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Ursula Isbel-Dotzler
Das Haus der Stimmen
SAGA Egmont
Das Haus der Stimmen
Copyright © 2000, 2018 Ursula Isbel-Dotzler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711897065
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
1
Der Brief kam an einem Freitag. Die krakelige Schrift auf dem Kuvert sah nach einer sehr alten Hand aus – nach jemandem mit schlechten Augen und zittrigen Fingern.
Absender und Poststempel versetzten meine Mutter in flatternde Aufregung. „Ach du lieber Himmel!”, sagte sie. „Bestimmt ist mit Tante Jule etwas nicht in Ordnung. Ich hab seit einer Ewigkeit nichts mehr von ihr gehört. Hoffentlich ist nichts passiert! Sie ist immerhin fast achtzig … “
Der Brief war an Familie Trotta adressiert. Eigentlich waren wir längst keine Familie mehr. Mein Vater lebte jetzt in der Schweiz, meine Schwester hatte vor einem Jahr die heimatliche Höhle verlassen und studierte in Heidelberg. Übrig waren nur noch Mama und ich.
Ich sah meiner Mutter über die Schulter, während sie las. Der Brief, auf liniertem Papier geschrieben, war in recht witzigem Deutsch abgefasst. Werthe Familie Trotta!, stand da. Förmudlich wird es Sie wunderlich erscheinen, dies Schreiben von unbekanntem Sender zu erhalten. Doch ich denke Ihr müsst wissen wie der Sachen steht mit Julen Timmerman …
So ging es drei Seiten lang weiter. Es war nicht immer leicht zu verstehen, aber am Ende begriffen wir doch, was die Absenderin uns mitteilen wollte.
„Ich hab’s geahnt!”, sagte meine Mutter und steckte den Brief geistesabwesend ins Kuvert zurück. „Gestern oder vorgestern hab ich noch geträumt, dass sie einen Schlaganfall hatte und allein in ihrem Haus lag.”
„Sie scheint aber noch ganz fit zu sein, jedenfalls körperlich.”
„Schon, aber das tröstet mich wenig. Nach allem, was ihre Nachbarin schreibt, leidet Tante Jule vermutlich an Arterienverkalkung oder Alzheimer.” Mama seufzte. „Sie müsste wohl in ein Seniorenheim, aber damit wird sie sicher nicht einverstanden sein.”
„Vielleicht lässt sich jemand finden, der sich um sie kümmert.”
„Hast du eine Ahnung, was so eine Pflege kostet? Um das auf die Dauer zu finanzieren, müsste sie ihr ganzes Anwesen verkaufen.” Sie warf mir einen ratlosen Blick zu. „Was machen wir nur, Sofie? Wir können sie nicht einfach sich selbst überlassen. Ihre Nachbarin schreibt, dass sie vergisst, Herdplatten auszuschalten, dass sie nachts Kerzen brennen lässt und im Unterrock durch die Gegend irrt.”
„Wir müssen hinfahren”, erwiderte ich. „Das ist mal der erste Schritt.”
Irgendwie hatte ich im Laufe der letzten Jahre fast unmerklich die Rolle der vernünftigen Tochter übernommen, während sich meine Mutter in schwierigen Situationen in hilflose Unselbstständigkeit flüchtete; dann war es meist so, als wäre sie die Jüngere von uns beiden.
„Ich habe nur noch sechs Tage Urlaub.”
„In einer Woche kann man viel erledigen”, sagte ich. „Wir nehmen mein Auto.” Mein Vater hatte mir zur bestandenen Fahrprüfung einen gebrauchten Wagen geschenkt, der schon ziemlich alt war.
„Aber du hast doch noch kaum Fahrpraxis! Und es ist eine riesige Strecke. Von hier bis Hamburg sind es neunhundert Kilometer; und dann müssen wir noch über die dänische Grenze und bei Sønderborg auf die Fähre.” Sie sah auf den Briefumschlag nieder, als wäre er eine Zeitbombe, die jeden Augenblick losgehen konnte.
„Wenn ich die Strecke gefahren bin, habe ich Fahrpraxis”, sagte ich. „Außerdem können wir uns abwechseln.”
„Können wir nicht. Du weißt genau, dass ich nur Automatik fahre; und es ist Jahre her, seit ich zum letzten Mal hinterm Steuer gesessen habe.”
Wie immer war alles ungeheuer kompliziert.
„Kannst du denn überhaupt hier weg?”, fragte sie. „Musst du nicht abwarten, bis sich das mit deiner Praktikumsstelle entscheidet?”
Ich schüttelte den Kopf. „Ich sitze seit drei Monaten nur herum und warte, was die ausbrüten. Natürlich brauchen sie in den Behinderten-Wohngemeinschaften dringend Hilfe, aber die Gelder werden ja ständig gekürzt. Das kann noch ewig dauern, bis sie entschieden haben, ob sie mich einstellen oder nicht. Vielleicht klappt es im Herbst ja schon mit dem Studienplatz für Behindertenpädagogik.”
„Am besten sagst du Bescheid, wo du zu erreichen bist, falls sich etwas tut.” Mama begann in ihrer Handtasche zu wühlen. „Wo hab ich nur mein Adressbuch mit den Telefonnummern? Oder meinst du, es hat keinen Sinn, Tante Jule anzurufen, wenn sie so verwirrt ist?”
„Ich glaube nicht, dass es allzu viel bringt. Aber versuchen kannst du’s ja mal.”
Sie gab die Idee, in Dänemark anzurufen, vorerst auf und wählte die Nummer einer Kollegin, um mit ihr wegen der Urlaubsvertretung zu verhandeln. Ich ging in den Abstellraum, überlegte, ob ich einen Koffer oder die Reisetasche mitnehmen sollte, und entschied mich für die Reisetasche.
Viel würde ich nicht brauchen, dachte ich; ein paar Klamotten, ein Buch, den Walkman, ein paar Kassetten. Den Regenumhang konnte ich auf den Rücksitz des Wagens legen.
Ich ahnte nicht, wie lange ich bleiben würde.
2
Die Fahrt war wie eine zweite, ins Endlose verlängerte Fahrprüfung; nur dass statt des Fahrlehrers und eines Prüfers meine Mutter mit schreckgeweiteten Augen neben mir saß. Bei jedem Überholmanöver klammerte sie sich am Griff der Beifahrertür fest, wobei sie die Luft hörbar einsog.
Wir übernachteten in einer Pension, in der das Bettzeug nach Rauch und Fußschweiß roch. Im Schlaf fuhr ich weiter, über Pisten, die durch eine Wüstenlandschaft ins Unendliche führten. Früh am Morgen weckte mich das Rauschen der nahen Autobahn. Ich fühlte mich wie gerädert.
„Noch einmal vierhundert Kilometer, fast so weit wie gestern!”, seufzte meine Mutter. „Und die ganze Strecke in acht Tagen wieder zurück.”
Der krönende Abschluss dieser Gewalttour war die Überfahrt mit dem Fährschiff oder vielmehr der Auftakt dazu. In einer Schlange von Fahrzeugen musste ich den Wagen über die Laderampe steuern und fast millimetergenau zwischen der Wand des Schiffsleibs und einem grünen Volvo einparken.
Meine Mutter stieß spitze Schreie aus. „Vorsicht! Nicht so nahe! Nein, um Himmels willen, pass auf den Außenspiegel auf!” Zwischen den Lastautos und Personenwagen stand ein Matrose gelassen wie ein Fels in der Brandung und wies mich mit winkenden Bewegungen und freundlichem Lächeln ein.
Schweißgebadet schleppte ich mich an Deck und ließ mir den Seewind um die Nase wehen. Schon verschwand die Küste hinter rauchfarbenen Dunstschwaden. Das Meer war schiefergrau unter den tief hängenden Wolken.
Meine Mutter kam mit einem Becher Kaffee. „Hier, trink das!”, sagte sie. „Das war ziemlich stressig für eine Anfängerin.”
„Ja; besonders, wenn einem jemand ständig wie verrückt ins Ohr kreischt. Das baut unheimlich auf.”
Je weiter wir aufs offene Meer kamen, desto rauer wurde der Wind. Wir setzten uns in den verräucherten Aufenthaltsraum, in dem es Bier, Zigaretten, Erbsensuppe und Kaffee zu kaufen gab. Neben ein paar deutschen Touristen waren vor allem Dänen an Bord. Der Klang ihrer Sprache weckte Erinnerungen in mir.
Wir waren vor dreizehn Jahren schon einmal in den Sommerferien auf der Füneninsel gewesen, um Tante Jule zu besuchen, damals noch vollzählig – meine Eltern, Sylvie, meine Schwester, und ich, gerade sechs Jahre alt.
„Was für eine schreckliche Sprache!”, sagte Mama, den Blick auf die schiefergraue Wasserfläche hinter den staubigen Scheiben gerichtet. „Sie rollen die Worte, als hätten sie heiße Kartoffeln im Mund.”
Ich sah Tante Jule vor mir, klein, zierlich und ständig in Bewegung, mit verblassenden blonden Haaren und flinken dunklen Augen. Und ihre Freundin Jette, untersetzt und ein wenig vierschrötig, wie Vater das nannte. Ich erinnerte mich an ihre tiefe, volltönende Stimme und die hellen Augen. Jette hatte Pfeife geraucht – Pfeife! Für uns Kinder war das ein Quell ständiger Verwunderung gewesen, es hatte uns fasziniert. Inzwischen wusste ich, dass das Rauchen von Pfeife oder Zigarillos bei dänischen Frauen eine lange Tradition hat und nicht weiter ungewöhnlich ist.
Ich dachte an die Blicke, die meine Eltern getauscht hatten, wenn Tante Jule und ihre Freundin Jette Hand in Hand vom Strand kamen, wenn sie abends gemeinsam in der Schlafstube verschwanden, die über dem Wohnzimmer lag, oder sich spontan umarmten und küssten, wenn sie etwas besonders stark bewegte.
Sonderbar hatte ich nur die Reaktion meiner Eltern gefunden, denn ich begriff mit der Einfühlungsgabe eines Kindes, dass da etwas anders war, als es ihrer Meinung nach sein sollte.
„Seit wann lebt Tante Jule allein?”, fragte ich.
Mama überlegte. „Wart mal, wie lange ist es her, seit Jette gestorben ist? Zwei Jahre, würde ich sagen.”
„Und ihr Mann? Tante Jule war doch mal verheiratet, nicht? Lebt er noch auf der Insel?”
„Wohl kaum. Die beiden hatten nach der Scheidung keinen Kontakt mehr, er war furchtbar gekränkt und böse, weil sie ihn verlassen hatte, noch dazu … “ Sie verstummte.
„Noch dazu wegen einer Frau”, vervollständigte ich. „Du kannst es ruhig aussprechen, was ist schon dabei? Sie waren glücklich miteinander. Das ist alles, was zählt.”
3
Vielleicht entwickelt man den Sinn für das Schöne ja erst mit dem Erwachsenwerden. Ich hatte die Insel nicht als einen besonders reizvollen Ort in Erinnerung. Das, was mich beeindruckte, war das Meer gewesen, die Spiele am Strand, ein Mädchen in meinem Alter, mit dem ich viel Zeit verbrachte; die Früchte der wilden Mirabellenbäumchen in den Hecken und der Geschmack von Tante Jules Kranzkuchen.
Jetzt war ich alt genug, um die Schönheit dieser kleinen fünenschen Insel wahrzunehmen. Wir fuhren auf einer schmalen Landstraße zwischen Weizenfeldern und der Küste, mit Blick auf sanft geschwungene Buchten und zerklüftete Steilhänge, vorbei an Bilderbuchhäusern aus Fachwerk, deren dicke Reetdächer wie die Bärenfellmützen der englischen Palastwache aussahen. Heckenrosen blühten am Straßenrand. Unterwegs kam zum ersten Mal an diesem Tag die Sonne zwischen Wolkengebirgen hervor.
Ich kurbelte mein Fenster herunter. Es roch nach Weizenfeldern, nach Meer und Wind; und ein unsagbarer Frieden erfüllte die prickelnde Luft, so, als wären wir an einen Ort gekommen, den mehr als nur ein paar Seemeilen vom Rest der Welt trennten – eine Welt, in der alles seinen eigenen Rhythmus hatte und seinen ureigensten Gesetzen folgte.
„Schau, da ist ein Schild!”, sagte meine Mutter. „Røndal – das war doch die Ortschaft, in der wir links abbiegen sollten, nicht? Jedenfalls hab ich den Mann am Hafen so verstanden. Er sprach ja ein derartiges Kauderwelsch … “
Es war keine Ortschaft, nur eine Ansammlung von sieben oder acht Häusern und Höfen, die inmitten blühender Gärten die Straße säumten, und einige hatten Namen. Eines davon, ein Backsteinhaus mit Vortreppe und hohen Fenstern, hieß Peders Minde.
„Jules und Jettes altes Häuschen war in der Nähe des Fährhafens; das hätte ich vielleicht wieder gefunden”, sagte Mama. „Jetzt nach links! Ja, das müsste stimmen, wir sollten an den Windmühlen vorbei, hat er gesagt, und da sind sie.”
Ein halbes Dutzend Pferde grasten auf den Klippen. Ihre Mähnen und Schweife wehten im Wind. Ein Brauner hob den Kopf und sah zu uns herüber, als wir vorüberfuhren.
Mein Herz schlug rascher. Und plötzlich, als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt, war alles verändert. Unversehens war diese Reise nicht länger eine Pflichtübung, etwas, das erledigt und möglichst rasch abgehakt werden musste, sondern ein Geschenk des Schicksals, ein unverhofftes Stück Freiheit und Abenteuer.
Die Landstraße führte in Schlangenlinien immer dichter an der Küste entlang, sodass ich von meinem Platz hinter dem Steuer tief unter mir das Meer glitzern sah, mit Segelschiffen und dem Fährboot, das inzwischen wieder abgelegt hatte und zum Festland zurückkehrte. Es war kaum Verkehr auf der Straße; nur ein Lieferwagen begegnete uns, ein Traktor und eine Gruppe Radfahrer.
„Dein Vater hat immer gesagt, diese Insel ist eine Welt für sich. Er hatte sogar mal die Idee, wir könnten uns hier eine von den kleinen alten Fischerkaten kaufen und als Ferienhaus nutzen. Leider ist daraus nichts geworden.”
Mein Vater war ein Meister im Pläneschmieden. „War da nicht eben ein Schild?”, fragte ich. „Hast du gelesen, was darauf stand?”
Meine Mutter, offenbar in trübe Erinnerungen versunken, schüttelte den Kopf.
Ich legte den Rückwärtsgang ein. Dunkær, stand auf dem Schild. „Dann müssen wir jetzt geradeaus weiter.”
„Nein”, behauptete Mama. „Wieder nach links!”
Später fanden wir heraus, dass beide Wege nach Dunkær führten, auch wenn einer davon ein Umweg war. Wir fuhren den Umweg, der an drei seltsamen Gebilden aus Steinblöcken und einer Kuhweide vorbei im Zickzackkurs der Küstenlinie folgte; und auf dem höchsten Punkt, auf einer Art Plattform über dem Meer, umgeben von Bäumen, die unter dem ständigen Anprall des Windes in Schräglage gewachsen waren, standen zwei Häuser.
Das erste Haus war fast an den Straßenrand gebaut. Es war sehr klein, mit struppigem Strohdach und winzigen, gewölbten Fensterscheiben, in denen sich das Licht brach. Das zweite Haus, auf dem höchsten Punkt der Klippen errichtet, war von mächtigen Rotbuchen umgeben. Das ockerfarbene Dach leuchtete aus den Baumwipfeln.
Es stand am Ende einer Lindenallee, ein großes Haus, nicht mehr als zwei Stockwerke hoch, aber breit angelegt, mit einem Quergiebel in der Mitte und zwei Seitenflügeln. Der mittlere Teil des Hauses mit der Vortreppe und dem Eingang war ein Stück vorgesetzt. Über der Treppe befand sich ein halbmondförmiges Fenster.
„Das muss es sein!”, sagte meine Mutter und deutete auf das putzige kleine Haus am Straßenrand. „Obwohl mich das wundert. Jule hat immer geschrieben, sie wären in ein großes Haus gezogen, mit einem riesigen Grundstück und eigenem Strand. Es heißt Runestengaard.”
Ich fuhr an den Straßenrand. Als wir ausstiegen, öffnete sich ein Fenster des Knusperhäuschens. Eine Frau mit grauem Haar und dicker Brille streckte den Kopf heraus wie die Hexe bei Hänsel und Gretel. Es fehlte nur noch die Katze auf ihrer Schulter. Sie hätte nicht besser in dieses Haus passen können. Trotzdem war sie nicht Tante Jule.
Es dauerte eine Weile, bis wir uns verständigten und herausfanden, dass die grauhaarige Dame Frau Andersen war, die Absenderin des Briefes, der uns zu dieser Reise veranlasst hatte.
Hocherfreut kam sie an die Gartenpforte, um uns in altmodischem, gebrochenem Deutsch von dem verwirrten Geisteszustand Tante Jules zu erzählen, davon, dass sie angeblich Gespenster sah und Stimmen hörte und nachts ums Haus wanderte, nur mit einem Nachthemd bekleidet.
„Wie lange geht das schon so?”, fragte meine Mutter.
„Ein paar Monater. Mag sein, schon länger. Wir haben nicht so vielen Kontakt, wissen Sie. Julen Timmerman lebt sehr hintergezogen.”
Sie lebte oben in dem großen Haus unter den Rotbuchen. Wir bedankten uns bei Frau Andersen, stiegen wieder in den Wagen und fuhren zwischen vom Wind gekrümmten Linden bis zur Vortreppe, die mit altem Laub und Zweigen bedeckt war.
Es war genug Platz für ein halbes Dutzend Autos zu beiden Seiten der Treppe, die eine verwitterte Eleganz ausstrahlte. Steinsäulen mit Blumenschalen, in denen Moos wuchs, flankierten die unterste Stufe. Über der Eingangstür hing an einer rostigen Stange eine zerrissene Fahne, die leicht im Wind wehte.
Es gab eine Klingel, aber sie schien nicht zu funktionieren, denn nichts rührte sich, so fest und lange wir auch darauf drückten. Meine Mutter versuchte es mit der Klinke. Die Tür war verschlossen.
„Lass uns mal hinters Haus gehen”, sagte ich.
Als wir um die Hausecke bogen, begegnete uns ein Huhn. Es kam zwischen alten Gartenmöbeln daher spaziert, einer Badewanne voller Wasser und einem Schrotthaufen, bestehend aus einem Rasenmäher, einem eisernen Ofen ohne Türen und jeder Menge verrostetem Kram. Es betrachtete uns gelassen, dann begann es dicht vor unseren Füßen im Laub zu scharren.
„Heiliger Himmel, das ist ja die reinste Altwarenhandlung!”, murmelte meine Mutter.
Der Garten hinterm Haus war eine Wildnis von Brombeersträuchern und Brennnesselfeldern, zwischen denen sich ein paar Rosenstöcke und Taglilien behauptet hatten. Und unter einem Baum, in dem eine zerschlissene Hängematte baumelte, stand ein feuerrotes Pferd mit hängendem Kopf und döste.
Mama sah mich an. „Das darf doch nicht wahr sein! Sie hat ein Pferd! “
„Sie und Jette hatten doch immer jede Menge Tiere, erinnerst du dich nicht?”
Als der Fuchs unsere Stimmen hörte, wurde er munter, hob den Kopf und kam eifrig auf uns zu. Sicher hoffte er auf einen Leckerbissen. Meine Mutter wich ein paar Schritte zurück, doch ich sah es ihm an den Augen an, wie gutmütig er war. Ich streichelte seine Stirn und seinen Hals, und er prustete leise und freundlich, senkte dann die Nase und schnupperte an den Taschen meines Anoraks.
„Wenn ich gewusst hätte, dass du hier bist, hätte ich dir was mitgebracht”, sagte ich. „Bist du ganz allein? Wo ist Jule?”
Mama deutete zum Haus.
Jetzt sah ich, dass ein Flügel der breiten Terrassentür offen stand; ein Vorhang flappte nach draußen.
Wir gingen auf die Terrasse, gefolgt von dem Rotfuchs, der offenbar für jede Abwechslung dankbar war. Auf dem Pflaster standen mehrere Eimer voll mit einer gelblichen Masse, ein Topf mit festgetrockneter Farbe, jede Menge Stühle, ein Korbsessel, dessen Sitzfläche durchgebrochen war, ein umgekipptes Regal, über dem nasse Kleidungsstücke hingen, ein riesiger alter Koffer, beklebt mit bunten Etiketten, und ein aufgeplatztes Sofa, aus dem Rosshaar hervorquoll.
„Heiliger Himmel!”, sagte meine Mutter wieder.
Ich musste lachen. „Nicht jeder kann so ordentlich sein wie du, Mama.”
„Ordentlich? Das ist doch die reinste Müllhalde! Ich möchte nicht wissen, wie es drinnen aussieht.”
Sie schob den Vorhang beiseite und streckte den Kopf durch die Tür. „Jule!”, rief sie. „Tante Jule! Bist du da? Ich bin’s, Edith aus Deutschland! Können wir reinkommen?”
Als keine Antwort kam, betraten wir das Haus. Das Wohnzimmer sah besser aus als die Terrasse, aber es muffelte schrecklich. Während wir dastanden und nicht recht wussten, was wir tun sollten, raschelte es irgendwo zwischen den ausladenden Sesseln mit den fleckigen Samtbezügen.
Mama fasste mich am Arm; da kam eine rote Katze unter dem Tisch hervor, sah uns wie ein verwunschener Prinz aus unergründlichen Augen an, schnurrte und rieb sich am Sesselbein. Eine zweite Katze, schwarz, mit weißem Brustfleck und weißen Pfoten, robbte unter dem Sofa hervor.
Mama stieß ein Geräusch aus, das wie ein Stöhnen klang. „Wer soll sich um all die Tiere kümmern? Das wird ja immer schlimmer! Ich weiß wirklich nicht … “
Ich kniete mich hin, um die Katzen zu locken. Dabei fiel mein Blick auf die Wohnzimmertür. Sie war bei unserem Eintritt geschlossen oder zumindest angelehnt gewesen, jetzt aber stand sie offen. Ich sah eine kleine, dünne Gestalt im Dämmerlicht auf der Schwelle stehen, die sich sehr aufrecht hielt und uns mit ihren Vogelaugen beobachtete.
Vermutlich hatte sie Mamas Bemerkung mitangehört, sonst hätte sie uns wohl kaum auf Deutsch angesprochen. „Was suchen Sie hier?”, fragte sie.
Meine Mutter zuckte heftig zusammen.
Die rote Katze kam und rieb ihren Kopf an meinem Knie, als wären wir alte Freunde.
Mama brach in einen Wortschwall aus. „Tante Jule, entschuldige … Ich bin’s doch, Edith! Und das ist Sofie – erkennst du sie wieder? Sie war ja noch ein Kind, als wir letztes Mal hier waren! Tut mir Leid, dass wir uns nicht angemeldet haben, es kam alles so plötzlich … Hoffentlich kommen wir nicht ungelegen?” Dann ging ihr die Luft aus.
„Ach, ja?”, sagte die alte Dame. „Da kann ja jeder kommen! Können Sie sich ausweisen?”
Ich bemerkte das Funkeln in ihren Augen, während meine Mutter immer nervöser wurde. „Natürlich … meine Handtasche ist draußen im Wagen. Aber erkennst du mich nicht, Tante Jule?”
Sie hatte sich sehr verändert. Nicht nur ihre Augen, ihr ganzes Gesicht erinnerte an einen Vogel, die hohlen Wangen, die spitz hervortretende Nase, die tiefen Augenhöhlen und der Flaum von gelblich-weißem Haar, das wirr in alle Richtungen stand, als hätte sie versucht sich eine Punk-Frisur zu machen. Sie tat ein paar Schritte in unsere Richtung und sagte in verändertem Ton: „Natürlich kenne ich dich, Edith Terlinden.”
Terlinden war der Mädchenname meiner Mutter. Kein Mensch hatte sie in meiner Gegenwart je so genannt. „Mein Gedächtnis funktioniert noch recht gut – meistens jedenfalls-, und auch meine Augen sind noch ganz in Ordnung. Du bist dicker geworden. Und das ist Sofie?”
Ich richtete mich auf.
Die rote Katze begann sich auf meinen Füßen zu wälzen.
Wir sahen uns an.
Tante Jules Blick war wie der eines Kindes, klar und offen.
Als Sechsjährige hatte ich sie kaum richtig wahrgenommen. Sie war einfach nur eine alte Verwandte gewesen, die gut Kuchen backen konnte und nicht an uns Kindern herumnörgelte, sondern uns so sein ließ, wie wir waren. Jetzt aber spürte ich plötzlich, dass ich sie mochte und dass sie mir so seltsam vertraut war, als bestünde eine geheime Wesensverwandtschaft zwischen uns. „Hallo, Tante Jule”, sagte ich.
Sie ergriff meine Hand. Mamas ausgestreckte Rechte übersah sie. Ihre Finger waren kühl und glatt und unglaublich leicht; ich fürchtete, ich könnte ihr die Knochen brechen, wenn ich zu fest zudrückte.
„Pulcinella mag dich”, sagte sie. „Sie ist eine gute Menschenkennerin.”
Ihr Blick war prüfend. „Wie hübsch du geworden bist! Du siehst meiner Schwester Anna ähnlich, deiner Großmutter. Sie war immer die hübscheste von uns allen und hatte jede Menge Verehrer, obwohl sie weder kochen noch einen Haushalt führen konnte.”
Mama lachte. Es klang nervös. „Kochen hat sie ihr Leben lang nicht richtig gelernt. Aber sie hatte Charme. Sie konnte jeden um den Finger wickeln, wenn sie nur wollte.”
Etwas rappelte an der Terrassentür. Als wir hinsahen, schob das Pferd seinen Kopf ins Wohnzimmer. Der Vorhang war wie ein Brautschleier um seinen Kopf drapiert.
„Huckleberry hat Hunger.” Tante Jule schnalzte mit der Zunge. „Ich gebe ihm etwas geschroteten Mais und ein paar Äpfel.” Sie sah uns freundlich an. „Schön, dass ihr hier wart! Adieu dann, kommt mich mal wieder besuchen.” Damit ging sie zur Terrassentür, drängte den Fuchs zurück, wobei ein ziemliches Durcheinander mit der Gardine entstand, und verschwand ins Freie.
Wir blieben verdutzt zurück.
„Und was machen wir jetzt?”, fragte Mama.
4
„Vielleicht sollten wir uns ja im Kro am Hafen einmieten”, sagte meine Mutter.
„Unsinn! Wir wohnen hier, es ist jede Menge Platz. Außerdem isťs am besten für alle Beteiligten, wenn wir in ihrer Nähe sind. Sie scheint einfach nicht begriffen zu haben, was für eine weite Reise wir gemacht haben. Sie denkt wohl, wir wohnen hier irgendwo auf der Insel.”
Wir traten auf die Terrasse. Tante Jule kam eben aus einem Nebengebäude und schleppte einen Eimer, der im Vergleich zu ihrer dünnen kleinen Gestalt riesig wirkte. Der Rotfuchs verstellte ihr den Weg und steckte die Nase in den Eimer. Ein paar Hühner kamen aus allen Himmelsrichtungen angerannt, scharten sich um sie und reckten die Hälse.
Tante Jule stellte den Eimer ab, griff in die Tasche ihrer ausgebeulten Hose und verstreute Körner. Sofort begann ein wildes, hektisches Geflatter und Gepicke.
Ich zog meine Mutter hinter mir her. „Tante Jule”, sagte ich laut, „können wir unser Gepäck ins Haus bringen?”
„Ich bin nicht taub, Kind. Ihr wollt also hier wohnen? Das Gästezimmer ist rechts in der oberen Etage. Aber passt auf, ein Teil der Treppenstufen ist morsch.”
„Könntest du die Vordertür aufschließen?”, fragte Mama.
Tante Jule sah sie zerstreut an. „Ich bin nicht sicher, wo der Schlüssel hingekommen ist. Ich finde ihn schon einige Zeit nicht mehr – ein paar Tage oder Wochen. Im April war er noch da … “
Die Treppe war wirklich morsch. Eine der Stufen war bereits durchgebrochen. Meine Mutter kam aus dem Seufzen nicht mehr heraus.
Das Haus roch dumpf und modrig und kam mir riesig vor. Allein der Flur im oberen Stockwerk war groß wie ein Ballsaal. Die Wände hingen voller Bilder, alte Stiche und Aquarelle und Ölgemälde.
Ich versuchte einen Fensterflügel zu öffnen, aber der Griff gab nicht nach. Erst beim dritten Fenster klappte es. Der Luftzug brachte die dunklen, staubigen Spinnwebfäden an der Decke zum Zittern.
Aufs Geratewohl öffneten wir eine Tür zur Rechten, denn Tante Jule hatte uns nicht genau gesagt, wo das Gästezimmer lag. Der Raum war leer bis auf einen mächtigen Schrank und ein Bett aus Messing, in dem kein Bettzeug war, nur drei gestreifte Matratzenteile.
„Das kann ja heiter werden!”, sagte Mama.
Wir versuchten es mit der nächsten Tür. Dahinter verbarg sich ein Zimmer, das mehr als bewohnt wirkte; es war voll gestopft mit Möbelstücken. Überall lagen Kleider, Schuhe, Taschen, Bücher und alte Zeitschriften herum. Wollsachen quollen aus einer geöffneten Truhe. In einer Ecke stand eine Leinwand, die halb mit einem Stück Stoff verhängt war.
Hastig traten wir den Rückzug an. Das Nebenzimmer war unerwartet ordentlich mit einem Sofa, einem runden Mahagonitisch und eleganten, steiflehnigen Stühlen, einem schönen verzierten Eichenschrank, Orientteppichen und einem hohen Ofen aus schwarzem Gusseisen; doch es gab kein Bett darin.
Über dem Sofa hingen zwei Porträts. Eines zeigte eine junge Frau mit einer Fülle goldblonder Haare, schmalem Gesicht und großen ernsten Augen. Sie trug ein dunkles Samtkleid und hielt einen Strauß Mohnblumen in der Hand.
„Das ist Jule kurz nach ihrer Heirat; ein Freund ihres Mannes hat sie gemalt”, sagte Mama. „Du sahst ihr in ihren jungen Jahren ziemlich ähnlich.”
Das zweite, etwas kleinere Bild war das Porträt einer dunkelhaarigen Frau, schon etwas rundlich, mit hellen Augen und einem rätselhaften, leicht spöttischen Lächeln um den vollen Mund.
„Und das muss Jette sein, als sie jung war. Eine Schönheit ist sie nie gewesen.”
Wir drehten uns um. Eine Stimme rief von der Treppe her: „Was macht ihr da? Schließt sofort die Tür! Rasch! Die Tür zu, sage ich!”
Verwirrt traten wir zurück.
Ich griff nach der Klinke und zog die Tür zu.
Tante Jule stand auf dem Treppenabsatz und musterte uns wie ein Racheengel. „Was habt ihr gemacht?”, wiederholte sie in schrillem Ton.
„Wir wussten nicht … “, begann Mama. „Wir wussten nicht, wo das Gästezimmer ist, da haben wir … “
„Ihr habt sie herausgelassen!” Tante Jule klammerte sich am Geländer fest. „Jetzt sind sie im ganzen Haus – überall – das ist schrecklich!”
Mama und ich wechselten einen Blick. Wir hatten keine Ahnung, wen sie meinte.
„Aber im Zimmer war niemand”, versicherte ich.
„Mach dir keine Sorgen, das Zimmer war vollkommen leer. Kein Mensch war drin!”
Sie beachtete mich nicht. „Jetzt sind sie überall im Haus”, wiederholte sie. Plötzlich war ihre Stimme tonlos. „Ihr habt sie herausgelassen … “
5
Nachts rüttelte der Wind an den Rotbuchen, die Runestengaard umstanden. Meine Mutter schnarchte leise, aber unaufhörlich.
Ich lag in dem fremden Bett mit dem klammen Bettzeug, sah in die Dunkelheit und dachte an Michael, wie meistens, wenn ich nicht schlafen konnte. Michael und ich hatten uns auf der Geburtstagsfete einer Freundin kennen gelernt und Hals über Kopf ineinander verliebt. Ich hatte geglaubt, es wäre für immer und ewig, aber es hatte kaum mehr als ein halbes Jahr gedauert. Dann hatte er sich ebenso rasch und heftig in eine Studienkollegin verliebt. Die Enttäuschung über den Verrat steckte noch tief in mir wie ein Stachel, der sich nicht entfernen lässt.
In die Schnarchtöne vom anderen Ende des Zimmers mischte sich das Knurren meines Magens. Tante Jules Kühlschrank war praktisch leer gewesen bis auf ein Endchen Käse, etwas Butter, einige Scheiben Knäckebrot und zwei Eier; und wir hatten nicht daran gedacht, Vorräte mitzubringen. In einer alten Blechdose gab es noch ein paar prähistorische Kekse, die fürchterlich schmeckten.
„Jette hat mal wieder vergessen einzukaufen”, sagte Tante Jule. Das war nicht das erste Anzeichen von Verwirrung, das uns auffiel; ein Zustand, der kam und ging, ohne dass es einen bestimmten Anlass dafür zu geben schien.
Was mich stärker beschäftigte, war die Sache mit dem Zimmer. Ihr habt sie herausgelassen … Die Anschuldigung echote in meinem Kopf; ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Irgendwie hatte es geklungen, als wären Geister oder Kobolde im Raum eingeschlossen gewesen, gefährliche, unsichtbare Wesen, die sich nun frei bewegten und das ganze Haus unsicher machten.
Doch natürlich war das alles Unsinn, die Schrullen einer alten Frau, wie Mama versichert hatte.
„Es klingt beinahe, als hätte sie einen leichten Verfolgungswahn”, sagte sie noch vor dem Einschlafen. „Vielleicht hat sie deshalb auch die Eingangstür verschlossen und den Schlüssel so gut versteckt, dass sie ihn jetzt nicht wieder findet.”
Zwischen den Windstößen, die wie heftige Atemzüge klangen, hörte ich das Meer, das Geräusch der Wellen, die die Küste umspülten. Es klang wunderbar, eine Melodie, die ein Echo in meinem Inneren fand, so, als gäbe es einen Gleichklang zwischen dem Rhythmus meines Blutes und dem der Wellen.
Das Rauschen und Brausen trug und schaukelte mich. Vielleicht war ich als ungeborenes Kind so im Bauch meiner Mutter geschaukelt worden, oder ich kannte das Wiegen und Branden aus uralter Zeit, einem Wissen, das die Tiefenpsychologen „das kollektive Gedächtnis” nennen.
Endlich schlief ich ein und erwachte jäh von einem drängenden Raunen und Wispern. Um mich her war es dunkel.
Ich setzte mich im Bett auf, lauschte und überlegte, wo der Schalter für die Nachttischlampe sein mochte. Meine Mutter schnarchte vor sich hin. Die Stimmen waren verstummt, doch vielleicht hatte ich Mamas Gepruste für Flüstern gehalten, oder den Wind, der ums Haus strich; oder das Gischten der Wellen, die über den Strand spülten.
Ich legte mich wieder zurück. Erst jetzt spürte ich, wie heftig mein Herz schlug. Der Raum roch dumpf wie ein unterirdisches Gewölbe. Was hatte ich geträumt?
Ich war mit Michael in einer Kirche gewesen, doch es war keine Hochzeit, sondern eine Beerdigung, bei der es keine Trauergäste außer uns beiden gab, auch keinen Priester. Und die Kirche war keine richtige Kirche gewesen, sondern eine Art Mausoleum oder Gruft. Hatte ich die flüsternden Stimmen vielleicht nur geträumt?
Vergeblich versuchte ich wieder einzuschlafen. Das Haus schien seinen eigenen Atem zu haben, einen verbrauchten, modrigen Atem. Er lastete wie ein Druck auf mir, obwohl wir die Fensterflügel vor dem Zubettgehen ein Stück geöffnet und mit Riegeln gegen den Wind gesichert hatten.
Nach einer Ewigkeit schwang ich die Beine über die Bettkante und tappte zu den grauen Lichtvierecken, über denen sich die Gardinen im Luftzug blähten. Dabei stolperte ich über meine Schuhe und stieß mir die Zehen an einem Stuhlbein.
Minutenlang fummelte ich an den Fensterriegeln herum und gab mir alle Mühe, leise zu sein. Die hereinströmende Nachtluft war köstlich. Sie trug mir den Duft des Meeres und der Weizenfelder zu. Draußen war es dunkel, eine Nacht ohne Mond und Sterne. Die Blutbuchen umgaben das Haus wie ein schwarzer Wall. Manchmal blitzte ein Lichtsignal durch die Finsternis, wanderte über den dunklen Himmel und verschwand.
Ich ließ das Fenster weit offen und ging ins Bett zurück. Kaum lag ich wieder unter der schweren, klammen Decke, begann ein Fensterflügel im Wind zu klappern. Ich machte die Augen zu und versuchte nicht hinzuhören.
Dann wachte meine Mutter auf. „Was ist das für ein Lärm”, murmelte sie schlaftrunken. „Erst flüsterst du dauernd, und jetzt dieses Geklapper … Hast du das Fenster aufgerissen?”
„Ich hab nicht geflüstert”, sagte ich.
Das Knarren ihres Bettes verriet mir, dass sie sich umdrehte. Es folgte ein unverständliches Gemurmel und ein Seufzer. An ihren regelmäßigen Atemzügen erkannte ich, dass sie wieder eingeschlafen war. Am nächsten Morgen wäre ich am liebsten im Bett geblieben, während Mama schon munter aus dem Badezimmer kam.
„Das Wasser ist nur lauwarm!”, verkündete sie. „Wahrscheinlich funktioniert der Boiler nicht mehr richtig. Steh auf, Sofie, wir müssen gleich zum Hafen fahren und einkaufen, es ist ja nichts mehr im Haus.”
Tante Jule weigerte sich mitzufahren. „Ich gehe nicht mehr gern unter Menschen”, sagte sie entschieden. „Sørensen bringt mir ab und zu einen Karton Lebensmittel, und Wognsens liefern Futter für die Tiere. Ich esse sehr wenig – etwas Brot und Obst, ein paar Kartoffeln, ab und zu mal ein Ei.”
Damit ging sie hinaus, um den Rotfuchs und die Hühner zu füttern. Die Katzen folgten ihr, kläglich maunzend und mit hoch erhobenen Schwänzen. Inzwischen waren es drei; eine zarte graue Kätzin namens Hulda hatte sich zu ihnen gesellt.
„Übrigens”, sagte ich, während ich mich hinters Steuer setzte, „ich habe letzte Nacht nicht geflüstert.”
„Mir war aber so, als hätte mir irgendwer ins Ohr geflüstert.”
„Mir auch”, sagte ich, die Hand am Zündschlüssel.
„Vielleicht hat eine von uns im Schlaf gesprochen?”
Ich schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein, dann hätten wir es ja nicht beide gehört. Und dass wir alle zwei im Schlaf geflüstert haben, ist eher unwahrscheinlich.”
„Möglicherweise war Jule bei uns im Zimmer. Zutrauen würde ich es ihr. Ich glaube, sie ist ein bisschen verrückt, Sofie.”
Wir sahen uns an. „Ich weiß nicht”, sagte ich nach einer Weile. „Sie ist einfach nur sonderbar und ab und zu etwas wirr. Aber dass sie nachts in unser Zimmer schleicht und uns ins Ohr flüstert – nein, du, das kann ich mir nicht vorstellen.”
Beim Supermarkt Brugsen am Fährhafen kauften wir drei Kartons voller Lebensmittel und beim Bäcker einen köstlichen Hefekranz mit Nussfüllung, der Kransekage hieß. Davon vertilgte ich während der Rückfahrt fast die Hälfte.
„Wir müssen uns erkundigen, ob es auf der Insel ein Seniorenheim gibt”, sagte Mama, während ich den Kuchen kaute. „Jule kann unmöglich weiter allein in diesem riesigen alten Kasten hausen. Sie isst ja kaum noch etwas.”
„Alte Leute essen oft nicht sehr viel. Und ich glaube, sie ist ganz zufrieden. Ihre Tiere versorgt sie jedenfalls gut, das sieht man.”
„Ja, aber lange geht das nicht mehr so mit ihr. Eines Tages brennt sie das ganze Haus ab. Sie hat doch nur Kohleöfen in den Zimmern.”
„Freiwillig geht Tante Jule bestimmt nicht ins Seniorenheim”, sagte ich. „Und zwingen kannst du sie nicht.”
„Man müsste mal mit ihrem Arzt sprechen. Ein Arzt könnte sie sicher … einweisen.” Bei dem Wort „einweisen” stockte sie. Offenbar merkte sie selbst, wie sehr es nach Zwang und Gefängnis klang.
„Das kannst du nicht machen”, erwiderte ich. „Vielleicht finden wir jemanden, der täglich ein paar Stunden nach ihr sieht.”
„Und was macht sie den Rest des Tages? Und nachts? Menschen, die so durcheinander und vergesslich sind, kann man nicht allein lassen. Sie stellen die Herdplatten nicht mehr ab und lassen das Wasser laufen; sie essen ihre Gebissreinigungstabletten, weil sie sie für Vitaminpillen halten … Du ahnst ja nicht, was alles passieren kann!”
„Das Leben ist sowieso ein einziges Risiko. Dachziegel können einem auf den Kopf fallen, Geisterfahrer einen über den Haufen fahren und Gasleitungen können explodieren.”
Meine Mutter behauptete, das wäre nicht dasselbe. Es gäbe so etwas wie ein erhöhtes Risiko bei Menschen, die nicht mehr richtig tickten. Ganz so drückte sie sich zwar nicht aus, aber im Grund meinte sie es nicht anders.
Wir diskutierten noch immer darüber, als wir Runestengaard erreichten. Ich steuerte den Wagen über die Auffahrt; da kam uns Huckleberry, der Rotfuchs, unter den Bäumen entgegen. Ich stieg aus und gab ihm ein Stück vom Kransekage, weil er so bittend und vertrauensvoll dreinschaute. Er schmatzte begeistert und der Speichel tropfte ihm nur so aus den Mundwinkeln, da konnte ich nicht widerstehen und gab ihm noch ein zweites Stück.
Wir fuhren bis vors Haus, um die Lebensmittel auszuladen. Huckleberry folgte dem Wagen und versuchte den Kopf durchs Fenster zu stecken, sobald ich wieder anhielt.
„Pass auf, der trampelt noch mit den Hufen auf der Kühlerhaube herum!”, jammerte meine Mutter, immer bereit, Katastrophen zu erwarten. Doch Huckleberry tat nichts dergleichen. Er leistete uns nur Gesellschaft, während wir die Kartons aus dem Kofferraum hievten, und schnupperte an dem Paket mit den Keksen. Er war das netteste Pferd, das ich je kennen gelernt hatte; ich merkte, dass ich auf dem besten Weg war, mich in ihn zu verlieben.
Wegen des fehlenden Schlüssels mussten wir die Kartons ums Haus tragen. Tante Jule saß zwischen dem rostigen Elektroherd und den Farbtöpfen, die rote Katze auf ihrem Schoß. Zwei Hühner pickten um sie herum im Gras. Sie hatte die Augen geschlossen und das Gesicht der Sonne zugewandt.
Als wir auftauchten, verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie zuckte zusammen und öffnete die Augen. Offenbar erkannte sie uns nicht gleich, denn sie sagte etwas auf Dänisch und machte eine abwehrende Handbewegung.
„Hallo, Tante Jule, wir sind’s nur”, sagte ich. „Wir haben eingekauft. Magst du ein Stück Kranzkuchen?”
Sie schüttelte den Kopf. Ich glaubte förmlich zu sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. „Danke, nein, ich vertrage keinen Hefeteig”, erwiderte sie dann auf Deutsch. „Meine Güte, was schleppt ihr denn da alles ins Haus?”
„Wir sind keine Hungerkünstler, Jule”, sagte meine Mutter spitz. „Und es ist absolut nichts Essbares mehr da.”
Tante Jule schloss die Augen und tat, als hätte sie nichts gehört. Ich dachte, dass sie vielleicht eine etwas verwirrte, aber auch ziemlich listige alte Dame war, die man nicht unterschätzen durfte.
Die Küche war ein einziges Chaos. Das Spülbecken quoll über von Töpfen, Geschirr und Pfannen mit eingetrockneten, vergammelten Essensresten, die fürchterlich stanken.
Mama brach in Wehgeschrei aus und krempelte die Ärmel hoch. „Ich kümmere mich um den Abwasch”, sagte sie. „Übernimm du den Kühlschrank. Er muss bestimmt abgetaut und gesäubert werden. Dann können wir die Lebensmittel verstauen.”
Ich öffnete die Fenster weit, biss die Zähne zusammen und machte mich an die Arbeit. „Aber später geh ich ans Meer”, murmelte ich. „Den ganzen Tag verbringe ich nicht in dieser muffigen Bude!”
Dann kamen die Katzen und verkündeten mit kläglichen Gesängen, dass sie kurz vor dem Verhungern waren. Ich verdünnte ihnen die Milch, die wir mitgebracht hatten, und brockte Kekse hinein, dazu noch ein paar Stückchen Käse, worauf sie schnurrend um mich herumstrichen und mir Liebenserklärungen machten. Pulcinella sprang auf meine Schulter und rieb ihren Kopf zärtlich an meinem Ohr, während Wivel, der Kater mit den weißen Söckchen, in den mittlerweile leeren Kühlschrank kroch. Meine Mutter erhitzte stöhnend einen Topf Wasser nach dem anderen auf dem Herd und schrubbte in den Pfannen herum.
Schließlich tauchte Tante Jule im Türrahmen auf. „Was macht ihr da?”, fragte sie, und ich dachte: Gleich wird sie sagen, es wäre meine Schuld, dass irgendjemand aus dem Kühlschrank entwichen ist.
„Wir schaffen Ordnung”, erwiderte Mama, „das siehst du doch. Entschuldige, Jule, aber das ist wirklich der reinste Schweinestall!”
Tante Jule gab keine Antwort. Sie machte ein würdevolles Gesicht, drehte sich um und verschwand. Dabei murmelte sie etwas vor sich hin.
„Wir sollten den Elektriker anrufen, wegen des Boilers”, sagte Mama. „Ob das Telefon überhaupt funktioniert? Ich hab es noch kein einziges Mal klingeln hören.”
„Wahrscheinlich hat Tante Jule es abgestellt oder die Rechnungen einfach nicht bezahlt”, erwiderte ich.
So war es dann auch.
„Gleich morgen früh fahren wir zur Post!”, entschied Mama. „Jule braucht unbedingt ein Telefon. Und dann fragen wir nach dem Elektriker. Und nach einem Seniorenh … “ Sie verschluckte den Rest des Wortes und sah sich vorsichtig um, als hätten die Wände Ohren.
„Ohne mich!”, sagte ich. „Damit will ich nichts zu tun haben. Wir müssen eine andere Lösung finden.”
6
Es gab einen schmalen Pfad, der durch das Gebüsch auf Tante Jules Grundstück zum Rand der Klippen und hinunter ans Meer führte. Zufällig entdeckte ich ihn, als ich den verwilderten Garten durchstreifte.
Der Pfad begann zwischen Brombeerranken und Brennnesselfeldern, ein Weg, vor langer Zeit gepflastert mit Natursteinen, die wohl vom Strand heraufgeholt worden waren. Ich folgte den bemoosten, von Unkraut überwucherten Steinen, bis sich die Eichen und Rotbuchen zu einer Art Torbogen öffneten; und jäh stand ich auf einem Felsvorsprung über einer kleinen, halbrunden Bucht mit Blick auf die See und die bläulichen Umrisse der Nachbarinseln.
Eine Weile stand ich da, überwältigt von der alten Faszination, die das Meer schon in meiner Kindheit auf mich ausgeübt hatte.
Das Wasser war eisblau, blauer noch als der Himmel. Seevögel schwebten wie weiße Flocken über den Klippen. Der Wind spielte in meinen Haaren und strich durch das hohe, raue Gras, als ich den abschüssigen Pfad zwischen den Felsen einschlug.
Es war nicht leicht, festen Halt auf dem Geröll zu finden. Einmal rutschte ich und schlitterte ein Stück abwärts. Doch es war der kürzeste Weg zum Strand, und früher war er wohl auch besser befestigt gewesen. Generationen von Menschen, die auf Runestengaard lebten, mochten ihn benutzt haben.
Der Strand war steinig und mit bizarren Wurzeln bedeckt, angeschwemmtem Holz, vom Wasser ausgelaugt. Es gab nicht viele Muscheln, aber glatt geschliffene Glasstücke, durchlöcherte Steine, Schneckenhäuser und allerhand Plastikmüll.
Ich streifte die Schuhe ab. Die Steine waren verteufelt hart unter meinen empfindlichen Großstadtfußsohlen. Und das Wasser war sehr kalt. Ich watete nur kurz den Uferstreifen entlang, balancierte mit ausgestreckten Armen über die glitschigen Steine und setzte mich dann auf einen Felsbrocken.
Dort lauschte ich dem Murmeln des Wassers, dem gleichmäßigen, einschläfernden Schwappen und Schmatzen, beobachtete, wie die kleinen Wellen über den Strand liefen und sich zurückzogen. Am Rand der Bucht, da, wo die grasbewachsenen Steilhänge begannen, lag ein altes Boot.
Ich war plötzlich sehr müde; die weite Fahrt und die unruhige Nacht steckten mir noch in den Knochen. Und weil die Steine zu hart waren, um auf ihnen zu liegen, ging ich zum Boot. Es sah wie eine riesige Nussschale aus; das Holz war grau und ausgebleicht von Sonne, Regen und Wind.
Gab es nicht ein Märchen von jemandem, der in einer Nussschale hauste? Däumelinchen vielleicht? Ich legte mich in das Boot. Es roch seltsam und war nicht besonders bequem, aber windgeschützt und warm von den Sonnenstrahlen. Ich war so müde, dass ich mich einfach zusammenrollte und sofort einschlief.
Dann prustete mir etwas oder jemand ins Gesicht. Davon erwachte ich. Aus der Ferne drang eine Stimme an mein Ohr, die wieder und wieder ein Wort rief. Es war etwas mit Karl.
Verwirrt öffnete ich die Augen. Über mir war ein großes, goldfarbenes, total behaartes Gesicht, mit Schlappohren, einer rosaroten Nasenspitze und honigfarbenen Augen, die mich freundlich ansahen. Unter der Nase hing eine riesige Zunge, von der es auf mich heruntertropfte.
„Karlsson! Forbandet!”, schrie die Stimme, jetzt schon ziemlich nahe. Sie klang atemlos. „Han gør ikke noget … “
Dass „ikke” auf Dänisch so viel wie „nicht” bedeutet, wusste ich noch. Hieß das, dass ich mich nicht bewegen sollte? Doch das Gesicht über mir sah total gutmütig aus, und ich hatte immer schon eine Schwäche für Hunde gehabt. Also streckte ich eine Hand aus, und die honigfarbenen Augen begannen zu lachen – ja, sie lachten richtig!-, die große Zunge leckte an meinen Fingern, und das Boot, in dem ich lag, begann zu wackeln.
Ich berührte das goldfarbene Fell, es war warm und weich wie Samt. Dabei hörte ich Schritte auf den Steinen und heftiges Atmen. „Karlsson, din Dumrian!”, sagte die gleiche Stimme wie vorher, jetzt schon ganz nahe. Das verstand ich.
Der Hund sah sich um. Sein Schwanz drehte sich wie ein Propeller.
Ich richtete mich auf. „Er hat doch nichts gemacht”, sagte ich. „Keine Panik, mir ist nichts passiert!”
Er war ziemlich groß und weißblond und konnte nicht viel älter sein als ich. Seine Augen waren so blau wie das Meer. Auf dem Nasenrücken hatte er einen Sonnenbrand. All das sah ich, während ich aus dem Boot kletterte.
Verdutzt musterte er mich. Sicher begegnet man nicht alle Tage einem deutschen Mädchen in einem vergammelten Boot an einem dänischen Strand.
„Oh, Verzeihung!”, erwiderte er höflich auf Deutsch. „Ich hoffe, Karlsson hat dich nicht erschreckt. Er ist völlig harmlos.”
Ich strich meine Haare glatt, sagte: „Das sieht man ihm an!” und streichelte den Labrador, der so heftig wedelte, dass sein ganzer Körper dabei in Bewegung geriet.
„Hat er dich geweckt?” Sein Deutsch war fast akzentfrei. Ich nickte und er sagte, das täte ihm Leid.
„Er hat es sehr nett gemacht”, versicherte ich.
Er lachte. „Das ist Ansichtssache. Manchen hätte vielleicht der Schlag getroffen.” Er deutete auf das Boot. „Ist das bequem da drin?”
„Es hält sich in Grenzen”, erwiderte ich. „Aber wenn man müde ist, ist man nicht wählerisch.”
Eigentlich sah er nicht einmal besonders gut aus. Seine Augen standen ziemlich nahe beisammen, seine Nase war schmal und etwas zu lang. Er erinnerte mich an ein Porträt des Schwedenkönigs Gustav Adolf, das ich einmal gesehen hatte. Doch ich mochte seine Augen und seinen Mund. Seine Mundwinkel waren nach oben gebogen, als wären sie ständig zu einem Lächeln bereit.
„Heißt das, du hast kein Bett, in dem du schlafen kannst?”, fragte er.
„Doch”, sagte ich. „So dramatisch ist es nicht. Ich wohne da oben.” Und ich zeigte mit dem Daumen zu den Bäumen über der Klippe, hinter denen Tante Jules Haus lag.
„Auf Runestengaard?” Seine Stimme klang überrascht. Er bückte sich nach einem Stück Holz, das Karlsson angeschleppt hatte, und schleuderte es ins Wasser. Der Labrador raste mit begeistertem Gebell hinterher, stürzte sich platschend ins Wasser, schwamm ein Stück und kam mit seiner Beute zwischen den Zähnen wieder an Land, wo er sich ausgiebig schüttelte.
„Bei Jule Timmerman?”
„Kennst du meine Tante?” Er war wohl ein Inselbewohner, ein „Fynbo”, wie sie sich selbst nannten; und hier kannten sich fast alle Leute.
„Nicht wirklich. Aber ich bin hier aufgewachsen. Meine Mutter ist bei ihrer Freundin Jette Holst zur Schule gegangen. Lebt sie noch?”
„Nein, sie ist vor ungefähr zwei Jahren gestorben.”
„Die beiden haben früher in Søby gewohnt, nicht?”
Ich nickte. Karlsson war zurückgekommen und legte ihm den Stock zu Füßen, er sah zu ihm auf und wedelte. Mehr!, baten seine Augen.
Er warf den Stock wieder ins Wasser. „Dann lebt Jule Timmerman jetzt ganz allein in diesem großen Haus?”
Wieder nickte ich.
„Übrigens”, sagte er, „ich heiße Magnus Lund und komme von Søndergaard. Das ist der Hof am Ende der Landstraße, wenn man in südliche Richtung fährt.”
„Ich bin Sofie Trotta.” Wir gaben uns die Hand.
„Und das ist Karlsson, wie du sicher schon mitbekommen hast.” Er deutete auf den triefenden Labrador, der sich jetzt am Strand zwischen den Steinen wälzte. „Wahrscheinlich parfümiert er sich gerade mit verrottetem Fisch.”
Wir lachten uns an. Später dachte ich oft, dass dies der Augenblick war, in dem ich mich in ihn verliebte, auch wenn ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste – der Augenblick, in dem Michaels Bild zu verblassen begann wie ein Gesicht am Fenster eines abfahrenden Zuges. Dabei war ich so sicher gewesen, dass ich mich nie wieder in einen anderen verlieben könnte.
Magnus studierte Deutsch und Englisch an einer Fremdsprachenschule in Kopenhagen. Das erzählte er mir, während wir gemeinsam ein Stück am Strand entlangwanderten.
„Und später?”, fragte ich. „Nach dem Studium? Möchtest du Lehrer werden?”
„Das werde ich wohl müssen.” Sein Gesicht nahm einen Ausdruck von komischer Verzweiflung an, als er das sagte, und wieder musste ich lachen. Karlsson kam angesprungen, das Fell voller Sand und Schmutz, den nassen Stock zwischen den Zähnen. „Aber vielleicht hab ich dann die Chance, hier auf der Insel zu unterrichten.”
„Du möchtest zurückkommen und hier leben?”
„Natürlich”, sagte er, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. „In einer Großstadt würde ich es auf die Dauer nicht aushalten.”
Wir gingen bis zu der kleinen Landzunge von Sundholm, wo das Wasser so klar war, dass man die smaragdgrünen und türkisblauen Schattierungen des Meeresbodens sah. Hier gab es keine Klippen mehr. Der Weg führte zwischen Büschen und Feldern zur Landstraße hinauf, vorbei an einem winzigen, einsamen, weiß gekalkten Haus. Im Vorgarten stand inmitten von Stiefmütterchen ein Miniaturleuchtturm aus Gips.
„Hier lebt der alte Ole Jensen”, sagte Magnus. „Er war mehr als fünfzig Jahre auf See und hat zwei Schiffbrüche überlebt. Wenn er Urlaub hatte und zu Hause war, haben wir Kinder ihn oft besucht. Er wusste jede Menge Geschichten von Seeungeheuern und Geisterschiffen. Heute verbringt er jeden Tag viele Stunden am Hafen, sieht sich die Fischkutter und Segelschiffe an und beobachtet, wer mit der Fähre kommt.”
„Wer kümmert sich hier eigentlich um die Leute, wenn sie alt sind und nicht mehr allein klarkommen?”, fragte ich ihn.
„Es gibt ein paar Gemeindeschwestern, glaube ich.” Magnus warf mir einen Seitenblick zu. „Aber meistens haben die alten Menschen noch eine Familie, die für sie sorgt. Es gibt auch ein Heim für pensionierte Seeleute auf der Insel.”
Ich fragte nicht nach einem Seniorenheim. Obwohl Søndergaard in der entgegengesetzten Richtung lag, ein breiter, stattlicher Hof auf einer Anhöhe, den wir zwischen dem Himmel und einem grüngoldenen Teppich reifender Kornfelder sahen, begleiteten mich Magnus und Karlsson noch ein Stück den Klippenweg zurück.
Es war ein wunderbarer Pfad über dem Meer. Der Wind strich flüsternd durch den Strandhafer, und die Lerchen schwirrten über den Feldern. Plötzlich verspürte ich ein intensives Gefühl von Freiheit und Glück, eine Empfindung, von der ich geglaubt hatte, dass sie mir verloren gegangen wäre. Und ich dachte flüchtig, wie seltsam es doch manchmal im Leben ist, wie plötzlich und unerwartet die Dinge passieren können – man bricht allein zu einem Strandspaziergang auf und kehrt zu zweit zurück.
„Wie lange bleibst du auf der Insel?”, fragte Magnus, ehe wir uns trennten.
„Noch sechs Tage.”
„Vielleicht sehen wir uns wieder? Ich gehe jeden Nachmittag um diese Zeit mit Karlsson am Strand spazieren.”
Das kam fast einer Verabredung gleich; aber vielleicht bildete ich es mir auch nur ein. Zum Abschied streichelte ich Karlssons nassen Rücken und ging dann mit beschwingten Schritten über die kleine Lindenallee nach Runestengaard zurück. Meine Müdigkeit war verflogen.
Tante Jule fütterte Huckleberry, umringt von den Hühnern, die darauf warteten, dass ein paar Haferkörner für sie abfielen. Hulda, die zarte graue Katze, kam mir entgegen; sie begrüßte mich und rieb ihren Kopf freundlich an meinem Bein.
Tante Jule sah mich an und sagte: „Na, Mädchen, dir scheinťs ja recht gut zu gehen.”
Ich lächelte sie an, und sie lächelte zurück. „Deine Mutter wartet schon auf dich. Sie will, dass du kochst, während sie die Teppiche saugt.”
„Du hast einen Staubsauger?”, fragte ich.
„Natürlich, was denkst du denn? Jeder Mensch hat einen Staubsauger.”
Mama hatte hektische rote Flecken im Gesicht und am Hals. Sie fuhrwerkte im Wohnzimmer herum. „Mein Gott, wo warst du bloß so lange?”, fragte sie und fügte im gleichen Atemzug hinzu: „Bitte koch irgendetwas zum Abendessen, ich hab wirklich keine Zeit. Wenn ich nur wüsste, wo die Staubsaugerbeutel sind!”
„Vielleicht solltest du jetzt mal aufhören, Mama. Du schuftest doch schon den ganzen Tag! “
„Das Chaos macht mich total verrückt!” Sie schaute so verzweifelt drein, dass ich sie in den Arm nahm.
„Es gibt Schlimmeres, Mama”, sagte ich. „Pass mal auf, wir finden schon jemanden, der sich um Tante Jule kümmert und ihr im Haushalt hilft. Morgen erkundigen wir uns mal nach der zuständigen Gemeindeschwester.”
Ich beschloss, Nudeln mit Gemüse und Sahnesoße zu kochen. Die geräumige Küche sah jetzt schon viel besser aus und roch auch nicht mehr wie ein Abfallhaufen. Während ich am Herd stand, kamen die Katzen nacheinander durchs offene Fenster herein, setzten sich um mich herum und beobachteten mich erwartungsvoll.
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