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Nächste Ausfahrt Freiheit

Erfahrungsberichte von Langzeitreisenden im Expeditionsmobil

Herausgegeben von

Alexander Reeh

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Foto Titelseite © Joachim Kieser (www.reisestationen.de)

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

www.engelsdorfer-verlag.de


© Constanze Kühnel

Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele:

Freude, Schönheit der Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur.

Darum Mensch, sei zeitig weise!

Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!

(Wilhelm Busch)

Vorwort

„Eines Tages wirst du aufwachen, und es wird keine Zeit mehr sein, um all die Dinge zu tun, die du immer tun wolltest.“

Paulo Coelho

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht geht es Ihnen ähnlich: Sie hatten einen Traum, den Traum von einer längeren oder sogar einer mehrjährigen Reise im Expeditionsmobil. Irgendwann fiel dann die Entscheidung, für das Fahrzeug, für die Route, für die ungefähre Dauer der Reise und für das Datum der Abreise. Monate, wenn nicht Jahre der Vorbereitung liegen hinter Ihnen, Sie haben viel Arbeit, Geld und Mühe investiert, sich von Familie und Freunden auf unbestimmte Zeit verabschiedet und nun geht es endlich los. Wie fühlt man sich in diesem Augenblick? Sicherlich ist da auf der einen Seite Euphorie, ein überwältigendes Glücksgefühl, dem Alltag eine Zeitlang oder sogar für ein paar Jahre zu entfliehen und die Freiheit zu genießen, andererseits mischt sich darunter vielleicht auch ein etwas mulmiges Gefühl und die Frage, war es wirklich richtig, Haus, Job und vieles andere einfach aufzugeben, alle Brücken hinter sich abzubrechen und sich in ein Abenteuer zu stürzen, von dem man nie wissen kann wie es ausgeht?

Aber seien Sie beruhigt, den allermeisten Reisenden ergeht es so, und wenn diese am Ende ihrer Reise gefragt werden, was das Schwierigste an dem Unternehmen war, so antworten fast alle: die Heimkehr …

Lassen Sie sich hier von den vielfältigen Berichten überraschen und inspirieren. Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne Reise mit Ihrem Wohnmobil, das eine oder andere Abenteuer, viele interessante Begegnungen und neue Freunde zusammen mit einer großen Portion Glück, denn das gehört auch dazu.

Ihr Alexander Reeh

Endlich frei, endlich weg

Es ist kurz nach sechs an einem Dienstagnachmittag und wir sitzen zum ersten Mal in unseren Klappstühlen vor unserem Unimog Simba. Wir öffnen eine eiskalte Flasche Champagner und blicken auf den Lago di Caldaro und die grünen Weinberge des wunderschönen Südtirols. Die Umgebung ist beeindruckend. Hinter uns ragen die Felsen in den Himmel empor, vor uns blicken wir auf eine mittelalterliche Burg, hoch über dem See.

Wir reden nicht viel. Zu gewaltig sind die Gedanken und Eindrücke, die uns seit unserer Abfahrt an diesem Mittag beschäftigen. Obwohl es unser erster Abend ist, passiert jeder Handgriff wortlos – als hätten wir jede Bewegung einstudiert, was nicht der Fall ist.

Es war unheimlich – als wir die erste Kurve aus dem Hof von Peters Eltern heraus gefahren sind. Dies soll nun der Beginn unserer Weltreise sein? Monatelang bereitet man sich auf all das vor – um dann an einem gewöhnlichen Wochentag aus Trudering die Salzburger Autobahn anzusteuern? Man hat keinen Job mehr, kein Auto, keine Wohnung, um in einem Nutzfahrzeug nach Indien zu fahren? Welcher Teufel hat uns – zum Teufel – getrieben, um so etwas zu tun?

Ich schaue Peter an und spüre, dass ihn ähnliche Gedanken plagen wie mich. Was kommt auf uns zu? Wie wird es sein, ein Jahr auf sieben Quadratmetern zu leben? Was werden wir alles erleben? Und was erleben müssen? Wie werden wir in unserer noch so jungen Beziehung mit der Enge und den vielen möglichen Strapazen umgehen? Werden wir die Nerven verlieren, sobald etwas nicht so läuft wie geplant? Und wessen Idee war das überhaupt?

Tausende von Gedanken spielen sich in Sekundenschnelle vor meinen Augen ab. Ein seltsames Gefühl, das ich mir oft ausmalen – doch dessen Intensität ich mir nicht im Geringsten vorstellen konnte. Wir reden nicht sehr viel in dieser ersten Stunde unserer ersten Fahrt.

Auf der Autobahn bezahlen wir vor dem Brenner die für uns bisher völlig unbekannte LKW-Gebühr, tanken in Österreich noch einmal beide 130 Liter Tanks randvoll und rollen gemächlich – mit unserer Höchstgeschwindigkeit 80 km/h – in Richtung Italien. Plötzlich wird es spürbar wärmer. Der letzte Tag des Aprils zeigt sein wechselhaftes Gesicht. Die Sonne kommt hinter den Bergen hervor. Die Umgebung verändert sich deutlich. Und es stellt sich ein Gefühl ein, das ich bisher nur von Urlaubsreisen her kannte. Dieses ganz besondere Gefühl, ein Prickeln, eine Aufgeregtheit, das Bewusstsein darüber, dem Alltag zumindest für eine kurze Zeit zu entkommen.

Und plötzlich erkenne ich, dass eigentlich nichts anderes passiert als auf all den anderen, bisherigen Reisen meines/unseres Lebens. Der Alltag fällt ab. Etwas Neues, ein Abenteuer beginnt. Eine große, ganz besondere Reise nimmt ihren Lauf. Es verschwindet die Angst. Sie ist wie weggeblasen. Ich schaue ans Steuer – zu Peter – und spüre, dass er Ähnliches fühlt. Wir halten unsere Hände und drücken sie ganz fest.

Kurze Zeit später sitzen wir also an diesem See, trinken Champagner aus Plastikbechern, schauen uns an. In unseren Gesichtern heben sich die Mundwinkel. Gänsehaut. Zum ersten Mal bekommen wir eine leise Ahnung davon, was auf uns zukommen wird. Was für ein Geschenk wir da gerade in unseren Händen halten. Ich bin unendlich glücklich und freue mich darüber, ganz langsam in dieser Reise anzukommen. In dieser Nacht schlafe ich tief und fest.

Jennifer Glas

2 ½ Jahre, 31 Länder und 55.555 Kilometer später sagen Jennifer und Peter übereinstimmend, „die Entscheidung diese Reise zu tun, war die beste Entscheidung unseres bisherigen Lebens“.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Zitat

Vorwort

Endlich frei, endlich weg

Afrika

Bakschisch, Beduinen und Basare – über Libyen ins Abenteuer Ägypten

Überraschungen im Sudan

Äthiopien: „You, you, give me, give me”

Tansania – harmloser Verkehrsunfall mit ungeahnten Folgen

Teures Mosambik

„Affentheater“ im südlichen Afrika

Lesotho, karges Königreich auf dem Dach Afrikas

Ereignisreiche Tage in Angola

Nächtliche Scherereien im Kongo

Welcome to Ghana – zwischen Korruption, Armut und Paradies

Senegal: In 48 Stunden nach Dakar?

Mauretanien – Treffpunkt von Sahara und Atlantik

Vorderasien

Transit Saudi-Arabien

Visakrimi in den Emiraten

Der Iran – ein unheimliches Reiseland?

Asien

Abenteuer Seidenstraße – von Aserbaidschan nach Tadschikistan

Unterwegs in der Mongolei: Willkommen im Camping- und Offroad Park „Mongolia“

Mit Polizeieskorte durch Pakistan

Kleine Verkehrskunde Pakistan

Im Norden Indiens – mit einem (fast) Oldtimer im Himalaya

Incredible India – love it or leave it

Indien – Nahkampf auf den Straßen

Im Konvoi durch Tibet und China

Zur falschen Zeit am falschen Ort in Laos

Thailand – unterwegs im Land des Lächelns

ErFAHRungen in Kambodscha

Australien

Auf abenteuerlichen Routen durch Down-Under

Südamerika

Durch Argentinien und Chile – ans „Ende der Welt“

Südchile, Flucht vor dem Vulkan

„Auf den Hund gekommen“, Familienzuwachs in Uruguay

Brasilien – im Pantanal, „über 127 Brücken musst du gehn“

Bolivien – kleines Land ganz groß

Durch Peru auf den Spuren der Inka

Peru – Überfall auf der Panamericana

Höhen und Tiefen in Ecuador

Kolumbien ist ganz anders

Zentralamerika

Oh, wie schön ist Panama

Naturparadies Costa Rica – alles hat seinen Preis

Kleine Länder – große Armut, von Nicaragua über Honduras nach El Salvador

Kultur und Natur – Superlative in Guatemala

Belize, unbekanntes Land am Karibischen Meer

Mexiko – im Reich der Azteken und Maya

Mexiko, Baja California – Küste, Wüste und Kakteen

Nordamerika

USA – Highlights des Westens

Bärenland Alaska, im hohen Norden der USA

Kanada – unterwegs auf dem Trans-Labrador Highway

Neufundland, beeindruckende Insel im Atlantik

Welcome back! Reflexionen am Ende einer Langzeitreise

Alltagsprobleme

Willkommen im Westen!

Rückkehr – der vielleicht schwierigste Teil der Reise

Spuren der Langzeitreisen

Kochen auf den (Traum-)Straßen der Welt

Reiseplanung

Danksagung

Weitere Bücher von Alexander Reeh

Afrika

Bakschisch, Beduinen und Basare – über Libyen ins Abenteuer Ägypten

Mit ihrem Allrad-Expeditionsfahrzeug „lila Pistenkuh“ sind Sabine und Burkhard aus der Nähe von Siegen unterwegs. Seit 2004 bereisen sie mit ihren Expeditionsfahrzeugen die Welt. Spannende Reiseberichte, wunderschöne Fotos, Tipps zu den Fahrzeugen, Bücher und vieles mehr gibt es auf ihrer informativen Homepage www.pistenkuh.de.

Welche abenteuerlichen Erlebnisse sie in Ägypten hatten, erzählen sie hier:

Für das libysche Visa ist eine Einladung erforderlich und ein Führer muss organisiert und im Voraus bezahlt werden. Der Führer kostet 35 Euro pro Tag, die Einladung 50 Euro und das Visa nochmals 50 Euro. Da wir Libyen im Transit nach Ägypten durchqueren wollen, kommen nochmals 80 Euro für den Rückflug des Führers hinzu. Insgesamt sind schon 420 Euro (für 4 Tage) im Voraus fällig. An der Grenzen entstehen weitere Kosten: 8 Euro KFZ-Versicherung für 14 Tage und ungefähr 80 Euro für KFZ-Kennzeichen, von denen man ungefähr die Hälfte bei der Ausreise zurückbekommt. Wer ohne Carnet de Passage reist, zahlt nochmals 150 Euro Einreisegebühr.

Der Behördengang nimmt seinen Lauf: Zur Bank Geld tauschen, einen Schwarzmarkt gibt es nicht mehr, die Straßenhändler in Tunesien boten schlechtere Kurse als die Bank. Im Versicherungsbüro sind wir schnell fertig, anschließend werde ich zum Zoll geführt. Meinem Führer habe ich mehrmals gesagt, dass wir ein Carnet haben, dennoch wird ein Formular ausgefüllt und anschließend soll ich 150 Euro Gebühren zahlen. Ich protestiere. Das Formular wird zerrissen und weggeworfen, mein Carnet gestempelt, ohne Gebühren. Zwei Stunden später sind wir in Libyen und der erste von vier Tagen geht fast zu Ende. 1.600 Kilometer sind es bis zur ägyptischen Grenze, wir müssen Gas geben.

Wir fahren über Tripolis an der Küste entlang, die Straßen sind gut und wir haben Zeit, die alte Römerstadt Leptis Magna zu besichtigen. Sonst sehen wir nicht viel vom Land. Unser Führer schläft die meiste Zeit auf dem Beifahrersitz. Der Preis für Diesel ist auch nicht mehr so günstig, inzwischen kostet der Liter umgerechnet 9 Eurocent. So sind für 1038 Liter 96 Euro fällig. Wie geplant erreichen wir vier Tage später die Grenze zu Ägypten.

Die Ausreise aus Libyen verläuft korrekt. Selbst die 40 Euro für das Kennzeichen bekommen wir zurück. An der ägyptischen Grenze herrscht Chaos. An keiner der afrikanischen Grenzen habe ich je solch ein Treiben erlebt.

Wir stehen in einer langen Reihe an einem Schalter an, wo unser Pass gestempelt werden soll. Wir rechnen mit mehr als einer Stunde Wartezeit. Nach fünf Minuten werden wir von einem Polizisten angesprochen, der uns an den Wartenden vorbei an den Schalter führt und unser Pass wird gestempelt. Anschließend wird unser Auto dreimal durchsucht, wobei die Durchsuchung sich auf das Öffnen der Klappen beschränkt und in wenigen Minuten erledigt ist. Einheimische werden ausnahmslos komplett durchsucht. Auf die Frage nach Alkohol, GPS und Waffen sind wir vorbereitet, doch die Frage lautet: „Haben Sie Maschinengewehre, Granaten oder Bomben?!!“ Ein Polizist wird für uns abgestellt und führt uns durch die Bürokratie. Zur Bank Geld tauschen. Ich tausche 150 Euro. Anschließend zum Copy-Shop. Alle Papiere werden kopiert und in einer Mappe abgelegt. Ungefähr 2 Euro sind fällig. Beim Zoll wird mein Carnet gestempelt, zuvor muss ich jedoch bei der Zahlstelle umgerechnet 150 Euro zahlen. Ich weiß nicht wofür, aber die 1002 ägyptischen Pfund sind abhängig von der Zylinderzahl des Motors. Vier Zylinder hätten die Hälfte gekostet und weniger als vier die Hälfte der Hälfte. Ich protestiere, verhandele und diskutiere. Keine Chance, die 150 Euro sind fällig. Wieder zur Bank, neues Geld tauschen, diesmal 300 Euro, die Grenze scheint teuer zu werden. Die KFZ-Versicherung gilt drei Monate und kostet weniger als 8 Euro und auch die Kennzeichen sind mit 8 Euro relativ billig. Zu unserer großen Überraschung gelten die Kennzeichen drei Monate, genau wie die Versicherung und unser Visa. Von Freunden hatten wir gehört, dass diese nach Kairo zur Verlängerung mussten, da deren Kennzeichen nur vier Wochen galten. Vier Stunden später ist alles erledigt.

Unser erster Eindruck von Ägypten ist äußerst positiv. Schon lange haben wir nicht mehr so freundliche Menschen getroffen wie hier. Man winkt uns zu, beim Einkaufen gibt man uns von allem zum Probieren und wenn wir etwas suchen, findet sich sofort jemand, der uns führt, ohne im Anschluss übertriebene Geldgeschenke zu fordern. „You are welcome“, das sind die am häufigsten gehörten Worte in den letzten zwei Wochen, und wir glauben, die meinen es auch ernst. Offiziell ist das Übernachten am Strand verboten, doch wir haben die Genehmigung von Polizei und Militär in der Nähe von Marsa Matrouh zu stehen. Als es dann so weit ist und es dunkel wird, wird uns die Genehmigung wieder entzogen und wir müssen widerstrebend in der Stadt vor der Polizei übernachten. Die Polizisten laden uns zum Abendessen ein, doch wir lehnen ab, sind wir doch schon mit einem Ägypter, der seit langem in Amerika arbeitet und hier Urlaub macht, im Restaurant verabredet.

Zwei Minuten später steht der Polizist mit einem Tablett Tee, Brot, Datteln und anderen zugedeckten Schalen am Auto und möchte uns das Abendessen bringen. Es ist Ramadan, tagsüber schläft die Stadt und nachts ist Leben in allen Gassen. Am Ende des Ramadan beschenkt man sich gegenseitig und so sind die Läden geschmückt und die Straßenbeleuchtung erinnert an deutsche Weihnachten, nur dass hier alles bunt blinkt. Im Restaurant können wir uns nicht entscheiden. Unser Gastgeber bestellt von allem eine kleine Schale und so haben wir letztendlich ein kleines Büffet auf unserem Tisch. Wir bleiben einen weiteren Tag in der Stadt, nur um am Abend nochmals das komplette Programm im Restaurant zu bestellen. Mit 2,50 Euro einschließlich Getränke ist es auch bezahlbar, wie alles außerhalb der Touristenzentren.

Die 300 Kilometer in die Oase Siwa sind schnell gefahren. Alexander der Große ließ sich hier im Amun-Tempel zum Kaiser krönen und Cleopatra soll in den zahlreichen Quellen gebadet haben. Am Abend fahren wir raus ins große Sandmeer und erleben einen fantastischen Sonnenuntergang in den Dünen. Zwei Tage bleiben wir in Siwa. Die Landschaft ist eintönig flach, nur gelegentliche Kamelskelette am Straßenrand sorgen für Abwechslung. Für die weitere Strecke nach Bawiti ist eine Genehmigung erforderlich. Und schon hat uns die Bürokratie wieder. Antrag stellen, Stempel hier, Kopie dort, bezahlen da. Vier Stunden später haben wir die Genehmigung, jedoch nicht nach unserem Wunsch. Wir müssen die 400 Kilometer an einem Tag fahren und in Begleitung eines Militärs. Nochmals eine Stunde Diskussionen, erst mit dem Militär, dann mit der Polizei, dann wieder mit dem Militär, es bleibt dabei, der Führer muss mit. Am nächsten Morgen um 9 Uhr ist Abfahrt. In Bawiti sind wir wieder frei, der Führer steigt an der Kaserne aus und wir machen uns auf den Weg in die Weiße Wüste in der Nähe der Oase Farafra. Die weiße Wüste ist die schönste, die wir bisher gesehen haben, allerdings nicht östlich der Teerstraße, wo alle Touristen hingefahren werden, sondern westlich im weitaus größeren Teil.

Auf der Fahrt nach Abu Simbel und Assuan ist bei Kharga die freie Fahrt durch die Wüste zunächst beendet. Am Polizei-Check-Point vor der Stadt müssen wir warten bis uns ein Polizeiwagen abholt. Als Ziel geben wir die Tourist-Police in der Stadt an und werden dorthin begleitet. Wir möchten ein Permit, dass wir direkt die ungefähr 400 Kilometer nach Abu Simbel fahren dürfen. Zudem ein Permit, dass es uns erlaubt ohne Polizeibegleitung zu reisen. Beides ist unserer Meinung nach aussichtslos und von uns auch nur als dreister Versuch gedacht. Doch zu unserer Überraschung ist beides möglich, beide Permits sind sogar kostenfrei. Wir müssen eine Verzichtserklärung schreiben, dass wir ausdrücklich auf eigenen Wunsch auf Polizeischutz verzichten, im Ernstfall niemanden in Regress nehmen, über die Risiken aufgeklärt sind und auf eigene Gefahr reisen. Auf welche auch sonst?

Beide Permits werden von Touristenpolizei und Sicherheitspolizei abgestempelt. Dann geht es quer durch die Stadt zur Militärpolizei. Diese kassiert beide Permits und wir müssen draußen an einem Holztor warten. Nach einer halben Stunde geht eine kleine Klappe auf, mein Name wird gerufen. Ich gehe zur Klappe und der Militär sagte einfach nur: „No“. – „Why not?“, „No“, Klappe zu, beide Permits weg, insgesamt über zwei Stunden umsonst gewartet.

Das kleine blaue Auto der Polizei, besetzt mit einem halben Dutzend Polizisten bringt uns an die Stadtgrenze. Wir machen ihnen klar, dass wir die 300 Kilometer nach Isna (bei Luxor) alleine fahren, Touristenpolizei und Sicherheitspolizei haben ja zugestimmt. Tastsächlich sind wir frei und dürfen fahren. Fünf Minuten später sehe ich in den Rückspiegel und traue meinen Augen nicht. Mit zwei Meter Abstand werden wir von einem Auto mit Blaulicht verfolgt. Ich gebe Gas, das Auto ebenso. Ich fahre an eine Tankstelle und tanke 100 Liter Diesel, das Blaulichtauto mit fünf Polizisten hält ebenfalls an der Tankstelle. Nach 10 Kilometern ergibt sich eine schöne Möglichkeit Off-Road zu fahren.

Ein Straßengraben hält uns nicht auf und dahinter geht es direkt in die Sanddünen. Das Blaulichtauto bleibt stehen und die Polizisten winken wie verrückt. Wir winken wild zurück. Freundlich sind sie ja, selten so einen herzlichen Abschied gehabt. Die Polizei dreht um und wir suchen uns an anderer sichtgeschützter Stelle einen ruhigen Übernachtungsplatz. Am nächsten Morgen werden wir an allen folgenden Polizei-Checks durchgewinkt. In Isna müssen wir fast zwei Stunden warten und diskutieren, bis wir ohne Begleitung nach Assuan fahren dürfen. Ich will halten und Tee trinken, wo es mir passt, ich will mit Leuten sprechen, ohne dass ein Polizist mit am Tisch sitzt. Ich fühle mich nicht sicherer, wenn schwer bewaffnete Bodyguards mir beim „Austritt“ in ihren kugelsicheren Westen Deckung geben. Und sollten wirklich in Ägypten Irre herumlaufen, die mich umbringen wollen, dann nichts Leichteres als in einem Konvoi. Der Konvoi fährt täglich zu gleichen Zeiten ab, hält täglich zur gleichen Zeit vor den gleichen Restaurants, die im Gegensatz zu allen touristischen Anlagen nicht geschützt sind.

Wir sind in Edfu, waren ein paar Tage in der arabischen Wüste zwischen Nil-Tal und Rotem Meer unterwegs und möchten weiter in den Sinai. Wir wollten zwar nicht nach Edfu, es war aber der einzige Weg, den wir ohne Bewacher fahren konnten und dies auch nur, weil wir auf geheimen Kamelpfaden unterwegs waren.

Atemberaubende Wüstenlandschaft umgibt uns, schwarze Tafelberge erheben sich im gelben Sand, traumhaft! Wir sind weit draußen in der arabischen Wüste und suchen eine Verbindung zum Roten Meer.

Am nächsten Morgen hat unser Deutz keine Leistung mehr und 100 Meter später geht der Motor aus, ausgerechnet hier, an der ungünstigsten Stelle, mitten im Nichts. Im Schauglas des Separ-Diesel Filters sehe ich Wasser schwimmen und eine weiße Masse. Ich baue den Filter auseinander, schütte das Wasser weg und reinige das Filterelement von der Schmiere, das an Hammelfett erinnert. Als ich den Tankdeckel öffne, trifft mich fast der Schlag, überall schwimmen Klumpen dieser weißen Masse auf dem Diesel. Den Diesel hatten wir vor ein paar Tagen in Qena getankt, aber bisher immer den Diesel aus dem zweiten Tank verfahren, bis er leer war. Ich ärgere mich über mich selbst, warum fahren wir von der Tankstelle weg, ohne den neuen Sprit direkt auszuprobieren? Warum verlasse ich mich darauf, dass ich Diesel bekomme, der auch brennt?

Dieselfilter zusammenbauen, entlüften, starten. Der Motor läuft, der Ärger weicht der Spannung: Wie lange wird der Motor laufen, bis der nächste Klumpen den Filter verstopft? Ich rechne jeden Moment damit, doch das Problem tritt nie wieder auf. Mittags schaue ich in den Tank, das Hammelfett hat sich scheinbar aufgelöst, nicht ist zu erkennen. Die Nacht war frisch, aber so kalt, das Diesel ausflockt bestimmt nicht, oder?

Nach vier Tagen erreichen wir den Rand der Wüste. Am Fuße eines Berges sehen wir einen Geländewagen stehen und freuen uns, andere Reisende zu treffen. Als wir näher kommen, sehen wir nicht einen, sondern 15 Geländewagen. In jedem werden fünf halbnackte Touristen durch die Wüste gefahren, die gerade einen kleinen Berg besteigen, fürs Fotoalbum. Die Touristen sind auf dem Weg zu den letzten originalen Beduinen in der Wüste, wie mir eine Frau erzählt. Sie möchte die Ruhe und Einsamkeit der Wüste genießen und hat daher den Geländewagenausflug gebucht. Aber jetzt muss sie sich beeilen, die Toyotas hupen zum Aufbruch und schon werden wir in Staub gehüllt. Die Ruhe, die von allen gesucht wird, kehrt zurück …

Ein paar Kilometer weiter, wir fahren durch ein sandiges Wadi, stehen wir unmittelbar nach einer Biegung vor drei großen Beduinenzelten. Die Beduinen erwarten eine größere Touristengruppe, die noch mit den Geländewagen draußen in der Wüste unterwegs sind. Die Autos fahren einen Bogen um die Tafelberge, um den Touristen Entfernungen vorzutäuschen. In den original Zelten, die keinen einzigen Flicken aufweisen, ist der Boden gefegt. Hühner und Ziegen waren noch nie in den Zelten. Tee wird aus original Mineralwasserflaschen gekocht und in echten Einweg-Plastikbechern angeboten, wie seit alters her. Original Coca-Cola steht auch in ausreichender Menge zu original europäischen Preisen bereit. Ziegenmilch oder geronnene Kamelmilch als Beduinengetränk, das sind Geschichten der Märchenerzähler. In einem Nebenzelt kann man echten, original Beduinenschmuck kaufen. Die Beduinen sprechen Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch perfekt. Sind halt Original. Wir verabschieden uns, bevor der Geländewagenkonvoi eintrifft.

Nachdem wir einige Kilometer am Strand des Roten Meeres entlang gefahren sind, stoppen ein Abwasserkanal und eine Feriensiedlung unseren Weg. Wir fahren über eine Schotterfläche und stoßen auf einen Feldweg, dem wir zur Hauptstraße folgen. 50 Meter vor dem Asphalt ist der Feldweg durch fünf leere Ölfässer versperrt. Aus einem kleinen Betonhäuschen stürmen drei uniformierte Soldaten auf den Weg. „Hey, die sind ja gut drauf, so schnell waren noch nie irgendwelche Fässer weggeräumt“, denke ich. Aber weit gefehlt. Die Fässer bleiben stehen. Es folgen die üblichen Fragen: Name, Nationalität, woher, wohin, warum. Die beiden ersten Fragen beantworte ich wahrheitsgemäß, die anderen so, dass es für einen Afrikaner einen Sinn ergibt. „Bitte öffnen Sie die Barriere und lassen uns auf die Hauptstraße.“ – „Das ist Militärgebiet, hier darf niemand rein.“ – „Aber ich bin doch schon drin, ich will hier raus.“ – Wir haben den Befehl, dass jeder an der Barriere umdrehen muss, fahren Sie zurück. Befehl ist Befehl.“

Wir umfahren die Fässer mit ein paar Meter Abstand durch den weichen Sand. Wenn der Kommandant die Spuren sieht, gibt es bestimmt eine Belobigung für die erfolgreiche Verteidigung der Barriere.

Wir wollen 250 Liter Diesel tanken. Der Tankwart versteht mich nicht und ich gebe ihm das Geld passend für den Sprit. Bei 245 Liter stoppt die Uhr und er hängt den Rüssel an die Zapfsäule zurück. „Hey, was ist los, kein Sprit mehr?“ Er beugt sich zu mir und flüstert mir ins Ohr: „It’s Bakschisch.“

Vom 3jährigen bis zum 80jährigen halten alle die Hände auf und flüstern einem das Wort Bakschisch ins Ohr. Damit meinen sie nicht ein kleines Trinkgeld für eine Gefälligkeit, sondern einen größeren Betrag für Nichts. Klar, wenn man sieht, wie die Touristen mit Geld um sich werfen, kann man die kleinen und großen Bakschisch-Jäger verstehen. Euro Stücke werden verschenkt und 5 Pfund Noten (80 Cent) als Almosen gegeben. Dabei verdient ein Lehrer ungefähr 2 Euro am Tag und ein Professor an der Uni in Kairo nach 20 Jahren ungefähr 150 Euro im Monat. Wir geben grundsätzlich nur kleine Geldbeträge gegen entsprechende Gegenleistung.

Im Tal der Könige drehen wir den Spieß um. Ein junger Mann nimmt Kurs auf mich, ich gehe ihm entgegen, schüttele seine Hand, frage nach seinem Namen, stelle mich vor und erzähle eines der vielen Märchen: „Ich bin ein armer Tourist, ich habe mein ganzes Geld für Souvenirs ausgegeben und nach Hause geschickt, jetzt kann ich mir nichts zu essen kaufen und trinke seit Tagen nur Wasser.“ Und dann flüstere ich ihm ins Ohr: „Bitte gib mir etwas Bakschisch.“ Er krümmt sich vor Lachen und gibt mir 25 Piaster (6 Cent). Beim nächsten sind es 75 Piaster. Ein Souvenirhändler ruft seine Freunde zusammen und alle müssen Geld geben, nachdem ich ihnen das Wort „Bakschisch“ ins Ohr geflüstert habe. Der Vormittag vergeht, wir alle haben viel Spaß. Die Ausbeute waren 6 Pfund und zwei Einladungen zum Tee. Am Hatschepsut-Tempel kommen nochmals 2 Pfund dazu und die Pyramiden haben wir noch gar nicht besucht. Am Ende der Reise werden wir den Betrag in einer Moschee abgeben. Will man den Ägyptern wirklich einen Gefallen tun, dann sollte man ihnen statt Kugelschreiber und Geld, Kondome als Bakschisch geben, damit sie ihren irrsinnigen Bevölkerungswachstum in den Griff kriegen. (Ironie off)

Das Reisen in Ägypten ist nicht immer so lustig wie gerade beschrieben. Fast jeder im Niltal versucht Touristen maßlos auszunehmen. Bei Souvenirs ist das normal und das Handeln macht Spaß. Tassen mit ägyptischen Motiven, die ich auf dem Markt für 6 Pfund gesehen habe, werden in Abu Simbel zu 120 Pfund angeboten. Touristen, die als ersten Preis 10 Pfund nennen, haben schon verloren. Internet kostet die Stunde 3 Pfund, Touristen zahlen 20. Tomaten, Kartoffeln, Coke und ähnliches werden Touristen auf dem Markt zum dreifachen Preis angeboten. Im Supermarkt sind Waren mit arabischen Preisen korrekt ausgezeichnet, allerdings tippt der Kassierer den doppelten Preis in die Kasse, im Glauben, der Fremde kann keine arabischen Zahlen lesen, was er in der Regel auch nicht kann.

Wir füllen 300 Liter Wasser auf. Zuvor vereinbaren wir ein kleines Bakschisch. Okay. Anschließend wird der Monatslohn eines Beamten als Bakschisch gefordert. In Cafés und Restaurants zahlen Touristen den vierfachen Preis gegenüber dem ägyptischen Tischnachbarn. Neben diesem täglichen Kampf kommt der tägliche Kampf mit der Polizei, um nicht in den Konvoi zu müssen. Die Terroristen kann man nicht einsperren, also sperrt man die Touristen ein. Und keiner rebelliert, außer zweien.

Wir fahren durch Kairo. So schlimm wie in vielen Büchern beschrieben, finde ich es gar nicht. Nicht anders als in Rabat, Dakar, Bamako oder einer anderen afrikanischen Hauptstadt. Busse halten auf der zweiten Spur und lassen Passagiere aussteigen. Man ordnet sich rechts ein, biegt aber links ab. Geblinkt wird nicht, ist unfair gegenüber denen, deren Blinker nicht funktioniert. Man ersetzt den Blinker durch die Hupe. Fußgänger – meist um ihr Leben rennend – überqueren die Straße. Einer hat es nicht geschafft und wird in einen Rettungswagen verladen. Später stehen wir neben dem Rettungswagen im Stau, und ich kann von oben zu den nicht vollständig sichtgeschützten Scheiben ins Innere sehen. Das Unfallopfer liegt auf der Trage, der Notarzt sitzt auf einem Hocker und raucht.

Wir fahren einige Kilometer westlich von Kairo raus in die Wüste, ins Fayoum. Wir wollen uns von dem Stress in Kairo erholen und ein paar Tage Einsamkeit genießen.

Überraschungen im Sudan

Sabine und Thomas aus Bayern sammelten schon früh Reiseerfahrungen, indem sie viele Monate in zahlreichen Ländern auf fast allen Kontinenten verbrachten. Von 2009 an waren sie sechs Jahre mit ihrem Reisemobil, dem Mercedes Oldtimer-LKW „Paula“ in der ganzen Welt unterwegs. Sie verstanden ihre Reise nicht als „Aussteigen“, sondern als mobiles Leben auf Zeit. Auf ihrer Homepage www.abseitsreisen.de finden sich sehr interessante Reiseberichte, viele Tipps und Infos und schöne Fotos.

Über ihre Erfahrungen im Sudan berichten sie hier:

Manchmal ist man selbst verwundert, wie einfach vieles zuhause ist. Dinge, die man bei uns eben mal schnell nach Feierabend auf dem Nachhauseweg erledigt, sind auf Reisen oft ein Ding der Unmöglichkeit. So vieles ist umständlicher, komplizierter oder einfach nicht machbar. Trinkwasser besorgen, Toilettenpapier kaufen, Wäsche waschen, Milch kaufen, Emails abholen. In Europa eine Aufgabe von fünf Minuten. Aber unterwegs? Ein aktuelles Beispiel: Mal schnell tanken fahren.

Vom Tanasee in Äthiopien bis zur sudanesischen Grenze sind es knapp 250 Kilometer. Da der Sprit im Sudan deutlich günstiger ist als in Äthiopien, wollen wir keinen unnötigen Ballast umherfahren. Gut kalkuliert, nicht nur bis zur Grenze, sondern bis zur ersten größeren Stadt im Sudan – 90 Liter sollten reichen. So rollen wir los vom Tanasee, brechen auf gen Sudan. Nach drei Stunden ein Anruf von unserem Freund Mathias. Er steht mit durchlöchertem Kühler in einem Dorf. Was tun?

Weitere drei Stunden Feldweg später hängt sein Unimog an unserem LKW, mit 17 Tonnen im Nacken schiebt sich Paulas Motor über die vom Sturzregen aufgeweichten Schlammpisten und saugt kräftig am Tank.

Nach der nächtlichen fünfstündigen Abschleppaktion vom Tanasee nach Gonder sind die Dieselreserven deutlich geschrumpft. Kein Problem, hier in Gonder gibt’s direkt am Ortsausgang drei Tankstellen hintereinander. Beim Weg aus der Stadt können wir noch eben schnell mal nachfüllen. Von wegen, und so beginnt die Misere. Leider sind alle Tankstellen leer. Und jetzt? Auf dem Weg zur Grenze kommen noch einige größere Orte, kurz durchgerechnet – das schaffen wir noch. Im größten Notfall können wir den Bodensatz unserer drei Tanks ablaufen lassen, zusammenschütten und mit den letzten Tropfen noch bis in den Sudan rollen. Dort gibt es sicher direkt hinter der Grenze Diesel an der Zapfsäule. Also alles halb so wild.

100 Kilometer hinter Gonder neigt sich die Nadel schon verdächtig gegen „leer“. In einem kleinen Dorf findet sich noch eine Zapfsäule mit Diesel. Wir füllen mit den letzten äthiopischen Birr gut 50 Liter in den Tank. Jetzt kann nichts mehr schief gehen – wir sind auf der sicheren Seite. Dachten wir.

Drei Stunden später rollen wir über die Grenze. Tatsächlich, direkt neben dem Schlagbaum die erste Tankstelle. „Nie die erste Tanke hinter der Grenze nehmen“, denken wir uns. Der Sprit ist in Äthiopien dreimal teurer, da boomt sicherlich der Schmuggel. Die direkt an der Grenze gelegenen Tankstellen sind immer dazu prädestiniert, dass der Sprit gepanscht ist. Richtig oder falsch, egal. Die erste Tankstelle lassen wir links liegen. Noch haben wir ja Sprit für 100 Kilometer. Nach 50 Kilometer die nächste Tankstelle, wir fahren raus. Der Tankwart winkt bereits aus der Ferne ab. Kein Diesel. Nicht so schlimm, wir fahren zur nächsten, hier gibt es ja eine nach der anderen. 10 Kilometer weiter wieder ein winkender Tankwart. „Diesel?!“ „Vielleicht im Ort.“ Wir fahren in den staubigen Ort hinein, fragen uns bis zur Tankstelle durch. Hier gibt es Diesel aber keinen Strom für die Pumpe. „Vielleicht bei der andern Zapfsäule im Ort.“ Auch dort nichts. Ein Blick auf die Karte, die nächste Stadt ist 40 Kilometer entfernt. Mit etwas Glück könnten wir es bis dorthin schaffen. Daumen drücken und auf Rückenwind hoffen.

Gedaref, eine Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern und damit fast so groß wie Nürnberg, dreimal so groß wie Regensburg. Dort werden wir sicher auffüllen können. Schon vor dem Stadtrand liegt die erste Tankstelle. Die orange Nadel am Armaturenbrett zeigt bereits unter Null. Paula rollt an den Zapfhahn, ein hoffnungsvoller Blick zum Tankwart. Ein fester Händedruck „Welcome to Sudan“. „Thank you. Do you have Diesel?” „No. Maybe in town at the main petrol station.” Oh Mann!

Wir rollen ins Zentrum, vorbei an unzähligen Eselskarren, Traktoren, Minibussen. Da, Pentapetrol! Eine lange Schlange an Bussen, Jeeps und den wunderbaren alten Bedford Haubenwagen davor. Sieht gut aus. „Diesel“? „No, tomorrow, day after tomorrow or in three days.“ Auf Nachfrage klärt sich, dass derzeit die Regenzeit beginnt, daher alle Landwirte Sprit für ihre Traktoren brauchen und deswegen Treibstoffknappheit herrscht. Großartig: Morgen, übermorgen oder in drei Tagen. Was tun? Irgendwo muss es doch in einer Stadt mit knapp einer halben Million Menschen Diesel geben. Wir drücken wieder den Startknopf und Paula saugt die letzten Tropfen aus dem Tank, wieder zuckt die Nadel ein Stück weiter ins Leere jenseits von Null. Nach einer weiteren Tankstelle im Zentrum suchen wir die nächste Anlaufstelle: Pashaia Market. Wir irren durch die Stadt, fragen einen LKW-Fahrer, ein älterer Herr bietet seine Hilfe an, steigt zu uns ins Fahrzeug und weist uns den Weg durch die verstopften Altstadtgassen quer durch den Basar, entlang einer Ausfallstraße. Nach 15 Minuten erscheint am Horizont ein Tankstellendach und auf der Gegenspur taucht eine nicht enden wollende LKW-Schlange auf. Unverkennbar, hier gibt es Diesel. Die Reihe aus LKWs, Bussen und Minivans nimmt kein Ende. Ganz hinten stellen wir uns dazu. Der ältere Herr verabschiedet sich, wir bedanken uns vielfach, halten ein Tuk-Tuk an, wollen ihm die Rückfahrt in die Stadt bezahlen. Er lässt uns nicht, wehrt sich mit Händen und Füßen, lässt sich keinesfalls Fahrtgeld geben. Das muss die vielgepriesene sudanesische Gastfreundschaft sein, von der wir schon so oft gehört hatten.

Wir stehen in der Schlange und rechnen wie lange es wohl dauern wird, bis wir an der Reihe sein könnten? Drei Stunden? Vier Stunden? Wird in vier Stunden noch etwas in den Behältern der Tankstelle sein? Alternativen? Wir nehmen die Karte zur Hand, suchen nach der nächsten verzeichneten Tankstelle, fragen die lokalen Minibusfahrer. Auf dem Weg nach Khartoum kommt in etwa 100 Kilometern der nächste größere Ort. Dort soll es Diesel geben.

100 Kilometer, das sind bei ebener Straße 22 Liter, die Paula verbrennt, um unser Häuschen zu bewegen. Wenn wir den Bodensatz der anderen Tanks zusammenschütten …

10 Minuten später stehen wir an der nächsten leeren Tankstelle am Stadtrand, eine Plastikwanne unter den Tanks, die Ablass-Schraube offen, die Arme bis zum Ellbogen eingedieselt. 10, 15, 20, 30, 35 Liter und ein Löffel voll Dreck laufen aus der Öffnung, finden den Weg durch den Trichter zu den letzten Tropfen im ersten Tank. Vorerst genug um weiterzukommen.

Nach fünf Kilometern die nächste LKW-Schlange. Wir stellen uns an. Sabine wirft sich das Kopftuch über, bahnt sich den Weg durch die Busse und Anhänger, die aus den verschiedensten Richtungen auf die verheißungsvolle Zapfsäule deuten. Mindestens 2 Stunden Wartezeit heißt es, aber mit einem Kanister könnten wir vielleicht vorgelassen werden. Schnell schnallen wir zwei der alten Bundeswehrkanister vom Dach, Sabine stellt sich in die Reihe der Wartenden. 1000 Liter fließen zuerst in die Fässer auf der Ladefläche eines Pickups, das dauert gut 20 Minuten. Jetzt ist die Schlange der Reservekanister an der Reihe. Sabine reicht dem Tankwart 150 Pfund und deutet auf unsere beiden Kanister. Der Tankwart nickt, wirft noch einmal einen Blick auf das Geld in seiner Hand und drückt den Zapfhahn solange in die Kanister, bis die Anzeige 150 Pfund anzeigt. Dass die Kanister nur Diesel für 140 Pfund fassen ist völlig egal, der Tankwart steht längst in einer immer größer werdenden Pfütze Diesel.

40 Liter helfen uns fürs erste. Irgendwo innerhalb der nächsten 300 Kilometer muss es doch endlich möglich sein, den Tank zu füllen. Auf in Richtung Khartoum!

50 Kilometer weiter finden wir tatsächlich noch einen Tankwart, der neben der eigentlichen Zapfsäule einige Kanister stehen hat. Der Preis ist mit 6 Pfund je Liter zwar doppelt so hoch wie normal, aber mit den 50 Liter extra kommen wir sicher bis in die Hauptstadt.

Am Abend schaffen wir es tatsächlich bis Khartoum, der Tank wieder knapp vor Null. Drei Tage beobachten wir die Tankstelle neben unserem Parkplatz, fragen bei den Angestellten, wann sie die nächste Lieferung bekommen. „Am Abend, um sieben Uhr, naja, besser acht wäre gut.

Dann kommt der Tankwagen.“ Um halb acht stehen wir vor Nile Petroleum. Ein verheißungsvoller Tanklastzug parkt neben den Zapfsäulen, der Muezzin singt zum Abendgebet, die Angestellten stehen aufgereiht zum Gebet neben der Tankstelle. Es ist Ramadan, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wird weder gegessen noch getrunken. Jeden Tag etwa gegen sieben Uhr wird nach dem Abendgebet zeremoniell das Fasten gebrochen. Alle Tankstellenbediensteten haben den ganzen Tag auf das Essen gewartet, also können auch wir warten. Teppiche werden ausgerollt, Tee eingeschenkt.

Zeit innezuhalten und sich umzublicken. Eine schöne Stimmung herrscht in der Stadt. Die Straßen sind menschenleer, jeder ist beim Gebet. Die Dämmerung hüllt die Stadt in ein warmes, langsam schwächer werdendes Licht und von den Minaretten dringt sanft der Ruf zur Ehre Allahs herab. Ein leichter Wind weht durch die breiten Straßen und kühlt die staubige Hitze des Tages langsam unter die 35 Grad Marke ab. Gedanken drängen sich auf. Welch eine Aktion, nur um einmal den Tank zu füllen.

Eine halbe Stunde später ist das Gebet beendet, der Tanklastzug rollt unter dem Dach heraus, die Neonröhren von Nile Petroleum flackern kurz und leuchten dann rot in die hereinbrechende Nacht. Der Tankwart winkt uns heran. In arabischen Ziffern schreibe ich „°..“ mit dem Finger in die dicke Schmutzschicht auf der Kabine. 500 Liter Diesel fließen für 1600 Pfund, knapp 150 Euro durch den Hahn. Mit 30 Eurocent je Liter endlich wieder ein angenehmer Preis für den Treibstoff. Tanken im Sudan hat doch auch seine positiven Seiten, selbst wenn es manchmal etwas länger dauert.

Es gibt Länder, die als Traumreiseziele bekannt sind. Neuseeland und die Vereinigten Staaten, Island oder Thailand. Es gibt andere Länder, die haben einen Ruf bei denen es erst mal vielen die Augenbrauen hochzieht und die Stirn in Falten legt. Es besteht allerdings ein gewaltiger Unterschied zwischen dem, was von Ländern generell berichtet und gedacht wird und dem, was Reisende erzählen, die ein Land besucht haben. Ein Beispiel: Der Iran. Das typische Augenbrauenhochziehland. In Deutschland eher mit Argwohn betrachtet, von Reisenden in den höchsten Tönen gelobt. Der Iran ist nur ein Beispiel von vielen. Angola, Mexiko, Pakistan, spricht man mit Menschen, die dort waren und das Land hautnah erlebt haben, zeichnet sich oft ein vollkommen anderes Bild ab als das, was man als Querschnitt im kollektiven Bewusstsein vorfindet.

Ist der Sudan ein weiteres Paradebeispiel für diese Diskrepanz? Ein Land, das selten bereist wird, fernab der touristischen Pfade, in den Nachrichten allerdings überhäuft mit Negativschlagzeilen. Ein Land aber, von denen die wenigen, die es bereits besuchten, in höchsten Tönen schwärmten, von unermesslicher Gastfreundschaft und herzlichen Begegnungen berichten. Wir sind euphorisch gespannt, aber wie werden wir den Sudan erfahren, wenn wir schon mit so großen Erwartungen durchs Land reisen? Kann man dann nicht enttäuscht werden?

Die erste Nacht verbringen wir am Rande eines kleinen Dorfes. Es ist heiß im Sudan, am Tag klettert das Thermometer über die vierzig Grad Marke. In unserem Fahrzeug ist es noch heißer, unser Thermometer hört bei fünfzig Grad auf zu zählen. Da bleibt einem gar nichts anderes übrig, als die Haustüre sperrangelweit offen stehen zu lassen, in der Hoffnung der wenige Wind schafft etwas Linderung. Auf der anderen Seite sind wir müde vom Grenzübertritt, es war ein langer Tag. Jetzt noch mit allen möglichen Leuten reden müssen, die zufällig am Fahrzeug vorbeikommen? Halt, völlig falscher Gedankengang. Wir sind nicht mehr in Äthiopien, wo man in wenigen Minuten von unzähligen Menschen umringt und neugierig begutachtet wird. Das zeigt der Blick aus der Tür ganz deutlich. Hier im Sudan schätzen die Menschen ihre Privatsphäre und gestehen sie auch dem anderen zu. Der Blick aus der Tür, er ist und bleibt unverstellt.

Ein paar Tage später machen wir für die Mittagspause direkt am Nil halt. Wieder ist unsere Türe geöffnet. Die Männer, die zufällig vorbeikommen, rufen im Vorübergehen ein kurzes ‚Welcome to Sudan‘ und sind auch schon wieder verschwunden. Nach einer Stunde, wir wollten schon wieder packen, kommt ein Fischer vorbei und lädt uns zum Tee ein, er müsse nur noch kurz einen besorgen gehen. Als er zurückkommt, folgen wir ihm die Uferböschung hinab. Hier im Schatten der Bäume hat Walid mit seinen drei Fischereikumpanen ein kleines Lager aufgeschlagen. Schnell werden ein paar Zweige Holz gesammelt, Feuer gemacht und Tee aufgesetzt. Dass das Wasser direkt vom Nil kommt und nur kurz erwärmt wird, wird uns schon nicht umbringen. Die vier zeigen uns ihren Fang des Tages und wollen uns gleich einen riesigen Barsch fürs Abendessen schenken. Lachend lehnen wir ab, der zappelnde Fisch wird wieder ins Wasser getaucht, und wir verabschieden uns von den vier herzlichen Fischern. Was für eine nette, ungezwungene Begegnung.

Es ist gerade Ramadan, eigentlich kein guter Zeitpunkt, um den Sudan zu besuchen. Nicht nur, dass die vielen vermutlich sehr leckeren Essensstände entlang der Straßen geschlossen sind, die Ortschaften wirken wie ausgestorben. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, wer irgendwie kann döst im Schatten und bewegt sich so wenig wie möglich. Bei diesen Temperaturen heißt es Kräfte sparen. Das Leben beginnt erst mit Sonnenuntergang und dauert bis Sonnenaufgang, doch da stehen wir meist abseits der Dörfer inmitten der Wüste.

Erst als wir Magzoub, den Besitzer eines kleinen nubischen Gästehauses in Abri begegnen, lernen wir das nächtliche Treiben kennen. Er lädt Luigi aus Italien, dem einzigen Touristen, dem wir in ganz Sudan begegnen, und uns zum abendlichen Ramadan-Essen ein. Wir warten gemeinsam auf den Sonnenuntergang und sobald der Ruf des Muezzins erklingt, wird das Fasten mit einer Dattel gebrochen. Jetzt sitzen die Männer in den Straßen zusammen und essen einfache, leichte Mahlzeiten. Wir lernen, dass zunächst nur wenig gegessen und langsam getrunken wird. Erst nach einigen Stunden verträgt der Magen weitere Nahrung.

Gegen zehn Uhr beginnt das gesellige Leben. Nun ist die Zeit des Shisha-Rauchens, Teetrinkens und der Besuche. Unser Gastgeber führt uns durch das städtische Krankenhaus, auch hier herrscht reges Treiben. „Sabine, was hältst du von einer Henna-Bemalung von Händen und Füßen?“, frag Magzoub zwischen zwei Zügen aus der Wasserpfeife. „Ja gern, wie wär’s morgen?“, antworte ich schon leicht schlaftrunken. „Nein, es ist Ramadan, da ist jetzt die beste Zeit“, und schon sind wir wieder auf den Beinen. Magzoub klopft an eine eiserne Tür und führt uns in den Innenhof eines großen nubischen Hauses. Dass bereits Mitternacht ist, als wir das Heim der Kosmetikerin betreten, ist völlig normal. Drei kleine Kinder liegen tief schlafend auf den Betten im Innenhof, die älteren Töchter werfen sich gemächlich ein Kopftuch über und wir folgen der Mutter in den hinteren Bereich des Hauses. Datteln und frisches, eiskaltes Wasser wird gereicht, dann beginnt die aufwändige Verzierung meiner Gliedmaßen. Die Nachbarin kommt vorbei, sie darf zur großen Freude aller Thomas‘ Füße bemalen, das wird ihm die nächsten Tage noch viele Kommentare einbringen.

Nicht nur Magzoub ist um unser Wohlergehen bemüht, das ganze Dorf scheint sich zur Aufgabe gemacht zu haben, uns willkommen zu heißen. Als Thomas am letzten Abend seinen neuen, handgenähten Araagi, die traditionelle weiße Kutte der nubischen Männer trägt, können wir uns vor Einladungen gar nicht mehr retten. Auf dem Weg zum Abendessen, wir sind erneut bei Magzoub eingeladen, werden wir von südsudanesischen Arbeitern zum Tee eingeladen. „Gern, aber wir haben nur zehn Minuten.“ Kaum haben wir uns verabschiedet, tritt ein stattlicher Nubier vor sein Tor, begrüßt uns und bittet uns in sein Haus. „Vielen Dank, aber wir müssen zu einer Einladung.“ „Ja, ja“, sagt dieser und lässt Thomas‘ Hand nicht los, bis wir in seinem schönen Innenhof stehen. Uns werden süße Datteln gereicht, man wünscht uns einen schönen Aufenthalt im Sudan und lässt uns weiterziehen.

Unsere Erwartungen waren nach all den lobenden Berichten hoch, doch die Begegnungen im Sudan haben diese noch weit übertroffen. Was für ein tolles Land, welch nette Menschen! Wir sind froh, dass wir uns selbst ein Bild von einem Land machen durften, bei dessen Namen wir in Zukunft nicht die Augenbrauen, sondern die Mundwinkel hochziehen werden.

Äthiopien: „You, you, give me, give me”

Seit 2005 verwirklichen Doro und Josef aus Kevelaer ihren Traum von einer Weltreise. Mit einem umgebauten Mercedes Benz LA911, Baujahr 1977, genannt „Monster“, ging es zunächst quer durch Europa; es folgten Asien, Australien, Neuseeland, Süd- und Mittelamerika. Vier Jahre verbrachten sie mit Monster auf dem afrikanischen Kontinent, bevor er 2014 nach Nordamerika verschifft wurde. Viele spannende Berichte und Geschichten sowie eindrucksvolle Fotos findet man auf ihrer Homepage unter: www.monster-worldtour.de.

Im nachfolgenden Text lassen Sie die beiden Weltreisenden an ihrem „Abenteuer Äthiopien“ teilhaben:

Bereits an der Grenze bekommen wir einen kleinen Eindruck davon, was uns in Äthiopien erwartet. Menschenmassen, die sich auf der Straße tummeln, die meisten treiben Kühe, Schafe oder Esel vor sich her; das Autofahren wird hier vermutlich kein Vergnügen werden. Doch zunächst müssen wir die Einreiseformalitäten hinter uns bringen, wozu selbstverständlich auch das Abwimmeln der allgegenwärtigen Grenzhelfer gehört. Einer tut sich als besonders dreist hervor, verlangt er doch tatsächlich Geld dafür, dass er uns das Zollgebäude zeigt, in das wir gerade hinein gehen wollen. Nun denn, solche Kleinigkeiten können uns inzwischen nicht mehr erschüttern, die ersten Kilometer auf äthiopischen Straßen hingegen sehr wohl. Die holprige Straße windet sich über schroffe Hänge und durch tiefe Täler auf eine Höhe von über 2.200 Meter. Es gibt kaum Verkehr, selbst der in der arabischen Welt obligatorische Eselskarren und das im Sudan häufig gesichtete Fahrrad scheinen hier unbekannt zu sein. Nur wenige Busse überholen uns mit überhöhter Geschwindigkeit. Lange bevor wir diese jedoch sehen, können wir sie hören, denn die auf dem Dach befindlichen Lautsprecher beschallen jeden mit ohrenbetäubender Musik.

Die vielen Menschen hier sind zu Fuß unterwegs, ewig auf der Wanderschaft, von hier nach da und keiner weiß wohin; manche gebeugt, den schmalen Rücken vollgepackt mit Holz, manche gestreckt und scheinbar ohne Ziel. Allgegenwärtig sind jedoch die Scharen von Kindern jeglichen Alters.

Da sind die Teenies, die uns verschämte Blicke zuwerfen, die 7- bis 8jährigen Mädchen, die bei unserem Anblick oftmals schreiend davonlaufen und eben auch die kleinen Jungen, die anstatt zur Schule zu gehen, das Vieh hüten müssen und dieses auf den Straßen entlang treiben. „You, you, you“, rufen sie und die Hand, die gerade noch gewinkt hat, dreht sich zum Betteln herum. Anhalten ist völlig unmöglich, sofort sind wir umringt von einer Kinderschar und jedes bettelt: „You, you give money!“

Wir haben Mühen mit diesem Land und sind froh, als wir in Tim und Kims Village am Lake Tana dem Ganzen eine Zeitlang aus dem Weg gehen können. Tim unterhält uns mit einigen Geschichten aus dem äthiopischen Alltagsleben, unter anderem erzählt er uns die Story seines Moskitonetzes.

Nach über dreieinhalb Jahren im kleinen Dorf Gorgora haben Tim und Kim nun endlich ein Bett bekommen. Um darüber ein Moskitonetz zu befestigen, benötigen sie ein kleines Gestell. Aus Eisenstangen werden jeweils zwei gleich lange Teile geschnitten, also zwei Rohre sind 2,00 Meter lang, die anderen beiden 1,60 Meter. Diese sollen nun zu einem rechteckigen Rahmen miteinander verschweißt werden und wandern dazu ins Dorf. Am nächsten Morgen kehrt der Rahmen frisch verschweißt zurück, nur leider hat er nicht die Form eines Rechtecks, sondern die einer Raute. Dem Schweißer ist es tatsächlich gelungen, die langen und kurzen Stücke zu vertauschen! Diese Geschichte ist gleich zweimal passiert und trotzdem mussten die beiden jeweils den vollen Preis zahlen.

Wir verbringen einige entspannte Tage am Lake Tana, doch irgendwann müssen wir wieder hinaus ins feindliche Leben. Wir haben kaum den steinigen Weg vom Camp ins Dorf zurückgelegt, da holt uns die äthiopische Wirklichkeit bereits wieder ein. Auf einem klapprigen Bambusgestell, nur mit einem Tuch bedeckt, wird eine menschliche Leiche an uns vorübergetragen, doch niemand außer uns nimmt Notiz davon. Anscheinend gehört auch so etwas hier zum Tagesgeschehen.

Nach einem kurzen Stopp in Gondar, einer kleinen Stadt mit Palästen aus dem 17. Jahrhundert, machen wir uns auf den Weg in die Simien-Berge. Bereits die wenigen Kilometer auf der Straße bis nach Debark vermitteln uns eine Ahnung davon, was uns erwartet. Für nur 100 Kilometer benötigen wir geschlagene sieben Stunden und so erreichen wir den kleinen Ort am Rande des Simien Nationalparks erst bei Einbruch der Dunkelheit. Wir quartieren uns auf dem Hof des Simien Park Hotels ein und erhalten eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Zunächst erfahren wir, dass man in den Nationalpark nicht nur einen Guide mitnehmen muss, sondern auch noch einen Scout. Eigentlich keine dramatische Sache, doch diese beiden schmutzigen, stinkenden und verlausten Typen sollen uns in unserem Monster begleiten und müssten dafür hinten auf unserer Sitzgruppe Platz nehmen. Allein schon der Gedanke verursacht einen Juckreiz am ganzen Körper und die Aussicht auf einen Floh im Bett gibt dann den Ausschlag.

Die Simien Berge können wir eigentlich auch aus einiger Entfernung sehen. Also tritt Plan B in Kraft, die Weiterfahrt nach Aksum.

Leider gibt es auch hier keine guten Nachrichten, denn die Straße dorthin wird gerade von einigen Chinesen ausgebaut und asphaltiert und einige der Baustellen sind zu unbestimmten Zeiten auf unbestimmte Zeit gesperrt. Wir treffen zwei Australier, die heute von Aksum heruntergekommen sind. Die beiden haben für die Strecke zehn Stunden benötigt und erzählen, die betreffende Baustelle wäre aufgrund der Mittagspause der Chinesen in der Zeit von 12.00 bis 14.00 Uhr auf jeden Fall offen. Wir beginnen zu rechnen und kommen zu dem Schluss, dass wir um 5.30 Uhr starten müssen, um in dieser Zeit an der Baustelle zu sein.

Im Laufe des Abends ändern wir unsere Meinung nochmals und wir beschließen später zu starten und eventuell eine Übernachtung einzulegen. Allerdings haben wir die Rechnung ohne die örtliche Dorfjugend gemacht, denn die Typen haben genau diese Nacht für eine Party auserkoren und so ist an Schlaf kaum zu denken. Da wir trotz Ohrstöpsel um 4.30 Uhr noch immer wach liegen, können wir genauso gut aufstehen und abfahren.

Uns erwartet eine einzige Horrorfahrt, die Straße und auch die Baustellen sind in einem schlimmen Zustand. An einer Stelle setzen wir mit der Hinterachse derartig auf einen Felsen auf, dass die Hinterräder in der Luft hängen und wir nicht mehr vorwärts kommen. Erst mit Hilfe des eingeschalteten Allradantriebs können wir uns von dem Felsen befreien. Zu allem Überfluss scheint sich die Mittagspause verschoben zu haben, denn obwohl wir uns um 13.00 Uhr an der betreffenden Stelle einfinden, ist diese geschlossen und wir müssen eineinhalb Stunden warten. Folglich erreichen wir Aksum erst bei Einbruch der Dunkelheit. Warum dieser Ort zum Unesco Weltkulturerbe zählt, bleibt uns schleierhaft. Die angeblich gigantischen Riesenstelen können unserer Meinung nach kaum dazu geführt haben. Etwas frustriert ob des langen und anscheinend überflüssigen Weges treten wir nach zwei Tagen die Weiterreise an.

Dieses Mal haben wir uns für eine Offroadstrecke von Adwa über Abi Adi, Abergele und Sekota nach Lalibela entschieden und bereits nach wenigen Kilometern sind wir völlig begeistert. Keine Touristen, keine Steine werfenden Kinder, kaum ein Fahrzeug, einzig eine grandiose Landschaft. Die einzige Menschenseele, die wir unterwegs sehen, ist ein Viehhirte, der uns bei der Zubereitung des Abendessens interessiert zuschaut. Welch eine Erholung! Damit ist es endgültig vorbei, als wir Lalibela, dessen elf Kirchen ebenfalls in die Liste des Unesco Weltkulturerbes aufgenommen wurden, erreichen.

Kaum fahren wir auf den Parkplatz eines Hotels, umkreisen uns die Guides schon wie die Geier und wir können nur mit Mühe erklären, dass es für eine Besichtigung bereits zu spät ist. Am nächsten Morgen gelingt es uns unbeobachtet davon zu schleichen und ganz dreist ohne Führer in die Kirchen vorzudringen. Diese wurden zunächst von oben nach unten samt allen Ornamenten aus dem Gestein gehauen, anschließend wurden die Innenräume durch die Fenster und Türen ausgehöhlt. Die kreuzförmige St. Georgs Kirche aus dem 13. Jahrhundert steht zum Beispiel in einem zwölf Meter tiefen Loch und ist durch einen kleinen Schacht zugänglich.

Der Zufall will es, dass wir an einem Samstag hier in Lalibela sind und somit haben wir Glück, denn es ist Markttag. Aus der ganzen Umgebung strömen die Menschen zusammen, die einen treiben Kühe, Ziegen oder Esel vor sich her, die anderen bieten Gemüse an. Leider ist das äthiopische Angebot an diesem recht beschränkt, bis auf Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch, Chilis und einigen verschrumpelten Möhren können wir nichts finden. Dafür finden die Leute uns und nach eineinhalb Stunden ständiger „you, you, you“ Rufe und Bettelei können wir es nicht mehr ertragen und müssen eine Pause einlegen.

Was bietet sich da mehr an, als in ein kleines Café zu gehen und endlich eine Kaffeezeremonie zu erleben, wie sie in fast jedem äthiopischen Haushalt am Nachmittag abgehalten wird? Dazu werden die frischen Kaffeebohnen gewaschen, über einem kleinen Feuer geröstet, in einem Mörser zerstoßen und am Ende in einer Kanne mit Wasser aufgekocht. Der Geruch von dem frisch gerösteten Kaffee und einigen Weihrauchblättern, die auf das Feuer gelegt werden, ist einmalig und fast genauso schmeckt dann auch der Kaffee. Einfach grandios!

Dermaßen gestärkt wagen wir uns wieder hinaus ins Getümmel und sogleich ist ein junger Bursche an unserer Seite. Dieser hat sich eine bisher unbekannte Masche zugelegt, er bettelt zwar auch, aber mit den Worten: „Hast du Euros? Ich bin nämlich Münzsammler und brauche noch Euros!“ Soviel Einfallsreichtum muss ja schon fast belohnt werden, denn andere verlegen sich einfach darauf, uns bei unseren Einkäufen zu „helfen“, in dem sie vermeintlich dolmetschen. Da die Marktfrauen weder deutsch noch englisch sprechen und es mit unserem Amharisch auch nicht zum Besten steht, übersetzen diese Jungs den Preis ins Englische. Leider vergessen sie dabei zu erwähnen, dass sie den eigentlichen Preis verdoppelt haben und nach unseren Einkäufen zur Verkäuferin zurückkehren, um ihre Provision abzuholen. Aber auch dieser Trick hilft heute nicht, denn mittlerweile kennen wir die Preise für das karge Gemüseangebot.

Die Strecke von Lalibela bis zur neuen chinesischen Straße wird zu einer Art Spießrutenlauf, denn auf diesem Stück tummeln sich besonders viele Steinewerfer. Wir fragen uns immer wieder, warum diese Kinder uns bewerfen und finden so recht keine Erklärung. Ist es einfach nur ein Spiel? Oder schauen sie es sich bei den Erwachsenen ab, die sowohl das Vieh als auch die Kinder mit Steinen bewerfen, um sie zur Ordnung zu rufen? Wir wissen es nicht, es ist nur einfach sehr schade, dass wir Monsters Fenster mit Spanngurten verkleiden müssen, um keinen Schaden davon zu tragen und die grandiose Landschaft kaum genießen können, da wir unsere Augen ständig auf den Straßenrand richten müssen.

Auf dem Weg nach Addis Abeba muss Monster die steile Nilschlucht bezwingen und so kommt es, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit keinen sicheren Hotelparkplatz für die Übernachtung finden und stattdessen mit einem Plateau am Rande der Schlucht vorlieb nehmen. Nach dem obligatorischen Besuch einiger Viehhirten, die einfach nur dasitzen und uns anstarren als ob sie Fernsehschauen, bleibt es ruhig und wir legen uns zufrieden ins Bett.

Nachts werde ich wach und denke: Jetzt verfolgen dich diese „you, you“ Rufe bereits in deinen Träumen! Erst als Jupp sich neben mir regt und aus dem Bett springt, realisiere ich, das ist ja gar kein Traum! Draußen stehen tatsächlich zwei Typen im Militärdress und rufen. Ob es Jupps Anblick mit zu Berge stehenden Haaren ist oder seine wüsten Beschimpfungen in deutscher Sprache, was sie vertreibt, bleibt ungeklärt.

Auf der Strecke durchs Omo-Valley zur inoffiziellen kenianischen Grenze am Turkana See, ändert sich nicht nur die Landschaft, nein, auch die Menschen tun das. Auffallend ist, dass sie sich völlig anders kleiden, die Frauen zum Bespiel tragen ein rockartiges Fell aus Ziegenleder und der Oberkörper bleibt unbedeckt. Auch ihr Verhalten ist kein typisch äthiopisches mehr. Sie stehen zwar wie gehabt am Wegesrand, aber es wird nicht mehr so aufdringlich gebettelt und so mancher legt ein kleines Tänzchen für uns hin. In Konso können wir völlig unbehelligt den Markt besuchen und sehen dabei die Bekleidungen der verschiedenen Naturvölker. Möchte man allerdings ein Foto zum Beispiel einer Hamerfrau machen, muss man dafür zwei Birr berappen.

Auf einen Besuch der Tellerlippenfrauen vom Stamm der Mursi verzichten wir gänzlich, denn zum einen liegt dieses Dorf ziemlich entgegen unserer Fahrtrichtung und zum anderen ranken sich viele Geschichten um dieses Volk. So erzählt uns ein südafrikanischer Reisender, dass man sich unbedingt bereits morgens um 7.00 Uhr in dem Dorf einfinden soll, denn ab 10.00 Uhr fallen dort die Touristenhorden ein und die anwesenden Mursi sind zu diesem Zeitpunkt schon völlig betrunken.

Stattdessen fahren wir über Turmi nach Omorate, wo wir den lästigen Papierkram an der Grenze zu Kenia erledigen müssen. In keinem Land unserer bisherigen Reise haben wir uns so unwohl gefühlt, die Aufdringlichkeit der Menschen, die ständige Bettelei, die Steinewerfer … Alles eine Folge fehlgeleiteter Entwicklungshilfe? Wir wissen es nicht.

Tansania – harmloser Verkehrsunfall mit ungeahnten Folgen

Tanja und Bernhard aus der Nähe von Heilbronn sind fast immer unterwegs. Nach unzähligen Touren in ferne Länder mit Rucksack und öffentlichen Verkehrsmitteln, fuhren sie mit ihrem Toyota Landcruiser HZJ von 2006 bis 2010 durch Afrika und bereisten dabei 33 afrikanische Länder. Nach einer Pause in der Heimat sind sie unterwegs auf einer Weltumrundung in Etappen. Mehr Informationen und Reportagen über ihre Reisen sowie hervorragendes Bildmaterial findet man auf ihrer Homepage unter: www.hinter-dem-horizont.net.

Über ein Erlebnis der besonderen Art in Tansania berichten sie im Folgenden:

Wir hatten es kommen sehen. Schon einige Male war uns ein Fahrzeug mehr quer als längs entgegengekommen und jetzt der. Der mit seinem dunkelgrünen Suzuki Escudo, diesem City – 4x4, der braucht die ganze Fahrbahnbreite. Und – no way out – ein Graben verhindert die Flucht ins Gelände. Der Count-down, Sekundenbruchteile runterzählen. Dann der Einschlag, Glas splittert, Teile fliegen umher. Der kleine Grüne prallt ab wie ein Querschläger, schleudert ins Gelände und bleibt 100 Meter weiter liegen.

Ich steige aus dem Wagen fotografiere sofort die Unfallstelle, die Kennzeichen an den Fahrzeugen des Unfallgegners und der Zeugen und die Schäden an beiden Autos. Tanja sichert die Unfallstelle und ruft einen Bekannten an, der seit 16 Jahren in Tansania lebt und fragt um Rat.

Zum Glück ist niemand verletzt. Die rechte Seite unseres Autos (in Tansania herrscht Linksverkehr) ist eingedrückt, eine Felge verbeult, ein Stück Gummi aus dem Reifen gerissen, der Wassertank unter dem Fahrzeug ist geplatzt, der Wagen ist aber weiter fahrbereit. Harrison, der Unfallgegner, zeigt sich geständig und verspricht, für den Schaden aufzukommen, fleht uns aber an nicht die Polizei einzuschalten. Das hat gute Gründe, denn wir sind unterwegs in der Ngorongoro Conservation Area. Unfälle in solchen Schutzgebieten sind sofort zu melden und mit hohen Strafen bedroht.

Die Ngorongoro Conservation Area bildet mit dem benachbarten Serengeti National Park, der in Kenia liegenden Masai Mara und einigen anderen, weniger bekannten und unmittelbar angrenzenden Schutzgebieten, ein riesiges Ökosystem. Dieses Gebiet umfasst etwa 30.000 km2, ist also beinahe so groß wie Baden-Württemberg.

Natürlich führen zahlreiche Pisten durch den Park und diejenige, die die Ngorongoro Conservation Area mit der Serengeti verbindet, ist eine Hauptverkehrsader. Sie stellt die einzige brauchbare Verbindung zwischen den Großstädten Mwanza und Musoma am Viktoriasee und den wichtigen Knotenpunkten Arusha und Moshi im Norden von Tansania dar und wird entsprechend viel befahren. Selbst Fernreisebusse und LKW nutzen diese Strecke. Dabei ist sie nicht überall in bestem Zustand, teilweise sind üble Wellblechpassagen zu bewältigen. Wellblechpisten – so nennt man Pisten, die aus einer Abfolge kleiner quer zur Fahrtrichtung verlaufender Hügel bestehen – beanspruchen das Fahrzeug besonders, durch das ständige Rütteln lösen sich Schrauben, schlagen Lager aus und den Insassen fallen die Plomben aus den Zähnen. Erhöht man die Geschwindigkeit – je nach Beschaffenheit der Piste sind Geschwindigkeiten zwischen 50 und 80 km/h erforderlich – wird es ruhiger im Fahrzeug. Das Auto fliegt sozusagen von einem Kamm zum nächsten. Das ist angenehm aber nicht ungefährlich, denn Bodenhaftung wird entsprechend gering, der Bremsweg verlängert sich und das Fahrzeug kann leicht ins Schleudern geraten. Genau das war hier passiert.

Die Lage ist nicht einfach. Es ist 3 Uhr nachmittags, bis um 4 Uhr müssen wir den Park verlassen haben, sonst werden Nachzahlungen in Höhe von immerhin 140 US$ fällig. Zudem mahnen uns auch Unbeteiligte, darauf zu verzichten, die Behörden einzuschalten. Endlose Untersuchungen und letztlich auch eine saftige Strafe für uns wären die Folge. Harrison unterschreibt eine Schuldeingeständnis-Erklärung, präsentiert uns bereitwillig seinen Personalausweis, weist sich als „Managing Director“ eines Safariunternehmens aus Arusha aus und lässt sich fotografieren. Da er außerdem einen vertrauenswürdigen Eindruck macht, beschließen wir, unsere Fahrt nach Westen fortzusetzen.

In der Serengeti findet alljährlich eine gigantische Tierwanderung statt, an die 2 Millionen Tiere sind beteiligt. Ein ganz besonderes Spektakel ist dabei die Überquerung des Grumeti Rivers im Westen des Parks. Wochenlang hatten wir recherchiert, Dutzende von E-Mails geschrieben und zahllose Telefonate geführt, um den Zeitpunkt dieses Ereignisses zu erfahren. Wir wähnen uns nun kurz vor Erreichen unseres Ziels und wollen deshalb nicht umdrehen und nach Arusha zurückfahren.

Am Gate werden glücklicherweise keine Fragen gestellt und wir erleben, wenn auch etwas gestresst, noch einen herrlichen Safaritag bevor wir am Nachmittag des folgenden Tages, einem Samstag, am westlichen Ausgang den Park verlassen. Wir machen einen Tag Pause in einem Camp in unmittelbarer Nähe des Parks, lassen uns dort eine Werkstatt empfehlen und fahren am Montagmorgen dorthin.

Der Hof der Werkstatt gleicht einem Schrottplatz. So viele Autowracks stehen dort, dass die Reparaturarbeiten vor dem Tor auf freiem Feld, durchgeführt werden müssen. Aber Werkstätten, die weder über eine Grube noch eine Hebebühne verfügen, sind in Afrika die Regel und diese hier verfügt immerhin über einen Wagenheber und ein Radkreuz, so dass es keinen Grund gibt, an der Qualifikation der Mechaniker zu zweifeln. Sofort werfen sich fünf oder sechs Arbeiter in den Dreck, bauen den Tank aus, montieren die Räder ab und kommen tatsächlich Stunden später mit einem geschweißten Tank und geflickten Reifen zurück. Ohne Wasser können wir den Erfolg ihrer Arbeit am Tank jedoch nicht überprüfen. Auch Ventile für schlauchlose Reifen sind nicht verfügbar, so dass das rechte Hinterrad mit Schlauch montiert werden muss; einem Schlauch, der uns zuvor in Äthiopien in eines der Reserveräder eingezogen worden war, weil man den Reifen dort nach einer Panne nicht fachgerecht reparieren konnte.

Am nächsten Morgen ist der Reifen platt. Das Loch im Schlauch muss groß sein, der Kompressor hilft hier nicht. Eine der Radmuttern ist ein Sicherheitsschloss, man braucht Spezialwerkzeug, um es zu öffnen und offenbar hatte man bei der Montage allzu viel Gewalt angewandt. Die Mutter ist verhunzt, das Werkzeug gleitet ab und wir schaffen es nicht, das Rad zu demontieren. Ein Schweißgerät muss her. Damit könnte man den Schlüssel mit dem Schloss verbinden und so die Mutter lösen.

Wir rufen in der Werkstatt an. Leider ist niemand dort, der Englisch spricht. Zwei weitere Touristen, ein Schwede und ein Inder, campen auf dem Platz. Ihr Fahrer Juma hilft uns und telefoniert. „20 Minuten, dann ist jemand da“, vermeldet er freudestrahlend. Wir warten eine Stunde. „Wissen die denn nicht, wohin sie kommen sollen?“, fragen wir dann vorsichtig. „Nein, davon war nicht die Rede“, meint Juma. Also ruft er noch einmal an. Wir warten noch mal eine Stunde. Niemand kommt. Der Inder hat Malaria und Juma bringt ihn in die Stadt. Ich fahre mit. In der Werkstatt gibt es niemanden, der irgendetwas weiß: „Telefon? Das gibt’s hier gar nicht!“, meinen sie. Ich benötige eine halbe Stunde, um zu erklären, was wir brauchen. Dann beginnt die Suche. Unter einem Haufen Schrott in einer Hütte findet man bald ein altertümliches Gerät, rund 40 Kilogramm schwer, ein klobiges Paket aus Platten, aus Metall und verschlissenen Kupferdrähten: das Schweißgerät. Kabel liegt eigentlich genug im Hof, in Stücken zu zwei Metern Länge, nur glaubt mir der Monteur nicht und nimmt nur fünf Stück mit. Auch Autos gibt es eigentlich genug, aber leider ist davon keines auf die Schnelle fahrbereit. Wieder hilft Juma aus und bringt das Gerät und uns zurück zum Camp. Natürlich reicht das Kabel nicht, doch kein Problem, kaum eine Stunde später treibt man ein anderes auf. Vier Männer versuchen sich im Schweißen, halten das Werkzeug mit der bloßen Hand und tragen natürlich keine Schutzbrillen. Aber vergebens, die altertümliche Maschine ist zu schwach. Jetzt hilft nur noch rohe Gewalt. Mit Hammer und Meißel wird auf die Mutter eingeschlagen und es gelingt, sie löst sich endlich.

Ich fahre Schweißer, den Koch des kranken Inders und Gerät in die Stadt zurück. Der Inder muss im Krankenhaus bleiben, wo es kein Essen gibt. Der Koch hat sich in den Kopf gesetzt, ihm eine Pizza zu kredenzen. Die gibt es natürlich nirgendwo zu kaufen und so fahren wir durch die Nacht und der Koch versucht zu erklären, was eine Pizza ist. Zum Schluss wird es halt ein Rührei, nach essen ist dem Inder sowieso nicht zu Mute. Spät in der Nacht bin ich zurück im Camp.

Am nächsten Tag fahren wir nach Musoma, einer Großstadt am Victoriasee, rund 90 Kilometer weiter nördlich. Tatsächlich gibt es dort eine Werkstatt, die wie eine Werkstatt aussieht, der Reifen wird fachgerecht geflickt, schlauchlos korrekt fixiert und eine Spurvermessung durchgeführt. Glücklicherweise scheint das Fahrwerk nichts abbekommen zu haben. Wir fahren zurück in südöstlicher Richtung und weiter wieder in die Serengeti, diesmal in den Norden des Parks. Der Tank leckt erneut, aber sonst haben wir einen fantastischen Safaritag, sehen sechs Löwen, 100.000 Gnus und Zebras und allerlei anderes Getier. Über den Lake Natron mit seiner außerirdischen Kulisse zum Ol Doinyo Lengai geht es zurück nach Arusha.

Wieder ist Samstag, wir suchen eine Werkstatt auf, die uns ein Freund empfohlen hat und sind enttäuscht, denn von Karosseriearbeiten scheint man hier nicht viel zu verstehen. Wir rufen Harrison an, den Unfallverursacher, der auch sofort zur Stelle ist und uns in eine andere Werkstatt bringt. Auch hier arbeitet man mit primitivsten Mitteln, aber immerhin stehen einige ganz brauchbare Safarifahrzeuge auf dem Hof, das schafft Vertrauen. Das einzige elektrisch betriebene Werkzeug, das es hier gibt, ist eine Flex. Sie funktioniert tatsächlich und schneidet unserem armen Fahrzeug bald tief ins Fleisch. Durch den entstandenen Schlitz in der Karosserie wird dann das Werkzeug eingeführt. Werkzeug ist, was man hier halt gerade so findet: rostiges Metall, irgendetwas, was gerade so passt. Nicht ohne Geschick wird damit dann das Blech von innen ausgebeult. Unterdessen checkt Adam, der Werkstattchef, den Wagen. Natürlich wird er fündig: „Die Verbindungsstücke der Spurstangen sind ausgeschlagen und die Nabe am linken Hinterrad verschlissen“, meint er. Jetzt machen wir den entscheidenden Fehler, indem wir ihn gewähren lassen. Rasch sind neue Teile besorgt, bald wir gehämmert und geschraubt und auch als es schon dunkel ist, wird man nicht müde. Der Tank wird erneut ausgebaut, diesmal natürlich fachgerecht geschweißt und zwischenzeitlich Spachtelmasse aufgetragen und von Hand geschliffen.

An einer Stelle gibt es Licht im Hof, eine Glühbirne mit vielleicht 40 Watt hängt da an einem Kabel und dahin sollen wir den Wagen manövrieren, weil es für das Lackieren vielleicht doch kein Fehler ist, wenn man ein wenig sieht. Leider lässt sich der Wagen nicht mehr lenken, aber auch das ist schnell behoben. Nach gut sieben Stunden werden die Arbeiten für beendet erklärt und Adam präsentiert die Rechnung. Uns trifft der Schlag: Unser Anteil soll 900.000 Tansania Schillinge betragen, rund 540 €, ein Jahresgehalt in Tansania. Allein 750.000 Tansania Schillinge sollen die Ersatzteile kosten. Wir versuchen es im Guten, lachen erst einmal, das hat schon oft geholfen. Doch nichts zu machen. Wir verlangen eine Quittung für die Teile.

Die gibt es natürlich nicht. Wir bieten einen Vorschuss an und einen Reisepass als Pfand und versprechen, die Rechnung am Montagmorgen zu bezahlen. Nichts zu machen. Man macht uns klar: Ohne das Geld, sofort in bar, bleibt das Tor geschlossen und niemand verlässt den Hof. Acht Männer stehen um das Auto herum und fangen an, die Räder abzuschrauben. Wir versuchen, telefonisch Hilfe zu organisieren. Niemand erreichbar, es ist nachts 22 Uhr. Langsam kommt Panik auf. Als der Nachtwächter das Tor einen Moment aus den Augen lässt, nutzen wir die Chance und rennen auf die stockdunkle Straße. Wir sprechen Passanten an, bitten um Hilfe. Sie haben Angst vor uns, weichen aus. Nicht allzu weit entfernt gibt es ein schwaches Licht, ein kleiner Laden. Wir bitten den Mann hinter der Theke die Polizei zu rufen, doch auf der Wache gibt es kein Telefon und so hasten wir weiter durch die Nacht. Endlich sehen wir eine kleine Hütte, die Wache, der Polizist vom Dienst ist freundlich, nur helfen kann er uns nicht. „Das ist eine private Angelegenheit“, klärt er uns auf, „ein Geschäft“, es sei wohl besser zu bezahlen. Wir haben keine Chance und bezahlen.

Am Montagmorgen fahren wir in die Toyota-Vertragswerkstatt. Schnell ist klar, dass man uns gefälschte Ersatzteile eingebaut hat, die zudem nicht fachgerecht montiert sind. Der Tank leckt nach wie vor, nur den Grund dafür, dass die Bremse stottert, findet man nicht gleich. Nach zweieinhalb Tagen in der Werkstatt ist der Schaden behoben. Die Radnabe war zwar nicht gefälscht, aber total verzogen. Die Originalteile kosten nicht einmal die Hälfte von dem, was wir für die gefälschten bezahlt haben.

Es folgen zwei weitere Besuche bei der Polizei, bis auf ihnen klar wird, dass hier etwas faul ist. Adam wird einbestellt und vernommen. Der besitzt die Frechheit zu behaupten, er habe nur gute Teile verbaut, wir hätten diese getauscht, um ihn zu kriminalisieren. Jetzt reicht es auch der Polizei. Das muss im Hauptquartier verhandelt werden, beim „OCS“.

Das Hauptquartier der Polizei von Arusha ist ein zweistöckiges Gebäude, es ist noch deutlich zu erkennen, dass es einst in blau und weiß, den Farben der Polizei in Tansania, gestrichen war. Auf dem festgetrampelten Lehmboden um das Haus herum stehen allerlei schrottreife Fahrzeuge, Männer in orangefarbener Sträflingsuniform schnorren Zigaretten, im Hinterhof stellt man gerade eine Reihe Verdächtiger den Opfern eines Verbrechens gegenüber und das Klo schafft es aus dem Stand auf Platz eins unserer Rangliste der widerlichsten Scheißhäuser Afrikas, was schon allein einen Besuch wert ist. Die Türen zu den Büros stehen offen, jeder kann hören, was drinnen gerade verhandelt wird und in den Gängen drängen sich Dutzende von Zivilisten zwischen schwitzenden Beamten.

Der „OCS“ ist eine Respektsperson. Mit strenger Miene hält er eine Moralpredigt über die Behandlung Fremder in seinem Land, aber auch wir bekommen eine Rüge, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist, jeden Verkehrsunfall unverzüglich der Polizei zu melden. Er ordnet an, den Vorgang schriftlich zu protokollieren. So suchen wir einen Platz irgendwo im Gang und erzählen unsere Geschichte zum fünften oder sechsten Mal. Auch Mr. Adam wird vernommen. Nachdem er es ablehnt, uns einen Teilbetrag zurückzuerstatten, wandert er in Untersuchungshaft. Die Zelle können wir nicht sehen, aber wir sehen das Gedränge zur Besuchszeit, wenn Freunde und Verwandte Essen bringen. Den Polizisten von der Außenstelle bringen wir zurück zu seiner Wache, er erklärt uns, er habe großen Ärger mit der Nachbarschaft, weil er zu uns und nicht zu ihnen halte. Schließlich bittet er uns um ein Abendessen, wir aber hüten uns, einen Beamten zu bestechen.

Am nächsten Morgen wird Adam mit der Auflage, sich zur Verfügung zu halten, auf freien Fuß gesetzt. Detective Sergeant Ambukhege übernimmt die Ermittlungen. Sein Büro im Hinterhof teilt er sich mit drei oder vier anderen Ermittlern. Auf den schiefen Schränken stapeln sich vergilbte Akten bis zur Decke, die voller Schimmelflecken ist. Die Isolierung besteht aus trockenem Laub, das an manchen Stellen aus den Rissen quillt. Der Lichtschalter hängt lose an einem Kabel, welches offen auf der feuchten Wand verlegt ist. Auf dem Boden stehen ein rostiger Tresor ohne Tür und verschiedene kleinere und größere Kisten. An einer Wand befindet sich eine wackelige Sitzbank, die fast zusammenbricht, als sich eine dicke Mama neben uns breit macht.

Ambukhege studiert die Akten. Sein Handy klingelt unablässig und immer wieder muss er seinen Sitzplatz räumen, weil irgendeiner irgendetwas aus seiner Schublade oder einem Schrank hinter seinem Schreibtisch braucht. Erst befragt er Tanja, dann will er die Leute von der Toyota Werkstatt vernehmen. Natürlich besitzt auch er kein Auto und so fahren wir ihn dorthin und sitzen wieder einmal stundenlang im Hof, bis wir ihn wieder in die Wache bringen dürfen. Anschließend will er noch den Händler befragen, der Adam die gefälschten Teile verkauft hatte und am nächsten Morgen soll dann eine Lösung herbeigeführt werden. Wir werden für 8 Uhr einbestellt und auch Adam ist schon da. Ambukhege kommt um 9 Uhr und erklärt, er habe mit Adam gesprochen, der sei nun bereit, ein Drittel des Betrags zurückzuerstatten, wenn er die Teile zurückbekomme. Wir akzeptieren und erfahren dann, leider habe er kein Geld und müsse erst einmal die Teile verkaufen und sich den Rest bei Freunden leihen, das dauere bis 16 Uhr. Jetzt aber platzt uns der Kragen. Wir wollen unser Geld sofort, wollen das Land verlassen und auf der Stelle weiter nach Nairobi fahren. Der Chef der Wache muss ein Machtwort sprechen.

Er schreit den „Verdächtigen“ an und versichert uns, in höchstens einer Stunde sei der Fall erledigt. Tatsächlich erscheint die Frau von Adam und bringt das Geld. Wir müssen unterschreiben, dass wir den Fall nicht weiter verfolgen werden und die Sache ist für uns erledigt.

Harrison, der Unfallverursacher, bezahlt nach massiven Drohungen die Rechnungen der Werkstätten in Bunda und Musoma. Wir verlieren 600.000 Tansania Schillinge (rund 360 €), eine Woche Zeit und bleiben zudem auf unseren sonstigen Auslagen sitzen. Das Visum für Kenia ist jetzt nur noch vier Tage gültig, so dass wir eine Verlängerung beantragen müssen. Auch für die Änderung der Reiseroute entschädigt uns niemand. Der Schaden am Auto ist mehr schlecht als recht behoben, es bleibt eine verbeulte Felge und ein beschädigter Reifen. Wir lernen für das nächste Mal: Wir lassen uns vom Unfallverursacher direkt vor Ort so viel Geld geben, wie er dabei hat, lassen das Fahrzeug in einer Werkstatt unseres Vertrauens fachgerecht reparieren und bezahlen den Rest selbst …

Teures Mosambik

Unberührte Flora und Fauna, paradiesische Küsten und Unterwasserwelten, karges Buschland und verwunschene Urwälder ziehen die Touristen nach Mosambik. Sabine und Burkhard (www.pistenkuh.de) haben das Land mit ihrem Fahrzeug besucht und berichten über ihre Erlebnisse mit der Bevölkerung und den Erfahrungen mit den Behörden:

Erst einmal ist Mosambik teuer. 25 US$ Visagebühren pro Person, plus 100 US$ Road Tax. So sehr ich mich wehre und verhandele, keine Chance. “You pay! We need your money“. 150 Dollar ärmer machen wir uns auf den Weg. Gute Straße, wenig Verkehr, freundliche Menschen, es macht Spaß in Mosambik zu reisen.

Tage später erreichen wir die Küste, na ja nicht wirklich, an die Küste kommt man nicht heran. Die Strände sind unberührt, weil keine Straße, oft noch nicht einmal ein Weg an den Strand führt. Die Hauptstraße verläuft 10 bis 30 Kilometer im Hinterland. So sind die Traumstrände zwar vorhanden, aber unerreichbar. In Chindenguele bahnen wir uns einen Weg durch den Palmenwald. Zwei Bäume müssen gefällt werden und eine kleine Palme reißen wir mit der Seilwinde aus, als wir im Sumpf stecken bleiben. Drei Stunden später stehen wir am Strand. Den Flurschaden interessiert hier niemanden, aber dennoch würden wir gerne den Schaden begrenzen. Sollte es das Projekt „Saufen für den Urwald“ der Krombacher Brauerei noch geben (für jede Kiste Bier werden ein paar Quadratmeter Urwald gerettet), könnt Ihr helfen, den Schaden auszugleichen. Ich denke, nach fünf Kisten Bier steht die Palme wieder …

Muxungue, die Stadt ist bunt, typisch afrikanisch. Am Straßenrand reihen sich fast 20 kleine Restaurants aneinander, mit je einem Plastiktisch und vier Stühlen, die Stühle aus Holz geschnitzt, stehen unter einem Schattendach. Auf der Straße wird auf Holzfeuer gekocht. In drei bis fünf großen Alutöpfen köcheln Cassava, Spagetti, Reis und verschiedene Soßen. In einer Pfanne wird Fisch frittiert und der Duft des Frischgebratenen mischt sich mit Feuerqualm und Dieselabgasen. Dazu überlaute, völlig übersteuerte Musik aus riesigen Lautsprechern. Ich muss einen Sprung zur Seite machen. Der Radfahrer mit einer Frau auf dem Gepäckträger, diese mit einem Baby auf dem Rücken und einer Plastiktüte in der Hand, am Fahrradlenker auf jeder Seite zwei lebende Hühner, an den Beinen zusammengebunden und auf der Stange einen Samsonite-Reisekoffer, hätte mich sonst überfahren, denn Bremsen hat sein Gefährt nicht. Mit der Nummer wäre er in Deutschland im Zirkus – oder im Knast. Aber nur ich drehe mich nach ihm um, für alle anderen ist es normal, sie sind ja schließlich genauso unterwegs. An die Restaurants schließen sich die Straßenhändler an. Der eine handelt mit Tomaten, der andere mit Zahnpasta, dazwischen Fahrradpedale und Gürtelschnallen, Plastiktöpfe aus China, Altkleider aus Europa, Seife, Cola, Mausefallen, Zucker, Autoreifen, Mehl, Fanta, Raubkopien, Hühner, Kaugummi, Brot, BHs, Holzkohle. Babys, Par … Babys? Ich bleibe verdutzt stehen. Die Marktfrauen schreien, reißen ihre mitten im Sortiment schlafenden Babys an sich und lachen.

Hellgelb schlängelt sich der kleine Weg durch die sanfte Hügellandschaft und bildet einen Farbkontrast zu dem in dieser Jahreszeit grau-braun wirkenden Busch.

Der Staub und der Dunst in der Luft lassen alle Farben blass wirken. Selbst die Sonne steht als fahlgelbe Scheibe am Himmel und die saftig grünen Bananenstauden wirken farblos. Der kleine Weg ist auf keiner Karte eingezeichnet, aber er verläuft genau in Richtung Nord, unserer Zielrichtung. Wir haben keine Ahnung, ob und wo die Off-Road-Piste wieder auf eine in unserer Karte eingezeichnete Straße trifft, aber umdrehen können wir ja immer noch. Es geht vorbei an kleinen Hütten, die aus Ästen und Gras gebaut sind und ganze Großfamilien beherbergen.

Überall wird mit hölzernen Mörsern Cassava gestampft; gekocht wird auf Feuer, drum herum rennen Hühner und kleine Schweinchen. Und natürlich jede Menge, seit Tagen ungewaschener Kinder. Vor einer Hütte ist ein kleiner Verkaufsstand aufgebaut, frisch geerntete Bananen liegen in Fünfergruppen neben frischen Ananas. Ich stoppe unser Fahrzeug, sofort kommen ein paar ältere Kinder angerannt. Die kleinen hingegen rennen angstvoll ins Haus oder verstecken sich hinter der Mama vor dem weißen Mann. „Was kosten die Bananen?“ „Ein Metical.“ Okay, der Preis ist genau wie auf dem Markt. Fünf Bananen macht fünf Meticais, rechne ich und gebe dem Jungen eine 5 Meticais Münze. Sabine packt fünf Bananen ein und die Mutter gibt mir 4 Meticais zurück. Fünf Bananen für einen Metical? Ja, so preiswert ist das Leben auf dem Land. Für einen Euro gibt es bei der Bank 40 Meticais und dafür auf dem Land 200 Bananen.

Kokosnusspalmen und Bananenstaudens soweit das Auge reicht. Dazwischen kleine Dörfer und Hüttenansammlungen. Die Dorfschulen sind primitiv. Eine Tafel im Schatten eines großen Baumes, davor kleine Plastikstühle oder umgedrehte Wassereimer, auf denen die Schüler dem Unterricht folgen. Eine Klasse besteht aus 80 bis 100 Schülern und einem Lehrer. Mit einem schlechten Gewissen stören wir den Unterricht, ich möchte gern ein paar Fotos machen und vorher die Klassenlehrerin um Erlaubnis bitten. Die Kinder folgen weiter dem Unterricht, schielen zu uns herüber, aber keines lässt sich anmerken, dass es unkonzentriert wäre. Sie sind absolut ruhig, eine solche Disziplin haben wir noch nirgends in Afrika erlebt. Die Lehrerin verweist uns an den Schulleiter, der auch schon auf uns zukommt. Fotografieren, kein Problem, er spricht ein paar Worte zu den Lehrern und zwei Minuten später stehen alle Schüler der Schule – vier Klassen – geordnet auf dem Schulhof und singen die Nationalhymne. Anschließend ein Volkslied mit Tanzeinlagen, danach geht es völlig ruhig und geordnet zurück auf die Plastikeimerchen zum Unterricht. Mal eine Frage an die Schulleiter unter Euch: Was wäre, wenn ein Tourist aus Mosambik plötzlich im Lehrerzimmer aufkreuzt und eine deutsche Schulklasse fotografieren wollte?

Wir haben Glück und die Off-Road-Piste endet nach knapp 90 Kilometern auf einer Teerstraße. Die Tachonadel steigt bis an die 80iger Marke. Ein Pick-up überholt uns, schaltet die Warnblinkanlage ein und bremst uns aus. Ich stoppe am Straßenrand und ein Weißer kommt an meine Tür. „Hi, ich bin Martin, ich kenne euch oder besser gesagt eure Pistenkuh aus dem Internet. Ich arbeite hier, wir haben dahinten unser Baucamp, kommt doch mit, ich lade euch zu einem Bier ein.“ Beim Bier erfahren wir, dass Martin im Jahr 2005 mit einem Unimog die Ostküste runter gefahren ist. Irgendjemand hat ihn in Mosambik angesprochen, ob er sich mit Unimogs auskenne und da Martin KFZ-Meister ist, hat man ihm einen Job als Projektleiter angeboten. Seitdem durchzieht er mit seinem Team, bestehend aus einem Caterpillar, einem Radlader, einem Lastwagen, jeder Menge Hacken und Schaufeln und noch mehr Arbeitern, Tansania, Mosambik und Südafrika. Wir haben das Team schon am Straßenrand bemerkt und auch die riesigen, armdicken Wasserschlauchrollen. „Ist das ein Entwicklungshilfeprojekt?“, will ich wissen. „Ist ja klasse, dass endlich sauberes Wasser zu den Menschen gelegt wird. Oder sind es Stromkabel?“ „Nein, wir verlegen keine Wasserleitung, das sind Glasfaserkabel für Highspeed-Internet. Wir schließen Mosambik, Zimbabwe und Tansania ans Seekabel in Südafrika an. Ich arbeite für Alcatel und Lucent-Technologies.“ Was für eine irre Welt. Da sitzen Menschen in Hütten aus Lehm und Stroh, haben mehr als zehn Kinder, holen Wasser aus dem Wasserloch mit Eimern auf dem Kopf, der nächste Stromanschluss ist 50 Kilometer entfernt. Ob die ahnen, wenn sie abends im Schein des Holzkohlefeuers sitzen, dass 1,20 Meter unter ihrer Hütte die Daten der Welt durch ein armdickes Glasfaserkabel rasen?

Unsere kleine Erdstraße endet am Shire-Fluss und die Informationen, ob die Fähre funktionstüchtig ist oder nicht, sind widersprüchlich. Sollte die Fähre auf dem Grund liegen, wäre es nicht tragisch, die Alternativpiste müsste durch schöne Landschaft führen, danach sieht es zumindest auf der Landkarte aus. Die Fähre funktioniert und ich traue ihr auch zu, unsere 10 Tonnen auf die andere Seite zu bringen. Der Dieselmotor ist zwar Schrott, aber den Fluss überspannt jetzt ein Stahlseil, an dem man das Floß per Muskelkraft hinüber zieht. Preisverhandlungen beginnen. Wir erinnern uns: 50 Meticais sind der Tageslohn eines Arbeiters oder der Gegenwert von 250 Bananen, oder 1,20 Euro. Der Fährmann verlangt 500 Meticais, also 2.500 Bananen. Ich biete 200, da ist schon die Touristenzulage von meiner Seite eingerechnet. Jetzt stellt sich heraus, dass ich gar nicht mit dem Fährmann verhandele, sondern mit einem hergelaufenen Haiopai, der nun anbietet, den Fährmann aus dem nahegelegenen Dorf zu holen. Für diese Dienstleistung will er 50 Meticais extra. „Du kleiner Gauner, dir verpasse ich eine Extralektion“, denke ich mir und biete ihm 250 Meticas für folgendes Komplettpaket: Unser Fahrzeug mit der Fähre über den Fluss und Sabine mit der Kamera zuvor mit einer Piroge auf die andere Seite schaffen, damit sie die Aktion filmen kann. Wie viel er dem Fährmann und dem Pirogen-Führer zahlt, ist seine Sache, die Differenz kann er sich einstecken. Ich hätte es mir denken können, das ist alles zu kompliziert. Dafür erfahre ich ganz nebenbei, dass der richtige Fährmann in Sichtweite im Schatten eines Baobabs sitzt. Es geht hin und her, wir werden uns nicht einig.

300 Meticais ist das letzte Wort des Fährmanns, 250 mein letztes Angebot und so starten wir unseren Wagen und legen den Rückwärtsgang ein. Genau damit habe ich gerechnet, der Fährmann erhebt sich und kommt an meine Tür. „Pass auf, jetzt geht’s für 250 über den Fluss“, sage ich vorausahnend zu Sabine. „Ich habe heute noch kein Geschäft gemacht und habe Hunger, hast du keine Rolle Biskuits für mich oder eine Packung Spagetti?“ „Fahr mich rüber und du kannst 1.250 Bananen essen.“ Breites Grinsen im Gesicht des Fährmanns und er geht zurück unter den Baobab. Wir fahren. Auf einer gerade fahrzeugbreiten Piste geht es weiter durch den Busch. Die Kompassnadel zeigt für die nächsten 120 Kilometer Nord-Ost und nach zwei Tagen ist der Grenzübergang zu Malawi erreicht.

Der Ort Milange bietet nicht viel. Aber es gibt eine Tankstelle und so verwandeln wir unser restliches mosambikanisches Geld in Diesel. Die Grenzbeamten sind korrekt, alles geht schnell und freundlich vonstatten, jedoch der Schlagbaum öffnet sich nicht. Ein Mann in Uniform bittet mich ins Büro des Road-Tax-Found Ministeriums. Wir nehmen es gelassen, zücken die Quittung der gezahlten 100 US$ bei der Einreise und glauben noch, in wenigen Minuten unsere Fahrt fortsetzen zu können. „Diese Quittung gilt nur für die Strecke im Süden nach Maputo. Hier müsst ihr 125 US$ Road-Tax zahlen.“ Dass die Road-Tax doppelt kassiert wird, haben wir schon öfters gehört, vor allem in der Gegend um Beira. Bei der Einreise versicherte man uns, dass die Road-Tax nur einmal gezahlt werden muss. Also verweigern wir die Zahlung. Langes hin und her, letztendlich werden wir zurück in die Stadt zum Chef des Road-Tax-Found der Nordregion eskortiert. Der arrogante Kerl macht kurzen Prozess und beschlagnahmt mit Polizeigewalt unser Fahrzeug. Wir müssen ihm das Carnet de Passage (Zolldokument für das Auto) aushändigen und bekommen es erst bei Zahlung der 125 US$ zurück. Unsere Pistenkuh können wir jedoch innerhalb der Stadt bewegen und uns ein Camp suchen. Verhandlungen sind nicht möglich, egal, ob ich an seine Hilfe und Gnade appelliere oder meine guten Kontakte zu Reisejournalisten oder Zeitungsredaktionen anklingen lasse, die ich leider gar nicht habe. „You pay!“ Angeblich muss er arbeiten, die Diskussion ist beendet und ich werde aus seinem Büro geworfen. Als „Gnadenakt“ ohne es wirklich zu müssen, wie er betont, gibt er mir die Telefonnummer und den Namen seines Vorgesetzten, eines Ministers in der Hauptstadt Maputo. Der ist wirklich ein hohes Tier, ist für uns nicht zu sprechen und wird es auch nie sein, so seine Sekretärin. Der weitere Weg wäre der, dass wir einen Anwalt konsultieren. „Okay, dann machen wir das.“ So schnell geben wir nicht auf. Einen Anwalt zu finden ist nicht so einfach und einen, der sich mit einem Ministerium anlegen will, schon gar nicht. Von dem einzigen Anwaltsbüro, das wir in der Stadt finden, werden wir mit folgendem Argument abgewimmelt: Die Angelegenheit würde nicht hier, sondern in Maputo verhandelt, dazu müsste unser Anwalt jedes Mal nach Maputo reisen, was enorme Kosten für Flug und Hotel verursachen würde. Besser wäre es, wir würden selbst nach Maputo reisen und uns dort einen Anwalt suchen, der mit solchen Streitigkeiten auch besser vertraut wäre.

Maputo, das wären mal gerade 2.200 Kilometer zurück. Wir dürfen mit unserem Auto die Stadt nicht verlassen, zudem gilt unsere Aufenthaltserlaubnis nur noch 4 Tage. Den ganzen Tag gekämpft, am Abend, kurz bevor die Grenze schließt, geben wir uns geschlagen. Wir zahlen.

„Affentheater“ im südlichen Afrika

Barbara und Jörg aus Leipzig möchten nach vielen Jahren Berufsleben Ruhe und Gelassenheit wiederfinden und begeben sich deshalb im Jahr 2015 mit ihrem Nissan Navara auf Weltreise. Zunächst wird das südliche Afrika bereist, danach geht es nach Australien und Neuseeland und weiter die Panamericana entlang von Feuerland nach Alaska und Kanada. Auf ihrer Homepage www.welterfahrung.com geben sie – zusammen mit vielen hilfreichen Tipps und Infos – Einblicke in ihr Reiseleben.

Von einigen tierischen und anderen Erlebnissen im südlichen Afrika erzählen die beiden hier:

Bestohlen, verirrt und eingebrochen – so kann man den Tag zusammenfassen. Leider ist es so, nach nur gut zwei Wochen Aufenthalt in Südafrika müssen wir den ersten Diebstahl vermelden. Es geschah heute Morgen, noch vor dem Frühstück, eine kleine Unachtsamkeit. Der Frühstückstisch ist gedeckt, und ich will Babsi die Teekanne aus dem Wohnmobil abnehmen. Am kaum drei Meter entfernten Tisch scheppert es, und ich sehe gerade noch einen Affen mit meinem Ei im Gebüsch verschwinden. Hoffentlich hat er sich die Pfoten verbrannt, denke ich, denn das Ding war noch heiß … Es dauert jedoch nicht lange und der Affe marschiert mit der leeren Eierschale grinsend an unserem Frühstückstisch vorbei. Es hat ihm offensichtlich geschmeckt, und die Pfoten – das kann nicht so schlimm gewesen sein.

Wir sind im Nature’s Valley. Der Reiseführer sagt, wer Einsamkeit und Abgeschiedenheit sucht, sei hier genau richtig. Das trifft natürlich nur für Menschen zu, Tiere gibt es hier genug. Das Nature’s Valley gehört noch zum Tsitsikamma-Nationalpark, der an seinem westlichen Ende durch die Mündung des Groot River markiert wird. Nach dem Affentheater heute Morgen möchten wir wandern. Der Kalanderkloof-Trail soll es sein: Erst Urwald und schließlich ein Aussichtspunkt, von dem man die gesamte Tsitsikamma-Küste überschauen kann. Den Urwald haben wir erlebt, indem wir uns stundenlang eine Schlucht hinaufgequält haben. Plötzlich stehen wir auf einer Straße, die wir sogleich für den Rückweg nutzen, denn die Wasservorräte sind fast aufgebraucht. Wer weiß, wo wir den Abzweig zum Aussichtspunkt übersehen haben.

Am Camp angekommen, steht unser Dachfenster offen. Das darf bei dem wunderbaren Wetter auch sein, ich bin mir jedoch sicher, das Fenster vor Beginn unserer Wanderung auf Lüftung gestellt zu haben. Ich ahne Schlimmes und schließe vorsichtig die Tür auf, jederzeit darauf gefasst, dass ein flüchtender Affe an mir vorbei huscht. Geflohen ist das Tier schon lange, jedoch nicht durch die Tür, sondern so wie er hineingekommen war, nämlich durch das von ihm ramponierte Dachfenster. Zielgerichtet hat das Tier die beiden Türen geöffnet, hinter denen Fressbares zu finden war: die des Kühlschranks und die des Brotschranks. Wurst und Käse standen dem Affen nicht so recht an, das labberige Toastbrot dafür umso mehr.

Ein erfahrener Camper belehrt uns später: Erstens sollen wir froh sein, dass nur Affen und keine Paviane ins Wohnmobil eingedrungen sind, denn Paviane hätten den Wohnraum vermutlich zerlegt und zweitens sollen wir froh sein, dass der Affe schnell etwas Fressbares gefunden hat, dadurch blieben die anderen Schränke verschont. Eines haben wir auf jeden Fall gelernt: Fenster und Türen zu in der Wildnis.

Schwer bewaffnet sitzen wir am Frühstückstisch. Neben unseren Campingstühlen liegen einige große Knüppel, faustgroße Wackersteine sind in Reichweite. Rund zehn Affen sitzen über uns in den Bäumen und lauern auf eine günstige Gelegenheit sich abzuseilen. Auf dem Tisch liegen die Objekte ihrer Begierde: Eier, Wurst, Käse und Honigbrot. Bisher konnten wir alle Angriffe abwehren, aber die Tiere sind nicht dumm. Während einer die Aufmerksamkeit auf sich zieht, versuchen zwei andere den Tisch von der Seite zu stürmen. Da helfen nur Knüppel in beiden Händen. Gemütliches Frühstück geht anders.

Die Zeit in der Kalahari vergeht wie im Flug und da unser Visum noch gültig ist, beschließen wir, noch einige Tage in Südafrika zu bleiben. Unser Weg führt nach Upington, einer geschäftigen Stadt von mittlerer Größe am Orange River. Bei der Fahrt durch den Ort haben wir das Gefühl, dass es mehr Autohäuser als Einwohner gibt. Alle bedeutenden Marken sind mit einem repräsentativen Objekt vertreten. Das ist auch gut so, denn unser Nissan ist seit der Fahrt nach Upington um eine Attraktion reicher: Am Armaturenbrett blinken munter ein paar gelbe Lämpchen, die uns das Einschalten der Differentialsperre sowie den Ausfall von ESP und ABS signalisieren, Schleudergefahr inklusive. So kommt uns die Nissan Werkstatt im Ort gerade recht. Zwei Tage lang kriechen die Mitarbeiter durch den Wagen und haben den Fehler wenigstens lokalisiert. Diesmal sind ausnahmsweise nicht die Affen schuld, wahrscheinlich hatten die Erdhörnchen in der Kalahari Appetit auf abwechslungsreiche Kost und fraßen frisches Kabel. Geschmeckt hat es offenbar nicht, denn die Tiere haben relativ schnell wieder von der Speise gelassen. Geblieben ist ein angeknabbertes Relikt, was auch in der Nissan Werkstatt niemand reparieren kann. Eingedeckt mit aufmunternden Worten, dass man ESP und ABS in Afrika sowieso nicht braucht und dass die Differentialsperre auch nicht funktioniert, ziehen wir von dannen.

Vor Khorixas in Namibia hatte man uns gewarnt. In diversen Reiseführern ist nachzulesen, dass einige Zeitgenossen in dem Örtchen ihren Lebensunterhalt mit Reifenreparaturen verdienen. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Wenn allerdings, wie im Ort beobachtet, bei der Arbeitsbeschaffung für die Reifenflicker nachgeholfen wird, sollte man auf der Hut sein. Wir müssen in Khorixas tanken und unsere Sinne sind geschärft. Bei der Einfahrt in die Tankstelle behält jeder die Reifen auf seiner Seite im Auge. Das ist nicht ganz einfach, da sich an der Zapfsäule unzählige Helferlein um das Auto versammeln. Und eines dieser Helferlein setzt dann auch sofort einen bedauernden Blick auf und weist auf unser Hinterrad, welches ordentlich Luft verliert. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Natürlich kennt der Helfer einen Kumpel, der den Reifen sofort flickt. In der Hoffnung auf ein paar Dollar packen beim Radwechsel natürlich alle Helferlein mit an und sei es mit mehr oder minder sinnigen Kommentaren. Zur Ehrenrettung von Khorixas sei gesagt, dass wir einmal mehr viel zu schwer unterwegs waren. In so einem Fall haben die kleinen, spitzen Steinchen auf den Schotterstraßen ein leichteres Spiel, sich in die Reifen zu bohren. Kurz vor unserer Abreise aus Swakopmund haben wir in dem Supermarkt alle die Dinge gekauft, die es bei unserer Weiterreise in den Norden nicht mehr geben wird.

Die Reifenpanne haben wir eigentlich schon am Brandbergmassiv erwartet. Die Zufahrt zum dortigen Camp ist schlecht und Nerven aufreibend. Entschädigt werden wir mit einem fantastischen Blick auf den 2573 Meter hohen Königstein, Namibias höchsten Berg. Im Restaurant des Ressorts wird jeder Gast vom Hauspapagei persönlich begrüßt und auch sofort wieder verabschiedet. Man muss lediglich der italienischen Sprache mächtig sein, um ihn zu verstehen. Von den Wüstenelefanten, mit denen die Einrichtung wirbt, sehen wir allerdings nur eine Staubwolke in der Ferne und Fußabdrücke im Sand. Beeindruckt hat uns die Ehrlichkeit der Mitarbeiter. Sehr lange nach dem Bezahlen bemerke ich, dass mir einhundert Dollar Wechselgeld zu wenig herausgegen wurde. Anstandslos haben die Leute an der Rezeption auch eine Stunde danach den Betrag noch erstattet.

Nach besagter Reifenpanne muss unser Nissan wenig später eine weitere Belastungsprobe über sich ergehen lassen. Zwei Steigungen mit ungefähr 30 % Neigung fordern alles von der Maschine. Die Kupplung quittiert die Bergfahrt mit einem unangenehmen Geruch. Nach der Aktion stehen wir auf einer Felsterrasse mit überwältigendem Ausblick auf das weite Trockenflusstal des Ugab.

Unsere Strecke nach Norden führt an mehreren Siedlungen der Hereros, einem alten afrikanischen Volksstamm vorbei. Wir halten kurzerhand an und schauen den Frauen mit den bunten Kleidern und den stolzen Hüten bei der Arbeit zu. Nebenbei erfahren wir einiges aus ihrem Leben. Ja, etwas Viehzucht könne man betreiben, die Böden sind jedoch schon sehr überweidet. Der Anbau von Nahrungsmitteln ist gar nicht möglich, in der Trockenzeit gedeihen die Pflanzen nicht. So werden Fahrgemeinschaften gebildet, die einmal wöchentlich in einem klapprigen Auto einkaufen fahren. Nicht selten werden dabei Distanzen über 100 Kilometer zurückgelegt. So lassen wir auch gern unser letztes Brot bei den Leuten, denn ein größerer Markt liegt noch auf unserem Weg.

Die Sorgen der Hereros haben die Stachelschweine bei Katrin nicht. Jeden Tag kocht die rührige Frau einen großen Pudding, der am Abend auf einer Betonplatte in ihrem Garten, zusammen mit Maiskörnern und Salat platziert wird. Nun heißt es, Geduld haben und warten. In der Dämmerung kommt das erste Stachelschwein angerannt und stürzt sich grunzend auf den Pudding. Nach und nach kommen über 20 Tiere aus allen Richtungen und fressen die Leibspeise restlos auf. Katrin hat heute einen guten Tag und serviert den Schweinen zum Nachtisch noch einen Eimer trockenes Brot. Das Schubsen und Drängen an der Futterstelle geht in die nächste Runde. Kein Schwein gönnt dem anderen auch nur einen Bissen. Ein großes Tier versucht fortwährend die Terrassentür zu öffnen. Es ist Klopfer, den Katrin mit der Flasche aufgezogen hat und nun versucht ihn auszuwildern. Heute darf Klopfer jedoch nochmals rein und bekommt eine extra Ration Brot.

Der Grenzübertritt von Namibia nach Sambia dauert 90 Minuten. Immer wieder werden wir quer durch eine Halle geschickt, wobei an jedem Schalter der Inhalt des Geldbeutels übersichtlicher wird. Vor dem Eingang der Grenzabfertigung warten die Nepper, Schlepper und Bauernfänger mit dicken Geldbündeln auf den Moment, dass uns das Bare ausgeht. Einen Geldautomaten haben wir jedoch schon bei der Einfahrt ins Gelände entdeckt – sucht euch andere Opfer! Nach der fünften Zahlstation sind wir in Sambia angekommen.

Wir umkurven hunderte Schlaglöcher und stehen nach einigen Stunden Fahrzeit in Livingstone. Die Campingplätze liegen alle außerhalb der Stadt und so entschließen wir uns, für ein paar Tage Fahrräder zu mieten. Die sehen zwar gut aus, fahren sich jedoch bescheiden. Beim kräftigen Antreten springt immer wieder die Kette über die Ritzel. Nachdem wir auch noch beide einen Platten haben, geben wir das Radfahren entnervt auf. Um trotzdem mobil zu sein, setzen wir unsere Wohnkabine ab und touren mit dem Nissan durch die Umgebung.

Der Sambesi River lädt zum Paddeln ein. Der Preis für die Bootsmiete ist allerdings so hoch, dass man dafür in Deutschland schon ein kleines Kanu kaufen könnte. Touristische Aktivitäten sind in Sambia sehr teuer.

Inzwischen sind uns einige Zweifel gekommen, ob das Absetzen der Wohnkabine eine gute Idee war. Die Überlegungen beginnen, als in der Morgendämmerung ganz in der Nähe unserer Behausung ein Baum umfällt. Begleitet von heftigem Rascheln im Blätterwald verdunkelt sich plötzlich die Lampe neben unserer Hütte. Ein Elefant rüsselt direkt neben unserem Küchenfenster den gerade gefällten Baum ab. Für uns ist es zum Frühstücken noch zu zeitig, jedoch beobachten wir mit Spannung, was das Tier wohl tut, wenn es mit dem Baum fertig ist. Mit unserer Wohnkabine auf ihren vier dünnen Stelzen hätte der Koloss ein leichtes Spiel …. Tut er aber nicht! Vorsichtig hievt er seinen Körper aus der Gefahrenzone und widmet sich dem nächsten Baum mit ein paar grünen Blättern. Die größte Gefahr geht nicht von den Tieren selbst aus, sondern vielmehr von dem Gehölz, was sie bei ihren Fressorgien durch die Gegend schleudern. Als sich in der darauf folgenden Nacht das Schauspiel wiederholt, ziehen unsere Nachbarn fluchtartig aus ihrem Zelt in eine Hütte. Wir haben inzwischen viel mehr Angst vor einer kleinen Fliege, die um unsere Köpfe schwirrt.

Nach über einer Woche im Tierparadies wird es Zeit weiter zu reisen. Wieder einmal versuchen die Meerkatzen an unser Frühstück zu gelangen. Als überaus hinderlich erweist sich allerdings ein Wassersprenger, der zwischen der Affenhorde und unserem reich gedeckten Frühstückstisch seine Runden dreht. Jedes Mal, wenn ein Affe versucht, das Hindernis zu überwinden, erwischt ihn eine Dusche und er schreckt zurück. Nach kurzer Überlegung macht er sich erneut auf den Weg. Inzwischen hat der Rasensprenger jedoch wieder eine Runde gedreht. So können wir amüsiert und in Ruhe unser Frühstück genießen.

Nach über eintausend Kilometer Fahrt durch absolut ebene Landschaft tun sich vor uns erste Hügel auf. Beim näheren Hinsehen erweisen sie sich als riesige Hinterlassenschaften von Termiten. Wenig später tauchen am Horizont richtige Berge auf. Bei Mazabuka passieren wir große Zuckerrohrplantagen, die selbst jetzt in der Trockenzeit erfrischend grün wirken. Vor größeren Ansiedlungen werden wir immer wieder von Polizeikontrollen gestoppt. Die Uniformierten fragen meist nur, woher und wohin, ab und zu wollen sie die Einreisepapiere sehen.

Lusaka ist ein Moloch. Eine solche Hauptstadt haben wir vorher noch nie gesehen. Die Empfehlungen von anderen Reisenden reichen von „weglassen“ bis hin zu „naja, mal zwei Stunden“. Wir nehmen uns einen ganzen Tag für Sambias Hauptstadt. Eine weitere Warnung anderer lautete: „Bloß nicht mit dem eigenen Auto“. Da wir aber in Richtung Malawi sowieso quer durch Lusaka müssen, wollen wir zunächst schauen, wie das andere machen. Dabei vermittelt uns John, der Taxifahrer wertvolle Erfahrungen. Eigentlich ruht der Verkehr in Lusaka, da in den Hauptstraßen permanent Stau herrscht. Erschwerend kommt hinzu, dass durch die tägliche Stromsperre natürlich auch die Ampeln, sofern vorhanden, ausfallen. Vieles versucht man über Kreisverkehre zu regeln, an deren Zufahrten heftige Aufrauhungen in der Fahrbahn die Autos jedoch zu Schrittgeschwindigkeit zwingen. „Das war nicht immer so“, erklärt uns John. Früher, als es die Hindernisse auf der Fahrbahn noch nicht gab, flog immer mal ein Wagen über den Kreisverkehr, da dessen Fahrer nicht rechtzeitig gebremst hat. An den Stellen, wo man gezwungen ist, langsam zu fahren, stehen dutzende von Leuten auf der Straße, die ihre Waren anbieten. Hier kann man vom Boxershirt über Toilettenpapier und Reinigungsmittel bis hin zu Telefonkarten fast alles kaufen. Ist die Route nach einem Hindernis für wenige hundert Meter frei, muss man sehr schnell und aufmerksam sein. Es beginnt das Hauen und Stechen auf Lusakas Straßen. Ständige Spurwechsel, abruptes Bremsen wegen Fußgängern und plötzliches Abbiegen lassen die Fahrt zum Abenteuer werden. Daher haben wir unsere Durchfahrt durch die Hauptstadt für einen Sonntag geplant, dann sollte sich der Verkehr in Grenzen halten.

Wir stehen am Ufer des Luangwa River. Viele Sandbänke im Fluss zeugen von einer langen Trockenperiode. Am Ufer gegenüber liegt Mosambik. Das Wasser ist so flach, dass man hinüberlaufen könnte. Es wird dunkel, in der Ferne sehen wir riesige Buschbrände lodern. Ein Einheimischer klärt uns auf: Das Feuer gehört in Afrika zum Alltag. Jetzt, gegen Ende der Trockenzeit sollen die Brände bestimmte Bäum zum frühzeitigen Ausschlagen bringen. Die Gehölze sind schwer entflammbar, so dass nur trockenes Laub und die gelben Gräser niederbrennen. Buschbrände werden nur dann gelöscht, wenn sie den Siedlungen zu nahe kommen. In den meisten Fällen ersticken die Feuer von selbst.

Am Morgen sehen wir etliche Affen mit dicker Lippe durch das Camp rennen. Beim genaueren Hinsehen erweist sich die dicke Lippe als Avocado, die die Tiere im Maul haben. Schnell sind die Bäume gefunden, auf denen die Früchte reifen. Babsi möchte noch ein oder zwei Früchte für den nächsten Salat mitnehmen. Fehlanzeige: Es findet sich nicht eine einzige Frucht, die von den Affen nicht bearbeitet wurde. Wir gönnen es ihnen, wenn sie schon nicht an unseren gedeckten Tisch herankommen ….

Lesotho, karges Königreich auf dem Dach Afrikas

Mit ihrem LKW-Expeditionsfahrzeug „Manni“ haben sich Conny und Tommy aus der Nähe von München auf Lebensreise begeben. Ihr Traum von einer immerwährenden Weltreise begann am 27. April 2014. Über Italien, Frankreich, Spanien und Portugal führt sie ihr Weg zunächst nach und durch Afrika. Die Abenteuer, die sie dabei erlebten, jede Menge professioneller Fotos, die Vorstellung ihres ersten Buches und vieles mehr findet man auf ihrer ansprechend gestalteten Homepage unter: www.mantoco.com.

Begleiten Sie Conny und Tommy auf ihrer Fahrt durch das karge Königreich Lesotho:

Nach zwei Monaten in Südafrika fahren wir für einige Tage ins lange Zeit abgeschiedene Königreich von Lesotho. Hier tauchen wir sofort wieder ein ins ursprüngliche Afrika. Doch zuvor erleben wir noch tolle Begegnungen mit hunderten Elefanten im Addo Elephant National Park.

Als 1931 dieses Gebiet als Park ausgewiesen wurde, streiften gerade mal noch elf Elefanten durch das dichte Buschwerk. Hunderte mussten den Farmen weichen, wurden gnadenlos abgeschossen und so wären diese Kap-Elefanten fast ausgestorben. Doch dank des rigorosen Einsatzes vieler engagierter Tierschützer konnte die Population inzwischen wieder auf rund 600 Tiere anwachsen. Mehr verträgt die Region nicht.

Wir stehen an einem der sechs angelegten Wasserlöcher, beobachten gespannt die gesamte Umgebung. Und es dauert nicht lange, bis sich die ersten großen Ohren durch das Dickicht schieben. Die erste der großen Herden läuft zielstrebig dem erfrischenden Nass entgegen, die Kleinen rennen schon fast vor Vorfreude. Ausgelassen toben sie im schlammigen Wasser, spritzen sich die kühlende Feuchte über die erhitzte Haut. Und schon stoßen die nächsten dazu, rangeln sich mit den anderen um die besten Plätze. Die Kleinsten müssen dabei aufpassen, dass sie nicht buchstäblich untergehen, doch eine auffällige Rücksichtnahme im Herdenverbund lässt keine wirkliche Gefahr aufkommen.

Zwischen den schwerfälligen Giganten der Steppe wuseln ganze Warzenschweinfamilien nervös umher, immer versucht, auch an das kostbare Wasser herangelassen zu werden. In sicherer Entfernung, geduldig abwartend, Zebras und Kuhantilopen; auch ein einsamer Büffel umkreist das Ganze. Doch die Elefanten sind ganz klar die Platzhirsche, da ist es nicht leicht für die anderen.

Stundenlang erfreuen wir uns am ununterbrochenen Kommen und Gehen der verschiedenen Herden, erkenne die klaren Hierarchien der einzelnen sozialen Verbände. Ganz nahe schreiten sie gemächlich, fast auf Armlänge an uns vorbei, beobachten uns genau. Nach zwei Tagen erkennen wir sogar vereinzelte Tiere wieder, fast so wie alte Bekannte. Und genauso ungern verlassen wir sie auch wieder …

Völlig vom Staatsgebiet Südafrikas umgeben, leben in zum Teil großer Abgeschiedenheit rund zwei Millionen Menschen ihr überaus karges Leben inmitten schroffer Berge, die vielfach die Dreitausendergrenze deutlich überschreiten. Gleich nach der Grenzstation tauchen wir ein in diese lebensfeindliche Welt aus Stein und trockener Erde. Erst auf den zweiten Blick eröffnen sich für uns die spärlichen Lebensbedingungen, mühsamer Ackerbau auf steilen Terrassenfeldern, magere Kühe und kleine Schafe auf der Suche nach den letzten Halmen. Erste Dörfer kommen in unser Blickfeld, sie bestehen aus kleinen, meist strohgedeckten Rundhütten aus groben Steinen und mit Lehm verputzt. Die Menschen grüßen uns freundlich, winken uns zu, es wirkt fast ein wenig idyllisch. Doch der Schein trügt. Die Armut ist fast greifbar, der Hunger steht vielen ins Gesicht geschrieben. Wir sehen überwiegend Kinder und alte Menschen. Die Geisel Aids hat ganze Generationen nahezu ausgelöscht, die Überlebenden arbeiten meist in Südafrika, da sie hier keine Chancen haben.

Wir rumpeln langsam über die steinige Piste, rund um uns nur Berge. Aus zehn Kilometer Luftlinie werden schnell vierzig Straßenkilometer, so sehr windet sich der Weg durch die Hänge. In Sehlabathede, einem elenden Nest irgendwo in dieser unwirtlichen Welt, biegen wir ein auf die Auffahrt zu einem namenlosen Pass auf fast 3.000 Metern Höhe. Die grobe Piste wir schnell schlechter, tiefe Rinnen zerfurchen die Oberfläche, zwingen „Manni“ immer wieder in den ersten Gang. Kurz vor der Passhöhe ist der Fels nahezu senkrecht. Wie soll hier die Piste rauf führen? Doch es geht, steil zwar, jedoch nie bedrohlich. Der Blick ist atemberaubend, er reicht weit hinein in Lesothos Bergwelt. Die Abfahrt auf der anderen Seite ist noch steiler. Nur noch im Kriechgang, müht sich unser Großer um die Haarnadelkehren, angestrengt erreichen wir ein Tal und das erste Dorf.

Es liegt eingebettet zwischen meterhohen, gelben Agavenblüten und bietet ein herrlich ursprüngliches Bild. Dann wird es doch noch einmal richtig spannend: In einer engen Kurve ist die Piste samt Brücke über den jetzt ausgetrockneten Bach völlig weggerissen, der Weg über die blanken Felsen für „Manni“ zu schräg, der Kurvenradius zu eng. Ein Pick-up mit drei Männern hält hinter uns; sie helfen uns, mit Schaufel und Pickel Rampen zu bauen. Es klappt, „Manni“ flutscht nur so durch die sandige Furt. Die Jungs bereiten uns gleich auf eine weitere weggespülte Passage vor, helfen uns dort wieder beim Abtragen der Schräge und mit vereinten Kräften schaffen wir auch diese schwierige Stelle.

Unser Übernachtungsplatz ist gut gewählt. Ein grünes Wiesenstück für „Manni“, der erfrischende Bergbach dahinter für uns. Am Morgen schleichen zwei Hirtenjungen schüchtern um uns herum, ihre Schafe und Ziegen laben sich am nahen Wasser. Sie haben die Nacht hier draußen mit den Tieren verbracht, wir schenken ihnen Kekse zum Frühstück, ein Spielzeugauto für jeden sorgt für glänzende Augen. Die Auffahrt aus dem Tal ist adrenalinfördernd steil und schmal, „Manni“ passt soeben auf die Spur, der Abgrund gähnt furchterregend zu uns herauf. Doch der Lohn ist grandios, die Canyonwelt um uns herum wunderschön. Auf schneller Fahrt dank nun guter Piste erreichen wir entspannt den Katse Staudamm.

Eine riesige Staumauer inmitten archaischer Umgebung bringt die Außenwelt eindrucksvoll hierher. Ein ganzer Canyon wurde auf viele Kilometer geflutet, gibt dem armen Land Elektrizität und Wasser. Wir richten uns direkt am Fluss ein, stellen die Stühle unter die weit ausladenden Äste der grünen Weiden. Im Nu sind wir umringt von einem Dutzend lachender Kinder. Die Burschen treiben ihre Kühe, Esel, Schafe, Ziegen und Pferde zu uns unter die Bäume, um uns nahe zu sein; die Neugier ist natürlich groß. Die Mädchen nähern sich erst schüchtern kichernd, schnell aber fröhlich lachend und im kalten Wasser für die Kameras posierend. Hier eröffnet sich ein weiteres großes Problem Lesothos: der Schulbesucht ist sehr schwierig für die meisten Kinder. Oft sind die Schulen meilenweit entfernt von den einsam gelegenen Dörfern, vor allem im Winter bei eisiger Kälte ein großes Hindernis. Die Jungen müssen meist die Tiere hüten, für Schule bleibt da keine Zeit; sie sind dadurch ihrer Zukunftschancen schnell beraubt. Bei den Mädchen ist es etwas besser, sie gehen eigentlich alle zumindest die ersten sieben Jahre zur Schule, lernen gut und sprechen auch leidlich Englisch. Doch das generelle Niveau in der Primary School ist kläglich, viel bleibt nicht hängen. Und ab der Secondary School kostet es Geld, für die Familien in den Dörfern unmöglich zu bezahlen. So bleibt es in der Regel bei sehr rudimentärer Ausbildung.

Erste Diamantenfunde vor einigen Jahren eröffneten dem Staat neue Möglichkeiten. Viele Minen entstehen, zerstören die bislang intakte Natur, die Ausbeute ist eher überschaubar. Wir passieren riesige Abraumhalden, bisher bewirtschaftete Terrassen werden verschüttet. Die Zufahrtsstraßen werden nach und nach geteert, die moderne Welt hält Einzug in die einsamen Regionen. Immer mehr Kinder stehen am Straßenrand und betteln, werfen mit Steinen auf vorbeifahrende Autos, wenn diese nicht anhalten und niemand gebietet dem Einhalt. Eine ganz schlechte Entwicklung für den zaghaft sprießenden Tourismus. Chinesische Firmen betreiben groben Raubbau mit den spärlichen Ressourcen, bauen dafür sinnlose Straßenprojekte für eine Handvoll Fahrzeuge, die nun an ärmlichen Hütten vorbeibrausen. Die traditionell gekleideten Hirten auf ihren mageren Pferden wirken darauf wie aus einer längst vergangenen Zeit …

Über den steilen Sani Pass sind wir wieder zurück in Südafrika. Was bleibt von Lesotho? Schmerzhafte Armut und Perspektivlosigkeit, traumhafte und unberührte Bergeinsamkeit, traditionelle Riten und Lebensformen, mehr zerstörende als helfende Moderne, die Menschen dahinraffende Krankheiten und nagender Hunger, fröhlich winkende Dorfbewohner und lachende Kinderaugen. Die Kontraste könnten nicht größer sein.

Ereignisreiche Tage in Angola

Reisen ist die Welt der Schwedin Jasmine und ihres Partners Fabian aus Nordfriesland. Nach einem längeren Aufenthalt in Australien leben sie ihren gemeinsamen Traum: eine Afrika Durchquerung, die sie im Jahr 2013 beginnen. Mit einem alten Land Cruiser und ihrem Maskottchen Norbert bereisen sie den Kontinent und berichten unter www.norbertsadventures.com über ihre Erlebnisse und Abenteuer.

Was sie in Angola erwartete, lesen Sie hier:

Das Zurücklegen der wenigen Kilometer zur angolanischen Grenze dauert Stunden. Wir sind umzingelt von schweren LKWs, welche sich auf der matschigen Fahrbahn langsam die Hügel hinauf und hinab schieben. Immer mal wieder erspähen wir den mächtigen Kongo. Am kleinen Grenzübergang lassen wir den Motor laufen, da die Batterie des Fahrzeugs in den letzten Monaten unter harten Bedingungen und längeren Standzeiten gelitten hat. Die Formalitäten werden wieder einmal auf afrikanisch abgewickelt, mit vielen großen auszufüllenden Büchern und niemand hat es dabei sonderlich eilig. Der örtliche Gesundheitsbeauftragte, welcher normalerweise höchstens den Gelbfieberimpfschutz überprüft, wird etwas nervös, als er unseren Einreisestempel nach Guinea entdeckt. Ebola ist dort gerade ausgebrochen und da die Demokratische Republik Kongo der Ursprung dieses Virus ist, kann man ihm seine Vorsicht mehr als nachsehen. Glücklicherweise erinnert er sich auch an die Inkubationszeit, die nicht mehrere Monate beträgt, und wir dürfen weiterziehen.

Die Einreise nach Angola stellt sich als sehr langwierig heraus und zum ersten Mal treffen wir auf ernsthafte Kommunikationsschwierigkeiten, da keiner von uns auch nur ein Wort portugiesisch beherrscht. Mit einem Mix aus französisch und englisch kommen wir aber dennoch voran. Man verlangt Kopien unserer Pässe und Visa, leider hat jedoch der einzige Kopierer des Grenzüberganges den Geist aufgegeben. Also spazieren wir illegal zurück auf die kongolesische Seite und machen uns auf die Suche. Man führt uns zu einer abgelegenen Hütte den Hang hinunter, welche voller Elektronik ist, die verdächtig nach Hehlerware aussieht – darunter auch ein funktionierender Kopierer. Zurück bei den Angolanern folgen wir einem Polizisten auf einem Mofa hinunter ins Tal, um uns bei der örtlichen Polizeistation anzumelden. Hier hört dann das Verständnis von Fremdsprachen vollends auf und mühsam sowie zeitaufwendig werden unsere Details wieder einmal in einem der beliebten dicken Bücher eingetragen. Der Tag neigt sich dem Ende zu und wir haben sage und schreibe 7 Kilometer zurückgelegt. Also wird das Lager im Innenhof der Polizeistation aufgeschlagen; es folgt eine Nacht mit lautstarken Diskussionen zwischen den Beamten und einem regen Kommen und Gehen. Dennoch fällt eine große Last von uns ab – wir sind endlich in Angola! Keine Visa, kein Zeitdruck mehr und ein ganzer Monat vor uns um dieses Land zu erkunden.

Am Folgetag geht es über schlechte Piste, durch lange Baustellen und schließlich auf bestem chinesischen Asphalt nach M’banza Congo, einem kleinen, auf bewaldeten Hügeln liegenden Städtchen. Hier finden wir das älteste europäische Gebäude in Afrika südlich der Sahara in Form einer Kirche vor. Nicht viel mehr als ein Torbogen und ein paar verwitterte Wände sind verblieben.

Leider ist Angola für viele Overlander noch immer ein Land, welches man so schnell wie möglich durchquert, um ins angebliche Paradies Namibia zu kommen. Einer der Gründe ist das hohe Preisniveau. Nun, wir finden uns dennoch in einem Supermarkt wieder und erfreuen uns an nicht günstigen aber fast vernünftigen Preisen für Lebensmittel. Zumindest Bier und Chorizo sind recht erschwinglich und was braucht man mehr zum Glücklich sein? Auf dem Weg in Richtung Küste erspähen wir eine verlassene Kiesfläche neben der Straße, welche sich als Buschcamp anbietet. Angola ist noch immer eines der am stärksten verminten Länder Afrikas und so versuchen wir immer so weit möglich, einen zuvor von Menschen oder Tieren frequentierten Platz für unsere Buschcamps zu finden.

Als wir das Meer erreichen, stürmt es stark. Den guten Teerstraßen schon überdrüssig, biegen wir auf eine küstennahe Piste ab und erreichen den kleinen Ort Ambriz, welcher noch viele Spuren des fast 30 Jahre langen Bürgerkriegs in Form von zerstörten Gebäuden aufweist. Auf dem örtlichen Fischmarkt verhandeln wir lange über den Fang des Tages und geben am Ende einem kleinen Jungen den Zuschlag, was uns leckeren gegrillten Fisch am Abend garantiert.

Wir hatten geplant, Angolas Hauptstadt Luanda links liegen zu lassen, da wir zum einen das erste Mal seit langem keine Visa für kommende Länder mehr brauchen und zum anderen wollten wir den wahnwitzigen Verkehr dieser aus den Fugen geratenen Millionenstadt vermeiden. Nur eines zieht uns dorthin, ein Treffen mit Freunden, die vor ein paar Jahren ebenfalls Afrika umrundeten und nun in Luanda leben. Auf einer tollen Piste, die alles bietet, was das Herz eines Offroad-Enthusiasten höher schlagen lässt, von Sand über Schlamm und Wasser bis zu extremen Kurven, geht es die Küste entlang gen Süden. Zwischendurch finden wir uns auf einmal inmitten eines Übungsmanövers des örtlichen Militärs wieder, welche sich von uns glücklicherweise nicht wirklich bedroht fühlen. Noch von weitem können wir die Panzerfausteinschläge hören.

Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße verschlimmert sich die Piste immens und wir kriechen bald von Schlammloch zu Schlammloch. An den schlimmsten Stellen gibt es meist eine Umfahrung, welche man wegen der dichten Bewachsung jedoch nie einsehen kann. Einmal entscheiden wir uns also für die falsche Abzweigung und bleiben am Ende einer sehr schlammigen Sektion in einem tiefen, mit Wasser und Matsch gefüllten, fahrzeugverschlingenden Loch stecken. Nur mit viel Glück, einem brüllenden Motor und langsamen Vor und Zurück zum Ausgleichen des Untergrunds können wir uns im Rückwärtsgang befreien. Währenddessen werden wir konstant von aggressiven Tsetsefliegen attackiert. Jasmine erwischen sie am Bauch, was zwar schmerzhaft aber zunächst nicht weiter schlimm ist. Erst beim Einbiegen auf die Hauptstraße bekommt sie urplötzlich eine allergische Reaktion und ein entsetzlicher Ausschlag breitet sich in Windeseile aus. In weniger als einer halben Stunde ist ihr ganzer Körper mit roten Blasen bedeckt, die sie wie eine uralte Frau aussehen lassen. Wir sind noch mehrere Stunden von Luanda entfernt in spärlich besiedelter Gegend, als Jasmine die Schmerzen und den Juckreiz kaum noch aushalten kann. Nicht einmal die Kleidung auf der Haut ist noch erträglich. So schnell wie möglich fahren wir in Richtung Süden in der Hoffnung, irgendwo auf ein Krankenhaus zu stoßen. An einer Straßensperre der Polizei versuchen wir den Polizisten unsere Eile klar zu machen. Mit angewiderten Blicken werden wir auch schnell durchgewinkt. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht mitten aus dem Nichts ein großes Gebäude auf. Manchmal muss man einfach Glück haben, es handelt sich tatsächlich um ein staatliches Krankenhaus. Ein kubanischer Arzt wird herbeigerufen, der leidlich Französisch und Englisch versteht und Jasmine zwei Infusionen mit allergiehemmenden Mitteln verabreicht.

Nach einer Weile zeigt die Medikation Wirkung, hinterlässt Jasmine jedoch sehr schwach und wackelig auf den Beinen. Spät am Abend erreichen wir dann Luanda, vermeiden die schlimmsten Staus, da es ein Sonntag ist und fahren zum Yachtclub, wo wir uns mit unseren Freunden treffen.

Wir verbringen etwa eine Woche in Luanda. Während dieser Zeit bekommen wir einen kleinen Einblick in das Leben dieser Millionenstadt abseits der ummauerten Reichenviertel für ausländische Arbeitskräfte. Länger andauernde Stromausfälle sind hier an der Tagesordnung und auch Trinkwasser muss in eigenen Tanks gelagert werden, da man nie genau weiß, wann auch diese Grundversorgung mal wieder zusammenbricht. Luandas Seepromenade und Halbinsel sind gut ausgebaut und modern; einige noch gut erhaltene Kolonialgebäude stehen in direktem Kontrast zu den etwas entfernt liegenden Armenvierteln, die mit ihrer Hanglage stark an die Favelas Brasiliens erinnern. Etwa die Hälfte der über 6 Millionen Einwohner lebt unter der Armutsgrenze und einige wenige leben im exzessiven Reichtum. Der Stadtverkehr kann ein wahrer Alptraum sein, die Straßen sind entweder brandneu oder holprige Pisten. Die Restaurantpreise erreichen astronomische Höhen, andererseits gibt es entgegen weitläufiger Meinung aber auch viele gut sortierte Supermärkte mit angemessenen Preisen. Overlander haben noch einen weiteren Vorteil, da der lokale Yacht Club kostenloses Camping mit Blick auf die Skyline Luandas erlaubt.

Nach dem Aufstocken unserer Vorräte verlassen wir die angolanische Hauptstadt in östlicher Richtung, um die Kalandula Fälle zu besichtigen. Diese gehören zu den größten Wasserfällen Afrikas und sind glücklicherweise touristisch so gut wie kaum erschlossen.

Auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz fahren wir im Dunkeln entlang enger Pfade zu einem kleineren Wasserfall und werden bei Ankunft sofort von hunderten Insekten umschwärmt.

Am Morgen entferne ich die vordere Abdeckung des Land Cruisers, um an die Kühler des Motors und der Klimaanlage zu kommen. Auf den stark zugewachsenen Tracks im Norden Angolas haben sich dort tausende kleiner Samen, Gras und Schlamm verfangen, was nun alles mühsam mit einer Haarnadel wieder entfernt werden muss. Eine einfache Kühlerschürze hätte uns diese stundenlange Arbeit sicher erspart, aber im Nachhinein ist man ja immer schlauer. Später am Tag halten wir an einer unserer geliebten Straßenbuden, die sich überall in West- und Zentralafrika finden und immer ein frisch zubereitetes Gericht zu günstigen Preisen anbieten. Normalerweise handelt es sich um ein lokales Grundnahrungsmittel wie Knollenfrüchte oder Kochbananen oder importierten Reis mit einer würzigen Soße und etwas Fleisch oder Fisch. Dieses Mal genießen wir einen deftigen Ziegeneintopf bevor wir uns auf den Weg in Richtung Pedras Negras machen. Diese Felsformationen haben eine schwarze Färbung und ragen spektakulär aus der umliegenden Landschaft heraus.

Wir verlassen die gut ausgebauten Teerstraßen und folgen einem schmalen und überwachsenen Track bis zu einer Fazenda (landwirtschaftlicher Großbetrieb) in den Bergen. Hier erstehen wir 3 kg lokal angebauten und gerösteten Kaffee, der unserer langen Durststrecke mit löslichem Kaffeepulver zum Glück ein Ende bereitet.

Leider haben die Tankstellen auf dem weiteren Weg allesamt keinen Treibstoff und auf den letzten Tropfen Diesel erreichen wir eine der noch versorgten Servicestationen. Dafür verlieren wir später bei der Suche nach einem Buschcamp auf einem kleinen Track die komplette Luft aus einem der Hinterreifen. Ein aus dem Busch ragendes Stück Metall hat die Seitenflanke aufgeschlitzt. Im Dunkeln repariere ich die Flanke notdürftig mit vulkanisierenden Reparaturstreifen. Eigentlich soll dies nur auf der Reifenlauffläche funktionieren, überraschenderweise fahren wir aber noch viele tausend Kilometer auf diesem geflickten Reifen durch Angola und Namibia.

Am Morgen wecken uns in aller Herrgottsfrühe vorbeikommende einheimische Frauen durch ihre Gespräche. Sie grüßen zwar, haben aber eindeutig etwas Angst vor den seltsamen Weißen und ihrem alten Fahrzeug am Rande des Trampelpfads. Wir entscheiden uns aufzubrechen, bevor das gesamte Dorf von unserer Existenz erfährt und folgen der Straße in die Berge. Dichter Nebel legt sich über die Landschaft und die Sicht ist häufig auf gerade einmal fünf Meter beschränkt. Als sich der Nebel lichtet, werden wir mit einer traumhaften Strecke mit vielen Kurven bis zum kleinen Ort Seles belohnt. Zurück an der Küste versuchen wir an den Strand zu gelangen, enden jedoch immer auf irgendwelchen Feldern oder in Sackgassen, weshalb wir uns entscheiden, weiter nach Lobito zu fahren. Hier haben wir eine Einladung von Mario, dem Präsidenten des angolanischen Land Cruiser Clubs, der von unserer Reise durch sein Heimatland gehört hat. Die Stadt Lobito befindet sich in uriger Lage direkt am Meer umgeben von sandigen Hügeln mit keinerlei natürlicher Vegetation. Die einen natürlichen Hafen bildende Halbinsel erinnert uns stark an die Ilha in Luanda; die Kolonialarchitektur befindet sich teilweise noch in gutem Zustand. An der Spitze der Halbinsel dürfen wir beim Zulu Restaurant sogar kostenlos am Strand unser Lager aufschlagen. Mario lädt uns ein, temporär in sein altes portugiesisches Haus einzuziehen und wir verbringen die folgenden Tage mit ihm auf Entdeckungstour rund um Lobito. Wir genießen das fantastische Essen der Meeresfrüchterestaurants, besuchen die Ruinen ehemaliger portugiesischer Forts, staunen über die spektakuläre Küste bei Caotinha, bekommen einen Land Cruiser Service und eine neue Autobatterie in Marios Werkstatt und verlängern unser Angola-Visum bei der Einwanderungsbehörde im nahegelegenen Benguela, die Jasmine aufgrund ihrer „unangemessenen“ Kleidung nicht betreten darf.

Bei unserer Rückkehr nach Lobito bekomme ich plötzlich hohes Fieber, das am nächsten Tag sogar noch weiter auf über 40 °C steigt. Weitere Symptome kommen hinzu und ich führe einen Malaria-Selbsttest aus Sierra Leone durch – mit negativem Ergebnis. Also holen wir unsere Pässe aus Benguela ab, dabei geht es mir rapide schlechter. In einem kleinen Labor werde ich dann doch positiv auf Malaria getestet. Medikamente aus einer lokalen Apotheke helfen jedoch recht schnell, insgesamt verläuft meine Malaria doch weitaus weniger dramatisch als die von Jasmine in Angola.

Auf einer rauen Piste fahren wir durch menschenleere Landschaft die Küste entlang gen Süden. Unsere Tagesaufgabe besteht darin, von einem LKW über viele Kilometer hinweg heruntergefallene Tomaten aufzulesen. Das mag zwar ein wenig seltsam klingen, berücksichtigt man aber, dass ein Eimer Tomaten in Angola 20 US$ kosten kann, mag man unsere Freude über das kostenlose Gemüse besser verstehen. Am Abend errichten wir das Nachtlager etwas abseits der Piste zwischen vereinzelten Büschen, doch ist uns zunächst keine Ruhe vergönnt. Während des Abendessens rennt ein großer schwarzer Skorpion zwischen unseren Füßen herum. Wenige Minuten später hören wir Stimmen, die sich nach unseren Zurufen schnellstens entfernen. Irgendwie ist es uns mitten im Nirgendwo nicht so ganz geheuer, weshalb wir unser Dachzelt wieder einpacken und versuchen, im Dunkeln einen Weg durch die Büsche zurück zur Piste zu finden. Zunächst enden wir jedoch in einem riesigen Spinnennetz und ein faustgroßes gelbes Exemplar von Spinne starrt uns durch die Windschutzscheibe entgegen. Endlich finden wir den Weg zurück, fahren noch eine halbe Stunde weiter, bevor wir am Pistenrand unser Nachtlager aufschlagen.

Nächtliche Scherereien im Kongo

Das Reisen im Kongo ist aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse beschwerlich und zeitintensiv. Es gibt kaum touristische Infrastruktur, weshalb eine Fahrt durch das Land etwas Abenteuergeist voraussetzt. Wer sich dennoch entschließt den Kongo zu bereisen, wird durch eine einzigartige und unberührte Natur belohnt.

Jasmine und Fabian (www.norbertsadventures.com) haben sich auf eine Reise durch das Land gewagt:

Ein Grenzübergang mit abgeschlossener Schranke und niemandem anwesend bis auf ein paar Hühner ist immer ein gutes Zeichen – Dinge werden hier entspannt angegangen. Einige Minuten nach unserer Ankunft taucht ein Typ in T-Shirt auf einem Mofa auf und beginnt, unsere Daten in ein dickes Buch zu übertragen. In einem anderen Raum in der gleichen Hütte findet das Ganze nochmals statt, nur etwas anders interpretiert. Einhundert Meter weiter die Straße hinab, wiederholt sich der Vorgang ein drittes Mal, es wird noch abstruser wie zum Beispiel „Fabian Deutsch aus Schweden“. Immerhin eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für drei Personen. Nach dem Besuch von noch zwei weiteren „hochrangigen“ Persönlichkeiten sind wir endlich in der Republik Kongo.

Die ersten 20 Kilometer werden uns sicher in Erinnerung bleiben. Tiefe Schlammlöcher gefüllt mit Wasser, welches teilweise bis über die Motorhaube reicht, machen das Vorankommen schwierig. Das Aufspüren eines Buschcamps wird extrem erschwert durch dichtes Gras oder dichten Dschungel direkt am Straßenrand mit keinerlei Möglichkeit zum Abbiegen. Da wir noch immer im Konvoi mit unseren Freunden Marc und Doro unterwegs sind, fühlen wir uns sicher genug, auf eine vermeintliche, ehemalige Straßenbauaushebung durch meterhohes Gras zu fahren. Selbstverständlich geht das schief, der Boden gibt plötzlich nach und drei Räder befinden sich in der Luft. Mit der Winde des Landy unseres Freundes werden wir wieder herausgezogen. Erst in der späten Abenddämmerung erreichen wir den winzigen Ort Nyasa und werden von Konstantin, dem lokalen Immigrationszuständigen, in Empfang genommen. Er will unsere Pässe über Nacht einbehalten, womit er bei uns allerdings auf Granit beißt. Freundlicherweise öffnet er aber trotzdem die Tore der örtlichen Unterpräfektur. Wir campieren im weitläufigen Innenhof und erdulden die konstanten Regenfälle.

Nach einem Frühstück mit noch warmem, lokal hergestelltem Brot verabschieden wir uns, helfen kurz einem italienischen Backpacker ihm unrechtmäßig von der Polizei abgeknöpftes Geld wiederzubekommen und wollen starten. Marc bemerkt, dass er vergessen hat, die Gurte am Dachzelt zu schließen und klettert die Rückseite seines Landy hinauf. Er regnet noch immer anhaltend und wir stehen im Matsch, als Marc plötzlich abrutscht und böse auf seinem rechten Handgelenk landet. Es stellt sich später als gebrochen heraus. Mit Doro als Ersatzfahrerin geht es weiter über die raue Piste.

An einem Kontrollposten der Polizei bedeutet man uns, die Fahrzeuge zu verlassen und in eine Bretterbude zu folgen, wo jedes Dokument vom Impfpass bis zum Führerschein genauestens überprüft wird. Die Prozedur dauert und die Stimmung wird immer angespannter. Anscheinend benötigen wir zusätzlich zum Carnet für das Auto und unseren Visa noch ein Laisser-Passer für Personen, das uns erlaubt, uns im Land zu bewegen. Mit etwas Humor und nach langem Palaver drückt man ein Auge zu und wir dürfen ohne dieses unglaublich wichtige Dokument von dannen ziehen.

Die Landschaft wechselt von bewaldet zu schönen, mit hohem Gras versehenen Hügeln. Kurz vor Dolisie endet die Piste und eine brandneue Teerstraße heißt uns willkommen. Da sich der Tag dem Ende neigt, kehren wir um und versuchen, einen Stellplatz für die Nacht entlang der Piste zu finden. Wir folgen einem Nebenpfad und enden an einer Baracke des Militärs, wo man uns natürlich sofort erspäht. Wir sprechen mit dem Kommandanten des Postens und fragen, ob wir im verlassenen Steinbruch an der Abzweigung übernachten dürfen. Alles gar kein Problem gibt er uns zu verstehen, das gesamte Areal sei vom Militär kontrolliert und er würde die anderen Posten über unsere Anwesenheit informieren. Also freuen wir uns auf eine geruhsame Nacht und schlagen unser Lager auf. Natürlich sollte es mal wieder anders kommen. Im Verlauf des Abends muss Marc, der die französische Sprache beherrscht, unser Anliegen viele Male immer höherrangigen Militärs erläutern, weil anscheinend niemand über irgendetwas informiert ist. Der letzte Ankömmling vor unserem Abendessen ist der Kommandant des gesamten lokalen Militärs, der natürlich auch von nichts weiß, angeblich aber kein Problem mit unserer Anwesenheit hat. Damit sollte dann mittlerweile jeder mit Rang und Namen von uns wissen und wir würden unsere Ruhe haben. Aber weit gefehlt. Der Oberkommandant taucht wieder auf, diesmal im Schlepptau mit zwei Fahrzeugen, einem weiteren Soldaten sowie dem Immigrationschef von Dolisie – einem fetten, widerlichen Typen.

Mit einer unglaublichen Aggressivität werden wir verhört, ohne dass man uns die Chance gibt, auch nur eine der abgefeuerten Fragen zu beantworten. Man glaubt uns nicht im Entferntesten, dass wir hier nur die Nacht verbringen und am nächsten Morgen friedlich abziehen würden. Der Chef befiehlt uns, ihm nach Dolisie zu folgen und dort die Nacht zu verbringen, doch mittlerweile haben wir mehr als genug und erklären uns bereit nach Pointe Noire zu fahren. Der Kommandant lenkt ein, aber trotz seiner unzähligen Bekräftigungen, dass wir mehr als willkommen seien, möchten wir diesen Ort verlassen. Dies macht ihn jedoch noch wütender als schon zuvor. Die Lage eskaliert. Er will uns nicht gehen lassen, verweigert die Preisgabe seines Namens und reißt Marc das iPhone aus der Hand, da er davon ausgeht, dass wir Fotos von ihm machen würden. Es endet damit, dass Marc und Doro mit dem Immigrationschef und dem Oberkommandanten um das Handy kämpfen und letzterer nach seiner AK47 (Kalaschnikow) schreit. Das ist die bisher brenzligste Situation der ganzen Reise: mitten in der Nacht, tief in Zentralafrika mit dem Militär in Handgreiflichkeiten verwickelt und keine Menschenseele weit und breit. Wir versuchen, die Wogen ein wenig zu glätten, während wir einpacken und die unwillkommene Gesellschaft so gut wie möglich ignorieren. Dies wird schwierig, als ein Soldat auf Anweisung sein Fahrzeug mit der Front zu unserem Land Cruiser parkt, so dass wir nicht wegfahren können. Mit äußerster Beherrschung geben wir auf Druck unsere Pass- und Visadetails preis, dann dürfen wir endlich abfahren. Spät in der Nacht sind wir Richtung Küste nach Pointe Noire unterwegs. Die beiden Fahrzeuge folgen uns noch viele Kilometer, bis sie an einer Mautstelle endlich aufgeben.

Später erfahren wir von einem im Kongo lebenden Franzosen, dass sich vor nicht allzu langer Zeit extreme Spannungen zwischen Kongo und Angola entwickelten. Letzteres Land beanspruchte anscheinend die Gegend um Dolisie als ihr Territorium und kidnappte dort 50 kongolesische Soldaten. Möglicherweise waren diese Ereignisse zumindest teilweise Grund für das extreme uns gegenüber gezeigte Misstrauen.

Auf dem Weg nach Pointe Noire winden wir uns die Berge hinauf und hinab mit gelegentlich direkt vor einem aus der Dunkelheit auftauchenden, liegengebliebenen LKW, nur markiert auf afrikanische Weise mit einem kleinen Ast einen halben Meter vom Fahrzeug entfernt. Müde und erschöpft schlafen wir ein paar Stunden am Straßenrand und fahren am Morgen die verbleibende Strecke zur Küste.

Dieses war die einzige unbehagliche Situation in der Republik Kongo, wir hatten eine schöne Zeit in dem Land und die meisten Menschen begegneten uns ausgesprochen höflich und freundlich.

Welcome to Ghana – zwischen Korruption, Armut und Paradies

Ghanas touristische Attraktionen sind die Strände der Atlantikküste, Naturparks und Wildtierreservate, traditionelle Festivals und die alten Europäer-Forts an der Küste. Ob und wie es Conny und Tommy (www.mantoco.com) gefallen hat, erfahren Sie in ihrem Bericht:

Endlich sind wir mal wieder im englischsprachigen Afrika angekommen. Hier heißen wir auch nicht mehr „Toubab“, sondern „Obronji“, denn der weiße Mann sind wir noch immer ….

Ghana ist ein Spagat, das spüren wir sofort. An der Grenze verhalten sich alle super korrekt und hilfsbereit, schnell sind die notwendigen Stempel in Pass und Carnet. Doch schon bei der ersten Kontrolle geht es los. „What do you have for me?“ ist die Standardfrage eines jeden Polizisten. Ist zwar alles harmlos und wir sind mit einigen freundlichen Sätzen auch immer gleich durch, erfahren jedoch, dass jeder einheimische Fahrer etwas abdrücken muss.

Die Strände um Dixcove sind ein Traum. Busua, Butre und Asemko heißen die kleinen Fischerorte, die sich nach holprigen Pistenanfahrten zwischen hohen Palmen zeigen. Hunderte bunte Pirogen dümpeln vor den ärmlichen Hütten im Wasser, die Ausbeute der täglichen Ausfahrten ist jedoch gering. Die Menschen sind arm, besitzen nur das Nötigste, doch sie sind freundlich, haben immer Zeit für ein Lachen.

Für uns ist es nicht leicht, an die schönen Plätze am Meer zu kommen, es gibt keine befahrbaren Wege, diese enden stets mitten im Dorf. Aber wenn wir endlich einen Zugang finden, dann geht es kaum schöner.

In Takoradi wenden wir an einer T-Kreuzung vor dem Marktplatz mit seinen schmalen Gassen. Wir behindern niemanden, Verbotsschild gibt es auch keines. Trotzdem werden wir plötzlich von einem jungen Polizisten mit strenger Miene aufgefordert, hier und sofort im absoluten Halteverbot gegen die Fahrtrichtung zu parken. Große Belehrung, was wir alles falsch gemacht hätten, er muss uns jetzt eine Strafe aufbrummen, umgerechnet 50 Euro! Aber nicht mit uns! Der Mann in der Wechselstube gegenüber bekommt unseren Disput mit, mischt sich ein und wird böse. Wir gehen zur Wache, zum Chef. Dort beginnt eine weitere, heftige Diskussion mit unserem Helfer, ich verstehe nichts. Jetzt sollen wir 25 Euro zahlen, ein Zeichen seiner Freundlichkeit. Kommt nicht in Frage, wir haben ja nichts falsch gemacht. Ich rede noch einmal mit ihm, ruhig und sachlich. Also gut, 12,50 Euro. Ich merke langsam, da geht es nur um eine Aufbesserung des polizeilichen Taschengeldes, bei so etwas beteiligen wir uns in der Regel jedoch nicht. Wieder zurück bei „Manni“ sehen wir, dass wir inzwischen eine Parkkralle verpasst bekommen haben. Wir erklären dem Parkkrallenanbringer, dass wir auf besonderen Wunsch der Polizei hier zum Parken genötigt wurden. Das interessiert ihn aber nicht, für Parkvergehen seien die nicht zuständig. Dies hier ist sein Job. Es ist eine ungute Situation. Unser Helfer aus der Wechselstube streitet sich inzwischen lauthals mit einem halben Dutzend Polizisten der verschiedensten Abteilungen in einer gefährlichen, fast schon handgreiflichen Stimmung. Wir befürchten, dass sie ihn gleich verhaften werden und ziehen ihn von der Uniformmeute weg. Ich gehe mit Peter, unserem Erstpolizisten in dessen Büro. Dort rekapitulieren wir nochmal in Ruhe die Aktionen der vergangenen beiden Stunden, entschuldigen uns schließlich jeweils beim Anderen und beteuern gegenseitig unter Austausch unserer Adressen unsere Freundschaft. Man löst die Parkkralle, wir dürfen zur Erledigung unserer Einkäufe sogar dort stehenbleiben. Na also, der Korruption erfolgreich getrotzt!

Westlich von Elmina mit seinem historischen portugiesischen Sklavenfort, quartieren wir uns bei Stan in der „Stumble Inn Lodge“ ein. Um den begehrten Standplatz mit Meerblick zu bekommen, müssen drei Wäscheleinen gekappt, ein großer Sandhaufen weggeschippt und ein Baum halbseitig beschnitten werden. „No problem“, sagt Stan, „passt schon“. Der Platz ist urig gemütlich, spottbillig, die Stimmung kitschig schön.

Wir spazieren die wenigen Kilometer hinüber nach Elmina, vorbei an einer Edel-Lodge mit Golfplatz. Direkt dahinter befindet sich das Dorf; die Armut, der Dreck und Gestank sind fast unerträglich. Müllberge finden sich zwischen heruntergekommenen Behausungen, Kleinkinder und Schweine streiten sich um Essensreste. Rauchschwaden hängen schwer in der salzigen Luft, es stinkt nach Fäkalien. Die Gegensätze sind unbeschreiblich.

In Accra sind wir zurück in der modernen Welt. Dreispurige Schnellstraßen, mitteleuropäisches Verkehrsaufkommen, Hektik und Lärm. Porsche neben Handkarren, Krawatte neben amputiertem Bettler. Doch nur wenige Kilometer außerhalb wie in Kokrobite wieder das gewohnte Bild: Gelassenheit, Fischerboote, Rastaman-Stimmung.

Eigentlich nannten die ersten Europäer die Küste vor Ghana ja Goldküste, da hier dieses Edelmetall so reichlich zu finden war, ebenso wie Pfeffer und Elfenbein. Doch sie wurde sehr schnell zur Sklavenküste, denn von hier aus wurden Millionen Menschen in die Amerikas verschifft, was sich für die Beteiligten fast noch einträglicher erweisen sollte als das Gold. Sao Jorge da Mina bei Elmina war 1482 die erste dieser unseligen Festungsanlagen, in deren Kerkern die Sklaven unter unmenschlichen Bedingungen auf ihre Transporte warten mussten. Leider deckt sich das Ambiente um diese geschichtsträchtige Anlage so gar nicht mit der historischen Bedeutung. Der Dreck und Müll stapelt sich teilweise meterhoch, es stinkt nach Fäkalien. Und die Arroganz der Verantwortlichen gipfelt in exorbitant hohen Eintrittspreisen, ausländische Besucher sollen den achtfachen Preis Einheimischer bezahlen! Wir passen …

Noch vor dem Frühstück starten wir die kurvenreiche Straße hinunter an den Kratersee Bosumtwe und hoffen es an einem herrlichen Standplatz am Wasser nachholen zu können.

In Abono zweigt eine sehr schmale, aber gerade noch befahrbare Piste entlang des westlichen Seeufers ab, doch es wird uns sehr schnell klar, dass das mit dem Platz am Seeufer schwierig werden wird, denn es gibt nirgendwo eine Möglichkeit, dorthin zu kommen. Wir halten an der Rainbow Garden Lodge, einer etwas renovierungsbedürftigen Anlage. Hier könnten wir uns durch den abschüssigen Palmengarten bis ans Wasser mogeln, der Preis ist auch in Ordnung, also entscheiden wir uns zu bleiben. Zwei Stromleitungen müssen auf „Mannis“ Durchfahrtshöhe angehoben werden, wir schaffen es gerade so. Dann zwischen zwei Bäumen hindurch, ein betoniertes Wasserreservoir liegt vor uns. Wir fragen Ritschi, den Campmaster, wie die Beschaffenheit sei; kein Problem, ist starker Beton mit Eisenarmierungen; ja, aber wir haben zehn Tonnen; nein, nein passt schon, alles ganz stabil, fahren öfters Autos drüber. Na denn, und schon knallt’s, Beton bröselt, Eisen knirscht, und „Manni“ sackt vorne links tief ab, bis er auf dem Differenzial aufliegt und der Reifen in der Luft hängt. Na prima! Das hatten wir doch schon mal ….

Mit großen Augen steht unser Campmaster vor dem Malheur, meine Wut über mich selber bekommt natürlich erst einmal er ab. Die Lage ist viel prekärer als vor ein paar Tagen, als uns Ähnliches widerfahren ist. „Manni“ steht schräg am Hang, der Reifen hinten rechts berührt gerade noch den Boden, wir können nicht abschätzen, wie stabil das betonierte Reservoir ist, und es ist abgrundtief, mindestens zwei Meter! Eile ist also geboten. Wir entscheiden das Reservoir mit Steinen, die hier glücklicherweise zuhauf herumliegen, aufzufüllen. Unser Campmaster engagiert eine Handvoll Burschen aus dem Dorf und auf unser Drängen hin einen großen, stabilen Highlift, da unser Wagenheber hier nutzlos ist. Mindestens zwei Kubikmeter Steine wandern nun in den grundlos erscheinenden Schlick, bis „Manni“ so langsam wieder Boden unter dem abgesackten Reifen bekommt. Immer wieder heben wir ihn mit dem Highlift Zentimeter um Zentimeter an, um weitere Steine zu platzieren, doch jedes Mal drückt er mit seinem Gewicht alles unter sich tiefer in den Schacht. Und die Betonwände fangen langsam an nachzugeben. Wir arbeiten wie die Berserker und dann ist es endlich so weit – wir riskieren es. Alle Sperren rein, Traktion ist gut und mit einem lauten Aufheulen befreit sich „Manni“ mal wieder selbst aus seiner misslichen Lage. Unsere Helfer brechen in lautes Jubeln aus, alle schlagen sich auf die Schultern, am meisten erleichtert ist wohl unser Campmeister.

Wir schlagen ihm vor, das Geld, das wir für das Campen bezahlen müssten, den hilfsbereiten Jungs aus dem Dorf zu geben; er war ja nicht ganz unschuldig an der Aktion, auch wenn ich mir selbst in den Hintern beißen könnte. Er entschuldigt sich tausendmal und ist natürlich einverstanden. Als wir schließlich direkt am Wasser stehen, schön entspannt unter Palmen, die Fischer in ihren eigenartigen „Booten“, die lediglich aus einem kantigen Stück Holz bestehen, uns zuwinken und uns Esel, Schafe und Hunde freundlich begrüßen, da ist das Ganze schon wieder fast vergessen. Ist ja auch schon langsam so etwas wie Routine …

Unser Fazit zu Ghana: Kommt man aus einem der französisch geprägten Nachbarländer über die Grenze, fällt einem sofort der Unterschied auf. Bessere Hauptstraßen, viel mehr Verkehr, richtige Häuser, bunte Werbeplakate, geschäftiges Treiben. Ghana scheint weiter zu sein als seine Nachbarn, moderner, lebendiger.

Doch nach einigen Tagen im Land erkennen wir, dass vieles nur Fassade ist. Auch hier ist der vorsichtige Wohlstand bei den meisten Menschen noch lange nicht angekommen, jeder Tag ist ein neuerlicher Kampf um die gefüllte Reisschüssel. Und doch spüren wir mehr Aufbruchsstimmung. Die Menschen sind zurückhaltender hier, nicht jeder lächelt und winkt, wie wir das bisher gewohnt waren. Trotzdem sind alle freundlich und hilfsbereit. Die Ordnungsmacht übt hier noch etwas, die Korruption lebt offener, doch uns gegenüber ist meist alles korrekt.

Landschaftlich ist Ghana sicher kein Highlight, nur wenige Strandabschnitte sind richtig schön, lediglich die Region östlich des gigantischen Stausees Lac Volta gefällt mit den grünen Bergen, unzähligen Wasserfällen und kleinen, sauberen Dörfern. Leider wird versucht an den wenigen attraktiven Ecken mit überzogenen Eintrittspreisen schnellen Profit zu machen, doch der Schuss wird nach hinten losgehen, denn die Besucher sind zunehmend nicht mehr bereit, dieses Spiel mitzumachen.

Und Ghana war für uns das erste Land in Westafrika, in dem wir mehr Kontakt zu Europäern hatten, als zu den Einheimischen. Hoffen wir mal, dass sich dies wieder ändern wird ….

Senegal: In 48 Stunden nach Dakar?

Die leidenschaftlichen Afrika-Fahrer Heike und Stefan aus der Nähe von Heidelberg haben mit ihrem „Landy“, Land Rover Defender 300 TDI, in 2010/2011 elf Monate lang 24 Länder auf dem Schwarzen Kontinent bereist und dabei 40.000 Kilometer zurückgelegt. Auf ihrer Homepage www.blackcontinent.de berichten sie mit vielen tollen Fotos über diese und vorherige Reisen durch Afrika.

Hier schildern sie ihre spannende Durchquerung des Senegal:

Einen Moment lang denke ich, wir sind schon zu Hause. Auf den Straßen dominiert eine Automarke: Mercedes Benz. Wir sind aber nicht in Deutschland, sondern im Senegal, der Hochburg der Autoschiebereien. Der Wagen kommt in Europa nicht mehr durch den TÜV? Kein Problem, denn für Afrika ist er allemal gut genug. Ein Student überführt das Fahrzeug in den Senegal, verkauft es dort und bezahlt damit die Reise und sein Rückflugticket. Wenn er Glück hat, bleibt sogar noch etwas übrig für das nächste Semester. Es war über Jahrzehnte ein lukratives Geschäft. Praktisch alle Taxis im Senegal sind so ins Land gekommen. Diese Praxis hat mit einer neuen Regelung jedoch jüngst ein jähes Ende gefunden. Alle Wagen, die älter sind als fünf Jahre, brauchen jetzt ein Zolldokument (Carnet de Passage).

Aber selbst mit diesem bekommt man an der Grenze nur einen vorläufigen Passierschein (Laisser Passer) von 48 Stunden, der nur in Dakar verlängert werden kann. Woher dieser Wind weht, darüber wird viel spekuliert im Senegal. Die einen sagen, ein Verwandter des Präsidenten verdient mit Autoimporten per Schiff seine Brötchen und wollte die lästige Konkurrenz loswerden. Es wird aber auch etwas vom Iran gemunkelt, der als Gegenleistung für die Abzahlung von senegalesischen Weltbankkrediten Autofabriken im Land errichten will. Was auch immer der Grund sein mag, für die Senegalesen ist es eine Katastrophe, denn sie können sich keine neuen Wagen leisten und für ihre inzwischen über 30 Jahre alten, im Zerfall begriffenen Autos gibt es kaum noch Ersatzteile. Für die Tourismusindustrie ist es verheerend, denn Individualreisende mit Auto umfahren den Senegal oder rasen an allen schönen Plätzen vorbei direkt nach Dakar.

Für uns ist die Regelung allemal lästig, denn unser Landy ist mit seinen 13 Jahren natürlich von der 48 Stunden Regelung auch betroffen. Unsere neueste Reiseplanung sieht vor, von Mali aus im Süden des Senegal einzureisen, von wo wir uns durch Gambia (das inmitten des Senegal an der Atlantikküste liegt) langsam in den Norden vorarbeiten wollen. Nach Dakar zieht es uns dagegen überhaupt nicht. Da Stefan vorausschauende Planung liebt, statten wir der Botschaft des Senegal in Mali einen Besuch ab, um unser Problem vorzutragen. Sie haben ein offenes Ohr für uns und eine freundliche Dame stellt uns ein Dokument (Laisser Passer Voiture) aus, mit dem wir vier Wochen bleiben könnten und nicht innerhalb von zwei Tagen nach Dakar müssten. Es ist vom Botschafter unterzeichnet und kostet drei Euro. Hier wäre die Geschichte zu Ende.

Selbst uns erscheint das aber zu einfach. Der erste Grenzposten im Südsenegal starrt das Papier mit seinen Briefmarken, Stempeln und Unterschriften dann auch minutenlang an und kommt zu dem Schluss, dass es wertlos ist. Sein Gehalt wird vom Chef des Zolls bezahlt und der sagt, unser Auto muss in 48 Stunden in Dakar sein. Stefan, der gar kein Französisch spricht, schlägt mir eine Taktik vor. „Mach unser Problem zu seinem Problem, das funktioniert in Afrika immer“. Ich diskutiere angeregt, bestimmt aber freundlich und frage mich im Stillen, wo all die französischen Worte in meinem Kopf plötzlich herkommen. Ich bringe den Beamten damit zumindest soweit, dass er seinen Chef anruft, denn die Autorität des Botschafters gänzlich zu ignorieren erscheint ihm offenbar zu riskant. Da sein Chef die Verantwortung für die Entscheidung nicht übernehmen will, telefonieren wir uns durch die Instanzen. Nach wenigen Stunden halten wir eine Aufenthaltsgenehmigung für eine Woche ausschließlich für die südliche Provinz in Händen. Das gibt uns genug Zeit, um unter anderem die Wasserfälle von Dindefelo anzuschauen. Sie stürzen sich 100 Meter über unseren Köpfen in die Tiefe und speisen vor unseren Augen ein natürliches Schwimmbecken. Die Einheimischen sind gespannt auf unsere Reaktion, als wir fröhlich mit unseren Badesachen bekleidet in Richtung Wasser traben. Ich bin fast so schnell wieder draußen wie drinnen, Stefan hält es gerade lange genug für ein Foto aus. Das ist wirklich kalt! Die Jungs, die im Fluss ihre Wäsche gewaschen haben (ein eher seltener Anblick, auch in Afrika), laden uns zum Tee ein, den sie vor Ort mit wenigen glühenden Kohlen aufsetzen. Während wir schwatzen und uns wärmen, werfen wilde Schimpansen vom oberen Rand der Schlucht kreischend Steine den Abhang hinunter. Touristen erschlagen ist hier ein beliebter Zeitvertreib. Wir können nicht fassen, dass wir den Schimpansen tatsächlich so nahe sind. Zu Gesicht bekommen wir sie nicht, dazu sind sie zu geschickt. Das ist Teil ihrer Überlebensstrategie, denn auch hier ist Affenfleisch eine Delikatesse.

Bevor unsere Frist abläuft, werden wir bei der lokalen Zollautorität vorstellig. Der Beamte versteht das Problem überhaupt nicht, die 48 Stunden Regel ist anscheinend nur an den Grenzen bekannt. Er stellt uns trotzdem eine neue Bescheinigung aus, mit der wir gemütlich nach Gambia weiterreisen können.

Bei der Wiedereinreise aus Gambia nach Nordsenegal blickt der senegalesische Zollbeamte irritiert auf unser Schreiben vom Botschafter, beschließt aber dann, dass wir wohl ein Sonderfall sind und stellt uns ein Passavant für zwei Wochen aus. Wir können unser Glück kaum fassen. Wir passieren eine Polizeikontrolle, eine zweite und nach 20 Kilometer einen Kontrollposten des Zolls. Der Beamte steckt neugierig seinen Kopf zum Fenster hinein und fragt: „Vous allez de ou comme ca?“, also, „Wo kommt ihr denn jetzt her, so wie ihr seid?“ Ich finde die Frage lustig, aber Humor ist hier nicht angesagt. Der Herr wird sofort ernst und verlangt unser Passavant zu sehen. Damit rennt er triumphierend zu seinem Boss. Dieser schüttelt vehement den Kopf. „Nein, das ist nicht gültig, das hat keinen Stempel“. Ich entgegne eine Spur zu schnippisch: „Da steht nix von Stempel, nur eine Unterschrift ist nötig. Der Stempel ist im Carnet.“ Gar nicht gut. Der Boss will unser Auto beschlagnahmen und winkt uns an den Straßenrand. Jetzt werde ich wütend. Wieso soll ich dafür bestraft werden, dass der Kollege einen Fehler gemacht hat?

Der Beamte telefoniert, lässt uns noch ein bisschen zappeln und schickt uns dann zur Grenze zurück. Als wir ankommen sind alle schon informiert. Das arme Kerlchen, das unser stempelloses Dokument ausgestellt hat, sieht aus wie ein Häufchen Elend. Und wir? Wir sind wieder am Anfang, also „in 48 Stunden nach Dakar“.

Wir verlangen Zutritt zum Büro des Chefs der Zollbehörde. Die Szene stellt sich uns so dar: Korrekt gekleideter Herr in schickem Ledersessel, vor blütenweißem Laptop, Klimaanlage und Bild mit Ehefrau nebst Kindern und Land Rover (!) auf dem Schreibtisch. Wir dagegen sind verstaubt und mit lädierter Trekkingbekleidung, der die zurückliegenden Monate deutlich anzusehen sind. Ich setze mich in Pose und erläutere die zuvor mit Stefan besprochene Argumentationslinie. „Hätten wir nur fahren wollen, wäre das für uns von Mali direkt nach Mauretanien ein leichtes gewesen. Wir müssen nicht durch den Senegal, aber wir wollen. Wir sind hier um Land und Leute kennenzulernen, nicht um nach Dakar zu brausen. Das ist keine Rally, sondern eine Reise.“ Er überlegt eine Weile, lächelt dann verständnisvoll und wir bekommen, nachdem wir seinen Land Rover ausgiebig bewundert haben, ein Passavant für weitere 14 Tage, mit vielen Stempeln und der Unterschrift des Chefs höchstpersönlich. Er ruft sogar den lästigen Kollegen an der Zollsperre an, damit wir nicht noch einmal aufgehalten werden. Hier kontrollieren sich die Instanzen gegenseitig. Jeder ist auf der Hut und jeder Fehler wird sofort geahndet von einem, der auf den Posten scharf ist. In so einer Atmosphäre könnte ich nicht arbeiten.

So ganz ohne Paris-Dakar geht es dann doch nicht. Der legendäre Zieleinlauf der Rally liegt am Lac Rose, 30 Kilometer nordöstlich von Dakar. Der See hat einen Salzgehalt der zehnmal höher ist als im Meer. Das verleiht ihm eine eigentümliche Farbe, die uns allerdings nicht rosa, sondern orange erscheint. Hier verbringen wir einen wundervollen Nachmittag damit wie Bojen auf dem Wasser zu treiben. Egal was wir anstellen, wir gehen nicht unter. Selbst Schwimmbewegungen sind schwierig, da das Hinterteil und die Füße immer die Tendenz haben über der Wasseroberfläche zu schweben. Ein seltsames Gefühl.

In Saint Louis treffen wir ein französisch-südafrikanisches Paar wieder, das wir in Nigeria kennengelernt haben. Natalie und Dave reisen in einem weißen Landy, mit dem sie sich in Benin überschlagen haben. Die Bilder des Unfalls erinnern uns schmerzvoll an unsere eigenen Erfahrungen in Namibia vor acht Jahren. Nur dass wir damals das Budget hatten den Wagen vernünftig reparieren zu lassen. Dave und Natalie haben ohne Mittel mitten im Busch selbst eine Werkstatt eröffnet und den Wagen wieder so zusammengezimmert, dass sie weiterfahren konnten. Er ist in einem jämmerlichen Zustand. Keine Tür schließt mehr, die Fensterscheiben sind provisorisch zusammengeflickt, überall ziehen Wind und Staub durch. Das Dach ist mit Metallstäben auf die Karosserie abgestützt. Eine abenteuerliche Konstruktion. Dave – immer optimistisch – hofft, dass er einen Käufer für das Auto findet. Ich frage sie, wie sie so in 48 Stunden von Mali aus nach Dakar gekommen sind. Dave lacht schelmisch und meint: „Das mussten wir gar nicht. Ich war aber nach euch der Letzte, der auf der senegalesischen Botschaft in Mali ein Laisser Passer Voiture bekommen hat. Die Dame, die die Dokumente ausstellt, ist verstorben und der Botschafter hat gewechselt.“

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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430 стр. 34 иллюстрации
ISBN:
9783960088301
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