Читать книгу: «Sigurd 3: Im Auftrag des Königs»

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Impressum

Originalausgabe August 2020

Charakter und Zeichnung: Sigurd © Hansrudi Wäscher / becker-illustrators

unter Zuhilfenahme von inhaltlichen Einfällen von Gerhard Adler

Text © Thomas Knip

Copyright © 2020 der eBook-Ausgabe Verlag Peter Hopf, Minden

Korrektorat: Andrea Velten, Factor 7

Redaktionelle Betreuung: Ingraban Ewald

Umschlaggestaltung: etageeins, Jörg Jaroschewitz

Hintergrundillustration Umschlag: © saiko3p – fotolia.com

ISBN ePub 978-3-86305-301-7

www.verlag-peter-hopf.com

Hansrudi Wäscher wird vertreten von Becker-Illustrators,

Eduardstraße 48, 20257 Hamburg

www.hansrudi-waescher.de

Alle Rechte vorbehalten

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse sind rein fiktiv.

Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Begebenheiten, mit lebenden oder verstorbenen Personen wäre rein zufällig und unbeabsichtigt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg, sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages erfolgen.

Inhalt

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

THOMAS KNIP
Im Auftrag des Königs

Sigurd Band 3

Unsere Geschichte spielt vor vielen

Jahrhunderten, in einer Zeit, von der uns

eher die sagenhaften Lieder fahrender

Sänger als bezeugte Schriften

von Historikern künden.

Doch wie märchenhaft und oft sogar

widersprüchlich diese Berichte auch

sein mögen, sie alle erzählen

übereinstimmend von einem Mann,

der schon als Jüngling all seinen

Zeitgenossen im Kampf ebenbürtig war

und dessen Mut, Ritterlichkeit und Gerechtigkeitsliebe

ihn bald zu einem der größten Helden machten.

So überdauerte der Ruhm seiner Taten die Zeiten –

ebenso wie sein Name, der zur Legende wurde:

Sigurd von Eckbertstein

EINS

Monate vergingen, in denen die schweren Beschädigungen an Burg Eckbertstein ausgebessert wurden. Da Graf Eckbert es sich nicht nehmen ließ, die Handwerker und alle anstehenden Arbeiten selbst zu beaufsichtigen, blieb Sigurd und Bodo kaum mehr, als sich die Zeit mit Ausritten durch das Umland zu vertreiben, bei denen sich der Junker einen Überblick über die Verwüstungen verschaffen konnte, die der Überfall durch König Neithard an den Dörfern und Gehöften hinterlassen hatte.

Zudem nutzten sie die Gelegenheit, um Cassim im Umgang mit dem Bogen und dem Dolch zu schulen. Und zu ihrer Zufriedenheit zeigte sich der Junge äußerst gelehrig und geschickt.

Dennoch waren die drei Freunde froh, als der Frühling nach einem langen Winter, in dem die Arbeiten fast völlig zum Erliegen gekommen waren, wieder anbrach und Sigurds Vater sie mit einer Bitte überraschte.

Am Hof des Grafen Gebhardt sollte es zu einer Vermählung zwischen dessen Tochter Dagmar und dem noch jungen Grafen Hartmut kommen. Eckbert von Eckbertstein wollte jedoch die abschließenden Arbeiten an der Burg überwachen, und so bat er Sigurd, in seinem Namen bei der Hochzeit anwesend zu sein.

Sigurd sagte ohne zu zögern zu. Die Aussicht auf eine prachtvolle Hochzeit war nach dem langen und grauen Winter mehr als reizvoll, doch noch mehr erfüllte es ihn mit Stolz, dass ihn sein Vater nun mit solchen Aufgaben betraute.

Da er als Abgesandter derer von Eckbertstein nicht alleine reisen konnte, war es für ihn selbstverständlich, Bodo und Cassim zu bitten, ihn zu begleiten, und wie erwartet mussten die beiden nicht lange überzeugt werden.

Sein Vater gab ihm einen kunstfertig gewebten Wandteppich, der die Beschädigungen überstanden hatte, als Hochzeitsgeschenk mit, und schon am nächsten Morgen brachen die Freunde auf.

Die Ländereien des Grafen Gebhardt lagen nur wenige Tagesreisen entfernt, und der nahende Frühling hatte inzwischen auch den letzten Schnee schmelzen lassen, sodass alle wichtigen Straßen passierbar waren.

Schon von Weitem hob sich die mächtige Burganlage mit ihren wuchtigen Türmen vom Himmel ab. Als Sigurd mit seinen Freunden durch das steinerne Burgtor einritt, herrschte auf dem Burghof großer Trubel. Zahlreiche Ritter und Edelleute flanierten an ihnen vorbei oder machten sich zu einem Jagdausritt bereit. Die Luft war erfüllt von Lachen, begleitet von Lautenklängen der Minnesänger, die die Anwesenden unterhielten.

Sigurd war von der Vielzahl an Gästen zuerst überwältigt und erfuhr von einem Bediensteten des Grafen, dass die Vorbereitungen in vollem Gange waren, denn die Vermählung sollte bereits morgen stattfinden.

Er bat Bodo und Cassim, nach dem Stallmeister zu suchen, um die Pferde unterzustellen, und ließ sich dann von einem Wachmann zum Quartier des Haushofmeisters bringen, um sich vorzustellen und ein Schreiben seines Vaters zu überreichen. Der stämmige Mann, dem die Verwaltung der Burganlage unterstand, begrüßte ihn freundlich und ließ nach einem Diener rufen, der ihn mitsamt seinen Freunden zu ihren Zimmern geleiten sollte.

Den Grafen sowie das Brautpaar würde er erst am Abend zu den Feierlichkeiten treffen. Das war Sigurd ganz recht, der sich nach diesem langen Ritt danach sehnte, sich für die nächsten Stunden ausruhen und in aller Ruhe für die Feierlichkeiten zurechtmachen zu können.

*

Doch Sigurd war nicht der Einzige, der den Abend nicht abwarten konnte. Als die Dunkelheit angebrochen war, näherte sich eine Gruppe berittener Männer der Burg, ohne jedoch auf das offen stehende Tor zuzureiten.

Einer der Männer hob die Hand und zügelte sein Pferd. Er schob das Kinn vor, das von einem Spitzbart geziert war, und konnte sich ein erwartungsvolles Lächeln nicht verkneifen. In sicherer Entfernung zur Festung betrachtete er die Gebäude und konzentrierte sich auf eine Reihe hell erleuchteter Fenster. Die Gesellschaft hatte sich also im Rittersaal eingefunden, stellte er fest.

Sein Pferd tänzelte unruhig und schnaubte unterdrückt. Er zog die Zügel fester und wandte sich zu seinen drei Spießgesellen um, die ihn mit angespannten Mienen ansahen. Sie alle wussten, welch Wagnis sie eingingen. Doch die Aussicht auf die versprochene Beute ließ sie dem Mann folgen, der als Gubo der Abenteurer bekannt und berüchtigt war.

Sein Lächeln verbreiterte sich zu einem selbstbewussten Grinsen. Er würde warten, bis die Nacht angebrochen war und die Wälder, die die Burg umgaben, in Dunkelheit gehüllt waren. Dann konnte er es wagen, seinen Plan auszuführen und Dagmar, die Tochter des Grafen, zu rauben …

*

Trotz seiner zahlreichen Abenteuer war Sigurd beeindruckt von der Pracht, mit der der Rittersaal ausgeschmückt war. Schildwappen zierten die Wände, schwere, brokatbestickte Vorhänge schimmerten mit ihren Farben samten im Licht der eisernen Lüster, die an massiven Ketten von der Decke hingen. Im Kamin loderte ein Feuer, das die Kälte zu dieser späten Stunde vertrieb.

Eine große Tafel nahm die Mitte des Raumes ein. Sie war üppig beladen mit allerlei Köstlichkeiten aus der Küche. Immer noch trugen Diener Platten mit Fasanen und Spanferkeln auf und gossen Wein in den Kelchen der zahlreichen Gäste nach, die auf langen Bänken entlang der aneinandergereihten Tische saßen und ausgelassen miteinander plauderten. In einer Nische stand eine Gruppe von Spielmannsleuten, deren Musik aus Laute und Flöte kaum gegen das Stimmengewirr ankam. Noch allerdings war das Festbankett nicht eröffnet, denn Graf Gebhardt bestand darauf, dass seine Tochter den Abend eröffnen sollte.

Nachdem sie sich von der Reise ausgeruht hatten, waren Sigurd, Bodo und Cassim von Graf Gebhardt empfangen worden. Er hatte sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass es Sigurds Vater nicht möglich gewesen war, selbst zu kommen, hatte aber auch Verständnis dafür, dass er als Burgherr seine Verpflichtungen beim Wiederaufbau nicht vernachlässigen konnte.

Sigurd empfand es als Ehre, dass der Graf ihn dann bat, an der Tafel zu seiner Rechten neben dem Bräutigam Platz zu nehmen. Graf Hartmut war kaum älter als Sigurd, und sie fanden rasch gemeinsame Themen, über die sie sich rege austauschten.

Immer wieder warf Hartmut einen Blick zur Seite, auf die lange Treppe, die sich nach oben zog.

»Es ist das Vorrecht der Damen, sich Zeit zu lassen«, meinte Sigurd schmunzelnd.

Hartmut seufzte und lächelte leicht. »Sie ist wohl noch auf ihrem Zimmer und wird sicher gleich herunterkommen. Ich freue mich, dass auch du meine Braut nun kennenlernen wirst.«

Sigurd wollte ihm gerade antworten, als er ein leises Schmatzen hörte. Er drehte sich in die Richtung und wollte gerade etwas sagen, als Cassim empört den Kopf schüttelte.

»Aber Bodo! Kannst du nicht warten, bis Dagmar die Tafel eröffnet?«

Bodo blickte schuldbewusst auf den Hühnerschlegel in seiner Hand und ließ ihn mit einem Ausdruck des Bedauerns sinken, bevor er sich über die Lippen wischte. Er stöhnte unterdrückt auf. »Ja … entschuldige, Cassim.« Er warf einen Blick in die Runde und war erleichtert, dass auch der Graf ihn mit einem Schmunzeln bedachte. »Aber die Braut könnte nun auch kommen, denn ich gebe zu, ich habe schon großen Hunger …«

*

Durch das geöffnete Fenster ihrer Kammer hörte die junge Frau leise die Musik der Spielmannsleute. Sie stand in der Mitte des Raumes und stieß den Atem aus, während die Schnüre in ihrem Rücken fester zugezogen wurden.

»Oh«, sagte das Mädchen, das hinter ihr stand. »Habe ich zu fest gezogen?«

»Nein, nein«, entgegnete Dagmar lächelnd. »Aber beeile dich bitte. Ich befürchte, wir lassen die Gäste schon zu lange warten.« Sie zog einen Ärmel ihres kostbaren Samtkleids zurecht, das am Kragen und den Handgelenken mit Pelz besetzt war.

»Nur noch die eine Schlaufe, Herrin …«, antwortete das Mädchen, »… und Ihr seid fertig!«

Es trat einen Schritt zurück und betrachtete die Grafentochter aus leuchtenden Augen. »Das Kleid ist wunderbar. Es schmückt Euch prächtig«, konnte es sich nicht zurückhalten.

Dagmar lächelte. »Ich danke dir, Bettina.« Sie ging auf einen Tisch zu und griff nach einem Ring. »Glaubst du, dass ich Hartmut gefallen werde?«, fragte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

Ein Lachen ließ sie herumfahren.

»Mir gefallt Ihr ausnehmend gut, Dagmar! Und das ist im Augenblick doch die Hauptsache.«

Die Braut stieß einen erschreckten Schrei aus. Ihre Zofe wich mit weit aufgerissenen Augen zurück und sah nur ungläubig auf den Mann, der sich durch das offene Fenster ins Innere schwang.

»Gubo!«, entfuhr es Dagmar.

Dieser deutete einen Diener an, als sein Name fiel. Es schmeichelte ihm, dass sie wusste, wer er war.

Von draußen war Rascheln und ein Grunzen zu hören. Gubo machte einen Schritt in den Raum und gab so den Weg frei für seine Kumpane, die mit einem frechen Grinsen durch das Fenster stiegen und die jungen Frauen ausgiebig betrachteten.

»Verzeiht, Ihr Damen, dass wir so ungebeten hier eindringen – aber ich möchte Euch zu einer kleinen Reise einladen«, eröffnete Gubo und strich sich über seinen gepflegten Schnurrbart.

Wütend blickte Dagmar die Männer an, ohne etwas zu erwidern. Ihre kleinen Hände ballten sich zu Fäusten.

Gubo nahm es mit einem dünnen Lächeln hin und trat so dicht an sie heran, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückmachte.

»Eure Hochzeit sollte morgen sein, junge Gräfin«, führte Gubo aus und neigte den Kopf. »Es tut mir leid, aber Ihr werdet sie wohl verschieben müssen … Graf Hartmut wird gewiss ein hohes Lösegeld zahlen, um seine Braut wohlbehalten wiedersehen zu können.«

Dagmar stieß einen verächtlichen Laut aus. »Was fällt Euch ein?«, fuhr sie ihn an. »Lasst diese üblen Scherze!« Sie wandte sich um und wollte mit schnellen Schritten zur Tür eilen.

Auf ein Zeichen ihres Anführers hin packten die Männer die beiden Frauen und legten ihnen eine Hand auf den Mund. Unterdrückte Schreie drangen zwischen den Pranken der Banditen hervor.

»Scherze?«, meinte Gubo und lachte ungerührt auf, während er Dagmars langes blondes Haar bewunderte, das bei ihren Versuchen, sich zu befreien, hin und her wehte und im Kerzenlicht schimmerte. »Bindet und knebelt die beiden Mädchen«, befahl er seinen Spießgesellen.

Er verfolgte, wie die Männer die Versuche der beiden Gefangenen, sich zu befreien, im Keim erstickten. Binnen kürzester Zeit waren sie mit schweren Stricken gefesselt und ihre Münder mit Tüchern verschlossen. Dennoch sah Gubo nervös zur Tür.

»Beeilt euch!«, zischte er und war erst erleichtert, als die Männer mit ihrer Arbeit fertig waren. Er richtete sich an einen Mann mit einer Augenklappe. »Ihr reitet voraus. Ich bleibe noch zurück.«

Er sah sich um, und sein Blick fiel auf eine Kommode. »Dagmars Schmuck möchte ich mir nicht entgehen lassen …«

*

Im Rittersaal wurden die Gäste langsam ungeduldig. Graf Gebhardt nahm selbst einen Becher Wein in die Hand, um den Gästen so zu zeigen, dass sie nicht zögern sollten, ihren Durst zu stillen.

Alle Anwesenden prosteten ihm und dem Bräutigam zu. Hartmut nahm nur einen kleinen Schluck und sah erneut zur Treppe. »Komm mit mir«, richtete er sich an Sigurd. »Wir wollen Dagmar aufsuchen.«

Graf Gebhardt sah den jungen Mann an seiner Seite nachdenklich an, gab ihm aber dann doch die Erlaubnis, nach seiner Braut zu sehen. Sigurd schloss sich ihm an, und zu zweit stiegen sie die breite Treppe empor.

»So sind die Frauen, wie du schon bemerktest«, meinte Hartmut. »Über ihren neuen Kleidern hat Dagmar sicher alles andere vergessen.«

Sie erreichten den Gang, der zu der Zimmerflucht der Grafentochter führte. Keine Wache verrichtete hier oben den Dienst. Sie alle waren entweder für den Abend freigestellt, um in der Küche an einem eigens für sie zubereiteten Festmahl teilzunehmen, oder wachten über den Rittersaal mit seinen hochrangigen Gästen.

Hartmut blieb vor einer Tür stehen und klopfte gegen das Holz. Doch auch nach mehreren Augenblicken war keine Stimme dahinter zu hören. Der junge Graf klopfte erneut.

»Antworte doch, Dagmar!«, bat er. »Ich bin es, Hartmut.« Noch immer war nichts zu hören. Der Graf wandte sich zu Sigurd um. »Ich verstehe das nicht«, sagte er und runzelte die Stirn. Kurz entschlossen entschied er sich, den Raum entgegen aller Gepflogenheiten zu betreten, öffnete die Tür und trat ein.

»Dagmar, wo bist du …?«

Hartmut machte einen Schritt ins Innere und sah das Aufblitzen vor sich erst im letzten Augenblick. Er schrak zurück und erkannte den Mann, der mit gezücktem Schwert vor ihm stand.

»Gubo?«, rief er aus. »Was wollt Ihr hier?«

Dieser lächelte ihn zur Antwort nur finster an. »Keine Bewegung, Graf Hartmut – oder Ihr seid des Todes!« Wie um seine Worte zu unterstreichen, richtete er die Schwertspitze gegen die Brust des Bräutigams.

Dieser rührte sich nicht und blickte den Abenteurer nur wuterfüllt an. Sigurd hielt sich im Halbschatten des Türrahmens verborgen und konnte nicht sagen, ob der Eindringling ihn gesehen hatte.

Gubo fuhr ungerührt fort. »Eure Braut ist jetzt schon weit fort von hier.« Er lächelte dünn. »Aber seid unbesorgt, sie ist in … sicheren Händen. Und nun«, die Spitze des Schwerts drückte gegen Hartmuts Wams, »gebt mir den Weg frei!«

Ungerührt ob der Bedrohung griff der Graf nach seinem eigenen Schwert. »Sagt mir sofort, wohin Ihr Dagmar gebracht habt, sonst …«

Gubo knurrte wütend. Seine Hand zuckte vor, und seine Klinge bohrte sich tief in Hartmuts rechte Schulter. Dieser schrie auf. Sein Schwert fiel klirrend auf den steinernen Boden, während er in sich zusammensackte.

»Ihr habt es so gewollt!«, stieß Gubo auf und fletschte die Zähne wie ein Wolf. Er machte einen Schritt auf die Tür zu, doch nun stellte sich ihm Sigurd mit gezücktem Schwert in den Weg.

»Na wartet, jetzt bekommt Ihr es mit mir zu tun!«, rief der Junker dem Schurken zu.

Dieser lachte auf, dann blickte er in den Gang hinein. Dort war das Geräusch von Schritten und das Klirren von Waffen zu hören. Offenbar hatte Graf Gebhardt nun selbst mehrere Wachen geschickt.

»Auch Ihr werdet mich nicht aufhalten!«, knurrte Gubo und griff mit einer schnellen Bewegung nach hinten. Sigurd sah den klobigen Schatten auf sich zufliegen und konnte nur im letzten Moment ausweichen. Krachend prallte die Sitzbank gegen die Wand.

Es waren nur wenige Augenblicke, die der Junker aufgehalten wurde, dennoch konnte Gubo die Zeit nutzen, um in den Gang zu fliehen.

Sigurd setzte ihm nach. »Das wirst du büßen!« Er rannte hinter dem Schurken her, der seinen Abstand sogar noch vergrößern konnte – doch mit einem Mal blieb dieser mitten im Lauf stehen. Sigurd lachte auf. Keine zwanzig Meter vor sich sah er die Schatten mehrerer Wachleute, die auf sie zueilten.

»Da kommt die Wache!«, rief Sigurd. »Jetzt seid Ihr in der Falle. Wehrt Euch, wenn Ihr es nicht vorzieht, Euch zu ergeben!«

Gubo sah sich hastig um und wischte sich über den Mund. Beim Anblick von Sigurds Schwert flackerten seine Augen wild. Er wich zurück an ein Fenster. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von den Wachen, als er den Knauf seines Schwerts gegen die Glasscheibe schmetterte, die unter der Wucht zersplitterte.

»Ich ziehe es vor, mich durch das Fenster zu verabschieden!«, brüllte er und sprang durch die Öffnung. Sigurd eilte wie die Wachen ans Fenster. Ungläubig mussten sie mitansehen, wie der Schurke den verzweifelten Sprung wie durch ein Wunder überstand und in das eiskalte Wasser des Burggrabens eintauchte.

Die nachgesandten Pfeile der Wachen verfehlten in der Dunkelheit ihr Ziel. Sigurd unterdrückte einen Fluch. Bis er den Graben erreicht hatte, würde Gubo längst über alle Berge sein. Und vor allem galt es, sich zuerst um den verwundeten Hartmut zu kümmern …

ZWEI

Der Leibarzt von Graf Gebhardt wurde eilig herbeigerufen, um die heftig blutende Wunde zu versorgen. Der Graf selbst hatte inzwischen alle Feierlichkeiten beendet und den bestürzt zuhörenden Anwesenden berichtet, was geschehen war.

Derweil wachte Sigurd an Hartmuts Bett, der wieder aus der Ohnmacht erwacht war. Ein schwerer Verband bedeckte seine rechte Schulter, während er als Schutz vor der Kälte in Decken gehüllt war. Dennoch konnte Sigurd das unterdrückte Zittern seines Körpers deutlich sehen.

Er berichtete Hartmut, wie es Gubo gelungen war, zu entkommen. »Dieser Schurke! So viel Mut hätte ich ihm nicht zugetraut!«, schloss er seinen Bericht.

Hartmut wandte ihm mühevoll den Kopf zu. »Wir müssen die Mädchen unbedingt befreien«, löste es sich von seinen Lippen. »Wäre ich nur nicht verwundet … Unglücklicherweise traf er meine rechte Schulter. So ist es mir unmöglich zu kämpfen!« Er ließ den Kopf mit einem Stöhnen sinken.

Sigurd erhob sich. »Mit dieser Wunde kannst du wahrhaftig nicht reiten und noch weniger kämpfen!«, stellte er unumwunden fest. »Dieser Gubo hat auch mich überlistet, das vergesse ich ihm nicht!«

Er beugte sich zu Hartmut herab. »Wenn du erlaubst, verfolge ich ihn – und du darfst mir glauben, dass ich Dagmar und ihre Zofe Bettina zurückbringe.«

Der junge Graf nickte nur schwach und fiel in einen leichten Schlaf.

Sigurd blickte den Leibarzt an. Dieser bat ihn, den Verwundeten alleine zu lassen, und so verließ der Junker den Raum. Er machte sich auf den Weg zu Graf Gebhardt, um auch ihm seinen Vorschlag zu unterbreiten, die Verfolgung aufzunehmen. Dieser erklärte sich einverstanden, dankte ihm für das Angebot und bot ihm an, ihn mit allem Nötigen zu versorgen.

Bodo und Cassim warteten bereits ungeduldig in seinem Zimmer auf Sigurds Rückkehr. Als er ihnen sein Vorhaben berichtete, war für sie beide selbstverständlich, dass sie ihn dabei begleiten würden.

Da es keinen Sinn hatte, mitten in der Nacht nach Spuren zu suchen, nutzten die Freunde die Stunden bis zum Morgengrauen, um sich ausgeruht ihrer Aufgabe zu stellen. Noch bevor die Sonne aufgegangen war, standen sie auf und verabschiedeten sich von Graf Gebhardt, der vor Sorge keinen Schlaf gefunden hatte. Sie ließen ihre Pferde satteln und bekamen von den Mägden aus der Burgküche ein reichhaltiges Proviantpaket für den Weg überreicht.

Trübe Wolkenschleier bedeckten den morgendlichen Himmel, als sie die Verfolgung aufnahmen …

*

Gubo hatte inzwischen die Zeit genutzt und seine Männer eingeholt. Sie hatten zwei weitere Pferde geraubt, auf denen die Mädchen ritten. Die ganze Nacht hindurch hatten sie ihren Reittieren keine Rast gegönnt, bis sie am frühen Morgen einen breiten Strom erreichten. Die Strahlen der aufgehenden Sonne durchbrachen die Wolkenschleier und tauchten die Umgebung in ein warmes Licht, das sich auf den Wellen brach.

Ihre beiden Gefangenen hatten das Vorankommen der Schurken deutlich verlangsamt, da sie es nicht gewohnt waren, sich über solch eine lange Zeit im Sattel zu halten. Immer wieder hatten sie eine Rast einlegen müssen. Jedes Mal hatte sich Gubo nervös nach möglichen Verfolgern umgesehen und dann erleichtert aufgelacht, als er feststellte, dass niemand ihnen nachsetzte.

Zu dieser frühen Stunde spannte ein alter Fischer seine Netze am Ufer des Stroms auf. Unweit von ihm war ein kleiner Kahn vertäut.

Gubo ritt auf den Mann zu und stieg ab. »Heda, Alter!«, richtete er sich an ihn. »Setz uns an das andere Ufer über. Es soll dein Schaden nicht sein.«

Der Alte besah sich die Ankömmlinge und schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Herr. Aber wenn Ihr nach drüben wollt, müsst Ihr noch einige Stunden warten. Es ist jetzt die Zeit der Strömung … das Boot würde sofort aufs Meer hinausgetrieben.«

Gubo winkte ab. »Wir haben keine Zeit! Lass uns ins Boot, wir sind in Eile!«

Bedauernd schüttelte der alte Fischer den Kopf. »Glaubt mir, Ihr seid verloren, wenn …«

»Gubo! Dort kommen Verfolger!«, rief plötzlich Benno, der Mann mit der Augenklappe.

Alle Blicke richteten sich zum Horizont. Inmitten einer aufgewirbelten Staubwolke waren mehrere Reiter zu sehen, die rasch näher kamen. Gubo fluchte. Er konnte von hier aus nicht abschätzen, wie viele Mann es waren, die Graf Gebhardt auf ihn angesetzt hatte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als schnell zu handeln.

»Genug geredet!«, brachte er hervor. Er versetzte dem Fischer einen wuchtigen Kinnhaken, der den Mann zu Boden schickte. Die Mädchen schrien auf. Der Abenteurer überging es und wandte sich an seine Männer. »Vorwärts, bringt die beiden Frauen ins Boot!«

Seine Kumpane taten, wie ihnen geheißen, und binnen weniger Minuten konnten sie das Boot mit den Händen vom Ufer abstoßen und auf den Strom hinaustreiben. Einer von ihnen setzte das Segel, und der kleine Kahn gewann schnell an Fahrt.

Gubo warf einen Blick zurück zum Ufer und erkannte nun einen seiner Verfolger, dessen blondes Haar mit der dunklen Locke ihm nur allzu gut in Erinnerung geblieben war. Triumphierend lachte er auf und winkte ihm zu. »Du kommst zu spät. Lebe wohl!«

*

Ohnmächtig sah Sigurd dem Boot nach, das auf dem Fluss entkam. Es waren nur wenige Augenblicke gewesen, die sie von den Schurken getrennt hatten! Er riss sein Schwert drohend in die Höhe, ließ es jedoch sinken, als er einsehen musste, dass Gubo ihm entkommen war.

»Solch ein Pech!«, stieß er aus und steckte die Waffe weg. »Sie sind uns im letzten Augenblick entwischt!«

»Ärgere dich nicht«, meinte Cassim neben ihm. »Wir werden sie schon noch bekommen. Aber … ich will mich mal um den alten Mann kümmern!«

Der Junge sprang vom Pferd und eilte auf den Fischer zu, der benommen am Boden lag. Cassim stützte ihn und lehnte ihn gegen einen Pfosten, an dem die Netze aufgespannt waren. Er nahm seine Trinkflasche vom Gürtel und reichte sie dem Alten.

»Trinkt erst einmal«, bat er den Mann, der noch immer nicht vollends bei Besinnung war.

»Habt Dank …«, brachte der Fischer hervor und griff nach dem Lederbeutel. Er setzte ihn an und nahm ein, zwei hastige Züge. Dann stöhnte er und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Es geht mir schon besser … oh, diese Schurken!«

Sigurd und Bodo waren inzwischen abgestiegen und halfen dem Fischer auf die Beine. Er dankte mit schwacher Stimme und blickte über den Strom. Das Boot war in der Ferne nur noch als kleiner Punkt auszumachen.

»Sie werden nie das andere Ufer erreichen«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Um diese Zeit ist die Strömung zu stark. Sie wird sie mit aufs Meer hinausnehmen, und das Boot wird an den Klippen der Dämoneninsel zerschellen!«

Sigurd horchte auf.

»Was sagst du da? Das Boot wird zerschellen? Das darf nicht geschehen!« Er wagte gar nicht erst nachzufragen, was der alte Fischer mit der ›Dämoneninsel‹ meinte. »Gibt es denn keinen Weg, um die beiden Mädchen zu retten?«

Der Fischer presste die Lippen aufeinander und senkte den Kopf. »Schon viele haben sich zur Zeit der Strömung auf das Meer gewagt«, setzte er an. »Keiner kehrte zurück.« Er sah auf und blickte Sigurd an. »Alles, was ich Euch anbieten kann, ist, Euch in einigen Stunden zur Insel der Dämonen zu segeln …«

*

Inzwischen wurde das von Gubo gesteuerte Boot von der Strömung erfasst. So sehr sich der Schurke auch gegen das Ruder lehnte, wollte es seinen Befehlen nicht mehr folgen, sondern wurde vom Sog der Wellen mit sich gezogen.

»Alle Teufel!«, fluchte der Abenteurer. »Der Alte hat wahr gesprochen. Das Boot gehorcht dem Steuer nicht mehr.«

Er forderte seine Männer auf, ihm zu helfen, doch selbst mit vereinten Kräften gelang es ihnen nicht, das Boot wieder zum Ufer hin zu steuern. Ohnmächtig mussten sie zusehen, wie es immer weiter aufs Meer hinaustrieb.

Gubo sah die angsterfüllten Blicke der beiden Frauen, die geknebelt auf Deck lagen. Er vermied es, ihren Blick zu erwidern, sondern sah sich von einer Unruhe erfüllt um. Schließlich entdeckte er die beiden Ruder, die unter die Planken geklemmt waren, und rief seine Männer herbei. Die Spießgesellen zogen sie hervor und tauchten sie ins Wasser.

»Rudert, Leute! Rudert!«, befahl er ihnen. »Es geht um unser Leben!«

Immer wieder sah er die Felsen der Brandung bei einem Wellengang aus dem Wasser ragen. Jeden Augenblick konnte das kleine Boot an einem von ihnen zerschellen. Und selbst wenn sie den gefahrvollen Klippen entkamen, so hatten sie doch kaum genug Proviant an Bord, um mehr als einen Tag auf hoher See zu überstehen.

Resigniert sackte Endres, einer seiner Begleiter, auf der Ruderbank förmlich in sich zusammen. Seine Brust hob und senkte sich von der Anstrengung der letzten Minuten. »Es hat keinen Zweck«, keuchte er. »Gegen diesen Strom sind wir machtlos …«

Gubo wollte ihn anfahren und ihm befehlen, sich weiter ins Zeug zu legen. Doch ein Blick über die Schulter machte auch ihm bewusst, dass sie den Unbilden der Wellen ausgeliefert waren. So blieb den Männern nichts anderes übrig, als tatenlos mitanzusehen, wie das Boot erbarmungslos auf eine abgelegene Insel zugetrieben wurde.

Der Abenteurer hatte Seefahrer in Tavernen ehrfurchtsvoll von ihr sprechen hören, wobei er ihre Erzählung stets als Seemannsgarn abgetan hatte. Doch unter Kapitänen galt die Insel als berüchtigt. Niemals sollte ein Mensch, der das Innere betreten hatte, von dort zurückgekehrt sein. Der Sage nach trieben auf der Insel böse Geister ihr Unwesen.

Böse Geister …

Humorlos lachte Gubo auf. Viel mehr fürchtete er die Bedrohung durch die steil aufragenden Felsen der Küste, die es unmöglich zu machen schienen, ungefährdet an Land zu gehen. Das Wasser brauste auf, und das Rauschen der Wellen übertönte die Worte der Menschen an Bord. Gischt spitzte über sie hinweg und durchnässte ihre Kleidung.

Nun war das Boot vollends ihrer Kontrolle entglitten. Es taumelte und torkelte führungslos über die Wellenkämme und trieb mit jedem Wellenschlag näher auf das steinige Ufer zu.

»Wir laufen auf!«, rief Gubo und sah in die furchterfüllten Gesichter seiner Männer. Dann fiel sein Blick auf die beiden Mädchen, die sich in ihren Fesseln wanden. Kurz entschlossen ging er auf sie zu und schnitt die Seile durch. Gefesselt fänden sie den sicheren Tod, und dann wäre jede Hoffnung auf ein Lösegeld endgültig zunichte …

»Haltet euch fest!«, forderte er Dagmar und Bettina auf. »Vielleicht können wir uns an Land retten!«

Er sah nach vorne über den Bug hinweg. Das Boot steuerte auf einen Felsen zu, der nur flach aus dem Wasser ragte. Gubo schürzte die Lippen. Mehr als die Hoffnung blieb ihm nicht …

Nur einen Augenblick später lief das Boot auf dem Felsen auf. Der Rumpf wurde in die Höhe gehoben, und der Mast zerbarst wie ein morscher Ast. Stimmen schrien auf und riefen um Hilfe.

Gubo tauchte ins Wasser ein und schlug hart gegen den Felsen. Er biss die Zähne zusammen und sah vor sich einen blonden Haarschopf. Ohne zu zögern, griff er nach dem Körper und zog ihn auf das rettende Ufer zu.

Dagmar sackte neben ihm auf dem kalten Fels zu Boden und rang um Atem. Gubo sah sich um und erkannte seine Schergen, von denen einer Bettina, der Zofe, ans Ufer half. Er lachte auf. Wieder einmal war das Glück ihm hold. Nie im Leben hätte er damit gerechnet, dass sie alle unbeschadet mit dem Leben davonkommen würden!

»Dem Teufel sei Dank«, murmelte Bruno, während er seinen Griff um Bettinas Arm löste und nach Luft schnappte. »Wir haben es geschafft …«

Noch bevor Gubo etwas erwidern konnte, fauchte Dagmar ihn an. »Schämt Ihr Euch nicht? Wehrlose Frauen ins Verderben zu stürzen?« Trotz ihres aufgelösten Haars und der Erschöpfung der vergangenen Stunden hatte sie sich nach wie vor die Haltung einer Gräfin bewahrt und funkelte den Gauner aus zornerfüllten Augen an.

Unwillkürlich fühlte Gubo sich schuldig, doch dann straffte er seinen Körper und fand zu seiner gewohnten Selbstsicherheit zurück. »Es lag nicht in meiner Absicht, Euch Ungemach zu bereiten, Gräfin Dagmar«, erwiderte er und schwor sich, sich nicht den Schneid abkaufen zu lassen und zuckte dann mit den Schultern. »Aber nun ist es nicht mehr zu ändern.«

Dagmar sah ihn nach wie vor wuterfüllt an. »Und was gedenkt Ihr, jetzt zu tun?«

Gubo sah sie mehrere Augenblicke lang forschend an, bevor er antwortete. »Beruhigt Euch, Gräfin. Bestimmt finden wir Menschen, die uns helfen können.«

Dagmar antwortete ihm nichts darauf, sondern ging auf Bettina zu, die schluchzend auf dem Fels saß. Sie nahm sie in die Arme und sprach ihr tröstende Worte zu. Gubo unterdrückte das erneut aufbrandende Schuldgefühl und sah sich um. Er hatte die Hoffnung, dass noch etwas von der Ladung an Bord des Boots an den Strand gespült worden war, doch das Meer hatte alles mit sich in die Tiefe gerissen.

Er stemmte die Hände in die Hüften und sah zu seinen Männern, die ihn erwartungsvoll anblickten. Ohne ein Wort zu sagen, riss er den Arm hoch und deutete ins Innere der Insel.

*

Die Schiffbrüchigen machten sich auf den Weg. Nachdem sie die Felsklippen erklommen hatten, wurden sie ohne Übergang von einem dicht bewachsenen Urwald umgeben. Knorrige Bäume, deren Wurzeln weit aus dem Erdreich ragten, erhoben sich Dutzende von Metern in die Höhe. Buschwerk, das so dicht wuchs, dass es ein Durchkommen fast unmöglich machte, bedeckte den Boden. Nur ein schmaler Pfad, der fast so wirkte, als sei er von Menschenhand angelegt worden, führte durch das dicht stehende Blattwerk.

Und trotz der üppigen Natur fehlte eines … kein Vogel war zu hören, kein Tier, das aufgeschreckt durchs Unterholz davonpreschte. Es war eine gespenstisch anmutende Ruhe, die die Gruppe umgab.

Mit einem Mal öffnete sich das Unterholz und gab den Blick auf eine kleine Lichtung frei. Doch der Anblick ließ die Menschen erschaudern. Statuen, die die Menschen um mehr als einen Kopf überragten, blickten von beiden Seiten der Lichtung aus dämonisch wirkenden Augen auf sie herab. Sie waren grob gearbeitet und wirkten wie Ungeheuer aus einer tiefen Hölle.

Bettina drückte sich Schutz suchend an Dagmar.

»Ich fürchte mich, Herrin«, gab sie mit leiser Stimme zu und wagte nicht, zu den Statuen aufzusehen. »Uns steht bestimmt Schreckliches bevor.«

Dagmar suchte nach tröstenden Worten. Doch auch sie fühlte, wie sich die Furcht mit Eiseskälte um ihr Herz legte. »Das Gefühl habe ich auch«, konnte sie nur erwidern. »Schau nur diese grausigen Figuren überall!«


Sie wagte kaum, nach vorne zu deuten, in das Dickicht, in dem nun noch weitere dieser unheimlichen Statuen auszumachen waren.

Gubo wollte etwas darauf antworten, als dicht vor ihm ein Pfeil in einen umgestürzten Baumstamm einschlug und federnd stecken blieb. Der Abenteurer zuckte zurück, dann sah er das Stück Papier, das auf den Pfeilschaft aufgesteckt worden war.

»Was ist das?«, stieß er aus. »Ein Pfeil mit einer Botschaft?«

Vorsichtig sah er in die Richtung, aus der der Pfeil gekommen war, ohne jedoch jemanden – oder irgendetwas – im Dickicht auszumachen. Dennoch sah er sich nach allen Seiten um, bevor er sich nach vorne beugte und das Blatt vom Pfeil zupfte.

»Lies vor!«, forderte Benno ihn auf, der sich nervös über die Lippen fuhr.

Gubo tat sich schwer damit, die Schrift zu entziffern. »Fremdlinge …«, setzte er an, »… wenn euch euer Leben lieb ist, verlasst diese Insel. Die …«, er stockte, »… die Dämonen töten jeden, der den Frieden ihres Reiches stört.«

Der Abenteurer besah sich die Zeilen, bevor er auflachte und das Papier zusammenknüllte. Mit einer schwungvollen Bewegung warf er es von sich und griff nach seinem Schwert.

»Ach was! Dummes Geschwätz!«, brauste er auf. »Davon lasse ich mich nicht einschüchtern!«

Er sah sich zu den Übrigen in seiner Gruppe um. »Kommt, wir gehen weiter!«, forderte er sie auf und wies mit dem Schwert in die Richtung, aus der er den Pfeil vermutete.

Leises Murren war unter seinen Männern zu hören. Keiner von ihnen wagte jedoch, gegen ihn aufzubegehren, und so schlossen sie sich ihm an, die beiden jungen Frauen in ihrer Mitte.

*

Zwei Augenpaare verfolgten im Dickicht, wie sich die Menschen von der Lichtung entfernten. Nahezu geräuschlos erhoben sich die Gestalten und sahen der Gruppe nach. Einer der beiden Männer schloss die Hand fester um seinen Bogen.

»Die Fremden befolgen Euren Befehl nicht, Humba«, stellte er verwundert fest.

Der Mann neben ihm stieß zur Antwort einen unwilligen Laut aus. Er strich sich den Echsenpanzer zurecht, den er wie einen Umhang trug. »Ich sehe es, Kerum«, knurrte er. »Dann werden sie sterben.«

Er sah seinen Begleiter an. »Lass uns gehen«, wies er ihn an.

*

Stunden vergingen, in denen die Gruppe unter Gubos Führung über die Insel irrte. Zu ihrem Glück fanden sie eine kleine Quelle, an der sie zumindest ihren Durst stillen konnten. Der Abenteurer war selbst kurz davor, die Hoffnung aufzugeben, noch auf die Bewohner dieser verfluchten Insel zu stoßen, als vor ihm etwas zwischen den Bäumen aufragte.

»Seht, eine menschliche Siedlung!«, rief er seinen Gefährten zu und deutete auf die Steinbauten. Die grob behauenen Steine wirkten alt und waren teils vom Urwald überwuchert.

Dagmar schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht … es ist alles wie ausgestorben …«

Gubo überhörte ihre Worte und ging auf einen frei liegenden Durchlass im Mauerwerk zu. »Lasst uns hineingehen«, meinte er und deutete in die Öffnung. Ohne auf eine Antwort zu warten, durchschritt er den Torbogen.

»Ich fürchte mich!«, konnte sich Bettina nicht zurückhalten. »Gubo wird uns bestimmt alle ins Unglück stürzen!«

Die Gräfin wollte ihr gerade antworten, als Benno sie zu sich herwinkte. »Was zögert ihr? Kommt her!«, herrschte er die beiden Frauen an, die der Aufforderung nur langsam folgten.

Die Dunkelheit des schmalen Durchgangs wich schnell einem unheimlichen Licht, das flackernd über die Wände zuckte. Säulen, die mit Ornamenten und Reliefs reich verziert waren, stützten das Dachwerk, das sich über ihnen im Dämmerlicht verlor.

»Wir sind im Heiligtum der Inselbewohner«, mutmaßte Gubo und sah sich um. »Aber kein Lebewesen ist zu entdecken …«

Sie passierten einen weiteren Durchgang und betraten eine gewaltige Halle, die von großen Ölbecken erhellt wurde, in denen Flammen hoch zur Decke züngelten. Doch es war nicht die archaische Architektur, die die Menschen in ihren Bann nahm – es war die gewaltige Statue, die am anderen Ende der Halle über allem thronte. Sie mochte gut zehn Meter an Höhe betragen, und ihre prankenhaften Arme schienen die Decke zu stützen. Eine Fratze, die an einen Drachen aus der Fabelwelt erinnerte, starrte aus glutroten Augen auf sie herab.

»Rubine«, flüsterte Gubo ungläubig. »Seht nur!«, rief er, und seine Stimme hallte in dem Saal wider. »Die Statue scheint aus reinem Gold zu sein und ist über und über mit Juwelen besetzt!«

Sein Blick fiel auf die Edelsteine, die den Hals der Statue wie eine Kette umschlossen.

»Ein unheimliches Götzenbild«, erwiderte Dagmar, die es bei deren Anblick schauderte. »Lasst uns umkehren!«, flehte sie den Abenteurer an.

›Umkehren? Dazu ist es jetzt zu spät!‹, antwortete ihr eine hohle Stimme aus der Tiefe des Raums.

Noch ehe die Gruppe reagieren konnte, war sie von zahllosen halbnackten Menschen umringt, die zwischen den Säulen hervorsprangen und ihre steinernen Speere drohend auf sie richteten. Ein Mann stieg auf ein Podest und blickte sie zornig an. Er war neben seinem Lendenschurz in eine Echsenhaut gekleidet, die ihn wie eine Rüstung umgab und auch seinen Kopf bedeckte.

»Ich bin Vathu«, schmetterte seine Stimme durch die Halle. »Und ihr, ihr habt unsere Warnung nicht beachtet, Fremdlinge!« Drohend wies er auf die Gruppe. »Jetzt müsst ihr euren Leichtsinn büßen!«

»Zum Teufel, wir sind umzingelt!«, begehrte Endres auf. Zähnefletschend stieß er einen Speer zur Seite, doch sofort richteten sich zwei weitere auf ihn.

»Überwältigt die Eindringlinge und bindet sie!«, befahl Vathu den Inselbewohnern.

Bevor sich Gubo von seiner Überraschung erholen konnte, wurde er von den Wilden gefesselt. Er sah, wie sie auch nach den Mädchen griffen, bis er bemerkte, wie es Benno gelang, zum Ausgang zu flüchten.

Ohne es unterdrücken zu können, lachte er auf, doch ein Hieb mit dem stumpfen Ende eines Speers ließ ihn schmerzerfüllt in die Knie gehen.

*

Benno hetzte durch die dunklen Gänge und konnte nur hoffen, sich den Weg richtig eingeprägt zu haben. Hinter sich hörte er das wütende Geheul der Wilden, und trotz der Erschöpfung, die in seinen Knochen steckte, beschleunigte er seine Schritte.

Endlich tauchte vor ihm die lichterfüllte Öffnung auf, die ins Freie führte. So schnell er konnte, rannte er auf das nahe Dickicht zu.

Hinter ihm holten seine Verfolger schneller auf, als er gehofft hatte. Ein Schatten jagte zischend an seinem Kopf vorbei und blieb in einem Baumstamm stecken. Mit großen Augen sah Benno den Speer an und blickte sich verzweifelt um.

*

Wütend schrien die Verfolger auf, als der Speer sein Ziel verfehlte. Die Männer wollten dem Flüchtenden nachsetzen, als Kerum sie zurückhielt.

»Wozu ihn verfolgen? Der Tod ist in meinem Pfeil.«

Obwohl der Fliehende schon fast das Unterholz erreicht hatte, spannte der Eingeborene in aller Ruhe den Bogen und legte an. Sirrend löste sich der Pfeil von der Sehne und traf sein Ziel. Mit einem Aufschrei warf Benno die Arme in die Luft und brach noch in der Bewegung zusammen.

»Er ist getroffen«, stellte Kerum zufrieden fest. »Kommt, lasst uns zurückkehren«, wies er die übrigen Männer an.

*

Im Inneren des Heiligtums ahnten die Gefangenen nichts von Bennos Schicksal. Sie wurden gefesselt und von Dutzenden von Wilden bewacht vor Vathu geführt.

»Ihr habt die Gesetze der Dämonen gebrochen!«, donnerte dessen Stimme durch die Halle, und die übrigen Inselbewohner stimmten in ein wütendes Geheul ein. Vathu brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.

»Ihr werdet morgen unserer Gottheit geopfert!«, fuhr er fort. »In den Kerker mit ihnen!«, richtete er sich an alle Anwesenden, die in Jubel ausbrachen. Mehrere von ihnen nahmen die Gruppe in ihre Mitte und führten sie aus der Halle davon.

»Nur durch Eure Schuld sind wir jetzt in dieser verzweifelten Lage«, stieß Dagmar aus, der es schwerfiel, noch ihre Beherrschung zu bewahren. Sie konnte hören, wie Bettina neben ihr unentwegt schluchzte, und musste selbst mit den Tränen kämpfen.

»Ich weiß, Gräfin Dagmar«, antwortete der Abenteurer und senkte den Blick. »Ich habe unrecht gehandelt. Aber ich ahnte nicht, dass es so kommen würde!« Er stemmte sich gegen seine Fesseln, bis sich eine Speerspitze in seine Seite bohrte. Unterdrückt schrie er auf. »Wüsste ich nur einen Ausweg …«

DREI

Im Morgengrauen des nächsten Tages erreichte auch Sigurd mit seinen Gefährten die Insel. Ihnen schauderte beim Anblick der dunklen Rauchsäule, die aus dem Vulkankegel quoll, der hoch über der Insel in den Himmel ragte.

Obgleich die Strömung, wie von Arnulf, dem Fischer, angekündigt, nachgelassen hatte, musste dieser all sein Geschick aufwenden, um das Boot durch das tückische Wasser zu steuern. Überall ragten schroffe Felsen für einen Augenblick empor, nur um im nächsten Moment von einer Welle verdeckt zu werden.

Er hielt auf einen Küstenabschnitt zu, der flach zum Wasser abfiel. Sigurd stand am Bug und blickte angespannt aufs Ufer. Mit einem Mal sah er die gesplitterten Planken und einen zerborstenen Mast, die von den Wellen gegen die Felsen getrieben wurden.

»Dort ist Gubos Boot gestrandet!«, rief er, und sofort eilten Bodo und Cassim zu ihm.

»Lasst uns schnell an Land gehen«, mahnte er sie zur Eile, und seine Gefährten packten die Ausrüstung zusammen. Er sah sich angestrengt um. Zu seiner Erleichterung entdeckte er keinen leblosen Körper am Strand. Alle Insassen schienen sich ans Ufer gerettet zu haben.

Als das Wasser flach genug war, sprangen Bodo und er mit einem Seil in der Hand aus dem Boot und zogen den Rumpf so weit aus dem Meer, dass das Boot nicht von der Strömung mitgezogen werden konnte.

»Warte hier auf uns«, bat er den Fischer. »Aber sieh dich besser vor, Alter.«

Das brauchte er Arnulf nicht zweimal zu sagen. Dessen Augen suchten den dichten Wald voller Scheu ab, und er entschied sich, das Boot nicht zu verlassen. Zum Abschied winkten sie sich zu, dann drangen Sigurd, Bodo und Cassim in das Innere der Insel vor. Auf ihr Rufen hatte sich niemand gemeldet, also gingen sie davon aus, dass sich Gubo mit den Frauen in den Wald zurückgezogen hatte.

Sigurd blieb nur zu hoffen, dass der Schurke so einsichtig war, die Ausweglosigkeit seiner Lage zu erkennen und sich stellte. Ansonsten würde er mit seinen Geiseln für alle Zeit auf der Insel gefangen sein.

Die Freunde nutzten ihre Schwerter, um einen Pfad in das Dickicht zu schlagen. Immer wieder blieben sie stehen und lauschten in die Stille, in der die unberührt scheinende Natur vor ihnen lag. Sigurd rief die Namen der Gesuchten, doch niemand antwortete ihm.

Unverdrossen setzten sie ihren Weg fort. Je tiefer sie in die Insel vordrangen, desto beklemmender wurde die Atmosphäre. Ein fahles Licht beherrschte den Himmel, kein Windhauch fuhr mehr durch das Blattwerk der Bäume, die nun spärlicher wuchsen und den Blick auf die Umgebung freigaben.

Cassims Schrei schreckte die Begleiter aus ihren Überlegungen.

»Sigurd, sieh dort!« Der Junge wies nach vorne. »Da liegt ein Mann, er scheint verwundet!«

Der Körper lag in verkrümmter Haltung am Boden und war zwischen den fleischigen Blättern der Büsche kaum auszumachen gewesen.

Sie eilten auf die Stelle zu und fanden einen Mann mit einer Augenklappe, der sich nur schwach bewegte. In seinem Rücken steckte ein Pfeil, und das Hemd war an der Stelle tiefrot getränkt.

»Ihr seid verwundet!«, rief Bodo aus. »Was ist geschehen? Schnell, berichtet!«

Der Verwundete blickte auf. Ein schmerzvoller Laut drang aus seinem Mund. Er schüttelte müde den Kopf, als er die Ankömmlinge sah und sackte ins Gras.

»Ich bin ein Gefährte Gubos …«, brachte Benno stöhnend hervor. »Wir fielen den Inselbewohnern in die Hände … alle wurden gefangen …«

Sigurd ging neben ihm in die Knie und stützte ihn. Benno hustete und schnappte nach Luft. »Nur ich konnte fliehen …«, fuhr er fort. »Aber diese Teufel schossen mir einen Pfeil in den Rücken!« Sein Blick ging von einem zum anderen. »Die ganze Nacht habe ich hier gelegen – mir kann keiner mehr helfen …«

Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz und Resignation. Sigurd legte ihn behutsam ins Gras.

»Lasst mich hier sterben«, bat Benno mit kaum vernehmbarer Stimme. »Rettet … die beiden Frauen …«

Dann fiel sein Kopf zur Seite.

Sigurd atmete tief durch und erhob sich. »Er ist tot.«

Er presste seine Lippen aufeinander und warf dann Bodo und Cassim einen Blick zu. »Dagmar und Bettina sind in größter Gefahr! Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.«

Er sah sich um und wies auf ein Mauerwerk, das undeutlich hinter den Bäumen zu erkennen war. »Seht nur! Dort beginnt die Stadt dieser Dämonen. Seid vorsichtig, damit wir nicht entdeckt werden.«

Bodo und Cassim nickten nur stumm.

*

Unterdessen war für das große Opferfest alles vorbereitet worden.

Alle Bewohner der Insel hatten sich in der Arena versammelt, die aus einer lange vergangenen Zeit zu stammen schien. Die grob behauenen Steine waren verziert mit fremdartig anmutenden Reliefs und fratzenhaften Gesichtern.

Gespannt blickten die Anwesenden auf die fünf Gefangenen, die an lange Pfähle inmitten der Arena gefesselt waren. Sie schienen sich in ihr Schicksal ergeben zu haben, denn keiner von ihnen rüttelte an seinen Fesseln oder begehrte auf.

In einer Loge thronte Vathu zusammen mit den Hohepriestern und Ältesten der Stadt. Er erhob sich, und unwillkürlich richteten sich alle Augen auf ihn.

»Die Stunde eures Todes ist gekommen, ihr Fremden!«, hallte seine Stimme durch die Arena. »Der Dämon wird seine Opfer nicht verschmähen!«

Die Zuschauer jubelten auf. Vathu wies auf eine Gruppe von Männern, die an einem gewaltigen Tor am anderen Ende ihre Posten bezogen hatte.

»Beginnt euer Werk, Männer! – Öffnet das Tor.«

Ohne zu zögern, stellten sich die Angesprochenen an eine große Winde und setzten sie in Bewegung. Ein Knirschen und Krachen ging durch das ungeheure Tor, das sich Zoll um Zoll öffnete.

Ein heiseres Grollen drang dahinter hervor, das mit jedem Moment lauter wurde …

*

Sigurd hörte das Echo der Stimme, das durch die Arena klang, ohne die Worte zu verstehen. Doch der anschließende Jubel ließ ihn ahnen, dass hier ein öffentliches Gericht abgehalten wurde – und er befürchtete das Schlimmste.

Über seine Schulter sah er zu Bodo hinüber. Dieser erwiderte den Blick mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Sie beschleunigten ihren Schritt und achteten dennoch darauf, so lautlos wie möglich voranzukommen.

Sigurd war froh, dass er Cassim aufgefordert hatte, sich im Wald zu verstecken. Er wusste nicht, welche Gefahren sie hier im Inneren dieser verlassen anmutenden Stadt erwarteten, und er war nicht bereit, das Leben des Jungen aufs Spiel zu setzen. Cassim hatte zwar gemurrt und aufbegehrt, sich aber dann doch in Sigurds Wunsch gefügt.

Sie drangen durch ein offenes Tor in die Stadt ein. Nach wenigen Schritten schon wich das Licht des Tages der Dämmerung, in der die Durchgänge lagen. So hätte Sigurd auch beinahe den einzelnen Mann übersehen, der im Schatten einer Säule stand.

»Vorsicht, Bodo«, raunte er seinem Freund zu. »Eine Wache.«

Er zog seinen Dolch und schlich langsam vorwärts. Erst als er den Mann, der in eine echsenhaft anmutende Rüstung gekleidet war, fast erreichte hatte, machte er eine schnelle Bewegung nach vorne. Er packte den rechten Arm, mit dem die Wache eine Lanze mit mächtiger Klinge hielt, und legte seinen linken Arm so um die Schulter des Mannes, dass sein Dolch an dessen Kehle ruhte.

»Keinen Laut, wenn dir dein Leben lieb ist!«, machte Sigurd ihm unmissverständlich klar, und der Wachposten nickte zögerlich.

Er drehte den Mann herum und packte ihn mit einer Hand an der Kehle, während er den Dolch drohend auf die Brust seines Gegners richtete. »Sage mir sofort, wo ihr die beiden Frauen gefangen haltet oder …«

Er musste seine Drohung nicht zu Ende sprechen.

»Gnade!«, stieß die Wache hastig aus und wies mit dem freien Arm in eine Richtung. »Sie sind in der Arena! – Aber ihr kommt zu spät. Der Dämon ist frei …« Bei diesen Worten lachte der Mann unterdrückt auf.

Sigurd versetzte ihm einen Schlag, der ihn zu Boden schickte. Bodo nahm zudem die Lanze der Wache an sich und reichte seinem Freund ein Seil. Nachdem sie die Wache gefesselt und geknebelt hatten, eilten sie mit gezogenen Schwertern in die angegebene Richtung. In dem Gewirr an Gängen hätten sie beinahe die Orientierung verloren, hätte ihnen nicht der lauter werdende Jubel von Menschen den Weg gewiesen. Vor ihnen wurde das Licht in den Gängen wieder heller. Übergangslos blickten sie auf eine gewaltige Arena.

Sigurd wurde der Gefangenen gewahr, die an die Pfähle gebunden waren.

»Schrecklich!«, murmelte er. »Wir müssen versuchen, sie zu befreien.« Er drehte sich zu seinem Freund um und sah dessen entschlossenen Ausdruck in den Augen. »Komm. Jetzt gibt es kein Zurück mehr!«

Sie stürmten in die Arena, an einer Gruppe von Männern vorbei, die an einer Winde standen und sie verwundert ansahen. Sigurd erkannte, dass sie unbewaffnet waren und eilte weiter.

»Schnell, Bodo! Wir müssen die Überraschung der Inselbewohner ausnutzen!« Doch dabei übersah er, dass sich das riesenhafte Tor, das die Männer an der Winde bedienten, nun ganz geöffnet hatte.

Bodo sah das Ungetüm, das sich aus dem Schatten dahinter löste, als Erster.

»Teufel, was ist das?!«, stieß er aus.

Sigurd wusste zuerst nicht, was sein Freund meinte, als ein ohrenbetäubendes Brüllen aus dem Tor drang. Er drehte sich um und hatte das Gefühl, das Blut gefriere bei dem Anblick der Bestie in seinen Adern.

»Alle guten Geister! Welch ein Scheusal!«, rief er und rannte, so schnell er konnte, vor dem Ungetüm davon, das sich im Torbogen abzeichnete.

In diesem Augenblick stürzte das grauenvolle Untier auf den Schauplatz. Es mochte gut fünf Mannslängen hoch sein und wischte mit einem langen Schwanz um sich. Die echsenhafte Kreatur richtete sich auf ihre Hinterbeine auf und stieß einen urwelthaften Schrei aus. Ihre funkelnden, bernsteinfarbenen Augen fuhren suchend umher, und dann richtete sich der drachenartige Kopf, der von einem gewaltigen Horn auf der Stirn gekrönt wurde, auf die Gefangenen an den Pfählen.

Sigurd mochte kaum glauben, dass es sich bei dieser Bestie um die Gottheit der Inselbewohner handelte. Doch die Begeisterung von den Rängen machte ihm deutlich, dass die Menschen keine Angst vor ihr hatten.

Er konnte den Odem des Ungetüms förmlich in seinem Rücken spüren, als er die Pfähle fast schon erreicht hatte. Unter den Jubel der Zuschauer mischten sich nun auch zornige Rufe, und zahlreiche Finger deuteten auf Bodo und ihn.

»Gib mir die Lanze, Bodo!«, forderte Sigurd seinen Freund auf. »Ich lenke das Untier von dir ab, während du die Gefangenen befreist.«

Dieser sah sich um und blickte mit einem entsetzten Gesichtsausdruck auf das Monster, das immer näher kam. Im Laufen reichte er die Lanze an Sigurd weiter und hastete auf den ersten Pfahl zu.

»Schaut, die Fremden dort!«, schallte auf einmal eine Stimme zu ihnen herab. Sigurd sah empor und erblickte einen Mann, der ebenso in eine echsenhafte Rüstung gewandet war wie die Wache. »Sie kommen zur rechten Zeit! Der Dämon erhält zwei Opfer mehr!«

Sigurd lächelte grimmig. Er hatte nicht vor, im Bauch dieser Bestie zu enden.

Er wedelte mit den Armen und schrie aus Leibeskräften, und wie erhofft richtete das Untier seine Aufmerksamkeit auf ihn. Mit schnellen Schritten brachte er so viel Abstand, wie er konnte, zwischen sich und die Pfähle, damit Bodo genug Zeit blieb, die Gefangenen loszuschneiden. Grollend stapfte das Ungetüm auf ihn zu und öffnete hungrig sein breites Maul. Unterarmlange Reißzähne funkelten drohend, und eine Zunge leckte über die schuppigen Lippen.

Sigurd sah seine Chance gekommen.

Mit aller Kraft holte er aus und schleuderte den Speer in den geöffneten Rachen des Ungeheuers. Die breite Klinge bohrte sich tief in den Gaumen. Vor Schmerzen bäumte sich das Untier auf und stieß grollende Schreie aus.

Es wand sich und taumelte und schnappte mit dem Maul ins Leere, um sich von der peinigenden Waffe zu befreien. Doch mit jeder Bewegung drang die Klinge tiefer in das weiche Fleisch.

Sigurd verlor keine Zeit und rannte auf eine der beiden hoch aufragenden Säulen zu, auf denen mächtige Feuerbecken ruhten. Auf dem rauen Stein fand er sicheren Halt und konnte so rasch in die Höhe klettern.

Die Bestie suchte inzwischen nach ihrem Gegner, der ihr diese Schmerzen zugefügt hatte. Halb wahnsinnig vor Schmerz lief sie durch die Arena und erkannte den Junker, der gerade das obere Ende der Säule erreicht hatte. Wütend blitzten ihn die blutunterlaufenen Augen an. Das Ungeheuer stellte sich auf die Hinterbeine und wollte nach ihm schnappen.

Auf diesen Augenblick hatte Sigurd gewartet!

Er stemmte sich mit dem Rücken gegen die Unterseite der Feuerschale. Zuerst schien es, als könne es ihm nicht gelingen, sie zu bewegen, als ein Knirschen folgte und die Schale in ihrer Verankerung wankte. Gerade als das Ungetüm ein weiteres Mal in die Höhe sprang, um nach seinem Gegner zu schnappen, überschlug sich das Feuerbecken und ergoss seinen glühend heißen Inhalt über den Kopf des Ungeheuers.

Von der Glut geblendet und durch schwere Brandmale gezeichnet, taumelte das vor Schmerz brüllende Untier hilflos umher. Sigurd rutschte die Säule auf der abgewandten Seite so schnell wie möglich herab und eilte zu Bodo herüber, der gerade Gubo als Letzten von seinen Fesseln befreite.

Er sah das ungläubige Entsetzen in Dagmars und Bettinas Augen und zog sie mit sich.

»Kommt schnell!«, machte er ihnen mit eindringlicher Stimme klar und riss sie aus ihrer Starre. »Wir müssen so rasch wie möglich aus der Nähe dieses Ungeheuers!«

Die Bestie setzte ihnen jedoch nach. Sie hatte nicht vergessen, wer ihr diese Schmerzen zugefügt hatte. Sigurd und Bodo zogen die entkräfteten Frauen mit sich, doch Gubo und seine Spießgesellen fielen zurück. Blind vor Wut und Schmerz stürzte sich das Ungeheuer auf die drei Männer.

»Seht!«, schrie Bettina gellend. »Das Scheusal hat sich Gubo gepackt!«

Sigurd verharrte in seinem Schritt und blickte sich um. Er sah, wie der Abenteurer verzweifelt die Arme in die Höhe warf, und dann erstickte sein Schrei.

»Furchtbar …«, murmelte Sigurd und senkte den Kopf. »Ihm ist nicht mehr zu helfen.«

Er sah den erschütterten Ausdruck in den Gesichtern seiner Gefährten. »Kommt!«, trieb er sie an und eilte auf den offenen Durchlass zu, durch den sie die Arena betreten hatten.

Während die kleine Gruppe in den Gängen Schutz fand, begann das geblendete Untier rasend voller Schmerz ein grauenvolles Zerstörungswerk. Aus dem Jubel der Inselbewohner waren längst angsterfüllte und panische Schreie geworden, als die mächtigen Pranken wild um sich schlugen und die Tribünen zum Einsturz brachten. Menschen stürzten zu Boden oder wurden unter den Trümmern begraben.

Es dauerte unendlich lange Augenblicke, bis das Untier seinen Verletzungen erlegen war und in der Arena leblos zusammenbrach. Nachdem die überlebenden Inselbewohner ihr Entsetzen überwunden hatten, stellte Vathu einen Trupp Bewaffneter zusammen. Voller Wut hatte er die Flucht der Gefangenen festgestellt und schwor sich, die Fremdlinge nicht entkommen zu lassen.

*

Doch der Vorsprung der Fliehenden war bereits zu groß. Sigurd holte Cassim aus seinem Versteck, der ihn nur fragend und fassungslos ansah. Er hatte aus der Ferne das Wüten und Toben mitangehört, ohne ahnen zu können, was vorgefallen war.

Arnulfs Augen weiteren sich vor Überraschung, als er die Menschen auf sein Boot zuhetzen sah. Er stellte keine Fragen, als Sigurd ihn zur Eile antrieb. Die Männer halfen Dagmar und Bettina ins Boot und stießen dann den Rumpf mit aller Kraft vom felsigen Untergrund ab.

Aus dem Wald waren nun die ersten Rufe und Schreie zu hören, die rasch näher kamen. Arnulf setzte mit schnellen Handgriffen das Segel, und sofort spannte sich der Stoff unter dem frischen Wind.

Als die Wilden am Ufer erschienen und dem Boot einen Pfeilhagel hinterherschickten, lachte der alte Fischer auf. Er sah, wie die Geschosse weit hinter ihnen ins Wasser klatschten.

»Seid unbesorgt«, meinte Sigurd, der sich neben ihn stellte, erleichtert. »Die Pfeile können uns nicht mehr schaden. Jetzt sind wir bereits in Sicherheit.«

»Ja, wir sind gerettet …«, entfuhr es Dagmar ungläubig. »Das verdanken wir nur Euch und Euren tapferen Freunden!«

»Wir taten es gerne für Euch, Gräfin. Ihr braucht uns nicht zu danken«, antwortete Sigurd mit einem Lächeln und genoss die frische Brise, die ihm durchs Haar fuhr. Er wandte sich an Arnulf. »Aber nun zu, Alter – lass den Wind in das Segel blasen. Die Damen werden erwartet!«

VIER

Graf Gebhart schloss seine Tochter überglücklich in die Arme, als sie zurück auf der Burg angekommen war. Sie ließ sich jedoch sofort entschuldigen und wollte nach ihrem Bräutigam sehen, nachdem sie von seiner Verwundung erfahren hatte.

Gebhardt bat inzwischen Sigurd, ihm zu berichten, was vorgefallen war, und lauschte erstaunt den Erzählungen. Er schwor, sich darum zu kümmern, dass die Inselbewohner von ihrem Götzenkult abließen und die Insel keine Gefahr mehr darstellte.

Als er die drei Freunde für ihre Rettungstat entlohnen wollte, lehnten diese dankend, aber entschlossen ab. Sie seien schließlich hier, um einer Hochzeit beizuwohnen, und das Brautpaar glücklich vereint zu sehen, sei Belohnung genug.

Graf Gebhardt ließ es sich aber nicht nehmen, Sigurd, Bodo und Cassim in der Zeit bis zu Graf Hartmuts Genesung als Gäste auf seiner Burg zu bewirten. Sigurd ließ einen Boten mit einem Brief an seinen Vater schicken, in dem er alles erläuterte, und nahm wie seine Freunde das Angebot des Grafen an.

Wochen später wurde eine prachtvolle Hochzeit gefeiert. Hartmut bat Sigurd, nach all dem, was er für ihn und seine Braut getan hatte, als sein Trauzeuge teilzunehmen. Sigurd war sich der Ehre bewusst und nahm voller Stolz an.

Die anschließende Feier dauerte ganze drei Tage, und schließlich brachen die Freunde auf, um die Heimreise anzutreten. Der Abschied fiel herzlich aus, und Sigurd wusste, neue Freunde gewonnen zu haben.

Als sie auf Burg Eckbertstein ankamen, konnten sie sehen, dass die Arbeiten zwar inzwischen weit fortgeschritten, aber noch lange nicht abgeschlossen waren. Sigurd, Bodo und Cassim nutzten die Zeit, um sich von dem vergangenen Abenteuer zu erholen. Bald jedoch übergab Sigurds Vater ihm einen neuen Auftrag, da er sehen konnte, welche Rastlosigkeit seinen Sohn schon nach einem Tag wieder erfüllte.

Die Freunde brachen am nächsten Morgen auf, um eine Botschaft für einen befreundeten Fürsten zu überbringen. Der Frühling war inzwischen endgültig ausgebrochen, und an den Bäumen zeigte sich das frische Grün junger Blätter. Selbst der Wind hatte die schneidende Kälte des Winters verloren, und so genossen die Freunde den Ritt in den wärmenden Sonnenstrahlen.

Als der Weg vor ihnen eine Biegung machte, sahen sie vor sich in einiger Entfernung einen Handelswagen. Es war ein Gespann mit vier Pferden, das langsam über die staubige Straße ruckelte.

Sigurd kniff die Augen zusammen und versuchte, den Fahrer auf dem Kutschbock zu erkennen.

»Du, Bodo, sag mal, ist das da vorne nicht der Wagen Mertens, des alten Handelsmanns?«

Sein Freund schloss zu ihm auf und spähte nach vorne. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Ja, jetzt sehe ich es auch. Das ist unser alter Freund!«

Merten war ein fahrender Händler, der seit langen Jahren schon auf Burg Eckbertstein ein- und ausging. Er überraschte seine Kunden immer wieder damit, aufgrund seiner guten Beziehungen in aller Herren Länder Köstlichkeiten und Kostbarkeiten besorgen zu können, nach denen andere sich vergebens umsahen. Daher war er auf jeder Burg ein gern gesehener Gast.

Sigurd drückte die Fersen in die Flanke seines Pferdes.

»Los, Freunde«, sagte er zu Bodo und Cassim, »Wir wollen ihm auf seiner Fahrt Gesellschaft leisten. Merten wird sich freuen, uns wiederzusehen.«

Die Freunde beschleunigten ihren Ritt und schlossen rasch zu dem Karren auf. Eine Plane spannte sich über den Wagen und ließ so keinen Blick auf die Ladefläche zu. Ein Lächeln huschte über das bärtige Gesicht, als er sah, wer ihm zuwinkte.

»Hallo, Merten!«, rief Sigurd, um das Rumpeln des Fahrwerks zu übertönen. »Wie geht es dir? Wir haben uns lange nicht mehr gesehen.«

»Ho, Sigurd mit seinen Freunden«, begrüßte Merten sie, als er auch Bodo und Cassim erblickte. »Das ist ja eine Überraschung! Wo kommt ihr denn so plötzlich her?«

Sigurd erwiderte etwas, doch das Rattern und Poltern der Räder verschluckte seine Worte, und so zügelte der alte Handelsmann seine Pferde.

Sigurd lenkte sein Pferd nahe an den Kutschbock. »Ich glaube, wir haben den gleichen Weg wie du«, antwortete er. »Da können wir ja gemeinsam reisen.«

»Aber gern!«, sagte Merten und das Lächeln unter seinem weißen Bart wurde breiter. »Bleibt nur bei mir.« Er zog die Zügel straffer, um seinen Pferden den Befehl zu geben, ihren Trab wieder aufzunehmen. »Ha, das wird eine unterhaltsame Fahrt«, fuhr er fort. »Sonst bin ich ja immer so allein …«

Er seufzte bei diesen Worten und lehnte sich auf der Sitzbank zurück.

*

Die Reisenden setzten ihren Weg ohne Zwischenfälle fort und erreichten gegen Abend ein bewaldetes Tal. Knorrige Eichen wuchsen zu beiden Seiten der Straße in die Höhe. Dennoch war der Weg breit genug, um die Sicht auf die umgebende Landschaft freizugeben.

Sigurd erblickte auf einem hoch aufragenden Hügel eine mächtige Festung.

»Was ist denn das für ein Bauwerk dort oben auf dem Fels, Merten?«, fragte er. »Weißt du, wem es gehört?«

Der Handelsmann verlangsamte die Fahrt und strich sich mit einer Hand durch den Bart.

»Das? Das ist ein altes, verfallenes Kastell«, erwiderte er und überlegte. »Ich glaube, es gehört zum Besitz des Grafen Henning von Gerburg.« Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sich die Konstruktion. »Dort oben hat sich nichts verändert seit dem vorigen Jahr, als ich zum letzten Mal hier vorbeikam. Es gibt auch keinen Weg mehr dort hinauf. Die Auffahrt ist zugewachsen, und die Treppen zum Kastell sind längst zusammengestürzt.« Er zuckte mit den Schultern. »Weiß Gott, was es mit diesem Kastell für eine Bewandtnis hat.«

Sie setzten die Reise fort, und nur wenige Minuten drauf wies der alte Merten nach vorne. »Siehst du die Burg da auf dem Hügel? Das ist die Gerburg. Dort wohnt Graf Henning mit seiner Tochter Helga.«

Von den hohen Turmspitzen wehten die Banner im frischen Abendwind, und mehrere Fenster waren erleuchtet.

»Ja, Graf Henning«, hörte Sigurd die Stimme des Handelsmannes, »Das ist ein guter Herr! Die Leute hier lieben und verehren ihn.« Er deutete über die Schulter zurück zum Kastell. »Er kümmert sich mehr darum, dass es den Menschen gut geht, und nicht um diese alten Raubnester, die noch überall hier in den Bergen verstreut liegen.«

Bald darauf erreichte die Gruppe ein Stück des Waldes, an dem die Bäume so eng wuchsen, dass der Handelskarren kaum durchkam. Das Geflecht der Äste schloss sich zu einem Blätterdach, durch das kaum Licht fiel. Zudem war die Nacht inzwischen hereingebrochen, und so verschwand auch bald der letzte Rest Tageslicht. Merten entzündete eine Laterne und befestigte sie neben dem Kutschbock, doch sie erhellte kaum mehr als eine Armlänge von ihm entfernt.

Der Weg wurde immer schmaler, und so ritten Sigurd, Bodo und Cassim hinter dem Handelsmann her, wobei sie darauf achten mussten, dass sich ihre Pferde in der zunehmenden Dunkelheit in keiner Wurzel am Boden verfingen.

Gerade als sich der Mond hinter den Baumkronen hervorschob, erreichten sie eine kleine Lichtung, auf der wie aus dem Nichts ein unheimlicher Reiter aus dem Wald auftauchte.


Merten schrie auf. »Seht nur, wie furchtbar! Der Kerl hat gewiss nichts Gutes vor!«

Der fremde Reiter riss ein Langschwert in die Höhe, das im Mondlicht blitzte. Sein Pferd wieherte auf und schnaubte wild.

»Haltet an, alter Mann, wenn Euch Euer Leben lieb ist«, rief er mit einer Stimme aus, die durch ein Tuch vor dem Mund gedämpft wurde, das selbst die Augen verbarg. Er wartete Mertens Antwort nicht ab. Auf einen Wink hin stürmten sechs übel aussehende Banditen auf ihren Pferden aus dem Unterholz auf den Wagen zu.

»Die Schurken wollen ihn niedermachen und die Waren aus Mertens Wagen rauben«, knurrte Sigurd, der im Schatten des Wagens verborgen blieb. Er sah sich zu Bodo um. »Aber das soll ihnen übel bekommen!«

Sein Freund nickte entschlossen.

»Los, Bodo, das Schwert heraus!«, forderte Sigurd ihn auf und zog seine eigene Waffe. »Die Kerle sollen uns kennenlernen.«

Er trieb sein Pferd an und preschte auf den ersten Banditen zu. »Ho, kommt nur heran!«, rief er und schwang sein Schwert durch. Wie ein Wirbelwind fuhren Bodo und er unter die verblüfften Räuber, die Merten allein wähnten. Entsetzte und überraschte Schreie hallten durch die Nacht. Es zeigte sich schnell, dass die Schurken offenbar nur Handelsleute überfielen, die kein großes Waffengeschick besaßen, denn gegen die gekonnt geführten Klingen von Sigurd und Bodo richteten sie wenig aus.

Binnen weniger Augenblicke fielen zwei von ihnen getroffen vom Pferd und blieben stöhnend und wimmernd am Boden liegen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Räuber gegen die beiden Ritter unterliegen würden, als plötzlich der alte Merten aufschrie. Sigurd hörte es, doch ihm blieb keine Zeit, sich nach ihm umzudrehen. Er musste eine wuchtig geführte Klinge abwehren.

Der alte Mann fasste sich an die Brust und richtete sich im Kutschbock auf. Ein aus dem Dickicht abgeschossener Pfeil hatte seinen Wams durchbohrt. »Diese hinterhältige … Bande«, stöhnte er. »Helft mir, Freunde …«

Mit diesen Worten stolperte er vom Wagen und taumelte zu Boden. Cassim sprang von seinem Pferd und eilte auf den Verwundeten zu.

»Merten, was ist mit dir?«, rief er aus. Auch er hatte nicht gesehen, was geschehen war und schrak zusammen, als er den Pfeil in der Brust erblickte. »Das sieht nicht gut aus«, sagte er und presste die Lippen aufeinander. Ihm war klar, dass er den alten Mann sofort verbinden musste.

Sigurd und Bodo blieb keine andere Wahl, als Cassim bei seiner Hilfe alleine zu lassen. Sie wehrten sich gegen die Räuber, die ihre erste Überraschung überwunden hatten. Doch als auch der dritte von ihnen sterbend am Boden lag, hörten sie erneut die gedämpfte Stimme.

»Zurück, Männer!«, rief der Maskierte. »Es hat keinen Zweck … wir treffen uns in unserem Schlupfwinkel!«

Umgehend ließen die Banditen von ihrer vermeintlich leichten Beute ab, rissen ihre Pferde herum und ritten in die Dunkelheit des Waldes.

»Ah, siehst du«, entfuhr es Bodo. »Diese Räuber geben den Kampf auf. Wir haben gesiegt!«

Sigurd sah den Davoneilenden nach. »Das ist der Rädelsführer! Schnell, Bodo«, stieß er aus, »den kriegen wir noch! Komm!«

Er packte die Zügel fester und wollte losreiten.

»Lass, Sigurd, das ist sinnlos«, beeilte sich sein Freund zu sagen und sah den Schurken nach, die kaum mehr als Schemen in der Nacht waren. »Wir kennen den Wald nicht. Die Bande ist im Vorteil. Wir würden nur in einen Hinterhalt reiten.«

Sigurds Pferd tänzelte auf der Stelle, denn der Junker war noch nicht bereit, von seinem Vorhaben abzulassen. Schließlich entspannte sich sein Körper, und er sah zu seinem Freund hinüber.

»Du hast recht, Bodo«, antwortete er mit verschlossener Miene. »Lassen wir den Schuft laufen.« Er wandte sein Pferd und ritt zum Wagen zurück. Verwundert sah er, wie sich Cassim über den Handelsmann beugte.

»Was ist mit dem alten Merten?«, fragte er.

»Ein Pfeil hat ihn schwer verwundet. Hoffentlich kann er noch gerettet werden!«, schoss es aus Cassim heraus.

Sigurd und Bodo sprangen entsetzt vom Pferd und liefen auf den Verwundeten zu. Sie knieten neben ihm und sahen die Schwere der Verwundung. Für einen Augenblick kam Merten zu sich. Aus flackernden Augen sah er die Männer um sich herum an.

»Bringt mich auf die Gerburg … zum Grafen Henning«, brachte er mit krächzender Stimme hervor. »Er kennt mich … dort bin ich sicher …« Mit diesen Worten stöhnte er auf und sackte zurück.

Die Freunde befürchteten das Schlimmste, doch als sie den Herzschlag erspüren konnten, atmeten sie auf. Dennoch durften sie keine Zeit verlieren.

»Ja, Merten, das tun wir«, murmelte Sigurd. »Los, Cassim, du steigst auf den Bock und lenkst den Wagen. Bodo und ich werden ihn auf der Ladefläche so weich es geht betten, damit sich die Wunde nicht weiter öffnet.«

Nur kurze Zeit darauf rollte der Wagen mit dem Schwerverwundeten auf die nahe Burg zu. Zum Glück verdeckten keine Wolken den Vollmond, so konnte die Gruppe im bleichen Licht den Weg vor sich deutlich ausmachen.

FÜNF

Über den steilen Aufstieg erreichte der Wagen das hochgezogene Burgtor. Sigurd erhob sich auf seinem Pferd und legte eine Hand an den Mund.

»Lasst uns ein!«, schallte seine Stimme durch die Nacht. »Wir bringen Merten, den alten Händler. Er braucht dringend Hilfe!«

Eine Wache fragte von einer Zinne, wer um diese Zeit noch Einlass begehrte. Sigurd nannte seinen Namen, und nur wenige Augenblicke später senkte sich die Zugbrücke rasselnd herab.

Bewaffnete Wachleute eilten auf die Gruppe zu. Sigurd wies sie mit wenigen Worten an, dass Mertens Wunde unverzüglich versorgt werden müsse, und die Männer trugen den alten Handelsmann so vorsichtig sie konnten in eine Wachkammer.

Über eine Treppe aus dem Haupthaus kam ihnen ein Mann mit wallendem blonden Haar in edlen Gewändern entgegen. Graf Henning war über die Ankunft der Fremden benachrichtigt worden und eilte in den Burghof. Fackeln wurden erleuchtet, und auch hinter mehreren Fenstern flammten Lichter auf.

Sigurd stellte sich und seine Freunde dem Grafen vor.

Graf Henning erkannte, dass er an der edlen Abstammung der Ritter nicht zu zweifeln brauchte. »Sagt, was ist geschehen?«, forderte er Sigurd auf. »Wo kommt Ihr her?«

»Wir trafen Merten, den alten Handelsmann, und begleiteten ihn«, erklärte Sigurd. »Im Wald fiel uns mit einem Mal eine Schar Räuber an, die von einem maskierten Reiter angeführt wurden. Es gelang uns, sie in die Flucht zu schlagen – aber Merten wurde von einem Pfeil getroffen.«

Der Blick des Grafen verfinsterte sich.

»Zum Teufel!«, entfuhr es ihm. »Schon wieder ein Überfall in meinem Land! Seit einem halben Jahr macht der Maskierte mit seinen Spießgesellen die Gegend unsicher, mordet und plündert die durchfahrenden Kaufleute.« Er schüttelte den Kopf. »Trotz aller Mühe ist er uns immer wieder entwischt … es ist wie verhext!«

Er straffte seinen Körper und machte eine einladende Geste. »Aber steigt vom Pferd und tretet ein. Seid meine Gäste! Ihr müsst gewiss hungrig und müde sein.« Er legte Cassim eine Hand auf die Schulter. Der Junge strahlte bei der Aussicht auf ein warmes und weiches Bett übers ganze Gesicht.

»Da habt Ihr recht, Graf Henning«, stimmte Sigurd zu. »Wir nehmen Eure Einladung gerne an.«

Der Graf winkte einen Bediensteten zu sich heran und erklärte ihm, ein Zimmer für die Ankömmlinge vorzubereiten und in seinen eigenen Räumen Speis und Trank aufzutischen.

Der Diener eilte davon, und der Graf führte seine Gäste ins Haupthaus. Nachdem sie die Gemächer des Grafen erreicht hatten, mussten sie nicht lange warten, bis mehrere Küchengehilfen mit Tellern voller Wildbret und Brot herbeikamen und Krüge mit Wein und Milch abstellten. Die drei Freunde griffen nach dem langen und anstrengenden Tag herzhaft zu und ließen sich das Essen munden.

Es klopfte an der Tür, und zwei junge Frauen betraten den Raum. Sie waren beide von ausnehmender Schönheit, doch während das Gesicht des blonden Mädchens sie freundlich ansah, zeigte sich im Gesicht des schwarzhaarigen Mädchens ein wilder Zug, der durch das Funkeln in den dunklen Augen unterstrichen wurde.

»Ah, da kommen meine beiden Mädchen«, begrüßte Graf Henning sie. »Ich will sie gleich mit Euch bekannt machen.«

Er erhob sich und ging auf das Mädchen mit den blonden Haaren zu. »Dies ist Helga von Gerburg, meine Tochter«, stellte er sie vor. Sigurd und Bodo erhoben und verbeugten sich, und sie neigte leicht ihren Kopf. Cassim wollte es seinen Freunden gleichtun, doch er wusste nicht, wohin so schnell mit dem großen Krug voller Milch und dem Stück Braten in seiner Hand.

»Und hier meine Nichte Ishild«, stelle Graf Henning das schwarzhaarige Mädchen vor. »Ihre Eltern starben unverhofft vor einem Jahr, seither lebt sie bei uns auf Gerburg.«

Sigurd und Bodo erwiesen auch ihr die Ehre und nannten ihre Namen.

Ishilds Lippen zuckten einen unmerklichen Augenblick lang. »Ich freue mich, solch berühmte Helden kennenzulernen«, sagte sie. »Wir haben schon viel von Euch und Euren Abenteuern gehört!«

Der Graf bat die beiden Mädchen, an der gedeckten Tafel Platz zu nehmen und ließ sich einen Becher Wein einschenken.

Sigurd wirkte nachdenklich. »Es ist mir unerklärlich, Graf Henning, dass Ihr die Räuberbande noch nicht fangen konntet«, sprach er seinen Gedanken aus.

Der Graf stützte sich mit den Händen auf dem Tisch ab und schürzte die Lippen. »Das ist ja eben das Rätselhafte«, musste er zugeben. »Trotz aller Mühen konnten wir sie noch nie überlisten … nach jedem Raubzug verschwinden sie spurlos!«

»Das wäre doch etwas für Euch«, warf Ishild ein und sah Sigurd mit einem herausfordernden Blick an. »Ihr seid doch klug und geschickt, wie man sagt. – Da ist es gewiss ein Leichtes für Euch, das Raubgesindel zu erwischen!«

Sigurd sah sie forschend an, und sie hielt seinem Blick stand.

»Warum nicht?«, antwortete er schließlich und richtete sich an seine Freunde. »Versuchen können wir’s. Was meint ihr?«

Cassim machte eine zuversichtliche Miene.

»Aber sicher«, stimmte Bodo zu. »Wir sind schon mit ganz anderen Leuten fertig geworden als mit solch hinterlistigen Schurken!«

Sigurd wandte sich seinem Gastgeber zu. »Graf Henning, wenn Ihr uns gestattet, noch einige Zeit hierzubleiben, wollen wir uns bemühen, Euer Land von dem maskierten Reiter zu befreien.«

Graf Henning sah ihn zuerst zweifelnd und ungläubig an, doch dann setzte er eine entschlossene Miene auf. »Junker Sigurd, das soll ein Wort sein!«, antwortete er und streckte die Hand aus, in die Sigurd einschlug.

»Es wäre großartig, wenn Ihr die Banditen unschädlich machen könntet«, sagte der Graf und erwiderte den festen Händedruck. »Bleibt bei uns, solange Ihr Lust habt und seid meine Gäste!«

*

Am nächsten Morgen machten Sigurd und Bodo mit den beiden Mädchen einen Erkundungsritt durch die Gegend. Zu jeder anderen Zeit wäre dies in solch hübscher Begleitung ein heiterer Ausflug gewesen, doch Sigurds Gedanken richteten sich einzig und allein darauf, einen Hinweis auf den Verbleib der Räuber zu finden.

Noch bevor sie aufgebrochen waren, hatte sich Sigurd nach dem Befinden des alten Merten erkundigt. Doch der Leibarzt hatte ihn nicht vorgelassen. Tiefe Ränder zeichneten seine Augen und machten deutlich, dass er die Nacht hindurch den Verwundeten versorgt hatte. Die Wunde sei so schwer, dass er selbst nicht sagen könne, ob der Handelsmann durchkäme.

Und alleine das spornte Sigurd an, alles zu tun, was in seiner Macht stand, um die Räuberbande zu zerschlagen.

Der Graf hatte darauf bestanden, die Mädchen mitzunehmen, damit ein Beobachter sich nichts beim Anblick der Gruppe dachte. Eine Einheit bewaffneter Reiter hätte jeden Banditen unwillkürlich gewarnt.

»Wenn wir nur ungefähr eine Ahnung hätten, wo die ihr Versteck haben«, riss ihn Helgas glockenhelle Stimme aus seinen Gedanken. Sie wies mit einer umfassenden Geste auf den Wald und die Hügel, nachdem sie bereits eine Weile unterwegs waren. »Dann säßen die Burschen längst hinter Schloss und Riegel. Mein Vater hat mit seinen Männern schon jeden Zoll Boden durchsucht – alles ohne Erfolg!«

»Aber irgendwo müssen die Räuber die Waren verbergen, die sie den Kaufleuten abnehmen«, überlegte Sigurd und warf einen Blick in die Landschaft. »Auf unserer Herfahrt sah ich ein altes Bauwerk oben auf einem Fels unweit von der Burg entfernt. Vielleicht ist das der gesuchte Ort?«

Ishild lachte auf. »Ihr meint das alte Kastell?« Sie schüttelte den Kopf, und das schwarze Haar umwehte ihr Gesicht. »Nein, das ist ausgeschlossen. Dort kann kein Mensch mehr hinauf. Eine hölzerne Treppe war der einzige Zugang über den steilen Hügel, und sie ist schon seit vielen Jahren zerstört und verfallen.«

Sie lenkte ihr Pferd in die Richtung. »Kommt nur nach, ich will es Euch zeigen«, sagte sie zu Sigurd mit einem kecken Ausdruck im Gesicht.

Ishild erwies sich trotz des Damensattels als geübte Reiterin, die ihr Pferd in einem Galopp antrieb. Helga hatte sichtlich Mühe, ihnen zu folgen. Zum Glück hatten sie ihr Ziel schon nach kurzer Zeit erreicht. Während Ishild kein Zeichen von Anstrengung zeigte, musste Helga durch den schnellen Ritt erst nach Luft schöpfen.

Mitten aus dem Wald erhob sich der hohe Felsen, auf dem die halb zerfallene Ruine in den Himmel ragte.

»Da, schaut dort hinauf«, wandte sich Ishild zu Sigurd und Bodo um. »Ihr seht selbst, dass es unmöglich ist, zu dem alten Kastell zu gelangen. Jeder, der es wagen würde, einen Weg hinauf zu suchen, würde bald zerschmettert unten am Abgrund liegen!«

Sigurd blieb nichts anderes übrig, als zum selben Schluss zu kommen. Die Klippen des Felsens fielen zu allen Seiten steil ab. Und von der Treppe, die nach oben führte und einst auch Reitern einen sicheren Halt geboten haben mochte, waren kaum mehr als einzelne längst zerfallene Bretter und Holzbalken zu erkennen.

»Komm«, sagte er zu Bodo. »Ishild hat recht. Das kann niemals der Schlupfwinkel sein.«

Sein Freund brummte nur unwillig.

»Es ist schade«, sprach Sigurd mehr zu sich selbst. »Noch haben wir keine Spur gefunden. Aber ich bin mir sicher, es wird uns noch glücken!« Er richtete sich an Bodo und die beiden Mädchen. »Lasst uns nach Gerburg zurückkehren. Für heute dürfte es keinen Sinn mehr machen, die Gegend noch weiter zu erkunden.«

*

In der folgenden Nacht versammelten sich die Banditen in ihrem Versteck. Es waren gut zwei Dutzend Männer, die mit angespannten Mienen die Ankunft ihres Anführers, den noch keiner von ihnen ohne Maske gesehen hatte, erwarteten.

Es waren raue Gesellen, von denen viele von Kämpfen und alten Narben gezeichnet waren. Männer, die von ihren Leben nicht mehr viel erwarteten und anderen keine Gnade gewährten. Manche von ihnen trugen schartige Rüstungen, zerbeulte Helme oder Harnische – die meisten waren jedoch in Gewänder aus teuren Tüchern gekleidet, die sie von den Kaufleuten erbeutet hatten und die in keiner Weise zu ihrem ungeschlachten Benehmen passten.

Die ersten von ihnen fingen an zu murren, da sie so lange warten mussten, als ihr Anführer auch schon das steinerne Gewölbe betrat. Wie immer trug die schlanke Gestalt, die mit ihren katzengleichen Bewegungen einen deutlichen Kontrast zu den grobschlächtigen Männern bildete, ein Gewand und einen Umhang aus roter Wolle. Der Kopf wurde bedeckt vom einem Barett mit ausladender Feder. Vom Antlitz war auch dieses Mal nicht mehr zu erkennen als die funkelnden Augen hinter den Schlitzen des Tuchs, das das gesamte Gesicht verhüllte.

Der Anführer blieb auf einem Treppenabsatz stehen und richtete sich an die Menge.

»So, sind alle versammelt?«, fragte die dumpf klingende Stimme. Die Männer unterbrachen ihre Gespräche und wandten sich der Gestalt zu. »Gut, dann hört mir zu.«

Der Anführer warf einen Blick in die Menge. »Gestern Nacht haben wir eine empfindliche Schlappe erlitten! Drei unserer besten Männer sind tot.«

Gemurmel brach unter den Männern aus, das mit einer unwirschen Handbewegung unterbrochen wurde.

»Das haben wir diesem Sigurd und seinem Freund Bodo zu verdanken, von denen ihr alle schon gehört haben dürftet. Diese Burschen haben sich vorgenommen, uns den Garaus zu machen. Wir müssen vorsichtig sein!«

»Zum Teufel, was redest du da?«, brauste Gero, einer der Kommandanten, auf. »Mit den beiden Prahlhänsen können wir es wohl noch aufnehmen. – Zur Hölle wollen wir sie schicken!«

Mehrere Männer stimmten ihm zu.

»Halt den Mund!«, fuhr ihn der Anführer mit einem unmissverständlichen Tonfall an. »Das weiß ich selbst. Es ist klar, dass wir unsere Männer rächen und die beiden erledigen werden. Aber das muss geschickt angegangen werden.«

Er warf einen Blick in die Runde. Mehreren Banditen war anzusehen, dass sie damit nicht einverstanden waren.

»Ich übernehme das selbst«, machte der Anführer klar. »Zudem wir noch Zeit haben. Noch haben sie unser Versteck nicht entdeckt.«

Er winkte seine Kommandanten zu sich, die die einzelnen Gruppen der Banditen befehligten. »Für heute bleibt alles, wie es geplant war. Holt eure Pferde! In einer halben Stunde erwarte ich die Wagenkolonne, die wir überfallen wollen. Vorwärts, Leute!«

Die Räuber warfen sich einen schnellen Blick zu. Es war einzig dieses Wissen um reiche Beute, das sie diesem Anführer folgen ließ, der keinem von ihnen an körperlicher Kraft gewachsen gewesen wäre.

Doch bis jetzt hatten sie keinen Grund gehabt, sich zu beschweren. Seitdem er sie um sich geschart hatte, konnten sie einen Reichtum genießen, von dem sie zuvor nur zu träumen gewagt hätten …

*

Zur späten Stunde lag die Gerburg in tiefer Ruhe. Der Vollmond stand bereits hoch am Himmel, als die Burgwache durch laute Hilferufe alarmiert wurde. Während sich das Burgtor herabsenkte, warteten mehrere Wachleute mit Lanzen auf den fremden Ankömmling, der nun über die heruntergelassene Brücke in die Burg hetzte.

»Was schreist du? Was ist geschehen?«, hielt ihn einer der Wachen auf.

»Der Handelszug meines Herrn wurde überfallen«, stammelte der Mann, dessen Kleidung mitgenommen aussah. Die Haare hingen ihm wirr in die Stirn. »Die Banditen rauben und morden. Ich konnte noch fliehen. – Schnell, helft uns!«

Tränen liefen dem Mann über die Wangen. Die Wache nickte nur kurz und schickte dann einen Mann, um den Grafen zu wecken. Es vergingen nur wenige Minuten, bis ein Dutzend Reiter, darunter auch Sigurd und Bodo, in vollem Galopp die Rampe herabritten.

»Vorwärts!«, rief Sigurd, der vom Grafen gebeten worden war, die Reiter anzuführen. »Vielleicht können wir sie diesmal erwischen!«

Die Gruppe preschte den Abhang hinab und ließ sich von dem Mann den Weg in den Wald weisen. Jeder von ihnen blickte sich nach allen Seiten um. Die Reiter hielten ihre Lanzen stoßbereit, denn sie mussten auch einen Hinterhalt befürchten.

Doch wie es schien, hatte der Mann die Wahrheit gesprochen. Sie erreichten einen verlassen am Wegrand stehenden Wagenzug. Einer der Karren lag mit gebrochener Achse halb gegen einen Baum gelehnt.

Im Schatten der Bäume halb verborgen, bot sich den Wachen jedoch ein grausiger Anblick. Mehrere Männer lagen in verkrümmter Haltung regungslos am Boden.

»Ah, zum Teufel!«, stieß Sigurd aus. »Die sind längst auf und davon. Keiner von dieser verdammten Bande ist mehr zu sehen.«

Kaum dass sie ihre Pferde zum Halten gebracht hatten, sprangen die Reiter aus dem Sattel und liefen auf die zurückgelassenen Opfer zu. Schnell wurde klar, dass die Räuber mit ihnen kurzen Prozess gemacht hatten. Erschüttert mussten die Reiter erkennen, dass jede Hilfe zu spät kam.

»Der alte Fuhrmann hier lebt noch«, schrie Bodo. »Vielleicht kann er uns sagen, wohin sich die Schufte gewandt haben.«

Sigurd eilte zu seinem Freund und ging neben ihm in die Knie. Der alte Mann stöhnte und bewegte sich nur schwach. Er war von schweren Wunden gezeichnet.

»Was ist geschehen?«, fragte Sigurd ihn. »Kannst du sprechen? Dann sag uns …«

»Lasst mich, mit mir ist’s aus …«, unterbrach ihn der Fuhrmann. »Diese Hunde haben mich zu Tode verwundet. – Aber hört mir zu …« Er hob den Kopf und blickte den Junker aus fiebrig glänzenden Augen an. »… ich weiß, wer der Maskierte ist!« Er lachte auf, nur um gleich darauf von einem schweren Hustenanfall übermannt zu werden.

Sigurd wagte nichts zu sagen.

»Im Kampf habe ich ihm die Maske abgerissen«, erklärte der Alte mit einem schiefen Grinsen. »Da erkannte ich ihn, bevor er mir den Dolch in die Brust stieß.« Er hob eine Hand beschwörend an. »Es ist …«

Der Fuhrmann riss die Augen auf und stieß einen markerschütternden Schrei aus, dann sackte er leblos in sich zusammen.

»Was war das?«, rief Bodo.

»Ein Pfeil!«, erwiderte Sigurd, der fassungslos auf den Schaft starrte, der nur knapp neben seinem Knie tief in die Brust des Mannes gedrungen war. »Er traf ihn direkt ins Herz!«

Er verlor keinen Augenblick, sprang auf und riss sein Schwert heraus.

»Dort aus dem Busch muss der Pfeil abgeschossen worden sein!« Sigurd rannte auf die Stelle zu. »Komm, Bodo, der hinterhältige Mörder kann noch nicht weit sein!«

Sein Freund folgte ihm mit gezücktem Schwert und Dolch, aber schnell stellte sich heraus, dass die Suche vergebens war. Wer immer den Schuss abgegeben hatte, war längst verschwunden.

Sigurd stieß den Atem aus. »Es hat keinen Zweck«, musste er eingestehen. »Der Kerl ist uns entwischt … Die Dunkelheit im Wald hat ihm geholfen.«

Ihnen blieb nichts anderes übrig, als zur Burg zurückzukehren. Die niedergemetzelten Fuhrleute würden sie bei Anbruch des nächsten Tages bergen und bestatten lassen. Sigurd ließ sich zum Grafen bringen, der ihre Rückkehr voller Anspannung erwartet hatte. Er erzählte ihm, was vorgefallen war.

»… der Bandit muss mit dem Teufel im Bunde stehen!«, schloss der Junker seinen Bericht. »Er ist wieder mit der ganzen Beute entwischt. Es ist zum Verzweifeln!« Niedergeschlagen schüttelte er den Kopf.

Der Graf strich sich übers Kinn. »Nun, an Euch hat es nicht gelegen«, versuchte er Sigurd aufzumuntern. »Ihr habt getan, was Ihr konntet! Ihr seht nun selbst, warum es uns in all den Monaten nicht gelungen ist. Aber nun müsst Ihr unbedingt ruhen. Die halbe Nacht ist schon vorbei.«

Sigurd fühlte, wie ihn die Müdigkeit übermannte, und er verabschiedete sich zusammen mit Bodo vom Grafen. Er schwor sich, am nächsten Tag keinen Augenblick zu verlieren, um den Maskierten endlich zur Strecke zu bringen.

*

Doch auch diesen trieben die Gedanken an das Geschehene um.

Der maskierte Anführer der Räuberbande schlich durch den Wald, immer wieder hastige Blicke über die Schulter werfend. Nachdem er endlich überzeugt war, dass ihm niemand folgte, lenkte er seine Schritte auf ein ganz bestimmtes Ziel hin. In der rechten Hand hielt er den Bogen, mit dem er den Fuhrmann niedergestreckt hatte, bevor dieser ihn verraten konnte.

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