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Aesop
Die beliebtesten Fabeln von Äsop

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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-1616-1
Inhaltsverzeichnis
Auf ein Bildnis Äsops
I. Mythen und Märchen
II. Tierfabeln
III. Tier und Mensch
IV. Menschenfabeln. Götter und Menschen
V. Menschenfabeln. Menschen unter sich
VI. Scherze, Schwänke, Novellen
Die Äsoplegende
Auf ein Bildnis Äsops
Inhaltsverzeichnis

anthol. plan. 332 (Agathias)
Wahrlich, greiser Lysipp, sikyonischer Künstler, du stelltest
richtig hinter Äsops Bild das der Weisen zurück.
Denn die Sieben belehren mit Zwang, doch mangelt den Worten
die überredende Kraft, wie sie der Samier zeigt.
Er verkündet in weisen Märchen und Fabeln das Wahre
und in spielendem Ernst lehrt er vernünftig zu sein.
Weg mit den rauhen Geboten! Der Samier aber
bietet des Märchens Reiz, das wie ein Köder uns lockt.
I. Mythen und Märchen
Inhaltsverzeichnis
1. Die Erde als Mutter und Stiefmutter
... Der Gärtner sprach zu Xanthos: »Bitte, Herr, ich habe eine Belehrung von dir nötig.« »Sprich!«, sagte der Philosoph. Und der Gärtner sprach: »Meister, wie kommt es, daß mein Gemüse, das gut gehackt und gewässert wird, so langsam gedeiht, das aber, was wild wächst und nicht betreut wird, so schnell?« Xanthos hörte dies tiefphilosophische Problem an, fand aber durchaus keine Lösung. Daher sagte er: »Das bewirkt die göttliche Vorsehung.« Als das Äsop mitanhörte, mußte er lachen. Da fragte ihn Xanthos: »Lachst oder verlachst du?« »Ich verlache«, sagte jener, »aber nicht dich, sondern deinen Lehrer. Denn die Weisen sind gerade dazu da, um das Walten der göttlichen Vorsehung zu erklären. Versprich mir die Freiheit, und ich werde das Problem lösen.« Da sagte Xanthos zu dem Gärtner: »Du Witzbold, es schickt sich nicht für mich, der in so vielen Hörsälen disputiert hat, nun hier in den Gärten Rätsel zu lösen. Aber mir folgt hier ein gut bewanderter Sklave. Lege diesem das Problem vor, und er wird es lösen.« Da sagte der Gärtner: »Was? Dieser Mistfink soll die Wissenschaft beherrschen? Wehe mir über mein Pech!« Und zu Äsop sagte er: »Nun wohl, zeig' an, ob du die Sache verstehst!«
Äsop sagte: »Du willst also folgendes wissen: Warum gedeihen die wilden Pflanzen rascher und besser als die, die du in die Erde pflanzst und sorgsam betreust? Nun höre, das ist genau wie bei einer Frau, die eine zweite Ehe eingeht und bereits Kinder aus erster Ehe hat. Wenn nun auch der Mann Kinder aus erster Ehe hat, so zeigt sich die Frau als Mutter gegenüber den Kindern, die sie mitbringt, und als Stiefmutter gegenüber den Kindern, die sie vorfindet. Diejenigen, die sie selbst geboren hat, zieht sie liebevoll groß. Die aber, die fremden Wehen entstammen, haßt sie. Deshalb ist sie mißgünstig gegen sie, beschneidet ihnen die Nahrung und teilt den eigenen mehr zu. Denn die eigenen liebt sie als Gaben der Natur, die des Mannes aber haßt sie, weil sie der Menschensatzung entstammen. Ebenso ist die Natur die Mutter der Pflanzen, die von selbst wachsen, aber die Stiefmutter derer, die von dir gesetzt werden. Deshalb hegt und pflegt sie die eigenen besser als die von dir betreuten. Denn diese sind Stiefkinder für sie.«
Als der Gärtner das gehört hatte, sagte er: »Glaube mir, du hast mich von einem schweren Kummer befreit. Nimm dies Gemüse als Geschenk. Und wenn du wieder etwas brauchst, komm in diesen Garten, als ob er dein eigener wäre.«
2. Die Erde und das Meer
Als der Fabulist Äsop einst gerade Muße hatte, ging er auf einen Werftplatz. Sofort machten sich die Schiffbauer an ihn, verspotteten ihn und forderten ihn auf, ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen. Da sprach Äsop: »Erst war nur das Chaos und die Gewässer. Zeus wollte aber auch das trockene Element zu seinem Rechte kommen lassen und forderte die Erde auf, zu dreien Malen das Wasser in sich einzuschlürfen. Die Erde tat so, und beim erstenmal erschienen die Berge, beim zweitenmal auch die Ebenen. Wenn sie aber zum drittenmal ansetzt und das Wasser gänzlich einschlürft, so wird eure Kunst unnütz sein.«
3. Des Mondes Kleid
... den Toren aber will ich ein Märchen mitteilen, das einmal meine Tochter ihrem Bruder erzählte.
Der Mond bat einst seine Mutter: »Webe mir doch ein passendes Kleid!« Sie antwortete: »Wie soll ich das anfangen? Bald bist du kugelrund, bald halbrund und bald sichelförmig!«
4. Die Tränensaat
Auch Folgendes sagt Äsop: Prometheus rührte den Lehm, aus dem er den Menschen schuf, nicht mit Wasser an, sondern mit Tränen.
Daher darf man auch nicht versuchen, Freude und Trauer auszutreiben; das wäre auch unmöglich. Denn die Gottheit mischte sie nicht dem Menschen bei, um ihm Schimpf und Schande anzutun, sondern sie verwebte sie mit ihm und baute sie in ihn ein, um dem Menschengeschlecht Dauer und Rettung zu verleihen.
5. Das Tier im Menschen
Auf Zeus' Befehl schuf Prometheus Menschen und Tiere. Als aber Zeus sah, daß der Tiere weit mehr waren als der Menschen, befahl er ihm, aus den Tieren einige zu Menschen umzuformen. Prometheus tat das, und so kommt es, daß mancher eine menschliche Gestalt hat, aber eine tierische Seele.
6. Momos als Kritiker
Zeus hatte den Stier geschaffen, Prometheus den Menschen und Athene das Haus, und nun verlangten sie von Momos sein Urteil. Der aber war neidisch auf die Schöpfungen der andern und sagte: »Ihr habt es alle versehen. Zeus hätte dem Stier die Augen an die Hörner setzen sollen, damit er auch sieht, wohin er stößt. Prometheus hätte das Innere des Menschen nach außen kehren sollen, damit die Schurken nicht die anderen betrügen könnten. Schließlich hätte Athene das Haus auf Räder stellen sollen, damit einer rasch umziehen könnte, wenn er einen schlechten Nachbar hat.« Da ergrimmte Zeus über den hämischen Spötter und warf ihn aus dem Olymp.
7. Die zwei Ranzen
Prometheus zählte zu den alten Urgöttern. Der schuf aus Erde als den Herrn der Tierwelt den Menschen. Diesem aber, heißt es, hing er zwei Ranzen über, die vollauf gefüllt sind mit allen Fehlern, die dem Menschen anhaften. Vorn hängt der Ranzen, der der lieben Mitwelt Gebrechen anzeigt. Aber größer hängt hinten der Sack der eigenen Fehler. Daher kommt es, daß wir bei andern jeden Mißstand scharf sehen und für die eignen Fehler völlig blind scheinen.
8. Zeus' Strafgericht
Dem Hermes gab einst Vater Zeus den Auftrag, auf Schiefertafeln ihm der ganzen Menschheit gesamte Sünden sorgsam aufzuzeichnen. Dann hieß die Tafeln er in eine Holztruhe ihn werfen, die bei seinem Götterthron stand, damit er über jeden das Gericht spreche. Doch weil dabei die Tafeln in der Holztruhe bunt durcheinander fielen, kommt zum Urteil die früher, jene später in des Zeus' Hände. So darf darüber man sich auch nicht aufhalten, wenn oft ein Frevler spät erst sein Gericht findet.
9. Die Hoffnung als Trösterin
Zeus schloß die Güter alle in ein Faß ein, tat einen Deckel drauf und gab's dem Urmenschen. Doch diesen plagte unbeherrscht die Neugier, was wohl da drin sei, und den Deckel abhebend ließ er zum Göttersaal die Güter aufsteigen, die dort nun schweben und der Erde fernbleiben. Allein die Hoffnung, rasch den Deckel zuwerfend, gelang es ihm zu fangen. Daher blieb die allein noch bei uns und verspricht uns immer ein andres von den Gütern, die davonflogen.
10. Pferd / Rind / Hund und Mensch
Als Zeus den Menschen schuf, gab er ihm nur kurze Lebenszeit. Der aber brauchte seinen Verstand, und als der Winter herannahte, baute er sich ein stattliches Gehöfte. Wie es nun einmal sehr kalt wurde und Zeus den Regen vom Himmel herabgoß, konnte das Pferd es im Freien nicht mehr aushalten. So kam es denn im Galopp zu des Menschen Behausung heran und bat um Aufnahme. Der sagte: »Ich will dich aufnehmen, aber unter der Bedingung, daß du mir einen Teil deiner Lebensjahre abtrittst.« Das Pferd war es zufrieden und erhielt Stallung und Futter. Kurz darauf kam das Rind und noch später der Hund, und mit beiden schloß der Mensch den gleichen Vertrag. So kommt's, daß der Mensch, solange er in den Jahren steht, die ihm Zeus selbst verliehen hat, unverdorben und gut ist. In den Jahren aber, die er vom Roß hat, ist er hochmütig und üppig; in denen, die er vom Rind hat, ist er ein gewaltiger Schaffer und in denen, die ihm der Hund abtrat, mürrisch und bissig.
11. Die fromme Haubenlerche
Schulbildung fehlt dir und Weltweisheit und du hast den Äsop nicht gebüffelt. Der erzählt, wie bekannt, eine Lerche sei der erste der Vögel gewesen, eh' die Erde noch war. Einer Krankheit sei dann der Vater der Lerche erlegen. Der lag fünf Tage nun aufgebahrt – noch nicht war Erde vorhanden. Dann habe die Lerche in äußerster Not ihn im eigenen Kopfe begraben.
12. Die Fledermaus, der Tauchervogel und der Dornstrauch
Die Fledermaus, der Tauchervogel und der Dornstrauch waren ursprünglich Menschen und gründeten zusammen eine Handelsgesellschaft. Der erste nahm Geld auf gegen hohe Zinsen, der zweite steuerte eine Menge Kupfer bei und der letzte einen ansehnlichen Posten Kleider. Damit rüsteten sie ein Schiff aus und fuhren los. Aber als sie auf der hohen See waren, erhob sich ein gewaltiger Sturm, und das Schiff kenterte. Sie verloren all ihr Hab und Gut und retteten sich nur mit Mühe an den Strand. Die Götter aber hatten Mitleid mit ihrer Verzweiflung und verwandelten den ersten in eine Fledermaus, den zweiten in einen Tauchervogel und den letzten in einen Dornstrauch. Seit der Zeit taucht am Strande der Tauchervogel unablässig in die Tiefe in der Hoffnung, endlich einmal sein Kupfer wiederzufinden. Die Fledermaus hat Angst vor ihren Gläubigern; deshalb ist sie tags unsichtbar und geht nur in der Dunkelheit nach Nahrung aus. Der Dornstrauch aber hält alle Vorübergehenden an den Kleidern fest, um zu sehen, ob er nicht sein Eigentum wiedererkennt.
13. Der Kuckuck
Der Kuckuck fragte einst, so berichtet Äsop, die kleinen Vögel: »Warum flieht ihr vor mir?« Die antworteten: »O, wir wissen wohl: wenn du groß geworden bist, bist du ein Habicht.«
14. Der Zaunkönig
Stolz stieg der Adler, so erzählt Äsop, in die Lüfte; aber auf seiner Schulter ließ sich der Zaunkönig in die Höhe tragen. Dann schoß er plötzlich hervor und triumphierte: »Ich fliege doch besser als du und verdiene es, König der Vögel zu heißen.«
Das ist verkehrt gedacht (fügt Plutarch hinzu). Man darf nicht großen Männern ihren Ruhm entreißen wollen, sondern muß danach streben, daß sie uns aus freundschaftlichem Wohlwollen Ruhm und Ehre zuerteilen. Denn, wie Platon sagt, wer nicht richtig gedient hat, kann auch nicht richtig herrschen.
15. Wunsch und Bescheidung
Wenn die Natur nach meinem Sinn der Menschen Art geschaffen hätte, stünden wir weit besser da. Denn was mildtätig die Natur den Tieren gab an Kräften, wäre alles unser Erbteil jetzt: des Elefanten Riesenkraft, des Löwen Mut, der Krähe Alter wie des finstern Stieres Trotz und auch des schnellen Pferdes sanfter Sinn. Jedoch der Mensch besäße zu dem allem den Verstand. Vermutlich lächelt hoch im Himmel Jupiter, weil er den Menschen klugen Sinnes dies versagt: wir hätten ihm das Szepter dieser Welt geraubt! Doch unbezwinglich ist die Macht des Jupiter. Drum laßt, zufrieden mit der Gottheit Gaben, uns durchmessen die uns vom Geschick geschenkte Zeit, nicht mehr begehrend als was Menschenart vermag.
II. Tierfabeln
Inhaltsverzeichnis
16. Gewalt geht vor Recht
Nunmehr sag' ich ein Gleichnis den Fürsten – sie deuten es selbst wohl.
So zur Nachtigall sprach, der tönereichen, der Habicht,
die er hoch zu den Wolken entführt in den gierigen Klauen.
Jämmerlich klagte die Arme, zerfleischt von gebogenen Krallen,
aber in herrischem Tone entgegnet der Starke ihr also:
»Törin, was jammerst du doch? Ein Stärkerer ist's, der dich fortträgt.
Du wirst gehen, wohin ich dich führe – so schön du auch singest.
Lüstet es mich, so wirst du mein Mahl, sonst magst du entrinnen.«
Also sagte der hurtige Vogel mit mächtigen Schwingen.
17. Durch eigene Schuld
Von Libyens Fabeln ist dies die berühmteste:
Den Adler traf der schlank gespitzte Todespfeil. Verwundert sah er des Geschosses Federung und sprach: »So fing mich keiner andern Federn Kraft, nein, meiner eignen.«
18. Bestrafter Treubruch
Adler und Fuchs machten Freundschaft und beschlossen auch, nahe beieinander zu wohnen. Denn das, glaubten sie, würde die Freundschaft nur stärken. Der Adler baute nun sein Nest in den Wipfeln eines hohen Baumes, und der Fuchs schuf seinen Jungen ein Lager unter einem nahegelegenen Busche. Als aber der Fuchs einst jagen gegangen war, fehlte es dem Adler an Nahrung für seine Jungen. Da schoß er denn herab in den Busch, raubte die kleinen Füchslein, und er und seine Jungen verzehrten sie. Der Fuchs kam heim und sah, was vorgefallen war. Mehr noch als der Tod seiner Jungen schmerzte es ihn, daß er sich nicht rächen konnte. Denn wie sollte er, der Erdbewohner, den Vogel verfolgen? So tat er denn das, was auch den Schwachen möglich ist: er stand von ferne und verfluchte seinen Feind. – Aber nicht lange darauf sollte der Adler dafür büßen, daß er die Freundschaft verraten hatte. Landleute opferten nämlich auf dem Felde eine Ziege. Da flog der Adler herbei und raubte vom Altar ein Stück des Opfertiers, ohne zu bemerken, daß er auch ein glühendes Holzscheit mitschleppte. Als er die Beute in sein Nest geworfen hatte, sprang ein frischer Wind auf, und bald stand das Nest, das aus dürrem Reisig gebaut war, in hellen Flammen. Die jungen Adler aber, die noch nicht flügge waren, fielen halb verbrannt zu Boden. Da eilte der Fuchs herbei und fraß sie alle auf vor den Augen des Adlers.
18 a.
Ein Märchen ist bei uns im Schwang,
wie sich der Adler und der Fuchs zum Freundschaftsbund zusammenfanden
…
und treulos raubte sie der Aar
und setzte sie seinen Jungen vor als grauses Mahl
(aus der Hohnrede des Adlers)
schau hin, wo jene hohe Klippe ragt,
so schroff und so unnahbar steil –
dort hause ich und achte deiner Fehde nicht.
…
reg' drum auch schnelle Flügel du
und schwing zu dieser Klippe dich hinauf!
…
(Gebet des Fuchses)
Zeus, Vater Zeus, du herrschest in des Himmels Höh'n
und siehst von dort der Menschen Tun,
so Recht wie Unrecht. Auch der Tiere waltest du,
der Frevler wie der Frommen ...
19. Die Rache des Schwachen
Als Äsop von den Delphern zum Richtplatz geführt wurde, sprach er zu ihnen: »Höret mich, Brüder aus Delphi!
Ein Adler verfolgte einst einen Hasen. Da dieser sonst nirgendwo einen Helfer sah, wandte er sich schutzflehend an einen Mistkäfer. Dieser sprach ihm Mut ein und bat den Adler, er möge ihn nicht seiner Kleinheit wegen verachten. Er beschwor ihn beim großen Zeus, das Schutzrecht zu ehren. Der Adler aber wurde zornig, warf den Mistkäfer mit einem Flügelschlag beiseite, raubte den Hasen und verzehrte ihn. Der Mistkäfer aber verkroch sich in das Gefieder des Adlers und ließ sich von diesem zu dessen Nest tragen. Dann kroch er hinein und wälzte die Eier des Adlers über den Rand des Nestes, so daß sie zur Erde fielen und zerbrachen. Der Adler aber nahm sich den Verlust seiner Brut zu Herzen und brütete das nächstemal an einem höher gelegenen Platz. Aber auch dorthin flog ihm der Mistkäfer nach und zerstörte wiederum die Brut. Nun war der Adler ratlos, flog hinauf zu Zeus und flehte den an: »Schon zum zweitenmal bin ich meiner Brut beraubt worden. Nun vertraue ich sie dir an, damit du sie bewachst.« Sprach's und legte seine Eier auf die Knie des Zeus. Der Mistkäfer aber ballte eine Kugel aus Mist, flog in die Höhe und ließ sie auf das Antlitz des Zeus niederfallen. Zeus sprang auf, um den Schmutz abzuschütteln, und dachte dabei nicht an die Eier des Adlers. So fielen diese zur Erde und zerbrachen. Dann aber erzählte der Mistkäfer dem Zeus, wie der Adler gefrevelt habe und wie er sich vergebens bemüht habe, ihn daran zu hindern. »Und er hat nicht allein gegen mich gefrevelt«, fuhr er fort, »sondern auch gegen dich. Denn obgleich ich ihn bei dir beschwor, tötete er den Schutzflehenden. Ich aber werde nicht ruhn, bis ich sein ganzes Geschlecht ausgerottet habe.« Da ergrimmte Zeus gegen den Adler und sprach zu ihm: »Mit Recht hast du deine Kinder verloren. Das ist die Rache des Mistkäfers.« Weil er aber doch nicht wollte, daß das Geschlecht der Adler aussterbe, riet er dem Mistkäfer, sich mit dem Adler zu versöhnen. Da der aber das hartnäckig verweigerte, verlegte er die Brutzeit des Adlers in die Monate, wo die Mistkäfer nicht schwärmen.
Mißachtet auch ihr, Männer von Delphi, nicht den Gott, in dessen Heiligtum ich mich geflüchtet habe, wenn es auch klein ist. Denn, wenn ihr gegen ihn frevelt, wird er es nicht ungeahndet lassen.«
20. Der Adler, die Katze und das Wildschwein
Hoch in der Eiche Wipfel war des Adlers Nest, des Stammes hohle Mitte barg der Katze Brut, und an den Wurzeln hegt die Wildsau ihre Zucht. Doch bald zerstört der ränkevollen Katze Trug, was so der Zufall nachbarlich zusammenführt. Sie steigt zum Nest des Adlers auf und spricht zu ihm: »Verderben droht dir und vielleicht mir Armen auch. Das schlimme Wildschwein wühlt den Grund auf Tag für Tag: es will die Eiche fällen und dann unsre Brut vernichten, wenn sie mit dem Stamm am Boden liegt.« Nachdem sie so des Adlers Sinn durch Angst verwirrt, steigt zu der borstigen Wildsau Lager sie herab. »Gar sehr gefährdet«, spricht sie, »scheint mir deine Zucht. Der Adler will die kleinen Ferkel rauben dir, sobald du mit den großen auf die Weide gehst.« Nachdem sie hier auch Furcht und Schrecken ausgestreut, verschließt sie listig sich in ihrem sichern Bau. Nachts klettert heimlich sie herab mit leisem Fuß und schafft für sich und ihre Jungen Nahrung bei, tags schaut sie ängstlich bald hinauf und bald herab. Der Aar verläßt den Baum nicht, der zu fallen droht, das Schwein sein Loch nicht, weil ihm vor dem Räuber bangt. Kurz, sie verhungern beide dort mit ihrer Brut, den Kätzlein aber boten sie ein leckeres Mahl.
Was oft ein doppelzüngiger Mensch für Unheil schafft,
kannst, blöde Torheit, du aus diesem Beispiel sehn.
21. Hirschherz
Krank lag der alte Löwe in der Felshöhle, die matten Glieder auf dem Boden ausstreckend, und nur das Füchslein war bei ihm, sein Liebling. Zu diesem sprach er: »Willst du mich vom Tod retten? Ich hungre nach dem Hirsche, der im Walddickicht dort unter jener finstren Tannen Schirm haust. Zur Hirschjagd fehlt es leider jetzt an Kraft mir, doch, wenn du willst, wird er mir in die Hand fallen, da deiner Reden Honigseim ihn leicht ködert.« Der Schlaukopf ging. Er fand den Hirsch am Tanndickicht, wo er auf fetter Wiese froh umhersprang. Er warf sich vor ihm nieder, bot den Gruß ihm und sagte, daß er ihm ein großes Glück bringe. »Du weißt, der Löwe«, sprach er, »ist mein Nachbar, doch geht's ihm schlecht: er wird wohl bald ins Gras beißen. Nun fragte er mich jüngst, wer wohl sein Nachfolger im Tierreich würde. Ja, das Schwein ist stumpfsinnig, der Bär ist lahm, der Panther gar zu jähzornig, der Tiger ist ein Prahlhans und Herumtreiber. ›Der Herrschaft‹, sprach er, ›scheint mir nur der Hirsch würdig. Er ist von Ansehn prächtig, und er lebt lange. Auch sein Geweih ist aller Kreatur Schrecken, gleicht einem Baume, nicht den stumpfen Stierhörnern.‹ Was schwatz' ich viel? Mit einem Wort: dich wählt er, und herrschen wirst du ob des Waldes Tierscharen. Dann magst du, Herr, auch einmal an den Fuchs denken, der dir als erster diese Botschaft ansagte. Nur deshalb kam ich, Liebster. Doch leb wohl nun, ich eile, daß der Löwe nicht umsonst sich nach mir nun umsieht. Bin ich doch sein Ratgeber in allen Dingen! Und so wirst auch du's halten, so hoff' ich, wenn du dieses graue Haupt ehrst. Doch höre jetzt schon: Wäre es nicht ratsam, du gingst zum Löwen mit und sprächst ihm Trost ein in seinem Elend? Gar Geringes gibt oft im letzten schweren Augenblick den Ausschlag. Die Seele liest man in dem Aug' der Todkranken!« So sprach der Schlaukopf. Und durch seine Trugworte ließ sich der Hirsch betören. Ohne Argwohn ging mit er in des Ungeheuers Felshöhle. Doch allzu jäh vom Lager auf ihn einspringend, zerriß der Leu dem Hirschen nur den Ohrzipfel, vor Eifer blind. In toller Flucht hinausstürzend, eilt jener zitternd in das tiefste Walddickicht, indes die Hände schmerzlich übers Haupt schlagend das Füchslein laut um die verlorene Müh klagte. Der Leu lag ächzend und in seinen Bart knirschend, da ihn der Hunger wie der Ärger gleich plagte, bis er sich bittend wieder an den Fuchs wandte, daß eine neue Jagdlist er ihm aussänne. Der sprach, im tiefsten Herzensgrunde Rat suchend: »Ich will's versuchen, wenn's auch noch so schwer scheint.« Auf neue Künste nun und neue List sinnend, folgt' er der Fährte wie ein kluger Schweißhund und fragte jeden Hirten, den er antraf, ob nicht bei ihm ein blutiger Hirsch vorbeifloh. Und wer drum wußte, gab ihm auch den Weg an. So fand er schließlich denn den Hirsch im Walddunkel, wie er vom Rennen ruhte; und mit Keckheit an Aug' und Stirn gewappnet, trat er vor ihn. Ein Schauer fuhr durch Mark und Bein dem Hirsch erst, doch ließ die Galle bald ihn also losbrechen: »Diesmal, du Scheusal, soll's dir wenig Glück bringen, wenn du herankommst und nur einen Mucks wagst. Bei andern Toren magst du künftig fuchsschwänzen, mit Königtum sie ködern und wie mich krönen.« Doch unverzagt begann nun ihm ins Wort fallend der Fuchs: »So mutlos bist du und so unedel? Wie kann man auf die Freunde so Verdacht werfen! Es wollte dir der Löwe einen Rat geben, um dich zu wecken aus der frühern Schlaffheit. Er faßte dich am Ohre, wie den Sohn wohl am Totenbett der treue Vater anfaßt. Doch du ertrugst nicht einer kranken Hand Zupfen und wurdest wund erst, als du selbst dich losrissest. Und nun tobt jener gar noch mehr als du selbst, da du so sinnlos ängstlich seist und mißtrauisch. Den Wolf, so sagt er, will er nun zum Herrn machen. O weh, des schlimmen Königs! – Was soll ich tun? An unser aller Elend trägst nun du Schuld! Doch komm und zeige endlich, daß du Mut hast! Erschrick nicht wie das Lämmchen aus der Schafherde! Bei allen Blättern schwör' ich, allen Bergwassern, so wahr, als ich nur dich allein zum Herrn wünsche, so wahr liebt dich der Löwe, und aus Wohlwollen will er dich jetzt zu aller Tiere Herrn machen.«
Also beschwatzte schmeichelnd er den Hornträger, daß er sich nochmals in des Grabes Tor wagte. Doch als er dort nun an die Wand gedrängt war, da hielt der Löwe schmatzend einen Festschmaus, das Fleisch verschlingend, der Gebeine Mark schlürfend und die Gedärme kauend. Doch umsonst hungernd stand neben ihm sein Treiber. Nur das Hirschherz verschlang er heimlich, da es nebenaus fiel, als kargen Lohn für alle seine Mühsal. Jedoch der Leu, die Eingeweide nachzählend, bemerkte, daß von allem noch das Herz fehle, und sucht's im Lager, sucht's im ganzen Wohnraum. Da bringt der Fuchs ihn von der wahren Spur ab: »Der hatte gar keins – suche nicht umsonst nach! Wie sollte der ein Herz auch haben, der sich zweimal in eines Löwen Bau hineinwagt?«
22. Der Fuchs vor der Löwenhöhle
Der Löwe, den das Greisenalter schlaff machte, so daß zum Jagen nunmehr ihm die Kraft fehlte, lag wie ein Kranker in der tiefen Felsgrotte. Er schnaufte sehr, als ob es ihm recht schlecht ginge, und zwang die mächtige Stimme leis zu lispeln. Die Botschaft drang zu aller Tiere Wildlager, und alle schmerzt' es, daß der König krank wäre. Ein jeder eilte, daß er ihm Besuch mache, und einzeln, wie sie kamen, fraß der Leu sie, so daß es trotz des Alters ihm recht gut ging. Am Eingang aber blieb der schlaue Fuchs stehn, der ihn durchschaute und begann: »Wie geht's dir, o König?« »Sei willkommen, du mein Liebling, vor allen Tieren!« sprach der, »tritt herein doch! Was stehst du ferne? Komm, mit klugem Scherzwort mich aufzuheitern, Süßer, da der Tod naht.«
»O mögest du genesen! Doch verzeih mir, wenn ich verschwinde«, sprach der Fuchs, »mich hält fern die große Menge mannigfacher Tierspuren. O zeige mir doch eine, die heraus führt!«
23. Der törichte Bock
Ein Fuchs fiel in einen tiefen Brunnen und wußte nicht, wie er wieder herauskommen sollte. Da kam ein durstiger Ziegenbock auch zum Brunnen, sah den Fuchs und fragte ihn, ob das Wasser gut sei. Der aber verhehlte sein Mißgeschick und sagte: »O, das Wasser ist ausgezeichnet, klar und wohlschmeckend, komm nur auch herunter!« Da sprang der Bock, ohne sich zu besinnen, hinab. Als er nun seinen Durst gelöscht hatte, fragte er den Fuchs: »Wie wollen wir aber wieder herauskommen?« Da sagte der Fuchs: »O, das werde ich schon machen. Stelle dich auf deine Hinterbeine, stemme die Vorderbeine gegen die Wand und mache deinen Hals lang. Dann werde ich über deinen Rücken und deine Hörner auf den Rand des Brunnens klettern und auch dir heraushelfen.« Der Bock tat, wie ihm befohlen war, streckte sich aus, und der Fuchs kletterte auf seine Hörner und sprang von dort mit einem gewaltigen Satz auf den Brunnenrand. Dort blieb er, tanzte vor Freuden und verhöhnte den Bock. Der aber machte ihm Vorwürfe, daß er den Vertrag nicht eingehalten hätte. Da sagte der Fuchs: »O Bock, wenn du soviel Gedanken im Kopfe hättest, wie Haare im Bart, so wärst du nicht hinuntergestiegen, ohne vorher zu untersuchen, wie du wieder herauskönntest.«
24. Bestrafte Rachsucht
In Sizilien strebte Gelon danach, Tyrann von Himera zu werden. Daher zog er in der Volksversammlung gegen den Adel los und schmeichelte der Menge. Das Volk gewann ihn lieb, und als er den Antrag stellte, ihm (als Schutz gegen den Adel) eine Leibwache zu geben, war es bereit diese zu bewilligen. Der Dichter Stesichoros aber durchschaute ihn. Daher trat er in der Volksversammlung auf und erzählte den Bürgern als Vorbild der drohenden Gefahr folgende Fabel.
Das Pferd lebte frei auf einer herrlichen Weide, die von einem klaren Bach durchrieselt war. Da kam der Hirsch aus dem Wald dahergestürmt, zertrat das Gras und trübte das Wasser. Das Pferd wollte sich an dem Übeltäter rächen. Da es aber an Schnelligkeit dem Hirsch nicht gewachsen war, rief es den Jäger zu Hilfe. Der sagte: »Ja, ich verspreche dir, deinen Feind abzuwehren. Aber du mußt mir gestatten, dir einen Zaum ins Maul zu legen und deinen Rücken zu besteigen.« Das Pferd war's zufrieden und der Jäger nahm seine Spieße in die Hand und bestieg das Pferd. Bald lag der Hirsch vom Wurfspieß des Jägers durchbohrt am Boden – zu spät aber erkannte das Pferd, daß es der Sklave des Jägers geworden war.
»Dies«, fuhr Stesichoros fort, »befürchte auch ich für euch. Jetzt seid ihr noch ein freies Volk und werdet durch Gelon eure Feinde überwinden. Bald aber werdet ihr Gelons Sklaven sein, denn jede Macht dient dem Empfänger gegen den Geber, wenn man sie nicht ebenso zurücknehmen kann, wie man sie gab.
25. Die Blutegel
In Samos war in der Volksversammlung ein Demagoge auf den Tod angeklagt. Da erhob sich Äsop und sagte: »Männer von Samos, laßt mich euch eine Fabel erzählen. Einst wollte ein Fuchs einen Fluß überschreiten. Aber die Strömung trieb ihn ab, und er geriet in eine Felsspalte, wo er festgeklemmt wurde. Sofort stürzten sich von allen Seiten die Hundsläuse auf ihn und plagten ihn grimmig. Da strich ein Igel vorbei und fragte ihn mitleidig, ob er die Hundsläuse ablesen solle. Der Fuchs sagte: »Nein!« »Aber warum denn nicht?« sagte der Igel. »Die sind schon vollgesogen«, sagte der Fuchs, »und zapfen mir nur noch wenig Blut ab. Wenn du aber diese wegnimmst, werden andre kommen, die noch hungrig sind, und die werden auch noch den Rest meines Blutes trinken.«
So wird auch dieser Mann, Männer von Samos, euch nur noch wenig schädigen, denn er ist bereits reich. Tötet ihr ihn aber, so werden andere kommen, die noch nicht reich sind, und werden euch ausplündern, indem sie den Gemeindebesitz stehlen.«
26. ... »sich nach Schnauz und Schnabel richten!«
Wenn Philosophen sich bei einem fröhlichen Trinkgelage plötzlich in die dialektische Erörterung schwieriger Probleme vertiefen, so ärgern sie die andern, die nicht mitkommen können. Wenn diese dann aber anfangen, wertlose Geschichten und derbe Witze zu erzählen und öde Schlager anstimmen, so hat das Symposion seinen Sinn verloren, und Dionysos wendet sich gekränkt ab. Diese Leute benehmen sich wie Fuchs und Kranich bei Äsop.
Einst lud der Fuchs den Kranich zum Mahle. Als dieser erschien, setzte er ihm in einer flachen Schüssel einen fetten Brei vor und hieß ihn den schmausen. Aber der ölige Brei rann dem Kranich aus seinem spitzen Schnabel wieder in die Schüssel, ehe er ihn schlucken konnte. So bekam der Kranich nicht nur keine Mahlzeit, sondern machte sich auch noch lächerlich. Aber er zahlte es dem Fuchs heim, indem er auch ihn zu Gaste lud. Als der erschien, setzte er ihm eine Flasche mit einem langen und schmalen Hals vor, auf deren Grund verlockende Speisen lagen. Der Kranich selbst steckte seinen dünnen Schnabel durch den Hals der Flasche und schmauste vergnüglich. Aber der Fuchs konnte nicht an die Herrlichkeiten heran und erhielt so die verdiente Gegengabe.
27. Der gefräßige Fuchs
Ein Buchbaum zeigt' am Fuße eine Höhlung. In der lag eines Hirten alter Schnappsack, gefüllt mit trocknem Brote und mit Fleischstücken. Den sah ein Fuchs, und in die Höhle eindringend fraß er ihn leer. Natürlich schwoll sein Bauch an, daß aus dem engen Loch er nicht herauskonnte. Er klagte laut, so daß ein anderer Fuchs kam, der spottend sprach: »Nun halte hier nur Fasttage. Denn bis dein Bauch so dünn nicht wie beim Einsteigen geworden ist, wirst du nicht mehr herauskommen.«
28. Bestrafte Habgier
Ein Hund, der ein Stück Fleisch im Maul trug, überschritt einen Fluß. Dabei sah er seinen Schatten im Wasser und meinte, das sei ein andrer Hund, der ein größeres Stück Fleisch habe. Sofort ließ er das eigene fahren und fuhr auf das Spiegelbild los, um das Fleisch zu rauben. Aber dabei kam nur heraus, daß er beides verlor, das fremde Fleisch, weil es überhaupt nicht da war, und das eigene, weil es vom Wasser weggetrieben war.
29. Der überlistete Esel
Ein Händler ließ seinen Esel schwere Säcke voll Salz von der Küste ins Land tragen. Als der Esel dabei einen Fluß durchschreiten mußte, glitt er aus und fiel ins Wasser. Wie er sich wieder aufrichtete, merkte er, daß die Last viel leichter geworden war, denn ein gut Teil des Salzes war weggeschmolzen. »Halt!« dachte der Esel, »das will ich mir merken!« Und als sie das nächstemal wieder an den Fluß kamen, fiel er freiwillig hinein. Aber nicht lange sollte er sich seiner Schlauheit erfreuen, denn der Händler wußte ihn zu überlisten. Wieder trug der Esel seine Säcke, und wieder fiel er in den Fluß. Als er sich aber wieder aufrichten wollte, merkte er, daß die Last viel schwerer geworden war. Der Händler hatte nämlich statt Salz Schwämme in die Säcke getan, und diese hatten sich mit Wasser vollgesogen. Mit Mühe und Not arbeitete sich der Esel wieder ans Land, und von da an trug er die Salzsäcke ohne Widerstreben.
30. Der Esel in der Löwenhaut
In Kyme hüllte sich ein Esel in eine Löwenhaut und begann die Rolle des Löwen zu spielen. Er brüllte die Leute von Kyme, die von Löwen nichts wußten, fürchterlich an, so daß sie auf den Tod erschraken. Aber da kam ein Fremder, der mit Löwen Bescheid wußte. Der verprügelte den Unhold gründlich und zeigte den Kymäern, daß es eben nur ein Esel war.
31. Die ersten Herren die besten
Ein Esel diente bei einem Gärtner, wo es viel zu schleppen gab, aber wenig zu essen. Er flehte also zu Zeus, er solle ihn von dem Gärtner befreien und einem andern Herrn überweisen. Zeus schickte den Hermes zu dem Gärtner und befahl ihm, den Esel an einen Töpfer zu verkaufen. Bei dem aber mußte der Esel noch viel schlimmere Lasten tragen und wandte sich daher wieder an Zeus. Da bewirkte dieser, daß er ein letztesmal verkauft wurde, und zwar an einen Gerber. Als der Esel aber sah, was sein Herr für ein Handwerk betrieb, sagte er zu sich selbst: »O, hätte ich doch bei meinen früheren Herren Mühe und Hunger ertragen und wäre nie hierher gekommen. Denn hier werde ich auch nach dem Tode kein ehrliches Begräbnis finden.«
32. Eines schickt sich nicht für alle
Ein Herr besaß einen Esel und ein Malteser Schoßhündchen. Der Esel mußte schwere Lasten schleppen und stand sonst unbeachtet im Stall, mit dem Hündchen aber pflegte der Herr zu spielen. Wenn er einmal auswärts speiste, brachte er dem Hündchen etwas mit, das ihm fröhlich bellend entgegensprang und ihn umwedelte. Da packte den Esel der Neid, und auch er lief dem Herrn entgegen, wieherte fürchterlich und wollte den Herrn mit seinen Hufen liebkosen. Der aber rief den Dienern und befahl ihnen, den Esel zu verprügeln und an die Krippe zu binden.
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