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Читать книгу: «Königin Margot»

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Erstes bis viertes Bändchen

I.
Das Latein von Herrn von Guise

Am Montag, dem achtzehnten Tage des Augusts 1572 fand ein großes Fest im Louvre statt.

Die gewöhnlich dunkeln Fenster des alten königlichen Wohngebäudes waren hell erleuchtet; die in der Regel so einsamen benachbarten Straßen und Plätze waren, seitdem es in Saint-Germain-l’Auxerrois neun Uhr geschlagen hatte, gedrängt voll von Menschen. Dieser lärmende, drohende Volkszusammenlauf glich in der Dunkelheit einem düsteren, bewegten Meere, dessen Wellen sich geräuschvoll von einer Stelle zur andern drängen. Dieses Meer schlug auf dem Quai ausgebreitet, von wo es durch die Rue des Fossés-Saint-Germain und durch die Rue de Lastruce ausmündete, mit seinem Strome den Fuß der Mauern des Louvre und mit seinem Gegenstrome die des Hotel Bourbon.

Es lag trotz des königlichen Festes und vielleicht sogar gerade wegen des königlichen Festes etwas Bedrohliches in diesem Volke; denn es vermuthete nicht, daß die Feierlichkeit, der es als Zuschauer beiwohnte, nur das Vorspiel zu einem auf acht Tage verschobenen Feste sein sollte, bei welchem es eingeladen werden und sich von ganzem Herzen ergötzen würde.

Der Hof feierte die Hochzeit von Frau Margarethe von Valois, der Tochter Heinrich II. und der Schwester von König Karl IX. mit Heinrich von Bourbon, König von Navarra. Der Cardinal von Bourbon hatte wirklich am Morgen die zwei Verlobten mit dem bei den Hochzeiten der Töchter von Frankreich üblichen Ceremoniell auf einem an der Pforte von Notre-Dame aufgeschlagenen Schaugerüste vermählt.

Jedermann staunte über diese Heirath, welche einigen klarer Sehenden viel Stoff zum Nachdenken gab. Man konnte nicht recht die Annäherung der zwei Parteien begreifen, die sich so gehässig einander gegenüberstanden, wie es in diesem Augenblick bei der protestantischen und der katholischen Partei der Fall war. Man fragte sich, wie der junge Prinz von Condé dem Herzog von Anjou, dem Bruder des Königs, den Tod seines in Jarnac von Montesquiou ermordeten Vaters vergeben könnte. Man fragte sich, wie der junge Herzog von Guise Coligny den Tod seines in Orléans von Potrot de Méré ermordeten Vaters vergeben könnte. Mehr noch: Johanna von Navarra, die muthige Gemahlin des schwachen Anton von Bourbon, welche ihren Sohn Heinrich zu der königlichen Hochzeit, die seiner harrte, geführt hatte, war vor zwei Monaten gestorben und es hatten sich seltsame Gerüchte über diesen plötzlichen Tod verbreitet. Ueberall sagte man ganz leise und an einigen Orten ganz laut, sie hätte ein furchtbares Geheimnis entdeckt und Catharina von Medicis hätte dieselbe, die Enthüllung dieses Geheimnisses befürchtend, mit wohlriechenden Handschuhen vergiftet, welche von einem gewissen René, einem in solchen Dingen sehr geschickten Landsmann von ihr, verfertigt worden wären. Dieses Gerücht hatte sich um so mehr verbreitet und gekräftigt, als nach dem Tode der großen Königin auf die Bitte ihres Sohnes zwei Aerzte, worunter der berühmte Ambroise Paré, bevollmächtigt worden waren, den Leib zu öffnen und zu untersuchen, nicht aber das Gehirn. Da man nun aber Johanna von Navarra durch den Geruch vergiftet hatte, so konnte nur das Gehirn, der einzige von der Section ausgeschlossene Theil des Körpers, die Spuren des Verbrechens bieten. Wir sagen Verbrechen, denn Niemand zweifelte daran, das ein solches begangen worden war.

Das war noch nicht Alles. Der König Karl hatte bei dieser Heirath, welche nicht nur den Frieden seines Reiches wiederherstellte, sondern auch die vonehmsten Hugenotten seines Landes nach Paris zog, eine Beharrlichkeit an den Tag gelegt, die man Halsstarrigkeit nennen konnte. Da die zwei Verlobten eines Theils der katholischen Religion, andern Theils der reformierten angehörten, so war man genöthigt gewesen, sich wegen der Dispensation an Gregor XIII. zu wenden, der damals den päpstlichen Stuhl in Rom inne hatte. Die Dispensation blieb lange aus und diese Zögerung beunruhigte die verstorbene Königin von Navarra ungemein. Sie drückte eines Tags gegen Karl IX. die Befürchtung aus, die Dispensation könnte gar nicht kommen, worauf dieser antwortete:

»Seid unbesorgt, meine gute Tante, ich ehre Euch mehr, als den Papst, und liebe meine Schwester mehr, als ich ihn fürchte. Ich bin kein Hugenott, aber ich bin auch kein Dummkopf, und wenn der Herr Papst eine Albernheit begeht, so nehme ich Margot selbst bei der Hand und führe sie mitten im Gottesdienste an den Traualtar.«

Diese Worte verbreiteten sich vom Louvre aus in die Stadt und gaben, während sie die Hugenotten sehr erfreuten, den Katholiken viel zu denken, denn, diese fragten sich, ob der König sie ganz einfach verriethe oder ob er irgend eine Komödie spielte, welche an einem schönen Morgen oder an einem schönen Abend ihre unerwartete Entwickelung fände.

Besonders dem Admiral Coligny gegenüber, welcher seit fünf bis sechs Jahren einen erbitterten Krieg gegen den König führte, erschien das Benehmen von Karl IX. ganz unerklärlich. Nachdem er einen Preis von hundert und fünfzig tausend Goldthalern auf seinen Kopf gesetzt hatte, schwor der König nur bei ihm, nannte ihn seinen Vater und erklärte ganz laut, er würde ihm allein die Führung des Krieges anvertrauen, so daß selbst Catharina von Medicis, welche bis dahin die Handlungen, den Willen und sogar die Wunsche des jungen Prinzen beherrscht hatte, sich zu beunruhigen schien, und zwar nicht ohne Grund, denn in einem Augenblick des Ergusses sagte Karl IX. zu dem Admiral in Beziehung auf den flandrischen Krieg:

»Mein Vater, es ist hierbei noch Eines, worauf man wohl Acht haben muß: die Königin, meine Mutter, welche ihre Nase in Alles stecken will, wie Ihr wißt, weiß nichts von dieser Unternehmung. Halten wir sie so geheim, daß sie nicht ein Bisschen davon erfährt, denn bei ihrem unruhigen, zänkischen Kopfe würde sie uns Alles verderben.«

So weise und erfahren nun auch Coligny war, so konnte er doch ein solches Vertrauen nicht gänzlich geheim halten, und obgleich er mit großem Argwohn nach Paris kam, obgleich bei seinem Abgange von Chatillon eine Bäuerin sich ihm zu Füßen warf und ausrief: »Oh, Herr und Meister! geht nicht nach Paris, denn wenn Ihr dahin geht, werdet Ihr dort sterben, Ihr und Alle, die mit Euch gehen,« erlosch doch dieser Verdacht allmählich in seinem Innern und in dem von Téligny, seinem Schwiegersohne, welchem der König ebenfalls große Freundschaft bezeigte, denn er nannte ihn seinen Bruder, wie er den Admiral seinen Vater nannte, und duzte ihn, wie er dies gegen seine besten Freunde that.

Abgesehen von einigen mürrischen und mißtrauischen Geistern, waren die Hugenotten also völlig beruhigt. Der Tod der Königin galt als eine Folge von Seitenstechen, und die weiten Säle des Louvre waren voll von allen den braven Protestanten, denen die Heirath ihres jungen Führers Heinrich eine unerwartete Rückkehr zum Glück verhieß. Der Admiral Coligny, Larochefoucault, der Prinz von Condé, Sohn, Téligny, kurz alle die Häupter der Partei triumphierten, als sie im Louvre allmächtig und in Paris so willkommen diejenigen sahen, welche drei Monate vorher der König Karl und die Königin Catharina an Galgen, höher als die der Mörder, hatten hängen lassen wollen. Nur den Marschall von Montmorency suchte man vergebens unter seinen Brüdern, denn kein Versprechen hatte ihn verführen, kein Schein hatte ihn täuschen können, und er blieb zurückgezogen in seinem Schlosse Ile-Adam, wobei er sich mit dem Schmerze entschuldigte, den ihm der Tod seines Vaters, des Groß-Connetable Anne von Montmorency, verursachte, welcher in der Schlacht von Saint-Denis durch einen Pistolenschuß von Robert Stuart getödtet worden war. Da aber diese Begebenheit sich vor mehr als zwei Jahren ereignet hatte und sein gefühlvolles Wesen in jener Zeit eine sehr wenig modische Tugend war, so glaubte man von dieser übermäßig ausgedehnten Trauer nur das, was man glauben wollte.

Uebrigens gab Jedermann dem Marschall von Montmorency Unrecht; der König, die Königin, der Herzog von Anjou und der Herzog von Alençon machten vortrefflich die Honneurs des königlichen Festes.

Der Herzog von Anjou empfing die Hugenotten selbst mit wohlverdienten Complimenten über die zwei Schlachten von Jarnac und Moncontour, die er vor seinem achtzehnten Jahre gewonnen hatte, in dieser Beziehung also frühreifer, als Cäsar und Alexander, mit welchen man ihn verglich, indem man, wohl verstanden, die Sieger von Issus und Pharsalus unter ihn stellte. Der Herzog von Alençon schaute Alles mit seinem schmeichelnden, falschen Auge an. Die Königin Catharina strahlte vor Freude, und beglückwünschte, überströmend von Höflichkeiten, Heinrich von Condé zu seiner Vermählung mit Maria von Kleve. Die Herren von Guise selbst lächelten den furchtbaren Feinden ihres Hauses zu, und der Herzog von Mayenne plauderte mit Herrn von Tavannes und dem Admiral über den nahe bevorstehenden Krieg, den ihn an Philipp II. zu erklären er mehr als je im Sinne hatte.

Mitten unter diesen Gruppen ging, das Haupt leicht gebeugt, das Ohr, für jedes Wort offen, ein junger Mensch von etwa neunzehn Jahren mit seinem Auge, schwarzen, kurz geschnittenen Haaren, dicken Augenbrauen, mit adlerartig gebogener Nase, mit schlauem Lächeln und kaum erst sprießendem Barte hin und her. Dieser junge Mensch, welcher sich nur erst in dem Gefechte von Arnay-le-Duc durch seinen Muth bemerkbar gemacht hatte und Complimente über Complimente erhielt, war der viel geliebte Zögling von Coligny und der Held des Tages. Drei Monate vorher, das heißt, zu der Zeit, wo seine Mutter noch lebte, hatte man ihn den Prinzen von Bearn genannt. Jetzt nannte man ihn den König von Navarra in Erwartung der Epoche, wo man ihn Heinrich IV. nennen würde.

Zuweilen zog eine düstere, rasche Wolke über seine Stirne hin. Ohne Zweifel erinnerte er sich, daß seine Mutter vor kaum zwei Monaten gestorben war, und er zweifelte weniger als irgend Jemand daran, daß sie den Tod durch Gift erlitten hatte. Aber die Wolke war vorübergehend und verschwand wie ein schwebender Schatten; denn diejenigen, welche mit ihm sprachen, die ihn beglückwünschten, die sich an ihn drängten, waren dieselben Menschen, welche die muthige Johanna von Albret ermordet hatten.

Einige Schritte von dem König von Navarra sprach beinahe eben so gedankenvoll, beinahe eben so bekümmert, als der erstere freudig und offen zu sein heuchelte, der junge Herzog von Guise mit Téligny. Glücklicher als der Bearner hatte sein Ruf mit zweiundzwanzig Jahren beinahe den seines Vaters, des großen Franz von Guise, erreicht. Es war ein schmucker Herr von hohem Wachse, mit stolzem Blicke, und begabt mit jener natürlichen Majestät, welche die Leute sagen machte, wenn er vorüberging, neben ihm erschienen die übrigen Prinzen wie Pöbel. So jung er auch war, so sahen doch die Katholiken in ihm das Haupt ihrer Partei, wie die Hugenotten das Haupt der ihrigen in dem jungen Heinrich von Navarra erblickten, dessen Porträt wir so eben entworfen haben. Anfangs führte er den Titel eines Prinzen von Joinville, und er verrichtet seine erste Waffenthat bei der Belagerung von Orléans unter seinem Vater, der in seinen Armen starb und ihm den Admiral Coligny als seinen Mörder bezeichnete. Da leistete der junge Herzog, wie Hannibal, einen feierlichen Eid, die Ermordung seines Vaters an dem Admiral und seiner Familie zu rächen und seine Religionsangehörigen zu verfolgen, wobei er Gott gelobte, ihr Würgengel auf Erden zu sein bis zu dem Tage, wo der letzte Ketzer ausgerottet wäre. Nicht ohne ein tiefes Erstaunen sah man diesen seinem Worte gewöhnlich so treuen Prinzen denjenigen; welche er für seine ewige Feinde zu halten geschworen hatte, die Hand reichen und vertraulich mit dem Schwiegersohne des Mannes sprechen, dessen Tod er seinem sterbenden Vater gelobt hatte.

Aber wie gesagt, dieser Tag war ein Tag der Verwunderung. Mit der Kenntniß der Zukunft, welche leider den Menschen fehlt, mit der Fähigkeit, in den Herzen zu lesen, die zum Glücke nur Gott gehört, hätte der bevorzugte Beobachter, der diesem Feste beizuwohnen im Stande gewesen wäre, gewiß eines der seltsamsten Schauspiele genossen, welche die Jahrbücher der traurigen menschlichen Komödie liefern. Aber dieser Beobachter, welcher aus der innern Gallerie des Louvre nicht zu finden war, fuhr auf der Strafe fort, mit seinen flammenden Augen zu betrachten, mit seiner drohenden Stimme zu murren. Dieser Beobachter war das Volk, das mit seinem wunderbar geschärften Instinkte die Schatten seiner unversöhnlichen Feinde tanzen sah und ihre Eindrücke so genau übersetzte, als es der Neugierige vor den Fenstern eines hermetisch verschlossenen Ballsaales thun kann. Die Musik berauscht und beherrscht den Tänzer, während der Neugierige nur die Bewegung sieht und über die Drahtpuppe lacht, welche sich ohne allen Grund geberdet; denn der Neugierige hört die Musik nicht.

Die Scheine, welche den Augen der Pariser mitten in der Nacht hinzogen, waren die Zukunft beleuchtende Blitze ihres Hasses.

Und dennoch war im Innern fortwährend Alles lachend, und es durchlief sogar ein Gemurmel, süßer und freundlicher als je, in diesem Augenblicke den ganzen Louvre. Die junge Braut, nachdem sie ihre Staatsgewänder, den Schleppmantel und ihren langen Schleier abgelegt hatte, kehrte in den Ballsaal zurück, begleitet von der schönen Herzogin von Nevers, ihrer besten Freundin, und geführt von ihrem Bruder, Karl IX., der sie seinen vornehmsten Gästen vorstellte.

Diese Braut war die Tochter von Heinrich II., es war die Perle der Krone von Frankreich, es war Margarethe von Valois, welche der König Karl IX. In seiner zärtlichen Zuneigung für sie nie anders, als »meine Schwester Margot« nannte.

Gewiß war nie ein Empfang, so schmeichelhaft er auch sein mochte, besser verdient gewesen, als der welchen man in diesem Augenblick der neuen Königin von Navarra bereitete. Margarethe zählte zu dieser Zeit kaum Zwanzig Jahre und war bereits der Gegenstand der Lobeserhebungen aller Dichter, welche sie die Einen mit Aurora, die Andern mit Cythere verglichen. Es war in der That die Schönheit ohne Gleichen dieses Hofes, wo Catharina von Medicis, um ihre Sirenen daraus zu machen, die schönsten Frauen versammelt hatte, welche man finden konnte. Sie hatte schwarze Haare, einen glänzenden Teint, ein wollüstiges, von langen Wimpern verschleiertes Auge, einen frischrothen, feinen Mund, einen zierlichen Hals, eine reiche, geschmeidige Taille und einen in dem Atlasschuh sich verlierenden Kinderfuß. Die Franzosen, welche sie besaßen, waren stolz darauf, auf ihrem Boden eine so herrliche Blume blühen zu sehen, und die Fremden, welche nach Frankreich kamen, kehrten verblendet von ihrer Schönheit, wenn sie dieselbe nur gesehen hatten, im höchste Maße erstaunt über ihr Wissen, wenn sie mit ihr gesprochen hatten, zurück. Margarethe war nicht nur die schönste, sondern auch die gebildetste und gelehrteste Frau ihrer Zeit, und man führt das Wort eines gelehrten Italieners an, der ihr vorgestellt wurde und nachdem er eine Stunde lang in italienischer, spanischer und lateinischer Sprache mit ihr geplaudert hatte, als er sie verließ, in seiner Begeisterung von ihr sagte: den Hof sehen, ohne Margarethe zu sehen, heißt weder Frankreich noch den Hof sehen.

Es fehlte nicht an Reden für Karl IX. und die Königin zu Navarra. Man weiß, in welchem Masse die Hugenotten Redner waren. Viele Anspielungen auf die Vergangenheit, viele Fragen in Beziehung auf die Zukunft wurden mitten unter diesen Reden an den König gerichtet; aber auf alle diese Anspielungen antwortete er mit seinen bleichen Lippen und seinem verschmitzten Lächeln:

»Indem ich meine Schwester Margot Heinrich von Navarra gebe, gebe ich sie allen Protestanten des Königreiches.«

Dieses Wort beruhigte die Einen und machte die Andern lächeln; denn es war wirklich doppelsinnig. Der eine Sinn war väterlich und Karl IX. wollte mit gutem Gewissen seinen Geist nicht damit belästigen; der andere war verletzend für die Neuvermählte, für ihren Gemahl und sogar für denjenigen, welcher ihn aussprach; denn er erinnerte an einige dumpfe scandalöse Gerüchte, mit denen die Chronik des Hofes den Hochzeitrock von Margarete von Valois zu beflecken Mittel gefunden hatte.

Herr von Guise plauderte indessen wie gesagt mit Téligny; aber er schenkte der Unterhaltung keine so beharrliche Aufmerksamkeit, daß er nicht zuweilen umgewendet hatte, um einen Blick auf die Gruppe von Damen zu werfen, in deren Mitte die Königin von Navarra glänzte. Wenn der Blick der Prinzessin dem des jungen Herzogs begegnete, so schien Wolke die reizende Stirne zu verdunkeln, um welche Sterne von Diamanten eine zitternde Glorie bildeten und irgend ein unbestimmter Plan drang aus ihrer ungeduldigen, bewegten Haltung hervor.

Die Prinzessin Claudia, die ältere Schwester von Margarethe, welche einige Jahre vorher den Herzog von Lothringen geheirathet hatte, bemerkte diese Unruhe und näherte sich ihr, um nach der Ursache zu fragen, als Jedermann vor der Königin Mutter, welche auf den Arm des jungen Prinzen von Condé gestützt, herbeikam, zurückwich, und die Prinzessin sich ferne von ihrer Schwester gedrängt sah. Es herrschte nun eine allgemeine Bewegung, welche der Herzog von Guise benutzte, um sich Frau von Nevers, seiner Schwägerin, und folglich auch Margarethe zu nähern. Die Herzogin von Lothringen, welche die Königin nicht aus dem Auge verlor, sah, statt der Wolke, die sie auf ihrer Stirne wahrgenommen hatte, eine glühende Flamme über ihre Wangen hinziehen. Der Herzog kam indessen immer näher, und als er nur noch zwei Schritte von Margarethe entfernt war, wandte sich diese, welche ihn mehr zu fühlen als zu sehen schien, nach ihm um, wobei sie sich unendlich anstrengte, um ihrem Gesichte die Ruhe der Sorglosigkeit zu geben.

Der Herzog verbeugte sich nun ehrfurchtsvoll, und während er sich verbeugte, murmelte er mit halber Stimme:

»Ipse attuli.«

Was bedeutete:

»Ich habe es selbst gebracht.«

Margarethe gab dem jungen Herzog seine Begrüßung zurück und ließ aufstehend die Antwort fallen:

»Noctu pro more.«

»Das heißt:«

»Diese Nacht wie gewöhnlich.«

Durch den ungeheuren gefältelten Kragen der Prinzessin wie in einem Sprachrohre aufgefangen, wurden diese Worte nur von der Person gehört, an welche man sie richtete. So kurz aber auch dieser Zwiesprach gewesen war, so umfaßte er doch ohne Zweifel Alles, was die zwei jungen Leute sich zu sagen hatten; denn nach dem Austausche von zwei Worten gegen drei trennten sie sich, Margarethe die Stirne träumerischer und der Herzog die Stirne strahlender, als ehe sie sich genähert hatten. Diese kleine Scene fand statt, ohne daß der Mann, der am Meisten dabei betheiligt war, im Geringsten darauf aufmerksam zu sein schien; denn der König von Navarra hatte seinerseits nur ein Auge für eine einzige Person, welche um sich her einen eben so zahlreichen Hof versammelte, als Margarethe von Valois. Diese Person war die schöne Frau von Sauves.

Charlotte von Beaune-Semblançay, Enkelin des unglücklichen Semblancap und Frau von Simon von Fizes, Baron von Sauves, war eine von den Hofdamen von Catharina von Medicis und eine der furchtbarsten Gehilfinnen dieser Königin, welche ihren Feinden den Liebestrank eingoß, wenn sie ihnen nicht das florentinische Gift einflößen konnte. Eine kleine Blonde, abwechselnd sprühend von Lebhaftigkeit oder schmachtend von Schwermuth, stets bereit zur Liebe und zur Intrigue, zu diesen zwei großen Beschäftigungen, welche seit fünfzig Jahren den Hof der drei auf einander folgenden Könige einnahmen, eine Frau in der vollen Bedeutung des Wortes und in dem vollen Zauber der Sache, von rein schmachtenden oder in Flammen glänzenden blauen Auge bis zu den zierlichen, in ihren Sammetschuhen wohlgebogenen, kleinen Füßen, hatte sich Frau von Sauves seit einigen Monaten aller Fähigkeiten und Kräfte des Königs von Navarra bemächtigt, der um diese Zeit auf der Liebeslaufbahn wie auf der politischen Laufbahn debutirte, so daß Margarethe von Valois, eine königliche, prachtvolle Schönheit, in dem Herzen ihres Gatten nicht einmal mehr Bewunderung gefunden hatte; und worüber sich Jedermann wunderte, selbst Catharina von Medicis, diese Seele voll finsterer Geheimnisse, hatte, während sie ihren Heiratsplan zwischen ihrer Tochter und dem König von Navarra verfolgte, nicht aufgehört, die Liebe des letzteren zu Frau von Sauves zu begünstigen. Aber trotz dieser mächtigen Hilfe und trotz der leichten Sitten der Zeit, hatte die schöne Charlotte bis jetzt Widerstand geleistet, und aus diesem unbekannten, unglaublichen Widerstande, aus diesem Widerstande, welcher noch viel unerhörter erschien, als die Schönheit und der Geist der Widerstehenden, war in dem Herzen des Bearners eine Leidenschaft entstanden, welche, da sie sich nicht befriedigen konnte, sich auf sich selbst zurückwarf und in dem Herzen des jungen Königs die Schüchternheit, den Stolz und sogar jene halb philosophische, halb der Trägheit entspringende Sorglosigkeit verschlang, welche den Grund seines Charakters bildete.

Frau von Sauves war wohl seit einigen Minuten in den Saal eingetreten. Mag es nun Trotz, mag es Schmerz gewesen sein sie war Anfangs entschlossen, dem Triumphe ihrer Nebenbuhlerin nicht beizuwohnen, und ließ unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit ihren Gatten, der seit fünf Jahren Staatssecretär war, allein nach dem Louvre gehen. Als aber Catharina von Medicis den Baron von Sauves ohne seine Gemahlin erscheinen sah, fragte sie nach den Ursachen, welche ihre viel geliebte Charlotte entfernt hielten, und da sie erfuhr, es wäre nur eine leichte Unpäßlichkeit, schrieb sie ihr ein paar Worte, denen die junge Frau zu gehorchen sich beeilte. Anfangs ganz betrübt über ihre Abwesenheit, athmete Heinrich indessen doch freier, als er Herrn von Sauves allein eintreten sah. In dem Augenblick aber, wo er, keineswegs dieser Erscheinung gewärtig, seufzend sich dem liebenswürdigen Geschöpfe zu nähern im Begriffe war, das er, wenn nicht zu lieben, doch wenigstens als Gemahlin zu behandeln verdammt sein sollte, sah er am Ende der Gallerie Frau von Sauves auftauchen. Nun blieb er an seinen Platz genagelt, die Augen starr nach der Circe gerichtet, die ihn mit einem magischen Bande an sich fesselte, und statt seinen Gang n seiner Gemahlin fortzusetzen, schritt er mit einem zögern, das mehr dem Staunen als der Furcht zuzuschreiben war, auf Frau von Sauves zu.

Die Höflinge, als sie sahen, daß der König von Navarra, dessen entzündbares Herz man bereits kannte, sich der schönen Charlotte näherte, hatten nicht den Muth, sich ihrem Zusammenkommen zu widersetzen, und entfernten sich gefällig, so daß in demselben Augenblicke, wo Margarethe von Valois und Herr von Guise die von uns erwähnten lateinischen Worte wechselten, Heinrich, bei Frau von Sauves angelangt, mit dieser in sehr verständlichem, obwohl mit gascognischem Accente bestreutem, Französisch ein minder geheimnißvolles Gespräch anknüpfte.

»Ah, mein Herz,« sagte er zu ihr, »Ihr kommt in dem Augenblick, wo man mir mittheilte, Ihr wäret krank, wo ich jede Hoffnung verlor, Euch zu sehen.«

»Sollte mich Eure Majestät glauben machen wollen,« antwortete Frau von Sauves, »der Verlust dieser Hoffnung hätte sie viel gekostet?«

»Bei Blut, ich glaube wohl,« versetzte der Bearner. »Wisst Ihr nicht, daß Ihr meine Sonne bei Tag und mein Stern bei Nacht seid? In der That, ich wähnte mich in der tiefsten Finsterniß, als Ihr so eben erschienet und Alles beleuchtetet.«

»Dann spiele ich Euch einen schlimmen Streich, Sire.«

»Was wollt Ihr damit sagen, mein Herz?« fragte Heinrich.

»Ich will damit sagen, daß man, wenn man Herr der schönsten Frau von Frankreich ist, nur Eines wünschen kann: es möge das Licht verschwinden, um der Dunkelheit Platz zu machen, denn in der Dunkelheit erwartet uns das Glück.«

»Dieses Glück, Schlimme, liegt, wie Ihr wohl wißt, in den Händen einer einzigen Person, und diese Person lacht und spottet über den armen Heinrich!«

»Oh,« versetzte die Baronin, »ich hätte im Gegentheil geglaubt, es wäre diese Person, welche dem König von Navarra zum Gelächter und Spotte diente.«

Heinrich erschrak über diese feindselige Haltung und dennoch bedachte er, daß sie Trotz verieth und daß der Trotz nur die Maske der Liebe ist.

»Ja der That, liebe Charlotte,« sagte er, »Ihr macht mir da einen ungerechten Vorwurf, und ich begreife nicht, wie ein so schöner Mund zugleich so grausam sein kann. Glaubt Ihr denn, ich heirathe? O nein, Ventre-saint-gris! nicht ich!«

»Ich, vielleicht,« versetzte die Baronin spitzig, wenn die Stimme der Frau, die uns liebt und uns zum Vorwurfe macht, daß wir sie nicht lieben, spitzig erscheinen kann.

»Habt Ihr mit Euren schönen Augen nicht weiter gesehen, Baronin? Nein, es ist nicht Heinrich von Navarra, welcher Margarethe von Valois heirathet.«

»Und wer ist es denn sonst?«

»Ei, Bei Gott! es ist die reformirte Religion, welche den Papst heirathet und nichts Anderes!«

»Nein, nein, Monseigneur, ich lasse mich nicht durch Eure Wortspiele hintergehen. Eure Majestät liebt Frau Margarethe, und Gott soll mich behüten, daß ich Euch dies zum Vorwurfe mache. Sie ist schön genug, um geliebt zu werden.«

Heinrich dachte einen Augenblick nach, und während er nachdachte zog ein feines Lächeln die Winkel seiner Lippen etwas in die Höhe.

»Baronin,« sagte er, »Ihr sucht Streit mit mir, wie es scheint, und seid doch nicht berechtigt dazu. Laßt hören, was habt Ihr gethan, um mich von der Vermählung mit Frau Margarethe abzuhalten. Nichts. Ihr ließt mich im Gegentheil verzweifeln.«

»Und dafür bestrafte mich Monseigneur.«

»Wie so?«

»Allerdings, da Ihr heute eine Andere heirathet.«

»Ah, ich heirathe, weil Ihr mich nicht liebet.«

»Wenn ich Euch geliebt hätte, Sire, müsste ich also in einer Stunde sterben.«

»In einer Stunde, was wollt Ihr damit sagen? Und welchen Tod würdet Ihr sterben?«

»Den Tod der Eifersucht, denn in einer Stunde wird die Königin von Navarra ihre Frauen und Eure Majestät ihre Herren wegschicken.«

»Ist das wirklich der Gedanke, der Euch beschäftigt, mein Herz?«

»Das sage ich nicht; ich sage nur, wenn ich Euch liebte, würde mich dieser Gedanke furchtbar beunruhigen.«

»Nun wohl,« rief Heinrich voll Freude, als er dieses Geständnis, das erste, welches er empfing, hörte, »wenn nun der König von Navarra die Herren seines Hofes diesen Abend nicht wegschickte? …«

»Sire,« sagte Frau von Sauves und schaute dabei den König mit einem Erstaunen an, welches diesmal nicht geheuchelt war, »Ihr sprecht da unmögliche und besonders unglaubliche Dinge.«

»Was soll ich thun, damit Ihr sie glaubt?«

»Ihr müßtet mir den Beweis geben, und diesen Beweis könnt Ihr nicht geben.«

»Allerdings, Baronin, allerdings. Bei dem heiligen Heinrich! ich werde ihn Euch im Gegentheil geben!« rief der König, die junge Frau mit einem liebeglühenden Blicke verzehrend.

»Oh, Eure Majestät,« murmelte die schöne Charlotte, die Stirne und die Augen senkend … »ich begreife nicht … nein, nein, ihr könnt dem Glücke, das Eurer harrt, unmöglich entgehen …«

»Es gibt vier Heinrich in diesem Saale, meine Angebetete,« versetzte der König, »Heinrich von Frankreich, Heinrich von Condé, Heinrich von Guise; aber es gibt nur einen Heinrich von Navarra.«

»Nun?«

»Nun wenn Ihr diesen Heinrich von Navarra die ganze Nacht bei Euch hättet?«

»Diese ganze Nacht?«

»Ja, werdet Ihr dann überzeugt sein, daß er bei keiner Andern ist?«

»Ah! wenn Ihr das thut, Sire?« rief die Dame von Sauve.

»Bei meinem adeligen Worte, ich thue es!«

Frau von Sauves schlug ihre von wollüstigen Versprechungen feuchten Augen auf und lächelte dem König zu, dessen Herz sich mit berauschender Freude füllte.

»Lasst hören,« versetzte Heinrich, »was werdet Ihr dann sagen?«

»Oh, dann werde ich sagen,« antwortete Charlotte, »ich sei wirklich von Eurer Majestät geliebt.«

»Ventre-saint-gris! Ihr müßt es sagen, denn es ist so, Baronin!«

»Aber was ist zu thun?« murmelte Frau von Sauves.

»Ah, bei Gott, Baronin, Ihr müßt nothwendig in Eurer Umgebung irgend eine Kammerfrau, irgend eine Zofe haben, auf die Ihr Euch verlassen könnt.«

»Oh, ich habe Dariole, die mir sehr ergeben ist, die sich für mich in Stücke zuschneiden ließe, ein wahrer Schatz!«

»Bei Gott, Baronin, sagt dieser Zofe, ich werde ihr Glück machen, wenn ich einmal König von Frankreich bin, wie mir die Astrologen weissagen.«

Charlotte lächelte, denn schon zu dieser Zeit war der gascognische Ruf des Bearners in Beziehung auf Versprechungen gegründet.

»Nun? sagte sie, »was verlangt Ihr von Dariole?«

»Sehr wenig für sie, Alles für mich.«

»Laßt hören.«

»Eure Gemach liegt über dem meinigen?«

»Ja.«

Sie warte an der Thüre. Ich klopfe dreimal an, sie wird öffnen, und Ihr habt den Beweis, den ich Euch anbot.«

Frau von Sauves schwieg ein paar Sekunden; dann, als ob sie um sich her geschaut hätte, um nicht gehört zu werden, heftete sie einen Moment ihre Augen auf die Gruppe, welche bei der Königin Mutter weilte; aber so kurz dieser Moment auch war, so genügte er doch das Catharina und ihre Kammerdame einen Blick austauschten.

»Oh, wenn ich wollte,« sagte Frau von Sauves, mit einem Sirenentone, der das Wachs in den Ohren von Ulysses schmelzen gemacht hatte, »wenn ich Eure Majestät auf einer Lüge ertappen wollte …«

»Versucht es, mein Herz. versucht es …«

»Ah, meiner Treue! ich bekämpfe die Lust dazu.«

»Seht Euch besiegt; die Frauen sind nie stärker, als nach ihrer Niederlage.«

»Sire, ich nehme Euer Versprechen für Dariole an, … am Tage, wo Ihr König von Frankreich werdet …«

Heinrich stieß einen Freudenschrei aus.

Dieser Schrei entschlüpfte dem Munde des Bearners gerade in dem Augenblick, wo die Königin von Navarra dem Herzog von Guise antwortete.

Noctu pro more– diese Nacht wie gewöhnlich.

Heinrich entfernte sich nun von Frau von Sauves, so glücklich als der Herzog von Guise war, da er sich von Margarethe von Valois entfernte.

Eine Stunde nach dieser Doppelscene zogen sich der König Karl und die Königin Mutter in ihre Gemächer zurück. Sogleich fingen die Säle an sich zu leeren, die Gallerien ließen die Base ihrer Marmorsäulen erschauen, der Admiral und der Prinz von Condé wurden von vierhundert hugenottischen Edelleuten mitten durch die bei ihrer Erscheinung murrende Menge geführt. Heinrich von Guise entfernte sich ebenfalls mit den lothringischen Herren und den Katholiken, geleitet von dem Freudengeschrei und dem Beifallklatschen des Volkes.

Was Margarethe von Valois, Heinrich von Navarra und Frau von Sauves betrifft, so weiß man, daß sie im Louvre selbst blieben.

II.
Das Gemach der Königin von Navarra

Der Herzog von Guise führte seine Schwägerin die Herzogin von Nevers, in ihr Hotel zurück, das in der Rue du Chaume, der Rue de Brac gegenüber, lag, und ging, nachdem er sie ihren Frauen übergeben hatte, in seine Wohnung, um die Kleider zu wechseln, einen Nachtmantel anzuziehen und sich mit einem von den kurzen, spitzigen Dolchen zu bewaffnen, die man ein Edelmannswort nannte und die ohne den Degen getragen wurden. Im Augenblicke aber, wo er den Dolch von dem Tische nahm, auf welchem er lag, erblickte er ein kleines Billet, das zwischen der Klinge und der Scheide stack.

Er öffnete es und las, wie folgt:

»Ich hoffe, daß Herr von Guise diese Nacht nicht in den Louvre zurückkehren wird, oder wenn er zurückkehrt, daß er wenigstens so vorsichtig sein wird, sich mit einem guten Panzerhemde und einem guten Schwerte zu bewaffnen.«

»Ah! Ah!« sprach der Herzog, sich gegen seinen Kammerdiener umwendend, »das ist eine seltsame Warnung, Meister Robin. Mache mir doch das Vergnügen, mir zu sagen, welche Personen während meiner Abwesenheit hier eingedrungen sind?«

«Eine einzige, Monseigneur.«

»Welche?«

»Herr du Gast.«

»In der That, ich glaubte seine Handschrift zu erkennen. Weißt Du gewiß, das du Gast hierher gekommen ist? hast Du ihn gesehen?«

»Ich habe mehr gethan, Monseigneur, ich habe mit ihm gesprochen.«

»Gut, ich werde seinen Rath befolgen. Meine Jacke und meinen Degen.«

An ein solches Kleiderwechseln gewöhnt, brachte der Kammerdiener das Eine und das Andere. Der Herzog legte nun seine Jacke an, welche aus so geschmeidigen Kettengliedern bestand, das das Stahlgewebe kaum dicker war, als Sammet; dann streifte er darüber eine Hose und ein grau und silbernes Wamms, was seine Lieblingsfarbe war, zog lange Stiefeln an, welche bis an die Mitte seiner Lenden gingen, setzte ein schwarzes Sammetbaret ohne Federn und Edelsteine auf, hüllte sich in einen Mantel von düsterer Farbe, steckte einen Dolch in den Gürtel, gab seinen Degen in die Hände eines Pagen, der einzigen Escorte, von der er sich wollte begleiten lassen, und schlug den Weg nach dem Louvre ein. Als er aus dem Hotel trat, kündigte der Wächter von Saint-Germain-l’Auxerrois ein Uhr Morgens an.

So weit die Stunde auch vorgerückt war und so wenig Sicherheit man damals auf den Straßen hatte, so begegnete dem abenteuerlichen Prinzen aus dem Wege doch kein Unfall, und er gelangte wohlbehalten vor die colossale Masse des alten Louvre, der sich, nachdem alle seine Lichter allmählich erloschen waren, furchtbar in seinem Schweigen und in seiner Dunkelheit erhob.

Vor dem königlichen Schlosse breitete sich ein tiefer Graben ans, auf den die meisten Zimmer der im Palaste wohnenden Prinzen gingen. Die Gemächer von Margarethe lagen im ersten Stocke.

Dieser, wenn kein Graben da gewesen wäre, zugängliche, erste Stock war in Folge der Verschanzung beinahe dreißig Fuß hoch und folglich außer dem Bereiche der Liebenden und der Diebe, was den Herrn Herzog von Guise nicht abhielt, muthig in den Graben hinabzusteigen.

In demselben Augenblick hörte man das Geräusch eines Fensters, das im Erdgeschosse geöffnet wurde.

Dieses Fenster war vergittert, aber es erschien eine Hand, hob eine zum Voraus losgemachte Stange aus und ließ durch diese Öffnung eine seidene Schlinge herabhängen.

»Seid Ihr es, Gillonne?« sagte der Herzog mit leiser Stimme.

»Ja,« antwortete eine Weiberstimme noch leiser.

»Und Margarethe?« -

»Sie erwartet Euch.«

»Gut.«

Bei diesen Worten machte der Herzog seinem Pagen ein Zeichen; er öffnete seinen Mantel und entrollte eine kleine Strickleiter. Der Prinz knüpfte eines von den Enden der Leiter an die herabhängende Schlinge. Gillonne zog die Leiter an sich, befestigte sie und der Prinz fing an, nachdem er seinen Degen, an den Gürtel geschnallt hatte, hinaufzusteigen, und erreichte die Höhe ohne einen Unfall. Hinter ihm wurde die Stange wieder an ihren Platz gebracht, das Fenster schloß sich und der Page, nachdem er seinen Herrn friedlich hatte in den Louvre schlüpfen sehen, zu dessen Fenstern er ihm wohl mehr als zwanzigmal auf dieselbe Weise gefolgt war, legte sich, in seinen Mantel gehüllt, auf den Boden des Grabens und in den Schatten der Mauer.

Es war eine finstere Nacht und einige Tropfen fielen lau und breit aus der mit Schwefel und electrischem Stoffe beladenen Wolke.

Der Herzog von Guise folgte der Führerin, welche nichts Geringeres war, als die Tochter von Jacob von Matignon Marschall von Frankreich! Sie war die innige Vertraute von Margarethe, welche kein Geheimnis vor ihr hatte, und man behauptete, unter der Zahl der Mysterien, welche ihre unbestechliche Treue verschloß, wären so furchtbare, daß diese sie nöthigten auch die andern zu bewahren.

Es war weder in den unteren Zimmern noch in den Gängen ein Licht geblieben; nur von Zeit zu Zeit beleuchtete ein bleicher Blitz die düsteren Gemächer mit einem bläulichen Reflexe, der sogleich wieder verwand.

Beständig von seiner Führerin geleitet, die ihn an der Land hielt, erreichte der Herzog endlich eine in der tiefe einer Mauer angebrachte Wendeltreppe, die sich durch eine geheime, unsichtbare Thüre in das Vorgemach der Wohnung von Margarethe öffnete.

Das Vorgemach war wie die Säle unten, wie die Corridors, wie die Treppen, in tiefe Finsternis gehüllt.

In diesem Vorgemache angelangt, blieb Gillonne stille stehen.

»Habt Ihr mitgebracht, was die Königin zu haben wünscht? fragte sie mit leiser Stimme.

»Ja,« antwortete der Herzog von Guise, »aber ich werde es nur Ihrer Majestät selbst zustellen.«

»Kommt also, und zwar ohne einen Augenblick zu verlieren,« sprach nun mitten in der Dunkelheit eine Stimme, die den Herzog beben machte, denn er erkannte darin die von Margarethe.

Und zu gleicher Zeit öffnete sich eine Portiére von veilchenblauem, mit goldenen Lilien bestreutem Sammet. Der Herzog erblickte im Schatten die Königin selbst, welche ihm in ihrer Ungeduld entgegengegangen war.

»Hier bin ich, Madame,« sprach der Herzog. Und er schlüpfte rasch auf die andere Seite der Portiére welche hinter ihm herabfiel.

Nun war es an Margarethe von Valois, dem Prinzen in der ihm übrigens wohl bekannten Wohnung als Führerin zu dienen, während Gillonne, welche an der Thüre geblieben war, den Finger an ihren Mund legend, ihre königliche Gebieterin beruhigt hatte.

Margarethe führte den Herzog, als hätte sie seine eifersüchtige Unruhe errathen, bis in ihr Schlafgemach. Hier blieb sie stille stehen.

»Nun!« sagte sie zu ihm, »seid Ihr zufrieden, Herzog?«

»Zufrieden, Madame?« fragte dieser, »ich bitte Euch worüber?«

»Ueber diesen Beweis, den ich Euch gebe,« versetzte Margarethe mit einem leichten Ausdrucke des Ärgers, »daß ich einem Manne angehöre, der an dem Abend seiner Verheirathung, ja sogar in der Hochzeitnacht sich so wenig aus mir macht, daß er nicht einmal gekommen ist, um mir für die Ehre zu danken, die ich ihm erwies, nicht daß ich ihn wählte, sondern das ich ihn zum Gemahl annahm.«

»Oh! Madame,« versetzte der Herzog traurig, »seid unbesorgt, er wird noch kommen, besonders wenn Ihr es wünscht.«

»Und Ihr sagt dies, Heinrich,« rief Margarethe, »Ihr, der Ihr unter Allen gerade das Gegentheil von dem wißt, was Ihr sagt! Hätte ich den Wunsch, den Ihr bei mir voraussetzt, würde ich Euch dann gebeten haben, in den Louvre zu kommen?«

»Ihr habt mich gebeten, in den Louvre zukommen, Margarethe, weil Ihr jede Spur unserer Vergangenheit zu tilgen wünscht, und weil diese Vergangenheit nicht nur in meinem Herzen, sondern auch in diesem silbernen Kistchen lebte, das ich Euch überbringe.«

«Heinrich, soll ich Euch etwas sagen?« versetzte Margarethe, und schaute den Herzog dabei fest an. »Ihr macht nicht mehr die Wirkung eines Prinzen, sondern die eines Schülers auf mich. Ich leugnen, daß ich Euch geliebt habe! Ich eine Flamme ersticken wollen, welche vielleicht sterben wird, deren Reflex aber nie stirbt! Denn die Liebschaften von Personen meines Ranges beleuchten und verzehren oft ihre ganze Epoche; nein, nein, mein Herzog! Ihr könnt die Briefe Eurer Margarethe und das Kistchen, das sie Euch gegeben hat, behalten. Von allen Briefen, welche dieses Kistchen enthält, verlangt sie nur einen einzigen, und zwar nur, weil dieser Brief eben so gefährlich für Euch, als für sie ist.«

»Alles gehört Euch,« sprach der Herzog, »nehmt also den heraus, welchen Ihr vernichten wollt.«

Margarethe durchwühlte rasch das offene Kistchen und nahm, einen nach dem andern, ein Dutzend Briefe heraus, deren Adresse sie zu beschauen sich begnügte, als ob bei der Ansicht dieser Adressen allein ihr Gedächtniß sie an den Inhalt der Briefe erinnerte; aber an das Ende ihrer Forschung gelangt, schaute sie den Herzog an und sagte erbleichend.

»Mein Herr, der Brief, den ich suche, ist nicht hier; solltet Ihr ihn zufällig verloren haben? denn daß er abgeliefert worden ist …«

»Welchen Brief sucht Ihr, Madame?«

»Denjenigen, in welchem ich Euch schrieb, Ihr solltet Euch sogleich verheirathen.«

»Um Eure Untreue zu entschuldigen.«

Margarethe zuckte die Achseln.

»Nein, sondern um Euch das Leben zu retten. Derjenige, in welchem ich Euch sagte, daß der König unsere Liebe und meine Bemühungen, Eure zukünftige Verbindung mit der Infantin von Portugal abzubrechen, wahrnehmend, seinen Bruder, den Bastard von Angoulème habe kommen lassen und, ihm zwei Schwerter zeigend, gesagt habe: »»Mit diesem tödte heute Abend Heinrich von Guise oder ich tödte Dich morgen mit Jenem.«« Dieser Brief, wo ist er?«

»Hier,« antwortete der Herzog und zog ihn aus seiner Brust hervor.

»Margarete riß ihn beinahe seinen Händen, öffnete ihn rasch. versicherte sich, daß es wirklich der geforderte war, stieß ein Freudengeschrei aus und näherte ihn der Kerze. Die Flamme theilte sich sogleich dem Papier mit, das in einem Augenblick von dem Feuer verzehrt war. Dann, als hätte Margarethe gefürchtet, man könnte den unklugen Rath sogar in der Asche suchen, zertrat sie diese unter ihren Füßen. Der Herzog von Guise folgte während dieser ganzen fieberhaften Geschäftigkeit seiner Geliebten mit den Augen.

»Nun, Margarethe,« sprach er, als sie damit zu Ende war, »seid Ihr jetzt zufrieden?«

»Ja, denn da Ihr nun die Prinzessin von Porcian geheirathet habt, so wird mir mein Bruder Eure Liebe verzeihen, während er mir die Enthüllung eines Geheimnisses wie dieses, das ich in meiner Schwäche vor Euch zu verbergen nicht die Kraft hatte, nie verziehen hätte.«

»Das ist wahr,« sprach der Herzog von Guise, »zu jener Zeit liebtet Ihr mich.«

»Ich liebe Euch noch, Heinrich, ich liebe Euch noch eben so sehr, und vielleicht mehr als je.«

»Ihr …«

»Ja, ich, denn mehr als je bedarf ich heute eines aufrichtigen und ergebenen Freundes. Als Königin habe ich keinen Thron, als Frau keinen Gatten.«

Der Prinz schüttelte traurig den Kopf.

»Aber wenn ich Euch sage, wenn ich Euch wiederhole, daß mein Gatte mich nicht nur nicht liebt, sondern daß er mich haßt, daß er mich verachtet … Ueberdies scheint mir Eure Anwesenheit in dem Zimmer, wo er sein sollte, ein vollgültiger Beweis für diesen Haß und diese Verachtung zu sein.«

»Es ist noch nicht spät, Madame, und der König von Navarra brauchte Zeit, um seine Edelleute zu entlassen. Ist er noch nicht gekommen, so wird er doch bald erscheinen.«

»Und ich sage Euch,« rief Margarethe mit wachsendem Ärger, »ich sage Euch, daß er nicht kommen wird.«

»Madame!« rief Gillonne, die Thüre öffnend und die Portiére aufhebend, »Madame, der König von Navarra verläßt sein Gemach.«

»Oh! ich wußte es wohl, daß er kommen würde,« sprach der Herzog von Guise.

»Heinrich,« sagte Margarethe mit kurzem Tone, und den Herzog bei der Hand ergreifend, »Heinrich, Ihr sollt sehen, ob ich eine Frau von Wort bin und ob man auf das, was ich einmal gesprochen habe, bauen kann. Heinrich, tretet in dieses Cabinet.«

»Madame, laßt mich gehen, wenn es noch Zeit ist, denn bedenkt, daß ich bei dem ersten Zeichen von Liebe, das er Euch gibt, dieses Cabinet verlasse … und dann, wehe ihm!«

»Ihr seid ein Narr; geht hinein, geht hinein, sage ich Euch, ich stehe für Alles.«

Und sie stieß den Herzog in das Cabinet.

Es war die höchste Zeit. Kaum war die Thüre hinter dem Prinzen geschlossen, als der König von Navarra, begleitet von zwei Pagen, welche acht rosenfarbige Kerzen auf zwei Candelabern trugen, lächelnd auf der Schwelle des Gemaches erschien.

Margarethe verbarg ihre Unruhe unter einer tiefen Verbeugung.

»Ihr seid noch nicht zu Bette?« fragte der Bearner mit seinem offenen, heiteren Gesichte. »Habt Ihr mich zufällig erwartet?«

»Nein, Herr,« antwortete Margarethe, »denn noch gestern sagtet Ihr mir, Ihr wüßtet wohl, unsere Heirath wäre nur eine politische Verbindung, und Ihr würdet mir nie Zwang anthun.«

»Ganz gut; das ist aber kein Grund, daß wir nicht ein wenig miteinander plaudern sollten. »Gillonne, schließt die Thüre und laßt uns allein.«

Margarethe stand auf und streckte die Hand aus, als wollte sie den Pagen befehlen, zu bleiben.

»Soll ich Euere Frauen rufen?« fragte der König. »Ich werde es thun, wenn Ihr es wünscht, obgleich es mir in Beziehung auf die Dinge, welche ich Euch zu sagen habe, lieber wäre, wenn wir unter vier Augen blieben.«

Und der König von Navarra ging auf das Cabinet zu.

»Nein,« rief Margarethe, ihm ungestüm entgegentretend, »nein, es ist unnöthig, ich bin bereit, Euch zu hören.«

Der Bearner wußte, was er wissen wollte; er warf einen raschen, scharfen Blick nach dem Cabinet, als hätte er, trotz des Vorhanges, der es bedeckte, seine düsterste Tiefe durchdringen wollen; dann aber sprach er, seine Blicke wieder auf seine vor Schrecken bleiche Gemahlin zurücklenkend:

»Wenn Ihr so wollt, plaudern wir einen Augenblick.«

»Wie es Euerer Majestät gefällig ist,« antwortete die junge Frau, auf den Stuhl, den ihr Gemahl ihr bezeichnete, mehr zurückfallend, als sich setzend.

Der Bearner setzte sich neben sie.

»Madame,« fuhr er fort, »was auch viele Leute sagen mochten, unsere Heirath ist eine gute Heirath. Ich bin gut für Euch und Ihr seid gut für mich.«

»Aber, …« sprach Margarethe erschrocken.

»Wir müssen also,« fuhr der König von Navarra fort, ohne daß er das Zögern von Margarethe zu bemerken schien, »wir müssen als gute Verbündete gegen einander handeln, da wir heute vor Gott einen Bund und beschworen haben. Ist das nicht auch Eure Meinung?«

»Allerdings.«

»Ich weiß, Madame, wie groß Euer Scharfsinn ist; ich weiß, wie der Boden des Hofes von gefährlichen Abgründen durchzogen ist; nun aber bin ich jung, und habe, obgleich ich nie einem Menschen Böses zufügte, eine Menge von Feinden. Zu welchem Lager muß ich diejenige rechnen, Madame, welche meinen Namen führt und mir vor dem Altare Ergebenheit geschworen hat?«

»Oh! Herr, könntet Ihr denken …«

»Ich denke nichts, Madame, ich hoffe und will mich versichern, daß meine Hoffnung gegründet ist. Unsere Heirath ist offenbar nur ein Vorwand oder eine Falle.«

Margarethe bebte, dieser Gedanke hatte sich auch vielleicht in ihrem Geiste geregt.

»Sprecht nun, welches von Beiden ist es?« fuhr Heinrich von Navarra fort. »Der König haßt mich, der Herzog von Anjou haßt mich, der Herzog von Alençon hast mich, Catharina von Medicis haßte meine Mutter zu sehr, um mich nicht auch zu hassen.«

»Oh! Herr, was sagt Ihr?« »

»Die Wahrheit, Madame,« versetzte der König, »und damit man nicht glauben möchte, ich wäre blind in Beziehung auf die Ermordung von Herrn von Mouy und die Vergiftung meiner Mutter, wünschte ich wohl, es wäre Jemand hier, der mich hören könnte.«

»Oh! Herr,« rief Margarethe lebhaft und mit der ruhigsten, lächelndsten Miene, die sie anzunehmen vermochte, »Ihr wißt, daß Niemand außer Euch und mir hier ist.«

»Das ist es gerade, warum ich mich gehen lasse, das ist es, warum ich Euch zu sagen wage, daß ich weder der Thor der Schmeicheleien des Hauses Frankreich, noch der des Hauses Lothringen bin.«

»Sire! Sire!« rief Margarethe.

»Nun, was gibt es denn?« fragte Heinrich lächelnd.

»Was es gibt? … Solche Gespräche sind gefährlich.«

»Wenn man allein ist, nicht,« versetzte der König. »Ich sagte Euch also …«

Margarethe war sichtbar auf der Folter; sie hätte gern ein Wort auf den Lippen des Königs zurückgehalten, aber Heinrich fuhr mit seiner scheinbaren Gutmüthigkeit fort.

»Ich sagte Euch also, ich wäre von allen Seiten bedroht, bedroht von dem König, bedroht von dem Herzog von Alençon, bedroht von dem Herzog von Anjou bedroht von der Königin Mutter, bedroht von dem Herzog von Guise, bedroht von dem Cardinal von Lothringen, kurz bedroht von aller Welt. Man fühlt das instinktartig, Ihr wißt es, Madame. Gegen alle diese Drohungen, welche bald Angriffe werden müssen, kann ich mich nur mit Eurer Hilfe vertheidigen; denn Ihr seid geliebt von allen Personen, die mich verwünschen.«

»Ich!« sprach Margarethe.

»Ja, Ihr,« versetzte Heinrich mit dem gutmüthigsten Tone, »ja, Ihr seid geliebt von König Karl; Ihr seid geliebt (er legte einen besondern Nachdruck auf dieses Wort) von dem Herzog von Alençon; Ihr seid geliebt von der Königin Catharina; Ihr seid geliebt von dem Herzog von Guise.«

»Mein Herr!« murmelte Margarethe.

»Nun, darf man sich denn wundern, daß Ihr von aller Welt geliebt seid? Diejenigen, welche ich Euch nannte, sind Eure Brüder oder Eure Verwandten. Seine Brüder und Verwandten lieben heißt nach dem Sinne Gottes leben.«

»Aber worauf zielt Ihr denn am Ende ab?« versetze Margarethe.

»Hört: wenn Ihr Euch, ich sage nicht zu meiner Freundin, sondern zu meiner Verbündeten macht, kann ich Allen Trotz bieten, während ich, wenn Ihr Euch zu meiner Feindin macht, im Gegentheil verloren bin.«

»Oh! Eure Feindin, nie Herr,« rief Margarethe.

»Meine Freundin, ebenfalls nie?…«

»Vielleicht.«

»Und meine Verbündete?«

»Gewiß.«

Und Margarethe wandte sich um und reichte dem König die Hand.

Heinrich nahm sie, küßte sie höflich und sprach, die Hand seiner Gemahlin mehr in einem Verlangen zu forschen, als durch ein Gefühl der Zärtlichkeit in der seinigen behaltend:

»Wohl, ich glaube Euch und nehme Euch als Verbündete an. Man hat uns verheirathet, ohne daß wir uns kannten, ohne daß wir uns liebten; man hat uns verheirathet, ohne uns um unsere Meinung zu fragen. Wir sind uns daher als Mann und Frau nichts schuldig. Ihr seht, Madame, daß ich Euren Wünschen entgegenkomme und daß ich heute bestätige, was ich Euch gestern sagte. Aber wir schließen freiwillig eine Verbindung, zu der uns Niemand zwingt. Wir verbinden uns, wie sich zwei redliche Herzen, die sich gegenseitig Schutz schuldig sind, verbinden; so versteht Ihr doch die Sache?«

»Ja, Herr,« erwiederte Margarethe und suchte ihre Hand zurückzuziehen.

»Nun wohl!« sprach der Bearner, die Augen beständig auf die Thüre des Cabinets geheftet, »da unbeschränkte Offenherzigkeit die erste Probe einer freien, redlichen Verbindung ist, so will ich Euch in allen seinen Einzelheiten den Plan mittheilen, den ich entworfen habe, um alle diese Feindseligkeiten siegreich zu bekämpfen.«

»Herr« … murmelte Margarethe, ihre Augen unwillkürlich ebenfalls nach dem Cabinet wendend, während der Bearner, da er seine List gelungen sah, in den Bart lachte.

»Hört also, was ich thun will,« fuhr er fort, indem er sich den Anschein gab, als bemerkte er die Unruhe der jungen Frau gar nicht, »ich will …«

»Herr,« rief Margarethe aufstehend und den König beim Arme fassend, »erlaubt, daß ich Athem schöpfe die Aufregung, die Hitze, ich ersticke …«

Margarethe war wirklich bleich und zitterte, als ob sie zu Boden sinken wollte.

Heinrich eilte auf ein in gehöriger Entfernung liegendes Fenster zu und öffnete es. Dieses Fenster ging auf den Fluß.

Margarethe folgte ihm.

»Stille! Stille! Sire! aus Schonung für Euch,« murmelte sie.

»Ei! Madame, versetzte der Bearner, »auf seine Weise lächelnd, »habt Ihr mir nicht gesagt, wir wären allein.«

»Ja, Herr, wißt Ihr aber nicht, daß man mittelst eines durch die Decke oder durch eine Wand geschehenen Rohres Alles hören kann?«

»Gut, Madame, gut,« sprach lebhaft und ganz leise der Bearner. »Ihr liebt mich nicht, aber Ihr seid eine redliche Frau.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Ich will damit sagen, daß Ihr, wenn Ihr fähig wäret, mich zu verrathen, mich hättet fortfahren lassen, da ich mich allein verrieth. Ihr habt mich zurückgehalten. Ich weiß nun, daß Jemand hier verborgen ist, daß Ihr eine ungetreue Gattin, aber eine getreue Verbündete seid, und für diesen Augenblick,« fügte der Bearner lächelnd bei, »bedarf ich offenherzig gestanden, mehr der Treue in der Politik, als in der Liebe.«

»Sire,« murmelte Margarethe ganz verwirrt.

»Gut, gut, wir sprechen von Allem dem später, wenn wir uns einander besser kennen werden,« sagte Heinrich.

Dann zuckte er die Achseln und fuhr fort:

»Athmet Ihr jetzt freier, Madame?«

»Ja, Sire, ja,« murmelte Margarethe.

»In diesem Fall,« verfehle der Bearner, »will ich Euch nicht länger belästigen. Ich war Euch nur meine Achtungsbezeigung und ein freundschaftliches Zuvorkommen schuldig. Wollt Beides, wie ich es biete, von gutem Herzen annehmen. Legt Euch nieder, und gute Nacht.«

Margarethe schlug zu ihrem Gemahl ein Auge, glänzend von Dankbarkeit auf, reichte ihm ebenfalls die Hand und sprach:

»Es ist abgemacht.«

»Politisches Bündniß frei und redlich?« fragte Heinrich.

»Frei und redlich.«

Dann ging der Bearner nach der Thüre, mit dem Blicke Margarethe wie bezaubert nach sich ziehend. Als der Vorhang zwischen ihnen und dem Schlafgemache niedergefallen war, sprach Heinrich rasch und mit leiser Stimme:

»Ich danke, Margarethe, ich danke! Ihr seid eine wahre Tochter von Frankreich. Ich scheide ruhig. In Ermangelung Euerer Liebe wird mir wenigstens Euere Freundschaft nicht entgehen. Ich zähle auf Euch, wie ihr auf mich zählen könnt. Gott befohlen, Madame!«

Und Heinrich küßte die Hand seiner Frau, während er dieselbe sanft drückte. Dann kehrte er mit schnellem Schritte in seine Wohnung zurück. Im Corridor aber sagte er zu sich selbst:

»Wer Teufel ist bei ihr? ist es der Königs ist es der Herzog von Alençon? ist es der Herzog von Guise? ist es ein Bruder? ist es ein Liebhaber? ist es das Eine und das Andere? In der That, es thut mir jetzt beinahe leid, daß ich mir von der Baronin die Zusammenkunft erbeten habe. Da aber mein Wort verpfändet ist, und Dariole mich erwartet… gleich viel;… ich fürchte, sie wird ein wenig dadurch verlieren, daß ich durch das Schlafgemach meiner Gemahlin gegangen bin, denn Ventre-saint-gris! diese Margot, wie sie mein Schwager, Karl IX. nennt, ist ein bewunderungswürdiges Geschöpf.

Mit einem Schritte, in dem sich ein leichtes Zögern verrieth, stieg Heinrich von Navarra die Treppe hinauf, welche zu den Gemächern von Frau von Sauves führte.

Margarethe war ihm mit den Augen gefolgt, bis er verschwand, und dann in ihr Zimmer zurückgekehrt.

Sie fand den Herzog an der Thüre des Cabinets. Dieser Anblick verursachte ihr beinahe einen Gewissensbiß.

Der Herzog war ernst, und seine gefaltete Stirne deutete bittere Gedanken an.

»Margarethe ist heute neutral,« sprach er, »Margarethe wird in acht Tagen feindselig sein.«

»Ihr, Ihr habt gehört?« versetzte Margarethe.

»Was sollte ich in dem Cabinet thun?«

»Und Ihr findet, »daß ich mich anders benommen habe, als sich die Konigin von Navarra benehmen mußte?«

»Nein, aber anders, als sich die Geliebte des Herzogs von Guise zu benehmen hatte.

»Mein Herr,« antwortete die Königin, »ich kann meinen Gemahl nicht lieben, aber Niemand ist berechtigt, von mir zu verlangen, daß ich ihn verrathe. Sprecht ehrlich, würdet Ihr die Geheimnisse der Prinzessin von Porcian, Euerer Gemahlin, verrathen?«

»Gut, gut, Madame,« versetzte der Herzog, den Kopf schüttelnd. »Ich sehe, daß ihr mich nicht mehr liebt, wie in den Tagen, wo Ihr mir erzähltet, was der König gegen mich und die Meinigen anzettelte.«

»Der König war der Starke, und Ihr waret die Schwachen. Heinrich ist der Schwache und ihr seid die Starken. Ich spiele immer dieselbe Rolle, wie Ihr seht.«

»Nur geht Ihr von einem Lager in das andere über.«

»Das ist ein Recht, welches ich erlangte, indem ich Euch das Leben rettete.«

»Wohl, Madame, und da man, wenn man sich trennt, unter Liebenden Alles das zurückgibt, was man sich zuvor geschenkt hat, so werde ich Euch ebenfalls das Leben retten, und wir sind quitt.«

Und der Herzog verbeugte sich und ging ab, ohne daß Margarethe auch nur eine Geberde machte, um ihn zurückzuhalten.

Im Vorzimmer fand er Gillonne, die ihn bis in das Zimmer des Erdgeschosses führte, und in dem Graben seinen Pagen, mit welchem er in das Hotel Guise zurückkehrte.

Während dieser Zeit stellte sich Margarethe, in Träume versunken, an ihr Fenster.

»Welch eine Hochzeitnacht!« murmelte sie, »der Gemahl flieht mich und der Geliebte verläßt mich!«

In diesem Augenblick ging auf der andern Seite des Grabens ein von der Tour de Bois zurückkehrender Schüler, die Faust auf der Hüfte, vorüber und sang:

 
Pourquoi doncques quand je veux
Ou mordre tes beaux cheveux,
Ou baiser ta bouche aimée,
Ou toucher à ton beau sein,
Contrefais-tu la nonnain
Dedans un cloitre enfermée?
 
 
Pourquoi gardes-tu tes yeux
Et ton sein delicieux,
Ton front, ta lèvre jumelle?
En veux-tu baiser Plutou,
Là-bas après que Caron,
T’aura mise en sa nacelle?
 
 
Après ton dernier trépas,
Belle, tu n’auras là-bas
Qu’une bouchette blêmie;
Et quand, mort, je te verrai,
Aux ombres je n’avouerai
Que jadis tu fus ma mie!
 
 
Doncques tandis que tu vis,
Change, maîtresse, d’avis,
Et ne m'épargne ta bouche
Car au jour ou tu mourras
Lors tu te repentiras
De m’avoir été farouche.1
 

Margarethe hörte schwermüthig lächelnd auf diesen Gesang. Als aber die Stimme des Schülers sich in der Ferne verloren hatte, schloß sie das Fenster wieder und rief Gillonne, um sich auskleiden zu lassen.

III.
Ein königlicher Dichter

Der andere Tag und die darauf folgenden vergingen in Festen, Schauspielen und Turnieren. Dieselbe Vermischung unter den zwei Parteien dauerte fort. Es fanden Liebkosungen und zärtliche Freundschaftsbetheuerungen statt, daß auch der wüthendste Hugenotte den Kopf verlieren mußte. Man sah den Vater Cotton mit dem Baron von Courtaumer zu Mittag speisen und schweigen, den Herzog von Guise mit dem Prinzen von Condé eine Lustpartie auf der Seine machen. Der König schien sich von seiner gewöhnlichen Schwermuth geschieden zu haben und konnte seinen Schwager Heinrich nicht mehr entbehren. Die Königin Mutter endlich war so lustig und so mit Stickereien, Juwelen und Helmzierden beschäftigt, daß sie darüber den Schlaf verlor.

Etwas verweichlicht durch dieses neue Capua fingen die Hugenotten an, sich wieder in seidene Wämser zu kleiden, Devisen aufzustellen und vor gewissen Balcons zu paradiren, als ob sie Katholiken gewesen wären. Von allen Seiten bemerkte man eine Reaktion zu Gunsten der reformirten Religion, daß man hätte glauben sollen, der ganze Hof wolle protestantisch werden. Der Admiral selbst ließ sich, trotz seiner Erfahrung wie die Andern täuschen, und sein Kopf war so sehr eingenommen, daß er eines Abends zwei Stunden lang seinen Zahnstocher zu gebrauchen vergaß, eine Beschäftigung der er sich gewöhnlich von zwei Uhr Mittags, wo er sein Mittagsbrod endigte, bis acht Uhr Abends, d. h. bis zu dem Augenblick überließ, wo er sich zu Tische setzte, um zu Nacht zu speisen.

An dem Abend, an welchem der Admiral sich dieses unglaubliche Vergessen seiner Gewohnheiten zu Schulden kommen ließ, hatte Karl IX. Heinrich von Navarra und den Herzog von Guise zum Goûter2 eingeladen; als dieses vorüber war, ging er mit ihnen in sein Zimmer und erklärte ihnen den geistreichen Mechanismus einer Wolfsfalle, die er selbst erfunden hatte, als er plötzlich, sich selbst unterbrechend, fragte:

»Kommt der Herr Admiral diesen Abend nicht? wer hat ihn heute gesehen? wer kann mir Kunde von ihm geben?«

»Ich,« sagte der Herzog von Navarra, »falls Eure Majestät um seine Gesundheit besorgt wäre, könnte ich sie beruhigen, denn ich habe ihn diesen Morgen um sechs Uhr und diesen Abend um sieben Uhr gesehen.«

»Ah, ah!« sprach der König, dessen einen Moment zerstreute Augen mit durchdringender Neugierde auf einem Schwager ruhten, »Ihr steht für einen jungen Mann sehr frühe auf, Heinrich.«

»Ja, Sire,« antwortete der König von Bearn, »ich wollte mich bei dem Cardinal, der Alles weiß, erkundigen, ob einige Edelleute, die ich erwarte; noch nicht auf dem Wege wären.«

»Noch mehr Edelleute? Ihr hattet achthundert an Eurem Hochzeitsfeste, und jeden Tag kommen neue hinzu. Wollt Ihr uns denn überschwemmen?« sprach Karl lächelnd.

Der Herzog von Guise faltete die Stirne.

»Sire,« versetzte der Bearner,« man spricht von einem Unternehmen gegen Flandern, und ich sammle um mich her alle diejenigen meines Landes und der Umgegend, von welchen ich glaube, sie könnten Eurer Majestät nützlich sein.«

Der Herzog erinnerte sich des angeblichen Planes, von dem der Bearner mit Margarethe an ihrem Hochzeitstage gesprochen hatte, und horchte aufmerksam.

»Gut, gut,« antwortete der König, »je mehr Ihr habt, desto zufriedener sind wir. Bringt sie, bringt sie, Heinrich! Aber was für Edelleute sind es, tapfere, wie ich hoffe?«

»Ich weiß nicht, Sire, ob meine Edelleute je so viel werth sein werden, als die Eurer Maßstab die des Herzogs von Anjou oder die des Herrn von Guise. Aber ich kenne sie und weiß, daß sie ihr Möglichstes thun werden.«

»Erwartet Ihr noch viele?«

»Noch zehn bis zwölf.«

»Sie heißen?«

«Sire, ihre Namen entgehen mir, und mit Ausnahme von einem derselben, der mir von Téligny als ein vollkommener Edelmann empfohlen ist und de La Mole heißt, wüßte ich nicht zu sagen …«

»De La Mole? ist es nicht ein Lerac de La Mole?« versetzte der König, welcher in der genealogischen Wissenschaft sehr bewundert war. »Ein Provençal?«

»Ganz richtig, Sire. Ihr seht, ich rekrutiere sogar bis in die Provence.

»Und ich,« sprach der Herzog von Guise mit einem spöttischen Lächeln, »ich gehe noch weiter, als Seine Majestät der König von Navarra, denn ich hole selbst in Piemont alle sichere Katholiken, die ich finden kann.«

»Katholiken oder Hugenotten,« unterbrach ihn der König »mir liegt wenig daran, wenn sie nur tapfer sind.«

Um diese Worte zu sagen, welche in seinem Geiste Hugenotten und Katholiken vermischten, hatte der König eine so gleichgültige Miene angenommen, daß der Herzog von Guise darüber erstaunt war.

»Eure Majestät beschäftigt sich mit uns Flamändern,« sagte der Admiral, dem von dem König seit einigen Tagen die Gunst, unangemeldet einzutreten, bewilligt worden war, und der die letzten Worte Seiner Majestät bei seinem Eintritt gehört hatte.

»Ah, hier ist mein Vater, der Admiral,« rief Karl IX., die Arme öffnend. »Man spricht vom Krieg, von Edelleuten, von Tapferen, und er kommt. Wo der Magnet ist, dahin dreht sich das Eisen. Mein Schwager von Navarra und mein Vetter von Guise erwarten Verstärkungen für Eure Armee. Hiervon ist die Rede.«

»Und diese Verstärkungen kommen,« sagte der Admiral.

»Habt Ihr Nachricht, Herr?« fragte der Bearner.

»Ja, mein Sohn, und besonders von Herrn de La Mole; er war gestern in Orléans und wird morgen oder übermorgen in Paris sein.«

»Teufel, der Herr Admiral ist also ein Nekromant, daß er so weiß, was in einer Entfernung von dreißig bis vierzig Meilen vorgeht? Ich meinerseits möchte wohl mit derselben Sicherheit wissen, was vor Orléans geschehen wird oder geschehen ist.«

Coligny blieb unempfindlich für diesen blutigen Stich des Herzogs von Guise, welcher offenbar auf den Tod von Franz von Guise, seinem Vater, anspielte, der vor Orléans von Poltrot de Mèrè ermordet worden war, nicht ohne daß man den Admiral im Verdacht hatte, er habe zu dem Verbrechen gerathen.

«Mein Herr,« versetzte er kalt und würdevoll, ich bin Nekromant, so oft ich bestimmt wissen will, was von wesentlichem Interesse für meine Angelegenheiten oder für die des Königs ist. Mein Eilbote ist vor einer Stunde von Orléans angekommen und hat mit der Post zweiunddreißig Lieues in einem Tage zurückgelegt. Herr de La Mole, welcher mit seinem Pferde reist, macht nur zehn des Tags, und wird erst am vierundzwanzigsten ankommen. Das ist die ganze Magie.«

»Bravo, mein Vater, gut geantwortet,« sagte Karl IX. »Zeigt diesen jungen Leuten, daß zugleich die Weisheit und das Alter Eure Haupthaare und Euren Bart gebleicht haben. Wir wollen sie auch fortschicken, daß sie von ihren Turnieren und Liebschaften plaudern, und beisammen bleiben, um von unsern Kriegen zu sprechen. Geht, meine Herren, ich habe mit dem Admiral zu reden.«

Die zwei Jungen Männer entfernten sich; der König von Navarra zuerst und der Herzog von Guise hernach; vor der Thüre aber ging jeder nach einer kalten Verbeugung auf einer andern Seite ab.

Coligny Folgte ihnen mit den Augen, nicht ohne eine gewisse Unruhe, denn er sah nie diese zwei eingewurzelten Leidenschaften des Hasses sich nähern, ohne daß irgend ein neuer Blitz daraus hervordrang. Karl IX. begriff, was in seinem Innern vorging, trat auf ihn zu, legte seinen Arm auf den des Admirals und sprach:

»Seid ruhig, mein Vater, ich bin da, um Jeden im Gehorsam und in der Achtung zu erhalten. Ich bin in Wahrheit König, seitdem meine Mutter nicht mehr Königin ist, und sie ist nicht mehr Königin, seitdem Coligny mein Vater ist.«

»Ah, Sire,« sprach der Admiral, »die Königin Catharina …«

»Ist eine Händelstifterin, mit ihr ist kein Friede möglich. Diese italienischen Katholiken sind wüthende Menschen, die von nichts wissen wollen, als von Ausrottung. Ich im Gegentheil will nicht nur Frieden stiften, sondern auch denen von Eurer Religion Macht verleihen. Die Andern sind zu leichtsinnig, mein Vater, sie scandalisiren mich durch ihre Liebschaften und durch ihren ungeordneten Lebenswandel. Soll ich offen mit Dir sprechen?« fuhr Karl IX., seine Treuherzigkeit verdoppelnd, fort. »Ich mißtraue meiner ganzen Umgebung, mit Ausnahme meiner neuen Freunde. Der Ehrgeiz von Tavannes ist mir verdächtig. Vieilleville liebt nur den guten Wein, und wäre im Stande, seinen König um ein Faß Malvasier zu verrathen. Montmorency kümmert sich nur um die Jagd und bringt seine Zeit zwischen seinen Hunden und seinen Falken hin. Der Graf von Retz ist Spanier, die Guisen sind Lothringer. Gott soll mir vergeben, aber ich glaube, es gibt in Frankreich keine wahre Franzosen, außer mir, meinem Schwager von Navarra und Dir. Doch ich bin an den Thron gefesselt und kann die Heere nicht befehligen. Man läßt mich kaum nach meinem Wohlgefallen in Saint Germain und in Rambouillet jagen. Mein Schwager von Navarra ist zu jung und hat zu wenig Erfahrung. Ueberdies scheint er mir in allen Stücken seinem Vater Anton ähnlich, den die Weiber stets verdorben haben. Nur Du, mein Vater, Du bist zugleich tapfer, wie Julius Cäsar, und weise wie Plato. Auch weiß ich in der That nicht, was ich thun soll: Dich als Rath hier behalten oder Dich als General abschicken. Wenn Du mir räthst, wer wird befehligen? Wenn Du befehligst, wer wird mir rathen?«

»Sire,« antwortete Coligny, »man muß zuerst siegen, der Rath wird nach dem Siege kommen.«

»Das ist Deine Ansicht, mein Vater? Wohl, es sei. Es soll nach Deiner Meinung verfahren werden. Du wirst Montag nach Flandern, und ich werde nach Amboise abreisen.«

»Euere Majestät verläßt Paris?«

»Ja. Ich bin alles dieses Geräusches, aller dieser Feste müde. Ich bin kein Mann der Thätigkeit, ich bin ein Träumer. Ich war nicht geboren, um ein König, sondern um ein Dichter zu werden. Du bildest eine Art von Rath, welcher regieren wird, während Du im Felde bist, und wenn sich meine Mutter nicht darein mischt, wird Alles gut gehen. Ich habe bereits Ronsard eingeladen, mich dort zu besuchen, und dann werden wir Beide ferne vom Geräusche der Welt, fern von den Bösen, unter unsern großen Bäumen, am Ufer des Flusses, beim Gemurmel der Bäche von göttlichen Dingen sprechen… es ist dies die einzige Entschädigung, die es da es auf Erden für menschliche Dinge gibt. Doch halt, höre die Verse, durch welche ich ihn einlade, ich habe sie diesen Morgen gemacht.«

Coligny lächelte, Karl IX. fuhr mit seiner Hand über seine gelbe, elfenbeinglatte Stirne, und sprach mit einem gewissen, nach dem Takte abgemessenen, Gesange folgende Verse:

 
Ronsard, je connais bien que si tu ne me voies,
Tu oublies soudain de ton grand roi la voix;
Mais pour ton souvenir, pense que je n’oublie
Continuer toujours d’appendre en poésie,
Et pour ce j’ai voulu t’envoyer cet esprit.
 
 
Donc ne t’amuse plus aux soins de ton ménage,
Maintenant n’est plus temps de faire jardinage;
Il faut suivre ton roi, qui t’aime par sus tous,
Pour les vers, qui de toi coulent braves et doux,
Et crois, si tu ne viens me voir à Amboise,
Qu’entre nous adviendra un bien grand noise.3
 

»Bravo, Sire, bravo!« rief Coligny, »ich verstehe mich besser auf den Krieg, als auf die Dichtkunst, aber es scheint mir, diese Verse sind soviel werth, als die besten von Ronsard, Dorat, und selbst von Herrn Michel de l’Hospital, dem Kanzler von Frankreich.«

»Ah, mein Vater, wie sprichst Du so wahr, denn siehst Du, der Titel eines Dichters ist derjenige, nach welchem ich vor allen andern trachte.«

»Sire,« versetzte Coligny, »ich wußte wohl, daß Euere Majestät mit den Musen sich unterhielt; aber ich wußte nicht, daß sie ihren ersten Rath daraus machte.«

»Nach Dir, mein Vater, nach Dir, und damit ich nicht in meiner Verbindung mit ihnen gestört werde, will ich Dich an die Spitze aller Angelegenheiten stellen. Höre also: ich muß in diesem Augenblick ein neues Madrigal beantworten, das mir mein großer und lieber Dichter zugeschickt hat. Ich kann Dir also zu dieser Stunde nicht alle Papiere geben, welche erforderlich sind, um Dich über die große Frage, die uns, Philipp II. und mich, trennt, auf das Laufende zu setzen. Ueberdieß liegt eine Art von Feldzugsplan vor, den meine Minister gemacht haben. Ich werde Dir Alles suchen und morgen früh übergeben.«

»Um welche Stunde, Sire?«

»Um zehn Uhr. Und wenn ich zufällig mit Versen beschäftigt und in meinem Abeitscabinet eingeschlossen wäre, so würdest Du dennoch hier eintreten und alle Papiere, die Du auf dem Tische in diesem rothen Portefeuille verwahrt fändest, mitnehmen. Die Farbe des Portefeuille ist so ausfallend, daß Du Dich nicht täuschen kannst. Ich schreibe nun an Ronsard.«

»Gott befohlen, Sire.«

»Gott befohlen, mein Vater.«

»Eure Hand?«

»Was sagst Du, meine Hand? In meine Arme, an mein Herz, das ist Dein Platz. Oh, mein alter Krieger, komm!«

Und Karl IX. zog Coligny, der sich verbeugte, an sich und drückte seine Lippen auf die weißen Haare des Admirals.«

Der Admiral entfernte sich, eine Thräne trocknend.

Karl IX. folgte ihm mit den Augen, so lange er ihn sehen konnte, horchte, so lange er ihn hören konnte.

Dann, als er nichts mehr sah und nichts mehr hörte, ließ er sein bleiches Haupt, wie dies seine Gewohnheit war, auf seine Schulter fallen und ging langsam von dem Zimmer, in welchem er sich befand, in sein Waffencabinet.

Dieses Cabinet war der Lieblingsaufenthalt des Königs. Hier nahm er seine Fechtstunden bei Pompée, seine Lectionen in der Dichtkunst bei Ronsard. Es fanden sich hier die schönsten Vertheidigungs- und Angriffswaffen in großer Auswahl vereinigt. Alle Wände waren mit Streitäxten, Schilden, Piken, Hellebarden, Pistolen und Musketen tapeziert, und an demselben Tage hatte ihm ein berühmter Waffenschmied eine Büchse gebracht, auf welcher in Silber folgende vier Verse incrustirt waren, die der königliche Dichter selbst verfaßt hatte:

 
Pour maintenir la foy,
Je suis belle et fidèle;
Aux suis Aux ennemis du roy Je suis belle et cruelle.4
 

Karl IX. trat also, wie gesagt, in dieses Cabinet ein, und nachdem er die Hauptthüre verschlossen hatte, hob er eine Tapete empor, welche einen Gang markirte, der nach einem kleinen Gemache führte, wo eine Frau, vor einem Betpulte knieend, ihr Gebet verrichtete.

Da sich diese Bewegung langsam bewerkstelligt hatte und die Tritte des Königs, durch den Teppich gedämpft, nicht stärker schallten, als die eines Gespenstes, so hörte die knieende Frau nichts, wandte sich nicht um und fuhr fort zu beten. Karl blieb einen Augenblick in Gedanken versunken und anschauend stille stehen.

Es war eine Frau von vierunddreißig bis fünfunddreißig Jahren, deren kräftige Schönheit noch mehr durch die Tracht der Bäuerinnen aus der Gegend von Caux hervorgehoben wurde. Sie trug die hohe Haube, welche während der Regierung von Isabeau von Baiern am Hofe von Frankreich so sehr in der Mode gewesen war, und ihr rothes Mieder war ganz mit Gold gestickt, wie es gegenwärtig die Mieder der Landleute von Nettuno und Sora sind. Das Gemach, welches sie seit beinahe zwanzig Jahren bewohnte, stieß an das Schlafzimmer des Königs und bot ein seltsames Gemisch von Eleganz und bäuerlichem Aussehen. Der Palast hatte sich ungefähr in gleichen Theilen an der Hütte abgefärbt, wie die Hütte an dem Palaste, so daß dieses Gemach etwa die Mitte zwischen der Einfachheit der Dorfbewohnerin und dem Luxus der vornehmen Dame hielt. Der Betpult, an welchem sie kniete, war wirklich von vortrefflich geschnitztem Eichenholz und mit Sammet bedeckt, den man mit reichen goldenen Fransen besetzt hatte, während die Bibel, denn diese Frau gehörte der reformirten Religion an, während die Bibel, aus der sie ihre Gebete las, eines von den alten halb zerrissenen Büchern war, wie man sie in den ärmsten Häusern trifft.

Alles Uebrige war nach Maßgabe dieses Betpultes und dieser Bibel.

»He, Madelon!« sagte der König.

Die knieende Frau schaute bei dem Tone dieser vertrauten Stimme lächelnd empor und stand auf.

»Ah, Du bist es, mein Sohn,« sagte sie.

»Ja, Amme, komm hierher.«

Karl IX. ließ den Thürvorhang niederfallen und setzte sich auf den Arm eines Lehnstuhles.

Die Amme trat zu ihm.

»Was willst Du von mir, Charlot?« fragte sie.

Die Amme näherte sich ihm mit einer Vertraulichkeit, die von der mütterlichen Zärtlichkeit herrühren mochte, welche die Frau für das Kind faßt, das sie gestillt hat, der jedoch die Pamphlete jener Zeit eine unendlich weniger reine Quelle geben.

»Hier bin ich,« sagte sie, »sprich!«

»Ist der Mann, den ich habe rufen lassen, hier?«

»Seit einer halben Stunde.«

Karl stand auf, näherte sich dem Fenster, schaute, ob Niemand auf der Lauer wäre, trat an die Thüre, spitzte das Ohr, um sich zu versichern, daß Niemand horchte, schüttelte den Staub von seinen Waffentrophäen, liebkoste einen großen Windhund, der ihm Schritt für Schritt folgte, stehen blieb, wenn sein Herr stille stand, wieder ging, wenn sein Herr sich in Bewegung setzte, und sagte sodann, zu der Amme zurückkehrend:

»Es ist gut, Amme, laß ihn eintreten.«

Die gute Frau entfernte sich durch denselben Gang, durch den sie eingetreten war, während der König sich auf einen Tisch stützte, auf welchem Waffen aller Art lagen.

Kaum hatte er diese Stellung genommen, als der Thürvorhang sich abermals hob und der Erwartete eintrat.

Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit grauem, schielendem Auge, mit einer nachteulenartig gebogenen Nase, mit hervorspringenden Backenknochen. Sein Gesicht suchte Ehrfurcht auszudrücken, lieferte aber nur ein heuchlerisches Lächeln auf seinen durch die Furcht gebleichten Lippen.

Karl streckte sachte hinter sich eine Hand aus, welche zu dem Kolben einer Pistole von neuer Erfindung gelangte, die mit Hilfe eines mit einem stählernen Rade in Berührung gebrachten Steines losging, statt daß man hier vorher eine Lunte gebraucht hätte, und schaute mit seinem matten Auge die neue Person an, welche wir so eben in die Scene gebracht haben. Während dieser Prüfung pfiff er mit merkwürdiger Richtigkeit und Melodie eines von seinen Lieblingsjagdliedern.

Nach einigen Secunden, in denen sich das Gesicht des Fremden immer mehr entfärbte, sagte der König zu ihm:

»Ihr seid es, den man Franz von Louviers-Maurevel nennt?«

»Ja, Sire.«

»Commandant der Petardirer?«

»Ja, Sire.«

»Ich wollte Euch sehen.«

Maurevel verbeugte sich.

»Ihr wißt,« fuhr Karl, auf jedes Wort einen besonderen Nachdruck legend, fort, »Ihr wißt, das ich alle meine Unterthanen gleichmäßig liebe.«

»Ich weiß,« stammelte Maurevel, »daß Eure Majestät der Vater seines Volkes ist.«

»Und daß Hugenotten und Katholiken gleichmäßig meine Kinder sind.«

Maurevel blieb stumm, nur wurde das Zittern, welches seinen Körper schüttelte, dem durchdringenden Blicke des Königs sichtbar, obgleich derjenige, zu welchem er sprach, beinahe im Schatten verborgen war.

Maurevel fiel auf die Kniee.

»Sire,« stammelte er, »glaubt mir …«

»Ich glaube,« fuhr Karl IX. fort, Maurevel immer fester mit einem Blicke anschauend, der, Anfangs glasig, nach und nach beinahe flammend wurde, »ich glaube, daß ihr in Moncontour große Lust hattet, den Herrn Admiral, der sich so eben von hier entfernt, zu tödten; ich glaube, daß ihr Euren Streich verfehltet und dann zum Heere des Herzogs von Anjou, unseres Bruders, überginget; ich glaube endlich, daß Ihr sodann zum zweiten Male zu dem Prinzen übergegangen seid und Dienste in der Compagnie von Herrn Mouy von Saint-Phale genommen habt.«

»Oh, Sire!«

»Ein braver picardischer Edelmann.«

»Sire, Sire!« rief Maurevel, »beugt mich nicht so sehr nieder.«

»Es war ein würdiger Offizier,« fuhr Karl IX. fort, und allmählich trat ein Ausdruck beinahe wilder Grausamkeit auf seinem Gesichte hervor, »ein braver Offizier, der Euch wie einen Sohn aufnahm, Euch Wohnung, Kleidung, Nahrung gab.«

Maurevel entschlüpfte ein Seufzer der Verzweiflung.

»Ihr nanntet ihn, glaube ich, Euren Vater,« sprach der König unbarmherzig, »und eine zarte Freundschaft verband Euch mit dem jungen Mouy, seinem Sohne.«

Immer noch aus den Knieen beugte sich Maurevel mehr und mehr unter der Macht des Wortes von Karl IX., welcher unempfindlich und einer Statue ähnlich, deren Lippen allein mit Leben begabt sind, aufrecht stand.

»Sprecht,« fuhr der König fort, »solltet Ihr nicht zehntausend Thaler von Herrn von Guise bekommen, wenn Ihr den Admiral tödten würdet?«

Ganz bestürzt schlug der Mörder mit der Stirne auf den Boden.

»Was den Herrn von Mouy, Euern guten Vater, betrifft so begleitetet Ihr ihn eines Tags, als er gegen Chevreux rekognoszierte. Er ließ seine Peitsche fallen und stieg ab, um sie aufzuheben. Ihr waret allein mit ihm, nahmet eine Pistole aus Euren Polstern, und während er sich blickte, drücktet Ihr auf ihn ab. Als Ihr saht, daß er todt war, denn Ihr tödtetet ihn mit dem Schusse, ergriffet Ihr die Flucht auf dem Pferde, das er Euch geschenkt hatte.«

Und als Maurevel bei dieser Anklage, die in allen einzelnen Umständen der Wahrheit entsprach, stumm blieb, fing Karl IX. wieder an, mit derselben Richtigkeit und demselben Wohlklang sein Lieblingsjagdlied zu pfeifen.

»He, Meister Mörder,« sprach er sodann, »wißt Ihr, daß ich große Lust habe, Euch hängen zu lassen?«

»Oh, Majestät!« rief Maurevel.

»Der junge Mouy hat mich noch darum gebeten, und ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der That, seine Bitte ist sehr gerecht.«

Maurevel faltete die Hände.

»Um so gerechter, als ich, wie Ihr sagtet, der Vater des Volkes bin, und die Hugenotten nun, da ich mich mit denselben ausgesöhnt habe, eben so gut zu meinen Kindern gehören, als die Katholiken.«

»Sire,« sprach Maurevel völlig entmuthigt, »mein Leben ist in Euren Händen, macht damit, was Ihr wollt.«

»Ihr habt Recht, ich würde keinen Liar dafür geben.«

»Aber, Sire,« sagte der Mörder, »gibt es kein Mittel, mein Verbrechen abzukaufen?«

»Ich kenne keines. Wenn ich jedoch an Eurer Stelle wäre, was Gott sei Dank nicht der Fall ist …«

»Nun, Sire, wenn Ihr an meiner Stelle wäret,« antwortete Maurevel, dessen Blick an den Lippen von Karl hing.

»Ich glaube, ich würde mich aus der ganzen Geschichte zu ziehen wissen,« fuhr der König fort.

Maurevel erhob sich auf ein Knie und auf eine Hand und heftete seine Augen auf Karl, um sich zu versichern, daß er nicht spottete.

»Ich liebe allerdings den jungen Mouy ungemein,« fuhr der König fort, »aber ich liebe auch meinen Vetter von Guise gar sehr, und wenn er von mir das Leben eines Menschen forderte, dessen Tod ein Anderer verlangen würde, so wäre ich in großer Verlegenheit. In Betreff guter Politik wie guter Religion müßte ich thun, was mein Vetter von Guise von mir verlangen wurde, denn von Mouy erscheint, ein so muthiger Kapitän er auch ist, doch nur als ein kleiner Kamerad im Vergleich mit dem Prinzen von Lothringen.«

Während dieser Worte erhob sich Maurevel langsam und wie ein Mensch, der zum Leben zurückkehrt.

»Das Wichtige für Euch wäre also in der verzweiflungsvollen Lage, in welcher Ihr Euch befindet, daß Ihr die Gunst meines Vetters von Guise zu gewinnen suchen würdet, und in dieser Hinsicht erinnere ich mich einer Sache, die er mir gestern erzählte.«

Maurevel näherte sich einen Schritt.

»»Denkt Euch, Sire,«« sagte er zu mir, »»das jeden Morgen um zehn Uhr mein Todfeind, von dem Louvre zurückkehrend, durch die Straße Saint-Germain-l’Auxerrois kommt. Ich sehe ihn von einem Fenster des Erdgeschosses aus. Es ist das Fenster der Wohnung, meines ehemaligen Lehrers, des Canonicus Peter Pille. Ich sehe also jeden Morgen meinen Feind und bitte den Teufel, ihn in die Eingeweide der Erde hinabzuziehen.«« Sagt, Meister Maurevel, wenn Ihr der Teufel wäret, das würde meinem Vetter von Guise vielleicht Freude machen?«

Maurevel nahm sein höhnisches Lächeln wieder an und seinen von Schrecken bleichen Lippen entfielen die Worte:

»Sire, ich habe aber nicht die Gewalt, die Erde öffnen.«

»Ihr habt sie, wenn ich mich recht erinnere, dem Mouy geöffnet. Ihr werdet mir hernach sagen, daß es mit der Pistole geschah. Habt Ihr sie nicht mehr, diese Pistole?«

»Verzeiht, Sire,« versetzte der Räuber, »aber ich schieße beinahe noch besser mit der Büchse, als mit der Pistole.«

»Oh!« rief Karl IX., gleichviel, Pistole oder Büchse. Ich bin überzeugt, mein Vetter von Guise wird nicht sehr häkelig bei der Wahl des Mittels sein.«

»Aber ich müßte ein Gewehr haben,« versetzte Maurevel, »auf dessen Genauigkeit ich mich verlassen könnte, denn ich hätte vielleicht von ferne zu schießen.«

»Ich habe habe zehn Büchsen in diesem Gemache,« versetzte Karl IX., »mit denen ich einen Goldthaler auf hundertfünfzig Schritte treffe. Wollt Ihr eine versuchen?«

»Oh! Sire, mit dem größten Vergnügen,« rief Maurevel, auf die Büchse zuschreitend, welche in einer Ecke stand und an demselben Morgen Karl IX. gebracht worden war.

»Nicht diese,« sagte der König, »nicht diese, denn ich habe sie mir selbst vorbehalten. Ich werde in den nächsten Tagen eine große Jagd haben, wo sie mir hoffentlich von Nutzen ist. Aber Ihr könnt jede andere wählen.«

»Und der Feind, Sire, wer ist es?« fragte der Mörder.

»Weiß ich es?« antwortete der König, den Elenden mit seinem verächtlichen Blicke niederschmetternd.

»Ich werde also Herrn von Guise fragen,« stammelte Maurevel.

Der König zuckte die Achseln und erwiederte:

»Fragt nicht, Herr von Guise würde nicht antworten. Verantwortet man dergleichen Dinge? Es ist die Sache derjenigen, welche nicht gehängt werden wollen, sie zu errathen.«

»Aber woran soll ich ihn erkennen?«

»Ich habe Euch bereits gesagt, er käme jeden Morgen um zehn Uhr an dem Fenster des Canonicus vorüber.«

»Es gehen viele Leute vor diesem Fenster vorüber. Wollte Eure Majestät nur die Gnade haben, mir irgend ein Zeichen anzugeben.«

»Oh, das ist sehr leicht. Morgen zum Beispiel wird er ein Portefeuille von rothem Maroquin unter dem Arme haben.«

»Sire, es genügt.«

»Ihr habt immer noch das Pferd, das Euch Herr von Mouy geschenkt hat, und das so gut läuft?«

»Sire, ich habe ein vortreffliches Barberroß.«

»Oh! ich bin nicht bange um Euch; nur ist es gut, wenn Ihr wißt, daß das Kloster eine Hinterpforte hat.«

»Ich danke, Sire; betet zu Gott für mich.«

»Er, tausend Teufel, betet lieber zu dem Höllischen, denn ohne seinen Schutz könnt Ihr dem Strange nicht entgehen.«

»Gott befohlen, Sire.«

»Gott befohlen. Doch halt, Herr von Maurevel, Ihr wißt, daß es, wenn man aus irgend eine Art vor übermorgen um zehn Uhr von Euch sprechen hört, oder wenn man nachher nicht von Euch hört, im Louvre eine Oubliette5 gibt.«

Und Karl IX. fing wieder an, ruhig und richtiger als je seine Lieblingsmelodie zu pfeifen.

IV.
Der Abend des 24. August 1572

Unser Leser hat wohl nicht vergessen, daß in dem vorhergehenden Kapitel von einem Edelmann Namens de La Mole die Rede war, welcher mit einer gewissen Ungeduld von Heinrich von Navarra erwartet wurde. Dieser Edelmann ritt, wie es der Admiral vorhergesagt hatte, durch die Porte Saint-Marcel gegen Abend am 24. August 1572 in Paris ein und ließ, einen verächtlichen Blick auf die zahlreichen Wirthshäuser werfend, welche zu seiner Rechten und zu seiner Linken ihre malerischen Schilder ausstreckten, sein völlig dampfendes Pferd bis in das Herz der Stadt dringen, wo er, nachdem er über die Place Maubert, über den Petit-Pont, über den Pont Notre-Dame und die Quais hingezogen war, am Ende der Rue de Bresec anhielt, aus der man seitdem die Rue de l’Arbre-Sec gemacht hat, ein Name, den wir zur Erleichterung der Leser beibehalten wollen.

Der Name gefiel ihm ohne Zweifel, denn er ritt hinein, und da zu seiner Linken ein prachtvolles, an seiner Stange knarrendes Schild von Eisenblech seine Aufmerksamkeit erregte, so machte er einen zweiten Halt und las die Worte: »Zum schönen Gestirne,« welche unter ein Gemälde geschrieben waren, welches das anlockendste Bildniß für einen ausgehungerten Reisenden darstellte. Es war ein gebratenes Huhn, das mitten an einem schwarzen Himmel schwebte, während ein Mensch in einem rothen Mantel nach diesem Gestirne einer neuen Art seine Arme und seine Börse ausstreckte.

»Das ist ein Wirthshaus, das sich gut ankündigt,« sprach der Edelmann zu sich selbst, »und der Wirth muß, bei meiner Seele, ein kluger Bursche sein. Ich habe immer sagen hören, die Rue de l’Arbre-Sec wäre ein Quartier des Louvre, und wenn diese Anstalt nur einigermaßen dem Schilde entspricht, so werde ich mich hier vortrefflich befinden.«

Während der Ankömmling sich diesen Monolog zum Besten gab, hielt ein Anderer, der durch das entgegengesetzte Ende der Straße, das heißt durch die Rue Saint-Honoré eingeritten war, ebenfalls an und beschaute mit einer gewissen Begeisterung das Schild des schönen Gestirnes. Derjenige, welchen wir kennen, oder wenigstens dem Namen nach kennen, ritt einen Schimmel von spanischer Race und trug ein schwarzes, mit Schmelz verziertes Wamms. Sein Mantel war von dunkelveilchenblauem Sammet, er hatte schwarze lederne Stiefel, ein Schwert mit cisilirtem eisernem Griffe und einen Dolch ähnlicher Art. Gehen wir von seiner Tracht zu seinem Gesichte über, so bemerken wir: es war ein Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, von dunkler Gesichtsfarbe, mit blauen Augen, zartem Schnurrbarte, und glänzenden Zähnen, welche, wenn er seinen Mund zu einem seinen, schwermüthigen Lächeln öffnete, sein Antlitz zu erleuchten schienen.

Der zweite Reisende bildete einen völligen Contrast mit dem ersten. Unter seinem Hute mit der aufgeschlagenen Krämpe erschienen reiche, krause, mehr rothe als blonde Haare. Unter diesem Hute glänzte auch ein graues Auge, das bei dem geringsten Anlasse in so heftige Flammen gerieth, daß man es dann hätte für schwarz halten sollen. Das Uebrige des Gesichtes bestand aus einem rosenfarbigen Teint, aus einer dünnen Lippe, über der ein falber Schnurrbart hervorstand, und aus bewunderungswürdigen Zähnen. Er war im Ganzen mit seiner weißen Haut, mit seinem hohen Wuchse und seinen breiten Schultern ein sehr schöner Reiter in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, und seit einer Stunde, da er die Nase nach allen Fenstern emporhob, unter dem Vorwande, Wirthsschilder zu suchen, hatten ihn die Frauen viel angeschaut. Was die Männer betrifft, welche vielleicht Anfangs sich geneigt fühlten, zu lachen, als sie seinen Mantel, seine knappen Hosen und seine Stiefeln von alterthümlicher Form erblickten, so verwandelten sie dieses angefangene Lachen in einen artigen Gruß bei der Prüfung dieser Physiognomie, welche in einer Minute zehnerlei verschiedene Ausdrücke annahm, abgesehen von dem wohlwollenden Ausdrucke, welcher stets das Gesicht des verlegenen Provinzbewohners charakterisiert.

Er war es, der sich zuerst an den andern Edelmann wandte, welcher, wie gesagt, ebenfalls das Schild des Gasthofes zum schönen Gestirne betrachtete.

»Mordi, Herr!« sprach er, mit einem furchtbaren Gebirgsaccente, in welchem man den Piemontesen unter hundert Fremden erkennen würde, »ist man hier nicht in der Nähe des Louvre? Jedenfalls glaube ich, daß Ihr denselben Geschmack habt, wie ich, und das ist schmeichelhaft für meine Herrlichkeit.«

»Mein Herr,« antwortete der Andere mit einem Provençalen Accente, der dem piemontesischen Accente des Ersten in keiner Beziehung nachgab, »ich glaube in der That, dieser Gasthof liegt in der Nähe des Louvre. Uebrigens frage ich mich noch, ob ich die Ehre haben werde, Eurer Meinung zu sein. Ich gehe mit mir zu Rathe.«

»Ihr seid nicht entschlossen, mein Herr? das Haus ist doch gewiß einladend. Dann habe ich mich durch Eure Gegenwart anlocken lassen. Gesteht wenigstens, daß das Gemälde sehr hübsch ist.«

»Oh! allerdings, aber das ist es gerade, was mich an der Wirklichkeit zweifeln läßt. Paris ist voll von Betrügern, wie man mir sagt, und man betrügt mit einem Schilde eben so gut, wie mit irgend etwas Anderem.«

»Bei Gott, mein Herr,« versetzte der Piemontese, »ich bekümmere mich nicht viel um Betrügereien, und wenn der Wirth mir einen Vogel liefert, der minder gut geröstet ist, als der seines Schildes, so stecke ich ihn selbst an den Spieß und verlasse ihn nicht eher, als bis ihn das Feuer gehörig abgebräunt hat.«

»Ihr bestimmt mich vollends,« sprach der Provençal lachend, »Ich bitte Euch, zeigt mir den Weg, mein Herr.«

»Oh! mein Herr, bei meiner Seele, das werde ich nicht thun, denn ich bin nur Euer unterthäniger Diener, der Graf Annibal von Coconnas.«

»Und ich, mein Herr, ich bin nur der Graf Joseph Boniface Lerac de La Mole und ganz zu Euren Diensten.«

»Dann nehmen wir uns beim Arme, mein Herr, und treten mit einander ein.«

Das Resultat dieses ausgleichenden Vorschlages war, daß die zwei jungen Leute, welche nun von ihren Pferden stiegen und die Zügel in die Hände eines Hausknechtes warfen, sich beim Arme nahmen und sich nach der Thüre des Gasthofes wandten, auf dessen Schwelle der Wirth stand. Aber gegen die Gewohnheit solcher Leute schien der würdige Eigenthümer dieses Hauses den Ankömmlingen keine Aufmerksamkeit zu schenken; er war ganz vertieft in ein Gespräch mit einem großen trockenen, gelben Burschen, der in einem zunderfarbigen Mantel stack, wie die Eule in ihren Federn.

Die zwei Edelleute waren so nahe zu dem Wirthe und zu dem Menschen in dem zunderfarbigen Mantel gekommen, mit dem er sprach, daß Coconnas, ärgerlich über das geringe Gewicht, welches man auf ihn und seinen Gefährten legte, den Wirth beim Aermel faßte. Dieser schien plötzlich zu erwachen und beurlaubte den Andern mit einem: »Auf Wiedersehen! Kommt bald und haltet mich besonders beständig auf dem Laufenden.«

»He, Mensch!« sprach Coconnas, »seht Ihr nicht, daß man mit Euch zu thun hat?«

»Ah, ich bitte um Vergebung, meine Herren,« versetzte der Wirth, »ich sah Euch nicht.«

»Ei, Mordi! Ihr mußtet uns sehen, und nun, da Ihr uns gesehen habt, so sagt Herr Graf, statt ganz kurz mein Herr zu sagen, wenn es Euch gefällig ist.«

La Mole hielt sich zurück und ließ Coconnas sprechen, der die ganze Sache auf sich genommen zu haben schien. An seiner gerunzelten Stirne konnte man jedoch leicht sehen, daß er bereit war, ihm im geeigneten Augenblicke zu Hilfe zu kommen.

»Nun, was wünscht Ihr, Herr Graf?« fragte der Wirth mit dem ruhigsten Tone.

»Das ist schon besser, nicht wahr?« sagte Coconnas, sich gegen La Mole umwendend, der mit dem Kopfe ein bestätigendes Zeichen machte. »Der Herr Graf und ich wünschen, angelockt durch Euer Schild, Abendbrod und Nachtlager in Eurem Gasthofe zu finden.«.

»Meine Herren, ich bin in Verzweiflung, aber ich habe nur noch ein Zimmer, und ich befürchte, es wird Euch nicht zusagen.«

»Meiner Treue, desto besser,« sprach La Mole, »dann wohnen wir anderswo.«

»Nein, nein, ich wohne hier,« sagte Coconnas, »mein Pferd ist abgerieben, ich nehme also das Zimmer, da Ihr es nicht wollt.«

»Ah, das ist etwas Anderes,« sprach der Wirth, stets mit demselben unverschämten Phlegma, »wenn Ihr nur Einer seid, so kann ich Euch gar nicht aufnehmen«

»Mord und Todt« rief Coconnas, »bei meiner Treue, das ist ein lustiges Thier. So eben waren wir zu Zwei zu viel, nun sind wir als Einer zu wenig. Du willst uns also nicht beherbergen, Bursche?«

»Meine Herren, da Ihr die Sache in diesem Tone aufnehmt, so will ich Euch offenherzig antworten.«

»Antworte, aber geschwinde!«

»Nun, ich wünsche nicht die Ehre zu haben, Euch zu beherbergen.«

»Warum?« fragte Coconnas vor Zorn erbleichend.

»Weil Ihr keine Lackeien habt und mir dieß für ein volles Herrenzimmer zwei leere Lackeienzimmer machen würde. Wenn ich Euch nun das Herrenzimmer gebe, so laufe ich Gefahr, die andern nicht zu vermiethen.«

»Herr de La Mole, »sprach Coconnas, sich umwendend, »kommt es Euch nicht auch vor, wir sollten diesen Burschen zusammenhauen.«

»Das ist thunlich,« sprach La Mole und schickte sich, wie sein Gefährte an, den Wirth mit Peitschenhieben zu bearbeiten.

Aber trotz dieser doppelten Demonstration, welche von Seiten der zwei, wie es schien, entschlossenen Edelleute nichts sehr Beruhigendes hatte, gerieth der Wirth nicht aus der Fassung und begnügte sich, einen Schritt zurückzuweichen, um in seinem Hause zu sein.

»Man sieht,« sagte er spöttisch lachend, »daß diese Herren aus der Provinz kommen. In Paris ist die Mode, die Wirthe zu mißhandeln, welche ihre Zimmer nicht vermiethen wollen, abgekommen. Man haut die vornehmen Herren zusammen, und nicht die Bürger, und wenn Ihr zu sehr schreit, so rufe ich meine Nachbarn, und Ihr werdet mit Hieben bearbeitet, was eine zweier Edelleute ganz unwürdige Behandlung ist.«

»Mord und Teufel! er verspottet uns!« rief Coconnas ganz außer sich.

»Gregor, meine Büchse!« sprach der Wirth zu seinem Knechte, mit demselben Tone, als wenn er gesagt hätte: Einen Stuhl für diese Herren!

»Tod und Teufel!« brüllte Coconnas, sein Schwert ziehend, »macht Euch doch ein wenig warm, Herr de La Mole!«

»Nein, wenn es Euch gefällig ist, nein, denn während wir uns warm machen, wird das Abendbrod kalt.«

»Wie Ihr findet …« rief Coconnas.

»Ich finde, daß der Herr vom Schönen Gestirne Recht hat. Nur weiß er seine Reisenden nicht gut zu fassen, besonders wenn es Edelleute sind. Statt auf eine grobe Weise zu uns zu sagen: »»Meine Herren, ich will nichts von Euch,«« hätte er höflich zu uns sagen sollen: »Meine Herren, tretet ein!«« mit dem Vorbehalte, auf seine Rechnung zu sehen:Herrenzimmer so viel, Lackeienzimmer so viel, in Betracht, daß wir, wenn wir keine Lackeien haben, doch solche zu nehmen gedenken.«

»Hiernach schob La Mole den Wirth, welcher schon seine Hand nach der Büchse ausstreckte, sachte auf die Seite, ließ Coconnas vorbeigehen und trat hinter ihm in das Haus.

»Gleichviel,« sprach Coconnas, »es fällt mir sehr schwer, meinen Degen wieder in die Scheide zu stecken, ehe ich mich versichert habe, daß er so gut sticht, als die Spicknadel dieses Burschen.«

»Geduld, mein lieber Gefährte,« sagte La Mole, »alle Gasthöfe sind voll von Edelleuten, welche durch die Hochzeitfeste oder durch den nahe bevorstehenden flandrischen Feldzug nach Paris gezogen werden. Wir würden kein anderes Quartier mehr finden, und vielleicht ist es in Paris Gewohnheit, die ankommenden Fremden so zu empfangen.«

»Wie geduldig seid Ihr doch, Herr de La Mole,« murmelte Coconnas, vor Wuth seinen rothen Schnurrbart drehend und den Wirth mit den Augen anblitzend, »aber der Schurke soll sich in Acht nehmen. Wenn seine Küche schlecht, wenn sein Bett hart, wenn sein Wein nicht drei Jahre auf Flaschen gezogen, wenn sein Aufwärter nicht geschmeidig ist, wie ein Rohr …«

»Bah, bah, mein Herr,« sagte der Wirth, das Messer von seinem Gürtel an einem Stahle wetzend, »beruhigt Euch, Ihr seid im Schlaraffenland.«

Dann murmelte er ganz leise und den Kopf schüttelnd:

»Das ist ein Hugenott. Die Schufte sind so unverschämt seit der Verheirathung ihres Bearners mit Mademoiselle Margot.«

Mit einem Lächeln, das seine Gäste beben gemacht haben würde, wenn sie es gesehen hatten, fügte er bei:

»Ah! das müßte doch lustig sein, wenn mir Hugenotten in die Hände gefallen wären, und wenn …«

»Werden wir zu Nacht speisen?« fragte Coconnas mit zornigem Tone, die Beiseitereden des Wirthes unterbrechend.

»Wie es Euch gefällt, mein Herr,« antwortete dieser, ohne Zweifel durch seinen letzten Gedanken besänftigt.

»Es ist uns gefällig, und zwar bald,« antwortete Coconnas.

Dann sich gegen La Mole umwendend, fragte er:

»Ei, sagt mir doch, mein Herr Graf, ist Euch Paris zufällig als eine heitere Stadt vorgekommen?«

»Meiner Treue, nein,« sprach La Mole, »es scheint mir, ich habe nur verwilderte oder zurückstoßende Gesichter gesehen. Vielleicht haben die Pariser Furcht vor dem Sturme. Seht, wie schwarz der Himmel und wie schwer die Luft ist!«

»Sagt mir, Graf, Ihr sucht den Louvre, nicht wahr?«

»Und Ihr ebenfalls, glaube ich, Herr von Coconnas.«

»Gut, wenn Ihr wollt, so suchen wir ihn mit einander.

»Ei, ist es nicht ein wenig zu spät, um auszugehen?« sprach La Mole.

»Spät oder nicht, ich muß ausgehen. Meine Befehle sind genau. So schnell als möglich nach Paris kommen und sogleich nach der Ankunft den Herzog von Guise aufsuchen.«

Bei dem Namen des Herzogs von Guise näherte sich der Wirth sehr aufmerksam.

»Es scheint mir, dieser Schuft behorcht uns,« sagte Coconnas, der als Piemontese sehr streitsüchtig war und dem Herrn des schönen Gestirnes die unhöfliche Weise, wie er seine Reisenden empfing, nicht verzeihen konnte.

»Ja, meine Herren, ich horche,« sagte dieser, die Hand an seiner Mütze legend, »aber um Euch zu dienen. Ich höre von dem großen Herzog von Guise sprechen und eile. Womit kann ich Euch dienen, meine gnädigen Herren?«

»Ah, ah, dieser Name ist magisch, wie es scheint; denn aus dem Unverschämten ist ein Unterthäniger geworden. Mordi! Meister, Meister … wie heißt Du?«

«Meister La Hurière,« antwortete der Wirth, sich verbeugend.

»Nun wohl, Meister La Hurière, glaubst Du vielleicht, mein Arm sei minder schwer, als der des Herrn Herzogs von Guise, der das Vorrecht hat, Dich so höflich zu machen.«

»Nein, mein Herr Graf, aber er ist minder lang,« versetzte La Hurière. »Ueberdieß muß ich Euch sagen, daß dieser große Heinrich der Abgott von uns Parisern ist.«

»Welcher Heinrich?« fragte La Mole.

»Es scheint mir, es gibt nur einen,« versetzte der Wirth.

»Und das ist?«

»Heinrich von Guise.«

»Um Vergebung, mein Freund, es gibt noch einen Andern, von dem ich Euch nichts Böses zu sagen bitte; dieß ist Heinrich von Navarra, abgesehen von Heinrich von Condé, der auch sein Verdienst hat.«

»Diese kenne ich nicht,« erwiederte der Wirth.

»Ja, aber ich kenne sie,« sprach La Mole, »und da ich an den König von Navarra adressiert bin, »so bitte ich Euch, in meiner Gegenwart nicht über ihn zu schmähen.«

Der Wirth beschränkte sich darauf, ohne Herrn de La Mole zu antworten, leicht seine Mütze zu berühren, und sagte sodann fortwährend mit freundlichen Augen gegen Coconnas:

»Der gnädige Herr wird also mit dem großen Herzog von Guise sprechen? Der gnädige Herr ist ein sehr glücklicher Mann und kommt ohne Zweifel wegen …«

«Warum?« fragte Coconnas.

»Wegen des Festes,« antwortete der Wirth mit einem sonderbaren Lächeln.

»Wegen der Feste solltet Ihr sagen, denn Paris überströmt von Festen, wie ich gehört habe. Man spricht wenigstens nur von Bällen, von Gelagen, von Ringelrennen. Belustigt man sich nicht ungemein in Paris?«

»Mäßig, gnädiger Herr, wenigstens bis jetzt,« antwortete der Wirth, »aber man wird sich belustigen, wie ich hoffe.«

»Die Hochzeit Seiner Majestät des Königs von Navarra zieht doch viele Menschen in diese Stadt,« sprach La Mole.

»Viele Hugenotten, ja Herr,« erwiederte La Hurière mit rauhem Tone. Dann sich fassend sprach er:

»Ah, um Vergebung, die Herren sind vielleicht von dieser Religion?«

»Ich von dieser Religion!« rief Coconnas, »ich bin ein Katholik wie unser heiliger Vater, der Papst.«

La Hurière wandte sich gegen La Mole um, als wollte er ihn fragen; aber entweder begriff dieser seinen Blick nicht oder er hielt es nicht für geeignet zu antworten.

»Wenn Ihr Seine Majestät den König von Navarra nicht kennt, Meister La Hurière, so kennt Ihr doch vielleicht den Herrn Admiral. Ich hörte, der Herr Admiral genösse einige Gunst bei Hofe, und da ich ihm empfohlen bin, so wünsche ich, wenn seine Adresse Euch nicht den Mund schindet, zu wissen, wo er wohnt.«

»Er wohnte in der Rue de Béthisy, mein Herr, hier rechts,« antwortete der Wirth mit einer innern Freude, die zu einer äußern zu werden sich nicht erwehren konnte.

»Wie? er wohnte?« fragte La Mole, »ist er denn ausgezogen?«

»Ja, wenigstens aus dieser Welt.«,

»Was soll das heißen?« riefen gleichzeitig die zwei Edelleute. »Der Admiral ist aus dieser Welt gezogen?«

»Wie, Herr von Coconnas,« fuhr der Wirth mit einem boshaften Lächeln fort, »Ihr gehört zu den Anhängern von Guise, und wißt dies nicht?«

»Was denn?«

»Daß der Admiral, als er vorgestern auf der Place Saint-Germain-l’Auxerrois vor dem Hause des Canonicus Peter Pille vorüberging, einen Büchsenschuß bekommen hat?«

»Und er ist todt!« rief La Mole.

»Nein, der Schuß hat ihm nur den Arm zerschmettert und zwei Finger abgeschlagen, aber man hofft, die Kugeln werden vergiftet gewesen sein.«

»Wie, Schurke! man hofft!« rief La Mole.

»Man glaubt, will ich sagen,« versetzte der Wirth. »Streiten wir uns nicht über ein Wort, ich habe mich nur versprochen.«

Und Meister La Hurière wandte La Mole den Rücken zu und streckte gegen Coconnas auf die hämischste Weise die Zunge heraus, diese Geberde mit einem Blicke des Einverständnisses begleitend.

»In der That!« sagte Coconnas strahlend.

»In der That!« murmelte La Mole mit schmerzlichem Erstaunen.

»Es ist, wie ich Euch zu sagen die Ehre habe,« antwortete der Wirth.

»Dann gehe ich, ohne einen Augenblick zu verlieren, in den Louvre. Werde ich wohl den König Heinrich dort finden?«

»Es ist wahrscheinlich, da er daselbst wohnt.«

»Und ich gehe auch in den Louvre,« sagte Coconnas, »ei, werde ich den Herzog von Guise wohl dort finden.«

»Es ist wahrscheinlich, ich habe ihn vorhin mit seinen zweihundert Edelleuten vorüber reiten sehen.«

»Dann kommt, Herr von Coconnas,« sprach La Mole.

»Ich folge Euch, mein Herr,« sagte Coconnas.

»Aber Euer Abendbrod, meine gnädigen Herrn?« sagte Meister La Hurière.

»Ah,« erwiederte La Mole, »ich speise vielleicht bei dem König von Navarra zu Nacht.«

»Und ich bei dem Herzog von Guise.«

»Und ich,« sprach der Wirth, nachdem er den zwei Edelleuten, welche den Weg nach den Louvre einschlugen, mit den Augen gefolgt war, »ich will meine Pickelhaube putzen, meine Büchse mit Zündkraut versehen und meine Partisane schleifen.«

V.
Vom Louvre insbesondere und von der Tugend im Allgemeinen

Von der ersten Person, die ihnen begegnete, unterrichtet, gingen die zwei Edelleute durch die Rue d’Averon, durch die Rue des Fossés-Saint-Germain-l'Auxerrois und befanden sich bald vor dem Louvre, dessen Thürme sich mit den ersten Schatten des Abends zu vermischen anfingen.

»Was habt Ihr denn?« fragte Coconnas La Mole, der bei dem Anblicke des alten Schlosses stehen blieb und mit einer gewissen Achtung diese Zugbrücken, diese schmalen Fenster und diese spitzigen Thürme, welche plötzlich vor seine Augen traten, betrachtete.

»Meiner Treu, ich weiß es nicht, das Herz schlägt mir. Ich bin doch nicht übermäßig furchtsam, aber ich weiß nicht, warum mir dieser Palast so düster, ich möchte sagen, so furchtbar erscheint.«

»Und ich,« sagte Coconnas, »ich weiß nicht, wie mir geschieht, aber ich bin von einer besondern Heiterkeit. Mein Aussehen ist ein wenig vernachlässigt,« fuhr er, mit den Augen seine Reisekleider überlaufend, fort. »Bah! Man erscheint in Reitertracht. Dann schärften mir auch meine Befehle Eile ein. Ich werde also willkommen sein, da ich pünktlich gehorcht habe.«

Und die zwei jungen Edelleute setzten ihren Weg fort, jeder bewegt von den Gefühlen, die er ausgedrückt hatte.

Es war starke Wache im Louvre; alle Posten schienen verdoppelt. Unsere jungen Leute waren also Anfangs sehr in Verlegenheit. Aber Coconnas, welcher bemerkt hatte, daß der Name des Herzogs von Guise eine Art von Talisman bei den Parisern war, näherte sich einer Wache, berief sich auf diesen allmächtigen Namen und fragte, ob er nicht in den Louvre gelangen könnte.

Dieser Name schien seine gewöhnliche Wirkung auf den Soldaten hervorzubringen. Er fragte jedoch Coconnas, ob er die Parole hatte.

Coconnas war genöthigt, zu gestehen, er wüßte sie nicht.

»Dann geht zurück, Herr,« sagte der Soldat.

Ein Mensch, der mit dem Offizier des Postens plauderte und während seines Plauderns gehört hatte, wie Coconnas in den Louvre eingelassen zu werden verlangte, unterbrach in diesem Augenblick sein Gespräch, kam zu ihm und sagte in dem sonderbarsten Jargon der Welt:

»Was wollt Ihr von Herrn von Guise?«

»Ich will mit ihm sprechen,« antwortete Coconnas lächelnd.

»Unmöglich, der Herzog ist bei dem König.«

»Ich habe aber einen Avisbrief, worin ich beauftragt bin, nach Paris zu kommen.«

»Ah, Ihr habt einen Avisbrief?«

»Ja, und ich komme von sehr ferne her.«

»Ah, Ihr kommt von sehr ferne her?«

»Ich komme von Piemont.«

»Gut, gut, das ist etwas Anderes. Und Ihr heimßt?«

»Graf Annibal von Coconnas.«

»Gut, gut, gebt den Brief, Herr Annibal, gebt ihn.«

»Das ist auf mein Wort ein sehr artiger Mann,« sagte La Mole, mit sich selbst sprechend. »Könnte ich nicht einen ähnlichen finden, der mich zu dem König von Navarra führen würde?«

»Gebt doch den Brief,« fuhr der deutsche Edelmann, die Hand nach dem zögernden Coconnas ausstreckend, fort.

»Mordi!« versetzte der Piemontese mißtrauisch wie ein halber Italiener, »ich weiß nicht, ob ich soll. Ich habe nicht die Ehre, Euch zu kennen, mein Herr.«

Ich bin Pesme und gehöre dem Herzog von Guise.«

»Pesme,« murmelte Coconnas, »ich kenne diesen Namen nicht.«

»Es ist Herr von Besme, gnädiger Herr,« sagte die Wache. »Die Aussprache täuscht Euch. Gebt den Brief dem Herrn; ich stehe gut dafür.«

»Ah, Herr von Besme!« rief Coconnas, »ich glaube wohl, daß ich diesen Namen kenne. Hier ist der Brief mit dem größten Vergnügen. Entschuldigt mein Zögern, aber man muß sich so benehmen, wenn man treu sein will.«

»Gut, gut,« sprach Besme, »es bedarf keiner Entschuldigung.«

»Meiner Treue, Herr,« sagte La Mole, sich ebenfalls nähernd. »wolltet Ihr wohl, da Ihr so höflich seid, meinen Brief übernehmen, wie Ihr es mit dem meines Gefährten gethan habt?«

»Wie heißt Ihr?«

»Graf Lerac de La Mole.«

»Graf Lerac de La Mole?«

»Ja.«

»Ich kenne diesen Namen nicht.«

»Es ist ganz einfach, daß ich Euch nicht bekannt bin, mein Herr, denn ich bin ein Fremder und komme, wie der Graf von Coconnas, von sehr ferne her.«

»Und woher kommt Ihr?«

»Aus der Provence.«

Ebenfalls mit einem Briefe?«

»Ja.«

»Für Herrn von Guise?«

»Nein, für Seine Majestät den König von Navarra.

»Ich gehöre nicht dem König von Navarra,« – sprach von Besme mit plötzlich eintretender Kälte, »ich kann also Euren Brief nicht übernehmen.«

Und La Mole den Rücken zuwendend, ging er in den Louvre und machte Coconnas ein Zeichen, ihm zu folgen.

La Mole blieb allein.

In diesem Augenblicke ritt durch das mit dem Thore, durch welches Coconnas und Besme gegangen waren, parallel liegende Thor eine Truppe von ungefähr hundert Mann heraus.

»Ah! Ah!« sagte die Schildwache zu ihrem Cameraden, »das ist von Mouy mit seinen Hugenotten. Sie strahlen in der That. Der König wird ihnen den Tod des Mörders des Admirals versprochen haben, und da es der Mensch ist, der den Vater von Mouy getödtet hat, so wird der Sohn mit einem Steine zwei Schläge thun.«

»Um Vergebung,« versetzte La Mole, sich an den Soldaten wendend, »habt Ihr nicht gesagt, mein Braver, dieser Officier wäre Herr von Mouy?«

»Ja, mein Herr.«

»Und diejenigen, welche ihn begleiteten, wären …«

»Parpaillots6. Das habe ich gesagt.

»Ich danke,« sagte La Mole, ohne daß es schien, als bemerkte er den verächtlichen Ausdruck, dessen sich die Schildwache bediente, »mehr wollte ich nicht wissen.«

Und sich gegen den Führer der Reitertruppe wendend, sagte er zu diesem:

»Mein Herr, ich erfahre, Ihr seid Herr von Mouy.«

»Ja, mein Herr,« antwortete der Offizier mit höflichem Tone.

»Euer unter den Anhängern der Religion so wohl bekannter Name macht mich so kühn, mich an Euch zu wenden und Euch um einen Dienst zu bitten.«

»Um welchen, mein Herr? Doch vor Allem, mit wem habe ich zu sprechen die Ehre?«

»Mit dem Grafen Lerac de La Mole.«

Die zwei jungen Leute begrüßten sich.

»Ich höre, mein Herr,« sagte Mouy.

»Mein Herr, ich komme von Aix und bin der Ueberbringer eines Briefes von Herrn d’Aunac, dem Gouverneur der Provence. Dieser Brief ist an den König von Navarra gerichtet und enthält wichtige, dringende Nachrichten. Wie kann ich denselben dem König zustellen Wie kann ich in den Louvre gelangen?«

»Nichts leichter, als in den Louvre zu gelangen,« versetzte von Mouy, »nur glaube ich, der König von Navarra wird zu dieser Stunde zu sehr beschäftigt sein, um Euch zu empfangen. Doch gleichviel, wenn Ihr mir folgen wollt, so führe ich Euch bis zu seinem Gemach. Das Uebrige ist Eure Sache.«

»Tausend Dank!«

»Kommt, Herr,« sprach von Mouy.

Von Mouy stieg vom Pferde, warf den Zügel seinem Lakaien zu, ging nach der Pforte, gab sich der Schildwache zu erkennen, führte La Mole in das Schloß und sagte, die Thüre der Wohnung des Königs öffnend:

»Tretet ein, mein Herr, und erkundigt Euch.«

Und sich vor La Mole verbeugend, entfernte er sich.

»Als La Mole allein war, schaute er um sich her. Das Vorzimmer war leer, aber eine von den inneren Thüren offen. Er machte einige Schritte und befand sich in einem Gange. Er klopfte und rief, ohne daß Jemand antwortete. Es herrschte die tiefste Stille in diesem Theile des Louvre.«

»Wer sprach mir denn von einer so strengen Etiquette?« dachte er. »Man kommt und geht in diesem Palast, wie auf einem öffentlichen Platze.«

Und er rief abermals, aber ohne bessern Erfolg, als das erste Mal.

»Gehen wir vorwärts,« dachte er.

Und er schritt durch den Gang, welcher immer finsterer wurde.

Plötzlich öffnete sich eine Thüre, und es erschienen zwei Pagen, welche Fackeln trugen und damit eine Frau von imposanter Gestalt, von majestätischer Haltung und besonders von einer bewunderungswürdigen Schönheit beleuchteten.

Es fiel das volle Licht auf La Mole, welcher unbeweglich stehen blieb.

Die Frau blieb ebenfalls stehen und fragte den jungen Mann mit einer Stimme, welche wie eine kostbare Musik in seinen Ohren klang:

»Was wollt Ihr, mein Herr?«

»Ah! Madame,« erwiederte La Mole, die Augen niederschlagend, »ich bitte Euch, entschuldigt mich, ich verlasse so eben Herrn von Mouy, der die Güte gehabt hat, mich hierher zu führen, und ich suchte den König von Navarra.«

»Seine Majestät ist nicht hier, mein Herr; der König ist, glaube ich, bei seinem Schwager. Aber könntet Ihr in seiner Abwesenheit nicht der Königin sagen …?«

»Allerdings, Madame,« versetzte La Mole, »wenn irgend Jemand sich herablassen wollte, mich zu ihr zu führen.«

»Ihr steht vor ihr.«

»Wie?« rief La Mole.

»Ich bin die Königin von Navarra,« sagte Margarethe.

La Mole machte eine so ungestüme Bewegung des Erstaunens und Schreckens, daß die Königin lächelte.

»Sprecht geschwinde, mein Herr,« sagte sie, »denn man erwartet mich bei der Königin Mutter.«

»Oh! Madame, wenn Ihr sogleich erwartet werdet, so erlaubt mir, mich zu entfernen, denn es wäre mir in diesem Augenblick unmöglich, mit Euch zu sprechen. Ich bin nicht im Stande, zwei Gedanken zusammenzufassen; Euer Anblick hat mich geblendet. Ich denke nicht mehr, ich bewundere.«

Margarethe ging voll Anmuth und Güte auf den schönen jungen Mann zu, der, ohne es zu wissen, als vollendeter Höfling gehandelt hatte, und sagte:

»Beruhigt Euch, mein Herr, ich werde warten, und man wird auf mich warten.«

»Oh! vergebt, Madame, wenn ich Euere Majestät von Anfang nicht mit aller Achtung begrüßt habe, welche sie von einem ihrer unterthänigsten Diener anzusprechen befugt ist.«

»Ihr hieltet mich wohl für eine von meinen Frauen?« fuhr Margarethe fort.

»Nein, Madame, sondern für den Schatten der schonen Diana von Poitiers. Man sagt mir, sie erscheine zuweilen im Louvre.«

»Mein Herr,« versetzte Margarethe, »ich habe nicht bange, daß Ihr Euer Glück bei Hofe machen werdet. Ihr hattet einen Brief für den König, wie Ihr sagtet? das war unnöthig. Doch gleich viel, wo ist er? Ich werde ihm denselben zustellen. Doch eilt, ich bitte Euch.«

In einem Augenblick schob La Mole die Nesteln seines Wammses auf die Seite und zog aus seiner Brust den in einem seidenen Umschlage verwahrten Brief hervor.

Die Königin nahm den Brief und betrachtete die Schrift.

»Seid Ihr nicht Herr de La Mole?« sagte sie.

»Ja, Madame. Oh, mein Gott, sollte ich das Glück haben, Euerer Majestät dem Namen nach bekannt zu sein?«

»Ich habe Euren Namen von dem König, meinem Gemahl, und von meinem Bruder, dem Herzog von Alençon, aussprechen hören. Ich weiß, daß man Euch erwartet.«

Und sie steckte in ihren von Stickereien und Diamanten starrenden Leib den Brief, der aus dem Busen des jungen Mannes kam und von der Wärme seiner Brust noch lau war.

La Mole folgte gierig mit den Augen jeder Bewegung von Margarethe.

»Mein Herr,« sprach die Königin, »geht nun in die untere Gallerie hinab und wartet, bis Jemand von dem König von Navarra oder dem Herzog von Alençon, kommt. Einer von meinen Pagen wird Euch führen.

Nach diesen Worten setzte die Königin ihren Weg fort. La Mole drückte sich an die Wand, aber der Gang war so eng und der Wulst der Königin von Navarra so breit, das ihr seidenes Gewand das Kleid des jungen Mannes streifte, während ein starker Wohlgeruch sich auf der Stelle verbreitete, wo sie vorübergekommen war.

La Mole bebte am ganzen Leibe und suchte einen Ruhepunkt an der Mauer, da er fühlte, daß er dem Niederfallen nahe war.

»Kommt, Herr,« sagte der Page, welcher den Auftrag hatte, La Mole in die untere Gallerie zu führen.

»Oh, ja, ja!« rief La Mole ganz berauscht, denn da ihm der junge Mann den Weg andeutete, auf welchem sich Margarethe entfernt hatte, so hoffte er, rasch gehend, sie noch einmal zu sehen.

Als er oben an die Treppe gelangte, erblickte er sie wirklich im unteren Stockwerke, und da Margarethe, sei es aus Zufall, sei es, weil das Geräusch seiner Schritte bis zu ihr drang, den Kopf emporhob, so konnte er sie noch einmal sehen.

»Oh!« sprach er, dem Pagen folgend, »das ist keine Sterbliche, das ist eine Göttin, und, wie Virgilius Maro sagt:

 
Et vera incessu patuit dea.
 

»Nun?« fragte der junge Page.

»Hier bin ich,« erwiederte La Mole, »verzeiht, hier bin ich.«

Der Page schritt voran, ging einen Stock hinunter, öffnete eine erste Thüre, dann eine zweite, und sagte auf der Schwelle stille stehend:

»Hier ist der Ort, wo Ihr warten sollt.«

La Mole trat in die Gallerie, deren Thüre sich hinter ihm schloß.

Es war Niemand in der Gallerie, außer einem Herrn, der auf und ab ging und ebenfalls zu warten schien.

Schon fing der Abend an, breite Schatten von den Gewölben herabfallen zu lassen, und obgleich die zwei Männer kaum zwanzig Schritte von einander entfernt waren, so konnten sie doch ihre Gesichter nicht erkennen. La Mole näherte sich.

»Gott vergebe mir!« murmelte er, als er nur noch ein paar Schritte von den Andern entfernt war, »ich finde den Herrn Grafen von Coconnas wieder hier.«

Bei dem Geräusch seiner Schritte hatte sich der Piemontese bereits umgekehrt, und er schaute ihn mit demselben Erstaunen an, mit welchem er selbst angeschaut wurde.

»Mordi!« rief er, »es ist Herr de La Mole, oder der Teufel soll mich holen. Was mache ich denn da? ich schwöre wie der König; bah! es scheint, der König schwört noch ganz anders, als ich, und zwar sogar in den Kirchen. Wir sind also hier im Louvre?«

»Wie Ihr seht; Herr von Besme hat Euch eingeführt?«

»Ja, es ist ein vortrefflicher Deutscher, dieser Herr von Besme… Und wer hat Euch zum Führer gedient?«

»Herr von Mouy. Ich sagte Euch, die Hugenotten ständen nicht mehr so schlecht bei Hofe. Habt Ihr Herrn von Guise getroffen?«

»Nein noch nicht … Und Ihr, habt Ihr Audienz bei dem König von Navarra erhalten?«

»Nein, aber es kann nicht mehr lange dauern. Man hat mich hierher geführt und hier warten heißen.«

»Ihr werdet sehen, es handelt sich um ein großes Abendbrod, und wir sitzen, beim Schmause neben einander. Welch ein sonderbarer Zufall! Seit zwei Stunden vereinigt uns das Schicksal. Aber was habt Ihr? Ihr scheint in Gedanken vertieft?«

»Ich?« versetzte la Mole bebend, denn er blieb immer noch wie geblendet von der Erscheinung, die er gesehen hatte, »nein, der Ort, an dem wir uns treffen, gibt in meinem Innern zu einer Menge von Betrachtungen Anlaß.

»Zu philosophischen, nicht wahr? das ist gerade wie bei mir. Als Ihr eintratet, kamen mir alle Ermahnungen meines Lehrers in den Kopf. Kennt Ihr den Plutarch, Herr Graf?«

»Wie?« erwiederte La Mole lächelnd, »das ist einer von meinen Lieblingsschriftstellern.«

»Gut,« fuhr Coconnas mit ernstem Tone fort, »dieser große Mann hat sich, wie es mir scheint, nicht getäuscht, wenn er die Gaben der Natur mit balsamischen Pflanzen von unvergänglichem Wohlgeruche und von mächtiger Wirksamkeit für die Heilung von Wunden vergleicht.«

»Versteht Ihr Griechisch, Herr von Coconnas?« sprach La Mole, seinen Gefährten fest anschauend.

»Nein, aber mein Lehrer verstand es, und er empfahl mir sehr, wenn ich am Hofe wäre, über die Tugend zu reden. »»Das hat ein gutes Aussehen,«« sagte er. Ich bin auch in dieser Hinsicht gepanzert, darauf mache ich Euch aufmerksam. Doch, sprecht, habt Ihr Hunger?«

»Nein.«

»Es kam mir aber vor, als ob es Euch sehr nach dem gebratenen Vogel im Schönen Gestirne gelüstete; ich sterbe vor Hunger.«

»Wohl, Herr von Coconnas, da habt Ihr eine Gelegenheit, Euere Argumente über die Tugend zu benützen und Euere Bewunderung für Plutarch zu beweisen, denn dieser große Schriftsteller sagt irgendwo: Es ist gut, die Seele an den Schmerz und den Magen an den Hunger zu gewöhnen.«

»Ah! Ihr versteht also Griechisch?« rief Coconnas erstaunt.

»Gewiß!« antwortete La Mole, »mein Lehrer hat mir darin Unterricht gegeben.«

»Mordi, Graf, dann ist Euer Glück gesichert; Ihr macht Verse mit König Karl IX., und sprecht Griechisch mit der Königin Margarethe.«

»Abgesehen davon,« fügte La Mole lächelnd bei, »daß ich mit dem König von Navarra Gascognisch sprechen kann.«

In diesem Augenblick wurde die Thüre der Gallerie, welche nach der Wohnung des Königs führte, geöffnet; es ertönte ein Tritt, man sah in der Dunkelheit einen Schatten sich nahen. Dieser Schatten wurde ein Körper. Dieser Körper war der von Herrn von Besme.

Er schaute den zwei jungen Männern in das Gesicht, um den seinigen zu erkennen, und bedeutete Coconnas durch ein Zeichen, er möge ihm folgen.

Coconnas grüßte La Mole mit der Hand.

Von Besme führte Coconnas an das Ende der Gallerie, öffnete eine Thüre und befand sich mit ihm auf der ersten Stufe einer Treppe.

Hier angelangt, blieb er stille stehen, schaute rings um sich her, dann aufwärts, dann abwärts und sagte endlich:

»Herr von Coconnas, wo wohnt Ihr?«

»Im Gasthofe zum Schönen Gestirne.«

»Gut, gut, in der Rue de l’Arbre-Sec, zwei Schritte von hier. Begebt Euch schnell in Euern Gasthof und diese Nacht…«

Er schaute abermals um sich her.

»Nun, diese Nacht?« fragte Coconnas.

»Diese Nacht kommt mit einem weißen Kreuze an Euerem Hute wieder hierher. Das Losungswort istGuise. Stille, reinen Mund gehalten.«

»Um welche Stunde soll ich kommen?«

»Sobald Ihr die Sturmglocke hört.«

»Gut, ich werde hier sein.«

Und sich vor Herrn von Besme verbeugend, entfernte er sich, ganz leise sich fragend:

»Was Teufels will er damit sagen, und warum soll die Sturmglocke ertönen? Gleichviel, ich bleibe bei meiner Meinung, es ist ein vortrefflicher Deutscher, dieser Herr von Besme. Soll ich auf den Grafen de La Mole warten? Meiner Treue, nein; er wird wahrscheinlich mit dem König von Navarra zu Nacht speisen.«

Und Coconnas wandte sich nach der Rue de l’Arbre-Sec, wohin ihn das Schild zum Schönen Gestirne wie eine Geliebte zog.

Während dieser Zeit öffnete sich eine Thüre der Gallerie, welche mit den Gemächern des Königs von Navarra in Verbindung stand, und ein Page trat auf Herrn de La Mole zu.

»Ihr seid wohl der Graf de La Mole’?« sagte er.

»Ich bin es.«

»Wo wohnt Ihr?«

»Im Schönen Gestirne«

»Gut, das ist vor dem Thor des Louvre. Hört: … Seine Majestät läßt Euch sagen, sie könne Euch in diesem Augenblicke nicht empfangen, werde Euch aber vielleicht in dieser Nacht holen lassen. Habt Ihr morgen früh keine Nachricht von dem König, so kommt jedenfalls in den Louvre.«

»Wenn mir aber die Schildwache den Eintritt verweigert?«

»Ah! Ihr habt Recht… Das Losungswort istNavarra; sagt dieses Wort und alle Thüren werden sich vor Euch öffnen.«

»Ich danke.«

»Wartet, Herr, ich habe Befehl, Euch bis an die Pforte zurückzuführen, man befürchtet, Ihr könntet Euch im Louvre verirren.«

»Wie steht es mit Coconnas?« sagte La Mole zu sich selbst, als er sich außerhalb des Palastes befand. »Oh! er wird ohne Zweifel bei dem Herzog von Guise zum Abendbrod geblieben sein.«

Als er aber wieder bei Meister La Hurière eintrat, war das erste Gesicht, welches unser Mann erblickte, das von Coconnas, der vor einem riesigen Speckpfannekuchen saß.

»Oh! Oh!« rief Coconnas laut lachend, »Ihr habt eben so wenig bei dem König von Navarra zu Mittag, als ich bei dem Herzog von Guise zu Nacht gespeist.«

»Meiner Treu, nein.«

»Und der Hunger ist Euch gekommen?«

»Ich glaube ja.«

»Trotz Plutarch?«

»Herr Graf,« erwiederte La Mole lachend, »Plutarch sagt an einer andern Stelle: derjenige, welcher hat, muß mit dem, welcher nicht hat, theilen. Wollt Ihr Plutarch zu Liebe Euern Pfannekuchen mit mir theilen? Wir sprechen, während wir essen, von der Tugend.«

»Oh! meiner Treue, nein,« versetzte Coconnas, »das ist gut im Louvre, wenn man behorcht zu werden befürchtet und der Magen leer ist. Setzt Euch hierher und eßt mit mir.«

»Hört Graf, ich sehe, daß uns das Schicksal offenbar unzertrennlich macht. Schlaft Ihr hier?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich auch nicht.«

»In jedem Falle weiß ich wohl, wo ich die Nacht zubringen werde.«

»Wo?«

»Wo Ihr sie selbst zubringt; das ist unfehlbar.«

Und Beide fingen an zu lachen und machten sodann dem Pfannekuchen des Meister La Hurière alle Ehre.

VI.
Die bezahlte Schuld

Will der Leser nun wissen, warum Herr de La Mole nicht vom König, warum Herr von Coconnas nicht von Herrn von Guise empfangen wurde, und warum endlich Beide statt im Louvre Fasanen, Feldhühner und Rehbraten zu speisen, im Gasthause zum Schönen Gestirne einen Speckpfannekuchen verzehrten, so muß er mit uns in den alten Palast der Könige zurückkehren und der Königin Margarethe von Navarra folgen, welche La Mole am Eingange der Gallerie aus dem Auge verloren hatte.

Als sie die Treppe hinabstieg, war der Herzog Heinrich von Guise, den sie seit ihrer Hochzeitnacht nicht gesehen hatte, in dem Cabinet des Königs. An dieser Treppe, welche Margarethe hinabstieg, war ein Ausgang. An dem Cabinet, in welchem sich Herr von Guise befand, war eine Thüre; diese Thüre und dieser Ausgang führten nun beide in einen Corridor, und dieser Corridor führte in die Gemächer der Königin Mutter, Catharina von Medicis.

Catharina von Medicis war allein. Sie saß an einem Tische, den Ellenbogen auf ein halb geöffnetes Gebetbuch gelehnt, den Kopf auf ihre Hand gestützt, welche immer noch merkwürdig schön war, was sie den cosmetischen Mitteln des Florentiners René zu danken hatte, welcher die doppelte Stelle eines Parfumeurs und eines Giftmischers der Königin Mutter inne hatte.

Die Wittwe von Heinrich II. trug die Trauerkleider, welche sie seit dem Tode ihres Gemahls nicht abgelegt hatte. Es war zu dieser Zeit eine Frau von zweiundfünfzig bis dreiundfünfzig Jahren, welche durch eine Rundung voll Frische noch Züge ihrer ersten Schönheit bewahrte. Ihr Gemach war wie ihr Gewand das einer Wittwe. Alles hatte einen düstern Charakter: Stoffe, Wände, Meubles. Nur sah man über einem Prachthimmel, welcher einen königlichen Stuhl bedeckte, auf dem in diesem Augenblick das Lieblingswindspiel der Königin lag, das ihr Schwiegersohn, Heinrich von Navarra, ihr geschenkt, und dem man den mythologischen Namen Phöbe gegeben, einen gemalten Regenbogen, umgeben von der Devise:Er bringt das Licht und die Heiterkeit, welche von Franz l. herrührte.

Plötzlich und in dem Augenblick, wo die Königin Mutter tief in einen Gedanken versunken war, welcher auf ihre mit Karmin gemalten Lippen ein langsames, zögerndes Lächeln brachte, öffnete ein Mann die Thüre, hob den Vorhang, zeigte sein bleiches Gesicht und sprach:

»Alles geht schlecht.«

Catharina schaute empor und erkannte den Herzog von Guise.

»Wie, Alles geht schlecht?« erwiederte die Königin. »Was wollt Ihr damit sagen, Heinrich?«

»Ich will damit sagen, daß der König mehr als je von seinen verdammten Hugenotten umgarnt ist, und daß wir, wenn wir seine Erlaubniß abwarten, um das große Unternehmen auszuführen, lange Zeit oder sogar ewig warten werden.«

»Was ist denn geschehen?« fragte Catharina mit dem ruhigen Gesichte, das bei ihr Gewohnheit war, dem sie jedoch bei Gelegenheit die entgegengesetzten Ausdrücke zu geben vermochte.

»Zum zwanzigsten Mal habe ich an Seine Majestät die Frage gestellt, ob man fortwährend die trotzigen Reden und Drohungen ertragen würde, die sich seit der Verwundung ihres Admirals die Herren jener Religion erlauben.«

»Und was antwortete mein Sohn?« fragte Catharina.

»Er antwortete mir: »»Herr Herzog, Ihr müßt bei dem Volke in Verdacht stehen, der Urheber des an meinem zweiten Vater, dem Herrn Admiral, begangenen Mordversuches zu sein. Vertheidigt Euch, wie es Euch beliebt. Ich, was mich betrifft, werde mich wohl selbst vertheidigen, wenn man mich beleidigt.« Und hiernach wandte er mir den Rücken zu, um seinen Hunden Abendbrod zu geben.«

»Und Ihr suchtet ihn nicht zurückzuhalten?«

Allerdings; aber er antwortete mir mit dem Euch bekannten Tone, und mich mit einem Blicke anschauend, der nur ihm eigenthümlich ist: »»Herr Herzog, meine Hunde haben Hunger, und sie sind keine Menschen, daß ich sie warten lassen könnte,« wonach ich hierher eilte, um Euch hiervon in Kenntniß zu setzen.«

»Und Ihr habt wohl daran gethan,« sprach die Königin Mutter.

»Aber was ist zu beschließen?«

»Man muß einen letzten Versuch machen.«

»Und wer wird dies thun?«

»Ich! Ist der König allein?«

»Nein, Herr von Tavannes ist bei ihm.«

»Erwartet mich hier, oder vielmehr folgt mir von ferne.«

Catharina stand sogleich auf und ging nach dem Zimmer, in welchem sich die Lieblingshunde des Königs auf türkischen Teppichen und Sammetkissen befanden. Auf Stangen, welche in der Wand befestigt waren, saßen einige Falken und ein kleiner Buntspecht, mit welchem Karl IX. zuweilen kleine Vögel in dem Garten des alten Louvre und in dem der Tuilerien, die man zu bauen anfing, beizte.

Auf dem Wege hatte sich die Königin Mutter ein bleiches, angstvolles Gesicht geordnet, über welches eine letzte oder vielmehr eine erste Thräne rollte.

Sie nähert sich geräuschlos Karl IX., der seinen Hunden in gleiche Theile geschnittene Stücke Kuchen gab.

»Mein Sohn,« sprach Catharina mit einem so gut gespielten Zittern der Stimme, daß der König bebte.

»Was habt Ihr, Madame?« fragte Karl, sich rasch umwendend.

»Mein Sohn,« antwortete Catharina, »ich bitte Euch um Erlaubniß, mich in eines Eurer Schlösser, gleichviel in welches, zurückzuziehen, wenn es nur weit von Paris entfernt ist.«

»Und warum dies, Madame?« fragte Karl IX. auf seine Mutter sein glasiges Auge heftend, das bei gewissen Gelegenheiten so durchdringend wurde.

»Weil mir jeden Tag neue Beleidigungen von den Leuten der Religion7 widerfahren, weil ich noch heute Euch von den Protestanten sogar im Louvre habe bedrohen hören und weil ich solchen Schauspielen nicht beiwohnen will.«

»Aber, meine Mutter,« erwiederte Karl IX. mit einem Ausdrucke voll Ueberzeugung, »man wollte ihnen ihren Admiral tödten. Ein heilloser Meuchler hatte diesen armen Leuten bereits ihren braven Herrn von Mouy ermordet. Bei Gott, meine Mutter, es muß doch eine Gerechtigkeit in einem Königreiche geben.«

»Oh! seid unbesorgt, mein Sohn, die Gerechtigkeit wird ihnen nicht entgehen, denn wenn Ihr sie verweigert, so nehmen sie sich dieselbe auf ihre Weise: an Herrn von Guise heute, an mir morgen, an Euch später.«

»Oh! Madame,« sprach Karl IX., indem er zum ersten Male in seinem Tone einen Ausdruck des Zweifels durchdringen ließ, »Ihr glaubt?«

»Ei, mein Sohn,« versetzte Catharina, sich ganz der Heftigkeit ihrer Sinnesart überlassend, »seht Ihr nicht, daß es sich nicht mehr um den Tod von Herrn Franz von Guise oder um den des Admirals, um die protestantische Religion oder um die katholische handelt, sondern ganz einfach darum, an die Stelle des Sohnes von Heinrich II. jenen Anton von Bourbon zu setzen.«

»Ruhig, ruhig, meine Mutter, Ihr verfallt wieder in Eure gewöhnlichen Uebertreibungen.«

»Was ist Eure Willensmeinung, mein Sohn?«

»Zu warten, meine Mutter, zu warten. Die ganze menschliche Weisheit liegt in diesem einzigen Worte. Der Größte, der Stärkste und der Geschickteste besonders ist derjenige, welcher zu warten versteht.«

»Wartet also, ich werde nicht warten.«

Hiernach machte Catharina eine Verbeugung, ging auf die Thüre zu und schickte sich an, nach Ihrer Wohnung zurückzukehren.

Karl IX. hielt sie zurück und fragte:

»Was soll ich denn thun, meine Mutter, denn ich bin vor Allem gerecht und wünschte, daß Jedermann mit mir zufrieden wäre.«

»Catharina näherte sich und sprach zu Tavanness, der den Buntspecht des Königs streichelte:

«Kommt. Herr Graf, und sagt dem König, was er Eurer Ansicht nach zu thun hat.«

»Eure Majestät erlaubt mir?« sagte der Graf.

»Sprich, Tavanness, sprich.«

»Was thut Eure Majestät, wenn auf der Jagd der verwundete Eber auf sie zukommt?«

»Gottes Tod, Herr, ich erwarte ihn festen Fußes und durchbohre ihm die Kehle mit meiner Schweinsfeder.«

»Einzig und allein um ihn zu verhindern, Euch zu schaden,« fügte Catharina bei.

»Und um mich zu belustigen,« sagte der König mit einem Lächeln, das den bis zur Wildheit getriebenen Muth andeutete. »Aber es würde mich nicht belustigen, meine Unterthanen zu tödten, und die Hugenotten sind im Ganzen meine Unterthanen, so gut wie die Katholiken.«

»Sire,« versetzte Catharina, »dann werden es die Hugenotten, Eure Unterthanen, machen wie der Eber, dem man nicht die Schweinsfeder in die Kehle stößt; sie werden den Thron aufreißen.«

»Bah! Ihr meint, Madame?« sagte Karl IX. mit einer Miene, als schenkte er den Weissagungen seiner Mutter keinen großen Glauben.

»Habt Ihr heute Herrn von Mouy und die Seinigen nicht gesehen?«

»Ja, ich habe sie gesehen, denn sie verlassen mich so eben. Aber Herr von Mouy verlangte nichts von mir, was nicht gerecht wäre. Er forderte den Tod des Mörders seines Vaters und den des Mörders des Admirals. Haben wir Herrn von Montgommery nicht für den Tod meines Vaters und Eures Gemahls bestraft, obgleich dieser Tod nur ein Zufall war?«

»Es ist gut, Sire,« versetzte Catharina gereizt, »sprechen wir nicht mehr davon. Eure Majestät steht unter dem Schutze Gottes, der ihr Kraft, Weisheit und Vertrauen gibt. Ich aber, eine arme Frau, welche Gott ohne Zweifel ihrer Sünden wegen verläßt, ich fürchte und weiche.«

Und hiernach grüßte Catharina zum zweiten Male und entfernte sich, indem sie dem Herzog von Guise, welcher mittlerweile eingetreten war, durch ein Zeichen bedeutete, er möge an ihrer Stelle bleiben, um einen letzten Versuch zu machen.

Karl IX. folgte seiner Mutter mit den Augen, diesmal aber ohne sie zurückzurufen; dann schmeichelte er seinen Hunden und pfiff dabei eine Jagdmelodie.

Plötzlich unterbrach er sich und sagte:

»Meine Mutter ist ein königlicher Geist. Wir sollen mit Vorbedacht ein paar Dutzende Hugenotten tödten, weil sie Gerechtigkeit von uns verlangt haben! Sind Sie denn im Ganzen nicht in ihrem Rechte?«

»Ein paar Dutzende?« murmelte der Herzog von Guise.

»Ah, Ihr seid da, mein Herr?« sagte der König, welcher sich stellte, als bemerkte er ihn jetzt erst. »Ja, ein paar Dutzende; ein schöner Abgang. Aber wenn Jemand käme und zu mir sagte: »Ihr sollt von allen Euren Feinden auf einmal befreit werden und morgen wird nicht ein Einziger mehr übrig sein, um Euch den Tod der Andern vorzuwerfen, dann sage ich nicht nein …«

»Nun, Sire?«

»Tavannes,« sprach der König abbrechend, »Ihr ermüdet Margot; setzt sie wieder auf die Stange. Es ist kein Grund für alle Welt, sie zu liebkosen, weil sie den Namen meiner Schwester, der Königin Margot, führt.«

Tavannes setzte den Specht auf die Stange und belustigte sich damit, einem Windhunde die Ohren hin und her zu rollen.

»Aber, Sire, wenn man Eurer Majestät sagte: »»Sire, Eure Majestät wird morgen von allen ihren Feinden befreit sein?««

»Und durch welches Heiligen Vermittlung würde man dieses große Wunder verrichten?«

»Wir haben heute den 24. August; es wäre also durch die Vermittelung des heiligen Bartholomäus.«

»Ein schöner Heiliger, der sich bei lebendigem Leibe schinden ließ,« sagte der König.

»Desto besser! je mehr er gelitten hat, desto mehr muß er Grimm gegen seine Henker bewahrt haben.«

»Und Ihr, mein Vetter,« sprach der König, »Ihr mit Eurem hübschen, kleinen Degen mit dem goldenen Griffe werdet von jetzt bis morgen zehntausend Hugenotten tödten? Oh, oh, meiner Treue, Ihr seid sehr lustig, Herr von Guise.«

Und der König brach in ein Gelächter aus, aber in ein so falsches, daß es das Echo des Zimmers in einem düstern Tone wiederholte.

»Sire, ein Wort, ein einziges Wort,« fuhr der Herzog, unwillkührlich bebend bei dem Geräusche dieses Gelächters, das nichts Menschliches hatte, fort, »ein Zeichen, und Alles ist bereit. Ich habe die Schweizer, ich habe elfhundert Edelleute, ich habe die Chevauxlegers, ich habe die Bürger. Eure Majestät hat ihre Garden, ihre Freunde, ihren katholischen Adel. Wir sind Zwanzig gegen Einen.«

»Nun, wenn Ihr so stark seid, mein Vetter, warum des Teufels kommt Ihr und schreit mir mit Allem dem die Ohren voll. Handelt ohne mich …« Und der König wandte sich nach seinen Hunden um.

Da hob sich der Thürvorhang, Catharina erschien wieder und sagte zu dem Herzog:

»Alles geht gut. Seid beharrlich, er wird nachgeben.«

Und der Thürvorhang fiel wieder vor Catharina herab, ohne daß Karl IX. sie sah, oder er stellte sich wenigstens, als sähe er sie nicht.

»Aber ich muß doch wissen,« sprach der Herzog von Guise, »ob ich, wenn ich thue, wie ich wünsche, Euerer Majestät zu Gefallen bin?«

»In der That, mein Vetter Heinrich, Ihr setzt mir das Messer an die Kehle, aber ich werde widerstehen. Gottes Tod! bin ich denn nicht der König?«

»Nein, noch nicht, Sire; doch, wenn Ihr wollt, seid Ihr es morgen.«

»Ah, man würde also den König von Navarra, den Prinzen von Condé … in meinem Louvre tödten, ah! …«

Dann fügte er mit kaum verständlichem Tone bei:

»Außen sage ich nichts.«

»Sire!« rief der Herzog, »Sie gehen diesen Abend aus, um mit dem Herzog von Alençon, Eurem Bruder, einen Schmaus zu halten.«

»Tavannes,« sprach der König mit bewunderungswürdig gespielter Ungeduld, »siehst Du nicht, daß Du meinen Hund plagst. Komm, Actéon, komm!«

Und Karl IX. entfernte sich, ohne mehr hören zu wollen, und ließ Tavannes und den Herzog von Guise in beinahe eben so großer Ungewißheit als zuvor zurück.

Es spielte indes eine Scene anderer Art bei Catharina, welche, nachdem sie dem Herzog den Rath Stand zu halten, gegeben hatte, in ihr Gemach zurückkehrte, wo sie die Personen versammelt fand, welche gewöhnlich ihrem Schlafengehen beiwohnten.

Bei ihrer Rückkehr hatte Catharina ein eben so lachendes Gesicht, als es bei ihrem Abgange entstellt gewesen war. Sie entließ nach und nach mit ihrer freundlichsten Miene ihre Frauen und ihre Höflinge. Es blieb bald Niemand mehr bei ihr, als Madame Margarethe, welche auf einem Tabouret an dem geöffneten Fenster sitzend in ihre Gedanken versunken den Himmel anschaute.

Zwei- oder dreimal öffnete die Königin Mutter, als sie mit ihrer Tochter allein war, den Mund, um zu sprechen; aber jedes Mal drängte ein finsterer Gedanke die Worte, welche aus ihrem Munde kommen sollten, in die Tiefe der Brust zurück.

Mittlerweile öffnete sich der Thürvorhang und Heinrich von Navarra erschien.

Das Windspiel, welches auf dem Thronstuhle schlief, sprang auf und lief auf ihn zu.

»Ihr hier, mein Sohn,« sagte Catharina bebend, speist ihr im Louvre zu Nacht?«

»Nein, Madame,« antwortete Heinrich, »wir schwärmen diese Nacht mit den Herren Alençon und Condé in der Stadt umher. Ich glaubte sie hier, Euch den Hof machend, zu finden.«

Catharina lächelte und erwiederte:

»Geht, meine Herren, geht. Die Männer sind doch sehr glücklich, so umherlaufen zu können. Nicht wahr, meine Tochter?«

»Das ist wahr,« antwortete Margarethe, »die Freiheit ist eine so schöne, so süße Sache!«

»Wollt Ihr damit sagen, ich halte die Eurige gefesselt?« sprach Heinrich, sich vor seiner Gemahlin verbeugend.

»Nein, mein Herr, ich beklage auch nicht mich, sondern die Lage der Frauen im Allgemeinen.«

»Ihr werdet vielleicht den Herrn Admiral sehen, mein Sohn,« sagte Catharina.

»Ja, vielleicht.«

»Geht dahin; das ist ein gutes Beispiel und Ihr gebt mir morgen Nachricht von ihm.«

»Ich gehe dahin, Madame, da Ihr diesen Schritt billigt.«

»Ich,« sagte Catharina, »ich billige nichts … Aber wer ist da? Seht nach.«

Heinrich machte einen Schritt nach der Thüre, um die Befehle von Catharina zu vollziehen; aber in demselben Augenblick hob sich der Vorhang, und Frau von Sauves zeigte ihren blonden Kopf.

»Madame,« sagte sie, »es ist René, der Parfumeur, den Eure Majestät hat rufen lassen.«

Catharina warf einen Blick, rasch wie der Blitz, auf Heinrich von Navarra. Der junge Prinz erröthete leicht und erbleichte dann auf eine furchtbare Weise. Man hatte wirklich den Namen des Mörders seiner Mutter genannt. Er fühlte, daß sein Gesicht die Bewegung in seinem Innern verrieth und stützte sich auf das Fenstergesimse.

Das Windspiel stieß einen Seufzer aus.

In demselben Augenblick traten zwei Personen ein, die eine gemeldet, die andere hatte nicht nöthig, gemeldet zu werden. Die erste war René, der Parfumeur, der sich Catharina mit der ganzen kriechenden Höflichkeit florentinischer Diener näherte. Er hielt ein Kistchen in der Hand, das er öffnete, und man sah alle Fächer mit Pulvern und Fläschchen gefüllt.

Die zweite war die Herzogin von Lothringen, die ältere Schwester von Margarethe; sie trat durch eine kleine verborgene Thüre, welche nach dem Cabinet des Königs ging, ganz bleich und zitternd ein. In der Hoffnung, von Catharina, welche mit Frau von Sauves den Inhalt des von René überbrachten Kistchens untersuchte, nicht bemerkt zu werden, wollte sie sich neben Margarethe niedersetzen, bei der der König von Navarra stand, die Hand an der Stirne, wie ein Mensch, der sich an einem Blendwerk zu erholen sucht.

In diesem Augenblick kehrte sich Catharina um und sagte zu Margarethe:

»Meine Tochter, Ihr könnt Euch in Eure Gemächer zurückziehen. Mein Sohn,« fügte sie bei, »Ihr könnt Euch in der Stadt belustigen.«

Margarethe stand auf und Heinrich wandte sich halb um.

Die Herzogin von Lothringen ergriff Margarethe bei der Hand und sprach leise und rasch zu ihr:

»Meine Schwester, im Namen des Herrn von Guise, der Euch rettet, wie Ihr ihn gerettet habt, entfernt Euch nicht von hier, geht nicht in Eure Wohnung.«

»He, was sagt Ihr da, Claude?« fragte Catharina, sich umwendend.

»Nichts, meine Mutter.«

»Ihr habt leise mit Margarethe gesprochen.«

»Um ihr gute Nacht und tausend schöne Dinge von der Herzogin von Nevers zu sagen.«

»Wo ist diese schöne Herzogin?«

»Bei ihrem Schwager, dem Herrn von Guise.«

Catharina schaute die zwei Frauen mit ihrem argwöhnischen Auge an, runzelte die Stirne und sagte:

»Komm hierher, Claude.«

Claude gehorchte. Catharina nahm sie bei der Hand.

»Was habt Ihr mit ihr gesprochen, Indiscrete,« murmelte sie und drückte ihre Tochter am Handgelenk, daß sie hätte schreien mögen.

»Madame,« sprach Heinrich zu seiner Gemahlin, (ohne zu hören, hatte er doch nicht das Geringste von der Pantomime der Königin und der beiden Schwestern verloren), »Madame, werdet Ihr mir die Ehre erzeigen, mir Eure Hand zum Kusse zu reichen?«

Margarethe reichte ihm eine zitternde Hand.

»Was hat sie Euch gesagt,« murmelte Heinrich, sich bückend, um seine Lippen dieser Hand zu nähern.

»Ich solle nicht von hinnen gehen; im Namen des Himmels, geht auch nicht aus.«

Es war nur ein Blitz, aber beim Schimmer dieses Blitzes, so rasch er auch war, errieth Heinrich ein ganzes Complott.

»Das ist noch nicht Alles,« sagte Margarethe, »hier ist ein Brief, den ein Provençalischer Edelmann überbracht hat.«

»Herr de La Mole?«

»Ja.«

»Ich danke,« sprach Heinrich, nahm den Brief und steckte ihn in sein Wamms, und an seiner Gemahlin vorüber gehend, legte er seine Hand auf die Schulter des Florentiners und sagte:

»Nun, Meister René, wie gehen Eure Handelsgeschäfte?«

»Ziemlich gut, Monseigneur, ziemlich gut,« antwortete der Giftmischer mit seinem treulosen Lächeln.

»Ich glaube es wohl,« versetzte Heinrich, »wenn man, wie Ihr, Lieferant aller gekrönter Häupter Frankreichs und des Auslandes ist.«

»Mit Ausnahme des Königs von Navarra,« antwortete der Florentiner in frechem Tone.

»Ventre-saint-gris!« sprach Heinrich, »Meister René, Ihr habt Recht. Und doch hat mir meine Mutter, welche auch bei Euch kaufte, sterbend Meister René empfohlen. Besucht mich morgen oder übermorgen in meiner Wohnung und bringt Eure besten Parfumerien mit.«

»Dies wird nicht übel sein, sprach Catharina lächelnd, »denn man sagt …«

»Ich habe einen feinen Geruch?« versetzte Heinrich lachend, »wer hat Euch das gesagt, meine Mutter? Margot etwa?«

»Nein, mein Sohn,« erwiederte Catharina, »Frau von Sauves.«

In diesem Augenblick brach die Frau Herzogin von Lothringen, welche sich trotz aller Anstrengung nicht mehr halten konnte, in ein Schluchzen aus.

Heinrich wandte sich nicht einmal um.

»Meine Schwester!« rief Margarethe, auf Claude zueilend, »was habt Ihr?«

»Nichts,« sagte Catharina, sich zwischen die zwei jungen Frauen stellend, »nichts, sie hat das nervöse Fieber, das ihr Mazille mit Aromen zu behandeln empfiehlt.«

Und sie drückte abermals und noch kräftiger als das erste Mal ihre ältere Tochter am Arme und sagte dann, sich gegen die jüngere umwendend:

»Margot, habt Ihr nicht gehört, daß ich Euch bereits aufforderte, Euch zurückzuziehen? Wenn das nicht genügt, so befehle ich es Euch.«

»Verzeiht, Madame,« erwiederte Margarethe bleich und zitternd. »Ich wünsche Eurer Majestät eine gute Nacht.«

»Und ich hoffe, Euer Wunsch wird erfüllt werden. Gute Nacht, gute Nacht!«

Margarethe entfernte sich wankend und vergebens bemüht, einem Blicke ihres Gemahls zu begegnen, der sich nicht einmal nach ihr umdrehte.

Es herrschte ein kurzes Stillschweigen, während dessen Catharina die Augen auf die Herzogin von Lothringen geheftet hielt, welche ihrerseits, ohne zu sprechen, die Hände gefaltet, ihre Mutter anschaute.

Heinrich wandte der Scene den Rücken zu, aber er sah sie dennoch in einem Spiegel, indeß er sich den Anschein gab, als kräuselte er einen Schnurrbart mit einer Pommade, die ihm René überreicht hatte.

»Und Ihr, Heinrich?« sagte Catharina, »geht Ihr noch aus?«

»Ah, ja, das ist wahr!« rief der König von Navarra, »ah bei meiner Treue, ich vergaß, daß der Herzog von Alençon und der Prinz von Condé mich erwarten. Diese bewunderungswürdigen Wohlgerüche berauschen mich und berauben mich, wie es scheint, des Gedächtnisses. Auf Wiedersehen, Madame.«

»Auf Wiedersehen! Morgen gebt Ihr mir Nachricht von dem Admiral, nicht wahr?«

»Ich werde nicht ermangeln. Nun, Phöbe, was gibt es?«

»Phöbe!« sagte die Königin Mutter ungeduldig.

»Ruft sie zu Euch, Madame,« sprach der Bearner, »denn sie will mich nicht gehen lassen.«

Die Königin Mutter stand auf, nahm die kleine Hündin beim Halsbande und hielt sie zurück, während Heinrich sich entfernte, das Gesicht so ruhig und lachend, als hätte er keine Ahnung gehabt, daß er Gefahr lief, ermordet zu werden.

Von Catharina von Medicis wieder losgelassen, lief ihm die kleine Hündin nach, um ihn einzuholen, aber sie konnte nur ihre längliche Schnauze, ein trauriges, langes Geheul ausstoßend, unter der Tapete durchstrecken.

»Nun, Charlotte,« sagte Catharina zu Frau von Sauves, »nun hole mir die Herren von Guise und Tavannes, welche in meinem Betzimmer sind, und komme dann mit ihnen zurück, um der Herzogin von Lothringen welche an ihren Vapeurs leidet, Gesellschaft zu leisten.«

VII.
Die Nacht des 25. August 1572

Als La Mole und Coconnas ihr mageres Abendbrod verzehrt hatten, denn das Geflügel des Wirthshauses zum schönen Gestirne war nur auf dem Schilde sichtbar, setzte sich Coconnas in seinem Stuhle fest, streckte die Beine aus, stützte den Ellenbogen auf den Tisch und fragte, ein letztes Glas Wein schlürfend:

»Geht Ihr sogleich schlafen, Herr de La Mole?«

»Meiner Treu ich habe große Lust, denn es ist möglich, daß man mich in der Nacht weckt.«

»Mich auch,« sagte Coconnas, »aber statt uns niederzulegen und diejenigen, welche uns holen werden, warten zu lassen, würden wir, wie es mir scheint, besser daran thun, Karten zu verlangen und zu spielen. Man würde uns dann ganz vorbereitet finden.«

»Gerne wollte ich Euren Vorschlag annehmen, mein Herr, aber um zu spielen habe ich wenig Geld. Ich besitze kaum hundert Goldthaler in meinem Felleisen, das ist mein ganzer Schatz, und damit soll ich mein Glück machen?«

»Hundert Goldthaler!« rief Coconnas, »und Ihr beklagt Euch. Mordi, mein Herr, ich habe nur sechs.«

»Geht doch,« versetzte La Mole, »ich habe Euch Eure Börse ziehen sehen, die mir nicht nur sehr rund, sondern man dürfte wohl sagen, aufgeschwollen vorkam.«

»Oh, ja,« sagte Coconnas, »das ist, um eine alte Schuld zu tilgen, welche ich an einen Freund meines Vaters zu bezahlen habe, der mir, wie Ihr, ein wenig Hugenotte zu sein scheint. Es sind hundert Rosenobles,« fuhr Coconnas, an seine Tasche klopfend, fort. »Diese hundert Rosenobles aber gehören Meister Mercandon. Was mein Erbgut betrifft, so beschränkt es sich, wie ich Euch sagte, auf sechs Thaler.«

»Wie sollen wir dann spielen?«

»Gerade deshalb wollte ich spielen. Ueberdies ist mir ein Gedanke gekommen.«

»Laßt hören.«

»Wir kommen Beide in derselben Absicht nach Paris?«

»Ja.«

Wir haben Beide einen mächtigen Beschützer?«

»Ja.«

»Nun, es ist mir der Gedanke gekommen, wir wollen zuerst um unser Geld und dann um die erste Gunstbezeugung spielen, die uns entweder vom Hofe oder von unserer Geliebten zufließt.«

»In der That, das ist sehr geistreich,« sagte La Mole lächelnd, »aber ich gestehe, ich bin nicht genug Spieler, um mein ganzes Leben auf eine Karte oder auf einen Wurf zu setzen; denn die erste Gunst, die Euch und mir zukommt, wird ohne Zweifel einen mächtigen Einfluß auf unser ganzes Leben haben.«

»Lassen wir also die erste Gunstbezeugung des Hofes und spielen wir um die erste Gunst unserer Geliebten.«

»Dagegen sehe ich nur einen Einwurf,« sagte La Mole.

»Welchen?«

»Ich habe keine Geliebte.«

»Ich auch nicht, aber ich gedenke ungesäumt eine zu haben. Man ist Gott sei Dank nicht so beschaffen, daß es einem an Frauen fehlen sollte.«

»Es wird Euch auch, wie Ihr sagt, nicht daran fehlen, Herr von Coconnas. Da ich aber nicht dasselbe Zutrauen zu meinem Liebesgestirne habe, so hieße es Euch bestehlen, wollte ich meinen Einsatz dem Eurigen entgegenstellen. Spielen wir also bis zu Euren sechs Thalern. Verliert Ihr sie unglücklicher Weise und wollt das Spiel fortsetzen, wohl, Ihr seid Edelmann und Euer Wort ist Goldes werth.«

»Gut,« rief Coconnas, »das heiße ich sprechen. Ihr habt Recht, mein Herr, das Wort eines Edelmannes ist Goldes werth, besonders wenn dieser Edelmann Credit bei Hofe hat. Glaubt mir, ich hätte nicht recht den Muth, gegen Euch um die erste Gunst zu spielen, die ich bekommen sollte.«

»Ihr habt Recht, Ihr könntet sie verlieren, aber ich könnte sie nicht gewinnen; denn da ich dem König von Navarra gehöre, so kann ich nichts von dem Herrn Herzog von Guise empfangen.«

»Ah, Parpaillot,« murmelte der Wirth, seine alte Pickelhaube putzend, »ich hatte es Dir doch angerochen.«

Und er unterbrach sich, um das Zeichen des Kreuzes zu machen.

»Ah, entschieden,« versetzte Coconnas, die Karten mischend, die ihm der Kellner gebracht hatte. »Ihr seid also …«

»Was?«

»Von der Religion.«.

»Ich?«

»Ja, Ihr!«

»Wohl, setzt, ich sei es,« sprach La Mole lächelnd. »Habt Ihr etwas gegen uns?«

»Oh Gott sei Dank! nein, das ist mir ganz gleichgültig Ich hasse das Hugenottenthum im höchsten Maße, aber ich verabscheue die Hugenotten nicht, und dann ist dies auch Mode.«

»Ja,« versetzte La Mole lachend, »ein Beweis hierfür ist der Büchsenschuß nach dem Admiral. Wollen wir um Büchsenschüsse spielen?«

»Wie es Euch beliebt,« sagte Coconnas. »Wenn ich einmal spiele, ist es mir gleichgültig um was.«

»Spielen wir also,« sagte La Mole, seine Karten zusammenfassend und in seiner Hand ordnend.

»Ja, spielt, und spielt mit Vertrauen; denn sollte ich auch hundert Goldthaler wie die Eurigen verlieren, so hätte ich doch morgen Mittel, sie zu bezahlen.«

»Das Glück wird Euch also im Schlafe kommen?«

»Nein, ich werde es aufsuchen.«

»Wo dies? Sagt es mir, ich gehe mit Euch.«

»Im Louvre.«

»Ihr kehrt diese Nacht dahin zurück?«

»Ja, ich habe diese Nacht eine Privataudienz bei dem Herzog von Guise.«

Seitdem Coconnas davon sprach, daß er sein Glück im Louvre suchen wolle, hatte La Hurière das Putzen seiner Pickelhaube unterbrochen und sich hinter den Stuhl von La Mole gestellt, so daß ihn nur Coconnas sehen konnte, und von da aus machte er ihm Zeichen, die der Piemontese, ganz in sein Gespräch und in das Spiel vertieft, nicht bemerkte.

»Das ist doch wunderbar,« sprach La Mole, »und Ihr hattet Recht, wenn Ihr sagtet, wir wären unter einem Gestirne geboren. Ich habe diese Nacht auch ein Rendezvous im Louvre, aber nicht mit dem Herzog von Guise, sondern mit dem König von Navarra.«

»Habt Ihr ein Losungswort?«

»Ja.«

»Ein Versammlungszeichen?«

»Nein.«

»Nun, ich habe eines. Mein Losungswort ist …«

Bei diesen Worten des Piemontesen machte La Hurière eine so ausdrucksvolle Geberde, gerade in dem Augenblick, wo der schwatzhafte Edelmann den Kopf emporhob daß Coconnas mehr versteinert durch diese Geberde, als durch den Coup, durch den er gerade drei Thaler verlor, inne hielt. Als La Mole das Erstaunen wahrnahm, das auf dem Gesichte seines Partners ausgeprägt war, wandte er sich um, aber er sah nichts Anderes, als seinen Wirth, die Arme gekreuzt und die Pickelhaube auf dem Kopfe, die er ihn einen Augenblick vorher hatte putzen sehen.

Coconnas schaute den Wirth und seinen Gefährten an, denn er konnte die Geberden von Meister La Hurière nicht begreifen.

La Hurière sah, daß er ihm zu Hilfe kommen mußte und sagte rasch:

»Ich liebe das Spiel auch ungemein, und da ich mich näherte, um den Coup zu sehen, auf den Ihr verloren habt, so nahm der gnädige Herr ohne Zweifel meine kriegerische Kopfbedeckung wahr, und das setzte ihn wohl bei einem armen Bürgersmann in Erstaunen.«

»Ein guter Kerl!« rief La Mole, in ein Lachen ausbrechend.

»Ei, mein Herr,« versetzte La Hurière mit bewundernswürdig gespielter Gutmüthigkeit und mit einer Schulterbewegung voll des Gefühls- einer untergeordneten Stellung, »wir sind keine Tapfere und haben nicht das feine Wesen. Es taugt für brave Edelleute, wie Ihr seid, goldene Helme und schöne Schwerter glänzen zu lassen, und wenn wir nur unsere Wache pünktlich beziehen …«

»Ah! Ah!« sprach La Mole, die Karten mischend, »Ihr bezieht Eure Wache?«

»Ei, mein Gott, ja, Herr Graf, ich bin Sergent einer Compagnie der Bürgermiliz.«

Nach diesen Worten zog sich La Hurière, während La Mole mit dem Ausgeben der Karten beschäftigt war, einen Finger auf seine Lippen legend, um dem mehr als je verblüfften Coconnas Stillschweigen zu empfehlen, zurück.

Diese Vorsichtsmaßregel war ohne Zweifel die Ursache, daß er den zweiten Coup eben so rasch verlor, als er den ersten verloren hatte.

»Nun,« sagte La Mole, »das macht gerade Eure sechs Thaler. Wollt Ihr Revanche auf Euer zukünftiges Glücks.«

»Gerne,« erwiederte Coconnas, »gerne.«

»Aber ehe Ihr Euch weiter einlaßt, … sagtet Ihr mir nicht, Ihr hattet Rendezvous mit Herrn von Guise?«

Coconnas wandte seine Blicke nach der Küche und sah die großen Augen von La Hurière, welche dasselbe Zeichen wiederholten.

»Ja,« antwortete er, »aber es ist noch nicht die Stunde. Sprechen wir übrigens ein wenig von Euch, Herr de La Mole.«

»Ich glaube, wir würden besser daran thun, vom Spiel zu sprechen, Herr von Coconnas, denn wenn ich mich nicht sehr täusche, bin ich im Zuge, abermals sechs Thaler zu gewinnen.«

»Mordi, das ist wahr! Man sagte mir immer, die Hugenotten hätten Glück im Spiele. Der Teufel soll mich holen, ich habe Lust, ein Hugenott zu werden.«

Die Augen von La Hurière funkelten wie zwei Kohlen; aber ganz in sein Spiel vertieft, gewahrte sie Coconnas nicht.

«Thut das, Graf, thut das,« versetzte La Mole, »und obgleich die Art und Weise, wie Euch der Beruf hierzu gekommen ist, sonderbar erscheint, so werdet Ihr doch unter uns willkommen sein.«

Coconnas kratzte sich hinter dem Ohre und erwiederte:

»Wenn ich gewiß wüßte, daß Euer Glück davon herrührt, so wollte ich wohl, … denn am Ende halte ich keine zu große Stücke auf die Messe, und seit der König selbst nicht viel darauf hält …«

»Und dann ist es eine so schöne, eine so einfache Religion,« sprach La Mole.

»Auch ist sie in der Mode,« sagte Coconnas, »und sie bringt offenbar Glück im Spiele; denn der Teufel soll mich holen, es gibt nur Asse für Euch, und ich beobachte Euch doch, seitdem wir die Karten in den Händen haben. Ihr spielt offenes Spiel, Ihr betrügt nicht … das muß von der Religion herkommen.«

»Ihr seid mir weitere sechs Thaler schuldig,« sprach ruhig La Mole.

»Ah, wie Ihr mich in Versuchung führt,« versetzte Coconnas, »und wenn ich diese Nacht mit Herrn von Guise nicht zufrieden bin …«

»Nun?«

»So bitte ich Euch, morgen mich dem König von Navarra vorzustellen, und seid unbesorgt, werde ich einmal Hugenott, so bin ich es mehr als Luther, Calvin, Melanchthon und alle Reformatoren der Erde.«

»Stille,« sagte La Mole, »Ihr gerathet in Zerwürfniß mit unserem Wirthe.«

»Oh! das ist wahr,« sprach Coconnas, seine Augen wieder nach der Küche wendend. »Doch nein, er hört uns nicht, er ist in diesem Augenblick zu sehr beschäftigt.«

»Was macht er denn?« fragte La Mole, der ihn von seinem Platze aus nicht sehen konnte.

»Er plaudert mit … der Teufel soll mich holen, er ist es!«

»Wer?«

»Der Nachtvogel, mit dem er schon bei unserer Ankunft sprach, der Mann mit dem gelben Wamms und dem zunderfarbigen Mantel. Alle Teufel, mit welchem Feuer spricht er. Ei! sagt mir doch, Meister La Hurière, treibt Ihr zufällig Politik?«

Diesmal aber war die Antwort von Meister La Hurière eine so kräftige, so gebieterische Geberde, das Coconnas, trotz seiner Liebe für das gemalte Kartenpapier aufstand und auf ihn zuging.

»Was habt Ihr denn?« fragte La Mole.

»Ihr verlangt Wein, gnädiger Herr,« sprach La Hurière, Coconnas rasch bei, der Hand ergreifend, »man wird Euch geben. Gregor, Wein für diese Herren!«

Dann flüsterte er ihm in das Ohr:

»Stille, stille, wenn Euch Euer Leben lieb ist, und entlaßt Euern Gefährten.«

La Hurière war so bleich, der gelbe Mann sah so finster aus, daß Coconnas schauerte, er wandte sich gegen La Mole um und sagte zu diesem:

»Mein lieber Herr de La Mole, ich bitte Euch mich zu entschuldigen, ich verliere hinter einander fünfzig Thaler. Ich bin im Unglück und muß befürchten, mich in Verlegenheit zu setzen.«

»Sehr gut, mein Herr, sehr gut,« sagte La Mole, »ganz nach Eurem Belieben. Ueberdies bedaure ich es nicht, mich einen Augenblick auf mein Bett werfen zu können. Meister La Hurière …«

»Herr Graf?«

»Wenn man kommt, um mich auf Befehl des Königs von Navarra zu holen, so weckt mich; ich bleibe angekleidet, und bin folglich sogleich bereit.«

»Gerade wie ich,« sprach Coconnas, »um Seine Hoheit nicht einen Augenblick warten zu lassen, will ich das Zeichen bereiten. Meister La Hurière, gebt mir eine Scheere und weißes Papier.«

»Gregor!« rief La Hurière, »weißes Papier, um einen Brief zu schreiben, und eine Scheere, um den Umschlag zu schneiden.

»Ah, ganz entschieden geht hier etwas Außerordentliches vor,« sagte der Piemontese zu sich selbst.

»Gute Nacht, Herr von Coconnas,« sprach La Mole, »und Ihr, mein Wirth, erweist mir die Freundschaft, mir den Weg zu zeigen.«

Und La Mole verschwand, von La Hurière gefolgt auf der Wendeltreppe.

Nun ergriff der geheimnisvolle Mann Coconnas ebenfalls beim Arme, zog ihn zurück und sagte rasch zu ihm:

»Mein Herr, es fehlte nicht viel, so offenbartet Ihr hundertmal ein Geheimnis, von welchem das Schicksal des Königreiches abhängt. Gott fügte es, daß Euer Mund zu rechter Zeit geschlossen wurde. Ein Wort mehr und ich hätte Euch mit einem Büchsenschusse niedergestreckt. Nun sind wir allein.«

»Aber wer seid Ihr denn, daß Ihr in diesem gebieterischen Tone mit mir sprecht?«

»Habt Ihr zufällig von Herrn von Maurevel reden hören?«

«Dem Mörder des Admirals?«

»Und des Kapitän von Mouy.«

»Allerdings.«

»Ich bin der Herr von Maurevel.«

»Oh, oh!« rief Coconnas.

»Hört mich.«

»Mordi! Ich glaube wohl, daß ich Euch höre.«

»Stille,« flüsterte Herr von Maurevel, den Finger an den Mund legend.

Coconnas horchte aufmerksam.

Man hörte in diesem Augenblick den Wirth die Thüre eines Zimmers, dann die Thüre der Hausflur schließen und Riegel vorschieben, und sah ihn dann eiligst zurückkehren.

Er bot Maurevel einen Stuhl, nahm einen dritten für sich und sagte:

»Alles ist wohl verschlossen, Herr von Maurevel, Ihr könnt nun sprechen.«

Es schlug elf Uhr auf Saint-Germain-l’Auxerrois. Maurevel zählte einen Schlag nach dem andern, wie er vibrirend und düster in der Nacht ertönte, und als der letzte im Raume verklungen war, sagte er zu Coconnas, der im höchsten Maße erstaunt die Vorsichtsmaßregeln betrachtete, welche die zwei Männer nahmen:

»Mein Herr, seid Ihr ein guter Katholik?«

»Ich glaube wohl,« antwortete Coconnas.

»Mein Herr, seid Ihr dem König ergeben?« fuhr Maurevel fort.

»Mit Leib und Seele. Ich glaube sogar, daß Ihr mich beleidigt, indem Ihr eine solche Frage an mich richtet.«

»Wir werden darüber keinen Streit bekommen, Ihr folgt uns nur.«

»Wohin?«

»Gleichviel. Laßt Euch führen, es handelt sich um Euer Glück und vielleicht um Euer Leben.«

»Ich sage Euch, mein Herr, daß ich um Mitternacht im Louvre zu thun habe.«

»Gerade dahin gehen wir.«

»Herr von Guise erwartet mich daselbst.«

»Uns auch.«

»Aber ich habe ein besonderes Losungswort,« fuhr Coconnas fort, etwas gedemüthigt dadurch, daß er die Ehre seiner Audienz mit dem Herrn von Maurevel und mit Meister La Hurière theilen sollte.

»Wir auch.«

»Aber ich habe ein Erkennungszeichen.«

Maurevel lächelte, zog unter seinem Wamms eine Handvoll Kreuze von weißem Stoffe hervor, gab eines La Hurière, eines Coconnas und nahm eines für sich selbst. La Hurière befestigte das seinige an seine Pickelhaube, Maurevel band sein Kreuz an seinen Hut.

»Oho!« sprach Coconnas ganz verwundert, »das Losungswort, das Rendezvous, das Erkennungszeichen, das war also für die ganze Welt.«

»Ja, mein Herr, das heißt, für alle gute Katholiken.«

»Es ist ein Fest im Louvre, ein königliches Bankett, nicht wahr?« rief Coconnas, »und man will diese Hunde von Hugenotten ausschließen. Gut, gut, vortrefflich! Sie brüsten sich schon lange genug dort!«

»Ja, ja, es gibt ein Fest im Louvre,« sagte Maurevel, »ein königliches Bankett, und die Hugenotten sind dazu eingeladen … Noch mehr, sie werden die Helden des Festes sein, sie werden das Bankett bezahlen, und wenn Ihr von den Unsern sein wollt, so fangen wir damit an, daß wir ihren Hauptkämpen, ihren Gideon, dazu einluden.«

»Den Herrn Admiral!« rief Coconnas.

»Ja, den alten Gaspard, den ich wie ein Dummkopf gefehlt habe, obgleich ich mit der Büchse des Königs auf ihn schoß.«

»Darum, gnädiger Herr, putzte ich meine Pickelhaube, schliff ich mein Schwert und wetzte ich mein Messer,« sprach mit einem scharfen Tone der in einen Krieger verwandelte Meister La Hurière.

Bei diesen Worten bebte Coconnas und wurde sehr bleich, denn er fing an zu begreifen.

»Wie! in der That?« rief er. »Dieses Fest, dieses Bankett… ist…man will…«

»Ihr habt sehr lange gebraucht, um zu errathen,« versetzte Maurevel, »und man sieht wohl, daß Ihr der Unverschämtheit dieser Ketzer nicht müde seid, wie wir.«

»Und Ihr nehmt es auf Euch, zu dem Admiral zu gehen, und zu …«

Maurevel lächelte, zog Coconnas an ein Fenster sprach:

»Schaut, seht Ihr auf dem kleinen Platz am Ende der Straße, hinter der Kirche die Truppe, welche sich schweigend, in der Dunkelheit aufstellt?«

»Ja.«

»Die Leute, welche diese Truppe bilden, haben, wie Meister La Hurière, Ihr und ich, ein Kreuz am Hute.«

»Nun?«

»Nun, diese Menschen sind eine Compagnie Schweizer von den kleinen Cantonen, befehligt von Toquenaut. Ihr wißt, daß die Herren von den kleinen Cantonen treue Anhänger des Königs sind.«

»Oh, oh!« rief Coconnas.

»Seht Ihr die Reitertruppe über den Quai kommen? erkennt Ihr den Führer?«

»Wie soll ich ihn erkennen?« sagte Coconnas schauernd, »ich bin erst seit diesem Abend in Paris.«

»Er ist es, mit dem Ihr diese Nacht Rendezvous im Louvre habt. Er erwartet Euch.«

»Der Herzog von Guise?«

»Er selbst. Diejenigen, welche ihn begleiten, sind Marcel, der Exprevot der Kaufleute, und Charon, der gegenwärtige Prevot. Diese zwei bringen ihre Bürgercompagnieen auf die Beine, und dort kommt eben der Capitän des Quartiers in die Straße. Schaut wohl, was er macht!«

»Er klopft an jede Thüre. Aber was ist denn an den Thüren, an die er klopft?«

»Ein weißes Kreuz, junger Mann, ein Kreuz, dem ähnlich, welches wir an unsern Hüten haben. Früher überließ man Gott die Sorge, die Seinigen zu unterscheiden; heut’ zu Tage sind wir höflicher und ersparen ihm diese Mühe.«

»Aber jedes Haus, an das er klopft, öffnet sich, und aus jeder Thüre kommen bewaffnete Bürger hervor.«

»Er wird an das unsere klopfen, wie an die andern, und wir werden ebenfalls kommen.«

»Alle diese Leute sind auf den Beinen, um einen alten Hugenotten zu tödten!« sagte Coconnas. »Bei Gott das ist schmachvoll, das ist ein Geschäft für Erdroßler und nicht für Soldaten.«

»Junger Mann,« sprach Maurevel, »wenn Euch die Alten widerstreben, so könnt ihr Junge nehmen. Es werden sich welche für jeden Geschmack finden. Verachtet Ihr den Dolch, so könnt Ihr Euch des Degens bedienen, denn die Hugenotten sind nicht die Leute, welche sich erwürgen lassen, ohne sich zu vertheidigen. Und Ihr wißt, die Hugenotten haben, Alt oder Jung, ein zähes Leben.«

»Man wird sie also insgesamt umbringen?« rief Coconnas.

»Insgesamt.«

»Auf Befehl des Königs?«

»Des Königs und des Herrn von Guise.«

»Und wann dies?«

»Sobald Ihr die Glocke in Saint-Germain-l’Auxerrois läuten hört.«

»Ah! deßhalb sagte mir also der liebenswürdige Deutsche, der bei Herrn von Guise ist … wie heißt er doch?«

»Herr von Besme.«

»Richtig. Deshalb sagte mir also Herr von Besme, ich solle beim ersten Tone der Sturmglocke herbeieilen.«

»Ihr habt Herrn von Besme gesehen?«

»Ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen.«

»Wo dies?«

»Im Louvre. Er führte mich ein, er gab mir das Losungswort, er …«

»Seht doch!«

»Mordi! er ist es selbst.«

»Wollt Ihr ihn sprechen?«

»Bei meiner Seele! es wäre mir nicht unangenehm.«

Maurevel öffnete rasch das Fenster. Besme kam wirklich mit etwa zwanzig Mann vorüber.

»Guise und Lothringen,« sagte Maurevel.

Besme wandte sich um; er begriff, daß es ihm galt und näherte sich.

»Ah! Ihr seid es, Herr von Maurevel?«

»Ja, ich bin es; was sucht Ihr?«

»Ich suche das Gasthaus zum Schönen Gestirne, um einen gewissen Herrn von Coconnas in Kenntniß zu setzen.«

»Hier bin ich, Herr von Besme,« sprach der junge Mann.

»Ah! gut, gut, seid Ihr bereit?«

»Ja, was soll ich thun?«

»Was Euch Herr von Maurevel sagt; das ist ein guter Katholik.«

»Hört Ihr?« versetzte Maurevel.

»Ja,« antwortete Coconnas, »aber Ihr, Herr von Besme, wohin geht Ihr?«

»Ich?« rief Besme lachend.

»Ja, Ihr.«

»Ich will dem Admiral ein Wörtchen sagen.«

»Sagt ihm zwei, wenn es sein muß,« sprach Maurevel, »und wenn er sich vom ersten erhebt, so macht, daß er wenigstens nicht vom zweiten aufsteht.«

»Seid unbesorgt, Herr von Maurevel, seid unbesorgt, und dressiert mir den jungen Menschen da gut.«

»Ja, ja, habt nicht bange. Die Coconnas sind gute Leithunde, und Art läßt nicht von Art.«

»Adieu!«

»Geht!«

»Und Ihr.«

»Beginnt immerhin die Jagd, wir kommen schon zum Jägerrechte.«

Von Besme entfernte sich, und Maurevel schloß das Fenster.

»Ihr hört es, junger Mann,« sprach Maurevel, »wenn Ihr irgend einen Privatfeind habt, sollte er auch nicht ganz Hugenott sein, setzt ihn immerhin auf die Liste, er wird mit den andern durchgehen.«

Immer mehr erstaunt über Alles, was er hörte und sah, betrachtete Coconnas abwechselnd den Wirth, welcher furchtbare Stellungen annahm, und Maurevel, der ganz ruhig ein Papier aus seiner Tasche zog.

»Hier ist meine Liste,« sagte er. »Dreihundert. Möchte diese Nacht jeder Katholik den zehnten Theil von dem Geschäfte verrichten, das ich verrichte, und morgen wäre kein einziger Ketzer mehr im Königreich.«

»Stille,« sprach La Hurière.

»Was gibt es?« sagten gleichzeitig Coconnas und Maurevel.

Man hörte den ersten Schlag der Sturmglocke in Saint-Germain-l’Auxerrois.

»Das Signal!« rief Maurevel. »Die Stunde ist also vorgerückt. Es sollte erst um Mitternacht sein, wie man mir sagte … Desto besser! Wenn es sich um die Ehre Gottes und des Königs handelt, sind die Uhren mehr werth, welche vorgehen, als die, welche nachgehen.«

Man hörte wirklich das düstere Läuten der Kirchenglocke. Bald ertönte ein erster Schuß und beinahe in demselben Augenblicke erleuchtete der Glanz mehrerer Fackeln wie ein Blitz die Rue de l’Arbre-Sec.

Coconnas fuhr mit seiner schweißfeuchten Hand über die Stirne.

»Man hat angefangen,« rief Maurevel, »vorwärts!«

»Einen Augenblick,« sprach der Wirth, »ehe wir in das Feld ziehen, versichern wir uns des Quartiers, wie man im Kriege sagt. Man soll nicht meine Frau und meine Kinder erwürgen, während ich außen bin. Es ist ein Hugenott hier.«

»Herr de La Mole!« rief Coconnas aufspringend.

»Ja, der Parpaillot hat sich in den Rachen des Wolfes gestürzt.«

»Wie,« sagte Coconnas, »Ihr wollt Euren Gast angreifen?«

»Für ihn besonders habe ich meinen Degen geschliffen.«

»Oho!« rief der Piemontese, die Stirne faltend.

»Ich habe nie etwas Anderes getödtet, als meine Kaninchen, meine Enten und meine Hühner; ich weiß also nicht recht, wie ich mich zu benehmen habe, um einen Menschen zu tödten. An diesem will ich mich nun einüben. Mache ich die Sache etwas linkisch, so ist doch wenigstens Niemand da, der über mich spotten kann.«

»Mordi! das ist hart,« entgegnete Coconnas. »Herr de La Mole ist mein Gefährte, Herr de La Mole hat mit mir zu Nacht gespeist, Herr de La Mole hat mit mir gespielt.«

»Ja, aber Herr de La Mole ist ein Ketzer!« sprach Maurevel, »Herr de La Mole ist verurtheilt, und wenn wir ihn nicht tödten, werden ihn Andere tödten.«

»Abgesehen davon,« sagte der Wirth, »daß er Euch fünfzig Thaler abgewonnen hat.«

»Das ist wahr,« erwiederte Coconnas, »aber auf eine redliche Weise.«

»Redlich oder nicht, Ihr müßt ihn doch immerhin bezahlen, während Ihr, wenn ich ihn tödte, quitt seid.«

»Vorwärts, meine Herren, vorwärts!« rief Maurevel, »einen Büchsenschuß, einen Degenstoß, einen Schlag mit dem Hammer, einen Schlag mit dem Feuerbock, einen Schlag, mit was Ihr wollt; aber endigen wir damit, wenn wir, wie wir es versprochen gaben, zu rechter Zeit kommen wollen, um dem Herrn von Guise bei dem Admiral zu helfen.«

Coconnas seufzte.

»Ich eile,« rief La Hurière, »wartet auf mich.«

»Mordi!« rief Coconnas, »er wird den armen Jungen leiden lassen und ihn vielleicht bestehlen.

»Ich will dabei sein, um ihm im Falle der Noth den Garaus zu machen und es zu verhindern, daß man sein Geld nimmt.«

Durch diesen glücklichen Gedanken bewogen, stieg Coconnas hinter La Hurière die Treppe hinauf. Bald hatte er ihn eingeholt, denn La Hurière verzögerte seine Schritte immer mehr, ohne Zweifel in Folge einer Betrachtung.

In dem Augenblick, wo er, beständig von Coconnas gefolgt, zur Thür gelangte, erschollen mehrere Schüsse auf der Straße. Sogleich hörte man La Mole von seinem Bette herabspringen und den Boden unter seinen Tritten krachen.

»Teufel!« murmelte La Hurière etwas beunruhigt, »er ist, glaube ich, aufgewacht!«

»Es kommt mir so vor,« sagte Coconnas.«

»Und er wird sich vertheidigen?«

»Er ist fähig dazu. Sagt doch, Meister La Hurière, es wäre drollig, wenn er Euch tödten würde.«

»Hm, hm,« murmelte der Wirth.

Aber da er sich mit einer guten Büchse bewaffnet fühlte, beruhigte er sich wieder und schlug die Thüre mit einem guten Fußstoße ein.

Man sah nun La Mole ohne Hut, aber ganz angekleidet, hinter seinem Bette verschanzt, seinen Degen zwischen den Zähnen und seine Pistolen in der Hand.

»Oho!« rief Coconnas, die Nasenlöcher wie ein wildes Thier ausreißend, das Blut riecht. »Die Sache wird interessant, Meister La Hurière, vorwärts! auf ihn.«

»Ah! man will mich ermorden, wie es scheint,« rief La Mole mit flammenden Augen, »und Du bist es, Elender!«

Meister La Hurière beantwortete diese Anrede nur, indem er seine Büchse senkte und auf den jungen Mann anschlug; aber La Mole, der diese drohende Bewegung gesehen, fiel in dem Augenblick, wo der Schuß losging, auf die Kniee und die Kugel flog über seinem Kopfe hin.

»Herbei,« rief La Mole, »mir zu Hilfe, Herr von Coconnas.«

»Herbei, Herr von Maurevel, mir zu Hilfe!« rief La Hurière.

»Meiner Treue. Herr de La Mole,« sagte Coconnas, »ich kann in dieser Geschichte nicht mehr thun, als mich nicht gegen Euch stellen. Es scheint, man bringt diese Nacht die Hugenotten im Namen des Königs um.«

»Ah, Verräther, ah, Mörder! so geht es! wartet nur!«

Und La Mole zielte ebenfalls und drückte eine von seinen Pistolen ab. La Hurière, der ihn nicht aus dem Gesichte verlor, hatte Zeit, sich auf die Seite zu werfen. Aber Coconnas, welcher hierauf nicht gefaßt war, blieb aus seiner Stelle, und die Kugel streifte seine Schulter.

«Mordi!« rief er, mit den Zähnen knirschend, »das hat mich getroffen; nun ist es an uns Beiden, da Du es willst.«

Und er zog seinen Degen und stürzte auf La Mole los.

Wäre er allein gewesen, so hätte ihn La Mole ohne Zweifel erwartet; aber Coconnas hatte hinter sich den Meister La Hurière welcher seine Büchse wieder lud, abgesehen von Maurevel, der, um der Aufforderung des Wirthes zu folgen, mit großen Sprüngen die Treppe heraufeilte. La Mole warf sich deßhalb in ein Cabinet und verriegelte die Thüre hinter sich.

»Ah, Schelm!« rief Coconnas wüthend und stieß mit dem Knopfe seines Raufdegens an die Thüre. »Warte, warte! ich will Deinen Leib mit so vielen Degenstößen durchbohren, als Du mir diesen Abend Thaler abgewonnen hast. Ah! ich komme, um es zu verhindern daß Du leidest, und Du belohnst mich dadurch, dass Du mir eine Kugel in die Schulter sendest. Warte Schurke, warte!«

Während dieser Zeit näherte sich La Hurière und zerschmetterte mit dem Kolben seiner Büchse die Thüre.

Coconnas sprang in das Cabinet, aber er stieß mit der Nase an die Wand. Das Cabinet war leer und das Fenster offen.

»Er wird sich hinausgestürzt haben,« sagte der Wirth, »und da wir uns im vierten Stocke befinden, so ist er todt.«

»Oder er hat sich über das Dach des Nachbarhauses geflüchtet,« rief Coconnas, schwang sich auf das Fenstergesimse und schickte sich an, ihm auf diesem abschüssigen Terrain zu folgen.

Aber Maurevel und La Hurière eilten auf ihn zu und zogen ihn wieder in das Zimmer.

»Seid Ihr ein Narr!« riefen Beide gleichzeitig. »Wollt Ihr Euch tödten?«

»Bah!« sagte Coconnas, »ich bin im Gebirge zu Hause und gewohnt, auf den Gletschern umherzulaufen. Ueberdieß würde ich, wenn mich ein Mensch einmal beleidigt hat, mit ihm in den Himmel hinauf oder in die Hölle hinabsteigen. Laßt mich also gewähren.«

»Seid vernünftig,« sprach Maurevel, »entweder ist er todt, oder bereits ferne. Kommt mit uns, und wenn dieser Euch entgeht, so findet Ihr tausend Andere statt seiner.«

»Ihr habt Recht,« brüllte Coconnas. »Tod den Hugenotten! Ich muß mich rächen, und zwar je eher desto besser.«

Und alle Drei stürzten wie eine Lawine die Treppe hinab.

»Zu dem Admiral!« rief Maurevel.

«Zu dem Admiral!« wiederholte La Hurière.

»Zu dem Admiral also, da Ihr es wollt,« sagte Coconnas.

Und alle Drei eilten aus dem Gasthause zum Schönen Gestirn, das der Bewachung von Gregor und den andern Aufwärtern überlassen wurde, und wandten sich nach dem Hotel des Admirals, das in der Rue de Béthisy lag. Eine glänzende Flamme und der Lärmen von Büchsenschüssen leiteten sie in dieser Richtung.

»Wer kommt da!« rief Coconnas, »ein Mensch ohne Wamms und ohne Schärpe.«

»Es ist Einer, der sich flüchtet,« sagte Maurevel.

»Das ist Eure Sache, da Ihr Büchsen habt,« rief Coconnas.

»Meiner Treue, nein,« sprach Maurevel, »ich behalte mein Pulver für besseres Wildpret.

»An Euch also, La Hurière.«

»Wartet, wartet!« sprach der Wirth anschlagend.

»O ja, wartet!« rief Coconnas, »und mittlerweile wird er entfliehen.«

Und er eilte, den Unglücklichen zu verfolgen, den er bald eingeholt hatte, denn er war bereits verwundet; aber in dem Augenblick, wo er, um ihn nicht von hinten niederzustoßen, ihm zurief: »Drehe dich, drehe dich doch!« erscholl ein Schuß, eine Kugel zischte an dem Ohr von Coconnas vorüber, und der Flüchtling rollte zusammen, wie ein im raschen Laufe vom Blei des Jägers getroffener Hase.

Ein Triumphgeschrei ließ sich hinter Coconnas hören. Der Piemontese wandte sich um und sah La Hurière seine Waffe schwingen.

»Ah, diesmal habe ich wenigstens das Handgeld bekommen!« rief La Hurière.

»Ja, aber Ihr habt mich beinahe erschossen.«

»Nehmt Euch in Acht, gnädiger Herr,« schrie La Hurière.

Coconnas machte einen Sprung rückwärts. Der Verwundete hatte sich auf ein Knie erhoben und war, ganz vom Durst nach Rache hingerissen, in dem Augenblick wo die Warnung seines Wirthes den Piemontesen aufmerksam machte, im Begriff, Coconnas mit seinem Dolche zu durchbohren.

»Ah, Schlange!« rief Coconnas.

Und sich auf den Verwundeten werfend, stieß er gut dreimal seinen Degen bis an das Heft in die Brust.

»Und nun,« rief Coconnas, den Hugenotten dem Todeskampfe überlassend, »zu dem Admiral! zu dem Admiral!«

»Ah! ah! gnädiger Herr,« sprach Maurevel, »es scheint, Ihr beißt an.«

»Ei, meiner Treue, ja,« sagte Coconnas, »ich weiß nicht, ob es der Pulverdampf ist, was mich berauscht, oder ob es der Anblick des Blutes ist, was mich so sehr aufregt, aber, Mordi! ich finde Geschmack am Tödten. Das ist nur ein Treibjagen auf Menschen. Bis jetzt habe ich Bären und Wölfe gejagt, aber bei meiner Ehre ein Treibjagen auf Menschen kommt mir lustiger vor.«

Und alle Drei setzten ihren Lauf wieder fort.

VIII.
Die Geschlachteten

Das Hotel, welches der Admiral bewohnte, lag, wie gesagt, in der Rue de Béthisy. Es war ein großes Haus, das sich im Hintergrunde eines Hofes mit zwei rückwärts nach der Straße laufenden Flügeln erhob. Eine durch ein großes Thor und zwei kleine Gitter geöffnete Mauer bildete den Eingang zu diesem Hofe.

Als die drei Parteigänger von Guise das Ende der Rue Béthisy erreichten, welche die Fortsetzung der Rue des Fossès-Saint-Germain-l’Auxerrois bildet, sahen sie das Hotel von Schweizern, von Soldaten und bewaffneten Bürgern umgeben. Alle hielten in der rechten Hand entweder Schwerter, oder Pieken, oder Büchsen, und Einige in der Linken Fackeln, welche über diese Scene ein düsteres, schwankendes Licht verbreiteten, das, den Bewegungen der Träger folgend, sich über das Pflaster ausdehnte, an den Mauern hinstieg oder über diesem lebendigen Meere flammte, wo jede Waffe ihren Glanz von sich gab. Rings um das Hotel und in den Rues Tirechappe, Etienne und Bertin-Poirée erfüllte sich das furchtbare Werk. Man vernahm ein langes Geschrei, das Musketenfeuer rasselte und von Zeit zu Zeit sprang ein Unglücklicher, halbnackt, bleich, blutig, wie ein verfolgter Hirsch, in einem Lichtkreise, umher, worin sich eine Welt von Teufeln zu bewegen schien.

In einem Augenblick befanden sich Coconnas, Maurevel und La Hurière, durch ihre weißen Kreuze bezeichnet und von dem Willkommensgeschrei empfangen, im dicksten Haufen. Ohne Zweifel hätten sie nicht durchkommen können; aber Einige erkannten Maurevel und ließen ihm Platz machen, Coconnas und La Hurière schlüpften ihm nach und allen Dreien gelang es, in den Hof zu dringen.

Mitten in diesem Hofe, dessen drei Thore man eingestoßen hatte, stand ein Mann, um welchen die Mörder achtungsvoll freien Raum ließen, gestützt auf einen entblößten Raufdegen und die Augen auf einen etwa fünfzehn Fuß hohen Balcon geheftet, der sich vor dem Hauptfenster des Hotel ausdehnte. Dieser Mann stampfte ungeduldig mit dem Fuße und wandte sich von Zeit zu Zeit, um diejenigen, welche sich zunächst bei ihm befanden, zu befragen.

»Noch nichts?« murmelte er, »Niemand… Er ist wohl gewarnt worden und entflohen. Was denkt Ihr davon, Du Gast?«

»Unmöglich, Monseigneur.«

»Warum? Habt Ihr nicht gesagt, einen Augenblick vor unserer Ankunft sei ein Mensch, den bloßen Degen in der Hand und laufend, als ob er verfolgt würde, erschienen, habe an die Thüre geklopft und es sei ihm geöffnet worden?«

»Ja, Monseigneur, aber beinahe in demselben Augenblick kam Herr von Besme; die Thüren wurden eingestoßen, das Hotel umzingelt. Der Mensch ist wohl hineingegangen, aber sicherlich nicht wieder herausgekommen.«

»Seht,« sagte Coconnas zu La Hurière, »wenn mich nicht Alles täuscht, ist dies Herr von Guise.«

»Er selbst, gnädiger Herr; ja, es ist der große Heinrich von Guise in Person. Er wartet ohne Zweifel, bis der Admiral herauskommt, um ihm dasselbe zu thun, was der Admiral seinem Vater gethan hat.

Jeder kommt an die Reihe, und, Gott sei Dank! heute ist sie an uns!«

»Holla, Besme! Holla!« rief der Herzog mit seiner mächtigen Stimme, »ist es denn noch nicht aus?«

Und mit der Spitze seines Schwertes ließ er in seiner Ungeduld Funken aus dem Pflaster springen.

In diesem Augenblick hörte man Geschrei in dem Hotel, dann Schüsse, dann eine große Bewegung von Füßen und ein Geräusch an einander gestoßener Waffen, worauf ein abermaliges Schweigen folgte.

Der Herzog machte eine Bewegung, um in das Haus zu stürzen.

»Monseigneur, Monseigneur!« sagte Du Gast, sich ihm nähernd und ihn zurückhaltend, »Euere Würde befiehlt Euch, zu bleiben und zu warten.«

»Du hast Recht, ich danke, Du Gast, ich werde warten. Aber in der That, ich sterbe vor Ungeduld und Unruhe. Ah! wenn er mir entginge!«

Plötzlich näherte sich der Lärm von Tritten … Die Scheiben des ersten Stockes wurden von Reflexen, denen einer Feuersbrunst ähnlich, beleuchtet. Das Fenster, nach welchem der Herzog so oft die Augen aufgeschlagen hatte, öffnete sich oder zersprang vielmehr in Stücke, und ein Mensch mit bleichem Gesichte und blutbeflecktem Kragen erschien auf dem Balcon.

»Besme!« rief der Herzog, »bist Du es endlich! Nun?«

»Hier, hier!« antwortete kalt der Deutsche, der sich bückte und sogleich wieder aufstehend, eine, wie es schien, beträchtliche Last emporhob.

»Aber die Andern,« sagte ungeduldig der Herzog, »wo sind die Andern?«

»Die Andern machen die Andern fertig.«

»Und Du, was hast Du gethan?«

»Ich? Ihr sollt es sehen! Weicht ein wenig zurück …«

Der Herzog machte einen Schritt zurück.

In diesem Augenblick konnte man den Gegenstand unterscheiden, den Besme mit so großer Anstrengung an sich zog. Es war der Leichnam eines Greises. Er hob ihn über den Balcon, wiegte ihn einen Augenblick im leeren Raume und warf ihn zu den Füßen seines Herrn.

Das dumpfe Geräusch des Falles, die Blutwellen, welche aus dem Körper hervorsprangen und das Pflaster bespritzten, setzten sogar den Herzog in Schrecken. Aber dieses Gefühl dauerte nicht lange. Die Neugierde machte, daß jeder einige Schritte vorwärts ging, und eine Fackel zitterte über dem Opfer.

»Der Admiral!« riefen gleichzeitig zwanzig Stimmen, welche gleichzeitig auch wieder schwiegen.

»Ja, der Admiral,« sagte der Herzog, sich dem Leichname nähernd, um ihn mit stiller Freude zu betrachten.

»Der Admiral! der Admiral!« wiederholten mit halber Stimme alle Zeugen dieser furchtbaren Scene, drängten sich an einander und näherten sich schüchtern dem großen, niedergeschmetterten Greise.

»Ah, Du bist endlich hier, Gaspard,« sprach der Herzog von Guise triumphirend.« »Du hast meinen Vater ermorden lassen, ich räche ihn.«

Und er wagte es, den Fuß aus den Leib des protestantischen Helden zu setzen; aber alsbald öffneten sich die Augen des Sterbenden mit großer Anstrengung, seine blutige, verstümmelte Hand zog sich zum letzten Male krampfhaft zusammen und der Admiral sprach, fortwährend unbeweglich, zu dem ruchlosen mit einer Gräberstimme:

»Heinrich von Guise, Du wirst auch eines Tages den Fuß eines Mörders auf Deiner Brust fühlen. Ich habe Deinen Vater nicht getödtet … Sei verflucht!«

Bleich und unwillkürlich zitternd, fühlte der Herzog, wie ein eisiger Schauer seinen ganzen Körper durchlief. Er fuhr mit der Hand über seine Stirne, als wollte er die unheilschwangere Vision verjagen. Als er die Hand aber wieder fallen ließ, als er es wagte, den Blick wieder auf den Admiral zu richten, waren seine Augen geschlossen, seine Hand wieder träg geworden, und es hatte sich ein schwarzer Blutstrom aus seinem Munde auf den weißen Bart ergossen, ein Strom, der unmittelbar auf die Worte gefolgt war, welche dieser Mund ausgesprochen hatte.

Der Herzog hob sein Schwert mit einer Geberde verzweifelter Entschlossenheit in die Höhe.

»Nun, Monseigneur,« sagte Besme zu ihm, »seid Ihr zufrieden?«

»Ja, mein Braver, ja,« versetzte Heinrich, »denn Du hast gerächt …«

»Den Herzog Franz, nicht wahr?«

»Die Religion,« versetzte Heinrich mit dumpfer Stimme. »Und nun,« fuhr er fort, sich gegen die Schweizer, die Soldaten und die Bürger, welche den Hof und die Straße füllten, umwendend, »zum Werke, meine Freunde, zum Werke!«

»Ei, guten Morgen, Herr von Besme,« sagte Coconnas, sich mit einer Art von Bewunderung dem Deutschen nähernd, der, immer noch auf dem Balcon, ruhig seinen Degen trocknete.

»Ihr habt ihn also abgefertigt!« rief La Hurière begeistert. »Wie habt Ihr das gemacht, mein würdiger Herr?«

»Oh, ganz einfach, ganz einfach! Er hörte Lärmen, öffnete seine Thüre und ich stieß ihm meinen Degen in den Leib. Aber das ist noch nicht Alles. Ich glaube, Téligny ist daran, ich höre schreien.«

Man vernahm wirklich in diesem Augenblick Angstgeschrei, welches von einer weiblichen Stimme ausgestoßen zu werden schien. Röthliche Reflexe beleuchteten einen von den zwei Flügeln. Man sah zwei Menschen, welche, verfolgt von einer ganzen Reihe von Mördern, flohen. Ein Büchsenschuß streckte den Einen nieder, der Andere fand auf seinem Wege ein offenes Fenster und sprang, ohne die Höhe zu messen, ohne sich um die Feinde zu bekümmern, welche ihn unten erwarteten, unerschrocken in den Hof.

»Tödtet ihn, tödtet ihn!« riefen die Mörder, als sie sahen, daß ihr Opfer entkommen sollte.

Der Mensch erhob sich nach seinem Degen greifend, der beim Falle seinen Händen entschlüpft war, nahm seinen Lauf mit gesenktem Haupte durch die Umstehenden, warf drei oder vier nieder und schoß, mitten unter dem Pistolenfeuer, mitten unter den Verwünschungen der Soldaten, welche wüthend darüber waren, daß sie ihn verfehlt hatten, wie der Blitz an Coconnas vorüber, der ihn mit dem Dolche am Thore erwartete.

»Getroffen!« rief der Piemontese, ihm den Arm mit der seinen, spitzigen Klinge durchstoßend.

»Feiger!« antwortete der Flüchtling, seinem Feinde mit der Klinge seines Schwertes das Gesicht peitschend, da er nicht Raum genug hatte, ihm einen Stoß mit der Spitze beizubringen.

»Oh, tausend Teufel!« rief Coconnas, »es ist Herr de La Mole.

»Herr de La Mole!« wiederholten La Hurière und Maurevel.

»Er hat dem Admiral Nachricht gegeben,« riefen mehrere Soldaten.

»Tödtet ihn, tödtet ihn!« brüllte man von allen Seiten.

»Coconnas, La Hurière und zehn Soldaten stürzten La Mole nach, der mit Blut bedeckt und zu jener Stufe von Exaltation gelangt, welche der letzte Vorbehalt menschlicher Kraft ist, ohne einen andern, Führer als den Instinkt, durch die Straßen sprang. Die Tritte und das Geschrei seiner Feinde hinter ihm, spornten ihn an und schienen ihm Flügel zu leihen. Zuweilen pfiff eine Kugel an seinem Ohre hin und verlieh seinem Lauf, statt ihn zu schwächen, eine neue, Geschwindigkeit. Es war kein Athmen mehr, was aus seiner Brust hervorkam, sondern ein dumpfes Röcheln; der Schweiß und das Blut tropften von seinen Haaren und flossen vermischt über sein Gesicht herab. Bald wurde sein Wamms zu eng für die Schläge seines Herzens, und er riß es auf; bald wurde sein Degen zu schwer für seine Hand, und er warf ihn von sich. Zuweilen kam es ihm vor, als entfernten sich die Tritte und als wäre er nahe daran, seinen Henkern zu entfliehen. Aber auf das Geschrei der letzteren verließen andere Mörder, die sich an seinem, Wege befanden und ihm näher waren, ihr blutiges Geschäft und liefen herbei. Plötzlich sah er den Fluß schweigsam an seiner Linien hinrollen. Es kam ihm vor, als fühlte er, wie der Hirsch, der vor Mattigkeit beinahe umsinkt, ein unbeschreibliches Vergnügen, sich hineinzustürzen, und nur die äußerste Kraft des Geistes vermochte ihn zurückzuhalten. Zu seiner Rechten war der Louvre, düster, unbeweglich, aber voll dumpfen, unseligen Geräusches. Auf der Zugbrücke eilten Helme, Panzer hin und her, welche in kalten Blitzen die Strahlen des Mondes wiedergaben. La Mole dachte an den König von Navarra, wie er an Coligny gedacht hatte. Es waren seine zwei einzigen Beschützer. Er raffte alle seine Kräfte zusammen, schaute den Himmel an und that ganz leise das Gelübde, abzuschwören, wenn er der Metzelei entkommen würde, ließ durch einen Umweg die Meute, welche ihn verfolgte, etwa dreißig Schritte verlieren, lief gerade auf den Louvre zu, stürzte durch einander mit den Soldaten auf die Zugbrücke, erhielt einen Dolchstich, welcher an seinen Rippen hinglitt, und trotz des Geschreis: »Tödtet ihn, tödtet ihn!« das hinter ihm und um ihn her erscholl, trotz der angreifenden Stellung, welche die Schildwachen nahmen, schoß er wie ein Pfeil in den Hof, sprang in das Vorhaus, erreichte die Treppe, stieg zwei Stockwerke hinauf, erblickte eine Thüre lehnte sich daran und klopfte mit Händen und, Füßen.

»Wer ist da?« flüsterte eine weibliche Stimme.

»Oh, mein Gott! mein Gott!« murmelte La Mole, »sie kommen … ich höre sie… sie sind da! … ich sehe sie … Ich bin es … ich! …«

»Wer seid Ihr?« versetzte die Stimme.

La Mole erinnerte sich des Losungswortes.

»Navarra! Navarra!« rief er.

Sogleich öffnete sich die Thür: ohne Gillonne zu sehen, ohne zu danken, drang La Mole in einen Vorplatz, eilte durch einen Corridor, durch ein paar Gemächer und gelangte endlich in ein Zimmer, das durch eine am Plafond hängende Lampe beleuchtet war.

Unter Vorhängen von Sammet mit goldenen Lilien, in einem Bette von geschnitztem Eichenholze, öffnete eine in ein Nachtgewand gehüllte Frau, auf ihren Arm gestützt, die vor Schrecken starren Augen.

La Mole stürzte auf sie zu und rief:

»Madame, man tödtet mich, man erdrosselt meine Brüder, man will mich auch tödten, auch erdrosseln! – Ah, Ihr seid die Königin… rettet mich!«

Und er sank, eine breite Blutspur auf dem Teppich zurücklassend, zu ihren Füßen.

Als die Königin von Navarra, welche sich, von der Herzogin von Lothringen gewarnt, völlig angekleidet in das Bett gelegt hatte, diesen bleichen, entstellten, vor ihr knieenden Menschen sah, richtete sie sich erschrocken auf und rief, ihr Gesicht in den Händen verbergend, um Hilfe.

»Madame,« sprach La Mole und strengte sich an, um aufzustehen, »in des Himmels Namen, ruft nicht, wenn man Euch hört, bin ich verloren! Mörder verfolgen mich … sie stürzen hinter mir die Stufen herauf; … ich höre sie … hier sind sie! hier sind sie!«

»Zu Hilfe!« wiederholte die Königin von Navarra außer sich, »zu Hilfe!«

»Ah! Ihr habt mich getödtet,« rief La Mole in Verzweiflung, »durch eine so süße Stimme, durch eine so schöne Hand sterben! Oh! das hätte ich für unmöglich gehalten!«

In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre, und eine Meute keuchender, wüthender Menschen, das Gesicht von Blut und Pulver befleckt, Büchsen, Hellebarden und Schwerter in den Fäusten, stürzte in das Zimmer.

An ihrer Spitze war Coconnas. Seine rothen Haare sträubten sich auf seinem Haupte, sein Auge war übermäßig erweitert, die Wange völlig gequetscht von dem Schwerte von La Mole, das eine blutige Furche auf dem Fleische gezogen hatte. So entstellt, war der Piemontese furchtbar anzuschauen.

»Mordi!« rief er, »hier ist er! hier ist er! Diesmal soll er uns nicht entkommen!«

De La Mole suchte eine Waffe um sich her und fand keine. Er warf seine Augen auf die Königin und sah das tiefste Mitleid auf ihrem Antlitz ausgeprägt. Da begriff er, daß sie allein ihn retten konnte, stürzte auf sie zu und umschlang sie mit seinen Armen.

Coconnas machte drei Schritte vorwärts, stieß die Spitze seines langen Degens abermals in die Schulter seines Feindes, und einige Tropfen warmen, frischrothen Blutes besprengten wie Thau die weißen, duftenden Tücher von Margarethe.

Margarethe sah das Blut fließen, sie fühlte das Beben des mit dem ihrigen verschlungenen Körpers und warf sich mit ihm in den Raum hinter dem Bette. Es war die höchste Zeit. Der völligen Erschöpfung seiner Kräfte nahe, fühlte sich de La Mole unfähig, irgend eine Bewegung zu machen. Er legte sein leichenblasses Haupt auf die Schulter der jungen Frau und seine krampfhaft zusammengezogenen Finger klammerten sich ihn zerreißend, an dem feinen gestickten Batist an, der mit einer Gazewelle den Körper von Margarethe bedeckte.

»Oh! Madame,« murmelte er mit sterbender Stimme, »rettet mich!«

Das war Alles, was er sagen konnte. Sein von einer Wolke, der Nacht des Todes ähnlich, verschleiertes Auge verdunkelte sich, der schwere Kopf fiel zurück, seine Arme erschlafften, seine Hüften beugten sich, und er glitt, die Königin mit sich ziehend, auf den Boden in sein eigenes Blut.

In diesem Augenblick streckte Coconnas, durch das Geschrei begeistert, durch den Geruch des Blutes berauscht, außer sich durch den wüthenden Lauf, den er gemacht hatte, den Arm nach dem königlichen Alkoven aus. Noch einen Augenblick und sein Degen durchdrang das Herz von La Mole und vielleicht zugleich das von Margarethe.

Bei dem Anblick dieses entblößten Eisens und vielleicht mehr noch bei dem dieser rohen Frechheit erhob sich die Tochter der Könige in ihrer ganzen Höhe und stieß einen Schrei so von Schrecken, Entrüstung und Wuth aus, daß der Piemontese, durch ein unbekanntes Gefühl versteinert, innehielt. Hätte diese Scene nur unter denselben handelnden Personen fortgedauert, so würde allerdings dieses Gefühl wie ein Morgenschnee unter der Frühlingssonne hingeschmolzen sein.

Aber plötzlich stürzte durch eine in der Wand verborgene Thüre ein junger Mensch von sechszehn bis siebzehn Jahren, schwarz gekleidet, bleich, die Haare in Unordnung, herein.

»Warte, meine Schwester, warte, hier bin ich!«

»Franz! Franz! zu Hilfe!« sprach Margarethe.

»Der Herzog von Alençon,« murmelte La Hurière, seine Büchse senkend.

»Mordi! ein Sohn von Frankreich!« brummte Coconnas, einen Schritt zurückweichend.

Der Herzog von Alençon warf einen Blick um sich her. Er sah Margarethe, die Haare aufgelöst, schöner als je, an die Mauer gelehnt, von Männern umgeben, Wuth in den Augen, Schweiß auf der Stirne, Schaum an dem Munde.

»Elende!« rief er.

»Rettet mich, mein Bruder!« sprach Margarethe erschöpft, »sie wollen mich ermorden!««

Eine Flamme zog über das bleiche Antlitz des Herzogs hin.

Obgleich er ohne Waffen war, ging er doch, ohne Zweifel unterstützt durch das Bewußtsein seines Ranges, mit geballten Fäusten auf Coconnas und seine Gefährten los, welche erschrocken vor den Blitzen, die aus seinen Augen hervorsprangen, zurückwichen.

»Werdet Ihr auch einen Sohn von Frankreich tödten?« sprach er.

Dann, da sie immer mehr zurückwichen:

»Oho! mein Kapitän der Garden, kommt hierher, und man hänge mir alle diese Schurken!«

Mehr erschrocken bei dem Anblicke dieses unbewaffneten jungen Menschen, als er es wohl bei einer Compagnie von Lanzknechten gewesen wäre, hatte Coconnas bereits die Thüre erreicht. La Hurière eilte mit Hirschläufen die Treppe hinab. Die Soldaten drängten sich und warfen sich in den Flur nieder, um so schnell als möglich zu entfliehen. Sie fanden die Thüre zu eng im Vergleiche mit ihrem großen Verlangen, außen zu sein.

Mittlerweile hatte Margarethe instinktartig ihre Damastdecke auf den jungen Mann geworfen und sich von ihm entfernt.

Als der letzte Mörder verschwunden war, wandte sich der Herzog von Alençon um.

»Meine Schwester!« rief er, als er Margarethe ganz mit Blut besprengt sah, »solltest Du verwundet sein?«

Und er stürzte auf seine Schwester mit einer Unruhe zu, die seiner Zärtlichkeit Ehre gemacht hätte, hätte man seine Zärtlichkeit nicht beschuldigt, sie wäre größer, als sie sich für einen Bruder geziemte.

»Nein,« sagte sie, »ich glaube nicht, oder wenn ich es bin, so bin ich es nur leicht.«

»Aber dieses Blut,« versetzte der Herzog, mit seinen zitternden Händen über den ganzen Körper von Margarethe hinstreifend, »dieses Blut, woher kommt es?«

»Ich weiß es nicht, »antwortete die junge Frau, »einer von den Elenden hat Hand an mich gelegt; vielleicht war er verwundet.«

»Hand an meine Schwester gelegt!« rief der Herzog. »Oh! wenn Du mir ihn nur mit dem Finger gezeigt hättest, wenn Du mir gesagt hättest, welcher es war, wenn ich wüßte, wo ich ihn finden sollte!…«

»Stille!« sprach Margarethe.

»Und warum dies?« sagte Franz.

»Weil, wenn man Euch zu dieser Stunde in meinem Zimmer sehen würde …«

»Kann ein Bruder nicht seine Schwester besuchen, Margarethe?«

Die Königin heftete auf den Herzog von Alençon einen so starren und dabei so drohenden Blick, daß der junge Mensch zurückwich.

»Ja, ja, Margarethe, Du hast Recht,« sagte er, »ich begebe mich in meine Wohnung. Aber Du kannst nicht diese ganze furchtbare Nacht allein bleiben. Soll ich Gillonne rufen?«

»Nein, nein, Niemand, gehe Franz, gehe auf dem Wege zurück, auf dem Du gekommen bist.«

Der junge Prinz gehorchte, und kaum war er verschwunden, als Margarethe, einen Seufzer vernehmend, der hinter ihrem Bette hervorkam, nach der Thüre des geheimen Ganges lief und dann nach der andern Thüre eilte, die sie ebenfalls und zwar in dem Augenblick verschloß, wo ein Haufen von Bogenschützen und Soldaten, welche andere im Louvre wohnende Hugenotten verfolgten, wie ein Orkan am äußersten Ende des Corridors vorüberbrauste.

Nachdem sie aufmerksam um sich hergeschaut hatte um zu sehen, ob sie auch gewiß allein wäre, kehrte sie nach dem Platze hinter ihrem Bette zurück, hob die Damastdecke auf, welche den Körper von La Mole den Blicken des Herzogs von Alençon entzogen hatte, schleppte mit aller Anstrengung die träge Masse in das Zimmer, setzte sich, als sie sah, das der Unglückliche noch athmete, nieder, legte sein Haupt auf ihren Schooß und sprengte ihm Wasser in das Gesicht, um ihn wiederzubeleben.

Jetzt erst, als das Wasser den Schleier von Staub, Pulver und Blut entfernt hatte, der das Antlitz des Verwundeten bedeckte, erkannte Margarethe in ihm den schönen Edelmann, der voll Leben und Hoffnung drei oder vier Stunden vorher sie um ihren Schutz bei dem König von Navarra gebeten und den, sie selbst in Träume versenkend, geblendet von ihrer Schönheit verlassen hatte.

Margarethe stieß einen Schrei des Schreckens aus, denn was sie jetzt für den Verwundeten fühlte, war nicht mehr Mitleid allein, es war Theilnahme. Der Verwundete war für sie in der That nicht mehr ein einfacher Fremder, es war ein Bekannter. Unter ihrer Hand erschien das schöne Antlitz von La Mole bald völlig wieder, aber bleich und vom Schmerze verzogen. Mit einem tödtlichen Schauer und beinahe eben so bleich als er selbst, legte sie die Hand auf sein Herz; sein Herz schlug noch. Dann streckte sie die Hand nach einem Riechfläschchen aus, das auf einem nahen Tische lag, und, ließ ihn davon einathmen.

La Mole öffnete die Augen.

»Oh, mein Gott!« murmelte er, »wo bin ich?«

»Gerettet! beruhigt Euch, gerettet!« sprach Margarethe.

La Mole wandte mühsam seinen Blick nach der Königin, verschlang sie einen Moment mit den Augen und stammelte:

»Oh! wie schön seid Ihr!«

Und wie geblendet schloß er alsbald die Augen abermals und seufzte.

Margarethe stieß einen leichten Schrei aus, der junge Mann erbleichte, wenn es möglich war, noch mehr, und sie glaubte einen Augenblick, dieser Seufzer wäre der letzte gewesen.

»Oh mein Gott! mein Gott!« sprach sie, »habe Mitleid mit ihm.«

Zur selben Zeit klopfte man heftig an die Flurthüre.

Margarethe stand, La Mole unter den Schultern haltend, halb auf.

»Wer ist da?« rief sie.

»Madame, Madame, ich bin es!« rief eine Frauenstimme, »ich, die Herzogin von Nevers.«

»Henriette!« rief Margarethe, »oh, dabei ist keine Gefahr! Es ist eine Freundin, hört Ihr, mein Herr?«

La Mole strengte alle seine Kräfte an und erhob sich auf ein Knie.

»Versucht es, Euch zu halten, während ich öffne,« sagte die Königin.

La Mole stützte seine Hand auf den Boden, und es gelang ihm, im Gleichgewicht zu bleiben. Margarethe machte einen Schritt nach der Thüre, aber sie blieb plötzlich, bebend vor Schrecken, stille stehen.

»Ach, Du bist nicht allein?« rief sie, das Geräusch von Waffen vernehmend.

»Nein, ich werde von zwölf Wachen geleitet, die mir mein Schwager Herr von Guise, gelassen hat.«

»Herr von Guise!« murmelte La Mole, »oh! der Mörder! der Mörder!«

»Stille!« sagte Margarethe, »nicht ein Wort!«

Und sie schaute rings um sich her, um zu sehen, wo sie ihn verbergen könnte.

»Einen Degen, einen Dolch!« murmelte La Mole.

»Um Euch zu vertheidigen? Vergeblich! Habt ihr nicht gehört? sie sind zu zwölf, und Ihr seid allein.«

»Nicht um mich zu vertheidigen, sondern um nicht, lebendig in ihre Hände zu fallen.«

»Nein, nein,« sprach Margarethe, »nein, ich werde Euch retten. Ah! Dieses Cabinet, kommt, kommt!«

La Mole strengte sich noch einmal an und schleppte sich, unterstützt von Margarethe, bis in das Cabinet. Margarethe schloß die Thüre hinter ihm, steckte den Schlüssel in ihre Tasche und flüsterte ihm durch das Täfelwerk zu: »Keinen Schrei, keine Klage, keinen Seufzer, und Ihr seid gerettet!«

Dann einen Nachtmantel über die Schultern werfend öffnete sie ihrer Freundin, die sich in ihre Arme stürzte.

»Ah,« sagte sie, »es ist Euch nichts begegnet, nicht wahr, Madame?«

»Nein,« sprach Margarethe und zog den Mantel fest zusammen, daß man die Blutflecken, mit denen ihr Gewand besprengt war, nicht sehen konnte.

»Desto besser; aber da mir der Herr Herzog von Guise zwölf Wachen, um mich nach seinem Hotel zurückzuführen, gegeben hat, und da ich keines so großen Geleites bedarf, so überlasse ich sechs davon Euerer Majestät. Sechs Wachen des Herzogs von Guise sind in dieser Nacht mehr werth, als ein ganzes Regiment Garden des Königs.«

Margarethe wagte es nicht, dieses Anerbieten auszuschlagen. Sie ließ die sechs Mann in dem Flur sich aufstellen, und umarmte dankend die Herzogin von Nevers, welche mit den andern sechs Wachen nach dem Hotel des Herzogs von Guise zurückkehrte, das sie in Abwesenheit ihres Gemahls bewohnte.

IX.
Die Schlächter

Coconnas war nicht entflohen, er hatte seinen Rückzug genommen. La Hurière war nicht entflohen, er war weggelaufen. Der Eine war auf die Weise des Tigers, der Andere auf die des Wolfes verschwunden. So kam es, daß La Hurière sich bereits auf der Place Saint-Germain-l’Auxerrois befand, als Coconnas erst den Louvre verließ.

Als La Hurière sich mit seiner Büchse allein sah, mitten unter den Menschen, welche vorüberliefen, unter den Kugeln, welche pfiffen, und den Leichnamen, die theils ganz, theils in Stücken zu den Fenstern herausfielen, fing er an Furcht zu bekommen, und suchte kluger Weise nach seinem Gasthofe zurückzukehren. Als er aber durch die Rue d’Averon in die Rue de l’Arbre-Sec ausmündete, fiel er in eine Truppe von Schweizern und Chevauxlegers, welche unter dem Befehle von Maurevel standen.

»Nun!« rief dieser, der sich selbst den Namen Todtschläger des Königs gegeben hatte, »Ihr seid schon fertig, Ihr kehrt zurück, Herr Wirth? Was Teufels habt Ihr mit unserem piemontesischen Edelmann gemacht? Es wird ihm doch kein Unglück widerfahren sein? Das wäre Schade, denn er ging gut an das Werk.«

»Ich denke nicht,« versetzte La Hurière, »ich hoffe, er wird uns wieder einholen!«

»Woher kommt Ihr?«

»Aus dem Louvre, wo man uns, wie ich bekennen muß, ziemlich hart empfangen hat.«

»Wer dies?«

»Der Herr Herzog von Alençon. Ist er nicht bei der Sache?«

»Monseigneur, der Herr Herzog von Alençon ist bei nichts, was ihn nicht persönlich berührt; schlagt ihm vor, seine zwei älteren Brüder als Hugenotten zu behandeln, und er wird dabei sein, vorausgesetzt, daß sich die Sache abmachen läßt, ohne daß er dadurch gefährdet wird. Aber geht Ihr nicht mit diesen braven Leuten, Meister La Hurière?«

»Wohin gehen sie?«

»Oh, mein Gott! in die Rue Montorgueil; es wohnt dort einer meiner Bekannten, ein hugenottischer Geistlicher; er hat eine Frau und sechs Kinder. Diese Ketzer zeugen ungeheuer. Das wird interessant sein.«

»Und Ihr, wohin geht Ihr?«

»Oh! ich, ich gehe einer Privat-Angelegenheit nach.«

»Geht nicht ohne mich,« sprach eine Stimme, welche Maurevel beben machte. »Ihr kennt die guten Orte und ich will dabei sein.«

»Ah! das ist unser Piemontese,« sagte Maurevel.

»Es ist Herr von Coconnas,« versetzte La Hurière. »Ich glaubte, Ihr würdet mir folgen.«

»Pest! dazu reißt Ihr zu schnell aus; und dann habe ich mich ein wenig von der geraden Linie abgewendet, um ein abscheuliches Kind, das: »Nieder die Papisten! Es lebe der Admiral!« rief, in den Fluß zu werfen. Leider muß ich glauben, daß der Bursche zu schwimmen verstand. Wenn man diese elenden Parpaillots ersäufen will, so muß man sie wohl in das Wasser werfen, wie die Katzen, ehe sie hell sehen.«

»Ah! Ihr sagt, Ihr kommt vom Louvre. Euer Hugenott hatte sich dahin geflüchtet?« fragte Maurevel.

»Mein Gott, ja.«

»Ich habe ihm eine Pistolenkugel im Augenblick, wo er seinen Degen im Hofe des Admirals aufhob, zugesandt, aber ich weiß nicht, wie es kam, ich fehlte ihn.«

»Ich habe ihn nicht gefehlt,« sagte Coconnas, »ich stieß ihm meinen Degen in die Rippen, daß die Klinge fünf Zoll lang von der Spitze an feucht war. Auch sah ich ihn in die Arme von Frau von Margarethe fallen, eine schöne Frau, bei Gott! Doch ich gestehe, es würde mir nicht leid thun, wenn ich wüßte, er wäre todt. Dieser Bursche sieht aus, als hätte er einen sehr zanksüchtigen Charakter, und als wäre er fähig, mir sein ganzes Leben hindurch zu grollen. Aber sagtet Ihr nicht, Ihr würdet irgendwohin gehen?«

»Es liegt Euch also daran, mit mir zu kommen?«

»Es liegt mir daran, nicht auf dieser Stelle zu bleiben. Ich habe erst drei oder vier getödtet, und wenn ich mich erkälte, thut mir meine Schulter weh. Vorwärts, vorwärts!«

»Kapitän,« sagte Maurevel zu dem Anführer der Truppe, »gebt mir drei Mann, und fertigt Euren Geistlichen mit dem Reste ab.«

Drei Schweizer trennten sich von den Uebrigen und stießen zu Maurevel. Die zwei Truppen marschirten jedoch neben einander bis zu der Höhe der Rue Tirechappe. Hier schlugen die Chevauxlegers und die Schweizer den Weg nach der Rue de la Tonnellerie ein, während Maurevel, Coconnas, La Hurière und die drei Mann der Rue de la Ferronnerie folgten und durch die Rue Trousse-Vache in die Rue Saint-Avoye zogen.

»Aber wohin des Teufels führt Ihr uns?« sprach Coconnas, den dieser weite Marsch ohne ein Ziel zu langweilen anfing

»Ich führe Euch zu einem zugleich glänzenden und nützlichen Unternehmen; nach dem Admiral, nach Téligny, nach den hugenottischen Prinzen konnte ich Euch nichts Besseres anbieten. Habt also Geduld! Unser Geschäft ist in der Rue du Chaume, und wir sind in einem Augenblick dort.«

»Sagt mir,« fragte Coconnas, »ist die Rue du Chaume nicht in der Nähe des Temple?«

»Ja; warum?«

»Es wohnt dort ein alter Gläubiger unserer Familie, ein gewisser Lambert Mercandon, an den ich von meinem Vater hundert Rosenobles zu bezahlen beauftragt bin, welche ich zu diesem Behufe in meiner Tasche habe.«

»Wohl,« sagte Maurevel, »es ist eine schöne Gelegenheit, Euch Eurer Schuld zu entledigen.«

»Wie dies«

»Heute ist der Tag, an dem man seine alten Rechnungen ordnet. Ist Euer Mercandon ein Hugenott?«

»Oh, oh!« rief Coconnas, »ich verstehe, er muß es sein.«

»Stille, wir sind an Ort und Stelle.«

»Wem gehört dieses große Hotel mit dem Pavillon auf die Straße?«

»Es ist das Hotel Guise.«

»In der That,« sprach Coconnas, »ich mußte nothwendig hierher kommen, da ich unter der Patronschaft des großen Heinrich in Paris erscheine. Aber Mordi! in diesem Quartier ist Alles sehr ruhig, mein Lieber. Wenn man nicht zuweilen das Geräusch eines Büchsenschusses hören würde, müßte man glauben, man wäre in der Provinz. Der Teufel solle mich holen, alle Welt schläft.«

Das Hotel Guise schien in der That so ruhig, als in gewöhnlichen Zeiten. Alle Fenster waren geschlossen, und ein einziges Licht glänzte hinter dem Laden an dem Hauptfenster des Pavillon, der die Aufmerksamkeit von Coconnas bei seinem Eintritt in die Straße auf sich gezogen hatte.

Etwas jenseits des Hotel Guise, das heißt an der Ecke der Rue du Petit-Chantier und der des Quatre-Fils, hielt Maurevel stille.

»Hier ist die Wohnung desjenigen, welchen wir suchen.«

»Das heißt die Wohnung desjenigen, welche Ihr sucht,« sprach La Hurière.

»Insofern Ihr mich begleitet, suchen wir ihn.«

»Wie! dieses Haus, das einen so guten Schlaf zu schlafen scheint?«

«Allerdings. Ihr, La Hurière, benützt das ehrliche Gesicht, das Euch die Natur irrthümlicher Weise verliehen habt, und klopft an dieses Haus. Gebt Eure Büchse Herrn von Coconnas; er schielt schon eine Stunde darnach. Werdet Ihr eingelassen, so fragt Ihr nach dem Herrn von Mouy.«

»Ah! Ah!« sprach Coconnas, »ich begreife, Ihr habt auch einen Gläubiger im Quartiere des Temple, wie es scheint:

»So ist es,« fuhr Maurevel fort. »Ihr geht also, den Hugenotten spielend, hinauf, Ihr unterrichtet Herrn von Mouy von dem, was vorfällt. Er ist brav, er wird herunterkommen.«

»Und ist er einmal herunter?« fragte La Hurière.

»Ist er herunter, so bitte ich ihn, seinen Degen mit dem meinigen zu messen.«

»Bei meiner Seele, das ist ein braver Edelmann,« sprach Coconnas, »und ich denke genau dasselbe mit Lambert Mercandon zu thun. Ist er zu alt, um es anzunehmen, so geschieht es mit einem von seinen Söhnen oder seinen Neffen.«

La Hurière klopfte ohne Widerrede an die Thüre. Bei seinen in der Stille der Nacht wiederhallenden Schlägen öffneten sich die Thüren des Hotel Guise, und es kamen einige Köpfe durch die Oeffnungen hervor. Man sah nun, daß das Hotel nach Art der Citadellen ruhig war, das heißt, weil man es mit Soldaten gefüllt hatte.

Diese Köpfe zogen sich beinahe in demselben Augenblick zurück, denn sie erriethen ohne Zweifel, um was es sich handelte.

»Er wohnt also hier, Euer Herr von Mouy?« sprach Coconnas auf das Haus deutend, an welches La Hurière zu klopfen fortfuhr.

»Nein, es ist die Wohnung seiner Geliebten.«

»Mordi! welche Höflichkeit erzeigt Ihr ihm da! Ihr bietet ihm Gelegenheit, den Degen unter den Augen seiner Schönen zu ziehen. Wir werden Kampfrichter sein. Es wäre mir indessen lieber, wenn ich mich selbst schlagen könnte; meine Schulter brennt mich.»

»Und Euer Gesicht,« fragte Maurevel, »es ist ebenfalls stark beschädigt?«

Coconnas stieß eine Art von dumpfem Knurren aus und erwiederte:

»Beim Teufel! ich hoffe, er ist todt, sonst würde ich wohl in den Louvre zurückkehren, um ihm den Garaus zu machen.«

La Hurière klopfte immer fort.

Bald öffnete sich ein Fenster des ersten Stockwerkes, und es erschien auf dem Balcon ein Mensch mit einer Nachtmütze, in Unterhosen und ohne Waffen.

»Wer ist da?« rief dieser Mensch.

Maurevel machte seinen Schweizern ein Zeichen. Sie zogen sich in einen Winkel zurück, während sich Coconnas an die Mauer druckte.

»Ah, Herr von Mouy,« sprach der Wirth mit seinem einfältigen Tone, »seid Ihr es?«

»Ja, ich bin es, was wollt Ihr?«

»Er ist es,« murmelte Maurevel, vor Freude zitternd.

»Ei, Herr,« fuhr La Hurière fort, »wißt Ihr nicht, was vorgeht? Man erwürgt den Herrn Admiral, man ermordet Eure Religionsgenossen. Eilt ihnen zu Hilfe!«

»Ah!« rief von Mouy, »ich vermuthete, daß für diese Nacht etwas angezettelt würde und hätte meine braven Kameraden nicht verlassen sollen. Ich komme, mein Freund, ich komme, wartet auf mich.«

Und ohne das Fenster wieder zu schließen, durch welches das Geschrei einer erschrockenen Frau und zarte Bitten drangen, suchte Herr von Mouy sein Wamms, seinen Mantel und seine Waffen.

»Er kommt herab! er kommt herab!« murmelte Maurevel, bleich vor Freude. »Aufgepasst, Ihr Anderen!« flüsterte er den Schweizern zu. Dann nahm er die Büchse aus den Händen von Coconnas, blies auf die Lunte, um sich zu versichern, daß sie gut brannte, und sagte zu dem Wirthe, der sich zu der Truppe zurückgezogen hatte: »Nimm Deine Büchse wieder!«

»Mordi!« rief Coconnas, »der Mond tritt aus einer Wolke hervor, um Zeuge dieses schönen Zweikampfes zu sein. Ich gäbe viel, wenn Herr Lambert Mercandon hier wäre und Herrn von Mouy als Secundant diente.«

»Wartet, wartet,« sprach Maurevel, »Herr von Mouy ist für sich allein so viel werth, als zehn Männer, und wir sechs werden vielleicht genug zu thun haben, um uns seiner zu entledigen. Rückt vor,« fuhr Maurevel fort, und machte den Schweizern ein Zeichen, an die Thüre zu schleichen, um ihn niederzuschlagen, wenn er herauskommen würde.

»Oho!« sagte Coconnas, diese Vorbereitungen betrachtend, »es scheint, die Sache wird nicht ganz so vor sich gehen, wie ich erwartete.«

Bereits hörte man das Geräusch des Balkens den Mouy zurückzog. Die Schweizer hatten ihr Versteck verlassen, um ihren Platz an der Thüre einzunehmen. Maurevel und La Hurière rückten auf der Fußspitze vor, während Coconnas in einem Ueberreste adeligen Gefühls an seiner Stelle blieb, als die junge Frau, an die man nicht mehr dachte, ebenfalls auf dem Balcon erschien und, die Schweizer, Maurevel und La Hurière erblickend, ein furchtbares Geschrei ausstieß.

Von Mouy, der die Thüre halb geöffnet hatte, hielt inne.

»Komm’ wieder herauf, komm’ herauf!« rief die junge Frau, »ich sehe Schwerter glänzen, ich sehe die Lunte einer Büchse schimmern: es ist ein Hinterhalt!«

»Oho!« versetzte die Stimme des jungen Mannes brummend, »wir wollen ein wenig nachsehen, was dies zu bedeuten hat.«

Und er schloß die Thüre wieder, schob den Balken ein, stieß den Riegel vor und stieg hinauf.

Die Schlachtordnung von Maurevel wurde verändert, als er sah, daß Mouy nicht herauskommen wurde. Die Schweizer stellten sich auf der andern Seite der Straße auf und La Hurière wartete, seine Büchse in der Faust, bis der Feind wieder am Fenster erschien. Er wartete nicht lange. Von Mouy rückte, vor, zwei Pistolen von so achtungswerther Länge in den Händen, daß La Hurière, der bereits auf ihn anschlug, plötzlich bedachte, die Kugeln des Hugenotten hätten nicht mehr Weg zu machen, um die Straße zu erreichen, als seine Kugel, um auf den Balcon zu gelangen.

»Allerdings,« sagte er zu sich selbst, »kann ich diesen Herrn tödten; dieser Herr kann zugleich aber auch mich tödten.«

Da nun Meister La Hurière, ein Wirth seines Standes, nur unter gewissen Umständen Soldat war, so bestimmte ihn diese Betrachtung, sich zurückzuziehen und Schutz in der Ecke der Rue de Brac zu suchen, die so weit entfernt war, daß er einige Mühe gehabt hätte, von hier aus, besonders bei Nacht, die Linie zu finden, welche seine Kugel verfolgen mußte, um zu Herrn von Mouy zu gelangen.

Von Mouy warf einen Blick um sich her und ging, sich deckend wie ein Mensch, der sich zu einem Duell anschickt, vor. Als er aber sah, daß nichts kam, rief er:

»He! Herr Rathgeber! es scheint, Ihr habt Eure Büchse an meiner Thüre vergessen. Hier bin ich, was wollt Ihr von mir?«

»Ah, ah!« sprach Coconnas zu sich selbst, »das ist ein Braver!«

»Nun!« fuhr Mouy fort, »Freunde oder Feinde, wer Ihr auch sein möget, seht Ihr nicht, daß ich warte?«

La Hurière beobachtete ein Stillschweigen, Maurevel antwortete nicht, und die drei Schweizer verhielten sich ruhig.

Coconnas wartete einen Augenblick; als er aber sah, daß Niemand das von La Hurière angefangene und von Mouy fortgesetzte Gespräch unterhielt, verließ er seinen Posten, ging bis mitten in die Straße, nahm seinen Hut in die Hand und sagte:

»Mein Herr, wir sind nicht eines Mordes wegen hier, wie Ihr glauben dürftet, sondern eines Zweikampfes wegen. Ich begleite einen von Euren Feinden, der mit Euch zu thun haben möchte, um auf muthige Weise einen alten Streit zu endigen. Ei, Mordi! kommt doch hervor, Herr von Maurevel, statt den Rücken zu wenden. Der Herr nimmt es an.«

»Maurevel!« rief von Mouy, »Maurevel, der Mörder meines Vaters! Maurevel, der Todtschläger des Königs! Ha, bei Gott, ja, ich nehme es an!«

Und auf Maurevel anschlagend, der an das Hotel Guise klopfen wollte, um Verstärkung zu holen, durchbohrte er seinen Hut mit einer Kugel.

Bei dem Lärmen des Schusses, bei dem Geschrei von Maurevel kamen die Wachen, welche die Herzogin von Nevers zurückgeführt hatten, begleitet von einigen Edelleuten, denen ihre Pagen folgten, heraus und rückten nach dem Hause der Geliebten des jungen von Mouy vor.

Ein zweiter Pistolenschuß, mitten unter die Truppe abgefeuert, streckte den Soldaten, der sich zunächst bei Maurevel befand, todt nieder, wonach sich von Mouy, da er keine Waffen oder wenigstens nur unnütze Waffen hatte, insofern seine Pistolen abgefeuert und seine Gegner außerhalb des Bereiches seines Degens waren, hinter der Gallerie des Balcon verbarg.

Indessen öffneten sich da und dort die Fenster in der Umgegend, und schlossen sich wieder oder wurden, je nach dem friedlichen oder kriegerischen Geiste der Bewohner, mit Musketen und Büchsen besetzt.

»Mir zu Hilfe, mein braver Mercandon!« rief von Mouy mit einem Zeichen gegen einen bereits alten Mann, der aus einem Fenster, das sich dem Hotel Guise gegenüber geöffnet hatte, in dieser Verwirrung etwas zu sehen suchte.

»Ihr fordert Hilfe, Herr von Mouy?« rief der Greis. »Will man an Euch?«

»An mich, an Euch, an alle Protestanten; seht hier den Beweis.«

In der That sah von Mouy in diesem Augenblick, wie die Büchse von La Hurière sich gegen ihn richtete. Der Schuß ging los, aber der junge Mann hatte Zeit sich zu bücken, und die Kugel durchbrach eine Scheibe über seinem Haupte.

»Mercandon!« rief Coconnas, der beim Anblicke dieses Kampfes vor Vergnügen bebte und seinen Gläubiger vergessen hatte, aber durch die Anrede von Mouy wieder an ihn erinnert wurde, »Mercandon, Rue du Chaume, ja, so ist es! Ah, hier wohnt er! das ist gut. Wir werden es jeder mit unserem Manne zu thun haben.«

Und während die Leute des Hotel Guise die Thüren des Hauses einstießen, worin von Mouy sich befand, während Maurevel, eine Fackel in der Hand, das Haus in Brand zu stecken trachtete, während, sobald die Thüren eingestoßen waren, sich ein furchtbarer Kampf mit einem einzelnen Menschen entspann, der mit jedem Pistolenschusse, mit jedem Degenstiche seinen Feind niederstreckte, suchte Coconnas mit Hilfe eines Pflastersteines die Thüre von Mercandon einzustoßen, der, ohne sich um diese vereinzelte Anstrengung zu bekümmern, aus Kräften mit der Büchse aus seinem Fenster schoß.

Da war plötzlich dieses ganze verlassene, dunkle Quartier taghell beleuchtet und wie das Innere eines Ameisenhaufens bevölkert; denn aus dem Hotel Montmorency machten sechs bis acht hugenottische Edelleute mit Ihren Dienern und Freunden einen wüthenden Angriff und begannen, unterstützt durch das Feuern aus den Fenstern die Leute von Maurevel und die des Hotel Guise zurückzudrängen, welche sich endlich mit dem Rücken an das Hotel lehnten, aus dem sie hervorgekommen waren.

Coconnas, dem es noch nicht gelungen war, die Thüre von Mercandon einzustoßen, obgleich er aus Leibeskräften daran arbeitete, wurde mitten in seinem ungestümen Treiben überfallen. Er lehnte sich nun an die Mauer, nahm den Degen in die Hand und begann nicht nur sich zu vertheidigen, sondern auch mit so furchtbarem Geschrei anzugreifen, daß er das ganze Gemenge beherrschte. Er fuchtelte rechts und links, schlug Freund und Feind, bis sich ein weiter leerer Raum um ihn her gebildet hatte. Je öfter sein Degen eine Brust durchbohrte, je mehr das warme Blut seine Hände und sein Gesicht bespritzte, desto mehr gewann er, die Augen erweitert, die Nasenlöcher geöffnet, die Zähne zusammengepreßt, verlorenes Terrain, desto näher kam er dem belagerten Hause.

Nach einem furchtbaren Kampfe auf der Treppe und in der Flur verließ von Mouy sein Haus als wahrer Held. Mitten unter dem Gefechte schrie er unabläßig: »Herbei, Maurevel! Maurevel, wo bist Du?« wobei er ihn mit den beleidigendsten Beinamen überhäufte. Er erschien endlich auf der Straße, mit einem Arme seine halb nackte und beinahe ohnmächtige Geliebte unterstützend und einen Dolch zwischen den Zähnen haltend. Flammend durch die umdrehende Bewegung, die er ihm gab, zog sein Degen weiße oder rothe Kreise, je nachdem der Mond die Klinge versilberte oder eine Fackel die blutige Nässe glänzen machte. Maurevel war entflohen. La Hurière von Mouy bis zu Coconnas zurückgedrängt, der ihn nicht erkannte und mit der Degenspitze empfing, bat auf zwei Seiten um Gnade. In diesem Augenblick gewahrte ihn Mercandon und erkannte in ihm an seiner weißen Schärpe einen Schlächter. Der Schuß ging los. La Hurière stieß einen Schrei aus, streckte die Arme von sich, ließ seine Büchse fallen und stürzte, nachdem er es versucht hatte, die Mauer zu erreichen, um sich an irgend Etwas zu halten, mit dem Gesichte auf die Erde.

Von Mouy benützte diesen Umstand, warf sich in die Rue du Paradis und verschwand.

Die Hugenotten hatten so kräftigen Widerstand geleistet, daß die Leute aus dem Hotel Guise in dieses zurückgedrängt worden waren und die Thore des Hotel wieder verschlossen hatten, aus Furcht, belagert und im eigenen Hause gefaßt zu werden.

Berauscht von Blut und Lärmen, zu dem Zustande der Exaltation gelangt, wo sich, besonders bei den Südländern, der Muth in Wahnsinn verwandelt, hatte Coconnas nichts gesehen, nichts gehört. Er bemerkte nur, daß seine Ohren minder stark klangen, daß seine Hände und sein Gesicht ein wenig trockneten, und seine Degenspitze senkend sah er nichts mehr in seiner Nähe, als einen ausgestreckten Menschen, dessen Gesicht in eine rothe Lache getaucht war, und rings umher brennende Häuser.

Es war ein kurzer Waffenstillstand, denn in dem Augenblick, wo er sich dem Menschen nähern wollte, in welchem er La Hurière zu erkennen glaubte, öffnete sich die Thüre des Hauses, die er vergebens mit Pflastersteinen aufzubrechen gesucht hatte, und der alte Mercandon stürzte, gefolgt von seinem Sohne und zwei Neffen, auf den Piemontesen los, der damit beschäftigt war, wieder etwas Athem zu schöpfen.

»Hier ist er, hier ist er!« riefen Alle einstimmig.

Coconnas befand sich mitten in der Straße und machte, befürchtend, er könnte von diesen vier Menschen, die ihn zu gleicher Zeit angriffen, umzingelt werden, mit der Kraft von einer der Gemsen, die er so oft in den Gebirgen verfolgt hatte, einen Sprung rückwärts, und lehnte sich an die Mauer des Hotel Guise. Sobald er einmal hinsichtlich eines Ueberfalls beruhigt war, nahm er seine Fechterstellung und wurde wieder Spötter.

»Ah, ah! Vater Mercandon,« sagte er, »Ihr erkennt mich nicht?«

»Ah, Elender!« rief der alte Hugenott, »ich erkenne Dich im Gegentheil ganz wohl. Du trachtest mir nach dem Leben, mir, dem Freunde, dem Gefährten Deines Vaters!«

»Und seinem Gläubiger, nicht wahr?«

»Ja, seinem Gläubiger, da Du es sagst.«

»Wohl, gerade deshalb,« antwortete Coconnas. »Ich will seine Rechnungen in Ordnung bringen.«

»Packt ihn, bindet ihn!« rief der Greis den jungen Leuten zu, welche ihn begleiteten und bei seinem rufe gegen die Mauer losstürzten.

»Einen Augenblick,« sagte Coconnas lachend, »um die Leute zu verhaften, braucht Ihr einen Verhaftsbefehl, und Ihr habt es versäumt, einen solchen vom Prevot zu fordern.«

Bei diesen Worten kreuzte er sein Schwert mit demjenigen von den jungen Leuten, welcher ihm am nächsten war, und hieb ihm bei dem ersten Losmachen der Klinge die Handwurzel ab.

Der Unglückliche wich brüllend zurück.

»Einer,« sprach Coconnas.

In diesem Augenblicke öffnete sich ächzend das Fenster, unter welchem Coconnas Zuflucht gesucht hatte; Coconnas machte einen Sprung, denn er befürchtete einen Angriff von dieser Seite, aber statt eines Feindes erblickte er eine Frau; statt der mörderischen Waffe, die er zu bekämpfen sich anschickte, war es ein Strauß, der zu seinen Füßen fiel.

»Halt! eine Frau,« sagte er.

Er grüßte die Dame mit seinem Degen und bückte sich, um den Strauß aufzuheben.

»Nehmt Euch in Acht braver Katholik nehmt Euch in Acht!« rief die Dame.

Coconnas erhob sich, aber nicht so schnell, daß nicht der Dolch des zweiten Neffen seinen Mantel geschlitzt und die andere Schulter gestreift hätte.

Die Dame stieß einen durchdringenden Schrei aus.

Coconnas dankte ihr, beruhigte sie mit einer Geberde und warf sich auf den ersten Neffen, der gegen ihn auslegte; aber bei dem zweiten Stoße glitt sein Hinterfuß im Blute aus. Coconnas stürzte mit der Geschwindigkeit einer Tigerkatze auf ihn los und durchbohrte ihm die Brust mit seinem Degen.

»Gut, gut, braver Cavalier!« rief die Dame des, Hotel Guise, »gut, ich schicke Euch Hilfe.«

»Es ist nicht der Mühe werth, Euch deshalb zu belästigen, Madame,« rief Coconnas. »Schaut viel mehr bis zum Ende zu, wenn Euch die Sache interessirt, und Ihr werdet sehen, wie der Graf Annibal von Coconnas die Hugenotten in Ordnung bringt.«

In diesem Augenblick schoß der Sohn des alten Mercandon eine Pistole auf Coconnas ab, und dieser fiel auf ein Knie. Die Dame am Fenster stieß einen Schrei aus; aber Coconnas erhob sich wieder, er war nur niedergekniet, um die Kugel zu vermeiden, welche zwei Fuß von der schönen Zuschauerin in die Mauer drang.

Beinahe zu derselben Zeit vernahm man aus der Wohnung von Mercandon ein Geschrei der Wuth, und eine alte Frau, welche in Coconnas an seinem Kreuze und an seiner weißen Schärpe einen Katholiken erkannte, schleuderte einen Blumentopf nach ihm, der ihn über dem Knie traf.

»Gut!« rief Coconnas, »die Eine wirft mir die Blumen, die Andere die Töpfe zu! Wenn das so fortgeht, wird man die Häuser zerstören.«

»Ich danke, meine Mutter, ich danke!« rief der junge Mann.

»Geh, Frau, geh,« sprach der alte Mercandon, »aber gib wohl auf uns Acht.«

»Wartet, Herr von Coconnas, wartet,« sagte die. junge Dame vom Hotel Guise, »ich will nach den Fenstern schießen lassen.«

»Oh! das ist eine Hölle von Frauen, von denen die Einen für mich, die Andern gegen mich sind,« sagte Coconnas, »machen wir der Sache ein Ende.«

Die Scene hatte sich in der That sehr verändert und nahte sich offenbar ihrer Entwickelung Coconnas gegenüber, der allerdings verwundet, aber in der ganzen Kraft seiner vierundzwanzig Jahre stand, an die Waffen gewöhnt und durch die drei bis vier Schrammen, die er erhalten hatte, mehr gereizt, als geschwächt war, blieben nur noch Mercandon und sein Sohn, Mercandon, ein Greis von sechzig bis siebzig Jahren, sein Sohn, ein Kind von sechzehn bis achtzehn Jahren. Bleich, blond, schwächlich, hatte der Letztere seine entladene und folglich unnütz gewordene Pistole weggeworfen und handhabte zitternd einen Degen, welcher halb so lang war, als der des Piemontesen. Nur mit einem Dolche und einer leeren Büchse bewaffnet, rief der Vater um Hilfe. Eine alte Frau, an einem Fenster, der Mutter des jungen Mannes gegenüber, hielt ein Stück Marmor in der Hand. Einerseits durch die Drohungen, andererseits durch die Ermuthigungen aufgereizt, stolz durch seinen doppelten Sieg, berauscht durch Pulver und Blut, beleuchtet von dem Wiederscheine eines in Flammen stehenden Hauses, begeistert durch den Gedanken, daß er unter den Augen einer Frau kämpfte, deren Schönheit ihm so erhaben gedünkt hatte, als ihm ihr Rang unbestreitbar vorkam, fühlte Coconnas seine Kräfte sich verdoppeln, und als er sah, daß der junge Mensch zögerte, kreuzte er auf dessen kleinem Degen sein furchtbares, blutiges Schwert. Zwei Stöße genügten, um es ihm aus der Hand zu schlagen. Mercandon suchte nun Coconnas zurückzustoßen, damit das aus dem Fenster geschleuderte Wurfgeschoß ihn sicherer erreichen würde. Aber um den doppelten Angriff des alten Mercandon, der ihn mit seinem Dolche zu durchbohren versuchte, und der Mutter des jungen Menschen, welche ihm mit dem Stein, den sie in der Hand hielt, den Kopf zu zerschmettern trachtete, zu vereiteln, ergriff Coconnas seinen Gegner mit dem Arme um den Leib, hielt ihn gegen alle Stöße und Würfe wie einen Schild vor und erstickte ihn beinahe in seinem herculischen Drucke.

»Zu Hilfe! zu Hilfe!« rief der junge Mensch, »er drückt mir die Brust ein. Zu Hilfe! zu Hilfe!«

Und seine Stimme fing an sich in einem gepreßten, dumpfen Röcheln zu verlieren.

Jetzt hörte Mercandon auf zu drohen, und er flehte.

»Gnade, Gnade!« sagte er, »Herr von Coconnas, Gnade, es ist mein einziges Kind!l«

»Es ist mein Sohn! es ist mein Sohn!« rief die Mutter, »die Hoffnung unseres Alters. Tödtet ihn nicht, Herr, tödtet ihn nicht!«

»Ah, wahrlich,« rief Coconnas, in ein Gelächter ausbrechend, »ich soll ihn nicht tödten! Und was wollte er mir denn thun mit seinem Degen und seiner Pistole?«

»Mein Herr,« fuhr Mercandon die Hände faltend, fort, »ich habe in meinem Hause den von Eurem Vater unterschriebenen Schuldschein ich stelle ihn Euch zurück; ich habe zehntausend Goldthaler, ich gebe sie Euch; ich habe die Juwelen unserer Familie, sie sollen Euch gehören; aber tödtet ihn nicht, tödtet ihn nicht.«

»Und ich, ich habe meine Liebe,« sprach mit halber Stimme die Frau im Hotel Guise, »ich verspreche sie Euch.«

Coconnas überlegte eine Secunde und fragte dann rasch den jungen Menschen:

»Seid Ihr Hugenott?«

»Ich bin es,« murmelte das Kind.

»Dann müßt Ihr sterben,« antwortete Coconnas, die Stirne faltend, und näherte der Brust seines Gegners das scharfe, spitzige Schwert.

»Sterben!« rief der Greis, »mein armes Kind sterben.«

Und ein Mutterschrei erscholl so voll tiefen Schmerzes, daß er für einen Augenblick den wilden Entschluß des Piemontesen erschütterte.

»Oh, Frau Herzogin!« rief der Vater, sich nach dem Fenster des Hotel Guise wendend, »sprecht für uns, und jeden Morgen und jeden Abend soll Euer Name in unsern Gebeten genannt werden.«

»Dann bekehre er sich,« versetzte die Dame im Hotel Guise.

»Ich bin Protestant,« sagte das Kind.

»Stirb also,« sprach Coconnas, seinen Degen erhebend, »stirb also, da Du das Leben nicht willst, das Dir dieser schöne Mund anbot.«

Mercandon und seine Frau sahen die furchtbare Klinge wie einen Blitz über dem Haupte ihres Sohnes schimmern.

»Mein Sohn, mein Olivier,« heulte die Mutter, »schwöre ab, schwöre ab!«

»Schwöre ab, schwöre ab, liebes Kind,« sagte der Vater, sich zu den Füßen von Coconnas wälzend. »Laß uns nicht allein auf Erden!«

»Schwört all mit einander ab,« rief Coconnas, »für ein Credo drei Seelen und ein Leben!«

»Ich will es wohl thun,« erwiederte der Junge Mensch.

»Wir wollen es thun,« riefen Mercandon und seine Frau.

»Dann auf die Kniee!« sprach Coconnas, »und Dein Sohn wiederhole Wort für Wort das Gebet, das ich ihm vorsprechen werde.«

Der Vater gehorchte zuerst.

»Ich bin bereit,« sagte das Kind und kniete ebenfalls nieder.

Coconnas fing nun an, ihm lateinisch die Worte des credo vorzusprechen. Aber mag es Zufall, mag es Berechnung gewesen sein, der junge Olivier hatte sich in der Nähe der Stelle niedergekniet, wohin sein Degen geflogen war. Kaum sah er diese Waffe im Bereiche seiner Hand, als er, ohne daß er die Worte von Coconnas zu wiederholen aufhörte, den Arm ausstreckte, um sie zu ergreifen. Coconnas bemerkte die Bewegung, er gab sich jedoch den Anschein, als gewahrte er nichts. In dem Augenblicke aber, wo der junge Mensch mit den Fingerspitzen den Griff der Waffe berührte, stürzte er auf ihn zu, warf ihn nieder, rief: »He, Verräther!« und bohrte ihm seinen Degen in die Kehle.

Der junge Mensch stieß einen Schrei aus, erhob sich krampfhaft auf ein Knie und fiel dann todt nieder.

»Ah, Henker!« brüllte Mercandon, »Du ermordest uns, um uns die hundert Rosenobles zu stehlen, die Du uns schuldig bist …«

»Meiner Treue, nein,« sagte Coconnas, »Zum Beweise …«

Und bei diesen Worten warf Coconnas dem Greise die Börse zu Füßen, die ihm sein Vater bei seiner Abreise gegeben hatte, um seine Schuld bei seinem Gläubiger zu bezahlen.

»Und zum Beweise,« fuhr er fort, »Ist hier Dein Geld!«

»Und Du Deinen Todt« schrie die Mutter aus dem Fenster.«

»Nehmt Euch in Acht, Herr von Coconnas, nehmt Euch in Ach!« rief die Dame im Hotel Guise.

Aber ehe Coconnas den Kopf drehen konnte, um diesen Rath zu befolgen oder um der Drohung zu entgehen, durchschnitt pfeifend eine gewichtige Waffe die Luft, fiel platt auf den Hut des Piemontesen, zerbrach ihm seinen Degen in der Hand und streckte ihn betäubt auf den Boden nieder, ohne daß er den doppelten Schrei der Freude und des Jammers, der sich von der Rechten zur Linken antwortete, nicht vernehmen konnte.

Mercandon stürzte sogleich, den Dolch in der Hand, über den ohnmächtigen Coconnas, aber in diesem Augenblick öffnete sich die Thüre des Hotel Guise, und der Greis entfloh, als er die Partisanen und Schwerter glänzen sah, während diejenige, welche er Frau Herzogin genannt hatte, schön in einer furchtbaren Schönheit bei dem Schimmer des Brandes, glänzend von Diamanten und Edelsteinen, sich halb aus dem Fenster legte, um den Neuankommenden, den Arm gegen Coconnas ausgestreckt, zuzurufen:

»Dort, dort! mir gegenüber! Ein Edelmann in einem rothen Wamms. Dieser … ja, ja, dieser …«

X.
Tod, Messe oder Bastille

Margarethe hatte, wie gesagt, ihre Thüre wieder verschlossen und war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Als sie aber ganz zitternd eintrat, erblickte sie Gillonne, welche voll Schrecken nach der Thüre des Cabinets geneigt, die auf dem Bette, auf den Meubles und auf dem Teppich verbreiteten Blutspuren betrachtete.

»Oh, Madame,« rief sie, die Königin gewahrend, »oh, Madame! er ist also todt!«

»Stille, Gillonne,« sprach Margarethe mit dem Tone, der die höchste Wichtigkeit des Befehles andeutet.

Gillonne schwieg.

Margarethe zog nun aus ihrer Tasche einen kleinen vergoldeten Schlüssel hervor, öffnete die Thüre des Cabinets und zeigte mit dem Finger Gillonne den jungen Mann.

La Mole war es gelungen, sich zu erheben und dem Fenster zu nähern. Ein kleiner Dolch, wie ihn zu jener Zeit die Frauen trugen, fand sich unter seiner Hand; der junge Edelmann ergriff ihn, als er die Thüre öffnen hörte.

»Fürchtet nichts, mein Herr,« sprach Margarethe, »denn bei meiner Seele, Ihr seid in Sicherheit.«

La Mole sank auf seine Kniee nieder und rief:

»Oh1 Madame, Ihr seid für mich mehr als eine Königin, Ihr seid eine Gottheit.«

»Bewegt Euch nicht so sehr, mein Herr!« rief Margarethe, »Euer Blut fließt noch. Oh! schau, Gillonne, wie bleich er ist! Sprecht, wo seid Ihr verwundet?«

»Madame,« sprach La Mole, indem er auf Hauptpunkten den durch seinen ganzen Körper irrenden Schmerz festzustellen suchte, »ich glaube, ich habe einen Dolchstich in die Schulter und einen andern in die Brust bekommen. Bei den übrigen Wunden ist es nicht der Mühe werth, daß man sich damit beschäftigt.«

»Wir werden es sehen,« sprach Margarethe. »Gillonne, bringe mein Kistchen mit den Balsamen.«

Gillonne gehorchte und kehrte, in einer Hand das Kistchen, in der andern ein Wassergeschirr von Vermeil und feine holländische Leinwand haltend, zurück.

»Hilf mir ihn aufheben, Gillonne,« sagte die Königin Margarethe, »denn sich selbst erhebend, hat der Unglückliche seine Kräfte vollends verloren.«

»Aber, Madame,« sprach La Mole, »ich bin ganz verwirrt, ich kann in der That nicht dulden …«

»Mein Herr, Ihr werdet wohl zugeben, daß ich Euch verbinde,« sagte Margarethe: »wenn wir Euch retten können, wäre es ein Verbrechen, Euch sterben zu lassen.«

»Oh!« rief La Mole, »ich will lieber sterben, als sehen, wie Ihr, die Königin, Euch mit einem unwürdigen Blute, wie das meinige, die Hände befleckt … Oh, nie! Nie!« …

Und er wich ehrfurchtsvoll zurück.

»Euer Blut, Herr,« versetzte lächelnd Gillonne, »ei! Ihr habt nach Belieben bereits das Bett und das Zimmer Ihrer Majestät damit befleckt.«

Margarethe schlug ihren Mantel über ihrem ganz mit rothen Flecken besprengten Battistgewande zusammen. Diese Geberde voll weiblicher Schamhaftigkeit erinnerte La Mole daran, daß er die so beneidete, so schöne, so geliebte Königin, in seinen Armen gehalten, an seine Brust gedrückt hatte, und bei dieser Erinnerung färbte eine flüchtige Röthe seine bleichen Wangen.

»Madame,« stammelte er, »könnt Ihr mich nicht der Sorge eines Wundarztes überlassen?«

»Eines katholischen Wundarztes, nicht wahr?« fragte die Königin mit einem Ausdrucke, den er verstand und der ihn beben machte.

»Wißt Ihr denn nicht,« fuhr die Königin mit einer Stimme und einem Lächeln voll unsäglicher Weichheit fort, »daß wir Töchter von Frankreich bei unserer Erziehung den Werth der Pflanzen kennen und die Balsame bereiten lernen? denn es ist in jeder Zeit unsere Pflicht als Frauen und als Königinnen gewesen, die Schmerzen zu lindern. Wir kommen auch den besten Wundärzten der Welt gleich, wenigstens wie uns unsere Schmeichler sagen. Ist Euch mein Ruf in dieser Hinsicht nicht zu Ohren gekommen? Auf, Gillonne, an das Werk!«

La Mole wollte es noch einmal versuchen, zu widerstehen, er wiederholte, er würde lieber sterben, als der Königin diese Arbeit verursachen, welche mit dem Mitleid anfangen und mit dem Ekel endigen könnte. Dieser Kampf diente nur dazu, seine Kräfte vollends zu erschöpfen. Er wankte, schloß die Augen und ließ seinen Kopf zum zweiten Male ohnmächtig zurückfallen.

Da nahm Margarethe den Dolch, den er aus den Händen hatte fallen lassen, und durchschnitt rasch das Schnürband, das sein Wamms schloss, während Gillonne mit einer andern Klinge die Aermel von La Mole auftrennte oder vielmehr aufschnitt.

Gillonne stillte mit einem in frisches Wasser getauchten Stücke Leinwand das aus der Schulter und der Brust des jungen Mannes hervordringende Blut, während Margarethe mit einer goldenen Nadel mit abgerundeter Spitze die Wunden mit aller Zartheit und Geschicklichkeit sondierte, welche Meister Ambroise Paré bei einer solchen Veranlassung hätte entwickeln können.

Die der Schulter war tief; die der Brust war an den Rippen abgeglitten und durchzog nur das Fleisch, keine von beiden drang in die Höhlen der natürlichen Feste, welche das Herz und die Lungen beschützt.

»Schmerzliche, aber nicht tödtliche Wunde,accerimum humeri vulnus, non autem lethale,« murmelte die schöne und gelehrte Chirurgin, »gib mir den Balsam und bereite Charpie, Gillonne.«

Gillonne, der die Königin diesen neuen Befehl ertheilte, hatte bereits die Brust des jungen Mannes getrocknet und gesalbt. Dasselbe that sie auch mit seinen nach einer antiken Zeichnung geformten Arme, mit seinen anmuthig zurückgeworfenen Schultern, mit seinem von dicken Locken beschattetem Halse, der mehr einer Statue von parischem Marmor, als dem verstümmelten Körper eines verscheidenden Menschen anzugehören schien.

»Armer junger Mann!«, murmelte Gillonne, nicht sowohl ihr Werk, als denjenigen betrachtend, welcher Gegenstand desselben gewesen war.

»Nicht wahr, er ist schön?« sagte Margarethe mit einer ganz königlichen Offenherzigkeit.

»Ja, Madame. Aber es scheint mir, daß wir ihm statt ihn so auf dem Boden liegen zu lassen, aufheben und auf das Ruhebett legen sollten, an das er nur angelehnt ist.«

»Ja, Du hast Recht,« sprach Margarethe.

Und die zwei Frauen beugten sich, hoben mit vereinigten Kräften La Mole auf und legten ihn auf einen großen Sopha mit geschnitzter Rücklehne, welcher vor dem Fenster stand, das sie halb öffneten, um ihm Luft zu geben.

Die Bewegung weckte La Mole, er stieß einen Seufzer aus und begann, die Augen wieder öffnend, das unsägliche Wohlbehagen zu fühlen, das alle Empfindungen des Verwundeten begleitet, wenn er bei seiner Rückkehr zum Leben die Frische statt der verzehrenden Flamme und die Balsamdüfte statt des lauen, häßlichen Blutgeruches wiederfindet.

Er murmelte einige Worte ohne Folge, welche Margarethe mit einem Lächeln und den Finger auf den Mund legend beantwortete.

In diesem Augenblicke erscholl das Geräusch mehrerer Schläge an eine Thüre.

»Man klopft an den geheimen Gang,« sagte Margarethe.

»Wer kann denn kommen, Madame?« fragte Gillonne erschrocken.

»Ich will nachsehen,« sagte Margarethe. »Bleibe Du bei ihm und verlaß ihn nicht einen Augenblick.«

Margarethe kehrte in ihr Zimmer zurück, schloß die Thüre des Cabinets und öffnete die des Ganges, der zu dem König und zu der Königin Mutter führte.

»Frau von Sauves!« rief sie, lebhaft zurückweichend und mit einem Ausdrucke, der, wenn nicht dem Schrecken, doch wenigstens dem Hasse glich, so wahr ist es, daß eine Frau nie einer andern Frau vergibt, wenn sie ihr selbst einen Mann, den sie nicht liebt, entführt. »Frau von Sauves!«

»Ja, Eure Majestät,« sprach diese, die Hände faltend.

»Ihr hier!« fuhr Margarethe immer mehr erstaunt, aber auch immer mehr gebieterisch fort.

Charlotte fiel auf die Kniee.

»Madame,« sagte sie, »verzeiht mir; ich erkenne, Madame, in welchem Grade ich schuldig gegen Euch bin, aber wenn Ihr wüßtet, … der Fehler ist nicht ganz allein mir zuzuschreiben… und ein ausdrücklicher Befehl der Königin Mutter …«

»Steht auf,« sprach Margarethe, »Und da ich nicht denken kann, Ihr seid in der Hoffnung gekommen, Euch mir gegenüber zu rechtfertigen, so sagt mir, warum Ihr gekommen seid.«

»Ich bin, gekommen, Madame,« erwiederte Charlotte, immer noch auf den Knieen und mit einem beinahe irren Blicke, »ich bin gekommen, um Euch zu fragen, ob er nicht hier wäre?«

»Hier? wer? Von wem sprecht Ihr, Madame… denn in der That, ich begreife Euch nicht.«

»Von dem König!«

»Von dem König? Ihr verfolgt ihn bis zu mir! Ihr wißt doch wohl, daß er nicht hierher kommt!«

»Ah! Madame,« fuhr Frau von Sauves fort, ohne auf alle diese Angriffe zu antworten, und ohne daß es schien, als fühlte sie dieselben, »oh! wollte Gott, er wäre hier!«

»Und warum dies?«

»Ei! mein Gott, weil man die Hugenotten erwürgt und der König von Navarra das Haupt der Hugenotten ist!«

»Oh,« rief Margarethe, Frau von Sauves bei der Hand ergreifend und sie zum Aufstehen nöthigend, »oh, ich hatte es vergessen. Ueberdies glaubte ich nicht, es könnte ein König dieselbe Gefahr laufen, wie andere Menschen.«

»Noch mehr, Madame, noch tausendmal mehr!« rief Charlotte.

»In der That, die Herzogin von Lothringen warnte mich. Ich bat ihn, nicht auszugehen. Sollte er doch ausgegangen sein?«

»Nein, nein, er ist im Louvre; aber man findet Ihn nicht. Und ist er nicht hier…«

»Er ist nicht hier.«

»Oh!« rief Frau von Sauves mit einem Ausbruche des Schmerzen, »dann ist es um ihn geschehen, denn die Königin Mutter hat seinen Tod geschworen.«

»Seinen Tod! Oh, Ihr erschreckt mich,« sprach Margarethe, »unmöglich!«

»Madame,« versetzte Frau von Sauves mit der Energie, welche nur die Leidenschaft allein verleiht, »ich sage Euch, man weiß nicht, wo der König von Navarra ist.«

»Und die Königin Mutter, wo ist sie?«

»Die Königin Mutter schickte mich ab, um Herrn von Guise und Herrn von Tavannes zu holen, welche beide in ihrem Betzimmer waren; dann entließ sie mich. Ich ging hierauf, verzeiht mir, Madame, in meine Wohnung zurück, und erwartete wie gewöhnlich …«

»Meinen Gemahl, nicht wahr?« sagte Margarethe.

»Er ist nicht gekommen, Madame. Da suchte ich überall, da fragte ich Jedermann nach ihm. Ein einziger Soldat antwortete mir, er glaube ihn mitten unter Wachen gesehen zu haben, die ihn mit bloßem Degen einige Zeit, ehe die Metzelei begann, begleiteten, und die Metzelei hat bereits vor einer Stunde begonnen.«

»Ich danke Euch, Madame,« sprach Margarethe, »ich danke Euch, obgleich das Gefühl, das Euch bei Eurer Handlung antreibt, vielleicht eine neue Beleidigung für mich ist.«

»Oh! dann vergebt mir, Madame,« erwiederte sie, »und ich kehre stärker durch Eure Verzeihung zurück, denn ich wage es nicht, Euch auch nur von ferne zu zu folgen.«

Margarethe reichte ihr die Hand und sprach:

»Ich will die Königin Catharina aufsuchen, kehrt in Eure Wohnung zurück. Der König von Navarra steht unter meinem Schutze. Ich habe ihm ein Bündniß versprochen und werde meinem Versprechen treu sein.«

»Aber wenn Ihr nicht bis zur Königin Mutter dringen könnten Madame?«

»Dann wende ich mich an meinen Bruder Karl, und ihn werde ich wohl sprechen.«

»Geht, geht, Madame,« sagte Charlotte, Margarethen den Weg frei lassend, »und Gott geleite Eure Majestät.«

Margarethe eilte durch den Gang, aber am Ende desselben angelangt, wandte sie sich um, um sich in versichern, daß Frau von Sauves nicht zurückblieb. Frau von Sauves folgte ihr.

Die Königin von Navarra sah sie gegen die Treppe gehen, welche nach ihrer Wohnung führte, und setzte ihren Weg nach den Gemächern der Königin fort.

Alles war verändert. Statt der Menge eifriger Höflinge, welche gewöhnlich vor der Königin, sich ehrfurchtsvoll verbeugend, ihre Reihen öffnete, traf Margarethe nur Garden mit gerötheten Partisanen und blutbefleckten Kleidern oder Edelleute mit von Pulver geschwärzten Gesichtern und zerrissenen Mänteln, Träger von Befehlen und Depeschen. Die Einen kamen, die Andern gingen, und dieses Hin- und Herlaufen bildete ein furchtbares, ungeheures Gewimmel in den Gallerien.

Margarethe ging nichtsdestoweniger vorwärts und gelangte bis an das Vorgemach der Königin Mutter; aber dieses Vorgemach war von zwei Reihen von Soldaten bewacht, welche nur diejenigen durchließen, die ein gewisses Losungswort hatten. Margarethe versuchte es vergebens, die lebendige Schranke zu durchdringen; sie sah wiederholt die Thüre sich öffnen und schließen, und bei jeder Oeffnung erblickte sie Catharina, verjüngt durch die Thätigkeit, als ob sie erst zwanzig Jahre alt wäre, schreibend, Briefe empfangend, diese entsiegelnd, Befehle ertheilend, an Diesen ein Wort, an Jenen ein Lächeln richtend, und die Menschen, denen sie am Freundlichsten zulächelte, waren die am meisten mit Staub und Blut Befleckten.

Mitten unter dem den Louvre durchbrausenden Tumult hörte man von der Straße aus immer rascher sich wiederholende Flintenschüsse.

»Nie werde ich bis zu ihr gelangen,« sagte Margarethe zu sich selbst, nachdem sie drei vergebliche Versuche bei den Hellebardirern gemacht hatte.

In diesem Augenblick kam Herr von Guise vorüber; er hatte der Königin den Tod des Admirals gemeldet und kehrte zu der Schlächterei zurück.

»Oh, Heinrich!« rief Margarethe, »wo ist der König von Navarra?«

Der Herzog schaute sie mit erstauntem Lächeln an, verbeugte sich und ging, ohne zu antworten, mit seinen Wachen ab.

Margarethe lief auf einen Kapitän zu, der gerade den Louvre verlassen wollte und ehe er abging seine Soldaten die Büchsen laden ließ.

»Der König von Navarra,« fragte sie, »mein Herr, wo ist der König von Navarra?«

»Ich weiß es nicht, Madame,« antwortete dieser, »ich gehöre nicht zu den Wachen Seiner Majestät.«

»Ah, mein lieber René,« rief Margarethe, den Parfumeur von Catharina erkennend, »Ihr seid es? Ihr kommt von meiner Mutter. Wißt Ihr, was aus meinem Gemahl geworden ist?«

»Seine Majestät der König von Navarra ist nicht mein Freund, Madame, Ihr müßt Euch dessen wohl erinnern. Man sagt sogar,« fügte er mit einer Mine bei, die mehr einem Grinsen, als einem Lächeln glich, »man sagt sogar, er wage es, mich zu beschuldigen, ich habe in Gemeinschaft mit Frau Catharina seine Mutter ermordet.«

»Nein! Nein!« rief Margarethe, »glaubt das nicht, mein guter René.«

»Oh, mir liegt nicht viel daran,« sagte der Parfumeur, »weder der König von Navarra noch die Seinigen sind in diesem Augenblick mehr zu befürchten.«

Und er drehte Margarethe den Rücken zu.

»Oh, Herr von Tavannes, Herr von Tavannes!« rief Margarethe, »ein Wort, ich bitte ein einziges Wort.«

Tavannes blieb stille stehen.

»Wo ist Heinrich von Navarra?« fragte Margarethe.

»Meiner Treue!« sagte er ganz laut, »ich glaube, er läuft mit den Herren von Alençon und Condé in der Stadt umher.«

Dann fügte er so leise, daß Margarethe kaum es hören konnte, bei:

»Schöne Majestät, wenn Ihr denjenigen sehen wollt, für dessen Platz ich mein Leben geben würde, so klopft an das Waffencabinet des Königs.«

»Oh! ich danke, Tavannes,« sprach Margarethe, welche von Allein dem, was Tavannes sagte, nur die Hauptandeutung gehört hatte, »ich danke und gehe dahin!«

Und sie lief weg und murmelte:

»Oh! nach dem, was ich ihm versprochen habe, nach der Art, wie er sich gegen mich benommen hat, als dieser undankbare Heinrich im Cabinet war, kann ich ihn nicht sterben lassen.«

Und sie klopfte an die Thüre der Gemächer des Königs; aber sie waren innen von zwei Compagnien Garden besetzt.

»Man darf nicht zu dem König herein,« sagte der Offizier, rasch vorschreitend.

»Aber ich!« sprach Margarethe.

»Der Befehl ist allgemein.«

»Ich, die Königin von Navarra! ich, seine Schwester!«

»Der Befehl läßt keine Ausnahme zu, Madame. Empfangt also meine Entschuldigung.«

Und der Offizier schloß die Thüre wieder.

»Oh, er ist verloren!« rief Margarethe, in höchstem Maße beunruhigt durch den Anblick aller dieser finsteren Gesichter, die, wenn sie auch nicht Rache schnaubten, doch wenigstens Unbeugsamkeit ausdrückten. »Ja, ja, ich begreife Alles… man hat sich meiner als einer Lockspeise bedient; ich bin die Falle, in der man die Hugenotten fängt und erwürgt … Oh! ich werde hineinkommen, und sollte ich mich tödten lassen!«

Und Margarethe lief wie eine Tolle durch die Gänge und Gallerien, als sie plötzlich an, einer kleinen Thüre vorüberkommend, ein sanftes, düsteres, eintöniges Lied hörte. Es war ein calvinistischer Psalm, den, eine zitternde Stimme in einem anstoßenden Zimmer sang.

»Die Amme des Königs, meines Bruders, die gute Madelon, ist da!« rief Margarethe und schlug sich plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, an die Stirne, »sie ist da … Gott der Christen, hilf mir!«

Und Margarethe klopfte voll Hoffnung sachte an die kleine Thüre.

Nach dem Rathe, den ihm Margarethe gegeben, nach seinem Gespräche mit René, nach seinem Abgange von der Königin Mutter, dem sich wie ein guter Genius die arme kleine Phöbe hatte widersetzen wollen, begegnete Heinrich von Navarra einigen katholischen Edelleuten, die unter dem Vorwande, ihm das Ehrengeleite zu geben, denselben in seine Wohnung zurückführten, wo etwa zwanzig Hugenotten seiner warteten, welche sich bei dem jungen Prinzen versammelt hatten, und einmal versammelt, ihn nicht mehr verlassen wollten, so gewaltig lastete das Vorgefühl dieser unseligen Nacht seit ein paar Stunden über dem Louvre. Sie blieben also, ohne daß man sie zu stören versuchte. Bei dem ersten Schlage der Glocke von Saint-Germain-l’Auxerrois, welche in allen Herzen wie ein Todtengeläute klang, trat Tavannes ein und meldete Heinrich mitten unter dem tiefen Stillschweigen, der König Karl IX. wolle ihn sprechen.

Es war kein Widerstand zu versuchen; auch dachte Niemand hieran. Man hörte die Plafonds und die Gallerien des Louvre unter den Füßen der Soldaten krachen, welche, beinahe zweitausend an der Zahl, sowohl in den Höfen, als in den Gemächern versammelt waren. Nachdem Heinrich von seinen Freunden, die er nicht wiedersehen sollte, Abschied genommen hatte, folgte er Tavannes, der ihn in eine an die Wohnung des Königs stoßende kleine Gallerte führte, wo er ihn allein, ohne Waffen und das Herz voll jeglichen Mißtrauens zurück ließ.

Der König zählte so, Minute für Minute, zwei tödliche Stunden, horchte mit wachsendem Schrecken auf den Klang der Sturmglocke und auf das Gerassel der Büchsenschüsse, sah durch eine Glasthüre beim Schimmer des Brandes, beim Flammen der Fackeln die Flüchtlinge und die Schlächter vorüberziehen, ohne daß er das Mordgeschrei und Schmerzgeheul begriff, ohne daß er, wie genau er auch Karl IX., die Königin Mutter und den Herzog von Guise kannte, das furchtbare Drama ahnen konnte, das in diesem Augenblick in Erfüllung ging.

Heinrich besaß nicht den physischen Muth; er besaß etwas Besseres, die moralische Kraft. Die Gefahr fürchtend, bot er ihr lächelnd Trotz; aber der Gefahr der Schlacht, der Gefahr in freier Luft, am hellen Tage, der Gefahr vor Aller Augen, begleitet von der Harmonie der Trompeten und der dumpfen, vibrirenden Stimme der Trommel … Hier aber war er ohne Waffen, allein, eingeschlossen, verloren in einer Halbdunkelheit, welche kaum genügte, den Feind, der sich bis zu ihm schleichen konnte, und das Eisen zu sehen, das ihn zu durchbohren vermochte. Diese zwei Stunden waren also für ihn vielleicht die grausamsten seines Lebens. Während des stärksten Lärmens, und als Heinrich zu begreifen anfing, daß es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine organisierte Niedermetzelung handelte, holte ein Kapitän den Prinzen und führte ihn durch einen Corridor nach den Zimmern des Königs. Bei ihrer Annäherung öffnete sich die Thüre, hinter ihnen schloß sich die Thüre wieder, Alles, als ob es durch einen Zauber geschähe. Dann führte der Kapitän Heinrich bei Karl IX. ein, der sich in seinem Waffencabinet befand.

Als sie eintraten, saß der König in einem großen Lehnstuhle. Seine beiden Hände lagen auf den zwei Armen des Stuhles, sein Kopf fiel auf die Brust herab. Bei dem Geräusch, das die Eintretenden machten, hob Karl seine Stirne empor, über welche Heinrich den Schweiß in großen Tropfen fließen sah.

»Guten Abend, Henriot,« sagte der junge König mit hartem Tone. »Ihr, La Chastre, laßt uns allein!«

Der Kapitän gehorchte.

Es herrschte einen Augenblick düsteres Stillschweigen.

Während dieses Augenblicks schaute Heinrich unruhig um sich her und sah, daß er allein war.

Karl IX. stand plötzlich auf.

»Bei Gott!« sagte er, mit einer raschen Geberde, seine blonden Haare zurückstreichend und zugleich seine Stirne trocknend, »Ihr seid froh, Euch bei mir zu sehen, nicht wahr Henriot?«

»Allerdings, Sire,« antwortete der König von Navarra. »Ich fühle mich immer glücklich, wenn ich mich bei Eurer Majestät befinde.«

Ihr seid zufriedener, als wenn Ihr da unten wäret, wie?« versetzte Karl IX., mehr seine eigenen Gedanken verfolgend, als das Compliment von Heinrich erwiedernd.«

»Sire, ich begreife nicht,« sagte Heinrich.

»Schaut und Ihr werdet begreifen.«

Mit einer raschen Bewegung ging oder vielmehr sprang Karl IX. nach dem Fenster. Und seinen immer mehr erschrockenen Schwager nach sich ziehend, zeigte er diesem die furchtbare Silhouette der Mörder, welche auf einem Schiffe die Opfer, die man ihnen jeden Augenblick brachte, erdrosselten oder ersäuften.

»Aber, in des Himmels Namens!« rief Heinrich ganz bleich, »was geht denn in dieser Nacht vor?«

»In dieser Nacht, mein Herr,« sprach Karl IX., »befreit man mich von allen Hugenotten. Seht Ihr dort unten, über dem Hotel Bourbon, jenen Rauch und jene Flamme? Jener Rauch und jene Flamme rühren von dem brennenden Hause des Admirals her. Seht Ihr jenen Körper, den gute Katholiken auf einem zerrissenen Strohsacke umherschleppen? Es ist der Leichnam des Schwiegersohnes Eures Admirals, der Leichnam Eures Freundes Téligny.«

»Oh, was soll das bedeuten!« rief der König von Navarra, vergeblich an seiner Seite den Griff seines Dolches suchend und zugleich vor Scham und Zorn zitternd, denn er fühlte, daß man ihn verspottete und bedrohte.

»Das soll bedeuten,« rief Karl IX. wüthend, ohne Uebergang und auf eine furchtbare Weise erbleichend, »das bedeutet, daß ich keine Hugenotten mehr um mich haben will, versteht Ihr, Heinrich? Bin ich der König? bin ich der Herr?«

»Aber Eure Majestät …«

»Meine Majestät tödtet und schlachtet zu dieser Stunde Alles, was nicht katholisch ist; das ist mein Vergnügen. Seid Ihr Katholik?« rief Karl, dessen wachsender Zorn unablässig stieg, wie eine furchtbare Flut.

»Sire,« sagte Heinrich, »erinnert Euch Eurer Worte: was liegt mir an der Religion irgend eines Menschen, wenn er mir nur gut dient.«

»Ah, ah, ah!« rief Karl, in ein finsteres Lachen ausbrechend. »Ich soll mich meiner Worte erinnern, meinst Du, Heinrich?Verba volant, wie meine Schwester Margot sagt. Und schau’,« fügte er mit dem Finger nach der Stadt deutend bei, »hatten mir alle diese nicht auch gut gedient? Waren sie nicht brav im Kampfe, weise im Rathe, stets ergeben? Alle waren nützliche Unterthanen, aber Hugenotten, und ich will nur Katholiken.«

Heinrich blieb stumm.

»Begreift Ihr mich jetzt, Henriot?« rief Karl IX.

»Ich habe begriffen, Sire.«

»Nun?«

»Nun, Sire, ich sehe nicht ein, warum der König von Navarra das thun sollte, was so viele Edelleute oder arme Menschen nicht gethan haben; denn wenn diese Unglücklichen am Ende alle sterben, so geschieht es auch, weil man ihnen das vorgeschlagen haben wird, was Euere Majestät mir vorschlägt, und weil sie sich geweigert haben, wie ich mich weigere.«

Karl faßte den jungen Prinzen beim Arme und sprach, einen Blick auf ihn heftend, dessen Mattheit sich allmählich in einen wilden Glanz verwandelte:

»Ah! – Du glaubst, ich habe mir die Mühe genommen, denjenigen, welche man da unten erwürgt, die Messe anzubieten?«

»Sire,« versetzte Heinrich, seinen Arm losmachend, »werdet Ihr nicht in der Religion Eurer Väter sterben?«

»Ja, bei Gott, und Du?«

»Nun, ich auch, Sire.«

Karl stieß ein Gebrülle der Wuth aus und ergriff mit zitternder Hand seine auf einem Tische liegende Büchse. An die Wand gelehnt, den Angstschweiß auf der Stirne, aber in Folge der Selbstbeherrschung, die ihn nie verließ, scheinbar ruhig folgte Heinrich allen Bewegungen des furchtbaren Monarchen mit der gierigen Starrheit des durch die Schlange bezauberten Vogels.

Karl spannte seine Büchse, stampfte mit blinder Wuth auf den Boden und rief, Heinrich durch das Spiegeln seiner unseligen Waffe blendend: »Willst Du die Messe?«

Heinrich blieb stumm.

Karl erschütterte die Gewölbe des Louvre mit dem furchtbarsten Schwur, der je über die Lippen eines Menschen gekommen ist, und wurde bleich wie eine Leiche.

»Tod, Messe oder Bastille!« rief er, auf den König von Navarra anschlagend.

»Oh, Sire!« rief Heinrich, »werdet Ihr mich tödten, mich, Euern Schwager?«

Heinrich hatte mit dem unvergleichlichen Geiste, der eine der mächtigsten Fähigkeiten seiner Organisation war, die Antwort umgangen, welche Karl IX. von ihm verlangte; denn fiel diese Antwort verneinend aus, so war Heinrich ohne allen Zweifel todt.

Wie nach den letzten Paroxismen der Wuth sich unmittelbar der Anfang der Gegenwirkung einfindet, so wiederholte Karl IX. die Frage nicht, die er an den Prinzen von Navarra gerichtet hatte, und nach einem Augenblick des Zögerns, während dessen er ein dumpfes Schnauben hören ließ, wandte er sich nach dem offenen Fenster um und legte auf einen Menschen an, der auf dem entgegengesetzten Quai lief.

»Ich muß irgend Jemand tödten,« rief Karl IX. todtenbleich, und abdrückend schmetterte er den laufenden Menschen nieder.

Heinrich stieß einen Seufzer aus.

Und von einem gräßlichen Eifer belebt, lud Karl ohne Unterlaß seine Büchse, feuerte sie ab und stieß einen Freudenschrei aus, so oft der Schuß getroffen hatte.

»Es ist um mich geschehen,« sagte der König von Navarra zu sich selbst. »Findet er Niemand mehr zu tödten, so tödtet er mich.«

»Nun,« sprach plötzlich eine Stimme hinter dem Fürsten, »ist es geschehen?«

Es war Catharina von Medicis, welche während des letzten Abfeuerns des Gewehres, ohne gehört zu werden, eintrat.

»Nein, tausend Donner der Hölle!« brüllte Karl, seine Büchse in das Zimmer werfend, »nein, der Hartnäckige will nicht.«

Catharina antwortete nicht. Sie wandte langsam ihren Blick nach der Seite des Zimmers, wo Heinrich so unbeweglich stand, wie eine von den Figuren der Tapete, an die er sich lehnte. Dann richtete sie auf Karl ein Auge, das sagen wollte:

»Nun, warum lebt er?«

»Er lebt… er lebt …« murmelte Karl IX., der diesen Blick vollkommen begriff und, wie man sieht, ohne Zögern beantwortete, »er lebt … weil er … mein Verwandter ist.«

Catharina lächelte.

Heinrich sah dieses Lächeln und erkannte, daß es hauptsächlich Catharina war, die er zu bekämpfen hatte.

»Madame,« sagte er zu ihr, »ich sehe wohl, Alles kommt von Euch her, und nichts von meinem Schwager Karl. Ihr hattet den Gedanken, mich in diese Falle zu locken, Ihr gedachtet aus Eurer Tochter die Lockspeise zu machen, die uns Alle verderben sollte, Ihr trenntet mich von meiner Gattin, damit sie nicht die Unannehmlichkeit hätte, mich unter ihren Augen tödten zu sehen.«

»Ja, aber das wird nicht geschehen!« rief eine andere keuchende, leidenschaftliche Stimme, welche, von Heinrich sogleich erkannt, Karl IX. vor Erstaunen und Catharina vor Wuth beben machte.

»Margarethe!« rief Heinrich.

»Margot!« sagte Karl IX.

»Meine Tochter!« murmelte Catharina.

»Mein Herr,« sprach Margarethe zu Heinrich, »Eure letzten Worte klagten mich an, und Ihr hattet zugleich Recht und Unrecht; Recht, denn in der That, ich bin das Werkzeug, dessen man sich bediente, um Euch Alle in das Verderben zu stürzen; Unrecht, denn ich wußte nicht, daß Ihr Eurem Untergange entgegengingt. Ich selbst, mein Herr, so wie Ihr mich seht, verdanke das Leben dem Zufall, vielleicht der Vergessenheit meiner Mutter; aber sobald ich Euree Gefahr inne wurde, erinnerte ich mich meiner Pflicht. Die Pflicht einer Frau aber ist: das Schicksal ihres Gatten zu theilen. Verbannt man Euch, mein Herr, so folge ich Euch in die Verbannung; kerkert man Euch ein, so mache ich mich zur Gefangenen; tödtet man Euch, so sterbe ich.«

Und sie reichte ihrem Gemahl eine Hand, welche Heinrich, wenn nicht mit Liebe, doch wenigstens mit Dankbarkeit ergriff.

»Oh! meine arme Margot,« sprach Karl IX., »Du würdest viel besser daran thun, ihm zu sagen er sollte Katholik werden.«

»Sire,« antwortete Margarethe mit der ihr so eigenen natürlichen Würde, »Sire, glaubt mir, verlangt Euch selbst zu Liebe keine Feigheit von einem Prinzen Eures Hauses.«

Catharina schleuderte einen bezeichnenden Blick auf Karl.

»Mein Bruder,« rief Margarethe, welche eben so gut als Karl IX. die furchtbare Pantomime von Catharina begriff, »mein Bruder, bedenkt, Ihr habt meinen Gatten aus ihm gemacht.«

Zwischen den gebieterischen Blick von Catharina und den flehenden von Margarethe, wie zwischen zwei entgegengesetzte Principe, gestellt, blieb Karl IX. einen Augenblick unentschieden; endlich aber trug Oromas8 den Sieg davon.

»In der That, Madame,« sagte er, sich an das Ohr von Catharina neigend, »Margot hat Recht, und Henriot ist mein Schwager.«

»Ja,« antwortete Catharina, sich ebenfalls dem Ohre ihres Sohnes nähernd, »aber wenn er es nicht wäre!«

XI.
Der Weißdorn des Cimetière des Innocens

In ihre Wohnung zurückgekehrt, suchte Margarethe vergebens das Wort zu errathen, das Catharina von Medicis ganz leise zu Karl IX. gesagt und das den furchtbaren Rath über Leben und Tod, der in diesem Augenblick gehalten wurde, kurz abgebrochen hatte.

Ein Theil des Morgens wurde von ihr dazu angewendet, La Mole zu pflegen, ein anderer, um die Lösung des Räthsels zu suchen, das ihr Geist zu begreifen sich weigerte.

Der König von Navarra wurde im Louvre gefangen gehalten. Man verfolgte die Hugenotten mehr als je; auf die furchtbare Nacht erschien ein Tag noch abscheulicheren Gemetzels. Es war nicht mehr die Sturmglocke, welche von den Thürmen ertönte, es warenTe Deum, und die freudigen Metallklänge, welche mitten unter Mord und Brand ertönten, erschienen vielleicht noch trauriger, als es das Todtengeläute in der Dunkelheit der vorhergehenden Nacht gewesen war. Und das war noch nicht Alles; es hatte sich etwas Seltsames ereignet: ein Weißdorn der im Frühjahre geblüht und wie gewöhnlich im Monat Juni seinen wohlriechenden Schmuck verloren hatte, trieb während der Nacht wieder Blüthen, und die Katholiken. die in diesem Ereigniß ein Wunder sahen und durch die Verbreitung dieses Wunders Gott zu ihrem Schuldgenossen machten, zogen in Procession, Kreuz und Banner voraus, nach dem Cimetière des Innocens9 wo dieser Weißdorn blühte.

Diese scheinbare Beipflichtung des Himmels zu der Schlächterei verdoppelte den Eifer der Mörder. Und während die Stadt in jeder Straße, in jedem Gäßchen, auf jedem Platze eine Scene der Verwüstung zu bieten fortfuhr, hatte der Louvre bereits als gemeinschaftliches Grab für alle Protestanten gedient, welche sich im Augenblicke des Signals darin eingeschlossen fanden. Der König von Navarra, der Prinz von Condé und La Mole allein waren am Leben geblieben.

Ueber La Mole beruhigt, dessen Wunden, wie sie am Tage vorher gesagt, gefährlich, aber nicht tödtlich waren, beschäftigte sich Margarethe nur noch mit Einem, damit, ihrem Gemahl, welcher fortwährend bedroht war, das Leben zu retten. Ohne Zweifel war das erste Gefühl, das sich der Gattin bemächtigt hatte, ein Gefühl redlichen Mitleids, für einen Mann, dem sie, wie der Bearner selbst sagte, wenn sie ihn nicht liebte, doch wenigstens einen Bund versprochen hatte; aber in Folge dieses Gefühles ergriff ein anderes, minder reines, das Herz der Königin.

Margarethe war ehrgeizig; Margarethe hatte beinahe die Gewißheit eines Königreiches in ihrer Vermählung mit Heinrich von Bourbon gesehen. Navarra, auf der einen Seite von Frankreich, aus der andern von Spanien gezerrt, welche Fetzen für Fetzen endlich die Hälfte seines Gebietes weggerissen hatten, konnte, wenn Heinrich von Bourbon die Hoffnungen verwirklichte, die sein Muth bei den seltenen Gelegenheiten erregt hatte, wo es ihm sein Schwert zu ziehen vergönnt gewesen war, ein wahres Königreich mit den Hugenotten als Unterthanen werden. Mit ihrem so scharfen und erhabenem Geiste hatte Margarethe Alles dies in der Ferne gesehen und berechnet. Verlor sie Heinrich, so verlor sie nicht nur einen Gemahl, sondern auch einen Thron.

Sie war gerade in diese Betrachtungen versunken, als sie an der Thüre des geheimen Ganges klopfen hörte; sie bebte, denn es kamen nur drei Personen durch diese Thüre: der König, die Königin Mutter und der Herzog von Alençon. Sie öffnete halb die Thüre des Cabinets, empfahl mit dem Finger Gillonne und La Mole Stillschweigen und schloß dem Besuche auf.

Dieser Besuch war der Herzog von Alençon.

Der junge Mann war am Tage vorher verschwunden. Einen Augenblick war Margarethe Willens gewesen, ihn um seine Vermittelung zu Gunsten des Königs von Navarra zu bitten; aber ein furchtbarer Gedanke hatte sie zurückgehalten Die Heirath war gegen sein Gutheißen geschlossen worden. Franz haßte Heinrich, und hatte die Neutralität für den Bearner nur in der Ueberzeugung beobachtet, Heinrich und seine Gemahlin wären einander fremd geblieben. Ein Zeichen der Theilnahme von Margarethe, ihrem Gatten gegeben, konnte folglich, statt ihn zu beseitigen, einen von den drei Dolchen, von denen er bedroht war, seiner Brust näher bringen.

Margarethe bebte deßhalb, als sie den jungen Prinzen gewahr wurde, mehr als sie bei dem Anblick von Karl IX. oder der Königin Mutter gebebt hätte. Wenn man ihn sah, hätte man nicht glauben sollen, es ginge etwas Ungewöhnliches in der Stadt oder im Louvre vor: er war mit seiner gewöhnlichen Eleganz gekleidet. Seine Kleider und seine Wäsche strömten die Wohlgerüche aus, welche Karl IX. verachtete, von denen aber der Herzog von Anjou und er beständig Gebrauch machten. Nur ein geübtes Auge, wie das von Margarethe, konnte bemerken, daß er trotz seiner ungewöhnlichen Blässe und trotz des leichten Zitterns, welches das Ende seiner so schönen und frauenartigen gepflegten Hände bewegte, in seinem Innersten ein freudiges Gefühl verschloß.

Sein Eintritt war wie sonst. Er näherte sich seiner Schwester, um sie zu küssen. Aber statt ihm die Wangen zu reichen, wie sie es Karl IX. oder dem Herzog von Anjou gethan haben würde, verbeugte sie sich und bot ihm die Stirne.

Der Herzog stieß einen Seufzer aus und drückte seine erbleichenden Lippen auf die Stirne, welche ihm Margarethe darbot.

Dann setzte er sich und fing an seiner Schwester blutige Geschichten von der Nacht zu erzählen: den langsamen und furchtbaren Tod des Admirals, den raschen Tod von Téligny, der von einer Kugel durchbohrt in demselben Augenblick seinen Geist ausgehaucht hatte. Er hielt inne, sprach sachte, gefiel sich in den gräuelhaften Einzelheiten dieser Nacht mit der ihm und seinen Brüdern eigenthümlichen Blutgier.

Als er endlich Alles gesagt hatte, schwieg er.

»Nicht wahr, mein Bruder, nicht allein, um mir dies zu erzählen, besucht Ihr mich?« fragte Margarethe.

Der Herzog von Alençon lächelte.

»Ihr habt mir noch etwas Anderes mitzutheilen?«

»Nein,« antwortete der Herzog, »ich warte.«

»Worauf wartet Ihr?«

»Habt Ihr mir nicht gesagt, theuere, vielgeliebte Margarethe,« sprach der Herzog seinen Stuhl dem seiner Schwester nähernd, »diese Heirath mit dem König von Navarra werde wider Euern Willen vollzogen?»

»Ja, allerdings. Ich kannte den Prinzen von Bearn nicht, als man mir ihn zum Gemahl vorschlug.«

»Und habt Ihr mir nicht, seitdem Ihr ihn kennt, bestätigt, daß Ihr keine Liebe für ihn fühltet?«

»Ich sagte es Euch allerdings.«

»War es nicht Eure Meinung, diese Heirath würde Euer Unglück machen?«

»Mein lieber Franz,« sprach Margarethe, »wenn eine Heirath nicht die höchste Glückseligkeit ist, so ist sie beinahe immer der tiefste Schmerz.«

»Nun, meine liebe Margarethe, wie ich Euch sagte, ich erwarte …«

»Was erwartet Ihr? sprecht.«

»Daß Ihr mir Eure Freude kundgebt.«

»Worüber soll ich mich freuen?«

»Ueber die unerwartete Gelegenheit, die sich Euch bietet, Euere Freiheit wieder zu erlangen.«

»Meine Freiheit!« versetzte Margarethe, welche den Prinzen nöthigen wollte, seinen Gedanken bis zum Schlusse auszusprechen.

»Allerdings, Euere Freiheit; Ihr sollt von dem König von Navarra geschieden werden.«

»Geschieden?« sagte Margarethe, die Augen auf den jungen Prinzen heftend.

Der Herzog von Alençon suchte den Blick seiner Schwester auszuhalten, aber bald wandten sich seine Augen verlegen von ihr ab.

»Geschieden?« wiederholte Margarethe, »wie so, mein Bruder? Es wäre mir sehr lieb, wenn Ihr mich in den Stand setzen, die Frage gründlich in Betracht ziehen zu können. Wie gedenkt man uns zu scheiden?«

»Heinrich ist ein Hugenott,« murmelte der Herzog.

»Allerdings, aber er hatte kein Geheimnis aus seiner Religion gemacht, und man wußte dies, als man uns verheirathete.«

»Ja, aber seit Eurer Verheirathung, meine Schwester,« sagte der Herzog, dessen Antlitz unwillkührlich einen Strahl der Freude beleuchtete, »was hat Heinrich gethan.«

»Das wißt Ihr besser, als irgend Jemand, Franz, da er seine Tage beinahe immer in Eurer Gesellschaft bald auf der Jagd, bald beim Maillespiele, bald beim Ballschlagen zugebracht hat.«

»Ja, seine Tage allerdings,« versetzte der Herzog, »seine Tage, aber eine Nächte?«

Margarethe schwieg und es war an ihr, die Augen niederzuschlagen.

»Seine Nächte?« fuhr der Herzog von Alençon fort, »seine Nächte?»

»Nun?« fragte Margarethe, welche wohl fühlte, daß sie etwas antworten mußte.

»Nun, er brachte sie bei Frau von Sauves zu.«

»Woher wißt Ihr dies?« rief Margarethe.

»Ich weiß es, weil ich ein Interesse dabei hatte, es zu erfahren,« antwortete der junge Prinz erbleichend, und die Stickerei an seinem Aermel zerknitternd.

Margarethe fing an, das zu begreifen, was Catharina ganz leise zu Karl IX. gesagt hatte; aber sie stellte sich, als bliebe sie in ihrer Unwissenheit.

»Warum sagt Ihr mir das, mein Bruder?« erwiederte sie mit einer vortrefflich gespielten schwermüthigen Miene. »Etwa um mich daran zu erinnern, daß Niemand mich liebt und an mir hängt eben so wenig die Menschen, welche die Natur mir als Beschützer verliehen hat, als derjenige, welchen die Kirche mir zum Gemahl gab?«

»Ihr seid ungerecht,« sprach lebhaft der Herzog von Alençon, und rückte seinen Stuhl noch näher zu Feind seiner Schwester, »ich liebe Euch und beschütze Euch.«

»Mein Bruder,« sagte Margarethe ihn fest anschauend, »Ihr habt mir etwas im Auftrage der Königin Mutter zu sagen?«

»Ich! Ihr täuscht Euch, meine Schwester, das ich schwöre ich. Was bringt Euch zu diesem Glauben?«

»Zu diesem Glauben bringt mich der Umstand, daß Ihr die Freundschaft, die Euch mit meinem Gemahle verband, abbrecht, daß Ihr die Sache des Königs von Navarra verlaßt.«

»Die Sache des Königs von Navarra?« versetzte der Herzog von Alençon ganz verblüfft.

»Ja, allerdings. Hört, Franz, sprechen wir offenherzig. Ihr habt zwanzigmal zugestanden, Ihr könntet Euch nicht Einer ohne den Andern erheben, ja nicht einmal aufrecht erhalten. Dieses Bündnis …«

»Ist unmöglich geworden, meine Schwester,« unterbrach sie der Herzog von Alençon.

»Und warum dies?«

»Weil der König Absichten mit Eurem Gatten hat. Ich bitte um Vergebung: wenn ich sage, Euer Gemahl, täusche ich mich; mit Heinrich von Navarra, sollte ich sagen. Unsere Mutter hat Alles errathen. Ich verband mich mit den Hugenotten, weil ich sie in Gunst glaubte; nun aber tödtet man die Hugenotten, und in acht Tagen werden keine fünfzig mehr, im ganzen Königreich übrig bleiben. Ich reichte die Hand dem König von Navarra, weil er … Euer Gatte war. Nun aber ist er nicht mehr Euer Gatte. Was habt Ihr hierzu zu sagen? Ihr, die Ihr nicht nur die schönste Frau von Frankreich, sondern auch der stärkste Kopf des Landes seid.«

»Ich habe zu sagen,« versetzte Margarethe, »daß ich unsern Bruder Karl kenne. Gestern sah ich ihn, in einem von den Wuthanfällen, von denen jeder sein Leben um zehn Jahre abkürzt. Ich habe zu sagen, daß sich diese Zufälle leider jetzt sehr häufig wiederholen, weshalb unser Bruder Karl aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lange leben wird. Ich habe zu sagen, daß der König von Polen so eben gestorben ist und daß man viel davon spricht, an seiner Stelle einen Prinzen des Hauses Frankreich zu wählen. Ich habe endlich zu sagen, daß es, wenn die Umstände sich so darstellen, nicht der geeignete Augenblick ist, Verbündete zu verlassen, welche zur Stunde des Kampfes uns mit der Mitwirkung eines Volkes und mit der Hilfe eines Königreiches unterstützen können.«

»Und Ihr,« rief der Herzog, »habt Ihr nicht einen noch viel größeren Verrath an mir geübt, indem Ihr einen Fremden Eurem Bruder vorzoget!«

»Erklärt Euch, Franz, worin und wie habe ich Euch verrathen?«

»Ihr habt gestern von dem König das Leben von Heinrich von Navarra erbeten.«

»Nun?« fragte Margarethe mit geheuchelter Naivität.

Der Herzog stand rasch auf, ging zweimal mit verwirrter Miene im Zimmer umher und nahm dann wieder die Hand von Margarethe.

Diese Hand war starr und eisig.

»Gott befohlen, meine Schwester,« sagte der Prinz, »Ihr wolltet mich nicht verstehen. Schreibt nur Euch selbst die Schuld wegen alles Unglücks zu, das geschehen dürfte.«

Margarethe erbleichte, blieb aber unbeweglich auf ihrer Stelle. Sie sah den Herzog von Alençon weggehen, ohne daß sie ein Zeichen machte, um ihn zurückzuhalten. Kaum hatte sie ihn aber im Corridor aus dem Gesichte verloren, als er wieder zurückkam.

»Hört, Margarethe,« sagte er, »ich habe vergessen, Euch Eines zu sagen. Morgen zu dieser Stunde ist der König von Navarra todt.«

Margarethe stieß einen Schrei aus; denn der Gedanke, daß sie das Werkzeug eines Mordes war, verursachte ihr einen Schrecken, den sie nicht überwinden konnte.

»Und Ihr werdet diesen Tod nicht verhindern?« sagte sie, »Ihr werdet Euren besten, Euren treusten Verbündeten nicht retten?«

»Seit gestern ist mein Verbündeter nicht mehr der König von Navarra.«

»Und wer ist es denn?«

»Der Herzog von Guise. Die Hugenotten zerstörend, hat man Herrn von Guise zum König der Katholiken gemacht.«

»Und der Sohn von Heinrich II. erkennt einen Herzog von Lothringen als seinen König an?«

»Ihr habt heute Euern schlimmen Tag, Margarethe, und begreift nichts.«

»Ich gestehe, daß ich vergebens in Euern Gedanken zu lesen suche.«

»Meine Schwester, Ihr seid von eben so gutem Hause, als die Frau Prinzessin von Porcian. Von Guise ist nicht unsterblicher, als der König von Navarra. Nun wohl, Margarethe, setzt drei Dinge, drei durchaus mögliche Dinge: erstens, daß Monsieur zum König von Polen gewählt wird; zweitens, daß Ihr mich liebet, wie ich Euch liebe; nun, ich bin König von Frankreich, und Ihr … und Ihr … seid Königin der Katholiken.«

Margarethe verbarg ihr Haupt in ihren Händen, geblendet von der Tiefe der Pläne dieses Jünglings, dem Niemand am Hofe einen Geist zuzuschreiben wagte.

»Aber,« fragte sie nach einem Augenblick des Stillschweigens, »Ihr seid also nicht eifersüchtig auf den Herzog von Guise, wie auf den König von Navarra?«

»Was geschehen ist, ist geschehen,« sprach der Herzog von Alençon mit dumpfer Stimme, »und wenn ich Grund gehabt habe, auf den Herzog von Guise eifersüchtig zu sein, nun wohl, so bin ich es gewesen.«

»Nur ein Umstand könnte das Gelingen dieses Planes scheitern machen, mein Bruder,« sprach Margarethe aufstehend.

»Welcher?«

»Der, daß ich Herrn von Guise nicht mehr liebe.«

»Und wen liebt Ihr denn?«

»Niemand.«

Der Herzog von Alençon schaute Margarethe mit dem Erstaunen eines Menschen an, der seinerseits nicht mehr begreift, und verließ das Gemach, einen Seufzer ausstoßend und mit seiner eisigen Hand seine Stirne pressend, die zu zerspringen drohte.

Margarethe blieb allein und in Gedanken versunken. Die Lage der Dinge fing an klar und scharf sich vor ihre Augen zu stellen. Der König hatte die Bartholomäusnacht machen lassen. Die Königin Catharina und der Herzog von Guise hatten sie gemacht. Der Herzog von Guise und der Herzog von Alençon verbanden sich, um so viel als möglich Nutzen aus den Verhältnissen zu ziehen. Der Tod des Königs von Navarra war eine natürliche Folge dieser großen Katastrophe. War der König von Navarra todt, so bemächtigte man sich seines Reiches. Margarethe blieb dann Wittwe, ohne Thron, ohne Macht und ohne andere Aussicht, als ein Kloster, wo ihr nicht einmal der traurige Schmerz zu Theil geworden wäre, einen Gemahl zu beweinen, der nie ihr Gatte gewesen war.

So weit kam sie in ihren Gedanken, als die Königin Catharina sie fragen ließ, ob sie nicht mit dem ganzen Hofe eine Pilgerfahrt nach dem Weißdorn des Cimetière des Innocens machen wollte.

Der erste Gedanke von Margarethe war, eine Theilnahme an dieser Cavalcade auszuschlagen; aber sie bedachte, daß sie dabei vielleicht Gelegenheit finden würde, etwas Neues über das Schicksal des Königs von Navarra zu erfahren, und dies entschied. Sie ließ also antworten: wenn man ein Pferd für sie bereit halten wollte, so würde sie sehr gerne Ihre Majestäten nach dem Cimetière des Innocens begleiten.

Fünf Minuten nachher meldete ihr ein Page, wenn sie herabkommen wollte, würde sich der Zug in Marsch setzen. Margarethe machte mit der Hand Gillonne ein Zeichen, um ihr den Verwundeten zu empfehlen, und stieg hinab.

Der König, die Königin Mutter, Tavannes und die vornehmsten Katholiken waren bereits zu Pferde. Margarethe warf einen raschen Blick auf die Gruppe, welche aus ungefähr zwanzig Personen bestand. Der König von Navarra war nicht dabei, wohl aber Frau von Sauves. Sie wechselte einen Blick mit ihr, und Margarethe begriff, daß die Geliebte ihres Gemahls ihr etwas zu sagen hatte.

Man begab sich auf den Weg und erreichte die Rue Saint-Honoré durch die Rue de Lastruce. Bei dem Anblick des Königs, der Königin Catharina und der katholischen Häupter scharte sich das Volk zusammen, folgte dem Zuge wie eine steigende Woge und rief: »Es lebe der König! Es lebe die Messe! Tod den Hugenotten!«

Dieses Geschrei wurde begleitet von dem Schwingen gerötheter Schwerter und rauchender Büchsen, welche andeuteten, wie viel jeder Theil an dem finsteren Ereignisse genommen hatte, das in Erfüllung gegangen war.

Als man zu der Höhe der Rue des Prouvelles gelangte, begegnete man Menschen, welche einen Leichnam ohne Kopf schleppten; es war der des Admirals. Diese Menschen waren im Begriff, ihn in Montfaucon an den Füßen aufzuhängen.

Man ritt in den Cimetière des Innocens durch das Thor hinein, das sich der Rue des Chapes gegenüber öffnete. Von dem Besuche des Königs und der Königin Mutter in Kenntniß gesetzt, erwarteten die Geistlichen Ihre Majestäten, um sie anzureden.

Frau von Sauves benützte den Augenblick, wo Catharina auf die Rede hörte, die man an sie hielt, um sich der Königin von Navarra zu nähern und sie um Erlaubniß zu bitten, ihr die Hand küssen zu dürfen. Margarethe streckte den Arm nach ihr aus. Frau von Sauves näherte ihre Lippen der Hand der Königin und schob ihr, während sie dieselbe küßte, ein kleines zusammengerolltes Papier in den Aermel.

So rasch und so heimlich auch Frau von Sauves sich zurückgezogen hatte, so war es doch Catharina nicht entgangen. Sie wandte sich in dem Augenblicke um, wo ihre Ehrendame die Hand der Königin küßte.

Die zwei Frauen sahen diesen Blick, der wie ein Blitz zu ihnen drang, aber sie verriethen keine Bewegung. Frau von Sauves entfernte sich nun von Margarethe und nahm ihren Platz wieder bei Catharina ein.

Als diese die Rede, die man an sie hielt, beantwortet hatte, machte sie mit dem Finger und lächelnd der Königin von Navarra ein Zeichen, sich ihr zu nähern.

Margarethe gehorchte.

»Ei! meine Tochter,« sagte die Königin Mutter, in ihrem italienischen Patois, »Ihr habt also große Freundschaft mit Frau von Sauve?«

Margarethe lächelte und antwortete, ihrem schönen Gesichte den bittersten Ausdruck verleihend, den sie finden konnte.

»Ja, meine Mutter, die Schlange ist gekommen, um mich in die Hand zu beißen.«

»Oh, oh,« sprach Catharina lächelnd, »Ihr seid, glaube ich, eifersüchtig.«

»Ihr täuscht Euch, Madame,« versetzte Margarethe, »ich bin nicht mehr eifersüchtig auf den König von Navarra, als der König von Navarra in mich verliebt ist. Nur weiß ich meine Freunde von meinen Feinden zu unterscheiden. Ich liebe den, welcher mich liebt, und hasse den, welcher mich haßt. Wäre ich ohne dieses Eure Tochter, Madame?«

Catharina lächelte auf eine Weise, aus der Margarethe verstehen konnte, daß, wenn sie irgend einen Verdacht gehabt hatte, dieser Verdacht verschwunden war.

In diesem Augenblick zogen überdies neue Pilger die Aufmerksamkeit der erhabenen Versammlung an.

»Der Herzog von Guise erschien, begleitet von einer Truppe von einem neuen Blutbade noch völlig erhitzter Edelleute. Sie escortirten eine reich ausgeschmückte Sänfte, welche vor dem Könige anhielt.

»Die Herzogin von Nevers!« rief Karl IX…. »Sie komme herbei, um die Komplimente in Empfang zu nehmen … diese schöne, feste, Katholikin. Was hat man mir doch gesagt, meine Base? Ihr habet von Eurem Fenster auf Hugenotten gebürscht, und sogar einen mit einem Steinwurfe getödtet?«

Die Herzogin von Nevers erröthete im höchsten Maße und sagte mit leiser Stimme, vor dem König niederknieend:

»Sire, es ist im Gegentheil ein verwundeter Katholik, den ich aufzunehmen das Glück gehabt habe.«

»Gut, gut, meine Base. Es gibt zwei Arten mir zu dienen, die eine besteht darin, daß man meine Feinde ausrottet, die andere, daß man meinen Freunden Hilfe gewährt. Man thut, was man thun kann, und ich bin überzeugt, daß Ihr, wenn Ihr mehr vermocht hättet, es gethan haben würdet.«

Während dieser Zeit schrie das Volk, als es das zwischen dem Hause Lothringen und Karl IX. herrschende gute Einverständnis sah, aus vollem Halse: »Es lebe der König! Es lebe der Herzog von Guise! Es lebe die Messe!«

»Kommt Ihr mit uns in den Louvre zurück, Henriette?« sagte die Königin Mutter zu der schönen Herzogin.

Margarethe berührte ihre Freundin mit dem Ellenbogen. Diese verstand das Zeichen und antwortete: »Nein, Madame, wenn es Eure Majestät mir nicht befiehlt, denn ich habe in der Stadt mit Ihrer Majestät der Königin von Navarra zu thun.«

»Und was wollt Ihr mit einander machen?« fragte Catharina.

»Sehr seltene griechische Bücher sehen, welche man bei einem alten protestantischen Pfarrer gefunden, nach dem Thurme Saint-Jarques-La-Boucherie gebracht hat,« antwortete Margarethe.

»Ihr würdet besser daran thun, die lebenden Hugenotten von dem Pont aux Moulins in die Seine werfen zu sehen,« sagte Karl IX. »Das ist der Plan guter Franzosen.«

»Wir werden dahin gehen, wenn es Euerer Majestät gefällt,« antwortete die Herzogin von Nevers.

Catharina warf einen Blick des Mistrauens auf die zwei jungen Frauen; stets lauernd, deutete Margarethe denselben und schaute mit sehr ängstlicher Miene sich hin- und herdrehend, in großer Unruhe im Kreise umher.

Diese geheuchelte oder wahre Unruhe entging Catharina nicht.

»Was sucht Ihr?« sprach sie.

»Ich suche … ich sehe nicht mehr …«

»Wen sucht Ihr, wen seht Ihr nicht mehr?«

»Die Sauves,« antwortete Margarethe. »Sollte sie nach dem Louvre zurückgekehrt sein?«

»Sagte ich Dir nicht, Du wärest eifersüchtig,« flüsterte Catharina ihrer Tochter in das Ohr. »O bestia! … Vorwärts, Henriette,« fuhr sie, die Achseln zuckend fort, »bringt die Königin von Navarra weg.«

Margarethe stellte sich, als ob sie immer noch umherschaute, neigte sich dann an das Ohr ihrer Freundin und sagte zu ihr:

»Führe mich rasch von hinnen; ich habe Dir Dinge von der höchsten Wichtigkeit mitzutheilen.«

Die Herzogin verbeugte sich vor Karl IX. und vor Catharina und sprach dann zu der Königin von Navarra:.

»Wird Eure Majestät die Gnade haben, in meine Sänfte zu steigen?«

»Gern; nur werdet Ihr genöthigt sein, mich nach dem Louvre zurückzuführen.«

»Meine Sänfte, wie meine Leute, wie ich selbst,« antwortete die Herzogin, »stehen Euerer Majestät zu Befehl.«

Die Königin Margarethe stieg in die Sänfte, und auf ein Zeichen, das sie machte, folgte ihr die Herzogin von Nevers und nahm ehrfurchtsvoll auf dem Vordersitze Platz.

Catharina und ihre Edelleute kehrten auf demselben Wege, auf dem sie gekommen waren, nach dem Louvre zurück; nur sah man die Königin Mutter auf dem ganzen Zuge ohne Unterlaß dem König, diesem wiederholt Frau von Sauves bezeichnend, in das Ohr sprechen.

Und so oft sie Frau von Sauves bezeichnete, lachte der König, wie Karl IX. lachte, das heißt mit einem Lachen unheilschwangerer, als eine Drohung.

Sobald Margarethe fühlte, daß die Sänfte sich in Bewegung setzte, und das durchdringende Forschen von Catharina nicht mehr zu befürchten hatte, zog sie rasch aus ihrem Aermel das Billet von Frau von Sauves hervor und las folgende Worte:

»Ich habe Befehl erhalten, dem König von Navarra diesen Abend zwei Schlüssel zuzustellen: der eine ist der des Zimmers, in welchem er eingeschlossen ist, der andere ist der des meinigen. Es ist mir eingeschärft, ihn von seinem Eintritte bei mir bis morgen früh um sechs Uhr zu behalten.«

»Eure Majestät überlege, Eure Majestät entscheide, Eure Majestät zähle mein Leben für nichts.«

»Es unterliegt keinem Zweifel mehr,« murmelte Margarethe, »die arme Frau ist das Werkzeug, dessen man sich bedienen will, um uns Alle zu Grunde zu richten. Aber wir wollen sehen, ob die Königin Margot, wie mich mein Bruder Karl nennt, sich so leicht zu einer Nonne machen läßt.«

»Von wem ist dieser Brief?« fragte die Herzogin von Nevers auf das Papier deutend, das Margarethe mit einer so großen Aufmerksamkeit gelesen und wieder gelesen hatte.

»Oh! Herzogin, ich habe Dir viele Dinge zu sagen,« antwortete Margarethe, das Papier in tausend und aber tausend Stücke zerreißend.

XII.
Vertrauliche Mitteilung

»Vor Allem, wohin gehen wir?« fragte Margarethe, »nicht auf den Pont aux Moulins, denke ich; ich habe seit gestern genug solcher Schlächtereien gesehen, meine arme Henriette.«

»Ich nahm mir die Freiheit, Euere Majestät zu führen …«

»Zuerst und vor Allem bittet Dich meine Majestät, Ihre Majestät zu vergessen … Du führtest mich also …«

»Nach dem Hotel Guise, wenn Ihr nichts Anderes bestimmt.«

»Nein, nein, Henriette, gehen wir zu Dir. Der Herzog von Guise ist nicht dort? Dein Gatte ebenfalls nicht?«

»Oh, nein!« rief die Herzogin mit einer Freude, welche ihre schönen Augen funkeln machte, »nein! weder mein Schwager, noch mein Gemahl, noch irgend Jemand! Ich bin frei, frei wie die Luft, frei wie der Vogel, frei wie die Wolken … frei, meine Königin, hört Ihr? Begreift Ihr, welches Glück in dem Worte frei liegt? … Ich komme, ich gehe, ich befehle! Oh, arme Königin! Ihr seid nicht frei, Ihr; Ihr seufzt auch.«

»Du kommst, Du gehst, Du befiehlst! Dient Dir Deine Freiheit nur hierzu? Sprich, Du bist sehr heiter, nur wegen Deiner Freiheit allein?«

»Eure Majestät hat mir versprochen, die vertraulichen Mittheilungen zu eröffnen.«

»Abermals meine Majestät; höre, wir werden uns ärgern, Henriette. Hast Du unsere Uebereinkunft vergessen?«

»Nein, Eure achtungsvolle Dienerin vor der Welt, Deine tolle Vertraute unter vier Augen. Ist es nicht so, Madame, ist es nicht so, Margarethe?«

»Ja, ja,« sagte Margarethe lächelnd.

»Weder Rivalitäten des Hauses, noch Treulosigkeiten der Liebe, Alles gut, Alles offenherzig; ein Offensiv- und Defensivbund, einzig und allein in der Absicht, das ephemere Wesen, Glück genannt, zu suchen und wenn wir es finden, im Fluge zu haschen.«

»Gut, meine Herzogin, so ist es, und um diesen Vertrag zu erneuern, küsse mich.«

Und die zwei reizenden Köpfe, der eine bleich und von Schwermuth verschleiert, der andere rosig, blond und lachend, näherten sich anmuthreich und vereinigten ihre Lippen, wie sie ihre Gedanken vereinigt hatten.

»Was giebt es also Neues?« fragte die Herzogin, einen gierigen Blick auf Margarethe heftend.

»Ist denn seit zwei Tagen nicht Alles neu?«

»Oh! ich spreche von der Liebe und nicht von der Politik. Wenn wir das Alter von Dame Catharina, einer Mutter, haben werden, so wollen wir Politik treiben. Aber wir zählen erst zwanzig Jahre, meine schöne Königin. Sprechen wir von etwas Anderem. Solltest Du wirklich ganz und gar verheirathet sein?«

»Mit wem?« sagte Margarethe lachend.

»Ah! Du beruhigst mich in der That.«

»Henriette, was Dich beruhigt, erschreckt mich. Herzogin ich muß verheiratet sein.«

»Wann?«

»Morgen.«

»Ah, bah! wirklich? Arme Freundin! Ist es nothwendig?«

»Durchaus.«

»Mordi! wie einer von meinen Bekannten sagt, das ist sehr traurig.«

»Du kennst also Einen, der Mordi! Sagt?« fragte lachend Margarethe.

»Ja.«

»Und wer ist der Eine?«

»Du fragst mich immer, während es an Dir ist, zu sprechen. Vollende, und ich werde anfangen.«

»Zwei Worte, höre: Der König von Navarra ist verliebt und will nichts von mir. Ich bin nicht verliebt, aber ich will auch nichts von ihm. Indessen müssen wir, das Eine und das Andere, unsere Ansichten verändern oder wenigstens zwischen heute und morgen das Ansehen haben, als veränderten wir dieselben.«

»Nun wohl, so ändere Dich, und Du kannst überzeugt sein, daß er sich auch ändern wird.«

»Gerade darin liegt die Unmöglichkeit, denn ich bin weniger als je geneigt, meine Gesinnung zu verändern.«

»Hoffentlich nur in Beziehung auf Deinen Gemahl.«

»Henriette, ich habe ein Bedenken.«

»Ein Bedenken, worüber?«

»Ueber die Religion. Machst Du einen Unterschied zwischen den Hugenotten und Katholiken?«

»In der Politik?«

»Ja.«

«Allerdings.«

»Aber in der Liebe?«

»Meine theure Freundin, wir Frauen sind solche Heidinnen, daß wir alle Sekten zulassen und mehrere Götter anerkennen.«

»In einem Einzigem nicht wahr?«

»Ja,« sprach die Herzogin mit einem von Heidenthum funkelnden Blicke, »ja, denjenigen, welcher sich Eros, Cupido, Amor nennt, denjenigen, welcher einen Köcher, eine Binde und Flügel hat. Mordi! Es lebe die Frömmigkeit!«

»Du hast übrigens eine ausschließliche Manier, zu beten; Du wirfst den Hugenotten Steine auf den Kopf.«

»Ah, laß Dir sagen, Margarethe, wie die besten Gedanken, wie die schönsten Handlungen sich durch den Mund des Pöbels völlig travestiren.«

»Des Pöbels? Es scheint mir, mein Bruder Karl beglückwünschte Dich.«

»Dein Bruder, Karl, Margarethe, ist ein großer Jäger, der den ganzen Tag hindurch Waldhorn bläst, was ihn sehr mager macht … Ich verwerfe ihn also bis auf seine Komplimente. Uebrigens habe ich Deinem Bruder Karl geantwortet … Hast Du meine Erwiederung nicht gehört?«

»Nein, Du sprachst so leise!«

»Desto besser, sonst hätte ich Dir nichts mehr Neues mitzutheilen. Nun das Ende Deiner Mittheilung, Margarethe? …«

»Ist, daß … daß …«

»Sprich doch!«

»Ist,« versetzte die Königin lachend, »daß ich mich einer Vertraulichkeit enthalten würde, wenn der Stein, von dem mein Bruder Karl sprach, geschichtlich wäre.«

»Gut,« rief Henriette, »Du hast einen Hugenotten gewählt. Sei unbesorgt: um Dein Gewissen zu beruhigen, verspreche ich Dir, bei der ersten Gelegenheit auch einen zu wählen.«

»Ah, es scheint, Du hast diesmal einen Katholiken genommen.«

»Mordi!« versetzte die Herzogin.

»Gut, gut, ich begreife.«

»Und wie ist unser Hugenott?«

»Ich habe ihn nicht gewählt; dieser junge Mensch ist mir nichts, und wird mir wahrscheinlich nie etwas sein.«

»Aber wie ist er denn? Das hindert Dich nicht, es mir zu sagen, denn Du weißt, wie neugierig ich bin.«

»Ein armer, junger Mann, schön, wie der Nisus von Benvenuto Cellini, … der sich in meine Gemächer geflüchtet hat.«

»Oho! Du hattest ihn nicht ein wenig berufen?«

»Armer Junge! Lache nicht zu sehr, Henriette; denn in diesem Augenblicke schwebt er vielleicht noch zwischen Leben und Tod.«

»Er ist also krank?«

»Er ist schwer verwundet.«

»Ein verwundeter Hugenott ist besonders in den Tagen, in denen wir uns befinden, sehr lästig; und was wirst Du mit dem Verwundeten machen?«

»Er ist in meinem Cabinet; ich verberge ihn und will ihn retten.«

»Er ist schön, er ist jung, er ist verwundet. Du verbirgst ihn in Deinem Cabinet? Du willst ihn retten? Dieser Hugenott wird sehr undankbar sein, wenn er nicht zu dankbar ist.«

»Ich fürchte, er ist das bereits mehr, als ich wünschte.«

»Und er interessirt Dich, dieser arme, junge Mann?«

»Nur aus Menschenfreundlichkeit.«

»Oh, die Menschenfreundlichkeit, meine arme Königin, ist stets gerade die Tugend, die uns Frauen zu Grunde richtet.«

»Ja, und Du begreifst, wie jeden Augenblick der König, der Herzog von Alençon, meine Mutter und sogar mein Gemahl, in meine Wohnung kommen können.«

»Du willst mich also bitten, Deinen kleinen Hugenotten zu behalten, so lange er krank ist, unter der Bedingung, Dir denselben zurückzugeben, wenn er genesen ein wird?«

»Lacherin!« sagte Margarethe, »nein, ich schwöre Dir, daß ich die Dinge nicht auf so ferne vorbereite. Nur wäre ich Dir in der That dankbar, wenn Du ein Mittel finden könntest, den armen Jungen zu verbergen, wenn Du das Leben erhalten könntest, das ich gerettet habe. Du bist frei im Hotel Guise, Du hast weder einen Schwager, noch einen Gemahl, der Dich bespäht oder Dir Zwang anlegt, und überdies hast Du hinter Deinem Zimmer, wo zu Deinem Glücke, meine liebe Henriette, Niemand einzutreten berechtigt ist, ein dem meinigen ähnliches großes Cabinet. Leihe mir dieses Cabinet für meinen Hugenotten, und wenn er geheilt ist, öffnest Du ihm den Käfig, und er fliegt aus.«

»Dagegen erhebt sich nur eine Schwierigkeit, liebe Königin, der Käfig ist besetzt.«

»Wie, Du hast also auch Einen gerettet?«

»Gerade das ist es, was ich Deinem Bruder antwortete.«

»Ah, ich begreife. Deshalb sprachst Du so leise, das ich Dich nicht hören konnte.«

»Höre, Margarethe, es ist eine bewunderungswürdige Geschichte, nicht minder schön, nicht minder poetisch, als die Deinige. Nachdem ich Dir sechs von meinen Wachen gelassen hatte, kehrte ich mit den sechs andern in das Hotel Guise zurück und sah dem Plündern und Brennen eines Hauses zu, das von dem Hotel meines Bruders nur durch die Rue des Quatre-Fils getrennt ist, als ich plötzlich Frauen schreien und Männer fluchen hörte. Ich gehe auf den Balcon vor und sehe zuerst ein Schwert, dessen Feuer ganz allein die Scene zu erleuchten schien. Ich bewundere dieses furchtbare Schwert: ich liebe die schönen Dinge! … Dann suche ich natürlich den Arm zu unterscheiden, der es in Bewegung setzt, und der Körper, dem dieser Arm gehört. Mitten unter dem Geschrei, unter den Streichen unterscheide ich endlich den Mann, und sehe … einen Helden, meine Königin, einen Telamonios Ajax; ich höre eine Stimme, eine Stentorstimme; ich begeistere mich und zittere am ganzen Leibe, bebe bei jedem Schlag, von dem er bedroht ist, bei jedem Streich, den er führt. Das war eine Gemüthsbewegung von einer Viertelstunde, meine Königin, wie ich sie nie gefühlt, wie ich sie nie nur möglich gehalten habe. Ich stand keuchend, starr, stumm, als plötzlich mein Held verschwand.«

»Wie dies?«

»Unter einem Steine, den ihm eine alte Frau zuschleuderte. Dann fand ich, wie Cyrus, meine Stimme wieder, und rief: Zu Hilfe! Herbei! zu Hilfe! Unsere Wachen erschienen, ergriffen ihn, hoben ihn auf und trugen ihn in das Zimmer, das Du für Deinen Schützling von mir verlangst.«

»Ach! ich begreife diese Geschichte um so mehr, theure Henriette, als sie beinahe die meinige ist.«

»Nur mit dem Unterschied, meine Königin, daß ich, meinem König und meiner Religion dienend, Herrn Annibal von Coconnas nicht wegzuschicken brauche.«

»Er nennt sich Annibal von Coconnas?« versetzte Margarethe, in ein Lachen ausbrechend.

»Nicht wahr, das ist ein furchtbarer Name?« sprach Henriette. »Nun wohl, derjenige, welcher ihn führt, ist desselben würdig. Mordi! welch ein Kämpe! und wie viel Blut hat er vergossen! Nimm Deine Maske vor, Königin, wir sind am Hotel.«

»Warum soll ich meine Maske vornehmen.«

»Weil ich Dir meinen Helden zeigen will.«

»Ist er schön?«

»Er kam mir während des Kampfes herrlich vor. Allerdings ereignete sich dies bei Nacht und beim Schimmer der Flammen. Ich gestehe, diesen Morgen beim Tageslichte schien er mir ein wenig zu verlieren. Doch glaube ich, Du wirst mit ihm zufrieden sein.«

»Mein Schützling ist also vom Hotel Guise zurückgewiesen? Das thut mir leid, denn es ist der letzte Ort, wo man einen Hugenotten suchen würde.«

»Keineswegs, ich lasse ihn diesen Abend hierher bringen. Man legt den Einen in den Winkel rechts, den andern in den Winkel links.«

»Aber wenn sie sich, der Eine als einen Protestanten, der Andere als einen Katholiken erkennen, werden sie sich verschlingen.«

»Oh! es ist keine Gefahr, Herr von Coconnas hat einen Hieb in das Gesicht bekommen, daß er beinahe nichts sehen kann. Dein Hugenott hat einen Stich in die Brust erhalten, daß er sich beinahe nicht zu rühren vermag. Und dann schärfst Du ihm ein, er solle völliges Stillschweigen in Beziehung auf die Religion beobachten, und Alles wird auf das Beste gehen.«

»Gut, es sei.«

»Treten wir ein. Das ist abgemacht!« »

»Ich danke,« sagte Margarethe, ihrer Freundin die Hand drückend.

»Hier, Madame, werdet Ihr wieder Majestät,« sprach die Herzogin von Nevers, »erlaubt mir, Euch die Honneurs des Hotel Guise zu machen, wie sie der Königin von Navarra gemacht werden müssen.«

Und die Herzogin setzte, aus dem Wagen steigend, beinahe ein Knie auf die Erde, um Margarethe herauszuhelfen. Dann deutete sie mit der Hand auf die Thüre des von zwei Schildwachen, welche die Büchse in der Faust hielten, bewachten Hotels, und folgte auf einige Schritte der Königin, welche majestätisch vor der Herzogin voranschritt, während diese ihre demüthige Haltung beobachtete, so lange sie gesehen werden könnte. In Zimmer gelangt, schloß die Herzogin ihre Thüre, rief rasch ihre sicilianische Kammerfrau und fragte in italienischer Sprache:

«Mica, wie geht es dem Herrn Grafen?«

»Immer besser,« antwortete diese.

»Und was macht er?«

»Er nimmt, glaube ich, in diesem Augenblicke etwas zu sich, Madame.«

»Schön,« sagte Margarethe, »die Wiederkehr des Appetits ist ein gutes Zeichen.«

»Oh! es ist wahr, ich vergaß, das Du eine Schülerin von Ambroise Paré bist. Gehe, Mica.«

»Du schickst sie weg?«

»Ja, damit sie Wache hält.«

Mica entfernte sich.

»Willst Du nun bei ihm eintreten.« sprach die Herzogin »oder soll ich ihn kommen lassen?«

»Weder das Eine, noch das Andere; ich wünschte ihn zu sehen, ohne gesehen zu werden.«

»Was ist Dir daran gelegen, da Du Deine Maske hast?«

»Er kann mich an meinen Haaren, an meinen Händen an meinen Juwelen erkennen.«

»Oh! wie klug ist doch meine schöne Königin seit ihrer Verheirathung.«

Margarethe lächelte.

»Ich sehe nur ein Mittel,« fuhr die Herzogin fort.

»Welches?«

»Du müßtest durch das Schlüsselloch schauen.«

»Es sei, führe mich.«

Die Herzogin nahm Margarethe bei der Hand, führte sie an eine Thüre, über welche ein Vorhang herabfiel, beugte sich auf ein Knie und näherte ihr Auge der Oeffnung, welche der fehlende Schlüssel ließ.

»Vortrefflich,« sagte sie, »er ist bei Tische und hat das Gesicht unserer Seite zugewendet. Komm.«

Die Königin Margarethe nahm den Platz ihrer Freundin ein und näherte ihr Auge ebenfalls dem Schlüsselloch. Coconnas saß, wie die Herzogin gesagt hatte, an einem ausgezeichnet bestellten Tische, welchem alle Ehre zu machen seine Wunden ihn nicht verhinderten.

»Ah, mein Gott!« rief Margarethe zurückweichend. »Was giebt es denn?« fragte die Herzogin erstaunt.

»Unmöglich! Nein! Ja! Oh, bei meiner Seele, er ist es!«

»Wer denn?«

»Stille,« sprach Margarethe sich erhebend und die Herzogin bei der Hand ergreifend. »Derjenige, welcher meinen Hugenotten tödten wollte, der ihn bis in mein Zimmer, in meine Arme verfolgte. Oh! welches Glück, Henriette, daß er mich nicht erblickt hat.«

»Nun, da Du ihn bei der Arbeit gesehen, war er nicht schön?«

»Ich weiß nicht,« sagte Margarethe, »denn ich betrachtete den, welchen er verfolgte.«

»Und der, welchen er verfolgte, hieß?«

»Du wirst seinen Namen nicht vor ihm aussprechen?«

»Nein, ich gelobe es Dir.«

»Herr de La Mole.«

»Und wie findest Du ihn jetzt?«

»Herrn de la Mole?«

»Nein, Herrn von Coconnas.«

»Meiner Treue, ich gestehe, ich finde ihn …«

Sie hielt inne.

»Aha!« sprach die Herzogin, »ich sehe, Du grollst ihm noch wegen der Wunde, die er Deinem Hugenotten beigebracht hat.«

»Mir scheint es,« versetzte Margarethe lachend, »daß mein Hugenott ihm nichts schuldig ist, und daß der Hieb, den er ihm in’s Gesicht versetzt hat …«

»Sie sind also quitt!, und wir können sie versöhnen. Schicke mir Deinen Verwundeten.«

»Nein, noch nicht, später.«

»Wann?«

»Sobald Du dem Deinigen ein anderes Zimmer geliehen haben wirst.«

»Welches denn?«

Margarethe schaute ihre Freundin lachend an, die sie nach kurzem Stillschweigen ebenfalls anschaute und laut lachte.

»Wohl, es sei,« sprach die Herzogin. »Freundschaft mehr als je.«

»Stets aufrichtige Freundschaft,« antwortete die Königin.

»Und das Losungswort, das Erkennnngszeichen, sollten wir des einen oder des andern bedürfen?«

»Der dreifache Name Deines dreifachen Gottes:Eros, Cupido, Amor.«

Und die zwei Frauen verließen sich, nachdem sie sich zum zweiten Male geküßt und zum zwanzigsten Male die Hand gedrückt hatten.

XIII.
Wie es Schlüssel gibt, welche Thüren öffnen, für die sie nicht bestimmt sind

Die Königin von Navarra fand, in den Louvre zurückkehrend, Gillonne in großer Aufregung. Frau von Sauves war in ihrer Abwesenheit erschienen und hatte den ihr von der Königin Mutter eingehändigten Schlüssel gebracht. Dieser Schlüssel war der des Zimmers, in welchem sich Heinrich eingeschlossen befand. Es unterlag keinem Zweifel, es war für die Königin zur Ausführung irgend eines Planes eine Nothwendigkeit, daß der Bearner die Nacht bei Frau von Sauves zubrachte.

Margarethe nahm den Schlüssel und drehte ihn in den Händen hin und her. Sie ließ sich von den geringsten Worten von Frau von Sauves Bericht erstatten, wog sie Buchstabe für Buchstabe in ihrem Geiste ab und glaubte endlich den Plan von Catharina durchschaut zu haben.

Sie nahm eine Feder, Tinte und schrieb auf ein Papier:

»Statt diesen Abend zu Frau von Sauves zu geben, kommt zu der Königin von Navarra

Margarethe.«

Dann rollte sie das Papier zusammen, steckte es in die Höhlung des Schlüssels und befahl Gillonne, diesen Schlüssel, sobald die Nacht gekommen wäre, unter der Thüre des Gefangenen durchzustecken.

Als dieses Geschäft abgemacht war, dachte Margarethe an den armen Verwundeten, schloß alle Thüren, trat in sein Cabinet, und fand zu ihrem großen Erstaunen La Mole wieder in seinem noch ganz zerrissenen und von Blut befleckten Kleide.

Als er sie erblickte, versuchte er es, aufzustehen; aber noch ganz wankend, vermochte er sich nicht aufrecht zu erhalten und fiel wieder auf das Canape zurück, aus welchem man ein Bett gemacht hatte.

»Aber was geht denn vor, mein Herr,« fragte Margarethe, »und warum befolgt Ihr so schlecht die Vorschriften Eures Arztes? Ich hatte Euch Ruhe empfohlen, und statt mir zu gehorchen, thut Ihr gerade das Gegentheil von dem, was ich gesagt habe.«

»Oh! Madame,« sprach Gillonne, »es ist durchaus nicht mein Fehler, ich habe den Herrn Grafen gebeten, ich habe ihn angefleht, diese Thorheit nicht zu begehen; aber er erklärte mir, nichts würde ihn länger im Louvre zurückhalten.«

»Den Louvre verlassen!« sprach Margarethe und schaute erstaunt den jungen Mann an, der die Augen niederschlug, »das ist unmöglich. Ihr könnt nicht gehen; Ihr seid bleich und kraftlos; man sieht Eure Kniee zittern. Diesen Morgen hat Eure Wunde an der Schulter noch geblutet.«

»Madame, »antwortete der junge Mann, »so sehr ich Euerer Majestät dankbar dafür bin, daß sie mir gestern Abend ein Asyl gegeben hat, eben so sehr flehe ich sie an, mir die Erlaubniß zu geben, heute von hinnen zu gehen.«

»Aber ich weiß nicht, wie ich einen so tollen Entschluß deuten soll?« sprach Margarethe verwundert. »Das ist schlimmer, als Undankbarkeit.«

»Oh, Madame!« rief La Mole, die Hände faltend, »glaubt mir, weit entfernt, undankbar zu sein, hegt mein Herz ein Gefühl der Dankbarkeit, das mein ganzes Leben hindurch dauern wird.«

»Dann wird es nicht lange dauern,« sprach Margarethe, bewegt durch diesen Ton, der keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner Worte übrig ließ, »denn entweder werden sich Eure Wunden wieder öffnen, und Ihr sterbt am Blutverluste, oder man erkennt Euch als einen Hugenotten, und Ihr geht nicht hundert Schritt ohne daß man Euch den Garaus macht.«

»Dennoch muß ich den Louvre verlassen,« murmelte La Mole.

»Ihr müßt!« sagte Margarethe, ihn mit ihrem klaren, tiefen Blicke anschauend; dann leicht erbleichend, fügte sie bei: »Oh! ja, ich begreife. Um Vergebung, mein Herr: ohne Zweifel ist außerhalb des Louvre eine Person, welche Eure Abwesenheit in grausame Unruhe versetzt. Das ist ganz richtig, Herr de La Mole, es ist ganz natürlich, und ich sehe es wohl ein. Warum habt Ihr es mir nicht sogleich gesagt? oder vielmehr, warum habe ich nicht selbst daran gedacht? Wenn man Gastfreundschaft übt, ist es eine Pflicht, die Neigungen seines Gastes zu beschützen, wie man seine Wunden verbindet, das Gemüth zu pflegen, wie man den Leib pflegt.«

»Oh! Madame, Ihr täuscht Euch sehr, ich bin beinahe allein in der Welt und ganz allein in Paris, wo mich Niemand kennt. Mein Mörder ist der erste Mann, den ich in dieser Stadt gesprochen habe, und Eure Majestät ist die erste Frau, die das Wort an mich gerichtet hat.«

»Warum wollt Ihr aber gehen?« sprach Margarethe erstaunt.

»Weil sich Euere Majestät in der vergangenen Nacht keine Ruhe gegönnt hat,« sprach La Mole, »und weil diese Nacht …«

Margarethe erröthete.

»Gillonne,« sagte sie, »nun ist es Nacht, ich denke, es ist Zeit, daß Du den Schlüssel fortträgst.«

Gillonne lächelte und ging ab.

»Aber wenn Ihr allein, ohne Freunde in Paris seid, was werdet Ihr machen?« fragte Margarethe.

»Madame, ich werde bald Freunde haben; denn während ich verfolgt wurde, dachte ich an meine Mutter, welche eine Katholikin war. Es kam mir vor, als sähe ich sie vor mir her, ein Kreuz in der Hand, auf dem Wege nach dem Louvre laufen, und ich that ein Gelübde, die Religion meiner Mutter wieder anzunehmen, wenn mir Gott das Leben erhalten würde. Gott hat mehr gethan, als mir das Leben erhalten, Madame, er hat mir einen seiner Engeln geschickt, um es mich lieben zu lassen.«

»Aber Ihr könnt nicht gehen; ehe Ihr hundert Schritte gemacht nahe, werdet Ihr ohnmächtig niedersinken.«

»Madame, ich habe mich heute in diesem Cabinet versucht, ich gehe allerdings langsam und unter Schmerzen; aber komme ich nur bis auf den Platz vor dem Louvre, so mag geschehen was da will.«

Margarethe stützte ihren Kopf auf die Hand und dachte nach.

»Und der König von Navarra?« sagte sie mit Absicht, »Ihr sprecht mir nicht mehr von ihm? Verändert Ihr die Religion, so habt Ihr die Hoffnung verloren, in seinen Dienst zu treten.«

»Madame,« antwortete La Mole erbleichend, »Ihr berührt die wahre Ursache meines Abganges … Ich weiß, daß der König von Navarra die größte Gefahr läuft und daß der ganze Credit Eurer Majestät als Tochter von Frankreich kaum hinreichend sein wird, um sein Haupt zu retten.«

»Wie, mein Herr?« fragte Margarethe, »was wollt Ihr damit sagen und von welcher Gefahr sprecht Ihr?«

»Madame,« antwortete La Mole zögernd, »von dem Cabinet aus, in welchem ich mich befinde, hört man Alles.«

»Das ist wahr,« murmelte Margarethe für sich allein, »Herr von Guise hat es mir bereits gesagt.«

Dann fügte sie laut bei:

»Nun, was habt Ihr denn gehört?«

»Zuerst das Gespräch, das Euere Majestät diesen Morgen mit ihrem Bruder hatte.«

»Mit Franz?« rief Margarethe erröthend.

»Mit dem Herzog von Alençon, ja, Madame. Dann nach Eurem Abgange das von Mademoiselle Gillonne mit Frau von Sauves.«

»Und es sind diese zwei Gespräche …«

»Ja, Madame. Seit kaum acht Tagen verheirathet, liebt Ihr Euern Gemahl. Euer Gemahl wird kommen, wie der Herzog von Alençon und Frau von Sauves gekommen sind. Er wird Euch seine Geheimnisse mittheilen. Nun, ich soll sie nicht hören; ich wäre indiscret, und ich kann nicht, ich soll nicht, und vor Allem ich will es nicht sein.«

Durch den Ton, mit welchem La Mole die letzten Worte aussprach, durch die Unruhe seiner Stimme, durch sein verlegenes Wesen wurde Margarethe wie durch eine plötzliche Offenbarung erleuchtet.

»Ah,« sagte sie, »Ihr habt von dem Cabinet aus Alles gehört, was bis jetzt in diesem Zimmer gesprochen worden ist?«

»Ja, Madame.«

Diese Worte wurden kaum geseufzt.

»Und Ihr wollt diese Nacht, diesen Abend von hier fort, um nicht mehr zu hören?«

»Sogleich, Madame, wenn Euere Majestät es mir zu erlauben die Gnade haben will.«

»Armes Kind!« sprach Margarethe mit einem seltsamen Tone zarten Mitleids.

Erstaunt über eine so weiche Antwort, während er eine ungestüme Erwiederung erwartete, hob La Mole das Haupt. Sein Blick begegnete dem von Margarethe und blieb wie durch eine magnetische Macht an dem durchsichtigen, tiefen Blicke der Königin geheftet.

»Ihr fühlt Euch also unfähig, ein Geheimnis zu bewahren, Herr de La Mole?« sprach mit sanftem Tone Margarethe, welche, über die Lehne ihres Stuhles geneigt, halb unter dem Schatten eines schweren Vorganges verborgen, sich des Glückes erfreute, rasch in dieser Seele zu lesen; während sie selbst undurchdringlich blieb.

»Madame,« sprach La Mole, »ich besitze eine elende Natur; ich mißtraue mir selbst, und das Glück eines Andern macht mir Schmerz.«

»Wessen Glück?« fragte Margarethe lächelnd, »ah ja, das Glück des Königs von Navarra. Armer Heinrich!«

»Ihr seht wohl, daß er glücklich ist Madame,« rief la Mole lebhaft.

»Glücklich? …«

»Ja, da Eure Majestät ihn beklagt.«

Die Königin zerknitterte die Seide ihrer Aumonière und riß die goldenen Fäden aus.

»Ihr weigert Euch also, den König von Navarra zu sehen?« sagte sie, »das ist abgemacht, das ist in Euch beschlossen?«

»Ich befürchte, Seine Majestät in diesem Augenblick zu belästigen.«

»Aber den Herzog von Alençon, meinen Bruder?«

»Oh, Madame!« rief La Mole, »den Herzog von Alençon, nein, nein! den Herrn Herzog von Alençon noch viel weniger, als den König von Navarra.«

»Warum?« fragte Margarete so bewegt, das sie beim Sprechen zitterte.

»Weil ich, obgleich bereits ein schlechter Hugenott, um ergebener Diener Seiner Majestät des Königs von Navarra zu sein, doch noch kein hinreichend guter Katholik bin, um zu den Freunden von Herrn von Alençon und Herrn von Guise zu gehören.«

Diesmal schlug Margarethe die Augen nieder, und sie fühlte, wie der Schlag in der tiefsten Tiefe ihres Herzens arbeitete. Sie wußte nicht zu sagen, ob das Wort von La Mole für sie schmeichelhaft oder schmerzlich war.

In dieser Minute kehrte Gillonne zurück. Margarethe befragte sie mit einem Blicke. Die Antwort von Gillonne war, ebenfalls in einem Blicke enthalten, bejahend. Es war ihr gelungen, den Schlüssel dem König von Navarra zukommen zu lassen.

Margarethe richtete ihre Augen wieder auf La Mole, welcher unentschlossen, das Haupt auf die Brust geneigt und bleich wie ein Mensch, der zugleich am Körper und an der Seele leidet, vor ihr verharrte.

»Herr de La Mole ist stolz,« sagte sie, »und ich zögere, ihm einen Vorschlag zu machen, den er vielleicht von sich weisen wird.«

La Mole erhob sich, machte einen Schritt gegen die Königin und wollte sich vor ihr verbeugen, zum Zeichen, daß er zu ihren Befehlen stünde; aber ein tiefer, scharfer, brennender Schmerz preßte seinen Augen Thränen aus; er fühlte, daß er dem Fallen nahe war, und ergriff einen Vorhang, an welchem er sich hielt.

»Seht Ihr!« rief Margarethe, auf ihn zulaufend und ihn am Arme haltend, »seht Ihr, mein Herr, daß Ihr meiner noch bedürft!«

Ein kaum bemerkbares Zucken bewegte die Lippen von La Mole.

»Oh! ja,« murmelte er, »wie der Luft, die ich athme, wie des Tages, den ich sehe.«

In diesem Augenblicke erscholl ein dreimaliges Klopfen an der Thüre von Margarethe.

»Hört Ihr, Madame?« sprach Gillonne erschrocken.

»Schon!« murmelte Margarethe.

»Sol! ich öffnen?«

»Warte; … es ist vielleicht der König von Navarra.«

»Oh! Madame,« rief La Mole, stark gemacht durch diese paar Worte, welche die Königin jedoch mit so leiser Stimme ausgesprochen hatte, daß sie hoffte, nur Gillonne würde sie hören, »Madame, ich flehe Euch auf den Knieen an, laßt mich fort; ja, todt oder lebendig! Habt Mitleid mit mir! Oh, Ihr antwortet nicht! Nun wohl, ich will sprechen, und wenn ich gesprochen habe, werdet Ihr mich hoffentlich forttragen.«

»Schweigt, Unglücklicher!« sagte Margarethe, der es einen unendlichen Zauber gewährte, die Vorwürfe des wägen Mannes zu hören, »schweigt doch!«

»Madame,« versetzte La Mole, welcher ohne Zweifel in dem Tone von Margarethe nicht die Strenge fand, die er erwartete, »Madame, ich wiederhole Euch, man hört Alles von diesem Cabinet aus. Oh! Laßt mich nicht eines Todes sterben, den die grausamsten Henker nicht erfinden dürften!«

»Stille, stille!« sagte Margarethe.

»Oh, Madame, Ihr seid unbarmherzig, Ihr wollt nichts hören; aber begreift doch, daß ich Euch …«

»Seid doch still, wenn ich Euch es sage,« unterbrach ihn Margarethe, und legte ihre warme duftende Hand auf den Mund des jungen Mannes, der sie zwischen seine zwei Hände nahm und an die Lippen drückte.

»Aber,« … murmelte La Mole.

»Aber schweigt doch, Kind; was für ein Rebell ist das, der nicht seiner Königin gehorchen will!«

Dann stürzte sie aus dem Cabinet, verschloß die Thüre wieder, lehnte sich, mit ihrer zitternden Hand die Schläge ihres Herzens zurückdrängend, an die Wand und sagte:

»Oeffne, Gillonne!«

Gillonne verließ das Zimmer und einen Augenblick nachher hob das feine, geistreiche, etwas unruhige Haupt des Königs von Navarra den Vorhang.

»Ihr habt mich gerufen, Madame?« sprach der König von Navarra zu Margarethe.

»Ja, mein Herr; Eure Majestät hat meinen Brief empfangen?«

»Ich gestehe, nicht ohne ein gewisses Erstaunen,« sprach Heinrich, mit einem bald verschwindenden Mißtrauen um sich herschauend.

»Und nicht ohne eine gewisse Unruhe, nicht wahr?« fügte Margarethe bei.

»Ich kann es nicht leugnen, Madame; jedoch völlig umgeben von erbitterten Feinden und von Freunden, welche vielleicht noch gefährlicher sind, als meine Feinde, erinnerte ich mich, das ich eines Abends in Euern Augen das Gefühl des Edelmuths strahlen sah, es war der Abend unserer Hochzeit; daß ich an einem andern Tage den Stern des Mutes darin glänzen sah, dieser andere Tag war gestern, war der für meinen Tod bestimmte Tag.«

»Nun wohl, mein Herr!« sprach Margarethe lächelnd, während Heinrich in der Tiefe ihres Herzens lesen zu wollen schien.

»Wohl, Madame, Alles dies bedenkend, sagte ich mir sogleich, als ich Euer Billet las, das mich zu Euch beschied: ohne Freunde, ein Gefangener, ein Entwaffneter, hat der König von Navarra nur ein Mittel, auf glänzende Weise zu sterben, einen Tod zu sterben, der in der Geschichte eingetragen wird, er muß verrathen von seiner Gattin sterben, und ich bin gekommen…«

»Sire,« antwortete Margarethe, »Ihr werdet Eure Sprache ändern, wenn Ihr erfahrt, daß Alles, was in diesem Augenblicke geschieht, das Werk einer Person ist, welche Euch liebt… und welche Ihr liebt.«

Heinrich wich bei diesen Worten beinahe zurück und sein graues, durchdringendes Auge schaute unter den schwarzen Brauen hervor die Königin neugierig fragend an.

»Oh! beruhigt Euch, Sire,« versetzte die Königin lächelnd, »ich habe nicht die Anmaßung, zu glauben, diese Person sei ich.«

»Und dennoch, Madame, seid Ihr es, die mir diesen Schlüssel überschickt hat; diese Schrift ist die Eurige.«

»Diese Schrift ist die meinige, ich gestehe es; dieses Billet kommt von mir, ich leugne es nicht. Was aber diesen Schlüssel betrifft, so ist es etwas Anderes. Es genüge Euch, zu wissen, daß er durch die Hände von vier Frauen ging, ehe er bis zu Euch gelangte.

»Von vier Frauen!« rief Heinrich verwundert.

»Ja, durch die Hände von vier Frauen,« sprach Margarethe: »durch die Hände der Königin Mutter, durch die Hände von Frau von Sauves, durch die Hände von Gillonne und durch die meinigen.«

Heinrich sann über dieses Räthsel nach.

»Sprechen wir nun vernünftig, mein Herr,« sagte Margarethe, »und sprechen wir vor Allem offenherzig. Ist es wahr, wie man heute allgemein behauptet, daß Eure Majestät abzuschwören einwilligt?«

»Dieses Gerücht ist unwahr, Madame, ich habe noch nicht eingewilligt.«

»Ihr seid jedoch entschlossen?«

»Das heißt, ich gehe mit mir zu Rathe. Was wollt Ihr? wenn man zwanzig Jahre alt und ungefähr König ist, Ventre-saint-gris! da gibt es Dinge, welche wohl eine Messe werth sind.«

»Unter Anderem das Leben, nicht wahr?«

Heinrich konnte ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken.

»Ihr sagt mir nicht Alles, was Ihr denkt, Sire,« sprach Margarethe.

»Ich mache Vorbehalte gegen meine Verbündeten, Madame; denn Ihr wißt, wir sind bis jetzt nur Verbündete. Wäret Ihr zugleich meine Verbündete … und …«

»Und Eure Frau, nicht wahr, Sire?«

»Meine Treue, ja, und meine Frau.«

»Dann?«

»Dann wäre es vielleicht etwas Anderes, und ich würde am Ende darauf halten, König der Hugenotten zu bleiben, wie sie sagen … So aber muß ich mich mit dem Leben begnügen.«

Margarethe schaute Heinrich mit einer so seltsamer Miene an, daß sie den Verdacht eines minder feinen Geistes, als der des Königs von Navarra war, erweckt haben würde.

»Und seid Ihr wenigstens sicher, zum Resultate zu gelangen?« sprach sie.

»Beinahe,« erwiederte Heinrich, »Ihr wißt, Madame, daß man in dieser Welt keiner Sache völlig sicher ist.«

»Es ist wahr,« versetzte Margarethe, »Eure Majestät gibt so viel Mäßigung kund, offenbart so viel Uneigennützigkeit, daß sie, nachdem sie auf ihre Krone, auf ihre Religion Verzicht geleistet hat, wahrscheinlich, man hofft es wenigstens, auch auf ihre Verbindung mit einer Tochter von Frankreich Verzicht leisten wird.«

Diese Worte trugen eine so tiefe Bedeutung in sich, daß Heinrich unwillkürlich bebte, aber diese Bewegung überwindend, antwortete er mit Blitzesschnelligkeit:

»Wollt Euch erinnern, Madame, daß ich in diesem Augenblick nicht meinen freien Willen habe. Ich werde also das thun, was mir der König von Frankreich befiehlt. Würde man mich auch nur entfernt bei dieser Frage, wo es sich um nichts Geringeres, als um meinen Thron, um meine Ehre und um mein Leben handelt, zu Rathe ziehen, so wollte ich lieber, als meine Zukunft auf die Rechte zu setzen, die mir unsere gezwungene Heirath verleiht, mich als Jäger in irgend einem Schlosse oder als Büßender in irgend einem Kloster vergraben.«

Diese in ihre Lage ergebene Ruhe, dieses Verzicht leisten auf die Dinge dieser Welt erschreckten Margarethe. Sie dachte, dieser Bruch der Heirath wäre vielleicht zwischen Karl IX., Catharina und dem König von Navarra verabredet. Warum sollte man sie auch nicht zur Bethörten oder zum Opfer nehmen, da sie die Schwester des Einen und die Tochter der Andern war? Die Erfahrung hatte sie gelehrt, das dies kein Grund war, auf welchen sie ihre Sicherheit bauen konnte. Der Ehrgeiz ergriff das Herz der jungen Frau, oder vielmehr die junge Königin stand zu hoch über den gewöhnlichen Schwächen, um sich zu einem Trotze der Eitelkeit hinreißen zu lassen: bei jeder, selbst bei einer mittelmäßigen Frau, wenn sie liebt, hat die Liebe keine solche Erbärmlichkeiten, denn die wahre Liebe ist auch ein Ehrgeiz.

»Eure Majestät,« sprach Margarethe mit einer gewissen spöttischen Verachtung, »hat, wie es mir scheint, kein großes Zutrauen zu dem Gestirne, das über dem Haupte jedes Königs strahlt.«

»Ah!« sagte Heinrich, »ich mag das meinige in diesem Augenblick immerhin suchen, ich kann es nicht sehen; denn es ist in dem Sturme verborgen, der zu dieser Stunde über mir tobt.«

»Und wenn der Hauch einer Frau diesen Sturm verwehte und dieses Gestirn so glänzend machte, als es je war?«

»Das wäre sehr schwierig,« entgegnete Heinrich.

»Leugnet Ihr das Dasein dieser Frau, mein Herr?«

»Nein, ich leugne ihre Macht.«

»Ihr wollt sagen, ihren Willen.«

»Ich habe gesagt ihre Macht, und wiederhole das Wort. Die Frau ist nur wirklich mächtig, wenn die Liebe und das Interesse in gleichem Grade bei ihr vereinigt sind. Herrscht in ihr nur eines von diesen zwei Gefühlen, so ist sie verwundbar, wie Achill. Auf die Liebe dieser Frau aber, wenn ich mich nicht täusche, kann ich nicht zählen.«

Margarethe schwieg.

»Hört!« fuhr Heinrich fort, »bei dem letzten Schlage der Glocke von Saint-Germain-l’Auxerrois mußtet Ihr an die Wiedererlangung Eurer Freiheit denken, die man verpfändet hatte, um die Anhänger meiner Partei zu vernichten. Ich mußte an die Rettung meines Lebens denken. Das war das Dringendste. Wir verlieren dabei Navarra, ich weiß es wohl; aber Navarra ist wenig im Vergleich mit der Freiheit, die Ihr wiedererlangt, um laut in Eurem Zimmer sprechen zu können, was Ihr nicht zu thun wagtet, während Ihr Jemand hattet, der Euch von diesem Cabinet aus hörte.«

Obgleich im höchsten Maße unruhig, konnte sich Margarethe doch eines Lächelns nicht enthalten. Der König von Navarra war bereits aufgestanden, um in seine Wohnung zurückzukehren, denn es hatte schon vor einiger Zeit elf Uhr geschlagen, und im Louvre schlief Alles oder schien wenigstens Alles zu schlafen.

Der König machte drei Schritte nach der Thüre, dann plötzlich stille stehend, als ob er sich jetzt erst des Umstandes erinnerte, der ihn zu der Königin geführt hatte, sagte er:

»Doch, Madame, habt Ihr mir nicht gewisse Dinge mitzutheilen, oder wolltet Ihr mir nicht Gelegenheit bieten, Euch für die Frist zu danken, die mir Eure muthige Gegenwart in dem Waffencabinet des Königs gegeben hat? In der That, Madame, es war Zeit; ich kann nicht leugnen, Ihr seid gerade im rechten Augenblick, um mir das Leben zu retten, wie die Gottheit des Alterthums auf den Schauplatz herabgestiegen.«

»Unglücklicher!« rief Margarethe mit dumpfer Stimme, und ihren Gemahl beim Arm ergreifend. »Seht Ihr nicht, daß im Gegentheil nichts gerettet ist: weder Eure Freiheit, noch Eure Krone, noch Euer Leben? Blinder! Armer Wahnsinniger! Nicht wahr, Ihr habt in meinem Briefe nichts Anderes gesehen, als ein Rendezvous? Ihr glaubtet, verletzt durch eure Kälte, verlange Margarethe eine Genugtuung!«

»Madame,« sprach Heinrich erstaunt, »ich gestehe…«

Margarethe zuckte die Achseln mit einem unbeschreibbaren Ausdrucke.

In denselben Augenblick ertönte ein seltsames Geräuschs wie ein eiliges Kratzen, an der kleinen geheimen Thüre.

Margarethe zog den König nach der Seite dieser kleinen Thüre.

»Hört,« sagte sie.

»Die Königin Mutter verläßt so eben ihre Gemächer,« flüsterte eine vor Schrecken bebende Stimme, in welcher Heinrich sogleich die von Frau von Sauves erkannte.

»Und wohin geht sie?« fragte Margarethe.

»Sie kommt zu Eurer Majestät.«

Das Rauschen eines seidenen Kleides bewies in derselben Secunde, das sich Frau von Sauves in größter Eile wieder entfernte.

»Oh, oh!« rief Heinrich.

»Ich war es überzeugt,« sagte Margarethe.

»Und ich befürchtete es,« sprach Heinrich, »und zum Beweise, seht.«

Mit einer raschen Geberde öffnete er sein schwarzes Sammetwamms und zeigte Margarethe auf seiner Brust ein seines Panzerhemd von Stahl und einen langen Mailänder Dolch, der sogleich in seiner Hand glänzte, wie eine Schlange in der Sonne.

»Es handelt sich wohl um Eisen und Panzer!« rief Margarethe. »Geht, Sire, geht, verbergt diesen Dolch. Es ist allerdings die Königin, aber die Königin ganz allein.«

»Doch …«

»Sie ist es, ich höre sie, stille!«

Und sich an das Ohr von Heinrich neigend, sagte sie ihm einige Worte mit leiser Stimme. Rasch zog sich Heinrich hinter die Bettvorhänge zurück.

Margarethe sprang mit der Lebendigkeit eines Panthers nach dem Cabinet, wo La Mole bebend wartete, öffnete es, nahm ihn bei seiner Hand, drückte sie in der Dunkelheit und flüsterte ihm, so nahe zu ihm tretend, daß er ihren Hauch fühlte: »Stille, Stille! zu.

Dann, in ihr Zimmer zurückkehrend und die Thüre wieder verschließend löste sie ihren Kopfputz, durchschnitt mit ihrem Dolche alle Schnürbänder ihres Kleides und warf sich in ihr Bett.

Es war die höchste Zeit. Der Schlüssel drehte sich im Schlosse. Catharina hatte einen Passepartout für alle Thüren des Louvre.

»Wer ist da?« rief Margarethe, während Catharina an der Thüre eine Wache von vier Edelleuten aufstellte, welche sie begleitet hatten.

Und als wäre sie erschrocken über diesen ungestümen Einbruch in ihr Zimmer, schaute Margarethe in einem weißen Nachtmantel unter den Vorhängen hervor, sprang aus dem Bette und küßte, Catharina erkennend, mit einem Erstaunen, das zu gut gespielt war, als daß nicht die Florentinerin selbst dadurch hätte getäuscht werden müssen, ihrer Mutter die Hand.

XIV.
Zweite Hochzeitsnacht

Die Königin Mutter ließ ihren Blick mit wunderbarer Raschheit umherlaufen. Sammetpantoffeln am Fuße des Bettes, auf den Stühlen zerstreute Kleider von Margarethe, ihre Dinge, welche sie trieb, um den Schlaf zu vertreiben, überzeugten Catharina, daß sie ihre Tochter wirklich aufgeweckt hatte.

Da lächelte sie wie eine Frau, der ihre Pläne gelungen sind, zog einen Stuhl an sich und sagte:

»Wir wollen uns sehen, Margarethe, und mit einander plaudern.«

»Madame, ich höre.«

»Es ist Zeit,« sprach Catharina, ihre Augen mit der den Leuten, welche nachdenken oder ihr Inneres auf das Strengste zu verbergen suchen, eigenthümlichen Langsamkeit schließend, »es ist Zeit, meine Tochter, daß Ihr einseht, wie sehr Euer Bruder und ich bemüht sind, Euch glücklich zu machen.«

Der Eingang war erschreckend für Jemand, der Catharina kannte.

»Was will sie mir sagen?« dachte Margarethe.

»Euch verheirathend,« fuhr die Florentinerin fort, »haben wir einen von den politischen Acten vollzogen, welche oft durch wichtige Interessen von den Regierenden geheischt werden. Aber ich muß gestehen, mein armes Kind, wir glaubten nicht, daß der Widerwille des Königs von Navarra für Euch, die Ihr so jung, so schön und so verführerisch seid, bis auf diesen Grad hartnäckig bleiben wurde.«

Margarethe stand auf und machte, ihr Nachtgewand über einander schlagend, eine ceremoniöse Verbeugung vor ihrer Mutter.

»Ich erfahre erst diesen Abend,« sprach Catharina, »sonst würde ich Euch früher besucht haben, daß Euer Gemahl weit entfernt ist, die Rücksichten für Euch zu nehmen, die er nicht nur einer hübschen Frau, sondern auch einer Tochter von Frankreich schuldig ist.«

Margarethe stieß einen Seufzer aus, und Catharina fuhr, ermuthigt durch diese stumme Beipflichtung, fort:.

»Daß der König von Navarra öffentlich eine von meinen Frauen unterhält, daß er sie bis zum Scandal anbetet, daß er dieser Liebe wegen die Frau verachtet, die man ihm in Gnaden bewilligt hat, das ist ein Unglück, gegen welches wir keine Mittel haben, wir armen Allmächtigen! das jedoch der geringste Edelmann unseres Königreiches bestrafen würde, indem er seinen Eidam vorforderte oder durch seinen Sohn vorfordern ließe.«

Margarethe senkte das Haupt.

»Seit geraumer Zeit,« sprach Catharina, »sehe ich meine Tochter, an Euern gerötheten Augen, an Euern bittern Ausbrüchen gegen die Sauves, daß die Wunde Eures Herzens, trotz aller Eurer Anstrengungen, nicht fortwährend innerlich bluten kann.«

Margarethe bebte. Die Vorhänge hatten sich teils bewegt, aber Catharina bemerkte es zum Glücke nicht.

»Diese Wunde,« sagte sie, ihre liebevolle Zärtlichkeit verdoppelnd, »diese Wunde, mein Kind, zu heilen ist die Sache der Hand einer Mutter. Diejenigen, welche im Glauben, Euer Glück zu machen, Eure Heirath beschlossen und in ihrer Besorgtheit für Euch bemerken, daß Heinrich von Navarra jede Nacht sich im Zimmer täuscht, können es nicht dulden, daß ein Königlein wie er alle Augenblicke eine Frau von Eurer Schönheit, von Eurem Range und von Eurem Verdienste durch die Verachtung Eurer Person und durch die Vernachlässigung seiner Nachkommenschaft verletzt; diejenigen endlich, welche sehen, daß dieser tolle, freche Kopf bei dem ersten Winde, den er für günstig hält, sich gegen unsere Familie wenden und Euch aus seinem Hause vertreiben wird, … haben sie nicht das Recht, Eure Zukunft, sie von der seinigen trennen, auf eine Eurer und Euerer Lage würdigere Weise zu sichern?«

»Madame,« antwortete Margarethe, »trotz dieser Bemerkungen voll mütterlicher Liebe, die mich ehren und mit Freude erfüllen, erlaube ich mir, Eurer Majestät einzuwenden, daß der König von Navarra mein Gatte ist.«

Catharina machte eine Bewegung des Zorns, näherte sich Margarethe und rief:

»Er, Euer Gatte! Genügt es, um Mann und Frau zu sein, daß die Kirche Euch gesegnet hat, und besteht die Einweihung der Ehe nur in der Einweihung des Priesters? Er, Euer Gatte! Ei, meine Tochter, wenn Ihr Frau von Sauves wäret, könntet Ihr mir diese Antwort geben. Aber gegen alle unsere Erwartung ist es, seitdem wir Heinrich von Navarra Euch seine Frau zu nennen bewilligt haben, eine Andere, der er diese Rechte schenkte, und sogar in diesem Augenblick …« sprach Catharina, die Stimme erhebend, »kommt, kommt mit mir, dieser Schlüssel öffnet die Wohnung von Frau von Sauves, und Ihr werdet sehen.«

»Oh! leiser, leiser, Madame, ich bitte,« versetzte Margarethe, »denn Ihr täuscht Euch nicht nur, sondern Ihr werdet auch …«

»Nun?«

»Ihr werdet meinen Gatten erwecken.«

Bei diesen Worten erhob sich Margarethe mit einer wahrhaft wollüstigen Grazie. Die kurzen Aermel ihres halb geöffneten Nachtgewandes ließen ihren Arm von so reiner Form und ihre wahrhaft königliche Hand entblößt. Sie näherte sich mit einer Rosawachskerze dem Bette und deutete, den Vorhang auf die Seite schiebend, mit dem Finger auf das stolze Profil, auf die schwarzen Haare und den offenen Mund des Königs von Navarra, der in dem in Unordnung gebrachten Lager im ruhigsten, tiefsten Schlafe zu liegen schien.

Bleich, die Augen starr, den Körper zurückgebogen, als ob sich ein Abgrund vor ihren Schritten geöffnet hätte, stieß Catharina nicht einen Schrei, sondern ein dumpfes Brüllen aus.

»Ihr seht, Madame,« sprach Margarete, »Ihr seid schlecht unterrichtet.«

Catharina warf einen Blick auf Margarethe. Und dann einen zweiten auf Heinrich. Sie vereinigte in ihrem thätigen Geiste das Bild dieser bleichen, feuchten Stirne, die er von einem leichten dunkeln Kreise umgebenen Augen mit dem Lächeln von Margarethe, und biß sich in stiller Wuth in die Lippen.

Margarethe gestattete ihrer Mutter, dieses Bild, das die Wirkung des Medusenhauptes auf sie machte, einen Augenblick zu betrachten. Dann ließ sie den Vorhang fallen, kehrte auf den Fußspitzen zu Catharina zurück, setzte sich wieder auf ihren Stuhl und sprach:

»Ihr sagtet, Madame? …«

Die Florentinerin suchte eine Secunde lang diese Naivetät der jungen Frau zu ergründen. Dann, als ob sich ihre scharfen Blicke auf der Ruhe von Margarethe abgestumpft hätten, erwiederte sie: »Nichts!« und verließ mit großen Schritten das Zimmer.

Sobald das Geräusch sich in der Tiefe des Flurs verloren hatte, öffnete sich der Bettvorhang abermals, und Heinrich kam, das Auge glänzend, den Athem gehemmt, die Hand zitternd, hervor und kniete vor Margarethe nieder. Er hatte nur seine Beinkleider und sein Panzerhemd an, so daß Margarethe, als sie ihn in diesem Costume erblickte, sich eines lauten Lachens, während sie ihm herzlich die Hand drückte, nicht enthalten konnte.

»Ah! Madame, ah! Margarethe, wie kann ich je meine Schuld an Euch bezahlen?«

Und er bedeckte ihre Hand mit Küssen, welche von da unmerklich zu den Armen der jungen Frau hinaufstiegen.

»Sire,« sagte sie, sachte zurückweichend, »vergeßt Ihr, daß zu dieser Stunde eine arme Frau, der Ihr das Leben zu verdanken habt, für Euch leidet und seufzt? Frau von Sauves,« fügte sie ganz leise bei, »hat Euch ihre Eifersucht zum Opfer gebracht, indem sie Euch zu mir schickte, und nachdem sie Euch ihre Eifersucht geopfert, opfert sie Euch vielleicht auch ihr Leben; denn Ihr wißt besser, als irgend Jemand, daß der Zorn meiner Mutter furchtbar ist.«

Heinrich bebte und machte aufstehend eine Bewegung, um sich zu entfernen.

»Doch ich bedenke und beruhige mich,« sprach Margarethe mit einer bewunderungswürdigen Coquetterie. »Der Schlüssel ist Euch ohne Andeutung gegeben werden, und man wird glauben, Ihr habet mir diesen Abend den Vorzug bewilligt.«

»Und ich bewillige ihn Euch, Margarethe; laßt Euch nur herbei, zu vergessen …«

»Leiser, Sire, leiser,« versetzte die Königin, die Worte parodirend, die sie zehn Minuten vorher an ihre Mutter gerichtet hatte. »Man hört Euch von dem Cabinet aus, und da ich noch nicht ganz frei bin, Sire, so bitte ich Euch, weniger laut zu sprechen.«

»Oho!« sagte Heinrich halb lachend, halb verdüstert, »es ist richtig, ich vergaß, daß wahrscheinlich nicht ich dazu bestimmt bin, das Ende dieser interessanten Scene zu spielen. Dieses Cabinet …«

»Gehen wir hinein, Sire,« erwiederte Margarethe, »denn ich will die Ehre haben, Euerer Majestät einen braven Edelmann vorzustellen, der während der Metzelei verwundet wurde und bis in den Louvre drang, um Eure Majestät von der Gefahr, die sie lief, zu benachrichtigen.«

Die Königin ging nach der Thüre zu. Heinrich folgte seiner Gemahlin. Die Thüre öffnete sich, und Heinrich blieb ganz erstaunt stille stehen, als er in diesem von dem Schicksal für Ueberraschungen bestimmten Cabinet einen Mann erblickte.

Aber La Mole war noch mehr erstaunt, da er sich ganz unerwartet dem König von Navarra gegenüber befand. Heinrich warf Margarethe einen ironischen Blick zu, den diese vortrefflich aushielt.

»Sire,« sprach Margarethe, »ich muß befürchten, man könnte selbst in meiner Wohnung diesen Edelmann tödten, der dem Dienste Eurer Majestät ergeben ist, und den ich unter Euern Schutz stelle.«

»Sire,« sagte nun der junge Mann, »ich bin Graf Lerac de La Mole, den Euere Majestät erwartete, und der Euch von dem armen Herrn von Téligny, welcher an meiner Seite getödtet wurde, empfohlen worden ist.«

»Ah! Ah!« rief Heinrich, »die Königin hat mir auch wirklich seinen Brief zugestellt; aber hattet Ihr nicht noch einen andern Brief von dem Herrn Gouverneur von Languedoc?«

»Ja, Sire, mit dem Auftrage, denselben sogleich bei meiner Ankunft Euerer Majestät zu übergeben.«

»Warum habt Ihr es nicht gethan?«

»Sire, ich habe mich gestern Abend in den Louvre begeben; aber Euere Majestät war so beschäftigt, daß sie mich nicht empfangen konnte.«

»Das ist wahr,« sprach der König, »aber warum habt Ihr mir den Brief nicht auf eine andere Weise zukommen lassen?«

»Ich hatte Befehl von Herrn d’Auriac, ihn nur Euerer Majestät selbst einzuhändigen; denn er enthielt, wie er mich versicherte, einen so wichtigen Rath, daß er ihn nicht einem gewöhnlichen Boten anzuvertrauen wagte.«

»In der That,« sprach der König, nachdem er den Brief genommen und gelesen hatte, »es war der Rath, den Hof zu verlassen und mich nach Bearn zurückzuziehen. Herr d’Auriac gehörte, obgleich ein Katholik, zu meinen guten Freunden, und hatte als Gouverneur einer Provinz wahrscheinlich Wind von dem, was vorging. Ventre-saint-gris, mein Herr, warum habt Ihr mir diesen Brief nicht vor drei Tagen zugestellt, statt ihn nun heute zu übergeben?«

»Weil ich, wie ich Euerer Majestät zu bemerken die Ehre hatte, so sehr ich mich auch beeilte, erst gestern hier eintreffen konnte.«

»Das ist ärgerlich, sehr ärgerlich,« murmelte der König, »denn zu dieser Stunde wären wir in Sicherheit in La Rochelle oder auf irgend einer guten Ebene mit zwei bis dreitausend Pferden um uns her.

»Sire, was geschehen ist, ist geschehen,« sprach Margarethe halblaut, »und statt daß Ihr Eure Zeit mit Schmähungen über die Vergangenheit verliert, muß man eher darnach trachten, aus der Zukunft so viel als möglich Nutzen zu ziehen.«

»Ihr hättet also an meiner Stelle einige Hoffnung?« sagte Heinrich mit seinem forschenden Blicke.

»Ja, gewiß, und ich würde das eingegangene Spiel als eine Partie zu drei Points betrachten, von denen ich nur den ersten verloren hätte.«

»Ah! Madame,« erwiederte Heinrich ganz leise, »wenn ich wüßte, daß Ihr Euch bei meinem Spiele zur Hälfte betheiligen würdet!«

»Wenn ich hätte wollen auf die Seite Euerer Gegner übergehen,« antwortete Margarethe, »so würde ich ohne Zweifel nicht so lange gewartet haben.«

»Das ist richtig,« sprach Heinrich, »ich bin ein Undankbarer, und es läßt sich, wie Ihr sagt, heute noch Alles gut machen.«

»Ach! Sire,« versetzte La Mole, »ich wünsche Euerer Majestät alles mögliche Glück; aber wir haben heute den Herrn Admiral nicht mehr.«

Heinrich lächelte mit jenem Lächeln eines verschmitzten Bauern, das man bei Hof erst an dem Tage begriff, wo er König von Frankreich wurde.

»Madame,« sagte er, La Mole aufmerksam anschauend, »dieser Herr kann nicht bei Euch verweilen, ohne Euch unendlich lästig zu werden und ärgerlichen Ueberraschungen ausgesetzt zu sein. Was werdet ihr mit ihm machen?«

»Sire,« erwiederte Margarethe, »können wir ihn nicht aus dem Louvre bringen? denn ich bin in jeder Beziehung Euerer Meinung.«

»Das ist schwierig.«

»Sire, kann Herr de La Mole nicht ein wenig Raum in der Wohnung Eurer Majestät finden?«

»Ach, Madame, Ihr behandelt mich immer noch, als ob ich König der Hugenotten wäre, und besonders als ob ich noch ein Volk hätte. Ihr wißt wohl, daß ich halb bekehrt bin.«

Eine Andere als Margarethe hätte wohl sogleich geantwortet: Er ist Katholik; aber die Königin wollte sich von Heinrich fragen lassen, was sie von ihm zu haben wünschte. La Mole, da er diese Zurückhaltung seiner Beschützerin sah und nicht wußte, wohin er seinen Fuß auf dem schlüpfrigen Boden eines so gefährlichen Hofes, wie der von Frankreich war, setzen sollte, schwieg ebenfalls.

»Aber,« versetzte Heinrich, den von La Mole überbrachten Brief noch einmal durchlesend, »aber was sagt mir denn der Herr Gouverneur von Provence, … Eure Mutter wäre eine Katholikin, und daher rühre seine Freundschaft für Euch?«

»Und was spracht Ihr denn mit mir?« sagte Margarethe, »nicht von einem Gelübde, das Ihr gethan, Herr Graf, von einer Religionsveränderung? Meine Gedanken verwirren sich in dieser Hinsicht. Helft mir doch, Herr de La Mole. Handelte es sich nicht um irgend eine Sache, die dem ähnlich ist, was der König zu wünschen scheint?«

»Ach ja, aber Euere Majestät hat meine Erklärungen hierüber so kalt aufgenommen, daß ich es nicht wagte …«

»Weil mich das durchaus nichts anging, mein Herr; erklärt Euch gegen den König.«

»Nun wie, verhält es sich mit diesem Gelübde.«

»Sire, von Mördern verfolgt, ohne Waffen, ohne Waffen, beinahe sterbend an meinen Wunden, kam es mir vor, als erblickte ich den Schatten meiner Mutter, der mich, ein Kreuz in der Hand, nach dem Louvre führte. Da that ich das Gelübde, wenn mein Leben gerettet würde, die Religion meiner Mutter anzunehmen, der Gott gestattet hatte, ihr Grab zu verlassen, um mir während dieser furchtbaren Nacht als Führerin zu dienen. Gott hat mich hierher geleitet, Sire. Ich sehe mich unter dem doppelten Schutze einer Tochter von Frankreich und des Königs von Navarra. Mein Leben wurde auf eine wunderbare Weise gerettet, ich muß mein Gelübde erfüllen, Sire, und bin bereit, Katholik zu werden.«

Heinrich runzelte die Stirne. Der Skeptiker begriff die Abschwörung aus Interesse, aber er zweifelte sehr an der Abschwörung aus Glauben.

»Der König will sich meines Schützlings nicht annehmen,« dachte Margarethe.

La Mole blieb schüchtern zwischen den zwei entgegengesetzten Willen. Er fühlte, ohne es sich erklären zu können, das Lächerliche seiner Lage. Abermals war es Margarethe, welche ihn mit ihrem weiblichen Zartgefühle seiner schlimmen Stellung entriß.

»Sire,« sagte sie, »vergessen wir nicht, daß der arme Verwundete der Ruhe bedarf. Ich selbst sinke vor Schlaf beinahe um. Ha, seht, er erbleicht!«

La Mole erbleichte wirklich; aber es waren die letzten Worte von Margarethe, die er gehört und sich verdolmetscht hatte, was ihn erbleichen machte.

»Nun wohl, Madame,« sprach Heinrich, »das ist ganz einfach; können wir Herrn de La Mole nicht ruhen lassen?«

Der junge Mann richtete einen flehenden Blick an Margarethe und sank, von Schmerz und Anstrengung gebrochen, trotz der Anwesenheit der zwei Majestäten, auf einen Stuhl.

Margarethe begriff alle Liebe, die in diesem Blicke, alle Verzweiflung, die in dieser Schwäche lag.

»Sire,« sprach sie, »es geziemt Euerer Majestät, diesem jungen Edelmann, der sein Leben für seinen König gewagt hat, indem er hierher lief, um Euch den Tod des Admirals und Télignys zu melden, während er selbst verwundet war, es geziemt Euerer Majestät, sage ich, ihm eine Ehre zu erweisen, für die er sein ganzes Leben lang dankbar sein wird.«

»Welche Ehre, Madame? ich bin bereit.«

»Herr de La Mole wird diese Nacht zu den Füßen Euerer Majestät schlafen, welche auf diesem Ruhebett schläft. Mit Erlaubniß meines erhabenen Gemahls,« fügte Margarethe lächelnd bei, »werde ich für meine Person Gillonne rufen und mich zu Bette begeben; denn ich schwöre, Sire, ich bin nicht diejenige von uns Dreien, welche am wenigsten der Ruhe bedarf.«

Heinrich hatte Geist, vielleicht ein wenig zu viel Geist: seine Freunde und seine Feinde warfen es ihm wenigstens später vor. Aber er begriff, daß diejenige, welche ihn von dem ehelichen Lager verbannte, hierzu das Recht durch die von ihm gegen sie an den Tag gelegte Gleichgültigkeit erlangt hatte. Überdies rächte sich Margarethe für diese Gleichgültigkeit dadurch, daß sie ihm das Leben rettete. Er antwortete also, ohne Eigenliebe:

»Madame, wenn Herr de La Mole im Stande wäre, in mein Zimmer zu gehen, so würde ich ihm mein eigenes Bett anbieten.«

»Ja,« versetzte Margarethe, »aber Euere Wohnung kann in diesem Augenblicke weder Euch, noch Herrn de La Mole schützen, und die Klugheit heischt, dass Euere Majestät bis morgen hier bleibt.«

Und ohne die Antwort des Königs abzuwarten, rief sie Gillonne, ließ die Kissen für den König und zu den Füßen des Königs ein Bett für La Mole bereiten, der durch diese Ehre so glücklich und zufrieden zu sein schien, daß man geschworen hätte, er fühlte seine Wunden nicht mehr.

Margarethe machte dem König eine ceremoniöse Verbeugung und legte sich, in ihr Zimmer zurückgekehrt, das auf allen Seiten gut verriegelt wurde, sogleich zu Bette.

»Nunmehr,« sagte Margarethe zu sich selbst, »nunmehr ist es nöthig, daß Herr de La Mole morgen einen Beschützer im Louvre bekommt, und wer diesen Abend taube Ohren gemacht hat, wird es morgen bereuen.«

Dann gab sie Gillonne, welche aus ihre letzten Befehle wartete, ein Zeichen, diese zu empfangen.

Gillonne näherte sich.

»Gillonne,« sagte sie leise zu ihr, »mein Bruder, der Herzog von Alençon, muß morgen unter irgend einem Vorwande Lust haben, vor acht Uhr hierher zu kommen.«

Es schlug zwei Uhr im Louvre.

La Mole sprach noch einen Augenblick über politische Dinge mit dem König, der allmählich entschlief und bald so laut schnarchte, als läge er in seinem Federbette in Bearn.

La Mole hätte vielleicht geschlafen wie der König, aber Margarethe schlief nicht. Sie drehte sich in ihrem Bette hin und her, und dieses Geräusch störte die Gedanken und den Schlummer des jungen Mannes.

»Er ist sehr jung,« murmelte Margarethe in ihrer Schlaflosigkeit, »er ist sehr schüchtern, vielleicht ist er sogar … man muß das sehen, vielleicht ist er sogar lächerlich;… jedoch schöne Augen, gut gewachsen, viele Reize; … wenn er aber nicht muthig wäre! … Er floh … er schwört ab … das ist ärgerlich; … der Traum fing gut an; … vorwärts … Lassen wir den Dingen ihren Lauf und bauen wir auf den dreifachen Gott der tollen Henriette.«

Gegen Tag entschlief endlich Margarethe,Eros, Cupido, Amor murmelnd.

XV.
Der Frauen Wille ist Gottes Wille

Margarethe hatte sich nicht getäuscht. Der durch diese Komödie, deren Intrigue sie sah, ohne die Macht zu besitzen, etwas an der Entwickelung zu ändern, in dem Innern von Catharina aufgehäufte Zorn mußte sich auf irgend Jemand ausströmen. Statt in ihre Gemächer zurückzukehren, stieg die Königin Mutter unmittelbar zu ihrer Kammerdame hinauf.

Frau von Sauves erwartete zwei Besuche: sie hoffte auf den von Heinrich, sie fürchtete den der Königin Mutter. Halb ausgekleidet in ihrem Bette, hörte sie, während Dariole im Vorzimmer wachte, einen Schlüssel im Schlosse drehen, und sodann Tritte sich nähern, welche schwer geschienen haben müßten, wären sie nicht durch die dicken Teppiche gedämpft worden. Sie erkannte darin nicht den leichten, eiligen Gang von Heinrich, vermuthete, man würde Dariole hindern, sie zu benachrichtigen, und wartete das Auge und das Ohr gespannt, auf ihre Hand gestützt.

Der Thürvorhang wurde auf die Seite geschoben und die junge Frau sah mit Beben Catharina von Medicis eintreten.

Catharina erschien ruhig, aber Frau von Sauves, seit zwei Jahren daran gewöhnt, sie zu studiren, begriff, was diese scheinbare Ruhe an finsteren Gedanken und vielleicht an grausamen Racheplänen verbarg.

Frau von Sauves wollte, als sie Catharina erblickte, aus dem Bette springen, aber Catharina hob den Finger und bezeichnete ihr dadurch, sie solle bleiben. Die arme Charlotte verharrte, gleichsam an ihren Platz gefesselt, und raffte innerlich alle Kräfte ihrer Seele zusammen, um dem Sturme Trotz zu bieten, der sich stillschweigend vorbereitete.

»Habt Ihr dem König von Navarra den Schlüssel zukommen lassen?« fragte Catharina, ohne daß der Ton ihrer Stimme irgend eine Bewegung andeutete; denn diese Worte wurden nur mit Lippen gesprochen, welche immer mehr erbleichten.

»Ja, Madame,« antwortete Charlotte mit einer Stimme, die sie vergebens so ruhig zu machen suchte, als es die von Catharina war.

»Und Ihr habt ihn gesehen?«

»Wen?« fragte Frau von Sauves.

»Den König von Navarra.«

»Nein, Madame, aber ich erwarte ihn und glaubte sogar, als ich einen Schlüssel im Schlosse drehen hörte, er käme.«

Bei dieser Antwort, welche auf Seiten von Frau von Sauves entweder ein vollkommenes Zutrauen oder den höchsten Grad von Verstellung andeutete, konnte sich Catharina eines leichten Bebens nicht erwehren. Sie zog krampfhaft ihre fette, kurze Hand zusammen.

»Und Du wußtest doch wohl,« sagte sie mit ihrem boshaften Lächeln, »Du wußtest wohl, Charlotte, daß der König von Navarra in dieser Nacht nicht kommen würde.«

»Ich! Madame, ich wußte dies!« rief Charlotte mit einem Ausdrucke vortrefflich gespielten Erstaunens.

»Ja, Du wußtest es.«

»Um nicht zu kommen,« versetzte die junge Frau, schon bei dieser Voraussetzung schauernd, »um nicht zu kommen, muß er todt sein.«

Den Muth, so zu lügen, gab Charlotte einzig und allein die Gewißheit einer furchtbaren Rache, falls ihr kleiner Verrath entdeckt würde.

»Du hast also nicht an den König von Navarra geschrieben,mia Carlotta?« fragte Catharina mit demselben stillen, grausamen Lächeln.

»Nein, Madame,« antwortete Charlotte mit bewunderungswürdig naivem Tone, »Eure Majestät hatte mir das, wie es mir scheint, nicht gesagt.«

Es trat einen Augenblick ein Stillschweigen ein, während dessen Catharina Frau von Sauves anschaute, wie die Schlange den Vogel anschaut, den sie blenden will.

»Du hältst Dich für schön,« sagte Catharina, »Du hältst Dich für geschickt, nicht wahr?«

»Nein, Madame,« antwortete Charlotte, »ich weiß nur, daß Euere Majestät zuweilen äußerst nachsichtig gegen mich gewesen ist, wenn es sich um meine Schönheit und um meine Geschicklichkeit handelte.«

»Wohl,« sprach Catharina lebhaft, »Du täuschest Dich, wenn Du das glaubtest, und ich log, wenn ich es Dir sagte. Du bist nur eine Alberne und eine Häßliche neben meiner Tochter Margot.«

»Oh! das ist sehr wahr, Madame,« sprach Charlotte, »und ich würde es nie versuchen, es zu leugnen, besonders nicht gegen Euch.«

»Auch gibt der König von Navarra,« fuhr Catharina fort, »meiner Tochter bedeutend den Vorzug vor Dir, und es war dies, wie ich glaube, nicht, was Du wolltest und was wir unter uns verabredet hatten.«

»Ach! Madame,« versetzte Charlotte, diesmal in ein Schluchzen ausbrechend, ohne daß sie sich Gewalt anzuthun nöthig hatte, »wenn es sich so verhält, bin ich sehr unglücklich.«

»So verhält es sich,« erwiederte Catharina und bohrte wie einen doppelten Dolch den doppelten Strahl ihrer Augen in das Herz von Frau von Sauve.

»Aber was bringt Euch zu diesem Glauben?« fragte Charlotte.

»Gehe zu der Königin von Navarra hinab, und Du wirst dort Deinen Liebhaber finden.«

»Oh!« seufzte Frau von Sauves.

Catharina zuckte die Achseln.

»Bist Du zufällig eifersüchtig?« fragte die Königin Mutter.

»Ich?« sprach Frau von Sauves, ihre ganze Kraft, die sie zu verlassen drohte, zusammenfassend.

»Ja, Du! ich wäre neugierig, die Eifersucht einer Französin zu sehen.«

»Aber, Euere Majestät,« sprach Frau von Sauves, »wie soll ich anders eifersüchtig sein, als aus Eitelkeit. Ich liebe den König von Navarra nur so viel, als es für den Dienst Euerer Majestät nothwendig ist.«

Catharina schaute sie einen Augenblick mit träumerischen Augen an.

»Was Du mir da sagst, kann im Ganzen wahr sein,« murmelte sie.

»Euere Majestät liest in meinem Herzen.«

»Und dieses Herz ist mir ganz ergeben?«

»Befehlt,« Madame, »und urtheilt sodann.«

»Wohl, da Du Dich meinem Dienste opferst, Charlotte, so mußt Du, stets für meinen Dienst, in den König von Navarra sehr verliebt und besonders sehr eifersüchtig sein, eifersüchtig wie eine Italienerin.«

»Aber, Madame,« sagte Charlotte, »auf welche Weise ist eine Italienerin eifersüchtig?«

»Ich werde es Dir sagen,« versetzte Catharina, und nachdem sie zwei- bis dreimal den Kopf von oben nach unten bewegt hatte, entfernte sie sich stille und langsam, wie sie gekommen war.

Beunruhigt durch den klaren Blick dieser Augen, welche erweitert waren, wie die der Katze oder die des Panthers, ohne daß diese Erweiterung ihnen etwas von ihrer Tiefe benahm, ließ Charlotte die Königin weggehen, ohne ein einziges Wort zu sprechen, ohne sogar ihrem Hauche die Freiheit zu lassen, sich hörbar zu machen, und athmete erst wieder, als sie vernahm, wie die Thüre hinter Catharina sich schloß, und Dariole erschien, um ihr zu melden, die furchtbare Erscheinung sei verschwunden.

»Dariole,« sagte sie dann zu ihr, »ziehe einen Lehnstuhl an mein Bett und bringe die Nacht darin zu, ich bitte Dich; denn ich wage es nicht, allein zu bleiben.«

Dariole gehorchte, aber trotz der Gesellschaft ihrer Kammerfrau, welche bei ihr verweilte, trotz des Lichtes der Lampe, das sie zu größerer Ruhe angezündet zu lassen befahl, entschlief Frau von Sauves erst bei Tage so lärmte in ihrem Ohre der metallische Klang der Stimme von Catharina.

Obgleich in dem Augenblicke entschlummert, wo der Tag zu erscheinen anfing, erwachte Margarethe doch bei dem ersten Tone der Trompeten, bei dem ersten Gebelle der Hunde. Sie stand auch sogleich auf und kleidete sich in ein unendlich reizendes Negligé. Dann rief sie ihre Frauen, ließ in ihr Vorzimmer die Edelleute vom Dienste des Königs von Navarra einführen, öffnete sofort die Thüre, welche unter demselben Schlüssel Heinrich und de La Mole einschloß, gab diesem mit dem Blicke einen zärtlichen guten Morgen, rief ihren Gatten herbei und sagte zu ihm:

»Auf, Sire, es ist nicht Alles dadurch gethan, daß wir meine Mutter glauben gemacht haben, was nicht geschehen, Ihr müßt auch Euern ganzen Hof von dem vollkommenen Einverständnis überzeugen, das unter uns herrscht. Aber seid unbesorgt« fügte sie lächelnd bei, »und behaltet wohl meine Worte, welche die Umstände beinahe feierlich machen. Heute ist es das letzte Mal, daß ich Euere Majestät auf diese grausame Probe stelle.«

Der König von Navarra lächelte und befahl seine Edelleute einzuführen.

In dem Augenblick, wo sie ihn begrüßten, gab er sich den Anschein, als bemerkte er jetzt erst, daß sein Mantel auf dem Bette der Königin geblieben war. Er entschuldigte sich, daß er sie so empfangen habe, nahm seinen Mantel aus den Händen der erröthenden Margarethe und beseitigte ihn auf seiner Schulter. Dann wandte er sich wieder gegen die Edelleute nur und fragte sie nach Neuigkeiten aus der Stadt und vom Hofe. Margarethe gewahrte aus einem Winkel ihres Auges das unmerkliche Erstaunen, welches das innige Verhältniß, das sich zwischen dem König und der Königin von Navarra kundgab, auf den Gesichtern der Herren hervorbrachte, als ein Huissier, gefolgt von drei bis vier Edelleuten, eintrat und den Herzog von Alençon meldete.

Um sein Erscheinen zu bewirken, brauchte Gillonne ihm nur mitzutheilen, der König habe die Nacht bei seiner Gemahlin zugebracht.

Franz trat so rasch ein, daß er diejenigen, welche vor ihm hergingen, auf die Seite schiebend, sie beinahe niederwarf. Sein erster Blick galt Heinrich; Margarethe bekam den zweiten.

Heinrich antwortete durch einen höflichen Gruß. Margarethe verlieh ihrem Gesichte den Ausdruck der vollkommensten Heiterkeit.

Mit einem andern unbestimmten, aber forschenden Blicke umfaßte nun der Herzog das ganze Zimmer. Er sah das in Unordnung gebrachte Bett, das eingedrückte doppelte Kopfkissen, den auf einen Stuhl geworfenen Hut des Königs.

Der Herzog erbleichte, aber rasch sich wieder fassend, sagte er:

»Mein Bruder Heinrich, spielt Ihr diesen Morgen Ball mit dem König?«

»Erweist mir der König die Ehre, mich dazu zu wählen?« fragte Heinrich, »oder ist es nicht eine Aufmerksamkeit von Eurer Seite, mein Schwager?«

»Nein, der König hat nicht hiervon gesprochen,« sagte der Herzog ein wenig verlegen, »aber seid Ihr nicht von seiner gewöhnlichen Partie?«

Heinrich lächelte, denn es waren seit seiner letzten Partie mit dem König so viele und so ernste Dinge vorgefallen, daß es nicht zum Erstaunen gewesen wäre, wenn Karl IX. seine gewöhnlichen Spieler gewechselt hätte.

»Ich gehe, mein Bruder,« sprach Heinrich lächelnd.

»Kommt,« versetzte der Herzog.

»Ihr geht?« fragte Margarethe.

»Ja, meine Schwester.«

»Habt Ihr so große Eile?«

»Allerdings.«

»Wenn ich jedoch ein paar Minuten von Euch verlangen würde?«

Ein solches Verlangen war so selten in dem Munde von Margarethe, daß ihr Bruder sie abwechselnd erröthend und erbleichend anschaute.

»Was will sie ihm sagen?« dachte Heinrich, nicht minder erstaunt als der Herzog von Alençon.

Margarethe, als hätte sie den Gedanken ihres Gemahls errathen, wandte sich gegen ihn um und sagte mit einem reizenden Lächeln:

»Mein Herr, Ihr könnt Euch zu Seiner Majestät begeben, wenn es Euch gefällt; denn das Geheimnis, das ich meinem Bruder zu enthüllen habe, ist Euch bereits bekannt, da die Bitte, die ich hinsichtlich dieses Geheimnisses an Euch richtete, von Eurer Majestät beinahe abgeschlagen worden ist. Ich wünschte Eure Majestät nicht zum zweiten Male dadurch zu ermüden, daß ich in ihrer Gegenwart einen Wunsch aussprechen würde, der ihr unangenehm zu sein geschienen hat.«

»Was ist es denn?« fragte Franz, Beide verwundert anschauend. »Oh, oh!« sprach Heinrich, vor Aerger errötend. »Ich weiß, was Ihr sagen wollt, Madame. In der That, ich bedaure, nicht freier zu sein; aber kann ich Herrn de La Mole nicht eine Gastfreundschaft geben, die ihm keine Sicherheit bieten würde, so will ich nichts desto weniger nach Euch meinem Bruder Alençon die Person empfehlen,für welche Ihr Euch interessirt. Vielleicht,« fügte er bei, um den Worten, die wir gesperrt haben, noch mehr Kraft zu geben, »vielleicht findet mein Bruder sogar einen Gedanken, der Euch Herrn de La Mole … hier … bei Euch zu behalten gestattet, was wohl besser wäre, als Alles, nicht wahr, Madame?«

»Gut, gut,« sagte Margarethe zu sich selbst, »sie werden zu zwei thun, was weder der Eine noch der Andere allein gethan hätte.«

Und sie öffnete die Thüre des Cabinets und ließ den jungen Verwundeten heraustreten, nachdem sie zu Heinrich gesagt hatte:

»Es ist Eure Sache, mein Herr, meinem Bruder zu erklären, warum wir uns für Herrn de La Mole interessiren.«

Durch diese List gefangen, erzählte Heinrich dem Herzog von Alençon, der aus Opposition halb Protestant war, wie Heinrich aus Klugheit halb Katholik, die Ankunft von La Mole in Paris, und wie der junge Mann, als er ihm einen Brief von Herrn d’Auriac hatte bringen wollen, verwundet worden war.

Der Herzog wandte sich um und La Mole stand vor ihm.

Als Franz ihn so schön, so bleich und folglich durch seine Schönheit und Blässe doppelt verführerisch sah, fühlte er, wie ein neuer Schrecken sich seines Herzens bemächtigte.

Margarethe faßte ihn zugleich bei der Eifersucht und bei der Eitelkeit.

»Mein Bruder,« sagte sie zu ihm, »dieser junge Edelmann wird demjenigen, der ihn zu verwenden weiß, nützlich sein, dafür stehe ich. Nehmt Ihr ihn bei Euch auf, so wird er in Euch einen mächtigen Herrn und Ihr werdet in ihm einen ergebenen Diener finden. In diesen Zeitläuften, mein Bruder, muß man sich mit sichern Menschen umgeben, besonders,« fügte sie die Stimme so sehr dämpfend bei, daß nur der Herzog von Alençon sie hören konnte, »wenn man ehrgeizig ist und das Unglück hat, nur der dritte Sohn von Frankreich zu sein.«

Sie legte einen Finger auf den Mund, um Franz anzudeuten, daß sie, trotz dieser Eröffnung noch einen wichtigen Theil ihres Gedankens für sich behielte.

»Sodann,« sprach sie, »werdet Ihr vielleicht im Widerspruche mit Heinrich finden, daß es nicht schicklich ist, wenn dieser junge Mann so nahe bei meinen Gemächern verweilt.«

»Meine Schwester,« erwiederte Franz lebhaft, »Herr de La Mole, wenn es ihm gefällt, wird in einer halben Stunde in meiner Wohnung, wo er, glaube ich, nichts zu befürchten hat, einquartiert sein. Er liebe mich und ich werde ihn lieben.«

Franz log, denn er haßte bereits La Mole im Grunde seines Herzens.

»Gut, gut, ich täuschte mich also nicht,« murmelte Margarethe, als sie den König von Navarra die Stirne runzeln sah. »Ah! um den Einen und den Andern von Euch zu leiten, muß man den Einen durch den Andern leiten.«

Dann ihren Gedanken ergänzend, fuhr sie fort:

»Vorwärts, vorwärts, gut, Margarethe, würde Henriette sagen.«

La Mole, von Margarethe gehörig unterrichtet, küsste dieser wirklich eine halbe Stunde nachher den Saum ihres Kleides und stieg ziemlich behende für einen Verwundeten die Treppe hinauf, welche zu dem Herzog von Alençon führte.

Es vergingen mehrere Tage, während welcher die Eintracht zwischen Heinrich und seiner Gemahlin sich immer mehr zu befestigen schien. Heinrich hatte es dahin gebracht, daß er nicht öffentlich abschwören mußte; aber er hatte in die Hände des Beichtvaters des Königs Verzicht geleistet und hörte jeden Morgen die Messe, die man im Louvre las. Abends schlug er zum Scheine den Weg nach den Gemächern seiner Gemahlin ein, ging durch die große Thüre, plauderte einige Augenblicke mit ihr, entfernte sich dann wieder durch die kleine geheime Thüre und begab sich zu Frau von Sauves, die ihn von dem Besuche von Catharina und von der unbestreitbaren Gefahr, welche ihn bedrohte, in Kenntniß zu setzen nicht verfehlt hatte. Von zwei Seiten unterrichtet, verdoppelte Heinrich sein Mißtrauen in Beziehung auf die Königin Mutter und dies mit um so mehr Grund, als das Gesicht von Catharina unmerklich sich zu entrunzeln anfing. Es geschah sogar eines Morgens, daß Heinrich auf ihren bleichen Lippen ein wohlwollendes Lächeln wahrnahm. An diesem Tage entschloß er sich nur mit der größten Mühe, etwas Anderes zu essen, als Eier, die er selbst hatte sieben lassen, und etwas Anderes zu trinken, als Wasser, das er in seiner Gegenwart aus der Seine hatte schöpfen sehen.

Die Metzeleien dauerten fort, waren aber nichtsdestoweniger dem Erlöschen nahe. Man hatte eine so große Schlächterei mit den Hugenotten vorgenommen, daß ihre Zahl bedeutend zusammengeschmolzen war. Die meisten waren todt, viele hatten die Flucht ergriffen, einige hielten sich noch verborgen. Von Zeit zu Zeit erhob sich ein gewaltiges Geschrei in diesem oder jenem Quartiere. Dies geschah, wenn man einen von ihnen entdeckt hatte. Die Hinrichtung wurde sodann heimlich oder öffentlich vorgenommen, je nach dem der Unglückliche in einem Orte ohne Ausgang verborgen war oder fliehen konnte. Im letzten Falle herrschte eine große Freude in dem Quartiere, wo das Ereigniß vorfiel, denn statt sich durch die Vertilgung ihrer Feinde zu beruhigen, wurden die Katholiken immer wilder, und je weniger übrig blieben, desto mehr schienen sie erbittert auf diese unglücklichen Reste.

Karl IX. hatte ein großes Vergnügen an der Jagd auf Hugenotten gefunden. Als er nicht mehr selbst zu jagen fortfahren konnte, ergötzte er sich an dem Lärmen der Jagd Anderer.

Eines Tages von dem Maillespiele zurückkehrend, das nebst dem Ballspiele und der Jagd sein Lieblingsvergnügen war, trat er mit strahlendem Antlitz, gefolgt von seinen gewöhnlichen Höflingen, bei seiner Mutter ein.

»Meine Mutter,« sagte er, die Florentinerin umarmend, welche, als sie diese Freude gewahr wurde, sogleich auch die Ursache derselben zu errathen suchte, »meine Mutter, frohe Kunde! Mord und Teufel! wißt Ihr etwas? das erhabene Gerippe des Herrn Admirals, das man verloren glaubte, ist wiedergefunden.«

»Ah! ah!« rief Catharina.

»Oh! mein Gott, ja. Nicht wahr, Ihr dachtet, wie ich, meine Mutter, die Hunde hätten ihr Hochzeitsmahl damit gemacht? Mein Gott, mein liebes Volk, mein gutes Volk hatte einen Gedanken: es hing den Admiral an den Galgen von Montfaucon.

 
De haut en bas Gaspard on a jeté,
Et puis de bas en haut on l’a monté.10
 

»Nun?« sprach Catharina.

»Nun wohl, meine gute Mutter,« versetzte Karl IX., »seitdem ich weiß, daß er todt ist, habe ich immer Lust gehabt, den lieben Mann wiederzusehen. Es ist schön Wetter, Alles scheint mir heute in Blüthe zu stehen. Die Luft ist voll Leben und Wohlgruch; ich befinde mich, wie ich mich nie befunden habe. Wenn Ihr wollt, meine Mutter, so steigen wir zu Pferde und reiten nach Montfaucon.«

»Ich würde dies sehr gerne thun, mein Sohn,« sagte Catharina, »wenn ich nicht eine Bestellung gemacht hätte, die ich nicht verfehlen darf. Stattet man einem so wichtigen Mann, wie dem Admiral, einen Besuch ab,« fügte sie bei, »so muß man den ganzen Hof mit sich nehmen. Das wird eine gute Gelegenheit für Beobachter sein, um seltsame Beobachtungen anzustellen. Wir werden sehen, wer kommen und wer bleiben wird.«

»Ihr habt meiner Treue Recht, meine Mutter. Morgen also, das ist besser! Macht Eure Einladungen, ich mache die meinigen, oder wir laden vielmehr Niemand ein. Wir sagen nur, wir werden dahin gehen, und es ist sodann Jedem freigestellt, nach Belieben zu handeln. Gott befohlen, meine Mutter, ich will Horn blasen.«

»Ihr werdet Euch erschöpfen, Karl. Ambroise Paré sagt es Euch unablässig, und er hat Recht; diese Uebung ist zu anstrengend für Euch.«

»Bah, bah, bah!« sprach Karl, »ich wollte, ich wüßte gewiß, daß ich nur hieran sterben würde; ich dürfte Jedermann hier begraben, selbst Henriot, der eines Tags uns Alle beerben soll, wie Nostradamus behauptet.«

Catharina runzelte die Stirne und erwiederte:

»Mein Sohn, mißtraut vor Allem den Dingen, welche unmöglich scheinen, und schont Euch mittlerweile.«

»Nur ein paar Fanfaren, um meine Hunde zu erfreuen, die sich zum Sterben langweilen. Die armen Thiere! Ich hätte sie auf die Hugenotten loslassen sollen, das würde sie erquickt haben.«

Und Karl IX. verließ das Zimmer seiner Mutter, trat in sein Waffencabinet, nahm ein Horn von der Wand und blies mit einer Kraft, die Roland selbst Ehre gemacht hatte. Es war nicht zu begreifen, wie aus diesem schwächlichen, kränklichen Körper und von diesen bleichen Lippen ein so mächtiger Hauch kommen konnte.

Catharina erwartete wirklich Jemand, wie sie ihrem Sohne gesagt hatte. Einen Augenblick, nachdem dieser weggegangen war, trat eine von ihren Frauen ein und sprach leise mit ihr. Die Königin lächelte, begrüßte die Personen ihres Hofes und folgte der Botin.

Der Florentiner René, derselbe, den der König von Navarra am St. Bartholomäus-Abend so diplomatisch empfangen hatte, war in ihr Betzimmer eingetreten.

»Ah! Ihr seid es, René,« sagte Catharina zu ihm, »ich erwartete Euch mit Ungeduld.«

René verbeugte sich.

»Ihr habt gestern die Zeile erhalten, die ich Euch schrieb?«

»Ich habe diese Ehre gehabt.«

»Habt Ihr, wie ich Euch dies hieß, den Beweis des von Ruggieri gestellten Horoskops wiederholt, dieses Horoskops, das so sehr mit der Prophezeiung von Nostradamus in Einklang steht, welcher behauptet, meine Söhne werden alle Drei regieren? Seit einigen Tagen haben sich die Dinge bedeutend verändert, René, und ich dachte, die Geschicke wären möglicher Weise weniger bedrohlich geworden.«

«Madame,« antwortete René, den Kopf schüttelnd, »Eure Majestät weiß wohl, daß die Dinge das Geschick nicht verändern, sondern daß das Geschick im Gegentheil die Dinge regiert.«

»Doch Ihr habt nichtsdestoweniger das Opfer erneuert?«

»Ja, Madame,« antwortete René, »denn Euch gehorchen, ist meine erste Pflicht.«

»Und das Resultat?«

»Ist dasselbe geblieben, Madame.«

»Wie? das schwarze Lamm hat ebenfalls seine drei Schreie ausgestoßen.«

»Ebenfalls, Madame.«

»Ein Zeichen von drei grausamen Todesfällen in meiner Familie?« murmelte Catharina.

»Leider!« sprach René.

»Aber ferner?«

»Ferner, Madame, fand sich in den Eingeweiden die seltsame Abweichung der Leber, die wir bereits bei den zwei ersten wahrgenommen haben; sie hatte eine umgekehrte Lage.«

»Veränderung der Dynastie. Immer, immer, immer,« murmelte Catharina. »Man wird das jedoch verändern müssen, René,« fuhr sie fort.

René schüttelte den Kopf und erwiederte: »Ich habe Eurer Majestät bereits gesagt, das Schicksal regiert.«

»Ist das Deine Meinung«

»Ja, Madame.«

»Erinnerst Du Dich des Horoskops von Johanna von Albret?«

»Ja, Madame.»

»Wiederhole es mir ein wenig, ich habe es vergessen.«

»Vives honorata,« sprach René, »morieris reformidata, regina amplificabere.«

»Das heißt, glaube ich,« versetzte Catharina: »Du wirst geehrt leben, und es fehlte der armen Frau am Nothwendigsten!Du wirst gefürchtet sterben, und wir spotteten Alle über sie.Du wirst größer sein, als Du als Königin gewesen bist, und sie starb und ihre Größe ruht in einem Grabe, auf das wir ihren Namen zu setzen vergessen haben.«

»Madame, Eure Majestät übersetzt die WorteVives honorata schlecht. Die Königin von Navarra lebte wirklich geehrt, denn sie erfreute sich während ihres Lebens der Liebe ihrer Kinder und der Achtung ihrer Anhänger, einer um so aufrichtigeren Liebe und Achtung, je ärmer sie war.«

»Ja,« sprach Catharina, »ich will Euch das: »Du wirst geehrt leben, hingehen lassen;morieris reformidata, laßt hören, wie werdet Ihr mir das erklären?«

»Wie ich Euch das erklären werde? nichts leichter. Du wirst gefürchtet sterben.«

»Nun wohl ist sie gefürchtet gestorben?«

»So gefürchtet, Madame, daß sie nicht gestorben wäre, wenn Eure Majestät nicht Furcht vor ihr gehabt hätte … Endlich:als Königin wirst Du groß werden, oder Du wirst größer sein, als Du als Königin gewesen bist; was abermals wahr ist, Madame, denn für die vergängliche Krone hat sie nun wohl als Königin und Märtyrerin die himmlische Krone empfangen, und wer weiß überdies, welche Zukunft ihrem Geschlechte auf Erden vorbehalten ist.«

Catharina war in höchstem Maße abergläubisch. Sie erschrak vielleicht mehr noch über die Beharrlichkeit von René, als über die Beharrlichkeit der Prophezeiung; und da für sie ein schlimmer Schritt Gelegenheit war, kühn über die Lage der Dinge wegzuspringen, so sagte sie plötzlich und ohne einen Uebergang, außer der stummen Arbeit ihrer Gedanken, zu René:

»Sind Parfums aus Italien angekommen?«

»Ja, Madame.«

»Ihr schickt mir ein Kistchen voll.«

»Von welchen?«

»Von den letzten, von denen…«

Catharina hielt inne.

»Von denen, welche die Königin von Navarra besonders liebte?« fragte René.

»Allerdings.«

»Ich habe nicht nöthig, sie zu bereiten, nicht wahr? denn Eure Majestät ist jetzt so gelehrt als ich.«

»Findest Du?« sagte Catharina, »sie schlagen wirklich an?«

»Hat mir Eure Majestät nichts mehr zu sagen?« sprach der Parfumeur.

»Nein, nein,« erwiederte Catharina nachdenkend, »ich glaube wenigstens nicht. Wenn sich indessen irgend etwas Neues in den Opfern fände, so thut es mir gelegentlich zu wissen. Lassen wir die Lämmer und versuchen wir es mit Hühnern.«

«Ach! Madame, ich befürchte, das Opfer verändernd, werden wir nichts an den Weissagungen ändern.«

»Thue, was ich Dir sage.«

René verbeugte sich und trat ab.

Catharina blieb einen Augenblick in Gedanken versunken sitzen. Dann stand sie ebenfalls auf und kehrte in ihr Schlafgemach zurück, wo sie von ihren Frauen erwartet wurde und auf den andern Tag die Pilgerfahrt nach Montfaucon ankündigte.

Die Kunde von dieser Lustpartie bildete für den ganzen Abend das Geräusch des Palastes und das Gerücht der Stadt. Die Damen ließen ihre zierlichsten Toiletten, die Herren ihre Waffen und ihre Paradepferde bereit halten. Die Kaufleute und Handwerker schlossen ihre Buden und Werkstätten und die Müßiggänger des Volkes tödteten da und dort einige für eine gute Gelegenheit aufgesparte Hugenotten, welche eine passende Gesellschaft für den Leichnam des Admirals geben sollten. Es war ein gewaltiges Getöse den ganzen Abend und einen großen Theil der Nacht hindurch.

La Mole hatte den traurigsten Tag der Welt zugebracht, und auf diesen Tag waren drei bis vier andere nicht minder traurige gefolgt. Um den Wünschen von Margarethe zu gehorchen, hatte ihn der Herzog von Alençon bei sich aufgenommen, aber seitdem nicht wieder gesehen. Er fühlte sich plötzlich wie ein armes, verlassenes Kind, beraubt der zarten, liebevollen Sorge zweier Frauen, von denen die eine in der Erinnerung allein beständig seine Gedanken verzehrte. Wohl bekam er durch den Wundarzt Ambroise Paré, den sie ihm schickte, Nachrichten von ihr; aber überbracht von einem Manne von fünfzig Jahren; welcher nichts von den Interesse von La Mole für die geringsten Dinge, welche sich auf Margarethe bezogen, wußte, waren diese Nachrichten sehr unvollständig und sehr ungenügend. Allerdings war Gillonne einmal, wohlverstanden in ihrem eigenen Namen gekommen, um sich nach dem Verwundeten zu erkundigen. Dieser Besuch hatte die Wirkung eines Sonnenstrahles in einem Kerker hervorgebracht, La Mole war ganz davon geblendet, und erwartete beständig eine zweite Erscheinung, welche, obgleich zwei Tage seit der ersten abgelaufen waren, nicht kam.

Als der Wiedergenesende von der glänzenden Versammlung des ganzen Hofes, die am andern Tage stattfinden sollte, hörte, ließ er den Herzog von Alençon um die Gnade bitten, daran theilnehmen zu dürfen.

Der Herzog fragte nicht einmal, ob La Mole im Stande wäre, diese Anstrengung zu ertragen, sondern antwortete nur:

»Gut, man gebe ihm eines von meinen Pferden.«

Das war Alles, was La Mole wünschte. Meister Ambroise Paré kam wie gewöhnlich, um ihn zu verbinden. La Mole setzte ihm auseinander, daß er nothwendig zu Pferde steigen müsse, und bat ihn, eine doppelte Sorgfalt bei Anlegung des Verbandes anzuwenden. Die zwei Wunden waren übrigens wieder geschlossen, sowohl die der Brust, als die der Schulter; nur machte ihm die der Schulter noch Schmerzen. Beide waren frischroth, wie es bei dem Fleische sein muß, das auf dem Wege der Heilung begriffen ist. Meister Ambroise Paré bedeckte sie mit gummiertem Taffet, was zu jener Zeit bei solchen Fällen üblich war, und versprach La Mole, die Sache würde ganz gut ablaufen, vorausgesetzt, daß er sich bei dem Ausfluge nicht zu viel Bewegung machen würde.

La Mole war voll Freude. Abgesehen von einer gewissen Schwäche, verursacht durch den Blutverlust, und einer leichten Betäubung, welche hiermit in Verbindung stand, fühlte er sich so wohl, als es nur immer sein konnte. Ohne Zweifel würde Margarethe bei dieser Cavalcade sein; er würde Margarethe wiedersehen, und wenn er bedachte, wie wohl ihm der Anblick von Gillonne gethan hatte, so setzte er die viel größere Wirksamkeit des Anblicks seiner Geliebten nicht in Zweifel.

La Mole verwendete also einen Theil des Geldes, das er bei der Abreise von seiner Familie erhalten hatte, um das schönste Wamms von weißem Atlas und die reichste Mantelstickerei zu kaufen, die ihm der Schneider verschaffen konnte, welcher damals am meisten in der Mode war. Derselbe Mensch lieferte ihm auch noch parfumirte lederne Stiefeln, wie man sie zu jener Zeit trug. Das Ganze wurde ihm nur eine halbe Stunde nach der Zeit gebracht, für welche La Mole es verlangt hatte, weshalb er nicht zu viel sagen konnte. Er kleidete sich rasch an, beschaute sich im Spiegel, fand sich anständig genug geputzt, frisiert und parfumirt, um mit sich selbst zufrieden zu sein. Endlich versicherte er sich durch mehrere Gänge, die er rasch in seinem Zimmer machte, daß, abgesehen von einigen sehr lebhaften Schmerzen, das moralische Glück die körperlichen Unannehmlichkeiten zum Schweigen bringen würde.

Während diese Scene im Louvre vorging, fand eine andere ähnlicher Art im Hotel Guise statt. Ein großer Mann mit rothem Haare beschaute vor einem Spiegel einen röthlichen Streifen, der ihm auf eine unangenehme Weise das Gesicht durchzog. Er malte und parfumirte seinen Schnurrbart, und während er malte und parfumirte, dehnte er über dem unglücklichen Streifen, der trotz aller zu jener Zeit üblicher kosmetischer Mittel hartnäckig immer wieder erschien, er dehnte, sage ich, eine doppelte Lage von Weiß und Roth aus. Aber als die Anwendung ungenügend war, kam ihm ein Gedanke. Eine glühende Sonne, eine Augustsonne schoß ihre Strahlen in den Hof. Er stieg in diesen Hof hinab, nahm seinen Hut in die Hand, streckte die Nase in die Luft und ging zehn Minuten lang, sich freiwillig der verzehrenden Flamme aussetzend, welche in Strömen vom Himmel fiel, auf und ab.

Nach Verlauf von zehn Minuten hatte der Edelmann durch einen Sonnenschein ersten Ranges ein Gesicht so glänzend, als es der rothe Streifen war, welcher nun nicht mehr mit dem Uebrigen im Einklang stand und im Vergleich gelb erschien.

Unser Edelmann war nicht minder wohl zufrieden mit diesem Regenbogen, den er auf das Beste durch eine Lage Zinnober, die er darüber ausbreitete, mit dem Reste des Gesichtes vereinigte, wonach er ein prachtvolles Gewand anzog, das ihm ein Schneider in das Zimmer legte, ohne daß er den Schneider verlangt hatte. So geschmückt, parfumirt, von Kopf bis Fuß bewaffnet, ging er abermals in den Hof hinab und schmeichelte einem großen Rappen, dessen Schönheit unvergleichlich gewesen wäre, ohne einen kleinen Einschnitt nach Art des seines Herrn, den ihm bei einer der letzten bürgerlichen Schlachten der Säbel eines Reiters beigebracht hatte.

Nichtsdestoweniger von seinem Pferde eben so bezaubert, wie er es von sich selbst war, saß dieser Edelmann, den unsere Leser gewiß ohne Mühe erkannt haben, eine Viertelstunde vor allen Andern im Sattel und ließ den Hof des Hotel Guise vom Gewieher seines Pferdes wiederhallen, welches, während er sich zum Meister seines Rosses machte,Mordis aus allen Tonarten erwiederten. Nach einem Augenblick gewährte das Pferd völlig gezähmt, durch seine Geschmeidigkeit und einen Gehorsam der legitimen Herrschaft seines Reiters völlige Anerkennung; aber dieser Sieg war nicht ohne Geräusch errungen worden und dieses Geräusch (hierauf hatte unser Edelmann vielleicht gerechnet), zog eine Dame an das Fenster, welche unser Pferdebändiger mit einer tiefen Verbeugung grüßte und die ihm auf das Anmuthigste zulächele.

Fünf Minuten nachher ließ Frau von Nevers ihren Intendanten rufen.

»Mein Herr,« fragte sie, »hat man dem Grafen Annibal von Coconnas ein anständiges Frühstück vorgesetzt?«

»Ja, Madame,« antwortete der Intendant, »er hat sogar diesen Morgen mit besserem Appetit gegessen, als gewöhnlich.«

»Gut, mein Herr,« sprach die Herzogin.

Dann sich gegen ihren ersten Edelmann umwendend:

»Herr d’Arguzon, gehen wir nach dem Louvre ab, und ich bitte, habt Euer Augenmerk auf den Herrn Grafen Annibal von Coconnas, denn er ist verwundet und folglich noch schwach, und es soll ihm nicht um alle Welt ein Unglück geschehen. Das würde das Gelächter der Hugenotten erregen, welche ihm seit jenem glücklichen Sankt-Bartholomäus-Abend grollen.«

Und Frau von Nevers stieg ebenfalls zu Pferde und ritt ganz strahlend nach dem Louvre, wo der allgemeine Sammelplatz war.

XVI.
Der Körper eines todten Feindes riecht immer gut

Es war zwei Uhr Nachmittags, als eine lange Reihe von Gold, Juwelen und prachtvollen Kleidern glänzender Cavaliere in der Rue Saint-Denis erschien, an der Ecke des Cimetière des Innocens ausmündete und sich in der Sonne zwischen den zwei Zeilen düsterer Häuser wie eine ungeheure Schlange mit strahlenden Ringen entrollte.

Keine Truppe, so reich sie auch sein mag, kann einen Begriff von diesem Schauspiel geben. Die prächtigen, glanzvollen seidenen Gewänder, die eine herrliche Mode von Franz I. seinen Nachfolgern vermachte, hatten sich noch nicht in die engen, düstern Kleider verwandelt, welche unter Heinrich III. eingeführt wurden, so daß das Costume von Karl IX., vielleicht minder reich, aber wohl eleganter als die vorhergehender Epochen, in seiner vollen Harmonie prangte. In unsern Tagen gibt es Nichts mehr, was sich möglicher Weise mit einem solchen Zuge vergleichen ließe, denn wir sind für unsere Parade-Herrlichkeiten auf die Symmetrie und die Uniform beschränkt.

Pagen, Stallmeister, Edelleute niedern Ranges, Hunde und Pferde machten, auf den Seiten und hinten marschirend, aus dem königlichen Cortège ein wahres Heer. Hinter diesem Heere kam das Volk, oder das Volk war vielmehr überall.

Das Voll zog voraus und bildete zugleich das Geleite. Es schrie zu gleicher Zeit Willkommen und Zeter; denn man erkannte in dem Zuge mehrere ausgesöhnte Calvinisten, und das Volk ist unversöhnlich.

Am Morgen hatte Karl IX. in Gegenwart von Catharina und dem Herzog von Guise vor Heinrich von Navarra als von einer ganz natürlichen Sache davon gesprochen, man werde den Galgen von Montfaucon, oder vielmehr den verstümmelten Leichnam des Admirals, der daselbst aufgehängt war, besuchen. Der erste Gedanke von Heinrich war, sich von diesem Besuche loszumachen. Dies erwartete Catharina. Bei den ersten Worten, mit denen er sein Widerstreben ausdrückte, wechselte sie einen Blick und ein Lächeln mit dem Herzog von Guise. Heinrich gewahrte Beides, begriff Beides, und sagte sich schnell fassend:

»Warum sollte ich im Ganzen nicht gehen? Ich bin Katholik und meiner neuen Religion verpflichtet.«

Dann sich an Karl IX. wendend:

»Euere Majestät mag auf mich zählen, ich werde stets glücklich sein, sie zu begleiten, wohin sie geht.«

Und er warf einen raschen Blick um sich her, um die Stirnen zu zählen, die sich runzelten.

Derjenige von dem Zuge, welchen man am meisten mit Neugierde betrachtete, war auch dieser Sohn ohne Mutter, dieser König ohne Königreich, dieser Hugenott, der sich zum Katholiken gemacht hatte. Sein langes, charaktervolles Gesicht, seine etwas gemeine Tournure, die Vertraulichkeit mit seinen Untergebenen, eine Vertraulichkeit, die er bis zu einem für einen König beinahe unschicklichen Grad trieb, eine Vertraulichkeit, welche aus den Zeiten seiner Jugend herrührte, wo er, im Gebirge lebend, entschiedene Gewohnheiten angenommen hatte, eine Vertraulichkeit endlich, die er bis zu seinem Tode bewahrte, bezeichneten ihn den Zuschauern, von denen ihm einige zuriefen:

»In die Messe, Henriot, in die Messe!« worauf Heinrich antwortete:

»Ich bin gestern darin gewesen, ich komme heute davon her, und werde morgen dahin zurückkehren. Ventre-saint-gris! das kommt mir genug vor!«

Margarethe war zu Pferde so schön, so frisch, so elegant, daß die Bewunderung um sie her ein Concert bildete, von dem sich, es läßt sich nicht leugnen, einige Noten an ihre Gefährtin, die Frau Herzogin von Nevers, wandten, neben welcher sie ritt, und deren weißes Roß, als wäre es stolz auf die Last, die es trug, rastlos den Kopf schüttelte.

»Nun, Herzogin,« sagte die Königin von Navarra, »was Neues?«

»Madame,« antwortete Henriette, »ich weiß Nichts.«

Dann fragte sie ganz leise:

»Und der Hugenott, was ist aus ihm geworden?«

»Ich habe eine ziemlich sichere Zufluchtstätte für ihn gefunden,« erwiederte Margarethe, »und der große Schlächter, was hast Du mit ihm gemacht?«

»Er wollte an dem Feste Teil nehmen, und reitet das Schlachtroß von Herrn von Nevers, ein Thier, so groß wie ein Elephant. Es ist ein furchtbarer Cavalier. Ich habe ihm erlaubt, der Ceremonie beizuwohnen, weil ich dachte, Dein Hugenott würde kluger Weise das Zimmer hüten, und es wäre auf diese Art kein Zusammentreffen zu befürchten.«

»Ah, meine Treue!« antwortete Margarethe lächelnd, »wäre er auch hier, und er ist nicht hier, so hätte man deßhalb keinen Streit zu befürchten. Mein Hugenott ist ein hübscher Junge, aber nichts Anderes, eine Taube und kein Geier; das rucket, aber beißt nicht. Allem nach,« sagte sie mit einem unübersetzbaren Tone und leicht die Achseln zuckend, Allem nach haben wir ihn wahrscheinlich für einen Hugenotten gehalten, während er ein Brahmine ist und seine Religion ihm das Blutvergießen verbietet.«

»Aber, wo ist denn der Herzog von Alençon?« fragte Henriette, »ich sehe ihn nicht.«

»Er muß kommen, diesen Morgen hatte er Schmerzen in den Augen und wollte nicht kommen; aber da man weiß, daß er sich, um nicht der gleichen Meinung, wie sein Bruder Karl und sein Bruder Heinrich, zu sein, zu den Hugenotten neigt, so bemerkte man ihm, der König könnte seine Abwesenheit übel deuten, und er entschloß sich. Doch sieh, man schaut, man schreit; er ist es wohl… er wird durch die Porte Montmartre gekommen sein.«

»In der That, er ist es, ich erkenne ihn,« sagte Henriette. »Er sieht wirklich heute sehr gut aus. Seit einiger Zeit verwendet er große Sorgfalt auf sich: er muß verliebt sein. Seht doch, wie schön es ist, ein Prinz von Geblüt zu sein: er galoppirt über alle Welt hin und alle Welt fügt sich.«

»In der That,« sprach Margarethe lachend, »er wird uns, Gott verzeih’ es mir! niederwerfen. Laßt Eure Herren sich anschließen, Herzogin, denn dort ist Einer, der, wenn er sich nicht anschließt, umkommt.«

»Ah, das ist mein Unerschütterlicher!« rief die Herzogin, »sieh doch! sieh doch!«

Coconnas hatte wirklich sein Glied verlassen, um sich Frau von Nevers zu nähern; aber in dem Augenblick, wo sein Pferd über das äußere Boulevard galoppirte, das die Straße von dem Faubourg Saint-Denis trennte, prallte ein Reiter von dem Gefolge des Herzogs von Alençon, der vergebens sein scheu gewordenes Roß zurückzuhalten suchte, mit vollem Leibe an Coconnas an. Erschüttert wankte Coconnas auf seinem kolossalen Thiere; sein Hut wollte ihm entfallen, er hielt ihn auf und wandte sich wüthend um.

»Gott!« sagte Margarethe, sich an das Ohr ihrer Freundin neigend, »Herr de La Mole!«

»Der schöne, bleiche, junge Mann?« rief die Herzogin, unfähig, den ersten Eindruck zu bemeistern.

»Ja, ja, derselbe, welcher Deinen Piemontesen beinahe niedergeworfen hätte.«

»Oh! da werden furchtbare Dinge vorgehen,« sprach die Herzogin, »sie schauen sich an, sie erkennen sich.«

Coconnas hatte, sich umwendend, wirklich das Gesicht von La Mole erkannt und vor Erstaunen den Zügel seines Pferdes fallen lassen, denn er glaubte seinen ehemaligen Gefährten getödtet oder wenigstens für eine gewisse Zeit kampfunfähig gemacht zu haben. La Mole erkannte Coconnas ebenfalls und fühlte, wie ihm das Feuer in das Gesicht stieg. Während einiger Secunden, welche zum Ausdrücke aller Gefühle genügten, die sich in diesen zwei Menschen regten, maßen sie sich mit einem Blicke, der die beiden Frauen schaudern machte. Dann schaute La Mole rings um sich her; er begriff ohne Zweifel, daß der Ort für eine Erklärung schlecht gewesen wäre, gab seinem Pferde die Sporen und ritt wieder zu dem Herzog von Alençon. Coconnas verharrte einen Augenblick fest auf seinem Platze, drehte seinen Schnurrbart, dessen Spitze er emporsteigen ließ, daß sie hätte ein Auge ausstechen können, und setzte sich sodann, als er sah, daß La Mole sich entfernte, ohne ein Wort zu ihm zu sprechen, selbst wieder in Marsch.

»Ah! ah!« sagte mit verächtlichem Schmerze Margarethe, »ich habe mich also nicht getäuscht. Oh! diesmal ist es zu stark.«

Und sie biß sich bis auf das Blut in die Lippen.

»Er ist sehr hübsch,« versetzte die Herzogin mitleidig.

Gerade in diesem Augenblick nahm der Herzog von Alençon wieder seinen Platz hinter dem König und der Königin Mutter ein, so daß seine Edelleute sich an ihn haltend vor Margarethe und der Herzogin von Nevers vorüberreiten mußten. Als La Mole vor den zwei Prinzessinnen vorbeikam, lüpfte er seinen Hut, begrüßte die Königin sich bis auf den Hals seines Pferdes verbeugend und blieb entblößten Hauptes, erwartend, Ihre Majestät würde ihn eines Blickes würdigen.

Aber Margarethe wandte stolz den Kopf ab.

La Mole las ohne Zweifel den Ausdruck der Verachtung, der aus dem Gesichte der Königin ausgeprägt war, und wurde leichenblaß. Er war, um nicht von seinem Pferde zu fallen, genöthigt, sich an der Mähne fest zu halten.

»Oh, oh,« sagte Henriette zur Königin, »schau ihn doch an, Du Grausame, ich glaube, es wird ihm übel.«

»Gut,« sagte die Königin mit einem verächtlichen Lächeln, »das würde uns noch fehlen. Hast Du Salze bei Dir?«

Frau von Nevers täuschte sich. Obwohl wankend, gewann La Mole doch wieder Kräfte und nahm, sich abermals auf seinem Pferde befestigend, seinen Platz wieder bei dem Gefolge des Herzogs von Alençon ein.

Der Zug rückte mittlerweile vorwärts. Man sah die düstere Silhouette des von Enguerrand von Marigny errichteten und eingeweihten Galgens. Nie war er so gut versehen gewesen, als zu die er Stunde.

Die Huissiers und die Garden marschirten voraus und bildeten einen weiten Kreis um den Zaun. Bei ihrer Annäherung flohen die auf dem Galgen sitzenden Raben mit einem Krächzen der Verzweiflung.

Der Galgen, welcher sich in Montfaucon erhob, bot gewöhnlich hinter seinen Säulen einen Zufluchtsort für Hunde, welche durch häufige Beute herbeigezogen wurden, und für philosophische Banditem die hier über die traurigen Wechselfälle des Glückes nachdachten.

An diesem Tage gab es in Montfaucon, wenigstens dem Anscheine nach, weder Hunde noch Banditen; die Huissiers und die Garden hatten die ersteren zugleich mit den Raben vertrieben, und die andern waren mit der Menge vermischt, um einige von den guten Streichen auszuführen, welche die lachenden Wechselfälle ihres Gewerbes bilden.

Der Zug rückte immer weiter vor. Der König und Catharina waren an der Spitze; dann kamen der Herzog von Anjou, der Herzog von Alençon, der König von Navarra und ihre Edelleute; hierauf Frau Margarethe, die Herzogin von Nevers und alle Frauen, welche die sogenannte fliegende Schwadron der Königin bildeten; und endlich die Pagen, die Stallmeister, die Bedienten und das Volk, im Ganzen zehntausend Menschen.

Am Hauptgalgen hing eine gestaltlose Masse, ein schwarzer Leichnam mit geronnenem Blut und Koth befleckt und weiß von neuen Staublagen. Dem Leichnam fehlte der Kopf und er war auch an den Füßen aufgehängt. Doch erfindungsreich, wie immer, hatte der Pöbel den Kopf, durch einen Strohwisch ersetzt, an welchem eine Maske befestigt war, und in den Mund dieser Maske hatte ein Spaßmacher, der die Gewohnheiten des Herrn Admirals kannte, einen Zahnstocher gesteckt.

Sie boten ein zugleich finsteres und bizarres Schauspiel, alle diese eleganten Herren, alle diese schönen Frauen, als sie wie eine Prozession, gemalt von Goya, vor diesen geschwärzten Skeletten, vor diesen Galgen mit den langen, fleischlosen Massen vorüberzogen. Je glänzender die Freude der Gäste war, einen desto schärferen Contrast bildete sie mit dem dumpfen Stillschweigen und der kalten Unempfindlichkeit dieser Leichname, welche als Gegenstände für Spottreden dienten, die selbst die Spötter schauern machten. Viele ertrugen nur mit großer Anstrengung dieses furchtbare Schauspiel, und man konnte an seiner Blässe unter der Gruppe den verspotteten Hugenotten Heinrich erkennen, der, wie groß auch seine Selbstbeherrschung war, wie ausgebreitet auch der Grad der Verstellung sein mochte, womit ihn der Himmel begabt hatte, diesen Anblick nicht auszuhalten vermochte. Er nahm den verpesteten Geruch zum Vorwand, den alle diese menschlichen Ueberreste verbreiteten, näherte sich Karl IX., der neben Catharina vor dem Leichnam des Admirals angehalten hatte, und sagte:

»Sire, findet Eure Majestät nicht, daß dieser arme Leichnam, um länger hier zu verweilen, gar zu übel riecht?«

»Du findest, Henriot!« sprach Karl IX., dessen Auge von wilder Freude funkelte.

»Ja, Sire.«

»Ich hin nicht Deiner Meinung, der Körper eines todten Feindes riecht immer gut!«

»Meiner Treue, Sire,« sprach Tavannes, »da Eure Majestät wußte, daß wir dem Admiral einen kleinen Besuch machen sollten, so hätte sie Pierre Ronsard, ihren Lehrer in der Dichtkunst, einladen sollen: er würde auf der Stelle die Grabschrift für den alten Gaspard gemacht haben.«

»Es bedarf hierzu seiner nicht,« versetzte Karl IX., »wir werden sie wohl selbst machen; z. B. hört, meine Herren,« sprach der König, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte.

 
Ci – gît – mais c’est mal entendu, —
Pour lui le mot est trop honnète,
Ici l’amiral est pendu
Par les pieds, à faute de tête.11
 

»Bravo, bravo!« riefen die katholischen Edelleute einstimmig, während die versammelten Hugenotten stillschweigend die Stirne runzelten.

Heinrich, der gerade mit Margarethe und Frau von Nevers plauderte, gab sich den Anschein, als hätte er nicht gehört.

»Gehen wir, gehen wir, mein Herr,« sagte Catharina, welche trotz der Parfums, mit denen sie sich bedeckt hatte, dieser Geruch zu beängstigen anfing, »geben wir, es gibt keine so gute Gesellschaft, die man nicht am Ende verläßt. Sagen wir dem Herrn Admiral Lebewohl und kehren wir nach Paris zurück.«

Sie machte mit dem Kopf eine ironische Geberde, wie wenn man von einem Freunde Abschied nimmt, stellte sich an die Spitze der Colonne und kehrte auf den Weg zurück, während der Zug vor dem Leichname von Coligny defilirte.

Die Sonne ging am Horizont unter.

Die Menge folgte den Schritten Ihrer Majestäten, um die Herrlichkeiten des Zuges und die Einzelheiten des Schauspiels bis zum Ende zu genießen. Die Diebe liefen der Menge nach, so daß zehn Minuten nach dem Abgange des Königs Niemand mehr in der Nähe des verstümmelten Leichnams war, den der erste Abendwind zu bestreifen anfing.

Wenn wir sagen Niemand, so täuschen wir uns. Ein auf einem Rappen reitender Edelmann, der ohne Zweifel in dem Augenblick, wo der geschwärzte, gestaltlose Rumpf mit der Gegenwart der Prinzen beehrt wurde, denselben nicht nach seiner Bequemlichkeit hatte betrachten können, war zurückgeblieben und ergötzte sich daran, prüfend alle Einzelheiten, Ketten, Klammern, steinerner Pfeile, den Galgen endlich anzuschauen, welcher ihm, dem vor einigen Tagen erst in Paris angekommenen und mit den Vervollkommnungen, welche eine Hauptstadt in allen Dingen herbeiführt, nicht Vertrauten, ohne Zweifel als das Musterbild dessen erschien, was der Mensch an furchtbar Häßlichem erfinden kann.

Es bedarf für unsere Leser kaum der Erwähnung, daß dieser Mann unser Freund Coconnas war. Ein geübtes Frauenauge hatte ihn vergebens in dem Reiterzug gesucht und alle Reihen durchforscht, ohne ihn wiederfinden zu können.

Herr von Coconnas war, wie gesagt, in Extase vor dem Werke von Enguerrand von Marigny.

Aber jene Frau war nicht die einzige Person, welche Herrn von Coconnas suchte. Ein Edelmann, bemerkbar durch sein Wamms von weißem Atlaß und seiner Zierlichen Feder, schaute, nachdem er vorwärts und auf beide Seiten gesehen hatte, nun auch rückwärts und erblickte die hohe Gestalt von Coconnas und die riesige Silhouette seines Pferdes, dessen Profil kräftig auf dem von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne gerötheten Himmel hervortrat.

Der Edelmann in dem Wamms von weißem Atlas verließ nun den Weg, den die Gesamttruppe verfolgt hatte, schlug einen kleinen Fußpfad ein und kehrte, einen Kreis beschreibend, zu dem Galgen zurück.

Die Dame, in der wir die Herzogin von Nevers erkannt haben, wie wir in dem großen Edelmann auf dem Rappen Coconnas erkannten, näherte sich plötzlich Margarethe und sagte zu ihr:

»Wir haben uns Beide getäuscht, Margarethe, denn der Piemontese ist zurück geblieben und Herr de La Mole ist ihm gefolgt.«

»Mordi!« versetzte Margarethe lachend, »es wird also etwas vorgehen. Meiner Treue ich gestehe, es wäre mir nicht leid, wenn ich eine andere Ansicht von ihm bekäme.«

Margarethe wandte sich um und sah wirklich von Seiten von La Mole das von uns erwähnte Manoeuvre ausführen.

Es war nun an den zwei Prinzessinnen, den Zug zu verlassen. Hierzu zeigte sich eine sehr günstige Gelegenheit. Man wandte sich vor einem von breiten Hecken eingefaßten Fußpfade, welcher aufwärts stieg und auf dreißig Schritte an dem Galgen vorüberging. Frau von Nevers sagte ihrem Kapitän ein Wort in das Ohr. Margarethe machte Gillonne ein Zeichen, und die vier Personen schlugen diesen Querweg ein, um sich gleichsam hinter dem Gebüsche, zunächst bei dem Orte, wo die Scene vorfallen sollte, deren Zuschauer sie zu sein wünschten, in Hinterhalt zu legen. Es war, wie gesagt, ungefähr dreißig Schritte von dieser Stelle bis zu derjenigen, wo Coconnas ganz in Extase sich vor dem Herrn Admiral geberdete.

Margarethe, Frau von Nevers und Gillonne stiegen ab, der Kapitän that dasselbe und faßte in seine Hände die Zügel der vier Pferde. Ein frischer Rasen bot den den drei Frauen einen Sitz, wie ihn sich die Prinzessinnen oft vergebens wünschen.

Eine Lichtung gestattete ihnen, nicht den geringsten Umstand zu verlieren.

La Mole hatte seinen Kreis beschrieben, er ritt im Schritte hinter Coconnas, streckte seine Hand aus und schlug ihm auf die Schulter.

Der Piemontese wandte sich um.

»Oh!« sagte er, »es war also kein Traum, und Ihr lebt noch?«

»Ja, mein Herr,« antwortete La Mole, »ja, ich lebe noch, es ist nicht Euer Fehler, aber ich lebe im Ganzen.«

«Mordi! ich erkenne Euch wohl,« versetzte Coconnas, »trotz Eueres bleichen Aussehens Ihr waret röther, als wir uns das letzte Mal sahen.«

»Und ich,« sprach La Mole, »ich erkenne Euch auch, trotz der gelben Linie, die Euer Gesicht durchschneidet; Ihr waret bleicher, als jetzt da ich sie Euch machte.«

Coconnas biß sich in die Lippen, aber entschlossen, das Gespräch in ironischem Tone fortzusetzen, erwiederte er:

»Es ist interessant, nicht wahr, Herr de La Mole, besonders für einen Hugenotten, den Herrn Admiral so an einen eisernen Galgen aufgehängt sehen zu können; und dennoch sagt man, es gebe Leute, welche so weit geben, daß sie uns beschuldigen, wir hätten sogar die Hugenottchen an der Mutter Brust getödtet!«

»Graf,« sprach La Mole sich verbeugend, »ich bin nicht mehr Hugenott, ich habe die Ehre Katholik zu sein.«

»Oho!« rief Coconnas, in ein Gelächter ausbrechend, »Ihr seid belehrt mein Herr. Oh! wie geschickt ist das.«

»Mein Herr,« fuhr La Mole mit demselben Ernste und derselben Höflichkeit fort, »ich hatte ein Gelübde gethan, mich zu bekehren, wenn ich dem Tode entgehen werde.«

»Graf,« versetzte der Piemontese, »das ist ein sehr kluges Gelübde, und ich beglückwünsche Euch dazu; habt Ihr nicht noch andere gethan?«

»Ja wohl, mein Herr, ich habe ein zweites gethan,« antwortete La Mole mit vollkommener Ruhe sein Pferd streichelnd.

»Welches?«

»Das, Euch da oben, seht Ihr, an dem kleinen Nagel, der Euch gerade unter Herrn von Coligny zu erwarten scheint, aufzuhängen.«

»Wie?« sagte Coconnas, »so ganz lebendig, wie ich bin?«

»Nein, mein Herr, nachdem ich Euch vorher meinen Degen durch den Leib gerannt habe.«

Coconnas wurde purpurroth, seine klugen sprühten Flammen.

»Sprecht, an jenen Nagel,« sagte er höhnisch.

»Ja,« versetzte La Mole, »an jenen Nagel.«

»Dazu seid Ihr nicht groß genug,« mein kleiner Herr.

»Dann steige ich auf Euer Pferd, mein großer Todtschläger,« antwortete La Mole. »Ah! mein lieber Herr Annibal von Coconnas, Ihr glaubt, man könne ungestraft die Leute unter dem ehrenvollen und loyalen Vorwande ermorden, daß man zu Hundert gegen Einen ist! Es kommt ein Tag, wo der Mann seinen Mann wiederfindet, und mich dünkt, dieser Tag ist heute gekommen. Ich hätte große Lust, Euern garstigen Kopf mit einem Pistolenschusse zu zerschmettern; aber nein, ich würde schlecht zielen, denn meine Hand zittert noch von den Wunden, die Ihr mir verrätherischer Weise beigebracht habt.«

»Meinen garstigen Kopf,« brüllte Coconnas von seinem Pferde springend. »Rasch zu Boden, Herr Graf, und vom Leder gezogen.«

Und er nahm den Degen in die Hand.

»Ich glaube, Dein Hugenott hat »»garstiger Kopf«« gesagt,« flüsterte die Herzogin von Nevers Margarethe in das Ohr, »findest Du ihn häßlich?«

»Er ist reizend,« erwiederte Margarethe lachend, »und ich muß gestehen, daß die Wuth Herrn de La Mole ungerecht macht aber stille, schauen wir.«

La Mole war wirklich auch von seinem Pferde gestiegen, aber eben so langsam, als dies Coconnas rasch gethan hatte; er zog seinen Degen und nahm seine Stellung.

»Aje!« seufzte er, den Arm ausstreckend.

»Uf!« murmelte Coconnas, den seinigen dehnend, denn Beide waren, wie man sich erinnert, in der Schulter verwundet und litten bei einer zu schnellen Bewegung.

Ein schlecht bewältigtes Gelächter kam aus dem Gebüsche hervor. Die zwei Prinzessinnen konnten nicht völlig an sich halten, als sie die beiden Kämpen unter Grimassen sich das Schulterblatt reiben sahen. Dieses Gelächter drang bis zu den jungen Edelleuten welche nicht wußten, daß sie Zeugen hatten, und sich umwendend ihre Damen erblickten.

La Mole legte aus, fest wie ein Automate, und Coconnas kreuzte sein Schwert mit einem sehr vernehmlichen »Mordi!«

»Ah! sie gehen ganz einfach auf einander los und werden sich umbringen, wenn wir nicht Ruhe stiften. Genug des Scherzes. Holla! meine Herren, holla!«

»Laß, laß!« sagte Henriette, welche, da sie Coconnas im Kampfe gesehen hatte, in ihrem Innern hoffte, Coconnas werde mit La Mole so leichte Arbeit haben, wie er bei den zwei Neffen und dem Sohne von Mercandon gehabt hatte.

»Oh! sie sind in der That sehr schön so,« sprach Margarethe, »sieh, man sollte glauben, sie schnaubten Feuer.«

Der mit Spöttereien und Herausforderungen beginnende Kampf war schweigsam geworden, seitdem die zwei Kämpen ihre Schwerter gekreuzt hatten. Beide mißtrauten ihren Kräften, und der Eine wie der Andere war bei jeder zu lebhaften Bewegung genöthigt, ein ihm durch die alten Wunden entrissenes Beben des Schmerzen zurückzudrängen. La Mole rückte indessen mit kleinen, ruhigen Schritten, die Augen starr und glühend, den Mund halb geöffnet, die Zähne zusammengepreßt, gegen seinen Widersacher vor, während dieser, einen Meister in den Waffen in ihm erkennend, auch Schritt für Schritt zurückwich, aber doch wich. Beide gelangten so bis an den Rand des Grabens, auf dessen entgegengesetzter Seite sich die Zuschauer befanden. Hier, als wäre sein Zurückweichen eine einfache Berechnung gewesen, um sich seiner Dame zu nähern, blieb Coconnas stille stehen und führte bei einem etwas weiten Losmachen der Klinge seines Gegners mit Blitzesschnelligkeit einen geraden Stoß, und in demselben Augenblick trat auf dem weißen Atlaßwammse von La Mole ein rother Fleck hervor, der immer breiter wurde.

»Muth!« rief die Herzogin von Nevers.

»Armer La Mole!« rief Margarethe und stieß einen Schrei des Schmerzes aus.

La Mole hörte diesen Schrei, warf der Königin einen von den Blicken zu, welche tiefer in das Herz dringen, als die Spitze eines Schwertes, und fiel mit einer geschickten Finte, alle seine Kräfte zusammenraffend, aus.

Diesmal stießen die zwei Frauen nur einen Schrei aus. Die Degenspitze von La Mole war blutig hinter dem Rücken von Coconnas erschienen.

Es fiel indessen weder der Eine, noch der Andere; Beide blieben aufrecht und schauten sich mit offenem Munde an, denn Jeder fühlte, daß er bei der geringsten Bewegung, die er machen würde, das Gleichgewicht verlieren müßte. Endlich ließ sich der Piemontese, welcher gefährlicher verwundet als sein Gegner, wahrnahm, daß seine Kräfte mit dem Blute entschwanden, auf La Mole fallen und umfaßte ihn mit einem Arme, während er mit dem andern seinen Dolch zu ziehen suchte. La Mole aber machte noch einmal eine gewaltige Anstrengung, hob seine Hand auf und schlug mit seinem Degenknopfe mitten auf die Stirne von Coconnas, welcher betäubt von diesem Schlage niedersank, aber beim Fallen seinen Gegner nachzog, so daß Beide in den Graben rollten.

Margarethe und die Herzogin eilten, als sie sahen. daß sie sich, obgleich sterbend, den Garaus machen wollten, unterstützt von dem Kapitän der Garden herbei. Doch ehe sie zu ihnen gelangt waren, lösten sich die Hände, schlossen sich die Augen und jeder von den zwei Kämpfenden ließ das Eisen entschlüpfen, das er hielt, und streckte sich in einer letzten Convulsion starr aus.

Eine breite Blutwoge schäumte um sie her.

»Oh! braver, braver La Mole,« rief Margarethe, unfähig ihre Bewunderung länger in sich zu verschließen. »Oh! ich bitte Dich tausendmal um Vergebung wegen meines schlimmen Verdachtes.«

Und ihre Augen füllten sich mit Thränen.

»Ach! Ach!« murmelte die Herzogin, »muthiger Annibal!… Sagt, Madame, habt Ihr je zwei unerschrockenere Löwen gesehen!«

Und sie fing an zu weinen.

»Bei Gott, das waren gewaltige Stöße!« versetzte der Kapitän, bemüht, das strömende Blut zu stillen. »Holla!« rief er, »Ihr dort kommt geschwinde!«

Es erschien wirklich im Abendnebel ein Mensch, der auf einem roth angestrichenen Karren saß und ein altes Lied von einem blühenden Weißdornstrauche sang, woran ihn wohl das Wunder vom Cimetière des Innocens erinnert hatte.

»Holla! He!« wiederholte der Kapitän, »kommt doch, wenn man Euch ruft, seht Ihr nicht, daß diese edlen Herren der Hilfe bedürfen?«

Der Mann auf dem Karten, dessen zurückstoßendes Aeußere und rohes Gesicht einen seltsamen Contrast mit den sanften Tönen seines Gesanges bildeten, hielt sein Pferd an, stieg ab, beugte sich über die zwei Körper und sagte:

»Das sind schöne Wunden, aber ich mache noch bessere.«

»Wer seid Ihr denn?« fragte Margarethe unwillkührlich von einem gewissen Schrecken ergriffen, welchen zu überwinden sie nicht die Kraft besaß.

»Madame,« antwortete der Mensch, sich bis auf den Boden verbeugend, »ich bin Meister Caboche, Henker des Gerichtsbezirkes von Paris, und wollte an jenen Galgen Kameraden für den Herrn Admiral aufhängen.«

»Wohl! und ich bin die Königin von Navarra; werft Euere Leichname bei Seite, breitet die Schabracken unserer Pferde in dem Karren aus, und führt sachte hinter uns diese zwei Herren nach dem Louvre.«

XVII.
Der Zunftgenosse von Meister Ambroise Paré

Der Karren, in welchen man Coconnas und La Mole gelegt hatte, schlug im Schatten der Gruppe folgend, die ihm als Führer diente, den Weg nach Paris ein. Er hielt im Louvre an und der Eigenthümer desselben empfing eine reiche Belohnung. Man ließ die zwei Verwundeten zu dem Herzog von Alençon bringen und schickte nach Meister Ambroise Paré.

Als er erschien, war weder der Eine noch der Andere zu sich gekommen.

La Mole war am wenigsten von Beiden verwundet. Der Degenstich hatte ihn unterhalb der rechten Achsel getroffen, aber kein wesentliches Organ verletzt. Coconnas dagegen war die Lunge durchstochen worden, und der Hauch, der aus der Wunde hervorkam, machte das Licht einer Kerze schwanken. Meister Ambroise bürgte nicht für Coconnas.

Frau von Nevers war in Verzweiflung. Sie hatte im Vertrauen auf die Kraft, auf die Gewandtheit und den Muth des Piemontesen Margarethe verhindert, sich dem Kampfe zu widersetzen. Sie hätte gerne Coconnas nach dem Hotel Guise bringen lassen, um bei dieser zweiten Gelegenheit die Pflege der ersteren zu erneuern; aber in Folge besonderer Ereignisse konnte ihr Gemahl jeden Augenblick von Rom eintreffen, und er würde wohl die Einquartierung eines Fremden in dem ehelichen Gemache sehr seltsam gefunden haben.

Um die Ursache der Wunden zu verbergen, hatte Margarethe die zwei jungen Leute zu ihrem Bruder bringen lassen, wo übrigens der Eine bereits einquartiert war, unter dem Vorgeben, es seien zwei Edelleute, welche bei dem Spazierritte vom Pferde gestürzt. Aber die Wahrheit verbreitete sich rasch durch die Bewunderung des Kapitäns, der Zeuge des Kampfes gewesen war, und man wußte bald bei Hofe, daß zwei neue Sterne am Horizont des Ruhmes aufgingen.

Gepflegt von demselben Arzte, welcher seine Bemühungen unter ihnen theilte, durchliefen die zwei Verwundeten die verschiedenen Phasen der Wiederherstellung, wie sie aus dem mehr oder minder schweren Grade ihrer Verwundung hervorgingen. La Mole gelangte, minder schwer getroffen, zuerst wieder zum Bewußtsein. Was Coconnas betrifft, so hatte sich desselben ein furchtbares Fieber bemächtigt, und seine Rückkehr zum Leben gab sich durch alle Zeichen des heftigsten Deliriums kund.

Obgleich in demselben Zimmer mit Coconnas eingeschlossen, hatte doch La Mole, als er wieder zu sich kam, seinen Gefährten nicht gesehen oder wenigstens durch kein Zeichen angedeutet, daß er ihn sah. Coconnas dagegen, als er die Augen wieder öffnete, heftete sie auf La Mole, und zwar mit einem Ausdrucke, der zum Beweise dienen konnte, daß das Blut, welches der Piemontese verloren, durchaus nicht die Leidenschaften dieses feurigen Temperaments vermindert hatte. Coconnas dachte, er träume und in seinen Träumen finde er den Feind wieder, den er zweimal getödtet zu haben wähnte; nur dehnte sich der Traum über die Maßen aus. Nachdem er La Mole liegend, wie er selbst, durch denselben Wundarzt verbunden, wie er auch gesehen hatte, sah er La Mole, sich in dem Bette erheben, an welches er noch durch das Fieber, den Schmerz und die Schwäche gefesselt war, dann heraussteigen, dann am Arme eines Wundarztes gehen, dann an einem Stocke gehen und endlich allein gehen.

Immer noch delirend, betrachtete Coconnas die verschiedenen Perioden der Genesung seines Gefährten bald mit einem stumpfen, bald mit einem wüthenden, stets aber drohenden Blicke.

Alles dies bot dem glühenden Geiste des Piemontesen eine furchtbare Mischung von Phantastischem und Wirklichem. Für ihn war La Mole todt, ganz todt, und sogar eher zweimal als einmal, und dennoch erkannte er den Schatten dieses La Mole in einem dem seinigen ähnlichen Bette liegend. Dann sah er, wie gesagt, den Schatten sich erheben, den Schatten gehen und grässlicher Weise auf sein Bett zuschreiten. Dieser Schatten, vor dem sich Coconnas gerne geflüchtet hatte, und wäre es in die Tiefe der Hölle gewesen, kam gerade auf ihn zu, stellte sich an sein Kopfkissen und schaute ihn an. Es lag sogar in seinen Gesichtszügen ein Gefühl der Sanftmuth und des Mitleids, das Coconnas für den Ausdruck teuflischen Spottes hielt.

Dann entzündete sich in diesem Geiste, der vielleicht noch mehr krank war, als der Körper, eine blinde Leidenschaft der Rache. Coconnas hatte nur noch einen Gedanken, den, sich irgend eine Waffe zu verschaffen und mit dieser Waffe den Körper oder den Schatten von La Mole zu treffen, der ihn so grausam peinigte. Man hatte seine Kleider auf einen Stuhl gelegt und dann weggenommen, denn sie waren ganz mit Blut befleckt, und man hielt es deshalb für geeignet, sie von dem Verwundeten zu entfernen. Aber man hatte auf demselben Stuhle einen Dolch liegen lassen, in der Voraussetzung, er würde in langer Zeit nicht mehr Lust bekommen, sich desselben zu bedienen. Coconnas sah den Dolch; den Augenblick benutzend, wo La Mole schlief, versuchte er es drei Nächte hinter einander, die Hand nach der Waffe auszustrecken; dreimal gebrach es ihm an Kraft, und er fiel in Ohnmacht. Endlich in der vierten Nacht erreichte er den Dolch, ergriff ihn mit den Spitzen seiner sich krampfhaft zusammenziehenden Finger und verbarg ihn, einen Seufzer des Schmerzes ausstoßend, unter seinem Kopfkissen.

Um andern Morgen sah er etwas bis jetzt Unerhörtes. Der Schatten von La Mole, welcher jeden Tag neue Kräfte zu gewinnen schien, während er, unablässig mit der furchtbaren Erscheinung beschäftigt, die seinigen in dem ewigen Gewebe des Planes aufbrauchte, der ihn von derselben befreien sollte, … der Schatten von La Mole machte, immer rüstiger werdend, ein paar Gänge durch das Zimmer, befestigte sodann seinen Mantel auf der Schulter, gürtete sein Schwert um, setzte einen breitkrämpigen Hut auf den Kopf, öffnete die Thüre und ging hinaus.

Coconnas athmete: er glaubte sich von seinem Phantome befreit. Zwei oder drei Stunden lang kreiste sein Blut ruhiger und frischer in seinen Adern, als dies je seit dem Augenblicke des Zweikampfes der Fall gewesen war. Ein Tag Abwesenheit von La Mole hätte Coconnas das Bewußtsein wiedergegeben, acht Tage würden ihn vielleicht völlig geheilt haben. Unglücklicher Weise kehrte La Mole nach ein paar Stunden zurück.

Diese Rückkehr war für den Piemontesen ein wahrer Dolchstoß, und obgleich La Mole nicht allein erschien, so hatte doch Coconnas keinen Blick für seinen Gefährten.

Sein Gefährte verdiente es jedoch wohl, daß man ihn anschaute.

Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, kurz, untersetzt, kräftig, mit schwarzen Haaren, welche bis auf seine Augenlider herabfielen, und mit einem Barte, der gegen die Mode der Zeit den ganzen unteren Theil seines Gesichtes bedeckte; aber der Fremde schien sieh wenig um die Mode zu bekümmern. Er trug einen ganz mit braunen Flecken besprengten ledernen Leibrock, blutrothe Hosen, große Lederstiefeln, eine Mütze von derselben Farbe wie die Hosen und einen breiten Gürtel um die Hüften, an welchem ein in seiner Scheide verborgenes Messer hing.

Diese seltsame Person, deren Gegenwart im Louvre als eine große Abweichung von der Regel erscheinen mußte, warf auf einen Stuhl den braunen Mantel, in den sie gehüllt war, und näherte sich auf eine plumpe Weise dem Bette von Coconnas, dessen Augen wie durch ein Zauberwerk beständig auf La Mole geheftet blieben, der in einiger Entfernung stille stand. Der Fremde schaute den Kranken an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Ihr habt sehr lange gewartet, mein Herr.«

»Ich konnte nicht früher ausgehen,« versetzte La Mole.

»Ei, bei Gott, Ihr hättet mich müssen holen lassen.«

»Durch wen?«

»Ah! das ist wahr. Ich vergaß, wo wir sind. Ich sagte es diesen Damen, aber sie wollten nicht auf mich hören. Hätte man meine Verordnungen befolgt, statt sich an die des erzdummen Esels zu halten, den man Ambroise Paré nennt, so wäret Ihr längst im Stande, mit einander Abenteuern nachzulaufen oder Euch wieder einen Degenstich zu geben, wenn es Euch gefiele; nun, man wird sehen. Gibt er der Vernunft Gehör, Euer Freund?«

»Nicht sehr.«

»Streckt die Zunge heraus, mein Herr.«

Coconnas streckte seine Zunge gegen La Mole mit einer so furchtbaren Geberde heraus, daß der Unbekannte zum zweiten Male den Kopf schüttelte.

»Oho!« murmelte er, »Zusammenziehen der Muskeln, es ist keine Zeit zu verlieren. Diesen Abend werde ich Euch einen Trank schicken, den man ihm in drei Dosen von Stunde zu Stunde eingehen mußt; zum ersten Male um Mitternacht, zum zweiten Male um ein Uhr zum dritten Male um zwei Uhr.

»Gut.«

»Aber wer wird ihm den Trank eingehen?«

»Ich.«

»Ihr selbst?«

»Ja.«

»Ihr gebt mir Euer Wort?«

»So wahr ich ein Edelmann bin.«

»Und wenn irgend ein Arzt die geringste Portion davon nehmen wollte, um ihn zu zersetzen und zu sehen, aus welchen Ingredienzien er besteht?«

»So würde ich ihn bis auf den letzten Tropfen ausschütten.«

»Ebenfalls aus Edelmanns-Wort?«

»Ich schwöre es Euch!«

»Durch wen soll ich Euch diesen Trank schicken?«

»Durch wen Ihr wollt.«

»Aber mein Abgesandter …«

»Nun?«

»Wie wird er bis zu Euch dringen?«

«Dafür ist vorhergesehen. Er soll sagen, er komme im Auftrage von Herrn René, dem Parfumeur.«

»Dem Florentiner, welcher am Pont Saint-Michel wohnt?«

»Allerdings, er hat zu jeder Stunde des Tages und der Nacht Eintritt im Louvre.«

Der Mann lächelte und versetzte:

»In der That, das ist das Geringste, was ihm die Königin Mutter schuldig ist. Man kommt also im Auftrage von Meister René, dem Parfumeur. Ich kann wohl einmal seinen Namen annehmen, denn er hat oft ohne das Patent dazu mein Gewerbe ausgeübt.«

»Nun wohl, ich zähle auf Euch,« sagte La Mole.

»Zählt auf mich.«

»Was die Bezahlung betrifft …«

»Oh, wir werden das mit diesem Herrn ordnen, wenn er wieder auf den Beinen ist.«

»Seid unbesorgt, ich glaube, er wird im Stande sein, Euch edelmüthig zu belohnen.«

»Ich glaube es auch; da es jedoch nicht die Gewohnheit der Leute ist, die mit mir zu thun haben, dankbar zu sein,« fügte er mit einem seltsamen Lächeln bei, »so würde ich mich nicht wundern, wenn er, einmal auf den Beinen, mich vergäße oder sich nicht darum kümmerte, meiner zu gedenken.«

»Gut, gut,« sagte La Mole, ebenfalls lächelnd, »in diesem Falle bin ich da, um ihm das Gedächtnis aufzufrischen.«

»Es sei, in zwei Stunden habt Ihr den Trank.«

»Auf Wiedersehen.«

»Ihr sagt?«

»Auf Wiedersehen.«

Der Mann lächelte.

»Ich,« versetzte er, »ich habe die Gewohnheit, stets: Gott befohlen! zu sagen. Gott befohlen, also, Herr de La Mole. In zwei Stunden habt Ihr Euern Trank. Ihr versteht, er muß um Mitternacht in drei Dosen von Stunde zu Stunde genommen werden.«

Hiernach entfernte er sich und La Mole blieb allein mit Coconnas.

Coconnas hatte dieses ganze Gespräch gehört, aber nichts davon begriffen. Ein leeres Geräusch von Reden, ein hohles Geklapper von Worten war bis zu ihm gedrungen. Von der ganzen Unterredung hatte er nichts behalten, als das Wort Mitternacht. »

Er fuhr also fort, mit seinem glühenden Blicke La Mole zu verfolgen, der in dem Zimmer blieb und träumerisch auf und abging.

Der unbekannte Doktor hielt Wort und schickte zur beizeichneten Stunde den Trank, welchen La Mole auf ein kleines silbernes Rechaud stellte. Als diese Vorsichtsmaßregel getroffen war, legte er sich nieder.

Diese Handlung von La Mole verlieh Coconnas etwas Ruhe. Er suchte ebenfalls die Augen zu schließen; aber seine fieberhafte Schlaftrunkenheit war nur eine Folge seines delirenden Wachens. Dasselbe Phantom, das ihn am Tage verfolgte, jagte ihn auch in der Nacht auf. Durch seine trockenen Augenlider sah er fortwährend La Mole, stets spöttisch, stets drohend. Dann wiederholte eine Stimme in sein Ohr: »Mitternacht! Mitternacht! Mitternacht!«

Plötzlich erwachte die vibrirende Glocke und schlug zwölf Mal. Coconnas öffnete seine entflammten Augen; der glühende Hauch seiner Brust verzehrte seine trockenen Lippen; ein unauslöschlicher Durst quälte seinen entzündeten Schlund; die kleine Nachtlampe brannte wie gewöhnlich und ihr matter Schimmer ließ tausend Phantom vor den schwankenden Blicken von Coconnas tanzen.

Er sah … furchtbare Erscheinung! La Mole aus seinem Bette steigen und, nachdem er zweimal im Zimmer auf und abgegangen war, wie es der Sperber vor dem Vogel thut, den er blendet, ihm die Faust zeigend auf sein Bett zugehen.

Coconnas streckte seine Hand nach seinem Dolche aus, ergriff ihn beim Hefte und schickte sich an, seinem Feinde den Bauch aufzuschlitzen.

La Mole näherte sich immer mehr.

Coconnas murmelte:

»Ah, Du bist es, abermals Du, immer Du! Komm doch. Ah! Du drohst, Du zeigst mir die Faust, Du lächelst? komm, kommt Ah! Du schleichst Dich sachte, Schritt für Schritt, immer näher! Komm doch, daß ich Dich niederbohre!«

Die Geberde mit dieser dumpfen Drohung verbinden, ließ Coconnas wirklich in dem Augenblick, wo sich La Mole zu ihm herabneigte, unter seinen Betttüchern den Blitz einer Klinge hervorspringen; aber die Anstrengung des Piemontesen, als er sich erhob, lähmte seine Kräfte, der nach La Mole ausgestreckte Arm hielt auf halbem Wege inne, der Dolch entschlüpfte seiner schwachen Hand, und der Sterbende fiel auf das Kopfkissen zurück.

»Ruhig, ruhig,« murmelte La Mole, sanft den Kopf emporhebend und eine Tasse seinen Lippen nähernd, »trinkt dies, mein armer Kamerad, denn Ihr brennt.«

Es war wirklich eine Tasse, was La Mole Coconnas darbot und was dieser für die drohende Faust hielt, worüber sich das leere Gehirn des Verwundeten so sehr erhitzt hatte.

Aber bei der weichen Berührung des wohlthätigen Trankes, welcher seine Lippen besuchten und seine Brust erfrischte, erhielt Coconnas seine Vernunft oder vielmehr seinen Instinkt wieder. Er fühlte, wie sich ein Wohlbehagen in ihm verbreitete, das er nie zuvor empfunden hatte, öffnete sein gescheites Auge auf La Mole, der ihn in seinen Armen hielt und ihm zulächelte, und aus diesem kaum zuvor noch von einer düsteren Wuth zusammengezogenen Auge rollte eine unmerkliche Thräne auf seine glühende Wange, welche sie gierig auffaßte.

»Mordi!« murmelte Coconnas, auf sein Kopfkissen zurücksinkend, »wenn ich entkomme, Herr de La Mole, so sollt Ihr mein Freund werden.«

»Ihr werdet entkommen, mein Kamerad, wenn Ihr drei Tassen wie die, welche ich Euch so eben gegeben, trinken und keine so abscheuliche Träume mehr machen wollt.«

Eine Stunde nachher stand La Mole, der nun Krankenwärter geworden war und pünktlich den Vorschriften des unbekannten Doktors folgte, zum zweiten Male auf, goß abermals eine Portion von dem Tranke in eine Tasse und brachte diese Coconnas. Diesmal aber empfing ihn der Piemontese, statt ihn mit dem Dolche in der Hand zu erwarten, mit offenen Armen und leerte den Trank mit Entzücken. Dann entschlummerte er zum ersten Male mit einiger Ruhe.

Die dritte Tasse brachte eine nicht minder wunderbare Wirkung hervor. Die Brust des Kranken fing an, einen regelmäßigen, obgleich noch keuchenden, Athem von sich zu geben. Seine steifen Glieder streckten sich aus, eine wohlthätige Feuchtigkeit verbreitete sich auf der Oberfläche der brennenden Haut, und als am andern Morgen Meister Ambroise Paré den Verwundeten besuchte, lächelte er zufrieden und sagte:

»Von diesem Augenblicke stehe ich für Herrn von Coconnas, und dies wird keine von den am mindesten schönen Curen sein, die ich gemacht habe.«

Aus dieser halb dramatischen, halb burlesken Scene, der es jedoch nicht an einer gemüthlichen Poesie fehlte, in Betracht der wilden Sitten von Coconnas, ging hervor, daß die Freundschaft der zwei Edelleute, welche in dem Gasthofe zum Schönen Gestirne begonnen hatte und gewaltsam durch die Ereignisse der Bartholomäusnacht unterbrochen worden war, von da an mit neuer Gewalt wieder entstand und bald sich zu einem höheren Grade emporschwang, als die von Orestes und Pylades.

Alte und neue, tiefe und leichte Wunden befanden sich endlich auf dem Wege der Heilung. Zuerst wiederhergestellt, wollte La Mole, seiner Krankenwärtersendung getreu, das Zimmer nicht verlassen, bis Coconnas völlig geheilt wäre. Er hob ihn in seinem Bette auf, so lange ihn seine Schwäche noch daran fesselte; er half ihm gehen, als er sich aufrecht zu halten anfing; kurz, er hatte für ihn jede Sorgfalt, die ihm seine liebende, sanfte Natur eingab, und die, unterstützt von dem kräftigen Körper des Piemontesen, eine raschere Wiedergenesung herbeiführte, als man dies zu hoffen berechtigt war.

Ein und derselbe Gedanke quälte jedoch die zwei jungen Leute. Jeder hatte in seinem Fieberwahne geglaubt, er sehe die Frau, welche sein ganzes Herz erfüllte, sich seinem Bette nähern. Aber seitdem jeder das Bewußtsein wieder erlangt hatte, kam er zur Erkenntniß, daß weder Margarethe noch Frau von Nevers das Zimmer betreten hatte. Uebrigens war dies leicht begreiflich: konnten sie, die Eine die Gemahlin des Königs von Navarra, die Andere die Schwägerin des Herzogs von Guise, sich ein so öffentliches Zeichen der Theilnahme an zwei einfachen Edelleuten erlauben? Dies war gewiß die Antwort, welche La Mole und Coconnas sich geben mußten. Aber dieses Nichterscheinen, welches Folge eines gänzlichen Vergessens sein konnte, war darum nicht minder schmerzlich.

Allerdings war der Kapitän der dem Zweikampfe beigewohnt hatte, von Zeit zu Zeit erschienen und hatte sich, wie aus eigenem Antrieb nach dem Befinden der Verwundeten erkundigt. Allerdings hatte Gillonne für eigene Rechnung dasselbe gethan. Aber La Mole hatte es nicht gewagt, mit dieser von Margarethe, Coconnas nicht, mit jener von Frau von Nevers zu sprechen.

XVIII.
Die Geister

Eine Zeit lang hielten die jungen Leute jeder sein Geheimniß in seiner Brust verschlossen. Endlich an einem Tage größerer Ausdehnung des Gemüthes überströmte der Gedanke, der sie allein beschäftigte, ihre Lippen, und Beide bekräftigten ihre Freundschaft durch diesen letzten Beweis, ohne den es keine Freundschaft gibt, nämlich durch das Vertrauen.

Sie waren zum Sterben verliebt, der Eine in eine Prinzessin, der Andere in eine Königin.

Es lag für die beiden armen Seufzenden etwas Furchtbares in der beinahe unüberspringbaren Entfernung, welche sie von dem Gegenstand ihrer Wünsche trennte. Und dennoch ist die Hoffnung ein so tief in dem Herzen des Menschen eingewurzeltes Gefühl, daß sie hofften, trotz der Tollheit ihrer Hoffnungen.

Beide pflegten ihr Gesicht immer sorgfältiger, je mehr sie sich erholten. Jeder Mensch, selbst der für körperliche Vorzüge gleichgültigste, hat mit seinem Spiegel stumme Gespräche, Zeichen des Einverständnisses, nach denen er sich beinahe immer sehr zufrieden mit der Unterhaltung von seinem Vertrauten entfernt. Unsere zwei jungen Leute gehörten aber nicht zu denjenigen, gegen welche ihre Spiegel eine zu harte Meinung aussprachen. Schmächtig, bleich, zierlich, besaß La Mole die Schönheit ausgezeichneter Standesverhältnisse. Kräftig, wohl gewachsen, hochgefärbt, hatte Coconnas die Schönheit der Stärke. Für den letzteren war seine Krankheit überdies vortheilhaft gewesen; er war magerer, bleicher geworden, seine Gesichtswunde, die ihm früher so viel Unruhe durch ihre prismatischen Beziehungen zu dem Regenbogen gemacht hatte, war, ohne Zweifel wie die diluvianische Erscheinung, eine lange Reihe von reinen Tagen und heiteren Nächten ankündigend, verschwunden.

Die beiden Verwundeten waren übrigens fortwährend von der zartesten Sorge umgeben; Jeder fand an dem Tage, wo er aufstehen konnte, einen Schlafrock auf dem Stuhle, der zunächst an seinem Bette stand, und an dem Tage, an welchem er sich ankleiden konnte, einen vollständigen Anzug. Mehr noch … in der Tasche von jedem Wamms fand sich eine gleich gut gespickte Börse, die jeder von ihnen, wohl verstanden, nur behielt, um sie zu geeigneter Zeit dem unbekannten Beschützer zurückzugeben, der über ihm wachte.

Dieser unbekannte Beschützer konnte nicht der Prinz sein, bei welchem die beiden jungen Leute wohnten, denn dieser Prinz war nicht nur nicht ein einziges Mal herausgekommen, um sie zu besuchen, sondern hatte sich auch nicht einmal nach ihnen erkundigen lassen.

Eine unbestimmte Hoffnung sagte ganz leise jedem Herzen, dieser unbekannte Beschützer wäre die Dame, die er liebte.

Die zwei Verwundeten erwarteten ganz mit unbeschreiblicher Ungeduld den Augenblick ihres Ausgangs. La Mole hätte, stärker und besser geheilt als Coconnas, seit langer Zeit ausgehen können, aber eine Art von stillschweigender Uebereinkunft verband ihn mit dem Schicksale seines Freundes. Ihr erster Ausgang sollte drei Besuchen gewidmet sein.

Der erste dem unbekannten Arzte, dessen vortrefflicher Trank eine so merkwürdige Besserung in der Brust von Coconnas herbeigeführt hatte.

Der zweite dem Gasthause des verstorbenen Meister La Hurière, wo Jeder sein Felleisen und sein Pferd zurückgelassen hatte.

Der dritte dem Florentiner René, der mit dem Titel eines Parfumeur den eines Magiers verband, nicht allein kosmetische Mittel und Gifte verkaufte, sondern auch Liebestränke bereitete und weissagte.

Endlich nach zwei Monaten, die man in der Genesung begriffen eingeschlossen zugebracht hatte, erschien der so sehnlich erwartete Tag.

Wir haben gesagt,eingeschlossen, und das ist das geeignete Wort, denn wiederholt hatten sie in ihrer Ungeduld diesen Tag beschleunigen wollen, aber eine vor der Thüre aufgestellte Schildwache hatte ihnen beständig den Weg versperrt, und sie hatten erfahren, daß sie nur aus ein Exeat von Meister Ambroise Paré ausgehen sollten.

Eines Tags erkannte der geschickte Wundarzt, daß die zwei Kranken, wenn nicht geheilt, doch wenigstens auf dem Wege völliger Besserung waren, gab dieses Exeat, und gegen zwei Uhr Nachmittags, an einem der schönen Herbsttage, wie sie Paris zuweilen seinen erstaunten Bewohnern bietet, während sie bereits ihren Vorrath an Resignation für den Winter gesammelt haben, setzten die zwei Freunde, sich gegenseitig mit den Armen unterstützend, den Fuß vor den Louvre.

La Mole machte sich zum Führer von Coconnas, und Coconnas ließ sich ohne Widerstand und ohne Bedenken leiten. Er wußte, daß ihn sein Freund zu dem unbekannten Doktor führte, dessen nicht patentierter Trank ihn in einer einzigen Nacht geheilt hatte, während ihn alle Droguen von Meister Ambroise Paré langsam tödteten. Er hatte zwei Theile aus dem in seiner Börse enthaltenen Gelde gemacht, das heißt, aus zweihundert Rosenobeln, und hundert davon zur Belohnung des unbekannten Aeskulaps bestimmt, dem er seine Wiedergenesung verdankte. Coconnas fürchtete den Tod nicht, Coconnas war aber darum nicht minder froh, daß er lebte. Er schickte sich auch an, wie man sieht, seinen Retter großmüthig zu belohnen.

La Mole nahm den Weg nach der Rue de l’Astruce, der Rue Saint-Honoré, der Rue des Trouvelles, und befand sich bald auf der Place des Halles. In der Nähe des alten Brunnens und auf der Stelle, die man gegenwärtig mit dem Namen Carreau des Halles bezeichnet, erhob sich ein achteckiges Gebäude von Maurerarbeit, überragt von einer weiten hölzernen Laterne mit einem spitzigen Dache, auf dem eine Wetterfahne ächzte. Diese Laterne bot acht Oeffnungen, welche eine Art von hölzernem Rade durchzog, das sich in der Mitte theilte, um in den zu diesem Ende angebrachten Einschnitten den Kopf und die Hände des Verurtheilten oder der Verurtheilten aufzunehmen, welche man an der einen oder der andern oder an mehreren von diesen Oeffnungen ausstellte.

Dieses seltsame Gebäude, das nicht die entfernteste Aehnlichkeit mit allen umliegenden Gebäuden hatte, nannte man den Pilorit.12

Ein unförmliches, höckeriges, verschobenes, einäugiges und hinkendes Haus, mit einem Dache von Moos überzogen, wie die Haut eines Aussätzigen, war wie ein Champignon am Fuße des Thurmes aufgewachsen.

Dieses Haus war das des Henkers.

Ein Mensch war ausgestellt und streckte gegen die Vorübergehenden die Zunge heraus: er gehörte zu den Dieben, die ihr Gewerbe bei dem Galgen von Montfaucon getrieben hatten, und war bei der Ausübung seiner Funktionen verhaftet worden.

Coconnas glaubte, sein Freund wolle ihm dieses Schauspiel zeigen, und mischte sich unter die Menge der Liebhaber, welche die Grimassen des Leidenden durch Zischen und Schreien erwiederten. Coconnas war von Natur grausam, und dieses Schauspiel ergötzte ihn ungemein, nur hätte er gewünscht, man würde statt zu zischen und zu schreien, Steine nach dem Verurtheilten geworfen haben, der so frech war, die Zunge gegen die achtungswerthen Herren herauszustrecken, die ihm die Ehre ihres Besuches erwiesen.

Als sich die bewegliche Laterne auf ihrer Basis drehte, um einen andern Theil des Platzes mit dem Anblicke des Patienten zu erfreuen, und die Menge der Bewegung der Laterne folgte, wollte Coconnas der Bewegung der Menge folgen, aber La Mole hielt ihn zurück und sagte halblaut zu ihm:

»Nicht deßhalb sind wir hierher gekommen.«

»Und warum sind wir denn hier?« fragte Coconnas.

»Du wirst es sehen,« antwortete La Mole.

Die zwei Freunde duzten sich seit dem Morgen nach der bekannten Nacht, wo Coconnas La Mole hatte erstechen wollen.

Und La Mole führte Coconnas gerade auf das Fenster des an den Thurm angelehnten Häuschens zu, auf dessen Gesimse sich ein Mann mit dem Ellbogen stützte.

»Ah! Ah! Ihr seid es, meine gnädige Herren,« sagte der Mann, seine blutrothe Mütze abnehmend und seinen Kopf mit den schwarzen, dichten, bis auf die Augenlider herabfallenden Haaren entblößend. »Seid willkommen.«

»Wer ist dieser Mann?« fragte Coconnas, bemüht seine Erinnerungen zu sammeln, denn es kam ihm vor, als hätte er diesen Kopf während eines der Augenblicke seines Fiebers gesehen.

»Dein Retter, mein lieber Freund,« erwiederte La Mole, »derjenige welcher Dir in den Louvre den erfrischenden, für Dich so wohlthätigen Trank brachte.«

»Oh! Oh!« rief Coconnas, »dann ist es mein Freund …«

Und er reichte ihm die Hand.

Aber statt diesem Entgegenkommen durch eine ähnliche Geberde zu entsprechen, richtete sich der Mann auf und entfernte sich durch dieses Ausrichten von den zwei Freunden um den ganzen Raum, den die Biegung seines Körpers eingenommen hatte.

»Mein Herr,« sagte er zu Coconnas, »ich danke für die Ehre, die Ihr mir erzeigen wollt, aber wenn Ihr mich kennen würdet, thätet Ihr es ohne Zweifel nicht.«

»Meiner Treue,« sprach Coconnas, »ich erkläre, daß ich Euch verpflichtet bin, und wenn Ihr der Teufel wäret, denn ohne Euch wäre ich zu dieser Stunde todt.«

»Ich bin nicht ganz der Teufel,« erwiederte der Mann mit der rothen Mütze, »aber Viele würden oft lieber den Teufel als mich sehen.«

»Wer seid Ihr denn?« fragte Coconnas.

»Mein Herr,« antwortete der Mann, »ich bin Meister Caboche, Henker des Gerichtsbezirkes von Paris.«

»Ah!« rief Coconnas, seine Hand zurückziehend.

»Seht Ihr!« sprach Meister Caboche.

»Nein! ich berühre Eure Hand, oder der Teufel soll mich holen! Streckt sie aus …«

»Wirklich?«

»Streckt sie weit aus.«

»Hier.«

»Noch weiter … gut!« und Coconnas nahm aus seiner Tasche das Gold, das er für seinen unbekannten Arzt bereit hielt, und legte es in die Hand des Henkers.

»Ich hätte lieber Eure Hand allein gehabt,« sagte Meister Caboche, den Kopf schüttelnd, »denn es fehlt mir nicht an Gold, wohl aber an Händen, die die meinigen berühren. Gleichviel! Gott segne Euch, mein edler Herr!«

»Ihr seid es also, mein Freund,« sprach Coconnas, den Henker neugierig anschauend, »Ihr seid es, der foltert, rädert, viertheilt, Köpfe abschneidet, Knochen bricht? Ah! es freut mich sehr, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben.«

»Mein Herr,« versetzte Caboche, »ich thue nicht Alles selbst, denn so wie ihr vornehme Herren Lackeien habt, um zu thun, was Ihr nicht selbst thun wollt, so habe ich meine Gehilfen, welche das grobe Geschäft treiben und Lumpenkerle abfertigen. Nur wenn ich es mit Edelleuten, z. B. wie Ihr und Euer Gefährte, zu thun habe, dann ist es etwas Anderes, dann mache ich mir eine Ehre daraus, alle kleine Geschäfte der Execution von dem ersten bis zum letzten, d. h. von der peinlichen Frage bis zum Enthaupten zu verrichten.«

Coconnas fühlte, wie unwillkührlich ein Schauer seine Adern durchlief, als ob der schwere Keil seine Beine preßte und der stählerne Faden seinen Hals berührte.

La Mole wurde, ohne sich Rechenschaft davon geben zu können, von derselben Empfindung ergriffen.

Aber Coconnas überwand die Bewegung, der er sich schämte, und sagte in der Absicht, von Meister Caboche mit einem letzten Scherze Abschied zu nehmen:

»Gut, Meister, ich halte Euch beim Worte, wenn die Reihe an mich kommt, an den Galgen von Enguerrand von Marigny gehängt zu werden oder das Schaffot von Herrn von Nemours zu besteigen, so sollt nur Ihr mich berühren.«

»Ich verspreche es Euch.«

»Dießmal meine Hand zum Pfande, daß ich Euer Versprechen annehme.«

Und er streckte gegen den Henker eine Hand aus, welche dieser schüchtern mit der seinigen berührte, obgleich er sichtbar große Lust hatte, sie kräftig zu fassen.

Bei dieser einfachen Berührung erbleichte Coconnas leicht, aber dasselbe Lächeln blieb auf seinen Lippen, während La Mole, als er sah, daß die Menge mit der Laterne sich drehte und sich ihnen näherte, ihn an seinem Mantel zog.

Coconnas, dem es im Ganzen auch lieb war, dieser Scene ein Ende zu machen, bei der er, angetrieben von einem natürlichen Hange seines Charakters, weiter hineingezogen worden war, als er hatte gehen wollen, machte ein Zeichen mit dem Kopfe und entfernte sich.

»Meiner Treue,« sprach La Mole, als er und sein Gefährte bei der Croix du Trahoir angelangt waren, »gestehe, daß man hier freier athmet, als bei den Hallen?«

»Ich gebe es zu,« erwiederte Coconnas, »es freut mich aber darum nicht minder, die Bekanntschaft von Meister Caboche gemacht zu haben, denn es ist gut, wenn man überall Freunde besitzt.«

»Selbst in dem Gasthause zum Schönen Gestirn,« sprach La Mole lachend.,

»Oh! der arme Meister La Hurière,« rief Coconnas, »er ist todt, sehr todt! Ich habe die Flamme der Büchse gesehen, ich habe den Schlag der Kugel gehört, welche klang, als hätte sie die große Glocke von Notre-Dame getroffen, und ließ ihn im Rinnsteine mit dem Blute liegen, das ihm aus Nase und Mund hervorquoll. Gesetzt, es ist unser Freund, so ist es ein Freund, den wir in der andern Welt haben.«

So plaudernd gelangten die zwei Freunde in die Rue de l’Arbre-Sec und gingen auf das Schild vom Schönen Gestirne zu, das noch an derselben Stelle ächzte und fortwährend dem Reisenden seinen gastronomischen Herd und und seine Appetit erregende Legende bot.

Coconnas und La Mole dachten, sie würden das Haus in Verzweiflung, die Wittwe in Trauer und die Dienstboten mit dem Flor um den Arm treffen; aber zu ihrem großen Erstaunen fanden sie das Haus in großer Thätigkeit, Madame La Hurière sehr glänzend und die Kellner lustiger als je.

»Oh! Ungetreue,« sprach La Mole, »sie wird sich wieder verheirathet haben!«

Dann sich an die neue Artemisia wendend, sagte er:

»Wir sind zwei Edelleute, die zu den Bekannten des Herrn La Hurière gehörten; wir haben hier zwei Pferde und zwei Felleisen gelassen, deren Zurückgabe wir verlangen.«

»Meine Herren-,« antwortete die Gebieterin des Hauses, nachdem sie ihre Erinnerungen zusammengesucht hatte, »da ich nicht die Ehre habe, Euch wiederzuerkennen, so werde ich, wenn Ihr es wünscht, meinen Mann kommen lassen. Gregor, rufe Deinen Herrn!«

Gregor ging von der ersten Küche, dem Pandämonium, in die zweite oder das Laboratorium, wo zu seinen Lebzeiten Meister La Hurière die Gerichte bereitete, die ihm seiner gelehrten Hände würdig erschienen.

»Der Teufel soll mich holen,« murmelte Coconnas, »es ist mir peinlich, dieses Haus so heiter zu sehen, während es so traurig sein sollte. Armer La Hurière!«

»Er wollte mich umbringen,« sprach La Mole, »aber ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.«

La Mole hatte kaum diese Worte gesprochen, als auf der Schwelle ein Mensch erschien, der eine Casserole in der Hand hielt, in welcher er Zwiebeln, die er mit einem hölzernen Löffel umrührte, röthlichbraun machte.

La Mole und Coconnas stießen einen Schrei des Erstaunens aus.

Bei diesem Schrei hob der Mensch den Kopf empor, antwortete mit einem ähnlichen Schrei, ließ seine Casserole fallen und behielt nur den hölzernen Löffel in der Hand.

,»In nomine patris,« sagte der Mensch, seinen Löffel bewegend, wie er es mit einem Weihwedel gethan haben würde,et filii et spiritus sancti!«

»Meister La Hurière!« riefen gleichzeitig die zwei jungen Leute.

»Meine Herren von Coconnas und de La Mole!« sprach La Hurière.

»Ihr seid also nicht todt?« sagte Coconnas.

»Ihr lebt also noch?« fragte der Wirth.

»Ich habe Euch doch fallen sehen,« versetzte Coconnas.

»Ich habe den Lärm der Kugel gehört, welche Euch etwas, ich weiß nicht was, zerbrach. Ich ließ Euch, Blut durch die Nase, durch den Mund und sogar durch die Augen vergießend, in der Gosse liegen.«

»Alles dies ist wahr wie das Evangelium, Herr von Coconnas; aber das Geräusch, das Ihr hörtet, war das der Kugel, welche an meine Pickelhaube schlug, an der sie glücklicher Weise abprallte; doch der Schlag war darum nicht minder hart, und zum Beweise,« fügte La Hurière, seine Mütze abnehmend und seinen kahlen Kopf zeigend, bei, »seht, es ist mir kein Haar geblieben.«

Die zwei jungen Leute brachen in ein Gelächter aus, als sie diese groteske Erscheinung sahen.

»Ah! Ihr lacht,« sprach La Hurière etwas beruhigt, »Ihr kommt also nicht mit schlimmen Absichten?«

»Und Ihr, Meister La Hurière, Ihr seid also von Eurem kriegerischen Gelüste geheilt?«

»Meiner Treue, ja, meine Herren; und nun…«

»Und nun?«

»Nun habe ich das Gelübde gethan, kein anderes Feuer mehr zu sehen, als das meiner Küche.«

«Bravo!« sagte Coconnas, »das ist klug. Doch wir haben in Euern Ställen zwei Pferde und in Euern Zimmern zwei Felleisen gelassen,« fügte der Piemontese bei.

»Ah, Teufel!« versetzte der Wirth, sich hinter dem Ohre kratzend.

»Nun?«

»Zwei Pferde, sagt Ihr?«

»Ja, im Stalle.«

»Und zwei Felleisen?«

»Ja, im Zimmer.«

»Seht Ihr … Ihr habt mich für todt gehalten, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Ihr gebt zu, daß ich insofern Ihr Euch getäuscht habt, mich meinerseits ebenfalls täuschen konnte?«

»Indem Ihr uns auch für todt hieltet? Das, stand Euch vollkommen frei.«

»Ah, das ist es! … da Ihr ohne Hinterlassung eines Testamentes starbet, …« fuhr Meister La Hurière fort.

»Weiter?«

»So glaubte ich, ich habe Unrecht gehabt, ich sehe es jetzt ein …«

»Was glaubtet Ihr? Sprecht.«

»Ich glaubte, ich könnte Euch beerben.«

»Ah, ah!« riefen die zwei jungen Leute.

»Es freut mich darum nicht minder, daß Ihr noch lebt, meine Herren.«

»Somit habt Ihr also unsere Pferde verkauft?« sprach Coconnas.

»Ach!« seufzte La Hurière.

»Und unsere Felleisen?« fuhr La Mole fort.

»Oh! die Felleisen, nein! …« rief La Hurière, »nur das, was darin war.«

»Sage mir, La Mole,« versetzte Coconnas, »das ist ein frecher Schurke. Wenn wir ihm die Eingeweide ausnehmen würden?«

Diese Drohung schien eine große Wirkung auf Meister La Hurière hervorzubringen, denn er stammelte die Worte:

»Aber, meine Herren, es scheint mir, man kann eine Uebereinkunft treffen.«

»Höre,« sagte La Mole, »ich bin es, der sich am meisten über Dich zu beklagen hat.«

»Allerdings, mein Herr Graf, denn ich erinnere mich, daß ich in einem Anfalle von Wahnsinn die Kühnheit hatte, Euch zu bedrohen.«

»Ja, mit einer Kugel, die mir zwei Zoll über dem Kopfe hinging.«

»Ihr glaubt?«

»Ich weiß es gewiß.«

»Wenn Ihr Eurer Sache gewiß seid,« sprach La Hurière, mit unschuldiger Miene seine Casserole aufhebend, »so bin ich zu sehr Euer Diener, um Euch Lügen zu strafen.«

»Wohl,« sprach La Mole, »ich für meinen Theil fordere nichts.«

»Wie, mein gnädiger Herr?«

»Außer …«

»Aje! Aje!« rief La Hurière.

»Außer einem Mittagsbrote für mich und meine Freunde, so oft ich mich in Deinem Quartiere befinde.«

»Sonst nichts?« rief La Hurière entzückt, »ganz zu Euren Befehlen, mein gnädiger Herr.«

»Das ist also eine abgemachte Sache.«

»Mit größtem Vergnügen … Und Ihr, Herr von Coconnas?« fuhr der Wirth fort, »unterschreibt Ihr den Handel?«

»Ja, nur füge ich, wie mein Freund, eine kleine Bedingung bei.«

»Welche?«

»Daß Ihr Herrn de La Mole die fünfzig Thaler geht, die ich ihm schuldig bin und die ich Euch anvertraut habe.«

»Mir, Herr? Wann dies?«

»Eine Viertelstunde, ehe Ihr mein Pferd und mein Felleisen verkauftet.«

La Hurière machte ein Zeichen des Einverständnisses.

»Ah! ich begreife,« sagte er.

Und er ging an einen Schrank zu und zog, einen nach dem andern, fünfzig Thaler hervor, die er La Mole überbrachte.

»Gut,« sprach dieser, »setzt uns einen Eierkuchen vor. Diese fünfzig Thaler sind für Herrn Gregor.«

»Ah, meine gnädigen Herren!« rief La Hurière, »Ihr habt wahrhaft fürstliche Herzen und könnt im Leben wie im Tode auf mich zählen.«

»So macht uns den besten Eierkuchen,« sagte Coconnas, »und spart weder Butter noch Speck.«

Dann sich nach der Uhr umwendend, fügte er bei:

»Meiner Treue! Du hast Recht, La Mole, wir haben noch drei Stunden zu warten; es ist besser, wir bringen sie hier zu, als anderswo, um so mehr, als wir, wenn ich mich nicht täusche, hier auf halbem Wege zu dem Pont Saint-Michel sind.«

Die zwei jungen Leute setzten sich zu Tische, in demselben kleinen Zimmer, an demselben Platze, den sie an dem bekannten Abend des 24. August 1572 eingenommen, an welchem Coconnas La Mole den Vorschlag gemacht hatte, mit ihm um die erste Geliebte zu spielen, die sie haben würden.

Zur Ehre der Sittlichkeit der zwei jungen Männer müssen wir anführen, daß an diesem Abend weder der Eine noch der Andere den Gedanken hatte, seinem Gefährten einen ähnlichen Vorschlag zu machen.

XIX.
Die Wohnung von Meister René, dem Parfumeur der Königin Mutter

In der Zeit, in der die Geschichte vorfiel, welche wir unsern Lesern erzählten, gab es, um von einem Theile der Stadt zum andern zu gelangen, nur fünf, theils steinerne, theils hölzerne Brücken, und diese fünf Brücken mündeten nach der Cité aus. Es waren dies der Pont au Change, der Pont au Meunier, der Pont Notre-Dame, der Petit-Pont und der Pont Saint-Michel.

An andern Orten, wo die Circulation nothwendig war, hatte man Fähren, welche die Stelle der Brücken vertreten mußten.

Diese fünf Brücken waren mit Häusern besetzt, wie es noch heut zu Tage der Ponte Vecchio in Florenz ist.

Unter diesen fünf Brücken, von welchen jede ihre eigene Geschichte hat, werden wir uns hauptsächlich für den Augenblick mit dem Pont Saint-Michel beschäftigen.

Der Pont Saint-Michel war im Jahr 1373 von Stein erbaut worden. Trotz seiner scheinbaren Festigkeit, stürzte er theilweise in Folge eines Auftretens der Seine am 31. Januar 1408 ein. Im Jahre 1416 von Holz wieder aufgebaut, wurde er in der Nacht vom 16. December 1547 abermals von den Fluthen fortgerissen; 1550, d. h. zweiundzwanzig Jahre vor der Zeit, zu der wir gelangt sind, baute man ihn noch einmal von Holz auf, und er galt, obgleich er bereits der Reparaturen bedurft hatte, als ziemlich fest.

Mitten unter den Häusern, welche sich die Brücke entlang an einander reihten, dem Inselchen gegenüber, auf welchem die Tempelherren verbrannt worden waren, und worauf heut zu Tage die Ausfüllung des Pont Saint-Michel ruht, bemerkte man ein Haus mit hölzernen Feldern, auf welchem sich ein breites Dach, wie das Lied eines ungeheuern Auges, herabsenkte. An dem einzigen Fenster, das sich im ersten Stocke über einem Fenster und einer hermetisch verschlossenen Thüre des Erdgeschosses öffnete, schimmerte ein röthlicher Schein durch, der die Blicke der Vorübergehenden auf die breite, niedrige, blau angemalte Facade mit reichen vergoldeten Leisten zog. Eine Art von Fries, der das erste Stockwerk von dem Erdgeschosse trennte, zeigte eine Menge von Teufeln in den groteskesten Stellungen und ein breites, wie die Facade blau angemaltes Band dehnte sich zwischen dem Fries und dem Fenster des ersten Stockes mit folgender Inschrift aus:

RENÉ, FLORENTIN,
Parfumeur de la Reine Mère

Die Thüre dieser Bude war, wie gesagt, gut verriegelt, mehr aber noch, als durch seine Riegel, vor mächtigen Angriffen durch einen so furchtbaren Ruf seines Bewohners geschützt, daß diejenigen, welche an dieser Stelle über die Brücke kamen, hier beinahe immer einen Halbkreis beschrieben, der sie zu der andern Reihe der Häuser hinüber brachte, als hätten sie befürchtet, der Geruch seiner Parfums könnte durch die Mauern bis zu ihnen dringen.

Mehr noch: die Nachbarn rechts und links hatten sich ohne Zweifel befürchtend, sie könnten durch diese Nachbarschaft gefährdet werden, seitdem sich Meister René auf dem Pont-Neuf einquartiert, in der Stille einer nach dem andern aus ihren Wohnungen geschlichen, so daß die zwei an das Haus von René stoßenden Gebäude ganz verlassen und geschlossen geblieben waren. Trotz dieser Einsamkeit und Verlassenheit jedoch hatten die Vorübergehenden in später Nacht durch die geschlossenen Läden dieser leeren Häuser gewisse Lichtstrahlen hervorspringen sehen, und sie behaupteten auch, sie hätten ein Geräusch, dem von Klagen ähnlich, gehört, was zum Beweise diente, daß einige Wesen diese zwei Häuser besuchten, nur wußte man nicht, ob sie dieser Welt oder der andern angehörten.

Die Folge hiervon war, daß die Miethsleute der an die zwei verlassenen Häuser stoßenden Gebäude sich von Zeit zu Zeit fragten, ob es nicht klug von ihnen wäre, zu thun, wie ihre Nachbarn gethan hatten.

Diesem Vorrechte des Schreckens, das sich Meister René im Publikum verschafft hatte, verdankte er es ohne Zweifel, daß er allein Feuer nach der bestimmten Stunde behalten durfte. Weder Runde noch Wache wagte es, einen Menschen zu beunruhigen, der Ihrer Majestät in seiner Eigenschaft als Landsmann und als Parfumeur doppelt theuer war.

Da wir voraussehen, daß der Leser, gepanzert durch die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts, weder an Magie, noch an Magier glaubt, so laden wir ihn ein, mit uns in diese Wohnung zu treten, welche in jener Zeit des Aberglaubens einen so tiefen Schrecken um sich her verbreitete.

Die Bude des Erdgeschosses ist düster und öde von Abends acht Uhr an, wo sie geschlossen wird, um sich nicht mehr zu öffnen bis zu einer zuweilen sehr vorgerückten Stunde des andern Tages; hier findet der tägliche Verkauf von Parfumerien, von Salben, von kosmetischen Mitteln aller Art Statt, mit welchen der geschickte Chemiker Handel treibt. Zwei Lehrlinge unterstützen ihn bei diesem Detailverkauf, aber sie schlafen nicht im Hause, sondern in der Rue de la Calandre. Abends entfernen sie sich einen Augenblick ehe der Laden geschlossen wird. Morgens gehen sie vor der Thüre auf und ab, bis man die Bude wieder öffnet.

Diese Bude des Erdgeschosses ist also, wie gesagt, düster und öde.

Die ziemlich tiefe und breite Bude hat zwei Thüren; jede führt nach einer Treppe. Die eine von diesen Treppen geht in der Wand selbst hinauf; die andere ist eine äußere und sowohl von dem Quai, den man gegenwärtig den Quai des Augustins nennt, als von dem abschüssigen Ufer, heut zu Tage Quai des Orfevres genannt, sichtbar.

Alle beide führen in die Stube des ersten Stockes.

Diese Stube ist von derselben Größe, wie die des Erdgeschosses, nur theilt sie ein in der Richtung der Brücke ausgespannte Tapete in zwei Gelasse. Im Grunde des ersten öffnet sich die Thüre, welche nach der äußern Treppe geht; an der Seitenfläche des zweiten öffnet sich die Thüre der geheimen Treppe; diese Thüre wird jedoch durch einen hohen mit Schnitzwerk verzierten Schrank verborgen, der mittelst eiserner Klammern an sie befestigt ist und aufgestoßen wird, wenn man sie öffnet. Außer René weiß nur Catharina das Geheimniß dieser Thüre; auf diesem Wege kommt und geht sie; das Ohr oder das Auge an den Schrank gelegt, in welchem Löcher angebracht sind, hört und sieht sie, was in der Stube vorgeht.

Zwei andere vollkommen sichtbare Thüren sind an den Seiten des zweiten Gelasses vorhanden. Die eine öffnet sich nach einem kleinen vom Dache aus beleuchteten Zimmer; man erblickt darin kein anderes Geräthe, als einen großen Ofen, Retorten, Destillirkolben, Schmelztiegel: das ist das Laboratorium des Alchemisten. Die andere Thüre öffnet sich nach einer Zelle, welche noch bizarrer ist, als die übrige Wohnung, denn sie ist gar nicht beleuchtet, hat weder Tapeten noch Meubles, sondern nur eine Art von Betaltar. Der Boden besteht aus Platten, welche sich von dem Mittelpunkte nach den Enden zu neigen, und an dem Fuße der Wand hin läuft eine Rinne, die nach einem Trichter ausmündet, durch dessen Oeffnung man das düstere Wasser der Seine erblickt. In Nägeln, welche an der Wand befestigt sind, hängen insgesamt schneidende und spitzige Instrumente von seltsamer Form; die Spitze ist so fein, wie die einer Nabel, die Schneide ist so scharf, wie die eines Scheermessers; die einen glänzen wie Spiegel, die andern sind im Gegentheile mattgrau oder dunkelblau. In einer Ecke zappeln mit den Füßen an einander gebunden zwei schwarze Hühner: das ist das Allerheiligste des Augurs.

Kehren wir in die Mittelstube, in die Stube mit zwei Abtheilungen zurück.

Hier wird der gemeine Haufe der Neugierigen eingeführt; hier bieten die ägyptischen Ibise, die Mumien mit den vergoldeten Binden, das Krokodill mit dem aufgesperrten Rachen an der Decke, die Todtenköpfe mit den hohlen Augen und wackelnden Zähnen, die bestaubten, auf eine ehrwürdige Weise von den Ratten zernagten Folianten dem Auge des Eintretenden das Gemische, aus dem die verschiedenen Gemüthsbewegungen entspringen, welche den Geist hindern, seinen geraden Weg zu verfolgen. Hinter dem Vorhange sind Fiolen, Schachteln, Eimer von düsterem Anblick; Alles dies wird durch zwei kleine, völlig gleiche, silberne Lampen beleuchtet, welche von irgend einem Altar von Santa-Maria-Novella oder der Kirche Dei Servi von Florenz genommen zu sein scheinen und, ein wohlriechendes Oel brennend, ihre gelbliche Helle oben von dem dunkeln Gewölbe herabwerfen, an dem jede mittelst dreier geschwärzter Kettchen aufgehängt ist.

René ist allein und geht, die Arme gekreuzt, mit großen Schritten und den Kopf schüttelnd in dem zweiten Gelasse der Mittelstube auf und ab. Nach langem schmerzlichem Nachsinnen bleibt er vor einer Sanduhr stehen.

»Ah! ah! spricht er, »ich habe vergessen sie umzudrehen, und der Sand ist vielleicht seit langer Zeit abgelaufen.«

Dann den Mond betrachtend, der sich mit großer Mühe von einer Wolke losmacht, welche auf der Spitze des Glockenthurmes von Notre-Dame zu ruhen scheint, fügt er bei:

»Neun Uhr; kommt sie, so kommt sie wie gewöhnlich in einer oder anderthalb Stunden; die Zeit wird zu Allem zureichen.«

In diesem Augenblick hörte man ein Geräusch auf der Brücke. René hielt sein Ohr an die Mündung einer langen Röhre, deren anderes Ende sich nach der Straße in Form eines kupfernen Kopfes öffnete.

»Nein,« sagte er, »sie ist es nicht; es sind Männertritte, sie halten vor meiner Thüre an, sie kommen hierher.«

Zu gleicher Zeit erschollen drei dumpfe Schläge.

René stieg rasch hinab. Er legte jedoch nur sein Ohr an die Thüre, ohne noch zu öffnen.

Die drei dumpfen Schläge wiederholten sich.

»Wer ist da?« fragte Meister René.

»Ist es durchaus nothwendig, daß wir unsere Namen sagen?« fragte eine Stimme.

»Es ist unerläßlich,« antwortete René.

»Ich heiße Graf Annibal von Coconnas,« erwiederte dieselbe Stimme, welche bereits gesprochen hatte.

»Und ich bin der Graf Lerac de la Mole,« sagte eine andere Stimme, die sich jetzt erst hörbar machte.

»Wartet, wartet, meine Herren; ich bin zu Eueren Diensten.«

Zu gleicher Zeit zog René die Riegel zurück, nahm die Balken weg, öffnete den zwei jungen Leuten die Thüre und schloß diese nur wieder mit dem Schlüssel. Dann führte er sie über die äußere Treppe in das zweite Gelaß. La Mole machte, als er eintrat, das Zeichen des Kreuzes unter seinem Mantel. Er war bleich und seine Hand zitterte, ohne daß er seine Schwäche zu überwinden vermochte.

Coconnas schaute die Sachen eine nach der andern an, und da er mitten unter seiner Prüfung die Thüre der Zelle erblickte, wollte er sie öffnen.

»Erlaubt, mein gnädiger Herr,« sprach René mit seinem ernsten Tone, seine Hand auf die von Coconnas legend, »die Besuche, welche mir die Ehre erweisen, hier einzutreten, haben nur diesen Theil des Zimmers zu genießen.«

»Ah, das ist etwas Anderes,« versetzte Coconnas, »und überdieß fühle ich, daß ich mich setzen muß.«

Und er ließ sich auf einen Stuhl nieder.

Es herrschte einen Augenblick tiefes Stillschweigen. Meister René erwartete, daß der Eine oder der Andere von den zwei jungen Leuten sich erklären würde. Während dieser Zeit hörte man den pfeifenden Athem von Coconnas, der immer noch schlecht geheilt war.

«Meister René,« sprach dieser endlich, »Ihr seid ein geschickter Mann. Sagt mir, ob ich stets von meiner Wunde verkrüppelt bleiben, d. h. ob ich stets diesen kurzen Athem haben werde, der mich verhindert, zu Pferde zu steigen, zu fechten und Speckpfannekuchen zu essen.

René näherte sein Ohr der Brust von Coconnas und horchte aufmerksam auf das Spiel der Lungen.

»Nein, Herr Graf,« sagte er, »Ihr werdet genesen.«

»In der That?«

»Ich versichere Euch.«

»Ihr macht mir Freude.«

Es trat ein abermaliges Stillschweigen ein.

»Wünscht Ihr nicht noch etwas Anderes zu wissen, mein Herr Graf?«

»Allerdings,« erwiederte Coconnas, »ich wünsche zu wissen, ob ich wirklich verliebt bin.«

»Ihr seid es.«

»Woher wißt Ihr dieß?«

»Weil Ihr fragt.«

»Mordi! ich glaube, Ihr habt Recht. Aber in wen?«

»In diejenige, welche gegenwärtig bei jeder Gelegenheit den Schwur sagt, den Ihr gesagt habt.«

»In der That,« versetzte Coconnas erstaunt, »Ihr seid ein geschickter Mann, Meister René. Nun ist es an Dir, La Mole.«

La Mole erröthete und blieb verlegen.

»Ei, der Teufel! sprich doch!« rief Coconnas.

»Sprecht!« sagte der Florentiner.

»Ich, Herr René,« stammelte La Mole, dessen Stimme allmählich ruhig wurde, »ich will Euch nicht fragen, ob ich verliebt bin; ich weiß, daß ich es bin und verberge es mir nicht. Aber sagt mir, ob man mich lieben wird, denn in der That, Alles, was Anfangs einen Gegenstand der Hoffnung für mich bildete, dreht sich jetzt gegen mich.«

»Ihr habt vielleicht nicht Alles gethan, was zu diesem Behufe nothwendig ist.«

»Was hat man Anderes zu thun, mein Herr, als durch seine Achtung und Ergebenheit der Dame seiner Gedanken zu beweisen, daß sie wirklich und innig geliebt wird.«

»Ihr wißt,« entgegnete René, »das solche Kundgebungen zuweilen sehr unbedeutend sind.«

»Dann muß man verzweifeln?«

»Nein, man muß seine Zuflucht zur Wissenschaft nehmen. Es gibt in der menschlichen Natur Antipathien, welche man besiegen, Sympathien, die man erzwingen kann. Das Eisen ist nicht der Magnet; aber wenn man es magnetisirt, zieht es ebenfalls das Eisen an.«

»Allerdings, allerdings,« murmelte La Mole, »aber ich habe einen Widerwillen gegen alle solche Beschwörungen.«

»Ah! wenn Ihr einen Widerwillen habt,« versetzte René, »dann hättet Ihr nicht kommen sollen.«

»Stille doch, Freund!« rief Coconnas, »willst Du nun das Kind spielen? Herr René, könnt Ihr mich den Teufel sehen lassen?«

»Nein, mein Herr Graf.«

»Das thut mir leid, ich wollte ihm zwei Worte sagen, und das hätte vielleicht La Mole ermutigt.«

»Wohl, es sei,« sagte La Mole, »fassen wir die Frage frei und offen an. Man hat mir von Figuren gesprochen, welche dem geliebten Gegenstande ähnlich modelliert werden. Ist dies ein Mittel?«

»Ein unfehlbares.«

»Und kann nichts bei einem solchen Versuche dem Leben oder der Gesundheit der Person, welche man liebt, schaden?«

»Nichts.«

»Versuchen wir es.«

»Soll ich anfangen?« sagte Coconnas.

»Nein,« versetzte La Mole, »da ich mich einmal in die Sache eingelassen habe, so will ich sie auch bis zu Ende führen.«

»Wünscht Ihr, glühend, gebieterisch, zu wissen, woran Ihr Euch zu halten habt, Herr de La Mole?« fragte der Florentiner.

»Oh!« rief La Mole, »es bringt mir den Tod, Meister René!«

In demselben Augenblick klopfte man leise an die Hausthüre, so leise, daß Meister René allein das Geräusch vernahm, und dieser wohl nur, weil er es erwartete.

Er näherte, ohne daß es absichtlich zu geschehen schien und zugleich einige müßige Fragen an La Mole richtend, sein Ohr der Röhre und vernahm einige Stimmtöne, die ihn zu fesseln schienen.

»Faßt nun Euer Verlangen zusammen,« sprach er, »und nennt den geliebten Gegenstand.«

La Mole kniete nieder, als ob er zu einer Gottheit gesprochen hätte, und René ging durch das erste Gelaß und schlüpfte geräuschlos auf die äußere Treppe. Einen Augenblick nachher streiften leichte Tritte den Boden der Bude.

La Mole sah, als er wieder aufstand, Meister René vor sich. Der Florentiner hielt in seiner Hand eine kleine Figurine von Wachs von ziemlich mittelmäßiger Arbeit.

»Ihr wollt immer noch von der königlichen Gebieterin Eures Herzens geliebt werden?« fragte der Parfumeur.

»Ja, und sollte es mich mein Leben kosten und sollte ich meine Seele dabei verlieren,« antwortete La Mole.

»Es ist gut,« sagte der Florentiner, nahm mit dem Ende seiner Finger ein paar Tropfen Wasser aus einem Gefäße und schüttelte sie, einige lateinische Worte sprechend, auf das Haupt der Figurine.

La Mole bebte; er begriff, daß eine Ruchlosigkeit vorging.

»Was macht Ihr?« fragte er.

»Ich taufe diese kleine Figur mit dem Namen der Person, die Ihr liebt.«

»In welcher Absicht?«

»Um die Sympathie zu gründen.«

La Mole öffnete den Mund und wollte ihn verhindern, weiter zu gehen; aber ein spöttischer Blick von Coconnas hielt ihn zurück.

René, der die Bewegung gesehen hatte, wartete.

»Es bedarf des vollen Willens,« sagte er.

»Macht fort,« erwiederte La Mole.

René zog auf einem kleinen rothen Papierstreifen einige kabalistische Charaktere, schob sie durch eine stählerne Nabel und stach mit dieser Nabel der Statuette in das Herz.

Seltsamer Weise erschien an der Oeffnung der Wunde ein Tröpfchen Blut. Dann zündete er das Papier an.

Die Wärme der Nadel machte das Wachs um diese her schmelzen und trocknete das Tröpfchen Blut.

»So wird durch die Kraft der Sympathie Eure Liebe das Herz der Frau, die Ihr liebt, durchdringen und in Flammen setzen.«

Coconnas lachte als starker Geist in seinen Schnurrbart und spottete ganz leise.

La Mole jedoch fühlte, liebend und abergläubisch, wie er war, einen eisigen Schweiß an der Wurzel seiner Haare perlen.

»Und nun,« sagte René, »und nun drückt Eure Lippen auf die der Statuette und sprecht dabei:

»»Margarethe, ich liebe Dich, komm Margarethe, komm’!««

In diesem Augenblicke hörte man die Thüre des zweiten Zimmers öffnen, und es näherten sich leichte Schritte.

Neugierig und ungläubig zog Coconnas seinen Dolch, und befürchtend, wenn er es versuchen würde, die Tapete aufzuheben, könnte ihm René dieselbe Bemerkung machen, die er ihm gemacht, als er hatte die Thüre öffnen wollen, schlitzte er mit dem Dolche die dicke Tapete und stieß, da er sein Auge an die Oeffnung gelegt hatte, einen Schrei des Erstaunens aus, den zwei Frauenschreie erwiederten.

»Was gibt es denn?« fragte La Mole, nahe daran, die Wachsfigurine fallen zu lassen, welche René nun wieder aus seinen Händen nahm.

»Die Herzogin von Nevers und Frau Margarethe sind da,« antwortete Coconnas.

»Nun wohl, Ihr Ungläubigen,« sprach René mit einem strengen Lächeln, »zweifelt Ihr immer noch an der Macht der Sympathie?«

La Mole blieb versteinert, als er seine Königin erblickte. Coconnas hatte einen Augenblick der Verblendung, da er Frau von Nevers erkannte. Der Eine bildete sich ein, die Zauberkünste von Meister René hätten das Phantom von Margarethe hervorgerufen; der Andere, als er die Thüre halb geöffnet sah, durch welche die reizenden Phantome eingetreten waren, hatte bald die Erklärung dieses Wunders in der gewöhnlichen materiellen Welt gefunden.

Während La Mole sich bekreuzte und seufzte, daß die Steine sich hätten erbarmen mögen, sah Coconnas, der alle Zeit gehabt hatte, philosophische Fragen an sich zu stellen und den bösen Geist mit Hilfe des Weihwedels zu vertreiben, den man die Ungläubigkeit nennt, als er durch die Oeffnung des verschlossenen Vorhanges das Erstaunen von Frau von Nevers und das etwas kaustische Lächeln von Margarethe wahrnahm, sah Coconnas, sagen wir, daß der Augenblick entscheidend war, und da er begriff, daß man für einen Freund sprechen kann, was man nicht für sich selbst zu sprechen wagt, ging er, statt sich an Frau von Nevers zu wenden, gerade auf Margarethe zu, setzte ein Kniee auf die Erde, auf die Art wie bei den Marktparaden der große Ataxerxes dargestellt wird, und rief mit einer Stimme, der das Pfeifen seiner Wunde einen ganz besonderen Ausdruck verlieh:

»Madame, in diesem Augenblick hat Meister René auf die Bitte meines Freundes des Grafen de La Mole, Euren Schatten beschworen. Zu meinem großen Erstaunen ist aber nun Euer Schatten begleitet von einem Körper erschienen, der mir sehr theuer ist und den ich meinem Freunde empfehle. Schatten Ihrer Majestät der Königin von Navarra, wollt die Gnade haben, dem Körper Eurer Gefährtin zu befehlen, auf die andere Seite des Vorhanges zu treten.«

Margarethe lachte und gab Henriette ein Zeichen, worauf diese auf die andere Seite ging.

»La Mole, mein Freund,« sagte Coconnas, »sei beredt wie Demosthenes, wie Cicero, und bedenke, daß es um mein Leben geht, wenn Du den Schatten der Frau Herzogin von Nevers nicht überzeugst, daß ich sein ergebenster, sein gehorsamster, sein treuester Diener bin.«

»Aber?« stammelte La Mole.

»Thue, was ich Dir sage, und Ihr, Meister René, wacht, daß uns Niemand stört.«

René that, was Coconnas von ihm verlangte.

»Mordi! mein Herr,« rief Margarethe, »Ihr seid ein Mann von Geist. Ich höre, sprecht, was habt Ihr mir zu sagen?«

»Ich habe Euch zu sagen, Madame, daß der Schatten meines Freundes, denn es ist ein Schatten, dies beweist, daß er nicht das kleinste Wörtchen von sich gibt, ich habe Euch zu sagen, daß dieser Schatten mich anfleht. von der Fähigkeit Gebrauch zu machen, von der Fähigkeit, welche die Körper besitzen, von der Fähigkeit, verständlich zu sprechen, und Euch zu sagen:

»»Schöner Schatten, der auf diese Art entkörperte Edelmann hat seinen ganzen Leib und seinen Athem durch die Strenge Eurer Augen verloren. Wäret Ihr Ihr selbst, so würde ich Meister René bitten, mich eher in einen Schwefelpfuhl zu stürzen, als daß ich eine solche Sprache gegen die Tochter von König Heinrich II., die Schwester von König Karl IX. und die Gemahlin des Königs von Navarra führte. Aber die Schatten sind frei von allem irdischen Stolze und ärgern sich nicht, wenn man sie liebt. Bittet nun Euern Körper, Madame, die Seele des armen La Mole ein wenig zu lieben, eine Seele in Noth und Pein, wenn es je eine solche gab, eine Seele Anfangs von der Freundschaft verfolgt, die ihr wiederholt mehrere Zoll Eisen in den Leib gestoßen hat, eine Seele, verbrannt durch das Feuer Eurer Augen, ein Feuer, das tausendmal verzehrender wirkt, als alle Feuer der Hölle. Habt also Mitleid mit dieser armen Seele. Liebt ein wenig das, was der schöne La Mole war, und habt Ihr kein Wort mehr, so bedient Euch der Geberde des Lächelns. Es ist eine sehr verständige Seele, die meines Freundes, und sie wird Alles begreifen. Laßt Euch herbei, Mordi! oder ich stoße meinen Degen durch den Leib von René, daß er kraft der Gewalt, die er über die Schatten besitzt, den Eurigen, den er bereits so geschickt beschworen hat, nöthigt, Dinge zu thun, die sich nicht ganz für einen so anständigen Schatten geziemen, wie Ihr mir einer zu sein scheint.«

Bei dieser Rede von Coconnas, der sich vor der Königin wie Aeneas aufgepflanzt hatte, als er in die Hölle hinabstieg, konnte sich Margarethe eines Gelächters nicht enthalten; sie schwieg jedoch, wie sich dies unter solchen Umständen für einen königlichen Schatten geziemt, und reichte Coconnas die Hand.

Dieser nahm sie zart in die seinige und rief La Mole mit den Worten:

»Schatten meines Freundes, komm’ sogleich hierher.«

La Mole gehorchte ganz erstaunt und zitternd.

»Es ist gut,« sagte Coconnas und faßte ihn hinten am Kopfe, »nähere nun den Dunst Deines schönen braunen Gesichtes dieser weißen duftigen Hand.«

Und die Geberde mit den Worten verbindend, vereinigte Coconnas diese zarte Hand mit dem Munde von La Mole und hielt sie einen Augenblick ehrfurchtsvoll an einander, ohne daß sich die Hand von dem zarten Drucke loszumachen suchte.

Margarethe hatte unablässig gelächelt; aber Frau von Nevers lächelte nicht, sie zitterte immer noch wegen der unerwarteten Erscheinung der beiden Edelleute. Sie fühlte, wie sich ihre ganze Unbehaglichkeit mit dem Fieber einer entstehenden Eifersucht vermehrte, denn es kam ihr vor, als hätte Coconnas seine Angelegenheiten nicht über denen von Andern vergessen sollen.

La Mole sah das Zusammenziehen ihrer Augenbrauen, gewahrte den drohenden Blitz ihrer Augen, und trotz der berauschenden Unruhe, die ihn bei der Wollust des Momentes erfaßte, begriff er die Gefahr, welche sein Freund lief, und errieth, was er zu versuchen hatte, um ihn derselben zu entreißen.

Er stand daher auf, ließ die Hand von Margarethe in der von Coconnas, ergriff die der Herzogin von Nevers, setzte ein Knie auf die Erde und sprach:

»Oh schöne, oh anbetungswürdigste der Frauen, ich spreche von den lebenden Frauen und nicht von den Schatten und er richtete einen Blick und ein Lächeln an Margarethe, erlaubt einer von ihrer plumpen Hülle befreiten Seele, die Abwesenheiten eines ganz durch materielle Freundschaft entrückten Körpers gut zu machen. Herr von Coconnas, den Ihr hier seht, ist nur ein Mensch, ein Mensch von sicherem festem Bau, es ist vielleicht ein schön anzuschauendes Fleisch, aber vergänglich wie alles Fleisch,omnis caro foenum. Obgleich dieser Mann vom Morgen bis zum Abend die rührendsten Litaneien in Beziehung auf Euch an mich richtet, obgleich Ihr ihn die mächtigsten Streiche habt austheilen sehen, welche so in Frankreich geführt worden sind, so wagt es doch dieser Kämpe, so stark er in der Beredsamkeit bei einem Schatten ist, nicht, mit einer Frau zu sprechen. Deshalb hat er sich an den Schatten der Königin gewendet, mich aber dabei beauftragt, zu Eurem schönen Körper zu sprechen, Euch zu sagen, daß er zu Euren Füßen sein Herz und seine Seele niederlegt, daß er bittet, Eure göttlichen Augen mögen ihn mitleidig anschauen, Eure rosigen, glühenden Finger mögen ihn durch ein Zeichen herbeirufen, Eure vibrirende, harmonische Stimme möge ihm von den Worten sagen, die man nie vergißt, oder wenn nicht, so hat er mich um Eines gebeten, er hat mich gebeten, falls er Euch nicht erweichen könnte, ihm zum zweiten Male meinen Degen in den Leib zu rennen, und das ist eine wirkliche Klinge, denn die Degen haben nur in der Sonne Schatten, ihn zu tödten, sage ich, denn er vermöchte nicht zu leben, wenn ihr ihn nicht bevollmächtigt, ausschließlich für Euch zu leben.«

So viel lustigen Aufschwung Coconnas in seine Rede gelegt hatte, eben so viel Gefühl, so viel Ergreifendes legte La Mole in seine Bitte.

Die Augen von Henriette wandten sich nun von La Mole ab, den sie die ganze Zeit, die er sprach, angehört hatte, und gingen auf Coconnas über, um zu sehen, ob der Ausdruck seines Gesichtes mit der verliebten Rede seines Freundes im Einklang stünde. Sie schien befriedigt, denn roth, heftig athmend, besiegt, sagte sie zu Coconnas mit einem Lächeln, das eine doppelte Reihe in Koralle eingefügter Zähne entblößte:

»Ist es wahr?«

»Mordi!« rief Coconnas, bezaubert durch diesen Blick und brennend von dem Feuer desselben Fluidums, »ob es wahr ist! … Oh! ja, Madame, es ist wahr, wahr bei Eurem Leben, wahr bei meinem Tode!«

»Dann kommt,« sprach Henriette und reichte ihm die Hand mit einer Hingebung, welche das Schmachten ihres Auges verrieth.

Coconnas warf seine Sammetmütze in die Luft und war mit einem Sprunge bei der jungen Frau, während La Mole seinerseits, durch eine Geberde von Margarethe herbeigerufen, ein verliebtes Chassé-Croisé mit seinem Freunde machte.

In diesem Augenblicke erschien René an der Thüre.

»Stille!« rief er mit einem Tone, der diese ganze Flamme auslöschte, »stille!«

Und man hörte in der Tiefe der Mauer das Anstreifen des in einem Schlosse ächzenden Eisens und das Geräusch einer auf ihren Angeln sich drehenden Thüre.

»Mir scheint,« sprach Margarethe stolz, »es hat Niemand das Recht, hier einzutreten, wenn wir hier sind.«

»Nicht einmal die Königin Mutter?« flüsterte ihr René in das Ohr.

Margarethe stürzte sogleich, La Mole nach sich ziehend, nach der äußeren Treppe; Henriette und Coconnas eilten ihnen, halb umschlungen, rasch nach.

Alle Vier entflogen, wie bei dem ersten indiscreten Geräusch die anmuthigen Vögel entstiegen, die man auf einem blühenden Zweige sich hat schnäbeln sehen.

XX.
Die schwarzen Hühner

Es war Zeit, daß die Paare verschwanden. Catharina steckte den Schlüssel in das Schloß der zweiten Thüre, in dem Augenblick, da Coconnas und Frau von Nevers durch den andern Eingang eilten, und Catharina konnte bei ihrem Eintritte das Krachen der Treppe unter den Tritten der Flüchtlinge hören.

Sie warf einen forschenden Blick um sich her, heftete ihr argwöhnisches Auge auf René, der sich verbeugend vor ihr stand, und fragte:

»Wer war da?«

»Liebende, die sich mit meinem Worte begnügten, als ich ihnen die Versicherung gab, daß sie sich liebten.«

»Lassen wir das,« versetzte Catharina, die Achseln zuckend, »ist sonst Niemand mehr hier?«

»Niemand, als Euere Majestät und ich.«

»Habt Ihr gethan, was ich Euch befahl?«

»In Betreff der schwarzen Hühner?«

»Ja.«

»Sie sind bereit, Madame.«

»Ah! Wenn Ihr ein Jude wäret,« murmelte Catharina.

»Ich, ein Jude, Madame, warum?«

»Weil Ihr die kostbaren Bücher lesen könntet, welche die Hebräer über die Opfer geschrieben haben. Ich habe mir eines derselben übersetzen lassen und daraus ersehen, daß die Hebräer weder in dem Herzen noch in der Leber, wie die Römer, die Vorbedeutungen suchten, sondern in der Beschaffenheit des Gehirns und in der Figuration der Buchstaben, welche durch die allmächtige Hand des Geschicks hineingezeichnet sind.«

»Ja, Madame, das habe ich auch von einem alten Rabbiner, einem Freunde von mir, gehört.«

»Es gibt,« sprach Catharina, »auf eine Weise gezeichnete Charaktere, daß sie ein ganzes prophetisches Leben enthüllen. Nur empfehlen die chaldäischen Gelehrten …«

»Empfehlen … was?« fragte René, als er sah, daß die Königin fortzufahren zögerte.

»Sie empfehlen, daß man seine Erfahrungen an menschlichen Gehirnen mache, da sie mehr entwickelt und sympathetischer mit dem Willen der um Rath Fragenden seien.«

»Ach! Madame,« sagte René, »Euere Majestät weiß wohl, daß dieses unmöglich ist.«

»Schwierig, wenigstens,« sagte Catharina, »denn wenn wir das in der Sanct-Bartholomäusnacht gewußt hätten … wie! René, was für eine reiche Ernte! Der Erste, der zum Tode verurtheilt wird … ich werde daran denken. Mittlerweile bleiben wir im Kreise des Möglichen. Ist die Opferkammer bereit?«

»Ja, Madame.«

»Gehen wir hinein.«

René zündete eine aus seltsamen Elementen verfertigte Kerze an, deren bald feiner, durchdringender, bald unangenehm betäubender Geruch die Einmischung verschiedener Stoffe kundgab; dann ging er, Catharina voranleuchtend, zuerst in die Zelle.

Catharina wählte selbst unter allen Opferinstrumenten ein Messer von blau angelaufenem Stahl, während René eines von den zwei schwarzen Hühnern holte, welche in einer Ecke ihr unruhiges Goldauge rollten.

»Wie werden wir verfahren?«

»Wir befragen die Leber des einen und das Gehirn des andern. Geben uns die zwei Versuche die gleichen Resultate, so muß man daran glauben, besonders wenn diese Resultate mit den seither erhaltenen im Einklange stehen.«

»Wo fangen wir an?«

»Mit der Leber.«

»Gut,« sagte René, und befestigte das Huhn mit zwei an den beiden Enden angebrachten Ringen so auf dem kleinen Altar, daß das auf den Rücken gelegte Thier zwar zappeln, aber sich nicht von der Stelle rühren konnte.

Catharina öffnete ihm die Brust mit einem einzigen Messerschnitte. Das Huhn stieß drei Schreie aus und verschied, nachdem es ziemlich lange gezuckt hatte.

»Immer die drei Schreie,« murmelte Catharina, »drei Todeszeichen.«

Dann öffnete sie den Leib.

»Und die Leber neigt sich nach links,« fuhr sie fort, »immer nach links, dreifacher Tod, gefolgt von dem Verluste eines Thrones. Weißt Du, René, daß das furchtbar ist?«

»Man muß sehen, Madame, ob die Zeichen des zweiten Opfers mit denen des ersten übereinstimmen?«

René machte das todte Huhn los und warf es in eine Ecke. Dann ging er auf das andere zu, welches, sein Schicksal nach dem seines Gefährten beurtheilend, sich demselben zu entziehen suchte, in der Zelle umherlief, und als es sich endlich beinahe gefangen sah, über dem Kopf von René hinflog und bei seinem Fluge die magische Kerze auslöschte, welche Catharina in der Hand hielt.

»Ihr seht es, René,« sagte die Königin, »so wird unser Geschlecht erlöschen. Der Tod wird darüber wehen und es wird verschwinden von der Oberfläche der Erde. Drei Söhne jedoch, drei Söhne …« murmelte Catharina traurig.

René nahm aus ihren Händen die ausgelöschte Kerze und zündete sie in dem anstoßenden Zimmer wieder an.

Als er zurückkam, sah er, daß das Huhn seinen Kopf in den Trichter gesteckt hatte.

»Diesmal werde ich die Schreie vermeiden,« sagte die Königin, »denn ich schneide ihm den Hals mit einem Zuge ab.«

Und als das Huhn befestigt war, schnitt ihm Catharina wirklich, wie sie es gesagt hatte, mit einem Zuge den Kopf ab. Aber bei der letzten Zuckung öffnete sich der Schnabel drei Mal und schloß sich wieder, um sich nie mehr zu öffnen.

»Siehst Du!« sagte Catharina erschrocken, »in Ermangelung von drei Schreien drei Seufzer. Alle diese Seelen, ehe sie scheiden, zählen und rufen bis auf drei. Betrachten wir jetzt die Zeichen des Gehirns.«

Catharina schlug den bleich gewordenen Kamm des Thieres ab, öffnete vorsichtig die Hirnschale und suchte, dieselben so trennend, daß die Lappen des Gehirnes entblößt blieben, die Form irgend eines Buchstabens auf den blutigen Krümmungen zu finden, welche die Theilung des Hirnmarkes zieht.

»Immer,« rief sie in ihre Hände schlagend, »immer! und diesmal ist das Vorzeichen deutlicher als je. Komm’ und sieh.«

René näherte sich.

Was für ein Buchstabe ist dies?« fragte Catharina auf ein Zeichen deutend.

»Ein H,« antwortete René.

»Wie oft wiederholt?«

René zählte.

»Viermal.«

»Nun, ist es wirklich so? Ich sehe es, das heißt Heinrich IV. Oh,« rief sie, »ich bin verflucht in meiner Nachkommenschaft.«

Sie bot einen furchtbaren Anblick, diese leichenblasse Frau, beleuchtet von der düsteren Flamme der Kerze, und die blutigen Hände krampfhaft zusammenziehend.

»Er wird regieren,« sagte sie mit einem Seufzer der Verzweiflung, »er wird regieren.«

»Er wird regieren,« wiederholte René, in eine tiefe Träumerei versunken.

Bald verschwand jedoch der finstere Ausdruck von den Zügen von Catharina bei dem Strahle eines Gedankens, der plötzlich aus dem Grunde ihres Gehirnes aufzutauchen schien.

»René,« sagte sie, die Hand nach dem Florentiner ausstreckend, ohne ihr auf die Brust geneigtes Haupt abzuwenden, »René, gibt es nicht eine furchtbare Geschichte von einem Arzte in Perugia, der auf einen Schlag mit Hilfe einer Pommade eine Tochter und den Geliebten seiner Tochter vergiftete?«

»Ja, Madame.«

»Und dieser Liebhaber war?« fuhr Catharina immer nachdenkend fort.

»Es war der König Ladislaus, Madame.«

»Uh! ja, das ist wahr,« murmelte sie. »Wißt Ihr etwas Näheres von dieser Geschichte?«

»Ich besitze ein altes Buch, welches davon handelt.«

»Wohl, gehen wir in das andere Zimmer, Ihr werdet es mir leihen.«

Beide verließen die Zelle, deren Thüre René hinter sich schloß.

»Hat mir Euere Majestät noch Befehle in Betreff neuer Opfer zu ertheilen?« fragte der Florentiner.

»Nein, René, nein; ich bin für den Augenblick hinreichend überzeugt. Wir wollen warten, bis wir uns den Kopf eines Verurtheilten verschaffen können, und am Tage der Hinrichtung unterhandelst Du mit dem Henker.«

René verbeugte sich beipflichtend, dann näherte er sich, die Kerze in der Hand, den Fächern, wo seine Bücher ausgestellt waren, stieg auf den Stuhl, nahm eines heraus und gab es der Königin.

Die Königin öffnete es.

»Was ist das?« sagte sie. »Ueber die Art, wie man gemeine Falken und Geierfalken aufzieht und füttert, damit sie tapfer, muthig und stets zur Beitze bereit seien.«

»Ah, ich bitte um Vergebung, Madame, ich täusche mich; das ist eine Abhandlung über die Jägerei von einem gelehrten Luccesen für den berühmten Castruccio Castracani abgefaßt. Es stand neben dem andern und ist auf dieselbe Weise gebunden. Ich habe mich getäuscht. Uebrigens ist es ein sehr kostbares Buch, denn es gibt nur drei Exemplare davon in der Welt: eines gehört der Bibliothek von Venedig, das andere wurde von Eurem Ahnherrn Lorenz erkauft und von Peter von Medicis dem König Karl VIII., als er nach Florenz kam, zum Geschenk überreicht, das dritte ist dieses.«

»Ich verehre es wegen seines Alters,« sprach Catharina, »gebe es Euch jedoch zurück, da ich dessen nicht bedarf.«

Und sie streckte ihre rechte Hand gegen René aus, um das andere in Empfang zu nehmen, während sie ihm mit der linken Hand das zurückgab, welches sie zuerst erhalten hatte.

Diesmal hatte sich René nicht getäuscht: es war das von ihr gewünschte Buch, René stieg herab, blätterte einen Augenblick und überreichte es ihr offen.

Catharina setzte sich an einen Tisch. René stellte eine magische Kerze zu ihr, und bei dem Schimmer der bläulichen Flamme las sie einige Zeilen mit halber Stimme.

»Gut,« sagte sie, das Buch wieder schließend, »mehr wollte ich nicht wissen.«

Sie stand auf, ließ das Buch auf dem Tische liegen und nahm nur in ihrem Innersten den Gedanken mit, der darin gekeimt hatte und zur Reife kommen sollte.

René wartete, die Kerze in der Hand, daß ihm die Königin, welche sich zu entfernen bereit schien, neue Befehle geben oder neue Fragen an ihn richten würde.

Catharina machte, den Kopf vorgebeugt, den Finger auf dem Munde, stillschweigend mehrere Schritte.

Dann blieb sie plötzlich vor René stille stehen, erhob ihr rundes, raubvogelartig starres Auge auf ihn und sagte:

»Gestehe mir, Du hast irgend einen Liebestrank für sie gemacht?«

»Für wen?« fragte René bebend.

»Für die Sauve.«

»Ich, Madame? nie.«

»Nie?«

»Bei meiner Seele! ich schwöre es Euch.«

»Es ist jedoch Magie bei der Sache, denn er liebt sie wie ein Narr, und er ist doch nicht berühmt durch seine Beständigkeit.«

»Wer, er, Madame?«

»Er, Heinrich der Verfluchte, derjenige, welcher einst meinen drei Söhnen auf dem Throne folgen, den man einst Heinrich IV. nennen wird, und der doch der Sohn von Johanna d’Albret ist.«

Und Catharina begleitete diese letzten Worte mit einem Seufzer, der René schauern machte; denn er erinnerte ihn an die berüchtigten Handschuhe, die er auf Befehl von Catharina für die Königin von Navarra gemacht hatte.

»Er kommt also immer noch zu ihr?« fragte René.

»Immer noch,« sagte Catharina.

»Ich glaubte, der König von Navarra wäre gänzlich zu seiner Gemahlin zurückgekehrt.«

»Komödie, René, Komödie. Ich weiß nicht, wozu dies dienen soll, aber Alles vereinigt sich, um mich zu täuschen. Meine Tochter selbst erklärt sich gegen mich; vielleicht hofft sie auch auf den Tod ihrer Brüder, vielleicht hofft sie auch Königin von Frankreich zu werden.«

»Ja, vielleicht,« sprach René, in seine Träumerei zurückgeworfen und sich zum Echo des furchtbaren Zweifels von Catharina machend.

«Nun, wir werden sehen,« sagte Catharina; und sie ging nach der Thüre im Hintergrunde, da sie es ohne Zweifel für überflüssig hielt, die Geheimtreppe hinabzusteigen, insofern sie sicher sein konnte, daß sie allein war.

René schritt voraus, und einige Augenblicke später befanden sich Beide in der Bude des Parfumeur.

»Du hast mir neue kosmetische Mittel für meine Hände und für meine Lippen versprochen, René« sagte die Königin, »es kommt der Winter, und Du weißt, daß meine Haut sehr empfindlich für die Kälte ist.«

»Ich habe mich bereits damit beschäftigt, Madame, und werde sie Euch morgen bringen.«

»Morgen Abend findest Du mich nicht vor neun Uhr oder zehn Uhr. Den Tag hindurch verrichte ich meine Andachtsübungen.«

»Gut, Madame, ich werde um neun Uhr im Louvre sein.«

»Frau von Sauves hat schöne Hände und schöne Lippen; was für einen Teig gebraucht sie?«

»Für ihre Hände.«

»Ja, einmal für ihre Hände.«

»Pâte à l'Héliotrope.«

»Und für ihre Lippen?«

»Für ihre Lippen will sie sich des neuen Opiats bedienen, das ich erfunden habe, und wovon ich morgen eine Schachtel Eurer Majestät zu gleicher Zeit, wie ihr, zu überbringen beabsichtigte.«

Catharina blieb einen Augenblick nachdenkend.

»Uebrigens ist sie schön,« sprach die Königin, beständig ihre geheimen Gedanken beantwortend, »und man darf sich über diese Leidenschaft des Bearners nicht wundern.«

»Und besonders Euerer Majestät ergeben,« sagte René, »wenigstens wie ich glaube.«

Catharina lächelte und zuckte die Achseln.

»Wenn eine Frau liebt,« sagte sie, »ist sie irgend Niemand ergeben, außer ihrem Geliebten? Du hast ihr einen Liebestrank gemacht, René.«

»Ich schwöre Euch, nein, Madame.«

»Lassen wir das gut sein. Zeige mir das neue Opiat, von dem Du sprachst, und das ihr die Lippen noch frischer und rosiger machen soll.«

René näherte sich einem Lichtstrahle und zeigte Catharina sechs neben einander gereihte, kleine, runde silberne Kapseln.

»Das ist der einzige Liebestrank, den sie von mir verlangt hat,« sagte René. »Ich habe ihn allerdings, wie Euere Majestät sagt, ausdrücklich für sie bereitet, denn sie hat so feine, zarte Lippen, daß sie gleich sehr beim Winde und bei der Sonne aufspringen.«

Catharina öffnete eine von den Kapseln; sie enthielt einen Teig von dem reizendsten Karmin.

»René,« sprach sie, »gib mir Teig für meine Hände; es fehlt mir, und ich will davon mitnehmen.«

René entfernte sich mit der Kerze und suchte in einem besondern Fache, was die Königin von ihm verlangte. Als er sich jedoch schnell umwandte, glaubte er zu bemerken, wie Catharina mittelst einer raschen Bewegung eine Kapsel nahm und unter ihrem Mantel verbarg. Er war zu sehr vertraut mit solchen Entwendungen der Königin Mutter, um so ungeschickt zu sein, sich den Anschein zu geben, als hätte er es bemerkt. Er nahm den verlangten Teig, welcher in einem mit Lilien bemalten Papiere enthalten war, und überreichte ihn der Königin.

»Ich danke, René.« sprach Catharina. Dann nach kurzem Stillschweigen: »Bringe dieses Opiat Frau von Sauves erst in acht bis zehn Tagen. Ich will die Erste sein, die einen Versuch damit macht.«

Und sie schickte sich an, abzugehen.

»Soll ich Euere Majestät zurückführen?« fragte René.

»Nur bis an das Ende der Brücke,« antwortete Catharina, »meine Edelleute erwarten mich dort mit einer Sänfte.«

Beide entfernten sich und erreichten die Ecke der Rue de la Barillerie, wo vier Edelleute zu Pferde und eine Sänfte ohne Wappen Catharina erwarteten.

Als René wieder nach Hause kam, war es seine erste Sorge, seine Opiatkapseln zu zählen. Es fehlte eine.

XXI.
Die Wohnung von Frau von Sauves

Catharina hatte sich in ihrem Verdachte nicht getäuscht. Heinrich nahm seine Gewohnheiten wieder an und begab sich jeden Abend zu Frau von Sauve. Anfangs führte er seine Gänge mit dem größten Geheimniß aus; allmählich aber legte er sein Mißtrauen wieder ab und vernachlässigte seine Vorsichtsmaßregeln, so daß Catharina keine Mühe hatte, sich zu überzeugen, wie die Königin von Navarra dem Namen nach Margarethe, der That nach Frau von Sauves zu sein fortfuhr.

Wir haben am Anfange dieser Geschichte ein paar Worte von der Wohnung der Frau von Sauves gesagt; aber die von Dariole dem König von Navarra geöffnete Thüre verschloß sich wieder hermetisch, so daß diese Wohnung, der Schauplatz der geheimnisvollen Liebschaft des Bearners, uns völlig unbekannt ist.

Nach Art derjenigen, welche die Fürsten ihren Tischgenossen in den Palästen geben, die sie bewohnen, um so im Bereiche ihrer Hand zu haben, war diese Wohnung kleiner und minder bequem, als irgend eine in der Stadt gewesen wäre. Sie lag, wie man weiß, im zweiten Stocke ungefähr über der von Heinrich, und die Thüre öffnete sich auf einen Gang, dessen Ende von einem Bogenfenster mit kleinen in Blei eingelassenen Scheiben beleuchtet wurde, das selbst in den schönsten Tagen des Jahres nur ein zweifelhaftes Licht durchdringen ließ. Im Winter mußte man schon um drei Uhr Nachmittags eine Lampe anzünden, welche, da sie im Sommer wie im Winter die gleiche Quantität Oel erhielt, gegen zehn Uhr Abends erlosch und somit, wenn die Wintertage erschienen waren, den zwei Liebenden eine größere Sicherheit verlieh.

Ein kleines Vorzimmer mit Seidendamast mit großen, gelben Blumen tapezirt, ein Empfangszimmer mit blauem Sammet ausgeschlagen, ein Schlafzimmer, dessen Bett mit seinen gedrehten Säulen und kirschrothen Atlaßvorhängen den in dem Raume hinter demselben stehenden Ankleidespiegel und zwei Gemälde, die Liebschaften von Venus und Adonis vorstellend, verbarg … dies war die Wohnung, heut zu Tage würde man sagen das Nest der reizenden Kammerdame von Königin Catharina von Medicis.

Bei näherem Suchen hätte man auch einer mit allen erforderlichen Gegenständen versehenen Toilette gegenüber in einem düstern Winkel dieses Zimmers die kleine Thüre gefunden, welche sich nach einem Betzimmer öffnete, worin auf zwei Aufsätzen sich ein Betpult erhob. In diesem Zimmer hingen an der Wand, gleichsam zur Rüge der zwei von uns erwähnten mythologischen Bilder, mehrere Gemälde der exaltirtesten geistlichen Natur. Zwischen diesen Gemälden sah man an vergoldeten Nägeln Frauenwaffen; denn in jener Zeit geheimnisvoller Intriguen trugen die Frauen Waffen wie die Männer und bedienten sich derselben eben so geschickt wie diese.

An diesem Abend, zwei Tage nach der Nacht, in der bei Meister René die von uns erzählten Scenen vorgefallen waren, saß Frau von Sauves in ihrem Zimmer auf einem Ruhebette, erzählte Heinrich von ihren Befürchtungen und ihrer Liebe, und führte ihm als Beweis dieser Befürchtungen und dieser Liebe die Aufopferung an, die sie in der bekannten Nacht an den Tag gelegt, welche auf die Sanct-Bartholomäusnacht gefolgt war, in jener Nacht, die, wie man sich erinnern wird, Heinrich bei seiner Gemahlin zugebracht hatte.

Heinrich drückte ihr seinerseits seine Dankbarkeit aus. Frau von Sauves war reizend an diesem Abend in ihrem batistenen Nachtgewande, und Heinrich war sehr dankbar.

Mitten unter Allem dem blieb Heinrich, wirklich verliebt, träumerisch. Frau von Sauves, welche endlich von ganzem Herzen die ihr von Catharina empfohlene Liebe umfaßt hatte, schaute Heinrich oft an, um zu sehen, ob seine Augen mit seinen Worten im Einklange stünden.

»Laßt hören, Heinrich,« sprach Frau von Sauves, »seid aufrichtig. Als Ihr jene Nacht in dem Cabinet Ihrer Majestät der Königin von Navarra mit Herrn de La Mole zu Eueren Füßen zubrachtet, bedauertet Ihr da nicht, daß dieser Edelmann sich zwischen Euch und dem Schlafzimmer der Königin befand?«

»Ja, in der That, meine Geliebte,« sprach Heinrich, »denn ich mußte nothwendig durch dieses Zimmer schreiten, um in das zu gehen, wo ich mich so wohl befinde, und wo ich in diesem Augenblick so glücklich bin.«

Frau von Sauves lächelte.

»Und Ihr seid nie mehr seitdem dahin zurückgekehrt?«

»Wie oft habe ich es Euch gesagt.«

»Und Ihr werdet nie dahin zurückkehren, ohne es mir zu sagen?«

»Nie.«

»Würdet Ihr es mir schwören?«

»Ja, gewiß, wenn ich noch Hugenott wäre.«

»Aber?«

»Aber die katholische Religion, deren Dogmen ich in diesem Augenblick erlerne, hat mich gelehrt, daß man nie schwören soll.«

»Gascogner!« rief Frau von Sauves, den Kopf schüttelnd.

»Aber Ihr, Charlotte,« sprach Heinrich, »wenn ich Euch fragte, würdet Ihr meine Fragen beantworten?«

»Ganz gewiß,« antwortete die junge Frau, »ich habe Euch nichts zu verbergen.«

»Laßt hören, Charlotte,« sagte der König, »erklärt mir aufrichtig, wie es gekommen ist, daß Ihr nach dem verzweiflungsvollen Widerstande, der meiner Verheirathung vorherging, minder grausam gegen mich geworden seid, gegen mich, der ich ein linkischer Bearner, ein lächerlicher Provinzmensch, der ich ein Prinz bin, zu arm, um die Juwelen seiner Krone glänzend zu erhalten.«

»Heinrich,« sagte Charlotte, »Ihr fordert von mir den Schlüssel zu dem Räthsel, den seit dreitausend Jahren die Philosophen aller Länder suchen; Heinrich, fragt nie eine Frau, warum sie Euch liebe, begnügt Euch, sie zu fragen: liebt Ihr mich?«

»Liebt Ihr mich, Charlotte?« fragte Heinrich.

»Ich liebe Euch,« antwortete Frau von Sauves mit einem reizenden Lächeln, und ließ ihre schöne Hand in die ihres Geliebten fallen.

Heinrich behielt diese Hand.

»Aber,« fuhr er seinen Gedanken verfolgend fort, »aber wenn ich dieses Wort, das die Philosophen vergebens seit dreitausend Jahren suchen, errathen hätte?… wenigstens in Beziehung auf Euch, Charlotte?«

Frau von Sauves erröthete.

»Ihr liebt mich,« sagte Heinrich, »ich habe Euch folglich nichts Anderes zu fragen, und halte mich für den glücklichsten Menschen der Welt. Aber Ihr wißt, es fehlt zum Glücke immer etwas. Adam fand sich mitten im Paradies nicht glücklich, und er biß in den elenden Apfel, der uns Alle das Bedürfnis der Neugierde mitgeheilt hat, welche bewirkt, daß jeder sein Leben mit Aufsuchung von einem unbekannten Etwas zubringt. Sagt mir, meine Geliebte, wenn Ihr mir das meinige finden helfen wollt, hat Euch nicht die Königin Catharina zuerst beauftragt, mich zu lieben?«

»Heinrich,« versetzte Frau von Sauves, »sprecht leiser wenn Ihr von der Königin Mutter reden wollt.«

»Oh!« erwiederte Heinrich mit einer Sicherheit, von dem Frau von Sauves selbst getäuscht wurde, »früher war es rathsam für mich, ihr zu mißtrauen, dieser guten Mutter, als wir noch schlecht mit einander standen; aber nun, da ich der Gatte ihrer Tochter bin…«

»Der Gemahl von Frau Margarethe,« sagte Charlotte, vor Eifersucht erröthend.

»Sprecht ebenfalls leise. Nun, da ich der Gemahl ihrer Tochter bin, sind wir die besten Freunde der Welt. Was wollte man? daß ich Katholik werde, wie es scheint. Nun wohl, die Gnade hat mich berührt, und durch die Vermittlung des heiligen Bartholomäus bin ich es geworden. Wir leben jetzt in der Familie wie gute Brüder, wie gute Christen.«

»Und die Königin Margarethe?«

»Die Königin Margarethe? sie ist das Band, welches uns Alle einigt.«

»Aber Ihr sagtet mir, Heinrich, die Königin von Navarra wäre zur Vergeltung des Opfers, das ich ihr gebracht habe, edelmüthig gegen mich gewesen. Wenn Ihr wahr gesprochen, wenn dieser Edelmuth, wofür ich ihr eine so große Dankbarkeit gelobt habe, wirklich vorhanden ist, so bildet sie nur ein leicht zu brechendes Band der Convention. Ihr könnt also nicht auf diese Stütze bauen, denn mit Eurer angeblichen Innigkeit habt Ihr auf Niemand einen großen Eindruck hervorgebracht.«

»Ich baue doch darauf, und es ist seit drei Monaten das Kopfkissen, auf welchem ich schlafe.«

»Dann habt Ihr mich getäuscht,« rief Frau von Sauves, »dann ist Frau Margarethe wirklich Eure Gattin.«

Heinrich lächelte.

»Hört, Heinrich,« sprach Frau von Sauves, »das ist jenes Lächeln, welches mich in Verzweiflung bringt, ein Lächeln, wobei mich, obgleich Ihr König seid, zuweilen eine grausame Lust erfaßt, Euch die Augen auszureißen.«

»Dann gelingt es mir doch,« sprach Heinrich, »mit dieser vorgeblichen Innigkeit Eindruck zu machen, da es Augenblicke gibt, wo Ihr mir, mag ich immerhin König sein, mir die Augen ausreißen wollt, weil Ihr glaubt, sie bestehe.«

»Heinrich, Heinrich!« rief Frau von Sauves, »ich glaube, Gott selbst weiß nicht, was Ihr denkt.«

»Ich denke, mein Liebchen!« sprach Heinrich, »Catharina sagte Euch zuerst, Ihr solltet mich lieben, dann sagte es Euch Euer Herz; und wenn diese zwei Stimmen zu Euch sprechen, so hört Ihr nur mehr auf die Eures Herzens. Nun liebe ich Euch auch, und zwar von ganzer Seele, gerade deshalb aber würde ich Euch, wenn ich Geheimnisse hätte, dieselben nicht anvertrauen, aus Furcht, Euch zu gefährden… denn die Freundschaft der Königin ist veränderlich, es ist die … einer Schwiegermutter.«

Dies entsprach nicht den Wünschen von Charlotte. Es kam ihr vor, als ob der Schleier, der sich zwischen ihr und ihrem Geliebten verdichtete, so oft sie die Abgründe dieses Herzens ohne Boden sondieren wollte, die Festigkeit einer Mauer annehmen und sie von einander trennen würde. Charlotte fühlte bei dieser Antwort Thränen in ihren Augen, und da es in demselben Momente zehn Uhr schlug, so sagte sie:

»Sire, es ist die Stunde, mich zu Bette zu legen. Mein Dienst ruft mich morgen sehr früh zur Königin Mutter.«

»Ihr treibt mich also diesen Abend fort, meine Geliebte?« versetzte Heinrich.

»Heinrich, ich bin traurig, und da ich traurig bin, so würdet Ihr mich widrig finden, und die Widrige würdet Ihr nicht mehr lieben. Ihr seht also, daß es besser ist, wenn Ihr Euch entfernt.«

»Es sei,« sprach Heinrich, »ich gehe, wenn Ihr es verlangt, Charlotte aber Ventre-saint-gris! Ihr bewilligt mir wohl die Gunst, Eurer Toilette beizuwohnen?«

»Aber, Sire, laßt Ihr nicht die Königin Margarethe warten, wenn Ihr derselben beiwohnt?«

»Charlotte,« erwiederte Heinrich mit ernstem Tone, »es war unter uns ausgemacht, nie von der Königin von Navarra zu sprechen, und diesen Abend scheint es mir, haben wir nur von ihr gesprochen.«

Frau von Sauves seufzte und setzte sich vor ihre Toilette. Heinrich nahm einen Stuhl, zog ihn bis zu dem, welcher seiner Geliebten als Sitz diente, legte ein Knie darüber und sagte, sich auf die Lehne stützend.

«Vorwärts, meine gute kleine Charlotte, daß ich sehe, wie Ihr Euch schön macht, schön für mich, was Ihr auch sagen mögt. Mein Gott, wie viele Dinge, wie viele Töpfe und Parfumerien, wie viele Sacke mit Pulvern, wie viele Phiolen, wie viele Räucherpfännchen!«

»Das scheint viel zu sein,« versetzte Charlotte seufzend, »und dennoch ist es zu wenig; denn mit Allem dem habe ich noch nicht das Mittel gefunden, allein über das Herz Eurer Majestät zu herrschen.«

»Stille, stille,« sprach Heinrich, »verfallen wir nicht wieder in die Politik. Wozu ist dieser kleine, zarte, feine Pinsel? nicht etwa, um damit die Augenbraunen meines olympischen Jupiters zu malen?«

»Ja, Sire,« antwortete Frau von Sauves lächelnd, »Ihr habt es mit einem Male errathen.«

»Und dieser hübsche, kleine elfenbeinerne Rechen?«

»Um die Linie der Haare zu ziehen.«

»Und diese reizende silberne Kapsel mit dem ciselirten Deckel?«

»Oh! das ist eine Sendung von René, Sire. Es ist das berühmte Opiat, das er mir seit so langer Zeit verspricht, um die Lippen noch milder zu machen, welche Eure Majestät zuweilen süß zu finden die Güte hat.«

Um zu bestätigen, was die reizende Frau gesagt hatte, deren Stirne sich immer mehr erheiterte, je mehr man sie auf das Gebiet der Coquetterie brachte, drückte Heinrich seine Lippen auf die, welche Frau von Sauves aufmerksam in ihrem Spiegel betrachtete.

Charlotte streckte die Hand nach der Kapsel aus, welche der Gegenstand obiger Erklärung gewesen war, ohne Zweifel, um Heinrich zu zeigen, wie man den rothen Teig anwandte, als ein dumpfer Schlag an die Thüre des Vorzimmers die zwei Liebenden beben machte.

»Man klopft, Madame,« sagte Dariole, den Kopf durch die Oeffnung des Thürvorhanges steckend.

»Sieh nach, wer klopft, und komm zurück,« sprach Frau von Sauve.

Heinrich und Charlotte schauten sich unruhig an. Heinrich wollte sich in das Betzimmer zurückziehen, in welchem er schon mehr als ein Mal eine Zufluchtsstätte gefunden hatte, als Dariole wieder erschien.

»Madame,« sagte sie, »es ist Meister René der Parfumeur.«

Bei diesem Namen runzelte Heinrich die Stirne und kniff sich unwillkührlich die Lippen.

»Soll ich ihn abweisen lassen?« fragte Charlotte.

»Nein,« erwiederte Heinrich, »Meister René thut nichts, ohne zuvor überlegt zu haben, was er thut. Kommt er zu Euch, so hat er hierzu seine Gründe.«

»Wollt Ihr Euch verbergen?«

»Ich werde mich wohl hüten. Meister René weiß Alles, und Meister René weiß auch, daß ich hier bin.«

»Aber ist Euerer Majestät nicht aus irgend einem Grunde seine Gegenwart schmerzlich?«

»Mir?« sprach Heinrich, mit einer Anstrengung, die er trotz seiner Selbstbeherrschung nicht ganz verbergen konnte, »mir, ganz und gar nicht. Wir standen kalt mit einander, aber seit dem Sankt-Bartholomäus-Abend haben wir uns ausgesöhnt.«

»Laß ihn eintreten,« sagte Frau von Sauves zu Dariole.

Einen Augenblick nachher erschien René und umfaßte mit einem Male das ganze Zimmer.

Frau von Sauves war immer noch vor ihrer Toilette.

Heinrich hatte seinen Platz wieder auf dem Ruhebette genommen.

Charlotte befand sich im Licht, Heinrich im Schatten.

»Madame,« sprach René mit einer achtungsvollen Vertraulichkeit, »ich komme, um mich bei Euch zu entschuldigen.«

»Worüber, René?« fragte Frau von Sauves mit der Herablassung, welche schöne Frauen stets für diese Welt von Lieferanten haben, die sie umgibt und dazu dient, sie noch hübscher zu machen.

»Darüber, daß ich Euch seit so langer Zeit versprochen hatte, für diese schönen Lippen zu arbeiten, und daß ich …«

»Und daß Ihr Euer Versprechen erst heute gehalten habt,« sprach Charlotte.

»Erst heute!« wiederholte René.

»Ja, erst heute und zwar diesen Abend habe ich die Kapsel erhalten, die Ihr mir überschicktet.«

»Ah, in der That,« versetzte René mit einem seltsamen Ausdrucke die kleine Opiatkapsel anschauend, die auf dem Tische von Frau von Sauves stand und in allen Punkten denjenigen ähnlich war, die er in seinem Magazin hatte.

»Ich hatte es errathen,« murmelte er. »Und Ihr habt Euch des Opiats bedient?

»Nein, noch nicht, ich wollte es versuchen, als Ihr eintratet.«

Das Gesicht von René nahm einen träumerischen Ausdruck an, der Heinrich nicht entging, … es entgingen ihm überhaupt nur sehr wenige Dinge.

»Nun, René, was habt Ihr denn?« fragte der König.

»Ich? nichts, Sire,« antwortete der Parfumeur. »Ich warte in Demuth, bis Euere Majestät das Wort an mich richtet, ehe ich von der Frau Baronin Abschied nehme.«

»Ei, stille doch,« sagte Heinrich lächelnd, »bedürft Ihr meiner Worte, um zu wissen, daß ich Euch mit Vergnügen sehe?«

René schaute um sich her, machte einen Gang durch das Zimmer, als wollte er mit dem Auge und mit dem Ohre die Thüren, die Vorhänge und Tapeten sondieren, stellte sich dann so, daß er mit einem Blicke Frau von Sauves und Heinrich überschaute und erwiederte:

»Ich weiß es nicht.«

Durch den wunderbaren Instinkt, der ihn wie ein sechster Sinn während des ganzen ersten Theiles seines Lebens mitten unter den Gefahren, von denen er umgeben war, leitete, aufmerksam gemacht, daß in diesem Augenblick etwas Sonderbares vorging, was einem inneren Kampfe des Parfumeur glich, wandte sich Heinrich gegen diesen um und sagte zu ihm, immer noch im Schatten verweilend, während das Gesicht des Florentiners völlig im Lichte war:

»Ihr zu dieser Stunde hier, René?«

»Sollte ich so unglücklich sein, Eure Majestät zu belästigen?« erwiederte der Parfumeur und machte einen Schritt rückwärts.

»Nein; ich wünsche nur Eines zu wissen.«

»Was, Sire?«

»Hofftet Ihr mich hier zu treffen?«

»Ich wußte es gewiß.«

»Ihr suchtet mich also?«

»Ich bin wenigstens glücklich, Euch zu finden.«

»Ihr habt mir etwas zu sagen?«

»Vielleicht, Sire,« antwortete René.

Charlotte erröthete, denn sie hatte bange, diese Offenbarung, welche der Parfumeur machen zu wollen schien, könnte sich auf ihr früheres Benehmen gegen Heinrich beziehen. Sie stellte sich daher, als ob sie nichts gehört hätte, und rief, das Gespräch unterbrechend und die Opiatkapsel öffnend:

»Ah, in der That René, Ihr seid ein vortrefflicher Mann; dieser Teig hat eine wundervolle Farbe, und um Euch Ehre zu machen, will ich in Eurer Gegenwart Euer neues Produkt versuchen.

Und sie nahm die Kapsel mit einer Hand, während sie mit der Fingerspitze der andern über den rosigen Teig hinstrich, der von dem Finger an ihre Lippen übergehen sollte.

René bebte.

Die Baronin näherte lächelnd das Opiat ihrem Munde.

René erbleichte.

Heinrich, immer noch im Schatten, aber die Augen starr und glühend, verlor, weder eine Bewegung der Einen, noch ein Beben des Andern.

Die Hand von Charlotte hatte nur noch einige Linien zu durchlaufen, um ihre Lippen zu berühren als René sie in demselben Augenblick beim Arm ergriff, in welchem Heinrich aufstand, um dies ebenfalls zu thun.

Heinrich sank geräuschlos auf sein Ruhebett zurück.

»Einen Augenblick, Madame,« sprach René mit einem gezwungenen Lächeln, »Ihr solltet dieses Opiat nicht ohne einige besondere Vorschriften anwenden.«

»Wer wird mir diese besonderen Vorschriften geben.«

»Ich.«

»Wann dieß?«

«Sobald ich mit dem zu Ende bin, was ich Seiner Majestät dem König von Navarra zu sagen habe.«

Charlotte machte große Augen. Sie begriff nichts von der geheimnisvollen Sprache, welche um sie her gesprochen wurde, und verharrte, die Opiatkapsel in einer Hand haltend und das Ende ihres durch den karminfarbigen Teig gerötheten Fingers betrachtend.

Heinrich stand auf und nahm, bewogen durch einen Gedanken, der wie alle die des jungen Königs zwei Seiten hatte, eine, welche oberflächlich zu sein schien, eine andere, welche tief war, er nahm, sagen wir, die Hand von Charlotte und machte, so geröthet sie auch war, eine Bewegung, um sie an seine Lippen zu führen.

»Einen Augenblick,« sprach René lebhaft, »einen Augenblick; habt die Güte, Madame, Eure Hände mit dieser neapolitanischen Seife zu waschen, die ich Euch zugleich mit dem Opiat zu schicken vergaß und Euch selbst zu überbringen die, Ehre habe.«

Und er zog aus einer silbernen Umhüllung ein Täfelchen Seife von grünlicher Farbe hervor, legte es in ein Becken von Vermeil, goß Wasser dazu und überreichte ein Knie auf der Erde, das Ganze Frau von Sauve.

»In der That, Meister René, ich erkenne Euch nicht mehr,« sprach Heinrich, »Ihr seid von einer Galanterie, durch die Ihr alle Stutzer des Hofes hinter Euch laßt.«

»Oh, was für ein köstlicher Geruch!« rief Charlotte, während sie ihre schönen Hände mit dem weißen Schaume rieb, der sich von dem balsamischen Täfelchen löste.

René erfüllte seine Funktionen als dienender Cavalier bis zum Ende, und reichte Frau von Sauves eine Serviette von feiner Leinwand, womit sie sich die Hände abtrocknete.

»Und nun,« sprach der Florentiner zu Heinrich, »nun thut nach Eurem Belieben, Sire.«

Charlotte reichte ihre Hand Heinrich, der sie küßte, und während Charlotte sich halb auf ihrem Sitze umwandte, um zu hören, was René sagen würde, nahm der König von Navarra seinen Platz wieder ein, mehr als je überzeugt, daß in dem Geiste des Florentiners etwas Außerordentliches vorging.

»Nun?« fragte Charlotte.

Der Florentiner schien seine ganze Entschlossenheit zusammenzufassen und wandte sich gegen Heinrich.

Fünftes bis achtes Bändchen

I.
Sire, Ihr werdet König sein

Sire,« sprach René zu Heinrich, »ich komme, um mit Euch über eine Sache zu sprechen, die mich seit geraumer Zeit beschäftigt.«

»Ueber Parfumerien?« versetzte Heinrich lächelnd

»Nun wohl, ja, Sire … über Parfumerien, Sire …« antwortete René mit einem sonderbaren Zeichen der Einstimmung.

»Sprecht, ich höre, es ist dies ein Gegenstand, für den ich mich stets ungemein interessirt habe.«

René schaute Heinrich an und versuchte es trotz seiner Worte in diesem undurchdringlichen Geiste zu lesen; als er aber sah, daß es völlig vergeblich war, fuhr er fort:

»Einer meiner Freunde, Sire, kommt von Florenz an; dieser Freund beschäftigt sich viel mit Astrologie.«

»Ja,« unterbrach ihn Heinrich, »ich weiß, das ist eine Leidenschaft der Florentiner.«

»Er hat in Gesellschaft der ersten Gelehrten der Welt die Horoskope der vornehmsten Herren Europas gezogen.«

»Oh, oh!« rief Heinrich.

»Und da das Haus Bourbon an der Spitze der höchsten Häuser steht, insofern es von dem Grafen von Clermont, dem fünften Sohne des heiligen Ludwig, abstammt, so kann sich Euere Majestät wohl denken, daß das Ihrige nicht vergessen worden ist.«

Heinrich hörte noch aufmerksamer.

»Und Ihr erinnert Euch dieses Horoskops?« fragte der König von Navarra mit einem Lächeln, das er gleichgültig zu machen suchte.

»Oh!« versetzte René den Kopf schüttelnd, »Euer Horoskop gehört nicht zu denjenigen, welche man vergißt.«

»In der That!« rief Heinrich mit einer ironischen Geberde.

»Ja, Sire, Eure Majestät ist nach den Ausdrücken des Horoskops zu dem glänzendsten Geschicke berufen.«

Das Auge des jungen Fürsten schoß einen unwillkürlichen Blitz, der beinahe eben so schnell wieder in einer Wolke der Gleichgültigkeit erlosch.

»Alle diese italienischen Orakel sind Schmeichler,« sprach Heinrich, »und wer sagt Schmeichler, sagt auch Lügner. Gibt es nicht solche Orakel, welche mir prophezeiten, ich würde Heere befehligen?«

Und er brach in ein Gelächter aus. Aber ein minder mit sich selbst beschäftigter Beobachter, als es René in diesem Augenblicke war, hätte die Anstrengung dieses Lachens gesehen und erkannt.

»Sire,« sagte René kalt, »das Horoskop kündigt noch etwas Besseres an, als dies.«

»Kündigt es etwa an, daß ich an der Spitze von einem dieser Heere Schlachten gewinnen werde?«

»Noch etwas Besseres, Sire.«

»Sprecht,« sagte Heinrich, »am Ende werde ich noch ein Eroberer seyn?’

»Sire, Ihr werdet König seyn.«

»Ei, Ventre-saint-gris!« rief Heinrich, ein heftiges Schlagen seines Herzens zurückdrängend, »bin ich's denn noch nicht?«

»Sire, mein Freund weiß, was er verspricht: Ihr werdet nicht nur König seyn, sondern auch regieren.«

»Ah!« versetzte Heinrich mit seinem spöttischen Tone, »dann braucht Euer Freund zehntausend Goldthaler, nicht wahr, René? denn eine solche Prophezeiung ist in gegenwärtigen Zeitläuften für den Ehrgeiz sehr willkommen. Hört, René, da ich nicht reich bin, so gebe ich Eurem Freunde fünf sogleich und fünf weitere, wenn sich die Prophezeiung verwirklicht hat.«

»Sire,« sprach Frau von Sauves, »vergeßt nicht, daß Ihr Euch bereits gegen Dariole verpflichtet habt, und überlastet Euch nicht mit Versprechungen.«

»Madame,« versetzte Heinrich, »ist der Augenblick gekommen, so wird man mich hoffentlich als König behandeln, und jeder wird sehr zufrieden seyn, wenn ich die Hälfte von dem halte, was ich versprochen habe.«

»Sire,« sprach René, »ich fahre fort.«

»Oh, das ist noch nicht Alles!« rief Heinrich, »wenn ich Kaiser bin, gebe ich das Doppelte.«

»Sire, mein Freund kommt also von Florenz mit diesem Horoskop zurück, findet, dasselbe erneuernd, stets dieselben Resultate und vertraut mir ein Geheimniß an.«

»Ein Geheimniß, das Seine Majestät interessirt?« fragte Charlotte lebhaft.

»Ich glaube,« erwiederte der Florentiner.

»Er sucht seine Worte,« dachte Heinrich, ohne René zu unterstützen, »es scheint, die Sache ist schwer zu sagen?«

»Dann sprecht,« versetzte die Baronin von Sauve, »um was handelt es sich?«

»Es handelt sich,« antwortete der Florentiner, alle seine Worte eines nach dem andern abwägend, »es handelt sich um die verschiedenen Vergiftungsgerüchte, welche seit einiger Zeit am Hofe im Umlaufe gewesen sind.«

Eine leichte Ausdehnung der Nasenflügel des Königs von Navarra war die einzige Andeutung seiner wachsenden Aufmerksamkeit bei dieser raschen Wendung, welche das Gespräch nahm.

»Und Euer Freund, der Florentiner?« fragte Heinrich, »hat er genauere Kunde über diese Vergiftung?«

»Ja, Sire.«

»Wie könnt Ihr mir ein Geheimniß anvertrauen, das nicht das Eurige ist, René, besonders ein Geheimniß von so großer Wichtigkeit?« sagte Heinrich in dem natürlichsten Tone, den er anzunehmen vermochte.

»Dieser Freund hat Euere Majestät um einen Rath zu bitten?«

»Mich?«

»Was ist dabei zu staunen, Sire? Erinnert Euch des alten Soldaten von Actium, der, als er einen Prozeß hatte, Augustus um Rath fragte.«

»Augustus war ein Advokat, René, und ich bin es nicht.«

»Sire, als mein Freund mir sein Geheimniß anvertraute, gehörte Euere Majestät noch zu der calvinistischen Partei, deren erstes Haupt Ihr waret, während man Herrn von Condé als das zweite betrachtete.«

»Nun, und hernach?« sagte Heinrich.

»Dieser Freund hoffte, Ihr würdet Euren allmächtigen Einfluß aus den Herrn Prinzen von Condé anwenden und ihn bitten, ihm nicht feindlich zu seyn.«

»Erklärt mir das, René, wenn ich es verstehen soll,« sprach Heinrich ohne die geringste Veränderung in seinen Zügen oder in seiner Stimme kundzugeben.

»Sire, Eure Majestät wird es beim ersten Worte verstehen. Dieser Freund weiß alle Einzelheiten des an Monseigneur dem Prinzen von Condé verübten Vergiftungsversuches.«

»Ah, man hat den Prinzen von Condé zu vergiften versucht?« sagte Heinrich mit einem vortrefflich gespielten Erstaunen, »wirklich, und wann dies?«

René schaute den König fest an, und erwiederte nur die Worte:

»Vor acht Tagen, Majestät.«

»Irgend ein Feind?« fragte der König.

»Ja,« antwortete René, »ein Feind, den Eure Majestät kennt, und der Eure Majestät kennt.«

»In der That,« sprach Heinrich, »ich glaube davon gehört zu haben, aber ich kenne die einzelnen Umstände nicht, die mir Euer Freund enthüllen will, wie er sagt.«

»Nun wohl, es wurde dem Prinzen von Condé ein wohlriechender Apfel überreicht; zum Glücke befand sich aber sein Arzt bei ihm als man ihn brachte. Er nahm ihn aus den Händen des Boten und roch daran, um den Geruch und die Wirkung desselben zu versuchen. Zwei Tage nachher waren eine brandige Geschwulst des Gesichtes, ein Austreten des Blutes, eine scharfe Wunde, welche die Haut und das Fleisch verzehrte, der Lohn seiner Ergebenheit oder das Resultat seiner Unklugheit.«

»Leider habe ich,« antwortete Heinrich, »bereits Halbkatholik, allen Einfluß auf Herrn von Condé verloren. Euer Freund hätte also Unrecht, wollte er sich an mich wenden.«

»Nicht allein bei dem Prinzen von Condé könnte Euere Majestät durch ihren Einfluß meinem Freunde nützlich seyn, sondern auch bei dem Prinzen von Porcian, bei dem Bruder desjenigen, welcher vergiftet worden ist.«

»Ei, ei!« rief Charlotte, »wißt Ihr, René, daß Eure Geschichten sehr nach dem Furchtsamen riechen? Ihr bittet sehr zu ungelegener Zeit. Es ist spät; Eure Rede hat den Charakter eines Leichenpredigers. In der That, Eure Parfumerien sind mehr werth.«

Und Charlotte streckte abermals die Hand nach der Opiatkapsel aus.

»Madame,« sagte René, »ehe Ihr es versucht, wie Ihr thun wollt, vernehmt, was für grausame Wirkungen die Boshaften daraus ziehen können.«

»Ihr seyd offenbar heute Abend ein Leichenredner, René,« sprach die Baronin.

Heinrich runzelte die Stirne, aber er begriff, daß René zu einem Ziele gelangen wollte, das ihm noch nicht ganz klar war, und beschloß, diese Unterredung, welche so schmerzliche Erinnerungen in ihm erregte, bis zum Ende zu führen.

»Ihr kennt auch die Einzelheiten der Vergiftung des Prinzen von Porcian?« fragte er.

»Ja,« sprach René. »Man wußte, daß er jede Nacht eine Lampe in der Nähe seines Bettes brennen ließ: man vergiftete das Oel und er wurde durch den Geruch getödtet.«

Heinrich zog krampfhaft seine durch die Wuth feuchten Finger zusammen.

»Derjenige also,« murmelte er, »welchen Ihr Euern Freund nennt, weiß nicht nur die einzelnen Umstände dieser Vergiftung, sondern er kennt auch den Urheber derselben?«

»Ja, und deßhalb wollte er wissen, ob Ihr auf den Prinzen von Porcian so viel Einfluß hättet, daß Ihr dem Mörder Verzeihung für die Vergiftung seines Bruders verschaffen könntet?«

»Leider,« erwiederte Heinrich, »habe ich, da ich noch halb Hugenott bin, auf den Herrn Prinzen von Porcian keinen Einfluß. Er hätte also Unrecht, wenn er sich an mich wenden würde.«

»Aber was denkt Ihr von der Stimmung des Prinzen von Condé und des Herrn von Porcian?«

»Wie sollte ich ihre Stimmung kennen, René? Gott hat mir, so viel ich weiß, nicht das Vorrecht gegeben, in den Herzen zu lesen.«

»Eure Majestät kann sich selbst befragen,« sprach der Florentiner ruhig. »Gibt es nicht in dem Leben Eurer Majestät ein so düsteres Ereigniß, daß es als Probe für die Milde dienen kann, so schmerzlich auch ein Probierstein für die Großmuth seyn mag?«

Diese Worte wurden mit einem Tone ausgesprochen, der selbst Charlotte beben machte. Es war eine so unmittelbare, so empfindliche Anspielung, daß die junge Frau sich abwandte, um ihre Röthe zu verbergen und dem Blicke von Heinrich nicht zu begegnen.

Heinrich machte eine unermeßliche Anstrengung gegen sich selbst, er entwaffnete seine Stirne, die sich während der Worte des Florentiners mit Drohungen beladen hatte, verwandelte den edlen königlichen Schmerz, der ihm das Herz zusammenpreßte, in ein unbestimmtes Bedenken und erwiederte:

»In meinem Leben ein düsteres Ereigniß … nein, René, nein. Ich erinnere mich aus meiner Jugend nur der Tollheit und Sorglosigkeit, vermischt mit den mehr oder minder gewaltsamen Nothwendigkeiten, welche Allen die Bedürfnisse der Natur und die Prüfungen Gottes auferlegen.«

René zwang sich ebenfalls, wandte seine Aufmerksamkeit bald Heinrich, bald Charlotte zu, als wollte er den Einen aufregen und die Andere zurückhalten; denn Charlotte setzte sich wirklich wieder vor ihre Toilette, um das peinliche Gefühl zu verbergen, das ihr dieses Gespräch verursachte, und streckte abermals die Hand nach der Opiatkapsel aus.

»Aber, Sire, wenn Ihr der Bruder des Prinzen von Porcian oder der Sohn des Prinzen von Condé wäret, und man Euren Bruder vergiftet, oder Euern Vater ermordet hätte…?«

Charlotte stieß einen leichten Schrei aus, und näherte abermals das Opiat ihren Lippen. René sah die Bewegung, aber diesmal hielt er sie weder mit dem Worte, noch mit der Geberde zurück, sondern er rief nur:

»Im Namen des Himmels, antwortet Sire: wenn Ihr an ihrer Stelle wäret, was würdet Ihr thun?«

Heinrich sammelte sich, trocknete mit zitternder Hand seine Stirne, aus der einige Tropfen kalten Schweißes perlten, richtete sich in seiner ganzen Höhe auf und antwortete mitten unter dem Stillschweigen, das sogar den Athem von René und Charlotte hemmte:

»Wenn ich mich an ihrer Stelle befände, und ich wüßte gewiß, daß ich König wäre, d. h., daß ich Gott auf Erden verträte, so würde ich es machen, wie Gott, ich würde vergeben.«

»Madame,« rief René, das Opiat Frau von Sauves aus den Händen reißend, »Madame, gebt mir diese Kapsel zurück. Ich sehe, mein Gehilfe täuschte sich, als er sie Euch überbrachte; morgen schicke ich Euch eine andere.«

II.
Ein Neubekehrter

Am andern Tage sollte Parforcejagd im Walde von Saint-Germain seyn.

Heinrich hatte Befehl gegeben, ihm um acht Uhr Morgens ein kleines Bearner Pferd, das er Frau von Sauves zu geben beabsichtigte, vorher aber selbst versuchen wollte, gesattelt und gezäumt bereit zu halten. Um drei Viertel auf acht Uhr war das Pferd gerichtet; auf den Schlag acht Uhr kam Heinrich herab.

Stolz und feurig, trotz seines kleinen Wuchses, sträubte das Pferd seine Mähnen und tänzelte im Hofe. Es war kalt gewesen und ein leichtes Glatteis bedeckte den Boden.

Heinrich wollte den Hof durchschreiten, um auf die Seite der Ställe zu gehen, wo ihn das Pferd und der Reitknecht erwarteten, als er an einem Schweizer Soldaten vorüberkommend, der an der Thüre Schildwache stand, wahrnahm, daß dieser Soldat das Gewehr mit den Worten vor ihm präsentirte:

»Gott erhalte Seine Majestät den König von Navarra!«

Bei diesem Wunsche und besonders bei dem Tone der Stimme, die ihn aussprach, bebte der Bearner.

Er wandte sich um und machte einen Schritt rückwärts.

»Von Mouy,« murmelte er.

»Ja, Sire, von Mouy.«

»Was macht Ihr hier?«

»Ich suche Euch.«

»Was wollt Ihr von mir?«

»Ich muß Eure Majestät sprechen.«

»Unglücklicher,« sagte der König, sich ihm nähernd, »weißt Du nicht, daß Du Deinen Kopf wagst?«

»Ich weiß es.«

»Nun?«

»Nun, hier bin ich.«

Heinrich erbleichte leicht, denn er begriff, daß er die Gefahr theilte, welche der glühende junge Mann lief. Er schaute deßhalb unruhig um sich her und wich zum zweiten Male, nicht minder rasch als das erste Mal, zurück.

Sogleich sein Wesen und seine Haltung verändernd, nahm Heinrich die Muskete aus den Händen von Mouy, der, wie gesagt, Schildwache stand, und sprach, während er sich die Miene gab, als untersuchte er das Gewehr:

»Mouy, es geschieht gewiß nicht ohne wichtigen Grund, daß Ihr hierher kommt und Euch in den Rachen des Wolfes werft.«

»Nein, Sire, seit acht Tagen lauere ich auf Euch. Gestern erst erfuhr ich, daß Eure Majestät heute Morgen dieses Pferd probieren würde, und nahm den Posten an der Pforte des Louvre.«

»Aber wie in dieser Tracht?«

»Der Kapitän der Compagnie ist Protestant und einer meiner Freunde.«

»Hier ist Eure Muskete, stellt Euch wieder an Euren Posten. Man beobachtet uns. Bei meiner Rückkehr werde ich versuchen, ein Wort mit Euch zu reden. Spreche ich aber nicht mit Euch, so haltet mich nicht zurück. Gott befohlen.«

Von Mouy begann wieder seinen abgemessenen Marsch und Heinrich ging auf das Pferd zu.

»Was ist das für ein hübsches kleines Pferd?« fragte der Herzog von Alençon von seinem Fenster aus.

»Ein Pferd, das ich diesen Morgen probieren sollte,« antwortete Heinrich.

»Das ist aber kein Herrenpferd?«

»Nein, es war auch für eine schöne Dame bestimmt.«

»Nehmt Euch in Acht, Heinrich, Ihr seyd indiskret; denn wir werden die schöne Dame auf der Jagd sehen, und wenn ich nicht weiß, wessen Ritter Ihr seyd, so weiß ich doch wenigstens, wem Ihr als Stallmeister angehört.«

»Mein Gott, Ihr werdet es nicht erfahren,« sagte Heinrich mit seiner scheinbaren Gutmüthigkeit, »denn die schöne Dame wird nicht ausreiten können, da sie diesen Morgen sehr unpäßlich ist.« Und er schwang sich in den Sattel.

»Ah, bah!« sprach Alençon lachend, »die arme Frau von Sauves!«

»Franz, Franz! Ihr seyd indiscret!«

»Was fehlt ihr denn, der schönen Charlotte?« versetzte der Herzog von Alençon.

»Ich weiß es nicht,« erwiederte Heinrich, indem er sein Pferd in kurzen Galopp setzte und einen Manegekreis beschreiben ließ, »ich weiß es nicht, der Kopf ist ihr schwer, wie mir Dariole gesagt hat, eine Art von Erstarrung durch den ganzen Körper, eine allgemeine Schwäche.«

»Wird Euch das hindern, uns Gesellschaft zu leisten?« sagte der Herzog.

»Mich, warum?« versetzte Heinrich. »Ihr wißt, daß ich ein leidenschaftlicher Jäger bin und daß mich nichts bewegen könnte, bei der Jagd zu fehlen.«

»Diese werdet Ihr doch verfehlen, Heinrich,« sagt der Herzog, nachdem er sich umgewendet und einen Augenblick mit einer Person gesprochen hatte, welche für die Augen von Heinrich unsichtbar geblieben war, weil sie von dem Hintergrunde des Zimmers aus sprach, »denn Seine Majestät läßt mir so eben sagen, die Jagd könne nicht statt finden.«

»Bah!« versetzte Heinrich mit einer ärgerlichen Miene. »Warum dieß?«

»Sehr wichtige Briefe von Herrn von Nevers, wie es scheint. Es findet eine Berathung zwischen dem König, der Königin Mutter und meinem Bruder, dem Herzog von Anjou, statt.«

»Ah, ah!« sagte Heinrich zu sich selbst, »sollten Nachrichten aus Polen eingetroffen seyn?«

Dann fuhr er laut fort:

»In diesem Falle ist es unnöthig, daß ich mich länger auf dem Glatteise gefährde. Auf Wiedersehen, mein Bruder.«

Hierauf hielt er sein Pferd vor Mouy an und sagte zu diesem:

»Mein Freund, rufe einen von Deinen Kameraden, daß er den Wachtdienst für Dich vollends versieht. Hilf dem Reitknechte dieses Pferd abgürten, nimm den Sattel auf den Kopf und trage ihn zu dem Goldschmiede der Geschirrkammer. Es ist eine Stickerei daran zu machen, die er für heute zu vollenden nicht mehr Zeit hatte. Du kommst dann in meine Wohnung, um mir Antwort zu sagen.«

Von Mouy beeilte sich zu gehorchen, denn der Herzog von Alençon war vom Fenster verschwunden und hatte offenbar irgend einen Verdacht geschöpft.

Er hatte wirklich kaum das Pförtchen hinter sich, als der Herzog von Alençon erschien. Ein wirklicher Schweizer war an dem Platze von Mouy.

Der Herzog schaute mit großer Aufmerksamkeit die Schildwache an, wandte sich sodann nach Heinrich um und sagte zu diesem:

»Ihr habt so eben nicht mit diesem Menschen gesprochen, nicht wahr, mein Bruder?«

»Der Andere ist ein Bursche aus meinem Hause, den ich zu den Schweizern brachte; ich habe ihm einen Auftrag gegeben, den er in diesem Augenblicke besorgt.«

»Ah!« rief der Herzog, als ob ihm die Antwort genügte.

»Und wie geht es Margarethe?«

»Ich will sie fragen, mein Bruder.«

»Habt Ihr sie seit gestern nicht gesehen?«

»Nein. Ich fand mich gestern Nacht gegen elf Uhr bei ihr ein, aber Gillonne sagte mir, sie wäre müde und schliefe.«

»Ihr werdet sie nicht in ihren Gemächern finden; sie ist ausgegangen.«

»Ja,« sagte Heinrich, »das ist möglich, sie sollte sich in das Annonciade-Kloster begeben.«

Es ließ sich das Gespräch nicht weiter treiben; Heinrich schien entschlossen, nur zu antworten.

Die zwei Schwäger verließen sich also, der Herzog von Alençon, um Neuigkeiten zu erfahren, wie er sagte, der König von Navarra, um in seine Wohnung zurückzukehren.

Einen Augenblick, nachdem die zwei Schwäger sich getrennt hatten, klopfte man an die Thüre des Schlafzimmers von Heinrich.

»Wer ist da?« fragte er.

»Sire,« antwortete eine Stimme, in der Heinrich die von Mouy erkannte, »die Antwort Goldschmieds der Sattelkammer.«

Heinrich ließ, sichtbar bewegt, den jungen Mann eintreten und schloß die Thüre hinter ihm.

»Ihr seyd es, von Mouy?« sprach Heinrich, »ich dachte, Ihr würdet überlegen.«

»Sire, »antwortete von Mouy, »ich überlege seit drei Monaten; das ist genug, nun ist es Zeit zu handeln.»

Heinrich machte eine Bewegung der Unruhe.

»Fürchtet Euch nicht, Sire, wir sind allein, und ich beeile mich, denn die Augenblicke sind kostbar. Euere Majestät kann uns durch ein einziges Wort zurückgeben, was die Sache der Religion durch die Ereignisse des Jahres verloren hat. Wir wollen klar, kurz, offenherzig seyn.«

»Ich höre, mein braver Mouy,« antwortete Heinrich, als er sah, daß es unmöglich war, die Erklärung zu vereiteln.

»Ist es wahr, daß Eure Majestät die protestantische Religion abgeschworen hat?«

»Es ist wahr,« sprach Heinrich.

»Ja, aber mit den Lippen oder mit dem Herzen?«

»Man ist immer dankbar gegen Gott, wenn Er uns das Leben rettet,« erwiederte Heinrich, die Frage umdrehend, wie es bei solchen Fällen seine Gewohnheit war, »und Gott hat mich bei dieser grausamen Gefahr sichtbar geschont.«

»Sire,« versetzte von Mouy, »gestehen wir Eines.«

»Was?«

»Daß Eure Abschwörung keine Sache der Ueberzeugung, sondern der Berechnung ist. Ihr habt abgeschworen, damit Euch der König das Leben lasse, und nicht, weil es Gott Euch erhalten hat.«

»Was auch die Ursache meiner Bekehrung seyn mag, von Mouy, ich bin darum nicht minder Katholik.»

»Ja, aber werdet Ihr es bleiben? Werdet Ihr bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet, Eure Existenz- und Gewissens-Freiheit wieder zu erlangen, diese nicht ergreifen? Wohl, diese Gelegenheit bietet sich: La Rochelle ist im Aufruhr begriffen, Roussillon und Bearn warten nur auf ein Wort, um zu handeln; in der Guyenne schreit Alles nach Krieg. Sagt mir nur, daß Ihr ein gezwungener Katholik seyd, und ich stehe für die Zukunft.«

»Man nöthigt einen Edelmann von meiner Geburt nicht, mein lieber von Mouy, Was ich gethan habe, habe ich aus freien Stücken gethan.«

»Aber, Sire,« sagte der junge Mann, das Herz gepreßt über diesen Widerstand, den er nicht erwartete, »Ihr bedenkt nicht, daß Ihr durch Eure Handlungsweise uns verlaßt, verrathet.«

Heinrich blieb unempfindlich.

»Ja,« fuhr Mouy fort, »ja, Ihr verrathet uns, Sire, denn mehrere von uns sind auf Gefahr ihres Lebens gekommen, um Eure Ehre und Eure Freiheit zu retten. Wir haben Alles vorbereitet, um Euch einen Thron zu geben, Sire, versteht Ihr wohl? Nicht allein die Freiheit, sondern die Wacht, einen Thron nach Euerem Wohlgefallen; denn in zwei Monaten könnt Ihr wählen zwischen Navarra und Frankreich.«

»Von Mouy,« sagte Heinrich, seinen Blick verschleiernd, der unwillkührlich bei diesem Vorschlag einen Blitz geschleudert hatte, »von Mouy, ich bin unverletzt, ich bin Katholik, ich bin der Gemahl von Margarethe, ich bin der Bruder des Königs Karl, ich bin der Schwiegersohn meiner guten Mutter Catharina. Von Mouy, indem ich diese verschiedenen Stellungen annahm, berechnete ich nicht nur die Chancen, sondern auch die Verpflichtungen.«

»Aber, Sire.« versetzte von Mouy, »woran soll man glauben? Man sagt mir Euere Ehe sey noch nicht vollzogen, man sagt mir, Ihr seid frei im Grunde des Herzens, man sagt mir, der Haß von Catharina….«

»Lüge, Lüge,« unterbrach ihn der Bearner. »Ja, man hat Euch unverschämt getäuscht, mein Freund. Diese Margarethe ist wohl meine Frau; Catharina ist wohl meine Mutter; der König Karl IX. endlich ist wohl der Herr und Meister meines Lebens und meines Herzens.«

Von Mouy bebte; ein beinahe verächtliches Lächeln zog über seine Lippen hin.

»Also Sire,« sprach er, indem er entmuthigt seine Arme sinken ließ und mit dem Blicke diese Seele voll Finsterniß zu ergründen suchte, »das ist die Antwort, die ich meinen Brüdern zu bringen habe? Ich werde ihnen sagen, der König von Navarra reiche seine Hand und gebe sein Herz denen, welche uns erwürgt haben, ich werde ihnen sagen, er sey der Schmeichler der Königin Mutter und der Freund von Maurevel geworden.«

»Mein lieber von Mouy,« versetzte Heinrich, »der König verläßt den Rath, und ich muß mich bei ihm nach den Gründen erkundigen, welche ihn veranlaßt haben, eine so wichtige Sache, wie eine Jagdpartie, zu verschieben. Gott befohlen, mein Freund, ahmt mich nach, kehrt zum König zurück und hört die Messe.«

Und Heinrich führte oder stieß vielmehr den jungen Mann zurück, dessen Erstaunen der Wuth Platz zu machen anfing,

Kaum hatte er die Thüre geschlossen, als er, außer Stands, der Gierde zu widerstehen, an irgend Etwas, in Ermangelung von irgend Jemand sich zu rächen, seinen Hut zwischen den Händen zerknitterte, auf den Boden warf und ihn mit den Füßen stampfend, wie ein Stier den Mantel des Matadors, ausrief:

»Beim Tode! das ist ein elender Fürst, und ich habe große Lust, mich hier tödten zu lassen, um ihn mit meinem Blute für immer zu beflecken.«

»Stille! Herr von Mouy,« sagte eine Stimme, welche aus einer halb geöffneten Thüre hervorkam, »stille! denn es könnt Euch ein Anderer, als ich, hören.«

Von Mouy wandte sich rasch um und erblickte den Herzog von Alençon, der in einem Mantel eingehüllt, seinen bleichen Kopf in den Corridor ausstreckte, um sich zu versichern, ob von Mouy und er allein wären.

»Der Herr Herzog von Alençon,« rief von Mouy, »ich bin verloren.«

»Im Gegentheil,« murmelte der Prinz, »Ihr habt vielleicht sogar das gefunden, was Ihr sucht; zum Beweise sage ich Euch, daß Ihr Euch nicht hier tödten lassen sollt, wie Ihr es beabsichtigt. Glaubt mir, Euer Blut kann zu etwas Besserem angewendet werden, als um die Schwelle des Königs von Navarra roth zu färben.«

Bei diesen Worten öffnete der Herzog ganz weit die Thüre des Zimmers, das zuvor nur ein wenig geöffnet gewesen war.

»Dieses Zimmer ist das von zweien meiner Edelleute,« sprach der Herzog, »Niemand wird uns hier aufjagen, wir können also nach unserm Gefallen sprechen. Kommt, mein Herr.«

»Hier bin ich,« antwortete der Verschwörer sehr erstaunt.

Und er trat in das Zimmer, dessen Thüre der Herzog von Alençon nicht minder lebhaft hinter sich schloß, als es der König von Navarra gethan hatte.

Von Mouy war wüthend, in Verzweiflung, fluchend eingetreten, aber allmählich machte der kalte, feste Blick des jungen Herzogs Franz auf den hugenottischen Kapitän den Eindruck des Zauberspiegels, der den Rausch vertreibt.

»Monseigneur,« sagte er, »wenn ich richtig verstanden habe, will Euere Hoheit mit mir sprechen.«

»Ja, Herr von Mouy,« antwortete Franz. »Trotz Euerer Verkleidung hatte ich Euch zu erkennen geglaubt, und als Ihr vor meinem Bruder Heinrich das Gewehr präsentiertet, erkannte ich Euch vollends ganz. Nun, von Mouy, Ihr seyd also mit dem König von Navarra nicht zufrieden?«

»Monseigneur!«

»Auf! sprecht ohne Scheu mit mir. Ich gehöre, vielleicht ohne daß Ihr es vermuthet, zu Eueren Freunden.«

»Ihr, Monseigneur?«

»Ja. ich. Sprecht also.«

«Ich weiß nicht, was ich Euerer Hoheit sagen soll, Monseigneur. Die Dinge, über welche ich mit dem Könige von Navarra zu sprechen hatte, berühren Interessen, welche Euere Hoheit nicht begreifen dürfte. Ueberdieß,« fügte von Mouy mit einer Miene, der er eine gewisse Gleichgültigkeit zu verleihen suchte, bei, »überdieß handelte es sich um Bagatellen.«

»Um Bagatellen?« rief der Herzog.

»Ja, Monseigneur.«

»Um Bagatellen, für welche Ihr, in den Louvre zurückkehrend, wo Euer Kopf, wie Ihr wißt, sein Gewicht in Gold werth ist, Euer Leben wagtet? Denn glaubt mir, es ist nicht unbekannt, daß Ihr mit dem König von Navarra und dem Prinzen von Condé eines der vornehmsten Häupter der Hugenotten seyd.«

»Wenn Ihr das glaubt, so handelt gegen mich, wie es sich für den Bruder von König Karl und dem Sohn von der Königin Catharina geziemt.«

»Warum soll ich so handeln, während ich gegen Euch äußerte, ich gehöre zu Eueren Freunden? Sagt mir also die Wahrheit.«

»Monseigneur,« erwiederte von Mouy, »ich schwöre Euch…«

»Schwört nicht, mein Herr, die reformirte Religion verbietet die Eide, und besonders die falschen.«

Von Mouy runzelte die Stirne.

»Ich sage Euch, daß ich Alles weiß,« sprach der Herzog.«

Von Mouy schwieg fortwährend.

»Zweifelt Ihr daran,« versetzte der Prinz mit freundlicher Zudringlichkeit. »Nun, mein lieber von Mouy, ich muß Euch überzeugen, Ihr sollt selbst urtheilen, ob ich mich täusche. Habt Ihr meinem Schwager Heinrich nicht so eben dort« – der Herzog streckte die Hand nach dem Zimmer des Bearners aus – »Euere Hilfe und die der Eurigen angetragen, um ihn wieder in sein Königreich Navarra einzusetzen?«

Von Mouy schaute den Herzog mit verwirrter Miene an.

»Ein Antrag, den er mit Schrecken zurückgewiesen hat?«

Von Mouy blieb ganz erstaunt.

»Habt Ihr nicht Eure alte Freundschaft, die Erinnerung an die gemeinschaftliche Religion angerufen? Habt Ihr sodann nicht den König von Navarra mit einer Hoffnung so glänzend zu ködern gesucht, daß er davon geblendet war mit der Hoffnung auf die Krone von Frankreich? Nein! sagt, bin ich unterrichtet? Ist es das, was Ihr dem Bearner angetragen habt?«

»Monseigneur,« rief von Mouy, »es ist es so sehr, daß ich mich in diesem Augenblicke frage, ob ich nicht Eurer Hoheit sagen soll, sie habe gelogen, um auf diese Art einen Kampf aus Leben und Tod hervorzurufen und durch den Tod von Einem von uns Beiden das Erlöschen dieses furchtbaren Geheimnisses zu sichern.«

»Sachte, mein braver von Mouy, sachte,« sprach der Herzog, ohne das Gesicht zu verändern, ohne sich im Geringsten bei dieser furchtbaren Drohung zu bewegen, »das Geheimniß wird eher unter uns erlöschen, wenn wir Beide leben, als wenn Einer von uns stirbt. Hört mich und quält nicht länger den Griff Eures Degens. Zum dritten Male sage ich Euch, daß Ihr bei einem Freunde seyd. Antwortet mir also, wie einem Freunde. Hat der König von Navarra nicht Alles ausgeschlagen, was ihm von Euch angeboten worden ist?«

»Ja Monseigneur, und ich gestehe es, weil dieses Geständniß nur mich gefährden kann.«

»Habt Ihr nicht, als Ihr sein Zimmer verließet und Euren Hut mit den Füßen tratet, ausgerufen, er wäre ein feiger Fürst und nicht würdig, Euer Führer zu bleiben?«

»Das ist wahr, Monseigneur, ich habe es gesagt.«

»Ah, es ist wahr. Ihr gesteht es also?«

»Ja.«

»Und es ist immer noch Eure Ansicht?«

»Mehr als je, Monseigneur.«

»Nun wohl, ich, Herr von Mouy, ich, der dritte Sohn von Heinrich II., ich, ein Sohn von Frankreich, bin ich ein hinreichend guter Edelmann, um Euren Soldaten zu befehligen? Sprecht. Und haltet Ihr mich für rechtschaffen genug, daß Ihr auf mich bauen zu können glaubt?«

»Ihr, Monseigneur, Ihr, das Haupt der Hugenotten?«

»Warum nicht? Es ist die Zeit der Verwandlungen, wie Ihr wißt. Heinrich hat sich zum Katholiken gemacht, ich kann wohl Protestant werden.

»Allerdings, Monseigneur; ich erwarte auch, daß Ihr mir erklärt…«

»Nichts einfacher und ich will Euch mit zwei Worten die Politik aller Welt auseinandersetzen. Mein Bruder Karl tödtet die Hugenotten, um ungebundener zu regieren. Mein Bruder Anjou läßt sie tödten, weil er meinem Bruder Karl auf dem Throne folgen soll, und weil mein Bruder Karl, wie Ihr wißt, häufig krank ist. Ich aber … und das ist etwas ganz Anderes … ich werde nie in Frankreich regieren, wenigstens in Betracht, daß ich zwei ältere Brüder vor mir habe; ich, den der Fuß meiner Mutter und meiner Brüder noch mehr, als das Gesetz der Natur vom Throne entfernt; ich, der ich auf keine Familienliebe, auf keinen Ruhm, auf kein Königreich Anspruch zu machen habe, ich, der ich jedoch ein Herz so edel, als das meiner Brüder im Busen trage, ich, mein lieber Mouy, will mir mit meinem Schwerte in diesem Frankreich, das sie mit Blut bedecken, ein Königreich zu schneiden suchen. Das ist mein Wille, Mouy. Ich will König von Navarra werden, nicht durch die Geburt, sondern durch die Wahl. Und bemerkt wohl, daß Ihr mir hiergegen keine Einwendung zu machen habt, denn ich bin kein Thronräuber, da mein Schwager Eure Anerbietungen ausschlägt und sich in Schlafsucht begrabend laut anerkennt, daß dieses Königreich Navarra nur eine Fiktion ist. Mit Heinrich von Bearn habt Ihr nichts, mit mir habt Ihr ein Schwert und einen Namen, Franz von Alençon, Sohn von Frankreich, Schutzwache aller seiner Gefährten oder aller seiner Genossen, wie Ihr sie nennen wollt. Nun, was sagt Ihr zu diesem Anerbieten, Herr von Mouy?«

»Ich sage, daß es mich blendet, Monseigneur.«

»Mouy, Mouy, wir werden viele Hindernisse zu überwinden haben. Zeigt Euch daher nicht von Anfang an so anspruchsvoll und schwierig gegen einen Königssohn, und zwar gegen einen Königssohn, der Euch entgegenkommt.«

»Monseigneur, die Sache wäre bereits abgemacht, wenn ich allein meine Ansichten zu behaupten hätte, aber wir haben einen Rath und so glänzend auch das Anerbieten ist, vielleicht gerade, weil es so ist, werden die Parteiführer doch nicht unbedingt beistimmen.«

»Das ist etwas Anderes und die Antwort ist die eines ehrlichen Herzens und eines klugen Geistes. Aus der Art und Weise, wie ich zu Werke gegangen bin, von Mouy, mußtet Ihr meine Redlichkeit erkennen. Behandelt mich also Eurerseits als einen Mann, den man achtet und nicht als einen Prinzen, dem man schmeichelt. Von Mouy, habe ich Hoffnung?«

»Auf mein Wort, Monseigneur, und da Eure Hoheit wünscht, daß ich meine Meinung ausspreche, so sage ich, daß Eure Hoheit jede Hoffnung hat, seit von dem König von Navarra mein Anerbieten ausgeschlagen worden ist. Aber ich wiederhole, Monseigneur, daß eine Berathung mit meinen Führern für mich unerläßlich ist.«

»Thut es also, mein Herr,« erwiederte der Herzog. »Wann die Antwort?«

Von Mouy schaute den Prinzen stillschweigend an. Dann, als ob er einen Entschluß gefaßt hätte, antwortete er:

»Monseigneur, gebt mir Eure Hand, soll ich sicher seyn, daß ich nicht verrathen werde, so muß ein Sohn von Frankreich meine Hand berühren.«

Der Herzog streckte nicht nur seine Rechte gegen Mouy aus, sondern er nahm auch die Hand von Mouy und drückte sie.

»Nun, Monseigneur, bin ich ruhig,« sagte der junge Hugenott. »Würden wir verrathen, so könnte ich behaupten, Ihr hättet keinen Theil daran. Sonst, Monseigneur, und so wenig Ihr bei einem solchen Verrathe betheiligt seyn dürftet, wäret Ihr entehrt.«

»Warum sagt Ihr mir das, von Mouy, ehe Ihr mir sagt, Ihr würdet die Antwort Euren Häuptern überbringen?«

»Monseigneur, indem Ihr mich fragt, wann die Antwort? fragt Ihr mich zugleich, wo sind die Häupter? und wenn ich Euch sage: diesen Abend erfahrt Ihr zugleich, daß sie sich in Paris verborgen halten.«

Während von Mouy diese Worte sprach, heftete er mit einer Geberde des Mißtrauens sein durchdringendes Auge aus den unsichern, schwankenden Blick des jungen Mannes.

»Geht, Herr von Mouy,« versetzte der Herzog, »Ihr habt immer noch Zweifel. Aber ich kann nicht mit dem ersten Schlage ein volles Zutrauen von Euch fordern. Ihr werdet mich später besser kennen lernen. Es wird uns eine Gemeinschaft der Interessen verbinden, die Euch jeden Verdacht benimmt. Ihr sagt also diesen Abend, Herr von Mouy?«

»Ja, Monseigneur, denn die Zeit drängt. Diesen Abend also. Aber wo, wenn es Euch beliebt?«

»Im Louvre, hier in diesem Zimmer, seyd Ihr damit einverstanden?«

»Dieses Zimmer ist bewohnt?« entgegnete von Mouy mit dem Blicke die zwei Betten bezeichnend, welche einander gegenüberstanden.

»Von zweien meiner Edelleute, ja.«

»Monseigneur, es scheint mir für mich unklug in den Louvre zurückzukehren.«

»Warum dies?«

»Weil, wenn Ihr mich erkannt habt, Andere eben so gute Augen als Euere Hoheit haben, und mich auch erkennen können. Ich kehre jedoch in den Louvre zurück, wenn Ihr mir bewilligt, was ich mir von Euch erbitten werde.«

»Was?«

»Einen Schutzbrief.«

»Von Mouy,« antwortete der Herzog, »ein Schutzbrief von mir, den man bei Euch findet, richtet mich zu Grunde und rettet Euch nicht. Nur unter der Bedingung vermag ich etwas für Euch, daß wir in den Augen Aller einander völlig fremd sind. Die geringste Verbindung von meiner Seite mit Euch, würde mich, falls man sie meiner Mutter oder meinen Brüdern bewiese, das Leben kosten. Ihr seyd also beschützt durch mein eigenes Interesse, von dem Augenblicke an, wo ich mich mit den Anderen überwerfe. Frei in meiner Thätigkeits-Sphäre, stark, wenn ich unbekannt bin, so lange ich undurchdringlich bleibe, beschütze ich Euch Alle, vergeßt das nicht. Ruft Eueren Muth zum letzten Male zu Hilfe; versucht auf mein Wort, was Ihr auf das Wort meines Schwagers versuchtet. Kommt diesen Abend in den Louvre.«

»Aber wie soll ich dahin kommen? Ich kann mich in dieser Tracht nicht in die Zimmer wagen. Sie war höchstens gut für die Corridors und Höfe. Meine eigene ist noch viel gefährlicher, weil Jedermann mich hier kennt und sie mich keineswegs hier verbirgt.«

Der Herzog schaute umher und seine Augen fielen auf die Staatsgarderobe von La Mole, welche gerade auf dem Bette ausgebreitet lag, das heißt auf einen prachtvollen mit Gold gestickten kirschrothen Mantel, einen Hut, mit einer weißen Feder geschmückt und mit einer Schnur von Gold- und Silberperlen umgeben, und ein Wams von perlgrauem Atlas.

»Seht Ihr diesen Mantel, diese Federn und dieses Wamms?« sprach der Herzog, »sie gehören Herrn de La Mole, einem meiner Edelleute, einem Stutzer vom besten Tone. Dieser Anzug hat Furore bei Hofe gemacht und man erkennt Herrn de La Mole auf hundert Schritte, wenn er ihn trägt. Ich will Euch die Adresse des Schneiders geben, der ihm denselben gemacht hat; bezahlt Ihr ihm das Doppelte von dem, was er werth Ist, so habt Ihr heute Abend einen ähnlichen. Ihr werdet wohl den Namen von Herrn de La Mole behalten?«

Der Herzog von Alençon hatte kaum diese Worte gesprochen, als man einen Tritt, der sich im Corridor näherte, und einen Schlüssel hörte, der im Schlosse gedreht wurde.

»Wer ist da?« rief der Herzog, nach der Thüre eilend und den Riegel vorstoßend.

»Bei Gott,« antwortete eine Stimme von Außen, »ich finde die Frage sonderbar. Wer ist da? das frage ich Euch. Das ist doch lustig, daß man mir ein: Wer da? zuruft, wenn ich in mein Zimmer zurückkehren will.«

»Seyd Ihr es de La Mole?«

»Allerdings bin ich es. Aber wer seyd Ihr denn?«

Während La Mole sein Erstaunen darüber ausdrückte, daß er sein Zimmer bewohnt fand, und zu entdecken suchte, wer der neue Gast war, drehte sich der Herzog, die eine Hand an dem Riegel, die andere an dem Schlosse, rasch um und fragte von Mouy: »Kennt Ihr Herrn de La Mole?«

»Nein, Monseigneur.«

»Und er, kennt er Euch?«

»Ich weiß es nicht.«

»Dann steht Alles gut; gebt Euch den Anschein, als schautet Ihr zum Fenster hinaus.«

Von Mouy gehorchte, ohne zu antworten, denn La Mole fing an ungeduldig zu werden und trommelte mit beiden Fäusten an die Thüre.

Der Herzog warf einen letzten Blick auf Mouy und öffnete, als er sah, daß er den Rücken gedreht hatte.

»Monseigneur der Herzog!« rief La Mole und wich erstaunt zurück. »Oh! verzeiht! verzeiht, Monseigneur.«

»Es ist nichts, mein Herr, ich bedurfte Eures Zimmers, um Jemand zu empfangen.«

»Ganz nach Belieben, Monseigneur; aber erlaubt mir, ich bitte Euch, meinen Mantel und meinen Hut von dem Bette zu nehmen, denn ich habe beides diese Nacht auf dem Quai de la Grève verloren.«

»In der That, mein Herr,« erwiederte der Prinz lächelnd, indem er La Mole selbst die verlangten Gegenstände reichte, Ihr seyd schlimm zugerichtet und müßt es mit sehr hartnäckigen Dieben zu thun gehabt haben.«

Der junge Mann verbeugte sich und ging weg, um im Vorzimmer die Kleider zu wechseln, ohne sich im Geringsten um das zu bekümmern, was der Herzog in seinem Zimmer that; denn es war gebräuchlich im Louvre, daß die Wohnungen der Edelleute für die Prinzen, denen sie zugehörten, zugleich für alle möglichen Ausnahmen dienten.

Von Mouy näherte sich dem Herzog und beide horchten, um den Augenblick zu erfahren, wo La Mole fertig wäre und ausgehen würde. Als er aber die Kleider gewechselt hatte, entzog er sie selbst der Verlegenheit, denn er fragte, sich der Thüre nähernd:

»Um Vergebung, Monseigneur, hat Eure Hoheit nicht auf ihrem Wege dem Grafen von Coconnas begegnet?«

»Nein, mein Herr Graf, und er hatte doch diesen Morgen Dienst.«

»Dann wird man ihn mir ermordet haben,« sprach sprach La Mole zu sich selbst, während er sich entfernte.

Der Herzog hörte das Geräusch der Tritte, welche nach und nach schwächer wurden, dann öffnete er die Thüre, zog Mouy zu sich und sagte zu ihm:

»Seht, wie er geht, und versucht diese unvergleichliche Tournure nachzuahmen.«

»Ich werde mein Bestes thun,« erwiederte von Mouy. »Leider bin ich kein Damenknecht, sondern ein Soldat.«

»Jedenfalls erwarte ich Euch vor Mitternacht in diesem Corridor. Ist das Zimmer meiner Edelleute frei, so empfange ich Euch in demselben. Ist dies nicht der Fall, so werden wir ein anderes finden.«

»Gut, Monseigneur.«

»Also diesen Abend, vor Mitternacht?«

»Diesen Abend, vor Mitternacht.«

»Oh, von Mouy wiegt, den rechten Arm besonders stark, wenn Ihr geht; das ist eine Eigenthümlichkeit von Herrn de La Mole.«

III.
Die Rue Tizon und die Rue Cloche-Percée

La Mole lief eiligst durch den Louvre weg und durchjagte Paris, um den armen Coconnas zu entdecken.

Es war seine erste Sorge, sich in die Rue de l’Arbre-Sec zu begeben und bei Meister La Hurière einzutreten, denn La Mole erinnerte sich oft, den Piemontesen eine gewisse lateinische Devise aussprechen gehört zu haben, welche zu beweisen suchte, daß Amor, Bacchus und Ceres Götter erster Nothwendigkeit sind, und er hatte die Hoffnung, Coconnas werde, um den römischen Spruch zu befolgen, sich in dem schönen Gestirn nach einer Nacht eingestellt haben, welche für seinen Freund nicht minder stürmisch gewesen seyn mußte, als sie es für ihn selbst gewesen war.

La Mole fand nichts bei La Hurière als die Erinnerung an die übernommene Verbindlichkeit und ein Frühstück, das mit ebenso viel Freundlichkeit angeboten wurde, als es unser Edelmann trotz seiner Unruhe mit großem Appetit annahm.

Sobald in Ermanglung des Geistes wenigstens der Magen beruhigt war, setzte sich La Mole wieder in Lauf und ging an der Seine hinauf, wie jener Mann, der seine ertrunkene Frau suchte. Als er auf den Quai de la Grève kam, erkannte er die Stelle, wo er drei bis vier Stunden vorher ohne Zweifel angehalten worden war, und er fand auf dem Schlachtfelde ein kleines Stück von der Feder seines Hutes. Das Gefühl des Besitzes ist bei dem Menschen angeboren. La Mole besaß zehn Federn, von denen immer eine schöner war, als die andere. Nichts desto weniger blieb er stehen, um diese oder vielmehr die einzigen Trümmer, welche sie überlebt hatte, aufzuheben, und er betrachtete dieselben mit einer mitleidigen Miene, als schwere Tritte in seiner Nähe erschollen und grobe Stimmen ihn auf die Seite gehen hießen. La Mole schaute empor und erblickte eine Sänfte, zwei Pagen voraus und von einem Stallmeister begleitet.

La Mole glaubte die Sänfte zu erkennen und ging lebhaft auf die Seite.

Der junge Edelmann hatte sich nicht getäuscht.

»Herr de La Mole?« sagte eine Stimme voll Weichheit, welche aus der Sänfte hervorkam, während eine Hand, weiß und zart wie Atlas, die Vorhänge zurückschob.

»Ja, Madame, ich selbst,« antwortete La Mole sich verbeugend.

»Herr de La Mole, eine Feder in der Hand,« fuhr die Dame in der Sänfte fort, »seyd Ihr denn verliebt, mein Herr, und findet Ihr etwa hier die verlorenen Spuren?«

»Ja, Madame,« antwortete La Mole, »ich bin verliebt, und zwar sehr stark. Aber für den Augenblick sind es meine eigenen Spuren, die ich wieder finde, obgleich ich diese nicht gerade suche. Erlaubt mir aber Eure Majestät, mich nach ihrer Gesundheit zu erkundigen?«

»Vortrefflich, mein Herr. Ich habe mich, wie mir scheint, nie besser befunden. Es kommt wahrscheinlich davon her, daß ich die Nacht in der Einsamkeit zugebracht habe.«

»Ah, in der Einsamkeit,« sprach La Mole, Margarethe auf eine seltsame Weise anschauend.

»Ja wohl, was ist dabei zu staunen?«

»Darf man, ohne unbescheiden zu seyn, fragen, in welchem Kloster?«

»Allerdings, mein Herr, ich mache kein Geheimniß daraus. Im Kloster der Annunciaden. Aber Ihr, was macht Ihr hier, mit diesem ganz verblüfften Gesichte?«

»Madame, ich suche meinen verschwundenen Freund, und während ich ihn suchte, fand ich diese Feder wieder.«

»Welche von ihm herrührte? In der That, Ihr macht mir bange für ihn; der Platz ist schlimm.«

»Eure Majestät mag sich beruhigen, die Feder kommt von mir her, ich habe sie heute Morgen gegen halb sechs Uhr auf diesem Platze verloren. während ich mich aus den Händen von vier Banditen losmachte, die mich mit aller Gewalt ermorden wollten, wenigstens wie ich glaube.«

Margarethe drängte eine lebhafte Bewegung des Schreckens zurück.

»Oh, erzählt mir das,« sagte sie.

»Die Sache ist ganz einfach, Madame … Es war also, wie ich Euer Majestät zu bemerken die Ehre hatte, ungefähr halb sechs Uhr Morgens.«

»Und um halb sechs Uhr Morgens,« unterbrach ihn Margarethe, »waret Ihr schon ausgegangen?«

»Eure Majestät wird mich entschuldigen,« sprach La Mole, »ich war noch nicht zurückgekehrt.«

»Ah, Herr de La Mole, um fünf Uhr Morgens nach Hause kehren,« versetzte die Königin mit einem Lächeln, das für alle Andern boshaft gewesen wäre, von La Mole aber abgeschmackter Weise anbetungswürdig befunden wurde, »so spät nach Hause kehren, Ihr habt diese Strafe verdient.«

»Ich beklage mich auch nicht, Madame,« erwiderte La Mole, sich ehrfurchtsvoll verbeugend, »und wenn ich erdolcht worden wäre, so würde ich mich noch hundertmal glücklicher schätzen, als ich es zu seyn verdiene. Nun kurz, ich kehrte spät oder frühzeitig zurück, wie Eure Majestät will, als vier Manteldiebe aus der Rue de La Mortellerie hervorbrachen und mich mit unmäßig langen Krautmessern verfolgten. Das ist grotesk, nicht wahr, Madame, aber es ist einmal so. Ich mußte fliehen, denn ich hatte meinen Degen in dem Hause vergessen, wo ich die Nacht zubrachte.«

»Oh, ich begreife,« sagte Margarethe mit einem bewunderungswürdig naiven Lächeln, »und Ihr kehrt zurück, um Euern Degen zu suchen?«

La Mole schaute Margarethe an, als ob sich ein Zweifel in seinem Innern regte. »Madame, ich würde in der That dahin zurückkehren, und zwar sehr gerne in Betracht, daß mein Degen eine vortreffliche Klinge ist, aber ich weiß nicht, wo das Haus ist.«

»Wie, mein Herr,« versetzte Margarethe, »Ihr wißt nicht, wo das Haus ist, in welchem Ihr die Nacht zugebracht habt?«

»Nein, Madame, Satan soll mir das Leben rauben, wenn ich auch nur eine Vermuthung habe.«

«Das ist ganz sonderbar. Eure Geschichte ist ja ein wahrer Roman.«

»Wie Ihr sagt, ein wahrer Roman, Madame.«

»Erzählt sie mir.«

»Es ist ein wenig lange.«

»Gleichviel, ich habe Zeit.«

»Und besonders sehr unglaublich.«

»Macht fort, ich bin im höchsten Grade gläubig.«

»Euer Majestät befiehlt?«

»Ja doch, wenn es seyn muß.«

»Ich gehorche. Gestern speisten wir bei Meister La Hurière zu Nacht.«

»Vor Allem,« fragte Margarethe mit einem äußerst natürlichen Tone, »wer ist dieser Meister La Hurière?«

»Meister La Hurière, Madame,« sagte La Mole, Margarethe zum zweiten Male mit der zweifelhaften Miene anschauend, die man schon einmal bei ihm hatte wahrnehmen können, »Meister La Hurière ist der Herr des Gasthauses zum Schönen Gestirne in der Rue de I’Arbre-Sec.«

»Gut, ich sehe es von hier aus. Ihr speistet also bei Meister La Hurière mit Eurem Freunde Coconnas zu Nacht?«

»Ja, Madame, mit meinem Freunde Coconnas, als ein Mann eintrat, und jedem von uns ein Billet übergab.«

»Aehnlich?« fragte Margarethe.

»Vollkommen ähnlich.«

»Und es enthielt?«

»Nur folgende Zeile:«

»Ihr werdet in der Rue Saint-Antoine, der Rue de Jouy gegenüber, erwartet.«

»Und keine Unterschrift?« fragte Margarethe.

»Nein, aber drei Worte, drei reizende Worte, welche dreimal dasselbe, d. h. ein dreifaches Glück versprachen.«

»Und wie hießen diese drei Worte?«

»Eros, Cupido, Amor!«

»Das sind in der That drei süße Namen. Haben sie gehalten, was sie versprochen?«

»Oh, mehr, Madame, hundertmal mehr!« rief La Mole mit voller Begeisterung.

»Fahrt fort. Ich bin neugierig zu erfahren, was Euch in der Rue Saint-Antoine, der Rue de Jouy gegenüber, erwartete.«

»Zwei Damen, jede mit einem Taschentuch in der Hand. Wir sollten uns die Augen verbindet lassen. Eure Majestät erräth, daß wir keine Schwierigkeiten machten, sondern muthig unsere Köpfe darboten. Meine Führerin ließ mich links drehen, die Führerin meines Freundes ließ ihn rechts drehen, und wir trennten uns.«

»Und dann?« fuhr Margarethe fort, welche entschlossen schien, ihre Forschung bis zum Ende zu führen.

»Ich weiß nicht,« versetzte La Mole, »wohin mein Freund geführt wurde; vielleicht in die Hölle. Was aber mich betrifft, so weiß ich, daß meine Führerin mich an einen Ort geleitete, welchen ich für das Paradies halte.«

»Und woraus Ihr ohne Zweifel in Folge Eurer zu großen Neugierde vertrieben wurdet?«

»Ganz richtig, Madame, Ihr habt die Gabe der Devination. Ich erwartete den Tag mit Ungeduld, um zu sehen, wo ich wäre, als um halb fünf Uhr dieselbe Duenna zurückkehrte, mir die Augen abermals verband, mich versprechen ließ, keinen Versuch zu machen, die Binde abzunehmen, mich sodann hinausführte, und nachdem sie mich hundert Schritte begleitet hatte, mir einen Eid abforderte, daß ich die Binde erst abnehmen werde, wenn ich fünfzig gezählt hätte. Ich zählte bis auf fünfzig und befand mich in der Rue Saint-Antoine, der Rue der Jouy gegenüber.

»Als ich nun hier ein Stück von meiner Feder fand,« fuhr La Mole fort, »so bebte mein Herz vor Freude; ich hob sie auf und gelobte mir, sie als ein Andenken an diese glückliche Nacht aufzubewahren. Mitten aber in meinem Glücke quält mich ein Umstand, nämlich der, daß ich nicht weiß, was vielleicht aus meinem Gefährten geworden ist.«

»Er ist also nicht in den Louvre zurückgekehrt?«

»Ach nein, Madame. Ich suchte ihn überall, wo er seyn könnte, im goldenen Gestirne, beim Ballspiele und an vielen andern ehrenwerthen Orten; aber kein Annibal, und eben so wenig ein Coconnas.«

Während La Mole diese Worte mit Begleitung einer kläglichen Geberde sprach, öffnete er die Arme und schob seinen Mantel zurück, unter welchem man an verschiedenen Orten sein Wamms gähnen sah, das wie eben so viele elegante Schlitze das Futter durch die Risse zeigte.

»Man hat Euch gehörig gesiebt,« sprach Margarethe.

»Gesiebt! das ist das Wort,« sprach La Mole, dem es gar nicht unangenehm war, sich ein Verdienst aus der Gefahr zu machen, die er ausgestanden hatte.

»Seht, Madame, seht!«

»Warum habt Ihr nicht im Louvre Euer Wamms gewechselt, da Ihr dahin zurückgekehrt seyd?« fragte die Königin.

»Ach,« sagte La Mole, »es war Jemand in meinem Zimmer.«

»Wie, es war Jemand in Eurem Zimmer?« Sprach Margarethe, deren Augen das lebhafteste Erstaunen ausdrückten. »Und wer war denn in Eurem Zimmer?«

»Seine Hoheit.«

»Stille!« unterbrach ihn Margarethe.

Der junge Mann gehorchte.

»Qui ad Iecticam meam stant?« fragte sie de La Mole.

»Duo pueri et unus eques.«

»Optime, barbari,« sagte sie, »dic Moles, quem inveneris in cubiculo tuo.«

»Franciscum ducem.«

»Agentem?«

»Nescio quid.«

»Quocum?«

»Cum ignoto.«13

»Das ist sonderbar,« sprach Margarethe, »Ihr habt also Coconnas nicht wieder finden können,« fuhr sie fort, offenbar ohne an das zu denken, was sie sagte.

»Madame, ich sterbe auch vor Unruhe hierüber, wie ich Eurer Majestät zu sagen die Ehre gehabt habe.«

»Gut,« versetzte Margarethe lächelnd, »ich will Euch nicht länger Eurer Forschung entziehen; aber mir kommt es vor, ohne daß ich weiß warum: er wird sich selbst wieder finden. Gleichviel, geht immerhin.«

Und die Königin legte einen Finger auf den Mund. Da nun die schöne Margarethe La Mole kein Geheimniß anvertraut, kein Geständniß gemacht hatte, so begriff der junge Mann, daß diese reizende Geberde, insofern sie nicht ihm Stillschweigen anzuempfehlen beabsichtigen konnte, eine andere Bedeutung haben mußte.

Der Zug setzte sich wieder in Marsch und La Mole ging, um seine Nachforschungen zu verfolgen, an der Seine hinaus bis zu der Rue du Long-Pont, die ihn nach der Rue Saint-Antoine führte. Vor der Rue du Jouy blieb er stehen.

Hier hatten ihm und Coconnas am Tage vorher die zwei Duennen die Augen verbunden Er hatte sich rechts gewendet und dann zwanzig Schritte gezählt. Er fing dasselbe Manoeuvre wieder an und stand vor einem Hause oder vielmehr vor einer Mauer, hinter der sich ein Haus erhob. Mitten in dieser Mauer war eine Thüre mit Schirmdach und mit starken Nägeln beschlagen.

Dieses Haus lag in der Rue Cloche-Percée, einer schmalen, kleinen Straße, welche in der Rue Saint-Antoine anfing und nach der Rue du Roi de Sicile ausmündete.

»Sangbleu!« sprach La Mole, »hier ist es, darauf wollte ich schwören. Als ich bei meinem Abgange die Hand ausstreckte, fühlte ich die Nägel an der Thüre, dann stieg ich zwei Stufen hinab. Der Mensch, welcher mit dem Rufe zu Hilfe floh und in der Rue du Roi de Sicile getödtet wurde, kam gerade vorüber, als ich den Fuß auf die erste setzte. Wir wollen doch sehen.«

La Mole ging an die Thüre und klopfte.

Die Thüre öffnete sich und eine Art von Portier mit einem Schnurrbart trat auf die Schwelle.

»Was ist das?« fragte der Portier.14

»Ah, ah!« murmelte La Mole, »es scheint, wir sind in der Schweiz. Mein Freund,« fuhr er mit seiner freundlichsten Miene fort, »ich wünschte meinen Degen zu haben, den ich in diesem Hause gelassen habe, wo ich die Nacht zubrachte.«

»Ich verstehe nicht,« antwortete der Portier.

»Meinen Degen,« versetzte La Mole.

»Ich verstehe nicht,« wiederholte der Portier.

…»Den ich hier gelassen habe, … meinen Degen wünschte ich zu haben.«

»Ich verstehe nicht.«

»Ich habe ihn in diesem Hause gelassen, wo ich die Nacht zubrachte.«

»Geht zum Teufel!«

Und er warf ihm die Thüre vor der Nase zu.

»Bei Gott!« sprach La Mole, »wenn ich den Degen hätte, den ich zurückfordere, würde ich ihn diesem Burschen mit dem größten Vergnügen durch den Leib rennen. Aber ich habe ihn nicht, und muß es mir für ein andermal vorbehalten.«

Wonach La Mole seinen Weg bis zu der Rue du Roi de Sicile fortsetzte, sich rechts wandte, etwa fünfzig Schritte machte, dann abermals rechts ging und sich in der Rue Tizon befand, welche mit der Rue Cloche-Percée parallel läuft und dieser in allen Stücken ähnlich ist. Mehr noch: kaum hatte er dreißig Schritte gemacht, als er die kleine Thüre mit den großen Nägeln und dem Schirmdache, die zwei Stufen und die Mauer wieder fand. Es war, als hätte sich die Rue Cloche-Percée umgedreht, um ihn vorübergehen zu sehen.

La Mole bedachte nun, daß er möglicher Weise seine Rechte für seine Linke genommen, und klopfte an diese Thüre, um hier dieselbe Forderung zu stellen, die er bereits an der andern gemacht hatte. Aber diesmal mochte er immerhin klopfen, man öffnete nicht.

La Mole machte wiederholt denselben Gang, den er zuvor gemacht hatte, wodurch sich der ganz natürliche Gedanke bei ihm feststellte, das Haus habe zwei Eingänge, den einen nach der Rue Cloche-Percée, den andern nach der Rue Tizon.

Aber diese Betrachtung, so logisch sie auch war, gab ihm seinen Degen nicht zurück und belehrte ihn auch nicht, wo sich sein Freund befand.

Er hatte einen Augenblick den Gedanken, einen andern Degen zu kaufen und dem elenden Portier, der hartnäckiger Weise nur deutsch sprach, den Bauch aufzuschlitzen. Aber er bedachte, wenn dieser Portier Margarethe gehörte, und Margarethe ihn somit gewählt hätte, so müßte sie ihre Gründe dazu gehabt haben, und es wäre ihr vielleicht unangenehm, desselben beraubt zu werden. La Mole aber wollte um keinen Preis der Welt etwas Margarethen Unangenehmes thun. Aus Furcht, er könnte der Versuchung nachgeben, schlug er also um zwei Uhr Nachmittags wieder den Weg nach dem Louvre ein.

Da sein Zimmer diesmal nicht besetzt war, so konnte er eintreten. Die Sache war dringlich in Beziehung auf sein Wamms, das, wie ihm die Königin bemerkte, beträchtlichen Schaden gelitten hatte.

Er ging also unaufhaltsam auf sein Bett zu, um das zerrissene Wamms durch das schöne perlgraue zu ersetzen. Aber zu seinem großen Erstaunen war das Erste, was er neben seinem perlgrauen Wamms fand, der berühmte Degen, den er in der Rue Cloche-Percée gelassen hatte.

La Mole nahm ihn, drehte ihn um und um; er war es.

»Ah, ah!« rief er, »sollte ein Zauber dahinter stecken!« Dann mit einem Seufzer: »Oh, könnte sich der arme Coconnas wieder finden, wie mein Degen.«

Zwei bis drei Stunden, nachdem La Mole seine Runde um das kleine Doppelhaus aufgegeben hatte, öffnete sich die Thüre der Rue Tizon. Es war ungefähr sechs Uhr Abends und folglich völlig Nacht.

Eine Frau, in einen Pelz besetzten langen Mantel gehüllt, begleitet von einer Zofe, trat aus der Thüre, welche ihr eine Duenna von ungefähr vierzig Jahren offen hielt, schlüpfte rasch bis in die Rue du Roi de Sicile, klopfte an einer kleinen Thüre des Hotel d’Argenson, die sich vor ihr öffnete, ging durch das große Thor desselben Hotel, das nach der Vieille-Rue-du-Temple führte, wieder hinaus, erreichte eine Schlupfpforte des Hotel Guise, öffnete sie mit einem Schlüssel, den sie in ihrer Tasche hatte, und verschwand.

Eine halbe Stunde nachher trat ein junger Mann mit verbundenen Augen aus derselben Thüre desselben kleinen Hauses, geleitet von einer Frau, die ihn an die Ecke der Rue Geoffroy-Lasnier und de la Mortellerie führte. Hier forderte sie ihn auf, bis zu fünfzig zu zählen und dann seine Binde abzunehmen.

Der junge Mann befolgte gewissenhaft die Vorschrift und nahm bei der bestimmten Zahl die Binde ab, die ihm die Augen bedeckte.

»Mordi!« rief er, rings um sich herschauend. »Ich will mich hängen lassen, wenn ich weiß, wo ich bin! – Sechs Uhr!« sprach er, als er die Glocke von Notre-Dame schlagen hörte. »Und dieser arme La Mole! was ist wohl aus ihm geworden? Laufen wir in den Louvre, vielleicht weiß man dort etwas von ihm.«

Nach diesen Worten ging Coconnas in größter Eile durch die Rue de la Mortellerie hinab und erreichte die Pforten des Louvre in kürzerer Zeit, als ein gewöhnliches Pferd dazu gebraucht hätte. Er warf auf seinem Wege die bewegliche Reihe braver Bürger nieder, welche friedlich um die Buden der Place Baudoyer spazierten, und trat in den Palast.

Hier befragte er Portier und Schildwache. Der Portier glaubte, er habe Herrn de la Mole am Morgen zurückkehren sehen, erinnerte sich aber nicht, daß er wieder hinausgegangen war. Die Schildwache war erst seit anderthalb Stunden da und wußte nichts.

Rasch stieg er in das Zimmer hinauf und öffnete eiligst die Thüre, aber er fand hier nichts als das zerrissene Wamms von La Mole, was seine Unruhe noch vermehrte.

Dann dachte er an La Hurière und lief zu dem würdigen Gastgeber zum Schönen Gestirn. La Hurière hatte La Mole gesehen. La Mole hatte bei La Hurière gefrühstückt. Coconnas war daher völlig beruhigt, und da er großen Hunger hatte, so forderte er für sich ein Abendbrod.

Coconnas war in der gehörigen Stimmung, um gut zu Nacht zu speisen. Er hatte einen beruhigten Geist und einen leeren Magen. Er speiste also so gut, daß das Mahl bis acht Uhr dauerte. Nunmehr gestärkt durch zwei Flaschen Anjouwein, den er sehr liebte und mit einem Wohlbehagen getrunken hatte, das sich durch Blinzeln seiner Augen und durch ein wiederholtes Schnalzen der Zunge kundgab, setzte er seine Nachforschung nach La Mole fort, wobei er seine neuen Gänge durch die verschiedenen Gruppen mit Fußtritten und Faustschlägen nach Maßgabe der Zunahme der freundschaftlichen Gesinnung begleitete, die ihm die angenehme Empfindung eingeflößt hatte, welche stets auf ein gutes Mahl folgt.

Dies dauerte eine Stunde. Eine Stunde lang durchlief Coconnas alle Straßen in der Nähe des Quai de la Grève, den Port au Charbon, die Rue Saint-Antoine und die Rues Tizon und Cloche-Percée, wohin seiner Meinung nach sein Freund zurückgekehrt seyn konnte. Endlich begriff er, daß es einen Ort gab, durch welchen, er kommen mußte, die Pforte des Louvre. Und er beschloß, unter dieser Pforte seine Rückkehr abzuwarten.

Er war nur hundert Schritte vom Louvre und hob gerade eine Frau auf ihre Beine, deren Mann er auf der Place Sainte-Germain-l’Auxerrois niedergeworfen hatte, als er am Horizont vor sich bei der zweifelhaften Helle eines großen in der Nähe der Zugbrücke des Louvre errichteten Leuchtthurms den kirschrothen Mantel und die Feder seines Freundes erblickte, der bereits einem Schatten ähnlich, der Schildwache ihren Gruß zurückgebend, unter den Pforten verschwand.

Der berühmte kirschrothe Mantel hatte so großes Glück in der Welt gemacht, daß man sich nicht täuschen konnte.

»Mordi!« rief Coconnas, »er ist es! He he! La Mole! La Mole, mein Freund! Pest! ich habe doch eine gute Stimme! Wie kommt es, das er mich nicht gehört hat? Aber zum Glücke sind meine Beine so gut als meine Stimme, und ich will ihn einholen.«

In dieser Hoffnung fing Coconnas an, aus Leibeskräften zu laufen, und gelangte in einem Augenblick in den Louvre: aber wie sehr er sich auch beeilte, so verschwand doch in demselben Moment der rothe Mantel, der ebenfalls große Eile zu haben schien, unter dem Vestibüle.

»Oho! La Mole,« rief Coconnas, abermals zum stärksten Laufe ansetzend, »warte doch auf mich! Ich bin es, Coconnas! Was Teufels hast Du denn so sehr zu eilen? Fliehst Du etwa?«

Der rothe Mantel stieg in der That, als ob er Flügel hätte, in einem wahren Sturme bis in den zweiten Stock hinauf.

»Ah, Du willst nicht auf mich warten!« rief Coconnas, »ab, Du grollst mir. Du bist böse? Mordi! so geh zum Teufel! Ich kann nicht mehr!«

Es war unten an der Treppe, von wo aus Coconnas diese Rede dem Flüchtling zuschleuderte. Er leistete zwar darauf Verzicht, ihm mit den Beinen zu folgen, folgte ihm aber nichtsdestoweniger mit den Augen über die Schnecken der Treppe, wo der Mann mit dem Mantel nun auf der Höhe der Gemächer von Margarethe angelangt war. Plötzlich kam eine Frau aus diesen Gemächern hervor und nahm denjenigen, welchen Coconnas verfolgte, beim Arme.

»Oho!« murmelte Coconnas, »das sieht mir ganz aus, wie die Königin Margarethe; dann ist es etwas Anderes. Er wurde erwartet, und ich begreife, daß er mir nicht geantwortet hat.«

Und er legte sich an das Geländer und, richtete seinen Blick durch die Oeffnung der Treppe. Dann sah er nach ein paar Worten, die mit leiser Stimme gewechselt wurden, den kirschrothen Mantel der Königin in ihre Wohnung folgen.

»Gut, gut,« sprach Coconnas, »es ist so, ich täusche mich nicht; es gibt Augenblicke, wo uns die Gegenwart unseres besten Freundes belästigt. Und dieser gute La Mole hat einen solchen Augenblick.«

Und Coconnas stieg sachte die Treppe hinauf, setzte sich auf eine Sammetbank, welche aus einem Vorplatze stand, und sagte zu sich selbst:

»Statt ihm nachzulaufen, werde ich auf ihn warten. Aber,« fügte er bei, »wenn ich bedenke, er ist bei der Königin von Navarra, und ich könnte somit lange warten. Es ist kalt, bei Gott! ich will gehen, denn ich warte eben so gut in meinem Zimmer. Am Ende muß er doch zurückkehren, und wenn der Teufel im Spiele wäre!«

Kaum vollendete er diese Worte und fing an den Entschluß auszuführen, der das Resultat desselben war, als ein behender, leichter Tritt über seinem Kopfe erscholl, und zwar begleitet von einem seinem Freunde so vertrauten Gesange, daß Coconnas sogleich den Hals nach der Seite ausstreckte, woher das Geräusch des Trittes und des Gesanges kam. Es war wirklich La Mole, der den oberen Stock herabstieg, wo sein Zimmer lag, und Coconnas wahrnehmend, vier und vier die Stufen herabzuspringen anfing, welche ihn noch von seinem Freunde trennten, und als diese Operation beendigt war, sich ihm um den Hals warf.

»Oh! Mordi! du bist es,« sprach Coconnas. »Wo Teufels, bist du denn heraus gekommen?«

»Ei, bei Gott! durch die Rue Cloche-Percée.«

»Nein, ich meine nicht aus jenem Hause.«

»Woher sonst?«

»Aus dem Gemache der Königin.«

»Der Königin?«

»Ja, der Königin von Navarra.«

»Ich bin nicht zu ihr hinein gegangen.«

»Geh doch!«

»Mein lieber Annibal,« sagte La Mole, »Du sprichst ungereimtes Zeug. Ich komme von meinem Zimmer, wo ich seit zwei Stunden auf Dich warte.«

»Du kommst aus Deinem Zimmer?«

»Ja.«

»Du bist es also nicht gewesen, den ich auf dem Platze des Louvre verfolgte?«

»Wann dies?«

»In diesem Augenblick.«

»Nein!«

»Du bist es nicht gewesen, der vor zehn Minuten unter der Pforte verschwand?«

»Nein!«

»Du bist nicht diese Treppe hinauf gelaufen, als ob Du von einer Legion von Teufeln verfolgt würdest?«

»Nein.«

»Mordi!« rief Coconnas, »der Wein des Schönen Gestirns, ist nicht so schlecht, daß er mir in diesem Grade den Kopf verdreht haben könnte. Ich sage Dir, daß ich so eben Deinen kirschrothen Mantel und Deine weiße Feder unter der Pforte des Louvre erblickte, daß ich den einen und die andere bis unten an diese Treppe verfolgt habe, und daß Dein Mantel, Dein Federhut und sogar Dein Arm, der sich wie ein Schwengel bewegt, hier von einer Dame erwartet wurden, die ich für die Königin von Navarra halte, welche das Ganze durch diese Thüre zog, die, wenn ich mich nicht sehr täusche, die Thüre der schönen Margarethe ist.«

»Mordi!« sprach La Mole erbleichend, »sollte hier ein Verrath obwalten?«

»Immerhin!« versetzte Coconnas, »schwöre, so lange Du willst, aber sage mir nicht mehr, daß ich mich täuschte!«

La Mole zögerte einen Augenblick, den Kopf zwischen seine Hände pressend und zwischen der Achtung und der Eifersucht schwankend. Aber die Eifersucht trug den Sieg davon. Er stürzte nach der Thüre und fing an, an diese mit vollen Kräften zu klopfen, was einen in Betracht der Majestät des Ortes durchaus nicht anständigen Lärmen verursachte.

»Wir werden machen, daß man uns verhaftet,« sprach Coconnas, »aber gleichviel, die Sache ist äußerst lustig. Sage mir, La Mole, sollte es vielleicht Geister im Louvre geben?«

»Ich weiß es nicht,« erwiederte der junge Mann, so bleich wie die Feder, die seine Stirne beschattete. »Aber ich habe mir immer welche zu sehen gewünscht, und da sich die Gelegenheit bietet, so werde ich mein Möglichstes thun, mich diesem gegenüber zu stellen.«

»Ich widersetze mich nicht,« sprach Coconnas. »Nur klopfe ein wenig minder stark, wenn Du sie nicht zornig machen willst.«

La Mole, obgleich ganz außer sich, begriff die Richtigkeit dieser Bemerkung, und fuhr fort zu klopfen, aber mehr leise.

IV.
Der Kirschrothe Mantel

Coconnas hatte sich nicht getäuscht. Die Dame, welche den Cavalier in dem rothen Mantel aufhielt, war wirklich die Königin von Navarra. Was den Cavalier in dem kirschrothen Mantel betrifft, so hat unser Leser hoffentlich bereits errathen, daß es kein Anderer war, als der brave von Mouy.

Als der junge Mann die Königin von Navarra erkannte, begriff er, daß eine Verwechselung stattfand, aber er wagte es nicht, zu sprechen, aus Furcht, ein Schrei der Königin könnte ihn verrathen. Er zog es vor, sich bis in ihre Gemächer führen zu lassen, entschlossen, wenn er einmal darin wäre, zu seiner schönen Führerin zu sagen:

»Stillschweigen um Stillschweigen, Madame!«

Margarethe drückte wirklich in dem Halbdunkel demjenigen, welchen sie für La Mole hielt, sanft den Arm und sagte, sich an sein Ohr neigend, in lateinischer Sprache zu ihm:

»Ich bin allein, tretet ein, mein Theurer!«

Von Mouy ließ sich, ohne zu antworten, führen; aber kaum befand er sich in dem besser erleuchteten Vorzimmer, als Margarethe erkannte, daß es nicht La Mole war.

Der kleine Schrei, den der kluge Hugenott befürchtet hatte, entschlüpfte in diesem Augenblicke Margarethe.

»Herr von Mouy!« rief sie, einen Schritt zurückweichend.

»Ich selbst, Madame, und ich bitte Eure Majestät, mich meinen Weg frei fortsetzen zu lassen, ohne Jemand ein Wort von Meiner Gegenwart im Louvre zu sagen.«

»Oh, Herr von Mouy!« murmelte Margarethe. »ich hatte mich also getäuscht!«

»Ja,« sprach von Mouy, »ich begreife; Eure Majestät wird mich für den König von Navarra gehalten haben. Es ist derselbe Wuchs, dieselbe weiße Feder, und wie viele sagen, die mir ohne Zweifel schmeicheln wollen, dieselbe Tournure.«

Margarethe schaute von Mouy fest an.

»Versteht ihr Lateinisch, Herr von Mouy?« sagte sie.

»Ich verstand es einst,« antwortete der junge Mann, »habe es aber vergessen.«

»Herr von Mouy, Ihr könnt von meiner Verschwiegenheit überzeugt seyn,« fuhr sie fort, »da ich jedoch die Person zu kennen glaube, die Ihr im Louvre sucht, so biete ich Euch meine Dienste an, um Euch sicher zu ihr zu geleiten.«

»Entschuldigt mich, Madame,« sprach von Mouy, »ich glaube, daß Ihr Euch täuscht, und daß Ihr im Gegentheil durchaus nichts wißt…«

»Wie!« rief Margarethe, »sucht Ihr nicht den König von Navarra?«.

»Ach, Madame, leider muß ich Euch vor Allem bitten, meine Anwesenheit im Louvre Seiner Majestät Eurem Gemahl zu verbergen.«

»Hört, Herr von Mouy,« sprach Margarethe erstaunt, »ich habe Euch bis jetzt für eines der entschiedensten Häupter der Hugenotten, für einen der treusten Parteigänger des Königs meines Gemahls gehalten; ich täuschte mich also?«

»Nein, Madame, noch diesen Morgen war ich Alles, was Ihr da sagt.«

»Und warum habt Ihr Euch seit diesem Morgen geändert?«

»Madame,« sprach von Mouy sich verbeugend, »wollt mir die Antwort erlassen und habt die Gnade, meine Huldigung zu genehmigen.«

Und in ehrfurchtsvoller, aber entschiedener Haltung machte von Mouy einige Schritte nach der Thüre, durch welche er eingetreten war.

Margarethe hielt ihn zurück.

»Mein Herr,« sagte sie, »wenn ich Euch um eine Erklärung bitten würde. Mein Wort ist gut, wie es mir scheint.«

»Madame, ich muß schweigen, und daß ich hierzu verpflichtet bin, beweist genugsam, daß ich Eurer Majestät noch nicht geantwortet habe.«

»Jedoch, mein Herr….«

»Eure Majestät kann mich zu Grunde richten, aber nicht verlangen, daß ich meine neuen Freunde verrathe.«

»Doch die alten… haben sie nicht auch einige Rechte auf Euch?«

»Diejenigen, welche treu geblieben sind, ja; diejenigen, welche nicht nur uns, sondern sich selbst verlassen haben, nein!«

Margarethe war nachdenkend und unruhig und wollte ohne Zweifel eben eine neue Frage stellen, als Gillonne plötzlich in das Zimmer stürzte und ausrief:

»Der König von Navarra!«

»Von woher kommt er?«

»Durch den geheimen Gang.«

»Laßt diesen Herrn durch eine andere Thüre hinaus.«

»Unmöglich, Madame, hört Ihr?«

»Man klopft.«

»Ja, an der Thüre, durch welche ich diesen Herrn hinausführen soll.«

»Wer klopft?»

»Ich weiß es nicht.«

»Seht nach und kommt zurück.«

»Madame,« sprach von Mouy, »darf ich es wagen, Eurer Majestät zu bemerken, daß ich, wenn der König von Navarra mich zu dieser Stunde und in dieser Nacht im Louvre sieht, verloren bin?«

Margarethe nahm von Mouy beim Arme, führte ihn nach dem berühmten Cabinet und sprach:

»Tretet hier ein, mein Herr. Ihr seyd hier so gut verborgen und so gut beschützt, als in Eurem eigenen Hause, denn ich verpfände Euch dafür mein Wort.«

Von Mouy stürzte rasch in das Cabinet, und kaum war die Thüre hinter ihm geschlossen, als Heinrich erschien.

Diesmal hatte Margarethe keine Unruhe zu verbergen, und die Liebe lag hundert Meilen von ihren Gedanken.

Heinrich trat mit dem ängstlichen Mißtrauen ein, durch das er auch in dem am wenigsten gefährlichen Augenblicke selbst die geringfügigsten Dinge wahrnahm. Um so mehr war Heinrich unter den Umständen, in denen er sich befand, ein tiefer Beobachter.

Sogleich bemerkte er die Wolke, welche die Stirne von Margarethe verdüsterte.

»Ihr waret beschäftigt, Madame,« sagte er.

»Ja, Sire, ich träumte.«

»Ihr hattet Recht, Madame, die Träumerei steht Euch gut. Ich träumte auch; aber im Gegensatze gegen Euch, die Ihr die Einsamkeit sucht, kam ich ausdrücklich herab, um Euch meine Träume mitzutheilen.«

Margarethe hieß den König durch ein Zeichen willkommen und deutete auf ein Fauteuil, während sie sich selbst auf einen Stuhl von geschnitztem Ebenholz so fein und stark wie Stahl setzte.

Es herrschte einen Augenblick Stillschweigen unter den Gatten. Heinrich unterbrach dasselbe zuerst und sagte:

»Ich erinnere mich, Madame, daß meine Träume in Beziehung auf die Zukunft mit den Eurigen das gemein haben, daß wir als Gatten getrennt dennoch Beide unser Glück zu vereinigen wünschten.«

»Das ist wahr, Sire!«

»Ich glaube auch begriffen zu haben, daß ich bei allen Plänen, die ich nach einem gemeinschaftlichen Grundrisse entwerfen dürfte, in Euch nicht nur eine treue, sondern auch eine thätige Verbündete finden würde.«

»Ja, Sire, und ich verlange nur Eines: daß Ihr, indem Ihr so schnell als möglich zum Werke schreitet, mir Gelegenheit geben möget, ebenfalls bald anzufangen.«

»Ich bin glücklich, Euch in dieser Stimmung zu finden, Madame, und ich glaube, daß Ihr nicht einen Augenblick befürchtet habt, ich könnte den Plan aus dem Blicke verlieren, dessen Ausführung an demselben Tage von mir beschlossen worden ist, wo ich durch Eure muthige Vermittlung der Rettung meines Lebens beinahe sicher war.«

»Mein Herr, ich halte Euere Sorglosigkeit für eine Maske und baue nicht allein auf die Weissagungen der Astrologen, sondern auch aus Eueren erhabenen Geist.«

»Was würdet Ihr aber dazu sagen, wenn Einer käme, um unsere Pläne zu durchkreuzen, mit der Drohung uns, Euch und mich, auf eine mittelmäßige Lage zu beschränken?«

»Ich würde sagen, ich sey bereit mit Euch, im Schatten oder offen, gegen diesen Einen, wer es auch seyn möchte, zu kämpfen.«

»Madame,« fuhr Heinrich fort, »nicht wahr, Ihr habt zu jeder Stunde Eintritt bei dem Herzoge von Alençon? Ihr besitzt sein Vertrauen, und er hegt eine lebhafte Freundschaft für Euch. Darf ich es wagen, Euch zu bitten, nachzusehen, ob er nicht in diesem Augenblick mit irgend Jemand in geheimer Unterredung begriffen ist?«

Margarethe bebte.

»Mit wem, mein Herr?« fragte sie.

»Mit Herrn von Mouy.«

»Warum dieß?« sprach Margarethe, die Bewegung in ihrem Innern zurückdrängend.

»Weil, wenn es sich so verhält dann gute Nacht allen unseren Plänen, wenigstens allen den meinigen.«

»Sire, sprecht leise,« sagte Margarethe, machte ein Zeichen zugleich mit den Augen und den Lippen und deutete mit dem Finger aus das Cabinet.

»Oh! oh!« versetzte Heinrich, »abermals irgend Einer. In der That, dieses Cabinet ist so oft bewohnt, daß es Euer Zimmer unbewohnbar macht.«

Margarethe lächelte.

»Es ist doch wenigstens immer noch Herr de La Mole?« fragte Heinrich.

»Nein, Sire, Herr von Mouy.«

»Er!« rief Heinrich mit einem Erstaunen, in das sich Freude einmischte. »Er ist also nicht bei dem Herzog von Alençon? Ah! laßt ihn kommen, damit ich mit ihm sprechen kann.«

Margarethe lief nach dem Cabinet, öffnete es, nahm von Mouy bei der Hand und führte ihn geraden Wegs vor den König von Navarra.

»Ah! Madame,« sprach der Hugenott, mit einem mehr traurigen als bittern Tone des Vorwurfs, »Ihr verrathet mich, trotz Eueres Versprechens, das ist schlimm. Was würdet Ihr sagen, wenn ich mich rächte, indem ich…«

»Ihr werdet Euch nicht rächen, von Mouy,« unterbrach ihn Heinrich und drückte dem jungen Manne die Hand, »oder Ihr werdet mich wenigstens zuvor anhören. Madame,« fuhr er sich an die Königin wendend fort, »macht, daß uns Niemand hört.«

Heinrich hatte kaum so gesprochen, als Gillonne ganz bestürzt eintrat und Margarethen ein paar Worte zuflüsterte, bei denen diese vom Stuhle aufsprang. Während sie mit Gillonne nach dem Vorzimmer lief, untersuchte Heinrich, ohne sich um die Ursache zu bekümmern, welche sie hinausrief, das Bett, den Raum hinter dem selben, die Vorhange, und befühlte mit den Fingern die Wände. Herr von Mouy aber versicherte sich, aufgebracht über alle diese weitläufigen Vorsichtsmaßregeln, ob sein Degen nicht an der Scheide festhielt.

Als Margarethe das Schlafzimmer verließ, eilte sie in das Vorzimmer und befand sich La Mole gegenüber, welcher, trotz der inständigen Bitten von Gillonne, mit aller Gewalt zu Margarethe dringen wollte.

Coconnas stand hinter ihm, bereit ihn vorwärts zu stoßen oder seinen Rückzug zu unterstützen.

»Ah! Ihr seyd es, Herr de La Mole; aber was habt Ihr denn, warum zittert Ihr, warum seyd Ihr so bleich?«

»Madame,« sprach Gillonne, »Herr de La Mole hat dergestalt an die Thüre geklopft, daß ich, unerachtet der Befehle Eurer Majestät, zu öffnen genöthigt war.«

»Oh! oh! was soll das bedeuten,« sprach die Königin mit strengem Tone, »ist es wahr, was man mir da sagt, Herr de La Mole?«

»Madame, ich wollte Euere Majestät davon in Kenntniß setzen, daß ein Fremder, ein Unbekannter, vielleicht ein Dieb sich mit meinem Mantel und meinem Hute bei Euch eingeschlichen hat.«

»Ihr seyd ein Narr, mein Herr,« erwiederte Margarethe, »denn ich sehe Eueren Mantel auf Eueren Schultern, und ich glaube, Gott soll mir vergeben, ich sehe auch Euern Hut auf Euerm Kopfe, während Ihr mit einer Königin sprecht.«

»Verzeihung, Madame, Verzeihung!« rief La Mole, rasch den Hut abnehmend. »Gott sey mein Zeuge, es ist nicht Mangel an Achtung.«

»Nein es ist das Vertrauen, nicht wahr?« sprach die Königin.

»Was wollt Ihr?« rief La Mole, »wenn ein Mann bei Euerer Majestät ist, wenn er sich, meine Tracht und vielleicht auch meinen Namen annehmend, einschleicht, wer weiß?«

»Ein Mann!« sprach Margarethe, dem armen Verliebten sanft die Hand drückend, »ein Mann!… Ihr seyd bescheiden, Herr de La Mole, nähert Eueren Kopf der Oeffnung des Vorhanges und Ihr werdet zwei Männer sehen.«

Margarethe öffnete wirklich ein wenig den Thürvorhang von goldgesticktem Sammet, und La Mole erkannte Heinrich, der mit einem Manne in rothem Mantel sprach; neugierig, als ob es sich um seine eigene Person gehandelt hätte, schaute Coconnas auch und sah und erkannte von Mouy; Beide blieben voll Erstaunen.

»Nun, da Ihr, wenigstens wie ich hoffe, beruhigt seyd,« sprach Margarethe, »stellt Euch an die Thüre meiner Wohnung, und laßt Niemand eintreten… bei Euerem Leben, mein lieber La Mole. Nähert sich Jemand auch nur dem Treppenplatze, so gebt Nachricht.«

Schwach und gehorsam wie ein Kind, ging La Mole hinaus, schaute Coconnas an, der ihn ebenfalls anschaute, und Beide waren außen, ohne sich von ihrer Verwunderung erholt zu haben.

»Von Mouy!« rief Coconnas.

»Heinrich!« murmelte La Mole.

»Von Mouy, mit Deinem kirschrothen Mantel, Deiner weißen Feder und Deinem Arm als Schwengel.«

»Doch höre,« versetzte La Mole, »da es sich nicht um Liebe handelt, so handelt es sich um ein Complott.«

»Ah! Mordi!« sprach Coconnas brummend, »wir stecken also in der Politik. Zum Glück sehe ich in Allem dem nicht Frau von Nevers.«

Als Margarethe zurückkehrte, setzte sie sich neben die in der Unterredung begriffenen zwei Männer. Ihre Abwesenheit hatte nur eine Minute gedauert und die Zeit war gut von ihr benützt worden: Gillonne in dem geheimen Gange aufgestellt, die zwei Edelleute als Schildwachen an dem Haupteingange verliehen ihr vollkommene Sicherheit.

»Madame,« sprach Heinrich, »glaubt Ihr, es wäre durch irgend ein Mittel möglich, uns zu hören oder zu behorchen?«

»Mein Herr,« sprach Margarethe, »dieses Zimmer ist ausgepolstert und ein doppeltes Täfelwerk bürgt mir für die Dämpfung.«

»Ich verlasse mich auf Euch,« versetzte Heinrich lächelnd.

Dann sich gegen von Mouy umwendend, sprach der König mit leiser Stimme und als ob, trotz der Versicherung von Margarethe, seine Befürchtungen noch nicht ganz beseitigt wären:

»Sprecht, in welcher Absicht kommt Ihr hierher?«

»Hierher?« sagte von Mouy.

»In, hierher, in dieses Zimmer.«

»Er kam in keiner Absicht,« versetzte Margarethe, »ich habe ihn hierher gezogen.«

»Ihr wußtet also? …«

»Ich habe Alles errathen.«

»Ihr seht wohl, von Mouy, daß man errathen kann.«

»Herr von Mouy«, fuhr Margarethe fort, »war diesen Morgen bei dem Herzog Franz in dem Zimmer von zweien seiner Edelleute…«

»Ihr seht wohl, Herr von Mouy«, wiederholte Heinrich, »daß man Alles weiß.«

»Das ist wahr,« sprach von Mouy.

»Ich wußte gewiß,« sagte Heinrich, »daß sich der Herzog von Alençon Euerer bemächtigt hatte.«

»Das ist Euer Fehler, Sire, warum habt Ihr so hartnäckig ausgeschlagen, was ich anbot?«

»Ihr habt Euch geweigert!« rief Margarethe. »Diese Weigerung, von der ich ein Vorgefühl hatte, ist also wirklich geschehen?«

»Madame,« sprach Heinrich, »und Du, mein braver Mouy, in der That, Ihr macht mich lachen mit Eueren Ausrufungen. Wie! es tritt ein Mensch ein, spricht mir von Thron, von Empörung, von Umsturz, mir, Heinrich, einem Prinzen, der geduldet wird, vorausgesetzt, daß er die Stirne niedrig trägt, einem Hugenotten, den man unter der Bedingung schont, daß er den Katholiken spielt, und ich soll einwilligen, wenn man mir die Anträge in einem Zimmer macht, das weder ausgepolstert, noch mit doppeltem Täfelwerk versehen ist! Ventre-saint-gris! Ihr seyd Kinder oder verrückt.«

»Aber, Sire, konnte Euere Majestät mir nicht einige Hoffnung, wenn nicht durch Worte, doch wenigstens durch eine Geberde, durch ein Zeichen lassen?«

»Was hat Euch mein Schwager gesagt, von Mouy?«

»Oh! Sire, das ist nicht mein Geheimniß.«

»Ei! mein Gott,« versetzte Heinrich, gewisser Maßen ungeduldig, daß er es mit einem Menschen zu thun hatte, der seine Worte so schlecht begriff, »ich frage nicht, welche Vorschläge er Euch gemacht hat, ich frage nur, ob er horchte, ob er gehört hat?«

»Er horchte, Sire, und er hat gehört.«

»Er horchte und hat gehört? Ihr sagt es selbst, von Mouy! Armer Verschwörer, hätte ich ein Wort gesprochen, so wäret Ihr verloren gewesen. Denn, wenn ich es auch nicht wußte, so vermuthete ich doch, daß er da war, und wenn nicht er, so irgend ein Anderer, Karl IX., der Herzog von Anjou, die Königin Mutter; Ihr kennt die Wände des Louvre nicht, von Mouy; für sie ist das Sprichwort gemacht worden: die Wände haben Ohren, und ich, der ich diese Wände kenne, hätte sprechen sollen? Mein lieber von Mouy, Ihr erzeigt dem Verstande des Königs von Navarra wenig Ehre, und ich wundere mich, daß Ihr, da Ihr ihn in Euerem Geiste nicht höher stellt, gekommen seyd, um ihm eine Krone anzubieten.«

»Aber, Sire,« versetzte von Mouy abermals, »konntet Ihr mir, während Ihr diese Krone ausschluget, nicht wenigstens ein Zeichen machen? ich hätte nicht Alles für verzweifelt, für verloren gehalten.«

»Ei, Ventre-saint-gris, wenn er horchte, konnte er nicht eben so gut auch sehen, und ist man durch ein Zeichen nicht eben so verloren, wie durch ein Wort? Hört, von Mouy,« fuhr der König, um sich her schauend, fort, »zu dieser Stunde, so nahe bei Euch, daß unsere Worte den Kreis von unsern drei Stühlen nicht überschreiten, befürchte ich noch gehört zu werden, wenn ich Dir sage: von Mouy wiederhole mir Deine Vorschläge!«

»Aber, Sire,« rief von Mouy in Verzweiflung, »nun habe ich Verbindlichkeiten gegen den Herzog von Alençon eingegangen.«

Margarethe schlug voll Aerger ihre zwei schönen Hände an einander.

»Es ist also zu spät?« sagte sie.

»Im Gegentheil,« murmelte Heinrich, »begreift doch, daß der Schutz Gottes hierin sichtbar ist. Bleibe mit ihm in Verbindung, von Mouy, denn dieser Franz ist das Heil von uns Allen. Glaubst Du denn, der König von Navarra könnte alle Eure Köpfe verbürgen? Im Gegentheil, Unglücklicher, ich mache, daß man Euch Alle bis auf den Letzten, und zwar bei dem geringsten Verdachte tödtet. Aber ein Sohn von Frankreich, das ist etwas Anderes! Nimm Beweise, von Mouy, fordere Garantien! Aber bei Deiner Einfalt hast Du wohl Verbindlichkeiten mit dem Herzen eingegangen und ein Wort hat Dir genügt.«

»Oh! Sire, glaubt mir«, rief von Mouy, »die Verzweiflung darüber, daß Ihr uns verließet, hat mich dem Herzog in die Arme geworfen, dabei auch die Furcht verrathen zu werden, denn er besaß unser Geheimniß.«

»Besitze das seinige ebenfalls, von Mouy, das hängt von Dir ab. Was wünscht er? König von Navarra zu werden. Versprich ihm die Krone. Was will er? Den Hof verlassen! Liefere ihm die Mittel zur Flucht. Arbeite für ihn, von Mouy, als ob Du für mich arbeiten würdest; lenke den Schild, daß er die Streiche parire, die man nach uns führt. Muß man fliehen, so werden wir zu Zwei fliehen. Muß man kämpfen und regieren, so werde ich allein seyn.«

»Mißtraut dem Herzog,« sprach Margarethe, »es ist ein finsterer, durchdringender Geist, ohne Haß und ohne Freundschaft, stets bereit seine Freunde als Feinde, seine Feinde als Freunde zu behandeln.«

»Und er erwartet Euch, von Mouy?« sprach Heinrich.

»Ja, Sire.«

»Wo dies?«

»In dem Zimmer jener zwei Edelleute!«

»Um welche Stunde?«

»Um Mitternacht.«

»Noch nicht elf Uhr,« versetzte Heinrich, »es ist noch keine Zeit verloren, geht, von Mouy.«

»Wir haben Euer Wort, mein Herr,« sprach Margarethe.

»Stille doch, Madame,« sagte Heinrich mit dem Vertrauen, das er bei gewissen Personen und bei gewissen Gelegenheiten so gut an den Tag zu legen wußte. »Bei Herrn von Mouy fragt man nicht einmal nach solchen Dingen.«

»Ihr habt Recht, Sire,« antwortete der junge Mann, »aber ich bedarf des Eurigen, denn ich muß den Führern sagen, daß ich es erhalten habe. Nicht wahr, Ihr seyd nicht Katholik?«

Heinrich zuckte die Achseln.

»Ihr leistet nicht auf das Königreich Navarra Verzicht?«

»Ich leiste auf kein Königreich Verzicht, nur behalte ich mir vor, das beste zu wählen, d. h. dasjenige, das am meisten mir und Euch genehm ist.«

»Und wenn mittlerweile Eure Majestät verhaftet würde, verspricht sie, nichts zu enthüllen, sogar falls man die königliche Majestät durch die Folter verletzen würde?«

»Von Mouy, ich schwöre es Euch bei Gott.«

»Sire, ein Wort. Wie soll ich Euch wieder sehen?«

»Ihr erhaltet schon morgen den Schlüssel zu meinem Zimmer. Ihr tretet ein, von Mouy, so oft es nothwendig ist, und wann Ihr wollt. Der Herzog von Alençon hat Eure Anwesenheit im Louvre zu verantworten. Mittlerweile geht die kleine Treppe hinaus. Ich werde Euch als Führer dienen. Unterdessen läßt die Königin hier den dem Eurigen ähnlichen rothen Mantel eintreten, welcher so eben im Vorzimmer war. Man soll keinen Unterschied zwischen den Beiden machen und nicht wissen, daß Ihr doppelt seyd?«

1
Darf die Wollust ich nicht fühlen,Dir in Deinem Haar zu wühlen,Küssen nicht der Lippen Gluth,Oder Deinem Busen schmeicheln,Willst Du denn die Nonne heuchelnIn des Klosters strenger Hut?Warum sich das Aug verhülle,Stirn’ und Lipp’, des Busens Fülle,Ist ein Räthsel, Schöne, mir —Willst Du denn erst Plato lachen,Wenn Du fährst in Charons Nachen,Warum küssen nicht schon hier?Schöne, nach der TodesstundePrangt kein Roth auf Deinem Munde,Farblos ist die Lippe Dir;Würd’ ich dort Dich wiedersehen,Würd’ ich still vorübergehen,Schweigen, daß Du lieb einst mir.Darum, Liebste, noch im LebenLaß den Blick zu Dir mich heben,Und den Mund Dir küssen süß,Denn in Deiner TodesstundeBricht Dir auf der Reue Wunde,Daß Dein Herz mich spröd verstieß.

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2.heute: Nachmittagstee oder -kaffee, damals vielleicht: Vesperbrot
3
Ich weiß es wohl, wenn mich Dein Aug nicht siehet,Daß das Gedächtniß Dir des großen Herrn entfliehet;Doch daß Du meiner denkst, vergiß es nie,Daß ich ein Treuer bin der schönen Poesie,Und darum send’ ich Dir dieß heitre Gedicht,Das die Begeisterung um Deine Verse flicht.Laß Dich den Haushalt, Ronsard, nimmer quälen,Dir möcht sonst die Mus’ in Anderem, als Gartenwesen fehlen,Dem König mußt Du folgen, der dich so herzlich liebt,Weil Du die Poesie so kühn, so zart geübt.In Amboise hoffe ich, daß mir Dein Antlitz lache,Wo nicht so schwör’ ich Dichter Dir die tiefste Rache.

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4
Um den Glauben aufrecht zu erhalten,bin ich schön und treu;gegen die Feinde des Königsbin ich schön und grausam.

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5.Ein mit einer Fallthüre versehenes unterirdisches Gefängniß für Leute, welche man in der Stille aus dem Wege räumen will, ähnlich dem, was man in Deutschland Jungfernkuß nannte.
6.Ein Spottname für die Hugenotten.
7.Ceux de la Religion, war in jener Zeit der gewöhnliche Ausdruck für die Hugenotten.
8.Das gute Grundwesen oder der Gott des Guten in der Religion Zoroasters, dem bösen Grundwesen, Ariman, gegenübergesetzt.
9.Kirchhof der unschuldigen Kinder.
10.Man hat Gaspard (der Name des Admirals) von oben nach unten geworfen, und dann wieder von unten nach oben gezogen.
11
Hier ruht – nein, das ist ein Mißverständnis —zu ehrbar ist das Wort für ihn,– man hat den Admiral hier an den Füßen aufgehängt,da es ihm an dem Kopfe fehlt.

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12.Drillhäuschen.
13.Wer ist am Schlage?
  Zwei Pagen und sein Stallmeister:
  Gut, das sind Barbaren. Sagt mir La Mole, wen habt Ihr in Eurem Zimmer getroffen?
  Den Herzog Franz.
  Was that er?
  Ich weiß es nicht.
  Mit wem?
  Mit einem Unbekannten.
14.Dumas läßt diesen Menschen Deutsch sprechen.
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
04 декабря 2019
Объем:
800 стр. 1 иллюстрация
Правообладатель:
Public Domain

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