dem Täter die Tür geöffnet haben.«
Birthe Schöndorf betrat die Wohnung und begrüßte ihren Kollegen Daniel Brunner, der gerade aus einem Zimmer rechts von ihr kam. Die Tür stand offen und gab den Blick frei auf einen sonnigen Raum mit heller Einrichtung, allem Anschein nach das Wohnzimmer. »Hey, du bist schon da!«, begrüßte sie ihn.
»Ich war noch beim Frühstück und bin direkt hergefahren. Bin aber auch erst vor ein paar Minuten eingetroffen. Eigentlich habe ich heute frei.«
»Ich weiß, ich auch. Ich hatte den Tag anders geplant. Nun ja, was soll’s. Wer ist die Tote?«
»Jessica Wagner, 25 Jahre alt. Sie wohnt hier.«
»Alleine?«
»Offensichtlich, ja. Ist ziemlich groß, die Wohnung, für eine Einzelperson, nicht wahr? Mindestens 100 Quadratmeter, schätze ich mal, und das am teuren Westerberg.«
»Dann muss sie einen guten Job haben.«
»Oder reiche Eltern. Nachbarn aus dem Nebenhaus haben erzählt, dass die Wohnung ihrem Vater gehört, Christian Wagner. Er wohnt nicht weit von hier, ein paar Straßen oberhalb, am Richard-Strauss-Weg.« Daniel ging zu der Toten, sicher, um sich ein genaues Bild zu machen. Seit Jahren arbeiteten sie zusammen im Team der Mordkommission K 1. Sie mochte ihn – als Kollegen. Nie hätte sie sich ihn als Partner vorstellen können, obwohl er ihr das Gefühl vermittelte, dass er auf sie stand. Er war ihr zu eitel und hatte zu viele Frauengeschichten. Keine seiner Beziehungen hatte bisher länger gehalten als ein paar Monate.
»Was ist passiert?« Birthe trat näher an die Leiche heran. Sie nahm den stechenden, metallischen Geruch von Blut wahr und musste eine aufkommende Übelkeit unterdrücken. Es war nicht die erste Leiche aus nächster Nähe, aber es kam eher selten vor, dass sie zu einem Tatort gerufen wurde, an dem das Opfer eine junge Frau war. Es kostete sie etwas Überwindung, genau hinzusehen. Wagners weiße, ärmellose Bluse war blutgetränkt, auch die langen blonden Haare und die helle Hose hatten Spritzer abbekommen. Zwischen den Schulterblättern waren drei Stichverletzungen zu erkennen, etwa vier Zentimeter breit. Die Kollegen der Tatortgruppe hatten bereits die Umrisse der Toten markiert. Eine dicke weiße Linie, die den menschlichen Körper nachzeichnete. Ein Stuhl war umgefallen, ansonsten machte der Raum einen ordentlichen, fast unbewohnten Eindruck.
Hansmann vom polizeilichen Erkennungsdienst gesellte sich zu ihnen und nickte Birthe freundlich-distanziert zu. Er trug wie die anderen Kollegen von der Spurensicherung einen Plastikoverall, Handschuhe, Überschuhe und Mundschutz. »Der Täter muss gezielt auf sie eingestochen haben, mit enormer Kraft und mit einem großen Messer.«
»Ist sie an Ort und Stelle gestorben?«, wollte Birthe wissen.
»Ja. Du siehst es an den Blutspuren, die sich lediglich unmittelbar um die Leiche herum befinden, und an den Totenflecken.« Er schob die Bluse hoch, sodass die Flecken sichtbar wurden.
»Wie lange ist sie schon tot?«
»Etwa zehn bis zwölf Stunden. Der Tod muss zwischen Mitternacht und 1 Uhr morgens eingetreten sein. Ihre Temperatur ist schon um zehn Grad gesunken. Die Totenstarre ist voll ausgebildet.«
Birthe wandte sich an Daniel. »Ist die Staatsanwältin informiert worden?«
»Ja. Frau Koswalla ist auf dem Weg. Sie bringt den Durchsuchungsbefehl und die Anordnung zur Obduktion mit.«
»Ist der Notarzt noch da?«
»Nein, er ist gerade gefahren. Hier ist der Totenschein.« Daniel überreichte ihr das Dokument. »Unnatürliche Todesursache« war angekreuzt, aber das war ja ohnehin eindeutig.
Birthe hatte ihre erste Hemmung überwunden und hockte sich zu der Frau. Eine schlanke, fast zierliche Statur, sommerlich gekleidet, große Kreolen in den Ohren, feiner, gerader Nasenrücken, das sah sie von der Seite, helle Augenbrauen, solariumgebräunte Haut, verschiedene Ringe an den sorgsam manikürten, feingliedrigen Händen. Aus dem Mund war eine bräunliche Flüssigkeit gequollen.
»Ist das Blut?«, fragte sie und deutete auf die Mundwinkel der Toten.
Hansmann verneinte. »In der Küche stehen Essensreste. Ich vermute, sie hat kurz vor ihrem Tod Currywurst gegessen.«
Birthe hatte erst vor einer halben Stunde ausgiebig gefrühstückt und verspürte erneut einen Anflug von Übelkeit. Sie stand auf. »Sie lebte alleine hier?«
Hansmann nickte. »Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie mit jemandem zusammenlebte. Aber das lässt sich ja schnell in Erfahrung bringen. Es ist ein Zweiparteienhaus. Die obere Wohnung wird ebenfalls von einer alleinstehenden Dame bewohnt.«
»Wenn sie dem Täter nachts selbst die Tür geöffnet hat, könnte es sich um eine Beziehungstat handeln.«
»Möglich«, sagte Hansmann. »Es ist definitiv kein Raubmord. Keine offenen Schränke und Schubladen, kein Chaos in der Wohnung. Ihre Handtasche lag auf der Kommode im Flur. Alles drin, Geld, Ausweispapiere, Handy.«
»Das Opfer weist keine Verletzung an Händen oder Armen auf«, sagte Birthe. »Anscheinend hat es keinen Kampf, keine Abwehrbewegung gegeben. Offenbar wurde sie überrascht. Der Täter muss sie von hinten angegriffen haben. Sie war vollkommen arg- und wehrlos.«
»Sie muss ihn gekannt haben, sonst hätte sie ihm wohl kaum den Rücken zugedreht«, fasste Daniel seine Beobachtungen zusammen.
Birthe nickte. »Davon gehe ich auch aus. Schau dir mal die Kleidung der Toten an. Sie trägt Ausgehklamotten und Schuhe, silberfarbene Riemchensandaletten mit hohem Absatz. Sie ist stark geschminkt. Sieht nicht nach einem gemütlichen Fernsehabend auf dem Sofa aus. Sie muss unterwegs gewesen sein. Vielleicht hat sich der Täter mit ihr zusammen in die Wohnung gedrängt.«
Nachdenklich zupfte sich Daniel am Ohr. »Sollte es eine Beziehungstat gewesen sein, wird ein Streit vorausgegangen sein. Die Nachbarn könnten etwas mitbekommen haben.«
Birthe sah sich in dem etwa 40 Quadratmeter großen, schlauchförmigen Raum um. Ein Wohnraum wie aus einem Hochglanzmagazin. Parkettboden, weiße Sprossenfenster mit goldenen Beschlägen, weiße Kassettentüren. Auf der Südseite, die zum gepflegten Garten zeigte, befand sich eine hellgraue Sitzlandschaft mit niedrigen Beistelltischen und einem flauschigen Teppich. An der Wand hing ein großer Flachbildschirm. Die Nordseite mit Erker wurde als Essbereich genutzt. Ins Auge fiel ihr ein moderner Kaminofen, davor ein großer Holztisch mit Metallbeinen und sechs verschiedenfarbigen Lederstühlen. Ein paar dezent platzierte antike Möbel verliehen dem Raum Wärme und Tiefe. Die Einrichtung wirkte repräsentativ und ungewöhnlich für eine junge Frau.
Die Kollegen von der Tatortgruppe hatten bereits an jenen Stellen, an denen Spuren gesichert worden waren, Karten aufgestellt.
»Reiches, armes Mädchen«, sagte Daniel, der Birthes Blick gefolgt war. »Nur womit ist sie reich geworden? Allein durch Mama und Papa?«
»Habt ihr die Tatwaffe?«, erkundigte sich Birthe.
»Nein, bisher nicht«, sagte Daniel. »Wir hoffen, dass wir sie bald finden.«
»Ich schaue mich mal um.« Birthe verließ das Wohnzimmer, gefolgt von Daniel.
Die Küche hatte einen quadratischen Zuschnitt und bot eine herrliche Aussicht auf den Garten. Sie war mit hochwertigen, weißen Einbaumöbeln ohne Griffe, viel Edelstahl und teuren Geräten ausgestattet.
»Okay«, sagte sie und deutete auf den hohen Tisch. »Hier hat sie also gesessen und ihre letzte Mahlzeit eingenommen. Currywurst, Pommes rot-weiß, Cola. Nur ein Barhocker ist zum Sitzen vorgezogen worden, der andere wurde nicht bewegt. Die Cola hat sie ausgetrunken. Die Wurst hat sie nur zur Hälfte gegessen. Es sieht so aus, als sei dabei gestört worden. Das würde bedeuten, sie war vor dem Täter in der Wohnung.«
»Vielleicht wollte sie vor dem Ausgehen noch was zu sich nehmen, hatte dann aber keinen Appetit mehr.«
Birthe ging zum Abfalleimer und nestelte mit langen Fingern ein Einpackpapier heraus, an dem Reste der braunen Soße pappten. »Nur eine Portion hat sie geholt. Schwierig herauszufinden, an welchem Stand sie die Currywurst gekauft hat, bei dem Überangebot an Imbissbuden.«
»Wir werden es herausfinden«, meinte Daniel.
»Was ist mit ihrem Handy? Brauchen wir die PIN?«
»Ja. Ich hoffe, die Kollegen kommen schnell dran. In der Regel ist das ja kein Problem.«
»Wir müssen wissen, mit wem sie kurz vor ihrem Tod Kontakt hatte, ob sie sich vielleicht mit jemandem für die Maiwoche verabredet hatte.«
»Klar«, meinte Daniel.
»Wer hat die Polizei gerufen?«
»Die Nachbarin von oben, Else Leinweber. Die Frau hat einen Schock erlitten und ist nicht vernehmungsfähig. Momentan wird sie im RTW versorgt.«
»Ach ja, von der älteren Dame habe ich schon gehört. Ich werde mal nach ihr sehen. Vielleicht ist sie inzwischen in der Lage zu reden.«
Kapitel 3
Der Rettungswagen stand halb auf dem Bürgersteig. Durch die offene Tür sah Birthe eine ältere Frau darin. Sie erkundigte sich bei den Rettungssanitätern nach dem Befinden der alten Dame und setzte sich zu ihr auf einen ausklappbaren Hocker. »Frau Leinweber, mein Name ist Birthe Schöndorf von der Osnabrücker Kriminalpolizei. Sie haben Ihre Nachbarin gefunden. Wie geht es Ihnen? Fühlen Sie sich imstande, mir ein paar Fragen zu beantworten?«
Die alte Dame nickte.
»Was haben Sie gesehen? Wenn Sie reden möchten, höre ich Ihnen zu«, sagte Birthe leise.
»Ich bin froh, dass endlich die Polizei da ist. Ich hatte so eine Angst.« Else Leinweber strich über ihren Handrücken, in dem eine Infusionsnadel steckte, nickte. Sie wirkte mitgenommen.
»Wann haben Sie Ihre Nachbarin gefunden?«
»Ich weiß nicht genau. Es war furchtbar. Ich bekam eine Panik, ich dachte, ich sterbe! So etwas Entsetzliches habe ich noch nie gesehen. Es war wie in einem Horrorfilm!«
»Das glaub ich Ihnen«, sagte Birthe mitfühlend.
»Das können Sie nicht verstehen, weil Sie es nicht selbst erlebt haben.«
»Nein, darum wäre es schön, wenn Sie mir davon erzählen würden.«
»Irgendwas haben die mir gegeben. Ich bin auf einmal todmüde und könnte auf der Stelle einschlafen.« Für einen Moment schloss Else Leinweber ihre Augen, sodass Birthe fürchtete, sie würde es tatsächlich tun. »Ich habe noch nie etwas derart Furchtbares erlebt«, jammerte die Frau. »Und das bei mir zu Hause! Ich hatte Todesangst. Ich dachte, der Mörder treibt sich irgendwo im Haus rum und will mich auch abstechen.«
»Haben Sie jemanden gesehen?«, fragte Birthe vorsichtig.
»Nein. Trotzdem hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, er wäre da.«
»Sie fühlten sich beobachtet?«
»Ja. Da war jemand, das Gefühl hatte ich.«
»Wodurch? Haben Sie Geräusche gehört oder etwas Außergewöhnliches wahrgenommen? War etwas anders als sonst?«
Die alte Dame schüttelte heftig den Kopf.
»Ich kann Sie beruhigen. In der Regel kehrt der Täter nicht zurück. Und außerdem wird er es kaum auf sie abgesehen haben. Wir vermuten, es war jemand aus dem Umfeld der jungen Frau.« Birthe hoffte, dass sie mit ihren aufmunternden Worten Recht behielt. Die Realität sah manchmal anders aus.
»Vielleicht denkt er, ich hätte ihn gesehen. Dann will er mich umbringen, damit ich nicht als Zeugin aussagen kann. Das hat es schon gegeben, habe ich bei ›Aktenzeichen XY … Ungelöst‹ gesehen. Die Täter wollen die Zeugen mundtot machen, damit sie nicht gefasst werden. Ich habe keine ruhige Minute mehr, glauben Sie mir das. Ich wünschte, Sie hätten ihn schon«, klagte die Frau. »Erst wenn er hinter Schloss und Riegel ist, werde ich aufatmen.«
»Das können Sie auch so, Frau Leinweber. Wir tun unser Bestes, um den Täter bald zu finden.«
»Und was soll ich bis dahin machen? Ich kann doch nicht in meine Wohnung zurück. Wie soll ich da noch ruhig schlafen, wenn in dem Haus eine Frau umgebracht wurde? Ich bin ganz allein, wissen Sie.«
»Hm. Vielleicht haben Sie die Möglichkeit, heute Nacht woanders zu schlafen? Haben Sie Angehörige in Osnabrück? Oder Freunde?«
»Nein, ich habe niemanden. Hier auch nicht. In dem Haus gibt es nur zwei Wohnungen. Die von Jessica unten und meine oben. Mehr Leute wohnen da nicht.«
Birthe bekam Mitleid mit der alten Frau. Allein in dem großen Haus zu sein, war jetzt sicher nicht angenehm. Birthe hätte nicht mit ihr tauschen wollen, trotzdem musste sie versuchen, zuversichtlich zu klingen und ihr die Angst zu nehmen. Betont munter setzte sie das Gespräch fort. »Wenn Sie wollen, schau ich mir nachher mal Ihre Wohnung an und überprüfe, ob alles einbruchsicher ist. Wenn nicht, kümmere ich mich darum und schicke Kollegen los, die darauf spezialisiert sind und Sie beraten.«
»Das wäre schon mal was«, sagte die Frau erleichtert. »Ich werde heute Abend eine Schlaftablette nehmen, dann wird es schon gehen. Für alle Fälle lege ich das Telefon neben mein Bett.«
»Das ist eine gute Idee. Wenn etwas ist, rufen Sie mich ruhig an«, sagte Birthe. »Ich gebe Ihnen meine Karte und schreibe meine Handynummer dazu.« Sie zückte einen Kuli. »Das mache ich sonst nicht, nur für Sie, Frau Leinweber«, sagte Birthe augenzwinkernd, kritzelte ihre Nummer auf die Karte und reichte sie der Frau. Nach einer kurzen Pause sprach sie weiter: »Jessica Wagner ist gestern Abend ausgegangen. Wissen Sie, wohin?«
Else Leinweber betrachtete Birthes Visitenkarte und strich liebevoll mit dem Finger darüber. Ihr Nagellack war zartrosa, schon leicht abgesplittert. »Nein. Sie geht oft aus, besonders am Wochenende, da achte ich nicht immer drauf.« Sie sprach ganz ruhig. Die Beruhigungsmittel, die ihr verabreicht worden waren, schienen zu wirken. »Ich glaube, sie wollte auf die Maiwoche.«
»Was wissen Sie über Jessica Wagner? Was hat sie beruflich gemacht?«
Die alte Dame zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht genau. Gesungen hat sie. Ob sie davon leben konnte? Das Haus gehört ihren Eltern. Ich bin nur Mieter der oberen Wohnung. Ich nehme an, ihre Eltern haben auch sonst alles bezahlt. Jessica war ziemlich faul. Ich musste sie ständig ermahnen, sich an den Putzplan im Treppenhaus zu halten.«
»Wenn die Eltern so reich sind, hätten sie doch eine Reinigungskraft bezahlen können, aber das haben sie nicht?«
Else Leinweber schüttelte den Kopf. »Das wollten wir nicht. Ich nicht, aus Kostengründen, ich wollte mich nicht beteiligen, und Jessica auch nicht. Sie wollte sich wohl nicht in die Karten schauen lassen.«
»Hatte sie denn etwas zu verbergen?«
Leinweber zuckte mit den Schultern. »Manchmal hatte ich den Eindruck. Sie wirkte oft verhuscht, besonders wenn sie Besuch hatte und nicht wollte, dass ich etwas mitbekomme.«
»Was war das für ein Besuch?«
»Verschiedene Personen. Sie kamen oft abends, sodass ich nicht genau sehen konnte, wie sie aussahen.«
»Waren es Männer? Oder Frauen?«
»Ich glaube, sowohl als auch.«
»Hatte Frau Wagner bestimmte Gewohnheiten?«
»Abends ging sie wie gesagt oft weg und morgens schlief sie lange.«
»Haben Sie am Abend ungewöhnliche Geräusche gehört? Gab es einen Streit?«
»Ich habe nur mitbekommen, wie jemand unten geläutet hat.«
Birthe straffte sich. »Wann war das? Um welche Uhrzeit etwa?«
»Gegen halb zwölf«, sagte Else Leinweber. »Ich war schon im Bett und wollte noch einmal zur Toilette gehen. Da habe ich das Türklingeln unten gehört.«
»Haben Sie Stimmen im Hausflur gehört? Wissen Sie, ob es ein Mann oder eine Frau war?«
Stirnrunzelnd versuchte Else sich zu erinnern. »Nein, das kann ich nicht sagen. Ich habe nicht darauf geachtet. Ich habe mich nur geärgert, dass nachts noch jemand Fremdes ins Haus kam. Jessica war oft schlampig mit dem Abschließen hinterher.«
»Versuchen Sie sich an jede Einzelheit zu erinnern. Jedes Detail zählt. Gab es unten in der Wohnung Streit?«
Else Leinweber dachte einen Moment nach. »Ich habe Jessica reden gehört. Die hat ja so eine hohe, durchdringende Stimme. Sie hat aufgeregt gesprochen.«
»Und die andere Person?«
»Nein, nur die von Jessica. Sie hat viel geredet. Laut und schnell, manchmal schrill.«
»Sind Sie sicher? Sie haben eine einzelne Frauenstimme gehört?«
Die alte Dame nickte.
»Waren es vielleicht zwei Frauenstimmen, die ähnlich klangen?«
»Nein, ich habe nur Jessica gehört.«
»Können Sie ausschließen, dass ein Mann in der Wohnung war?«
»Nein. Vielleicht hat er nichts gesagt oder er hat leise geredet.«
Birthe verabschiedete sich mit einem warmen Händedruck und ging zum Haus zurück. Ein Notfallseelsorger mit einer neongelben Jacke kam ihr entgegen. »Gut, dass Sie da sind«, rief Birthe ihm zu. »Die Zeugin im RTW könnte Ihre Hilfe gebrauchen.«
*
Im Flur ertönte Stimmengewirr. Ein schwarz gekleideter Mann mit Hut redete auf zwei uniformierte Streifenpolizisten ein. »Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie hier wollen?«, erkundigte sich Birthe höflich.
»Carsten Tobecke, der Manager von Jessica Wagner. Ich möchte wissen, was hier los ist. Was ist mit Jessi? Warum darf ich nicht zu ihr?«
»Manager? Wie darf ich das verstehen?«
»Jessi ist Sängerin. Sie singt in meiner Band. Wir waren für 10 Uhr heute Morgen verabredet, wollten zusammen proben. Sie ist nicht aufgetaucht und geht nicht ans Handy. Deswegen dachte ich mir, fahre ich mal direkt hin und schaue nach, was los ist.« Carsten Tobecke hatte einen rundlichen Kopf und einen fast kindlichen Gesichtsausdruck. Birthe schätzte ihn um die 50.
»Sie kann nicht ans Handy gehen.«
»Warum?« Entgeistert sah er sie an.
Erst jetzt fielen Birthe seine fahle Haut und die Schatten unter seinen Augen auf. Seine Nacht war vermutlich kurz gewesen. Er wollte sich an ihr vorbeidrängen, doch sie versperrte ihm den Weg.
»Moment, nicht so schnell. Hatten Sie gestern Abend einen Auftritt?«
Tobecke hob das Kinn. »Was wollen Sie von mir? Was ist hier eigentlich los?«
»Auf der Maiwoche? Mit Jessica Wagner?«
»Ja, warum?«
Birthe versuchte in seiner Mimik zu lesen. War er wirklich so ahnungslos, wie er tat? Entweder war er ein guter Schauspieler oder er wusste wirklich nichts. »Jessica Wagner ist tot. Es tut mir leid.«
Carsten Tobecke starrte sie ungläubig an. Seinen Hut nahm er jetzt ab. Verlegen fuhr er sich durch sein schütteres graues Haar, das er zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden hatte. »Das kann nicht sein«, murmelte er. Seine Gesichtszüge wurden schlaff, sodass sein Doppelkinn deutlich zum Vorschein kam. Er wischte sich mit dem Unterarm über die schwitzende Stirn.
»Warum kann das nicht sein?«
»Weil sie gestern Abend noch putzmunter war«, murmelte er.
»Kommen Sie«, sagte Birthe freundlich. »Wir gehen in mein Auto und unterhalten uns in Ruhe.«
»Ich will in die Wohnung! Ich muss zu ihr! Ich bin ihr Freund! Ich will sie sehen!« Seine Augen blickten flehentlich zu ihr auf. Es wirkte übertrieben, sodass Birthe sich fragte, ob er ihr etwas vorspielte.
»Das geht leider nicht. Hier werden gerade Spuren gesichert.«
»Spuren gesichert? Warum? Sagen Sie mir die Wahrheit: Ist sie ermordet worden?«
Birthe musterte ihn schweigend.
»Das glaub ich nicht! Welches Drecksschwein war das?« Entschlossen drängte er sich an ihr vorbei. »Jetzt hat sie es endlich geschafft, jetzt hat sie erreicht, was sie wollte.«
Birthe war für eine Sekunde nicht präsent genug gewesen und ärgerte sich über sich selbst. Sie lief ihm hinterher. »Halt! Bleiben Sie stehen! Sie dürfen da nicht rein!«
Er hatte es bis in den Flur von Jessica Wagners Wohnung geschafft und wusste anscheinend genau, wo sie sich befand, denn mit einem Satz war er bei ihr. »Das ist nicht wahr! Mein Gott, Jessi … Was ist passiert? Wer hat dir das angetan?«
»Wenn Sie nicht augenblicklich den Tatort verlassen, muss ich Ihnen Handfesseln anlegen«, sagte Birthe.
Sie verständigte sich über Gesten mit ihren Kollegen. »Sie stören die Ermittlungen, Herr Tobecke. Solange Spuren gesichert werden, darf kein Unbefugter den Tatort betreten. Ich habe Ihnen angeboten, in meinem Wagen zu reden.«
»Ich bin kein Unbefugter!«, stellte er klar. »Ich bin ihr Freund.«
»Ihr Lebenspartner?«
»Also gut, ich gehe mit Ihnen. Für ein paar Minuten«, gab er nach. Sichtbar müde folgte er ihr nach draußen. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte Birthe den Dienstwagen geparkt.
Im Fahrzeug nahm sie seine Personalien auf. Mit ihrem Diensthandy zeichnete sie das Gespräch auf.
»Ich verstehe das alles nicht. Es ist schwer zu begreifen«, sagte er matt und wischte sich mit den Händen über die Augen. Endlich schien er ruhiger zu werden. »Gestern Abend standen wir noch zusammen auf der Bühne. Jessi war klasse, sie hat zum ersten Mal solo gesungen, als Frontsängerin, und sie war gut, die Leute liebten sie, haben sie gefeiert. Jessi hat viel Applaus bekommen, viel mehr als wir alle zusammen, es war richtig geil. Sie kann nicht tot sein. So ein quirliges Mädchen kann nicht tot sein.« Er holte Luft und stieß einen tiefen Seufzer aus.
Birthe ließ ihm Zeit. »In welcher Beziehung standen Sie zueinander, Sie und Frau Wagner?«, fragte sie dann.
»Ich war ihr Manager.«
»Sie haben eben gesagt, Sie wären ihr Freund gewesen.«
»Ja … gut, Manager und Freund. Ein Freund, nicht ihr Freund.«
»Hatte sie denn einen Freund?«
»Pff, keine Ahnung. Ich glaube nicht.«
Sie sah ihn prüfend von der Seite an. Er reagierte kaum, blickte nur kurz auf, als er merkte, dass er gemustert wurde.
»Was haben Sie vorhin damit gemeint, als Sie gesagt haben, sie hätte es endlich geschafft, sie hätte erreicht, was sie wollte. Wen meinen Sie damit? Wer ist ›sie‹?«
Er presste seine Lippen aufeinander, schüttelte den Kopf.
Birthe wartete ab, doch er schwieg beharrlich. »Erzählen Sie vom gestrigen Abend.«
»Wir waren am Jürgensort. Jessi hat die Frontsängerin ersetzt, weil sie erkrankt ist. Danach sind wir noch einen trinken gegangen. Wir wollten zum Maibrunnen an der Marienkirche, da feiern wir eigentlich jedes Jahr, auch wenn es vom Jürgensort aus etwas weiter ist. Das war Jessi offenbar zu weit, sie wollte nicht mit. Sie sagte, sie sei müde, und wollte schlafen gehen.«
»Definieren Sie bitte Ihre Freundschaft zu Jessica Wagner genauer. Gab es über das rein Berufliche hinweg eine private Beziehung? Eine sexuelle Beziehung?«
Tobecke blähte die Wangen auf. »Mein Gott, nein. Es war nicht einmal eine Affäre.«
»Aber Sex. War Liebe im Spiel?«
»Nein.«
»Bei Frau Wagner auch nicht?«
Sein Blick wanderte zur Wagendecke. »Ich kann in die Frauen nicht reingucken. Das ist mir noch nie geglückt. Ich bin solo. Und das soll eigentlich auch so bleiben. Also, ich glaube nicht, dass Jessi mehr wollte als ein Trittbrett für ihre Karriere, wie viele Mädels, die ins Musikbusiness einsteigen. Das habe ich ihr ermöglicht.«
»Hätte sie das aufgrund ihres Talents nicht bekommen?«
Treuherzig sah er sie an. »Doch, aber Jessica wollte es so. Das versichere ich Ihnen.«
»Nächste Frage: Wie viele Musiker sind in der Band?«
»Wir sind zu fünft. Drei Jungs und zwei Mädels.«
»Jessica Wagner war vorher nicht Teil der Band?«
»Doch. Sie stieg vor ein paar Monaten als Backgroundsängerin ein, zusammen mit einer anderen. Da ist sie mir aufgefallen.«
»Wer ist die andere?«
»Sie heißt Angie. Ihren Nachnamen weiß ich nicht mehr. Wirklich toll hat sie nicht gesungen. Jessica war definitiv die bessere Sängerin. Optisch haben die beiden Mädels aber zueinander gepasst, die eine blond, die andere brünett, beide in etwa gleich groß, die gleiche Figur, da habe ich sie beide gebucht. Als Gesamtpaket funktionierten sie ganz gut.«
Sie wurden von Birthes Privathandy unterbrochen, das viel zu laut klingelte. Ihre Schwester hatte sich lange nicht mehr gemeldet. Birthe murmelte eine Entschuldigung und ging kurz dran. »Es passt gerade nicht, Sophia, bin mitten in einer Vernehmung. Kann ich dich später zurückrufen?«
»Klar, mach nur«, antwortete ihre Schwester mit tränenerstickter Stimme.
»Bis später dann.« Irritiert legte Birthe auf. Dann schaltete sie das Handy aus. »Entschuldigung«, murmelte sie. »Also, noch mal zurück zu dem, was Sie eben gesagt haben: »Wer ist ›sie‹? Wer hat es geschafft? Wer hat erreicht, was er oder sie wollte?«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
»Das haben Sie mir eben gesagt: Sie haben gesagt: ›Jetzt hat sie endlich erreicht, was sie wollte.‹ Wen meinen Sie damit?«
Sein Gesicht spiegelte völlige Ahnungslosigkeit wider. »Ich weiß es nicht. Muss wohl irgendwas geträumt haben. Ich meine niemanden damit.«
Birthe nahm ihr Tablet und tippte etwas hinein. Trotzdem entließ sie ihn noch nicht. Sollte er sich ruhig ein wenig langweilen.
Kapitel 4
Ich habe seit zwei Tagen nicht mehr geschrieben. Eigentlich schreibe ich überhaupt nicht gerne, aber Maren verlangt das von mir. Es sei Teil der Therapie, erklärt sie jedes Mal aufs Neue. Ein Tagebuch soll ich führen, dabei liegt mir das überhaupt nicht. Wenn die Seiten leer geblieben sind, finde ich keinen richtigen Anfang. Ich sehe keinen Sinn darin, habe mein Leben lang nicht gerne geschrieben. Aber Maren glaubt, ich bekomme meine Aggressionen am besten in den Griff, wenn ich alles aufschreibe, was mich belastet. Das wäre besser, als andere darunter leiden zu lassen. Sicher stimmt das, aber wenn ich unterwegs einen Rappel kriege, ist ja auch nicht gleich Papier und Stift zur Hand. Und wenn ich dann zu Hause bin und schreiben könnte, ist meine Wut nicht mehr so stark, sondern hat sich inzwischen abgekühlt.
Trotzdem ist Maren der Meinung, ich würde mich besser fühlen, wenn ich schreibe. Manchmal glaube ich ihr sogar. Manchmal fühle ich mich tatsächlich besser. Aber im Moment fühle ich gar nichts. Da ist nur Leere, ein großes Fragezeichen.
Gestern Abend hatte ich wieder so einen Tiefpunkt. Der Tag war bis dahin eigentlich noch gut. Mit ein paar Leuten war ich auf der Maiwoche. Da war ordentlich was los. Wir haben am Markt Bier getrunken und was gegessen. Dann sind wir weitergelaufen bis zum Nikolaiort und haben uns da umgesehen. Eine Band hat gespielt. Das war aber nicht wirklich meine Mucke und wir sind weitergezogen. In der Großen Straße wurde es richtig voll. In der Georgstraße sind wir auch nur kurz stehen geblieben und haben einer Coverband zugehört, dann sind wir noch einmal weitergezogen bis zum Jürgensort. Und da habe ich sie entdeckt. Jessi stand ganz vorne, das war ein ungewohnter Anblick. Sonst war ihr Platz immer hinter den Gitarristen. Manchmal sah man sie gar nicht. Aber heute wirkte sie wie ein Star. Wunderhübsch. Ich habe sie lange angestarrt. Die anderen Musiker aus der Band habe ich gar nicht wahrgenommen. Ich könnte nicht mal sagen, wer sonst noch mit dabei war und was sie anhatten. Jessi hat mich überrascht. Ich wusste gar nicht, dass sie mittlerweile so gut singen kann. Irgendjemand hat mal gesagt, ihre Stimme sei mittelmäßig und reiche nur für den Backgroundchor, aber nun weiß ich, dass das nicht stimmt. Sie hat wirklich krass gesungen, an einigen Stellen sogar solo. Auf mich hat sie wie eine richtige Sängerin gewirkt, cool und souverän. Wie ein Star eben.
Nebenan war ein Getränkestand und wir haben noch ein oder zwei Biere geholt. Die anderen hatten dann keine Lust mehr und sind weitergezogen. Ich bin geblieben. Ich wollte Jessi bis zum Schluss sehen. Ich stand da mit meiner Bierflasche in der Hand und habe sie, glaube ich, völlig perplex angestarrt. Im ersten Moment war ich glücklich, aber dann kam diese komische Stimmung wieder, die mir immer den Boden unter den Füßen wegreißt. Mir wurde ganz schlecht vor Melancholie und Einsamkeit inmitten der vielen Menschen, trotzdem konnte ich mich nicht überwinden weiterzugehen. Hätte ich das nur getan. Aber ich konnte nicht. Irgendeine höhere Macht hat mich gezwungen zu bleiben. Mich zieht das Unglück einfach magisch an. Ich habe das falsche Gespür, gerate immer in Situationen, die mir nicht guttun. Ich suche und finde das Unglück.
Meine Therapeutin sagt, ich würde mich damit unbewusst meiner Vergangenheit stellen. Das Gefühl von Einsamkeit wäre der Moment, in dem ich mir meiner Verlustängste und Traumata bewusst wäre. Ich sollte das aushalten, nicht dagegen angehen, dann würde es besser werden und vielleicht irgendwann ganz verschwinden. Im Flow bleiben, nennt sie das. Alles, was ich brauche, sei Geduld. Aber bisher warte ich vergebens. Im Gegenteil, es wird schlimmer und schlimmer. Ich komme immer schlechter mit mir selber klar.
Als das Konzert zu Ende war, habe ich auf sie gewartet. Eigentlich wollte ich nichts Bestimmtes von ihr, einfach nur in ihrer Nähe sein, mit ihr reden, ihr zu dem tollen Auftritt gratulieren. Aber sie hat mir wieder mal die kalte Schulter gezeigt. Kenn ich ja schon. Sie sei müde, hat sie gesagt, habe keine Lust mehr und wolle schnell nach Hause, aber ich habe ihr das nicht abgenommen. Sie sah überhaupt nicht müde aus. Hat mich einfach abblitzen lassen. Richtig blöd bin ich mir vorgekommen. Ein Autogramm hätte sie mir wenigstens geben können, irgendetwas, das ich mit nach Hause hätte nehmen können. Etwas von ihr eben. Ich war sehr enttäuscht, wollte mich aber nicht so einfach abschütteln lassen.
Sie ging zu den Bussen am Neumarkt, und ich bin ihr gefolgt. Ich glaube, sie hat das nicht mitbekommen, jedenfalls hat sie sich kein einziges Mal umgedreht. Es war ja auch so viel los auf der Maiwoche, dass es seltsam gewesen wäre, wenn sie sich verfolgt gefühlt hätte. Wahrscheinlich wusste sie, wie die Busse abends fahren, denn lange warten mussten wir nicht. Nach ein paar Minuten kam die 36 in Richtung Eversburg. Sie ist vorne eingestiegen, hat sich gleich hingesetzt, während ich schnell nach hinten durchging. Ich glaube, sie hat das nicht mitbekommen, denn der Bus war knackvoll. Viele Leute mussten stehen.
Auf der Fahrt ist mir vieles durch den Kopf gegangen. Ich habe mich wieder mal gefragt, woher die Ungerechtigkeit in der Welt kommt. Manche Menschen werden mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Sie haben von Anfang an gute Karten, waren ein Wunschkind, haben Eltern und Großeltern, die sie vom ersten Atemzug an lieben und verwöhnen, die alles für sie tun, ihr Leben für sie geben würden. Hauptsache, dem Kind geht es gut, Hauptsache, es hat alles, was es braucht, und noch viel, viel mehr. Wer hat, bekommt noch mehr. Das ist die große Ungerechtigkeit in der Welt. Andere hingegen müssen mit fast nichts auskommen. Keiner will sie, sie sind ungeliebt, von Geburt an, und keiner kümmert sich richtig darum. Ihnen fehlt alles, was ein gutes Leben ausmacht: Liebe, Wärme, Geborgenheit, körperliche und geistige Nahrung. Es fehlen einfach jene Startbedingungen, die ein glückliches, gelingendes Leben ausmachen. Sie lernen von Anfang an zu verzichten und zu entbehren, und kein Jugendamt der Welt schert sich darum. Warum ist das so? Warum werden Menschen geboren, um glücklich zu sein, und andere, um unglücklich zu sein? Wer ist schuld an dieser Ungerechtigkeit? Warum können nicht alle Menschen die gleichen Startbedingungen haben? Dann wäre die Welt viel reicher, und alle würden viel freundlicher miteinander umgehen. Ich suche ständig nach Antworten. Den Politikern kann man nicht die Schuld geben, so viel habe ich inzwischen gelernt. Ihre Aufgabe ist es nicht, es allen recht zu machen. Sie sind nicht für unser Glück verantwortlich. Sie werden es niemals erreichen, jede Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen und für Gleichheit zu sorgen. Und es wäre fatal, aus lauter Unzufriedenheit den Falschen hinterherzulaufen. Maren sagt, ich soll aufhören, so viel zu grübeln, das würde nichts bringen und mich fertigmachen, es würde sowieso nichts ändern, aber das ist leicht gesagt. Wenn diese Gedanken kommen, kann ich nichts dagegen tun. Sie überrollen mich und ich fühle mich dann noch schlechter, noch minderwertiger als sonst. Ich muss abwarten, bis sie von selbst aufhören. Übrigens stimmt es nicht, dass man nichts dagegen tun kann, man kann. Das weiß ich aus Erfahrung. Zumindest kurzfristig geht es einem dann besser. Aber was ich mache, ist immer nur falsch.
*
Tobecke wickelte ein Kaugummi aus dem Papier und steckte ihn sich in den Mund.
Birthe sah ihm dabei zu. »Machen wir weiter, Herr Tobecke«, sagte sie erschöpft. »Erinnern Sie sich an den gestrigen Auftritt. Wie hat Jessica Wagner auf Sie gewirkt?«
Carsten Tobecke knetete seinen Hut zwischen den Händen und kaute vor sich hin. »Sie war … wie wir alle … glücklich. Alles lief rund. Keine einzige Panne. Wir waren alle happy und sind feiern gegangen, leider, wie gesagt, ohne Jessi.«
»Kein Streit im Vorfeld?«
Mit einem fast betrübten Ausdruck schüttelte Carsten Tobecke den Kopf. »Nein, absolut nicht.«
»Was war vorher? Ich könnte mir denken, dass so ein Auftritt recht anstrengend ist. Lange Proben, man muss sich abstimmen, verbringt viel Zeit miteinander, da passiert es leicht, dass es zu Meinungsverschiedenheiten kommt, zu einem Streit, dass manchmal sogar die Fetzen fliegen.«
Tobecke wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Kann passieren, wir sind ja alle keine Heiligen. Aber Jessi hatte keine Feinde. Die mochte jeder.«
»Es müssen nicht gleich Feinde sein, manchmal entsteht ein Streit aus dem Nichts. Da reicht es schon mal, dass man schlecht geschlafen hat und gestresst ist. Und bei temperamentvollen Gemütern schaukelt er sich schon mal hoch. Da können Kleinigkeiten, die einen normalerweise nicht aufregen, zu einem Riesenstreit führen.« Birthe merkte an seiner Reaktion, dass sie ins Schwarze getroffen hatte, während Tobecke versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.
»Jessi gehörte noch nicht richtig zur Band«, fuhr er fort. »Sie hat gestern zum ersten Mal vorne gesungen und dann gleich solo. Das war ihr Einstand sozusagen. Sie hat ihre Sache wirklich gut gemacht. Wir waren alle sehr zufrieden. Richtig happy waren wir.«
»Was ist mit der kranken Sängerin? War sie auch happy, dass Jessica Wagner für sie eingesprungen ist?«
Überrascht hob er den Kopf. Mit einigem Zögern setzte er zur Antwort an. »Ich denke schon. Wenn man ausfällt, gibt es Ersatz. Das ist ganz normal. In jeder Branche ist das der Fall. Bei Ihnen doch auch, oder nicht? Oder bringen Sie gleich Ihren Kollegen um, wenn er Sie im Krankheitsfall ersetzt?« Er machte ein schmatzendes Geräusch mit seinem Kaugummi.
»Ich habe nicht gesagt, dass ich die kranke Sängerin verdächtige. Wie heißt sie überhaupt?«
»Katharina Jütting.«
»Könnte ich einen Grund haben, Frau Jütting zu verdächtigen?«
Carsten Tobecke sah zur Wagendecke und machte eine Blase mit dem Kaugummi. »Das habe ich nicht behauptet. Aber beste Freundinnen waren sie sicher nicht.«
»Vorhin haben Sie gesagt, es hätte keiner was gegen Jessica Wagner gehabt.«
»Nein, das nicht«, meinte er ausweichend. »Das hatte ja auch keiner. Trotzdem waren Katharina und Jessica nicht unbedingt Freundinnen. Das ist etwas anderes.«
»Hat Frau Jütting sich mal abwertend über Jessica Wagner geäußert?«
»Nicht, dass ich mich erinnere, nein. Es ist nur ein Gefühl, mehr nicht.«
»Meinten Sie vorhin Frau Jütting, als Sie sagten, jetzt hätte sie erreicht, was sie wollte?«
»Das weiß ich nicht mehr, vielleicht. Ich habe an keine konkrete Person gedacht.«
»Trotzdem ist es Ihnen spontan herausgerutscht.«
»Das passiert mir häufig. Ich denke nicht immer, bevor ich spreche. Das wird mir oft zum Verhängnis. Daran sind schon viele Beziehungen gescheitert.«
»Gerade habe ich das Gefühl, dass Sie die kranke Sängerin der Tat bezichtigen.«
»Glauben Sie, was Sie wollen.« Er streckte seinen Rücken durch und setzte seinen Hut auf.
»Wie lange kannten Sie sich? Sie und Jessica Wagner?«
»Seit ungefähr zehn Monaten. Damals war Jessi Backgroundsängerin einer völlig unbekannten Band und trällerte nur unterstützend den Refrain mit. Sie konnte mehr, das habe ich gleich gemerkt. Sie hatte Potenzial. Ich habe sie angesprochen und gefragt, ob sie Lust auf Probeaufnahmen hätte. Natürlich hatte sie das. Wir haben unsere Nummern getauscht und gleich am nächsten Tag habe ich sie angerufen. Von da an unterstützte sie uns manchmal als Backgroundsängerin, sie und ihre Freundin Angie. Aber Angie blieb nicht lange, zum Glück. Hat sich bei uns anscheinend nicht wirklich wohlgefühlt. An Talent fehlte es ihr sowieso. Von daher war ich froh, dass Angie von selbst die Segel gestrichen hat und ich sie nicht rausschmeißen musste.«
Birthe erkundigte sich nach dem Namen der Band und musste zugeben, dass sie ihn nie zuvor gehört hatte.
»Eine Osnabrücker Band«, erklärte Tobecke. »Gibt es schon lange, genau genommen seit Jahrzehnten, ist aus einer Schülerband hervorgegangen. Damals hießen wir ›Nonsense‹. Jürgen und ich kennen uns seit unserer Kindheit. Aber erst jetzt starten wir so richtig durch. Wir bekommen inzwischen Anfragen aus ganz Niedersachsen mit guten Gagen. Das war früher nicht der Fall. Da mussten wir gewaltig Klinken putzen, wenn wir mal irgendwo auftreten wollten. Gemäß dem Slogan: ›Zahlen können wir nichts, aber es ist ja auch Werbung für Sie, wenn Sie auftreten.‹ Geil, ne?« Er legte mitleidheischend sein Gesicht in Falten.
»Was ist mit diesem Jürgen? Wie heißt er mit Nachnamen?«
»Jürgen Teepe. Er ist älter als ich, geht auf die 60 zu. Hat immer noch Flausen im Kopf. Dem merkst du sein Alter nicht an, der spielt virtuos Saxophon wie kein anderer. Ein guter Gitarrist ist er außerdem.«
»Wer gehört noch zur Band?«
»Max Grewe, Schlagzeuger. Er ist ziemlich jung, aber das spielt keine Rolle. Er hat’s voll drauf. Ich hoffe, er wird uns erhalten bleiben, denn er studiert schon seit Ewigkeiten Psychologie und will ja vielleicht mal fertig werden mit dem Studium. Dann ist da noch Clarissa Will, eigentlich Erzieherin. Sie hat eine schöne, tiefe Soulstimme. Tolle Frau, wenn auch nicht mein Typ. Aber sie füllt die Bühne aus, lebt ihr Ding und strahlt das aus, das ist wichtig.«
»War sie gestern mit am Maibrunnen?«
Er nickte. »Ja, eine Weile. Dann ging sie weiter, hatte wohl eine Verabredung.«
»Okay, weitere Bandmitglieder?«
»Meine Wenigkeit. Ich bin Gitarrist. Und eben Katharina, die frühere Frontsängerin.«
Birthe runzelte die Stirn. »Frühere Frontsängerin?«
»Ja. Jessica Wagner sollte ihren Platz einnehmen. Was ich jetzt mache, muss ich mir erst überlegen. Vielleicht hole ich Katharina zurück, ich glaube allerdings eher nicht. Ich werde wohl nach einer neuen Sängerin Ausschau halten.«
»Okay. Ich benötige die Kontaktdaten Ihrer Bandkollegen.«
Kläglich sah er sie an. »Hat das nicht Zeit bis nach der Maiwoche? Ich brauche die Jungs und Mädels jetzt. Sie können nicht abliefern, wenn sie durcheinandergebracht werden. Morgen haben wir den nächsten Auftritt.«
»Ach, und der Tod ihrer Bandkollegin bringt sie nicht durcheinander? Wollen Sie den vor Ihren Leuten geheim halten?«
Tobecke sah aus dem Seitenfenster. Ein Mann mit Funktionskleidung und einem großen Hund kam gerade vorbei und spähte mit misstrauischer Miene zu ihnen hinüber.
»Ich kann leider keine Rücksicht darauf nehmen, dass gerade Maiwoche ist«, sagte Birthe. »Wir ermitteln in einem Mordfall. Da zählt jeder Tag, jede Stunde, jede Minute.«
»Also gut, ich suche die Nummern raus. Die Adressen meiner Kollegen habe ich zu Hause.« Er zückte sein Handy und wischte auf dem Display herum.
Birthe notierte die Namen und Rufnummern der fünf Bandmitglieder und vergewisserte sich, alles richtig geschrieben zu haben. Carsten Tobecke irritierte sie. Zweifelsohne hatte er Charme. Mit seinem zerknautschten Gesicht erinnerte er sie an eine Handpuppe aus einer Muppet Show. Birthe musste lächeln bei dem Vergleich. Knuffig sah er auf jeden Fall aus. Typ Teddybär, ein Mann zum Anlehnen, sie konnte sich vorstellen, dass er bei Frauen gut ankam.
»Wie lange waren Sie zusammen am Maibrunnen?«
»Bis halb zwölf etwa. Dann hatte ich keine Lust mehr. War dann auch irgendwie durch.«
»Was haben Sie danach gemacht?«
»Ich bin ins Hotel gegangen.«
»Ach, Sie übernachten im Hotel? Ich denke, Sie spielen in einer Osnabrücker Band. Wohnen Sie nicht in Osnabrück?«
»Nein, in Rheine. Ist mir zu weit abends. Ich mag es, nach dem Feiern keine weiten Wege mehr zu haben. Ein paar Meter zu Fuß in die Koje, das ist doch schön. Und wenn ich mal Lust habe, eine Frau mitzunehmen, ist das kein großes Ding. Nach Rheine hätte wohl keine Dame Lust mitzukommen.«
»In welchem Hotel sind Sie?«
»Im Remarque. Nur ein Katzensprung zu den Auftrittsorten. Zum Glück, denn nach einem Gig bin ich ziemlich fertig. Außerdem darf ich trinken, muss mir keine Gedanken über den Heimweg machen. Taxis kriegt man eh nicht um die Zeit. Können Sie vergessen.«
Birthe nahm ihn ins Visier. »Was haben Sie zwischen 23.30 und 1.30 Uhr gemacht?«
Er machte einen tiefen Atemzug. »Ach, jetzt kommt die Frage nach dem Alibi. Sie halten mich für verdächtig? So eine Frage wurde mir zuletzt als Halbstarker gestellt, als eine Brandserie aufgeklärt werden sollte. Na schön: Gepennt habe ich. Als ich im Hotel ankam, bin ich gleich ins Bett gehüpft. Ich habe geschlafen wie ein Baby, bis 8.30 Uhr, als mein Handy mich brutal aus dem Schlaf gerissen hat.« Wie um das Gesagte zu unterstreichen, rieb er sich ein Auge und gähnte.
»Und die anderen?«
»Keine Ahnung. Sie wollen sie ja sowieso fragen. Die sind auf jeden Fall länger geblieben.« Seine Stimme klang heiser. Er legte den Kopf zurück, atmete tief durch und schloss die Augen.
»Wie ist Jessica nach Hause gekommen? Hat sie jemand begleitet?«
»Nein. Sie ist mit dem Bus gefahren«, murmelte er mit halb offenen Lidern. »Ist das Vernünftigste, was sie tun konnte.«
»Wann ist eigentlich Ihr nächster Auftritt?«
Er drehte sich zu ihr hin und blinzelte. »Morgen spielen wir am Nikolaiort. Ab 20 Uhr.«
»Werden Sie ihn absagen?«
Tobecke schüttelte den Kopf. »Nee, das kann ich mir nicht leisten. Wir stehen unter Vertrag. Die Konventionalstrafe wollen wir uns sparen.« Er zog einen Schmollmund. Volle, sinnliche Lippen, stellte Birthe fest. Als hätte Tobecke ihre Gedanken erraten, sah er ihr tief in die Augen. Er lächelte. »Hätte ich nicht gedacht, dass es so tolle Frauen bei der Polizei gibt. Könnte weitaus schlimmer sein.«
Birthe ging nicht darauf ein. »Fühlen Sie sich dazu überhaupt schon wieder in der Lage?«
»Wir sind Profis. Das ziehen wir durch. Absagen kommt nicht infrage. Es gibt auf die Schnelle keinen Ersatz. Wenn du absagst, wirst du nicht mehr vom Veranstalter gebucht. Da hängt ’ne Menge Kohle dran. Uns ist nicht immer nach Spaß und guter Laune, auch wenn das so rüberkommt. Du musst auftreten, wenn du ’ne schlaflose Nacht hinter dir hast, dir der Schädel brummt, dein Bauch rebelliert oder der Kreislauf schlappmacht. Hilft alles nichts. Wir hatten ein Konzert einen Tag nach dem schrecklichen Terroranschlag in Paris. Mit einem mulmigen Gefühl sind wir hin, keiner von uns wollte wirklich, lieber wären wir zu Hause auf der Couch geblieben und hätten uns volllaufen lassen, aber wir hatten keine Wahl. Auf der Bühne verdrängst du das. Adrenalin und Endorphin helfen dir dabei und weiß der Geier was noch. Da funktionierst du, und das Publikum dankt dir dafür. Die haben alle ihre Problemchen und Anspruch auf ein bisschen Spaß und Ablenkung. Die wollen einfach mal den ganzen Scheiß in der Welt vergessen. So sind wir doch im Grunde alle gestrickt, oder? Einfach weitermachen, immer weiter kämpfen, Tag für Tag, und das Beste draus machen.« Er suchte Birthes Blick. »Es ist ein Job, Frau Schöndorf. Für einige von uns sogar der einzige. Die Mieten sind arg gestiegen in Osnabrück, manchmal kommen 80 Bewerber und mehr auf einen Besichtigungstermin, da kann man nicht einfach sagen, nee, Leute, heute spielen wir nicht, heute sind wir schlecht drauf und wollen lieber im Bett bleiben.« Mit seinen breiten Händen unterstrich er seinen Redeschwall.
Birthe wunderte sich, dass er schon wieder so gefasst war. »Am Sonntag kommen sicherlich noch einmal viele Leute, oder?«
»Klar. Freitag, Samstag und Sonntag sind die bestbesuchten Tage der Maiwoche, da geht’s richtig ab. Jeder will da spielen. Wir sind froh, dass wir überhaupt dafür gebucht wurden. Es gibt weitaus unbeliebtere Daten. Kommen Sie doch mal vorbei, es lohnt sich!«
»Das ist eine gute Idee. Vielleicht sollten mein Kollege und ich das wirklich tun!«
»Machen Sie sich bemerkbar, damit ich Sie nicht übersehe!« Er zwinkerte ihr zu und schob seinen Hut zurück.
Birthe ließ es für heute bewenden. Mit ein paar Dankesworten und dem deutlichen Gefühl, dass er etwas vor ihr verbarg, verabschiedete sie ihn.
Kapitel 5
Als Tobecke abgezogen war, wollte Daniel natürlich gleich wissen, wie das Gespräch mit ihm gelaufen war. Sie fasste es für ihn zusammen.
Er runzelte die Stirn und sah sie intensiv an. »Traust du dir das überhaupt schon zu? Es ist der erste Mordfall, seit …«
»Seit ich bei meinem letzten fast draufgegangen wäre, meinst du.« Mit einem verletzlichen Ausdruck im Gesicht erwiderte sie seinen Blick.
Verlegen fuhr er sich mit der Handkante durch die kurzgeschorenen Seitenpartien. Seit Neuestem trug er einen gestutzten Vollbart. »Wenn du dich nicht in der Lage fühlst, den Fall zu bearbeiten, kann ich das verstehen. Dann übernehmen Carlo und ich. Carlo meint übrigens auch, es würde im Moment völlig reichen, wenn du im Büro bleibst und …«
»… Schreibkram erledigst und Akten von links nach rechts schiebst, nicht wahr?« Sie lachte. »Oh nein, mein Lieber, das hättest du wohl gern. Dafür ist Zeit, wenn ich kurz vor der Rente stehe.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob du das Erlebnis genügend verarbeitest hast. Du wolltest keine Therapie, obwohl wir dir alle dazu geraten haben.«
»In der Reha hatte ich so was in der Art. Gesprächskreise und auch Einzelsitzungen. ›Ich bin der Bruno und komme nicht darüber weg, dass mein Vater gestorben ist.‹ Nein. Brauche ich nicht. Immer um mich selbst kreisen ist nicht mein Ding. Ich konnte das nicht wirklich ernst nehmen und war offen gestanden froh, als ich nach Hause durfte. Ich bin eher der aktive Typ, das weißt du ja. Sport hilft mir am besten, wenn es mir nicht gutgeht. Einmal mit dem Fahrrad rund um den Rubbenbruchsee, und der Kopf ist wieder klar.«
»Das musst du wissen. Wie gesagt, wir übernehmen gerne – ein Wort genügt.«
»Das weiß ich, danke. Uns steht nun leider ein unangenehmer Gang bevor. Wir müssen Jessicas Eltern über ihren Tod informieren.«
»Wir beide schaffen das schon.«
Ihr wurde warm ums Herz. Seit Jahren arbeitete sie mit Daniel zusammen. Anfangs hatte sie ihn nicht gemocht. Sie hatte lange gebraucht, um ihn als Kollegen zu respektieren. Für ihren Geschmack war er zu eitel, zu sehr von sich überzeugt. Doch je länger sie ihn kannte, desto besser verstand sie ihn. Mittlerweile schätzte sie ihn genauso wie ihren älteren Kollegen Carlo Oltmann, einen väterlichen Typ. In manchen Momenten genoss sie das Zusammensein mit Daniel richtig. Auch als mittlerweile Enddreißiger wirkte er manchmal noch jungenhaft unbeholfen, er hatte eine positive Ausstrahlung, war aufgeschlossen, begeisterungsfähig, humorvoll und ein guter Gesprächspartner obendrein.
»Dann komm«, sagte sie.
*
»Warum wolltest du dich mit mir ausgerechnet hier treffen?« Katharina Jütting war es manchmal leid, von Max wie eine bildungsferne Analphabetin behandelt zu werden, dabei hatte sie studiert, wenn sie die Uni auch ohne Abschluss verlassen hatte.
Sie standen an der Ecke Lotter Straße/Heger-Tor-Wall vor einem Haus im römischen Baustil. »Kennst du das Akzisehaus?«, fragte er. »Warst du mal drin?«
»Ja, aber ist lange her. Da gab es in den 70er-Jahren ein Spiegelkabinett. Fand ich total interessant. Ich war damals dünn wie eine Bohnenstange, und im Spiegel hatte ich dann richtig schöne Kurven. Heute hätte ich gerne einen Spiegel, der mich schlank macht.«
Er lachte. »Bist du doch. Aber du weißt nicht, was das früher war? Noch früher, meine ich.«
Sie zuckte mit den Schultern. Jetzt würde Max wieder anfangen zu dozieren und den Lehrersohn herauskehren, das kannte sie schon.
»Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war es ein Zollhaus. Verbrauchsgüter wie Bier, Wein, Korn oder Mehl wurden mit Zöllen belegt, die der Stadt als wichtige Einnahmequelle dienten. Später wurde es Teil des kulturgeschichtlichen Museums, das war wohl zu der Zeit, als du im Spiegelkabinett warst, dann Museumsladen mit Kassenhaus für das benachbarte Museum. Inzwischen dient es als Werkstatt des Museums.«
»Aha, wieder ein paar Synapsen mehr im Gehirn. Und was tun wir hier?«
»Du hast neulich gesagt, dass du noch nie im Felix-Nussbaum-Haus warst, und da gehen wir jetzt hin.«
»Weil du es nicht erträgst, dass ich Kulturbanausin es tatsächlich in den 20 Jahren seit der Eröffnung kein einziges Mal geschafft habe?«
»Du hast halt andere Qualitäten.« Max Grewe legte den Arm um ihre Taille und zog sie leicht an sich.
»Nicht in der Öffentlichkeit, Max. Lass uns reingehen.« Nervös blickte sie sich um. Es war niemand da, den sie kannte, aber man wusste nie. Sie spielten ein gefährliches Spiel, das jederzeit auffliegen konnte. Ein Spiel mit dem Feuer. Irgendwann würde es vorbei sein, doch bis dahin wollte sie die gemeinsame Zeit mit Max genießen.
Seit über einem halben Jahr waren sie nun ein Paar – Max, der Psychologiestudent, der sich mit seinen bunttätowierten Armen von seinem gutbürgerlichem Elternhaus absetzen wollte, und sie, die nicht mehr ganz junge Arzthelferin, verheiratet und Mutter einer heranwachsenden Tochter. Sie sah immer noch gut aus, das wusste sie. Sie war relativ klein und es fiel nicht auf, dass ihre einst naturblonden Haare inzwischen dunkel gefärbt waren. Niemand hätte sie auf 53 geschätzt. Max hingegen wirkte mit seiner dunklen Hornbrille und dem rötlichen Vollbart mindestens zehn Jahre älter als er war. Sie hatte sich große Mühe gegeben, ihr Geheimnis für sich zu behalten, und war sich lange sicher gewesen, dass niemand aus der Band bemerkt hatte, was sie für Max empfand. Diese Sicherheit hatte sie nun nicht mehr, oder warum hatte Carsten sie durch eine Jüngere ersetzt? Er sagte, es sei nur ein Versuch mit Jessi, aber sie glaubte ihm nicht. Sie wusste, dass zwischen den beiden etwas lief. Auch sie hatte mal was mit Carsten gehabt, doch das war lange her. Inzwischen verachtete sie ihn, und sie hasste Jessi. Wenn Carsten nicht einen Schlussstrich gezogen hätte, dann hätte sie es getan.
»Sagen dir die Werke von Felix Nussbaum eigentlich was?«, fragte Max, als sie den Kassenbereich passiert hatten. Wie üblich hatte Katharina die Eintrittskarten bezahlt. Es machte ihr nichts aus, denn sie wusste, dass Max als Student Mühe hatte, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Sein Vater unterstützte ihn nicht mehr, seit er sich mit ihm überworfen hatte.
»Ich kenne nur das Plakat, das ihn mit Judenpass zeigt«, gab sie zu.
»Er war ein Osnabrücker Jude aus großbürgerlicher, wohlhabender Kaufmannsfamilie. Sie besaßen eine herrschaftliche Villa in Osnabrück und führten ein gutes Leben. Sein Vater war Hobbymaler, der das Talent seines Sohnes erkannt und gefördert hat. Felix Nussbaum hat Anfang der 30er-Jahre noch große Erfolge gefeiert, in Osnabrück und in Berlin. Leider musste er mit Beginn der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrieren, zunächst nach Italien und Frankreich, später nach Belgien, zusammen mit seiner Frau Felka Platek, seiner großen Liebe. Seitdem lebte er in Brüssel in ständiger Angst vor Verfolgung. Im Versteck malte er weiter, und seine Werke veränderten sich. Die dunklen Farben und schroffen Konturen sind Sinnbild seiner zerrissenen, ängstlichen Seele. Er hatte wohl eine düstere Vorhersehung, die sich in seinen Werken zeigt. Das Exil hat aus ihm einen kaputten Mann gemacht.«
Sie erreichten über einen gläsernen Gang das Innere des Nussbaum-Hauses. Im holzverkleideten Haupttrakt fanden sich frühe Werke des Künstlers, die seine Liebe zur Natur und seine positive Lebenseinstellung ausdrückten.
Als sie über die zinkverkleidete Nussbaum-Brücke den »Gang der ungemalten Bilder« erreichten, blieb Max stehen und zog Katharina zur Seite. Sie waren allein, und er nutzte sofort die Chance, um sie zu küssen.
»Ich finde es hier nicht sonderlich romantisch«, sagte sie.
»Warum? Weil es mal nicht rosarot zugeht? Weil es keine Kerzen gibt, keine Blumen und keine Geigen?«
»Sei nicht so zynisch. Mich bedrückt die Atmosphäre. Ich finde sie beklemmend.«
»Ach ja? Ist doch interessant, was der Architekt daraus gemacht hat. Passt gut zu Nussbaums Werken. Selten spiegeln sich die Werke eines Künstlers so deutlich in der Architektur eines Gebäudes wider.«
»Ist Felix Nussbaum umgebracht worden?«
Max nickte. Sie gingen weiter. Kamen an Fenstern vorbei, die gezackt waren wie Blitzeinschläge, an spitzen Winkeln, harten Materialien wie Beton und Zink. Ständige Richtungswechsel über schiefe Ebenen sorgten für Verwirrung und Unbehagen.
Katharina fühlte sich von der bizarren Architektur überfordert.
»Mir wird schwindlig«, stöhnte sie. »Das ist ja dunkel hier wie im Kerker. Einfach gruselig. Und alles ist schief.«
»Das ist beabsichtigt«, erklärte er. »Die dunklen Töne, schroffen Materialien und schiefen Ebenen sollen Nussbaums Gemütszustand versinnbildlichen. Der amerikanische Architekt Daniel Libeskind hat sich etwas dabei gedacht, als er den Komplex aus drei ineinander übergehenden Gebäuden konzipiert hat. Ich finde es grandios. Der Besucher nähert sich so Nussbaums Seelenzustand an, seiner Verzweiflung, seiner inneren Zerrissenheit, seinen Depressionen. Wenn wir ein Gefühl von Schwindel verspüren, können wir nachvollziehen, wie der Künstler in den letzten Jahren seines Wirkens den Halt verloren hat, die Orientierung. So geht es mir auch manchmal. Manchmal verliere ich den Halt, besonders, wenn ich daran denke, dass unsere Beziehung nicht von Dauer sein wird, weil du dich nicht offen zu mir bekennst.« Er hatte einen melancholischen Ausdruck im Gesicht.
»Bitte hör auf!« Sie ließ ihn stehen und ging einfach weiter.
Rasch hatte er sie eingeholt. »Felix Nussbaum hat sich nie sicher gefühlt im Exil; er musste jederzeit damit rechnen, denunziert und verhaftet zu werden«, rief er atemlos. »Ich verstehe seine Unsicherheit, auch wenn ich vielleicht nicht verfolgt und vom Tod bedroht bin. Aber man kann nie wissen.«
Sie riss ihre Augen auf. »Wie meinst du das? Was erzählst du für einen Käse? Du hast einfach zu viel Psychozeug gelesen.«
Max fixierte sie mit einem seltsamen Blick. »Es ist kein Käse, Katharina. Manchmal habe ich Angst. Ich bin mit dir hierhergekommen, damit du verstehst, wie ich das meine.«
Sie hatten den dunkelsten Raum erreicht. Darin hingen jene Bilder, die Nussbaum kurz vor seinem Tod im Exil gemalt hatte. Es waren finstere Prophezeiungen, die der Maler auf die Leinwand gebannt hatte.
Max blieb vor einem Gemälde stehen. Es zeigte das bekannte Selbstbildnis des Malers. »Ich muss dir was sagen«, begann er stockend. Er schluckte sichtbar. »Jessi ist tot.«
»Was sagst du da?« Katharina begann zu frösteln. Die düsteren Bilder, die dunklen Betonwände und Betonböden um sie herum nahmen ihr die Luft zum Atmen. Sie hatte das Gefühl, den Halt zu verlieren und von der Atmosphäre verschluckt zu werden.
»Carsten hat mich angerufen. Sie ist letzte Nacht in ihrer Wohnung gestorben. Jemand hat sie erstochen.«
Fassungslos starrte sie ihn an. »Du lügst.«
»Warum sollte ich?«
»Das erzählst du mir hier? Ausgerechnet hier? Du hast mich in diese unheimlichen Katakomben gelockt, um mir etwas derart Schreckliches mitzuteilen?«
Er nickte ernst. »Du musst mir sagen, was du weißt, Katharina.«
»Was soll ich wissen?«
»Genau das ist die Frage, die mich brennend interessiert.«
Sie lachte hysterisch. »Du glaubst nicht wirklich, dass ich was damit zu tun habe!«
Er zog die Schultern hoch. »Sag du es mir, Katharina. Du hast sie gehasst, das ist kein Geheimnis.«
»Ja und? Das macht mich nicht zur Mörderin! Ich bin doch nicht bescheuert und bringe sie deswegen um!«
»Wo warst du denn gestern? Du hörst dich nicht erkältet an, so schnell wird man nicht gesund. Also, wo warst du?«
»Zu Hause. Ich bin wirklich erkältet, das merkt man, wenn ich länger rede. Das geht voll auf meine Stimme, und manchmal muss ich husten. Unmöglich, so auf der Bühne zu stehen.«
»Kann das jemand bezeugen?«
»Dass ich krank war?«
»Dass du zu Hause warst.«
Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn finster an. »Du redest wie ein Polizist. Verdächtigst du mich etwa? Was bildest du dir ein?«
»Entschuldigung, das war nicht so gemeint. Ich glaube, wir werden alle noch vernommen. Vielleicht ist es gut, wenn du dich darauf vorbereitest!«
Sie senkte den Kopf. »Darauf antworte ich nicht. Ich bin dir keine Antwort schuldig.«
»Ich verdächtige dich nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass Jessis Tod irgendwie mit dir zusammenhängt. Was ist mit deinem Stalker?«
»Müller? Der ist harmlos, Max. Mit dem werde ich fertig.«
»Könnte er dahinterstecken?«
»Aus welchem Grund?«
Er kraulte seinen Bart. »Um dich zu beschützen? Dass der Mensch nicht richtig tickt, wissen wir. Für mich steckt eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung dahinter, möglicherweise Asperger oder Borderline. Vielleicht auch beides. Seine soziale Interaktion ist erheblich eingeschränkt und er zeigt Stereotypen und zwanghafte Verhaltensweisen. Er bräuchte dringend eine Therapie. Die Voraussetzung dafür wäre allerdings, dass er sich seiner Krankheit stellt, dass er sie akzeptiert und sich eine Veränderung wünscht. Und das ist gerade bei Asperger-Patienten schwierig. Durch die autistischen Züge fällt es den Betroffenen schwer, eine Störung bei sich zu erkennen und sich einem Therapeuten anzuvertrauen.«
»Vielleicht ist er ja schon in Therapie.«
Max zuckte mit den Schultern. »Wenn du wirklich nichts weißt, dann tippe ich auf ihn. Vielleicht ist seine kranke Denke, du würdest zurückkommen, wenn er deine Konkurrentin erst einmal ausgeschaltet hat.«
»Müller ein Mörder? Niemals! Er ist krank, okay, aber ich habe ihn nie aggressiv erlebt. Außerdem kapiert er, wenn er zu weit gegangen ist. Das hat er bisher jedes Mal eingesehen und sich getrollt. Nein, mit deiner Vermutung liegst du völlig falsch!«
»Wir werden sehen«, sagte Max und rieb sich ein Auge. »Ich werde ihn nicht anzeigen, dazu fehlen mir die Beweise. Es ist nur eine Vermutung, mehr nicht.«
»Was soll ich machen? Warum nimmst du mich so in die Mangel? Bin ich in Gefahr?«
»Versteh mich nicht falsch. Wie gesagt, es könnte sein, dass dich die Polizei ins Visier nimmt. Dann brauchst du eine bessere Ausrede als gerade eben. Ich würde dir dringend raten, morgen zum Konzert zu kommen und mitzusingen. Du musst dich dem Publikum zeigen. Es darf nicht sein, dass nur der geringste Verdacht an dir haften bleibt.«
»Du siehst Gespenster, Max, echt. Und jetzt lass uns von hier abhauen, bevor ich eine Panikattacke bekomme.«
»Wie du meinst«, sagte er und folgte ihr seufzend über die schiefen Ebenen zurück zum Ausgang.
Kapitel 6
Mit dem Auto waren es keine fünf Minuten zum Richard-Strauss-Weg am Westerberg. Die Eltern von Jessica Wagner bewohnten ein stattliches Anwesen unmittelbar am gepflegten Grüngürtel der Stadt. In der ruhigen Sackgasse gab es Bungalows aus den 60er- und 70er-Jahren und wenige Neubauten.
Birthe Schöndorf hatte in Erfahrung gebracht, dass Christian Wagner selbstständiger Bauunternehmer mit einer mittelständischen Firma in Osnabrück war. In der breiten Einfahrt stand eine Mercedes S-Klasse. Eine schwere Eingangstür, vergitterte Fenster und eine gut sichtbare Alarmanlage sollten für ein Höchstmaß an Sicherheit sorgen.
Birthe war etwas flau. Nie war es leicht, Angehörige vom Tod eines Familienmitglieds zu unterrichten. Am schlimmsten war es, Eltern mitzuteilen, dass ihr Kind gestorben war, völlig unabhängig davon, wie alt das Kind war. Für Eltern war es unbegreiflich, wenn ihr Kind vor ihnen gehen musste, es bedeutete immer einen radikalen Einschnitt in ihrem Leben. In der Regel traten Polizisten diesen schweren Gang zu zweit an. Nach Möglichkeit zogen sie einen Notfallseelsorger hinzu. Birthe hatte bei der Einsatzzentrale nachgefragt, ob ein weiterer Seelsorger zur Verfügung stand, aber leider eine negative Antwort erhalten. Vorsichtshalber hatte sie einen Rettungswagen bestellt, der hinter ihnen herfuhr und sich im Wendehammer in Bereitschaft hielt.
Elke Wagner öffnete die Tür. Sie war Mitte bis Ende 50, sehr schlank und mit einer blau-weißen Hemdbluse und schmal geschnittener Jeans sportlich-elegant gekleidet. Nachdem Birthe und Daniel sich ausgewiesen hatten, schien sie sofort zu ahnen, was auf sie zukommen würde. Erschrocken rief sie nach ihrem Mann. Christian Wagner kam sofort. Auch er war auffallend gut gekleidet, trug keinen bequemen Freizeitlook. Überraschung und Erschrecken spiegelten sich auf seinem Gesicht.
»Dürfen wir bitte hereinkommen?«, fragte Birthe. Sie hasste, was ihr bevorstand, und würde es gerne schnell hinter sich bringen. Doch nun galt es, so behutsam wie möglich vorzugehen.
»Um was geht es?«, fragte Jessicas Vater heiser. Er wirkte deutlich älter als seine Frau.
»Sind Sie die Eltern von Jessica Wagner?«, fragte Birthe. Ihr war bewusst, dass ihre ernste Miene bereits alles sagte. Daniel stand dicht neben ihr, sie konnte ihn fast körperlich spüren.
Der Bauunternehmer nickte. Seine Frau stellte sich hinter ihn, fuhr sich nervös durch den hellgesträhnten Bob und hielt sich an ihm fest.
»Können wir irgendwo in Ruhe reden?«
Christian Wagner starrte sie an, steckte sein weißes Hemd in die Jeans und blieb wie angewurzelt stehen.
Es war seine Frau, die sich ein Herz fasste und die beiden Kommissare in einen großen, elegant eingerichteten Wohnraum bat. Cremeweiße Ledersofas, helle, schimmernde Tapeten, farblich passende Bilder in Goldrahmen an den Wänden, weißes Mobiliar und mehrere Beistelltische aus Edelstahl und Glas. Der Esstisch war mit friesischem Steingutgeschirr gedeckt. In der Mitte stand eine Glasvase mit zartrosa Rosen. Es roch nach Kaffee, Rührei mit Speck und geröstetem Toastbrot. Anscheinend hatten die beiden gerade noch gemütlich zusammengesessen und gefrühstückt. Bis die Katastrophe mitten in ihren Alltag hineingeplatzt war.
»Vielleicht setzen Sie sich lieber«, schlug Daniel mit rauer Stimme vor. Nervös fuhr er sich mit der Hand über die Stirn. Doch Elke und Christian Wagner rührten sich nicht von der Stelle.
»Ihre Tochter Jessica … Es wäre wirklich besser, wenn Sie sich setzen«, startete Birthe einen neuen Versuch.
»Nein!«, rief Elke Wagner aus und steuerte trotzdem mit unsicheren Bewegungen eine Couchgruppe im hinteren Teil des Raumes an. Daniel folgte ihr.
»Was ist passiert? Hatte sie einen Unfall?«, wagte sich Christian Wagner vor. Er war kreidebleich.
»Kommen Sie«, sagte Birthe und berührte ihn zaghaft am Oberarm. »Gehen wir zu Ihrer Frau.«
Sie verteilten sich auf die verschiedenen Sofas. Birthe bemühte sich, den Eheleuten fest in die Augen zu schauen, während sie den Satz sagte, der jedem, der ihn hörte, das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Ihre Tochter tot ist. Sie ist einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.«
Daniel murmelte mit verkniffenem Mund sein Beileid und verschränkte angestrengt seine Hände, bis die Gelenke knackten.
»Nein, oder?«, entfuhr es Elke. »Das kann nicht wahr sein!« Sie schlug sich beide Hände vor den Mund.
»Wer war das?«, fragte ihr Mann mit versteinerter Miene. Sein Adamsapfel bewegte sich auffällig beim Schlucken.
»Wir wissen es noch nicht, aber wir tun unser Bestmögliches, um die Tat rasch aufzuklären.« Birthe bekam vor Aufregung rote Wangen.
Elke und Christian Wagner starrten sie an.
»Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?« Birthe wusste, die Frage war unnötig angesichts des reich gedeckten Tisches, aber sie wollte irgendetwas tun.
»Das ist nicht wahr!«, wiederholte Frau Wagner tonlos. »Sagen Sie mir, dass das nicht wahr ist!«
»Wann?«, fragte ihr Mann.
»Es muss in der Nacht passiert sein«, sagte Birthe. »Zwischen Mitternacht und 1 Uhr nachts.«
»Wer? Wer hat das getan?«, fragte Christian Wagner erneut mit eisiger Stimme. »Wer hat meine Tochter umgebracht?«
Daniel räusperte sich. »Wir werden es herausfinden, Herr Wagner. Dafür sind wir da! Es wird bereits eine Soko gebildet, die sich ausschließlich damit befasst, rund um die Uhr.«
»Was wissen Sie? Was haben Sie bereits herausgefunden? Sie müssen doch schon erste Spuren gesichert haben!« Er klopfte auf seine goldene Armbanduhr. »Das Ganze ist fast zwölf Stunden her! Mir geht das zu langsam. Wenn Sie sich mehr angestrengt hätten, könnten Sie den Täter vielleicht bereits haben! Ist es ein Asylant?«
»Lassen Sie uns unseren Job machen, Herr Wagner«, bat Birthe ruhig, ohne auf seine voreilige Schlussfolgerung einzugehen, die sie ärgerte. »Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen.«
»Nichts deutet bisher darauf hin, dass es ein Asylbewerber ist«, kam Daniel ihr zu Hilfe.
Birthe atmete tief durch. »Kollegen von uns sind noch vor Ort. Sie machen ihre Arbeit gründlich und präzise und gehen erst, wenn sie alle verwertbaren Spuren gesichert haben.«
Christian Wagner streckte ihr seinen Zeigefinger entgegen. »Finden Sie das heraus! Beeilen Sie sich! Ich zahle eine große Summe für die Ergreifung des Täters. Er muss dafür büßen, was er getan hat, er muss seiner gerechten Strafe zugeführt werden. Ich will ihn leiden sehen. Er soll begreifen, was er gemacht hat. Wenn Sie nicht schnell genug sind, werde ich Sie verklagen! Ich werde noch heute meinen Anwalt informieren.«
»Seien Sie unbesorgt, Herr Wagner«, sagte Daniel. »Die Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten liegt bei fast 100 Prozent.«
»Zahlen interessieren mich nicht. Es geht um meine einzige Tochter. Ich lasse Sie fortan nicht in Ruhe. Ich will wissen, was mit meiner Tochter passiert ist!«
»Wann haben Sie Jessica das letzte Mal gesehen?«, richtete sich Birthe an Frau Wagner.
»Oje, das weiß ich gar nicht genau«, sagte Elke Wagner tonlos. »Wir hatten immer engen Kontakt über das Handy. Gestern Abend haben wir noch miteinander geschrieben, kurz vor dem Konzert. Jessica wollte hinterher gleich berichten, wie es gelaufen ist, doch das hat sie nicht getan. Ich habe lange gewartet, aber es ist nichts gekommen. Ich habe sie in Ruhe gelassen, weil ich dachte, sie sei müde oder vielleicht noch mit ihren Kollegen ausgegangen. Das war unser letzter Kontakt. Ich hatte vor, gleich zu ihr zu fahren und ihr ein paar Brötchen vorbeizubringen.« Mit hilflosem Blick sah sie ihren Mann an.
Christian Wagner schüttelte den Kopf, als sei das alles für ihn unbegreiflich, als könne er es nicht fassen. »Vor einer Woche waren wir das letzte Mal bei ihr. Am Sonnabendvormittag. Wir haben ihr was zum Frühstücken vorbeigebracht.«
»Wie wirkte sie da auf Sie?«
Christian Wagner verschränkte seine Arme vor dem Körper. »Völlig normal. Wie immer. Sie hatte es eilig, sie wollte zu einer Probe.«
»Ganz so stimmt das nicht«, fiel ihm seine Frau ins Wort. »Sie hatte schon länger Probleme. Davon habe ich dir doch erzählt.«
»Zeigen Sie mir bitte mal den Chatverlauf von gestern Abend«, wandte sich Birthe an Jessicas Mutter. Die stand auf, um ihr Handy zu holen. Birthe wartete gespannt und las sich dann den Verlauf durch, um das Telefon anschließend an Daniel weiterzureichen. »Sie fühlte sich gemobbt«, sprach sie laut aus. »Von wem? Wissen Sie das?«
»Von allen Bandmitgliedern außer Carsten Tobecke. Fragen Sie mich bitte nicht, warum«, sagte Elke Wagner. »Ich weiß es nicht. Unsere Tochter fühlte sich leicht auf den Schlips getreten. Nicht immer haben wir den Grund erfahren, und wir wollten ihn auch nicht immer so genau wissen. Wir wollten nicht, dass sie sich in etwas hineinsteigert.«
»Sie sprachen eben von Problemen. Was für Probleme waren das?«
Elke Wagner öffnete ratlos ihre Hände. »Meine Tochter war sehr emotional. Sie hat sich alles zu Herzen genommen, jede Kritik, jede Zurückweisung. In der letzten Zeit ging es ihr nicht sonderlich gut. Aber oft hatte ich auch den Eindruck, dass sie übertreibt. Sie dachte immer gleich an Mobbing, wenn jemand nicht superfreundlich zu ihr war. Ich habe ihr gesagt, dass die Leute vielleicht ihre eigenen Probleme haben, aber sie hat alles immer nur auf sich bezogen.«
»Wissen Sie, was Ihre Tochter gestern nach ihrem Auftritt vorhatte? Wollte sie irgendwohin? War sie mit jemandem verabredet?«
Die Eheleute schwiegen. Birthe und Daniel ließen ihnen Zeit zu antworten.
»Wir ermitteln vorrangig in Jessicas persönlichem Umfeld. Vielleicht können Sie uns bei den folgenden Fragen weiterhelfen«, sagte Birthe. »Mit wem hatte Ihre Tochter in der letzten Zeit Kontakt? Ist sie mit jemandem in Streit geraten?«
Elke Wagner zuckte stumm mit den Schultern. »Gestern Abend hatte sie sich über die anderen Musiker geärgert, weil sie sich nicht beachtet gefühlt hat. Das hat Jessica besonders gehasst: wenn man sie ignoriert hat.« Sie faltete ihre Hände und legte sie in den Schoß.
»Ich verstehe«, antwortete Birthe. Kurz dachte sie daran, dass auch ihr Verhältnis zu ihren Eltern längst nicht mehr so innig war wie vor einigen Jahren und dass sie manchmal regelrecht vergaß, sich bei ihnen zu melden. »Eltern wissen nicht alles von ihren Kindern. Aber Sie können ja mal darüber nachdenken. Sie müssen nicht sofort antworten. Sobald Ihnen etwas einfällt, melden Sie sich einfach bei uns.«
»Dazu wird uns nichts einfallen«, sagte Herr Wagner kurz und knapp. »Jessica hat nicht viel mit uns geredet. Über ihr Privatleben wissen wir wenig. Wir vermuten, dass sie in der letzten Zeit eine Beziehung hatte, das ist auch schon alles. Vor etwa einem Vierteljahr war sie noch gut gelaunt, fast euphorisch, und in der letzten Zeit war sie wie ausgewechselt – eher deprimiert und sehr still.«
»Ich hatte schon engen Kontakt mit Jessica«, antwortete Elke Wagner. »Sie hat sich täglich bei mir gemeldet. Wir haben telefoniert oder kurz gechattet. Trotzdem hatte ich den Eindruck, sie wollte mir nicht alles sagen. Ich habe es so hingenommen, wollte nicht in sie dringen. Das mochte sie nämlich nicht. Dann hat sie dichtgemacht und mich nicht mehr an sich herangelassen.«
»Gab es jemanden, vor dem sie Angst hatte?«, fragte Birthe.
»Sie war sehr sensibel«, sagte Christian Wagner. »Ängstlich nicht, aber sensibel. Oder?« Er suchte Bestätigung bei seiner Frau.
»Sie hatte Angst vor Menschen. Vor Menschenmengen«, fügte Elke Wagner hinzu. »Sie brauchte den Applaus, war regelrecht süchtig danach, aber kurz vor einem Auftritt wäre sie jedes Mal fast gestorben vor Angst. Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment.« Sie ging aus dem Raum und kam wenig später mit einer Flasche Mineralwasser und zwei Gläsern zurück. Während sie die Gläser füllte, entstand eine Redepause.
*
Am Steuer des neuen weißen Mercedes saß Alwin Müller. Vorsichtig rangierte er das Fahrzeug aus der Hofeinfahrt. Angelina ärgerte sich, dass ihr wie gewöhnlich nur der Part der Beifahrerin zukam. Sie schaltete das Radio ein und wechselte den Sender, um nicht während der Fahrt Alwins Musikgeschmack ausgesetzt zu sein.
»Mach’s wenigstens nicht so laut«, brummelte Alwin. »Bin lange kein Automatik-Auto mehr gefahren, muss mich erst wieder umgewöhnen.«
»Ich habe dir angeboten, die Strecke zu übernehmen, kenne mich mit Automatik aus, aber du wolltest ja nicht.«
Er verzog keine Miene, blickte stur geradeaus. »Imposanter Straßenkreuzer, oder?«, sagte er nach einer Weile. »Man sitzt wie in einer Badewanne, nur gemütlicher. Ich fahre den echt gerne.«
»Ich mag die weichen Ledersitze. Man versinkt förmlich darin. In diesem Auto könnte ich bis nach Italien fahren und würde frisch und ausgeruht aussteigen. Hast du schon mal nach oben geschaut?«, fragte Angelina.
Er grinste nur.
»Ein Sternenhimmel im Wagendach, geil, oder? Wie ein Ami-Schlitten. Fehlt nur noch eine Getränkebar im Fond, dann könnte man Party machen.«
Erneut grinste Alwin und warf ihr einen kurzen Blick zu. »Ja, ja, in eurem Alter habt ihr nur Feiern im Kopf.«
Im Radio kam ein Lied, das Angelina mochte. Sie drehte es lauter und sang mit.
Eine Weile ließ er es über sich ergehen, dann reichte es ihm. »Eine Sängerin wird aus dir sicher nicht«, murrte Alwin. »Wenn du mich fragst, triffst du keinen Ton. Jeder Elefant ist musikalischer als du.«
Angelina verstummte und schaltete das Radio ab.
Er drehte sich zu ihr hin. »Weißt du, was mich wundert?« Er musste auf die Bremse treten, weil ein Radfahrer ausscherte. Alwin fluchte leise. Auf der Lotter Straße war wie immer reger Verkehr.
»Sag schon.«
»Du wirkst sehr fröhlich, dabei ist doch gerade erst deine beste Freundin gestorben.«
»Ich zeige das eben nicht so. Hab schon genug geheult. Aber zum Glück kann ich es zwischendurch ein bisschen verdrängen. Muss ja auch sein, sonst könnte ich meine Arbeit nicht machen.«
»Ich sehe das anders. Gerade habe ich mir die Frage gestellt, ob du nicht sogar ein bisschen froh bist über ihren Tod.«
Sie fuhr herum. »Wie meinst du das?«
Er hielt an einer roten Ampel. Fußgänger und Radfahrer kreuzten die Straße. Eine Mutter zog ihr bockiges Kleinkind mit sich. Es wollte aus irgendeinem Grund immer wieder zurück. Alwin trommelte auf dem mit cremefarbenen Leder bezogenen Lenkrad. Es hatte die gleiche Farbe wie die Sitze. »Na ja, seien wir mal ehrlich, du hast dich oft über sie geärgert. Tobecke wollte sie in der Band haben und dich nicht. Sie hatte wohl etwas mehr Glück als du. Vor allem Talent.«
»Ey, sie war meine Freundin, ich habe ihr das gegönnt!«
»Das hat mal anders geklungen. Du warst sauer, du warst wütend, du hast getobt vor Eifersucht. So habe ich dich erlebt, nachdem Tobecke ein ernstes Gespräch mit dir geführt hat. Schon vergessen? Wo bist du eigentlich noch hingegangen am Freitagabend? Ich habe dich am Neumarkt gesehen, nach dem Konzert.«
»Halt bloß die Klappe, Alwin, du übertreibst dermaßen! Ich wollte sowieso nächste Woche zur Polizei und eine Aussage machen.«
»Warum das? Was für eine Aussage?«
Sie schwieg und starrte aus dem Fenster.
»He, was willst du denen erzählen, jetzt sag schon!«
Angelina hob das Kinn und sah ihn an. »Wie geht es eigentlich deiner Mutter?«
Er kniff die Augen zusammen. »Worauf willst du hinaus?« Alwin Müller lief dunkelrot an.
»Zufällig kenne ich eine Mitarbeiterin aus dem Paulusheim, in dem deine Mutter zuletzt untergebracht war. Heike hat Sachen beobachtet, die dich nicht besonders toll dastehen lassen, Alwin. Einmal ist sie gerade noch rechtzeitig ins Zimmer gekommen, hat sie gesagt. Es hätte so ausgesehen, als ob du, na ja, du hättest deine Hände wohl gerade …«
»Und das willst du denen erzählen?«, schnitt er ihr barsch das Wort ab. »Was hat das mit deiner Freundin zu tun?«
»Was hat das damit zu tun, dass du mich in der Stadt beobachtet hast? Das kann ich genauso fragen. Bestimmt hast du wieder Katharina nachgestellt. Gib endlich auf, sie will nichts von dir.«
»Ich auch nichts von ihr.«
»Ja, ja, schon klar«, sagte sie spöttisch.
Er fuhr mit fast 70 Stundenkilometern über die Rheiner Landstraße und sie wies ihn darauf hin. »Das Knöllchen bezahlst du!«
Er drosselte die Geschwindigkeit. »Verdammt, bei diesen neuen Bestattungswagen merkst du nicht, wenn du zu schnell unterwegs bist.«
»Wenn wir gleich am Friedhof angekommen sind, kein Wort mehr, okay? Dirk hat seine Lauscher überall. Ich brauche nicht noch jemanden, der wirres Zeug erzählt.«
»Ich hätte sowieso nicht damit angefangen.«
»Du hast damit angefangen, Alwin«, sagte Angelina.
Den Rest der Fahrt schwiegen sie.
Alwin parkte das Fahrzeug direkt vor der Einfahrt des Krematoriums.
»Bleib sitzen, ich mach das schon«, sagte Angelina, nahm die Papiere aus dem Seitenfach und stieg aus.
Im Eingangsbereich kam ihr Dirk, der Leiter des Krematoriums, entgegen. »Hi, Angelina, wie geht’s, was habt ihr heute für mich?«
»Moin, Dirk! Eine junge Frau, sie sieht nicht mehr wirklich schön aus, wir haben uns alle Mühe gegeben, die Angehörigen wollten sie noch mal sehen, aber viel war nicht zu machen. Bereite die Ärztin auf ihren Anblick vor, wenn sie kommt, oder war sie schon da?«
»Eben weg, sie kommt erst morgen wieder. Ist es deine Freundin?«
Angelina schüttelte den Kopf. »Nee, die ist noch nicht freigegeben. Ich glaube auch nicht, dass die das über uns machen. Zumindest habe ich bisher nichts gehört. Die Leiche bei uns im Wagen ist ein Verkehrsopfer. Wir haben sie letzte Woche auf der A1 aufgesammelt. Die Angehörigen wünschen eine Trauerfeier mit Urne.«
Dirk nickte und nahm die Papiere entgegen. »Kann aber eine Weile dauern. Wir sind voll im Moment. In der Kühlhalle warten gut und gerne 40 Särge.«
»Können wir einen Kaffee haben? Alwin wartet im Wagen.«
»Alles klar, du weißt ja, wo die Maschine ist. Bedient euch ruhig. Ich bring dir schon mal den Sargwagen. Kommt ihr klar?«
»Ey, haben wir jemals Hilfe gebraucht?« Sie lachte.
Während sie den Kiefernsarg aus dem Bestattungsfahrzeug schoben, warf Angelina ihrem Kollegen einen stechenden Blick zu.
*
Durch ein halb geöffnetes Fenster drang Vogelzwitschern. Birthe versuchte, die Tragödie mit den Augen der Eltern zu sehen. Es war so ein herrlicher Frühlingstag, den Jessica nun nicht mehr erleben durfte. Keinen einzigen weiteren Tag. Ein junges Leben voll Hoffnung und Zukunft war ausgelöscht worden. Wie sollten die Eltern nur mit dieser endgültigen Gewissheit weiterleben! Der Schock würde noch kommen, manchmal erst bei der Beerdigung oder kurz danach. Davor gab es so viel zu tun, zu erledigen. Viele Angehörige machten erst einmal alle Schotten dicht, ließen keine Gefühle zu, konzentrierten sich aufs Wesentliche, funktionierten, weil sie funktionieren mussten. Erst danach begann die lange, dunkle Zeit der Trauer und der Verarbeitung.
Birthe verbot sich weitere Gedanken an die Eltern. Mitgefühl ja, Mitleid nein, hatten sie auf der Polizeiakademie gelernt. Sie musste lernen, sich viel mehr abzugrenzen.
»Früher kannte ich das nicht von Jessica. Noch vor wenigen Monaten hatte sie sich so sehr auf ihr neues Leben gefreut. Endlich hatte sie etwas gefunden, für das sie brannte. Sie wollte unbedingt in diese Band, sie wollte dazugehören, berühmt werden, aber das war natürlich nicht so einfach, wie sie sich das vorgestellt hatte«, sagte Elke Wagner leise.
»Wobei das überhaupt nicht unser Ding war«, ergänzte ihr Mann. »Wir hätten uns einen solideren Weg für Jessica gewünscht. Sie glauben nicht, wie oft ich bereut habe, ihr jahrelang diese teuren Klavierstunden bezahlt zu haben.«
»Und Gesangsunterricht«, ergänzte seine Frau.
»Gab es deswegen Konflikte?« Birthe musste diese Frage stellen, denn sie hoffte, dass die Eltern, solange die Emotionen noch frisch waren, unverfälscht Auskunft gaben, dass vielleicht Wahrheiten ans Licht kamen, die sich später nur mühsam ermitteln lassen würden.
Christian Wagner rang nach Worten. »Sie sollte etwas Vernünftiges aus ihrem Leben machen. Keinen Hirngespinsten nachhängen. Sie hat wohl Hobby mit Beruf verwechselt. Aber wie hätten wir ahnen sollen, dass sie plötzlich vorhatte, den Musikquatsch beruflich zu betreiben?«
»Wir haben vieles probiert«, fügte Elke Wagner hinzu. »Jessica hatte so viele Möglichkeiten und hat nichts daraus gemacht. Ins Baugeschäft einsteigen wollte sie nicht, obwohl wir sie immer wieder dazu ermuntert haben. Sie hatte keinerlei Interesse am Beruf meines Mannes. Den Unterricht an einer privaten Fachschule hat sie nach kurzer Zeit an den Nagel gehängt – sie hätte Heilpraktikerin werden können –, die Hotelfachschule in Hamburg hat sie ebenfalls nach sechs Monaten geschmissen. Es war nicht leicht mit ihr. Nichts genügte ihren Ansprüchen, nichts hat wirklich ihr Interesse geweckt. Wir haben schwere Zeiten mit Jessi hinter uns. Aber gerade wurde es wieder etwas besser. Und ausgerechnet jetzt musste sie gehen.«
Daniel lehnte sich vor. »War Jessica Ihr einziges Kind? Oder gibt es noch Geschwister?«, wollte er wissen.
»Jessica ist … Jessi war unser einziges Kind«, sagte Christian Wagner mit gebrochener Stimme. »Ich muss mich erst an die Vergangenheitsform gewöhnen.«
»Hat Jessica hier noch ein Zimmer?«
Die Eheleute nickten.
»Dürfen wir es sehen?«
Christian Wagner starrte den Kommissar an, als wunderte er sich über seine Frage. »Natürlich. Sie hatte einen eigenen Bereich. Eine ganze Etage. Wir hätten sie natürlich vermieten können, als sie ausgezogen war, aber das wollten wir nicht. Sie sollte wissen, dass sie hier ein Zuhause hatte und jederzeit willkommen war.« Christian Wagner erhob sich, um Birthe und Daniel den Wohnbereich seiner Tochter zu zeigen.
Dieser lag im Anbau des Hauses, zur Gartenseite hin, und war mindestens 90 Quadratmeter groß. Jessica hatte in ihrem Elternhaus eine komplette Wohnung für sich allein, mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Ankleidezimmer, modernem Badezimmer und hochwertiger Einbauküche. Die Wohnung war genauso elegant und im gleichen Stil eingerichtet wie der Rest des Hauses.
»War dies schon länger Jessicas Reich, hat sie hier früher gelebt?«, fragte Daniel verblüfft.
»Ja, seit ihrem zwölften Lebensjahr«, antwortete Christian Wagner. »Vorher hatte sie zwei große Zimmer im Obergeschoss. Aber sie sollte in der Pubertät genug Entfaltungsmöglichkeiten haben. Oft kommt es ja zum Streit, weil sich die Kinder eingeengt und gegängelt fühlen, das wollten wir vermeiden. Sie sollte es gut haben.«
»Sie sollte sich wohlfühlen.« Elke Wagner war von hinten an ihn herangetreten und legte ihre schmale Hand auf seine Schulter.
»Ähm, die andere Wohnung …«, brachte sich Daniel ein, »Haben Sie die auch eingerichtet?«
»Ja sicher. Das hätte Jessica alleine nicht gekonnt.« Der Bauunternehmer hustete kurz und sprach dann weiter: »Jessi brauchte mehr Freiraum, sie wollte sich abnabeln, ist doch normal mit Anfang 20, da haben wir das Haus am Lieneschweg für sie gekauft. Die obere Wohnung ist noch vermietet, die alte Dame wollten wir nicht vor die Tür setzen, aber früher oder später hätte unsere Tochter das Haus für sich allein gehabt. Ideal für eine Familie!«
»Mir macht es Spaß, Möbel auszusuchen und eine Wohnung einzurichten«, sagte Elke Wagner leise.
»An meiner Elke ist eine Innenarchitektin verloren gegangen«, sagte Christian Wagner mit einem liebevollen Seitenblick auf seine Frau.
Birthe fiel noch etwas ein. »Das Handy Ihrer Tochter ist mit einer PIN geschützt. Kennen Sie die zufällig?«
»Natürlich nicht«, lautete die prompte Antwort von Christian Wagner. »Wir haben die Privatsphäre unserer Tochter immer respektiert.«
»Kein Problem, unsere Spezialisten sind schon dran«, sagte Birthe. »Die werden das herausfinden. Haben Sie ein aktuelles Foto Ihrer Tochter?«
Er sah sich suchend um. »Irgendwo sicher. Ich werde es Ihnen mailen.«
Birthe reichte ihm ihre Karte mit allen Kontaktdaten. »Es dürfen auch zwei oder drei sein«, sagte sie.
Traurig sah er sie an. »Wann kann ich unsere Tochter sehen?«
»Sobald die Staatsanwaltschaft zustimmt«, sagte Birthe. »Sie wird zunächst in die Gerichtsmedizin gebracht.«
Das war zu viel für Frau Wagner. Sie umarmte sich selbst, als suche sie Halt. Dann fing sie hemmungslos an zu schluchzen und sackte in sich zusammen.
»Brauchen Sie einen Arzt?«, erkundigte sich Daniel und suchte Blickkontakt mit Birthe.
Elke Wagner schüttelte heftig mit dem Kopf.
»Selbstverständlich besteht zudem die Möglichkeit«, bot Birthe an, »dass Sie professionelle psychologische Hilfe erhalten. Wir haben eine Liste von hochqualifizierten Psychologen und Therapeuten. Ich hoffe auch, dass ich Ihnen noch heute einen Notfallseelsorger vorbeischicken kann. Wären Sie damit einverstanden?«
»Den brauchen wir nicht. Wir möchten jetzt einfach nur allein sein«, wischte Herr Wagner ihren Vorschlag beiseite, setzte sich neben seine Frau und nahm sie in den Arm.
Kapitel 7
Auf dem Weg ins Präsidium tauschten Birthe und Daniel sich über die Begegnung mit Jessicas Eltern aus.
»Auf mich wirkten die Wagners leicht unterkühlt«, sagte Daniel, der auf dem Beifahrersitz saß. »Als versuchten sie, den Tod ihrer Tochter zu verdrängen. Als hätte er nichts mit ihnen zu tun.«
»Das ist häufig der Fall. Bei einer Todesnachricht werden Gefühle oft erst einmal unterdrückt, weil der Verstand sonst überfordert wäre. Aber ich glaube, langsam begreifen sie, was passiert ist. Dass die Mutter angefangen hat zu weinen, ist schon mal ein gutes Zeichen.«
»Und er ist so ein Typ, der meint, sich alles erkaufen zu können. Geld regiert die Welt. Ein richtiger Großkotz. Am liebsten würde er bestimmt uns kaufen, wenn der Fall dadurch schneller aufgeklärt werden würde.«
»Lass ihn doch. Das ist einfach seine Art, damit umzugehen. Er trauert auch, aber eben anders als seine Frau.«
Eine Weile hingen sie ihren Gedanken nach. Schließlich fragte Daniel: »Wollen wir morgen Abend gemeinsam da hingehen?«
»Was meinst du? Wohin?«
»Na, zum Auftritt der Band auf der Maiwoche.«
Birthe seufzte. »Henning ist gerade bei mir.«
»Hm«, machte er. »Hast ihn lange nicht gesehen, oder?«
»Diesmal waren es genau vier Wochen. Die Abstände werden jedes Mal größer. Ich hätte nicht gedacht, dass eine Fernbeziehung so schwierig ist. Ich dachte, wir sind beide ledig, haben Autos, die Entfernung von gut zwei Stunden ist machbar, das dürfte kein großes Problem sein, aber die Realität sieht anders aus. Immer wieder kommt etwas dazwischen, Dienstpläne, Extraschichten, Urlaubsvertretungen, Überstunden ohne Ende – du siehst ja selbst, wie es ist, wir arbeiten ständig an der Belastungsgrenze. Und nun gerade wieder das Tötungsdelikt. Henning weiß noch gar nichts davon. Es ist zum Kotzen manchmal. Erst seit ich ihn kenne, merke ich, wie oft wir unter Druck arbeiten müssen, wie eng die Personaldecke gestrickt ist. Da kann ich mir nicht einfach eine Auszeit nehmen und sagen: ›Hey, ich melde mich mal eben ab und fahre an die Nordsee.‹«
»Zusammenziehen wollt ihr nicht?«
»Du sagst das so einfach. Henning lebt an der Küste und fühlt sich sehr wohl da. Seine Eltern betreiben ein Hotel in Norden, und er hängt sehr an seinem Opa, der in einem Pflegeheim in Greetsiel lebt. Den besucht er regelmäßig. Henning kommt auch mit seinen Kollegen bei der Polizei gut klar. Und ich … Es ist schwierig, weißt du. Ich hänge auch an meiner Familie, selbst wenn ich sie momentan nicht oft sehe, und an Osnabrück. Ich könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Fast mein ganzes Leben habe ich in Osnabrück verbracht, bis auf die Ausbildungsjahre in Hannover. Und ich hänge an euch als Kollegen. Ich will keine anderen. Mit Henning zusammenzuarbeiten stelle ich mir schwierig vor. Wenn man den ganzen Tag aufeinanderhängt, sind Konflikte vorprogrammiert. Und seinen Kollegen Fiete Bontjes finde ich nicht besonders sympathisch. Den habe ich ja kurz kennengelernt, als ich an der Küste ermittelt habe. Der erste Eindruck hat mir gereicht. Er hat ein antiquiertes Frauenbild. Frauen sind seiner Meinung nach in der Berufswelt nur gut als Sekretärinnen und Kaffeeköchinnen. Nee, mein Entschluss steht: Ich will nicht von hier weg.«
»Bist du sicher? Wir können doch Kontakt halten, wenn du nach Norden ziehst. Durch das Internet ist das alles kein Problem. Obwohl ich zugeben muss, dass ich es persönlich ziemlich doof fände. Aber es geht ja nicht um mich«, sagte er lapidar und sah sie treuherzig an.
»Ich weiß, Daniel. Sehr großzügig von dir.«
»Ab und zu kann selbst ich mal altruistisch sein, auch wenn’s mir schwerfällt. Du musst halt Prioritäten setzen. Was ist dir wichtiger: Henning oder deine Leute in Osnabrück?«
»Ich hasse solche Fragen«, schnaubte sie und schaltete in den nächsthöheren Gang.
»Wenn es wirklich die große Liebe ist, solltest du die Frage leicht beantworten können«, sagte Daniel mit einem hoffnungsvollen Seitenblick. Er hatte aus seiner Zuneigung zu ihr nie einen Hehl gemacht. »Im Grunde suchen wir doch alle nur unser Gegenstück, oder? Wir brauchen einen Seelenverwandten, den Menschen an unserer Seite, mit dem wir uns vorstellen können, alt zu werden. Wir alle wollen doch nur eins: ankommen im Leben. Glücklich sein, aufgehoben sein, uns wohlfühlen.«
»Hm«, machte sie und schaltete zurück, da sie auf eine rote Ampel zufuhr. Insgeheim wunderte sie sich. So kannte sie ihn gar nicht. Daniel, der Dummschwätzer, der mit den blöden Sprüchen und dem unsteten Leben. Daniel, der seine Frauen so oft wechselte wie andere Leute ihre Unterwäsche. »Irgendwann muss eine Entscheidung her, das ist klar. Aber nicht heute.«
Schweigend fuhren sie über die enge, dicht befahrene Lotter Straße zur Dienststelle am Kollegienwall. Bis Daniels Handy sie laut klingelnd aus ihren Gedanken riss.
»Oma Hilde«, meinte er. »Die ruft sonst nie um diese Zeit an. Entschuldige, Birthe, ich muss mal eben rangehen.« Er wischte über den Bildschirm. »Oma, was gibt’s?«
»Ich habe mich ganz arg verletzt!« Ihre ältliche Stimme schepperte durch den Lautsprecher.
»Was ist passiert?«
»Ich habe mich an der Brotschneidemaschine geschnitten. Das ist mir noch nie passiert! Deine Mutter kann ich nicht erreichen! Was soll ich tun?«
»Ist ein Finger ab?«
»Nee, das nicht. Aber es blutet wie verrückt. Ich brauche doch die rechte Hand!«
»Dann ist es nicht so schlimm. Oma, bleib ganz ruhig. Binde dir ein sauberes Geschirrtuch um die Hand und lass dich von einem Taxi zum Hausarzt bringen!«
»Wo ist Bärbel? Ich rufe sie dauernd an, aber sie geht nicht ran!«
»Irgendwo zwischen Mallorca und Gran Canaria«, sagte er. »Sie kommt in zwei Wochen wieder. Macht eine Kreuzfahrt. Hat sie dir das nicht erzählt?«
Pause. Nur ein lautes Schnaufen war vernehmbar. »Doch, hat sie. Jetzt erinnere ich mich. Was soll ich denn tun? Ich weiß nicht weiter.«
»Taxi bestellen und zum Arzt fahren«, wiederholte er noch mal lauter. »Mit sauberem Tuch verbinden und ab zum Doc.«
»Was sagst du? Ich verstehe dich nicht!«
»Taxi und Onkel Doktor!«, brüllte er ins Telefon. »Heute Abend komme ich vorbei und schaue mir die Sache an.«
»Ist gut, Daniel, danke! Gib mir mal die Handynummer von Bärbel, ich will sie anrufen! Hab das Notizbüchlein mit ihrer Nummer verlegt.«
»Sie ist nicht da, wird sich aber bei dir melden. Tschüss, Oma, bis nachher!«
Er legte auf. »Typisch Oma«, sagte er zu Birthe, »immer auf der Suche – nach ihrer Brille, ihren Zähnen, ihren Medikamenten oder ihrem Haustürschlüssel. Alt ist sie geworden in der letzten Zeit. Früher hat die Oma auf mich aufgepasst, jetzt ist es umgekehrt.«
Birthe nickte. »Das ist der Lauf der Zeit. Sei froh, dass du noch eine Oma hast! Weißt du was, wir gehen morgen zusammen zum Konzert«, sagte sie, als sie gerade das Felix-Nussbaum-Haus passierten.
»Klar gehe ich mit dir da hin«, stellte er fest und grinste. »Ich würde überall mit dir hingehen.«
Sie antwortete nicht, schüttelte nur leicht den Kopf.
»Was findest du eigentlich an ihm? Hast du das Gefühl, ihr passt zusammen?«
Birthe wollte nicht über Henning reden. Ihre rosarote Brille hatte sie ohnehin längst abgelegt. Sie hatte sich die Beziehung mit ihm einfacher vorgestellt. Als sie sich vor fast einem Jahr in Norden kennengelernt hatten, war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie hatte geglaubt, in Henning Achterdiek den Mann ihres Lebens gefunden zu haben. Stundenlang hatten sie geredet, gelacht, gefachsimpelt, aber auch tiefgründige Gedanken geteilt. Schöne Tage waren das gewesen in Norddeich, mit langen Strandspaziergängen, leckerem Fisch am Hafen und einem wunderschönen Sonnenuntergang am Meer. Manchmal wurde ihr wehmütig ums Herz, wenn sie an ihre Anfänge zurückdachte.
*
Henning kam ihr im Flur entgegen, als sie knapp zwei Stunden später die Haustür aufschloss. »Hab’s schon gehört«, sagte er. »Die Tote war Sängerin, gehörte zu einer Osnabrücker Band. Läuft gerade nicht wirklich rund mit uns, was?«
Sie ließ sich von ihm in die Arme ziehen. »Leider nicht«, sagte sie. »Es tut mir sehr leid. Ich hatte mir den Tag mit dir auch anders vorgestellt!«
»Möchtest du einen Tee? Ich habe eine Kanne auf dem Stövchen stehen.« Er ging vor in die Küche und sie folgte ihm, nahm Platz auf der Eckbank aus den 60er-Jahren, die Birthe mal vom Sperrmüll geholt hatte.
Er brachte ihr einen Becher und schenkte auch sich nach. Ihr fiel auf, dass er neue Jeans trug und ein blau-gelb kariertes Hemd, das sie noch nie an ihm gesehen hatte. Anscheinend war er außerdem vor Kurzem beim Friseur gewesen, denn seine Haare waren kürzer als sonst. Sie schämte sich, dass sie ihn jetzt erst richtig wahrnahm, obwohl er schon gestern angereist war und sie am Morgen zusammen gefrühstückt hatten. »Was hast du gemacht in den letzten Stunden?«, fragte sie und nippte an dem Tee. Plötzlich merkte sie, dass Tränen in ihr aufstiegen. Das geplatzte Wochenende mit Henning, Müdigkeit, Erschöpfung, die Konfrontation mit den Eltern des Opfers – es war gerade alles zu viel. »Die gemeinsame Zeit mit dir ist sowieso immer zu kurz. Umso bitterer ist es, wenn davon noch viel abgezogen wird. Es tut mir leid, dass ich so lange weg war. Die Ermittlungen am Tatort, erste Vernehmungen, der Besuch bei den Eltern der Toten, es hat sich alles ewig hingezogen.« Verstohlen wischte sie eine Träne weg.
»Kein Problem, wirklich. Wenn einer Verständnis für deine Arbeit hat, dann ich. Als Polizisten sind wir es doch gewohnt, dass das Privatleben manchmal hinten anstehen muss. Keine Sorge, ich habe mich nicht gelangweilt. Ich hatte Gelegenheit, mich ein bisschen mit deinen Mitbewohnerinnen zu unterhalten. Yuki und Hoi-Hoi ziehen zum Monatsende aus, das hast du mir nicht erzählt.«
»Habe ich nicht? Es stimmt, sie haben endlich eine bezahlbare kleine Wohnung in der Innenstadt gefunden. Wenn sie nur noch zu zweit wohnen, können sie sich endlich in der Küche ausbreiten, das ist ihnen wichtig. Keiner mehr da, der sich über den Fischgeruch und den brodelnden Reiskocher morgens um 7 aufregt.«
»Traurig?«
»Ein bisschen schon. Ich habe mich an sie gewöhnt. Mit Veränderungen kann ich nicht so gut umgehen. Man weiß nie, was danach kommt. Ist schließlich nicht gesagt, dass es besser wird. Willst du nicht bei mir einziehen?« Sie lachte verlegen. Die Frage war ihr spontan rausgerutscht.
Er seufzte tief. »Ach, Birthe, ich weiß, die Situation ist nicht besonders schön im Moment. Aber Osnabrück gefällt mir nicht sonderlich. Ich bin ja aus Hannover weggezogen, gerade weil ich nicht mehr in einer Großstadt leben wollte. Zum Schluss ist mir alles auf die Nerven gefallen, der Verkehr, die Parksituation in der Innenstadt, zu viele Menschen auf einem Haufen, zu viele Autos, zu viele Fahrräder, die langen Wege. Als Polizist bist du obendrein ganz anders gefordert als in einer beschaulichen Kleinstadt. Ein Kapitalverbrechen passiert bei uns höchst selten. Wir haben es eher mit Körperverletzung, Sachbeschädigungen oder Eigentumsdelikten zu tun. Ab und zu werden wir zu häuslichen Konflikten gerufen. Alles in Maßen. Der Einzelne steht viel stärker unter Beobachtung. Das ist das Gute an einer Kleinstadt oder einem Dorf. Die soziale Kontrolle funktioniert noch. In der Regel benehmen sich die Leute anständiger, wenn es nicht so anonym zugeht. Ich habe mich bewusst wieder für die Küste entschieden, ich mag das raue Klima, die Ruhe und Beschaulichkeit und den Menschenschlag, der gut zu mir passt. Jetzt in eine Großstadt zu ziehen, wäre für mich eine Strafe, auch wenn ich dich liebe und am liebsten rund um die Uhr mit dir zusammen wäre. Komm du doch zu mir! Norden ist einfach perfekt. Es lebt sich gut da. Klein, überschaubar, gemütlich, nicht weit zum Meer … Du findest es doch auch schön. Hast gesagt, dass du glücklich bist in Norden.«
»Natürlich«, sagte sie schnell. »Für ein Wochenende, für einige Tage oder eine Woche. Sogar sehr glücklich. Aber auf Dauer? Für immer?« Es gelang ihr nicht, ihm in die Augen zu schauen. »Dort leben und mich von deinem Kollegen rumkommandieren lassen? Fiete Bontjes ist keine Alternative.«
»Du hättest auch mich als Kollegen«, sagte Henning leicht gekränkt.
»Ja, aber noch lieber habe ich dich ausschließlich als Liebhaber und Partner. Viel, viel lieber! Es ist oft nicht gut, mit dem Partner zusammenzuarbeiten. Das bringt Stress in eine Beziehung.«
»Schade«, sagte er und rieb sich das Kinn. »Das ist mir alles irgendwie neu, und ich muss es erst einmal verdauen.«
»Okay. Und ich hatte gedacht, du würdest gerne zu mir nach Osnabrück ziehen. Ich hatte es gehofft.«
Er seufzte und trank seinen Tee. »Natürlich fehlst du mir. Ich vermisse dich schon im Auto, wenn ich nicht einmal ganz aus Osnabrück raus bin. Dann geht’s mir richtig dreckig, und ich würde am liebsten sofort das Steuer rumreißen und zurückfahren.«
»Offensichtlich reicht das nicht. Also bleibt eben alles beim Alten«, sagte Birthe traurig. »Wenn keiner von uns beiden bereit ist, sein Leben umzukrempeln und einen Neuanfang zu wagen.«
»Du kannst mir keinen Vorwurf machen, wenn du selbst nicht bereit für eine Veränderung bist. Ich habe dich mehr als einmal gefragt, ob du zu mir ziehen willst. Es muss nicht bei meiner jetzigen Bude bleiben. Wir können uns gemeinsam eine größere Wohnung suchen. Mit zwei Einkommen haben wir mehr Spielraum. Ich hätte Spaß dabei, alles mit dir einzurichten. Weißt du noch, wie wir neulich zusammen durch das Norder Möbelhaus gestreift sind und uns vorgestellt haben, wie unser gemeinsames Wohnzimmer aussehen würde? Die Küche? Das Schlafzimmer? Wie wir unser Nest geplant haben und uns bei den meisten Dingen einig waren?« Seine Stimme hatte einen weichen Klang angenommen.
Birthe schwieg. Sie hatte keine Lust auf Diskussionen dieser Art, fühlte sich gegängelt und unter Druck gesetzt. Sie hatte sich auf Henning gefreut und Pläne für das Wochenende geschmiedet. Stattdessen saßen sie nun zusammen bei einer Tasse Tee und machten sich gegenseitig das Leben schwer.
Ihre Beziehung hatte vor fast einem Jahr begonnen. Im letzten Sommer hatten sie sich kennengelernt, als Birthe von ihrem Chef für einige Tage an die Küste geschickt worden war, um zu ermitteln. Ein Osnabrücker Schulleiter war auf einer Landstraße kurz vor Norddeich auf dem Weg zu seiner Geliebten tot aufgefunden worden. Henning Achterdiek war einer der Beamten der Norder Polizeiinspektion, mit denen sie zu tun gehabt hatte. Sie waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen. Schnell hatten sie Gefühle füreinander entwickelt. Doch auf die wenigen Tage und Stunden, die sie miteinander verbracht hatten, war sogleich eine längere Trennung gefolgt.
»Ich möchte heute nicht darüber reden«, bat Birthe. »Bitte versteh das, Henning. Ich habe anstrengende Vernehmungen hinter mir und bin einfach durch. Mich beschäftigt der Tod der jungen Sängerin sehr. Ihre Eltern sind fix und fertig. Ihnen die Todesnachricht zu überbringen, hat mich unendlich viel Kraft gekostet.«
Mit einem weicheren Ausdruck sah er sie an. »Okay, ich verstehe das. Wir müssen nichts übers Knie brechen.«
Sie rückte zu ihm hin und schlang beide Arme um seinen Hals.
»Wir wollen nicht streiten, oder?«, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf und schmiegte sich in seine Halsbeuge. Er duftete nach seinem vertrauten Rasierwasser, nach seinem Duschgel, einfach nach Henning. Sie konnten später weiterreden, irgendwann, irgendwo. Aber nicht heute.
»Wollen wir nachher zur Maiwoche?«, fragte er. »Erst was Schönes kochen, dann ein bisschen kuscheln und danach ziehen wir los? Ich war noch nie dort. Du wolltest mir alles zeigen.«
Birthe nickte müde. »Mal sehen«, sagte sie. »Erst ein bisschen liebhaben.« Sie schloss die Augen und genoss seine sanfte Nackenmassage.
Später bereiteten sie gemeinsam das Essen zu, Spaghetti Bolognese mit buntem Salat und Wein, zum Nachtisch sollte es heiße Früchte auf Vanilleeis geben. Sobald sie mit Henning zusammen war, war alles gut. Sie genoss jeden Augenblick mit ihm, egal, ob sie etwas unternahmen oder zu Hause blieben, kochten und dabei redeten wie eben gerade und es sich vor dem Fernseher gemütlich machten – Arm in Arm auf dem Sofa unter einer weichen Decke eingekuschelt. Wenn nur nicht immer wieder die bevorstehende Trennung wie ein Damoklesschwert über ihnen hängen und sie vor einen Haufen Probleme stellen würde!
Nach dem Essen schliefen sie miteinander. Sie liebten es, die nackte, warme Haut des anderen zu spüren, den Duft des anderen einzuatmen, der vertrauten Stimme zu lauschen und sich in der Gegenwart des anderen zu verlieren. Lange lagen sie noch nebeneinander, vernahmen den Herzschlag des anderen und verloren jedes Gefühl für Raum und Zeit.
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