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Mein großer Freund von nebenan
Viveca Lärn
SAGA Egmont
Mein großer Freund von nebenan
Originaltitel: Bas och refräng
Übersetzt von Ursula Isbel Dotzler
Copyright © 1978, 2018 Viveca Lärn und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711797433
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Es ist fad, allein zu sein
Jennifer wurde von allen nur Troll genannt – wohl wegen ihrer roten Haare. Ihr Vater war Lehrer. Man wußte auf die Minute, wann er morgens seine braune Aktenmappe nehmen und zur Schule gehen würde. Und es stand genau fest, wann er nach Hause kam. Fünf vor halb drei am Montag und zwanzig nach eins am Dienstag; mittwochs um Viertel vor sechs, weil er da zusätzliche Unterrichtsstunden hatte, fünf vor halb drei an Donnerstagen und freitags um halb vier. Am Samstag saß er meistens über seiner Briefmarkensammlung, und da war es nicht ratsam, im gleichen Zimmer zu niesen. Sonntags unternahmen er und Trolls Mutter lange Spaziergänge bis zu einer Waldwirtschaft, wo sie Kaffee tranken und Kuchen aßen. Manchmal ging Troll mit ihnen.
Trolls Mutter fastete. Sie hatte eine Briefwaage, auf der sie jedes belegte Brot wog, ehe sie es aß. Besonders morgens wog sie alles, weil sie Angst hatte, zu dick zu werden. Dann schrieb sie in ein kariertes Heft, was sie gegessen hatte, seufzte und stellte sich selbst immer wieder auf die Waage.
Nachmittags aber, wenn sie das Abendessen für die Familie richtete, aß sie von allem etwas, was ihr gerade schmeckte. Ein bißchen Käse hier und eine Handvoll Hackfleisch da, und dann das Innere von allen Marmeladenhörnchen. Später behauptete sie, die Füllung müsse ausgelaufen sein, während sie vom Laden nach Hause ging. Die Füllung, die Troll am liebsten mochte! Troll konnte es nicht leiden, wenn ihre Mutter sich selbst und anderen etwas vorschwindelte.
Dabei war Trolls Mutter eigentlich gar nicht dick. Sie sah aus, wie Mütter eben für gewöhnlich aussehen, und hatte braunes Haar.
Die dreizehnjährige Troll wurde wegen ihrer roten Haare oft gehänselt.
„Du hast Glück“, sagte Trolls große Schwester Liselotte. „Das hübscheste an dir sind deine Haare. Wenn du einmal einen tollen Jungen triffst, dann spring schnell ins nächstbeste Abflußrohr, damit er nur deine Haare sieht. Dann ist er von dir hingerissen.“
Liselotte war einundzwanzig und erwartete ein Kind. Sonst hatte Troll keine Geschwister, und nachdem Liselotte von zu Hause ausgezogen war, fühlte sich Troll manchmal wie ein Einzelkind. Liselotte wohnte nun in einer Zweizimmerwohnung am Stadtrand, zusammen mit ihrem Mann, der Kent hieß und meistens Anzüge trug. Er arbeitete in einer Bank.
Umwerfend war Kent ja nicht, fand Troll, aber recht nett. Nicht so nett, daß er Geld von der Bank mit nach Hause nahm und es verteilte – nein, das nicht. Aber manchmal konnte schon ein Fünfer aus seiner schwarzen Brieftasche in Trolls Jeanstasche gleiten. Das war allerdings noch öfter vorgekommen, als Liselotte zu Hause gewohnt hatte und Kent sie besuchte. Nun wurden die Fünfer spärlicher.
Doch die beiden hatten jetzt wohl an anderes zu denken. Sie mußten einen Kinderwagen und Schnuller kaufen, Windeln und Klappern und alles, was ein Baby so braucht.
Der Vorteil an Liselottes Auszug war jedenfalls, daß Troll ein eigenes Zimmer bekam. Das erste, was sie tat, als ihre Schwester die Wohnung verließ, war, daß sie die Bilder von Schlagersängern an die Wand heftete, die sie gesammelt hatte. Liselotte hatte sie nie ein einziges aufhängen lassen. Sie wollte nur Fotos von Mikis Theodorakis und Leonard Bernstein und anderen faden älteren Knaben an der Wand haben.
Aber langweilig war es trotzdem, seit Liselotte ausgezogen war. Niemand redete und lachte mehr über die gleichen Sachen wie Troll. Abends mußte man allein im Bett liegen und mit den Popsternen an der Wand reden. Und die antworteten natürlich nicht. Sie lächelten nur. Es war fast so, daß Troll ihrer überdrüssig wurde. Sie lächelten ein bißchen zuviel.
Jonas, der lustige Nachbar
Es war ein ganz gewöhnlicher Donnerstag Anfang Oktober. Trolls Mutter saß am Küchentisch und las in einer Illustrierten, wie man ohne Mühe innerhalb von vier Wochen sechs Kilo abnimmt. Sicherlich handelte es sich um Gurken.
„Mmm“, sagte sie, als Troll aus der Wohnung ging.
Auf der Straße sah Troll zuerst nach rechts. Dort stand nur ein Haus, und auf dem Balkon waren keine Leute. Zur Linken bemerkte sie einen grünen VW-Bus mit offenen Türen. Er war voller Möbel. Troll spähte hinein, doch niemand saß hinter dem Steuer. Dann sah sie sich um. Die ganze Straße lag still und verlassen in der Nachmittagssonne.
Da stellte sie sich auf die äußerste Kante des Bürgersteigs und rief: „Himmeldonnerwetter, Kruzitürken, Teufel noch mal, zum Geier, Scheißkram und dreimal verfluchter Scheibenkleister!“
Jetzt war es heraus. Sie fühlte sich nicht besser, aber es war heraus. Da passierte etwas sehr Peinliches. Aus einer Decke unter einem alten Schaukelstuhl, der in dem VW-Bus mit der Schiebetür stand, sah ein etwas verschlafener Kopf hervor. Er gehörte zu einem jungen Mann.
„Hat sich jemand weh getan?“ fragte er.
Eine dümmere Frage konnte er wohl nicht stellen! Troll sah ihn an und dachte, daß sie ihm die Sache wohl erklären mußte.
„Ich fluchte“, sagte sie, „weil ich nichts zu tun habe. Und ich ärgere mich schon den ganzen Nachmittag, weil mir so langweilig ist. Nie gibt es etwas, was ich tun könnte. Und es passiert auch nichts Gescheites. Und versuch jetzt bloß nicht, mir zu sagen, daß ich zu den Pfadfindern gehen oder Pingpong spielen soll, weil ich dich sonst auf der Stelle niederschlage!“
Der Fremde machte ein beeindrucktes Gesicht. Er war nun aus dem Bus geklettert und erwies sich als furchtbar groß und dünn.
Troll stieß mit dem Fuß gegen ein Rad seines komischen Autos, um ihm zu zeigen, daß sie es ernst meinte.
„Laß meine Reifen in Ruhe“, sagte der junge Mann. „So was tut mir richtig weh. Du könntest mir statt dessen beim Einziehen helfen,“
„Wirst du in Nummer fünf wohnen?“
„Ja, das habe ich vor. Besonders, wenn lauter so friedliche Leute wie du in dem Haus sind.“
„Nein, sag ehrlich. Wirst du hier wohnen? Woher kommst du?“
Der Fremde lächelte. „Ich bin von Östersund hierhergefahren. Und ich werde heute hier einziehen. Genügt dir das?“
„Nein. Wie heißt du?“
„Jonas. Und du?“
„Jennifer.“
„Was für ein Name! Hübsch ist er natürlich, aber trotzdem ein bißchen hochtrabend. Hat deine Mutter zu viele englische Filme im Fernsehen gesehen?“
Jennifer schwieg zuerst, aber dann mußte sie doch ein wenig lachen.
„Ich werde aber Troll genannt.“
„Tatsächlich? Hast du einen Trollschwanz?“
Für einen Erwachsenen war er wirklich lustig.
„Nein, hab ich nicht. Aber vielleicht nennen sie mich so, weil ich mich nicht jeden Tag kämme. Oder weil … Ach, es ist eben einfach so.“
Jonas ging um den Bus herum. Wie groß und schmal er war! Er trug einen abgeschabten grünen Monteuranzug mit großen Taschen. Seine Haare waren ziemlich dicht und fast schwarz. Und er hatte so nette Augen. Ungewöhnliche, graue Augen. Und sehr schwarze, ganz gerade Augenbrauen, die fast über der Nase zusammenwuchsen.
„Wie groß du bist!“
„Ja, ganz im Gegensatz zu dir, so gleicht es sich ja wieder aus“, sagte Jonas. „Was meinst du, womit fangen wir an?“
Troll sah sich im Bus um. Er war wirklich voll. Zuoberst thronte ein Käfig mit einem grünen Papagei darin. Er saß ganz still auf seiner Stange.
„Den nehmen wir zuerst“, sagte sie. „Er friert vielleicht.“
Jonas sollte eine Zweizimmerwohnung im ersten Stock beziehen. Er fand es seltsam, daß Troll keine Ahnung hatte, daß dort jemand ausgezogen war. Sie wohnte schließlich im nächsten Aufgang.
„Woher soll ich das denn wissen?“ fragte sie verwundert. „Bestimmt haben die Leute keine Kinder gehabt. Ich glaube nämlich, daß ich alle Kinder kenne, die hier im Haus wohnen. Drei sind es: Christina, die dauernd Klavier spielt. Und Thomas, der Pfadfinder. Dann noch Erik, der ist Orientierungsläufer, weißt du. Jeden Sonntagmorgen um sieben Uhr rennt er los und stapft mit dem Kompaß im Wald herum. Dann kommt er mit zerrissener Hose und Tannenadeln in den Haaren wieder heim und ist wahnsinnig glücklich. Aber so was ist nichts für mich. Es gibt nichts, was ich tun könnte.“
Sie begannen Jonas’ Habseligkeiten ins Haus zu tragen. Jonas war wahnsinnig stark. Er trug sein Bett auf dem Kopf. Troll trug nur den Papagei im Käfig.
„Später machen wir eine Umzugsmahlzeit“, sagte Jonas. „Wenn wir fertig sind.“
Doch als sie zur Tür von Jonas’ neuer Wohnung kamen, an der noch kein Namensschild befestigt war, blieb Troll stehen und faßte sich an den Kopf.
„Oje, ich darf ja nicht zu Fremden in die Wohnung gehen!“ „Dann springst du eben hinein, wenn du meinst, daß ich ein Fremder bin“, sagte Jonas.
Aber Troll trug nur alles bis zur Türschwelle, und Jonas brachte die Sachen dann in seine Wohnung.
„So gibt’s keinen Streit“, sagte Troll.
„Dabei mag ich Streit gern“, sagte Jonas zwinkernd. „Für mich gibt’s keinen Samstag ohne eine ordentliche Prügelei.“
Wenn er lächelte, wurden seine Augen ganz schmal. Troll fühlte sich richtig aufgekratzt. Es war schön, einen neuen Freund zu haben.
„Wie alt bist du?“ fragte sie.
„Fünfundzwanzig“, erwiderte Jonas. „Jedenfalls ungefähr. Wenn du willst, sehe ich mal in meinem Führerschein nach.“
Er muß doch wenigstens wissen, wie alt er ist! dachte Troll verwundert.
„Aber willst du mich nicht fragen, wie alt ich bin?“ sagte sie schließlich.
„Nein, warum denn? Spielt das eine Rolle?“
„Also, du bist wirklich ein komischer Typ“, sagte Troll.
„Alle Erwachsenen fragen doch, wie alt man ist und in welche Klasse man geht und worin man am besten ist.“
„Also gut“, erwiderte Jonas. „Wie alt bist du und worin bist du am besten – und was war da außerdem noch?“
„Wenn du es unbedingt wissen willst“, sagte Troll, „ich bin dreizehn Jahre und zwei Monate und sieben Tage. Ungefähr jedenfalls. Und ich bin in keinem Fach am besten. Besonders nicht in Gymnastik, wo ich gern am besten wäre, damit jeder mich Schmetterling oder Sperber oder so was nennen würde. Einmal, als ich an der Sprossenwand hing, sagte die Lehrerin, daß ich wie eine Eule aussehe, aber das ist ja wohl nicht ganz dasselbe.“
Jonas lachte, und Troll freute sich. Der Papagei sah sie an. Er hatte vielleicht Heimweh nach seinem früheren Zuhause. Es war wohl auch nicht immer ein reines Vergnügen, ein Papagei zu sein.
Es begann dunkel zu werden, als der Bus leer und der Flur in Jonas’ neuer Wohnung voll war. Jonas und Troll seufzten gleichzeitig, und dann nahm Jonas einen Christstollen, eine Flasche Saft und eine Gitarre aus seinem grünen Rucksack.
„Christstollen!“ sagte Troll. „Im Oktober!“
„Christstollen ist doch etwas Feines“, erwiderte Jonas verwundert und zupfte an seiner Gitarre. „Wenn man Christstollen mag, kann man ihn wohl das ganze Jahr über essen, sooft man Appetit darauf hat. Christstollen ist übrigens das einzige, was mir an Weihnachten gefällt. Alles andere ist so anstrengend.“
Jonas saß genau innerhalb der Türschwelle und Troll genau außerhalb auf dem Steinfußboden des Treppenhauses. Es war ein prima Umzugsschmaus. Eine Frau, die die Treppe herunterkam, musterte sie neugierig und mißbilligend zugleich.
„Hätten Sie gern ein Stück Christstollen?“ fragte Jonas.
Sie antwortete nicht, sondern polterte nur die Treppe hinunter, daß die Räder ihres Einkaufswägelchens ratterten.
„Kannst du nicht etwas Schönes spielen?“ schlug Troll vor. „‚I do, I do, I do‘ vielleicht?“
„Nein, so was Komisches kann ich nicht. Zu Hause habe ich immer mit einem Freund zusammen gespielt. Ich war meistens für Baß und Refrain zuständig. Ja, Baß und Refrain, das bin ich.“
„Ach so“, sagte Troll. „Tschüs dann, Baß und Refrain, jetzt muß ich heim.“
Jonas nickte nur und zupfte weiter an seiner Gitarre. Er war wohl nicht gerade der Typ, der „bis bald“ sagt.
Er spielte und sang leise dazu: „Wir fahren in einem Boot nach Cytherae, mit dem Nachtwind als Segel, und keiner sieht uns dabei …“
Lustig klang das. Eigentlich sogar richtig schön, fand Troll.
Mein neuer Freund von nebenan
„Hallo, kleine Jennifer“, sagte Trolls Vater. Er saß an seinem braunen Schreibtisch und korrigierte Hefte. „Wo bist du gewesen?“
„Draußen“, erwiderte Troll.
„Ach, wirklich?“ murmelte ihr Vater, ohne aufzusehen.
Troll seufzte ein wenig und sah ihn an. Er war kahlköpfig bis auf einen Kranz von dünnen Haaren an den Seiten. Und er trug ein kariertes Hemd, das wenigstens nicht ganz hoffnungslos war. Glücklicherweise hatte er ja auch nicht so eine überkämmte Glatze wie jener Mann, der im Haus wohnte. Dieser Typ frisierte seine Haare vom einen Ohr über den Kopf und auf der anderen Seite wieder herunter. Troll und Liselotte beschatteten ihn einmal, als es windig draußen war, doch nichts geschah. Er strich sich bestimmt Fettcreme ins Haar. Trolls Mutter sagte stets, wenn sie ihn sah: „Besser eine ehrliche Glatze als eine überkämmte.“
Nun war sie gerade damit beschäftigt, das Abendessen zu richten. Es duftete nach Tomaten, Porree und verschiedenen anderen Gemüsesorten. Liselotte und Kent sollten abends kommen, und Trolls Mutter fürchtete immer, daß Liselotte nicht ordentlich aß, wo sie doch jetzt ein Baby erwartete.
Liselotte und Kent aßen wirklich nicht viel. Die einzige, die eine Menge verzehrte, war Trolls Mutter. Typisch. Sie, die eigentlich nur eine halbe Tomate zu sich nehmen sollte!
Liselotte seufzte während des Essens darüber, daß ihre elektrischen Lockenwickler kaputtgegangen waren.
„Daß du dich mit solchem Zeugs abgibst!“ sagte Troll. „Das werde ich bestimmt nie tun.“
Sie verschwand rasch in ihr Zimmer und schloß die Tür, sobald das Abendessen beendet war. Dort versuchte sie Jonas aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Es klappte aber nicht so recht.
Sie ärgerte sich richtig, als ihre Mutter rief, sie sollte doch wenigstens noch mit Tee trinken. Troll haßte Gebäck. Ihre Mutter hatte zu allem Überfluß auch noch so besonders ekelhafte Hörnchen gekauft, die wie kleine Staubsauger aussahen. Oder wie Fadenspulen.
Schließlich ging Troll doch ins Wohnzimmer, um Streit zu vermeiden, doch es war wirklich langweilig. Ihr Vater hielt einen kleinen Vortrag über die Ausgaben des Staates für das Gesundheitswesen. Kent saß auf dem. Ledersofa, ein Bein übers andere geschlagen, und hörte sehr höflich zu. Trolls Mutter suchte nach alten Fotografien, und während sie in einer Schublade kramte, hielt es Troll nicht länger aus.
Sie flüsterte Liselotte zu: „Du, heute hab ich einen Freund gefunden!“
Typisch, typisch! Gerade in dieser Sekunde waren zufälligerweise alle mäuschenstill. Kein Wort von Krankenhäusern oder Bildern oder etwas in dieser Art.
Und Trolls Geflüster fiel ungefähr siebenmal so laut aus wie sie es beabsichtigt hatte. Alle sperrten die Augen auf, und Trolls Mutter lächelte und tätschelte ihr die Hand.
„Aber wie schön für dich, Herzchen. Du vermißt doch schon so lange eine Freundin. Wie heißt sie denn?“
„Jonas“, erwiderte Troll.
Ihre Eltern wechselten einen raschen Blick.
„Ach so, ach so“, sagte ihr Vater. „Und wo wohnt er?“
„Hier im Haus. Er ist heute eingezogen. Nicht in so eine riesige Wohnung wie unsere, sondern in eine kleine. Eigentlich ist sie viel hübscher.“
„Aha.“ Trolls Vater nickte. „Dann kommt er ja in die gleiche Schule wie du.“
Troll mußte bei der Vorstellung, daß Jonas zur Schule gehen sollte, so lachen, daß sie beinahe vom Sofa fiel.
„Er geht nicht zur Schule!“ stöhnte sie, als sie genug gelacht hatte.
Nun runzelten ihre Eltern die Stirn. Sie sahen beinahe wie Ziegen aus. „Was macht er denn dann?“ fragte Trolls Mutter.
„Er ist Drucker“, antwortete Troll. „Er druckt Zeitungen.“
Ihr Vater räusperte sich. „Wie alt ist dieser Jonas, den du deinen Freund nennst?“
„So um die fünfundzwanzig herum, ich weiß nicht genau. So was spielt doch keine Rolle. Er ist mein Freund, begreift ihr das nicht?“
Wieder wechselten ihre Eltern einen Blick.
„Es ist wohl besser, wenn du Umgang mit Gleichaltrigen hast, Kleines“, sagte ihr Vater mit seiner allerdeutlichsten Schulstimme.
„Ach, ihr versteht ja überhaupt nichts!“ rief Troll, stürzte in ihr Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Durch die Wand hörte sie ihre Familie miteinander sprechen.
„Sie hat es ja so schwer, Freunde zu finden …“
„Keine richtigen Interessen …“
„Als ich ein Kind war, ging man gemeinsam in den Wald und freute sich.“
„Es muß ja nicht jeder Pfadfinder sein …“
„Beruhigt euch doch! Es ist wohl nicht verboten, Leute zu mögen, die nicht genauso alt sind wie man selbst.“ Das war Liselottes Stimme. „Denkt doch einmal an euch selbst. Zwischen euch sind zehn Jahre Altersunterschied. Als du so alt wie Troll warst, Mama, war Papa auch schon dreiundzwanzig.“
„Aber wir haben uns damals schließlich noch nicht gekannt!“ Troll zog sich aus, schlüpfte in ihr rosa Nachthemd und zog die Jalousie herunter. Sie konnten ihr alle gestohlen bleiben!
„Baß und Refrain“, summte sie in ihr Kopfkissen. „Gute Nacht und schlaf gut, Baß und Refrain!“
Der Kleinbus stand nicht mehr auf der Straße, als Troll am nächsten Tag zur Schule ging. Während der Unterrichtsstunden fiel es ihr nicht leicht, aufzupassen. In der Vormittagspause ging sie mit dem Hund spazieren, der der Besitzerin des Blumenladens neben der Schule gehörte. Fast alle anderen Mädchen gingen paarweise über den Schulhof, manche sogar Arm in Arm. Troll hatte nie eine richtige Freundin gehabt. Wenigstens keine richtige beste Freundin.
„Hör mal, Moses“, sagte sie zu dem Hund. Es war ein Schäferhund, aber ein gutmütiger. „Ich hoffe, du bist nicht beleidigt. Ich habe nämlich einen neuen Freund – einen Menschen. Er heißt Jonas, aber ich nenne ihn Baß und Refrain. Er hat ziemlich dichtes, fast kohlschwarzes Haar und ganz graue Augen. Und glaube mir, er ist nicht wie andere Erwachsene. Überhaupt nicht.“
Moses sah nachdenklich drein und drehte eine Extrarunde um einen Stein.
Als Troll von der Schule nach Hause kam, ging sie geradewegs zu Jonas’ Tür und klingelte. Ein Namensschild hatte er noch immer nicht angebracht.
„Nur hereinspaziert!“ rief er.
Troll lachte. Genau das sagten ihre Eltern auch immer, wenn sie auf dem Land waren und jemand an die Tür ihres Sommerhauses klopfte. Doch in der Stadt ist so etwas ja nicht üblich. Man versperrt seine Tür und öffnet nur ganz vorsichtig, legt vielleicht sogar eine Sicherheitskette vor.
Jonas’ Tür aber war nicht versperrt. Er lag im großen Zimmer auf dem Fußboden und sah zur Decke hoch. Troll trat ein.
„Welche Platten hörst du für gewöhnlich?“ fragte sie, als sie den Schallplattenspieler entdeckte, und setzte sich neben ihn auf den Boden.
„Für gewöhnlich?“ wiederholte er schläfrig. „Ich tue nie etwas für gewöhnlich. Das ist ein langweiliger Ausdruck, ‚für gewöhnlich“, finde ich. Was machst du denn für gewöhnlich?“
„Oh, ich mache wahnsinnig vieles für gewöhnlich“, sagte Troll. „Zum Beispiel bürste ich mir die Zähne für gewöhnlich jeden Morgen um zwanzig vor sieben. Dann esse ich für gewöhnlich Corn-flakes mit Milch und anschließend trinke ich für gewöhnlich Fruchtsaft, wenn noch einer da ist. Sonntags fahre ich für gewöhnlich zu meiner Großmutter. Sie hat übrigens genauso eine Stupsnase wie ich. Und jeden Samstag, das ist morgen, fahre ich für gewöhnlich auch zum Großvater, aber da fährt Mama für gewöhnlich nicht mit, weil sie dann für gewöhnlich Kopfschmerzen hat. Doch ich hab das für gewöhnlich nicht, denn Großvater macht für gewöhnlich Knüpfteppiche und Rindenboote und alle möglichen schönen Sachen, obwohl er nur zwei Finger an der einen Hand hat. Und dann gehe ich für gewöhnlich …“
„Herrje, mir geht all dein ‚für gewöhnlich‘ auf die Nerven!“ erwiderte Jonas. „Wie hältst du das bloß aus? Da habe ich einen besseren Vorschlag. Wir nehmen die Gitarre und fahren an irgendeinen hübschen kleinen See mit Wellen drauf. Dann setzen wir uns unter einen Baum und schauen, ob man vielleicht schon merkt, daß der Winter kommt.“
Schließlich fuhren sie tatsächlich an einen See. Jonas spielte unter einem Baum Gitarre, und Troll füllte ihre Holzpantoffeln mit roten und goldenen Herbstblättern. Die Blätter sahen aus wie Trolls Haare, fand Jonas.
„So“, sagte er, „jetzt spielen wir so laut und schön, daß das Seeungeheuer aus dem Wasser kommt. Das gibt’s doch wohl hier am Ratsee. Jedenfalls haben wir zu Hause im Großsee eines.“
„Ich weiß nicht so genau. Hier gibt’s vielleicht nur Räte.“
„Räte?“
Troll lachte.
„Ich hab nur Spaß gemacht. Du willst mir doch nicht weismachen, daß du in eurem Großsee ein Seeungeheuer gesehen hast?“
„Und ob ich es gesehen habe!“ rief Jonas.
Er legte die Gitarre beiseite.
„Paß mal auf“, sagte er. „Wenn man frühmorgens an den Strand kam und ein hübsches Lied sang, dann kam es heraus. Es kletterte natürlich langsam aus dem See, um nicht Häuser zu überschwemmen oder sonst ein Unheil anzurichten. Es ist nämlich lieb und freundlich, weißt du. Nein, das Seeungeheuer kroch sehr vorsichtig und langsam aus dem Wasser. Fünf- oder sechsmal hat es sich neben mich gelegt, soweit ich mich erinnere. Und ich war ja nicht viel größer als sein rechter Fuß …
‚Kannst du mir die Zähne putzen, Jonas?‘ fragte es. ‚Ich hab schon wieder ekliges Öl von so einem verflixten Außenbordmotor verschluckt. Ich fühle mich nicht so recht frisch.‘
‚Aber selbstverständlich!‘ erwiderte ich. Und dann nahm ich meine Zahnpasta und meine kleine Zahnbürste aus der Jackentasche. Und ich bürstete dem Ungeheuer ganz sorgsam die Zähne. Das war eine Riesenarbeit, kann ich dir sagen. Es hatte schöne Zähne, genau wie du, aber viel größer. Jeder Zahn war so groß wie ein Schuhkarton. Da freute es sich, und ich mußte sein Lieblingslid singen. Das heißt: ‚Mir geht’s so gut, mir geht’s so gut, ja, richtig gut, und hoffentlich euch auch …‘ Es ist ein griechisches Lied, weißt du.“
Jonas strich sich übers Haar.
„Wenn das Seeungeheuer dieses Lied hörte, und seine Zähne richtig sauber waren und nach Pfefferminze statt nach Öl rochen, dann war es glücklich“, sagte er. „Dann wedelte es mit seinem langen, grünen, glänzenden Schwanz und scherte sich den Teufel um die Leute. Seine Augen leuchteten, und wir wurden alle miteinander naß bis auf die Haut – Menschen, Autos, Häuser und Felsen. Und doch war es, als würde ringsumher alles singen.“
Troll sah Jonas an. Seine Augen waren groß, klar und grau.
„Wenn ich so ein Ungeheuer träfe, würde ich es bitten, daß ich lange Zeit in seinem Mund liegen und schaukeln darf“, sagte sie.
„Ja, das wäre schön“, bestätigte Jonas. Und er spielte auf seiner Gitarre und sang dazu: „Mir geht’s so gut, mir geht’s so gut, ja, richtig gut …“
Aber kein Seeungeheuer kam aus dem Ratsee.
„Ihr habt zuviel Schmutz in euren Seen“, sagte Jonas schließlich.
„Wer – wir?“ fragte Troll beleidigt.
Doch Jonas gab keine Antwort. Es war ein ziemlich windstiller Tag, und sie mieteten ein Ruderboot. Troll konnte recht gut rudern, und das wollte sie Jonas zeigen. Er verstaute seinen langen, schmalen Körper auf dem Boden des Bootes, lag dort und sah zu den Wolken, die Gitarre zwischen den Füßen, während Troll ruderte. Das Boot schaukelte ein bißchen hin und her, aber er schien es nicht zu merken.
Es war, als fände er es ganz selbstverständlich, daß Troll rudern konnte. Nicht das kleinste Lob kam über seine Lippen.
„Wenn wir in den Ferien sind, darf ich fast nie rudern“, sagte Troll versuchsweise. „Wenn Mama dabei ist, will sie rudern, weil man dabei so viele Kalorien verliert, und dann wird sie nicht dicker. Und wenn Papa dabei ist, will er rudern, weil er Wert darauf legt, daß das Boot ganz schnurgerade fährt und kein bißchen hin und her schaukelt.“
„Ein bißchen hin und her schaukeln ist am schönsten“, meinte Jonas und schloß die Augen.
Die Dämmerung brach schon herein, als sie nach Hause fuhren. Jonas hatte keine Uhr.
„Ich mag keine Uhren“, sagte er. „Wenn man immer weiß, wie spät es ist, muß man dauernd etwas tun. Himmel, jetzt ist’s acht Uhr, jetzt muß ich essen! Oder: Herrje, jetzt ist es drei, ich muß Tabak kaufen. Oder: Jetzt ist es zehn, da muß ich schlafen. Ohne Uhr geht alles von selbst. Natürlich verpaßt man manchmal einen Zug, aber es gibt so viele Züge.“
„Aber in der Arbeit mußt du doch wohl eine Uhr haben? Oder klingelt es bei euch wie in der Schule, so daß du weißt, wann du anfangen und aufhören mußt?“
„Bei uns in der Arbeit darf man wirklich keine Uhr tragen“, sagte Jonas. „Da kommt der Meister wie eine Rakete angeschossen. Uhren könnten in den Maschinen steckenbleiben, und dabei würde einem vielleicht die ganze Hand abgerissen. Oder ich würde zu Mus zerquetscht. – Nein, das geht nicht, eine Uhr kann ich in der Arbeit nicht brauchen. An den Wänden hängen große Uhren, weißt du. Und im übrigen besteht keine große Gefahr, daß man weiterarbeitet, wenn die anderen Pause machen. Das hat man doch im Gefühl, wenn’s soweit ist.“
Er parkte seinen Kleinbus am Straßenrand, schlug einen munteren Akkord auf der Gitarre und sprang heraus.
„Ich möchte so werden wie du“, sagte Troll leise.
Jonas schüttelte den Kopf. „O nein, du sollst nicht so wie ich werden. Versuch statt dessen lieber, du selbst zu sein. Das ist am besten. Sieh dir meinen Papagei an. Der versucht nicht so zu sein wie andere Papageien. Er ist stark und klug und frißt Nüsse. Er ist großartig.“
Troll seufzte. Sie hatte sich in Baß und Refrain verliebt.
Ein aufregender Filmbesuch
Von nun an flogen die Wochen nur so dahin. In der Schule fiel es Troll oft schwer, aufzupassen. Sie dachte meistens an das, was sie und Jonas zusammen unternommen hatten. Oder was sie als nächstes tun würden, doch das wußte man natürlich nie im voraus.
Manchmal war Jonas mehrere ewigkeitslange Nachmittage nicht zu Hause. Und dann war er plötzlich wieder da – ohne die geringste Erklärung, was er getan hatte. Das machte aber nichts. Sie stürzten sich mit Schwung direkt ins nächste Abenteuer – päng! Und es waren große, wunderbare Abenteuer, die sie zusammen erlebten.
Manchmal gingen sie in den Wald. Sie verglichen, welche Steine am meisten wie Tiere oder Menschen aussahen und untersuchten, welches Moos sich an der Wange am weichsten anfühlte und welchen Baumstamm man am besten umarmen konnte. Manchmal fanden sie einen seltsamen Pilz und saßen später stundenlang am Tisch, um ihn mit den Pilzen in Jonas’ kleinem Handbuch zu vergleichen. Nie waren die Pilze verzeichnet, die sie gefunden hatten, doch krank wurden sie davon trotzdem nicht. Es war wohl deshalb, weil Jonas so muntere Lieder sang, während er sie zubereitete, und ihnen so gut zuredete. Jedenfalls schmeckten sie hauptsächlich nach Tannennadeln.
Manchmal waren sie drunten am Hafen, denn Jonas fühlte sich sehr zum Meer hingezogen.
„Das geht wohl nur den Menschen so, die nicht am Meer geboren worden sind“, meinte er.
Troll dachte darüber nach.
Doch, das Meer war schon etwas Schönes, aber sie war ja auch nie davon getrennt gewesen.
Sie beobachteten, wie sich die Bootseigentümer mit ihren Zelttuchüberzügen im Wind abplagten. Die Überzüge sollten die Boote gegen den Winter schützen. Jonas fand das wahnsinnig lustig.
„Wenn ich meinem Auto jetzt auch einen grünen Wintermantel nähen würde!“ sagte er. „Einen mit Kapuze!“
Jonas versperrte seine Wohnung nie. Er hatte keine Angst vor Einbrechern. Wenn jemand sich die Mühe machte, hereinzukommen, konnte er schon etwas mitnehmen, falls er es ganz besonders dringend brauchte, fand er. Doch nicht gerade den Papagei. Aber der war bestimmt klug genug, um sich zu verteidigen, wenn er bei Jonas bleiben wollte. Und vielleicht hatte er Lust auf ein Abenteuer.
„Wo hast du den Papagei gekauft?“ fragte Troll.
„Gekauft!“ wiederholte Jonas. „Du glaubst doch wohl nicht, daß man einen Papagei wie irgendeine ganz gewöhnliche Schnupftabakdose kaufen kann! Nein, ein richtiger Papagei kommt von selbst, wenn man es am wenigsten ahnt.“
„Und wie ist deiner gekommen?“ fragte Troll und ließ sich auf ihrem absoluten Lieblingsplatz nieder: auf dem Boden in der Ecke, mit ausgestreckten Beinen. So konnte sie stundenlang sitzen … Na ja, vielleicht nicht gerade stundenlang, aber mehrere Minuten schon.
„Eines schönen frühen Morgens wollte ich Schnupftabak kaufen“, begann Jonas zu erzählen. „Als ich zum Kaufladen im Dorf kam, war er noch nicht geöffnet. Ich setzte mich auf die Treppe und dachte nach. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Kaufmann kam, denn die Sonne schien schon recht warm. Bestimmt kommt Persson bald und schließt den Laden auf, dachte ich. Eine Prise Schnupftabak schien mir gerade das Richtige, ehe ich zum See ging, um über die Bucht zu schwimmen. Doch es kam mir gerade so vor, als würde mich jemand beobachten. Die Katze, die auf der Treppe lag, war es nicht, denn sie hatte die Augen geschlossen. Und es waren auch nicht die Leute in den umliegenden Häusern, auch nicht die Autos oder die Steine oder …“
„Wer war es dann?“ unterbrach ihn Troll mit großen Augen.
„Tja, plötzlich hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, oder vielleicht auch in meinem Ohr“, sagte Jonas und schloß die Augen. „Die Stimme sagte: ‚Geh sieben Schritte nach rechts, sing dann sämtliche Strophen des Liedes: Als ich ein armes Weib war, und blinzele viermal. Dann, wenn du die Augen öffnest, wird das Mädchen vor dir stehen, das du heiraten wirst.“‘
„Nein!“ rief Troll, der vor Spannung und Angst ganz heiß war.
„Doch, so war’s, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich die Anweisungen befolgte. Sieben ziemlich große Schritte nach rechts, das ganze Lied: Als ich ein armes Weib war, mit siebzehn Strophen – das dauerte seine Zeit, kann ich dir sagen, und die fünfzehnte Strophe konnte ich gar nicht ohne weiteres. Vielleicht kam es deshalb so, wie es kam. Denn als ich viermal geblinzelt hatte und die Augen öffnete, was sah ich da? Tja, der Käfig mit dem Papagei stand vor mir auf dem Boden! Und der Papagei sagte: ‚Es reiten drei Reiter um den Ararat herum. Jetzt hab ich das Meer satt. Ich komme mit dir nach Hause!“‘ Jonas nickte und fuhr fort: „Und der Papagei sah mich auf dem ganzen Weg nach Hause mit seinen glänzenden Augen an. Seit dieser Zeit hat er nie ein Wort gesagt oder auf andere Weise zu erkennen gegeben, daß er sich wohl fühlt. Und ich war recht froh“, schloß er, „daß ich nicht heiraten mußte, denn das hätte mir überhaupt nicht gepaßt. Da darf man nicht einmal Schnupftabak schnupfen, habe ich gehört.“
Troll stand auf und lächelte.
„Ich muß jetzt heim, Jonas. Vergiß nicht, wir treffen uns heute abend!“
Jonas lächelte zurück und nickte. Er zupfte an seiner Gitarre und machte ein geistesabwesendes Gesicht.
Troll kam es vor, als würde das Abendessen nie ein Ende nehmen. Die Minuten vergingen, doch noch immer waren mindestens zwanzig Meter Spaghetti auf ihrem Teller. Schließlich durfte sie trotzdem aufstehen.
„Aber glaub nur nicht, daß du das jeden Freitag so machen kannst, Jennifer!“ sagte ihr Vater.
„Als ob ich genug Geld hätte, um jeden Freitag ins Kino zu gehen!“ erwiderte Troll beleidigt. „Ihr könnt ja froh sein, daß ich mich weiterbilden will, statt wie Thomas und Christine am Würstchenstand herumzulungern und … Muß ich jetzt auch noch ein Leberpastetenbrot essen?“
„Aber mit welchen Mädchen gehst du denn ins Kino?“ fragte ihre Mutter zum zehntenmal.
„Ach, du kennst sie ja doch nicht“, sagte Troll. „Ganze Mengen sind’s! Wir treffen uns um zehn vor sieben vor dem Kino. Ich muß mich also beeilen, wenn ich die Straßenbahn rechtzeitig erreichen will.“
Ihre Mutter seufzte. „Na, dann lauf! Aber denk daran, daß wir dich spätestens Viertel nach neun zurückerwarten, denn der Film endet um Viertel vor.“
Troll sauste aus der Wohnung und schlug die Tür hinter sich zu, doch statt auf die Straße zu laufen, schlich sie in den Keller. Dort hatte sie nachmittags einen Spiegel an einen rostigen Haken gehängt. Er hing ein wenig zu hoch, aber sie stellte sich auf die Zehenspitzen und kämmte sich eine sehr kunstvolle Frisur. Es sah wirklich unglaublich erwachsen aus, wenn sie die Haare so hinter die Ohren kämmte!
Dann zog sie den Lippenstift in der goldenen Hülle aus der Jeanstasche, den Liselotte zurückgelassen hatte, als sie ausgezogen war. Viel war nicht mehr davon übrig, aber er war rosarot und wahnsinnig schön. „Melon frost“ stand auf der Unterseite der Hülle.
Es war das erstemal, daß Troll sich nicht nur so zum Spaß anmalte. Sie begann rechts außen an der Oberlippe, fuhr ein bißchen über den Mund hinaus und wischte die Farbe mit dem Handrücken wieder ab. Beim zweiten Versuch klappte es besser. Troll kniff die Lippen zusammen, wie Liselotte es zu tun pflegte, hörte ein Geräusch im Treppenhaus und wandte sich heftig um, so daß ihre Haare wieder über die Ohren fielen.
Nein, es kam niemand. Sie befestigte zwei Haarspangen hinter den Ohren, damit ihre Frisur hielt, ging auf die Straße und schielte zum Haus. Nein, niemand stand am Fenster. Und dort kam schon die Straßenbahn. Troll hielt ihre Haare fest und lief vorsichtig los.
Der Schaffner lachte, als sie einstieg. „Hast du Zahnschmerzen?“ fragte er.
Doch Troll war in Träumereien versunken. Sie überlegte, wer von ihnen wohl zuerst kommen würde. Hoffenlich kam Jonas vor ihr.
Sie setzte sich auf eine Bank und sah aus dem Fenster. Wie langsam die Straßenbahn fuhr! Flüchtig fragte sie sich, was ihre Eltern denken mochten. Es war ja nicht direkt gelogen, als sie sagte, daß eine Menge Mädchen ins Kino gehen würden, denn die Vorstellung war meistens ausverkauft, hatte Jonas gesagt. Und natürlich würden auch viele Mädchen im Kino sein. Was für ein Glück, daß ihr Vater sich nicht erboten hatte, sie hinzufahren. Da hätte sie in irgendeinen Hauseingang gehen müssen, um sich schön zu machen. Ob Jonas wohl merken würde, daß sie eine „Frisur“ hatte und Melon Frost auf den Lippen?
Troll stieg aus und kam an einer Auslage vorbei, in der elegante Schaufensterpuppen mit langen, schmalen Händen standen. Ihre Augenwimpern waren so lang und dicht wie Malerpinsel.
Vor dem Kino standen viele Leute. Der Film hieß „Ein Junge und ein Mädchen“. Mitten auf der Straße stand ein Hippie und spielte auf der Geige. Doch Jonas war nirgends zu sehen. Troll ging zu einem Lederwarengeschäft und spiegelte sich im Schaufenster.
Da, gerade als sie dachte, daß er alles vergessen hätte, sah sie ihn von der Domkirche her über den Platz schlendern. Er schien vor sich hinzupfeifen, während er mit seinen üblichen langen Schritten in seiner alltäglichen Jeans daherkam. Der Kinobesuch war wohl weiter nichts Besonderes für Jonas. Er ging ja oft ins Kino, wenn auch nicht mit Troll.
Dann sah er sie und winkte. „Servus, Troll!“ rief er.
Als er näher kam, blieb er plötzlich stehen und sagte: „Herrje, Troll, siehst du aber komisch aus!“
Und er lachte herzlich und zerraufte ihr die Haare. Troll seufzte.
Anfangs war der Film richtig peinlich. Troll merkte, daß sie heiße Backen bekam, und wagte es nicht, Jonas anzusehen. Er handelte von einem Jungen, der eine Krankheit an einer gewissen Stelle bekam. Ja, genau da. Troll kicherte ein wenig. Jonas lachte laut. Er, der sonst fast nie laut lachte!
Doch dann wurde es ungeheuer romantisch, fand Troll. Sie schielte hier und da zu Jonas hinüber. Er saß rechts von ihr, völlig entspannt, denn das Kino war so umgebaut worden, daß sogar Leute mit langen Beinen bequem Platz hatten.
Wenn nur etwas furchtbar Aufregendes passieren würde, damit er meine Hand hält! dachte Troll. Und sie legte ihre rechte Hand ans Gesicht, um festzustellen, ob ihre Wangen noch heiß waren. Dabei machte sie eine furchtbare Entdeckung. Sie hatte vergessen, sich nach dem Abendessen die Hände zu waschen. Ihre Hand roch noch nach Leberpastete! Ein Glück, daß der Film weder besonders aufregend noch gruselig wurde!
Troll kämpft mit sich selbst
Trolls Vater freute sich keineswegs darüber, daß seine Tochter mit Jonas befreundet war. Dabei hatte er ja nicht einmal die mindeste Ahnung, wie oft sie sich trafen. Troll murmelte meistens nur, daß sie fortgewesen sei oder Pingpong gespielt hätte oder daß sie mit „den anderen“ zusammengewesen wäre.
In der Schule ging es nicht gerade glänzend. Doch das Leben war ein richtiges Fest. Das fand Jonas offenbar auch. Manchmal zeigte er Troll Zeitungen mit gutem Druck und manchmal solche mit schlechtem. Oft rochen seine Hände schwach nach Druckerschwärze, obwohl er sich mit einer besonderen Seife wusch und meistens mit anderen Farben umging als mit schwarzer. Er fing jeden Morgen um zehn vor sieben zu arbeiten an; an Samstagen und Sonntagen manchmal sogar etwas früher.
Dann kam das Luciafest. Troll war so unglaublich dumm gewesen, ihre Mutter am Vorabend um Erlaubnis zu bitten, bei Jonas die Lucia spielen zu dürfen. Natürlich wurde es ihr verboten. Troll beschloß sofort, es trotzdem zu tun. Um fünf Uhr morgens schlich sie aus der Wohnung.
Vorsichtig, vorsichtig öffnete sie Jonas’ Tür und ging mit Trippelschritten durch den dunklen Flur. Dann betrat sie die Küche. Sie wußte ja genau, wo alles lag. Licht wagte sie nicht anzumachen. Sie griff nach dem Pulverkaffee; anderen Kaffee trank Jonas nie. Eine Kerze und eine Zuckerschnecke statt der üblichen Luciaplätzchen hatte sie mitgebracht.
Troll steckte die Kerze in eine alte Weinflasche, die sie neben dem Abfalleimer fand, und zündete sie an. In die andere Hand nahm sie die Kaffeekanne und legte die Zuckerschnecke als Deckel obendrauf.
Sie hatte das weiße Luciahemd über ihre Jeans und den Pullover gezogen, sich ein Glitzerband ins Haar gesteckt und eines um die Taille geschlungen.
Auf dem Weg zu Jonas’ Schlafzimmer begann sie ein wenig zitternd, doch mit ziemlich klarer Stimme zu singen: „Die Nacht geht mit schwachem Schritt …“
Jonas lag auf dem Bauch und schlief lautlos. Bei ihm gab es keine solchen Kanonenschnarcher wie bei Trolls Vater und Großvater. Er hatte nur eine grüne Decke um sich gewickelt.
Dann öffnete er ein Auge; ein klein wenig nur, während Troll vor seinem Bett stand und sang. Dann öffnete er beide Augen, stützte den Kopf in die Hand und lächelte leicht.
„Das ist aber eine schöne Überraschung, Jennifer“, sagte er.
Er hatte sie Jennifer genannt!
Als Troll um halb sieben nach Hause kam, verlief das Frühstück nicht gerade erfreulich.
„Papa ist böse, weil du nicht als Lucia zu ihm gekommen bist, wie du es für gewöhnlich jedes Jahr tust“, sagte ihre Mutter in hartem Ton.
„Pah, für gewöhnlich!“ erwiderte Troll. „Damit ist jetzt Schluß.“
„Ich werde mich wirklich einmal mit diesem jungen Mann unterhalten müssen“, bemerkte ihr Vater, während er seinen Mantel anzog. „Ich werde ihn darüber aufklären müssen, was das Gesetz dazu sagt, wenn erwachsene Leute einem dreizehnjährigen Kind Grillen in den Kopf setzen.“
Troll stieß ihre Tasse um, stürzte an ihrem Vater vorbei durch den Flur, riß im Vorbeilaufen ihre Jacke vom Haken und sauste die Treppe hinunter.
Als sie ganz außer Atem in Jonas’ Wohnung kam, um ihn zu warnen, war er natürlich bereits gegangen. Sie öffnete die Tür zum Schrank, wo er sein Geld in einem alten Stiefel aufbewahrte. Er füllte an jedem Fünfzehnten des Monats nach, wenn er seinen Lohn bekam, und dann verschwand das Geld so nach und nach. Nun hatte er offensichtlich bereits seinen Dezemberlohn erhalten, denn der Stiefel war voll. Troll nahm zwei Scheine und schrieb einen Zettel, den sie in die Küche legte:
Sie lief den Bürgersteig entlang und über die Straße. Die Autos hupten. Es war noch dunkel und ziemlich matschig. Troll rannte den ganzen Weg zum Hauptbahnhof. Hinter dem Fahrkartenschalter saß ein Mann, der ungefähr hundert Jahre alt war und gar nichts begriff, als sie sagte, daß sie überallhin fahren könnte, wenn es nur schnell ginge. Er schüttelte den Kopf, und schließlich verkaufte er ihr eine Fahrkarte.
„Wissen deine Eltern auch wirklich Bescheid?“ fragte er.
„Ja, ja“, erwiderte Troll ungeduldig. „Es war doch ihre eigene Idee.“
Es waren jedoch noch fast zwei Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Troll ging im Bahnhof auf und ab und zählte die Schritte zwischen dem Blumenladen und dem Zeitungskiosk. Plötzlich fiel ihr etwas ein, und sie blieb unvermittelt stehen.
Jonas hatte einmal gesagt, niemand könne vor sich selbst davonfahren.
Er hatte es nämlich selbst einmal versucht. Er war nach Frankreich ausgerissen, als er mit seiner Familie Streit gehabt hatte. Als er per Anhalter nach Avignon fuhr, war ihm klargeworden, daß das alles falsch war.
„Wenn man mit sich selbst nicht klarkommt, ist es besser, man setzt sich in eine Ecke und überlegt, worum es eigentlich geht. Ob es etwas Wichtiges ist oder nur Mist. Wenn’s nur Mist ist, sollte man sich nicht länger darum kümmern. Wenn es wichtig ist, sollte man bleiben und dafür kämpfen, auch wenn man alles und jeden gegen sich hat.“
Das hatte Jonas mit plötzlicher Heftigkeit gesagt – er, der so gar keine Probleme zu haben schien.
Troll faßte den Entschluß, es so wie Jonas zu machen. Sie entschied, daß es durchaus kein Mist war, mit Jonas befreundet zu sein, sondern daß es ihr wichtig war. Deshalb wollte sie bleiben und dafür kämpfen – selbst wenn sie dabei über Leichen gehen mußte, dachte sie grimmig.
Troll wußte ungefähr, wo das Zeitungsgebäude war. Doch es erwies sich als umständlich, dorthin zu kommen. Sie mußte mit dem Bus fahren und zweimal umsteigen, und schließlich kam sie in ein häßliches Industrieviertel. Doch dann sah sie das Gebäude endlich, sauber und leuchtend gelb, genau wie sie es von der Autobahn aus kannte, wenn Troll mit ihren Eltern aufs Land fuhr.
Viele Autos standen auf dem Parkplatz, und Troll sah sich unruhig um, bis sie Jonas’ grünen Kleinbus entdeckte.
Sie trat durch die breite Eingangstür und ging mit kleinen Schritten über einen scheußlich polierten Steinboden. Hinter einem Tisch saß eine schöne Dame mit kurzen roten Haaren und großen grünen Augen. Sie lächelte.
„Wen suchst du, meine Kleine?“ fragte sie.
Die Dame sah Troll so freundlich an wie die Ansagerinnen im Fernsehen, wenn sie das Kinderprogramm ankündigen.
Hilfe! dachte Troll und begann die Treppe hinaufzulaufen, die links vom Empfangstisch war.
Erst auf dem obersten Treppenabsatz blieb sie keuchend stehen. Durch eine Glastür schaute sie in ein riesengroßes Zimmer. „Redaktion“ stand an der Tür. Sie sah viele Tische und Stühle, Schreibmaschinen und Menschen. Ein Mann mit Bart telefonierte, die Füße auf dem Schreibtisch, und kratzte sich dabei mit einem Lineal am Rücken. Viele schrieben und rauften sich die Haare. Ein junger Mann war damit beschäftigt, einen gepunkteten Ball in einen Papierkorb zu werfen. Er hatte einen Schnurrbart.
Verzweifelt hielt Troll nach Jonas Ausschau, doch hier trugen fast alle Jeans, und keiner war im Overall. Einer der Männer, der auf einer Schreibmaschine klapperte, erhob sich plötzlich und stürzte auf die Tür zu.
Troll rannte davon, ein Stockwerk tiefer. Rechts war wieder eine Glastür. „Setzerei“ stand darauf. Dahinter sah sie nur einen Flur und einen älteren Mann im grauen Mantel.
Aber hurra, links war noch eine Tür. Sie war nicht aus Glas und trug ein Schild, auf dem „Druckerei“ stand.
Prima! dachte Troll.
Sie hätte es beinahe laut gesagt. Die Tür war schwer zu öffnen. Als Troll sie endlich aufgemacht hatte, stand dahinter ein großer, kahlköpfiger Mann im blauen Arbeitsanzug. Er trug eine Brille und machte ein entschlossenes Gesicht.
„Dreizehn Brote“, murmelte er vor sich hin. „Da nehme ich wohl zur Hälfte Käse und zur Hälfte Wurst. Oder etwas anderes, ist ja ganz egal.“
Troll erschrak beinahe. Hier schienen die Leute aber viel zu essen! Dann kam sie in einen riesigen Raum. Er war so hoch, daß er an einer Wand sogar einen roten Balkon hatte. Einen Balkon in einem Haus, das war schon etwas!
Hier dröhnte es laut, und die Maschinen im Raum waren mächtig wie Riesen. Das mußten Druckerpressen sein. Doch Menschen sah Troll keine, vor allem nicht Jonas. Sie begann auf Zehenspitzen um die große Presse herumzugehen, die solchen Lärm machte und irgendwie furchteinflößend wirkte.
Auf der anderen Seite waren Leute – und Zeitungen. Die Zeitungen erschienen in einer langen, wohlgeordneten Reihe auf einem Band ungefähr in der Mitte der Presse. Drei Männer standen daneben und nahmen ab und zu mit einer blitzschnellen Bewegung eine Zeitung vom Band. Sie blätterten sie hastig durch und warfen sie in einen Kasten. Manchmal gingen sie an die Maschine und drehten an einem Rad. Das war ein seltsamer Ort.
„Hallo, Süße, wen suchst du?“ fragte plötzlich ein ziemlich junger Mann mit Sommersprossen und blonden, gelockten Haaren. Er hatte gelbe Kopfhörer auf den Ohren.
„Jonas!“ schrie Troll zurück.
„Denkst du, ich bin taub?“ sagte der Junge und hielt sich die Ohren mit den gelben Hörern zu.
Als er sah, wie sehr Troll erschrak, lachte er.
„Ich dachte, du könntest mich nicht gut hören, wo du doch so einen Schutz auf den Ohren hast“, sagte sie mit ihrer üblichen Lautstärke.
„Dich höre ich prima“, versicherte der Junge. „Der Schutz hält nur das Dröhnen von der Presse ab. Stell dir mal vor, du müßtest den ganzen Tag hier drinnen sein. Da könntest du nicht mal mehr eine Funkstreifensirene hören, wenn du keinen Geräuschschutz tragen würdest.“
„Weißt du, wo Jonas ist?“ fragte Troll ungeduldig.
„Jonas, der ist vielleicht gerade in der Kantine und macht Pause. Oder nein, ich glaube, er ist im Satelliten.“
„Im Satelliten?“ wiederholte Troll. „Baut ihr Raumschiffe?“ Sie fand die Bemerkung selbst ziemlich lustig. Doch der junge Mann deutete auf einen großen Tisch in der Mitte der Halle, und Troll ging hin. Wirklich stand Jonas dort und hielt eine frische Zeitung gegen den Rand des Tisches, wo es eine Menge Knöpfe und Schalter gab.
„Ich stelle gerade die Farbe ein“, sagte er zu Troll. „Wart ein bißchen.“
Nach einer halben Minute wandte er sich an Troll und lächelte, ohne etwas zu sagen. Doch er nahm seinen Geräuschschutz von den Ohren. Seine Haare standen in alle Richtungen, und auf der einen Wange hatte er einen dünnen grauen Streifen.
„Wunderst du dich nicht, daß ich hier bin?“ fragte Troll.
Er sah sie überrascht an. „Warum soll ich mich wundern? Ich habe schon lange darauf gewartet, daß du mich eines Tages hier besuchen kommst.“
„Aber warum hast du denn nichts gesagt?“
„Man muß doch nicht immer soviel reden. Die Dinge geschehen, wenn es Zeit dafür ist“, erwiderte Jonas und zog die Augenbrauen ein wenig zusammen.
„Ich bin noch nie in einer Zeitung gewesen“, sagte Troll. „Kannst du mich herumführen?“
„Kommt nicht in Frage!“ versetzte Jonas mit Nachdruck. „Da mußt du schon einen von den Herren der Redaktion bitten, die die Zeitung schreiben. Die haben Zeit für so was. Nein, ich habe eine bessere Idee. Wir sehen uns statt dessen richtige Affen an. Ich will versuchen, mir heute nachmittag freizunehmen, dann fahren wir in den Tierpark.“
Mitten im Winter in den Tierpark, ging denn das?
Troll wartete, während Jonas mit dem großen, kahlköpfigen Mann sprach, der inzwischen gekommen war. Es sah aus, als hätte er alle Brote allein gegessen, denn er strich sich über den Magen, während er sprach. Allerdings sagte Jonas später, daß der Kahlköpfige die belegten Brote an die Schicht verteilt hätte, weil die Leute während der Pause durchgearbeitet hatten.
Doch froh sah er nicht aus, als er sich mit Jonas unterhielt. Er sah immer wieder auf die Uhr und kratzte sich hinter dem Ohr. Er war der kahlköpfigste Mann, den Troll je gesehen hatte. Nicht ein Haar hatte er auf dem Kopf; alles war wie eine einzige glänzende Rutschbahn.
Nach einer Weile holte er eine Liste aus einem kleinen Raum in der Ecke des Saales. Während er fort war, schnitt Jonas eine lustige Grimasse in Trolls Richtung, so daß er wie ein Kaninchen aussah. So etwas konnte er meisterhaft.
Jonas sprach noch eine Weile mit dem Kahlköpfigen und ging dann zu dem Jungen mit dem Geräuschschutz und den blonden gelockten Haaren. Dann kam er zu Troll zurück.
„Hat’s nicht geklappt?“ fragte sie bekümmert.
„Doch, natürlich“, erwiderte Jonas. „Die müssen sich zuerst nur immer ein bißchen anstellen. So sind sie eben, die Chefs.“
Troll mußte in der Eingangshalle warten, während Jonas duschte und sich umzog. Sie strich mit den Fingerspitzen über die Wand, die blau und kalt und glänzend war. Als Jonas kam, trug er seine Alltagskleidung und pfiff vor sich hin.
„Auf zu den Affen!“ sagte er.
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