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Uwe Ittensohn
Festbierleichen
Kriminalroman

Zum Buch
Rhein-Neckar-Pfalz-Krimi Am Strand der Ludwigshafener Parkinsel findet man einen abgetrennten Finger, ein dort ansässiges Chemieunternehmen wird bestohlen und ein Wachmann der Mannheimer Eichbaum-Brauerei stirbt unter mysteriösen Bedingungen. Handelt es sich um Einzelfälle und die übliche Polizeiroutine oder gibt es etwa einen Zusammenhang zwischen den Fällen? Und dann geht auch noch ein Erpresserschreiben bei der Speyerer Bürgermeisterin ein. Das Bier für das Brezelfest soll vergiftet werden. Alle Stränge scheinen auf dem größten Bierfest am Oberrhein zusammenzulaufen. Bei der Wahl zur Brezelkönigin ist ein mysteriöser Fremder unter den Zuschauern, der alles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Mehr und mehr wird klar, dass der Fall weitaus verstrickter ist, als zunächst erwartet. Sind es ein oder mehrere Täter? Und welche Rolle spielt der Fremde im Hintergrund? Wird es dem ungleichen Ermittlerteam um Sartorius und Achill trotz aller Rückschläge gelingen, die tödliche Gefahr abzuwenden und den Erpresser zu fassen?
Uwe Ittensohn, 1965 in Landau geboren, ist bekennender Pfälzer und lebt seit der Kindheit in Speyer. Seit seinem Studium ist er in der Finanzbranche tätig und war daneben viele Jahre als Lehrbeauftragter an der Dualen Hochschule in Mannheim aktiv. In der Freizeit beschäftigt sich Ittensohn intensiv mit der Speyerer Stadtgeschichte. Er sanierte ein denkmalgeschütztes Stiftsgebäude und kümmert sich um den historischen Klostergarten, in dessen schattigen Winkeln er auch die Muße zum Schreiben findet. Mit seinem dritten Roman zeigt er, dass Krimis nicht trocken sein müssen. Auf spannend-humorvolle Weise geht er einem der flüssigen Schmankerl der Region – nämlich dem Festbier für das Speyerer Brezelfest – auf den Grund.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © janny2 / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6740-0
Figurenübersicht
Die Ermittler und ihr Anhang:
André Sartorius: privater Schnüffler und Stadtführer in Speyer
Irina Worobjowa: BWL-Studentin und Sartorius’ Mieterin
Johanna: Irinas Freundin
Frank Achill: Kriminalhauptkommissar bei der Mordkommission Ludwigshafen, daneben Andrés Freund
Verena Bertling: Kriminaloberkommissarin und rechte Hand Achills
Jonas: : Mitglied in Achills Team
Bernd Scherer: Kollege und Freund von Achill im Kriminaldauerdienst
van Liek: Kriminalrat beim LKA-Mainz
Benneisen: Mitarbeiter von van Liek
*
Die Vertreter der Stadtverwaltung Speyer:
Melanie Weiler: Oberbürgermeisterin von Speyer
Annika Raps: Erste hauptamtliche Bürgermeisterin von Speyer
Andreas Hecht: Fachbereichsleiter für innere Sicherheit bei der Stadt Speyer
Karl Gabarek: Mitarbeiter bei der Gewerbeaufsicht der Stadt Speyer
Olliczek: Mitarbeiter der IT-Abteilung bei der Stadt Speyer
Klaus Hirschtaler: Geschäftsführer der Brezelfest GmbH
*
Brauerei Eichbaum:
Thomas Wolf: Geschäftsführer der Brauerei Eichbaum
Ernst Berger: Leiter der Buchhaltung bei der Brauerei Eichbaum
Karin Berger: Ernst Bergers Ehefrau
Quirin Braxmeier: Praktikant (siehe auch unten)
*
German-Biotech:
Dr. Niam Li: Betriebsleiter bei der German Biotech GmbH
Dr. Bernhard Kreißler: Vorgesetzter von Li
*
Brauerei Hirschbräu in Neuploching:
Quirin Braxmeier: auch Quirl genannt. Enkel von Ferdinand Braunleitner und damit jüngster Spross der Brauerei-Dynastie Hirschbräu; aktuell als Praktikant bei der Brauerei Eichbaum in Mannheim tätig
Ferdinand Braunleitner: Seniorchef der Brauerei Hirschbräu
Jonny Braunleitner: Onkel von Quirin und aktueller Chef von Hirschbräu
Grit Vermeulen: Marketingleiterin von Hirschbräu
*
Sonstige:
Igor Komarow: russischer Universalkrimineller
Parkinsel
Freitag, 7. Juni 2019, 18.30 Uhr
»Karlhoinz, bass e’mol uff, dass der Klääne nedd so weit noi geht!«, plärrte die Alte neben ihnen nun zum zehnten Mal.
Irina rollte mit den Augen. »Ob wir auch mal so werden, wenn wir alt sind und ein Enkelkind haben?«
Johanna lachte. »Was heißt hier werden? So wie die aussieht, war die schon immer so.«
»Du meinst, Opa Karlheinz hat sich das bewusst angetan?«
»Darauf kannst du Gift nehmen, manche Männer brauchen das«, gab Johanna spöttisch grinsend zurück.
»Wow, dann hab ich ja auch noch Chancen, einen devoten Typen zu finden, der mir jeden Wunsch von den Lippen abliest.«
»Wenn du erst mal Brezelkönigin bist, werden die Männer sowieso bei dir Schlange stehen«, erwiderte Johanna mit funkelnden Augen.
Im Gegensatz zum sonnigen Lächeln ihrer Freundin legte sich ein dunkler Schatten auf Irinas Züge. »Ich hätte mich nicht von dir bequatschen lassen dürfen. Das passt alles gar nicht zu mir. Es war eine dämliche Idee, mich zur Wahl zu stellen. Ich werde mich morgen bis auf die Knochen blamieren. Die Speyerer können mit einer russischen Brezelkönigin bestimmt nichts anfangen. Und so, wie ich aussehe?« Dabei zupfte sie nervös an ihrem Bikini-Oberteil, als könnte sie damit ihre Oberweite vergrößern.
»Wirst du nicht! Das spricht doch für dich, dass du dich nach nur vier Jahren in Speyer schon so integriert hast. Die Presse wird das feiern. Und im Dirndl wirkst du richtig knackig. Und denk dran, ich hab das Jahr als Karnevalsprinzessin auch überstanden.«
»Aber du kommst von hier. Die alteingesessenen Speyerer werden mich dafür hassen, wenn ich mich in ihre Traditionen reindränge.«
»Jesses, Karlhoinz, wommer nedd iwweral soi Aache hot. Muss ich donn alles selwer mache?«, zeterte die Alte, stand stöhnend auf und zerrte den etwa acht Jahre alten Jungen zu sich auf das überdimensionale Badetuch.
»So, Fronschesgo, die Oma liest där jetzt was vor.«
Irina schüttelte den Kopf. »Ihr Pfälzer macht aber auch wirklich jeden Namen kaputt.«
»Ja, unser Fronschesgo hat ganz schön die Arschkarte gezogen«, flüsterte Johanna lachend.
»Wenn wir nächstes Mal hierher kommen, heißt es wohl ›Augen auf bei der Liegeplatzwahl‹«, sagte Irina genervt und legte sich, den Rücken der Alten zugewandt, auf ihr Badetuch.
Gut eine halbe Stunde lagen die beiden jungen Frauen schweigend nebeneinander und genossen die milde Frühsommersonne. Der Kiesstrand zog sich hier an der nördlichen Hälfte der Ludwigshafener Parkinsel wie ein schmales beigegraues Band über einige 100 Meter am Rheinufer entlang. Die langgestreckte Parkinsel verdiente zu Recht die Bezeichnung Insel, da sie an ihrer Ostseite vom Rhein und an der zum Stadtgebiet weisenden Westseite vom Becken des Luitpoldhafens umgeben und nur über zwei Brücken sowie einen Deich im Süden zu erreichen war. Aber nicht nur aus geografischen Gründen durfte sie sich als Insel rühmen. Im von alten Hafen- und Industrieanlagen, baufälligen Hochstraßen und Bausünden der Nachkriegsjahre durchzogenen, verkehrsüberfluteten Stadtgebiet Ludwigshafens wirkte sie mit ihren Alleen, schönen Architektenhäusern und dem weitläufigen Park wie ein vom Himmel gefallenes Juwel.
Das leise Gurgeln der sich am Kiesstrand brechenden Strömung des Flusses und der immer wieder zu ihr herüberwehende monotone Vorleseton der Alten ließen Irina müde werden. Dösend, mit halb geschlossenen Augen, starrte sie in die Wellen, die das abendliche Sonnenlicht golden widerspiegelten.
In Gedanken versunken betrachtete sie das vorbeiziehende Flusskreuzfahrtschiff, das behäbig mit blubberndem Schiffsdiesel gegen den Strom ankämpfte. Für ein paar Sekunden ließ die auf den Strand anlaufende Heckwelle das sanfte Plätschern zu einer leichten Brandung anschwellen. Fast wie am Meer, dachte Irina schlaftrunken und verfolgte, wie Obelix, Johannas Jack–Russell-Terrier, sich hektisch vor den anrollenden Wogen in Sicherheit brachte.
»Därf unsern Klääne mit eierm Hund schbiele, odder macht der was?«, durchschnitt die schrille Stimme der Alten die Idylle.
Irina schreckte hoch. Als ihr auffiel, dass Johanna neben ihr schlief, nickte sie der Frau stumm zu.
Sofort lief Francesco auf den kleinen zweifarbigen Hund zu, dem eine Laune der Natur die eine Gesichtshälfte weiß und die andere braun gefärbt hatte.
Aus dem Augenwinkel beobachtete Irina, wie Obelix, in Erwartung eines neuen Spielgefährten, aufgeregt auf und ab sprang. Er schnappte sich ein dünnes Stück Treibholz, das die Wellen gerade angespült hatten, und hielt es quer im Maul steckend dem Jungen entgegen.
Irina sah noch, wie sich Francesco zu Obelix herunterbeugte und nach dem Holzstück griff.
Plötzlich schrie der Junge gellend auf. Tränen liefen ihm übers völlig fassungslose Gesicht.
Karlheinz kam stöhnend auf die Beine. Von der abrupten Bewegung benommen, torkelte er ein paar Schritte. Dann stapfte er eilig über die unter den Sohlen nachgebenden Kieselsteine auf seinen Enkel zu. Den Kopf gesenkt, starrte er auf den Kies zu Francescos Füßen. Mit schmerzlich verzerrter Fratze brüllte er dann außer sich: »O Jesses Gott, der Keder hot dem Bu de Finger abgebisse!«
Essenszeit
Freitag, 7. Juni 2019, 19.30 Uhr
Das elegant minimalistisch eingerichtete Restaurant in Mannheims Norden war fast voll besetzt.
Der Einkäufer, wie er sich neuerdings nannte, war ein hünenhafter Mann mit grobem pockennarbigem Gesicht. Er war es gewohnt, dass Menschen in seiner Gegenwart ängstlich reagierten, und er genoss es.
»Was ist das?«, herrschte er mit unverkennbar osteuropäischem Akzent den zierlichen vietnamesischen Kellner an und deutete mit dem Zeigefinger, der so breit war wie bei anderen Männern die Daumen, auf die Schale, die dampfend auf der Warmhalteplatte stand. Einige Gäste horchten erschrocken auf.
»Bò nýớng – gegrillter Rinderspieß«, antwortete der asiatische Ober kleinlaut.
»Rinderspieß? Rinderspieß – so nennst du also die Fleischkrümel an diesem Mikadostäbchen. Du hast Glück, dass ich sie überhaupt unter diesem Unkraut da gefunden habe!« Dabei griff er mit angeekeltem Gesichtsausdruck mit bloßen Fingern in die kleine Schüssel vor sich. Er nahm einige der kunstvoll um die Rindfleischstücke gewickelten La-Lot-Blätter heraus und warf sie vor dem aufgelösten Mann aufs Tischtuch.
»Entweder du bringst mir jetzt einen anständigen gegrillten Rinderspieß, oder ich steck dir das hier in deinen kleinen Vietnamesenarsch!« Dabei fuchtelte er bedrohlich mit dem Holzspieß, auf dem noch einige in Blätter gewickelte Fleischstücke steckten, vor dem Gesicht des völlig fassungslosen Kellners herum.
Von hinten eilte die Eigentümerin ihrem Mitarbeiter zu Hilfe. »Kein Problem, wir werden Ihnen einen neuen Grillspieß bringen!«, sagte sie mit erstaunlich fester Stimme und gequältem Lächeln, nahm die Schale von der Wärmeplatte und marschierte mit energischen Schritten, ihren Kellner buchstäblich vor sich her treibend, zur Küchentür.
Beschämt senkten die anderen Gäste, die dem Schauspiel aufmerksam gefolgt waren, die Blicke.
*
Zu selben Zeit saß André Sartorius an seinem Lieblingstisch nahe beim Fenster im Mediterraneo, einem Café-Restaurant mit Feinkostverkauf in der Speyerer Innenstadt. In den letzten Jahren war das Mediterraneo zu so etwas wie seinem zweiten Esszimmer geworden. Gleich, ob er hier den Tag mit Cappuccino und Cornetto begann oder sich einfach zwischendurch einen eiligen Espresso gönnte, man gab ihm stets das Gefühl, willkommen zu sein. Ganz besonders liebte er es, sich eine schöne Portion Pasta zu gönnen.
Als er heute auf der Tageskarte »Linguine mit schwarzem Trüffel und Parmesan« entdeckt hatte, reservierte er kurzerhand für sich und Irina einen Tisch. Sie war nicht mehr nur seine Mieterin. Seit er sich vor fünf Jahren hatte breitschlagen lassen, einer Abiturientin aus Speyers Partnerstadt Kursk für ein sechswöchiges Auslandspraktikum eine Bleibe in seinem Haus zur Verfügung zu stellen, hatte sich einiges getan. Als sie ein Jahr später vor seiner Tür stand und ihn bat, ihm doch ein Zimmer zu vermieten, da sie kurzfristig ein Auslandsstipendium an der Uni Mannheim erhalten hatte, stimmte er widerwillig zu, dass sie bei ihm einzog. Für ihn, den Eremiten, war es schier undenkbar gewesen, sein Haus mit einem fremden Menschen zu teilen. Nun lebten sie schon vier Jahre unter einem Dach. Aus dem Mietverhältnis für ein Zimmer mit Bad war mittlerweile so etwas wie eine Wohngemeinschaft geworden. Und aus der Mieterin so etwas wie eine Adoptivtochter.
Inzwischen war es für beide ganz normal, zusammen Konzerte oder Lesungen zu besuchen, gemeinsam zu verreisen oder, wie heute, miteinander zu schlemmen.
Doch Irina, die heute Morgen noch so begeistert auf seine Einladung reagiert hatte, hatte ihn versetzt. Weder seine Textnachrichten noch seine Anrufe nahm sie entgegen. Nach einer halben Stunde hatte er es schließlich aufgegeben und sich damit abgefunden, heute alleine speisen zu müssen.
Gerade brachte ihm Camilla, die Miteigentümerin des Mediterraneo, einen Teller dampfende, in Butter geschwenkte und mit Parmesan bestreute Linguine und stellte ihn vor ihm ab. Mit einem rasiermesserscharfen Edelstahlhobel löste sie hauchdünne Späne des schwarzen Trüffels, den sie vorsichtig über die Klinge zog.
André wedelte mit der Hand den Duft des frisch gehobelten Trüffels, der sich verführerisch mit dem feinen Butteraroma vermischte, an seine Nase. Camilla, die ihn dabei beobachtete, schmunzelte nur stumm, als sie sein verzücktes Lächeln sah. So war er eben: ein Genießer durch und durch, der es liebte, wenn man für ihn einfache Gerichte aus feinsten Zutaten zauberte. Er nippte noch einmal an seinem Ca dei Frati, einem Rosé vom Südufer des Gardasees, dann bohrte er die Gabel mit einer Drehung in die Pasta.
Just als er sie zum Mund führte, meldete sich sein Smartphone. Verdammt! Für einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, das Gespräch wegzudrücken, doch dann siegte sein Verantwortungsgefühl. Was, wenn ihn Irina erreichen wollte, weil sie mit einer Autopanne am Straßenrand stand?
Am anderen Ende der Leitung meldete sich Kriminalhauptkommissar Frank Achill, mit dem ihn seit einigen Jahren eine enge Freundschaft verband.
»Ich hoffe, ich störe dich nicht, André.«
»Nein, natürlich nicht«, antwortete er mit einem sehnsüchtigen Blick auf die dampfende Trüffelpasta vor sich.
»Könntest du Irina bei mir im Präsidium in Ludwigshafen abholen? Ich will nicht, dass sie in ihrem Zustand noch Auto fährt.«
André spürte, wie ihm ein dumpfer Schlag durch die Eingeweide fuhr. »Zustand?«, stammelte er.
»Keine Sorge, ihr ist nichts passiert. Sie musste nur etwas mitansehen, was ihr auf den Magen geschlagen ist.«
Achill hatte noch nicht ausgesprochen, da stand André auch schon. Wie in Trance zog er zwei Banknoten aus dem Portemonnaie und ließ sie neben seinem Pastateller auf den Tisch segeln. Unter Camillas völlig verdutztem Blick verließ er grußlos das Restaurant.
Krisensitzung
Samstag, 8. Juni 2019, 8.30 Uhr
Das Sitzungszimmer der Brauerei Hirschbräu war ein lang gezogener düsterer Raum. Die mit dunklem Holz getäfelten Wände schluckten einen großen Teil des spärlichen Lichts, das sich neben der an der Schmalseite heruntergelassenen Leinwand hindurchschlängelte. Die zu einer langen Tafel zusammengeschobenen wuchtigen Holztische, deren tiefbraunes Nussbaumfurnier schon an vielen Stellen abgeplatzt war, verliehen dem Raum eine triste, angestaubte Atmosphäre. Um sie herum standen hochlehnige, mit beigebraunem, brüchigem Leder bezogene Stühle, die vom einstigen Wohlstand der Brauerei zeugten.
Auf dem vorderen rechten Stuhl im Dirndl saß Hildegard Braunleitner mit verkniffenem Gesicht. Sie war, wie die meisten im Besprechungszimmer, Mitinhaberin der Hirschbräu OHG und zuständig für die Buchhaltung und das Personalwesen. Zu ihrer Linken saß in Cordhose und ärmelloser Strickweste Georg Gruber, Braumeister und Urgestein der Brauerei. Auch seine Miene spiegelte Ablehnung wider. Allein schon die Tatsache, dass er hier still sitzen musste, während im Nebenraum gerade der neue Sud angesetzt wurde, machte ihn unruhig. Ihnen gegenüber saß eine etwa 30-jährige Frau. Sie war strohblond, trug ein schwarzes Kostüm, hochhackige Schuhe und eine rote Designerbrille. Sie hieß Grit Vermeulen, war die neueste Akquisition des Geschäftsführers, hatte in Rotterdam in Marketing-Management promoviert und anschließend bei einem multinationalen niederländischen Bierkonzern im Social-Media-Management gearbeitet. Sie folgte gebannt den Ausführungen und starrte im Drei-Minuten-Takt auf das Display des vor ihr liegenden iPads.
Neben ihr, nicht weniger eloquent wirkend, saß Angelo Sassari, Vertriebsleiter und frischgebackener Chef des Einkaufs in hautengem Hemd und einem sportlich grob karierten Anzug, der zwei Nummern zu klein wirkte.
Mit drei leeren Stühlen dazwischen bewusst abseits saßen ein alter Mann im Trachtenanzug und ein 25-Jähriger in feschen Lederhosen und sportlichem Hemd.
Bei den beiden handelte es sich um den 82-jährigen Ferdinand Braunleitner, den seit acht Jahren zurückgetretenen Seniorchef des Familienbetriebs, und seinen unehelichen Enkel Quirin Braxmeier, Sohn seiner verstorbenen Tochter. Der alte Braunleitner wusste, dass er schon lange nicht mehr erwünscht war, dass man jeden Redebeitrag von ihm jäh abwürgte und er trotz seiner 24-prozentigen Beteiligung faktisch nichts mehr zu sagen hatte.
Ähnlich erging es Quirin. Man hatte ihm, dem Bankert, wie er von seiner Tante Hildegard häufig hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, nur gnadenhalber eine Brauerlehre ermöglicht und ihn danach übernommen. Ansonsten leugnete man im täglichen Umgang mit ihm hartnäckig jegliches verwandtschaftliche Verhältnis zum Hause Braunleitner. Und dies, obwohl es jeder hier im Raum und natürlich auch die meisten alteingesessenen Einwohner der 12.000 Seelen zählenden, in der oberbayerischen Region Pfaffenwinkel gelegenen, Gemeinde Neuploching wusste. Heute war er nur hier, weil sein Großvater, der Einzige in der Familie, der zu ihm hielt, darauf bestanden hatte.
Obwohl sie unterschiedlicher kaum sein konnten, hatten sie eines gemeinsam. Alle starrten wie gebannt auf die bunten Charts und Schaubilder, die ihnen Joachim, genannt Jonny, Geschäftsführer und einziger Sohn des alten Braunleitner – wie immer höchst eloquent – auf die Leinwand beamte.
»Also, ich fasse zusammen: Unser heimischer Absatz schmilzt dahin wie die Polkappen. Im letzten Jahr haben wir wieder 50.000 Hektoliter weniger in der Region verkauft. Im Exportgeschäft besteht das Risiko, dass wir aufgrund fehlender Abfüllkapazitäten für die in Russland üblichen 0,95-Liter-Dosen den Folgevertrag mit der russischen Inter Pivo LLC verlieren werden. Durch Preissteigerungen im Einkauf und Tariferhöhungen steigen unsere Kosten ungebremst weiter, und unsere Produktionsanlagen sind veraltet!«
Jonny Braunleitner, der das Ganze in einer Art und Weise präsentiert hatte, als sei es eine Erfolgsbotschaft, machte eine bedeutungsvolle Pause, grinste süffisant und schaute in die Runde.
Dem alten Braunleitner rollte eine einsame Träne über die faltige Wange. Quirin starrte bestürzt auf seinen Großvater, als könnte dieser mit einem Wink seiner dürren Hand diesen Albtraum vertreiben. Hildegard schwieg und presste ihre Lippen, die noch schmaler wirkten als sonst, schmerzvoll zusammen. Das Gesicht des alten Braumeisters Gruber war krebsrot. Fast schien es, als würden die dünnen roten Äderchen auf seiner großen Nase platzen.
Im krassen Gegensatz dazu stand das Auftreten der rotbebrillten Marketing-Doktorin Vermeulen und ihres Tischnachbarn Sassari, der sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen breitbeinig zurücklehnte und den muskulösen Oberkörper im hautengen Hemd blähte.
Ungeduldig schob Doktor Vermeulen das vor ihr liegende Skript hin und her. Offensichtlich konnte sie es kaum erwarten, ihre Sicht der Dinge zu präsentieren.
Nachdem Jonny Braunleitner die sich auf den Gesichtern der Familienmitglieder abzeichnende Bestürzung ausreichend ausgekostet hatte, fuhr er beschwingt fort.
»Frau Doktor Vermeulen wird Ihnen nun aufzeigen, mit welchen Konzepten wir den Turnaround unseres Hauses gemeinsam gestalten werden.«
Der alte Braumeister konnte seinen Ärger nun nicht länger zurückhalten. »Hättn’s uns ned zwunga, des kinesische Glump von am Hopfn in unsa guads Hirschbräu zum kippn, datn’s die Leit weida trinkn. Seit üba 100 Johr bsorgn mia unsan Hopfn in da Hallertau. Und der war scho ollawei guad.«
»Aber Herr Gruber, es dürfte auch Ihnen nicht entgangen sein, dass die von mir veranlasste Kostenbremse bitter nötig war. Wir müssen unsere Rohstoffe dort einkaufen, wo sie am günstigsten sind. Teure Traditionstümelei können wir uns nicht mehr erlauben. Ohne Herrn Sassaris Kontakte, die uns dies erst ermöglicht haben, wären wir längst pleite.«
Während Sassari generös grinste, grunzte Gruber nur ablehnend und winkte mit der klobigen Hand ab.
»So, Frau Doktor Vermeulen, darf ich Sie nun um Ihren Vortrag bitten«, säuselte Jonny Braunleitner.
Vermeulen stand dynamisch auf, zeigte lächelnd ihr makelloses Gebiss und stöckelte zur Leinwand.
»Think pink!«, sagte sie mit fester Stimme, klickte, und auf der Leinwand materialisierte sich Pixel um Pixel ein ganz in Pink gehaltener Präsentationschart mit eben diesen zwei Worten. Erwartungsvoll ließ sie den Blick über die Zuhörer schweifen. Während Jonny Braunleitner und sein Vertriebsleiter gönnerhaft lächelten, wirkte der Rest des Auditoriums verdutzt.
»Wir brauchen ein völlig neues Konzept für unseren Laden!«, fuhr sie fort und machte erneut eine Kunstpause.
»Die 2020er werden das Jahrzehnt der Frauen.« Pause.
»Mit unserer Linie Female Fun bringen wir das Bier für die moderne Frau auf den Markt.« Dabei dehnte sie das Wort »das« und zeigte wieder ihre weißen Zähne.
»Wir werden hier alles umgestalten, damit jeder sieht, für was wir stehen.« Dabei klickte sie, und es erschien eine animierte Außenansicht der Brauerei, die den Anstrich des Gebäudes in ein leuchtendes Pink übergehen ließ.
»Wir brauchen Visibility!«, sagte sie, als würde sie einen Schlachtruf ausstoßen. »Influencer, die uns mit den richtigen Social Clips viral gehen lassen. Wir leben in einer disruptiven Welt, in der wir nur durch Real-Time-Marketing unsere User auf eine herausragende Customer Journey mitnehmen. Wir müssen dabei agil und customer centered vorgehen. Wir verkaufen unser Produkt nicht mehr über die Theke, sondern für unser Female Fun gilt: mobile first und Convenience first. Das erste Bier, das man customized direkt übers Netz bezieht.«
Jonny Braunleitner war der Erste, der nach Vermeulens Vortrag zu klatschen begann. »Bravo, das ist es«, rief er verzückt lächelnd.
Sassari folgte dem Beispiel seines Chefs. »Das wird unseren Profit in ungeahnte Höhen schießen lassen«, sagte er dauernickend. Dabei gab er dem Klang des Wortes »Profit« eine amerikanische Note.
Hildegard, die mit einem Gesichtsausdruck, als würde man ihr gerade ohne Narkose ein Bein amputieren, dem Vortrag Vermeulens gefolgt war, schob ihre Papiere zusammen, stand auf und verließ wortlos den Raum.
Die Gesichtsfarbe des Braumeisters war mittlerweile in ein ungesundes Violettrot übergegangen. »Ihr kennt’s eich an andern Deppen suachn. I mach den Scheiß nimma lenga mit«, brummte er, stand auf und verließ ebenfalls benommen schwankend den Raum.
Der alte Braunleitner vergrub stumm das Gesicht in den faltigen Händen. Quirin wurde von Mitleid für seinen Großvater übermannt.
Showtime
Samstag, 8. Juni 2019, 10.55 Uhr
Und wieder hallte das Klatschen der rund 100 Handpaare von den kahlen Wänden des Foyers der Postgalerie, einer Einkaufspassage im Herzen von Speyer. Hier fand offiziell die vom Verkehrsverein und vom Dirndl- und Lederhosenkomitee organisierte Vorauswahl unter den fünf Bewerberinnen für das Amt der Brezelkönigin statt. Das Quintett war eingeladen, damit die Jury und die Speyerer prüfen konnten, ob sie auch wirklich die Voraussetzungen erfüllten. Jeder wusste, dass es eine reine Promotion-Veranstaltung war, die Interesse wecken sollte, am 13. Juli im Bierzelt auf dem Brezelfest bei der Endauswahl dabei zu sein.
Die bedirndelten jungen Frauen, die nebeneinander auf der Bühne standen, lächelten artig. Nur in Irinas Gesicht erstarb das Lächeln allzu schnell. Sie fühlte sich unwohl. Unsicher zupfte sie am Ausschnitt ihres Dirndls. Ihr Blick suchte Johanna, die sie begleitete. Warum nur hatte sie sich von ihr breitschlagen lassen, bei diesem Wettbewerb mitzumachen – sie, die Russin und damit eine völlige Außenseiterin.
Johanna schmunzelte und bedeutete Irina, mit an die Mundwinkel gelegten Zeigefingern, zu lächeln. In Irina keimte Zorn auf. Johanna war ein Profi. Vor einem Jahr war sie Karnevalsprinzessin gewesen und hatte Irina nach ein paar Aperol Sprizz überredet, sich für das hier zu bewerben.
Die hat gut reden, dachte Irina. Sie ist hübsch, hat eine gute Figur, und das Lächeln ist ihr geradezu ins Gesicht gewachsen. Dazu hat sie Charme.
Sie selbst hingegen war alles andere als ein Showgirl, sie war dünn, zierlich, ernst und eher zurückhaltend. Am liebsten würde sie von der Bühne schleichen und einfach abhauen.
Sie warf Johanna einen leidenden Blick zu. Die rollte mit den Augen. Sie konnte das Zaudern ihrer Freundin ganz und gar nicht nachvollziehen.
In diesem Augenblick löste sich eine kleine Gruppe um Johanna aus dem Publikum. Offensichtlich wollten sie ihre Einkäufe fortsetzen und nicht weiter zuschauen. An ihre Stelle schoben sich zwei bekannte Gestalten – André Sartorius und Frank Achill.
Irina erlebte ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits freute sie sich über den unerwarteten Beistand, hatte sie doch bewusst ihre Teilnahme vor den beiden verheimlicht. Andererseits war nun jede Flucht ausgeschlossen. Sie war viel zu stolz, um ihnen gegenüber ihre Schwäche einzugestehen. Sie hatte sich diese Suppe selbst eingebrockt und würde sie nun auch auslöffeln. Und das, obwohl sie sich sicher war, auf dem letzten Platz zu landen.
Der Moderator kündigte unter dem Beifall des Publikums an, dass die Kandidatinnen nun ihr Geschick im Brezelteigschlingen unter Beweis zu stellen hatten. Irina stöhnte innerlich auf.
*
»Immerhin warst du die Schnellste beim Teigschlingen«, sagte André und klopfte Irina anerkennend auf die Schulter.
»Wir Russen sind eben das Arbeiten noch gewohnt.« Sie lächelte befreit, man konnte ihr ansehen, wie erleichtert sie war, weitab vom Trubel der Postgalerie nun hier mit André und Frank im gemütlichen Berzelhof-Café zu sitzen. André hatte wie immer einen guten gastronomischen Riecher bewiesen, als er sie in diesen von historischen warmroten Sandsteinmauern umgebenen Innenhof geschleppt hatte. Jetzt, im Frühsommer, wo die Bienen ihre Saugrüssel in die engen Lippenblüten der Lavendelrispen zwängten oder sich auf den fast handtellergroßen roten Blüten des türkischen Mohns tummelten, gab es keinen romantischeren Ort in der Altstadt.
»Und wie ging die Sache mit dem Finger weiter?«, wechselte Irina das Thema und sah erwartungsvoll zu Frank.
Der räusperte sich. Er tat sich schwer, mit Dritten über laufende Ermittlungen zu sprechen.
»Na ja«, begann er stockend, »der Finger wurde, wie vermutet, ans Ufer getrieben. Die Kollegen der Rechtsmedizin haben herausgefunden, dass er wohl schon etwa 20 Stunden im Rhein gelegen haben muss, ehe ihn Johannas Hund dem Jungen vor die Füße gelegt hat.«
André rieb sich das Kinn. »Bei einer Fließgeschwindigkeit von sechs Kilometern pro Stunde, die der Rhein in unserem Flussabschnitt hat, könnte das bedeuten, dass er rund 120 Kilometer rheinaufwärts in den Fluss geworfen wurde. Also so etwa bei Straßburg.«
Achill stieß Luft durch die Lippen. »Du kannst es aber auch nicht lassen, dir unseren Kopf zu zerbrechen. Als du letztes Jahr meintest, dich in die Polizeiarbeit einmischen zu müssen, hätte dich das beinahe das Leben gekostet.«
»Einmischen?«, hob André an, verstummte aber sofort wieder. Er wusste, wie es seinen Freund noch immer wurmte, dass es André gewesen war, der überhaupt erst auf die Mordserie aufmerksam geworden war. Achill hatte damals seiner Theorie zu spät Glauben geschenkt und dabei das Leben eines Opfers aufs Spiel gesetzt.
»Könnte es nicht sein, dass der Finger schon in oder kurz vor Ludwigshafen in den Rhein gefallen ist, am Ufer hängen blieb und erst durch ein vorbeifahrendes Schiff losgerissen wurde? Also auf die gleiche Weise, wie er an der Parkinsel angeschwemmt wurde?«, führte Irina Andrés Gedanken fort.
»Jetzt fängst du auch noch an zu spekulieren. Seid ihr beide denn noch zu retten?«, brummte Achill resigniert.
»20 Stunden? Das heißt, der Finger wurde am Donnerstag so gegen 23.00 Uhr in den Rhein geworfen. Es war also dunkel, eine passende Zeit, um Leichenteile zu entsorgen«, machte André weiter.
»Es handelt sich dabei nicht um ein Leichenteil, deshalb werde ich möglicherweise diesen Fall auch wieder los«, sagte Achill hart, als wolle er damit die Diskussion beenden.
»Wie, was? Wieso kein Leichenteil?«, fragte Irina unbeirrt weiter.
»Weil der Finger nicht post mortem abgetrennt wurde. Der Eigentümer hat noch gelebt, als er ihn verlor. Es kann also auch ein harmloser Unfall gewesen sein. Und ihr habt euch umsonst den Kopf zerbrochen.«
»Verlor?«, flötete Irina lachend. »Das hört sich irgendwie harmlos an. Der Eigentümer wird ja wohl kaum im Fundbüro anfragen.«
»Nein, wird er nicht, der Finger wurde wohl mit einer Zange oder schweren Schere abgeschnitten, und er gehörte zur rechten Hand eines Asiaten, hat die Rechtsmedizin herausgefunden. So, jetzt wisst ihr alles und könnt mich endlich in Ruhe lassen. Die Kollegen sind gerade dabei, sämtliche Krankenhäuser und Chirurgen zwischen Straßburg und Ludwigshafen abzutelefonieren. Sie werden bestimmt bald den armen Teufel finden, dem das zugestoßen ist, und ich bin aus der Sache raus. Keine Leiche, keine Arbeit für die Mordkommission. Basta!«
Arbeit
Montag, 17. Juni 2019, 6.40 Uhr
Irina fröstelte. Obwohl man für heute warmes Frühsommerwetter vorausgesagt hatte, war die Nacht frisch gewesen. Zudem verunsicherte sie das Neue, das ihr in den nächsten zwei Monaten bevorstand. Nach einer erholsamen Pfingstwoche, die sie zum Ausschlafen nach dem Prüfungsstress an der Uni genutzt hatte, sollte heute ihr Praktikum beginnen. Nach langem Abwägen hatte sie sich für eine Tätigkeit bei der Brauerei Eichbaum in Mannheim entschieden. Eigentlich war alles nach ihrem Geschmack. Ein mittelständisches Unternehmen mit knapp 400 Beschäftigten, in dem es noch familiär zuging und das dennoch zukunftsorientiert arbeitete. In den letzten Jahren hatte man es geschafft, sich – an vielen großen Brauereien vorbei – erfolgreich die ausländischen Märkte zu erschließen. Der springende Punkt bei der Sache war, dass man im Moment ausgerechnet nach Russland expandierte und sich im Vorstellungsgespräch ganz entzückt über ihre muttersprachlichen Russischkenntnisse gezeigt hatte. Sie würde sich also nützlich machen können und nicht, wie sie es oft von anderen Praktikanten in ihrem Jahrgang hörte, in der Ecke sitzen und Imagebroschüren oder Arbeitsanweisungen lesen müssen. Dazu war sie viel zu umtriebig und praktisch veranlagt.
Nervös ging sie vor der breiten Einfahrt, die noch mit einem riesigen Schiebetor verschlossen war, auf und ab. Bei jeder Runde warf sie einen flüchtigen Blick auf das Pförtnerhäuschen, das, hätte es nicht die grüne Dachverblendung in der Unternehmensfarbe und mit dem Logo des stilisierten Eichbaums gehabt, auch gut an der russischen Grenze hätte stehen können. Die Dame darin schien nicht daran zu denken, das Tor zu öffnen. Kein Wunder, schließlich war Irina auch eine gute Viertelstunde vor dem vereinbarten Termin hier aufgeschlagen.
Aus dem Augenwinkel nahm sie einen jungen Mann wahr. Unschlüssig schlurfte er auf dem Gehweg der Käfertaler Straße entlang, verweilte an jedem der Eingänge und Tore des weitläufigen Werksgeländes und glich sie mit einem Papier ab, das er in Händen hielt.
Als er näher kam, musterte er Irina unsicher. »Kean Sie do dazua?«, fragte er mit kehliger Stimme.
Irina starrte ihn fragend an. Sie hatte rein gar nichts von dem Kauderwelsch verstanden.
»Exkjuse mi, du ju wörk hier?«, versuchte es der junge Mann erneut.
Wieder musste sie grinsen. Deutsch konnte er nicht und Englisch offensichtlich auch nicht. Aus welchem Kral war wohl dieser komische Vogel geflohen?
»Wot’s so funny? Wei du ju laf ät mi?«
»Sorry, I’m Irina from Russia.«
Der junge Mann schien nun völlig aus dem Konzept gebracht. »Sorry, ei dont schpiek Russian. Ei äm from Bavaria.«
Irina konnte sich nun nicht mehr zurückhalten und prustete los. »Dann red doch Deutsch, du komischer Vogel!« Dabei streckte sie ihm freundlich die Hand entgegen.
Der junge Mann errötete und reichte ihr nun seinerseits die Hand. »I hob ma hoid denkt, oiso … i bin da Quirl.«
»Quirl? Was ist das denn? Arbeitest du nebenberuflich als Mixer?«
»Na, so song meine Freind hoid zu mia.«
Irina schüttelte den Kopf. »Wo kommst du denn her? Wer nennt denn seinen Freund Mixer?«
»Quirl«, verbesserte er. »I bin aus Neiploching.«
»Neiwas? Leider ist mir diese Metropole noch nicht untergekommen.«
Er schaute nur betroffen. Irgendwie tat er Irina mit seinen großen braunen Augen, die sie nun anschauten, als gehörten sie einem treuen Hund, leid.
»Sorry. Ich war wohl …«, begann sie.
Er winkte ab. »Basst scho.«
»Und was wolltest du mich fragen?«
»I woit bloß wissn, wo’s do nei geht?«
»Nei geht’s hier, wenn die Dame da drin die Güte hat, uns zu öffnen.« Irina wies zum Pförtnerhäuschen.
»Du bist aba fei koa Brauerin.« Er musterte Irina abschätzig.
Sie lachte laut auf. »Wieso? Sieht man mir das an?«
»Na, äh, des hoaßt, äh …«, stammelte er mit geröteten Wangen.
Irina bedauerte sogleich, ihn derart gefoppt zu haben. So unbeholfen, wie er war. Er wirkte überfordert. Wahrscheinlich war er in seinem Leben noch nicht oft in eine fremde Stadt gekommen. Die Situation erinnerte sie daran, wie sie vor vier Jahren zum ersten Mal in Mannheim vor der Uni stand und niemanden hatte, der sie ein wenig eingeführt hätte.
»Mir hat jemand gestern am Telefon erklärt, dass ich mich hier an dieser Pforte melden muss. Der Praktikumsbetreuer wird mich hier abholen. Bei dir ist es bestimmt ähnlich. Und nein, ich bin keine Brauerin. Ich studiere hier an der Uni Betriebswirtschaftslehre und mache bei Eichbaum ein zweimonatiges Praktikum in internationalem Marketing.«
Die Züge des Jungen entspannten sich. Dankbar nickte er. »Und i wui heia im Heabscht mei Studium zum Diplom-Braumoasta an da TU in Minga, also München moan i, ofanga.«
Irina entging nicht der Stolz, mit dem er die Worte »Diplom-Braumeister« aussprach.
»I hob scho a Lehr zum Brauer und Mälzer g’macht und mecht ma des ez amoi oschaun, wia de do braun.«
Allmählich gewöhnte sich Irina an den merkwürdigen Dialekteinschlag und verstand schon weitgehend, was er sagte.
Da ertönte plötzlich ein Signal, und das mächtige Eisentor schob sich zur Seite. Der junge Mann hastete als Erster durch und eilte zum Pförtnerhäuschen. Irina lief ihm hinterher und musterte ihn. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er eine Trachtenweste trug. Unwillkürlich musste sie an ihr Dirndl denken, das sie vorletzten Samstag, als sie für den Brezelköniginnen-Contest aufgetreten war, getragen hatte. Fesch war er, wie er da mit seinem kräftigen Körper und knackigen Hintern vor ihr herlief.
Felco
Samstag, 23. Juni 2019, 0.55 Uhr
Ernst Berger war ein schreckhafter Mann. Linkisch schaute er alle 50 Meter über die Schulter, ob ihm jemand folgte. Zu dieser Tageszeit wäre er nie auf die Idee gekommen, sich in diesem Stadtteil zu bewegen. Dabei war der Mannheimer Jungbusch nicht mehr das, was er noch vor zehn Jahren gewesen war. Ursprünglich waren die schönen alten Häuser hier im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts für reiche Reeder und Kapitäne erbaut worden. Nach dem Niedergang der Rheinschifffahrt in den 70er-Jahren waren sie zunehmend heruntergekommen. Amüsierlokale, Prostitution und Drogenhandel hatten sich hier breitgemacht – zum sozialen Brennpunkt war der Jungbusch geworden. Doch nun siedelte sich allmählich eine neue Bevölkerungsgruppe hier an. Die Studenten der Uni und der zahlreichen anderen hier beheimateten Hochschulen – wie der unweit von hier gelegenen Pop-Akademie – machten sich mit ihren Wohngemeinschaften in den oft großzügig geschnittenen Altbauwohnungen breit. Ihnen folgte ein bunter Mix aus Szenekneipen und kleinen Läden. Der Stadtteil war im Aufwind und wurde bei der jungen urbanen Gesellschaft immer beliebter. »Gentrifizierung« nannte man das neuerdings.
Dennoch gab es nachts noch genügend finstere Gestalten, die die Gegend für Berger, den ängstlichen Buchhalter bei der Brauerei Eichbaum, zur No-go-Area machten. Er hatte am Rand der Hafenstraße geparkt und marschierte schnellen Schrittes durch die um diese Tageszeit noch trister wirkende Böckstraße mit ihrem verfallenen Mühlengebäude gleich am Straßenanfang. Er hatte sich bewusst für diese ruhige Straße entschieden und nicht die belebtere Jungbuschstraße mit der legendären Onkel-Otto-Bar und den anderen um diese Zeit stark frequentierten Kneipen genommen. Er wollte nicht, dass man ihn hier sah.
Vor einem Haus türmten sich alte Matratzen und ein Sessel mit aufgeplatztem Polster. Wilder Müll aus den Wohnungen der vier- bis fünfstöckigen Gründerzeithäuser, einfach am Straßenrand entsorgt, war hier keine Seltenheit. Vor ihm huschte eine fette Ratte über die Straße und verschwand in einem offenen Kellerfenster. Er beschleunigte sein Tempo und bog um die Ecke in die Beilstraße. Hinter sich hörte er unregelmäßige Schritte. Ein Betrunkener, der über den Bürgersteig wankte und sich hin und wieder an einem Laternenmast festhalten musste.
Was tat er nur hier? Warum hatte er sich derart beunruhigen lassen? Seit wann ließ er sich erpressen? Wer war überhaupt dieser Typ mit dem russischen Akzent, der ihn heute Nachmittag angerufen hatte? Heute Morgen erst hatte er den Umschlag mit der Aufschrift »Herrn Ernst Berger – persönlich« aus der Hauspost gefischt. Zum Glück war er noch verschlossen gewesen. Nicht auszudenken, wenn das Foto darin auf dem Tisch eines Kollegen gelandet wäre. Es zeigte ihn nackt auf dieser Blondine, die sich Natascha genannt hatte und angeblich aus Moskau kam. Es war in jenem Speyerer Bordell aufgenommen worden, das er, bis zu dessen Schließung vor zwei Jahren, einige wenige Male besucht hatte. Sollte er das Foto doch schicken, wohin er wollte, er würde nicht zahlen, redete er sich trotzig ein.
Es fiel ihm schwer, sich im schwachen Licht der Straßenbeleuchtung zu orientieren. Haus um Haus näherte er sich der von diesem Typen am Telefon angegebenen Hausnummer. Warum nur machte er es so kompliziert? Wieso wollte er ihn persönlich sprechen? Warum konnte er ihm nicht telefonisch seine Forderung nennen? Um irgendwo ein paar 1.000 Euro zu deponieren oder, wie es im Erpressermilieu üblich war, ein paar Bitcoins zu transferieren, brauchte man wahrlich kein Treffen. Und Negative, die man ihm im Ausgleich übergeben würde, gab es im Digitalzeitalter sowieso nicht mehr.
»Da rein!«, unterbrach eine harsche Stimme mit osteuropäischem Akzent seine Überlegungen. Ein wuchtiger Schemen schälte sich aus der Dunkelheit eines offenen Eingangs. Er fühlte den Griff einer kräftigen Hand, die ihn in die Tür zog.
Das Treppenhaus war völlig finster. Nur durch ein kleines Fenster gelangte etwas vom fahlen Schein des Halbmonds ins Innere. Mit dessen Hilfe gelang es ihm wenigstens, die Umrisse des schmalen Flurs zu erkennen. Es roch nach modrigem altem Holz und frischem Zement. Jeder Schritt verursachte ein unangenehmes Scharren. Offensichtlich mahlte er Bauschutt, der den alten Fliesenboden bedeckte, unter den Füßen. Die feuchte Kälte der Nacht kroch ihm in die Knochen und nährte die Angst, die in ihm aufstieg. Wieso nur hatte er sich auf das hier eingelassen? Er war sich nun sicher, dass es eine riesige Dummheit gewesen war, alleine hierher zu kommen.
»Hier rein!«, herrschte ihn der Osteuropäer, der sich noch immer hinter ihm hielt, mit einer Stimme rau wie Schmirgelpapier an.
Er gehorchte. Was sollte er auch sonst tun, so schmächtig und wenig wehrhaft, wie er war.
Mit einem groben Stoß drückte ihn der Unbekannte durch eine der offenen Wohnungstüren. Die beiden Fenster des Zimmers, in das er mehr gestolpert als gelaufen war, waren größer und ließen das trübe Mondlicht in den Raum dringen. Weiterhin blieb der Fremde außerhalb seines Sichtfeldes. Er traute sich nicht, sich nach ihm umzudrehen.
Als hätte der Mann seine Gedanken gelesen, schrie er ihn nun an: »Wenn du dich umdrehst und mich ansiehst, bist du tot!«
Im gleichen Atemzug legte sich eine raue, kräftige Hand um seinen knochigen Nacken. Daumen und Mittelfinger umspannten den schlanken Hals zu drei Vierteln. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er zwischen den stählernen Backen eines mächtigen Schraubstocks eingespannt. Der Fremde musste gewaltige Hände haben. Berger wagte es nicht, sich zu bewegen, und blieb wie angewurzelt stehen. Dabei spürte er, wie seine Knie weich wurden. Für einen Augenblick fürchtete er, einfach kraftlos niederzusacken.
»Du hörst jetzt genau zu, was ich dir sage!«
»Kein Problem, ich zahle Ihnen, was Sie wollen. Ich mache Ihnen keine Schwierigkeiten«, stieß Berger mit brüchiger Stimme hervor.
»Maul halten! Ich rede. Du redest nur, wenn du gefragt wirst.«
»Jawohl!«, antwortete er servil, außer sich vor Angst.
Der Unbekannte drückte die Hand, die noch immer um seinen Hals lag, wie eine schwere Rohrzange zusammen.
Berger brachte nur ein Stöhnen heraus, das in ein heiseres Gurgeln überging.
»Du wirst das tun, was ich dir sage. Und zwar genau das. Sonst werde ich die Fotos deiner Frau schicken, du alter Hurenbock. Und danach werde ich mir deine Tochter vornehmen!« Er lachte diabolisch. »Sie hat genau das richtige Alter! Wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie kein Mann mehr anfassen. Und wenn ich gehe, werde ich ihr noch erzählen, dass sie das alles ihrem geilen Vater zu verdanken hat.« Wieder lachte er dröhnend.
»Ich tue alles, was Sie sagen, aber …« Berger kam nicht dazu weiterzusprechen, wieder schloss sich die Hand fest um seinen Hals.
»Sei ganz entspannt, mein Freund«, säuselte der Fremde süßlich. »Ich will doch nur ein paar Dosen Bier bei dir kaufen.«
»Ja, ja, natürlich«, stammelte Berger.
»Die Bestellung über 20.000 Dosen für meine russische Firma wird in den nächsten Tagen bei dir eingehen.«
»Kein … kein Problem«, antwortete Berger, in dem gerade die Hoffnung wuchs, es könnte sich doch alles in Wohlgefallen auflösen.
»Und weißt du was, mein Buchhalterchen, ich werde dir sogar dabei helfen, sie zu befüllen.«
Berger nickte hektisch.
»Du wirst am …« Jetzt stockte der Fremde, nestelte in seiner Jacke herum, Papier knisterte, ein Feuerzeug flammte auf. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Berger das Spiegelbild des Fremden, der ihn um mehr als einen Kopf überragte, in der Fensterscheibe vor ihm. Sein Haar war kurz, das Gesicht grob und pockennarbig. Zwischen seinen Lippen klebte eine selbstgedrehte Zigarette. Der Augenblick war lang genug, um seine Angst in rasende Panik zu verwandeln, aber zu kurz, um ihn je wiederzuerkennen.
»Du wirst in der Nacht vom 8. auf den 9. Juli um 2.00 Uhr bei deiner Brauerei eine Tankladung erhalten und den Inhalt in die Bierdosen füllen, die dann am Mittwoch, dem 16.7., abgeholt werden. Verstanden?!«
»Aber ich bin nur Buchhalter. Sie müssen mich verwechseln, ich habe mit der Abfüllung nichts zu tun. Ich …«, wimmerte Berger.
Wieder lachte der Fremde gallig. »Dann hast du es eben ab jetzt!«
»Aber ich …«, begann Berger, bevor ihm die kräftige Hand förmlich die Stimme abdrückte.
»Weißt du, was das ist?«, dröhnte der Fremde und hielt ihm eine grobe Schere mit roten Griffen vors Gesicht.
»Eine … eine Gartenschere«, stotterte Berger heiser.
Der Fremde lachte. »Nicht irgendeine Gartenschere, es ist eine Felco, Schweizer Wertarbeit, die Königin der Baumscheren, ich hab sie extra für dich ausgesucht.«
Berger konnte sich kaum noch auf den Füßen halten, das nackte Entsetzen schlug ihm wie ein Stock in die Kniekehlen.
»Mit dieser schönen Felco werde ich dich jetzt zum Abfüller umschulen, mein Freund.«
»Bitte, bitte …«, flehte Berger.
»Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie auch eine gute Gedächtnisstütze für Leute wie dich ist, die gerne vergessen, was man ihnen aufträgt!«
Berger brachte nur noch ein Glucksen heraus.
Der Hüne löste den Würgegriff um Bergers Nacken, nahm dessen knochige Hand und schob den kleinen Finger zwischen Klinge und Gegenklinge der Schere.
Berger versuchte, sich ihm zu entwinden, doch die muskulösen Arme seines Peinigers hatten sich wie riesige Tentakel um seinen zierlichen Körper gelegt.
»Nein!«, schrie er atemlos.
Ein Geräusch, als schnappe die scharfe Klinge durch ein dünnes Gehölz, wie es Berger kannte, wenn er den Zweig einer seiner historischen Rosenstöcke beschnitt, ertönte. Dann folgte ein stechender Schmerz an seiner linken Hand, der ihm für einen Augenblick die Besinnung raubte. Er krümmte sich, die Beine knickten endgültig unter ihm weg. Er glitt zu Boden.
Laut grölend hielt ihm der Fremde den abgetrennten Finger vors Gesicht und warf ihn dann kichernd auf einen Schutthaufen.
Berger wimmerte laut auf, seine Sinne vernebelten.
»Merk dir den 9. Juli um 2.00 Uhr. Wenn du die Bullen rufst oder sonst jemandem davon erzählst, werde ich diese Schere an den Fingerchen deiner Tochter ausprobieren. Verstanden?«
Berger brachte nur ein kraftloses Nicken zustande, zu sehr war er damit beschäftigt, mit einem Taschentuch das pulsierend aus der Wunde spritzende Blut zu stoppen.
Fortan nahm Berger alles um sich herum nur noch wie in Trance wahr. Die ausgerauchte Zigarette, die dicht an seinem Kopf vorbei auf den Bauschutt geschnippt wurde. Den unbarmherzigen Griff an seinem Kragen, der ihm die Luft abschnürte. Die Kaltblütigkeit, mit der ihn der Fremde über den mit Steinbrocken und Schutt übersäten Fußboden vor die Haustür schleifte und ihn wie einen Kartoffelsack einfach auf dem Bauch liegen ließ. Berger hörte, wie er die alte Holztür ächzend ins Schloss drückte. Zum Abschluss packte er ihn im Genick und schob sein Gesicht ruckartig so dicht an den Türgriff, als wollte er ihm daran die Nase zertrümmern.
»Schau her!«, herrschte er ihn an, steckte einen Dietrich ins Schloss und brach ihn ab.
»So, jetzt kannst du es dir sparen, nach deinem dürren Buchhalterfinger zu suchen. Bis du einen gefunden hast, der die Tür aufkriegt, haben ihn längst die Ratten gefressen. Und überleg erst gar nicht, ins Krankenhaus zu laufen. Man fragt dort zu viel. Und von deinen Antworten würde ich irgendwann hören, und dann wärst du tot. Ein Druckverband, und in zwei Tagen ist alles gut. Sei keine Memme, denk dran, ich habe ein Auge auf dich!«
In diesem Augenblick näherten sich Schritte. Ein einsamer Fußgänger kam auf sie zu. Eine unbestimmte Hoffnung keimte in Berger auf.
»Komm, Briederchen, der letzte Wodka war zu viel fier diiech«, lallte Bergers Peiniger leutselig. Er stützte ihn. Dabei legte er wieder seine Schraubzwingenhand um dessen Kehle und drückte sich Bergers Gesicht fest an die Brust, sodass ihn niemand erkennen konnte und er außerstande war, um Hilfe zu rufen.
Berger würgte. Die Schmerzen, dazu der scharfe Geruch nach Mentholtabak und das aufdringliche Rasierwasser forderten ihren Tribut.
Der Fußgänger, dem ein knurrender Pitbull an einer Leine folgte, schüttelte nur den Kopf.
Schweinsbraten
Montag, 25. Juni 2019, 12.35 Uhr
»Und des soi a Schweinsbron sei?«, sagte Quirin und stocherte lustlos in der zerfaserten Fleischscheibe vor sich.
»Wow, der Herr ist wohl ein Feinschmecker? Das kannst du dir in der Mensa abschminken. Was erwartest du für drei Euro?«
»An echt’n Schweinsbron hoid.«
»Sei lieber froh, dass ich dich mit meinem Studentenausweis hier reingeschmuggelt habe. Jeden Tag ein durchgeweichtes belegtes Brötchen vom Supermarkt ist auch keine gastronomische Sensation und kostet fast genauso viel.«
»Bei meina Muadda schmeckt’s jedenfois bessa«, beharrte Quirin.
»Muttersöhnchen!«, sagte Irina und lächelte ihn dabei an. »Wenn du mir heute Abend noch mal brav dieses ganze Zeug mit Stammwürze und ober- und untergärigen Biersorten erklärst, lade ich dich mal zu mir nach Speyer ein. Dann koche ich dir einen echten Borschtsch, so wie ihn mir meine Mutter beigebracht hat. Das gibt’s eh nie bei uns, weil mein Mitbewohner ein Veggie ist.«
Quirin horchte auf. »Mitbewohna?«
»Ja, ich wohne bei ihm im Haus.«
Er zögerte. »Du bischt? Also er is …?«, stammelte er unbeholfen.
»Er ist ein prima Kerl, und wir verstehen uns gut.« Irina kostete Quirins fragenden und enttäuscht wirkenden Gesichtsausdruck aus.
»Aber jetzt mal was ganz anderes«, wechselte sie das Thema. »Ist dir eigentlich bewusst, dass die eine Riesenmenge Bier nach Russland exportieren? Und nach China auch. Die haben sogar eine spezielle Abfüllanlage für diese komischen 0,95-Liter-Dosen.«
Quirin nickte nur. Sein Mienenspiel verriet ihr, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte.
»Was ist? Du guckst, als wär dein Goldfisch eingegangen.«
»Es is … Es is wega Dahoam. Wenn mia so a Abfüllanlag’n hätt’n, de des kannt, dann hätt’n mia bessare Chancen, unsa Bier im Ausland zum vermarkt’n. De hom do einfach ois. Neie Sudkessl, große Lagertanks, neie Abfüllanlag’n und a riesig’s Lager. Dahoam is ois oid und nimma wettbewerbsfähig.«
»Wie? Ihr habt eine Brauerei?«, fragte Irina überrascht.
»Ja, scho no, aba wenn des so weida geht … mei Onkel, da Jonny, macht se hie. Er versteht nix vom Bierbrau’n.«
»Und was treibst du hier, wenn ihr zu Hause eine eigene Brauerei habt?«
»Wega meim Großvater. Er wui, dass i mi umschaug, wias andere mach’n. Damit i dann füa unsa Brauerei wos leana ko.«
Irina konnte förmlich beobachten, wie in den letzten Minuten sämtliche Farbe aus dem vitalen rotbäckigen Gesicht des Jungen gewichen war. Sie glaubte sogar zu erkennen, dass seine Augen wässrig wurden.
»Und du meinst, du kannst eurer Brauerei helfen?«
»Na«, sagte Quirin und vergrub sein Gesicht in den Händen.
Irina legte behutsam einen Arm um seine Schultern.
*
Ernst Berger hatte Angst. Angst um seine Hand, in der sich eine heftige Entzündung, ausgehend vom kurzen Stumpf des kleinen Fingers, pulsierend ausbreitete. Angst um seine Familie und Angst um seine Existenz.
Er war matt und hatte den ganzen Sonntag in einem ruhelosen Halbschlaf zugebracht. Fieberträume hatten sich mit Angstfantasien abgewechselt. Wie konnten er und seine Familie lebend aus der Sache rauskommen? Sollte er mit der Polizei Kontakt aufnehmen? Aber was dann? Seine Frau, seine Tochter, wie sollte er ihnen erklären, was er vor zwei Jahren in diesem Bordell in Speyer gesucht hatte? Und dieser Russe. Er wusste zu viel und war zu kaltblütig, um daran zu zweifeln, dass er seine Drohungen wahrmachen würde.
Aber wie sollte er dessen Forderungen erfüllen? Er war Buchhalter. Ein paar Tausender verschwinden zu lassen, Rechnungen zu manipulieren, all das war kein Problem. Aber wie sollte er Dosen mit irgendwas befüllen, das ihm der Russe liefern wollte? Er hatte keine Ahnung von den Abläufen in der Anlage. Aber wieso war dieser Kerl ausgerechnet auf ihn gekommen? Warum nicht auf den Braumeister oder den Techniker, der die Abfüllanlage bediente? Sie wären weitaus geeigneter, um so etwas durchzuziehen.
Bevor er eine Antwort finden konnte, fiel er wieder in fiebrige Träume von schwärenden Wunden und Handamputationen.
Qualitätskontrolle
Montag, 1. Juli 2019, 10.15 Uhr
Karl Gabarek war ein kleiner, spindeldürrer Mann. Alles an ihm war durch einen jahrzehntelang praktizierten übermäßigen Tabakkonsum gezeichnet. Seine Haut war faltig und fahl, das Weiß seiner Augäpfel wirkte schmutzig und war von unzähligen rötlichen Äderchen durchzogen. Atem und Kleidung verströmten einen penetranten Geruch nach kaltem Rauch.
Gerade deutete er mit einem von Zigarettenteer gelblich verfärbten Finger auf eine etwa drei Zentimeter lange Schabe, die eilig über den grauen Steingutboden der Restaurantküche krabbelte.
Dem Eigentümer und Küchenchef des Pfalzhofes neben ihm entgleisten die Züge. Hitze stieg in den Kopf des Mannes und verwandelte ihn in einen roten Ballon. »Aber so was gab’s noch nie in meiner Küche«, setzte er zur Verteidigung an.
Gabarek blieb ruhig. Aus Erfahrung wusste er, dass es in Momenten wie diesen gut war, Gelassenheit auszustrahlen und dem Betroffenen die Zeit zu geben, sich das herannahende Unheil auszumalen. Dies löste bei seinen Kunden weit mehr aus als die strengen Worte eines Beamten.
»Sie müssen mir glauben, hier ist alles picobello. Wir halten uns penibel an den Reinigungsplan. Wir hatten noch nie Ungeziefer.«
Gabarek nickte nur und legte mitfühlend die dürre Hand mit den gelben Fingern auf den Arm des beleibten Kochs. Interessant, wie das immer nach dem gleichen Schema ablief: die Überraschung, das Nicht-wahrhaben-Wollen, das Verhandeln und schließlich die Einigung. Ein vorhersehbares, kalkulierbares Ritual.
»Ein Schabenbefall in einer gastronomischen Einrichtung ist ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko für die Gäste. Sie übertragen Schimmelsporen, Salmonellen und erhöhen das Risiko für Magen-Darm-Infektionen signifikant. Ihr Anfraß und ihre Ausscheidungen können Lebensmittel ungenießbar machen und Allergien auslösen«, leierte Gabarek herunter.
Der Restaurantbesitzer nickte wie ein Schuljunge, dem der Lehrer gerade eine Standpauke hält.
»Und wenn so was erst an die Öffentlichkeit kommt …«, setzte Gabarek an und ersparte sich, den Satz zu beenden. Er wusste, dass die menschliche Fantasie grausamer sein konnte als Worte. Ebenso wusste er, dass der Besitzer des Pfalzhofes bei diesem Köder anbeißen würde.
»Aber wieso würden Sie das tun? Wie sollte die Öffentlichkeit davon erfahren, wenn Sie nicht …«, stammelte der massige Mann mit der Kochschürze.
»Ich werde ganz sicherlich nichts darüber verbreiten. Ich bin ein alter Hase und bekannt für meine Diskretion.«
»Aber wie sollte dann die Öffentlichkeit …?«
»Na ja, wenn ich zurückkomme, muss ich das zu Ihrer Akte nehmen.« Er deutete dabei auf das Handy, mit dem er eben die fliehende Schabe fotografiert hatte. »Dann wird daraus ein Vorgang. Er wird protokolliert, kopiert, verteilt. Er läuft durch die Hände von Sachbearbeitern, Sekretärinnen, Vorgesetzten und meist auch ein paar Praktikanten. Und ist am Ende in unserer Online-Datenbank für jeden Mitarbeiter einsehbar.«
Wieder verkniff er sich detailliertere Ausführungen. Nur ein Narr würde nicht erkennen, dass der Vorfall spätestens eine Woche danach zum Stadtgespräch werden würde.
Der Koch bekam keine Silbe über die Lippen. Seine Gesichtsfarbe hatte sich nunmehr in eine ungesunde Blässe gewandelt. Er mahlte mit den Kiefern. Man konnte förmlich beobachten, wie in seinem Gehirn die Synapsen unter Hochdruck arbeiteten.
»Und wenn …?«, setzte er an und blickte Gabarek treuherzig ins Gesicht.
Gabarek musste sich beherrschen, nicht zu grinsen. Wie einfach es doch war, Menschen zum Denken anzuregen. Aus Erfahrung war er sich gewiss, dass es fortan nicht mehr um das »Ob«, sondern nur noch um das »Wie viel?« ging. Doch er schwieg weiter, holte ein Formular aus der Tasche und begann, es quälend langsam unter den Augen seines Gegenübers auszufüllen.
Den Hals des Kochs zierten mittlerweile faustgroße rote Flecken. Unruhig stieg er von einem Fuß auf den anderen.
Als Gabarek schließlich gut leserlich in Großbuchstaben die Worte »AKUTER SCHABENBEFALL« eintrug, räusperte sich der Mann.
»Und wenn ich Ihnen zu 100 Prozent zusage, dass ich noch heute einen Kammerjäger beauftrage? Sie dürfen auch gerne mithören, wenn ich ihn anrufe.«
Gabarek war mit sich zufrieden. Alles entwickelte sich in die richtige Richtung. Jetzt galt es nur noch, die letzte Weiche zu stellen.
»Ja, wenn erst einmal das Auto des Kammerjägers vor der Restauranttür steht … Und so eine Fachkraft soll darüber hinaus sehr teuer sein.«
Er hatte ganz bewusst das Wort »teuer« etwas gedehnt ausgesprochen.
Der Koch schien die Botschaft verstanden zu haben. »Was meinen Sie, was so was kostet?«, fragte er artig.
»Wenn man bei einem Insektenbefall alles restlos beseitigt haben will, sodass niemand mehr was davon mitbekommt, kann das gut und gerne 3.000 Euro kosten«, antwortete Gabarek gelassen und füllte weiter das Formular aus.
Der Koch entfernte sich und kam mit einem Umschlag zurück, den er neben das Formblatt legte. Gabarek öffnete ihn mit seinen gelben Fingern und den viel zu langen Fingernägeln, spähte hinein und zerknüllte den ausgefüllten Vordruck. »Da hab ich mich doch leider verschrieben«, sagte er, grinste verschlagen und drückte dem unsicher neben ihm stehendem Restaurantbesitzer die Papierkugel in die Hand.
»Das können Sie wegwerfen.« Dabei schob er das Kuvert in die speckige Aktentasche und wandte sich zur Tür.
Wochenende
Samstag, 6. Juli 2019, 8.35 Uhr
»Sunny – Sunny, komm endlich rein! Es gibt dein Lieblingsfutter. Wo steckst du denn?«, flötete Karin Berger durch die offene Terrassentür.
Sie hatte schon zweimal nach dem rot getigerten Kater gerufen. Nichts. Sonst war sein Katzenmagen zuverlässiger als jede Armbanduhr. Täglich, kurz vor 8.00 Uhr, der üblichen Fütterungszeit, saß er auf der Terrasse und starrte vorwurfsvoll auf den Futternapf.
Karin Berger trat barfuß vor die Tür zum Garten ihres schmucken, aufwendig sanierten Einfamilienhauses im Schwetzinger Stadtteil Hirschacker. Sie stand unter der aufgespannten Markise und ließ ihren Blick über den vor kurzem verlegten Rollrasen gleiten, der mit seinem unnatürlich satten Grün wie frisch lackiert wirkte. Sie schlenderte einige Schritte in Richtung des neuen Pools. Das Wasser darin schimmerte im morgendlich goldenen Sonnenlicht in einem antiseptisch anmutenden intensiven Hellblau. Hinter dem Becken begrenzte ein hoher blickdichter Holzzaun das Grundstück zu dem von einem etwa 100 Meter breiten Wäldchen gesäumten Bahndamm.
»Sunny, komm endlich, du alter Stromer!«, rief sie mit süßlich quäkender Stimme.
Sie spürte etwas klebrig Feuchtes an ihrer Fußsohle, das ein Störgefühl bei ihr hinterließ. Komisch, der Rasen wurde doch spät am Abend, so gegen 23.00 Uhr, gewässert. Warum war er noch nicht abgetrocknet? Sie hasste jedwede Art von Schmutz an ihrem Körper und setzte den kleinen Kontrollgang auf der mit weißen Kalksteinplatten eingefassten Poolumrandung fort. Nach ein paar Tritten verharrte sie. Sie hatte das Gefühl, an den Platten kleben zu bleiben, und senkte den Blick zum Boden.
»Aua!«, stöhnte sie reflexartig auf. Doch sie fühlte keinen Schmerz. Aber wieso dann die blutigen Abdrücke auf den hellen Steinfliesen? Sie nahm auf dem Beckenrand Platz und inspizierte ihren Fuß. Tatsächlich, auf dem Ballen befand sich ein ausgebleichter schwärzlich roter Blutfleck. Sie wischte darüber. Das Blut war schon geronnen und ließ sich nur schwer entfernen. Die Haut darunter war unversehrt. Ekel flammte in ihr auf. Sie stand auf und wollte zum Haus eilen, um sich Hände und Füße abzuwaschen.
Dabei sprang ihr ein merkwürdiges Bündel ins Auge, das vor dem großen Oleandertopf, der als Sichtschutz vor der Terrasse thronte, im Rasen lag.
Was war das nur? Rötlich braune Fellwürste, mit einem Geschenkband gebündelt? Als sie näher kam, spürte sie wieder etwas Klebriges an der Fußsohle, und zeitgleich erkannte sie, dass es Blut war, das die Enden der Fellwürste dunkelrot färbte.
Mit einem Mal traf sie die grausige Erkenntnis, was da zu ihren Füßen lag.
»Sunny«, presste sie entsetzt hervor.
*
Eigentlich hätte es ein schöner Tag werden können. André hatte sich freigenommen; seine beiden Führungen hatte er einem Kollegen übertragen. Seit Langem wieder einmal wollte er sich einen ganzen Tag Irina widmen. Sie hatten heute ihren vierten Jahrestag. Aber was bedeutete es schon, dass sie auf den Tag genau vor vier Jahren bei ihm eingezogen war. An Tagen wie diesem wurde er sich immer wieder schmerzlich bewusst, dass sie nur seine Mieterin war. Sie war weder seine Adoptivtochter, wie er im Scherz immer gerne behauptete, noch gab es ein sonstiges Band zwischen ihnen, das sie zusammenhielt. Sie konnte einfach ausziehen, wenn sie wollte. Dazu brauchte es keinen besonderen Grund. Das Ende des Studiums, das unweigerlich näherkam, eine Beziehung oder der bloße Wunsch, sich zu verändern, reichte aus.
Was er in den ersten gemeinsamen Monaten noch als Trost empfunden hatte, nämlich die Sicherheit, dass er irgendwann wieder seine Ruhe haben würde, war über die Jahre hinweg förmlich zur Bedrohung herangereift. Was würde er tun, wenn er sich nicht mehr um sie sorgen könnte, wenn sein Haus nicht mehr von ihrer Musik oder ihrem Lachen erfüllt wurde?
Zu wenig hatten sie sich die letzten Wochen gesehen. Immer häufiger fiel der Name Quirin. Gestern Abend hatte der so etwas wie einen Antrittsbesuch bei ihm absolviert. Bestimmt hatte Irina ihm gegenüber darauf bestanden. In einer konservativen russischen Familie gehörte es wahrscheinlich zum guten Ton, einen neuen Freund den Eltern vorzustellen. Es war für alle Beteiligten höchst seltsam gewesen. Ein fremder Junge, der unter Irinas strengem Blick artig bei ihm seine Aufwartung machte. Was sollte das? Wollte sie etwa Andrés Segen? Und wenn ja, würde sie dann etwa zu diesem Typen ziehen?
»Grias di, André, i bin da Quirl«, waren seine ersten Worte gewesen. Schon hatte er in Andrés Augen verloren. Er mochte es nicht, wenn ihn Fremde beim ersten Kontakt gleich duzten. Für eine solche Vertraulichkeit bedurfte es einer längeren Phase der Annäherung und der gegenseitigen Zuneigung. Im Übrigen stand es dem Jüngeren nicht zu, diesen ersten Schritt einfach so zu machen.
Als Quirin ihm dann noch erzählt hatte, dass er im Herbst ein Studium an der Uni in München beginnen wolle, war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Deshalb hatte Irina vor ein paar Tagen auf den Seiten der Ludwig-Maximilians-Universität herumgesurft. André war sich sicher, dass auch sie beabsichtigte, ihren Studienort zu wechseln. Schon in ein paar Wochen würde sie das Mietverhältnis zu ihm aufkündigen und ihn verlassen, um Quirin nach München zu begleiten. Und dann war da noch das Telefonat von heute Morgen. Sie war ungewohnt albern, kicherte, ständig hörte er nur dieses »Quirl, Quirl, Quirl«, wie sie ihn scherzhaft nannte. Dann diese blöden Scherze auf Andrés Kosten. Wie hatte sie ihn doch gleich tituliert: »Mein alter Mann-vor-Ort«. Wie vertraut sie mit ihm umging. Dieses dämliche »Pfiat di, Bussi« zum Abschied ging ihm nicht aus dem Kopf.
All dies hatte André in eine merkwürdige Stimmung versetzt. Er fühlte sich hintergangen, zurückgelassen und nicht ernst genommen. Und das nach allem, was sie schon gemeinsam erlebt hatten. Die negativen Emotionen legten sich wie eine schwere, nasse Decke über ihn und zwangen ihm trotz des warmen Wetters eine innere Kälte auf. Er verlor sich in trüben Gedanken, seine Glieder waren bleiern, jegliche Aktivität und aller Tatendrang waren aus ihm gewichen.
»Mach schon, der Zug wird nicht auf uns warten«, flötete sie von unten zu ihm in sein Zimmer. Noch immer stand er unschlüssig vorm Kleiderschrank. Er wollte etwas anziehen, was ihn jugendlich und elegant zugleich erscheinen ließ. Ihn übermannte die Peinlichkeit, sich eingestehen zu müssen, dass er mit diesem vor Kraft und Elan nur so strotzenden Naturburschen konkurrieren wollte.
*
Kurz darauf standen sie auf dem Bahnsteig des Speyerer Hauptbahnhofs.
Auch das noch. Er hatte sich mit der Abfahrtszeit auf der Bahn-App vertan und nicht berücksichtigt, dass am Samstag die Züge in einer sparsameren Taktung fuhren als unter der Woche. Nun mussten sie sich hier 20 Minuten um die Ohren schlagen und herumtrödeln, bis der Zug Richtung Mannheim endlich abfuhr. Die Überraschung für sie – nämlich eine eigens für sie beide organisierte Privatführung durch die Ausstellung im Gebäude des Kunstvereins auf der Mannheimer Augustaanlage – würden sie wohl versäumen. Der Zorn darüber, dass er es verpatzt hatte, kroch wie ein bösartiger Lindwurm durch seinen Magen.
*
»Mach schon, alter Mann!«, feuerte sie ihn an, als sie die Mitte der Augustaanlage erreicht hatten. Im Zug hatte er ihr von der geplanten Führung erzählt. Sie hatte sich tatsächlich gefreut und ihn ermuntert, ein Taxi zu nehmen, um es doch noch zu schaffen. Aber es war wie verhext. Wo rechts, wenn man aus dem Bahnhof trat, sonst gut 20 Taxis in mehreren Reihen standen, war heute kein einziges gewesen. Also waren sie losgelaufen. Sie hatte ihn angetrieben, und er war wie ein Hündchen hinter ihr her gelaufen. Er war mit den eleganten Lederschuhen nicht schnell genug, um mit ihr Schritt zu halten.
Als sie beim Kunstverein ankamen, der fast am Ende der etwa einen Kilometer langen Augustaanlage lag, war er verschwitzt und völlig ausgepumpt. Ihr Privatführer war längst gegangen, und ihnen blieb nichts anderes übrig, als auf eigene Faust durch die Ausstellungsräume zu schlendern.
Während Irina unbefangen von Bild zu Bild schlenderte und es sich nicht nehmen ließ, André gegenüber, jedes einzelne Exponat zu kommentieren, war er in sich gekehrt und schwieg.
»Oh Mann! Du wirkst so dynamisch wie eine Schildkröte. Soll ich dir die Namen der Bilder vortanzen, dass du reagierst, oder geht es dir nicht gut?«
»Nein, alles okay, ich ärgere mich nur, dass das mit der Führung nicht geklappt hat.«
»Typisch, wenn was nicht nach Plan geht, bist du gleich eingeschnappt. Wir können uns doch die Ausstellung auch so ansehen, und in diesem Katalog hier kann man das, was der Führer gesagt hätte, einfach nachlesen. Hör endlich auf zu schmollen. Das mag ich gar nicht an dir.«
Sie hatte ja recht. Er war ein sturer Pedant, der es nicht ertrug, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen ablief. Wahrscheinlich hätte sie jetzt lieber den lustigen Quirin an ihrer Seite – besser als einen Grübler wie ihn.
*
45 Minuten später standen sie wieder vor dem Flachbau des Kunstvereins. Ihren Besuch hatten sie zunehmend schweigend hinter sich gebracht. Mehrfach hatte sie versucht, ihn aufzumuntern.
Aber er hatte sich beharrlich dem Missmut hingegeben.
»Und nun?«, fragte sie genervt. »Ich hab Hunger wie ein Bär.«
»Wir können ja essen gehen«, erwiderte er kleinlaut.
»Wie wär’s mit dem Dolceamaro am Wasserturm?«, antwortete sie schnell. So als fürchtete sie, er würde sein Angebot zurückziehen.
»Wenn du willst«, gab er einsilbig zurück.
»Schau, und einen fahrbaren Untersatz haben wir auch gleich hier.« Dabei deutete sie auf zwei jener Elektroroller, die neuerdings das Stadtbild Mannheims an jeder Ecke zierten.
»Was willst du damit? Du weißt doch gar nicht, wem die gehören.«
Irina stöhnte nur. »Mann, bist du wieder retro. Liest du keine Zeitung? Kaum nimmt man dich in eine größere Stadt mit, bist du hilflos wie ein Kleinkind.«
Das saß. Sonst hätte André sich über Irinas Spitzzüngigkeit insgeheim amüsiert, heute tat sie ihm weh.
»Entschuldigung, dass ich mich nicht für Kinderspielzeug interessiere. Ich bin bereits etwas aus dem Rolleralter rausgewachsen.«
»Roller«, sagte sie kopfschüttelnd. »Schon mal was von E-Scootern gehört?«
»Nein, brauch ich auch nicht. Mein Fahrrad reicht mir.«
»Aha, und wo ist dein Fahrrad?«
»Was soll die blöde Frage?«
Ohne auf seine mürrische Erwiderung einzugehen, zückte sie ihr Smartphone und machte sich daran zu schaffen.
»Voilà, du hast eine Einladung für 15 Minuten kostenloses Rollerfahren!«
»Rollerfahren? Hier? Jetzt? Ich? Du spinnst wohl.«
»Alter Mann, sei kein Saurier, gib schon dein Smartphone her!«
Dabei riss sie ihm sein Handy aus der Hand und begann, darauf herumzuwischen.
»Was tust du da?«
»Na, die E-Scooter-App herunterladen.«
»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mit diesem Kinderding fahre?«
»Komm schon, tu’s für mich. Mit Quirin bin ich diese Woche auch schon gefahren.«
»Das passt ja auch zu diesem Jüngling.«
»Und was passt zu dir? Wäre dir ein Rollator lieber?«
Das saß schon wieder tief. André spürte, dass seine Wangen glühten.
»Na dann, wenn dieser Naturbursche das hinkriegt, werde ich es wohl auch schaffen.«
Für einen Augenblick wusste André nicht, wen er mehr mit dieser spontanen Äußerung überraschte – Irina oder sich selbst?
»Wow, du machst es wirklich?« Sie strahlte und hauchte ihm einen kameradschaftlichen Kuss auf die Backe.
»Aber nur, weil du mich so charmant darum gebeten hast«, sagte er und grinste schief.
Irina installierte die App, registrierte ihn mit seiner Kreditkartennummer, die er ihr ohne Widerrede diktierte, und scannte den QR-Code auf dem Lenker des Rollers mit seinem Smartphone ein. Nun konnte es losgehen.
Jetzt nur nicht zögern, dir nur keine Blöße geben, dachte André, nahm den Scooter und klappte den Ständer ein.
Er schwang sich mit einem Bein auf das Trittbrett und stieß sich mit dem anderen kraftvoll ab. Wie schwerfällig dieses Gefährt doch war. Er erhöhte die Abstoßfrequenz und legte mehr Kraft in die Trittbewegungen. Trotzdem schien das unhandliche Fahrzeug nicht recht in Fahrt zu kommen. Während er noch innerlich fluchend den Fuß in das Pflaster des Bürgersteigs stemmte, schlängelte sich Irina elegant mit beiden Füßen auf dem Trittbrett an ihm vorbei.
»Gas geben nicht vergessen!«, rief sie zu ihm herüber.
»Wie? Wo?«, fragte er irritiert.
Irina fuhr eine Schleife und kam neben ihm zum Stehen.
»Na hier, der Hebel am Lenkrad.« Dabei schüttelte sie den Kopf. »Männer und Technik.«
André spürte, wie ihm der Schweiß über die Stirn rann. Er hasste es, wenn er die Situation nicht unter Kontrolle hatte und im Begriff war, sich lächerlich zu machen. Was hatte ihn nur geritten, sich auf das hier einzulassen? Er nahm erneut kräftig Schwung und riss mit dem Daumen am Gashebel. Der Scooter machte einen Satz nach vorne, nur mit Mühe konnte er das Gleichgewicht halten.
Irina lachte. »Wow, der alte Mann beim E-Scooter-Rodeo.«
Ihm war nicht nach Scherzen zumute. Ängstlich, sich noch einmal zu blamieren, steuerte es das Gerät mit mittlerer Geschwindigkeit auf dem breiten Bürgersteig in Richtung des historischen Wasserturms, dem Wahrzeichen Mannheims.
Irina schloss zu ihm auf und beobachtete ihn lauernd.
»Du hast eine Haltung wie ein Koala. Entspann dich mal!«
André schüttelte den Kopf. »Entspannen, was für eine dämliche Idee.«
Er war froh, nicht die Balance zu verlieren. Jeder uneben verlegte Pflasterstein auf dem Gehweg, jede Bodenwelle und erst recht jeder Bordstein boten das Risiko eines schweren Sturzes. Er hatte weder Helm noch sonstige Schutzausrüstung. Es entsprach ganz und gar nicht seinen Prinzipien, seine Gesundheit für ein solch unnötiges Unterfangen aufs Spiel zu setzen.
»Übrigens, wir sind hier nicht in England. Wir haben hier keinen Linksverkehr, und auf dem Bürgersteig darf man mit E-Scootern auch nicht fahren. Bei der nächsten Kreuzung wechseln wir auf die rechte Fahrspur«, rief ihm Irina hektisch hinterher, während er nochmals beschleunigte.
Sie sollte ruhig sehen, dass er diesem albernen Gefährt gewachsen war. Er war doch nicht so dämlich, auf der vierspurigen Augustaanlage, auf der nicht selten die Autos mit 70 entlang brausten, auf einen der Fahrstreifen zu wechseln. Schließlich war das Trottoir breit genug, um den Fußgängern ausweichen zu können. Sein Sakko flatterte im Fahrtwind. Vibrationen drangen ihm durch Mark und Bein. Das schlecht gefederte Vehikel übertrug jede Unebenheit des Pflasters auf seinen Körper.
Vorsichtig ließ er den Gashebel angesichts der nahenden Ampelkreuzung los. Verdammt, ausgerechnet jetzt schaltete die Ampel auf Rot. Reflexartig stemmte er den Absatz des linken Fußes in den Boden, um zu bremsen. Scharrend glitt er über den rauen Belag, bis er endlich zum Stehen kam.
»Wow, du fährst ganz schön auf Verschleiß. Noch so eine Vollbremsung, und die Socken kommen durch. Die Handbremse benutzen, kann helfen!«, feixte Irina, die neben ihm lässig elegant zum Stehen gekommen war.
Er wollte etwas erwidern, als ihn eine knarzige Männerstimme hinter ihm unterbrach.
»So unsicher, wie Sie wirken, sollten Sie sich vom öffentlichen Verkehrsraum fernhalten. Gehen Sie das besser noch irgendwo üben. Das ist auch nicht so kostspielig. Denn für das Fahren auf dem Bürgersteig muss ich Ihnen leider ein Bußgeld von 15 Euro berechnen.«
André schaute sich um. Wo, um alles in der Welt, kamen die zwei Polizisten her? Und was war das überhaupt für ein beleidigender Unterton?
Auch das noch, dachte er, warum musste heute alles, was er anpackte, schiefgehen.
»Papiere!«, raunzte der andere, deutlich jüngere Ordnungshüter. »Sie sollten noch mal darüber nachdenken, ob das wirklich das richtige Verkehrsmittel für Sie ist – in Ihrem Alter.«
Das war zu viel. Andrés Kopf lief puterrot an. Nur mit Mühe konnte er eine Schimpftirade unterdrücken. Wortlos zog er sein Portemonnaie, fischte den Ausweis und drei Zehn-Euro-Noten heraus und reichte sie dem Beamten. »Die junge Dame ist eingeladen«, sagte er mit einem Friedhofslächeln. »Und wenn Sie nichts dagegen haben, würden wir jetzt gerne unsere Fahrt fortsetzen.«
»Aber nicht auf dem Bürgersteig!«, fuhr ihn der Uniformierte an und gab ihm den Personalausweis zurück.
Artig schoben er und Irina ihre Scooter auf die rechte Fahrspur. Hinter sich hörte er, wie die Polizisten lachten. Diese Wegelagerer hatten wohl nichts Besseres zu tun, als harmlose Rollerfahrer auszunehmen und auch noch Witze darüber zu machen. Was für grobe Lackaffen, dachte André. Er spürte, wie sich tiefer Zorn wie ein bissiges Tier in seinen Eingeweiden festkrallte. Selten war er so gemaßregelt worden, und das ausgerechnet heute, im Beisein von Irina. Er hasste sich dafür, dass er sich hatte breitschlagen lassen, auf dieses alberne Spielzeug zu steigen. Den zwei Schmalspurbullen hätte er am liebsten eine verbale Abreibung und ein Disziplinarverfahren wegen ungebührlichen Verhaltens verpasst. Dafür zahlte man Steuern, um Leute zu finanzieren, die einen beleidigten.
Trotz stieg in ihm auf. Er drückte den kleinen Gashebel am Lenker auf die Maximalstellung. Er wollte nur noch das Dolceamaro erreichen und das kindische Ding loswerden.
Als ein Auto vor ihm scharf bremste, legte er wieder eine Sohlenbremsung hin. Irina schrie »Handbremse benutzen!«, und schüttelte einmal mehr den Kopf.
Endlich waren sie angekommen. Nun hieß es nur noch, einen geeigneten Stellplatz für die beiden Roller zu finden, auf dem man nicht den Bürgersteig verstellte, und er würde seine Ruhe haben. Irina war ein paar Schritte vorausgegangen, um am hinteren Ende der Außenbestuhlung unter den Arkaden einen passenden Abstellplatz zu suchen. André wartete, weil er keine Lust hatte, das Gefährt durch die rechts und links des Gehwegs stehenden Bistrotische zu schieben.
Er starrte Irina nach. Warum war sie zwischen den Tischen plötzlich stehen geblieben? Sie wendete und kam zu ihm zurück. Sie quetschte sich eng neben ihn. Auf ihrem Hals zeichneten sich rote Flecken ab. Außer Atem flüsterte sie ihm ins Ohr. »Ich hab dir doch die Sache mit dem Finger auf der Parkinsel erzählt. Ich glaube, da vorne sitzt der Eigentümer. Er hat einen komischen Verband, aber man sieht, dass der kleine Finger fehlt.«
»Ach was«, brummte André missmutig. »Es gibt bestimmt noch mehr Menschen mit so einer Verletzung.«
»Schon, aber ausgerechnet einen Asiaten?«
Jetzt fiel André wieder ein, dass Achill ihnen berichtet hatte, dass der gefundene Finger zu einem Asiaten gehört hatte.
»André, du musst was tun! Frank sucht doch überall nach diesem Typen.«
»Was soll ich denn tun? Ich kann ihn wohl schlecht verhören.«
»Schau, er winkt nach der Bedienung. Wenn wir ihn nicht aufhalten, ist er gleich weg.«
»Ich rufe Frank an. Du verwickelst ihn in ein Gespräch. Los, mach schon!«, drängte ihn Irina.
»Wie stellst du dir das vor?«, murrte André. Doch Irina hatte das Handy bereits am Ohr und telefonierte.
Die Kellnerin näherte sich dem Tisch des Gastes und begann, ihm die auf ihrem Bestellterminal aufgelisteten Speisen und Getränke vorzubeten. Er fischte umständlich sein Portemonnaie mit der unversehrten linken Hand aus der Gesäßtasche und schickte sich an zu bezahlen. Irina hatte recht. Würde er nichts unternehmen, wäre dieser Typ in wenigen Augenblicken verschwunden. Die Bedienung nahm ein paar Scheine von ihm entgegen, dankte ihm und zog davon. André schob den Roller durch den Durchgang zwischen den Tischen zum Platz des Asiaten. Unschlüssig blieb er stehen. Es war, wie Irina es beschrieben hatte. Da, wo der kleine Finger hätte sein müssen, schmückte ein klobiger, unprofessionell angebrachter Verband dessen rechte Hand. Noch hatte ihn der schmächtige, etwa 40 Jahre alte Mann nicht bemerkt. Zu sehr war er damit beschäftigt, unbeholfen mit der Linken den Geldbeutel wieder in der Gesäßtasche zu verstauen.
»Entschuldigung, äh, können Sie mir sagen, wo hier das Reiß-Engelhorn-Museum ist?«, setzte André holprig an, ohne die Hand des Asiaten aus den Augen zu lassen.
Sein Gegenüber sah überrascht zu ihm auf. »Wie bitte?«, fragte er in nahezu akzentfreiem Deutsch.
Jetzt schien er zu bemerken, dass André auf die Stelle mit dem Verband starrte. Er zögerte, schaute erschreckt in Andrés Gesicht. Mit einem Ruck erhob er sich und stieß krachend den Stuhl neben sich um. Er verpasste André einen Stoß, sodass er gegen den Nachbartisch taumelte, dort vergeblich Halt suchte und zu Boden ging. Zwei ältere Damen schrien schrill auf, als sich der Aperol Sprizz über ihre Kleider ergoss.
Für einen Augenblick war André desorientiert. Er hatte im Fallen die Brille verloren. Nur mühsam kam er zwischen dem Bistrotisch und dem Roller, der auf ihn gekippt war, auf die Beine. Mit zusammengekniffenen Augen sah er gerade noch, wie der Asiate ein Mountainbike schnappte und sich auf den Sattel schwang. Behände schlängelte er sich durch das Chaos aus abgestellten Fahrrädern, Parkscheinautomaten, Schildermasten und parkenden Autos auf die Busspur.
André spürte unbändigen Zorn in sich aufsteigen. Was fiel diesem Typen nur ein, ihn einfach umzustoßen und ihn vor den kompletten Bistrobesuchern derart bloßzustellen. Er sah rot. Das Limit des Erträglichen war für heute endgültig überschritten.
»So nicht, Freundchen!«, schrie er zornig mit verbissenem Gesicht. Er ergriff seinen Roller. Ohne zu zögern, holte er Schwung und nahm die Verfolgung auf. In einer halsbrecherisch engen Kurve zirkelte er um die Ecke, zerrte den Scooter über den Bordstein. Er streifte den Parkscheinautomaten und riss mit dem Ellbogen beinahe den Seitenspiegel eines Cabriolets ab. Eine Reihe Fahrräder kippte wie aufgestellte Dominosteine zur Seite. Mit vor Anstrengung und Wut geröteten Wangen schaffte er es, sich mit dem Roller auf der Fahrbahn hinter den Asiaten zu bringen. Im Zornesrausch verdrängte er alles um sich herum. Irina schaute ihm verwundert und überfordert hinterher. Was tat er da nur? Was für ein Chaos hatte er im Dolceamaro hinterlassen? Die Kellnerin tobte und forderte ihn auf zurückzukommen.
Doch er hatte nur noch eines im Sinn. Er wollte diesen merkwürdigen Grobian einholen. Es war zu seiner privaten Mission geworden, der er alles unterordnete. Mit weit ausholenden Fußschwüngen versuchte er, dem Gefährt unter sich mehr Fahrt zu geben und trieb es an wie ein stures Maultier.
Ein Pkw hatte sich vor den Flüchtigen gesetzt und ihn zum Abbremsen gezwungen. Nur drei Fahrradlängen lagen noch zwischen ihnen. Der Asiate trat mit aller Kraft in die Pedale, um wieder Fahrt aufzunehmen. André drückte den kleinen Gashebel, der sich bedenklich unter dem Daumen bog, in die Maximalstellung. Er würde heute nicht noch einmal der belächelte Verlierer sein. Er würde diesen Rüpel stellen, koste es, was es wolle.
Schnell hatten sie gut 50 Meter zurückgelegt. Rechts neben ihnen lag bereits das Kongresszentrum Rosengarten mit der roten Sandsteinfassade. Davor staute sich der Verkehr. Ein Taxifahrer half umständlich einem älteren Fahrgast aus dem Wagen. Der Asiate bremste scharf ab. Zu spät, er riss den Lenker herum und wendete stark schwankend. André erging es nicht besser. Entschlossen stemmte er den Fuß in den Asphalt, um nicht in das Heck des Taxis zu prallen. Er spürte, wie der raue Straßenbelag unter seinen Sohlen entlangschabte und ihm den Absatz vom Schuh hobelte. Er kam zum Stehen, stolperte und zerrte den Scooter in die Gegenrichtung.
Die zweispurige Ringstraße, die um den Wasserturm und die ihn umgebende Parkanlage verlief, war eine Einbahnstraße. Zu Andrés Entsetzen befuhr der Flüchtige die hochfrequentierte Straße nun in entgegengesetzter Richtung.
»Verdammt«, stöhnte André. Bei dem gewagten Wendemanöver musste ein hinter ihm fahrendes Auto scharf bremsen.
Wieder vergrößerte sich die Distanz zwischen ihnen. Auf lange Sicht würde André das ungleiche Rennen verlieren. Während der Roller bei 25 Stundenkilometern abgeregelt war, kam man mit einem Rad auf freier Strecke deutlich schneller voran.
Glücklicherweise war die Straße alles andere als frei. Wie auf eine Perlenschnur gereiht kam ihnen Auto um Auto in dichter Folge entgegen. Eng quetschten sie sich am Fahrbahnrand an hupenden Autos und ihren fluchenden Fahrern vorbei. Wenigstens für den Moment gab es für den Asiaten vor ihm kein Entrinnen. Links fuhren die Autos, und rechts war der Bürgersteig durch eine Kette abgegrenzt. Abzubremsen, abzusteigen und das Rad darüber zu wuchten, würde viel zu lange dauern und André die Chance geben, ihn zu ergreifen.
Gerade bremste der Flüchtige vor ihm mit quietschenden Reifen. Ein wuchtiges SUV kam, ohne Anstalten zu machen auszuweichen, auf ihn zu. André schloss auf. Der Abstand war erneut auf wenige Meter geschrumpft. Für einen Augenblick keimte in ihm die Hoffnung auf, ihn stellen zu können. Ein entschlossener Griff in den Pulloverrücken, und er würde ihn vom Rad zerren. Er versuchte, alles aus dem Roller herauszuholen. Obwohl er den Gashebel in Maximalstellung gedrückt hielt, holte er zusätzlich mit dem Fuß Schwung, auch wenn ihm das jedes Mal Stabilität raubte, und er drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.
Sie erreichten den Scheitelpunkt der Ringstraße, dort, wo die vierspurige Augustaanlage auf den Friedrichsplatz stieß. Die Straße verengte sich. Am Fußgängerübergang vor ihnen endete die Begrenzungskette. Hier war einer der Hauptzugänge zum Park, der deutlich tiefer als das Straßenniveau den Wasserturm umgab.
Unvermittelt stoppte der Asiate, sprang vom Rad und schnappte nach dem Lenker des Rollers, den er mit einem Ruck querstellte. André war völlig überrascht und konnte der Aktion seines Kontrahenten nichts entgegensetzen. Den Gesetzen der Schwerkraft folgend kippte der Roller in voller Fahrt vornüber und riss André mit sich aufs Pflaster.
Er fing sich mit den Händen ab, bevor es ihn auf den Asphalt riss. Der ihm entgegenkommende Kleinbus bremste scharf. Der ihm nachfolgende Pkw fuhr, begleitet von lautem Hupen, auf. André spürte, wie seine Knochen und Sehnen in den Armen überdehnt wurden. Völlig unter Schock, noch immer von der fixen Idee besessen, den Flüchtenden zu fassen, rappelte er sich auf. Auch dem Asiaten war es nicht besser ergangen. Beim Versuch, sich wieder aufs Rad zu schwingen, kam er ins Schlingern und stürzte ebenfalls. Andrés Gehirn hatte alles um ihn herum ausgeblendet. Selbst die stark blutenden Handflächen, mit denen er den Sturz auf der rauen Straßendecke aufgefangen hatte, schien er nicht zu bemerken. Ohne zu realisieren, dass das Vorderrad des Rollers grotesk deformiert abstand, zog er das marode Gefährt mit sich und folgte dem Flüchtigen.
Dieser war erneut aufs Fahrrad gesprungen und strebte dem Treppenabgang zum Park entgegen. Ohne zu zögern, trat er in die Pedale und fuhr kurzerhand über die flachen Treppenstufen nach unten. André folgte ihm noch ein paar Schritte bis zum Ende der neben dem Abgang terrassenförmig in den Park gebauten Plattform. Rasend vor Zorn über die Boshaftigkeit, mit der ihn der Fremde vom Roller geholt hatte, schleppte er seinen geschundenen Körper bis ans Geländer der Terrasse. Er hatte verloren. Zum wiederholten Mal hatte er heute den Kürzeren gezogen. Unmöglich würde er mit dem havarierten E-Scooter oder laufend diesem Typen hinterherkommen. Der hatte in halsbrecherischem Tempo den Fuß der Treppe erreicht. Doch als er zu früh den Lenker des Rads nach links riss, stürzte er erneut. André starrte wie gebannt auf ihn, wie er sich direkt unter ihm aufrappelte. In einem verzweifelten Affekt stemmte er mit seinen ramponierten Armen den Roller hoch und warf ihn kurzerhand über die Balustrade nach unten.
Wunden lecken
Samstag, 6. Juli 2019, 13.35 Uhr
André war ganz schummerig zumute. Eine Hand umklammerte grob seinen lädierten Oberarm und ließ ihn laut aufstöhnen.
»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«, herrschte ihn eine knarzige Männerstimme an. Wie in Zeitlupe drehte er den Kopf, sein Nacken schmerzte, hinter ihm erkannte er den älteren der beiden Polizisten von vorhin.
»Den, den da unten müssen Sie verhaften!«, stöhnte er kraftlos. Dem Asiaten schien es nicht viel besser zu gehen als ihm. Er kauerte noch immer auf dem Boden. Neben ihm kniete der andere der beiden Beamten.
André versuchte halbherzig, sich dem Griff des Uniformierten zu entwinden.
»Freundchen, du bleibst schön hier. Ich weiß ja nicht, was mit dir los ist, ob du getrunken oder gekifft hast oder einfach nur bescheuert bist, aber eines verspreche ich dir: Dieser Tag wird für dich in einer Zelle enden.«
André schwieg. Er war noch zu benommen, um die völlig chaotische Situation zu überblicken. Auf der Straße hatte sich der Verkehr gestaut. Eine Traube von Gaffern umringte ihn und seinen Bewacher. Er sah, wie das Blut seiner aufgeschürften Handflächen auf den staubigen Boden tropfte. In der Ferne, aus Richtung des Hauptbahnhofs, hörte er ein Martinshorn. Das Letzte, was er wahrnahm, war ein Schwindelgefühl, das ihn in sich zusammensacken ließ.
*
»Keine Sorge, Ihrem Bekannten geht es soweit gut, es war nur ein kurzes Kreislaufversagen«, hörte er wie im Traum etwa 15 Minuten später eine Stimme neben sich sagen. Er lag auf dem Rücken, die Hände ertasteten Stoff unter sich. »Alles okay, ich bin da«, säuselte Irina in einem merkwürdig nachsichtigen Ton, als spräche sie mit einem Kleinkind. Gleichzeitig spürte er ein aufmunterndes Schulterklopfen.
Zögerlich, noch etwas betäubt, schlug er die Augen auf und wandte den Kopf in die Richtung, aus der er ihre Stimme vernommen hatte. »Wo bin ich?«, krächzte er.
Dabei musterte er verwirrt das in nüchternem Weiß gehaltene Mobiliar mit allerlei Schubladen und Staufächern um sich herum.
»Du liegst in einem Krankenwagen, hier in der Nähe vom Wasserturm.«
Sofort machte sich Anspannung in ihm breit. »Und wo … wo ist dieser Kerl ohne Finger?«
»Die Krankenwagenbesatzung kümmert sich gerade um ihn.«
»Ist er … ich meine … lebt er?«
Irina lachte. »Außer, dass er von Rad gestürzt ist und dann ein Problem mit einem tief fliegenden Roller hatte, saß er schon wieder aufrecht, als ich ihn vor fünf Minuten gesehen habe.«
»Ihr müsst ihn … Hörst du, ihr müsst ihn festhalten, bis Frank kommt«, stammelte André hektisch und versuchte, sich zu erheben.
»Keine Sorge, vorhin stand einer der beiden Polizisten beim ihm.« Irina legte eine Hand auf seine Schulter und drückte ihn auf die Pritsche zurück.
»Du wirst hier brav liegenbleiben, der Sanitäter meinte, du musst in die Klinik zum Röntgen. Du hast dir wohl einige Knochen verstaucht, oder was auch immer.«
André bewegte jedes seiner geschundenen Glieder vorsichtig, als würde er einen systematischen Selbstcheck durchführen. Phasenweise verzog er dabei schmerzerfüllt das Gesicht.
»Schon gut, nichts Ernstes«, kommentierte er das Ergebnis.
»Na ja, deine Hände sahen jedenfalls aus wie Spaghetti Napoli«, erwiderte Irina grinsend.
»Wie Spaghetti was?«, fragte er verwirrt.
»Na, so, als hättest du damit Tomatensoße gerührt.«
»Was?«, fragte André noch immer benommen.
»Um es für dich verständlicher auszudrücken, alter Mann: Die Abriebfestigkeit deiner Haut war wohl dem rauen Asphalt nicht gewachsen. Im Klartext, du hast hier alles vollgeblutet. Hier sieht’s aus wie auf dem Mannheimer Schlachthof.«
Erst jetzt schien André wahrzunehmen, dass seine Hände in dicke Verbände verpackt waren, die wie überdimensionierte Fäustlinge anmuteten.
»Ach was, das sind doch nur Kratzer«, entgegnete er. Beim Versuch, die Finger zu bewegen, entglitten ihm die Züge.
»Trotzdem werde ich mich nicht in irgendein Krankenhaus verfrachten lassen, wo sie mich womöglich Tage wegsperren. Zum Arzt kann ich auch in Speyer gehen«, brummte er störrisch und erhob sich mit einer schmerzverzerrten Grimasse.
Irina wusste, dass es sinnlos war, ihn am Aufstehen zu hindern. Sie hatte mehr als einmal die Erfahrung gemacht, dass es hoffnungslos war, gegen seine Sturheit anzukämpfen. Er würde selbst schnell merken, wie ramponiert sein ganzer Körper war.
»Bleiben Sie bitte unbedingt liegen!«, rief ein Sanitäter, der sich gerade durch die Menschentraube drängte, die sich mittlerweile rund um die Unfallstelle gebildet hatte.
Ungerührt schob sich André von der Pritsche und stellte sich mit einem leisen Stöhnen auf die Füße.
»André, nein!«
Unwirsch, wie ein halsstarriger Junge, schüttelte er den Kopf und wandte sich Richtung Seitentür. Wackelig suchte er mit den verbundenen Händen an allen möglichen Griffen ungeschickt Halt und arbeitete sich schwerfällig zur Schiebetür des Krankenwagens vor. Irina gab den Widerstand auf und half ihm beim Aussteigen. Als er den Fuß von der etwas höheren Stufe hinab auf dem Pflaster aufsetzte, stöhnte er erneut.
»Stopp, Sie gehen auf keinen Fall von hier weg!«, herrschte ihn nun einer der beiden Polizisten an. Der Sanitäter hatte sich neben ihm aufgebaut und machte Anstalten, ihn wieder in den Wagen zurückzudrängen.
»Es reicht, dass uns der andere Irre schon mit einer gebrochenen Rippe davongelaufen ist, bevor wir seine Personalien aufnehmen konnten«, fauchte er kopfschüttelnd.
»Was! Sie haben ihn entkommen lassen?«, schrie André empört.
»Entkommen!« Der Beamte lachte laut auf. »Sie sind ein Witzbold. Vielleicht hatte er nur Angst, dass Sie ihm nun auch noch die Krankentrage hinterherwerfen.«
André brummelte mürrisch unverständliche Worte vor sich hin und humpelte einige Schritte fort vom Wagen.
Der Polizeibeamte eilte an seine Seite und packte ihn resolut am Arm. »Muss ich Ihnen erst Handschellen anlegen, damit Sie bleiben?«, brüllte er verärgert.
»Das müssen Sie nicht. Ich übernehme ihn. Er ist ein Kontaktmann von uns und gerade in unserem Auftrag verdeckt tätig.«
Es war Frank Achill, der seinem völlig perplexen Kollegen den Dienstausweis unter die Nase hielt.
»Ludwigshafen!«, zischte der abschätzig.
»Ganz recht, Ludwigshafen. Das hier ist eine länderübergreifende Ermittlung, die Sie gerade gefährden, da Sie den Verdächtigen haben laufen lassen. So, und nun machen Sie Platz. Um die Sache mit dem Roller kümmere ich mich. Meine Kollegin hat ihn gerade sichergestellt, und ich nehme mich des Herrn hier an! Alles Weitere können Sie via E-Mail mit mir klären. Hier ist meine Karte«, sagte Achill auf eine Art, die keinen Widerspruch duldete, und drückte dem verdutzten Mannheimer Beamten eine Visitenkarte in die Hand.
*
Als Ernst Berger gegen 19.30 Uhr die Haustür aufschloss, empfing ihn seine Ehefrau Karin nicht wie sonst an der Tür.
Sie saß im Wohnzimmer auf der Couch und starrte apathisch mit tränennassen Augen vor sich hin. Das Nächste, was ihm auffiel, waren die Latexhandschuhe, die sie sich übergezogen hatte. Vor ihr auf dem Couchtisch stand eine pinkfarbene Pappschachtel. Wie aufgebahrt auf einem Samttuch lagen darin vier rötlichbraune Fellwürste, die ihn an ihren Kater Sunny erinnerten.
Er trat rasch näher und beugte sich über die Schachtel. Noch immer verstand er nicht, was er da vor sich sah.
»Sunny … Sunny … Das sind Sunnys Beinchen!«, schluchzte sie und verlor alles Stoische, das sie bisher gezeigt hatte.
Berger sackte seinerseits das Blut in die Beine. Er begriff sofort, in welchem Kontext das hier stand.
Hastig wollte er nach dem kleinen Anhänger greifen, der an das Geschenkband geknüpft war, das die Katzenbeinchen wie ein Bündel zusammenhielt.
»Du darfst es nicht anfassen. Die Polizei …«, begann seine Frau kraftlos. Mit ihrem Latexhandschuh hielt sie ihm, sorgfältig an den Rändern gepackt, den Anhänger hin, sodass er ihn lesen konnte.
»Liebe Grüße aus Moskau, deine Natascha!«, war darauf in einer groben unregelmäßigen, kindlich wirkenden Handschrift geschrieben.
Er hat das getan, durchzuckte es Berger. Nun war es also Gewissheit, dass er all das tun würde, was er angedroht hatte. Seine Ehe, das Leben von Frau und Tochter, auch sein eigenes, standen auf dem Spiel, würde er nicht das tun, was der Russe von ihm verlangte.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Karin, der sein grüblerisches Schweigen signalisierte, dass er über etwas nachdachte.
»Nichts«, krächzte Berger, noch immer in Gedanken versunken.
»Wir müssen die Polizei anrufen! Simone wird bald nach Hause kommen. Sie ist noch im Fitnessstudio. Du musst Sunny suchen!«
»Nein!«, erwiderte Berger hart.
»Wieso nicht? Du kannst ihn doch nicht einfach irgendwo da draußen rumliegen lassen.«
»Natürlich werde ich nach ihm sehen. Aber keine Polizei! Hörst du? Keine Polizei!«, flehte er.
Karin schaute irritiert zu ihm auf. Sie konnte das nicht einordnen. Er, der sonst immer geradlinig auf ein Höchstmaß an Ordnung Wert legte, wollte das einfach so auf sich beruhen lassen? »Wieso?«, fragte sie ihn eindringlich. »Was hat das mit dieser Natascha auf sich?«
»Nichts. Nichts.«
Er löste sich von dem Karton und ging unschlüssig ein paar hektische Schritte durchs Wohnzimmer, das Gesicht in seinen Händen vergraben.
»Ich … ich geh raus, nach ihm suchen«, stammelte er und schlüpfte durch die Haustür ins Freie. Er musste sich sammeln, darüber nachdenken, was er ihr sagen sollte.
Karin schluchzte laut auf, als er die Tür hinter sich schloss. Was hatte das alles zu bedeuten? Was verschwieg er ihr? Er war schon die letzten Tage so seltsam gewesen. Erst das mit seinem kleinen Finger und nun das hier. Er hatte ihr erzählt, es sei beim Werkeln mit der Kreissäge bei einem Arbeitskollegen passiert. Dabei wusste sie nichts von jenem Kollegen, dem er angeblich bei der Holzdecke geholfen hatte. Als sie nach dessen Namen gefragt hatte, hatte er nur unwirsch abgewunken. Warum hatte er sich nicht, wie jeder andere vernünftige Mensch, im Krankenhaus behandeln und den Finger wieder annähen lassen? Das war nicht der Ernst, wie sie ihn kannte. Wo war seine übliche Pedanterie? Wo waren die Formulare für die Unfallmeldung und die Versicherung? Er würde doch so etwas nie einfach so auf sich beruhen lassen und ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen. Dann hatte er heute Morgen vorgegeben, dass er in der Brauerei zurzeit so viel zu tun hätte – und das mitten im Sommer. Zum Jahresanfang, wenn es darum ging, die Bilanz zu erstellen, war sie das von ihm gewohnt – aber jetzt? Samstags bis um 19.00 Uhr im Betrieb zu hocken, war alles andere als normal. Und was hatte das mit diesem Gruß von Natascha auf sich? Ging er etwa fremd, und es war die Rache eines gehörnten Ehemanns? Aber auch das passte nicht. Ernst war kein Lebemann, dem die Frauen hinterherliefen. Er war nicht so, wie es jetzt wirkte.
Katermorgen
Sonntag, 7. Juli 2019, 6.55 Uhr
Berger war kaum in der Lage, am Steuer wach zu bleiben. Die ganze Nacht hatte er kein Auge zugetan. Trotz des Sonntags war der Verkehr auf der A6 zäh wie Honig. Schon seit einer Viertelstunde kroch er im Schneckentempo über die Autobahn von Schwetzingen in Richtung Mannheim zur Brauerei. Gestern Abend hatte er noch den Rumpf des Katers gesucht und ihn in dem Wäldchen, das die Siedlung vom Bahndamm trennte, gefunden.
Alle vier Beine waren ihm wohl bei lebendigem Leibe dicht am Körper vielleicht mit einer Baumschere abgetrennt und danach als grausiges Bündel mit Geschenkband umwickelt worden. Berger hatte sich an Ort und Stelle übergeben, seinen Mageninhalt auf die Blutlache, die den Ort der Tat markierte, herausgewürgt. Natürlich war ihm in der Wohnung schon klar geworden, wessen Handschrift das war. Aber erst jetzt wurde ihm die exzessive Grausamkeit, mit der der Täter vorgegangen war, bewusst. Bis gestern hatte er noch die Hoffnung gehabt, es würde irgendwie gutgehen, der Russe könnte gefasst werden oder es sich anders überlegen. Aber nun war ihm klar, dass er alles tun musste, was der Mann von ihm verlangte, sonst …
Er wagte es nicht, weiter zu denken, es sich auszumalen, was seiner Frau und Tochter alles widerfahren könnte. Der eiskalte Stachel der Angst, der in sein Innerstes vorgedrungen war, raubte ihm fast den Verstand.
Er hatte die Reste des Katers mit bloßen Händen im Wald verscharrt. Karin durfte nichts davon erfahren. Es würde sie nur noch mehr anstacheln, die Polizei zu rufen. Den ganzen Abend hatte sie geweint, mehrfach hatte er sie vom Telefon weggezogen. Sie hatte nicht verstehen können, warum er sich dermaßen dagegen wehrte, die Polizei hinzuzuziehen. Seine Ausflüchte waren schwach und unlogisch gewesen. Zum Schluss hatte er sie nur noch angefleht. Hatte sich anfangs noch verwirrte Ungläubigkeit auf ihren Zügen gespiegelt, war es nun tiefe Verachtung. Ihre allmählich einsetzende Erkenntnis, dass er etwas vor ihr verbarg, schmerzte ihn. Seine Karin, die er selbst nach 21 Ehejahren noch liebte wie am ersten Tag, misstraute ihm nun. Und er war es, der das Band zwischen ihnen bis zum Zerreißen überdehnt hatte. Nun wurde ihm der blöde Ausrutscher mit dieser Natascha zum Verhängnis. Klar, die wenigen Besuche bei ihr waren aufregend gewesen, aber doch nur ein kleines Abenteuer und nichts im Vergleich zu der tiefen Zuneigung, die er für Karin empfand. Er hasste sich dafür, dass er seinerzeit schwach geworden war.
Aber wie sollte er sie und ihre Tochter sonst schützen? Er musste dem Russen nachgeben.
Der innere Konflikt lag ihm wie ein kalter Pflasterstein im Magen. Wie sollte er seine Familie vor der bösartigen Aggression dieses Mannes bewahren, und wie, um alles in der Welt, konnte er den Auftrag erfüllen?
Die Brauerei wurde nachts bewacht. Man konnte nicht einfach hineinfahren und einen Tankwagen leerpumpen, ohne dass es auffiel. Er war am Ende, er fühlte sich, als säße er in einer riesigen Schraubzwinge fest, die sich Millimeter für Millimeter weiter schloss und ihn und seine Familie in ihren stählernen Backen zerquetschte.
*
»Den ganzen Tag vegetierst du nun schon auf dem Sofa rum. Komm, lass dich nicht so hängen. Das sind doch nur Kratzer«, sagte Irina an das jämmerliche menschliche Bündel gerichtet, das vor ihr, in eine Wolldecke gehüllt, auf dem Sofa lag.
»Du hast gut reden. Es gibt keinen Knochen, der mir nicht höllisch wehtut, und die Hände werde ich wohl vier Wochen nicht bewegen können«, krächzte André heiser.
»Ich weiß, Männer leiden intensiver als Frauen.«
»Hm«, brummte er genervt, wickelte die Decke enger um sich und drehte sich von ihr weg.
»Und ein Depri bist du wohl jetzt auch noch.«
»Depri! Was würdest du sagen, wenn eine ganze Stadt über dich lacht?«
André griff zu seinem Smartphone und las laut aus dem Online-Auftritt des Mannheimer Abendblattes vor:
»Betrunken, unter Drogen oder einfach nur ein Rowdy? Die Polizei schweigt zu den Vorgängen am Wasserturm. Gestern gegen 13.00 Uhr lieferten sich zwei Männer auf Fahrrad beziehungsweise E-Scooter eine halsbrecherische Verfolgungsjagd, bei der beide Personen leicht verletzt wurden. Damit wurde die Diskussion um die E-Scooter in Mannheim wieder neu angefacht … Als der Rollerfahrer feststellte, dass er auf dem deutlich langsameren Elektro-Scooter das Nachsehen haben würde, nutzte er ihn kurzerhand als Wurfgeschoss und verletzte damit den flüchtenden Radfahrer. Angeblich war ein Streit der beiden um einen freien Tisch in einem Bistro unter den Arkaden die Ursache für die wilde Hatz, die jedem James-Bond-Film zur Ehre gereicht hätte.«
Irina lachte laut auf. »Wow, der alte Mann wird kinoreif. André 007 im Auftrag seiner Majestät.«
»War ich ja auch. Schließlich warst du es, die mir gesagt hat, dass ich ihn unbedingt festhalten muss, bis Frank kommt«, erwiderte André gespielt kleinlaut.
»Festhalten war dein Auftrag. Und nicht: mit Roller bewerfen«, ergänzte sie lachend. »Und das Ganze vielleicht einen Tick diskreter.«
»James Bond geht auch nie diskret vor, wenn er ganze Stadtteile in Trümmer legt.«
»Da hast du wohl recht. Komm schon, James, deine Miss Moneypenny lädt dich als kleine Entschädigung zum Abendessen ein.«
»Ich kann mir nicht mal alleine die Schuhe zubinden«, setzte sich André zur Wehr und hob die dick verpflasterten Hände.
»Steh jetzt endlich auf, bevor ich es mir anders überlege. Ich hol dir deine Schuhe.«
Als sie zurückkam, lachte sie schallend und hob sich einen schwarzen Lederschuh vors Gesicht. »Ich seh dich«, feixte sie und schaute von oben in den Schuh durch die halb abgerissene Sohle hindurch auf ihn. »Wow, du hast dich wirklich bis auf die Socken für mich ins Zeug gelegt. Oder ist das gut gegen Schweißfüße?«
»Die waren fast neu«, brummte er missmutig.
»Glaubt man gar nicht, so altmodisch, wie die aussehen.«
Stöhnend richtete er sich auf und wankte Richtung Schuhschrank. »Wenn man nicht alles selber macht.«
Irina blickte ihm kopfschüttelnd hinterher und warf die ramponierten Schuhe in die Mülltonne.
»Aber in ein anständiges Restaurant«, murmelte er in ihre Richtung.
»Aber selbstverständlich, der Herr. Seit du bei McDonald’s nach dem Ober gerufen hast, bin ich vorsichtig geworden. Schließlich hab ich einen Ruf zu verlieren. Wäre der Kardinal für einen Agenten Ihrer Majestät angemessen?«
*
»Du willst heute wohl gar nicht nach Hause, alter Freund. Und das, obwohl Sonntag ist. Hast du etwa Streit mit deiner Karin?«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung mit gespielter Fürsorglichkeit.
Wie gebannt starrte Berger aufs Display des Festnetzapparates. »Anonymer Anrufer«, stand dort zu lesen. »Aber woher wissen Sie, dass ich noch arbeite«, stammelte er und spürte, wie es ihn trotz der warmen Temperaturen kalt überlief.
»Ich sehe alles, was du treibst, mein Freund. Und dass dein Auto das letzte auf dem Hof ist, sehe ich auch. Beeil dich, deine Karin wartet schon.«
Berger schluckte trocken. Der Gedanke, dass ihm dieser Russe so nahe war, ließ ihn erneut erschaudern. Ängstlich blickte er aus dem Fenster. Wo, um alles in der Welt, saß dieser Typ, dass er ihn so gut beobachten konnte? Er musste morgen unbedingt die Jalousien geschlossen halten, durchzuckte es ihn.
»Was wollen Sie von mir?«, stieß er mit zittriger Stimme hervor.
»Ich will wissen, ob du dich an unsere kleine Abmachung hältst. Oder ob du lieber morgen die Reste deiner Tochter im Wald verscharren willst, wie du es mit diesem Kater getan hast. Er war übrigens sehr weinerlich, als ich ihm die Beinchen abgeschnitten habe. Fast so wie du bei deinem Finger. Ich bin gespannt, wie es bei deinem Töchterchen sein wird. Man sagt, Frauen seien nicht so wehleidig.« Der Anrufer lachte schmutzig.
Berger schluckte. Nur mit Mühe konnte er den Brechreiz, der sich in ihm breitmachte, unterdrücken.
»Ich… ich werde es machen«, stammelte er.
»Gut so, mein Freund. Ich mag Leute, die zu ihren Zusagen stehen.«
Berger nickte, als säße ihm der Russe gegenüber und könnte es sehen.
»Dann wie vereinbart am 9. Juli um 2.00 Uhr. Das Tor muss offen sein, wenn wir kommen. Und du bist alleine. Hast du verstanden! Alleine! Und wenn ich die Bullen auch nur vermute, besuch ich dich zu Hause. Und niemand wird dir helfen können. Selbst wenn du dir irgendwie Polizeischutz erbetteln solltest, wird er irgendwann enden. Und dann werde ich oder ein Kollege da sein. Versprochen.«
In Bergers Speiseröhre stieg Magensäure auf, die sich ätzend Richtung Kehle schob. Er war sich sicher, dass der Russe ernst machen würde, zu deutlich waren die Zeichen, um an dessen Brutalität zu zweifeln.
»Aber der Nachtwächter …«, presste er mit dem Mut der Verzweiflung heraus.
Der Anrufer lachte. »Hast du etwa Angst vor diesem Frührentner, der sich nachts in eurem Pförtnerhäuschen zu Tode langweilt und die halbe Zeit schläft, wenn er nicht gerade seine Runden laufen muss?«
Wieder wurde Berger bewusst, wie gut der Fremde die Abläufe in der Brauerei kannte. Er musste das Werksgelände gründlich beobachtet haben.
»Ja, also nicht direkt, aber er könnte dazwischenfunken«, bemühte sich Berger, wenigstens einigermaßen so zu wirken, als sei er Herr der Lage.
Wieder lachte der Russe.
»Dann musst du ihn eben ins Reich der Träume schicken. Oder soll ich ihn für dich umlegen?«
»Nein, ich kümmere mich um ihn«, beeilte sich Berger zu sagen. Er hatte sich bereits den Dienstplan organisiert und war sich sicher, dass es der von dem Anrufer erwähnte Mann war, der in der Nacht vom 8. auf den 9. Juli Dienst schob. Er kannte ihn schon jahrelang. Auf keinen Fall wollte er riskieren, dass er bei dieser Sache zu Tode kam.
»Ich werde ihn mit K.O.-Tropfen …«, begann Berger.
Der Russe lachte. »Was für ein todsicherer Plan«, kommentierte er hämisch. »Weißt du auch, wo du sie herkriegst?«
»Ja, also eher nein.«
»Was für ein Schwachkopf du doch bist, Berger. Geh in der Neckarstadt in die Grosny-Bar und frag nach Dimitri, der wird dir was geben. Aber sei brav, Dimitri ist nicht so gutmütig wie ich.«
»Danke«, sagte Berger naiv und bereute es sogleich.
»Gern geschehen, mein Freund«, antwortete der Russe.
Mahlzeit
Montag, 8. Juli 2019, 11.55 Uhr
»Mahlzeit!«, dröhnte Hubert Bollinger, Chef eines kleinen Bauunternehmens aus Frankenthal, als er die Baustelle im Mannheimer Jungbusch verließ, um sich drei Fleischkäsebrötchen von der Tankstelle zu besorgen.
Der massige Harald Ochsner, aufgrund seiner Körperfülle nur »de Ochs« genannt, ließ sich wie ein Sack Kartoffeln auf einen umgedrehten Mörtelkübel fallen. Dabei fixierten seine glänzenden Schweinsäuglein gierig den dicken in Butterbrotpapier eingewickelten Batzen. Wie jeden Tag enthielt er drei doppelte Frühstücksbrote, die üblicherweise mit Leber- und Griebenwurst belegt waren.
Seine Kollegen Deniz Yildiz und Zoltan Sovič, den alle wegen seines fliehenden Kinns nur »die Ratte« nannten, beobachteten ihn feixend.
Ochsner befeuchtete mit der Zunge seinen dreckstarrenden Daumen, um die dünnen Enden des Papiers besser fassen zu können. Seine Frau, eine tüchtige Pfälzer Hausfrau, legte großen Wert darauf, die Brote gleich in mehrere Lagen Pergamentpapier einzuschlagen, schließlich sollte ihr Harald die Pfälzer Hausmacherwurst frei von Baustaub und Zement genießen können. Mit verzücktem Lächeln wickelte er das Papier auseinander. Dabei leckte er sich mehrfach voller Vorfreude die Lippen. Er merkte nicht, wie Sovič seinem Kollegen Yildiz verschwörerisch den Ellbogen in die Rippen rammte.
Ochsner war bei der letzten Lage Papier angekommen. Er hob das Papierende an und starrte stumm und mit offenem Mund auf die nun vor ihm liegenden doppelten Brote.
Yildiz und Sovič, die jede seiner Bewegungen beobachtet hatten, grinsten wölfisch.
Ochsner reagierte wie in Zeitlupe. Zuerst schienen sich seine Schweinsäuglein ein paar Millimeter aus den Augenhöhlen zu schrauben. Seinem Gesicht entwich jegliche Farbe, als würde sie durch den kurzen Hals in den massigen Körper ablaufen. Dann schloss sich seine riesige Pranke, die annähernd die Ausmaße einer Bratpfanne hatte, um die Frühstücksbrote und drückte alles, Brot, Blut- und Leberwurst, zu einem zähen Klumpen zusammen.
»Ihr dreggisches Lumbekoores, ihr Saubeitel. Wo hännen ihr dän g’funne?«, tobte er und schleuderte den dicken Klumpen mitten in Sovičs Visage. Trotz der groben Attacke grölte Sovič vor Lachen. Yildiz stieß ihm in die Seite und wieherte, als müsse er demnächst ersticken.
Das verklumpte Etwas, das einmal Ochsners Mittagessen hätte werden sollen, zerfiel in zahllose undefinierbare Brot- und Wurstfetzen. Nur ein Fragment hatte seine Form erhalten und fiel in Sovičs Schoß. Ein blau angelaufener, wächsern wirkender menschlicher Finger.
*
»In de nächstn Dog soi a große Lieferung Bierdos’n füa Russland naus, woast du wos dafo?«, fragte Quirin und biss genussvoll in sein Brötchen.
»Hab davon gehört. Der Typ aus der Buchhaltung hat das wohl gemanagt, hat mir eine vom Vertrieb erzählt. War wohl angefressen, weil ausgerechnet der Buchhalter einen Neukunden aufgerissen hat«, erwiderte Irina und starrte auf das Brötchen in ihrer Hand.
»Und?«, brummte Quirin.
»Und? Und? Das ist eine gewaltige Kalorienbombe. So wie das aussieht, hat allein dafür ein komplettes Schwein sein Leben lassen müssen. Wie kann man so was essen?«
»Is a a Rind drin. Muasst hoid dei Mei weit gnua aufmach’n.«
»Wegen des Rinds?«
»Na, wega dea dickn Scheim.«
»Witzbold«, brabbelte Irina undeutlich, da sie sich gerade am ersten Bissen versucht hatte.
»Es geht nix üba a g’scheide Leberkassemmel.« Dabei biss Quirin mit verzücktem Lächeln ein dickes Stück vom Brötchen ab.
Als er es mit dick aufgeplusterten Backen endlich hinuntergeschlungen hatte, setzte er das Gespräch fort.
»Ja woast ez, wann des Bier zu de Russ’n nausgeht?«
»Soviel ich weiß, kommt nächste Woche am Mittwoch eine Spedition vorbei und holt die Dosen ab.«
Quirin nickte, außerstande, mit seinem vollen Mund eine Antwort zu geben.
»Und was war jetzt so wichtig daran?«, bohrte Irina.
»Nix.«
»Danke für deine ausführliche Antwort. Typisch Mann, nicht imstande, ein vernünftiges Gespräch zu führen.«
»I muas’s glei backn, da Braumoasta wart scho.« Dabei schob Quirin den letzten Rest des Brötchens in den Mund und erhob sich.
Irina schaute ihm nach und begutachtete dann den stattlichen Rest ihrer Leberkässemmel mit der rund drei Zentimeter hohen Scheibe Fleischkäse zwischen den bleichen Brötchenhälften. Wie man so was nur essen konnte? Irgendwie verstand sie immer besser, warum André sich zum überzeugten Vegetarier entwickelt hatte. Sie legte das Brötchen zur Seite, stützte ihr Kinn auf die Hand und starrte in die Richtung, in die Quirin verschwunden war.
Irgendwie gefiel er ihr mit all seiner Hilflosigkeit. Sie spürte immer häufiger, dass sich unter seinem poltrigen Auftreten ein sensibles Inneres verbarg. Er musste es im Leben nicht gerade leicht gehabt haben. Oft war er melancholisch, sprach nichts und schien zu träumen. Es war, als würde eine unsichtbare Last auf seinen Schultern liegen. Dann waren da noch die Augenblicke, wenn er von seiner Passion, dem Bierbrauen, redete und seine Augen dabei funkelten wie Diamanten. Sein ganzes Wesen rührte sie an. Sie war sich ihrer Gefühle für ihn nicht sicher. Waren es eher Muttergefühle für den unbeholfenen, oft wie ein kleiner Junge agierenden Burschen, die sich bei ihr regten? Oder war da mehr? Immerhin war er mit der sportlichen Figur und den markanten Gesichtszügen nett anzusehen. Und immer, wenn er sie berührte, machte sich dieses eigenartige Kribbeln in ihr breit. Eine körperliche Reaktion, die sie noch nie so intensiv gespürt hatte.
*
Achill hatte kaum geredet, bis sie sich mit einem kapitalen Palzki-Burger für ihn und einer Portion Parmesan-Rosmarin-Pommes mit einem Spritzer Trüffelöl für André auf dem bestuhlten Platz vor der Currysau gegenübersaßen. Sie waren in der warmen Jahreszeit gerne hier. Auf dem weitläufigen Sankt-Guido-Stifts-Platz unter den hohen Platanen, in deren Geäst sich meist einige tropische Alexanderfinken mit ihrem prächtigen grünen Federkleid krächzend tummelten, ließ es sich aushalten. Man konnte hier viele Speyerer Originale treffen und bei einem Glas Bier, Grillwürsten, knusprigen Süßkartoffel-Pommes oder einer der innovativen Neukreationen ein Schwätzchen mit Robert, dem Eigentümer, halten. Doch heute hatte André ein klammes Gefühl in der Magengegend.
Achill hatte ihn vor einer halben Stunde angerufen und spontan hierher eingeladen, oder passender her zitiert. Er kannte seinen Freund viel zu gut, um nicht zu wissen, dass die Aktion am Wasserturm ein Nachspiel haben würde.
»Ich bin enttäuscht von dir«, begann Achill leise und ausdrucksvoll, um gleich darauf eine Kunstpause einzulegen. André nickte unsicher wie ein Schuljunge, den man gerade beim Abschreiben erwischt hatte.
»Bist du von allen guten Geistern verlassen? Erst scherst du dich um keinerlei Verkehrsregeln, fährst auf dem Gehweg, dann gegen die Einbahnstraße, verursachst einen Auffahrunfall, schrottest diesen E-Scooter, und dann wirfst du ihn dem Asiaten einfach hinterher. Der hätte tot sein können und du für 15 Jahre im Knast!«
André schluckte. So pointiert, wie es sein Freund gerade formulierte, hörte es sich in der Tat befremdlich an. Er hatte förmlich das Gefühl, Achill würde von einem Fremden sprechen. So wenig passte das zu ihm.
»Ich … ich wollte dir doch nur in diesem Fall mit dem Finger … da ist doch was faul, so schnell, wie der Typ abgehauen ist …«, wehrte sich André kraftlos.
»Selbst wenn er es ist, zu dem der gefundene Finger gehört. Sich auf irgendeine Weise den Finger abzutrennen, ist noch kein Verbrechen. Insofern fahnden wir auch nicht nach ihm. Wenn wirklich eine Straftat vorliegt, von der wir nichts wissen, ist es allein seine Sache, ob er sie zur Anzeige bringt oder nicht.«
»Habt ihr ihn nicht gekriegt?«, fragte André enttäuscht.
»Nein, haben wir nicht, und darüber kannst du froh sein. Er hat bisher keine Anzeige gegen dich erstattet.«
»Gegen mich?«, erwiderte André echauffiert.
Achill lachte. »Unrechtsbewusstsein scheint nicht gerade zu deinen hervorstechendsten Charaktereigenschaften zu gehören.«
André räusperte sich unsicher.
»Es hat mich einiges an Mühe gekostet, die Mannheimer Kollegen davon abzubringen, daraus eine gefährliche Körperverletzung zu machen und es von Amts wegen zur Anzeige zu bringen. Ich hab ihnen gesagt, du wärst so was wie ein Tippgeber von mir.«
»Danke«, murmelte André kleinlaut.
»Auch das mit dem Roller hab ich als Unfall dargestellt. Du solltest das dringend deiner Haftpflichtversicherung melden und dich mit der Betreiberfirma in Verbindung setzen.«
André nickte.
»Aber noch mal lüge ich nicht für dich. Du weißt, wie mir so was gegen den Strich geht. Und ich werde dir gegenüber künftig kein Wort mehr über meine Arbeit verlieren. Ich mache mir deswegen Vorwürfe – letztlich war das alles meine Schuld.«
André schlug die Augen nieder und rieb sich mit der Hand übers Gesicht.
»Du kannst dich übrigens bei Irina bedanken. Sie hat einiges dazu beigetragen, die Situation auf dem Schlachtfeld, das du hinterlassen hast, zu beruhigen.«
André nickte erneut. Die Sache war ihm mehr als peinlich. Natürlich war es ihm bewusst, dass er völlig überzogen agiert hatte.
»Du solltest deine Fernsehgewohnheiten überdenken. Schau dir bitte in Zukunft keine amerikanischen Actionstreifen mehr an. Nimm Tierfilme oder Reisereportagen, das ist besser für dich.«
André schaute nur beklommen. Er wagte es nicht, zu widersprechen.
Achill machte eine quälend lange Pause, dann zeichnete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ab.
»Du siehst aus wie ein unartiger Schuljunge«, sagte er und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. »Dich so kleinlaut zu sehen, entschädigt mich für alles.«
Krisenstimmung
Dienstag, 9. Juli 2019, 9.05 Uhr
Die Eichbaum-Marketingleiterin hätte Irina fast umgerannt, als sie aus dem vollbesetzten Sitzungszimmer ins Sekretariat stürmte.
»Schnell, machen Sie schon. Wir brauchen noch frischen Kaffee, und der Süßstoff fehlt«, wies sie Irina atemlos an. »Und fallen Sie am besten nicht auf, wenn Sie die Sachen reinbringen. Die Luft ist dick!«, raunte sie, als sie die Türklinke herunterdrückte, um zurück in den Konferenzraum zu stürmen.
Es war nicht das erste Mal, dass Irina half, Sitzungen vorzubereiten oder Getränke und Ähnliches herbeizuschaffen. Nur eines war heute anders. Während es sonst in der Brauerei sehr familiär zuging und selbst die Geschäftsleitung zu Scherzen aufgelegt war, schien heute der Haussegen schief zu hängen. Alle schauten ernst, und jeder schien genervt. Klar, das mit dem Nachtwächter war eine schlimme Sache. Eine gedrückte Atmosphäre hätte sie verstanden, aber warum alle so aufgeregt und nervös waren, erschloss sich ihr nicht.
»Irgendwie befriedigt mich das alles nicht! Erst erzählt man mir und der Polizei, der Nachtwächter sei einfach so an seinem Arbeitsplatz an Herzversagen verstorben. Dann kommt scheibchenweise immer mehr ans Licht. Jemand sei auf dem Gelände gewesen, hätte Türen geöffnet und Unordnung hinterlassen. Dann stellt man fest, dass im Dosenlager 20.000 leere Bierdosen fehlen. Es kann doch nicht sein, dass hier jemand reinspaziert, Türen öffnet, Durcheinander anrichtet, und keiner hat was gesehen. Wofür gibt es hier Überwachungskameras, wenn sie abgeschaltet sind und nichts aufnehmen?«
Die Anwesenden wagten nicht zu widersprechen. Den meisten war das Ganze wohl genauso suspekt wie ihrem Chef.
»Es muss doch einen Grund haben, warum irgendwer 20.000 leere Aludosen klaut. Er wird es ja wohl kaum auf das Dosenpfand abgesehen haben. Wo gibt’s denn so was, dass Leergut einfach verschwindet! Ich verlange vom Werkschutz eine Erklärung. Da muss es doch einen Zusammenhang geben? Und von Ihnen im Marketing erwarte ich ein Konzept, wie wir das der Polizei und der Presse erklären. Und nur, damit das klar ist: Wir arbeiten transparent mit der Polizei zusammen. Wenn wir konkretere Hinweise für das finden, will ich, dass das restlos aufgeklärt wird. Hier wird nichts vertuscht!«, hörte Irina den Geschäftsführer Thomas Wolf mit gereizter Stimme verkünden, als sie die Kaffeekannen abstellte.
*
»Mahlzeit!«, tönte ein Mann Mitte 50, der gerade im Begriff war, sich an einem Tisch, an dem bereits fünf weitere Kollegen saßen, niederzulassen. Wie Achill den Gesprächen entnommen hatte, waren sie wohl alle bei der GAG, der Gemeinnützigen Städtischen Ludwigshafener Baugesellschaft, beschäftigt.
Achill war zum ersten Mal im Franz & Lissy, einem Kulturcafé, das hier vor wenigen Wochen die Pforten geöffnet hatte und dessen Benennung sich von seiner Adresse der Franz-Liszt-Straße im Stadtteil Süd ableitete.
Ein Lichtblick in der Gastronomie Ludwigshafens, wo angestammte Kneipen und Cafés mehr und mehr durch die Filialen irgendwelcher Franchiseketten, oder wie es auf Neudeutsch hieß, der Systemgastronomie, verdrängt wurden. Achill war eher ein Freund des Bodenständigen. Er liebte Gastwirtschaften, wo man den Wirt noch persönlich kannte, oder wo am Stammtisch noch eine Partie Skat gespielt wurde. Dafür nahm er auch gern abgeschabte Holztische mit vergilbten Bierfilzen und den schalen Geruch von am Vortag verschüttetem Bier in Kauf. Hier jedoch war alles authentisch. Es war gemütlich, die meisten Möbel gebraucht, das Personal gastfreundlich und die Speisen liebevoll hausgemacht – ganz nach seinem Geschmack.
Hungrig blätterte er in der kleinen Speisekarte mit den ausschließlich vegetarischen Gerichten. Unwillkürlich musste er an seinen Freund André Sartorius denken, den überzeugten Vegetarier, der ihm in den letzten Jahren immer wieder demonstriert hatte, dass man auch fleischlos genießen konnte. In seine Gedanken mischte sich ein schlechtes Gewissen. War er mit André zu hart umgegangen, als er ihm wegen der Chaosfahrt mit diesem Elektroroller den Kopf zurechtgerückt hatte? Schließlich war sein Freund ein erwachsener besonnener Mann, der stets wusste, was er tat, und er nicht seine Gouvernante. Noch immer war es ihm schleierhaft, was an jenem Tag in ihn gefahren war. Doch letztlich war er selbst daran schuld, dass sich André immer mehr als Hilfspolizist aufspielte. Achill selbst war es gewesen, der ihn nun schon bei zwei Fällen hinzugezogen hatte. Er entschied sich, André nie mehr mit Polizeiinterna zu belasten und bei nächster Gelegenheit einen Schritt auf ihn zuzugehen. Es wäre schade, wenn ihre Freundschaft unter dieser Sache leiden würde.
Ein lautes »Mahlzeit« riss ihn aus den Grübeleien. Vor ihm stand sein alter Freund und Kollege Bernd Scherer.
Er war ein großer kräftiger Bursche und hatte sich seit der Zeit, als sie gemeinsam an der Polizeihochschule in Hahn studiert hatten, kaum verändert. Obwohl sein Haar nun mit einigen grauen Strähnen durchzogen war, glich sein fast schwarzer Schnurrbart, so dicht und borstig, wie er war, dem eines Südeuropäers.
Achill machte eine einladende Geste und zog einen Stuhl neben sich unter dem Tisch hervor.
»Sorry, es wurde wieder einmal später, als gedacht. Irgendeiner wollte unbedingt die German Biotech bestehlen. So ist es halt beim Kriminaldauerdienst: Sie rufen, wir kommen – und das 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche.« Bernd entblößte lachend sein makelloses Gebiss und ließ sich matt auf den Stuhl neben Achill fallen.
»Du willst es ja wohl so, sonst hättest du dich längst wegbeworben«, frotzelte er.
»In gewisser Weise schon. Frau, drei Kinder und ein Haus. Was bleibt mir sonst übrig, als Nachtschichten zu schieben und Wochenend- und Feiertagszuschläge zu kassieren. Ohne die würde es hinten und vorne nicht reichen.«
Achill nickte. Er wusste, dass viele nur deshalb beim KDD arbeiteten, weil man sich durch die Schichtzuschläge ein Zubrot verdienen konnte.
»Schön ist es hier«, sagte Scherer, während er seinen Blick schweifen ließ.
»Such dir was aus, du bist eingeladen.« Achill reichte ihm die Speisekarte.
Sie entschieden sich beide für ein Sellerieschnitzel mit Kartoffelstampf von der Wochenkarte.
»Und was war los bei der German Biotech?«, griff Achill Scherers Eingangsbemerkung auf.
»Ein Tank voll mit so einem komischen Zeug ist heute Nacht geklaut worden.«
Achill grinste. »Komisches Zeug? Geht’s auch etwas genauer?«
»Wäre ich zur Polizei gegangen, wenn ich in Chemie ’ne Eins gehabt hätte?«
»Wie willst du den Täter finden, wenn du nicht weißt, was er geklaut hat?«
»Dieser Betriebsleiter hat’s mir aufgeschrieben. Der Zettel liegt draußen im Wagen. Es klang wie Pepsi-Cola. Ist irgend so ein Enzymcocktail.«
Achill schüttelte grinsend den Kopf. »Hört sich eher nach einem Kantinenraub an.«
»20.000 Liter sind ein bisschen viel für einen Getränkeautomaten.«
Achill pfiff leise durch die Zähne. »Und wie schafft man so eine Menge vom Werksgelände?«
»Mit einem Tankwagen, wie sonst?«, erwiderte Scherer genervt. Offensichtlich schlug es ihm auf die Stimmung, in der Mittagspause über die Arbeit zu reden.
Aber Achill ließ nicht locker. »Ein Tankwagen? So einfach kriegt man den aber nicht auf ein Fabrikgelände. Seid ihr sicher?«
»Wie sollen es der oder die Täter sonst gemacht haben? Etwa im Flachmann rausgeschmuggelt?«
»Wer sagt euch, dass sie es überhaupt geklaut haben? Wer braucht schon Enzyme? Und der Weiterverkauf an ein anderes Unternehmen ist auch nicht gerade unproblematisch«, bohrte Achill weiter.
»Glaubst du etwa, es ist verdunstet?«
»Nein, aber um die Versicherung zu schröpfen, muss man nicht zwingend etwas klauen. Hauptsache, es sieht so aus. Oder vielleicht hat es nur ein enttäuschter Mitarbeiter durch den Abfluss gejagt, um seinen Arbeitgeber zu schädigen.«
»Typisch Frank. Du denkst viel zu verzwickt und nie ans Naheliegende. Meine Erfahrung jedenfalls ist, dass es zu 99 Prozent genau das ist, an das man im ersten Augenblick denkt. Aber wenn es dich beruhigt, lass ich nachher noch von der Kriminaltechnik das Abwasser untersuchen.«
»Sorry, dass ich geklugscheißert habe, du machst es schon richtig, und mich geht das alles ja nichts an, solange es keine Toten gibt.«
Scherer schlug seinem Kollegen kameradschaftlich auf die Schulter. »Macht nichts, du bist eben durch und durch ein Schnüffler.«
Achill grinste. »Da könnte was dran sein.«
»Der Typ, dieser Betriebsleiter, war jedenfalls so mit den Nerven fertig, dass er fast vor Aufregung gestorben wäre. Dann hättest du den Fall an der Backe.«
»Wieso, das kann ihm doch egal sein, wenn seinem Arbeitgeber ein paar 1.000 Liter von diesem Zeug geklaut werden.«
»Es war so kleines quirliges Männchen, ein Asiate. Herr Li heißt er, ein völliges Nervenbündel mit Eunuchenstimme«, antwortete Scherer und schüttelte den Kopf.
»Ist das Zeug denn so teuer?«, hakte Achill nach.
»Dieser Herr Li meinte, abgefüllt in Literflaschen würde die fehlende Menge etwa 350.000 Euro kosten.«
»Wow, nicht schlecht. Das möchte ich meinem Chef auch nicht beichten müssen.«
Scherer grinste. »Der Typ hat jedenfalls so wild rumgefuchtelt und mit den Fäusten auf den Tisch getrommelt, dass sein Verband ganz durchgeblutet war?«
»Verband?«, fragte Achill erstaunt. »Du hast nichts davon erzählt, dass er bei dieser Aktion verletzt wurde.«
»Wurde er auch nicht. Er hat sich wohl vor ein paar Tagen beim Basteln den kleinen Finger abgeschnitten.«
»Und das sagst du erst jetzt?«, brauste Achill auf.
Scherer lachte. »Fallen Verletzungen bei der Hausarbeit jetzt in die Zuständigkeit des Morddezernats?«
»Nein, aber …«, sagte Achill stockend. »War es der an der rechten Hand?«
»Ich denke ja, ja ich kann mich daran erinnern, dass er beim Schreiben Probleme hatte.«
»Kann ich diesem Typen mal auf den Zahn fühlen? Da stimmt was nicht.«
Scherer schüttelte missmutig den Kopf. »Natürlich stimmt da was nicht, sonst wäre das Zeug nicht weg.«
»Nein, das meine ich nicht. Wir haben den rechten kleinen Finger eines Asiaten vor ein paar Tagen im Rhein gefunden. Wie kommt der in den Fluss, wenn er zu Hause gebastelt hat?«
»Vielleicht gehört er einem anderen?«, wehrte Scherer ab.
»Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass hier in der Gegend gleich zwei Asiaten nahezu zeitgleich ihren rechten kleinen Finger verlieren?«, brummte Achill.
*
»Mahlzeit«, brummelte Quirin niedergeschlagen und setzte sich neben Irina an einen Tisch im Bräustübel. Das Bräustübel war ein gemütliches Kellerrestaurant, das für interne Zwecke und als Verköstigungsraum nach Führungen über das Brauereigelände genutzt wurde.
»Was ist denn mit dir los? Ist dein Smartphone in den Gärbottich gefallen? Du bist doch sonst immer so eine bayrische Frohnatur?«
»Wärst ned imma z’spät, dädst as wissn«, knurrte der junge Mann.
»Und das heißt auf Deutsch?«
»Dass ’s heid friah, bevor d’ Friahschicht og’fangt hod, an Nachtwächter dod in seim Heisl g’fundn hom«, bemühte sich Quirin in halbwegs verständlichem Hochdeutsch.
»Wow, was für eine Neuigkeit. Das weiß ich auch schon. Schließlich redet hier den ganzen Tag jeder nur über diesen Vorfall. Und was ist mit ihm passiert? Wurde er überfallen?«
»Na, wia’s ausschaut, war’s a Herzkaschpal.«
Irina lachte. »Ihr Bayern habt immer so eine pragmatische Art.«
»Hie is hie. Ah geh, lass ma mei Ruah. Wenn i so wos seng muass, schlogt ma des auf’n Mong.«
Бесплатный фрагмент закончился.
