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Walter Scott

Quentin Durward

Scratch Verlag

klassik

e-book 106

Erscheinungstermin: 01.12.2021

© Scratch Verlag

Erik Schreiber

An der Laut 14

64404 Bickenbach

Info@saphir-im-stahl.de

www.scratch-verlag.de

Titelbild: Igor Shaganov

Vertrieb: neobooks

Walter Scott

Quentin Durward

Erstes Kapitel.

Im letzten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts ereigneten sich alle jene Ereignisse, die das Königreich Frankreich in den Besitz jener starken Macht brachte, die jahrhundertelang für die übrigen europäischen Staaten zu einem Eifersuchtsobjekt werden sollte. Vor dem Beginn dieses Zeitabschnitts war Frankreich in langen Kriegen mit England verwickelt. Selbiges hatte einen Teil der schönsten Provinzen Frankreichs an sich gerissen. Es bedurfte äußerster Anstrengung seitens des Königs und dessen Untertanen, das, was ihm noch gehörte, zu erhalten. Es drohte für Frankreich auch eine andere Gefahr. Durch die Erfolge der Engländer übermütig geworden, hielten sich die Fürsten, die im Besitz der großen Kronlehen waren, namentlich die Herzöge von Burgund und der Bretagne, nicht mehr an ihre Lehnsverträge. Sie scheuten nicht davor zurück, die Waffen gegen ihren Lehnsherrn, den König von Frankreich, zu erheben, sobald ihnen irgendein Anlass oder eine Gelegenheit dazu geboten wurde. In Friedenszeiten führten sie in ihren Provinzen ein völlig unumschränktes Regiment. Das Haus Burgund mit dem schönsten und reichsten Teil von Flandern besaß eine so bedeutende Macht, dass es der Königskrone Frankreichs weder an Reichtum noch an Streitkräften unterlegen war. Den großen Vasallen eiferten die kleinen nach; ein jeder von ihnen versuchte, sich Macht und Unabhängigkeit zu verschaffen. Dabei scheuten sie weder vor der schlimmsten Gewalttätigkeit und Grausamkeit zurück. So wurde in der Auvergne ein Verzeichnis mit über 300 Adeligen aufgestellt, die sich der Blutschande, des Raubes und Mordes, schuldig gemacht hatten.

Zu allem Überfluss kam hinzu, dass das Königreich Frankreich durch die langwierigen Kriege mit England wirtschaftlich am Boden lag. Im Land versammelte sich der Abschaum aller Länder dieser wilden Zeit. Viele der verwegenen Abenteurer bildeten Banden und plünderten in Stadt und Land. Sie boten ihre Schwerter und Manneskraft demjenigen an, der am besten bezahlte. Andererseits führten sie ihre Kriege auf eigene Faust, wenn sie keinen gut zahlenden Auftraggeber fanden. Dabei bemächtigten sie sich der Burgen und Festungen, benützten sie als Schlupfwinkel, nahmen Reiche gefangen, um Lösegeld zu erpressen, und plünderten die Ortschaften, die noch einigermaßen wohlhabend waren, vollständig aus.

Trotz dieser Schrecken und ohne die geringste Rücksicht auf das im Lande herrschende Elend trieben gerade die Angehörigen des niedrigen Adels einen unerhörten Luxus, der kaum von demjenigen der Fürsten des Landes übertroffen werden konnte. Ihre Dienerschaft vergeudete auf unverschämte Weise das dem Volke abgepresste Gut. Der galante Umgang der beiden Geschlechter sorgte jedoch nicht dafür, dass es dem Volk besser ging. Die romantischen Gepflogenheiten gingen wohl eher auf die gute alte Ritterzeit zurück; trotzdem machte sich eine grenzenlose Zügellosigkeit bemerkbar, die alle Moral geradezu ins Gesicht schlug. Vom reinen Geist ehrbarer Zuneigung und fromme Übungen, die die Gesetze des Rittertums einforderten, kannte man längst nicht mehr, wenn auch die Sprache der fahrenden Ritter noch immer im Gebrauch war. Desgleichen die Ordensregeln noch nicht abgeschafft galten. Turniere wurden noch immer abgehalten, und die damit verbundenen Lustbarkeiten zogen eine Menge von Abenteurern nach Frankreich, und keiner von ihnen unterließ es, seinen kecken Mut durch Handlungen zu beweisen, die ihm sein Heimatland nicht erlaubte.

Es begab sich zu dieser Zeit, das Ludwig XI. den wankenden Thron Frankreichs bestieg. Er war ein König, dessen Charakter im Grunde genommen schlecht war jedoch gerade dadurch das Zeug besaß, das im Land herrschende Unglück zu bekämpfen. Von dieser romantische Tapferkeit, oder dem aus ihr entspringenden Stolz, der für die Ehre zu fechten bereit war, wenn der Nutzen schon längst eingeheimst war, hatte Ludwig keine Ahnung. Dennoch war er kühn genug, jeden nur irgendwie nützlichen Zweck in der Politik mit Zähigkeit zu erfassen und zu verfolgen. Er war ein Mann der ruhigen Überlegungen, der kalten Berechnung, des klugen Besinnens, immer auf seinen Vorteil bedacht und niemals geneigt, dem Stolz und der Leidenschaft, wenn sie mit seinem Vorteil kollidierten, ein Opfer zu bringen. Er verstand es bestens, zu beherrschen und seine wirklichen Gedanken vor allen, mit denen er in Berührung trat, auf das peinlichste Verborgen zu halten. Das Wort, das ein Fürst, der sich nicht zu verstellen verstünde, nicht zu herrschen verstünde, und „dass er selbst seine Kappe, wenn er denken müsse, sie sei hinter seine Geheimnisse gekommen, vom Kopfe reißen und ins Feuer schmeißen würde“, konnte er nicht oft genug betonen. Zu keiner Zeit hat ein Mensch gelebt, der die Schwächen seiner Mitmenschen so auszunutzen verstand, wie König Ludwig, und dabei doch zu vermeiden, dass es irgend den Anschein hatte, als ob er sich andern gegenüber, auch denen, die ihm Nachsicht schenkten, in Vorteil zu setzen suche.

Ludwig XI. war von Natur aus rachsüchtig und grausam. Und zwar so stark, dass es ihm eine besondere Freude machte, der Vollstreckung eines von ihm befohlenen Todesurteils beizuwohnen. Es reizte ihn doch kein Rachegefühl, weil in seinem Herzen kein Funke von Mitleid wohnte, keinem Menschen Schonung zu gewähren, wenn ihn er mit Sicherheit verdammen konnte. In der Regel fiel er über seine Beute erst her, wenn er sie fest in seinen Klauen hielt, und wenn er sicher war, dass sich diese nicht durch irgendeinem Zufall befreien konnte. Er verstand es meisterhaft, jede seiner Beweggründe so sorgfältig zu verbergen, dass im Allgemeinen die Welt erst durch den Erfolg erfuhr, welchen Zweck er verfolgte. Wenn ihm darum ging, den Günstling oder Minister eines fürstlichen Nebenbuhlers für sich zu gewinnen, kannte seine Verschwendung keine Grenzen. Wohl war er ein Freund von Zügellosigkeit, aber weder Weib noch Jagd, so sehr er für beides entflammt war, vermochten ihn jemals von den Staatsgeschäften fernzuhalten. Er besaß eine Menschenkenntnis von erschreckender Tiefe, war stolz und hochmütig und hatte doch niemals Bedenken, Menschen aus den untersten Ständen emporzuheben und mit den wichtigsten Ämtern zu bekleiden. Geschickt traf er seine Wahl, so dass er sich kaum ein einziges Mal in seinem Leben in den Eigenschaften, die er ihnen beimaß, irrte. Die Ansichten, die in den verschiedenen Kreisen der bürgerlichen Gesellschaft seines Königreiches herrschten, interessierten ihn nicht.

Aber kein Mensch bleibt sich immer vollständig gleich, und so bestanden auch in der Natur dieses klugen und gewandten Herrschers von Frankreich Widersprüche. Aus seiner Eigenschaft des falschesten und verlogensten aller Menschen ergaben sich die größten Irrtümer seines Lebens, und zwar insofern als er in die Ehre und Rechtlichkeit derjenigen, mit denen er in Beziehung stand, zu schnell Vertrauen in sie setzte, sobald ihm daran gelegen war, sie zu überlisten. Im Allgemeinen dagegen war er eifersüchtig und argwöhnisch, wie nur je ein Tyrann es sein kann. Um die Schilderungen des fluchwürdigen Charakters dieses Herrschers von Frankreich zu vervollständigen, der sich unter den rohen, ritterlichen Monarchen seines Zeitalters als der Tierbändiger hervortat, der die Gewalt über die Bestien nur durch alle Mittel scharfer Dressur in die Hände bekommen hat, unter denen Hunger und Prügel nicht die gelindesten sind, und der, um von ihnen nicht zerrissen zu werden, vor keinem Mittel, das ihm seine Gewalt erhält, zurückschrecken darf, müssen wir noch zwei weiterer Eigenschaften gedenken, die er andern Herrschern voraushatte. Da war sein hochgradiger Aberglauben, der sein Gemüt der tröstenden Segnungen der Religion fast vollständig verschloss, und sein Hang zu geheimen Ausschweifungen und zu Zerstreuungen gemeiner Natur. Durch diesen klugen oder wenigstens schlauen, aber in seinem Charakter so unaufrichtigen Machthaber, setzte der über Staaten wie über Individuen waltende Himmel das große französische Volk wieder in den Besitz der Vorteile einer geordneten Regierung. Diese war vor seiner Thronbesteigung der Regierung abhandengekommen. Dabei bestieg er den Thron unter ungünstigen Vorzeichen; denn er hatte in seinem bisherigen Leben wenig Talent und Tüchtigkeit gezeigt, frönte aber sehr wohl dem lasterhaften Leben. Seine erste Gemahlin, Margarete von Schottland, wurde durch einen von ihm eingesetzten Gerichtshof zum Tode verurteilt. Ohne Ludwigs XI Anklage wäre keinem Beisitzer dieses Tribunals eingefallen, auch nur ein einziges schlimmes Wort gegen diese liebenswürdigste und aufs schändlichste misshandelte Fürstin zu äußern. Als Sohn war er undankbar und aufrührerisch gegen den eigenen Vater. Er stand sogar kurz davor ihn zu entmachten, um dadurch früher die Herrschaft an sich zu reißen. Es kam schließlich zwischen dem Vater und ihm zu einem Krieg. Für sein erstes Fehlverhalten wurde er in die Dauphiné verbannt, um des Letzteren willen sogar des Landes verwiesen. Damals flüchtete er zum Herzog von Burgund und dieser nahm ihn so lange als dessen Gast auf, bis ihm des Vaters Tod die Rückkehr nach England wieder gestattet hatte. Kaum den Thron bestiegen, schlossen sich die Vasallen Frankreichs, mit dem Herzog von Burgund an der Spitze, zu einem Bund gegen ihn zusammen. Mit einem großen Heer rückten sie gegen Paris an und stürzten das französische Königreich an den Rand des Verderbens. Ludwig machte bei der Schlacht vor den Wällen von Paris, bei Montl'héry, kein glückliches Geschick und bewies nur einen geringen Grad von persönlicher Tapferkeit. Immerhin blieb der Ausgang unentschieden. Wie es aber in solchen Fällen die Regel zu sein pflegt, dass dem klügeren der beiden Streiter, wenn auch nicht der Ruhm, so doch die Frucht in den Schoß fällt. Mit seinen Intrigen verstand es Ludwig meisterhaft, Eifersucht zwischen seinen Widersachern zu erwecken. Dadurch erhielt er die Oberhand über sie. Dabei traf es sich günstig für ihn, dass in England der lange Streit zwischen den beiden Rosen entbrannte und ihn von der „englischen Gefahr“ befreite, die bis dahin Frankreich bedrohte. Schon bald begann er, das Reich erneut zu einen, auf der einen Seite durch Güte und Geld, auf der anderen Seite durch Krieg und Gewalt. Die Räubereien der Freischaren, die Plackereien des Adels konnte er freilich nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten, aber es gelang ihm, sie erheblich einzuschränken. Gleichzeitig stärkte er seinen Vasallen gegenüber das königliche Ansehen durch unentwegte Wahrung und Mehrung der Interessen der Königskrone.

Ludwig in ständiger Furcht und Gefahr, weil es ihm nicht gelang, den Bund der Thronräuber zu vernichten. Noch eine weit schlimmere Gefahr für ihn war jedoch die in ständig wachsende Macht des Herzogs von Burgund. Das Haus Burgund zählte zu den mächtigsten Fürstenhäusern Europas, und trotz seines Vasallenverhältnisses zu Frankreich, diesem an Rang kaum unterlegen. Der burgundische Herzog hieß damals Karl mit dem Beinamen der Kühne oder besser Verwegene, denn sein Mut wurde durch seine Tollkühnheit noch übertroffen. Sein ausgemachtes Ziel war es, seinen Herzogshut mit einer Königskrone zu tauschen. Sein Charakter stand zu dem Ludwigs des Elften im schroffsten Gegensatz. Ludwig war ruhig und bedacht, ließ sich nie auf ein verzweifeltes Unternehmen ein, gab aber auch niemals eins auf, dass langfristig Aussicht auf Erfolg zeigte. Herzog Karl hingegen stürzte sich in Gefahren, weil er Gefahren liebte, und bot Hindernissen Trotz, weil er Hindernisse verachtete. Ludwig opferte seiner Leidenschaft niemals sein Interesse, Karl dagegen ließ seiner Leidenschaft ohne Rücksicht auf jedes Interesse freien Lauf. Die beiden Männer waren eng miteinander verwandt. Zudem hatte Ludwig, als er vom Vater des Landes verwiesen wurde, bei Karls Vater in der Dauphiné jahrelang Zuflucht und Obdach gesucht und gefunden. Ludwig erhielt von Karls Vater wie von ihm selbst Unterstützung und Beistand aller Art. Trotzdem wollten beide Männer nichts voneinander wissen, sondern verachteten und hassten sich. Auf Ludwigs Gesinnung gegen Karl war seine Habsucht von nicht geringem Einfluss, denn er missgönnte seinem Vetter die reichen Besitzungen seiner Herzogskrone, die strenge Disziplin, die unter den kriegerischen Bewohnern der burgundischen Lande herrschte, hielt ihn in ständiger Furcht. Gleichzeitig neidete er ihm die recht zahlreiche Bevölkerung. Ludwig verstand es nur allzu gut zu ermessen, was ihm von diesem allezeit kampflustigen und kampfsüchtigen Burgundervolk für Gefahren drohten, wenn er sich mit dem unbändigen Herzog vollständig verfeindete. Darum war er eben zu dem Entschluss gekommen, den entgegenkommenden Schritt zu tun, den er getan hatte, indem er den Weg nach dessen Besitzungen nahm, unter Wahrnehmung des Waffenstillstandes, der um das Jahr 1468, zu einer Zeit, als ihre Fehden den höchsten Gipfel erreicht hatten, gerade eingetreten war. Und das ist die Zeit, zu welcher auch unsere Erzählung einsetzt.

Zweites Kapitel.

Es war an einem wunderschönen Sommermorgen. Die Sonne hatte ihre sengende Kraft noch nicht gewonnen. Noch kühlte der Tau die Luft und füllte sie an mit süßem Duft. Da näherte sich ein Jüngling von Nordosten her der Furt eines Baches, der sich unweit des Schlosses Duplessis in den Cher ergießt. Von weiten Wäldern umringt, ragen die düstern Baulichkeiten des Schlosses hoch über die Gipfel der hohen Bäume.

Am andern Bachufer standen zwei Männer, in eine Unterhaltung vertieft, die sich hin und wieder nach dem Wanderer drüben umsahen. Da das Ufer, auf dem sie standen, erheblich höher lag als das andere, konnten sie ihn schon aus der Ferne beobachten. Er mochte etwa neunzehn Jahre alt sein, aber dass er nicht aus der Gegend, auch nicht aus Frankreich stammte, verriet sein Äußeres auf den ersten Blick. Er trug einen kurzen, grauen Rock und ebensolche Hoseer. Das deutete mehr auf niederländische Mode als auf französische, hingegen war die spitz zulaufende blaue Mütze mit dem Stechpalmenzweige weder in Frankreich noch in den Niederlanden, sondern nur in Schottland heimisch. Er war ein recht schmucker Bursche und von hübscher Figur. Auf dem Rücken trug er ein Ranzen, der ein paar Habseligkeiten zu enthalten schien, über der linken Faust trug er einen Falknerhandschuh, obgleich kein Falke drauf saß, und in der rechten einen derben Jagdstock. Über seiner linken Schulter hing eine gestickte Schärpe, an der wieder eine kleine Tasche hing, von scharlachrotem Samt, wie sie damals gern von den Falknern getragen wurde, um das Futter für diese immer hungrigen Vögel bei sich zu führen, hin und wieder wohl auch andere Dinge, wie sie zu dem damals in schönster Blüte befindlichen Sport gebraucht wurden. Über die Schärpe fiel von der andern Schulter herab ein Bandelier, in dem ein Jagdmesser steckte. Statt der damals üblichen Jagdstiefel trug er leichte Halbstiefel aus halbgegerbtem Leder.

Der Bursche war noch nicht völlig ausgewachsen, aber schon recht groß und stattlich. Sein munterer Schritt verriet, dass ihm das Wandern mehr ein Genuss denn ein Verdruss war. Seine Gesichtsfarbe wies einen bräunlichen Teint auf, die Folge von langem Aufenthalt in der frischen Luft, war aber nichtsdestoweniger schön. Seine Züge waren frei und offen und gefällig, wenn auch nicht streng regelmäßig. Zwischen den von einem munteren Lächeln leicht geöffneten Lippen traten zwei Reihen blendend weißer Zähne zum Vorschein, und aus seinem hellblauen Auge, das einen eigentümlich zu Herzen gehenden Blick hatte, sprach frohe Laune, leichter Sinn und rasche Entschlossenheit.

Die beiden Männer auf dem andern Ufer hatten ihn, wie bereits erwähnt, längst gesehen. Als er aber, flink wie ein Reh, das zur Quelle eilt, die Uferkante zum Wasser hinunter sprang, stieß der jüngere von ihnen den andern an und meinte: „Das ist unser Mann! Der Zigeuner! Wenn er sich's entschließt, durch die Furt zu waten, so ist er verloren, denn das Wasser ist hoch, und die Furt unpassierbar“.

„Dahinter mag er nur von selbst kommen“ erwiderte der ältere; „wer weiß, ob wir auf diese Weise nicht einen Strick sparen.“

„Ich richte mich bloß nach seiner blauen Mütze in der Taxierung seiner Person“, erwiderte der andere; „denn sein Gesicht kann ich nicht sehen. Aber, aufgepasst! er ruft uns, wahrscheinlich will er wissen, ob das Wasser tief ist oder nicht.“

„Es geht im Leben nichts über die eigne Erfahrung“, sagte der andere; „mag er's doch probieren, wie's im Bache aussieht.“

Der Jüngling zauderte nicht lange, sondern zog sich die Stiefel von den Füßen und ging in das Wasser hinein. Es verdross ihn augenscheinlich, dass er von den beiden Männern keine Antwort erhielt. Da rief ihm der ältere derselben zu, er möge sich in acht nehmen, mit dem Bache sei nicht zu spaßen, raunte aber gleich darauf seinem Begleiter die weiteren Worte zu: „Mon Dieu! Du hast Dich schon wieder geirrt. Der junge Mensch ist nicht unser schwatzhafter Zigeuner.“ Die Warnung kam indessen zu spät an die Ohren des Jünglings, oder er hatte sie überhaupt nicht vernommen, weil er schon mitten in der rauschenden Strömung war, in welcher ein minder couragierter und des Schwimmens nicht in dem vorzüglichen Maße wie er bewanderter Mensch sicher umgekommen wäre, denn der Bach hatte nicht allein eine sehr starke Strömung, sondern auch Wirbel und Untiefen.

„Bei unserer heiligen Anna!“ meinte der ältere der beiden Männer wieder, „das ist ein strammer Junge! Lauf, Gevatter, und mach Deine Sünde wieder gut, indem Du ihm nach besten Kräften beistehst. Gehört er doch zu Deinem Kaliber, von dem das Wasser, wie es in dem alten Sprichwort heißt, nichts wissen will, weil es ihm zu leicht ist.“

Wirklich schwamm auch der Jüngling so leicht und flott, dass er trotz der Gewalt, die die Strömung an dieser Stelle hatte, ziemlich genau an dem üblichen Landungsplatze das Ufer erreichte.

Mittlerweile eilte der jüngere der beiden Männer zum Ufer hinunter, um dem Schwimmer Beistand zu leisten, während der ältere langsamen Schrittes hinterher folgte, unterwegs zu sich murmelnd: „Hm, ich hab's doch gewusst, dass der Kerl nicht ersäuft. Meiner Seel! Er ist schon am Ufer und greift nach seinem Stock. Wenn ich mich nicht beeile, so ist er imstande, mir den Freund zu verprügeln, für den einzigen Liebesdienst, den ich ihm zeit meines Lebens einem Mitmenschen habe erweisen sehen.“

Zu solcher Befürchtung war nun freilich einiger Grund vorhanden, denn der kräftige Jüngling drang auf den hilfreichen Samariter mit der zornigen Rede ein: „Du unhöflicher Hund! Warum gibst Du keine Antwort, wenn Dich ein Mensch manierlich fragt, ob der Bach passierbar ist oder nicht? Der Teufel soll mir die Suppe versalzen, wenn ich Dich nicht Mores lehre, wie Du Dich künftig anständigen Menschen gegenüber zu verhalten hast!“ Dabei schwang er den Stock in seiner Faust, dass er sich wie ein Windmühlenflügel im Kreise drehte. Der andere aber griff, als er sich solchermaßen bedroht sah, zum Schwerte, denn er gehörte zu jenem Schlag Menschen, der lieber handelt, als viele Worte zu machen. Da trat der ältere, der auch der Höhersituierte zu sein schien, hinzu und hieß ihn sich ruhig verhalten; dann wandte er sich zu dem Jüngling, schalt ihn einen unvorsichtigen, voreiligen Menschen, sich in einen so sehr geschwollenen Bach zu wagen und mit dem Manne, der ihm zu Hilfe geeilt sei, mir nichts dir nichts Händel anzufangen.

Als sich der Jüngling so derb von einem weit älteren Manne derart zur Rede stellen hörte, brachte er auf der Stelle seinen Knotenstock in Ruhe und sagte, es solle ihm sehr leid sein, wenn er sich in ihnen geirrt hätte. Es käme ihm aber ganz so vor, als wenn sie ihn, statt ihn rechtzeitig zu warnen, hätten in der Gefahr umkommen lassen wollen, was doch unter Christen kein Brauch sei ...

„Lieber Junge“, sagte darauf der ältere der beiden Männer, „nach eurer Rede und eurem Aussehen zu schließen, stammt Er nicht aus unserem Land. Da wär's doch am Platz, Er rechnet damit, dass wir Ihn nicht so schnell verstehen können, wie Er spricht.“

„Na, lassen wir's gut sein, mein Herr“, sagte darauf der Jüngling, „ich sehe es auf ein bisschen Paddeln im Wasser nicht gerade an, und will's auch nicht weiter anrechnen, dass Euch wohl ein Teil von der Schuld mit trifft. Aber dafür müsst Ihr mir einen Ort zeigen, wo ich meine Sachen trocknen kann, denn ich habe kein zweites Jacke, sondern bloß das, was ich auf dem Leibe trage. Auch muss ich darauf sehen, dass das noch eine Weile hält.“

„Na, für was für Leute hält Er uns denn?“, fragte der ältere auf die Zumutung hin.

„Nun, für ehrsame Bürgersleute“, erwiderte der Jüngling, „und darin irre ich mich wohl auch nicht, oder?“, setzte er hinzu, als wenn ihm plötzlich eine andere Meinung käme, „seid Ihr etwa ein Geldwechsler oder Getreidehändler und Euer Kamerad ein Schlächter oder Viehhändler?“

„Halb und halb hat Er's erraten, was wir sind, mein Sohn“, versetzte der ältere lächelnd, „meine Arbeit besteht allerdings darin, so viel Geld zu wechseln, wie sich irgend auftreiben lässt, und meines Kameraden Beruf steht in einiger Verwandtschaft zu dem eines Schlächters. Was nun Sein Anliegen betrifft, Ihm einen Ort zu zeigen, wo Er seine Kleidung trocknen kann, so wollen wir zusehen, was sich tun lässt. Aber da muss ich doch zuerst wissen, wessen Geistes Kind Er ist, denn in der jetzigen Zeit hat's nicht gerade Mangel auf den Landstraßen an Wandervolk, bei dem alles andere eher zu finden und zu vermuten ist, als Ehrlichkeit und Gottesfurcht.“

Der junge Mann maß den Mann, der diese Worte an ihn gerichtet hatte, mit einem scharfen, durchdringenden Blick, dann sah er, aber weniger scharf, auf den andern Mann hinüber, wie wenn er sich seinerseits nicht recht klar darüber sei, ob sie selbst seines Vertrauens würdig seien, und er kam dabei zu folgendem Schluss: der ältere der beiden, der der besser Gekleidete war und auch in Aussehen und Haltung dem andern sichtlich überlegen war, zeigte ganz den Habitus eines Kaufmanns oder Krämers jener Zeit. Seine Jacke und seine Hose waren von der gleichen, dunklen Farbe, aber schon recht abgetragen, woraus der Schotte weiter folgerte, der Mann müsse entweder sehr reich und knickrig oder sehr arm sein. Wahrscheinlich sei das Erstere der Fall. Der Umstand, dass ihm die Sachen eher zu eng als zu weit, und vor allem die Hosen eher zu kurz als zu lang waren, bestärkte ihn hierin, denn sich so zu tragen, galt damals nicht einmal unter dem Bürgerstand für anständig, denn es wurden allgemein weite, lange Röcke getragen, zumeist solche, die bis über die Knie herunterfielen.

Der Gesichtsausdruck des Mannes war weder einnehmend noch abstoßend. Die groben Züge, wie die eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen deuteten auf einen gewissen Grad von Pfiffigkeit und Humor, die dem Jüngling nicht eben unsympathisch waren. Die Augen waren von dichten, schwarzen Brauen überschattet und hatten einen gebieterischen Ausdruck, der in gewissem Maß unheimlich wirkte. Die tief über die Stirn hereingezogene Pelzmütze verringerte durch den Schatten, der auf die Augen fiel, diesen Eindruck nicht, sondern erhöhte ihn. Soviel stand fest, dass der junge Wanderer den Blick dieses Auges mit der unscheinbaren Kleidung, die der Mann trug, nicht recht zusammenreimen konnte. Was ihm weiter auffiel, war, dass die Pelzmütze, die der Mann trug, nicht, wie es sonst bei besser situierten Leuten Mode war, mit Gold oder Silber geputzt, sondern nur mit geringen Bleibildern behangen war, die Jungfrau Maria darstellend, wie sie von armem Pilgervolk aus Loretto mit heimgebracht wurden.

Der Kamerad dieses wunderlichen Alten war ein kräftiger Mann mittleer Größe, der wohl zehn Jahre jünger sein mochte als der andere. Er hielt das Gesicht immer der Erde zugewandt, mit einem Lächeln, das nichts Gutes bedeutete, aber er zeigte dieses Lächeln dem Anschein nach immer nur dann, wenn er seinem Kameraden auf gewisse heimliche Zeichen zu antworten hatte, die von Zeit zu Zeit zwischen ihnen ausgetauscht wurden. Dieser andere Mann trug ein Schwert und einen Dolch. Der Jüngling bemerkte auch, dass er unter seinem einfachen Oberkleid ein Panzerhemd aus metallenen Ringen trug, und diese weitere Wahrnehmung bestärkte den Jüngling in der Meinung, einen Schlächter oder Viehhändler in dem Manne vor sich zu sehen, denn wegen der Unsicherheit, die damals auf den Landstraßen herrschte, wurden solche Panzerhemden auch gern von Leuten getragen, die viel auf der Landstraße sein mussten und auch immer viel Geld bei sich führten.

Nachdem er mit seinen Betrachtungen zu diesem Ergebnis gelangte, wozu er freilich ein wenig Zeit benötigte, erwiderte er auf die zuletzt an ihn gerichteten Worte des älteren der beiden Männer: „Es ist mir zwar nicht bekannt, an wen ich das Wort zu richten die Ehre habe“, diese höfliche Wendung verstärkte er durch eine leichte Verneigung, „das hat aber weiter nichts auf sich. Ich bin Schotte und komme, nach dem in unserm Land heimischen Brauch, nach Frankreich herüber in der Absicht, hier mein Glück zu suchen, oder, was anderes dafür zu finden, je nachdem.“

„Beim Ewigen! Das ist eine recht manierliche Sitte“, erwiderte hierauf der ältere Mann wieder, „Ihr scheint mir ein braver Junge, und obendrein gerade in dem Alter, in welchem der Mensch sein Glück machen kann, nicht bloß bei Männern, sondern auch bei Weibern. Wie denkt Ihr darüber? Ich bin Kaufmann und brauche einen Burschen, der mir bei meinen Geschäften zur Hand geht. Mir kommt's bloß so vor, als ob Ihr die Nase ein bisschen zu hoch trügt, um Euch zu solchen mechanischen Plackereien herzugeben.“

„Mein Herr“, antwortete darauf der junge Schotte, „wenn Ihr Euer Anerbieten im Ernst macht, was mir indessen noch ein wenig zweifelhaft ist, so bin ich Euch dafür zu recht großem Dank verpflichtet. Ich fürchte nur, Ihr werdet mich nicht so recht brauchen können?“

„Ich möchte freilich wetten, dass Er sich besser drauf verstehst, den Bogen zu spannen, als mit einem Ballen Ware im Lande herumzulaufen; auch dürfte Er die Feder schwerlich so gut zu führen wissen, wie Dolch oder Schwert ... stimmt's, was ich sage?“

„Mein Herr“, erwiderte der Jüngling, „ich bin allerdings Bogenschütze von Stande, aber ich habe auch eine Zeitlang in einem Kloster gelebt, und dort haben mich die frommen Väter im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, und ich soll, wie sie mir oft gesagt haben, der schlechteste unter ihren Schülern gerade nicht gewesen sein.“

„Sapperment! Das trifft sich ja vorzüglich“, rief der scheinbare Kaufmann, »Er ist ja das richtige Wunderkind.“

„Ach, lasst den Spaß beiseite!“, erwiderte der Jüngling, der über die Scherze seines neuen Bekannten nicht sonderlich erfreut war, „sagt mir lieber, wo ich meine Jacke und meine Hose trocknen kann, denn ich habe keine sonderliche Lust, noch lange pitschnass hier zu stehen und müßige Antwort auf müßige Frage zu geben.“

Darüber stimmte der Kaufherr ein noch lauteres Lachen an wie bisher ... „Sapperment! Das Sprichwort: Stolz wie ein Schotte, lügt doch nicht, aber kommt nur, junger Freund! Ich halte was auf das Land, aus dem Er stammt; denn ich habe eine Zeitlang auch mit Schottland Geschäfte gemacht. Ein recht braver Menschenschlag, dieses Gebirgsvolk! Komm mit uns ins Dorf hinunter, und wenn's Ihm recht ist, so will ich Dir dort ein Glas Branntwein und ein Frühstück geben lassen als Entschädigung für das kalte Wasser, in das Er hat tauchen müssen. Aber, Sapperment! Was tut denn der Jagdhandschuh auf Seiner linken Faust? Weiß Er nicht, dass in den königlichen Gehegen alle Jagd verboten ist?“

„Das hab ich schon erfahren von einem hundsföttischen Försterknecht des burgundischen Herzogs“, erwiderte der Jüngling, „ich hab meinen Falken, den ich von Schottland mit herübergebracht, und mit dem ich mir recht große Ehre einzulegen dachte, in der Gegend von Peronne bloß auf einen Reiher steigen lassen, und sans façon schießt mir dieser freche Wicht meinen schönen Falken mit einem Pfeil weg!“

„Und wie hast Er sich da verhalten?“, erwiderte der Kaufmann.

„Tüchtig verprügelt hab ich den Kerl“, rief der Jüngling, „und zwar so, dass ihm wohl eine Weile Hören und Sehen vergehen wird ... aber totgeschlagen hab ich ihn nicht, denn sein Blut wollte ich nicht des Galgens wegen auf mein Gewissen laden.“

„Weiß Er auch, dass ihn der Burgunder an die erste beste Haselstaude hätte aufknüpfen lassen, wenn Er ihm in die Hände gefallen wär?“

„Er soll ja mit solchen Sachen genau so flink sein, wie der König von Frankreich. Aber ich hab den Jägersknecht unweit von Péronne verhauen und war flink über die Grenze, als seine Mannen sich sehen ließen, und hab sie von dort aus mitsamt ihrem Herzog weidlich ausgelacht“. Nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: „Wäre der Burgunder Herr übrigens nicht gar so flink mit seinen Drohungen gewesen, so hätte es mir wohl geschehen können, mich um einen Dienst bei ihm zu bewerben.“

„Na, vermissen wird er einen solchen Paladin wie ihn ganz gewiss ungern“, erwiderte der Kaufmann mit einem Seitenblick auf seinen Kameraden, „besonders wenn der Waffenstillstand aufgekündigt werden sollte!“ Während dieser wieder sein seltenes Lächeln zeigte, bloß vielleicht noch düsterer als vorher, rückte der junge Schotte die Mütze über sein rechtes Auge wie jemand, dem es nicht recht ist, dass über ihn gespottet wird, und erwiderte mit fester Stimme: „Ich möchte den beiden Herren, besonders aber Euch als dem älteren und mithin auch wohl klügeren, ein für alle Mal sagen, dass es mir nicht eben klug zu sein scheint, auch wohl nicht recht anständig, sich auf meine Kosten einen billigen Spaß zu machen. Mir liegt an solcher Unterhaltungsweise überhaupt nicht viel. Hab ich einen Tadel verdient, so nehme ich ihn gern hin, besonders von einem Manne, der älter ist; auch wohl, wenn er nicht gerade beleidigt, einen Spaß; aber mich als Jungen behandelt zu sehen, das gefällt mir nicht, denn ich fühle mich schließlich doch eben Manns genug, es mit Euch beiden aufzunehmen, falls es einem oder beiden von Euch belieben sollte, mich herauszufordern.“

Über diese Reden des Jünglings lachte der ältere der beiden Männer, dass er fast erstickte, während sein Kamerad mit der Hand nach dem Schwert fuhr. Das bemerkte der Jüngling und gab ihm ohne Besinnen einen so derben Schlag mit der Faust auf die Hand, dass er sie nicht mehr zu rühren vermochte. Die Heiterkeit des älteren wurde hierdurch nicht wenig erhöht ...

„Ruhe gehalten, Herr Schotte!“, rief er, sich mit Gewalt das weitere Lachen verhaltend, „um Ihres eignen Vaterlandes willen! Und Ihr, Gevatter! Die Hand vom Schwert und kein solch bärbeißiges Gesicht mehr! Wir wollen uns in Ruhe zusammen verständigen. Der junge Mensch ist nass geworden, und Ihr habt was auf die Finger bekommen: Also seid Ihr zusammen quitt. Ihr aber, junger Mensch“, setzte der Kaufmann hinzu mit düster-ernster Miene, „sage ich ein für alle Mal, lasst es Ihm nicht noch einmal einfallen, eine solche Gewalttätigkeit herauszunehmen. Das ist bei mir nicht am rechten Ort! Sagt mir, wer Ihr seid! Mein Begleiter hat, wie Ihr seht, mehr als genug von Eurem Schlag.“

„Auf eine höfliche Frage antworte ich ebenso höflich“, versetzte der Jüngling, dem der Ernst des andern, wenn auch wider Willen, Achtung abnötigte, „zudem werde ich Eurem Alter die gebührliche Achtung nie vorenthalten, vorausgesetzt dass Ihr meine Geduld durch Euren Spott und Hohn auf keine zu scharfe Probe stellt. Seit ich den Fuß nach Frankreich und Flandern gesetzt habe, nennen mich die Leute den Musje mit der roten Samttasche; wegen des Falkenbeutels, den ich an der Seite trage. In meiner Heimat führe ich aber den Namen Quentin Durward.“

„Durward?“ wiederholte der ältere Mann. „Ist das ein Edelmannsname?“

„In unserer Familie seit der fünfzehnten Generation“, erwiderte der Jüngling, „und ebendarum fühle ich zu keinem andern Berufe Neigung, als zum Waffenhandwerk.“

„Ein echter Schotte! Voll Blut und voll Stolz, aber dafür ohne Dukaten im Sack ... na, Freund“, wandte er sich zu seinem Begleiter, „geh nur voraus und bestell ein gutes Frühstück für uns, dort beim Maulbeerbusche, hörst Du? Ich denke mir, der junge Mensch wird sich wohl ebenso dran halten, wie die verhungerte Maus ans Käsebrot in der Küche der Hausfrau. Was endlich den Zigeuner anbetrifft ...“

Der Begleiter zeigte wieder sein düsteres Lächeln, entfernte sich aber mit schnellen Schritten. Der andere aber wandte sich wieder an Durward: „Wir wollen miteinander gehen und können unterwegs im Wald, in der Hubertuskapelle, gleich eine Messe mit anhören. An fleischliche Dinge zu denken, ehe man die Seele gestärkt hat, ist nicht eben christlich.“

Quentin Durward machte als guter Katholik keine Einwände, wenn ihm auch der Wunsch, die nassen Kleider vom Leibe zu bekommen, näher lag. Den Kameraden mit dem zur Erde gewandten Gesicht hatten sie bald aus den Augen verloren, obwohl sie in die gleiche Richtung wie er gingen, bis sie den Fuß in einen ziemlich dichten Wald setzten, der von langen Alleen durchschnitten wurde, über die man hüben und drüben das Wild so ruhig hinziehen sah, als ob es sich hier unter ganz besonderem Schutze wüsste.

„Ihr fragtet, ob ich guter Bogenschütze sei?“ ergriff der junge Schotte das Wort; „nun, so gebt mir doch einen Bogen und ein paar Pfeile, und Ihr sollt im Handumdrehen ein Stück Wildbret haben.“

„Sapperlot, junger Mensch!“, erwiderte der Kaufmann, „da nimm Er sich doch ein bisschen in acht, aufs Wild hat mein Kamerad ein ganz besonderes Augenmerk und lässt in dieser Hinsicht nicht mit sich spaßen.“

„Der sieht doch weit mehr aus wie ein Fleischer als wie ein Weidmann!“, rief Durward, „ich kann mir wahrhaftig nicht denken, dass solch ein hündischer Kriecher wie der, einen guten Jäger abgeben könnte?“

„Lasst nur gut sein, junger Mensch“, entgegnete sein Begleiter, „mein Begleiter sieht freilich auf den ersten Blick nicht einladend aus, aber ich habe noch von keinem, der mit ihm umgeht, über ihn klagen hören.“

In dem Ton, mit welchem das gesagt wurde, fand Quentin Durward etwas so Abstoßendes, dass er nicht umhin konnte, den Kaufmann schärfer zu beobachten, und da kam es ihm vor, als ob er in dem halben Lächeln, das dessen Lippen umspielte, wie auch in dem kecken Blicke von dessen schwarzen Augen einen gewissen Ausdruck gewahrte, der seine nicht eben angenehme Verwunderung zu begründen schien. Es ist mir, dachte er bei sich, manches über Räuber und Wegelagerer zu Ohren gekommen, die sich auf allerlei Weise an allein unterwegs befindliche Wanderer heranwagen; wie, wenn der Mensch dort ein Mörder, der alte Schurke hier aber sein Helfershelfer wäre? Ich will doch lieber auf meiner Hut sein. Mehr als eine tüchtige Tracht schottischer Senge sollen sie, so wahr mir Gott helfe, nicht vorfinden!

Während dieses Selbstgesprächs gelangte er unter der Begleitung seines Führers an eine Stelle, wo die großen Bäume weiter auseinander standen, und der Boden unter ihnen, von Unterholz und Gebüsch befreit, einen Rasenteppich vom sanftesten Grün zeigte, das vor den sengenden Sonnenstrahlen geschützt hier besser zu wachsen schien als irgendwo anders in Frankreich. Die Bäume, die hier standen, waren meist Buchen und Ulmen, aber von solcher Größe, dass sie Baumhügeln glichen, die in die Luft emporstiegen. In ihrer Mitte, an der offensten Stelle der Lichtung stand eine kleine Kapelle, in deren Nähe von ihr floss ein Bach geräuschlos entlang, nebst einer Hütte, in welcher der einsame Priester, der hier den Gottesdienst versah, hauste. Über dem gewölbten Portal der Kapelle stand das steinerne Bild des heiligen Hubertus, mit einem Jagdhorn um den Hals und zu Füßen eine Koppel Hunde.

Hierher lenkte Durwards Führer seine Schritte, und kaum waren sie auf die Lichtung hinausgetreten, als auch schon der Einsiedler in seiner Kutte aus seiner Hütte trat, um sich in die Kapelle zu begeben. Durward verneigte sich tief vor dem frommen Mann, wie es die gute Sitte erforderte, während sein Begleiter, dem Anschein nach von noch tieferer Frömmigkeit erfüllt, sich auf ein Knie niederließ, den Segen des frommen Mannes zu empfangen, und ihm dann demütigen Schrittes und in einer Haltung, die auf tiefe Zerknirschung hinwies, in das Gotteshaus folgte.

Das Innere der Kapelle war dem Heiligen, der hier verehrt wurde, auf das engste angepasst, denn es entsprach durchaus seinem Beruf, da er auf Erden wandelte. An Stelle von Teppichen und Vorhängen sah man nur Felle von Jagdtieren, und überall an den Wänden waren Verzierungen angebracht von Hörnern, Bogen, Köchern und andern Jagdsymbolen und Jagdgerätschaften; und selbst die Messe zeigte durch ihre abgekürzte Form, dass es eine sogenannte „Jagdmesse“ war, wie sie vor Edlen und Mächtigen gehalten zu werden pflegte, die in der Regel, wenn sie sich in eine Kirche zum Gottesdienste begeben, ihrem Sport mit Ungeduld entgegensehen. Durwards Begleiter schien jedoch während der kurzen feierlichen Handlung die gespannteste Aufmerksamkeit zu entfalten; und der schottische Jüngling sah zu seinem lebhaften Bedauern ein, dass er dem alten Herrn das bitterste Unrecht angetan habe, als er sich von seinem Charakter solche ungeheuerliche Vorstellung gemacht hatte, wie, dass er ein Räuber und Wegelagerer sein oder wenigstens zu solchem Gesindel halten könne. Jetzt fiel es ihm im Gegenteil schwer, ihn nicht für einen Heiligen zu halten.

Sobald der Gottesdienst zu Ende war, verließ der alte Herr mit dem jungen Mann die Kapelle. „Es ist nicht mehr weit bis zum Dorf“, sagte der Erstere, „Er kann nun sein Fasten mit Ruhe brechen, ohne eine Sünde befürchten zu müssen. Folgt mir also!“ Er wandte sich nach diesen Worten rechts und schritt einen Pfad entlang, der langsam zu steigen schien; als er ein Stück weit gegangen war, riet er seinem Begleiter, sich ja scharf in der Mitte zu halten, und als Durward fragte, warum denn das notwendig sei, gab er die Antwort: „Wir sind nun in der Nähe des Hofes, und es ist doch eine andere Sache, ob man auf königlichem Boden oder in seiner Bergwildniss wandelt. Den Weg ausgenommen, auf dem wir uns jetzt befinden, ist jeder Zoll hier ungangbar gemacht durch Schlingen und Fußangeln; sie stehen mit Sicheln im engsten Kontakt, die dem unvorsichtigen Wanderer die Beine so glatt wegsäbeln, wie eine Gartenschere die Schösslinge von den Bäumen wegputzt. Es liegen auch Eisen hier verstreut, die einem jeden, der sie berührt, die Füße durch und durch stechen; auch in Gruben könnt Ihr geraten, die tief genug sind, Euch für alle Ewigkeit zu begraben. Wie gesagt, es wird gut sein, Du hälst Dich dicht neben mir, denn wir wandeln jetzt auf königlicher Domäne und werden nun bald auch die Vorderseite des Schlosses sehen“,

„Wäre ich der König von Frankreich“, erwiderte der junge Mann, „so gäbe ich mir solche Mühe mit Fußangeln und dergleichen schon lange nicht, sondern versuchte statt dessen lieber, ein so gütiges Regiment zu üben, dass keiner meiner Untertanen Ursache hätte, mir anders als in freundlicher Absicht zu nahen; und was solche Leute betrifft, die sich meiner Domäne ohne Fehl und Arg näherten, nun, dann sollte es mir bloß lieb sein, wenn ihrer recht viele kommen wollten.“

„Pst, pst!“ machte sein Begleiter, indem er ihn mit unruhigen Blicken musterte, „Er ist ein bisschen vorlaut, Patron mit der Samttasche! Ich hätte schon längst sagen sollen, dass hier alle Blätter Ohren haben. Es empfiehlt sich also, die Zunge zu wahren, denn hier kommt jeder Laut im Nu zu den Ohren des Königs.“

„Was frage ich danach?“, erwiderte Durward, „in meinem Halse hängt eine schottische Zunge, die sich nicht sträuben wird, dem König Ludwig, den übrigens Gott segnen möge, alles ins Gesicht zu sagen, was ich denke. Was aber die Ohren angeht, die, wie Ihr sagtet, hier alle Blätter haben, nun, so lasst es Euch gesagt sein, dass ich sie an einem menschlichen Kopfe schwerlich sehen könnte, ohne dass die Lust mich überkäme, sie auf der Stelle mit meinem Weidmesser abzusäbeln.“

Drittes Kapitel.

Von Waldrand, an welchem Durward mit seinem seltsamen Begleiter stehen geblieben war, um sich das königliche Schloss Plessis-les-Tours anzusehen, zog sich eine offene Esplanade, die, von einer völlig verwitterten, aber mächtig hohen Eiche abgesehen, die in ihrer Mitte stand, frei von Bäumen und Strauchwerk war, um die Festungswerke herum, hinter denen sich das eigentliche Schloss erhob. Drei Außenwälle, einer immer höher als der andre, in allen Ecken mit Türmen und Basteien gesichert, zogen sich um die Gebäude. Vor ihnen lag ein dreifacher Graben von annähernd zwanzig Fuß Tiefe, der durch einen Kanal aus einem Nebenarm des Flusses Cher gespeist wurde, und dessen innerer Rand mit starken Palisaden besetzt war, die die Stelle der „spanischen Reiter“ der neueren Befestigungskunst vertraten. Diese Palisaden waren scharf gespitzt, so dass es ein sehr schwieriges, wenn nicht gar unmögliches Stück Arbeit gewesen wäre, über sie hinweg zu steigen.

Hinter der innersten Mauer erhob sich das Schloss selbst mit seinen aus verschiedenen Zeitaltern stammenden Bauten. Der älteste Bau von allem, war jedoch der alte, schauerliche Kerkerbau, der sich wie ein schwarzer Riese in die Luft hinaufreckte, aller Fenster entbehrend und nur mit einer Reihe unregelmäßiger Schießscharten versehen. Die anderen Gebäude schienen ebenso jeglicher Annehmlichkeit zu entbehren, wenigstens zeigten auch sie an ihrer Vorderfront keine Spur eines Fensters, eben so, wie der Kerkerbau. Sie waren in dieser Hinsicht Bestandteilen eines Kerkers weit ähnlicher als eines königlichen Palastes.

Zu diesem unfreundlichen Schloss konnte man bloß durch ein einziges Tor gelangen, das sich, wie Durward bemerkte, in der Mitte der ersten äußeren Ringmauer befand. Die zwei hohen, dicken Türme mit dem Tor gehörten zu den gewöhnlichen Bollwerken von Schlossportalen der damaligen und wohl auch späteren Zeiten an. Durward sah auch das Fallgitter und die Zugbrücke. Ersteres heruntergelassen, Letztere hinaufgezogen. Wer sich ins Schloss begeben wollte, musste etwa 30 Ellen lang zwischen der ersten und zweiten Mauer entlang gehen; kam er als Feind, so war er den Wurfgeschossen von beiden Wällen ausgesetzt. Hatte er die zweite Ringmauer passiert, so musste er neuerdings den geraden Weg verlassen, um zum Portal der dritten und innersten Ringmauer zu gelangen. Damit musste er, bevor er den äußeren Hof, der sich längs der Vorderseite des Schlosses hinzog, erreichte, durch zwei enge, gefahrvolle Hohlwege hindurch. Kanonen waren hier in der Lage, einen angreifenden Feind mit Kugeln zu bestreichen. Durward staunte über das, was sich seinen Blicken hier bot. Menge an Schlingen, Fußangeln und Fallgruben, warteten zudem auf einen Feind und die sah er nur, da ihn seine Begleiter darauf aufmerksam machten. Auf den Mauersimsen waren Ausguckkäfige mit Schildwachen bei Tag und Nacht besetzt, die allgemein unter der Bezeichnung „Schwalbennester“ bekannt waren. Sie verhinderten, dass jemand ungesehen in das Schloss eindringen konnte. Andererseits lief er Gefahr, von der ersten Schildwache, an der er vorbeikam, aus solchem Käfig niedergeschossen zu werden. Die Wachen rekrutierten sich alle, ohne Ausnahme, aus den schottischen Bogenschützen der königlichen Leibwache und erhielten für ihren anstrengenden Dienst im Schloss nicht nur reichlich Sold und kostbare Uniform, sondern genossen auch sonst besondere Vorteile und Ehren.

„Na, junger Mann“, wandte sich der ältere Mann an den Jüngling, „nun sagt mir doch: Habt Ihr je eine Burg gesehen, die so fest wäre wie diese? Glaubt Ihr, dass es Männer auf Gottes Erdboden gibt, die sich wagten, sie zu stürmen?“

„Es ist ja ein ungemein festes Schloss“, erwiderte Durward, nachdem er die Bauten nochmals mit scharfen Blicken gemustert hatte, „und bewacht scheint es ja auch sehr scharf zu werden; indessen“, setzte er nach einer kurzen Pause hinzu, „dem Tapferen ist kein Ding unmöglich.“

„Gäbe es in Eurem Vaterland Leute, die sich zu solcher Unternehmung bereitfinden ließen?“, fragte der ältere Mann wieder, mit unverkennbarer Verachtung im Tone.

„Behaupten kann ich's nicht“, erwiderte der Jüngling, „aber in meiner Heimat fehlt es nicht an tausenden wagemutigen Männern, die eine kühne Tat scheuen, wenn's einer gute Sache dient.“

„So so?“, meinte der andere; „und ihr gehört auch dazu?“

„Ich will nicht prahlen und mich dadurch versündigen“, versetzte Durward, „aber mein Vater hat manche Tat vollbracht, zu der kein geringerer Grad von Verwegenheit gehörte; und ein Bastard bin ich meines Wissens nicht.“

„Hm“, meinte der andere wieder, „bei solchem Versuch würdet Ihr Euer Stück Arbeit und auch ein gut Teil von Landsleuten, vielleicht sogar Verwandte, finden; denn unter König Ludwigs Leibwache stehen dreihundert schottische Bogenschützen, und darunter sind Adelige vom besten Blut Schottlands.“

„Und wenn ich König Ludwig wäre“, rief der Jüngling, „so vertraue ich mich diesen Söhnen Schottlands an, ließe Burg und Wälle niederreißen, die sumpfigen Gräben auffüllen und versammelte meine Pairs und Paladine um mich zu prächtigen Turnieren und festlichen Mal zu versammeln, ohne mich von Feinden mehr beirren zu lassen, als vom Gesumme einer Fliege.“

Der Begleiter des Jünglings lächelte wieder in seiner absonderlichen Weise, wandten dem Schloss wieder den Rücken zu und begaben sich wieder in den Wald, wählten aber jetzt einen breiteren und augenscheinlich auch betreteneren Pfad, als auf dem sie zum Schloss gelangt waren. „Auf diesem Wege gelangen wir ins Dorf hinein, Plessis, wie man es in der Gegend nennt. Dort werdet Ihr gute und anständige Bewirtung finden. Etwa zwei Meilen von hier liegt die Stadt Tours, die der schönen und reichen Landschaft den Namen gab. Aber im Dorf findet Ihr Unterkunft ebenso gut, nur erheblich billiger.“

„Ich danke Euch für die Auskunft“, sagte der Jüngling, „aber ich werde hier nicht lange bleiben. Außer einem Bissen Fleisch und einem Trunk, der um ein weniges besser ist als Wasser, stelle ich an das von Euch empfohlene Dorf keine Ansprüche.“

„Ich war der Meinung“, wandte der andere ein, „Ihr hattet vor, einem Bekannten hier guten Tag zu sagen?“

„Das wohl“, antwortete Durward, „einem Bruder meiner Mutter, einem gar stattlichen Mann, wie nur selten einer den Fuß auf die Heide von Angus gesetzt hat.“

„Wie heißt er denn?“, fragte der andere; „wir können uns umhören, denn Euch möchte ich es nicht raten, ohne weiteres ins Schloss zu spazieren: Man könnte Euch leicht für einen Spion halten“.

„Bei meines Vaters Hand!“, rief der Jüngling, „ich, ein Spion? Wer mir solches unterstellt, wird schnell Bekanntschaft mit meinem kalten Eisen machen! Mein Onkel heißt, da Ihr danach fragt, Lesley. Und des Namens braucht sich, wie ich wohl sagen kann, kein Schotte zu schämen.“

„Daran Zweifel ich nicht“, erwiderte der andere, „aber in der schottischen Garde dienen meines Wissens drei mit Namen Lesley?“

„Mein Onkel heißt Ludwig“, antwortete Durward.

„Von den drei Lesleys bei der Garde“, erwiderte der andere, „führen zwei den Vornamen Ludwig.“

„Mein Onkel heißt wohl auch Ludwig, der Genarbte“, versetzte Durward, „die Familiennamen sind bei uns so allgemein, dass wir den Einzelnen durch einen Zunamen zu kennzeichnen pflegen, sofern er sich nicht durch seinen Besitz an sich schon unterscheidet.“

„Oho, den kenn ich gut“, sagte der andere, „es ist ein braver und tapferer Mann, auch ein tüchtiger Soldat. Hoffentlich kann ich Euch helfen, euch mit ihm zu treffen. Es wird euch nicht Schaden, möcht es Euch nicht, das kann ich wohl sagen, wenn Ihr mit ihm sprecht, denn er gehört zu jenen Edelleuten, die streng auf den Dienst halten und nicht oft den Fuß aus der Garnison setzen. Es sei denn, die Pflicht ruft ihn zum König. Aber nun beantwortet mir eine Frage, junger Mann. Ich möchte darauf wetten, dass es Euch darum geht, an Eures Onkels Seite in der königlichen Garde zu dienen. Wenn Ihr hiernach strebt, so habt Ihr, wie ich wohl sagen darf, Großes im Sinn.“

„Daran gedacht habe ich wohl einmal“, bemerkte Durward gleichgültig, „aber das war ein Traum, der lange vorbei ist.“

„Wieso ein Traum?“, fragte der Ältere strengeren Tones als bisher, „erscheint Euch, ein Dienst, den die besten Eures Landes für eine Ehre halten, als solche Lappalie, dass Ihr Euch bloß im Traum damit befasst?“

„Aufrichtig gesprochen: der Dienst beim König von Frankreich wäre mir schon recht; aber was schert mich seine Uniform und guter Sold, wenn ich mich in solchen finstern Kasten oder gar in solches Schwalbennest einsperren lassen soll? Da lobe ich mir die frische, freie Luft! Zudem“, setzte er leiser hinzu, „ist mir ein Schloss, wo die Bäume dergleichen Eicheln tragen, wie man sie dort sieht, nicht sonderlich angenehm.“

„Ich kann mir denken, was Ihr meint; aber es wäre schon besser, wenn Ihr Euch ein bisschen deutlicher aussprächet.“

„Nun, wenn Ihr's denn durchaus deutlich hören wollt“, sagte Durward, „so danke ich schön für Eichen, an denen Menschen in grauen Wämsern baumeln von der Art, wie ich eins auf dem Leibe habe.“

„So so!“, rief der andere, „das muss ich sagen: Es geht doch nichts über ein Paar gute, scharfe Augen! Ich habe wohl auch was dort hin und her schaukeln sehen, hab aber gedacht, es sei ein Rabe, der sich auf einem Zweig niedergelassen hat. So etwas gehört aber keineswegs hier zu den Raritäten. Wenn der Herbst herankommt, so könnt Ihr dort oft ein halbes Dutzend oder mehr vom selben Schlage hängen sehen ... Was stört Euch dabei? Es sind doch bloß Fahnen, die die Galgenvögel verscheuchen sollen; und wer solchen Kerl dort baumeln sieht, der sagt doch eben höchstens, dass es einen Halunken weniger gibt, und dass das Volk im Lande wieder ein bisschen freier aufatmen kann. Solche Rechtspflege liebt nun einmal unser König.“

„Ich an seiner statt hätte sie aber lieber ein bisschen weiter von meinem Schloss“, sagte der Jüngling, „bei uns in Schottland werden tote Raben dort aufgehängt, wo lebendige nisten, nicht aber in unsern Gärten oder Taubenhäusern. Pfui Teufel! Der Verwesungsgestank dringt ja schon bis hierher!“

„Seid Ihr ein redlicher Diener Eures Fürsten, junger Bursche“, sagte der Mann, „dann werdet Ihr wohl kaum einen Geruch für angenehmer halten als den, der von dem Aase eines toten Verräters herüberzieht.“

„Aber darüber den Geruch und das Gesicht einzubüßen, könnte mir doch eben auch nicht passen“, antwortete der Schotte. „Zeigt mir einen Verräter lebendig, und ich will ihn greifen mit meinem Arme, und niederschlagen mit meiner Waffe; aber wessen Leben dahin ist, gegen den sollte es auch keinen Hass mehr geben ... Doch wenn ich nicht irre, so sehen wir bereits drüben das Dorf. Dort sollt Ihr sehen, dass mir weder Nässe noch Gestank den Appetit heute verderben kann. Drum so schnell wie möglich in den Gasthof! Bevor ich aber von Eurer Gastfreundschaft Gebrauch mache, wollt Ihr mir, bitte, sagen, wer Ihr seid, und wie ich Euch anzureden habe.“

„Gemeinhin nennt man mich Meister Peter“, gab der andere zur Antwort, „ich bin kein Freund von Titeln. Ich bin ein freier Mann und lebe von dem, was ich habe und mir verdiene.“

„Dagegen lässt sich nichts sagen, Meister Peter“, versetzte der Schotte, „und ich danke es dem günstigen Zufall, der mich hierher führte, dass er mich mit Euch zusammengebracht hat. Für einen guten Rat bin ich immer dankbar.“

Unterdessen kam der Kirchturm in Sicht und bald waren sie auch in der Nähe des Dorfeinganges; aber Meister Peter, von dem Wege, der auf die offene Heerstraße führte, ein wenig abbiegend, meinte jetzt, der Gasthof, wohin der Schotte gehen wolle, sei ein wenig abgelegen und nehme auch nur bessere Reisende auf „Meint Ihr damit solche, die mit einer gutgespickten Börse reisen“, versetzte der Schotte, „dann gehöre ich nicht dazu, sondern will's lieber versuchen mit jenen, die, statt in Gasthöfen, auf offener Heerstraße plündern.“

„Ihr Schotten seid ein vorsichtiges Volk! Der Engländer rennt ins erstbeste Gasthaus hinein und macht eine Zeche, wie es ihm gerade passt, ohne früher an die Rechnung zu denken, als bis ihm der Magen voll ist. Ihr vergesst aber, Meister Quentin, und Quentin ist doch wohl Euer Name, dass ich Euch ein Frühstück schuldig bin für das Bad im Bach, das Ihr durch meinen Irrtum genommen habt. Diese Buße muss ich schon auf mich nehmen für die Euch zugefügte Kränkung.“

„Ach, ich denke an das bisschen Wasser und an den Verdruss, den ich von Euch erlitten, schon lange nicht mehr“, antwortete Quentin, „meine Sachen hab ich mir ja schon wieder trocken gelaufen; da aber meine Mahlzeit heut ein bisschen karg war, will ich Euer Anerbieten nicht von der Hand weisen. Wenn ich mich nicht irre, so seid Ihr ein schlichter, ehrsamer Bürger, und ich sehe nicht ein, warum ich Euch ein Frühstück abschlagen sollte.“

Inzwischen waren sie einen schmalen Abhang, von großen Ulmen umschattet, hinabgestiegen, an dessen Ende sie durch einen Torweg in den Hofraum eines Gasthauses von ungewöhnlicher Größe gelangten. Es hatte ganz das Aussehen, als ob es Edelleuten mit ihrem Gefolge als Herberge diene, die in dem benachbarten Schloss zu tun hatten, wo Ludwig XI. nur selten, und bloß in Fällen, wo es sich gar nicht umgehen ließ, seinen Hofleuten Gemächer einräumte. Ein Schild mit der Lilie hing über dem Haupttor; allein man bemerkte weder auf dem Hofe noch in den Zimmern Anzeichen lebhaften Verkehrs.

Meister Peter öffnete, ohne jemand zu rufen, eine Seitentür und trat mit seinem Begleiter in einen großen Raum. Im Kamin brannte ein Bündel Reisig und alle Anstalten zu einem kräftigen Frühstück getroffen waren. „Mein Gevatter war schon da“, sagte der Franzose zu dem Schotten. „Ihr müsst frieren, und da habe ich ein Feuer bestellt; Ihr müsst hungern, und da sollt Ihr ein gutes Frühstück haben.“ Er pfiff, und der Wirt trat sogleich herein, beantwortete den Gruß des andern mit einer Verbeugung, zeigte aber in keiner Hinsicht die Geschwätzigkeit, die französischen Gastwirten zu allen Zeiten eigen gewesen ist. „Ich dachte, ein Herr hätte hier ein Frühstück bestellt“, sagte Meister Peter; „ist das nicht der Fall?“

Statt zu antworten, verbeugte sich der Wirt und trug ein gutes Mahl auf, sagte aber zum Lob desselben, trotzdem er alle Ursache dazu gehabt hätte, nicht ein einziges Wort.

Viertes Kapitel.

Das Frühstück des jungen Schotten bestand aus einer hervorragenden Perigord-Pastete. Dazu ein höchst schmackhaftes Ragout mit viel Knoblauch, den die Gascogner lieben und die Schotten nicht hassen; aus einem köstlichen Schinken mit feinstem Weißbrot in kleinen, runden Laiben, dessen Rinde so einladend war, dass es, selbst in Wasser getaucht, ein Leckerbissen gewesen wäre, und einem Becher der herrlichsten Burgundermarke. Durward, der in den letzten Tagen außer halbreifem Obst und einer mäßigen Portion Gerstenbrot nichts gegessen hatte, fiel über das Ragout her, und die Schüssel war auf der Stelle leer; hierauf griff er die mächtige Pastete an, fiel über den Schinken her und würzte dies Mahl gelegentlich durch einen Becher Wein, kehrte aber zum Erstaunen des Wirtes und zur Belustigung des Meisters Peter immer wieder zu der Schüssel zurück, bis er sie vollständig leer gekratzt hatte.

Der Letztgenannte schien, sich über die Esslust des jungen Schotten zu ergötzen, und als er endlich merkte, dass derselbe satt zu werden anfing, versuchte er ihn mit Konfekt und allerhand Naschwerk zur Fortsetzung seiner Mahlzeit zu reizen. Unterdes zeigte sich auf dem Gesicht des Meisters Peter eine gewisse gute Laune, die fast bis zum Wohlwollen stieg, und mit seinem gewöhnlichen scharfen, beißenden und strengen Charakter einen lebhaften Kontrast bildete.

Quentin Durward fand es mit der Zeit sonderbar, allein zu essen und er machte Meister Peter Vorwürfe, dass er ihn über seinen starken Appetit auslache, selbst aber nichts esse.

„Ich muss fasten!“, sagte Meister Peter, „und kann vormittags nichts genießen als etwas Backwerk und ein Glas Wasser! Lasst mir es doch durch Eure Frau herbringen!“ setzte er hinzu, sich zu dem Wirt wendend. Während dieser das Zimmer verließ, fuhr Meister Peter fort: „Nun, hab ich Wort gehalten betreffs des Frühstücks?“

„Ich hatte keine bessere Mahlzeit, seit ich Schottland den Rücken kehrte“, versetzte der Jüngling.

„Die königlichen Bogenschützen können sich solch Frühstück immer leisten“, sagte Meister Peter; „warum wollt Ihr denn nicht hier in Dienste treten, junger Mann? Euer Onkel könnte Euch schon einschieben, sobald eine Stelle vakant würde. Hört mal! Ich habe selbst eine Art Interesse bei der Sache und kann Euch behilflich sein. Ihr könnt doch ebenso gut reiten, wie den Bogen spannen, wie?“

„Unser Stamm zählt gewiss gute Reiter. Aber seht nur! Nahrung und Sold sind zwar nötige Dinge; allein in meinem Falle denkt man auch an Ehre, Beförderung und tapfere Kriegstaten. Euer König Ludwig aber, Gott segne ihn, der liegt hier in seinem Schloss und gewinnt Städte und Provinzen durch politische Gesandtschaften, statt sie in offenem Kampf zu erobern. Ich halt es schon lieber mit den Douglas, die stets im Felde stehen, weil sie lieber eine Lerche singen, als eine Maus quieken hören.“

„Junger Mann“, sagte Meister Peter, „urteilt nicht voreilig über die Handlung der Fürsten. Ludwig sucht das Blut seiner Untertanen zu schonen, und sorgt nicht um das eigene. Zu Montl'hery hat er sich als mutiger Mann gezeigt.“

„Nun ja“, versetzte der Jüngling, „allein das ist ein Dutzend Jahre her, wenn nicht länger; ich möchte lieber einem Herrn dienen, der seine Ehre immer so rein und glänzend erhält wie seinen Schild und in dem Schlachtgewühl sein Glück versucht.“

„Warum habt Ihr denn da nicht einen Versuch gemacht, in Brüssel beim Herzog von Burgund anzukommen? Der hätte Euch Gelegenheit gegeben, jeden Tag den Hals zu brechen, und Ihr hättet Euch sicher nicht umsonst bemüht, wenn er gehört hätte, dass Ihr seinen Förster verprügelt habt.“

„Wohl wahr!“, sagte Quentin; „mein unglückliches Geschick hat mir diese Tür verschlossen.“

„Abenteuer, bei denen die Jugend sich den Hals brechen kann, gibt's da draußen noch in Menge“, erwiderte sein Ratgeber. „Was denkt Ihr zum Beispiel von Wilhelm von der Mark?“

„Was sagt Ihr?“ entgegnete Durward; „dem mit dem Barte sollt ich dienen? Dem wilden Eber der Ardennen? Einem Räuberhauptmann und Anführer von Mördern, der einem das Leben nimmt um eines Ebers wegen, und Priester und Pilger erschlägt, als wären es Lanzenknechte und Reisige? Das wär ein ewiger Schandfleck auf dem Schilde meines Vaters.“

„Wohlan, junger Hitzkopf“, sagte Meister Peter, „warum folgt Ihr dann nicht dem jungen Herzog von Geldern?“

„Eher wollt ich dem bösen Feinde folgen!“, erwiderte Quentin. „Im Vertrauen gesagt, er ist eine zu schwere Bürde für die Erde; die Hölle verschlingt ihn gewiss. Wie man sagt, hält er seinen eigenen Vater gefangen und hat ihn sogar geschlagen. Könnt Ihr Euch so was denken?“

„Nach der Art, wie Ihr den Charakter der Fürsten beschreibt“, entgegnete Meister Peter, der über den Abscheu des Jünglings, mit dem er von kindlichem Undank sprach, ein wenig erregt zu sein schien, „wär's besser für Euch, wenn Ihr selbst ein Feldherr geworden wäret; denn wo soll ein so weiser Jungbursch einen Anführer finden, der sich zum Befehlshaber für ihn schickte?“

„Ihr lacht mich aus, Meister Peter“, sagte der Jüngling heiter, „und könnt recht haben; allein Ihr habt einen Mann nicht genannt, der ein wackrer Anführer ist, und eine tapfere Truppe hier zusammenhält, unter dem schon jemand Dienste suchen könnte.“

„Ich kann nicht erraten, wen Ihr meint.“

„Wen denn anders, als den, der zwischen den beiden Magneten hängt? Den man weder Franzosen noch Burgunder nennen kann, der aber die Waage zwischen beiden zu halten weiß; vor dem sich beide fürchten, und ihm zugleich dienen, so große Fürsten sie auch immer sind.“

„Ich erkenne nicht, wen Ihr meint“, sagte Peter, nachsinnend.

„Wen sollte ich meinen, als den edlen Ludwig von Luxemburg, den Grafen von St.-Paul und Großconnetable von Frankreich? Der behauptet seinen Platz mit seinem kleinen, tapferen Heer und trägt das Haupt so hoch, wie König Ludwig oder Herzog Karl, und schwebt doch zwischen beiden, wie der Knabe, der in der Mitte eines Brettes steht, während zwei andere sich an den beiden Enden auf- und abschwingen.“

„Er läuft aber Gefahr, am schlimmsten von allen Dreien zu fallen“, sagte Meister Peter. „Im Vertrauen gesagt, junger Freund, wisst Ihr denn, dass Euer Graf von St.-Paul der Erste war, der das Beispiel gab, das Land in Kriegszeiten zu verheeren?“

Da ging die Tür auf, und ein Mädchen, von etwa fünfzehn Jahren, trat herein, mit einem Präsentierteller, auf dem eine kleine Schale stand mit getrockneten Pflaumen, die der Stadt Tours seit je zu gutem Ruf verholfen haben. Allein der Anblick des Mädchens, das sie trug, fesselte Durwards Aufmerksamkeit in weit höherem Grade, denn ihr junges und liebenswürdiges Gesicht war ernster, als es sonst der Schönheit der Jugend eigen zu sein pflegt, und er zog mit der romantischen Einbildungskraft der Jugend sehr rasch den Schluss, dass über ihrem Schicksal ein romantischer Schleier liegen möchte. „Nun, Jacqueline“, sagte Meister Peter, als das Mädchen ins Zimmer trat, „was ist denn das? Ich wünschte doch, dass Frau Perette mich bedienen sollte. Dünkt sie sich etwa zu gut dazu?“

„Meine Mutter ist nicht wohl“, versetzte Jacqueline eilig, doch demütig; „sie muss das Zimmer hüten.“

„Hoffentlich allein!“, sagte Meister Peter mit einem Nachdrucke; „ich gehöre nicht zu denen, die erdichtete Krankheiten als Entschuldigung gelten lassen.“

Jacqueline wurde bleich und zitterte bei Meister Peters Antwort, dessen Stimme und Blick, stets rau, stechend und unfreundlich, in Fällen, wo er Zorn oder Verdacht ausdrückte, eine sehr düstere Färbung annahm. Quentin Durward aber eilte Jacqueline entgegen, um ihr die Last, die sie trug, abzunehmen. Sie ließ sie ihm auch willig, aber beobachtete mit schüchternem, ängstlichem Blick das Gesicht des zornigen Bürgers. Es war unmöglich, dem durchdringenden, um Mitleid flehenden Ausdruck ihrer Blicke zu widerstehen, und Meister Peter fuhr nun, nicht bloß mit vermindertem Groll, sondern mit Artigkeit fort: „Ich tadle Dich nicht, Jacqueline, denn Du bist zu jung, um das schon zu sein, was Du einst, ich denke nur mit Schmerz daran, werden musst, ein falsches, verräterisches Wesen, wie alle Deines wankelmütigen Geschlechts. Niemand erreicht das eigentliche Mannesalter, ohne dass sich ihm Gelegenheit geboten hätte, Euch alle kennen zu lernen. Hier ist ein schottischer Kavalier, der wird Dir dasselbe sagen.“

Jacqueline blickte augenblicklich den jungen Fremden an, so, als wollte sie nur Meister Peter gehorchen; allein so flüchtig der Blick auch war, so schien es Durward doch, als ob darin eine Aufforderung zu Unterstützung und Teilnahme liege, und mit der Schnelligkeit, die sein jugendliches Gefühl ihm eingab, sowie mit der durch seine Erziehung ihm eingeflößten romantischen Verehrung des weiblichen Geschlechts antwortete er: Er wolle sogleich seinen Handschuh jedem hinwerfen, der zu behaupten wage, dies Wesen, dem er jetzt ins Auge schaue, sei nicht von den reinsten und aufrichtigsten Gesinnungen beseelt.

Das junge Mädchen wurde totenbleich und warf einen misstrauischen Blick auf Meister Peter, der über die Prahlerei des galanten Jünglings nur verächtlich lächelte.

„Ihr seid ein törichter Mensch“, sagte er zu dem Schotten, „und versteht Euch ebenso wenig auf die Weiber, als auf die Fürsten, deren Herzen“, hier schlug er andächtig ein Kreuz, „Gott in seiner rechten Hand hält.“

„Und wer hält denn die Herzen der Weiber?“, fragte Quentin, entschlossen, sich von dem Übergewicht dieses seltsamen alten Mannes nicht weiter in die Enge treiben zu lassen.

„Da müsst Ihr schon in einem andern Quartier vorfragen“, sagte Meister Peter mit Ruhe.

Quentin war abermals zurechtgewiesen, jedoch nicht völlig aus der Fassung gebracht. Während er aber noch bei sich dachte, dass er dem alten Manne zu viel Ehre wegen des Frühstücks antue, und dass er doch ein schottischer Edelmann mit Stammbaum und Wappenrock bleibe diesem Handwerker von Tours gegenüber, streichelte dieser Jacquelinens lange Haarflechte und sagte mit Lächeln: „Der junge Mann da wird mich bedienen, Jacqueline; Du kannst wieder gehen. Ich werde es Deiner nachlässigen Mutter sagen, dass sie sehr übel daran tut, Dich so unnötigerweise jungen Gaffern auszusetzen.“

„Ich wollte Euch ja nur aufwarten“, sagte das Mädchen, „und hoffentlich werdet Ihr deshalb nicht böse sein auf Eure Verwandte, denn ...“

„Sappalot!,“ rief der Kaufmann, indem er ihr, obgleich nicht mit Rauheit, ins Wort fiel, „Du willst Dich doch nicht in einen Wortkampf mit mir einlassen, oder bleibst Du am Ende, um den jungen Mann recht zu betrachten? Geh nur! Es ist ein Edelmann und seine Bedienung ist hinreichend für mich.“

Jacqueline verschwand, und Quentin Durward nahm so großen Anteil an diesem plötzlichen Verschwinden, dass er darüber den Faden seiner Betrachtungen verlor und ganz mechanisch gehorchte, als Meister Peter, sich nachlässig in den großen Armstuhl werfend, mit dem Tone eines Mannes, der zu befehlen gewohnt ist, sagte: „Setze den Teller hier neben mich!“

Der Kaufmann senkte jetzt seine dunklen Augenbrauen über die scharfen Augen, so dass man sie kaum noch sah, oder schoss dann und wann einen lebhaften Blick darunter hervor, gleich Sonnenstrahlen hinter dunklem Gewölk. Je öfter und fester er ihn jetzt betrachtete, umso stärker ward seine Neugier, zu erfahren, wer und was der Mann eigentlich war, den er in seinen Gedanken wenigstens für einen Syndikus oder eine hohe Person von Tours hielt. Unterdessen schien der Kaufmann abermals in tiefes Gedanken versunken zu sein, aus dem er sich bloß erhob, um entweder das Zeichen des Kreuzes zu machen, oder etwas von den gedörrten Früchten nebst einem Stückchen Zwieback zu sich zu nehmen. Dann winkte er Quentin, ihm den Becher zu reichen, und als er den Wein, mit Wasser vermischt, ausgetrunken hatte, zog er einen großen, aus Seeotterfell verfertigten Beutel hervor und schüttete eine Menge kleiner Silbermünzen in den Becher, bis er über die Hälfte voll sein mochte.

„Ihr hättet wohl Ursache, dankbarer zu sein junger Mann“, sagte Meister Peter, „sowohl Eurem Patron Saint-Quentin, wie dem heiligen Julian, als Ihr es, dem Anschein nach, seid. Ich möcht Euch raten, in ihrem Namen Almosen zu verteilen. Bleibt indes in diesem Gasthaus, bis Ihr Euren Verwandten, Ludwig mit der Narbe, gesprochen habt; er wird nachmittags von der Wache abgelöst. Ich will's ihn wissen lassen, dass Ihr hier seid; denn ich habe Geschäfte im Schloss.“

Durward wollte sich entschuldigen, dass er die Freigebigkeit seines neuen Freundes nicht anzunehmen wage; allein Meister Peter sagte, indem er seine dunklen Augenbrauen zusammenzog und seine gebückte Gestalt mit einer Würde, die Durward noch gar nicht an ihm bemerkt hatte, emporrichtete, in einem gebieterischen Tone: „Keinen Einwand! Tu, was Dir befohlen wird!“ Mit diesen Worten verließ er das Gemach, Quentin durch einen Wink begreiflich machend, dass er ihm nicht folgen solle. Dieser blieb verwundert zurück und wusste durchaus nicht, was er von der Sache denken solle. Sein erster und natürlichster, wenn auch eben nicht der würdigste Antrieb war, in den silbernen Becher zu gucken, der über die Hälfte mit Geldstücken angefüllt war, die sich wohl auf einige Dutzend belaufen konnten, während Quentin in seinem ganzen Leben noch keine zwanzig besessen hatte. Ließ es sich aber auch mit der Würde eines Edelmanns vereinigen, das Geld von dem reichen Plebejer anzunehmen? Das war freilich eine bedenkliche Frage; denn wenn er auch ein gutes Frühstück zu sich genommen hatte, so hatte er doch kein Geld, um entweder nach Dijon zurückzureisen, falls er es wagen sollte, sich dem Zorn des Herzogs von Burgund auszusetzen, oder um sich nach Saint-Quentin zu begeben, wenn er sich für den Connetable Saint-Paul entschied. Vielleicht fasste er unter diesen Umständen den klügsten Entschluss, indem er sich vornahm, sich der Leitung seines Onkels anzuvertrauen. Er steckte einstweilen das Geld in den samtenen Falkenbeutel und rief den Wirt des Hauses, um ihm den Becher wieder zurückzugeben und sich über den freigebigen und verschwenderischen Kaufmann bei dieser Gelegenheit zu erkundigen.

Der Wirt zeigte sich, wenn auch nicht mitteilsam, doch gesprächiger als vorhin. Er weigerte sich unbedingt, den silbernen Becher zurückzunehmen, da er nicht ihm, sondern dem Meister Peter gehöre, der ihn seinem Gaste geschenkt habe.

„Aber ich bitt Euch“, rief Durward, „sagt mir bloß, wer dieser Meister Peter ist, der Fremden so beträchtliche Geschenke macht?“

„Meister Peter?“, fragte der Wirt, die Worte dabei so langsam aus seinem Munde fallen lassend, als ob er sie destillieren wolle.

„Ja doch!“ wiederholte Durward schnell und bestimmt; „wer Meister Peter ist, frage ich, und warum er mit seinen Geschenken in dieser Weise um sich wirft? Und wer der Kerl ist, der einem Fleischer ähnlich sieht und der das Frühstück bestellen musste?“

„Da hättet Ihr ihn selbst fragen sollen, den Meister Peter; was aber den Herrn betrifft, der das Frühstück bei mir bestellt hat, so mag uns Gott vor seinem näheren Umgange bewahren!“

„Dahinter steckt ein Geheimnis!“, sagte der junge Schotte; „Meister Peter hat mir gesagt, er sei ein Kaufmann.“

„So? Dann ist er auch sicher ein Kaufmann.“

„Mit was für Ware handelt er denn?“

„O, mit allerhand, besonders aber hat er Seidenmanufakturen hier angelegt, die ganz ebenso schöne Sachen liefern, wie die Venetianer aus Indien und Kathai bringen. Habt Ihr nicht die Reihen von Maulbeerbäumen gesehen, als Ihr hierher kamt? Die sind alle auf Meister Peters Befehl angepflanzt worden, zur Nahrung für die Seidenwürmer.“

„Allein das junge Mädchen, das die gedörrten Pflaumen hereinbrachte, wer ist denn die, guter Freund?“, fragte der Gast.

„Sie wohnt bei mir, Sir, mit ihrer Aufseherin, wohl einer Base, wenn ich nicht irre!“ versetzte der Gastwirt.

„Aber ist es denn bei Euch Sitte, dass Eure Gäste sich gegenseitig aufwarten?“ fragte Durward. „Denn ich hab's doch bemerkt, dass Meister Peter nichts aus Eurer Hand oder aus den Händen Eurer Leute nehmen wollte.“

„Reiche Leute haben nun so ihre Launen; denn sie können's bezahlen!“, sagte der Wirt; „das ist nicht das erste Mal, wo Meister Peter Mittel und Wege gefunden hat, vornehme Leute nach seinem Wink tanzen zu lassen.“

Der junge Schotte fühlte sich durch diese Äußerung einigermaßen gekränkt, verbarg aber seinen Verdruss und fragte, ob er hier für sich auf einen Tag, vielleicht auf noch längere Zeit, ein Zimmer bekommen könne.

„Das versteht sich“, sagte der Gastwirt; „solange es Euch beliebt, Ihr habt nur zu befehlen.“

„Darf ich den Damen meine Aufwartung machen, da ich nun doch unter einem Dache mit ihnen wohnen werde?“ Der Gastwirt wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Endlich erwiderte er: Sie gingen nicht aus und empfingen auch zu Hause keinen Besuch.

„Mit Ausnahme Meister Peters, nicht wahr?“, fragte Durward.

„Es kommt mir nicht zu, Ausnahmen anzuführen“, entgegnete der Wirt fest, aber achtungsvoll.

Quentin, durch die Antwort des Gastwirts neuerdings verletzt, verlangte in sein Zimmer geführt zu werden. Der Gastwirt stieg eine Wendeltreppe hinauf, dann eine Galerie entlang, auf die viele Türen führten. An ihrem äußersten Ende blieb er stehen, suchte einen Schlüssel aus dem großen Schlüsselbund hervor, den er an seinem Gürtel trug, und öffnete die Tür. Seinem Gast bot er ein zwar kleines, aber reinliches und trauliches Turmzimmer an, das mit einem Feldbett und einigem Hausrat versehen, in guter Ordnung war und ihm, im ganzen genommen, wie ein kleiner Palast erschien.

„War das ein glücklicher Gedanke, so vom Flecke weg in den Bach zu springen!“, rief Quentin Durward, als der Wirt sich entfernt hatte, und machte einen Freudensprung; „nie ist mir das Glück in einer besseren Gestalt erschienen.“

Er trat an das kleine Fenster, von wo aus man, da der Turm beträchtlich aus der Hauptlinie des Gebäudes hervortrat, nicht nur in einen hübschen, ziemlich geräumigen Garten hinab sah, sondern auch eine freundliche Anpflanzung von Maulbeerbäumen überschauen konnte. Wenn man aber von diesen entfernten Gegenständen das Auge hinwegwandte und längs der Mauer hinsah, so bemerkte man einen anderen Turm gegenüber mit einem ebensolchen kleinen Fenster wie das, an welchem jetzt Quentin stand. Nun würde es aber einem, der zwanzig Jahre älter wäre als Quentin, schwer begreiflich sein, warum diese Örtlichkeit ihn mehr interessierte, als der schöne Garten oder die freundliche Maulbeerpflanzung. Im gegenüberliegenden Fenster, hing eine Laute in einer Nische. Eine Laute ohne eine Sängerin, war bei Durwards jugendlichem Alter ausgeschlossen; weiter lässt sich leicht vermuten, dass Durward von der Besitzerin der Laute mehr zu erfahren wünschte, wenigstens darf man voraussetzen, dass es ihn interessierte, dahinter zu kommen, ob es etwa dieselbe Person sei, die Meister Peter so demütig aufgewartet hatte. Es ist sicherlich begreiflich, dass er sich nicht der vollen Länge und Breite nach in seinem eigenen Fenster zeigte. Nein! Durward verstand sich besser auf die Kunst, Vögel zu fangen; er wusste sich geschickt auf einer Seite des Fensters zu verbergen, und bloß durch den Laden guckend, hatte er das Vergnügen, einen schönen, runden, weißen Arm zu erblicken, der eben die Laute herabnahm, worauf auch seine Ohren für sein geschicktes Verhalten ihren Lohn empfingen.

Das Mädchen in dem kleinen Turm, sang eins von jenen kleinen Liedern, wie sie von den Lippen der Edelfrauen zur Zeit des Rittertums flossen, bei denen Ritter und Minnesänger lauschten und seufzten. In den Worten lagen weder viel Sinn, Geist und Phantasie, um die Aufmerksamkeit von der Musik abzulenken, noch zeigte diese so viel Kunst, um alle Empfindungen von den Worten abzuziehen. Das eine schien bloß für das andere da zu sein, und wäre der Gesang ohne die Noten rezitiert, oder die Musik ohne die Worte gespielt worden, so würde keins von beiden etwas wert gewesen sein. Aber auf Quentin übte beides eine mächtige Wirkung, zumal die Gestalt der Sängerin nur teilweise und nicht deutlich sichtbar war, so dass sich ein geheimnisvoller Zauberschleier über das Ganze breitete.

Nach dem Lied konnte der Lauscher nicht umhin, mehr von sich zu zeigen, um vielleicht mehr als nur einen kurzen Blick zu erhaschen. Allein die Musik hörte augenblicklich auf, das Fenster wurde geschlossen und eine dunkle, von innen vorgezogene Gardine setzte allen weiteren Beobachtungen ein Ende.

Fünftes Kapitel.

Der Ritter, der auf Quentin Durward in dem Zimmer wartete, wo derselbe gefrühstückt hatte, gehörte jenem berühmten Bogenschützenkorps der schottischen Leibgarde an, die von Karl VI., Ludwigs Vorgänger, errichtet worden war. In dessen Händen, lag, wie man dreist sagen konnte, das Schicksal Frankreichs. Ihm war die Leibwache des Königs anvertraut. Dieser Schritt einer ausländischen Wache lang in dem Umstand begründet, dass der eigene Adel in der Gesinnung schwankend und unsicher war. Die Oberherrschaft des Königs anerkennend, war dieser aber auch bereit, einem neuen König zu dienen, sollte dieser besser auf die Wünsche des Adels eingehen. Diesem wankelmütigen Adel den eigenen Schutz anzuvertrauen, wäre unpolitisch und höchst gefährlich. Dagegen war das schottische Volk gewissermaßen der Erbfeind Englands und demzufolge Frankreichs alter und, wenigstens dem Anschein nach, auch natürlicher Bundesgenosse. Die Schotten waren ein armes, aber mutiges und treues Volk, und weil kein anderes Volk in Europa so reich an kühnen und tapferen Abenteurern war, ließ sich damit rechnen, dass sich solche Garde immer aus seinen Söhnen neu rekrutieren ließ. Da ferner der schottische Adel sehr alt war und fast durchgängig bis zum Alter der Kreuzzüge, wenn nicht noch höher, hinaufreichte, stand ihm ein besonderes Anrecht zu, näher an die Person des Monarchen herangezogen zu werden, als jeder andere Adel, den französischen nicht ausgeschlossen. Zudem waren sie nicht zahlreich genug, sich gegen den König aufzulehnen.

Jeder Bogenschütze hingegen stand an Rang und Ehre den Edelleuten des Landes gleich, und ihre ständige Berührung mit dem Landesherrscher verlieh ihnen in jedermanns Augen eine gewisse Anerkennung. Die prächtige Uniformen, die sie trugen, die vortreffliche Bewaffnung, sowie das Recht, sich einen Knappen, einen Diener, einen Pagen und einen oder auch ein paar Trabanten zu halten wirkten auf den nomalen Bürger und auch dem niedrigen Adel als privilegiert. Kein Wunder, dass solcher Bogenschütze als eine Respektsperson galt, und weil die im Korps frei werdenden Stellen nie anders aufgefüllt wurden, als aus den Reihen der Pagen oder Knappen, so geschah es nicht selten, dass vornehme schottische Geschlechter ihre jüngeren Söhne zu einem befreundeten oder verwandten Angehörigen dieses Korps sandten. In dessen Diensten blieb er so lange, bis er in das Korps eintreten könne.

Quentin Durwards Onkel, Ludwig Lesley, oder wie er nach der ihn kennzeichnenden Narbe genannt wurde, Balafré, war annähernd sechs Fuß hoch und von muskulöser, untersetzter Gestalt. Seine an sich rauen Gesichtszüge wurden durch eine große breite Narbe, die von der Stirn zum rechten Auge hinunter und an diesem entlang, über den von ihr bloßgelegten Wangenknochen bis zum Ohrläppchen hinlief, bald scharlach-, bald purpurrot, bald blau aussehend, ja nicht selten sich dem Schwarz nähernd, noch erheblich verdüstert. Diesen Eindruck konnte auch die kostbare Rüstung nicht mildern, die er trug. Sie bestand aus Halskragen, Armstücken und Handschuhen aus feinstem Stahl. Sie waren kunstvoll mit Silber ausgelegt, und prunkten edel im Wettstreit mit einem funkelnden Panzerhemd. Über diesem trug er ein weites Oberkleid aus blauem Samt, das, an den Seiten wie ein Heroldsgewand offen, nach vorn und hinten zu durch ein großes, weißes, in Silber gesticktes Kreuz geteilt wurde. Knie und Schenkel waren durch eiserne Beinschienen geschützt, die sich in Stahlschuhen fortsetzten. An der rechten Seite seines Panzerhemds hing ein starker, breiter „Gottesgnadendolch“ genannter Dolch, über der Schulter das Wehrgehänge seines zweihändigen Schwertes. Die schottische Nationalmütze reich bestickt, mit einem Federbusch geziert wurde zusätzlich mit einem Bild der Jungfrau Maria aus gediegenem Silber versehen.

Quentin Durward, von Jugend auf nach schottischem Brauch an die Führung der Waffen gewöhnt, stand trotzdem unter dem Eindruck, einen Soldaten mit solch mustergültiger Ausrüstung und Bewaffnung noch nie gesehen zu haben. Erst als ihn der bärbeißige Mann nach Neuigkeiten aus Schottland fragte, verschwand bei ihm die unangenehme Empfindung, die dieser erste Eindruck bei ihm geweckt hatte.

„Viel Gutes, Herr Onkel, wüsste ich da leider nicht zu melden“, erwiderte Quentin Durward auf diese Frage; „aber gefreut hat's mich, von Euch so schnell erkannt worden zu sein.“

„Junge, ich hätte Dich auf der Stelle zwischen den Heiden von Bordeaux erkannt“, erwiderte der Krieger mit der Narbe, „wenn ich Dich dort als Storch auf Stelzen hätte laufen sehen. Aber setz Dich doch! Hast Du was Trauriges zu berichten, so steht Wein hier, der wird's uns tragen helfen. Heda, Alter! Noch einen Humpen vom besten!“

Im Nu stand eine Flasche der besten Champagner-Marke vor ihnen, denn in den Schenken von Plessis kannte man die Bogenschützen zu gut, um sie auch nur eine Sekunde warten zu lassen. Quentin nippte jedoch, weil er heut Morgen schon einmal Wein getrunken hatte, an dem Humpen, während der Onkel einen derben Zug daraus tat ... „Säß Deine Schwester an Deiner statt hier, dann möcht ich solche Entschuldigung gelten lassen“, erwiderte Balafré, „so aber rate ich Dir, vor einem Weinkruge Dich nicht so zimperlich zu benehmen, denn ich denke doch, Du willst auch mal einen Bart bekommen und ein tapferer Soldat werden. Also trink! Und dann los mit den Neuigkeiten, die Du von unserem Glenhulakin weißt. Was macht meine Schwester?“

„Die ist gestorben, lieber Ohm!“

„Was? Gestorben?“, wiederholte Balafré, mehr im Tone der Verwunderung als des Mitgefühls, „wie kann das sein? Sie war doch fünf Jahre jünger als ich, und wohler als sie hab ich mich doch mein Lebtag nicht befunden ... Soso! Gestorben also ist sie? Hat sich Dein Vater wieder verheiratet?“

Ehe aber der Jüngling noch eine Antwort auf diese weitere Frage gefunden hatte, fiel ihm der Onkel schon mit der Frage dazwischen: „Was? Nicht wieder verheiratet? Ich lese Dir die Antwort ja in den Augen, Junge! Ich hätte Gott weiß was wetten mögen, dass Allan Durward nicht ohne Frau werde leben können ... Ordnung in seinem Haus ging ihm doch über alles, und ein hübsches Weib hatte er immer gern vor Augen. Wie kann er das haben, ohne verheiratet zu sein? Ich mach mir dagegen aus all den Bequemlichkeiten nicht sonderlich viel, sehe wohl auch ganz gern mal ein Frauenzimmer, aber deshalb gleich ans Sakrament der Ehe zu denken, ist nicht mein Fall. Dazu fehlt es mir an der nötigen Heiligkeit.“

„Aber, lieber Onkel, die Mutter war ja schon ein ganzes Jahr Witwe, denn die Ogilvies waren in Glenhulakin eingefallen, und dabei ist der Vater mit den beiden Onkels und meinen beiden älteren Brüdern, auch noch sechs von unsern Leuten, dem Harfner und dem Arbeitsvogt, umgekommen. Bei uns in Glenhulakin raucht kein Herd mehr, und kein Stein steht mehr auf dem andern.“

„Beim Kreuze des heiligen Andreas!“, rief Balafré, „das muss ja bös hergegangen sein! So eine Niederlage ist noch nicht dagewesen. Freilich, die Ogilvies waren immer schlimme Nachbarn. Wann ist denn die unglückliche Affäre passiert?“ Als ihm der Neffe sagte, es sei am Sankt-Judasfeste gewesen, nahm Balafré einen tüchtigen Schluck und schüttelte dann mit großem Ernste das Haupt ... „Da siehst Du's, Neffe“, sagte er, „es ist nun mal im Krieg alles Zufall. Bald hat's an dem, bald an jenem gelegen. Ich bin am selben Tage mit zwanzig Berittenen gegen Schloss Rochenoir ausgezogen und hab's im Sturm genommen, und hatte es mit einem gar schlimmen Gegner zu tun, mit Amaury, dem Eisenarm, von dem Du doch sicher schon gehört hast. Den hab ich vorm Portal niedergehauen und hab in dem Schloss so viel Gold erbeutet, dass ich mir die güldene Kette hab schmieden lassen, die noch zweimal so lang war, wie jetzt ... da fällt mir übrigens ein, dass ich einen Teil davon auf ein frommes Gelübde verwenden muss. He, Andreas! Andreas!“

Sein Trabant dieses Namens trat in die Stube, fast genau wie der Bogenschütze selbst gekleidet, bloß die Beinschienen fehlten ihm, und die Rüstung war weit gröber gearbeitet, auf der Mütze fehlte der Federstutz und sein Oberkleid war weniger weit, und statt aus Samt nur aus Baumwolle und grobem Tuch. Balafré nahm die Goldkette vom Hals, biss mit seinen unverwüstlichen Zähnen etwa zwei Zoll davon ab und gab das Stückchen dem Trabanten. „Da, Andreas! Trag das zu Pater Bonifaz, nach Sankt-Martins hinüber, bestell ihm einen Gruß und sag ihm, ich trüg ihm nicht weiter mehr nach, dass er nach unserer letzten Kneiperei ohne Adieu sich von mir gedrückt hätte. Dann sag ihm auch, mein Bruder und meine Schwester und die ganze Glenhulakiner Sippe seien tot, und er solle so gut sein, für ihre Seele ein paar Messen zu lesen. Was ich ihm durch Dich von meiner goldenen Kette schickte, würde schon als Kirchenlohn für das bisschen Messelesen ausreichen. Sag ihm auch, meine Sippe in Glenhulakin hätte immer einen gottesfürchtigen Wandel geführt, und wenn er daraufhin vielleicht meinte, sie könnten schon ohne Messe aus dem Fegefeuer heraus sein, so soll er das Geld auf einen Fluch gegen das hundsföttische Gesindel dieser Ogilvies verwenden ... auf welchem Wege, soll ihm überlassen bleiben, aber er soll denjenigen wählen, auf dem ihnen am besten beizukommen ist ... Verstanden, Halunke?“

Der Trabant nickte. „Hüte Dich aber“, rief Balafré noch, „dass sich ja nicht etwa ein Glied von dem abgebissenen Kettenstück ins Wirtshaus verirre! Denn dann machst Du Bekanntschaft mit Steigriemen und Sattelgurt, und zwar so lange, bis Deine Haut aufspringt ... Ich merke schon, Kerl, Du hast schon wieder mal Durst? Na, dann nimm einen tüchtigen Schluck, ehe Du Dich auf den Weg machst.“ Mit diesen Worten reichte er ihm einen vollen Humpen. Der Trabant leerte ihn bis zur Neige. Dann entfernte er sich, um dem Pater den Auftrag zu bestellen.

„So, Neffe“, wandte sich nun Balafré wieder an Quentin Durward, „nun sag mir, wie Du eigentlich bei der Affäre mit blauem Auge davongekommen bist?“

„Ich stand mit den älteren und stärkeren zusammen in Reih und Glied gegen die feindlichen Ogilvies“, erwiderte Durward, „und hab mitgekämpft, bis wir schließlich unterlagen. Ein böser Schlag streckte mich nieder, und ich trug eine schlimme Wunde davon.“

„Das ist mir vor 10 Jahren nicht besser gegangen“, erwiderte der Onkel, „wie sie mich damals herausgeputzt haben, das kannst Du mir ja heute noch ansehen.“ Bei diesen Worten wies er auf die dunkelrote, tiefe Furche, die sein Gesicht in der Quere schnitt; „dergleichen Risse hat noch kein Schwert eines Ogilvie gezogen!“

„Zerrissen haben die Ogilvies gerade genug“, versetzte Quentin, „aber sie hatten schließlich ihren Blutdurst gestillt und gaben mich auf Bitten meiner Mutter los. Es war gerade ein Mönch von Aberbrothock in der Nähe, und dem erlaubten sie, mich zu verbinden; ich musste jedoch, zusammen mit der Mutter, geloben, Mönch zu werden.“

„Du, und Mönch?“, rief Balafré, „so was ist ja noch nicht dagewesen! Mich hat noch nie jemand, auch im Traume nicht, in eine Mönchskutte zu stecken gewagt; dass ich wenigstens nicht wüsste und doch muss ich mich eigentlich, wenn ich darüber nachdenke, wundern, denn ich hätte doch ganz sicher keinen schlechten Pater abgegeben. Aber mag es drum stehen, wie es wolle, mir hat's bis jetzt niemand zugemutet, einen solchen Berufswechsel vorzunehmen; und Dir ist das zugemutet worden, Neffe? Warum denn bloß, um alles in der Welt?“

„Damit unser ganzes Geschlecht aus der Welt getilgt werde!“, erklärte Quentin Durward, „wenn nicht im Grabe, so doch im Kloster!“

„Hm, nun verstehe ich“, erwiderte Balafré, „diese Ogilvies sind doch ganz infame Halunken! Doch hätten sie sich damit betrügen können! Wie war's denn mit dem Probst Robsart? Der fällt mir gerade ein! Er hatte doch auch die Weihen bekommen, war aber dann aus dem Kloster geflohen und Hauptmann bei einer Freikompagnie geworden. Er nahm sich ein allerliebstes Weib und zeugte mit ihr drei Jungen. Dem Mönchsvolk, lieber Neffe, ist nun mal nicht über den Weg zu trauen, ein Mönch wird Soldat und Vater von Kindern, ehe man sich's versieht. Aber erzähle weiter von Deinen Glenhulakiner Geschichten!“

„Da gibt's nicht viel mehr zu erzählen, Onkel“, antwortete Durward, „ich musste eben ins Kloster, wurde Novize, musste nach den Klosterregeln leben und sogar lesen und schreiben lernen.“

„Lesen und schreiben, sagst Du?“, rief Balafré, der zu den Leuten gehörte, die alle Kenntnisse, die das Maß des eignen Wissens übersteigen, für Wunderdinge ansehen, „so was ist ja noch nicht dagewesen! Das kann man doch nicht glauben! Welcher Durward hätte wohl vor Dir seinen Namen schreiben können? Ein Lesley doch auch nicht! Ich bin der Letzte von den Lesleys und kann so wenig schreiben wie fliegen! Aber, beim heiligen Ludwig! Wie haben sie es denn bloß angestellt, dass sie Dir das beigebracht haben?“

„Zuerst war's freilich schwer“, erklärte Durward, „dann ist's leichter geworden. Wie bei allem im Leben, kommt's hier eben auf die Übung an. Ich war infolge des starken Blutverlustes schwach zum Umfallen und wollte meinem Retter, Pater Peter, kein Herzleid bereiten. Drum gab ich mir auch alle Mühe, aufzupassen, und dann ist die Mutter auch krank geworden und gestorben, und da hat sich's in einem günstigen Augenblick mal gefügt, dass ich's dem Pater gestehen konnte, dass ich zum Mönchsstande gar keine Neigung hätte. Ich erklärte, ich möchte lieber in die Welt hinaus, mein Glück versuchen. Wir vereinbarten, dass es den Anschein hätte, ich sei aus dem Kloster geflohen. Die Ogilvies sollten keinen Grund haben, Rache am Pater und dem Kloster zu nehmen. Daher nahm ich auch den Falken des frommen Paters mit. Entlassen aber bin ich unter der Hand in aller Form Rechtens aus dem Kloster, wie ja das Siegel und die Handschrift des Abtes beweisen.“

„Na, das ist ja im Grunde auch besser“, meinte Balafré, „wenn auch schließlich König Ludwig nicht viel danach früge, ob Du gemaust hast oder nicht, so kann er es doch nicht leiden, wenn sich einer gegen ein Kloster vergangen hat. Darauf kann ich aber wetten, Junge, dass Dir alles Mögliche fehlt, zu einem anständigen Unterhalt?“

„Nun, ja Onkel“, erwiderte der Jüngling, „Dir kann ich's ja gestehen: Dazu ist mir weiter nichts nötig, als das nötige Kleingeld.“

„Eine schlimme Sache, wenn die Dinge so stehen“, meinte Balafré, „ich spare ja auch nichts vom Sold. Es ist nicht leicht mit Ehren, solchen Stand zu wahren. Was ich benötige, habe ich schließlich doch immer, und wenn es mal Matthäi am letzten wird, dann muss die goldene Kette herhalten. Du wirst dich fragen, Neffe, wie ich zu solchen schönen Dingen komme? Sie wachsen freilich nicht wie Narzissen auf dem Feld. Du kannst sie Dir dort holen wie ich, vom König von Frankreich! Denn wer Schätze zu suchen ein Herz hat, der findet sie dort, wenn auch hie und da mit Lebensgefahr; aber er findet sie!“

„Ich hörte“, erwiderte Quentin, „der Herzog von Burgund hält einen besseren Hofstaat als der König von Frankreich. Unter seiner Fahne sei mehr Ehre zu gewinnen.“

„Du redest wie ein Dummkopf“, entgegnete Balafré, „aber man kann's Dir nachsehen, denn als ich den Fuß nach Frankreich gesetzt hatte, redete ich gerade so dumm und albern wie Du. Ich hatte die Vorstellung von einem König, dass er den ganzen Tag unter einem Thronhimmel säße, mit seinen obersten Paladinen von früh bis spät schmause, die goldene Krone nie absetzt, oder an der Spitze seiner Truppen dem Feinde entgegenreite. Im Vertrauen gesagt, Neffe! Politik ist die richtige Kunst, die sich für die Könige schickt, und diese Kunst hat der König Ludwig von Frankreich so recht eigentlich für sich gepachtet. Er versteht es, wie kein anderer Monarch in ganz Europa! Du darfst mir glauben, Ludwig ist der klügste von allen Fürsten, der je den Purpur trug! Ich sah den Purpurmantel kaum ein einziges Mal auf seinen Schultern, solange ich in seinem Dienst bin. Viel öfter aber habe ich ihn herumlaufen sehen in seinem Schloss und seinem Land in einer Kleidung, wie sie sich kaum für unsereinen schicken möchte!“

„Aber, Onkel“, wandte der Jüngling ein, „Ihr erwidert ja gar nichts auf meinen Einwand. Wenn ich in fremdem Land dienen muss, so möchte ich es doch gern da tun, wo mir der größte Vorteil winkt, wo ich mich am ehesten und hervorragendsten auszeichnen könnte!“

„Das verstehe ich schon, lieber Neffe“, versetzte Balafré, „aber es fehlt Dir in solchen Dingen noch am richtigen Urteil. Der Burgunder Herzog ist ein Brausekopf, ein eisenfester Wagehals, der sich an der Spitze seiner Männer selbst ins Gefecht stürzt, und wenn wir, Du oder ich, uns bei ihm befänden, meinst Du, wir könnten es dort weiter bringen, als er und seine Adligen? Wollten wir nicht gleichen Schritt mit ihnen halten, dann wäre doch sicher der Herr burgundische Generalprofos nicht weit von uns, und täten wir's anderseits ihnen gleich, nun, dann wär's eben gut, und es hieße, wir hätten eben unseren Sold verdient. Höchstens hieße es einmal, wenn wir was ganz Besonderes verrichtet hätten, aus herzoglich burgundischem Munde: Ha! Brav gemacht! Sehr brav – gebt ihm einen Gulden, Seneschall, dass er mal auf unser Wohl einen guten Schluck trinken kann! Aber von Rang, Land oder Schätzen kommt in seinem Dienste an einen, der nicht Burgunder ist, kein Tüttelchen: das lass Dir gesagt sein, denn was der zu verschenken hat, kommt bloß an Landeskinder!“

„Dann sagt mir aber, Onkel“, erwiderte Quentin, „wohin soll ich mich wenden?“

„Zu demjenigen Fürsten“, antwortete Balafré, „der die Landeskinder fein säuberlich zur Arbeit anhält und Schotten einstellt, sie und ihr Land zu schützen, und ihnen dafür keine andern Lasten aufbürdet, als für ihren Sold aufzukommen! ... Franzosen, sagt König Ludwig, eignen sich nun einmal nicht zur Kriegführung, das haben die Tage von Crécy und Azincourt bewiesen, und wer ihm was gegen seine Ansicht sagen will, dem kommt er gleich mit diesen beiden Schlachten entgegengerückt, die für die französischen Ritter in so großem Maße unglücklich verliefen. Na, siehst Du nun ein, lieber Neffe, wo unser Weizen blüht, und wo Du, wenn Du reich werden willst, schließlich noch die allerbesten, wenn nicht die Einzigen, Aussichten dazu hast?“

„Ich glaube, den Sinn Eurer Worte richtig zu erfassen, Onkel“, versetzte Quentin Durward, „aber mir scheint, viel Ehre ist bei diesem König nicht zu holen! Denn ich sehe nicht, wo es bei ihm Gefahren gibt. Mir kommt der Dienst bei ihm, verzeiht mir den Ausdruck, Onkel, so recht vor wie ein Schlaraffendienst. Warum hat ein alter Mann, dem doch niemand was zu Leide tut, so viel Wachen nötig? Wem kann was daran liegen, Sommer und Winter auf seinen Festungswerken herumzulungern oder in einem eisernen Käfig zu stecken? Ist das etwa viel Ehre, unter dem ewigen Verdacht des Ausreißers zu stehen? Ich komme mir da wirklich nicht anders vor, wie ein Falke, der auf seiner Stange hocken muss, ohne nur ein einziges Mal auffliegen zu dürfen.“

Ich muss man sagen“, rief Balafré, „Mut und Feuer stecken in dir; es steckt was von Lesleyschem Geist in ihm; so war ich selber, und keinen Deut anders. Aber jetzt heißt meine Parole: Vivat König Ludwig! Lang lebe der König von Frankreich! Bei ihm vergeht fast kein Tag, an welchem es nicht einen Auftrag gibt, bei dessen Ausführung was für unsereinen kleben bleibt! Meine bloß nicht, als ob die schwierigsten Stückchen immer bei hellem Tage ausgeführt würden! Ich könnte Dir manches erzählen, wie Schlösser gestürmt, Gefangene eingebracht wurden, und wo einer, wenn auch keinen großen Namen, so doch größere Gunst zu gewinnen vermag, als all die Wagehälse zusammengenommen im Dienste des wagehalsigen Herzogs von Burgund! Wenn es unserm Könige beliebt, sich im Hintergrund aufzustellen und uns bei unserm Tun zu beobachten, so hat er doch ganz gewiss bessere Gelegenheit zu gerechtem Abwägen von jedes einzelnen Verdienstes, als wenn er sich selbst mit in dem Kampfe getummelt hätte. Nein, nein! Da hilft kein Reden! König Ludwig ist ein gar scharfblickender Herr und ein politischer Herrscher, wie wir keinen andern haben neben ihm!“

Quentin Durward schwieg eine Weile, schließlich sagte er, leiser als bisher, aber nicht minder ausdrucksvoll: „Der gute Pater Peter meinte manchmal, durch manche Tat wurde nicht viel Ehre eingeheimst, oder mancherlei Vorteil zu gewinnen gewesen.Ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, Onkel, dass meine Vermutung solche geheim erteilten und heimlich auszuführenden Aufträge nicht immer besonders ehrenvoll sein mögen.“

„Wofür, Neffe, hältst Du mich denn?“, fragte Balafré finster; „ich bin allerdings in keinem Kloster erzogen worden, kann auch weder lesen noch schreiben; aber ich bin ein ehrlicher Lesley. Meinst Du, ich, als Dein Onkel, wollte Dir etwa Unwürdiges anbieten? Der beste Ritter Frankreichs, Guesclin selbst, könnte, wenn er noch am Leben wäre, stolz sein auf solche Taten, wie ich sie ausführte.“

„Ihr seid mein einzige Ratgeber, Onkel“, antwortete Quentin Durward, „den mir ein unseliges Geschick aufbewahrt hat, und ich Zweifel nicht an Euren Worten. Trifft es zu, was gerüchtweise verlautet, dass der König von Frankreich hier in Plessis solch dürftigen Hof halte? Es soll keiner von seinen Edlen hier sein, keiner von seinen großen Vasallen und Hofleuten in seiner Nähe weilen, kein Kronbeamter zu seiner Verfügung stehen? Außer ein paar einsamen Ausflügen, an denen bloß die Leibdiener teilnehmen dürfen, ein paar geheime Sitzungen, zu denen lediglich eine kleine Zahl von Personen zugegen sind, wie beispielsweise sein Barbier, soll nichts hier vorgehen, was an eine königliche Hofführung erinnert? Wenn sich das wirklich so verhält, dann scheint mir doch wenig von den Bräuchen und Sitten seines Vaters des edlen Königs Karl, auf König Ludwig übergegangen zu sein. Dabei hatte König Karl das zur Hälfte von England eroberte Königreich wieder durch Krieg an sich gebracht!“

„Du schwatzt Unsinn“, erwiderte Balafré, „und leierst wie ein Kind die alten Noten auf neuen Saiten. Wenn König Ludwig seinen Barbier Oliver Dain zu dingen braucht, die dieser besser versteht, als alle Pairs in seinem Land, hat nicht dann sein Königreich den Gewinn davon? Wenn er seinem martialischen Generalprofossen Befehl gibt, diesen oder jenen aufrührerischen Bürger in Haft zu nehmen oder den oder jenen Edelmann beiseitezuschaffen, dann geschieht es doch eben ohne viel Federlesens. Aber nicht der Fall wäre es, wenn er solchen Auftrag einem Herzog oder Pair seines Landes erteilen wollte, da könnte er sich fast immer darauf gefasst machen, dass er den Auftrag mit einer Herausforderung zurückbekäme, auf die Ausführung aber fein säuberlich warten könnte. Oder spricht es etwa nicht von königlicher Weisheit, wenn Ludwig Balafré mit einem Auftrag bedacht wird, der beim Großconnetable vielleicht ganz und gar nicht in den richtigen Händen gewesen wäre? Ist solcher Monarch nicht gerade für Leute wie uns der richtige? ... Du kannst mir glauben, König Ludwig versteht es, sich die rechten Leute für seine Befehle auszusuchen, und misst, wie man wirklich sagen kann, jedem genau zu, was er tragen kann. Aber, höre! Da schlägt die Glocke von Sankt Martins! Die ruft mich zurück ins Schloss. So leb denn wohl und nimm Dich recht zusammen! Sei um acht Uhr früh an der Zugbrücke und frage die Schildwache nach mir! Aber sieh Dich vor, dass Du nicht vom richtigen Wege abkommst, sobald Du Dich dem Portal näherst, denn es könnte Dich, wenn Du das außer Acht lässt, leicht ein Glied von deinem Leibe kosten, und das büßt doch niemand gern ein! Ich sage Dir, Neffe, Du sollst den König Ludwig sehen, und sollst dann selbst über ihn urteilen. Auf ein Wiedersehen!“

Mit diesen Worten eilte Ludwig Balafré hinweg und vergaß in der Eile, den Wein zu bezahlen. Bei Personen seiner Stellung ist solche Vergesslichkeit keine Seltenheit, und der Wirt mochte sich vor dem wehenden Federbusch nicht getrauen, ihn aufmerksam zu machen. Von Quentin Durward hätte man nun erwarten können, dass er sich wieder in sein Turmzimmer begeben hätte, um den süßen Tönen weiter zu lauschen, die seine Morgenstunde so herrlich aufgeheitert hatten. Aber sein Onkel hatte ihn zu derb in die Wirklichkeit zurückgeholt. Er besaß jetzt keinen Sinn mehr für Romantik, sondern unternahm einen Spaziergang am Ufer des wild strömenden Cher, hatte sich aber zuvor sorgsam bei dem Herbergswirt erkundigt, ob in dieser Gegend etwa auch Fußangeln gelegt seien, die zu besonderer Vorsicht nötigten. Der Wirt hatte ihm nach dieser Hinsicht beruhigen können, und so versuchte er nun am Ufer des wilden Flusses seine wirren Gedanken zu sammeln und Pläne für sein zukünftiges Leben zu schmieden. Das zukünftige Leben erschien ihm durch die Unterhaltung mit seinem Onkel zweifelhaft.

Sechstes Kapitel.

Die Art von Durwards Erziehung hatte weder sein Herz bilden, noch sein sittliches Gefühl stärken können. Er war zur Jagd angehalten und gelehrt worden, den Krieg als einzige ernsthafte Beschäftigung, zugleich aber auch für die größte Lebenspflicht zu halten und erlittenes Unrecht aufs grimmigste zu rächen.

Nichtsdestoweniger fühlte sich Quentin durch die Gleichgültigkeit verletzt, womit sein Onkel die Nachricht von der Ausrottung der ganzen Familie seines Schwagers aufgenommen hatte; auch konnte er nicht umhin, sich zu wundern, dass ein so naher Verwandter ihm keine Unterstützung anbot, die er doch ohne Meister Peters Freigebigkeit notgedrungen hätte, in Anspruch nehmen müssen. Gleichwohl tat er seinem Onkel unrecht, dass dieser Mangel an Aufmerksamkeit auf seine wahrscheinlichen Bedürfnisse von wirklichem Geiz herrührte. Da er selbst in diesem Augenblick des Geldes nicht benötigt war, war es Balafré auch nicht eingefallen, dass sich sein Neffe in dringender Verlegenheit befinden könnte. Er hielt einen nahen Verwandten wie Quentin zu sehr für einen Teil seiner selbst, als dass er nicht ebenso für das Wohl seines Neffen Sorge trug. Allein, was auch immer der Beweggrund sein mochte, so war diese Vernachlässigung dem jungen Durward durchaus nicht angenehm, und er hegte mehr als einmal den Wunsch, in die Dienste des Herzogs von Burgund getreten zu sein. Ehe er die Gelegenheit bekam, über Meister Peter mit Balafré zu sprechen, wurde er von der großen Glocke von St. Martins unterbrochen, obwohl er eine Frage nach der anderen auf der Zunge lag. Er sagte sich, der alte Mann sei wohl finster und unfreundlich, scharf und spottend, aber doch edelmütig und freigebig gewesen, und ein altes, schottisches Sprichwort sagt: „Besser ein freundlicher Fremder, als ein fremder Blutsfreund!“

„Ich muss den Mann ausfindig machen“, dachte er bei sich selbst, „und das kann doch kein so schweres Unternehmen sein, wenn er so reich ist, wie mein Wirt ihn darstellt. Wenigstens wird er mir hinsichtlich meines zukünftigen Verhaltens einen guten Rat erteilen können. Wenn er in fremde Länder reist, wie es viele tun, so ist das, denk ich, ebenso ein guter Dienst, bei dem es etwas zu gewinnen gibt, wie bei König Ludwigs Leibwache.“

Während Quentin seinen Gedanken nachhing, begegneten ihm zwei Männer von würdigem Ansehen, allem Vermuten nach Bürger von Tours, vor denen er respektvoll die Mütze zog. Dann bat er sie, ihm doch Meister Peters Haus zu zeigen.

„Wessen Haus, lieber Sohn?“, fragte der eine.

„Meister Peters Haus, des großen Seidenhändlers, der die Maulbeerbäume dort in den Park gepflanzt hat“, entgegnete Durward.

„Junger Mensch“, sagte der von den Fremdlingen, der ihm am nächsten stand, „Ihr habt Euer nichtsnutziges Gewerbe ein wenig zu früh angefangen.“

„Und Euch an die unrechten Leute gewendet, um Späße anzubringen!“ versetzte der andere noch mürrischer. „Der Syndikus von Tours ist nicht gewohnt, sich von herumziehenden Spaßmachern aus fremden Ländern Nasen drehen zu lassen.“

Quentin war so erstaunt über das, was er hörte, dass er darüber vergaß, über die Unhöflichkeit der beiden Männer böse zu werden, und ihnen starr nachblickte. Mit schnellen Schritten eilten die beiden Männer davon, als wünschten sie, ihn so bald als möglich hinter sich zu lassen.

Nicht lange danach begegnete er einer Gruppe Winzer und stellte die gleiche Frage. Als Antwort wünschten sie zu wissen, ob er Meister Peter den Schulmeister, oder Meister Peter den Zimmermann, oder Meister Peter den Büttel, oder auch ein halbes Dutzend anderer „Meister Peter“ meine. Als aber keiner von diesen der Beschreibung glich, die er von der Person, die er suchte, gab, beschuldigten ihn die Winzer, er wolle sich einen plumpen Spaß mit ihnen machen. Sie drohten ihn tüchtig zu verprügeln, wenn er weiter macht. Der Älteste von ihnen, der in einigem Ansehen bei den übrigen stand, sie sollten sich aller Gewalttätigkeit lieber enthalten.

„Ihr könnt an seinen Reden und an seiner Narrenkappe sehen, dass er einer von den fremden Marktschreiern ist, die jetzt ins Land kommen. Lasst ihn also in Ruhe seines Weges gehen. Ihr aber, Freund, wenn Ihr was Böses im Sinne habt, geht still und ruhig davon und behelligt uns nicht weiter mit Eurem Meister Peter. Es ist am Ende wohl nur ein anderer Name für den Teufel!“ Der Schotte sah ein, dass er hier offenbar in der schwächeren Position stand, und hielt es fürs klügste, seinen Weg fortzusetzen.

Auf einer kleinen Anhöhe, die sich über dem reißenden Cher in der Richtung seines Weges erhob, bildeten ein paar Wallnussbäume eine schone Gruppe. Neben ihr standen ein paar Landleute, starr und bewegungslos, die Augen aufwärtsgerichtet, dem Anschein nach auf einen unter den Zweigen befindlichen Gegenstand. Neugierig, wie es die Jugend ist, eilte Quentin dorthin und sollte nun das schrecklichste Schauspiel mit ansehen, das sich einem menschlichen Auge bieten kann. An einem der Baumäste hing der Körper eines Mannes, dessen Züge die Todesangst verzerrte.

„Warum schneidet Ihr denn den armen Kerl nicht ab?“, rief der junge Schotte den Umstehenden zu. So, wie er immer bereit war, seine Ehre zu verteidigen, so war er bereit, Menschen in Not Beistand und Hilfe zu gewähren. Einer der Bauern sah ihn mit einem völlig entgeisterten Gesicht an, wies mit der Hand, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen, auf ein in der Baumrinde befindliches Zeichen. Dies sah einer Lilie ähnlich. Das Zeichen wurde jedoch von verschiedenen unverständlichen Kritzeleien umgeben. Durward, der weder dies Zeichen kannte, noch es zu entziffern verstand, kletterte auf den Baum, langte aus dem Gurt den jedem Hochländer unentbehrlichen „Skene Dhu“, einen zweischneidigen Dolch, rief den Bauern zu, den Körper aufzufangen, und schnitt den Strick mit einem kräftigen Schnitt entzwei. Die Bauern hatten wenig Sinn für menschliche Empfindung, die den jungen Schotten leitete. Statt Durward Hilfe zu leisten, ergriffen sie vielmehr, sichtlich entsetzt über diesen Eingriff das Hasenpanier. Sie kümmerten sich weder um ihn noch um den vom Baum fallenden Körper. Quentin bemerkte, dass infolge des Sturzes aus nicht unbeträchtlicher Höhe, der letzte Lebensfunke aus dem Körper des Gehenkten wich. Trotzdem gab er seinen humanen Vorsatz nicht auf, demselben zu helfen. Er löste die schreckliche Schlinge von dessen Hals, knöpfte ihm die Jacke auf, bespritzte ihm das Gesicht mit Wasser und versuchte alles Mögliche, ihn wieder ins Leben zurückzubringen. Auf einmal erklang ein wildes Stimmengewirr in einer ihm völlig unbekannten Mundart. Kaum hatte er die nötige Zeit gefunden, sich umzudrehen, als er sich ziemlich unsanft am Arme gepackt fühlte und ein Messer blitzen sah. Das Messer zielte auf seine Brust. „Elender Sklave von Eblis!“, schrie ihn ein Mann an, der von andern Männern, Weibern und Kindern umringt wurde. Ihr wildes durcheinander Schreien, war ohrenbetäubend, aber in einem grässlichen Kauderwelsch, „willst Du den Menschen, den Du ermordet hast, auch noch berauben? Dafür sollst Du büßen!“ Grimmige, verzerrte Gesichter starrten ihn an. Von allen Seiten wiesen Messer auf ihn. Den jungen Schotten verließ seine Geistesgegenwart nicht. Er wehrte sich gegen die Männer, die ihn gepackt hielten. Mit einem heftigen Ruck war er frei. Dann rief er: „Was wollt Ihr von mir, Leute? Wenn Ihr in dem Unglücklichen einen Kameraden oder Freund zu beklagen habt, so lasst Euch sagen, dass ich ihn eben vom Baume losgeschnitten. Ich habe nicht vor, mich an seinem bisschen Habe zu bereichern. Besser wär's, statt Euch mit mir zu streiten, versucht ihn wieder ins Leben zurückzurufen. Wären die anderen Bauern nicht so erbärmlich weggelaufen, so wäre der arme Kerl wohl noch am Leben. Durch den Sturz scheint ihm das Letzte davon abhandengekommen zu sein“.

Inzwischen hatten sich die Weiber über den Unglücklichen hergemacht und alles Mögliche versucht, ihn wieder ins Leben zu bringen. Ihre Bemühungen waren ebenso erfolglos wie die vorangehenden von Durward. Auch sie sahen das Vergebliche ihrer Bemühungen ein. Sie hoben nach orientalischer Sitte ein klägliches Geschrei an, rauften sich die langen Haare, während die Männer ihre Kleider zerrissen und Straßenstaub auf ihr Haupt zu schütten anfingen. Jetzt erst betrachtete Durward die Anwesenden genauer, denn es kümmerte sich niemand mehr um ihn, überzeugt von seiner Unschuld. Für Durward wäre es das Gescheiteste gewesen, sich nicht weiter um die Leute zu kümmern, sondern stumm und still seiner Wege zu ziehen. Aber daran gewöhnt, Gefahren ohne Rücksicht auf die Folgen zu trotzen und seine Neugierde zu stillen, blieb er. Er wollte wissen, wer hinter diesen merkwürdigen Menschen verbarg, die so krause schwarze Bärte hatten und von so dunkelbrauner Hautfarbe waren, dass sie ganz aussahen wie Afrikaner. Ein paar von ihnen, augenscheinlich die Anführer, trugen seltsamen Zierrat um den Hals. Ketten aus Silbermünzen und ebenso in den Ohren, dazu gelbe, hellgrüne und scharlachrote Schärpen um den Leib. Außer den langen Messern, mit denen sie ihn eben noch bedrohten, bemerkte Quentin keinerlei Waffen bei ihnen. Nur einer trug eine Art Krummsäbel oder Maurenschwert an der Seite. Er überbot die anderen an Ausbrüchen von schmerzlichem Geheul, wohl auch Drohungen, weil er des Öfteren die Hand daran legte.

Plötzlich ertönte von anderer Seite her Pferdegetrappel. Die Leute, von denen Quentin meinte, sie seien Sarazenen ließen auf der Stelle den Leichnam fallen. Ihre Klagen wandelten sich in Schreckensrufe, und die meisten von ihnen wandten sich kurz entschlossen zur Flucht. Bis auf Zweien gelang es ihnen auch, sich durch die Reiter hindurch zu schlagen! Von diesen beiden, die in die Hände der Reiter fielen, war einer derjenige, der den Krummsäbel wild um sich geschwungen hatte. Der Nächste, der von den Reitern ergriffen und ungeachtet allen Einspruchs gebunden wurde, war Quentin Durward. An der Gewandtheit, mit der sich die Soldaten dieser Verrichtung entledigten, ließ sich erkennen, dass sie keineswegs Neulinge in dieser Polizeitätigkeit waren. Quentin, der sich bestürzt nach dem Anführer der Reiterschar umsah, wusste nicht, ob er sich freuen oder sorgen sollte. In ihm erkannte er den Gefährten Meister Peters, der den Blick immer zur Erde gerichtet hielt. Welches Verbrechens diese Fremdlinge beschuldigt sein mochten, so musste dieser Beamte doch aus der Geschichte des Morgens wissen, dass Durward in keinerlei Verbindung mit ihnen stand. Allein schwieriger war die Antwort auf die andere Frage, ob dieser finstre Mann für ihn ein günstiger Richter oder williger Zeuge sein werde. Und ob er bereit wäre, seine Lage zu verbessern.

Aber es blieb wenig Zeit zum Nachdenken übrig. „Trois-Echelles und Petit-André!“, sagte der Mann mit dem zu Boden gesenkten Blick zu zweien seiner Truppe; „die Bäume hier stehen gerade recht bequem. Ich will dies ungläubige, diebische Gesindel lehren, mit des Königs Gerechtigkeit zu spaßen, wenn sie einen von der verruchten Rasse erwischt hat. Steigt ab, und tut ohne weiteres Eure Schuldigkeit!“

Trois-Echelles und Petit-André standen augenblicklich auf den Füßen, und Quentin bemerkte, dass jeder von ihnen am Schwanzriemen und Sattelknopf seines Pferdes ein Bund Stricke befestigt hatten. Sie lösten sie schleunigst ab und knüpften sie zu der verhängnisvollen Schleife, die für solche, die gehenkt werden, den letzten Halsschmuck bilden. Eiskalt rann das Blut durch Quentins Adern, als er sah, dass man drei Stricke auswählte. In der Absicht, einen davon um seinen Hals zu schlingen, wurde ihm ganz anders. Er erinnerte den Mann mit lauter Stimme an ihr Zusammentreffen am Morgen, machte sein Recht als freigeborener Schotte in befreundetem Lande geltend, und behauptete, dass er weder die Personen kenne, in deren Gesellschaft er gefangen worden, noch wisse, was sie eigentlich verbrochen hätten.

Der Mann würdigte ihn keines Blicks, sondern wandte sich ohne weiteres zu ein paar Bauern, die jetzt zum Vorschein kamen. Er fragte kurz: „War der junge Mensch da bei den Vagabunden?“

„Allerdings war er dabei, Sir“, antwortete einer der Bauern, „und mit Ew. Edlen des Herrn Generalprofos Erlaubnis, wie wir schon gesagt haben, er war der Erste, der den Schurken abschnitt, den Se. Majestät Gerechtigkeit verdientermaßen hatte aufknüpfen lassen.“

„Ich schwöre bei Gott und dem heiligen Martin von Tours“, sagte ein anderer, „dass ich ihn mit ihnen gehen sah, als sie unsere Meierei plünderten.“

„Ja, aber der Heide war doch schwarz, Vater!“, sagte ein Knabe, „und der hier ist weiß; der hatte ganz kurzes, krauses Haar und der hier hat schöne, lange Haare.“

„Das ist wohl wahr, Junge“, versetzte ein Bauer; „jener hatte auch einen grünen Mantel, und dieser hat eine graue Jacke. Aber Ew. Edlen der Herr Profos wissen ja selbst, dass diese Halunken ihr Gesicht wechseln können wie ihre Jacke, so dass ich doch immer noch der Meinung bin, es sei derselbe.“

„Es genügt“, sagte der Mann mit dem zu Boden gesenkten Blick, „dass Ihr gesehen habt, wie er sich bemühte, einen gerichteten Verbrecher ins Leben zurückzurufen. Trois-Echelles und Petit-André, macht Euch fertig!“

„Haltet ein, Herr Offizier!“, rief der Schotte in Todesangst; „hört mich an und lasst mich nicht schuldlos sterben! Mein Blut wird von Euch gefordert werden durch meine Landsleute in dieser Welt und durch die Gerechtigkeit des Himmels in der künftigen!“

„Ich werde meine Handlungen hier und dort zu verantworten wissen!“, sagte der Profoß kaltblütig, indem er mit der linken Hand den Scharfrichtern ein Zeichen gab. Dann zeigte er mit boshaftem Lächeln auf seinen rechten Arm, den er in einer Binde trug, wahrscheinlich infolge des Schlages, den er am Morgen von Durward erhalten hatte.

„Elender, rachsüchtiger Bube!“, rief Quentin, nunmehr überzeugt, dass er von ihm kein Mitleid zu erwarten habe.

„Der arme Junge ist nicht bei Sinnen!“, sagte der Profoß: „sprich ihm doch ein tröstliches Wort zu, Trois-Echelles, ehe sein Ableben erfolgt. Du bist ja in dergleichen Fällen der Richtige, wenn ein Beichtvater fehlt. Nur eine Minute erteile ihm geistlichen Rat und Zuspruch und dann fort mit ihm! Ich muss jetzt die Runde machen – Soldaten, folgt mir!“

Der Profoß ritt mit seiner Wache fort, bis auf ein paar Männer, die zurückblieben. Diese blieben, um bei der Hinrichtung behilflich zu sein. Der unglückliche Schotte sah ihm verzweifelt nach. Mit jedem schwindenden Hufschlag schwand für ihn die Möglichkeit einer Rettung. Voller Todesangst sah er sich um. Zu seinem großen Erstaunen sah er, dass seine Mitgefangenen in stoischer Gleichgültigkeit verharrten. Anfangs hatten sie ängstlich versucht zu fliehen; nachdem sie aber allem Anschein nach dem unvermeidlichen Tode entgegengingen, erwarteten sie ihr Schicksal mit unerschütterlichem Gleichmut. Die beiden Scharfrichter hatten Quentin zu dem Baum geschleppt, von dem er erst den anderen Gehenkten abgenommen hatte, und legten ihm die Schlinge um den Hals. Mit verstörtem Blick sah er sich um. „Gibt es denn keinen guten Christen hier“, riefe er, „der es dem Ludwig Lesley von der schottischen Leibwache, hier zu Lande Balafré genannt, hinterbringen möchte, dass man hier seinen Neffen schändlich umbringt?“

Gerade rechtzeitig, denn ein Bogenschütze von der schottischen Garde, den die Hinrichtung herbeigelockt hatte, stand mit ein paar anderen zufälligen Passanten da.

„Nehmt Euch in acht!“, sagte er; „ist der junge Mensch hier vielleicht ein Schotte von Geburt, so solltet Ihr nicht solchen schlechten Spaß mit ihm treiben!“

„Gott behüt‘ uns, Herr Reiter!“, versetzte Trois-Echelles; „aber wir müssen tun, was man uns befohlen hat!“

„Das kürzeste Spiel ist immer das Beste!“, sagte Petit-André und wollte Quentin aufheben. Der aber hatte die tröstlichen Worte kaum vernommen, als er seine ganze Kraft aufbot und die beiden Schergen des Gesetzes auf die Seite warf und mit gebundenen Händen dem schottischen Bogenschützen entgegenlief.

„Steh mir bei, Landsmann!“, sagte er in seiner Muttersprache, „um Schottlands und des heiligen Andreas willen! Ich bin unschuldig, bin Dein Landsmann! Steh' mir bei, wenn Du es nicht dereinst am Jüngsten Tag zu verantworten haben willst!“

„Beim heiligen Andreas!“, rief der Bogenschütze; „sie sollen nicht an Dich kommen, so lang ich lebe!“ Mit diesen Worten zog er sein Schwert.

„Mach mich von den Stricken frei“, sagte Quentin, „und ich kann mir allein helfen.“

Der Strick war schnell zerschnitten und Quentin sprang auf einen Schergen des Profoß los und entriss ihm die Hellebarde ...

„Und nun“, rief er, „kommt heran, wenn Ihr es wagt!“

„Reite Du dem Generalprofos nach!“, sagte Trois-Echelles zu seinem Gefährten Petit-André, „ich will sie einstweilen hier aufhalten. Soldaten von der Wache! Ergreift die Waffen!“

Petit-André bestieg sein Pferd und verließ den Schauplatz. Die übrigen Leute von dem Gefolge des Profos zogen sich auf Trois-Echelles Befehl eilig zusammen. Bei der daraus entstandenen Verwirrung entschlüpften die beiden anderen Gefangenen.

„Sagt mir doch“, wandte sich der Bogenschütze an den Scharfrichter, „was hat der junge Mensch denn eigentlich verbrochen?“

„Er hat sich unterfangen, den toten Körper eines Verbrechers abzunehmen, trotzdem der Baum, an dem ich ihn aufgehängt hatte, mit der Lilie bezeichnet war.“

„Junger Mann?“, sagte der Bogenschütze, „wie kommt Ihr dazu, solche Ungebühr zu verüben?“

„So wahr ich Euren Schutz wünsche“, antwortete Durward, „will ich Euch die Wahrheit sagen, wie meinem Beichtvater. Ich sah einen Menschen an dem Baum zappeln und schnitt ihn ab, aus bloßer Menschenliebe. Ich habe weder an die Lilie noch sonst eine Blume gedacht, oder gar, dass ich dadurch den König von Frankreich, oder unsern Heiligen Vater, den Papst beleidigte.“

„Aber zum Henker, was ging Dich denn der tote Körper an? Wo der Henker arbeitet, wirst Du dergleichen immer wie Äpfel an den Bäumen hängen sehen, und Du hättest wahrscheinlich hier zu Land viel zu tun, wenn Du hinter dem Henker eine Ährenlese halten wolltest. Ein Wort, Herr Gerichtsmann! Es ist ein Missverständnis, wie Ihr seht. Ihr solltet Mitleid haben mit einem so jungen Reisenden. In unserem Land ist er nicht gewohnt, dergleichen schnelle Prozedur, wie die Eure und die Eures Meisters, zu sehen.“

„Weil sie dort etwa nicht nötig wären? Nein! Herr Bogenschütze!“, sagte Petit-André, der in diesem Augenblicke zurückkehrte. „Nicht gezögert, Freund Trois-Echelles! Da kommt der Generalprofoß. Wir werden gleich sehen, was er dazu sagt, dass ihm das Werk aus der Hand genommen worden, eh' es noch vollendet war.“

„Da kommen auch zufällig ein paar von meinen Kameraden!“, versetzte der Bogenschütze. Wirklich nahten, als der Profos Tristan mit seiner Patrouille auf der einen Seite des Hügels heraustritt, der der Schauplatz des Streits war, vier oder fünf Bogenschützen auf der andern mit Balafré an ihrer Spitze auf.

In dieser misslichen Lage zeigte Lesley sich nicht gleichgültig; denn kaum hatte er bemerkt, dass er sich in einer Notsituation befand, rief er: „Cunningham, ich danke Dir! Kameraden! Steht mir bei! Es ist ein junger schottischer Edelmann, mein Neffe. Lindesay! Guthrie! Tyrie! Zieht und haut zu!“ Die Aussicht zu einem ungleichen Kampf zwischen den beiden Parteien war nun gegeben. Die Anzahl der Kontrahenten auf beiden Seiten war nicht gleich. Die besseren Waffen der Schotten würden ihnen jedoch zum Sieg verhelfen. Der Generalprofos, entweder, weil er den Ausgang des Gefechts fürchtete, oder weil er sich sorgte, es möchte dem König unangenehm sein, dass es zwischen seinem Profos und seiner Leibgarde zu Blutvergießen kommt, gab seinem Gefolge ein Zeichen, keine Gewalt anzuwenden. Er stellte aber Balafré die Frage, was er, als ein Ritter von der königlichen Leibwache damit bezwecke, sich der Hinrichtung eines Verbrechers zu widersetzen?

„Ich bezweifel, dass dem so ist!“, versetzte Balafré. „Beim heiligen Martin! Es ist doch ein Unterschied zwischen der Hinrichtung eines Verbrechers und der Ermordung meines eigenen Neffen!“

„Euer Neffe kann ebenso gut ein Verbrecher sein, wie jeder andere“, sagte der Generalprofos „und jeder Fremde ist den Gesetzen Frankreichs ebenso unterworfen, wie jeder andere Bürger Frankreichs.“

„Ja, aber wir haben Privilegien, wir schottischen Bogenschützen“, sagte Balafré; „ist dem nicht so, Kameraden?“

„Allerdings, allerdings!“, riefen alle zugleich. „Privilegien – Privilegien! Lang lebe der König Ludwig! Und Tod allen, die uns unsere Vorrechte schmälern wollen!“

„Aber seid doch vernünftig, Ihr Herren“, sagte der Generalprofos; „und bedenkt meinen Auftrag!“

„Von Euch nehmen wir keine Vernunft an!“, entgegnete Cunningham, „unsere eigenen Offiziere sollen uns Vernunft lehren. Wir wollen von des Königs Gnaden gerichtet werden, oder durch unseren eigenen Kapitän, da jetzt der Großkonnetable nicht zugegen ist.“

„Und von niemand gehängt werden“, sagte Lindesay, „als von Sandie Wilson, dem alten Profos von unserm eigenen Korps.“

„Aber so hört doch nur“, sagte der Generalprofos, „der junge Mensch hat mit Euch nichts zu tun, und kann keine Ansprüche auf Eure Privilegien nehmen.“

„Er ist mein Neffe“, sagte Balafré mit triumphierender Miene.

„Aber soviel ich weiß, kein Bogenschütze von der Leibwache“, versetzte Tristan l'Hermite.

Die Bogenschützen sahen zweifelhaft einander an ... „Nur standhaft, Vetter“, flüsterte Cunningham Balafré zu, „sprich, er sei bei uns angeworben.“

„Beim heiligen Martin! Du hast recht, Vetter!“ entgegnete Lesley, und mit lauter Stimme schwur er nun, dass er diesen Tag seinen Verwandten als Gefolgsmann angenommen habe. Diese Erklärung war ein entscheidender Beweggrund, und Profos Tristan, der des Königs Besorgnis vor einem Zwist unter seiner Leibwache kannte, brach mit seinen Leuten auf, während die Bogenschützen zurückblieben und eilig beratschlagten, was als Nächstes zu tun sei. „Vor allen Dingen“, hieß es, „müssen wir die Sache unserm Kapitän Crawford berichten und dann den Namen des jungen Menschen in unsere Liste eintragen lassen.“

„Aber, werte Freunde und Retter“, sagte Quentin, „ich habe mich ja noch gar nicht entschieden, ob ich bei Euch in Dienste treten will oder nicht.“

„Dann musst Du darüber eins werden, ob Du's tun oder hängen willst“, versetzte sein Onkel; „denn sonst, lieber Neffe, bleibt Dir wohl kaum ein Ausweg aus dieser Klemme übrig.“

Das war ein unwiderleglicher Beweisgrund, der Quentin in die Notwendigkeit versetzte, sich in eine Verpflichtung zu fügen, in die er sonst nicht gern gewilligt hätte.

„Jetzt zum Schloss!“, sagte Balafré; „unterwegs soll uns mein Neffe erzählen, wie er sich den Generalprofos auf den Hals gehetzt hat, damit wir wissen, wie wir unseren Bericht an Crawford einreichen müssen.“

Siebentes Kapitel.

Als sie vor dem Schloss ankamen, öffnete sich die kleine Pforte im Tor, und die Zugbrücke fiel. Einer nach dem andern ritt hinein; die Schildwachen aber kreuzten ihre Piken vor Quentin und befahlen ihm, anzuhalten. Von den Wällen herab spannten Bogenschützen ihre Waffen und zielten mit Arkebusen auf ihn. Obwohl der Jüngling in Begleitung des Korps und in Begleitung seines Onkels einritt, nahm die Schildwache auf ihrem Posten ihren Auftrag sehr ernst. Balafré neben ihm gab die nötigen Erklärungen ab. Unter starker Bewachung in Begleitung Balafrés und Cunninghams wurde Durward zu Crawford gebracht.

Crawford war schottischer Edelmann und einer der letzten Überlebenden jenes tapferen Stammes schottischer Lords und Ritter, die Karl dem Sechsten lang und treu in den blutigen Kriegen gedient hatten. Mit ihre Hilfe gelang die Unabhängigkeit der französischen Krone und die Vertreibung der Engländer. Schon als Knabe hatte er unter Douglas und Buchanan gefochten, hatte unter der Fahne der Johanna d'Arc gestanden und war vielleicht einer der letzten der schottischen Ritterschaft, die so willig ihre Schwerter für die Lilie der Bourbonen gegen ihren alten englischen Erbfeind gezogen hatte.

Lord Crawford war alt, schlank und ziemlich hager. Seine Glieder waren nicht mehr so geschmeidig aber doch kräftig. Er konnte das Gewicht seiner Rüstung noch immer so gut tragen, wie der jüngste Mann in seinem Gefolge. Seine Gesichtszüge waren etwas grob, mit Narben bedeckt und von der Sonne stark gebräunt. Sein Blick, der dem Tod in dreißig großen Schlachten ins Angesicht gesehen hatte, drückte mehr gutmütige Verachtung der Gefahr als den wilden Söldnermut aus. Seine hochaufgerichtete Gestalt war in einen weiten Hausmantel gehüllt, den ein büffellederner Gürtel umschloss. An ihm hing ein mit kostbarem Griff versehener Dolch. Um den Hals trug er die Kette und das Zeichen des St. Michaels-Ordens. Er saß auf einer Art von Kanapee, das mit einer Wildhaut bedeckt war, und las, mit einer neuartigen Brille auf der Nase mit Anstrengung ein großes Manuskript, „le Rosier de la guerre“ genannt, ein Gesetzbuch für militärische und bürgerliche Polizei, das Ludwig zum Besten seines Sohnes, des Dauphins, hatte zusammentragen lassen und worüber er die Meinung des erfahrenen schottischen Kriegers zu hören wünschte.

Lord Crawford legte sein Buch etwas verdrießlich beiseite, als der unerwartete Besuch eintrat, und fragte in seinem breiten Dialekt: „Was in Teufels Namen wollt Ihr?“

Balafré schilderte umständlich die Lage, in der sich sein Neffe befand, und bat demütig um Schutz für ihn. Crawford hörte aufmerksam zu und konnte nicht umhin, über die Einfalt zu lächeln, womit der Jüngling sich des Verbrechers angenommen hatte; allein er schüttelte den Kopf bei dem Bericht über den Streit zwischen den schottischen Bogenschützen und der Wache des Generalprofos.

„Wie oft“, sagte er, „werdet Ihr mir noch solche Knäuel zum Entwirren bringen? Wie oft soll ich's Euch wiederholen, Ludwig Lesley und Archie Cunningham, dass sich Schotten bescheiden und anständig benehmen sollen gegen die Einwohner des Landes, sofern sie nicht alle Hunde der Stadt an ihren Fersen haben wollen? Immerhin ist mir es lieber, dass Ihr mit dem Profos, als jemand anders in Streit geraten seid. Es ist verständlich, Eurem Verwandten beizustehen, denn der einfältige Bursche konnte in arge Verlegenheit geraten. Langt mir die Musterrolle der Kompagnie von dem Gesims; wir wollen seinen Namen gleich auf die Liste setzen.“

„Wenn Eure Herrlichkeit erlauben ...“, begann Durward.

„Ist der Bursche toll?“, rief sein Onkel. „Will er etwa mit seiner Lordschaft sprechen, ohne dass er gefragt wurde?“

„Geduld, Ludwig!“, sagte Lord Crawford; „wir wollen doch hören, was der Bursche zu sagen hat.“

„Mit Eurer Herrlichkeit Erlaubnis“, versetzte Quentin, „ich habe sagte meinem Onkel, ich hätte einige Bedenken, in diesen Dienst zu treten. Jetzt aber kann ich sagen, dass sie vorbei sind, seit ich den edlen und erfahrenen Befehlshaber gesehen habe, unter dem ich dienen soll. In Euren Blicken, liegt Ehrfurchtgebietendes.“

„Wohl gesprochen, Bursche“, antwortete der alte Lord geschmeichelt. „Gott hat uns einige Erfahrung verliehen, und wir lassen es uns angelegen sein, sie zum Besten unseres Königs auszunützen und zu mehren. Ihr steht also nun unter unserem würdigen Korps der schottischen Leibgarde, als Knappe Eures Onkel und unter seiner Lanze dienend. Ich denke, Ihr sollt es gut haben; denn Ihr müsst ein tüchtiger Kämpfer werden, da Ihr aus einem edlen Stamme entsprossen seid. Ludwig, sorge dafür, dass bei den Waffenübungen hart trainiert; denn wir werden wohl, denk' ich, in diesen Tagen ein Lanzenstechen haben.“

„Das freut mich, bei meinem Degenknopf, denn der faule Friede macht uns alle zu feigen Memmen.“

„Ich hab ein Vöglein pfeifen hören“, sagte Lord Crawford, „dass das alte Banner wieder im Felde flattern werde.“

„Nun, bei dem Ton“, sagte Balafré, „tu ich schon heute Abend einen herzhaften Schluck!“

„Das tust Du ja immer“, entgegnete Lord Crawford; „ich fürchte, Ludwig, Du wirst einmal einen bitteren Schluck von Deinem eignen Gebräu trinken.“

Lesley, ein wenig beschämt, erwiderte, dass er seit Tagen sehr genügsam gelebt habe. Seine Herrlichkeit kenne ja die Sitte der Kompagnie: dem neuen Kameraden zu Ehren, ein Gelage zu halten und auf sein Wohlsein anzustoßen.

„Du hast recht“, sagte der alte Befehlshaber, „ich hatte das vergessen. Ich will Euch zu Eurem Schmause ein paar Maß Wein schicken, aber mit Sonnenuntergang soll das Fest zu Ende sein. Im Vertrauen gesagt, seht zu, dass die Soldaten, die den Dienst haben, sorgfältig ausgewählt werden, und dass keiner von ihnen an dem Gelage teilnimmt.“

„Der Befehl soll pünktlich befolgt werden“, sagte Ludwig; „wir werden dabei auf Eure Gesundheit trinken.“

„Es kann sein, dass ich selbst auf ein paar Minuten zu Eurem Fest erscheine“, versetzte Lord Crawford, „und wär's auch nur, um mich zu überzeugen, dass alles maßvoll zugeht.“

Jetzt kam es darauf an, den Durward so schnell wie möglich in die Uniform der Leibwache zu stecken und zu bewaffnen. Später beim Bankett ging es lustig zu, und die Gäste ließen ihrer Neigung freien Lauf. Es wurden alte schottische Lieder gesungen, alte Geschichten aus der Heldenzeit Schottlands erzählt. Die stolzen Taten der Ahnen kehrten in ihre Erinnerung zurück. Eine Zeitlang wurde die Ebene von Touraine zum öden Hochland Schottlands. Als die Begeisterung auf den Höhepunkt gelangte, erschien Lord Crawford. Dieser hatte schon lange bei dem Mahl des Königs, dessen Gast er wie immer war, wie auf heißen Kohlen gesessen. Er verabschiedete sich etwas hastig, um sich dem kleinen Fest seiner Leibgarde anzuschließen. Am oberen Ende der Tafel war eine Art Ehrenplatz für ihn hergerichtet worden. Gemäß der inneren Verfassung des Bogenschützen-Korps war es dem Kapitän erlaubt, an ein und demselben Tisch mit seinen Untergebenen zu sitzen und sich an festlichen Gelagen in ihrer Mitte zu beteiligen. Auch Lord Crawford in seiner Kapitänswürde nahm dieses Recht in Anspruch. Allerdings lehnte er es heute ab, sich auf seinen Ehrenplatz zu setzen. Er richtete ein paar freundliche Begrüßungsworte an die versammelten Bogenschützen, bat sie, sich in ihrem Vergnügen nicht stören zu lassen, und wohnte stehend dem weiteren Verlauf bei. Auf seinem Gesicht zeigte sich unverkennbar die Freude, die er an seinem Bogenschützenkorps hatte. Er trank auf das Wohl des neu eingestellten Kameraden, was einen Jubel hervorrief. Sodann machte er dem Korps Mitteilung, dass der König, infolge Fürsprache des Meisters Oliver, dem Generalprofossen Befehl erteilt habe, jegliches Verfahren gegen Quentin Durward einzustellen und die Privilegien der schottischen Leibgarde, wie in jedem andern, so besonders auch in diesem Fall nicht anzutasten.

Wieder erklang lautes Jubelgeschrei aus allen Kehlen, die Becher kreisten von neuem. Balafré stieß auf Lord Crawfords und König Ludwigs Gesundheit an. Lord Crawford zog den jungen Quentin ins Gespräch und ließ sich von ihm über die alte Heimat und die unter den dortigen Geschlechtern bestehenden Verhältnisse berichten. Er betonte, dass die Liebe zu Geselligkeit und für Tafelfreuden nicht die schlechteste unter den Bräuchen der Schotten sei, dass aber junge Leute nichtsdestoweniger gut täten, beides mit einem gewissen Grad an Vorsicht walten zu lassen. Zu leicht könnte man in ein bedenkliches Übermaß an Alkohol verfallen. Allerdings hinderten den edlen Lord diese weisen Worte nicht, jeden Satz durch einen kräftigen Schluck zu bekräftigen und bei jedem Becher, den er leerte, den jungen Schotten zum „Nachkommen“ zu animieren. Allmählich wurde ihm dann die Zunge zu schwer. Als dies Cunningham und Balafré bemerkten, hielten sie den rechten Augenblick für gekommen, die Versammlung zum Jubeltoast auf die Oriflamme, das königliche Banner von Frankreich, und auf ihre baldige Entfaltung aufzufordern.

„In burgundischer Luft, wohlverstanden!“, ergänzte Lindesay den Toast der beiden Kameraden, und Lord Crawford nahm das Wort zu folgender Ansprache:

„Mit ganzer Seele und aller Geisteskraft, über die dieser morsch gewordene Leib noch gebietet, stimme ich in den Spruch der Kameraden ein, und hoffe, so alt ich nun auch bin, die Oriflamme Frankreichs noch einmal flattern zu sehen. Kameraden und treue Diener der Krone Frankreichs! Warum sollte ich Euch vorenthalten, dass gestern vom Herzog Karl eine Gesandtschaft hier eingetroffen ist, die eine höchst schlimme Botschaft überbracht hat?“

Einer von den Bogenschützen, Gutherie, sprang auf.

„Unten im Gasthof bei der Maulbeerhecke halten die Rosse des Grafen von Crevecoeur, der Graf selbst mit Gefolge soll sich beim König gemeldet, der König jedoch ihm die Audienz verweigert haben.“

„Na, soll ihm der Himmel nur eine recht ungnädige Antwort mit auf den Heimweg geben!“, rief Balafré.

„Aber mit welcher Beschwerde ist er denn hergekommen?“

„Über allerhand Dinge“, erwiderte Crawford, „die an der Grenze vorgefallen sein sollen; zuletzt aber darüber, dass unser König einer Dame, die aus Dijon geflüchtet sei, einer jungen burgundischen Gräfin, seinen Schutz habe angedeihen lassen, während der Herzog sie als seine Pflegetochter an den Grafen de Campobasso habe verkuppeln wollen.“

„Ist denn die Dame ganz allein nach Frankreich hinübergekommen?“, fragte Lindesay.

„Ganz allein nicht“, erwiderte Lord Crawford, „sondern mit einer älteren Verwandten, auch einer Gräfin, die sich in dieser Angelegenheit dem Willen der jüngeren gefügt und die Reise mit ihr zusammen unternommen hat.“

„Aber wird sich denn der König als Lehnsherr des Herzogs in solchen Streit zwischen ihm und seinem Mündel einlassen?“, fragte Cunningham, „der Herzog hat doch über sie das gleiche Recht, das dem König nach dem Ableben des Herzogs zustände?“

„Der König wird sich wohl in diesem Falle, wie immer, von den Regeln der Politik bestimmen lassen“, bemerkte Crawford, „und bekannt ist Euch wohl, dass er die beiden Gräfinnen nicht offiziell empfangen, sondern unter den Schutz seiner Tochter, der Madame von Beaujeu, oder der Prinzessin Johanna zu stellen geruht hat.“

„Der Burgunder will von Politik aber nichts wissen“, meinte Gutherie, „und so kann's wohl sein, dass sie mal aneinandergeraten.“

„Mag der heilige Andreas dazu helfen!“, riefe Balafré. „Ich hab's mir schon seit zwanzig Jahren prophezeit, dass ich das Glück meines Hauses noch einmal durch eine Heirat mache. Wer weiß, was passiert, wenn wir noch einmal für Ehre und Frauenliebe in den Kampf ziehen, nach dem Motto der alten Romanzen und Rittergesänge?“

„Du willst noch von Frauenliebe faseln mit Deiner Narbe über der Nase?“, spottete Gutherie.

„Halt, Kameraden!“, rief Crawford, „hier ist der Ort nicht, um mit scharfen Waffen zu fechten oder auch nur einander mit bitterem Spott zu streiten. Hier sind wir alle zusammen gute Freunde, und was die junge Dame anbetrifft, so ist sie für einen armen schottischen Lord viel zu reich, sonst möchte ich mich schließlich trotz meiner sechzig Jahre selbst um ihre Hand bewerben. Indessen eins können wir tun, nämlich einen Humpen leeren auf ihre Gesundheit! Denn sie soll, wie es heißt, eine wahre Schönheit sein.“

„Ich dürfte sie“, sagte ein anderer der Bogenschützen, „heute Morgen gesehen haben, als ich auf Barrierenwache war. Aber sie sah da mehr aus wie eine dunkle Laterne statt wie ein Licht; denn man trug sie in geschlossener Sänfte zum Schloss.“

Lord Crawford erhob verweisend die Hand und rief, zu dem Sprecher gewandt: „Was sind das für Reden, Arnot? Schämt Euch! Welcher Soldat spricht wohl darüber, was er auf seinem Posten sieht? Zudem könnt Ihr doch gar nicht wissen“, setzte er hinzu, „ob sich da grade die Gräfin Isabella in der Sänfte befunden hat?“

„Nun, Mylord“, erwiderte Arnot, „ich kann bloß sagen, dass mein Trabant grade die Pferde im Dorfe herumführte, und dabei dem Eseltreiber Donquin in den Weg lief, der die Sänften wieder nach dem Gasthofe brachte, weil sie dem Lilienwirte gehörten, und da sah ich, wie der Donquin sich einen Humpen Wein vom Wirt geben ließ und den Saunders Steed bat, ihm als alter Bekannter Bescheid zu tun, und der Saunders Steed machte gar keine Umstände, sondern tat ihm auf der Stelle Bescheid ...“

„Auf der Stelle“, wiederholte Lord Crawford, „das sage ich Euch, meine Herren! So etwas kommt mir nicht wieder vor, ich verlange, dass es in dieser Hinsicht mit Euch besser werden muss! Eure Trabanten und Burschen sind viel zu schnell bei der Hand, mit jemand ein Glas zu leeren. In Kriegszeiten ist das eine gar nicht so ungefährliche Sache! Indessen meine ich, lieber Arnot, wir machen Eurem Berichte, der sich ein wenig in die Länge zu ziehen droht, durch einen kräftigen Schluck ein schnelles Ende. Der Gräfin Isabelle von Croye soll's gelten! Und den Wunsch wollen wir damit verbinden, dass es ihr vom Schicksal beschieden sein möge, einen besseren Gatten zu bekommen als den elenden, italienischen Schurken Campobasso. Und nun, Kamerad Arnot, was hat denn der Eseltreiber zu Deinem Trabanten gesprochen?“

„Mit Verlaub“, erwiderte Arnot; „die beiden Damen, die er in den Sänften ins Schloss getragen habe, seien große Damen gewesen und hätten sich ein paar Tage inkognito im Hause seines Herrn aufgehalten, und der König habe sie auch mehr denn einmal mit seinem Besuche beehrt und ihnen immer große Aufmerksamkeiten erwiesen. Seiner Meinung nach hätten sie sich in das Schloss geflüchtet aus Furcht vor dem Grafen Crevecoeur, dem Gesandten des Burgunders, dessen Ankunft soeben durch einen vorausgeeilten Kurier gemeldet wurde.“

„Was Du sagst, Kamerad!“, rief da Gutherie, „da sollte man doch meinen, dass es niemand anders als die Gräfin Isabelle gewesen sei, die zur Laute sang, als ich über den Hof ging! Die Musik kam aus den Nebenfenstern des Dauphinturms, und etwas so Liebliches ist wohl im Schloss Plessis noch nie vernommen worden. Meiner Treu! Ich dachte, die Musik käme von niemand anders als von der Fee Melusine. Ich hab, trotzdem ich wusste, dass der Tisch für uns schon gedeckt sei, mich wahrhaftig nicht vom Flecke weg rühren können, sondern stand da, wie ... wie ...“

„Wie ein Esel, mein lieber Guthrie“, fiel ihm Lord Crawford ins Wort, „Du hast die Mahlzeit mit Deiner langen Nase gerochen, und die Musik gehört mit Deinen langen Ohren, aber Dein kurzer Verstand hat nicht ausgereicht, Dir zu sagen, wofür Du Dich entscheiden sollst ... Doch schallt da nicht die Glocke von der Kathedrale zur Vesper herüber? Es kann doch, weiß der Herr! Noch nicht Vesperzeit sein? Da muss der Küster ja um eine ganze Stunde zu zeitig geläutet haben!“

„Nicht doch“, rief Cunningham, „die Glocke erklingt schon zur rechten Zeit! An der westlichen Seite der herrlichen Ebene geht ja schon die Sonne unter.“

„Du hast recht, Cunningham“, erwiderte Lord Crawford; „na, Bursche! Wir müssen uns mehr an regelmäßiges Leben halten, denn im Guten kommt man am weitesten ... und ein gutes, altes Sprichwort sagt: Langsames Feuer dörrt das Malz recht. Also zum Schluss noch einen vollen Humpen auf Altschottlands Wohl! Dann jeder wieder auf seinen Posten!“

Der Abschiedstrunk wurde geleert, dann entfernten sich die Soldaten. Lord Crawford nahm unter dem Vorwand, ihm ein paar Weisungen noch für seinen Neffen zu geben, Balafré am Arm. In Wahrheit wollte er seinen leicht schwankenden Gang geschickt verheimlichen, und schritt in höchst zeremoniöser Haltung in seine Behausung, die ihn über die beiden Höfe, die seine Behausung von dem Bankettsaal trennten, führte. Mit eindringlichen Worten empfahl er vorm Auseinandergehen Balafré die gewissenhafteste Fürsorge für den Neffen, besonders da, wo Wein und Weiber in Betracht kämen.

Dem Neffen Quentin Durward war von den Worten, die über die schöne Gräfin Isabelle gesprochen worden waren, keines entgangen. Kaum hatte er die kleine Zelle betreten, die er hinfort als Page seines Onkels beziehen sollte, so versank er in tiefes Nachdenken. Der Jüngling wurde aus seinen Träumen gerissen als der kleine Will Harper, sein Stubenkamerad, den Raum betrat. Dieser brachte ihm die Weisung seines Onkels, sich schlafen zu legen und Kräfte für den andern Tag zu sammeln, an welchem er seinen Dienst anzutreten habe.

Achtes Kapitel.

Am nächsten Morgen fand die Sonne den Weg in die kleine Zelle. Die Folge, Durward sprang seinem Lager auf, um in die stattliche Uniform zu fahren, die er als Page seines Onkels Balafré tragen sollte. Auf die er auch mit allem Recht stolz war, denn sie war vom Onkel auf das vornehmste und reichlichste ausstaffiert.

„Na, Junge“, rief Balafré, sich lustig die Hände reibend, „zeigst Du Dich ebenso treu und tapfer, wie sich Dein Aussehen nett und schmuck macht, dann werde ich den prächtigsten Pagen des ganzen Korps haben! Folge mir ins königliche Vorzimmer, doch halte Dich immer mir zur Seite!“

Mit diesen Worten nahm er seine wuchtige, und doch kunstvoll verzierte Partisane, eine Stangenwaffe von etwa 2,50 m länge, und gab seinem Neffen eine leichtere, aber sonst, der seinigen völlig gleiche Waffe derselben Art, in die Hand. Dann begaben sie sich in den inneren Palasthof, wo ihre Kameraden, denen die Wache in den inneren Gemächern oblag, bereits Aufstellung genommen hatten. Auf einen Wink Balafrés setzten sich die Gardisten, der bei solchen Anlässen Offiziersdienst verrichtete, in Marsch. Ihr Ziel war das Audienzzimmer, in dem der König selbst erwartet wurde. So neu Quentin dergleichen Auftritte waren, wurden seine Erwartungen empfindlich getäuscht. Von einem Königshof hatte er sich eine ganz andere Vorstellung gemacht. Reichlich kostümierte Offiziere des königlichen Haushaltes, vorzüglich bewaffnete Wachen und livrierte Diener waren anwesend; aber er vermisste die Berater der Krone, die alten Reichsräte, die hohen Kronbeamten. Desgleichen vernahm er nicht die Namen der Adeligen und Ritter, der Feldherren und Kommandanten. Ebenso vermisste er die Namen, der jungen, nach Ehre und Ruhm dürstenden Söhne des Vaterlands. Die Persönlichkeiten hielten des Königs eifersüchtige Natur, seine Zurückhaltung und seine Politik von seinem Thron fern. Nur bei besonders festlichen Anlässen wurden sie herbeigebeten, aber gleich wieder entlassen, wenn die Ursache erledigt war. Keinem tat es leid, denn sie zogen alle wieder erleichtert von dannen.

Die wenigen Männer, die Quentin Durward an diesem Königshof in der Würde eines Rates der Krone zu bemerkte, waren von niedrigerem Adel, hatten gemeine, verschlagene Gesichter, und ihre Manieren zeugten davon, dass sie aus niedriger Lebensweise stammten und ganz und gar nicht hierher passten. Balafrés nahm sich die Zeit, seinen Neffen mit den Namen derjenigen bekannt zu machen, die ihnen begegneten. Mit dem ebenfalls anwesendem Lord Crawford, in seiner reichen Uniform, und in seiner Rechten einen schweren silbernen Stab trug, war Quentin Durward an dem zu seinen Ehren veranstalteten Gelage bekannt gemacht worden. Unter den Anwesenden mit einem höheren Rang, ragte Graf Dunois heraus. Der Sohn jenes berühmten Dunois, der als „Bastard von Orleans“ unter den Fahnen der Johanna D'Arc an Frankreichs Befreiung von englischem Joch teilgenommen hatte. Er verstand es geschickt, den Ruhm des Vaters zu behaupten, und Ludwig der Elfte traf ihn gern im Kronrat wie auch in seiner persönlichen Gesellschaft. Er war in allen ritterlichen Künsten wohlgeübt und im Besitz aller ritterlichen Tugenden. Seine Gestalt war ein schöner, stattlicher Herr, aber kein Fall ein Muster fränkischer Eleganz. Er war wohl stark und kräftig mit breiten Schultern, jedoch von ziemlich kleiner Gestalt; seine Beine hatten die hässliche Form eines O, und wirkt, als ob man ihm das Pferd unter dem Hintern weggestohlen hätte. Sein Haar war schwarz, seine Gesichtsfarbe dunkelbraun, seine Arme ungewöhnlich lang und sehnig. Seine Gesichtszüge waren nicht regelmäßig, sogar hässlich. Trotzdem, er bewegte sich zuversichtlich und in seinem ganzen Wesen lag ein Ausdruck von Selbstgefühl und Adel. Auf den ersten Blick erkannte man in ihm den hochgeborenen Mann und unerschrockenen Krieger. Seine Haltung war kühn und aufrecht, sein Schritt frei und männlich, und das Raue in seinen Zügen gewann durch den Adlerblick und die Löwenstimme des Mannes eine ganz besondere Würde. Er trug einen Jagdanzug, mehr kostbar als schön.

Gestützt auf Dunois' Arm, erschien Ludwig der Namensvetter des Königs und Herzog von Orleans, mit langsamem und schwerem Schritt. Der Herzog und Prinz, eifersüchtig bewacht von König Ludwigs Argwohn, der im Fall eines Fehlens männlicher Nachkommenschaft des Königs, würde der Thronerbe sein. Er durfte sich nicht vom Hof entfernen, und doch gestattete man ihm nicht, während er sich dort aufhielt, jedweden Einfluss zu nehmen. Die Niedergeschlagenheit, welche sein entwürdigender, einer Gefangenschaft ähnlicher Zustand, verursachte wurde durch die ungerechten Handlungen des Königs betont. Der König wollte ihn zwingen, der Prinzessin Johanna von Frankreich, mit der er bereits in seiner Kindheit verlobt wurde, zu heiraten. Das Äußere dieses unglücklichen Prinzen zeichnete sich in keinerlei Hinsicht vorteilhaft aus. Dafür trug er einen Ausdruck von Sanftmut, Milde und Wohlwollen. Selbst unter dem Schleier der schrecklichsten Niedergeschlagenheit, mit dem sein Charakter umhüllt war, wurde dieser nicht verdeckt.

Ganz anders das Benehmen des stolzen Kardinals und Prälaten, Johann von Balue, des damals begünstigten Ministers Ludwigs. König Ludwig hatte diesen Minister aus dem niedrigsten Stande zu der Würde, oder wenigstens dem Genuss der Pfründe eines Großalmoseniers von Frankreich erhoben. Sogar ihn mit Wohltaten überhäuft und den Kardinalshut verschafft. Der Kardinal war durch diese Auszeichnung dem Irrtum erlegen, aus einem niedrigen Stand zu Macht und Ehre erhoben, zu allem etwas sagen zu können. Er war überzeugt, dass seine Talente ihn dazu befähigten, selbst zu solchen, die weder seinem Stand noch seinen Studien nach, noch so fern lägen. Groß und plump, wie er war, befliss er sich dennoch einer gewissen Galanterie und Bewunderung für das schöne Geschlecht. Irgendein Schmeichler oder eine Schmeichlerin hatten ihm in einer unglücklichen Stunde in den Kopf gesetzt, dass ein Paar plumpe, unförmige Beine, die von seinem Vater, einem Fuhrmann von Limoges, als Erbstück auf ihn übergegangen waren, eine besondere Schönheit in ihren Umrissen verrieten. Diese Idee hatte ihn so weit betört, dass er seinen Kardinalsrock beständig auf einer Seite etwas aufgehoben trug, damit sein plumper Gliederbau dem Auge ja nicht entgehen könne.

„Weiß der König“, fragte Dunois den Kardinal, „dass der burgundische Gesandte auf eine unverzügliche Antwort dringt?“

„Ja, er weiß es“, antwortete der Kardinal, „hier kommt Oliver Dain, um uns mit dem Willen Seiner Majestät bekannt zu machen.“

Während dieser Worte trat ein merkwürdig aussehender Mann, der damals die Gunst Ludwigs mit dem eingebildeten Kardinal teilte, aus dem inneren Gemach. Im Gegensatz zum kardinal kam er ohne die wichtigtuerische, bedeutsame Miene aus. Der aufgeblasene, übermütige Diener der Kirche stand im krassen Gegensatz dazu. Dieses kleine, blasse und schmächtige Männchen, dessen schwarzseidene Jacke und Hose, ohne Oberkleid, Mantel oder Überwurf, schien wenig geeignet, seine ganz gewöhnliche Gestalt etwas zu ihrem Vorteil herauszuputzen. Er trug ein silbernes Becken in der Hand und ein über den Arm geworfenes Handtuch. Die Insignien seines niedrigen Berufes als Barbier. Seinen durchdringen scharfen Blick versuchte er dadurch zu verwischen, indem er die Augen beständig zu Boden schlug, während er mit dem verstohlenen, leisen Tritt einer Katze mehr durch das Zimmer schlich als ging.

Ein paar Augenblicke sprach er mit dem Grafen Dunois, dieser verließ das Zimmer, und der Barbier schlich in das königliche Gemach zurück. Nebenbei flüsterte er Ludwig Lesley ins Ohr, dass seine Angelegenheit günstig beigelegt wäre.

Kurz darauf erhielt er die Bestätigung der angenehmen Nachricht; weil der Generalprofos der königlichen Hofhaltung Tristan l'Hermite, eintrat. Er ging geradewegs auf Balafré zu. Der reich bestickte Anzug des furchtbaren Beamten hatte die Wirkung, das Finstere, Unheil weissagende seines Gesichtes, sowie das Unangenehme seiner Miene stärker hervorzuheben. Der Ton seiner Stimme, in die er etwas Versöhnliches zu legen meinte, klang ungefähr so, wie das Brummen eines Bären. Der Inhalt seiner Worte war jedoch freundlicher als die Stimme, mit der sie gesprochen wurden. Er bedauerte das erwähnte Missverständnis am vorigen Tage. Ludwig Lesley gab hierauf den gebührenden Bescheid. Sobald Tristan ihm den Rücken zugewandt hatte, machte er seinen Neffen darauf aufmerksam, ab sofort die Ehre zu haben, in ihm einen Todfeind zu sehen. „Ein Soldat“, fügte er hinzu, „der seine Pflicht tut, lacht über den Generalprofos.“

Quentin teilte die Meinung, seines Onkels, denn als Tristan l'Hermite den Rücken wandte, tat er es mit dem grimmigen Blick eines verwundeten Bären. In der Tat sprach aus seinen tückischen Augen, eine Bosheit, die jeden, der seinem Blick begegnete, schaudern ließ. Das Gefühl des Abscheus war bei dem jungen Schotten umso tiefer, da er immer noch an seinen Schultern den Griff der todbringenden Helfershelfer dieses grässlichen Beamten zu fühlen glaubte. Die Flügeltüren öffneten sich kurz darauf und König Ludwig betrat das Audienzzimmer.

Wie alle anderen richtete Quentin seine Augen auf ihn. Ein Blitzschlag des Erkennens traf ihn, erschrak so plötzlich, dass ihm fast die Waffe entfallen wäre. Er erkannte im König von Frankreich jenen Seidenhändler, der sich Meister Peter nannte. Sonderbare Ahnungen über den wahren Stand dieses Mannes hatten sich ihm mehrmals aufgedrängt, lediglich die Wirklichkeit übertraf seine kühnsten Vermutungen.

Der gestrenge Blick seines Onkels, der sich über den Verstoß gegen das, was der Anstand des Dienstes erforderte, ärgerte, brachte ihn bald zur Besinnung. Er staunte nicht schlecht, als der König, dessen geübter Blick ihn sofort erkannte, geradewegs auf ihn zukam, ohne von irgendjemand anderes Kenntnis zu nehmen.

„Ich hörte, junger Mann“, wandte er sich an Quentin, „Ihr begannt gleich bei Eurem Eintritt in die Touraine Händel zu bereiten. Ich verzeihe Euch, da es hauptsächlich die Schuld des alten Kaufmanns war, der törichterweise dachte, Euer kaledonisches Blut müsste schon früh des Morgens durch Beaune-Wein erwärmt werden. Wenn ich ihn finde, will ich an ihm ein Exempel statuieren, dass er meine Garden zu Ausschweifungen verleitet.

„Balafré“, fuhr er fort, indem er sich direkt an ihn wandte, „Euer Neffe ist ein feuriger, wackerer Junge. Mir gefallen Leute von solchem Gemüt. Ich gedenke, die tapferen Männer, um uns herum, höher zu heben, als wir es jemals taten. Lasst Jahr, Tag und Stunde seiner Geburt aufzeichnen und reicht es an Oliver Dain weiter.“

Balafré verbeugte sich tief um kurz danach seine aufrechte, kriegerische Haltung wieder einzunehmen. Genauso, wie jemand, der seine Bereitwilligkeit zeigt, sich zum Kampf für seinen König oder dessen Verteidigung das Schwert zu gürten. Quentin erholte sich unterdessen von seinem Erstaunen. Er bemühte sich, das Äußere des Königs genauer zu studieren. Zu seiner Verwunderung erlebte er den verschiedenartigen Eindruck, den dieser bei ihm hinterließ. In seiner Kleidung bemerkte er keine große Veränderung. Ludwig, ein Verächter des äußeren Prunkes, trug auch bei dieser Gelegenheit eine alte dunkelblaue Jagdjacke, die nicht viel besser war, als die Kleidung vom Vortag. Ein Rosenkranz aus Ebenholz war sein einziger Schmuck. Statt der Mütze mit einem einzelnen Bild trug er einen Hut, dessen Rand mit wenigstens einem Dutzend kleiner bleierner Heiligenbilder umgeben war.

Quentins Eindruck, die Augen würden nur Gewinnsucht widerspiegeln, bekamen da sie einem talentvollen, mächtigen Fürsten angehörten, einen durchdringenden, scharfen Blick. Die Runzeln auf der Stirn, die, wie er glaubte, die Wirkung eines unter kleinlichen Handelsplänen zugebrachten Daseins waren, schienen Furchen zu sein, welche langes, scharfsinniges Nachdenken über das Schicksal von Nationen gebildet hatten.

Unmittelbar nach der Erscheinung des Königs traten die Prinzessinnen von Frankreich nebst den Damen ihres Gefolges ins Zimmer. Die Ältere war schlank, ziemlich hübsch, besaß Beredsamkeit und Talent und viel von ihres Vaters Scharfsinn. Der König setzte viel Vertrauen in sie, liebte sie in hohem Grade, wie er nur irgendjemand lieben konnte.

Die jüngere Schwester war die unglückliche Johanna. Verlobt mit dem Herzog von Orleans, folgte sie schüchtern an der Seite ihrer Schwester. Sie war mager und blass von kränklichem Aussehen. Ihre Taille neigte sich sichtbar nach einer Seite. Ihr Gang war schwankend, dass sie für lahm gelten konnte. Schöne Zähne und schöne Augen voll melancholischen Ausdrucks, Sanftmut und Entsagung, nebst einer Fülle lichtbrauner Locken waren das Einzige, was sogar Schmeichelei gegen die gänzliche Hässlichkeit ihrer Figur in die Waagschale legen konnte. Der König, der sie nicht liebte, schritt hastig auf sie zu.

„Was ist, Tochter“, sprach er, „bist Du immer noch die Weltverächterin? Hast Du Dich heute zur Jagd oder zur Messe gekleidet? Sprich, antworte!“

„Zu allem, was Eure Hoheit befiehlt, Sire“, antwortete die Prinzessin mit kaum hörbarer Stimme.

„Ohne Zweifel willst Du mich glauben machen, es sei Dein Begehr und Wunsch, den Hof zu verlassen. Der Welt, samt ihren Eitelkeiten, ein Lebewohl sagen. Mädchen, denkst Du, dass wir, der erstgeborene Sohn der heiligen Kirche, unsere Tochter dem Himmel vorenthalten wollen, wenn sie des Altars würdig wäre? Nein, liebe Tochter“, fuhr er fort, „ich und ein anderer kennen Eure wahren Gesinnungen besser. Nicht wahr, mein schöner Vetter von Orleans? Tretet näher und führt die Jungfrau zu ihrem Pferd!“

Der Herzog von Orleans erschrak bei den Worten des Königs und eilte, ihm zu gefallen. Dabei mit solcher Hast und Verwirrung, dass Ludwig ausrief: „Lieber Vetter, mäßigt Eure Galanterie und seht Euch vor! Was doch Liebende oft für Streiche machen? Beinahe hättet Ihr Annes Hand ergriffen. Muss ich Euch denn selbst Johannas Hand reichen?“ Der unglückliche Prinz blickte auf und schrak wie ein Kind zusammen, das etwas in die Hand nehmen soll, vor dem es sich ekelt. Er fasste die Hand der Prinzessin, welche ihm dieselbe weder gab noch vorenthielt. Wie sie so dastanden, ihre kalten, feuchten Finger in seiner zitternden Hand, beide mit zur Erde gesenktem Blick, wäre es schwer gewesen, zu sagen, wer von beiden unglücklicher ist. Der Herzog, der sich an den Gegenstand seiner Abneigung durch die Bande gefesselt fand, die er nicht zu zerreißen wagte, oder das unglückliche Mädchen, das allzu deutlich erkannte ein Gegenstand des Abscheus zu sein, dessen Zärtlichkeit sie mit ihrem Leben erkauft hätte.

„Auf zu Pferde, meine Damen und Herren! Wir selber wollen unsere Tochter Beaujeu führen“, sprach der König, „und Gottes und des heiligen Hubertus' Segen auf die heutige Jagd!“

„Ich fürchte“, mischte sich Graf Dunois ein, „Sie unterbrechen zu müssen. Der Gesandte von Burgund steht vor den Toren des Schlosses und verlangt eine Audienz!“

„Verlangt eine Audienz?! Dunois“, versetzte der König, „habt Ihr ihm nicht, wie wir Euch durch Oliver wissen ließen, geantwortet, dass wir keine Zeit hätten. Ihn heute zu sehen, auch morgen zum Fest des heiligen Martin nicht, wo wir, so Gott will, unsere Andacht nicht durch irdische Gedanken stören lassen wollen. Und dass wir tags darauf nach Amboise reisen, dass wir aber nicht ermangeln werden, ihm nach unserer Rückkehr, sobald es unsere dringenden Geschäfte gestatten, eine Audienz zu bewilligen?“

„Dies alles sagte ich“, antwortete Dunois, „aber dennoch, Sire.“

„Pasquedieu! Mann, was ist's, das Dir im Schlunde steckt?“, fragte der König, „die burgundischen Redensarten müssen schwer zu verdauen sein!“ Dann fuhr er fort: „Ich kehre mich an seine polternden Gesandtschaften. Nicht mehr wie die Türme dieses Schlosses die sich um das Pfeifen des Nordostwindes kümmern, der von Flandern kommt, gleich diesem Prahlhans von einem Gesandten!“

„So wisst denn, Sire“, versetzte Dunois, „dass Graf Crevecoeur mit seinem Gefolge von Herolden und Trompetern unten hält und erklärt, da Euer Majestät über die dringendsten Angelegenheiten eine Audienz verweigere, die er nach den Befehlen seines Herrn verlangen soll, so wolle er hier bis Mitternacht warten und Eure Majestät anreden, zu welcher Stunde es Euch gefallen möge, sich aus dem Schloss, sei es zu Geschäften, zum Vergnügen oder Gottesdienst, zu verfügen. Nur offene Gewalt werde ihn von diesem Entschlusse abbringen.“

„Er ist ein Tor“, sprach der König mit großer Ruhe; „glaubt denn der hitzige Hennegauer, es sei für einen Mann von Verstand ein Buße, vierundzwanzig Stunden in seinen Mauern zu bleiben, wenn die Angelegenheiten seines Reiches ihn beschäftigen? Diese ungeduldigen Narren denken, alle Leute müssen sich gleich ihnen unglücklich fühlen, wenn sie nicht im Sattel und Steigbügel sitzen. Lasst die Hunde wieder loskoppeln und wohl versorgen, edler Dunois. Wir wollen heute Rat halten, statt zu jagen.“

„Mein Gebieter“, antwortete Dunois, „auf diese Weise werdet Ihr Euch Crevecoeurs nicht entledigen. Seine Befehle lauten, sofern Ihr ihm die verlangte Audienz nicht bewilligt, seinen Handschuh an die Palisaden vor dem Schloss zum Zeichen der Herausforderung auf Leben und Tod anzunageln. Außerdem wird des Herzogs Lehnstreue gegen Frankreich aufgekündigt und der Krieg sogleich erklärt.“

„So!“, sprach Ludwig, ohne eine merkliche Veränderung der Stimme, runzelte aber die Stirn dergestalt, dass seine durchdringenden schwarzen Augen unter den buschigen Brauen beinahe unsichtbar wurden. „Steht es so? Spricht unser alter Vasall in solchem Tone mit uns, behandelt uns unser lieber Vetter so unfreundlich? Nun denn, Dunois, so lassen wir die Oriflamme wehen und rufen: Denis Montjoye!“

„Amen!“, sprach der kriegerische Dunois, „und in der unglücklichsten Stunde.“

Die Garden in der Halle, unvermögend, demselben Drange zu widerstehen, rührten sich gleichfalls auf ihrem Posten, so dass ein dumpfer, aber vernehmbarer Waffenklang entstand. Stolz warf der König den Blick umher. Für einen Moment glich er seinem heldenmütigen Vater. Allein dieser augenblicklichen Aufwallung wichen bald politische Bedenken. Ein offener Bruch mit dem Herzogtum Burgund, unter den gegebenen Umständen, erschien äußerst gefährlich. Eduard VI., ein tapferer und siegreicher König, der persönlich dreißig Schlachten schlug, bestieg den Thron von England und ein Bruder der Herzogin von Burgund, wartete nur auf eine solche Gelegenheit. Der Bruch zwischen seinem nahen Verwandten und Ludwig würde jene Waffen, die in den Bürgerkriegen gesiegt hatten, auf den Grund von Frankreich durch das immer offene Tor von Calais tragen. Zu diesen Bedenken kam noch die ungewisse Treue des Herzogs der Bretagne und manch andere schwerwiegende Gründe. Als Ludwig nach einer tiefen Pause wieder das Wort ergriff, sprach er zwar noch in demselben Ton, aber in verändertem Sinn:

„Der Himmel behüte uns. Nur die äußerste Not vermag uns, den allerchristlichsten König, Christenblut zu vergießen. Das Glück und das Wohlergehen unserer Untertanen schlagen wir höher an als die Beleidigung, die unserer eigenen Würde durch die Rohheit eines ungeschliffenen Gesandten widerfahren mag. Man lasse daher den ungehobelten Gesandten von Burgund vor uns erscheinen.“

Kurz darauf verkündeten Trompeten die Ankunft des burgundischen Grafen. Alle, die sich im Audienzzimmer befanden, stellten sich nach ihrem Rang auf, während der König und seine Töchter in der Mitte der Versammlung blieben. Graf Crevecoeur, ein berühmter und unerschrockener Krieger, trat in den Saal und erschien gegen die vorherrschende Sitte bei Gesandten befreundeter Mächte, bewaffnet, in einer glänzenden Rüstung von trefflicher mailändischer Arbeit in Stahl mit Gold ausgelegt, und nach dem damaligen phantastischen Geschmack der Arabeske verziert. Um seinen Nacken und über den spiegelblanken Harnisch herab hing seines Herrn Orden vom goldenen Vlies, einem der ehrenvollsten Ritterorden, die man damals in der Christenheit kannte. Ein Page, ein schöner Jüngling, trug seinen Helm, vor ihm schritt ein Herold mit dem Beglaubigungsschreiben, das er, auf ein Knie sich niederlassend, dem König überreichte. Der Abgesandte blieb in der Mitte des Saales stehen, so als ob er allen Anwesenden die Zeit geben wollte, seinen stolzen Blick, seine ehrfurchtgebietende Gestalt, sowie die kühne Haltung zu bewundern. Sein übriges Gefolge wartete im Vorraum oder auf dem Hof.

„Tretet näher, Graf Crevecoeur“, sprach Ludwig, nachdem er einen flüchtigen Blick auf die Vollmacht geworfen hatte, „es bedurfte dieses Schreibens unsers Vetters nicht, einen so wohlbekannten Krieger einzuführen, noch uns des wohlverdienten hohen Vertrauens zu versichern, worin Ihr bei Eurem Herrn steht. Wir hoffen, dass Eure schöne Gemahlin, in deren Adern auch Blut von unsern Vorfahren fließt, bei bester Gesundheit ist. Hättet Ihr sie mitgebracht, so hätten wir gedacht, Ihr tragt Eure Rüstung bei dieser ungewohnten Gelegenheit, um die Überlegenheit ihrer Reize gegen die verliebte Ritterschaft Frankreichs zu behaupten. In diesem Fall aber vermögen wir nicht zu erraten, aus welchem Grunde Ihr in diesem vollständigen Waffenschmuck vor Uns erscheint.“

„Sire“, erwiderte der Gesandte, „Meine Wenigkeit, Graf Crevecoeur muss sein Missgeschick bedauern und um Vergebung bitten, dass er die königliche Artigkeit, womit Eure Majestät ihn beehrt hat, nicht mit der gebührenden demütigen Unterwürfigkeit verehren kann. Allein obgleich es bloß die Stimme Philipp Crevecoeurs von Cordes ist, die da spricht, so müssen doch die Worte, die er vorbringt, die seines gnädigsten Herrn und Souveräns sein.“

„Und was hat Crevecoeur mit den Worten Burgunds vorzubringen?“, fragte Ludwig, in einem Ausdruck königlicher Würde. „Doch halt! Erinnert Euch, dass in diesem Augenblick Graf Crevecoeur zu dem spricht, den er seines Herrn Souverän nennen muss.“

„König von Frankreich, der mächtige Herzog von Burgund sendet Euch nochmals eine geschriebene Nachweisung der Unbilden und Bedrückungen, die Euer Majestät Besatzungen und Beamte an seinen Grenzen sich zuschulden kommen ließen, und der erste Punkt seiner Anfrage ist, ob es der Wille Euer Majestät ist, ihm für diese Beeinträchtigungen Genugtuung zu geben?“

Der König warf einen flüchtigen Blick auf die Denkschrift, die ihm der Herold kniend überreichte, und sprach: „Diese Angelegenheiten sind schon lange von unserem geheimen Rat eingesehen worden. Was die Beeinträchtigungen betrifft, über die man Klage führt, so sind einige nur Widervergeltung derjenigen, die meine Untertanen erlitten. Wieder andere durch des Herzogs Besatzungen und Soldaten erwidert worden. Sollten aber noch einige übrig sein, die nicht zu den Genannten zu rechnen wären, so sind Wir als christlicher Fürst nicht abgeneigt, Genugtuung für Unrecht zu geben, das unsere Nachbarn erlitten haben, obgleich es nicht allein ohne unser Zutun, sondern sogar gegen Unsern ausdrücklichen Befehl verübt worden ist.“

„Ich werde Eurer Majestät Antwort“, erwiderte der Gesandte, „meinem gnädigsten Gebieter überbringen; erlaubt mir jedoch zu bemerken, dass sie in keiner Hinsicht von den früheren ausweichenden Antworten verschieden ist, die ihm bereits auf seine gerechten Beschwerden zugekommen sind, und dass ich darum nicht hoffen kann, sie werde dazu beitragen, Frieden und Freundschaft zwischen Frankreich und Burgund wiederherzustellen.“

„Sei dem, wie es wolle“, erwiderte der König. „Nicht aus Furcht vor den Waffen Eures Gebieters, sondern einzig um des Friedens willen gebe ich eine so gemäßigte Antwort auf seine beleidigenden Vorwürfe. Doch fahrt fort mit Eurem Auftrag. Es wird sicherlich noch mehr Punkte geben.“

„Die weitere Forderung meines Gebieters“, fuhr der Gesandte fort, „geht dahin, dass Eure Majestät aufhöre, geheime Einverständnisse mit seinen Städten Gent, Lüttich und Mecheln zu vereinbaren. Er verlangt, dass Eure Majestät die geheimen Unterhändler zurückruft, die unter seinen Bürgern von Flandern Unzufriedenheit anfachen. Des Weiteren sollen die verräterischen Flüchtlinge, die von dem Schauplatz ihrer Umtriebe Aufnahme in Paris, Orleans, Tours und andern französischen Städten gefunden haben, aus Euern Landen ausgewiesen oder vielmehr ihrem Lehnsherrn zur wohlverdienten Bestrafung überantwortet werden.“

„Sagt dem Herzog von Burgund“, versetzte der König, „dass ich von solchen geheimen Umtrieben, deren er mich beschuldigt, nichts wisse. Meine französischen Untertanen mit den Städten Flanderns nur in Handelsverkehr stehen, dessen Unterbrechung sowohl seinem als meinem Interesse zuwiderliefe. Fernerhin leben viele Flamen in meinem Königreich die den Schutz meiner Gesetze genießen. Soviel mir bekannt jedoch keine, Verrat oder Meuterei gegen den Herzog von Burgund anzettelten. Doch fahrt fort mit Eurer Botschaft! Meine Antwort auf das Bisherige habt Ihr vernommen.“

„Mit Bedauern, wie zuvor, Sire“, erwiderte Graf Crevecoeur, „denn sie ist nicht so bestimmt und ausführlich, wie sie mein Herr, der Herzog, sie erwartet. Ob sie Eure Majestät in Abrede stellt, oder nicht. Ich fahre fort mit meiner Botschaft. Der Herzog verlangt von dem König von Frankreich, dass er ohne Verzug und unter sicherem Geleit, in sein Land die Gräfin Isabelle von Croye, nebst ihrer Verwandten und Beschützerin, der Gräfin Hameline von derselben Familie zurücksende. In Anbetracht, dass besagte Gräfin Isabelle zufolge der Gesetze des Landes und des Lehnsverbandes ihrer Güter, Mündel des besagten Herzogs von Burgund ist, aus seinem Land floh und sich seiner Obhut entzog, wird erwartet, dass sie zurückgeschickt werde. Scheinbar wird die widerspenstige Gräfin samt Begleitung insgeheim hier von dem Könige von Frankreich zurückgehalten. Auch dazu erwarte ich die Antwort Eurer Majestät.“

„Ihr habt wohlgetan, Graf Crevecoeur“, entgegnete der König zornig, „Eure Botschaft bei guter Tageszeit zu beginnen. Wenn Ihr die Absicht habt, mich für jeden Vasallen, den Eures Herrn heftige Leidenschaft aus seinem Land vertrieb, zur Rechenschaft zu ziehen, so wird die Litanei vor Sonnenuntergang nicht zu Ende sein. Wer kann behaupten, dass die beiden Damen sich in meinem Gebiet befinden? Wer will behaupten, dass ich, wenn dem so wäre, ihnen zur Flucht behilflich war oder sie unter Zusicherung meines Schutzes aufgenommen habe?“

„Sire“, versetzte Crevecoeur, „Eure Majestät gestatten mir zu erwähnen, ich hatte für diese Tatsache einen Zeugen. Dieser sah die flüchtigen Damen im Gasthaus zur Lilie. Und er sah Eure Majestät in ihrer Gesellschaft, obgleich unter der ungeziemenden Verkleidung eines Bürgers von Tours. Ein Zeuge sah, wie er von ihnen in Eurer königlichen Gegenwart Aufträge und Briefe an ihre Freunde in Flandern empfing, die er alle dem Herzog von Burgund unter eingehendem mündlichem Bericht in die Hände lieferte.“

„Bringt uns den Zeugen her“, sagte der König, „stellt mir denjenigen, der solche Unwahrheiten behauptet, gegenüber.“

„Ihr sprecht so triumphierend, Sire, denn Ihr wisset wohl, dass dieser Zeuge nicht mehr lebt. Man nannte ihn, Zamet Magraubin. Er war von Geburt Zigeuner. Wie ich in Erfahrung brachte, ist er gestern von den Leuten des Generalprofoß Eurer Majestät hingerichtet worden. Wahrscheinlich um zu verhindern, dass er hier auftrete, um das zu bestätigen, was er über diesen Gegenstand dem Herzog von Burgund angesichts seines Geheimen Rates und meiner Wenigkeit ausgesagt hat.“

Der König entgegnete daraufhin: „Diese Anschuldigungen sind abgeschmackt, und mein Gewissen ist frei von allem, was mit solcher Tatsache in Verbindung steht, dass ich, bei meiner königlichen Ehre, darüber eher lache. Meine Polizeiwache bringt pflichtmäßig alle Diebe und Landstreicher vom Leben zum Tode; und was immer diese Diebe und Landstreicher unserem heißblütigen Vetter von Burgund und seinem weisen Rat zutragen, ist Verleumdung meiner Krone. Ich bitte Euch, meinem lieben Vetter zu sagen, dass er am Besten täte, wenn er solche Gesellschaft liebt, sie in seinem Land zu behalten, denn hier wird ihnen nur eine kurze Beichte und ein festes Stück Hanfstrick bewilligt.“

„Mein Herr bedarf keiner solcher Untertanen, Herr König“, erwiderte der Graf in einem minder ehrfurchtsvollen Ton, als dem, in welchem er bisher gesprochen hatte, „denn der edle Herzog pflegt nicht Hexen, herumstreunende Zigeuner und derlei Volk über das künftige Schicksal und die Bestimmung seiner Nachbarn und Verbündeten zu befragen.“

„Wir haben bis jetzt Geduld gehabt“, unterbrach ihn der König, „und werden, da der Zweck Seiner Sendung nur der gewesen zu sein scheint, Uns zu beleidigen, jemand in Unserm Namen an den Herzog von Burgund senden. Überzeugt, dass Er in Seinem Benehmen gegen Uns die Grenzen Seines Auftrages überschritten hat.“

„Im Gegenteil“, sprach Crevecoeur, „ich habe mich meines Auftrages noch nicht vollständig entledigt. Höret denn, Ludwig von Balois, König von Frankreich, hört mich, Ihr Edle und Herren, die Ihr etwa zugegen seid, höret mich, all Ihr guten und getreuen Leute – und Du, Toison D'Or, verkündige mir nach! Ich, Philipp Crevecoeur von Cordes, Reichsgraf und Ritter des ehrenfesten und fürstlichen Ordens vom Goldenen Vlies, im Namen des sehr mächtigen Herrn und Fürsten, Karls von Gottes Gnaden, Herzogs von Burgund und Lothringen, von Brabant und Limburg, von Luxemburg und Geldern, Grafen von Flandern und Artois, Pfalzgrafen von Hennegau, Holland, Seeland, Namur und Zütphen, Markgrafen des Heiligen Römischen Reiches, Herrn von Friesland, Salins und Mecheln, tue Euch, König Ludwig von Frankreich, hiermit öffentlich kund und zu wissen, dass Er sich, da Ihr Euch geweigert habt, den mancherlei Beschwerden und Unbilden und Beeinträchtigungen, die durch Euch oder durch Euer Anstiften Ihm und seinen lieben Untertanen zugefügt worden sind, sich durch meinen Mund von aller Lehnsverbindlichkeit und Treue gegen Eure Krone und Würde lossagt, Euch für falsch und treulos erklärt und Euch als Fürsten und Mann in die Schranken fordert. Hier liegt mein Handschuh zum Zeugnis dessen, was ich gesprochen.“

Mit diesen Worten zog er den Handschuh von seiner Rechten und warf ihn auf den Boden. Bis zu diesem höchsten Grade von Verwegenheit hatte in dem königlichen Gemach während dieser außergewöhnlichen Szene tiefes Schweigen geherrscht. Das Geräusch des hingeworfenen Handschuhs, begleitet von dem Ausruf des burgundischen Herolds: „Es lebe Burgund!“ wurde kaum vernommen. Unter den Anwesenden entstand ein allgemeiner Aufruhr. Während Dunois, Orleans, der alte Lord Crawford und einige andere, die ihr Rang zu einer Einmischung berechtigte, sich darum stritten, wer den Handschuh aufheben dürfe, schrien die andern im Saale: “Nieder mit ihm! Haut ihn in Stücke! Kommt er her, den König von Frankreich in seinem eignen Palaste zu beleidigen?“

Der König besänftigte den Aufruhr, indem er mit donnernder Stimme rief: „Ruhe, Ruhe, meine Getreuen! Lege keiner Hand an diesen Mann, berühre keiner diesen Handschuh ... Und Ihr, Graf, woraus besteht denn Euer Leben, dass Ihr es auf einen so gefährlichen Wurf setzt? Oder ist Euer Herzog aus einem Holz geschnitzt, als die übrigen Fürsten, dass er seine angeblichen Ansprüche auf solch ungewöhnliche Weise geltend macht?“

„Allerdings ist er von anderem, edlerem Metall, denn alle übrigen Fürsten Europas“, antwortete der unerschrockene Graf; „denn da kein anderer es wagte, Euch – Euch, König Ludwig, Schutz zu geben – als Ihr aus Frankreich verbannt wart, verfolgt von dem Grimme väterlicher Rache, und all der Macht des Reiches, da war Er es, der Euch wie einen Bruder aufnahm und beschützte, und Ihm habt Ihr seinen Edelmut so schlecht vergolten! – Lebt wohl, Sire, mein Auftrag ist ausgerichtet.“ Mit diesen Worten verließ Graf Crevecoeur plötzlich den Saal.

„Ihm nach – ihm nach – hebt den Handschuh auf und ihm nach!“ rief der König. „Ich meine Euch nicht, Dunois, auch nicht Euch, Mylord Crawford; Ihr dünkt mir für einen solchen Strauß zu alt; noch Euch, Vetter Orleans; Ihr seid zu jung dazu ... Herr Kardinal, Herr Bischof von Auxerre – Euer heilig Amt ist es, Frieden zu stiften unter Fürsten; hebt Ihr den Handschuh auf und stellt Graf Crevecoeur die Sünde vor, die er begangen hat, indem er einen großen Fürsten an seinem eigenen Hof verhöhnte und ihn zwang, die Drangsale des Krieges über sein und seines Nachbars Land zu bringen.“

Auf diese persönliche Aufforderung trat Kardinal Balue vor, den Handschuh aufzuheben; doch tat er es mit solcher Behutsamkeit, als müsste er eine Natter berühren, so groß war seine Abscheu vor diesem Sinnbild des Krieges – und augenblicklich verließ er das königliche Gemach, dem Herausforderer nachzueilen.

Ludwig schwieg und blickte im Kreis seiner Hofleute umher, von denen die meisten, außer denen, die wir bereits bezeichneten, Leute von niederem Stande, und zu dem hohen Range an des Königshof durch andere Eigenschaften als durch Mut und Waffentaten erhoben waren. Diese sahen einander bloß an, indem sie sichtbar einen höchst unerfreulichen Eindruck von dem Auftritt erhalten hatten. Ludwig blickte sie mit Verachtung an und sagte dann mit lauter Stimme: „Obgleich der Graf ein anmaßender, übermütiger Herr ist, so muss ich doch gestehen, dass der Herzog an ihm einen so kühnen Diener hat, wie nur je einer eine Botschaft für einen Fürsten übernahm. Ich möchte gern wissen, wo ich einen Gesandten finden könnte, der ihm ebenso treu meine Antwort überbrächte.“

„Sire, Ihr tut den Edlen Eures Reiches unrecht“, nahm Dunois das Wort, „nicht einer von Ihnen bedächte sich, auf seines Schwertes Spitze dem Burgunder eine Herausforderung zu überbringen.“

„Sire“, bemerkte der alte Crawford, „auch den schottischen Adeligen, die Euch dienen, tretet Ihr zu nahe. Ich, und jeder meiner Untergebenen von erforderlichem Range zöger keinen Augenblick, den stolzen Grafen zur Rechenschaft zu ziehen; mein eigner Arm ist hierzu noch stark genug, wenn mir Eure Majestät die Erlaubnis hierzu geben wollen.“

„Aber Eure Majestät“, erwiderte Dunois, „wir wollen jeden Dienst antreten, wo wir Ihrer Majestät und Frankreichs Ehre gewinnen.“

„Sagt lieber“, versetzte der König, „dass ich der ungestümen Leidenschaft nicht Raum gebe, auf eine Eitelkeit hin, Euch, den Thron und Frankreich aufs Spiel zu setzen. Keinem unter Euch ist nicht bewusst, wie kostbar jede Stunde Frieden für Frankreich ist. Wie nötig es ist, die Wunden des zerrütteten Reiches zu heilen und doch ist jeder von Euch augenblicklich bereit, sich in einen Krieg zu stürzen. – Doch hier kommt der Kardinal und, wie Wir hoffen, mit friedlicheren Nachrichten. – Nun, habt Ihr den Grafen zur Vernunft und Mäßigung gebracht?“

„Sire“, antwortete Balue, „ich hatte einige Schwierigkeiten. Ich sagte dem stolzen Grafen, dass der anmaßende Vorwurf, mit dem er seine Botschaft überbrachte, von Eurer Majestät so angesehen werden müsse, als komme er nicht von seinem Herrn, sondern von seiner eignen unziemlichen Art sich zu benehmen, und dass er der Willkür Eurer Majestät zu beliebiger Bestrafung verfallen sei.“

„Da habt Ihr gut gesprochen“, erwiderte der König; „wie lautete seine Antwort? Vermochtet Ihr ihn, zum Bleiben zu bewegen?“

„Noch vierundzwanzig Stunden, und mittlerweile nahm er den Fehdehandschuh wieder an sich“, antwortete der Kardinal; „er ist im Gasthof zur Lilie abgestiegen.“

„Sorget dafür, dass er auf unsere Kosten anständig bedient und bewirtet werde“, befahl der König, „denn solcher Diener ist ein Juwel in eines Fürsten Krone ... Vierundzwanzig Stunden?“ fuhr er fort, vor sich hinmurmelnd, indem er die Augen dabei so weit öffnete, als wollte er in die Zukunft schauen; „eine kurze Frist! Doch zweckmäßig und mit Geschick verwendet, mögen sie ein Jahr in den Händen eines trägen und unbeholfenen Unterhändlers aufwiegen ... Gut! ... Jetzt hinaus in den Wald! In den Wald!“ rief er; „die Eberspieße zur Hand! Euren Speer, Dunois! Nehmt meinen, denn er ist zu schwer für mich ... Zu Ross, zu Ross, meine Herren!“

Und die Jagdgesellschaft ritt davon.

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510 стр. 1 иллюстрация
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9783754172261
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