Читать книгу: «Die schiere Wahrheit»
Über dieses Buch
In einem Seebad am Atlantik begegnen sich im Jahr 1937 unverhofft zwei Meister: Friedrich Glauser, mit seinem letzten Geld angereist auf der Suche nach einem Morphiumrezept, und Georges Simenon, auf Urlaub im noblen Grand Hôtel de la Plage in Saint-Jean-de-Monts. Sie unterhalten sich, finden Gefallen aneinander – und beschließen, an Ort und Stelle gemeinsam einen Kriminalroman zu entwerfen. Simenon legt einen Toten an den Strand, Glauser macht ihn zu einem Amerikaschweizer, Grund genug, Wachtmeister Studer an den Atlantik abkommandieren zu lassen. Simenon lässt ihm Amélie Morel, die Tante des lokalen Inspektors, in die Quere kommen. Denn seinen Kommissar Maigret hat er in den Ruhestand geschickt.
Und so spinnt der eine die Einfälle des andern weiter, nicht ohne Debatten: wozu es das Verbrechen in der Geschichte braucht, welche Indizien zum richtigen Zeitpunkt auf den Weg der Ermittler und Leserschaft gestreut werden, wie man all die Fäden, Ficelles und Schnüre am Schluss richtig verknüpft. Als sich am Ende Recht und Gerechtigkeit bekämpfen, gefällt die Auflösung weder Studer noch Mlle Morel. Also finden Glauser und Simenon eine Lösung, die so unberechenbar ist wie das wirkliche Leben.
«Ursula Hasler kann schreiben, flüssig, schlackenfrei, elegant.» Tages-Anzeiger

Foto Ayşe Yavaş
Ursula Hasler Roumois ist in Schaffhausen aufgewachsen und lebt in Baden. Sie studierte in Zürich Germanistik und Psychologie. Nach einem Studienjahr in Frankreich wurde Paris der Lebensmittelpunkt für fast zehn Jahre. Zurück in der Schweiz, arbeitete sie als Dozentin an der Dolmetscherschule Zürich, danach als Professorin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. 2016 erschien im Limmat Verlag ihr erster Roman «Blindgänger».
Ursula Hasler
Die schiere Wahrheit
Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman
Limmat Verlag
Zürich
«Es wird kein Kriminalroman, es wird eine andere Angelegenheit. Und ich freue mich direkt, dass die Leute es wie einen Kriminalroman von der ein wenig langweiligen Sorte lesen werden und lache mir ins Fäustchen, weil es doch etwas anderes wird und es niemand merken tut.»
Friedrich Glauser

Grand Hôtel de la Plage in Saint-Jean-de-Monts im Juni 1937 – eine Begegnung mit Folgen
Dort unten im Sand irgendwo!
Der Kellner zeigt mit einer vagen Handbewegung in Richtung Strand, bevor er sich wieder der Dame zuwendet und ihr mit einer angedeuteten Verbeugung die kühle Limonade serviert. Das hechelnde Hündchen zu ihren Füßen bekomme sofort einen Napf mit Wasser.
Auf der Terrasse des Grand Hôtel de la Plage herrscht wie jeden Tag zur Stunde des Aperitifs ein lebhaftes Kommen und Gehen, wobei das Kommen überwiegt, viele Gäste suchen vergeblich nach einem freien Tischchen. Sie sind früh vom Strand hochgekommen, haben sich eilig für das Mittagessen umgezogen, und wieder waren andere schneller.
Der berühmte belgische Schriftsteller Georges Simenon steht mit Doktor Schöni, einem Arzt aus der Schweiz, mit dem er allabendlich im Hotel Bridge spielt, am Rand der Terrasse des Grandhotels und schaut suchend über die Strandkabinen, deren blauweiß gestreifte Tücher im Wind flattern. Doktor Schöni tupft Stirn und Nacken mit dem Taschentuch, welch eine Hitze, hier oben unter der Markise ist kein Lufthauch zu spüren.
Doktor Schöni beschattet die Augen, lässt sie über den Strand von Liegestuhl zu Korbsessel wandern, das übliche Gewusel kurz vor Mittag, Mütter, Kindermädchen, Großmütter, man sammelt die verstreuten Eimerchen, Schaufeln und unwilligen Kinder zusammen.
Endlich entdeckt er ihn, einen der wenigen Männer am Strand, die Väter und Ehemänner warten geduldig an der Theke im Strandcafé bei einem kühlen Bier auf ihre Familien. Die sollen sich ruhig Zeit lassen. Weit vorne, beinahe am Wasser, sitzt er, der Schriftsteller Frédéric Glauser, von dem Simenon bis heute noch nie etwas gehört hat.
Er ist wenig erpicht darauf, dass Schöni ihm diesen «Kollegen» vorstellen will, ein Schweizer, ein Landsmann des Doktors, er hat gleich abgewunken, war sauer, weil der Doktor seine morgendliche Zeitungslektüre unterbrochen hatte.
Er, Schöni, schulde diesem Glauser einen Gefallen – eine komplizierte Geschichte –, und ihn, den berühmten Georges Simenon persönlich kennenzulernen, wäre eine gelungene Überraschung. Allerdings ein schwieriger Zeitgenosse. Aber ein genialer Schreiber. Seine Kriminalromane hätten ihn bekannt gemacht, sein Kommissär Studer sei auch schon mit Maigret verglichen worden. Der Glauser schreibe deutsch, er spreche aber sehr gut Französisch.
Weil Simenon nichts Besseres vorhatte, sagte er schließlich seufzend zu, den andern zu treffen. Das hat man davon, wenn einen die Leute kennen.
Ich seh ihn, kommen Sie!
Schöni eilt voraus, die breite Treppe hinunter, die von der Terrasse direkt auf den Strand führt, und stelzt dann steif wie ein Hahn durch den Sand, bei jedem Schritt den Fuß hoch in die Luft und dann vorsichtig gerade aufsetzen, ja kein Schlurfen. Eklig dieser Sand, schimpft er. Trotz der Wärme, eher ungewöhnlich im Juni, trägt er hohe Schuhe mit Gamaschen.
Simenon, barfuß in sommerlichen Leinenschuhen, stapft hinter ihm her und schmunzelt mit der Pfeife im Mundwinkel.
Da, zwei Schritte vor ihnen, sitzt oder vielmehr hängt sein Schweizer Double in einem Strandsessel – die enthusiastische Presse habe ihn als schweizerischen Simenon bezeichnet, hat der Doktor mit einem letzten Argument nachgedoppelt. Allerdings, was die äußere Erscheinung anbetrifft, kann man sich kaum einen größeren Unterschied vorstellen. Der Mann sitzt zusammengesunken da, die Beine ausgestreckt, in ausgebeulter Hose.
Die Kleider verraten Simenon sofort, dass der Mann weder im Geld schwimmt noch sich um sein Aussehen schert. Es gibt etwas, was man dir nie verzeiht: ärmlich auszusehen! Diesen Rat fürs Leben hat Simenon als Zwanzigjähriger vom verarmten Marquis de Tracy bekommen, für den er damals als Privatsekretär arbeitete, und seither beherzigt er ihn streng.
Über die Rücklehne ragt ein zerknitterter weicher Hemdkragen, ein dünner Hals und ein dunkler, dichter Haarschopf. Der Mann schaut auf das Meer hinaus.
Friedrich Glauser schaut auf das Meer hinaus. Am Horizont bauscht eine Jacht ihre Segel, ein verspäteter Fischkutter tuckert vorbei und zieht einen Schwarm lachender Möwen hinter sich her. Glauser sieht nichts. Seine Verzweiflung hat in der letzten Stunde eine solche Schwere erreicht, dass sie ins Bodenlose abgesunken ist, der Mann nur noch eine leere Hülle inmitten des fröhlichen Strandtreibens. Er ist über die Maßen müde und hoffnungslos.
Kurz nach zehn Uhr ist er im Grand Hôtel de la Plage angekommen, über zwei Stunden dauerte die Fahrt mit der Eisenbahn von La Bernerie-en-Retz bis hierher. Das Geld hat knapp für die dritte Klasse in der Staatlichen gereicht. Für das letzte Stück der Strecke nahm er das Küstenzüglein Tramway de la Vendée. Die Landschaft war bestimmt ganz reizvoll, davon hat man in der Anspannung nichts mitbekommen.
Im Hôtel de la Plage in Saint-Jean-de-Monts würde der Doktor Schöni logieren, ein Schweizer Arzt, der Bekannte einer Bekannten, die ihm den Tipp gegeben hat. Er braucht dringend ein Rezept. Für Mo.
Seit März lebt Glauser mit Berthe Bendel im kleinen Badeort La Bernerie, das Leben war dort anfänglich beinahe paradiesisch und er konnte endlich schreiben. Man will sich in Frankreich eine Existenz als Schriftsteller aufbauen, fern von den Zwängen und wiederholten Internierungen in der Schweiz. Aber der Druck, mehr und mehr zu produzieren wegen der ewigen Geldnöte, wurde in den letzten Wochen so gewaltig, dass er einen Rückfall erlitt. Er kann nicht mehr schreiben ohne. Er hält es nicht aus ohne. Ohne Opium wird man den eigenen Sachen gegenüber so viel kritischer eingestellt, dass es einen weiß Gott eher lähmt als hilft.
Die letzten vierzehn Tage hat er so intensiv an der «Fieberkurve» geschuftet, dass sein Gehirn nun leer, leerer, am leersten ist. Auch am «Chinesen» – am Wettbewerbsroman – sollte man dringend weiterarbeiten, aber der Stil macht einem große Mühe, die Sätze, die man schreibt, decken sich gar nicht mit den Gedanken und fließen lauwarm und banal. Es ist eine Qual. Und dann der Auftragsroman für den «Beobachter», den konnte er nicht ablehnen, sie brauchen das Geld dringend.
Unglaubliche Überwindung hat es ihn gekostet, den unbekannten Doktor Schöni um ein Rezept für Morphium zu bitten. Höflich zu bitten. Er hat allen unredlichen – welch schönes Wort! – Versuchen, Mo zu beschaffen, abgeschworen. Alles für die Katz jetzt. Natürlich hat der Doktor keinen Rezeptblock in die Ferien mitgenommen. Es tue ihm leid, meinte Schöni, aber vermutlich würde Herrn Glauser das Rezept eines Schweizer Arztes hier in Frankreich eh nicht viel nützen. Er bedaure sehr, denn er halte viel von ihm, seine Frau lese gerade begeistert Wachtmeister Studers zweiten Fall «Matto regiert». Die Irrenanstalt als Tatort, haha, schön mutig von Ihnen, die eigenen Erlebnisse zu nutzen! Beinahe hätte der Doktor ihm auf die Schulter geklopft. Er bedaure wirklich sehr.
Seit einer Stunde sitzt Glauser jetzt hier, er hat einen verwaisten Strandsessel in Beschlag genommen, kein Geld für ein Mittagessen, die letzten Francs für die Rückfahrkarte ausgegeben. Für nichts. Zigaretten hat er noch drei. Der Zug zurück fährt erst am späten Nachmittag.
Wenn der Glauser zurückfährt. Wenn der nicht einfach hier sitzen bleibt. Es ist alles so schwarz und vermauert, so bodenlos nutzlos. Er möchte schreiben, hat den Kopf voll schöner Dinge. Aber dann stößt sein Kopf wieder an eine blöde Wirklichkeit und dann ist die Leere wieder da. Die man nur mit Mo aushält. Und manchmal erstickt man fast an sich selbst. Es ist, als ob das Ich plötzlich die Wassersucht bekommen hätte. Es kommt jetzt alles Unverdaute, die langen Internierungsjahre, Witzwil, die Kindheit, wie ein Schwall von üblem Wasser heraus, sodass man fast daran ertrinkt.
Aber nein. Die Flut fließt zurück, das Wasser flieht. Selbst das Meer weicht vor ihm zurück. Er sitzt hier fest. Bis in alle Ewigkeit.
Die Ewigkeit ist manchmal gnädig und von kurzer Dauer.
Ein mächtiger Schatten wächst plötzlich im Sand vor Glauser. Grell ist die Sonne. Zwei Männer stehen im Gegenlicht vor ihm.
Doktor Schöni entschuldigt sich für die Störung. Er habe ihn überall gesucht.
Herr Glauser, ich möchte Ihnen jemanden vorstellen, Monsieur Georges Simenon, der Autor der Maigret-Romane, von dem Sie bestimmt schon gehört haben.
Verwirrt legt Glauser die Hand über die Augen. Vermutlich leidet man bereits an Entzugshalluzinationen.
Nein. Auf Glausers Augenhöhe stehen hellgraue Flanellhosen und dunkelblaue Leinenschuhe, die sehr wirklich aussehen. Der Herr, der sich ihm jetzt vor die Sonne stellt und seinen Schatten auf ihn wirft, damit es ihn nicht so blende, ist mittelgroß, eine sportlich elegante Erscheinung.
Glauser springt auf, hat kaum Zeit zu denken: Herrgott! Wenn ich einmal so elegant daherkommen könnte! Wer solchen Herrenschneider besäße!, als sich genau in diesem Augenblick die peinliche Szene mit dem roten Ball ereignet. Der Ball trifft Glauser so wuchtig am Hinterkopf, dass er um ein Haar das Gleichgewicht verloren hätte.
Er wehrt heftig ab, als Doktor Schönis fürsorglicher Arm ihn auffangen will.
Simenon liest den Ball auf, sieht sich um und entdeckt in einigen Metern Entfernung einen Jungen, der sich nicht traut, sein Geschoss wieder zu holen, und ein Kindermädchen, das ihn heftig ausschilt. Simenon winkt dem Kleinen, entschuldige dich, dann kriegst deinen Ball wieder!
Schon gut, wehrt Glauser erneut ab. Den Kopf in den Sand stecken möchte man am liebsten wegen dieser beschämenden Ballszene, ausgerechnet vor dem großen Simenon. Keine Ursache sich zu schämen, der Ball hätte doch genauso gut den andern treffen können. Nein, einen Georges Simenon trifft nie ein hinterhältiger Ball am Kopf. Es gibt Leute, die beschützt das Leben, einfach so, die haben meistens Glück, während unsereins ständig Pech hat. Bis heute.
Seit über einer Stunde schlendern Georges Simenon und Friedrich Glauser jetzt über den Strand und reden und reden. Doktor Schöni hat sich bald verabschiedet, Mittagessen mit der Familie, die Herren wollen ihn entschuldigen.
Mittlerweile ist Ebbe. Simenon holt mit der Pfeife in der Hand zu einer weiten Geste über die flache Sandebene aus. In der Ferne plätschert olivgrün der Ozean.
Sehen Sie, Monsieur Glosère, dieses erwartungsvolle Abwarten des Meeres bei Ebbe, es scheint all seine Kräfte zu sammeln, um Anlauf zu nehmen, den Strand wieder zu fluten. Kleine braune Wellen scharren ungeduldig am Sand, wie nervöse Rennpferde vor dem Start … die Leute hier sagen, das Wasser steige bei Flut mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes. Na ja. Fischerlatein vermutlich.
Die ganze Situation ist unwirklich, geradezu rauschhaft. In seinen kühnsten Fantasien hätte Glauser sich nicht auszumalen gewagt, dass der Glauser eines Tages mit dem Simenon am Atlantikstrand spazieren geht, einfach so, und noch viel verrückter, mit seinem «Lehrer» über das Schreiben von Kriminalromanen redet!
Vor zwei Monaten erst hat er den offenen Brief an Brockhoff – eine Replik auf dessen alberne «Zehn Gebote für den Kriminalroman» – mit den Sätzen abgeschlossen: «Ich möchte Georges Simenon danken. Was ich kann, habe ich von ihm gelernt. Er war mein Lehrer – sind wir nicht alle jemandes Schüler?»
Und jetzt reden und gestikulieren die beiden Schriftsteller und sehen nichts um sie herum, weder die grauen Wolken, die am Horizont aufziehen und sich immer häufiger vor die Sonne schieben, noch dass sie inzwischen weit und breit die einzigen Spaziergänger auf dem Strand sind. Immer hält mal der eine, mal der andere an, um eine erloschene Pfeife anzuzünden oder die bald letzte Zigarette anzustecken, um ein Argument zu präzisieren oder eine Aussage zu bekräftigen, was sich alles schlecht mit dem Gehen vereinbaren lässt. Bis das Ungeheuerliche geschieht.
Der Austausch zwischen den beiden Männern über ihre Erfahrungen beim Schreiben von Kriminalgeschichten verläuft so angeregt, dass Glauser in einem Anfall von Größenwahn ruft – auch später, wenn er an diesen Augenblick dachte, blieb ihm unverständlich, was in ihn gefahren war, vielleicht wirkte das Mo nach –, er ruft: Man müsste das mal an einem Fall ausprobieren!
Simenon schaut auf.
Sie meinen, konkret an einer Geschichte anwenden? An einem Fall, den wir beide gerade hier und jetzt erfinden? Gemeinsam erfinden? Ihre Vorstellungen und meine, meine Erfahrungen und Ihre. Ihre Einfälle, meine Ideen …
Verstohlen riskiert Glauser einen Blick zu Simenon hinüber, das kann der wohl nicht ernst meinen. Dem jedoch gefällt die Idee so außerordentlich, dass er Glauser auf die magere Schulter klopft, welch ein Ritterschlag!, und bevor der sich fassen kann, legt Simenon los:
Wir lassen unseren Fall gleich hier vor Ort spielen, im Hôtel de la Plage in Saint-Jean-de-Monts. Das mache er oft. Er reise sehr viel und siedle die Handlung seiner Romane gerne an den Orten an, die er besucht hat, so kenne er die Umgebung, das Milieu, habe die Luft dort eingeatmet. Noch nie habe er ein Milieu erfunden, eine Atmosphäre wie die Kritiker sagen.
Diese viel zitierte Atmosphäre, Monsieur Glosère, sie ist in meinem Gedächtnis! Die Bilder habe ich alle im Kopf. Bevor ich einschlafe, lasse ich mein persönliches Kino laufen, sobald ich die Augen schließe, tauchen die Bilder auf und tanzen vorbei. Sehr wichtig, dass man die Stimmung gut erfasst – sie ist der Schlüssel zu den Leuten, zu ihren dunklen Geheimnissen!
Glauser nickt.
Aber wir ändern den Namen des Ortes, wir brauchen etwas dichterische Freiheit, sonst schränken uns die realen Fakten zu sehr ein. Der Einfachheit halber, Simenon lacht – ein ganz wenig verlegen, scheint es Glauser, nennen wir den Ort doch Saint-Georges. Hoffe, Sie haben nichts dagegen!
Ein bisschen eitel, der Simenon, denkt sein Begleiter, aber wer so berühmt ist, kann sich das erlauben.
Nein, er hat nichts dagegen. Was soll Glauser sonst vorschlagen, Saint-Frédéric? Wäre origineller, aber gibt es überhaupt einen heiligen Friedrich?
Simenon nimmt die Pfeife in die Hand und dreht sich zu Glauser.
Sie müssen wissen, Monsieur Glosère, dass ich meinen Maigret in den Ruhestand geschickt habe, wir brauchen also eine Geschichte, in der er als Rentner ermittelt … er könnte mit Madame Maigret einige Tage Urlaub hier im Hotel de la …
Simenon bricht plötzlich ab. Er starrt mit zusammengezogenen Augenbrauen aufs Meer, die Hände in den Taschen seiner hellgrauen Flanellhose vergraben, die Pfeife im Mundwinkel festgebissen.
Der vermaledeite Maigret hat ihn wieder erwischt! Gibt keine Ruhe, obwohl er vor vier Jahren dafür gesorgt hat, dass es mit Maigrets Karriere zu Ende war. Er hat ihn von den Vorteilen der vorzeitigen Pensionierung überzeugt, ihm ein hübsches Landhaus in der Nähe von Orleans erfunden, am Ufer der Loire, in Meung-sur-Loire, geruhsames Landleben mit Madame Maigret, Gartenarbeit, Rosen, Tomaten, Kohlköpfe … was will man mehr.
Glauser wundert sich über Simenons plötzliches Schweigen, dann versteht er. Er weiß, dass Simenon die erfolgreiche Maigret-Reihe beendet hat. Manchmal verhindert genau der Erfolg, dass man sich als Schriftsteller weiter entwickeln kann.
Glauser seufzt. Auch er, bei Weitem nicht so bekannt wie der Schöpfer der Maigret-Romane, ist nach zwei Studer-Romanen bereits der Gefangene seiner Figur und des Publikums. Er hockt in der Studer-Falle.
Natürlich freut es einen, dass die Leute den Studer mögen. Es geht einem zwar ein wenig wie dem Zauberlehrling. Man hat den Studer zum Leben erweckt – und sollte jetzt auf Teufel komm raus Studer-Romane schreiben und schriebe doch viel lieber etwas ganz anderes. Ja, man hat Angst, in der Manier zu erstarren und das natürliche Feld der Begabung zu verengen, wenn man nur im Kriminalschema bleibt. Auf einmal ist man als Sensationsschriftsteller verschrien und niemand nimmt einen mehr ernst. Und manchmal muss er seine Fantasie so anstrengen, um für Kriminalromane Handlungen zu erfinden, dass er glücklich ist, wenn er einmal etwas schreiben darf, wo er sich nicht mit Fäden, Ficelles und anderen Schnüren abplagen muss. Denn Glauser möchte endlich etwas «Anständiges» schreiben.
Ebenso Simenon, der seinen Kommissar in Pension geschickt hat, um sich endlich einen Namen als wahrer Schriftsteller zu machen, Schluss mit Schreiberling von «Polars». Jetzt möchte er die nächste Stufe erreichen.
Er dreht sich zu Glauser.
Sie wissen vermutlich, Monsieur Glosère, dass ich die Maigret-Reihe nicht mehr weiter führe. Als Fayard, mein alter Verleger, es erfuhr, hat er mir wütend prophezeit, dass es noch nie ein Kriminalschriftsteller in die große Literatur geschafft habe, dass ich nicht dafür gemacht sei, sondern für populäre Literatur. Was das einfache Volk lese.
Simenon gestikuliert mit seiner Pfeife.
Dabei hat ausgerechnet dieser Fayard mir damals vorgeworfen, als er die Manuskripte meiner ersten Maigrets gelesen hatte, das breite Publikum wolle sowas nicht lesen, es seien keine Liebesgeschichten, weder wirklich gute noch wirklich böse Figuren, keine Helden und es ende immer schlecht. Es seien düstere Geschichten, aber keine Kriminalromane. Sie drehen sich nicht um ein Problem, das es zu lösen gelte wie bei einer Schachpartie. Es gebe keine Rätsel, also sei es auch kein Kriminalroman … Der Held sei nur ein simpler Beamter, weder schön noch stark noch außergewöhnlich … Er sei schwerfällig und habe keinen Schneid …
Simenon nimmt einen kräftigen Zug aus der Pfeife.
Nun, Fayard hat sich gründlich getäuscht. Die Leser liebten meinen Maigret. Ich hab dann fast ein Jahr später – ich brauchte Geld – einen allerletzten Maigret nachgeschoben: Der pensionierte Kommissar muss seinen Neffen Philippe aus der Patsche holen. Offensichtlich sind mir da ein paar Fehler zu Maigrets Biografie unterlaufen, wie mir aufmerksame Leser vorgeworfen haben. Mein Gott, die Leute vergessen, dass Maigrets Leben eine erzählte Welt ist, die sich halt verändert. Zudem lese ich meine eigenen Romane nach dem Schreiben nicht mehr. Was soll’s, es war eh der letzte Maigret.
Er hat weit über dreißig ernst zu nehmende Romane veröffentlicht, seit zwei Jahren beim renommierten Literaturverlag Gallimard. Und vor zwei Monaten ist sein erster großer Roman erschienen, über die Reederfamilie Donadieu aus La Rochelle. Sein Meisterwerk! Und jetzt, Monsieur Glosère, bin ich bereit für die große Literatur!
Glauser wirft seinem Begleiter einen schnellen Seitenblick zu, an Selbstzweifeln scheint der Simenon jedenfalls nicht zu leiden. Ganz im Gegensatz zu einem selbst. Aber da täuscht sich Glauser.
Simenon schaut in die Weite, die Pfeife im Mundwinkel, die Hände wieder in den Taschen seiner maßgeschneiderten Hose.
Zugegeben, letzten Herbst ist er kurz schwach geworden und hat schnell eine Serie von acht kleinen Maigret-Erzählungen für das Feuilleton von «Paris-Soir Dimanche» verfasst. Fingerübungen. Schnell und leicht verdientes Geld, das er brauchte …
Jetzt aber – was war er soeben im Begriff zu tun? Doch wieder einen richtigen Maigret-Fall zu erfinden? Er hat Maigret in den Ruhestand geschoben, um vor ihm Ruhe zu haben. Aber der Kommissar will sich nicht zur Ruhe setzen. Er brummt in seinen Gedanken herum. Hatte Fayard doch recht, als er ihm hämisch voraussagte, er werde den Geist des hartnäckigen Kommissars, einmal gerufen, nicht so leicht wieder los?
Das wollen wir doch mal sehen. Der Simenon auf dem Weg hinauf zum literarischen Olymp wird mit Sicherheit keinen Maigret-Rückfall erleiden. Also endgültig Schluss mit dem Kommissar, mit dem Quai des Orfèvres, Schluss mit den Inspektoren Lucas, Torrence und Janvier, die Maigret herumkommandieren durfte.
Simenon holt tief Luft und dreht sich zu Glauser.
Nein, für unsere Geschichte schaffe ich eine ganz andere Figur. Als Gedankenspielerei, als Versuch. Kein Kommissar, kein Polizist, keine Erfahrung als Detektiv, jünger, ja, in allem das Gegenteil von Maigret. Um ihn gründlich zu exorzieren.
Simenon, leicht verlegen, verspürt große Lust, zur Abwechslung mal einen weiblichen Detektiv zu schaffen. Ein Laie, eine Frau, die auf ihre Weise bei der Aufdeckung der Wahrheit hinter einem Verbrechen mitarbeitet ...
Was halten Sie davon, Monsieur Glosère?
Er scheint nicht ernsthaft von Glauser eine Antwort zu erwarten und schaut wieder über die Wellen.
Amélie Morel soll sie heißen, um die fünfzig herum, mit flinkem Verstand und wachen Augen, sie steckt ihre Nase gern in fremde Angelegenheiten … eine Krankenschwester …
Warum eine Krankenschwester?, wagt Glauser schüchtern zu fragen.
Medizinische Kenntnisse sind immer von Vorteil, wenn man es mit Verbrechen zu tun hat, meint Simenon mit der Pfeife im Mundwinkel, Medizin habe ihn immer fasziniert. Er hatte Medizin studieren wollen; nach dem frühen Tod seines Vaters hieß es jedoch, sofort Geld zu verdienen.
Er nickt. Amélie Morel steht bereits vor ihm, eine kleine, umtriebige Dame, dunkle Haare, in denen die ersten Silberfäden schimmern, immer eine vorwitzige Locke in der Stirn, sie nickt ihm zu und lächelt, beinahe komplizenhaft. Sie ist im Hôtel de la Plage im Urlaub … das kann sie sich als Krankenschwester aber nicht leisten … sie muss irgendwie zu Geld gekommen sein … Ja, genau. Bis vor Kurzem war sie als Pflegerin bei einem alten Mann in Stellung, ein Industrieller aus Nantes. Als er starb, hat er ihr ein wenig Geld vermacht. Damit gönnt sie sich jetzt erstmals in ihrem Leben richtig Urlaub, im Hôtel de la Plage in Saint-Georges.
Simenon sinniert immer noch über das Meer.
Da die Dame keine polizeiliche Ermittlung durchführen kann, brauchen wir einen Inspektor, der aber eine Nebenrolle spielen soll … Laurent Picot, ein junger Inspektor mit noch wenig Erfahrung … und er ist Amélie Morels Neffe! Sie muss ja irgendwie an die Informationen kommen, nicht wahr.
Simenon pafft ein paar Züge. In seinem Kopf beginnen die Bilder zu tanzen, sich ineinanderzufügen, das Räderwerk der Handlung setzt sich unaufhaltsam in Bewegung … Wie verbringt Amélie Morel die ersten Urlaubstage ihres Lebens, Tage ohne Aufgaben, ohne Pflichten, ohne geregelten Ablauf, ohne Routine, dafür mit viel Langeweile? Bestimmt hat sie sich vom ersten Tag an eine Ordnung geschaffen, die ihr Halt gibt. Sie ist frühmorgens oft die Erste am Strand, wer ein Leben lang früh auf muss … Sie kommt mit einem Buch und holt sich selbst einen Liegestuhl, wenn der Strandjunge etwas Verspätung hat …
Glauser steht neben ihm, die Hände in den ausgebeulten Hosentaschen, wartet und wundert sich, warum das Meer nicht blau ist. Warum so bräunlich?
Es ist der aufgewühlte Sand im Wasser, murmelt Simenon. Und dann dreht er sich wie elektrisiert zu Glauser.
Hören Sie mal, Monsieur Glosère, so könnte unsere Geschichte anfangen:
Man hätte an diesem klaren Morgen, die Sonne gab sich redlich Mühe, die frische Juniluft zu erwärmen, nicht weiter weg von der dunklen, der verbrecherischen Seite des Lebens sein können als die kleine Dame, die sich seufzend in ihren Liegestuhl fallen ließ und sich sogleich wieder mühsam und schimpfend hochzog, wer hatte ihr den Stuhl verstellt?
Die beiden nehmen ihren Spaziergang wieder auf, und nach ein paar Schritten im weichen Sand formuliert Simenon den zweiten Satz, den dritten, eine angetrocknete Alge wickelt sich zwischen dem vierten und fünften Satz um seinen Leinenschuh, den sechsten, den siebten Satz, beim achten Satz streift er die Alge ärgerlich ab, als er sie endlich bemerkt hat, dann den neunten Satz und einfach so weiter ...
Bis zum Satz:
Und wenn sie recht hat, die Ehefrau?, fragte Amélie Morel hinter seinem Rücken.
Erster Tag, Amélie Morels Urlaub wird unerwartet aufregend
Man hätte an diesem klaren Morgen, die Sonne gab sich redlich Mühe, die frische Juniluft zu erwärmen, nicht weiter weg von der dunklen, der verbrecherischen Seite des Lebens sein können als die kleine Dame, die sich seufzend in ihren Liegestuhl fallen ließ und sich sogleich wieder mühsam und schimpfend hochzog, wer hatte ihr den Stuhl verstellt? Sie schob das Rückenteil zwei Kerben höher, viel steiler, sie mochte es nicht, so flach zu liegen, man fühlt sich so ausgeliefert.
Aufrecht saß Amélie Morel jetzt in ihrem Liegestuhl, der ihr nicht zum Liegen diente, und schaute sich um, ihre Hände lagen auf dem Buch im Schoß. Sie liebte die ruhigen Morgenstunden am Strand. Erst wenige Kindermädchen beaufsichtigten ein paar Kleine, die brav Sand in ihre Eimerchen schaufelten.
Heute Morgen war es warm, geradezu heiß, wenn die Sonne auf die winterblasse Haut brannte, und kühl, geradezu kalt, wenn sie hinter einer Wolke verschwand. Was sie alle paar Minuten tat.
Die kleine Dame im Liegestuhl schloss seufzend die Knöpfe ihrer selbstgestrickten Jacke, die sie ein paar Minuten zuvor erst aufgeknöpft hatte, holte die Brille aus der Jackentasche und schlug das Buch auf ihren Knien auf.
Heute war das Umblättern ein regelrechter Machtkampf mit dem Wind. Er rüttelte dermaßen an den Seiten, dass man das Buch mit beiden Händen fest umklammern musste. Was Amélie Morel las, hätte einen zufällig vorbeikommenden Spaziergänger höchst erstaunt, wäre sein Blick auf die seltsamen Illustrationen im Buch gefallen. Ein aufgeschnittener Augapfel, ein gehäuteter Arm mit Knochen und Sehnen, ein trauriges Herz mit abgeschnittenen Gefäßen, roten und blauen … Die Dame las und blätterte konzentriert im gewichtigen Anatomiehandbuch von Poirier, zwar eine alte Ausgabe, aber der menschliche Körper war ja derselbe wie vor vierzig Jahren, nicht wahr.
Es hatte einmal Onkel Fernand gehört. Ein kleiner Landarzt, aber er besaß ein Regal voller medizinischer Fachbücher, die er stolz seine Bibliothek nannte. Niemand wusste nach seinem Tod etwas damit anzufangen, so gelangten die Bücher in Amélie Morels Besitz. Wenn überhaupt, würden die Bücher vielleicht ihr als Krankenschwester von Nutzen sein. Und wie sie das waren! Hätte Amélie ein halbes Jahrhundert später gelebt, wäre aus ihr bestimmt ein Fräulein Doktor geworden. Aber zu ihrer Zeit kam keiner auch nur im Entferntesten bei einem Mädchen auf eine solch absurde Idee, ganz abgesehen davon, dass auf dem Land keiner studierte, das war für die feinen Leute in der Stadt.
Der wertvolle Bücherschatz blieb in den Kisten während all der Jahre, als sie noch im Krankenhaus Hôtel-Dieu in Nantes arbeitete und im Saal schlafen musste. Auch danach bei Monsieur Milcent, den sie die letzten zehn Jahre gepflegt hatte, gab es in der abgeschrägten Dachkammer keinen Platz für ein Bücherregal. Die Kisten warteten auf dem Dachboden im Elternhaus in Le Breuil. Dort wohnte seit einigen Jahren ihre verwitwete Schwester und seit dem Tod von Monsieur Milcent auch sie wieder. So sah sie Laurent etwas öfter, ihren Lieblingsneffen und ihr Patenkind, Amélie war mächtig stolz auf ihn, aus dem kleinen Laurent war was Rechtes geworden, ein Polizeiinspektor!
Germaine war nicht sehr erbaut über ihren Einzug vor einigen Wochen, aber es war auch Amélies Elternhaus. Die Schwester neidete ihr die zehntausend Francs, die der gute Monsieur Milcent Amélie vermacht hatte. Noch nie hatte sie so viel Geld besessen. Ein kleines Vermögen! Ein Almosen, meinte Laurent, für all die Jahre, die er dich ausgebeutet hat, Tag und Nacht zu Diensten, sechseinhalb Tage die Woche, das hast du mehr als verdient, Tante! Ach Junge, das verstehst du nicht. Bei den Nonnen im Hôtel-Dieu, ja, da hab ich buchstäblich für Gottes Lohn geschuftet. Monsieur Milcent war ihr Patient gewesen und als er sie nachher gefragt hatte, ob sie bei ihm als private Pflegerin arbeiten wolle – zum doppelten Lohn! –, da hatte sie keine Minute gezögert.
Amélie Morel lächelte über das Meer hinaus. Es waren strenge Jahre, aber sie hatte viel zu sehen bekommen. Und dann, kaum im Elternhaus eingezogen, hatte sie endlich die Bücherkisten heruntergeholt und war ohne Zögern kopfüber in die Welt der großen Medizin eingetaucht …
An einem solchen Frühsommertag am Atlantik rechnet man mit allem, nur nicht mit den Kapriolen der Wirklichkeit. Die kleine Dame im Liegestuhl, vertieft in das Studium des menschlichen Knies, verspürte nicht den leisesten Hauch eines Vorgefühles. Obwohl das Ereignis, das in den kommenden Tagen den sorgfältigen Ablauf ihrer Urlaubstage gründlich über den Haufen werfen sollte, bereits geschehen war.
Dabei hätte man hinter der Schaukel den Jungen schon sehen können, der aufgeregt dahergerannt kam.
Aber erstens vermied Amélie Morel den Blick zur großen Strandschaukel, von wo der Wind zeitweise das störende Schreien und Lachen der Kinder bis zu ihrem Liegestuhl blies, obwohl der in größtmöglicher Entfernung zur Lärmquelle stand. Und zweitens hatte sie den Hut wegen des Windes tief in die Stirn gezogen. Der heftige Wind der letzten beiden Tage gab heute zwar endlich langsam auf, aber er schob die wenigen grauen Wolken, die er finden konnte, vor die Sonne, bauschte mit letzter Anstrengung die blaugestreiften Tücher der Strandkabinen, flatterte über die leeren Liegestühle, fuhr Amélie unter den Rock, aber das gewichtige Anatomiebuch auf ihren Knien stoppte ihn, und danach hatte er, wohl aus Rache, um ein Haar mit einer boshaften Böe Amélies Strohhut fortgeblasen.
Der Junge kam näher, man vernahm deutlich seine Rufe.
– Madame! Madame!
Eine solche Anrede betraf Amélie Morel nicht, zudem war ihre ganze Aufmerksamkeit vom Wunderwerk der gekreuzten Kniebänder gefangen, ihr Zeigefinger folgte den verschiedenen Sehnen auf der Illustration. Da wagt man kaum mehr, das Knie zu bewegen, wie leicht könnte solch ein dünnes Riemchen reißen! Man wird ab sofort etwas vorsichtiger die Treppe im Hotel hinauf- und heruntersteigen.
Ihr Zimmer befand sich nämlich in der zweiten, günstigeren Etage des Hôtel de la Plage, ohne Aufzug, zudem lagen die kleinen Einzelzimmer alle seitlich, ohne direkten Meerblick. Man braucht schließlich das Meer nicht auch noch vom Bett aus zu sehen, wenn man es am Strand den ganzen Tag vor Augen hat, sagte sich Amélie.
Auf die verrückte Idee mit dem Urlaub im Hôtel de la Plage hatte ihr Neffe Laurent sie gebracht. Als sie nach dem plötzlichen Tod von Monsieur Milcent, Gott sei ihm gnädig, von einem Tag auf den andern ohne Stellung dastand und nicht wusste wie weiter, schlug er vor, jetzt erholst du dich erst mal, Tante, und machst richtig Urlaub im Hotel! Wie die feinen Leute aus der Stadt, hatte er gesagt und ihr ein Inserat aus dem «Journal de Challans» hingehalten:
«Saint-Georges: Grand Hôtel de la Plage, Zimmer, Speisesaal und Terrasse mit Meersicht – gute bürgerliche Küche – fließend kaltes und warmes Wasser – Badezimmer – Elektrizität – Garage … »
Sie hatte den Kopf geschüttelt, das ist nicht für unsereins, mein kleiner Laurent! Sie kannte einige der ganz großen Grandhotels, sie hatte Monsieur Milcent jedes Jahr zur Kur nach Vichy oder im Frühjahr nach Nizza begleitet. In den Grandhotels gab es im Dachstock Kammern für die Angestellten der Gäste, für die Chauffeure, Kindermädchen und privaten Dienstboten. Sie wurde meist bei den Zimmermädchen untergebracht. Zu den Mahlzeiten rollte sie Monsieur Milcent jeweils in den Speisesaal, danach aß sie mit dem Personal, oft die Reste. Obwohl sie als Pflegerin von Monsieur Milcent in der Hierarchie der Gästeangestellten ganz oben stand. Die Welten waren säuberlich getrennt, das war völlig in Ordnung. Und oft viel lustiger, was man in der Personalküche doch so alles erfuhr über die Herrschaften der andern! Das Reich der Gäste, nein, das war nichts für Amélie Morel, selbst wenn das Grand Hôtel de la Plage in Saint-Georges längst nicht so nobel war wie die großen Häuser an der Côte d’Azur.
Aber Laurent gab nicht auf, vermutlich hatte er genug vom täglichen Gezänke zwischen Mutter und Patentante. Mit dem Geld, das Monsieur Milcent ihr vermacht habe, könne sie sich mehrere Wochen im Hôtel de la Plage leisten. Ihr jungen Leute habt nie sparen gelernt, hat sie gebrummelt und das billigste Zimmer im Hôtel de la Plage für einen Monat gebucht, vom 20. Juni bis zum 19. Juli. Danach gab es keine freien Zimmer mehr.
Benimm dich aber wie ein richtiger Hotelgast, hatte Laurent ihr eingeschärft. Seit vier Tagen war sie jetzt hier und lernte jeden Tag, sich wie ein richtiger Hotelgast zu benehmen. Heute Morgen zum Beispiel hatte sie ihr Bett nicht mehr selbst gemacht, nachdem Marthe, das Zimmermädchen, eine mollige Kleine mit roten Wangen und zwei dicken Zöpfen um den Kopf, sie gestern beim Anblick des bereits gemachten Bettes verächtlich angesehen und dann wortlos die Tür wieder zugezogen hatte. Ihre Augen sagten, bist ja nur eine von uns, auch wenn du gerne zu denen gehören möchtest! Amélie Morel war gekränkt. Sie war doch keine Hochstaplerin!
Nicht einfach, seufzte sie, sich in der Welt der Wohlhabenden zu bewegen. Sie blätterte weiter zum Fußgelenk, dessen Komplexität sie noch nicht ganz ergründet hatte. Mitten in ihre Anstrengungen, das Zusammenspiel von Sprungbändern und Seitenbändern zu verstehen, platzte atemlos der Junge.
– Madame! Madame!
Er blieb keuchend vor dem Liegestuhl stehen, aber in respektvollem Abstand. Der Junge kannte sie. Die kleine Dame, die jeden Morgen gegen acht, manchmal noch früher, mit diesem schweren Buch an den Strand kommt und sich immer in den gleichen Liegestuhl setzt, so weit weg wie möglich von der Kinderschaukel, so nahe wie möglich am Wasser, aber auf dem trockenen Sand, so mag sie es, hatte ihm der Portier Monsieur Bertrand gleich am Tag ihrer Ankunft eingeschärft, diese Dame ist eine Frau Doktor aus Nantes!
Darum will er sie holen!
– Madame! Bitte kommen Sie schnell …
Es verschlug dem Jungen die Stimme, er schnappte nach Luft, fuchtelte mit den Armen.
– Madame! Bitte!
Sie reagierte nicht. Ängstlich näherte er sich und blieb dicht vor ihr stehen. Die Dame war in ein seltsames Bilderbuch vertieft. Endlich hob sie den Kopf, leicht verwirrt.
– Mademoiselle, Kleiner, Mademoiselle!
Amélie Morel kannte ihn auch, den Jungen, der bei schönem Wetter morgens die Strandkabinen öffnet und zurechtmacht, der die Liegestühle an den Strand trägt und gruppenweise aufstellt, der Junge, der die Sonnenschirme windsicher tief in den Sand bohrt, mit erstaunlicher Kraft für seinen schmächtigen Körper, dachte sie jedes Mal, wenn sie ihn von der Terrasse des Hotels aus beobachtete, der Junge, der mit dem Rechen über den Sand streicht, Unrat einsammelt, täglich auch die Burgen der Kinder schleift und die ausgehobenen Wassergräben wieder mit Sand füllt, damit keiner darüber strauchle.
– Was willst du denn, Kleiner?
Stirnrunzelnd schaute sie ihn über die Brillengläser an. Sie mag es nicht, wenn man ihre Lektüre unterbricht. Und sie zu allem Übel noch mit Madame anspricht!
Ängstlich ließ der Junge die Hände fallen, schaute zu Boden. Er hatte die Frau Doktor gestört und die war jetzt böse ... Die Gäste dürfen nicht angesprochen werden!, hatte ihm Monsieur Bertrand mehrmals eingeschärft.
– Nun erzähl schon, ich beiß nicht!
– Da, da hinten, bei den Dünen, am Boden liegt er, ich hab gerufen, Monsieur, geht es Ihnen nicht gut? Monsieur, was fehlt Ihnen? …
Der Arm des Jungen zitterte, als er den Strand entlangwies, in Richtung des wilden Bereiches der Dünen, dort, wo die Badegäste nie hingehen.
– Tot ist der, ganz sicher! Ermordet!
– Woher willst du das denn wissen … Wie heißt du eigentlich?
– Gaston, Mada … Mademoiselle.
Über ihre Brillengläser hinweg sah sie den Jungen mit strengem Blick an. Ein Toter, hier am Strand … und sie die erste, die … Nein, eine solche Gelegenheit lässt Amélie nicht ungenutzt vorbeigehen!
– Halt das mal!
Sie drückte Gaston das schwere Anatomiebuch in die Hand und zog sich ächzend hoch, natürlich wird sie nachsehen, wie könnte es auch anders sein. Sie legte das Buch in den Liegestuhl, das würde schon keiner stehlen, nahm die Tasche unter den Arm und stapfte hinter dem Jungen her. Der drehte sich nach ein paar Metern ängstlich um, ob das Fräulein Doktor ihm auch folgte, ob sie ihm glaubte.
Sie gestikulierte mit der freien Hand und murmelte vor sich hin. Was rennst du diesem Jungen nach! Zurück ins Hotel und dem Portier sagen, er soll telefonieren, die Polizei in Les Sables-d’Olonne verlangen, Inspektor Laurent Picot persönlich! Das solltest du tun, Amélie! Sei still! Warum gleich den Laurent belästigen, vermutlich ist es ja nur ein alter Säufer aus dem Dorf, der es gestern Nacht nicht mehr nach Hause geschafft hat ... Die Neugier übernahm jetzt das Kommando, endlich durchbrach mal etwas Außerordentliches die Monotonie der viel zu ordentlichen Urlaubstage …
Der schmächtige Junge hüpfte leichtfüßig über den Sand, er war wie alle Dorfjungen barfuß. Aber Mademoiselle Morels Schnürschuhe sanken bei jedem Schritt tief ein. Sie schnaufte heftig.
Es war weiter als gedacht. Viel weiter. Und die Sonne hatte die letzte Wolke verbrannt und machte sich nun über die Menschen am Strand her.
– Warte Kleiner! Renn nicht so!
Sie zog die warme Strickjacke aus, fächelte sich mit dem Strohhut etwas Luft ins rote Gesicht, bevor sie ihn seufzend wieder aufsetzte und mit der Jacke über dem Arm weiterstapfte. Du hast es gewollt, Amélie, das Abenteuer! Dazu gehört auch der eklige Sand, der in die Schuhe, gar in die Strümpfe drang, wie sie so gezwungen war, hinter dem Jungen her durch den Sand zu hasten.
Ja, der Kleine hatte recht gehabt. Es war kein alter Säufer, der da auf dem Strand seinen Rausch ausschlief, das erkannte die Krankenschwester auf den ersten Blick, als sie zehn Minuten später vor dem Mann stand, der reglos auf dem Rücken im Sand lag. Der war richtig tot und zwar schon seit Stunden. Sie hatte im Krankenhaus einige Tote gesehen.
Und was sie ebenfalls auf den ersten Blick erkannte: Es war kein Fischer, kein betrunkener Vagabund oder sonst ein armer Kerl aus dem Dorf. Ein großer, drahtiger Mann, dem man auch nach Stunden im Meerwasser noch ansah, dass er ein Sommergast aus einer der Familienpensionen oder einem Hotel im Ort sein musste.
Wie kam der Tote an diese verlassene, einsame Stelle weit draußen in den Dünen?
Gaston trat von einem Fuß auf den andern, schwankend zwischen Angst, Neugier und Stolz – er hat den Toten gefunden! Man wird in den Zeitungen über ihn schreiben! Er wagte aber nicht, näher heranzukommen.
Amélie Morel ging langsam und in sicherem Abstand um den Toten herum, man darf keine Spuren verwischen, das weiß sie aus den Kriminalromanen. Unnötige Vorsicht, die nächtliche Flut hat alle Spuren, wenn es denn solche gegeben hatte, überspült und verwischt.
Weil sich das Fräulein Doktor nicht mehr rührte, wagte sich Gaston zwei Schrittchen näher.
– Ist er ertrunken?
– Wie soll ich das denn wissen, vermutlich schon.
Sie stemmte die Arme in die Seite und betrachtete den Toten stirnrunzelnd. Er trug nur einen Schuh, einen leichten ledernen Halbschuh, um den sich braune Algen schlangen und den das Salzwasser ruiniert hatte … der linke Fuß war nackt, nicht nur den Schuh, auch die Socke hat das Meer als Tribut genommen. Seltsam. Eine Hand war zur Faust geballt … Ertrinkt man so?
Sie starrte den Mann auf dem Boden lange an, etwas flimmerte durch ihr Gedächtnis, aber sie konnte es nicht fassen. Flüchtige Bildfetzen tauchten auf und verschwanden wieder, als ob ein Scheinwerfer im Dunkel der Erinnerung über Gesehenes streift und sucht …
Das war es! Die Kleider!
Was war mit den Kleidern des Toten? Tatsächlich war er auffällig gekleidet, grünrot kariertes Sporthemd mit weichem Kragen, eine ebenso ungewöhnliche, knallgrüne Hose.
Diese Kleider kannte Amélie Morel.
Vorgestern war ihr im Frühstücksraum des Hotels ein modisch gekleideter Herr in grüner Hose mit passendem Karohemd aufgefallen, der allerdings am andern Ende des Speisesaales und von ihr abgewendet saß, sodass sie dessen Gesicht nicht sehen konnte. Sie fand die Kombination sehr apart, sie hatte in all den Jahren mit Monsieur Milcent einen Kennerblick für modische Kleidung entwickelt, es gab in seinem Umfeld einige extravagante Damen und Herren.
Es war der Mann, der jetzt vor ihr lag. Ein Gast aus ihrem Hotel!
Ja, vermutlich war der Mann ertrunken, Algenreste hatten sich in den wirren Haaren verfangen, die Kleider waren durchnässt, er lag auf dem feuchten Strandteil, aber ganz oben, beim Übergang zum trockenen Sand.
Amélie Morel betupfte mit dem Taschentuch die Stirn und fächelte sich etwas Luft unter den Hut. Ihre Gedanken arbeiteten mit Volldampf. Sieht nicht alles so aus, als ob die Flut ihn herangeschwemmt und hier liegen gelassen hat? Ertrunken könnte er an einer ganz andern Stelle sein ...
– Gaston, weißt du, wann Fluthöchststand war?
Das Fräulein Doktor brauchte ihn! Gaston schaute eifrig hinunter, das Wasser war weit weg, Ebbe, aber es begann zu steigen. Er legte den Finger an die Lippen, eine Geste, die er den Großen abgeschaut hatte …
– Vor etwa sieben Stunden, in der Nacht, Mademoiselle!
Kaum zu glauben, mit welcher Präzision dieser Kleine redete. Sie wusste nicht, wie spät es jetzt war, sie nahm ihre kostbare Armbanduhr, auch ein Geschenk von Monsieur Milcent, nie mit an den Strand.
– Gut. Hör mal, du rennst jetzt ins Hotel zurück, sagst dem Portier – aber so, dass es niemand hört! –, er soll sofort den Gendarmen und den Doktor anrufen. Du kennst die beiden bestimmt? Wenn sie im Hotel ankommen, bringst du sie diskret hierher! Diskret, hast du verstanden?
Der Junge zögerte, auch den Doktor? Aber Sie sind doch hier? …
– Mach, was ich dir gesagt hab! Beeil dich!
Amélie Morel, die leider kein Fräulein Doktor war, aber praktisch so viel wie ein Doktor wusste, schaute lächelnd dem Jungen nach, der im weichen Sand davonhüpfte, als wäre der Teufel hinter ihm her.
Die Sonne brannte auf den Toten mit der grünen, jetzt verschmutzten Hose und dem dazu passenden Karohemd. Sollte man ihn nicht vielleicht zudecken?
Sie sah sich um. Außer Dünengras, trockenen Algen, ausgebleichten Muscheln und wenig Treibholz gab es nichts am Strand. Die Totenwache wird etwas dauern, bis die andern kommen.
Sie setzte sich neben den Toten in den Sand und betrachtete ihn lange – aristokratische Gesichtszüge, männliche Nase, schmale Lippen, zu gerne hätte sie seine Augen gesehen – ein schöner Mann und erfolgsverwöhnt, es gab einige solche Herren um Monsieur Milcent herum.
Sie war aufgeregt. Vielleicht war es ja nur ein banaler Unfall. Vielleicht aber ein Verbrechen! Und sie mittendrin! Denn … gibt es da nicht zu viel Merkwürdiges? Was hatte der Mann so weit draußen in der wilden Düne zu schaffen? Mitten in der Nacht? Und seine auffallende Gesichtsfarbe, rosig, als ob er noch atmen würde, aber gleichzeitig auch dieser verkrampfte Mund …
Gibs zu, Amélie, du möchtest gerne, dass es ein richtiges Verbrechen ist, ein Mord! Sie schnürte ihre Schuhe auf. Dann klopfte sie die Schuhe gegeneinander, damit aller Sand hinausrieselte. Ihre Wangen glühten. Endlich kommt etwas Bewegung in diesen geruhsamen Urlaub! Das erzwungene Nichtstun lähmte sie wie … ja, wie ein Nervengift! Mit Giften kannte sie sich als Krankenschwester ein bisschen aus ... alles eine Frage der Dosierung.
In Strümpfen im Sand sitzend, mit dem Blick aufs Meer, murmelnd und gestikulierend, so fand Inspektor Laurent Picot eine Stunde später seine Patentante neben dem Toten.
Er hatte sich gerade in der Gendarmerie in Challans aufgehalten, als der Anruf kam, und eine halbe Stunde später war er im Hotel eingetroffen und danach gleich mit dem Dorfarzt, Doktor Billaud, in dessen Automobil bis ans Ende des Dünenweges gefahren, unter der Führung des aufgeregten Jungen. Der Portier Monsieur Bertrand hatte auch den Hausburschen mitgeschickt.
Der Hoteldirektor Eugène Leroy, geradezu in Panik, hatte nur ein Fräulein Doktor erwähnt, das den Toten gefunden und als Gast seines Hauses identifiziert habe – welch eine Katastrophe! Mon dieu! Absolute Diskretion meine Herren! Wer will schon in einem Hotel wohnen, wo die Gäste unter merkwürdigen Umständen ums Leben kommen!
– Das erklärst du mir nachher, Tantchen, warum die glauben, dass du ein Fräulein Doktor bist! Und wie kommt es, dass ausgerechnet du den Toten gefunden hast?
– Es war der Strandjunge. Er hat mich geholt. Außer mir waren nur wenige Kindermädchen am Strand. Sag mal, ist er ertrunken?
Mit roten Wangen zog Amélie Morel sich an Laurents Hand aus dem Sand hoch. Für diese Doktorsache konnte sie wirklich nichts, da hat der Portier sich etwas zusammengereimt.
Der junge Inspektor sah sich um. Die Spurensuche nach der Flut kann man vergessen, zudem sieht es aus, als hätten die Wellen den Körper nur hier angeschwemmt.
Der echte Doktor beugte sich über den Toten, Billaud untersuchte ihn oberflächlich und brummte, ziemlich sicher ertrunken, der Inspektor durchsuchte die Hosentaschen und fand einen amerikanischen Führerschein auf den Namen «Montgomery R. Miller». Ziemlich aufgeweicht, aber noch lesbar.
– Ich hab doch gleich vermutet, dass es ein Ausländer ist!, rief Amélie Morel, kein Franzose würde sich so exzentrisch kleiden! So modisch. Schade eigentlich … fügte sie hinzu.
Niemand kümmerte sich um sie, zu dritt schleppten sie den Toten auf die Düne bis zum Automobil, bestimmt über hundert Meter weit. Der Doktor platzierte ihn wie einen Fahrgast im Fond des Wagens, anders war es nicht möglich, und den Hausburschen daneben, stütz ihn! Kreideweiß war der arme Kerl. Er hatte noch nie eine Leiche gesehen. Der tote Monsieur Miller wurde ins Hotel zurückgebracht, der Doktor wollte ihn noch genauer untersuchen. Der Direktor – absolute Diskretion! – gab ihnen dafür einen unbenutzten Raum im Erdgeschoss, das Zimmer des Chauffeurs, der seine Saisonstelle erst in ein paar Tagen antreten würde. Das Zimmer hatte einen direkten Zugang zum Hof, wo sich die Garagenboxen für die Automobile der Gäste befanden. So würden sie den Toten unbemerkt ins Haus schaffen können.
Amélie Morel und Gaston gingen zu Fuß über den Strand ins Hotel zurück. Da war kein Platz mehr im kleinen Wagen, aber selbst wenn, hätten keine zehn Pferde weder Amélie noch den Jungen in dieses Leichengefährt gebracht. Auf dem Rückweg tanzte Gaston aufgedreht um das Fräulein Doktor herum, die Zeitung … sicher kommt morgen ein langer Artikel … die stellen mir bestimmt viele Fragen … Ihnen auch Mademoiselle! … Wir werden berühmt …
– Sei endlich still, Kleiner! Du sollst mit niemandem darüber reden, hat der Inspektor dir doch eingeschärft. Und geh schon voraus!
Sie musste nachdenken, das Geplapper des Jungen störte sie, etwas mit dem Toten beschäftigte sie, etwas zwickte ihre Gedanken und sie bekam es einfach nicht zu fassen, dieses Etwas ...
Erhitzt und durstig kam sie im Hotel an und ging gleich in die Bibliothek neben dem Frühstücksraum, wo sich auch die Bar befand. Dort war es noch angenehm kühl und ruhig. Sie bestellte eine Limonade mit Eis und ließ sich in einen Sessel fallen.
Zwei Tische weiter saß eine Dame und blätterte durch eine Illustrierte. Sie wirkte mädchenhaft, aber ihr weißes Tailleur war für die Tageszeit und den Urlaubsort doch zu elegant, Amélie Morel musterte sie ungeniert. Ihre Haut war von einer ungewöhnlichen Blässe, sie hatte mit Bestimmtheit nicht den kleinsten Sonnenstrahl abbekommen. Dass mir bloß niemand zu nahe kommt, schien ihre ganze Erscheinung auszudrücken.
Amélie hatte sich gerade etwas von ihrem Strandmarsch erholt und nippte an der erfrischenden Limonade, als die Tür aufging und der Portier eintrat, hinter ihm der junge Inspektor.
Der zog die Augenbrauen hoch, nicht sonderlich erfreut, seine liebe Tante erneut und unerwartet anzutreffen, er hatte sich mit ihr für halb zwölf zum Aperitif auf der Hotelterrasse verabredet. Wohl wissend, dass sie vor Neugier fieberte und alles wissen wollte. Er ging an ihr vorbei, misch dich ja nicht ein!, warnte sein Blick.
Gekränkt nahm sie das «Journal de Challans» zur Hand, das auf dem Tisch lag, schließlich hatte sie ihn holen lassen. Sie verschwand hinter der Zeitung und spitzte die Ohren.
– Vermissen? Weshalb sollte ich Monsieur Miller vermissen?
Amélie blickte überrascht über den Rand der Zeitung. Die weiße Dame war die Ehefrau des Toten! Sie schaute sich die Dame jetzt unverhohlen an. Ein nettes Gesicht mit regelmäßigen Gesichtszügen, das man gleich wieder vergisst. Sie mochte dreißig, vielleicht auch fünfunddreißig sein. Eine rebellische Haarsträhne stand über ihrem linken Ohr ab, sie hatte sich aus dem strengen Knoten im Nacken befreit, in den Madame Miller ihr dünnes Haar gezwungen hatte.
Die Dame wirkte erleichtert, als sie neben dem unbekannten Herrn, der sie angesprochen hatte, den Portier erkannte. Monsieur Bertrand wand sich nervös.
– Weshalb fragen Sie mich das, Monsieur? Mein Gatte ist heute sehr früh nach Paris gefahren, er muss dort verschiedene Geschäftsleute treffen, die Weltausstellung, Sie wissen schon. Er kommt in einer Woche zurück.
Madame Miller sprach gut Französisch, distinguiert, mein Gatte sagte sie, nicht mein Mann, aber mit einem merkwürdigen Akzent, den Amélie Morel, die keine fremde Sprache beherrschte, als amerikanisch einordnete.
Mit einer Handbewegung bedeutete der Inspektor dem Portier, sich zu entfernen. Er wollte mit Madame Miller unter vier Augen sprechen. Dann warf er einen strengen Blick in ihre Richtung – Amélie verschwand hurtig hinter der Zeitung und horchte mit größter Anstrengung, denn Laurent sprach leise.
– Madame, Sie haben ihren Gatten also heute früh noch gesehen? Unwillkürlich passte der Inspektor seine Wortwahl an.
– Nein … ich … ich bin leidend und liege nachts oft wach … wir haben eine Suite mit zwei Schlafzimmern … er hat um halb sechs ein Taxi nach Nantes genommen, von dort die Eisenbahn, er musste um ein Uhr in Paris sein … eine Verabredung zum Mittagessen … Aber weshalb fragen Sie mich das alles? Ist etwas passiert?
Amélie äugte über den Blattrand. Die Wangen der Madame Miller überzogen sich plötzlich mit roten Flecken, ihre Augen bekamen einen fiebrigen Glanz.
– Was ist passiert, Monsieur? … Ein Unfall mit dem Taxi?
Der junge, unerfahrene Inspektor verabscheute solche Situationen. Gerade als er sich Madame Miller gegenübergesetzt hatte und nach den passenden Worten für seine schlechte Nachricht suchte, stürmte eine junge Dame in den Raum, an Amélie vorbei und blieb dann beschützend neben Madame Miller und mit blitzenden Augen vor dem Inspektor stehen.
– Mit wem haben wir die Ehre?
Das Misstrauen in ihrer Stimme war unüberhörbar. Fürsorglich legte sie ihre Hand auf die Schulter von Madame Miller.
Laurent erhob sich und stellte sich vor:
– Inspektor Picot … und mit wem habe ich die Ehre?
– Adrienne, die Schwester von Madeleine, Madame Miller.
Da Laurent ihr den Rücken zudrehte, guckte Amélie nun ungeniert über die Zeitung.
Adrienne hatte die gleichen ebenmäßigen Züge wie ihre Schwester, aber sie war wie die lebendige Version von Madame Miller, die einer Wachsfigur ähnelte. Selbst ihr Haar glänzte lockig und lebenslustig in einem goldenen Blond, während dasjenige ihrer Schwester fahlblond zu einem braven Chignon gebunden waren. Adrienne dürfte zahlreiche Verehrer unter den jungen Malern hier im Hotel haben! Amélie lächelte.
Ihre Stimme klang jetzt nicht mehr so forsch.
– Was wollen Sie von uns, Herr Inspektor?
Ihr Neffe druckste herum. Aber warum schonungsvoll um den ungenießbaren Brei herumreden, es muss ja gesagt werden.
– Monsieur Miller ist heute Morgen tot am Strand aufgefunden worden. Wir haben ihn ins Hotel gebracht, er liegt in einem Raum im Erdgeschoß. Wenn Madame bitte mit mir kommen würde, um ihn zu identifizieren …
Der junge Inspektor war völlig unvorbereitet, als er den spitzen Schrei hörte und sah, wie Madeleine Miller langsam zu Boden glitt, wo sie reglos liegenblieb. Flehend sah Laurent Picot jetzt zu seiner Tante hinüber. Amélie war bereits aufgesprungen und drückte sich zwischen den Tischen hindurch. Jetzt brauchte er sie!
– Hol einen Calvados an der Bar!
Mit Hilfe von Adrienne bettete sie die ohnmächtige Madame Miller auf das Sofa und hielt ihr dann den Schnaps unter die Nase. Die zartbesaitete Dame kam schnell wieder zu sich.
Auf keinen Fall will sie ihren toten Mann sehen, das würde sie nicht verkraften!
Auf ihrer weißen Stirn glänzten winzige Schweißperlen, die geschlossenen Augenlider, durchscheinend wie Pergament, zuckten, sie atmete hektisch, die zarten Nasenflügel flatterten. Es war nichts zu machen, Madame Miller weigerte sich standhaft.
Amélie schaute ihren Neffen mit strengem Blick an und schüttelte den Kopf. Sie befürchtete einen weiteren Schwächeanfall. Die Dame, die zur Witwe geworden war, tat ihr leid. Die Schwester soll sie auf ihr Zimmer bringen und Laurent soll den Doktor nachher zu Madame Miller schicken. Wenn er mit der Untersuchung des Toten fertig sei.
Adrienne sah mit offenem Mund von einem zum andern.
– Sie kennen sich?
Das brachte Laurent Picot auf die Idee.
– Mademoiselle, Sie kennen den Toten ja auch. Würden Sie so freundlich sein und mit mir kommen, um ihn zu identifizieren?
– Und? Er war es, nicht wahr? Erzähl schon!
Amélie Morel sprach mit unterdrückter Stimme, denn sie saßen auf der Terrasse des Hôtel de la Plage und rundum waren alle Tische besetzt. Man kümmerte sich jedoch gegenseitig nicht um die Gespräche an den Nachbartischen, wie immer vor dem Mittagessen herrschte eine heitere, appetitanregende Stimmung unter den plaudernden Hotelgästen. Sie beugte sich ungeduldig über den Tisch und hätte beinahe ihr Glas Troussepinette umgestoßen.
Laurent Picot zog an seiner Zigarette und stieß den Rauch hastig aus. Bereits die dritte Zigarette in einer halben Stunde, er war nervös. Vor einem Jahr hatte er seine Stelle als Inspektor im kleinen Kommissariat von Les Sables-d’Olonne angetreten, dies hier war sein erster Toter. Der erste Tote, bei dem die Todesursache nicht klar war. Sein erster richtiger Fall! Vielleicht gar ein großer Fall, von dem jeder Kriminalist träumt … mit Beförderung! … Jetzt bloß keinen Fehler machen, Picot!
Im vorderen Teil der Veranda, wo Tante und Neffe saßen, wurde es wärmer und wärmer, die Mittagssonne brannte prall auf die Markisen. Die Terrasse begann sich langsam zu entvölkern, Alt und Jung schritt zum Mittagessen in den Speisesaal, den man den ganzen Vormittag lang mit Zugluft kühl gehalten hatte.
Er bemerkte sehr wohl das Funkeln in Amélies Augen, als sie ihn drängte zu erzählen, was sich danach im Zimmer des Chauffeurs, wo der tote Monsieur Miller lag, abgespielt hatte.
Selbst wenn der junge Inspektor eine bessere Intuition gehabt hätte, wäre er nie auf die Idee gekommen, dass die ganze Identifiziererei mit einer solchen Überraschung enden würde! Was durfte er seiner Tante erzählen, was nicht? Er schwitzte und rieb seine Handflächen an der Hose ab.
Er steckte die vierte Zigarette an.
– Gib mir auch eine! Amélies Hand kam fordernd über den Tisch.
– Seit wann rauchst du denn?
– Seit jetzt!
Amélie Morel war höchst erregt, ihr erster Toter, nicht wie die im Krankenhaus, nein, ein richtiger Toter, bei dem man nicht wusste, wie er gestorben war, ein Verbrechen! Zu diesem außerordentlichen Ereignis passte die erste Zigarette!
Laurent zuckte die Schultern, die Tante war schließlich alt genug, er zog eine Zigarette und ein weiteres Kartonmundstück aus dem Päckchen, reichte es Amélie und gab ihr mit dem Streichholz Feuer.
– Na ja … mit ziemlicher Sicherheit handelt es sich um einen Unfall, also kein Grund zur Sorge, Tante!
Ach, ihre Sorge war doch, dass es nur ein Unfall sein könnte! Amélie hielt die Zigarette zwischen Zeigfinger und Mittelfinger, wie sie es bei den eleganten Damen gesehen hatte, und zog mit spitzen Lippen am Mundstück. Der Rauch brannte grässlich im Hals, sie hustete heftig.
Laurent Picot schmunzelte.
– Doktor Billaud meint, angesichts der Totenstarre liege der Todeszeitpunkt vermutlich zwischen Mitternacht und zwei Uhr. Niemand weiß, weshalb Montgomery Miller um diese Zeit so weit draußen in der wilden Düne war.
Amélie Morel blickte auf den flimmernden Sand hinaus. Von Zeit zu Zeit nahm sie so nonchalant wie möglich einen kleinen Zug, stieß den Rauch aber sogleich wieder aus. Hörte sie überhaupt zu?
Der Strand hatte sich bereits geleert und brütete unter der Mittagshitze. Nur zwei Köter jagten sich gegenseitig um die geschlossenen Strandzelte herum. Auf der Terrasse flaute das Stühlerücken und Aufstehen um die beiden herum langsam ab. Laurent Picot leerte sein Glas Weißen.
Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn, ich hab’s! Endlich!
– Laurent, den Monsieur Miller hab ich gestern Abend gesehen!
Dieser Herr, dessen Namen sie gestern noch nicht kannte, saß einige Tische von ihr entfernt hier auf der Terrasse, er hatte ihr den Rücken zugekehrt und trank einen Whisky. Sie saß bei ihrem Schlummertrunk, Pflaumenlikör, und hatte sich mit Madame Legrand, ihrer Tischnachbarin im Speisesaal, darüber gewundert, weshalb die Engländer und Amerikaner Whisky, dieses bittere Getränk, so liebten. Gegen elf war Monsieur Miller aufgestanden und an den Strand hinuntergegangen. Er hatte den Lichtschein durchquert, den die Terrassenlaternen auf den Sand warfen, und sich Richtung Strandcafé entfernt, das noch geöffnet war, und war dann im Dunkeln verschwunden ...
– Ich habe mir nichts dabei gedacht, Laurent ... er muss danach in den Dünen spazieren gegangen sein ... Weshalb? Der Himmel war bedeckt, die Nacht war dunkel und windig ...
– Und jetzt kommt’s, Laurent! Es ging mir die ganze Zeit im Kopf herum: die Kleider!
– Was ist mit seinen Kleidern? Ziemlich ausgefallen, ja.
Amélies Stimme überschlug sich beinahe:
– Monsieur Miller trug gestern Nacht, als er in die Dünen spazieren ging – was wir vermuten, nicht wahr! – andere Kleider! Eine unauffällige dunkle Hose und ein gestreiftes Hemd!
– Bist du dir da ganz sicher, Tante?
– Ja, ja! Mit der grünen Hose und dem Karohemd hab ich ihn nur einmal an einem Vormittag gesehen. Das ist doch sehr merkwürdig, nicht wahr, Laurent?
– Hm, nicht unbedingt, vermutlich ist er einfach zurückgekommen und hat sich umgezogen.
Amélie Morel sah ihn zweifelnd an. Diese Erklärung war ihr viel zu banal …
Auf der Terrasse saßen jetzt nur noch sie beide, alle andern Hotelgäste hatten ihre Plätze im Speisesaal eingenommen. Ungeduldig wartete sie auf die angekündigte Sensation. Sie war hungrig und es wurde langsam unerträglich heiß draußen. Sie hatte ihren Neffen zum Mittagessen ins Hotel eingeladen.
– Komm, gehen auch wir endlich essen! Der Service hat bestimmt schon begonnen. Du erzählst mir alles auf dem Weg zum Speisesaal!
Laurent nickte, drückte seine kaum angerauchte Zigarette im Aschenbecher aus und stand auf. Galant reichte er seiner Tante den Arm. Sie errötete. Das noble Hotel färbte auf ihren kleinen Neffen ab.
– Jetzt erzähl endlich!
Doktor Billaud hatte den Inspektor im Chauffeurzimmer ungeduldig erwartet. Man hatte ihn heute Vormittag mitten aus der Sprechstunde geholt. Über zehn Patienten warteten vermutlich geduldig oder weniger geduldig auf seine Rückkehr. Der Hoteldirektor Monsieur Leroy schwirrte wie eine aufgeregte Hornisse im Gang umher und hielt allfällige Angestellte, die sich dorthin verirren sollten, von der Tür fern, die ins Zimmer führte, wo der Tote einstweilen lag. Bis man weiß, was weiter mit ihm geschehen soll.
Als der Inspektor mit Adrienne im Zimmer stand, in dem ihr toter Schwager lag, war das selbstsichere Fräulein doch ziemlich blass, ihre Lippen zitterten ...
– Mademoiselle Adrienne gefällt dir, gib’s zu!, Amélie tätschelte lächelnd den Arm ihres Neffen.
– Ach was!, Laurents Wangen röteten sich, unterbrich mich nicht ständig, Tantchen, wenn du hören willst, was sich ereignet hat …
Im engen Raum war es stickig, die Läden vor dem Fenster waren zugezogen, ein kümmerliches elektrisches Deckenlicht brannte. Laurent Picot schwitzte in der drückenden Stille, die der Tod verbreitete. Ein modriger Algengeruch hing im Raum, vermutlich von den Kleidern des Toten, vom auffälligen rotgrünen Karohemd und der grünen Hose. Auf der andern Seite der Zimmertür, die auf den Flur hinter der Rezeption führte, lachte fröhlich das ahnungslose Leben, helles Stimmengemurmel drang von außen in den dämmrigen Raum.
Der Tote, der auf der mit einem Leinen abgedeckten Matratze lag – das Bett war nicht gemacht, Kissen und Wolldecke hatte man schnell zur Seite geräumt – war mit einem zweiten Laken zugedeckt. Die rechte Hand blieb sichtbar, zur Faust geballt.
Doktor Billaud wandte sich leise an ihn, der Tote habe verschiedene Schürfungen und Kratzer im Brustbereich, am Hals und im Gesicht, die könnten von Steinen im Wasser stammen …
Es herrschte eine nervöse Reglosigkeit im Raum, die ihm merkwürdig vorkam. Aber die Situation, der ertrunkene Miller, aufgebahrt auf dem Bett des künftigen Chauffeurs, war ja alles andere als alltäglich.
– Darf ich?
Doktor Billaud war bereit, das Laken vom Gesicht des Toten zu ziehen. Er nickte und bemerkte mit Erleichterung, dass der Doktor das Gesicht des Toten etwas gereinigt und ihn gekämmt hatte.
Zögernd trat die Schwägerin des Miller Montgomery näher. Ihre Augenlider bebten.
– Ich … ich hab noch nie einen Toten gesehen … der Tod verändert das Gesicht.
– Ja, zudem hat der Mann mehrere Stunden im Salzwasser gelegen ...
– Geht es, Mademoiselle?, fragte der Doktor nach einer Weile besorgt.
Sie nickte tapfer.
– Es ist Montgomery, ja.
In dem Augenblick – Doktor Billaud wollte gerade das Laken wieder über das Gesicht des Toten ziehen – wurde die Tür aufgerissen und Madame Miller stürzte ins Zimmer, gefolgt vom händeringenden Hoteldirektor Leroy, der es nicht geschafft hatte, sie aufzuhalten.
Sie rannte zum Bett und blieb wie angewurzelt vor ihrem toten Mann stehen, sie zitterte am ganzen Körper und schrie mit dünner Stimme, die dem jungen Inspektor in den Ohren wehtat:
– Nein, nein, das kannst du mir nicht antun … Montgomery, nein!
Dann warf sie sich über den Toten und schluchzte fassungslos.
War das ein Tumult in dem engen Zimmer! Die untröstliche Madame Miller auf dem Gesicht des Toten … ihre erschrockene Schwester … der hysterische Hoteldirektor … der brummige Doktor Billaud, der endlich nach Hause wollte ... und mittendrin er selbst, der jetzt dringend eine Zigarette gebraucht hätte.
Laurent brach ab, er blieb vor dem Speisesaal stehen und hielt seine Tante zurück, er will die Geschichte draußen zu Ende erzählen, das ist nichts für die allzu neugierigen Ohren und Münder der Tischnachbarn.
Amélie brannte vor Neugier.
– Erzähl endlich, beeil dich! Die tragen schon die Suppe auf!
Hinter der Glasscheibe der Doppeltür sah man die Kellner ihre Servicewagen, auf denen große silberne Schüsseln dampften, zu den Tischen fahren.
– Ja. Jetzt kommt’s!
Der Doktor hatte versucht, Madame Miller sachte wegzuziehen. Sie aber klammerte sich an das Laken, zog so die Bedeckung, ohne es zu wollen, mit sich ... ihr toter Mann lag bis zum Hosenbund nackt da, das Hemd war offen. Madame Miller bemerkte durch die Tränen ihr Ungeschick, sie wollte das Tuch wieder auf den Körper ihres Mannes legen … und stutzte abrupt ... sie beugte sich über seinen Bauch und starrte, reglos ...
Im Zimmer war alles verstummt. Draußen ging das Leben weiter, die Tür zum Hof schloss nicht sehr gut, das Zufahrtstor quietschte, man hörte einen Motor knatternd in den Hof fahren und schließlich stehen bleiben, eine Fehlzündung knallte im Auspuff, Stille, dann schlug eine Wagentür zu, und eine Stimme rief etwas Unverständliches.
– Das … das kann nicht …
– Wie bitte?
– Der … der Mann da … ich glaube, es ist nicht mein Mann …
Verschüchtert schaute Madeleine Miller, die wie ihre Schwester nie zuvor einen Toten gesehen hatte, den Doktor an.
Der Doktor kratzte sich am Hinterkopf und schaute den Inspektor an.
– Aber Ihre Schwester und der Herr Hoteldirektor ebenfalls haben ihn eindeutig …
– Nein!
Die Stimme der zarten Witwe Miller klang mit einem Male resolut, als ob eine unerwartete Hoffnung ihr plötzlich Kraft verliehen hätte.
– Der da ist nicht mein Gatte! Der sieht aus wie Montgomery, aber er ist es nicht!
Amélie Morel riss die Augen auf.
– Das hat sie tatsächlich gesagt, die Ehefrau?
– Ja, Doktor Billaud meinte, wohl ein klarer Fall von Augenverschließen vor der Realität.
Durch die Glasscheibe der Speisesaaltür drang das vertraute Stimmengemurmel beim Mittagessen, Gelächter, eifriges Besteckeklappern und Gläserklirren. Als Laurent die Schwingtür öffnete, wurden die Geräusche sehr laut, und die Fischsuppe dampfte schnell ihre Düfte in die Eingangshalle hinaus.
– Man kennt das, Kinder machen vor etwas Bedrohlichem die Augen zu, dann existiert es nicht mehr … Madame Miller wird akzeptieren müssen, dass ihr Mann tot ist, meinte der junge Inspektor altklug.
– Die merkwürdigen Umstände seines Ertrinkens reichen mir vollauf als Komplexität! Jedenfalls habe ich eine Autopsie angeordnet. Um sicherzugehen, dass er ertrunken ist. Die Leiche wird nach La Roche-sur-Yon ins Gerichtsmedizinische gebracht ...
Amélie kribbelte ein Schauder über den Rücken. Denn ein verwegener Gedanke drängte sich in ihrem Kopf hervor.
Da Laurent vor seiner Tante in den Speisesaal trat, sah er nicht, wie sie eine hoffnungsvolle Augenbraue hochzog.
– Und wenn sie recht hat, die Ehefrau?, fragte Amélie Morel hinter seinem Rücken.
Die beiden Schriftsteller: Wie man in eine Kriminalgeschichte einsteigt und Glausers Zweifel
Simenon dreht sich zu seinem Begleiter um.
So, den Anfang hätten wir! Selbstverständlich lässt sich daran noch herumfeilen und das eine oder andere Adjektiv streichen, wie üblich. Aber mal eine erste Skizze. Es kommt ja sehr darauf an, nicht wahr, cher collègue, wie man in eine Geschichte einsteigt. Ob man dem Leser die Möglichkeit gibt, den künftigen Toten erst als lebendigen Menschen kennenzulernen, oder ob das Opfer bereits zu Beginn tot ist. Diese Variante scheint mir für unser Vorhaben besser geeignet …
Die beiden stehen im Sand am Rand der Düne. Weiße Wolken mit grauen Bäuchen jagen vor der Sonne durch, ihre Schatten rasen über den Sand, hell, dunkel, hell, dunkel.
Also, Glosère, was halten Sie von dieser Ausgangslage für eine Kriminalgeschichte? Eröffnet dieser Anfang genügend Möglichkeiten für die weitere Entwicklung der Handlung? Sie müssen jetzt Ihren Stüdère in die Geschichte bringen und ich übernehme danach wieder mit meiner Amélie und ihrem Inspektorneffen und so weiter. Mal sehen, wohin uns das führen wird …
Der große Simenon fragt, was er, Friedrich Glauser, vom Anfang der Kriminalgeschichte halte! Glauser ringt zwischen Stolz und Verlegenheit um die richtigen Worte.
Er wüsste nicht, was ändern, murmelt er schließlich neidvoll.
Seine Anfänge … Herrjeh … Auch er wirft sie zügig hin und dann – geht meist nichts mehr. Die Handlung verliert sich wie ein Trampelpfad im dichten Unterholz und man kommt nicht weiter … Oder man sieht wie beim «Matto» vor lauter Details die ganze Handlung nicht mehr. So abgeplagt wie mit diesem Roman letztes Jahr hat er sich nicht mal mit seinem Legionsroman! Den ganzen Anfang musste er mehrmals umschmeißen. Und die unzähligen Umarbeitungen der leidigen «Fieberkurve» … der Roman will einem einfach nicht gelingen. Man muss immer wieder von vorne anfangen, und er will und will keine Form annehmen, obwohl man Erfindungsgabe und Arbeit daran vergeudet!
Man kommt so langsam dahinter, wie schwer es ist, einen passablen Kriminalroman zu schreiben. Er hat gemeint, dass man mit ein paar gelungenen Details einen Roman auf die Beine stellen könne. Das stimmt nicht, leider gar nicht. Das ist es, was man in Selbsterkenntnis und Selbstkritik festgestellt hat. Es ist immer die alte Geschichte! Man merkt plötzlich, dass man eigentlich noch gar nichts kann.
An die Amélie Morel, lacht Simenon, muss er sich allerdings erst gewöhnen … aber die eigenwillige kleine Dame wird es schaffen, ihrem etwas naiven Neffen die Würmer aus der Nase zu ziehen und hartnäckig ihre eigenen Ideen zu verfolgen. Mal sehen, was hinter dem merkwürdigen Tod des Monsieur Miller steckt ...
Messieurs! Messieurs!
Die Stimme klingt seltsam tönern, beide Männer drehen überrascht die Köpfe.
Nur wenige Meter hinter ihnen sitzt auf dem Dünenrand eine merkwürdige Gestalt. Wie ist sie dahingekommen? Weder Simenon noch Glauser haben etwas gesehen oder gehört. Gut, nicht verwunderlich, so vertieft in ihre beginnende Kriminalgeschichte, wie die beiden waren. Die Gestalt winkt mit einer Holzkrücke.
Messieurs! Kommen Sie näher!
Wie eine Stimme – eine Männerstimme – aus dem Grab, Glauser überfällt eine Gänsehaut. Erst als Simenon ein paar Schritte auf die Gestalt zugeht, folgt er ihm. Der Mann trägt ein braunes Kostüm, altmodisch aber sauber, eine Hand steckt in der Jackentasche. Der Ärmel flattert seltsam schlapp im Wind. Da steckt kein Arm mehr drin. Und das Gesicht des Einarmigen … Glauser weicht zurück. Ebenmäßige Züge, ein faltenloses Gesicht … Ein Frauengesicht!
Der Mann mit dem schönen Frauengesicht schwingt sich mit Hilfe der Krücke auf die Beine. Messieurs! In seiner Stimme hört Glauser nun unverkennbar einen spöttischen Unterton. Sie haben Glück, Messieurs, heute steht Kassandra vor Ihnen. Eine Prophezeiung für einen Sou! So billig erfahren Sie nirgends die Wahrheit!
Sein Lachen klingt schauerlich und hohl. Der Mann trägt eine Maske, eine stilisierte griechische Frauenmaske.
Simenon schmunzelt und kramt in den Hosentaschen nach Kleingeld. Er scheint den Einarmigen zu kennen und drückt ihm ein Geldstück in die Hand. Wir hören!
Merci, Monsieur! Sehr großzügig! Ich kenne Sie. Sie sind Gast im Hôtel de la Plage. Sie bekommen Ihre ganz persönliche Weissagung …
Die Maske schweigt und schaut über das Meer. Das nicht schön blau ist, sondern bräunlich wegen des aufgewühlten Sandes. Glauser, gebannt zwischen Schauer und Faszination, rührt sich nicht.
Im Anfang ist schon das Ende gespiegelt, nickt die Maske – hoheitsvoll kommt es Glauser vor – den beiden Männern zu und wendet sich zum Gehen.
Der Einarmige entfernt sich mit seiner Krücke seltsam elegant durch das hohe Dünengras, obwohl er ein Bein nach sich zieht, und verschwindet in einer Senke.
Glauser rührt sich nicht, wer ums Himmels willen war das?
Simenon zuckt die Schultern, ein Kriegsversehrter, einer der vielen … das halbe Gesicht weggeschossen … Er hat ihn schon mehrmals am Strand gesehen. Ein Bettler, wie es scheint. Aber nicht aufdringlich, er weiß, was sein Anblick auslöst.
Einer der vielen jungen Männer, denen der Krieg die Zukunft amputiert hat. Dem Großen Krieg hat man eine ganze Generation geopfert, man hat ihr Leben auf dem Schlachtfeld zerstört oder verstümmelt. Vielleicht schlimmer noch, in all den Körpern, die äußerlich heilten, bleiben die verstümmelten Seelen zurück. Und die sieht man nicht.
Für Simenon ist der Einarmige eine Mahnung, die immer wieder die Narbe des Vergessens aufreißen soll, damit nie wieder … Er holt Luft, er hat Glück gehabt, er war bei Kriegsbeginn erst elf.
Glauser ebenfalls. Hat Glück gehabt. Dass er Schweizer war und sein Land sich irgendwie aus dem Krieg rauszuhalten vermochte. Denn er war bei Kriegsbeginn achtzehn, und wäre er Franzose oder Deutscher … Er erzählt Simenon nicht, dass er die Rekrutenschule als Gebirgsartillerist absolviert hat, danach aber als dienstuntauglich entlassen worden ist.
Jetzt holt Glauser tief Luft, seine Weissagung – was halten Sie davon?
Simenon zuckt erneut die Schultern, schweigt diesmal. Er lässt sich nicht von irgendwelchen Sprüchen beeinflussen.
Auch Glauser schweigt. Und wenn die Prophezeiung stimmt? Wenn der Anfang ihrer Geschichte das Ende unweigerlich schon enthält? Vielleicht spiegelbildlich, als Palindrom? Ohne dass man als Autor sich dessen bewusst ist? Bei einem Kriminalroman – ist der Autor nur das Werkzeug der Geschichte eines Verbrechens, die erzählt werden will? Völlig absurd! Glauser schüttelt energisch den Kopf.
Lassen wir den Einarmigen! Sind bloß Sprüche, der hat einige solche in petto. Simenon legt die Hand auf Glausers Arm, der aufgeschlagene Ärmel seines Hemds flattert.
Monsieur Glosère, wir müssen nun ihren Commissaire Stüdère in unseren Fall mit dem ertrunkenen Montgomery Miller einführen. Offiziell wird er mit Inspektor Picot ermitteln, aber in Wirklichkeit wird er es mit Amélie Morel zu tun bekommen, denn sie wird ihre Nase überall reinstecken … Ich lasse ihren Spürsinn die Zusammenhänge aufdecken und nicht den unerfahrenen Neffen Laurent Picot …
Glauser verzieht skeptisch den Mund. Die Jungfer Morel wird seinen massigen Wachtmeister Studer nicht so leicht um den Finger wickeln können wie ihren Inspektorneffen. Sein Sturkopf von Studer holt in verzwickten Situationen zwar schon mal Rat bei seiner Frau Hedy, aber den Fall löst immer noch der Mann! Jawoll! In ihrer Geschichte muss Studer auf unbekanntem Terrain im Ausland eine Ermittlung durchführen, schwierig genug, und dann kommt ihm noch eine gwundrige Weibsperson in die Quere, die ihre eigenen Ideen zum Fall hat … Wenn das nur gut kommt ...
Glauser wagt nicht, etwas zu sagen, ein Wort zu viel und der Traum als der Glauser mit dem Simenon … löst sich auf wie Rauch im blauen Himmel …
Er fröstelt im aufkommenden Wind und ist hungrig, Geld für ein Mittagessen hat er keines.
Erwartungsvoll schaut Simenon seinen Begleiter an. Legen Sie los, cher collègue, das ist ihr Part! Haben Sie eine Idee, wie wir den Stüdère hierher an den Atlantik und in die Geschichte bringen?
Ja, hat er. An Geld mangelt es Glauser immer, an Ideen nie.
Dritter Tag, Ankunft von Wachtmeister Studer mit Ehefrau Hedwig in Saint-Georges
Mit dem Schnellzug von Bern nach Basel, mit dem Nachtzug der französischen Ostbahn von Basel nach Paris – im günstigeren Liegewagen, die Schlafwagenplätze waren in den knauserigen Reisespesen nicht vorgesehen –, am nächsten Morgen mit der Pariser Metro – wie immer, wenn Studer nach einiger Zeit den Geruch einatmete, der dort unten herrschte, diesen Geruch nach Staub, erhitztem Metall und Desinfektionsmittel, schlug ihm das Herz ein wenig schneller –, mit der Metro also vom Gare de Strasbourg quer durch den Bauch von Paris zum Gare de Montparnasse und am Vormittag mit der Staatlichen von Paris nach Nantes.
Wachtmeister Studer hatte diese Strecke mit der Staatlichen gebucht, weil auf deren Eisenbahnnetz die legendären Bugatti Autorails fuhren, und sie hatten Glück! Frau Hedy Studer bekam von ihrem Mann die technischen Merkmale dieses futuristischen Zuges in aller Ausführlichkeit erklärt, während die Brissagos zwischen seinen Fingern qualmten. Sie fand, dass eine solch verrückte Geschwindigkeit von hundertvierzig Kilometern in der Stunde beim Stricken doch sehr störe. Es rüttelte und schüttelte, und wie!
In Nantes hatten die beiden umzusteigen, und mit der Staatlichen ging es bis Challans, von wo mehrmals täglich ein Autobus nach Saint-Georges fuhr. In einem Anfall von mutigem Leichtsinn beschloss Studer jedoch, von Challans bis zur Pension Zur Goldenen Glocke ein Taxi zu nehmen.
Das Taxi, das leistet man sich nach der langen Zugfahrt, fürs Hedy vor allem, man möchte seiner Frau doch ein bisschen imponieren, auch wenn ein Berner Fahnderwachtmeister rechnen muss, und die Spesen werden auf den Rappen nachkalkuliert! Wehe, wenn man zu viel berechnet, wehe, wenn man sparen könnte und es nicht tut! … Studer hatte es erlebt, dass ihm einmal ein Schnellzugzuschlag Basel-Bern nicht ausbezahlt worden war. Ein Personenzug hätte es auch getan!, hatte es damals geheißen. Aber diese Taxifahrt muss der «Alte» schlucken, man wird dann sehen!
Beinahe dreißig Stunden war Wachtmeister Studer mit seiner Frau Hedy unterwegs, und vierzehn Brissagos hat man bereits geraucht. Besorgt zählte er im Geist seinen Vorrat durch, man kann zählen, so viel man will, sechzehn bleiben noch, was nie langen wird, nie und nimmer. So liebenswürdig und so gastfreundlich die Franzosen auch sind, Brissagos kennen sie nicht. Man hatte keine Zeit vor der Abreise, noch weitere zu kaufen, war das ein Gschtürm!
Das Taxi schlängelte sich im Schritttempo zwischen den Menschentrauben auf der Avenue de la Plage durch, die vom Dorf quer durch den Dünenwald pfeilgerade zum Seebadviertel am Meer hinunterführte.
– Schau, die kommen bestimmt von einem langen Tag am Strand zurück! Sonnengetränkt, so kamen Frau Studer all die braungebrannten Familien vor, die in entgegengesetzter Richtung zurück auf den Zeltplatz im Dünenwald und in ihre Hotels und Pensionen spazierten.
Sie hatte das Seitenfenster heruntergekurbelt – fremdartige Ferienluft wehte ins Wageninnere, Salzluft mit Sonnenöl – und manchmal winkte ein kleines Kind, beeindruckt von der schwarzglänzenden Limousine, ist das eine Königin? Beinahe so fühlte sich Frau Studer. Dass sie das erleben durfte!
Sie winkte aufgeregt und deshalb nicht sehr majestätisch zurück. Keine ihrer Bekannten war je in den Ferien gewesen und schon gar nicht im Ausland! Für die Frau eines kleinen Beamten wie der Studer war es schon allerhand, für ein paar Tage ins Tessin zu fahren … und jetzt ist die Frau Wachtmeister quer durch ganz Frankreich gereist! Paris! Bis – ja, bis ans Meer!! An den großen Atlantik!
Wie verrückt hämmerte das Herz vor Aufregung gegen den Brustkorb, es zerspringt fast. Und diese frische Meeresluft, sie kann nicht genug davon bekommen! Und all die modischen Sommerkleider hier … Herrjeh, und sie hat gestern Vormittag die falschen Kleider eingepackt, so musste sie pressieren, nur ein einziges kurzärmeliges Kleid, es war so kühl und regnerisch in Bern.
– Es zieht, brummte Studer.
Er habe ja bloß Angst, dass ihm die Brissago ausgehe, s’Hedy wird übermütig in dieser berauschenden Luft, sie denkt nicht daran, das Fenster zu schließen, so viele Stunden hat sie es in den stinkenden Zugabteilen ausgehalten, die ihr Köbu verqualmt hat!
Der Wachtmeister knurrte etwas Unverständliches und legte schützend die linke Hand über die wertvolle Brissago, die man in Frankreich leider nicht kaufen kann.
Dieses Gschtürm gestern Morgen! Kaum hatte er, pünktlich um acht wie jeden Tag, im Amtshaus z’Bern die Bureautür geöffnet und seinen nassen Regenmantel auf den Ständer hinter der Tür aufgehängt, den ebenso triefenden Hut darüber, ein Sauwetter da draußen und das Ende Juni – am liebsten tät er sich schütteln wie ein nasser Hund – da rief auch schon der Gefreite Reinhardt: zum Polizeihauptmann, Köbu, sofort. S’brennt irgendwo! Und kaum hatte Studer an die Tür des Chefs geklopft, rief auch der schon: Komm rein Studer, sollst schnellstens zum «Alten» rüber! Geheime Mission, von ganz oben!
In jedem Staatsbetrieb gibt es wenigstens einen Mann, der gewissermaßen das Salz des ganzen Betriebs ist. Von ihm, der als Außenseiter gilt, wird keine allzu regelmäßige Arbeit verlangt; das Alltägliche, mit seinem Stumpfsinn, wird ihm ferngehalten – oder besser, er hält es sich selbst vom Leibe. Dieser Mann findet vor allem Verwendung – und darin liegt eben sein Wert –, wenn etwas Außergewöhnliches zu tun war. Wenn es gilt, eine verworrene Situation aufzudröseln. Dann wird er gebraucht, dann ist er unersetzlich.
Wachtmeister Studer war das Salz der Berner Kantonspolizei. Das war wohl der Grund, der den Herrn Polizeidirektor dazu veranlasste, für diesen heiklen Fall den Studer holen zu lassen …
Der Polizeidirektor war ein stiller Mann, sah aber gar nicht nach einem Stubenhocker aus, braungebrannt wie er war, er stieg sommers und winters auf die Berge. Daneben hatte er eine Hundezucht und Studer musste, genau wie letztes Mal, erst eine Viertelstunde andächtig zuhören, was der Herr Direktor ihm eifrig über den Unterschied zwischen den verschiedenen Pedigrees beibringen wollte.
– Aber ach, der Polizeidirektor nahm endlich das Telegramm zur Hand, das vor ihm auf dem Tisch lag, kommen wir zur Sache. Eine unangenehme Sache. Der Polizeidirektor seufzte, sehr unangenehm. Spät nachts noch hat man ihm dieses Telegramm vorbeigebracht, hoch vertraulich, ein Jugend- und Parteifreund, Stettler, alte Berner Familie, der Studer verstehe sicher ... Dessen Tochter ist … hm, er räusperte sich trocken … war verheiratet mit dem Zürcher Geschäftsmann Müller oder Miller Montgomery, ein Amerikaschweizer – schon das ist heikel, sehr heikel, Studer! Denn der Schwiegersohn sei unter mysteriösen Umständen ertrunken. In den Ferien, in Frankreich, an einem Ort am Atlantik, der dem hohen Polizeidirektor gar nichts sagt. Und, er hustete diesmal richtig, jetzt kommt’s: Der ertrunkene Müller oder Miller Montgomery sei nicht ihr Gemahl, behauptet die Ehefrau Müller oder Miller Madeleine, geborene Stettler! Soll das noch einer verstehen! Wolle er seine Meinung wissen, Studer? Die Witwe steht unter Schock, ist durchgedreht, ganz einfach.
– Der einflussreiche Vater Stettler, er seufzte erneut, mein einflussreicher Parteifreund, traut der französischen Polizei nicht, er hat zusätzlich einen schweizerischen Fahnder angefordert, internationaler Fall ... Gehört eigentlich in die Zuständigkeit der Kantonspolizei Zürich, da Müller in Zürich wohnhaft ist … Aber der alte Parteifreund schreibt im Telegramm, der Polizeidirektor setzte umständlich seine Brille auf: «Dringend besten Fahnder der Berner Kantonspolizei nach Saint-Georges (Vendée) schicken! Spesen werden übernommen. Erwarte so schnell wie möglich Antwort. Danke!»
– Also, Studer, sagte der hohe Vorgesetzte, was halten Sie von der Sache?
Was man von der Sache hält? Viel, sehr viel! War dies vielleicht der «Große Fall», von dem jeder Kriminalist träumt, auch wenn er nur ein einfacher Fahnder ist? Aber Studer war alles andere als ein einfacher Fahnder. Wäre Studer «einfach» gewesen, so hätten seine Kollegen, vom Polizeihauptmann bis zum simplen Gefreiten, nicht behauptet, er «spinne mängisch». An dieser Behauptung war zum Teil die große Bankaffäre schuld, eine Intrigengeschichte, die ihm das Genick gebrochen hatte damals, als er wohlbestallter Kommissär bei der Stadtpolizei gewesen war. Er hatte den Abschied nehmen und bei der Kantonspolizei als einfacher Fahnder wieder anfangen müssen. In kurzer Zeit war er zum Wachtmeister aufgestiegen; denn er sprach fließend drei Sprachen: Französisch, Italienisch, Deutsch. Er las Englisch. Er hatte bei Groß in Graz und bei Locard in Lyon gearbeitet. Er besaß gute Bekannte in Berlin, London, Wien – vor allem in Paris. Den Divisionskommissär Madelin von der Police Judiciaire zum Beispiel. An kriminologische Kongresse wurde gewöhnlich er delegiert. Wenn seine Kollegen behaupteten, er spinne, so meinten sie vielleicht damit, dass er für einen Berner allzu viel Fantasie hatte. Aber auch dies stimmte nicht ganz. Er sah vielleicht nur etwas weiter als seine Nase, die lang, spitz und dünn aus seinem hageren Gesicht stach und so gar nicht zu seinem massigen Körper passen wollte.
Der Studer war ein guter Spürhund, er konnte den Schweiß der Zwänge förmlich riechen, unter denen der Polizeidirektor jetzt stand …
– Einerseits, murmelte der Direktor und wischte sich über die Stirn, sei der Parteifreund sehr einflussreich …
Er gebrauchte gern die Form «einerseits-andrerseits». Und Studer hat auf den Stockzähnen gegrinst, weil er die Bemühungen seines Gegenübers sah, den zweiten Teil des Satzes auszusprechen. Endlich:
– Andrerseits die Zürcher Polizei … Wir wollen es den Zürchern zeigen. Wir Berner!
Als guter Spürhund konnte Studer auch die Gedanken seines Gegenübers lesen. So deutlich, wie wenn sie dem Polizeidirektor auf die Stirne geschrieben wären: Ob der Studer hier faulenzt oder ob er Ferien nimmt, bleibt sich gleich. Löst er die Sache nicht zur Zufriedenheit, so pensionieren wir den Mann. Der geht sowieso auf die sechzig zu.
Das jedoch sagte der Polizeidirektor nicht, sondern:
– Sie müssen heute noch reisen, Studer, die üblichen Spesen, Zug dritte Klasse, versteht sich! Und ein Zimmer in einer günstigen Familienpension. Ich lasse gleich nach Saint-Georges telegrafieren.
Der Direktor war unter Druck, jemanden zu schicken. Keine Zweifel. Sonst übernahm Zürich. Er hatte nur den Studer. Und der wollte bessere Reisebedingungen aushandeln. Zweitklassabteil im Zug, im Schnellzug! Und seine Frau soll auch mitkommen! Jawoll. Ab nächstem Montag hatte er nämlich eine Woche Ferien genommen, er wollte mit dem Hedy ins Tessin fahren.
Hätte man als junger Mann nicht die Entscheidung getroffen, sich auf die Seite der Guten zu schlagen und Polizist zu werden, wäre man vermutlich ein erfolgreicher Erpresser geworden. Und wäre jetzt reich. Als Ehrlicher aber muss man sich heute mit mageren sechshundert Franken Monatslohn durchschlagen.
Während Studer sich die Szene des gestrigen Morgens beim «Alten» genüsslich nochmal durch den Kopf gehen ließ, hielt das Taxi vor der Pension Zur Goldenen Glocke. Er schmunzelte noch beim Aussteigen und nahm einen tiefen Zug aus seiner Brissago, denn er hatte erreicht, was er wollte, s’Hedy und er sind in der zweiten Klasse gereist. Sie durfte mit, aber falls es ihm, dem Studer, nicht gelingen sollte – nicht gelingen!, hatte der Polizeidirektor doch tatsächlich geglaubt anfügen zu müssen –, den merkwürdigen Todesfall des Müller Montgomery aufzuklären, der nach Aussagen seiner Ehefrau nicht ihr Mann war … dann habe der Studer die Kosten für seine Frau aus der eigenen Tasche zu berappen. Davon weiß Frau Studer allerdings nichts.
Der Wachtmeister bezahlte das Taxi, er brauche aber eine Quittung! Hedwig Studer stieg aus dem Wagen, stützte beide Hände ins Kreuz und dehnte ihren schmerzenden Rücken. Sie strich über den völlig zerknitterten Rock und zog die verschwitzte Bluse glatt, die klebte unangenehm am Körper. Das stundenlange Sitzen im Zug war Gift für ihr steifes Kreuz. Wenn jetzt bloß die Hex nicht einen Schuss setzt!
Die Pension lag unweit der belebten Avenue de la Plage an einem ruhigen Seitensträßchen, umgeben von hübschen kleinen Strandvillen in allen nur erdenklichen Baustilen. Hinter der Pension begann gleich der Dünenwald, und ein würziger Kieferngeruch, vermischt mit Salz und Jod, durchfloss die Abendbrise vom Meer her, die Frau Studer tief einatmete. Alles war so unglaublich fremdartig. Noch heute Abend muss sie der Tochter eine Ansichtskarte schicken. Zum ersten Mal am Meer!
– Zum Meer? Da hinunter!, zeigte der Hausbursche mit einer Ellbogenbewegung, da er gerade die Koffer der neuen Gäste ins Haus trug und schnaufte, es ist so groß, dass Sie es nicht verfehlen können!
Er grinste. Den Parisern kann man jeden Bären aufbinden, sicher auch diesen tumben Schweizern!
Studer sah dem frechen Burschen verärgert nach, doch eigentlich sah er seinem neuen Koffer aus brauner Vulkanfiber nach, letztes Jahr auf seiner geheimen Reise nach Marokko als falscher französischer Inspektor musste er leider von seinem geliebten ramponierten Koffer aus Schweinsleder Abschied nehmen und den da kaufen.
Aber erst hat man die Formalitäten zu erledigen, man rennt nicht gleich ans Meer! Die Anmeldung ausfüllen, das Zimmer beziehen und die Koffer leeren, letzteres gehörte zu den Pflichten seiner Frau. Hedwig Studer stieg denn auch ohne Widerspruch mit dem Schlüssel für Zimmer Nr. 3 hinter dem Hausburschen die helle Holztreppe hoch.
Studer wartete am Tisch, der beim Eingang als Rezeption diente, mit dem Hut in der Hand und wischte sich bestimmt zum hundertsten Mal mit dem längst feuchten Nastuch über Nacken und Stirn.
Madame Merle, die Besitzerin der Pension, kramte hektisch in den Papieren auf dem Tisch und dann in einer Schublade herum.
Was sucht die Frau denn? Man möchte endlich den viel zu warmen dunklen Reiseanzug ausziehen, der so eklig an einem klebt wie eine nasse Fahne am Mast. Ungeduldig schaute er sich um. Ein hartnäckiger Hauch Javel von der morgendlichen Putzerei schwebte noch in der Eingangshalle.
Halle war übertrieben, ein Raum, der zugleich als Eingang, Durchgang und Aufenthaltsraum für die Pensionäre zu dienen schien, schwarze und weiße Bodenplatten, keine Teppiche, die Wände bis Brusthöhe getäfert mit demselben hellen Holz wie die Treppe, darüber grüngelbe Tapeten mit einem zackigen Muster, Studer schüttelte innerlich den Kopf, ein nüchternes Regal an einer Wand, nur Holzbretter mit ein paar Büchern und Zeitschriften drauf, mehrere viereckige Tischchen, deren Schlichtheit kein Tuch verbarg, kurz, alles modern, sehr eckig modern alles, und ungemütlich, vor allem die Sessel!
– Ich werd’s gleich gefunden haben ... wo hab ich sie denn bloß hingesteckt … nehmen Sie doch bitte Platz, Monsieur le Commissaire, rief Madame Merle nervös und wies auf die beiden Sessel vor ihrem Tisch.
Studer begutachtete sie misstrauisch – es waren dieselben Exemplare wie bei den langweiligen Tischchen – wer sich da hineinsetzt, kommt nie wieder hoch! Jedenfalls der Studer nicht. Tief waren sie, mit ungepolsterten, ebenso tiefen Armstützen. Er schüttelte den Kopf, was sucht die gute Frau eigentlich?
– Da sind sie ja! Aus dem Gestell mit den Fächern und Zimmerschlüsseln hinter ihr an der Wand – zwölf Zimmer hatte die Pension Zur goldenen Glocke – zog Madame Merle triumphierend zwei Briefe aus dem Fach Nr. 3, die sind heute für Sie abgegeben worden, einer am Mittag und der da vor kaum einer halben Stunde. Scheint wohl etwas Wichtiges und Dringendes zu sein?
Für «Monsieur le Commissaire Studer personellement!» stand auf beiden Briefen. Da schneit ihr das Schicksal einen Kommissar aus der Schweiz ins Haus und schon kommen zwei Briefe für ihn, wenn das kein wichtiger Mann ist. Diese Neuigkeit müssen ihre Freundinnen sofort hören, mon dieu, werden die sie beneiden! Noch besser wäre allerdings, sie wüsste, von wem die Briefe stammen … Ihre Nase, die überall reingesteckt wurde und reiche Erfahrung besaß, hatte sofort den zarten Veilchenhauch des zweiten Briefes gerochen …
Sie beugte sich ungeniert über den Tisch, als Studer einen Brief aufriss, natürlich den Veilchenbrief. Könnte sie doch bloß den Namen der Schreiberin lesen – nur eine Weibsperson, eine Dame!, schickt einem Herrn Veilchenbriefe ... Einem verheirateten Herrn!
Studer durchschaute die Wirtin, man hat schließlich nach so vielen Jahren Polizeiarbeit ein bisschen Menschenkenntnis gesammelt, er drehte sich weg, aber nur so viel, dass die neugierige Klatschbase glaubte, doch noch den Namen entziffern zu können. Sie kennt schließlich das halbe Dorf. Vor allem muss sie unbedingt in Erfahrung bringen, weshalb ein Kommissar aus der Schweiz bei ihr abgestiegen ist. «Ferien» hat er auf das Anmeldeformular als Zweck des Aufenthaltes geschrieben, aber für wie dumm hält er Madame Merle, natürlich glaubt sie ihm kein Wort! Bestimmt eine geheime Mission. Ist in Saint-Georges gar ein Verbrechen passiert, von dem sie noch nichts weiß? Wäre unglaublich, geradezu unverschämt!
Der Wachtmeister grinste hinter dem Papier, man kann die Gedanken der guten Frau lesen, als ob die da im Brief aufgeschrieben wären.
Aber was steht denn nun im Brief? Er ist von Frau Müller, Madeleine Müller, geborene Stettler. Sie müsse den Kommissär Studer unbedingt sehen, bevor er den französischen Inspektor treffen wird. Es sei sehr wichtig! Sie erwarte ihn um halb sechs im Café du Centre, sie trage ein blaues Leinenkostüm, einen weißen Sommerhut und ein blaugelb gestreiftes Foulard. Sie wird ein Buch in der Hand halten.
Tropfen fielen von der Stirn des Wachtmeisters und hinterließen auf dem edlen Büttenpapier dunkle Flecken, unter denen die blauen Buchstaben zu zerfließen begannen … Gopfridstutz!, fluchte er, und Madame Merle, die noch nie ein schweizerdeutsches Wort gehört hatte, verstand sofort, dass etwas sehr Ärgerliches, ja bestimmt höchst Dramatisches in diesem Brief stehen musste!
– Gibt es ein Problem, Monsieur le Commissaire?, fragte sie lauernd.
Mit leicht zitternden Fingern holte Studer ein weiteres Mal sein Nastuch aus dem Hosensack und fuhr sich über den Haaransatz und den Schnauz.
Diesmal ist es eine innere Hitze, die aufsteigt und einem so zu schaffen macht. Eine noble Dame, die Frau Müller, man kann sich nicht so blamieren mit den Reisekleidern. Man spürt richtig, dass man einen Schritt in eine andere Welt tut, und es ist fast peinlich, diese Welt in den dunklen Kleidern zu betreten, die noch gestern im verregneten und kühlen Bern angebracht gewesen sind.
Er ging eilig zur Treppe und ließ ohne Bedauern die zutiefst gekränkte Madame Merle zurück, da fiel sein Blick auf die Uhr über der Glastür zum Speisesaal, eine modern quadratische Uhr mit Zahlen, keine römischen Ziffern, und die zeigten unmissverständlich auf Viertel nach fünf!
Studer hatte keine Ahnung, wo er das Café du Centre finden und ob er das in einer Viertelstunde schaffen würde, aber keinesfalls die hilfsbereite Madame Merle danach fragen. Wenn der Name nicht völlig irreführend war, musste sich das Café im Dorfzentrum befinden.
Und so war es auch. Seinem Instinkt folgend war der Wachtmeister die Avenue de la Plage hochgegangen, in seinem dunklen förmlichen Reiseanzug, nicht mal die Krawatte wagte er zu lockern, inmitten der luftig und sportlich gekleideten Strandheimkehrer. Alle lachten sie bestimmt hinter seinem Rücken, man fühlt sowas. Dann durch den Dünenwald, der vor einem dunkelblauen Himmel in allen Grüntönen leuchtete und duftete, was er kaum beachtete, so schnell, wie er ging, und so heftig, wie er keuchte, und auf der andern Seite des Waldes am kleinen Bahnhof vorbei ins Dorf hinunter, bis zum großen viereckigen Platz, den schon das Taxi bei der Herfahrt durchquert hatte. Der Platz war mit den typischen Platanen gesäumt und hieß bestimmt Place de la République. So war es, wie es sich gehört in einer Republik, und dort lag unübersehbar das Café du Centre gegenüber der Kirche. Ja, man kann sich auf seinen Instinkt und seine Frankreichkenntnisse verlassen.
Studer schnaufte und schwitzte und stand zwei Minuten nach halb sechs vor der Terrasse des Wirtshauses. Die wenigen Tischchen ohne Schatten waren leer, das Gelächter und Gläserklirren drängte sich unter die schützenden Sonnenschirme. Hier im Westen verspürte die Junisonne am späten Nachmittag noch keinerlei Lust zu sinken, stolz und hoch am Himmel stand sie und heizte den Menschen tüchtig ein.
Wie findet man im Gewimmel an den Tischchen die Frau Müller? Sie hatte den Landsmann in seinem schwarzen Gehrock bereits erkannt, ein schwerfälliger Rabe, der inmitten bunter Sommervögel gelandet war. Sie winkte kaum merklich mit dem Buch, als Zeichen, dass sie die Madeleine Müller ist, was unnötig war, man hatte sie auch gleich erkannt.
Die zierliche junge Frau im blauen Kostüm mit blaugelb gestreiftem Schal und weißem Hut saß da wie ein exotisches Vögelchen inmitten einer lärmenden Spatzenschar, und dem Studer stieg noch mehr Röte ins Gesicht.
Ein heimliches Rendezvous mit der Geliebten, diskrete Handzeichen, die niemand sehen darf … Sieht das nicht alles so aus? Wenn das Hedy, die ja von nichts weiß, ihn jetzt so sähe … Dem massigen Wachtmeister brach der Schweiß auch noch aus der allerletzten Pore ob der Lächerlichkeit, nicht der Szene, aber seiner Gedanken. Wenn man sich bloß unsichtbar machen könnte!
– Frau Müller?, fragt man wie ein dummer Schulbub, und fügt schnell an, damit die Frage nicht so unnötig war: oder Frau Miller? Wie heißen Sie denn nun richtig in diesem Namensdurcheinander? Wenn der Wachtmeister verlegen ist, hört er sich schon mal ruppig an.
– Müller, lächelte sie, sie will ihm das schnell erklären, aber setzen Sie sich doch erst mal, Herr Kommissär Studer!
Man wollte den Kommissär-Irrtum sofort bereinigen und hatte schon das Maul geöffnet, die Hand gehoben … aber die Dame ließ einen nicht zu Wort kommen, sie scheint es nicht gewohnt zu sein, dass man sie unterbricht.
– Es ist so, Herr Studer, mein Schwiegervater Theodor Müller, Gott hab ihn selig, ist vor der Jahrhundertwende nach Amerika ausgewandert und hat sich dort als Miller niedergelassen. Mein Mann Montgomery ist in Boston zur Welt gekommen, aber nach dem Krieg … Ach Gott, sie winkte dem Kellner, der gerade am Nachbartisch Getränke ablud, Sie müssen ja verdursten, was möchten Sie denn gerne trinken, Herr Studer? Auch ein Glas Muscadet? Ein trockener Weißwein aus der Gegend. Kann ich sehr empfehlen. Sie sind natürlich mein Gast!
Da fühlt man sich schon die ganze Zeit wie ein geteerter und gefederter Bär, der fliegen soll, und jetzt wird man noch von einer Dame eingeladen, wie beschämend, denkt sie etwa, der kleine Polizist kann sich kein Glas Weißwein leisten? Der durstige Studer sehnte sich aber nach einem Bier. Oder noch lieber zwei!
Der Kellner hatte den stummen Hilferuf gehört und fragte ohne zu fragen:
– Ein großes Pression für den Herrn?
Dankbar nickte Studer, unter Männern versteht man sich. Mit der Dame gegenüber schien es etwas schwieriger.
– Wo war ich? Ach ja, der Krieg, Montgomery kam nach dem Krieg mit seinen Eltern in die Schweiz zurück, weil Montgomerys Mutter Schwindsucht hatte und in Arosa im Sanatorium war. Leider starb sie ein paar Jahre später. Wir heißen offiziell Müller. Ich weiß jedoch, dass mein Mann sich bei seinen Geschäften manchmal Miller nennt ... nannte …
Sie senkte den Kopf, Studer sah nur noch den breiten Rand ihres Hutes, und mit einer eleganten Geste, die dem Wachtmeister ziemlich theatralisch vorkam, zog Frau Müller ein winziges Etwas aus der Handtasche und betupfte sich damit die Augen.
Sollte man ihr nicht sein Beileid ausdrücken? Aber wenn sie so sicher ist, dass der Tote nicht ihr Mann ist, macht man sich doch lächerlich. Studer schnaufte, wie soll man da wissen, was richtig ist?
– Bitte sehr der Herr!
Der Kellner stellte das schäumende Glas Bier vor Studer, der sich am liebsten draufgestürzt hätte, aber stattdessen voller Verlangen die köstlichen Tropfen verfolgte, die über das beschlagene Glas rannen, während er ergeben wartete, bis die Dame ihr Tüchlein wieder versorgt hatte.
– Prost!
Studer gab sich mit einem tiefen lautlosen Seufzer endlich dem ersehnten Bier hin. Kühl und bitter rann es den Hals hinunter und hinauf in Studers heiße Wangen. Die Dame hob auch ihr Glas.
– Zum Wohl, Herr Kommissär. Es tut mir schrecklich leid, dass Sie diesen weiten Weg auf sich genommen haben, nur wegen eines einfachen Todesfalls.
Er sei kein Kommissär, brummte Studer und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum aus dem Schnauz, er sei Wachtmeister bei der Berner Kantonspolizei!
– Wie bitte?
Frau Müller schaute verwirrt auf, ihr Vater hatte doch heute Vormittag telegrafiert, der beste Experte der Berner Polizei für ungewöhnliche Vorfälle sei nach Saint-Georges beordert worden, um die Angelegenheit zu klären. Wie kann ein kleiner Wachtmeister …
Man hat die Nase voll, gestrichen voll, sich immer rechtfertigen zu müssen! Studer schnaubte, er sei mal Kommissär gewesen, sei über eine Intrigenaffäre gestolpert. Habe danach bei der Kantonspolizei nochmal ganz unten anfangen müssen …
Wie unerträglich drückend es war, selbst im Schatten. Aber der Wachtmeister saß jetzt mit dem Rücken in der Sonne, die ganz hinterhältig gewandert war. Jetzt hätte man gerne eine Brissago angezündet. Wenn die Dame endlich mal zur Sache käme!
Die Dame schien nicht überzeugt, wirklich einen der besten Fahnder vor sich zu haben. Aber das spielte ohnehin keine Rolle mehr, wenn sie das gesagt haben würde, was sie dem Herrn Kommissär, der keiner mehr war, zu sagen hatte.
Es tue ihr leid ...
Weil man nicht mehr Kommissär war oder weil man den weiten Weg gemacht hat?
… denn es sei ganz eindeutig. Der Tote sei bestimmt ihr Mann, sie habe unter Schock gestanden, als sie ihn so tot da liegen sah – wieder nestelte sie in ihrem Täschlein nach dem winzigen Etwas – sie habe es einfach nicht glauben wollen. Erneut tupfte sie ihre Augenwinkel und sah dann Studer an.
– Sie sind vergebens hierhergeschickt worden, Herr Kom … Herr Studer, sagte sie jetzt mit entschiedener Stimme, es gibt nichts zu ermitteln. Es gibt nichts Mysteriöses! Es war mein Mann Montgomery und er ist ertrunken, ein Unfall, weil er spät nachts am Strand betrunken, so scheint es, von der Flut überrascht worden ist.
Frau Müller sah Studer so herausfordernd in die Augen, dass der Wachtmeister verwirrt den Blick senkte.
Was hat die Frau gesagt? Man hat sich wohl verhört, das Gelächter am Nebentisch schallte ins linke Ohr, während sie sprach. Er schüttelte den Kopf, um das Geräusch loszuwerden.
– Doch, Herr Studer, so muss es gewesen sein. Man sagt hier, dass die Flut mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes über den flachen Sand hochkommt.
Studer drehte das leere Bierglas mit beiden Händen.
Eine sternenlose und mondlose Nacht, der Strand ist bei Ebbe unendlich weit und verliert sich im Dunkel. Der Studer steht weit unten im feuchten Sand. Er hört gigantische Wellenpferde aus der Finsternis herandonnern, er sieht einen Mann in der Dunkelheit umhertorkeln, der Mann stolpert und fällt hin, die Wellen galoppieren heran und über ihn hinweg, hinten schäumen ihre Schweife von fluoreszierender Gischt, die Flutrosse trampeln den Betrunkenen in den Sand, das Meer deckt ihn endgültig zu. Betrunken ertrunken.
Es könnte so gewesen sein. Vielleicht. Vielleicht nicht. Studer rieb sich die Augen, schüttelte nochmals den Kopf, diesmal, um die Bilder loszuwerden.
– Es tut mir wirklich leid …
Wie oft will die Dame das eigentlich noch sagen? Sie schaute ihm wieder herausfordernd in die Augen, und diesmal hält man stand!
– … aber Ihr Auftrag, Herr Studer, ist somit erledigt, annulliert. Eine Untersuchung ist unnötig, auch der französische Inspektor ist dieser Meinung.
Sie wird gleich danach ihrem Vater telegrafieren, damit er alles stoppe.
Wieder zurück in der Pension ging Studer eilig die Treppe hinauf, man muss sich endlich mal umziehen, und stürmte ins Zimmer Nr. 3.
Vor der geöffneten Kleiderschranktür stand eine mollige und hübsche Rothaarige im Unterkleid, erschrocken wandte sie sich um und schrie beim Anblick von Studer … Vom Bett sprang sofort ein Hüne von einem Mann, ebenfalls im Unterhemd, und kam drohend auf Studer zu ...
Gopfridstutz, wo ist man hier gelandet?
– Pardon, stammelte der Wachtmeister mit hochrotem Gesicht und hob beschwichtigend die Hände, falsches Zimmer!, und stolperte rückwärts wieder hinaus.
Man war doch richtig, das ist Zimmer Nr. 3!
Links und rechts hatten sich die Zimmertüren verstohlen einen Spaltbreit geöffnet. Von unten hastete außer Atem Madame Merle die Treppe hoch.
– Monsieur le Commissaire! Sie haben ein anderes Zimmer, Nr. 10. Ihre Frau wollte wechseln!
Oben auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock erschien Frau Studers verlegenes Gesicht, sie rief mit unterdrückter Stimme, denn es war schon genug Tumult im Haus:
– Vatti, komm, mir sind än Stock höcher!
– Man solle ihn nicht Vatti nennen, brauste Studer auf.
Er war überreizt, ein langer Tag lag hinter ihm, im Nachtzug hatte man wohl die Augen zugetan, aber nicht geschlafen, dann die lange Fahrt, die ungewohnte Wärme hier, die böse Überraschung mit Frau Müller, diese peinliche Zimmergeschichte und jetzt auch noch «Vatti»! Es war begreiflich, dass ihm die Geduld riss.
Zimmer Nr. 10 war groß, mit zwei Fenstern übers Eck, durch das eine leuchtete der Dünenwald jetzt golden im Abendlicht, Bettstatt und Schrank alles schnörkellos gerade und modern, helles Holz auch hier – war das Akazie? – und die Wände mit hellblau gezackten Tapeten bezogen.
Warum die Frau eigenmächtig, ohne ihn zu fragen, das Zimmer gewechselt habe?
– Im andern Zimmer gab es nur ein Bett! Ein ziemlich breites zwar, aber nur eines! Wir zwei Alten in einem Bett, Herrjeh, Köbu … wir wären uns ständig in die Quere gekommen. Wegen dir hab ich ein anderes Zimmer verlangt, eines mit zwei Betten, du brauchst doch deinen Schlaf bei diesem schwierigen Fall!
Frau Studer hatte es ihretwegen gemacht. Das eine Bett im andern Zimmer, sie hatte sich probeweise daraufgelegt, die Sprungfedern im Unterbett waren lahm und weich, und der Köbu ist groß und schwer. Der liegt dann in der Mitte, bequem in seinem tiefen Nest, links und rechts steht die Matratze schräg in die Höhe, sodass sie ständig auf ihn rutschen würde … Nein!
– S’gibt keinen schwierigen Fall mehr, knurrte Studer und berichtete seiner Frau vom Gespräch mit der Dame Müller.
– Dann hat sie noch angefügt, machen Sie doch mit ihrer Frau Gemahlin – das bist du Hedy! – eine Woche Ferien hier in Saint-Georges, sie übernehme die Kosten, als kleine Entschädigung für meine Umtriebe – häsch scho mal so öppis ghört!
Studer war immer noch außer sich.
– Und meine Nase sagt mir, dass da etwas faul ist! Die Dame wollte ihn loswerden, wollte niemanden, der in ihren Angelegenheiten, oder vermutlich eher in denjenigen ihres toten Mannes, herumschnüffelt.
– Was machsch jetzt?, fragte die praktisch veranlagte Frau Studer mit möglichst gleichgültiger Stimme und wandte sich schnell ab, damit er ihr Lächeln nicht sah.
Sie konnte ihr Frohlocken nicht unterdrücken, eine Woche Ferien hier in diesem aufregenden Seebad, und ihr Mann, der Zeit hatte, weil er nichts mehr zu tun hatte, nichts zu fahnden … Das klang fast paradiesisch!
Der zweite Brief, der für ihn am Mittag in der Pension abgegeben worden war, kam, wie Studer vermutete, vom französischen Inspektor, der für die Ermittlung im Fall Montgomery Miller zuständig war. Inspektor Laurent Picot schrieb:
«Hoffe, dass Sie und Ihre Frau Gemahlin gut gereist sind und dass die Unterkunft Ihren Wünschen entspricht. Ich erwarte Sie gerne zum Aperitif um sieben Uhr auf der Terrasse des Hôtel de la Plage. Es ist mir eine Ehre, den Herrn Kommissar über den Stand der Dinge im Fall Montgomery Miller zu unterrichten. Hochachtungsvoll, Ihr Inspecteur Laurent Picot.»
Ein höflicher Mann, dieser Inspektor Picot. Der Wachtmeister starrte auf das Blatt, gewöhnliches Büropapier, der Inspektor scheint ein junger zu sein ... umso besser. Soll man dem Picot sagen, dass man vom Fall abgezogen wird? Nein! Man wird nichts von der beschämenden Unterredung mit Frau Müller berichten.
Seine finstere Miene hellte sich auf. Was lässt sich der alte, gewiefte Fahnder Studer so von der Müllerin ins Bockshorn jagen? Man wird sehen! Vater Stettler hatte Studer «angefordert», weil er den Franzosen nicht traute. Jetzt war es Ehrensache zu beweisen, dass man etwas mehr war als ein bequemes Schild … oder besser: dass man mehr war als ein gewöhnlicher Parapluie für Frau Müller, den sie aufspannt, wenn es regnet … und wieder schließt, wenn es ihr beliebt. Nein, vom Fall abziehen kann einen nur der «Alte». Und dem Polizeidirektor wird man gleich nach dem Treffen mit Picot ein Telegramm schicken und ihm sagen, was Sache ist, hier vor Ort. Jawoll.
Die Stunde des abendlichen Aperitifs hatte auch die Sonne milde gestimmt, sehr sanft legte sie nun ihre Strahlen auf die Köpfe der Menschen, die sich um die Theke des Strandcafés drängten, die Haare leuchteten golden und kupfrig und bronzen, manch eine Dame wurde von der Sonne listig mit einem Strahlenkranz ums Haupt gekrönt.
Der Strand vor dem Café war erschöpft vom sonnigen Tag und gezeichnet von Tausenden von Füßen, die ihre Abdrücke hinterlassen hatten, doch die Kinder und letzte Spaziergänger, die lange Schatten hinter sich herzogen, gaben dem Sand noch keine Ruhe. Das Meer plätscherte weit unten. Ein Pferd, das herumscharrt und sich überlegt, wann es losrennen soll ...
Studer stand am Ende der Avenue de la Plage, zwischen dem Strandcafé rechts und dem Hôtel de la Plage linker Hand und schaute auf Strand und Meer. Das Bild einer Landschaft, die man zum ersten Mal sieht, nimmt man erst später so richtig in sich auf. Im ersten Moment erscheint alles fremd und sonderbar. Die heitere Abendstimmung im französischen Seebad umsäuselte vergebens die beschäftigten Gedanken des Schweizer Wachtmeisters, der sich fragte, ob das Meer jetzt wohl stieg oder zurückging … Man hat so ein Gefühl, nach der Geschichte der Frau Müller mit den galoppierenden Rossen, dass man sich um diese Flut-Ebbe-Sache ernsthaft kümmern muss.
Auf der Terrasse des Grandhotels und unter dem Schatten der rotgelb gestreiften Markisen schwebte bereits jetzt im Juni eine Sommerabendstimmung von kühlem Bier in beschlagenen Gläsern, von klirrenden Eiswürfeln, die in bunten Aperitifgetränken schwammen, von Zeitungen aus Paris, die soeben eingetroffen waren.
Ein junger Mann und eine ältere Frau saßen bei einem Pernod (er) und einem Suze (sie) und erwarteten, leicht nervös der Polizist, freudig neugierig die Dame, einen Kommissar aus der Schweiz.
Der mit einem offiziellen Auftrag hergeschickt worden war, weil der Tote nicht Amerikaner, sondern Schweizer war, ein Geschäftsmann, mit Beziehungen in höchste Kreise, vermutlich eine sehr wichtige Persönlichkeit, wenn die Schweiz einen Spezialisten herschickt.
– Bloß keine internationalen Verwicklungen!, hatte der hohe Polizeichef in La Roche-sur-Yon dem kleinen Inspektor Laurent Picot befohlen, als er ihn gestern Mittag persönlich angerufen hatte. Den Fall Miller Montgomery schnell abschließen … eindeutig ein Unfall … keine andern Möglichkeiten verfolgen! … Ich verlass mich auf Sie, Picot!
Von dieser Order – dass es eine war, daran ließ der Patron in La Roche-sur-Yon keine Zweifel – hatte der Inspektor seiner Tante selbstverständlich nichts gesagt. Natürlich auch nicht, dass er nach diesem Telefonat seines Chefs sofort in der Pathologie angerufen hatte … Nein, man habe mit der Meerleiche noch nicht angefangen … Sofort stoppen, es wird keine Autopsie gemacht, den Leichnam lagern bis neue Order, hatte er angeordnet. Um jegliche Möglichkeit nicht erwünschter Ergebnisse gleich auszuschließen.
Der rechtschaffene Laurent Picot schwitzte und rutschte auf seinem Stuhl hin und her, misstrauisch beobachtet von Amélie Morel. Wie ist er bloß in diese vermaledeite Zwickmühle geraten! Sein Gewissen hämmerte … natürlich müsste man die Leiche obduzieren … zu vieles ist seltsam. Laurent rieb seine feuchten Hände an den Hosenbeinen. Eine Manie. Aber jetzt gilt es erstmal, diesen Schweizer Kommissar zu überzeugen, dass es nichts Auffälliges am Tod von Miller gibt. Ob der schon weiss, dass man ihn vom Fall abziehen wird, wie Madame Miller ihm versichert hat?
Amélie Morel hatte sich selbst zu diesem Treffen eingeladen, Laurent hatte ihr gegenüber unklugerweise erwähnt, dass er den Kommissar aus der Schweiz zum Aperitif erwarte, wonach es für sie ein Leichtes war, ganz zufällig kurz vor sieben über die Terrasse zu spazieren und ein freies Tischchen zu suchen.
– Mon p’tit Laurent, welch eine Überraschung! Da setz ich mich doch gleich zu dir und leiste dir Gesellschaft!
Laurent Picot, wohlerzogen, wagte nicht, seine liebenswürdige Tante wegzuschicken.
– Ich muss aber sehr bitten, Tante, du mischst dich nicht ein und sagst kein Wort!
– Aber, wäre das nicht sehr unhöfl… schon gut!
Amélie war etwas gekränkt, als ob sie sich nicht zu benehmen wüsste!
Der Hoteldirektor Monsieur Leroy pflegte die Gewohnheit, zur Zeit des Aperitifs auf der Terrasse von Tischchen zu Tischchen gehend mit seinen Gästen zu konversieren, hier ein Händeschütteln, dort eine angedeutete Verbeugung vor einer beperlten Dame, und unablässig tanzte ein geschäftstüchtiges Lächeln unter seinem dünnen schwarzen Schnurrbärtchen.
Der Inspektor beobachtete den Hoteldirektor, der ihm unsympathisch war, und er vermutete, zu Recht, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte. Als Leroy sich langsam ihrem Tischchen näherte, spürte er das dringende Bedürfnis, sich mit dem Anzünden einer Zigarette zu beschäftigen.
Monsieur Leroy hatte sie längst entdeckt, den Inspektor und das Fräulein Doktor, die man womöglich noch schärfer im Auge behalten musste, und fragte sich beunruhigt, weshalb die beiden hier saßen. Beobachtet der Inspektor etwa einen Verdächtigen? Mit größter Besorgnis verfolgte Monsieur Leroy auch, wie sich nur ein paar Tische weiter hinten Suzy Furet angeregt mit einem Gast unterhielt, ihn vermutlich ausfragte! Die freche Schnüfflerin vom «Journal de Challans» steckt ihre Nase wieder überall rein ... mon dieu, hatte sie vielleicht gar Wind bekommen …
Dann sah Leroy einen Mann langsam die Treppe heraufsteigen, und dem armen Hoteldirektor blieb das Herz stehen: Da kam noch einer! Unverwechselbar ein Kommissar! Es schien ihm jetzt ratsamer, den Polizistentisch mit einer solchen Verstärkung lieber aus gebührender Entfernung zu beobachten. Leroy änderte seine Route und bog am Nachbartisch scharf rechts ab.
Inspektor Picot hatte sich an einem Tischchen neben der Treppe zum Strand niedergelassen, um keinen der Ankömmlinge zu übersehen, er würde ja wohl einen schweizerischen Kommissar erkennen. Seit der Lehrzeit bei der Police Judiciaire in Paris hatte man einen Riecher für Kollegen, ob sie Franzosen, Belgier, Italiener, Deutsche oder Holländer waren, warum sollte ein Schweizer anders sein. Man ähnelte sich über die nationalen Grenzen hinweg. Recht hatte er. Aber was da die Treppe hochkam, das war keine Ähnlichkeit, das war eine Kopie seines Chefs!
Etwa gleiches Alter wie der Patron, ebenso groß und breit, hellgrauer Konfektionsanzug, der etwas aus der Form geraten war, weil der Körper, der darin steckte, massig war, das Jackett besonders an den Oberärmeln schon ein wenig ausgebeult, dagegen ist nichts zu machen, entweder hat man Muskeln oder man hat keine!, pflegt der Chef zu sagen. Und der da hatte auch welche! Nur war das magere Gesicht des Schweizer Kommissars mit seiner dünnen Nase bleich, das seines Patrons hingegen meist weinrot. Es gab noch einen weiteren Unterschied, wie Picot mit Erleichterung feststellte. Der andere trug einen kräftigen Schnurrbart, der den Mund bedeckte, sodass man nicht recht wusste, lächelte der Mann oder war er ernst.
Auch Studer erkannte seinen «Kollegen» augenblicklich, als er langsam und suchend die Treppe zur Hotelterrasse hinaufstieg. Ein dicklicher Mann mit bravem Scheitel dank Brillantine, ein paar letzten Pickeln auf dem Kinn und einem schmalen Schnäuzchen über der Oberlippe, der in seinem modisch hellen Sommeranzug so nervös schwitzte, dass Studer ihn sogleich mochte.
– Inspecteur Picot? Stüdère, Police cantonale de Berne. Bonsoir!
Wachtmeister Jakob Studer von der Berner Kantonspolizei sprach das Französische fließend und ohne deutsche Färbung.
Picot sprang auf, schüttelte ihm die Hand.
– Sehr erfreut, Monsieur le Commissaire Stüdère! Seien Sie willkommen! Darf ich Ihnen Amélie Morel vorstellen – sie war es, die den Toten gefunden hat!
Studer wunderte sich, was hat dieses Frauenzimmer bei einem Gespräch unter Männern verloren? Als Picot seinen überraschten Blick bemerkte, meinte er verlegen, meine Tante! Studer verstand, so läuft das hier, und er reichte ihr mit einem Kopfnicken die Hand.
– Guten Abend, Madame!
– Mademoiselle! Commissaire, Mademoiselle!
– Oh pardon, Mademoiselle!
Natürlich, sie war unverkennbar eine ältere Jungfer, mit diesen züchtigen Kleidern – ein braves dunkelblaues Jäckchen über dem Blümchenrock –, wie alt mochte sie sein? In ihren dunklen Löckchen glitzerten zahlreiche Silberfäden, aber ihre Augen sahen ihn über die Brille so herausfordernd an, dass der Wachtmeister sofort wusste, mit dieser Jungfer Morel muss er während der Ermittlung rechnen ... Ach, und die leidige Kommissär-Wachtmeister-Sache wird man bei passender Gelegenheit klären, nahm sich Studer vor.
Die Herren setzten sich, der zierliche Korbsessel knackte entsetzt und entsetzlich, als der schwere Studer sich darauf niederließ … Das Mobiliar der Hotelterrasse war so modern wie unbequem. Picot bestellte für den Wachtmeister ebenfalls einen Pernod, obwohl den wieder nach einem Bier dürstete, aber er sagte nichts, man wartet lieber mal ab.
Das Geplauder und Lachen an den Nebentischen wogte so ausgelassen hin und her und herüber, dass die Stummheit am Tisch der drei nicht besonders auffiel. Man konnte nicht behaupten, dass Studer dem Geplapper zuhörte, aber er nahm alles auf, gegen seinen Willen. An ihrem Tisch hockte bockig das Schweigen, es ließ sich nicht verscheuchen, obwohl Inspektor Picot sich abmühte, eine höfliche Konversation in Gang zu bringen. Aber die beiden Alten hielten es nicht für nötig, ihm zu Hilfe zu kommen. Amélie Morel musterte den behäbigen Schweizer Kommissar unverhohlen, Studer begann zu schwitzen und setzte sich unwillkürlich etwas aufrechter hin.
Inspektor Picot, der ein gewissenhafter Beamter war, seine Pflicht ohne besonderen Ehrgeiz tat und deshalb keine Rivalitäten unter Kollegen kannte, begann mit dem Bericht so harmlos wie möglich. Er sprach mit unterdrückter Stimme – die Terrasse spitze zur Stunde des Aperitifs die Ohren, hatte ihn der Hoteldirektor gewarnt, die Reporterin vom «Journal de Challans» flaniere gerne zwischen den Tischen hindurch, und es dürfe unter keinen Umständen etwas an die Zeitung gelangen! Als Picot also anfing, halb flüsternd die Fakten darzulegen, hockte Studer sich in seine Lieblingsstellung, die Schenkel gespreizt, die Unterarme auf den Schenkeln, die Hände gefaltet und hörte zu …
Der Inspektor erzählte, wie und wo man den Miller Montgomery gefunden hatte – der Schweizer Kollege wünschte morgen den genauen Ort zu sehen –, dass Madame Miller inzwischen den Toten zweifelsfrei als ihren Mann identifiziert habe und dass der Leichnam jetzt im Gerichtsmedizinischen Institut in La Roche-sur-Yon aufgebahrt sei, hier im Hotel sei es ja nicht möglich – ob sie nicht vielleicht ein Foto des Toten hätten?, fragte Studer. Nein, aber man werde Madame Miller darum bitten – nachdem jetzt also die Identität des Toten einwandfrei geklärt sei, wiederholte Picot mit besonderer Betonung, gehe man klar von einem Unfall, einem bedauerlichen Unfall, aus … Vermutlich sei der Commissaire Stüdère vergebens aus der Schweiz angereist ... das bedaure er sehr. Aber es sei ja sehr schön hier – verlegenes Lachen – perfekt für ein paar Tage Urlaub, nicht wahr?
Irgendwie klingt das nach Frau Müller, kam es Studer vor.
Als der Inspektor schon wieder eine Zigarette anzündete, ziemlich nervös der Junge, erinnerte sich Studer an etwas. Er setzte sich auf, zog aus der Brusttasche ein schmales Lederetui und daraus eine Zigarre, eine merkwürdig dünne und leicht gekrümmte Zigarre, wie Picot sie noch nie gesehen hatte. Noch viel merkwürdiger war aber, wie der andere sie anzündete: Er zog einen Strohhalm aus der Zigarre, entflammte das Stroh mit einem Streichholz – Picot hatte ihm seine Streichholzschachtel kollegial über den Tisch geschoben – und über der kleinen Flamme des Halms drehte der Schweizer Kommissar dann genüsslich seine Zigarre, bis sie brannte.
Amélie Morel beobachtete das Prozedere so gebannt, dass sie dem kleinen Laurent nicht mehr zuhörte – sie kannte die Geschichte ja – und erst beim Wort «Unfall» aufmerkte. Sie runzelte die Stirn, bloß ein Unfall? So schnell sollte «ihr Fall» also abgeschlossen werden? Schon wieder vorbei, die Spannung, die Aufregung, die ungeklärten Fragen, die Hoffnung auf ein Verbrechen, einen Mord? Nein! Da ist doch eindeutig etwas faul am Tod des Monsieur Miller. Diese Kleidergeschichte! Den Gedanken, dass ihr Neffe vielleicht ein schlechter Polizist sein könnte, schob sie jedoch sofort und energisch beiseite. Und beschloss, selbst einige Nachforschungen anzustellen.
Studer, der von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick zur Jungfer Morel schickte, sah, wie sich ihre Augen verengten. Ah, die denkt auch, dass an der Sache was faul ist … Vermutlich langweilt sie sich hier – dafür hatte Studer allerdings Verständnis! Ferien hier, was für eine Vorstellung! Soll ein Wachtmeister etwa den ganzen Tag am Strand spazieren? Oder noch viel schlimmer, in einem Liegestuhl liegen? Dem Hedy allerdings würde das sicher gefallen …
Während der junge Inspektor gewissenhaft alles betonte, was die Unfallthese bestätigte, observierten sich die beiden Alten, die eine hinter dem Zigarettenrauch ihres Neffen, der andere hinter seinem Brissago-Rauch.
Die abendliche Brise vom Meer frischte auf, ihr gefielen die hübsch gestreiften Markisen der Terrasse, sie spielte mit ihnen, blähte sie und blies dann energisch den Rauch am Polizistentisch ins Innere der gedeckten Terrasse.
Rauch? Was den Kopf von diesem Studer einhüllte, konnte man beim besten Willen nicht als Rauch bezeichnen, ein Qualm war das! Die Gäste rundum begannen einer nach dem andern diskret die Köpfe zu heben, um die ungewohnte Geruchsquelle ausfindig zu machen. Zwei Damen an den Nachbartischen drehten sich indigniert um, eine andere protestierte empört gegen diese Belästigung ihrer Nase und wedelte heftig mit ihrem Fächer durch die dicke Luft.
Man muss es sagen, die bizarre Zigarre des Schweizer Kommissars stank zum Himmel! Der zigarettenrauchende Inspektor Picot wagte schüchtern zu fragen:
– Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?
Er reichte Studer ein geöffnetes Etui über den Tisch. Studer schüttelte ablehnend den Kopf. Ihm, dem Wachtmeister Studer, Zigaretten mit Mundstück! … Amélie Morel hingegen beugte sich über das Tischchen und lächelte süß, sie würde nicht Nein sagen …
– Oh, pardon, Tante, natürlich …
Der Wachtmeister hüllte sich in seinen Qualm und lächelte.
– Montgomery R. Miller … was denn eigentlich dieses «R» bedeute, fragte Studer nach zwei tiefen Zügen aus seiner Brissago.
– «R» für Robert, die Amerikaner haben die Gepflogenheit, ihren zweiten Vornamen als Initiale anzugeben, hüstelte Picot.
– Der Tote heißt mit richtigem Namen Müller, als Schweizer Staatsbürger heißt er Müller, man fragt sich, warum er sich und seine Frau im Hotel als Montgomery Miller und Madeleine Stettler, épouse Miller, eingetragen hat … Studer schien ein Selbstgespräch zu führen, während er seinem gelblichen Rauch nachsah, wie der in der Höhe dem blauen Zigarettenrauch den Platz streitig machte …
Als Madame Miller oder, wenn Sie wollen, Madame Müller behauptet hatte, der Tote sei nicht ihr Ehemann, habe er, Picot, den Miller-Müller – Studer kam es vor, als nehme der junge Inspektor das nicht ganz ernst, man hat so ein Gefühl, dass an der ganzen Namensgeschichte mit dem komischen «R» was merkwürdig ist –, habe er den Mann suchen lassen, Telegramme nach Nantes, wo er nach Aussagen der Ehefrau Geschäftsfreunde hatte, Telegramme nach Paris, wo er gemäß ihren Aussagen hinwollte. Unauffindbar, in Paris war jedoch derzeit Hochbetrieb wegen der Weltausstellung, er hatte keine schnelle Antwort erwartet. Als Madame Miller gestern Abend dann plötzlich erklärte, dass es doch ihr Gemahl sei, und sie den Toten offiziell als Montgomery Miller identifizierte, wurde die Suche nach ihrem Ehemann natürlich eingestellt.
Amélie Morel zog dreimal heftig an ihrer Zigarette, deren Mundstück sie spitz zwischen Zeigefinger und Daumen hielt, und schickte blaue Verstärkung in die Höhe.
– Die Dame sagte Montgomery Miller? Sie wusste also, dass sie unter diesem Namen im Hotel logierten … das hat sie mir verschwiegen …
Studer blies seinen gelblichen Rauch gedankenvoll und kraftvoll weit in die Luft hinauf.
Dieser Studer ist ein eigensinniger Ermittler, Picots Blick war verunsichert, den werden wir nicht so schnell wieder los. Amélie Morel nickte eifrig, auch sie findet dieses Hin und Her der Madame Miller seltsam, erst überzeugt, dass er nicht ihr Mann war, als sie den entblößten Oberkörper des Toten sah … irgendetwas am Toten schien für sie nicht zu stimmen … und jetzt ist es doch ihr Mann. Warum sagte Laurent dem Schweizer Kommissar nichts von der Autopsie, die er angeordnet hatte?
– Der Müller soll an diesem Abend betrunken gewesen sein? Gibt es dafür Zeugen? Studer schaute seinem Rauch nach.
Der arme Picot, der auf einen Unfall zu schließen hatte, wobei die Tatsache, dass der Tote betrunken gewesen war, ein ganz wesentliches Element in der Kette seiner Beweisführung darstellte, beeilte sich zu antworten, jedoch etwas verlegen.
– Wir haben aus Rücksicht auf den Hoteldirektor Monsieur Leroy das Personal mit größter Diskretion befragt, leider hat ihn keiner je betrunken gesehen, was jedoch nichts beweist, fügte er schnell an, ein Mann seiner Klasse hatte sich im Griff, auch wenn er ein Trinker war.
Studer nahm sich vor, noch heute Abend ein Telegramm nach Bern zu schicken und Erkundigungen über diesen Montgomery R. Müller einzuholen.
– Aber, fuhr der Inspektor hastig fort, als fürchte er unterbrochen zu werden, das Zimmermädchen, er blätterte in seinem Notizbüchlein, Anna heißt sie, Anna Blanchet, hat ausgesagt, dass sie Montgomery Miller im Hotel gesehen habe, die genaue Zeit wusste sie nicht, jedenfalls nach dem Abendessen, sie war dabei, die Betten der Gäste für die Nacht aufzudecken, also die Anna hatte den Miller an jenem Abend im zweiten Stock gesehen. Es kam ihr seltsam vor, dass er sein Zimmer im zweiten Stock suchte, denn das Zimmer der Millers befindet sich auf der ersten Etage … Und diese Orientierungslosigkeit, schloss Picot mit einem kleinen Triumph in der Stimme, kann durchaus als Anzeichen von Trunkenheit gelten!
– Interessant, brummte der Wachtmeister, mit dem Mädchen muss man nochmals reden …
Diese Meinung teilte Amélie Morel voll und ganz, fragte sich nur, wer zuerst mit dieser Anna reden würde, Mademoiselle Morel oder der Schweizer Kommissar … Ihre Augen verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen, und sie paffte so heftig an ihrer Zigarette, dass der blaue Rauch jetzt den gelblichen über ihren Köpfen ernsthaft in Bedrängnis brachte.
Studer nahm vier stramme Züge und jagte den Qualm unschuldig dem blauen Rauch nach.
Picot merkte nichts vom schwelenden Kampf über seinem Kopf, da er seine Zigarette inzwischen im Aschenbecher ausgedrückt hatte, er schaute vielmehr suchend umher und zeigte dann mit einer Kopfbewegung auf eine Kellnerin im Hintergrund. Das sei die Anna Blanchet – wenn Hochbetrieb auf der Terrasse herrsche, müsse sie jeweils beim Bedienen aushelfen.
Studer warf einen Blick über die Schulter, eine magere Jungfer, fünfundzwanzig, vielleicht dreißig Jahre alt, schwarzes Kleid, die weiße Schürze über die flache Brust gespannt, unter dem weißen Häubchen, das alle Serviererinnen trugen, schüttere braune Haare am Hinterkopf zusammengebunden. Ihr blasses Gesicht wirkte vergrämt, sie war linkisch, soeben kippte ein leeres Glas auf ihrem Tablett, als sie einen Tisch abräumte. Man merkte sofort, dass Servieren weit unter ihrer Würde als Zimmermädchen war.
Seltsam. Genau diese Serviertochter war dem Studer bereits aufgefallen, weil sie mit ihren Tabletts immer in der Nähe des Polizistentisches vorbeiging, obwohl das klar ein Umweg zum Tisch war, an den sie Getränke brachte, oder auf dem Weg zurück ins Haus.
Der Wachtmeister wies mit einer Kopfbewegung zu Anna, als sie erneut mit den gebrauchten Gläsern hinter ihnen vorbeistrich, und murmelte, die scheint zu horchen …
– Laurent, es war doch dieses Mädchen, das im Hof herumlungerte, als ihr mit der Leiche des Montgomery Miller im Hotel ankamt? … Und sie war es doch auch, die das Laken brachte und dabei ständig versuchte, einen Blick auf den Toten zu erhaschen? Das hat er ihr vorgestern erzählt, Amélie Morel erinnerte sich genau!
Der Neffe zuckte die Schultern, er erinnere sich leider nicht mehr, war alles etwas hektisch vorgestern ...
– Monsieur le Commissaire Stüdère, fragte Picot eifrig, was ist Ihre Ansicht?
Ansicht über den Fall? Der Junge will das Thema wechseln. Der Wachtmeister nahm einen Schluck aus dem Glas, wischte sich umständlich den Schnurrbart und meinte dann: Ansichten habe er nie. Er warte, bis er sich eingelebt habe. Dann ergebe sich die Lösung des Falles von selbst ...
– … wie ein guter Freund von mir, Kommissär Madelin von der Police Judiciaire in Paris, zu sagen pflegte –
– Wie bitte? Commissaire Stüdère, Sie kennen den Commissaire Madelin aus Paris?, fiel ihm Picot ins Wort und wäre vor Begeisterung beinahe aufgesprungen. Er, Laurent Picot, war bei der PJ in Paris in der Ausbildung gewesen, ein halbes Jahr bei Madelin!
Studer sah dem jungen Inspektor geradezu an, wie sein Respekt vor dem Schweizer Kommissär mächtig wuchs. Studer verstand jedoch nicht, weshalb sich Picots Miene bald verdüsterte. Wenn dieser Stüdère den Commissaire Madelin seinen Freund nannte, musste er eine ebensolche Kapazität wie der Madelin sein …
– Oh, Guten Abend, die Herren! Bonsoir Mademoiselle!
Ein munteres Mädchen in einem luftig gelben Sommerkleid kam die Treppe herauf und blieb neben ihrem Tisch stehen. Ihr lockiges Haar strahlte wie ein Goldkranz im Gegenlicht der Abendsonne. Ihr Begleiter hielt sich im Hintergrund, ein Bursche mit einem wilden gelben Haarschopf wie ein schlecht gemähtes Getreidefeld und stechend blauen Augen, auffällig war auch seine abgeschabte Samtjoppe und das rote, um den Hals geknüpfte Tuch.
Inspektor Picot sprang auf.
– Guten Abend, Mademoiselle Stettlär, wie geht es Ihnen?
Ihre jugendliche Stirn legte sich in Sorgenfalten, sie senkte den Blick.
– Danke, es geht, hauchte sie.
Theatralisch wie ihre Schwester, dachte Studer, während er sich ächzend erhob.
Niemand hatte ihn informiert, dass es eine zweite Stettlertochter gab und die sogar hier war, aber es gab keine Zweifel. Sie war vermutlich etwa zehn Jahre jünger, schätzte der Wachtmeister, aber sonst war das Mädchen ein Ebenbild ihrer älteren Schwester … bloß das Fräulein hier leuchtete wie eine Farbfotografie, während Frau Müller der blasse Schwarzweißabzug war. Also noch ein Telegramm nach Bern heute Abend, Auskünfte über die Familie Stettler. Für den Fall, dass noch ein Stettlersohn auftauchen sollte, der ihn von den Ermittlungen abbringen will!
– Adrienne Stettler!, wandte sie sich jetzt mit süßer Stimme auf Französisch an Studer, Sie müssen der Spezialermittler aus Bern sein, den mein Vater hat schicken lassen.
Und sie hielt ihm ihre zierliche Hand so graziös hin, dass der verwirrte Wachtmeister nicht wusste, ob man einen Handkuss …
Chabis! Studer packte das Händchen mit einem kräftigen Händedruck.
– Studer, richtig, Berner Kantonspolizei, ich habe den Auftrag, die Hintergründe zu ermitteln, die zum Tode Ihres Schwagers geführt haben.
Auch der Wachtmeister antwortete in der französischen Sprache, ohne nachzudenken. Weshalb eigentlich?
– Ach, Sie sagten doch aber, es war ein Unfall?
Mademoiselle Stettler wandte sich mit einem treuherzigen Augenaufschlag an Picot.
Warum kam dem Studer alles wie ein raffiniertes Theater vor?
Er hockte wieder ab, das Korbstühlchen knirschte kläglich. Ihm entging nicht, wie Amélie Morel das verführerische Fräulein und ihr Opfer, den naiven Laurent, scharf beobachtete. Nein, das kokette Fräulein Adrienne würde keineswegs die Ermittlungen behindern, nein, sie würde versuchen, ihn, den alten Spürhund, um den Finger zu wickeln und zu verwirren, bis er seine Fährte zu verlieren drohte. Aufpassen, Studer!
Adrienne drehte sich zu ihrem Begleiter, legte ihr feines Händchen auf seinen Arm – kurz blitzte in der Sonne ein Rubin an ihrem Finger blutrot auf – er solle doch schon vorausgehen, sie komme gleich nach. Der nickte, warf einen misstrauischen Blick auf die Polizisten, hob halb die Hand zum Gruß und ging.
Studer sah dem Kerl nach, weiter hinten saßen an einem runden Tisch vier andere Burschen wie er, Samtjoppen, verwegene Halstücher, Schlapphüte hingen an den Stuhllehnen, und alle hatten Farbspuren an den Fingern. Lautes Lachen und große Biere gab es an ihrem Tisch, stellte der Wachtmeister seufzend fest. Die jungen Männer waren Künstler, das sah man von weitem, sie stellten das Bild, das man von Kunstmalern hatte, gleich selbst dar.
Ob der Herr Inspektor neue Erkenntnisse hätte? … Wann der Leichnam denn in die Schweiz überführt werden könne? … Ihre Schwester kümmere sich bereits um die Formalitäten …
So, so, das Fräulein weiß sich auch ganz gewählt auszudrücken. Studer beobachtete sie scharf hinter seinem Rauch, der jetzt nur noch ein sterbendes Wölklein war, die Brissago tat ihre letzten Züge.
Auch Amélie Morel drückte gerade ihre Zigarette aus. Sie schien dem Wachtmeister etwas bleich geworden.
– Nein, nichts Neues, machen Sie sich keine Sorgen!, beschwichtigte der Inspektor eifrig, der Leichnam werde morgen freigegeben.
Er vermied Studers Blick, der wusste natürlich, dass man die Leiche obduzieren müsste … aber der höchste Patron hatte unmissverständlich befohlen, dass … Schweißtropfen perlten über die Stirn des kleinen Inspektors, erst wagte er nicht, sie wegzuwischen, dann gab er sich einen Ruck und setzte sich mutig auf. Er, Inspektor Picot, ist hier schließlich der zuständige Ermittler! Nicht der Ausländer! Er zog sein Taschentuch heraus und fuhr sich über die Stirn, ja, Picot leitet hier die Untersuchung, die es nicht geben wird!
– Hett Ihre Schwager gärn eis über dä Durscht trunke?, fragte Studer unschuldig auf Schweizerdeutsch, nach vorn gelehnt, die Unterarme auf den Schenkeln. Man wollte das selbstsichere Fräulein Stettler etwas überrumpeln.
Es gelang. Die Frage und das Schweizerdeutsche schienen die junge Dame aus dem Tritt zu bringen.
– Nei! Er isch nie betrunke gsi!, antwortete sie, ohne nachzudenken und irritiert auf Berndeutsch.
Erneut wischte sich Inspektor Picot über die Stirn und beugte sich zu seiner Tante: Was reden die beiden? Amélie schüttelte gereizt den Kopf. Wie soll sie das wissen!
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