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Uwe Klausner

Operation Werwolf – Blutweihe

Kriminalroman


Zum Buch

Ehrenkodex Berlin im Juli 1941, knapp zwei Jahre nach Kriegsbeginn. Ein Serienmörder versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Die Opfer werden grausam verstümmelt und obwohl die Fahndung der Kripo auf Hochtouren läuft, ist ein Ende der „Operation Werwolf“ nicht in Sicht. Um den renitenten Kollegen bloßzustellen, wird Tom von Sydow, Ermittler bei der Mordinspektion Berlin, von seinem Vorgesetzten genötigt, den brisanten Fall zu übernehmen. Dank seiner Verbindungen zur Halbwelt gelingt es dem Ermittler dann auch bald, dem gewieften Psychopathen auf die Spur zu kommen, dessen Opfer sich aus Fahrgästen der S-Bahn-rekrutieren. Dabei deckt er Verbindungen des Täters auf, die um keinen Preis nach außen dringen dürfen. Mit dem Ergebnis, dass Sydow nicht nur bei seinen Vorgesetzten, sondern auch bei Gestapo-Chef Heydrich ins Fadenkreuz gerät. Der Jäger wird zum Gejagten. Nicht lange, und Sydows Leben hängt am seidenen Faden.

Uwe Klausner wurde in Heidelberg geboren und wuchs dort auf. Sein Studium der Geschichte und Anglistik absolvierte er in Mannheim und Heidelberg, die damit verbundenen Auslandsaufenthalte an der University of Kent in Canterbury und an der University of Minnesota in Minneapolis/USA. Heute lebt Uwe Klausner mit seiner Familie in Bad Mergentheim. Neben seiner Tätigkeit als Autor hat er bereits mehrere Theaterstücke verfasst, darunter „Figaro – oder die Revolution frisst ihre Kinder“, „Prophet der letzten Tage“, „Mensch, Martin!“ und erst jüngst „Anonymus“, ein Zweiakter über die Autorenschaft der Shakespeare-Dramen, der 2019 am Martin-Schleyer-Gymnasium in Lauda uraufgeführt wurde.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild

ISBN 978-3-8392-6646-5

Vorbemerkung

Die Idee für den Roman entstand während der Lektüre von Sachbüchern zum Thema »Serientäter im Dritten Reich«, unter ihnen der als »S-Bahn-Mörder von Berlin« bekannt gewordene und des Mordes in acht Fällen für schuldig befundene Paul Ogorzow (1912-1941).

An der Fiktionalität der Handlung änderte dies jedoch nichts.

Die Namen der Mordopfer und der Ermittler aus den Reihen der Kripo Berlin wurden geändert.

Personen der Zeitgeschichte werden unter ihren angestammten Namen aufgeführt.

FIKTIVE CHARAKTERE

(alphabetisch)

Eberhard Derpa, Revierleiter

Paul Hanke, Polizeibeamter

Max Jakubeit, Unterscharführer des SD der SS

Erich Kalinke, Kriminalassistent und Sydows rechte Hand

Hertha Krause alias ›Bijou‹, Animierdame im Tanz-Kabarett »Kakadu«

Emil Leschek, genannt Hantel-Emil, Türsteher im Tanz-Kabarett »Kakadu«

Hagen Mertz, Kriminalobersekretär der Gestapo

Herbert Michalski, Kriminalassistent und stellvertretender Leiter der Spurensicherung

Adele Mürwitz, Pensionärin

Adolf Peschke, Frührentner

Erna Pommerenke alias ›Tante Lola‹, Grande Dame der Berliner Halbwelt

Karl Prittwitz, Oberbahninspektor

Friedbert Schultze-Maybach, Sydows Vorgesetzter und Leiter der Kriminalgruppe M der Kripo Berlin

Ava Schumann, Revue-Tänzerin

Tom von Sydow, Kommissar der Kripo Berlin

Theodor Wattke, Leiter der Spurensicherung

Heinz Wischulke, Sanitätsgefreiter

REALE CHARAKTERE

Reinhard Heydrich (1905–1942), Chef des RSHA

Heinrich Himmler (1900–1945), Reichsführer-SS, Reichsinnenminister und Chef der Deutschen Polizei

DIE BERLINER S-BAHN 1931


ERSTES BUCH



BLUTWEIHE

»Die Nazi-Partei duldete keine kriminellen Banden neben sich. Sie machte Berlin zur Kommandozentrale von Verbrechen einer ganz neuen Dimension: der staatlich gedeckten Entwürdigung, Freiheitsberaubung, Ausplünderung und Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen.«

(Michael Bienert / Elke Linda Buchholz, Die Zwanziger Jahre in Berlin. Ein Wegweiser durch die Stadt, Berlin 2018, S. 255)

KYRIE

Requiem aeternam dona eis, domine,

Ewige Ruhe gib ihnen, Herr,

Ad te omnis caro veniet.

Zu dir wird kommen alles Fleisch.

Kyrie eleison,

Herr, erbarme Dich,

Christe eleison,

Christus, erbarme Dich,

Kyrie eleison.

Herr, erbarme Dich.

(Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem in d-Moll [KV 626])

*

»Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft. Wer sich selbst von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwarten, als dass wir den gleichen Schritt tun. Ich werde diesen Kampf, ganz gleich, gegen wen, so lange führen, bis die Sicherheit des Reiches und bis seine Rechte gewährleistet sind.«

(Adolf Hitler in einer Rundfunkansprache am 1. September 1939)

FREITAG, 8. SEPTEMBER 1939

1

Ostoberschlesien, Region Kattowitz

09:15 Uhr

»Ich zähle jetzt bis drei. Entweder du kommst raus, oder die Bude fliegt dir um die Ohren!«

Die Drohung verhallte ungehört. Kein Laut, auch nicht das leiseste Geräusch. Jetzt war guter Rat teuer. Auf die Tour kam er hier nicht weiter.

Aber egal. Er konnte auch anders. Die Rotzgöre würde sich noch wundern. Wenn sie nicht spurte, na wenn schon. Dann war es das eben gewesen. Wie du mir, so ich dir. Da kannte er nichts. Auch wenn sich das Luder querstellte, er saß am längeren Hebel. Wer nicht für die SS war, der war gegen sie.

Hopp oder topp.

Sie hatte die Wahl.

An der unsichtbaren Front, das würde die Kleine noch zu spüren bekommen, herrschten andere Gesetze. Ihn nach Strich und Faden verarschen, das würde ihr so passen. Da musste sich das Miststück einen Dümmeren suchen.

Die Schlampe war reif, so reif wie noch was.

Aber gewieft bis zum Gehtnichtmehr. Ein Grund mehr, vor ihr auf der Hut zu sein.

»He, du da drin, bist du taub, oder was?« Nichts ging mehr. Die Mühe hätte er sich sparen können. Aus dem Kühlschuppen, wo sich das gerissene Weibsstück verbarrikadiert hatte, drang kein Laut zu ihm nach draußen. »Mach kein Theater, du hast sowieso keine Chance!«

Der Uniformierte in Feldgrau, laut Ärmelraute Unteroffizier des SD der SS, nahm Anlauf und trat mit voller Wucht gegen die Tür. Egal wie, für die Frechheit würde das Luder büßen. Erst machte es ihm schöne Augen, und dann, nachdem die Masche nicht funktioniert hatte, kratzte es einfach die Kurve.

Der 26-jährige Blondschopf, Arier wie aus der Rassekundefibel, fluchte halblaut vor sich hin. Das hatte er nun davon. Peinlich, wenn er sich von so einer hinters Licht führen ließ. Absolut peinlich. Aber was konnte man von Juden auch erwarten. Im Guten kam man bei dem Pack nicht weiter.

»Mach keine Zicken, die Nummer zieht bei mir nicht!« Von wegen Leute wie du und ich. Das Gesocks hatte es faustdick hinter den Ohren. Egal wo, es lief überall aufs Gleiche raus. Die Juden verstanden nur eine Sprache, nämlich die des Stärkeren. Wer das Gegenteil behauptete, der war bekloppt.

Mitleid?

Auch nicht die Spur davon.

Wenn er eins gelernt hatte, dann dies: Vor dem Abschaum musste man sich in Acht nehmen. Sonst landete man auf der Schnauze.

Am besten, er machte Nägel mit Köpfen, fackelte nicht lange, trat die Tür ein und zeigte dem Flittchen, was Sache war. Falls es sich noch nicht herumgesprochen hatte, mit der SS war nicht zu spaßen.

Und mit ihm, dem Unterscharführer z.b.V., schon gar nicht. Je eher die Göre das einsah, desto besser. Falls nicht – nun ja, auch egal. Die Kleine würde den Kürzeren ziehen.

So oder so.

Und dort landen, wo sie hingehörte – hinter Gittern. Aber nur, wenn sie Glück hatte.

Wenn nicht, ihr Problem.

Ein Schuss aus seiner 08, aus kürzester Distanz, im Idealfall schräg von oben. Ohne viel Tamtam – und ohne groß zu überlegen. Hart bleiben, kontrolliert handeln, die Emotionen auf den Gefrierpunkt runterfahren. Und Skrupel, so es sie gab, ignorieren.

So weit also Regel Nummer eins.

Falls das nichts half, auf Pervitin war Verlass. Es hieß zwar, es gäbe Leute, bei denen das, was hier ablief, keine Spuren hinterließ. Mag sein, da war etwas dran, aber wozu sich den Kopf zerbrechen, wenn es einfacher ging. Ein, zwei Pillen, und die Welt sah wieder anders aus. Ein Lob auf den Herrn Stabsarzt, die Dinger hatten es in sich. Wirkten wahre Wunder, je größer die Dosis, desto weniger Fracksausen. Und falls mal keine zur Hand waren, ein Schluck aus dem Flachmann tat es auch. In der Not fraß der Teufel bekanntlich Fliegen – und der Landser soff sich einen an.

Oder pumpte sich bis zum Anschlag mit Drogen voll.

Im Dienst oder nicht, betäubt lebte es sich nun mal besser.

So weit, Herr Unterscharführer, Regel Nummer zwei.

»Na schön, du miese kleine Hure, ich habe dich gewarnt.« Hart sein, den inneren Schweinehund überwinden, die Befehle ohne Wenn und Aber ausführen. Ob besoffen oder unter Drogen, da musste er durch. Schwächlinge waren hier absolut fehl am Platz.

»Wart’s ab, dir werde ich die Flausen austreiben.« Allmählich hatte er die Faxen dicke. Befehl war schließlich Befehl. Ärger hatte er schon genug am Hals.

Regel Nummer drei: Besser, du heulst mit den Wölfen. Dann sparst du dir eine Menge Scherereien.

Na dann mal los, bringen wir es hinter uns.

Exekution per Genickschuss, und die Sache ist geritzt.

Wäre doch gelacht, wenn er mit der Zicke nicht fertigwerden würde. Und überhaupt: Eine Tote mehr, wen juckte das schon. Dies war der dritte Einsatz innerhalb von acht Tagen, eine Aktion der besonderen – oder besser: der heiklen – Art. Das Kommando war überall dort aufgetaucht, wo es brenzlig wurde, und was die Zivilisten betraf, die dabei draufgingen, das ging ihm sonst wo vorbei. Allein heute, acht Tage nach dem Einmarsch, waren es Dutzende, wenn nicht gar Hunderte gewesen, darunter Frauen und Kinder, Letztere in der Mehrzahl. Wozu dann das Kopfzerbrechen, im Krieg herrschten andere Gesetze. Eine Tote mehr oder weniger, darauf kam es doch nun wirklich nicht mehr an.

Ein Judenbalg, der dran glauben musste. Wen außer ein paar Klageweibern interessierte das schon. In ein paar Tagen würde kein Hahn mehr nach der Kleinen krähen.

Jede Wette.

»Na schön, du hast es so gewollt!« Dann eben nicht. Er konnte auch anders. Nur noch zwei, drei Handgriffe, ein kurzer, aber heftiger Ruck an der Abrissschnur, Deckung auf der Kellertreppe, damit er nichts abbekam, in Erwartung des Feuerzaubers von zehn zurück bis null zählen – und der Göre würde Hören und Sehen vergehen.

Stilhandgranaten waren doch was Feines, für knifflige Fälle wie geschaffen.

Und überhaupt, die Polen. In dem Punkt hatte er noch eine Rechnung offen. Er war sich im Klaren, was auf ihn zukam, anders als so mancher, der zu naiv war, um eins und eins zusammenzuzählen. Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente im Rücken der kämpfenden Truppe, insbesondere Spionageabwehr, Festnahme von politisch unzuverlässigen Personen, Beschlagnahme von Waffen, Sicherstellung von geheimen, militärisch bedeutsamen Unterlagen – so weit zumindest Heydrich, Chef der SIPO und des SD, Himmlers Hirn und nimmermüder Dämon. Was der Mann, vor dem selbst der Reichsführer kuschte, damit meinte, nun ja, das konnte man sich denken. Die Jagd war eröffnet, und was katholische Pfarrer, den Adel, Kommunisten und die sogenannten Intellektuellen betraf, mit denen wurde kurzer Prozess gemacht. Alles Abschaum, der es nicht verdiente, dass man sich mit ihm abgab, die Juden – um den Todfeind beim Namen zu nennen – nicht zu vergessen. Im Ganzen an die 60.000 Reichsfeinde, die wie Freiwild zu Tode gehetzt wurden, mit Billigung von ganz oben, damit auch alles seine Richtigkeit hatte.

Mit anderen Worten, es gab viel zu tun.

Eine Jüdin unter vielen, wen kümmerte das schon.

Eins durfte man nämlich nicht vergessen. Die Polen hatten seinen Vater auf dem Gewissen. Im entscheidenden Moment war der Leiter der Musikhochschule in Danzig am falschen Ort gewesen und in eine Schießerei zwischen der Bürgerwehr und polnischen Milizen geraten. Das hatte ihn das Leben gekostet, einfach so, weil er per Zufall zwischen die Fronten geraten war. Der gestrengen Mutter, Klavierlehrerin und heimliche Herrscherin im repräsentativen Domizil am Dominikanermarkt, war daraufhin nichts anderes übriggeblieben, als die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Eine Weile hatte sie sich und die vierköpfige Familie über Wasser halten können, doch nur wenige Jahre später, nach dem Zusammenbruch der Börse in New York, war es mit rasender Geschwindigkeit bergab gegangen. Die Schüler blieben aus, und nur noch ein paar Wenige, darunter Nachbarn, Freunde und Bekannte, konnten es sich leisten, ihre Kinder zum Musikunterricht zu schicken.

Vor zehn Jahren, kurz vor seinem 19. Geburtstag, brach seine Welt endgültig zusammen. Aufgrund des Votums eines jüdischen Sachverständigen hatte der Magistrat der Freien Stadt Danzig dem privaten Institut die Anerkennung entzogen. Für das Konservatorium bedeutete das den finanziellen Ruin, für seine Mutter den Anfang vom Ende ihres Lebens. Exakt ein Jahr nach dem Tag des Zorns hatte die stets spröde und distanziert wirkende Tochter aus alteingesessenem Haus Suizid begangen. Tod durch Erdrosseln, herbeigeführt mithilfe einer Klaviersaite, wie sollte es auch anders sein.

Er selbst hatte sich wieder hochgerappelt, mühsam zwar, doch mit unermüdlicher Energie. Vergessen war die Heimsuchung jedoch nicht – bis heute, mehr als ein Jahrzehnt danach. Der Tag der Abrechnung war gekommen, und es gab niemanden, der ihm jetzt, wo es ans Eingemachte ging, in die Quere kommen würde.

Ein Juden-Flittchen, das um Gnade winselte, schon gar nicht.

Die Handgranate scharf machen, von zehn rückwärts bis null zählen und abwarten, was passierte.

Um der Göre eine Lektion zu erteilen.

Und zwar eine, die sie nicht vergaß.

Na dann mal los, die Zeit drängte. Viel Feind’, das wussten schon die Altvorderen, viel Ehr’.

Ein Schluck aus dem Flachmann, dann konnte es losgehen.

Zehn, neun…

Und außerdem, eins durfte man nicht vergessen. Er und die Kameraden vom »Kommando Werwolf«, nur knapp drei Dutzend Auserwählte, in puncto Kaltblütigkeit jedoch ohne Beispiel, alle miteinander mussten sie ihren Mann stehen. Denn einer musste die Dreckarbeit ja machen, wenn schon nicht die Generalstäbler in Zossen, dann eben die Treuesten der Treuen, Himmlers Eingreiftruppe hinter der Front. ›Meine Ehre heißt Treue‹, so stand es auf der Gürtelschnalle der SS geschrieben. Egal, was passierte, ob abseits des Kampfgeschehens oder in vorderster Linie. Was das betraf, waren die Rollen klar verteilt. Hier die vier Einsatzgruppen, wenn es hochkam, maximal 3.000 Mann, bis in die Zehenspitzen motiviert, darunter SD, Zielfahnder der Kripo, SIPO oder Waffen-SS. Und weiter vorn, bei der kämpfenden Truppe, die Bilderbuch-Soldaten, sprich: all jene, die es nicht abwarten konnten, in die Wochenschau zu kommen. Die nicht genug Mumm besaßen, reinen Tisch zu machen, und sich obendrein für etwas Besseres hielten. Für nichts und wieder nichts in den Schlagzeilen, so gut hätte er es mal haben sollen. Um im Anschluss, als Belohnung für ihre Ruhmestat, mit dem Ritterkreuz dekoriert zu werden.

So einfach war das.

Ein Orden, das wäre es gewesen. Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes.

Acht, sieben …

Aber davon, wie von einem Auftritt in der Wochenschau, im Hintergrund das Schmettern der Siegesfanfaren, konnten er und der Rest der Truppe nur träumen. Was hier ablief, das hatte mit Landser-Romantik nichts zu tun. Nicht im Geringsten. Geheime Reichssache, das sagte ja schon alles. Als ob man den Einsatz, der unweigerlich in ein Massaker ausarten würde, auf Dauer hätte verheimlichen können. Hier, auf einem tristen Hinterhof in einer noch tristeren Kleinstadt im polnisch besetzten Teil von Schlesien, wo knapp die Hälfte Juden waren, hier wurde nicht lange gefackelt. Hier wurden Nägel mit Köpfen gemacht, und wem das nicht passte, für den würde es ein böses Erwachen geben.

Sofern er die Blutweihe überlebte.

Sechs, fünf …

Ein Judenflittchen mehr oder weniger, wen kümmerte das schon.

Die Hand am Futteral seiner 08, atmete er hastig durch. Der Tag, an dem er es den Polacken zeigen würde, war gekommen, und kein Hahn würde danach krähen. Schon gar nicht die Briten und Franzosen, die zwar groß rumgetönt, bislang aber keinen Finger gerührt hatten. Im Westen Sitzkrieg, und im Osten Blitzkrieg, so lautete die Losung für den Tag.

Und wenn sie sich noch so sehr ins Zeug legten, die Polacken würden den Kürzeren ziehen. Nur noch ein, zwei Wochen und die Sache war gelaufen.

Jede Wette.

Vier, drei …

Aus sicherer Entfernung, die Mauser DRP 98 im Anschlag, richtete er den Blick nach vorn. Die Wolken, rußfarben wie der Putz, der von den Wänden der baufälligen Mietshäuser abblätterte, spiegelten sich auf dem mit Öllachen übersäten Hof, und aus der Ferne hallten Schreie und Gewehrsalven an sein Ohr. Weiter nördlich, unweit des Flusses und dem Gekreische nach zu urteilen nur eine Querstraße entfernt, musste die Synagoge liegen, und es bedurfte keiner Fantasie, um sich das, was dort ablief, vor Augen zu führen. Am renitentesten, das zum Thema Erfahrung, waren nicht etwa die Vogelscheuchen im Kaftan, in der Mehrzahl Graubärte, die sich wie Vieh zur Schlachtbank treiben ließen. Mit wenigen Ausnahmen, das lehrte die Erfahrung, wussten die Betbrüder mit den Ringellocken Bescheid. Gott Jehova, so es ihn denn gab, hatte sie im Stich gelassen. An Widerstand war nicht zu denken, und wer nicht auf den Kopf gefallen war, wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Und fügte sich in sein Schicksal. Die Frauen freilich, die Judengöre im Kühlschuppen eingeschlossen, waren aus gänzlich anderem Holz geschnitzt.

Zwei, eins …

Veranstalteten ein Tamtam, dass dir Hören und Sehen verging.

Zogen sämtliche Register, um dem Teufel von der Schippe zu springen.

Nur noch mal kurz Luft holen, dann ging es zur Sache. Getreu dem Befehl, hart durchzugreifen, würde er nicht lange fackeln. Und im Anschluss möglichst schnell die Fliege machen. Schließlich wusste man ja nie, er wäre nicht der Erste, den man wegen Übergriffen auf Zivilisten vor den Kadi gezerrt hätte. Aber was soll’s, damit musste er in seiner Situation rechnen. So war nun mal der Lauf der Welt, und wer keine Scheuklappen trug, der wusste, wie der Hase lief. Einmal angenommen, der Krieg ginge verloren – schwer vorstellbar, wenngleich nicht gänzlich auszuschließen –, dann würden sie für das, was sie hier anrichteten, zur Verantwortung gezogen werden.

Und dann Gnade ihnen Gott.

Eins und die …

Verflucht, jetzt wurde es aber langsam Zeit.

Mag sein, er bildete sich das nur ein, aber wie er so auf der verrußten Kellertreppe kauerte, da war ihm, als läge Blutgeruch in der Luft, vermischt mit dem Gestank, der aus der Tür der Metzgerei ins Freie drang.

Koscheres Fleisch, zum Abgewöhnen.

Also wirklich, diese Brut hatte den Leibhaftigen im Leib. Am besten, man jagte das ganze Viertel in die …

Null!

Die Explosion, die wie der Einschlag eines Blitzbündels von den Wänden widerhallte, war stärker als erwartet, und es dauerte, bis sich der beißend scharfe Qualm verzog. Wie erwartet war der Hof von Trümmerteilen übersät, und um zum Schuppen zu gelangen, musste er über verkohlte Balken, Schutt und Backsteinhaufen klettern. Die Luft, eine Mischung aus Staub, verbranntem Fleisch und Rußpartikeln, die wie Schneeflocken auf ihn herabrieselten, raubte ihm fast den Atem, und wie der Blick auf eine zerborstene Fensterscheibe bewies, waren die Schweißringe unter der Uniformjacke nicht zu übersehen.

Und seine Atemzüge, die von einer Turbulenz in die nächste taumelten, nicht zu überhören.

Es war Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken. Wider sonstige Gewohnheiten hatte er Muffe. Und das wahrhaftig nicht zu knapp. Warum gerade hier und nicht irgendwo anders, konnte er sich nicht erklären.

An der Schlampe, die ihn mit schreckgeweitetem Rehblick musterte, konnte es jedenfalls nicht liegen. Dem Anschein nach zu urteilen war die Kleine höchstens 17, wenn nicht gar jünger. Ihrem Aussehen, das ihn an eine Orientalin erinnerte, tat dies freilich keinen Abbruch. Im Gegenteil. Je länger er die im Erblühen begriffene Schönheit betrachtete, die sich laut hustend vom staubbedeckten Boden aufrappelte, wie von Sinnen vor ihm zurückwich und den Rücken an die schwarz-weiß gekachelte Wand presste, desto ungestümer der Drang, der von ihm Besitz ergriff. Und desto heftiger das Pulsieren in den Lenden, gegen das kein Kraut gewachsen schien. Es war schon eine Weile her, seit er eine Frau an Land gezogen hatte – nichts Ernstes, ein harmloses Techtelmechtel. Der übliche Ringelpietz mit Anfassen, zu mehr war die Dame nicht bereit gewesen.

Warum sich also nicht ein wenig amüsieren, bevor er dem Weibsbild eine Kugel durch den Kopf jagte. Was sein Nachholbedürfnis betraf, kam ihm die Unschuld vom Lande wie gerufen.

Dunkles, im Dämmerlicht wie Ebenholz glänzendes Haar, das auf die schmalen und vor Angst zusammengezogenen Schultern fiel. Bedeckt von einem dunklen Kleid mit weißem Spitzenkragen, das ihn an die Uniform eines Mädchenpensionats erinnerte. Die Augen, ebenfalls schwarz und von sanft geschwungenen Lidern unter wie Pagoden anmutenden Brauen überwölbt, nicht zu vergessen.

Eine richtige Schönheit, die Kleine. Und viel zu hübsch, um wie die fettleibigen Matronen an die Wand gestellt zu werden.

Unehrenhaft oder nicht, ab und zu musste man auch an sich denken.

Na los, wenn schon, denn schon.

So schnell kommt die Gelegenheit nicht wieder.

»Na, wen haben wir denn da!«, hörte er sich mit erstickter Stimme hecheln, während er sich zögernd, aber wachsam heranpirschte, die Rinderhälften im Blick, die von der Decke des verwüsteten Kühlschuppens baumelten. Merkwürdig genug, dass sie nichts abbekommen hatten, aber jetzt, da er in den Genuss von Frischfleisch käme, absolut trivial. Sollten die Juden doch in sich reinstopfen, was sie wollten, die Henkersmahlzeit sei den Bastarden gegönnt.

Der eine mochte es gern zart, der andere lieber zäh. Egal wie, Hauptsache, man kam auf seine Kosten.

So jung, und schon so verführerisch. Um nicht zu sagen aufreizend.

Um nicht zu sagen scharf.

Im Bann der verschüchterten Schönheit, für die es jetzt, wo er sie wie eine Ware taxierte, kein Entrinnen gab, entledigte er sich seines Karabiners, lockerte den Hemdkragen und heftete sich an die Fersen seines Opfers, hinter den Fleischhälften, von wo aus ihm der Geruch von geronnenem Blut entgegenschlug, nur noch in Umrissen zu erkennen. Der Kühlschuppen war größer, als es von außen den Anschein hatte, die Luft stickig, abgestanden und schal. Aber das, genau wie die Staubpartikel, die wie ein Vorhang an den gekachelten Wänden klebten, tat der Vorfreude, die ihn ergriff, keinen Abbruch. Ungeachtet der Konsequenzen, ob Endstation Knast oder Arbeitslager, den Spaß ließ er sich nicht verderben. Die Herren Offiziere, allen voran der Sturmbannführer, die konnten ihn alle mal. Die Sippschaft im Palais Prinz Albrecht eingeschlossen. Ohne Nervenkitzel, für ihn das Salz in der Suppe, konnte man den Einsatz an der Front vergessen. Kein Wunder, wenn man dazu vergattert wurde, für den Rest der Truppe die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Wie pflegten die alten Römer doch zu sagen: Carpe diem – nutze den Tag.

Und amüsiere dich, so oft es geht.

Am Kopfende des Schuppens angelangt, stützte er sich auf einen Hacktisch, durchzogen von tiefen Rillen, die von regem Gebrauch durch die Benutzer kündeten. Die Blutflecken, die einen neueren Datums, die anderen matt und fahl, waren nicht zu übersehen, aber das kümmerte ihn einen Dreck. Das Pochen in seiner Schläfe, beim Anblick der jungen Frau heftiger denn je, steigerte sich zu einem wilden Klopfen, und wie er sie so musterte, schoss ihm der Schweiß wie ein Sturzbach über den Rücken.

Die Kleine war reif, so reif wie noch etwas.

Dachte er zumindest.

Die Hand auf dem Hacktisch, schoss ihm das Blut fontänenartig in den Kopf, von jetzt auf nachher, wie Lava vor der Eruption. Die Sicht verschwamm ihm vor den Augen, und er hatte Mühe, auch nur halbwegs klar zu denken. Fakt war, käme das, was er im Sinn hatte, heraus, dann wäre er die längste Zeit bei der SS gewesen. Die Juden in Scharen abzuknallen, das konnte ja noch angehen. Dazu war er ja schließlich hier, mit Billigung von höchster Stelle. Aber sich mit einer ihrer Frauen einzulassen, noch dazu mit einem halben Kind, das war schlimmer, als wenn man mit Stalin auf Sauftour ging. Und überhaupt, was hieß da schlimm, es war ein Unding. Es gab auch ein Wort dafür, dass wusste er nur zu gut. Nämlich »Rassenschande«, mit Betonung auf den letzten beiden Silben. Etwas Widersinnigeres, um nicht zu sagen Abartigeres, konnte es für einen SS-Mann nicht geben, und dementsprechend harsch würde man mit ihm umspringen. Käme heraus, was er sich geleistet hatte, könnte er von Glück sagen, wenn er in ein KZ verfrachtet wurde.

Und durfte sich nicht wundern, wenn man ihn an die Wand stellte.

Scheiß auf die Ehre, dafür kann man sich nichts kaufen.

Dann mal los. Man musste das Eisen schmieden, solange es heiß war.

Eine Melodie auf den Lippen, die er seit frühester Jugend kannte, flog ein zynisches Lächeln über sein Gesicht. Damals, bei der Aufführung des Requiems in der Marienkirche, als sein Vater den gemischten Chor dirigierte, damals war seine Welt noch heil gewesen. Tag der Tränen, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden, lass ihn, Gott, Erbarmen finden.

Doch selbst wenn er es gewollt hätte, er konnte die Uhr nicht mehr zurückdrehen.

Erbarmen zeigen, das kam überhaupt nicht infrage. Das war etwas für Schwächlinge. Für Leute, die zu feige waren, bis zum Äußersten zu gehen.

Auge um Auge. Im Umgang mit Juden genau das Richtige, die Sprache würden sie verstehen. Und was den alten Herrn da droben betraf, den man Gott oder sonst wie zu nennen pflegte, seine Tage waren ohnehin gezählt.

Ach was, sie waren vorbei.

Für immer.

Die Hand noch immer an der gleichen Stelle, horchte er verärgert auf. Auf dem Hof waren eilige Stiefeltritte zu hören, und er musste nicht lange herumrätseln, um wen es sich bei dem Spielverderber handelte. »Ach hier steckst du also!«, hörte er die Stimme in seinem Rücken plärren, zunächst mit Erleichterung, aber dann, beim Anblick der jungen Frau, zwischen Verunsicherung und Angst hin- und hergerissen. »Sag mal, hast du noch alle Tassen im Schrank? Die Filetstücke sind für den Sturmbannführer reserviert, das weißt du so gut wie ich, also Finger weg, sonst kriegen wir den Wind von vorn!«

»Tu mir den Gefallen und kümmere dich um deinen eigenen Kram, verstanden?«

»Und was, wenn uns jemand verpfeift? Dir ist doch hoffentlich klar, was passiert, wenn …«

»Wenn was?«, fiel er seinem Stubenkameraden ins Wort, der den Mund vor Überraschung nicht zubekam, drehte den Kopf und funkelte ihn zähnefletschend an. Nicht schon wieder, schoss es ihm durchs Gehirn, und schon gar nicht jetzt, im Augenblick des Triumphs. Sanitätsgefreiter Heinz Wischulke, kurz »Qualle« genannt, hatte die Angewohnheit, immer dann aufzukreuzen, wenn man anderweitig beschäftigt war. Nicht unbedingt der Abgebrühteste unter der Sonne, und, das kam erschwerend hinzu, mit einer sentimentalen Ader ausstaffiert. »Darf man fragen, was dich das angeht, du alter Klugschei…«

Hätte er die Hand, die wie die Klaue eines sprungbereiten Raubtiers anmutete, nicht an Ort und Stelle gelassen, sein Leben wäre komplett anders verlaufen. Da er es aber nicht für nötig hielt, sich um 180 Grad zu drehen, musste er mit den Konsequenzen seines Leichtsinns leben.

Mehr schlecht als recht, aber das stand auf einem anderen Blatt.

Die Strafe folgte auf dem Fuß, so plötzlich, dass er glaubte, er befände sich in einem Traum.

Doch dem war nicht so. Obwohl er sich nichts Sehnlicheres wünschte.

Der Schmerz, der seinen angewinkelten rechten Arm durchzuckte, fühlte sich wie die Berührung einer Starkstromleitung an, und ihm war, als nähme die Tortur kein Ende. Nach Luft ringend, riss er den Mund sperrangelweit auf, doch der Schrei, von dem er sich Linderung erhoffte, blieb ihm in der Kehle stecken. Nie zuvor hatte er ein derartiges Martyrium durchlebt, ein Lodern, das ihn von Kopf bis Fuß erfasste. Alles um ihn herum, der gekachelte Boden, die Rinderhälften an der Wand, die Schlachtmesser auf dem Beistelltisch am Fenster, die Lampe, die wie ein Pendel von der Decke herabbaumelte, die Knorpelreste, Knochensplitter und Tierhaare auf dem Boden – all das geriet mit einem Mal ins Wanken, wie bei einem Erdbeben, vor dem es keine Zuflucht für ihn gab.

Und dann, beim Versuch, irgendwo Halt zu finden, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Blutlache auf dem Tisch, die sich in Sekundenschnelle ausbreitete, sie sprach eine allzu deutliche Sprache.

Der Mischmasch aus Knochen, Fingernägeln, Hautfetzen und zermanschtem Fleisch, dieser Brei war einmal seine rechte Hand gewesen. Abgetrennt von einem Hackmesser, das in Sichtweite vor ihm auf den Bodenfliesen lag.

Von dem Flittchen dagegen, das sich in Luft aufgelöst zu haben schien, keine Spur.

Und von Wischulke auch nicht, wie konnte es anders sein.

Der Ohnmacht nah, bäumte er sich entschlossen auf, die Uniform, dereinst sein Ein und Alles, mit Blutspritzern übersät.

Dafür würde die Kleine büßen, und wenn es das Letzte war, was er in diesem Leben tat. Ach woher, dafür würden ihm alle Frauen büßen.

Wen genau er sich vorknöpfte, darauf kam es nun wirklich nicht mehr an.

DIES IRAE

Welch ein Zittern, welch ein Beben,

wenn zu richten alles Leben,

sich der Richter wird erheben!

(Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem)

FREITAG, 20. SEPTEMBER 1940

2

Berlin-Köpenick, S-Bahnhof Rahnsdorf

23:18 Uhr

»Ist da noch frei, gnädiges Fräulein?«

Da war etwas in ihr, was sie zögern ließ. Eine Art Vorahnung, flüchtig und nur schwer in Worte zu kleiden.

Der Waggon war leer, wozu also das Getue. Von wegen gnädiges Fräulein. Die Zeiten waren längst vorbei. Wenn der Kerl mit ihr anbandeln wollte, den Zahn würde sie ihm ziehen. Von Männern hatte sie die Nase voll, und zwar ein für alle Mal. Egal wer, die konnten ihr gestohlen bleiben. Im Moment wollte sie nur noch eins, auf direktem Weg nach Hause. Ein, zwei Bissen essen und vor dem Zubettgehen eine rauchen. Zu mehr war sie heute Abend nicht imstande. Einfach nur heim, ab in die Falle, Augen zu und nichts mehr sehen oder hören. Und wenn es Willy Fritsch persönlich gewesen wäre, sie hätte ihrem Idol einen Korb gegeben.

Vielleicht lag es ja am Alter, aber nach der Spätschicht kam sie sich wie gerädert vor. Was Wunder auch, wenn man tagtäglich bis zum Umfallen malochte. Die Männer im Betrieb hatten einrücken müssen, die Ledigen zuerst, als Nächstes die Familienväter und zuletzt die Kollegen um die dreißig, also genau nach Plan. Ersatz war nicht in Sicht, und was die Fremdarbeiter aus den Ostgebieten betraf, die dachten nicht daran, sich aus Anhänglichkeit zum Führer ein Bein auszureißen. Wären auch schön dumm gewesen, wenn man es neutral betrachtete.

Und so war es gekommen, wie die Kolleginnen und sie es vorausgesehen hatten. Das Gros der Arbeit blieb natürlich an ihnen hängen, wie zu Hause, so auch am Fließband in der Fabrik. Jeder an seinem Platz, die Frauen an vorderster Front, und sei das Rad im Getriebe der Kriegsmaschinerie auch noch so klein. Allzeit bereit, um Führer, Volk und Vaterland zum Sieg über das perfide Albion zur verhelfen. Selbst dann, wenn man vor Müdigkeit kaum noch geradeaus gehen oder sich auf das, was um einen herum vorging, konzentrieren konnte.

Schuften an der Heimatfront, für gerade einmal 32 Reichsmark die Woche, Nachtzuschlag inklusive. Krankenversicherung selbstredend nicht.

Das hatte sie sich immer schon gewünscht.

»Ich störe doch nicht, oder?«

Obwohl, von Gefahr konnte keine Rede sein. Im Schein der Notlampen, die das Abteil in mattblaues Zwielicht tauchten, konnte sie den Mann auf dem Mittelgang zwar kaum erkennen. Aber das wollte nicht viel heißen, wer weiß, vielleicht war er ja ganz nett. Und was die abgedunkelten Fenster betraf, derentwegen man sich wie im Zoo vorkam, Vorschrift war nun mal Vorschrift. Ob es einem in den Kram passte oder nicht, die Devise lautete, friss oder stirb. Wenn es eine Lektion gab, die sie nach acht Jahren Nazi-Diktatur gelernt hatte, dann diese.

Und überhaupt, die ganze hirnlose Propaganda, und das, ginge es nach Goebbels, von der Wiege bis ins kühle Grab. »Der Feind sieht Dein Licht – verdunkeln!«, so stand es auf den Plakaten im Wartesaal geschrieben. Oder, noch einfühlsamer: »Licht ist Dein Tod!« Mit Verlaub, das war ja wohl ziemlich daneben, wenn nicht gar makaber. Die Luftwaffe über London, und dann so etwas. Wer da nicht stutzig wurde, bei dem war alles zu spät. Entweder es stimmte und die Nazis waren auf der Siegerstraße, oder es handelte sich um billige Parolen. Wahr oder nicht, im Sprücheklopfen waren die Parteibonzen Meister, das musste ihnen der Neid lassen. Auch wenn es kein Mensch mehr hören konnte, sie selbst am allerwenigsten.

Eins ließ sich nicht bestreiten, ob mit oder ohne rosa Brille. Der Krieg war längst noch nicht gewonnen, und wenn sich Goebbels auf den Kopf stellte, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Eines nicht allzu fernen Tages würde der Mephisto des Dritten Reiches die Quittung für das Blendwerk bekommen, darauf ging sie jede Wette ein.

Gedämpftes Licht, so weit das Auge des Betrachters reichte. Und nur handtellergroße Gucklöcher, um einen Blick aus dem Abteilfenster zu werfen. Merkwürdig, dass sie gerade jetzt, kurz vor dem Einnicken, den Wunsch nach Kontakt zur Außenwelt verspürte. Das sollte mal jemand verstehen, zumal sie jeden Quadratmeter entlang der Strecke kannte. Der Mond, hier und da ein paar Sterne, eine Limousine mit Abblendlicht, wie ein Trugbild von der Dunkelheit verschluckt, Umrisse von Lagerhallen, Fabrikschloten und Mietskasernen, warmes Licht hinter notdürftig abgedunkelten Fenstern, mehr wäre nicht zu erspähen gewesen. Und trotzdem war da dieser Drang, aus dem hermetisch abgeschotteten Abteil zu verschwinden, in Karlshorst oder wo auch immer auszusteigen und den Rest der Strecke zu Fuß zu gehen.

An sich war der Gedanke absurd, denn wer weiß, was für Typen sich da draußen rumtrieben. Ob an dem Gerücht, ein Serienmörder laufe immer noch frei herum, etwas dran war, nun ja, das wollte sie nicht herausfinden.

Schuld an dem Schlamassel war der Krieg, mit der Meinung stand sie nicht allein. Selbst hier, in einem Abteil 2. Klasse auf der Strecke zwischen Erkner und dem Ostkreuz, hinterließ der Schlamassel seine Spuren. Um gegen Angriffe aus der Luft gefeit zu sein, so die Flut an Propagandaplakaten, dürfe kein Fitzelchen Licht aufblitzen. So weit, so gut. Das Gleiche galt für ihre Datsche, unweit des Betriebsbahnhofes in Rummelsburg gelegen und nur einen Katzensprung von der Haltestelle entfernt. Raus aus der S-Bahn, im Eiltempo durch die Unterführung, über die Fußgängerbrücke und den asphaltierten Weg am Rand des Bahndamms entlang. Und schon war sie in Nullkommanichts zu Hause. Dort, in der spartanisch möblierten Wohnlaube, hatte sie sich nach ihrer Scheidung mit den Kindern verschanzt, der Not gehorchend – und aus Angst, von einem Choleriker im Suff halb tot geprügelt zu werden.

»Ihnen ist doch nicht etwa schlecht, oder?«

Sie verneinte, und beim Klang der sonoren Stimme, Reminiszenz an den Kavalier alter Schule, löste sich ihr Unbehagen in Wohlgefallen auf. Der Mann würde ihr schon nichts tun, und wenn doch, sie würde sich ihrer Haut zu wehren wissen.

»Bitte!« Zu mehr und einer halbherzigen Geste konnte sie sich nicht durchringen, und als habe er mit nichts anderem gerechnet, nahm der Mann auf der gepolsterten Sitzbank Platz.

Gepflegte Manieren, stattlich, um nicht zu sagen attraktiv, vom Akzent her zwischen Masuren und Baltikum anzusiedeln, Arier wie aus dem Bilderbuch, dunkle Handschuhe, die Uniform der Reichsbahn tadellos in Schuss, kurzum: die Seriosität in Person. Von finsteren Absichten, geschweige denn Mordlust, keine Spur.

Hinter allem und jedem den Teufel vermuten, das sah ihr wieder mal ähnlich. Nicht jeder Mann, der mit der S-Bahn fuhr, hatte es auf Frauen abgesehen. Und nicht jeder Mann war so brutal wie das versoffene Wrack, auf das sie vor achteinhalb Jahren reingefallen war.

Das nur zum Thema Ängste, von denen sie ganze Arien schmettern konnte. Dass es jedoch Männer gab, die ihre schlimmsten Befürchtungen übertrafen, darauf wäre sie nie gekommen.

Auch jetzt nicht, trotz ungutem Gefühl.

Um auf Distanz zu gehen, warf sie einen Blick auf die Uhr. Im kalten Zwielicht, das dem Ambiente einen bizarren Beigeschmack verlieh, konnte sie die Ziffern zwar kaum erkennen. Doch die Geste erfüllte ihren Zweck.

Zumindest vorübergehend.

Schwarze Handschuhe, und das bei milden Temperaturen. Die rechte Hand deutlich größer als die linke, spitz wie die Klauen eines Wolfs. Und dann erst dieser Blick, fast wie bei Peter Lorre im Film »M«. Es war zwar schon ziemlich lange her, seit sie ihn im Kino gesehen hatte, doch an die Glubschaugen des Mörders konnte sie sich noch genau erinnern. Damals hatten sie ihr eine Höllenangst eingejagt, so sehr, dass sie Albträume davon bekam.

Welchen Untertitel hatte der Film doch gleich gehabt?

Genau.

»Eine Stadt sucht einen Mörder«.

Und jetzt das.

Von Panik gepackt, atmete sie heftig durch. Besser, sie stieg am nächsten Bahnhof aus. 17 Minuten Fahrzeit, von der höchstens die Hälfte verstrichen war, konnten ziemlich lang werden. Zwei Kilometer und ein paar Zerquetschte zu Fuß, es gab weiß Gott Schlimmeres auf der Welt.

In der Tat, das gab es.

Weit Schlimmeres sogar.

Doch davon ahnte sie in dem Moment, als der Zug den S-Bahnhof in Karlshorst hinter sich ließ, noch nichts.

Dann aber war da plötzlich dieser Geruch, den der Mann im Halbdunkel verströmte.

Und die Pupillen der hervortretenden Augen. Vom halblauten Flüstern, aufgrund der Fahrgeräusche kaum zu verstehen, nicht zu reden: »Welch ein Zittern, welch ein Beben, wenn zu richten alles Leben, sich der Richter wird erheben.«

»Verzeihung, haben Sie es mit mir?«

Wie aus dem Schlaf gerissen, fuhr der Unbekannte in die Höhe. »Schon möglich«, murmelte er vor sich hin, Worte, die wie eine versteckte Drohung klangen. »Nur Geduld, ich bin noch am Überlegen.«

Kölnisch Wasser, vermischt mit erkaltetem Schweiß, maskulinen Ausdünstungen und dem Geruch von Doppelkorn, bei dem es ihr glatt den Magen umdrehte. Ein Hauch von erkalteter Asche, Schmieröl und Kohlestaub nicht zu vergessen.

Von wegen Kavalier der alten Schule. So naiv, um dies ernsthaft anzunehmen, hatte auch nur sie sein können.

Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten.

Urplötzlich, als könne er Gedanken lesen, schwang ihr Peiniger eine Art Knüppel über den Kopf, und sie ertappte sich bei dem Gedanken, wo er ihn auf einmal herhatte. Sekundenbruchteile später, das Schrillen des Signalhorns im Ort, welches wie das Menetekel ihres Martyriums anmutete, sauste die Hiebwaffe aus Hartgummi auf sie nieder. Halb benommen betastete sie ihren Hinterkopf, riss den Unterarm hoch und drehte sich reflexartig nach rechts.

Vergebens.

Schlag folgte auf Schlag, auf die Schulter, ins Gesicht, auf den Unterarm und die Fläche der linken Hand.

Doch damit nicht genug. Kaum war ihre Gegenwehr erlahmt, zielte der Unbekannte auf den Kopf, immer und immer wieder, vor Wut, die sein Gesicht in eine hasserfüllte Fratze verwandelte, nicht zu bändigen.

Und dann, als sie blutüberströmt auf dem Mittelgang kauerte, einen durchdringenden, dem Kreischen einer Motorsäge ähnelnden Pfeifton im Ohr, hatte ihre letzte Stunde geschlagen.

Als habe er alle Zeit der Welt, entledigte sich der Unbekannte seiner Uniformjacke, hängte sie an einen Haken und zog seinen dunklen Lederhandschuh aus, zuerst den linken, und dann, die Lippen triefend vor Speichel, den rechten, unter dem sich eine Prothese aus Aluminium verbarg.

Vor Entsetzen, das sie bis in die letzte Faser ihres Körpers durchzuckte, brachte sie nicht einmal ein Wimmern hervor, die aufgequollenen Augen starr noch oben gerichtet, von wo aus sich die Prothese wie der Greifarm einer Maschine auf sie herabsenkte, ihre Kehle umschloss und den letzten Rest an Leben in ihr erstickte.

Sekunden später, bevor sich der Tod ihrer erbarmte, verspürte sie einen durchdringenden Schmerz, so stark, dass ein Aufbäumen durch ihren geschundenen Körper ging. Dann aber, als der Unbekannte ihre rechte Hand wie eine Trophäe in die Höhe reckte, war das Martyrium beendet und sie stürzte in einen endlos erscheinenden Schlund hinab.

Immerwährende Finsternis.

Endlich.

Und kein Gedanke an die Schändung, welche die Bestie in Menschengestalt an ihr vollzog.

Oder daran, wie er ihr Gesicht in Stücke riss und ihren leblosen Körper zur Tür schleifte, um ihn bei Tempo 60 aus dem Waggon der Linie 3 zu werfen.

Der Tod war als Erlöser gekommen.

Gerade noch rechtzeitig.

Amen.

RECORDARE

Juste judex ultionis,

Gerechter Richter der Vergeltung,

Donum fac remissionis

schenke Vergebung

Ante diem rationis.

vor dem Tag der Abrechnung.

(Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem)

MITTWOCH, 2. JULI 1941

»Deutsches Volk! In diesem Augenblick vollzieht sich ein Aufmarsch, der in Ausdehnung und Umfang der größte ist, den die Welt bisher gesehen hat. Von Ostpreußen bis zu den Karpaten reichen die Formationen der deutschen Ostfront. Die Aufgabe dieser Front ist daher nicht mehr der Schutz einzelner Länder, sondern die Sicherung Europas und damit die Rettung aller. Ich habe mich deshalb heute entschlossen, das Schicksal und die Zukunft des Deutschen Reiches und unseres Volkes wieder in die Hand unserer Soldaten zu legen.

Möge uns der Herrgott gerade in diesem Kampfe helfen!«

(Adolf Hitler in einer Proklamation am 22. Juni 1941)

3

Berlin-Charlottenburg, Tanz-Kabarett »Kakadu« an der Kreuzung Ku’damm / Joachimsthaler Straße

23:10 Uhr

Gestapo.

Auch das noch. Ausgerechnet jetzt, außerhalb der Sperrstunde. Und mitten im größten Trubel.

Momentan blieb ihm wirklich nichts erspart.

Emil Leschek, Türsteher im Tanz-Kabarett »Kakadu«, kannte sich mit Menschen aus. Ein prüfender Blick, der übliche Small Talk, eine scherzhafte, bei Bedarf frivole Bemerkung. Das reichte, um zu wissen, wen man vor sich hatte. Und um sich in Zeiten wie diesen über Wasser zu halten.

In seinem Metier, das lehrte die Erfahrung, durfte man keine Schwäche zeigen. Ein Moment der Unachtsamkeit, und schon hatte man das Nachsehen, will heißen die Kugel einer Parabellum im Kopf. Auch wenn die Nazis das Gegenteil behaupteten, im Vergleich zu den wilden Zwanzigern, als Emil noch groß im Geschäft war, hatte sich diesbezüglich nichts geändert. Damals, vor zwölf, dreizehn Jahren, als Schießereien mit den Bullen an der Tagesordnung waren, wurde unter seinesgleichen nicht lange gefackelt, und wer in der Halbwelt etwas galt, ging in der Plötze ein und aus. Kein Tag, an dem das Überfallkommando nicht ausrücken musste, kein Monat, in dem es nicht gleich mehrere Schlägereien gab. Wildwest in Wilmersdorf, die Schlagzeile traf den Nagel auf den Kopf. Freund und Feind, das heißt Syndikate und Polente, waren nicht immer genau zu unterscheiden, und wer in wessen Sold stand, darüber gingen die Meinungen auseinander. Besser, man behielt seine Gedanken für sich, und, wichtiger noch, man traute niemandem über den Weg. Vorsicht war nun mal die Mutter der Porzellankiste, und Menschenkenntnis das A und O. Nur so, mit einem ganz speziellen Riecher, ahnte man schon im Voraus, was die Stunde geschlagen hatte.

Wie in diesem Moment, als sich das selbstgefällige Kommissgesicht in sein Blickfeld schob.

Gestapo.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt.

Leschek, Kiez-Legende und in Kreisen der Halbwelt als Hantel-Emil bekannt, brach der Schweiß aus sämtlichen Poren. Der gebürtige Weddinger hasste alles, was auch nur nach Braunhemd roch, allen voran den Ortsgruppenleiter, mit dem ihn eine innige Antipathie verband. Vor allem aber hasste er die Leute, die vor ihm kuschten, fast so sehr wie die Schergen im dunklen Ledermantel, die jeden Befehl, egal wie verbrecherisch, ohne Wenn und Aber befolgten.

Aus seiner Meinung, die ihm wiederholt Scherereien einbrachte, machte der Türsteher im »Kakadu« kein Geheimnis. Vor zehn Jahren, als der Ku’damm die Bezeichnung »Amüsiermeile« noch verdiente, war er in eine Messerstecherei mit einem Sturmtrupp der SA geraten. Dabei hatte der Zweieinhalb-Zentner-Mann ein Auge eingebüßt, was die Antipathie gegenüber Braunhemden auf die Spitze trieb. Alles, was mit dem Regime zu tun hatte, war für den Koloss mit der blank polierten Glatze ein rotes Tuch, trotz Sondermeldungen von der Ostfront, die seinen Kiez in einen wahren Taumel versetzten.

»Bedaure, der Herr«, ließ Emil den Beamten vor der Tür mit ausgesuchter Höflichkeit wissen, warf einen beiläufigen Blick auf seine Dienstmarke, die attestierte, dass es sich um einen Mitarbeiter der Gestapo handelte, und dachte nicht daran, vor der Geheimpolizei zu kuschen. »Aber heute Abend haben wir geschlossen. Private Feier, tut mir leid.«

Der vordere der drei Männer, die sich um das vergitterte Schubfenster scharten, blinzelte amüsiert. »Na schön«, gab das blutleere Kommissgesicht zurück, kräuselte die gespaltene Oberlippe und bemühte sich, den aufkeimenden Jähzorn zu unterdrücken. »Wie Sie sich denken können, Herr …«

»Sie können ruhig Emil zu mir sagen«, gab der Türsteher mit naivem Lächeln zurück, von dem ein Stan Laurel noch hätte lernen können, betätigte den Alarmknopf neben der Tür und mühte sich redlich, gute Miene zu bösem Spiel zu machen.

Antipathie hin oder her, mit der Gestapo legte man sich nach Möglichkeit nicht an. Acht Jahre Terror hinterließen ihre Spuren, selbst bei ihm, der behauptete, ihn haue so schnell nichts um. Ob als Kraftmensch im Varieté Scala, ob als Amateurboxer oder Geldeintreiber für diverse Syndikate, die in den 20-er Jahren den Ton angaben, ob als Rausschmeißer in anrüchigen Etablissements, von denen die meisten schon lange dichtgemacht hatten, das Original mit der polierten Platte hatte eine schillernde Karriere vorzuweisen. »Das tun hier nämlich alle so.«

Dass ihm sein Herz immer häufiger zu schaffen machte, darüber machte er sich schon Gedanken. Auch deshalb tat Emil Leschek genau das, was jeder andere in seiner Situation getan hätte: Er schaltete einen Gang zurück, im Wissen, dass Heydrichs Henker am längeren Hebel saßen. »Wissen Sie, meine Chefin, die Frau Pommerenke, also die Lola, die kann Extratouren auf den Tod nicht ausstehen, Sie müssten mal sehen, wenn die alte Dame ungemütlich wird, dann ist alles zu spät, das kann ich Ihnen sagen. Unter uns, wenn ich Sie wäre, ich würde die Sache auf sich beruhen lassen, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn die Chefin aus den Pantinen kippt. Mit der Erna ist wirklich nicht zu spaßen, ob Sie es mir glauben oder …«

»Genauso wenig wie mit mir, stellen Sie sich vor!«, fuhr ihm der mittelgroße Brillenträger in die Parade, dessen Blick an einen Leguan auf Beutezug erinnerte, reckte den Kopf, als wolle er das Manko an Körpergröße wettmachen, und stierte Leschek mit hervorschnellender Zungenspitze an. »Wie immer Sie auch heißen mögen, wenn Sie nicht sofort die Tür aufmachen, bekommen Sie es mit mir zu tun. Damit das klar ist, wir können auch anders. Entweder Sie tun, was Ihnen gesagt wird, oder wir lochen Sie ein, bevor Sie oder die Asozialen da drin Piep sagen können. Was das bedeutet, überlasse ich Ihrer Fantasie. Mit Typen wie Ihnen fackeln wir nicht lange, lassen Sie sich das gesagt sein. Vorschlag zur Güte: Falls Sie sich verändern möchten, wir sind Ihnen bei der Suche behilflich.« Im Gesicht des Schnüfflers breitete sich ein Lächeln aus. »Es geht doch nichts über Arbeit an der frischen Luft, finden Sie nicht auch? Im Kreise von Gleichgesinnten, das versteht sich ja wohl von selbst, Kost, Logis und Körperertüchtigung inklusive. Wie sieht es aus, wäre das nichts für Sie? Falls Sie Interesse haben, lassen Sie es mich wissen. Ein Wort genügt, und Sie sind dabei!«

»Schönen Dank auch, der Herr – kein Bedarf.«

»Na, wenn das so ist, wären wir uns ja einig«, knurrte der Vertreter der gefürchteten Geheimpolizei zurück, von einem Durchschnittsberliner so gut wie nicht zu unterscheiden. Breitkrempiger dunkler Hut, dazu passender Anzug, Parteiabzeichen auf dem Revers, dezente, schwarzweiß gestreifte Krawatte. Genau so stellte man sich den dienstbeflissenen Henkersgehilfen vor, wie geschaffen, missliebige Subjekte aus dem Weg zu räumen. Und selbst Leschek, der ein Gemüt wie ein Fleischwolf besaß, das Fürchten zu lehren. »Wären Sie jetzt vielleicht so gut, die Tür aufzumachen? Wir sind in Eile, müssen Sie wissen.«

»Darf man fragen, aus welchem Grund …«

»Na, Sie haben vielleicht Nerven!«, fuhr der Geheimpolizist dazwischen, einen Schmiss auf der linken Wange, was das Bild, das man sich von einem Sadisten machte, abzurunden schien. »Ich schlage vor, Sie halten sich aus allem raus, dann bekommen Sie auch keine Scherereien. So, und jetzt wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie sich den Heckmeck verkneifen würden. Damit Sie Bescheid wissen, bei mir können Sie mit Ihrer Unschuldsmasche nicht landen.«

Die Hand auf der Klinke, ließ Emil den ungebetenen Besuch passieren, deutete auf die mit rotem Samt ausgekleidete Treppenflucht, die ins Souterrain des mondänen Etablissements führte, und folgte dem Greiftrupp auf dem Fuß. Die Kandelaber an der Wand sandten mattrote Strahlen aus, und während er versuchte, mit dem wortkargen Dreigestirn Schritt zu halten, schienen sich die Silhouetten der Agenten in nichts aufzulösen.

Der Türsteher stieß einen gedämpften Seufzer aus. Egal wo, das Faustrecht war auf dem Vormarsch, und es gab niemanden, der es wagte, sich den Menschenschindern zu widersetzen, geschweige denn gegen das Unrecht vorzugehen. »Ich will ja nichts sagen, Herr …«

»Kriminalobersekretär, falls Sie es genau wissen wollen.«

»Ich will ja wirklich nichts sagen, aber wenn Sie nach Vergewaltigern oder Serienmördern suchen, sind Sie bei uns falsch.«

»Wie bitte?« Auf halbem Weg nach unten, wo ihm eine Pforte aus Mahagoni den Weg versperrte, machte der Anführer des Greiftrupps kehrt. »Sag das noch mal, Presssack!«

Lescheck hätte sich ohrfeigen können. Doch für Vorwürfe an die eigene Adresse, wiewohl berechtigt, war es jetzt zu spät. Der Kraftmensch von einst, Ende der 20-er die Hauptattraktion im Varieté Wintergarten, sackte in sich zusammen.

Ins Fettnäpfchen getreten, wieder mal. Typisch für ihn. Er konnte einfach nicht die Klappe halten. Ein Manko unter vielen, aber mit Sicherheit das größte. Und ein Ausrutscher mit Folgen, fragte sich nur, mit welchen.

»Was denn?«

»Stell dich nicht dümmer, als du bist, du Schießbudenfigur. Was du gesagt hast, will ich wissen!«, brüllte der Gestapo-Beamte im Stil eines Feldwebels los, senkte den Blick und stierte Leschek über die Ränder seiner Bürokratenbrille an. »Aber dalli, sonst nehmen wir dich in die Mangel, bis die Zähne in deinem Ganovenarsch Klavier spielen!«

Alle Neune, jetzt hatte er den Salat.

Der Türsteher atmete hektisch durch, und wie um das Desaster perfekt zu machen, in das er sich dank seiner Unbedachtheit hineinmanövriert hatte, griff der Gestapo-Agent zur Waffe.

Warum hatte er nicht einfach die Klappe gehalten. Warum nur. Dann wäre ihm das hier erspart geblieben. Und manch anderes, was ihm blühte, mit dazu.

»Na los, sonst puste ich dir deinen Quadratschädel weg!« Starr vor Schreck, fokussierte Leschek den Schalldämpfer einer Walther PPK, die Hand auf dem polierten Kahlkopf, auf dem sich eine Lache aus Schweißperlen bildete.

»Mach’s Maul auf, oder ich muss ein bisschen nachhelfen!«

An sich gab es für Emil zwei Möglichkeiten, die erste ein Akt der Vernunft, wenngleich seiner nicht würdig, die zweite der schiere Wahnsinn, der Anfang vom sicheren Ende. Entweder er überwand den Groll, der sich in ihm zusammenbraute, gab klein bei und zog letztendlich den Kürzeren, was am Abtransport ins Café Heydrich zwecks Sonderbehandlung nichts geändert hätte, oder er hörte auf seinen Instinkt, der ihm riet, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.

Endstation Prinz-Albrecht-Straße, Rückfahrkarte nicht vonnöten.

Oder KZ Sachsenhausen, kam ganz drauf an.

Schöne Aussichten, oder nicht?

»Sag mal, bist du taub, oder was? Ich hab dich was gefragt, Fettklops, raus mit der Sprache!«

»Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe keine Ahnung, wovon Sie spre…«

»Und ob du sie hast, halt mich bloß nicht für bekloppt. Ihr Ganoven steckt doch alle unter einer Decke, davon kann man ja wohl ausgehen.« Flankiert von seinen Handlangern, die Lescheks Arme auf den Rücken wuchteten, um dem Zwei-Meter-Riesen Handschellen anzulegen, trat der Anführer des Greiftrupps auf den Türsteher zu. »Ich sag’s nicht noch mal: Entweder du packst jetzt aus, oder du kannst deine Zelte im KZ aufschlagen. Also: Was weißt du über den S-Bahn-Mörder, raus mit der Sprache, sonst drehen wir dich durch die Mangel, dass dir Hören und Sehen vergeht!«

»Nichts«, beteuerte Leschek, wohl wissend, dass dies auch nicht annähernd der Wahrheit entsprach. Das Gerücht, ein Serientäter laufe frei herum und habe bereits mehrere Frauen auf dem Gewissen, ohne dass die Kripo eine heiße Spur gefunden habe, machte seit längerem die Runde, zuerst unter dem Personal der Reichsbahn, wo die Mutmaßungen nur so ins Kraut schossen, in der Folge aber auch dort, wo der Mörder über die Frauen hergefallen war. Allein drei von insgesamt vier Getöteten, die auf das Konto des berüchtigten Killers zu gehen schienen, waren von Letzterem brutal vergewaltigt und im Umkreis von wenigen Kilometern aufgefunden worden. Emil, derzeit wohnhaft in Friedrichsfelde, wo sein Schwager als Rangierer tätig war, hatte als einer der Ersten von den Gräueltaten erfahren, begangen zwischen Erkner und dem Ostkreuz, zumeist nachts und in einem Waggon zweiter Klasse. Die Details, insofern sie der Wahrheit entsprachen, ließen selbst hartgesottene Naturen erschaudern.

Der Mörder, so wurde hinter vorgehaltener Hand kolportiert, stelle alles Bisherige in den Schatten. Auch das, was Berlin an Abscheulichkeiten aufzuweisen habe. Aus Angst, ins Visier der Gestapo zu geraten, hielten sich die Eingeweihten zwar bedeckt, allen voran die Kollegen im Milieu. Dennoch war durchgesickert, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Sittenstrolch handelte, sondern um einen Psychopathen, der seinen Opfern schwere Verstümmelungen zufügte. Details so recht nach dem Geschmack der Acht-Uhr-Blätter, die ihre Leser mit dem neuesten Klatsch und Tratsch versorgten, und geeignet, die Gerüchteküche zum Brodeln zu bringen.

Dabei, das heißt bei makabren Mutmaßungen, war es jedoch geblieben. In den Zeitungen war kein Wort über die Mordserie zu lesen gewesen, und das, wie Emil zu Recht vermutete, nicht ohne Grund. Die Nazis hatten es sich nun mal in den Kopf gesetzt, in Berlin für Recht und Ordnung zu sorgen, mit einigem Erfolg, das musste ihnen der Neid lassen. Ein Serientäter, der nach Belieben meucheln, vergewaltigen und seine Mordfantasien an wehrlosen Opfern abreagieren konnte, so etwas konnte folglich nicht passieren. Was nicht sein durfte, das durfte nun mal nicht sein. Stand doch nicht nur der Ruf der Polizei auf dem Spiel, die nach wie vor im Dunkeln tappte, sondern auch das Ansehen des Regimes, das sich damit brüstete, für Recht, Ordnung und die Reinhaltung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft zu sorgen.

Ein Name für den Täter war indes schnell gefunden und binnen kurzem in aller Munde. Der Werwolf, behaupteten diejenigen, die über das nötige Quäntchen Fantasie verfügten, habe es vor allem auf junge Frauen abgesehen. Und zwar auf solche, deren Lebenswandel erheblich zu wünschen übrig ließ. Lebedamen oder nicht, an der Tatsache, dass der Täter mit nie dagewesener Brutalität zu Werke ging, bestand laut Flüsterpropaganda kein Zweifel. Kein Wunder also, dass die Gestapo Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um auf die Spur des vermeintlichen Monstrums zu kommen. Und sei es nur, um der Kripo eine lange Nase zu drehen.

Wie Emil aus verlässlicher Quelle wusste, war zwischen den Konkurrenten ein erbitterter Wettstreit ausgebrochen, bei dem die Kripo allmählich ins Hintertreffen geriet. Beide indes, sowohl die Schergen Heydrichs als auch die Ermittler im Präsidium, verfolgten das gleiche Ziel, wiewohl mit gänzlich unterschiedlichen Motiven. Um wen auch immer es sich bei dem geheimnisumwitterten Werwolf handelte, es war an der Zeit, dass etwas geschah. Je länger sich das Monstrum auf freiem Fuß befand, desto rascher würde die Unruhe unter den Berlinern um sich greifen.

Halb Berlin in Panik, für die Nazis der reinste Albtraum.

Und für die Gestapo die Blamage schlechthin.

»Nichts?«, echote der Anführer des Greiftrupps, die Hand am Abzug seiner Dienstwaffe, deren Mündung er auf Lescheks Stirn presste. »Und du bist dir da auch wirklich sicher?«

»So ziemlich.«

»Dein letztes Wort?«

»Mein allerletztes, ob Sie es glauben oder nicht.«

Die Miene des Leguans gefror zu Eis.

»Na schön, du hast es so gewollt!«, stieß Lescheks Gegenüber mit tückischem Zischeln hervor und bedeutete seinen Handlangern, Hantel-Emil nach draußen zu eskortieren. »Den heben wir uns für später auf – abführen. Und über Funk Verstärkung anfordern, aber dalli!«

»Einen Moment noch.«

»Was ist, Rübezahl, du hast es dir doch nicht etwa anders überlegt?«, machte der Scherge von Himmlers Gnaden aus seiner Verachtung keinen Hehl, die Waffe immer noch in der Hand, um im Notfall Gebrauch davon zu machen. »Was glotzt du so bedröppelt aus der Wäsche, Angst vor der eigenen Courage?«

»Weder davor noch vor dir, du halbe Portion – wie käme ich dazu. Und was deine beiden Gorillas angeht, die erledige ich mit links. Was meinst du, wie groß wären eure Chancen, wenn ich keine Handschellen anhätte, eins zu eins, eins zu hundert, eins zu tausend oder eins zu einer Mil…«

Er konnte einfach nicht die Klappe halten. Dieses Manko, auf das er noch nie so stolz gewesen war wie heute, sollte den 58-Jährigen das Leben kosten.

Das Letzte, was Hantel-Emil spürte, war die Spitze einer Injektionsnadel, die sich tief in die rechte Hüfte bohrte, ein untrügliches Zeichen, dass er übers Ziel hinausgeschossen war.

Blieb also nur, die Augen zu schließen. Und sich selbst zu seinem Entschluss zu gratulieren, so folgenreich er auch gewesen war.

Ein Abgang nach Maß, schoss es ihm in einem Anflug von Vergnügtheit durch den Kopf, dagegen gab es ja wohl nichts einzuwenden. Er hatte sich entschieden zu weit aus dem Fenster gelehnt, und wie unter seinesgleichen üblich, bekam der Koloss vom Bergmannkiez die Rechnung präsentiert. Eins freilich hatte er jedoch bis heute für sich behalten, nämlich dass es mit seiner Pumpe aufgrund seines Übergewichts nicht zum Besten stand und dass er bis zum Abwinken Herztabletten schlucken musste, ohne die er längst einsachtzig tiefer gelandet wäre. Auf keinen Fall durfte man das in seinen Kreisen an die große Glocke hängen, andernfalls wäre man nicht für voll genommen worden. Stolze zweieinhalb Zentner, auf knapp zwei Meter Körpergröße verteilt. In Kombination mit seiner Vorliebe für Hochprozentiges und Havannas ein Vabanquespiel par excellence.

Doch damit, will heißen mit russisch Roulette á la Emil, war es unwiderruflich vorbei. Leschek hatte seine Entscheidung längst getroffen, und wie ihm erst jetzt, im Angesicht seines Peinigers, klar wurde, waren die Würfel bereits vor Monaten gefallen.

Wenn schon einen Abgang machen, schoss es ihm durch den Sinn, als er binnen Sekunden in sich zusammensackte, dann wenigstens mit Stil.

Das war er seiner Ganovenehre schuldig.

Denn einer, so lautete sein letzter Gedanke, musste schließlich den Anfang machen. Sonst würden die Henker dieser Welt die Oberhand gewinnen.

Und das durfte auf keinen Fall passieren.

*

»Na, wie geht’s uns denn so, schöner Mann?«, gurrte Bijou, Animierdame im »Kakadu«, dem Stammgast an der Bar im Souterrain ins Ohr, bei dem ihre Avancen auf taube Ohren stießen. »Was ist, gibst du mir einen aus?«

Die Antwort auf die Offerte blieb aus. Heute, viereinhalb Wochen nach seiner Beförderung, hatte der schlaksige junge Grübler andere Sorgen. Kommissar bei der Kripo Berlin, schon als Pennäler war das sein erklärtes Ziel gewesen. Um auf dem Laufenden zu sein, hatte er Artikel über Kriminelle gesammelt, im Berlin der 20-er keine Seltenheit. An erster Stelle rangierten dabei die Gebrüder Saß, Einbrecherkönige aus Moabit, gefolgt von den Ringvereinen, die keine Gelegenheit ausließen, die Polizei auf Trab zu halten. Ernst Gennat, Leiter der Mordinspektion mit der Bilanz von 298 aufgeklärten Tötungsdelikten, war sein absolutes Idol gewesen, und er hatte sich vorgenommen, dem legendenumwobenen Ermittler nachzueifern. In jenen Tagen, kurz bevor die Börse ins Taumeln geriet, zählten die Kommissare zu den Topstars der Gazetten. Kein Tag, an dem nicht ausgiebig über sie berichtet wurde, mitunter sogar mehrmals pro Woche. Und dann, für Heranwachsende unverzichtbar, gab es auch noch die Groschenhefte, eine wahre Fundgrube, was reale und fiktive Ganovenjäger betraf.

Heute, fünf Jahre und einen Monat nach seiner Versetzung zur Kripo, tickten die Uhren im Präsidium anders. Und beileibe nicht nur dort, sondern überall im Land. Mit dem Staat, so der verbreitete Flüsterwitz, war keiner mehr zu machen, und was den jungen Mann betraf, konnte er dem nur zustimmen. Damals, zu Zeiten eines Adolf Leib, Pate des organisierten Verbrechens, hatten sich die Ganoven in den Kaschemmen am Schlesischen Bahnhof herumgetrieben. Ab 1933, mit Beginn des sogenannten Dritten Reiches, residierten sie in den Ministerien, und man musste kein detektivisches Genie sein, um ihren Machenschaften auf die Spur zu kommen. Dumm nur, dass Reichsführer-SS Heinrich Himmler, einer der Drahtzieher im Syndikat des Schreckens, vor fünf Jahren zum Chef der Deutschen Polizei ernannt worden war. Zweifelsohne war damit der Bock zum Gärtner gemacht und die Kripo in den Dienst eines Systems gestellt worden, mit dem zumindest er nichts zu tun haben wollte.

»Wie es mir geht, willst du wissen? Hast doch Augen im Kopf, oder?« Eins hatte er begriffen: In einer Zeit, wo die Welt aus den Fugen geriet, war für Quertreiber wie ihn kein Platz, und er wunderte sich, wie er es fertigbrachte, bei der Kripo seinen Mann zu stehen. Im Grunde, das wurde ihm nach reiflicher Überlegung bewusst, hätte er längst Nägel mit Köpfen und sich so unauffällig wie möglich aus dem Staub machen sollen. Aus den Plänen, irgendwo anders neu anzufangen, war jedoch nichts geworden. Warum, das wusste er selbst nicht so genau. An den Ganoven im Braunhemd konnte es jedenfalls nicht liegen, denn die, wie im Übrigen auch ihre Claqueure, hatte er gefressen. Was ein echter Preuße war, als den er sich mit Vorliebe betrachtete, der fiel auf Latrinenparolen nicht herein, egal aus wessen Mund sie kamen.

»Du guckst ja so komisch, Sydow-Schatz, irgendwas nicht in Ordnung?«

»Von Sydow – Ordnung muss ja schließlich sein«, feixte der frischgebackene Kriminalkommissar zurück, an dem ein Raymond Chandler seine helle Freude gehabt hätte, signalisierte dem Barkeeper, dass er am Verdursten sei, und bestellte den dritten Gin in Folge, zum Verdruss der parfümierten Circe, die den markanten Duft von Quelques Fleurs verströmte. »Wie oft soll ich dir das eigentlich noch sagen, oh du blond toupierte Frau meiner Träume!«

»Schön wär’s.«

»Was denn, Süße?«

»Na, das mit der Traumfrau«, mokierte sich Bijou, eine auf Lolita getrimmte Blondine Anfang 20, die mit bürgerlichem Namen Hertha Krause hieß, saugte am Mundstück ihrer Juno, als ob sie seit Wochen keine Fluppe mehr geraucht hätte, und stocherte mit dem Strohhalm in ihrem Cocktailglas herum. Anders als erhofft biss Sydow jedoch nicht an und zeigte der Animierdame die kalte Schulter. »Aber danke für die Blumen, ob du es ernst gemeint hast oder nicht.«

»Keine Ursache, man tut, was man kann.« Wider sonstige Gewohnheiten war er nicht in der Stimmung, Süßholz zu raspeln, und das hatte auch seinen Grund. Im Präsidium war wieder mal die Hölle los gewesen, und nicht nur da, wie er zu seinem Leidwesen konstatierte. Auch in Liebesdingen lief es momentan nicht rund, ein Grund mehr, die Reminiszenzen an der Bar im »Kakadu« zu ertränken. Ein Glas Beefeater oder zwei, und schon sah die Welt wieder anders aus. Letztere war ohnehin schon kompliziert genug, vom Krieg, der nun schon fast zwei Jahre dauerte, nicht zu reden.

Im Gegensatz zu etlichen Kollegen war Sydow von einer Einberufung zwar verschont geblieben, aber damit hatte es sich dann auch schon gehabt. Die Siegeschancen, mit der Meinung stand er nicht allein, waren ohnehin gleich null, und es grenzte an Idiotie, das Wort überhaupt in den Mund zu nehmen. Was passierte, wenn am Ende auch noch die Amerikaner mitmischten, daran wollte Sydow lieber nicht denken. Er war hier, um sich zu amüsieren, wie so viele, die ahnten, dass ihnen das Lachen bald vergehen würde.

Falls es ihnen nicht schon längst vergangen war.

Da lobte er sich doch seine Arbeit, die lenkte ihn wenigstens ab. Mit der Fahndung nach dem S-Bahn-Mörder, die bei der Kripo hektische Aktivität ausgelöst hatte, hatte er zwar nur am Rande zu tun, aber das bedeutete nicht, dass er eine ruhige Kugel schob. Entgegen der Behauptung, die Kriminalität stehe vor dem Aus, konnte er sich über einen Mangel an Beschäftigung nicht beklagen. Die Kollegen von der SOKO Werwolf, auf Anordnung von Himmler aus der Taufe gehoben, bliesen ins gleiche Horn wie er. Bei der Fahndung nach dem Mörder drohte ihnen die Puste auszugehen, und wenn das so weiterging, bekäme die Kripo den Wind von vorn. Die Gestapo wartete nur darauf, den Fall an sich zu ziehen, und genau das galt es unter allen Umständen zu vermeiden.

Das Fazit war so unausweichlich wie einleuchtend, auch wenn niemand darüber sprach. Der Rest der Kollegen, vorwiegend jüngere Semester wie er, malochte, was das Zeug hielt. Und das, von amourösen Turbulenzen abgesehen, war auch der Grund, warum Sydow ein Glas nach dem andern leerte. Hin und wieder musste man auch mal auf den Putz hauen, so lautete die Losung für den Tag. Selbst dann, wenn man knapp bei Kasse war.

»Hallöchen, Herr Kommissar – ich rede mit dir. Ein Pfennig für deine Gedanken, schöner Mann!«

»Du wirst es nicht glauben, aber ich höre gut.« Typisch Hertha, sie ließ einfach nicht locker. Dabei wollte er doch nur einen auf Nostalgie machen, ohne Ringelpietz mit Anfassen, bei einem Glas Gin, um ein wenig abzuschalten. Oder bei einem halben Dutzend, je nachdem, welchen Verlauf der Abend nahm. »Und das mit dem schönen Mann will ich nicht mehr hören, kapiert? Wenn schon, dann Mister Universum – alles andere wäre Beamtenbeleidigung.«

»Deine Witze werden immer schlechter, hat dir das schon mal jemand gesagt?«

»Was soll’s, Schwamm drüber. Humor ist, wenn man trotzdem lacht«, gab Sydow zurück, in Gedanken beim nächsten Gin, der in Kürze fällig war. So aufregend wie während seiner Schulzeit, als das Nachtleben auf dem Ku’damm noch Stil hatte, würde der Streifzug durch die Kaschemmen zwar nicht werden, aber was das »Kakadu« betraf, gab es nichts zu meckern. Ein Blick auf die gerahmten Fotos, umgeben vom purpurroten Plüsch der Sitznischen, und alle, die in glücklicheren Tagen für Furore gesorgt hatten, waren wieder da. Fast schien es, als lebe die Zeit vor dem Börsencrash wieder auf, ein Grund mehr, das Hier und Jetzt außen vor zu lassen.

Damals, gerade mal 16 Jahre alt und Fan der Comedian Harmonists, hätte er einen Mord begangen, um an eine Karte für das Konzert im Scala zu kommen. Aber auch so konnte man über einen Mangel an Vergnügungen nicht klagen. Vom Geschmack einmal abgesehen, am Ku’damm kam man nicht vorbei. Dort gab es alles, was das Herz begehrte, von Kabaretts, Weinlokalen, Grillstuben, Austernbuden, Bars und Kinos bis hin zu legendären Treffs, allen voran das Romanische Café, wo sich die Crême de la Crême der Intellektuellen tummelte – oder alle jene, die sich dazu zählten. Cafés gab es dort wie Sand am Meer, auch solche mit Séparée, wie geschaffen für romantische Stunden zu zweit. Ob Josephine Baker, die Attraktion im Nelson-Theater, nur einen Katzensprung vom »Kakadu« entfernt, ob Asta Nielsen, Claire Waldoff, Emil Jannings oder Marlene Dietrich, die, wie könnte es anders sein, von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt war – der Vergleich mit heute fiel vernichtend aus.

Doch davon ließ sich die illustre Schar nicht unterkriegen. An der Bar, wo kontaktfreudige Nymphen nach Kundschaft lechzten, war kein einziger Platz mehr frei, und wer sich scheute, die Dame seiner Wahl zum Tanz aufzufordern, für den kamen die Tischtelefone wie gerufen. Aber auch Rudi Szabo, seines Zeichens Pianist, jenseits der 60 und Veteran aus der Stummfilm-Ära, die Haarsträhnen triefend vor Pomade, konnte sich über einen Mangel an Arbeit nicht beklagen. Krieg oder nicht, die Nachtschwärmer wollten sich amüsieren, und je länger der Abend dauerte, desto vehementer legte sich der Mann am Klavier ins Zeug. Die Tatsache, dass Rudi und der Saxofonist miteinander verbandelt waren, schien niemanden besonders zu stören, und wenn die beiden richtig loslegten, gab es auf der Tanzfläche aus Spiegelplatten kein Halten mehr.

»Na, dann mal prost, so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen.« Zum Feiern war Sydow eigentlich nicht zumute, trotz der Beförderung, mit der er nicht im Traum gerechnet hatte. Aber besser hier, sagte er sich, das mittlerweile vierte Glas Gordon’s in der Hand, als in seiner Junggesellenbude zu versauern. Im Beisein der Berliner Halbwelt, wo jeder beinahe jeden kannte, lebte es sich angenehmer als da draußen, fast wie unter Freunden, genau das Richtige für ihn. Die wahren Verbrecher, das wusste Sydow aus berufenem Munde, tummelten sich woanders, und wenn die Gerüchte stimmten, hatte Heydrich auch hier die Hand im Spiel. Die oberen Chargen, so wurde hinter vorgehaltener Hand kolportiert, verkehrten in speziell für sie eingerichteten Etablissements, in die normale Sterbliche keinen Fuß setzten. Verdiente Parteigenossen, Industrielle und hin und wieder Diplomaten, eine Mischung so recht nach dem Geschmack des RSHA, das die verwanzten Zimmer nach Belieben abhören und die Betroffenen bei Bedarf in die Enge treiben konnte.

Und das nannte sich dann Geheime Reichssache.

Al Capone und Konsorten ließen grüßen.

Eins stand somit fest: Hier, in der vermeintlichen Höhle des Löwen, hatte man sich zumindest einen Rest von Anstand bewahrt, was man von der Behörde, für die Sydow arbeitete, selbst unter Zuhilfenahme von Scheuklappen nicht sagen konnte. Die Tage eines Ernst Gennat, wo die Kripo aus integren Mitarbeitern bestand, waren unwiderruflich vorbei. Ohne Heydrich, Himmlers rechte Hand, rührte der Polizeipräsident keinen Finger, und ohne die Gestapo, die ihre Nase in alles hineinsteckte, was sie einen feuchten Schmutz anging, lief so gut wie überhaupt nichts mehr. Wie viele Spitzel sich in den Reihen der Mordinspektion tummelten, wollte Sydow lieber nicht wissen.

Ein Grund mehr, mit Verve über die Stränge zu schlagen.

Bijou, die ihn mit verzückter Miene musterte, schien dies nicht zu stören, zumindest tat die talentierte Süßholzraspel so. »Eine Ausstrahlung wie Valentino – und noch immer nicht unter der Haube, das soll mal einer verstehen.«

»Und das ist auch gut so, Schätzchen!«, gab Sydow im Brustton der Überzeugung zurück, bestellte sich das nächste Glas und betrachtete sein Konterfei im Barspiegel, der über die gesamte Breite des Tresens reichte. »Ich und verheiratet, das fehlte gerade noch!«

Der Vergleich mit Valentino hinkte, das war dem 28-Jährigen nur zu bewusst. Sydow war über 1,90 Meter groß, breitschultrig, stoppelbärtig und das exakte Gegenteil von einem Schönling, wie er auf der Leinwand oder im Varieté gang und gäbe war. Beinahe alles an dem gebürtigen Neuruppiner war markant, angefangen bei der Kinnpartie, in der sich eine gehörige Portion Sturheit widerspiegelte, die vor den Höhergestellten im Präsidium nicht Halt machte. Markant, um nicht zu sagen ungewöhnlich, waren auch die weit auseinanderliegenden Wangenknochen, die ungewöhnlich breite, mit Sommersprossen besprenkelte Stirnpartie und die opulenten rotblonden Brauen, Erbteil seiner englischen Mutter, mit der er seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Opulent und nach Meinung seiner Vorgesetzten entschieden zu lang war auch die rotblonde und nach hinten gekämmte Mähne. Sydow, auf die A-Promis in der Chefetage nicht gut zu sprechen, hörte darüber hinweg. Am nachhaltigsten, weil überaus einprägsam, wirkten die hellblau schimmernden Augen. Der Grund, weshalb auch Bijou alias Hertha Krause einen Narren an ihm gefressen hatte. »Und was wäre daran so schlimm, mein rotblonder Recke?«

»Tu dir das nicht an, Süße!«, wehrte der Kripobeamte mit erhobenen Händen ab, leerte das Glas und strich dem Fräuleinwunder über die Wange, auf der sich ein mit Hand aufgetragener Schönheitsfleck befand. Bijous geschlitzte Glitzerrobe, die an dem auffallend hageren Körper herumschlackerte, warf lange Falten, und er fragte sich, wie lange sie den Fummel wohl schon spazieren führte. »Du weißt nicht, wovon du sprichst.«

»Und ob ich das weiß«, gurrte Bijou alias Hertha Krause zurück, das für sie typische Lilian-Harvey-Lächeln und reichlich Rouge auf der bleichen Wange, mit dem sie die Spuren ihres Kokainkonsums kaschierte. »Mit Männern kenne ich mich aus, mein Schatz, das kannst du mir getrost glauben.«

»Allein schon von Berufs wegen, was?«, konterte Sydow, dessen Humor nicht jedermanns Sache war. Auch jetzt, mit reichlich Gin im Blut, konnte er den Scherzbold im Polizisten nicht verleugnen, im Verein mit seiner Berliner Schnauze die Gewähr, über kurz oder lang ins Fettnäpfchen zu treten. »Apropos, wo steckt denn eigentlich dein Zu… äh … Sorry, Zuckerpüppchen, ist mir nur so rausgerutscht. Wo steckt denn eigentlich dein Beschützer, wenn man fragen darf?«

»Der kann mich mal, falls du es genau wissen willst!«, fuhr die Nachtschwärmerin ihren sichtlich angeheiterten Konversationspartner an, der sich das Schmunzeln nur mit Mühe verkniff. »Aber wenn wir gerade dabei sind, mit Ava und dir ist doch alles in Ordnung?«

»Klar. Wieso fragst du?«

»Na, warum wohl – weil du einen Gin nach dem anderen kippst«, gab Bijou zurück, deren Mutterinstinkt die Oberhand über das Geschäftsgebaren gewann. »Liebeskummer hoch zehn, oder sehe ich das falsch?«

»Deine Anteilnahme in Ehren, Hertha – aber findest du, das geht dich etwas an?«

»Klar«, ahmte die Animierdame Sydow nach, nahm ihm das Glas aus der Hand, in das er sich gerade nachschenken ließ, und beförderte es außer Reichweite, bevor sie einen erneuten Anlauf nahm. »Und ob mich das etwas angeht. Irgendjemand muss ja auf dich aufpassen, sonst kommst du auf die schiefe Bahn.« Bijou kicherte lasziv in sich hinein. »Aber jetzt mal im Ernst, Tom: Das mit dir und Ava, das konnte einfach nicht gutgehen. Eine Varietétänzerin und ein Polyp von Adel, das passt wie die Faust aufs Auge. Weißt du, was ich denke?«

»Habe ich gerade richtig gehört: Du denkst?«

»Werd mir bloß nicht frech«, ließ sich die Provinzvenus nicht aus dem Konzept bringen, hob tadelnd den Zeigefinger und wedelte vor Sydows Gesicht herum. »Oder glaubst du, ich weiß nicht, wie wir Frauen ticken?«

»Dann lass mal hören, Hertha, ich bin ganz Ohr. Wer weiß, vielleicht lerne ich noch was dazu.«

»Regel Nummer eins: So wie du rumläufst, kannst du keinen Blumentopf gewinnen, schon gar nicht bei einer Dame, die etwas auf sich hält.«

»Klingt logisch.« Das Sakko von anno dazumal, die Krawatte zerknittert, um nicht zu sagen unansehnlich, der Hemdkragen offen und nicht gebügelt, weil er keinen Nerv für derartige Kinkerlitzchen hatte. Irgendwie hatte Bijou ja recht. »Und was, bitte schön, gibt es sonst noch an mir rumzumeckern?«

»Wer meckert denn an dir rum?«, entrüstete sich Bijou, schüttelte den Kopf und warf einen schicksalsergebenen Blick an die Decke, verziert mit einem künstlichen Sternenhimmel, der im Licht eines Kaleidoskops erstrahlte. »Also wirklich, mit euch Männern ist doch wirklich kein Staat zu machen!«

»Nimm dich in Acht, Hertha, sonst bekommst du es mit dem Führer zu tun. Du weißt ja, über Abstinenzler macht man sich nicht lustig. Was das betrifft, versteht die Gestapo keinen Spaß.«

Die Zigarettenspitze in der rechten Hand, die sie vor Schreck beinahe fallen ließ, rang die Nachtschwärmerin nach Worten. »Den meine ich auch nicht – und das weißt du ganz genau. Oder denkst du, ich habe Lust, im KZ zu landen? Anschaffen steht unter Strafe, dir als Bullen muss ich das nicht sagen.«

»Tut mir leid, Süße. War nicht so gemeint.«

»Du wirst lachen, das glaube ich dir sogar. Weißt du, was ich an dir so schätze, Süßer?«

Sydow atmete mit schicksalsergebener Miene aus. Er ahnte, was als Nächstes kommen würde, aber da er keinen Wert auf Lobeshymnen legte, hob er begütigend die Hand. »Versteh das bitte nicht falsch, Hertha, aber wenn es dir nichts ausmacht, hätte ich jetzt gern meine …«

Sydow kam nicht dazu, seinen Satz zu vollenden.

»Na, ihr zwee Turteltäubchen, so weit allet in Ordnung?« Erna Pommerenke, resolute Besitzerin des Kakadu und halb liebevoll, halb flapsig »Tante Lola« genannt, drückte den zerfledderten Rest ihrer Havanna aus, zog Sydow am Ohr und fügte mit rauchigem Timbre hinzu: »Mit dir stimmt doch wat nich’, Jungchen, kann det sein? Wie sagte mein Oller doch jleich? Haste Liebeskummer, bring ’ne schnelle …«

»Schönen Dank auch, Tante Lola, das baut mich wieder auf«, fuhr Sydow dazwischen, setzte ein Lächeln auf, wie es künstlicher fast nicht ging, und wartete ab, bis der Raucherhusten, vom dem die Maitresse de Plaisir geschüttelt wurde, wieder abgeklungen war. »Weißt du was? Wenn ich dich nicht hätte, könnte ich einpacken.«

»Dit haste aber schön jesagt«, gab die Betreiberin des Amüsierbetriebs zurück, über deren Werdegang die wildesten Gerüchte kursierten. Sie selbst, Ufa-Sternchen der ersten Stunde, hüllte sich wider sonstige Gewohnheiten in Schweigen. Die Vorboten des Alters, allen voran die tief liegenden Augenhöhlen, waren dennoch nicht zu übersehen. Auch die eingesunkenen Wangen, mit reichlich Rouge übertüncht, sprachen eine deutliche, von einem Leben mit Höhen und Tiefen zeugende Sprache. Einzig der wohlwollende, gleichwohl wachsame Blick, mit dem sie ihre Kundschaft im Vorbeigehen musterte, zeugte davon, dass sie den Ruf, der ihr vorauseilte, nicht zu Unrecht besaß. Erna Pommerenke, passionierte Kettenraucherin mit einer Vorliebe für Cognac aus dem Hause Courvoisier, hielt im Milieu die Fäden in der Hand, und wer klug war, rührte nicht daran. »Komm her, lass dir knuddeln, du langer Lulatsch. Den Schwitzkasten haste dir verdient.«

»Du bist so gut zu mir, ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.« Kein Freund von Gefühlsbekundungen, fügte sich Sydow ins Unvermeidliche. »Und wie sieht’s aus, Tante Lola – so weit alles in Butter?«

»Igitt, dit kratzt ja wie der Teufel, könntest dir ruhig mal wieder rasieren! So kannste bei die Mädels hier nich landen, lass dir dit jesagt sein.«

»Muss auch nicht sein, hab auch so schon genug am Hals.«

»Jetzt tu mal nich so, so viel Zeit wirste ja noch haben.« Tante Lola richtete sich kopfschüttelnd auf. »Ob alles in Butter is, willste wissen? So ziemlich, würde ick sagen. Wäre der Krieg nich, würde es noch viel besser laufen. Du weeßt ja, wie dit mit den Nazis ist. Für die sind wir der letzte Dreck, dabei habense selbst genug davon am Stecken. Unsereins als Volksschädlinge hinstellen, die haben es jerade nötig. Gegen die sind wir die reinsten Waisenknaben, lass dir dit jesagt sein. Beispiel gefällig, Herr Kommissar?«

»Ich bitte darum, Frau Wirtin.«

»Ick weeß dit nur über fünf Ecken, aber ick bin mir sicher, an den Gerüchten is wat dran.«

»Betreffs wen?«

»Vergiss es, Schätzchen – Namen kriegste von mir nich zu hören.« Auf der Hut vor Lauschern, beugte sich Tante Lola über den Tresen, winkte Sydow zu sich heran und zischte: »Ick weeß ja nich, wie viel davon bis zu de Kripo durchjedrungen is, aber wat man aus Polen so zu hören bekommt, dit hält man einfach nich für möglich.«

»Die Zustände sind nicht so, wie sie sein sollten – ich weiß.«

»Gelinde ausjedrückt. Mit anderen Worten, die Parteibonzen raffen allet zusammen, was nich niet- und nagelfest is. Schließlich möchte man den Gattinnen wat bieten, denn wer will schon jern im Generalgouvernement versauern. Krakau soll ja ’ne schöne Stadt sein, aber damit ist es bekanntlich nich jetan. Du verstehst, wat ick damit zum Ausdruck bringen will?«

Und ob Sydow verstand. Gerüchte, die Frau des Generalgouverneurs schwelge geradezu im Luxus, waren von Krakau bis ins Präsidium vorgedrungen. Sogar Parteigenosse Himmler, so wurde kolportiert, sei mittlerweile hellhörig geworden, und das wollte bekanntlich etwas heißen.

»Wie schön.« Die Lebedame lächelte süffisant. »Und jetzt kommt ausgerechnet dieser Goebbels daher und stellt uns hin, als ob wir hier der Abschaum der Menschheit wären. Volksschädlinge, Gewohnheitsverbrecher, Kriegsgewinnler, Profiteure, Saboteure an der Heimatfront: Nich jerade schmeichelhaft, oder wat sagt der Herr Kommissar dazu?«

»Dem bleibt die Spucke weg, je älter er wird, desto mehr.«

»Mir auch, stell dir vor. Das bisschen Schwarzhandel, ick bitte dir! Davon kann man doch nich reich werden. Wat kann ick denn dafür, wenn die Fressalien rationiert worden sind. Doch wohl überhaupt nüscht, oder? Hätten die da oben nich mit allen Zores angefangen, könnten wir de Bezugsscheine einmotten. Aber nee, der Führer kriegt den Kanal ja nich voll, legt sich neuerdings auch noch mit dem Iwan an. Das soll mal einer verstehen, icke jedenfalls nich. Und wat die Tommys anjeht, eins lass dir jesagt sein: Zappenduster is bei denen noch lange nich, einer wie Churchill lässt sich so schnell nich unterbuttern. Die Retourkutsche kommt bestimmt, machen wir uns nüscht vor. Und dann gnade uns Gott, dann wird hier keen Stein mehr auf dem andern bleiben. Das mit den Angriffen auf London, das werden uns die Tommys nich verzeihen. Die haben ein gutes Jedächtnis, wenn es drum jeht, offene Rechnungen zu begleichen. Die sind verdammt zäh, aber wem sage ick das.«

»Eben. Hab ja selbst ein bisschen davon abgekriegt.«

»Aber nur ein bisschen, deinem alten Herrn sei Dank!«, flachste Sydows Gesprächspartnerin zurück, stets mit von der Partie, wenn es darum ging, sich um Kopf und Kragen zu reden. »Kriegswirtschaftsdelikte, wenn ick das schon höre. Ick will dir mal wat flüstern, Süßer: Wenn die da oben so weitermachen, jehen wir alle miteinander die Spree runter.«

»Ich fürchte, da kann ich dir nicht widersprechen.«

»Und deshalb: Wat die Leute nich kriegen, um sich ein paar schöne Stunden zu machen, dit bekommen sie von uns. Wo, bitte schön, liegt denn das Problem? Und jetzt tun die Nazis so, als ob sie die Ehrlichkeit mit der Muttermilch einjesogen hätten, machen einen auf Hilfssheriff und wollen mir weismachen, dass Tauschhandel strikt geahndet werden muss. Als ob wir nich schon jenuch Probleme an der Backe hätten. Von wegen Verstoß gegen die Rationierungs- und Bewirtschaftungsvorschriften, dass ick nich lache. Ick sag dir eens, Schätzchen: Seit die dran sind, geht es mit dem Land bergab. Unsereinem steigen sie in die Hacken, und woanders hat die SS keine Skrupel, unschuldige Menschen über die Klinge …« Im Begriff, mit der geballten Faust auf die Theke zu hauen, brach die ungekrönte Königin der Halbwelt ab. »Aber wat soll’s, ick will mir nich beklagen«, fuhr sie nach einem kräftigen Schluck aus dem Cognacschwenker fort, beinahe schon kleinlaut, wie Sydow nach einem unauffälligen Rundblick registrierte. »Ick will es mal so sagen: Solange mir deine Kollegen von der Sitte nich auf die Bude rücken, solange läuft der Laden weiter. Lief schon mal besser, da verrate ick dir keen Jeheimnis.«

»Und sonst – irgendwas in petto für mich?«

»Drücken wir’s mal so aus, im Westen nichts Neues«, gab Erna Pommerenke zurück, richtete sich zu voller Größe auf und justierte das weinrote Stirnband, in dem eine lackierte Zierfeder steckte. »Und bei euch am Alex, auch dort allet in Butter?«

»Schön wär’s.«

»Mit anderen Worten, dit Dreckschwein läuft immer noch frei rum.«

»Falls du den S-Bahn-Mörder meinst – leider ja.« Sydow atmete nachdenklich durch. »Vier Morde in Folge, das macht ihm so schnell keiner nach.«

»Da haste recht, schlimmer jeht es wirklich nich.«

»Ach, weißt du, Tante Lola, da gibt es noch ganz andere. Falls du verstehst, was ich meine.«

»Darf ick dir einen mütterlichen Rat geben, Jungchen?«

»Du doch immer.«

»Wenn du nich in der Plötze landen willst, reiß dir nach Möglichkeit am Riemen. An mir solltest du dir keen Beispiel nehmen, ick kann einfach nicht anders. Aber du, junger Mann, du hast dein Leben noch vor dir, du kannst es zu wat bringen. Wenn ick dir also einen Rat geben kann, trau niemandem über den Weg, die Gestapo ist überall. Besonders da, wo du sie nich vermutest.«

»Wem sagst du das.« Sydow lächelte gequält. »Vier Morde, in immer kürzeren Abständen. Wenn das so weitergeht, nimmt uns niemand mehr für voll.«

Die mütterliche Ratgeberin pflichtete ihm bei. »Da kannste recht haben, Süßer. Wäre ick ein Bulle, ick käme mir total bescheuert vor. Vier Morde, einer brutaler als der nächste. Und der Irre läuft immer noch frei rum. Von einer Spur oder einem Verdächtigen nich zu reden. Effektivität gleich null, trotz Großaufgebot der Polente.« Die Patin der Kleinkriminellen winkte ab. »Der Dreckskerl macht anscheinend, wat er will, so wat hältste ja im Kopf nich aus.«

»Wie wahr, Tante Lola«, erwiderte Sydow gedehnt, kurz davor, ein weiteres Glas Beefeater zu bestellen. »Wie wahr.« Wider Erwarten blieb die Order jedoch aus, nicht etwa aufgrund mangelnder Kondition, sondern aus Unlust der speziellen Art. Der Spaß am Trinken war dahin, kein Wunder, wenn man so viele Promille intus hatte wie er.

Eins aber stand für Sydow fest, ob man es wahrhaben wollte oder nicht. In der an Skandalen nicht eben armen Kriminalhistorie von Berlin hatte sich die Kripo einmal mehr nicht mit Ruhm bekleckert. An der Erkenntnis, so schwer sie ihm auch fiel, kam er auch heute nicht vorbei. »So gern ich es täte, aber in dem Punkt hast du recht.«

»Ick weeß.«

Es war wie verhext. Anders konnte man es nicht sagen. Nach Monaten intensiver Fahndung befand sich der Mörder immer noch auf freiem Fuß. Wobei die Chancen, dass sich daran etwas ändern würde, so gut wie gegen null gingen. Das Phantom, hinter dem sie herjagten, konnte schalten und walten, wie es wollte. Das und manch anderes, was die Fahndung nach dem S-Bahn-Mörder betraf, war nicht von der Hand zu weisen. »Aber wenn wir gerade über den Phantom-Killer reden, ich bin für jeden Hinweis dankbar. Diskretion Ehrensache, das weißt du ja.«

»Tut mir leid, mein Junge, aber ick fürchte, ick kann euch da nich weiterhelfen.«

»Hand aufs Herz, Tante Lola: Kannst du nicht oder willst du nicht?«

»Mit Wollen hat das nüscht zu tun, fürchte ick.« Erna Pommerenke, für Sydow eine Art Mutterersatz, tat so, als habe sie die Veränderung in seinem Tonfall nicht bemerkt. »Sondern damit, dass die Jungs und icke im Dunkeln tappen. Janz ehrlich, wir haben keenen blassen Schimmer, um wen es sich bei dem Perversling handelt. So leid es mir für dich tut, mehr kann ick dazu nich sagen. Apropos, wenn wir gerade dabei sind: Für meine Leute lege ich die Hand ins Feuer, die tun so wat nich. Wehrlosen Frauen auflauern und wie ein Tier über sie herfallen, das ist ja wohl das Letzte. Damit möchte ick nüscht zu tun haben – und die Mitglieder im Klub der Volksschädlinge auch nich. Die Jungs und ich, wir alle stehen vor einem Rätsel, das kannst du mir getrost glauben.«

»Die Kollegen und ich auch. Das ist ja gerade das Problem.«

»Siehst du, dann haben wir ja wat gemeinsam«, platzte die Grand Dame des Milieus heraus, urplötzlich von einer dichten Nebelwand verschluckt, die von einer angerauchten Havanna stammte. Die Ärzte hatten ihr zwar geraten, kürzerzutreten, aber darüber konnte die Kettenraucherin nur lachen. »Tante Lola und die Kripo im selben Boot, wer hätte das gedacht. Dass ich das noch erleben durfte, in meinem vorgerückten Alter. Aber Scherz beiseite, ich werde tun, was ich kann. Versprochen, Herzchen, ich kümmere mich darum.«

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18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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244 стр. 8 иллюстраций
ISBN:
9783839266465
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