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Thomas Bornhauser
FEHLSCHUSS

IMPRESSUM
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© 2015 Werd & Weber Verlag AG, CH-3645 Thun/Gwatt
FOTOS UND TEXT
Thomas Bornhauser
GESTALTUNG/SATZ
Stefan Schwab, Werd & Weber Verlag AG
Manuela Krebs, Werd & Weber Verlag AG
UMSCHLAGGESTALTUNG
Monica Schulthess, Werd & Weber Verlag AG
LEKTORAT
Madeleine Hadorn, Werd & Weber Verlag AG
KORREKTORAT
Heinz Zürcher, CH-3612 Steffisburg
E-BOOK-HERSTELLUNG UND AUSLIEFERUNG Brockhaus Commission, Kornwestheim www.brocom.de
E-Book ISBN 978-3-03818-274-0
www.werdverlag.ch
www.weberverlag.ch
Inhalt
Prolog
Kein Tag wie jeder andere
Der Schuss
Bern, die USA und Korea
Ein intelligentes Gewehr
Der Fall Martin Bigler
Von den Pfadi ins Bundeshaus
Von Skulpturen und Satelliten
Mary-Ann, Murielle oder Marianne?
Ein emotionaler Wasserfall
Im Hirschen zu Ortschwaben
Murielle Devanthéry und Arthur Aufdermauer
Aneta Gomulka
Thomas Kowalski
«Erstunken und erlogen!»
Die engere Beziehung
Liste Polterabend
Zu schnell unterwegs
Der Eclat
Zwei Schweizer in Polen
Einsatz in Lodz
High Frequency Trading
Der Fall Arthur Aufdermauer
Einige Wochen später
Mögliche Verdächtige im Multipack
Der Brief
Eine nächste Dienstreise nach Polen
Epilog
Einige Intermezzi zu «Fehlschuss»
Thomas Bornhauser

Oberhalb des Glasbrunnens im Bremgartenwald Bern brannte der Ferrari aus.
Prolog
«BERN. Wie die Kantonspolizei Bern mitteilt, wurde in der Nacht auf heute im Bremgartenwald bei Bern ein ausgebrannter Sportwagen mit zwei noch nicht identifizierten Toten entdeckt. Wer sachdienliche Mitteilungen oder Beobachtungen zum Vorfall machen kann, wird gebeten, sich bei der Kantonspolizei Bern oder bei jeder anderen Polizeidienststelle zu melden.»
Medienmitteilung der Kantonspolizei Bern
am 2. Mai um 10:03 Uhr.
Kein Tag wie jeder andere
Montag, 5. Mai. Ein schöner Tag, wie gestern Sonntagabend von Sandra Boner auf dem Dach der Fernsehstudios in Zürich bereits vorausgesagt. Die Pendlerzeitung hatte in ihrer heutigen Ausgabe den Bericht aus einer Sonntagzeitung vom Vortag aufgenommen, wonach in den letzten Jahren die Zahl der Vollzeitstellen in der zentralen Verwaltung der SBB von 737 auf 1500 gestiegen ist.
«Und womöglich sitzen diese Spezialisten, denen Kostenoptimierung und Prozesse über alles gehen, in diesem Regionalzug und belegen die Sitzplätze», ging es ihm durch den Kopf.
Es konnte denn auch nicht erstaunen, dass diese Umstände im RE 3154 entsprechend lautstark gewürdigt wurden. Pech hatte nämlich, wer an Werktagen um 07:08 Uhr in Münsingen die von Thun herkommende doppelstöckige Zugskomposition nach Bern-Hauptbahnhof nehmen musste, war doch meistens Stehen angesagt, auch heute.
Also geduldete er sich auf der Plattform zwischen den Türen ausserhalb der Abteile, mit vielen anderen Pendlern – unter anderem war da eine junge Frau mit ihrem Velo und einem schätzungsweise zweijährigen Meitli im Sitzli auf dem Gepäckträger – wie Sardinen in der Büchse. Zwei Jungverliebte indes liessen trotz der Menschenmenge nichts anbrennen und schmusten bis Bern-Hauptbahnhof hemmungslos miteinander, sehr zum Entsetzen (oder Neid?) der Reisenden.
Erstaunlicherweise war nichts darüber zu lesen, ob die Berner Polizei Neues zu ihren Ermittlungen im Fall des am letzten Freitag ausgebrannten Sportwagens im Berner Bremgartenwald mit zwei Toten zu vermelden hatte. Abgesehen davon: Es war in diesem Gschtungg1 schier unmöglich, Zeitung zu lesen, was sich ohnehin erübrigte, da die wichtigsten Themen sowieso mündlich besprochen wurden, vor allem die wieder einmal unnötige Heimniederlage der Berner Young Boys vom Vortag.
Komisch: Der ausgebrannte Sportwagen kam auch bei den Mitstehenden nicht zur Sprache, obwohl der Fall das ganze letzte Wochenende ein echtes Medienthema. Sogar «schweiz aktuell» berichtete am Freitagabend live vom Fundort im Bremgartenwald bei Bern.
Joseph Ritter, Chef Dezernat «Leib und Leben» – so hiess in Bern das Mordkommissariat der Kriminalabteilung der Kantonspolizei –, fragte sich insgeheim, weshalb er nicht einen früheren Zug mit weniger Pendlern genommen hatte. Und obwohl sich eigentlich der Rufname «Sepp» aufgedrängt hatte, war er seit seinem Eintritt bei der Kapo nur als «J.R.» bekannt, benannt nach John Ross Ewing aus der US-amerikanischen TV-Serie «Dallas» der Achtzigerjahre.
07:20 Uhr. Pünktlich traf der Zug im Hauptbahnhof Bern auf Gleis 4 ein. Auf der Rampe zur Unterführung im Bahnhof die übliche Menschenmasse. «Man könnte sich direkt auf den Stufen des Grand Station Terminals in Richtung Park Avenue oder der 42nd Street wähnen», erinnerte sich Ritter an seine Zeit in Manhattan zurück. Joseph Ritter arbeitete seit 2003 im sogenannten Ringhof, im Lorrainequartier, am Nordring, musste heute aber husch noch ein bestimmtes Dokument in Zusammenhang mit dem Sportwagen-Vorfall beim Kommando der Kantonspolizei am unteren Waisenhausplatz abholen.
Im Volksmund hiess das Gebäude noch immer «Polizeikaserne», zurückzuführen auf die Zeit, als Stadt- und Kantonspolizei bis vor wenigen Jahren getrennte Bereiche waren. Auf dem Weg dorthin kaufte sich Ritter wie üblich bei einem Take-away linkerhand seinen Becher mit einem heissen Kakaogetränk, lief am Restaurant Sous-Sol und der Bäckerei Eichenberger vorbei, anschliessend stieg er die Treppe zur Neuengasse hinauf, jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend, die Rolltreppe rechts von ihm unbeachtet lassend. Der Bahnhofplatz, am Ende der Treppen liegend, teilte die Welt in zwei Zonen: Links Burger King, rechts Gübelin mit einer Schmuck- und Uhrenauslage, die sich auch an der Park Avenue in New York gut machen würde.
Er lief die mit Berner und Schweizer Fahnen beflaggte Neuengasse entlang, wo ein grosser Coop-Sattelschlepper auf der linken Strassenseite das Warenhaus Ryfflihof mit neuer Ware belieferte. Auf halbem Weg bog Ritter nach links ins Ryffligässli ab, angeblich der kürzere Weg zur ehemaligen Polizeikaserne, da die Neuengasse auf ihrer zweiten Hälfte einen ganz leichten Rechtsknick zum Bärenplatz aufweist. Am Ende des Ryffligässlis zweigte er rechts in die Aarbergergasse ein, wo rechterhand unzählige 110-Liter-Abfallsäcke lagen, einige davon aufgeschlitzt, der Inhalt den Boden bedeckend.
Das Prozedere auf dem Kommando war eine kurze Sache, eine Routineangelegenheit: Hier C4-Briefumschlag, da Unterschrift für die Aushändigung. Ritter erwähnte zum Schluss noch die Sauerei in der Aarbergergasse. Anschliessend ging er zu Fuss – bei diesem schönen Wetter – links am Kunstmuseum Bern vorbei, zu einer Sonderausstellung zu Hodler, Segantini und Anker einladend. Gleich gegenüber lag das Amthaus, wo auch die Staatsanwaltschaft zu finden war. Ritter drehte kurz nach der Drogenanlaufstelle an der Hodlerstrasse nach rechts auf die Lorrainebrücke ab, um 800 Meter später den Ringhof – unter anderem die Einsatzzentrale der Kantonspolizei Bern – zu erreichen.
Mit einem inzwischen leeren Pappbecher, den er beim Eingang in einen Abfallbehälter entsorgte, betrat Ritter das Gebäude. «J.R., guete Tag», dieser Morgengruss wiederholte sich vom Eingang bis zu seinem Büro im ersten Stock einige Male. Joseph Ritter war bei seinen Kolleginnen und Kollegen beliebt, nicht zuletzt, weil der 55-Jährige seine zugeteilten Fälle immer pragmatisch anging, ohne übertriebenen Aktivismus.
Sein Büro teilte Ritter mit Stephan Moser, Regula Wälchli und Elias Brunner, mit drei Leuten, mit denen er bereits länger zusammenarbeitete. Der Raum selber war spartanisch eingerichtet, die vier Pulte mit ihren PCs und Telefonstationen standen jeweils zu zweit Kopf an Kopf; Ritter und Wälchli, Moser und Brunner. Ausser den Garderobenschränken und einer grossen mobilen Pinwand mit Stichworten zum jeweils aktuellen Fall – wie im Moment dem ausgebrannten Sportwagen im Bremgartenwald –, gab es im Zimmer bloss noch eine Kaffeemaschine und ein Radio, die beide auf einem kleinen Kühlschrank in der rechten Ecke des Zimmers standen.
«Hopp YB!», rief Stephan Moser nach der Begrüssung zur neuen Woche, ein echter YB-Fan, der hinter seinem Pult an der Wand ein inzwischen stark vergilbtes Poster von Jean-Marie Conz aufgehängt hatte, dem damaligen Captain, wie er 1986 noch im alten Wankdorf-Stadion zum letzten Mal für den Berner Traditionsclub den Meisterpokal in die Höhe stemmte.
«Es geht nicht mehr lange, lieber Steff, da beginnt eine neue Saison mit neuen Hoffnungen – und die stirbt bekanntlich zuletzt», sagte Ritter.
Regula Wälchli und Elias Brunner konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, denn diese Durchhalteparolen jährten sich bereits zum x-ten Mal.
Moser war eine Art «Büro-Kalb», immer zu einem Spässchen oder zu einem Bonmot aufgelegt. Er war ungefähr 180 cm gross, sportlich-schlank und lebte seit Längerem in einer festen Beziehung in Hinterkappelen bei Bern mit der Spanierin Dolores zusammen, einer ausgesprochen sportlichen und attraktiven Erscheinung. Trotz seiner erst 36 Altersjahre hatte Moser bereits eine Halbglatze, weshalb er seine Haare bei seinem Coiffeur jeweils extrem kurz schneiden liess, fast typisch für einen Kriminalisten. Bei der Kantonspolizei Bern war er seit seiner Ausbildung.
«Gutes Wochenende gehabt?», fragte Ritter in die Runde, wobei die Frage unisono bejaht wurde, sah man vom Standpunkt aus gelbschwarzer Sicht ab, den Klubfarben von YB.
«Ich habe dich gestern aus der Ferne an der BEA2 gesehen, im Gespräch mit Stadtpräsident Alexander Tschäppät. Gehörst du eigentlich zur Cervelatprominenz?», wollte Regula Wälchli vom Chef wissen. Wälchli arbeitete, nach der Polizeischule 2006 und nach einigen Jahren bei der mobilen und stationierten Polizei – letztere waren die eigentlichen Generalisten im Polizeikorps –, seit zwei Jahren beim Dezernat «Leib und Leben». Sie erhielt nur ein kurzes Kopfschütteln als Antwort, man konnte dieses im weitesten Sinne durchaus als verständnislos bezeichnen.

Dieses Poster von YB-Captain Jean-Marie Conz 1986 bei der Übergabe des Meisterbechers hing hinter dem Arbeitsplatz von Stephan Moser an der Wand.
«Wieso sind die Papierkörbe nicht geleert worden?», wollte der Chef wissen. Wälchli hob die rechte Hand, mit ausgestrecktem Zeigefinger nach oben: «Sparmassnahmen, das Putzpersonal kommt bloss noch Dienstag und Donnerstag.» Elias Brunner setzte noch einen drauf: «Der Kommandant meinte, wir könnten das notfalls selber machen.»
«Klar doch, ganz sicher», entgegnete Ritter leicht echauffiert. «Wir könnten ja aber auch gleich alle vertraulichen Papiere jeden Abend einfach aufs Trottoir stellen, damit jeweils ein Journalist das alles abholen und sichten kann. Montag ‹Berner Zeitung BZ›, Dienstag ‹Der Bund›, Mittwoch ‹Blick am Abend›, Donnerstag ‹20 Minuten›, Freitag das Regionaljournal von SRF 1 und am Samstag der ‹SonntagsBlick›.»
Er hängte seine rot-schwarze Jack-Wolfskin-Jacke über die Stuhllehne und überflog rasch die Anordnung der Unterlagen auf dem Pult, um festzustellen, ob sich seit Sonntagmittag etwas verändert hatte, bevor er zur BEA aufgebrochen war. Das schien nicht der Fall zu sein.
«Gits öppis Nöis?», wollte J.R. wissen, wobei das Team genau wusste, worauf sich diese Frage bezog.
«Nein, so wie es scheint, nicht», meinte Wälchli, «auch das IRM3 tut sich mit den verlangten Ergebnissen schwer.»
Dabei stand die Journaille wie Bluthunde vor der Eingangstüre, denn die «Gruppe Ritter» war seit Freitag samt Wochenendarbeit daran, einen Aufsehen erregenden Fall zu untersuchen, der eben nicht nur von den Berner Medien – das Berner Medienhaus der Espace-Media-Gruppe lag nur unweit des Ringhofs entfernt – hautnah verfolgt und mit Spekulationen angereichert wurde.
Fakt war: In der Nacht auf Freitag, 2. Mai, hatte Franz Gottschling aus Paderborn (D) um 00:33 Uhr der Polizei per Handy gemeldet, dass beim Glasbrunnen ein Auto brenne. Er war mit dem Velo auf der ehemaligen Formel-1-Rennstrecke im Bremgartenwald im Norden Berns in Richtung Eymatt am Wohlensee unterwegs. Im TCS-Camping hatte er einen Wohnwagen stehen, verbrachte dort fast immer seine Ferien. Um 00:34 Uhr wurde die Berufsfeuerwehr der Stadt Bern alarmiert. Und tatsächlich: Direkt oberhalb des Glasbrunnens – in dessen Wasser gewisse Bernerinnen und Berner noch immer eine übernatürliche Kraftquelle vermuteten – brannte ein Sportwagen. Trotz sofortigem Einsatz mit Löschschaum konnte die Feuerwehr, die dank ihres Stützpunktes am Rand des Bremgartenwalds bereits vier Minuten nach dem Alarm eintraf, das vollständige Ausbrennen des Autos nicht mehr verhindern. Es handelte sich bei der Brandruine ohne Kontrollschilder um einen Ferrari 360 Modena, den ein Boulevard-Journalist sogleich und mit denkbar wenig Taktgefühl in «Todena» umgetauft hatte. Dass es sich um einen 360er-Ferrari gehandelt hatte, war bei diesem Wrack selbst für Autofans nicht sofort erkennbar, man hätte das Chassis auf den ersten Blick mit dem Vorgängermodell Ferrari 355 oder einem heutigen Jaguar XKR verwechseln können.

Die Ferrari- und Maserati-Garage in Hinterkappelen.
Im Innenraum des ursprünglich gelben Sportwagens befanden sich zwei bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen, wobei es sich beim Toten auf dem Fahrersitz um den Halter des Autos handelte. Diese Klärung war dem IRM noch im Laufe des Freitagnachmittags aufgrund auswertbarer DNA-Spuren im Hause des Opfers relativ schnell gelungen. Der entscheidende Tipp dazu kam noch am frühen Morgen von der nur knapp einen Kilometer Luftlinie entfernten, in Hinterkappelen gelegenen Ferrari- und Maserati-Garage von Josef Németh.
Dank der Chassisnummer konnte Németh die Identität des Fahrers feststellen, denn sehr viele gelbe 360-Modena fuhren in und um Bern nicht umher. Im Weiteren standen dem einst über 200 000 Franken teuren Schlitten ohnehin noch die genauen Untersuchungen durch den Kriminaltechnischen Dienst (KTD) bevor. Die Leute des KTD waren noch in der Nacht samt dem Staatsanwalt zur Stelle, hatten den Fundort hell beleuchtet und grossräumig abgesperrt. Der Ferrari seinerseits war inzwischen mit einem grossen Sichtschutzzelt vor den Augen Neugieriger abgedeckt.
«Wenn es ein gelber 360er-Modena ist – oder sollte man nicht viel eher war sagen? –, dann kann es sich beim Besitzer eigentlich nur um Thomas Kowalski handeln», stellte Josef Németh im Unwissen um die näheren Tatumstände bei der Befragung durch Elias Brunner am frühen Freitagmorgen fest. «Warten Sie schnell, ich hole die Unterlagen», sagte er und verschwand für ungefähr drei Minuten aus dem Blickfeld des Kriminalbeamten.
Bedeuteten drei Minuten Wartezeit bei einer Befragung im Normalfall eine kleine Ewigkeit – bei der man fast versucht war, eine Vermisstenanzeige aufzugeben –, so waren es für den Autofan an diesem Tag gefühlte 30 Sekunden, denn nur zu gerne hätte Brunner sich im Showroom die dort ausgestellten Ferrari und Maserati länger angesehen. Und im Übrigen musste er schmunzeln wegen der Bemerkung «Warten Sie schnell», denn wie sollte das in der Praxis gehen, schnell … warten? Aber diese Frage hatte vor langer Zeit schon einmal ein Berner Kabarettist italienischer Abstammung öffentlich gestellt.
Németh konnte seine Vermutung anhand der mitgebrachten Papiere bestätigen. Beim Käufer handelte es sich tatsächlich um Thomas Kowalski. Dieser Name war Brunner nicht unbekannt. Kowalski hatte seine beste Zeit als Milieu-König von Bern zwar längst hinter sich, aber «TomCat», wie er im Milieu noch immer genannt wurde – in Anlehnung an das Kampfflugzeug der US-Navy «F-14 Tomcat» –, war noch immer eine graue Eminenz in der Bundesstadt, wobei niemand so genau wusste, womit er seinen Lebenswandel heute finanzierte.
Tatsache war, dass nicht nur in Bern einigen Nachtklubs das Wasser bis zum Hals stand, weil immer weniger Herren bereit waren, sich für eine bis zu 1 000 Franken teure Champagnerflasche von nur vordergründig trinkwilligen Damen anmachen und im Séparée mit Fingerspitzengefühl zwischen den Beinen aufgeilen zu lassen. Auch diese Branche war eines der vielen Opfer des Internets geworden, weil Kontakte zu Escortservices und offen deklarierten Prostituierten längst direkt stattfanden, ohne sogenannte Vermittlungsgebühren durch Zuhälter.
«Thomas Kowalski hat den gelben Ferrari 360 Modena am 8. November im vorletzten Jahr gekauft, aus erster Hand.»
«Aus erster Hand, was heisst das?», wollte Brunner wissen.
Németh schmunzelte.
«Nun, bei einem VW Golf würden wir davon reden, dass es eine Occasion war, bei unseren Marken aber spricht man von ‹aus erster Hand›, nicht einmal ‹second hand› wird einem Ferrari oder einem Maserati gerecht.»
«Und wer war demzufolge, nun, wie sagt man, der Neuwagenbesitzer?»
«Ein Industrieller aus der Ostschweiz, der den 360er für seine Freundin gekauft hatte. Als die Beziehung nach einigen heftigen Streitereien, so erzählte er mir, zerbrach, wollte der Mann den Ferrari so schnell als möglich loswerden.»
«Ein Ostschweizer, der nach Hinterkappelen fährt, um seinen Wagen verkaufen zu lassen? Ist das nicht ein bisschen merkwürdig?»
«Wissen Sie, Herr Brunner, Diskretion ist das Nonplusultra in unserer Branche, deshalb werde ich Ihnen den Namen des Verkäufers auch nicht nennen, weil wohl völlig irrelevant.»
Womit Németh im Grunde genommen recht hatte, es aber ausser Acht liess, dass man den vorherigen Halter beim Strassenverkehrsamt in Erfahrung hätte bringen können. Nach diesen Worten verabschiedete man sich.
Unklar blieb bis dato die Identität der zweiten Person, wodurch die Spekulationen bei den Journalisten bereits am Freitagnachmittag via Online-Newsportale ins Kraut zu schiessen begannen («Abrechnung im Milieu oder Beziehungsdelikt?»), weil es sich beim Opfer auf dem Beifahrersitz um eine Frau handelte und der Name des Toten auf dem Fahrersitz bereits durchgesickert war. Die Todesumstände beider Opfer indes blieben im Unklaren. Der Fahrer wurde durch einen vermutlich aufgesetzten Schuss auf Herzhöhe umgebracht, das Fenster auf seiner Seite war offen. Die weibliche Leiche wiederum, und einzig dies stand bis zum Montag, 5. Mai, nach Ermittlungen im IRM fest, hatte keinen Rauch in der Lunge. Die Frau starb offensichtlich an den Folgen eines Schlages auf den Hinterkopf. An weiteren Erkenntnissen arbeitete das IRM noch. «Mit Hochdruck», wie es jeweils hiess.
«Gibt es keine Vermisstenanzeige, die uns weiterbringen könnte?», wollte Ritter von seinem Team wissen.
Kopfschütteln allenthalben.
«Haben wir bereits nähere Informationen, wo der Fahrer den Donnerstag und die Nacht auf den Freitag verbracht, was er gemacht hat?»
«Wir sind weiter im Stadium der Befragungen, allerdings noch ohne konkrete Hinweise, es scheint eine Mauer des Schweigens zu geben», stellte Regula Wälchli fest.
«Und weshalb das?», fragte Ritter leicht gereizt nach.
Eine Art Schützenhilfe für seine Kollegin kam von Stephan Moser: «Kowalski scheint ein Einzelgänger gewesen zu sein, zumindest in letzter Zeit, nicht einmal von einer möglichen Freundin oder Begleiterin wollten die bisher Befragten etwas wissen.»
«Haben die Leute Angst vor möglichen Aussagen?», fragte Ritter und dachte unvermittelt daran, dass, wer in Sizilien gegen die örtliche Mafia aussagt, selten das Pensionsalter erreicht: «Gibt es eine Art bernische Omertà?»
«Nein, das glaube ich nicht, ich hatte jedenfalls nicht das Gefühl. Du etwa, Regula?»
«Nein, auch nicht. Oops! J.R., es ist gleich 09:45 Uhr.»
Was nichts anderes hiess, als dass die Staatsanwaltschaft im Amthaus an der Hodlerstrasse 7 – vom Ringhof aus bequem in zehn Minuten zu Fuss erreichbar – um 10:00 Uhr Neuigkeiten zum Fall erwartete, die es jedoch nicht gab. Max Knüsel war ein Staatsanwalt der alten Schule, so, wie man sich einen Staatsanwalt vorstellt: Mitte 50, unauffällig gekleidet, eine Art kleiner Machiavelli, seiner Macht bewusst. Von ihm hiess es, er habe einen rabenschwarzen Humor, den er aber im beruflichen Alltag nicht allzu oft aufblitzen liess.
Joseph Ritter war froh, dass die Sitzung beim Staatsanwalt bereits um 10:50 Uhr zu Ende war, denn um 11:15 Uhr begann in der Klubschule an der Marktgasse der von einer halbstündigen Mittagspause unterbrochene zweistündige Kurs «Redetraining und Rhetorik», zu dem er und drei weitere Dezernatsleiter vom Kommandanten der Kantonspolizei angemeldet worden war, weil man den Medienvertretern gegenüber nicht selbstsicher genug auftreten konnte, denn von Zeit zu Zeit musste auch Joseph Ritter als Spezialist vor die Journalistinnen und Journalisten treten, wobei das normale Tagesgeschäft professionell von den Mitarbeitenden der Medienstelle der Kapo Bern erledigt wurde.
Punkt 11:00 Uhr trafen sich Beat Lüthi, Thomas Jenni und Mario Egli mit Joseph seph Ritter wie abgemacht vor der Haupttüre des Amthauses. Auf dem Fussweg in die Innenstadt – am immer noch umstrittenen Brunnen von Meret Oppenheim vor dem Polizeikommando am Waisenhausplatz vorbei – drehte sich das Gespräch logischerweise rund um den «Todena», wie Lüthi den Ferrari Modena bezeichnete, den zur Todesfalle gewordenen Sportwagen.
«Muesch itz nid o no aafa, mit däm ‹Todena›, Beätu!»4
«Habt ihr noch keine verwertbaren Aussagen, auch rund um TomCat Kowalski nicht?», wollte Jenni wissen.
«Bis jetzt nicht, nein, aber wir arbeiten daran.» Zum Glück liess sich keiner seiner drei Kollegen zu einem «Sicher mit Hochdruck» verleiten.
1 Gedränge.
2 Grosse Frühlings-Publikumsmesse in Bern.
3 IRM ist die Abkürzung für das Institut für Rechtsmedizin an der Bühlstrasse im Berner Länggassquartier
4 Jetzt musst du aber nicht auch noch mit dem «Todena» beginnen, Beat!
Der Schuss
Um 11:10 Uhr traf das Quartett beim Sekretariat der Klubschule im zweiten Stock der Liegenschaft ein. «Der Kurs findet im Zimmer 211 statt», stand an der Infotafel zu lesen. Diese Schule an der Marktgasse war in ihrer Art ein Unikum, mit einem grossen Innenhof, den bei schönem Wetter nicht bloss Raucherinnen und Raucher für eine Pause benutzten. Auf der gleichen Etage war auch eine Turnhalle untergebracht, wo verschiedene Sportkurse unterrichtet wurden. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Innenhof und eine Turnhalle mitten in der Innenstadt, bei diesen Bodenpreisen. Kein Wunder also, plante die Klubschule nach eigenen Angaben, ihre verschiedenen Standorte in Bern an einem einzigen Ort beim Hauptbahnhof zusammenzulegen.
Die vier Mannen liefen in Richtung Treppenhaus im zweiten Stock an zwei Eisenplastiken von Oscar Wiggli und Bernhard Luginbühl vorbei. Im Zimmer 211 wurden sie bereits von drei anderen Kursteilnehmern erwartet – und von Kursleiterin Barbara Schmid, hauptberuflich in der Nachrichtenredaktion bei Radio SRF an der Schwarztorstrasse in Bern beschäftigt, begrüsst. Seit einigen Jahren erteilte sie auch Medientraining.
«Hoppla, J.R., eine Frau, die zu allem auch noch attraktiv aussieht …», flüsterte Mario Egli vor dem Absitzen.
«Meine Herren, wenn wir diesen Kurs beendet haben, können Sie auf Augenhöhe selbst mit sehr kritischen Journalisten kommunizieren.»
Und in der Tat: Bereits in der ersten Stunde, die nach Programm bis 12:05 Uhr dauerte, ging es zur Sache.
Um 12:07 Uhr – ein Rollenspiel zwischen Barbara Schmid und Beat Lüthi dauerte etwas länger als vorgesehen – waren die vier Polizeibeamten bereits ein ganzes Stück schlauer, hatten sie doch eine Art Crashkurs mit der Mnemotechnik hinter sich, die sie aber bis zur nächsten Doppelstunde am kommenden Montag sowohl im Büro, als auch zu Hause weiter perfektionieren mussten. Die Begeisterung bei allen Teilnehmenden darüber war gross, denn mit einfachen Merkmalen der Mnemotechnik konnte man einen halbstündigen Vortrag scheinbar mühelos halten, in der freien Rede, ohne Spickzettel. Berühmte Zeitgenossen bedienen sich heute dieser Vortragstechnik mit Erfolg vor einer staunenden Zuhörerschaft, die sich jeweils wunderte, dass der Referent keine Notizen benötigt.
Mario Egli anerbot sich, den drei Kollegen und sich selber unten im Take-away Sandwichs zu posten, ein Vorschlag, den die drei Übrigen gerne annahmen. Derweil hielten sich Beat Lüthi, Thomas Jenni und Joseph Ritter in Erwartung der «Eingeklemmten» im vom Wind geschützten Innenhof auf, etwas abseits der ebenfalls anwesenden Raucher. Beat und Thomas waren mit ihren Smartphones beschäftigt, J. R. seinerseits beobachtete durch die grosse Scheibenfront das emsige Treiben in der Nähe des Sekretariats. Um diese Zeit waren jeweils besonders viele Leute auf der Fläche: Kursteilnehmende, die gestresst in Richtung Ausgang auf ein schnelles Mittagessen aus waren, andere, die die Mittagszeit für ihre Weiterbildung nutzten und zu den Kursräumen strömten, allerdings weit weniger gehetzt.
Joseph Ritter fielen einige Farbige auf, vielleicht auf dem Weg zu einem Deutsch- oder gar Berndeutsch-Kurs, kombinierte er. Sodann waren neun oder zehn Leute mit Musikinstrumenten unterm Arm in Richtung Ausgang zu sehen. Das war nicht schwer zu erraten, denn einige Koffer hatten die Form einer Gitarre, einer Geige oder eines Saxophons. Die Musikkurse wurden eigentlich als Individualstunden angeboten, weil das musikalische Niveau der Schüler jeweils sehr unterschiedlich war. Natürlich gab es Ausnahmen, wenn zum Beispiel mehrere Mitglieder einer Band gleichzeitig bestimmte Akkorde professionell aufeinander abstimmen wollten. Das schien heute der Fall zu sein. Ritter beobachtete auch eine kleine Gruppe von jungen Erwachsenen, die auf Klappstühlen die halbschalige Eisenplastik von Bernhard Luginbühl auf Papier skizzierten.
Augenblicke später klingelte das Handy von Joseph Ritter, laut Digitalanzeige war der Anrufer Mario Egli. Komisch und typisch zugleich, dachte sich Ritter, hatte Mario bereits vergessen, wer welches Sandwich wollte?
«Hier unten liegt ein Toter!»
In den nächsten 60 Sekunden ging alles blitzschnell, weil die drei Herren praktisch gleichzeitig mit zwei uniformierten Beamten auf Patrouille am Tatort eintrafen. Dort jagte Mario Egli mit lauter Stimme bereits anwesende Gaffer zur Seite. Sanitätspolizei und Notarzt trafen wenig später ein.
Sofort wurde die nähere Umgebung des Opfers mit rot-weissen Absperrbändern abgesteckt, derweil sich die Leute der unmittelbar danach eingetroffenen Sanitätspolizei mit dem Defibrillator über den Mann beugten.
«Bitte treten Sie zurück, machen Sie der Polizei und den Rettungskräften Platz!», rief Ritter routinemässig in die Menge.
Derweil regelten drei weitere herbeigeeilte Uniformierte vorläufig den Verkehr, denn das Opfer lag nur gerade einen Meter von den Tramschienen entfernt, direkt vor einer Filiale der Credit Suisse. Minuten später wurde die Einsatzzentrale von Bernmobil – der Betreiberin von Trams und Bussen in der Stadt Bern – darüber informiert, dass die Marktgasse in beiden Richtungen sofort für jeden Durchgangsverkehr zu sperren sei, die ordentlichen Bus- und Tramkurse umzuleiten, respektive ab / von Zytglogge wieder aufzunehmen. Dieser Unterbruch sollte schliesslich über vier Stunden dauern.
Das Tohuwabohu rund um den Tatort war total, nicht zuletzt, weil die Redaktionsräume einer Boulevardzeitung an der Zeughausgasse ganz in der Nähe lagen und ein Fotoredaktor, vermutlich von einem Passanten benachrichtigt, blitzartig vor Ort auftauchte. Dies zusammen mit unzähligen Möchtegern-Reportern, die mit ihren Handys Fotos schiessen wollten, wohl in der Annahme, bei Pendler- oder Onlinezeitungen das grosse Geld mit einem Leserfoto zu machen.
«Hat jemand etwas gesehen, etwas bemerkt?», rief Ritter in die Runde, ohne äusserlich auch nur ein minimes Anzeichen von Nervosität zu zeigen. «Dann melden Sie sich bitte bei meinen Kollegen oder mir.»
Es mochten knapp fünf Minuten vergangen sein, seit die Polizei und der Arzt vor Ort waren. Inzwischen sickerte jedoch durch, dass der Mann erschossen worden war, denn die Sanitäter hatten mit ihren Wiederbelebungsversuchen nach einem Gespräch mit dem Arzt aufgehört und den Mann mit einem weissen Tuch bedeckt. Die Szene erinnerte Ritter auf einmal an ein Ereignis in San Francisco. Er wurde blass.
«Hat jemand etwas beobachtet, kann jemand eine Zeugenaussage machen? Bitte melden Sie sich bei mir oder einem meiner Kollegen, wir sind für jede Beobachtung dankbar», wiederholte er, sich ans Publikum richtend.
Ritter schaute sich um, sah plötzlich einen ungefähr 50-jährigen Mann vor den Lauben5 auf dem Trottoir stehen, der abwesend vor sich hinstarrte. Er ging auf ihn zu, fragte nach seinem Namen, erhielt aber keine Antwort, weshalb er die Frage wiederholte.
«Man, man, man hat den Falschen getroffen. Mich. Will. Man. Umbringen. Ich werde erpresst. Das, das da, das war ein Fehlschuss, man hat den Falschen getroffen …», stammelte der Mann, brach zusammen und musste vor Ort ärztlich betreut werden.
Nach einigen Minuten kam er zwar wieder zu Bewusstsein, war aber nicht mehr ansprechbar, zeigte auch keine Reaktionen, weshalb er von den Leuten der Sanitätspolizei ins Inselspital gebracht wurde, zu weiteren Untersuchungen.
5 Arkaden in der Berner Altstadt.
Bern, die USA und Korea
Joseph Ritter war ein echter Berner Bub – oder, wie man in Bern sagt, «e Bärner Giu» –, wurde 1960 im Lindenhofspital geboren, im Länggassquartier. Und in der «Länggyge» in der Paulus-Kirche getauft, unmittelbar neben Chocolat Tobler gelegen, «dr Toblere» (die erst 1985 nach Brünnen gezügelt wurde, dem neuen Stadtteil im Westen Berns), so dass es in der Kirche ab und zu eher nach Toblerone als nach Weihrauch roch. Die Ritters wohnten an der Gesellschaftsstrasse, Vater Emanuel war bei der Schoggifabrik angestellt, als Buchhalter, wie sich der Berufsstand früher nannte. Er wusste als einer der letzten Tobler-Veteranen Bescheid, weshalb die dreieckige Schoggi so hiess, weshalb sie die noch heute prägenden Farben auf dem Wickel hatte und – vor allem! – woher die dreieckige Form stammte, nämlich ausgesprochen nicht vom Matterhorn. Aber das war sowieso eine ganz andere Geschichte und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Mutter Therese arbeitete Teilzeit bei Coop an der Muesmattstrasse, keine 50 Meter von der Schokoladenfabrik entfernt. Die Schulen waren für Einzelkind Seppli in wenigen Minuten zu Fuss erreichbar, so auch die Sekundarschule Hochfeld. Nach der Konfirmation 1976, wiederum in der Paulus-Kirche (wo es damals noch eine kleine schwarze Puppe gab, die nach Einwurf eines Geldstücks artig nickte und sich so wortlos beim edlen Spender bedankte), trat er eine Stelle als kaufmännischer Lehrling in einem Berner Sportgeschäft an der Schwanengasse in Bern an, ging zweimal in der Woche in die Berufsschule an der Effingerstrasse, Luftlinie nur knapp zwei Kilometer von der elterlichen Wohnung entfernt.
«Joe», wie er von den Gleichaltrigen jetzt gerufen wurde, gefiel seine dreijährige Lehrzeit im Sportgeschäft so sehr, dass er sozusagen freiwillige Überstunden leistete, vor allem in der eigentlichen Sportabteilung, im Untergeschoss des Geschäftes. Ihn interessierte einfach alles, was mit Sport zu tun hatte, sieht man von der Konfektion ab, aber die lag im Erdgeschoss ohnehin fest in Frauenhand. Die Fitnessgeräte hatten es ihm besonders angetan; vom Bali-Gerät alias Expander über Rudergeräte bis hin zum Hometrainer, wobei diese Trainingsmaschinen von der Konstruktion und Qualität her nicht mit jenen von heute zu vergleichen waren. Er selber trainierte vor und nach der Arbeit mit Vorführmodellen, so dass er im Laufe der Zeit eine Topfigur entwickelte. Vor allem am Samstagabend in der Berner «Tanzdiele» im Mattequartier wusste er im engen T-Shirt und ebensolchen Jeans seine Proportionen ins rechte Licht zu rücken.
Nach Beendigung seiner Ausbildung 1979 blieb Ritter bis zum Beginn der Rekrutenschule noch knapp ein Jahr im Berner Sportgeschäft, jetzt einzig als Verkaufsberater, vor allem im Bereich der Fitnessgeräte. Mit dem Kaufmännischen hatte er nichts mehr am Hut. Im Februar 1980 rückte er in die Grenadier-Rekrutenschule nach Losone im Tessin ein, eine der damals härteren militärischen Ausbildungen, die er mit Bravour bestand, ohne aber, dass er zum Unteroffizier «weitermachen» musste, was wiederum ganz in seinem Sinne war.
Joe Ritter, 195 cm gross und damals 95 Kilo schwer (selbst heute wog er noch unter 100 Kilo), bewarb sich noch während der RS beim damals führenden Berner Fitnessclub als Instruktor und bekam die Stelle. Während den nächsten zwei Jahren lernte er eine Menge dazu, nicht bloss in Bezug auf Bodybuilding – der Club war dafür in der ganzen Schweiz bekannt –, sondern auch in Zusammenhang mit Aufbaupräparaten, die er bislang nur vom Hörensagen kannte. Auch wenn diese Pillen und Spritzen – bekannt als anabole Steroide wie Chlenbuterol oder Stanozolol, einst bei der bildhübschen DDR-Sprinterin Kathrin Krabbe und dem Kanadier Ben Johnson nachgewiesen – im Club nicht verkauft wurden: Erhältlich waren sie in einschlägigen Kreisen ausserhalb des Clubs allemal. Ritter seinerseits vertraute eher auf Eier, Fisch und Steaks als Muskelaufbaumittel, womit er aber bei Bodybuilder-Contests keine grosse Chance gehabt hätte. Aber das war sowieso nicht sein Ziel.
Parallel zu seiner unregelmässigen Arbeitszeit im Fitnessclub liess er sich bei einer bekannten Security-Firma seriös als Bodyguard ausbilden, mit allem, was dazu gehörte: Von der Selbstverteidigung bis hin zum Gebrauch einer Schusswaffe, letzteres unter Ägide der Polizei. Nach weit über einem Jahr der Ausbildung bewarb er sich – aufgrund einer Zeitungsannonce – bei der US-Botschaft in Bern im Bereich der Security. Nachdem man ihn auf der Embassy durch und durch auf Herz und Nieren gecheckt hatte, samt Auszug aus dem Zentralen Strafregister (wo kein Eintrag über ihn vorhanden war), bekam Joseph Ritter den Job. Von jetzt an war er offiziell Joe. Das war 1983.
Joe Ritter wohnte damals am Schöneggweg 34 in Bern, von der US-Botschaft an der Jubiläumsstrasse und dem Tierpark Dählhölzli nicht weit entfernt, in einer 21/2-Zimmer-Dachwohnung, die er nur mit seinem Tigerkater Baloo teilte. Zwar hatte er durchaus weibliche Bekannte, bei deren erstem Anblick Baloo jeweils zu fauchen beliebte, aber keine feste Freundin. Im November 1984, nach der Wiederwahl von Ronald Reagan als US-Präsident, erhielt Joe Ritter noch auf der Wahlparty an der Jubiläumsstrasse vom Verteidigungsattaché aufgrund seiner beruflichen Qualifikationen eine Stelle angeboten, die er nie und nimmer ausschlagen konnte: Nichts Geringeres als das Pentagon sollte fortan die Adresse seiner Arbeitgeberin sein.
Im Sommer 1985 hatte Joe Ritter seine Habseligkeiten gepackt, sein Englisch in Intensivkursen auf Vordermann gebracht, die Wohnung gekündigt und den Flug mit TWA via New York nach Washington D.C. gebucht. One way. Ohne Baloo, der ins Asyl zu seinen Eltern in der Berner Länggasse ging.
Über seine Zeit in Washington war von Joe Ritter nicht sehr viel zu erfahren, weil er zu absolutem Schweigen über seine Tätigkeit im Pentagon verpflichtet wurde, nicht zuletzt weil kein US-Staatsbürger. Immerhin wusste man von ihm, dass er die ersten paar Wochen im Erstklasshotel Mayflower wohnen durfte, in unmittelbarer Nähe zum White House, wenn auch natürlich nicht gerade in der Presidential Suite. Später fand er ein Appartement im Vorort Crystal City, am Potomac River. Mit dem Auto fuhr er auf dem Jefferson-Davis-Highway in 15 bis 20 Minuten ins Pentagon, sofern nicht Staus angesagt waren, wie fast jeden Tag zu den bekannten Rushhours.
Im Pentagon lernte er unter anderem Cheryl Simpson kennen, eine 29-jährige Anwältin aus New York, die praktisch am gleichen Tag wie Ritter ihre Stelle im Verteidigungsministerium antrat. Ihr Vater, ein bekannter Banker mit eigener Vermögensverwaltung und über 500 Mitarbeitenden in Manhattan, wollte ihr «noch Praxis ausserhalb der Bankenwelt und ausserhalb der Wall Street» verschaffen, wie sie jeweils mit einem Lachen verriet. «Aber ich vermute viel eher, dass Dad bewusst eine Distanz zu Gary DiMaggio und mir schaffen wollte, mein Freund passte ihm irgendwie nicht ins Konzept.» Cheryl verstand das nicht, zumal Gary ein entfernter Verwandter von Joe DiMaggio war, einer Baseball-Ikone der New York Yankees, der einmal kurz mit Marylin Monroe verheiratet gewesen war und sogar im Song «Mrs. Robinson» von Simon & Garfunkel vorkam.
Tatsache war, dass Cheryl nach einem Jahr weniger über Baseball und die Börse sprach als vielmehr von «Börn» und «Toblerone», wobei sie zu Beginn die drei letzten Buchstaben als «one» aussprach, weil doch die berühmteste Schoggi auf der Welt. Das musste Joe Ritter unbedingt seinem Vater erzählen. Und noch viel mehr über eine gewisse Cheryl Simpson.
Nach fünf Jahren Washington verliessen Cheryl und Joe Ritter-Simpson 1990 das Zentrum der politischen und militärischen Macht. Cheryls Vater hatte dieses Mal nichts gegen den Freund seiner Tochter einzuwenden, weshalb die beiden im Vorjahr geheiratet hatten. Mehr noch: Ed Simpson hatte seinem Schwiegersohn die Führung des Departements «Security» in seiner Firma an der Board Street angeboten, in unmittelbarer Nähe der NYSE, der Börse an der Wall Street, und – was für eine Ironie des Zufalls! – auch nahe des Lincoln-Highways nordwärts, der nach einigen Meilen in den Joe-DiMaggio-Highway mündete. Ritter erzählte immer davon, wie sehr er die Zeit vor allem in New York mochte, das Haus mit Cheryl in Syosset auf Long Island, das Beach House in Bayville. Auch die jeweilige Feier des Nationalfeiertages durch den Schweizer Klub in New York auf Mount Kisco – als «Berg» aber lediglich 100 Meter über Meer gelegen …– war jedes Jahr ein Erlebnis. Nicht zuletzt, um von den Ereignissen aus der Schweiz zu erfahren, da zu jener Zeit die Smartphones noch ihrer Erfindung harrten.
Die Fahrt zur Arbeit mit dem Auto dauerte je nach Verkehr auf dem Jericho Turnpike zwischen einer und eineinhalb Stunden, was Joe nie langweilig vorkam, da auch Cheryl bei ihrem Vater arbeitete und ihm somit als Beifahrerin Gesellschaft leistete. Das alles war für Joe ein Glücksfall, mit einem Traumberuf, da Ed Simpson ihm all die Jahre sämtliche Freiheiten gewährte.
An einigen Wochenenden gabs bei den Ritters Gartenfeste an der Preston Lane 34 in Syosset, B-B-Q, einige wenige Male, so erinnerte sich Ritter, auch mit sechs Schweizern, die ebenfalls bei der Vermögensberatung von Ed Simpson arbeiteten. Mit Julius Abgottspon, einem Walliser aus Naters, einem früheren Mitglied der Schweizer Garde im Vatikan, mit Jean-Pierre Froidevaux, einem Sensetaler, wie er im Buche stand, vereinzelt mit dem Berner Turi Imobersteg, mit Gian Reutteler und seinem gleichnamigen Cousin, dessen Vorname allerdings auf Carlo lautete. Und mit der Walliserin Murielle Devanthéry. Alle sechs hatten früher bei verschiedenen Schweizer Banken in New York gearbeitet, waren im Laufe der Zeit, einer nach dem anderen, weil man sich ja kannte, zu Ed Simpson gewechselt. Vor allem Froidevaux war ein Ass, hatte eine glänzende Karriere vor sich. Ihn kümmerte es wenig, dass ihn seine Kollegen ständig mit dem Ausdruck «Foie de veau» frotzelten, mit Kalbsleber.
Im Herbst 1999 – Cheryl und Joe waren kinderlos geblieben – flogen die beiden aus Anlass ihres zehnjährigen Hochzeittages nach Hawaii in die Ferien, um zum Schluss Freunde in San Francisco zu besuchen. Aus den anfänglichen Traumferien auf Maui und Kawai wurde schliesslich ein Albtraum, am vorletzten Tag in San Francisco, als die beiden in der Nähe der Lombard Street unvermittelt in eine Schiesserei zwischen rivalisierenden Banden gerieten. Cheryl wurde dabei ohne Vorwarnung plötzlich von zwei Vermummten aus dem stehenden Auto gerissen und als Geisel genommen, ohne dass Joe das auch nur ansatzweise hätte verhindern können. Sekunden danach sank sie zu Boden, von einem Querschläger getroffen, nur Augenblicke später waren Sirenen zu hören.
Die folgenden Tage nach dem Tod seiner Frau müssen für Joseph Ritter der blanke Horror gewesen sein. Er geriet derart aus dem Tritt, dass er nur vier Wochen später die USA verliess, um bei der Schweizer Delegation bei der Waffenstillstands-Überwachungskommission NNSC im Niemandsland von Panmunjom am 38. Breitengrad zwischen Nord- und Südkorea einen Cousin zu besuchen und sein Trauma zu verarbeiten.
Das Wellblechhütten-Camp der Schweden und Schweizer als Vertreter von neutralen Staaten auf der Südseite der Demarkationslinie (Tschechen und Polen waren, als ehemals kommunistische «Bruderstaaten», auf der Nordseite zu finden) war alles andere als eine Wohlfühloase, inmitten einer verlassenen Umgebung, zum Teil mit Minenfeldern bespickt.
Die Schweizer Delegationsmitglieder – und auch ihr Leiter, mit der Bezeichnung eines Generalmajors und einer grossartigen Fantasieuniform, die jedem echten Schweizer General zu Ehren gereicht hätte – konnten deshalb an Wochenenden jeweils ins 55 Kilometer entfernte Seoul flüchten und dort im US-Camp «Yongsan» übernachten.
Ritter blieb danach unerwarteterweise ganze drei Jahre in Südkorea, weil er – als früherer Ehemann einer US-Bürgerin – beim amerikanischen Truppenkommando in Seoul auf einer Luftwaffenbasis der US Air Force USAF eine Kaderstelle als Ausbildner im Bereich der Security angeboten bekommen hatte. Ende 2002 schliesslich kehrte Ritter in die Schweiz zurück, nach Bern. Sozusagen als Quereinsteiger – aber durchaus mit den notwendigen und verlangten Voraussetzungen – trat er Anfang 2003 eine Stelle beim Kriminaltechnischen Dienst KTD der Kantonspolizei Bern an.
Mit seinen Schwiegereltern stand er immer noch in Kontakt, regelmässig.
Ein intelligentes Gewehr
Perron 2 im Bahnhof Münsingen, 05:35 Uhr. Regnerisch und kalt war es einen Tag später, am Dienstag, 6. Mai. Joseph Ritter und die wenigen Mitwartenden würden um diese Zeit keine Sitzplatzprobleme haben. Der Abteilungsleiter hatte ob der vielen Arbeit fast keine andere Wahl, als diesen frühen Zug zu nehmen, «mitten in der Nacht», wie es ihm während eines kräftigen Gähnens durch den Kopf ging.
Er hatte wohl nicht mehr als vier Stunden geschlafen, war gestern erst gegen Mitternacht nach Hause gekommen, den Kopf voller Wirrungen, wie üblich, wenn eine Aufklärung erst an ihrem Anfang stand, mit lauter Fragen ohne Antworten. Die Pendlerzeitung war heute noch nicht in den blauen Kästen beim Bahnhof, per Zufall lag die Berner Zeitung jedoch bereits um 05:30 Uhr in seinem Briefkasten. Im Zug versuchte er, sich mit Lesen abzulenken, um den Kopf frei zu bekommen.
Ritter merkte, dass er die Berichte gar nicht richtig lesen mochte, zu sehr hingen seine Gedanken den Ereignissen vom Vortag nach, so dass er die Zeitung nach nur einer Minute etwas zerstreut und irrtümlicherweise auf die Hutablage legte, worauf sie prompt von einem Mitreisenden aus dem Nachbarabteil mit einem «Darf ich? Danke vielmals, sehr nett» geschnappt wurde, noch bevor er überhaupt antworten konnte. «Sygseso»6, dachte er sich.
«So ein Zufall! Sie im Zug, um diese Zeit, Herr Ritter? Das muss bestimmt mit dem Toten in der Marktgasse und dem ausgebrannten Auto zusammenhängen», tönte es ihm entgegen, worauf der ihm unbekannte ungefähr 40-Jährige ungefragt vis-à-vis von Ritter Platz nahm. «Und? Wissen Sie bereits mehr, als in der Zeitung steht?» Ritter wunderte sich plötzlich über sich selber, denn den entsprechenden Bericht in der BZ hatte er glatt überblättert.
«Und was schreiben sie, in der Zeitung?»
«Dass in der Marktgasse offenbar ein Unschuldiger erschossen wurde. Ist das nicht schrecklich? Wo führt das noch hin, Herr Ritter?»
«Ich weiss es nicht», sagte Ritter zum Fragenden.
«Und was ist mit den beiden Toten im Ferrari? Wenn Sie mich fragen, dann …» «Ich will ja nicht unhöflich sein, aber ich habe Sie nicht gefragt … », entfuhr es Ritter wenig diplomatisch, weil inzwischen einige Leute zu ihm hinüberschauten und das Gespräch mehr oder minder auffällig belauschten. «Und bitte entschuldigen Sie mich, ich muss noch schnell etwas nachschauen.»
Sprachs, stand auf und lief auf die Plattform zu den Eingangstüren, um die App der Berner Zeitung auf seinem Smartphone anzuklicken, denn es war wirklich kein Nachteil, bereits am frühen Morgen zu wissen, was die Tageszeitungen zu berichten wussten.

Der «Ringhof», wo unter anderem auch die Einsatzzentrale der Kantonspolizei Bern zu finden ist.
05:52 Uhr. In Bern angekommen, war er aufdatiert, samt den Online-Portalen der Boulevard- und Pendlermedien. Zusammengefasst: Es wurde zum Ereignis des Vortages spekuliert und Zeugen befragt, die aber nichts gesehen und schon gar keinen Schuss gehört hatten. Eine Zeitung lehnte sich sogar so weit zum Fenster hinaus, dass sie einen Zusammenhang mit dem Ferrari-Brand vermutete. Immerhin stand zum Schluss der Schlagzeile ein Fragezeichen, um den eigenen Bericht gleich selber wieder in Frage zu stellen. «Fastfood-Journalismus, einfach grandios …», murmelte Ritter vor sich hin.
Ritter nahm vor dem Hauptbahnhof auf Perron G den Bus in Richtung Nordring. Zufall war es nicht, dass auch schon Stephan Moser im Fahrzeug stand. «Gut geschlafen, J.R.?», fragte er seinen Chef mit einem verschmitzten Lächeln, worauf er ein Achselzucken als Antwort erhielt.
«Du?»
«Überhaupt nicht.»
«Ich schlage vor, dass wir uns im Büro einen Kaffee genehmigen und dann den gestrigen Nachmittag nochmals chronologisch durchgehen, einverstanden?»
«Klar doch, vor allem das mit dem Kaffee ist eine sehr gute Idee.»
Zehn Minuten später stand Ritter im Büro vor einer zweiten, noch leeren grossen Plexiglasscheibe, die dazu diente, das Wichtigste eines Falles aufzuschreiben oder anzuheften.
«Ist etwas von den Kollegen des KTD zu lesen, vom IRM?», wollte er von Stephan Moser wissen, als dieser seinen PC gestartet hatte.
«Negativ.»
Just in diesem Moment ging die Türe auf, Regula Wälchli und Elias Brunner kamen gleichzeitig zur Arbeit, im Wissen, dass heute Grosskampftag angesagt war, auch in Bezug auf die Medienanfragen, die aber zum Glück von den Kapo-Kommunikatoren abgefangen wurden, so dass sich das Team auf seine eigentliche Arbeit konzentrieren konnte.
«Übrigens», kam plötzlich von Regula Wälchli, «es ist reiner Zufall, dass Elias und ich gleichzeitig ankommen, ihr braucht gar nichts zu vermuten …»
«Wir haben ja gar nichts gesagt», meinten die beiden anderen Herren beinahe synchron.
«Aber einander angeschaut habt ihr euch …»
Ritter begann mit der Zusammenfassung der Ereignisse vom Vortag. Der Schuss in der Marktgasse fiel um 12:11 oder 12:12 Uhr, Sekundenbruchteile bevor Arthur Aufdermauer – so hiess der Mann – gemäss Aussagen des Notarztes «mausetot» umfiel. Er habe nicht einmal mehr den Aufprall gespürt, derart präzis hätte das Geschoss in den Rücken das Herz getroffen.
«Ein Profi?», fragte Regula Wälchli in Richtung des Chefs.
«Durchaus möglich, muss aber nicht unbedingt sein, denn es gibt heute Technowaffen, die sich leicht handhaben lassen und extrem zielgenau sind.»
Das Geschoss hatte man nach längerem Suchen hinter einer Bauabschrankung gefunden und sofort zu ballistischen Untersuchungen an den KTD weitergeleitet. Wie sich herausstellte, war Aufdermauer selbständiger Finanzberater mit einem Büro am Bahnhofplatz 3, wohnhaft in Muri, an bester Adresse, an der Pourtalèsstrasse. Beides war auf seinen Visitenkarten ersichtlich, die er in seiner Brieftasche trug, welche von der Kugel beim Austritt noch leicht gestreift wurde.
Das Duo Wälchli /Brunner, von Ritter telefonisch aufgeboten, machte sich gestern nach diesen Erkenntnissen sofort zur Liegenschaft am Bahnhofplatz 3 auf. Dort hatten einige Notare und Anwälte ihre Büros, in unmittelbarer Nähe zu Cigarren Flury und vom Läckerli-Huus, deshalb wohl auch der nicht alltägliche Duft im Treppenhaus. Auffallend, unmittelbar links nach der Eingangstüre: Die uralten, aber seither wohl mehrmals renovierten Briefkästen, die locker 100 Jahre alt sein mochten. Wollte Aufdermauer in der Marktgasse zur Bank? Zum Mittagessen? Hatte er ein Rendezvous? Fragen über Fragen. Im Haus am Bahnhofplatz 3 konnte oder wollte niemand Näheres über Arthur Aufdermauer erzählen. Doch ja, man kannte ihn vom Sehen her, wusste, womit er beschäftigt war, schliesslich stand «Finanzberatungen» unter seinem Namen auf dem silbernen Schild zu seinem Büro im zweiten Stock, einstmals eine 21/2-Zimmer-Wohnung.
«Du, ist das normal, dass eine Putzfrau über Mittag hier ist?», wollte Regula Wälchli von ihrem Kollegen wissen.
«Komisch, dass eine Frau das einen Mann fragt. Wie soll ich das wissen, ich sehe unsere gute Fee ja auch kaum mehr, im Büro.»
«Wie du weisst, hat das vor allem damit zu tun, dass sie immer seltener kommt, im Vergleich zu früher. Sparmassnahmen.»
Regula Wälchli ging auf die zierliche Frau mit asiatischen Gesichtszügen und schwarzen kurzen Haaren im Hausgang zu, zeigte ihr den Dienstausweis. «Guten Tag, ich heisse Regula Wälchli. Das dort ist mein Kollege Brunner von der Kantonspolizei Bern. Dürfen wir Sie etwas fragen?»
«Ich nichts wissen, nichts helfen können.»
«Vielleicht schon, Frau ehhh …»
«Bitte wie?»
«Wie heissen Sie, Frau …?»
«Mühlethaler.»
An die verdutzten Gesichter hatte sich Ampong Mühlethaler längst gewöhnt, wenn man sie nach ihrem Familiennamen fragte, sie, die ursprünglich aus Chiang Mai in Thailand kam.

Arthur Aufdermauer hatte sein Büro am Bahnhofplatz 3 in Bern.
«Frau Mühlethaler, putzen Sie auch im Büro von Herrn Aufdermauer?
«Ich nichts wissen, fragen Hauswart.»
«Und wo finden wir den Hauswart?»
«Wohnen ganz oben, kleine Mansarde unter Dach.»
Zur gleichen Zeit des Vortages waren die Spezialisten des KTD hinter aufgestellten Sichtschutzabdeckungen an der Arbeit. Jeder wusste, was er zu tun hatte, der Arzt hatte inzwischen offiziell den Tod des Opfers bestätigt, wenig später wurde der leblose Körper in einen Metallsarg gelegt und zur Obduktion ins IRM weggefahren. Auch zwei Verantwortliche der Medienstelle der Kantonspolizei waren vor Ort, um die Kommunikation mit den Journalisten sicherzustellen. Aus Erfahrung wussten sie, dass es keinen Sinn machte, jedem «Journi» individuell Auskunft zu geben, weshalb die Medienschaffenden für 15:30 Uhr in die ehemalige Polizeikaserne am unterem Waisenhausplatz gebeten wurden.
Nach und nach löste sich die Menschenmenge auf, gegen 17:00 Uhr, als der Verkehr wieder freigegeben worden war, hätte man meinen können, es wäre an diesem Tag vor der Geschäftsstelle der Bank an der Marktgasse gar nichts Aussergewöhnliches passiert.
«Mir ist, ich hätte diesen Aufdermauer schon irgendwo einmal gesehen, aber vermutlich irre ich mich wieder einmal und verwechsle ihn», bemerkte Ritter beim Betrachten der Polizeifotos des Opfers, die jedoch nicht als offizielles Passfoto getaugt hätten.
«Hast du eventuell einige Millionen gebunkert, von denen wir nichts wissen, und die du Aufdermauer zur Verwaltung überlassen hast?», fragte Moser, in der Hoffnung, die Diskussion etwas aufzulockern. Allerdings mit wenig Erfolg. «Fassen wir zusammen, was wissen wir zum jetzigen Zeitpunkt von ihm?»
Eine Minute, nachdem sie sich gestern von Frau Mühlethaler verabschiedet und die zum Schluss immer enger und steiler werdende Wendeltreppe beinahe wie Alpinisten hinaufgeklettert waren, standen Wälchli und Brunner vor der Mansarde von Hanspeter Schneider. Dieser Name war jedenfalls auf einer kleinen Plakette zu lesen. Sie klingelten, Schneider öffnete die Türe, nachdem Regula Wälchli das Läuten wiederholt hatte. Der Hauswart roch stark nach Alkohol, sah verwahrlost aus, unrasiert.
«Ja? Was ist?»
Wälchli und Brunner stellten sich vor und fragten nach den Schlüsseln zum Büro von Arthur Aufdermauer.
«Wozu das? Was wollen Sie? Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?»
«Herr Schneider, den brauchen wir in diesem Fall nicht, wir wollen uns nur schnell umsehen, wir rühren nichts an, alles andere wird dann von unseren Kollegen vom KTD erledigt», antwortete Elias Brunner, im Wissen, dass dieses Vorgehen nicht ganz dem Lehrbuch entsprach.
Widerwillig nahm Schneider die Schlüssel zum Büro im zweiten Stock vom Schlüsselbrett, stopfte sich das Hemd in die Hose und schloss – den Polizisten den Rücken zukehrend – die Türe ab. «Ein Wunder, wenn der mit seinem Pegelstand heil hier runterkommt», flüsterte Brunner seiner Kollegin zu. Das war aber der Fall – möglicherweise schlicht eine Frage der Übung.
«Da, bitte schön, schauen Sie sich um, ich bleibe aber hier, passe auf, dass Sie nichts anrühren oder sogar abtransportieren. Sonst erzähle ich das dem Aufdermauer, wenn er wieder kommt. Wo ist er übrigens?»
«Er wurde aufgehalten, kommt heute nicht mehr ins Büro. Was können Sie über ihn sagen?», fragte Brunner.
«Nicht viel, er ist ein angenehmer Typ, verursacht keinen Stress, obwohl zwischendurch aufbrausend, vor allem in letzter Zeit. Ich habe keine Ahnung, was er genau macht. Mit Finanzen oder sowas. Aber einmal, da …», sagte Schneider, brach den Satz jedoch abrupt ab.
«Aber einmal, was passierte da?», hakte Brunner nach.
«Da war ein Riesenkrach, ich habe nicht genau zugehört, worum es ging …»
Vielleicht konnte sich Schneider ganz einfach seines Alkoholkonsums wegen nicht genauer erinnern, dachte sich der Kriminalbeamte.
«Und wann war das, Herr Schneider?», wollte Wälchli wissen.
«Weiss nicht mehr, vielleicht vor zwei Monaten, draussen war es jedenfalls kalt, daran erinnere ich mich.»
Nach diesen nicht unbedingt ergiebigen Auskünften am Bahnhofplatz 3 machten sich Regula Wälchli und Elias Brunner in Richtung Muri auf, an die Pourtalèsstrasse, wo Aufdermauer in der Nähe von vielen bekannten Berner Persönlichkeiten wohnte. Sein freistehendes Haus hatten sie schnell gefunden, sie wagten auch den Versuch, an der Haustüre zu klingeln, wo jedoch niemand öffnete. Ohne Durchsuchungsbeschluss mussten sie sich darauf beschränken, Nachbarn zur Person von Arthur Aufdermauer zu befragen. Dazu mussten sie allerdings Farbe bekennen und nach dem Vorzeigen ihrer Ausweise auch den Grund ihres Interesses angeben.
Aufdermauer lebte seit 2004 im Haus, das er von einem ehemaligen Schweizer Botschafter in London erworben hatte, als dieser in die nahe gelegene Altersresidenz ElfenauPark umsiedelte. Die Nachbarn beschrieben Aufdermauer als «unauffällig» und «zurückgezogen». Welche Geschäfte er genau tätigte, war unklar, allerdings schien er damit Erfolg zu haben. Aussagen zufolge standen in seiner Doppelgarage ein Jaguar Type E sowie ein Maserati Biturbo Coupé, beides ältere Fahrzeuge, die bei Liebhabern hoch im Kurs standen. Vor dem Haus war sein BMW zu sehen, sein Alltagsauto.
«Da ist er wohl mit dem ‹Worb-Bähnli› zur Arbeit in die Stadt gefahren», kombinierte Brunner.
«Eine sehr scharfsinnige Überlegung, Herr Kollege, Respekt!», bekam er als abschliessende Antwort. Mehr war an diesem Nachmittag über Aufdermauer nicht in Erfahrung zu bringen.
Inzwischen war es 08:30 Uhr geworden, an diesem Dienstag, 6. Mai. Der Kommandant der Kantonspolizei hatte angeordnet, dass das Team Ritter für seine weiteren Ermittlungen, da in beiden Fällen – Ferrari und Fehlschuss – Tötungsdelikte vorlagen, durch zwei weitere Kollegen aus dem Bereich «Leib und Leben» verstärkt wurde. Mit Peter Kläy (32) und Markus Werren (49). Fünf Minuten später standen sechs Leute vor den beiden Plexiglaswänden, die eine mit «Bremgartenwald» angeschrieben, die andere mit «Marktgasse».
Die Aufgabenverteilung ging schnell über die Bühne: Ritter wollte mit Peter Kläy den ungefähr 50-jährigen Mann namens Martin Bigler befragen, der gestern in unmittelbarer Nähe des Opfers stand und behauptete, man habe eigentlich ihn ermorden wollen. Eine Vernehmung war laut dem Arzt vor Ort nicht möglich, da der Mann unter einem schweren Schock stand, nicht ansprechbar war und deshalb zur weiteren Beobachtung hospitalisiert werden musste. Man stellte Ritter einen Besuch im Inselspital für heute Vormittag in Aussicht. Brunner / Wälchli ihrerseits hatten den Auftrag, im Büro und im Haus Aufdermauer nach möglichen Hinweisen einer ebenso möglichen Tat zu suchen, dieses Mal mit Durchsuchungsbeschluss, obwohl es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um einen Fehlschuss gehandelt hatte.
Stephan Moser und Markus Werren wiederum durften auf Spurensuche in Zusammenhang mit dem ausgebrannten Ferrari gehen. Was für ein Umfeld hatte Thomas «TomCat» Kowalski? Vor allem aber: Wer war das zweite Opfer? Nicht bloss die Staatsanwaltschaft wartete auf Erkenntnisse und Antworten – auch die Medienschaffenden.
Joseph Ritter hatte um 09:30 Uhr einen Termin beim Staatsanwalt. Er schätzte Max Knüsel zwar als Menschen, nicht aber unbedingt als Staatsdiener, der mit banalen Fragen wie «Im Moment kumulieren sich die Fälle, nicht wahr? Ritter, haben Sie an dieses gedacht? An jenes?» jeweils mehr an den Nerven zerrte als zur Aufklärung eines Falles beitrug. Nun gut, das war wohl seine Aufgabe. Und an ihm gab es kein Vorbeikommen. Zudem war Knüsel darauf erpicht, dass die Polizei ihre Arbeit klar innerhalb der Legalität verrichtete, was in bestimmten Einzelfällen nicht so ganz einfach zu befolgen war, wollte man an gewisse Fakten oder entscheidende Aussagen herankommen. «Tanz auf dem Vulkan» hiess das nicht nur bei den Leuten von «Leib und Leben,» und alle wussten, dass dieses Vorgehen in Ausnahmefällen Konsequenzen nach sich ziehen konnte.
Deshalb existierte der «Tanz auf dem Vulkan» offiziell nicht, schriftlich schon gar nicht.
Zehn Minuten bevor sich Ritter zum Staatsanwalt aufmachen wollte, kam Stephan Moser mit News vom KTD.
«Steff, mach es nicht so spannend. Was haben die Kollegen herausgefunden?» «Aus den Untersuchungen des IRM geht hervor, dass der Schusskanal, also der Eintritts- und Austrittswinkel des Geschosses …» – in diesem Moment wurde Moser von Regula Wälchli unterbrochen.
«Danke, Stephan, wir wissen, was ein Schusskanal ist …»
«… der Schusskanal darauf schliessen lässt, dass Aufdermauer von der gegenüberliegenden Seite der Marktgasse von hinten erschossen wurde, vermutlich aus dem dritten oder vierten Stock, wahrscheinlich Marktgasse-Nummern zwischen 46 und 52», beendete Moser seine Ausführungen, ohne sich von der Zwischenbemerkung seiner Kollegin beirren zu lassen.
Der KTD identifizierte das Geschoss zudem als «Spezialmunition des US-Herstellers Barnes Inc.», was auf ein neuartiges Hightech-Gewehr schliessen liess.
«Und das heisst?», fragte Regula Wälchli.
Joseph Ritter wusste über diese neue Waffe Bescheid, er hatte kürzlich in einem Fachmagazin darüber gelesen. «Die sogenannte Smart Rifle ist etwas ganz Neues. Gut aufpassen.»
Staunen – einmal mehr – über den Chef.
Die «Smart Rifle AR», ein «intelligentes» Gewehr, war in Zusammenarbeit mit Spezialisten von Kampftruppen und Sondereinheiten entwickelt worden und seit Kurzem in den USA auch legal im Fachhandel erhältlich. Das Besondere an diesem Scharfschützengewehr des Herstellers Trackingpoint aus Austin / Texas: Damit mutierten selbst Laien ohne grosse Ausbildung zu Scharfschützen. Möglich wurde dies durch die elektronische Zielerfassung der Hightech-Waffe, gesteuert über ein integriertes Linux-Betriebssystem. Hatte der Schütze sein Zielobjekt erst einmal erfasst, wie im Fall des Anvisierten in der Marktgasse, fixierte er es per Knopfdruck, womit eine rote Lasermarkierung fest mit dem anvisierten Ziel verbunden war, auch wenn es sich bewegte.
Bei nur leicht geöffnetem Fenster war der Lauf – mit einem speziellen Schalldämpfer versehen – fast nicht zu sehen. Schon gar nicht um 12:12 Uhr, weil die Angestellten aus den gegenüberliegenden Büros und Dienstleistungsbetrieben oberhalb der Modehäuser Wartmann und Ciolina sowie der Credit Suisse bei diesem schönen Wetter praktisch allesamt draussen in der Mittagspause oder mit Privatem beschäftigt waren. Einzig der richtige Augenblick zum Abdrücken musste noch gewählt werden und selbst dabei half das Gewehr seinem Träger: Je näher ein Schütze der Lasermarkierung mit dem Fadenkreuz kam, desto leichter liess sich der Abzug betätigen. Vorausgesetzt, der Schütze hatte sich beim Anvisieren des Ziels nicht täuschen lassen und den Falschen anvisiert.
Ritter nahm Mosers Bemerkung wieder auf: «Marktgasse 46 bis 52? Dort liegt ja auch die Klubschule, an der Marktgasse 46, wo wir zum Zeitpunkt des Mordes sassen, Lüthi, Jenni, Egli und ich.»
«Ganz ruhig, J. R., es kommen ja laut KTD auch die Nummern 48, 50 und 52 in Frage, du solltest keine voreiligen Schlüsse ziehen …», versuchte Wälchli den Boss zu beruhigen.
«Dennoch ergeht an dich und Elias ein neuer Befehl: Bevor ihr im Büro und im Haus Aufdermauer auf Spurensuche geht, checkt ihr mal die dritten und vierten Stockwerke der Häuser 46–52. Überprüft jedes Fenster, respektive erkundigt euch, ob gewisse Zimmer und /oder Räume gestern zur Tatzeit unbesetzt waren.»
Es schien, dass das Duo Wälchli / Brunner die stattliche Anzahl möglicher Fenster, von wo aus möglicherweise geschossen wurde, vor ihrem geistigen Auge sah, jedenfalls wirkten ihre Mienen nicht gerade heiter.
6 So sei es halt.
Der Fall Martin Bigler
Joseph Ritter konnte nicht gerade behaupten, dass sein Besuch bei Staatsanwalt Max Knüsel im Bereich des Smalltalks einzuordnen gewesen wäre. Aufgrund der noch dünnen Beweislage in beiden Fällen – vor allem in Zusammenhang mit dem Ferrari, dessen Ausbrennen schon vier Tage zurücklag – nahm der Druck auf die Ermittlungsbehörden zu. Umso interessanter war das anschliessende Gespräch gegen 11:00 Uhr, im Beisein von Peter Kläy, mit Martin Bigler im Inselspital, der sich vom Schock des Vortages einigermassen erholt hatte und laut den Ärzten jetzt uneingeschränkt vernehmungsfähig war.
Bigler sass an einem Tisch in einem Einzelzimmer, sportlich-lässig gekleidet. Eine Pflegefachfrau war ebenfalls anwesend.
«Der Arzt meinte, ich könne spätestens nach dem Mittagessen nach Hause», sagte er als Erstes zu Ritter und Kläy, noch bevor sie sich richtig die Hand gedrückt hatten.
«Sie wissen, weshalb wir hier sind?»
«Ja, schon, ich denke wegen des Vorfalls von gestern, nicht wahr?»
«Dem ist so. Bevor wir auf Ihre Aussagen eingehen, möchte ich wissen, wer Sie sind. Gestatten Sie, dass ich während unseres Gespräches ein Tonband mitlaufen lasse und Peter Kläy, mein Kollege, sich mit am Gespräch beteiligt?»
Mit «Das wäre wirklich nett» übernahm Kläy die Wortführerschaft. «Übrigens meinte mein Kollege Ritter vorhin ein Aufnahmegerät, kein wirkliches Tonband …»
Nach dieser für ihn nicht gerade schmeichelhaften Feststellung schaute Ritter leicht säuerlich in Richtung Peter Kläy, anschliessend zur Pflegefachfrau hinüber und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, dass sie sich anderen Aufgaben zuwenden könne. Die Krankenschwester verstand den Wink.
«Wenn Sie etwas brauchen, können Sie ganz einfach läuten.»
Martin Bigler war mit dem vorgeschlagenen Prozedere einverstanden.
Zu dritt sassen sie am kleinen Tisch im Zimmer des zehnten Stocks, mit einem Fenster in Richtung Schliern, Spiegel und Gurten, den Berner Hausberg, wobei die Sicht durch tief herunterhängende Wolken heute eingeschränkt war. Joseph Ritter und Peter Kläy sassen Martin Bigler gegenüber, auf dem Tisch stand das kleine Aufnahmegerät.
Mit «Herr Bigler, können wir damit beginnen, dass Sie uns zuerst Ihre privaten Verhältnisse schildern?» begann Ritter die Unterredung.
Martin Bigler war 48 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Töchter. Er war schätzungsweise 190 cm gross, bei vermuteten 85 Kilogramm Körpergewicht, hatte dunkelbraune kurze Haare und trug eine Brille mit schwarzer Fassung, die seinem Gesicht eine gewisse Strenge verlieh. Die Familie wohnte in einem Einfamilienhaus in Säriswil, in der Gemeinde Wohlen, nordwestlich von Bern. Susanne Bigler, 44 Jahre alt, arbeitete Teilzeit im Inselspital als Pflegefachfrau.
«Sie meinen hier in der Insel? Hatte sie gestern Dienst, als Sie eingeliefert wurden?»
Bigler bejahte die Frage von Joseph Ritter.
«Sie war gestern Nachmittag hier, allerdings arbeitet sie auf einer anderen Abteilung, auf der Plastischen Wiederherstellungschirurgie im Flügel F-Süd. Selbstverständlich habe ich sie sofort benachrichtigen lassen.»
Allerdings erfuhr Susanne Bigler vorläufig nur, dass sich ihr Mann in unmittelbarer Nähe eines Verbrechens befand, nicht aber die näheren Begleitumstände. «Sie war es übrigens, die vorhin hier war.»
«Fahren Sie fort, Herr Bigler, bitte», sagte Ritter, sich darüber wundernd, dass Bigler seine Frau nicht vorgestellt hatte.
Ihr Gesprächspartner, mit einem akademischen Abschluss als Jurist, arbeitete seit knapp zehn Jahren als Beamter in leitender Stellung in einem Bundesamt, das sich jedoch nicht unter der Zirkuskuppel im federalen Palais am Bundesplatz befand. Dort waren nur gewisse Parteisekretariate einzelner Departemente und die Bundeskanzlei zu finden. Biglers sportliche Figur liess sich leicht erklären, als er Ritter und Moser erzählte, dass er passionierter Triathlet war und auch leidenschaftlich gerne Tennis spielte. Vor zwei Jahren hätten seine Frau und er in einem bekannten Country- und Golfclub im Freiburgischen mit dem Golfen begonnen.
«Als Ausgleich zum Stress im Alltag», wie er präzisierend sagte. Gar nicht in dieses Bild der Reichen und Schönen zu passen vermochten seine Hände, die rund um die Fingernägel aufgekratzt waren und die Bigler während des Gesprächs pausenlos malträtierte.
Joseph Ritter übernahm daraufhin die Gesprächsführung.
«Herr Bigler, gestern haben Sie behauptet, es habe sich um einen Fehlschuss gehandelt. Wie war oder wie ist das zu verstehen?»
«Weil ich erpresst werde und mit dem Tod bedroht worden bin.»
«Wenn dem so ist, wieso haben Sie sich nicht an die Polizei gewandt?»
«Weil es Sie nichts angeht und einzig meine Sache ist, deshalb.»
«Herr Bigler, spätestens seit gestern Nachmittag ist es nicht mehr nur Ihre Sache. Wir hören.»
Martin Bigler seinerseits verspürte keine grosse Lust, sich weiter mit den beiden Beamten zu unterhalten. Er schien das Opfer auch nicht gesehen zu haben, zumindest nicht bewusst, weil er zum Zeitpunkt des Verbrechens mit seinem Smartphone beschäftigt war.
«Mir geht es besser, ich kann vermutlich nach dem Mittagessen schon nach Hause.»
«Das haben Sie uns bereits gesagt. Nur ist es so, Herr Bigler: Entweder erzählen Sie uns alles rund um diese Erpressung, hier und heute, unter uns, oder wir lassen Sie offiziell in den Ringhof vorladen. Immerhin steht das Tötungsdelikt von gestern offenbar in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Ihnen, wie Sie ja selber sagen. Deshalb müssen wir von Amtes wegen Ermittlungen aufnehmen. Kennen Sie übrigens das Opfer, einen gewissen Arthur Aufdermauer?» «Aufdermauer? Nein, der Name sagt mir gar nichts.»
Bigler begann mit seiner Geschichte, erzählte sie aber nicht chronologisch, sondern in nicht zusammenhängenden Episoden, so wie sie ihm gerade in den Sinn kamen. Ritter und Moser konnten die einzelnen Mosaikteile dennoch zu einem Ganzen zusammenfügen. Es war eine wenig schmeichelhafte Geschichte, die sie da zu hören bekamen.
Mitte Mai des Vorjahres wurde Bigler an einen Polterabend eingeladen. Ein guter und betuchter Bekannter hatte sich mit seinen 50 Jahren zur allgemeinen Überraschung entschieden, doch noch den Hafen der Ehe anzulaufen. Gastgeber Robert Hofmann, CEO einer grossen ausländischen Fachmarktkette in der Schweiz, war in Gesellschaftskreisen der Hauptstadt gerne gesehen, nicht zuletzt wegen seiner attraktiven Braut, einer ehemaligen Kandidatin zur Wahl der Miss Schweiz, 18 Jahre jünger als Hofmann. Die beiden waren regelmässig auf den People-Seiten der einschlägigen Medien abgebildet, er in letzter Zeit als «begehrter Berner Bachelor». Insgesamt hatte Robert Hofmann an jenem Freitag ungefähr 50 Herren gegen 21:30 Uhr ins Restaurant Verdi eingeladen, zuunterst an der Gerechtigkeitsgasse, vis-à-vis des Hotels Belle Epoque. Dort hatten einzelne Teilnehmer infolge des zu erwartenden Alkoholkonsums vorsichtshalber gleich ein Zimmer für die Nacht reserviert.
Mehrere der anwesenden Herren – das ganze Altersspektrum zwischen 35 und 80 vertretend – kannte man ebenfalls aus den einschlägigen Klatschrubriken, vor allem aus der Gratiswochenzeitung «Berner Bär». Begonnen hatte der Polterabend vier Stunden zuvor, mit dem Foxtrail «Granit», einer Art moderner Schnitzeljagd quer durch die Stadt Bern. Anschliessend liess die bereits gut gelaunte Meute die Stadt an sich vorbeiziehen, im Oldtimer-Restaurant-Tram, Baujahr 1935, bevor man in zwei Keller eines der schönsten, weil geschmackvoll renovierten Restaurants in der Bundesstadt dislozierte, ins «Verdi».
Dort ging es hoch zu und her, jedes Klischee eines Junggesellenabschieds wurde zelebriert, auch mit drei nur leicht bekleideten Damen, die gleichzeitig aus drei übergrossen Torten stiegen. Überhaupt schien das Motto des Abends «Champagne!», «Girls!» und «Cigars!» gewesen zu sein, wobei die Cohibas und Montecristos aus Havanna auf offener Strasse geraucht wurden.

Einer der Kellerräume im Restaurant Verdi, wo der Polterabend von Robert Hofmann stattgefunden hatte.
«Wissen Sie, Herr Ritter, auch wenn das sonst nicht meine Welt ist, irgendwie wurde man im Laufe des Abends lockerer und zugänglicher.»
«Zugänglicher? Wie ist das denn zu verstehen?»
Wie sich herausstellte, waren unter den Gästen auch einige praktizierende und bekennende Schürzenjäger, die ihre diesbezüglichen Erfolgserlebnisse unverblümt ins Scheinwerferlicht stellten. «Den anderen überbieten» lautete dabei die Devise, obwohl einige der erzählten Intermezzi vom Wahrheitsgehalt höchst fragwürdig schienen, um es einmal diplomatisch auszudrücken. Über einen dieser Casanovas erzählte man sich, er würde wohl hemmungslos auch dem Tram Nummer 9 bis an den Guisanplatz in der Nähe des Stade de Suisse hinterherrennen, wäre es mit einer Schürze umwickelt.
«Irgendwann war plötzlich die Rede von sehr jungen Damen, die bereits in ihrem Alter giggerig7 auf echte Markenartikel von Louis Vuitton, Ed Hardy oder Dolce & Gabbana waren, die sie sich selber mit dem Taschengeld ihrer Eltern oder dem Ausbildungslohn nicht leisten konnten», erzählte Bigler weiter. «Einer der Anwesenden zeigte uns auch Fotos auf seinem Handy, verbunden mit der Aussicht, diese Teenager umgehend kennenlernen zu können, problemlos, diskret, in einem dafür geeigneten Hotel. Sie wissen schon, was ich meine …» «Wer war es, der die Fotos rumgezeigt hat?»
«Den Namen weiss ich leider nicht mehr …»
Die beiden Beamten nahmen Bigler diese Aussage nicht ab, liessen ihn aber für den Moment gewähren.
«Und da Sie – wie sagten Sie doch gleich? – ‹zugänglich› waren …»
«Ja, da habe ich diesen Gast gefragt, ob es denn möglich wäre, ein ganz bestimmtes Girl kennenzulernen, das mir besonders gefiel, weil sehr sexy auf dem Foto. Und sehr jung.»
Wie sich herausstellte, war das ohne Weiteres möglich, sogar noch in derselben Nacht, da die noch Minderjährige offenbar in der Region wohnte und mit dem Handy erreichbar war.
Der Gast habe ihm angeboten, sofort nachzufragen, ob das Mädchen während der Nacht noch frei sei. «Ich Idiot bin dann gegen Mitternacht zum nächsten Bancomaten gegangen und habe dort Geld abgehoben, laut Quittung um 00:09 Uhr.» «Wieviel?», wollte Kläy wissen.
«2000 Franken für die Liebesnacht, samt einem Hotelzimmer in der Stadt.»
«Im Belle Epoque?»
«Nein, in einem anderen Hotel, das offenbar dafür bekannt ist, dass man Zimmer quasi stundenweise mieten kann.»
Dass der edle Vermittler allenfalls ein Zuhälter der eleganteren Sorte für die obere Kaufkraftklasse hätte sein können, daran hatte Bigler nach eigenen Aussagen offenbar keinen Augenblick gedacht.
«Kunststück, das kennt man ja bei Männern unter Alkoholeinfluss, wenn dann das Gehirn ganz schnell nach unten rutscht, sämtliche Sicherungen durchbrennen und die Dame den Kunden im wahrsten Sinne des Wortes fest im Griff hat», dachte Ritter halblaut nach.
«Wie bitte?», kam die Frage von Martin Bigler.
«Nichts Wichtiges, fahren Sie fort.»
Gegen 01:00 Uhr, ungefähr eine Stunde nach dem Deal mit dem Vermittler, verabschiedete sich Bigler nach eigener Aussage vom Gastgeber, mit dem besten Dank für den tollen Abend, er gehe jetzt heim, weil er am nächsten Tag relativ früh aufstehen müsse, wegen eines Familientreffens. Bigler machte sich aber nicht auf den direkten Weg nach Säriswil, sondern zur angegebenen Hoteladresse. Der Vermittler habe ihm vorher gesagt, er brauche nur dreimal ganz kurz auf die Nachtglocke zu drücken, das Zimmer 24 sei reserviert und bereits zur Hälfte besetzt …
Und in der Tat: Nach dem dritten kurzen Drücken der Taste ging die Türe automatisch auf. Den Gang in den zweiten Stock hinauf nahm er, obwohl leicht schwankend, via Treppe in Angriff, fuhr nicht mit dem Lift, des Geräuschpegels wegen. Niemand sollte ihn bemerken. Als er die Türe zum Zimmer öffnete, hörte er leise Musik und sah im Licht einer Kerze die aufreizende Figur einer sehr jungen Frau auf dem Bett, nur halb zugedeckt.
«Schön, du hier, komm näher. Entspann dich …», sagte sie, in gebrochenem Deutsch, mit starkem Akzent.
Bigler erzählte davon, dass dann alles ziemlich schnell ging, dass die in Aussicht gestellten zwei Stunden lediglich die Maximaldauer des Aufenthaltes darstellten und er anderthalb Stunden davon nicht auskosten konnte. Nach seinem Orgasmus – dank geübter Massagetechnik – habe die junge Frau in ihrer Vuitton-Handtasche gewühlt und ihm kurz einen Ausweis gezeigt.
«Hier, schau Geburtsdatum, du soeben junges Mädchen gevögelt», sagte sie plötzlich in einem Jargon, der ihm zuwider war. «Wenn wieder Lust, sagen meinem Bekannten.»
Sekunden später stand das kleine Luder auf, mit einem Leintuch ihren Körper umhüllend. Nach einer kurzen Dusche zog sie ihre knallengen weissen Jeans, ein luftiges Top sowie schwarze Highheels an und verliess mit ihrer sündhaft schönen Figur und einem «Süsses Träume!» das Zimmer. Die Digitaluhr auf dem Nachttisch zeigte 01:51.
«Und wie hiess die Dame? Sie haben ja ihren Ausweis gesehen …», wollte Ritter wissen.
«Keine Ahnung, sie hatte wohl absichtlich ihren Daumen über den Namen gehalten, aber das Foto hat mit ihrem Aussehen übereingestimmt.»
Kläy und Ritter schauten sich an, keiner musste ein Wort sagen, denn sie wussten, was dem Visavis in diesem Moment durch den Kopf ging.
Bigler erzählte, was in den Tagen danach passierte. Am Montag bereits erhielt er einen Anruf auf seine Handynummer, Anrufer unbekannt. Der Mann teilte Bigler in zwei, drei kurzen Sätzen mit, er solle morgen Dienstag in seiner Post nach einem gelben Briefumschlag Ausschau halten, der an ihn mit «Persönlich» adressiert sei, und diesen sofort öffnen. Als Bigler nachfragen wollte, war die Verbindung bereits abgebrochen.
«Und? War das Couvert in Ihrer Post?»
Der Jurist bejahte.
«Und der Inhalt?»
«Einige ausgedruckte Fotos.»
«Und was war auf den Fotos zu sehen?»
Bigler musste zuerst tief durchatmen, die beiden Beamten ahnten, was jetzt folgen würde. Es stellte sich heraus, dass man Bigler eine Falle gestellt hatte. Aber wer? Auf einer der Aufnahmen, mit 00:55 Uhr gekennzeichnet, war die junge Frau, laut Aussagen Biglers, beim Betreten des Hotels zu sehen, 21 Minuten später Martin Bigler. Die Dame war auf einer dritten Aufnahme zu erkennen, wie sie um 01:52 Uhr das Hotel wieder verliess, Bigler eine knappe Viertelstunde später. Die Fotos waren von einem Zettel begleitet, der mit aus Zeitungen und Magazinen ausgeschnittenen Buchstaben vollgeklebt war: «Es gibt vom Hotel auch Innenaufnahmen, die deine Frau interessieren werden. Und die Sittenpolizei das Alter deiner Gespielin.»
Der Drohung waren Instruktionen beigelegt, in welchem Wortlaut ein Inserat auf der Seite «Treffpunkt» in der Unterrubrik «Einfach so» in der Berner Zeitung vom folgenden Samstag verfasst werden musste, um das Einverständnis Biglers zu einer einmaligen Zahlung zu signalisieren. Im Gegenzug würde er sämtliche vorhandenen Aufnahmen erhalten. Unterzeichnet war der Zettel mit «Jemand, der es gut mit dir meint». Da hatte sich also jemand stundenlang mit dem Ausschneiden von Buchstaben beschäftigt. Ein eher ungewöhnlicher Vorgang.
«Und was haben Sie gemacht?»
«Ich habe das Inserat aufgegeben, im vorgeschriebenen Wortlaut.»
«Und dann?»
Die Gereiztheit bei der Fragestellung war Ritter anzumerken, Kläy hingegen lehnte sich mit verschränkten Armen hinter dem Kopf zurück, so, als wisse er bereits, was jetzt folgen würde.
«Dann habe ich bezahlt. 20 000 Franken. Ich hatte telefonische Instruktionen erhalten.»
«Sie haben was!?»
«Ich habe bezahlt, ohne jemandem etwas zu sagen, die Polizei wollte ich nicht einschalten. Den Brief und die Fotos habe ich in den Schredder gesteckt, ich wollte kein Belastungsmaterial rumliegen haben. Aber die Erpressung geht weiter. Und die versprochenen restlichen Aufnahmen habe ich auch nie erhalten.»
«Jetzt brauche ich einen Schluck Wasser», sagte ein inzwischen sichtlich erzürnter Ritter. Er stand auf und griff nach der Literflasche Henniez und einem Glas, die beide auf dem fahrbaren Nachttisch neben dem Bett im Zimmer standen. «Das glaube ich jetzt aber nicht!», liess er Bigler wissen, wobei sein Zorn nicht zu überhören war und auch nicht zu übersehen, denn die ersten Tropfen aus der Flasche gerieten neben das Glas.
«Was hätten Sie denn an meiner Stelle gemacht, was?»
«Fällt Ihnen echt keine intelligentere Frage ein, Herr Bigler? Dreimal dürfen Sie raten. Nein, nur einmal!»
Bevor die Situation völlig ausser Kontrolle zu geraten drohte, unterbrach Peter Kläy die Redeschlacht. «Herr Bigler, haben Sie zufälligerweise Fotos vom Polterabend, irgendwo? Und wenn ja, mailen Sie sie mir bitte, hier ist meine Karte.» «Ja, drei, vier habe ich noch immer auf meinem Handy gespeichert. Es liegt auf dem Nachttisch.»
Mit diesen Worten stand nun auch Bigler auf, um auf den Nachttisch zuzugehen. Ritter ersparte ihm die paar Schritte, indem er das Smartphone vom Tisch nahm und es Bigler überreichte. Nach ein paar Augenblicken hatte Bigler die Fotos gefunden.
«Hier, sehen Sie selber.»
Kläy war auch aufgestanden, Ritter stand inzwischen direkt hinter ihm.
«Soso, die feine Herrengesellschaft, mit Promis und Möchtegern-Promis gespickt. Und schau mal, hier, J.R., wen haben wir denn hier?»
«Hoppla, Thomas Kowalski …»
«Herr Bigler, hat Ihnen Kowalski das Mädchen vermittelt?»
«Nein, das war nicht Koslowski …»
«Kowalski, nicht Koslowski, Herr Bigler …»
«Nein, das war er nicht, es war dieser hier», erwiderte Martin Bigler und zeigte mit dem Finger auf einen anderen Partygast.
7 scharf.
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