Читать книгу: «Elim»
I
Der Sturm
Zu der Zeit als das Heer Napoleon’s gegen Moskau vorrückte, blockirte die vereinigte russisch-brittische Flotte unter dem Befehl des englischen Admirale die im Hafen von Vliessingen eingeschlossene französische Flotte.
In der ungünstigsten Jahreszeit, auf einem allen Winden offenen Meere, in unermeßlichen Tiefen ihre Anker werfend, hatten die vereinigten Flotten den doppelten Kampf mit den Elementen und mit dem Feinde zu bestehen. Hinter sich hatten sie den Oecan mit den brausenden Wogen, vor sich die Feuer und Eisen speienden Batterien.
Im October waren die Stürme furchtbar und anhaltend. Um sich einen Begriff von den Drangsalen einer in solchem Wetter vor Anker liegenden Flotte zu machen, muß man einen Sturm auf offener See erlebt haben. Das Kriegsschiff bleibt dann unbeweglich, aber es erbebt an allen Gliedern, wie ein gefesselter Riese, der vor den gegen ihn andringenden gewaltigen Wellen nicht zu fliehen vermag.
Der Orkan, der in der Nacht vom 16. zum 17. October wüthete, vernichtete mehre Schiffe an den Küsten Hollands und Englands. Die ganze Nacht hindurch hörte man mitten in der Finsternis und mitten in dem tobenden Sturm von Zeit zu Zeit Nothschüsse, welche der Schöpfung zuriefen: Wir sind verloren! Es waren die letzten Lebenszeichen, welche ihren Wiederhall im Grabe finden.
In der Morgendämmerung eines trüben Tages, der jener Schreckensnacht folgte, sah man die furchtbare Lage der Flotte. Die Linie war durchbrochen, die Taue waren zerrissen, die Maste zertrümmert. Einige von ihren Ankern losgerissene Schiffe waren, dem noch immer tobenden Sturm preisgegeben, die sich wie Berge aufthürmenden Wellen schienen sie verschlingen zu wollen. Selbst die Seeleute gaben alle Hoffnung auf.
Das russische Linienschiff »Wladimir« war an mehren Stellen leck geworden. Es war das letzte am linken Flügel der Linie und lag sehr nahe an den Felsen, die sich beinahe eine halbe Seemeile parallel mit der Küste ins Meer erstrecken. Die Matrosen arbeiteten mit allen Kräften theils an den Pumpen, theils am Takelwerk: sie wußten wohl, daß ihr Leben von der Kraft ihrer Arme abhing; aber alle Arbeit wäre fruchtlos, der Untergang der gesamten Mannschaft unvermeidlich gewesen, wenn sich nicht bald nach Sonnenaufgang der Sturm gelegt hätte. Die Hoffnung der Rettung wurde bald zur Gewißheit. Jeder Matrose erhielt ein Glas Branntwein, die Ordnung wurde am Bord wieder hergestellt und die Hälfte der Mannschaft konnte sich ausruhen.
Es war vier Uhr Nachmittags. Der Lieutenant, dem es ebenfalls vergönnt war zurasten, begab sich auf das Verdeck und sagte, seine Mütze lüftend, zu dem auf- und abgehenden Capitän:
»Ich habe Alles in Ordnung gebracht. Der Wind bläst Nordostwest. Wir liegen mit einhunderteinundsiebzig Faden Kabel in einer Tiefe von achtundsiebzig Faden vor Anker.«
»Aber der untere Schiffsraum? Wie sieht’s da aus, Nicolai Alexiewitsch ?« fragte der Capitän.
»Alles geht gut, wir haben das Wasser ausgepumpt. Haben Sie noch etwas zu befehlen?«
»Nein, Nicolai, Sie haben ja für Alles gesorgt. Empfangen Sie meinen Dank und geben Sie der Mannschaft für die Arbeit dieser Nacht meine Zufriedenheit zu erkennen. Ohne diese übermenschliche Arbeit würden wir jetzt wie ein Fetzen an einem Felsen hängen.«
Der Lieutenant war ein alter »Seebär«. Sein Gesicht war von der Sonne aller Klimate gebrannt; die Mütze trug er nachlässig auf einem Ohr und seine rechte Schulter war, vermuthlich ebenfalls aus Nachlässigkeit, auffallend höher geworden als die linke. Seinen vom Regen durchweichten Mantel hatte er noch nicht abgelegt. In der Hand hielt er sein Sprachrohr.
Er lächelte über die Worte des Capitäns.
»Es ist nicht der Rede werth,« sagte er. »Als wir mit dem »Wladimir« im adriatischen Meere waren, ging’s noch heißer her. Es ist noch ein Glück.« setzte Nikolai Alexiewitsch hinzu, »daß es im brittischen Canal keine Wasserhosen gibt, obschon es sehr merkwürdig ist, sie entstehen und verschwinden zu sehen.«
»Ja wirklich, das muß sehr merkwürdig sein,« antwortete Elim Belosor, ein schöner junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren, der die goldene Achselschnur trug; denn er war Adjutant des russischen Admirals, hatte aber für die Dauer des Krieges auf einem Linienschiff Dienste genommen. »Eure Wasserhosen in der Ostsee sind den mit Punsch gefüllten Gläsern gewiß gefährlicher als den Schiffen.«
»Allerdings, Freundchen,« erwiederte der alte Seemann. »Das Wasser ist für die Fische und Krebse, die Milch für die Kinder und Lungensüchtigen, der Wein für die jungen Leute und die hübschen Weiber, der Madeira für die Männer und Soldaten geschaffen; aber Rum und Schnaps ist das natürliche Getränk der Helden.«
»Wenn das ist,« antwortete der junge Adjutant lächelnd, »so bin ich nicht für die Unsterblichkeit bestimmt. Es ist mir unmöglich, einer Rumflasche gerade ins Gesicht zu sehen, ich habe einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das abscheuliche Getränk.«
»Auf mich, lieber Elim, macht es gerade den entgegengesetzten Eindruck: mein Herz pocht ungestüm, sobald es einer Rumflasche nahe kommt. Wenn Du dreißig Jahre auf dem Gebiete des alten Neptun umhergesegelt bist und Dir den Wind hast um die Nase wehen lassen, so wirst Du einsehen, das; ein gutes Glas Grog besser ist als alle Mäntel der Welt, als alle Fuchs- und Zobelpelze. Beim zweiten Glase wird Dir ein Liebt im Kopfe aufgehen, beim dritten wirst Du einen Vogel in deinem Herzen singen hören. Dann wirst Du Dich über die Schiffswand lehnen und die Wellen so ruhig vorüber ziehen sehen, als ob’s Schafheerden wären, und die Maste mögen immerhin über deinem Kopfe ächzen und krachen, Du wirst Dich nicht so viel darum kümmern.«
Der alte Seemann schlug ein Schnippchen.
»Und trotzdem,« entgegnete der Adjutant, »hätten wir in der vorigen Nacht zuweilen deine Wangen erbleichen sehen, wenn’s nicht so dunkel gewesen wäre.«
»Der Teufel soll mich holen, wenn ein wahres Wort daran ist,« betheuerte Nicolai Alexiewitsch. »Der Sturm ist mein Element. Gott gebe uns oft solche Nächte! Der Dienst wird dann nicht vernachlässigt, wie in ruhigen Zeiten. Wenn der Wind weht, haben Hände und Geist vollauf zu thun und ich fühle mich erhoben, denn es scheint mir, als ob ich den Befehl über die ganze Natur führte.«
»Ich danke für eine solche Sturmnacht, Lieutenant,« sagte der junge Offizier: »ich bin bis auf die Haut naß geworden, ich war hungrig wie ein Seehund und mußte mich ohne Nachtessen niederlegen, und um das Maß meiner Leiden voll zu machen, bin ich zweimal aus dem Bett gefallen.«
»Du bist ja ein wahres Zuckerpüppchen, lieber Elim,« sagte der alte Seemann. »Du möchtest wohl, daß dein Schiff in Rosenwasser segelte, daß der Wind nur geschaffen wäre, um deine Segel zu säuseln und daß die Schiffslieutenants nur mit Damen tanzen.«
»Scherzen Sie so viel Sie wollen, Nicolai Alexiewitsch. Ich gestehe, daß ich mich gern bei einer schönen Lady in Plymouth wärmen oder nach einem guten Mittagessen ein Schläfchen machen möchte. Die Musik in der Pariser Oper würde mir angenehmer sein, als das Heulen des Windes, wobei man überdies noch die angenehme Aussicht hat, mit den Haifischen aus einer Tasse zu trinken.«
»Ich behaupte, daß zu Lande mehr Gefahren sind, als zur See. Zu Lande ist man beständig in Gefahr, Börse und Herz zu verlieren. Als Du mich zum Beispiel in Stephen’s Haus führtest, Du weißt doch noch? Ich wußte nicht, wie ich zwischen den Sophas und Sesseln, mit denen der Salon angefüllt war, hindurchsegeln sollte. Ich hätte lieber in einer stockfinstern Nacht am Steuer gesessen und das Schiff durch den Devilspaß geführt. Und diese verwünschte Miß Jane! Sie sah mich so scharf an, daß ich im Begriff war den Anker zu lichten und fünfzehn Knoten in der Stunde zu fahren, um mich von ihr zu entfernen. – Aber Du hörst mir nicht zu.«
Elim war wirklich ganz zerstreut; er hatte sich an eine Kanone gelehnt und seine Augen waren auf die holländische Küste gerichtet. Das ferne Gestade schien ihm ein Paradies. Dort gab es brave Leute, geistreiche Männer, schöne Mädchen; dort schlugen Herzen, die sich nach Liebe sehnten und der Liebe werth waren. Ein quälender Gedanke für einen jungen Mann von fünfundzwanzig Jahren, der in einem schwimmenden Kloster sitzt und noch nicht voraussieht, wann der Augenblick der Erlösung kommen wird. Die Worte seines alten Cameraden weckten die nur leise schlummernde Sehnsucht in seiner Brust und er warf so zärtliche Blicke nach Holland hinüber, als ob er dort einen Schatz vergraben hätte. Die Unmöglichkeit das Schiff zu verlassen verdoppelte übrigens die Sehnsucht nach der Küste, und er seufzte so tief wie ein wahrheitsliebender Historiker. Auf diesen Seufzer glauben wir die Aufmerksamkeit des Lesers lenken zu müssen.
Der Tag sing an sich zu neigen, der Wind wurde wieder stärker und ging allmälig in Sturm über; aber man hatte umfassende Vorkehrungen getroffen und erwartete die Nacht ohne große Besorgniß.
Bei Sonnenuntergang erschien am Horizont ein Schiff, welches mit aufgespannten Segeln auf die Flotte zufuhr. Durch den beginnenden Sturm getrieben, schien es schneller als dieser fahren zu wollen. Man erkannte es bald für ein englisches Kriegsschiff. Die rothe Flagge schimmerte wie ein Blitz mitten unter den Wolken. Alle Augen waren auf den Engländer gerichtet.
»Wir wollen doch sehen,« sagte Elim, »wie unser Gentleman in diesem schönen Wetter den Anker werfen wird.«
»Er ist wahrhaftig toll,« sagte ein junger Schiffslieutenant, »er fährt mit vollen Segeln in die Linie. Sieh nur, seine Maste biegen sich wie Rohr, man glaubt sie hier krachen zu hören. Der Capitän muß Dämonen statt der Matrosen unter seinem Befehl haben.«
Das Admiralschiff zog die Signalflagge auf; aber das Fahrzeug schien nicht darauf zu achten, oder es wurde durch eine unwiderstehliche Gewalt fortgetrieben.
»Es antwortet nicht!« riefen mehre Stimmen erstaunt.
»Es fährt gerade auf die Felsen zu,« sagte Elim.
Auf dem Admiralschiffe wurden drei Flaggen zugleich aufgezogen.
»Nummer hundertdreiundvierzig!« rief ein Matrose.
Der Schiffslieutenant schlug das Signalbuch auf.
»Das von der offenen See kommende Schiff,« sagte er, »muß in die Linie rücken und links den Anker werfen.«
»Hat es geantwortet?« fragte der Lieutenant.
»Es scheint nicht einmal zu merken, daß das Signal ihm gilt,« sagte der Matrose.
Ungewißheit, Besorgniß und Erstaunen zeigten sich auf allen Gesichtern.
Dasselbe Signal wurde wiederholt und als Verweis ein Kanonenschuß dazu abgefeuert.
Das ankommende Schiff nahm gar keine Notiz davon und segelte immer auf die Klippen zu.
Vergebens verdoppelte der Admiral seine Signale, das Schiff segelte immer mit der gleichen Schnelligkeit.
Alle Seeleute sahen das Schiff mit Schrecken an, es fuhr offenbar seinem Verderben entgegen.
»Es versteht unsere Signale nicht,« rief der Lieutenant; »es kommt nicht von England, sondern aus dem Ocean. Aber es sollte doch die auf allen Karten angezeigten Felsen sehen.«
»Es hat nur eine Secunde zum Wenden,« sagte Elim, »sonst ist es verloren.«
Es war ein entscheidender Moment. Der junge Offizier stieg auf die Verschanzung und hielt sich nur mit einer Hand; mit der andern schwenkte er seine Mütze und rief, als ob man es auf dem Schiffe hören könnte:
»Das Steuer zum Backbord!«
Das Schiss war schon so nahe, daß man die Mannschaft auf dem Verdeck sehen konnte. Man versuchte das Focksegel einzuziehen; aber als die Matrosen mit diesem Manöver beschäftigt waren, hörte man ein furchtbares Krachen, der Mast brach.
»Es hat kein Steuer!« rief der Lieutenant, »es ist l verloren!«
Der alte Seemann wandte sich ab.
Er hatte Recht. Das dem Untergange geweihte Schiff schien seinem sichern Verderben entgegenzueilen. Durch den Wind getrieben, durch die Strömung fortgerissen, flog es pfeilschnell auf die Felsen zu.
Man sah die Verzweiflung des Schiffsvolkes. Es war kein Commando, keine Ordnung, keine Mannszucht mehr am Bord. Die Matrosen liefen hin und her, streckten die Hände gegen die andern Schiffe aus und baten instinktmäßig um Hilfe, die ihnen nicht mehr geleistet werden konnte.
Ihre letzte Stunde schlug. Mit Blitzesschnelle, mit der Gewalt und dem Krachen des Donners wurde das Schiff gegen den Felsen geschleudert. Man sah, wie es mitten in der schäumenden Brandung in Stücke zerbrach. Die Segel zerstreuten sich; eines derselben flog wie ein Adler durch die vom Sturm bewegte Luft – eine gewaltige Welle hob die Trümmer noch einmal empor und warf sie dann wieder auf die Felsen.
»Es ist aus,« sagte Elim, wieder auf das Verdeck springend.
Auf der Stelle, wo noch vor wenigen Minuten das Schiff zu sehen war, thürmten sich nur noch Wogen auf, schäumte nur noch die Brandung.
»Ein Signal!« rief der Matrose. »Nummer hundert sieben! Eilet den Schiffbrüchigen zu Hilfe!«
»Ein menschenfreundlicher Befehl,« sagte der Lieutenant Nicolai Alexiewitsch, »aber leichter zu geben als zu vollziehen.«
In diesem Augenblicke erschienen drei Männer, die allein von der Schiffsmannschaft übrig geblieben waren, mitten in den schäumenden Wogen. Sie hielten sich alle drei an einem Brett.
Elim faßte den alten Seemann beim Arm.
»Sehen Sie?« fragte er hastig. »Sehen Sie die Unglücklichen?«
»Endlich sehe ich sie,« antwortete Nicolai Alexiewitsch; »aber was kann ich thun?«
»Sie halten es also für unmöglich, ihnen beizustehen?« fragte Elim.
»Ja, ich halte es für unmöglich,« antwortete der Schiffslieutenant.
»Und ich,« erwiederte Elim, »ich würde es für eine Schmach halten, wenn ein Russe einen von einem Engländer gegebenen Befehl als unausführbar betrachtete. – Capitän,« setzte er, sich zu dem Commandanten des »Wladimir« wendend, hinzu, »erlauben Sie mir eine Schaluppe auszusetzen.«
»Ich kann Sie nicht hindern, Elim, eine Pflicht zu erfüllen,« sagte der Capitän traurig; »aber Sie gehen zwecklos Ihrem Untergange entgegen, die Rettung der Schiffbrüchigen wird Ihnen nicht gelingen.«
»Capitän, ich habe keine Mutter und keine Frau, die meinen Tod beweinen würden, und mein Vater ist ein alter Soldat, der mit Freude erfahren wird, daß sein Sohn in der Erfüllung seiner Pflicht das Leben gelassen.«
»Aber Sie haben nicht Zeit, das große Boot auszusetzen und die Schaluppen halten in dem Sturme nicht aus.«
»Ich werde, wenn es sein muß, in einer Badewanne hinüberfahren; ich finde, daß es leichter ist, selbst zu sterben, als Andere sterben zu sehen.«
»Heda! die Möwe ausgesetzt!« rief er, »und fünf entschlossene Leute!«
Es meldeten sich dreißig. Elim wählte fünf und sprang in seine Schaluppe, die wegen ihres schlanken Baues und ihrer Schnelligkeit den Namen eines Vogels erhalten hatte. Einer der fünf Matrosen setzte sich an das Steuer, die andern ergriffen die Ruder, Elim nahm vorn in der Schaluppe Platz.
»Glückliche Reise!« riefen ihm die Cameraden nach.
Die Taue, welche die Schaluppe hielten, wurden gekappt, und das leichte Fahrzeug verschwand mitten in der schäumenden Brandung, als wäre es von den Wellen verschlungen worden.
II
Der Schiffbruch
Die Schaluppe tauchte zwanzig Schritte von dem Kriegsschiffe, welches sie ausgesetzt hatte, wieder auf.
Das Wasser stand drei Zoll hoch in der Barke. Zwei Matrosen fuhren fort zu rudern; Elim und zwei andere schöpften das Wasser mit ihren Hüten aus.
Dann legten die vier Ruderer wieder eifrig Hand ans Werk. Unterdessen setzte Elim den Mast ein und hißte das kleine Segel auf.
Als er diese Arbeit beendet hatte und sich umsah, war die Flotte schon weit entfernt.
Er sah sich nun nach den Schiffbrüchigen um.
Das Brett, an welchem sich die drei Unglücklichen festhielten, sank jeden Augenblick unter; sie hatten kaum Zeit zu athmen, wenn sie wieder auftauchten, denn sie verschwanden immer schnell wieder.
»Herr Lieutenant,« sagte der Matrose am Steuer, »ich glaube, es sind nur noch Zwei.«
Elim schlug ein Kreuz, wie die Russen bei dem Abscheiden einer Seele von der Erde zu thun pflegen.
»Dann müssen wir uns um so mehr beeilen, den noch Lebenden zu helfen,« sagte er. »Nur Muth, Kinder!«
Die Schaluppe glitt leicht über das Wasser dahin und lehnte sich zuweilen so weit seitwärts auf die Wellen, daß die Spitze des Segels ins Wasser tauchte. Die Ruderer arbeiteten rüstig, aber meistens bewegten sich die Ruder außerhalb des Wassers.
»Herr Lieutenant,« sagte der Mann von neuem mit dumpfer Stimme und sich die Stirn mit dem Aermel abwischend, »es ist nur noch Einer.«
»Wir wollen diesen wenigstens zu retten suchen,« sagte der Lieutenant, indem er wieder das Zeichen des Kreuzes machte.
Dann richtete er sich auf, schwenkte sein Schnupftuch und rief dem Schiffbrüchigen in englischer Sprache zu:
»Nur Muth , Freund, haltet Euch fest – wir kommen.«
Aber kaum hatte er diese letzten Worte gesprochen, so kam das inzwischen von einer Welle verschlungene Brett ohne den Schiffbrüchigen wieder zum Vorschein.
»O der Unglückliche!« rief der Lieutenant mit Verzweiflung; »er hat nicht die Kraft gehabt uns zu erwarten. Noch zwei Ruderschläge und wir hätten ihn erreicht.«
»Hast Du gesehen, Jurko, wie er die Augen aufriß?« sagte einer der Ruderer leise zu seinem Cameraden.
»Ja,« antwortete dieser; »und wie er die Fäuste ballte.«
»Der Lieutenant hat vergessen für diesen ein Kreuz – zu schlagen,« sagte ein Dritter.
»Er ist im Stande, ihn an den Füßen zu ziehen, um ihn daran zu erinnern,« sagte Jurko lachend.
»Mit den Lebenden magst Du scherzen, so viel Du willst, Jurko,« sagte der Mann am Steuer ernst verweisend, »aber nicht mit den Todten. Dies bringt Unglück!«
»Es war nicht möglich, Andern das Leben zu retten,« sagte der Lieutenant mit lauter Stimme, die nicht nur das Geflüster der Matrosen übertönte, sondern auch trotz dem Heulen des Windes und dem Toben der Wellen deutlich zu verstehen war. »Wir müssen jetzt an unser eigenes Leben denken.«
Der junge Offizier überzeugte sich auf den ersten Blick, daß es ihm unmöglich war, gegen den Wind und die gewaltigen Wogen zu steuern, er konnte nicht zur Flotte zurückkehren. Er sah keinen andern Ausweg, als vor dem Winde zu treiben und ans Land zu gehen, daselbst zu übernachten und einen Wechsel des Windes abzuwarten, um mit der Schaluppe auf den »Wladimir« loszusteuern.
Wenn er den Versuch machte, links von der Stadt zu landen, so hatte er den günstigsten Wind, und das leichte Fahrzeug konnte schnell die Küste erreichen. Das Land, dem ihn der Sturm zutrieb, war freilich Feindesland, und wenn er erkannt wurde, hatte er den Tod oder wenigstens Gefangenschaft zu erwarten.
Elim hatte am Steuer den Platz des alten Matrosen eingenommen. Drei Mann schöpften das unaufhörlich in das Boot dringende Wasser aus, die beiden andern hielten sich aus jedes Ereigniß gefaßt. Die Schaluppe hatte eine so schiefe Stellung, daß einer der beiden Matrosen mit einem Messer in der Hand den Befehl des Offiziers erwartete, das Tauwerk, welches das Segel gespannt hielt, zu zerhauen.
Elim war indeß so ruhig, daß die Matrosen, wittert sie nicht selbst erfahren genug gewesen die Lage zu würdigen, ganz unbesorgt hätten sein können.
Es wurde völlig Nacht; aber bei dem letzten Tageslicht hatte man an einem breiten, vor dem Strande sich ausbreitenden Schaumstreifen sehen können, daß die Küste durch eine weit ausgedehnte, starke Brandung vertheidigt war.
Der Wind trieb das kleine Fahrzeug gerade gegen diese noch in der Dunkelheit sichtbare Brandung. Die über das Meer getriebene Schaluppe hätte die Flügel des Vogels, dessen Namen sie führte, haben müssen, um über diesen furchtbar tobenden Schaumwall hinwegzugleiten.
»Alles herunter!« rief Elim den beiden harrenden Matrosen zu.
Der eine Matrose ließ das Tauwerk nach; aber der Wind war so heftig, daß er es 'ihm aus den Händen riß und das losgelassene Segel so heftig hin- und herschlug, daß die Schaluppe erzitterte und ihr Vordertheil, durch das Gewicht des Segels fortgezogen, ins Meer tauchte. Doch wie ein feuriger Renner, der in eine zu tiefe Furt gerathen ist, hob sie den Kopf aus dem Wasser. Eine Wiederholung dieser gefährlichen Bewegung mußte freilich den Untergang des Schiffleins zur Folge haben.
Elim verlor keine Zeit mit Befehlen; er bückte sich rasch, ergriff eine Axt und in dem Augeublicke, wo der kleine Mast wie ein Schilfrohr gebogen wurde, hieb er mit der vollen Kraft seines Armes darauf ein. Man hörte ein lange anhaltendes Krachen und der Mast fiel mit dem Segel um.
»Alles über Bord!« rief Elim, indem er seinen Platz ein Steuer wieder einnahm.
Die Matrosen, welche die Nothwendigkeit einsahen, die Schalupppe von dieser unnützen Last zu befreien, warfen sich auf den fast ganz abgebrochenen Mast und in fünf Minuten war derselbe samt dem Segel über Bord geworfen.
Inzwischen war man der Brandung so nahe gekommen, daß man weder rechts noch links manövriren konnte. Zum Glück ragte die Klippe, auf welche die Schaluppe von den Wellen getrieben wurde, nicht aus dem Wasser hervor und Elim hoffte darüber hinwegfahren zu können.
»Alle zurück!« rief er, als die Schaluppe dem Felsen nahe war.
Die Matrosen vollzogen rasch den Befehl; die vordere Hälfte des Bootes hob sich aus dem Wasser, wie ein athemschöpfender Pottfisch und statt des Vordertheils stieß das Hintertheil auf die Klippe.
Das Boot ward zertrümmert, aber die Seeleute und ihr junger Commandant wurden vorwärts geschleudert und befanden sich in einem Wasserbecken, welches von den an den Klippen gebrochenen Wellen nicht erreicht wurde und daher im Vergleich mit der offenen See ziemlich ruhig war.
»Nur Muth, Kinder – und gerade auf die Küste zu!« rief der junge Offizier seinen Leuten zu. »Wenn Einer von Euch etwa nicht schwimmen kann oder ermüdet ist, so lehne er sich an meine Schultern.«
Aber seine Stimme verlor sich mitten im Sturm; die Wogen wälzten sich über die Brandung hinweg und verfolgten die Schwimmer, als ob sie erzürnt gewesen wären, daß ihnen die Beute entgehen wollte.
Doch die Schwimmer fühlten bald festen Boden unter ihren Füßen. Elim hielt an, um zu sehen, ob keiner seiner Leute zurückgeblieben sei. Die fünf Matrosen waren bei ihm.
»Wahrhaftig,« sagte der alte Seemann, »ich glaubte, daß uns das vergessene Zeichen des Kreuzes Unglück bringen würde. Folgen Sie meinem Rath, Herr Lieutenant, machen Sie das Versäumte wieder gut und schlagen Sie jetzt zweimal das Kreuz.
»Einen Augenblick,« sagte Jurko, »schien es mir, als ob mich der verwünschte Ertrunkene an den Füßen zöge. Ich habe ihm auch einen tüchtigen Fußtritt gegeben.«
»Willst Du wissen, Jurko , wo dein Fußtritt ist?« fragte ein Matrose, indem er sein blau unterlaufenes Auge zeigte. »Da sieh nur.«
»Du hast mich also bei den Füßen gezogen ?« fragte Jurko.
»Nun ja; wenn man tief unten im Meere ist und einen Purzelbaum gemacht hat, wie wir, so greift man was man kann.«
Während die sechs Leidensgefährten mit der den Matrosen aller Nationen eigenen Sorglosigkeit über die eben bestandenen Gefahren scherzten, erreichten sie die Deiche.
Die See tobte unter ihnen, aber sie wurden nur noch vom Schaum bespritzt, die Wellen konnten sie nicht mehr erreichen.
»Da sind wir also glücklich aus dem Wasser,« sagte einer der Matrosen; »das ist recht schön, aber wir werden hier erfrieren.«
»Warte nur bis die Kosakensonne1 aufgeht,« erwiederte Jurko, »dann kannst Du Dich an ihren Strahlen trocknen.«
»Brrr!« sagte ein Anderer, sich schüttelnd, »ich möchte eine Pfeife rauchen.«
»Schade daß Dir das nicht früher eingefallen ist,« sagte der Matrose mit dem blauen Auge; »Du hättest deine Pfeife anzünden können an den sechsunddreißig Kerzen, die ich gesehen habe, als mir Jurko auf meine Laterne trat.«
Aber die armen Teufel vermochten die Kälte nicht hinwegzuscherzen, sie standen schlotternd im Winde. Selbst Elim vermochte trotz seines Muthes und seiner kräftigen Jugend der Kälte nicht zu widerstehen.
»Stehet auf, Kinder,« sagte er zu zwei Matrosen, die sich mitten in den Schlamm gelegt hatten. »Geschwind auf! Bedenket, daß Ihr morgen in jener Welt erwachen werdet, wenn Ihr diesen Abend hier einschlafet.«
»Da sind wir, Herr Lieutenant. Was befehlen Sie?« sagten die Matrosen, sich schüttelnd.
»Vor Allem müssen wir ein Obdach suchen, wo wir übernachten können. Vielleicht finden wir brave Leute, die uns nicht verrathen, und morgen Früh können wir in einem Fischerboote zum »Wladimir« zurückkehren.«
Der muthige junge Offizier suchte seinen Matrosen eine Hoffnung zu machen, die er selbst nicht hatte, »Aber wir müssen bei einander bleiben,« setzte er hinzu. »Folget mir und sprechet leise. Bedenkt, daß Ihr russisch sprechet und daß wir in Holland sind.«
»O, ich kann holländisch,« sagte Jurko.
»Wie, Du sprichst holländisch ?« fragte Elim erstaunt.
»Wo in aller Welt hast Du es gelernt?«
»Ich bin ja Süßwassermatrose gewesen, ehe ich Seemann wurde.«
»Aber was hat ein Süßwassermatrose mit den Holländern zu thun?«
»In Casan habe ich tartarisch gelernt.«
»Und mit Holländern willst Du tartarisch sprechen?«
»Reden denn nicht alle Heiden die gleiche Sprache?«
Der junge Schiffslieutenant lachte, trotz der bedenklichen Frage über die Universalsprache, welche nach der naiven Lebensansicht des Matrosen von allen Völkern gesprochen wurde, denen nicht das Glück zu Theil geworden, sich zur griechischen Kirche zu bekennen.
Etwa zehn Minuten gingen die Matrosen, von Elim geführt, auf einem schmalen Fußpfade fort. Es war so finster, daß sie keine zehn Schritte weit sehen konnten. Von Zeit zu Zeit stand der junge Offizier still und lauschte, aber er hörte nichts als das Heulen des Windes und das Brausen der Wellen.
Endlich nachdem die Wanderer etwa eine halbe Stunde gegangen waren, hörten sie ein Getöse, welches, als sie näher kamen, sogar lauter wurde als das Brausen des Meeres. Es mußte ein reißender Strom sein, und bald erblickten sie vor sich eine dunkle Masse.
Es war eine Mühle.
Halt!« sagte Elim.
»Warum denn Halt, Herr Lieutenant?« fragte ein Matrose.
»Weil Franzosen in der Mühle sein können.
»Und wenn der Teufel darin wäre, so weiß ich keinen bessern Rath, als hineinzugehen.«
»Wenn Franzosen darin sind, wird uns schon warm werden,« meinte der Matrose mit dem blauen Auge.
»Warm!« erwiederte Jurko , »das wäre mir eben recht, denn ich bin fast erstarrt.«
»Und ich habe einen wüthenden Hunger,« sagte ein Anderer; »ich wäre im Stande in das Mühlrad zu beißen.«
»Saget eure Meinung, Kinder,« setzte Elim hinzu; »denn in unserer Lage gibt es keinen Vorgesetzten und keine Untergebenen mehr, wir sind Leidensgefährten.«
Die Matrosen beriethen sich.
»Herr Lieutenant,« sagte Jurko nach einer kleinen Weile, »wir Alle sind der Meinung, daß wir lieber alles Andere erdulden, als verhungern und erfrieren wollen.«
»Und wenn die Franzosen in der Mühle sind?«
»Nun, dann müssen wir uns mit ihnen verständigen; fressen werden sie uns nicht. Das Schlimmste was uns geschehen kann, ist Gefangenschaft.«
»Allerdings; aber es wäre noch besser, ein gutes Nachtessen einzunehmen und gut einzuschlafen und morgen an Bord des »Wladimir« zurückzukehren.
Jurko schüttelte den Kopf.
»Das wäre freilich noch besser,« erwiederte er, »aber ich glaube, Herr Lieutenant, daß Sie auf einmal zu viel verlangen.«
»Wer weiß?« sagte der junge Offizier. »Diese Mühle muß ziemlich weit von der Stadt entfernt sein, und der Müller muß uns gutwillig oder gezwungen verbergen, und wenn der Tag anbricht, wird sich finden was zu thun ist. Bewaffnet Euch mit den ersten besten Dingen, die Euch in die Hände fallen; ich habe meinen Dolch. Wir wollen leise eintreten.«
Die Matrosen brachen Stöcke aus einem Zaun. Jurko, der keinen Stock nach seinem Gefallen fand, nahm in jede Hand einen Stein.
Die Hofthür war von innen nur durch einen hölzernen Riegel geschlossen, und dieser gab bei dem ersten Druck nach.
Die Wanderer waren im Hofe. Elim suchte die Hausthür und fand sie bald.
Die nicht verschlossene Thür führte in einen dunklen Gang, aber ein Lichtstrahl drang durch eine Thürspalte.
Der junge Offizier ging auf den Lichtschimmer zu und öffnete entschlossen die Thür.
Er stand auf der Schwelle einer hellerleuchteten Küche. Auf einem großen Herde brannte ein lustiges Feuer, vor welchem eine am Spieß steckende Gans einen gar appetitlichen Duft verbreitete.
In dieser Küche herrschte echt holländische Sauberkeit. An den Wänden war spiegelblankes Kupfergeschirr und schneeweißes Porzellan auf Gesimsen aufgestellt, und in der Mitte dieses hellglänzenden Sonnensystems stand, rund wie die Erde, ein gedeckter Tisch.
Zwischen den Tellern und Gläsern standen zwei große Krüge, und der auf denselben sichtbare weiße Schaum zeigte an, daß das darin befindliche Bier eben erst eingeschenkt war.
Es war in der That ein freudiger Anblick für die bis auf die Haut durchnäßten, hungernden und vor Kälte schlotternden Seeleute. Sie fanden ein Feuer, an welchem sie sich trocknen und wärmen konnten, Speise und Trank, um ihren Hunger und Durst zu stillen.
Aber zum größten Erstaunen der sechs Seeleute war Niemand in der Küche; nur an der Thür lag ein Hund, der aber weder bellte noch sich rührte.
»Das ist ja das gelobte Land, in welches uns Gott nach überstandenen Drangsalen geführt,« sagte Jurko. »Die Hunde scheinen hier nicht einmal Nachtdienst zu haben.«
Elim öffnete eine Seitenthür und blieb sprachlos vor Erstaunen auf der Schwelle stehen. Auf einem Bett lag eine weibliche Gestalt mit verstopftem Munde und gebundenen Händen.
Er wandte sich zu den Matrosen, die ihm auf den Fußspitzen nachgeschlichen waren.
»Was bedeutet das?« fragte er.
»Sie hat wahrscheinlich zu viel geplaudert,« meinte Jurko.
»Und da liegt ein Mann,« sagte der Matrose mit dem blauen Auge, indem er über einen regungslosen Körper stolperte.
»Wahrhaftig, das ist der Müller,« sagte Jurko, der sich bückte, um besser zu sehen. »Ein hübscher Mann, und gesund wie ein Fisch.«
Der Müller ächzte; er konnte nicht sprechen, denn er war geknebelt wie seine Frau.
Unterdessen lauschte Elim an einer andern Seitenthür.
»Still!« sagte er, seinen Gefährten mit der Hand winkend.
Man hörte verworrene Stimmen, Klagetöne, Drohungen, Flüche.
Elim unterschied einige theils deutsche theils französische Wörter.
Was er verstand, schien seine Gegenwart nothwendig zu machen, denn er versuchte die Thür zu öffnen, und da er sie verschlossen fand, rüttelte er sie mit aller Gewalt. Aber die Thür gab nicht nach.
»Ouvrez!« rief er in französischer Sprache und wiederholte die Aufforderung sogleich deutsch: »Machen Sie auf!«
»Warum?« antwortete eine Stimme französisch.
»Machen Sie auf, und Sie werden es erfahren!« rief Elim durch die Thür.
»Geh zum Teufel! laß uns in Ruß!« antwortete eine Stimme, und das Schreien und Lärmen fing stärker als zuvor wieder an.
»Wollen Sie erlauben, Herr Lieutenant?« sagte Jurko, der seine beiden Steine noch trug.
Elim trat von der Thür zurück.
Jurko legte den einen Stein nieder, hob den andern mit beiden Händen hoch auf und schleuderte ihn mit aller Gewalt gegen die Thür, daß diese zerschmettert wurde.
Ein unerwarteter Anblick bot sich den Blicken der Seeleute dar.
Vier zerlumpte, halb betrunkene Kerle, welche ohne Zweifel wie Wölfe und Raben dem französischen Heere nachgezogen waren, plünderten die Stube aus. Einer von ihnen hielt seinen Säbel über dem Haupte eines in einem Lehnstuhl sitzenden bejahrten Mannes gezückt, während ein anderer diesem die Taschen durchsuchte. Ein dritter hielt einem Mädchen, das auf den Knien lag und für ihren Vater bat, sein Pistol auf die Brust. Ein vierter trank eben eine für den Abendtisch bestimmte Flasche Wein aus und füllte dabei seine Taschen mit dem zusammengerafften Silberzeug. Der fünfte versuchte in einer Ecke das Vorhängschloß eines Koffers zu zertrümmern.
»Mir nach, Kinder!« rief Elim seinen Leuten zu, indem er auf den Räuber, der das Mädchen bedrohte, losstürzte.
»Spitzbube!« schrie Jurko, indem er seinen zweiten Stein in die Rippen des Banditen schleuderte, der den Säbel über dem alten Manne gezückt hielt.
Die übrigen Seeleute sprangen mit erhobenen Stöcken hervor.
»Wir sind umzingelt!« riefen die Räuber, die gar keinen Widerstand versuchten. »Fort! fort!«
Sie zerschlugen ein Fenster und sprangen hinaus.
Das Fenster ging auf den Fluß hinaus. Das Schreien der zwei oder drei ersten machte die übrigen etwas betroffen; aber durch den Dolch des Schiffslieutenants und durch den von Jurko aufgerafften Säbel gedrängt, blieb ihnen keine Wahl, sie waren gezwungen ihren Spießgesellen zu folgen.
Alles dies war in wenigen Augenblicken geschehen.
Der alte Holländer, der im Schlafrock aus dem Lehnstuhl ausgestreckt lag, hatte Alles was vorgegangen war, mit dem größten Erstaunen gesehen.
Ein halbes Dutzend halb nackter, bärtiger Männer, welche Gott weiß welchem Volksstamme angehörten, weckten in ihm die ziemlich naheliegende Vermuthung, daß die eine Räuberbande durch die andere verjagt worden sei.
»Allmächtiger Gott!« rief er und einige verworrene, nur halb verständliche Worte, welche er stammelte, bewiesen, daß sein Gehirn wenigstens für den Augenblick heftig erschüttert war.
Aber seine Tochter war dankbarer als er, oder gab wenigstens ihren Dank in sichtbarer Weise zu erkennen. In den sechs Männern, welche gewaltsam in die Stube eingedrungen waren, hatte sie sogleich einen Vorgesetzten und fünf Untergebene erkannt. Der unerwartete Uebergang von der Furcht zur Freude war so plötzlich, ihre Freude so groß, daß sie dem jungen Offizier beinahe um den Hals gefallen wäre; aber sie besann sich doch, sie faßte seine Hand und dankte ihm mit Thränen für die Hilfe, die er ihr und ihrem Vater geleistet.
Elim machte mit der ihm eigenen feinen Haltung eine Verbeugung, das junge Mädchen machte zugleich lachend und weinend einige Knixe.
Der alte Mann, der noch immer in seinem Lehnstuhl lag, betrachtete die Beiden mit Erstaunen. Jurko und seine Cameraden hatten sich inzwischen in eine Reihe gestellt, als ob sie die Musterung erwarteten, konnten sich aber eines Lächelns nicht erwehren.
Als der Greis endlich das edle, offene Gesicht des jungen Offiziers sah, athmete er freier auf. Er richtete sich, eine Hand auf den Arm des Sessels stützend, mit einiger Mühe auf und nahm mit der andern Hand seine Nachtmütze ab.
»Mein habe ich meinen Dank zu sagen?« fragte er französisch, denn er hatte gehört, daß sich der junge russische Offizier vorzugsweise dieser Sprache bediente.
»Einem Manne, den der Sturm auf Ihre Küste geworfen hat,« antwortete Elim, »und der um Obdach und Zuflucht bittet. Ich bin russischer Offizier.«
Bei diesen Worten nahm er seinen Mantel ab und erschien in Uniform.
»Ein russischer Offizier!« erwiederte der Holländer und sank in seinen Sessel zurück, als ob ihn diese Nachricht vernichtet hätte.
»Saperlot!«
Dieser Empfang war keineswegs ermuthigend. Elim wußte, daß König Ludwig in Holland sehr viele Anhänger hatte, und es war immerhin möglich, daß der Herr vom Hause zu diesen gehörte.
Elim setzte daher hinzu:
»Kann ich hoffen, mein Herr, einen Freund oder wenigstens einen wohlwollenden Feind in Ihnen zu finden? Wenn Sie uns nicht eine Zeit lang verbergen wollen, so liefern Sie uns wenigstens den Franzosen nicht aus.«
»Erlauben Sie – erlauben Sie, junger Herr,« erwiederte der alte Mann hastig, »August van Naarvaessen ist nie ein Verräther gewesen, und alle Holländer, von dem ersten bis zum letzten, sind Freunde der Russen seit eurem großen Zar – und zumal ich, denn der Großvater meiner Frau war in Saardam der Zimmermeister Peter des Großen. Bei mir haben Sie daher mit Ihren Leuten nichts zu fürchten – einige Tage wenigstens sind Sie außer aller Gefahr – hier meine Hand darauf, und damit basta. Jetzt sagen Sie, Freund, wie heißen Sie?«
»Elim Belosor,« antwortete der junge Offizier, erfreut über die günstige Wendung, welche die Sache nahm.
»Jetzt, Freund Elim Belosor,« fuhr der alte Holländer fort, »ziehen Sie Ihre Uniform aus. Dann wollen wir bei einem Glase Wein das Weitere besprechen.«
Der Alte erhob sich endlich aus seinem Lehnstuhl.
Jurko hatte unterdessen die Frau und den Mann, welchen sie in der ersten Stube gefunden, von ihren Banden befreit. Das Frauenzimmer war die Köchin, welche nun auf Befehl des Herrn van Naarvaessen die fünf Matrosen zum Tische führte.
Für Elim sorgte der alte Holländer. Er führte ihn in ein großes Cabinet, gab ihm einen Schlafrock und trockene Leibwäsche; kurz, er pflegte ihn wie seinen leiblichen Sohn.
In zehn Minuten hatte sich der junge Offizier umgekleidet und erschien wieder in der Stube. Er war ganz verlegen, daß er sich der Tochter vom Hause im Schlafrocke und Pantoffeln vorstellen mußte. Zum Glücke entschuldigte ihn die Nothwendigkeit.
Das Abendessen wurde aufgetragen.
Elim fühlte sich ein ganz Anderer als vor einer Stunde. Was blieb ihm für den Augenblick auch zu wünschen übrig? Seine fünfundzwanzig Jahre waren mit seiner Mütze nicht in’s Wasser gefallen; er saß in einem warmen Zimmer an einer gutbesetzten Tafel, und der alte feurige Wein, vielleicht noch mehr die Gesellschaft des schönen jungen Mädchens gab ihm nicht nur seine gewohnte Heiterkeit wieder, sondern machte ihn noch munterer, als er vielleicht jemals gewesen war. Er stieß mit seinem freundlichen Wirthe an, lachte und scherzte mit der Tochter und ließ sich die trefflichen Speisen wohl schmecken; er wußte ja nicht , was ihm der folgende Tag bringen würde!
Der gute Appetit, dessen sich der junge Schiffslieutenant erfreute, unterscheidet sich freilich sehr wesentlich von allen andern Romanhelden, die weder essen noch trinken. Die Schriftsteller in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts haben gewiß an Magenverknöcherung gelitten; aber wir sind jetzt in der Mitte des Jahrhunderts , Alles hat sich dem allgemeinen Fortschritte angeschlossen. Heutzutage ist die Literatur realistisch, wie die Natur selbst. Nur der Colibri lebt von Rosenduft und Thautropfen. Die Nachtigall unterbricht ihren Gesang und fliegt vom Baum herunter, um einen Wurm von der Erde aufzunehmen.
Elim sprach, wie alle gebildeten Russen, das Französische sehr geläufig. Deutsch war überdies fast seine Muttersprache, denn seine Mutter war eine Deutsche; und da August van Naarvaessen und seine Tochter dieser beiden Sprachen vollkommen mächtig waren, so wurde das Gespräch mit der größten Leichtigkeit und Ungezwungenheit geführt.
Beim Nachtisch wurde der junge Schiffslieutenant, der sich noch nie so wohl gefühlt hatte, ausgelassen lustig. Er erzählte Geschichten, welche seinen Wirth ungemein belustigten. Der gemüthliche Holländer hatte in seinem Leben nicht so viel gelacht.
»Ha, ha! lieber Elim,« sagte er, indem er sich auf seinem Sessel zurücklehnte und sich mit beiden Händen den Bauch hielt, »Du bist fürwahr ein braver Kerl! – Sei nur ruhig, wir werden Dich nicht so fortlassen – nicht wahr, Jane?«
Das junge Mädchen erröthete. Es war leicht zu sehen, daß sie die Hand nicht sobald wieder aufthun würde, wenn sie von ihrem Vater die Weisung erhielte, den jungen Offizier am Mantel festzuhalten.
»In der That,« sagte Elim, »ich weiß nicht, wie ich Ihnen meinen Dank ausdrücken soll.«
»Du hast ja dein Quartier voraus bezahlt,« erwiederte der alte Holländer. »Weißt Du wohl, von welchem Verderben Du mich gerettet hast? Saperlot! es ist keine Kleinigkeit. Ich habe heute von den Franzosen zwanzigtausend Goldstücke für eine Tuchlieferung erhalten. Die verwünschten Marodeurs wollten mir das Geld abnehmen, als Du kamst und die Strolche davonjagtest. Du bist fürwahr vom Himmel gefallen, lieber Elim, und nie wirst Du irgendwo willkommener sein, als in meinem Hause.«
»Vom Himmel gefallen!l Vom Himmel gefallen!« wiederholte Elim. »Sagen Sie lieber, aus dem Meere gestiegen, lieber Herr van Naarvaessen. Ich habe das Glück gehabt, die Unholde zu verjagen, aber höchst wahrscheinlich werde ich ebenfalls flüchten müssen. Sie müssen uns morgen in Mehlsäcke stecken.«
»Was denkst Du denn?« entgegnete der Holländer; »glaubst Du etwa, daß August van Naarvaessen, wie Du mich ganz richtig nennst, d. i. der erste Tuchfabrikant in ganz Holland, in einer Mühle wohne? Saperlot! nein, lieber Freund. Du mußt wissen, daß ich mich verspätet habe und hier geblieben bin, um einige Einkäufe zu machen. Morgen Früh reisen wir nach meiner Fabrik. Die Matrosen sperren wir in eine entlegene Kammer, wo sie nicht zu laut sprechen und ihre bärtigen Köpfe nicht am Fenster zeigen dürfen. Für Speise und Trank wird gesorgt werden. Dich geben wir für unsern Verwandten von Frankfurt am Main aus. Dann wird man Dir bei erster Gelegenheit einen zuverlässigen Menschen als Führer mitgeben.«
Elim war entzückt. Der Gedanke, einige Tage bei der schönen Jane zu verleben, machte ihn, – er wußte nicht warum, – zum glücklichsten Menschen der Welt. Einige Tage! Wenn man fünfundzwanzig Jahre alt ist, findet man in einer kurzen Spanne Zeit eine Fülle von Glück – ein Goldstück ist ja in den Augen eines Kindes ein großer Schatz.
Er stand daher mit überschwänglichen Hoffnungen im Herzen vom Tische auf, wünschte dem alten Holländer und dessen schöner Tochter gute Nacht, begab sich zur Ruhe und schlief bald ein.
Und die ganze Nacht sang der goldgefiederte Vogel der Träume die süßesten Lieder in sein Ohr.
III
Die Reise
Elim erwachte spät und sprang aus dem Bette. Mit frischem Wasser und wohlriechender Seife wurden die letzten Spuren des gestrigen Sturmes vertilgt. Sein Anzug war bald beendet, Jugend und Schönheit bedürfen keiner Toilettekünste. Zu seiner großen Freude fand er statt des geblümten Schlafrockes einen ihm gut passenden vollständigen Anzug, der am frühen Morgen aus der Stadt gebracht worden war. Er legte daher die einfachen bürgerlichen Kleider an, und in diesen war er für den Augenblick sicherer als in der elegantesten, russischen Uniform.
Er trat in die Wohnstube, wo bereits der Samowar dampfte.
»Langschläfer!« sagte der alte Holländer, ihm die Hand reichend. »Langer Schlaf, süße Träume, nicht wahr, Elim?«
Elim lächelte.
In diesem Augenblicke erschien Jane und bot dem jungen Offizier erröthend einen guten Morgen.
Elim wollte den einfachen Gruß beantworten, aber er erröthete nicht minder, als die schöne Holländerin. Er stammelte einige unverständliche Worte, und Jane schien ihm so reizend, daß er sie nur anzusehen vermochte, freilich mit seinem Ausdrucke, der beredter war als alle seine Worte.
Sie war wirklich reizend in ihrem Morgenanzuge. Ein schwarzes Spitzenhäubchen, welches unter dem Kinn mit einem rosenrothen Bande zusammengeknüpft war, vermochte die auf allen Seiten herabwallenden üppigen blonden Locken nicht zu halten, und ihr Gesichtchen war so rosig und frisch, daß das Band blaß schien. Auf den Wangen bemerkte Elim jene hübschen Grübchen, welche die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts »Liebesnester« nennen, und in seiner Eigenschaft als Seemann glaubte er in dem wogenden Busen zwei Wellen zu erkennen, welche den Muslindamm unaufhörlich zu zerbrechen drohten. Dabei war der Wuchs so schlank und zart, daß er einer schützenden Hand zu bedürfen schien, und die Füße der sechzehnjährigen Schönen schienen nach Aschenbrödels Pantoffeln gemacht zu sein.
Elim war noch in den Jahren, wo der Mann nicht gedankenlos den Hof macht, sondern sich wirklich nach Liebe sehnt und dem Zuge seines Herzens folgend das Bedürfniß der Gegenliebe fühlt. Später, wenn er der Liebeslaune überdrüssig ist, sucht er mehr Verstand und Witz als Gefühl, und glänzende Geistesgaben fesselte ihn mehr als mädchenhafte Schüchternheit.
Zu dieser hohen Weisheit hatte es Elim noch nicht gebracht ; indem er sein Herz hingab, verlangte er ein anderes Herz; er liebte, um zu lieben, und nicht um über die Liebe nachzudenken. Sein Herz flog dem Herzen des Mädchens entgegen, das gestern fast noch ein Kind gewesen war und die phlegmatischen Holländer kaum beachtet hatte. Sechzehn Jahre bilden die gefährlichste Epoche in dem Leben eines jungen Mädchens. Ein reizendes Gesichtchen, ein heiteres offenes Gemüth, und zumal der feste Entschluß, die Unglücklichen, welche eine Zuflucht suchten, zu retten, – alles dies bildete eines jener Lebensverhältnisse, welche den heftig bewegten, oft widerstreitenden Gefühlen Funken entlocken, an denen sich das Herz entzündet. Der junge Schiffslieutenant merkte bald, daß Jane ihm keineswegs abhold war, denn sie gab sich gar keine Mühe, ihre Theilnahme für ihn zu verbergen. Sie hatten sich kaum einige Stunden gesehen, aber sie sprachen schon ganz vertraulich mit einander, und zwar noch beredter mit den Augen, als mit dem Munde.
Der junge Seemann war so sehr mit der schönen Jane beschäftigt, daß er die Fragen und Scherze des alten Herrn nur zerstreut, oft auch gar nicht beantwortete. Mynheer August van Naarvaessen rauchte übrigens beim Kaffee seine Pfeife und las die Handelszeitung, und er vertiefte sich nach und nach so sehr in seine Lectüre, daß er nicht mehr sah und hörte was um ihn her vorging.
Die Aufmerksamkeit der kleinen Gesellschaft wurde indeß durch eine knarrende Thür erregt.
Der unsern Lesern noch unbekannte Mann, der die gemüthliche Stimmung der drei Kaffeetrinker so unerwartet unterbrach, war von hoher Gestalt, mager und in einen schwarzen Frack eingezwängt. Sein Gesicht hatte Aehnlichkeit mit einer Sonnenuhr, denn die Nase ragte in spitzem Winkel weit hervor.
Er pflegte durch ein ihm eigenthümliches Zusammenziehen der Stirnhaut die Augenwimpern und Brauen dergestalt in die Höhe zu ziehen, daß die letzteren davonzufliegen und die Wimpern die Stelle der Brauen einzunehmen schienen. Zuweilen bemerkte man, daß er einen Versuch machte zu lächeln, aber dieser Versuch blieb immer erfolglos.
Es war der Cassirer des Fabrikanten; man konnte es an dem großen Buche sehen, das er unter dem Arme trug, denn mitten auf dem Umschlage war ein herzförmiges Blatt Papier festgeklebt, auf welchem mit großen Buchstaben das Wort »Hauptbuch« stand.
»Willkommen!« sagte Mynheer August van Naarvaessen, als er ihn bemerkte. »Wir haben Dich schon erwartet. Gib mir eine Prise, Quentin.«
Quentin öffnete eine riesenhafte Dose, welche mit der von ihr zu versorgenden Nase vollkommen im Verhältniß stand, und reichte sie ehrerbietig dem Handelsherrn.
»Nun , was gibt’s Neues in der Stadt ?« fragte Mynheer van Naarvaessen, indem er die Prise Tabak langsam und behaglich einzog.
Quentin’s Mund, der in der Ruhe durch eine sich in die Farbe seiner Wange verlierende bläulichte Linie vertreten war, that sich wie ein Schubfenster auf.
»Es gibt nichts,« antwortete er.
»Was sagen die Orangisten? Was machen die Anhänger Napoleons?«
»Alles ist heute noch wie gestern,« erwiederte der Mann mit dem Hauptbuch.
»Dann erkenne ich Dich, Bruder Quentin. Verschwiegen wie ein Trappist! Wäre ich König, so würde ich Dich zu meinem geheimen Secretär machen. Hast Du Dir von Van der Straaten für das gelieferte Tuch einen Empfangschein geben lassen?«
Diese Frage schien dem Cassirer sehr angenehm zu sein. Mit stolzer Geberde schlug er sein Buch auf und zeigte dem Principal eine ganz mit Nullen bedeckte Seite. Sein Gesicht strahlte vor Freude.
»Ein gutes Geschäft – schöner Nutzen!« sagte er zwischen den Zähnen. »Potztausend! meine Fabrik gleicht ja nicht den schwebenden Gärten Babylons, und mein Credit ist solider als die Pyramiden Aegyptens. – Jetzt, meine Herren, können wir reisen.«
Alle Vorkehrungen zur Abreise waren bereits getroffen. Ein mit vier Pferden bespannter Wagen fuhr vor, und die Reisenden machten sich auf den Weg nach der Fabrik des alten Holländers.
Vater und Tochter setzten sich aus den Rücksitz, Quentin und Elim auf den Vordersitz.
Der junge Seeoffizier war so glücklich, der schönen Holländerin gegenüber zu sitzen, daher alle noch so interessanten Gegenstände, an denen der Weg vorbeiführte, seine Aufmerksamkeit nicht zu fesseln vermochten. Elim hatte Augen und Ohren nur für Jane. Die Fahrt war für ihn so genußreich, daß er gar nicht hätte anhalten mögen. In dem Reisewagen war ja seine Welt ; es schien fast, als hätte er die Vergangenheit mit seiner Mütze im Meere gelassen, als wäre er in eine andere Welt versetzt worden, als hätte sich ihm eine neue Zukunft eröffnet. Er hatte nur Einen Wunsch: das Schicksal möge recht viele Löcher in die Landstraße graben. Ein sonderbarer Wunsch, wird mancher unserer Leser sagen, der noch nie einem geliebten Wesen im Wagen gegenüber gesessen. Elim hegte den gewiß ganz gerechtfertigten Wunsch, seine Knie mit den Knien der reizenden Jane möglichst oft in Berührung zu bringen.
Es wäre gewiß merkwürdig, durch methodische Versuche zu ermitteln, wie viel Elektricität in den Knien eines jungen Mädchens möglicherweise enthalten ist.
Es wäre daher vergebens, von Elim eine Erzählung seiner Reise, ja nur eine flüchtige Schilderung der von ihm berührten Städte, Dörfer und Landschaften zu erwarten. Die Topographie seiner schönen Nachbarin hingegen studirte er sehr eifrig, und er wäre im Stande gewesen, alle Reize, welche die Natur über ihr Gesicht und ihre Schultern ausgegossen, ausführlich zu schildern.
Inzwischen ging die Reise rasch von Statten und der Wagen näherte sich der Fabrik. Elim hatte Alles vergessen, was ihn Mynheer van Naarvaessen über merkwürdige Orte gesagt hatte, die wissenschaftlichen Erörterungen des alten Herrn über die Deiche drangen wohl an das Ohr des jungen Seeoffiziers, prallten aber an seinem mit andern Dingen angefüllten Gehirn ab; solche Stunden sind zu süß und kehren nie wieder.
Endlich kamen die Reisenden an ; die Thüren thaten sich auf. Elim erwachte. Als aber die kleine Hand der Holländerin beim Aussteigen aus dem Wagen die seinige drückte, als ihm eine süße Stimme zuflüsterte: »Das ist Ihr Gefängniß, Elim,« da hätte er geschworen, das im schwerfälligen vlämischen Geschmack gebaute Haus des Fabrikanten sei das achte Wunder der Welt.
Das Gebäude war, die Wahrheit zu gestehen, einem Kartenhause sehr ähnlich. Eine am ganzen Gebäude sich erstreckende Erhöhung vertrat die Stelle einer Freitreppe, über welcher sich ein langer Balken ausbreitete. Es war schon Spätherbst, aber der Hof war sehr rein, die mit Seife gewaschenen Wände glänzten wie Spiegel. Thüren und Fenster waren mit Messing und Silber beschlagen; überall herrschte musterhafte Sauberkeit und Ordnung.
Jane eilte leicht wie eine vom Winde getriebene Feder in das Haus und in die Arme ihrer Mutter, einer derben gemüthlichen Holländerin.
Die gute Dame konnte für das Urbild einer niederländischen Hausfrau gelten. Wer in der Eremitage zu Petersburg die Amsterdamer Puppe gesehen hat, mit welcher einst Peter der Große in seiner Kindheit spielte, kann sich einen deutlichen Begriff von Jane’s Mutter machen.
Aber die kleine dicke Frau van Naarvaessen war das freundlichste, liebenswürdigste Wesen von der Welt.
Sie nahm den jungen Seeoffizier bei der Hand und zeigte ihm alle Zimmer. Jede Rarität wurde eine Marter für Elim. Er hörte dem gutmüthigen Geschwätz zerstreut zu, ohne etwas davon zu verstehen, er schaute, ohne etwas zu sehen.
Nachdem er an der Hand der würdigen Hausfrau alle Zimmer, in denen eine Masse von Reichthümern aufgehäuft war, durchwandert hatte, kam er in das Staats-Schlafgemach. Dieses war mit einem ausgesucht seinen Dessert nach einem üppigen Mahle zu vergleichen.
Frau van Naarvaessen zeigte dem Gast mit stolzem Selbstgefühl die eigenhändig gestickten Teppiche, die hundertjährigen Brabanter Spitzen, die Decken von Brocat, und sie weidete sich an seinem Erstaunen bei dem Anblick des Ehebettes.
Das Erstaunen des jungen Offiziers war vollkommen gerechtfertigt, denn dieses Ehebett war ein ausgedehntes Etablissement, welches nicht nur für Mann und Frau, sondern für die ganze Nachkommenschaft erbaut zu sein schien. Berge von Kissen, die von der Basis nach oben immer kleiner wurden, schienen sich in Form einer Doppelphramide zur Unsterblichkeit erheben zu wollen. Ein Baldachin von Spitzen, ähnlich den Wolken in einer Zauberoper, wallte von dem Himmel zur Erde herab, und eine Decke von weißem Atlas war über die weite Fläche des Bettes ausgebreitet.
Das Riesenbett hätte alle Götter des Olymps beherbergen können, und der Sterbliche, der es wagte sich hineinzulegen, lief gewiß Gefahr, in den Wogen von Federn und in den Fluten von Flaum zu ertrinken. Ein banges Gefühl dieser Art mochte Elim wohl beschleichen, denn er begnügte sich mit dem stummen Anschauen dieses niederländischen Hauswunders.
Nachdem er in die Mysterien des Hauses eingeweiht war, ruhte er bei Tische von seinen Strapazen aus, verlebte im Kreise der Familie einen vergnügten Abend und sank endlich, mit seinem Schicksal ganz zufrieden, in die Arme des Schlummers.
IV
Der Aufenthalt
Das Leben der Familie van Naarvaessen und der übrigen Hausgenossen war sehr ruhig und sogar einförmig. Der Herr vom Hause war fast immer in der Fabrik beschäftigt, und seine Ehehälfte widmete sich den häuslichen Geschäften mit wahrem Fanatismus, obgleich sie dieselben füglich ihren dienstbaren Geistern hätte überlassen können.
Das Hauswesen war die einzige Leidenschaft, welcher die gute Dame jemals gefröhnt hatte. Der Mann ist, wenigstens im Naturzustande, für ein rastlos thätiges, für ein Nomadenleben, das Weib hingegen für das stille Walten und Ordnen im Hause geschaffen ; das Weib ist von der Natur berufen, das Haus zu verschönern, eine behagliche Häuslichkeit zu schaffen. Das Feuer auf dem Herde ist die Sonne einer guten Hausfrau.
Diese Wahrheit würde jedem Beobachter eingeleuchtet haben, der Frau van Naarvaessen gesehen hätte, wie sie, einem Planeten gleich, um das Küchenfeuer kreisete und von demselben Licht und Glanz entlehnte. Es schien fast, als hätte sie die stumme Sprache der alten Teller und Schüsseln und Töpfe verstanden, welche die unverkennbaren Merkmale eines langen Dienstes an sich trugen. Hier konnte man, wie in einem Invalidenhause, einen Theetopf ohne Nase, eine Tasse ohne Arm, eine Kaffeekanne ohne Beine sehen ; aber alle diese Krüppel wußte die kluge Hausfrau noch zu wichtigen Diensten zu benutzen. In der Erfindung und schmackhaften Zubereitung der Speisen stand sie dem berühmten Kochkünstler Vatel keineswegs nach, obwohl ich bezweifle, daß sie über verspätete Ankunft der Seefische je in solche Verzweiflung gekommen ist, wie er. Ihre Pfeffergurken zum Beispiel, die zwanzig Meilen in der Runde berühmt waren, hatten etwas eigenthümlich Pikantes, Appetiterregendes, und waren noch von keinem Gastronomen in dieser Vollkommenheit dargestellt worden. Außerdem hatte sie eine noch in keinem Kochbuche vorhandene Aepfeltorte entdeckt oder vielmehr erfunden; das Recept wollte sie ihrer Tochter erst an ihrem Hochzeittage mittheilen.
Da die Mutter fast immer in der Küche, der Vater in der Fabrik war und die Familie sich nur bei Tische zusammenfand, so hatte Elim, der natürlich neben dem Stickrahmen Jane’s sein Standquartier nahm, hinlänglich Zeit und Muße, sie zu betrachten und mit ihr zu plaudern. Diese Betrachtungen und süßen Plaudereien wurden nur von Zeit zu Zeit durch das Vorlesen einiger Gedichte unterbrochen, oder Elim zeichnete in dem Album der schönen Holländerin. In diesen Zwischenacten, die man wohl mit größerem Rechte die Exposition des Stückes nennen konnte, erzählte ihr der junge Seemann mit einer Wärme, welche selbst den harten russischen Schnee hätte schmelzen können, die Freuden der Schlittenfahrten; er schilderte ihr die von Puschkin so schön besungenen herrlichen Sommernächte, in denen die Sonne den Horizont nicht zu verlassen scheint.
»O, das möchte ich sehen!« erwiederte dann Jane ganz entzückt.
»Warum nicht?« sagte Elim lachend und sah sie mit einem Blicke an, der deutlich sagte, was sein Mund verschwieg.
Jane schlug dann seufzend die Augen nieder und fing wieder an zu arbeiten.
Woran sie wohl dachte?
Vormals hätte ich es Dir sagen können, lieber Leser, aber jetzt habe ich vergessen, woran junge Mädchen denken.
Elim Belosor, der schon von Natur heiter war, wurde in der Gesellschaft des reizenden jungen Mädchens sehr liebenswürdig; aber er wurde von Jane an Heiterkeit und Liebenswürdigkeit noch übertroffen.
In einer französischen Lehranstalt erzogen, hatte die junge Holländerin die guten Eigenschaften einer Französin, mit denen sie die Gemüthlichkeit und Offenheit ihrer Heimat verband. Dazu kam ihre tadellose, sich mit jedem Tage mehr entfaltende Schönheit, welche durch kindliche Schalkhaftigkeit noch erhöht wurde. Elim wurde zuweilen nachdenkend und schweigsam, und diese Träumereien waren ihm oft süßer als die heiterste Freude. Jane hingegen war immer heiter; sie war noch zu arglos, sie kannte weder das Glück noch das Leid der Liebe. Oft zürnte ihr Elim ob dieser ewig heitern gleichmäßigen Stimmung; aber sein Zorn wich schnell unter den harmlosen Neckereien des holden Kindes, und die beiden jungen Leute fingen bald wieder an zu lachen wie zwei Kinder.
So verging eine regnerische Woche.
Endlich klärte sich der Himmel aus und Jane schlug ihrem Gast einen Spaziergang in den Garten vor. Die Wege waren mit feinem, glänzendem Sand bestreut; alle Hügel waren sorgfältig gepflegt und gesäubert, wie Mandeltorten; die Bäume waren pyramidenförmig, die Sträuche in Form von Blumenvasen und Fächern beschnitten. Die Schöpfung schien unter dem Hobel eines Tischlers durchgegangen zu sein. Nichts hatte die natürliche Form. Auf einer schmalen Brücke hätten sich zwei Hühner nicht ausweichen können. Blumen blühten unter hölzernen chinesischen Sonnenschirmen, um die matten Strahlen der Octobersonne abzuhalten, und ein Jäger schlug sein Gewehr auf eine Ente an, die seit zwanzig Jahren auf dem Teiche schwamm, ohne daß es ihr eingefallen war, davonzufliegen.
Elim fragte, ob ein auf einem Thurme sitzender Storch nicht von Marmor sei.
»O, wir sind noch keine Heiden,« erwiederte Jane lachend. »Und obgleich dieser Vogel bei uns, wie bei den alten Egyptern, der Gegenstand einer gewissen Verehrung ist, so erbauen wir ihm doch keinen Tempel und verehren ihn nicht wie einen Götzen.«
»Das ist schade, denn Mynheer Quentin scheint wie zum Priester dieses magern Götzen geschaffen zu sein ; er hat ja dessen Nase und Mund.«
»Wie gefällt Ihnen unser Garten?«
»Er ist sehr merkwürdig – ein wahres Museum. Leider kann ich ihn nicht in der Blüthezeit sehen.«
»Sie können sich wohl darüber trösten, denn unter der Schere des Gärtners sieht er im Sommer gerade so aus wie im Winter; vielleicht sieht er im Sommer noch etwas trübseliger aus. – Jetzt will ich Ihnen das Reich der Blumen zeigen, wo sie blühen wie Ihre nordischen Schönen.«
Jane öffnete die Thür des Treibhauses. Hinter einem Drahtgitter hüpften und flatterten viele seltsame Vögel. Einige derselben flogen herbei und setzten sich auf den Finger der holden Wärterin und pickten Brot aus ihrem Munde.
Elim lächelte über diese Idylle.
»Es ist allerliebst,« sagte er, »aber im Grunde sind Ihre gefiederten Schützlinge doch Gefangene.«
»Im Gegentheil,« erwiederte Jane, »ich würde meine Schützlinge zu Gefangenen Anderer machen, wenn ich ihnen die Freiheit gäbe. Die armen Thiere kommen fast alle aus warmen Ländern und würden unfehlbar umkommen.«
»Sie sind so gut, Jenny, daß selbst ein Falk unter Ihrer Obhut nicht an die Freiheit denken würde.«
»Ein Falk! ich danke, es ist heutzutage nicht mehr Sitte, daß Damen einen Raubvogel auf der Hand tragen. Ich fürchte die Falken, sowohl für mich als für meine Vögel.«
»Sie irren sich, liebe Jane; ein gut gezähmter Falk ist ein allerliebster Vogel. Bei Ihnen würde er von Zuckerwerk und Liebkosungen leben.«
»Ja wohl, um eines schönen Tages davonzufliegen.«
»Nein, um wie eine Taube unter Ihrer Obhut zu bleiben.«
»Was Sie da sagen, Elim, gehört in das Reich der Fabel. Ich kann nicht glauben, daß ein Falk seine Krallen nur als Zierde trage. – Doch wir wollen die Vögel verlassen und die Blumen besuchen. Mein Vater ist ein großer Blumenfreund.«
»Die Blumenzucht ist eine unterhaltende Beschäftigung für alte Leute als Erinnerung an vergangene Freuden und eine nützliche Lehre für junge Leute.«
»Ja wohl, Herr Philosoph. Ich würde die Blumen auch gern haben, wenn sie länger dauerten. Es ist für mich immer ein wehmüthiger Anblick, sie absterben zu sehen.«
»Die Blumen sind glücklicher als wir, Jane. Wir sterben, wie sie, und sie haben keine Schmerzen zu erdulden, wie wir.«
»Ja wohl , aber sie kennen auch unsere Freuden f nicht.
O! ich beneide das Loos der Blumen nicht, ich gestehe es . . . Sie sind wohl ein Botaniker, Elim?«
»Ich bin nur ein Blumenliebhaber, weiter nichts. Die Namen bulbosa, barbata, grundifolia, grandiflora sind mir so fremd wie das arabische Alphabet.«
»Und Sie schämen sich nicht, Ihre Unwissenheit an diesem Orte zu gestehen? Sie müssen wissen , daß Sie in dem Floratempel des berühmtesten holländischen Botanikers sind.«
»Ich gestehe diese Unwissenheit nicht nur, ich bereue sie auch nicht; ich bin wie die Nachtigall der persischen Dichter: ich verehre die Rose, nur die weiße Rose.«
»Das ist nicht genug, Elim. Wenn Sie sich in der Achtung meines Vaters einen dauernden Platz sichern wollen, so müssen Sie mit ihm von den Stengeln, Blättern, Blumenkelchen und Staubfäden aller seltenen Blumen zu sprechen wissen.«
»Ihr Rath ist für mich ein Gesetz, Jane. Ich bin bereit, nicht nur mich wie eine Biene an die Blumen zu hängen, sondern mich weit von der Erde aufzuschwingen, wenn Sie mich mit der duftenden Essenz Ihrer Wissenschaft besprengen wollen. Nur von der Flora kann ich die Gesetze ihres Reiches und die Namen ihrer Unterthanen lernen. Fangen wir also schon heute unsere Lectionen an.«
»Sehr gern. Sehen Sie zum Beispiel diese Blume, sie heißt Aster.«
»Das heißt der Stern,« sagte Elim; »ich kenne zwei Sterne. Der Himmel hat keine klareren und glänzenderen, nur diesen Sternen folgend möchte ich mein Schiff über den Oecan steuern.«
»Ach! lieber Freund, Ihr Ocean jagt mir immer einen Schrecken ein, wenn ich daran denke, seitdem Sie beinahe darin ertrunken sind. Wir wollen lieber vom Himmel heruntersteigen, wir sind ja doch nicht würdig, ihn zu bewohnen.«
»Das ist sehr leicht, wenn der Himmel selbst zur Erde heruntersteigt.«
»Ihre Poesie ist sehr schwer zu verstehen, Elim. Nicht wahr, das nennt man Pathos? – Sehen Sie, hier ist eine Verwandte Ihrer vielgeliebten Rose: die Moosrose.«
»Finden Sie nicht, daß sie frostig aussieht in ihrer Haut?«
»Da ist eine seltene Blume, die man das chinesische Feuer nennt.«
»Das aber nur dann brennt, wenn es in Ihren Händen ist.«
»Diese Blume soll nach der Versicherung der Indier weinen , wenn man sie vom ihrem Stengel abbricht.«
»Und wahrscheinlich ruft sie: Reiße mich nicht los!«
»Mir hat sie nie das zugerufen, denn ich habe nie einer Blume weh gethan. – Jetzt nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht einschlafen, denn hier ist die ganze Familie der Mohnblumen.«
»Ich fürchte nicht , daß sie mich einschläfern, ich bin dem Gegengift zu nahe. Ich spreche aus Erfahrung; wenn Sie mir sagen: Gute Nacht, Elim, so schlafe ich die ganze Nacht nicht.«
»Armer Elim! Jetzt begreife ich warum Sie oft am Tage träumen. – Wo waren wir doch stehen geblieben? Ich glaube bei dieser Tulpe – Nein – ich merke, daß ich ebenfalls zerstreut werde, und die Lehrerin sollte doch dem Schüler gegenüber ihre Gedanken beisammen haben. Sehen Sie den Cactus, der im Jahre nur einmal blüht, und noch dazu in der Nacht. Die arme Blume lebt nur zwei Stunden, dann fallen die Blätter ab.«
»Zwei Stunden! Aber er blüht doch, er erfreut zwei Stunden die schönen Augen, die ihn ansahen. Ich möchte mehre Jahre meines Lebens hingeben, wenn ich zwei Stunden blühen und geliebt werden könnte.«
Elim sah seine holde Lehrerin zärtlich an. Jane sah diesen Blick und schlug die Augen nieder.
»Es ist sehr warm hier,« sagte sie, ihren Shawl auf die Schultern zurückwerfend.
Sie öffnete die Thür des Treibhauses.
»Jetzt lassen Sie uns die erste Lection wiederholen,« sagte sie; »wir wollen doch sehen, welchen Platz mein Schüler errungen hat – ob er zur Strafe in einem Winkel stehen oder die Erlaubniß haben soll im Hofe zu spielen. Sagen Sie mir zum Beispiel, Herr Elim, was für eine Blume dies ist,« fragte sie und pflückte eine Tuberose.
»Ich weiß es nicht,« antwortete Elim, der seine schalkhafte Lehrerin immerfort ansah.
»Aber mein Gott! was wissen Sie denn?« sagte sie mit komischem Ernste.
»Lieben, nur leidenschaftlich lieben,« erwiederte der unwissende Schüler und faßte ihre beiden Hände.
»Was heißt das?« fragte sie mit einer Unbefangenheit, die gar nichts Erzwungenes hatte.
Man denke sich, eine dreißigjährige Schöne habe diese Frage gethan, dann wäre es Verstellung, keine Natürlichkeit, keine wahre unbefangene Aeußerung. Ich habe gar manche Definition der Liebe gelesen und gehört, ja sogar lange Abhandlungen über diesen Gegenstand verdaut, aber ich möchte doch mit Jane fragen: »Was ist Liebe?«
Einige sagen, lieben sei verlangen; Andere meinen, die Liebe sei das gänzliche Vergessen der materiellen Seite der Liebe; bald behauptet man, es gebe keine Liebe ohne Geld; bald hört man sagen, reiche Leute hätten keinen Begriff von der Liebe. Ja die Philosophen, Spiritualisten, Platoniker, selbst die Liebenden mögen sich den Kopf zerbrechen, um das Wesen der Liebe zu ergründen, die Sache wird dadurch nur verwickelter.
Wir dürfen uns daher nicht wundern, daß der junge Seeoffizier durch diese Frage in große Verlegenheit gesetzt wurde. Er wußte kein Wort zu antworten und senkte seine Blicke auf die Blume, welche Jane in der Hand hielt, und ohne zu bedenken was er sagte, antwortete er:
»Es ist eine Glockenblume.«
Jane brach in ein lautes Gelächter aus.
»Sie sind ein ungelehriger Schüler,« sagte sie muthwillig, »und ich glaube daß man in Ihrem Gedächtniß so wenig wie in dem Petersburger Schnee, von welchem Sie mir unlängst erzählten, Blumen pflanzen kann.«
»Ein Paradiesvogel gefällt uns, wir finden ihn schön, wir haben deshalb gar nicht nöthig seinen wahren Namen kennen zu lernen. Wir wissen, daß er vom Himmel kommt, und das genügt uns. Angenommen, liebe Jane, uns Beiden wäre der Name einer Blume unbekannt, würden wir den Duft derselben minder schön finden?«
»Das will ich nicht behaupten, aber wie mich dünkt, ist es doch besser, sich an dem Duft der Blume zu laben, und zugleich den Namen derselben zu kennen. – Die Glockenblumen haben nicht diese großen Blätter – sehen Sie doch —«
Elims Augen waren keineswegs unthätig, und um besser zu sehen, hob er die Hand seiner holden Lehrerin zu seinen Augen empor, und zugleich neigte er das Gesicht zu ihrer Hand.
Die Folge davon war, daß sein Gesicht mit dem ihrigen in ziemlich gleiche Höhe kam, und da die halb offene Thür des Treibhauses einen Luftzug bewirkte, berührten die vom Winde aufgehobenen langen Locken Jane’s sein Gesicht.
Elim schaute auf, er sah in einer Entfernung von wenigen Linien die blauen Augen, die rosigen Wangen und den frischen Mund der lieblichen Botanikerin, er fühlte ihren würzigen Athem.
Es ist eine bekannte Thatsache, daß Frauenhaare außerordentlich elektrisch sind. Elim hatte nicht die Kraft, dieser elektrischen Wirkung zu widerstehen. Er schlang seinen Arm um Jane’s schlanken Leib und drückte, ihren leisen Schrei der Ueberraschung unterdrückend, einen feurigen Kuß auf ihre Lippen.
Jane entwand sich seinen Armen.
»O! Herr Elim,« sagte sie, »das hätte ich nicht von Ihnen gedacht!«
Sie brach in Thränen aus und lief davon. In wenigen Augenblicken war sie aus dem Treibhause verschwunden.
Elim blieb regungslos, mit ausgebreiteten Armen an derselben Stelle stehen. Er war wie vernichtet. Eine in seiner Tasche zerplatzte Bombe würde ihn weniger erschreckt haben, als diese unerwartete Strenge, die mit dem kindlichen, unbefangenen Wesen der jungen Holländerin so sehr im Widerspruch stand.
V
Was die Liebe ist
Elim rieb sich die Augen, er glaubte zu träumen. Warum war Jane so böse? Woher kam ihr Zorn?
»Ich glaubte ihr doch nicht so gleichgültig zu sein,« sagte er zu sich. »Sie schien mein Geplauder mit Wohlgefallen anzuhören und die Sprache meiner Augen zu beantworten. Der Kuß, den ich ihr gab, war freilich ganz unerwartet, aber ihre Lippen entzogen sich den meinigen nicht. Es ist nicht möglich, daß ich mich hierin geirrt habe.«
Elim begab sich ganz verlegen und zaghaft in das Speisezimmer zurück. Aber er suchte vergebens die Blicke seiner Angebeteten. Jane schmollte in allem Ernst, und wenn sich der Schuldige ein Herz faßte sie anzureden, so antwortete sie ihm kurzweg: Ja oder Nein.
Aber Elim ließ nicht nach; je kälter sich Jane gegen ihn zeigte, desto größere Mühe gab er sich, ihre Verzeihung zu erlangen. Endlich glaubte er ihrem Beispiel folgen zu müssen; er zog sich, fest entschlossen weder zum Thee noch zum Abendessen zu erscheinen, in sein Zimmer zurück.
»Ich weiß wahrhaftig nicht was ich davon denken soll,« sagte er, mit starken Schritten im Zimmer auf- und abgehend. »So jung und schon so launenhaft – ja, ich kann wohl sagen: boshaft! Es ist fürwahr ein Glück, daß sie mein Herz noch nicht ganz erobert hat —«
Bei diesen Worten seufzte er.
»Sie ist allerdings schön, das ist nicht zu läugnen,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. »Sie ist eine Hebe an Jugendreiz und Anmuth – aber bös wie eine Schlange. – Ja, ja, Jungfrau Jane, es ist aus mit uns. Du kannst jetzt, wenn Dir’s Vergnügen macht, mit Mynheer Quentin cokettiren.«
Elims Selbstgespräch wurde durch das Erscheinen des Dieners unterbrochen.
»Ist es gefällig zum Thee zu kommen?« fragte der Diener.
»Wie?« fragte Elim, sich rasch umwendend und den dienstbaren Geist anstarrend.
»Ich frage, ob’s gefällig ist zum Thee zu kommen?« wiederholte er.
»Ich komme den Augenblick,« antwortete der junge Seeoffizier.
»Nun ja,« sagte er, als der Diener fort war, »ich will gehen – aber ich will sie gar nicht beachten, ich will thun als ob sie gar nicht da wäre.«
Elim erschien mit scheinbarer Heiterkeit im Salon, und statt sich, wie gewöhnlich, an die Seite der Tochter vom Hause zu sehen, nahm er neben Herrn van Naarvaessen Platz und fing an mit ihm zu plaudern und zu scherzen.
Aber Jane, die sonst immer an Allem was Elim sagte und that, theilnahm, schien seine Anwesenheit gar nicht zu bemerken.
Noch mehr: sie schien alle Gewohnheiten des Gastes vergessen zu haben. Er konnte keinen stark gezuckerten Thee trinken, und sie that ihm drei große Stücke Zucker in die Tasse; sie bot ihm Rahm an und sie wußte recht gut, daß Elim den Thee mit Citronensaft nahm.
Elim war höchst aufgebracht. Jane war in seinen Augen ein weiblicher Unhold, ein Dämon. Er konnte sich freilich nicht verhehlen, daß er noch nie einen so liebenswürdigen Unhold gesehen hatte. Seine Entrüstung war so groß, daß er unschlüssig war, ob er sich für das ganze Leben von ihr lossagen, oder sie in Gegenwart ihrer Eltern – in seine Arme schließen und an sein Herz drücken sollte.
Ich habe mich oft gefragt, was für Liebende süßer sei: der erste Kuß oder der erste Zwist. Aber es ist zum Rasendwerden, wenn beides zusammenkommt.
Elim begab sich vor Wuth fast erstickend wieder in sein Zimmer. Hätte er den Monolog Figaro’s im Gedächtniß gehabt, so würde er ihn von einem Ende zum andern hergesagt haben; aber da er ihn nicht wußte, rief er aus dem Steggreif:
»O! die Weiber! die Weiber!«
Um nicht noch einmal in Versuchung zu kommen, im Salon zu erscheinen, kleidete er sich aus und legte sich zåhneknirschend ins Bett.
Um Mitternacht noch warf er sich von der einen Seite auf die andere, ohne einen andern Gedanken gefunden zu haben, als einige Variationen über das ewige Thema:
»O die Weiber! die Weiber!«
Endlich um zwei Uhr in der Nacht schlief er ein. Aber was ging im Schlafe mit ihm vor? Welch ein furchtbarer Alp drückte ihn? – Ich weiß es nicht, genug, er erwachte auf dem Teppich vor seinem Bett.
Er kleidete sich an und wusch sein glühendes Gesicht mit kaltem Wasser. Aber er fühlte sich noch nicht hinlänglich erfrischt und ging in den Garten, um seine Gedanken für ein neues Selbstgespräch zu sammeln.
Ohne zu wissen warum, näherte er sich der Thür des Treibhauses. Er fand den Gärtner, der eine Gießkanne in der Hand und die Pfeife im Munde hatte.
»Es ist wohl Niemand da?« fragte Elim, um wenigstens etwas zu sagen.
»Was! Niemand!« erwiederte der Holländer; »es sind ja mehr als tausend Blumen und wohl zweihundert Vögel da!«
»Ein guter Witz!« sagte Elim, indem er in das Treibhaus ging und die Thür hinter sich zuzog.
Der Holländer schüttelte den Kopf und ging lächelnd fort.
Elim näherte sich unwillkürlich dem Tuberosengebüsch, neben welchem er gestern so glücklich und so unglücklich gewesen war. Er schien, wie die indische Peri, von dem Blumenduft ganz berauscht zu werden; die würzige Luft drang durch alle seine Poren und erfüllte ihn mit süßer Wehmuth.
»O mein Gott« flüsterte er, »ich war noch nie so glücklich und zugleich so unglücklich!«
Er setzte sich auf eine ganz von Rosenstöcken umgebene Bank und überließ sich seiner wehmüthigen Stimmung.
So saß er lange, den Kopf auf beide Hände gestützt. Sein übervolles Herz wurde nun leicht, denn die lange zurückgehaltenen Thränen machten sich Luft. Er hatte weder die Kraft noch den Willen mehr sich Zwang anzuthun, und wie mit sich selbst redend, sagte er mit dem Ausdruck der innigsten Zärtlichkeit:
»Jane! meine geliebte Jane!«
In diesem Augenblicke glaubte er ein leichtes Geräusch an seiner Seite zu hören, als ob ein Vogel aufgeflogen wäre.
Er richtete sein in Thränen gebadetes Gesicht auf und stieß einen leisen Schrei aus.
Jane stand vor ihm.
Er breitete die Arme aus und wiederholte:
»Jane! meine geliebte Jane!«
Sie sank an seine Brust.
»O ! wie weh hast Du mir gethan , Jane!« sagte er.
Jetzt bot ihm Jane ihre keuschen rosigen Lippen zum Kuß. Und als hätte er gefürchtet, sie werde ihm wieder entschlüpfen, faßte er sie mit beiden Händen beim Kopf, und der Bund der beiden jungen Herzen wurde durch einen langen Kuß besiegelt.
Dann aber wehrte ihn Jane sanft ab.
»Warum wendest Du Dich ab von mir, Jane?« fragte er. »Ich weiß es nicht,« antwortete das holde Kind. »Ich wehre Dich nicht ab, mein Herz weiß nichts davon – meine Hände drängen Dich zurück. Nimm sie, dann werden sie sich willig gefangen geben.«
Elim nahm die lieben Hände und küßte sie.
Beide plauderten miteinander und sahen sich an und lachten, ohne zu wissen worüber. Sie duzten sich, und schwerlich hätten sie sagen können, aus wessen Munde zuerst das trauliche Du gekommen war.
»Was fehlte Dir denn gestern, Du böses Mädchen?« fragte Elim.
»Ich weiß es nicht. Ich lief davon, ohne zu wissen warum. Es war mir, als ob Du mir die Lippen mit einem glühenden Eisen verbrannt hättest.«
»Aber nachher? Aber Abends beim Thee?« fragte Elim weiter.
»Ich wollte Dich quälen,« antwortete Jane mit seinen Haaren spielend. »Aber ich will Dir nur gestehen, daß ich mich selbst gequält habe. Ich konnte nicht schlafen, ich habe Dich die ganze Nacht gerufen.«
»Gestern, mein Engel, fragtest Du, was Liebe ist,« sagte Elim zärtlich.
»Das ist also die Liebe?« erwiederte sie; »dann macht sie viel Schmerz – aber sie macht auch glücklich.«
»Du launisches Kind!« sagte Elim.
»O! zürne mir nicht, Elim. Ich fürchte mich, wenn Du böse bist. Als ich Dich kommen sah, war mir so bange, daß ich mich hinter dieser Blume versteckte. Du setztest Dich auf diese Bank – da schaute ich zwischen den Blumen durch. Ich sah, daß Du den Kopf auf die Hände stütztest. Ich wollte dies benutzen, um mich fortzuschleichen; aber auf einmal glaubte ich zu bemerken, daß Du weintest – es war mir nun nicht möglich, einen Schritt zu gehen, ich war wie festgebannt. Du kennst die Fabel von der Daphne, die in einen Lorbeerbaum verwandelt wurde; ich betastete mich, um mich zu überzeugen, ob ich nicht auch ein Lorbeerbaum mit Zweigen und Blättern geworden sei.
Da sagtest Du: Jane, meine geliebte Jane! Ich fühlte mein Herz zerreißen – Du richtetest Dich auf, dein Gesicht war ganz mit Thränen benetzt. Ich glaubte ersticken zu müssen, und wenn Du nicht die Arme ausgebreitet hättest, so wäre ich ohnmächtig niedergesunken. – O, warum liebe ich Dich auch so unaussprechlich!«
»Du liebst zum ersten Male, Jane?«
»Und zum letzten Male,« setzte sie, die Hand auf’s Herz legend, hinzu. »Und Du?«
»O! ich,« erwiederte Elim mit Begeisterung; »es ist nicht genug, Dich in dieser Welt zu lieben – ich will Dich auch in jener Welt lieben!«
Jane fragte nun nicht mehr, was Liebe sei.
Die beiden Liebenden schieden. »Ewig! war das Abschiedswort, mit welchem sie sich die Hände drückten und noch einmal in die Arme sanken.
Sie gingen aus verschiedenen Thüren und begaben sich in ihre Zimmer zurück, um in der Stille glücklich zu sein.
VI
Der Besuch
Jeden Morgen verließ Elim sein Zimmer und besuchte das Treibhaus.
Jane fand sich ebenfalls ein. Wenn sie einen Vorwand gebraucht hätte, so hätte sie das Begießen ihrer Blumen und das Füttern ihrer Vögel vorschützen können.
Aber Einer war ihr theurer geworden, als alle Blumen auf der Erbe und alle Vögel in der Luft.
Sie eilten auf einander zu, begrüßten sich mit einer zärtlichen Umarmung; dann plauderten und koseten sie.
Wer von Beiden die meisten Küsse gab? Dies war eine arithmetische Aufgabe, mit deren Lösung sie eifrig beschäftigt zu sein schienen , und zum ersten Male bot eine arithmetische Aufgabe auch Nahrung für Herz und Gemüth.
Das Treibhaus der schönen Holländerin war für unsern Schiffslieutenant ein zweiter Garten der Armida geworden; er vergaß Meer und Flotte, Freunde und Feinde. Obgleich ein eifriger Patriot, bedachte er nicht, daß die Franzosen im Herzen seines Vaterlandes waren, und wenn er daran dachte, so sagte er zu sich selbst: »Nein, Rußland wird nicht fallen, Napoleon wird in unserem Blute ausgleiten. Auf keinen Fall kann ein solcher Krieg lange dauern.«
Und dann richtete er an sich die Frage, welche ihre Antwort in sich selbst trug:
»Was kann ich dazu thun?«
Auch der Liebesgott ist ein Despot und Eroberer; er ertödtet und fesselt alle anderen Gefühle. Eine Zukunft gab es für Elim nicht mehr; er lebte sorglos in den Tag hinein und fühlte sich dabei so glücklich, daß er nichts fürchtete als eine Veränderung.
Jane hatte ebenfalls das süße Weh der Liebe kennen gelernt. Ein unnennbares, banges, doch beseligendes Gefühl hatte sich ihrer bemächtigt, und während ihr Herz überwallte, während ihre Wangen glühten, lispelte ihr Mund den Namen Elim.
Eines Tages stickte sie in ihr Musterbuch eine aus vielen E zusammengesetzte Blume, und fast ohne daß sie es wollte, wurde daraus das Profil eines jungen Mannes.
»Was ist das für ein Kopf?« fragte ihre Mutter, die ihr über die Schulter schaute.
Jane erschrak, sie wußte nicht, daß ihre Mutter hinter ihr stand.
»Es ist der Kopf Julius Cäsars,« antwortete sie, sich schnell fassend.
Die würdige Dame wußte nicht, wer Julius Cäsar war, aber sie fragte nicht weiter.
In den Stunden, wo sie ihrer Mutter im Hauswesen zu helfen pflegte, bekam sie oft plötzlich eine fast unwiderstehliche Tanzlust; in den Stunden, wo sie sich auf dem Piano üben sollte, hätte sie lieber gelesen. Bald vergaß sie die Schlüssel im Garten, und sie wurden zwei Stunden gesucht, ehe sie sich fanden. Bald that sie Pfeffer statt des Zuckers in’s Backwerk; aber trotzdem erklärte Elim dieses Backwerk für sehr delicat, Jane hatte es ja gemacht.
Eines Tages machte sie ein Versehen, welches in seinen Folgen furchtbarer hätte werden können, als wenn ein aus seiner Bahn gewichener Komet mit der Erde zusammen stieße; sie ließ mitten im Salon einen Stuhl stehen, und störte dadurch die ganze Harmonie des Zimmers.
Endlich bemerkte Mynheer van Naarvaessen, daß seine Tochter den Kopf verloren hatte. Vergaß sie sich doch einst so weit, daß sie ihm eine Tasse Kaffeh ohne Zucker brachte! Und als sie sogar eine Tulpe pflückte, welche das einzige Exemplar in ganz Holland war, fürchtete er wirklich für ihren Verstand.
»Saperlot!« eiferte er, seine Augen weit aufreißend, »das hat etwas zu bedenken!«
Aber seine Augen, wie weit sie auch ausgerissen waren, sahen gar nichts.
Elim Belosor war bereits drei Wochen in der Fabrik, und er dachte noch gar nicht an die Abreise. Der alte Herr, der den Gast sehr lieb gewonnen hatte, vergaß, daß der junge Schiffslieutenant nicht zur Familie gehörte. Die Frau vom Hause hatte sich ebenfalls so sehr an Elim gewöhnt, wie an ein altes, unentbehrlich gewordenes Hausgeräth, das sie einst zur Ausstattung oder als Hochzeitgeschenk erhalten. Wenn sie ihn nur an seinem Platz, nämlich an der Seite ihrer Tochter fand, so achtete sie nicht mehr auf ihn, als auf einen Schrank oder Schenktisch. Dazu kam, daß der Winter die Schifffahrt auf dem Zuydersee unmöglich machte. Alles schien daher mit den Wünschen des jungen Seemannes übereinzustimmen.
Am Morgen des l. Novembers begab sich Elim wie gewöhnlich in’s Treibhaus.
Er fand Jane in Thränen.
Er fragte nach der Ursache ihrer Betrübniß, aber statt seine Fragen zu beantworten, weinte sie immer fort.
»O, mein Glück ist zu Ende, Elim,« sagte sie endlich schluchzend, »Du wirst mich verlassen.«
»Was fällt Dir ein, liebe Jane?« antwortete Elim betroffen. »Ich – Dich verlassen? Ich liebe Dich ja inniger als je!«
»Ach, wenn Du mich weniger liebtest, so würde ich eine Beruhigung in meinem Zorne finden; ich würde Dich einen Verräther, einen Undankbaren nennen, und das würde mich trösten. Aber Du bist unschuldig, und das macht mich viel unglücklicher, als wenn ich Dich als einen Treulosen verlieren müßte.«
»Ouäle Dich nicht mit künftigen Sorgen. Wir müssen allerdings einst scheiden ; aber wann?«
»Warum mußte ich Dich auch lieben, Elim!« schluchzte sie, in seine Arme sinkend.
»Ich verstehe Dich nicht, theuerste Jane. Um des Himmels willen, erkläre Dich!«
»So höre. Mein Vater hat Fischer gedungen, die Dich in einem Boote zu deinem Schiffe zurückbringen sollen, und Du wirst morgen in der Nacht abreisen.«
Elim, durch diese Schreckensnachricht fast vernichtet, stand regungslos und leichenblaß vor der Geliebten.
Endlich bedachte er, daß er ein Mann sei, und daß ihm deshalb die Rolle des Trösters zukam.
Aber Jane ließ ihn nicht zu Worte kommen.
»Schweig, Elim,« sagte sie, »ich will keinen Trost. Mit Dir, glaube ich, würde ich mich in dem kleinsten Nachen auf dem sturmbewegten Meere nicht fürchten. Aber wenn ich mir denke, daß Du allein mit fremden Leuten , mitten im Sturme bist, so möchte ich in den Tod gehen. – Du reisest ab nach England, und von da nach Rußland – und wenn Du in Rußland bist, wirst Du an die arme Jane nicht mehr denken. Oder wenn Du an sie denkst, so wirst Du sie verspotten ob ihrer Thorheit und ihrer Liebe.«
Mehr konnte sie nicht sagen, ein neuer Thränenstrom erstickte ihre Stimme.
Auch Elim war tief ergriffen; aber endlich gelang es ihm, sie etwas zu beruhigen, obgleich er selbst nur mit Mühe seine Fassung bewahrte.
»Höre,« sagte er zu ihr, »ich will deinen Vater um eine Unterredung bitten; ich will ihm sagen, daß ich Dich liebe, daß Du mich liebst, daß wir ohne einander nicht leben können, daß wir eine Trennung nicht überleben würden. Wenn er sich überzeugt hat, daß wir die Wahrheit sprechen, wird er einwilligen. Und überdies ist ja der Krieg nicht ewig, wie unsere Liebe. Ein Tag kann Alles ändern. Sieh nur, vor einer kleinen Weile noch war der Himmel so trübe, als ob uns eine ewige Nacht bevorstände – sieh jetzt den schönen freundlichen Sonnenstrahl, Gott sendet ihn uns alt- eine glückliche Vorbedeutung zu unserm Troste.«
Jane lächelte wehmüthig; an ihren Wimpern glänzten Diamanten gleich zwei Thränen, welche Elim wegküßte, und Beide sagten, die Blicke zum Himmel erhebend: »Gott ist gütig!«
In diesem Augenblicke wurde zum Frühstücke geläutet.
Die beiden Liebenden verließen das Treibhaus wie gewöhnlich durch verschiedene Thüren.
Mynheer van Naarvaessen erzählte, beide Hände in die Taschen steckend, seinem Gaste von den Geschäften, die er seit einem Monate gemacht, von den Waaren, die er getauft und verkauft, sogar die October-Bilanz theilte er ihm mit. Quentin betrachtete ein Gemälde, welches eine Mahlzeit darstellte, und blies mit Nase und Schnupftuch einen Tusch, den man als Signal zum Frühstücken halten konnte. Jane sah den jungen Seehelden traurig an. Frau van Naarvaessen erschien im Speisezimmer: ihre Wangen glühten noch vom Herdfeuer.
Plötzlich sagte Quentin, der durchs Fenster schaute, sehr verstimmt:
»Da kommt der Schwätzer Montana.«
»Ach mein Gott! der Capitän Montane!« rief die Frau vom Hause erschrocken. »Was sagen Sie da, Quentin?«
»Das ist eine Strafe Gottes!l« seufzte Mynheer van Naarvaessen.
»Eine wahre Landplage!« setzte die ehrbare Dame hinzu.
»Er ist mir noch lästiger als die Trommel,« sagte der Fabrikant, »und Gott weiß, daß mir in der Welt nichts mehr zuwider ist, als die Trommel.«
»Er ist mir lästiger als die Fliegen,« sagte die Hausfrau.
»Er wird mit seinen Stiefeln alle meine Tulpen abbrechen!«
»Er wird mit seinen Sporen meine Teppiche zerreißen!«
Aber was war zu thun? Aus dem Lande konnte man einen Besuch nicht abweisen.
Der Feind war schon auf der Außentreppe.
Endlich trat der unwillkommene Gast ins Haus und man hörte wie er in der Vorhalle sang:
Les Francais out pour la danse
Un irrésistible attrait,
Et de tout mettre en cadence
Ils ont, dit-on, le secret.
Je le cois
Quand je vois
Ces grands conquérans du monde
Faire danser à la ronde
Et les peuples et las rois.2
Die Thür that sich auf und der Zollwächter-Capitän Montane, ein geborener Gascogner, trat mit dem seinen Landsleuten eigenen prahlerischen, geckenhaften Anstande in die kleine Gesellschaft.
Er war ein Mann von fünf- bis sechsunddreißig Jahren; sein Gesicht mit den Kaninchenaugen und der Habichtsnase war zugleich abschreckend und lächerlich.
Er trug eine blaue Uniform mit einer Epaulette; sein langer Säbel rasselte auf dem Teppich.
»Wahrhaftig, Monsieur Navarsan,« sagte er, die Gesellschaft begrüßend und den für einen Franzosen unaussprechlichen Namen des Herrn vom Hause verfälschend; »wahrhaftig man hat Recht, daß der Weg zum Paradiese mühsam und beharrlich ist. Ihr Flangour« – so französisirte er das Wort »Flaamhuis,« wie die Besitzung des Fabrikanten genannt wurde, – »Ihr Flangour ist ein wahres Paradies – ein Paradies Mohammed’s. Ich bin ein Kenner,« setzte er mit einem unverschämten Blick auf die Tochter vom Hause hinzu; »Mademoiselle Jane allein ist ein kostbarerer Schatz als alle Houris zusammen.«
Entzückt über dieses geistreiche Compliment schwenkte er seinen von Regen triefenden Hut und bespritzte sämmtliche Hausgenossen.
»Sie sind so artig,« erwiederte Jane, indem sie mit dem Schnupftuch die auf sie gefallenen Regentropfen abwischte, »daß man Sie und Ihre Schmeicheleien unmöglich trocken empfangen kann.«
»Sie sind himmlisch , bezaubernd , Mademoiselle Jane,« sagte der Gascogner. »Rathen Sie, was ich Ihnen mitgebracht habe: ein allerliebstes Kragenmuster mit Herzen, auf denen girrende Tauben sitzen. Es ist wunderhübsch. Und Ihnen, Mama Navarsan, bringe ich ein Recept, mit welchem man dem Rosenconfect die natürliche Farbe erhalten kann.«
»Sie hätten besser gethan, mir ein Recept zu bringen, die Teppiche vor Nässe zu schützen,« erwiederte die Holländerin.
Van Naarvaessen sah mit Schrecken, daß der Hut des Capitäns noch triefte.
»Der Capitän ist ein Freund der Damen,« sagte der Fabrikant, seine Hand auf die Schulter des neuen Gastes legend. »Die Damen können unmöglich undankbar gegen ihn sein, denn er hat ja immer ein Geschenk in der Tasche und ein Compliment im Munde.«
»Par la Sainte-Barbe!« betheuerte der Gascogner und zog das Kinn mit einer ihm eigenthümlichen Mundverzerrung in die Cravate, »mein Herz ist immer bereit den Schönen zu Füßen zu fallen, so wie mein Degen jederzeit scharf ist, sich mit dem Feinde zu messen.«
»Hat denn Ihr Herz oder Ihr Degen mehr zu thun, Capitän?« sagte van Naarvaessen lachend; »wir haben viele schöne Frauen in Amsterdam und Rotterdam, aber auch an der Barriere viele Ballen und Fässer zu untersuchen.«
»Ich werde fast erdrückt unter der Last der Geschäfte,« » antwortete der Douanier, der den Scherz des Fabrikanten nicht zu verstehen schien und seine Antwort mit der gewöhnlichen Mundverzerrung begleitete; »Ihre Landsleute, die doch unserm Kaiser dankbar sein sollten, daß er Holland nicht ins Meer geworfen, halten geheime Zusammenkünfte in allen Wirthshäusern, um mit den verdammten Russen und Engländern, die eine Landung beabsichtigen, ein Einverständniß zu unterhalten. Man hat ein Complott entdeckt, welches nichts Geringeres beabsichtigte , als ihnen die Festung und den Hafen zu überliefern. Zum Glück habe ich mit meinem gewohnten Scharfsinn die Sache gewittert, die Verschwörung angezeigt und die Stadt gerettet. Sie sehen, Monsieur Navarsan, einen Mann vor sich, dem man einen Triumphbogen errichten sollte. Die Verräther sind ergriffen worden – und rathen Sie wo! In Weinfässern, wie die vierzig Räuber Alibaba’s!«
»Ich schlage vor, daß man Ihnen vor dem Hauptstadtthor eine Bildsäule errichte, mit einem großen Faß als Piedestal,« setzte der Fabrikant lachend hinzu. »Aber wollen Sie nicht mit uns frühstücken, Capitän? Den Kaffeh muß man trinken, ehe er kalt wird, so wie man das Eisen schmieden muß, so lange es heiß ist.«
»Seht gern, Monsieur Navarsan,« erwiederte der Capitän, indem er mit einer Hand seine Cravate in die Höhe zog und den andern Arm der Dame vom Hause bot, während Elim, wie gewöhnlich, Jane führte und Mynheer van Naarvaessen mit Quentin den Zug beschloß.
Der Capitän nahm Platz am Tische.
»Und was gibts außer dem großen Complott sonst noch Neues?« fragte der Herr vom Hause.
»Das Allerneueste ist, daß uns der Petit Caporal – mit Erlaubniß zu sagen – jede Woche den Schlüssel einer Hauptstadt sendet. Wir haben die Schlüssel von Moskau erhalten und erwarten in kürzester Frist die von Petersburg. Die russischen Damen haben für den Ball, den man im Palais der Eremitage geben wird, schon dreißigtausend Paar Tanzschuhe bestellt. Ein prächtiges, wundervolles Land, dieses Moskovien!«
»Sind Sie dort gewesen?« fragte Elim.
»Nein, ich bin nie dort gewesen; aber ich habe einen Bruder, der das Land sehr genau kennt. Denken Sie sich, daß die gewöhnlichen Schlossen, die wir Graupeln nennen, in der Dicke von Hühnereiern vom Himmel fallen. Dies ist eine kostbare Himmelsgabe, denn die Schlossen werden aufbewahrt und im Sommer zum Kühlen des Weines benützt. Noch merkwürdiger aber ist, daß man bei Reisen ins Gebirge – Sie wissen doch, daß Rußland ein sehr gebirgiges Land ist?«
»Nein,« erwiederte Elim, »das habe ich noch nicht gewußt.«
»Dann lernen Sie es von mir, Monsieur. Bei Reisen ins Gebirge bedient man sich sehr kleiner Pferde, Kawatschi genannt – was vermuthlich Katzen bedeutet, weil sie nicht größer als Hunde sind.«
»Ich fürchte nur,« entgegnete Elim, »daß Ihre Landsleute nichts zu essen finden in einem ohnehin schon armen Lande, welches, wie man wenigstens sagt, im Voraus verwüstet worden war.«
»Bagatelle,« antwortete der bramarbasirende Capitän. »Was ist der russische Winter für unsere Grenadiere, die bei dem Marsche über den St. Bernhard das Eis wie Candiszucker gegessen haben! Es war freilich aus dem Kriegszuge nach Italien – nach dem schönen Italien, das mit seinen Orangenwäldern und Lorbeerbüschen und Geißblattlauben nur Spanien zum Rivalen hat. Ach, Monsieur Navarsan, dort müßten Sie ein Landhaus haben, zwischen Granada und Sevilla, dem Schatten des Guadalquivir und an den malerischen Ufern der Sierra Morena.
»Sie sprechen mit großer Sachkenntniß von den Wäldern und Flüssen Spaniens,« sagte Elim lachend; »man sieht, daß Sie dort gewesen sind.«
»Nein, Monsieur, aber ich habe einen Onkel, der in Spanien Tabak einkaufte.«
Elim schüttelte den Kopf.
»In Rußland einzurücken,« sagte er, »ist nicht schwer, aber wieder herauszukommen.«
»Wie so?«
»Zwei furchtbare Schildwachen stehen an den Thoren Moskoviens: der Hunger und der Frost.«
Der Douanier brach in ein lautes höhnisches Gelächter aus.
»Sie sind gar zu gütig,« sagte er; »machen Sie sich deshalb keine Sorgen. Unsere Truppen führen ungeheure Merinoheerden in ihrem Gefolge.«
»Will der Kaiser Napoleon etwa Tuchfabriken in Rußland anlegen?« fragte der Fabrikant lachend.
»Nein,« antwortete der Capitän. »Wir haben, Gott sei Dank, genug an den holländischen Tuchfabriken. Nein, die Schafe werden geschlachtet und von den Soldaten verzehrt und aus den Fellen der geschlachteten Schafe werden Pelze gemacht. Uebrigens sind wir in Moskau —«
»In Moskau!« rief Elim von seinem Stuhl aufspringend.
»Allerdings in Moskau. Haben Sie nicht gehört, daß ich so eben sagte, wir haben die Schlüssel der Stadt?«
»Ich glaubte, es sei Scherz. Aber gewisse Scherze müssen ein Ende haben.«
»Bagatelle!« erwiederte der Capitän sein Lieblingswort voranschickend. »Sind Sie denn aus der Erde gekrochen, daß Sie diese Nachricht noch nicht erfahren haben? Die Einnahme von Moskau durch unsere Truppen bildet ja das Tagesgespräch.«
Van Naarvaessen hatte seinen werthen Gast durch die Nachricht von dem Falle Moskau’s nicht betrüben wollen; aber als ihn der junge Seemann fragend ansah, konnte er nicht umhin die Wahrheit zu gestehen.
»Ja,« sagte er in deutscher Sprache, »es ist wahr, Moskau ist in den Händen der Franzosen; aber die Russen sind stark und der Winter ist vor der Thür. Nur ruhig und gefaßt, Elim!«
Wie hätte aber der junge Patriot bei einer solchen Nachricht ruhig und gefaßt sein können?
Montane fuhr fort:
»Ja, Monsieur, und ehe wir Moskau nahmen, schlugen wir eine kleine Armee von fünfhunderttausend Mann unter Suwarow, oder Husakow, oder Huwasow, der Name ist mir nicht genau erinnerlich. Die Armee hatte ein Sapeurcorps, bestehend aus Greisen, von denen der jüngste neunzig Jahre alt war und deren Bärte bis zu den Knien herabreichten. Diese langen dicken Bärte machten die Panzer überflüssig, die Kugeln prallten daran ab wie an Eisenplatten. Mittags war die Schlacht gewonnen, und um zwei Uhr Nachmittags rückte Napoleon, nach russischer Sitte von Bojaren getragen, in Moskau ein. Am Kalugathore überreichte man ihm auf einer silbernen Schüssel ein sechs Centner schweres Brot und einen kleinen, fünfundzwanzig Fuß langen Walfisch, der im weißen Meere gefangen worden war.«
»Wissen Sie, wo das weiße Meer ist?« fragte Elim.
»Es liegt zwischen dem schwarzen und dem rothen Meere,« antwortete der Capitän.
»Es ist fünfzehnhundert Werste von Moskau,« setzte der junge Seemann hinzu.
»Es ist möglich,« entgegnete der Douanier, »daß es zur Zeit Peter des Großen so weit von Moskau entfernt war; aber zum Vortheil der Stadt Moskau, wo der Kaiser Napoleon den Winter zubringen und glänzende Feste veranstalten wird, hat er es bis auf Kanonenschußweite näher gerückt. Abends hat man unter dem Geläute aller Glocken einen Ball gegeben und Sie müssen wissen, daß in Moskau zwölftausend Glocken sind. Diese Musik machte einen großartigen Effect. Zwei Schwadronen Kosaken, die Tags vorher in Gefangenschaft gerathen waren, tanzten die Pliaska unter allgemeinem Beifall. Alle Fenster der Stadt waren erleuchtet. Die Einwohner waren so entzückt, daß sie in der Freude ihres Herzens fünfhundert Häuser in Brand steckten und daß drei Viertheile der Stadt eingeäschert wurden.«
»Wenn sie das gethan haben,« sagte Elim, »so geschah es in der Absicht, alle Franzosen in den Flammen umkommen zu lassen.«
In diesem Augenblicke erschien der Diener mit den englischen Zeitungen.
Van Naarvaessen , der sogleich ein Zeitungsblatt nahm, fand darin die Nachricht von dem Rückzuge der Franzosen.
Er reichte Elim die Zeitung.
»Moskau liegt in Trümmern,« sagte er in deutscher Sprache zu ihm; »aber Rußland ist gerettet, die Franzosen haben die Stadt verlassen.«
Elim las und reichte dem Capitän die Zeitung.
»Ich kann kein Englisch,« sagte dieser.
»Ich will Ihnen keine schlechte Nachricht ankündigen,« sagte Elim. »Lassen Sie sich von Jemand, der englisch versteht, diese zehn Zeilen übersetzen.«
Er stand vom Tische auf, um nicht in seinem Unwillen über eine neue Prahlerei des Gascogners in Versuchung zu kommen, die Schranken der Klugheit und Mäßigung zu überschreiten, und begab sich in sein Zimmer.
Kaum hatte sich Elim entfernt, so ersuchte der Capitän Montane den Herrn vom Hause, ihm in einer höchst wichtigen Angelegenheit eine geheime Unterredung zu bewilligen.
Van Naarvaessen gab seiner Frau und seiner Tochter einen Wink. Mutter und Tochter verließen mit Quentin das Zimmer und ließen ihn mit dem Capitän allein.
VII
Die Werbung
Tröste Dich, Indien ist unser.
Chmeinitzki.
Was der Capitän Montane dem Fabrikherrn wohl unter vier Augen zu sagen hatte?
Die Geschichte schweigt über diesen Punkt, und bis auf weiteres sind wir gezwungen uns auf Vermuthungen zu beschränken.
Nach einer Viertelstunde wurde die bis dahin hermetisch verschlossene Thür des Speisezimmers heftig aufgerissen und der Capitän, kirschroth vor Zorn und seinen Schnurrbart drehend, kam heraus, während Mynheer van Naarvaessen mit dem höflichsten Ausdruck und vielen Verbeugungen zu ihm sagte:
»Lieber Herr von Montane, die Nase ist ein großes Hindernis. Saperlot! Eine Arschine finde ich in der Ordnung; zwei Arschinen lasse ich auch noch gelten, aber dritthalb Arschinen, das ist zu viel!«
Der Capitän ging durch den Salon, ohne Frau van Naarvaessen, die mit Quentin Piquet spielte, und Jane, die mit Elim plauderte, anzureden oder auch nur anzusehen.
Aber als er die Hausthür zornig hinter sich zugeschlagen hatte, sagte er zähneknirschend:
»Ha! Monsieur Navarson – ja, ja, Monsieur Navarson, das soll Ihnen theuer zu stehen kommen!«
Einige Augenblicke nachher hörte man die Hufschläge von zwei Pferden, und der Douanier sprengte im Galopp davon.
Jane und Elim, welche dieses hastige, ungestüme Fortgehen nicht begreifen konnten, standen auf und gingen zu Mynheer van Naarvaessen, der in seinem Schreibzimmer war.
Der Fabriksherr schien gegen seine Gewohnheit sehr aufgeregt; er ging rasch im Zimmer auf und ab. Es war leicht zu bemerken, daß etwas Anßerordentliches mit ihm vorgegangen war.
Aber als er sein holdes Töchterlein sah, erheiterte sich sein Gesicht. Er nahm Jane bei der Hand und küßte sie.
»Mein liebes Herzenskind,« sagte er, »nicht wahr, Du willst deinen Vater nicht verlassen?«
»Warum fragst Du mich darum?« erwiederte Jane schüchtern.
»Ach! es ist mir eine trübe Erinnerung durch den Kopf gefahren. Ich entsinne mich, daß ich im Frühjahr die eben flügge gewordenen jungen Schwalben aus dem Neste fliegen sah. Aber die armen Thierchen konnten noch nicht recht fliegen, sie wurden von Schuljungen gefangen. Arme Jane, die Mädchen befinden sich in derselben Lage wie die jungen Schwalben.«
»Ich weiß nicht was Du meinst, Vater; aber es ist mir nie in den Sinn gekommen Dich zu verlassen.«
Jane stockte, aber sie faßte Muth und setzte hinzu:
»Versprich mir, Väterchen, mir eine Bitte zu gewähren.«
»Ich merke schon, liebes Kind, wo Du hinaus willst,« erwiederte der Fabrikherr; »Du wünschest einen Schmuck, einen Ring, ein Halsband oder etwas dergleichen zu haben. Laß doch hören, Du weißt ja, daß ich Dir nichts verweigere.«
»O! ich habe schon so viel Schmuck, daß ich von solchen Kostbarkeiten nichts mehr zu wünschen habe; aber – Du wirst doch nicht böse werden, Väterchen?«
»Ich werde böse, wenn Du mir nicht augenblicklich sagst was Du wünschest. Willst Du einen Tanzmeister? Du sollst ihn haben. Monsieur Saint-Leger, ein Schüler des berühmten Vestris, würde die Gavatte aus einem Flaschenhalse tanzen.«
»Du scherzest immer, lieber Vater. Aber ich habe im Ernst mit Dir zu reden.«
»Du – im Ernst? Nicht möglich! Ich möchte doch wissen, was Du Ernsthaftes in deinem Köpfchen haben kannst.«
»Nicht im Kopfe, Vater – im Herzen.«
Mynheer van Naarvaessen sah seine Tochter erstaunt und forschend an.
»Ja, wir – ich – Elim,« stammelte sie.
»Ach! ja, Elim; armer Freund! Weißt Du wohl,« sagte er, sich an seinen Gast wendend, »daß wir bald scheiden müssen?«
»Eben deshalb bin ich Ihnen in Ihr Schreibzimmer gefolgt, mein verehrter Herr,« erwiederte der junge Seemann. »Ja, wir müssen entweder für immer oder für ganz kurze Zeit scheiden. Ich will mich kurz fassen, wir Beide sind ja keine Freunde von Umschweifen. Ich liebe Ihre Tochter. Jane liebt mich. Ihre Einwilligung wird uns glücklich machen. Sagen Sie Ja, ich verlasse Sie, und nach dem Kriege komme ich wieder und sage: Lieber Vater, geben Sie mir Ihre Tochter!«
»Jenny – Du willst Jenny zur Frau!« erwiederte Mynheer van Naarvaessen , drei Schritte zurücktretend. »Saperlot! Das ist klar und bündig, Elim. Aber das scheint ja eine wahre Epidemie zu sein, die wie ein Lauffeuer um sich greift. Alle Leute wollen heute heiraten – und zwar meine Jenny. Kaum habe ich den Prahler Montane abgewiesen, so kommt ein Anderer und singt das gleiche Lied.«
»Ich hoffe, Verehrtester,« sagte Elim lachend, »daß Sie mich mit dem Capitän Montane nicht ganz in eine Reihe stellen.«
»Gott soll mich bewahren! Saperlot – mein lieber Freund —«
»Mein ehrenwerther Freund, ich würde es nie gewagt haben, um die Hand Ihrer Tochter zu werben, wenn ich nicht ein gewisses Recht auf sie hätte: ihre Liebe und mein Wunsch, sie glücklich zu machen.«
»Lieber Vater, ich liebe Elim von ganzem Herzen,« sagte Jane und fiel dem alten Herrn um den Hals.
»Keine Dummheiten. Kind!« erwiederte aber Mynheer van Naarvaessen. »Zuerst sage mir, auf welcher Seite Du das Herz hast. Kinder, die mit der Puppe spielen, sagen oft: ich liebe, ohne zu wissen was sie sagen. Es wundert mich nur, woher Du den Muth bekommen hast, einem Fremden so etwas zu sagen, ohne mit deinen Eltern darüber zu reden. Du bist ja kaum sechzehn Jahre alt. Dich, Elim, will ich nicht tadeln, Du hast vollkommen Recht, ein hübsches Mädchen, das zugleich eine reiche Erbin ist, zu lieben.«
Elim machte eine Bewegung, welche andeutete, daß er etwa denselben Schmerz fühlte, als ob er verwundet worden wäre.
»Van Naarvaessen,« erwiederte er. »Sie können mir einen Theil Ihres Wohlwollens entziehen; aber Sie haben nicht das Recht mir einen Theil Ihrer Achtung zu verweigern. Ich habe in Rußland ein recht schönes Vermögen, ich erfreue mich eines guten Rufes, und ich habe nie etwas gesagt oder gethan was Sie berechtigen könnte mich für einen Speculanten zu halten. Ich brauche Ihr Vermögen nicht; ich bin reich genug, eine Familie standesmäßig zu ernähren. Geben Sie mir Ihre Tochter wie sie da steht; ich verlange nur Jane’s Liebe, die ich schon besitze; werden Sie uns Ihre Einwilligung versagen?«
»Wohl gesprochen und edel gedacht, junger Mann! Ich kenne Dich erst seit drei Wochen; ich will Dich nicht durch Zweifel beleidigen, ich glaube deinen Worten – aber bedenke, daß es sehr gewagt ist, die Hand zu bewilligen, wenn der Kopf in so großer Gefahr schwebt. Montane hat Verdacht. Es ist deine Schuld, Du konntest Dich nicht mäßigen. Er wird uns seiner Regierung anzeigen, bei der ich ohnedies schlecht angeschrieben bin. Ich selbst beabsichtige Holland baldigst zu verlassen, denn Gott weiß, wann der Krieg beendet sein wird. Und wenn er auch bald beendet wird, so fragt es sich, wann Du zurückkommen kannst. Endlich mußt Du bedenken, wie schwer es einem Vater und einer Mutter wird, sich von ihrem Kinde zu trennen.«
»Ich werde Sie alljährlich besuchen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Noch mehr, ich stehe ganz allein, ich bin unabhängig, ich kann bei Ihnen wohnen, wenn Sie es wünschen.«
»Nein, lieber Elim,« erwiederte der alte Herr kopfschüttelnd, »das Weib muß Alles verlassen und ihrem Manne folgen, so steht’s in der Bibel. Aber die Bibel sagt nicht, daß der Mann um der Frau willen sein Vaterland verlassen soll. Ich gestehe, daß Du mir sehr wohl gefällst, Elim, und wenn Du ein Holländer wärest, so würde ich Dich ohne Bedenken meinen Sohn nennen, und hättest Du keinen Dukaten in deiner Börse. Aber meine Tochter so weit fortreisen zu lassen! Sie ist noch so jung, Du bist leichtsinnig, flatterhaft – wer weiß, ob Ihr in einem halben Jahre noch an einander denket!«
»Hätten wir uns in dieser Welt nicht kennen gelernt,« entgegnete Elim mit Begeisterung, »wäre mir Jenny zum ersten Male in der andern Welt begegnet, so würde ich sagen: Dies ist das Weib meines Herzens!«
»Lieber Vater,« setzte Jane hinzu, »ich erkläre, daß ich nie eines Andern Frau werde.«
»Die Sache muß reiflich erwogen werden,« sagte Mynheer van Naarvaessen; »aus euren Worten, Kinder, spricht die Glut der Leidenschaft, die aber bald verschwindet. Ich will wohl glauben, daß eure Liebe ewig ist und daß sie weder durch die Zeit noch durch Gefahren wankend gemacht werden kann. Wir müssen scheiden, Elim. Höre mich an. Wenn Du mit den gleichen Absichten wiederkommst und Jenny in der gleichen Stimmung findest, so möge Euch Gott seinen Segen geben, ich will dem Glück meines Kindes nicht im Wege stehen. Inzwischen werdet Ihr Euch besser kennen lernen; Jenny wird heranwachsen und sich auch geistig entwickeln.«
»Können wir auf Ihr Wort zählen, Vater? Dürfen wir die Ringe wechseln?«
»Auf mein Wort kannst Du Häuser bauen,« erwiederte der Fabrikherr; »das Wechseln der Ringe hingegen finde ich sehr überflüssig. Du bist Soldat, Seemann; Du kannst im Kampfe fallen, in einem Sturm umkommen, und dann würde Jenny Witwe werden, ohne Gattin gewesen zu sein.«
»Mein werther Freund,« sagte Elim, »ich will weder einen Brauch nachahmen, noch eine Verpflichtung darauf gründen, ich betrachte es als einen Trost des Herzens. Geben Sie mir das Recht, mich als Mitglied Ihrer Familie zu betrachten; geben Sie mir das Recht, Jenny meine Braut zu nennen, Sie als Vater zu betrachten!«
Elim beugte das Knie vor dem alten Herrn.
»Sei gütig, Vater,« bat auch Jenny; »mache deine Kinder glücklich!«
»Saperlot! seid Ihr bald fertig?« sagte van Naarvaessen, indem er sich abwandte und seine thränenfeuchten Augen trocknete. »Steht auf, Kinder – tröstet Euch – küßt Euch – aber dringet nicht länger in mich, ich müßte sonst rundweg nein sagen. Mir liegt es ja ob, vernünftig , zu sein, da Ihr es nicht seid. Morgen müßt Ihr scheiden, aber beim Abschiede werdet Ihr bedenken, daß die Zukunft von Euch abhängt. – Jetzt laßt mich in Ruhe und gönnet mir Zeit, meine Gedanken zu sammeln.«
Elim glaubte zu bemerken, daß diese Einwilligung einer Weigerung sehr ähnlich war; aber was konnte er thun? Er küßte dem alten Herrn die Hand. Jenny küßte ihren Vater halb schmeichelnd, halb schmollend, und Beide entfernten sich traurig.
Unterdessen ritt der Capitän Montane zur Stadt zurück und verwünschte Alles, was er um sich sah. Er war ein sehr mittelmäßiger Reiter und wurde hoch im Sattel emporgeschleudert: eine Bewegung, welche seine üble Laune nicht wenig vermehrte. Sein Begleiter , ein Marinesoldat, ebenfalls ein geborner Gascogner, folgte ihm auf einem magern Klepper, aus einer kurzen Pfeife rauchend und über die schlechten Pferde schimpfend.
»Ein nichtswürdiges Land, Cabaret!« schimpfte der Capitän. So hieß der Marinesoldat, und den Namen »Cabaret« hatte er vermuthlich wegen seiner Vorliebe für die Wirthshäuser erhalten. »Pferde und Menschen, Wasser und Erde, Luft und Himmel, Alles ist schlecht in diesem Rebellande. Es bedürfte nur eines Winkes mit meinem Finger, um die Deiche zu durchbrechen und alle Holländer zu ersäufen.«
»Cap de Dious!« antwortete Cabaret, »ich bin ganz Ihrer Meinung, Herr Capitän.«
Und da der Capitän wieder zehn Zoll aus dem Sattel emporgeschleudert wurde, schimpfte Cabaret, der kein besserer Reiter war als sein Vorgesetzter, pflichtschuldigst auf die schlechten Pferde.
Der Capitän ergoß seinen Zorn mehr über die Menschen als über die Pferde, obgleich er von einem der letzteren für den Augenblick viel zu leiden hatte.
»Ich will Dir meine wahre, aufrichtige Meinung sagen,« fuhr er fort. »Was sind die Holländer? Knickerige Krämer. Die Weiber sind Köchinnen, die Mädchen Milchgesichter. Keine Bildung, keine Lebensart. Ein Stück Limburger Käse ist ihnen lieber als die Liebe eines gebildeten Franzosen.«
»Vollkommen einverstanden, Herr Capitän – die verdammten Pferde!«
»Ich würde auch lieber des Teufels Witwe – wenn etwa der Teufel stirbt – in mein Schloß heimführen, als das alberne Mädchen zu meiner Frau machen. Der alte Gimpel ging wirklich in die Falle; er glaubte, es sei mir Ernst mit der Werbung um seine Tochter, und merkte nicht, daß ich ihn nur zum Besten halte.«
»Ich gestehe aufrichtig, Herr Capitän,« versetzte Cabaret, »daß mir die Sache sehr sonderbar vorkam. Als ich vor der Thür wartete, zerbrach ich mir den Kopf und dachte bei mir: Cap de Dious! was fällt dem Capitän ein, eine solche Tulpe heiraten zu wollen!«
»Und was glaubst Du, wie der alte Schurke meinen Antrag aufnahm ?« fragte der Capitän.
»Er wird Ihnen gewiß mit offenen Armen und offener Tasche um den Hals gefallen sein.«
»Ha! ha! Ha!« lachte der Capitän mit schlecht verhehltem Grimm. »Du irrst Dich, Cabaret, er hat mir einen Korb gegeben.«
»Einen Korb!l – Cap de Dious, Sie scherzen, Capitän.«
»Nein, es ist die reine Wahrheit, ich scherze nicht. Er hält sich für einen vornehmen Herrn, weil er auf Sammteppichen geht und bronzene Armleuchter auf seinem Tische hat. Aber wenn er mit seinem Tuch ganz Europa überziehen und mit seinem Golde den ganzen Zuydersee bedecken könnte, so möchte ich doch die Zierpuppe nicht. Man kann ihn zu Grunde richten,« setzte er, die Stirn in düstere Falten ziehend, hinzu, »und wenn er auch Alles hätte, was ich sagte.«
»Vollkommen einverstanden, Herr Capitän. Aber es ist nicht leicht, dem verwünschten Orangisten beizukommen.«
»O, dafür laß nur mich sorgen, Cabaret. Erstens liest er englische Zeitungen —«
»Zweitens ist er ein Jude —«
»Drittens ist er – ist er —« Der Capitän besann sich was Mynheer August van Naarvaessen drittens sein könne.
Aber obgleich er nichts fand, antwortete Cabaret pflichtschuldigst:
»Vollkommen einverstanden, Herr Capitän. – Und viertens,« setzte Cabaret hinzu, »könnte man sagen, daß er Leute im Hause hat, die —«
»Was für Leute?« fragte der Capitän Montane, als der Marinesoldat zögerte.
»Leute, die mir verdächtig sind,« ergänzte Cabaret.
»Wen meinst Du damit?« fragte Montane, dessen Augen vor Freude leuchteten bei dem Gedanken, daß er etwas erfahren werde, was den Tuchfabrikanten compromittiren könne. »Sprich, wer ist Dir verdächtig?«
»Vollkommen einverstanden Herr Capitän. – Vor beiläufig drei Wochen war ich mit einigen Cameraden auf Streifwacht – die verdammten Pferde!«
»Ich weiß, was Du auf Streifwacht sein nennst. Nimm Dich in Acht, Cabaret, der Kaiser kann die Plünderer nicht leiden.«
»Nun, Jeder nimmt was er kann; der Eine nimmt eine Stadt, der Andere plündert einen Koffer aus.«
»Und Du plünderst den Koffer aus, nicht wahr, Du Schlingel? Nimm Dich in Acht! sage ich Dir. Wer Städte nimmt, findet darin zuweilen eine Krone; wer aber Koffer stiehlt, findet manchmal nur einen Strick darin – doch das ist deine Sache und nicht die meinige. Jetzt sage, was für Leute meinst Du?«
»Ich war also auf Streifwacht. Da sah ich, daß sechs Männer in die Mühle des Fabrikanten gingen. Und was für Männer? wahre Banditen. Cap de Dious, ich hätte ihnen nicht auf einsamen Waldwegen begegnen mögen. – Die verdammten Pferde!«
»Und wie hast Du das gesehen?«
»Ich schaute durchs Fenster. Ich bin einmal ein neugieriger Mensch, das ist meine schwache Seite.«
»Hast Du es im Traume oder in der Wirklichkeit gesehen?«
»In der Wirklichkeit, in der allerwirklichsten Wirklichkeit, mit meinen eigenen Augen. Die Kerle waren bis an die Zähne bewaffnet – und Bärte hatten sie, daß unsere Sapeurs der alten Garde wahre Gelbschnäbel gegen sie sind. Und was für eine Sprache sie sprachen! Die Ohren klingen mir noch davon.«
»Es waren vermuthlich englische Ausreißer.«
»Die Engländer tragen keine Bärte, Capitän.«
»Das ist wahr.«
»Plötzlich bemerkte mich der Räuberhauptmann, und ohne mich anzurufen feuerte er auf mich mit einer Pistole, die so lang war wie eine Entenflinte und so weit wie eine Wallbüchse.«
»Und was thatest Du, Cabaret?«
»Cap de Dious! ich lief davon. Was hätte ich sonst auch thun sollen?«
»Und was weiter?«
»Jetzt merken Sie wohl auf, Herr Capitän; denn jetzt kommt das Beste.«
»Ich höre.«
»Während Sie heute im Speisezimmer beim Frühstück saßen, saß ich in der Küche beim Feuer, denn in diesem verwünschten Klima wird man bei lebendigem Leibe gebraten, ohne sich zu erwärmen. Da kommt der Neffe des Tuchfabrikanten in die Küche, um seine Cigarre anzuzünden. Ich schaue auf und erkenne – rathen Sie, wen, Capitän?«
»Den Neffen des Tuchfabrikanten.«
»Nein, den Räuberhauptmann.«
»Bist Du toll, Cabaret?«
»Der Teufel möge mir mit seinem Schwanz die Kehle zuschnüren, wenns nicht wahr ist.«
»Ach! lieber Cabaret, wenn Du deiner Sache ganz gewiß wärest —«
»Es ist so gewiß wahr, wie ich auf dieser Schindmähre sitze,« betheuerte der Marinesoldat. »Ueber die fünf Anderen habe ich Erkundigungen eingezogen,« fuhr Cabaret leise und geheimnißvoll fort, »sie sind in der Fabrik versteckt. Der Alte gibt sie für Mechaniker aus. Cap de Dious! Falschmünzer sinds und deshalb ist der alte Schurke so reich.«
»Ich bin doch wirklich ein Mann von großem Scharfblick Cabaret.«
»Vollkommen einverstanden, Herr Capitän; aber in wie fern?«
»Ich habe auf den ersten Blick gesehen, daß der junge Mensch ein Feind Frankreichs ist,« erwiederte Montane. »Bist Du auch deiner Sache gewiß, Cabaret?«
»Moralisch gewiß, Capitän.«
»Moralisch oder unmoralisch, das ist mir gleich, wenn Du die Wahrheit sprichst.«
»Es ist die reine Wahrheit.«
»Nun gut, morgen zeige ich den alten Spitzbuben bei der Polizei an. – Ei! Ein Hochverrath ist keine Kleinigkeit, Monsieur Navarson, – fürwahr, keine Kleinigkeit!«
Als die beiden Zollwächter die Stadt erreichten, winkte der Capitän Montane seinem Untergebenen Stillschweigen zu. Der Gascogner gehorchte; nur von Zeit zu Zeit brach er das Schweigen durch den unwilligen Ausruf : »Die verdammten Pferde!«
VIII
Der Verrat
So geht es in der Welt. Warum?
Das wird Dir Satan sagen; mich frag‘ nicht.
Am folgenden Tage gab der Oberst van Wisinen, Commandant von Vliessingen, Befehl zur Verhaftung des Tuchfabrikanten van Naarvaessen, und ein Offizier wurde mit zwölf Soldaten nach dem Landhause des Letztern beordert, um die Verhaftung vorzunehmen.
Der Zufall, der so viel Gutes und so viel Schlimmes zur Welt bringt, führte wunderbarer Weise den langen spindeldürren Quentin, der am Canal ging, mit dem Capitän Montane zusammen.
Ein Mann in Seemannstracht mit Fischergeräthen folgte dem Buchhalter.
Montane stand still.
Die Nase eines Zollwächters, zumal wenn sie so bedeutend entwickelt ist, wie die Nase Montane’s, ist das feinste, scharfsinnigste Werkzeug von der Welt. In alten Zeiten, wo die Civilisation noch in der Kindheit war, bediente man sich der Wünschelruthe, um Schätze zu entdecken; in unseren Tagen ist die Nase des Zollwächters an die Stelle dieses geheimnißvollen Jacobstabes getreten. Ein Douanier wittert seine Beute noch besser als der Rabe das Aas, und die Contrebande entgeht ihm nicht, wenn sie auch in dem Magen eines Gargantua steckte.
»Das ist verdächtig,« sagte der Capitän Montane. »Quentin außer dem Hause – der Fischer, der ihn begleitet, ist ein gewandter Bursch. Schon zweimal sehe ich ihn armlange Fische fangen. Für einen Fischer ist die Nase zu groß – und in seinem Schnupftuche hat er ein Packet. Was in aller Welt mag das Packet enthalten?«
Der Capitän ging rasch weiter und zog Quentin am Mantel.
Quentin hatte anfangs gethan, als ob er den Capitän nicht sehe; aber dieser zog so stark, daß er gezwungen war sich umzusehen.
»Ah! Sie sind es, Herr Montane,« sagte er lächelnd. »Es freut mich Sie zu sehen.«
»Mich auch, Monsieur Quentin.«
Der Cassier wollte weiter gehen, aber Montane war damit nicht einverstanden.
»Wohin so eilig?« fragte er.
»Immer gerade aus, wie Sie sehen,« antwortete Quentin.
»Sie haben also wenig Zeit?«
»Gar keine Zeit.«
»Aber Sie werden doch einen kleinen Imbiß mit mir nehmen?«
»Ich habe schon gefrühstückt, Herr Montane.«
»Dann trinken Sie wenigstens ein Glas Porter mit mir. Wir haben zwanzig Schritte von hier ein Gasthaus, wo vortrefflicher Porter zu haben ist.«
Jeder Mensch hat seine schwache Seite. Quentin trank gern Porter. Abgesehen von dieser Schwache war er ein exemplarischer Mensch.
»Wie, vortrefflicher Porter!« wiederholte er.
»Ja, ich hab’s gesagt, und bleibe dabei,« betheuerte der Capitän. »Ein Douanier nimmt Alles, was zwischen seine Zähne kommen soll, erst genau zwischen seinen Fingern in Augenschein.«
Quentin war schon im Begriffe, den Capitän in’s Wirthshaus zu begleiten, als ihm der von seinem Principale erhaltene Auftrag einfiel.
»Nein,« sagte er, »ich danke Ihnen Capitän. Ich habe keinen Augenblick Zeit, ich muß auf Ihre angenehme Gesellschaft verzichten.«
»Mit einer trockenen Feder kann man nicht schreiben, Herr Secretär,« entgegnete aber der Capitän. »Sie sagen, daß Sie Eile haben; aber um die Füße flink zu machen, muß man dem Magen ein gewisses Gewicht geben.«
»Ich sehe ein, daß Sie Recht haben, Capitän,« antwortete Quentin; »aber ich muß doch auf das Vergnügen Ihrer Gesellschaft verzichten.«
»Thut mir sehr leid, Monsieur Quentin. Ich wollte von Geschäftssachen mit Ihnen reden; ich gehe heute nach Flangour.«
»Die Mühe können Sie sich ersparen, Capitän. Es ist heute der Erste des Monats, und mein Principal wird den ganzen Tag in der Mühle sein.«
»So, in der Mühle!« dachte Montane. »Mich dünkt, das Goldfaß rollt von selbst in deinen Keller. – Monsieur Quentin,« sagte er dann laut zu dem Cassier, »Sie können gehen, wohin Sie wollen, auch ohne eine Flasche Bier zu bezahlen; ich habe jetzt von Ihnen erfahren, was ich wissen wollte.«
Er ließ den Mantel Quentins los und entfernte sich von ihm.
»Cabaret,« sagte er zu seinem würdigen Gefährten, auf Quentin zeigend, »folge dem spindeldürren Menschen dort, und gib vier oder fünf Soldaten einen Wink, sich Dir anzuschließen und ihn ebenfalls zu beobachten. Wenn er oder sein Begleiter Miene macht, ein Boot in’s Meer zu setzen, arretirt die Beiden und führt sie zu mir. Wenn Du andere Soldaten begegnest, so schicke sie zur Mühle, um ihren Cameraden nöthigenfalls beizustehen.«
»Soll geschehen, Herr Capitän,« antwortete Cabaret. »Es ist nur schade, daß nichts dabei zu verdienen ist.«
»Wer sagt Dir denn, daß nichts dabei zu verdienen sei ?«
»Ja, für die Herren Offiziere fällt immer etwas ab; das macht mir keine Sorgen.«
»Sei nur ruhig, es soll für Alle etwas abfallen,« erwiederte der Capitän, sich die Hände reibend.
Gegen Abend kam van Naarvaessen mit Elim und seiner Tochter in der Mühle an, wo sie von den Matrosen schon seit zwei Tagen erwartet wurden. Als die Nacht anbrach, waren alle Vorkehrungen zur Abreise getroffen.
Van Naarvaessen sah nach der Uhr. Es war fünf. Elim stand seufzend auf und Jane sank weinend in die Arme ihres Geliebten.
»Lebe wohl, Elim – lebe wohl für immer! Denn ich habe eine Ahnung, daß wir uns nie wieder sehen werden.«
Elim küßte ihr die Hände.
»Theuerste Jane,« sagte er, die lieben Hände mit seinen Thränen benetzend, »Gott möge mich in seinem Zorne vernichten, wenn ich nicht in Kurzem auf die eine oder die andere Art wieder hierher komme.«
»Saperlot!« sagte van Naarvaessen, indem er Elim noch einmal umarmte; »jetzt weg mit allen Klagen und Thränen! der neue Frühling wird neue Blumen bringen. Es ist wirklich merkwürdig,« setzte er mit sich selbst redend hinzu, als er zu Pferde stieg, »voriges Jahr noch konnte Jane einen Hahn von einer Henne nicht unterscheiden – und jetzt! Saperlot!«
Das Uebrige setzte er in Gedanken hinzu; da er mit sich selbst sprach, so war‘s hinreichend, daß er allein sich verstand.
Es führten zwei Wege zum Meere; der geradeste- war derselbe, den die Schiffbrüchigen genommen hatten; der andere führte in einem stumpfen Winkel nach Dendermonde. Diesen letzten Weg wählten unsere Reisenden.
Elim war in Gedanken versunken. Van Naarvaessen, der anfangs vergebens versuchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, sprach mit dem Führer, der eine Laterne trug.
Die fünf Matrosen folgten und sprachen leise mit einander.
»Was sollen wir zu unseren Cameraden sagen, wenn wir wieder an Bord kommen?« sagte einer von ihnen.
»Daß wir aus dem Reiche der Frösche kommen,« antwortete ein Anderer; »denn hier leben die Menschen so wie bei uns die Frösche.«
»Es ist nicht schön, das Glas zu zerbrechen, wenn man getrunken hat,« sagte ein Dritter. »Was hat Dir denn hier gefehlt? Hat’s nicht Wodka und Schinken in Hülle und Fülle gegeben? Kaum war ein Bissen verschluckt, so strecktest Du die Hand nach einem andern aus, und das erste Glas war noch nicht geleert, so war das zweite schon eingeschenkt.«
»Das ist wahr,« erwiederte der Erste , »und es wäre eine Sünde und Schande, unzufrieden zu sein. Wir sind nach Wunsch bedient worden; das Brot war so weiß wie Zucker, der Käse so groß wie Quadersteine und jeden Morgen Kaffeh zum Frühstück.«
»O! ich danke ihnen nicht sehr dafür,« setzte der Zweite hinzu; »wenn ich Schwarzbrot verlangte, so antworteten sie immer: »Nix gut!« und den Kaffeh ließen sie durch einen Strumpf laufen, gaben uns das Klare und behielten das Beste für sich. Den Käse kann ich auch nicht rühmen, er war ganz durchlöchert.«
»Jedes Land hat seine Gebräuche,« sagte der weise Jurko; »es ist nicht leicht, in fremdem Fahrwasser zu segeln. Ich für meine Person beneide den braven Mann, der da vor uns reitet, nicht um seine Speisen, unsere Schiffskost ist mir lieber.«
»Das meine ich auch,« setzte der Zweite hinzu ; »es ist recht gut, bei Jemand zu Gaste zu sein, aber im Grunde befindet man sich doch zu Hause besser.«
»Wenn nur Gott gibt, daß wir unsere Cameraden wieder sehen ,« sagten die Matrosen und gingen rasch fort.
Der Himmel schien diesen Wunsch anfangs zu erhören. Sie erreichten ohne Hinderniß den zum Einschiffen bestimmten Ort. Die Nacht war finster, aber windstill, die Küste schien ganz verödet.
Der Führer klatschte in die Hände.
»Hier sollte er uns erwarten,« sagte er.
»Saperlot!« sagte van Naarvaessen ungeduldig.
»Weißt Du gewiß, daß es der rechte Ort ist?« fragte Elim.
»Ganz gewiß,« antwortete der Führer.
Man ging einige Schritte an der Küste hin, aber man fand weder Fischer noch Boot.
Van Naarvaessen verlor die Geduld ; ein Wortbruch war für ihn schlimmer als ein Diebstahl.
»Saperlot!« sagte er aufgebracht, »ich werde die Schufte prügeln. Es ist eine Schande, das Geld zu nehmen und nicht pünktlich zu sein. Ich will ihnen die Hölle so heiß machen, daß meine Ducaten in ihren Taschen schmelzen sollen. Die verwünschten Trunkenbolde! ich wette, daß sie in der Schenke sitzen.«
Aber aller Aerger nutzte nichts. Die Lage Elims und seiner Matrosen wurde mit jedem Augenblicke mißlicher.
Der Fabrikherr schickte den Führer auf Elims Pferde in das zur Linken liegende Dorf, um Kundschaft einzuziehen, während er selbst sich zu der Hütte des Fischers begab.
Unterdessen blieb Elim mit seinen Matrosen zurück. Er glaubte auch nicht müßig bleiben zu dürfen. Er ging an der Küste fort, in der Erwartung, das Boot, welches sie aufnehmen sollte, irgendwo aufzufinden, oder vielleicht ein anderes zu miethen.
Als er sich der Stelle näherte, wo ihn der Sturm an’s Land geworfen hatte, bemerkte er einen weißen Gegenstand.
Er klopfte Jurko, der ihm folgte, auf die Schulter und zeigte mit der Hand auf den Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit erregte.
»Siehst Du?« fragte er.
»Wenn ich nicht gewiß wüßte, daß unser Boot braun ist, Herr Lieutenant, so würde ich sagen, es sei aus dem Meere hervorgekrochen, wie ein Seekalb, und liege auf dem Strande. Aber es ist ein anderes.«
»Still, Kinder!« mahnte Elim, »auch dünkt, ich sehe Leute dort liegen.«
»Sie liegen nicht nur, sondern schlafen,« setzte einer der Matrosen hinzu; »ich höre sie schnarchen.«
»Und keine Schildwachen!« sagte Elim erfreut.
»Keine Schildwachen,« antworteten die Matrosen.
»Wenn das ist,« sagte Elim leise, »so wollen wir sie umzingeln und gefangen nehmen. Aber wir wollen nur im äußersten Nothfalle Blut vergießen.«
Die Matrosen trennten sich, umringten die kleine Barke und fielen über die Schläfer her. Sie wurden gebunden und geknebelt, ehe sie erwachten.
Man nahm einem von ihnen, der den Befehl zu führen schien, das Tuch vom Munde weg.
»Wer seid Ihr?« fragte Elim in deutscher Sprache.
»Wir sind holländische Zollwächter,« antwortete der Gefangene.
»Wer ist der Capitän?«
»Herr Montane.«
»Ein alter Bekannter Was machet Ihr hier?«
»Ich weiß es nicht; Vier von uns haben auf Befehl des Capitäns einen Streifzug in’s Land gemacht, und wir sind zur Bewachung des Bootes zurückgeblieben.«
»Ich danke Euch, daß Ihr es für uns in Bereitschaft gehalten habt,« sagte Elim.
»Herr Lieutenant,« sagte Jurko, »das Boot ist im Wasser und erwartet nur Sie.«
»Trage diesen Mann und die Waffen in’s Boot,« sagte Elim; »die Anderen können bleiben wo sie sind. Wenn der Capitän Montane kommt, so sind wir wahrscheinlich schon weit entfernt. – Es ist also Alles bereit, Jurko?«
»Ja, Herr Lieutenant.«
»Dann verrichtet euer Gebet und ergreifet die Ruder.«
Das Gebet war beendet, die Ruder waren aufgehoben , als Elim in der Ferne einen leisen Ruf zu hören glaubte.
»Stoi!« sagte er zu Jurko, indem er die Hand auf die Schulter des Matrosen legte.
IX
Die Flucht
Bruder, das sind dieselben Räuber, welche Buckingham ermordet haben.
Richard III.
Während der Führer auf der Küste umherirrte, während Mynheer Van Naarvaessen das Haus des Fischers suchte und Elim sich der Barke so glücklich bemächtigte, wollen wir sehen was sich in der Mühle zutrug, wo wir die Schiffbrüchigen im Anfange dieser Geschichte ankommen sahen.
Jane war mit ihrem ganzen Schmerz zurückgeblieben.
Das arme Kind liebte zum ersten Male, und mit der ganzen Kraft ihres Herzens. Dieses junge reine Herz hatte von der gewaltigen Hand der Liebe eine neue Form erhalten, und um ihm diese zu nehmen, hätte man es zerbrechen müssen, wie ein Glas.
Als sie in die zweite Stube trat, – dieselbe, in welcher ihr Vater von den Banditen fast ermordet worden wäre, – sank sie auf einen Stuhl und blieb stumm und regungslos sitzen, wie eine Bildsäule; ihr Leben zeigte sich nur durch die Thränen, die aus ihren Augen flossen.
Plötzlich erschien Quentin athemlos, bestürzt, leichenblaß.
»Wo ist Ihr Vater, Jungfrau Jane?« fragte er hastig; »sagen Sie, wo ist Ihr Vater?«
»Da wo ich sein möchte,« antwortete Jane, ohne die Aufregung Quentins zu bemerken, ohne zu sehen wie verstört sein Gesicht war.
»Ich beschwöre Sie bei dem Hauptbuch,« setzte der trostlose Cassier hinzu, »sagen Sie mir, welchen Weg Ihr Vater genommen.«
»Ich weiß es nicht.«
»Aber ich muß es wissen – er ist in Gefahr.«
»In Gefahr? mein Vater in Gefahr?« erwiederte Jane erschrocken, denn die letzten Worte Quentins waren ihr zum Herzen gedrungen. »Was sagst Du, Quentin? Mein Vater in Gefahr? Warum?«
»Ach! Jungfrau Jenny, denken Sie sich, der Bürgermeister Peter van Daalen —«
»Was kümmert mich der Bürgermeister?« unterbrach ihn Jane; »hörst Du denn nicht, daß ich wissen will, wie mein Vater in Gefahr gekommen ist?«
»Der Capitän Montane hat uns Alle beim Bürgermeister angezeigt.«
»Alle? – wen denn?«
»Mich, Sie, Ihren Vater, die Russen, Herrn Elim. Er hat erklärt, Ihr Vater sei Verräther, er stehe in Verbindung mit dem Feinde und habe den Rassen und Engländern versprochen, ihnen die Festung zu überliefern.«
»Und was weiter?«
»Der Bürgermeister hat befohlen, Ihren Vater zu verhaften, ins Gefängniß zu bringen und vor Gericht zu stellen.«
»Mein Vater soll ins Gefängniß gebracht, vor Gericht gestellt – Vielleicht erschossen werden!« jammerte das arme Mädchen. »O, unser Unglück ist vollkommen!«
Quentin blickte seufzend zum Himmel aus.
»Was machen Sie denn hier, Mynheer Quentin? setzte Jane hinzu. »Eilen Sie doch – laufen Sie und suchen Sie meinen Vater. Sagen Sie ihm, in welcher Gefahr er sich befindet. Er muß eilends abreisen, ins Ausland fliehen. Hat er Geld bei sich? Hier, nehmen Sie diese Diamanten, diese Perlen.«
»Ich habe bei unserm Banquier eine hinreichende Summe genommen,« erwiederte Quentin; »ich hatte nur nicht Zeit, den Posten in das Hauptbuch einzutragen. Aber wenn mir etwas Menschliches begegnen sollte, so haben Sie die Güte, Jungfrau Jane, zehntausend neue Dukaten einzuschreiben.«
»Gehen Sie doch!« rief Jane und schob Quentin zur Thür hinaus. »Warum zögern Sie? Merken Sie wohl, mein Vater muß abreisen, er darf nicht im Lande bleiben, und sagen Sie ihm, er möge sich um meine Mutter und mich keine Sorgen machen, man wird uns nichts thun.«
»Gott gebe es!« sagte Quentin, indem er das große Wagenpferd bestieg und in der Dunkelheit wie ein riesiges Gespenst verschwand.
Jane war fast vernichtet; die für das Leben des Vaters zitternde Tochter hatte für den Augenblick sogar den Geliebten vergessen.
Sie blieb allein mit dem Müller und der Müllerin, oder vielmehr mit ihrem Schmerz.
Eine Stunde nachher wurde an die Thür geklopft.
Jane hörte es nicht.
»Aufgemacht!« rief eine rauhe Stimme; »im Namen des Kaisers!«
Keine Antwort.
»Cap de Dious!« sagte dieselbe Stimme. »Wir wissen wohl wer Ihr seid. Laßt uns also ein, oder wir behandeln Euch als Empörer und stecken das Haus in Brand!«
»Mein Gott!« sagte die Müllerin bestürzt, »es ist die Stimme desselben Räubers, der uns ermorden, unser Haus plündern wollte!«
»Ich höre Dich wohl, alte Hexe!« schrie Cabaret durch die Thür. »Aufgemacht, oder wir schlagen die Thür ein!«
»Was sollen wir thun?« sagte die Müllerin zu Jane, welche inzwischen in die Küchenthür getreten war; »wir sind mit unserer ganzen Habe verloren!«
»Unsere Habe,« sagte der Müller, »wird uns der Herr hundertfach ersetzen; aber wir— aber Jungfrau Jane.«
»O! ich werde lieber sterben, als diesen Banditen in die Hände fallen!« sagte Jane entschlossen. »Peter, vertheidige die Thür so lange Du kannst. Ich will flüchten und die Unsrigen einzuholen suchen.«
»Nehmen Sie sich in Acht, Jungfrau Jane,« warnte der Müller; »die Canäle sind gefährlich, es ist finster, Sie könnten hineinfallen.«
»Ich bin seit meiner Kindheit oft wochenlang hier gewesen, ich kenne jeden Bach.«
Jane nahm ihr Schmuckkästchen und sprang aus einem in den Garten hinausgehenden Fenster. Der Garten selbst grenzte ans Meer.
Sie war schon aus dem Strande, als die Thüren von den-Banditen erbrochen wurden.
Ohne stillzustehen, ohne zu wissen wohin sie kommen würde, lief Jane auf der Seeküste fort. Die Furcht gab ihr Kraft, die Hoffnung, Elim einzuholen, beflügelte ihre Schritte.
Aber während sie lief, rief sie von Zeit zu Zeit:
»Vater! Elim!«
Endlich glaubte sie an der Küste ein Boot und einige sich darin bewegende Leute zu bemerken.
Aber die Stimme erstarb ihr in der keuchenden Brust, es schien ihr, als ob sie verfolgt würde.
Sie war nur noch einige Schritte von dem kleinen Fahrzeuge. Aber das Boot entfernte sich.
Sie konnte keinen Schritt weiter: die Füße versagten ihr den Dienst. Noch einmal sammelte sie alle ihre Kräfte, um zum letzten Male zu rufen:
»Vater! – Elim!«
Dann fiel sie ohnmächtig auf den Strand.
Die Verfolger waren nur noch hundert Schritte von ihr entfernt.
X
Der Finger Gottes
Wenn Du ein Mensch bist, so antworte.
Wo kommst Du her?
Macbeth.
Diesen letzten Ruf hatte Elim gehört.
»Rudert rückwärts!« sagte er zu seinen Matrosen. »Rückwärts!«
Die Ruder wurden verkehrt eingelegt und das Boot fuhr wieder auf den Sand.
»Halt!« rief eine Stimme, die rasch näherkam. »Haltet an, oder wir schießen!«
»Mir nach!« sagte Elim; ein Einziger bleibt im Boote zurück, die Andern mit mir.«
Er sprang, in jeder Hand eine geladene Pistole haltend, ans Land.
Zwanzig Schritte vom Landungsplatz fand er die ohnmächtige Jane.
Er nahm sie in seine Arme und trug sie fort, um sie in das Boot zu legen.
Aber Jane war von ihren Verfolgern beinahe erreicht. Elim sah sich um. Zehn Schritte von ihm war Cabaret, der seinen Gefährten vorausgeeilt war.
»Steh Du selbst still!« rief ihm Elim zu, »oder Du bist des Todes!«
Der Bandit stand still, um seinen Carabiner auf den jungen Seemann anzuschlagen. Aber ehe er den Gewehrlauf erhoben hatte, drückte Elim ein Pistol ab – ein Blitz flammte in der Dunkelheit auf, und Cabaret von einer Kugel des Flüchtlings in die Brust getroffen, fiel in den Sand.
Elim sprang nun rasch ins Boot.
»Jetzt rudert, Kinder,« sagte er zu seinen Matrosen; »rudert, als ob wir im Paradiese landen sollten. Wir haben nicht nur unser, sondern auch ihr Leben zu retten.«
»Das Fräulein!« rief Jurko freudig überrascht. »Das war wohlgethan, Herr Lieutenant!«
»Feuer!« rief eine Stimme auf dem Strande, während sich die Barke schnell wie ein verspäteter Seevogel entfernte.
Die Kugeln verloren sich in der Finsterniß; nur eine, die dicht neben dem Boot ins Meer schlug, schleuderte der noch immer bewußtlosen Jane das aufspritzende Wasser ins Gesicht.
»Schönen Dank für die Ehre!« rief Jurko den Verfolgern zu.
Jane durch das aufspritzende kalte Wasser aus ihrer Betäubung geweckt, schlug die Augen auf.
Sie war in den Armen des Geliebten.
»Elim – lieber Elim!« lispelte sie und die Lippen des jungen Paares fanden sich zusammen.
Lange hielten sie sich zärtlich umfaßt, sie hatte ja eine lange, vielleicht ewige Trennung gefürchtet und nun waren sie durch Gottes Fügung so schnell wieder vereinigt.
Plötzlich fühlte Elim eine Hand auf seiner Schulter.
»Was gibts?« fragte er.
»Sehen Sie denn nicht?«
»Was denn?«
»Daß man gar nichts mehr sieht, Herr Lieutenant.«
Auf der Meeresfläche hatte sich in der That ein dichter Nebel ausgebreitet.
»Halt! laßt die Ruder ruhen!« befahl Elim, »ich höre die Brandung.«
Die Matrosen hoben die Ruder aus dem Wasser. Elim setzte Jane auf die Bank und richtete sich auf, um zu lauschen.
»Die Brandung ist rechts,« sagte er.
»Und links,« setzte Jurko hinzu. »Hören Sie nicht?«
Man hörte wirklich auf beiden Seiten das dumpfe Getöse, welches die an den Klippen sich brechenden Wogen machen.
Elim sah Jane mit Schrecken an.
»Wir haben uns verirrt, Herr Lieutenant,« sagte einer der Matrosen.
»Nein, erwiederte Elim, »ich weiß nur zu gut wo wir sind.«
»Es ist gewiß eine Durchfahrt da,« sagte Jurko.
»Das ist sehr wahrscheinlich,« versetzte Elim; »aber wer soll sie uns zeigen?«
»Dieser holländische Käsefresser,« setzte Jurko hinzu. »Er ist genug auf dem Strande herumspazirt, und muß die Durchfahrt wohl kennen.«
»Wahrhaftig, Du hast Recht, Jurko,« sagte der junge Seeoffizier. »Nimm ihm den Knebel vom Munde, aber ohne ihm die Hände und Füße loszubinden. – Fürchte Dich nicht, theuerste Jenny,« setzte er, sich zu der Geliebten wendend, hinzu.
»Was habe ich denn zu fürchten ?« erwiederte sie ; »jetzt weiß ich ja, daß ich mit Dir sterbe.«
Man machte dem gefangenen Zollwächter den Mund frei.
»Die Brandung! die Brandung!« rief er, sobald er wieder sprechen konnte.
»Er fürchtet sich,« sagte Elim.
»Ja wohl – die Brandung —«
»Aber es ist eine Durchfahrt da,« sagte der Gefangene, dessen Angst immer größer wurde, je stärker das Getöse erscholl.
»Kannst Du die Durchfahrt auffinden?« fragte ihn Elim. »Wenn Du uns glücklich auf die offene See dringst, so verspreche ich Dir nicht nur Leben und Freiheit, sondern auch hundert Ducaten Belohnung.«
»Ich würde sie mit verbundenen Augen finden,« erwiederte der Holländer.
»Bindet ihm die Hände los und überlaßt ihm das Steuer.«
Man band dem Grenzzoll-Sergenten die Hände los und setzte ihn ans Steuer.
Elim nahm an seiner Seite Platz und spannte den Hahn seines zweiten Pistols.
»Ich schieße Dich nieder,« sagte er, »sobald Du die mindeste Bewegung machst, uns wieder an die Küste zu führen.«
»Schon gut,« erwiederte der Holländer kleinlaut und das Steuer gegen den Backbord haltend; »jetzt rudert was Ihr könnt.«
Elim wiederholte den Befehl in russischer Sprache.
Die Matrosen legten sich mit aller Kraft in die Riemen und das kleine Fahrzeug glitt wie eine Möve über die Meeresfläche.
»Nicht zu nahe an der Küste hin!« rief Elim dem neuen Steuermanne zu.
»Sehen Sie – dort auf der Steuerbordseite,« sagte der Zollwächter.
Man sah wirklich in der Dunkelheit eine lange Reihe von schäumenden Wellen schimmern; das Boot war offenbar nicht weiter als zwanzig Scheine von der Brandung.
Inzwischen war der Wind stärker geworden.
»Herr Lieutenant,« sagte ein Matrose, »in diesem Winde ist es nicht möglich, sich in einem Boot auf das offene Meer zu wagen.«
Der junge Offizier mußte ihm Recht geben; er sah ebenfalls ein, daß das kleine Fahrzeug keine Viertelmeile auf der hohen See zurücklegen könne, ohne unterzugehen.
Plötzlich richtete sich Elim lauschend auf; er hörte den hellen Klang einer Glocke.
Nirgends hört man die Glockenschläge so deutlich und in so weiter Entfernung, als in der Nacht auf dem Meere; ein Vogel mit ehernen Fittigen scheint pfeilschnell über die Wasserfläche zu fliegen.
»Eins – zwei – drei,« zählte Elim.
Und der letzte Glockenschlag verhallte langsam in gedehnten Schwingungen.
»Die Glockentöne kommen nicht vom Lande, Herr Lieutenant,« sagte Jurko; »das Land ist zu entfernt.«
Ein Gedanke durchzuckte den jungen Offizier. Er wandte sich zu dem Steuermann. Die Augen des Holländers leuchteten vor Freude, sie starrten nach der Steuerbordseite in den Nebel, denn von dorther waren die Glockentöne gekommen.
»Ich verstehe,« sagte Elim zu ihm; »wir sind in der Nähe deiner Sloop, an deren Bord das Glockenzeichen gegeben wurde.«
»Und was weiter?« fragte der Holländer trotzig.
»Wie stark ist die Bemannung der Sloop?« fragte Elim.
»Stark genug, um Euch alle, wie Ihr da seid, an den Raaen aufzuhängen.«
»An diesem Anblick wirst Du Dich nicht weiden, Freund,« erwiederte Elim; »denn ehe es so weit kommt, wirst Du eine bleierne Pille im Schädel haben.«
Er wandte sich zu dem Steuermann und hielt ihm die Mündung der Pistole ans Ohr.
»Wie stark ist die Bemannung?« wiederholte er drohend.
»Zwölf,« antwortete der Douanier, als er sah, daß der junge Offizier nicht scherzte.
»Gut,« sagte Elim und wandte sich zu seinen Matrosen. »Hört, Kinder, der Himmel schickt uns ein seetüchtiges Schiff, wir brauchen es nur zu nehmen.«
»Dann ist es unser!« sagte Jurko frohlockend.
»Die Bemannung besteht aus zwölf Köpfen.«
»Die Mannschaft ist nicht vorbereitet, aber wir sind es,« erwiederte Jurko. »Ein Mann, der gewarnt ist, kann’s gegen zwei nicht gewarnte aufnehmen, wie das Sprichwort sagt. Wir sind also Zwölf gegen Zwölf. – Es ist freilich das Fräulein da —« setzte der Matrose zögernd hinzu.
»Einer von Euch wird als Wache bei ihr bleiben,« sagte Elim.
»Dann sind wir nur noch Fünf, also Zehn gegen zwölf,« sagte Jurko. »Aber bah! Wir wollen schon mit ihnen fertig werden, es sind ja nur Zollwächter, und noch dazu Holländer.«
Dieses Gespräch wurde in russischer Sprache geführt, so daß Jane nichts davon verstand.
»Ihr habt mich doch verstanden, nicht wahr?« fuhr der junge Offizier, sich wieder zu seinen Matrosen wendend, fort. »Wir müssen die Sloop nehmen. Es ist freilich ein kühnes Wagstück; aber wenn ich sage: es muß sein! wird hoffentlich keiner von Euch an dem Gelingen zweifeln. Ich werde Euch übrigens den Weg zeigen, Ihr habt mir nur zu folgen.«
»Durch Wasser und Feuer, ins Paradies oder in die Hölle!« antworteten die Matrosen einstimmig.
»Das läßt sich hören. Ich danke Euch, Kinder, für euer Vertrauen; mit Euch würde ich den Mond entern. – Jetzt die Gewehre schußfertig gemacht, und sobald wir am Sloop sind, springet Ihr an Bord und schießt Alles nieder, was sich wehrt. – Und Du,« sagte er zu dem Steuermann, »vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe ; es bleibt bei der Abrede.«
»Vorwärts« sagte der Steuermann.
Man gab dem Steuer die nöthige Richtung. Nach einigen Minuten bemerkte man das Schiff, das sich ruhig auf den Wellen schaukelte.
Auf dem Verdeck ging eine einzige Schildwache auf und ab. An der Bewegung, welche sie machte, erkannte Elim, daß die sich rasch nähernde Barke bemerkt wurde.
»Achtung!« sagte er, indem er sein Pistol dem Steuermanne wieder ans Ohr hielt.
»Wer da?« rief die Schildwache.
»Antworte, « sagte Elim.
»Der Teufel mit seiner Großmutter!« rief der Zollwächter am Steuer zum Verdeck hinauf.
»Kann passiren,« sagte die Schildwache, die nicht den mindesten Verdacht schöpfte und sich dann umwandte, um den Offizier zu rufen.
»Soll ich Dich denn verlassen, Elim?« sagte Jane erschrocken. »O, ich will’s nicht – ich trenne mich keinen Augenblick von Dir!«
»Nun, dann schlinge den Arm um meinen Hals und halte Dich fest. – Wir sind zur Stelle.«
Die Barke hatte wirklich die Sloop erreicht und legte an. Elim umfaßte Jane mit einem Arme, mit der andern Hand ergriff er das Tau und sprang auf das Verdeck.
Die fünf russischen Matrosen eilten ihm nach.
Die Schildwache wollte rufen: sie that den Mund auf – und schloß ihn im Wasser.
Die Russen waren Herren des Verdecks.
Elim nahm seine Börse und warf sie dem in der Schaluppe zurückgebliebenen Zollwächter zu.
»Da nimm,« rief er ihm zu, »ein Russe hält sein Wort. Hier ist dein Geld – für dein Leben magst Dir selbst sorgen. Du hast den Weg hierher gefunden, Du wirst ihn also auch wieder zurück finden.«
Und ohne sich weiter um den Douanier zu kümmern, der schnell zwei Ruder ergriff und dem Lande zufuhr, rief Elim seinen Leuten zu:
»Schließet die Luke der Matrosenkammer – ich werde für die Bewachung der Offizierscajüte sorgen.«
»Wo willst Du hin?« fragte Jane.
»Aller Wahrscheinlichkeit nach dem Capitän Montane einen Besuch machen,« erwiederte Elim; »aber da er unverheiratet ist, so hat das schöne Geschlecht keinen Zutritt in seinem Zimmer. Setze Dich also und erwarte mich.«
Durch den scherzhaften Ton ihres Geliebten beruhigt, that Jane was er wünschte.
Elim hüllte sie sorgfältig in seinen Mantel. Der egoistische Bräutigam wollte kein Rosenblatt von ihren Wangen verlieren.
Dann ging er leise die Offizierstreppe hinunter. Die aus der Cajüte kommenden Stimmen zeigten ihm den Weg.
Elim fand , daß der Schlüssel draußen steckte ; er bückte sich und hielt das Auge ans Schlüsselloch.
Er hatte sich nicht geirrt. Der Capitän saß mit zwei anderen Offizieren am Tische und trank Champagner.
»Ach, Capitän,« sagte ein Lieutenant, »Sie haben also die Eroberung gemacht —«
»Wenn man einen Schnurrbart hat wie der Capitän,« setzte der andere Offizier hinzu, »so ist kein Widerstand bei einer Evastochter möglich.«
»Die Kleine sträubte sich freilich; aber Cap de Dious, wie Cabaret sagt, wo man mit Güte nichts ausrichtet, muß man Gewalt brauchen – und ich fange an zu glauben, daß der Teufel bei mir Unterricht in der Liebe nehmen könnte. Ich schlage zwei Fliegen mit einer Klappe todt.«
»Und der Schwiegerpapa ist reich ?«
»Steinreich, Theuerster, ein Millionär. Ich werde ein Leben führen wie ein Marschall von Frankreich – der Schwiegerpapa soll leben!«
»Der Schwiegerpapa soll leben!« wiederholten die beiden Offiziere ihre Gläser leerend.
»Das heißt: seine Thaler sollen leben,« setzte der eine hinzu.
»Das versteht sich. Was ist denn ein holländischer Schwiegervater? Ein Sack voll Ducaten, mehr oder minder umfangreich. Der meinige hat einen kolossalen Umfang.«
Elim schien an dem Gespräch großen Antheil zu nehmen. Als daher Jurko auf der Treppe erschien, um ihm anzuzeigen, daß die zur Matrosenkammer führende Luke geschlossen sei, winkte ihm der junge Schiffslieutenant Stillschweigen zu.
»Und Sie glauben, daß der Vater einwilligen wird ?« sagte ein Offizier in der Cajüte.
»Er muß wohl,« erwiederte Montane. »Er muß zu dieser Stunde in den Krallen des Bürgermeisters sein; er ist des Hochverraths angeklagt. Auf dieses Verbrechen steht bekanntlich Todesstrafe und da seine Schuld oder Unschuld von meiner Aussage und diese wieder von seiner Einwilligung oder Weigerung abhängt, so ist sein Leben in meiner Hand.«
»Ist sie hübsch, die Kleine?«
»Eine wahre Rosenknospe, auf Ehre! – Die Dornen fehlen freilich auch nicht.«
»Und ihr Name.«
»Sie heißt Jane.«
»Mademoiselle Jane soll leben!« sagte der eine französische Offizier.
Der Andere wiederholte den Toast.
»Jane soll leben!« wiederholte auch der Capitän, der es nicht für nöthig hielt, dem Taufnamen eine weitere Zugabe vorauszuschicken Ich danke Ihnen , meine Herren.«
Die drei Douaniers leerten ihre Gläser.
»Holt deine Cameraden,« flüsterte Elim dem hinter ihm stehenden Jurko zu.
»Ich verstehe,« sagte der Matrose und ging leise die Treppe hinaus.
Elim schaute wieder durch das Schlüsselloch und lauschte.
Der Capitän ließ den Pfropf der dritten Flasche springen.
»Was fangen Sie denn mit dem Liebhaber an, Capitän?« fragte einer der Offiziere.
»Mit dem mache ich kurzen Prozeß,« erwiederte Montane mit seinem fratzenhaften Lächeln; »er wird gebunden und geknebelt hierher gebracht, und um durch seine Liebesklagen nicht gelangweilt zu werden, expedire ich ihn nach Frankreich.«
»Wir sind da, Herr Lieutenant,« flüsterte Jurko seinem Vorgesetzten zu.
»Gut,« sagte Elim. »Verhaltet Euch ganz ruhig und folget meinem Beispiel«
»Hören Sie, Capitän,« sagte einer der französischen Offiziere, »wir wollen großmüthig sein.«
»Mit Vergnügen,« erwiederte Montane, indem er sich mit geckenhafter Miene auf seinem Sessel zurücklehnte. »Lassen Sie hören, Lieutenant, was meinen Sie?«
»Der arme Liebhaber soll leben. Sie können wohl seine Gesundheit trinken.«
»Ah! Cap de Dious! wie Cabaret sagt – eine köstliche Idee!« lachte Montane. »Also der arme Liebhaber soll leben! – Es thut mir nur leid, daß er nicht da ist, uns Bescheid zu thun.«
»Ihr Wunsch soll erfüllt werden, Capitän,« sagte Elim, die Thür aufreißend. »Er ist da.«
Die drei Douaniers sahen den Eintretenden, dessen Erscheinen sie nicht zu erklären wußten, ganz bestürzt an.
Elim trat an den Tisch, füllte ein Glas und wiederholte, dasselbe hoch emporhebend:
»Der arme Liebhaber soll leben!«
Dann wandte er sich zu seinen Matrosen und rief ihnen in russischer Sprache zu:
»Rufet Hurrah, Kinder!«
Die Matrosen beantworteten die Aufforderung mit lautem Jubel.
Elim leerte sein Glas.
»Nun, meine Herren,« sagte er, »Sie trinken ja nicht.« Der Capitän Montane, der Elim erkannt hatte, zitterte so heftig, daß das Glas, welches er in der Hand hielt, von selbst leer wurde. Die beiden andern Offiziere, die den Vorfall nicht begreifen konnten, stellten ihre Gläser auf den Tisch und legten die Hand an den Degen.
»Bemühen Sie sich nicht, meine Herren,« sagte Elim zu ihnen. »Ihr Widerstand würde fruchtlos sein. Ihr Schiff ist in unserer Gewalt; wenn Sie etwa daran zweifeln, so will ich es Ihnen beweisen. – Herein, meine Braven!«
» Die fünf Matrosen traten, mit Carabinern bewaffnet, in die Cajüte.
»Capitän,« sagte Elim, sich an Montane wendend, »Sie sehen, wie launenhaft das Schicksal ist. Statt mich in Ihre Gewalt zu bekommen, sind Sie mein Gefangener; statt mich nach Frankreich zu expediren, werden Sie eine Reise nach Rußland machen. Sie treffen’s recht gut, Sie werden gerade zur Schlittenbahn ankommen. – Ihre Waffen, meine Herren!«
An Widerstand war nicht zu denken, die drei Offiziere gaben ihre Degen ab.
»Jurko,« sagte Elim, »führe diese Herren in die Cajüte des Lieutenants; »wir brauchen diese für eine Dame.«
Xl
Die Zwangsheirat
Wir wissen , für welche Dame die Cajüte bestimmt war.
Kaum war Jane in der Cajüte, so übernahm Elim das Commando des Schiffes und befahl den Anker zu lichten.
»Wie wär’s,« sagte Jurto, »wenn wir das Tau kappten?«
»Du hast Recht, es gebt schneller.«
Jurko nahm eine Axt, kappte das Ankertau und das Schiff wurde von der Strömung fortgerissen.
Aber schnell wurden auf Elim’s Befehl die Segel entfaltet; der vom Lande wehende Wind blähte sie auf und das kleine Schiff stach trotz seiner ziemlich plumpen Bauart ungehindert in See.
Bei Tagesanbruch bemerkte Elim die Linie der Kriegsschiffe, welche die französische Flotte blockirten.
Ein kleiner Kutter, der jede Nacht als Recognoscirschiff diente, segelte dem kleinen Schiffe entgegen.
Der junge Offizier, der den Kutter befehligte, sah an dem Bau- und Segelwerk, daß es ein holländisches Schiff war. Er ließ die einzige am Bord befindliche Kanone auf die Sloop abfeuern und segelte dann zur Blockadeflotte zurück.
In wenigen Augenblicken waren alle Batterien der Flotte mit Laternen erleuchtet.
Elim nahm ein Sprachrohr und rief:
»Schießet nicht! Ich bin ein Russe und bringe ein gekapertes holländisches Schiff.«
Aber feine Stimme verlor sich auf der Wasserfläche.
Ein Blitz zuckte am Backbord des nächsten Kriegsschiffes, und eine neben der Sloop einschlagende Kanonenkugel schleuderte das Wasser auf Verdeck.
»Was Teufel bedeutet das, Jurko?« sagte Elim.
»Sie sehen’s ja , Herr Lieutenant, man schießt auf uns.«
»Man wird uns in den Grund bohren —«
»In zehn Minuten,« erwiederte Jurko, »wird’s geschehen sein, wenn —«
Eine zweite Kanonenkugel zertrümmerte die große Raae.
»Wenn was?« fragte Elim.
»Wenn Sie keine andere Flagge aufziehen, Herr Lieutenant.«
Elim schaut hinauf: die holländische Flagge wehte stolz am Vordermast der Sloop.
»Man wird natürlich glauben,« setzte Jurko lachend hinzu, »wir wollten die Blockadeflotte entern.«
»Mein Gott!« sagte Elim, »wo hatte ich meine Gedanken?«
Er wandte sich rasch zu seinen Matrosen und rief ihnen zu:
»Ziehet die holländische Flagge ein, und hisset dieses Schnupftuch auf«
Die holländische Flagge wurde eingezogen, Elims Schnupftuch nahm die Stelle derselben ein.
Ehe die neue Flagge gesehen wurde, schlug eine dritte Kanonenkugel in das Vordercastell der Sloop ein.
Sobald aber das weiße Schnupftuch, welches ein Parlamentärschiff anzeigte, am Flaggenstocke wehte, hörte das Feuern auf.
Elim musterte mit einem raschen Blick die Flotte und erkannte sein Schiff.
»Steure auf den »Wladimir« zu, Jurko,« sagte er; »Du wirst Dich eben so sehr wie ich nach Hause sehnen.«
Jurko steuerte auf den »Wladimir« zu.
Es wurde bereits Tag und man konnte erkennen was auf der Flotte vorging.
Die gesamte Mannschaft, durch die drei Kanonenschüsse aufgeweckt, war auf den Verdecken der Schiffe versammelt.
Am neugierigsten mochte man wohl am Bord des »Wladimir« sein, denn auf dieses Schiff schien die Sloop loszusteuern.
»Ich erkenne Nicolai Alexiewitsch,« sagte Elim; »er betrachtet uns durch sein Fernrohr.«
Dann nahm er sein Sprachrohr und rief hinüber:
»Guten Morgen, Nicolai Alexiewitsch!«
»Der Teufel soll mich holen,« sagte der alte Schiffslieutenant , »wenn das nicht der närrische Elim Belosor ist!l«
»Elim! Elim!« riefen ihm ein Dutzend Offiziere zu.
»Der Lieutenant Belosor!« rief die Schiffsmannschaft einstimmig.
»Hurrah! Vivat der Lieutenant Belosor!«
»Angelegt!« rief Elim den Matrosen zu.
Diese machten mit ihren Bootshaken die Sloop an der Fregatte fest.
»Wahrhaftig, lieber Elim,« sagte Nicolai Alexiewitsch, indem er seinem jungen Cameraden die Hand reichte, »Du mußt ein Hexenmeister sein. Du fällst ins Wasser und ertrinkst nicht, Du gehst durchs Feuer und verbrennst nicht! Wir hatten längst alle Hoffnung aufgegeben, Dich wiederzusehen und nun kommst Du frisch und munter an Bord. Sei willkommen!«
»Und ich komme nicht allein,« erwiederte Elim und wandte sich zu Jane, welche eben von Jurko an Bord getragen wurde.
»Ei, was ist das?« sagte Nicolai Alexiewitsch, als er das schöne Mädchen bemerkte. »Es wundert mich nicht, daß wir Dich für einen Brander gehalten: diese zwei Augen wären hinreichend gewesen, die ganze Flotte in Brand zu stecken.«
»Lieber Nicolai,« sagte Elim, »habe die Güte, dieser jungen Dame den Arm zu bieten ; ich will mich vor Allem mit dem Capitän verständigen.«
Nicolai Alexiewitsch trat mit einer Verbeugung auf Jane zu und bot ihr den Arm.
Elim fand den Capitän unten auf der von der Cajüte zum Verdeck führenden Treppe.
Der Capitän war höchst freudig überrascht, als er Elim erkannte. Er liebte den jungen Offizier wie seinen eigenen Sohn.
»Gut, gut,« sagte er, als Elim seine Erzählung beendet hatte. »Du mußt gute Prisengelder bekommen für die gekaperte Sloop. – Aber sagen Sie mir, Herr Lieutenant,« setzte der Capitän ernsthaft hinzu, »wer ist die Dame, die Sie bei sich haben?«
Der Capitän hatte durch das Fenster seiner Cajüte gesehen, daß Jane an Bord der Fregatte gebracht wurde.
Elim erröthete; er kannte das ausdrückliche Verbot, Frauen am Bord der russischen Kriegsschiffe aufzunehmen.
Er erzählte Alles. Der Capitän hörte ernst und aufmerksam zu.
»Ich zweifle keineswegs an der Wahrheit Ihrer Aussage, Elim Paulowitsch,« erwiederte der Capitän; »aber die Augen der ganzen Flotte sind auf sie gerichtet; Jedermann ist berechtigt zu glauben, daß Sie diesen Roman erfunden haben, um Ihr Verhältniß zu einer Ihres Namens nicht würdigen Person zu bemänteln —«
»Capitän!« unterbrach ihn auffahrend der junge Schiffslieutenant, vor Zorn erröthend.
»Wir wollen uns nicht ereifern,« fuhr der Capitän fort. »Hören Sie mich ruhig an. Je mehr Sie, zumal mir gegenüber, die Fassung verlieren, desto mehr sind Sie im Unrecht. – Sie wissen doch, daß es nach unseren Gesetzen verboten ist, in Kriegszeiten Frauen am Bord zu haben. Was soll ich an den Admiral berichten? Seine erste Frage wird sein: Ist’s seine Frau oder seine Schwester?«
Elim schlug die Augen nieder und schwieg.
Der Capitän fuhr in sanfterem Tone fort:
»Aber auch angenommen, lieber Elim, daß diese Geschichte Ihrem Rufe nicht schade: müssen Sie nicht auf den guten Ruf des armen Kindes bedacht sein? Sie ist aus guter Familie, und hat daher in dieser Hinsicht viel zu verlieren. Sie sind jetzt ihr einziger Beschützer, Elim, und die Ehre eines unbescholtenen Mädchens muß jedem Biedermanne heilig sein.«
»Was soll ich thun, Capitän?« sagte Elim traurig. »Rathen Sie mir – thun Sie einen Machtspruch —«
»Ich soll Ihnen einen Rath geben, Elim?«
»Ja, ich bitte Sie inständigst darum.«
»Ich soll nicht als Vorgesetzter, sondern als Vater mit Dir reden?«
»Ich werde Ihnen ewig dankbar dafür sein.«
»Liebst Du das Mädchen , Elim ?« fragte der Capitän.
»Ich bin bereit mein Leben für sie hinzugeben.«
»Liebt sie Dich?«
»Sie kann nicht ohne mich leben.«
»Wirst Du sie glücklich machen?«
»O! ich bürge dafür mit meiner Ehre!«
»Hast Du die Einwilligung ihrer Eltern?«
»Sie ist meine Braut.«
»Nun, dann heirate sie.«
»So geschwind, Capitän?« fragte der junge Seemann außer sich vor Freude.
»Auf der Stelle. Ich will Euch meine Cajüte abtreten und euer Brautvater3 sein.
»O mein theurer, verehrter Freund!« sagte Elim, in die Arme des würdigen Offiziers sinkend.
»Es bleibt also dabei,« fuhr der Capitän fort. »Jetzt geh und setze deine Braut davon in Kenntniß; fünf Minuten vorher muß sie es doch wohl wissen.«
Elim eilte auf’s Verdeck und halb lachend halb weinend riß er seine holde Braut dem bärtigen Schiffslieutenant vom Arme und drückte sie an sein Herz.
»Mein Gott! Elim, was gibt’s denn?« fragte Jane fast erschrocken.
»Liebe Jane – Du – wir —« antwortete Elim. »Ach! ich kann an mein Glück noch nicht glauben —«
»Rede.«
»Der Capitän verlangt, daß wir uns auf der Stelle heiraten.«
»Auf der Stelle?« wiederholte Jane ganz bestürzt.
»Du darfst Dich nicht weigern, Jenny; das Gesetz will es so.«
»Ich weigere mich auch nicht,« erwiederte sie erröthend und die Augen niederschlagend.
»Du bist ein Engel!«
»Der Priester erwartet das Brautpaar in der Cajüte des Capitäns,« sagte Jurko näher tretend. »Und es scheint, Herr Lieutenant, daß er große Eile hat.«
»Nicht mehr als ich, mein braver Jurko,« erwiederte Elim. »Wenn also Jane nichts dagegen einzuwenden hat —«
»Komm – wir wollen gehen,« lispelte sie kaum verständlich, während ihre bebende Hand, welche sie in Elims Arm schob, deutlicher sprach als ihre Stimme.
Nicolai Alexiewitsch und der Capitän waren die Brautväter.
Die ganze Schiffsmannschaft erhielt Erlaubniß sich in das Zwischendeck zu begeben und einer Feier beizuwohnen, welche am Bord einer Fregatte nur selten stattfand und daher die allgemeine Neugierde erregte.
Sobald das junge Paar eingesegnet war, hörte man die Körke der Champagnerflaschen knallen.
Es war die Kanonade zur Vermählungsfeier.
Jane dankte den Anwesenden mit holdem Erröthen und reichte den Offizieren des »Wladimir« ihre Rosenwangen zum Kuß.
»Jetzt werdet Ihr müde sein,« sagte der Capitän. »Gute Nacht, Kinder; wenn zur Tafel geläutet wird, sollt Ihr geweckt werden.«
Er entfernte sich und verschloß die Thür.
Elim und Jane blieben allein.
* *
*
Drei Tage nach der Vermählung des jungen Paares verließ die Flotte ihre bisherige Station, um in der Maas zu überwintern.
Die erste Person, welche die Neuvermählten auf dem Quai von Rotterdam fanden, war Mynheer August van Naarvaessen.
»Vater! – Vater!« riefen ihm Elim und Jane entgegen und sanken in seine Arme.
Der alte Herr war außer sich vor Freude; er weinte und lachte, liebkoste und murrte.
Aber die geschehenen Dinge ließen sich nicht ändern; die Ereignisse hatten ja auch eine über alle Erwartung glückliche Wendung genommen.
Man schrieb an Frau van Naarvaessen, die zu Hause geblieben war.
Eine Woche nachher erhielt Jane einen Brief von ihrer Mutter. Die ehrenwerthe Dame schickte dem lieben Kinde ihren Segen, konnte aber ihr Bedauern nicht verhehlen, daß es ihr nicht vergönnt gewesen, die berühmte Apfeltorte, ihr kostbares Geheimniß, zum Hochzeitmahle zu bereiten.
Noch größern Kummer aber machte es ihr, daß das seit fünf Generationen in der Familie vererbte großartige Brautbett diesesmal unbenutzt geblieben war.
Jane lachte und weinte, als sie den Brief gelesen hatte.
»Lieber Vater,« sagte sie, »gib meiner Mutter die Versicherung —«
»Daß Du es gar nicht entbehrt hast, mein Kind,« antwortete der alte Herr.
Jane sah ihren Gatten an und sank erröthend in seine Arme. Elim reichte über ihre Schulter dem Schwiegervater die Hand.
»Saperlot!« sagte van Naarvaessen, »es ist wahrhaftig zum Ersticken, Kinder, die Thränen zu verschlucken!«
Und er fing an zu weinen.
Zum Glück waren es Freudenthränen.
