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PUNKTUM.

Impressum

… für meine Liter(n)ar(r)ischen:

Das Buch:

Der Autor:

Prolog:

FREITAG

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SONNTAG 7

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TAGEBUCH

Sonntag, 5.3.1989

Sonntag, 5.3.1989 abends

Mittwoch, 10.5.1989 abends

Samstag, 13.5.1989 abends

Mittwoch, 31.5.1989

Freitag, 2.6.1989

Freitag, 2.6.1989 abends

Dienstag, 20.6.1989

Donnerstag, 29.6.1989

Freitag, 30.6.1989

Sonntag, 2.7.1989

GEDÄCHTNISPROTOKOLL

Sonntag, 2.7.1989 zuhause

Sonntag, 2.7.1989 19:00

Sonntag, 2.7.1989 23:00

Montag, 3.7.1989 02:00

Samstag, 29.09.1990

Dienstag, 17.4.1990

MONTAG 13

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DIENSTAG 17

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MITTWOCH 19

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FREITAG 20

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SONNTAG

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DONNERSTAG 22

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SAMSTAG 23

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SONNTAG 26

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DIENSTAG 29

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***

Epilog:

Das Beichtgeheimnis:

Die wichtigsten Protagonisten:

Danksagung:

Bereits erschienen:

COLLEGIUM

Impressum neobooks

PUNKTUM.

Endet die Vergangenheit mit dem Tod?

Holzinger ermittelt (1)

Kriminalroman

Wolfgang Priedl

2019


V 3.0

.

Impressum

Text / Grafik:

© Copyright by Wolfgang Priedl

neobooks Self-Publishing

Wolfgang Priedl

Geroldgasse 5

1170 Wien / Österreich

wolfgang@priedl.at

www.priedl.at

Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, ist zufällig und von dem Autor nicht beabsichtigt. Die aufgezeigten Möglichkeiten sind nicht fiktiv, sondern entsprechen dem heutigen Stand der Technik.

Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Autors urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

… für meine Liter(n)ar(r)ischen:

Brigitte, Erika, Irmi, Isa, Jan, Rudi,

Wolfgang, Wolfgang, und Wolfgang

Das Buch:

Anna, die junge, hübsche IT-Spezialistin und Inhaberin eines erfolgreichen Start-up-Unternehmens sorgt sich um ihre Mutter, die für sie nicht erreichbar ist. Auch von sich aus meldet sich ihre Mutter nicht. Es scheint, als wäre sie vom Erdboden verschluckt. Eine Mitarbeiterin der Mutter äußert einen leisen Verdacht.

Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Claudia, Redakteurin beim Kurier, beginnt die IT-Spezialistin mit ihren Nachforschungen. Schon bald merkt sie, wie wenig sie ihre Mutter kennt und entdeckt ein schreckliches, wohlgehütetes Geheimnis aus der Vergangenheit. Dieses betrifft nicht nur ihre Mutter, sondern auch sie selbst, noch dazu in hohem Maße …

Der Roman spielt in Österreich. Als Vorlage dienten: Langbathsee (Salzkammergut) = Bergsee. Mischung aus Brunnkogel und Flammenkogel = Feuerkogel. Der »Berghof« (Sporthotel am Langbathsee) wurde ca. 2011 abgerissen. Lengthal = Ebensee am Traunsee. Die nicht genannte Stadt = Wien.

Der Autor:

Wolfgang Priedl lebt in Wien. Er war viele Jahre in der Marketing- und Werbebranche tätig. Durch Zufall entdeckte er seine Vorliebe zum Schreiben. Jedes Mal, wenn ihn heute ein gesellschaftliches Thema unter den Fingernägeln brennt, greift er zur Tastatur.

Die menschliche Psyche fasziniert ihn genauso wie spannende Stories. Mit dem vorliegenden Text erfüllt er sich den Wunsch, eine aktuelle, sozialkritische Thematik in einen Kriminalroman zu verweben.

Mit seinen Geschichten möchte er nicht nur unterhalten, sondern die Leser auch zum Nachdenken anregen.

Prolog:

Wie weit darf man gehen,

ohne Macht zu missbrauchen?

Wann werden Grenzen überschritten,

wenn Macht genutzt wird?

Hilft Transparenz, der Macht, Grenzen aufzuzeigen?

FREITAG

1

Anna tippt die letzte Programmzeile in den Sourcecode. Sie startet einen Probelauf und beobachtet angespannt ihren rechten Computermonitor. Eine Eingabemaske erscheint. Sie nickt zufrieden, beugt sich langsam zur Tastatur, gibt einen imaginären Namen ein und vervollständigt die restlichen Eingabefelder. Sie drückt auf >>ENTER<<.

Auf dem zweiten Monitor, in einem leeren, schwarz hinterlegten Fenster, erscheinen lange Zahlenreihen, vermischt mit kryptischen Zeichen. Das Window füllt sich rasch. Die Symbole scrollen wie von Geisterhand nach oben. Viel zu schnell, um mit den Augen zu folgen. Plötzlich Ruhe. Anna dreht bedächtig am Mausrad und das Anzeigefeld bewegt sich Zeile für Zeile. Sie stoppt und hebt ihre Hand von der Maus. Zufrieden breitet sich ein Lächeln um ihren Mund aus. Langsam erfasst es ihr ganzes Gesicht.

»Na, wer sagt’s denn – funktioniert«, lobt sie sich flüsternd.

Sie greift nach dem Telefon, tippt auf eine Nummer aus dem Kurzwahlverzeichnis und wartet, bis es läutet.

»DATAPOOL – was kann ich für Sie tun?«, meldet sich die wohlvertraute Stimme ihrer Mitarbeiterin.

»Ich bin es – Anna – lade soeben den neuen Sourcecode auf den Server«, antwortet sie grußlos, als würde das Gespräch schon einige Zeit andauern. »Die Sicherheitsabfrage funktioniert jetzt mit unserer Verschlüsselung. So – findet ihr ab sofort in meinem Verzeichnis«,

»Super. Danke Boss. – Deine Buben warten bereits sehnsüchtig. Ich leite die gute Nachricht sogleich weiter … Nochmals vielen Dank. Wir wünschen dir ein schönes Wochenende, Boss.«

»Ich euch auch. Ciao.«

Anna schaut auf ihre goldene Cartier-Uhr. Es ist knapp vor vier. Ihre Mutter hat noch immer nicht zurückgerufen. Sie checkt ihre SMS. Keine Nachricht von ihr, dafür findet sie eine Mitteilung von Claudia, ihrer engsten Freundin: ›Um fünf beim Italiener?‹

Sie tippt, ohne auf die Tastatur zu sehen: ›ok ba‹.

Anna wendet sich wieder ihrem Rechner zu und startet ihr wöchentliches Backup-Programm, klont ihre Festplatte 1:1. Anschließend lehnt sie sich in ihrem Drehstuhl zurück und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. Ihr Computer rattert gleichmäßig. Mit einem tiefen Seufzer ergreift sie das Mobiltelefon. Drückt auf ›MAMA‹. Sie lässt es läuten. Lange läuten. Sehr lange läuten. »Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht. – Piep.«

»Hallo Mama, bitte rufe mich zurück, – wo immer du bist. Mache mir langsam Sorgen.«

Anna schüttelt den Kopf. Aus welchem Grund antwortet ihre Mutter nicht? Bereits den zweiten Tag nicht. Von Birgit, einer ihrer Mitarbeiterinnen und gleichzeitig beste Freundin, hat sie erfahren, dass sie sich den Freitag freigenommen hat. Warum hat sie es nicht ihrem letzten Gespräch erwähnt? Ungewöhnlich, denn ihre Mutter meldet sich fast täglich. So gut wie nie hört sie einen ganzen Tag lang nichts von ihr. Meist ruft sie ohne triftigen Grund an, lediglich um »Hallo« zu sagen.

Zeitweilig hat Anna das Gefühl beschlichen, als wolle sie ihr nur mitteilen, dass sie noch am Leben sei, dass es ihr gut ginge. Ihre Äußerungen hat sie oft nur als Klangteppich, wahrgenommen, ohne die einzelnen Worte und ihre Bedeutung zu hören. So wie Kleingedrucktes, als Grauwert auf einem Blatt Papier. Sie kennt jedes ihrer Vokabel. Auswendig. Kann die Reihenfolge ihrer Sätze antizipieren.

An manchen Tagen nervt ihre Mutter sie mit ihren Anrufen. Anna beschlich das Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, als ob sie ein unmündiges Kind wäre, das an der Hand geführt wird, damit es nicht davonläuft. Aber heute ist sie erwachsen. Ihr kommender Geburtstag wird ein runder sein. Dreißig Jahre. Sie bedarf keiner schützenden Hand mehr. Bei nächster Gelegenheit wird sie mit ihrer Mutter über dieses Thema sprechen. – Zumindest will sie es anklingen lassen.

Doch heute ist es anderes. Anna hat sich im Laufe der Zeit an Marias Anrufe gewöhnt. Sie könnte die Uhr danach stellen. Wenn dieses Telefonat ausbleibt, dann fehlt etwas in ihrem Tagesablauf.

Soweit sie zurückdenken kann, hat sie ihre Mutter immer als beste Freundin gesehen. Deshalb spricht sie Maria ebenfalls mit ihrem Vornamen an; ausgenommen es handelt sich um ernste Belange, in solchen Fällen verwendet sie das Wort ›Mama‹, oder kurz ›Ma‹. Bei derart seltenen Gelegenheiten revanchierte sich ihre Mutter mit der Anrede ›Kind‹. Eine amüsante Erinnerung reiht sich an die nächste. Ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem Lächeln.

Ihre Armbanduhr sagt ihr, dass es höchste Zeit ist, um sich stadtfein zu machen. Im Schlafzimmer öffnet den vollen Kleiderschrank. Welches Outfit wäre das Beste? Sie wirft einen Blick aus der geöffneten Balkontür. Es ist warm. Es ist sehr warm – und schwül obendrein. Der erste Sommertag, an dem das Thermometer mittags auf achtundzwanzig Grad im Schatten kletterte. Jetzt zeigt es immer noch fünfundzwanzig an.

Rock, T-Shirt, Blazer, High Heels – genau das Richtige.

Anna betrachtet sich im Spiegel. Sie wischt mit dem Zeigefinger über ihre neckischen Sommersprossen, die sich beidseits ihrer Nasenwurzel unregelmäßig verteilen. Das weiße T-Shirt mit dem V-Ausschnitt schmiegt sich hauteng an ihren Oberkörper. Der kurze schwarze Minirock in Kombination mit ihren Stilettos betont ihre schlanken Beine und lässt sie noch länger erscheinen.

»Na, da sehen wir betörend aus«, schmeichelt Anna ihrem Spiegelbild. Sie streicht ihren engen Rock glatt. An der Wohnungstür wechselt sie ihre hochhackigen Schuhe gegen ihre weißen Turnschuhe aus.

Der kleine Italiener, mit dem riesigen Holzofen, ist nur ein paar Häuserblocks entfernt.

In dem Gastgarten vor dem Lokal sind so früh am Abend nur wenige Tische belegt. Von Weitem sieht Anna ihre Freundin. Der Kellner neben ihr stützt sich salopp auf einer Sessellehne ab, während er mit der Anden Hand Richtung Himmel zeigt. Wenn es nur um eine Bestellung ginge, wäre seine Körperhaltung zu lässig; Claudia scheint in ihrem Element zu sein. Sie sieht verändert aus. An dem dunkelgrauen Businessanzug liegt es nicht. Anna grübelt. Mustert ihre Freundin von oben nach unten.

»Salute!«, ruft Claudia ihr entgegen. »Was machen die Bits und Bytes?«

»Sie warten am Server, um ausgelesen zu werden. Und wie geht es unserer ›lokalen Chefredakteurin‹? Wohl wieder beim Recherchieren des Lokalkolorits?« Sie deutet vielsagend mit dem Kopf zum Kellner.

»Habe ich schon erwähnt, dass du unmöglich bist?«

»Öfters, Claudia. Glaube mir … öfters.« Anna lässt sich lachend auf den Sessel fallen.

»Apropos ›Recherchieren des Lokalkolorits‹ – wenn ich dich ansehe, frage ich mich, wer von uns beiden heute etwas vorhat. Du siehst ja zum Anbeißen aus.« In Claudia Stimme schwingt ein Anflug von Neid mit.

»Weil du gerade vom Anbeißen sprichst: Ich habe einen Mörderhunger … «, lenkt Anna geschmeichelt vom Thema ab.

»Der Kellner hat mir soeben Lasagne empfohlen. Steht nicht auf der Speisekarte. Frisch zubereitet. Und Ravioli – stehen ebenfalls nicht auf der Karte.«

»Überredet, ich nehme die Ravioli«, entscheidet sich Anna, ohne lange nachzudenken.

»Ich die Lasagne. … Wein? Den Üblichen?«

»Ja, bitte.«

Claudia wendet sich an den Kellner, um zu bestellen.

Die beiden tauschen die Neuigkeiten der letzten Woche aus. Die Redakteurin ist sich nicht sicher, ob sie über die Ereignislosigkeit der vergangenen Tage froh sein sollte oder nicht. Es war ungewöhnlich still gewesen. Um die Seiten des ›Kuriers‹ zu füllen, hatte sie die Beiträge jedes noch so unbedeutenden Ereignisses, breitgewalzt. Keine befriedigende Aufgabe für sie.

»Wir haben mit einem Artikel über Hundekot eine halbe Seite gefüllt. Stell dir das einmal vor«, alteriert sich Claudia und nippt an ihrem Weinglas. »MMMHHH. – In den könnte ich mich verlieben.«

»In wen könntest du dich verlieben?«, fragt Anna abwesend.

»Hallo – Anna. Ich bin’s!«, ruft Claudia aus. »Du bist ja mit deinen Gedanken total woanders. – In den Wein könnte ich mich verlieben, habe ich gesagt.«

»Ja – der ist sehr gut«, erwidert Anna, ohne aufzublicken.

Claudia rückt ihren Stuhl näher an ihre Freundin heran. »Wo drückt der Schuh? Probleme im Job? Ärger mit deinen Mitarbeitern?«

Anna antwortet nicht sofort. Sie legt die Stirn in Falten. »Nein, die Firma läuft. Habe heute sogar ein riesiges Erfolgserlebnis eingefahren. Meine Buben haben sich bei der Implantierung der von uns entwickelten Krypto-Routine schwergetan. Ich hab das Problem gelöst – funktioniert.«

»Hier programmiert der Chef noch höchstpersönlich. Das nenne ich Mitarbeitermotivation … «

Der Kellner serviert ihre bestellten Speisen. »Guten Appetit.«

»Danke.«, flüstert Anna.

»Komm, lass es dir schmecken. Reden wir nachher weiter … wenn du willst.« Claudia läuft das Wasser im Mund zusammen.

»Gute Idee. Ich warne dich, ich brauche jemanden, mit dem ich reden kann.«

»Nur zu, dafür gibt es die beste Freundin. Klingt zumindest spannender als die vergangene Woche … Mahlzeit«, erwidert Claudia voll Neugier.

Genussvoll speisen die beiden. Wiederholt betonen sie, dass sich der Koch heute wieder selbst übertroffen hat.

Die karge Konversation lässt in Claudia die Spannung, die Neugier steigen. Ihr beruflicher Instinkt, ständig auf der Jagd nach Neuigkeiten zu sein, ist geweckt worden. Sie wird von Minute zu Minute ungeduldiger. Zuletzt kann sie es kaum mehr erwarten, zu erfahren, was ihre Freundin auf dem Herzen hat. Sie kommt ihr verändert vor. Der Job ist es nicht. So viel weiß sie bereits. Es muss etwas Wichtiges sein, denn selten noch hat sie ihre Freundin so kurz angebunden erlebt.

Kaum hat sie ihren Teller geleert, fordert sie sie auf, von ihrem Kummer zu erzählen.

Anna würgt den letzten Bissen hinunter. »Claudia, ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll. Ein Beispiel: Du gehst jeden Tag um dieselbe Uhrzeit, zum Bäcker und begrüßt die Verkäuferin. Du kaufst täglich zwei Semmeln. Bestellst sie mit denselben Worten. Und immer hörst du die gleiche Antwort. Es geht so weit, dass dich die Verkäuferin nur zu sehen braucht, um zwei Semmeln – ohne Nachfragen – in eine Papiertüte zu werfen und sie dir anschließend über den Tresen zu reichen. Nonverbale Konversation. Manchmal hat sie sie sogar schon griffbereit, vorbereitet. Die Münzen hast du abgezählt in der Hand und bezahlst. Und eines Tages passiert es: Du betrittst die Bäckerei und es steht eine neue Verkäuferin hinter dem Verkaufspult. Was denkst du in diesem Moment?«

Claudia runzelt ihre Stirn und setzt zur Antwort an. Doch Anna wehrt ab, lässt sie nicht zu Wort kommen: »Dir schießen tausende Gedanken durch den Kopf. Ist sie auf Urlaub? Ist sie krank? Hat sie gekündigt? Wann kommt sie wieder? Ist sie verunfallt? Liegt sie im Krankenhaus? Könnte man ihr helfen? – Du kaufst das Gebäck. Aber den ganzen Tag über schwirren dir die Gedanken über die Verkäuferin durch den Kopf. Du nimmst dir vor, dich morgen nach ihr zu erkundigen. Solange du den Grund nicht kennst, lassen dir deine Gedanken keine Ruhe … «

»Worauf willst du hinaus?«, fragt Claudia.

»Worauf ich hinaus will, ist einfach: Du kennst meine Mutter. Sie ruft mich täglich, oft auf die Minute genau, an. Gestern nicht – heute nicht. Gestern kam nur eine SMS: ›Melde mich später‹, das war’s. Jetzt muss ich ständig an sie denken. Ich habe ein ungutes Gefühl in der Magengegend.«

»Warum rufst du sie nicht an?«

»Ich habe es heute mehrmals probiert. – Bin stets in der Mailbox gelandet«, seufzte Anna entmutigt.

»Hast du es bei ihr im Labor versucht?«

»Natürlich. Ich habe mit Birgit, mit Frau Santora gesprochen. Sie meinte, Maria hat sich heute freigenommen, weil sie einen Freund besuchen will … «

»… Deine Mutter hat einen Freund?«, fragt Claudia überrascht.

»Gute Frage. – Eigenartig – nicht? Ich habe noch keinen Mann an ihrer Seite gesehen. Sie hat auch keinen erwähnt. Und jetzt, so von heute auf morgen, gibt es plötzlich einen Freund. – Sie nimmt sich sogar einen Tag frei, um ihn zu treffen. Das ist merkwürdig. Oder?«

»Wie soll ich sagen, ich kenne deine Mutter, seit wir beide im Sandkasten gespielt haben. Sie ist zwar mir gegenüber ein wenig reserviert, trotzdem habe das Gefühl, dass sie mich mag. Ich glaube daher, sie einschätzen zu können. Was du mir soeben von ihr erzählt hast, ist nicht die, die ich kenne. Du hast Recht: Ich wäre ebenfalls besorgt. … besser gesagt: beunruhigt – du weißt schon … «

Mit einem tiefen Seufzer checkt Anna ihr Mobiltelefon. Keine Nachricht. Kein Anruf in Abwesenheit.

»Andererseits: Deine Mutter ist erwachsen. Sie hat ein Anrecht auf Privatleben. Vielleicht hat sie nach all den Jahren jemanden kennengelernt und macht sich ein heißes Wochenende. … «

»Das ist nicht dein Ernst.« Anna schüttelt ihren Kopf. »Schließe nicht von dir auf andere. – Schon gar nicht von dir auf meine Mutter. – Und komme mir nicht mit deinen One-Night-Stands Ansichten. Maria ist kein Twen. Sie ist fast sechzig Jahre alt … «

»Was glaubst du? Mit sechzig spielt Sex keine Rolle mehr in deinem Leben, gibt es keine Liebe auf den ersten Blick und all die Dinge? – Können ihr ihre Hormone keinen Streich spielen? Vielleicht kommt sie dienstags zurück und wird von einer leuchtenden, alles überstrahlenden Aura umgeben. Frei nach dem Motto: Ich hatte vor kurzem Sex. Du nicht. Ich habe gewonnen. – Du nicht.«

»Claudia, – hallo – aufwachen. Wir sprechen hier von meiner Mutter … «, rügt Anna ihre Freundin scharf.

»Entschuldige, ich sollte mit meinen Sprüchen ein wenig hinter dem Berg halten. Sorry. … Sag, ist Maria in einem Social Media Kanal vertreten?«

»Ja, WhatsApp. Sporadisch. Hab ich versucht. Fehlanzeige. Diese App öffnet sie nur, wenn sie Fotos verschickt.«

»Gut, worauf wartest du? Willst du dich das ganze Wochenende quälen und in nebulosen Sorgen ergehen … «

Anna zuckt resignierend mit den Achseln. Ihre Freundin hat Recht. Sie kann nur abwarten. Ob sie – bis sie Antworten auf ihre Fragen erhält – sich in ständigem Unbehagen ergeht oder nicht, liegt ausschließlich an ihr. Leichter gesagt, als getan.

»Anna, ich sehe, uns muss etwas einfallen, das dir hilft. Folgender Vorschlag: Wir checken die umliegenden Spitäler und erkundigen uns, ob jemand mit dem Namen deiner Mutter eingeliefert wurde. Sollten wir nicht erfolgreich sein, dann ist das bereits eine gute Nachricht. – Was hältst du davon?«

Anna nickt zögerlich. »Super Idee, aber willst du zwanzig – oder mehr – Krankenhäuser anrufen?«

»Nein. Hör zu: Erstens haben wir in der Redaktion keinen Hinweis auf einen schweren Unfall. Das ist schon einmal positiv. Und was die Liste der Spitäler angeht, da habe ich eine Idee: Ich habe diese Woche mehrmals den Holzinger Peter – von der Kripo – sekkiert, habe ihn wiederholt nach einer Story gefragt. Er hatte zwar nie etwas für mich, aber ich glaube, wir funken auf derselben Wellenlänge. Waren immer sehr amüsante Gespräche. Ein Wort gab das andere. Er hat mir angeboten, dass ich mich jederzeit bei ihm melden darf, wenn der Schuh drückt. Und jetzt drückt er. Mit etwas Glück ist er noch in Amt und Würden. Soll ich ihn für dich anrufen?«

Anna nickt wieder. Hoffnung keimt auf, während Claudia in ihrem Mobiltelefon nach der Nummer sucht.

»Es läutet … «

»Tomacic.«

»Grüß Gott, Claudia Bigler spricht. Ich möchte bitte mit Herrn Dr. Peter Holzinger sprechen … «

»… Tut mir leid, Oberkommissar Holzinger ist vor zehn Minuten ins Weekend entflohen. Kann ich Ihnen weiter helfen?«

Claudia zögert kurz. »Äh, nein danke. Wäre privat gewesen. Danke jedenfalls. Wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.«

»Wünsche ich Ihnen auch. Auf Wiederhören.«

Kaum hat sie ihr Telefon zur Seite gelegt, wird ihr bewusst, wie gerne sie mit dem Kommissar gesprochen, sie diese sonore Stimme vernommen hätte. »Soll ich es auf seiner Privatnummer probieren?«, Sie kreist mit dem Finger über dem Display.

»Ja, warum nicht? – Oh, ich verstehe, du willst nicht nur wegen mir mit ihm sprechen … «

»Anna, soweit sind wir … äh … bin ich noch lange nicht«, antwortet Claudia mit gespielter Entrüstung. Indigniert schüttelt sie ihren Kopf und tippt auf die Privatnummer. »Ruhe jetzt, es bimmelt.«

Eine tiefe Bassstimme meldet sich: »Holzinger«.

»Äh, grüß Gott. Bigler spricht. Claudia Bigler vom … «

»… vom Kurier. – Habe Sie sofort an der Stimme erkannt. Was kann ich gegen Sie tun?«, scherzt Peter.

»Herr Holzinger, Sie können sich vorstellen, dass ich Sie nicht grundlos am Wochenende störe. Aber ich sitze hier mit meiner Freundin. Und die hat ein Problem. Ihre Mutter wird vermisst … «

»Seit wann?«

»Na ja, eigentlich erst seit heute. Ist eine lange Geschichte. – Normalerweise meldet sie sich jeden Tag. Aber gestern kam nur ein SMS, dass sie sich später melden würde. Doch sie hat sich nicht gemeldet … «

Nach einer kurzen Pause fragt Holzinger: »Und wie kann ich Ihnen bei der Sache helfen?«

»Na ja, wir dachten, sie könnten überprüfen, ob es einen Unfall gegeben hat. Hier im Umkreis. Bei Ihnen gehen ja alle Meldungen zentral ein. Wenn Sie nachschauen könnten, ersparen Sie uns, eine Menge von Krankenhäusern anzurufen.«

»Ich bin leider nicht mehr im Büro. Von zuhause aus habe ich keinen Zugriff auf das System. – Sie sagen, Sie haben versucht, Sie telefonisch zu erreichen?«

»Ja … «

»Seit gestern? Das ist eine sehr kurze Zeitspanne. Haben Sie es in ihrer Wohnung nachgesehen?«

»Nein … «

»… ich würde Ihnen raten, zuerst in ihrer Wohnung nachsehen. Vielleicht ist sie dort, oder es gibt konkrete Hinweise.«

»Daran haben wir noch gar nicht gedacht, weil wir von einer Mitarbeiterin erfahren haben, dass sie möglicherweise einen Freund besuchen wollte. … «

»Warum rufen sie nicht ihren Freund an? Vielleicht ist sie tatsächlich bei ihm.«

»Nächstes Problem: Wir kennen seinen Namen nicht. – Geschweige denn, wo er wohnt.«

»Andere Freunde?«

Claudia drückt auf das Lautsprechericon, damit Anna mithören kann.

»Nein. Fehlanzeige. Meine Freundin sagt, ihre Mutter habe keine Freunde. Zumindest kennt sie keine. Die einzige nähere Bekannte, von der sie weiß, ist eine Arbeitskollegin und von der wissen wir, dass sie sich den heutigen Tag freigenommen hat, um einen Freund zu besuchen.«

»Wenn ich Sie beruhigen darf: Vermisste Personen tauchen in der Regel nach spätestens 72 Stunden wieder auf. Checken Sie zunächst die Wohnung. Und ich kann Ihnen Folgendes anbieten: Sollte ich noch jemanden in meinem Büro erreichen, der autorisiert ist, sich in unser System einzuloggen, dann werde ich ihn um Überprüfung bitten. Ist das ein Angebot?«

›Was für eine Stimme‹, schwirrt es Claudia durch den Kopf. »Äh … «, stammelt sie. »Großartig. – Das wäre super, wenn Sie das für mich machen könnten.«

»Ich rufe zurück, sobald ich etwas erfahren habe. Erwarten Sie sich aber nicht zu viel. Ich kann nichts versprechen. Sie sind unter dieser Nummer erreichbar?«

»Ja, das ganze Wochenende. Ist meine Privatnummer. – Jederzeit«, entfuhr es verwundert Claudia. Sie unterbricht die Verbindung und starrt auf das Display. Was hatte sie gesagt? Das ganze Wochenende und Privatnummer und jederzeit?

»Woher hast du seine private Telefonnummer?«, setzt Anna erstaunt nach.

»Äh … Von einem seiner Mitarbeiter – als ich ihn diese Woche nicht erreichen konnte. Er hat gemeint, er sei in der Mittagspause. Wenn es dringend ist, wäre er auf seinem privaten Handy erreichbar. Er hat mir die Nummer gegeben.«

»Und du hast sie sofort gespeichert … Egal, wir sollen jetzt einfach warten … «

»… hast ihn ja gehört.«

»Wie lange wird das dauern? … «, fragt Anna und trommelt mit den Fingern am leeren Weinglas.

»Beruhige dich. Eines nach dem anderen. Zunächst gönnen wir uns einen Prosecco, warten auf Peters Rückruf und anschließend beratschlagen wir unsere next steps. OK?«

»Gute Idee. Wir warten auf Peters Rückruf und betrinken uns zwischenzeitlich«, neckt Anna.

Claudia schlägt ihrer Freundin mit flacher Hand auf den Oberschenkel. »Ich hole uns den ›Sprudel‹.«

Sie steht auf und wackelt mit ihren Beinen, damit die eng anliegende Hose ihres dunkelgrauen, längs gestreiften Businessanzuges wieder nach unten rutscht. Anna sieht ihrer schlanken hochgewachsenen Freundin hinterher. Die hohen Absätze ließen sie noch größer erscheinen. Sie kommt aber nicht dahinter, warum sie heute verändert aussieht. Den Hosenanzug kennt sie, die Pumps auch.

Schwungvoll kehrt Claudia mit den Proseccogläsern zurück, setzt sie auf dem Tisch ab und stellt sich breitbeinig vor ihre Freundin. Anna mustert sie von Kopf bis Fuß.

»Weil wir vorhin von veränderter Umgebung gesprochen haben: Fällt dir nichts auf?«, fragt Claudia und hält ihre Hände unter ihren Haaransatz.

»Natürlich, – jetzt wo du mich mit der Nase darauf stößt: Du hast eine neue Frisur … «

Claudia dreht sich mit abgespreizten Armen um die eigene Achse.

»… Du siehst fantastisch aus. Der Pony passt zu den rotblonden Haaren. Steht dir hervorragend. Spießt sich auch nicht mit deinem Businessoutfit. Sehr stimmig. Sag, wie groß bist du eigentlich?«

»Einen Meter fünfundsiebzig«, antwortet Claudia.

»Fünf Zentimeter größer als ich … «

Claudias Telefon klingelt. Sie wirft einen Blick auf das Display, während sie Platz nimmt. »Peter«, haucht sie aufgeregt zu Anna und berührt das Hörersymbol. »Bigler«, sagt Claudia förmlich und drückt auf das Lautsprechersymbol.

Peter erzählt, dass er Richard Tomacic, seinen Freund und Boss erreicht hat. Dieser habe alle gemeldeten Unfälle in näherer Umgebung durchgesehen, doch ohne Ergebnis. Er hat niemanden gefunden, auf den der Name oder die Beschreibung passen würde. Zu guter Letzt erwähnt der Kommissar, in einem Nebensatz, dass er jetzt bei ihr etwas gut hätte; einen Stein im Brett habe. Claudia stimmt ihm zu: »Herr Holzinger. Ich würde Sie gerne auf einen Kaffee einladen – bei nächster Gelegenheit. Ihr Stein bleibt aber nach wie vor im Brett.« Kurz darauf beendet sie das Gespräch.

»Sag, Liebste, bist du zuweilen nicht ein wenig zu aufdringlich? Zu direkt, meine ich. Wenn man dir zuhört, könnte man meinen, du hättest ›ES‹ nötig«, rügt Anna ihre Freundin.

»Und wie ich ›ES‹ nötig habe. Ist das wirklich so augenfällig? … «

»Ja. – Beinahe peinlich.« Anna huscht ein mitfühlendes Lächeln über die Lippen.

»Aber zu meiner Verteidigung: Er hat eine furchtbar erotische Stimme … «

»… und eine Frau, fünf Kinder, Schmerbauch und eine Hakennase«, stichelt Anna.

2

Man kann die Zeit weder anhalten, noch zurückdrehen. Vergangenes nicht ungeschehen machen. Schlechte Erlebnisse werden schneller vergessen als Gute. Stimmt das? Dramatische Ereignisse bleiben jedenfalls länger im Gedächtnis. Psychotraumatische Vorkommnisse nisten sich hingegen tief in unserem Unterbewusstsein ein. Sie können niemals aus dem persönlichen Geschichtsbuch gestrichen werden. Bestenfalls konservieren, verarbeiten oder verdrängen wir sie. Ohne vor deren unvermuteter Rückkehr sicher zu sein. Sie können aber auch für immer in uns schlummern.

Sie vergraben sich in den hintersten Winkeln unserer Ganglien. Sie schlafen dort länger, als ein Winterschlaf sich hinzieht. Wenn sie ruhen, bemerken wir sie nicht. Und eines Tages erwachen sie, kriechen langsam, Schicht um Schicht, wie Regenwürmer bei Schlechtwetter, Richtung Oberfläche, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Es dauert Tage, Wochen, Jahre oder sogar Jahrzehnte. Wie Bomben, die während des Krieges, von Flugzeugen abgeworfen wurden und nicht zündeten. Sie liegen verborgen, in tiefen Abgründen. Sie landen in einem See, verstecken sich. Oder schlagen abgrundtiefe Löcher ins Erdreich, um ihrerseits wieder meterhoch von tonnenschwerem Gestein verschüttet zu werden. Rosten – billigem Eisen gleich – vor sich hin. Niemand weiß, ob ihre vernichtende Kraft jemals von Neuem zum Vorschein kommen wird.

Doch eines Tages, durch welchen Umstand immer, zeigen sie ihr alles zerstörende Wesen. Verursachen kollaterale Schäden an ihrer Umgebung. Sie sind in der Lage, jedes Gestein mit Leichtigkeit beiseite zu schleudern, lassen Flutwellen entstehen, die sich mit unvorstellbarer Geschwindigkeit ausbreiten. Genau darin besteht die unterschätzte Gefahr. Gewöhnung an das drohende Unheil birgt enormes Risiko.

Dörfer, die an längst erloschenen Vulkanen gebaut oder Atomkraftwerke die auf seismisch aktiven Bruchlinien errichtet sind, beweisen nur, dass die Bedrohung, derer man sich nicht vordergründig bewusst ist, als inexistent wahrgenommen wird.

Den Regenwurm, der bei zu viel Wasser im Boden seinem Heil an der Oberfläche zustrebt, nehmen wir nicht wahr. Wir sehen ihn auch nicht im hohen Gras, wenn er längst den angestammten Lebensbereich verlassen hat. Nur wer gezielt nach ihm Ausschau hält, wird ihn finden.

Dieser Wurm, diese Zeitbomben sind der Grund für die schleichende Veränderung unseres Wesens, unserer Stimmungslagen. Hoch und Tiefs wechseln sich in immer kürzer werdenden Abständen ab. Man kann es nicht beschreiben: Körperlich unangenehme Symptome werden dem Stress, dem man am Arbeitsplatz ausgesetzt ist, zugeschrieben. Oder der letzten sportlichen Betätigung, bei der man sich anscheinend übernommen hat. Oder einem Infekt, den man übergangen hat. Viele Gründe werden gefunden und manches falsch interpretiert. Wir erstellen laienhafte Diagnosen. Erst wenn man bereit ist, in sich hineinzuhören, sich dem Unterbewusstsein zu stellen, kann man seinen Gefühlen und deren Ursachen entgegentreten. Nur dann hat man eine geringe Chance, rechtzeitig Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Sich auf die große, alles vernichtende Explosion vorzubereiten. Das Unvermeidliche nicht geschehen zu lassen.

Die Frau, die mit ihrem Wagen auf der Autobahn Richtung Westen unterwegs ist, ist sich der Gefahr, in der sie sich befindet, nicht bewusst. In ihr schlummert eine Bombe von verheerender Zerstörungskraft.

An diesem Vormittag sind ungewöhnlich viele Fernlastzüge unterwegs, die sie im Minutentakt überholen. Sie fühlt sich nicht wohl. Sie hat einzig ihr Ziel vor Augen. Die Landschaft abseits der Autobahn interessiert sie nicht. Die Fahrzeuge, die an ihr auf der Überholspur vorbeipreschen, interessieren sie nicht. Selbst die Musik in ihrem Auto beachtet sie nicht. Nichts kann ihre Stimmung zum Besseren wenden.

Sie verheddert sich immer tiefer in ihren Erinnerungen, fragt sich, warum es ihr schlecht geht. Sie verringert noch mehr ihre Geschwindigkeit. Ihr Blickfeld verengt sich von Kilometer zu Kilometer. Sie hofft, dass es ihr am Ziel besser gehen würde.

Das tiefe, laut warnende Tröten eines Sattelschleppers, der gerade dabei ist, sie zu überholten, reißt sie unsanft in die Realität zurück. Sie erschrickt, denn beinahe hätte sie die Ausfahrt verpasst. Ihre Hände transpirieren. Schweißnass liegen sie auf dem feinen Leder ihres Lenkrades. Sie kramt ein Tuch aus dem Handschuhfach hervor. Wischt sich ihre Handflächen trocken und legt es auf ihren Schoss, um es jederzeit in Griffweite zu haben.

Die Bundesstraße kommt ihr heute länger vor als sonst. Ab und zu blickt sie hinunter in das Bachbett der Schwarza. Wie zwei Verliebte, eng aneinandergeschmiegt, winden sich die Straße und der große Bach durch das Tal. Einmal befindet sich das Wildwasser mit den majestätischen Schaumkronen zu ihrer linken, ein anderes Mal zu ihrer rechten Seite. ›Nur noch wenige Kilometer. Und dann rufe ich an‹, ermuntert sie sich, als sie den wohlvertrauten Wegweiser erreicht.

Sie setzt den Blinker und biegt vom Lengthal aus in die schmale kurvenreiche Straße ein, die zum Bergsee hinaufführt. Wie oft war sie diese Landstraße in all den Jahrzehnten schon gefahren? Bereits vor dreißig Jahren quälte sie ihren uralten VW-Käfer 1302 bergwärts. Sie riecht den Wagen noch heute riechen, denn sie besitzt die Gabe, sich Gerüche einzuprägen. Sie scheinen für ewige Zeiten in ihre Gehirnschale eingebrannt zu sein. Wie in Stein gemeißelt. Und sie kann jede Duftnote jederzeit abrufen, wann immer sie es will. Sie ist in der Lage, sie auf die blumigste Art zu beschreiben. Sie erschnuppert die geringsten Nuancen. Genauso wie sie in diesem Augenblick den Mief des alten Käfers, mit seinem billigen Plastikgeruch und dem allgegenwärtigen Abgasgestank im Wageninneren, in ihrer Nase verspürt. Sie versucht, die damit verbundenen Erinnerungen zu verdrängen.

Mit ihrem modernen Audi A1 merkt sie nur wenig von der Steigung. Leise schnurrt der Wagen der kurvigen Straße entlang, die sich seit damals stark verändert hat. Viele der engen Kurven sind durch Brückenbauten begradigt worden. Lawinengalerie reiht sich an Lawinengalerie. Die dereinst häufigen Straßensperren gehören der Vergangenheit an.

›Zwei Kurven noch, dann bin ich am Ziel.‹

Sie biegt in den großen, fast leeren Parkplatz ein. Normans alten Jeep erkennt sie sofort. Daneben parken drei weitere Autos der Luxusklasse.

»Gott sei Dank – wenig Betrieb heute«, atmet sie erleichtert auf und stellt ihren Wagen neben den anderen ab. Schaltet den Motor aus. Zieht die Handbremse an. Greift nach ihrem Tuch und reibt sich die Hände trocken. Die Anspannung weicht aus ihrem Körper. Sie nimmt sich vor, nie wieder in einem Gemütszustand – wie auf der Autobahn – ein Fahrzeug zu lenken.

Sie wischt sich winzigen Schweißperlen von der Stirn. Mit unsäglicher Kraft und Schnelligkeit heizt die Sonne den Innenraum des kleinen Wagens auf. Sie öffnet die Tür, um frische Luft hereinzulassen. Sie atmet kräftig ein, saugt die kühle Brise tief in ihre Lunge, und lässt sie mit einem lang gezogenen Seufzen wieder entweichen.

Kurz überlegt sie, ob sie ihre Reisetasche aus dem Kofferraum holen sollte. Sie steigt aus und merkt, wie sehr sie die Fahrt körperlich angestrengt hat. Sie ist müde, sie ist durstig. Ungemein durstig. Ihr Gepäck lässt sie im Wagen und trottet zum heimeligen Hotel, das zwischen dem idyllischen See und dem Parkplatz liegt.

Jedes Mal, wenn sie den alten Steinbau mit seiner großen, einladenden Terrasse sieht, muss sie an das Stanley Hotel in Estes Park, in Colorado denken, in dem der Film ›Shining‹ mit Jack Nicholson gedreht worden ist. Der ›Berghof‹ hat aber bei Weitem nicht die endlosen Ausmaße. Außerdem liegt er an einem malerischen See, ist viel kleiner und strahlt mehr Gemütlichkeit aus. Seit dreißig Jahren besucht sie bereits dieses Juwel hier in den Bergen. Der Efeu, der sich mit der Zeit an den Wänden emporgearbeitet hat, scheint es vor Wind und Wetter zu schützen, und alle, die sich in den Gemäuern aufhalten.

Der Torbogen am Eingang, vor den Treppen, ist ebenfalls dicht mit Efeu überwuchert. Daneben lehnt eine schwarze Tafel, auf der mit Kreide geschrieben steht: »Herzlich willkommen im Berghof. Heute fangfrische Forellen« Sie liest, lächelt müde und nickt.

Die Frau schleppt sich die Stufen hinauf zur Terrasse. Es macht den Eindruck, als würde sie sich am Handlauf emporziehen. Zwei Männer sitzen an einem Tisch und prosten sich mit großen Biergläsern zu.

Im Empfangsbereich des Hotels ist niemand zu sehen. Sie geht durch die alte, mit Butzenscheiben und groben Intarsien verzierte Schwingtüre. Blickt in die Speisestube. Menschenleer. Kurz überlegt sie, ob sie die Rezeptionsklingel betätigen sollte, um den Wirt herbeizurufen. Sie entdeckt ihn hinter der Durchreiche zur Küche, eine große, schwere Gusseisenpfanne schwenkend. Norman, der in die Jahre gekommene Chef des Hauses und Koch in einer Person, ist von einer übermächtigen Rauch- und Dampfwolke umgeben. Nur schemenhaft sind seine Umrisse zu erkennen.

»Norman!«, ruft die Frau.

Der Koch schaut von der dampfenden Pfanne auf und erkennt die Ruferin sofort. Ein breites, freundliches Lächeln überzieht sein rundliches Gesicht.

»Bin gleich bei dir – Moment bitte!«

»Mach dir keine Umstände!«, ruft sie zurück. »Ich habe Zeit. Viel Zeit sogar.«

»Zimmer wie üblich – Seeblickzimmer. Ist schon hergerichtet. Minibar ist voll. Solltest durstig sein, bediene dich. – Der Schlüssel steckt.«

Und wie es sie dürstet. »Danke, du bist ein Schatz. – Man sieht sich nachher.«

Die Frau dreht sich um und schleppt sich zum Aufzug. Die Anzeige sagt ihr, dass die Kabine jeden Augenblick im Erdgeschoss eintreffen wird. Die Türe gleitet zweigeteilt zur Seite. Ein stämmiger, muskulöser Mann steigt aus dem Lift. Glatzköpfig, geschätzte fünfundsechzig Jahre alt. Trägt Freizeitkleidung. Er gibt den Weg frei und grüßt.

»Bitte sehr«, sagt er.

»Danke«, murmelt die Frau, ihren Blick zum Boden gerichtet. Sie steigt in die leere Kabine und drückt auf die Nummer 3 – Dachgeschoss.

Plötzlich, die Tür hat sich noch gar nicht komplett geschlossen, zuckt sie wie vom Blitz getroffen zusammen. Sie holt, durch die Nase, tief Luft. Schnuppert. Sie wankt. Ihre Knie werden weicher und weicher. Es scheint, als würde sie alle Kraft dieser Welt verlassen. Sie muss sich an der rückwärtigen Wand abstützen. Schwindel erfasst sie. Der lang gezogene Gong dröhnt in ihren Ohren. Sie legt ihre Hände an ihren Kopf, um den Lärm zu dämpfen. Die Tür öffnet sich, aber sie steigt nicht aus. Sie drückt die Taste ›E‹ für Erdgeschoss. Die Türhälften schließen sich. Während der Lift nach unten fährt, hat sie Zeit, sich zu sammeln. Was war mit ihr geschehen? Warum hat sie die Kraft verlassen?

Es war der würzig-ledrige Duft in dem Aufzug. Dieser einzigartig herbe Männerduft. Genau der, den sie mit einem südländischen Typ mit gewelltem, langem Haar verbindet. Sollte sie diesem Mann von damals, heute hier und jetzt wieder begegnen?

Zittrig, vorsichtig um sich blickend, verlässt sie die Aufzugskabine. Aus der Küche hört sie appetitliches Prasseln. Dazwischen das typische Hämmern eines Schlögels, der Fleisch mürbe klopft. Sie betritt zögerlich die Gaststube, von der man durch das Panoramafenster einen uneingeschränkten Blick auf die weitläufige Terrasse hat.

Der Kahlköpfige steht bei den beiden Männern. Er greift nach einem vollen Bierglas. Sie prosten sich zu. Sie trinken. Der Glatzkopf dreht sich Richtung See. Jetzt erkennt die Frau sein Gesicht.

Sie sucht Halt. Findet keinen. Wendet sich zur Eingangstür. Der Fluchtweg scheint kilometerweit entfernt zu sein. Ihre Kräfte drohen sie jederzeit zu verlassen. Sie bäumt sich innerlich auf. Versucht, die Orientierung zu behalten. Visiert das Treppengeländer vor dem Haus an. Ergreift es. Stützt sich unbeholfen ab. Presst ihre Hüfte gegen den verchromten Handlauf. Die Reibungswärme auf ihrer linken Handfläche steigt stetig an. Sie schafft es auf wackeligen Knien hinunter zum Parkplatz. Erreicht schweißgebadet ihr Fahrzeug. Startet wie in Trance. Ruft jahrelang eintrainierte Bewegungsabläufe ab. Tritt das Gaspedal fast bis zum Anschlag durch. Lässt die Kupplung schnalzen. Reifen quietschen.

Der Audi A1 rast der ersten Kurve entgegen.

*

»Na, die Dame hat es aber eilig«, mokiert sich der Glatzköpfige, während er dem kleinen schwarzen Wagen hinterherblickt.

»Ja, dabei sollte man annehmen, dass man es im fortgeschritteneren Lebensalter gemütlicher angeht«, erwidert der zu seiner Linken räuspernd.

»Jungs, stört es euch gar, dass man im Alter noch Feuer unterm Arsch hat? Mag sein, dass sie einfach nur jung geblieben ist. Hast du ihre Figur gesehen? An der Körpersprache konnte man vielleicht ihr wahres Alter erkennen, aber vom Körperbau her – höchstens 40. Wenn nicht jünger … «

»Und im Kopf noch keine 20, so wie sie Gas gegeben hat … «

»Hallo, hallo«, unterbricht ihn der Große, der sich mit der Hand über seinen kahlen Schädel streicht. »Was haben wir nicht alles im Alter von 20 angestellt. Wir dachten damals, uns gehört die Welt alleine. Selten haben wir auf andere Rücksicht genommen. Schon gar nicht auf die im vorgerückten Alter. Haben ihre Weltanschauung nicht verstanden. Wir haben uns ohne Nachdenken, rücksichtslos, das genommen, was uns geboten wurde. Möchte jetzt gar nicht daran erinnern, was wir bei dieser Hochzeit damals trieben … War doch … «

»Psst. – Wir haben vereinbart, nie mehr über die ›Hochzeitsnacht‹ zu sprechen. Punktum«, fällt ihm der Hagere mit den wulstigen Lippen ins Wort.

Der Mann schweigt sofort.

Der Bann ist gebrochen. Sie erzählen sich enthusiastisch ihre ›Heldentaten‹ von einst. So, als hätten sie die einzelnen Geschichten erst gestern erlebt. Sie lassen keine Erinnerung aus. Vom gemeinsamen Handballspiel, als sie das entscheidende Match aufgrund eines regelwidrigen Tricks zu ihren Gunsten entschieden, über das Katz und Maus Spiel mit der Verkehrspolizei, bis zu dem Abend, an dem sie mit dem Porsche die Skipiste hinaufgefahren sind, um am nächsten Tag vom Pistengerät geborgen zu werden. Vieles, das sie seinerzeit angestellt haben, würde heutzutage unweigerlich mit harten Konsequenzen geahndet und von der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert werden.

Der Kahlköpfige klappt seinen Computer auf und zeigt den Freunden die alten Fotos, die er in den letzten Wochen, eigens für ihr Treffen, eingescannt hat. Keines der gezeigten Bilder blieb unkommentiert. Jedes wird mit einer kurzen Geschichte verbrämt.

*

Der kleine Wagen rast die Bergstraße zu Tal. Er nützt die gesamte Straßenbreite. Schneidet die Kurven. In manchen hebt das hintere, kurveninnere Rad, vom Asphalt ab, wie ein Rüde, der sein Revier markiert. Entgegenkommende Fahrzeuge blinken wie wild mit ihren Scheinwerfer. Leitplanken kommen gefährlich nahe.

Eine dicke Staubwolke steigt auf, als die Frau ihren Audi auf dem geschotterten Parkplatz vor dem alten Haus, neben der Kirche, zum Stehen bringt. Nur wenige Zentimeter vor dem schweren Motorrad, einer schwarzen ›Triumph Tiger 1050‹.

Langsam öffnet sie die Wagentür. Das Lenkrad ist klitschnass. Schweißperlen, die der Fahrerin in die Augen rinnen, verursachen ein unangenehmes Brennen. Ihre Augen sind rot unterlaufen. Ihre Stirn lehnt erschöpft am lederumspannten Volant.

Das Tor des Pfarrhauses öffnet sich. Ein Mann tritt ins Freie. Er trägt eine Soutane. Freudig sieht er zu dem schwarzen Wagen hinüber, während er versucht, mit wedelnden Armbewegungen, die Staubwolke vor seinem Gesicht zu vertreiben.

»Hallo, Maria. – Bist heute aber flott unterwegs. Wollten wir uns nicht im ›Berghof‹ treffen?«

Die Frau sitzt noch immer – in sich zusammengesunken – am Fahrersitz.

»Maria – was ist? Ist dir nicht gut? – Komm, ich helfe dir … «

Besorgt greift der Pfarrer nach ihrer Hand und zieht sie aus dem Wagen, zu sich herauf. Umarmt sie liebevoll. Dabei merkt er, dass die Frau total durchnässt ist. Drückt sie noch fester an sich, so als wolle er ihr Kraft spenden, ihr fühlen lassen, dass sie in Sicherheit ist, dass sie beschützt wird.

Sie vergräbt ihr Gesicht an seiner Brust, ohne zu antworten.

Der Pfarrer erkennt, dass in diesem Augenblick jedes gesprochene Wort ein Wort zu viel ist. Er schweigt und streichelt Maria zärtlich ihren Haaren entlang, über ihren Rücken. Schließlich beruhigt sie sich, hebt ihren Kopf, sieht in seine Augen und drückt ihm ein Küsschen auf den Mund.

Sanft schiebt der Pfarrer seine Freundin in Richtung Haus. Maria umfasst die Hüften ihres Freundes. Wie ein frisch verliebtes Paar gehen sie durch das breite Haustor. Im Wohnzimmer lässt sie der Priester auf die Couch gleiten. »Hast du noch ein frisches T-Shirt dabei?« Sie nickt. »Im Auto?« Nickt noch einmal. »Gib mir den Autoschlüssel, ich hole es dir.«

»Ist offen … Danke Joseph. … Du bist ein Engel.«

Der Geistliche kehrt mit einem trockenen T-Shirt zurück. Maria erhebt sich mit einem tiefen Seufzer von der Couch. Ohne Scham öffnet sie ihre Bluse und streift sie ab. So, als wäre es das Alltäglichste der Welt, sich vor einem Pfarrer zu entkleiden. Sie nimmt das T-Shirt und zieht es sich über. Nachdem sie sich wieder in die Couch sinken lässt, mustert Joseph seine Freundin von der Seite. All ihre Schönheit scheint für immer von ihr gegangen zu sein, als wäre sie ein Schatten ihrer selbst.

»Maria – was ist los? So habe ich dich noch nie erlebt. Total durch den Wind. – Total von der Rolle«, versucht Joseph seine Freundin zum Reden animieren.

Sie schluchzt. Schnappt nach Luft. Atmet abgehackt.

»Erzähl – was liegt dir auf der Seele? Quälen dich wieder Panikattacken? Ist es erneut diese innere Unruhe, die dir den Schlaf raubt? Deine Albträume … Du weißt, solange ich das grundlegende Problem nicht kenne, kann ich dir nicht helfen. Du weißt, wie erleichternd es sein kann, wenn man jemanden von seinen Sorgen erzählt. Oft ergeben sich, bereits während des Erzählens die Lösungen von selbst, ohne dass ich dir helfen müsste. Liebes, sprich zu mir … «

Aber Maria schweigt. Presst ihr Lippen aufeinander. Schließlich hebt sie schweigend ihren Kopf und sieht ihren Freund mit blutunterlaufenen, verschwollenen Augen an.

»Ich kenne dich nun schon Jahrzehnte lang. Wir haben doch keine Geheimnisse voreinander. Du kannst mir alles sagen«, forderte sie der Pfarrer erneut auf.

Der gütige, aber doch fordernde Blick ihres Freundes verleiht ihr Kraft. Gibt ihr Mut. Und schließlich erzählt Maria: »Joseph, du weißt genau, dass ich dir alles erzähle. Bis auf den einen Abend kennst du mein ganzes Leben. Minutiös. Was mir an damals widerfahren ist, holt mich in meinen Träumen immer wieder ein. Und in letzter Zeit häufen sich diese schrecklichen Visionen. Und was sie bei mir auslösen, das kennst du zur Genüge. Haben wir oft vielfach durchgekaut. Die Träume verlangen von mir, mich zu rächen. Aber du sagst mir immer, es sei mir verboten. Verboten aufgrund meines Glaubens, der in einem wesentlichen Teil auf den Lebenserfahrungen des Menschen basiert. Du sagst immer, Rache würde mich nicht glücklich befriedigen, würde mir keine Genugtuung verschaffen. Ich würde meine Rachegefühle gegen schwer wiegendere Schuldgefühle eintauschen … «

»Gott fordert von uns, dass wir den Menschen, die uns Böses angetan haben, vergeben, und davon profitieren, wenn wir uns von aller Bitterkeit befreien. Wie heißt es in der Heiligen Schrift: Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Rächt euch nicht selber, liebe Brüder, sondern lasst Raum für den Zorn Gottes. Und er verspricht uns: Mein ist die Rache, ich werde vergelten.«

»Siehst du Joseph, Gott versichert mir, dass er meine Rache übernimmt. Aber wann? – Genau den gleichen Satz hast du mir schon vor vielen Jahren gesagt. Ich habe auf weitere Nachforschungen verzichtet, um nicht in die Lage versetzt zu werden, Rache zu üben. Ich habe darauf vertraut, dass es Gott für mich … «, Maria zögert und vollendet nach einer kurzen Pause den Satz. »… erledigt.«

»Zuweilen mahlen Gottes Mühlen sehr langsam. Seine Wege sind unergründlich. Uns Menschen bleibt nur, an ihn zu glauben … «

»Und mit dem Vergeben tue ich mir verdammt schwer. Meine Albträume erinnern mich ständig daran. Sie verhindern, dass ich das Geschehene hinter mir lassen kann. Dass ich es abschütteln kann. Je öfter ich von diesen Träumen heimgesucht werde, desto schwerer lasten sie auf mir. Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Kraft habe, gegen sie anzukämpfen. Oft bitte ich Gott – vor dem Einschlafen – mich von den Qualen zu erlösen.«

»Wie oft hast du denn diese Albträume?«, fragt Joseph besorgt nach.

»In den letzten zwei Wochen – beinahe jede Nacht. Ich gehe bereits am Zahnfleisch.«

»Kannst du mir bitte erzählen, was das für Träume sind, die dich derart aus der Bahn katapultierten?«

»Joseph, es ist kein Traum mehr. Er ist beinharte Realität geworden. Ich stand meinem Albtraum leibhaftig gegenüber. Ich habe ihr heute ins Auge gesehen. Ich bin vor ihm geflohen, um bei dir Schutz zu suchen, bevor ich Dinge tue, die ich mein Leben lang bereue. Ich suche Schutz vor den Albträumen, aber auch Schutz vor mir selbst. Mit deiner Hilfe alleine ist es nicht mehr getan. … Es muss etwas geschehen.« Maria klingt verzweifelt.

»Keine Sorge, ich beschütze dich. Versprochen«, versucht Joseph, sie zu beruhigen.

»Den einzigen Ausweg, den ich sehe, heißt: Rache. Auch wenn es mir Gott verbietet. Rache ist menschliches Bedürfnis. Und heute hat sich dazu die Möglichkeit ergeben, Vergeltung zu üben. … Ich werde … «

»… Nichts wirst du«, fällt ihr Joseph barsch ins Wort und versucht dabei, nicht aufzubrausen. »Wenn du Rache rein philosophisch, ohne Gott, betrachtest, wirst du zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen. Ich versuche, es auf den Punkt zu bringen: Falls dir Schlechtes von deinem Umfeld angetan wird, dann stell dich aufrechten Kopfes hin und zeige, dass es dir gut geht. Das ist eine härtere Strafe für sie, als wenn du ihnen Ungemach antust.«

»Joseph … bitte … Verwirre mich nicht zusätzlich. Alleine das Gespräch mit dir hat mir schon geholfen, meinen Schock zu verarbeiten. Eigentlich will ich zurück, zum Berghof. Kommst du mit?«

»Maria, du bist noch lange nicht so weit, um ein Fahrzeug zu lenken. Ein Wunder, dass du es heil zu mir geschafft hast. Ich mache dir einen Vorschlag: Ich wollte sowieso zum Kirchlein hinauf. Mein neuer Wagen ist zwar bestellt, aber noch nicht geliefert. Wir nehmen deinen. Erstens können wir auf der Fahrt weitersprechen, zweitens hast du gleich dein Gepäck zur Hand. Ich werde Norman bitten, mich zurückzufahren.«

Maria ist über den Vorschlag erleichtert. Jetzt, noch einmal an diesem Tag, ein Fahrzeug zu lenken, so gut fühlt sie sich nicht. Außerdem ist sie sich nicht sicher, wie sie reagieren würde, wenn sie die drei Männer nochmals sieht. Ein guter Freund an ihrer Seite kann in dieser Situation von großem Nutzen sein.

Joseph steuert den kleinen Audi bedächtig die Bergstraße hinauf. Seine Freundin erscheint ihm gefasster als zuvor. Doch, als sie auf den Parkplatz einbiegen, erblickt Maria die drei großen Limousinen. Sie bittet Joseph, die gegenüberliegende Seite anzusteuern, gleich in der Nähe des Kirchleins, der Waldkapelle.

Zögerlich steigt Maria aus dem Wagen.

»Willst du ins Hotel?«, fragt der Pfarrer.

»Nein, nein, das hat Zeit«, wehrt seine Freundin mit matter Stimme die Frage ab. Angesichts der drei Männer auf der Terrasse überlegt Maria, ob sie heute überhaupt im Berghof übernachten will. Vielleicht könnte sie ja im Pfarrhaus schlafen.

Joseph nimmt sie an der Hand und schlendert mit ihr zum Kirchlein. Während der Pfarrer im Inneren nach dem Rechten sieht, zupft Maria welke Blätter von den Rosenstöcken. »Ich will zum Seeblick«, lässt sie ihren Freund plötzlich wissen.

»Zum Seeblick? In deinem Zustand? Bist du dir sicher. Du weißt, der Aufstieg ist beschwerlich.«

»Joseph, ich war schon oft dort oben. An diesem Ort habe ich immer Ruhe gefunden. Das hilft mir. Willst du mich begleiten? Würde mir viel Spaß bereiten.«

»Selbstverständlich. Mache ich. Warte, ich hole mir nur die Bergschuhe aus der Sakristei. Du gehst mit deinen Tennisschuhen?«

Maria nickt.

Nachdem er seine Schuhe gewechselt hat, schlendern sie durch den Wald hinüber zum See, wo ihnen ein Wegweiser die Richtung zum Seeblick weist. Zu Beginn ist die Steigung noch mäßig, aber je mehr sie an Höhe gewinnen, desto beschwerlicher wird der Weg. Mehrfach kommen sie an kleinen Ausbuchtungen vorüber, die einen wunderschönen Ausblick über das Tal gewähren. An einer pausieren sie, und Maria genießt die beeindruckende Gegend. Am liebsten würde sie sie umarmen. Streichelt sanft den See mit ihren Blicken. Sie sieht zum Parkplatz, wo die drei Autos noch immer parken. Ob sie bald verschwinden werden, fragt sie sich. Ihre Gedanken beginnen um den Mann mit dem typischen herben Herrenduft, den sie seit Jahren mit sich trug, zu kreisen. Keinen ihrer Gedankenstränge kann sie zu Ende denken, kann sie endgültig abschließen. Wie aus dem Nichts entspringen immerzu neue Bilder vor ihrem geistigen Auge. Sie ist froh, Joseph an ihrer Seite zu wissen.

Dem Pfarrer bleibt ihre Geistesabwesenheit, ihre Versonnenheit, nicht verborgen. Als sie die Aussichtsplattform erreichen, fragt er sie: »Alles in Ordnung? Geht es dir gut?«

Seine Freundin antwortete ihm mit einem Knappen: »Relativ«, während sie sich ein Lächeln abringt.

Joseph legt ihr den Arm um ihre Schultern. Schweigend stehen sie eng umschlungen und betrachten das Smaragdgrün des Sees. Ruhig, friedlich liegt er vor ihnen. Die spiegelglatte Oberfläche wird nur von einem Ruderboot gestört, das auf das Hotel zusteuert.

»Der alte Thilo kehrt zurück. Hat wohl wieder eine kleine Seerundfahrt gemacht, um sich fit zu halten – feiert er heuer nicht seinen fünfundachtzigsten Geburtstag?«, bemerkt der Geistliche rhetorisch.

Maria löst sich aus der Umarmung ihres Freundes und geht in Richtung Abhang. Für Joseph zu nahe. Er macht ein paar rasche Schritte auf sie zu und zieht sie vehement zurück. Dabei verliert er fast das Gleichgewicht. Seine Schuhe haben den Halt auf dem geschotterten Untergrund verloren.

»Was war das denn? … «, will sie von ihm wissen und reibt sich die Schulter.

»Ach nichts, bin nur ausgerutscht.«

Anscheinend hört sie die Antwort nicht, vielmehr setzt sie zu einem ähnlichen Gespräch an, wie sie es heute schon einmal geführt hatten. Joseph versucht, wieder mit den gleichen Argumenten zu überzeugen. Er sucht verzweifelt nach einer ultimativen Lösung für Maria. Doch er findet keine. Aussichtslose Verzweiflung scheint nun auch von ihm Besitz zu ergreifen. Er ist am Ende seines Lateins angelangt! Er setzt auf Zeit. Er hofft, dass all die Worte, die er in den vergangen Dekaden mit ihr gewechselt hatte, endlich greifen würden.

Oder gibt es doch eine ganz andere Lösung, die er bisher nicht in Erwägung gezogen hat?

In diesem Augenblick klingelt sein Mobiltelefon. »Moser. Grüß Gott! … äh, wann? … Geben Sie mir eine dreiviertel Stunde. Ich mache mich sofort auf den Weg.«

»Schlechte Nachricht?«, fragt Maria neugierig.

Josephs Miene wirkt wie aus Stein gehauen. Tiefe Besorgnis spricht aus seinen Augen. »Eines meiner Schäfchen möchte das Sakrament der Krankensalbung, die ›letzte Ölung‹ wie sie früher genannt wurde, empfangen. Es geht dem Ende zu. Maria, kannst du mich ins Dorf zurückfahren?« Eigentlich will Joseph nicht von seiner Freundin chauffiert werden, aber wie sollte er sonst ins Tal kommen? Dass Norman sofort für ihn Zeit hat, davon kann er nicht ausgehen.

»Hier ist der Autoschlüssel. – Ich bleibe noch eine Weile hier«, schlägt Maria vor und drückt ihm den Wagenschlüssel in die Hand. »Ich möchte den Ausblick genießen und meine Gedanken ordnen. Du hast mir heute schon sehr geholfen … «

»Kann ich dich wirklich hier alleine lassen?« Seine Freundin nickt mehrmals. »Gut, aber bleibe nicht zu lange, schau, dort drüben ziehen bereits die ersten Gewitterwolken über den Bergkamm. – Ich bringe dir den Wagen später wieder.«

»Joseph, das ist nicht nötig. Ich brauche bis Sonntag kein Auto. Wenn doch, melde ich mich bei dir. Und das soll jetzt nicht heißen, dass du nicht jederzeit willkommen bist. Wir bleiben in telefonischem Kontakt.«

Joseph beschleicht ein ungutes Gefühl, bei dem Gedanken, seine Freundin hier oberhalb der Felswand zurückzulassen.

Maria drückt ihm einen Kuss auf die Lippen. »Wir sehen uns. – Auf Wiedersehen.«

*

Kurz nach dem Wetterleuchten entluden sich die Wolken. Ein schweres Unwetter wütete für Stunden in der Region. Es schüttete, dass man meinen konnte, das Ende der Welt sei angebrochen. Genauso schnell wie das Gewitter aufzog, ebenso rasch war der Spuk wieder vorbei.

Die Scheinwerfer des Autos tauchen die Gebirgsstraße in ein eigentümliches Licht. Viele kleine Äste liegen verstreut auf der längst aufgetrockneten Fahrbahn. Die Abkühlung tut gut. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigt 23:32.

Joseph biegt in den Parkplatz des Berghofs ein. Das Hotel liegt bereits im Dunkeln. Kein Licht erleuchtet mehr das Restaurant. Die Laternen wiegen sich im kalten Wind. Der Pfarrer steigt aus dem Wagen, hört leise Männerstimmen von der Hotelterrasse und schreitet gemächlich zum Bootssteg hinüber. Er schaut vom Ende des Steges zurück zum Seeblickzimmer, in dem kein Licht brennt.

Den Tod eines lieben, langjährigen Freundes erlebt man nicht jeden Tag. Joseph sehnt sich plötzlich selbst nach einer verständnisvollen Schulter.

Als er bei dem alten, todkranken Bauern heute seine tröstenden Worte sprach, fiel ihm das Wort ›erlösen‹ auf. Der Erlöser, der am Kreuz für uns gestorben ist, erlöse uns von dem Übel. – Wovon will uns Gott erlösen? Von unserem mühevollen Leben? Um was zu erreichen? Das ewige Leben? Gott erlöst uns von einem kurzen Leben, um es gegen ewiges Leben zu tauschen?!

Nein, die Heilige Schrift muss man im Ganzen lesen – nicht einzelne Sätze extrahieren und sie neu zusammensetzen.

Aber wurde sein langjähriger Freund heute Abend wirklich erlöst? Nur weil er ohne Bewusstsein, ohne Herzschlag in seinem Bett lag.

Er wurde er von seinem Siechtum erlöst. … Doch er hat es mit seinem Leben bezahlt. – Eine zu einfache Lösung.

Wäre es da nicht logischer gewesen, wenn er ihn schon früher von seinen Qualen erlöst hätte. Ihm gnadenvolle Sterbehilfe angedeihen lassen hätte? Einzig, sein Freund hat ihn nicht darum gebeten. Wäre es deshalb moralisch verwerflich gewesen? Aber wenn er dazu aufgefordert worden wäre? Hätte er sich je zu Gottes rechter Hand aufgeschwungen? Hätte er je die Rolle des Erlösers übernommen? Wenn ja – wann hätte er die Rolle übernehmen dürfen, wann war der richtige Zeitpunkt, um zu handeln – um ihm den ultimativen Frieden angedeihen zu lassen, den sich verzweifelnde, leidende Menschen so sehnlich herbeiwünschen?

Joseph verheddert sich immer tiefer in seinen Gedanken. Kälte steigt in ihm auf. Sie überdeckt seine Fantasien. Er schaut hinaus auf den See und hat Mühe, die tiefschwarze Finsternis mit seinen Blicken zu durchdringen. Nur schemenhaft erkennt er die Steilwand, an die sich scheinbar ein schweres, schwarzes Leichentuch schmiegt.

Der kühle Wind bahnt sich seinen Weg unter Josephs Soutane, als wollte er sich dort wärmen. Dem Pfarrer fröstelt.

Verstört, über den Tag nachdenkend, stapft er zurück zum Parkplatz, an den Booten vorüber, in denen Wasserlachen im Rhythmus der Wellen von einer Seite zur anderen schwappen. Er hört das gleichmäßige Plätschern der Dünung an den Bootsplanken und fragt sich, ob er heute alles richtig gemacht hat.

Joseph ist froh, nicht mit dem Motorrad zum See gefahren zu sein. Es ist einfach zu kalt.

*

Bald nach den Gewittern waren die drei Männer, im Anschluss an ein formidables Abendessen, aus dem Gastraum wieder auf die Terrasse gewechselt. Sie wollen ihre Zigarren genießen.

Rauchen ist aber, seit die Politiker die Meinung vertreten, dass ihre Gesellschaft, die sie zu repräsentieren haben, unmündig ist, obendrein den Wirten die freie Wahl genommen haben, nur mehr im Freien erlaubt. Als die drei Männer sich ihre Zigarren anstecken, sagt der Untersetzte räuspernd, wehmütig: »Das war früher ganz anderes, als man in den Lokalen noch rauchen durfte.«

»Ja, ja, die guten alten Zeiten, als wir selbstbestimmt durch die Welt wandelten. Damals galten die freie Wahl und Selbstverantwortung noch etwas. Wir und die Lokalinhaber durften seinerzeit noch selbst entscheiden. Dafür stinkt es heutzutage in den Diskotheken nach pubertierenden Jugendlichen, wie in einem Turnsaal … «. Sie lachen herzhaft und paffen zufrieden ihre teuren Zigarren.

»… und damals hätte man auch nicht das Licht vor Mitternacht abgedreht. Hätte es alles früher nicht gegeben. Genauso wenig, dass wir hier im Dunkeln unseren Whisky trinken müssen«, ereifert sich der große Hagere und bläst geübt einen Rauchring in die kühle Nachtluft.

Der Glatzköpfige stellt sein Whiskyglas auf dem breiten Geländer der Terrasse ab. Er späht zum See hinüber und sieht einen dunklen Schatten am Bootssteg stehen. Er kneift die Augen zusammen und erkennt eine Gestalt, die eine Soutane mit Kollar und schwarzem Zingulum trägt. Sie kommt auf ihn zu.

Als der Priester an der Terrasse vorüber schlendert, sagt er: »Grüß Gott Herr Pfarrer. Genießen Sie die Kühle der Nacht?«

»Grüß Gott. Ja – manchmal benötigt man einfach Zeit für ungestörtes Nachdenken, um seine Gedanken neu zu sortieren. Das ist der ideale Platz dafür. – Schönen Abend noch … «

»Verzeihen Sie – eine Frage: Tragen Priester auch in ihrer Freizeit ihre Soutane?«, will der Mann wissen.

»In unserer Region gehört es bis heute zum Brauchtum … «, antwortet Joseph im Vorübergehen, ohne anzuhalten. Ihm ist nicht nach Small-Talk. Ihm ist kalt.

SAMSTAG

3

Annas Samstage sind von einem rituellen Ablauf geprägt. Zwei Stunden länger schlafen. Nach der Morgentoilette eine genüssliche Dusche. Anschließend ein kurzer Blick auf die Newsseiten der Presse. Alles ohne Zeitdruck. Danach trifft sie sich mit Claudia zum Frühstück in ihrem Stammlokal. Zwei Buttersemmel, ein großer Brauner und ein Ei im Glas. Hinterher flanieren sie bis mittags durch die Stadt, um in der Prosecco-Bar ihre Runde abzuschließen, und um das restliche Wochenende zu planen.

Aber an diesem Samstag war der gewohnte Ablauf unterbrochen. Sie wachte früh auf. Viel zu früh. Ihre innere Unruhe weckte sie. Sie schaut sofort auf ihr Mobiltelefon. Keine Nachricht. Sie checkt ihre E-Mails. Nichts, außer Spam. Loggt sich in ihren WhatsApp-Account ein. Nichts. Zu guter Letzt überprüft sie auch noch Facebook. Wieder nichts. Anna kann nicht mehr schlafen. Selbst wenn sie es versuchen würde nochmals die Augen zu schließen, die schweren, blickdichten Vorhänge vor den Fenstern zuzieht, die Sorgen um ihre Mutter würden sie wach halten.

Missmutig klettert sie aus ihrem Bett. Nur mit ihrem kurzen Nachthemd bekleidet wackelt sie in die Küche und schaltet den Kaffeeautomaten ein. Sie lehnt sich gegen die Küchenzeile, stützt sich mit beiden Händen ab und beobachtet tranceartig wie die dunkle Flüssigkeit in die kleine Schale tröpfelt. Anna liebt den Duft von Kaffee. Dieses Aroma weckt jeden Morgen ihre letzten, noch verbliebenden, schlummernden Lebensgeister.

Sie nimmt die Tasse und tritt auf den Balkon hinaus. In der vergangenen Nacht musste es geregnet haben, denn die Luft ist ungewöhnlich klar. Der Wind hat die schwüle Dunstwolke aus der Stadt geblasen, die Atmosphäre gereinigt. Eine kühle, aber nicht unangenehme Brise umspült ihren Körper.

Sie setzt sich auf den Gartenstuhl und legt ihre Beine auf das Geländer. Beinahe verbrüht sie sich ihre Zunge an dem heißen Kaffee. Langsam lässt sie die Tasse auf den Beistelltisch sinken und angelt sich ihr Telefon. Ein Blick auf ihre kleine Cartier-Uhr sagt ihr, dass es noch zu früh ist, um Claudia anzurufen. Sie holt tief Luft.

Sie will gerade ihr Mobile beiseitelegen, als sie ein leichtes Vibrieren vom Gerät verspürt, begleitet von einem einzigen, leisen Piepton. Ah – SMS, denkt Anna.

Neugierig holt sie es aus dem Standby-Modus und wischt über das Display. Die Nachricht ist von Claudia: »Sorry, muss zum Flammenkogel. Geschäftlich. Sonntagsausgabe will gefüllt werden. :Smiley mit heruntergezogenem Mund: Trinke einen Prosecco für mich mit. Melde mich, wenn ich zurück bin. :winkendes Smiley:«.

»Shit … «, stößt Anna verärgert hervor. ›Muss sie gerade heute zu einer ›Story‹ gerufen werden‹, denkt sie. ›Hat sie mir gestern nicht erzählt, wie unsäglich ruhig ihre Woche war, ohne Katastrophen, ohne amüsante Geschichten, die das Leben zuweilen schreibt. Sie hat Seiten mit nebulosen Themen gefüllt. Und heute, am Wochenende wird sie in die Provinz gerufen.‹

Das sind die weniger schönen Aspekte im Berufsleben einer Redakteurin. Die schreibende Zunft kann unmöglich ihre Freizeit im Vorhinein planen, denn sie ist fremdbestimmt.

Anna überlegt, wie sie den Tag, ohne ihre Freundin anlegen wird. Was soll sie tun? Wie konnte sie die näheren Umstände herausfinden, warum sich ihre Mutter nicht meldet?

Die acht Gongschläge der kleinen Pendeluhr reißen sie aus ihren Gedanken. Sie steht auf und schaltet das TV-Gerät ein. Nachrichten. Ungeduldig verfolgt sie die Berichterstattung. Sie ist weniger an den Geschehnissen in der Welt interessiert, vielmehr an den Lokalnachrichten. Keine Verkehrsunfälle, keine Wohnungsbrände, keine Überfälle, keine fatalen Unwetter, keine Naturgewalten. Nichts.

Sind keine Nachrichten wirklich gute Nachrichten, überlegt sie zweifelnd. Anna stellt sich die Frage, wen sie noch kontaktieren könnte. Bis auf Frau Santora fällt ihr niemand ein. Ihre Mutter hat keine Freundinnen, außer eben Frau Birgit Santora. Führte ihre Mutter wirklich ein solch einsames Leben? Anna wird diese Tatsache erst jetzt bewusst. Sie blickt auf ihre Cartier. Halb neun zeigt die Uhr.

Anna tippt Santoras Nummer ins Telefon.

»Santora.«

»Verzeihen Sie, dass ich Sie am Wochenende nochmals störe. Meine Mutter hat mir ja ihre private Telefonnummer – für den Fall der Fälle – geben. … «

»Wer spricht denn? … «

»Äh, Steiger … Anna Steiger, ich bin die Tochter von … «

»Guten Tag. Ich weiß, wer Sie sind. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Liebe Frau Santora, wir haben schon gestern miteinander telefoniert. Sie sagten mir, meine Mutter hätte sich freigenommen und wollte zu einem Freund fahren … «

»Ja … und?«

»Na ja, ich sorge mich. Soviel ich bis jetzt herausgefunden habe, scheinen Sie die einzige Freundin meiner Mutter zu sein. Jedenfalls hat sie immer nur Sie erwähnt, beziehungsweise von Ihnen erzählt. Mir ist erst heute bewusst geworden, dass sie anscheinend das Leben eines Eremiten führt … « Anna lässt eine kurze Pause entstehen. »Wie beschreibe ich es am besten? Im Augenblick kommt sie mir wie eine Fremde vor … «

»… Frau Steiger, darf ich Sie unterbrechen. Ich bin auf dem Weg in die Stadt. Sie wohnen ja im Zentrum. Wollen wir uns nicht in einem Kaffeehaus treffen. Am Telefon … «

»… Gerne«, unterbricht sie Anna. »Wann und wo ist es Ihnen recht?«

»Sagen wir in einer Stunde?«

»Perfekt und wo?«

»Schlagen Sie etwas vor.«

»An Samstagen verabrede ich mich normalerweise mit meiner Freundin in unserem Stammlokal, der ›Spaghetteria‹. Sie ist heute verhindert. Wollen wir uns dort treffen? Wissen Sie, wo das Lokal liegt?«

»Kenne ich. Also in einer Stunde.«

»Super. – Danke, ich werde pünktlich sein.«

Anna ist überpünktlich. Bereits eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin trifft sie im Lokal ein und wählt einen Platz im Gastgarten, nahe der Hausmauer, wo man sich ungestört unterhalten kann.

Anna versucht, sich einen Fragenkatalog zurechtzulegen. Als sie ihre Fragen in ihr Notepad tippen will, trifft Frau Santora ein.

»Sehr lieb, dass Sie sich für mich Zeit nehmen. Danke«, beginnt Anna die Unterhaltung.

»Schön, dass wir uns einmal persönlich kennenlernen. War ja schon höchste Zeit. Sie sind ja viel hübscher, als Sie ihre Mutter beschrieben hat«, schmeichelt Santora.

Anna spürt, wie ihr das Blut in den Kopf schießt. Es ist schon lange her, dass sie ein solches Kompliment erhalten hat.

»Sie sehen ja ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich. Ich meine natürlich, wenn man die Jahre, die sie trennen, außer Acht lässt.«

»Danke. Sie bringen mich in Verlegenheit. Übrigens, mir ergeht es genauso – ich meine damit, dass wir uns persönlich, so von Angesicht zu Angesicht, kennenlernen. Meine Mutter hat andauernd von Ihnen erzählt. Sie sind ja sozusagen ihre beste Freundin ...«

»... Beste Freundin? Sagen wir so – einzige Freundin, und damit natürlich beste Freundin. Aber wollen wir uns nicht duzen? Ich kenne so viele Einzelheiten aus Ihrem Leben. Das ›Sie‹ ist für mich befremdlich … «

»Gerne … Ich bin die Anna.«

»Ich bin die Birgit.«

»Also liebe Anna, alles, was ich dir über deine Mutter und ihren Verbleib erzählen kann, habe ich dir schon gestern am Telefon erzählt … «

»Du hast einen Freund, Joseph glaube ich, erwähnt? Weißt du, woher er kommt? Wer er ist? Von wo sie ihn kennt?«

»Sosehr ich auch über das Leben deiner Mutter im Detail Bescheid weiß, sosehr hat sie mich über die großen Zusammenhänge im Unklaren gelassen. Diesen Joseph, den ich erwähnte, den gibt es, solange ich Maria kenne. Sie hat sich drei, vier Mal im Jahr mit ihm getroffen. Als du noch klein warst, durftest du immer bei einer Freundin übernachten, während sie zu ihm fuhr. Weißt du eigentlich, dass deine Mutter zeitweise unter psychischen Problemen litt?«

»Nein, ist mir nie aufgefallen. Sie hat mir gegenüber nichts dergleichen erwähnt. – Was meinst du?«, hakt Anna neugierig nach.

»Siehst du, auch das kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich versuche mir die Teile nur zusammenreimen.«

»Birgit, sag schon, welche Probleme vermutest du?«

»Jetzt wird es schwierig für mich. Ich weiß nicht, was du weißt oder nicht weißt. Was darf – kann – ich dir sagen, was mir deine Mutter unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hat. Ich möchte keinen Vertrauensbruch begehen, andererseits will ich dich nicht in der Luft hängen lassen.«

»Das klingt jetzt nicht sehr einleuchtend für mich, aber trotzdem glaube ich, zu verstehen. Vorschlag: Schmeiß' einen Begriff in die Runde und ich erzähle dir meinen Wissensstand. Anhand dessen kannst du dann entscheiden, was du von deinem Wissen preisgibst. Ist das OK für dich?«

»OK, das ist ein Deal. Also, das erste Wort wäre VATER.« Birgit sieht Anna erwartungsvoll in die Augen.

»Du meinst meinen Vater? Diesbezüglich kann ich dir nur sagen, dass es ein Agreement mit Maria gab: Sie mich bat, nicht nach ihm zu fragen. – Daher kenne ich ihn nicht. – Aber eines Tages, als sie merkte, dass mich das Thema immer stärker beschäftigte, mich nicht mehr losließ, meinte sie unter Tränen: Verurteile mich nicht – auch ich war einmal jung. Ich war unterwegs, ich hatte einfach Lust – im wahrsten Sinne des Wortes – auf einen Mann. Und den traf ich in dieser Nacht einen gut aussehenden Typ, an dem alles dran war, nach dem mich gelüstete. Es kam, wie es kommen musste: Wir landeten in meinem Bett. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Auch keine auf den Zweiten. Damals wollte ich mich nicht auf eine längerfristige Beziehung einlassen. Ich gab vor, eine selbstbewusste Frau zu sein, die niemals Fragen stellt, für die Neugier ein Fremdwort sei. Bereits in dieser Nacht trennten sich unsere Wege wieder. Ich kannte weder seinen Nachnamen noch Adresse. Darüber hinaus spielte mir in jenen Tagen mein Monatszyklus oft einen Streich. Ich merkte viel zu spät, dass ich schwanger war – erst, als ich dich bereits in mir spürte. Ich wollte dich, selbst wenn ich nicht wusste, wer dein Vater ist. Er kannte zwar meine Adresse und hätte mich leicht finden können, aber er hat keinen Gebrauch davon gemacht. Ich war ihm möglicherweise zu abweisend, wahrscheinlich ließ es sein Stolz nicht zu, sich bei mir wieder zu melden. Und so kam es, wie es kam. Ich bin mit dir glücklich geworden.«

»Oh Gott … «, presst Birgit hervor. »Das ist starker Tobak. Maria hat mir das nie erzählt. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob du deinen Vater kennst, denn sie hat ihn mir gegenüber nie erwähnt. Und wie gehst du mit der Tatsache um?«

»Wie soll man damit umgehen? So eine Geschichte kann man nur akzeptieren, man muss lernen, dass man keine Chance hat, seine Fragen beantwortet zu bekommen. Das ist alles.«

Birgit ergreift Annas Hand und schaut ihr mitfühlend in die Augen. Sie ringt nach Worten, findet jedoch nicht die Passenden.

»Sag, weil wir gerade beim Thema Männer sind: Hat meine Mutter nie einen erwähnt?«

»Oh ja, hin und wieder tauchte ein Name auf. Aber spätestens nach zwei, drei Monaten beendete sie oder er die Affäre. Einmal hat sie davon gesprochen, dass sich Liebhaber mit den Worten: ›Du bist nicht einfach, man hat es nicht leicht mit dir.‹, verabschiedet haben.«

»Wie lange kennst du meine Mutter bereits?«

»Na ja, ich trat, während Marias Babypause in das Unternehmen ein. Als sie zurückkam, wurden wir schnell Freundinnen. Zunächst auf geschäftlicher Basis, danach auch auf privater. Nach zwei Jahren wurde ihr die Abteilungsleitung übertragen. Fünf Jahren später trat ich an ihre Stelle und sie übernahm die Unitleitung.«

»Darf ich dich etwas Persönliches fragen: Glaubst du, dass meine Mutter glücklich ist?«

Birgit beginnt zu erzählen. Natürlich hat sie den Eindruck, dass Maria ein zufriedener Mensch sei. Aber gleichzeitig auch eine Suchende. Dieses Bild von ihrer Freundin hätte sich bei ihr eingeprägt. Es hilft ihr, zu erklären, warum Annas Mutter immer wieder starken Gemütsschwankungen ausgesetzt ist. Maria ist auf der Suche, findet aber nicht, wonach sie Ausschau hält.

Anna hängt Birgit förmlich an den Lippen. Jedes einzelne Wort speichert sie für sich ab. Sie erfährt viel Neues, das so manche ihrer Fragen beantwortet, die sie sich nie zu stellen getraute.

»Sag, weißt du Genaueres über diesen Joseph?«

»Nein, nicht viel mehr, als das ich dir schon erzählt habe. Scheint ein Jugendfreund von ihr zu sein, jedenfalls kennt sie ihn länger als mich. Wie hat sie es immer ausgedrückt: ›Das war vor deiner Zeit‹. Er dürfte die männliche Hemisphäre und ich die weiblich abgedeckt haben.« Birgit macht eine Pause und setzt anschließend fort: »Also, Joseph ist ein Jugendfreund von ihr. Wenn sie mit ihm gesprochen hatte, ging es wieder eine lange Zeit gut. Allem Anschein nach wohnt er in der Provinz. Ich glaube, er lebt in Wengthal oder Lengthal. Mehr weiß ich nicht.«

»Denkst du, sie hat mit ihm geschlafen?«

»Schwer zu sagen. Du meinst eine Bettgeschichte auf Abruf? Eine On-Off-Beziehung? Sieht deiner Mutter nicht ähnlich. Aber stille Wasser sind tief. Es könnte genauso gut ein Psychotherapeut sein …«

»… bei dem man gleich ein Wochenende verbringt und übernachtet? Wäre eine ungewöhnliche, neuartige Form der Patientenbetreuung.«

Anna startet ihr Notepad. Ruft Google-Maps auf. Gibt den Namen Wengtal ein. Keine Treffer. Versucht es mit Lengtal. Ihr wird Lengthal vorgeschlagen. Akzeptiert. »Ich habe hier ein Lengthal an der Schwarza. Hundertachtzig Kilometer entfernt. Ist es das?«, fragt Anna.

»Das könnte es sein. Deine Mutter hat einmal erwähnt, dass sie zwei Stunden benötigt, wenn sie zu Joseph fährt. Was hast du jetzt vor?«

»Was kann ich schon viel tun? Abwarten und Tee trinken. Die Polizei meint, man sollte 72 Stunden warten und erst danach jemanden als vermisst melden. Bis jetzt sind noch keine 48 vergangen.« Sie seufzt. »Das bedeutet, nicht vor Montag … «

»So weit wird es hoffentlich nicht kommen«, versucht Birgit, Anna zu trösten. »Sieh doch in ihrer Wohnung nach … «

»… Kann ich nicht. Bestenfalls anläuten. Ich habe keinen Schlüssel.«

»Aber ich«, erwidert Marias Freundin und kramt in ihrer Tasche. »Schau hier. Deine Mutter gab ihn mir für den Notfall. Und das hier ist ein solcher. Nimm ihn.«

Anna fragt sich, warum Birgit einen Schlüssel besitzt und sie nicht. Sie greift nach dem Schlüsselbund, hält ihn in der Hand und betrachtet ihn eingehend. Hat ihre Mutter etwas zu verbergen? Hat sie ein Geheimnis, das sie nicht wissen darf?

»Birgit, vielen Dank. Was würde ich jetzt nur ohne dich machen? – Ich werde zu ihrem Appartement fahren und Nachschau halten. Vielleicht findet sich dort ein Hinweis.«

»Das mit der Wohnung ist eine gute Idee«, erwidert Birgit und schaut auf die Uhr. »Anna, mein liebes Kind, die Zeit rast. Vergeht wie im Fluge mit dir. Ich muss leider aufbrechen, du hast ja meine Nummer. Halte mich auf dem Laufenden. Tag und Nacht.«

»Mach ich gerne«, verspricht Anna, »Ich übernehme die Getränke, sie gehen auf mich.«

»Danke, ist aber … «

»… beim nächsten Treffen bist du an der Reihe.«

Birgit steht auf, beugt sich zu Anna hinab und drückt ihr ein Küsschen auf die Wange. »Wird schon schief gehen. Ich denke an dich.«

Birgit winkt ihr von der Straße aus noch einmal aufmunternd zu. Anna zieht das Notepad zu sich und gibt den Namen Joseph und Lengthal in die Suchmaschine ein. Acht Treffer im Telefonbuch. Obwohl sie jedes einzelne Ergebnis untersucht, ergibt sich kein brauchbarer Anhaltspunkt. Sie beginnt nochmals von Anfang an zu lesen. Keiner der Einträge stimmt mit ihren Vorstellungen, ihren Hinweisen überein.

Anna startet einen neuen Versuch: Tippt Lengthal und Hotel ein. Wieder verknüpft. Kein Treffer. Lengthal scheint zu klein zu sein, um einem Hotel als Lebensgrundlage dienen zu können. Die Suche weist, den nächstgelegene Hotelbetrieb erst in zehn Kilometern Entfernung aus.

Was hat Birgit erwähnt? Einen Psychiater oder Psychotherapeuten, überlegt Anna und tippt Psychiater und Lengthal ins Suchfeld ein. Auch keine Treffer. Sinnlos, denkt sie.

Zu guter Letzt durchforstet sie die Websites der regionalen und überregionalen Zeitungen. Aber sie findet keinen Hinweis, der ihr weiter helfen könnte. Resigniert schaltet Anna ihr Notepad aus.

Während sie ihren Kaffee zu Ende trinkt, kreisen ihre Gedanken um die Beziehung zu ihrer Mutter. Es wird ihr immer deutlicher bewusst, wie wenig sie sie kennt, trotz der ständigen Nähe.

Anna bezahlt und macht sich auf den Weg. Würde sie ihre Mutter in der Wohnung antreffen? Oder wird sie vielleicht vor leeren Zimmern stehen? Wonach sollte sie überhaupt suchen? Wieweit darf sie in die Intimsphäre ihrer Mutter eindringen, Kästen und Schubladen durchsuchen? Würde sie gar ein wohlgehütetes Geheimnis entdecken?

4

Die drei Männer haben bereits kurz nach Sonnenaufgang ihre Zimmer verlassen. Der alte Thilo, Seniorchef des Hauses, hatte ihnen ihr bestelltes Frühstück auf der Terrasse serviert.

»Ein ganz schön mürrischer Typ«, meint der große Hagere.

»Ist ihm nicht zu verübeln. Schau auf die Uhr. Wenn ich nicht freiwillig aufgestanden wäre, würde ich noch missmutiger unterwegs sein, um diese Tageszeit. Wir sollten froh sein, dass er uns das Frühstück zubereitet hat«, sagt der Kleinere und räuspert sich.

»Sag, er war doch früher der Chef hier? Oder täusche ich mich?«, fragt der Hagere in die Runde.

»Ja, war er, bis er Norman das Hotel übertragen hat. Heute kümmert sich der Alte um den Garten und die Boote. Soviel ich mitbekommen habe, ist er bereits seit Jahren in Pension.«

»Freunde, so leid es mir tut, mir pressiert's. Ich muss zusehen, dass ich rechtzeitig beim Kongress bin. Die wollen meinen Vortrag hören. Sind noch gut zweihundert Kilometer – also, bis zum nächsten Mal. Ciao«, sagt der Glatzkopf, rafft sein Gepäck an sich und eilt zum Fahrzeug. Nach zehn Minuten sieht Thilo, wie auch die beiden anderen aufbrechen. Als sie losfahren, schaut er ihnen lange hinterher.

»Norman, du kannst schon hinausfahren. Ich erledige hier alles. Ich glaube, mehr als fünf Forellen werden wir heute nicht benötigen. Wir haben nur einen Hotelgast und zwei Tischreservierungen. Wenn es abends wieder schüttet, dann wird das eine ruhige Zeit«, hört Norman die Stimme seines Vaters sagen.

»In Ordnung. Ich bin bald zurück«, erwidert er und stakst zum Bootssteg hinunter.

»Die Angel mit den Ködern habe ich dir bereits ins Boot gelegt!«, ruft ihm Thilo nach. Zum Dank hebt sein Sohn die rechte Hand.

Der Steg knarrt leise unter Normans Gewicht. Dumpf schallen die Schritte auf den schweren Holzbalken. Er zieht das kleine blaue Ruderboot heran und springt geschmeidig hinein. Solche Grazie hätte man ihm aufgrund seines Körperbaues nicht zugetraut. Im Sitzen rückt er die Angel entlang der Bordwand zurecht. Ein kleiner Plastikkübel dient ihm als Schöpfwerkzeug. Eimer für Eimer kippt er das Regenwasser der letzten Nacht, aus dem Boot, in den See.

Mit langen, kräftigen Ruderschlägen zieht er auf den dunkelgrünen, zu dieser frühen Stunde fast schwarzen See hinaus. Er sieht hinüber zur Steilwand, wo er den besten Fangplatz vermutet. Er korrigiert etwas seinen Kurs. Hauchzarte Dunstschleier wälzen sich langsam am Westufer entlang, erforschen jeden Strauch, schmiegen sich um sämtliche Bäume. Die Sonne spiegelt sich im See und zeichnet einen goldenen Streifen auf die Wasseroberfläche. Die kleinen Wellen, die von Normans Boot aus spielerisch zu den Ufern laufen, brechen die Sonnenstrahlen und lenken sie in alle Himmelsrichtungen ab, und erwecken die goldfarbene Bahn zu quirligem Leben.

Norman rudert der Steilwand entgegen. Noch wenige Ruderschläge, dann würde er sein Ziel erreicht haben. Langsam hebt er die schweren, in Bootsfarbe lackierten Blätter aus dem Wasser und verstaut sie längsseits. Er befestigt den Köder am Haken, wirft die Angel aus und beobachtet das gemächliche Auf und Ab des Schwimmers. Er muss an die Frau denken, die er gestern mittags begrüßte. Sie war nicht zum Abendessen erschienen. Vielleicht hat sie einen Ausflug unternommen. Als er abends, um halb elf, das Hotel abschloss, war sie jedenfalls noch nicht zurück. Gerne hätte er sich mit ihr unterhalten. Über die vielen Jahre hinweg waren sie Freunde geworden, die sich stundenlang Geschichten erzählen konnten. Er hofft, dass sich heute Abend die Gelegenheit dazu bieten würde. Er freut sich darauf, mit ihr ein Gläschen ihres Lieblingsweines, den er immer wieder bei seinem Weinlieferanten, nur für sie, bestellte, zu trinken und um Neuigkeiten auszutauschen.

Plötzlich zuckt der Schwimmer. Norman ergreift die Angel. Wieder verschwindet der Schwimmkörper unter der Wasseroberfläche und wird in die Tiefe des Sees gezogen. Ruckartig zieht der Wirt die Rute zurück. Ein Prachtexemplar einer Regenbogenforelle hat angebissen. Nach kurzem Kampf hievt er sie ins Boot und ergreift mit festem Griff den zappelnden Raubfisch. Krallt seinen Daumen und Zeigefinger in dessen Kiemen. Packt den Kopf des Fisches und mit einem gekonnten, kräftigen Ruck bricht er ihm gnadenlos das Genick. Im nächsten Augenblick hängt die Forelle bewegungslos in seiner Hand. Norman füllt den Eimer mit Wasser und wirft den toten Fisch hinein.

Er überlegt, ob er an dieser Stelle bleiben soll, oder einen neuen Platz aufsuchen sollte. Sein Blick tastet dem Ufer entlang. Plötzlich erkennt er eine Gestalt, die am Ende des Steilhangs liegt.

Wer sonnt sich bereits früh am Morgen, noch dazu am Fuße des Abbruchs? Auf dieser Gesteinshalde, fragt er sich und rudert zur Felswand. Vielleicht wird seine Hilfe benötigt? Trockenen Fußes ist diese Stelle nicht zu erreichen. Nur schwimmend oder mit einem Boot. Instinktiv erhöht Norman die Schlagzahl. Er dreht sich um. Der Körper ist bekleidet. Hose, Hemd und Schuhe. Daher ist es nicht anzunehmen, dass dieser Mensch zu der Stelle geschwommen ist, aber ein Boot sieht er nicht. Soviel er sich erinnert, fehlt auch keines am Steg.

Er dreht sich nochmals um. Der Körper liegt kopfüber. Die Gliedmaßen stehen in unnatürlichem Winkeln ab. Schrecklich verrenkt. Dem Wirt durchfährt ein grauenerregender Gedanke: ›Es wird sich doch niemand über die Wand in den Tod gestürzt haben?‹

Normans Boot stößt unsanft gegen einen Felsen. Er verliert beinahe das Gleichgewicht.

Ohne auszusteigen, erkennt er, dass hier jede Hilfe zu spät kommt. Der Körper liegt mit dem Kopf abwärts, das Gesicht halb ins Wasser getaucht. Das rechte Knie ruht auf einem großen Stein, es ist unnatürlich nach hinten durchgebogen. Die weißen Tennisschuhe sind stellenweise dunkelrot gefärbt. Die Jeans an manchen Stellen aufgerissen. Das T-Shirt teilweise vom Rücken gefetzt. Norman erkennt den Verschluss eines Büstenhalters.

Er schreit auf, er brüllt: »NEIN!«

Gleich darauf nochmals. Die Wälder auf der einen und die Steilwand auf der anderen Seite des Sees werfen seine Schreie mehrfach hin und her, als würden sie mit einem, sich zerbröselnden Tennisball spielen. Jedes Mal ein wenig leiser, bis sie endgültig von der Stille verschluckt werden.

Ohne das zertrümmerte Gesicht gesehen zu haben, ahnt er, wer vor ihm liegt. Dicke Tränen laufen ihm über die breiten Wangen. Die Hände zittern wie Espenlaub. Er ringt nach Luft.

Hektisch wendet er die Nussschale und rudert mit mächtigen Schlägen zurück zum Steg. Schon von Weitem hört er seinen Vater rufen: »Warst du das vorhin, der so geschrien hat?«

»Warte, bin gleich bei dir!«, ruft Norman, ohne den Kopf zu wenden. Steif klettert er auf den Bootssteg. Die tote Forelle, die mit dem Bauch nach oben und offenem Maul im Eimer schwimmt, lässt er im Boot.

»Vater, sie ist tot. – Sie liegt auf der Abraumhalde der Erlöserwand …« Der Schock spiegelt sich in Normans Gesicht wider. Schier unerträgliche Müdigkeit erfasst ihn.

»Wer ist tot? Wer liegt da drüben?«, fragt der alte Thilo mit erregter Stimme.

Sein Sohn versucht, den Namen der Toten zu artikulieren, aber seine Stimmbänder versagen kläglich ihren Dienst. Zittrig zeigt er mit dem Arm in Richtung des Seeblickzimmers.

Thilo schaut hinauf und erkennt, was ihm Norman mitteilen will. Er greift sich mit beiden Händen an den Mund. Vor Schreck reißt er die Augen weit auf und starrt seinen Sohn ungläubig an.

»Bist du dir sicher?«, presst der Alte die Worte zwischen den Fingern hervor.

Norman antwortet mit wirrem, zustimmendem Kopfnicken.

»Hast du die Polizei verständigt?«, fragt der Alte.

Norman schüttelt den Kopf.

»Wir müssen sie sofort verständigen … «

»Mein Mobiltelefon – liegt – liegt – in der Küche«, stammelt Norman und reibt sich über seine geröteten Augen.

»Ich hab meines hier … «, antwortet der alte Mann entsetzt und wählt die Notrufnummer.

»Danke.« Norman ist erleichtert, dass nicht er mit der Polizei sprechen muss.

»Bergmann hier. Wir haben einen Toten gefunden … am Bergsee … nein, nicht ich, mein Sohn, Norman, Norman Bergmann … die Leiche liegt drüben, am Fuße der Steilwand. Ist vermutlich von der Aussichtsplattform gestürzt … Danke … Wann werden Sie hier sein? … Schnellstmöglich. Aha. Ich verstehe…. Ja, wir warten auf der Hotelterrasse auf Sie. … Mein Name? Thilo Bergmann, ich bin Normans Vater. … Bis gleich … Auf Wiederhören.«

»Wer kommt?«

»Sie schicken eine Streife. Kripo wird verständigt. Wer genau, wissen sie nicht. Es hängt davon ab, wer heute Dienst hat. Er hat irgendetwas von Selbstmord gesagt und da ist eine Abteilung so und so vom LKA zuständig.«

Norman steht noch immer wie versteinert am Bootssteg und fixiert mit seinen Blicken die Erlöserwand. Unfähig sich zu rühren. »Weißt du, dass ich sie sehr mochte? Pa.«

»Ja, das ist mir nicht verborgen geblieben. War in all den Jahren nicht zu übersehen.«

»Ich glaube, sie hat heute Nacht nicht in ihrem Zimmer übernachtet.«

»Bist du dir sicher?«

»Lass uns nachsehen. Ich muss es wissen … «

Thilo schnappt sich den Eimer mit dem toten Fisch und sie stapfen hinauf zum Hotel. Norman blickt an der Rezeption auf das Schlüsselbrett. Der Schlüssel für das Zimmer 301 – Seeblickstüberl – fehlt. Sie fahren mit dem Aufzug nach oben. Klopfen an die Zimmertür. Keine Antwort.

Norman zeigt auf den Schlüssel, der im Schloss steckt. Thilo drückt die Klinke und öffnet die Tür. Das Bett ist unberührt. Kein Gepäck zu sehen. Die Etagere ist leer. In der Minibar fehlt nichts. Keine persönlichen Dinge stehen herum.

»Wie gibt es das? Ihr erster Weg war immer auf ihr Zimmer. Sie hat mich doch gestern begrüßt und meinte, sie sei durstig. Ich habe ihr gesagt, dass die Minibar voll ist, und der Zimmerschlüssel steckt. Sie wollte sich später bei mir melden. Hat sie nicht getan. Vielmehr sah ich sie am Nachmittag mit unserem Pfarrer in Richtung Seeblick aufsteigen. Der kam aber alleine den Steig wieder herunter. Ohne sie. Ich habe sogar eine Weile zugewartet … «

»… steht ihr Auto am Parkplatz?«

»Der alte Golf? Den habe ich das ganze Wochenende nicht gesehen. Die einzigen Autos, die in der Früh hier gestanden sind, waren die Fahrzeuge der Gäste und der unser Jeep. Die drei Männer sind heute Morgen abgereist.«

»Das ist eigenartig … «, sagt Thilo leise. Nachdenklich spricht er weiter: »Pass auf, wenn die Polizei kommt, beantworte nur ihre Fragen. Erzähle ihnen nichts, was über die Fragen hinausgeht. Halte dich mit Informationen zurück … «

»… Warum das?«, unterbricht ihn Norman.

»Erzähle ich dir später, in einer ruhigen Minute. Ich habe einen Verdacht. Ist eine lange, traurige Geschichte. – Vertraue mir bitte. Ich will in nichts unnötig hineingezogen werden. Ich will nicht, dass man falsche Schlüsse zieht«, beschwört Thilo seinen Sohn.

Norman nickt irritiert.

Als die beiden im Erdgeschoss aus dem Fahrstuhl steigen, hören sie das Heranbrausen des Martinshorns der Polizei. Sie gehen hinaus auf die Terrasse, wo zwei Uniformierte die Treppe heraufkommen. Im Hintergrund, auf dem Parkplatz blinken eintönig die blauen Lichter des Einsatzwagens. Sie begrüßen die Polizisten und stellen sich einander vor.

»Und wo ist die Leiche?«, will der Größere wissen.

»Sie finden sie drüben, bei der Felswand«, antwortet Norman und zeigt in die Richtung.

»Wie kommt man dort hin? Gibt es einen Weg?«

»Nein, die Stelle ist nur mit einem Boot zu erreichen. Oder sie schwimmen. Trockenen Fußes geht's nicht.«

Der kleinere der beiden Polizisten greift zu seinem Telefon und gibt die Informationen weiter.

»Die Kriminalpolizei ist unterwegs«, sagt er und steckt sein Mobiltelefon wieder in die Brusttasche.

»Kripo? Wieso Kripo?«, will Norman wissen.

»Die Polizei muss bei ›gewaltsamen Tod‹ eingeschalten werden. Egal, ob Unfall oder Mord. In dem Fall, scheint es sich um Selbstmord zu handeln … «

»Selbstmord?«, fragt Norman zögerlich. »Kann es sich nicht um einen Unfall gehandelt haben?«

»Egal. Von dieser Wand sind doch schon einige Menschen in den Freitod gesprungen … «

»Das ist aber Jahrzehnte her … «

»… Auch wenn es Jahrzehnte her ist, das bedeutet nicht, dass es nicht jederzeit wieder passieren kann. Aus diesem Grund gehen wir vom Schlimmsten aus. – Von Suizid.«

Thilo und Norman nicken, senken ihre Blicke zu Boden, als wollten sie nach entsprechenden Erinnerungen suchen.

Ein weiterer Einsatzwagen trifft ein. Die Beamten unterhalten sich. Schreiben Notizen in ihre Blöcke. Nach einer Weile hört man aus der Ferne das typische Folgetonhorn der Feuerwehr. Aufgrund des Echos, hätte man meinen können, dass es eine Vielzahl an Fahrzeugen sei, die zu einem Waldbrand gerufen worden sind.

»Wozu die Feuerwehr?«, fragt Norman seinen Vater. Dieser antwortet mit Achselzucken. Rümpft ein wenig die Nase.

»Geht es dir besser?«, fragt Thilo.

»Es muss.« Norman lässt eine Pause entstehen. »Es muss«, wiederholt er, resignierend.

»Komm, gehen wir hinein. Wenn sie etwas wollen, dann werden sie uns schon finden.«

Vom Feuerwehrwagen werden Zillen abgeladen und zum See getragen. Es herrscht geschäftiges Treiben. Es wird laut gerufen. Anweisungen werden erteilt. Hüfthohe Ständer werden am Parkplatz verteilt und mit rot-weißen Plastikbändern verbunden. In regelmäßigen Abständen ist das Wort: POLIZEI. Aufgedruckt.

Eine metallene Zille mit zwei Wachebeamten legt vom Ufer ab. Sie paddeln zur Felswand hinüber. Auf halber Strecke beschließen die Männer, sich ihrer Jacken zu entledigen. Die Sonne nähert sich unaufhaltsam dem Zenit.

Die Polizisten nehmen die Leiche in Augenschein. Sie versuchen, nahe heranzukommen. Der Vordere kann dem Leichnam ins Gesicht sehen. Jedenfalls an die Stelle, wo es sein sollte. Er kann nur einen grässlichen Brei, geformt aus Fleisch und Knochen erkennen. Als wäre das Antlitz von einer Müllpresse zuerst zerquetscht und anschließend von einem Häcksler bearbeitet worden. Er wendet sich ab, dreht sich zur gegenüberliegenden Seite des Bootes, und übergibt sich.

»Das ist nichts für uns. – Hier müssen die Fachleute, die Leichenbestatter oder meinetwegen die Ärzte ran. Lass uns umkehren«, sagt der Ruderer und wäscht sich mit Seewasser das restliche Erbrochene aus den Mundwinkeln.

Auf dem Parkplatz treffen immer mehr Menschen ein. Meist Familien, die mit ihren Kindern einen Tagesausflug unternehmen. Sie wollen mit Wandern, oder mit den Booten am See, einen geruhsamen Tag verbringen. Obwohl es nicht viel zu sehen gibt, bleiben sie stehen und verfolgen neugierig das Treiben. Versperren unnötig den Weg. Gerüchte, aufgrund aufgeschnappter Wortfetzen, verbreiten sich in Windeseile unter den Gaffern. Immer wieder müssen sie gebeten werden, die Absperrungen zu respektieren.

Auch der ›Postillion‹, die Gratiszeitung des Schwarzatales, ist bereits vertreten. Die ältere Redakteurin steht interessiert auf der Terrasse und genießt ihr erstes Glas Wein. Man kann förmlich spüren, dass dies nicht ihr ›erster Fall‹ ist. Sie strahlt die grenzenlose Ruhe der üppigen Erfahrung aus.

Auf der Schattenseite des Parkplatzes entsteigt ein gut aussehender, durchtrainierter Mann missmutig seinem Fahrzeug. Dunkle Bartstoppeln besprenkeln sein markantes Kinn. Er schiebt mit beiden Händen die gepflegten, langen Haare in den Nacken und klemmt eine widerspenstige Haarsträhne hinter das Ohr. Der angespannte Gesichtsausdruck lässt vermuten, dass er nur zähneknirschend hier herauf gefahren ist. An diesem Morgen war er gerade dabei, zum Peilstein am Rande der Tiefebene, aufzubrechen, als ihn der Anruf seines Vorgesetzten erreichte. Mürrisch hatte er die Freunde davon unterrichtet, dass wieder ausgerechnet am Wochenende die Pflicht ruft, und er ihr Treffen absagen muss. Er vertröstete sie auf den nächsten Tag, falls sich der Sachverhalt rasch aufklärt. Sehnsüchtig schaut er hinauf zum Flammenkogel und stellt sich vor, wie er sich mit dem neuen Gleitschirm in der Thermik über den Gipfel tragen lässt, um anschließend durch das Seitental Richtung Lengthal zu schweben. Er seufzt wehmütig, stopft das Poloshirt in die Jeans, setzt die Sonnenbrille auf und wackelt gemächlich zur Absperrung hinüber. Die Westernstiefel klackern unüberhörbar über den Asphalt. Er hebt das Plastikband der Umgrenzung empor, um darunter durchzuschlüpfen, wird aber von einem drahtigen Polizisten daran gehindert. Der Mann zieht seine Dienstmarke aus der Gesäßtasche und hält sie dem Wachebeamten unter die Nase. »Oberkommissar Holzinger. Peter Holzinger«, stellt er sich vor. »Wer hat hier das Sagen?«, fragt er ihn mit tiefer, sonorer Stimme.

Der Polizist zeigt auf einen weiteren Uniformierten, der sich mit einem Kollegen unterhält und bittet ihm zu folgen.

Sie erzählen Holzinger von dem grausigen Fund, und dass sich der eine beim Anblick der schrecklich zugerichteten Leiche übergeben musste.

»Sie sagten, dort oberhalb der Felswand gibt es eine Aussichtsplattform?«, fragt der Kriminalbeamte.

»Ja, wir haben den Zugang zum Weg, der nach oben führt, abgesperrt. Nur für den Fall der Fälle.«

»Ausgezeichnet. – Die Sperre bleibt vorläufig aufrecht. – Ich werde die Spurensicherung sicherheitshalber informieren.«

Der Oberkommissar holt sein Mobiltelefon hervor und informiert die Spurensicherung in der Provinzhauptstadt. Sie wird in einer Stunde Vorort sein. Holzinger macht die Runde, begrüßt einen nach dem anderen persönlich und wechselt mit jedem von ihnen einige Worte. So ist es für ihn am einfachsten, sich rasch einen umfassenden Überblick zu verschaffen. Er erfährt, dass der Chef des Hotels, der die Leiche gefunden, und dessen Vater, der die Polizei verständigt hat, im Gasthof, zu finden seien.

Peter Holzinger stapft die Treppen zur Terrasse hinauf. Oben verweilt er für einen Moment, und wirft erneut einen sehnsüchtigen Blick Richtung Flammenkogel. Den Wirt und seinen Vater kann er nicht erspähen. Als er die Gaststube betritt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht, nimmt die Sonnenbrille ab und sagt: »Da hätte ich Gift darauf nehmen können. Der ›Postillion‹ ist wieder einmal schneller als die Polizei erlaubt … «

»Wunderschönen Samstag, Herr Kommissar«, erwidert die in die Jahre gekommene Redakteurin des Postillions. »Haben Sie schon Neuigkeiten für uns? Unfall, Mord, Selbstmord. Unsere Leser lechzen nach Informationen.«

»Das kann ich mir gut vorstellen. Woher haben Sie die Info, dass hier ein Unfall passiert ist?«

»Das ist ein Redaktionsgeheimnis. Aber ich kann Ihnen versichern, wir sind nicht das einzige Blatt, das von dem Vorfall Wind bekommen hat.«

»Und warum sind Sie heute zu zweit?«

»Das liebe Fräulein an meiner Seite ist eine junge Kollegin – von der Konkurrenz. Darf ich vorstellen: Claudia Bigler vom ›Kurier‹.«

Claudia erhebt sich und reicht ihm die Hand. »So trifft man sich früher als erhofft, Herr Holzinger. Jetzt habe ich ein Gesicht zur Stimme«, lächelt sie den Kommissar an.

»Wie klein doch die Welt ist, Frau Bigler.«

Für Claudia klingt der Tonfall des Kriminalisten in natura weit imposanter als am Telefon. Eine angenehme Gänsehaut kriecht ihrem Rücken entlang.

»Wenn die Damen mich entschuldigen wollen, die Arbeit wartet … «, sagt Holzinger und hält nach den beiden Wirten Ausschau. Er erspäht sie hinter der Rezeption.

»Herr Bergmann? Thilo und Norman?«, fragt der Kommissar die Wirtsleute.

»Ja?«

»Holzinger, Kripo. Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.«

»Warten sie, wir kommen zu Ihnen.«

Claudia greift nach ihrem Diktafon und schaltet auf ›Aufnahme‹, schiebt sie es unter die Tageszeitung und sagt: »Nehmen sie unseren Tisch. Meine Kollegin und ich wollen uns sowieso noch draußen umsehen.« Mit Nachdruck komplimentiert sie die Redakteurin des Postillions zur Tür und sieht aus den Augenwinkeln, dass die Herren an ihrem Tisch Platz nehmen.

Thilo erkundigt sich, ob er dem Kommissar etwas zu trinken anbieten dürfte.

»Ja, wäre nett. Ich hätte gern ein Glas Mineralwasser … «

»Kaffee dazu?«, fragt Norman.

»Nein danke. Später vielleicht – Herr Bergmann, Sie haben die Leiche heute Morgen gefunden?«

»Ja. – Bei der Felswand, als ich beim Fischen war. Es war so gegen halb acht.«

»Ist Ihnen – außer der Toten – etwas aufgefallen?«

Norman überlegt. »Nein, nichts Herr Kommissar. Ich habe sie nur zufällig entdeckt, als ich nach einem guten Angelplatz Ausschau gehalten habe. Und dabei habe ich die Leiche dort liegen gesehen.«

»Sind Sie aus dem Boot ausgestiegen?«

»Nein. Ich bin herangerudert und man hat von Weitem erkennen können, dass es sich um einen Toten handelt. – Haben Sie die Leiche gesehen? … Nein? … Dann werfen Sie einen Blick darauf. So wie sie dort liegt, so kann nur ein Toter liegen.«

»Ich werde es mir nachher ansehen, wenn wir den Leichnam bergen.«

»Haben Sie die Tote erkannt?«

»Eigentlich habe ich den Kopf nur von der Rückseite gesehen. Sie liegt bäuchlings auf den Felsen. Alles ist blutverschmiert.«

Der Kommissar bringt eine Notiz nach der anderen zu Papier und wendet sich an den alten Thilo. »Wie viele Gäste haben Sie derzeit im Hotel?«

»Keinen. Die Zimmer, die wir letzte Nacht vermietet hatten, also die Gäste sind heute frühmorgens, so gegen sechs Uhr, abgereist. Ein Gast, der ein Zimmer gebucht hatte, ist erst gar nicht angereist.«

»Hatten Sie gestern Abend Restaurantgäste?«

»Ja, eine zwölfköpfige Jagdgesellschaft – mit Anhang – war hier. Von sieben bis zehn. Und die drei Männer, die heute früh morgens abgereist sind.«

»Das heißt, dass gestern abends 27 Gäste hier waren und – zwölf von ihnen mit Anhang?«

»Ja. Ich war der dreizehnte Jäger, wenn sie es so wollen. Alle anderen waren in Begleitung. Meine Frau ist leider bei der Geburt meines Sohnes … «

» … und keiner hat das Restaurant verlassen? … So für eine halbe Stunde oder länger«, schneidet ihm Peter das Wort ab.

»Nein. Niemand. Das wäre mir aufgefallen. Mein Vater saß ja an ihrem Tisch, der kann Ihnen das bestätigen«, mischt sich Norman ins Gespräch.

Thilo nickt zustimmend und sagt: »Mein Sohn kümmert sich eigentlich um das Hotel und den Service.«

»Die Jäger kamen so gegen viertel acht, einer von den Hotelgästen mittags und die restlichen beiden ungefähr um sechs, halb sieben. Ich habe ihnen persönlich die Zimmerschlüssel beim Einchecken gegeben«, ergänzt Norman.

»Haben Sie Angestellte?«, fragt Holzinger weiter.

»Natürlich. Ein Zimmermädchen, aber die hatte schon Dienstschluss und einen Kellner, der seit zwei Tagen krank ist. Er ist am Mittwoch beim Mountainbiken gestürzt und hat sich den Oberarm gebrochen. Er fällt für mindestens vier Wochen, wenn nicht länger, aus.«

»Sonst niemand? Keinen Koch … «

»… der bin ich. Ich bin auch der Koch«, mischt sich Norman ins Gespräch.

»OK – ich benötige von Ihnen eine komplette Liste der Personen. Könnten Sie mir die Namen auf einem Blatt Papier zusammenschreiben?«, bittet Holzinger. »War sonst noch jemand gestern hier?«

Thilo legt seinem Sohn die Hand auf den Unterarm und sagt: »Unser Pfarrer, Joseph Moser, der wie immer in der Kapelle – gleich da drüben – nach dem Rechten sehen wollte, er war mit einem neuen Auto oder Leihwagen hier. Ich habe ihn den Steig herunter gehen gesehen. Schien in Eile gewesen zu sein, denn ich wollte ihm ein kleines Bier spendieren, aber er lehnte ab. … « Thilo fährt sich mit dem Mittelfinger über seine Stirnfalten. »… dann war da noch der Bierführer Klaus von der Bärenbrauerei. Der hat sich im Anschluss an die Getränkelieferung an der Theke ein Mineralwasser gegönnt. – Ach ja, zwei Pärchen – Wanderer – waren hier, die nach ihrem Spaziergang auf der Terrasse Bier und Kaffee getrunken haben. Sonst habe ich niemand gesehen«, ergänzt der alte Thilo kopfschüttelnd.

Der Kommissar notiert die Aussagen, fügt persönlichen Notizen hinzu und bedankt sich für die ausführliche Auskunft. Er greift nach dem Glas, leert es auf einen Zug, nickt den beiden Wirten zu und geht Richtung Terrasse.

Die Bergmanns bleiben am Tisch sitzen. »Norman warte, ich muss dir etwas erzählen«, sagt Thilo zu seinem Sohn.

In diesem Augenblick trifft die Spurensicherung ein. Zwischenzeitlich ist auch der Leichenwagen vorgefahren.

Der Kommissar schaut zu Claudia hinüber und lächelt ihr zu.

*

Das Spurensicherungsteam teilt sich auf. Die einen machen sich auf den Weg zum Seeblick hinauf. Die Restlichen sind mit der Zille zur Erlöserwand unterwegs.

Holzinger überlegt, ob er seinen Chef informieren soll. Grübelt hin und her, kommt aber zum Schluss, dass er erst die Berichte des Gerichtsmediziners und der Spurensicherung abwarten will. Plötzlich hört er eine Stimme hinter sich: »Herr Holzinger? – Darf ich stören?«

Der Kommissar dreht sich um und sieht Claudia auf sich zukommen. Er mustert sie. Tolles Mädchen, denkt er. Die langen Beine, die von ihrem kurzen, schwarzen Rock noch zusätzlich betont werden, ihr Gang, ihr ausnehmend hübsches Gesicht, die rotblonden, fast schulterlangen Haare, ihr bezauberndes Wesen, verwirren ihn. Er weiß nicht, wohin er zuerst sehen soll. Seinen Gleitschirm hat er bereits vergessen. Verdrängt von Frau Biglers Erscheinung.

»So ganz alleine? Wo ist denn Ihre Kollegin vom ›Postillion‹?«, versucht er seine Verwirrtheit zu überspielen und massiert mit Zeigefinger und Daumen den Nasenrücken.

»Die hat ihren Bericht schon in die Redaktion geschickt. Überschrift: Die Erlöserwand hat ein neues Opfer gefordert. Der Text frei nach dem Motto: Da hat sich ein Mensch – oder wer – vom Seeblick gestürzt – oder wo – und ist dabei ums Leben gekommen – oder was! Sie leerte vorhin ihr zweites Glas Wein, und hat sich wohl bereits auf die Heimreise begeben … «

»… und Sie wollen noch bleiben? Was hält Sie hier?«, fragt Peter neugierig.

Was für eine Frage, denkt Claudia. »Mir läuft nichts davon. Auf mich wartet niemand zuhause. Ich habe also Zeit, und ich denke mir, ich könnte meine Schulden bei Ihnen begleichen. Gleich heute, hier und jetzt … «

»… und mich so ganz nebenbei aushorchen – oder was?!«, antwortet er mit gespielter Echauffiertheit. »Ich warne Sie, das kann noch lange dauern. Ich werde ebenfalls von niemanden erwartet, und Eile ist für mich eine große Unbekannte.«

»… und? Wissen Sie denn schon mehr … «, überspielt Claudia ihre freudige Erregtheit. Er ist Junggeselle! Juhu!

»Eigentlich kann ich nur die Worte ihrer Kollegin strapazieren. Wir können zu diesem Zeitpunkt nichts Genaues sagen. Weder wer die Frau war, weshalb sie hier war, noch warum ihre Leiche dort drüben gefunden wurde. Ich warte auf den ersten Zwischenbericht der Mitarbeiter.«

»Darf ich Ihnen die Wartezeit mit der Einlösung meiner Schuld verkürzen? Ich lade Sie gerne auf einen Kaffee ein.«

»Warum nicht?«

Das ging ja easy, freut sich Claudia und ihre Lippen verziehen sich zu einem schmalen Lächeln.

Sie nehmen auf der Terrasse Platz und sie bestellt zwei große Braune. Sie ordnet immer wieder aufs Neue ihren Laptop, ihre Fotokamera mit dem Teleobjektiv und ihren Schreibblock. Schlussendlich liegen die Dinge, wie Zinnsoldaten vor der Schlacht, penibel ausgerichtet, in einer Linie.

»Frau Bigler, sagen Sie, was werden Sie in ihrem Artikel schreiben?«

»Also zunächst einmal, ich heiße Claudia … «. Mit diesen Worten strahlt sie ihr Gegenüber unmissverständlich an.

Der Kommissar fühlt, dass nur eine Antwort zulässig ist: »Ich bin der Peter … «, antwortet er überrumpelt.

Claudia nimmt ihre Kaffeetasse und stößt mit ihm an. Er erwidert ihr sichtlich verlegen: »Also mit Kaffeeschalen habe ich auch noch nicht auf das Du-Wort angestoßen.«

»Ich kann dich beruhigen, ich auch nicht. … Du wolltest wissen, was ich in meinem Artikel schreibe? Ehrlich gesagt, das weiß ich nicht. Was glaubst du, warum ich noch hier bin? Ich dachte, du könntest … «, flunkert sie.

»Claudia, das fängt ja gut an. Alles nur Berechnung … «, scheint er ihre Gedanken erraten zu können.

Sie beißt sich auf die Unterlippe. UUUPS! Das war jetzt ein wenig zu schnell, denkt sie.

Steige auf die Bremse, ermahnt sie sich. »Nein keine Spur von Berechnung. Ich will nur vermeiden, dass ich den gleichen nebulösen Artikel abliefere, wie meine Kollegin. Ich weiß doch, dass du mir nicht zu viel verraten darfst. Aber ich dachte mir, so ganz blauäugig, vielleicht schaue ich dir lediglich über die Schultern. Du brauchst ja kein Wort zu sagen.«

Peter überlegt. Sieht Claudia tief in die Augen. »Und du glaubst, darauf falle ich herein?«

»Ich räume dir das absolute Vetorecht ein. Ohne deine Zustimmung schicke ich nichts in die Redaktion. Du musst mir den Artikel freigeben. Das ist doch ein Angebot? Oder? … Du siehst, du kannst nicht verlieren. … Und ich kann nur gewinnen«, strahlt Claudia über das ganze Gesicht, ohne mit den Augen zu klimpern.

»Du machst, was I C H dir sage?«

Der Redakteurin steigt die Röte in die Wangen. Sie nickt verlegen und senkt ihren Blick. Das plötzliche Läuten des Telefons hilft ihr über die Situation hinweg.

»Bigler.« Nach einer kurzen Pause: »Kann ich dir nicht sagen. Sitze hier auf der Terrasse, mit einem netten Bekannten, inmitten der Berge. Blicke auf einen smaragdgrünen See. Hier lässt es sich aushalten. Wir sollten irgendwann ein Wochenende hier verbringen. Toll hier.«

Claudia hält ihr Telefon noch eine kurze Weile ans Ohr, beendet wortlos das Gespräch und wendet sich wieder Peter zu. »OK. Wo waren wir gleich stehen geblieben? – Ach ja, weiß schon. Können wir gerne ausprobieren … «

»Aber nicht schummeln«, ermahnt er sie, ohne auf ihr Telefonat einzugehen.

»Großes Klosterschülerin-Ehrenwort!«

*

Claudia schießt von der Terrasse aus einige Fotos, als die Leiche in einem funktionalen, schmucklosen Aluminiumsarg vom Boot getragen wird. Der Sarg wird in einen kleinen, faltbaren Pavillon mit weißen Stoffseitenwänden gebracht, der auf dem Parkplatz errichtet worden ist, wo der Gerichtsmediziner mit den Mitarbeitern ungestört seiner Aufgabe nachgeht.

»Servus, kannst du mir schon Genaueres sagen?«, fragt der Kommissar den Arzt, der die Brille bis zur Nasenspitze vorgezogen hat, und ihn über den Brillenrand anschaut.

»Na ja, jedenfalls nicht alltäglich. Die Identifizierung wird nicht einfach. Sie ist mit ziemlicher Sicherheit die Felswand herabgestürzt. Unzählige Knochenbrüche. Das Gesicht ist zur Unkenntlichkeit zertrümmert. Da werden wir auch keinen brauchbaren Zahnabdruck mehr abnehmen können. Ihr Genick ist ebenfalls gebrochen. Auf dem Hinterkopf haben sich Holzsplitter in die Kopfhaut gebohrt und sie partiell skalpiert. Willst du es dir anschauen?«

»Äh, nein danke«, wehrt Peter das nicht gerade verlockende Angebot ab. »Ich muss nicht alles sehen. Mir genügen deine Fotos. Kampfspuren?«

»Gute Frage. Ich werde die Leiche noch im Detail untersuchen, aber bis auf die Holzsplitter, sieht nach einem Sturz aus ca. zweihundert Meter Höhe aus. Sie hatte sich regelrecht zwischen den Felsbrocken verkeilt. War nicht leicht, sie zu bergen … «

»Holzsplitter? Wieso? Was ist da so ungewöhnlich an denen?«, hakt Peter instinktiv nach.

»Die Holzsplitter können von einem Baum, oder dicken Ast, oder von – was weiß ich – herrühren.« Der Arzt schiebt seine Brille zur Nasenwurzel zurück. »Rest wie immer. Sagen wir montags.«

»Todeszeitpunkt?«

»Schwer zu bestimmen. Ich muss noch die gestrigen Temperaturen checken. Das nächtliche Gewitter kommt erschwerend dazu. Aber aufgrund der durchnässten Kleidung, den Totenflecken – grob geschätzt, gestern später Nachmittag, früher Abend.«

Der Kommissar bedankt sich, zieht sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und tippt die Nummer der Spurensicherung ein.

»Peter hier. Habt ihr etwas Brauchbares gefunden?«

»Ja und Nein«, lautet die Antwort. »Nein, weil wir nichts am Felsenrand, an der Kante, entdeckt haben. Ja, weil es hier jede Menge von Fußspuren gibt. Besonders eine sticht hervor. Eine ungewöhnliche Rutschspur, die in einem Profilabdruck eines Bergschuhes endet … «

»Daraus folgt?«

»Es könnte sich um Kampfspuren handeln. Komm rauf und sieh es dir an … «

Peter seufzt tief und blickt den steilen Weg entlang zur Seeblick-Plattform hinauf.

5

Anna verweigert sich ihren samstäglichen Prosecco. Sie fährt hinaus zum Stadtrand, wo sie aufgewachsen ist. Wo ihre Mutter eine schöne große Wohnung besitzt. Auf der Fahrt hört sie die aktuellen Nachrichten zur vollen Stunde. Nichts, das sie beunruhigen könnte. Anna hofft insgeheim, dass ihr ihre Mutter öffnen würde, wenn sie klingelt.

Sie drückt auf den Knopf neben dem Namen Steiger. Wartet. Presst nochmals ihren Finger auf den Kopf. Tiefer. Keine Antwort.

Schließlich schließt sie das Haustor auf und nimmt die Treppen nach oben. Wirre Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Was wäre, wenn sie ihre Mutter regungslos am Boden vorfände, nachdem sie von der Leiter gestürzt war? Halb verdurstet. Bewusstlos. Nur eine von zahlreichen Vorstellungen, die sie beim Hinaufgehen quälen.

An der Wohnungstür läutet sie erneut. Klopft an die Tür. Lauscht.

Nichts.

Anna dreht den Schlüssel zweimal im Schloss, öffnet langsam die Tür und betritt in die Wohnung. Sie riecht die abgestandene Luft und ruft laut nach ihrer Mutter. Stille. Keine Antwort.

Mittlerweile haben sich ihre Augen an die ungewöhnliche Dunkelheit angepasst. In jedem Zimmer sind die schweren Vorhänge vorgezogen. Grau in Grau erkennt man gerade noch die Umrisse der Wohnungseinrichtung. Anna tippt auf den Lichtschalter. Kein Strom. Sie betätigt im Sicherungskasten die FI-Schalter. Aus dem Schlafzimmer hört sie das leise, eintönige Piepsen des Radioweckers. Sie geht zu den Fensterfronten und zieht die Vorhänge zur Seite. Anschließend kippt sie die Fenster, öffnet die Balkontür und lässt frische Luft in die Wohnung strömen.

Anna fragt sich, womit sie anfangen sollte. Wonach wollte sie suchen? Ihre Mutter war anscheinend verreist. Es sieht jedenfalls danach aus. Fenster geschlossen, von Vorhängen verhüllt, die beiden Sicherheitsschlösser an der Eingangstür, doppelt versperrt.

Sie beginnt zögerlich jedes Zimmer zu inspizieren. Das Wohnzimmer ist geschmackvoll eingerichtet, wie auf den Fotos der Hochglanz-Einrichtungsmagazine. Keine herumliegenden Zeitungen, keine getragenen Kleidungsstücke die auf Sesseln hängen, stören die Ordnung. Sogar der Notizblock wird feinsäuberlich von einem Bleistift griffbereit flankiert. Die Wohnung ist penibel aufgeräumt, was wiederum typisch für Menschen ist, die Angst vor der Außenwelt haben.

Das ist meine Mutter, denkt Anna. Sie betritt das Badezimmer. Sie schaut auf die Etagere. Ihr fällt sofort auf, dass die Zahnbürste fehlt. Auch ihr heiß geliebtes Parfum befindet sich nicht auf dem angestammten Platz. Sie öffnet den Unterschrank. Der Haarföhn liegt nicht an seiner Stelle. Der Kulturbeutel glänzt ebenfalls durch Abwesenheit.

Anna erinnert sich an die zahllosen Diskussionen, als sie noch hier gewohnt hat, und als sie nach dem Duschen die einzelnen Utensilien nicht an ihren Ort zurückgelegt hat. Wie oft hat sie damals gesagt: ›Ma, die Welt geht nicht unter, nur weil ich das Ding nicht sofort auf seinen Platz zurückgegeben habe.‹. Ihre Mutter hat immer mit dem gleichen Satz geantwortet: ›Die Welt geht deshalb nicht unter, aber du machst es mir schwerer. Ich habe die doppelte Arbeit. – Ich bin diejenige, die ständig hinter dir herräumen muss!‹

Anna hat damals ihre Mutter nicht verstanden. Heute weiß sie, wovon sie gesprochen hat. Heute weiß sie, wie selbstverständlich es sein kann, blind nach Gesuchtem zu greifen. Und dafür ist sie ihrer Mutter dankbar, dafür liebt sie sie.

Anna wechselt ins Schlafzimmer hinüber. Der Radiowecker blinkt in kurzen Abständen. Sie inspiziert den Bekleidungskasten. Die kofferartige Reisetasche fehlt. Sie faltet die Türen des Schrankes auf. Ein belegter Kleiderbügel reiht sich an den nächsten. Sie lässt ihren Zeigefinger von einem Kleid zum anderen springen. Das blaue Lieblingskleid ihrer Mutter fehlt, genauso wie das weiß-rot-gestreifte.

Meine Mutter muss tatsächlich verreist sein. Zu ihrem Joseph? Sie ist abgereist, ohne mich zu informieren, ohne nur ein Sterbenswörtchen mir gegenüber zu erwähnen, spukt es ihr durch den Kopf.

In Anna steigt leiser Groll auf. Sie sieht sich weiter um. Auf dem kleinen Beistelltisch findet sie Prospekte von den umliegenden Supermärkten. Jeder reklamiert die günstigsten Preise für sich. Noch billiger kommt man mit den jeweiligen Rabattmarken davon. So groß die ausgelobten Verkaufspreise der diversen Artikel auch gedruckt sind, um die zeitliche Beschränkung der Sonderangebote entziffern zu können, bedarf es hingegen Spürsinn und einer übergroßen Lupe.

Anna sucht weiter. Im Seitenteil des Kastens entdeckt sie – von einem Stapel Pullover verdeckt -, einen Karton. Sie legt die Kleidungsstücke auf das Bett und zieht die große Schachtel hervor.

Sie setzt sich auf das Bett und hebt den Deckel ab. Fotos. Haufenweise Fotos.

Anna greift hinein und krallt sich einen Packen. Es sind Bilder aus Annas Jugend. Sie findet eines, als sie mit ihrer Mutter in Cinque Terre, mit seinen bunten Häusern, besucht hatte. Ein anderes zeigt sie vor dem Eiffelturm, gefolgt von einer Reihe Strandfotos, Badeurlaube am Meer, Wanderausflüge und dergleichen. Hin und wieder huscht ein Lächeln über ihre Lippen. Anna versinkt in den Erinnerungen von damals. Greift nach einem weiteren Stapel. Schlussendlich leert sie den Karton gänzlich.

Was würde meine Mutter jetzt sagen, wenn sie dieses Durcheinander auf ihrem Bett sähe, fragt sich Anna.

Ein Foto, das ihre Mutter mit einem Hochzeitspaar, und einem ihr unbekannten Mann zeigt, erregt Annas Aufmerksamkeit. Auf der Rückseite steht ein Kalendertag und handschriftlich: ›Brautpaar mit Trauzeugen‹. Das war vor meiner Geburt, stellt sie fest, als sie das Datum überprüft. Ein Weiteres zeigt ihre Mutter mit einem Mann. Südländischer Typus, durchtrainiert, mit dunklen, langen Haaren. Auf der Rückseite: Trauzeugen.

Anna fragt sich, wo das Dirndl, das Maria auf dem Foto trägt, wohl geblieben war. Sie konnte sich nicht daran erinnern, es je in ihrem Schrank gesehen zu haben. Jedenfalls hat sie in diesem Kleid ungemein sexy ausgesehen. So viel Mut hat sie ihrer Mutter nicht zugetraut. Vielleicht gehörte ihr das Dirndl gar nicht, sondern sie hatte es sie sich für die Trachtenhochzeit nur geliehen.

Anna steht mit dem Foto in der Hand auf und betrachtet sich im Spiegel, der an der Innenseite der Tür angebracht ist. Ihr fällt auf, wie ähnlich sie ihrer Mutter, in ihrem Alter, sieht. Selbst die kleinen Grübchen an ihren Wagen scheinen ident zu sein. Auch die wenigen Sommersprossen befinden sich an den gleichen Stellen. Sie vergleicht die Nase, die Mundpartie und ihren Oberkörper. Sie findet keinen wesentlichen Unterschied. Was hatte Birgit heute im Kaffeehaus gemeint? ›Wäre nicht der Altersunterschied, dann hätte man sie und ihre Mutter für Zwillinge gehalten‹. Anna schmunzelt. Sie hat nicht nur viel vom Aussehen ihrer Mutter geerbt, sondern auch viel von ihrem Wesen.

Sie schiebt die Fotos mit der flachen Hand zusammen und lässt sie über die Bettkante zurück in die Schachtel fallen. Sie nimmt den Karton, stemmt ihn hoch und will ihn auf seinen Platz zurückschieben. Doch irgendetwas scheint sich zu spießen. Anna greift mit ihrer Hand nach oben ins Fach, tastet den Boden ab und findet einen orangefarbenen Umschlag. Anschließend hüpft sie in die Höhe, um den restlichen Fachboden sehen zu können. Sie erkennt eine kleine, flache Plastikschachtel und ein Fläschchen, stellt sich auf die Zehenspitzen und angelt sich die beiden Dinge.

Neugierig öffnet sie die kleine, luftdicht verschlossene Schachtel und findet darin ein fein säuberlich zusammengefaltetes, dunkelblaues Halstuch. Ein herber, angenehmer, aber schwacher Geruch verbreitet sich. Sie presst das Tuch auf ihre Nase. Eindeutig ein Herrenparfüm. Ihr empfindlicher Geruchssinn erkennt: Amber, Baummoos, Moschus, und Sandelholz. Das ist kein Duft, den ihre Mutter selbst getragen hat oder trägt. Anna faltet das Tuch wieder, legt es fein säuberlich in die Schachtel zurück und drückt den Deckel auf.

Auf dem Fläschchen klebt ein neutrales Etikett, auf dem handschriftlich das Wort: KETAMIN zu lesen ist. Sie hält es gegen das Licht und schüttelt es. Die kleine Flasche ist prall gefüllt, bis hin zum oberen Rand.

Anna überlegt: KETAMIN, das Wort kommt ihr bekannt vor. Sie ist sich sicher, es schon einmal gehört zu haben. Nur in welchem Zusammenhang? Jedenfalls ist das kein Medikament, denkt sie. Wäre es eines, dann würde es ihre Mutter im Arzneischrank aufbewahren.

Anna nimmt das Kuvert zur Hand. Es ist verschlossen. Der obere Rand ist fein säuberlich verklebt. Auf dem Umschlag befindet sich ein Stempel ihrer Firma. Daneben der händische Vermerk: Birgit Santora / Ergebnis: Spektralanalyse / DNA-Analyse.

Anna ist verwirrt. Sie fragt sich, ob sie das Kuvert öffnen soll? Nein, keinesfalls, denkt sie. Es wird seinen Grund haben, warum es verschlossen ist. Ein Zeichen, dass selbst ihre Mutter keinen direkten Zugriff auf den Inhalt haben will. Außerdem scheint es Birgit zu gehören, schließlich steht ihr Name darauf. Vielleicht bewahrt sie das Kuvert für ihre Freundin auf. Sorgsam legt Anna alles wieder an seinen Platz zurück.

Wo könnte sie noch nachsehen, um einen Hinweis auf den Verbleib ihrer Mutter zu finden? Sie ist ratlos.

OK, eines ist klar: Wie sie von Birgit erfahren hat, ist ihre Mutter derzeit auf Kurzurlaub. Hat sie ja schon öfter gemacht. Mit einem Joseph. Sie muss wohlauf sein, denn wenn sie einen Unfall erlitten haben, oder in einer Klemme stecken, dann hätte sie sich längst bei ihr gemeldet. Der Gedanke gefiel ihr. Damit lassen sich ihre Sorgen – für den Augenblick – besänftigen.

Anna läuft die Treppe nach unten, in die Garage, um zu überprüfen, ob der funkelnagelneue Audi A1 ihrer Mutter auf seinem Parkplatz steht. Der Wagen fehlt.

Sie greift zum Telefon. Weder verpasste Anrufe, noch Kurznachrichten werden angezeigt.

Sie versucht nochmals, ihre Mutter zu erreichen. Sie wird direkt in die Mailbox weitergeleitet. Bevor sie nach der obligaten Ansage den Piepton hören würde, unterbricht sie bereits die Verbindung.

Anna schüttelt ihren Kopf und ruft als nächstes Claudia an.

»Bigler?«

»Hallo. Können wir uns abends treffen?«, fragt sie ihre Freundin bedrückt.

»Kann ich dir noch nicht sagen. Sitze hier auf der Terrasse, mit einem netten Bekannten, inmitten der Berge. Blicke auf einen smaragdgrünen See. Hier lässt es sich aushalten. Wir sollten einmal ein Wochenende hier verbringen.«

»Schade – Melde dich, wenn du zurück bist. Brauche jemanden zum … « Ihre Freundin hat das Gespräch bereits unterbrochen. Anna schüttelt den Kopf und steckt verwundert das Mobiltelefon in ihre Tasche.

6

Bei Selbstmord würde eine einfache Bestandsaufnahme genügen, für Mord oder Unfall gibt es noch nicht viele Anhaltspunkte, aber die Möglichkeit besteht, überlegt Peter. Zunächst muss die Identität geklärt werden und er soll hinauf zur Aussichtsplattform. Der Kriminalist ist nicht erfreut über diesen Umstand.

Er blickt hinüber zu Claudia, die in der Nähe des Bootssteges steht und fotografiert.

»Ich muss zum Seeblick hinauf. Sehe ich dich nachher?!«, ruft er Claudia zu.

Sie kommt näher und antwortet mit einem verschmitzten Lächeln auf ihren Lippen: »Selbstverständlich. Du musst mir ja meinen Artikel freigeben. Aber, eine Frage: Darf ich dich begleiten, dir über die Schulter schauen?«

»Äh, das geht nicht. Hier wird ermittelt. Da sind Privatpersonen leider nicht zugelassen … «

»Aber nicht am Weg hinauf. Sieh nur, das Absperrband ist schon entfernt worden. Peter bitte, von da oben hat man sicherlich einen wunderschönen Blick auf den See. Ich könnte atemberaubende Fotos schießen. Lass mich dich … «, bettelt Claudia unabweisbar.

»… Na gut, aber bestenfalls nur über die Schulter sehen. Nichts angreifen«, lässt sich Holzinger breitschlagen.

Schon nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass Claudias Schuhwerk nicht die beste Wahl für so einen steilen Aufstieg ist. Sie hat Mühe, Peter zu folgen. Doch der Kommissar erweist sich als Gentleman der alten Schule. Immer wieder hält er inne und reicht Claudia seine Hand, hilft ihr über die vielen kleinen Geländestufen hinweg. Auf halber Höhe biegt er in eine Aussichtsbucht ein. Von dort hat man freien Blick auf die danebenliegende Steilwand.

»Willst du nicht fotografieren? Claudia, mach doch ein Foto. Schau … «, sagt er zu seiner Begleiterin und zieht sie an der Hand zu sich.

»Oh Gott, ist das hoch hier. Da wird mir ganz schwindelig …«, presst sie mit weit aufgerissenen Augen hervor. Instinktiv legt Peter den Arm um sie. Claudia umschlingt seine Hüfte und klammert sich an ihm fest.

»Ich halte dich, wenn du fotografieren willst.«

»Versprochen?«

»Ich hab nicht die Absicht, dich in nächster Zeit loszulassen«, säuselt er zweideutig.

»Wie lange ist bei dir ›nächste Zeit‹?«, fragt sie ihn kokettierend.

»Claudia, willst du nun oder nicht?«. Peter täuscht Verärgerung vor.

»Natürlich will ich … «, antwortet sie mit einem anmachenden Augenaufschlag, hebt ihre Kamera an und stellt das Objektiv scharf. »Aber nicht loslassen … versprochen?«

»Keine Angst – jetzt drück schon ab«, fordert er sie auf.

Der Fotoapparat klickt. Claudia schiebt den Ring des Teleobjektivs zurück. Klick. Zu guter Letzt richtet sie das Objektiv nach oben, zum Ende der Wand. Die Digitalkamera rattert wie eine alte Nähmaschine, als sie ein Panoramafoto von der Steilwand nimmt.

»Danke, das war’s.« Claudia haucht ein Küsschen auf Peters Wange, während dieser an den Abgrund herantritt und den leichten Aufwind verspürt. Hier ein paar Bögen mit dem Gleitschirm zu drehen, wäre sehr verlockend, denkt er.

Er schüttelt den Kopf, als wollte er die Gedanken aus seinen Ganglien beuteln und antwortet: »Hier geht es weiter«. Peter zieht Claudia zu sich heran.

Ihr Körper schmiegt sich an ihn. Sie küssen sich. Sie schauen einander in die Augen, bis sie ein lustvolles »Mehr« haucht.

»Ich bin im Dienst«, weist Peter ihr Verlangen lächelnd zurück, dreht sich demonstrativ um und setzt den Weg fort. Claudia bombardiert ihn mit Fragen, die er bereitwillig beantwortet. Er muss ihr ständig von seinem Job und wobei es darauf ankommt erzählen, während sie sich insgeheim fragt: ›wer klettert hier freiwillig hinauf?‹

Als die Beiden schweißgebadet am Seeblick ankommen, packen gerade die Männer in ihren weißen Schutzanzügen ihr Equipment ein.

»Servus Großer … und, habt ihr etwas gefunden?«, begrüßt Peter neugierig die Runde.

»Hallo Peter. – Nicht viel. Leider«, antwortet ihm der Ranghöchste.

»Was bedeutet: nicht viel?«

»Ich habe mich mit unserem Team unten, an der Fundstelle abgestimmt. Soviel steht bereits fest: Die Frau ist von hier aus in die Tiefe gestürzt. Und wie ich dir schon am Telefon mitgeteilt habe, hier gibt es Schleifspuren und den Abdruck eines Schuhs. Es könnten Kampfspuren sein oder es handelt sich um eine Abwehrbewegung. Nachdem sie von keinen anderen Spuren überlagert sind, müssen wir davon ausgehen, dass sie von … «

»Eine Tasche oder Ähnliches?«

»Ja, ein Mobiltelefon lag hier im Gebüsch. Ist aber nicht eingeschaltet. Vielleicht ist der Akku leer.«

»Ladet es auf. Möglicherweise erfahren wir, wem es gehört. Ausweis?«

»Nein, weder hier, noch bei den Leuten unten bei der Leiche.«

»Habt ihr Holzsplitter gefunden?«, fragt Holzinger.

»Wie kommst du jetzt auf Holzsplitter?«

»Der Gerichtsmediziner hat mir gesagt, dass er im Hinterkopf der Toten einen Holzsplitter gefunden hat. … Die Wunde rührt von einem stumpfen Gegenstand her.«

»Na ja, in der Mitte der Wand wachsen ein paar dürre Bäume aus den Spalten. Die haben wir natürlich nicht untersucht, denn wir haben keine Ausrüstung zum Abseilen dabei … nicht sag jetzt, wir sollen da hinunter? … «

»Nachdem ihr hier, ich sage jetzt einmal ›Kampfspuren‹ gefunden habt, bleibt uns nichts anderes übrig. Oder?«

»Uns? Wer ist uns?«

»Mit uns meine ich dich und dein Team.« Peter lacht.

»Du meinst, ich soll noch einmal hier herauf klettern? Und, dass wir uns von hier oben abseilen«, erwidert sein Kollege empört. »Aber … Nicht vor morgen«, fügt er resignierend hinzu.

»Das würde reichen.«

»Danke. Dann bis morgen«, verabschiedet sich der Kollege mürrisch. Er knüllt seinen Arbeitsanzug zusammen und packt ihn in den Koffer. Einer nach dem anderen schiebt sich an Claudia und Peter vorüber, um mit ihrem Abstieg zu beginnen. Als der Große an Holzinger vorübergeht, hält er kurz inne und flüstert dem Kommissar ins Ohr: »Neue Assistentin?«

»Ach, gibt mir doch eine Ruhe«, faucht Peter mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zurück. Als die Gruppe außer Hörweite ist, sagt er zu Claudia. »Das habe ich befürchtet. Jetzt muss ich alle befragen. Den Pfarrer, und die komplette Jagdversammlung. Das sind mindestens zwanzig Interviews. Die schaffe ich heute nicht mehr. Das bedeutet, ich bin morgen auch wieder hier. … Das sind die Wochenenden, die ich liebe.«

»Du könntest ja hier übernachten. Das Hotel hat sicher noch Zimmer frei.«

»Wäre eine Idee … «

»Ich bleibe auch. Ist das ein Angebot?«, fragt sie Peter. Sie legt ihre Arme um seinen Nacken.

»Soll das heißen, dass … «. Weiter kommt er nicht, denn Claudia hat ihren Zeigefinger auf seine Lippen gelegt. Anschließend küsst sie ihn auf den Mund.

*

Auf dem Parkplatz ist wieder Ruhe eingekehrt. Das Zelt ist abgebaut, nur mehr ein Einsatzfahrzeug zu sehen. Langsam streckt sich der lange Schatten des Flammenkogels über den See und das Hotel. Keine einzige Wolke zeigt sich am Himmel.

Claudia und Peter haben auf der Terrasse Platz genommen. Der alte Thilo kommt zu ihrem Tisch und erkundigt sich, ob sie einen Getränkewunsch haben.

»Ich hätte gerne ein Bier. … auch wenn ich noch im Dienst bin. Meine Kehle könnte man mit der Sahara vergleichen. Trocken – trockener – am durstigsten«, scherzt Peter.

»Vom Fass oder Flasche?«

»Vom Fass bitte. Claudia, ich lade dich ein. Was hättest du gerne?«

»Vorab ein Mineralwasser, groß und prickelnd. Und danach einen Aperol-Spritz.«

»Kommt sofort … «, antwortet der Alte.

»Äh, verzeihen Sie, ist Ihr Sohn in der Nähe. Ich würde ihm gerne ein paar Fragen stellen.«

Der betagte Thilo hält inne und dreht sich langsam zu Peter. »Wenn es nicht sein muss. Er hat sich niedergelegt, es geht ihm miserabel.«

»Miserabel?«

»Ja, miserabel. Er hat sich übergeben. Ich glaube, der Leichenfund hat ihm zu sehr zugesetzt … «

»… Lassen Sie ihn schlafen. Nicht so wichtig. Andere Frage, haben Sie noch Zimmer frei?«

»Ja. – Fünf Räumlichkeiten haben wir immer bezugsfertig hergerichtet. Wollen Sie Einzel- oder ein Doppelzimmer?«

»Zwei Einzelzimmer bitte«, antwortet der Kriminalist. Thilo schmunzelt.

»Ich bringe Ihnen sofort die Schlüssel.«

Als der Wirt außer Sichtweite ist, sagt Peter zu Claudia: »Der … wie heißt er doch gleich? … Ach ja, Norman Bergmann, der scheint ja von sensibler Natur zu sein. Würde man bei seiner Körperstatur gar nicht vermuten. So kräftig und wohlgenährt, wie der aussieht.«

»Kann ja nicht ein jeder mit solch einem Nervenkorsett ausgestattet sein, wie deiner einer«, schmeichelt ihm Claudia.

Der Kommissar holt tief Luft und sagt förmlich: »Ich muss noch ein wenig arbeiten. Ich möchte gerne mit meinem Boss telefonieren und die Notizen ordnen … «

»Absolut kein Problem. Den Artikel für die Zeitung habe ich bei aller Aufregung beinahe vergessen. Aber der ist schnell getippt. Schlage vor, erst die Arbeit, dann das Vergnügen.«

»Klingt gut. So machen wir das. Ich brauche nicht lange.«

Claudia steht auf und am Weg zur Gaststube, wo sie vormittags ihren Computer deponiert hatte, nimmt sie Thilo den Schlüssel und den Aperol-Spritz ab. Sie setzt sich an den Tisch neben dem Eingang. Als sie die Tageszeitung anhebt, merkt sie, dass ihr Diktafon noch immer läuft. Sie schaltet es ab, öffnet den Laptop und beginnt zu tippen.

Headline: Mord am Flammenkogel?

Copy: Heute Morgen fand ein Fischer eine tote Frau, Mitte 50, am Fuße der Erlöserwand. Die Wanderin dürfte von der Ausblickplattform »Seeblick« gestürzt sein. Die Bergung der Leiche gestaltete sich sehr aufwändig. Sie musste mit Booten geborgen werden. Die gerichtsmedizinische Untersuchung geht zwar von Selbstmord aus, jedoch sind auch Hinweise auf ein Fremdverschulden entdeckt worden. Die Identität gibt der Polizei weitere Rätsel auf. Die Tote hatte weder Ausweis noch ein Mobiltelefon bei sich. (Eigenbericht / Claudia Bigler)

Kaum hat sie den Bericht fertig getippt, drückt sie auf >>SEND<<.

»OOOPS«, entfährt es ihr.

Holzinger blättert in seinen Notizen, als der alte Wirt zum Tisch kommt. »Bitte sehr, ein Frischgezapftes. Lassen Sie es sich schmecken … So hier noch der Schlüssel für Ihr Zimmer. Ist gleich neben dem des Fräuleins. Ist zwar ein Doppelzimmer, aber ich verrechne Ihnen selbstverständlich nur den Einzelzimmerpreis. Ist einfacher beim Saubermachen«, grinst Thilo verschmitzt. »Ich hoffe, die Verbindungstür ist abgeschlossen, wenn nicht, dann geben sie mir Bescheid … «. Das Grinsen des Alten wird stetig breiter. »… und hier habe ich die gewünschte Liste, Sie wissen schon, die mit den Namen.«

»Vielen Dank«, sagt Holzinger und greift nach dem Bier. Mit der anderen Hand nimmt er das Blatt und wirft einen Blick darauf. Er gönnt sich einen tiefen Zug aus dem Bierglas. Der erste Schluck Bier ist immer noch der Beste, philosophiert er insgeheim und wendet sich an den Wirt. »Herr Bergmann, wo kann ich die Leute erreichen? Ich bräuchte deren Adressen.«

»Oh, die einzelnen Häusernummern habe ich jetzt nicht im Kopf. Brauchen Sie die Anschriften heute noch?«

»Nein, nicht heute. Ich will nicht bis Mitternacht unterwegs sein, und die Leute haben am Wochenende sicher etwas anderes vor, als zuhause herumzusitzen. Morgen reicht.«

»Wollen Sie nicht zur Messe ins Dorf fahren? In der Früh, um 8:00. Da werden Sie die meisten antreffen.«

»Ja, das ist eine gute Idee … «

»Warten Sie … «, unterbricht ihn der tranige Thilo und kramt umständlich sein Telefon unter seiner grünen Schürze hervor. »Ich rufe den Jagdaufseher an. Er wird die anderen verständigen, damit Sie morgen zur Messe nach Lengthal kommen. Unser Pfarrer freut sich sicher über ein vollgefülltes Haus«, sagt alte Wirt, während er grinsend eine Nummer ins Mobiltelefon tippt.

»Das würden Sie für mich tun?«

»Selbstverständlich … Moment. Thilo hier. Du, die Polizei muss mit jedem, der am Freitag hier war, reden. Könntest du sie über dein Programm am Telefon informieren, dass sie in die 8:00 Uhr Messe kommen? … Ja, es geht um die Tote, die Norman heute früh gefunden hat … OK, vielen Dank. Vielleicht komm ich auch, aber ich habe meine Aussage ja schon gemacht. Waidmanns Heil. … Dir auch.«

»Ist gebongt. Er verständigt die anderen. Via ›Wotsepp‹ – oder so ähnlich. – Haben Sie ja mitgehört. – kann ich sonst etwas für Sie tun?«

»Nein danke. Sie haben mir sehr geholfen«, erwidert Peter dankbar.

»Ich schicke Ihnen nachher meinen Sohn vorbei, sollte er sich heute Abend nochmals blicken lassen. Aber wie schon gesagt: Es hat ihn ziemlich umgehauen. Sie müssen wissen, tatsächlich ist mein Sohn hochsensibel. Ich weiß, er macht nicht diesen Eindruck. Aber so ist er nun mal.«

»Danke, danke, es läuft mir nichts davon. Es reicht morgen in der Früh. Richten Sie ihrem Sohn meine Genesungswünsche aus«, ruft er Thilo nach, der einen Arm hebt, um sich zu bedanken.

Holzinger blättert nochmals seine Notizen vom Anfang bis Ende durch. Schließlich greift er zum Telefon und wählt Hauptkommissars Tomacics Privatnummer.

»Ja bitte?«

»Servus Richard. Peter spricht.«

»Grüß dich. Wo brennt’s? Läuft alles?«

»Ich bin noch beim See … «

»Warum das? Gibt es ein Problem?«, will Richard neugierig wissen und schaut auf seine Uhr.

»Keines und viele. Ich möchte dir ein kurzes Update geben, was hier so abgeht: Hör zu: Also die Tote scheint von der Aussichtsplattform gesprungen zu sein. Extreme Höhe! Aber Fremdverschulden ist auch nicht auszuschließen. Die Leiche ist derart verunstaltet, dass wir sie bis jetzt nicht identifizieren konnten. Hier am See wird sie von niemanden vermisst. – Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. – Die Spurensicherung hat ein Mobiltelefon gefunden, mit leerem Akku, aber das könnte auch ein Wanderer, oben bei der Plattform, verloren haben. Die Kollegen kümmern sich schon darum. Sie werden versuchen, es zu laden und zu aktivieren, sollte es … «

»... Heißt das, dass die Tote keinen Ausweis bei sich hatte? Das wäre seltsam.«

»Ist leider so, wir haben weder eine Handtasche, noch ein Fahrzeug am Parkplatz gefunden, das zur Identifizierung beitragen könnte.« Peter blättert in seinen Notizen. »Ja – noch etwas. Die Leiche hat am Hinterkopf eine stumpfe Platzwunde, in der man Holzsplitter gefunden hat. Rühren wahrscheinlich von einem Schlag mit einem Ast her oder von einem der dürren Bäume, die sich in der Steilwand wachsen. Die Kollegen kommen morgen nochmals her. Mit Alpinausrüstung.«

»Die Kollegen kommen nochmals? Du hast vor, im Berghof zu übernachten? Überstunden … «, seufzt Richard.

»… Ja, die Kollegen werden sich morgen über die Steilwand abseilen und nach weiteren Spuren suchen. Das auch deshalb, weil Schleif- oder Rutschspuren oben gefunden wurden. Könnten sogar von einem kurzen Kampf herrühren … «, versucht Peter die Gedanken seines Chefs wieder auf die Ermittlungen zu konzentrieren.

»Verstehe ich dich richtig, du vermutest tatsächlich ein Gewaltverbrechen?«

»Glaube es zwar nicht, aber wie hat mein Lehrmeister, der alte Tomacic, immer gemeint: Wenn du ein ungutes Gefühl im Bauch hast, überprüfe es. Deshalb bleibe ich jetzt bis morgen hier … «

»… Ich hab’s befürchtet … «, fällt ihm Richard ins Wort.

»Ich übernachte im Berghof und in der Früh spreche ich mit dem Pfarrer, den man um die fragliche Zeit hier gesehen hat. Mit den Restaurantgästen ebenso. Ich werde sie alle, morgen, in der heiligen Messe im Dorf treffen. Ist schon arrangiert. Wird ein ›Early Bird‹.«

»Das klingt höchst merkwürdig. Du in einem Gottesdienst? Dann kannst du gleich beginnen deine Sünden zu notieren. Nimm aber ein großes Blatt Papier und schreibe mit kleiner Schrift … «, lacht Richard ins Telefon. »… Spaß beiseite. Das ist alles sehr aufwändig. Ich hoffe für uns beide, dass es sich nur um Schall und Rauch handelt, du weißt, ich möchte mich in Ruhe von meinem Job verabschieden und keine offenen Fälle hinterlassen. Ungeachtet dessen tu, was du für nötig hältst. Ich stehe hinter dir. Wenn du mich morgen brauchst, rufe mich jederzeit an. Ich verständige vorab die Staatsanwaltschaft. Schauen wir Mal, was sie zu dem Fall sagt. … Ansonsten sehen wir uns am Montag in der Früh, in alter Frische, im Büro. … «

»… Passt. Ich halte dich am Laufenden. Ciao.« Peter legt auf und atmet tief durch.

Er überfliegt nochmals seine Aufzeichnungen. Wo hat er nur den ›Priester‹ notiert, fragt er sich. Zuletzt findet er die Stelle: Pfarrer kommt von Plattform. Ist in Eile. – Bierführer trinkt Mineral an Theke …

›Muss Norman nach der genauen Uhrzeit fragen‹, vermerkt Peter am Ende der Liste, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter spürt.

»Na, kommst du voran?«, fragt ihn Claudia neugierig.

»Ja. Ab sofort bin ich im Freizeitmodus. Ich habe mit meinem Chef telefoniert, habe ihn auf den neusten Stand gebracht. Er ist mit den von mir getroffenen Entscheidungen zufrieden. Als ich mit ihm sprach, hatte ich den Eindruck, als hörte ich ständig das leise Klingeln einer Registrierkasse in seinem Hinterkopf. So als wollte er mich darauf hinweisen, dass er derjenige ist, der meine Spesenabrechnung unterschreibt. Und wie sieht es bei dir aus?«

»Habe fertig«, scherzt sie. »Habe nur einen kurzen Artikel geschrieben … «

»Zeig her, ich muss ihn dir ja freigeben? Oder?«

»Äh …. Ja, das musst du«, antwortet Claudia, die insgeheim gehofft hat, dass Peter ihre Vereinbarung nicht so wörtlich nehmen würde. Sie öffnet ihren Computer und zeigt ihm den Artikel. Er liest und runzelt die Stirn.

»Wo hast du denn das mit dem Fremdverschulden her?«, fragt er Claudia streng.

»Wer Ohren hat, kann hören«, antwortet sie keck. »… und wer mitdenkt, der kann kombinieren.«

»Also, ich weiß nicht, ob ich diese leise Vermutung in der Presse lesen will.«

Claudia massiert Peters Nacken, beugt sich zu seinem Ohr und flüstert: »Was wäre die Welt ohne Fake-News? Langweilig. Ein bisschen Flunkern muss erlaubt sein, erhöht die Auflage ungemein … «

»Meinetwegen. Schicke es ab«, antwortet Peter und drückt seiner Freundin ein Küsschen auf die Wange. Erfreut bedankt sie sich, klappt ihren Laptop zu und setzt sich zu ihm.

»Und wie legen wir jetzt den angefangenen Abend an?«, schnurrt Claudia.

»Ich schlage vor, wir gehen zum Steg hinunter, setzen uns auf diese Bank unter der Trauerweide und genießen das letzte Tageslicht. Anschließend dinieren wir hier im Restaurant. Heute gibt es ja Forellen, steht zumindest dort unten auf der Tafel. Und für hinterher fällt uns sicherlich auch noch etwas ein.«

»Au ja, Forelle. Habe ich schon lange nicht mehr gegessen. Ein großartiger Vorschlag. Und für nachher bin ich mir ganz sicher, dass uns da etwas einfällt«, lacht Claudia begeistert.

Plötzlich hören sie Thilos Stimme neben sich: »Darf ich den Herrschaften noch etwas bringen?«

»Nein danke, wir sind bestens versorgt. Aber … wir würden gerne in einer Stunde Abendessen. Die Forellen haben es uns angetan … «

»… Forellen? Ich muss sie leider enttäuschen. Wir haben nur mehr ein fangfrisches Stück von heute Morgen. … Wegen dem Unfall sind wir nicht mehr dazugekommen, nochmals auf den See … «, fällt ihm Thilo ins Wort.

»… das ist jetzt schade … dann für mich ein Steak. Geht das?«

»Durchgebraten, medium oder rare?«

»Medium rare, mit Pfeffersauce und Bratkartoffeln.«

»Ja, kein Problem, ein Pfeffersteak und Ihnen, mein liebes Fräulein, empfehle ich: Forelle-Blau mit Salzkartoffel und grünem Salat.«

»Klingt ausgezeichnet. Das nehme ich«, stimmt Claudia dem Vorschlag zu.

»Ach ja, wie es aussieht, haben Sie ja kein Gepäck dabei. Falls Sie ein frisches Leibchen benötigen, Sie finden jeweils ein T-Shirt aus unserem Souvenirshop auf ihr Zimmer. Einwegzahnbürsten sind im Badezimmer.«

»Sehr aufmerksam. Ich habe zwar einen ›Notfallkoffer‹ immer dabei, aber ich befürchte, dass ich lediglich frische Unterwäsche eingepackt habe. Ich für meinen Teil, nehme ihr Angebot an. – Äh, welche Farbe hat denn das T-Shirt?«, erkundigt sich Claudia.

»Dunkelgrün, mit gesticktem gelbem Berghof-Logo«, ergänzt Thilo und zeigt auf seine Schürze.

»Super, dann sind wir ja morgen im Partnerlook unterwegs«, antwortet Peter mit einem breiten Lachen.

Das Abendessen schmeckte hervorragend, obwohl Thilo anstelle von Norman die Pfannen in der Küche schwang.

Vom Alkohol beflügelt gehen die beiden auf ihre Zimmer. Als Claudia die unversperrte Verbindungstür entdeckt und obendrein sieht, dass Peter ein Doppelbett zur Verfügung hat, lacht sie laut auf, um im nächsten Augenblick eine ernste Miene aufzusetzen: »Das hast du aber fein eingefädelt. So ganz hinter meinem Rücken … Du glaubst doch nicht, dass das so einfach ist. Dass ich so leicht zu haben bin.«

Claudia dreht sich um, schlägt mit einem lauten Knall die Verbindungstür zu und lächelt amüsiert.

Peter hingegen ist perplex. Jedenfalls hat er ihr mehr Humor zugetraut. War es nicht sie, die ihm den ganzen Tag Avancen gemacht hat? Hat er sich nicht stets zurückgehalten und ließ sie gewähren? Und jetzt das? Peter resigniert und verschwindet zur Abendtoilette im kleinen, modern eingerichteten Badezimmer. Er nimmt eine erfrischende Dusche, danach trocknet er sich ab, und hüpft unbekleidet, in Ermangelung eines Pyjamas, in sein Bett. Er dreht das Licht ab und versucht gerade, einzuschlafen, als die Verbindungstür aufgestoßen wird.

Claudias Zimmer wird von der Nachttischlampe beleuchtet. Sie selbst steht lasziv im Türrahmen, mit einem Hauch von Nachthemd bekleidet. Ihre wohl geformte Silhouette zeichnet sich nur allzu deutlich im Hintergrundlicht ab. Peter erkennt, dass sie nichts darunter trägt.

»Ich habe gewonnen«, haucht sie.

»Irrtum. ICH habe gewonnen. Das Adamskostüm gewinnt immer«, erwidert er und wirft die Decke zur Seite.

Zu guter Letzt liegen sie eng umschlungen in der Löffelchenstellung nebeneinander.

»Haben wir jetzt auf Staatskosten geschnackselt?«, neckt ihn eine sichtlich zufriedene Claudia.

»Ich hoffe, – wenn Richard, mein Boss die Spesenabrechnung unterzeichnet«, flüstert ihr Peter ins Ohr.

SONNTAG

7

Als Peter und Claudia im Partnerlook beim Frühstück saßen, wurden sie fürsorglich von Norman bedient. Als ihn der Kommissar nach seinem Befinden fragte, meinte er, es gehe ihm besser. Der Leichenfund hatte sich gestern auf sein Gemüt geschlagen, aber diesen Schock hätte er heute bereits überwunden.

Händehaltend frühstücken die beiden Frischverliebten. Sie beschließen, nur mit einem Wagen ins Dorf zu fahren, weil Peter später noch einmal zum Bergsee muss, um mit den Leuten von der Spurensicherung zu sprechen. Er erwartet seine Kollegen gegen 10:30 Uhr am See.

In Lengthal sieht Claudia einen Zeitungsspender ihres Herausgebers an einer Verkehrstafel hängen. Sie bittet Peter, kurz anzuhalten, springt aus dem Auto, lässt die Autotür offen und zieht ein Exemplar aus dem Spender.

Kaum sitzt Claudia wieder am Beifahrersitz, blättert sie angespannt durch das Kleinformat und findet ihren Artikel.

»Hier ist er. Eins zu eins dein freigegebener Text«, ruft sie erfreut und hält Peter – während der Fahrt – die aufgeklappte Seite unter die Nase. Irritiert versucht ihr Freund an der Zeitung, links und rechts vorbeizusehen. »Claudia, bist du verrückt, ich lenke ein Fahrzeug«, herrscht er sie an.

»´tschuldigung«, erwidert sie und zieht das Blatt zurück. »Dort geht es zur Kirche.«

»Danke, sehe ich selbst. … « Peter hat wieder ein Lächeln auf den Lippen. Er biegt in den Kirchenhof ein und parkt auf dem einzigen freien Abstellplatz. »… Hier ist ganz schön was los«, stellt Peter fest und mustert die Runde. Gut sechzig Augenpaare hängen wie Kletten an ihnen, verfolgen jede ihrer Bewegungen. »Der Todesfall scheint sich rasend schnell herumgesprochen zu haben.«

»Ja, und einige sind sogar in Trauerkleidung erschienen. Glaubst du, das ist hier ein Brauchtum?«, stellt Claudia fest.

»Keine Ahnung«, antwortet Peter. »Achtung! – Wir stehen unter Beobachtung. Benimm dich!«

»Ich benehme mich immer … «, erwidert sie mit gespielt, ernster Miene.

Der Kommissar mustert die Menschenansammlung, die auf den Beginn der Messe wartet. Aus der Gruppe, die jagdliches Outfit trägt, kommt ihm ein Mann entgegen und stellt sich als der Jagdaufseher vor. »Thilo hat wissen lassen, dass Sie mit uns sprechen wollen. Das da drüben sind alle, die freitags im Berghof waren. … Außer Norman.«

»Vielen Dank für Ihr Kommen. Ich werde versuchen, es so kurz wie möglich zu machen. Ich bin Peter Holzinger von der Kriminalpolizei«, sagt der Kriminalist, während er ihm die Dienstmarke zeigt.

Sie gehen ein Stück abseits, rufen die restlichen der Gruppe zu sich und der Kommissar beginnt seine Fragen zu stellen: »Hat einer von Ihnen die Versammlung für längere Zeit verlassen?«

»Nein. Wenn doch, dann nur, um die Toilette aufzusuchen«, antwortet ihm der Jagdaufseher.

»Es hat sich niemand, über eine Stunde lang, vom Tisch entfernt?«, hakt Holzinger nach.

»Nein, ganz sicher nicht, dafür war unser Gesprächsthema zu wichtig.«

Danach führt Peter Einzelgespräche. Auch sie ergeben nichts Relevantes. Wenn die Leiche einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, dann kann keiner der Jägerschaft der Täter sein. Jeder von ihnen kann für die fragliche Zeit ein Alibi vorweisen.

Als die Kirchturmglocke zur 8:00 Messe läutet, verabschiedet sich Peter. »Danke meine Herren. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben. Wie sagt man bei Ihnen? Weidmanns Heil.«

»Weidmanns Dank«, kommt es unison zurück.

Die Gläubigen drängen gesittet in die Kirche. Langsam leert sich der Platz.

Die ersten beiden Reihen der Sitzbänke sind mit Menschen in Trauerkleidung belegt. Sie sitzen mit gesenkten Köpfen, in ihren Gedanken versunken, und warten auf den Beginn der Messe. Als der Letzte seinen Platz eingenommen hat, klingelt der Messner. Das Gemurmel in der Kirche verstummt und zwei Ministranten, gefolgt vom Priester, kommen aus der Sakristei. Sie verbeugen und bekreuzigen sich vor dem Altar.

Peter beobachtet den Pfarrer eingehend. Er möchte sich ein Bild von dem Geistlichen machen. Er versucht, seine Körpersprache zu interpretieren, versucht, sie in ein Schema einzuordnen. Der Priester wirkt müde, als er zur Kanzel emporsteigt.

»Liebe Gemeinde, liebe Hinterbliebene. Ein wertvoller Freund hat uns gestern verlassen. Er war Vater, Ehegatte, Onkel, und unser aller Freund. Ich bin stolz darauf, dass ich ihn in seinen letzten Stunden begleiten durfte. Ihm das Sakrament der Krankensalbung gespendet zu haben. Er ging in Frieden von uns. In Frieden mit Gott«, beginnt der Pfarrer seine Predigt. »Wir hoffen, dass uns nach dem Tode eine Wirklichkeit, vergleichbar mit der Realität in der wir uns jetzt befinden, erwartet, unabhängig davon, ob man vorher daran glaubt oder nicht. Aber wir müssen uns klar werden, dass es einen Unterschied zwischen einem Leben nach dem Tod und der Auferstehung gibt. Durch den Tod werden Leib und Seele voneinander getrennt. Die Seele lebt weiter, der Körper nicht. Erst durch die Auferstehung wird uns unser Leib zurückgegeben. Wir werden uns daher wiedersehen. Und daran glauben wir. – Und deshalb wollen wir zu unserem verstorbenen Freund: AUF WIEDERSEHEN sagen.«

Peter hat genug gehört. Er verlässt den Gottesdienst, und sieht Claudia auf einer schattigen Bank sitzen, in ihre Zeitung vertieft. Sie schaut auf und kommt ihm entgegen.

Gemeinsam schlendern sie um die Kirche, zum Pfarrhaus, wo sie einen schwarzen Audi A1 und ein Motorrad entdecken.

»Behauptete nicht einer der beiden Wirte gestern, der Pfarrer hätte derzeit kein Auto?«, fragt er rhetorisch. Claudia zuckt mit den Schultern.

»Würde gern wissen, wem der Wagen gehört?« Peter zieht sein Telefon hervor und tippt auf einen gespeicherten Kontakt: »Servus. Ich bin es, Holzinger, könntet ihr mir bitte ein Fahrzeug überprüfen?«

Peter gibt das Kennzeichen durch.

»Wie lange braucht ihr? … Ah, ja ich warte. … Danke. … Das reicht schon.« Holzinger notiert den Namen des Besitzers im Notizblock, während Claudia über seine Schulter späht.

Claudias Augen weiten sich vor Entsetzen.

»Hast du soeben Maria Steiger geschrieben«, entfährt es ihr mit zittriger Stimme.

»Ja, wieso? Kennst du sie?«

»Ja, Maria Steiger ist die Mutter meiner Freundin, nach der ich dich gestern gebeten habe, zu suchen«, erwidert Claudia kreidebleich.

»Richtig, jetzt wo du es sagst. Der Name kam mir gleich so bekannt vor.«

»Glaubst du, dass sie hier ist … oder dass sie gar die Tote ist?«, erschaudert es Claudia.

Peter schaut in den tadellos aufgeräumten Innenraum des Wagens. Nicht einmal eine Packung Taschentücher ist zu sehen. Er blinzelt durch die Heckscheibe. Weil die Heckablage fehlt, hat er freie Sicht in den Gepäckraum, wo eine Reisetasche steht.

»Entweder sie ist am Abreisen oder sie hat nie ausgepackt«, schlussfolgert Peter pragmatisch. »Dann werden wir eben den Pfarrer befragen. Komm, die Messe ist soeben zu Ende.«

Als sie um die Ecke biegen, steht der Geistliche am Kirchentor und verabschiedet die Gläubigen. Spendet den Trauergästen zusätzlichen Trost. Nach dem letzten Besucher schließt er eine Seite des schweren Tores.

»Herr Pfarrer. Kann ich Sie bitte sprechen?«

»Ja, gerne. Kennen wir uns?«

»Nein, noch nicht. Ich bin Peter Holzinger. Kriminalpolizei.«

»Pfarrer Joseph Moser. Kriminalpolizei sagten Sie? Was führt Sie zu mir?«

»Ist Frau Steiger bei Ihnen?«

»Nein. Wieso? Ist ihr etwas zugestoßen? Ich sollte sie heute abholen«, erwidert der Geistliche sichtlich irritiert.

»Von wo abholen?«, will Peter wissen, ohne auf die Frage einzugehen.

»Vom Berghof. Sie verbringt ihr Wochenende am Bergsee«, gibt der Pfarrer bereitwillig Auskunft, und hofft, auf diese Weise mehr zu erfahren.

»Sind Sie sicher?«, hakt der Kommissar nach.

»Ja. Ganz sicher. Ich habe sie selbst hinaufgefahren.«

»Mit dem schwarzen Audi, der hinten vor dem Pfarrhaus steht?«, lässt Holzinger nicht locker.

»Ja, sie kam zu mir und dann habe ich sie mit ihrem Wagen zum Berghof gefahren.«

»Ohne Gepäck?«

»Wieso ohne Gepäck? Ich verstehe Ihre Frage nicht.« Das detaillierte Nachfragen des Kriminalbeamten verwirrt den Pfarrer immer mehr.

»Hatte sie Gepäck dabei?«, bohrt Peter weiter.

»Jetzt, wo Sie fragen: Nein, ich habe kein Gepäck gesehen.«

»Könne Sie mir erklären, warum ein Koffer in ihrem Fahrzeug liegt? Wenn man vorhat zu übernachten, dann hat man auch Gepäck dabei.«

»In ihrem Auto befindet sich eine Reisetasche? Ihr Wagen steht hinter dem Haus … «

»Ja, habe ich gesehen. Das Beste wäre, wenn wir ins Pfarrhaus gehen, damit wir uns ungestört unterhalten können.«

Verwirrt bittet ihn der Priester, ihm ins Gebäude zu folgen. Während sie eintreten, spuken hunderte Gedanken durch Josephs Kopf. Böse Vorahnungen breiten sich in ihm wie dichte Nebelschwaden aus.

»Einen Augenblick bitte, ich ziehe nur mein Messgewand aus. Nehmen Sie inzwischen Platz.«

Während Peter sich auf den Fauteuil nieder lässt, bleibt Claudia schweigend an der Tür stehen. Er blickt sich um und entdeckt ein gerahmtes Zertifikat an der Wand hängen; ›Dr. Joseph Moser. Doktor der Psychiatrie‹. Ausgestellt von der berühmten Freud Universität.

»Herr Pfarrer, erzählen Sie vom Freitag und von Frau Steiger«, fordert der Kommissar den Geistlichen auf.

»Können Sie mir nicht vorher sagen, warum das für Sie von solcher Wichtigkeit ist? Ist Frau Steiger etwas zugestoßen? Ich konnte sie gestern nicht erreichen.«

»Wann haben Sie Frau Steiger das letzte Mal gesehen?«

»Das war so gegen sechzehn, siebzehn Uhr am Freitag. Nachmittags, oben am Seeblick.«

»Was haben Sie dort gemacht? Wieso waren Sie oben?«

»Frau Steiger wollte einen Ausflug machen. Es war ihr Vorschlag. Als wir uns am Seeblick oben unterhielten, erreichte mich ein Notruf. Ich musste umgehend zurück ins Tal, um das Sakrament der Krankensalbung zu spenden. Die Trauergäste haben Sie ja vorhin gesehen«, antwortet der Pfarrer wahrheitsgemäß, noch immer hoffend, dass sich seine schlimmen Befürchtungen als Irrtum herausstellen würden.

»In welcher Beziehung stehen Sie zu Frau Steiger?«

»Ich bin ein langjähriger Freund. Sie besucht mich seit Jahrzehnten. Drei-, viermal pro Jahr. Wir telefonieren auch jede Woche miteinander. Sie ist meine beste Freundin.«

»Langsam, langsam. Beginnen wir nochmals von vorne. Sie kam also am Freitag zu ihnen … «

»Ja. Sie kam unerwartet zu mir. Wir wollten uns eigentlich erst am Samstag im Berghof treffen. Sie war außer sich.«

»Außer sich, wie meinen Sie das?«, hakt der Kriminalbeamte nach.

»Wie man eben ›außer sich‹ nur sein kann. Sie verriet mir den Grund nicht. Sie wirkte verstört. Maria schien ein Geheimnis mit sich herumzutragen, von dem sie mir nie berichtete. Ich habe sie mehrmals gefragt. Aber ohne Erfolg. Sie erwähnte, dass sie von diesen Gedanken erlöst werden wollte. Ich sagte ihr, solange sie mir nicht erzählt, wovon sie sich Erlösung erhoffte, kann ich ihr nicht helfen.«

»Meinen Sie jetzt, sie kam öfter verstört zu Ihnen, oder nur gestern?«

»Öfters. Sie kam immer, wenn sie mit jemand reden musste. Und dieser jemand bin ich! Können Sie mir bitte sagen, warum Sie das interessiert? Worauf das hinausläuft?«, fragt ihn Joseph enerviert.

»Erzählen Sie mehr. Worüber haben sie sich immer im Detail unterhalten?«, bohrt Peter tiefer, ohne auf die Fragen einzugehen.

»Wie gesagt: Sie kam aufgelöst am Freitag zu mir. Ich fuhr sie mit ihrem Wagen zum Bergsee. Dann sind wir weiter, zum Seeblick hinauf und dort gab sie mir ihre Autoschlüssel, damit ich zurück ins Dorf fahren konnte. Ich sollte sie heute am Nachmittag wieder treffen und ihr den Wagen übergeben. Viel mehr kann und vor allem darf ich Ihnen nicht sagen. Damit sie das verstehen: Ich bin Marias Beichtvater. Alles, was sie mir anvertraut hat, unterliegt dem Beichtgeheimnis. Ich darf es nicht brechen«, setzt der Pfarrer resignierend fort.

»Auch nicht, wenn es sich dabei um einen Toten handelt?«

»Sie wollen doch nicht behaupten, dass es sich bei der Toten vom Bergsee um Maria handelt!?«, schlussfolgert der Priester mit zögerlicher Stimme.

»Wir wissen noch nichts Genaues. Es ist sehr wahrscheinlich.«

»Um Gotteswillen, was ist ihr zugestoßen?«, fragt der Pfarrer sichtlich betroffen.

»Woher wissen Sie von einer Toten am Bergsee?«

»Das hat gestern am Abend die Runde im Dorf gemacht. Die Einsatzwagen waren nicht zu übersehen.«

»Und wann haben Sie davon erfahren?«

»Vorhin, vor der Messe, hat man es mir erzählt.«

»Und da haben Sie nicht an Frau Steiger gedacht?«

»Nein, habe ich nicht. Und wenn, dann nur unbewusst. Es kam mir nicht in den Sinn, denn Maria hat oft ein komplettes Wochenende im Berghof verbracht und wir haben uns nur an einem Nachmittag getroffen. Sie genoss es, für sich alleine zu sein, um Kraft tanken zu können.«

»Eine Frage noch: Haben Sie sich gestritten, oben am Seeblick?«

»Nein, wieso? Maria und ich haben uns nie gestritten … «, antwortet der Geistliche empört.

»Ist sonst etwas Außergewöhnliches dort oben vorgefallen?«

»Nein, außer dass Maria einmal zu nahe an den Abgrund herangetreten ist, und ich sie zurückzog. Nein – es war nichts Auffälliges.«

»Haben Sie Bergschuhe getragen?«

»Ja, vor dem Aufstieg habe ich die Schuhe in der Sakristei des Kirchleins gewechselt. Der Weg hinauf ist steinig und steil.«

»Verstehe«, sagt Peter und schaut sich um. In der Ecke, neben der Türe erblickt er ein Paar Wanderschuhe. Er schält sich aus dem Lehnsessel und greift nach den Schuhen. Auf der Außenseite liest er: Salomon Trek II. Im Inneren, auf der Sohle ist eine goldene 44 in einem Kreis eingeprägt.

»Haben Sie diese hier vorgestern getragen?«, wendet er sich an den Pfarrer, während er das Paar Wanderschuhe in seine Richtung hält.

»Ja, das sind meine Schuhe, die ich bei der Wanderung mit Maria getragen habe.«

Peter stellt das Schuhwerk zurück. »Danke Herr Pfarrer, das war es fürs Erste. Ich darf mich doch bei Ihnen melden, wenn ich Fragen habe?«

»Jederzeit«, antwortet der Pfarrer, der eine Visitenkarte aus seinem Portmonee fingert und sie Holzinger reicht. Der Kommissar wirft einen Blick darauf. ›DDr. Joseph Moser‹, liest er und fragt:

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