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Alain Sutter

Stressfrei glücklich sein

Alain Sutter

Stressfrei

glücklich sein

Giger Verlag

1. Auflage 2013

© Giger Verlag GmbH, CH-8852 Altendorf

Tel. 0041 55 442 68 48

www.gigerverlag.ch Lektorat: Susanne Dieminger, Friedberg Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie, Zürich, Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln E-Book: mbassador GmbH E-Book ISBN 978-3-905958-35-5

Inhalt

Einleitung

Glücklich, weil erfolgreich

Das Ende meiner Karriere

Bekannt und unglücklich

Die Macht der Medien bei diesem »Spiel«

Der Damm bricht

Stress, Druck und seine Folgen

Andere Nebenwirkungen des Erfolgs

Mein Abstecher nach Bern und seine Folgen

Die Suche beginnt

Die ersten Schritte, um mein neues Leben zu genießen

Flucht vor der (selbst geschaffenen) Realität

Erfolgsgesellschaft

Wie konnte es nur so weit kommen?

Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit Vergleichen

Das Drama des Lebens beginnt erst, wenn wir ihm Bedeutung geben

Wie der Kampf um Liebe und Aufmerksamkeit begann

Schwingung – Gefühle und Worte

Kinder stehen unter Dauerhypnose

Gesunde Emotionen

Das Reich der Emotionen

Von der Erziehung zum Erfolgsdruck

Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Mit Freude zum Erfolg

Freude und Begeisterung

Meine Freude bei der Weltmeisterschaft 1994

Motivation

Trainer sollten nicht motivieren

Flow

Die schwindende Freude in München

Der wahre Grund meines Unwohlseins in München

Eigenverantwortung

Teamsport und die soziale Entwicklung bei Kindern

Erfolg dank unserer Überzeugung

Vom Glauben zur Überzeugung

Wissen und Wahrheit

Vom Hörensagen lernt man lügen

Wahrnehmung

Lob und Kritik

Vertrauen

Stärke

Wer bin ich?

Lenker des eigenen Lebens

Die Angst zu leuchten

Aufmerksamkeit und die immerwährende Suche danach

Inneres Kind

Sein oder erfahren

(Zu)frieden

Zu guter Letzt kommt die Essenz

Epilog

Dank

Literatur

Hinweis Dieses Buch ist kein Ratgeber, denn:

»Kein Mensch ist klug genug, dass er anderen vorschreiben kann, wie sie zu leben haben.«

Alexander S. Neill (Gründer der Summerhillschule)

Einleitung

Dass gerade ich ein Sachbuch mit einem Inhalt, der nicht unbedingt dem Klischee eines ehemaligen Fußballers entspricht, und nicht eine Biografie schreibe, ist wohl wieder einmal typisch für mich. Aber ich finde es weder besonders spannend noch wichtig, Episoden aus meiner eigenen Geschichte zu erzählen. Viel interessanter und lehrreicher sind für mich die Schlüsse, die ich aus meinen Erlebnissen gezogen habe.

Der Prozess während des Schreibens hat mir fortlaufend neue Erkenntnisse geschenkt, die den Inhalt dieses Buches immer wieder verändert haben. Ich wollte schon 2008 ein Buch auf den Markt bringen, doch in letzter Sekunde stoppte ich das Projekt, denn ich hatte einfach das Gefühl, dass der Inhalt noch nicht stimmig war. Heute bin ich froh über meine Entscheidung, nicht etwa weil ich glaube, dass der Inhalt nun der Wahrheit letzter Schluss ist, sondern weil ich während dieser fünf Jahre der Weiterentwicklung ganz viel dazugelernt habe. Immer wieder ließ ich mir den Inhalt durch den Kopf gehen und hatte so die Möglichkeit, Neues zu erfahren – was zur Folge hatte, dass ich dann natürlich auch die Schlussfolgerungen der früheren Geschehnisse anders interpretiert habe.

Meinen eigenen Weg konsequent zu gehen, war schon immer ein Merkmal von mir, was mir vor allem im Fußballumfeld zu einem Image des »etwas anders zu sein als die anderen« verholfen hat. Ich persönlich habe das nie so empfunden und gesehen, ich habe mir höchstens über andere Dinge Gedanken gemacht, eine eigene, etwas andere Sichtweise über vieles gehabt oder meine Freizeit anders verbracht. Vor allem aber hatte ich andere Prioritäten und Überzeugungen in meinem Leben als die Mehrzahl derer, die sich im Fußballgeschäft tummeln.

Ich zog meinen Antrieb nicht aus Titeln, Trophäen, Triumphen oder Erfolgen, die in der Welt des Profisports meistens um jeden Preis erreicht werden sollen, sondern aus meiner Freude und Begeisterung am Fußballspielen. Für mich war es wichtig, gesund und glücklich zu sein und meine Freude und Begeisterung für den Fußball jeden Tag erleben und genießen zu dürfen.

Mit diesen etwas anderen Prioritäten hatte ich manchmal schon das Gefühl, etwas quer in der Welt des Profifußballs zu stehen. Die Momente der Selbstzweifel und das Hinterfragen meiner eigenen Überzeugungen wurden vor allem in Momenten des Misserfolges häufiger – besonders ab der Zeit, in der ich bei Bayern München spielte. Diese Zeit war mit zunehmend heftigerer und sehr persönlicher öffentlicher Kritik begleitet, was zu immer mehr Stress führte und langsam, aber sicher Spuren hinterließ, sodass ich irgendwann weder gesund noch glücklich war, geschweige denn, Freude oder Genuss am Fußballspielen empfunden hätte. Zudem herrschte hüben wie drüben in manchen Situationen Unverständnis.

Als ich beispielsweise vom Länderspiel in Schweden, bei dem wir wegen der französischen Atomtests im Mururoa Atoll das »Stopp it Chirac«-Tuch ausgerollt hatten, wieder zurückkam, sagte der eine oder andere, es würde ihn kein bisschen überraschen, dass diese Aktion ausgerechnet bei einer Mannschaft stattfindet, von der auch ich ein Teil sei. Darauf dachte ich mir, dass es ja vielleicht nicht schlecht sei, die eigene Präsenz in der Öffentlichkeit für etwas Sinnvolles zu nutzen.

Auch die Stimmung nach einem verlorenen Spiel, die sich immer anfühlte, als sei man bei einem Begräbnis, belastete mich zusehends. Inmitten eines unendlichen Universums ging es auf einem klitzekleinen Planeten nur um ein verlorenes Spiel. Ich habe mir dabei oft gedacht, es ist doch niemand gestorben, es wurde nur ein Fußballspiel verloren. Außerdem: Durch das Trübsalblasen gewinnen wir das Spiel ja auch nicht mehr, also wo ist das Problem?

Aber das wagte ich natürlich nie zu sagen oder zu zeigen, denn die Reaktion des Enttäuscht-Seins demonstrierte ja, dass man die ganze Sache ernst nahm. Also spielte ich dieses Spiel so gut es ging mit, aber es fühlte sich einfach sehr bescheiden an, denn es machte für mich keinen Sinn. Ich überlegte immer, was mit mir bloß los sei, weil ich dieses Drama nicht mitempfinden konnte. Mein Drama war aber, dass ich eben kein Drama spürte, was mich dann schlussendlich doch ein Drama spüren ließ. Sie sehen, das war ziemlich verwirrend, und genau so fühlte ich mich auch. Verwirrt und mit ganz vielen Fragezeichen auf der Stirn?????

Doch diese Fragen interessierten mich und ich suchte nach Antworten. Ist es wirklich notwendig, ein Drama aus allem zu machen? Kann man tatsächlich nur erfolgreich sein, wenn man alles todernst nimmt? Und wenn ja, ist diese Einstellung wirklich förderlich, um sein Bestes zu geben und sein volles Potenzial zu entfalten oder gibt es gar unerwünschte Nebenwirkungen?

Man konnte also schon ab und zu mal den Eindruck bekommen, dass ich etwas anders war als die meisten anderen in diesem Geschäft, aber eigentlich hatte ich nur eine andere innere Überzeugung, wie man am besten zum Erfolg kommt.

Dieser Überzeugung wegen hatte ich während meiner Fußballerzeit immer wieder Diskussionen mit Verantwortlichen oder Journalisten, die mich darauf hinwiesen, dass ich so nicht den Erfolg haben würde, den ich eigentlich haben könnte.

Heute weiß ich, dass in der Tat viel mehr möglich gewesen wäre und meine Karriere noch erfolgreicher hätte verlaufen können. Allerdings nicht dadurch, dass ich mich mehr angepasst, eine seriösere oder »professionellere« Einstellung gehabt hätte oder ich dem Erfolg um jeden Preis nachgejagt wäre.

Ich hätte damals einfach etwas stärker und stabiler sein müssen und die Menschen und Gegebenheiten so akzeptieren, wie sie sind, auch wenn ich mit einigem nicht unbedingt einverstanden war. Und vor allem hätte ich mich nicht immer verwirren lassen, infrage stellen, an mir und meinen Impulsen zweifeln und mich von den Gegebenheiten und Umständen nicht allzu sehr beeinflussen lassen sollen. Ich hätte viel mehr zu mir und meinen Eigenheiten stehen sollen.

Ganz schlicht und einfach wäre nur mehr möglich gewesen, wenn ich meinen Überzeugungen und meinem inneren Antrieb treu geblieben wäre, meine etwas anderen Prioritäten nicht in Zweifel gezogen hätte und ich jeden Tag mit meiner kindlichen Freude und Begeisterung mit ganzem Herzen bei meinem so sehr geliebten Hobby, das ich zum Beruf machen konnte, dabei gewesen wäre. Wenn ich jeden Moment einer wunderbaren, einmaligen Zeit als Fußballprofi hätte genießen können und mir schon damals bewusst gewesen wäre, dass meine Überzeugungen mich zu meinem größtmöglichen Erfolg führen würden.

Doch da ich dieses Bewusstsein noch nicht entwickelt hatte, zeigte sich auch bei mir Stress, der als Nebenwirkung in einer Erfolgsgesellschaft so häufig vorkommt.

Damals war eben nicht mehr möglich, einfach weil ich so war, wie ich war. Wenn ich aber heute meinen Lebensweg betrachte und sehe, wohin er mich in meiner menschlichen Entwicklung gebracht hat und wie ich mich dadurch heute fühle, dann weiß ich, dass mein eigener Weg, den ich trotz all meiner Unsicherheit, Labilität, Schwäche und nach manchmal langen inneren Kämpfen konsequent gegangen bin, genau der richtige war für mich.

Nur, diese Kriterien zählen in der Öffentlichkeit nicht viel im Vergleich zu Titeln, Triumphen und Erfolgen und genau das führt leider zu ein paar Problemen.

Was mich aber bewegt hat, dieses Buch zu schreiben, sind Schicksale erfolgreicher Menschen, die zwar alles haben oder hatten, was in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gilt, aber trotzdem mit dem Leben nicht zurechtkamen oder -kommen.

Auch der offensichtliche Raubbau an der Natur durch uns Menschen beschäftigte mich. Auf den ersten Blick handelt es sich um zwei komplett unterschiedliche Themen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Als ich mich jedoch näher damit auseinandersetzte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass beide Übel von der Wurzel des Erfolgs um jeden Preis genährt werden. Wie diese Wurzel zustande gekommen ist und woraus sie ihre Nahrung bezieht – genau diesen Fragen möchte ich im Folgenden auf den Grund gehen. Die Reise durch dieses Buch soll von der Ursache bis zur Auswirkung, die das Streben nach Erfolg um jeden Preis hat, führen und ein paar Inspirationen geben, wie man am besten damit klarkommt.

Ich zeige einige Zusammenhänge auf, die mir auf meinem eigenen Weg begegnet sind und die mir gezeigt haben, wie es jedem Menschen möglich ist, in unserer Erfolgsgesellschaft stressfrei und glücklich zu sein, wie man sein volles Potenzial entfalten und sogar noch erfolgreicher sein kann, als wenn man dem Erfolg um jeden Preis nachjagt.

Und zwar auch dann, wenn man noch zusätzlich im Fokus der Öffentlichkeit steht, schon erfolgreich ist und diesem Druck noch mehr ausgesetzt ist.

Sie werden sich womöglich jetzt fragen, was das soll? Ist doch klar, dass man ein stressfreies, glückliches und zufriedenes Leben führt, wenn man erfolgreich, berühmt und reich ist. Denn das ist es ja, was in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gilt.

Das habe ich früher auch einmal geglaubt, bis ich das Gegenteil gesehen und selber erfahren habe. Es kann ganz schön viel Stress entstehen, wenn man innerlich nicht stark und stabil genug ist, um mit den vielfältigen Anforderungen und Auswirkungen, die der Erfolg in der Öffentlichkeit mit sich bringt, konstruktiv umzugehen, denn dieser Stress kann, wie wir noch sehen werden, Auslöser sehr vieler Probleme sein.

Mein bisheriger Weg war eine spannende, von Stolpersteinen und Hindernissen begleitete Reise, auf der es vieles zu entdecken gab. Selbstverständlich ziehe ich auch viele Schlüsse aus meiner Erfahrung als Profifußballspieler, denn das war eine sehr intensive und lehrreiche Zeit in meinem Leben. Sie katapultierte mich direkt in den Fokus der Öffentlichkeit, erlaubte es mir, mich im Kreis der Berühmten und Erfolgreichen zu bewegen, und bot mir so die Möglichkeit, selbst zu erfahren, ob Erfolge, Berühmtheit und Geld wirklich glücklich machen.

Es handelt sich bei diesem Buch um meinen persönlichen Bewusstwerdungsprozess, der in meinem Leben vonstattengegangen ist. Dieser hat mich vom Mittelschichtkind aus Bümpliz, das ein talentierter Fußballer war, aber nie gerne die Schule besuchte, zu einem Teenager gemacht, der mit zarten 17 Jahren nach Zürich zog, um sein geliebtes Hobby zum Beruf zu machen. Meine 13-jährige bewegte Karriere führte mich von Zürich nach Bern und wieder zurück nach Zürich über Nürnberg, München, Freiburg und Dallas. Als Profifußballer, der sehr stark in der Öffentlichkeit präsent war, führte mich mein Weg weiter zum Frührentner, der mit 30 Jahren seine Karriere in Dallas beendete und weiterzog nach Delray Beach Florida, Miami, Rom und Mallorca, wo ich Immobilien-Projekte realisierte und handwerkliches Geschick erlernte. Bis ich als Vater eines wunderbaren Jungen, den ich von ganzem Herzen liebe, in die Schweiz zurückkam, damit mein Sohn dort seine Wurzeln schlagen kann. Denn meine eigenen Schweizer Wurzeln haben mir während meiner ganzen Jahre im Ausland eine gewisse Sicherheit gegeben, die ich meinem Sohn auch bieten wollte. In der Schweiz wurde ich dann zum Fußballfernseh-Experten, Berater und Potenzialentfaltungscoach, vor allem im Bereich Sport und in der Jugendförderung beim Fußball. Und während all dieser Zeit hat mich beständig ein Thema begleitet: Wie kann jeder Mensch sein volles Potenzial, das in ihm steckt, entfalten?

Als Profisportler bewegt man sich immer in verschiedenen physischen oder psychischen Grenzbereichen und ist permanent auf der Suche nach dem optimalen Leistungszustand. Aus diesem Grund war ich seit meinem zwanzigsten Lebensjahr diesem Geheimnis auf der Spur und es hat mich auch nach meiner Karriere nicht losgelassen, denn da kamen Erfahrungen hinzu, zu deren Bewältigung ich die gleichen Eigenschaften benötigte wie als Profisportler. Neben dem Fußball war dieses Thema meine zweite große Passion, der ich über veränderte Lebensumstände hinweg immer treu geblieben bin. Die Faszination, wie der Mensch und das Leben funktionieren, hat mich durch Ausund Weiterbildungen zu meinem neuen Beruf geführt, dem Coaching von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die mit viel Druck und hohen Erwartungen zurechtkommen müssen und spüren, dass noch viel mehr in ihnen steckt – was sie jedoch nicht zur Entfaltung bringen können, weil sie sich in unterschiedlichsten Situationen selbst blockieren.

In diesen Sitzungen gehen wir die aktuellen, Stress und Unwohlsein auslösenden Widerstände an und lösen sie auf, sodass die daraus entstandene Panzerung beziehungsweise Verkrampfung sich wieder lösen kann. Das System kommt wieder in Fluss und die betroffenen Menschen können von der Abwehrhaltung in den Wachstumsmodus umschalten. Danach begleite ich den Bewusstwerdungsprozess, den wir zusammen eingeleitet haben. Auf diesem Weg zeigen sich immer mal wieder Widerstände, die aufgelöst werden müssen, um den in Gang gesetzten Wachstumsprozess weiterhin in Fluss zu halten.

Vor allem Kinder und Jugendliche, die so unglaublich sensibel und verletzlich sind, brauchen in ihrer Entwicklung oftmals die Bestätigung, dass alles in Ordnung ist mit ihnen und sie ihren Impulsen vertrauen und diesen folgen können. In einer Welt, in der ihnen ständig gesagt wird, was sie zu tun oder zu lassen haben und wie sie sein sollten, ist das besonders wichtig. Denn nur auf diese Weise können sie die Stimme ihres Herzens weiterhin wahrund ernst nehmen, ihr voller Freude und Begeisterung folgen, und ihren ganz eigenen Lebensweg, den nur sie allein kennen, beschreiten. Damit bewahren oder erlangen sie ihre innere Stärke, kommen mit den heutigen hohen Anforderungen, die das Leben und die Erwachsenen an sie stellen, zurecht und können ein glückliches, stressfreies Leben führen.

Unsere Kinder und Jugendlichen liegen mir ganz besonders am Herzen, denn sie sind es, die den Preis für die Unzulänglichkeiten von uns Erwachsenen bezahlen müssen. Bei ihnen entsteht viel Leid durch die Schwäche der Erwachsenen, denen sie durch ihr Abhängigkeitsverhältnis auf allen Ebenen hilfund schutzlos ausgeliefert sind.

Mein bisheriger Lebensweg hat mir erlaubt, viel über mich und mein Leben zu erfahren. Aus diesen Erfahrungen heraus habe ich dieses Buch geschrieben, in ihm sind mein Glauben, meine Überzeugungen, mein Wissen, meine Wahrheit, meine Thesen und Theorien enthalten.

Sollten Sie also in diesem Buch Fußballgeschichten, Einblicke in oder Enthüllungsstorys aus dem Fußball oder Ähnliches erwarten, sollten Sie es wieder zuklappen und zurücklegen. Sie hätten sich in diesem Fall getäuscht mit Ihren Erwartungen an den Inhalt dieses Buches.

Erwartungen und Meinungen anderer richtig einzuordnen, war und ist ein zentrales Thema in meinem Leben, mit dem ich viel Zeit verbracht habe, denn ich bin schon sehr früh in meinem Leben mit großen Erwartungen und vielen Meinungen anderer über mich konfrontiert worden und hatte so meine liebe Mühe damit. Ich habe lange Zeit sehr unter den Erwartungen und Meinungen, die andere über mich hatten, gelitten. Diese Last hat zu Stress und zum Verlust von viel Freude und Leichtigkeit in meinem Leben geführt.

Viele berühmte und erfolgreiche Menschen mussten und müssen wohl, wie ich auch, mit einer erhöhten Sensibilität in ihrem Leben zurechtkommen, da ohne diese Eigenschaft außergewöhnliche Leistungen selten zustande kommen. Auch die Natur ist ein sensibles Gebilde, bei der die Auswirkungen des Erfolgs um jeden Preis nicht spurlos vorübergehen.

Ich hatte lange Zeit große Mühe, mit meiner eigenen Sensibilität und Schwäche in unserer Erfolgsgesellschaft zurechtzukommen. Doch dann sind mir einige Dinge bewusst geworden und ich konnte meine Sensibilität langsam, aber sicher mit wahrem Selbstvertrauen paaren – was schließlich zu einer immer größeren inneren Stabilität und Stärke führte, die es mir mehr und mehr erlaubte, mein Leben zu genießen. Ohne dass sich an der Erfolgsgesellschaft auch nur das Geringste geändert hätte, war es mir so möglich, Stück für Stück freier, glücklicher und zufriedener mit mir und meiner Welt zu werden, meine Bedürfnisse in Vorlieben zu verwandeln und allmählich meine Erwartungen gegenüber anderen loszulassen.

Glücklich, weil erfolgreich

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es wichtig ist, dass nach außen alles gut und schön aussieht. Doch wie üblich, liegt die Wahrheit hinter diesen Fassaden. Und die Abhängigkeit von Erfolg, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Lob und Bestätigung anderer löscht mit der Zeit sämtliche Freude und Begeisterung in unseren Herzen aus. In der Gesellschaft der Berühmten und Erfolgreichen frage ich mich, weshalb man auch hier, bei denen, die doch alles haben, was in unserem Wertesystem als erstrebenswert gilt, so vielen fröhlichen Gesichtern mit traurigen Herzen begegnet? Weshalb gibt es auch in diesem Gesellschaftssegment eine große Anzahl von Menschen, die ein Drogenoder Alkoholproblem haben, unter Depressionen, Burn-out oder anderen Stresskrankheiten leiden, ja gar ernsthaft suizidgefährdet sind?

Erst nach meiner Zeit als Fußballer wurde mir klar, weshalb das so ist. Auf einiges war ich schon während meiner Karriere aufmerksam geworden, denn ich hatte mich ja bereits in jungen Jahren innerhalb dieser Kreise bewegt und war einer von ihnen. Doch welche Zusammenhänge und Mechanismen hier greifen und wie groß meine eigene emotionale Abhängigkeit von der Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bestätigung anderer war, wurde mir erst nach meiner aktiven Fußballzeit bewusst.

Deshalb war dieser Lebensabschnitt, auch wenn es nicht einfach war, ihn mit all seinen Herausforderungen zu bewältigen, für mich so wertvoll.

Das Ende meiner Karriere

Nach dem Ende meiner Karriere zog ich mich komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Ich lebte in Miami, wo mich niemand kannte. Absichtlich ging ich keiner geregelten Tätigkeit nach. Ich brauchte Ruhe, Zeit und freien Raum, denn ich spürte, wie wichtig es für mich war, mein bisheriges Leben zu verarbeiten und mir über einige Dinge klar zu werden. Es war Zeit, meine Verwirrung zu entwirren. Ich startete meine Lehre und mein Forschungsvorhaben im spannendsten Unternehmen unseres Planeten: dem Leben.

Die erste Zeit habe ich uneingeschränkt genossen. Frei und unbeobachtet zu sein, keine Verpflichtungen zu haben, keine Erwartungen mehr erfüllen zu müssen, zu tun und zu lassen, wann und was immer ich wollte, ein paar Schritte gehen und schon im Meer baden. Golf spielen, ausgehen, lesen, shoppen, reisen …

Ein Leben, wie »man« es sich erträumt. Und ich war mir zunächst auch sicher, das sei mein gelebter Traum, denn ich wünschte mir nichts sehnlicher, als nach 13-jährigem hektischem Fußballer-Leben im Glashaus der Öffentlichkeit etwas Ruhe zu finden. Doch das Erwachen kam rasch. Die Ruhe und das Nichtstun wurden bald schon zur großen Belastung. Meine ganz persönliche Lebenskrise begann.

Denn ich war vorher überzeugt davon, dass sich dieses allgemein bekannte Loch, in das so viele Sportler nach ihrer Karriere fallen, für mich nicht auftun würde. War ich doch einer, der sich schon während seiner Karriere viele Gedanken über die Mechanismen, die als Fallgrube nach der Karriere lauerten, gemacht hatte. Trotzdem war ich absolut nicht vorbereitet auf den emotionalen Entzug, der auf mich wartete und mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Mein Fußballer-Dasein hatte jede Woche zwei bis drei emotionale Höhepunkte für mich bereitgehalten, dann nämlich, wenn ich in die Stadien einlief und mich die Aufmerksamkeitswelle der Zuschauer überrollte. Diese Aufmerksamkeit, gepaart mit der Bedeutung, die ich diesen Ereignissen beimaß, führte zu ungeheuer intensiven Momenten emotionaler Glücksgefühle. Hormon-Cocktails, die im normalen Alltag nicht existieren.

Diesbezüglich war mein Leben als Fußballer sehr intensiv. Erst als diese Momente nicht mehr in meinem Leben vorhanden waren, realisierte ich, wie stark diese »Droge« ist. Mir wurde bewusst, dass ich während meiner Karriere ein Emotions-Junkie geworden war.

Da mein Entzug ebenso freiwillig wie radikal war – ich füllte das entstandene Loch weder mit Inhalt (Arbeit) noch mit Ersatzbefriedigungen (Drogen, Alkohol, Partys, etc.) – traf er mich mit voller Wucht.

Eine Szene, die mich tief berührte und mir die ganze Stärke dieser »Droge« zeigte, war zum Beispiel das Abschiedsspiel von Diego Armando Maradona. Einem der begnadetsten Fußballer aller Zeiten. Als er nach dem Spiel von seinen Fans und Mitspielern verabschiedet wurde, weinte er wie ein kleines Kind, dem gerade das Wichtigste in seinem Leben weggenommen wurde. Sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung schrien förmlich danach, nicht gehen zu müssen. Er liebte diese Bühne so sehr, dass er wohl am liebsten nie von ihr abgetreten wäre. So weinte er hemmungslos, denn er musste etwas loslassen, obwohl er noch nicht bereit dazu war. Doch genau dafür ist Trauer – die sich hier in ihrer Reinheit zeigte – da: um uns zu helfen, etwas loszulassen, was wir gar nicht loslassen wollen. Er liebte dieses Spiel und war mit ganzem Herzen dabei. Das Spielfeld war seine Bühne, wo er die Aufmerksamkeit erhielt, die ihm immer wieder Glücksgefühle schenkte. Doch was würde nach dem Abpfiff geschehen? Wenn alle seine Fans das Stadion verlassen hatten und für ihn der Alltag zum Alltag wurde, ohne Aufmerksamkeit, Anerkennung, Lob und Bestätigung anderer?

Tief ergriffen saß ich damals vor dem Fernseher und habe mit ihm geweint. Ich wusste genau, was in ihm vorging. Mein »neuer« Alltag hatte mir gezeigt, was Sache war. Ein Leben ohne diese Kicks, in ein Stadion mit 30–40 000 Menschen »einzumarschieren«, ohne dieses enorme Maß an Aufmerksamkeit mit der Chance auf Anerkennung, Lob und Bestätigung. Ein solches Leben kam mir doch sehr langweilig und öde vor. Ich empfand es zeitweilig wie eine als Paradies verkleidete Hölle.

Wäre da nicht meine Frau Melanie gewesen, die mich mit unendlicher Geduld unterstützt und meine Launen ausgehalten hat, weiß ich nicht, ob ich diese Phase meines Lebens so gut überstanden hätte. Ich hätte wohl nie die Chance gehabt, mich aus dieser Abhängigkeit zu befreien und jemals frei zu genießen, was ich habe, tue und bin, ohne dies zu brauchen. Dafür werde ich ihr ewig dankbar sein.

Zum Glück war ich stark genug, diese Umstände ohne Drogen und Alkohol auszuhalten, was leider für viele in solchen Krisen ein beliebtes Mittel ist, um der öden Realität, dem Alltag, zu entfliehen. Während dieser Zeit schien es mir, als sei das Beste in meinen Leben schon vorbei, alles Weitere konnte sich nach diesen »Höhepunkten« nur noch im Bereich des Mittelmäßigen, das heißt Langweiligen bewegen.

Wie man sich doch täuschen kann.

Heute bin ich unendlich dankbar für diese Erfahrung. Sie hat dazu geführt, dass ich die Freude und Magie des Moments – eine Gabe, die ich als Kind schon hatte – wiederentdeckte und mir bewusst werden konnte, was Glück wirklich bedeutet. Mein Mut, diesen Weg konsequent zu gehen und nicht die Flucht zu ergreifen, schenkte mir im Laufe der Zeit wahrhaftes Selbstvertrauen und eine immer größer werdende innere Stärke und Stabilität.

Auch die Augenblicke der Zufriedenheit mit mir, meinem Leben und meiner Umwelt vermehrten sich zusehends und führten mich immer wieder in den Zustand des stressfreien Glücks, das an keine äußeren Umstände und kein Ereignis gebunden war. Diese tiefen Momente des Glücklichund Zufriedenseins stellten all die früher erlebten Glücksgefühle in den Schatten und ließen sie allmählich verblassen.

Bekannt und unglücklich

Liegt das persönliche Scheitern erfolgreicher und berühmter Menschen etwa daran, dass sie mit der Zeit von der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit all ihren positiven Emotionen abhängig wurden?

Hat sich so vielleicht langsam und unmerklich der Erfolg, der sich so gut anfühlt, ins Zentrum ihres Tuns geschlichen?

Hat sich durch gelegentliche Misserfolge, die mit Kritik, Häme und Verletzungen verbunden waren und sich bescheiden anfühlten, allmählich die Angst eingeschlichen, den bisherigen Erfolgen und Erwartungen nicht mehr genügen zu können?

Konnte so ein stetig steigender innerer Druck entstehen, der zu einer Abhängigkeit von Erfolg und süßen Glücksgefühlen geführt hat, die nun immer wieder erlebt werden wollten?

Verdrängt mit der Zeit die Angst, diese Glücksgefühle des Erfolges nicht mehr erleben zu können, kritisiert und verletzt zu werden, also dieser selbst auferlegte Erfolgsdruck, die Freude irgendwann vollständig?

Jagen diese Menschen den Glücksgefühlen, die der Erfolg ihnen beschert hat, ständig hinterher?

Könnte es dann sein, dass sich dieses Glücksgefühl nach Verlassen der Bühne und mit Beginn des normalen Alltags immer wieder im Nichts auflöst? Was dann?

Bei mir führte dieser Mechanismus irgendwann einmal zu dem Punkt, an dem ich die Aufmerksamkeit brauchte, aber gleichzeitig auch die Angst vor dem Verletztwerden da war. Das hat zur Entstehung eines immensen inneren Kon- flikts geführt, der großen Stress auslöste. Ich war abhängig geworden von der Aufmerksamkeit und dem Applaus und diesen Kick wollte beziehungsweise musste ich immer wieder spüren. Gleichzeitig hatte ich aber auch vor jedem Auftritt Angst, kritisiert und verletzt zu werden. Dass diese Kombination zu inneren Konflikten und Stress führt, ist unausweichlich. Es ist sozusagen ähnlich wie bei einem Drogenabhängigen, der weiß, dass ihm die Drogen körperlichen und seelischen Schaden zufügen, der aber trotzdem den nächsten Kick braucht.

Die vielen traurigen und auch tragischen Geschichten von berühmten und erfolgreichen Menschen zeigen, was aus diesem Erfolgsdruck entstehen kann.

Die Angst zu versagen und dadurch kritisiert und verletzt zu werden, kann erdrückend sein. Man lebt in einem Käfig der Angst vor den Reaktionen und Meinungen anderer, die immer wieder die Wunden der Vergangenheit aufreißen können. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, wird dieser Druck noch um ein Zigfaches erhöht, da man quasi permanent in einem Glashaus sitzt – eine Erfahrung, die ich selbst oft genug gemacht habe.

Die Macht der Medien bei diesem »Spiel«

Die Macht der Medien darf nicht unterschätzt werden. Im Falle des Erfolgs krönen sie jemanden zum Star, andernfalls, bei Misserfolg, Scheitern oder Nichterfüllung der gesetzten Erwartungen, wird derjenige gnadenlos vom vorher geschaffenen Sockel gestoßen. Die Medien haben zweifellos die Macht, durch gezielte Maßnahmen das Leben einzelner Personen kaputt zu machen. Die große Masse der Öffentlichkeit glaubt, was dort verbreitet wird, sodass die mediale Wahrheit zur absoluten Wahrheit wird, aufgrund derer Personen geund verurteilt werden. Schlussendlich bleibt so ein Image hängen, das den betroffenen Personen sämtliche beruflichen und persönlichen Möglichkeiten zunichtemachen kann. Zweifelsfrei sind schon einige Menschen daran zerbrochen.

Aus Schwäche und mangelndem Bewusstsein heraus habe ich lange Zeit gegen verschiedene Medien einen unmöglich zu gewinnenden Kampf geführt. Weil ich nicht stark genug war, negative Kritiken und über mich verbreitete Unwahrheiten auszuhalten, habe ich mir mein Leben unnötig schwer gemacht. Aus diesem Mangel an innerer Stärke heraus habe ich dann angefangen, infantile Verhaltensweisen an den Tag zu legen: Ich habe zum Beispiel mit den Journalisten nicht mehr geredet, sie nicht mehr gegrüßt und beachtet etc. – natürlich habe ich damit meine ganze Stärke und Souveränität demonstriert (oder ging das etwa voll in die Hose?). Ich war schlicht und einfach nicht in der Lage, Kritik richtig einzuordnen und konstruktiv damit umzugehen. In den Medien wurde ich deshalb auch oft als Mimose betitelt, und wissen Sie was, ich geb‘s ja nicht gern zu, aber ich habe drei Tage Überwindung gebraucht, um das hier niederzuschreiben. Rückblickend muss ich sagen: Die hatten recht, ich konnte schlicht und einfach Kritik nicht richtig einordnen. Trotzdem ich nach außen den schönen Schein wahrte und so tat, als würde ich über den Dingen stehen – nach dem Motto: Was stört es die Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt.

Doch in Tat und Wahrheit habe ich jede Kritik persönlich genommen. Das ist eine ganz normale Reaktion, denn wenn man schwach ist, kann man vor allem und ganz besonders eines nicht: Schwäche zeigen. Natürlich fand ich deshalb diese Kritik unfair und ungerecht.

Ich habe lange Zeit geglaubt, dass es bei den Geschichten, die über mich produziert wurden, um mich persönlich gehen würde. Doch mittlerweile habe ich verstanden, dass es einzig und allein um das Produkt geht, das verkauft werden muss. Und ob da auch immer alles voll und ganz der Wahrheit entspricht, ist gar nicht so entscheidend.

Hier ein paar Beispiele, wie man eine Tatsache nur leicht abändern muss, um einen Inhalt zu kreieren, der verkauft werden kann:

Als ich während meiner Zeit in München gesundheitlich angeschlagen war und ein paar Kilos verloren hatte, gab meine Ernährungsweise zu Diskussionen Anlass. Es hieß, ich sei Vegetarier, würde nur Körner picken und, wie man ja sehe, sollte ich lieber mal Schweinshaxen essen. Und statt immer nur Wasser zu trinken, sollte ich mich lieber mal an Bier halten. Fakt aber war, dass ich nie in meinem Leben Vegetarier war, was nicht heißen soll, dass das schlecht wäre, ich war es nur einfach nie. Ich kümmerte mich um meine Ernährung und legte großen Wert auf einen gesunden Körper, denn mein Körper war mein Kapital. Da ich von Natur aus eine eher zarte Konstitution habe, gab es dazu auch gar keine Alternative, wenn ich den Fußballzirkus unbeschadet überstehen wollte. Ich musste also aufgrund meiner konstitutionellen Gegebenheiten auf jedes Detail achten.

Interessant aber war, dass ich wegen meines, wenn ich mir das so recht überlege, doch sehr professionellen Verhaltens heftig kritisiert wurde und ich mich regelmäßig erklären und rechtfertigen musste. Spannend, oder? Nur halt nicht als Schlagzeile. So gesehen haben ein paar Journalisten etwas an den Schrauben der Wahrheit gedreht, damit auch was Handfestes dabei herauskommt.

Oder man hat mich in die Esoterikschublade gesteckt und mir angedichtet, dass ich in einer Sekte oder einer anderen ähnlich gearteten Glaubensgemeinschaft sei.

Tatsache aber ist, dass ich für jede Art von Glaubensgemeinschaft völlig untauglich bin, ich wäre der absolute Albtraum, deshalb hatte ich ja schon im Fußball so meine liebe Mühe, denn ich bin als Befehlsempfänger einfach nicht geeignet. Ich mache die Dinge in meinem Leben so, wie ich sie für richtig halte und lasse mich nur schwer von meinem Weg abbringen; das war schon während meiner Kindheit so und ist auch heute nicht anders. Deshalb bin ich alles andere als sektentauglich. Die einzige Sekte, der ich beitreten könnte, wäre meine eigene, die der »Klub der Freien Denker« wäre und konsequenterweise nur ein Mitglied hätte, nämlich mich. Alle Glaubensgemeinschaften, die mehr als ein Mitglied haben, sind mir an sich schon suspekt. Und in die Esoterikschublade bin ich geraten, weil ich mich dummerweise einmal mit einem Buch habe fotografieren lassen, das in dieses Genre gehörte. Fakt ist aber auch, dass ich sehr viele Bücher aus ganz unterschiedlichen Ecken gelesen habe – aus dem einfachen Grund, weil mich der Mensch und das Leben faszinieren und ich sehr interessiert bin, wie beides funktioniert. So war es für mich nur logisch, dass ich mir aus diversen Bereichen wie Psychologie, Hirnforschung, Biologie, Philosophie, Spiritualität, Pädagogik, Wirtschaft, Populärwissenschaft, Medizin, Coaching … Informationen holte und hole, aus denen ich dann ganz frei das für mich Passende integriere. Dabei halte ich Ausschau nach Gemeinsamkeiten beziehungsweise einem roten Faden, sodass das Gelesene für mich im Zusammenhang mit meinen Lebenserfahrungen Sinn macht.

So haben mir meine Erfahrungen gezeigt, dass der Mensch eine große Vielfalt in sich trägt und man es sich zu einfach macht, wenn man jemanden in die Einfältigkeit einer Schublade presst.

Da Menschen generell nicht rein objektiv sein können, betrachten auch Journalisten die Welt durch ihre jeweils subjektive »Brille«. Diese Tatsache führt selbstverständlich dazu, dass sie ihr Bild von jemandem abgeben und nicht das Bild.

Ich kann mich also auf den Kopf stellen, mich rechtfertigen, kämpfen und wehren gegen das von der Öffentlichkeit gezeichnete Bild, ich habe keine Chance gegen diesen Mechanismus.

Wenn man in der Öffentlichkeit steht, ist die Gefahr relativ groß, sich manipulieren und instrumentalisieren zu lassen, denn man möchte ja ein gutes Verhältnis zu den Medienvertretern pflegen, damit man von ihnen wiederum mit einem möglichst guten und positiven Bild in der Öffentlichkeit »belohnt« wird. Diese Disziplin habe ich nie besonders gut beherrscht, was mir schließlich doch die eine oder andere mediale Abreibung eingebracht hat.

So gibt es heute für mich nur eines: Meinen Mitmenschen authentisch, ehrlich und respektvoll zu begegnen, ohne dabei das Gefühl zu haben, es allen recht machen zu müssen. Am Ende des Tages muss ich mir im Spiegel immer noch selbst mit gutem Gewissen in die Augen sehen können.

Der Damm bricht

Wird der Druck, dem berühmte und erfolgreiche Menschen in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind, mangels Bewusstsein, innerer Stärke und Stabilität zu groß, sehen manche leider nur noch den Ausweg im Drogenoder Alkoholkonsum, schlimmstenfalls beenden sie ihr Leben.

Amy Winehouse, Romy Schneider, Marilyn Monroe, Elvis Presley, Jimi Hendrix, Whitney Houston, Michael Jackson … Frauen und Männer aus der Filmund Musikbranche, die jung verstorben sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr erfolgreich waren, mit dieser Art von Leben aber nicht zurechtkamen und sehr früh verstorben sind.

Robbie Williams, Britney Spears, Mel Gibson, Eminem, Eric Clapton … die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Sie alle haben oder hatten ein Alkoholoder Drogenproblem, was darauf schließen lässt, dass ihnen trotz ihres Erfolges etwas fehlte und sie nicht wirklich glücklich waren.

Diego Armando Maradona, Paul Gascoigne, Gerd Müller, Tony Adams, George Best – sie stehen hier nur stellvertretend für Spitzenfußballer, die wohl dem Druck oder Stress für einen Moment mithilfe von Alkohol oder Drogen entfliehen wollen oder wollten.

Sebastian Deisler und Ivan Ergic berichteten öffentlich über ihre Depressionen. Wie hoch ist wohl die Dunkelziffer derer, die ein ähnliches Schicksal erleiden wie sie oder Robert Enke?

Viele Erfolgreiche stehen in den Schlagzeilen wegen ausschweifenden Partys, Alkohol und Sex – ständig auf der Suche nach einem neuen Kick.

Das alles sind hoch begabte Menschen und von daher ist ihre Reaktion nicht weiter verwunderlich, denn meistens sind diese außergewöhnlichen Talente auch immer einen Tick sensibler und eher gefährdet, an diesem inneren Druck zu zerbrechen.

Bis hierhin habe ich anhand von Beispielen berühmter und erfolgreicher Menschen aufgezeigt, was durch Erfolgsdruck alles entstehen kann. Zum einen habe ich das gemacht, weil ich persönlich das alles so erlebt habe und aus eigener Erfahrung berichten kann. Zum anderen sind solche Beispiele prädestiniert, um die Thematik dieses Buches deutlich zu machen. Doch diese Mechanismen beziehen sich auf menschliche Verhaltensweisen, die völlig unabhängig von Herkunft, Beruf und Status sind. Deshalb gilt der Inhalt dieses Buches selbstverständlich für alle Menschen, egal was und woher sie auch immer sind.

Die oben beschriebenen Probleme gibt es leider in allen Gesellschaftsschichten, denn der Erfolgsdruck und der daraus entstehende Stress fordern ihre Opfer nicht nur unter Filmstars, Musikern, Unterhaltungskünstlern oder Profisportlern.

Wie viele Menschen, die mit ihrer stressigen Lebenssituation überfordert oder am Erfolg gescheitert sind, können ihren Alltag nur noch mit einem Schluck aus der Pulle, einer Pille oder einem Pulver meistern?

Wie viele Schüler, Studenten oder Lehrlinge kiffen, trinken oder greifen zu Ecstasy oder anderen Designerdrogen, um dem inneren Stress für einen Moment zu entfliehen?

Und ist die steigende Gewaltbereitschaft vieler Jugendlichen und Erwachsenen vielleicht auch nur ein Ventil, um den inneren Druck abzulassen?

Die Zahl der an Depressionen erkrankten Menschen zum Beispiel in der Schweiz, in der man von 5–8 % der Bevölkerung spricht, also etwa 350bis 400 000 Menschen, von denen ein Drittel schwerste Depressionen haben, also etwa 130 000, zeigt deutlich, dass (zu) viele mit dem Druck nicht zurechtkommen.

Auch Suizidstatistiken sprechen eine deutliche Sprache. In der Schweiz etwa ereignen sich täglich 40 Suizidversuche, von denen durchschnittlich vier »erfolgreich« sind. Rechnet man dies hoch, wären das 1460 Suizidtote und 14 600 Suizidversuche im Jahr, wobei man davon ausgeht, dass sich etwa zehnmal mehr Menschen ernsthaft Gedanken über Suizid machen als diejenigen, die es tatsächlich versuchen – das wären dann 146 000. Und das in einem Land wie der Schweiz, das als eines mit der höchsten Lebensqualität jährlich ausgezeichnet wird.

Stress, Druck und seine Folgen

Der Druck, erfolgreich sein zu müssen und Aufmerksamkeit zu erhalten, um sich gut und glücklich zu fühlen, kann mit der Zeit die große Freude, die bei allen erfolgreichen Menschen die anfängliche Triebfeder ihres Tuns war, ersticken. Ich habe das persönlich so erlebt. Als Kind spielte ich Fußball aus reiner Freude am Spielen. Als ich im Alter von fünf Jahren einem Fußballverein beitrat, war ich den meisten anderen Kindern bereits einen Schritt voraus, weil ich etwas talentierter war als sie. Schnell bekundeten Trainer, Eltern und Zuschauer ihre Freude an mir. Ich erhielt Aufmerksamkeit, Lob und Anerkennung für die guten fußballerischen Leistungen, was mich natürlich freute und sich gut anfühlte.

Wegen meines Talents aber stiegen bald schon die Ansprüche und Erwartungen an mich. War ich dann bei Spielen nicht besser als meine Kameraden, folgten schnell auch Kritik und Häme. Das verletzte mich und fühlte sich entsprechend schlecht an. So war mein Befinden plötzlich direkt an meine Erfolge gekoppelt. Spielte ich gut und erfolgreich, fühlte ich mich gut und glücklich. Spielte ich durchschnittlich oder schlecht, fühlte ich mich schlecht und unglücklich. Mehr und mehr wurde ich emotional abhängig von meinen fußballerischen Erfolgen und Misserfolgen. Ich wurde quasi zum Sklaven meines so sehr geliebten Hobbys.

Die Zusammenhänge waren mir damals natürlich nicht bewusst; ich wollte einfach jedes Spiel unbedingt und um jeden Preis gewinnen. Weshalb das so war, sollte mir erst später klar werden. Aber der Druck, gewinnen und erfolgreich sein zu müssen, lastete schon bald auf mir, obwohl ich mich in einem Umfeld bewegte, das keineswegs erfolgsbesessen war. Meine Eltern und Trainer setzten mich nicht speziell unter Druck, ich bewegte mich in einem ganz normalen Dorfverein-Umfeld. Das reichte für einen sensiblen Jungen, wie ich es war, jedoch vollkommen aus, um in Zeiten des Misserfolgs Verletzungen davonzutragen. Eine Tatsache, die einmal mehr zeigt, dass das, was der Norm entspricht, nicht immer für jeden gesund sein muss.

Als wir bei einem E-Junioren-Turnier »nur« den zweiten Platz herausspielten, überfiel mich eine solch unsägliche Traurigkeit, dass ich kaum zu weinen aufhören konnte. Niederlagen wurden für mich zu persönlichen Katastrophen.

Der Mechanismus »Aufmerksamkeit und Anerkennung durch Erfolg« begann bei mir im Alter von etwa 14 Jahren zu greifen, dem Alter, in dem Auswahlen zusammengestellt werden. Die Aussichten, was der Erfolg alles Gutes bringen kann, helfen natürlich, den Konkurrenzkampf anzuheizen; der Druck, der dabei als Nebenwirkung bei den Kindern zum Tragen kommt, ist aber leider nicht wegzudiskutieren. Damals war mir natürlich noch nicht bewusst, dass der Druck, den ich verspürte, nicht von außen kam und nichts mit den Umständen zu tun hatte. Er entstand allein durch meine Ängste, kritisiert und verletzt zu werden, und genau das machte mich selbst zu meinem größten Gegner.

Da ich schon als Kind sehr sensibel war und auch noch keine ausreichende innere Stabilität und Stärke entwickelt hatte, konnte ich mit Konkurrenzkämpfen und Selektionen, in denen einem gesagt wird, ob man gut genug ist oder nicht, schlecht umgehen. Ich fühlte mich einfach nie wohl in diesem Umfeld, in dem mit Disziplin, Gehorsam, Schreien und Drohen versucht werden sollte, das Beste aus den Kindern herauszuholen beziehungsweise um zu sehen, wer zu den Stärksten gehört, in die es sich lohnt zu investieren. Dieses Umfeld war schlicht und einfach nicht gesund für mich, deshalb habe ich auch etliche Spiele oder Trainings abgesagt, weil es mir bereits beim Gedanken, dorthin zu fahren, den Magen umgedreht hat.

So hörte ich damals auf meine Impulse und war bereit, die Verwirklichung meines Traums als Profifußballer zu riskieren, sollte es dabei zwingend notwendig sein, mich in diesem für mich ungesunden Umfeld zu bewegen.

Auch später, während meiner Karriere, zog mein Körper immer dann, wenn ich nicht mehr fähig war, diesen inneren Stress und Druck auszuhalten und zu verarbeiten, die Notbremse, um mich vor größerem Schaden zu bewahren: Ich wurde krank.

Als Schutzmauer vor weiteren Wunden entwickelte ich Verhaltensmuster, die mir dabei halfen, meine kindliche Verletzlichkeit zu schützen. Zum einen legte ich mir als Kind, vor allem auf dem Spielfeld, eine unglaubliche Arroganz zu. Spielte mir ein Mitspieler einen Pass zu, der einen halben Meter neben meinen Füßen ankam, machte ich keinen Schritt, um diesen zu erreichen. Dafür pflaumte ich ihn an, ob er denn keinen vernünftigen Pass spielen könne. Ich lamentierte mit den Schiedsrichtern oder legte mich mit meinen Gegenspielern an. Auch demonstrativ zur Schau gestelltes Desinteresse dem Fußball gegenüber gehörte zu meinen Allüren. Provokant stand ich gelangweilt auf dem Platz herum und brachte damit Trainer und Mitspieler zur Verzweiflung. Dieses Verhalten zeigte sich allerdings nur sporadisch, nämlich immer in Zeiten, in denen ich nicht gut spielte oder wir Spiele verloren hatten und ich irgendetwas brauchte, um mir vorzugaukeln, dass ich schon hätte besser spielen können, wenn ich nur gewollt hätte.

Dies alles waren in schwierigen Zeiten Hilfeschreie eines Kindes, das einen Weg suchte aus diesem inneren Gefängnis der Angst, verletzt und abgelehnt zu werden, und diesen nicht fand.

Die meiste Zeit aber genoss ich es, mit meinem Bruder und unseren Freunden Fußball zu spielen. Ich bin unendlich froh, dass ich in solch einem Umfeld aufwachsen durfte und nicht in einer Förderungsmaschinerie, denn damit wäre wohl meine Freude am Fußballspielen schnell erloschen.

Dass bei all dem Stress die Freude am einst geliebten Sport irgendwann verloren gehen kann, ist für mich aus heutiger Sicht nur logisch. Ich habe mich lange Zeit dagegen gewehrt und bin froh, dass ich mir meine Begeisterung daran wenigsten während meiner Kindheit und die meiste Zeit als Profi erhalten konnte. Aber irgendwann war mir alles zu viel und ich versuchte zwar noch, in Amerika diese Freude wiederzufinden, doch die Spuren der Kritik und des daraus entstandenen Stresses waren zu tief.

Ich habe mich oft gefragt, was mit mir nicht stimmt, weil ich mein Leben teilweise nicht genießen konnte, obwohl ich doch alles hatte, was man sich nur erträumen kann. Dieser Umstand animierte mich zusätzlich, die Gründe zu finden, warum Erfolg allein nicht glücklich macht.

Andere Nebenwirkungen des Erfolgs

Bereits mit siebzehn Jahren wurde ich Profi beim Grasshopper Club Zürich. Zu verdanken hatte ich diesen Sprung Trainer Timo Konjetzka, der mich beim SC Bümpliz 78 entdeckt hatte. Er betreute mich optimal, setzte mich nie unter Druck und gestattete mir, wenn ich müde und erschöpft war, auch schon mal ein Training auszulassen. So konnte ich mich allmählich an die viel höhere körperliche Belastung gewöhnen.

Bereits nach drei Monaten, immer noch siebzehn Jahre alt, erhielt ich das erste Aufgebot für die Schweizer Nationalmannschaft. Jetzt begann das Spiel mit Lob und Kritik auch öffentlich stattzufinden, was dem Ganzen zusätzlich noch eine ganz andere Dynamik verlieh und eine mir unbekannte Dimension annahm, mit der ich lange Jahre zu kämpfen hatte.

Als Jahrhunderttalent gepriesen zu werden, war anfänglich sehr schmeichelhaft und angenehm, führte aber zu enormen Erwartungen an mich. Es besserte meine Angst, die Erwartungen anderer nicht zu erfüllen, sie zu enttäuschen und dadurch von ihnen kritisiert zu werden und erneut Verletzungen davonzutragen, nicht wirklich. War mir doch damals noch nicht bewusst, dass man andere gar nicht enttäuschen kann – es kann sich nur jeder selbst täuschen mit seinen Erwartungen, die er an andere stellt. Somit müssen wir den enttäuschten Menschen auch keine weitere Bedeutung mehr beimessen, wenn sie uns verantwortlich machen wollen für ihre eigene Enttäuschung. Vielmehr sollte jeder aufhören, Erwartungen auf den Schultern anderer Menschen abzuladen und sich stattdessen besser um sich und sein eigenes Leben kümmern.

Mit meinen Erfolgen wurden äußere Einflüsse immer größer. Plötzlich bekam der finanzielle Aspekt mehr Bedeutung, der für mich bis dahin keine Rolle gespielt hatte. Stimmen wurden laut, die meinten, ich würde als Nationalspieler viel zu wenig verdienen. Ich hatte einen Vertrag über fünf Jahre beim Grasshopper Club Zürich (GCZ) unterschrieben. Die vereinbarte Summe war für einen Spieler, der aus der zweiten Liga kam, angemessen. Für einen Nationalspieler jedoch viel zu niedrig.

Bei Vertragsabschluss hatte ich eine Reihe von mündlichen Zusicherungen des damaligen GCZ-Präsidenten Karl Oberholzer erhalten: Sollte ich im Laufe dieser fünf Jahre Stammspieler werden, würde mein Gehalt den Leistungen angepasst. Und sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ich im selben Zeitraum gar noch Nationalspieler würde, stände einer nochmaligen Lohnerhöhung nichts im Wege. Niemand ging ja davon aus, dass ich dies alles innerhalb von drei Monaten erreichen würde.

Meiner guten Leistungen wegen trugen andere Vereine Angebote an mich heran, in denen ich das Fünffache verdient hätte. Mein Fokus verlagerte sich langsam, aber sicher weg vom Fußballspielen und hin zum Geldverdienen. Was zur Folge hatte, dass ich immer mehr Stress aufbaute, weil ichmeinen Blick auf eine Nebensächlichkeit richtete, die mich davon abhielt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren – den Fußball. Das wirkte sich dann direkt auf meine Leistungen aus, die immer schlechter wurden, was wiederum zur Folge hatte, dass sich noch mehr Stress und Unzufriedenheit in mir ausbreiteten.

Die Präsidentschaft hatte ein Jahr nach meiner Vertragsunterzeichnung beim GCZ gewechselt und der neue Präsident, Dr. Thomas Preiss, wusste natürlich nichts von meinen mündlichen Abmachungen mit Karl Oberholzer.

Die Wichtigkeit, die ich plötzlich meinem Verdienst beimaß, führte schließlich zu einer regelrechten Schlammschlacht meinerseits in Richtung des Grasshopper Clubs Zürich. Ich fühlte mich durch meine eigene Wahl, wie ich die Gegebenheiten sehen wollte, ungerecht behandelt, und die Tatsache, dass ich den Vertrag selbst unterschrieben hatte, geriet bei mir vollkommen in Vergessenheit. Ich übernahm nicht mehr die Verantwortung dafür.

Nach einem sechsmonatigen Streit mit dem Grasshopper Club Zürich erpresste ich mir quasi meinen Wechsel zu den Berner Young Boys, indem ich dem GCZ drohte, mit dem Fußballspielen aufzuhören, falls sie mich nicht ziehen ließen. Schließlich kam ein zweijähriges Leihgeschäft zustande.

Mein Abstecher nach Bern und seine Folgen

Der Abstecher nach Bern war kurz und lehrreich. Mittlerweile war ich neunzehn Jahre alt. Zwei Monate vor Saisonende wurde ich fristlos entlassen. Im Nachhinein betrachtet waren die zehn Monate bei den Berner Young Boys für mich ein schönes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man sich für stark hält, obwohl man schwach ist, die falschen Prioritäten im Leben setzt, sich selbst und seine Taten zu wichtig nimmt und die Verantwortung für das eigene Leben nicht übernimmt – als »Ausgleich« dafür aber allem und jedem die Schuld in die Schuhe schiebt und alle mit dem, was sie vermeintlich falsch machen, konfrontiert.

Zum Glück ließ mich der Grasshopper Club Zürich, dem immer noch die Rechte an mir gehörten, nicht fallen. Der Umstand, dass ich innerhalb von zehn Monaten vom Nationalspieler zum Arbeitslosen wurde und ich, auf Knien bettelnd, vom neuen Führungsduo Vogel/Hitzfeld eine neue Chance erhielt, bewegte mich dazu, über mich und mein Verhalten gründlich und ehrlich nachzudenken.

Die Suche beginnt

Da in einem persönlichen Umfeld immer eine große emotionale Bindung vorhanden ist, nimmt die subjektive Betrachtungsweise der Geschehnisse dort immer noch stark zu. So bliesen auch bei mir alle ins gleiche Horn, nämlich dass die Schuld bei den anderen und den Umständen liege. Das »Schöne« bei dieser Sache ist, dass man überall genügend Fehler findet, die die anderen machen und diese einem natürlich immer recht geben für das eigene Denken und Handeln. Mit dieser Sicht der Dinge konnte ich mich aber nicht mehr länger zufriedengeben. Zwar war es ein Leichtes, weiterhin mit dem Finger auf andere zu zeigen und sie verantwortlich zu machen für meine Situation. Doch ich realisierte, dass sich mit dieser Einstellung meine Situation und mein Befinden nie ändern würden und das Gefühl der Hilfund Machtlosigkeit nur noch größer würde. Allmählich wurde mir bewusst, dass ich selbst dafür verantwortlich bin, wie ich auf äußere Umstände reagiere und was ich daraus mache.

Damals gab es noch keine Mentaltrainer. Auch Sportpsychologen waren kein wirkliches Thema. Weit und breit war also niemand, der mir entsprechende Impulse hätte geben können.

Ich begann, erste Schritte zu machen, um mir selbst zu helfen. Dazu verschlang ich zunächst jede Menge Bücher mit dem Thema, wie der Mensch am besten sein Potenzial entfalten kann. Alles, was mir daraus für mein Leben geeignet schien, setzte ich um. Doch all die Bücher waren wie Schall und Rauch im Gegensatz zum größten Lehrmeister, den ich in dieser Zeit zu entdecken begann: das Leben. Sofern wir bereit sind, ganz und gar in der Gegenwart zu leben, ist das Leben selbst mit all den Erfahrungen, die wir machen, der beste Lehrmeister für uns. So war ich langsam in der Lage, meine Ängste und Sorgen, meine Stärken und Schwächen, meinen Glauben und meine tiefsten Überzeugungen wahrzunehmen. Mehr und mehr wurden mir so die Beweggründe meines Verhaltens bewusst.

Zu diesem Prozess trug auch wesentlich meine früh beendete Fußballkarriere bei, indem ich bereits mit 30 Jahren aus dem Hamsterrad des Erfolgreich-sein-Müssens ausgestiegen bin. In der Anonymität von Miami wurde mir schnell klar, dass Alain Sutter, der Fußballstar, nicht wirklich wichtig ist. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich mich nicht mehr auf die bis dahin lebenslange Krücke Fußball mit all meinen Erfolgen und dem daraus entstehendem Prestige stützen – was mir bislang ein Gefühl der Sicherheit und Wichtigkeit gab, aus dem heraus ich mein Selbstvertrauen und meinen Selbstwert schöpfte. Das war verdammt hart, aber im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte.

Es war in dieser Zeit meines Lebens für mich unglaublich schwierig zu verstehen und zu akzeptieren, weshalb ich jetzt, wo ich doch scheinbar alles hatte, was »man« sich nur wünschen konnte, nicht glücklich und zufrieden war. Im Gegenteil, es war eine Zeit, in der ich mich vollkommen hilfund orientierungslos fühlte. Mir stand die ganze Welt offen, ich hatte finanziell keine Nöte, war gesund, konnte tun und lassen, was ich wollte, und lebte in einer intakten Beziehung. Dafür nahm in dieser Zeit ein Schreckgespenst langsam Form an: Ist das Beste in meinem Leben schon vorbei? Was fange ich bloß mit dem hoffentlich langen Rest meines Lebens an? Für was empfinde ich Freude, Enthusiasmus und Begeisterung? Diese und ähnliche Fragen jagten mich bald täglich.

Doch eine Antwort war weit entfernt, denn in mir herrschten Verwirrung, Chaos, Unklarheit und Orientierungslosigkeit. Zu meinem Entsetzen wurde mir bewusst, dass ich während der ersten 30 Jahre meines Lebens den Kontakt zu mir selbst verloren hatte, ohne es zu bemerken. So entschied ich mich, die Herausforderung anzunehmen, die Verwirrung zu entwirren und den Kontakt zu mir selbst wieder herzustellen. Ich begab mich auf die innere Reise, zu meinen Stärken und Schwächen, meinen Sorgen und Ängsten, meinen tiefsten Sehnsüchten und Wünschen, sprich: auf die Suche danach, wer ich wirklich bin.

Ich stürzte mich ins Leben und übte mich in Achtsamkeit, in jeder Situation bewusst zu spüren, was für mich stimmig ist und was nicht. Wo sind meine Freuden, meine Ängste, meine Sorgen und wie fühle und verhalte ich mich in welchen Situationen …

Das alles trug dazu bei, mir meiner selbst wieder bewusst zu werden und gab mir die Möglichkeit, bestimmte Verhaltensweisen weiterzuführen oder sie abzulegen. Ich übte michauch im bewussten Umgang mit meinen Gedanken. Was denke ich wann und in welcher Situation und welchen Ein- fluss hat das auf mein Empfinden und mein Leben? So konnte ich allmählich sehen: Mein Leben war und ist ein Abbild meiner tiefsten Überzeugungen.

Da ich mit einer offenen Haltung durchs Leben ging, erhielt ich jede Menge Impulse, aus denen ich das für mich Geeignete herausfilterte und viele neue Erfahrungen machen konnte.

Doch genauso wurde mir im Laufe der Zeit klar: Solange ich dem Erfolg mit seinen süßen Begleiterscheinungen – Aufmerksamkeit, Bestätigung, Lob und Anerkennung von anderen – nachjagte, würde dies ein nicht zu gewinnendes Spiel sein, das mit der Zeit immer mehr zu Zermürbung und Stress führen und mich immer weiter von mir selbst entfernen würde.

Deshalb traf ich zu diesem Zeitpunkt eine Vereinbarung mit mir: Ich wollte erst dann wieder einer regelmäßigen Tätigkeit nachgehen, wenn ich auch glücklich war, ohne einer solchen nachzugehen. Unabhängig vom Hamsterrad des Tuns wollte ich mich wieder gut fühlen.

Um mein Leben wieder genießen zu können, musste ich mich selbst erst wieder annehmen können – und zwar genau so, wie ich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen, ohne etwas zu leisten, zu haben oder zu sein, was mir die Aufmerksamkeit und Anerkennung anderer einbringt. Es war an der Zeit, mit mir selbst ins Reine zu kommen, das heißt in Frieden zu sein mit mir und meiner Welt und den Mut und die Kraft aufzubauen, meine eigene Autorität in meinem Leben zu sein. Kurz: Es war an der Zeit, wirklich erwachsen zu werden.

Zudem hatte ich ein klares Ziel vor Augen: Stressfrei glücklich zu sein.

Die ersten Schritte, um mein neues Leben zu genießen

Meinen ersten Versuch, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, startete ich in Delray Beach Florida, unserem damaligen Wohnort. Ich kaufte einen heruntergekommenen Appartement-Komplex, bestehend aus zwei Gebäuden mit insgesamt neun Wohnungen. Die Vision war, eine Art Melrose Place (US-Kultserie) entstehen zu lassen. Meine Frau Melanie und ich nahmen die Renovierungsarbeiten in Angriff. Da diese Art der Arbeit aber Neuland für uns war und wir immer nur bei einem Mieterwechsel eine Wohnung renovierten, dauerte das ganze Projekt zwei Jahre. Für mich war diese Arbeit eine völlig neue Erfahrung, konnte ich doch seit Langem wieder etwas mit meinen Händen kreieren und nicht nur mit meinen Füßen.

Nach einiger Zeit des Nichtstuns war es aber auch wie eine Erlösung, endlich wieder aktiv und kreativ tätig sein zu können. Aus der Lust entstand zuweilen jedoch auch Frust. Wenn ich so im Dreck einer alten Wohnung wühlte und eine Toilette wechselte, die mindestens 20 Jahre benutzt worden war und dementsprechend aussah und roch, dachte ich mir oft: Wie tief bist du gesunken – vom gefeierten Fußballstar zum Toilettenwechsler. Diese Gedanken und mein daraus entstehendes Befinden zeigten mir klar, wie sehr ich nach wievor in meinem Prestigedenken verhaftet war und wie sehr dem Fußballstar in mir die Aufmerksamkeit, das Lob und die Anerkennung fehlten. Ich realisierte, dass ich noch nicht alle Mosaiksteine beisammenhatte, um wirklich stressfrei glücklich sein zu können. Trotzdem lernte ich mit jeder Erfahrung, die ich machte, mehr von mir kennen.

Meine anfängliche Unfähigkeit, in Kontakt mit mir selbst zu treten und meine eigenen tiefsten Wünsche wahrzunehmen, wandelte sich allmählich und führte dazu, dass ich wieder spüren konnte, was zu mir passt und was nicht. Ich lernte viel, indem ich Verhaltensmuster zu erkennen und zu verstehen begann, sowohl meine eigenen, als auch die der anderen Menschen. Das Wichtigste aber war, dass sich langsam, aber stetig der Würgegriff meiner Sucht nach Erfolg, Aufmerksamkeit, Lob, Anerkennung und seinen daraus resultierenden Glücksgefühlen löste. Langsam verloren sie die Macht über mich.

Flucht vor der (selbst geschaffenen) Realität

Spielsüchtige und Herrschsüchtige gibt es seit Menschengedenken, wohl auch Sexsüchtige, Arbeitssüchtige und Besitzsüchtige. Moderner sind da schon einige Verhaltenssüchte, denen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene heute erliegen (können): Abhängigkeiten vom Fernsehen, von Videospielen, von Handys oder vom Internet.

Ist die Kiste aus, führt die plötzliche Stille zu hoher Nervosität. Die dadurch entstehende Langeweile löst eine innere Unruhe aus, die nicht gefühlt werden will. Und weil dieses Gefühl unangenehm ist, flüchten sich die meisten wieder in den Konsum der Unterhaltung, um von sich selbst und ihrer inneren Leere abgelenkt zu werden. Doch würde gerade diese Langeweile, wenn man sie denn aushalten würde, eine enorme Chance bieten, sich kennenzulernen, in Kontakt zu treten mit sich selbst, seinen Leidenschaften und Wünschen. Langeweile, die ausgehalten wird, bietet die Chance, seinen eigenen Antrieb (Eigenmotivation) wieder zu entdecken und die Impulse, die ganz spontan in der Stille zum Vorschein kommen und uns zeigen, was wir wirklich wollen, wahrzunehmen. Leider hat die Langeweile in unserer Gesellschaft einen sehr schlechten Ruf und wir unternehmen alles, um sie zu vermeiden. So stopfen wir uns und auch schon unseren Kindern den Terminkalender voll, damit die Gefahr der Langeweile erst gar nicht aufkommen kann. Die Hetze, die Außenschau, der Konsum, die Unterhaltung wiederum entfernen uns immer weiter von uns selbst und fordern ihren Tribut.

Depressionen

Depressionen treten in unserer Gesellschaft immer häufiger auf. Ein Zufall?

Bei Menschen, die unter Depressionen leiden, scheint ein Endorphinmangel, also ein biochemisches Problem, als Ursache erwiesen zu sein. Ihr Körper produziert aus irgendeinem Grund zu wenig oder keine Botenstoffe, die ein Glücksgefühl auslösen können. Doch was ist der Grund, weshalb der Körper von immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft keine oder zu wenig Endorphine herstellt und ausschüttet? Ist das ein rein körperliches Problem oder spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle, die sich dann auf unsere Biochemie auswirken?

Burn-out-Syndrom

Zunehmend verbreitet ist auch das Burn-out-Syndrom. Immer mehr Menschen leiden unter dieser ernsthaften Gefährdung der körperlichen und geistigen Gesundheit. Diese Krankheit äußert sich meist in berufsbezogenen, chronischen Erschöpfungszuständen, während derer die Betroffenen hilflos mit ansehen müssen, wie ihre physische und psychische Kraft schwindet und sie einfach zu nichts mehr fähig sind.

1974 wurde dieses Syndrom des Ausgebrannt-Seins zum ersten Mal in »helfenden Berufen« festgestellt, in denen die Angestellten unter extrem hoher Arbeitsbelastung stehen: Pflegepersonal, Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte, Erzieher. Heute findet es sich auch unter Managern, Schülern, Studenten und alleinerziehenden Elternteilen – Menschen, die großen Belastungen ausgesetzt sind. Eine weitere »Zielgruppe« sind Politiker, Sportler oder stressgeplagte Größen aus der Unterhaltungsbranche.

Der deutsche Skispringer Sven Hannawald beendete seine Karriere infolge totalen Ausgebrannt-Seins und US-Rapper Eminem wie auch Robbie Williams mussten 2006 deshalb eine Tour absagen.

Alkoholsucht

Alkoholsucht ist wohl die am weitesten verbreitete Sucht in unserer Gesellschaft. Als jemand, der keinen Alkohol trinkt, komme ich mir zuweilen wie ein Exot vor, der von den anderen immer wieder ungläubig angeschaut und gefragt wird: »Was, du trinkst wirklich keinen Alkohol?« »Nein, sorry, immer noch nicht, aber du kannst mich das nächste Mal gerne wieder fragen …« »Aber du hast doch sicher früher mal Alkohol getrunken, oder?« »Nein, tut mir echt leid, aber mir schmeckt das Zeug nicht.« »Das verstehe ich, mir ging es am Anfang auch so, aber irgendwann habe ich mich daran gewöhnt.« »Ah, okay, verstehe …???«

Ein anderes Mal sagte jemand zu mir, als ich die Frage, ob ich denn wenigstens als Jugendlicher Alkohol getrunken hätte, verneinte: »Was ist denn bei dir falsch gelaufen?« Darauf konnte ich nur antworten: »Ja, ja, ich weiß, da muss etwas ganz Traumatisches passiert sein. Ich bin deshalb schon Jahre in Therapie, aber irgendwie muss mein Problem so tief liegen, dass wir es einfach nicht finden können.«

Der Alkohol ist in unserer Gesellschaft so weit verbreitet, dass man sich richtiggehend erklären und entschuldigen muss, wenn man keinen trinkt. Was natürlich nicht heißt, dass jeder, der Alkohol trinkt, auch ein Problem damit hat. Dennoch ist es ein gesellschaftlich akzeptiertes Mittel, das entspannt, locker macht und bei genügendem Konsum auch enthemmt. Genau das Richtige, um all den Druck und Stress, dem wir Tag für Tag ausgesetzt sind, etwas zu mindern. Mit dem Alkohol kommen aber vielfach unsere unterdrückten Emotionen an die Oberfläche. Einige Menschen werden dadurch zu ganz lustigen Zeitgenossen, bei anderen kommt ihre unterdrückte Trauer zum Ausdruck. Bei ganz vielen meldet sich jedoch ihre nicht zugelassene Wut und sie werden aggressiv und gewalttätig.

Drogen

Auch die Drogensucht ist ein weitverbreitetes Phänomen bei dem Versuch, der Alltagsrealität zu entkommen. So sind im Abwasser großer Städte oder Wirtschaftsmetropolen die Drogenrückstände erheblich, wie einige Untersuchungen gezeigt haben. Das lässt darauf schließen, dass viele in einem stressigen und hektischen Arbeitsumfeld, in dem viel von ihnen erwartet wird, gelegentlich eine Auszeit oder Unterstützung brauchen.

Auch Menschen am Rande unserer Gesellschaft, die mit dieser Art Leben nicht zurechtkommen, versuchen mit Drogen der Realität zu entfliehen.

Essstörungen

Ebenfalls zunehmend sind Essstörungen, vor allem bei jungen Menschen. Jede vierte ( junge) Frau soll bereits essgestört sein. Drei Viertel aller Frauen machen irgendwann einmal eine Diät. Aber auch bei Männern treten vermehrt Essstörungen auf. Nebst der Esssucht, bei der einfach so viel hineingestopft wird wie möglich, gibt es auch die Ess-Brechsucht, bei der aus lauter schlechtem Gewissen und aus Scham über die Essanfälle das schnell Hinuntergeschlungene wieder erbrochen wird.

Die dritte Form der Essstörungen ist die Magersucht. Meistens lösen unerreichbare Vorbilder solche Störungen aus. Junge Frauen hungern sich, ohne Rücksicht auf Verluste, auf die Maße ihrer Idole herunter. Anschließend können und wollen sie nicht mehr aufhören, die Sucht hat sie fest im Griff. Sie fühlen sich nach wie vor zu dick und hungern weiter, um noch schlanker zu werden.

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180 стр.
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9783905958577
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