Читать книгу: «Ich, Alexander. Liebling der Götter.»

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Texte: © Copyright 2020 by Wulf Mämpel

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Für Thora, Kiki, Carolin und Hendrik Jacobus

Kurzvita Wulf Mämpel

Der Essener Journalist Wulf Mämpel (Jahrgang 1943) war 40 Jahre als Redakteur in leitender Funktion im Verlag der WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) tätig, davon 33 Jahre als Lokalchef in Essen. Heute ist er als freier Journalist, Moderator und Buchautor aktiv. Wulf Mämpel war Begründer und 30 Jahre lang Vorstandsvorsitzender des „Freundeskreises Theater und Philharmonie“ in Essen. Die Memoiren des Francis Drake sind sein fünfter historischer Roman, insgesamt verfasste er 20 Bücher, darunter auch einen Krimi. Wulf Mämpel ist Träger des Verdienst-Ordens und des Verdienstkreuzes am Bande der Bundesrepublik Deutschland und Träger des Verdienst-Ordens „Pro ecclesia et pontifice“ des Papstes von Rom für seine Verdienste als „Moderator der Kulturen“. Außerdem Träger der Goldenen Ehrenplakette der Stadt Essen

Wulf Mämpel

Ich,

Alexander.

Liebling der Götter.

Intime Gedanken des großen Makedoniers, der gerne Achilles gewesen wäre – bis sich beide begegnen.

Historischer Monolog.

Quidquid agis,

prudenter agas

et respice finem!

(Was du auch tust, tue es klug und beachte das Ende)

Herodot

Alexander.

Lichtgestalt und absoluter Herrscher der antiken Welt? Wer war er wirklich, was hatte er für Gedanken, Ziele und Träume? Viel, vielleicht alles ist über diesen Glückspilz geschrieben worden: In Hunderten von Büchern, Schriften, Romanen und Diplomarbeiten - warum also dieser kleine Monolog über einen Mann, den die Nachwelt den Großen nennt? Schon in seiner Jugend wurde der zukünftige Erfolg des Helden angedeutet, weil seine vielen Talente geweckt werden konnten. So entstand ein ungewöhnlicher Text, von ihm drei Jahre vor seinem frühen Tod dem vertrauten Freund, Liebhaber und General Hephaistion diktiert. Die „Ilias“ war für Alexander sein Leben lang das entscheidende Buch, das ihn auf all seinen Kriegszügen begleitete. Immer wieder las er, wie er stets betonte, „meinen Homer“.

Sein Gegner, der persische Herrscher Dareios III. unterschätzte den zwanzigjährigen Makedonier, als dieser gegen Persien mobil machte. Denn Alexander war nicht nur ein tapferer Soldat, der das Gefecht in vorderster Reihe suchte, er war ein begnadeter Stratege und dazu hochgebildet, was über einen Feldherrn nicht immer zu sagen ist, wenn man sich seine „Nachfolger“ im Laufe der Jahrhunderte anschaut. Sein Lehrer war das Universalgenie Aristoteles, der den Prinzen aus Pella zehn Jahre unterrichtete. Sein Wissen wurde das Wissen des späteren jungen Königs, der im Alter von 20 Jahren Nachfolger seines eher vulgären Vaters König Philipp wurde. Dreizehn Jahre sollte Alexander danach noch leben. Was für dreizehn Jahre! Kann ein Mensch in dieser Zeit die damalige Welt aus den Angeln heben? Alexander konnte es!

Wie hat er gedacht, gefühlt, worüber hat er philosophiert, was hat er in seinen Träumen erlebt? Was machte ihn so groß? Diesen Fragen möchte das kleine Buch nachgehen. Es ist auch eine traumhafte Unterhaltung geworden zwischen zwei Helden: ihm selbst und dem gottähnlichen Achilles aus der „Ilias“ des Homer. Sie lebten in zwei unterschiedlichen Epochen und Welten: Alexander, mit 28 Jahren Herrscher der Welt. Sagenumwoben, Freund alles Schönen, Frauenheld und homoerotisch zugleich, klug, spontan, eitel, cholerisch, charmant, maßlos, brutal und wiederum ein glühender Verfechter der schönen Künste. Und Achilles, Sohn der Göttin Thetis und des Peleus, unbesiegbar, Held von Troja, Bezwinger des Hektor. Ein Held und Halbgott seines Autors Homer - in diesem Buch Dialogpartner des Alexander. Ein ausgelassenes Gespräch zwischen zwei unsterblichen Helden und über die bis heute anhaltende Heldenverehrung.

Denn was ist heute anders als früher: Wenn man sich die Helden unserer Tage anschaut, dann wird es mit der Idealisierung und der Verehrung wohl auch so bleiben: Robin Hood, Zorro, Tarzan, Commander Kirk, Superman, Batman, Spiderman, Harry Potter und viele andere in Romanen, Filmen und in der virtuellen Welt. Doch Alexander fasziniert heute noch Millionen! Denn der große Unterschied, er ist keine Erfindung, sondern Realität.

Alexander starb 323 v. Chr. in Babylon, der blühenden Weltstadt, mit nur 33 Jahren. Sein ungewöhnlicher Plan, die größte Bibliothek der damaligen Welt in seiner von ihm gebauten neuen Metropole Alexandria in Ägypten zu errichten, erlebte er nicht mehr. Das war seinen Nachfolgern, dem aus Makedonien stammenden Geschlecht der Ptolemäer, überlassen. Doch er konnte noch den Grundstock mit seiner eigenen Bücher- und Schriftensammlung legen. Sein Lehrmeister Aristoteles starb ein Jahr nach Alexanders Tod im Alter von 62 Jahren. 324 v. Chr. war bereits sein enger Freund Hephaistion gestorben. Die Aufzeichnungen des Alexander - so wird vermutet - lagen viele Jahrhunderte in der Bibliothek in Alexandria, wurden aber ebenso ein Raub der Flammen wie alle anderen bedeutenden Werke . . .

Dieser fiktive Monolog ist das Ergebnis langer und intensiver Recherchen. Sie begannen schon vor über dreißig Jahren. Die Fragen damals wie heute: Was sind Helden heute noch wert, wie hat sich unsere Heldenverehrung im Laufe der Zeit verändert oder ist sie in jeder neuen Generation neu zu diskutieren? Was unterscheidet die Helden von damals von den Helden von heute? Kann ein Kriegsherr ein Förderer des Humanismus und der schönen Künste werden? Wenn ja, wie?

Fazit: Die Grenzen zwischen Mensch und Mythos waren und sind in der Überlieferung seiner Taten und seines Wesens fließend. Alexander, den die Nachwelt infolge seiner unglaublichen militärischen Erfolge den „Großen“ nennt, und Aristoteles, dessen philosophische Schriften das abendländische Denken entscheidend geprägt haben. Staunend und fasziniert entnehmen wir den Quellen, wie der berühmte Philosoph an den makedonischen Königshof gerufen wurde, um den späteren Welteroberer zu unterrichten. Nur zu leicht vergessen wir dabei, dass weder Alexander zu jener Zeit bereits sein Schicksal kannte, noch Aristoteles dieses Ansehen genoss, das ihm heute zuteilwird. Alexanders Traum von einer neuen, gerechten und sozialen Welt wurde brutal beendet: Er starb im Alter von nur 33 Jahren in Babylon. Als Krieger und nicht als Messias! Seine Pläne wurde nicht realisiert . . .

Der Monolog ist auch als Text für ein Hörspiel, für die Theater-Bühne, für Schüleraufführungen und Schauspielschulen gedacht, obwohl Monologe aus der Mode gekommen sind. Also: Vorhang auf!

Ich danke meiner Frau, die mir Mut machte, mich diesem ehrgeizigen und ungewöhnlichen Vorhaben zu widmen. Es bedurfte langer Gedankensprünge und das Abtauchen in immer tiefere Gedankenfluten, Erinnerungen und Vermutungen. Ich danke meinen Freunden Frank Hornberg, der als kundiger Lektor fungierte, und Bernd J. Meloch für seine technische Hilfe.

Wulf Mämpel

MONOLOG.

EINS.

(Auftritt Alexander - vor dem Vorhang zu sprechen:)

Das vieltausendjährige, sagenumwobene Babylon: Leuchtende Fackel und Tor der Götter, mächtige Feste des Perserreiches, einst das sündhafte Babel, heute die reichste Stadt im Zweistromland, in deren Schatzkammern sich Berge von Gold und Silber und Edelsteinen häufen, Zentrum orientalischer Kultur, der Ausschweifungen, aber auch der Wissenschaften und der Gelehrsamkeit. Was macht eine große Stadt zu einer Metropole? Nicht die Häuser, sondern die Menschen! Sie und die vielen Legenden bestimmen den Mythos dieser Metropolis. Sie wird meine neue Hauptstadt werden denn wozu habe ich Reiche erobert, Männer gemordet, Könige entthront und Götter beleidigt, um dann wieder nach Pella zurückzukehren? Niemals!

Mein Vater hat einen für mich richtungsweisenden Satz gesprochen, als er aus Eifersucht sagte: „Mein Sohn, suche Dir ein anderes Königreich. Makedonien ist zu klein für Dich!“ Daran erinnere ich mich in diesem Moment: Ich, Alexander, auf der Terrasse liegend, kühlen Wein trinkend, grübelnd und meinem Schreiber, Heerführer und Freund Hephaistion diktierend. Heimweh nach Pella kenne ich bisher nicht: Für mich ist die Fremde zum Vaterland geworden! Makedonien ist überall dort, wo ich glücklich bin!

(Der Vorhang öffnet sich, Alexander geht zu seiner bequemen Liege)

Mein Chronist sitzt vor einem Schreibpult, vor sich einen großen Packen Papyrusbögen. An der Wand neben mir lehnt mein breites Kampfschwert. Auf einem anderen Tisch stehen Getränke und Schalen mit frischen Früchten. Ich räkele gemütlich auf einem Triclinium, auf dem das Fell eines von mir erlegten Leoparden liegt. Ich liebe diesen animalischen Geruch. Ein dreiköpfiges Orchester mit Trommel, Kamanja und Flöte spielt leise Weisen. Ein warmer Wind weht durch den Palast am Ufer des Euphrat . . . es ist vier Uhr nachmittags. In den weitläufigen Gärten patrouillieren Elitesoldaten, die mir treu ergeben sind, denn zwei Attentate konnten in den vergangenen vier Monaten verhindert werden.

(Alexander setzt sich)

Ich hatte eine ruhige Nacht. Mein leichtes Frühstück bestand aus Früchten und frisch gebackenem Brot. Dazu trank ich Kamelmilch, an die ich mich inzwischen gewöhnt habe. Mittags gab es eine gedünstete Hühnerbrust mit gestoßenem Curry . . . Für den frühen Abend habe ich Oliven, Feigen, Brot, Lammfleisch, Salzfische, Waldbeeren, Wein und Wasser bestellt. Was wichtiger war: Ich habe die täglichen Audienzen abgesagt und empfange niemanden. Dieser Tag gehört mir allein! Meinen Gedanken und meinen Träumen . . . besonders einem Traum, der mich vor drei Tagen überfiel und den Plan in mir reifen ließ, meinen Freund zu bitten, meine sich formenden, kühnen Gedanken niederzuschreiben . . . denn Lebenserinnerungen sind eine perfekte Gelegenheit, die Wahrheit über andere zu sagen! Sie sind wie ein langer Brief an Dich, mein Freund, an mein Volk und an meine Nachfolger!

(Alexander beginnt den Monolog:)

Heureka!

Wir beginnen meinen Monolog arrogant, mein guter Hephaistion, das wird sie alle maßlos ärgern. Denn ich weiß nur zu gut: Die Rebellen von gestern sind die Despoten von heute. Der einzige Mann, dem ich seine Beleidigung nicht übel nahm, sondern mit einem lauten Lachen quittierte, war Diogenes von Sinope, der bescheidene große Denker, als ich zu seiner Tonne getreten war, in der er hauste und ich ihn fragte, was ich für ihn tun könne: „Geh mir ein wenig aus der Sonne!“ Ich liebe solche Menschen, die aus der Bahn gefallen sind, obwohl ich völlig anders strukturiert bin. Weil sie anders sind als ich, toleriere ich sie und ihre Boshaftigkeiten.

Ich kann Dir nicht sagen, was mich bewegt, welche böse Ahnung mich antreibt. Im Grunde gibt es keinen Grund für meine innere Nervosität. Denn mein Werk ist fast vollbracht. Jetzt fehlen vielleicht noch die arabische Halbinsel, der Westen des Mittelmeerraumes und das arrogante Phönizien mit seiner Hauptstadt Karthago, was kein großes militärisches Problem darstellen wird, nachdem Ägypten bereits mir gehört. Nun habe ich mehr Zeit, mein Großreich zu ordnen und zu verwalten, die Satrapen auszuwählen, sie zu prüfen und zu kontrollieren und mich meinen künstlerischen Neigungen hinzugeben, die mir der klügste Mann der Gegenwart in zehn spannenden Jahren, als ich sein wissbegieriger Student und er mein Lehrer war, beibrachte. Aristoteles sagte: „Wer in schönen Dingen einen Sinn entdeckt, der besitzt Kultur. Doch Menschen mit Kultur sind oft sehr einsam, weil ihnen das Gegenüber fehlt. Aber das Volk ist dumm, wäre es gebildeter, es wäre nicht klüger.“ Und dann zitierte er seinen eigenen Lehrer Platon: „Kultur ist der Sieg der Überzeugung über die Gewalt und das Beste gut genug.“ Und Hippokrates sagt: „Unser Leben ist kurz, die Kunst aber ist lang.“

Du wunderst Dich, mein lieber Freund, solche Worte von mir, dem Hegemon, zu hören, von einem Kriegsherrn und Eroberer. Ja, ich bin nicht mehr der, der ich noch vor zehn Jahren war. Ich spüre eine andere, eine neue Kraft in mir, nachdem Siege mich süchtig gemacht haben. Ich will meine Stellung nutzen, große Dinge zu vollbringen. Wer, wenn nicht ich, sollte dazu fähig sein? Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen, wie unsere Philosophen uns weiß machen wollen. Ich bin jetzt in dem Alter, indem ich erkennen muss, besser, erkenne, dass es noch andere Werte auf der Welt gibt. Wir können nur einmal leben und nur einmal sterben - in dieser Zeit besteht die Möglichkeit, etwas aus sich zu machen und etwas für andere zu schaffen. Etwas ganz Großes und Unverwechselbares. Das Beste! Das will ich von nun an als mein Lebenswerk formulieren. Sie sollen eines Tages über mich sagen: „Das hat Alexander geschafft, der aus Makedonien stammte. Alexander, der Held, der Herrscher der Welt!“

Lieber Freund, ich habe alles erreicht, was ein Mensch erreichen kann. Denn ich habe früh begriffen: Nichts ist überzeugender als der Erfolg! Leichter ist der Abstieg zur Hölle! Und doch werde ich einige wichtige Dinge ändern müssen, die nicht allen gefallen werden. Ich sage es hier deutlich: Wer an den Aufgaben meines Reiches keinen Anteil nimmt, ist kein friedlicher Bürger, sondern ein schlechter Bürger. Das Glück meines Lebens hängt von der Beschaffenheit unserer Gedanken und Ziele ab. Dazu gehören Freiheit und Mut, erst das ist das wahre Glück eines Menschen. Freiheit und Mut. Ich habe den Mut, mich neu zu definieren, mein Leben zu ändern, wenn Du es so nennen willst. Zu dieser Veränderung gehört auch die Erkenntnis, dass wir Menschen nicht nach ihrer Herkunft beurteilen dürfen, sondern nach ihrer Tüchtigkeit. Ich habe erkannt: Schrecklich ist die Masse Mensch, wenn sie schlechte Könige als Führer hat. Also handelte ich nach dem bewährten Motto, das mir schon meine Mutter Olympias immer wieder sagte: Nichts ist unmöglich für den, der es versucht!

(Alexander erhebt sich und reicht seinem Freund eine Weintraube, geht dann auf und ab)

Ich suchte gestern, als Du mit Stadthaltern des Reiches verhandelt hast, um unseren Nachschub für die Wintermonate zu organisieren, das große Lager unserer Verwundeten auf, die in ein paar Tagen in ihre Heimatländer zurückreisen. Viele unter ihnen haben ein Bein, den Arm oder ein Auge verloren, andere haben ihren Verstand eingebüßt. Tapfere Männer allemal! Ich sprach lange mit ihnen, einige weinten und küssten mir die Hand. Ich möchte, dass Du sie in Würde entlässt, es sind fast vierhundert Männer. Du bist mir verantwortlich, dass sie ein sicheres Geleit erhalten, bis sie bei ihren Frauen und Kindern sind. Jeder der Männer erhält einen Beutel mit zehn Goldstücken, hörst Du? Damit ihr Start ins Privatleben ohne materielle Sorgen beginnen kann. Und zwar zusätzlich zu ihrer eigenen Beute. Wehe, sie werden ausgeraubt! Wer einen Kameraden bestiehlt, der verliert sein Leben als Warnung für andere Diebe. Ich möchte, dass auch die Witwen meiner tapferen Krieger versorgt werden. Sie erhalten fünf Goldstücke, egal ob sie wieder vermählt sind oder nicht. Ihr Leid soll gemildert werden. Die meisten dieser Armseligen sind einsam, verarmt, wenig geachtet und nicht selten alleinerziehende Mütter. Aber alle sollen sagen, dass Alexander an sie denkt und sich dankbar zeigt. Wir haben Tempel und Hallen voll von Goldstücken, erbeutet in Ägypten, Assyrien, Mesopotamien, Persien, Libyen, Lykien und am Hindukusch. Noch einmal: Du bist mir verantwortlich, dass dies nach meinem Willen geschieht. Was wäre ich für ein Herrscher, würde ich diese treuen Menschen im Stich lassen. Das wird niemals geschehen, dass eine junge Witwe sich das Leben nehmen muss, weil sie arm und verzweifelt ist, da ihr Ehemann für Alexander starb. Ich möchte als großzügig gelten, möchte ein Gönner sein. Es gibt Leute, die geizen mit ihrem Verstand wie andere mit ihrem Gold. Beide mag ich nicht. Großmut findet immer Bewunderer, selten Nachahmer. Der Geizhals stirbt vielleicht als reicher Mann, aber niemals der Geiz selbst.

Nun möchte ich das tun, was meiner Seele guttut, verstehst Du das? Ich werde mein Leben ändern, vorbei sind die Fresswellen, die Sexwellen, die Saufwellen, die Gewalt- und Zorneswellen, auch die der quälenden Askese, der wilden Jagden und tagelangen Orgien. Vorbei, mein Freund. Wir, die herrschende Oberschicht, die Elite, wie wir uns gerne nennen, wähnen uns am Puls der Zeit, glauben, alles zu wissen und zu können und sind doch nur Mitläufer eines vorgegebenen, manipulierten Zeitgeistes. Wir hängen an den Spielfäden der Götter und müssen uns ihre Launen gefallen lassen. Von Übel ist daher für mich diese Haltung: Alles wurde schon gesagt, nur eben von diesen oder jenen noch nicht! Der Philosophen Schar wird dann immer lauter, wenn es gilt, die Entscheider zu kritisieren, zu bespötteln und zu diffamieren. Sie schmücken sich mit dem großen Mantel der Weisheit, halten die gefühlte Wahrheit für die echte Wahrheit. Und wir springen über jeden Stock, den sie uns vorhalten. Kaum einer von den Weisen unserer Tage trägt auch nur einen Hauch von Verantwortung. Wie Spinnen schießen sie ihr Gift, ihre hasserfüllten Flüche und beleidigenden Tiraden hinaus in die Welt, wohl wissend, dass sie bewusst Angst verbreiten und Aufruhr und Revolte. Ich bin sehr froh, mein Freund, dass ich sie meist früh erkenne und sie dann bloßstelle. Sie bekommen ihren schnellen, öffentlichen Prozess als eine Art Warnung für andere - und danach ihre harte Bestrafung: den Tod wegen Aufruhrs, Verschwörung und Verleumdung gegen das Reich und ihren Herrscher. Sie vergiften die Seelen meiner braven Mitbürger unter dem Schirm der Demokratie und der Freiheit. Und genau das werde ich zu verhindern wissen! Sie meinen Demokratie und rufen ständig nach ihr, beschwören sie auf dem Altar der Gleichheit, der Brüderlichkeit und der Freiheit, dabei wollen sie nur ihre eigene Macht erhalten und ihre Beutel mit Gold füllen. So ist der Mensch, ein Spiegelbild der sich untereinander streitenden, rivalisierenden Götter! Ich sage: Das ist königlich, dass man Böses über sich sagen lässt von einem, dem man Gutes getan hat. Ab sofort sollen in den Gerichten die Gesetze sprechen und die Führer schweigen.

(Alexander setzt sich wieder, trinkt seinem Freund zu)

Wir haben zwischen der Diktatur, der Monarchie, der Aristokratie und der Demokratie zu unterschieden. Der gute Perikles wollte sicher nur das Beste für das Volk, doch mit der Zeit scheiterten seine Ideale und die der Stadtstaaten an der Gier der Neider in seinem engen Umfeld und an der fehlenden Machtfülle. Die attische Demokratie, in der jeder männliche Bürger über wichtige Probleme mitentscheiden durfte, bis einer unter ihnen das Ruder übernahm und die endlosen Wortbeiträge beendete. Da nicht alle die gleichen Rechte besaßen - Frauen, Kinder, Sklaven und Fremde hatten nichts zu vermelden - blieben viele der guten Ideen auf der Strecke. Die Agora entwickelte sich zu einem Forum der Eitelkeiten. Wichtigtuer übernahmen das Zepter, Verbalpragmatiker, wie ich sie gerne nenne, bestimmten durch ihre unbestrittenen Redetalente die Machtfragen des Staates, nicht aber durch Ideen und Lösungen. Und mir nichts dir nichts saß die Tyrannei wieder auf dem Thron. Es darf nicht sein, dass der beste Redner letztendlich bestimmt, was des Königs Sache ist. Es entsteht dann die Macht des Wortes über die Vernunft. Hinzu kamen Korruption und Postenverteilung. Die neue Elite war geboren, aus deren Mitte sich ein gottloser Diktator entwickelte. Diese Gesetzmäßigkeit haben die rechtmäßigen Könige dann wieder unterbrochen. Ich sage daher: Ich habe keine Angst vor einem Heer von Löwen, das von einem Schaf angeführt wird. Aber ich habe Angst vor einem Heer von Schafen, das von einem Löwen angeführt wird. Die Narren reden am liebsten von der Weisheit, die Schurken von der Tugend. Und die Helden von ihren Taten. Doch wer besitzt die Qualität, ein Held zu sein und die göttliche Gabe, andere zu faszinieren? Du weißt ja, das Bild eines Helden wandelt sich mit dem Zeitgeist und der wechselnden Macht des Neides. Der frühe Tod so sehe ich das heute so darf nicht zu einem blinden Rausch werden. Heldentod ist oft nichts anderes als Dummheit, Heldenleben ist wahre Größe. Doch niemand kann sich von dem Meer aus Blut befreien, wenn die dunklen Gedanken quälen und den Mythos vernebeln. Die charismatische Tatkraft des Helden weicht zurzeit einem melancholischen Heldentum, weicht dem grübelnden Philosophen, der seine Rüstung ablegt und das Schwert beiseitelegt ich spüre es bereits bei mir selbst. Haben Homer und sein Heldentum also geirrt, hat das alte Heldentum ausgedient und damit keine Zukunft mehr?

Ich glaube, es ist ein auf und ab und daher gottgewollt, dass Könige das Sagen haben. Demokratie ist etwas für Theoretiker und Philosophen, nicht für Herrscher. Ohne einen starken und klugen Anführer geht es in einer Demokratie eben auch nicht. Demokratie muss Macht entfalten können, sonst herrscht das Chaos, um hier wieder Aristoteles zu zitieren. Stell Dir einmal vor, lieber Hephaistion, der Senat müsste eine Armee kommandieren, um die aggressiven Perser zu besiegen - was würde in solch einem Fall geschehen?

Ich frage Dich also: Kann ein Feldherr, der zehn lange Jahre durch ein Meer von Blut gewandert ist, überhaupt eine Seele besitzen? Gar Gefühle und Emotionen? Ist dieser Mensch, der König dieser Territorialmacht, nicht ein gefühlloses Geschöpf, von den Göttern auserwählt, von Sieg zu Sieg zu eilen, bewundert oder sogar angebetet zu werden, ein gottähnlicher Mensch? Du hörst den Zweifel in meinen Worten? Aristoteles zwang uns zu zweifeln, um die Wahrheit zu erkennen. Ich sage heute aus Überzeugung: Ich will Frieden machen, solange ich noch kämpfen kann! Denn ich gestehe einen großen Fehler ein, den ich heute bereue, aber nur Dir gegenüber zugebe: Das war die Vernichtung Thebens. Nach dem Tod meines Vaters empörte sich die Stadt gegen mich auf die irreführende Nachricht meines frühen Todes. Schon nach zwölf Tagen stand ich mit einer kleinen Streitmacht vor den Mauern und zerstörte sie nach dem Beschluss des korinthischen Beratergremiums. 6000 Thebaner fielen, 30 000 wurden als Sklaven verkauft. Ich ließ nur das Haus des großen Dichters Pindar stehen. Die klugen Thebaner waren eben nicht klug genug zu begreifen, dass ich dieses Exempel gleich zu Beginn meiner Herrschaft statuieren musste, um Abtrünnige zu warnen. Mit Abtrünnigen ist kein Staat zu machen und kein Reich wie das der Perser zu besiegen. Wir benötigten einen Bund aller Hellenen!

Eine andere Frage stelle ich mir heute: Kann solch ein Feldherr sich verändern in Richtung Gutmensch, weil er möglicherweise eingesehen hat, nach all dem Erreichten Gutes tun zu müssen, um, ja, um seine Seele zu befrieden und seine Eitelkeit zu streicheln? Kultur statt Speer? Kunst statt Schwert? Worte statt Waffen? Es ist verhext, ich stelle mir diese Fragen in meinem Alter, als würde ich den nahen Tod erahnen! Als würde ich vor ein Tribunal gerufen und müsste mich verteidigen, mich erklären. Ich, Alexander, der erkannt hat, dass ich meinen Eltern das Leben verdanke und meinem weisen Lehrer das gute Leben. Aber es ist wahr: Es gibt keine anderen Welten mehr zu erobern. Daher steht mein Plan fest: Auf meinen Eroberungszügen habe ich die griechische Kultur und Sprache eingeführt, habe neue Handels- und Verkehrswege erschlossen. Mein Ziel ist nun die Gründung eines einheitlichen, abendländischen und morgenländischen Weltreiches mit Babylon und Alexandria als Hauptstädte. Ich werde sechs Monate in Babylon regieren und sechs Monate in Alexandria. Die Grenzen meines Reiches werden die gleichen sein, die die Götter als Grenzen der Erde gesetzt haben. Dabei musst Du mir helfen, mein Freund. Du kennst meine geheimen Wünsche, meine Gedanken und meine Ansprüche: Trotz aller militärischen Überlegenheit waren es nicht meine Siege, sondern meine Politik, die mich zum Herrn der Welt machte. Nicht dogmatisch begründete ich meine Herrschaft, sondern durch kluges Prüfen der Lage und pragmatische Lösungen, die sich daraus ergaben. Ich verzichtete darauf, die eroberten Länder als reine Beute zu begreifen. Stattdessen holte ich die jeweiligen Eliten der besiegten Länder gerade auch die Wissenschaftler - an meinen Hof, setzte sie in der Verwaltung und im Heer ein. Das hatte ich im Gegensatz zu meinem Vater begriffen: Ich wollte nicht als Eroberer, sondern als Nachfolger der besiegten Könige auftreten. Das war mein Erfolg. Wenn es allerdings nötig war, dann beseitigte ich meine unbelehrbaren Gegner mit der notwendigen Härte.

(Alexander geht zu seinem Schwert, ergreift die Klinge und ruft Hephaistion zu)

Ich behaupte einmal, dass ich nicht zu den Gottverlassenen gehöre, eher vielmehr zu den Auserwählten, so dass ich nun die Seiten wechseln kann. Ich habe so viel erlebt, erreicht, gesehen und gefühlt in den letzten zehn Jahren, dass ich nun auch an mich denken darf. An meine Emotionen, Neigungen, Liebhabereien. Ich nehme mir jetzt die Freiheit, meinen ganz persönlichen Wünschen freien Lauf zu lassen. Ja, ich darf es! Ich tue es! Die Kultur, was immer man darunter verstehen mag, ist das Vehikel, auf dem ich mir meine eigene neue Welt erschaffe, eine Welt, ich der ich glücklich werden will, in der ich mich mit schönen Dingen beschäftigen möchte: Mit Farben und Formen, mit Melodien, Worten, mit Rhythmen und Tanz.

Hephaistion, Du sollst es als erster erfahren: Vor Dir steht ein neuer Alexander! Aufgetaucht aus dem riesigen Blutmeer meiner Siege, meiner dunklen nächtlichen Gedanken, meiner vielen Sorgen um das Schicksal meiner Männer, der Menschen meiner Reiche und der wenigen echten Freunde, die ich liebe. Und aus Furcht vor dem Urteil der Götter und der Geschichte, denn mir ist durchaus bewusst, dass ich ein Teil der Geschichte Griechenlands, besser, der Welt von heute geworden bin. Und die Geschichte ist eine sehr rücksichtslose, hart argumentierende und oft boshafte Kritikerin. Sie ist es deshalb, weil sie einen vielfach unterschätzten Gegner hat: den unsterblichen Neid der Verlierer. Daher will ich mich von nun an bemühen, gute Werke zu tun, denn ich habe die Möglichkeit, es zu vollbringen. Also tue ich es. Dein König möchte die Welt ein Stückweit besser machen. Glaubst Du, die Menschen werden mich verstehen? Meinen kühnen Gedanken folgen? Denn ohne die Menschen wird das Ziel nicht zu erreichen sein. Vielleicht ist die Zeit auch noch nicht reif für solche Umwälzungen. Vielleicht sind meine Pläne erst künftigen Generationen und deren Herrschern vorbehalten. Doch diese neue Welt wird kommen, davon bin ich überzeugt. Auch die Sklaven werden eines Tages frei sein und durch eine Dienerschaft ersetzt werden. Sie werden wie die Soldaten einen Lohn erhalten. Egal, welche Hautfarbe sie haben. Der Mensch wird als Mensch geachtet, denn es gibt nur eine Rasse, die alle Menschen gleich macht. Es gibt, wie wir auf unserem Feldzug erleben konnten, keine wirklichen Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß, Braun und Gelb. Das zu begreifen bedarf es neuer Gedanken und kluger Köpfe, die diese Thesen erklären, deuten und durchsetzen können. Männer, wie Aristoteles und seine Nachfolger.

Ich betone: Mein Reich ist von dieser Welt, lieber Hephaistion, nicht aber in einem dieser vielen Götterhimmel zu finden! Glaubst Du, mein Freund, dass es nach uns Herrscher gibt, die ebenso denken wie wir? Wer zählt die Götter, kennt die Völker? Ich denke, es gibt in Wahrheit nur einen Gott. Es ist Zeus allein! Wir Menschen haben uns die Götter inzwischen dazu geschaffen, damit jeder von uns sich ein kleines Stück vom göttlichen Kuchen herauspicken kann. Ist jemand, der so denkt, bereits ein Gotteslästerer? Bin ich also ein Gotteslästerer, nur weil ich das sage und fühle? Vielleicht werden die Götter des Olymps mir zürnen . . .

Die Frage ist: Wie werden meine Umwelt, meine Familie, meine Freunde und meine Feinde dieses Vorhaben einen neuen Typus Held zu entwickeln, ihn einer neuen Realität zuzuführen - beurteilen? Ich glaube, sie erklären meine Idee für verrückt und meinen Geist für verwirrt. Wer will sich freiwillig der Kultur widmen, dieser merkwürdigen Zusammenfassung dessen, was Menschen geschaffen haben an Werten, die nicht das reine Überleben betreffen? Also nicht nur Krieg und Brot, sondern auch Spiele! Ich sage immer im Scherz, die Kultur beginnt für mich bei der Hygiene eines Menschen. Stinkt ein Mensch, hat er keine Kultur, dann ist er wie ein Stück Vieh.

Du selbst, lieber Hephaistion, hast es neulich bei einem Gastmahl gesagt, ich zitiere Dich jetzt: „Der Mensch ist von Natur aus Böse. Wenn er dennoch gut ist, ist das die Frucht der Kultur. Kunst und Kultur haben von Beginn an eine herausragende Bedeutung für die Völker gehabt, denn sie führen uns in neue Gedankenwelten, sie bieten die Möglichkeit der Reflexion mit sich selbst und mit der angewandten Kunst. Kultur ist eine der Voraussetzungen für die individuelle Kreativität und eigenes künstlerisches Schaffen. Sie ist ein Wunder der göttlichen Natur und nur sie allein kann die Welt positiv verändern, nicht das Schwert, weil das Schwert die Völker zur Demut zwingt. Und Demut schafft keine neuen Ideen, die wir aber immer wieder dringend benötigen, um zu überleben!“

Deine Worte haben mir gefallen, weil Kultur nicht jeder versteht. Und das ist gut so. Kultur kann nicht für jedermann sein, denn dann würde das die gleiche Bildung eines jeden gleichermaßen voraussetzen. Doch das gibt es nicht, wie wir nur zu gut wissen: Gegen Dummheit kämpfen selbst unsere Götter vergebens! Ich denke wie Aristoteles, der einst sagte: „Die Kultur der Menschen begann mit dem Fällen der Bäume, der Viehzucht und des Ackerbaus. Von da an machten sie sich die Erde urbar, aber sie wird auch enden mit dem Fällen des letzten Baumes.“

Ich bin mir fast sicher, lieber Freund: Aus Kultur entsteht Gemeinschaft und aus Gemeinschaft entsteht eine neue Kultur. Man kann Kultur natürlich sehr individuell definieren, denn das Erlebnis und die Bedeutung von Kultur ist doch in den meisten Fällen etwas sehr Persönliches. Was Kultur für uns bedeutet, wird uns häufig sehr bewusst, wenn wir andere Kulturen erleben, so, wie wir sie hier erleben: Es hat uns geprägt, ich glaube sogar verändert. In den letzten Kriegsjahren haben wir feststellen müssen, dass es oft schwierig sein kann, zu bestimmen, was Kultur für einen bedeutet, wenn man aus seiner eigenen Kultur herausgerissen wird. Dann kommen die bohrenden Zweifel. Was ich mich frage, ist dies: Was ist unsere Kultur? Was bedeutet sie für mich und die anderen? Hat sich meine Kultur verändert durch unsere zehnjährigen Eroberungen vieler fremder Völker, in denen wir keine Ruhe fanden? Diese Fragen müssen wir mit den besten Köpfen unserer Zeit diskutieren und analysieren. Wir müssen uns austauschen und die Ergebnisse niederschreiben, damit sie überliefert werden können. Denn ich bin mir sicher, dass es auch in fernen Tagen zu neuen Eroberungen kommen wird, wenn neue Reiche entstehen und neue Kulturen dominieren. Denn Krisen wird es immer geben. Der Friede ist eine Wohltat auf Zeit, doch wir müssen uns hüten, aus jeder Krise gleich eine Katastrophe zu machen. So bin ich sicher, dass die Zukunft den Pragmatikern gehören wird, den Homo Faber. Sie aber befinden sich in einem Wettstreit mit dem Homo Sapiens. Daher müssen wir die aktiven Veränderer sein, erst dann wird eine neue Ära zu beschreiben und zu reflektieren sein.

Wir schreiben eine Art Tagebuch, mehr noch: die Erinnerungen eines Mannes aus dem unwegsamen Makedonien im Nordosten Griechenlands. Nicht nur der kühne Eroberer und der Mensch Alexander werden zu Wort kommen, sondern auch der Befreier beispielsweise Ägyptens vom Joch der Perser. Das wird immer schnell vergessen, wenn Chronisten über mich und mein Großreich urteilen. Die Ägypter haben mich jubelnd zu ihrem Pharao gewählt - man muss sich das vorstellen. Ich überließ den Ägyptern ihre Sitten und Kulte und wurde von Stunde an von den Menschen als ihr neuer göttlicher Pharao verehrt. Ich gründete im Nildelta meine Stadt, Alexandria, die sich zu einer der bedeutendsten Städte des gesamten Mittelmeerraumes entwickeln wird. Ist das nicht wunderbar? Viele glauben, ich sei nur der primitive Schlagetot, der herzlose Wüterich, einem Ungeheuer auf zwei Beinen ähnlich. Der Sohn eines tyrannischen Barbaren. Ich sei ein Berserker wie mein Vater Philipp! Das ist nicht wahr: Ich habe inzwischen den Beginn des Hellenismus proklamiert. Viele begreifen noch nicht, was ich darunter verstehe: Hellenismus - das kann sogar eine neue Religion werden, sicher aber eine neue Kulturepoche, basierend auf griechischem Denken und den positiven Einflüssen anderer Völker, ein neues grandioses Zeitalter, vergleichbar dem des Perikles, geboren im Heute für das neue Morgen.

(Alexander setzt sich wieder)

Wir müssen reinen Tisch machen und den Mut aufbringen, etwas ganz Neues zu schaffen. Wer, wenn nicht wir. Ich habe viel von meinen Feinden gelernt, wie Aristoteles voraussagte, denn die Logik macht erst einen gebildeten Menschen aus: Aus Nichts kann nichts entstehen! Er sagte: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Recht hat er: Viel Tod, viel Gewalt, viel Leid und Zerstörung, aber auch neues Leben blüht aus den Ruinen. Und er sagte auch: „Ich bin nicht wie Nestor, der die gute alte Zeit verherrlicht. Ich sehe das Heute und das Morgen. Und beides bist Du, Alexander, das strahlende Heute und das bessere Morgen!“

Viele kluge Menschen glauben, wir hätten die Naturgewalten gezähmt wie wilde Tiere in einem Käfig. Nur, weil wir elegante Kleidung tragen, in Palästen leben, Vieh züchten, Münzen prägen, das Erz schmelzen und zu Waffen schmieden, Seide aus Raupenfäden herstellen und Glas blasen können zu fragilen Gefäßen. Das ist ein Irrtum, die Natur ist stärker als wir Menschen, denn sie ist das Werk der Götter und wir sind nur ein Teil der Natur - allerdings klüger als die Vierbeiner. Dabei: Oft ist ein Pferd schlauer als ein dummer Mensch, wie mir scheint. Ein Pferd ist lernfähig, ein Idiot niemals. Das ist ja der Jammer unserer Tage. Ich wiederhole diesen Spruch sehr gerne: Das Volk ist dumm, wäre es gebildeter, es wäre nicht klüger. Du weißt, viele dumme Menschen sitzen auf Thronen und glauben schlauer zu sein als ihre gescheiterten Vorgänger. Das Spiel um die Macht wiederholt sich durch alle Zeiten hindurch. Schau Dich um in unserer Welt, sie wimmelt wieder von Despoten, Egozentrikern, Lügnern, Wichtigtuern und Gernegroßen. Was wir an angeblich bedeutenden Dingen schaffen, bleibt immer nur Menschenwerk. Ich habe lange gebraucht, um das zu begreifen, aber mein Lehrer wies mich an, es nie zu vergessen: „Der Mensch lebt nicht von Brot allein!“ So habe ich denn beschlossen, im zweiten Teil meines Lebens positive Spuren zu hinterlassen, von denen die kommenden Generationen sprechen werden. Denn ich will unseren zehnjährigen, sorglosen Umgang mit dem Tod und dem Töten beenden. Diese Dekade war angereichert mit Triumphen und Entbehrungen, war so intensiv sie reicht normalerweise für ein ganzes Leben!

Wir leben nun in einer Periode, in der unsere bereits sehr fortgeschrittene Kultur mit den Kulturen des Orients verschmilzt. Denn ein tiefer Sinn steckt in den alten Bräuchen der Völker, in ihren überlieferten Mythen, Sagen und Legenden. Hieraus ergibt sich dann eine einzigartige Verbindung von griechischer, europäischer und ägyptischer, von persischer und indischer Kultur. Ich meine die Wissenschaft und die Waffentechnik ebenso wie die schönen Künste, die Philosophie, die Architektur, die Physik und die Medizin. Wann hat es jemals solch einen kühnen Plan gegeben? Hat es jemals einen Mann gegeben, der außer mir - diesen Plan verwirklichen könnte? Erinnere Dich, mein Lieber, wie wir das unbesiegbare, uneinnehmbare Tyros, einer der Haupthäfen der persischen Flotte und legendäre Inselfestung, nach sieben Monaten Belagerung schließlich besiegten. Von da an sank der Stern des persischen Großkönigs - und meiner stieg auf! Wieder fällt mir heute ein Spruch ein, den ich von Aristoteles hörte: Dem Tapferen hilft oft das Glück! Doch heute weiß ich auch: Das eigene Glücklichsein liegt ebenfalls im Glücklichmachen anderer! Ich denke, Du verstehst mich . . .

Es wird Zeit, dass ich da einiges geraderücke, denn vieles von dem, was sie über mich erzählen, stimmt so nicht. Es entsteht ein falsches Bild von mir und unsere Zeit, meine Taten und über die Wiege des Abendlandes, wie man Griechenland schon heute nennt. Das darf nicht sein! Niemals! Es käme der Wahrheit nicht nahe und würde die Geschichte verfälschen, was ja so oft und gerne praktiziert wird. Es ist ein Jammer: Die tatsächliche Wahrheit weicht dem Gefühl und somit einer gefühlten Wahrheit, wie die Dichter sie für ihre Werke nutzen. Auf diese Weise werden falsche Nachrichten in die Welt gesetzt, Lügen und Verleumdungen. Das ist unerträglich, aber bei einigen unserer derzeitigen Herrscher üblich, und nur aus dem Grund, um von eigenen Defiziten abzulenken. Es ist nun einmal so, dass die Bilder im Kopf vieler Menschen haften bleiben, auch wenn es falsche Bilder sind. So betrifft mich das ebenso: Es sind die Auslegungen neidischer Leute, die alles zu wissen glauben, obwohl sie mich nicht einmal kennen. Sie urteilen über meine Taten, ohne in meine Seele geblickt zu haben, ohne meine Empfindungen zu kennen. Sie geben vor, mich zu kennen, obwohl sie nie mit mir gesprochen haben. Ihr Bild von mir kann also nicht stimmen!

Schreibe es so auf, mein Freund: Ich will meinen Untertanen, die aus sehr verschiedenen alten Kulturen stammen, nicht nur König sein, ich möchte ihnen Hoffnung geben, Wohlstand, Motivationen und Visionen für eine große, glückliche und gerechtere Welt. Als ein Heilsbringer will ich mein Viel-Völker-Reich regieren. Wie ein Liebling der Götter. Ich, Alexander, dem Makedonien als Königreich zu klein geworden war. . .

Das mag für viele arrogant klingen, aber die Frage ist doch zu stellen: Was bedeutet Größe? Was Fortschritt und Zivilisation? Nach den Grauen der vergangenen Kriege, die wir führten, müssen wir um Vertrauen werben und die geschlagenen Völker nicht quälen und weiter ausbeuten, wir müssen ihnen Mut machen für eine neue Zukunft in Frieden und Wohlstand. Darauf müssen wir neue Antworten geben. Es muss ein Gemeinschaftswerk, ein Friedenswerk sein, das ich anstrebe. Ich habe mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben. Das überlasse ich gerne den Spießern, den Nationalisten und ewig Gestrigen. Ein Eroberer ist immer auch ein gefürchteter, gewalttätiger Schlächter. Ja, das ist wohl so. Das alte Europa kann ein Lied davon singen. Das muss nun aufhören. Es darf nicht sein, dass wir jedes Mal die alten Kulturen und die prächtigen Städte zerstören, die Menschen niedermetzeln, die Frauen schänden und die Kinder versklaven. Das ist der falsche Weg zu einem neuen großen Europa, an das ich glaube. Ich weiß nicht, warum mir diese Vision seit einiger Zeit vorschwebt. Sind es vielleicht die vielen Toten, die uns auf unserem Weg begleitet haben? Eine Form von schuldhafter Erkenntnis vielleicht? Wie auch immer: Meine Vision ist ein friedliches Europa freier Völker unter einem Dach. Es müssen Neid und Missgunst, Gewalt und Unterdrückung gegenüber allen Völkern in Europa ein Ende haben. Auch in Asien und im Nahen Osten. Wir müssen unsere Kräfte bündeln für eine erfolgreiche Zukunft, von der wir alle gemeinsam profitieren werden. Der Handel und der Austausch der Wissenschaft werden für einen ungeahnten Wohlstand sorgen. Auch bei den noch unterentwickelten, barbarischen Völkern in den garstigen Ländern des Nordens und des Nordwestens, wo vor uralten Zeiten das ewige Eis jede Entwicklung verhinderte und erst die gewaltige Schmelze neues Leben ermöglichte. Aristoteles sagte es überdeutlich: Die Völker, die in den kalten Gegenden wohnen, sind zwar mutig, ermangeln aber einer höheren Kultur. Sie erhalten sich zwar dauernd ihre Freiheit, sind aber zur Staatsbildung unfähig und daher auch nicht imstande, ihre Nachbarn zu beherrschen.

Ich sehe es deutlich vor mir: Es wird jetzt eine Zeit der Seefahrer und mutigen Entdecker neuer Länder und fremder Welten anbrechen. Da bin ich mir sicher. Die Zeit ist jetzt reif: Wir müssen für diese grandiose neue Welt heute den Grundstein einer neuen Zivilisation legen, indem wir uns mischen, unsere Völker und unsere Erkenntnisse. Ich sehe diese blühenden Landschaften vor mir in einer Welt des Friedens. Ja, Dein Alexander als Friedensfürst, als Verheißung einer prächtigen neuen Zeit, in der jeder seinen Platz finden kann. Mein großes Ziel ist nicht nur Glück zu erlangen, sondern Unglück zu vermeiden. Aus den vielen Schwächen müssen Stärken erwachsen. Wir haben in Europa eine lange Tradition, den Einfluss von Kraft und Handel und Kultur in Einklang zu bringen und dabei künftig dem Individuum Raum zu bieten. Diese kulturelle Prägung ist Europas großer Vorteil bei der Gestaltung der Zukunft. Es darf nicht heißen wie bisher: Griechenland zuerst, sondern Griechenlands Errungenschaften für alle! Das soll uns mit Stolz, nicht aber mit Arroganz erfüllen.

Aristoteles lehrte mich vor allem, dass ein Mann nur dann Erfolg haben kann, wenn er über ein wichtiges Talent verfügt: die Risikobereitschaft. Siege sind immer riskant. Das Risiko zu kalkulieren, es zu minimieren und mit Neugierde und Ehrgeiz zu verbinden - das bringt den Erfolg. Und natürlich die Treue meiner Männer, meiner kampferprobten Truppen, ohne die mein Talent und mein Mut nur wenig hätten ausrichten können. Diese Armee ist wie unsere Phalanx aus einem Guss, ihre Stärke ist ihre Begeisterung für ihren jungen Feldherrn, dem sie ihr Leben blind vor Bewunderung anvertrauen. Noch auf dem Schlachtfeld von Gaugamela, als wir in das Herz Persiens vorstießen, riefen sie mich zum König von Asien aus! Ist das nicht wunderbar, in diesem taumelnden Jubel zu baden? Harte Männer weinen zu sehen vor Begeisterung? Ich gebe zu, mich freut das ungemein. Es gibt mir das Gefühl, alles richtig zu machen.

Hast Du das, Hephaistion?

Blicke mich nicht so ungläubig an. Was ich Dir hier anvertraue, sind sehr intime Gedanken und Pläne. Das gebe ich zu. Aber ich werde all meine Kraft und Autorität einsetzen, um diese neue Welt zu gründen. Sie wird Hellenismus heißen! Vielleicht ist es das, was von mir übrigbleibt, wenn ich eines Tages, die Götter mögen mir noch eine längere Weile des Erdendaseins gönnen, sterbe. Solch einen ungewöhnlichen Plan zu realisieren, bedarf es ausreichend Zeit. Wir haben getötet und gewütet auf unserem Weg durch Persien, aber wir haben uns gerächt für viele Jahrzehnte der Schmach und der persischen Gewalt gegenüber uns Hellenen. Ich zahlte nur zurück, was uns widerfuhr! Und ich rächte Meineid, denn die Perser hielten sich nie an Verträge. Ihr Hochmut sorgte letztendlich für ihren Fall.

Nun ist das Ziel erreicht, nun möchte ich versöhnen, Frieden halten mit den Provinzen in Nah und Fern, Frieden stiften für alle Völker und zwar aus der Position des Stärkeren. Wir haben die Erde verbrannt und vieles zerstört, also müssen wir die Welt reparieren durch eine neue Botschaft, vielleicht entsteht aus dem Hellenismus eines Tages durch unsere Gelehrsamkeit eine Form des Humanismus. In unserer bekannten Welt, die wir auf Gedeih und Verderb seit Anbeginn untereinander aufteilen, sind die tiefen Wunden, die wir schlugen, noch lange nicht verheilt, sie bedürfen eines Retters , eines modernen Erlösers, der die Welt von Morgen der Menschheit als etwas Gutes zurückgibt. Dieser Retter möchte ich sein und diesem Ziel meine ganze Energie widmen. Mit einer Handvoll Gleichdenkender, Gleichfühlender, Gleichhandelnder.

Die Götter mögen meinen Wunsch erhören, denn ich brauche sie und ihr Wohlwollen, obwohl ich nicht täglich die heiligen Tempel aufsuche wie diese falschen Gottesanbeter. Doch es muss zur Not auch ohne sie gehen, denn die Götter des Olymps ähneln doch uns Menschen sehr, auch sie sind voller Neid und Machtstreben, sie benehmen sich wie Menschen, das kann auf Dauer nicht gut gehen. Denn wenn Götter sich wie Menschen benehmen, dann müssen sie scheitern, weil sie ihre Göttlichkeit verlieren in den Augen ihrer Völker. Götter müssen Götter bleiben, sonst droht ihnen die Götterdämmerung!

Ist dieser Gedanke zu anspruchsvoll, lieber Freund? Zu anmaßend oder gar verrückt? Wir könnten, wenn wir es wollten, ein Großreich werden, indem jede noch so unterschiedliche Nation ihre eigene Entwicklung beibehalten soll, unter dem Dach des vereinten Griechenlands, als ein treues Bündnis der heutigen Welt für die Welt von Morgen. Nicht gegeneinander, sondern miteinander bei Beibehaltung der eigenen nationalen Kultur, der fremden Götterwelten und der Besonderheiten. Wir bieten diesen verschiedenen Völkern militärischen Schutz in einem neuen, fairen Bündnis, das mindestens ein Säkulum halten soll!

Denn dies ist die Vergangenheit: Ich habe mich zehn lange Jahre für diesen großen vaterländischen Krieg gegen die Perser vorbereitet und wiederhole es gerne - selten ist ein Prinz so gut auf den Thron vorbereitet, besser: gedrillt worden. Ich bin ein guter Jäger, ein mutiger Kämpfer, der immer in der ersten Linie an der Seite seiner Männer steht, und ein kühner Reiter, der schon als Jüngling in einer schweren Schlacht die Reiterei seines Vaters erfolgreich angeführt hat. Ein Mann, der sich von den Göttern erwählt wähnt und es den Heroen Homers nacheifern will. „Ein Herrscher, verzehrt von seiner Leidenschaft nach Ruhm", wie Chronisten und Kriegsberichterstatter behaupten. „Er ist ein noch junger König, dessen Charisma jedoch erfahrene Heerführer seiner Armee ebenso verzaubert wie die gedrillten Fußsoldaten aus den rauen Bergen Makedoniens, die schmerzfreien Schwertkämpfer aus Sparta und die furchtlosen mykenischen Elitereiter.“ Sie alle folgen mir ohne Murren, obwohl ich sie schinde und von einer Schlacht in die andere jage. Sie werden gut bezahlt, weil sie begriffen haben: Wer siegt, darf plündern! Wenn sie ihre Speere oder Schwerter gegen die bronzenen Schilde schlagen und der Kriegsruf laut erschallt, dann sind sie motiviert, sogar ihr junges Leben für ihren König hinzugeben. Dieses erhabene Gefühl kann ich nicht beschreiben, es trifft mein Herz mit voller Wucht und macht mich stolz, diese Armee anzuführen.

Schon in der Schlacht bei Issos wurde deutlich, was mich von anderen unterscheidet und zu einem einzigartigen Eroberer werden ließ: Die für mich typische Kombination aus listenreicher Planung und tolldreistem Genie, meine Kampfsucht in vorderster Linie mit meinen Kriegern und mein unerschütterlicher Glaube daran, dass unter allen Menschen die Götter gerade mich für diesen größten Krieg aller Zeiten erwählt haben. Ich habe nicht nur das Königreich Makedonien geerbt, sondern auch den Krieg gegen die verhassten Perser, die seit zweihundert Jahren in Griechenland wüteten. Immer wieder und immer brutaler - sie plünderten vor einigen Jahrzehnten sogar Athen selbst. Das ist nun vorbei.

Dein Alexander, mein Freund, ist nach zehn Jahren Kampf und Sieg ein anderer Mensch geworden. Ich lege den berühmten Speer meiner Vorfahren, das geweihte Eisen Makedoniens, beiseite, weil ich andere Pläne verfolgen werde. Das wird die Völker aufhorchen lassen. Meine Kritiker werden verstummen, sie werden mich verstehen müssen, mich und meine neuen Gedanken. Ich hoffe nur, mir bleibt genug Zeit, meine Visionen tatsächlich zu realisieren.

Hephaistion, sterbe ich zu früh, wird es einen Krieg um mein Erbe alle gegen alle geben . . . ich muss eine für alle akzeptable Lösung finden und als mein Testament bestimmen. Eigentlich müsste es der Stärkste sein. Es müsste einer wir ich sein. Doch das gibt es nicht. Leider! Ich benötige dazu Deine Hilfe – und die von Aristoteles. Wenn er doch nur hier in meiner Nähe wäre!

Mein guter Chronist: Ich schreibe, also bin ich. Vielleicht ist dies auch ein Hauch von Wichtigtuerei oder die belächelte homerische Ruhmessucht, die manch einen befällt. Also schreibe, guter Hephaistion: „Ich bin der Herr der Welt. Bin König, Pharao, Maharadscha und Sultan in einer Person.“ Sie sollen wissen, dass ich die meisten Mitglieder meines Hofstaates nicht mehr ernst nehme, weil sie den Beweis erbringen, dass Erfolg und Reichtum den Charakter verändern. Einige meiner Freunde sind stehen geblieben auf ihrem alten Wissen. Sie denken wie vor zehn Jahren, als sei nichts geschehen. Sie denken wie alle Sieger - nur ans Prassen, Saufen und Huren. Sie häufen ihre Reichtümer zu Bergen, sie werden zunehmend fett an Leib und faul an Seele und vernachlässigen ihre Aufgaben, die ich ihnen übertragen habe, um ein so großes Reich überhaupt regieren zu können. Kein König kann das alleine schaffen. Also muss er sich auf seine Minister und Generäle und Berater verlassen. In letzter Zeit entdecke ich bei meinen Führern und Statthaltern, die ein so großes Reich an vielen Orten in meinem Namen regieren, eine Fülle von Schwächen, Fehlern und sogar Anzeichen einer Misswirtschaft. Ist das der Beginn einer schleichenden Dekadenz, vor der Aristoteles immer wieder in seinen Lehrstunden uns Studenten gewarnt hat? Die Frage also: Macht absoluter Luxus faul und träge und widerspenstig? Dabei bin ich ihnen ein Vorbild: Ich trainiere, wie Du ja weißt, täglich meinen Körper und übe mich in den verschiedenen Waffengängen. Ich lese viel und liebe die Diskussion, den Wettstreit der Gedanken. Das wohl, aber ich trinke an manchen Tagen und Nächten zu viel und nehme außerdem zu viel von der Droge Opium, dieser beliebten Göttergabe, um meine Sorgen zu vertreiben und meine Schlafstörungen zu betäuben. Wer niemals einen Rausch hatte, der ist kein braver Mann, sondern ein Spießer! Nur vor einer Schlacht trinke ich Tage vorher keinen Tropfen, nehme kein Opium und benehme mich sehr diszipliniert und konzentriert.

Wie also kann ich meine Führungsriege besser motivieren, um all die großen Pläne zu verwirklichen? Das Lotterleben macht sie fertig. Es ist schon merkwürdig: Wenn es heißt, wir ziehen in den Krieg, dann marschieren sie, bereiten sich bestens auf die Schlacht vor und sind wieder das, was griechische Soldaten auszeichnet: Tapfere Helden, stark und ideenreich im Kampf um den Sieg. Doch nach dem Sieg setzt das süße Leben wieder in einer Maßlosigkeit ein, die mich schockiert. Bin ich auch so? Ich werde das ändern müssen. Ich muss den Freunden neue Aufgaben zuteilen, die dem Großreich dienen. Noch einmal, Hephaistion, ich stelle mir oft die Frage: Habe ich noch genügend Zeit, meine Visionen zu realisieren? Wie alt muss ein Mann werden, um das alles zu schaffen, was er plant?

Hast Du das notiert? Schreibe es genauso nieder, auch wenn es Dich verwirren sollte! Meine Worte werden die Meute aufheulen lassen, ja, sehr wütend machen. So will ich es haben! Denn was höchste Macht tut, ist immer Recht. Aristoteles drückte es anders aus: „Dein großer Feldzug gegen die nimmersatten Perser ist ein bedeutender Rachefeldzug für die vielen Toten, die verheerenden Verwüstungen, die Raubzüge und Demütigungen der Hellenen in den vergangenen Jahrzehnten. Was Du also tust, mein Prinz, ist nur folgerichtig. Vollende damit ein gutes Werk. Und denke immer daran: Der Beweis von Heldentum liegt nicht im Gewinnen einer Schlacht, sondern im Ertragen einer möglichen Niederlage. Die erhabenen Götter mögen Dich schützen!“

Du lächelst, schweigst aber. In Deinen großen, dunklen Augen, sehe ich Bewunderung aufleuchten. Ich spüre, wie Du eine Deiner sonst so flapsigen Bemerkungen hinunterschluckst. Hephaistion, Du nickst mir zu, als wolltest Du mich anspornen. Das ist gut. Es gibt mir Mut und Kraft, mich zu konzentrieren.

(Alexander erhebt sich und umarmt seinen Freund)

Schreibe also weiter, etwas ganz Intimes: Ich liebe Dich, mein schöner Freund, den schönen, jungen Körper des knabenhaften, wenngleich muskulösen Makedoniers, den meine Wache vor zehn Jahren zu mir brachte, als sie ihn in der Nähe des Palastzeltes in Lykien, gemeinsam mit sechs weiteren Jünglingen in voller Bewaffnung, aufspürten. Er, mir schon aus Kindertagen bekannt, aus gutem makedonischen Landadel, sei mir gefolgt, um an meiner Seite zu kämpfen, berichtete er mir später. Er habe den Aufmarsch und die Abreise meiner Armee verschlafen, genauer, im weinseligen Rausch und in den weichen Armen einer schönen Geliebten verpasst. Seit dieser Zeit ist er mir ein höchst begabter General für den lebenswichtigen Bereich Nachschub und Verpflegung, ein treuer Ratgeber und mein kundiger Schreiber. Dein erster Rat, mein guter Hephaistion, den ich sofort befolgte, war klug: Die eroberten Städte des lykischen Städtebundes nicht zu zerstören, sondern zur Treue zu verpflichten, um bei einem späteren Rückmarsch nach Griechenland über genügend Proviant und Ausrüstung zu verfügen. Wörtlich sagtest Du damals: „Verbrannte Städte haben keine Vorratskammern!“ Smyrna ist heute eine blühende Stadt an der Westküste Kleinasiens dank Deiner klugen Voraussicht.

Wir beide haben seit dieser Zeit ein enges freundschaftliches Verhältnis, das ist wohl wahr, wir lieben uns sogar ab und zu im königlichen Bett, doch wir lieben auch unsere Frauen. Blick nicht so erstaunt, mein Freund, schreibe es nieder! Jeder kann es wissen . . . muss es wissen! Du bist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ein besonders wichtiger, denn das Natürliche ist nicht anstößig, meint auch Euripides. Unsere Liebe, diese homoerotische Begeisterung zweier junger Männer, die sich wie junge, ausgelassene Stiere lieben, wie junge Hengste sich mit einer wunderbaren Zärtlichkeit begegnen, das ist eine Erfahrung, die niemand begreift, der nicht begreift, was Liebe zwischen Männern bedeuten kann. Die Götter scheinen uns erwählt zu haben, indem sie uns zusammenführten. Aristoteles bezeichnete die Liebe zwischen zwei Männern als ein Ziel der naturgegebenen Verbindung. Für ihn schließen Menschen Ehen nicht nur zum Zwecke der Kindererzeugung, sondern zum Zweck des Zusammenlebens. Wie in guten Freundschaften sollen Nutzen, Lust und sittlicher Gewinn in dieser Verbindung zu erhoffen sein. Männer und Frauen sollen ihre Form des Zusammenlebens wie Freund und Freund gemäß den Regeln der Gerechtigkeit suchen. Folgt man dieser Definition, ist Freundschaft zwischen Männern und Frauen eine erstrebenswerte Basis für Liebesbeziehungen, für Ehen oder Lebenspartnerschaften. Ich finde, mein guter Freund, Liebe ist Freundschaft plus. Plus Vergnügen, Akzeptanz, Vertrauen, Respekt, gegenseitige Hilfe, Verstehen, Verlangen, Spontaneität und Zutrauen. Alle diese Charakteristika treffen auch auf die Männerliebe zu, allerdings kommen zwei Dimensionen hinzu: die Leidenschaft, also Faszination, sexuelles Verlangen, Exklusivität und die Anteilnahme. Sie wird sogar gefördert - und Liebesbeziehungen sind folglich als Freundschaften anzusehen, sie unterliegen immer der Macht des Eros. Eros also auch, wenn kein körperliches Verlangen vorliegt, sondern eine gegenseitige Begeisterung für den jeweils anderen.

(Alexander geht wieder auf und ab)

Unser enges Verhältnis begann in den gewaltigen Ruinen von Troja: Hier, an diesem Heiligen Ort - wer nie dort gewesen ist, versteht die Magie der zerstörten Stadt nicht und den Mythos der Steine - opferten wir feierlich - ohne auf jemanden Rücksicht zu nehmen und zum Leidwesen der fanatischen Priester - einen gewaltigen kretischen Stier den beiden strahlenden Helden Achilles und Patroklos, beide enge Freunde und vielleicht auch ein Liebespaar. Am Grabe des Achilles in Sigeum huldigten wir den beiden Helden: Denn dem Gleichen nähert sich stets der Gleiche. Das Achilleon ein großer Hügel, dicht am Meer gelegen - trägt folgende Inschrift:

Dies ist des Achilles Grab: dem künftigen Troja zum Schrecken

setzten die Griechen es hier an den Trojanischen Strand.

Sohn der Meeres-Göttin, Du liegst am Ufer begraben,

dass Dir die Welle des Meeres rausche Dein ewiges Lob.

Wir verehrten ebenso - bis heute - einen Mann, der unsterblich geworden ist, ohne je ein Schwert geführt zu haben: den weisen Homer, den Dichter. Wir wollten so sein wie Achilles gewesen war, er wurde unser Vorbild. Wir wollten unter den Ersten die Besten sein. Ich sagte damals, als wir auf dem Tumulus des Achilles standen, gerührt und ergriffen zugleich, mit glühenden Worten der Verehrung, aber auch mit einem Anflug von Verzweiflung: „Glücklicher Achilles, dass Du einen Dichter wie Homer als Autor Deiner Heldentaten gefunden hattest! Wer wird mein Berichterstatter, wer wird mein Homer sein?“ Vielleicht wirst Du es eines Tages, lieber Hephaistion, wir beginnen ja schon mit meinen Aufzeichnungen.

Achilles ist für uns bis heute eine der schillerndsten und zugleich attraktivsten Figuren im Mythos um den trojanischen Krieg. Wie kaum ein anderer Heros der griechischen Mythologie wird sein Leben, Lieben und Sterben durch die Jahrhunderte bis heute beleuchtet. Entsprechend hat sich jede Epoche ihr eigenes Verständnis vom Helden Achilles erschlossen und ihn gemäß den jeweils aktuellen Interessen wieder für sich neu erfunden. Wir tun das ja auch, Hephaistion. Ergebnis: Ich möchte so sein wie er war. Jedenfalls ist das meine aktuelle Meinung. Und Deine auch.

Lieber Hephaistion, Troja - das war für uns beide wie ein Rausch der Seelen in jenen Tagen. Noch ahnten wir nicht, was uns auf unserem Feldzug erwartete. Wir waren voller Euphorie, suchten den heldenhaften Kampf und die Schätze des Orients, von denen wir gehört hatten. In Troja sah ich sie vor mir, die unsterblichen Helden, deren stolze Frauen und uns Griechen, wie wir vergeblich die Mauern der Stadt anrannten, ohne wirklich Erfolg zu haben. Die Bilder liefen durch meinen Kopf bis ins kleinste Detail. Wir feierten daraufhin ein großes, ausgelassenes Fest zu Ehren der Unsterblichen und lasen aus der Ilias mit verteilten Rollen. Götter, wie waren wir glücklich! Wohl wissend, was uns bald an Strapazen, Tod und Trauer erwartete. Ich werde Troja, diesen heiligen Ort, nie vergessen!

Du erinnerst Dich sicher, mein Freund, dass wir in jenen Tagen auch die Frage diskutierten, die uns bis ins Jetzt verfolgt: Wo war Odysseus nach dem Sieg über Troja wirklich? Ein so kluger und mutiger Mann kann doch unmöglich zehn Jahre durch das Mittelmeer geirrt sein, um erst dann nach Ithaka zurückzukehren. Zehn Jahre in diesem doch eher kleinen Meer. Wo also landete und lebte er in all diesen Jahren, auch wenn die Götter seine Reise, ohne Gnade walten zu lassen, bestimmten? Er war ein guter Kapitän, wie jeder Inselherrscher. Lag er in den Armen einer schönen Frau und vergaß sein Weib Penelope, das auf ihn wartete? Sicher ist, dass er ohne Zweifel an den Küsten Afrikas landete, an der Küste Iberiens ebenso, er war sicher auch in der griechischen Hafenstadt Massalia und in den weiteren Ablegern wie in Antipolis, Glanum, Nikäa. Alle Küstenbereiche des Mittelmeeres waren mit griechischen Ortschaften besiedelt, in denen sich Odysseus mit Sicherheit ebenfalls aufhielt. Er benötigte ständig neues Segelzeug, Proviant, frisches Wasser, Kleidung, Waffen und vieles mehr in den zehn Jahren seiner Odyssee. Die Frage ist, ob er auch an den Säulen des Herakles vorbeisegelte, die Europa von Afrika nur durch wenige Seemeilen trennen? Wir wissen es nicht! Aber wir vermuten es!

Einem Mann wie Odysseus, zudem auch noch Liebling der Göttin Athene, bedeutete der Befehl des Herakles an die Seefahrer: „Nicht mehr weiter“, der das Ende der Welt signalisieren sollte, kein Hindernis. Ich bin sicher, dass er weitersegelte. Platon siedelte sogar sein mythisches Atlantis, es soll das Paradies Poseidons gewesen sein, das bisher niemand je entdeckt hat, hinter der Meerenge an. Dieses unbekannte Reich soll, so geht die Fama, wegen der Hybris, der Gier und der Arroganz ihrer Herrscher - durch den erzürnten Zeus im Okeanus untergegangen sein. Niemand hat Atlantis je gefunden, es ist dann doch wohl nur eine Erfindung des guten Platon gewesen, das warnende Trugbild eines himmlischen Fantasie-Ortes, eine Fabel - als Ziel für uns Menschen erstrebenswert, doch unerreichbar für einen Sterblichen. Wir wissen es nicht. Vielleicht war Odysseus selbst in dieser Inselwelt, nur Homer wusste ebenfalls nichts von diesem wunderbaren Eiland, denn er lebte lange vor Platon. Jeder, der das Land der Iberer durchquerte, erzählte von dem „riesigen Meer“, das er vor sich sah: „Ein Meer, so groß, so weit wie der Himmel über uns.“

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9783753128016
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