Читать книгу: «Der Schattendoktor»
Adrian Plass
Der Schattendoktor
Roman
Aus dem Englischen von Christian Rendel

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-960-3
© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by
Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Originaltitel: The Shadow Doctor
First published by Hodder & Stoughton, London
Copyright © 2017 by Adrian Plass
Aus dem Englischen übersetzt von Christian Rendel
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia Stefan Körber
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
www.brendow-verlag.de
Dieses Buch, wahrscheinlich das schwierigste, das ich je geschrieben habe, ist meinen Freunden Liz, Ren und Chase gewidmet. Sie haben mich unterstützt und inspiriert.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Prolog
1. Flamme
2. Alice
3. Der Brief
4. Kontakt
5. Lernen, wie man fliegt
6. Das schwarze Pflaster
7. Das Frühstück
8. Paul
9. Tunbridge Wells
10. Fragen und Antworten
11. Die Frau, die dachte, sie würde explodieren
12. »The Wayfarer«
13. Lose Enden
14. Der Tausendfüßler
15. Das Rätsel der Zwiebel
16. Ein enttäuschter Sieger
17. Ein winziges Fleckchen Blau
18. Zurück in die Zukunft
19. Wenn man vom Teufel träumt
20. Die Geisel
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Prolog
Um zwei Uhr morgens trat der Mann aus seinem Haus und schloss sorgfältig die Tür hinter sich ab. Nachdem er sich ein paar Schritte weit entfernt hatte, blieb er stehen, steckte seine behandschuhten Hände in die Taschen und neigte seinen Oberkörper nach hinten, um zum klaren Nachthimmel emporzuschauen. Lauter Haufen winziger, explodierender Nadelspitzen bedeckten das Firmament. Die endlosen Reihen der Bäume, die das kleine Haus sorgsam bewachten, standen aufmerksam und dunkel da. Das Licht der Sterne schien sie nicht zu beeindrucken.
Mit einem leichten Frösteln setzte sich der Mann in Bewegung und ging rasch den Schräghang seines kleinen Gartens hinunter, über die holprige Rasenfläche, an dem nicht mehr bewohnten Hühnergehege und dem Gemüsebeet vorbei auf eine Lücke zwischen den Bäumen zu, wo ein schmaler Weg den Zugang zum verborgenen Herzen des Waldes gewährte. Kein Zögern. Er kannte jeden Grashalm auf diesem Weg. Er hatte keine Angst, sich zu verlaufen.
Das war es nicht, wovor er sich fürchtete.
Fünfzehn Minuten später machte er an einer Stelle halt, wo der Weg notgedrungen einen weiten Bogen um einen riesigen Kalksteinfelsen machen musste, dessen Form an eine Kröte erinnerte. Nach einem Schlag mit der flachen Hand auf die Oberfläche des Steins bog er an der Außenseite des Bogens ab und bahnte sich geduckt seinen zielsicheren Weg durch das Dickicht mehr oder weniger waagerechter Zweige, bis er einen anderen Weg erreichte, oder eher so etwas wie einen Trampelpfad. Er tastete sich behutsam ein Stück weiter und betrat schließlich eine nahezu kreisförmige Lichtung.
Der Mann stellte sich in die Mitte dieser kleinen freien Fläche, schlang die Arme um seinen Oberkörper und hob seinen Blick hinauf zu dem natürlichen Planetarium über seinem Kopf.
Eine Minute verstrich. In ihm rührte sich etwas und baute sich auf. Er begann am ganzen Leib zu zittern. Als der qualvolle Schrei endlich aus ihm herausbrach, prallte er gegen die seelenlos unerbittlichen Stämme der Bäume ringsum und zurück zu der einsamen Gestalt.
»Ich habe Angst! Es ist zu viel – ich schaffe das einfach nicht mehr!«
Es gab keine Antwort auf seinen verzweifelten Schrei. Geräusche gab es genug, aber keine, die an ihn gerichtet waren. Der Mann kannte die Stimmen des Waldes gut. Die flüsternde, ächzende Sprache der Bäume. Kleine Kreaturen, die in ihren eigenen kleinen Welten ihre Qual oder ihre Verzückung hinausschrien. Er bemerkte den gedämpften Flügelschlag einer Eule, die mit ihren gezackten Flügelkanten beinahe lautlos dahinglitt auf ihrer Jagd nach Kleintieren und Vögeln auf dem Waldboden. Er erkannte das laute, bauchrednerhafte Tschilpen des Ziegenmelkers, für ihn der mysteriöseste und faszinierendste Bewohner dieser Welt im Zwielicht. All diese Stimmen waren ihm vertraut. Er hatte keine Furcht vor ihnen, ebenso wenig wie vor der Dunkelheit.
Das war es nicht, wovor er sich fürchtete.
Sein Gespür für die gewöhnlichen Geräusche der Nacht war so fein, dass das Knacken eines Zweiges am Rand der Lichtung ihn überrascht herumfahren ließ. Kein Rätselraten. Er brauchte nicht zu überlegen, was für ein Gewicht nötig war, um genau so ein Geräusch hervorzubringen. Aber es war eine Störung. Es war ein Schock.
Es gab nur eine Person, die ihm in den Wald gefolgt sein konnte.
1. Flamme
Nach einer langen Fahrt aus dem Süden und einem geplatzten Termin war Jack Merton eines regnerischen Morgens in Ripon gestrandet, einem Taschenformatstädtchen in Yorkshire. Am Ende einer uneben gepflasterten Gasse, die sich von dem winzigen Stadtzentrum wegschlängelte, ragte plötzlich die Kathedrale St. Peter vor ihm auf. Er überquerte die Minster Road und drückte sich durch den Westeingang, um dem lästigen Dauernieselregen zu entrinnen. Friede legte sich auf ihn, als er das Kirchenschiff betrat. Es war eine Art heilsamer Schock. Viel mehr als nur der Unterschied, ob man im Regen oder im Trockenen war. Die Naht zwischen dem einen und dem anderen Zustand war unmöglich auszumachen. Es hatte etwas Magisches.
»Zauberhaft«, flüsterte er genießerisch vor sich hin.
Die Liebe zu englischen Kathedralen hatte Jack schon als kleiner Junge von seinem Vater beigebracht bekommen. Sie offenbarten Unzulänglichkeit durch Übermaß, hatte dieser immer gesagt. In dieser hier kam er sich vor, als stünde er im Innern einer riesigen Glocke, erfüllt von einem sanften, freundlichen Licht und einer Heerschar von Schatten in allen Grautönen, mühelos gemischt von hauchzart bis tiefdunkel. Nun nicht mehr gestrandet, sondern einfach anwesend, ließ sich Jack wie in einem Traum durch das Gebäude treiben, bis er auf ein kleines Alpenmassiv aus gusseisernen Kerzengestellen am Fuß einer Säule gegenüber der Südwand stieß.
Der bloße Anblick der Kerzen beunruhigte ihn ein wenig. Seit er mit sechzehn Jahren gläubig geworden war, hatte Jack sich bemüht, seinen Gebeten nicht durch derlei grobstoffliche Symbole eine greifbare Dimension zu geben, so verführerisch hypnotisch der Anblick und der Gedanke einer schmelzenden Flamme auch erscheinen mochten. In seinen Kreisen herrschte allgemeine Übereinstimmung, dass Spiritualität nur dann wirklich echt sein konnte, wenn sie sich abseits der Welt der »Dinge« abspielte. In letzter Zeit freilich war ihm die Widersprüchlichkeit dieses Denkens undeutlich bewusst geworden. In der Gemeinde, die er seit einigen Jahren besuchte, war zum Beispiel der Wein bei der Kommunion durch Kirschsaft ersetzt worden, aber soweit Jack sehen konnte, haftete den geweihten Elementen nach wie vor eine gesunde Gegenständlichkeit und Sichtbarkeit an.
In einem Anfall von Unabhängigkeit warf er nun eine Pfundmünze in den Schlitz unter den Gestellen, entnahm eines der ungebrauchten Teelichter aus einem danebenstehenden Karton und entzündete es vorsichtig an einer brennenden Kerze. Als der Docht aufflammte, entfuhr ihm ein jammervolles Schluchzen, das er sogleich als kleinen Hustenanfall tarnte.
Auf unerklärliche Weise fühlte sich das Schluchzen wie ein Gebet an. Unverschämterweise galt es ihm selbst. So bruchstückhaft und dennoch so aus tiefstem Herzen hatte er Gott noch nie angefleht. Einige Sekunden lang beobachtete er die brennende Kerze und genoss sie wie einen persönlichen Erfolg. Vielleicht würde sich ja, überlegte er, die kaum merkliche, aber unbestreitbar zufällige Bewegung der winzigen Flamme als Symbol der Befreiung erweisen – als Chance auf etwas Neues, wenn er nur den Mut hatte, danach zu greifen. Aber was konnte das bedeuten? Er hatte, jetzt und hier, nicht die leiseste Ahnung.
Vierzehn Tage später würde er den Brief seiner Großmutter öffnen und lesen. Er sollte sein Leben verändern.
2. Alice
Jacks Großmutter war drei Monate zuvor gestorben, wenige Tage vor ihrem neunzigsten Geburtstag. Die Pflegerin von Golden Hands, Barbara, die Alice werktags jeden Morgen beim Aufstehen half, hatte die alte Dame gefunden, das Gesicht auf den Händen ruhend, die Wangen so rosig und die Miene so friedlich wie eh und je. Barbara hatte ein paar Tränen vergossen. Die witzige, schlagfertige Alice war ihr sehr ans Herz gewachsen. Schwer zu akzeptieren, dass sie in dieser Welt nie wieder erwachen würde.
Jack hatte seine Oma immer geliebt und geschätzt. Sie vergötterte ihn und erzählte mit Vorliebe herum, ihr Enkel sei ein gutaussehender junger Mann mit einem Schuljungenschädel und bezaubernden Lächeln, den man ohne Weiteres mit dem Schauspieler Matt Damon verwechseln könnte. Sie war ein helles, nie verlöschendes Licht in den dunkleren Korridoren in Jacks Leben, besonders seit er nach dem Tod seines Vaters allein auf der Welt zurückgeblieben war. Wann immer sie ihn sah, war sie außer sich vor Freude, immer war sie freundlich, immer großzügig. Gut unterhalten konnte man sich mit ihr auch. Eigentlich mehr als gut. Der Witz und der Scharfsinn, die Alice Merton im Gespräch an den Tag legte, machten ihrem innerlich unsicheren Enkel Mut, sich behutsam mit der einen oder anderen Wahrheit über sich selbst auseinanderzusetzen, die keinesfalls für die Öffentlichkeit bestimmt war.
An seinen Großvater William erinnerte Jack sich kaum. Auf dem Sekretär im Wohnzimmer der Parterrewohnung, in die Oma gezogen war, als sie die Treppen nicht mehr bewältigen konnte, standen Fotos von ihm. Sie zeigten einen großen, rustikalen, hellwachen Mann mit zerzausten Haaren, einem zuversichtlichen Lächeln, der auf fast jedem der Bilder seinen Arm schützend um die Schultern seiner Frau legte. Jack war immer amüsiert darüber gewesen, dass Omas weitgeöffnete Augen und das Strahlen auf dem ovalen Porträt ihres Gesichts atemlos zu schwärmen schienen: »Ich kann mein Glück kaum fassen!« Eines Tages hatte er ihr bei Tee und selbstgebackenem Battenbergkuchen, der seltsamerweise mit einem alarmierenden Schuss Rum getränkt war, von seinem Eindruck erzählt.
Tränen schimmerten in den Augen der alten Dame. Sie beugte sich hinüber, um nach einer der in Silber gerahmten Fotografien zu greifen, und betrachtete sie ein paar Momente lang mit schiefgelegtem Kopf. Dann legte sie sie mit der Vorderseite nach unten auf ihren Schoß und tupfte sich mit einem Taschentuch, das sie aus ihrem Ärmel zupfte, die Tränen ab.
»Tut mir leid, Oma«, sagte Jack mit leicht stockender Stimme. »Ich wollte dich nicht traurig machen.«
»Ach du liebe Zeit, nein, du hast mich nicht traurig gemacht, Schätzchen«, erwiderte sie und beugte sich vor, um ihrem Enkel sanft das Knie zu tätscheln. »Daran ist er schuld, der liebe alte Egoist. Einfach so zu sterben und sich aus dem Staub zu machen.«
»Vermisst du ihn denn noch?«
Alice nippte an ihrem Tee. Ein Funkeln machte sich in ihren Augen bemerkbar. Was für alberne Fragen die jungen Leute manchmal stellten.
»Er war sehr gut im Bett.«
Jack starrte hilflos auf seinen Kuchen. Noch nie hatte er einen Battenbergkuchen so interessant gefunden, ob mit Schuss oder ohne. Diese Farben. Diese faszinierende Geometrie.
Sie erbarmte sich.
»Entschuldige, Jack. Ich meine nicht bloß Sex. Obwohl, den vermisse ich natürlich auch, weißt du? Diese vertraute Nähe. Nein, ich meine, er war buchstäblich gut – ein guter Mensch, sogar im Bett.«
Ihre Stimme wurde weich.
»Sie waren die … die Buchstützen meines Lebens.«
»Was?«
»Küsse. Kleine Küsse. Er küsste mich jeden Morgen gleich nach dem Aufwachen, und er küsste mich jeden Abend kurz vor dem Einschlafen. Wie Buchstützen, die dafür sorgen, dass alles sicher an seinem Platz bleibt. Jeden Morgen. Jeden Abend.« Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück. »Darf ich dir etwas über meinen Mann erzählen, Jack?«
Der junge Mann rutschte unbehaglich hin und her. Alice schmunzelte und klopfte mit den Fingern auf das Foto auf ihrem Schoß, als könnte es den Witz verstehen.
»Nein, keine Sorge. Nichts Schlüpfriges, das verspreche ich dir. Es geht um etwas, was dein Großvater einmal gesagt hat. Das war ungefähr drei Monate vor seinem Tod, als er schon sehr krank war. Wir hatten einen sehr netten Nachbarn namens Steve, als wir damals in Nutley wohnten, gleich hinter dem Hügel, ein paar Häuser nach dem indischen Restaurant. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht, aber ich glaube, du bist ihm sogar das eine oder andere Mal begegnet. Wir schreiben uns immer noch zu Weihnachten. Er war einer von diesen großartigen Notsanitätern, wie man sie im Fernsehen sieht. Er war so nett. Wenn es mit seinen Schichten passte, kam er manchmal nach dem Tee vorbei, um mit William zu plaudern. Eines Abends erzählte er uns, ein Kassierer im Supermarkt sei an diesem Tag sehr grob zu seiner Frau gewesen.
›Ich war ziemlich sauer, aber ich wusste nicht, was ich unternehmen sollte‹, sagte er. ›Dann dachte ich: William fällt bestimmt etwas ein. Also, stell dir vor, jemand macht deiner Alice das Leben schwer. Wie würdest du damit umgehen?‹
Mein armer lieber Mann war inzwischen schon bettlägerig und konnte sich kaum noch rühren, aber – ja, was soll ich sagen? Es war wie eine kleine Auferstehung. Er packte mit beiden Händen die Seitengeländer seines Bettes. Die Haare standen in alle Richtungen wie bei einem Windrotor. ›Was ich tun würde?‹, bellte er. ›Ich würde herausfinden, wo der Kerl wohnt, und dann würde ich hingehen, ihn heraus auf die Straße rufen und ihm einen Kinnhaken verpassen!‹
Und ich schwöre dir, Jack, um ein Haar hätte er sich aus dem Bett gestemmt und genau das getan. Er war ein altmodischer Mann. Ein getreuer Ritter. William war alles für mich. Ob ich ihn noch vermisse?« Ihr Blick verlor sich für einen Moment in der Ferne, während sie das Foto unter gekreuzten Armen an ihre Brust drückte. »Mir ist das Glück ausgegangen, Jack – mir ist das Glück ausgegangen.«
Die einzigen Misstöne zwischen Jack und Alice hatten sich ergeben, wenn sie auf seine Glaubensüberzeugungen zu sprechen kamen – oder nicht zu sprechen kamen, besser gesagt. Für Jack war das ein heikles und verstörendes Thema. Eigentlich hatte er nie recht gewusst, wie Oma über solche Dinge dachte, aber sie war eine tragende Wand seines Lebens. Mit ihrer Anerkennung und Ermutigung hatte sie ihm stets Kraft gegeben. Dazu kam die Furcht, ihr könnte eine Ewigkeit voller Freude entgehen, wenn sie nicht die Wahrheiten begriff, die ihm so sehr in Fleisch und Blut übergegangen waren. Es war wie ein juckendes evangelistisches Ekzem, an dem er herumkratzte, bis er wund war.
Dabei erhob sie nicht einmal Einwände gegen das, was er ihr sagte. Keineswegs. Sie lachte ihn auch nicht aus wegen seiner Gedanken und seiner Begeisterung. Nein, sie reagierte gar nicht, und gerade das fand er so frustrierend und verwirrend. Sie saß einfach nur da und sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Ratlose Besorgnis. Das war es, was bei diesen Gelegenheiten aus ihrer Miene sprach. Eines Tages bat er sie, ihm ehrlich zu sagen, warum sie kaum eine Regung zeigte, wenn er ihr von dem erzählte, was ihm wichtig war. Alice schüttelte nur den Kopf und blinzelte entschuldigend. Sie erinnerte Jack an Daphne aus der Quizsendung Eggheads, wenn ihr eine Antwort nicht einfällt. Eine Art Antwort gab sie ihm aber doch.
»Du musst mir verzeihen, Jack, wirklich. Es ist nur so, dass – also, wenn du über diese Dinge sprichst, dann höre ich ganz genau auf die Worte, ehrlich, aber sosehr ich mich auch bemühe, es kommt mir immer so vor, als ob ich dich gar nichts sagen hörte …«
Jack verstummte. Ihm blieb innerlich die Luft weg vor Schmerz und Verblüffung. Das war eine beängstigende Abweichung von der Norm, die zwischen Jack und Oma herrschte. Von diesem Moment an kamen alle Gespräche über das Thema zum Erliegen. Dieser einmalige Stolperstein in ihrer Beziehung hing von diesem Tag an immer in der Luft, wenn sie sich sahen, und manifestierte sich von Zeit zu Zeit in einem unbehaglichen Herumrutschen oder ausweichenden Blicken beiderseits. An ihrer gegenseitigen Zuneigung änderte er kaum etwas, aber er war unbestreitbar da. Alice und Jack verloren nie wieder ein Wort über den Glauben. Nach dem Tod seiner Großmutter war diese unerledigte Sache vom ersten Moment seiner quälenden Trauer an ein Stein im Schuh von Jacks Genesung.
Alice hinterließ ihrem einzigen Enkel eine ganze Menge Geld. Das würde hilfreich sein, vielleicht eine Art Kissen, auf dem er sein Haupt betten konnte, wenn alles andere scheiterte. Er stellte einen Scheck über eine fünfstellige Summe – ein Zehntel des Gesamtbetrages – für seine Gemeinde aus und steckte den Umschlag in den Briefkasten um die Ecke. Als er ihn mit einem flatternden Geräusch ins dunkle Innere fallen hörte, klopfte er sich die Hände ab. »Das wäre erledigt«, murmelte er, machte kehrt und stapfte davon.
Außerdem hinterließ Alice ihrem Enkel einen Brief.
Jack nahm sich eine Woche von seiner Arbeit im Gemeindezentrum in Bromley frei, um die Auflösung der Wohnung seiner Großmutter zu organisieren. Es war das zweite Mal, dass er die Erfahrung machte, die Habseligkeiten eines Menschen sortieren zu müssen, den er sehr geliebt hatte, und es war genauso qualvoll und unangenehm wie beim ersten Mal. Es kam ihm vor, als wäre jegliche Daseinsberechtigung von Omas Sachen gewichen, genau wie die Seele aus ihrem Körper entwichen war. Dekorationen, Bilder und Möbel hingen oder standen herum und sahen sinnlos und verlassen und grauenhaft ordentlich aus. Wie Bewohner einer unerreichbaren anderen Welt schauten Alice und ihr geliebter William von den Fotos auf dem Sekretär zu ihm herüber. Sie waren jetzt wieder vereint, da drüben auf der anderen Seite der Glasscheibe.
Am Ende einer düsteren und verschwitzten Woche war Jacks Arbeit nahezu getan. Emotional ausgezehrt schloss er zum letzten Mal Alices Wohnungstür ab und schleppte sich langsam durch die anbrechende Dunkelheit die Uferstraße entlang und den Hügel hinauf zu seinem Hotel. Weit unten zu seiner Linken schwappten die Meereswellen ans Ufer und zurück und wieder ans Ufer, wie sie es schon immer getan hatten. Zwei Zeilen aus einem Gedicht, das er einmal gehört hatte, kreisten in seinem Kopf herum und löschten nach einer Woche solch trübseliger Plackerei ohne Mühe jeden Anflug von geistlichem Optimismus aus.
Die See gibt allen Dingen ihren Unterricht.
Sie wogt und wogt und wogt, doch zu mir spricht sie nicht.
Erleichtert sah er, nachdem er aus der High Cliff in die Mount Road abgebogen war, die einladende Front des Hotels Hydro vor sich, Jacks absoluter Lieblingsunterkunft weit und breit. Das Hydro war ein ganz im edwardianischen Stil gehaltenes Haus, mit glanzvollen, prächtig möblierten Foyers und hohen Decken. Sein von Grund auf englischer Charakter wurde erfolgreich gepflegt und erhalten, wenn auch heutzutage hauptsächlich von Osteuropäern, was ihm aber, soweit Jack es sehen konnte, keinerlei Abbruch tat. In Omas Wohnung zu kampieren war nicht infrage gekommen. Die beredsame Stille in jenen hallenden Zimmern konnte einen das Gruseln lehren.
Nach dem Abendessen begab sich Jack an einen Tisch in dem großen Wintergarten, der an den Krocketplatz und den unsichtbaren Ozean dahinter angrenzte, bestellte sich eine Kanne vom stärksten verfügbaren Kaffee und nahm den Umschlag mit Alices Brief aus seiner Umhängetasche. Diesen Moment hatte er sich sozusagen aufgehoben, bis klar Schiff gemacht war. Eine Chance, die Stimme seiner Großmutter ein letztes Mal zu ihm sprechen zu hören.
Vorne auf dem Umschlag standen in Alices säuberlicher Handschrift die Worte: »Für meinen lieben Jack«. Er öffnete ihn mit einem leise gehauchten Seufzen, zog die gefalteten Blätter heraus, strich sie auf dem Tisch vor sich glatt und begann zu lesen.
Irgendwo draußen in der Dunkelheit, hinter dem Krocketplatz und der Straße, die daran vorbeiführte, und der unteren Hauptstraße und der Promenade und dem Kiesstrand, wogte unbeirrt die See.
3. Der Brief
Mein lieber Jack,
ich grüße Dich, mein wunderbarer Enkel. Falls Du es wissen willst – ich beginne diesen Brief auf dem Klappsekretär vor meinem herrlichen großen Fenster zum Meer. Die Sonne scheint (diese Stadt soll ja angeblich so ziemlich der sonnigste Ort in Großbritannien sein, weißt Du!), der Himmel ist blauer als ein Heckenbraunellenei, und die See liegt einfach da und dümpelt vor sich hin in selbstgefälliger Schönheit, geschmückt mit ihren schönsten Edelsteinen.
Ich erinnere mich gerade daran, wie Du hier mit mir meinen sechsundachtzigsten Geburtstag gefeiert hast. Das war eine unserer schönsten Zeiten, nicht wahr? Am Morgen ließ ich mich großzügigerweise von Dir die ganze Promenade bis nach Holywell schieben, und wir fanden wieder einmal heraus, dass das immer weiter weg ist, als wir denken. Dort haben wir einen anständigen Kaffee getrunken und uns über die Trägheit in der Politik unterhalten, und viel wichtiger, über die seltsame Wirkung, die die Laute der Möwen auf die Seele haben. Weißt Du noch? Dann, nachdem ich am Nachmittag zu Hause ein Nickerchen gehalten hatte, hast Du mich zu einem frühen Abendessen in mein Lieblings-Thai-Restaurant am neuen Jachthafen ausgeführt. Ich weiß nicht mehr genau, was wir bestellt haben, nur noch, dass ich auf jeden Fall diese köstlichen Schmetterlings-Garnelen hatte, die dort immer so lecker sind. Mir läuft schon beim Schreiben das Wasser im Mund zusammen.
Was haben wir außer essen in dem Restaurant gemacht? Ach ja. Wir sind einem unserer Lieblingshobbys nachgegangen. Wir haben versucht, die Serienmörder unter den anderen Gästen zu erkennen, stimmt’s? Es gab da einen oder zwei vielversprechende Kandidaten, meine ich mich zu erinnern, besonders diesen Mann, der ganz allein am übernächsten Tisch saß. Er hockte zusammengesunken auf seinem Stuhl, den Unterkiefer nach vorn geschoben, und schwenkte mit finsterer, räuberischer Miene seinen großen Kopf hin und her wie eine Rübe auf einem Stecken. Er kundschaftete wohl potenzielle Opfer aus, vermuteten wir. Doch dann kamen seine hübsche Frau und seine beiden fröhlichen Kinder herein und verdarben uns alles, indem sie ihn wie durch Zauberei in einen sympathischen, heiteren, freundlichen Menschen verwandelten, der schlechte Witze erzählte und offensichtlich von seiner Familie sehr geliebt wurde. Was für eine Enttäuschung! Dass die uns auch so den Spaß verderben mussten. Manche Leute nehmen einfach keine Rücksicht auf andere, nicht wahr? Wenn man schon wie ein Serienmörder aussieht, dann sollte man gefälligst auch einer sein. Oder aber sich mehr Mühe geben, eine positive Ausstrahlung zu haben. Das ist meine Meinung.
Wir hatten einen herrlichen Abend, Jack. Du wolltest unbedingt die Rechnung übernehmen, und ich bin natürlich eine sehr angenehme Gesellschaft. So waren wir beide zufrieden.
Es gab nur einen Moment, der ein bisschen querlief. Weißt Du noch, wie wir mit thailändischem Bier auf Deine Mutter und Deinen Vater angestoßen haben? Das war kein Problem, aber dann sagte ich etwas Unbedachtes:
»Hoffen wir, dass sie glücklich sind, wo immer sie jetzt sein mögen.«
Oder so etwas Ähnliches. Darauf trat ein klammes, furchtbares Schweigen ein, und es wurde sehr unbehaglich. Natürlich wusste ich, warum. Weder Du noch ich werden wohl je diesen abgrundtief scheußlichen Moment vergessen, als Du mich fragtest, warum ich mich offenbar nie sonderlich für das interessiere, woran Du glaubst – für Deine Hingabe ans Christentum.
Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass mir an jenem Tag der Mut fehlte, Jack. Meine Antwort auf Deine Frage war jämmerlich und nur zur Hälfte wahr. Ich glaube, ich sagte etwas in dem Sinn, ich fände keine Substanz in dem, was Du darüber sagtest oder wie Du darüber redetest, oder so etwas Ähnliches. Seither haben wir, wie Du weißt, den Kopf eingezogen, wann immer das Gespräch auch nur annähernd auf dieses Thema kam. Vielleicht war es nur ein ganz kleiner Elefant, aber er versteckte sich immer irgendwo im Zimmer. Und wahrscheinlich hast Du auch gemerkt, dass solche Viecher paradoxerweise immer größer werden, je weniger man sie füttert. Ich glaube, in dem Thai-Restaurant damals haben wir beide das Stampfen schwerer Füße gehört. Mich hat das sehr traurig gemacht.
Ich fürchte, das hier wird ein ziemlich langer Brief, aber ich muss ihn Dir aus zwei Gründen schreiben. Erstens will ich versuchen, es wiedergutzumachen, dass ich so wenig hilfreich und so feige war. Ich will Dir endlich erklären, was ich mit meiner völlig unzulänglichen Antwort damals gemeint habe. Und den zweiten Grund wirst Du vielleicht sehr seltsam und verschroben finden. Er hat mit etwas zu tun, was mir passiert ist, mit einem Erlebnis, das ich nie erwartet hätte. Ich kann mit Etiketten nicht viel anfangen und finde wirklich keine Worte, um zu erklären, wovon ich gerade spreche, also lasse ich es lieber. Sagen wir einfach, es hatte mit der Geburt (ein besseres Wort fällt mir nicht ein) von etwas Neuem zu tun. Vielleicht würdest Du es Glauben nennen. Nahegebracht hat es mir der Mann, von dem ich Dir in diesem Brief erzählen will. Im Zusammenhang mit ihm möchte ich Dir etwas vorschlagen, was Du vielleicht tun solltest.
Also, zuerst: Was habe ich Dir über die Art und Weise, wie Du zu mir von Deinem Glauben gesprochen hast, sagen wollen? Ach je, das ist nicht einfach. Ich muss es wohl einfach denken, fühlen und dann zu Papier bringen. Geh nicht weg.
Okay, ich bin wieder da. Ich habe nachgedacht und nachgefühlt, und jetzt bleibt nur noch eins zu tun. Also los. Ich hatte, wenn Du in meine Richtung über den Glauben gesprochen hast, immer das deutliche Gefühl, dass ich an dem Gespräch eigentlich gar nicht beteiligt war. Mir kam es so vor, als ob Du nur mit Dir selbst redetest statt mit mir. Mich wolltest Du nur an Bord haben, damit ich Dir irgendwie bei der Hauptaufgabe helfe, nämlich Dich selbst davon zu überzeugen, dass Du an das glaubst, was Du da sagst. Das hat mich nicht nur verwirrt. Es hat mich auch traurig gemacht. Wie warst Du nur in diese enge Gefängniszelle aus Furcht und Verwirrung geraten, in der Du immerzu hin und her tigern und laut von der tollen Freiheit erzählen musstest, die Du gefunden hattest und die alle anderen auch brauchten? Das ergab alles keinen Sinn, aber mit angstgetriebener Leidenschaft lässt sich nicht streiten. Also kniff ich. Ich hätte mich ja auch dahinterklemmen und richtig darüber nachdenken und es versuchen können. Aber das habe ich nicht, und das tut mir leid. Ich wollte es einfach nicht aufs Spiel setzen, das mit uns. Ich wollte, dass wir beide so weitermachen wie immer. Ich hoffe, lieber Jack, Du hast wie ich das Gefühl, dass uns das im Großen und Ganzen gelungen ist. Aber ich weiß natürlich genau, dass der Schatten immer da war. Bis jetzt, hoffe ich. Es tut mir wirklich leid, Jack. Bitte vergib mir.
Und mit dem Stichwort Schatten komme ich zu dem zweiten Grund, warum ich diesen Brief schreibe. Ich möchte Dir von etwas erzählen, was mir letztes Jahr passiert ist. Ein paar Dinge in dieser Geschichte sind merkwürdig und für mich einigermaßen peinlich. Du bist erst der zweite Mensch, der von meinem schrecklichen Geheimnis erfährt. Ich fürchte, Du wirst auch ein bisschen bestürzt darüber sein. Oh ja. Ich glaube, ich höre jetzt lieber auf und setze mich morgen früh wieder dran.
Da bin ich wieder. Das Frühstück ist abgeräumt, die Sonne strahlt immer noch, und ich habe keine Ausrede, es vor mir herzuschieben. Also los.
Es war Januar. Du weißt ja, wie es einem im Januar manchmal gehen kann, Jack. Das ist wie so ein Langstreckenflug. Ich habe das nur einmal gemacht, als ich mit William seinen älteren Bruder in Australien besucht habe. Ich weiß noch, wie wir am Flughafen Gatwick in die Qantas-Maschine stiegen und die Kante des Vordersitzes ganz leicht mein Knie berührte. Überhaupt nicht unangenehm, weißt Du. Nur ein ganz leichter Druck. Aber als wir auf dem Flughafen Changi in Singapur zu unserer vierstündigen »Pause« zwischenlandeten, hatte sich diese harmlose Sitzkante in einen rotglühenden Metallspieß verwandelt, der sich in mein Bein bohrte, als wollte er nach Öl suchen. Ich weiß nichts mehr von Changi, außer, wie riesig der Flughafen war und was für ein herrliches Gefühl es war, von dieser gewaltsamen Attacke auf meinen eingepferchten Körper befreit zu sein. Für William war es natürlich noch schlimmer. Er war ja viel größer und dicker als ich. Aber er beklagte sich kaum. So ein Flegel, mir das ganze Jammern allein zu überlassen. Der alte Egoist.
Jedenfalls empfinde ich den Monat Januar genauso, und ganz besonders diesen Januar im letzten Jahr. Du weißt ja, wie sehr ich Deinen Großvater geliebt habe und wie schwer es mir fiel, mich einer Zukunft ohne ihn zu stellen oder sie mir auch nur vorzustellen. Trauer ist etwas Furchtbares, Jack. Du hast es ja selbst erlebt und weißt, wovon ich rede. Ich glaube, wir haben unsere Trauer über den Tod Deines Vaters jeder auf seine Weise durchlebt, aber wir kamen gut miteinander aus, mit unserem Schweigen wie auch mit dem, was wir sagten. Es war für uns beide die richtige Art und Weise, und es funktionierte. Irgendwie haben wir es überlebt, oder?
Aber weißt Du, Trauer geht nie ganz weg. Wir lernen wohl, unser Leben ein bisschen besser zu steuern, einfach über die Runden zu kommen, einfach in den Laden an der Ecke zu gehen und eine Dose Bohnen und einen Laib Brot zu kaufen. Aber das riesige Ungeheuer mit den scharfen Zähnen lauert immerzu irgendwo hinter einem Baum oder hinter der nächsten Ecke, um uns anzuspringen und zu packen und uns daran zu erinnern, dass tief im Innern der Schmerz in Wirklichkeit nie weniger geworden ist.
Trotzdem war ich Ende Dezember sehr zufrieden mit mir. Statt über Weihnachten zu Hause zu sitzen und niedergeschlagen zu sein, hatte ich alle möglichen konstruktiven Pläne für Besuche bei und von Leuten gemacht, die ich mag (unter anderem von Dir, Jack), und Sachen zu unternehmen, für die ich mich schick machen und ein Taxi nehmen und mich richtig ins Zeug legen musste. Es schien sehr gut zu funktionieren. Ich machte nur einen Fehler.
Ich ging nämlich an Silvester, dem schlimmsten Abend des Jahres für viele Leute wie mich, auf eine Seniorenparty in eine anglikanische Kirche in der Stadtmitte von Eastbourne. Ich hätte mir ausrechnen können, wie abgrundtief furchtbar das sein würde. Schüchternes Geplauder bei einem halben Glas warmem Weißwein, eingehende Erörterungen des Zustands unserer Beine, eine Runde Silvester-Bingo, bei der ich einen gehäkelten Eierwärmer gewann, der noch nicht ganz fertig war, und allgemeine gespielte Aufregung um zehn Uhr, als das Programm vorsah, dass wir uns nun gegenseitig auf die Wangen küssen und so tun sollten, als wäre es Mitternacht. Ich weiß nicht, ob Du schon einmal miterlebt hast, wie alte Leute sich unter solchen Umständen gegenseitig küssen, Jack. Senior/in A hält mit beiden zitternden Händen vorsichtig Senior/in Bs Kopf fest, damit dieser nicht durch den Druck des Speckschwartenkusses herunterkugelt und zu Boden stürzt wie eine dieser Steinkugeln, die manchmal die Gartentorpfosten vornehmer Häuser schmücken.
Ich weiß, das hört sich gemein an. Es waren ja nette Leute, und es war natürlich auch alles furchtbar gut gemeint. Aber für mich war diese Ablenkung nun einmal ein Fehler, und es ging völlig nach hinten los. Sie fiel um wie ein bleierner Dominostein, der beim Fallen all die kleinen Säulen der Zufriedenheit mit sich riss, die ich mühsam um die ganze Weihnachtszeit herum aufgebaut hatte. Na ja, sehr stabil können sie wohl von Anfang an nicht gewesen ein. Als ich später am Abend auf dem Rücksitz eines teuren Taxis unterwegs zurück nach Hause war, bohrte sich der Schmerz eines Lebens ohne William so erbarmungslos in mich hinein, dass ich mich krümmte und kaum atmen konnte. Der lange Marsch meines einsamen Lebens fühlte sich an, als würde er ewig andauern, und nichts deutete darauf hin, dass ich je an einem besseren Ort ankommen oder dass der Schmerz je weniger werden würde.
Wurde er auch nicht. Es wurde im Verlauf dieses öden Monats immer schlimmer. Ich geriet in einen dieser Teufelskreise, aus denen man einfach nicht herauskommt. Je niedergeschlagener ich wurde, desto weniger Lust hatte ich, Leute zu sehen, die mir wichtig sind, und je weniger Kontakt ich zu Leuten hatte, die ich liebe, desto tiefer baumelte ich über dem Abgrund wie dieser arme Kerl in der Geschichte von Edgar Allan Poe. Sei nicht böse, Jack. Du bist ein Schatz, was immer Du auch glaubst. Ich weiß genau, dass Du alles hättest stehen und liegen lassen und zu mir gekommen wärst, wenn Du etwas davon gewusst hättest, aber weißt Du, ich hatte einfach überhaupt keine Zuversicht mehr. Ich kauerte elend in einer kleinen, finsteren Welt ohne William. Mehr gab es nicht. Mehr war ich nicht.
Jack, verzeih mir, wenn Dich das schockiert und verletzt, aber ich kam zu dem Schluss, dass ich nicht mehr leben wollte. Ich wusste zwar nicht, wie ich meinem Leben ein Ende setzen sollte, aber ich war entschlossen, dass ich es bald erledigen würde. Wenn auch nur die geringste Chance bestand, wieder mit meinem geliebten Mann vereint zu sein, dann war dafür kein Preis zu hoch. Und wenn jenseits des Grabes doch überhaupt nichts war, dann war es auch egal. Der Schmerz würde endlich vorbei sein, und die Leere würde mich verschlucken.
Dann passierte es.
Es war ein Donnerstag, und das Wetter an jenem Tag war das genaue Gegenteil von dem, was ich durchs Fenster vor mir sehe, während ich diesen Brief schreibe. Regen und Wind hatten seit dem frühen Morgen auf die Küste eingepeitscht. Als ich um sechs Uhr abends den Vorhang meines Wohnzimmers zur Seite zog, war der Himmel draußen so schwarz wie die Lücke in meinem Leben. Der Sturm schleuderte den Regen in mächtigen Fontänen auf das Pflaster auf der anderen Straßenseite. Abgesehen von den verwaschenen Scheinwerferstrahlen einiger vereinzelter Autos sah ich nur die Lichter der hübschen pastellfarbenen Lampen, die im vorigen Jahr entlang der Promenade aufgestellt worden waren, und selbst ihre massiven Mäste schienen von dem Sturm ordentlich durchgeschüttelt zu werden.
Ich beschloss, vor dem Abendessen noch einen Spaziergang zu machen. Wieso nur? Was hat die verrückte Alice nur geritten? Frag nicht. Einfach durchgeknallt, nehme ich an. Im Radio habe ich irgendwann mal von einem Stamm in Afrika gehört, dessen junge Männer einen langen, harten Initiationsritus durchlaufen müssen, bevor sie als Erwachsene gelten. Einer der Stammesältesten wurde gefragt, warum ihnen all diese schmerzhaften Strapazen auferlegt würden. Seine Antwort war absolut verblüffend.
»Wenn sie das nicht machen würden«, sagte er, »würden sie wahrscheinlich ihre Dörfer niederbrennen, nur, um die Hitze zu spüren.«
So ähnlich war es wohl ein bisschen, als ich da hinaus in den Sturm ging, Jack. Ein mächtiger, brüllender Stimulus, um ein klaffendes Vakuum zu füllen. Und überhaupt, wieso denn nicht? Da gab es nichts zu fürchten. Wenn ich hinunter zum Strand ging und eine Sturmbö der Stärke zehn mich packte und hinaus in den Ärmelkanal schleuderte, würde ich nur Dankbarkeit empfinden. Überfahren zu werden hätte mir genauso gut gepasst, solange das Auto nur groß genug war und ordentlich Tempo draufhatte. Allerdings zog ich mich passend für das Wetter an. Was hätte meine Mutter dazu gesagt, wenn ich nicht meinen Regenmantel angezogen hätte. Lach nicht. Solche praktischen, banalen Gewohnheiten sind schwer totzukriegen. Und außerdem ging es mir schon immer gegen den Strich, meine liebe Mutter zu verärgern.
»Schön und gut, wenn du dich umbringen willst, Alice«, hätte sie vielleicht gesagt, »aber deshalb musst du ja nicht gleich in so ein scheußliches Wetter hinausgehen, ohne dich ordentlich einzupacken.«
Ich schaffte es, die Straße zu überqueren, ohne irgendwelche Verkehrsstörungen auszulösen, und kämpfte mich dann, sehr mühsam wegen meiner blöden Beine, die Promenade entlang bis zu dem alten viktorianischen Musikpavillon, der schon immer eines meiner Lieblingsplätzchen war, wenn es stürmte. Neben dem Pavillon, auf der seezugewandten Seite, stand ein solider Holzunterstand, von dem man hinaus aufs Meer blickte. Ich war ziemlich sicher, dass die Bank im Innern weit genug hinten stand, um den Insassen Schutz vor dem schlimmsten Wetter zu bieten. Durchgepustet und durchnässt, wie ich war, schleppte ich mich keuchend in den Unterstand, immer noch mit der Hand die Regenkapuze vor dem Gesicht zusammenkneifend, und ließ mich, so schwer, wie es einem Federgewicht wie mir möglich ist, triefend und zerzaust auf die Bank niederfallen. Ich schob mir die Kapuze zurück in den Nacken, blinzelte gegen die Feuchtigkeit in meinen Augen an und schüttelte meine Haare aus. Dabei fiel mein Blick nach links, und plötzlich bemerkte ich einen dunklen Schatten drüben auf der anderen Seite des Unterstandes. Ich war nicht allein. Was für ein Schreck! Ich glaube, ich habe sehr hörbar aufgeschrien.
Am anderen Ende der Bank saß ein Mann.
Menschen sind schon komische Geschöpfe, nicht wahr, Jack? Ich jedenfalls. Der Gedanke, aufs Meer hinausgetrieben oder von einem Bus überfahren zu werden oder mich mit Tabletten vollzustopfen, bis Bewusstlosigkeit und Tod mich überkommen – das alles schienen mir akzeptable Mittel zu sein, um den Schmerzschalter auf »Aus« zu stellen. Aber mich hier plötzlich allein einem fremden Mann gegenüberzusehen, an einem Ort, wo nicht damit zu rechnen war, dass irgendein anderer Mensch auftauchte, das ließ mir die Angst in alle Glieder fahren. Wenn schon, dann wollte ich meinem Leben selbst ein Ende machen, meine Güte. Von jemand anderem gemeuchelt zu werden, davon war bei der Brainstorming-Sitzung nie die Rede gewesen, nicht einmal als winzige Fußnote ganz unten in der Ecke der Flipchart.
Mein erster Gedanke war, mich schleunigst aus dem Staub zu machen. Das tat ich aber nicht, und zwar aus drei Gründen. Erstens konnte ich das gar nicht. Ich bin schon seit Jahren nicht mehr in der Lage, mich schleunigst irgendwohin zu bewegen. Zweitens, wer weiß, was ich damit auslöste, wenn ich mich jetzt bewegte? Womöglich würde er aufspringen und mich packen. Mein dritter Gedanke war, dieser Mann, wer immer er auch war (mehr als den schattenhaften Umriss einer männlichen Gestalt konnte ich nicht erkennen), konnte keinesfalls damit gerechnet haben, mitten im Januar während eines fürchterlichen Wolkenbruchs in einem Unterstand am Strand von Eastbourne Gesellschaft zu bekommen. Ich war diejenige, die hier plötzlich aufgetaucht war. Ich war der Eindringling. Trotzdem saß mir die Angst im Nacken, so sehr, dass mir nichts anderes einfiel, als mich wie eine Bilderbuch-Engländerin zu benehmen.
»Guten Abend«, sagte ich höflich. Ich sprach laut gegen die brausende Kakophonie des Windes an und gab mir alle Mühe, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. »Ich hoffe, ich störe Sie nicht.«
Als ich das sagte, wandte er den Kopf langsam in meine Richtung. Obwohl ich keine Einzelheiten in seinem Gesicht erkennen konnte, begann meine Furcht von diesem Moment an zu verfliegen. Keine Ahnung, warum. Ich weiß nur, dass der Haarkranz um seinen Kopf … eine gute Form hatte. Ich weiß, jetzt lachst du mich bestimmt aus, Jack. Lach nur, aber es war so. Er hatte eine ausgesprochen gute Form.
»Überhaupt nicht«, sagte er. »Es ist ein Vergnügen, etwas Gesellschaft zu haben. Es tut immer gut, einen anständigen Sturm mit anderen zu teilen.«
Seine Stimme, Jack. Voll, warm, beruhigend. Die Stimme eines gereiften Mannes, schätzte ich. Vielleicht Mitte sechzig. Ich hatte es ja schon immer mit Stimmen. William hatte eine wunderschöne Stimme, es sei denn, er war sauer und brüllte. Die Stimme dieses Mannes lud mich ein, dazuzugehören. Sie deutete an, dass ich bereits dazugehörte. Wir waren eine Gemeinschaft. Hört sich das lachhaft an? Ist es auch. Aber es war so. Wie schafft man das mit ein paar Worten? Ich seufze, während ich dies schreibe.
»Sind Sie von hier?«, fragte ich.
»Eigentlich nicht«, erwiderte er. »Ich habe das Glück, ein kleines Landhäuschen zu besitzen, ein paar Meilen von Wadhurst entfernt, ungefähr zwischen Hastings und Tunbridge Wells. Und Sie?
»Also, ich – ach, wissen Sie, würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich etwas näher rücke, damit ich nicht so brüllen muss?«
»Warten Sie, ich rücke hinüber.«
Das hätte ein bisschen beunruhigend sein können, nicht wahr, Jack? War es aber nicht. Er rutschte ein paar Handbreit näher, lehnte sich auf der Bank zurück und streckte seine Beine vor sich aus.
»Besser?«
»Viel besser, danke. Ich habe eine Wohnung drüben auf der anderen Straßenseite, nur ein kleines Stück von hier. Eine sogenannte Gartenwohnung. Ein winziger Garten. Keine Treppen. Ich kann ein paar Schritte gehen. Es war ziemlich anstrengend für mich, jetzt hier herunterzuhumpeln. Aber Treppensteigen ist nichts mehr für mich.«
Er nickte langsam, sagte aber nichts mehr. Also beschloss ich weiterzureden:
»Dann sind Sie geschäftlich in Eastbourne? Oder besuchen Sie jemanden?«
»Weder noch. Ich mache hier Urlaub.« Er deutete mit einer Hand über seine Schulter nach hinten. »Eine Woche im Sheldon am Burlington Place. Sehr schönes Frühstück. Die bereiten es dort so zu, als wollten sie es selbst essen. Und das Wichtigste, der Kaffee ist gut.«
Ich überlegte.
»Sie machen im Januar in Eastbourne Urlaub? Haben Sie Familie oder Freunde hier?«
Er schmunzelte.
»Nein, auch das nicht – außer Ihnen, hoffe ich. Sie scheinen sehr nett zu sein. Ich war noch nie in Eastbourne. Und was den Urlaub im Januar angeht – nun ja. Ich habe wohl eine Schwäche für trübes Wetter. Hat wahrscheinlich damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Wir alle vermissen hin und wieder auch das Trostlose. Ist das Nostalgie? Nein, nicht nur. Eine Rückkehr zu den Wurzeln vielleicht? Was auch immer, im Winter am Meer zu sein ist in einem solchen Fall genau das Richtige, finden Sie nicht? Wobei ich zugegebenermaßen ein erbärmlicher Schummler bin. Ich stehe nur zeitweise auf trübes Wetter. Im Sheldon ist es gemütlich warm, und die Handtücher sind dick und flauschig. Jede Menge brühheißes Wasser. Da lohnt sich ein Spaziergang im Sturm allein für das Vergnügen, wieder zurückzukommen.«
»Dann fiel Ihre Wahl rein zufällig auf Eastbourne?«
»Zufällig? Nein, überhaupt nicht. Ein Freund hat es mir empfohlen. Mein Freund George. Er kommt öfter hierher.«
Einen Moment lang kam es mir so vor, als ob er in der Dunkelheit mein Gesicht musterte.
»Erzählen Sie mir etwas von sich. Sie haben völlig recht. Es ist ein bisschen seltsam, im Winter Urlaub am Meer zu machen. Aber nicht so seltsam wie das, was Sie gerade getan haben. Was war so wichtig, dass Sie sich durch dieses scheußliche Wetter bis hierher durchgekämpft haben? Auf diesen mörderischen Stufen da oben hätten Sie leicht Schiffbruch erleiden können. Und niemand hätte es gemerkt. Ich bin froh, dass Sie gekommen sind. Es ist ein Vergnügen, Sie kennenzulernen. Aber für diese Expedition muss es doch bestimmt einen sehr guten Grund gegeben haben.«
Da habe ich ein bisschen die Nerven verloren, Jack. Ich war völlig baff, oder wie auch immer man das heutzutage ausdrückt. Ich hatte keine Ahnung, was ich darauf antworten sollte. Also flunkerte ich. Ich sagte das, wovon ich mir wünschte, dass es die Wahrheit wäre.
»Das weiß ich selbst nicht so genau. Ich habe den ganzen Tag über drinnen gehockt. Da wollte ich mich vor dem Abendessen noch ein bisschen durchpusten lassen und habe es meinem Mann überlassen, das Essen fertig zu machen, und bin einfach – herausgekommen. Er sagte zwar, ich solle lieber nicht gehen, aber ich fürchte, ich bin ein ziemlicher Sturkopf. Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie scheußlich es hier draußen ist. Als ich dann beim Musikpavillon ankam, beschloss ich, mich hier erst einmal ein paar Minuten lang unterzustellen, bevor ich mich auf den Rückweg durch Regen und Wind mache. Und wo wir gerade davon sprechen …« Ich hob mein linkes Handgelenk und starrte lächerlicherweise in die Richtung meiner nicht vorhandenen Armbanduhr. »Ich muss dann mal los. William wundert sich bestimmt schon, wo ich bleibe.«
»William.«
»William ist mein Mann.«
»Ich glaube, der Wind hat sich ein bisschen gelegt. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten und ein bisschen helfen, wieder hinauf auf die Straße zu kommen?«
»Oh! Oh. Ja. Vielen Dank. Ja. Ich bedanke mich herzlich …«
»Verraten Sie mir Ihren Namen?«
»Ich heiße Alice. Und Sie?«
»Doc. Sie können mich Doc nennen.«
Jack legte das A4-Blatt neben seine Kaffeetasse auf den Tisch und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Er brauchte ein paar Augenblicke, um seine Empfindungen über das, was er erfahren hatte, zu sortieren. Alices Versuch, ihre Haltung zu seinem Glauben zu erklären, hatte ihn erschüttert. Wie hatte sie noch geschrieben?
»Du bist ein Schatz, was immer Du auch glaubst …«
Was sollte das heißen? Was für einen Reim sollte er sich darauf machen?
Doch vor allem die Nachricht, dass seine Großmutter ihrem Leben ein Ende hatte machen wollen und aus irgendeinem Grund bei ihm keine Hilfe gesucht hatte, traf ihn tief und erschreckte ihn auf einer sehr elementaren Ebene. Jack hatte sich nie mit der wortlosen, unausweichlichen Botschaft dieses Aktes auseinandersetzen müssen. Nun jedoch konnte er sie spüren.
»Ihr Leute, denen etwas an uns liegt. Ihr Angehörigen und Freunde und Liebhaber, die ihr uns ins Herz geschlossen habt. Ihr seid nicht genug. Wärt ihr genug, so würden wir bleiben. Wir gehen, und ihr werdet nur durch Zufall herausfinden, dass wir gegangen sind.«
Es war eine harte Logik.
»Ach, Oma!«, flüsterte Jack in seine Hände hinein. »Ich glaube, dir ist nie klar gewesen, wie sehr ich es brauchte, dass du mich brauchtest. Ich hätte es dir sagen sollen. Und du hättest es mir sagen sollen. Du hättest es mir wirklich sagen sollen …«
Er schaute wieder auf das Blatt, das vor ihm lag. Offensichtlich war die ganze Sache mit dem Suizid vorbeigegangen. Oma war eines natürlichen Todes gestorben. Das wusste er. Aber was hatte es mit diesem Vielleicht-würdest-du-es-Glauben-nennen-Erlebnis auf sich und mit diesem fremden Mann, dem sie mitten in einem Unwetter begegnet war? Und was, so fragte er sich, als er wieder zu Alices Brief griff, wollte sie ihm vorschlagen, das er vielleicht tun sollte?
Er kam kaum hinterher. Die Gedanken seiner Großmutter liefen meistens nicht in besonders geraden Bahnen, um es milde auszudrücken.
Jack steckte seinen Schlüssel in die Tasche, raffte den Umschlag und die Briefbögen zusammen, zahlte an der Theke seine Rechnung und ging auf sein Zimmer im zweiten Stock. Dort, in der geordneten Zurückgezogenheit, die nur in einem doppelt verriegelten Hotelzimmer zu finden ist, nahm er sich einen Whisky aus der Minibar und machte es sich an dem Fenster bequem, das laut Broschüre einen »Seitenblick aufs Meer« bot. Dieses Extra verteuerte den Zimmerpreis pro Nacht um zehn Pfund, aber Jack fand, dass sich jeder Penny dafür lohnte. In diesem behaglichen Erker fühlte er sich paradoxerweise viel näher an der dunklen, wogenden See und dem verlassenen Strand, den anderen verirrten Seelen und dem hoch aufragenden Beachy Head weit drüben im Westen.
Er nahm den Brief seiner Großmutter zur Hand und las weiter:
Und so marschierten wir los, Jack, ich wieder total vermummt und er mit hochgeschlagenem Mantelkragen, und ich muss sagen, es tat gut, mich auf einen starken Arm stützen zu können. William wäre das nur recht gewesen. Nicht, dass ich allein hinunter ans Ufer gegangen wäre. Darüber hätte er mit mir geschimpft. Aber Hilfe von einem freundlichen Herrn anzunehmen – das hätte er als vernünftiges, besonnenes Verhalten angesehen.
Ohne etwas zu sagen, stiegen wir die Stufen hinauf und überquerten die King’s Parade hinüber zur anderen Straßenseite. Es hätte auch keinen Sinn gehabt. Der Regen war nicht mehr so schlimm wie zuvor, aber der Sturm drosch auf alles ein, was sich ihm in den Weg stellte, wie ein Wahnsinniger, der spürte, dass man ihm eine Zwangsjacke anlegen wollte. Erst im Schutz des kleinen weißen Vordaches vor meiner Wohnung konnten wir uns wieder sprechen hören. Im Licht der Außenlampe über meiner Tür konnte ich ihn jetzt deutlicher sehen. Sein Alter hatte ich etwa richtig eingeschätzt, glaube ich. Er hatte ein gutgeschnittenes Gesicht. Glattrasiert. Gutaussehend, aber nicht so wie ein Filmstar. Eher wie ein Bühnenschauspieler. Ein zerfurchtes Gesicht mit vielen Falten, die es aber nur interessanter aussehen ließen. Die Augen traurig, aber freundlich. In ihnen schlummerte vielleicht so etwas wie eine schwererrungene Freude, wenn Du Dir darunter etwas vorstellen kannst. Braunes, gewelltes Haar, ein bisschen lang für sein Alter, durchzogen von grauen Strähnen und von Wind und Regen zu Locken zerzaust. Er sah so beruhigend aus, wie er dort stand, die Hände tief in den Taschen seines Barbour-Mantels vergraben. Er wartete wohl, nahm ich an, dass ich in meiner Wohnung verschwinden und die Tür sicher hinter mir schließen würde. Ich hatte schon angefangen, irgendetwas ziemlich Vorhersehbares zu sagen, um ihm für seine Hilfe zu danken, als er mich unterbrach.
»Alice«, sagte er, »ich würde sehr gerne William kennenlernen, wenn das möglich ist.«
Mein Sicherheitsschlüssel steckte schon im Schloss, als er das sagte. Ich erstarrte. William war nicht da. William war tot. Ich hatte diesen Mann, der sich Doc nannte, angelogen.
Egal. Irgendeine knappe Ausrede. Das Essen steht bestimmt schon auf dem Tisch. Ein anderes Mal vielleicht. Sehr nett von Ihnen, dass Sie mich nach Hause begleitet haben. Irgend so etwas.
»Ja, das wäre nett. Kommen Sie herein, und ich stelle Sie William vor. Es ist reichlich zu essen da, genug für zwei.«
Nachdem wir ein paar Minuten später unsere nassen Sachen in der Diele deponiert hatten, führte ich ihn ins Wohnzimmer und bot ihm den größeren Sessel an, den unter dem Kunstdruck, den Du so magst. Du weißt schon, den mit dem Titel »Freunde«, mit zwei Männern, die nebeneinandersitzen und ein bisschen nervös dreinschauen, aber immerhin bereit sind, sich malen zu lassen. Du hast ihn natürlich inzwischen geerbt, nicht wahr, Jack? Was für ein schöner Gedanke, dass ein Bild, das William sehr liebte, jetzt an einer Wand in Deinem Haus hängt.
Ich plappere so, weil es mir peinlich ist, was ich Dir jetzt zu erzählen habe. Ich will beschreiben, was mein Gast gesehen haben muss, als er auf diesem Sessel Platz nahm und sich umschaute. Am hinteren Ende des Zimmers war mein Tisch mit den ausklappbaren Beinen, an dem Du und ich manchmal gesessen haben, fürs Abendessen gedeckt. Es waren zwei Gedecke da. Zwei Tischsets, zwei Weingläser, zwei Wassergläser, zwei kleine Teller und zwei bestickte Servietten, die in den schönen alten silbernen Serviettenringen von meiner Mutter steckten. Auf dem Tischset gegenüber der Küchenluke stand, dem anderen Platz zugewandt, ein Foto. Es war ein Porträt von William, das ein paar Jahre vor seinem Tod aufgenommen worden war. Kurz bevor er sich auf den Weg in die Stadt machte, um dieses Foto machen zu lassen, lachten wir noch darüber, dass ich ihn gebeten hatte, so zu tun, als lächelte er mich an, wenn der Fotograf auf den Auslöser drückte. Ich glaube wirklich, das hat er getan. Alles, was mein Mann mir bedeutet hat, steckte in diesem Bild.
Während dieses ganzen elenden Januars hatte ich mir angewöhnt, jeden Abend den Tisch für William und mich zu decken. Während ich das Essen vorbereitete, plauderte ich mit ihm durch die Luke, und dann unterhielt ich mich mit ihm, während ich aß, und genoss es, dass er mir dort gegenübersaß und mir lächelnd zuhörte. Jämmerlich, nicht wahr, Jack? Eine dumme alte Glucke, die sich selbst Theater vorspielt, um eine Lücke in ihrem Leben auszufüllen.
Ich glaube, mein Gast wusste sofort, was los war. Ich hatte sogar das Gefühl, er wusste es schon, bevor er durch meine Tür trat. Ein paar Minuten lang saß er einfach nur da auf dem Sessel, das Kinn auf seine verschränkten Finger gestützt, und wartete darauf, dass ich etwas sagte. Ich kam mir vor wie ein kleines Mädchen, als ich da neben dem Tisch stand und nervös mit den Fingern meiner einen Hand auf die andere Handfläche trommelte.
»William ist schon lange gestorben«, brachte ich schließlich stotternd heraus. »Ich wohne allein hier.«
Er nickte lächelnd und sagte ganz freundlich: »Das dachte ich mir irgendwie schon, Alice.«
»Wie habe ich mich verraten?«
Er lächelte traurig. »Keine großartige Detektivleistung, fürchte ich. Sie sagten, es sei genug zu essen für zwei da. Also …«
»Ach du meine Güte, ja, wie dumm.«
»Was ich rätselhafter finde, Alice, ist, wieso Sie mich überhaupt hereingebeten haben.«
Jack, weißt Du, was ich meine, wenn ich sage, dass man sich manchmal einen Moment Zeit nehmen muss, um ganz tief im eigenen Innern herumzuwühlen und die nackte Wahrheit zum Vorschein zu bringen? Selbst wenn sich dann herausstellt, dass es etwas ist, was man eigentlich gar nicht laut aussprechen will? So ging es mir, als er mir diese Frage stellte.
»Nun ja – schauen Sie, ich möchte wirklich nicht, dass Sie falsch verstehen, was ich jetzt sage – äh, ich soll Sie Doc nennen, sagten Sie?«
»Ja, Doc ist gut.«
»Okay. Also, es ist so – Doc. Obwohl ich Sie erst seit einer halben Stunde kenne, möchte ich … möchte ich, dass Sie mich für eine Person halten, die Ihnen die Wahrheit sagt. Ich weiß, bisher spricht die Bilanz eher gegen mich. Ich habe da unten am Strand einen ganz schlechten Anfang gemacht, aber wissen Sie, das wollte ich wiedergutmachen. Oje, hört sich das sehr dumm an? Schließlich gibt es ja eigentlich gar keinen Grund, warum Sie …«
»Was gibt es zum Abendessen, Alice?«
Mein Gehirn schaltete mit Doppelkuppeln in einen anderen Gang. (Das sagt Dir jetzt wahrscheinlich nichts, aber ich habe keine Lust, es Dir zu erklären.)
»Was? Ach ja, natürlich. Mögen Sie überbackenen Käsetoast mit Speck?«
»Hört sich großartig an.«
»Gut, dann, äh, räume ich nur schnell William ab, ja?«
Wir mussten beide lächeln, als ich das sagte. Es war, als platzte eine kleine Blase. Durch die Luke und dann am Tisch beim Essen plapperte ich unentwegt über mein Leben, meine Ehe, über Dich, meine chronische Einsamkeit, und dann, als wir es uns auf den Sesseln bequem gemacht hatten, an Schokosticks knabberten und einen ziemlich anregenden äthiopischen Kaffee tranken, erzählte ich ihm von meinem Entschluss, mich umzubringen.
»Ihr Besuch hier war eine wunderbare, unerwartete Freude für mich«, sagte ich, »aber der morgige Tag kommt, und dann der Tag danach, und der nächste und immer so weiter, vielleicht noch jahrelang. Hunderte von morgigen Tagen. Die Leute leben heute ja so lange. Ich will so viele Tage nicht mehr. Ich will nicht jeden Morgen aufwachen und den Schmerz in mir spüren, noch bevor der Radiosprecher sich warmgeredet hat.«
Ich schaute entschuldigend zu Williams Bild hinüber. »Letzten Endes kommt von so einem Foto nicht viel zurück. Wenn ich es recht betrachte, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder bleibe ich da und leide, oder ich entscheide mich freiwillig, den Schritt in die Dunkelheit zu tun, wohin dieser Schritt mich auch immer bringen mag. Das hat nichts mit Neurosen zu tun. Ich leide nicht unter Depressionen und glaube, dass ich durchaus noch alle Hühner auf dem Balkon habe. Und ich habe meine pragmatische Entscheidung getroffen. Meinen Sie, es ist die richtige, Doc?«
Er nippte nachdenklich an seinem Kaffee, etwa so, als solle er sich zwischen Crunchy Nut Cornflakes und Kellogs entscheiden. Er sah so nett aus, wie er dort saß, Jack. Gute Kleidung, teuer, aber robust und haltbar. Eine dunkelbraune Hose aus einem Kordmaterial, ein dicker, dunkelbrauner Strickpullover, der vermutlich aus demselben Laden stammte wie sein grüner Mantel mit dem karierten Futter, der jetzt in meiner kleinen Diele am Haken hing. Die Schuhe, die er ausgezogen und auf der Fußmatte zurückgelassen hatte, als wir hereinkamen, waren mir schon vorher aufgefallen: Sie waren aus kräftigem braunem Leder, mit dicken Schnürsenkeln, mehr für den Gebrauch bestimmt als zur Zierde. Ich mochte seinen Stil.
Wie würde er jetzt auf meine Frage antworten? Eigentlich war es unfair. Was konnte der arme Mann schon sagen? Sollte er mir gute Ratschläge geben, ich möge meinen Blickwinkel weiten und mehr unter die Leute gehen? Therapie? Lebensberatung? Medikamente? Mich auf den Frühling und besseres Wetter freuen? Mich fragen, wie die Menschen, die mich liebten, mit der schrecklichen Nachricht von meinem Tod fertigwerden sollten? Das eine oder andere davon würde es sein, vermutete ich.
Doc steckte sich den Rest seines Schokosticks in den Mund und stellte seine Tasse und Untertasse vorsichtig auf dem kleinen Beistelltisch neben seinem Sessel ab.
»Alice«, sagte er ernst, »ich glaube, Sie haben sich richtig entschieden.«
Warum legen wir eigentlich immer, wenn wir überrascht und verwirrt sind, unsere Köpfe schief und recken sie nach vorn? Peinlich, wenn man sich dabei ertappt. Ich muss ausgesehen haben wie eine aufgeschreckte Schildkröte.
»Entschuldigung, wollen Sie damit sagen, Sie sind der Meinung, dass ich mich umbringen sollte?«
Er drückte seine Ellbogen gegen die Rippen und hob und senkte seine Hände abwechselnd, als wöge er die Argumente ab.
»Von den beiden Möglichkeiten, die Sie erwähnt haben, würde ich jedenfalls auch diese wählen. Den Rest Ihres Lebens im Elend fristen oder einen einfachen Schritt tun, um allem ein Ende zu machen – nun, das ist nicht gerade ein Kopf-an-Kopf-Rennen, nicht wahr? Das ist meine Meinung.«
Daraufhin saßen wir ein Weilchen nur da, ohne etwas zu sagen. Ich hatte das Gefühl, das war kein gutes Ende. Kalt. Hatte er denn nicht eine einzige tröstliche Plattitüde für mich?
Doc brach das Schweigen.
»Allerdings, Alice, gibt es noch eine andere Alternative, an die Sie vielleicht noch gar nicht gedacht haben.«
Also doch. Erleichtert sog ich Luft durch die Nase ein und bereitete mich darauf vor, seinen Vorschlägen freundlich, aber ablehnend zu begegnen.
»Und die wäre?«
Pause.
»Scrabble.«
Es kam mir vor wie die Pointe eines unglaublich komischen Witzes. Ich brach in unbändiges Gelächter aus und konnte gar nicht wieder aufhören zu lachen, wie ich es nicht mehr getan hatte, seit William gestorben war. Eine nervöse Reaktion wohl zum Teil, aber es war noch mehr als das. In den Tränen der Heiterkeit, die mir an diesem Abend aus den Augen flossen, muss irgendein reinigender Wirkstoff gewesen sein. So fühlte es sich an. Manchmal sagen Leute, sie seien vor Lachen umgefallen, nicht wahr? Ich hing am Ende schief über der Armlehne meines Sessels und stopfte mir ein Taschentuch in den Mund, um mich irgendwie wieder unter Gewalt zu bekommen. Äußerst blamabel.
Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, entschuldigte ich mich, doch Doc lächelte nur und fragte: »Nun – was halten Sie von der Scrabble-Variante?«
»Tut mir leid, aber ich weiß nicht genau, wie Sie das meinen. Wollen Sie mir sagen, ich solle mich einem Scrabble-Verein anschließen oder so etwas?«
Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, und seine Augenbrauen schossen vor Schreck in die Höhe.
»Grundgütiger, nein, Sie haben doch sowieso schon den Lebenswillen verloren. Warum alles noch schlimmer machen? Nein, ich will nur andeuten, dass Sie außer einem trostlosen Leben und der schmerzlosen Auslöschung auch noch die Wahlmöglichkeit haben, heute Abend mit mir eine Partie Scrabble zu spielen. Was halten Sie davon?«
Ich blickte nicht mehr durch, war aber seltsam fröhlich dabei. »Doc, was Sie da sagen, ergibt nicht den geringsten Sinn.«
»Na ja, einen Sinn vielleicht nicht, aber können wir trotzdem eine Runde Scrabble spielen? Ich liebe dieses Spiel. Allerdings muss ich Sie warnen. Ich bin unverschämt gut darin.«
»Ich auch. Na schön, dann spielen wir, aber wieso sind Sie so sicher, dass ich überhaupt ein Scrabble-Spiel dahabe? Oder dass ich Lust zum Spielen habe?«
»Kleinigkeit für einen genialen Detektiv wie mich. Ich sehe es ja dort in Ihrem Sekretär liegen. Andere Spiele liegen dort nicht; also vermute ich, dass Sie sich verkleinern mussten, als Sie hier eingezogen sind, und deshalb alle anderen Brettspiele, die Sie hatten, ausgemistet haben. Das Scrabble aber haben Sie behalten, weil Sie es so sehr mögen und hofften, es irgendwann wieder einmal spielen zu können.«
»Na gut, Sherlock, Sie holen das Spiel heraus, und ich räume den Tisch ab. Dann koche ich uns noch einen Kaffee. Aber warten Sie nur. Sie werden Ihr blaues Wunder erleben!«
Ach, lieber Jack, wie habe ich diese Partie Scrabble genossen! Mit einem warmherzigen, netten Mann mit etwas rauen Kanten zusammenzusitzen und ein Spiel zu spielen, das ich schon immer geliebt habe. Ein Leuchten ging von alldem aus. Und was mich begeisterte, oder eher erleichterte, war die Entdeckung, dass irgendwo in meinem Bauch immer noch die nötige Mechanik vorhanden war, um mich vor Lachen zu kugeln. Ich hatte gedacht, die wäre längst weg. Es war ein positiver Schock, dass ich sie immer noch hatte. Nicht etwa, dass ich es in diesem Moment ein Aufkeimen von Hoffnung genannt hätte, aber jetzt denke ich doch, dass es das vielleicht war.
Ich hätte das Scrabble-Spiel übrigens beinahe gewonnen. Darf ich Dich mit den Einzelheiten langweilen? Manchmal liege ich nachts wach und lasse mir den Weg, der mich zu meinem letzten Wort führte, noch einmal auf der Zunge zergehen. Ganz am Ende brauchte ich hunderteinundzwanzig Punkte, um zu gewinnen, und es sah hoffnungslos aus. Die sieben Buchstaben auf meinem Bänkchen waren f, k, a, l, r, t und noch ein a. Docs letztes Wort war »Gabe« gewesen und endete auf dem Feld gleich neben dem roten dreifachen Wortwert in der Mitte des rechen Brettrandes. Ich wusste, mit einem Wort, das ans Ende von »Gabe« passte, könnte ich ordentlich Punkte einheimsen. Große Chancen darauf rechnete ich mir bei meinem Sammelsurium von Buchstaben nicht aus, bis mir plötzlich auffiel, dass sich daraus das Wort »Fraktal« bilden ließ. Großartig!
Aber die Frage war: Konnte irgendeiner dieser Buchstaben zusammen mit »Gabe« ein neues Wort ergeben? Beinahe hätte ich es übersehen, dabei lag es so nahe. Das Wort war »Gabel«. Das war mein Verbindungswort! Ich bekam also siebenundzwanzig Punkte für »Gabel«, zweiundvierzig für »Fraktal«, und das Tollste, noch einmal fünfzig, weil ich alle meine Buchstaben verwenden konnte! Hundertneunzehn Punkte für einen Zug. Es reichte nicht ganz zum Sieg, aber was für ein Hochgefühl! Und für mich eine Rekordpunktzahl.
Bald nach dem Ende unseres Spiels machte sich Doc auf den Weg. Als er sich wieder eingepackt hatte und in der Tür stand, um erneut der Witterung zu trotzen, drehte er sich um und sagte zu mir: »Alice, ich habe unseren gemeinsamen Abend sehr genossen, und besonders das Scrabble-Spiel. Es kann gut sein, dass ich in der nächsten Zeit hin und wieder mal in Eastbourne bin. Dürfte ich mich dann melden, damit wir wieder einmal spielen können? Wenn ich natürlich durch Ihren Anrufbeantworter erfahre, dass Sie sich inzwischen umgebracht haben, wird wohl nichts daraus, aber – nun ja, ich fände es schön.«
Ich schrieb ihm meine Nummer auf ein Blatt aus dem kleinen Notizbuch auf dem Tischchen in der Diele, und er steckte sie in seine Seitentasche.
»Danke, Alice. Auf Wiedersehen.«
Das war’s. Er war weg. Und ebenso weg war, ob Du es glaubst oder nicht, die scharfe Kante meiner Absicht, mir das Leben zu nehmen. Frag mich nicht, warum. Es war einfach so. Seltsam. Irgendetwas in mir hatte zu schweben begonnen. Klarer kann ich es nicht ausdrücken. Nicht zuletzt zeigte sich das darin, dass ich mich nicht mehr so störrisch dagegen gewehrt habe, mir von anderen helfen zu lassen. Wie Du weißt, kommen die wunderbaren Leute von Golden Hands jetzt jeden Tag hierher. Zwei davon, besonders ein Mädchen namens Barbara, sind mir echte Freundinnen geworden. Und Doc hat mich auch wieder besucht. Zwei oder drei Mal seit jenem ersten Abend. Jedes Mal rief er mich vorher an, um zu sagen, dass er in Eastbourne sei, und um sich zu erkundigen, ob ich noch am Leben sein würde, wenn er vorbeikäme. Wirklich witzig. Schöne Begegnungen. Schöne Gespräche. Jede Menge vergrabener Schätze. Und beim Sichten dieser Schätze habe ich manches gelernt, was ich bisher nie gewusst hatte. Du würdest staunen. Ich werde Dich jetzt nicht damit behelligen. Das erzähle ich Dir ein anderes Mal.
Eine Sache noch. Das letzte Mal, als Doc mich besuchte, gab er mir eine Karte, bevor er ging.
»Mir kommt da ein Gedanke, Alice«, sagte er. »Hier steht eine Nummer drauf. Es ist nicht meine direkte Nummer, aber die Person am anderen Ende weiß, wie ich zu erreichen bin. Wir haben ja viel über Ihren Enkel geredet. Wenn Sie meinen, es wäre vielleicht gut, wenn wir mal miteinander reden – nun, er darf sich gerne jederzeit melden.«
Also habe ich das gemacht. Die Karte, die er mir gegeben hat, steckt mit diesem Brief zusammen im Umschlag. Warum ich bis jetzt damit gewartet habe? Ich weiß es nicht. Warum es vielleicht gut für Dich wäre? Keine Ahnung. Ich lasse mich einfach mit der Strömung treiben. Es ist Deine Entscheidung.
Wahrscheinlich liegen Dir noch zwei letzte Fragen auf der Seele. Warum habe ich Dir nie von Doc erzählt? Ich vermute, weil die Begegnung mit ihm ein ganz besonderes kleines Goldkörnchen nur für mich war. Ich hatte nie damit gerechnet, dass in meinem Leben noch einmal etwas Besonderes passiert. Und da wollte ich, dass es meine Privatsache bleibt. Meine ganz allein. Aber ich habe es sehr genossen, Dir davon zu schreiben. Ich hoffe, Du bist mir nicht allzu böse.
Die andere Frage habe ich mir selbst schon oft gestellt. Sie betrifft seinen Namen. Was für ein Doktor ist er eigentlich? Ist er überhaupt ein Doktor? Ich bin immer noch nicht dazu gekommen, ihn danach zu fragen. Bis Du diesen Brief bekommst, schaffe ich es vielleicht noch, aber dann werde ich es Dir nicht mehr sagen können. Schau Dir seine Karte an. Du wirst nicht schlau daraus werden. Ging mir jedenfalls so.
Und das war es dann, Jack. Ich höre jetzt mit meinem Geschwafel auf. Wahrscheinlich bekommst Du diesen Brief erst, wenn ich gegangen bin. Vergiss nicht, dass ich Dich immer lieben werde.
Deine Oma xxxx
P.S.: Ich habe gesagt, ich würde Dir ein anderes Mal erzählen, was mit mir passiert ist, aber dazu kommt es vielleicht nicht mehr. Falls Du Doc triffst, frag ihn nach der großen Veränderung, die in meinem Leben plötzlich vorgegangen ist. Er wird wissen, wovon Du sprichst.
Jack legte das letzte Blatt von Alices Brief nieder und schaute auf seine Uhr. Es war schon spät, und sein Kopf fühlte sich von innen ziemlich übel zerschunden an. Kein guter Zeitpunkt, um sich an die Aufgabe zu machen, die Fäden der Verwirrung und der kindlichen Entfremdung zu entwirren, die sich in seinen Emotionen verknotet hatten. Er beschloss, sich alles für eine Weile vom Leib zu halten und auf dem Laptop eine Episode Miranda zu schauen. Besser als ein Aspirin. Ob er danach schlafen konnte, würde sich schon zeigen.
Doch vorher noch eine Sache. Er nahm den Umschlag, der Omas Brief enthalten hatte, in die Hand, drückte unten die Seitenkanten zusammen und schüttelte ihn über dem Bett aus. Eine olivgrüne Karte flatterte hinunter auf die Decke. Er nahm sie und betrachtete sie blinzelnd im Licht der Nachttischlampe am Fenster. Zwei Zeilen waren auf der Karte aufgedruckt. Die eine war eine Telefonnummer. Die andere bestand nur aus zwei Worten: DER SCHATTENDOKTOR.
4. Kontakt
Es war eine Art Albtraum für Jack, bis er sich endlich dazu durchgerungen hatte, mit der Person, die sich der Schattendoktor nannte, in Kontakt zu treten. Wie sollte er sein Gespräch mit diesem Mann anfangen, der angeregt hatte, seine Telefonnummer an jemanden weiterzugeben, den er überhaupt nicht kannte? Den Enkel einer Freundin. Merkwürdig, oder? Was konnte das bedeuten? Die grauenhafteste Vorstellung war ihm, dass sich die ganze Sache als gigantischer Trick herausstellen könnte. Doch diesen Gedanken verwarf er sofort wieder. Oma mochte in ihrer Einsamkeit durchaus ein wenig angreifbar gewesen sein, aber sie hätte sich nie für dumm verkaufen lassen. Wenn Alice Merton dem Mann glaubte, den sie als Doc kannte, dann musste er in Ordnung sein, zumindest vertrauenswürdig. Und wenn dies, wie Jack mutmaßte und hoffte, wenn dies ein weiterer Schritt auf seinem spirituellen Weg sein würde, warum sollte er ihn dann nicht mutig gehen?
Leicht gefragt. Manchmal, wenn er im Bett lag und nervös verschiedene Wortfolgen einstudierte, die er bei diesem heiklen Anruf an den Mann bringen könnte, riss er sich bewusst aus seinen Gedanken, indem er sich auf ein inneres Bild der Kerzenflamme konzentrierte, die an jenem fernen Regentag in der Kathedrale von Ripon so zitternd geflackert hatte. Etwas musste geschehen. Es wurde immer schlimmer. Er wurde mehr und mehr zu einer Hülse seiner selbst. Alles, was er hörte und sah, erschien ihm wie durch einen Schwarzweißfilter gezwängt. Farben und Formen verloren ihre Unverwechselbarkeit. Eintönigkeit regierte. Eine falsche Identität war immer noch besser als gar keine, aber es fiel ihm zunehmend schwerer, sie aufrechtzuerhalten. Tief in seinem Herzen wusste Jack, dass seine Zukunft als Mensch davon abhing, ob er seinem drängenden Verlangen nach Echtheit gerecht werden konnte. Er wusste auch, dass es nicht leicht sein würde. Er hatte seine eingeprägten Haltungen zu nahezu jedem Aspekt des Lebens und Denkens als Christ. Vielleicht mussten manche dieser Stimmen zum Schweigen gebracht oder zumindest gedämpft werden. Konnte er das? Wie sollte er das anstellen? Und überhaupt, vielleicht gab es ja Gott überhaupt nicht. Dann spielte das alles sowieso keine Rolle. Diesen Gedanken verscheuchte Jack jedes Mal geflissentlich, wann immer er ihm in den Sinn kam. Wie konnte Gott ihm helfen, wenn er nicht existierte?
Am Ende verwandelte sich der Albtraum. Nach einem schwierigen Anfang wurde eine ganz andere Art von Traum daraus. Mit trockenem Mund und voller Anspannung brachte Jack sich schließlich dazu, die Nummer auf der olivgrünen Karte zu wählen, die er in den Wochen seit seiner Rückkehr aus dem Hotel Hydro an dem Tag, nachdem er den Brief seiner Großmutter gelesen hatte, sicher in seiner Schreibtischschublade verwahrt hatte. Beinahe augenblicklich meldete sich eine Frauenstimme, warm, melodiös und freundlich.
»Hallo, hier ist Martha. Danke für Ihren Anruf. Was kann ich für Sie tun?«
Die Frauenstimme verschlug ihm erst einmal die Sprache.
»Hallo – ja, also, ich weiß nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin, aber man sagte mir, ich könnte bei Ihnen einen gewissen …« Jack tat so, als läse er den Namen von der Karte ab. »Einen gewissen … Schattendoktor erreichen. Ist das richtig?«
»Ja! Genau richtig.« Sie hörte sich hocherfreut an.
»Ich glaube, er – der Schattendoktor, meine ich – kannte meine Großmutter, Alice Merton.«
»Ja, du liebe Zeit! Jack! Sie müssen Jack Merton sein! Doc wird sich unbändig freuen, dass Sie sich melden.«
»Oh. Gut. Äh, ob ich ihn wohl sprechen könnte?«
»Aber natürlich! Allerdings wohnt er nicht hier, Jack. Aber kein Problem. Ich rufe ihn sofort an, und er wird sich so schnell wie möglich bei Ihnen melden. Ich weiß, wie sehr er sich darauf freut.«
»Okay. Danke, Martha. Herzlichen Dank.«
»Ich danke Ihnen, Jack. Hat mich sehr gefreut. Tschüss!«
Jack starrte das Telefon in seiner Hand an. Er fühlte sich leicht benommen. Sein kurzes Gespräch mit der liebenswürdigen Martha war ihm vorgekommen wie ein plötzliches Eintauchen in ein warmes Schaumbad. Vielleicht fühlte es sich so ähnlich an, wenn man berühmt war. Eine derartige Beweihräucherung von Leuten, denen man noch nie begegnet war. Wer war Martha? In welcher Verbindung stand sie zu dem Schattendoktor? Alles sehr verwirrend.
Er machte sich eine Kanne Kaffee und setzte sich mit seinem Lieblingsbecher aus hellblauem Porzellan an den Küchentisch, um auf das Klingeln des Telefons zu warten. Eigentlich albern. Es konnte Stunden dauern, vielleicht sogar einen oder zwei Tage, bis der geheimnisvolle Unbekannte anrief.
Es dauerte fünf Minuten. Das halberwartete Geräusch brachte Jack so aus der Fassung, dass er das Handy ungeschickt zu fassen bekam, als er danach griff, und wild jonglieren musste, damit es ihm nicht auf den gekachelten Fußboden fiel. Das fing ja gut an. Gott sei Dank für die Unsichtbarkeit. Er achtete sehr darauf, seine Stimme unter Kontrolle zu halten, als er sich meldete.
»Hallo, hier Jack Merton. Was kann ich für Sie tun?«
»Jack. Hier ist Doc. Der Freund von Ihrer Großmutter. Sie haben angerufen. Ich freue mich sehr.«
Die Stimme hörte sich volltönend und ansprechend an, angefüllt mit Erfahrung und Möglichkeiten.
»Hi. Doc ist wohl die Kurzform von Schattendoktor, was?«
»Genau.«
»Danke, dass Sie zurückrufen, Doc. Oma – Alice – hat mir einen langen Brief über alles Mögliche hinterlassen. Unter anderem darüber, wie sie Sie kennengelernt hat. Sie hat mir auch Ihre Nummer weitergegeben und mir den Vorschlag gemacht, mich bei Ihnen zu melden. Ich weiß nicht genau, warum, aber mir ist klar, dass Sie beide gute Freunde geworden sind, und deshalb dachte ich mir, es wäre gut, mich mal zu melden und … na ja, mich eben zu melden.«
Damit war Jack am Ende seines Repertoires an Belanglosigkeiten. Ganz plötzlich hatte die Hoffnung die Wirklichkeit eingeholt. Vielleicht ging es wirklich nur darum, sich mal zu melden. Er war kurz davor, in einer Verzweiflung zu versinken, deren Tiefe ihn überraschte. Es war kurz still, ehe der Schattendoktor wieder sprach:
»Alice hat Sie mehr geliebt als alles andere auf der Welt, Jack. Sie müssen sie schrecklich vermissen.«
Die Worte waren heraus, bevor Jack sie einfangen konnte.
»Es gibt sonst niemanden, mit dem ich reden kann.«
Wie es schien, gab es doch jemanden. Der Damm war vielleicht noch nicht gebrochen, aber Risse hatte er schon. Später, als er selbst nicht mehr wusste, was er Doc im Laufe dieses Telefonats über sein Leben, seinen Glauben und seine Ängste alles erzählt hatte, dachte Jack an Alices Bemerkung darüber, wie es ebendiesem Mann bei ihrer ersten Begegnung gelungen war, innerhalb von Minuten oder gar Sekunden eine Gemeinschaft entstehen zu lassen. Nachdem er fast dreißig Minuten lang seine Seele bloßgelegt hatte, fing er an zu verstehen. Aber wie hatte dieser außergewöhnliche Mann das nur einfach so am Telefon geschafft?
Schließlich verstummte Jack, erschöpft und ein bisschen verlegen über seine eigenen Ergüsse.
Der Schattendoktor brach das Schweigen. »Jack, ich danke Ihnen sehr, dass Sie mit mir reden. Sie haben mich gerade gefragt, warum ich gehofft hatte, dass Sie sich bei mir melden. Es gibt etwas, wonach ich Sie wirklich gern fragen möchte. Wäre es wohl möglich, dass Sie mich besuchen? Ich habe gehört, dass Sie an den Wochenenden oft zu tun haben. Wie wäre es an einem Abend unter der Woche? Sie sind in Bromley, nicht wahr? Ich wohne in einem Häuschen am Rand eines Waldes unten in Sussex, etwa eine Meile außerhalb von Wadhurst. Wie weit dürfte das sein – ungefähr fünfunddreißig Meilen? Ich wohne ein bisschen abgelegen. Bleiben Sie über Nacht. Wir machen uns einen schönen Abend. Ich glaube, es wäre wichtig – für uns beide. Wenn Sie Lust haben, gebe ich Ihnen meine Handynummer, und Sie können mir Bescheid sagen, wann es Ihnen passt.«
Gemeinschaft hin oder her, im Herzen des jungen Mannes loderte plötzlich Furcht auf. Furcht vor dem Unbekannten. Furcht davor, die Kontrolle zu verlieren. Furcht vor einem finsteren Ort in einer finsteren Nacht. Furcht vor einem wildfremden Mann. Furcht vor seiner eigenen Zerbrechlichkeit. Aber Kneifen kam nicht infrage. Die winzige Flamme, die er vor sich sah, brannte zwar nicht so intensiv, aber dafür beherrschbarer als seine Furcht. So viele Fragen. Eine ganz wichtige kam ihm zuerst in den Sinn. Was würde Oma sagen? Darauf immerhin kannte er die Antwort. Tu es einfach.
»Okay, Doc. Es ist mir ein bisschen unheimlich, aber ich würde gern kommen. Wenn es die Nummer ist, von der Sie gerade anrufen, speichere ich sie einfach und rufe Sie bald an. Und … danke, dass Sie mich so lange haben reden lassen.«
»War mir ein Vergnügen, Jack. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören.«
Und das war es schon, so verwirrend es war. Zwei Tage später einigten sie sich auf einen Termin. Arrangements wurden getroffen. Jack bekam eine Adresse mit Wegbeschreibung. Jetzt blieb nur noch eins: Er musste sich auf den Weg machen. An einem Mittwoch zwei Wochen später machte Jack frühzeitig Feierabend, holte sich bei Greggs ein Sandwich mit Speckstreifen und einen Kaffee und reihte sich in die tägliche Prozession der Autos ein, die Zoll für Zoll auf die Hauptstraße zu krochen. Die Strecke kannte er gut von seinen Besuchen bei Oma. Auf die A21, dann ein enervierendes Stück M25, dann wieder auf die A21, Richtung Hastings, dann bei Lamberhurst abbiegen und das letzte Stück bis zu dem Dörfchen Wadhurst. Eine Meile danach, so die Wegbeschreibung, würde er links die Northfields Road angezeigt sehen. Nach einer Dreiviertelmeile auf diesem schmalen Sträßchen würde er, angenagelt an einer alten Eiche, ein Holzschild mit der Aufschrift »Marlpit Cottage« finden. Von dort führte ein ungepflasterter Weg zwischen zwei bestellten Feldern hindurch.
Jacks Routenplaner hatte die Fahrzeit auf etwas über eine Stunde geschätzt, doch der Verkehr Richtung Süden war ihm an jedem Zubringer und jeder Einmündung so zermürbend träge wie noch nie vorgekommen. Es war schon dunkel und hatte angefangen zu regnen, als er Wadhurst hinter sich gelassen und das Schild zur Northfields Road gerade noch rechtzeitig entdeckt hatte, um nicht daran vorbeizufahren. Von dort an machte die schmale Landstraße so viele Windungen und Kurven, dass er mindestens zweimal alle Hände voll zu tun hatte, nicht in der Hecke zu landen, geschweige denn abschätzen konnte, ob er schon eine Meile weit gefahren war oder nicht. Eine langsam anschwellende Panik ebbte wieder ab, als er ein Licht sah – offenbar eine Taschenlampe, die auf der linken Straßenseite in Kopfhöhe gehalten wurde. Der Regen glitzerte in ihrem Strahl wie lauter Nadeln aus Licht. Hinter diesem Vollmondeffekt ragte ein riesiges, dunkles Gebilde vor der blasseren Dunkelheit des Himmels auf. Das konnte nur irgendein Baum sein, sagte er sich.
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