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Ute Dombrowski

Anhaltender Schmerz

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Anhaltender Schmerz

Ute Dombrowski

1. Auflage 2020

Copyright © 2020 Ute Dombrowski

Umschlag: Ute Dombrowski mit www.canva.com

Lektorat/Korrektorat: Julia Dillenberger-Ochs

Satz: Ute Dombrowski

Verlag: Ute Dombrowski Niedertiefenbach

Druck: epubli

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors und Selbstverlegers unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Es ist nicht, und es wird auch nimmer gut.“

William Shakespeare

Hamlet, 1. Akt, 2. Szene / Hamlet

„Du wirst sterben!“

Bianca starrte auf ihr Handy und wusste nicht, was sie von der SMS halten sollte. Sie las die Nummer, konnte sie aber nicht zuordnen. Schulterzuckend stellte sie das Handy aus und betrat das Büro, das in staubige Sonnenstrahlen getaucht war.

Der Frühling war mit Macht gekommen und hatte den Winter aus dem Rheingau gejagt. Morgen war der erste Mai, Ostern hatten Eric und sie in einem kleinen Hotel in der Nähe verbracht. Es war ruhig geworden, die Verbrecher ließen sie durchatmen, die Beziehung mit dem Staatsanwalt, der in fünf Wochen geschieden sein würde, lief sehr gut und auch Ferdinand war ausgeglichen und locker, traf er sich doch immer noch mit Cornelia Plienick.

„Guten Morgen!“, schmetterte die Kommissarin in den Raum hinein, doch Ferdinand war nicht da.

Er hatte heute seinen letzten Tag als ihr Kollege, ab morgen würde er ihr Chef sein. Bianca setzte sich an den Schreibtisch. Sie fuhr den Computer hoch und schickte Eric einen digitalen Kuss. Sie wusste, dass er bereits im Gericht war. Jetzt öffnete sich die Tür und Ferdinand kam herein. Er balancierte einen Tortenkarton vor sich her und setzte ihn sanft auf dem Schrank neben der Kaffeemaschine ab.

„Guten Morgen“, rief er mit einem herzlichen Lächeln. „Heute wird gefeiert.“

„Dir auch einen guten letzten Morgen mit deiner nervigen Kollegin.“

„Ach Bianca, du bist doch nicht nervig. Höchstens ein bisschen …“

„He, Herr Chef, ganz dünnes Eis.“

Sie kam um den Schreibtisch herum und dann nahmen sich die beiden fest in den Arm.

„Du wirst mir fehlen, mein Lieber. Wer weiß, wer nach dir kommt.“

„Er wird sich heute noch vorstellen. Kommt aus Brandenburg, heißt Robin Hinschler, hat drei Jahre lang in einer brandenburgischen Polizeistation gearbeitet und schien bei unserem Telefonat gestern hochmotiviert.“

„Ein Streber also.“

„Seit wann bist du denn oberflächlich?“

„Bin ich nicht. Nein, alles gut, ich bin gespannt.“

„Er machte einen sympathischen Eindruck. Blond, blauäugig, dreißig, ledig, Sunnyboy.“

„Und hochmotiviert. Dabei wollte ich Hannes.“

„Er steht dir ein bisschen bei, wenn du mit dem Neuen nicht zurechtkommst.“

„Ich werde ihm ganz offen gegenübertreten und ihm eine Chance geben. Versprochen.“

Sie lachten und setzten sich an den Schreibtisch. Bianca hatte die SMS vergessen. Da hat sich bestimmt jemand einen Scherz erlaubt, war ihr nochmal kurz durch den Kopf gegangen. Ein Kollege kam herein und warf einen Zettel auf den Tisch.

„Arbeit!“

Ehe sie antworten konnten, war der junge Mann wieder verschwunden. Bianca zog das Blatt zu sich heran und begann zu lesen.

„Ach du meine Güte!“

Sie schob es über den Tisch und auch Ferdinand bekam große Augen. Ihre entsetzten Blicke trafen sich.

„Ein Messerstecher in Eltville?“

„Es sieht fast so aus“, murmelte Bianca.

Sie standen auf und verließen das Büro, um hinüber auf den Rhein-Parkplatz am Ortsausgang nach Erbach zu fahren. Hier hatte ein Tourist im dichten Gebüsch die Leiche eines jungen Mannes entdeckt. Es herrschte viel Trubel, denn außer den Kollegen von der Spurensicherung hatten sich zahlreiche Schaulustige vor Ort versammelt.

„Eigentlich hättet ihr auch zu Fuß gehen können“, sagte Herrmann zur Begrüßung.

Neben der Leiche, die zwei Kollegen mit einem Laken abschirmten, damit keiner Fotos für seine sozialen Medien machen konnte, hockte Dr. Jonn. Er stand kurz auf, als Ferdinand zu ihm kam.

„Zahlreiche Messerstiche auf der Vorderseite. Der Täter muss frontal vor ihm gestanden und mit Kraft auf ihn eingestochen haben. Mindestens zwei Stiche waren tödlich. Ich habe ihn aber noch nicht umgedreht.“

„Da war wohl jemand wütend. Wissen wir schon, wer das Opfer ist?“

„Er hatte keine Papiere bei sich, vielleicht ergibt die Auswertung des Handys etwas. Das ist schon beim Kollegen und wird untersucht.“

„Wie lange ist er schon tot?“

„Eine Stunde plus minus, du weißt ja, wie das ist. Ich melde mich, wenn ich etwas habe.“

Bianca hatte inzwischen mit dem Touristen gesprochen, der die Leiche gefunden hatte.

Sie trat zu Ferdinand und erklärte: „Der Zeuge hat niemanden in der Nähe gesehen. Er hat extra hier hinten geparkt, weil er Probleme mit dem Einparken hat und immer ein bisschen mehr Platz braucht, aber außer ihm war kein Mensch auf dem Parkplatz oder Weg.“

„Es wäre ja auch zu schön, wenn der Täter am Tatort auf uns warten würde“, sagte eine tiefe Männerstimme hinter ihr.

Bianca drehte sich um und schaute in die blauen Augen eines jungen Mannes, der seine blonden Locken in einem Knoten auf dem Kopf gebändigt hatte.

„Sie sind ja ein richtiger Schlauberger. Wie kommen Sie dazu, an einem Tatort herumzutrampeln?“

„Ich darf das“, rief der Mann strahlend und hielt Bianca seine Hand hin. „Ich bin Robin, der Neue, frisch aus Brandenburg angeliefert und bereit, die Verbrecher im Rheingau zu fangen.“

Ferdinand begann zu lachen und sie gingen auf den Parkplatz, um sich ordentlich zu begrüßen.

„Ah, dann sind Sie der Chef.“

„Aber erst morgen, Herr Hinschler. Das ist meine Kollegin und Partnerin Bianca Verskoff, die Frau mit dem größten Instinkt weit und breit.“

„Super, dann ahnt sie ja sicher schon, wer den Typen abgestochen hat.“

Bianca schnaufte und kniff die Augen zusammen. Der neue Kollege war forsch und frech, am liebsten hätte sie ihn direkt in die Schranken gewiesen, doch Ferdinand drückte sanft ihren Oberarm. Das sollte wohl heißen: Du hast versprochen, ihm eine Chance zu geben. Sie schnaufte erneut und ergriff die hingestreckte Hand. Ihr neuer Kollege hatte einen festen Händedruck, was sie wieder wohlwollender stimmte, denn sie mochte keine Männer, deren Handschlag sich anfühlte, als würde man einen Spülschwamm drücken.

„Ich bin Bianca. Und nein, ich ahne noch gar nichts. Aber das kann sich schnell ändern. Wenn Sie schon mal hier sind, können Sie auch gleich mit der Arbeit beginnen: Lassen Sie sich von der Spusi erzählen, welche Spuren es gibt.“

Der junge Mann drehte sich auf dem Absatz um und lief hinüber zu Herrmann, um sich vorzustellen und nach Ergebnissen zu fragen. Bianca knuffte Ferdinand in die Seite.

„Ich hätte ihm sofort die Meinung gegeigt! Was denkt der sich?“

„Was wohl? Der denkt, er will einen guten ersten Eindruck machen.“

Bianca sah sich zu Robin um.

„Pffft, das kann ja heiter werden.“

Ferdinand hob ihr Kinn an und sah ihr in die Augen.

„Sei nett zu ihm.“

Jetzt mussten beide lachen. In diesem Moment kam Robin zurück zu ihnen.

„Was ist denn so lustig? Also, es gibt nichts weiter als das Handy, das nach dem Überfall heruntergefallen war, aber er muss wohl damit beschäftigt gewesen sein, als er erstochen wurde.“

„Ausweis?“

„Hat er nicht dabei, nur einen Autoschlüssel.“

„Und welches?“

Statt einer Antwort drückte der Kollege auf den Knopf der Fernbedienung und zwei Blinklichter flammten auf.

„Gut gemacht“, lobte Bianca, „dann geh und sieh nach, ob du etwas findest.“

„Hat jemand Handschuhe für mich?“

Ferdinand kramte in der Jackentasche und gab Robin ein Paar Gummihandschuhe, die dieser überstreifte. Danach ging er hinüber zum Auto des Opfers. Herrmann trat zu Bianca und Ferdinand.

„Eifrig, eifrig, der junge Kollege. Der wird dein neuer Partner?“

Bianca nickte.

„So ein bisschen frischer Wind wird dir guttun.“

„Was soll das denn heißen?“, brummte Ferdinand.

„Tja, alter Mann, du musst ja unbedingt die Karriereleiter raufklettern.“

Sie lachten und machten sich auf den Weg ins Büro. Robin versprach, noch am Tatort zu bleiben, falls es Neuigkeiten gab.

2

Bianca und Ferdinand waren zu der Adresse gefahren, die sie über das Handy des Toten herausgefunden hatten. Er hieß Eick Bern und war achtundzwanzig Jahre alt. In seiner Handyhülle war ein kleines Foto gewesen, das ihn mit einer hübschen jungen Frau zeigte. Es war ein Hochzeitsfoto.

„Oh nein, ich will ihr gar nicht sagen, dass ihr Mann tot ist. Sie sind doch noch so jung!“

„Bianca, wenn du willst, bleib im Auto und ich mache das allein.“

„Nein, ich schaffe das schon, es ist nur so deprimierend. Sie stehen am Anfang ihres Lebens, wollen eine Familie gründen und Spaß haben … und dann wird er erstochen.“

„Vielleicht war er gar nicht nett und sie hat ihn aus dem Weg geräumt.“

Bianca zuckte zusammen, denn die junge Frau, die Ihnen jetzt öffnete, war hochschwanger. Sie lächelte und die Kommissarin wünschte sich ans Ende der Welt. Sie sah Ferdinand an und er verstand: Sie mussten einen Arzt rufen.

„Frau Bern? Ich bin Bianca Verskoff von der Kriminalpolizei und das ist mein Kollege Ferdinand Waldhöft, dürfen wir Sie einen Moment sprechen?“

Als sie Biancas Blick sah, verschwand das Lächeln aus Tiana Berns Gesicht. Ihre Augen weiteten sich.

„Ist Eick etwas passiert?“

Bianca nickte und führte sie am Arm ins Haus. In der Küche zog sie einen Stuhl heran und suchte nach einer Tasse oder einem Glas, um der Frau, die blass geworden war, Wasser zu geben. Ferdinand telefonierte mit dem Notarzt.

Bianca setzte sich zu Tiana und sagte leise: „Frau Bern, Ihr Mann ist vor zwei Stunden tot aufgefunden worden.“

„Er wollte doch nur joggen … sie irren sich … nein, nein …“

Bianca strich ihr über den Arm.

„Es tut mir sehr leid, aber es ist die Wahrheit. Mein Kollege hat einen Arzt gerufen. Wann ist es denn soweit?“

Sie zeigte auf den sehr großen runden Bauch.

„In … in zwei Wochen. Oh nein, hatte er einen Herzinfarkt? Einen Unfall?“

„Er wurde erstochen.“

Jetzt begann Tiana den Kopf zu schütteln und Bianca hatte Sorge, dass diese Bewegung die Frau vom Stuhl reißen würde. Sie stand auf und legte einen Arm um die Schwangere.

„Wer tut so etwas?“, flüsterte Tiana.

Dann wurde sie bewusstlos, Bianca und Ferdinand konnten sie gerade noch auffangen, um sie auf dem Boden abzulegen. In dem Moment hörten sie den Notarzt und schauten sich an.

„Was für eine Scheiße.“

Bianca nickte und setzte sich auf den Boden. Es tat immer weh wie beim ersten Mal, wenn sie jemandem die Nachricht vom Tod eines Angehörigen überbrachte. Man gewöhnte sich nie daran, aber heute war es besonders furchtbar.

„Sie sollten Eltern werden und ihr Kind aufwachsen sehen, nun ist sie allein, weil irgendein Idiot ihren Mann töten musste. Sie war es ganz sicher nicht.“

Jetzt kam Tiana wieder zu sich und ein irrer Schrei entfloh ihrer Brust.

„Wer tut so etwas? Er war nur joggen! Wie jeden Morgen! Er will doch den Marathon laufen!“

Bianca versuchte sie zu beruhigen, aber Tiana rappelte sich hoch.

„Wie soll ich denn ohne Eick leben?“, schrie sie hysterisch.

„Bitte, Frau Bern, Sie müssen sich beruhigen, bitte!“, flehte Bianca. „Denken Sie an das Baby. Es braucht Sie.“

Tiana legte ihre Hände auf den Bauch und wurde vom Weinen geschüttelt.

„Mein Kleiner, ich bin bei dir“, flüsterte sie, „ich liebe dich so sehr. Wir waren glücklich.“

Sie schaute Bianca an und es schien, als hätte sie die Berührung des Bauches aus ihrer Panik gerettet.

„Sie schaffen das, Sie beide. Es wird ein Junge?“

Tiana nickte nur und rieb weiter den Bauch.

Jetzt liefen eilig der Notarzt und zwei Rettungssanitäter in die Küche und Bianca trat zur Seite. Der Arzt kontrollierte den Zustand der Frau, runzelte die Stirn und wies die beiden Rettungssanitäter an, die Trage zu holen.

„Wir nehmen Sie mit ins Krankenhaus, Frau Bern, wo haben Sie Ihre Tasche?“

Die Frau zeigte in Richtung Flur und Bianca fand dort eine kleine Reisetasche. Sie griff nach den Papieren, die daneben auf dem Schrank lagen und steckte sie mit ein. Ihre Karte legte sie obenauf. Tiana nickte nur, als sie das sah.

„Frau Bern, wenn Sie irgendetwas brauchen, melden Sie sich. Sollen wir jemanden anrufen?“

„Ja, am Kühlschrank hängt eine Liste. Danke, Frau Verskoff.“

Die Sanitäter legten die Schwangere auf die Trage und brachten sie in den Rettungswagen. Der Notarzt erklärte, wohin sie gebracht wurde und dann fuhren sie auch schon weg. Bianca fotografierte die Liste, zog die Haustür zu und setzte sich draußen auf die Treppe. Sie legte den Kopf auf die Arme und stöhnte. Ferdinand hockte sich zu ihr und streichelte sie sanft.

„Es ist so schrecklich. Wir müssen den Täter finden. Ich hoffe nur, der Tote war ein guter Mann und ich muss ihr nicht auch noch sagen, dass er etwas Schlimmes gemacht hat.“

„Ja, meine Liebe, ich hoffe, wir finden den Typen schnell, der ihnen das angetan hat. Wir können sie in ihrem Zustand aber unmöglich befragen. Lassen wir ihr ein wenig Ruhe.“

Jetzt straffte sich Bianca und stand auf. Sie umarmte Ferdinand, nickte zuversichtlich und dann machten sie sich auf den Weg ins Präsidium.

Eine halbe Stunde später rief Dr. Jonn an.

„Der Täter muss sehr wütend gewesen sein, der arme Kerl wurde von vierzig Messerstichen getroffen. Der Mörder hat noch auf ihn eingestochen, als er schon längst tot war. Das Opfer muss im Todeskampf versucht haben, sich wegzurollen, darum gibt es hinten auch Einstiche. Ich möchte nicht wissen, welches Motiv dahintersteckt, aber es muss etwas Schlimmes sein.“

Ferdinand legte auf und gab das Gesagte wieder. Bianca starrte ihn an.

„Oh mein Gott, was hat Eick getan, dass er so sterben musste?“

Jetzt fiel ihr die Nachricht ein, die sie am Morgen auf dem Handy gelesen hatte. Sie schüttelte sich, um diesen Gedanken wieder loszuwerden, denn im Mo­ment hatten sie etwas Wichtigeres zu tun, als nach diesem Witzbold zu suchen: Sie mussten den Mörder des Joggers finden.

„Wir brauchen das Motiv, dann haben wir den Täter.“

„Denkst du, es war ein gezielter Anschlag auf Eick Bern?“

Bianca zuckte mit den Schultern.

„Denkst du, es wird nochmal passieren?“

„Glaubst du … an einen …“

„Serientäter? Nein, ich weiß nicht. Es kann ja nicht sein, dass sich alle Serienkiller in Eltville niederlassen. Aber ausschließen können wir es zurzeit nicht. Lass uns Eric informieren.“

„Worüber? Den Mord am Rheinparkplatz?“

Der Staatsanwalt hatte nicht geklopft, sondern nur die Tür aufgedrückt, denn er balancierte einen Blumentopf herein und unter seinem Arm klemmte ein Geschenk.

„Ferdinand, kannst du mir das mal abnehmen? Das ist für dich zum Neustart als Chef. Du darfst es aber erst morgen aufmachen.“

Eric grinste, weil er wusste, dass der Kommissar sich freuen würde. Es war eine Tasse. Auf gelbem Grund prangte die Aufschrift: Boss!

3

Am ersten Mai strahlte die Frühlingssonne mit Ferdinand um die Wette. Er hatte schon gestern sein neues Büro bezogen und seine Freunde, die heute extra ins Präsidium gekommen waren, wünschten ihm alles Gute für den Chef-Posten. Der offizielle Teil würde am Montag kommen.

Bianca hatte vorgeschlagen, schön essen zu gehen, aber Ferdinand lehnte ab.

„Ich bin froh, dass ich das hier gemacht habe und ich fühle mich hier wohl. Wenn etwas dazwischen kommt, sind wir direkt vor Ort.

Bianca hatte gehofft, am Feiertag ungestört zusammensitzen zu können, aber dann war tatsächlich etwas dazwischen gekommen. Der Mord hatte ihnen leider einen Strich durch die Rechnung gemacht.

„Natürlich hast du mehr Verantwortung“, sagte Hannes jetzt, der auch gekommen war, um sich den neuen Kollegen anzuschauen.

„Das kriege ich schon hin. Als Chef wird es ruhiger und das finde ich gut. Das letzte Jahr war aufregend genug.“

„Tja, aber du bist jetzt immer schuld, wenn deine Untertanen etwas verbocken.“

Bianca lachte laut.

„Wir verbocken nichts, mein Freund, wir bringen die Verbrecher zur Strecke.“

„Ich höre Verbrecher?“, kam eine freundliche Stimme von der Tür her.

Alle drehten sich um und sahen den sportlich gekleideten jungen Mann, um dessen blonde Locken ihn sicher so manche Frau beneidete. Robin kam herein, gratulierte Ferdinand und baute sich vor Bianca auf.

„Ich bin bereit, was liegt an?“

Jetzt lachte Hannes und fing sich einen bösen Blick von Bianca ein.

„Ach, das hast du gemeint mit hoch motiviert.“

„Ähm … ich … aber…“, stammelte Robin plötzlich und errötete.

Hannes trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schultern. Er stellte sich vor und erklärte, was er hier machte.

„Ich bin nun mal Biancas Traumpartner, da musst du dir echt Mühe geben, um meinen Charme zu toppen.“

Bianca erwiderte: „Pah, das schafft niemand.“

„Dann gehe ich mal joggen und halte die Augen offen.“

Robin wusste nicht, wie er reagieren sollte, also wollte er flüchten.

„Stopp, Kollege, hier redet man miteinander. Wer etwas auf eigene Faust macht, kann schon mal erschossen werden. Komm, bleib locker, nimm dir eine Bretzel und trink eine Tasse Kaffee mit.“

Robin grinste jetzt und entspannte sich sichtbar. Er tat, wie ihm geheißen und setzte sich. Bianca nahm ihre Tasse und als sie neben ihm saß, sah sie ihn streng an.

„Du kannst gerne deine eigenen Wege gehen, aber ich bitte dich, mich in deine Pläne einzuweihen. Hier machen wir das so und ich habe keine Lust, dich in Eltville zu suchen. Also, was hast du vor?“

„Ich dachte, ich laufe ein bisschen und schaue mich um, ob ich irgendwo jemanden sehe, der verdächtig sein könnte. Vielleicht hat der Täter es gezielt auf Jogger abgesehen.“

„Wie kommst du darauf?“

Robins blaue Augen strahlten. Er war begeistert, dass sich jemand für seine Gedanken interessierte. In seinem alten Polizeipräsidium war es langweilig gewesen, denn im kleinen brandenburgischen Bereich gab es wenige Verbrechen. Schlägereien, Diebstähle und Zwischenfälle beim Fußball waren schon das aufregendste gewesen, was er erlebt hatte. Und hier hatte er direkt einen Mord auf dem Tisch!

„Es kann ja sein, dass sich jemand von Joggern gestört fühlt. Sie haben meist Kopfhörer auf den Ohren und nehmen wenig Rücksicht.“

„Hm, mich würden ja eher andere Sachen stören.“

„Zum Beispiel?“

„Radfahrer auf dem Fußweg, Leute, die ständig auf ihr Handy starren und …“

Robin zuckte zusammen, er selbst hielt sein Handy ständig in der Hand.

„Entschuldige, wenn ich so oft …“

„Ich meinte nicht dich.“

„Ja, aber ich sage es lieber sofort. Ich will nicht, dass du schlecht von mir denkst. Wundere dich nicht, wenn ich öfter auf mein Handy sehe. Ich bin von zuhause weg, weil ich von meiner Ex-Freundin fort musste. Wir haben uns vor einem Jahr getrennt, doch sie wollte sich nicht damit abfinden und stalkt mich seitdem Tag und Nacht. Es hat auch nichts gebracht, eine geheime Nummer zu beantragen, denn die hat sie immer irgendwie rausgefunden. Also bin ich weg.“

„Und sie stalkt noch weiter?“

Robin nickte verzweifelt.

„Darf ich jetzt joggen gehen?“

Bianca lachte.

„Ja, darfst du, aber sei vorsichtig.“

„Klar, Chefin.“

Er winkte kurz in die Runde und verschwand eilig. Ferdinand setzte sich an seinen neuen Schreibtisch und rückte die Schale mit den Stiften zurecht. Zufrieden nickte er allen zu.

„Tja, dann findet mal den Mörder! Ein bisschen flott, wenn ich bitten darf.“

Alle starrten ihn an.

„Ich kann das schon ziemlich gut, oder?“

Das schallende Gelächter beflügelte Ferdinand. Eines war ihm heute schon klar: Er hatte alles richtig gemacht. Ein ganz kleines bisschen Wehmut kam auf, als Bianca mit den anderen sein Büro verließ, um an die Arbeit zu gehen. An der Tür drehte sie sich nochmal um und lächelte.

„Du wirst mir fehlen, Freund.“

„Du mir auch, Freundin.“

In ihrem eigenen Büro setzte sie sich an den Computer und tippte an einem Bericht, doch ihre Gedanken flogen immer wieder davon. Die Worte ihres neuen Kollegen Robin ließen sie nicht los. Von jemanden gestalkt zu werden war immer schlimm und es erinnerte sie an den alten Fall.

Luca war damals nicht der einzige Mann gewesen, der Fabienne auf Schritt und Tritt belauert hatte. Die Zeit war aufregend gewesen und hatte sie alle in Gefahr gebracht. Sie hoffte, dass diese Ex-Freundin von Robin nur noch wegen der Trauer nach der Trennung aus der Bahn geraten war. Stalking machte einen mürbe, auch oder besonders, wenn man wusste, wer der Stalker war. Luca hatten sie alle nicht für den Stalker gehalten, aber er hatte sich so in seine Liebe zu Fabienne verrannt, dass es für jeden anderen Menschen aus ihrer Nähe lebensgefährlich gewesen war.

Sie nahm sich vor, noch einmal privat mit dem Neuen zu reden, ganz ohne Zwang, bei einer Currywurst oder einem Glas Wein. Sie nahm sich auch vor, ihm eine reelle Chance zu geben und sich nicht in die Rolle der Ober-Mutti zu begeben. In diesem Augenblick fühlte sie sich alt.

„Der Typ ist dreizehn Jahre jünger als ich“, flüsterte sie. „Oh Mann, die Zeit rennt.“

Kopfschüttelnd ging sie an die Tafel, die noch leer war und auf Informationen wartete. Sie schrieb den Namen des Opfers an und klebte sein Foto dazu. Daneben schrieb sie „Motiv“ und malte ein großes Fragenzeichen. Als die Tür aufgerissen wurde, zuckte sie zusammen. Robin kam verschwitzt herein und öffnete eine Wasserflasche. Er setzt sie an die Lippen und trank sie in einem Zug zur Hälfte leer. Danach schraubte er sie wieder zu, knallte sie auf den Tisch und rülpste ungeniert.

Bianca hatte ihm zugesehen und war sich nicht sicher, ob sie fasziniert oder angeekelt sein sollte. Mit einem breiten Grinsen setzte sich Robin ihr gegenüber an den Tisch, auf Ferdinands Platz, und stützte die Ellbogen auf.

„Gibt es Neuigkeiten?“

„Nein, ich mache mir nur Gedanken über das Motiv. Wie war es beim Joggen? Schon jemanden verhaftet?“

„So schnell geht das nicht. Also, ich bin gelaufen und musste feststellen, dass mich niemand beachtet hat. Ich habe sogar mal einen Typen angerempelt, der wie ein Gangster aussah, doch der hat nur auf sein Handy gestarrt.“

„Wie sieht denn ein Gangster aus?“

Durch den strengen Blick, den Bianca Robin zuwarf, schien er auf einmal verunsichert.

„Ähm … naja … eben halt … wie soll ich sagen …“

Jetzt lachte die Kommissarin und schüttelte den Kopf.

„Weißt du was? Am besten gehst du jetzt duschen und danach machen wir uns gemeinsam Gedanken über das Motiv des Täters.“

Robin nickte und sprang auf.

Als er an der Tür war, rief Bianca: „Vielleicht solltest du nicht so viele Krimis gucken.“

Robin zwinkerte und verschwand. Bianca wendete sich wieder der Tafel zu. Sie knabberte am Ende des Stiftes.

„Eifersucht? Krumme Geschäfte? Raub? Zufall?“

Es klopfte und Eric steckte den Kopf durch die Tür.

„Hallo Schatz, darf ich reinkommen?“

„Seit wann fragst du?“

Der Staatsanwalt kam zu ihr und küsste sie sanft auf die Lippen, die sie ihm entgegenreckte.

„Ich weiß ja nicht, was dein junger Kollege denkt, wenn ich seine Partnerin küsse.“

„Das weiß ich auch noch nicht so genau. Ich kann ihn schlecht einschätzen. Mal ist er forsch und vorlaut, dann wieder druckst er herum und es kommt einem vor, als wenn man ihn bei irgendwas ertappt hat. Robin scheint nicht so cool zu sein, wie er tut.“

„Das hört sich an, als hättest du ihn bereits durchschaut.“

„Nein, ich forsche noch. Er hat eine Ex-Freundin in Brandenburg, vor der er geflüchtet ist. Sie stalkt ihn.“

„Hm, er ist also hier, um sich zu verstecken. Das wird ihm nicht gelingen. Es hat bei mir auch nicht funktioniert. Aber mal etwas anderes: Wie weit seid ihr mit dem Mord an dem Jogger?“

Bianca fasste die mageren Ergebnisse zusammen und äußerte auch ihre Ideen zum Motiv.

„Hattest du denn den Eindruck, seine Frau hätte Probleme?“

„Nein, sie ist schwanger und vollkommen fertig mit den Nerven. Aber weißt du, welche Option mir am meisten Sorgen bereitet?“

Eric sah Bianca fragend an.

Sie sagte ernst: „Was, wenn es Zufall war und jemand wahllos tötet?“

4

Bianca hatte Robin den Staatsanwalt vorgestellt. Als Eric ging, grinste sie, küsste ihn auf den Mund und schob ihn aus der Tür. Robin pfiff durch die Zähne.

„Was denn? Du und der Staatsanwalt?“

„Ja, ich und der Staatsanwalt. Aber denk jetzt bloß nicht, dass wir deshalb bevorzugt werden. Die meisten Diskussionen mit ihm habe ich über die Arbeit, denn wir sind nicht immer einer Meinung. Er ist ein Mann des Rechts und ich bin eine Frau der Gerechtigkeit.“

Jetzt lachte Robin, denn er verstand.

„Du gehst nicht immer Wege, die ihm gefallen?“

„Schlauer Kerl. Also, welches Motiv scheidet aus?“

„Raub.“

„Warum?“

„Er war nur joggen, der Autoschlüssel steckte noch in seiner Tasche und das Handy wurde auch nicht geklaut. Das macht einen Raubüberfall ziemlich unwahrscheinlich.“

Bianca wischte das Wort weg.

„Krumme Geschäfte kann ich mir auch nicht vorstellen.“

„Warum nicht?“, fragte Robin. „Die stillen Typen sind manchmal schlimme Finger.“

„Er ist nicht in der Kartei, es gibt nichts, was auf Drogen oder sowas hindeutet, also schließe ich das aus.“

„Es gibt noch Rache und Eifersucht.“

„Was machte er beruflich?“

Robin blätterte in der Akte.

„Er war Sportlehrer in einer Berufsschule.“

„Und da trifft man viele junge Damen. Also fahren wir mal in diese Schule. Vielleicht hat er schlechte Noten gegeben oder die Schülerinnen angebaggert. Dann lernst du auch gleich ein bisschen den Rheingau kennen. Wo wohnst du?“

„Ich bin seit einer Woche hier und wohne in einer Ferienwohnung.“

„Oh, dann brauchst du erstmal eine richtige Wohnung, oder?“

„Weißt du etwas?“

„Ich rede heute Abend mal mit meinem Freund. Wir wohnen eh zusammen und vielleicht kannst du seine Wohnung übernehmen. Es sei denn …“

„Wo ist der Haken?“

„Sie ist im selben Haus, in dem wir wohnen.“

„Und wenn ich an der Wand lausche, höre ich, was ihr treibt?“

Jetzt begann Bianca zu lachen und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Robin wusste nicht, was er sagen sollte und wurde rot.

„Du bist echt der Knaller. Es war ja nur eine Idee. Ich will dir nicht unser lautes Sexleben antun.“

Bianca nahm Jacke und Autoschlüssel und lief zur Tür. Dort blieb sie stehen.

„Was ist jetzt? Kommst du mit?“

Robin sprang auf und als sie im Auto saßen, entschuldigte er sich wortreich.

„Mann, es tut mir echt leid. Das ist mir so rausgerutscht. Habe ich es jetzt verkackt?“

Sie sahen sich an und Robin entspannte sich, als er Biancas Lächeln sah.

„Wenn du Lust hast, komm heute Abend vorbei, dann zeigen wir dir die Wohnung.“

„Danke … wirklich, ich bin eigentlich nicht so.“

Sie schwiegen und hielten bald vor der Berufsschule in Geisenheim. Sie stiegen aus und fragten sich nach dem Schulleiter durch.

„Kultz, kommen Sie doch herein. Wie ich höre, geht es um Herrn Bern. Furchtbar, was da passiert ist.“

Bianca stellte sich und Robin vor und sie setzten sich an einen großen Konferenztisch.

„Können Sie uns etwas über Eick Bern berichten?“

„Sie suchen doch nicht etwa das Motiv bei uns, Frau Kommissarin?“

„Herr Kultz, wir stehen noch ganz an Anfang unserer Ermittlungen, wir müssen nun mal allen Möglichkeiten nachgehen.“

„Ich verstehe. Also der Kollege Bern war ein korrekter und sehr beliebter Lehrer. Er hat sich nichts zuschulden komme lassen.“

„Manchmal ist ein Lehrer zu nett“, warf Robin ein und Bianca sah sofort, wie sich der vorher offene Schulleiter verschloss.

„Mein Kollege wollte nur wissen, ob es Schülerinnen gab, die in ihren Lehrer verliebt waren. Er war ja jung und attraktiv.“

„Ich kann es nur nochmal wiederholen, Eick Bern war sehr korrekt und hat nichts getan, wofür man ihn ermorden müsste.“

„Wir möchten jetzt trotzdem mit den Kollegen sprechen, besonders mit den Frauen.“

Bianca hielt seinem Blick stand. Sie dachte: Ist das immer so, dass man sich im Büro eines Schulleiters wie ein Schüler fühlt? Direktor Kultz stand auf und führte die Polizisten widerwillig ins Lehrerzimmer, wo viele Kollegen die Köpfe zusammengesteckt hatten. Eine junge Frau versuchte, ihre Tränen zu verbergen.

„Das sind Frau Verskoff und Herr Hinschler von der Kripo. Wie ihr wisst, wurde unser allseits geschätzter Kollege Bern getötet, ermordet. Das ist grausam und wir müssen helfen, den Täter zu finden.“

Er zeigte in die Runde und trat zurück.

„Wir werden jetzt mit jedem einzeln sprechen“, erklärte Bianca sachlich, „da wir noch keinerlei Hinweise auf das Motiv haben, müssen wir uns ein umfassendes Bild des Opfers machen.“

Zurück im Büro bat Bianca Robin, den Bericht zu tippen, sie selbst ging zu Ferdinand und trat ein, nachdem sie ein Ja vernommen hatte. Der neue Dienststellenleiter trug ein Hemd, eine dunkle Jeans und einen Blazer.

„Oh, du hast dich aber schick gemacht!“

„Die Zeitung war hier, da musste ich mich für das Foto so verkleiden.“

„Du siehst gut aus, schade, dass du mir diesen Ferdinand immer vorenthalten hast.“

„He, du hast einen geschniegelten und gebügelten Staatsanwalt zuhause, drum genieße den Anblick und schweige. Gibt es etwas Neues zu unserem Fall?“

„Leider nicht. Wir waren in der Schule, haben mit den Kollegen und seiner Klasse gesprochen, aber das war alles andere als ergiebig. Er ist sauber. Es muss also ein völlig anderes Motiv geben. Ich bin nur verwirrt wegen der offensichtlichen Brutalität. Egal, was alle sagen: Alles riecht nach Hinrichtung.“

„Dann musst du nochmal mit seiner Frau reden. Vielleicht hat er sie betrogen?“

„Sie ist hochschwanger und bei den beiden ging es in der letzten Zeit nur noch ums Baby.“

„Das kann ihn ja genervt haben und er hat begriffen, dass seine Freiheit nun endgültig vorbei ist. Also rede mit ihr. Es sei denn, er hatte irgendwie Dreck am Stecken, Drogen oder so etwas. Frag sie auch nach Feinden.“

„Das machst du super.“

Bianca grinste.

„Was?“

„Anweisungen geben. Du bist der geborene Chef, mein Freund!“

„So schlimm?“

Ferdinand sah missmutig zu seiner ehemaligen Partnerin.

„Nein, ich meine es ernst.“

„Wie macht sich der Neue?“

„Eifrig, direkt. Alles andere kann ich noch nicht einordnen.“

Ferdinand runzelte die Stirn.

„Was denn anderes?“

„Er hat mir gleich am Anfang erzählt, dass er sich hierher versetzen ließ, um seiner stalkenden Ex-Freundin zu entfliehen. Das fand ich schon sehr ehrlich, aber die Sache scheint ihn doch zu belasten. Per Telefon stalkt sie ihn weiter.“

„Pass ein bisschen auf ihn auf. Das wird schon.“

„Ich gebe mir Mühe.“

Jetzt fiel ihr die Nachricht auf ihrem Handy wieder ein. Sollte sie Ferdinand etwas davon sagen? Seitdem war ihr Telefon stumm geblieben, also war es wohl wirklich nur ein Scherz. Sie seufzte und beschloss, Ferdinand nichts zu erzählen. Nach einer Umarmung lief sie zurück zu Robin, der noch fleißig tippte. Bianca kochte Kaffee und stellte ihm eine Tasse hin.

5

„Nein!“, rief Tiana Bern und weinte ohne Unterlass.

„Frau Bern, bitte beruhigen Sie sich. Wir müssen das alles fragen, denn das Motiv für den Mord ist vollkommen unklar. Bitte denken Sie nochmal nach: Hatte Ihr Mann Feinde? Neider? Gab es Streit mit jemandem?“

Bianca saß im Krankenhaus am Bett der jungen Frau, Robin stellte sich ans Fenster. Jetzt musste die Kommissarin schmunzeln, denn auch Ferdinand hatte immer am Fenster gestanden, wenn sie jemanden befragt hatte.

Tiana schüttelte immer wieder den Kopf, doch sie grübelte, das war zu erkennen. Nein, dachte sie, wenn Eick irgendetwas Böses getan hätte, hätte ich das doch gespürt.

„Wir waren uns so nah! Da weiß man alles über den anderen. Er war ein guter Mensch, ein treuer Ehemann und hatte mit niemandem Streit.“

Plötzlich weiteten sich ihre Augen.

„Wenn man ihn nun verwechselt hat?“

„Diese Möglichkeit gibt es natürlich auch und wir gehen dem nach. Seine Kollegen und der Schulleiter haben nur gut über ihn geredet. Aber … ich wollte Ihnen das nicht sagen, er ist mit sehr vielen Messer­stichen getötet worden, so, als wäre der Täter in großer Wut vorgegangen.“

Tiana drückte ihre Hände ins gerötete Gesicht und schluchzte, sodass ihr ganzer Körper geschüttelt wurde. Bianca sah Robin an und er verstand: Es war genug. Wenn sie weiter fragen würde, käme es womöglich zu Komplikationen. Wie zur Ermahnung öffnete sich die Tür und der Arzt kam herein.

„Wenn Sie jetzt bitte gehen würden! Frau Bern ist in keiner guten Verfassung. Es ist nicht richtig, dass Sie sie so bedrängen. Sie hat doch schon ihren Mann verloren, da müssen Sie die Frau nicht auch noch mit Ihren Fragen belasten.“

„Wir wollten eben gehen. Frau Bern, wir werden den Mörder finden, das verspreche ich.“

Die Kommissare verließen das Krankenhaus und fuhren ins Büro.

„Was denkst du?“, fragte Robin.

„Ich denke, Eick Bern war ein guter Mensch und ist durch Zufall in die Schusslinie geraten oder er war nicht der, der er vorgab zu sein. Ach, es ist irgendwie nicht zu durchschauen. Mein Bauch sagt, seine Frau hat Recht, aber mein Kopf sieht die Fakten und zweifelt.“

„Du hast doch ein sagenhaftes Bauchgefühl, wie alle sagen …“

„Oh, wer sagt das denn?“

„Naja … ähm … ich habe mich eben ein bisschen umgehört. Man will doch wissen, mit wem man es zu tun hat.“

Jetzt begann Bianca zu lachen, denn Robins Gesicht war tiefrot geworden und er wusste nicht, wohin er schauen sollte.

„Entschuldige“, stammelte er.

„Alles gut! Mach dich nicht verrückt. Ich kann das verstehen. Wenn ich Zeit gehabt hätte, hätte ich mich auch nach deinen Macken erkundigt.“

„Hast du nicht?“

„Nein, denn ich wollte dir eine Chance geben, ohne Vorurteile. Was hätte ich denn erfahren?“

„Nichts Spektakuläres und das mit meiner Ex habe ich dir ja gleich erzählt. Ich wollte nicht mit einem Geheimnis starten.“

„Das finde ich gut. Also, hör zu. Ich bin Bianca, mein Bauchgefühl ist sehr gut ausgeprägt und das hat uns schon bei vielen Fällen geholfen. Mein erster Partner wurde mein Mann, aber er ist tot. Ein Verbrecher hat ihn und einen weiteren Freund und Kollegen in die Luft gesprengt. Ich habe mir oft gewünscht, auch tot und bei ihm zu sein, doch dann kam Eric und ich habe mich wieder verlieben können. Wir hatten viel Stress, aber im Moment läuft es so gut, dass wir überlegen zusammen zu ziehen. Ferdinand ist mein bester Freund. Er und auch ich wurden schon einmal angeschossen. Aber es hat uns nicht umgehauen, sondern stärker gemacht. Das war es.“

„Wow, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Mira, meine Ex, war meine große Liebe, aber sie hat mich eingeengt, mir die Luft zum Atmen genommen. Angeschossen wurde ich noch nie, aber verprügelt wur­de ich schon öfter. Wir haben viele Einsätze bei Fußballspielen gehabt und da geht es sehr ruppig zu. Ich hatte noch nie einen Mordfall. Ich möchte mir gern die Wohnung ansehen, es wäre toll, mit euch in einem Haus zu wohnen. Und das wäre auch praktisch: Wir könnten eine Fahrgemeinschaft bilden.“

Die beiden grinsten und stießen mit den Kaffeetassen an. In dem Moment piepte Biancas Handy und sie sah auf das Display.

„Du wirst sterben!“

Die Nummer war eine andere, der Text derselbe. Bianca war kurz zusammengezuckt, aber Robin hatte es nicht bemerkt, denn er war an die Tafel getreten und malte ein großes Fragezeichen an den Rand.

Bianca dachte: Wer schreibt mir diesen Mist? Wer erlaubt sich so einen makabren Scherz? Hatte sie jemanden verärgert? War das jemand, den sie mal verhaftet hatte?

Sie verglich die Nummern, aber anscheinend hatte der Anrufer sich die Mühe gemacht, eine neue Telefonkarte zu besorgen. Woher hatte diese Person ihre Nummer? Und dann kam ihr eine Frage in den Sinn, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte: Musste sie die Drohung ernst nehmen?

Als Robin sie jetzt ansah, runzelte er die Stirn.

„Ist etwas passiert?“

Bianca bemerkte, dass sie immer noch auf ihr Handy starrte. Sie legte es aus der Hand und lächelte.

„Nein, es ist alles in Ordnung. Ich habe nur nachgedacht.“

Robin ahnte, dass sie log, aber vielleicht hatte sie Ärger mit ihrem Staatsanwalt. Er wollte sich nicht einmischen.

„Wenn Eick Bern so war, wie er beschrieben wurde, warum tötet man ihn dann auf solche Weise? Wem ist er in die Quere gekommen?“

Bianca sprang auf und stellte sich auch vor die Tafel.

„Was wäre denn, wenn er etwas beobachtet hat?“

„Zum Beispiel?“

„Eine Straftat. Einen Überfall? Eine Drogenübergabe? Der Fundort ist ein Parkplatz, da käme das schon infrage.“

„Mensch, ich dachte immer: Eltville, Rheingau, Idylle pur.“

„Du dachtest, du kannst hier gemütlich deine Dienstzeit absitzen?“

Robin zuckte mit den Schultern und grinste schuldbewusst. Er hatte natürlich vorher im Internet recher­chiert, in welche Gegend er sich versetzen ließ. Konnte man denn ahnen, dass hier so viel los war?

„Ach was“, brummte er, „besser als zu Tode langweilen.“

„Das ist die richtige Einstellung. Du kennst ja Hannes schon. Er arbeitet oft bei uns und ist die Verbindung ins Rhein-Main-Gebiet. Fahr doch mal zu ihm und finde heraus, ob an der Drogen-Idee etwas dran sein könnte.“

Nachdem Robin das Büro verlassen hatte, setzte sich Bianca an den Schreibtisch. Sie fuhr den Computer hoch und ließ die vergangenen Fälle an sich vorüberziehen. Wer könnte ihr mit dem Tod drohen?

Nach einer Stunde wusste sie immer noch nicht, wie sie die beiden Nachrichten einordnen sollte. Eigentlich muss ich Ferdinand informieren, dachte sie. Und Eric. Oh weh, Eric und Ferdinand würden sie sofort aus dem Verkehr ziehen und in Watte packen.

„Nein!“, rief sie entschlossen. „Ich muss dieses Problem selbst lösen.“

Sie recherchierte die beiden Telefonnummern, doch sie wiesen nur auf zwei Prepaid-Nummern hin, die nicht nachzuverfolgen waren. Als ihr einfiel, dass sie ja einfach nur ein neues Handy bräuchte, hatte sie einen Plan. Sie zog sich an und fuhr auf den Parkplatz am Rhein. Sie tat so, als würde sie alles nochmal untersuchen und ging später ans Ufer. Hinter den Bäu­men sah sie niemand und so holte sie aus und warf das Handy mit Schwung in das dunkle Wasser.

„Oh je, jetzt ist mir doch glatt das Handy in den Rhein gefallen.“

Sie fuhr zurück ins Büro und setzte sich an den Computer, um nach einem Geschäft zu suchen, in dem sie sich ein neues Handy kaufen konnte. Kurze Zeit später rief Eric auf dem Festnetztelefon an.

„Ja bitte?“

„Schatz, ich versuche dich schon eine halbe Stunde zu erreichen. Warum gehst du nicht dran? Wo bist du?“

„Ich sitze im Büro.“

„Warum gehst du nicht ans Handy?“

„Es ist mir in den Rhein gefallen.“

„Ach du je! Wie konnte das denn passieren? Kein Wunder, dass ich dich nicht erreiche. Pass auf, ich habe Hunger. Lass uns etwas essen gehen, dann erzählst du mir die Geschichte und wir kaufen dir ein neues Telefon, einverstanden?“

Bianca sagte zu, zog sich an und wartete auf Eric, der versprochen hatte, sie abzuholen. Sie lächelte und atmete tief durch.

6

Der Sonntagmorgen begann mit einer weiteren Leiche. In der Nacht hatte man eine tote Frau am Bahnhof gefunden. Sie war mit zahlreichen Messerstichen hingerichtet worden. Bei Falk, den man aus dem Bett geholt hatte, klingelten alle Alarmglocken. Nach einer nächtlichen Obduktion stand fest: Die Frau war mit demselben Messer getötet worden wie Eick Bern. Um sieben Uhr rief er bei Bianca an, die noch in den Armen von Eric lag und tief und fest schlief. Weil sie nicht dranging, wählte er die Nummer des Staatsanwaltes.

Eric war wach geworden und hatte nach dem Telefon auf dem Nachttisch gegriffen. Dann war er aus dem Schlafzimmer geschlichen.

„Auf Biancas Handy meldet sich niemand, aber ich dachte mir, dass ihr beide zusammen seid.“

„Ja, Bianca hat ihr Handy in den Rhein fallen lassen. Wir haben zwar ein neues gekauft, aber sie muss euch noch die Nummer sagen. Was ist denn passiert?“

„Eine junge Frau wurde gefunden, erstochen. Und weil es so viele Messerstiche waren, die sie getötet haben, musste ich direkt an euch denken. Ich hatte sie heute Nacht auf dem Tisch. Es war dieselbe Waffe wie bei Eick Bern.“

„Mist! Das darf doch nicht wahr sein?“

„Was darf nicht wahr sein?“, hörte Eric jetzt Biancas Stimme hinter sich.

„Wir machen uns auf den Weg, so schnell wir können“, sagte er in den Hörer und legte auf.

Dann drehte er sich zu Bianca um, nahm sie in den Arm und küsste sie.

„Falk hat eine Leiche auf dem Tisch und es scheint, als wenn unser Messerstecher erneut zugeschlagen hat.“

Bianca zog die Luft durch die Zähne und ließ Eric los.

„Das darf wirklich nicht wahr sein. Lass uns frühstücken und in die Gerichtsmedizin fahren. Ich habe zwar heute frei, aber wenn es zu unserem Fall gehört, dann möchte ich das jetzt wissen. Ich gehe ins Bad, du rufst Robin an und wirfst ihn aus dem Bett.“

Rasch war Bianca unter der Dusche verschwunden und Eric kochte Kaffee. Er schob zwei Toastscheiben in den Toaster und wartete, bis sie wieder heraussprangen, um das Ganze zu wiederholen. Die vier Scheiben legte er in den Brotkorb und holte Wurst, Käse und Erdbeermarmelade aus dem Kühlschrank.

Falk war so lange in der Gerichtsmedizin geblieben und saß am Computer. Als Bianca und Eric eintraten, stand er auf und gab ihnen einen Wink, ihm zu folgen. Nebenan lag die Leiche einer jungen Frau auf dem kalten, glatten Edelstahltisch. Ihre blonden langen Haare waren wir ein Kranz um ihren Kopf gelegt. Die Vorderseite des Körpers wies zahlreiche Stichwunden auf, dass Bianca unwillkürlich zu zählen begann.

Falk sah die Bewegungen ihrer Lippen und sagte: „Neunzig.“

„Oh mein Gott.“

„Du sagst es. Vorn sind es zweiundfünfzig. Wie ihr seht, hat der Täter auch wieder auf Arme und Beine eingestochen. Er war entweder rasend vor Wut oder verrückt und voller Mordlust.“

„Was wissen wir über sie?“

Falk holte einen Plastikbeutel vom Regal und gab ihn Bianca. Die hob ihn hoch und sah ein Handy, ein Schlüsselbund und einen Personalausweis. Außerdem befanden sich einige zerknitterte Geldscheine in dem Beutel. Bianca reichte ihn Eric, nachdem sie den Ausweis entnommen hatte.

„Kristin Brutz. Sie ist zweiundzwanzig. Erst müssen wir einer hochschwangeren Frau sagen, dass ihr Mann nicht mehr lebt und nun gehen wir zu einer Mutter und verkünden ihr den Tod ihres Kindes. Es ist grausam. Was macht dich so sicher, dass es derselbe Täter ist?“

„Klinge, Schnittkanal, Breite der Wunden. Ich bin mir sehr sicher, dass hier dasselbe Messer benutzt wurde. Ich habe mal ein Bild ausgedruckt, seht es euch an. So könnte das Ding aussehen.“

Als Falk Eric das Bild gab, fühlte der die Stiche beinahe körperlich.

„Wie verzweifelt muss man sein, um so zu töten?“, hörte er Bianca sagen.

„Wie kommst du darauf?“

„Mein Bauch sagt mir, dass wir auch hier kein Motiv finden werden. Irgendetwas Schwerwiegendes muss den Täter dazu bewegen.“

Eric runzelte die Stirn. Er wollte nie wahrhaben, dass Bianca solch einen sicheren Instinkt hatte, aber die Erfahrung hatte ihn eines Besseren belehrt. Sie hatte immer Recht behalten, auch wenn oft genug alles gegen ihre Theorien sprach.

„Soll ich mitkommen zu den Eltern?“

„Ich rufe Robin an. Er hatte noch nie einen Mordfall und bei Tiana Bern war ja noch Ferdinand mit. Ich will ihn ins kalte Wasser werfen.“

„Ach, der kriegt das schon hin.“

„Robin wird danach zu uns kommen. Ich möchte, dass du ihm deine Wohnung zeigst.“

Eric sah Bianca überrascht an und Falk ließ die Blicke hin und her gehen. Dann begann der Gerichtsmediziner zu lachen.

„Hier ist klar, wer die Hosen anhat.“

„Jaja, Bianca ist da sehr konsequent.“

„Aber hallo!“, rief sie. „Du hängst doch eh nur in meiner Wohnung rum. Dann können wir die andere auch Robin überlassen. Wer weiß, wen man uns sonst ins Haus setzt.“

Eric legte seinen Arm um Bianca und zog sie mit sich. Falk winkte und ging zurück an den Computer.

Draußen wurde Bianca wieder ernst.

„Ob sie einen Freund hatte? Mal sehen, wen wir bei der Adresse antreffen.“

Sie fuhren in die Felsstraße. Diese Adresse hatte im Ausweis gestanden und weckte sowohl bei Bianca als auch bei Eric heftige Erinnerungen. Das verbrannte Haus war abgerissen worden und wurde gerade durch einen Neubau ersetzt. Bianca und Eric sahen sich an, dann nahm er ihre Hand.

„Eine aufregende Zeit, oder?“

Die Kommissarin nickte. Peter Jischeck und seine Tochter waren nach Hattenheim gezogen. Ab und zu begegneten sie sich in Eltville, denn er war der Kirchengemeinde treu geblieben.

Bianca stieg aus und wartete auf Robin, nachdem sie am Telefon das Geschehene zusammengefasst hatte. Eric war losgefahren. An der Klingel des alten, aber gepflegten Hauses standen zwei Namen: Kristin und Monique Brutz.

Mutter? Schwester? Oma? Mit wem mochte Kristin hier gelebt haben? In dem Moment hielt ein Auto neben ihr und Robin sprang heraus.

„Guten Morgen!“

„Gut ist anders. Hast du schon mal eine Todesnachricht überbracht?“

„Nicht direkt, aber es wird schon gehen. Ich war bei Unfällen manchmal mit, aber meistens habe ich im Auto gewartet.“

Bianca klingelte und eine Frau um die vierzig öffnete. Sie lächelte freundlich und sah die beiden Besucher fragend an.

„Frau Monique Brutz?“

„Ja. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin Bianca Verskoff und das ist mein Kollege Robin Hinschler von der Polizei. Dürfen wir reinkommen?“

Schlagartig verdüsterte sich der Blick der Frau. Sie trat zur Seite und ließ die beiden eintreten. Als Bianca und Robin wieder auf der Straße standen, war der junge Kollege blass und still. Er setzte sich hinter das Steuer und legte den Kopf aufs Lenkrad, während Bianca sich auf den Beifahrersitz fallen ließ und ihren Kollegen voller Mitgefühl anschaute.

„Geht es?“

Robin hatte feuchte Augen, als er wieder aufsah.

„Mann, Mann, Mann, das ist hart. So habe ich das noch nie erlebt. Wie kannst du da nicht sofort losheulen? Du bist doch ein Mädchen?“

Bianca verkniff sich ein Grinsen über das „Mädchen“ und legte ihrem Kollegen eine Hand auf den Arm.

„Wir sind die, die den Mörder zur Strecke bringen. Wir sind die, die stark sein müssen, damit die Hinterbliebenen die Zuversicht haben, dass der, der einem Familienmitglied etwas angetan hat, bestraft wird. Wir vermitteln ihnen Sicherheit, dass wir das schaffen. Ich fühle immer mit ihnen, aber was in meinem Inneren los ist, hilft ihnen nicht. Du spürst, wenn du jemanden in den Arm nehmen musst oder wenn er ärztliche Hilfe braucht.“

„Mensch, ich hätte beinahe mit ihr geweint.“

„Ich verstehe dich, aber ich hoffe, du musst das hier nicht zu oft tun.“

„Ich auch. So ein junges Mädchen. Es war furchtbar.“

„Sie ist eine harmlose Studentin, die zu einer Party wollte und ich denke mal, dass sie genauso wenig Schlimmes getan hat wie Eick Bern.“

„Und das heißt?“

„Das heißt, dass es womöglich weitergehen wird. Und das heißt, dass wir nicht wissen, wonach wir suchen. Wenn man ein Motiv hat, dann ist es leichter, ein Täterprofil zu erkennen. Aber so müssen wir abwarten. Eric wird uns den Kopf abreißen, wenn noch jemand stirbt.“

„Du und der Staatsanwalt, das ist etwas Festes? Wollt ihr heiraten? Wie habt ihr euch kennengelernt?“

„He, du bist ganz schön neugierig, aber du hast recht, es ist etwas Festes. Wir hatten ein paar Startschwierigkeiten, doch jetzt ist alles gut. Ich habe ihn kennengelernt, als er undercover gearbeitet hat.“

„Das hört sich cool an. Entschuldige, wenn ich neugierig war. Die Frau eben hat mich ganz schön fertig gemacht. Ich wollte an etwas anderes denken.“

„Du darfst gerne traurig sein. Es ist gut, wenn du das alles nicht als eine Art Actionfilm siehst. Bei den ganz jungen Polizisten kommt das schon mal vor. Ich bin froh, dass du ein Herz hast.“

7

Eric wirkte gestresst, als er am Nachmittag zu Bianca kam. Er war vom Oberstaatsanwalt ins Büro zitiert worden. Jetzt wollte er Bianca abholen und wenigstens den Rest des Sonntags mit ihr genießen.

„Das kann ja heiter werden. Gibt es eine Verbindung zwischen Eick Bern und Kristin Brutz? Kannten sie sich?“

„Die Mutter der Studentin sagt, dass sie ihn nicht kenne. Und Robin ist gerade bei Eicks Frau, um sie zu befragen. Aber wir können nach Hause fahren, denn unser Neuer kommt danach direkt zu uns.“

„Heute könnt ihr nichts mehr tun und der Oberstaatsanwalt hat mir sowieso schon den Kopf abgerissen wegen der zweiten Leiche. Lass uns einen schönen Abend machen.“

Sie fuhren heim und als Bianca am Briefkasten vorbeiging, sah sie, dass ein winziger Schnipsel herausguckte. Sie wollte den Brief herausziehen, doch er rutschte in den Kasten. Seufzend kramte sie nach dem Schlüssel, während Eric nach oben gegangen war.

Der weiße Umschlag war mit „Bianca“ beschrieben. Die Buchstaben hatte der Absender akkurat mit einem grünen Filzstift draufgemalt. Mit einem unguten Gefühl riss sie den Umschlag auf und hielt ein weißes Blatt in der Hand. Sie las: „Du wirst sterben.“

Rasch steckte Bianca das Blatt in den Umschlag zurück und ließ ihn in ihre Handtasche gleiten. Nein, dachte sie, das ist nur Spaß, ich werde mich nicht verrückt machen lassen. Sie setzte ein Lächeln auf und lief hinter Eric her.

„Was war denn?“

„Ach, nur Werbung. Wir haben eine Million gewonnen, aber nur, wenn wir eine Zeitschrift abonnieren.“

„So ein Quatsch sollte verboten werden.“

Bianca war fest entschlossen, niemandem etwas zu sagen, denn wenn auch nur ein Mensch in ihrem Leben davon Wind kriegen würde, würden alle vor Sorgen kaputtgehen. Sie küsste Eric und zog sich im Schlafzimmer um. Den Umschlag versteckte sie hinter der Bettwäsche und verbannte alle Gedanken daran aus ihrem Kopf.

Die perfekte Ablenkung kam in Person von Robin, der mit einer gelben Rose vor der Tür stand. Er hatte sich umgezogen und trug zur Abwechslung mal keine Sportkleidung, sondern eine Jeans und ein dunkelblaues Hemd.

„Uh, du hast dich ja in Schale geworfen. Komm rein!“

Bianca ließ ihn an sich vorbeigehen und lenkte ihn in die Küche, wo Eric eben den Kaffee in eine Thermoskanne goss. Bianca hatte den Tisch gedeckt und den Kuchen, den sie noch im Schrank gehabt hatte, in kleine Stücke geschnitten.

„Hallo, Herr Ströckwitz. Es ist schon ein merkwürdiger Anblick, wenn der Staatsanwalt in der Küche schuftet.“

„Ach komm, sag einfach Eric zu mir. Wenn du in meine Wohnung ziehen willst, sehen wir uns ja öfter.“

„Gut. Und du bist dir absolut sicher, dass du keinen Fluchtort vor Bianca mehr brauchst?“

„He, das habe ich gehört!“, rief Bianca und setzte sich. „Wenn du frech wirst, verdonnere ich dich zum Innendienst. Oder du bekommst Handyverbot.“

„Beides wäre schlimm, also bitte ich um Verzeihung.“

„Kannst du es nicht mal am Sonntag aus der Hand legen?“

„Doch, ich kann.“

Robin warf einen letzten Blick auf das Display, danach schaltete er das Telefon ab.

„Wie oft schreibt sie dir? Ruft sie auch an?“, fragte Eric.

„Du weißt …?“

„Wir reden über alles. Wenn du Hilfe brauchst, sag es ruhig.“

Robin seufzte.

„Das alles ist sehr kompliziert. Sie kann nicht loslassen und hat es mir übel genommen, dass ich mich aus dem Staub gemacht habe. Andererseits bin ich sicher, dass sie ärztliche Hilfe braucht, um das in den Griff zu kriegen. Aber obwohl ich mir den Mund fusselig geredet habe, kommt es nicht an. Gott sei Dank bekomme ich Unterstützung von ihrer Mutter. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie mir das auf die Nerven geht.“

„Oh doch“, sagte Eric, sah Bianca an und als diese nickte, erzählte er von Violetta.

Robin fragte: „Und wie habt ihr das Problem gelöst?“

„Das mussten wir gar nicht. Sie hat selbst eingesehen, dass Bianca und ich zusammengehören und ist zurück an die Nordsee. Besteht die Möglichkeit, dass deine Ex-Flamme hier auftaucht?“

„Nein, ich habe niemandem gesagt, wohin ich gehe. Und meinen Kollegen habe ich ausdrücklich gesagt, dass sie schweigen müssen. Wir haben uns gut verstanden und sie standen immer hinter mir. Es war schon traurig, als ich mich verabschiedet habe.“

„Du solltest keinen Kontakt zulassen.“

„Ich antworte ja nicht. Am liebsten würde ich mir auch ein neues Handy holen, aber ich bin noch dabei, mein Leben neu zu regeln und muss erst schauen, wie ich das mit dem Geld alles hinkriege. Für den Anfang wäre eine neue Wohnung gut.“

Eric stand auf und während Bianca abräumte und den Abwasch erledigte, ging er mit Robin über den Flur. Eine halbe Stunde später waren sie sich einig. Die Miete war erschwinglich und Eric versprach, mit dem Vermieter zu sprechen. Der hatte großen Respekt vor dem Staatsanwalt, deshalb konnte sich Robin schon mal auf die neue Wohnung freuen.

Als sie wieder bei Bianca waren, sah Robin sie nachdenklich am Fenster stehen. Irgendetwas schien sie zu beschäftigen, obwohl sie sich am Gespräch beteiligte und ein Lächeln auf den Lippen hatte. Er nahm sich vor, sie bei Gelegenheit doch mal anzusprechen. Für heute bedankte und verabschiedete er sich.

Eric und Bianca gingen noch eine Runde durch die Altstadt und am Rhein entlang. Sie schwiegen und hingen beide ganz eigenen Gedanken nach. Eric malte sich eine wunderbare Zukunft mit Bianca aus. Wenn er jetzt ganz bei ihr einzog, dann wäre es wie eine richtige Beziehung. Gerne würde er sie fragen, ob sie ihn heiraten wollte, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass die Zeit noch lange nicht gekommen war. Irgendwann wollte er mit Ferdinand darüber reden. Schließlich kannte Biancas Freund sie schon länger.

Bianca dachte an die Nachrichten und den Brief. Wenn sie Eric davon erzählen würde, hätte sie keine Ruhe mehr. Der große Apparat würde anlaufen und sie könnte nicht mehr frei arbeiten. Dass der Mensch, der sie bedrohte, sogar wusste, wo sie wohnte, machte ihr ein mulmiges Gefühl. Wer steckte dahinter?

Sie erinnerte sich an ihre erste Zeit bei der Polizei. Damals war sie Michael zugeteilt worden und es hatte täglich gekracht, denn der Kommissar war unleidlich, rauchte wie ein Schlot und als Einzelgänger duldete er sie nur widerwillig in seiner Gegenwart. Irgendwann waren sie ein Team geworden und er hatte gemerkt, dass er mehr für sie empfand als nur kollegiale Freundschaft. Er hatte sie vor Pit beschützt, der nicht loslassen wollte.

Das kam ihr jetzt in den Sinn, denn so ähnlich mochte es Robin gehen. Er hatte seine Freundin verlassen und war deshalb sogar weit weg gezogen, um Distanz zu bekommen.

Allerdings war das Ende mit Pit schrecklich gewesen, denn Nele hatte ihn getötet. Dass er Kendra ermordet hatte, war für Bianca wie eine Warnung gewesen, denn sie hatte sich oft an ihrer Stelle gesehen. Eigentlich hatte Kendra ihr das Leben gerettet, als sie Pit getroffen hatte.

Er war wohl schon als Kind ein Psychopath gewesen, sonst wäre nicht so viel Unheil geschehen. Wenn sie nicht genau wüsste, dass Pit tot war, würde sie ihn für den Verfasser der Drohung halten. Aber wer konnte es sonst sein? Wem war sie zu nahe getreten?

8

Am Montagvormittag stürmte Eric in Biancas Büro, eine steile Zornesfalte im Gesicht. Robin zog automatisch den Kopf ein, aber Bianca wusste, dass er vom Oberstaatsanwalt kam.

„Oh, es gab wohl ein Gewitter?“

Eric setzte sich, sprang wieder auf und holte sich eine Tasse Kaffee.

„Frag nicht. Er hat tatsächlich gesagt, dass ich dich ordentlich zusammenfalten soll, obwohl wir ein Liebespaar sind.“

Bianca musste sofort an Dr. Rosenschuh denken, der sich solche Bemerkungen auch immer dafür aufgehoben hatte, wenn er nicht mehr weiter wusste.

„Der steht unter Druck“, fuhr Eric fort, „denn die Presse sitzt uns im Nacken. Irgendwie haben die Wind davon bekommen. Sagt mir bitte, dass ihr weitergekommen seid?“

Robin richtete sich wieder auf.

„Es gibt keine Verbindungen. Wir haben alles überprüft, aber die beiden Opfer kennen sich nicht. Auch bei Freunden und Familienmitgliedern oder Arbeitskollegen gibt es nichts, was sie beide betrifft. Wenn man es genau nimmt, kann man nur sagen, sie sind beide in Eltville getötet worden und sie haben ein Handy.“

„Das ist völlig unzureichend. Der Oberstaatsanwalt will mich verantwortlich machen, wenn es ein weiteres Opfer geben sollte.“

„Der spinnt doch!“, rief Bianca. „Du bist nicht dafür verantwortlich. Wir können nicht mal Passanten befragen, denn die Opfer waren allein unterwegs und wir haben niemanden gefunden, der sie unmittelbar vor ihrem Tod gesehen hat.“

„Naja, der Mörder wird keine Zuschauer eingeladen haben.“

„Oh, Kollege, du bist sehr schlau. Trotzdem machen wir uns jetzt nochmal getrennt auf den Weg und fragen herum. Ich fahre zu Kristins Freundin, die gestern Nacht aus Amerika zurückgekommen ist und du kannst Eicks Marathonpartner befragen. Der war in München zu einer Fortbildung. Eric, wenn wir auch nur das Geringste erfahren, melde ich mich.“

„Gut, dann werde ich jetzt mal mit unserem Vermieter reden, damit du bald ein Dach über den Kopf bekommst.“

Die drei verließen das Büro und machten sich auf den Weg.

Eine junge Frau mit einem Handtuch um den Kopf öffnete Bianca die Tür.

„Hallo, ich bin Bianca Verskoff von der Kripo. Darf ich reinkommen?“

„Ja, kommen Sie, Tines Mutter hat mir alles erzählt.“

Maja Hostke setzte sich in der Küche ans Fenster. Sie zog ihr Handtuch vom Kopf und rostrote Haare fielen in wirren Locken auf ihre Schultern, ein Schluchzen kam aus ihrer Brust.

„Wenn ich hier gewesen wäre, könnte Tine noch leben. Ich mache mir solche Vorwürfe.“

„Das müssen Sie nicht. Vielleicht wäre wirklich nichts passiert, wenn sie mit ihr unterwegs gewesen wären, aber das kann man nicht voraussehen.“

„Ach, ich weiß das ja, es ist nur … ich kann an nichts anderes denken.“

„Ich verstehe Sie. Da Ihre Freundin das zweite Opfer ist, müssen wir alle befragen, die mit ihr Kontakt hatten, denn wir kennen das Motiv für die Morde nicht. Kennen Sie einen Eick Bern oder seine Frau Tiana?“

Maja dachte nach, schüttelte dann den Kopf.

„Nein, die kenne ich nicht. Ist einer von denen der Täter?“

„Nein. Eick Bern ist das erste Opfer. Frau Hostke, es ist furchtbar, doch ich muss Ihnen sagen, dass Kristin mit neunzig Messerstichen getötet wurde. Das spricht für eine unbeschreibliche Wut des Täters. Gibt es jemanden, dem sie wehgetan hat? Der einen Grund hat, sie zu töten?“

„Das … nein … das kann ich mir nicht vorstellen. So etwas tut er nicht.“

„Wer?“

„Tines Ex-Freund. Ron Welleck. Sie waren zwei Jahre zusammen. Die Trennung war hart, doch darum wird man nicht gleich zum Mörder.“

Bianca notierte Namen, Telefonnummer und Adresse des Studenten und verabschiedete sich von Maja.

„Bitte finden Sie den, der meine Freundin auf dem Gewissen hat. Sie war eine von den Guten und hat das nicht verdient.“

Weil Ron nicht ans Telefon ging, versuchte Bianca, den jungen Mann zuhause zu erreichen. Eine Frau Mitte vierzig öffnete die Tür und zog die Augenbrauen hoch.

„Ja?“

„Wohnt hier ein Ron Welleck?“

„Das ist mein Sohn. Wer sind Sie und was wollen Sie von ihm?“

Bianca stellte sich vor und erklärte, worum es ging. Die anfangs sehr kühle Frau brach in Tränen aus und bat die Kommissarin ins Haus.

„Oh nein, die liebe Kristin! Wer tut so etwas?“

„Ihr Sohn und Kristin waren nicht mehr zusammen?“

„Nein, es war schrecklich, denn ich mochte das Mädchen. Ich weiß bis heute nicht, warum sie sich getrennt haben. Mein Sohn war wochenlang verstört. Er schläft sicher noch.“

Es war Mittag und Bianca sah erstaunt auf die Uhr. Die Frau war ihrem Blick gefolgt.

„Nicht, was Sie denken. Ron arbeitet nachts beim Rettungsdienst und muss heute erst später in die Uni. Er will nicht von seinen Eltern abhängig sein, aber ich wecke ihn mal.“

Sie verschwand und nach ein paar Minuten kam ein junger Mann die Treppe herunter. Er sah müde aus. Seine Mutter folgte ihm und beide setzten sich zu Bianca.

„Du wusstest das?“

Er nickte.

„Warum hast du denn nichts gesagt, mein Junge?“

„Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Und was wollen Sie von mir?“

„Ich habe gehört, die Trennung lief nicht reibungslos.“

Wütend sprang Ron auf.

„Ah! Jetzt weiß ich, was Sie wollen. Nein! Nein, ich habe ihr nichts getan. Das denken Sie doch, oder?“

„Warum haben Sie sich getrennt?“

„Ich habe mich nicht getrennt, sondern Kristin. Sie wollte weg.“

„Wohin?“

„Nach Indien. Und ich wollte mir hier mit ihr eine Zukunft aufbauen. Ich passe nicht in ihre Lebenspläne! Ha!“

„Wo waren Sie in der Nacht von Samstag zu Sonntag?“

„Na wo wohl: beim Dienst.“

„Da gibt es sicher Zeugen?“

„Natürlich. Wir hatten einen Einsatz nach dem anderen. Ich hatte keine Zeit, Kristin zu töten, ich hatte nicht mal Zeit an sie zu denken.“

Er sah wütend und verletzt aus. Nein, dachte Bianca, er war es nicht.

„Kennen Sie einen Eick Bern?“

„Hat er sie umgebracht?“

„Nein, er ist das erste Opfer.“

„Scheiße, warum hat man sie getötet?“

Bianca stand auf und seufzte.

„Wir haben noch keine Ahnung. Danke, dass Sie ehrlich zu mir waren.“

„Finden Sie das Schwein!“

Die Kommissarin verließ das Haus und fuhr ins Büro. Enttäuscht schrieb sie die Namen von Ron und Maja an die Tafel und strich sie direkt wieder durch. Als Robin zurück war, zuckte auch er nur mit den Schultern.

„Nichts. Der Mann war wirklich auf dieser Fortbildung und er bestätigte, dass Eick ein unauffälliger, netter Mensch war, der nur Familie und Sport im Sinn hatte.“

9

Er hatte das Messer in den Rhein geworfen und sich auf den Heimweg gemacht.

„Ich muss mich zusammenreißen“, sagte er zu seinem Spiegelbild im Flur.

Die junge Frau war völlig überrascht gewesen, als sie ihren Blick vom Handy hob und in sein verzerrtes Gesicht schaute. Dann weiteten sich ihre Augen vor Angst und sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber dazu kam sie nicht mehr, denn wie in Raserei stach er auf sie ein. Nachdem er seine blutigen Hände und das Messer wahrgenommen hatte, war er wieder klar im Kopf geworden. Gegen Morgen war er an den Rhein gelaufen, um das Messer verschwinden zu lassen. Er sah dazu zwei Gründe: Zum einen wollte er die Tatwaffe aus dem Haus haben, zum anderen hoffte er, nicht noch einmal außer Kontrolle zu geraten.

Es tat immer noch weh und wenn er an sie dachte, dann schaltete sich sein Hirn aus, sodass er Dinge tat, von denen er nie gedacht hatte, dass er dazu fähig war. Irgendetwas machte „Klick“ und er musste handeln. Er hatte es sich nicht so leicht vorgestellt, einen Menschen zu töten, aber das Gefühl der Genugtuung, das ihn hinterher erfüllt hatte, ließ ihn glauben, das Richtige zu tun. Am Tag danach schien es ihm, als hätte ein anderer die Frau getötet.

Er hatte in der neugierigen Menschenmenge gestanden und ehrliches Erstaunen gefühlt, dass hier ein harmloser Jogger getötet worden war.

Die Leute um ihn herum hatten getuschelt: „Wer weiß, was das für einer war, wenn man den so hingerichtet hat.“

„Tja, er hat das bestimmt verdient“, sagte eine junge Frau mit Kinderwagen. „Ein Triebtäter oder ein Pädophiler. Man hört ja oft sowas.“

„Und wenn er nur ein Jogger war, dessen Nase einem nicht gefallen hat?“, fragte ein Mann mit Bart.

„Ach was!“, rief ein alter Mann mit Hut auf dem Kopf und Zeitung in der Hand. „Man richtet keinen hin, der nichts getan hat. Was denken Sie denn?“

Er war zusammenguckt, hatte er doch nicht damit gerechnet, dass man ihn ansprach.

„Ich … ich weiß nicht.“

Der alte Mann hatte ihn naserümpfend angeschaut und sich wieder dem geschäftigen Treiben am Tatort zugewendet. Er war noch eine Weile geblieben und dann nach Hause gegangen. Dort hatte er vor ihrem Foto gesessen und geweint.

Die Genugtuung war schnell wieder verschwunden und eine große Leere blieb in seinem Herzen zurück. Er erinnerte sich an ihr Lächeln, die schmale Zahnlücke, die Grübchen und wenn sie zusammen lachten, dann waren sie glücklich.

„Du fehlst mir!“, sagte er jeden Tag zu ihrem Foto.

Nach ein paar Tagen in Traurigkeit und Wut war er erneut durch die Stadt gelaufen, getrieben, unruhig und mit der Hand in der Jackentasche, wo er den schweren Griff des Messers gefühlt hatte. Das Messer, das ihm Halt gab und das ihm Hoffnung machte, seinen Schmerz loszuwerden. Als die Kleine so dalag, hatte ihn ganz kurz der Gedanke durchzuckt, dass es unrecht war, aber dann dachte er daran, wie sie arglos auf ihn zugekommen war, vollkommen abwesend und ins Handy vertieft. Das grünliche Licht das Displays war auf ihr Gesicht gefallen. Sie hatte ihn erst wahrgenommen, als er direkt vor ihr stand und war, das Telefon immer noch fest umklammernd, gestorben.

Jetzt saß er zuhause und das gute Gefühl war abermals verschwunden. Er hatte das Messer entsorgt, um nicht mehr zu töten, doch die Unruhe war übermächtig und trieb ihn am Mittag aus dem Haus. Er war noch krankgeschrieben, um sich auszuruhen und den Fragen aus dem Weg zu gehen, die wohl oder übel kommen würden, aber er wollte kein Mitleid, keine Fragen, keine Blicke.

Er lief am Rhein entlang, setzte sich auf eine Bank und starrte auf das Wasser. Niemand beachtete ihn. Eine Stunde später taumelte er weiter, den Kopf voller Erinnerungen und ohne Orientierung, bis er sich plötzlich am alten Güterbahnhof wiederfand und stehenblieb, weil er laute Stimmen hörte. Ein schwarzer Transporter stand an der von Unkraut und Müll bedeckten Rampe. Die Türen waren weit offen, der Schlüssel steckte. Die Stimmen gehörten zu zwei düster aussehenden Männern mittleren Alters, die sich in drohender Haltung in der Halle gegenüberstanden.

Ein Schauer überlief ihn, denn er erinnerte sich daran, dass hier mal einer erschlagen worden war. Später hatte er in der Zeitung gelesen, dass der Kerl seinen eigenen Sohn totgeprügelt hatte. Der Typ hatte seinen Tod bestimmt mehr als verdient.

Er wollte nicht, dass die beiden Männer ihn sahen, aber trotzdem ließ ihn die Neugier näher heranschleichen. Verdeckt von dem Auto belauschte er das Streitgespräch. Es ging um Geld und Ware, mehr verstand er nicht, denn sein Blick blieb an der Pistole hängen, die im Fußraum des Wagens auf der Beifahrerseite lag. In dem Karton daneben schienen Patronen zu sein. Sein Mund war trocken, als er sich ins Fahrzeug hineinbeugte, nach der Waffe griff und sie rasch in seine Jackentasche steckte. Nach einem weiteren Blick durch das Auto, das mit der Fahrerseite zum Ausgang der Halle stand, packte er den Karton und schob ihn unter die Jacke. Dann duckte er sich und verließ das Gelände in Richtung Altstadt.

Zuhause angekommen legte er Waffe und Patronen auf den Küchentisch. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als sein Blick auf das Foto fiel, das auf dem Fensterbrett stand.

„Ich kann nicht aufhören, die Welt ist schlecht und ich werde sie verbessern. Das schwöre ich dir!“

Er lud die Pistole und zielte auf den Kühlschrank.

„Pffff“, machte er leise.

Dann versteckte er alles in der Speisekammer hinter den Dosen mit Erbsen und Möhren. Er setzte sich an den Tisch und starrte auf das Foto. So saß er immer noch, als sein Kopf müde auf seine Arme sackte. Er schlief, bis der Rückenschmerz ihn weckte.

Hatte er geträumt oder lag wirklich eine Pistole im Regal hinter den Dosen versteckt?

Er war sich nicht sicher und betrat zitternd die Speisekammer, um sich davon zu überzeugen. Die Waffe in der Hand gingen ihm tausend Fragen durch den Kopf: Was waren das für Männer? Warum hatten sie eine Waffe im Auto? Hatten sie deren Verschwinden schon bemerkt? Hatte ihn jemand dort gesehen?

Jetzt musste er schlucken. Er hatte sich umgeschaut, als er gegangen war und niemanden bemerkt. Sie würden ihn sonst sicher suchen und für den Diebstahl bestrafen, vielleicht würden sie ihn auch anzeigen.

„Nein“, murmelte er, „das sind Verbrecher, die auf keinen Fall zur Polizei gehen.“

Er hatte davon gehört, dass sich im alten Güterbahnhof nur zwielichtige Typen herumdrückten, auch Penner schliefen manchmal dort. Es hieß, der alte Güterbahnhof sei ein Umschlagplatz für Drogen.

Niemand hatte ihn gesehen, sonst wären sie schon längst gekommen. Zufrieden schnaufte er und ging ins Bett.

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200 стр. 1 иллюстрация
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9783750235854
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