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Verena Conzett
Erstrebtes und Erlebtes
Ein Stück Zeitgeschichte
E-Book 2013 der 3. Auflage von 1929
Conzett Verlag by Sunflower Foundation, Zürich
ISBN 978-03760-024-5
Alle Rechte vorbehalten • Druck Conzett & Huber, Zürich
Copyright 1929 by Morgarten Verlag, Zürich
Printed in Switzerland
Die Schreibweise entspricht, mit geringfügigen Anpassungen, der Ausgabe von 1929.
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de

Gemälde von Dora Hauth
Dem Andenken
meines verstorbenen Gatten
und meiner früh dahingeschiedenen
Söhne Hans und Simon
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
I. Teil. Meine Jugendzeit
Meine Kindheit
Eintritt ins Erwerbsleben
Fabrikarbeiterin
Krawattenmacherin
Modearbeiterin und Ladentochter
Verlobung
Conrad Conzetts Lebensgeschichte
II. Teil. Meine Ehe
Eintritt ins politische Leben
Schlosserstreik in Zürich
Auswirkung des deutschen Sozialistengesetzes
Internationaler Sozialistenkongress 1893 in Zürich
Drohende Wolken
Rücktritt des Bundeskomitees des Gewerkschaftsbundes
Conrads Unfall
Internationaler Arbeiterschutzkongress 1897 in Zürich
Schwere Schicksalsschläge
Nachrufe
III. Teil. Geschäftliches Ringen und Erfolg
Politische Tätigkeit
Geschäftliche Erfolge
Ein Traum
Ein Besuch in der einstigen Heimat
Frisch gewagt
Kranken- und Unfallversicherung
«In freien Stunden», Gründung und Entwicklung
Der internationale Friedenskongress
Erholungskuren
Die «Bugra»
Der Inselhof
Kriegsausbruch
Russische Revolution
Die Grippe
Nachkriegszeit
Mein Heim in Kilchberg
Vorwort
Es war im Spätherbst. Ich sass in meinem Heim in Kilchberg am Schreibtisch; sinnend schweifte mein Blick in die Weite, setzte sich am andern Ufer des Zürichsees fest, dessen herbstliche Färbung durch die Beleuchtung der scheidenden Sonne so tief, so kraftvoll glühte, dass ich ins Schauen versank. Wie ich so schaute und sann, traf vor mein geistiges Auge ein anderer, längst versunkener Herbsttag, und die Erinnerung tauchte auf an einen Wunsch, den letzten Wunsch meiner beiden, in der Blüte der Jahre dahingerafften Söhne.
Es war an einem Sonntag im Oktober 1918; ich verbrachte den Nachmittag in der Familie meines ältern Sohnes in Kilchberg. Das gegenüberliegende Ufer entfaltete seine ganze tiefklare, sonnendurchsprühte Herbstpracht. Es war, als wollten alle Farben noch einmal in schöner, grosser Harmonie aufleuchten, bevor Novemberstürme sie zerstörten und verwehten. In diesem Aufstrahlen der Natur vor ihrem Vergehen schien die Seele meines Sohnes unbewusst ihr eigenes baldiges Scheiden zu ahnen. Ins Schauen versunken, meinte Hans: «Mutter, du hast einmal davon gesprochen, deine Lebenserinnerungen zu schreiben.» «Ach ja», erwiderte ich, «man sagt manchmal etwas, das nicht so ernst gemeint ist.» «Du solltest sie aber doch schreiben, Mutter; denn die heutige Generation der mächtig herangewachsenen sozialdemokratischen Partei hat keine Ahnung davon, unter welch schwierigen Verhältnissen die alten Vorkämpfer des Proletariats, zu denen auch unser verstorbener Vater gezählt hat, gerungen und wie viel Selbstlosigkeit und Opfersinn dazu gehörte, die Fahne stets hochzuhalten. Es wäre gut, ihr das einmal vor Augen zu führen. Mutter, versprich mir, deine Lebenserinnerungen zu schreiben!» Während ich zum Gelöbnis meine Hand in die seine legte, kam Simon, mein jüngerer Sohn. Als er hörte, um was es sich handle, sprach er freudig bewegt: «Ja, Mutter, Hans hat recht! Das Buch deines Lebens wird ein Buch werden für die Mutlosen und Verzagten. Alle, die den Glauben an die menschliche Kraft verloren haben, werden aufs neue Mut fassen, wenn sie sehen, wie du dich durchgerungen hast!» Die verschiedenen Auffassungen meiner Söhne vereinigten sich im gleichen Wunsche. An jenem leuchtenden Herbsttag erhielten sie mein Versprechen – vierzehn Tage später hatte ich keine Söhne mehr. –
Acht Jahre waren vergangen, ohne dass es mir möglich gewesen wäre, mein Lebensbuch zu beginnen. Der Verlust meiner beiden Söhne zwang mich wieder ganz in den Geschäftsbetrieb hinein; galt es doch, das grosse Unternehmen meinen Enkeln zu erhalten. Endlich mit 65 Jahren, nachdem ich die Redaktion unserer Zeitschrift meiner Nichte und bisherigen Gehilfin übertragen und mein Geschäftsteilhaber zum Verlag der Zeitung auch die Leitung des Druckereibetriebes übernommen hatte, durfte ich an die Niederschrift meiner Lebenserinnerungen denken. Leicht wurde es mir nicht; 65 Jahre sind eine lange Zeit, und ich besass keinerlei Aufzeichnungen, sondern war nur auf mein Gedächtnis angewiesen. Die Kinder- und Jugendzeit haftete noch so klar in meiner Erinnerung, dass es mir nicht schwer wurde, die hellen und dunklen Geschehnisse aneinanderzureihen. Schwerer wurde mir die Beschreibung meiner Ehejahre. Nachdem ich die Erinnerungen an das politisch Erlebte niedergeschrieben hatte, suchte Herr Bloch, Verwalter der Zentralstelle für soziale Literatur, mit verdankenswerter Zuvorkommenheit alle Schriften und Bücher, die ich zur Nachprüfung meiner Aufzeichnungen benötigte, unter den Tausenden von Bänden und Schriften heraus.
Es war für mich unsagbar schwer, die Schicksalsschläge zu schildern, und die endgültige Niederschrift dieses Teils wurde überdies durch schwere Krankheiten zeitweise unterbrochen. Auch der dritte Teil, das geschäftliche und finanzielle Ringen, brachte mich in manchen seelischen Zwiespalt. Aber der Gedanke an das meinen Söhnen gegebene Versprechen überwand alle Schwierigkeiten und gab mir die Kraft, ihren Wunsch zu erfüllen und das Buch zu vollenden.
Verena Conzett
I. Teil
Meine Jugendzeit
Meine Kindheit
Es war im Hochsommer 1867 und Ende der Schulferien, die Strassen der Stadt Zürich verödet, wie ausgestorben. Nur die Kinder mit ihren rosigen Wangen und frisch gestärkten Schürzen trippelten, eifrig erzählend, wieder der Schule zu. Oberhalb der Predigerkirche standen die Kleinkinderschüler vor ihrem Schullokal, aber anders als sonst. Kein Hüpfen, kein Springen, Fangen und Lachen war zu sehen; eng beisammen standen sie, wie eine Koppel junger Pferde, die Köpfe gesenkt, und redeten aufgeregt gegeneinander. Händchen fuhren in der Luft herum, etwas Besonderes musste passiert sein.
Neugierig eilte ich die Anhöhe hinauf und sah, wie alle die Buben und Mädchen kleine, weisse Beutelchen unter den Kleidern hervorholten, die einen hastig, die andern mit grosser Umständlichkeit. Dann wurden sie verglichen auf Form und Feinheit der Leinwand. Helen Müller sagte stolz: «Seht, mein Säcklein hängt an einem Seidenband.» Und Hansruedeli, der kleinste unserer Schüler rief: «Und meines hat eine schöne, blaue Schnur!» Ich konnte nicht verstehen, dass diese plumpen Anhänger mit solcher Wichtigkeit behandelt und von so vielen Kindern getragen wurden. Das sagte ich ihnen auch; da war das Erstaunen gross.
«Ja – aber – das sind doch Amulette, und wir tragen sie wegen der Cholera!»
«Amulette – Cholera?», wiederholte ich kopfschüttelnd.
«Nein, aber nein! Jetzt weiss Vreneli nicht einmal, dass die Cholera nach Zürich gekommen ist!» Und alle miteinander wollten es mir erklären. Aus dem Durcheinander der Stimmen hörte ich, dass die Cholera ein furchtbar böses Weib sei – eine gruselige, schwarze Frau, welche die Menschen tötet, sie erwürgt, und nur wer ein solches Amulett trägt, dem kann das Choleraweib nichts antun.
In die Aufklärungen hinein ertönte das Händeklatschen der Lehrerin und wir gingen an unsere Plätze. So unaufmerksam war ich wohl noch nie gewesen; immer musste ich an die schreckliche Frau Cholera denken. Ja, ja, ich kannte sie schon. Ganz in der Nähe unsrer Wohnung war das alte Spital, darin die Irren untergebracht waren. In dem geräumigen Hof hielten sich die ruhigen Kranken auf und oft waren wir Kinder bei ihnen, da das grosse eiserne Tor tagsüber offenstand. Diese Ärmsten hatten Freude an uns Kindern und erzählten uns viel Merkwürdiges.
Da war im Hof ein Mann, gar bärtig und struppig, der gebrauchte stets Hände und Füsse zur Fortbewegung. Der sei, so flüsterten sie uns geheimnisvoll zu, einst als kleines Kind von seiner bösen Stiefmutter im Sihlwald ausgesetzt worden. Aufgewachsen mit den Tieren des Waldes, habe er gelebt und sich genährt wie sie und gehe darum auf allen Vieren. Reden könne der Mann nicht, nur heulen und knurren und wenn man in seine Nähe komme, sei er böse und bissig. Ängstlich gingen wir dem armen Menschen aus dem Wege.
Eine der Frauen hatte mich besonders ins Herz geschlossen. Sie erwartete mich immer sehnsüchtig, um mir von ihrem Schatz zu erzählen, der in der Sonne wohne und dort auf sie warte. «Siehst du, wie er mir winkt?», fragte sie mich jedesmal. Ich mochte mich noch so sehr anstrengen, den Mann erblickte ich nie, dafür wurde es mir schwarz vor den Augen und sie schmerzten mich, während die Frau die längste Zeit verklärt in die Sonne schauen und ihrem Schatz mit der Hand zuwinken konnte.
Eines Tages, als ich im Hofe war, kam eine Frau mit flatternden Haaren gerannt; sie schrie furchtbar und wollte sich auf die Anwesenden stürzen. Nacheilende Wärter und Wärterinnen versuchten sie zu halten, aber sie tobte und schlug um sich und erst nach langem Kampfe war es möglich, die arme Irre zurückzuführen. Bleich und zitternd kam ich heim und erzählte meiner Mutter das schreckliche Erlebnis. Es hätte ihres strengen Verbotes nicht bedurft, ich ging von nun an in grossem Bogen um das Tor. Meine rege Kinderphantasie brachte natürlich sofort jene Irrsinnige mit der Cholerafrau in Zusammenhang, und die Folge dieser Vorstellung war Angst und Grauen vor ihr.
An jenem Morgen waren wir alle unaufmerksam und darum wurde ausnahmsweise schon am Vormittag ein Spaziergang gemacht, ein Greuel für mich. Wir mussten ständig an einem Strick gehen, für lebhafte Kinder, wie ich eines war, eine rechte Plage. In den Strick war in Abständen von je dreissig Zentimeter ein rundes Stück Holz, ebenfalls dreissig Zentimeter lang, eingeknotet, an dem sich an jeder Seite des Seiles ein Kind halten musste. Hatte ich sonst schon Mühe, in Reih und Glied zu gehen, an jenem Morgen wollte es gar nicht gelingen. Mir brannte der Boden unter den Füssen vor Aufregung und Verlangen, meiner Mutter erzählen zu können, dass die Frau Cholera da sei. Das wusste sie ganz sicher noch nicht; wie würde sie staunen! In meiner Ungeduld geriet ich wieder einmal nebenaus und wurde, wie schon oftmals vorher, dafür bestraft. Trotzdem habe ich in meinem langen Leben nicht gelernt, stets in den Fussstapfen anderer zu gehen.
Kaum waren wir entlassen, stürmte ich heim und flog gleich mit der Türe in die Stube hinein: «Mutter, Mutter, die Cholera ist da!» In meiner Aufregung habe ich wohl ein krauses Durcheinander erzählt, denn meine Mutter schüttelte den Kopf, nahm mich in den Arm und suchte mich durch Streicheln zu beruhigen, was sonst nicht ihre Art war. Dann sagte sie liebreich: «Aber Vreneli, was erzählst du für Schauergeschichten; das ist doch alles nicht wahr! Es gibt ja keine Frau Cholera! Denke, wenn es eine so schreckliche Frau gäbe, so müsste sie die Polizei längst eingesperrt haben. Eine Cholera gibt es wohl; das ist aber eine Krankheit, gewiss eine schreckliche, an der schon viele Väter und Mütter gestorben sind. Das ist furchtbar traurig für die Kinder, die dann keine Eltern mehr haben. Denke einmal, wenn du so ganz allein und hilflos auf der Welt wärest! Bete nur jeden Abend zum lieben Gott, dass er uns gnädig vor dieser Krankheit bewahre!»
«Aber das Amulett, Mutter?», bemerkte ich zaghaft, «bekomme ich auch eines? Weisst du, sonst erwürgt mich die Frau Cholera.»
«Kind, Kind», sprach die Mutter mit ernster Besorgnis, «ich habe dir doch soeben gesagt, dass es keine Frau Cholera gibt, dass die Cholera eine Krankheit ist. Hast du’s denn nicht gehört?» Die Stimme der Mutter wurde strenger. «Überhaupt macht die Cholera so kleinen, dummen Kindern nichts. Bete, bete jeden Abend und bitte den lieben Gott, dass er uns alle gesund bleiben lässt; das hilft mehr als alle Amulette zusammen!» Gebetet habe ich auch jede Nacht und wie! Vor dem Einschlafen sagte ich nicht bloss alle meine Gebetlein her, nein, noch eine Menge Gedichte und Verse dazu, die ich in der Schule gelernt hatte, immer schneller und lauter, im festen Glauben, der liebe Gott höre mich dann besser als jene Kinder, die nicht so schnell und laut beten konnten. Und – verschont von der Krankheit blieben wir alle.
Wir wohnten in einer der engen, steilen Gassen, die das Niederdorf mit dem Limmatquai verbinden. Überall am Limmatquai und am Sonnenquai waren die hinteren Häuserreihen zweier Gassen durch einen schmalen Graben, «Ehgraben» genannt, getrennt. In diesen Graben entleerte sich damals aller Unrat der angrenzenden Häuser und bewegte sich langsam der Limmat zu. Nach einem solchen Ehgraben hinaus lagen der Abort, die Küche und ein Schlafzimmer der Wohnungen. Wir Kinder beider Häuserreihen sahen oft stundenlang den mächtigen Ratten zu, die im Graben ihr Unwesen trieben. Hin und wieder versuchten wir, mit Besenstielen Brücken zu bauen oder zogen an einer Schnur Gegenstände von einem Fenster zum gegenüberliegenden.
Unsere Gasse hiess «Schmalzgrube» und ihre Häuser waren schmal und hoch. Nie erhellte ein Sonnenstrahl unsere Wohnung oder auch nur einen kleinen Teil davon. Jeden Morgen ging meine Mutter mit einer Schaufel voll glühender Kohlen, darauf Wacholderbeeren lagen, mehrere Male durch sämtliche Räume, um die stinkige, muffige Luft zu vertreiben. Ähnlich oder noch schlimmer wohnten die meisten Leute in den schmalen Gassen des damaligen Zürichs. Kein Wunder, dass sich die Cholera unter solch ungesunden Zuständen überall einnisten konnte.
An jedes Haus, in dem Cholerakranke lagen, wurde ein gelber Zettel geklebt mit der Aufschrift: «Hier herrscht die Cholera!» Auch unser Haus bekam eine solche Warnungstafel, denn in den Wohnungen über und unter uns lagen Cholerakranke. Trotz allem Zureden meiner Eltern und grössern Schwestern konnte ich das Grauen vor der «Frau» Cholera nicht überwinden. Wenn ich unsere dunkeln Treppen hinauf- oder hinunterstieg, spürte ich ihre Nähe, sogar ihren Atem und fühlte ihre Knochenhand, die nach mir griff. Wie oft bin ich vor Schrecken die steile Treppe hinuntergestürzt. Wenn dann die Mutter mir das Blut abwusch oder die Beulen mit einem Wasserglas plattdrückte und dringend mahnte, vorsichtiger zu sein und mich am Geländer festzuhalten, klagte ich unter Schluchzen: «Ich bin doch nicht schuld; sobald ich auf der Treppe bin, ist die Frau Cholera hinter mir her, packt mich und wirft mich die Treppe hinunter.» Die Mutter wurde ernstlich böse: «Wie oft muss ich dir noch erklären, dass es keine Frau Cholera gibt! Warum glaubst du solchen Unsinn?» Von nun an sprach ich nicht mehr darüber, mochte ich noch so oft fallen; aber die Frau Cholera war immer um mich, sie war täglich mein erster und letzter Gedanke. Manchmal hörte ich meine Mutter in traurigem Tone sagen: «Das arme Vreneli, es wird sich noch dumm fallen. Es ist aber auch ein Elend mit diesen ausgetretenen, steilen Treppen.» Eine Beule an der Stirne ist mir zur Erinnerung an jene Schreckenszeit bis heute geblieben.
Erst als die Seuche verschwand und mir alle versicherten, dass die Cholera geflohen und auf Nimmerwiedersehen fort sei, wurde ich ruhiger und lebte wieder auf; eine gewisse Bangigkeit und ein Furchtgefühl blieben aber für lange Zeit zurück. Noch Jahrzehnte später konnte ich kein dunkles Treppenhaus, kein dunkles Zimmer betreten ohne inneres Grauen, so tief hatten sich mir jene Ereignisse meiner frühesten Kindheit eingeprägt.
Aus Dank, dass unsere Familie von der Cholera verschont geblieben, gingen meine grossen Schwestern jeden Sonntag in die Kirche und nahmen mich mit. Ich verstand nichts von der Predigt und das Stillsitzen wurde mir unendlich schwer; es kribbelte mir in allen Gliedern. Meine Unruhe störte die Andacht meiner Schwestern und bald bekam ich von der einen, bald von der andern Seite einen heimlichen Stoss. Auf dem Heimweg schimpften sie mit mir, und zu Hause musste ich erst recht hören, welch ein schreckliches Kind ich sei. «Nie mehr werden wir dich in die Kirche mitnehmen», sprachen sie in nachhaltendem Ärger. Da hätte ich am liebsten aufgejauchzt, wagte es aber nicht, doch wie eine reuige Sünderin sah ich sicher nicht aus.
Im folgenden Frühjahr hatte mein Vater, der Aufseher in einer Papierfabrik war, öfters Nachtdienst und ich durfte ihm das Nachtessen bringen. Stolz und behutsam trug ich den grossen Deckelkorb, der Kartoffelsalat und eine heisse Wurst enthielt, in die Fabrik. Wie sehnsüchtig sah ich jedem Bissen nach, den der Vater in den Mund steckte, denn Kartoffelsalat und heisse Wurst schien mir der höchste aller Genüsse. Mein Vater sah die begehrlichen Blicke wohl, tat aber, als bemerkte er sie nicht; er ging vom Standpunkte aus, Gelüste der Kinder müssten unterdrückt werden, damit sie das Entbehren im spätern Leben nicht so hart ankomme. Den Rest seines Nachtessens – er ass nie alles auf – packte er wieder in den Korb und ermahnte mich, sofort nach Hause zu gehen. Der gute Vater rechnete aber nicht mit der Stärke des kindlichen Begehrens; ein blosser Blick auf den Deckel des Korbes genügte, dass mir das Wasser im Munde zusammenlief.
Kaum ausserhalb der Fabrik, stellte ich den Korb in eine Ecke des «gedeckten Brüggli» und verschlang mit Hochgenuss den Wurstzipfel und das Restchen Kartoffelsalat. Sehnsüchtig dachte ich: «Werde ich wohl in meinem Leben noch einmal genug Wurst und Kartoffelsalat bekommen, so recht genug, vier oder gar fünf Würste und eine grosse Schüssel voll Salat dazu?» Aber etwas so Feines musste auf lange Zeit blosser Wunsch bleiben. Verdiente doch damals unser Vater als Aufseher etwa zwanzig Franken in der Woche. Wenn der Lebensunterhalt auch billig war, und wir äusserst sparsam lebten, reichte der Verdienst doch kaum für eine sechsköpfige Familie. Die Mutter half mit Heimarbeit nach. Neben der Besorgung der Hausgeschäfte nähte sie Herrenhemden. Nähmaschinen gab es damals in den Haushaltungen noch nicht, nicht einmal in allen Geschäften. Wie emsig musste die gute Mutter sticheln, am dämmrigen Fenster oder beim flackernden Öllicht, bis sie das Notwendigste an Wäsche und Kleidern für uns Kinder verdient hatte.
Im folgenden Jahre kam ich in die Primarschule. Wie lange schon hatte ich mich darauf gefreut! Mit einer Schiefertafel, an der ein schönes, weisses Läppchen an einer Schnur baumelte, einem Griffelrohr und zwei, mit Goldpapier umwickelten Griffeln trippelte ich glücklich an der Hand meiner Mutter zur Schule. Sie war eine grosse, feste Frau in Wehntalertracht, Hemdärmel und Göller schimmerten in blendendem Weiss, ich meinte mich mit meiner stattlichen Mutter. Sie hingegen fühlte sich nicht wohl unter all den städtisch gekleideten Frauen, die ihre Kinder zur Schule brachten. Sie verliess das Zimmer, bevor wir unsere Plätze eingenommen hatten.
Zwei Jahre später, man schrieb 1870, führte mich mein Schulweg über die Stüssihofstatt. Dort stand eines Tages, just wie wir aus der Schule heimgehen sollten, der städtische Ausrufer, schellte erst gewaltig und rief dann mit erhobener Stimme: «Ich muss euch die Mitteilung machen, dass heute der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich erklärt worden ist.» Sofort sammelten sich die Leute mit erschrockenen Gesichtern um ihn, die Frauen schlugen die Hände zusammen und sagten mit ängstlicher Miene: «Herrje, herrje!» Wie interessant war mir das, viel interessanter, als wenn der Ausrufer frische Fische, einen entlaufenen Hund oder eine verlorene Katze ausrief. Ich zog dem Manne bis spät abends von Strasse zu Strasse nach. Inzwischen war meine Mutter in grosser Angst um mich, denn so lange war ich noch nie ausgeblieben. Bei meiner Heimkehr löste sich ihre Angst in Zorn auf. Es half nichts, dass ich die Neuigkeit über den Kriegsausbruch vorbrachte; ich bekam eine gehörige Tracht Prügel und wurde so das erste Opfer der Kriegserklärung.
Am folgenden Sonntagmorgen nahm mich der Vater mit auf den Exerzierplatz, der sich damals von der Kaserne am Talacker bis zum Schanzengraben ausdehnte. Der ganze Platz war voll Soldaten, und ringsum standen Leute in Zivil. Ein Offizier hielt eine Rede, von der ich natürlich nichts verstand. Als er fertig war, streckten die Soldaten drei Finger in die Höhe. Der Vater mag mir wohl alles erklärt haben, aber mein Kindersinn fasste es nicht oder ich vergass es. Doch das Gesamtbild blieb mir haften, um vierundvierzig Jahre später, als meine Söhne bei Ausbruch des Weltkrieges den Treueid leisteten, lebhaft und bedeutungsvoll wieder aus der Erinnerung aufzutauchen.
Gar bald spielte der Krieg auch in unser Schulleben hinein. Wie allerorts, wurden auch wir Kleinen aufgefordert, an freien Nachmittagen in den Schullokalen Charpie zu zupfen, die damals zur Wundbehandlung der deutschen und französischen Soldaten benötigt wurde. Die kleinen, oft unsauberen Kinderhände zupften und rissen mit grösstem Eifer die Fäden aus den zusammengetragenen, alten, weichen Leinwandlappen. Manches Häuflein Charpie sah aus, als ob vorher mit der Leinwand der Boden geputzt worden wäre. Die schmutzigen Häufchen werden wohl von den Lehrerinnen weggeschafft worden sein; aber trotzdem – arme Verwundete! – wieviel Schmerzen und verlängertes Leiden mögen wir in die Charpie hineingezupft haben. Und wir wollten doch so gerne mithelfen, den armen Verwundeten Gutes tun!
Inzwischen hatten meine zehn und zwölf Jahre älteren Schwestern Albertine und Berta ihre Lehrzeit beendet. Sie verdienten und wollten nun den längst geäusserten Wunsch, unsere ungesunde, düstere Wohnung an eine freundlichere zu vertauschen, erfüllt sehen. Es ging an ein eifriges Wohnungssuchen. Am gemeinsamen Mittagstisch wurden dann Vor- und Nachteile jeder besichtigten Wohnung erörtert und abgewogen. Daraufhin unterliess ich es nie, mir das betreffende Haus genau anzusehen. Aber nicht eines davon hätte mir gefallen. Wenn ich dann beim Essen jeweils ungefragt meinen Befund zum Besten gab, erklärten die Schwestern lachend: «Auf dein Urteil haben wir gerade gewartet.» Endlich war eine Wohnung gefunden! Auf der andern Seite der Limmat, am Rennweg, wurde in einem hübschen, nach unseren Begriffen sogar vornehmen Haus eine Hinterwohnung frei, die für uns passte und unseren Mitteln entsprach. Mutter und Schwestern fanden, wir hätten wirklich Glück, wenn wir diese Wohnung erhielten, und wir bekamen sie.
Als ich am Tage des Umzuges aus der Schule in die neue Wohnung trat, stand ich wie gebannt an der offenen Türe, und es dauerte eine Weile, bis ich zu mir kam. Die ganze Stube war voller Sonne, und eine Stube mit so viel Sonnenschein hatte ich noch nie gesehen. Wohl war unser Schulzimmer auch sonnig, doch fand ich das bei den hohen Fenstern ganz selbstverständlich. Aber eine Stube so voller Sonnenschein, und dazu die unsrige, das machte mich überglücklich. Ich tanzte in der Stube umher, stieg auf einen Schemel und schaute durchs Fenster hinunter auf die grünumsponnenen Häuschen in kleinen Gärten, die an Stelle der heutigen Steinpaläste an der Bahnhofstrasse standen. Auch diese Häuschen waren in hellen Sonnenschein gebadet und jubelnd rief ich: «Mutter, Mutter, so komm doch und schau! Sieh die herzigen Häuschen, die Blumen, wie schön, wie wunderschön ist das!» Die Mutter hielt in der Arbeit inne, atmete tief auf und erwiderte: «Ja, Gott sei Dank haben auch wir wieder einmal Sonne!» Erst viel später verstand ich die aus dem tiefsten Innern kommenden Worte. War doch meine Mutter, als Tochter eines Kleinbauern, von Jugend auf an Licht und Sonne gewöhnt gewesen. Als junge Frau hatte sie ihr kleines Heimwesen in Mellikon, unserm Heimatsort, selbst bearbeitet, während der Vater in Zürich in Stellung war. Nach ihrer Übersiedelung nach Zürich musste sie jahrelang in einer Wohnung leben, aus deren Fenstern weder der Himmel noch die Sonne zu sehen waren und in deren schlechter, modriger Luft sie oft glaubte ersticken zu müssen. Arme Mutter!
Während sie das neue Heim fertig einräumte, ging ich, mein um vier Jahre jüngeres Schwesterchen Luise an der Hand, auf Entdeckungsreisen aus. Einige Häuser von uns entfernt stand quer über die Strasse das Rennwegtor, ein Überrest der alten Stadtbefestigung und damals nur noch eine Ruine. Mir erschien sie als eine herrliche Burg. Und Leute wohnten darin, und Kinder hatten sie auch, wie ich bald feststellte, und eine Holztreppe führte ausserhalb der Ruine hinauf zur Wohnung. «Was für schöne Spiele müssen sich da aufführen lassen», sagte ich mir und nahm daraufhin das alte Stadttor von allen Seiten in Augenschein.
Nachher ging die Reise weiter, die Bahnhofstrasse hinauf. Da bemerkte ich eine Anzahl Männer in hellkarierten, baumwollenen Anzügen, welche die Strasse reinigten. Ein Mann in dunkler Kleidung beaufsichtigte ihre Arbeit. Als er uns einmal den Rücken kehrte, sagte einer der Strassenwischer zu mir: «Ich sehe schon, du bist ein braves Kind. Schau, überall auf der Strasse liegen Zigarrenstummel umher; sammle sie und bringe sie mir. Wir sind immer hier in der Nähe: Musst nur aufpassen, dass dich der dort – und er zeigte mit dem Kopf gegen den Aufseher – nicht sieht.» Ich gab mein Versprechen und war hochbeglückt, den armen Menschen, denen so gar nichts gegönnt wurde, heimlich eine Freude bereiten zu können.
Beim Nachtessen erzählte ich mein Erlebnis mit den Karierten; da erklärten meine Schwestern: «Das sind Sträflinge aus dem Zuchthaus.» Der Vater fügte hinzu: «So geht es allen Menschen, die nicht brav sein können; die einen lügen und stehlen, andere kommen ins Zuchthaus, weil sie nicht gerne arbeiten, wieder andere haben im Zorn oder aus Habgier jemanden getötet.» Wie fühlte ich Erbarmen mit diesen armen Männern, die nicht hatten brav sein können. Denen wollte ich schon Zigarrenstummel sammeln, soviel als möglich. Ich musste im Bett noch lange an sie denken, denn ich hatte auch schon gelogen, arbeitete auch nicht gerne, denn der Strickstrumpf war mir grässlich. Aber fortan wollte ich immer, immer die Wahrheit sagen und fleissig stricken, auch wenn es mir noch so schwer wurde, damit ich ja nie ins Zuchthaus käme.
An den folgenden Tagen las ich eifrig die Zigarrenstummel von der Strasse auf und brachte sie dem Sträfling, der mir herzlich dankte. Nach einiger Zeit bemerkte mich der Aufseher, schimpfte mit dem Sträfling und zu mir sagte er in bösem Tone: «Wenn du den Männern noch einmal etwas gibst, nehme ich dich gleich mit und stecke dich ins Gefängnis.» Die Angst vor dem Gefängnis war so gross, dass ich keine Stummel mehr sammelte, mich überhaupt nicht mehr in die Nähe der Sträflinge wagte.
Mit Herzklopfen hörte ich oft beim Essen von den schweren Kämpfen und den für die Franzosen verlorenen Schlachten erzählen, und tiefes Mitleid ergriff mich. An einem bitterkalten Abend kam unser Vater niedergeschlagen nach Hause und berichtete: «Die Deutschen haben die Bourbaki-Armee, mehr als 80 000 Mann, über die Schweizergrenze getrieben. Die Franzosen haben unsern Soldaten alle Waffen abliefern müssen und werden nun in der ganzen Schweiz herum verteilt. In unserm Fabrikhof wimmelt es bereits von diesen armen Menschen, und dem Bahnhof gegenüber ist in aller Eile ein grosses Lager für sie bereitet worden. Es ist entsetzlich, in welchem Elend sich die Soldaten befinden. Die wenigsten haben Schuhe, ihre Füsse sind in Lumpen gewickelt, erfroren und voller Wunden; die Kleider hängen in Fetzen an ihren Körpern; dazu sind sie über und über voll Ungeziefer; wir werden ihre Kleidungsstücke alle verbrennen müssen. Menschen und Tiere leiden unsagbaren Hunger. Pferde und Maultiere haben einander die Schwänze abgefressen, darum sehen sie gar so elend aus. Oh, dieser entsetzliche Krieg!»
Am andern Tag ging ich zu den Lagern, um die armen, elenden Franzosen selbst zu sehen. Viele Frauen brachten den Soldaten Körbe voll Äpfel und Esswaren; ich sah, wie sie zuerst nach den Äpfeln langten. Nun sparte ich jeden Apfel und erbat bei Botengängen solche, um sie den Franzosen zu bringen. Wie war ich glücklich über ihr freundliches: «Merci ma petite!» Unser besonderes Interesse hatten die dunkeln, algerischen Soldaten mit den geschlungenen Kopftüchern. Sie schnitten uns Kindern allerlei Grimassen, bald zum Fürchten, bald wieder so lustig, dass wir hell auflachen mussten.
An einem Morgen – ich hatte kaum das Haus verlassen – kam ein Mädchen meiner Klasse in grosser Aufregung auf mich zugerannt und rief: «Hast du gestern nacht den Krawall gehört? Das war ein Rufen und Schreien!»
«Was du nicht sagst! Nein, davon habe ich gar nichts gehört. Wer hat denn krawallet und warum haben sie es getan?»
«Das weiss ich nicht, aber Krawall war.»
Kaum traten wir ins Schulzimmer, riefen die Kinder von allen Seiten: «Wisst ihr schon, dass die Franzosen gestern nacht Schiffchen gemietet und mit Steinen gefüllt haben und vor die Tonhalle gefahren sind? Dort haben sie mit Hilfe der Bevölkerung die Fenster eingeworfen. Sie waren wütend über die Deutschen, weil sie in der Tonhalle eine Siegesfeier abhielten und wollten sie mit den Steinen totwerfen. Viele Franzosen und andere Leute wurden von der Polizei verhaftet; da gab es Krawall.»
Ich wollte zu Hause die Neuigkeit erzählen, aber meine Eltern und Schwestern wussten schon alles und noch mehr dazu: dass die Regierung verboten habe, in Gruppen zusammenzustehen, und dass niemand weder Waffen noch Steine in den Taschen tragen dürfe.
Jedenfalls hatte die Bevölkerung das Verbot übertreten, denn es wurde Militär aufgeboten. Wir bekamen einen Soldaten ins Quartier und ich hatte eine mächtig grosse Meinung von unserm Vaterlandsverteidiger. Natürlich machte ich mich bei den andern Kindern mit ihm wichtig, aber auch deren Eltern hatten Einquartierung, und jedes von uns wollte den besten, den stärksten und den heldenhaftesten Soldaten haben. Es wird den anderen Kindern gegangen sein wie mir, sie werden ihren «Helden» nie gesehen haben. Morgens, wenn ich aufstand, war er schon fort, und abends, wenn er heimkam, lag ich längst im Bett. Aber in einem Punkt waren wir einig: Unsere mitleidvollen Kinderherzen liessen die Franzosen als gute, brave Menschen gelten, die nur durch die bösen deutschen Soldaten in einen so jammervollen Zustand gebracht worden waren, wie wir ihn bei ihrer Ankunft gesehen hatten.
Mit dem Militäraufgebot bekam das Rennwegtor eine neue Bedeutung. Es lag nur wenig unterhalb der Strafanstalt am Oetenbach, in der die beim Krawall Verhafteten untergebracht waren. Um die geplante Befreiung der Gefangenen zu verhindern, war das Rennwegtor und damit der Zugang zur Strafanstalt ständig bewacht. Kaum war das Militär abmarschiert, machten wir Kinder «Kriegeris». Immer waren die Buben die Soldaten und wir Mädchen in der Rennwegtorruine gefangen; wir mussten bewacht werden, damit keines in die Freiheit entrinnen konnte. Auch «Räuberis» spielten wir, Dornröschen und Rosa von Tannenburg. Dabei waren wir zu Tränen gerührt, wenn Rosa ihren Vater im Burgverlies so jammervoll anrief. So wurde uns die alte Torruine zum unvergesslich schönen Kinderparadies.
Seitdem wir in der schöneren Gegend wohnten, war ich wie umgewandelt, war fröhlicher und selbstbewusster geworden. Ich kam mir gar nicht mehr so arm vor, obwohl ich nicht besser gekleidet ging als vorher und wir nur eine kleine Hinterwohnung hatten. Aber die Sonne! Gewiss war es die Sonne, durch die ich so viel freudiger und sicherer geworden war. Ich hatte in unserer Gegend auch nette Gespielinnen gefunden. Sie gingen gerne mit mir, obwohl keine einzige von ihnen an freien Nachmittagen und nach der Schule Holz sammeln musste wie ich. Es wurden damals viele alte Häuser abgebrochen. Da gab es eine Menge kleiner Späne, die mit dem Schutt an einen Haufen geworfen wurden, und diese Schutthaufenspäne gehörten den armen Kindern.
Nach etwa zwei Jahren zogen wir in eine Seitengasse gegen den St. Peter zu und hatten auch dort Sonne, nicht nur in der Stube, sondern in allen Zimmern. Zu meiner grossen Freude brauchten wir beim Umzug für mein gesammeltes Holz einen besonderen Wagen. Wie glücklich war ich, als die Mutter zu mir sagte: «Wenn du noch einige Zeit recht fleissig bist, dann haben wir den Winter über für den Herd und den Ofen Holz genug!»
Am neuen Wohnort befreundete ich mich mit meiner Mitschülerin Anny Walser, die ganz in meiner Nähe wohnte. Anny war einziges Kind und hatte schöne Spielsachen. Ihre Eltern ermunterten mich, sie recht fleissig zu besuchen, was ich bei jeder Gelegenheit tat. Wir machten gemeinsam die Schulaufgaben, spielten mit ihren schönen Puppen, und abends machten Herr und Frau Walser oft Gesellschaftsspiele mit uns. Das waren schöne, glückliche Stunden für mich! Dafür hing ich aber auch mit abgöttischer Liebe an meiner Gespielin und hätte alles für sie getan.
Walsers besassen unterhalb des Lindenhofes einen Garten mit Hühnerhof, und oft ging ich mit Anny hin, um die Eier zu holen. Darunter waren manchmal grössere Eier mit brauner Schale und Anny erklärte mir, dass ihr Hahn diese lege. Als wir einst den Hühnerhof betraten, schoss der Güggel vom Nest herab, darin ein grosses braunes Ei lag, das noch warm war. Freudig rief Anny: «Ist unser Güggel nicht ein lieber Kerl? Jetzt hast du selbst gesehen, welch schöne Eier er legt.» Natürlich hatte ich es gesehen und stimmte mit ein in das Loblied. Beim Mittagessen erzählte ich von dem Wunderhahn. Meine Eltern und Schwestern lachten hell heraus und sagten: «Bist du ein Dummes! Seit wann legen denn die Güggel Eier?» «Aber wenn ich es doch selbst gesehen und das warme Ei gefühlt habe», sagte ich ganz aufgeregt. Sie aber lachten noch mehr, und ich weinte vor Verdruss, dass sie mir nicht glauben wollten.
Eines Tages klagte mir Anny, dass ihr Nähschächtelchen in die Dachrinne gefallen sei und bat mich, es zu holen. Ich war sogleich bereit, und wir stiegen auf die kleine Zinne, unter der ein steiles Dach war, wie sie die hohen, alten Häuser haben, in dessen Kännel das Schächtelchen lag. Ängstlich schaute ich hinunter und meinte: «Du Anna, da hinunter – glaube – kann ich nicht, es ist zu steil!» «Doch, doch», fiel sie mir ins Wort, «das geht schon. Warte nur einen Augenblick, ich hole in der Werkstatt einen Besen; an seinem Stiel kannst du dich halten.» Und fort war sie, bevor ich hätte erwidern können. Dann brachte sie einen Besen mit langem Stiel und befahl: «So, jetzt steige über das Geländer, halte dich fest am Stiel und ich halte den Besen!» Willenlos folgte ich den Anordnungen – ängstlich rutschte ich das steile Dach hinunter. Der Stiel reichte kaum, ich erwischte aber das Schächtelchen doch und kam glücklich wieder oben an. Als ich in Sicherheit war, wurde mir schwindlig und ich zitterte am ganzen Körper. Da erst kam mir zum Bewusstsein, was ich leichtsinnig gewagt hatte und wie unglücklich alles hätte ausfallen können. Ich durfte nie mehr, auch in spätern Jahren nicht, an ein steiles Dach hinaufsehen, ohne zu schaudern, konnte auch nie mehr aus einem Fenster sehen oder an einem steilen Abhang vorbeigehen, ohne dass mir die Knie zitterten. Anny dagegen fand nichts Besonderes daran. Als sie ihren Eltern das Schächtelchen zeigte und erzählte, dass ich es heraufgeholt habe, wurden sie sehr böse und meinten: «Ihr müsst einen ganz besondern Schutzengel gehabt haben, sonst läge jetzt Vreneli mit zerschmetterten Gliedern vor unserm Hause. Dann noch zu wissen, dass unser unvernünftiges Kind seine Freundin in den Tod getrieben hätte! Nicht auszudenken! Schrecklich!» Auch mir machten sie Vorwürfe, dass ich ihrem eigensinnigen Kind in allem folge. Ein Arbeiter hätte das Ding leicht mit einem Haken heraufholen können. «Aber wenn er es hinuntergestossen hätte», sagte Anny weinerlich. Da polterte Herr Walser zornig heraus: «So, um das Lumpenzeug jammerst du, aber für deine Freundin, die wie durch ein Wunder dem Tode entgangen ist, hast du kein Wort! Schäme dich!»
Einige Wochen später musste ich für meine Mutter etwas besorgen und konnte nicht, wie gewöhnlich, mit Anny aus der Schule heim. Auf der Gemüsebrücke holte ich sie ein. Mit noch zwei Mitschülerinnen stand sie dort, eine Tüte Kirschen in der Hand. Jeder steckte sie der Reihe nach eine Frucht in den Mund, ich dagegen wurde regelmässig übergangen. Es kränkte mich tief, dass Anny mich, ihre Freundin, vor anderen Schülerinnen abfallen liess. Traurig schlich ich hinweg. In der Nähe unserer Wohnung fand ich auf der Strasse zwei schöne schwarze Kirschen an einem Stiel. Ich nahm sie auf, legte meine Schulsachen hinter die Kellertüre und kehrte zurück. Vor der Gemüsebrücke guckte ich um die Ecke und richtig, sie standen noch dort. Schnell rieb ich mit der einen Kirsche den Mund schwarz, hielt die andere lässig in der Hand und traf zu ihnen hin. Erstaunt fragte mich Anny: «Hast du auch Kirschen gehabt?» «Ja, ja», erwiderte ich, «die Mutter hat einen ganzen Korb voll daheim.» Annys enttäuschtes Gesicht entschädigte mich für die Zurücksetzung, und voller Genugtuung ging ich weiter.
Unsere Freundschaft hatte durch dieses Vorkommnis einen tiefen Riss erhalten. Ich ging nicht mehr zu Anny, trotzdem Frau Walser ihr Dienstmädchen mehrmals zur Mutter schickte mit der Bitte, ich möchte wieder einmal zu einem Spiel kommen. Meine Mutter fragte nicht, warum ich wegbleibe; sie mischte sich nicht in Kindersachen. Erst als Frau Walser selbst erschien, im Glauben, ich dürfe wegen der Dachsteigerei nicht mehr kommen, erfuhr die Mutter alles. Sie war nicht wenig erschrocken, machte mir bittere Vorwürfe wegen meiner Unbesonnenheit und bat mich dringend, verständiger zu sein. Dann wollte sie wissen, warum ich nicht mehr zu Anny gehe, trotz der Einladungen ihrer Eltern. Da erzählte ich, wie Anny mich beim Verteilen der Kirschen gekränkt habe, verschwieg aber wohlweislich meine Rache mit den gefundenen Kirschen. «Siehst du, Mutter», sagte ich, «jetzt weiss ich auch, dass Anny mich nur einlud und mir schön tat, damit ich ihr die Aufgaben machte. Seit ich nicht mehr hingehe, hat sie ihre Heimaufgaben entweder gar nicht oder dann falsch. Und antworten kann Anny auch selten, seit ich ihr’s nicht immer einblase. Es geschieht ihr ganz recht, sie soll’s jetzt nur haben!» Da drohte die Mutter mit dem Finger und sagte: «Kind, Kind, so empfindlich darf man nicht sein! Du wirst noch manche Zurücksetzung und Kränkung erfahren im Leben und dich wundreiben, wenn du nicht lernst, die Empfindlichkeit zu bekämpfen und zu unterdrücken.» Weitere Worte wegen der Besuche bei Anny verlor sie nicht. Anny und ich versöhnten uns mit der Zeit wieder, aber der Riss wollte nicht mehr recht heilen. Lag es an Anny oder mir? Ich weiss es nicht mehr.
An einem nasskalten Herbsttag schaufelten mein Schwesterchen und ich den ganzen Nachmittag an der Pelikanstrasse in einem Schutthaufen herum und klaubten das Holz heraus. Es waren nur kleine Späne, aber sie machten den Sack so schwer, dass ich ihn nicht zu tragen vermochte. Ich rannte nach Hause und holte die Mutter, während mein Schwesterchen den Sack hütete. Auch die Mutter hatte an der Last schwer zu schleppen. An der Bahnhofstrasse kam ein Maurer auf uns zu und polterte: «Ich bin Polier auf dem Platze, wo ihr das Holz weggenommen habt. Sofort tragt ihr den Sack zurück oder ich rufe die Polizei!» Meine Mutter erwiderte ihm: «Der Schutt samt den Spänen wird doch nur als Füllmaterial fortgeführt, deshalb ist es auf allen Bauplätzen den armen Kindern gestattet, vorher das Kleinholz herauszulesen. Den ganzen Nachmittag haben meine Kinder mit steifgefrorenen Fingern Spänchen um Spänchen herausgeklaubt. Sehen Sie nur nach, es ist kein einziges grösseres Stück dabei! Es wäre ein Unrecht, wenn Sie uns dieses Abfallholz wegnehmen wollten!»
«Recht oder Unrecht», brauste der Polier auf, «das geht mich gar nichts an! Tragt ihr den Sack nicht sofort zurück, hole ich die Polizei, und ihr werdet wegen Diebstahl eingesperrt!» Mit herzbrechendem Weinen begleiteten wir die Mutter zum Bauplatz zurück, wo sie stillschweigend den Sack dem groben Polier vor die Füsse schüttete. Wir Kinder weinten nicht wegen der mühsamen, vergeblichen Arbeit; aber dass unsere gute Mutter ohne Schuld von dem grässlichen Menschen so böse angeschnauzt worden war, drückte uns fast das Herz ab.
Auf dem Heimweg meinte die Mutter tröstend: «Seht, liebe Kinder, es ist immer besser Unrecht leiden als Unrecht tun!» So ruhig nahm ich das Unrecht nicht hin, musste ich doch zum erstenmal in meinem Leben erfahren, dass Gewalt vor Recht geht. Durch dieses Ereignis wurde mein Gerechtigkeitsgefühl ausgeprägter, und wo ich fortan Unrecht sah, setzte ich mich mit heiligem Eifer für die Betroffenen ein, unbekümmert darum, ob es mir zum Schaden gereichte oder nicht. Als die Mutter sah, wie schwer das erlittene Unrecht mich plagte, suchte sie mich zu trösten. «Du hast ja so viel Holz zusammengetragen, Vreneli, dass es bis zum Frühjahr reicht. Denke, wie schön das ist, dass ich den ganzen Winter kein Holz kaufen muss und wir doch eine warme Stube haben. Jetzt darfst du ausruhen und brauchst vor dem Frühjahr nicht mehr ins Holz. Freut dich das nicht?» Natürlich freute es mich und ich lächelte mit meinem verweinten Gesicht der Mutter glückselig zu. Gleich tauchte in mir eine grosse Hoffnung auf: Bekomme ich nun wohl Staubs Bilderbuch mit den schönen Gedichten, das ich mir schon oft zu Weihnachten gewünscht hatte? Das fragte ich mich nur heimlich, laut hätte ich es nicht gewagt. Trotz unserer Armut freuten wir uns auf Weihnachten und aufs «Christkindli» wie die andern Kinder, bei denen es reichlich Einkehr hielt. An einen Weihnachtsbaum bei uns daheim erinnere ich mich nicht; wir feierten nie Weihnachten. Dagegen fanden am Neujahrsmorgen jedes Kind und auch die Eltern ihre Geschenke auf einem Teller. Immer waren es praktische Sachen: Taschentücher, wollene Strümpfe oder ein wollenes Halstuch. An jedem Neujahrsmorgen lag zur Feier des Tages ein grosser Butterwecken auf dem Tisch. Schon frühe waren meine jüngere Schwester und ich wach; wir tuschelten hin und riefen her, was wohl unsere Teller enthalten möchten. Wir wussten genau, dass es nur etwas ganz Einfaches sein konnte, und doch war unsere Vorfreude gross.
Ein grosser Wunsch, unbewusst der grösste, fand seine Erfüllung in einem schwarzen Regenschirm, der auf meinem Teller lag. Den Schirm in den Arm nehmen und ganz närrisch vor Freude in der Stube herumtanzen war eins. Meine Eltern und Schwestern ärgerten sich über das «blöde Getue» und zankten mich zum Eintritt ins neue Jahr schon gehörig aus. Meine unsinnige Freude an dem baumwollenen Schirm konnten sie natürlich nicht verstehen, weil sie von den vielen Kränkungen, denen ich durch den alten Schirm ausgesetzt gewesen, nicht wussten. Wir hatten noch seit Urgrossvaters Zeiten zwei mächtige Familiendächer. Der eine Schirm war himmelblau mit braunen Streifen, der andere hellbraun mit roten Streifen. In ganz Zürich waren keine Kinder mit solchen Scheusalen, wie ich sie heimlich nannte. Ich wäre viel lieber unter dem Regen durchgerannt, aber meine Mutter kannte in solchen Sachen keinen Spass; gegen einen erteilten Auftrag oder Befehl war bei ihr nicht aufzukommen. Ich musste den Schirm bei jedem Regenwetter mitnehmen und hörte oft wohlmeinende Erwachsene sagen: «Wo will auch der Schirm mit dem Maiteli hin?» Die Kinder dagegen spotteten darüber und riefen: «Die hat einen Einsiedlerschirm!» Zu jener Zeit mussten die grossen Pilgerzüge, die zur Wallfahrt nach Einsiedeln gingen, vom Bahnhof bis zur Schiffstation die Stadt durchwandern und manche der Pilger trugen solch farbige Ungetüme. Ich konnte es fast nicht erwarten, meinen neuen Schirm spazieren zu führen, und glaubte, alle Leute würden ihn anstaunen. Leider war just das prächtigste Winterwetter, das mir gar nicht den Gefallen tat, sich zu ändern. Jeden Abend betete ich um Regen, jeder Morgen war strahlend schön, und der Schnee knirschte unter den Füssen. Länger als acht Tage hielt ich es nicht aus. Ich nahm den Schirm heimlich aus dem Kasten, ging auf den Platz vor der St. Peterskirche und tauchte ihn in den Brunnentrog. Stolz spazierte ich unter dem neuen Dach, an dem das Wasser in Bächlein herunterlief. Als ich heimgehen wollte – o Schrecken! – brachte ich den Schirm nicht mehr zu; der nasse Schirm war gefroren und alle acht Teile spreizten sich steif auseinander. Trotz aller Mühe konnte ich sie nicht zusammenfalten. «Wie bringe ich den verhexten Schirm heim, ohne dass es die Mutter sieht?», dachte ich in meiner Angst. Es liess sich schwer etwas verbergen in unsrer kleinen Wohnung, wo man erst in die Küche eintreten musste, um in die Stube zu gelangen. Als die Mutter mich mit dem unseligen Schirm kommen sah, gab sie mir in ihrem Ärger einen gehörigen Klaps und sagte: «Man muss sich schämen, so ein dummes, närrisches Mädchen zu haben; die Leute glauben ja, du seiest überschnappt.» Die Strafpredigt liess ich ruhig über mich ergehen, sie rührte mich wenig; aber als sie dann hinzufügte, zur Strafe werde der neue Schirm fürs ganze Jahr eingeschlossen, da war es mit meiner Ruhe vorbei. Ich weinte laut und gestand: «Aber Mutter, ich habe mich doch so recht von Herzen gefreut!» Das hat sie nachher wohl auch gedacht, denn das alte Familiendach blieb für alle Zeiten verschollen.
Meine kleine Schwester flüsterte mir heimlich zu: «Weine nur nicht Vreneli, weisst, es ist mir mit meinem Schirm auch nicht besser ergangen; aber die Mutter weiss es nicht, und du darfst es ihr nicht sagen, gelt? Ich habe meinen Schirm heimlich in die Schule genommen und in den Schulbrunnen getaucht. So triefend brachte ich ihn ins Schulzimmer, dass der Boden nass wurde, und ich bekam zwei Tatzen und musste aufs Schandbänkli sitzen. Gemerkt hatte es die Mutter nicht, als ich ihn heimbrachte, denn ich stellte ihn erst in den Keller, dort wird er schon trocken werden.» Daran hatte ich, die um vier Jahre ältere, nicht gedacht. Im Frühjahr fragte eine Bekannte bei meiner Mutter an, ob ich neben der Schule zu ihr kommen könne, um ihren Bubi zu hüten. Sie müsse für einige Zeit ihrem Manne im Geschäfte helfen und möge den lebhaften Kleinen ihrer Mutter nicht gerne allein überlassen. So wurde ich Kindermädchen. Es gefiel mir, denn die Leute waren gut zu mir. An einem Nachmittag ging die Grossmutter aus, um eine Besorgung zu machen, und ich sass, an einem Strumpfe strickend, auf der Zinne, die sich vor den Zimmern des zweiten Stockwerkes befand. Da wurde geläutet und immer wieder geläutet. Ich ging nachzusehen. Es war der Briefträger, der glaubte, die Grossmutter höre ihn nicht. Als ich wieder hinaufkam, sah ich den Kleinen nirgends, hörte aber vom Hofe herauf plötzlich laute, jammernde Stimmen, und als ich über das Geländer hinunterblickte, hielt jemand den Kleinen in den Armen; ich glaubte Bubi tot. Die Wohnung offen lassend, rannte ich ausser mir vor Schrecken heim und es dauerte einige Zeit, bis ich erzählen konnte, was geschehen sei. Als die Mutter es endlich herausgebracht hatte, eilte sie schweren Herzens in das Unglückshaus; sie fürchtete, eine Leiche zu finden. Bubi aber sass heil und vergnügt auf Grossmutters Schoss, ein Stück Kuchen in der Hand und einige Kratzwunden im Gesicht. Meine Mutter traute ihren Augen nicht, als sie das totgeglaubte Kind wohlbehalten sah und meinte, meine Phantasie hätte mir einen Streich gespielt. Doch die Grossmutter erzählte ihr, noch schreckensbleich, den Hergang. «Wie ich heimkam, fand ich das ganze Haus in Aufregung. Verschiedene Nachbarinnen standen beisammen im Hof, hielten mir unsern Kleinen entgegen und berichteten, wie sie plötzlich einen Schrei gehört, nachgesehen und unser Kind mit dem Röcklein an dem grossen Holderstrauch im Hofe hängend gefunden hätten. Dieses Kindlein müsse einen besonderen Schutzengel haben. – Als ich in die Wohnung hinaufkam, standen alle Türen offen, aber kein Vreneli war da; die Postsachen lagen auf dem Tisch und das Garn der «Lismete» (Strickerei) hing über das Geländer hinunter. Da konnte ich mir freilich schon denken, wie das Unglück sich zugetragen hatte. Sehen Sie, Frau Knecht», so schloss die Grossmutter ihren Bericht, «noch zittern meine Beine, dass ich kaum stehen kann.»
In tiefer Angst harrte ich auf die Heimkehr der Mutter. Endlich trat sie über die Schwelle. Ein Blick in ihr Gesicht – und erlöst atmete ich auf; es konnte so schlimm nicht stehen. Die Mutter erzählte mir nun, wie alles sich so glücklich gefügt habe und sagte: «Kind, Kind, der liebe Gott hat es gut mit dir gemeint!» Und beide weinten wir vor Freude. Mit meiner Kindermädchenlaufbahn aber war es endgültig vorbei.
Der Sommer war in voller Pracht eingezogen. Wie jedes Jahr war eines Morgens auf der Wandtafel der bekannte Spruch zu lesen:
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,
Herr Lehrer, wir möchten spazieren geh’n!
Wir wollen lieber draussen schwitzen,
Als auf der harten Schulbank sitzen.
Zum erstenmal fand unsre Bitte Gehör, und der Jubel war unbeschreiblich. Schon in der folgenden Woche sollte unsre erste Schulreise auf den Zugerberg stattfinden. Freude und Aufregung waren so gross, dass keine Aufmerksamkeit aufkam und der Lehrer uns nach Hause schickte. Ich eilte heim, stürmte die Treppe hinauf und rief zur Türe hinein: «Mutter, wir machen eine grosse Reise, und wir fahren Eisenbahn, das erstemal Eisenbahn! Und wir müssen etwas zum Essen und zum Trinken mitnehmen, und wir müssen einen Franken mitbringen!» Das alles sprudelte ich in einem Atemzuge hervor. Die Mutter liess den Wortschwall über sich ergehen und meinte lächelnd: «Nur langsam, Kind, du wirst schon bekommen, was du brauchst.» Bei jedem Essen erzählte ich nur noch von der Reise, für mich war sie eine Weltreise. Am Abend vorher liess mich die freudige Erwartung kaum einschlafen und weckte mich früh am Morgen. Als ich aufstand, drehte sich alles im Kreise und ich musste brechen. Die Mutter tröstete liebreich: «Bleib noch ein wenig liegen; es wird schon besser.» Aber es wurde nicht besser; bei jedem Versuch aufzustehen musste ich Galle brechen – und aus der Reise wurde nichts. Der Lehrer gab mir das einbezahlte Reisegeld, achtzig Rappen, zurück; dabei überkam mich ein grosser Schreck. Meine Mutter hatte mir einen Franken mitgegeben. An einer Konditorei, deren süsse Auslagen meine Sehnsucht täglich weckten, kam ich mit meinem Geld nicht vorbei. Der Lehrer hatte gesagt, wer keinen Franken habe, könne auch weniger bringen; also konnte ich die Reise mitmachen und erst noch für zwanzig Rappen Süssigkeiten kaufen. Das gab es daheim nie, nicht einmal an Weihnachten. Nur wenn ich unwohl war, gab es gezuckerten Kamillentee, den ich fast nicht schlucken konnte. Nun hatte mich der liebe Gott fürs Naschen gestraft, indem ich nicht mitreisen konnte. Als ich der Mutter die achtzig Rappen brachte, fragte sie erstaunt: «Hat dir der Lehrer nicht mehr gegeben?» Ich verneinte es, und sie glaubte mir ohne weiteres. Ihr Vertrauen in meine Redlichkeit beschämte mich tief und ich gelobte mir, die Mutter nie mehr zu hintergehen.
Die Kinder unserer Nachbarschaft durften Sonntags mit ihren Eltern spazierengehen. Bei uns war es dann immer so still und einsam, dass meine Schwester und ich gar nicht wussten, was anfangen, denn Spaziergänge waren bei uns eine Seltenheit. Da fanden wir den Weg in den St. Petersturm. Wie und durch wen, ist mir nicht mehr erinnerlich. Ich weiss nur noch, dass es schöne Stunden waren, hoch über der Stadt beim Turmwart; weiss, dass er Freude hatte, wenn wir zwei kleinen Plaudertaschen in seine Einsiedelei kamen. Er erklärte uns das Feuerhorn, das er bei jedem Brande blasen musste, und erzählte uns manche schöne Geschichte aus dem alten Zürich. Wir durften dann die Häuser und Gegenden, in denen sich diese abgespielt hatten, durch das Fernrohr, das uns der Turmwart vorher richtete, anschauen. Wie ein Wunder erschien es uns, wenn wir die Leute in Oerlikon, auf dem Uetli- und Zürichberge oder gar die Schiffe voll Menschen auf dem See sehen konnten, als ob sie gerade vor uns ständen. Einige Male durfte ich sogar eine kleine Glocke läuten, als sie bereits im Schwunge war.
So grosse Freude uns die Besuche im St. Petersturm machten, so wenig Gefallen fand die Mutter daran. Sie befürchtete immer, es könnte uns etwas zustossen. Wohl begriff sie, dass wir lebhaften Kinder an schönen Sonntagnachmittagen, an denen in unserer Umgebung eine fast unheimliche Stille herrschte, nichts anzufangen wussten, und sie brachte uns in die Sonntagsschule zu St. Anna. Dort wurden wir einer sehr lieben Lehrerin, Fräulein Usteri, zugeteilt, und ich freute mich während der ganzen Woche auf die Sonntagsschule. Oft kamen Gäste, darunter ein Herr von Rechberg, ein grosser, schöner und vornehm aussehender Herr mit langem Bart und freundlichen Augen. Immer wieder musste ich den Herrn ansehen, und sein brauner Bart verwandelte sich vor meinen Augen in einen schneeweissen und ich dachte bei mir: «So, grad so muss der liebe Gott aussehen!»
Es ging gegen den Winter, und die Lehrerin erzählte von den vielen armen Menschen, die krank oder in bitterer Not seien und eine traurige Weihnachten hätten, wenn wir nicht alle versuchten, ihnen zu helfen. Sie erzählte weiter: «Denkt an die vielen armen Heidenkinder, die auf ihren Loskauf warten und den Weg zum Heiland finden möchten. Dazu brauchen wir viele, viele Briefmarken und ihr seid ja tapfere Sammlerinnen! Sammelt fleissig weiter und bringt sie in die Sonntagsschule. Ihr werdet Freude haben und glücklich sein, da ihr mithelfen könnt an dem grossen schönen Werk.»
Unserm Vater unterstand in der Papierfabrik auch eine Abteilung, in der alte Papiere sortiert wurden; die durchstöberten meine Schwester und ich gründlich. Die Marken, die wir hier fanden, waren bei den Lehrerinnen besonders beliebt und sie baten uns eindringlich, recht viele zu bringen, damit noch mehr Heidenkinder losgekauft werden könnten. Mit Feuereifer suchten wir unter den alten Briefen nach den gewünschten Marken und waren glücklich, immer wieder eine schöne Menge abgeben zu können. Wie ich später erfuhr, waren es in der Tat wertvolle Marken, neben andern seltenen Arten waren die alten Zürcher am meisten vertreten. Wir kannten ihren Wert nicht, wohl aber kannte ihn die Fabrikdirektion. Möglich, dass sie von unsern Lieferungen hörte, möglich auch, dass ihr die Verwertung durch Angestellte bekannt wurde. Sie beauftragte deshalb meinen Vater, das Sortieren der Briefschaften genau zu überwachen und strenge darauf zu halten, dass alle Marken ihm abgegeben würden. Er seinerseits habe sie der Direktion abzuliefern.
An dieses Verbot dachte ich bei der neuen Aufforderung zur Markensammlung. Woher sollte ich Marken bekommen, da der Vater mir und meiner Schwester verboten hatte, den Sortiersaal zu betreten? In tiefen Gedanken und bemüht, einen andern Weg zu finden, kaute ich an den Fingernägeln. Das sah Herr von Rechberg. Er kam auf mich zu und sagte freundlich: «Höre, Maiteli, du kaust an den Fingernägeln und das ist ungesund. Du könntest krank werden, bete deshalb jeden Abend zum lieben Heiland, dass er dir dieses Übel abgewöhne.» Er streckte mir die Hand hin und sagte herzlich: «Gelt, du versprichst mir das?» Ich schlug mit einem «Ja» ein. Die anderen Kinder beneideten mich, dass der freundliche Herr so liebevoll zu mir sprach; sie wollten wissen, was er alles gesagt habe. Ich erzählte nichts, denn ich schämte mich sehr, dass ich hatte gemahnt werden müssen.
Abends im Bett überdachte ich das in der Sonntagsschule Erlebte noch einmal und wollte beten. Ich konnte nicht! Stets musste ich an den Heiland denken, der jetzt im Winter und besonders auf Weihnachten gar so viel zu tun hatte, der so vielen Armen und Kranken und zugleich allen Heidenkindern helfen sollte. Da durfte ich ihn nicht auch noch belästigen, und das wegen einer Unart, die ich mir selbst abgewöhnen konnte. Dafür aber betete ich inniglich, dass der liebe Heiland allen Kranken und Armen helfe und versprach ihm, mir alle Mühe zu geben, nicht mehr an den Fingern zu kauen. –
Bald nach Neujahr 1874 zeigte sich beim Vater ein Augenleiden. Er begab sich in Behandlung eines tüchtigen Augenarztes, sah aber trotzdem immer weniger. Im Herbst darauf zogen wir vor die Stadt, um billiger zu wohnen, denn wir mussten gewärtigen, dass der Vater noch gänzlich erblinde. Das Leiden wurde zusehends schlimmer, in seiner Verzweiflung ging mein Vater nicht mehr zum Arzt, sondern brauchte Mittel von verschiedenen Quacksalbern, auch sie hatten keinen Erfolg; die gefürchtete Erblindung trat ein. Der Vater konnte nicht mehr zur Arbeit und es bestand keine Aussicht, dass es wieder besser werde. Das war ein harter Schlag.
Meine ältern Schwestern Albertine und Berta hatten sich inzwischen beide verlobt; ich besuchte die sechste, meine jüngere Schwester Luise erst die zweite Klasse.
Eintritt ins Erwerbsleben
An einem schönen Märztage, kurz vor dem Examen, sonnte ich mich mit andern Mädchen auf einem Stoss Holz und wir sprachen davon, was wir nach dem Examen anfangen wollten. Damals besuchten noch wenige Mädchen die Sekundarschule, die meisten nur zwei Vormittage der Woche die Ergänzungsschule, sie arbeiteten daneben als Lehr- oder Laufmädchen in Geschäften oder Fabriken. Eines erzählte, dass es in der nahen Färberei Seelig Arbeit erhalten könne, seine Mutter verlange aber, dass es noch eine Zeitlang in der Haushaltung helfe. Da erklärte ich: «Dann gehe ich hin und frage an, vielleicht wird man mich anstellen.» Sofort stand ich auf und begab mich auf das Bureau der Färberei. Der Buchhalter sass hinter einem grossen Buche und beachtete mich nicht, als ich schüchtern neben der Türe stehen blieb. Als mir die Nichtbeachtung zu lange dauerte, fing ich an, mit den Füssen zu scharren. Da schaute er auf und fragte kurz: «Was willst du?» Ich brachte die Worte kaum heraus: «Ich möchte höflich anfragen, ob ich in der Färberei Arbeit erhalten könnte?» Der Buchhalter sah mich eine Weile prüfend an, dann meinte er: «Aber dazu bist du noch viel zu klein.» Da stellte ich mich auf die Fussspitzen, streckte mich und sagte schon mutiger: «Aber schaffen kann ich doch.» In diesem Augenblick traf der Fabrikherr ein und sagte in freundlichem Tone. «So, so, du kannst also schon schaffen, Kleine? Dann könnten wir es ja zusammen versuchen, was meinst du?» «O gerne! Darf ich nächsten Donnerstag schon kommen? Am Mittwoch habe ich Examen.» Seine Frage: «Pressiert es dir denn so?» bestätigte ich voll Eifer, so dass der Fabrikherr lächelnd hinzufügte: «Dann komme nur, sobald du kannst; aber pünktlich, gelt!» Und er gab mir die Hand zum Abschied.
Ich rannte heim, riss die Türe auf und rief jubelnd: «Mutter, Mutter, denke, ich habe schon Arbeit!» Sie sass nähend am Fenster, ich setzte mich zu ihren Füssen auf einen Schemel und erzählte haargenau, wie kurz angebunden mich der Buchhalter behandelt habe und wie freundlich dagegen der Fabrikherr gewesen. Dabei ahmte ich deren Stimmen getreulich nach. Während ich in sprudelnder Lebhaftigkeit erzählte, sass mein armer, inzwischen ganz blind gewordener Vater am Tisch, ohne ein Wort zu sagen. Wie mag es dem intelligenten, feinfühligen Manne weh getan haben, dass sein zartes Kind, das zur Berufsarbeit zu klein befunden wurde, trotzdem schon in die Fabrik zur Arbeit musste, während er, der 52jährige kräftige Mann, durch das Schicksal zum Nichtstun verurteilt war!
Fabrikarbeiterin
In der Nacht nach dem Examen konnte ich kaum schlafen vor lauter Angst, am Morgen nicht rechtzeitig zu erwachen. Ich war schon früh auf dem Platze, jedenfalls eine der ersten, denn ich sah nirgends Arbeiter oder Arbeiterinnen. Als ich durch den Hof dem Fabriktor zuschritt, hörte ich hinter mir rasseln, und ein mächtiger Bernhardiner an einer langen Kette kam auf mich zu. Das Herz stand mir fast still vor Schreck. Da fuhr es mir blitzschnell durch den Sinn, dass einem die Hunde nichts anhaben können, wenn man die Daumen fest in die Handballen drücke. Die Daumen krampfhaft eingeklemmt, marschierte ich steif vor Angst zur Türe und hinein, der Bernhardiner hart hinter mir her. Später wurden er und ich noch recht gute Freunde; das gleiche Wohlwollen wie sein Herr erwies mir auch der Vierbeiner.
Ein Mann führte mich in die Wollhaspelei, wo ich das Haspeln zu erlernen hatte. Die grossen, gefärbten Wollstrangen wurden auf langen Haspelmaschinen, die leicht zu drehen waren, in kleine Strängchen geteilt und unterbunden, eine Arbeit, die mir behagte.
Es war dort üblich, dass immer das jüngste der Haspelkinder für die Färber und Drucker «Z’nüni» und «Z’abig» holen musste. Als ich sie nach ihren Wünschen fragte, meinten sie: «Aber Kleine, du kannst ja nicht alle Flaschen tragen!» «Doch, doch», erwiderte ich, «ich laufe nur mehrmals!» Der eine bestellte Bier, Brot und Wurst, der andere Käse und Most usw. Als ich mit der ersten Ladung ankam, sagte der Empfänger: «Hier Kleine, hast du auch etwas!» und steckte mir ein Möcklein Brot und Wust in den Mund. Der zweite reichte mir die Bierflasche hin: «Da, nimm einen tüchtigen Schluck!» Und so ging es fort. Keinem der Arbeiter musste ich je etwas holen, ohne dass er mir von seinem Z’nüni oder Z’abig abgegeben hätte. Diese Fütterung ist mir gut bekommen. War ich mit Beginn der Ergänzungsschule im April noch fast die kleinste Schülerin, so rückte ich gegen Ende des Jahres schon ziemlich über das Mittelmass hinaus und wurde auch kräftiger.
Wie glücklich war ich, als ich mit dem ersten Zahltag nach Hause kam. Stolz legte ich der Mutter mein erstes selbstverdientes Geld in die Hand, bare Franken 7.20 für zwei Wochen. Neben der Arbeit in der Fabrik hatte ich zweimal wöchentlich die Ergänzungsschule zu besuchen. Als ich das erste Mal eintrat, fragte mich Herr Lehrer Schönenberger erstaunt: «Gehst du denn nicht in die Sekundarschule?» «Nein, ich muss verdienen, mein Vater ist blind», lautete meine Antwort. Nach der Schulstunde forderte er mich auf, meinen Vater zu fragen, ob ich die Sekundarschule besuchen dürfe, wenn ich die Lehrmittel unentgeltlich bekäme. Er könne mir allenfalls auch noch für ein Stipendium sorgen. Davon wollte mein Vater nichts wissen: «Ich habe in meinem Leben noch nie ein Almosen erhalten und begehre auch für die Zukunft keines.» Und dabei blieb es. Herr Schönenberger sprach sein Bedauern über Vaters Antwort aus und meinte: «Schade, schade!» Ob das wirklich so schade war? Ich glaubte nicht recht daran, denn in der sechsten Klasse enthielten alle sieben Monatszeugnisse zwar gute Noten in Fleiss und Fortschritt, beim «Betragen» aber stand jedesmal eine gar unliebsame Bemerkung. Der Wortlaut wechselte zwar, der Sinn jedoch war stets derselbe: Ich sei einfach nicht an Ruhe und Stillsitzen zu gewöhnen.
Vaters Ablehnung konnte ich, so jung ich war, recht wohl verstehen, hatte ich doch schon manchmal gehört, wie abschätzig über Unterstützungsbedürftige gesprochen wurde. Unser Heimatort Melliken gab keinen Rappen Unterstützung nach auswärts; da gab es nur Gemeindeversorgung, von der es daheim immer hiess: «Gott behüte uns davor!» Nicht dass unsere Heimatgemeinde schlimmer gewesen wäre als die meisten andern Landgemeinden und sogar Städte der Schweiz. Es war bei Vater nicht allein der Widerwille gegen jegliches Almosen, es war auch sein Stolz, der ihn veranlasste, das Stipendium zurückzuweisen.
Ein inneres Glücksgefühl entschädigte mich für den Verlust des Sekundarschulbesuches: konnte ich doch mit meinen schwachen Kräften der Familie schon eine merkliche Stütze sein.
In der Fabrik ging es mir gut, und der Fabrikherr hatte bei jeder Begegnung ein freundliches Wort für mich. Als seine Familie in die Ferien verreiste, übertrug man mir das Begiessen der Oleanderpflanzen vor dem Hause; dafür bekam ich bei der Heimkehr zwei Franken, mehr als einen halben Wochenlohn. Ich konnte mich kaum fassen vor Freude bei dem Gedanken, was für Augen die Mutter wohl machen werde bei dem unverhofft erhaltenen Gelde.
Am Martinstag, einem in Zürich allgemein gefeierten Markt- und Zinstag, war die Fabrik geschlossen. Die Mutter gab mir zwanzig Rappen, die ich verputzen durfte. Zwanzig Rappen! – für mich damals ein Vermögen. Stolz im Gefühl meines Reichtums reiste ich auf den Jahrmarkt, besah mir gründlich alles, was mir wünschenswert erschien, und davon gab es eine Menge. Den ganzen Nachmittag bummelte ich auf der einen Seite der Messestände den Kirschengraben hinauf, bei den gegenüberliegenden Ständen wieder hinunter und fragte überall nach den Preisen. Nichts war mir gut genug für meinen Zwanziger. Als es bald am Zunachten war, musste ich mich doch zum Kaufe entschliessen. Ein Paar weisse Manschetten mit eingesetzter Stickerei, wie sie damals Mode waren, wurde mein Eigentum. Hungrig wie ein Wolf, aber freudig meine Manschetten schwingend, kam ich heim. Der Empfang war weniger freudig. Als meine ältern Schwestern die Manschetten sahen, meinten sie: «Du bist ein Modeaffe!» Und auch die Mutter sagte vorwurfsvoll: «Aber Kind, was kaufst du für dummes Zeug. Dass du auch immer den Kopf so hoch tragen musst!» Ich wusste nicht, was sagen, glaubte ich doch, mit den schönen Manschetten, wie sie von den Kindern auch getragen wurden, einen grossartigen Kauf gemacht zu haben; dass ich deshalb ein Modeaffe und hochmütig sei, das konnte ich nicht verstehen.
Am folgenden Samstag wurde einem Teil der Arbeiter und Arbeiterinnen gekündigt, da es über den Winter wenig Wolle zum Färben und Haspeln gab. Natürlich kamen die jüngern zuerst daran, unter ihnen befand auch ich mich.
Eine Nachbarin, die in der grossen Seidenspinnerei am Mühlesteg Aufseherin war, verschaffte mir dort eine Stelle und schärfte mir ein, bei der Anmeldung mein Alter mit vierzehn Jahren anzugeben. Andern Tages stand ich vor Meister Isler; er war ein alter Mann mit weissem Bart und strengen Gesichtszügen. Er schaute mich bei meiner Altersangabe zweifelnd an, denn ich war noch nicht dreizehn und für mein Alter klein. Auch mochte mir beim Aussprechen der Unwahrheit das Blut heiss und verräterisch in den Kopf gestiegen sein. Endlich sagte er zu meiner grossen Erleichterung: «Du kannst am Montag eintreten, musst zeitig da sein; punkt sechs Uhr werden die Maschinen angelassen.»
Wie schwer war für meinen Vater der Gedanke, mich in der Zwirnerei zu wissen, die neben der Papierfabrik lag, in der er über ein Vierteljahrhundert gearbeitet hatte. Er hatte immer betont: «Solange ich lebe, kommt keines meiner Kinder in einen solchen Fabrikbetrieb!» Und jetzt mussten wir froh sein, dass ich dort Arbeit erhielt.
Wie schön fand ich an dem dunklen, stillen Morgen die vielen hellbeleuchteten Fensterreihen der grossen Seidenfabriken des oberen und unteren Mühlesteges. Ich war frühzeitig dort, stand längere Zeit am Geländer der Limmat und schaute in das prächtige Lichtermeer. Inzwischen gingen Frauen und Kinder scharenweise an mir vorbei in die Fabrik und ich schloss mich ihnen an. Die Arbeiterinnen, jung und alt, trugen Kleider aus dunkelblauem Baumwollstoff, in den kleine weisse Tupfen oder Sternchen eingedruckt waren. Sie hatten wollene, handgestrickte Zipfeltücher umgebunden, eine Wollschleife um die Ohren und trugen einen mächtigen Deckelkorb am Arm. Sie kamen zum grossen Teil weither, waren schon reichlich eine Stunde gegangen, schlugen bei ihrer Ankunft die Arme übereinander wie die Fuhrleute, wenn sie sich wärmen wollen und hauchten in ihre steifen, blaugefrorenen Hände.
Viele der Kinder waren nicht älter, auch nicht grösser und kräftiger als ich und hatten vor der Arbeit doch schon einen weiten Weg zurückgelegt. Ihre und meine Arbeit bestand darin, Büschel von Seidenfäden, die aus den Kokons der Seidenraupen gewonnen waren, an langen Tischen auf schmale Tücher quer auszubreiten und der Länge nach wieder dreimal zusammenzulegen. Dann wurden die Tücher gerollt, in die Maschine gespannt, und auf Spulen kam die feingesponnene Seide heraus. Die Arbeit wurde beim Stück bezahlt; sie machte mir Freude, denn es war Leben und Bewegung darin.
Fürwitzig wie ich war, hätte ich längst gerne gewusst, was die geheimnisvollen Deckelkörbe enthielten. Einst blieb ich über Mittag in der Fabrik und bekam den Inhalt zu sehen. Am Boden lag ein grosses Stück Brot, daneben eine Strickarbeit. «Ist das alles?», fragte ich erstaunt. Meine Enttäuschung machte den Arbeiterinnen Spass; jede streckte mir einen Zwanziger entgegen: «Damit leben wir Tag für Tag – herrlich und in Freuden wie Gott in Frankreich.» Selten wurde der ganze Zwanziger verbraucht; meist nur die Hälfte, die zu zwei Tassen Kaffee reichte, den jeden Mittag eine Kaffeefrau brachte. Für die andere Hälfte wurde Garn oder Wolle gekauft und während der Mittagspause verarbeitet, die einzige Zeit, die zu solchen Arbeiten verblieb. Es kam auch vor, dass der Kaffee den Frauen verleidet war. Dann gingen sie an die obere Zäune, wo eine gemeinnützige Gesellschaft einen grossen Teller ausgezeichneter Suppe mit Fleischstücken und Gemüse zu zehn Rappen ausschöpfte. Bald aber zog es sie wieder zu ihrem Strickstrumpf – und Kaffee zurück.
Mit Dödli (Dorothea), einem neben mir arbeitenden Mädchen, hatte ich mich gut befreundet und besuchte es öfters in Affoltern bei Zürich. Zu Dödli und ihren Schwestern, die auch in der Fabrik schafften, fanden sich noch andere Arbeitskameradinnen ein und es gab immer einen vergnügten Tag. Von der Fastnacht wurde erzählt, vom gemütlichsten Fest des Dorfes, an dem auch die Kinder teilnehmen durften. Abend für Abend begleitete ich mein Kamerädli ein Stück Wegs, um recht viel von dem bevorstehenden Fest zu hören. Die Kinder sollten eine Szene aus Wilhelm Tell aufführen, und die Mutter hatte erlaubt, dass ich mitmachen und bei meiner Freundin schlafen dürfe. In ihrer elterlichen, grossen Stube versammelten sich die Kinder und übten das Stück ein. Nach unserer Meinung sollten Gessler und seine Begleiter ganz vornehm gekleidet sein, und ich wurde gebeten, die Gruppe mit Gold- und Silberpapier zu schmücken. Die Hosen bekamen auf den Seiten silberne Streifen, die Brust wurde mit Ordenssternen bedeckt, auf den Kopf ein mit Gold verziertes Barett gesetzt und unter die Nase ein mächtiger Schnurrbart geklebt. Die Tyrannen sahen glänzend aus. Tell und den Landleuten wurden Säcke als Hirtenhemden übergezogen, an den Hüften von einer festen Schnur zusammengehalten. Mit unsern Schauspielern, auf die wir sehr stolz waren, traten wir in den beiden Gasthäusern auf. Die Säle waren voll besetzt, und die Erwachsenen zeigten grosse Freude an der Jungmannschaft. Wein und Kuchen bildeten unsere Belohnung.
Es war Mitternacht vorbei, als wir zu Bette gingen. Um halb vier Uhr war schon wieder Leben auf den Dorfstrassen und Dödlis Mutter rief: «Es ist Zeit zum Aufstehen, Kinder, macht schnell, schnell! Es hat tüchtig geschneit, deshalb gibt es frühern Abmarsch als sonst.» In allen Strassen war ein Rufen und Pfeifen, damit sich niemand verspäte, und gegen halb fünf Uhr bildete sich ein langer Zug in der Mitte des Dorfes. Voran marschierten die Arbeiter der Maschinenfabrik Neumühle, dann kamen die Frauen und Mädchen und den Schluss bildeten die Kinder. Es gab ein langes Hin- und Herrufen, bis festgestellt war, dass alle beisammen seien. Die Kontrolle konnte nur durch Fragen und Antworten erreicht werden, denn es war zu dunkel, um einander zu sehen. Dazu schneite es immer noch fein und dicht. Es war ein Glück, dass die Männer und Frauen einen Weg durch den hohen Schnee bahnten, denn an diesem Morgen hätten wir Kinder uns kaum durchgewatet. Die Frauen blieben von Zeit zu Zeit zurück, riefen einzelne Kinder auf, fragten nach andern, um sicher zu sein, dass keines der Kleinen auf dem Weg zurückgeblieben sei. Todmüde vor Anstrengung, die Unterkleider vom Schweiss, die Oberkleider vom Schnee durchnässt, langten wir gegen sechs Uhr in der Fabrik an. Solchen Anstrengungen waren die fernwohnenden Fabrikkinder oft ausgesetzt vor und nach der elfstündigen Arbeitszeit. Arme Kinder! Wie gut hatte ich es ihnen gegenüber! Ich wohnte nur wenige Minuten von der Fabrik entfernt und konnte mittags heim zum Essen.
Meiner Mutter tat es leid, mich morgens bei dem kalten Wetter so frühzeitig hinauszuschicken, deshalb wartete sie mit dem Wecken bis zur letzten Minute. Sie rief mir erst um halb sechs Uhr. Bis ich gewaschen, Unterkleider und Schuhe angezogen hatte, war der Kaffee gewärmt und das Brot darin weich. Die Mutter kämmte und flocht mir die Haare, unterdessen konnte ich gemütlich meine Kaffeebrocken essen und kam doch noch rechtzeitig in die Fabrik.
Eines Tages holte mich meine jüngste Schwester ab und rief schon von weitem: «Denke dir, Vreneli, ich habe einen Schlitten! Ich habe ihn eingetauscht gegen ein altes Buch!» Ich freute mich über den Schlitten, legte meine Hand in die Schlinge und half ziehen. Einen Schlitten hatten wir noch nie besessen, und doch hätte ich gerne geschlittelt. Wie oft war ich als kleines Mädchen ganze Nachmittage oben am Rennweg gestanden und hatte gewartet, bis mich ein Kind auf seinem Schlitten mitnahm. Wie herrlich, so hinunterzusausen! Was kümmerte es mich, dass mir beim Warten fast die Füsse abfroren? Jetzt hatten wir einen eigenen Schlitten.
Den wollte ich am Sonntag probieren; meine Schwester konnte ja an den schulfreien Nachmittagen schlitteln. Wichtig zog ich den Schlitten die alte Beckenhofstrasse hinauf. Es war eine alte Schlittenform, ein sogenannter Kessler; aber es fehlte ihm die Eisenstange mit den Ringen, die so lustig klirren beim Fahren. Auch hatte er keine Eisenschienen; darum kam der Schlitten nie recht in Lauf, nicht einmal den Berg hinunter. Bald wurden die anderen Kinder darauf aufmerksam und spotteten: «Jetzt chunnt’s Knechtli wieder mit siner Speuzdrucke!» (Spuckkästchen). Das kränkte mich, denn ich hatte grosse Freude gehabt, auf einem eigenen Schlitten zu fahren, wenn er auch nicht so davonsauste wie die andern. Da riefen die Buben meiner Klasse: «Komm, setze dich zu uns auf einen Schlitten; wir binden eine ganze Anzahl zusammen und hauen es den Berg hinab!» Ich gab den Schlitten meiner Schwester und setzte mich zu den Buben. Mit Jubeln und Jauchzen ging die Fahrt vor sich und wir langten unten an, bevor wir recht aufgesessen waren. War das schön! Und der Aufstieg nicht weniger lustig! Ich blieb, bis die einbrechende Dunkelheit zur Heimkehr mahnte.
Einer der Fabrikherren übergab trotz der grossen Zahl Arbeiterinnen jeder ihr Zahltagsäcklein persönlich. Nach einiger Zeit sagte Herr Escher in Gegenwart der andern Kinder zu mir: «Du erhältst einen Franken Abzug, denn deine Arbeit war mangelhaft.» Als Herr Escher fort war, umstanden mich alle Kinder und fragten, ob Meister Isler mich wegen schlechter Arbeit ausgeschimpft habe. «Nein, niemals! Er hat übrigens noch nie ein Wort wegen der Arbeit zu mir gesagt», erwiderte ich. Da riefen verschiedene Mädchen: «Aber mich hat er schon oft gescholten und doch habe ich noch nie Abzug erhalten.» Am folgenden Zahltag wiederholte sich der Abzug und dann noch ein drittes Mal. Erst später erfuhr ich durch die Nachbarin, die mir die Arbeit vermittelt hatte, den Grund der Abzüge. Sie kam im Auftrag von Meister Isler und sagte zur Mutter: «Er ist wohl ein strenger Mann, hat aber ein goldenes Herz. Er bedauert die Lohnabzüge Vrenelis. Es treffe das Kind keine Schuld, im Gegenteil, es sei nur zu fleissig gewesen. Als es im Stücklohn mehr verdiente als die erwachsenen Arbeiterinnen an der Maschine, habe Herr Escher befürchtet, sie würden, sobald sie vom Verdienst des Kindes wissen, höhern Lohn verlangen, und mehr könne er nicht zahlen.»
Deshalb sagte Meister Isler zu mir: «Wir können dich in dieser Abteilung nicht weiter beschäftigen. Komm, ich will dir deinen neuen Arbeitsplatz zeigen.» Ich kam in ein anderes Gebäude an eine Maschine, an der zwei Frauen beschäftigt waren, denen ich zudienen musste. Nach einigen Tagen sagten sie zu mir: «Weisst Kind, seit du da bist, sind wir stets in grösster Angst, du könntest verunglücken. Ein solches Windspiel gehört nicht an eine Maschine, das werden wir Herrn Isler sagen.»
Als ich abends die Fabrik verliess, waren eine Anzahl Arbeiterinnen um eine junge Frau versammelt, die zu ihnen sprach und Flugblätter verteilte.
Ich drängte mich vor, denn ich wollte auch hören, was die Frau sagte. Es war die Rede von bessern Arbeitsbedingungen, die besonders den Arbeiterinnen not täten; diese müssten in einem Fabrikgesetz festgelegt werden, an das sich die Fabrikanten zu halten hätten. Die Frau gab auch mir zwei Flugblätter und sagte: «Da lies! Was darin steht, geht auch dich an!» Eine entfernt stehende Arbeiterin rief laut: «Frau Greulich!» und die Flugblattverteilerin wandte sich dieser zu.
Ich ging heim, ahnungslos, dass das meine erste Begegnung mit der Sozialdemokratie gewesen, in deren Dienst ich später einen so grossen Teil meines Lebens gestellt habe.
Beim Nachtessen erzählte ich von meiner Versetzung an die Maschine und von der Angst meiner beiden Mitarbeiterinnen. Da sagte die Mutter aufgeregt: «Geh morgen früh sofort zum Meister und frage ihn, ob er nicht andere Arbeit für dich habe. Ich will kein verstümmeltes Kind, ich habe mehr als genug an einem Unglück zu tragen!» Mein zukünftiger Schwager gab der Mutter recht. Er meinte: «Ein Kind gehört nicht an eine Maschine, es ist zu wenig vorsichtig, sieht die Gefahr noch nicht, und im Handumdrehen ist das Unglück da. Was wird dann mit solch einem armen, verkrüppelten Geschöpf? Der Fabrikant ist rechtlich zu keiner Entschädigung verpflichtet und bald genug wird er die invalide Arbeiterin auf die Strasse stellen.»
«Nein, nein, das macht Herr Escher nicht», wehrte ich mich. «Vor einiger Zeit geriet einem Mädchen die Hand in eine Maschine und hat ihm die Finger weggerissen. Nein, nicht alle! Der Daumen und ich glaube noch ein Finger sind geblieben. Da hat ihm Herr Escher versprochen, dass es immer in der Fabrik bleiben dürfe; das ist doch schön!» «Bist du eine dumme, kleine Schwägerin! Da hat das Mädchen viel davon! Wenn es andere Arbeit verrichten möchte oder die Fabrik einginge, was dann? Es wird mit der verstümmelten Hand kaum Arbeit finden oder nur schlecht bezahlte, und einen Mann bekommt es am Ende auch nicht. Was hat ihm eigentlich dein guter Herr für den erlittenen Schaden bezahlt?» «Nichts!» musste ich kleinlaut bekennen. Ich sah nun die Sache schon in einem etwas andern Lichte an.
«Es ist ein Glück», sagte mein Schwager weiter, «dass bald das Fabrikgesetz kommt und Arbeiter und Arbeiterinnen von Gesetzes wegen versichert sind. Eben weil das Gesetz vor der Türe steht, musstest du dein Alter um ein Jahr höher angeben.» «Gerade davon hat heute abend Frau Greulich gesprochen.» Da leuchteten die Augen meines Schwagers Strässle, und er sagte freudig: «So, so, Genossin Greulich hat zu euch geredet; eine prächtige Frau! Sie hat daheim eine grosse Familie und findet dennoch Zeit, ihren Mann bei der Aufklärung und Organisation der Arbeiterinnen zu unterstützen. Eine Anzahl solcher Frauen und es stünde in mancher Hinsicht besser bei uns!»
Einige Jahre später kam das für mich Unfassbare: die grosse Seidenzwirnerei stellte den Betrieb ein, und die Fabrikgebäude wurden an andere Gewerbe vermietet. Lange dachte ich darüber nach, ob wohl die vielen Arbeiterinnen wieder lohnende Beschäftigung gefunden hätten. Wie mochte es wohl dem Mädchen mit der verstümmelten Hand gehen? Es war gewiss nicht das einzige in dem grossen Betriebe, das körperlichen Schaden davongetragen hatte.
Ich dachte an die Reden Frau Greulichs und meines Schwagers und empfand es als ein Unrecht, dass die schwerreichen Fabrikbesitzer nicht verpflichtet waren, die in ihrem Betrieb verunglückten Arbeiterinnen zu entschädigen.
Am andern Morgen bat ich Meister Isler um andere Arbeit; an der Maschine dürfe ich nicht länger bleiben. Erst sah er mich eine Weile an, als ob er sich auf etwas besinne, dann erwiderte er in seiner trockenen, kurzen Art: «Habe nichts für dich; komm in mein Bureau, damit ich dir den Lohn geben kann!» Beim Überreichen sagte er freundlich: «Leb wohl, Kind, ich wünsche dir Glück!»
Noch bevor Mutter und Schwestern beim Kaffee sassen, war ich wieder daheim, legte den Lohn der vergangenen Woche hin mit den Worten: «Jetzt bin ich wieder arbeitslos», legte den Kopf auf den Tisch und weinte bitterlich. «Das ist kein grosses Unglück», meinte meine Schwester Albertine, «komm morgen mit mir ins Geschäft und lerne Krawatten machen.»
Krawattenmacherin
Nun lernte ich unter Anleitung meiner Schwester das Krawattenmachen. Meine Eignung und meine leichte Hand ermöglichten es mir schon in kurzer Zeit, Maschen und Schleifen gefällig anzufertigen. Dagegen war das Stillesitzen, Tag für Tag elf Stunden, und darauf loszusticheln eine Qual für ein lebhaftes Kind, wie ich eines war. Manch tiefer Seufzer entfloh meinem Innern, und langsam ging in der ersten Zeit die Arbeit vor sich. Wenn mich der Rücken schmerzte, ich mich streckte und rankte, auf dem Stuhle hin und her rutschte, stupfte mich meine Schwester und meinte: «Das wird schon vergehen. Wehre dich, sonst verdienst du ja nichts!» Die Krawatten wurden vom Stück bezahlt.
An den früheren Stellen war ich in Abteilungen, in denen nur Kinder beschäftigt waren, und nun sass ich zum ersten Male in einem Arbeitsaal unter lauter Erwachsenen. Da hörte ich täglich Liebesgeschichten erzählen und vieles andere, das nicht für Kinderohren bestimmt war. Das meiste verstand ich nicht, manches blieb aber doch haften, wofür ich die Erklärung erst nach Jahren fand. Meine Schwester mahnte und bat öfters um Rücksicht mit einem bezeichnenden Blick auf mich. Kurze Zeit half es, war aber bald wieder vergessen. Wurde es ihr zu bunt, rief sie ärgerlich und laut: «D’Stube ischt nüd g’wüscht!»
Nach langjährigem Brautstand verheirateten sich meine beiden ältern Schwestern und arbeiteten fortan zu Hause statt im Geschäft. Nach der Hochzeit von Schwester Berta durften wir Kinder sie mit Schwester Albertine in einer Droschke zur Bahn begleiten und nachher noch eine kleine Rundfahrt machen. Unsere Rückfahrt das Limmatquai hinunter traf auf die Zeit, da die Massen zur Arbeit strömten. Ich sah Schulkameradinnen und andere Bekannte, die ich alle anrief und ihnen zuwinkte trotz des Verbotes meiner Schwester Albertine. Als wir von der Droschkenfahrt heimkamen, hatte sie einen hochroten Kopf vor Ärger über mein unschickliches Benehmen, und ich – ich glühte vor lauter Freude und Stolz über die Droschkenfahrt.
Der Lohn meiner Schwestern fehlte daheim sehr, was sie erübrigen konnten, brachten sie der Mutter. Es mag ihnen manchmal schwer geworden sein, denn es gab noch viel Nötiges für den eigenen jungen Haushalt anzuschaffen. Nun sollte ich etwas mehr verdienen, und ich fragte die Zuschneiderin um Heimarbeit für den Abend, die sonst nur Erwachsene bekamen. Mit Rücksicht auf unsere schwere Lage wurde eine Ausnahme gemacht, und nun arbeitete ich täglich bis Mitternacht. Das half nach, es war aber auch bitter nötig.
Eines Tages führte mir die Zuschneiderin ein Mädchen zu, welches das Krawattenmachen lernen sollte. Julianne mochte vierzehn Jahre alt sein, trug ein hübsches grünes Jackettkleid, und ein Tirolerhütchen sass keck auf ihrem Strubelkopf. Sie hatte blasse Wangen und grosse braune Augen. Ich fand sie wunderschön und war stolz, ihre Lehrmeisterin zu sein. Dass das Lehren Zeitverlust bedeutete, bedachte ich nicht. Mit wichtiger Miene sagte ich: «Du sollst das Krawattenmachen bei mir gut lernen, ich werde mir Mühe geben, dir alles recht zu zeigen.» Da lachte Julianne hell auf, im reinsten Triller, und meinte: «Gib dir keine Mühe, ich werde es doch nicht lernen; bei mir ist Hopfen und Malz verloren. Meine Mutter ist eine feine Damenschneiderin; ich sollte bei ihr lernen, stellte mich aber so dumm, dass ihr die Geduld ausging. Nun soll ich das Krawattenmachen erlernen. Aber ich kann nicht, ich habe einfach keine Lust zu der langweiligen Näherei.» Ich war sprachlos vor Überraschung. War es möglich, dass ein Kind einfach sagen durfte: «Ich mag und will nicht lernen.» Und dazu noch die Damenschneiderei? Herrgott, wie gern hätte ich diesen Beruf erlernt! Schon als Schulkind verfertigte ich andern Mädchen für ihre Puppen – eine eigene besass ich nie – Kleidchen und Hüte, die allgemein bewundert wurden. Öfters sagten Erwachsene zu mir: «Kind, du musst Schneiderin werden, du hast besondere Begabung dazu!» Daran war nicht zu denken: zwei Jahre Lehrzeit! Für mich gab es nur eines – Verdienen!
Ein einziges Mal wagte ich daheim zu sagen, dass ich gerne Schneiderin oder noch lieber Modistin würde. Da kam ich schön an! Meine ältern Schwestern erwiderten gleich: «Das fehlte gerade noch, so ein eitler Fratz und Modenarr wie du bist. Du trägst den Kopf sowieso immer zu hoch.» Warum ich ein eitler Fratz und Modenarr sein sollte, wollte mir nicht in den «hohen» Kopf, denn nichts, auch gar nichts hatte ich, um darauf eitel zu sein. Meine Schwestern waren gewiss beide gut und aufopfernd, glaubten aber, arme Mädchen könnten nicht bescheiden und anspruchslos genug sein. Diese Tugenden fehlten mir in ihren Augen vollständig. Selbst in dürftigen Verhältnissen aufgewachsen, meinten sie, jeder noch so schüchterne Versuch nach etwas Besserem müsse unterdrückt werden.
Julianne hatte recht – es war vergebliches Bemühen, ihr das Krawattenmachen beizubringen; sie war nach Wochen nicht weiter als am Anfang. Ich konnte mir noch so viel Mühe geben, sie für die Arbeit zu begeistern, sie lachte mich nur aus.
Einmal kam Julianne mittags eine Stunde später mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen ins Geschäft, erzählte lebhaft von einer wunderschönen Kutschenfahrt mit einem Bekannten und zeigte mir ein Zwanzigfranken-Goldstück, das er ihr geschenkt hatte. Diese Mitteilung elektrisierte mich, ich bekam fast ebenso glühende Wangen bei der blossen Mitteilung wie Julianne vom wirklichen Erleben. Kutschenfahren und dazu noch ein Goldstück! Meine Phantasie sah ein Märchen Wirklichkeit werden, und ich sah schon den Prinzen, der das arme Mädchen als Gemahlin heimführte.
«Glaubst du nicht, dass dein Bekannter mich auch einmal in der Kutsche mitnehmen würde?», fragte ich zaghaft.
«Ja, ja, gewiss, warum nicht?»
Täglich fragte ich Julianne, ob sie den Herrn noch nicht gesehen und gefragt habe und erhielt als Bescheid immer das gleiche Nein. Nach etwa zwei Wochen kam sie wieder verspätet und wieder mit glänzenden Augen und glühenden Wangen. Sogleich fragte ich: «Bist du wieder Kutsche gefahren? Nimmt mich der Herr mit?» Ärgerlich wehrte sie ab: «Nein, nein, ich habe ihn nie mehr gesehen.» Ich fühlte, dass Julianne nicht die Wahrheit sprach, und – von diesem Tag an blieb sie vom Geschäft weg. Für mich war das eine grosse Enttäuschung. Erst später erkannte ich, welch glückliche Fügung mich vor schwerer Gefahr bewahrt hatte.
Seit einiger Zeit war in unserm Atelier eine junge Witwe, Frau Schulte, tätig. Sie war eine vorzügliche Erzählerin und verstand in einer Art und Weise zu schildern, dass die Ereignisse in meinen Gedanken geheimnisvoll anwuchsen und mir unvergesslich blieben.
Zum ersten Male hörte ich einen Roman. In Italien war ein junges Paar, Emilio und Ninetta, das sich von Kindheit an innig geliebt hatte, durch einen falschen Freund getrennt worden. Während zwölf dumpfe Schläge vom Dome Mitternacht verkündeten, stand Emilio mit dem Dolch in der Hand hinter einem Torbogen, um an dem Verführer blutige Rache zu nehmen …
Mir verging fast der Atem vor Aufregung über das Gehörte, auch die andern Arbeiterinnen waren ganz benommen und atmeten tief auf, als die Erzählerin schwieg. Es gab nur einen Ausspruch: Er war zu schön, dieser Roman! Mir hatte er sich so tief eingeprägt, dass ich dreissig Jahre später, als ich nach Italien kam, vor einem Torbogen stehen blieb, in das tiefe Innere schaute und unbewusst nach etwas suchte. Da schlug eine Kirchenglocke dumpf an, und die Erinnerung an jenen ersten Roman wurde lebendig in mir. Wir baten Frau Schulte, uns bald wieder etwas zu erzählen. «Das geht nicht», erwiderte sie, «da müsste ich abends lesen und das kann ich nicht, denn ich habe eine alte Mutter und ein Kind zu Hause, für die ich sorgen muss; also heisst es tüchtig arbeiten.» Sofort waren wir alle einig, dass ihre Abendarbeit unter uns gleichmässig verteilt und am Morgen mit der unsrigen fertig ins Geschäft gebracht werde.
Eine Nebenarbeiterin gab mir «Rinaldo Rinaldini, Italiens grösster Räuberhauptmann», zu lesen. Nun sass ich jeden Sonntagnachmittag im Gartenhäuschen versteckt, in den Roman vertieft, sah und hörte nichts mehr, vergass sogar das Essen über Rinaldini! Ich wob einen Strahlenkranz um das geliebte Räuberhaupt, sah die mir begegnenden Männer prüfend darauf an, ob sie einem Rinaldini ähnlich seien, und – ich fand zum Glück keinen. Nachher fesselten mich «Isabella von Spanien» und ähnliche «wunderbare» Romane. Alle diese Romane beschäftigten meine Phantasie aufs lebhafteste. Ich, die kaum Vierzehnjährige, wurde zur Träumerin. Ich liess das Gehörte und Gelesene immer und immer wieder an mir vorbeiziehen und verträumte dabei die Zeit. Unter den vielseitigen Ablenkungen, die ein Atelier mit den verschiedenartigsten Arbeiterinnen in sich birgt, litt ich, litt auch meine Arbeit. Nicht, dass sie schlechter wurde, aber ich leistete weniger. Mein früherer Fabrikherr wäre nicht mehr in der Lage gewesen, mich wegen zu grosser Arbeitsamkeit zu büssen oder gar zu entlassen.
Ein Ereignis daheim rüttelte mich wach. Es kam oft vor, dass ein Nebenaufseher meines Vaters ihn besuchte. An einem Sonntag kam er sehr früh und sagte beim Eintritt in die Stube: «Ich bringe euch gute Nachricht, Kollege Knecht. Ihr werdet bald wieder sehen können!» «Wieder sehen können? – Bald?» ertönte es zweifelnd und freudig zugleich aus vier Kehlen. Ich stellte Herrn Thalmann einen Stuhl hin und bat: «Bitte, bitte, Herr Thalmann, berichten Sie schnell, wie kann unser Vater wieder sehend werden?» Herr Thalmann erzählte: «Mir ist letzte Woche etwas ins Auge geraten und ich ging darum zu Prof. Horner. Bei dieser Gelegenheit sprach ich auch über euer Leiden. Da sagte der Professor: ‹Knecht heisst er, sagen Sie?› Dabei schlug er ein Buch auf. ‹Da haben wir’s, der hat ja den grauen Star. Warum ist er nicht mehr gekommen? Drei Jahre seines Lebens hat er dadurch verloren! Er soll sofort herkommen, er wird bald operiert und sehend werden!›»
Auf einmal steht mein Vater auf, tastet sich zu Thalmann hin, umklammert zitternd seine Hände und ruft mit vor Aufregung heiserer Stimme: «Thalmann, Thalmann, ist das wahr? Sagt mir doch, kann das wirklich wahr sein? Ich soll wieder sehend werden? Ich soll die Mutter wieder sehen, die Sonne und die Bäume und das Gras, und ich soll wieder arbeiten können? Gott, mein Gott, das ist fast zu viel des Guten für mich!» In einer solchen Aufregung hatten wir unsern allzeit geduldigen Vater noch nie gesehen. Wir waren alle tief ergriffen und hatten Tränen in den Augen, auch Herr Thalmann. Dann tastete sich Vater wieder zu seinem Stuhl zurück, sank in diesem ganz zusammen und murmelte immer wieder vor sich hin: «Mehr als drei Jahre meines Lebens verloren – Not – Elend!» Herr Thalmann konnte diesen Jammer nicht mehr länger mit ansehen; er drückte uns wortlos die Hand und ging hinaus, ohne dass der Vater es bemerkte.
Wir überliessen den Vater einige Zeit sich selbst. Dann setzte sich die Mutter zu ihm, streichelte ihn und fing an, von dem grossen Glück zu erzählen, das uns bevorstehe, wenn er operiert sei. Nach und nach wich die Starrheit. Aber dann kamen ihm wieder seine verlorenen Lebensjahre in den Sinn. Er drückte der Mutter die Hand und sagte: «Ich habe ja nicht gewusst, dass ich den Star habe, der Professor hat mir nie etwas davon gesagt. Glaubst du mir das, Mutter?» Und wieder jammerte er von der Not, die er über uns gebracht habe. Die Mutter fiel ihm ins Wort: «Papperlapp! Das ist nicht so schlimm; verhungert sind wir nicht, sind sogar recht gesund, und dafür wollen wir dankbar sein! Und du, Vater! Erst Mitte fünfzig und dazu kräftig und gesund; du wirst sehen, wie schön wir es haben werden! Du wirst wieder schaffen können, Vreneli verdient auch, wir werden ja ein Herrenleben zusammen führen und nachholen, wo wir zu kurz gekommen sind.»
Länger hielten meine Schwester und ich es nicht mehr aus, wir mussten unsern verheirateten Schwestern die Freudenbotschaft überbringen. Bald kamen sie mit ihren Männern, um dem Vater Glück zu wünschen, und baten die Mutter, gleich am andern Tag den Professor aufzusuchen. Das war das erstemal in meinem Leben, dass wir alle in solchem Glück – einem berauschenden Glück – beisammensassen. Es wurde den ganzen Abend nur von der Zukunft gesprochen und da zeigte sich, wie unendlich schwer Vaters Schicksalsschlag auf allen gelastet hatte, ohne dass je geklagt oder gejammert worden wäre.
Am andern Tage waren sie bei Professor Horner, der den Vater mit den Worten begrüsste: «Warum seid ihr nicht mehr gekommen? Ich habe es euch doch seinerzeit gesagt, dass ihr den grauen Star habt und dieser eine längere Zeit brauche, bis er operationsreif sei.» Mein Vater erwiderte nur: «Herr Professor, das habe ich nicht gehört. Ich weiss, wie es sich mit dem grauen Star verhält, und manchmal habe ich gewünscht, wenn es doch so wäre.»
Es musste mit der Operation noch drei Wochen gewartet werden, ob wegen Behandlung der Augen, ob wegen Platzmangel im Spital ist mir nicht mehr erinnerlich. Endlich kam der wichtige Tag. Wie waren wir alle in Aufregung, bis wir wussten, ob die Operation gelungen sei. Dann aber fühlten wir uns erlöst und konnten kaum die erste Besuchsstunde erwarten. Der Vater lag in einem dunkeln Zimmer. Als wir ihm in unserer Freude die Hände schütteln wollten, verwies uns dies der nebenstehende Arzt, da jede Erschütterung den Erfolg der Operation gefährde.
Nach etwa vierzehn Tagen sass Vater, als ich heimkam, am Mittagstisch und erzählte, wie ihm zuerst alles neu und gespensterhaft vorgekommen sei, aber mit jedem Schritt vertrauter und schöner; auch seine Brille erklärte er uns. Wie beredt doch auf einmal der Wortkarge war; wir mussten staunen, merkten wohl, das tat die Freude, die grossmächtige Freude. Keines dachte mehr an Essen, keines fühlte Hunger.
In der Fabrik erhielt der Vater wieder seine frühere Stellung, und nun war es mit der Not vorbei.
Bald aber wuchs der Star wieder; trüber und trüber wurde unseres armen Vaters Augenlicht, und es folgte eine längere Zeit drückender Untätigkeit, bis die zweite Operation möglich wurde. Wohl erleichterte die Zuversicht auf eine bessere Zukunft die Wartezeit; aber bitter und schwer war sie doch, für den Vater und für uns alle, da sein Verdienst aufs neue ausblieb. Ich versuchte durch vermehrte Heimarbeit den Lohnausfall auszugleichen, aber der Verdienst war bei allem Fleiss sehr gering.
Da meldete ich mich in einem Geschäft gleicher Art, von dem es hiess, es zahle gut. Wie gross war meine Enttäuschung schon beim ersten Schritt in den neuen Arbeitsraum; er befand sich im fünften Stockwerk und bestand aus zwei kleinen Mansardenzimmern, in denen die Arbeiterinnen eng zusammengedrängt sassen, und ich wunderte mich, dass sie beim Nähen einander nicht verletzten. Schon in den ersten Tagen sah ich mich getäuscht. Die Arbeit war schlechter bezahlt als die vorherige, und ich musste tagsüber sehr fleissig sein und abends noch ein grosses Paket Arbeit nach Hause nehmen, um nur auf den früheren Verdienst zu kommen. Selten bekamen wir den Lohn, der alle vierzehn Tage ausbezahlt werden sollte, rechtzeitig. Kam der Zahltagabend, kam auch der Geschäftsinhaber mit der Nachricht: «Meine Frau hat Kopfschmerzen; es kann nicht ausbezahlt werden.» Und oft hatten wir bis Dienstag oder Mittwoch auf unser sauerverdientes «Gerstli» zu warten. An Spötteleien und Witzen über das unvermeidliche Zahltagskopfweh fehlte es unter den Arbeiterinnen natürlich nicht. Es tat mir leid, mit leeren Händen heimzukommen, wusste ich doch, wie sehnsüchtig die Mutter auf mein Löhnlein wartete. Nun musste sie das Nötigste mit der Vertröstung auf die nächste Woche zu bekommen suchen, oder wir hatten schmale Küche bis zum Lohneingang.
Es sollte aber noch schlimmer kommen. Gegen den Sommer hin wurden die Bestellungen knapp; es gab keine Arbeit mehr für den Abend. Da stichelten dann tagsüber alle Arbeiterinnen, und ich mit ihnen, wie wahnsinnig drauf los. Wir waren ganz schweissgebadet vor Anstrengung und wegen der glühenden Hitze des Daches unmittelbar über uns. Eines Tages hiess es: «Die jüngeren Arbeiterinnen sind entlassen bis zum Herbst.»
Nun ging das Elend an! Tagtäglich lief ich von Geschäft zu Geschäft, um Arbeit zu suchen, doch vergeblich. Hie und da vertröstete man mich auf Ferienende. Doch bis dahin dauerte es noch sieben Wochen, während welcher Zeit wir alle verhungert sein konnten. Ob ich vierzehn Tage oder einen Monat um Arbeit umherirrte, daran erinnere ich mich nicht mehr; ich weiss nur – es waren schreckliche Tage! Wie machte ich mir Vorwürfe, an der vorherigen Stelle nicht fleissiger gewesen zu sein und so viel Zeit mit Träumen verloren zu haben. Wie hatte ich dort weggehen können, ohne mich vorher über das neue Geschäft genau zu erkundigen. Die Zuschneiderin hatte nur zu recht, als sie mich beim Abschied gemahnt hatte: «Glaube mir, Kind, die gebratenen Tauben fliegen dir auch dort nicht in den Mund!»
Wir wohnten zu jener Zeit in einem kleinen Haus auf einer Anhöhe. War ich schon hoffnungslos elend von den vergeblichen Bemühungen um Arbeit – das kleine Gässchen hinauf zu unserm Häuschen wurde mir vollends zum Martergang. Ich fühlte meine Beine wie Bleiklötze, kaum zu schleppen. Am Fenster stand jeweilen meine liebe Mutter und erwartete mich mit Bangen. Kam ich endlich in die Stube, sagte sie in gütigem Tone: «Du hast nichts gefunden, ich habe es dir schon angesehen.» Weinend schüttelte ich den Kopf: «Gar nichts!» Wie hat mich damals beim Nachtessen jeder Kaffeebrocken gewürgt, und wie gerne hätte ich auf jegliche Speise verzichtet! Das aber hätte meiner Mutter noch mehr Kummer bereitet.
Mein Vater fragte nichts; aber es war rührend, wie der Arme in seiner Blindheit und Hilflosigkeit uns nach dem Abendbrot zu zerstreuen suchte. Bei seinen hübschen Erzählungen vergassen wir ein wenig des Tages Schwere.
Endlich lachte auch mir wieder das Glück! Das Seidenhaus Zürrer an der Bahnhofstrasse hatte eine Stelle ausgeschrieben; ich meldete mich und wurde sogleich eingestellt. Alle Müdigkeit war verschwunden und schnell eilte ich heim. Geflügelten Schrittes ging es das Gässchen hinauf. Die Mutter empfing mich schon vor der Haustüre mit den freudigen Worten: «Du hast Arbeit! Ich sah es schon auf den ersten Blick!» «Ja, ja», rief ich jubelnd, «und was für welche!»
Beim Mittagessen erzählte ich in sprudelnder Freude: «Ein feiner Herr hat mich über meine bisherige Tätigkeit ausgefragt und war befriedigt von meinen Antworten. Ich darf mich immer in dem schönen Verkaufslokal aufhalten und habe dort die bestellten Krawatten zu machen. Und denkt euch nur: auch Kunden darf ich bedienen, und dafür bekomme ich sechzig Franken Monatslohn!»
Mutter und Schwester strahlten vor Glück und der Vater verzog alle Augenblicke sein Gesicht, um das Weinen zu unterdrücken. Unsere Kartoffelsuppe schmeckte uns an diesem Mittag so gut wie noch nie. In unserer Freude dachten wir nicht daran, wie lange es dauern werde, bis wir aus den ärgsten Geldnöten sein würden. Wochenlang war durch den eingeschränkten Geschäftsbetrieb an meiner letzten Stelle der Verdienst gering gewesen. Dann war völlige Arbeitslosigkeit gekommen. Und nun dauerte es ja noch einen ganzen Monat, bis ich das erste Gehalt erwarten durfte. Trotzdem ging ich nie hungrig an die Arbeit und schlüpfte nie hungrig unter die Decke. Wie meine liebe Mutter das fertig gebracht hat, ist mir heute noch ein Rätsel, denn wir hatten keine Unterstützung, ausgenommen, was meine Schwestern ihrem eigenen Haushalt absparen konnten. Es mag ihnen manchmal schwer genug geworden sein, als ihre Familien sich vergrösserten. Es wundert mich heute noch, dass es mir nie bewusst wurde, wie arm wir waren. Ich glaube, das ist einzig das Verdienst unserer wackern Mutter. Wie manchmal sie selber im Verborgenen gedarbt und entbehrt hat – wer weiss?
Modearbeiterin und Ladentochter
Es war mir jeden Tag erneut Freude, in das schöne, vornehme Geschäft zur Arbeit zu gehen. Ich war nun im sechzehnten Jahre und sollte den Konfirmandenunterricht in Unterstrass besuchen. Wodurch ich wöchentlich einen halben Tag versäumt hätte. Das kam dem Geschäftsleiter, Herrn Henneberg, sehr ungelegen. Auf seinen Wunsch meldete ich mich bei der nahen Kirche zu St. Anna, in der ich schon zu Weihnachten statt erst zu Ostern konfirmiert werden konnte. Diese Kürzung der Unterrichtszeit bedauerte ich keineswegs, denn so grosse Freude mir die Sonntagsschule in dieser Kirche einst bereitet hatte, so völlig kühl und innerlich unberührt liess mich der Konfirmationsunterricht. Er bot mir gar nichts, was mein Gemüt hätte bewegen, mein Herz hätte erwärmen können.
Endlich fand die Konfirmation statt, an einem Sonntagabend vor Weihnachten, in hellerleuchteter Kirche. Es sah alles sehr feierlich aus. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt, auch Mutter und Schwestern waren erschienen. Zu Hause sagten sie nachher: «Wie froh waren wir, dass uns niemand gekannt hat. Schämen hätten wir uns müssen, deinetwegen! Steif wie ein Stecken sassest du da und wusstest wieder einmal nicht, wie hoch den Kopf tragen. Nicht einmal geweint hast du, wie die andern Konfirmandinnen und wie sich’s doch gehört!» Verzweifelt erwiderte ich: «Ich wollte ja weinen, aber es hat mich nichts gerührt!» Ich glaube, das Schelten meiner Schwestern war nicht so ernst gemeint, denn jede lud mich auf einen der Weihnachtstage zum Mittagessen ein, und jede versicherte mir, es gebe etwas Besonderes.
Zu meiner grossen Überraschung erhielt ich mein Gehalt schon am Weihnachtsvorabend statt erst am Sylvester. Das gab eine Weihnachtsfreude für die Mutter! Die Hauptüberraschung aber blieb mir vorbehalten. Als ich zu Hause das Zahltagsäcklein öffnete, lag darin ausser dem Gehalt noch ein kleineres Säcklein mit der Aufschrift «Fröhliche Weihnachten» und darin lag ein Zwanzigfranken-Goldstück. Meine Freude kannte keine Grenzen. Immer wieder rieb ich das Goldstück mit einem Wollappen glänzend, und ein jedes musste es bewundern, sogar mein blinder Vater. Wie manchmal fragte ich an jenem Abend die Mutter: «Gelt, du hast noch nie ein so schönes Goldstück gehabt, überhaupt noch keines?» «Nein, nein», versicherte sie lächelnd.
Der Vormittagsgottesdienst am ersten Weihnachtstage läutete aus. Beinahe hätte die Spannung, welch seltenes Gericht meiner auf dem Mittagstisch warte, mir die Andacht der ersten Abendmahlfeier gestört. Nun aber, auf dem Weg zu meiner ältern Schwester, liess ich meinen Gedanken freien Lauf. Etwas, was ich noch gar nicht kenne, hatte Schwester Albertine mir gesagt. Was aber auf dem festtäglichen Mittagstisch stand, übertraf meine kühnsten Erwartungen. Koteletten, herrliche, dicke, umfangreiche Schweinskoteletten! Wie liess ich mir’s schmecken, ach, nur allzusehr! Mein einfach gewöhnter Magen vertrug das üppig fette Gericht nicht, versagte den Dienst und meine Geniesserfreude nahm ein gar schnelles und klägliches Ende.
Dafür wartete meiner eine andere grosse Freude. Am folgenden Morgen sagte die Mutter: «Vater und ich sind übereingekommen, dass du für die Hälfte des Goldstückes ein Kleid kaufen und den Stoff dazu selbst aussuchen darfst.» «Hurra!», hätte ich gerne gerufen. Aber mein schönes Goldstück! Ich liess es von einer Hand in die andere gleiten, schaute es an und wieder an und fürchtete mich, es zu opfern. Die Mutter sah den Kampf und half mir aus der Not. Sie erinnerte mich daran, dass ich ja kein Sonntagskleid mehr habe, seit ich das bisherige täglich ins Geschäft anziehe. «Willst du jeden Sonntag zu Hause bleiben, wenn deine Freundinnen spazieren? Denkst du, das Goldstück werde dich über den Verlust trösten?» Das glaubte ich auch nicht und ging nach den Feiertagen auf die Stoffsuche. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich zu einer Wahl entschliessen konnte, denn ich verlangte schöne Farbe, gute Wolle und niedrigen Preis. Das alles vereint erhielt ich um acht Franken; eine Freundin und ich arbeiteten einige Abende zusammen, bis das Kleid fertig war.
Nach Neujahr kamen im Geschäft Sendungen von Schleifen aus Stoff und Spitzen an, welche die Damen, der damaligen Mode entsprechend, zu Schmucke ihrer Kleider unter dem Halskragen befestigten. Sie waren plump und ohne Geschmack. «Die würde ich hübscher machen», sagte ich zu einem Ladenfräulein. Herr Henneberg hörte das und lächelte ungläubig; er hielt mich junges Ding jedenfalls für anmassend; trotzdem ermunterte er mich, Proben anzufertigen. Meine Schleifen fanden bei den Kunden Gefallen und wurden vor den andern verkauft. Der Chef sprach sich anerkennend aus, bedauerte nur, dass ich nicht genügend Schleifen anfertigen könne. Da schnitt ich tagsüber aus den verschiedensten Stoffen Schleifen zu und formte sie abends daheim zusammen, es wurde ein ordentlicher Nebenverdienst. Jetzt konnten wir zuversichtlicher der in Aussicht stehenden zweiten Operation entgegenblicken, und für den Vater war dies eine grosse Beruhigung.
Das kleine Haus, in dem wir wohnten, gehörte einer Witwe, die sehr fromm war und jede Woche mit ihren Töchtern die Bibelstunde besuchte. An dem Tage, da der Vater zu dem schweren Gang in das Spital gerüstet stand, erschien die Hausbesitzerin, verlangte den Rest des Mietzinses und erhöhte zugleich den Preis der Wohnung. Die Mutter brach erschrocken in die Worte aus: «Aber Frau Meli, das verlangen Sie in dem Augenblick, da der Vater zur Operation muss. Gedulden Sie sich bis Monatsende, dann werden Sie, wie verabredet, die fehlenden zwanzig Franken erhalten.» Da giftete sie: «Zu neuen Röcken reicht das Geld, für den Zins nicht!» Mein achtfränkiges Kleidchen, das ich so bitter nötig hatte, musste als Vorwand für den Zinsaufschlag dienen. Mein Vater, der sonst selten etwas sagte, in allen Angelegenheiten die Mutter schalten und walten liess, wies empört den Aufschlag zurück und kündigte kurzerhand die Wohnung.
Als wir den Vater im Spital besuchen wollten, trat uns der Arzt entgegen und erzählte, der Vater sei während und nach der Operation sehr aufgeregt gewesen. Wenn die Ärzte von seinem unangenehmen Erlebnis gewusst hätten, wäre die Operation verschoben worden. «Hoffen wir aber trotzdem das Beste! Sie dürfen jetzt zu Ihrem Vater, aber nur kurze Zeit und – ruhig, ganz ruhig.» Der Vater fühlte, dass etwas nicht stimmte und war niedergeschlagen.
Gedrückt gingen Mutter, Schwester und ich nach Hause, die Angst schnürte uns die Brust zusammen. Wie wird es werden? Der Bericht des Arztes war nicht ermutigend. Der Gedanke an eine Fehloperation quälte uns; wir mochten weder essen noch schlafen.
Endlich kam Bericht, dass der Vater geholt werden könne. Es war wieder ein sonniger Frühlingstag wie im vorigen Jahr. Aber – wie glückselig letzten Frühling, wie traurig dieses Jahr! Nach der letzten Operation fand der Vater den Weg allein nach Hause. Er war rührend in der Freude, uns wiederzusehen. Diesmal musste er im Spital abgeholt werden. Still schritt er neben der Mutter her, sein erneutes Unglück schien ihm so gross, dass er glaubte, nicht darüber hinwegzukommen; ein Auge war infolge der Aufregung verloren.
Wir versuchten den Vater aufzurichten, sprachen in freudigem Tone von dem grossen Glück, dass ihm doch ein Auge erhalten geblieben und dass er somit seine Arbeit wieder verrichten könne. Er schüttelte den Kopf und meinte bitter: «Glaubt ihr denn, die Direktion stelle mich alten, invaliden Mann wieder ein? Es gibt jüngere Kräfte, die mehr leisten als ich mit meinem geschwächten Augenlicht!» Aber die Direktion stellte Vater wieder an seinen alten Platz. Nach dreissigjähriger Tätigkeit war ihm seine Arbeit so vertraut, dass er sie auch mit verminderter Sehkraft zur Not ausüben konnte. Wurden die Tage kürzer, brachte die Mutter den Vater zur Fabrik, damit ihm in der Dunkelheit nichts passiere, und meine jüngere Schwester holte ihn abends wieder ab. So hatten wir vorläufig unser ordentliches Auskommen, um so mehr, als auch meine Stellung sich inzwischen verbessert hatte.
Herr Henneberg, vom Seidenhaus Zürrer, eröffnete zu dieser Zeit ein eigenes Geschäft gleicher Art, nur viel grösser und lud mich ein, in seinen Betrieb überzutreten, was ich gerne tat. Das Geschäft ging sehr gut und ich hatte mit Bedienen der Käufer so viel zu tun, dass meine Schleifen, nach denen immer Nachfrage war, tagsüber liegen blieben. Dafür musste ich abends zu Hause länger arbeiten. Ich lehrte die Mutter einige kleinere Vorarbeiten, was die Zusammenstellung der Schleifen beschleunigte. So konnte ich jeden Morgen bedeutend mehr ins Geschäft bringen und erntete dafür Anerkennung.
Noch in anderem Sinne wurde mir die Stellung im Hennebergschen Geschäfte nutzbringend. Zum Ärger der Meinigen hatte ich von klein auf manchmal eine störrische Art. Es wurde mir immer schwer, fremden Leuten zu danken oder mich zu entschuldigen. Ich litt darunter, aber ich brachte die Worte einfach nicht heraus, auch dann nicht, wenn ich wegen dieser Verstocktheit geschlagen wurde. Folgendes Vorkommnis heilte meinen Eigensinn: Herr Henneberg wünschte eine bestimmte Sorte Schleifen. Ich raffte probeweise den Stoff, um ihm zu zeigen, wie unschön sie aussehen würden. Er glaubte mir nicht und erwiderte: «Führen Sie die Arbeit aus, wie ich sie wünsche!» «Gut», dachte ich trotzig und gekränkt, «dann soll er sie so haben!» Die Schleifen waren wirklich nicht schön, ganz wie ich vorausgesehen hatte. Da sprach Herr Henneberg: «Ich bedaure, Verena, Ihnen vergebliche Mühe gemacht zu haben.» Das sagte der feine Herr mit einer Selbstverständlichkeit seiner jüngsten Angestellten wie einer Dame! Fürderhin ging mir das Danken und Entschuldigen leichter von den Lippen.
An Weihnachten lagen diesmal meinem Gehaltsäckli sogar drei Zwanzigfranken-Goldstücke als Geschenk bei. Wie glücklich war ich über den Reichtum und gar als der Vater sagte: «Diese sechzig Franken trägst du gleich nach Weihnachten auf die Sparkasse. Sie sollen den Grundstock bilden, auf dem du hoffentlich bald aufbauen kannst.» Schnell nahm ich das Geldtäschchen, schwenkte es in der Höhe hin und her und rief: «Jetzt bin ich Kapitalist, juchhe …!» Ich war glücklich über mein Weihnachtsgeschenk; aber die unbändige Freude wie mit dem ersten Goldstück des vorigen Jahres war es nicht mehr.
Am Neujahrstag lieh mir eine Freundin ihre Schlittschuhe, damit ich auf die Eisbahn gehen könne. Ich hüpfte nach Hause, schlug die Schlittschuhe gegeneinander, dass sie klirrten, und rief: «Seht, was ich habe! Ich darf auf Emmys Schlittschuhen fahren lernen; ist das nicht fein?» Meine älteste Schwester, die gerade daheim war, den Eltern ein gutes Neujahr zu wünschen, sagte ärgerlich: «Es wundert mich, dass du dich nicht schämst, das macht doch kein anständiges Mädchen!» Erst war ich starr vor Staunen. Als ich wieder Worte fand, zählte ich alle Mädchen meines Alters auf, die schon längst Schlittschuh liefen, und um Eindruck zu machen, nannte ich in erster Linie die Namen der reichen Mädchen. Meine Schwester schlug die Hände zusammen und meinte: «Nein! Das geht doch übers Bohnenlied! Du willst dich mit diesen reichen Mädchen vergleichen?» Länger hörte ich nicht zu, warf die Schlittschuhe in eine Ecke, schloss mich in das Schlafzimmer ein und weinte. Das war mein Jahresanfang und das Ende einer grossen, grossen Freude, die mir den Alltag in der Erinnerung noch lange vergoldet hätte.
Und er war streng, dieser Alltag! Unser Geschäft blieb abends bis acht Uhr offen, sehr oft auch länger. Wurde dann endlich geschlossen, wanderte ich müde und abgehetzt nach Hause, wo das Abendbrot auf mich Hungrige wartete. Jeden Abend gab es eine Wurst, Brot und ein Glas Bier; das war das Köstlichste für mich. Mir war es täglich aufs neue ein Hochgenuss, recht gemütlich hinter meinem Abendbrot zu sitzen. Wie verstand ich es, diesen Genuss auszudehnen, indem ich kunstvolle Wursträdlein wie Papier so dünn herunterschnitt, mein Brot in kleinen Bröcklein, mein Bier in winzigen Schlücklein zum Munde führte!
«Es ist ein Glück», sagte der Vater einst, «dass du im Schaffen nicht so langsam bist wie im Essen, sonst wäre es schlimm um dich bestellt.» «Bitte, Vater, lass mir doch das Ruhestündchen und das herrliche Geniessen meiner Wurst; ich freue mich den ganzen Tag darauf! Am Morgen habe ich kaum Zeit, die Kaffeebrocken hinunterzuwürgen, am Mittag heisst es, den langen Weg nach Hause eilen, schnell essen und wieder ins Geschäft rennen. Einzig am Abend kann ich in aller Ruhe mein Abendbrot verzehren.»
Herr Henneberg war ein vorzüglicher Geschäftsmann und hielt strenge darauf, dass alle Käufer mit äusserster Zuvorkommenheit behandelt wurden und keiner unbedient blieb. Er zeigte uns, wie jede Verkäuferin sich mehreren Kunden gleichzeitig widmen könne, nur hiess es, die Augen offen halten. Dadurch wurde der Blick auch für scheinbare Kleinigkeiten geschärft, was mir im späteren Leben wohl zu statten kam.
Täglich hörte ich meine Kolleginnen mit den Käufern Französisch und Englisch sprechen. Wie sehnte ich mich, das auch zu können, passte auf jedes Wort auf und versuchte es nachzusprechen, natürlich ganz leise und heimlich, damit niemand etwas merke; man hätte mich sonst ausgelacht. Ich wollte aber doch wenigstens Französisch lernen, obwohl ich die englischen Worte leichter nachsprechen konnte und auch besser behielt; aber der französische Verkehr war grösser.
Eine welsche Professorentochter erklärte sich bereit, mir französischen Unterricht, die Stunde zu fünfzig Rappen, zu erteilen. Wie leicht und freudig stieg ich jede Woche zweimal die fünf Treppen zu ihrem Dachstübchen hinauf. Es war so klein, dass mehr als eine Schülerin neben ihr nicht Platz fand. Vermutlich war die Zahl ihrer Schüler recht gering; darum kam sie mir sehr entgegen. Oft kam ich eine halbe oder ganze Stunde später, war müde und hungrig und brachte deshalb nicht immer die nötige Aufmerksamkeit mit; dennoch war sie immer gleich freundlich und geduldig. Erschien ich rechtzeitig und frisch, dehnte sie den Unterricht oft aus. Trotzdem ging es für meinen Eifer viel zu langsam. Leider hatte ich keine Zeit für schriftliche Aufgaben, die mich tüchtig gefördert hätten. Ich durfte nur studieren, wenn meine Eltern im Bett waren; dann nahm ich mein Lehrbuch vor und lernte laut die Verben und Wörter auswendig, während ich meine Schleifen büschelte.
Als ich eines Abends in den Unterricht wollte, war das Zimmer geschlossen und eine Nachbarin erzählte, dass das arme Fräulein in die Irrenanstalt Burghölzli verbracht worden sei. Ich weinte auf dem Heimweg vor Bedauern, bin aber nicht mehr sicher, galt das Mitleid allein dem Fräulein oder auch mir; denn mit meinen Französischstunden war es aus. Sie kosteten anderswo einen Franken und mussten pünktlich eingehalten werden, was ich leider nicht ermöglichen konnte. Wie hatte ich mich darauf gefreut, meine Kolleginnen mit meiner Sprachkenntnis zu überraschen. Oft überkam mich ein tiefes Weh, dass es mir, die so Freude an Sprachen, überhaupt an Weiterbildung hatte, versagt war, zu lernen und mein Wissen zu vertiefen.
Herr Henneberg überraschte uns einst mit einem feinen Vorschlag: Es sollte der Abenddienst so eingeteilt werden, dass jede der Ladentöchter wöchentlich zweimal um sieben Uhr heimgehen konnte. Samstag abends kamen immer viele Käufer und es wurde meistens sehr spät, bis der letzte das Geschäft verliess, und just am Samstag war die Reihe an mir, früher heimzugehen. Gelang es mir nicht, Schlag sieben Uhr zu entwischen, war’s vorbei mit meinem schönen Feierabend. Zwar bemerkte eines Samstagabends meine Vorgesetzte etwas vorwurfsvoll: «Verena, Sie machen es ja genau wie die Maurer! Ist der Mörtel schon auf der Kelle, und es schlägt zwölf Uhr, so schmeissen sie ihn eher in den Kübel statt an die Mauer!» «Das ist etwas anderes, Fräulein Emma», erwiderte ich. «Beim Maurer handelt es sich nur um eine Handbewegung, bei mir aber darum, auf den ersehnten frühern Feierabend verzichten zu müssen.» Das Fräulein lächelte, teils weil sie mir nachfühlte, teils wohl auch über den Eifer, mit dem ich mich für mein gutes Recht wehrte. So oft ich später den Vorwurf hörte, dass die Frauen ihre Haushaltungsbedürfnisse immer erst am Samstagabend einkauften, musste ich lächeln, lächeln trotz des berechtigten Vorwurfes; denn ich dachte an die Wochenschlussabende im Geschäfte Hennebergs, an denen die Herren oft bis halb zehn Uhr ihre Krawättli einkaufen kamen.
Wäre es nicht gerade am Samstag gewesen, hätte ich mich wohl kaum so ereifert. Doch damit hatte es eine besondere Bewandtnis. Wenn ich um sieben Uhr das Geschäft verliess, läuteten just alle Glocken die Arbeitswoche aus. Vom Fraumünster- und Petersturm her klang ihr Fei-era-bend – Sonn-tags-ru-he! Oh, ich hätte laut mitjubeln mögen! Feierabend – Sonntagsruhe! Da wo man vom Münsterhof in die Storchengasse einbiegt und die St. Petersglocken so laut ertönen, dass der Boden unter den Füssen zittert, erfasste mich zuweilen ein wonniges Glücksgefühl. Langsam ging ich dann durch die Storchengasse, um das Wohlgefühl ganz auszukosten nach dem vollgerüttelten Mass Wochenarbeit. Und dann der Gedanke an den Sonntag! Herrlich – schlafen zu dürfen, solange ich mochte. Es ertönte kein: «Vreneli, es ist Zeit!», bald darauf schon dringender «Vreneli, es ist höchste Zeit!» Wohl gab ich Bescheid, doch zwischenhinein träumte ich, dass die Arbeit fertig sein müsse, träumte und arbeitete mich in eine solche Hast hinein, dass ich beim letzten Weckruf durch Schütteln endlich erwachte, zur Wirklichkeit erwachte, in Schweiss gebadet – Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Der Sonntagnachmittag gehörte mir. Da besuchten wir Freundinnen uns gegenseitig oder spazierten zusammen. An einen Palmsonntag erinnere ich mich lebhaft. Ich wanderte mit meiner Freundin Mina gegen Witikon. Wir verliefen uns und erreichten gegen Abend müde und hungrig die Waldwirtschaft zu Adlisberg. Es sassen nur noch wenige Gäste dort. Nachdem wir unsere gemeinsame Barschaft gezählt hatten, setzten wir uns an einen Tisch und bestellten einen halben Liter Most und zwei Stücke Bauernbrot. Zaghaft fragte ich, was der Käse koste, und – es reichte zu zwei Portionen. Wir schmausten mit Wonne und fütterten in unserer Freude die Hühner, die zutraulich auf den Tisch hüpften und aus unseren Tellern pickten. Bald war uns die Freundschaft zu viel, und wir verjagten die Frechlinge.
Es war das erste Mal, dass wir allein in einem Wirtshaus gewesen und selber bestellt hatten, und wir fühlten uns sehr. Auf dem Heimweg waren wir so übermütig, dass wir Hand in Hand durch den Wald hüpften und wie die Vögel im Hanfsamen sangen. Es tat uns leid, dass wir nicht auch den Rest unserer Barschaft – die eine hatte noch zehn, die andere fünf Rappen – verjubeln konnten. Wir sagten uns sehr richtig, dass wir mit dem kläglichen Rest unseres monatlichen Taschengeldes doch nichts mehr anfangen konnten, und dabei war es erst Monatsanfang.
Eine Freundin, die im Töchterchor war, erzählte mir hie und da, wie hübsch es dort sei, das Singen und die Geselligkeit. «Das wäre nett für dich», meinten meine Eltern und ermunterten mich, dem Chor beizutreten. So kam ich in den Töchterchor Oberstrass und fühlte mich dort bald heimisch. Mein angeborener Frohsinn, durch schwere Verhältnisse lange zurückgedrängt, gewann wieder Oberhand, ja brannte manchmal mit mir durch, so dass der Dirigent mich öfters «Fräulein Übermut» nannte.
Im Februar erhielt ich unverhofft einen Brief mit Einladung zum Turnerball. Der erste Ball! Wer war der Einladende? Ich kannte ihn nicht, erinnerte mich nicht, ihn schon gesehen zu haben. «Ob er hübsch ist, ob gross», denn ich schwärmte für grosse Männer. Gar zu gern hätte ich gewusst, wie er aussah. Aber was nützte mir das alles? Obwohl ich im Töchterchor leidlich tanzen gelernt hatte, war es mir nicht möglich, den Ball zu besuchen – es fehlte mir das Ballkleid. Meine Eltern bedauerten es, sie hätten mir die Freude von Herzen gegönnt. Ich konnte mich nicht entschliessen, gleich am nächsten Tage abzuschreiben; ein kleiner Funken Hoffnung lag doch in meiner Brust; wer weiss, vielleicht fand sich noch ein Ausweg. Am folgenden Tage besuchte mich meine Freundin und hörte von meinem Kummer. Da erklärte sie einfach: «Du gehst an den Ball! Ich leihe dir mein Ballkleid.» Der Vater stimmte zu meiner grossen Verwunderung zu. Meine Schwester frischte das weisse Kleid auf, dass es wie neu aussah, und ich verzierte es mit hübschen Seidenschleifen und war selig in dem geborgten, einfachen Kleide. Am Ballabend klopfte mein Herz zum Zerspringen. Ich war längst gerüstet und wartete voller Neugierde und Zappeligkeit auf meinen Ballherrn. Er hatte den Vater besucht, um seine Erlaubnis zum Ball einzuholen. Nun schmeichelte ich dem Vater, um zu vernehmen, wie er aussehe; es nützte nichts, er neckte mich nur. Endlich läutete es; ich hielt die Hand aufs Herz und – er gefiel mir gut.
Im folgenden Winter bekam ich wieder eine Einladung an einen Turnerball. Im Töchterchor fragte ich: «Kennt ihr einen Alfred Meyer? Er hat mich zum Ball eingeladen.» Da lachten die Mädchen laut: «Du hast es aber fein getroffen! Du brauchst kein Licht in der Kutsche; Alfred zündet dir mehr als genug!» «Hat er denn rote Haare?», fragte ich schnell. «Ja, ja, feuerzündrote», gaben sie zurück. Ihre Neckereien quälten mich. Kaum war ich eingeschlafen, strich mir im Traum ein feuerroter Wuschelkopf mit seinen Haaren übers Gesicht, so dass ich voller Schrecken auffuhr. Das wiederholte sich und am Morgen war mir recht elend zumute. Beim Abendessen erzählte ich meinen Traum. Da meinte der Vater: «Es ist besser, du schreibst dem Herrn ab, wenn dir schon beim Gedanken an seine Haare übel wird.» Bald darauf lernte ich den Verschmähten kennen und fand in ihm einen netten, angenehmen Menschen und seine rötlichen Haare gar nicht hässlich. Zu spät merkte ich, dass mich die Töchterchörlerinnen geuzt hatten.
Oft malte ich mir in Gedanken aus, wie schön es sein müsste, einmal in den Armen eines geliebten Menschen durch den Saal zu schweben. Da sich mein Traum nicht verwirklichte, wies ich alle weitern Einladungen ab; bald hiess es, ich sei hochmütig, was mir den Übernamen «’s stolz Knechtli» eintrug.
Warum mir die Ablehnung als Hochmut und Stolz ausgelegt wurde, erfuhr ich eines Sonntags bei einem Spaziergang mit meinen Schwestern. Ich ging voraus, ihren Kinderwagen stossend. Ein Mädchen aus dem Töchterchor gesellte sich zu mir und wir sprachen über den bevorstehenden Vereinsausflug. Da sagte sie unvermittelt: «Emil Widmer hat mich kürzlich gefragt, worauf du eigentlich stolz seiest. Du habest ja nichts.» Das also war die Auffassung! Hätte ich Vermögen gehabt, wäre mir die Ablehnung einer Einladung gestattet gewesen. Als armes Mädchen aber durfte ich mir nicht erlauben, einen so eingebildeten und zudringlichen Burschen, wie Widmer, abzuweisen. In gekränktem Stolz warf ich den Kopf zurück. Das sahen meine Schwestern und äusserten sich wieder einmal ärgerlich über meine Art. Das also war des Rätsels Lösung: weil ich mich hie und da über die Grenzen erhob, die nach der Ansicht meiner Schwestern der Armut gezogen waren, oder weil ich Anmassungen zurückwies, trug ich in ihren Augen den Kopf zu hoch.
Seit einiger Zeit wohnten wir weit draussen an der Nordstrasse; ich hatte ins Geschäft reichlich eine halbe Stunde zu gehen. Der lange Weg machte sich besonders über die Mittagszeit unangenehm bemerkbar. Unsere Mittagspause dauerte nur anderthalb Stunden, und da über Mittag das Geschäft offen blieb, mussten die Angestellten zwischen elf und zwei Uhr einander ablösen. Niemand wollte zuerst zum Mittagessen. Da musste ich, als die jüngste, mit dem weitesten Weg, um elf Uhr heim. Auch meiner Mutter kam die frühe Essenszeit recht ungelegen, da Vater und Schwester erst eine Stunde später nach Hause kamen. Mir blieben im günstigsten Falle zwanzig Minuten Zeit zum Essen, und kam ich nur wenige Minuten zu spät ins Geschäft, traf ich Herrn Henneberg schon mit der Uhr in der Hand, da ich ihn ablösen musste.
Diese Hasterei verursachte mir während des Sommers häufig Nasenbluten. Eine Bekannte rief zum Schröpfen; sie meinte, ich hätte zu viel Blut. Meine Mutter schickte mich vorerst zu unserm Arzt. Der platzte in seiner kurzen Art heraus: «Was, Sie und zu viel Blut! Solch ein Blödsinn! Zu wenig Blut haben Sie. Das einzig Richtige wäre, Sie den Sommer über auf eine Alp zu schicken, wo Sie frische Luft, Milch und Ruhe hätten!» Als ich ihm entgegnen wollte, fuchtelte er mit den Händen in der Luft herum und fiel mir ins Wort: «Weiss schon, weiss schon, dass es nicht geht. Trinken Sie wenigstens täglich zwei Glas frische Kuhmilch und ein Likörgläschen Chinawein mit Eisen! Es ist höchste Zeit, dass Sie für Ihre Kräftigung sorgen.»
Täglich erhielt ich nun frische Milch, Chinawein, und die Mutter gab mir mittags ein Stück gebratenes Fleisch mit. Aber daran dachte niemand, dass ein blutarmes Mädchen vor allem genügend schlafen sollte. Seit meinem vierzehnten Jahr gab es selten einen Abend, an dem ich nicht bis zwölf Uhr und noch länger arbeitete und dann vor Übermüdung den Schlaf erst recht nicht finden konnte.
Ein grosses Fest, eine Jubiläumsfeier der Sänger und Turner, sollte stattfinden, wozu auch ich Programme erhielt. Ich bat den Vater, das Fest mit mir zu besuchen. Davon wollte er aber nichts wissen; er führe seine Tochter nicht auf den Markt. Wenn ich nicht eingeladen werde, solle ich daheim bleiben. Ich konnte dem Vater lange erklären, dass es ein Familienfest sei und nicht einzeln eingeladen werde, es nützte alles nichts. Wie rückständig waren doch meine Lieben in solchen Dingen! Da gab es kein Stipendium, kein Schlittschuhlaufen, kein Begleiten auf ein Fest; alles fassten sie auf, wie es fünfzig Jahre früher Brauch gewesen.
Dass ich so zurückgezogen lebte und alle Einladungen ablehnte, war nicht Hochmut. Aber – ich liebte – liebte schon lange! Wir hatten beide auf der gleichen Schulbank gesessen, der neueingetretene, hochaufgeschossene Junge mit seinen lachenden Braunaugen und seinem Lockenkopf. Schon am ersten Morgen unserer Bekanntschaft lächelten wir zwei uns zu und so blieb es. Eines Tages fragte die Mutter: «Was ist auch mit dem Maurerbub drüben? Die Frauen hier herum (sie sassen immer vor den Häusern, zupften Rosshaar und sahen dabei alles!) sagen, der Bub gucke immer an unsere Fenster hinauf; das gelte natürlich dir.» «Natürlich gilt das mir, sicher nicht den alten Frauen!», erwiderte ich. Des Maurerbubs Vater baute das Haus nebenan, und der Junge sollte das Bauhandwerk von Grund auf erlernen. Nun stellte ich mich so oft als möglich ans Fenster, damit er nicht umsonst hinaufgucke.
Jede Woche holte mich Carl, so hiess er, einige Male vom Geschäft ab. Oft musste er wohl eine Stunde und länger warten; aber er hielt getreulich Wacht, bis ich kam. Wie freuten wir uns auf den Heimweg, und was hatten wir uns nicht alles zu erzählen! Er begleitete mich immer nur zur Hälfte, höchstens zwei Drittel des Weges, nie bis heim; dann wurde Abschied genommen mit einem lieben Blick und einem warmen Händedruck. So ging es Jahre.
Wurde ich eingeladen, bat mich Carl eindringlich, anzunehmen, da er noch nicht in der Lage sei, mir etwas zu bieten. Er bildete sich im Baufach aus und war daher von seinen Eltern abhängig; wir konnten deshalb noch längere Zeit nicht daran denken, dass sich unser Verhältnis ändern werde.
Wenn Samstags die Wagen mit Ballpärchen durch die Strassen fuhren und ich die Wolken von weissem Mull durch die Fenster leuchten sah, packte mich eine fieberhafte Erregung. Dann schwärmte ich Carl vor, wie herrlich es sein müsste, wie glückselig ich wäre, nur einmal in seinen Armen durch den Saal walzern zu können. Seine sonnigen Augen leuchteten, und er vertröstete mich: «Habe nur noch eine Weile Geduld, es kommt schon. Ich hoffe und freue mich sicherlich nicht weniger darauf als du.»
Nach einiger Zeit zeigte sich Carl seltener, und ich glaubte ihn mehr beschäftigt. Da fragte mich unerwartet einer seiner Freunde: «Ist denn nichts mehr zwischen euch zwei, dass Carl mit einem andern Fräulein den Männerchorball in der Tonhalle besuchte?» Ich nahm meine ganze Kraft zusammen, um meine Bestürzung nicht zu verraten und sagte: «Ja, schon länger nichts mehr; wussten Sie das nicht? Wen hatte er als Balljungfer?» Der Freund nannte den Namen einer Wirtstochter und bemerkte dazu: «Es ist ein hübsches Mädchen!» Todwund über das Unfassbare verschloss ich das Leid in mir. Aber der Stachel war tief in mein Herz gedrungen, und noch lange, lange Zeit fühlte ich seine Spitze. Hochmütig war ich nun wirklich geworden, der Verrat an der Liebe hatte mich verbittert und ich fühlte mich damals erhaben über eine Wirtstochter. Jede weitere Annäherung Carls wies ich stolz zurück. Ich liess es zu keiner Entschuldigung kommen; ich war zu sehr verletzt. In Wirklichkeit war es mehr das Gefühl innerer Schwäche, das mich so mit Stolz wappnete, dass ich sogar seine freundlichen Grüsse nicht mehr erwiderte. Später schämte ich mich meines kindischen Benehmens, obwohl ich es nicht eingestanden hätte.
Das war das Ende meiner ersten Liebe! Und doch hätte ich sie nicht missen mögen; denn sie hatte mir schöne, glückliche Stunden gebracht. So oft ich junge Menschenkinder in ihrer schämigen Verliebtheit sehe, wünsche ich ihnen in Gedanken von Herzen Glück. Vor wie manchem Hässlichen, vor wie schwerem Leid bewahrt ein zartes Liebesband junge Leute. Noch jetzt als alte Frau kann ich in Erinnerung an die Reinheit und Seligkeit erster Liebe nicht anders, als mich mit aller Wärme und Beredsamkeit wehren, wenn ich spöttisch oder abschätzig über zwei junge Menschenkinder reden höre.
Eines Tages wurde mein armer Vater aus der Fabrik heimgebracht; der dritte und schwerste Schlaganfall hatte ihn betroffen. Der Arzt zeigte wenig Hoffnung auf Genesung; er bereitete uns im Gegenteil auf eine lange, schwere Leidenszeit vor. Kleinere Schlaganfälle folgten nach. Bei dem einen stand ich zu Tode erschrocken dabei, als mein kräftiger Vater wie eine gefällte Eiche vor meine Füsse fiel.
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