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Wiglaf Droste
Auf sie mit Idyll
Die schöne Welt der Musenwunder
Mit einer Gastgeschichte von
Rayk Wieland
FUEGO
für H.
Jesus und die Lärmbolde
Ostersamstag war Anbaden, im Großen Zermittensee, nordwestlich von Rheinsberg. Ein erster Versuch, im Großen Patschsee schwimmen zu gehen, war wenige Stunden zuvor gescheitert; der Patschsee ist moorig und modrig, bis tief über die Knie war ich in schwarzen Schlick eingesunken. Kein angenehmes Gefühl, in glibschigem Schmadder zu stehen, und die Sumpf- und Faulgase, die aus dem schmandigen Untergrund aufstiegen, ließen die Phantasie erst recht in unschöne Gefilde schweifen. Was oder wer dort unten wohl alles lag? Wasserleichen? Ertrunkene und Hingemeuchelte aus sieben Jahrhunderten? Mich schauderte; ich sah zu, dass ich Land gewann und machte, unter dem fröhlich entenschnattrigen Gelächter meiner Liebsten, dass ich aus dem Wasser kam.
Die Schrecken, die sich aus der Vorstellungskraft speisen, waren vergessen, als wir in den Zermittensee glitten. Kühl war es, erquickend, und dann bald kneifend kalt – aber endlich war die persönliche Badesaison eröffnet. Das erste Bad des Jahres in einem freien Gewässer ist immer etwas Besonderes – eine Taufe ohne christliches Gedöns, eine Verheißung des Sommers und eines freien, ungezwungenen Lebens. Auf zwei frisch erworbenen Diamant-Rädern zischten wir durch Wald und Flur retour nach Rheinsberg, den Fischen entgegen, die just für uns aus dem Wasser gezogen worden waren:
Maräne, Aal und Zander,
legt euch zueinander!
Macht ruhig etwas schneller,
ja, kommt auf diesen Teller!
So saßen wir in der Abendsonne und ließen’s uns wohl sein wie im Grimmschen Märchen. Die Feiertage hatten Touristen ins Städtchen gespült, die Gastronomen zeigten sich vorbereitet und hatten ihre Angebote mit Kreide auf große Tafeln geschrieben. Mancher Offerte waren die Worte »Für unsere Senioren« vorangestellt – das Wort »unsere« hat in diesem Zusammenhang einen etwas herabsetzenden Klang: als erwarte man entmündigungsreife Rollatorengeschwader, die es abzufüttern und anschließend zügig zurück ins Heim zu schicken gilt.
Zwar umhüllt den Touristen als solchen oft etwas Dämmriges, wenn er, in Gruppe oder Tross, herumtrottelt und die Welt mit sich vollmacht und verstopft. Doch tritt gerade der Seniortourist bevorzugt demonstrativ sportlich auf, um seine Hinfälligkeit nicht nur vor den anderen, sondern besonders vor sich selbst zu verbergen. Dutzendfach kann man an einem Wochenende jugendlich sportiv gewandete Fitnessrentner auf Hochleistungsrädern herumjagen sehen. Knotenwadig lassen sie die Kränze ihrer Kettenschaltungen knacken und zeigen eine hochtrainierte Virilität vor, die niemand mehr von ihnen möchte, auch nicht geschenkt.
Doch die christlichen Feiertage haben auch ihre guten Seiten. Zwar tobt das Reisebusunwesen, andere Quellen der Unbill aber versiegen zumindest temporär. Bauarbeiter, also Trommelfellterror verbreitende Lärmlinge, müssen feiertags innehalten.
Bauarbeiter sind die Helden von vier- bis sechsjährigen Jungs, eben weil sie lärmen und Krach machen können, wie es ihnen gefällt, und weil ihnen dazu sämtliche Folterwerkzeuge zur Verfügung stehen. Wer auf dem Entwicklungsstand eines Vier- bis Sechsjährigen hängen bleibt, wird dann idealerweise selbst Bauarbeiter; so kann er sich Tag für Tag eine Freude machen.
Jede Frau weiß, wie anstrengend und nervtötend baggernde Männer sind; sie machen so viel Wind und Geräusch, sie drücken auf die Tube und geben keine Ruhe. Bauarbeiter aber, die mit einem veritablen Bagger herumbaggern, ziehen nicht nur das weibliche Geschlecht in Mitleidenschaft, sondern unisono alle. Dem akustischen Schrecken fügen sie optischen hinzu, indem sie in Sichtweite anderer ihre Dixi-Toiletten aufstellen, zu denen sie dann ihre Maurerdekolletees schleppen, von deren Existenz sie andere so gern in Kenntnis setzen.
Unter den Bauarbeitern nimmt der Gerüstbauer eine gesonderte Stellung ein. Er ist noch zeigefreudiger als seine Kollegen; wenn er auf dem Gerüst herumturnt, muss jede und jeder ihn sehen, ihn und seine Prachtpakete, und damit auch alle zusammenzuckend hinschauen, schmeißt der Gerüstbauer sein Gestänge durch die Welt und lässt es scheppernd herniederkrachen.
Es kam der Tag, an dem sie mich mit dem Rücken zur Wand hatten. Von allen vier Seiten war das Haus eingerüstet, unten wurden die Fundamente freigelegt, zu welchem Zwecke Metallverblendungen weggeflext werden mussten, und eine weitere Abordnung von Krachschlägern kletterte aufs Dach, um mir von oben zu kommen, denn der Augenblick schien gut gewählt, auch im Kamin einmal nach dem Rechten zu sehen und auch dort gleichermaßen sinnfern wie geräuschvoll herumzumocheln. Die Kräfte, die ich hatte aufbringen können, um meine Trommelfelle von innen zu verstülpen, waren versiegt. Ich griff zur Waffe des Dichters und schrieb den Satz »Der Gerüstbauer ist ein Irrtum der Evolution« auf ein Blatt Papier, das am Gerüst hing. Und wartete ab.
Nach nur fünf Tagen hatten die Fachleute für das Ohrenbohren sich offenbar durch den Text hindurchgefriemelt und rückten an. Es klingelte; eine Abordnung Gerüstbauer stand in der Tür, vier Mann breit und hoch, allesamt ordentliche Kanten und Humpen. Ihr Anführer zeigte auf das Papier am Gerüst und sprach im zarten Argot der Brandenburger: »Watt soll’n ditte?«
Sagenhaft, dachte ich; der Gerüstbauer kennt das Wort Evolution und seine Bedeutung, hat sich jedoch entschlossen, nicht an ihr teilzunehmen. Das aber sagte ich nicht, sondern äußerte mich eher allgemein über Arbeit, die Lärm erzeugt und solche, die bei Lärm zu verrichten unmöglich ist.
Beiderseits unbeschadet gingen die Gerüstbauer und ich auseinander, und in der folgenden Zeit zeigte ich mich hochgeradig sensibilisiert für das Leben der Gerüstbauer. Ich entdeckte eine Brandenburger Gerüstbaufirma mit dem Namen »Peiniger Rö Ro« – wobei »Rö« und »Ro« allerdings nicht für Röhren und Rohre steht, sondern für röhrende Rohheit. Der aber hin und wieder Grenzen gesetzt werden: Zu Ostern müssen selbst Gerüstbauer schweigen. So gesehen ist Jesus nicht völlig umsonst gestorben.
Schon am Dienstag nach Ostern allerdings traten sie samt und sonders wieder an, die Lärmbolde und Dixi-Toilettisten. In meinem Herzen und in der Natur habe ich einen Platz für sie gefunden: den Großen Patschsee. Das Hohe Lied des Moores will ich singen. Erst wenn der letzte Bauarbeiter und der letzte Gerüstbauer Heimat genommen haben im tiefen, modrigen Grund, werden wir mit Friedrich Schiller sagen können: Das Moor hat seine Schuldigkeit getan, das Moor kann gehen.
P.S. In einer ersten Fassung hatte ich das Zitat von Mohr und Schuldigkeit noch William Shakespeare und seinem Drama »Othello« zugeschrieben. Es stammt aber aus Friedrich Schillers »Verschwörung des Fiesco« – von dessen Existenz ich nicht einmal Kenntnis hatte und mit »Fiesco« auch gar nichts assoziierte; allenfalls hätte ich es für ein verzichtbares Produkt des gleichfalls überflüssigen Autoherstellers Ford gehalten. So ist das mit den Bildungsdebatten in Deutschland: Der Anwurf gegen andere, ihre Bildung sei mangelhaft, fällt immer auf den Anwerfenden selbst zurück, und der steht dann da wie ein begossener Gerüstbauer.
P.P.S. Eine Blende zum glücklichen Ende: Mit Hilfe eines Freundes gelang es mir, die abscheuliche Dixi-Toilette aus meiner Optik zu entfernen. Eines Nachts drangen wir auf das Gelände der Baustelle ein, packten das blaue Ungetüm, vandalierten es jedoch nicht, sondern trugen es hinfort und versorgten es hinter einen Mauervorsprung. Und während wir das taten, sangen wir ein altes Lied: »The night they drove Old Dixi(e) down…«
Später, als wir den Sieg über optische wie olfaktorische Niedertacht mit einem starken Rouge feierten, erklärten wir uns auch die Herkunft des Wortes »Dixi-Toilette«; ersonnen wurde die optische und olfaktorische Grausamkeit beim Dixieland-Festival in Dresden, von drei Herren in Lederwesten, die schon ihr Lebtag Zwangsfrohsinn mit Musik verwechselten und auf der Suche waren nach etwas, das zu ihnen und ihrer Mucke passte, das ihnen Abbild und Sinbild zugleich war. Dixi – da hatten sie es. Bebop-Toiletten heißen die Stinkbuden schließlich nicht.
Restgast in der Ochsenreuse
Schöner sprechen mit Scrabble
Dass Zahlen nicht nur zum Rechnen taugen, sondern auch bestens zum Spielen geeignet sind, weiß man von Goethe genauso wie von Astrid Lindgren. »Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune«, singt Pippi Langstrumpf, und auch im »Hexen-Einmaleins« geht es arithmetisch ziemlich strubbelig zu: »Aus eins mach zehn, und zwei lass gehn, und drei mach gleich, so bist du reich (…) und neun ist eins, und zehn ist keins.« Das mag der Taschenrechnersorte Mensch nicht korrekt erscheinen, doch der magische Mehrwert ist unbestreitbar.
Ich schlenkerte durch Leipzig und gab dem Zahlenteufel Auslauf. Halblaut rechnete ich vor mich hin: »Leipzig ist eine ganz erstaunliche Stadt. Sie hat 500 000 Einwohner, und nur zwei Millionen von ihnen sind Helden.« Das geschah am 9. Oktober 2009. Vier Wochen lang zählten die Leipziger die Rechnung mit den Fingern nach: »Hümmsendrümmsen … 500 000 minus zwei Millionen … zehn im Sinn … einen runtergeholt … nichts im Sinn … Also wie jetzt …?«
Als sie drauf kamen, nahmen sie’s mir übel. Sodass ich am 9. November lieber nach Berlin ausbüxte – wo am Brandenburger Tor Domino gespielt wurde: Kippende Dominosteine sollten den Fall der Mauer symbolisieren. Ach du grüne Neune; warum nicht gleich Mau-Mau für Mauerspechte? Ich sah den Jubelberlinern bei ihren olympisch infantilen Spielen zu und rechnete kühl: »Der 9. November 1989 war das Nine-eleven der Deutschen. Sie haben es nur noch nicht gemerkt.«
Das mochten die Berliner nicht hören; ich machte, dass ich fortkam, und dachte über weniger gefährliches Spielzeug nach. Schön sollte es allerdings auch sein. Vielleicht sind Buchstaben harmloser als Zahlen? Man muss ja nicht das Gestammel aus den Zeitungen mühsam ins Deutsche buchstabieren, man kann doch Schabernack damit treiben, al gusto beziehungsweise al gut so.
Zu diesem Zweck ist mitunter ein Spiel mit dem englischen Namen ›Scrabble‹ hilfreich. Wenn ich meine Eltern besuche, ist es nur eine Frage der Zeit, bis meine Mutter verkündet: »Scrabble ist für alte Damen / eines von den schönsten Dramen.« Dann kommen das Brett und der Beutel mit den Buchstabenplättchen auf den Tisch, und los geht es.
Das heißt, es könnte losgehen, wenn Mutter nicht Mutter wäre. Mutter spielt fürchterlich, sie will immer gewinnen, unbedingt. Hat das Spiel begonnen, kuckt sie kniepig – und verzögert. Zaudernd wandert ihr Blick von den gezogenen Buchstaben aufs Spielfeld, wendet sich dann nach innen und verjüngt sich ins Tragödische. Zwischen den Ohren springt die Rechenmaschine an und rattert fast hörbar, die Lippen schmackern beim Durchzählen der Buchstaben- und Wortwerte, der Kopf wiegt beim Wägen von Für und Wider auf und ab und pendelt hin und her. »Komm, erstes Wort«, drängele ich und drohe: »Sonst lege ich gleich WACKELDACKEL.«
»Das kannst du gar nicht«, erwidert Mutter und schenkt mir den bösen Blick, der mir dafür ja auch zukommt. »Viel zu viele Buchstaben«, sagt sie noch spitz – und entscheidet sich aber endlich, ein erstes Wort zu legen. Mit einem Blick, in dem sie alle Vergeblichkeit von Welt und Sein zu einen weiß, legt sie es aus, obwohl es ihr nicht viele Punkte einbringt: REST. Ist es der Rest, den sie mir mit ihrem Zögern schon vor dem ersten Spielzug beinahe gegeben hätte? Nein, dieser Rest ist prima, denn ich kann ihn zu RESTGAST ergänzen.
»Restgast?«, fragt Mutter streng. »Was soll das sein?« – »Na, der zähe Restgast, der Gottseibeiuns der Gastronomie«, erkläre ich. »Der Kerl, der nachts um drei noch am Tresen hängt und partout nicht gehen will. Das ist der Restgast.«
Mutter lässt das nicht gelten: »Das ist frei erfunden. Und außerdem steht Restgast garantiert nicht im Duden.« – »Duden, Duden, was willst duden?«, gebe ich albern zurück und frohlocke: »Aber im Gebetbuch steht es. Du kennst es selber: ›Komm, Herr Jesus, und sei unser Restgast …‹«
Mutter lächelt milde und ist kein bisschen überzeugt: »Nein, Restgast gibt es nicht.« Menno, denke ich und antworte entschlossen: »Scrabble heißt als Verb zwar kritzeln, krabbeln, kratzen, scharren, suchen, sich abmühen, sich plagen und abrackern, aber das muss hier doch keine mühsame Scharrerei werden. Ich schlage dir Folgendes vor: Ich darf den Restgast legen, aber die Punkte bekommst du. Dann hast du deine Additionstriumphe, und ich habe meinen Spaß.« Der Restgast gefällt Mutter zwar immer noch nicht, aber die Punkte …! Sie willigt ein.
Endlich also kann man spielen. Wo es MUSIK gibt, da gibt es auch KÄSMUSIK, wer hätte sie nicht schon selbst gehört und dann das Radio erschossen? Apropos: Wenn das Radio in den Nachrichten ganz ernsthaft Wörter wie »Wesentlichkeitsschwelle« ausspuckt, dann kann auf dem Scrabble-Tisch aus einem ASYL leicht ein ASYLCHRIST werden, da ist der Schaden vergleichsweise geringer und die dazugehörige Freude größer. Mutter stöhnt, schreibt sich aber mit gleichermaßen rollenden wie eben auch glitzernden Augen die Punkte gut.
Wo es TOFU gibt, da gibt es auch TOFUKNÄSTE, das ist ein anderes Wort für Veganläden, an denen »Veni, Vegi, Vici« steht. Das Bild eines Berliner Jungvaters schiebt sich vors Auge, der mit seinem zweijährigen Sohn nichts Schönes unternimmt, sondern ihm eine Diskussion aufdrückt: »Wollen wir im Veganladen Saft kaufen?« Die Reaktion des Zweijährigen ist erfreulich klar und kraftvoll: »Neiiiiin!«, schreit er – und meint damit den Veganladen genauso wie seinen charakterfernen Vater.
Zu dem allerdings Mutters OCHSEN gut passen, aus denen anschließend eine OCHSENREUSE wird; als Mutter die Brauen hochziehen will, erkläre ich schnell den Nutzen dieses Geräts: »Damit kann man Quälgeister wegfangen. Zum Beispiel die Puhdys, die passen da rein, alle in eine Ochsenreuse.«
Ich gebe zu, dass es sich bei den Puhdys mittlerweile um eine eher museale Belästigung handelt. Es gibt dergleichen mannigfach in jüngerer Ausführung; denken Sie nur einmal an den Mannheimer Wimmerschinken. Oder an die Zeilen »Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit …« Man fragt sich schon, in welcher psychischen Beschaffenheit junge Menschen unterwegs sind, die sich solch gehirngewaschen wolfgangschäublischsicherheitsarchitektonisch paranoiden Zeilen ausdenken, freiwillig anhören oder mitsingen: »Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit …« Wer wünscht sich da in den Seelenzustand der Sicherungsverwahrung hinein, und warum nur? Dass die Band »Silbermond«, deren Sängerin diese Zeile entquillt, aus Bautzen stammt, einer Stadt, die jahrzehntelang eine ganz eigene Definition von Sicherheit prägte, mag als Erklärung für ihr unwürdiges Betteln und Barmen nach Sicherheit vorläufig genügen.
Mutter kennt die Puhdys nicht, sie hat noch niemals etwas von diesen Leuten läuten gehört, geschweige denn ein Lied. Mutter hat es gut, denke ich, und sie findet das auch; sie hat schließlich haushoch gewonnen.
In der nächsten Partie wächst die MEISE zur ALTERSMEISE heran, die im ALTERSMEISENKASTEN ein Zuhause findet. Und wenn es ein ALTERSHEIM gibt, das im Beschönigungsjargon »Seniorenstift« genannt wird, dann muss es auch ein ALTERSHEIMKIND geben. Mutter sieht das ein und akzeptiert auch die Abkürzung für Intelligenzquotienten: I-K-U-H, IKUH. Und ist der Greis auch manchmal schlapp, es grast der Geist die Weide ab.
Die Tierwelt ist ohnehin bestens geeignet, um schöpferisch tätig zu werden. So kann aus einem menschlichen ollen MUFFEL eine MUFFELENTE werden, der ein MUFFELENTERICH beigegeben wird. Der WURM wird zum LINDWURM aus der Sage – der dann mit einer nur ein Feld entfernten PASTE zu LINDWURMIPASTE kombiniert wird, zu Lindwurmipaste aus Italien, die sehr gut zu GUMMIPASTA passt. Und wer sagt denn, dass es keine TAUMELAMÖBE gibt? Dass man sie nicht kennt, gilt nicht als Argument – auch nicht beim INTIMLURCH, unter dem man sich allerdings eher einen öligen Herrn aus dem Reich der Menschen vorstellt, der sicher gern bei einer JESUITENQUEEN vor Anker ginge.
Wer Kunde der POST ist, kennt auch POSTDEBILE, und wo geLUDERt wird, fallen JETLUDER. Ohne jede Menge POSTDEBILE JETLUDER gäbe es Zeitschriften wie Bunte, Focus, Gala oder Cicero nicht. Dass gegen HUSTEN die Einnahme von HUSTENSAFT hilft, fand Mutter fast schon langweilig – weshalb ich ihr mit einem MÖSENHUSTENSAFT eine Freude machen wollte. Als ihr das jedoch zu weit ging, erläuterte ich höchst seriös, dass gerade in der kalten Jahreszeit an zugigen Bus- und Straßenbahnhaltestellen unter Mänteln und Röcken ein Mösenhusten deutlich zu vernehmen sei – »öch-öch« –, den es mit ärztlicher und pharmazeutischer Kunst zu lindern gelte. Allein die gigantische Punktzahl konnte Mutters Widerstand aufweichen.
Als ich aber eine RUNKELRÜBE in RUNKELRÜBEINTIM wandelte, halfen mir keine Eloquenz und keine Lüge mehr weiter. Runkelrübe intim sei eine Fachzeitschrift für den Landwirt von Welt, beteuerte ich zwar noch, sie, Mutter, solle nur einmal »Bauer sucht Frau« anschauen, da werde das Blatt beworben. Doch Mutter ließ sich nicht länger foppen. »Von so was verstehst du nichts«, beschied sie kategorisch. »Du hast doch gar keinen Fernseher.«
Treffer, versenkt. »Bauer sucht Frau« war ein Fehler. Es ist allein meine Schuld, dass die Zeitschrift Runkelrübe intim niemals das Licht dieser Welt erblicken wird.
Die Renaissance der Raucherecke
Am späteren Abend gleitet man durch die Stadt, magnetisch magisch schimmern Mond und Sterne, da und dort leuchtet eine Straßenlaterne, deren Widerschein zusätzliches Restlicht auf den Asphalt wirft. Weit sind Blick und Herz; man fühlt jenen spezifischen Trost, den nur die steinernen Städte spenden können. Den kühnen, klaren Linienwurf der Straßen möchte man auskosten und genießen – doch halt, was ist das? Die geraden Fronten der Häuser haben unförmige Ausstülpungen bekommen. Oder kleben Kokons an den Fassaden, wie gewaltige Spinnenbäuche, in denen Glühwürmchen wabern?
Tritt man näher, riecht man, was man sieht: Raucher, Raucher im Rudel, vor Häusern zusammengepulkt. Gastwirtschaften sind es zumeist, in deren Nähe Rauchende lungern. Dafür hat kein Städtebauer Straßenzüge und Trottoirs erdacht, dass Knäuel und Haufen die Blickachsen verstopfen.
Nota bene: Es ist nicht das Rauchen, das stört; es sind die Klumpen, zu denen die Rauchenden sich ballen. Selig und gepriesen oder doch wenigstens unkritisiert sei und bleibe der Einzelraucher. Aber alles, das den Menschen dazu bringt, als amorphe Masse aufzutreten, macht ihn zu einer Last für die Welt. Den Schrecken sportiver Massenveranstaltungen und der öffentlichen Religionsausübung ist nun auch noch das Draußenrauchen hinzugefügt.
Rauchen ist keine Angelegenheit der Gesundheit, sondern eine der Ästhetik. Bei manchen Menschen sieht es unniederringbar gut aus, wenn sie rauchen. Humphrey Bogart und Lauren Bacall wären auch ohne ihre Filterlosen astrein gewesen – aber erst rauchend wurden sie Ikonen. Wie hinreißend war es, Peter Hacks ein Flüppchen nach dem anderen in seine Zigarettenspitze hineindrehen und ihn daran saugen zu sehen. Nicht allein, dass die Nikotinzufuhr seinen Geist sichtlich und hörbar scharf hielt, nahm mich für das Rauchen des Dichters ein; es war auch die Geste, mit der Glut der Zigarette in das Dunkel der Welt hinein zu leuchten.
Jede Zigarette, die Marlene Dietrich im Film rauchte, ist bis heute ein Gegengift, mit dem man gesundheitsschluffige Wellness-Tanten und das ihnen innewohnende Anödungspotential erfolgreich vertreiben kann. Ich kenne Frauen, die aus Protest gegen den Gesundheitsterror sogar während der Schwangerschaft mit einer allerdings nicht angezündeten Zigarette im Mundwinkel auf die Straße gehen, um zu demonstrieren, dass sie nicht bereit oder gewillt sind, von der Frau zum volksgesunden Muttertier herabzusinken. Werden sie mit aggressiven Blicken und Worten bedacht, und, o ja, das werden sie, kontern sie so kühl wie zuckersüß, sie rauchten ja gar nicht, sondern hielten sich nur bereit für die erste Zigarette »danach«. (Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen in dem Aberglauben leben, Schwangere oder Frauen mit Kleinkindern dürften von jedermann angesprochen, belehrt und sogar angefasst werden, und die Frauen hätten das auch noch gern.)
Ich rauche so gut wie gar nicht, doch der Satz »Ich bin Nichtraucher!« käme mir nie über die Lippen. Das hat so etwas pedantisch Auftrumpfendes und präpotent nachdrücklich auf sich selbst Stolzes: »Ich bin Nichtraucher.« Ist Nichtrauchen ein Beruf? Oder bittet der Satz um Vergebung dafür, dass sein Sprecher sonst nichts kann? Warum sich mit einer Sache brüsten, die man nicht tut oder nicht beherrscht?
Doch auch Raucher geben Rätsel auf. Wenn man schon raucht – warum dann so etwas wie »Lord Ultra«? Nikotinfrei rauchen ist wie onanieren mit Kondom. Dass solche Verneinungen von Zigaretten nach abgebranntem Papiertaschentuch schmecken, kann jeder riechen, der in die Nähe eines light paffenden Rauchersimulanten gerät. Die paar Zigärrchen im Jahr, die ich mir gönne, halten mit ihrem erdigen Wumms die Erinnerung an Kuba wach. Und enthalten pro Dömmel auf einen Schlag soviel schöne Dröhnsubstanz wie vier Schachteln hastig und genusslos weggesogener Pseudozichten. Anderntags gilt dann wieder: Der Atemweg ist das Ziel.
Selbstverständlich ist bei Rauchern oft Sucht im Spiel; viele möchten nicht rauchen, müssen es aber tun, weil sie es ihrem Stoffwechsel und ihren Nerven einstmals beigebracht haben und sich nicht neu programmieren können. Einen sah ich, der hatte solchen Schmacht, dass er sich sein Nikotinpflaster von der Glatze riss, es zusammenrollte und aufrauchte. Denn es geht ja nicht nur um die bloße Aufnahme des ersehnten und dringend benötigten Stoffs, sondern auch um die orale Befriedigung des Jiepers.
Diese Befriedigung vollzieht sich nicht mehr privat oder im anheimelnden Milieu eines schönen Lokals, sondern schrappig draußen. Sodass es auf der Straße nicht nur schal und kneipig riecht, sondern vor allem unwürdig aussieht. Besonders arg ist es im Winter, wenn permanent auf und zu klappende Türen es ziehen lassen wie Hechtsuppe und die nach dem Stoß- und Zwangsrauchen wieder ins Innere zurück diffundierenden Draußenraucher den Hautgout von nassem Hund mitbringen, der in ihren Mänteln klebt und ihren Mündern entströmt. Lieber sollen sie drinnen sitzen und quarzen, wie sie es müssen. Dann könnte man, wenn es einem nicht passte, wenigstens selber hinausgehen – an eine frische Luft, wie es sie noch gab, bevor die Nichtraucherschutzverordnung in die Welt kam. Dort aber, draußen, herrscht unterdessen der Schrecken der Raucherecken: der gesellige Gestank.
Rauchen ist mir ziemlich egal; ich mag nur nicht, wenn draußen pflichtgeraucht wird. Draußen kann man nicht lüften, denn draußen ist ja schon draußen.
Drinnen soll meinetwegen alles beraucht werden: Mann, Frau, Hund oder anderes Hausgetier, und bitte auch die Zimmerpflanze nicht vergessen. Für Kinder aber gilt die alte Eltern-, Pastoren- und Pädagogenregel:
Kinder darf man schlagen, quälen und missbrauchen.
Doch niemals darf man, wo ein Kind ist, rauchen.
Dies gebietet schon der Humanismus.
Nur wer selber kreuzigt, lebt in Christus.
Jesus aber, der erst auf Golgatha von seinen Folterern und Mördern zum Christus gemacht wurde, zum Gekreuzigten, Jesus hätte geraucht – jedenfalls so lange er noch eine Hand frei hatte.
Auch literaturhistorisch trägt die absurde Draußenrauchverordnung peinliche und rückschrittliche Züge – setzt sie doch den pathetischen Nachkriegsdichter Wolfgang Borchert wieder ins Recht:
Ist es nicht schön, wenn man den Abend durch hat
und nur noch fragt: zu dir oder zu mir?
Doch alle Raucher heißen Wolfgang Borchert
denn sie stehen draußen vor der Tür…
Happy bei »Happi-Happi«
Sie heißen »Futterluke«, »Brutzel-Baude«, »Bei Mampf-Fred« oder »Plocken-Otto«. Appetitanregend klingt das nicht, und doch sind die Imbissbuden des Landes gut besucht. Am Geruch, den sie üblicherweise weiträumig abstrahlen und ausdünsten, kann das auch nicht liegen – es sei denn, der Besucher liebte die Vorstellung, als nicht nur kurz mümmelndes, sondern ewig müffelndes Mufflon zu leben. Was macht die Grillstation attraktiv? Warum sieht man so viele Männer hartnäckig an der Imbissbude stehen? Was treibt sie an, wer treibt sie dorthin? Sind sie unbehaust? Werden sie von Einsamkeit ausgehöhlt, diesem bösen Tier, vor dem sie in die Geselligkeit der Frittenbude fliehen?
Vielleicht liegt die sirenenhafte Verlockungskraft der Bude aber im Gegenteil auch darin, dass sie nur ein ambulantes Zuhause bietet und nicht ein stationäres – in das so viele sich unbedacht selbst eingeliefert und abgekippt haben und aus dem sie, sobald die Erkenntnis ihrer Lage ihnen zuteil wurde, zu entweichen trachten? Nestflüchter sind viele unterwegs, vorwärts getrieben vom dringenden, oft lange aufgestauten Wunsch, dem allzu trauten Heim zu enteilen, sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet. Und wie auch nicht? Der Bäcker bietet ein »Brot des Monats« an und hat ihm einen Namen gegeben: »Familienkruste«. Wer bei diesem bösen Wort mit F nicht Schrecken fühlt noch den Wunsch zu gehen, der fühlt nichts mehr, der hat es hinter sich. Familienkruste, das ist härter, als Kruppstahl je war oder sein könnte und gibt dem Menschen erst die Beine in die Hand.
Mancher flieht auch vor aggressiver kulinarischer Aufrüstung in die Einfachheit der Imbisswelt. Beim Kaufhallenhöker Rewe wird eine »Expedition Genuss« angedroht. Und was ist, wenn man einfach nur einkaufen möchte? Geht das noch, oder muss man dazu einen Tropenanzug anlegen? »Feine Welt« heißt »die neue Genuss-Marke« von Rewe; feilgehalten werden unter anderem Bio-Ravioli »für Besseresser«. Das klingt nicht nur nach antisozialer Kampfansage, das ist eine: »für Besseresser«. Da lassen ein paar gefüllte Nudeln die Muskeln spielen und führen sich auf wie die überdimensioniert dicken Autos Marke Omniprotz.
Die heiße Angeberluft kulinarischer Selbstaufblähung verströmt auch Jürgen Dollase. Was der einstige Krautrocker der Band Wallenstein für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über Küchenkultur und Kulinarik schreibt, endet noch stets als rhetorischer Krautwickel: »Es ist die reine Entmaterialisierung des Aromas, eine so leichte Textur, dass man von der Befreiung des Aromas von den Lasten der Textur reden könnte.« Könnte, wenn man wöllte; aber nicht jeder liebt Crème de Schwall – von der Jürgen Dollase genug für alle im Kopf hat. Da er ohne den Humus des Humors durchs Leben kommen muss, mündet seine Verbissenheitskulinarik in unfreiwillige Komik. In seinen Texten gibt Dollase der Welt Sprach- und Bedeutungsrätsel auf; als er allerdings im Januar 2010 in der FAZ »Grünkohls Lobgesang« anstimmte, lieferte er die Lösung gleich im ersten Satz mit: »Auf der Suche nach Ansatzpunkten für eine verbesserte Akzeptanz der regionalen und traditionellen Küche in Deutschland scheint es immer wieder ein fehlendes Glied zu geben.«
Nun weiß die Welt, was Jürgen quält,
Weil es Dollase immer fehlt.
Vor Grünkohl mit feinem Pinkel nimmt man gern Reißaus. Und landet, wenn man Pech hat, bei Johann Lafer. Im Verein mit der Porzellanfirma Villeroy & Boch heckte Lafer das Wortspiel »Essthetik« aus – mit »E« und Doppel-«s« – »Essthetik«. Allein dafür wird er dereinst in der Wortspielhölle schmoren und köcheln – langsam und qualvoll, versteht sich. Jedesmal, wenn ich den Werbeständer Lafer ein Schaufenster vollgrinsen sehe, fällt mir eine Liedzeile des Sängers Danny Dziuk ein:
»Und das Klo, zu dem ich kroch
War von Villeroy und Boch.«
Gibt es eine Kulinarik ohne geschwätzige Mitesser, ohne Prahlwerbung und ohne Sprachverrenkungen? Vielleicht in der freien Wildbahn, draußen, auf der Straße? Am Bahnhof liegt Angebot neben Angebot, eins am anderen, und sie alle verbinden sich zu einer olfaktorischen Kakophonie, die sämtliche mannigfach vorhandenen Schrecken der optischen, architektonischen und akustischen Vergehen noch steigert. Verschiedenste Gestänke brennen sich in die gequälten Nüstern; man sieht Nahrungsersatzstoffkonsumenten mit konvulsivisch zuckenden Bewegungen. Ob sie im Stehen oder Gehen etwas in ihren abgeknickten, vorn aufgeklappten Kopf hinein oder es schon wieder aus ihm herauswürgen oder sogar beides auf einmal, bleibt unersichtlich; geschmacklich macht es ohnehin keinen Unterschied.
So flieht man zu guter Letzt an die solitäre Bude, wo man die Welt schnell im Biss hat. Jahrelang war der »Happi-Happi-Grill« in Kassel mein Lieblingsimbiss; gern mischte ich mich unter die Besucherschaft und sah in vielen Gesichtern, was zu sehen ich erahnt hatte: das stille Glück, die Freuden der Regression, die erfüllte Sehnsucht nach einem Bewusstseinszustand, der mit den Worten Happi-Happi hinlänglich und zutreffend beschrieben ist.
Den »Happi-Happi-Grill« gibt es nicht mehr, und einen gleichwertigen Ersatz vermochte ich lange Zeit nicht zu finden. Eines Abends jedoch, als ich zu Fuß die Stadt Halle an der Saale durchmaß, sah ich ein Licht, nein: Ich sah DAS Licht, »I saw the Light«, wie Hank Williams es besang. Ich erkannte das Licht, es war eine Schrift, und die Schrift leuchtete durch das Dunkel der Welt: »don’t worry, be curry«.
Be happy bei happi-happi gab es nicht mehr, aber dieses war genauso gut: »don’t worry, be curry«. Es war ganz einfach: Man musste nur in den psychisch-seelisch-geistigen Bewusstseinszustand einer Currywurst gelangen, und schon war jede Sorge wie nie gehabt und nie gewesen. Ob man sich in diesen Zustand herab- oder heraufwurschteln musste, spielte keine Rolle, das war im Wortsinne wurst und nur eine Frage der Perspektive und der Selbsteinschätzung. Hauptsache, man kam dort an. Dann war alles gut.
Ich stand bei »don’t worry, be curry«, verzehrte eine Currywurst und wurde eins mit ihr. Ich sank ein in das Murmeln um mich her, niemand sprach zuviel oder zu laut, jeder war für sich, und alle zusammen waren eine Wolke auf Zeit. Imbissbude ist demokratisch und egalitär: Ob Mann oder Maus, hier bekommt jeder Flüchtling Asyl, hier darf jedes Würstchen Würstchen sein und Würstchen essen.
Man steht einfach nur da und muss nichts – nichts leisten, nichts tun, nichts sagen, nichts anhören. Es ist der Zustand der Seligkeit. Das absolut Verblüffende daran ist: Man muss dazu nicht einmal tot sein.
Mir fiel die massenmediale Inszenierung des Robert-Enke-Begräbnisses am 15. November 2009 ein. In welche Bereiche der Perversion möchte der »Öffentlichkeit« genannte, schamferne Dauerausverkaufshaufen aus Journaille und Publikum noch vordringen? Zunächst ging es ins Stadion, in die hannöversche »Mehr brutto, mehr netto«-Arena, direkt in die aggressive Depression, deren Hauptstadt Hannover ja schon lange vor Robert Enke war und es mit Repräsentationsgestalten wie den Scorpions, Heinz-Rudolf Kunze, Christian Wulff oder Lena auch zuverlässig bleibt.
Nach dem Freitod des Torhüters Enke am 10. November 2009 wurde auch die Frage laut: Darf man sich als Torwart einer Fußballnationalmannschaft eigentlich vor einen Regionalzug werfen? Ist das standesgemäß und ligagerecht?
Als »don’t worry, be curry«-Wurst oder -Wurstesser hat man solche Sorgen allerdings nicht.
Hätt‘ Robert Enke das gewusst
Er hätte nicht zum Zug gemusst:
Don’t worry, don’t worry, be curry
Don’t you worry, don’t you worry, just be curry
Von Schampelmännern und Bovisten
Eine Verneigung
Haben Sie es satt, Müller zu heißen, Meier oder Schulze? Möchten Sie nicht lieber ein filziger Milchling sein? Ein Flaschenstäubling? Ein grauer Wulstling? Ein striegeliger Rübling? Ein lila Dickfuß? Ein sparriger Schüppling? Ein Judasohr? Eine krause Glucke? Ein kegeliger Saftling? Eine Toten-Trompete? Ein duftender Leistling? Ein gemeiner Stinkschwindling? Oder ein niedliches Stockschwämmchen?
Dann müssen Sie nur auf Pilz umschulen und in den Wald ziehen, oder wenigstens in den Garten. Egal, was Sie vorher waren oder taten, Sie werden sich rasant verbessern und evolutionieren. Die Menschheit bildet Schwafelköpfe in Hülle und Fülle aus; als Pilz können Sie sich persönlich zum rauchblättrigen Schwefelkopf emanzipieren und damit auch noch den allgemeinen Fortschritt befördern. Haben Sie womöglich etwas bizarre sexuelle Neigungen? Kein Problem – als Riesenporling oder als Lacktrichterling werden Sie jede Menge Spaß bekommen, ohne gleich die Öffentlichkeit damit zu behelligen, die das schließlich nicht das Geringste angeht.
Die stille Zauberwelt der Pilze eröffnete sich mir im noch nicht schulpflichtigen Alter. Die kleinen Gnubbelmänner waren das Größte. Ohne mich zu schonen, drang ich in jede Schonung ein, kroch in jedes Dickicht, die Nase am duftenden Waldboden, zwischen Fichtennadeln, Buchenblättern oder im weichen Moos. Im Kindergarten hatte man uns etwas vom Paradies erzählt – hier war es. Pilze suchen war klasse; man musste keine blöden Sonntagssachen anziehen und durfte sich so schmutzig machen, wie man wollte. Es war ja für einen guten Zweck – nach einem Ausflug in den herbstlichen Wald sollte schon eine ordentliche Pilzmahlzeit zusammenkommen.
An der allerdings hatte ich keinen Anteil und beanspruchte auch keinen; essen wollte ich nichts von dem, was gefunden und im Pilzkorb gesammelt worden war, auf gar keinen Fall. Die einzigen Pilze, die ich zu dieser Zeit mochte, waren Champignons aus dem Glas oder aus der Dose. Warum nur? Sie hatten so gut wie gar keinen eigenen Geschmack. Der Kindermund war kulinarisch noch nicht entwickelt. Während die übrigen Familienmitglieder die selbstgesuchten, sorgsam geputzten und mit Butter, Knoblauch, Zwiebeln und Kräutern zubereiteten Pilze verspeisten, futterte ich glücklich gummige Schampelmänner aus der Büchse.
Plastikpilze als Lohn für frische Beute: Ich saß da wie ein Indianer, der die kostbarsten Felle und Pelze gegen dünne, schlecht gewebte Decken, bunte Glasperlen und anderen Plunder eintauschte. Das ging mir allerdings erst viel später auf, und vor allem wollte ich es ja so haben. Für den Abenteurer liegt der Zweck des Abenteuers allein im Abenteuer selbst. Er hat die Freude und das wilde Vergnügen, die Beute geht an andere. Den Reibach nehmen die Damen und Herren von der Rechenschieberfraktion wie selbstverständlich an sich, denn im Aufgehen kühlen Kalküls finden sie ihr Ergötzen an der Welt. Es kann die scheinbar naive, harmlose Pilzsuche dem Pilzsucher die Augen öffnen für jene Klassenverhältnisse, vor denen er doch, bewusst oder unbewusst, in die Wälder floh.
Mein Vater hatte den Ehrgeiz, jeden Pilz, den er als essbar klassifiziert hatte, anschließend auch tatsächlich zu essen. Ein gewisses Restrisiko nahm er dabei in Kauf; allerdings sollte für den Fall, dass er sich fatal geirrt haben könnte, nicht die gesamte Familie dahingerafft und ausgelöscht werden. Nur jeweils ein Eltern- und ein Kinderteil der Sippe durfte beziehungsweise musste sich über die gewagte Speise hermachen. So wurde auch der nackte Ritterling verspeist; Testesser waren mein Vater und mein älterer Bruder. Noch in derselben Nacht wand sich mein Vater in Leibschmerzen; deren Quell aber war, wie sich bald herausstellte, nur eine Entzündung des Blinddarms.
Was die Auffassung untermauerte, am Pilz selbst könne ja gar nichts Böses sein, denn der Pilz an sich ist gut. Wer in Knollenblätter-, Panther- oder Fliegenpilze hineinbeißt, kann nicht bei Trost sein. Das muss man doch nicht machen. Sichtbar giftig und wie geschminkt leuchten sie den Betrachter an und wispern wie der Wind in den Weiden:
»Ja komm her, dich meine ich,
komm zu mir, auf den Iss-mich-Strich …«
Auf englisch heißen die Giftlinge Toadstools: Krötenschemel. Wer ihren Einflüsterungen erliegt, dessen Leben ist allerdings keinen Pfifferling mehr wert. Für den wiederum gilt:
Der Pfifferling ist als Passion
eine kleine Sensation.
Die Archaik des Jagens und Sammelns geht ihrer Reize niemals verlustig; dieser Sucht hängt man ein Leben lang an. Mit geschärftem Pilzmesser und gleichfalls scharf gestelltem Pilzblick zieht der Suchende aus. Übermütig ruft er:
»Wo bist du,
Bovist du?«
– und setzt, weil der Bovist mal wieder stumm bleibt, sogar noch nach: »Schlagt die Bovisten, wo ihr sie trefft!« Sein Glück will der Waldgänger machen und also frohgemut nachschauen, ob Gott ihm seine rechte Gunst erweist, wie es im Lied heißt. Das Glück des durch die Natur hirschelnden Wanderers ist vielgestaltig, doch seine höchste Form ist das Auffinden des Steinpilzes. Herrenpilz mag ich ihn nicht nennen, das klingt wie von Herrenmenschen erdacht; unzweifelhaft aber ist der Steinpilz der König des Waldes. Boletus edulis ist sein lateinischer Name, die Verehrer dieser Majestät sind folgerichtig die Boletarier. Dass sie sich vereinen, kommt nur in Ausnahmefällen vor. In der Regel belauern sie einander mit scheelen Blicken und einer prall gefüllten Gallenblase im Herzen.
Freund Vincent Klink und ich durchstreiften ein Steinpilzrevier nahe Stuttgart, das sich schon oft von einer großzügigen, ergiebigen Seite gezeigt hatte. Auch diesmal wurden wir fündig. Wer den Steinpilz erblickt, den durchzuckt ein Freudestrahl, und er wird selbst zum Glückspilz. Wir knieten nieder; anders als kniend, hockend oder sich bückend ist dem Pilz nicht beizukommen, das hat er sauber eingefädelt. Hinter uns knackte der Wald, jäh trat ein Mann aus dem Dickicht. Er war groß, trug Funktionskleidung und eine Kiepe auf dem Rücken. Ein finsterer, missbilligender Ausdruck lag auf seinem Gesicht, das unheilvoll schimmerte wie die dunkle Seite des Mondes. Vor uns stand ein Pilzprofi – keiner, der mit dem Steinpilz tanzt, sondern das Erwerbsboletariat in seiner reinen Erscheinungsform.
Der Mann zog demonstrativ ein großes Messer, schaute herrisch auf die Pilze und sagte etwas in einem Argot mit turbokroatischer Anmutung. Wollte der im Ernst wegen einiger Pilze Krieg anfangen? Wir waren immerhin zu zweien, aber dass Hauen und Stechen nicht unser Metier ist, sah er uns wohl an. Die Steinpilze, vor denen wir uns niedergelassen hatten, nahmen wir noch mit; dann überließen wir das Terrain dem düsteren Messerling. Wir tauften ihn Herrn Grabschitsch; sein Gebaren lehrte uns, dass die Geschichte des Amselfeldes neu geschrieben werden muss. Wenn sich die Liebe zum Pilz in Beutegier wandelt, wird der Mensch zur Bestie.
Noch andere Feinde hat der Pilzfreund: Maden, Schnecken und Rentner. Was an manchen Tagen durch die Wälder pensionärt, ist schier nicht auszuhalten. Schneckenfallen gibt es – warum keine Rentnerfallen? Oder sind die Reisebusse, in denen ruhelose Senioren wie eingedost durch die Welt gekarrt werden, in Wahrheit mobile Rentnerklappen? Dann aber bitte nicht am Waldrand öffnen und die zwar von Hinfälligkeit geplagte, aber umso heftiger zu allem entschlossene, aufgestachelte Meute auf wehrlose Pilze loslassen. Schweigsame Pilze sind nichts für Gruppentruppen, Nordic Walker oder andere Geräuschlinge und Ächzebolde. Sie sind magische, poetisch inspirierende Wesen, zaub’rische Repräsentanten einer anderen, älteren Welt, die nur betreten soll, wer dabei Umsicht und Liebe walten lässt.
»Boviste und Planeten,
Das Schicksal der Poeten …«,
heißt es in Peter Hacks’ Gedicht »Du sollst mir nichts verweigern«. Als größter Pilzdichter dürfte Michael Rudolf gelten, der im Februar 2007 aus dem Leben in die ewigen Pilzjagdgründe gegangene Thüringer Schriftsteller, der alles über Vielfalt und Eigensinn der Pilze wusste. Betrat er die rund um seine Heimatstadt Greiz gelegenen Wälder, eröffneten sich ihm Bilder wie aus russischen Märchen. 1998 gab er bei Haffmans den Pilz-Raben heraus, in dem Ernst Kahl den Garten Eden zeichnete: eine Wiese voller aufgerichteter phallischer Stinkmorcheln, von denen ein entkleidetes Weib, lustvoll sich setzend, Gebrauch macht. Während Achim Greser ein Bild der »Pilz-Selbsthilfegruppe Hanau« präsentierte und einen Fliegenpilz bekennen ließ: »Ich heiße Ulf und bin giftig.«
Drei Jahre später folgte bei Reclam Hexenei und Krötenstuhl. Ein wunderbarer Pilzführer, das Standardwerk über den Pilz als literarische Figur. So kenntnisreich wie hymnisch durchdrang und besang Michael Rudolf die Mysterien von Mycel und Fruchtkörper; das Buch ist die schiere Liebe.
So ist das, wenn man in die Pilze geht: Finden ist schön und ein großes Glück, aber nicht der Kern der Sache. Suchet, und ihr werdet suchen.
Füdliblutt
Wer in die Schweiz reist, lernt schöne neue Wörter kennen. Eine Schiebermütze heißt »Dächli-Chappe«; darüber nachsinnend, was das wiederum mit Dachpappe zu tun haben könnte, kann man schön albern einen halben Tag vertrödeln.
»Hät’s Lüüt ghaa?« fragte mich ein Freund am Tag nach meiner Lesung im Zürcher Kaufleuten. Was meinte er nur? Ob es geläutet hätte vielleicht? Ich verneinte, neinnein, niemand habe antelefoniert oder geklingelt – und begriff im selben Moment, dass er nach etwas ganz Anderem gefragt hatte: »Hat es Leute gehabt? War Publikum da?« Unter gemeinsamem Giggeln konnte ich meine Antwort korrigieren.
Als ich mit dem Essener Jazztrio »Spardosenterzett« in der Schweiz gastierte, gab es ähnliche Irritationen. Oft hörten wir in Zürich den Satz »’s isch keis Problem«; nach ein paar Tagen fragte mich der Kontrabassist, der mit Vornamen Kai heißt: »Sag mal – wieso ist hier eigentlich alles mein Problem?« In dem Fall konnte ich, der routinierte Schweizreisende, ihn beruhigen: »Das heißt bloß ›kein Problem‹, und wenn wir nach Bern fahren, bist du sowieso aus dem Schneider, da heißt ›kein Problem‹ nämlich ›kes Problem‹. Aber nicht dass du dann denkst, die hätten da ein Käseproblem.«
Witze von Deutschen über die Schweizer Mundart sind in der Schweiz unerwünscht. Wer es irrtümlicherweise für originell hält, den Schweizer Franken »Fränkchli« zu nennen, erlebt ein ungeteiltes Vergnügen. Abgesehen davon, dass Geld in der Schweiz niemals niedlich ist, heißt es Franken oder »Stutz«, fertig.
Überhaupt erlegt man sich als Deutscher in der Schweiz besser Zurückhaltung auf. Komplimente über die Schweiz aus dem Mund von Deutschen sind nicht sehr beliebt und führen zu einer gewissen Reserviertheit. Man kann förmlich sehen, was in einem Schweizer nach der Schweizschwärmerei eines Deutschen vor sich geht: Aha, es gefällt ihm hier also. Hmmh – will er vielleicht bleiben? Sich am Ende sogar niederlassen? Sich einnisten? So war das mit der Gastfreundschaft aber nicht gemeint. Gast sein heißt schließlich, dass man wieder geht. Das sprichwörtliche Sprichwort sagt es ganz deutlich: Ein guter Gast ist niemals Last.
Trotzdem will ich die Schweiz loben, allein schon für das Wort »Cervelat-Promi«. So heißt in der Schweiz die öffentliche Belästigung, die in Deutschland »B-Prominenz« genannt wird: Cervelat-Promi, also Wurst-Promi. »Cervelat-Promi« sagt alles: Sie kamen, um zu nerven – und wurden zu Wurst. Und zwar zur schlechtesten von allen. Cervelat ist das, was in Deutschland Bregen- oder Brägenwurst genannt wird, weil darin auch Hirn verwurstet wird. Wenn ein »Cervelat-Promi« eine Cervelat kauft, trägt er anschließend mehr Gehirn in der Einkaufstasche als zwischen seinen Ohren spazieren.
Dass man in der Schweiz nicht bestraft, sondern noch nach alter Christensitte »gebusst« wird, wusste ich schon. Der Schweizer Zeitschrift natürlich leben verdanke ich tiefere Kenntnis. Unter der Überschrift »Nieder mit dem Mieder« berichtete das Blatt darüber, dass im Kanton Appenzell sogar Nacktwanderer gebusst werden. Mir waren bislang nur Nachtwanderer begegnet, und meines Wissens schrieb Goethe auch kein »Wanderers Nacktlied«. Nun aber las ich: »Fertig lustig. Wer füdliblutt meint wandern zu müssen, wird in Appenzell künftig gebusst.«
Das Wort »füdliblutt« war mir neu; es setzt sich zusammen aus »Füdli«, hochdeutsch »Hintern«, »Popo« oder schlicht »Arsch« und »blutt«: »bloß«, »blank«, »nackt«. »Füdliblutt« heißt also »nacktpöterig«, und das wäre ja auch ein schöner Name für einen Pilz: der samtene Nacktpöterich.
Nacktpöterig aber soll man im Kanton Appenzell nicht mehr ungestraft wandeln oder wandern. Es geht dabei wohl eher ums unbedeckte Vornerum, um die Scham, die man seit Adams Biss in Evas Apfel bedecken soll, auch im Wald.
Dies ist der Appenzeller Füdli-Schwur:
Wandern darfst du, doch bekleidet nur.
Bardiert und nappiert
Ich saß draußen vor der Gaststätte Fischerhof in Rheinsberg, gleich am Ufer des Grienericksees. Das Wasser glitzerte in der Abendsonne. Es war still, ein paar Enten und Schwäne kurvten mit ihren jeweiligen Nachwüchsen auf dem See herum, ab und zu sprang platschend ein Fisch. Frieden waltete, alles war gut. Im Hinterkopf hörte ich Bob Dylans raspelnde Stimme singen, »It’s all good«, das letzte und mitreißendste Stück seines fantastischen Albums »Together through Life«, dem Soundtrack des Frühlings und Sommers 2009. Mit stoischer Energie hämmert die Band die Rhythmen durch, und Dylan singt wie unter dem Milchwald: alt, weise, stark, solitär, geradeaus treibend, rauh. Selbst das Echo der Erinnerung daran treibt die Mundwinkel den Ohrläppchen zu.
Obwohl ich schon wusste, was ich bestellen würde, studierte ich die Speisekarte. Ich glaube an die Kraft des Wortes, sei es gesprochen oder geschrieben. Ist es wahrhaftig, entfaltet es biblische Macht. Auch aus Speisekarten kann das Wort sprechen und den Menschen ergreifen, warum denn nicht? Mein Dortmunder Freund und Kollege Fritz Eckenga las mir einmal aus einer Speisekarte vor. »Hömma! Hier gibbet Tolloni mit Pansemannkäse und Gonzolasoße!« Das hatte er sich zwar ausgedacht, aber die Wirkung war phänomenal.
Auf der Speisekarte des Fischerhofs fand ich »bardierten und gebratenen Ziegenkäse«. Bardiert? Also von Barden angenölt und zum Hörbrett gemacht? Prötert Peter Maffay dem Käse, den er auf seiner mallorquinischen Finca Can Sureda herstellen lässt, jetzt auch die Ohren voll? Duzt Wolf Biermann unschuldige Milchprodukte an? »Du lass dich nicht verhärten, du Ziegenkäse frisch…«, nöddel nöddel bramm? Armer Käse! Vielleicht ist aber ›barbiert‹ gemeint? Barbierte Ziege gibt es: Im Grimm’schen Märchen »Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack« wird eine verlogene Ziege, die drei Söhne bei ihrem Vater angeschmiert hat, am Ende »glatt wie eine flache Hand« rasiert. Oder handelte es sich um bombardierten Käse? Hatte die bombodromfixierte Bundeswehr ihre kulinarischen Vorlieben auf die Speisekarte dieses friedfertigen Ortes schmuggeln können?
Ich ließ das Rätsel zwischen meinen Ohren zunächst offen und las weiter. Frischer Wels war im Angebot – »mit pikanter Meerrettichsauce nappiert«. Wie jetzt, nappiert? Nepp ist mir bekannt, zum Beispiel von der Ostsee her, wo manches Restaurant ›Neptun‹ heißt, dem dann allerdings hartnäckig ein ›p‹ fehlt. Aber ich befand mich im Fischerhof in Rheinsberg und nicht in der Tourismushölle deutsche Ostsee.
Wer nicht unwissend ins Grab sinken möchte, kann lesen oder fragen. Zuhause wartete der Fremdwörterduden, das Lokal aber bot die Gelegenheit, die freundliche Kellnerin um Auskunft bitten. Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht? Und so erfuhr ich: Etwas ›bardieren‹ bedeutet, es mit Speck zu umwickeln. Wer dagegen ›nappiert‹, der überzieht etwas mit Sauce. Vielen Dank!
Mit derlei frischem Wissen überhäuft, ja geradezu nappiert, warf ich einen weiteren Blick in die Speisekarte – in die kleine, aber auffällige rote Zettel eingelegt worden waren, auf denen in Handschrift zu lesen war: »Liebe Gäste! Hiermit weisen wir darauf hin, dass auch Fischfilets Gräten enthalten können!« So beschränkt können nur Touristen sein: Fisch bestellen und dann hocherstaunt darüber herumjabbeln, dass Fisch infamerweise Gräten hat. Wenn sie aber Richtung Ostsee weiterziehen, ist alles gut.
Wenn der Berliner kommt…
Am Wochenende und an kirchlichen Feiertagen überfällt den Berliner der Wunsch, ein Mensch zu sein. Zwar hat er vor lauter Wichtigkeit vergessen, was das ist und wie das geht, aber er nimmt es sich tüchtig vor und organisiert es mit der ihm eigenen Bedeutsamkeit. Mister Hyde möchte wieder Doktor Jekyll werden; zwar bleibt er immer Mister Hyde, egal wie humanoid er sich auch verkleidet, schminkt oder gibt, aber das weiß er nicht, ignoriert es also frohgemut, wirft sich in Freizeitschale, klemmt sich Mausi unter den Arm und knattert los.
Sein Ziel ist das, was er ganz selbstverständlich als »Umland« bezeichnet; die Herablassung, die in diesem Wort steckt, ist ihm zwar nicht bewusst, aber durchaus so gemeint. Schließlich ist Berlin der Mittelpunkt der Welt, um den alles andere eben herumliegt und nur darauf wartet, mit dem Geschenk eines Besuchs beglückt zu werden.
Der Berliner hat von nichts eine Ahnung, das aber laut und vernehmlich. Er muss auch nichts wissen; er ist ja schon da, das genügt ihm vollständig – und sollte auch jedem anderen ein hinreichender Grund zur Freude sein. So taucht er im Städtchen auf, gern in großer Schaumacherkarre oder auch auf dem heftig pött-pötternden Motorrad, jedenfalls dergestalt, dass man ihn optisch und akustisch wahrnehmen muss, ob man das nun möchte oder nicht. Hat er sein Sieht-mich-auch-jeder?-Vehikel abgestellt, walzt er in Zweier- oder in Viererreihe übers Trottoir wie ein gemächliches Breitwandgesäß, lässt niemanden passieren und hat demonstrativ jede Menge Zeit. Etwas Konturloses, Matschiges umweht ihn; ohne sich eine Form zu geben, würgt und wirscht er durch die Gegend und teilt der Welt in Körpersprache mit: Ist es nicht herrlich, dass ICH jetzt frei habe? Mag sein – aber geht das die Welt irgendetwas an? Und ist es nicht erstaunlich, wie brüllend laut die angeblich stumme Körpersprache sein kann?
Dezente Zurückhaltung überlässt der ausflügelnde Berliner anderen. Er ist inzwischen im Lokal angekommen und verlangt Bedienung. Die steht ihm zu, aber zack-zack. Ungläubig und widerwillig muss dieser Vertreter der Ausflugssorte Mensch zur Kenntnis nehmen, dass nicht allein er und die Seinen auf die singulär außergewöhnliche Idee einer Ausfahrt kamen; viele, viele andere sind ausgeflogen, manche sogar schon vor ihm. Bekommt er jetzt vielleicht nicht sofort einen Platz und alles, worauf er ein Anrecht hat? Skandal! Verrat! Ja, auch – vor allem aber Frechheit, jawohl: »’ne Frechheit is dett!«
Mürrisch und kurz vor maulen steht der ausflugszielfixierte Berliner im Lokal und hühnert mit den Füßen. Beinahe schon hat er ein abschließend wegwerfendes »Also hier kannste ja ooch jarnisch mehr hinjehn!« auf den Lippen, als er doch noch einen freien Tisch erspäht. Allerdings steht dieser recht entlegen halb um die Ecke, und die Rückenlehnen der Stühle sind gegen die Tischkanten gekippt. Über diese kleinen Zeichen sieht und geht der Ausflügler großzügig hinweg, eilt mitsamt seinem Tross hinzu, rückt und ruckelt sich das Gestühl allseits gut vernehmlich zurecht, macht es sich bequem und schaut mit erwartungsvoll gerundetem Karpfenmund zu Kellnerin und Kellner.
Die allerdings haben gut zu tun, und ihre Wegschneisen liegen abseits des Tisches, an dem Familie Sitzsack Platz genommen hat. Die Stimmung am Tisch verdüstert sich; wie kann das sein? Wir sind schon zwei Minuten hier, und das Essen steht noch nicht auf dem Tisch? Es wird nach Bedienung gewinkt, gerufen, mit den Fingern geschnipst und sogar gepfiffen; auch diese groben Regelverstöße bleiben folgenlos, in jeder Hinsicht. Nun macht der Ausflugsfamilienvorstand die Angelegenheit zur Chefsache, steht auf, strafft sich, sandalettet in einen weniger dezentral gelegenen Bereich des Gartenlokals hinüber und stellt sich entschlossen und mutig einer Kellnerin in den Weg. Die, ein volles Tablett in den Händen, erklärt ihm dennoch geduldig, dass an jenem Tisch leider nicht bedient werde, weswegen sie ja auch die Stühle gegen den Tisch gelehnt habe.
Das Gesicht des Ausflüglers wird zur Bühne, auf der ein faszinierendes Schauspiel sich ereignet: Zehntelsekunde für Zehntelsekunde kann man dabei zusehen, wie lange es dauert, bis der Groschen fällt. Als er durchgerutscht ist, klappt dem Ausflügler der Mund auf. In wortloser Wut starrt er die Kellnerin an, dreht sich um und macht seinem Klüngel ein Handzeichen, aufzustehen. Geräuschvoll rauscht die Truppe ab. Im Gesicht des Chefausflüglers arbeitet es weiter. Er dreht sich noch einmal um, schwillt zu voller Bedeutung an und entlässt den Inhalt seines Triumphatorenkopfes in den Tag: »So kann ditt ja nüscht wern im Osten!« – Nein, da muss erst einer wie er kommen, bis alles so schön ist wie überall.
Was ist der Unterschied zwischen Terroristen und Touristen? Terroristen haben Sympathisanten.
Aus der Mückengaststätte
Von der Perspektive einer Mücke aus betrachtet ist der Mensch eine Mischung aus Tankstelle und Gastwirtschaft. Für einen Einzelmück oder eine Solo-Mücke ist ein menschliches Wesen ein Schnellimbiss, an dem der kleine Blutdurst zwischendurch mal eben rasch im Vorbeifliegen gestillt werden kann. Einem Mückenschwarm dagegen gilt der Homo sapiens als eine Art Großraumkantine, an deren Tischen alle Platz finden. Zwar gibt es weder ein Menü noch kann man à la carte bestellen – ausgeschenkt wird Einheitskost –, aber satt immerhin werden hier alle.
»Stammessen Eins!« sirrt routiniert das Personal, ein rot gesprenkeltes, schon etwas angeschmuddeltes Tuch um die gerundeten Küchenbullenhüften geschlungen. Die Mitglieder der hungrigen Mückenmeute binden sich erwartungsfroh die Servietten vor, klopfen mit den vorfreudig gehärteten Saugrüsseln in rhythmischem Stakkato auf die Tische und verlangen im Chor: »Bsss! Bsss! Blutsuppe à la nature! Bsss! Bsss!«
Der ohne sein Einverständnis zur Speisegaststätte umfunktionierte Mensch aber will der Mücke nicht als Freibank dienen. Fluchend schlägt er um sich und versucht, die auf seinen Gliedmaßen oder in seinem Gesichte sitzenden Vampire zu verjagen oder sie mit der flachen Hand am eigenen Leib oder auf der eigenen Wange zu zerquetschen.
Die andere Wange hinhalten? Nein, das kommt im Fall des Mückenbefalls auch für Christen längst nicht mehr in Frage, hier wird mit der Eigenohrfeige schnell und unerbittlich Selbstjustiz geübt. Die übrigen Delinquenten werden im Eilverfahren dem Insektenbeauftragten, Kardinal flache Hand, überstellt, und der macht kurzen Prozess, urteilt die lästigen Säuglinge ab und weihräuchert sie aus, bevor er saftig klatschend zulangt.
Doch der Mücken sind viele; die Hoffnung des Menschen, ein langer und frostiger, beißend kalter Winter hätte die stechenden Insekten schon im Larvenstadium vernichtet oder doch entscheidend dezimiert, war trügerisch und erfüllte sich nicht. Zerstochen und zerschunden, sich überall die scheußlich juckenden Mückenstiche kratzend, muss der Mensch einsehen, dass der kommode Platz am Ende der Nahrungskette ihm nicht automatisch und selbstverständlich, nicht unbedingt und unangefochten gehört. Selbst sichtlich passiver Teil des Ernährungskreislaufs geworden, muss er kleinlaut einräumen: Wer nichts wird, wird Zwischenwirt.
Der gesättigte Mückenschwarm erhebt sich; einige wenige Angehörige der Großgruppe haben mit ihrem Leben bezahlt, der Rest prellt frech die Zeche und surrt davon, die nächste Raststätte schon im Blick: Ein Trupp älterer Ausflügler rentnert am Seeufer herum; viele von ihnen stützen sich mit einer Hand auf einen Stock oder halten sich mit beiden Händen an einem Rollwägelchen fest. Drei erfahrene Mücken, die als Vorhut und Späher unterwegs sind, reiben sich die Flügel, machen kehrt, fliegen zu den anderen retour und können frohgemut vermelden: »Leichte Beute voraus!«
Grausam und unerbittlich ist die Natur. Die Kleinen fressen die Großen – zumindest dann, wenn die Großen nur noch mit Kölnisch Wasser bewaffnet sind. So erlitt eine Seniorengruppe in Rheinsberg noch einmal das Schicksal von Flucht und Vertreibung.
Denn mit Rollator und Krücke
Erschlägst du keine Mücke.
Anmerkungen über die Übergangsjacken
Bösartig lang und düster ist der deutsche Winter. In dicke, nasse oder angefrorene Mäntel gehüllt, strickbemützt und in Schals gewickelt, stehen Menschenklumpen wie Falschgeld in der Welt; triefnasig, rotäugig und vergrippt starren sie aus der grauen Wäsche. Was sie verströmen, ist das, was sie fürchten und mit dem sie zugleich liebäugeln: Untergang.
Doch pünktlich zum Termin kommt der Frühling und streichelt mit zarten Sonnenstrahlenfingern vorsichtig die verwinterten Gesichter und Gemüter. Das Signal wird gleich richtig verstanden: Ihre Behausungen, in denen die Menschen eben noch in Agonie ausharrten, schmücken sie nun und tauchen sie in Meere von Blumen. Das Leben fügt sich wieder, es reimt sich Luft auf Duft, allenthalben wird froh und albern gedichtet und mit den Vögeln geträllert:
Im Frühling walten Gefühle,
die treiben mich aus dem Haus.
Denn die Wirte stellen die Stühle
und die Frauen die Beine heraus.
Nach draußen, ans Licht, zieht es den Menschen. Nur – was zieht er an beziehungsweise über? Den Winterkram kann und will er nicht mehr sehen, der ist ihm oll geworden und eine Last. Am liebsten spränge er gleich im leichten Sommerzeug umher, so luftig ist’s ihm in der Seele, aber das wäre nicht klug, zu leicht ist eine Erkältung eingefangen, und die würfe ihn um Tage, ja Wochen zurück. So greift der Mensch zum Übergangsmantel, oder, kühner noch, zur Übergangsjacke.
Vom Untergang zum Übergang – wenn das kein Fortschritt ist! Doch was genau ist eine Übergangsjacke? Was hat man sich darunter vorzustellen? Etwa Bruno Ganz, die alte Untergangszwangsjacke, eingekleidet von Jack Wolfskinhead? Zicke-zacke, Übergangsjacke? Und um was für einen Übergang handelt es sich überhaupt? Was geht von wo nach wohin über? Der Winter zum Frühling, oder gleich, in einer Art klimatischer Gleitzeit, zum Sommer? In jene Jahreszeit also, in der speziell der junge Mensch möglichst unbekleidet durch den öffentlichen Raum eiert? Und dabei aber immer eine Trinkflasche in der Hand festhält, um der Welt zu demonstrieren, dass er, obschon kaum volljährig, doch eigenständig und ambulant Flüssigkeit in sich aufzunehmen und zu versenken versteht, und zwar unabhängig davon, ob es sich dabei um Bier, Bier oder Bier handelt? Ist es der Übergang vom Leben zum Tod – und die Übergangsjacke also ein letztes Hemd? Nein, dazu ist die Übergangsjacke zu bunt und hat auch zu viele Taschen.
Scheußlich und den Menschen schändend ist alles, was nach Freizeitkleidung aussieht; auch jede Anmutung von Funktionskleidung ist unbedingt zu vermeiden. Wer zu klassischen Geriatriefarben wie beige, grau, schlàmme oder grünlich greift, darf sich über Stigmatisierung und Ausgrenzung nicht wundern. Auf Grellheit allerdings möge gleichfalls verzichtet werden. Das Auge sieht mit und will nicht farbenblind werden. Der Mensch ist kein Buntstift und soll sich als solcher nicht aufführen.
Das Schönste an der Übergangsjacke ist der Tag, an dem die Übergangsjackenzeit dann auch schon wieder vorbei ist. Bis dahin gilt die Regel: Der Deutsche ist vernarrt in den Untergang, trägt dabei aber, zumindest zeitweise, Übergangsjacke.
Doch über den Übergangsjacken
Prangt – ohne oder mit Zopf –
Dabei modisch gleichsam altbacken
Dieses Ding namens Übergangskopf.
Pilgerstrom
Eine Besonderheit der deutschen Sprache ist das Kompositum, das aus zwei oder mehr Wörtern zusammengefügte Wort. Dabei entstehen schnell Ungetüme wie »Sicherheitsarchitektur«, »Zeitschiene«, »Gerechtigkeitslücke« oder »Rettungsschirm«.
Ein ganz besonderes Kompositum beschert uns turnusmäßig die massenhafte Versammlung organisierter Gläubischer aller Art; sie bietet Anlass, von einem »regelrechten Pilgerstrom« zu sprechen. Das Wort löst bei mir uneingeschränktes Wohlgefallen aus: Pilgerstrom. Das klingt nach einem neuen Stromanbieter, dessen Dienste man unbedingt nutzen sollte.
Pilgerstrom, die religiöse Energiequelle, ist eine Alternative zu Stromerzeugern, wie man sie bisher kannte. Pilgerstrom kann schmutzige Braunkohlekraftwerke genauso überflüssig machen wie radioaktiv gefährlichen Atomstrom, und selbst die hässlichen Windenergieräder, auch Storchenschredder genannt, braucht man nicht mehr. Kriege um Öl müssen nicht länger geführt werden, und einen verheerenden Ölteppich wie jenen, der entstand, als Karl-Theodor zu Guttenberg und Kai Diekmann einander im Golf von Mexiko die Haare wuschen, wird es nie wieder geben.
Denn die jederzeit erneuerbare Energie heißt: Pilgerstrom. Mehr als 2000 Jahre lang lag diese Kraftquelle brach und blieb ungenutzt. Ungeheuer sind die Ressourcen an krimineller Energie, die von unbeirrbaren Glaubetrottern ausgeht. Man muss diese Kraft und Herrlichkeit nur technisch umwandeln – auch religiöse Reibung erzeugt Wärme!
In Ministrantenkreisen ist Kirche von hinten seit Jahrhunderten ein stehender Begriff; mit dieser von Generation zu Generation energisch weitergegebenen Methode und Praxis sollen aber doch besser Generatoren betrieben werden! Man muss nur das Gesetz »Kirche erst ab 18!« erlassen, und schlagartig wird unglaublich viel Energie freigesetzt – die sofort und weltweit in die Wiederabschaffung der erblindungsfördernden und entwürdigenden Energiesparfunzeln investiert werden kann.
Sind das nicht Gründe genug für einen Wechsel des Stromanbieters? Ich finde schon – und steige ausnahmsweise um auf ein Kompositum: Pilgerstrom, direkt aus der Steckdose.
Krise in der Loderhose
Das Wort »Krise« hat sich zu einem Passepartout entwickelt, zu einer Gemeinschaft stiftenden Abnickvokabel. Es muss nur einer »Krise« sagen, sofort erzeugt er flächendeckend Affirmation: Krise, ja, genau. Krise ist die Konsensmilch der lammfrommen Denkungsart.
Das Wort ist unspezifisch und wattig und genau deshalb universell einsetzbar. Wer »Krise« sagt, muss nicht konkret werden, egal, ob er mit der Krise droht oder ob er suggeriert, er nähme alle mit ins Krisenrettungsboot. So leicht ist ein Kollektivgefühl zu erzeugen: Die Weltwirtschaft in der Krise, also die Welt, also alle, also wir alle. Unterschiede verschwimmen oder verschwinden ganz.
Deshalb ist »Krise« eine Lieblingsvokabel von Demagogen jeder Couleur. Sie ist ein gezielt Angst und Panik schürendes Instrument, und wer Angst hat, lässt sich übergriffige Zumutungen und Kaltschnäuzigkeiten aller Art eben eher gefallen.
Es leitartikelt sich mit Hilfe der Krise aber auch ganz von allein. Fängt man mit Krise an, schreibt sich der Rest wie von selbst weg, gewissermaßen vollautomatisch. Es gibt schließlich Journalisten, die gern etwas geschenkt bekommen, nicht nur Reisen, Gefälligkeiten oder schöne Produkte, sondern vor allem Gedanken. Im letzteren Fall genügt auch die Simulation, es muss nur gut klingen und darf nicht auffallen im eintönigen Konzert des Pluralismus. Auch deshalb ist ›Krise‹ perfekt. Das Wort insinuiert, dass sein Sprecher auf der Höhe der Zeit sei, deren Zeichen er erkannt habe; dass er mit dem gebotenen Ernst bei der Sache und auch emotional nicht unberührt sei – und dass er zu denen gehöre, die nach Lösungen suchen. Auf diese Weise wird aus einer geistabsenten Plaudertasche ein Krisenlenker von Dickdenkerformat.
So geriet die Krise auch in eine der vielen Zeitschriften hinein, die weniger zum Lesen, also zum Anstiften von Gedanken gemacht sind als vielmehr zum bräsigen Herumblättern: fit for fun heißt ein monatlich erscheinendes Druckerzeugnis, dessen Titel so gar nicht krisenorientiert klingt. fit for fun ist die etwas holprige Übersetzung von »Kraft durch Freude«. Schon im Editorial hat das Blatt Sätze zu bieten wie: »Es ist Krise, und viele Dinge werden danach nicht mehr sein wie vorher.« Ob diese Worte in der Welt sind oder nicht, macht nur diesen Unterschied: Sie sind Verschwendung von Ressourcen an Papier und Arbeitskraft bei der Herstellung und an Lebenszeit bei der Lektüre.
Geschrieben hat den Nullsatz der Chefredakteur von fit for fun. Der Mann heißt Willi Loderhose, und man ahnt, was er wegen dieses Nachnamens hat durchmachen müssen seit seiner Pubertät. Möglicherweise haben die erlittenen Verspottungen zu einer Erosion seines Charakters geführt – die es Willi Loderhose erst ermöglichten, Chefredakteur von so etwas wie fit for fun zu werden. Das ist Spekulation; gesichert dagegen ist, dass es Willi Loderhose gelingt, den Einstieg per Krise anschließend zu erweitern und in ihr, nicht minder konfektioniert, »auch Positives zu sehen«. Denn Krise, schreibt Loderhose, »bedeutet auch ›sich trennen‹« – woraus der Autor folgert: »Trennen Sie sich jetzt von schlechten Gewohnheiten! Trennen Sie sich von ein paar Kilos Körpergewicht.«
Auf einem Krisenherd kann eben jeder seine eigene Suppe kochen – auch Willi Loderhose, mitsamt fit for fun. Zwar gilt gemeinhin das Gebot, Namenswitze gütig zu unterlassen. Im Kasus Loderhose bringe ich den Verzicht auf einen Schüttelreim allerdings nicht über mich.
Krise in der Loderhose?
Kann sein, da ist ein Hoden lose.
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