Читать книгу: «Das Leben sein lassen»
Thilo Gunter Bechstein
Das Leben sein lassen …
… und zweitausend Kilometer mit dem Rad
von Gotha nach Rom pilgern
Engelsdorfer Verlag
2017
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Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Vorwort
In diesem Buch setze ich mich mit mir selbst auseinander. Das Besondere an dieser Auseinandersetzung ist dabei das „Selbst“, denn es ist nicht die Person mit ihrem Namen, Geschlecht, Titel und Bankkonto, die ich lange Zeit zu sein glaubte. Es ist etwas tief in mir, das ich als meine Seele oder mein „Höheres Selbst“ bezeichne und das jenseits meines Verstandes angesiedelt sein muss.
Es gab eine Zeit, in der ich von der Existenz dieser Seele nichts wusste und meinen Verstand als das Höchste betrachtete, das mir zur Verfügung stand. Im Zustand dieses meiner Seele unbewussten Daseins habe ich eine lange Zeit meines Lebens verbracht.
Verschiedene schmerzliche und schockierende Ereignisse haben mich ordentlich durchgeschüttelt und mich auf die Notwendigkeit der Veränderung meines unbewusst geführten Lebens hingewiesen. Ich habe diese Geschenke meiner Seele jedoch anfangs nicht als solche erkannt und mich daher hartnäckig geweigert, sie anzunehmen.
Das intensive Leid, das mir aus dieser ablehnenden Haltung entstanden ist, hat mein kleines „Ich“ so geschwächt, dass etwas in mir aufzuscheinen begann, was ich bis dahin nicht für möglich gehalten hatte.
Ich wurde mir meiner Seele bewusst, entdeckte sie in mir als mein Wahres Selbst, und das ist der bedeutendste Fund, den ich je in meinem Leben gemacht habe. Diese Entdeckung hat mich neu die Frage nach dem stellen lassen, der ich wirklich in der Tiefe meines Wesens bin. Die Antwort sehe ich als die kostbare Perle an, von der Jesus sagt, dass für deren Besitz alles andere hingegeben wird.
Eine Episode auf diesem Weg meiner Hingabe beschreibe ich anhand meiner Pilgerreise in diesem Buch und verbinde damit die Absicht, zum Nachspüren über dieses „Selbst“ anzuregen. In dem Maße, wie wir uns von der Vorherrschaft unseres kleinen „Ich“, des Ego, lösen können, erfahren wir uns als Erlöste und werden an der Geburt eines „Neuen Himmels“, eines neuen Bewusstseins, und in dessen Folge einer „Neuen Erde“ als Geburtshelfer mitwirken.1
Der Sturz
Er kam ziemlich überraschend für mich an einem Samstagmorgen. Ich saß am Frühstückstisch im Essensraum unserer Gemeinschaft. Die Gemeinschaft, in die ich 2012 eingezogen bin, existiert seit 2001 in einem alten Rittergut in Sachsen.
Es ist nicht immer leise in diesem Gemeinschaftsraum, aber an diesem Morgen schien das Stimmengewirr links von mir auf eine fast unerträgliche Lautstärke anzuschwellen. Eigenartig, dass auf meiner rechten Seite nichts zu hören war, totale Ebbe. Das linke Hörgerät musste ich rausnehmen, weil ich den Lärm nicht aushielt. Ich habe auch das rechte Hörgerät aus dem Ohr genommen und mit einer neuen Batterie versehen. Doch ich konnte beim An- und Abschalten den charakteristischen Signalton nicht mehr hören, der die Funktionsbereitschaft des Geräts anzeigt. Sollte das Gerät defekt sein?
Die Idee lag nahe, das rechte Gerät im linken Ohr zu testen und siehe, dort war das Signal deutlich hörbar. Es bedurfte keines weiteren Beweises, dass sich mein Hörvermögen im rechten Ohr offenbar drastisch verschlechtert hatte. Doch ich wollte es immer noch nicht so recht glauben. Ich schreckte zurück vor der Möglichkeit, rechts nichts mehr zu hören. So gut und so fest ich es vermochte, hielt ich mir das linke Ohr zu und fand mich plötzlich weit entfernt von allem Lärm wieder, in einer unwirklichen Stille.
Die Idee eines Hörsturzes lag zu diesem Zeitpunkt noch außerhalb meines Vorstellungsvermögens. Eine solche Katastrophe sollte mich nicht betreffen. Erst beim nachmittäglichen Kaffeetrinken wurden Vermutungen von Mitbewohnern laut, denen ich mein Missgeschick anvertraut hatte, dass es so etwas sein könne. Andrea wusste auch, dass rasches Handeln notwendig ist, sollte ich die Chance wahrnehmen wollen, mein Hörvermögen durch medizinische Maßnahmen zurückzugewinnen. Also entschied ich mich am späten Nachmittag, das Krankenhaus aufzusuchen und wurde prompt dortbehalten.
Der untersuchende Arzt war sympathisch und offen. Relativ schnell konnte er die Befürchtungen meiner Mitbewohnerinnen bestätigen und stellte die Diagnose „Hörsturz“. Er erläuterte mir die Infusionstherapie und konnte sich auch eine Operation am Innenohr vorstellen. Meine Hoffnung auf Wiedererlangung des Hörvermögens dämpfte er mit der Feststellung, dass es sehr schwer sein würde, die tatsächliche Ursache hinter dem Geschehen herauszufinden. Da könnte eine größere körperliche oder auch seelische Belastung eine Rolle spielen. Als weitere Ursachen kämen Borrelien oder sogar ein Tumor in Betracht. Angesichts meines vor zwei Jahren überstandenen Prostatakarzinoms hat mich diese Möglichkeit sehr erschreckt. Die aufsteigende Angst, einen Rückfall zu erleiden, verschwand erst wieder, als diese Alternative nach einigen Untersuchungen und Blutproben als nahezu ausgeschlossen galt.
Jetzt liege ich den dritten Tag in einem der beiden Krankenbetten dieses Doppelzimmers in der Hals-Nasen-Ohren-Abteilung des örtlichen Krankenhauses. Ich bekomme die Infusionsbehandlung, die wegen der hohen Dosen an Kortison unter ärztlicher Aufsicht stationär erfolgen muss. Mein rechtes Ohr ist unverändert taub. Es schmerzt mich, dass die Behandlung nicht zur erhofften Verbesserung führt. Jetzt habe ich viel Zeit, darüber nachzuspüren, was dieses einschneidende Ereignis für mich bedeutet oder in welcher Hinsicht ich daran beteiligt gewesen sein könnte.
„Dazu kann ich dir als deine Seele nur gratulieren. Vielleicht bist du jetzt bereit, offener und bewusster deine Einstellung zum Leben wahrzunehmen und dein Verhalten zu reflektieren. In dieser Richtung nach dem Anlass für deinen Hörsturz zu forschen, könnte erfolgreicher sein, als die Mühe der Ärzte, körperliche Ursachen dafür zu finden.“
„Ich höre dich und mir wird sehr deutlich bewusst, dass ich mich in den letzten Wochen und Monaten ziemlich von dir entfernt habe. Die äußeren Ereignisse haben mich so stark von mir selber abgelenkt, dass ich den Kontakt zu dir verloren hatte.“
„Du hattest den Kontakt zu dir selbst verloren, wolltest deine innere Stimme in dir nicht hören. Obwohl du mit ihr sehr vertraut bist, schien sie dir lästig. Sie hätte dich daran hindern können, dich vollständig im Außen zu verlieren, wie es dir geschehen ist. Da musste ich eingreifen, um dir die Chance einer Veränderung zu ermöglichen. Du hast einen Rückfall in die Unbewusstheit erlebt, von der du meintest, du hättest sie längst schon hinter dich gebracht. Dein Ego hatte ein leichtes Spiel mit dir. Schau hin und finde selbst die Antwort auf deine Frage nach dem Warum.“
„Wenn mir die Antwort so leicht fallen würde, dann hätte ich erkannt, wo ich im Strom des Lebens quer liege. Ehrlich gesagt weiß ich auch jetzt noch nicht, worauf du hinaus willst. Ich weiß nur, dass ich mich jämmerlich fühle und bitte dich daher, etwas deutlicher zu werden. Vielleicht kannst du mir ja sogar helfen.“
In der Stille fällt es mir leicht, den begonnenen Dialog mit meiner Seele fortzusetzen. Am besten gelingt mir das, indem ich versuche, ihre Botschaft zu fühlen, sodass meinem Verstand lediglich die Aufgabe zufällt, das Gefühlte in Worte zu kleiden. Mir wird jetzt bewusst, dass sich in der letzten Zeit meine positive Einstellung zum Leben, die ich nach meiner Krebserkrankung zurück gewonnen hatte, drastisch ins Negative verändert hat. Sehr deutlich fühle ich jetzt, dass meine exzessive abendliche Suche nach politischen Horrormeldungen im Internet damit zu tun hat. Ich rege mich dann furchtbar auf über bestimmte Ereignisse in der Welt auf. Darüber hinaus muss ich mir eingestehen, dass ich mir aus meiner Meinung zu diesen Vorgängen unbewusst eine Identität erschaffen habe und akzeptiere jetzt, dass es eine Form meines Ego ist, die mich absolut besessen hat.
„Ich erschrecke darüber, dass mir das widerfahren konnte. Sicher ist etwas dran an dem, was du mir jetzt vorwirfst.“
„Du missverstehst mich. Ich werfe dir nichts vor, ich verurteile dich nicht. Ich versuche dich auf eine Entwicklung hinzuweisen, die dich von deinem inneren Ziel abbringt und damit auch von der Aufgabe, die du selbst als Grund für dein Gastspiel in dieser Welt anerkennst.
Vielleicht hilft es dir zu beschreiben, was du in dir erlebst, wenn du begierig Nachrichten aus dem Internet herausfischst, die dich aufregen und dich in einen Zustand versetzen, in dem du außer dir bist, das genaue Gegenteil von Bewusstheit.“
So leicht fällt es mir nicht, tiefer in mir nach den Zusammenhängen zu suchen, auf die mich meine Seele hinweist. Ich erlebe eine tiefe Enttäuschung über diesen Staat, darüber, was er als Demokratie verkauft und über den Machtmissbrauch, den eine allein herrschende Parteienclique betreibt. Ich rege mich auf über die Meinungsmanipulation der sogenannten unabhängigen Medien, ihre Lügen, Verdrehungen von Tatsachen und Halbwahrheiten. Alles das habe ich bereits in der DDR erlebt und glaubte, dass mit Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland alles anders werden würde. Aber im Grund muss ich feststellen, dass sich nichts wirklich geändert hat außer den Farben der Parteien und ihren Sprüchen. Was nützt mir die Freiheit, eine Partei wählen zu können, wenn letztlich alle dasselbe machen. Politiker erlebe ich überwiegend als machtgeil, geldgierig und korrupt. Darüber bin ich sauer, stinkig und zugleich irgendwie ohnmächtig und verzweifelt. Eine erhebliche Negativität macht sich in mir breit und verändert auch meine Ausstrahlung. Ich werde in meinen Betrachtungen gerade unterbrochen:
„Du erlebst das so, weil du dich mit einer bestimmten Meinung zu diesen Ereignissen identifizierst. Du kannst sie nicht neutral und mit Distanz als das betrachten, was sie sind, sonst würdest du sie als Egospiele erkennen, die systemunabhängig sind. Insofern sind auch deine Erwartungen illusionär. Sie mussten zwangsläufig enttäuscht werden. Wirkliche Veränderungen in der Welt geschehen nicht durch Politik. Sie setzen einen Bewusstseinswandel voraus und der beginnt zuerst bei dir selbst.
Doch ich will noch etwas tiefer gehen mit meinen Hinweisen.
Die Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit, die dich angesichts der politischen Ereignisse überkommen, haben nicht nur mit diesen Ereignissen zu tun, zumal du nicht einmal direkt von ihnen betroffen bist. Sie berühren vielmehr ein Feld verdrängter Gefühle aus deiner frühen Kindheit, in der du wirklich hilflos und ohnmächtig warst und diese Gefühle deshalb verdrängen musstest. Aus deiner unbewussten Identifikation mit diesen Gefühlen entsteht ein Energiefeld in dir, das du als deinen emotionalen Körper bezeichnen kannst. Er ist ein quasi autonom agierendes Gebilde, das sich selbst dadurch zu erhalten versucht, indem es neuen Schmerz erzeugt.
Wie du selbst beschreibst, veranlasst dich dieser emotionale Körper, nach Ereignissen zu suchen, die geeignet sind, die in dir vorhandenen negativen Erfahrungen der Hilflosigkeit und Ohnmacht immer neu zu aktivieren und auf diese Weise dem alten Schmerz neuen hinzuzufügen. Damit hat dich deine Vergangenheit fest im Griff und du bist nicht im Augenblick präsent. Das ist ein Zustand der Unbewusstheit, in dem du Leid erschaffst, dir selbst und einigen anderen.“
Irgendwie habe ich den Konflikt sogar gespürt, der daraus in mir entstanden war. Einerseits wollte ich mir die Negativität nicht zumuten, die aus meiner zwanghaften Beschäftigung mit diesen Nachrichten in mir entstand. Andererseits war mein emotionaler Drang danach stärker als meine bessere Einsicht. Die war als Gegenkraft zu meinem emotionalen Körper zu schwach, dessen Einwirken mir nicht einmal bewusst war. Die scheinbare Erleichterung, welche die vorübergehende Ruhe meines emotionalen Körpers mit sich brachte, wenn er sich die letzte Meldung des Abends einverleibt hatte und gesättigt schien, tat ein Übriges, meine Abhängigkeit von ihm noch zu stärken. Es war wie das letzte Glas, das ich trinken musste und erst damit aufhören konnte, als nichts mehr da war.
„Solange du in der Überzeugung verharrst, dass du der bist, der den Schmerz und die Identifikation mit Ohnmacht und Hilflosigkeit braucht, um zu wissen, wer er ist, wird sich daran nichts ändern. Du bleibst in dem Teufelskreis der Sucht hängen, den du richtig beschrieben hast und der immer neuen Schmerz produziert. Du lehnst dich damit ab, denn dein Verstand erkennt und verurteilt dich. Du weißt bereits, dass du damit echtes Leiden für dich schaffst.
Die wirkliche Kraft für Veränderung findest du nicht in deinem Verstand, sondern nur in deinem fühlenden Erkennen, mit dem du deine Seele erreichst. Du hattest dich von mir abgeschnitten und ich musste mich dir in Erinnerung bringen. Meine unausgesetzten Versuche, dich mit sanften Hinweisen aufzuwecken, hast du allesamt ignoriert. Dabei habe ich sehr geduldig deine Entwicklung begleitet und deine Entscheidungen kommentiert, aber du hast meine Gegenwart in dir nicht wahrnehmen können, weil du nicht gegenwärtig warst.
Meine Methode, deine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, ist dir ja inzwischen bekannt. Du hast schon ein ganzes Buch2 darüber geschrieben. Aber dir bleibt für deine beabsichtigte Entwicklung nicht mehr so viel Zeit, dass du sie in Monaten oder Jahren vergeuden kannst. Deshalb habe ich das Stopp-Signal setzen müssen.“
„Ich verstehe dich und bin offen für deine Hinweise. Bei meiner Fahrt ins Krankenhaus habe ich schon im Auto deine Stimme in mir erkannt. Deshalb sitze ich jetzt auch am Tisch neben meinem Bett im und bin im Kontakt mit dir, meiner Seele. Du brachtest dich wieder mit einer drastischen Maßnahme in Erinnerung. Ich wünschte mir, unsere Begegnung könnte weniger schmerzlich für mich sein. Aber dafür müsste ich mehr Achtsamkeit in mein Leben bringen. Nur in meiner Präsenz bin ich dem wirklichen Leben verbunden. Andernfalls öffne ich meiner Vergangenheit die Tür, mit der sich mein Verstand nur zu gern gleichsetzt. Besonders mit meinem unerlösten emotionalen Körper, dem unerkannt wirkenden Feld der Verletzungen aus meiner Kindheit, identifiziert sich mein Verstand.“
„Der emotionale Körper ist ein Medium im Prozess deiner Bewusstwerdung. Er gehört, um es mit Faust zu sagen, zu der Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. An dir ist es, die Auseinandersetzung mit deinem emotionalen Körper zu suchen, dir seiner gewahr zu werden als Teil dessen, der du nicht bist. Das exzessive und dir unbewusste Wirken deines emotionalen Körpers erzeugt Leid und körperliche Symptome, die dich letztendlich in die Achtsamkeit zwingen, dem einzig möglichen Heilungsweg. Auf diesem Weg bist du nicht allein. Es ist der Weg, den jeder Mensch auf dieser Erde geht oder noch gehen wird. Er beinhaltet ein fundamentales Prinzip, eine Gesetzmäßigkeit, die für alle wirksam ist und die es anzuerkennen gilt. Ihr unterscheidet euch nur in den Inhalten. Es ist so einfach!“
Meine Seele müsste wahrnehmen, dass ich mich jetzt von ihr nicht verstanden fühle, da ich es alles andere als einfach finde. Ich kann nicht begreifen und noch weniger akzeptieren, dass ich immer wieder auf mein Ego hereinfalle. Meinem emotionalen Körper fühle ich mich ausgeliefert.
„Hereinfallen bedeutet, dass du dich als Opfer der Umstände siehst, wieder einmal, müsste ich hinzufügen. Offenbar suchst du die Wiederholung deiner Erfahrungen und auch das ist in Ordnung. Du machst die Erfahrung des Leidens nunmehr in einer anderen Form. Ich bin sehr kreativ darin, dir diese Möglichkeiten immer wieder auf deiner Körperebene einzuräumen. So wie ich mich darüber freue, dass sie keine vergebliche Mühe sind, da du immer wieder bereit bist, daraus zu lernen. Das Tempo des Prozesses deiner Bewusstwerdung bestimmst du selbst. Du könntest dir natürlich andere Gelegenheiten für deinen Lernprozess schaffen, indem du auch auf deinem äußeren Weg, in der Welt zu sein, deiner Bestimmung folgst. Du musst dazu allerdings mit deiner inneren Stimme in Verbindung bleiben, die ich für dich bin.
Es ist nichts weiter erforderlich, als deine wache Präsenz. Sie lässt dich deinen emotionalen Körper als den erkennen, der deiner Vergangenheit angehört und der mit deinem gegenwärtigen Sein nichts zu tun hat.
Indem du aber die verdrängten Gefühle der Vergangenheit nicht als solche anerkennst und diese unbewusst auf das Geschehen im Außen projizierst, verfällst du dem Irrtum, diese Art von Erleben sei deine aktuelle Realität. Das macht dir Angst und löst deine Abwehr aus, einen inneren Kampf, den du versuchst, auf die äußere Ebene zu übertragen. Das ist das Gegenteil von innerem Frieden, das ist Krieg, der da in dir entsteht und mit ihm stärkst du das Feld, das Menschen veranlasst, ihn auch zu führen.“
Natürlich spüre ich diesen Krieg in mir und ich glaubte bis jetzt, dass ihn die Akteure der von mir inhalierten Nachrichten ausgelöst hätten. Ich konnte nicht erkennen, dass ich meine unerlösten Kindheitsgefühle von Ohnmacht, Hilf- und Lieblosigkeit bereits auf die beobachteten aktuellen Geschehnisse und deren Protagonisten projiziert hatte. Sie begreife ich als die Urheber meines Schmerzes und aus der gefühlten Ohnmachtssituation heraus richte ich gegen sie meine Wut und meinen Hass. Das ist der Krieg, der in mir stattfindet. Mein Hörsturz ist eine Folge dieses Geschehens in mir. Er weist mich auf die Notwendigkeit hin, diesen sinnlosen Kampf zu beenden, sollte ich mich entschließen, nicht länger darunter leiden zu wollen.
Das Symptom tritt auf der rechten, der männlichen Körperseite in Erscheinung. Es setzt die männliche Seite meines Hörens außer Kraft. Ich habe sie überstrapaziert, deshalb wurde sie abgeschaltet. Die Taubheit rechts zwingt mich dazu, mit dem linken Ohr zu hören. Die linke Körperseite ist die weibliche Seite. Ihre Aufnahme und Verarbeitung der Umweltimpulse folgt nicht vordergründig dem Verstand, sondern eher dem Fühlen. Jetzt erkenne ich, dass die Reaktionen meines Verstandes auf die negativen Nachrichten, die ich in mich reingezogen habe, unbewusst und egogesteuert waren. Ich konnte die Informationen nicht als das begreifen, was sie in Wahrheit sind: Hinweise auf die wahnsinnigen Egoreaktionen von Einzelnen und Kollektiven, die noch immer das Leben auf dieser Erde bestimmen. Anstelle sie zu durchschauen, habe ich sie angeschaut und bin in die Unbewusstheit hineingezogen worden, die sie verbreiten. Anstatt Frieden zu schließen, habe ich den Kampf aufgenommen, der mich immer tiefer in die Unbewusstheit hinein geführt hat.
„Jetzt bin ich verständlicherweise sehr an der Lösung meines Problems interessiert. Ich glaube, dass ich mehr Gegenwärtigkeit in meinen Alltag bringen muss, mehr Achtsamkeit. Ich möchte vom Krieg in den Frieden gelangen, doch wie stelle ich das an?“
„Du darfst probieren, was immer du erfahren willst, aber du musst nicht. Müssen ist ein Gedankenkonstrukt deines Ego. Dahinter steht der Zwang, dass du anders sein solltest, als du bist. Deine Wahrheit liegt aber nicht darin, jemand sein zu wollen, den dein Verstand sich gerade ausgedacht hat. Es gibt nur einen Weg in den Frieden, den du dir wünschst: Frieden zu schließen mit dem gegenwärtigen Augenblick und der schließt den ein, als den du dich jetzt erlebst und empfindest.
Die von dir gesuchte Dimension erschließt sich dir im fühlenden Erkennen deiner selbst, der du in der Tiefe deines Wesens bist und in diese Tiefe kann dein Verstand nicht gelangen, weil er an die Formen gebunden ist. Da dein wirkliches Sein formlos ist wie die Lebendigkeit, die du jetzt in dir fühlen, aber nicht erklären kannst, kann dein Sein durch deinen Verstand weder ausgedrückt noch erkannt werden. Daher kannst du auch nicht „wissen“, wer du bist. Du kannst es in deiner Tiefe erfahren, wenn du jeden Versuch zu wissen wer du bist, aufgibst.
Dein Verstand versucht dir immer zu sagen, wer du sein solltest und er findet dieses Wissen häufig aus dem Vergleichen mit Anderen. Das Vergleichen ist eine Lieblingsbeschäftigung deines Ego. Es verlangt für seine Bestätigung immer besser, immer bekannter oder immer mehr von etwas zu sein, mit dem es sich gerade identifiziert. Es ist nie zufrieden, da seine Struktur durch das Verlangen geprägt ist. Die Gier kann jedoch durch das Haben oder Erreichen nur vorübergehend erfüllt werden. Diese Erfüllung verschwindet schnell hinter der Gewohnheit, zu der sie wird und die ruft neues Verlangen auf den Plan. Kannst du das verstehen?“
Ich kann meine Seele sehr gut verstehen. Sie weist mich auf das suchtartige Verhalten hin, dass mit meinen Internetausflügen in den Bereich der politischen Horrornachrichten verbunden ist, mit denen sich mein emotionaler Körper sättigt. Es ist jetzt wichtig für mich, einen Weg zu finden, der mich aus dieser Abhängigkeit heraus führt, den Weg zum Frieden mit mir selbst.
„Du solltest dich nicht unter Druck setzen. Das ist kein Zustand, in dem dir innovative Lösungen zufallen werden. Inspiration und Kreativität kommen nicht aus dem Verstand, sondern aus dem Bereich der Intuition und dahin kommst du nur durch Leichtigkeit, durch Loslassen fester Vorstellungen. Mach etwas, worin du frei und leicht sein kannst, damit du ins Sein eintreten kannst, in das Feld purer Möglichkeiten. Achte auf dein Gefühl bei meinen Worten und lass zu, was aus deinem Bauch kommt.“
„Es sollte irgendetwas Verrücktes sein, das mir Lösungen zeigt. Ich fühle die Notwendigkeit, in das Unbekannte aufzubrechen, in dem ich dem begegnen kann, der ich wirklich bin, jenseits meiner Abhängigkeiten. Dafür könnte ein Wechsel meines Umfelds günstig sein, der mit einer Herausforderung verbunden ist, die meine Präsenz verlangt, mein totales Sein.
Und auch wenn du mich auslachst, sage ich dir, dass ich mich noch einmal auf einen Pilgerweg begeben möchte. Es muss nicht Santiago sein, da bin ich gewesen, doch erinnere ich mich an die Freiheit und an die Leichtigkeit, die sich mir auf diesem Weg erschlossen hatten.“
Pilger ist, wer sich auf den Weg macht
Mit dem deutlichen Gefühl der Unterstützung durch meine Seele, mein Höheres Selbst, will ich bald als Pilger unterwegs sein. Ich habe beschlossen, mit dem Fahrrad nach Rom zu fahren. Diese Pilgerreise werde ich längs eines Pilgerwegs unternehmen, den der Abt von Stade im 13. Jahrhundert dokumentiert hat.
Mit Blick auf mich selbst stelle ich eine innere Begeisterung fest, die mich auf den Pilgerweg zieht. Ich habe gute Gründe, diese Reise anzutreten. Das überraschende Ereignis meines Hörsturzes und die damit in Zusammenhang stehenden Fragen sind ausreichende Gründe, um mich in Bewegung zu setzen. Die körperliche Bewegung soll die notwendige geistige Bewegung initiieren, die ich mit der Frage verknüpfe nach dem, der ich bin.
Jetzt erinnere ich mich auch der Gründe für meine erste Pilgerreise nach Santiago de Compostela, die ich vor vier Jahren gemacht habe. Der Auslöser für die Idee zu pilgern war das selbstgewählte Ende meiner freiberuflichen Tätigkeit als rechtlicher Betreuer, die mir in den letzten Jahren meines Berufslebens viel Freude und Erfüllung gebracht hat. Mit der Pilgerreise wollte ich mich vom Arbeitsleben verabschieden. Ich stellte mir vor, dass ich mich mit diesem Ritual selbst in den Altersruhestand versetzen wollte.
Natürlich waren auch Neugier und Abenteuerlust an meiner Entscheidung beteiligt.
Sie ist auch jetzt wieder spürbar, meine Sehnsucht nach der Weite, die Herausforderung, über die Grenzen des Alltags und meine eigenen Begrenzungen hinauszugehen. Die erkannte Abhängigkeit und der damit verbundene Wunsch, mein Suchtverhalten zu überwinden, sind dabei Facetten auf meinem Weg. Ich sehne mich nach dem Grenzenlosen, nach einer Tiefe, von der ich noch nicht weiß, wie ich sie erreichen werde. Und dann gibt es noch ein Begehren nach etwas, das ich nicht einmal genau definieren kann. Vielleicht ist es meine tiefe Sehnsucht nach Frieden, nach Annahme, nach wunschlosem Dasein in einer Welt, die mich täglich mit dem Gegenteil davon konfrontiert.
Zu diesem Gegenteil rechnete ich damals auch die Tatsache, dass mich ein Urologe mit dem Verdacht auf Prostatakrebs konfrontiert hatte, einfach auf Grund der Tatsache, dass die Werte meines prostataspezifischen Antigens (PSA) weit über dem Sollwert für den Normalzustand lagen. Eine Erhärtung des Verdachts durch eine Biopsie, eine Gewebeprobeentnahme aus der Prostata, hatte ich allerdings nicht zugelassen.
Das waren zwingende Gründe, um mich auch im achtundsechzigsten Lebensjahr noch auf den Weg zu bringen. Inzwischen hatte sich der Krebsverdacht bestätigt und ich bin operiert worden. Mir war bewusst, dass der Erfolg dieser körperlichen Maßnahme von der Änderung meiner Lebenshaltung abhängt, letztlich davon, ob ich die Botschaft meiner Seele verstanden und umgesetzt habe, die in dieser Erkrankung für mich enthalten war. Ich habe mich intensiv mit ihr auseinandergesetzt und ein Buch2 darüber geschrieben. Die Auseinandersetzung hält noch an, hat aber mit dem Hörsturz einen neuen, dringlichen Aspekt hinzubekommen, der letztlich ausschlaggebend für meine Entscheidung zur erneuten Pilgerreise ist.
Dass ich diesmal mit dem Fahrrad pilgern will, hat seine Ursache in meiner Konstitution. Ich bin bis vor Kurzem noch intensiv gewandert und gelaufen. Aber eben nur so lange, wie meine Lendenwirbelsäule die wachsende Zumutung klaglos hingenommen hat. Den Jakobsweg habe ich zu Fuß über die gesamte Strecke mit einem dreizehn Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken problemlos bewältigt. Diese Überzeugung hielt ich allerdings nur solange aufrecht, bis sich die Taubheitsgefühle im rechten Fuß einstellten und ich mich fragte: „Habe ich mir vielleicht doch etwas zu viel zugemutet?“
Seitdem ich diese körperliche Schwachstelle von mir kenne, achte und akzeptiere ich sie. Das ist der Grund für meine Entscheidung, die zweitausend Kilometer nach Rom mit dem Fahrrad zu fahren und mein Gepäck auf dem Pilgerweg vom Fahrrad tragen zu lassen. Ich habe das gute Gefühl, dass die Rechnung aufgehen wird.
„Jetzt fühle ich mich herausgefordert, dich zu fragen, ob du dir auch deiner seelischen Schwachstelle bewusst bist, nämlich nicht zu wissen, wer du wirklich bist. Dein Rückfall in die Abhängigkeit von deinem emotionalen Körper und das dadurch ausgelöste Suchtverhalten weisen dich darauf hin. Würdest du dir seiner sicher sein, wäre deine Reise, ebenso wie dieser Dialog, überflüssig. Es ist dein vorrangiges inneres Ziel, zur Erkenntnis deiner selbst zu gelangen. Diese Frage beschäftigt dich außerdem schon eine ganze Zeit. Nur lässt du dich von weniger wichtigen äußeren Ereignissen in deinem Leben immer wieder von ihr ablenken.
Die volle Entfaltung deines Potentials als Teil der Schöpfung, der du bist, hängt von dieser Einsicht ab. Im Moment geht es dir wie dem Bettler, der auf einem alten Koffer sitzt und die Passanten um einen Euro anbettelt. Er hat noch nicht in den Koffer geschaut und weiß deshalb nicht, dass er bis zum Rand mit Geld gefüllt ist.“
„Deine Metapher ist mir unangenehm und ich fühle mich beschämt. Doch inzwischen weiß ich, dass ich selbst verantwortlich für das Finden meiner Wahrheit bin, auch wenn es das nicht einfacher macht. Der erste Impuls auf meinem Weg zur Einsicht wurde mir geschenkt. Ich konnte ihn nicht durch irgendeine Maßnahme veranlassen. Er ist mir zuteil geworden durch Gnade. Ich hatte bis dahin nicht einmal die leiseste Ahnung davon, dass es so eine Frage überhaupt gibt. Heute ist sie zur wichtigsten Frage meines Lebens geworden. Ich will den Deckel anheben und in den Koffer schauen!“
„Du hast die Bedeutung dieser existentiellen Frage für dich erkannt und bist dir deiner Verantwortung bewusst, die Antwort darauf zu bekommen. Das hilft dir, präsent und bereit dafür zu sein, sie zu empfangen. Auf die bewusste Wahrnehmung dieser Verantwortung weist das Gleichnis von Jesus mit den zwölf Jungfrauen hin. Es demonstriert die Notwendigkeit, das Licht bereitzuhalten für jenen nicht bekannten Augenblick, in dem der Bräutigam kommt. Man könnte auch sagen, du musst für den richtigen Sender auf Empfang eingestellt sein, um die lebensentscheidende Nachricht nicht zu verpassen, von der du nicht weißt, wann sie ausgestrahlt wird.“
„Ich verstehe unter Glauben genau diese innere Haltung, mich für die Möglichkeit des Empfangs der Antwort auf diese wichtigste Frage in meinem Leben offen zu halten, diese Möglichkeit überhaupt zu erkennen und zuzulassen. In meiner Verantwortung liegt es dann, mir die Räume zu schaffen, in denen sich diese Möglichkeiten in Erfahrungen umsetzen lassen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die vor mir liegende Pilgerreise solche Erfahrungsräume eröffnet.“
„Mit etwas Abstand sollte es dir möglich sein zu erkennen, dass dein ganzes Dasein auf dieser Erde einer Pilgerreise gleicht. Das Ganze, was du als dein Leben betrachtest, ist ein Raum, der dir zur Verfügung steht, um dir das Finden der Antwort auf deine Frage durch konkrete Erfahrungen zu ermöglichen. Deutlicher als am Ende deiner ersten Pilgerreise konnte ich es dir nicht zeigen.“
Ich versuche, mich an das Ende dieser Reise zu erinnern, das ich am Kap Finisterre erreichte. Ich musste noch drei Tage dranhängen, um die hundert Kilometer von Santiago aus bis dahin zu bewältigen. Dabei war es nur ein unklares Gefühl, das mich ahnen ließ, etwas Wichtiges könnte mich dort erwarten.
Auf einem Weg durch Ginster, Heidekraut und Latschenkiefern bin ich am oberen Punkt des Kaps angekommen, der mir unvermittelt den atemberaubenden Ausblick auf den Atlantik freigab. Die Weite der Landschaft mit dem Ausblick auf die Berührungslinie zwischen dem tiefen Dunkel des Wassers und dem lichten Blau des Himmels an einem fernen Horizont hat mich tief ergriffen.
Ich bin dann langsam und sehr bewusst den Hang hinabgestiegen. Weit unten lagen ein Haus und eine Wetterstation. Haltgemacht habe ich erst beim Erreichen des aus Beton geformten Steines, der das Ende des Wegs anzeigte. Ich habe diese Steine im Verlaufe meines Pilgerwegs immer wieder angetroffen. Bronzene Täfelchen, die in diesen Steinen eingelassen sind, zeigten mir jeweils die Entfernung an, die noch bis Santiago zurückzulegen war. Manchmal war auch nur noch der Stein da, das Täfelchen war von Souvenirsammlern herausgebrochen worden. Doch hier gab es eine Bronzetafel und sie zeigte mir an: ‚0,0 km‘.
Den Schauer, der mir beim Lesen dieser Zahl den Rücken hinab lief, kann ich noch jetzt spüren. Ich stand vollkommen still und wagte kaum zu atmen, um nicht die Heiligkeit dieses Augenblicks zu zerstören, die ich plötzlich so unmittelbar empfand. Ich fühlte deutlich, dass mir jetzt eine wichtige Erfahrung zuteilwerden würde, dass sich einen Augenblick lang der Schleier heben würde, der mich bisher von der Wahrheit getrennt hatte. Ich setzte langsam den Rucksack ab und blickte auf den Weg zurück, den ich gekommen war. Deutlich konnte ich den gelben Kies sehen, der sich als breites Band den Hang hochschlängelte und sich in der Ferne als dünner Faden verlor.
In diesem Moment vollkommener Klarheit wusste ich, dass sich mir hier mein Lebensweg zeigte, von dem ich das Gefühl hatte, dass er weit hinter mir lag. Jetzt war ich hier, an diesem Stein mit dem Namen Nullkommanull. Er symbolisierte mir das Ende meines Lebenswegs. Die Zeit, die dieser Weg scheinbar eingenommen hatte und die mir immer ewig lang erschienen war, war auf diesen Augenblick zusammengeschmolzen. Ich erkannte ganz plötzlich die Illusion, die mich hinsichtlich der Länge dieser Zeit genarrt hatte. Ich fühlte, dass es nur diesen Augenblick gibt. Es ist immer ‚Jetzt‘.
Über den Stein hinweg sah ich zu der Linie am Horizont, an der sich Himmel und Wasser berührten. Dorthin würde ich gehen und nichts von dem, was mir bisher als unentbehrlich galt, würde ich dorthin mitnehmen können. Selbst meinen Rucksack würde ich dort nicht mehr brauchen. Was von mir sollte überhaupt auf diese andere Seite gelangen, die sich mir jetzt als deutliche Ahnung zeigte?
Das, was ich jetzt von mir als den tiefen Kern spürte, der mich in diesem Augenblicks ausmachte, das, so fühlte ich, würde auf die andere Seite wechseln. Sie lag greifbar vor mir und zog mich unwiderstehlich an. Das Bewusstsein, das ich bin und die Liebe, die ich in mir fühle, würden es sein und nichts anderes.
Mir wurde klar, wie unbedeutend meine bisherigen Werte waren angesichts dieses unmittelbar vor mir liegenden Seitenwechsels. Wieso hatte ich mich nur ständig in die falsche Richtung bewegt? Jetzt erlebte ich in einer bisher nie erlebten Klarheit, was wirklich von Bedeutung war, jetzt, in diesem Augenblick, der zu einem Augenblick tiefster Einsicht für mich wurde.
„Gut. Dass du auf diese Weise zu erkennen beginnst, was als das Wichtigste aus der Zeit deines Lebens verbleibt, wenn sie sich am Ende auf einen Augenblick reduzieren wird. Ich werde dazu beitragen, dass sich diese Erfahrung vertieft und dir immer wieder Situationen kreieren, in denen du dich deines bewussten Seins erinnerst. Doch du selbst bestimmst deinen Weg der Erkenntnis.“
Ja, richtig, da kann ich meiner Seele vorbehaltlos zustimmen. Meinen Weg entscheide ich selbst und übernehme dafür die Verantwortung. In mir ist dieses Gefühl aufgetaucht, nochmals eine Pilgerreise durchzuführen und ich folge meiner Intuition.
Doch auch diese erneute Reise besitzt ihre ganz pragmatischen Seiten. Zur Verfestigung meiner Idee habe ich mir zunächst die erforderliche Literatur beschafft. Das war über das Internet kein zu großes Problem, ich fand zwei Reiseführer, die den jüngst ausgegrabenen Pilgerweg des Abtes von Stade beschreiben3, 4. Auch den Pilgerpass habe ich über das Internet geordert, aus Sicherheitsgründen gleich zweifach.
Auf Karten wollte ich wegen des Gewichts möglichst verzichten und habe mir stattdessen ein Fahrrad-GPS zugelegt, welches gerade im Angebot war. Ich habe sofort angefangen, mich damit zu beschäftigen. Diese elektronischen Dinge empfinde ich als schwierig und ich fühle mich im Umgang mit ihnen gehemmt. Da bewundere ich manchmal meine Enkel, die mit einer Dreistigkeit ausprobieren, was sie nicht wissen. Das muss ich erst noch lernen.
Die benötigten Karten für meinen Rom-Pilgerweg waren aus dem Internet zu laden, was mir zu meinem eigenen Erstaunen mit etwas Probieren sogar gelungen ist. Ich hatte am Ende meiner Versuche alle Tracks auf meinem GPS-Gerät.
Für die geplante Übernachtung auf Campingplätzen und in der freien Natur habe ich nach einem geeigneten Zelt gesucht. Wiederum im Internet wurde ein doppelwandiges Ein-Mann-Zelt mit einem Gewicht von eineinhalb Kilo angeboten, das ich gekauft habe. Es war das leichteste, was es gab.
Als besonderen Gag habe ich mir ein weißes Träger-T-Shirt mit der Aufschrift „Rom-Pilger“ bedrucken lassen. Es sollte nicht nur für mich selbst ständige Erinnerung an das besondere Anliegen meiner Reise sein, sondern auch die dahinter stehende Botschaft sichtbar nach außen bringen. Ich würde mich damit als Sucher oder Finder zu erkennen geben.
Da mein Romführer für den deutschen Teil in Gotha beginnt, habe ich Gotha als Startpunkt festgelegt und rechtzeitig ein Sparticket bei der Bundesbahn geordert.
Nun kommt es in meiner Gemeinschaft nicht jeden Tag vor, dass sich ein Siebziger aufs Fahrrad schwingt, um damit nach Rom zu fahren. Ich habe bekanntgegeben, dass ich heute, am dreizehnten Mai des Jahres 2015, um sieben Uhr das gemeinschaftliche Rittergut verlassen will. Deshalb finden sich ein paar gute Freundinnen und Freunde am Tor ein, um mir ihren Segen für diese Reise mitzugeben, in Form von guten Wünschen und Umarmungen. Moni erinnert mich mit einem kleinen Kärtchen daran, wie wichtig es ist, „das Leben einfach sein zu lassen“, und diese liebevolle Erinnerung nehme ich an. Sie wird mich als Wegweiser begleiten.
Mit geordnet gepackten Fahrradtaschen, zwei kleinere vorn und zwei größere am Gepäckträger, starte ich dann pünktlich in Richtung Bahnhof. Das Zelt, ein leichter, zusammenrollbarer Aluminiumtisch und eine dünne Schaumgummimatte als Unterlage sind in einer Tasche zusammengerollt und wasserdicht längs zwischen den hinteren Packtaschen festgezurrt. Dazwischen habe ich einen Kunststoff-Gewebesack gelegt und für alle Fälle den kurzen Holzknüppel gesteckt. Er sollte mir helfen, die Heringe in trockene und harte Böden zu schlagen. Der Gummihammer ist mir zu schwer.
Mit dem guten Gefühl, perfekt vorbereitet und ausgerüstet zu sein, besteige ich in Riesa den Regionalzug nach Leipzig, um von dort mit dem Intercity nach Gotha zu fahren. Langsam stellt sich in mir jenes Hochgefühl ein, das mit der gespannten inneren Erwartung auf das verbunden ist, was da auf mich zukommen wird. Meine Begeisterung nimmt mit jedem Kilometer Bahnfahrt zu, der mich dem Ausgangspunkt meiner Pilgerreise näher bringt. Jetzt erst freue ich mich unbändig darüber, dass ich mich für diese Reise entschieden habe. Ich zweifle nicht mehr, dass es jetzt und in den kommenden Wochen genauso sein soll: „Ich bin auf dem Weg.“
In Gotha komme ich am Mittag an. Immerhin habe ich noch die gesamte heutige Strecke vor mir, von der ich nur weiß, dass sie mich über den Kamm des Thüringer Waldes, den Rennsteig, führen wird. Dieser mittelalterliche Handels- und Grenzweg zwischen ehemaligen deutschen Fürstentümern ist mir vertraut und bekannt. Mehrfach bin ich auf ihm gewandert, in der DDR, im vereinten Deutschland, im Sommer und auch im Winter. Ich liebe den Rennsteig und freue mich auf die erneute Begegnung mit ihm. Ehe ich mit meinem Fahrrad losfahre, will ich in meinem Pilgerausweis dokumentieren, dass ich hier in Gotha gestartet bin. Das geschieht am schnellsten im Servicepunkt der Deutschen Bahn, in dem mir die Beamtin am Auskunftsschalter bereitwillig den Tagesstempel in den Pilgerpass drückt. Sie fragt mich neugierig, wo ich damit hin will und schaut mich erstaunt, ungläubig und ein wenig ehrfurchtsvoll an, als ich ihr das Ziel meiner Reise nenne.
Schnell bin ich auf der Ausfallstraße Richtung Friedrichroda aus Gotha herausgefahren. Es ist nicht weit bis dahin und ich erreiche über die Landstraße bald den kleinen Kurort am Rande des Thüringer Waldes. Die Fußgängerzone war mir noch von meinem jüngsten Aufenthalt bekannt. Ich hatte für einige Tage in Friedrichroda ein Hotel gebucht, in der Hoffnung, im Januar mit meinen Langlauflatten auf dem verschneiten Kamm des Thüringer Waldes loslegen zu können. Doch der hatte in üppigem Grün geprangt und mich mit meinen Ambitionen komplett abblitzen lassen.
Jetzt sitze ich vorm Wiener Café im Sonnenschein, der mein nagelneues T-Shirt mit der Aufschrift Rom-Pilger leuchten lässt. Ich stärke mich vor der Überquerung des Hauptkamms, gönne mir aber keine zu lange Pause, wohl wissend, dass hier der Ernst des heutigen Tages beginnt.
Der erweist sich dann auch ab dem Waldschlösschen als steil in Richtung Kamm führende Schotterpiste. Sie trägt im unteren Teil den Namen „Rote Straße.“
„Mein Gott, ist das Fahrrad schwer! Wie soll ich das Ding da hochkriegen?“
Ich muss mich mit all meiner Kraft in den Lenker stemmen, damit ich es überhaupt den Berg hoch bewegen kann. Schieben und immer wieder schieben, dazwischen kurze Pausen zum Luftholen, Kräftesammeln, und weiter. Der Start in mein Pilgerabenteuer fällt mir nicht leicht, und die Schotterstraße erscheint endlos. Tatsächlich führt sie lediglich über zweieinhalb Kilometer ständig ansteigend auf den Rennsteig.
Endlich komme ich am Possenröder Kreuz an. Das ist ein markanter und zugleich bekannter Wegpunkt des Rennsteigs, an dem sich eine kleine Schutzhütte für Wanderer befindet. Über das Wiedersehen mit ihm freue ich mich und lege hier eine verdiente Verschnaufpause ein, ehe ich meinen Weg fortsetze. Nach dem anstrengenden Anstieg fühle ich mich doch ziemlich ausgepumpt.
Der Weiterweg wird zur halsbrecherischen Abfahrt auf der anderen Seite, die mir höchste Achtsamkeit abfordert. Aber auch die folgenden Anstiege verlangen mir ein Höchstmaß an körperlichem Einsatz ab. Und immer wieder schieben, schieben ohne Ende bis Knie und Arme zittern. Ich hatte mein Gepäck gewogen und siebenundzwanzig Kilo für alles zusammen schienen mir nicht zu viel. Bereits am ersten Tag erkenne und bereue ich, dass ich mich damit geirrt habe.
Aber ich bewältige die Strecke, für die ich mich während der ausgiebigen Pause auf dem Rennsteig entschieden habe. Ziemlich am Ende meiner Kräfte komme ich gegen halb sechs abends in dem kleinen Hotel in Steinbach-Hallenberg an, das ich ein paar Stunden zuvor per SMS vor meinem Eintreffen gewarnt hatte. Mein noch funktionierendes GPS zeigte mir an:
zurückgelegte Entfernung: 45 km
Steigung: 1055 m
Gefälle: 900 m
Fahrzeit: 5h:15min
Ich habe diese Daten nur dieses eine Mal auswerten und notieren können. Aus ihnen geht hervor, dass ich heute durchschnittlich acht Komma sechs Kilometer pro Stunde zurückgelegt habe.
Zumindest in der Gaststube bin ich an diesem dreizehnten Mai der einzige Gast. Der Spargel, der mir auf der Speisekarte offeriert wird und von dem ich beim Bestellen gutgläubig annahm, er sei frisch, stammt offenbar noch aus der Zeit des Großherzogtums. Da bin ich doch etwas enttäuscht. Aber am nächsten Morgen gibt es ein recht ordentliches Frühstück und ich kann versöhnt in den neuen Fahrradtag starten.
Heute, am Donnerstag, ist Himmelfahrtstag. Nach meinem ursprünglichen Reiseplan wollte ich überhaupt erst heute starten. Im Hinblick auf den besonderen Charakter dieses Tages entschied ich mich aber, einen Tag eher loszufahren. Ich wollte unbehelligt von größeren Gruppen an Männertags-Ausflüglern und Freizeitradlern mein Fahrrad sicher und stressfrei im Zug mitnehmen. Am Rande der Straße, wo ich solche Gruppen dann tatsächlich immer wieder sehen kann, sollten sie mich nicht stören. Fröhlich grüßend fahre ich an ihnen vorbei.
So richtig klar ist mir beim Start allerdings nicht, wie weit ich heute kommen werde. Heute, das ist zunächst ein wunderschöner Morgen mit strahlend blauem Himmel, an dem ich entspannt und beschwingt mit viel Gefälle über Viernau bis Meinigen rolle. Nach Mellrichstadt berühre ich erstmalig den Pilgerweg, der hier als Via Romea gekennzeichnet ist. Der Name verweist mich auf mein Ziel, aber Rom ist für mich derzeit nur ein Begriff, fast eine Fiktion, so weit weg liegt diese Stadt.
Vielmehr freue ich mich über die hübschen Fachwerkhäuser, die Kneipen und Schenken mit fröhlichen Menschen im Freien, zu denen ich mich jetzt setze, um ein kleines Bier zu meinem mitgenommen Frühstücksbrot zu trinken. Ja, er fühlt sich gut an, der Pilgerweg, an mit diesem schönen, warmen Frühlingstag.
Die Kirche in Mellrichstadt lädt mit ihrer offenen Tür ein, mich für das Geschenk zu bedanken, als das ich heute diesen Weg und diesen Tag empfinde. Meine Gegenwärtigkeit im Gefühl des Dankens lässt mich diesen Augenblick sehr intensiv erleben. Dank ist die höchste Form meiner Anerkennung dessen, was ist. Im Danken fühle ich die Intensität meines Daseins besonders deutlich. Ich freue mich, ohne dass ich dafür einen Grund oder ein besonderes Ereignis benennen kann.
Heute Morgen bin ich nicht exakt dem im Pilgerführer beschriebenen Originalweg gefolgt, der über Schmalkalden führt. Von Steinbach-Hallenberg aus habe ich direkt Meiningen angesteuert und bin dabei dem Werra-Radweg gefolgt.
Jetzt fahre ich auf dem Radfernweg Main-Werra nach Bad Neustadt. Dort angekommen, schiebe ich mein Rad durch den historischen Stadtkern und freue mich über den großen Marktplatz mit den gepflegten Bürgerhäusern. In einem schönen Café am Rand des Marktes such ich mir einen Platz unter einem Sonnenschirm und gönne mir ein Stück Erdbeertorte und einen großen Pott Kaffee.
Das ist auch die Gelegenheit, über das Ziel meiner heutigen Etappe nachzudenken. Das gute Wetter fordert mich ja geradezu zum Campen heraus. Ich habe große Lust, im Zelt zu schlafen. Allerdings wünsche ich mir für heute eine Dusche und ein Abendessen und das bekomme ich am einfachsten auf einem Campingplatz. Dafür noch bis Würzburg zu fahren, der nächsten Camping-Möglichkeit an meiner Route, erscheint mir etwas zu weit. Dazwischen gibt es an der Strecke aber keinen Campingplatz, jedenfalls nach den mir verfügbaren Informationen. Der nächste liegt in Bad Kissingen. Kurz entschlossen ändere ich ein wenig meinen Streckenplan und biege kurz hinter Bad Neustadt in das Tal der Fränkischen Saale ein, durch das ein Radweg führt. In großen Windungen schlängelt sich der Fluss durch das liebliche Tal, in dem blühende Wiesen meinen Blick fesseln, unterbrochen durch kleine Felder und Raine.
In Nickersfelden stehe ich an einer Kreuzung und überlege gerade, wo es weitergeht, als eine Frau auf mich zukommt. Sie fragt mich, ob ich ein Handy hätte. Ich zeige ihr mein Smartphone und sie erklärt mir ein wenig umständlich, dass ihr Handy entladen sei und sie eine dringende Mitteilung abschicken müsse. Ob ich ihr nicht mein Smartphone dafür zur Verfügung stellen könne. Mir erscheint ihr Wunsch etwas absonderlich. Außerdem ist mir klar, dass sie damit allein nicht zurechtkommen wird. Ich will ihr aber dennoch helfen und biete ihr an, ihre Botschaft abzusenden. Sie diktiert mir die Nummer der Adressatin und ich nehme ihre Mitteilung auf. Es geht um ein vereinbartes Treffen. Nach dem Absenden zeige ich ihr auf dem Display, dass alles erledigt ist, wie sie es gewünscht hat. Sie strahlt und wünscht mir Gottes Segen auf meinem Pilgerweg, den ich gern annehme.
Nach dieser kleinen Episode erreiche ich am späten Nachmittag Bad Kissingen. Schnell habe ich den großen Campingplatz gefunden. In der Rezeption herrscht Hochbetrieb. Hier ist was los am Himmelfahrtstag. Endlich kann ich mein Anliegen für eine Übernachtung im Zelt vorbringen, als die Chefin des Platzes den Aufdruck auf meinem T-Shirt unter der Weste bemerkt. Sie fragt etwas ungläubig, ob ich wirklich mit dem Fahrrad und allein nach Rom wolle. Als ich es bestätige, ist sie begeistert und schenkt mir die Übernachtung. Sie führt mich persönlich zu der kleinen Wiese hinter den Wohnwagen, auf der ich mein neues Zelt aufschlagen kann.
Beim Verstauen meiner Sachen im Zelt versuche ich, eine gewisse Ordnung herzustellen, damit ich im Ernstfall auch wiederfinde, was ich brauche. Das stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Zunächst packe ich die leeren Hinterradtaschen unter das Fußende des Schlafsacks, der auf der Schaumgummimatte liegt. Meine wenige Bekleidung ist in Plastetüten verpackt, die ich unter und neben das Kopfende des Schlafsacks platziere. Sie bilden mein Kopfkissen. Die Vordertaschen stelle ich ins Vorzelt neben den Eingang. Neben ein paar anderen Utensilien enthalten sie im Wesentlichen mein Kochgeschirr und den Mundvorrat. Taschenlampe, Waschzeug und Handtusch liegen neben dem Schlafsack. Auf der anderen Seite stapeln sich Helm, Handschuhe und Fahrradklamotten, soweit sie nicht schon gewaschen auf der Leine hängen. So könnte es gehen.
Jetzt folge ich meinem dringenden Bedürfnis zu duschen. Der Sanitärtrakt des Platzes liegt gleich um die Ecke. Um morgen früh Zeit zu sparen, rasiere ich mich zuerst. Ich ziehe die Nassrasur der elektronischen Trockenrasur vor, da bin ich etwas altmodisch. Ich liebe den mit Rasierpinsel aufgetragenen Schaum, das Kratzen der Klinge, das frische Gefühl auf der Haut und das angenehme Brennen auf den Wangen, wenn ich sie mit dem Rasierwasser leicht abklatsche.
Nach der Ganzkörperreinigung ziehe ich den warmen Vliespulli drüber, um auf der Freisitzfläche des Restaurants nicht zu frieren. Ich fühle mich frisch und bin hungrig. Das Abendbrot, das ich in guter Qualität bekomme, sättigt mich. Zufrieden schlüpfe ich mit dem Dunkelwerden ins Zelt. Ich genieße es, in den kuschligen Daunenschlafsack zu kriechen, der mich warm umhüllt. Auch bei den zu erwartenden niedrigen Temperaturen in der Nacht sollte ich darin nicht frieren.
Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass die Nacht doch nicht so gut verlaufen war, wie ich es erhofft hatte. Das hängt weniger mit der Kälte zusammen, die mir nichts anhaben konnte, als vielmehr mit der dünnen Schaumgummiunterlage. Ich habe durch sie hindurch den harten Boden sehr deutlich gespürt und bin deswegen immer wieder aufgewacht. Da ist Abhilfe erforderlich, sobald sich dazu die Gelegenheit ergibt.
Doch jetzt ist erst mal das Frühstück dran. Es beginnt mit einem großen Löffel Haferflocken und einem mit Leinsamen, die ich mische. Mit dem Wasser, das ich auf meinem Gaskocher heiß gemacht habe, entsteht so mein Müslibrei. Der Kocher ist ein Aufsatz, der auf der Kartusche mit dem Propan-Butangasgemisch sitzt und verriegelt wird. Das ist wirklich eine prima Erfindung, leicht und gut handhabbar. Mein alter Benzinkocher ist wesentlich schwerer, braucht Benzin und zum Anwärmen Brennspiritus. Das macht seine Handhabung aufwändig. Dennoch liegt er noch als Reserve in meiner Campingkiste. Ich konnte mich noch nicht gänzlich von ihm trennen, da er hat mir treu und zuverlässig auf meinen Bergfahrten gedient hat.
In der Tasse mit dem heißen Wasser hängt der Teebeutel, den ich jetzt herausnehme und ausdrücke. Ich esse zum Müsli einen Apfel und eine Kiwi und danach einige Brotscheiben mit Butter, Käse und Marmelade. Zu meiner Fahrradverpflegung gehören auch Espresso-Sticks und einige Portionen Kaffeesahne. Es fehlt an nichts und das macht mir schon am Morgen gute Laune. Dafür benötigt der ganze Aufbruch einschließlich Frühstück aber auch seine Zeit. Mir fehlt noch die Übung. Obwohl ich schon sechs Uhr aufgestanden bin, ist es schon Viertel nach acht, als ich den Campingplatz Richtung Würzburg verlasse.
Es fährt sich ruhig und gemütlich auf dem Main-Saale-Radweg nach Schweinfurt. Er ist gut ausgeschildert. Ich habe mir vorgenommen, auf dem äußeren Ring der Stadt zu bleiben und das Zentrum auszulassen. Für Würzburg möchte ich mir etwas mehr Zeit nehmen. Es ist unmöglich, jede interessante Stadt am Pilgerweg näher zu erforschen, das habe ich schon bei der Vorbereitung meiner Reise feststellen müssen. Deshalb begnüge ich mich jetzt mit Eindrücken von Schweinfurt, von den Menschen und dem Verkehr. Alles das macht eine Stadt lebendig, verleiht ihr Charme oder lässt sie hektisch erscheinen. Ich versuche, die Momente aufzunehmen, die mich in Schweinfurt berühren und da ist vieles: der fließende Verkehr, die rastlosen Menschen, die über die Straßen und Plätze eilen, zielgerichtet und erfolgsorientiert, nicht nach links oder rechts schauend, und da bin ich, mittendrin auf einem großen Parkplatz im Einkaufszentrum. Ringsum begrüßen mich Geschäfte und Märkte mit vertrauten Namen.
„Bist du nicht auch erfolgsorientiert? Was ist dir denn wichtiger, der Weg oder das Ziel? Nicht Rom, das liegt in weiter Ferne, nein, dein Tagesziel. Vergisst du in deiner Orientiertheit auf das Ziel nicht auch, den Weg wahrzunehmen mit seinen Besonderheiten? Achtest du auf die Stimmung des Wegs, auf seine Energie? Spürst du sie als Tourist, als Weltenbummler oder als Pilger?“
„Im Moment spüre ich da keinen Unterschied. Wenn ich akzeptiere, dass ich unterwegs bin, wird die Stimmung meines Wegs sichtbar in den Bäumen am Weg, den Wiesen und Feldern, den Häusern, dem Himmel, der alles überspannt. Ich fühle sie im Wind, der mich mal hindert und mal vorantreibt, der mir Staubkörner in die Augen weht und den schweißnassen Rücken kühlt. Ich kann die Strahlen der Sonne spüren, die meinen unterkühlten Körper wieder erwärmen, wenn ich aus dem Schatten der Bäume heraus in das helle Licht gelange.“
„Fühlst du deine Verbundenheit mit dem, was dich umgibt? Erkennst du darin auch deinen eigenen Ursprung?“
„Ich kann darauf weder mit einem ‚Ja‘ noch einem ‚Nein‘ antworten. Ich fühle noch große Anteile des Touristen in mir, der eine Leistung zu erbringen, ein Tagesziel zu erreichen hat, um am Ende stolz darauf zu sein. Dabei ist es das gerade nicht ist, was mich auf den Weg gebracht hat. Das sollte alles Nebensache sein. Zur Hauptsache bin ich noch nicht vorgedrungen. Doch danke ich dir für den Hinweis.“
„Versuche nicht, etwas zu erzwingen, was du nicht fühlen kannst. Das, was du jetzt fühlst, ist wichtig und wird dir den Weg weisen. Lass dir dafür die erforderliche Zeit. Es geht nicht darum, das alte Ziel durch ein neues, spirituelleres zu ersetzen. Ein solches Streben führt dich auf den Holzweg, in eine neue Rolle. Hol den Zettel von Moni aus der Tasche. Begreife ihren Hinweis als den Weg, der vor dir liegt. Es ist kein Zufall, dass du ihn bekommen hast. Es geht nicht um das Tun, sondern um das Lassen.“
„Als sie mir dieses Kärtchen gab, habe ich mich darüber als ein Zeichen ihrer Zuwendung gefreut: ‚… das Leben sein lassen!‘. Dass es mehr ist als das, erfahre ich jetzt. Ich ahne auch, dass du dahinter steckst, wie üblich, und glaube mir, ich bin dankbar dafür. Oft vergesse ich dich, bin von dir vollkommen abgeschnitten, doch dann merke ich irgendwie: Du bist da, du bist bei mir, meine Seele.“
„Das bin ich in der Tat und es wird der Moment für dich kommen, in dem du dich von mir nicht mehr unterscheiden musst. Im Augenblick des Eins-Seins, in dem du dich selbst als deine Seele erkennst und fühlst, weißt du, wer du wirklich bist. Unser Dialog ist ein Übergangsstadium, das durch deine Akzeptanz ermöglicht wird, eine Seele zu haben. In der vollkommenen Gewissheit deiner selbst ist dir beschieden, diese Seele zu sein. Du wirst dann in deiner Körperlichkeit, in deinem Dasein zum Ausdruck dieser Seele und bringst Liebe und Licht in die Welt, ohne etwas tun zu müssen. Dann ist die Seele, die du bist, nicht länger ‚deine‘ Seele. Du erfährst dich als untrennbarer Teil des Universums, des göttlichen Geistes hinter allen Formen.
Das ist kein Akt des Verstehens, sondern eine Erfahrung des fühlenden Erkennens jenseits des Verstands. Solange dich dein Verstand beherrscht, kann dieses Erkennen nicht stattfinden. Doch du bist auf einem guten Weg. Überlass dich ihm und sieh, was passiert.“
Ich fühle, wie sich eine dankbare Zustimmung in mir ausbreitet. Rings das lärmende Treiben und in mir der Frieden. Er vermittelt mir, dass jede Eile unnötig, jede Sorge überflüssig ist. Das Leben sein lassen, das ist die Wahrheit. Vielleicht ist es auch das Motto für meinen Weg. Langsam schiebe ich mein vollgepacktes Fahrrad über den Parkplatz. Da ist eine gute Stelle, ein Lampenmast, an dem ich das Rad mit dem Seilschloss sichern kann.
In einem Textilgeschäft kaufe ich noch einen Baumwollpulli, ein Sweatshirt, das ich beim Fahren gegen den Wind anziehen will. Mit dem kurzärmeligen T-Shirt ist es mir trotz meiner Weste zu kalt.
Ein Stück rechts von mir sehe ich eine Bäckerei und ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es bereits Mittagszeit ist. Ein Kaffee tut mir jetzt gut und die Butterbrezel dazu auch. Das heißt, ich habe nur die Brezel gekauft und eine Butterportion aus meinen Vorräten herausgefischt, die ich mit dem Klappmesser auftrage. Die Brezel schmeckt, auch wenn sie ein wenig zäh erscheint. Dass ich bei dieser Aktion mein schönes korsisches Klappmesser auf der Bank liegen lasse, fällt mir erst am Abend auf.
Was mir der Weg bedeutet
Nach Würzburg sind es noch fünfundfünfzig Kilometer laut Wegweiser des Main-Werra-Radwegs, den ich jetzt befahre.
Immerhin versuche ich, mich nicht selbst anzutreiben, sondern gelassen zu bleiben. Das bedeutet, das Fahren zu genießen, mich an meiner Kraft zu freuen, mit der ich mich vorwärts bewege und tief und bewusst zu atmen. Dabei nehme ich die wunderbare Landschaft wahr und in mich auf, durch die mich mein Weg führt.
Ich fahre nicht mehr, ich überlasse mich dem Fahren und bin deshalb frei von jedem Druck, etwas erreichen zu müssen. Das ist schon ein angenehmer Zustand, den ich aber nur eine gewisse Zeit aufrechterhalten und genießen kann. Dann kommt unweigerlich der Moment, in dem ich das Verbunden-Sein durch die Ablenkungen wieder verliere, mit denen mich mein Verstand bombardiert:
„Bist du richtig? Frag doch lieber mal nach! Schau mal in die Karte! Wie weit wird es noch sein? Bist du rechtzeitig in Würzburg?“
„Ja, selbstverständlich bin ich rechtzeitig in Würzburg.“
Ich beginne zu verstehen, dass jede Zeit die rechte Zeit ist, wenn ich sie akzeptiere. Außerdem, heute ist erst Freitag und die Supermärkte haben bis zwanzig Uhr geöffnet, sodass ich sogar noch einkaufen kann. Es gibt keinen Grund zur Aufregung. Durch das Internet habe ich bereits von dem kleinen Zeltplatz des Würzburger Kanu-Klubs erfahren. Da ich keinen Stadtplan habe, versuche ich, mich an Wegweisern und Übersichtstafeln zu orientieren. Auf dem Fahrradweg werde ich von einem gut bepackten Radwanderer mit Tochter überholt. Ich frage die beiden nach dem Zeltplatz und es stellt sich heraus, dass sie auch dahin wollen. Da hänge ich mich einfach dran und mein Problem ist gelöst. So einfach ist es, mit dem Strom des Lebens zu schwimmen.
Der Zeltplatz ist ein kleiner, aber feiner Platz direkt am Main. Ein Teil des Platzes ist für Dauercamper mit Wohnwagen reserviert. Auf der großen Wiese stehen schon einige Zelte. Ich suche mir einen Platz mit Blick auf den Main. Neben mir kampiert ein Vater mit seinen Kindern, ein Junge und ein Mädchen, sechs und zehn Jahre. Er ist sehr kommunikativ und wir kommen schnell ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass es ein verlassener Vater ist, der jetzt seine Kinder für ein paar Urlaubstage von der Mutter abgeholt hat. Er vertraut mir an, dass es ihn noch immer schmerzt, von ihnen getrennt leben zu müssen und wie sehr er das Zusammensein mit ihnen während dieser kurzen Urlaubstage genießt.
Ich stelle mein Zelt auf und zahle meine Übernachtungsgebühr beim Zeltplatzwart. Bei ihm kaufe ich auch noch ein Bier. Er bietet mir eine Abendmahlzeit an, die ich jedoch dankend ablehne. Es gibt einen Supermarkt, der nicht leicht zu finden ist und zu dem ich durch die halbe Stadt fahren muss. Dort kaufe ich ein paar Lebensmittel ein. Ich nehme auch eine Kinderluftmatratze mit, die aber bereits beim Auspacken ein Loch hat. Dummerweise habe ich keinen Kassenzettel mitgenommen. So werde ich also wieder nur auf meiner Schaumgummimatte schlafen.
Als Abendessen gibt es Kartoffeln und Quark mit frischen Kräutern von der Wiese. Eine Weile sitze ich noch draußen und schaue auf den ruhig dahinfließenden Main, schwatze noch ein bisschen mit dem Nachbarn. Ich fühle Zufriedenheit in mir. Es gibt nichts, was ich mir jetzt noch gewünscht hätte. Ich lobe mich dafür, den Daunenschlafsack mitgenommen zu haben, denn ich merke schon, dass auch heute die Nacht wieder ziemlich kalt wird. Die dreiundachtzig Kilometer in den Beinen lassen mich schnell müde werden. Bald nach dem Dunkelwerden krieche ich in mein Zelt, in dem ich wunderbar einschlafe.
Die Sonne steht am nächsten Morgen an einem makellos blauen Himmel. Als erstes nehme ich mir meine Beine vor, die ich mit einem Latschenkiefern-Gel kräftig durch massiere, um die Muskelverhärtungen zu lockern, was ziemlich schmerzt. Dabei komme ich mit Muskelpartien in den Oberschenkeln und sogar im Gesäß in Berührung, die mir sonst nie aufgefallen sind. Ich knete sie weidlich durch und kann spüren, wie sich die Verhärtungen lösen. Das sollte mir helfen, auch die heutige Tagesetappe ohne Konditionsprobleme zu bewältigen.
Nun nehme ich mir die Zeit, mit dem gepäckfreien Rad über den Main zu fahren und ein wenig von der altehrwürdigen Stadt zu sehen. Ich steuere erneut den Supermarkt an mit dem festen Vorsatz, mir endlich eine vernünftige Isomatte zu kaufen, die den noch vor mir liegenden, größten Teil meiner Reise überstehen soll. Die finde ich tatsächlich nach einigem Suchen in dem schwer überschaubaren Angebot dieses Riesenmarktes. Die selbstaufblasende Matte ist in der Länge zusammenlegbar, sodass ich das handlich leichte Paket unter dem Schlafsack in der hinteren Packtasche verstauen kann. Jetzt bin ich perfekt ausgerüstet und kann ziemlich spät am Vormittag meine Weiterreise antreten.
Sie führt zunächst nach Ochsenfurth. Es gibt so viele hübsche Städte mit gut erhaltenen spätmittelalterlichen Stadtkernen, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte. Ochsenfurth ist so eine Stadt und ich freue mich, dass ich sie kennenlerne. Selbst wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich bereits in Bayern bin, ist das jetzt unübersehbar. Die Menschen in Trachtenkleidung, das Weißbier auf den Tischen und die frischen Weißwürste im Angebot der kleinen Schänke, an der ich Halt mache, weisen mich darauf hin. Dem verlockenden Angebot kann ich nicht widerstehen und bestelle mir die Weißwürste mit einem Hefeweizen. Sie schmecken mit dem süßen Senf und der Brezel köstlich und das kalte Weißbier vollendet den Genuss. Ich blicke in fröhliche Gesichter in sonntäglicher Kleidung, freue mich über die bunten Trachten. Hier könnte ich durchaus noch eine Weile bleiben, doch ich ermahne mich zur Disziplin und radle durch den Stadtkern weiter in Richtung Aub.
Auch nach Aub führt ein Radweg, der „MTF8“. So jedenfalls steht es auf den Hinweisschildern und in meiner Karte. Ins Deutsche übersetzt bedeutet das: Main-Tauber-Fränkischer Rad-Achter. Da bin ich mir nicht sicher, ob ich diese Bezeichnung fantasievoll oder sehr einfältig finden soll. Ich freue mich aber über die guten Orientierungsmöglichkeiten anhand der Beschilderung und bin alsbald in Aub, wo ich nochmal eine kleine Kaffeepause einlege. Die bietet mir die Gelegenheit, über mein heutiges Tagesziel nachzudenken.
Anhand meiner Übersichtskarte erkenne ich die Möglichkeit, bis Rothenburg ob der Tauber zu gelangen. „Ob“ bedeutet in dem Fall oberhalb, und ich muss schon von Weitem gemütlich an Rothenburg heranradeln, um diese Bezeichnung zu verstehen. Nach Creglingen gelange ich über den „ROSTR“, wieder so eine tolle Bezeichnung, diesmal für den Radweg Romantische Straße. Er führt mich durch das Tal der Tauber, von dem ich wahrhaft begeistert bin. Düfte von Gras und Flieder empfangen und begleiten mich. Ein lauer Frühlingswind bringt im Verein mit der milden Frühlingssonne mein Herz zum Singen. Der anschließende Liebliche Taubertal-Radweg, so heißt er wirklich und wird auch so beschildert, verdient seinen Namen in der Tat. Ich genieße die Fahrt durch das sich lang dahinstreckende Tal, ehe ich unversehens in Sichtweite des berühmten Ortes gelange und nun tatsächlich feststelle, dass er auf einem Felsenmassiv „ob“, also oberhalb der Tauber liegt.
Mir bietet sich ein eindrucksvoller Anblick, den zu erleben ich in tiefster DDR-Realität nicht zu hoffen gewagt hätte. Ich bin dankbar für die Wende, die mir heute, fünfundzwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer, dieses Erlebnis erlaubt.
Es ist kurz vor sechs Uhr, als ich mich dem Detwang-Camping nähere, das kurz vor Rothenburg liegt, um dort mein Zelt aufzustellen. Ich frage nach einem Supermarkt und erfahre, dass ein solcher in der Stadt noch bis zwanzig Uhr geöffnet hat. Dorthin fahre ich, so wenig Lust meine Beine auch darauf verspüren, aber ich muss unbedingt noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Im Abendessen sehe ich meine einzige Chance, Kalorien für den nächsten Tag in mir zu bevorraten, wobei mir bewusst wird, dass ich trotzdem von den körpereigenen Reserven zehre. Hoffentlich nehme ich nicht zu viel ab. Bei siebenundsechzig Kilogramm Ausgangsgewicht bliebe da nicht viel von mir übrig.
So besteht mein Abendmenü aus Kartoffelsalat mit Kasseler Koteletts, einem Radler und einem Viertel Riesling. Es schmeckt vorzüglich, ich bin mir schließlich selbst der beste Koch und ich werde ausreichend satt.
Mit Dunkelwerden krieche ich in meinen Schlafsack auf die neue Isomatte. Endlich habe ich gefunden, was ich wirklich brauche und bin begeistert. Von dem harten Grasboden des Platzes spüre ich nicht das Geringste. Diese Matte war ein guter Griff, sie ist handlich und im aufgeblasenen Zustand mit ihren drei Zentimetern Dicke eine geeignete Unterlage. Sie soll mich bis zum Ende meiner Pilgerreise begleiten.
Wie jeden Tag stehe ich auch heute, am Sonntag, zeitig auf, sodass ich gegen sechs Uhr schon mit meinem Frühstück in den Aufenthaltsraum des Campingplatzes gehen kann, in dem sich außer mir verständlicherweise niemand um diese Zeit aufhält. Das erlaubt mir, meinen Gaskocher in Betrieb zu nehmen, mit dem ich das Wasser für meinen Frühstücksbrei und den Tee zum Kochen bringe. Die bitteren Mandelkerne füge ich vorbeugend meinem Müsli bei, gegen ein mögliches Rezidiv meiner Prostata-Krebserkrankung.
Als weitere vorbeugende Maßnahme führe ich zehn Ampullen einer Thymuslösung mit, die ich mir intramuskulär spritze, zweimal die Woche, also über einen Zeitraum von fünf Wochen. Wenn ich wieder Zuhause sein werde, setze ich die ebenfalls vorbeugende Mistelbehandlung fort. Thymus und Mistel sind jeweils Präparate, die die natürliche Immunabwehr des Körpers gegen eine Ausbreitung der im Körper möglicherweise noch vorhandenen Krebszellen aktivieren und verstärken sollen. Ich hoffe, sie tun es.
„Diese Maßnahmen sind der weniger wichtige Teil der Veränderungen, die du als wesentlich erkannt hast, die Not deiner Krankheit zu wenden. Sie hatte für dich eine lebenswichtige Botschaft, die du nicht aus den Augen verlieren darfst.
Es ist wunderbar, all die Dinge zu erleben, die dir auf deiner Fahrradreise begegnen. Sie sollen dich aber etwas erkennen lassen, und zwar nicht nur mit den Augen und dem Verstand, sondern vor allem mit dem Herzen.
Dazu musst du in dir die Stille finden, aus der all das hervorgegangen ist, was du so wunderschön findest. Du musst selber diese Stille sein, um diese tiefere Begegnung zu ermöglichen, die nur auf der Ebene deines Herzens stattfinden kann. Für diese Augenblicke ist es wichtig, dein Tun und Wollen loszulassen, das Leben einfach sein lassen. Das ist dein Auftrag, du hast ihn schriftlich erhalten.“
„Danke für die Erinnerung. Ich versichere dir, ich bin bemüht, ihn umzusetzen. Die Botschaft hat eine große Bedeutung für mich. Aber jetzt ist die Absicherung der äußeren Aspekte meiner Reise wichtig, Essen, Trinken, die geeignete Übernachtung, das touristische Spektakel. Das hat auch seine Berechtigung. Doch ich stimme dir zu, dass sich meine Reise nicht darauf beschränken sollte und gebe dir recht, dass die inneren Aspekte meines Weges, meine Gegenwärtigkeit und das Fühlen meiner Verbundenheit auf diesem Pilgerweg eine Priorität besitzen.“
„Es ist hoffnungsvoll, dass du sehr sensibel und offen auf meine Impulse und Hinweise eingehst, wenn du sie denn erkennst und zulässt. Du weißt tief in dir, dass du mehr bist als dein Körper, mehr als deine Leidenschaften und mehr als deine Ängste. Aber dieses Wissen allein reicht nicht aus. Dein Wille ist erforderlich, diese Einsicht umzusetzen, um sie in dir zu erfahren. Erst deine tiefe Erfahrung wird dich zu dem verändern, der du wirklich bist, und dein Bemühen darum wird vom Universum, vom Heiligen Elterlichen Geist unterstützt. Dessen sei dir gewiss.“
Ich freue mich über den kurzen Dialog. Er erinnert mich an das tiefere Anliegen, das ich mit meiner Pilgerreise verbinde. Dankbarkeit durchströmt mich jetzt, das Gefühl von Geborgenheit und Gewissheit in dem Frieden, jetzt hier zu sein. Ich darf der sein, der ich bin, und es ist nicht erforderlich, dafür etwas zu tun.
Dieser wunderbaren Freiheit bin ich mir jetzt bewusst, fühle mich beschenkt und freue mich darüber. Das taunasse Zelt lasse ich erst mal stehen. Mit dem Rad ohne Gepäck kann ich leicht in die Stadt fahren, um mir wenigstens einen Eindruck von ihr zu verschaffen, schließlich ist sie eine der schönsten Städte in Deutschland und ich darf sie leibhaftig sehen.
Ich fahre langsam und ruhig den Berg hoch, der in Serpentinen bis an die äußere Stadtmauer führt. Durch das Würzburger Tor betrete ich die Stadt und sehe nach wenigen Schritten das innere Stadttor vor mir. Ich erkenne es wieder. Ein Bild davon, das jetzt sehr lebendig in mir aufsteigt, hing in der Wohnstube meiner Großeltern. Ich erinnere mich, meine Großmutter gefragt zu haben, was dieses Bild zeigt, und seit ihrer Antwort hat sich der Name Rothenburg ob der Tauber tief in meinem Gedächtnis eingegraben, als exotische Stadt, in weiter Ferne im Westen liegend, für mich unerreichbar weit.
Als kleiner Junge glaubte ich damals, der Zusatz „ob der Tauber“ müsse so etwas sein wie ein Adelstitel, der diese Stadt nach meinem kindlichen Empfinden vor allen anderen heraushob.
Jetzt ist alles ganz normal. Das Stadttor liegt in seiner einfachen Schönheit vor mir und ich kann es wahrhaftig durchschreiten. Ich dringe tiefer ein in die fast menschleere Stadt, jetzt, am frühen Morgen. Die Zeiger der Kirchturmuhr zeigen auf ein paar Minuten nach sieben Uhr. Die Jakobskirche, die mich als Pilger anzieht und von der ich mir einen Stempel in meinen Pilgerpass erhoffe, ist noch geschlossen. Es ist die einzige Kirche auf meiner Reise, die zwei Euro fünfzig Eintritt verlangt, wie ich aus dem Anschlag im Schaukasten neben der Pforte ersehen kann. Ich fahre langsam kreuz und quer durch Straßen und Gassen, bewundere die alten Fachwerkhäuser und den Fleiß und die Liebe, der diese Stadt ihr Bild verdankt. Durch das Klingentor fahre ich aus Rothenburg heraus und zum Zeltplatz zurück. Ich habe noch eine Stunde damit zu tun, das Zelt und die Taschen einzupacken und verlasse erst gegen halb zehn den Platz.
Nun quäle ich mich auf dem Fahrrad mit vollem Gepäck noch einmal hoch zur Stadt, fahre entlang der Außenmauer eine halbe Runde und entscheide mich, die Reise in Richtung Feuchtwangen fortzusetzen, über Diebach und Schillingsfürst. Weiter geht es über Wörnitz, kleine Landsträßchen über Zumhaus, Ungetsheim und Mosbach in direkter Richtung auf Dinkelsbühl zu.
Auf Höhe Mosbach erinnert mich ein aufsteigendes Hungergefühl daran, dass es schön und sinnvoll wäre, jetzt etwas zu essen. Ich frage im Ort einen Mann mit grünem Trachtenhut nach einem Gasthof und er verweist mich lachend auf den Gebäudekomplex, der etwas abgerückt an der linken Straßenseite steht und den ich glatt übersehen habe.
Mir drängt sich die Erinnerung auf, dass ich als kleiner Junge auch so einen Hut hatte, mit dem mich meine Mutter schmückte und den sie ganz toll fand. Es war der „Seppelhut“ und ich habe ihn noch lange als Erinnerungsstück aufbewahrt. Der Seppelhutmann versichert mir jetzt, dass ich ordentlich was auf die Rippen bräuchte. Dafür wäre dieser Gasthof genau richtig.
„Sehe ich wirklich so hungerleidend aus?“
Egal, ohne mir diese Frage zu beantworten, schwenke ich von der Straße ab und stelle mein Fahrrad an der Seite des Gasthofs an den Zaun. Danach erwartet mich wirklich eine Überraschung. Ich betrete einen großen Speisesaal, in dem an vielen Tischen wenigstens hundert Menschen zu Mittag essen. Ich werde an einen Zweiertisch eingewiesen, der mit einem halben Meter Abstand die Fortsetzung der Stirnseite eines Achtertischs bildet. Für die Größe des Saales ist es erstaunlich ruhig. Ich werde sogleich von einer hübschen jungen Maid im Dirndl nach meinen Wünschen gefragt und bestelle ein Wasser und ein Viertel Weißwein. Mein Instinkt signalisiert mir, dass es hier Spargel geben müsste, was sich als zutreffend erweist. Da ich die Weste ausgezogen und hinter mir auf den trachtenmäßig designten Stuhl gehangen habe, bin ich als Rom-Pilger erkennbar. Von meinem Nachbarn zur Rechten werde ich auch gleich darauf angesprochen, woraus sich ein intensiver Austausch über das Pilgern ergibt. Auf Grund meines unverkennbar sächsischen Dialekts wird auch die West-Ost-Frage erörtert. Ich freue mich, dass die Wartezeit bei diesem anregenden Gespräch so kurzweilig vergeht.
Unsere Unterhaltung wird unterbrochen durch den Riesenteller mit dampfenden Klößen und Sauerbraten, der meinem Gesprächspartner jetzt vorgesetzt wird. Das nötigt ihn, sich seinem Essen zuzuwenden. Lange muss ich auch nicht mehr auf meinen Spargel warten, der wunderbar frisch und zart zu mir kommt. Ich genieße ihn ausgiebig mit den neuen Kartoffeln, der Soße und dem Wein.
Ein Espresso sollte das Ganze abrunden. Er findet aber seinen Weg nicht mehr bis zu mir, sodass ich zahle und gut abgefüllt das Wirtshaus verlasse. Mir wird beim Anblick des vollen Parkplatzes klar, dass die Leute aus einem ziemlichen Umkreis hierher zum Mittagessen fahren und jetzt verstehe ich auch das Lachen und die Bemerkungen des Hutmannes.
Es geht weiter nach Larrieden, wo ich auf einen Radweg treffe, der geradewegs nach Dinkelsbühl führt. Mit einundfünfzig Kilometern habe ich heute nicht gerade eine Rekordstrecke zurückgelegt. Doch denke ich an die Hinweise meines „Höheren Selbst“ und begnüge mich mit der Feststellung, ohne sie weiter zu bewerten. Es gibt einen Zeltplatz „CCH“ am Rand der Stadt. Den suche ich auf und bekomme eine große Wiese oberhalb der wohlgeordneten Reihen von Wohnwagen und Wohnmobilen gezeigt, auf der ich mein Zelt als erstes und bisher einziges aufstelle.
Es ist Nachmittag und ich fahre noch einmal in die Stadt, besuche im Rathaus ein Museum und informiere mich dort über die Vergangenheit der Freien Reichsstadt Dinkelsbühl. Die Freisitzfläche eines kleinen Hotels am Marktplatz nimmt mich gegen Abend auf. Ich koche heut nicht selbst, sondern bestelle mir den angebotenen Obatzter und ein Weißbier. So lasse ich den Sonntag ruhig ausklingen. Zum Zeltplatz zurückgekehrt, treffe ich auf ein zweites kleines Bergzelt mit einem Fahrrad daneben. Es ist ein Holländer, der von Kroatien aus zurück in die Heimat fährt und sich über die Kälte beschwert, die ihn hier nach den warmen Tagen im Süden empfängt. Nach einem kurzen Schwatz mit ihm krieche ich in mein Zelt zur Nachtruhe.
Die Frühstückszeremonie beginnt heute, am achtzehnten Mai, etwas früher als gewöhnlich und nach dem Zusammenpacken kann ich bereits um viertel vor acht vom Zeltplatz starten. Mein Weg führt über Nördlingen. Dort nütze ich die am Weg liegende Poststelle, um überflüssige Gewichte wie Sandalen, Jeans, Campingtisch und den defekten Fahrradcomputer zurück in die Heimat zu schicken. Ich beschränke mich auf eine Hose und meine neuen Schuhe. Wie ich auf die Idee kommen konnte, einen Tisch mitzunehmen, ist mir schleierhaft.
Mit dem GPS-Gerät ist das so eine eigene Geschichte. Es ist gestern beim Einstellen der Wegpunkte „ausgestiegen“ und ließ sich nicht dazu bewegen, seine Aufgabe fortzusetzen. Es hatte sich „aufgehangen“, wie man so schön sagt. Der Bedienanleitung konnte ich keinen Hinweis für seine Wiederbelebung entnehmen. Deshalb habe ich resigniert das Ding nach Hause geschickt. Ich werde es reklamieren, wenn sich keine andere Lösung zur Behebung der Funktionsunfähigkeit findet.
„Hast du vielleicht darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn das Instrument ausfällt, mit dem du deine Tüchtigkeit dokumentieren willst? Der Ausfall ist kein Zufall. Ich erinnere dich an ein vergleichbares Ereignis.“
„Du hast mal wieder die Hand im Spiel. Ich hätte selbst drauf kommen müssen. Natürlich weiß ich, was du meinst. Zu Beginn meiner Pilgerreise nach Santiago habe ich noch auf dem Flughafen London-Stansted meinen elektronischen Schrittzähler verloren. Ich erinnere mich recht gut an deine Aufforderung zur Besinnung auf den Weg, der nicht Gegenstand einer sportlichen Höchstleistung werden sollte.
Na gut, ich hadere nicht. Hoffentlich gelingt es mir bald, die Dinge etwas entspannter zu sehen und loszulassen. Es ist, als ob ich das gleiche Thema immer wiederhole. Irgendwann und irgendwie muss ich es doch begreifen!“
„Lerne, über dich zu lachen, anstatt dich zu verurteilen. Nimm deine Schwäche an und umarme sie. Sie ist Teil von dir und begleitet dich schon lange Zeit. Bedanke dich für ihre Hilfe und entlasse sie in Frieden, damit sie wirklich gehen darf.“
„Das werde ich versuchen. Ich staune immer wieder über den unglaublichen Zusammenhang zwischen dem, was ich als die Stimme meiner Seele wahrnehme, und dem, was mir passiert. Kein Zufall!“
Ich habe bereits neununddreißig Kilometer zurückgelegt und eine Mittagspause verdient. In der Kirche St. Georg in Nördlingen halte ich nicht nur innere Einkehr, sondern bekomme auch einen schönen Pilgerstempel in meinen Pass. Der weitere Weg führt über Harburg an dem Flüsschen Wörnitz nach Donauwörth. Ordentliche neunundachtzig Kilometer bin ich gefahren und lande mal wieder in einem Kanu-Klub, auf dessen großer Wiese ich mein Zelt aufstellen kann. Die Sonne scheint noch sehr intensiv und ich suche mir ein schattiges Plätzchen unter dem weit ausladenden Dach, das die dichte Belaubung einer Weide bildet. Das Zelt aufzustellen ist mir inzwischen vertraut. Ich ordne meine Sachen und widme mich ausgiebig der Körperpflege in dem sauber glänzenden Waschraum des Vereins.
Es geht hier sehr familiär zu. Einige der Mitglieder des Klubs machen Urlaub und mit beginnender Dämmerung wird am Feuer gebrätelt. Ich bin bereits von meiner Abendmahlzeit gesättigt, setze mich aber noch für ein Bier dazu. Die zunehmende Kühle zeigt mir bald an, dass es Zeit für mich wird, in meinem Zelt zu verschwinden.
„Bloß nicht übertreiben mit dem Aufstehen!“, sage ich mir und blinzele noch gähnend in die Morgensonne.
Heute nehme ich mir etwas mehr Zeit und fahre erst dreiviertel nach neun Uhr los. Am Baumarkt um die Ecke halte ich kurz an, um nach einem kleinen Fahrrad-Tachometer zu fragen. Der ist ziemlich bedeutsam für die Orientierung hinsichtlich zurückgelegter Entfernungen. Ich erstehe tatsächlich einen solchen Computer. Er hat ein großes, gut lesbares Display. Das ist wichtig für mich, denn ich kann während des Fahrens nicht jedes Mal die Lesebrille aufsetzen, wenn ich nach dem Kilometerstand sehen will. Ich halte das in Folie eingeschweißte Teil in der Hand, beschließe aber nach kurzer Überlegung das Montieren auf morgen zu verschieben und fahre los.
Es fällt mir heute eigenartig schwer, den richtigen Weg zu finden. Ein paarmal bin ich schon falsch abgefahren. Entweder ist die Ausschilderung so schlecht oder ich habe keinen guten Tag. Zu oft muss ich fragen oder anhalten, um immer wieder in die Karte zu schauen.
„Ich spüre die Ungeduld aus einem Widerstand gegen das, was ist. Halte doch einfach mal an und fasse in die linke obere Tasche deiner Weste. Da steckt ein kleiner Zettel, der dich an die Aufgabe deines Wegs erinnert. Die Tatsache, dass auf deinem Hemd ‚Pilger‘ aufgedruckt ist, macht dich nicht automatisch zu einem solchen. Es gilt, eine innere Haltung zu finden und die drückt sich in deinem Sein aus, in deiner Art, wie du in der Welt oder auf dem Weg bist. Du bist heute selbst nicht zufrieden damit, stimmt’s?“
„Ja! Im Entdecken meiner Schwächen bist du einfach unübertroffen. Manchmal bin ich dir sogar dankbar dafür, zugegeben, nicht immer.“
Nun begreife ich auch die Schwierigkeiten mit dem Pilgerstempel in Augsburg. Ich war regelrecht versessen darauf, mir einen solchen für meinen Pilgerpass zu besorgen, nachdem ich mitbekommen hatte, dass hier ein Bischof sitzt. Nach Vorsprache im Sekretariat des Bischoffs werde ich mit diesem Anliegen vom Fronhof 3 zum Fronhof 4 geschickt, dann zur Dompropstei und lande schließlich erfolglos wieder im Sekretariat. Doch die Dame dort ist glashart und gibt mir keinen Stempel, nicht mal einen normalen Bürostempel, um den ich sie am Ende bitte. Der Pilgerstempel, in der Dompropstei sicher verwahrt, hinterlässt seinen Abdruck nur täglich von zehn bis zwölf Uhr in den Pässen etwaiger Pilger.
Das muss für die ankommenden Pilger die gängigste Zeit sein, sich einen Stempel zu holen. Pilger starten meist nachts gegen ein Uhr, um am Morgen rechtzeitig ihr Ziel zu erreichen und vor allem den wichtigen Stempel in ihren Pass zu erhalten. Daran hätte ich denken müssen. Dann wäre ich gar nicht auf den Gedanken gekommen, zu einer so unchristlichen Zeit wie fünfzehn Uhr, kurz vor Feierabend, noch einen Pilgerstempel haben zu wollen. Eben Pech gehabt!
„Der Stempel ist nur eine Randglosse. Du aber gibst ihm eine Bedeutung, die dich von dem abbringt, was du üben und erfahren sollst: das Leben sein zu lassen. Anstatt zu akzeptieren, hast du einen enormen Widerstand aufgebaut, der sich in Ärger und Wut in dir zeigt. Du hast die bischöfliche Bürokratie zum Teufel gewünscht, anstatt ihr zu danken für die Gelegenheit, Gelassenheit üben zu dürfen.
Mit Zorn im Bauch hast du nun den falschen Weg gewählt. Im Zustand der Abwehr kannst du den gesuchten und dir bestimmten Weg nicht finden, darüber solltest du nachdenken. Du bist heute so etwas wie ein sturer Bock und um den in dir aufzuweichen, könnte etwas Regen nicht schaden.“
„Ich habe zwar Königsbrunn auf einigen Umwegen erreicht, aber den verdammten Radweg nicht gefunden. Was du mir da unterschiebst, kann ich im Moment nicht annehmen und dass es jetzt auch noch anfängt zu regnen, finde ich … beschissen! Jetzt lasse ich dich erst mal sein. Ich habe alle Hände voll zu tun, mein Fahrradcape festzuhalten und mich gegen den Wind und den Regen nach Bobingen hin zu kämpfen. Dort soll es einen Bahnhof geben und sicher auch eine Bahn, die mich weiterbringt.“
Meine Seele hat die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen erkannt und lässt mich stumm gewähren. Ich fahre trotzig die restlichen zwanzig Kilometer von Bobingen bis Landsberg mit dem Zug. Denen werde ich es zeigen, doch ich weiß nicht, wer „denen“ ist. Unterwegs im Zug rufe ich eine Pension an, die in meinem Pilgerführer verzeichnet ist. Ich habe Glück und bekomme ein Zimmer in Pitzling. Dorthin muss ich vom Bahnhof Landsberg aus bei strömendem Regen noch runde sechs Kilometer strampeln und komme ziemlich aufgeweicht an Leib und Seele dort an. Ein Lichtblick ist die Verheißung der Wirtin, dass es heute Abend Sauna geben wird, die ich nach dem Kochen eines Abendessens dann auch ausgiebig genieße. Damit kann ich wenigstens dem dringenden Bedürfnis abhelfen, alles auszuschwitzen, womit ich in mir im Hader bin.
Danach will ich mich für die heutigen Strapazen mit einem Bier belohnen, das mir ein Getränkeautomat anbietet. Aber statt eines Biers ziehe ich eine Flasche Wasser heraus.
„Ätsch, falsch gegriffen!“
Dumm ist nur, dass ich offenbar die Orientierung verloren habe und auch beim zweiten Versuch nur Wasser ziehe. Für einen dritten reicht mein Kleingeld nicht mehr. Gehe ich also mit Wasser ins Bett.
Vielleicht sollte ich endlich zur Klarheit meines Anliegens zurückfinden, deute ich im Bett liegend die Fehlkäufe, die jetzt auf meinem Nachttisch stehen. Offensichtlich bin ich bereits in einem vernebelten Zustand und brauche dazu kein Bier mehr. Diesen Hinweis meiner Seele versuche ich jetzt zu verstehen und zu akzeptieren.
Vor dem Einschlafen taucht eine Erinnerung an ein Erlebnis auf dem Jakobsweg in mir auf, das mich sehr beeindruckt hat. Ich sehe noch den roten Mohn vor mir, rieche den üppig blühenden gelben Ginster auf dem Weg über Estella nach Villamayor. Dort habe ich am Rotweinbrunnen der Bodega Irache eine Zwischenpause eingelegt, um mich zu stärken. Anschließend genehmigte ich mir einen Viertelliter des kostenlos abzufüllenden leichten Rotweins.
Bei meiner Ankunft an der Bodega musste ich warten, bis eine Schar von Touristen wieder in den Bus eingestiegen war. Sie hatten sich, nach meinem Gefühl unberechtigterweise, mit dem kostenlosen Wein ihre mitgebrachten Flaschen und Behälter gefüllt. Die dahinter zu vermutende Raffgier hat mich ziemlich geärgert.
Am Nachmittag bin ich in Villamayor angekommen und habe in einer Herberge Quartier gefunden, die von einer freikirchlichen Gemeinde aus den Niederlanden betrieben wurde. Ich glaube, dass mich weniger das Beten vor der Abendmahlzeit und die Meditation beeindruckten, sondern vielmehr ein kleines Heftchen, das mir in die Hand gedrückt wurde. Es war das Johannesevangelium und es verkündete mir auf der ersten Seite, dass das Licht alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
„Du hast verstanden, dass das göttliche Licht gemeint war, und dieses Verstehen ging über deinen Verstand bis tief in dein Herz. An diesem Punkt deines Weges hatte sich für dich etwas verändert.“
„Ich kann das mit Worten nur unzureichend beschreiben. Es war eine tiefe Erkenntnis, sogar eine Gewissheit, dass auch ich für dieses Licht bestimmt bin, dass ich selbst Teil dieses Lichtes bin und dass es eigentlich nur darum geht, dies zu erkennen.“
„Das Erkennen ist die eine Seite der Wahrheit. Die andere Seite ist es, dieses Erkennen zu leben, das Licht in deinem Dasein sichtbar werden zu lassen. Fühle, ob dies die Bestimmung ist, zu der dich auch dieser Pilgerweg führen will.“
Ich weiß es, und ich fühle es jetzt sehr deutlich. Mit diesem Fühlen ist eine Gewissheit verbunden, die mich ruhig und sicher sein lässt. In diesem Frieden kann ich mich leicht in den Schlaf gleiten lassen.
Am Morgen wache ich erfrischt und gestärkt auf. Der Regen kann meinen unerschütterlichen Willen vorwärts zu kommen nicht aufhalten. Ich frühstücke in aller Ruhe und verabschiede mich von der Pension in der festen Absicht, heute Mittenwald zu erreichen. Das ist natürlich nicht mit dem Fahrrad möglich. Aber anstatt irgendwo herumzusitzen und zu warten, dass der Regen aufhört, kann ich auch die Bahn benutzen. Zudem habe ich über die Nachrichten im Fernsehen mitbekommen, dass auch am Alpenrand schwierige Wetterverhältnisse herrschen und der Straßenverkehr davon beeinträchtigt wird.
Da es beim Losfahren in Pitzling vorübergehend zu regnen aufgehört hat, bin ich guter Laune. Die verlässt mich auch nicht, als das Tropfen wieder einsetzt. Heute kenne ich mein Ziel. Ich muss allerdings anhalten, mir den knallgelben Regenponcho überstülpen und mich gegen den Wind, der sich boshaft in ihm verfängt, durch einen langgestreckten Park vorwärts kämpfen. Den Bahnhof erreiche ich nach einer halben Stunde, in der ich trotz Poncho ganz schön durchnässt bin. Es gibt einen Zug nach Mittenwald, den ich über München-Pasing erreiche. Mir wird jetzt bewusst, wie nah ich an München bin.
Auch die Fahrt nach Mittenwald dauert nicht lange. Kurz nach Mittag steige ich dort aus dem Zug. Jetzt regnet es nicht mehr, es gießt in Strömen. Da muss ich einfach eine Weile abwarten. Ein Kaffee wärmt mich auf, und der Regen lässt tatsächlich etwas nach. Nachdem ich mich nach dem Weg zur Jugendherberge erkundigt habe, strample ich die acht Kilometer bergauf. Dabei werde ich doppelt durchfeuchtet: unter dem Cape vom Schweiß, den mir die stattliche Steigung aus allen Poren treibt, und darüber vom Regen, der ununterbrochen auf mich niedergeht. Telefonisch hatte ich mich bereits vergewissert, dass ein Bett für mich frei ist. Beim Einchecken lege ich mich noch nicht fest, ob ich eine oder eventuell zwei Übernachtungen benötige. Die Wetteraussichten sind nicht sehr rosig, es ist außerdem lausig kalt geworden.
Am Abend sehe ich im Wetterbericht, dass der Brennerpass eingeschneit ist. Endlosstau durch die vielen Autos mit Sommerreifen. „Wer denkt schon Ende Mai an Schnee? Na, vielleicht bleibe ich doch zwei Tage hier.“
In der Jugendherberge frühstücke ich exzellent. Ein leckeres Buffet lädt mich zum Zulangen ein. In dem Bewusstsein, nicht gleich wieder etwas zu essen zu bekommen, zieht sich mein Frühstück hin.
Dabei versuche ich, mir Klarheit darüber zu verschaffen, was ich tun soll: Weiterfahren oder hierbleiben? Mein Bauch sagt mir weiterfahren, also wieder mit der Bahn.
Doch zuvor will ich mich von meinen durchgeweichten, in Auflösung begriffenen Sportschuhen verabschieden, die für Sonne und Wärme gedacht sind und den Dauerregen nicht aushalten. Ich kaufe mir in Mittenwald für teures Geld ein paar grundsolide leichte Berg-Halbschuhe. Damit fühle ich mich sofort wohler und überlasse dem Schuhgeschäft das Entsorgen der alten Turnschuhe. Sie haben ihren Dienst getan.
Meine eiskalten Finger am Lenker erinnern mich daran, dass ich bei der Alpenüberquerung noch ein paar hundert Meter höher hinaufkomme. Da ist die Luft nicht nur dünner, sondern auch kälter, vermutlich deutlich kälter als jetzt vor dem Bahnhof in Mittenwald. Ich mache mich auf die Suche nach Handschuhen. Was mir die einschlägigen Bergausrüster anbieten können, ist dürftig und teuer. Kein Mensch rechnet jetzt noch damit, dass Handschuhe gekauft werden.
Nur im Fahrrad-Spezialgeschäft ist man auf alle Eventualitäten vorbereitet. Ich erstehe dort zu einem ebenfalls sündhaften Preis ein paar gefütterte Handschuhe. Die Verkäuferin versichert mir, dass sie auch wasserdicht sind. Wie weise diese Ausgabe ist, soll ich allerdings erst am nächsten Tag erfahren.
„Du hast dich äußerlich den veränderten Bedingungen deines Weges gut angepasst. Wie sieht der innere Fortschritt aus? Fühlst du dich dem nahe, der diese Reise unternimmt? Oder bist du mehr auf die Form fixiert, auf die äußeren Bedingungen, die deine ganze Aufmerksamkeit binden?“
„Eine unangenehme Frage. Ich bin hier als Pilger ziemlich allein unterwegs. Da ist die Gefahr natürlich groß, dass ich mich mehr im Außen bewege. Als ich vor vier Jahren nach Santiago ging, war ich vom ersten oder zweiten Tag an in einem besonderen Energiefeld des Bewusstseins, das durch den Weg und die vielen Pilger erzeugt wurde.“
„Dennoch hast du selbst etwas Maßgebliches zum Gelingen dieses Weges beigetragen.“
„Weil ich den Weg nicht mit Franz fortgesetzt habe, mit dem ich die beiden ersten Tage zusammen war? Für den Start in Saint-Jean-Pied-de-Port und insbesondere für die Überquerung des Pyrenäenkamms war seine Begleitung hilfreich. Aber nach meiner zweiten Übernachtung in Larrasoaña war mir beim Erwachen schon klar, dass mein Weg von mir fordert, allein zu gehen. Ich hätte sonst weiter das Gefühl gehabt, auf einer touristischen Wanderung unterwegs zu sein, mit einem netten Schwatz und der unverbindlichen Freundlichkeit, die durch ein gemeinsames Ziel entsteht. Doch das wollte ich ja nicht. Mit mir allein und niemand anderem wollte ich verbindlich auf dem Weg sein. Ging es mir doch nahezu um das gleiche Anliegen, das mich auch diesmal auf den Weg gebracht hat.“
Es geht richtig los
Wie komme ich darauf, jetzt an Weihnachten zu denken und an den Dichter jenes Liedes, das ich sofort ohne zu zögern nennen könnte, wenn ich nach dem bekanntesten deutschen Weihnachtslied gefragt würde? Jener Dichter liegt in einer kleinen, österreichischen Dorfkapelle begraben. Deshalb ist Österreich für mich auch das Weihnachtsland und es scheint, als wollte es jetzt diese Sicht bestärken.
Ich sitze im Zug von Mittenwald nach Innsbruck, vergewissere mich anhand meines Smartphones, dass heute der einundzwanzigste Mai ist und betrachte kopfschüttelnd und verwundert die weiße Winter-Weihnachts-Landschaft zu beiden Seiten der Zugstrecke.
Dankbar sitze ich im Zug, warm und trocken. Nach meiner kurzen telefonischen Rückfrage in der Jugendherberge in Innsbruck darf ich hoffen, dort unterzukommen.
Doch zunächst steige ich, am Mittag angekommen, mit meinem Rad am Hauptbahnhof in Innsbruck aus. Ein Aufzug bringt mich auf die untere Ebene und ich sehe einen Informationsstand, an dem ich einen kostenlosen Stadtplan erhalte. Die Jugendherberge ist gut vom Zentrum aus erreichbar. Da ich dort erst 17 Uhr empfangen werde, unternehme ich zunächst einen ausführlichen Bummel durch die Altstadt. Ich finde einen Platz in einem Café unter den Arkaden, von dem aus ich mein vollbepacktes Fahrrad im Blick habe. „Na klar, sicher ist sicher!“
Zufrieden genehmige ich mir einen Pott Kaffee und ein Stück Kuchen. Solchermaßen gestärkt radle ich danach langsam durch die Innenstadt bis zum Dom St. Jakob. Von ihm weiß ich, dass er bereits im Mittelalter Ausgangs- und Sammelpunkt für Pilgerreisende war, die zum Heiligen Grab nach Santiago, aber auch nach Rom und Jerusalem pilgern wollten.
Im Dom gibt es unter der Erde einen Gebetsraum, einen Raum der Stille und Besinnung. Den suche ich jetzt auf.
„Es wird dir guttun, in die Stille zu gehen. Die letzten beiden Tage war dein Vorwärtskommen ausschließlich auf das Außen gerichtet. Dies ist die Gelegenheit, in dich zu gehen und dich zu spüren. Dein Fortkommen soll dein inneres Wachstum betreffen, was unabhängig von dem äußeren Fortschritt ist, der dich gefangen nimmt. Es geht nicht darum, etwas nachzuweisen, ein äußeres Ziel zu erreichen, so schön es sich auch anfühlen mag. Es geht um das Wie, das Gewahr-Sein deiner selbst, in der du deine Verbundenheit zu mir findest. Ich bin deine Seele, und in mir erkennst du dich als der, der du wirklich bist.“
„Die Trennung von dir habe ich deutlich gefühlt. Mein Wunsch, sie zu überwinden, hat mich hierher geführt, an diesen Ort, der durch die Gebete vieler Menschen über lange Zeiten hinweg zu einem besonderen Ort der Kraft geworden ist. Hier fällt es mir leichter, mich von dem zu befreien, der mich antreibt und mir Ziele vorgibt, mit denen er sich identifiziert, von meinem Verstand. Ich erkenne, wie sehr er mich noch beherrscht. Es ist meine Vorstellung zu glauben, ich würde bestimmen können, was er denkt. Doch indem ich meinen Verstand beobachte, kann ich erkennen, dass ich damit einem Wunschbild aufsitze.
Ich danke dir für deine Gegenwärtigkeit, Heiliger Elterlicher Geist, dass ich sie in mir wahrnehmen kann und mich dir verbunden fühle. Meiner tief empfundenen Bitte nach deinem Segen für meinen Weg bist du nachgekommen, noch bevor ich sie in Worte fassen konnte. Jetzt fühle ich mich eins mit dir, und meine Vorstellungen und Wünsche, wie sich mein Weg gestalten sollte, beginnen sich aufzulösen. Es ist ein heiliger Moment vollständigen Einverstanden-Seins, in dem ich mich jetzt befinde und von dem ich mir wünsche, dass er nicht endet.“
„Das zu erfahren ist der alleinige tiefere Grund, der dich auf diese Pilgerreise gebracht hat. Die dauerhafte Verbundenheit zu dem, der du in der Tiefe deines Wesens bist, ist der kostbare Schatz, der von dir entdeckt werden will. Ihn in das Licht deines Bewusstseins zu bringen, ist die Aufgabe, die dich durch dein Leben begleitet und für die dir eine Verantwortung obliegt. Zu erfahren, wer du bist, ist der tiefere Sinn deines Daseins.
Dass dich dein Verstand immer wieder davon abbringt, sollte dich nicht beunruhigen. Es zeigt dir lediglich, dass du noch nicht dort bist, wo es dich hinzieht. Du bist deshalb zu einer ständigen Auseinandersetzung mit deiner Unbewusstheit herausgefordert. Sie ist es, die dich aus dem Frieden immer wieder herausfallen lässt, in dem du jetzt bist, den du aber nicht festhalten kannst, so sehr du dir das auch wünschst.
Du kannst diesen Frieden gerade nicht mit dem Verstand herbeiführen. Er stellt sich ein, sobald du erkennst, dass du nicht dein Verstand bist. Dazu bedarf es des Abstands, den du als Beobachter deiner selbst erschaffst. Damit distanzierst du dich von deinem Verstand. Das ist der entgegengesetzte Vorgang zur Identifikation mit ihm.
Die Identifikation bewirkt, dass du dich selbst für deinen Verstand hältst und nach deinem Verstand handelst. Da sich dein Verstand aber ausschließlich aus deinen vergangenen Erfahrungen speist, kann er den gegenwärtigen Augenblick nicht als den wahrnehmen, der er ist. Er sieht nur das, was er sich selbst zurechtlegt, indem er den Augenblick auf dem Hintergrund der Vergangenheit interpretiert und beurteilt. Das hat meist wenig mit der Wirklichkeit dieses Augenblicks zu tun.“
„Du kannst es mir nicht oft genug sagen, worum es geht und ich danke dir dafür und auch für deine Geduld. Ich weiß, dass mir das Verurteilen nichts bringt. Es geht vielmehr darum zu lernen, dass ich aus meiner Identifikation auch immer wieder aussteigen kann, um dich zu erfahren und den Frieden, der mit dir verbunden ist. Dabei geht es nicht einmal um dich, sondern darum, dass ich mich selbst auf der tiefsten Ebene fühlen und als der erkennen kann, der ich bin.“
„Das ist das Wunder, das mit dir verbunden ist und das du als solches immer wieder erfahren darfst. Die ständige Präsenz in diesem Zustand des Wunderbaren ist das, was dir als Begriff bereits bekannt ist, ohne dass du dir bisher etwas darunter vorstellen konntest, die Erleuchtung. Sie bleibt ein Begriff, ein Hinweis auf etwas, was sich nicht beschreiben lässt. Erst im Zustand des ‚Im-Licht-Seins‘ kann Erleuchtung für dich zur tatsächlichen Erfahrung werden. Du bist für sie bestimmt.“
Ich kann die Stille und den Frieden jetzt, in diesem Gebetsraum des Jakobsdoms, sehr deutlich in mir fühlen. Ein Gefühl der Tiefe und Geborgenheit trägt mich in diesem Augenblick vollständiger Verbundenheit und ich wünsche mir, für immer in ihm zu verbleiben. Ich glaube, dass mich dieses Gefühl, dieser Zustand, in dem Moment wieder erreichen wird, in dem ich meinen Körper verlassen werde. Ich erlebe mich darin als völlig frei von Angst.
Ohne ein Gefühl für die Zeit zu haben, das mich sonst unablässig begleitet, stehe ich auf und bewege mich langsam auf den Ausgang zu. Was mir wie ein seliger Augenblick erschien, hat fast ein Stunde in Anspruch genommen, ohne dass ich es wahrgenommen habe. In einer Seitenkapelle finde ich, an einem Schreibpult angebunden, den Pilgerstempel, den ich jetzt in meinen Pass drücke. Er ist ein kleines Kunstwerk, das drei Jakobsmuscheln zwischen gekreuzten Pilgerstäben zeigt, umrahmt von der Aufschrift „Dom St. Jakob Innsbruck“.
Auf meinem Weg zur Herberge schaue ich mich nach einem Supermarkt um. Da ich auf einer Hauptstraße fahre, muss ich nicht lange auf den nächsten warten. Dort kann ich mein Fahrrad unterstellen, denn es regnet wieder einmal. Ich kaufe etwas für mein Abendessen ein, das ich in der Jugendherberge zubereiten will. Wieder im Regen fahre ich langsam die Reichenauer Straße entlang und halte Ausschau nach der Nummer 147. Dort muss die Jugendherberge sein.
Ich finde sie auf der linken Straßenseite. Mein Rad kann ich im Fahrradstall der Herberge einschließen, was ich sehr praktisch finde. Mit dem Gepäck suche ich im ersten Stock mein Mehrbettzimmer auf. Die Hoffnung, dass es nicht voll belegt sein wird, erfüllt sich leider nicht. Von den sechs Betten, angeordnet in Form von drei Doppelstockbetten, sind fünf bereits belegt und ich muss mit dem letzten freien vorlieb nehmen, einem oberen Bett. Es gibt ein Kleiderfach, in dem ich mein Gepäck einigermaßen unterbringe. Nach meinem ausgiebigen Abendessen in der Selbstversorger-Küche der Herberge gehe ich in mein Bett und einer unruhigen Nacht entgegen.
Nachts pinkeln zu müssen, ist ohnehin eine Störung. Sie wird jedoch zum Problem, wenn ich aus dem Bett herunter und im Dunkel über die Gepäckstücke hinwegsteigen muss, die verstreut in dem schmalen Gang des Zimmers stehen, der sich zwischen den Doppelstockbetten ergibt. Aber ich bewältige diese Herausforderung, schlafe wieder ein und wache erneut auf, weil der Vietnamese unter mir fürchterlich laut schnarcht. Schließlich schrecke ich noch einmal hoch. Der Koreaner gegenüber beginnt seine Koffer zu packen. Er hat offensichtlich vor, im Morgengrauen zu verschwinden. Meine Einsicht, dass es besser gewesen wäre, ein Einzelzimmer gebucht zu haben, kommt jetzt eindeutig zu spät.
Heute, am zweiundzwanzigsten Mai, ist es soweit. Ich verspüre so etwas wie das Gefühl eines Neustarts, als würde der eigentliche Weg erst jetzt beginnen, als wären die zurückliegenden Tage nur die Vorbereitung für den Start an diesem heutigen Freitag gewesen. Gleichzeitig kann ich die Herausforderung wahrnehmen, die sich nach den gestrigen Bildern der Winterlandschaft im Fernsehen in mir festgesetzt hat. Dennoch drängt es mich zum Losfahren und dem zu begegnen, was mich erwartet.
Zunächst muss ich nochmal ein Stück durch Innsbruck fahren, in südlicher Richtung. Unter der Autobahnabfahrt geht eine Landstraße hindurch, die mich nach Vils führen soll. Ziemlich entspannt gelange ich auf die andere Seite der Autobahn, lese auf dem blauen Hinweisschild die weißen Buchstaben „Vils“ und „Igls“ und weiß, dass ich in der richtigen Richtung unterwegs bin. Dass die Igler Straße jetzt auch ansteigt, überrascht mich nicht. Das Erwartete wird jetzt Wirklichkeit. Mit zunehmender Steigung schalte ich runter, immer weiter, bis auf den vorletzten Radkranz. Trotzdem wird das Treten in die Pedale immer mühsamer. Den Regenponcho streife ich ab, der feine Nieselregen macht mir nun nichts mehr aus. Ich schwitze schon und gestatte mir deshalb, abzusteigen und zu schieben.
Die erste Steigung bis Igls habe ich bewältigt und mache oben angekommen ein Foto. Hier fahre ich bereits im Wolkendunst, durch den ich rechts und links vereinzelte weiße Flächen entdecke, die sich nach oben zu den Gipfeln hin zu einer zusammenhängenden Schneedecke verdichten. Meine Hände sind kalt, trotz der warmen, wasserdichten Handschuhe, ohne die ich den Lenker weder anfassen noch festhalten könnte. Dafür sind meine Füße warm und ich bin mir jetzt sehr dankbar dafür, mir diese festen und wunderbar warmen Schuhe gekauft zu haben.
Am Straßenrand halte ich kurz an. Ich vermute in der Frau mit der Einkaufstasche eine Einheimische, die ich nach dem Weiterweg frage. Von ihr erfahre ich von der alten Römerstraße, für die ich auch bald einen Wegweiser finde. Auf ihr soll schon der Abt Albert von Stade über die Alpen gezogen sein und das im Jahre 1236.
„Wie mag sein Weg ausgesehen haben? Welche Gedanken und Vorsätze haben ihn wohl bewogen, diese lange und gefährliche Reise nach Rom zu unternehmen? War er beruflich zu seinem obersten Dienstherren unterwegs?“
Ich werde es nicht erfahren. Aber ihm verdanke ich aber den Pilgerführer, den ich als eine Neuauflage seiner Reisenotizen gern annehme. Danke diesem Mann, der schon 800 Jahre tot ist und jenem, der noch lebt und den heutigen Pilgerführer geschrieben hat, Ferdinand Treml4. Diese Gedanken bewegen mich, während ich auf halber Höhe am Hang über der Brennerstraße mein Fahrrad in Richtung Brennero schiebe. Rechts bewundere ich die kühn geschwungenen Betonkonstruktionen der Autobahnbrücken, auf denen der Verkehr wieder rollt. Meine Straße ist nass, aber frei von Schnee. Der liegt aufgetürmt am Straßenrand, als wollte er das bereits vorübergegangene Verkehrschaos bezeugen, das ein solcher Schneefall im späten Frühling auszulösen vermag.
Über eine steile Abfahrt gelange ich von der alten Römerstraße auf die Brennerstraße und nach Matrei, den Ort, den auch der Abt aufgesucht hatte.
„Ob ihn dort auch ein Pfefferminztee aufgewärmt hat?“
Mit Sicherheit nicht in dem Bistro, in dem ich jetzt das Glas mit dem Teebeutel noch einmal mit dem kochenden Wasser aus dem Samowar nachfüllen lasse. Die freundliche Bedienung sieht mir offensichtlich an, dass ich das nötig habe. Schließlich hole ich mir an der Selbstbedienungstheke einen Kartoffelsalat mit Fleischkäse und denke daran, dass ich die verbrannten Kalorien irgendwie ersetzen muss. Wahrscheinlich kann ich gar nicht so viel essen, wie ich bei den Anstrengungen der Berg- und Talfahrt verbrauche. Also zehre ich von den Reserven, mit denen ich nicht gerade üppig gesegnet bin.
Dank meiner synthetischen Kleidung bin ich in der knappen Stunde Rast in der Imbissstube fast vollständig getrocknet. Vor mir liegen noch einige Kilometer Fahrt bergauf, die ich mit frischem Mut und dem Schwung meiner guten Laune angehe.
Trotzdem der Nieselregen aufgehört hat, ziehe ich meinen gelben Regenponcho wieder über. Seine Farbe hat Signalwirkung. Damit werde ich auf der engen Straße mit dem stärker werdenden Verkehr nicht so schnell übersehen. Außerdem schützt er mich gut vor dem nasskalten Wind, der mir jetzt entgegenbläst.
Immer wieder fahre ich durch den nebeligen Dunst tief hängender Wolkenfelder. Es sind wohl noch gut zwanzig Kilometer bis Brennero. Aber auch diese Strecke lege ich mit Ausdauer und Geduld tretend und schiebend zurück, bis ich endlich am zeitigen Nachmittag oben am bekannten Grenzübergang ankomme.
Ich bin in Italien und kann es noch nicht richtig begreifen. Zur Begrüßung sind weder die örtliche Feuerwehr noch der Gesangsverein angetreten. Das Willkommen muss ich mir selbst organisieren und ich begrüße mich mit einem echten, tiefschwarzen italienischen Kaffee. Leider ist das nur ein Schluck, oder vielleicht sind es auch zwei kleine. Die aber sind von unvergleichlichem Genuss. Jetzt bin ich wirklich in Italien angekommen.
Von Brennero aus geht es munter bergab, zunächst auf einer schönen, ausreichend breiten Asphaltstraße, dann auf einem parallel zu dieser Straße verlaufenden Radweg. Der frische Nordwind pustet mir Rücken und Beine kalt. Ich steige ab, um meine inzwischen ebenfalls eiskalten Hände zu reiben, damit die Finger wieder etwas beweglich werden. Schließlich muss ich bei dieser Talfahrt ziemlich kräftig die Bremshebel ziehen.
„Vorsichtig fahren, nicht zu viel riskieren!“, ermahne ich mich selber. Unvermittelt ist auch noch der Radweg gesperrt. Ich halte das für eine überflüssige Spinnerei. Irgendwie werde ich schon durchkommen, folglich fahre ich weiter. Aber ich komme nicht durch. Der Tunnel ist mit Metallgittern so perfekt gesperrt, dass ich aufgebe und zurückradle, nunmehr wieder auf die Straße. Meine Überheblichkeit bezüglich der nicht ganz ernst genommenen Ausschilderung bekam den verdienten Dämpfer.
So rolle ich mit angezogenen Bremsen weiter bergab. Die Kälte kriecht in meinen Körper, meine Gliedmaßen. Mir ist, als würde ich feingefroren. So kann das nicht weitergehen, zumal meine Finger beginnen, ihren Dienst zu versagen. Ich spüre sie nicht mehr. Die nächste Ausfahrt soll mich erlösen, beschließe ich: Gossensaß.
Langsam lasse ich mich in den kleinen Ort hineinrollen, finde das einzige Hotel an der Hauptstraße und bekomme dort sogar ein Zimmer. Hier sprechen die Leute noch deutsch. So erfahre ich mühelos, nach einer ausgiebigen heißen Dusche, wo ich etwas einkaufen kann. Das Abendbrot nehme ich vor dem Fernseher ein, nicht ohne ein schlechtes Gewissen. Zu Hause geht das nicht, denn da will ich kein Fernsehen. Der Reiz des Seltenen bewirkt jedoch, dass ich heute mal eine Ausnahme mache.
Inzwischen stelle ich fest, dass das Zimmer nicht geheizt wird. Offenbar wird im ganzen Haus nicht mehr geheizt und mich fröstelt schon wieder. Abhilfe könnte die elektrische Kochplatte schaffen, so meine originelle Idee. Doch die löst nach dem Einschalten lediglich den FI-Schalter aus und ich sitze ganz im Dunklen. Meine Stirnlampe hilft mir, den Schaltkasten mit den Sicherungen zu finden. Ich drücke den FI-Schalter wieder rein. Mit der zweiten Kochplatte gelingt der Versuch besser, das Licht bleibt an. Jetzt rücke ich ganz dicht an die heiße Platte heran, auf der ich Wasser für einen Tee zum Kochen bringe. Am Ende des Tages doch noch leidlich durchgewärmt, schlüpfe ich in mein Bett. Es gelingt mir, neben der Hingabe an die wohlige Bettwärme, ein Gefühl von Dankbarkeit in mir wahrzunehmen, ehe ich in den tiefen Schlaf hinübergleite, der mich von dem anstrengend schönen Tag erlöst.
Am Samstagmorgen scheint das ganze Hotel noch zu schlafen. Ich höre keinen Mucks und bin mir nicht mehr darüber im Klaren, ob mir noch ein Frühstück zusteht.
„Sicher ist sicher!“, denke ich beim Anrühren meines bewährten Frühstücksmüslis. Ein Apfel ergänzt das Mahl. Ich packe ein, was nicht lange dauert, und versuche an der Rezeption, jemanden zu erreichen, benutze die Klingel, die bereitsteht. Endlich erscheint der Hotelier, dafür halte ich ihn, und weist mich freundlich darauf hin, dass im benachbarten Restaurant das Frühstück für mich bereitsteht. Diesen Raum hatte ich vorher nicht entdeckt. Er ist über einen Durchgang und ein paar Türen zu erreichen.
Nun sitze ich also doch noch vor dem Frühstück und bedauere, nicht all die angebotenen Köstlichkeiten hinreichend würdigen zu können, da sich nunmehr recht schnell ein Sättigungsgefühl bei mir einstellt. Ich mache mir ein Brötchen zum Mitnehmen und stecke unauffällig ein Stück Obst dazu ein.
Es wird neun Uhr dreißig, ehe ich mein Fahrrad aus dem Hof des Hotels herausschiebe und feststelle, dass es aufgehört hat zu regnen. Dank der hervorragend ausgeschilderten Radwege in Tirol komme ich ohne Orientierungsschwierigkeiten nach Sterzing. An der Heiliggeist-Kirche halte ich an. Sie ist offen und lädt mich zum Verweilen ein.
„Ich habe dich zur Besinnung eingeladen. Du solltest nicht in Rom ankommen, ohne dir bewusst zu sein, wie das geschah. Achte den Augenblick, erlebe dich selbst und das, was du wahrnimmst. Das bedarf einer gewissen inneren Haltung, zu der du noch nicht gefunden hast.“
„Deine Einladung ist zwingend. Ich muss einfach anhalten und finde eine offene Tür an dieser Kirche vor. Der Raum, in den ich gelange, erscheint mir ungewöhnlich still. Ich bin allein unter der bemalten Holzdecke, nehme die Bilder und Symbole wahr, ohne den Versuch, sie zu verstehen oder zu interpretieren. In dieser Stille fühle ich mich aufgenommen und werde zu einem Teil von ihr.“
„Du bist diese Stille. Sie ist deine Essenz, deine tiefste Wahrheit. Lass dich von ihr berühren und entdecke sie in dir. Um deine innere Stille zu erfahren, musst du dich auf die äußere Stille einlassen. Indem du dich ihr hingibst, wird sie zur Erfahrung deines inneren Raumes.“
Ich bin in dieser Erfahrung gegenwärtig. Sie löst Gelassenheit und Freude in mir aus. Mein Bedürfnis, in dieser Stille zu verweilen, lässt mich die Zeit vergessen. Sie besitzt keine Bedeutung mehr in diesem Moment des Innehaltens, in dem ich selbst Teil dieses Augenblicks werde und mich verbunden fühle. Womit? Ich kann es nicht benennen. Vielleicht mit dem inneren Raum, den ich jetzt deutlich in mir wahrnehmen kann.
Erst als die harte Kirchenbank Reaktionen meines Ischiasnervs hervorruft, muss ich aufstehen. Erstaunt stelle ich fest, dass fast eine Dreiviertelstunde vergangen ist. Angefühlt hat es sich wie gerade mal fünf Minuten, für die ich mit dem Verebben meines Gedankenstroms in dieses wunderbare Stillhalten eingegangen bin.
„Wenn das auch beim Sterben so ist, freue ich mich drauf!“, kommt mir unvermittelt die Erkenntnis.
„Sterben ist der unumkehrbare Übergang in die Stille, die du jetzt in der Tiefe deines Seins erfahren hast. Aus der Stille bist du gekommen und du wirst wieder in sie eingehen. Doch gibt es einen Unterschied zwischen der Bewusstheit, mit der du in deine vorübergehende menschliche Form gekommen bist und jener, mit der du gehen wirst. Dein Bewusstsein ist Teil des Bewusstseinsfelds dieser Erde. Mit der Zunahme deines Bewusstseins trägst du folglich zur Anhebung des globalen Bewusstseinsfelds bei. Das ist deine Aufgabe und um ihr gerecht zu werden, bist du als menschliche Form in dieser polaren Welt inkarniert. Du erlebst dich dort zunächst in der Unstille. Sie bildet den notwendigen Kontrast, ohne den du die Stille nicht erfahren kannst. Dir ihrer bewusst zu werden bedeutet, dir deines Ursprungs bewusst zu werden, so wie es dir eben geschehen ist.“
Ich fühle mich gesegnet, jetzt, da ich die Kirche wieder verlasse, um auf mein Fahrrad zu steigen. Langsam radle ich aus Sterzing hinaus, immer dem gut asphaltierten Fahrradweg mit seiner informativen Ausschilderung folgend. Ich will weiter nach Brixen und dahin führen mich diese Wegweiser.
Gegen Mittag treffe ich dort ein und lasse mich vom Duft einer Pizzeria anziehen, vor der ich mein Fahrrad anschließe. Ich merke nicht sofort, dass das Gekicher zweier junger Mädchen im Eingang der Pizzeria mir gilt. Ich grüße sie freundlich, was ihr Gackern noch verstärkt. Offensichtlich amüsiert es sie, mich alten Knochen in so sportlichem Outfit und mit dem schwer beladenen Fahrrad als Rompilger entdeckt zu haben und sie sprechen mich an. Ich bestätige, dass ich nach Rom will und dass ich ein Deutscher bin. Vielmehr kriegen wir aber an Kommunikation in Englisch und Italienisch nicht hin, was die Beiden nicht daran hindert, ihr Kichern fortzusetzen. Ich gönne ihnen ihre Belustigung und bestelle meine Pizza und einen Tee und lasse mir beides im dichtgefüllten Gastraum schmecken.
Warum fällt mir gerade jetzt ein altes Kinderlied ein? „Die Tiroler sind lustig, die Tiroler sind froh. Sie haben keine Betten und schlafen auf Stroh!“ Ich hatte als Fünfjähriger keine Ahnung, wo Tirol liegt, und erst recht nicht, ob es stimmt, was ich da so hingebungsvoll gesungen habe. Es könnte tatsächlich etwas dran zu sein, auch wenn mir der Text heute politisch nicht ganz korrekt zu sein scheint.
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