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Zweimal Wachtel, einmal Lachs

Theo Regnier

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Copyright: © 2012 Theo Regnier

ISBN 978-3-8442-5657-4

I

1

Alois Ertl brüllte gegen den Verkehrslärm an, der das Telefonhäuschen am Rande der Kreuzung fest im Griff hatte. Irgendein widriger Umstand sorgte dafür, dass die Tür der Telefonzelle wie angeschraubt offen stand.

„Kaiserschnitt!“ schrie er in den Hörer, aber doch nicht laut genug, dass seine Mutter es verstanden hätte. „Kai-ser-schnitt!“

Er warf einen raschen Blick auf seinen Zettel: „37 Zentimeter! Der Kopfumfang, ja!“

Zwei Handwerker in blauen Latzhosen standen vor der offenen Telefonzelle und tauschten einen belustigten Blick. Der eine kramte umständlich in seinen Taschen nach Kleingeld.

Seine Mutter sagte etwas, was im Rumpeln eines vorbeifahrenden Getränkelasters unterging.

„Was sagst? Ich versteh dich nicht, Mama! Herrschaftszeiten!“

Wieder zerrte er an der Tür, die keinen Millimeter nachgab.

„Was? Nein, die Scheißtür von dem Telefonhäusl geht nicht zu!“

Ein Polizeiwagen bretterte mit Blaulicht und Martinshorn über die Kreuzung. Entnervt gab er auf.

„Ich ruf euch nachher noch mal an, Mama! Was sagst?“ Er hielt sich das freie Ohr mit dem Zeigefinger zu. „Ja logisch, bevor ihr ins Bett geht!“

Er hängte den Hörer ein. Frisch aufkreuzende Böen eines empfindlich kalten Windes aus wechselnden Richtungen ließen ihn frösteln. Jetzt erst

fiel ihm auf, dass er seinen Mantel im Krankenhaus vergessen hatte. Er rieb sich die Oberarme.

„Gratuliere“, sagte der mit dem Kleingeld.

„Danke“, sagte Alois ermattet.

Der Handwerker drückte die Tür ein Stückchen weiter auf und trat einen Stein weg, der sich an der Unterkante verklemmt hatte. Die Tür schwang leicht und lautlos zu. Sein Kollege nickte aufmunternd in Richtung Alois und zündete sich eine Zigarette an.

Ungläubig starrte er auf die Tür des Telefonhäuschens.

Dann machte er sich missmutig auf den Weg zurück ins Schwabinger Krankenhaus, um seinen Mantel zu holen.

Eine kraftlose Aprilsonne schob sich über den Luitpoldpark in Richtung Olympiaturm.

Als unmittelbar neben ihm ein Taxi anhielt und einen Fahrgast aussteigen ließ, änderte er seine Pläne. Er deutete mit dem Zeigefinger an, dass er mitfahren wollte. Der Fahrer winkte ihn herein.

Erschöpft ließ er sich auf den Rücksitz sinken.

„Schleißheimer Straß’ bittschön. Ins Bräustüberl.“

„Bräustüberl“, sagte der Fahrer mit ausländischem Akzent, „wie Sie wünschen.“

Alois entging der herablassende Tonfall nicht.

„Haben Sie was gegen das Bräustüberl?“ fragte er.

„Warum gehen Sie nicht zu Dimitri, gleich schräg gegenüber?“

„Weil ich im Bräustüberl verabredet bin.“

„Bei Dimitri können Sie sehr gut essen und trinken. Seine Frau kocht phantastisch. Sie macht die besten Bifteki von ganz München.“

„Das mag ja sein“, sagte Alois desinteressiert.

„Dimitri kommt aus Patras, genau wie ich.“

„Ich bin heute Vater geworden“, sagte er voller Stolz, als könnten Bifteki bei Dimitri diesem Ereignis nicht gerecht werden. „Ein Sohn.“

„Dann sage ich herzlichen Glückwunsch“, sagte der Taxichauffeur feierlich, „ein Sohn, das ist schön! Ich habe eine Tochter.“ In seiner Stimme schwang eine Spur von Selbstmitleid mit.

„Ein Madel, das ist doch auch was Schönes“, tröstete ihn Alois.

„In meiner Familie kriegen sie alle nur Mädchen.“ Der Fahrer suchte im Rückspiegel den Blickkontakt mit seinem Fahrgast. „Mein Bruder, meine Schwester, haben alle nur Töchter! Da kann man nichts machen, oder? Aber Sie, Sie haben Glück.“

„53 Zentimeter, 4180 Gramm, Kopfumfang 37 Zentimeter.“ Er brauchte jetzt keinen Zettel mehr.

„Der wird mal groß und stark. Wie sein Vater“, lachte der Fahrer.

Alois befand für sich, dass er einen für Münchner Verhältnisse ungewöhnlich sympathischen Taxifahrer erwischt hatte. Trotzdem wollte er das so nicht stehen lassen.

„Ich bin ja eher untersetzt“, sagte er, „mit meinen einsvierundsiebzig.“

Letzteres war geschummelt, denn in Wahrheit maß er einen Zentimeter weniger.

„Wenn Sie ein bisserl die Heizung aufdrehen könnten“, bat er.

„Kein Problem.“

Im Bräustüberl fiel ihm Mona, die freitags hier bediente, um den Hals.

„Ein Bub“, sagte er, „Tobi. Also eigentlich Tobias.“

„Mei, so eine Freude, Alois, ich gratulier dir ganz herzlich. Und wie geht’s der Lissi?“

„Kaiserschnitt. Alles gut gegangen. Aber der Lissi hat’s ganz schön das Gestell zusammengehaut.“

„Das ist ja auch eine Mordsnarkose, bei einem Kaiserschnitt“, sagte Mona wissend.

„Ja, nein, schon vorher. Die Lissi hat sich stundenlang geplagt, dass es ohne geht. Ich sag dir’s, ich war am Schluss fix und fertig.“

Er ließ sich an der Stirnseite des Stammtisches, auf dem ein „Reserviert“-Schild stand, auf einen Stuhl fallen, stützte seinen Kopf mit beiden Armen auf der Tischplatte ab und gähnte herzhaft.

„Ja, Burschi, dein Weißbier kommt gleich“, rief Mona einem Gast zu, der mit ausgebreiteten Händen vorwurfsvoll zu ihr herüberblickte, und fügte etwas leiser hinzu: „Beim Zahlen pressiert’s ihm net so.“

Sie blickte zur Wanduhr hoch. „Ja sag einmal, was ist denn mit deinen Leuten?“

„Die werden schon noch kommen“, meinte er, richtete seinen Oberkörper wieder auf und drückte mit angewinkelten Armen die Schulterblätter gegeneinander. „Bring mir derweil einen Schweizer Wurstsalat, Mona. Und eine Halbe Bier.“

Eigentlich hätte seine Blaskapelle heute ihren Probenabend gehabt, aber er hatte von vornherein gesagt, man dürfe nicht auf ihn zählen, schließlich wisse er nicht, wie lange er seiner Frau im Krankenhaus beistehen müsse. Dafür hatten seine Mitspieler Verständnis, und der Biermeier, der die musikalische Leitung innehatte, setzte die Probe kurzerhand ab und erklärte den Abend zu einem geselligen Treffen, getragen von der Hoffnung, Lissi möge rechtzeitig niederkommen und Alois in die Spendierhosen zwingen.

Er hatte nicht einmal seinen Schweizer Wurstsalat aufgegessen, als Helmut, der Posaunist, hereinkam und noch in der Tür „Und?“ durch den Raum brüllte, was Alois mit empor gerecktem Daumen beantwortete. Helmut riss ihn an sich und ließ ihn lautstark hochleben.

„Ja passt schon“, sagte Alois etwas verlegen und machte, da andere Gäste auf sie aufmerksam wurden, eine dämpfende Handbewegung. Deswegen würde Helmut seine weithin vernehmliche Stimme nicht senken, das war klar. Es gehörte nämlich zu seinem Naturell, laut zu sein, als habe ein frühkindliches Trauma eine lebenslange Furcht vor Stille in ihm ausgelöst. Ob er nun redete oder lachte, Posaune spielte oder auf seiner Harley Davidson vorfuhr, alles an ihm war laut und lärmend und entsprach seinem massigen Körper mit dem gedrungenen Nacken.

„Ein Sohn, das wird teuer, Alois“, dröhnte er, und natürlich sollte er recht behalten, denn bis auf den Klarinettisten Hans, der fast immer fehlte, wenn ein geselliges Beisammensein angesagt war, erschien die Blaskapelle im Dutzend und erwies dem frischgebackenen Vater die Ehre.

„Schreibst alles auf einen Deckel, Mona“, sagte er.

Auf dem Weg zur Toilette schwankte er bereits leicht. Er stieß mit der Schulter gegen das Münztelefon an der Wand. Das erinnerte ihn an etwas. Er fingerte ein Fuchzgerl aus seiner Jackentasche und warf es ein. Er ließ es lange läuten, bis sein Vater am anderen Ende abhob.

„Servus, Papa, da ist der Alois“, sagte er. Nach zwei Obstlern und ein paar Bier wollte ihm nicht einmal mehr der eigene Name leicht über die Lippen kommen.

„Servus, Bua. Wart, ich geb’ dir die Mama.“

Während er wartete, sah er, wie Helmut auf die Musikbox zusteuerte, eine bonbonfarbene Wurlitzer Modell 1015.

„Helmut!“ rief er und wedelte abwehrend mit dem Arm. Helmut drehte sich kurz um, winkte zurück und warf eine Münze in den ehrwürdigen Schallplattenaltar aus Chrom und Glas mit den rotierenden Lichtsäulen.

„Mama, ich bin’s noch mal“, sagte er.

Gleichzeitig schepperte aus der Wurlitzer der Schlager Ganz in Weiß, was für Helmut sozusagen eine logische Wahl darstellte, denn er hielt Roy Black für den „größten Sänger aller Zeiten“, erst recht, seit er dem Schlagerstar persönlich auf dem Hof einer Reifenfirma begegnet war und

ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte. Außerdem wusste er, wo man die Musikbox lauter stellen konnte.

„Helmut!“ rief Alois flehend, aber der hörte ihn jetzt natürlich nicht mehr. „Nein, Mama, das war der Helmut, der hat die Musikbox so laut gestellt. Ich ruf euch morgen an.“

Er hängte den Hörer ein. Fast wäre er mit dem Biermeier zusammengestoßen, der gerade von der Toilette kam. Der Biermeier spielte in ihrer Kapelle Tenorsaxophon und sprach nie von ihrer Blaskapelle, sondern immer von Blasorchester. Weil er selbst ja auch etwas Besseres war, der Biermeier, dem in der Gabelsberger Straße ein Mietshaus gehörte und der ein cremefarbenes Mercedes-Cabrio mit mokkabraunem Stoffverdeck fuhr.

„Dein Tobi stößt in eine Lücke“, sagte der Biermeier, „weißt du das, Alois?“

„Was denn für eine Lücke?“ fragte er misstrauisch zurück. Der Biermeier galt als hinterkünftig, man musste bei ihm darauf gefasst sein, dass einer harmlosen Eröffnung eine schleichende Boshaftigkeit folgte.

„Ja hast du das nicht mitgekriegt? Der Paul McCartney, heut’ im Fernsehen!“

„Ich hab nicht ferngeschaut, ich war im Krankenhaus. Was ist mit dem Paul McCartney?“ Seine Stimme bekam einen leicht gereizten Klang.

Biermeier verdrehte die Augen. „Alois! Die Beatles haben sich aufgelöst! Schluss, aus, Nikolaus. Hat der Paul McCartney heut’ offiziell bekannt’geben. Da schaust, was?“

Diese Meldung hatte er tatsächlich nicht mitbekommen. Er verstand allerdings nicht, was die Beatles mit seinem Tobi zu tun haben könnten.

„Jetzt kannst eine Anzeige aufgeben, in der Zeitung“, sagte der Biermeier.

„Was für eine Anzeige?“

Der Biermeier zog mit zwei Fingern eine imaginäre Textzeile in die Luft: „Beatles weg - Tobi da.“

Er maß den Biermeier mit einem ungläubigen Blick.

„Was sagst, ist das eine Geburtsanzeige oder nicht?“, fragte der Biermeier nicht ohne Stolz.

„Geburtsanzeige wollten wir eigentlich keine aufgeben“, sagte er.

Der Biermeier richtete den Zeigefinger auf ihn. „Überleg dir das, Alois. Weil, das könnte ja auch etwas bedeuten, dass das auf einen Tag fällt, das Ende von den Beatles und der Anfang vom Tobi.“ Er schlug Alois vor Begeisterung auf die Schulter und berauschte sich an seiner Idee: „Stell dir nur einmal vor, das wird ein Musiker, dein Tobi. Was sagst? Ja warum denn nicht? Vielleicht sogar mit eigenem Orchester. Dann wär’ nämlich so eine Geburtsanzeige so was wie ein Dokument, verstehst? Sozusagen ein musikalisches Weltdokument!“

Der Biermeier verträgt auch nichts mehr, dachte Alois.

„Ja mei“, sagte er, „da müsste ich erst einmal mit der Lissi reden.“ Er schob sich kurzerhand an seinem Orchesterchef vorbei, weil der Druck auf seine Blase mächtig stark geworden war.

In der Wurlitzer besang jetzt Roy Black Das Mädchen Carina.

„Schau dir die Öhrchen von unserem Tobi an“, sagte er zu seiner Frau, „ich sag dir’s, das wird einmal ein Musiker.“

Lissi richtete sich in ihrem Wochenbett auf, nahm den Säugling vorsichtig hoch und musterte seine Ohren. „Woran willst denn das erkennen?“, fragte sie.

„An den Ohrmuscheln. Es gibt musikalische Ohren, die verraten ein musikalisches Gehör. Gehör und Gestaltungsfähigkeit. So wie die vom Tobi.“

„Das hat er sicher von dir“, sagte sie und war in diesem Augenblick stolz auf ihre beiden Männer.

„Wirst es sehen“, schob er nach und tippte zweimal kurz das Ohrläppchen vom Tobi an: „Gell, du Schlawiner.“

Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand: „Geh, so was sagt man doch nicht.“

Er lachte, wurde aber gleich darauf wieder ernst. „Der alte Scheffler hat die Grätsche gemacht. Herzinfarkt. Genau.“

Sie legte erschrocken die Hand vor den Mund. Hermann Scheffler führte seit vielen Jahren im Erdgeschoss ihres Wohnhauses in der Arcisstraße einen Laden für Schreibwaren, Zeitschriften und Zigaretten. Die Schefflers und die Ertls verband eine gute Nachbarschaft.

„Der Herr Scheffler!? Ja um Gottes willen.“

„Heute Morgen ist ein Zettel in der Tür vom Laden gehängt. Wegen Todesfall geschlossen.“

„Die arme Frau Scheffler. Die kann doch den Laden nicht allein weiterführen, sie mit ihrem schweren Zucker“, bedauerte Lissi die Nachbarin.

„Ganz ausgeschlossen. Wie soll die denn die schweren Zeitungspakete tragen?“

Lissi schüttelte betrübt den Kopf. „Nein, nein, so was...“

„Aber so ist das“, sagte er, „die einen kommen, die andern gehen. Weißt du, dass unser Tobi am selben Tag auf die Welt gekommen ist, an dem die Beatles ihre Band aufgelöst haben? Zehnter April 1970. Genau.“

Das hatte sie noch nicht gehört, hielt es aber für einen Zufall.

„Zufall, Lissi, das sagt sich so leicht“, grübelte er.

„Ja was denn sonst?“, fragte sie verständnislos zurück.

Er legte eine Kunstpause ein, ohne dadurch die Spannung wesentlich zu erhöhen. Sie wartete geduldig auf seine Antwort.

„Ja mei, so genau weiß ich das auch nicht“, sagte er schließlich, „aber weißt du, ob’s nicht doch wen gibt, der am großen Radl dreht?“

Das wusste sie nicht, und gerade weil sie es nicht wusste, erschien ihr der Zufall als Erklärung für ein zeitliches Zusammenfallen ortsferner Ereignisse am schlüssigsten, während er - jedenfalls gegenwärtig - zu der Ansicht neigte, es gäbe vielleicht doch so etwas wie ein Stellwerk des Schicksals, das für die einen die Weichen hin zu Ruhm und Glanz stellte, die anderen auf Abstellgleise führte oder gar in den Abgrund. Die Einflüsterungen des Kollegen Biermeier erwähnte er lieber nicht.

Als Ertl senior und seine Frau Katharina hereinkamen, mit einem großen Blumenstrauß für Lissi und einem Amulett am Silberkettchen für das Enkelkind, war das Thema vertagt.

„Das Amulett könnts ihm für später aufheben“, sagte die Oma.

„Montag gehen wir auf die Sparkasse, da legen wir ein Sparbuch für den Tobi an“, sagte Ertl senior, der dem Amulett, das einen Widder darstellte, nicht viel abgewinnen konnte. „Ein Sparbücherl, da hat der Bub was g’scheits.“

„Das Amulett ist ja bloß ein Mitbringsel“, rechtfertigte die Oma den Kauf. „Aber es ist 925er Silber.“

Ertl senior wahrte Abstand zu Mutter und Kind, weil er eine herannahende Erkältung in sich verspürte. Deshalb wollte er auch nicht lange bleiben und behielt Lodenmantel und Hut gleich an. Die glückselige Oma drückte ihr Enkelkind an die Brust und war gänzlich hingerissen, und am liebsten hätte sie das kleine Buzilein gleich mitgenommen in ihr Häuschen am nördlichen Rand von Milbertshofen: „Da baut dir der Opa eine Schaukel in den Garten, da wirst schau’n.“

Lissi wollte sogar gesehen haben, wie Tobi den Mund zu einem Lächeln verzog, als die Oma ihn in ihre Arme nahm.

„Ist der Tobi schon Mitglied bei den Bayern?“ fragte Ertl senior seinen Sohn, der statt zu antworten mit beschwörenden Gesten um Schweigen bat.

Lissi war so sehr mit dem Säugling beschäftigt, dass sie die Frage überhört hatte.

„Hast den Tobi noch nicht angemeldet beim FC Bayern? Das hast doch machen wollen, Alois“, blieb Ertl senior hartnäckig.

„Der alte Scheffler ist tot, habts es schon gehört?“ unternahm Alois einen angestrengten Versuch, das Thema zu wechseln.

Aber diesmal hatte Lissi die Frage ihres Schwiegervaters mitbekommen. Sie schaute aufmerksam zu ihrem Mann hinüber.

„Ja, das haben wir schon gehört“, sagte die Oma, „so ein netter Mann, der Herr Scheffler, wirklich schad.“

„Genau“, sagte Alois erleichtert, „Herzinfarkt. Er muss aber schon länger Probleme mit dem Herz gehabt haben, gell, Lissi?“

„Du hast den Tobi beim FC Bayern angemeldet?“ fragte Lissi.

„A nix“, versuchte er das Thema zu überspielen, „wir haben bloß so geredet, der Papa und ich.“

„Die Ertls waren schon immer Mitglied bei den Bayern“, sagte Ertl senior mit fester Stimme, „jedenfalls die Männer.“

Lissi kannte ihren Mann gut genug, um in seinem schuldbewussten Blick lesen zu können. „Das hättest du mir ruhig sagen können, Alois.“

Er blickte vorwurfsvoll zu seinem Vater und schüttelte in verhaltenem Ärger den Kopf.

„Vom ersten Erdentage an ein Bayern-Mitglied“, sagte Ertl senior und schaute dabei seine Schwiegertochter an, „das ist doch keine Schande.“

„Wenn aus dem Tobi ein Fußballer wird, dann schlagt er besser nicht nach dir und dem Alois“, sagte Oma Ertl mit mildem Spott, „weil ihr zwei habts nicht viel zerrissen auf dem Fußballplatz.“

„Ja wann hab denn ich Fußball gespielt?“, sagte Ertl senior leicht empört. „Ich hab’ ja offiziell gar nicht spielen dürfen. Meine Mutter hat mich immer ausgeschimpft, wenn sie mir draufgekommen ist, dass wir auf dem Sportplatz gewesen sind. Fußball ist ein Sport für Proleten, hat sie gesagt.“

„Und ich hab mit vierzehn die Brille gekriegt“, trug Alois zu seiner Rechtfertigung vor. „Das war schon ein Handicap, das musst auch einmal sehen.“

„Du warst zu klein für einen Torwart“, sagte sein Vater. „Im Tor brauchst du große. Aber du hast immer ins Tor wollen.“

Alois breitete resignierend die Arme aus.

„Das dauert noch ein bisserl, bis der Tobi gegen einen Ball tritt, gell Tobi?“, sagte Lissi, und küsste liebevoll ihr Kind.

„Dass in den Krankenhäusern immer so ein Geruch ist“, schimpfte Ertl senior, „an das werd ich mich nie gewöhnen.“

„Wir gehen ja bald wieder, Karl“, sagte seine Frau sanft, „lass mir noch fünf Minuten mit dem Tobi.“

„Wir brauchen doppelt so lang wie sonst, bis wir daheim sind. Überall reißen s’ die Straßen auf für die U-Bahn“, haderte Ertl senior, „ich sag’s euch ganz ehrlich, wegen mir hätt’s das nicht gebraucht mit der Olympiade.“

„Geh, Papa, das ist doch für München eine einmalige Chance“, widersprach sein Sohn, „die ganzen Stadien, das Olympiadorf, die U-Bahn, das hätten doch wir uns gar nicht leisten können. Und dazu die Werbung für München in der ganzen Welt, unbezahlbar!“

„Damit nachher noch mehr Ausländer herkommen“, sagte sein Vater verächtlich, „als wenn wir nicht schon genug hätten von denen.“

„Zum Italiener gehst aber gern essen“, bemerkte Katharina Ertl.

„Ich kann aber bloß zu einem Italiener hingehen und nicht zu fünfhundert“, konterte Ertl senior.

„Und die anderen Leute, die gern italienisch essen?“ fragte Lissi, „sollen die alle bei deinem einen Italiener Schlange stehen?“

Bis auf Ertl senior konnten alle darüber lachen. Im selben Moment fing Tobi zu weinen an und sicherte sich wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit der Familie.

Sein Großvater merkte noch schnell an, es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Zugereisten die echten Münchner vollständig verdrängt hätten.

Aber das ging im Weinen vom Tobi unter.

2

Es war Mai. Zartweiße Wolkenschleier drapierten einen hellblauen Föhnhimmel. Das Gedränge der Besucher auf der Auer Dult war groß, wie immer an Eröffnungstagen bei strahlend schönem Wetter. Tobi fuhr mehrere Runden auf dem Kinderkarussell und bekam anschließend einen Berg voll Zuckerwatte, den er gleichmäßig auf seinem Gesicht verteilte. Überhaupt schien er großen Gefallen an dem bunten Treiben auf dem Trödelmarkt zu finden, beugte sich nach links und nach rechts aus seinem Buggy – der neueste Schrei auf dem Gebiet der Kleinkindbeförderung - und deutete lebhaft auf alles, was ihm ins Auge fiel, Bilder und Bücher und Uniformen und uralte Grammophone und Nähmaschinen, Felle und Indianerschmuck, Spielzeug und Puppen, Musikinstrumente und Standuhren: „Da! Da!“

Hingegen sank die Laune seines Vaters mit jeder weiteren Minute, die er sich mit dem Buggy einen Weg durch die Menschenmenge bahnen musste. Er drängte darauf, so bald wie möglich den Heimweg anzutreten, doch Lissi vertröstete ihn, weil sie noch unbedingt einen Gemüsehobel brauchte. Deshalb steuerte sie zielstrebig die Verkaufsstraße mit den Küchengeräten und Neuheiten an, gefolgt von einem leise murrenden Alois.

Hier war das Geschiebe des Publikums noch größer.

Natürlich blieb es nicht bei dem Kauf des Gemüsehobels. Die Vorführung eines mechanisch arbeitenden Mixquirls und auch die eines Fleckenmittels, das angeblich alle anderen Fleckenmittel ersetzte, fanden Lissis Gefallen und landeten in dem Netz, das auf der Rückseite des Buggys angebracht war. Erst als ein zufriedenes Lächeln um ihre Mundwinkel signalisierte, dass keine Wünsche mehr offen waren, gingen sie vor zur Straßenbahn, entlang der schmalen Stände, die auf dem Mariahilfplatz keine Berücksichtigung gefunden hatten und sich mit der halben Breite des Gehweges begnügten.

Zwischen zwei Ständen für Gewürze und Duftkissen trat eine ältere Frau mit Kopftuch - ihrem Aussehen nach vom Balkan stammend - auf sie zu und bot ihre Dienste als Wahrsagerin an: „Frau, Hand.“ Dabei zeigte sie auf Tobi und nickte aufmunternd. Lissi blickte die Frau zweifelnd an: „Geht das bei kleinen Kindern auch?“

Natürlich ginge das, sagte die Frau.

Lissi schaute zögernd zu Alois, der ebenfalls unschlüssig war und Zeit zu gewinnen versuchte, indem er die Frau fragte:

„Was verlangen S’ denn dafür?“

Die Frau schüttelte stolz den Kopf. „Egal. Was Sie geben.“

Lissi drehte ihrem Mann den Kopf zu und sagte ihm leise ins Ohr: „Gibst ihr halt fünf Mark.“

„Aber nur, wenn der Tobi sich das gefallen lässt, sonst nicht“, raunte er zurück. Damit war die Entscheidung gefallen. Tobi schaute die Frau mit großen Augen an, die ihm über die Wangen streichelte und dann seine Hand nahm, aber er zeigte keinerlei Angst und sträubte sich auch nicht, als die Wahrsagerin seine von Zuckerwatte verklebte linke Hand nahm und die Linien des kleinen Handtellers betrachtete, um ihm schließlich ein langes Leben, viele Kinder und eine strahlende Zukunft als Künstler zu prophezeien: „Sohn wird berühmt. Sehr berühmt.“ Als an der Ecke eine Fußstreife der Polizei auftauchte, nahm die Frau mit einem schnellen Griff Alois den Fünfmarkschein aus der Hand und wechselte die Straßenseite.

Die Begegnung mit der Wahrsagerin führte dazu, dass Alois und Lissi mit einem irrational wohligen Gefühl der Zuversicht, was die Zukunft ihres Sohnes betraf, in die Straßenbahn einstiegen.

„Meinst, die tät’ was anderes sagen als wie das?“, sagte Ertl senior kopfschüttelnd zu ihnen, als sie anderntags zum Kaffee kamen und die

Oma ihre himmlischen Apfelkücherl (mit Zimtzucker und gerösteten Mandelspitzen sowie ein wenig Holundersirup) auftischte.

„Das ist doch logisch, dass die nur was Gutes sagt. Für eine düstere Zukunft gibt doch kein Mensch ein Geld aus!“ Karl Ertl schien fast ein wenig aufgebracht zu sein über so viel Einfalt.

„Karl, was wissen wir schon, was es mit der Handleserei auf sich hat“, vermittelte seine Frau, „es hat schon immer Leut’ ’geben, die sich auf so was verstehen.“

„Ein Schmarr’n ist das“, bekräftigte der Opa seine ablehnende Haltung, „eine Wahrsagerin, die wo dir aus der Hand liest, oder noch schöner, in eine Kristallkugel nei’schaut, ja was kannst von der erwarten? Die verzählt dir alles, was du hören magst.“

„Kristallkugeln, da tät ich auch nix drauf geben“, warf Lissi ein, „aber die Linien in der Hand sagen schon was.“

„Ja was denn?“ fragte der Opa.

„Wie lang dass du lebst, Gesundheit, Beruf, Familie, da hat ein jedes seine Linie“, meinte sie.

„Nicht zu vergessen die Linie für die Dummheit, die hat ein jeder, der für so was ein Geld ’naushaut“, schimpfte Karl Ertl.

„Jetzt hörst aber auf, Karl“, wies ihn seine Frau zurecht, „wenn du Lotto spielst, ist das auch nicht viel gescheiter. Und da zahlst mehr.“

„Da kannst deine Chancen ausrechnen, beim Lotto“, blieb ihr Mann stur, „und zwar mathematisch, das kannst nicht vergleichen, Mama.“

Seit dem Tag, an dem die Ziehung der Lottozahlen erstmals im Fernsehen übertragen worden war, spielte er Lotto, jede Woche vier Zahlenfelder, in die er Zahlen eintrug, die für ihn eine persönliche Bedeutung hatten, wie etwa die Geburtstage von sich und seiner Frau, ihre Hausnummer, die 8 für die Münchner Postleitzahl sowie die Zahlenkombination seines Autokennzeichens, die er in zwei Ziffernpaare zerlegte. Das hatte einige Male zu drei und, selten, zu vier Richtigen gelangt. Mehr hatte Fortuna mit ihm offenbar nicht im Sinn. Das größte Glück für ihn bestand schließlich auch darin, dass er eine Frau hatte, die liebevoll und sanft und verträglich war und die außerdem wunderbar kochen konnte. Das wog jedes Lottoglück auf.

„Mama, wenn du eine Gastwirtschaft hättst, ich tät jeden Tag bei dir essen“, schwärmte er, wenn seine Frau einen Tafelspitz mit Kren oder eine selbstgemachte Schweinskopfsülze mit Bratkartoffeln oder eine Briesmilzwurst im Kalbsnetz auf den Tisch brachte.

„Das tust ja auch so, Karl“, sagte sie dann regelmäßig und freute sich, dass ihr Mann sie so lobte. Mit Lob war er ansonsten eher sparsam. An den Sonntagen kochte Katharina traditionell für die ganze Familie. Tobi fiel früh durch seinen gesegneten Appetit auf.

„Genau wie ich, wie ich klein gewesen bin“, sagte der Opa beifällig. „Wenn wir gegessen haben, hat mein Papa immer gesagt, der Bub frisst mir das letzte Haar vom Kopf. Dabei hat er längst schon keins mehr gehabt.“

Darüber konnte Karl Ertl immer noch herzhaft lachen. Die anderen kannten den Ausspruch von vielen Wiederholungen und lächelten mild.

Lissi hatte keine Probleme damit, dass ihre Kochkünste nicht an die der Schwiegermutter heranreichten. Sie war klug genug, sich gar nicht erst an ihre Rezepte heranzuwagen, schon weil sie der Gefahr entgehen wollte, sich einem Vergleich auszusetzen. Früher duldete Katharina auch niemanden neben sich in der Küche, aber das galt natürlich nicht für Tobi. Als er etwas größer war, schaute er der Oma beim Kochen interessiert zu und führte sogar kleine Arbeiten aus, sofern sie kein Messer erforderten. Unter Aufsicht der Oma durfte er in dem kleinen Kräutergarten hinter dem Haus Schnittlauch und Petersilie schneiden. Dafür hatte die Oma eine nicht mehr ganz so scharfe Schere.

„Oma, warum habt ihr keinen Hund mehr?“ fragte Tobi, dessen Aufmerksamkeit die gerahmten Fotos, die seine Großeltern mit einem Rauhaardackel zeigten, nicht entgangen waren.

„Weil wir die Resi haben einschläfern lassen müssen, wie sie so krank geworden ist. Danach wollten der Opa und ich keinen Hund mehr. Wir sind ja schon selber so alt, da weiß man nie, ob der Hund nicht länger lebt als wir“, erklärte die Oma.

„Den können wir ja dann in die Arcisstraße holen, wenn ihr tot seid, du und der Opa“, meinte er. Die Oma schüttelte lächelnd den Kopf. Sie erklärte ihm geduldig, wie viel Pflege, Aufmerksamkeit und Zuwendung ein Hund brauche, damit er sich wohl fühlt. Und weshalb sie es nicht gut fand, einen Hund in einer Mietwohnung in der Großstadt zu halten. Sie erzählte ihm auch, dass die Resi in ihrem letzten Lebensjahr eine schwere Macke bekam und es hasste, wenn sie im Auto unterwegs waren und ein anderes Auto sie überholte. Dann regte sich die Resi dermaßen auf, dass sie völlig hysterisch kläffte und ihre Zunge blau anlief. „Der Opa hat sich gar nicht mehr auf die Autobahn getraut, und in der Stadt sind wir möglichst nur noch einspurige Straßen gefahren.“

„Wenn ich mal groß bin“, sagte er, „dann krieg ich einen Hund, aber einen großen. Und dann fahr ich so schnell, dass mich keiner überholt.“

Die Oma lachte und strich ihm übers Haar. „Da wird dein Hunderl eine Freude haben, wenn du so rasant fährst. Den haut’s ja im Wagen umeinander!“

Er dachte kurz nach, dann sagte er: „Den kann ich auf dem Beifahrersitz festschnallen.“

„Mit was willst den denn festschnallen?“ fragte sie.

„Mit einem Sicherheitsgurt“, sagte er.

Die Oma zog erstaunt die Augenbrauen hoch: „Was, mit einem Sicherheitsgurt? So was hat der Opa aber nicht im Auto.“

„Doch, das gibt’s aber“, beharrte Tobi.

„Wart, ich frag den Opa.“

Er rannte in den Garten hinaus zu seinem Opa, der natürlich wusste, was ein Sicherheitsgurt war, obwohl er von so einer neumodischen Erfindung wenig hielt: „Ich brauch’ keinen. Eher bräuchtest du einen, wenn du so wild schaukelst!“ Tobi fand diese Vorstellung sehr lustig und sprang sofort auf seine Schaukel: „Opa, zieh!“

Das ließ sich der Opa nicht zweimal sagen, zog ihn an seinen Füßen zu sich heran und ließ ihn dann los. Bald hatte er genügend Schwung, um den Opa fast wieder mit seinen Füßen zu erreichen. Der wich dann jedes Mal zur Seite aus wie ein Torero dem Stier und rief „Olé!“ Davon konnte Tobi nicht genug bekommen. „Noch mal, Opa!“

Irgendwann musste der Opa eine neue Idee erfinden, weil ihm die Rolle des Toreros doch zu anstrengend wurde.

„Hab ich dir schon das Buch mit den alten Fotos von München gezeigt?“

„Ja!“

„Dann zeig ich dir jetzt ein anderes. Geh einmal mit.“

Der Opa, zeit seines Lebens ein überzeugter Royalist, hielt seinen Enkel für alt genug, um ihn in das König-Ludwig-Buch mit den kolorierten Illustrationen einzuführen. Von da an verstand Tobi, zumindest ungefähr, weshalb der Opa ein auf Holz gemaltes bayrisches Königswappen am Geräteschuppen angenagelt hatte, auf dem in gotischen Lettern KÖNIGREICH BAYERN stand.

3

Tobi zuckte zusammen, als die Blaskapelle mit großer Verve den Auftakt des Marsches „Hoch Wittelsbach!“ intonierte. Er stand wenige Meter ent

fernt von dem rechteckigen Podest, das ausreichend Platz bot für die dreizehn Musiker. Der Helmut stach ein wenig mit seiner Posaune hervor, nicht nur optisch. Der Auftritt in seinem Heimatort am Rande des Ammersees verleitete ihn dazu, aus sich und seinem Instrument das Letzte herauszuholen. Biermeiers Dirigierkünste, die dem Helmut fast flehentlich Zurückhaltung auferlegen wollten, liefen ins Leere. Instinktiv drückte sich Tobi an den Rock seiner Mutter, die hinter ihm stand. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten. Er schaute mit großen Augen zu seinem Vater, den er bisher nur zu Hause beim Üben erlebt hatte und den er nun zum ersten Mal spielen hörte mit dieser stattlichen Gruppe von Männern in Trachtenanzügen und mit komischen Hüten, deren Instrumente aus Messing in der Sonne blinkten. Das alles war für ihn neu und verwirrend. Er drehte den Kopf nach oben und lächelte seine Mutter unsicher an. Die erwiderte sein Lächeln, nickte ihm aufmunternd zu und bewegte seine Arme im Takt.

Nachdem die Musik geendet hatte, trat ein rotgesichtiger Mann an ein Pult mit Mikrofon und begrüßte die wichtigsten Gäste namentlich, vor allem den Landrat, der mit starkem Applaus bedacht wurde und geschmeichelt in die Runde nickte. Selbst der Ausflugsdampfer auf dem Ammersee schien den Beifall mit einem lang anhaltenden Tuten verstärken zu wollen. Den Sinn der Rede konnte Tobi nicht verstehen, dazu war er einfach noch zu klein. Er sah nur, dass der Mann offenbar stark fror, denn das Papier in seiner Hand zitterte heftig. Der Redner hob die Verdienste des Landrats um das kühne Projekt eines Heimatmuseums ausgiebig hervor, bis sein Blick in der Zeile verrutschte und er verzweifelt nach dem Anschluss suchte. In diese Pause hinein fragte Tobi laut und vernehmlich: „Können wir jetzt gehen, Mama?“

Die Umstehenden lachten, was der Redner auf sich bezog und ihn zu einer Entschuldigung veranlasste: „Ich hab das nicht geschrieben, das kannst ja kaum lesen, so klein ist das geschrieben.“

Dann hatte er die Zeile wieder gefunden und brachte seine Rede ohne weitere Hänger zu Ende.

Die Musiker blätterten noch einmal in ihren Noten.

„Heut ist doch Sonntag“, sagte Tobi, „da gehen wir doch immer zur Oma.“

„Gewiss fahren wir zur Oma, so wie der Papa fertig ist mit Spielen.“

Also geduldete er sich, bis die musikalische Umrahmung des Festaktes beendet war. Nach dem musikalischen Vortrag nahm Alois mit unverhohlenem Vaterstolz seinen Sohn auf den Arm und stellte ihn nacheinander seinen Musikerkollegen vor: „Das ist der Biermeier, schau her.“

„Und, hat dir die Musik gefallen?“ wollte der Biermeier wissen. Tobi nickte brav.

„Außer’m Biermeier sein’ Saxophon, gell?“ frotzelte Alois seinen Mitspieler. Weil Tobi die Frage nicht verstanden hatte, nickte er wieder lebhaft zustimmend.

„Tu du nur den Buben g’scheit aufhetzen“, ärgerte sich der Biermeier, „du tätst ihm besser ein Instrument kaufen, dass er beizeiten was lernt.“ Und konnte sich eine kleine Retourkutsche nicht verkneifen: „Sonst wird er mal so schlecht wie du.“

Als Helmut seine fleischige Pranke auf seinen Haarschopf legte und dabei dröhnend lachte, duckte er sich unwillkürlich an die Schulter seines Vaters. „Die zünftige Krachlederne hat er schon, Respekt“, orgelte Helmut mit seiner sonoren Bassstimme und zupfte an Tobis Lederhose, „so ist’s recht, Tobi, du wirst einmal einer von uns.“

Er war erleichtert, als sein Vater mit ihm weiterging.

„Hat der Tobi was gesagt, wie ihm die Musik gefallen hat?“ wollte Alois von Lissi wissen, als sie bei den Großeltern waren.

„Er fand’s glaub ich recht laut“, meinte sie, was er als Bestätigung dafür ansah, dass sein Sohn ein empfindsames Gehör hatte: „So dicht an einer Blaskapelle, das kann für einen musikalischen Menschen schon eine rechte Belastung sein, wenn er noch so klein ist.“

Er übersah dabei, dass dieselbe Situation auch für einen größeren Menschen belastend sein konnte, musikalisch gesehen.

„Ich tät sagen, er fängt einmal mit einer Blockflöte an“, sagte er, „was meinst, Lissi?“

Sie fand die Idee gut. Flöte spielen lernten die meisten Kinder leicht, und ein musikalisches Talent wie Tobi würde sicher schon zur nächsten Weihnacht O Tannenbaum auf der Blockflöte vortragen können. Mindestens.

Die Blockflöte kaufte Alois beim Hieber am Dom, in einem Etui aus Pappmaché. Der Verkäufer ermahnte nachdrücklich, die Blockflöte nach jedem Spiel ins Etui zurückzulegen: „Aber vorher trocknen“.

„Ich bin selbst Musiker. Trompete und Kornett.“ Er sagte das etwas unfreundlich.

„Dann kennen Sie sich ja aus“, lenkte der Verkäufer ein. „Brauchen Sie eine Lernfibel dazu? Da hätten wir was ganz Günstiges, damit lernen die Kinder spielend leicht.“

Die Lernfibel nahm er gleich dazu, und bald saß Tobi vor einem Schaubild, auf dem aufgemalt war, welche Löcher er zuhalten musste, um der Flöte verschiedene Töne zu entlocken.

„Der ist ja immer noch bei der Tonleiter“, wunderte sich Alois nach einiger Zeit, als er abends vom Hauptzollamt in der Landsbergerstraße, wo er als Zollobersekretär beschäftigt war, nach Hause kam. „So langsam dürfte er aber schon ein Stückerl zusammenbringen.“

Lissi hob ratlos die Schulter. An ihr läge es nicht, versicherte sie, sie halte ihn immer an, auf der Blockflöte zu üben, nur leider habe der Bub keine Geduld, schon gar nicht, wenn der Holzner Rudi an der Tür läute, dann sei Tobi nicht mehr zu halten und weg seien die beiden. Alois knöpfte sich seinen Sohn vor und sagte, natürlich dürfe er mit dem Holzner Rudi spielen, aber ein bisserl mehr Fleiß beim Üben auf der Blockflöte würden seine Eltern schon erwarten, und nicht nur die: „Was meinst, wie enttäuscht die Oma und der Opa sind, wenn die an Weihnachten sagen, Tobi, geh her, spiel einmal ein Weihnachtslied auf der Blockflöte, und du kannst nicht ein einziges?“

„Die Oma und der Opa haben doch die Schallplatte“, sagte er und schaute seinen Vater dabei treuherzig an, „da sind die ganzen Weihnachtslieder drauf.“

„Eine Schallplatte, das ist ja was anderes“, sagte sein Vater, „was ganz was anderes ist das, eine Schallplatte. Wenn man Musiker in der Familie hat, dann zählt das viel mehr als wie eine Schallplatte. Genau.“

„Dann kannst ja du wieder spielen, Papa“, sagte er fröhlich, „du brauchst es ja nicht mehr lernen.“

Alois schüttelte den Kopf, bevor er ein letztes Argument vortrug: „Die Oma und der Opa erwarten aber, dass du was spielst. Von einem Enkelkind ein Weihnachtslied vorgetragen zu bekommen, das ist schöner als vom Papa - als vom Sohn mein ich, also von mir. Verstehst das nicht?“

„Doch, Papa“, sagte er, „aber g’scheiter wär’s, wenn du spielen tätst. Weil die Mama hat gesagt, Weihnachten ist schon recht bald.“

Sein Interesse an Weihnachten richtete sich auf andere Dinge als auf Weihnachtslieder. Ganz oben auf seinem handgeschriebenen Wunschzettel stand, dick unterstrichen: Auto mit Fernlenkung. Dahinter in großen Druckbuchstaben FERRARRI, was zwar nicht korrekt geschrieben war, aber eindeutig. Er besaß bereits ein Kartenquartett mit den schnellsten Sportwagen der Welt, außerdem drei Modellautos sowie ein Poster von einem Rallyeauto, das zwei Meter über der Straße durch die Luft flog. Woher seine Leidenschaft für Autos rührte, wusste sich in der Familie niemand zu erklären. An den Fahrkünsten seines Vaters, der einen Ford Escort fuhr, konnte es nicht gelegen haben. Hingegen war Alois durchaus der Auslöser von Tobis Fußballbegeisterung, seit er ihn zu einem Spiel ins Olympiastadion mitgenommen hatte, in das der FC Bayern nach den Olympischen Spielen umgezogen war. Deshalb stand an zweiter Stelle auf seinem Wunschzettel ein Fußballtrikot mit dem Namen seines Lieblingsspielers, Gerd Müller. Fußballschuhe hatte er schon.

Obgleich vom Glauben ans Christkind noch nicht gänzlich abgefallen, hatte er seine Eltern im Verdacht, an dem silbrigen Läuten des Glöckchens und der nachfolgenden Bescherung nicht unbeteiligt zu sein, nachdem er durch das Schlüsselloch beobachtet hatte, wie seine Mutter mit Geschenken bepackt vom elterlichen Schlafzimmer ins Wohnzimmer ging. Auch der Rudi, der ein knappes Jahr älter war, hielt die jährlich wiederkehrende Behauptung seiner Eltern, das Christkind sei Sekunden vor der Bescherung durch das geöffnete Wohnzimmerfenster davongeflogen, für Schwindel: „Ich hab extra aus dem Fenster rausgeschaut und dann hätt’ ich’s ja sehen müssen. Also!“

Die Oma legte die Schallplatte mit den Weihnachtsliedern auf und nahm Tobi liebevoll in den Arm, während sein Vater eine Entschuldigung vorbrachte, weshalb es noch nicht zu einem Ständchen auf der Blockflöte reichte, und fügte fast schon resignierend hinzu: „Der Bub müsst’ halt fleißiger üben.“

„Lasst’s ihm ein bisserl Zeit“, sagte die Oma, „ich hab als Kind Mandoline lernen müssen, das ist mir auch nicht leicht gefallen.“

Und dann, wie an jedem Weihnachtsfest, holte Alois seine Trompete hervor und spielte „Stille Nacht, heilige Nacht“, fehlerfrei natürlich, und den hochgezogenen Ton am Ende der Textzeile „Christ, der Retter ist da-haaaaaaa“ hielt er länger als die anderen ihn singen konnten.

Die Lissi verbarg ihren Schmerz darüber, dass ihre Eltern nicht mehr lebten, was ihr an Weihnachten schwerer fiel als im übrigen Jahr. Ihr Vater war früh gestorben, und auch ihre Mutter, die noch einmal geheiratet hatte und mit ihrem neuen Mann nach Kanada gezogen war, wurde nicht alt, ein Bergunfall kostete sie das Leben. Zu dem Stiefvater, ein Elektroingenieur, hatte Lissi keinen Kontakt. Nach ihrer letzten Begegnung in Vancouver anlässlich der Beisetzung der Mutter hatte sie ihm Briefe geschrieben, die der Elektroingenieur nie beantwortet hatte. Irgendwann gab sie ihre Bemühungen auf. Die Erinnerungsstücke an ihre Eltern bewahrte sie in einem Ikea-Korb auf: Photoalben, Briefe, das Familienstammbuch sowie Bilder, die sie als Kind für die Eltern gemalt hatte. Sie brachte es bis heute nicht fertig, den Schmuck, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte, selbst zu tragen. Es war ihr aber ein Trost, dass sie eine patente Schwiegermutter hatte, und selbst der ewig grantelnde Schwiegervater war ihr ans Herz gewachsen.

Als Tobi das Geschenk mit dem Ferrari auspackte, leuchteten seine Augen, und seine Bäckchen wurden rot vor Aufregung. Der Ferrari übertraf alles, was er je an Geschenken bekommen hatte, und dieser hier, den er jetzt voller Stolz in den Händen hielt, hatte sogar einen Rückwärtsgang! Die übrigen Gaben standen weit im Schatten des wahr gewordenen Ferrari-Traums, selbst das neue Fußballtrikot und der Fan-Schal vom FC Bayern München konnten da nicht mithalten.

Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags wurde er in aller Frühe wach, und für einen Moment befielen ihn bange Zweifel, der Ferrari sei vielleicht nur ein Leihwagen gewesen und schon wieder weg, aber natürlich war er immer noch da, sein Wahnsinns-Ferrari, in diesem prächtigen, satten Rot mit dem springenden Pferd im Wappen und den asphaltschwarzen Reifen.

Er lenkte mit wachsender Begeisterung das Spielzeugauto um Sessel und Tischbeine und Weihnachtsbaum, den der Opa wie in jedem Jahr mit Lametta behängt hatte, Faden für Faden.

„Wennsd’ die Fäden nicht einzeln aufhängst, hast nachher lauter Lamettawürschtl, das schaut gar nicht gut aus“, erklärte der Opa seinem Enkel. Bald ging den Batterien vom Ferrari der Saft aus, aber Tobi hatte Glück, weil der Opa noch neue in einer Schublade seines Werkzeugschranks hatte, die passten.

4

Auf dem Weg zur Grundschule in der Türkenstraße läutete Tobi zweimal kurz, einmal lang bei Holzner, dann kam der Rudi, von der Natur mit roten Pausbacken und Segelohren bedacht, in großen Bocksprüngen die Treppe herunter, wenn er nicht bereits vor der Haustür wartete. Als Banknachbarn hatte sie die Lehrerin nicht geduldet, weil sie beide zuviel miteinander schwätzten. Durch die Sitztrennung wurden die schulischen Leistungen vom Rudi geringfügig schlechter, da ihn der neue Banknachbar nicht abschreiben ließ, während Tobi gute Noten schrieb, ohne zu glänzen. Sooft Alois und Lissi in die Elternsprechstunde kamen, hob die Lehrerin gerne hervor, wie vorbildlich sich ihr Sohn in die Klassengemeinschaft einbringe, und sie schloss regelmäßig mit dem Satz: „Den Tobi mögen wir alle sehr gern, er ist fleißig und freundlich, da dürfen Sie wirklich zufrieden sein.“

Die Beurteilung wurde sogleich den Großeltern mitgeteilt, die ihrerseits nichts anderes erwartet hatten. Schließlich brachte der Bub die besten Voraussetzungen mit, wuchs er doch im Schoß seiner liebevollen Familie auf, die ihn nicht verhätschelte, aber schützend unter ihre Fittiche nahm, die ihm freien Raum zur Entfaltung gewährte, aber Grenzen setzte, und die ihren Erfahrungsschatz zweier Generationen an ihn weitergab, ohne ihm Vorschriften zu machen. Seine Eltern fanden sich sogar damit ab, keinen berühmten Musiker in die Welt gesetzt zu haben. Sie hatten - nach der Blockflöte - noch zwei weitere Versuche gestartet, ihn an Instrumenten ausbilden zu lassen, aber weder die Klarinette noch das diatonische Knopfakkordeon stießen bei ihm auf Gegenliebe. Das Akkordeon, eine Leihgabe eines Vetters von Lissi, gaben sie nach wenigen Unterrichtsstunden zurück, weil der Musiklehrer meinte, das Geld für den Unterricht sei woanders besser angelegt. Die Klarinette hingegen verblieb im Familienbesitz, und es dauerte ziemlich lange, bis Lissi und Alois herausfanden, dass ihr Sohn aus einem akuten Geldbedarf heraus die Klarinette verhökert und an ihrer Stelle eine Spielzeugklarinette aus Plastik in das Futteral gelegt hatte. Deswegen liebten sie ihn nicht weniger, und die Oma konnte sogar herzlich darüber lachen.

Die Vorhaltungen des Kollegen Biermeier, für die Musikerkarriere seines Sohnes nicht energisch genug gekämpft zu haben, nahm Alois gelassen.

„Bei manchen geht der Knoten auch später noch auf“, sagte er zum Biermeier. „Und wenn nicht, dann hat’s halt nicht sein sollen.“ Der Biermeier winkte verächtlich ab und schaute in eine andere Richtung.

Auch Lissi grämte sich wenig darüber, kein musikalisches Wunderkind in die Welt gesetzt zu haben. Da war es ihr schon weitaus lieber, dass ihr Sohn mit großer Begeisterung ihre meist sonntäglichen Bergtouren begleitete. Innerhalb weniger Jahre hatte er die beliebtesten Wanderrouten auf den einschlägigen Münchner Hausbergen und im angrenzenden Tiroler Kaisergebirge kennengelernt, einmal sogar, für ein verlängertes Wochenende im September, einen märchenhaft verzauberten Wanderweg im Südtiroler Pfossental, wo er zum ersten Mal in seinem jungen Leben einen Steinbock in freier Natur zu sehen bekam.

Dass aus ihm kein Skifahrer wurde, lag daran, dass seine Eltern schon vor seiner Geburt das Skifahren aufgegeben hatten. Alois hatte nach einem Kreuzbandriss, den er bei einem Skiunfall im Tiefschnee erlitten hatte, dem Vergnügen auf zwei Brettern abgeschworen.

Dennoch bot Lissi ihrem Sohn an, er könne jederzeit einen Skikurs belegen: „Du kannst es ja mal ausprobieren, ob’s dir Spaß macht. Die Skier und das alles kannst ja erst einmal ausleihen.“

Er zog seine Mundwinkel nach unten. „Ich weiß nicht. Höchstens wenn der Rudi mitfahren tät.“

Aber der Rudi durfte nicht. Die offizielle Begründung seiner Eltern lautete, Skifahren sei viel zu gefährlich. Ehrlicherweise hätten die Holzners sagen müssen: „Der Spaß ist uns zu teuer.“

Nachmittags, wenn die Hausaufgaben erledigt waren, worauf Lissi achtete, bolzte Tobi mit seinem Freund Rudi im Hinterhof des Hauses, in dem die Holzners in einer Dreizimmerwohnung zur Miete wohnten. Das ging eine Zeitlang gut. Dann schoss Tobi alias Gerd Müller einen Ball, den Rudi alias Petar Radenkovic unglücklich abfälschte, ausgerechnet in die Fensterscheibe der Hausmeisterwohnung. Der Hausmeister kam wutentbrannt aus dem Haus gestürmt (und er war in diesem Moment besonders wütend, weil er sich mitten in einem Streit mit seiner Frau befand, die ihm draufgekommen war, dass er in letzter Zeit auffällig oft in der Wohnung der alleinstehenden Frau Klett im 4. Stock zu tun hatte).

Natürlich griff sich der Hausmeister als ersten den Rudi und packte ihn wenig zimperlich an einem der arg abstehenden Ohren, worauf der Rudi einen anhaltenden Klagelaut von sich gab. Tobi trat entschlossen vor und sagte dem Hausmeister, er habe den Ball geschossen und dass er die Fensterscheibe bezahlen würde. Deshalb ließ der Hausmeister den Rudi aber

nicht los. Erst als die Frau Holzner von oben herunter schrie: „Lassen Sie sofort meinen Sohn los!“, gab der Hausmeister das bereits rot angelaufene Ohr des Delinquenten frei und zeigte anklagend auf die zerbrochene Scheibe: „Die Scheiben ham’s mir zerdeppert, die Hundsbuben, ja muss man sich denn alles gefallen lassen? Dabei wissen s’ genau, dass das verboten ist, Fußball spielen im Hof! Wer hat jetzt die Scherereien? Ich!“

„Wenn Sie noch einmal den Rudi anfassen, dann meld ich das der Hausverwaltung. Sie haben schon immer was gegen Kinder gehabt, das weiß ein jeder im Haus!“ plärrte Frau Holzner von oben herunter.

„Und was steht in der Hausordnung?“ bellte der Hausmeister nach oben. „Ball spielen im Hof verboten. Aber das stört ja Leute wie Sie nicht. Bagasch!“

Während die beiden Erwachsenen weiter stritten, verdrückten sich die Buben unauffällig vom Hof. Von da an hatten sie striktes Bolzverbot im Hof und wichen auf den kleinen umzäunten Sportplatz am Rande des Kinderspielplatzes an der Tengstraße aus, gleich gegenüber der Josephskirche, wenn nicht gerade die größeren Jungen den Platz beanspruchten und mit knappen, herrischen Gesten die kleineren verscheuchten. Später versuchte sich Tobi in der Jugendmannschaft des FC Bayern, aber nicht sehr lange, dann war es Lissi leid, ihren Sohn zum regelmäßigen Training zu fahren und fürs Zu-spät-Kommen vom Jugendtrainer „blöd angeredet“ zu werden, wie sie Alois sagte. Denn die Chauffeursdienste überschnitten sich zeitlich mit Lissis Halbtagsjob als Verkäuferin in einem Lederwarengeschäft in der Hohenzollernstraße.

Tobi schien sogar erleichtert, der Disziplin des Mannschaftssports entronnen zu sein. Fußball machte ihm nämlich ohne seinen Freund Rudi deutlich weniger Spaß. Den ließen seine Eltern schon deshalb nicht zu den Bayern, weil der Vater vom Rudi ein eingefleischter Fan des Lokalrivalen TSV 1860 München war. Die Rivalität zwischen den Blauen und den Roten, von den Buben eher spielerisch ausgetragen, behandelten ihre Väter als existenzielle Glaubensfrage. Seit sie in einer Kneipe in der Agnesstraße einen hitzigen Disput über die Qualitäten ihrer Klubs ausgetragen hatten, hielten sie sich gegenseitig für ausgemachte Idioten.

„Was kannst von einem Gelbfüßler viel anders erwarten“, schloss Alois resigniert, als er Lissi von dem Wortgefecht berichtet hatte, und meinte damit den Holzner, der als Briefträger in der Agnes-Post arbeitete.

Der frisch ausgehobene, tiefe Graben zwischen den beiden Vätern führte zu einer höchst unerfreulichen Konsequenz für ihre Sprösslinge. Galt es bereits als fest verabredet, dass der Rudi mit den Ertls in den Sommerferien nach Jesolo fahren durfte, legte sich der alte Holzner plötzlich quer und strich seinem Sohn die Ferienreise, auf die sich Tobi und Rudi mächtig gefreut hatten, schon weil sie in einem eigenen Zelt hätten campieren dürfen. Weder das Weinen seines Sprösslings noch die Fürsprache seiner Frau, an die sich Tobi mit einem herzerweichenden „Bittebittebitte, Frau Holzner, lassen Sie den Rudi mitfahren“ gewandt hatte, konnten den Holzner von seinem harten Verdikt abbringen.

„Mit solchen Leuten fährt mein Bub nicht mit! Da erkennst am End’ dein Kind nicht wieder, wenn sie es dir zurückbringen. Ja so ein rotes Gesindel! Aber nicht mit mir!“

Es brauchte mehrere Halbe Bier, bis sich der Holzner wieder einigermaßen beruhigt hatte.

5

Die Realschule in der Wilhelmstraße brachte der Rudi nicht zu Ende. Er wurde nach der siebten Klasse nicht versetzt, und nach der neunten ging er ab, bevor er ein weiteres Mal sitzen geblieben wäre. Dabei war er nicht einmal übermäßig faul oder begriffsstutzig. Ihm mangelte es einfach an Interesse für den Unterricht, und wenn man von Sport und Religion absah, setzte es nur miserable Noten. Besonders das Unterrichtsfach Deutsch war ihm verhasst, zum einen, weil er nicht einsah, weshalb er Texte lesen sollte, die ihn zu Tode langweilten, zum anderen, weil sein Deutschlehrer Dr. Kramer - der es nie verwunden hatte, als promovierter Germanist lediglich zweiter Mann an einer Realschule und ohne Chance auf einen Schulleiterposten zu sein - keine Gelegenheit ausließ, ihn vor der ganzen Klasse herabzusetzen, ja sogar zu beleidigen.

„Geh doch auf den Bau, du Faschingsgesicht“, hatte Dr. Kramer zu Rudi gesagt, als der wieder einmal jede Antwort verweigert hatte, diesmal auf die Frage, wer in Schillers „Glocke“ mit dem „schwarzen Fürst der Schatten“ gemeint war. Von hinten raunte ihm Tobi zu: „Der Tod!“ Obwohl er seinen Freund genau verstanden hatte, schwieg Rudi. Er presste die Lippen aufeinander, aus Furcht, mit dem Öffnen des Mundes eine verwundbare Stelle seines inneren Panzers zu entblößen.

Dr. Kramer hatte höhnisch genickt und nach einer längeren Zeit des Schweigens gesagt: „Mülleimer, Deckel drauf.“

„Das tät ich meinen Eltern sagen“, empörte sich Tobi auf dem Heimweg über die Schmähungen des Deutschlehrers, „das brauchst dir nicht gefallen lassen.“

„Pah“, tat Rudi verächtlich ab, „das ist doch mir wurscht, was der sagt.“ In Wirklichkeit war es ihm keineswegs wurscht, weil sein innerer

Panzer ja nur auf einer Einbildung beruhte, und deshalb tat es ihm weh, richtig weh, vor der ganzen Klasse erniedrigt zu werden, ohne sich dagegen wehren zu können. Denn er wusste nur zu genau, dass sich seine Eltern eher auf die Seite des Lehrers schlugen als sich mit ihm anzulegen.

Deshalb atmete er befreit auf, als die Schule für ihn zu Ende war, und dass er keinen Abschluss hatte, war ihm ziemlich egal. Auch dass seine Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz der Reihe nach abgelehnt wurden, bereitete ihm kein Kopfzerbrechen. Irgendwann würde schon was daherkommen, meinte er.

Der Freundschaft mit Tobi tat die schulische Veränderung keinen Abbruch, sie sahen sich jetzt halt seltener. Fußball spielten sie nur noch, wenn sie im Sommer ins Floriansmühlbad radelten, am Rande der Liegewiese und so dicht wie möglich im Blickfeld der jugendlichen Bikini-Schönheiten. Wenn es darum ging, den Badenixen zu imponieren, sprangen sie auch schon mal mit Anlauf kopfüber in den angrenzenden Schwabinger Bach. Sie ließen sich ein paar Meter von der Strömung treiben, bevor sie sich aus dem Wasser zogen und zu den Mädchen hinüberschauten, ob die ihre Sprungkünste auch gebührend würdigten.

„Hast gesehen, die mit den Locken hat zu mir hergeschaut“, sagte Rudi, während sie zu ihren Handtüchern gingen. „Mei, ist das eine Schnecke.“

Wenn Rudi von Mädchen sprach, benutzte er gerne den Ausdruck „Schnecken“. Der in München gebräuchlichere Ausdruck „Hasen“ gefiel ihm schon deshalb nicht, weil die Holzners lange Zeit eine Stallhäsin namens Elsi hatten, die auf ungeklärte Weise verschwand. Seine drängenden Fragen nach den Hintergründen des plötzlichen Verschwindens von Elsi konnten oder wollten seine Eltern nicht beantworten.

„Welche? Die Rothaarige?“ fragte Tobi.

„Logisch die Rothaarige. Die wär’ exakt meine Kragenweite“, sagte Rudi genießerisch.

„Ich weiß nicht“, zweifelte Tobi, „ich mein eher, dass die zu mir geschaut hat.“

„Seit wann stehst denn du auf Rot“, trumpfte Rudi auf, „das wär ja was ganz was Neues.“

Tobi rieb sich mit seinem Handtuch den Oberkörper trocken. „Ich hab nicht gesagt, dass ich auf sie steh, ich hab bloß gesagt, dass die zu mir hergeschaut hat“, stellte er klar.

„Du kannst sie ja mal fragen“, sagte Rudi kühl, „aber das traust dich eh nicht.“

„Frag sie doch du“, konterte Tobi.

„Warum ich? Ich hab ja gesehen, wie sie zu mir geschaut hat.“

Langsam drohte das Klima zwischen den beiden Freunden frostiger zu werden.

„Vielleicht hast du dir das bloß eingebildet“, legte Tobi nach.

„Ich weiß nicht, wer von uns mehr eingebildet ist, aber so interessant wie du glaubst, bist du auch wieder nicht“, lederte Rudi zurück.

Jetzt fühlte sich Tobi herausgefordert.

„Das werden wir gleich haben“, sagte er entschlossen, legte sich lässig sein Handtuch um den Hals und ging zu der Rothaarigen hinüber.

„Ist was?“ fragte die sofort und mit einer gehörigen Portion Angriffslust in der Stimme, bevor er auch nur eine Silbe hervorgebracht hatte.

Derart überrumpelt, druckste er herum: „Hast du vielleicht…. ich mein, ist es möglich, dass du...ähh..“

„Nein, das ist nicht möglich“, feixte das Mädchen und erzielte damit einen ungeahnten Heiterkeitserfolg bei ihren Freundinnen, die sich vor Lachen kringelten. Er schaute finster auf die giggelnden Mädchen, dann sagte er entschlossen: „Aber du hast doch eben zu mir herübergeschaut, wie ich aus dem Wasser gestiegen bin, oder?“

„Zu diiiir?“ Die Rothaarige schnitt eine Grimasse. Ihre Freundinnen wälzten sich prustend auf ihren Badetüchern.

Er blickte unschlüssig zu Rudi hinüber.

„Oder vielleicht zu ihm? Das ist nämlich der Rudi.“

„Vielleicht ganz bestimmt nicht“, sagte die Rothaarige, „nicht zu dir und nicht zu deinem Rudi. Weil ihr mir viel zu jung seid, dass ihr’s wisst.“

Ihre Freundinnen quietschten vor Vergnügen. Er trottete gedemütigt zu Rudi zurück.

„Komm, wir gehen“, sagte Tobi.

„Was ist mit ihr?“, fragte Rudi.

„Sie sagt, sie hätt’ gar nicht geschaut. Zu dir nicht und zu mir auch nicht. Mir wären ihr zu jung, hat sie gesagt.“

„Aha, sauber. Die blöde Geiß steht auf alte Knacker.“

„Wahrscheinlich wegen dem Geld“, sagte Tobi verdrossen.

„Des is’ ja des“, seufzte Rudi. Tobi fiel auf, dass der Rudi neuerdings häufiger sagte: „Des is’ ja des.“

Sie verließen das Floriansmühlbad in der stillen Gewissheit, dass die Rothaarige es nicht geschafft hatte, einen Keil zwischen sie zu treiben. Einen unbedeutenden Rest an Verstimmung spülten die gischtigen, graubraunen Strudel des Schwabinger Bachs hinweg.

Im letzten Jahr vor seinem Realschulabschluss ließen Tobis Leistungen in der Schule etwas nach, im Fach Mathematik deutlich. Am liebsten hätte er die Schule geschmissen, so verleidet war ihm der Unterricht.

„Siehst es ja am Rudi, wie es ist, wennst keinen Schulabschluss hast“, mahnte Alois, „der findet nicht einmal eine Lehrstelle.“

„Der Rudi will ja gar keine“, sagte Tobi.

„Und du? Willst du auch keine? Glaubst du, die nehmen dich bei einer Behörde, wenn du keinen Abschluss hast?“ fragte Alois.

„Was für eine Behörde?“ gab Tobi zurück.

„Tobi, du brauchst einen Abschluss, ganz wurscht, wo du anfängst“, sagte Lissi.

Alois wurde nun konkreter: „Wennst beim Zoll - “

„ Oder bei der Sparkasse“, sagte Lissi schnell.

„Genau. Da brauchst überall einen Abschluss“, fuhr Alois fort.

„Mit meinen Noten nimmt mich sowieso keiner“, klagte Tobi.

„Du bist doch nur in Mathe unterm Schnitt. Wennst eine Nachhilfe in Mathematik brauchst, dann kriegst eben eine Nachhilfe. Der Abtreiter Ludwig hat schon gesagt, er tät’s machen.“

„Es ist doch nur noch ein Jahr“, sagte Lissi, „das wirst schon noch packen.“

Der Ludwig Abtreiter wohnte um die Ecke in der Georgenstraße, war drei Jahre älter als er und besuchte das Gisela-Gymnasium. Ludwig kam von nun zweimal die Woche zum Nachhilfeunterricht und brachte es in seiner ruhigen, geduldigen Art tatsächlich fertig, Tobi den Goldenen Schnitt zu erklären oder Übungsaufgaben zu quadratischen Gleichungen. Das verhalf ihm schließlich zu einer glatten „3“ in Mathematik.

„Warum nicht gleich so?“ sagte sein Mathematiklehrer.

„Weil ich bei Ihnen nix verstanden hab“, hätte Tobi am liebsten gesagt, aber dann sagte er nur: „Ich hab einen Nachhilfelehrer gehabt.“

„Na also“, sagte der Mathelehrer.

Seine eigenen Lebensumstände und die seiner Familie fand Alois Ertl, nun ja, angemessen. Wenn er sein Leben bespiegelte, so kam er immer zu dem befriedigenden Ergebnis, es insgesamt gut getroffen zu haben. Er gehörte nicht zu den Menschen, die in ihren Tagträumen heimliche Karrieren, unverhoffte Erbschaften oder obskuren Ruhm herbeisehnten, im Gegenteil, er war mit sich und der Welt zufrieden, um so mehr, als er sich in gesicherter beruflicher Position wusste, aus der ihn niemand aushebeln könnte, es sei denn, es geschähen Dinge, die die Weltordnung auf den Kopf stellten, wie etwa eine Revolution in Deutschland oder der Einmarsch russischer Truppen in die bayrische Landeshauptstadt. Die Wahrscheinlichkeit solcher Szenarien hätte er als verschwindend gering eingestuft. Schließlich wusste er, wer im Land das Sagen hatte, und auf die Regierung war Verlass. Für den Ministerpräsidenten empfand er gar Bewunderung. Auch die andere stabile Säule im Freistaat, die katholische Kirche, schätzte er als himmlisches Bollwerk gegen Anfeindungen mancher Art, obwohl er und seine Frau keine Kirchgänger waren, wie übrigens seine Eltern auch nicht.

Es lag nahe, dass er seinen Sohn in eine Welt entlassen wollte, deren Koordinaten im Wesentlichen denen entsprachen, die er selber zu schätzen gelernt hatte, Dinge wie eine unkündbare Stellung, materielle Sicherheit, familiäre Geborgenheit, erfüllte Freizeit. Denn auch wenn ihn keine Ängste oder Zweifel plagten, was seine eigene Zukunft betraf, so wusste er doch, welchen Gefahren die Jugend ausgesetzt war, und wie das sogenannte Böse weltweit seine Klauen nach unschuldigen, naiven jungen Menschen ausstreckte. Man hätte von ihm schlicht zu viel verlangt, der Frage nachzugehen, ob es das Böse als solches überhaupt gab. Da hätte er nicht lange nachgedacht, mit einem „ja freilich“ geantwortet und auf die vielen abschreckenden Beispiele verwiesen, über die man nahezu täglich lesen konnte oder die im Fernsehen gezeigt wurden, seien es die von ganz unten aus der Gosse oder jene aus der Glitzerwelt der Reichen, zumeist jüngere Menschen, die in einem Sumpf von Sex, Alkohol und Drogen unterzugehen drohten. Aber wen schreckten sie beispielhaft ab? Selbst ein einfacher, anständiger Junge wie Tobi war nicht davor gefeit, dem Bösen in die Hände zu geraten. Verführer lauerten überall. Um so mehr wünschte er sich, Tobi möge in seine Fußstapfen treten. Wer beim Zoll früh lernte, Verantwortung zu übernehmen, der stand schnell gefestigt im Leben, das wusste er aus eigener Erfahrung. Wie chancenreich eine Bewerbung seines Sohnes beim Zoll wäre, darüber hatte er auch schon mit dem Personalsachbearbeiter im Hauptzollamt gesprochen, Huber.

Tobi zeigte nicht die geringste Begeisterung, als sein Vater ihm die Vorzüge des Mittleren Dienstes beim Zoll anpries.

„Sportlich bist ja, die Zusatzausbildung im Sport schaffst du locker“, sagte Alois. Lissi spürte sofort, dass ihr Mann völlig umsonst an ihren Sohn hinredete.

„Der Tobi hat überhaupt keine Lust auf den Zoll“, sagte Lissi, als ihr Sohn die Wohnung verlassen hatte, um sich mit Rudi zu treffen.

„Warum sagt er’s dann nicht frei heraus?“ wollte Alois wissen.

„Vielleicht meint er, dass er dich damit verletzt. Er merkt doch, dass du das willst, dass er zum Zoll geht.“

„Wegen mir braucht er nicht zum Zoll gehen“, sagte er leicht eingeschnappt, „aber er wird schon noch merken, dass es gar nicht so leicht ist, eine Ausbildungsstelle in der freien Wirtschaft zu finden. Gleich gar nicht so was Sicheres wie den Zoll. Weil den Zoll, den wird’s ewig geben.“

Rudi lachte verächtlich, als Tobi ihm von dem Wunsch seines Vaters erzählte, er möge eine Zolllaufbahn einschlagen.

„Haben Sie was zum Verzollen? Zigaretten? Kaffee? Ja dann machen Sie einmal den Kofferraum auf“, lästerte Rudi, der sich nicht mehr rasierte. Mehr als Flaum wuchs ihm allerdings noch nicht im Gesicht.

„Die arbeiten ja nicht alle an der Grenze“, stellte Tobi richtig, „da gibt’s einen Haufen andere Arbeit auch, beim Zoll. Mein Papa, der macht Genehmigungen, Einfuhr, Ausfuhr, so was halt.“

„Wurscht, da täten mich keine zehn Pferde hinbringen“, sagte Rudi.

„Mich auch nicht“, beeilte sich Tobi zu versichern.

Sie winkelten ihre Arme an, klatschten sich ab und drückten ihre rechten Schultern gegeneinander. Das war seit Neuestem ihre ganz persönliche Freundschaftsgeste, die sie sich aus einem amerikanischen Gangsterfilm abgeschaut hatten.

Sie fuhren mit ihren Rädern durch den Englischen Garten zum Monopteros, wo eigentlich immer was los war. Hier trafen sich hübsche Mädchen, barfüßige Freizeitjongleure, die Keulen in die Luft warfen, Gitarrenspieler, Bongo-Trommler; Frisbee-Scheiben flogen durch die Luft, unbeachtet von in sich versunkenen Yoga-Anhängern; nicht selten waberten Gerüche von Haschisch und Marihuana über der abschüssigen Wiese. Manchmal tauchte die Polizei auf - Uniformierte oder Zivilfahnder, Fußstreifen oder Berittene -, deren vornehmliches Interesse den Ameisendealern galt. Erst neulich hatten sie eine Festnahme mit eigenen Augen verfolgt. Zwei Dealer mussten eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen und wurden anschließend in einem VW-Bus mitgenommen. Die Festnahme von Drogenhändlern hätten sich Tobi und Rudi aufregender vorgestellt.

Rudi hatte wiederholt seine Sympathie mit dem Monopteros-Völkchen bekundet, dessen ungebundene Art zu leben seinen Vorstellungen von Freiheit sehr nahe kam. An Haschisch war er noch nicht herangekommen, jedenfalls bisher nicht.

„Wenn ich ein Geld habe, probier ich das auch, Haschisch“, kündigte er an und sog den Rauch seiner Zigarette tief ein. Seit einigen Wochen rauchte er Selbstgedrehte. Tobi war es bei frühen Rauchversuchen schwindlig im Kopf geworden, seitdem hatte er die Finger davon gelassen.

„Woher magst du ein Geld für Haschisch nehmen?“, fragte Tobi, „du hast ja nicht einmal das Geld, was ein Lehrling hat.“

„Einen Job krieg ich auch so“, meinte Rudi verdrießlich, „da hab ich mehr als wie jeder Lehrling.“

„Aber hinterher verdien’ ich mehr“, sagte Tobi, „wenn ich mit der Lehre fertig bin.“

Er verriet Rudi, dass er entschlossen war, Koch zu werden. Der Mann von der Berufsberatung hatte ihn ausdrücklich dazu ermutigt, nachdem Tobi ihm geschildert hatte, wie er schon als kleiner Bub mit großer Begeisterung der Oma in der Küche geholfen hatte.

„Ich weiß nicht, ein Koch“, sagte Rudi in abfälligem Ton, „da musst viel arbeiten und kriegst nicht einmal ein Trinkgeld. Da tät ich schon lieber auf Kellner machen.“

Von solchen Äußerungen ließ sich Tobi nicht beirren. Er hatte ein längeres Gespräch mit dem Berufsberater geführt, der ihm gesagt hatte, auf was es bei einem Koch ankäme: „Teamfähigkeit, Kreativität, Ausdauer.“ Der Berufsberater gab ihm noch Tipps für entsprechende Bewerbungsschreiben und legte ihm schließlich ans Herz: „Wenn Sie sich irgendwo bei einem Arbeitgeber vorstellen, schauen Sie zu, dass Sie geduscht und sauber angezogen sind. Und gehen Sie am besten vorher zum Friseur!“

Seinen Eltern sagte er vorläufig nichts von seinen Plänen. Denn wie Lissi völlig zu Recht vermutet hatte, fürchtete er, seinen Vater zu kränken, wenn er nicht zum Zoll ginge.

„So, am Monopteros seids gewesen“, sagte die Oma neugierig, „da waren wir schon lange nicht mehr, der Opa und ich.“

Tobi erzählte, wie bunt und unbeschwert es dort zuging.

„Der Monopteros“, sagte sein Opa, „das ist der Feldherrenhügel für die Gestrauchelten und Gefallenen.“ Das hatte er mal in irgendeiner Zeitung gelesen, jedenfalls so ähnlich.

„A geh, Karl“, sagte die Oma und schüttelte leicht indigniert den Kopf, „die jungen Leute brauchen doch auch einen Platz, wo sie unter sich sind.“

„Wir haben das nicht gebraucht“, sagte der Opa streng, „wir haben arbeiten müssen.“ Karl Ertl hatte sein ganzes langes Arbeitsleben bei der Knorr Bremse zugebracht und es dort bis in eine verantwortliche Position in der Lagerverwaltung gebracht.

„Das war doch eine ganz andere Zeit“, sagte die Oma mild und zwinkerte ihrem Enkel zu.

„Hat’s bei euch auch schon Joints gegeben?“, fragte Tobi den Opa.

„Was?“, gab der verständnislos zurück.

„Joints. Zigaretten mit Haschisch drin.“

„A so, das. Nein, das hat’s nicht gegeben. Weil solche Haschischbrüder, die hätten sie bei uns gleich eingesperrt. Aber heut’ dürfen s’ ja alles. Sogar nackert laufen’s herum auf der Schönfeldwiese, die Saubären!“ Die Schönfeldwiese mit dem Schwabinger Bach lag in unmittelbarer Nähe des Monopteros und lockte im Sommer nackte Sonnenanbeter scharenweise an.

Tobi behielt wohlweislich für sich, dass sein Freund Rudi sich vorgenommen hatte, Haschisch auszuprobieren.

„Der Opa hat längst vergessen, dass wir uns schon einmal unter der Kuppel vom Monopteros geküsst haben“, sagte die Oma schelmisch und nahm dabei die Hand von ihrem Karl. „Da waren wir frisch verlobt.“

Der Opa schaute sie einen Moment lang perplex an und stieß dann einen kurzen Lacher aus.

„Das hab ich natürlich nicht vergessen, Mama“, sagte der Opa, „es ist mir bloß gerad’ nicht eingefallen. Weil’s schon recht lang her ist.“

„Ja mei, Karl“, sagte die Oma versonnen, „vielleicht sollten wir wieder einmal da vorbeischauen, beim Monopteros.“

6

Es war an einem Spätnachmittag im September, als Tobi im Vorverkauf zwei Karten für ein Konzert des Tenors José Carreras abholte, ein Geburtstagsgeschenk seiner Eltern für die Oma. Auf seinem Rückweg durch die Residenzstraße fiel sein Blick auf eine Gruppe japanischer Touristen, die alles abfotografierte, was ihr vor die Linse kam. Eine junge Japanerin mit langen schwarzen Haaren und einem beigen Trenchcoat richtete die Kamera direkt auf ihn und drückte dann auf den Auslöser. Er verlangsamte seinen Schritt und knipste noch schnell ein Lächeln an, wahrscheinlich zu spät für den Schnappschuss. Aber das spielte nicht wirklich eine Rolle, denn der Touristin aus Fernost ging es weniger um sein Lächeln als um das Trikotleiberl vom FC Bayern, das er wie ein T-Shirt trug, mit der „13“ auf dem Rücken und dem Namen Müller. Die junge Japanerin nickte eifrig und dankbar, bevor sie sich abwandte und den Blick freigab auf ein Schild, das in einem gläsernen Aushang direkt neben der Eingangstür des Restaurants „Spatenhaus“ angebracht war: Wir stellen ein: 1 Jungkoch, 1 Kochlehrling.

Ihm blieb für einen Augenblick die Spucke weg. Er schaute verblüfft der Japanerin nach, die ihm plötzlich vorkam wie eine Erscheinung von einem anderen Stern, eigens auf die Erde gekommen, um dieses Schild zu enthüllen. Er überlegte, was zu tun sei, dann ging er zu einem Schaufenster, in dem er sich spiegeln konnte, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und roch an seinem Trikot unter den Achseln. Ihm fielen die Ratschläge des Berufsberaters ein: „Geduscht und sauber angezogen“. Er nahm die U-Bahn bis zur Giselastraße und rannte den restlichen Weg zu Fuß nach Hause. Er machte sich Vorwürfe, dass er den Platten an seinem Fahrrad nicht geflickt und zu allem Überfluss darauf verzichtet hatte, das Rad seines Vaters herzunehmen, nur weil er da den Sattel hätte verstellen müssen. Mit dem Radl wäre er doch viel schneller gewesen. Er quälte sich mit dem Gedanken, ein anderer könne ihm im „Spatenhaus“ zuvorkommen.

Er duschte in aller Eile, tauschte das Bayern-Trikot gegen ein frisches Hemd und machte sich wieder auf den Weg zum Spatenhaus. Erleichtert registrierte er, dass das Schild „Wir stellen ein“ immer noch im Aushang hing. Mit etwas Herzklopfen betrat er das Restaurant. Er blickte sich um. Es war noch nicht viel los um diese Zeit. Seitlich der Theke faltete eine Frau Servietten. Er käme wegen dem Schild im Aushang, sagte Tobi zu ihr. Die Serviettenfalterin wies ihm den Weg zum Büro des Geschäftsführers. Im Flur begegnete er einer jungen brünetten Kellnerin, die ihn gewinnend anlächelte und dabei tadellos weiße Zähne zeigte, aber er war so konzentriert auf das bevorstehende Treffen mit dem Geschäftsführer, dass er die junge Frau glatt übersah.

Herr Lobinger, so hieß der Geschäftsführer, führte in seinem Büro ein Telefongespräch. Tobi wollte sofort mit einer entschuldigenden Handbewegung den Rückzug antreten, doch Herr Lobinger winkte ihn herein und wies auf einen Stuhl.

„Herr Niedermeier, jetzt kommen Sie mir doch nicht mit der Leier! Sie sind einer von den Teuersten. Doch, doch, das sind Sie. Und ich bin nicht der König Midas. Den kennen Sie nicht?“, sagte Herr Lobinger ins Telefon, schaute dabei zu ihm herüber und lächelte. Tobi erwiderte das Lächeln diskret, da er den König Midas auch nicht kannte. Er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit nachzuschauen, um welchen König es sich bei dem Genannten handelte.

Auch wenn er nur die eine Seite des Telefonats mitbekam, konnte er unschwer heraushören, dass sich das Gespräch um die Preise für den Handtuchservice im Restaurant drehte. Schließlich sagte der Herr Lobinger: „Herr Niedermeier, ich sag’s Ihnen, wie es ist. Entweder Sie machen mir ein neues, verbessertes Angebot, oder wir zwei sind fertig miteinand’, verstehen Sie? Habe die Ehre.“

Herr Lobinger legte auf und schaute freundlich zu Tobi, der mit großen Ohren zugehört hatte. „So, und jetzt zu dir. Was gibt’s?“

Er nannte Herrn Lobinger mit fester Stimme seinen Namen und den Grund seines Besuchs und war plötzlich kein bisschen mehr aufgeregt.

„So, so, Realschulabschluss. Und so gute Noten.“ Herr Lobinger wiegte den Kopf hin und her: „Bist du dir ganz sicher, dass du nicht doch besser in ein Büro passt als in eine Küche?“ Das habe er sich genau überlegt, versicherte Tobi und erzählte, dass er sogar eine Ausbildung für den Mittleren Dienst beim Zoll ausgeschlagen habe. Herr Lobinger fragte ihn noch ein wenig aus, nach seinen Lieblingsfächern, Hobbys, seiner Familie und seinen Freunden, bevor er sagte: „Geh einmal mit.“

Herr Lobinger führte ihn in die Küche und stellte ihn dem Küchenchef vor, der Glöckle hieß und unüberhörbar ein Schwabe war. Die anderen Köche waren intensiv mit der Vorbereitung der Abendkarte beschäftigt und schienen Tobi nicht wahrzunehmen. Die Küche war großzügig und modern eingerichtet, alles machte einen blitzsauberen Eindruck, es roch angenehm nach Bratenjus und Gewürzen, und außer dem Klappern von Pfannen und Töpfen hörte er niemanden reden, außer Herrn Lobinger und den Küchenchef, der schließlich sagte, an ihm solle es nicht liegen. Herr Lobinger schlug Tobi vor, er solle noch einmal wiederkommen, dann mit seinen Eltern und dem Abschlusszeugnis der Realschule.

„Eine Gesundheitsbescheinigung brauchst auch.“

Dann wollte er noch wissen, ob er schon einmal Ärger mit der Polizei gehabt hätte, reichte ihm zum Abschied die Hand und lächelte ihm aufmunternd zu: „Ich würd’ mich freuen, wenn’s klappt.“

„Vielen Dank“, sagte Tobi artig.

Draußen hätte er am liebsten einen Luftsprung gemacht, so leicht fühlte er sich. Es kam ihm vor, als sei er innerhalb weniger Minuten ein Stück

größer geworden. Deswegen schaute er noch einmal konzentriert in das spiegelnde Schaufensterglas.

Kein Zweifel, er war gewachsen.

Am Sonntag feierte die Oma ihren Geburtstag, es gab geschmorte Lammhaxe und zum Nachtisch Bayrisch Creme. Die Oma freute sich riesig über die Eintrittskarten zum Konzert ihres Lieblingssängers José Carreras, auch wenn ihr Mann fand, dass eine Karte völlig gereicht hätte.

Beim Kaffee sagte Tobi unvermittelt: „Hab ich euch’s schon gesagt, ich fang eine Kochlehre an.“

Seine Eltern machten große Augen, und der Opa sagte: „Ja da schau her, wie jetzt das?“

Er erklärte die Vorgeschichte und wie er das Schild in der Tür entdeckt habe, was allein der japanischen Touristin zu verdanken gewesen sei.

Sein Opa hatte nicht genau zugehört und fragte erstaunt: „Was, ein japanisches Restaurant?“

Die Oma nahm Tobi in den Arm und sagte: „Du wirst bestimmt ein ganz ein guter Koch, das weiß ich gewiss.“

Alois lächelte ein wenig schief, weil damit eine Zollkarriere ad acta gelegt war. Er konnte es sich freilich nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass es in der „freien Wirtschaft“ nicht so sicher sei wie beim Zoll.

„Gegessen wird immer“, sagte die Oma, und auch Lissi hatte sich längst auf die Seite von Tobi geschlagen: „Es ist sein Leben, und wenn er Spaß am Kochen hat, soll er’s machen.“

Alois fragte ihn, ob er sich im Klaren darüber sei, dass er in Zukunft arbeiten müsse, wenn die anderen frei hätten oder feierten. Darüber hatte Tobi bereits mit dem Berufsberater gesprochen.

„Ungünstige Arbeitszeiten, bescheidene Bezahlung, als Koch müssen Sie hart im Nehmen sein, junger Mann“, hatte der ihm gesagt. Jetzt konnte er seinem Vater sagen, dass er genau wüsste, was auf ihn zukäme.

Der Opa war beruhigt, dass Tobis zukünftiger Arbeitgeber eine angesehene Münchner Adresse war: „Das Spatenhaus, da darfst dich fei anstrengen, Bub.“

Er registrierte erleichtert, dass am Ende die Familie geschlossen hinter ihm stand. Tags darauf ging er zum Friseur und kaufte sich in der Hohenzollernstraße ein blaues Hemd, zu dem er lässig einen bordeauxroten Pullover über die Schultern legte, als er mit seinen Eltern zum verabredeten Termin mit Herrn Lobinger ging. Auf dem Schild im Fenster stand nur noch Wir stellen ein: 1 Jungkoch. Der Kochlehrling war überklebt.

Der Rest war Formsache.

Die Oma bestand darauf, für die Grundausstattung des frischgebackenen Kochlehrlings Tobias Ertl aufzukommen und bezahlte Jacke, Hose, Küchenschürze und das professionelle Anfänger-Messerset mit vier Messern.

7

Wie gerne hätte er Rudi von der neuen Lehrstelle berichtet, aber der war wie vom Erdboden verschwunden. Als er schließlich bei den Holzners an der Wohnungstür läutete, erfuhr er von Rudis Mutter, dass der Rudi neuerdings für einen großen Verlag arbeite und viel in Deutschland unterwegs sei. Was genau ihr Sohn für den Verlag machte, konnte sie allerdings auch nicht sagen. Er wunderte sich im Stillen, dass Rudi ihm nichts davon erzählt hatte, sagte aber nur, der Rudi solle sich halt melden, wenn er wieder in München sei. Dass er im Spatenhaus eine Lehrstelle gefunden hatte, behielt er für sich. Damit wollte er den Freund persönlich überraschen.

Die Geschichte mit dem Verlag hatte Rudi bewusst vage gehalten. Wahrscheinlich ahnte er, dass seine Eltern wenig Verständnis dafür gehabt hätten, dass er über ein Zeitungsinserat („Junger Mann gesucht, sofort abkömmlich, Reisetätigkeit, bis zu 1600 Mark netto im Monat“) Mitglied einer Drückerkolonne geworden war, die Haustüren abklapperte und den Leuten Zeitschriftenabonnements andrehte. Nach kurzer Zeit hatte er von dem Job die Schnauze gestrichen voll. Von Beginn an wurde er von den anderen wegen seiner abstehenden Ohren als „Dumbo“ gehänselt, nach Dumbo, dem fliegenden Elefanten. Sein bayrischer Dialekt und seine ausgemergelte Figur setzten ihn weiteren Gehässigkeiten aus. Hinzu kam, dass er sich von Anfang an schämte, mit einer frei erfundenen Legende vom straffällig gewordenen Jugendlichen, dessen Bewährung vom Erfolg seiner Abo-Abschlüsse abhinge, vor allem ältere Leute zu einer Unterschrift zu nötigen. Natürlich hatte er sich das nicht selbst ausgedacht, sondern es war ihm eingetrichtert worden. Von den versprochenen 1600 Mark netto konnte er nur noch träumen, denn so viele Abschlüsse schaffte keiner, um die zu erreichen. Nur mit dem Aussteigen war das nicht so einfach. Lobo, der Chef der Drückerkolonne, der eigentlich Wolfgang hieß, machte ihn vor der gesamten Truppe fertig, nachdem Rudi geäußert hatte, er habe keine Lust mehr aufs Drücken. Er beschimpfte ihn als „Niete“ und „faule Sau“, nannte ihn einen „Drecksack“, der die anderen hängen ließe, weil er das Gesamtergebnis der Truppe versaute, aber das werde man sich nicht von ihm gefallen lassen, brüllte Lobo ihn drohend an und berührte dabei beinahe mit seiner Nasenspitze die von Rudi, so dicht hatte sich er sich vor ihm aufgebaut. Zur Strafe bekam er kein Abendessen und wurde in seinem Zimmer eingesperrt.

Rudi erbrach sich in das kleine Waschbecken hinter dem Plastikvorhang und verkroch sich wimmernd in sein Bett.

In dieser Nacht fühlte er sich noch mehr als je zuvor wie der letzte Dreck, seine Augen wurden nass und es ekelte ihn vor sich selbst. Aus Angst, jemand könne sein verzweifeltes Weinen hören, presste er sich das Kopfkissen aufs Gesicht und wünschte, tot zu sein.

Von den Nöten seines Freundes ahnte Tobi nichts, wie auch. Er hatte mit großer Freude seine Lehrstelle angetreten und kam jeden Tag pünktlich und gutgelaunt zur Arbeit, obschon er sehr schnell begriffen hatte, was für ein militärischer Drill in der Küche herrschte. Es machte ihm schon deshalb nichts aus, weil er selbst gut behandelt wurde. Die anderen in der Küche nannten ihn „Sonnyboy“, waren freundlich zu ihm und gaben ihm nützliche Tipps für die Arbeit. Der Küchenchef Glöckle ließ weiterhin nicht erkennen, was er von ihm hielt, er beschränkte sich auf knappe Anweisungen und verzog dabei keine Miene.

Diesmal übersah er die junge Kellnerin mit den weißen Zähnen nicht, als sie sich im Spatenhaus begegneten. Sie hieß Mandy, stammte aus Dresden und lachte, als er sie fragte, ob er sie auf ein Eis einladen dürfe: „Du hast ja doch Augen im Koppe. Beim letzten Mal hast du noch durch mich durchgeguckt.“

„Ich hab immer gedacht, ihr dürft nicht rüber in den Westen?“ fragte er, als sie vor dem Eiscafé Venezia in der Leopoldstraße saßen.

„Normal nicht. Aber manche Ausreiseanträge wurden eben doch genehmigt“, sagte sie. „Ich glaube, mein Vati war denen zu unbequem. Der hat so lange geningelt, bis sie uns rausgelassen haben.“

„Was hat er gemacht?“ fragte er verständnislos. Sie lachte.

„Geningelt. Ihr sagt, glaub ich, quengeln. Kleine Kinder machen das gern.“

„Und dein Vater“, grinste er.

Sie nahm sich eine Zigarette aus ihrer Handtasche und drückte ihm ein Feuerzeug in die Hand, ein wenig zu lange, um gänzlich absichtslos zu erscheinen. Seine Hand zitterte ein wenig, als er ihr Feuer gab.

„Rauchst du überhaupt nie?“ fragte sie.

„Nein“, sagte er, „ich hab’s probiert, aber….“ Er zuckte mit den Achseln.

„Sparst du dir viel Geld“, sagte sie, „ich gewöhn mir’s auch wieder ab. Irgendwann.“

Nach dem Eis schlug sie vor, gleich nebenan ins „Marmorhaus“-Kino zu gehen, in dem irgendein amerikanischer Film lief. Er überlegte fieberhaft, ob seine Barschaft für zwei Kinokarten ausreichen würde. Als hätte sie seine Gedanken erraten, sagte sie: „Jetzt bin ich dran.“

Der Film hatte schon angefangen, aber das schien Mandy nicht zu stören. Sie amüsierte sich über die harmlosen Späße auf der Leinwand, und bei Szenen, die ihr besonders gefielen, kniff sie ihn in den Oberschenkel und lachte perlig. Für Tobi hingegen trat das Geschehen auf der Leinwand völlig in den Hintergrund. Die um einige Jahre ältere Mandy löste ein Prickeln bei ihm aus, wie er es zuvor noch nicht erlebt hatte. Seine Sinne richteten sich konzentriert auf die nächste scheinbar beiläufige Berührung, die er mit angehaltenem Atem erwartete. Als jemand aus den hinteren Reihen unmotiviert lachte, drehte sie sich um und spähte den Saal aus. Dabei ruhte ihr Busen auf seinem Unterarm und verharrte eine ganze Weile dort, bis sie sagte: „So ein Blödmann.“ Danach setzte sie sich wieder gerade in ihren Sessel, während er immer noch dem wollüstigen Schauder nachhing, den ihr Busen auf seinem Arm ausgelöst hatte.

Beim Abschied zog sie seinen Kopf zu sich herunter und küsste ihn auf den Mund: „Bis morgen, in alter Frische.“ Bei Mandy klang Frische wie Früsche. Sie ließ einen leicht benommenen Tobi zurück und stieg fröhlich winkend in ihren Bus, während er zu Fuß die Hohenzollernstraße hinauf lief und Mandy nicht mehr aus dem Kopf bekam.

In den nächsten Tagen fieberte er den Momenten entgegen, in denen Mandy in der Küche erschien und am Pass die bereitgestellten Essen abholte. Wenn niemand zuschaute, sandte sie ihm einen umflorten Blick und spielte anscheinend beiläufig mit ihrer Zunge an den geschürzten Lippen, womit sie bei ihm einen Wärmestrom in Gang setzte, der seinen ganzen Körper durchflutete. Bisher kannte er derart laszive Signale nur von Filmludern, die auf diese Weise harte Männer wie Charles Bronson oder Sean Connery wissen ließen, dass sie für alles zur Verfügung stünden, für absolut alles. Wie hätte er auf die Idee kommen können, dass Mandy ihm genau dies sagen wollte? Schließlich konnte sie mit ihrem Aussehen jeden Mann haben, gerade so, als hätte sie auf dem Oktoberfest an der Losbude das große Los „Berlin“ gezogen und die freie Auswahl unter den Hauptgewinnen gehabt. Während er also darüber nachgrübelte, was sie ihm mit ihren Auftritten signalisieren wollte, unterliefen ihm kleinere fachliche Schnitzer, die ihm den einen oder anderen Rüffel einbrachten, besonders wenn ihn Küchenchef Glöckle dabei erwischte: „Was ischt denn los mit dir, Kerle?“ schnaubte Glöckle grimmig und seine buschigen Augenbrauen zogen sich drohend zusammen.

„Unser Sonnyboy hat Feuer gefangen“, grinste der lange Rainer. „Pass auf, dass du dir nicht die Finger verbrennst.“

Tobi wurde rot im Gesicht. Bisher hatte er geglaubt, seine zarten Bande zu Mandy geheim halten zu können.

„So ein Schmarr’n“, sagte er verlegen.

„Obacht“, warnte ihn Rainer mit einem Augenzwinkern, „du bist nicht der einzige, dem die Mandy gefällt.“

Jetzt hatte er sich wieder gefangen. Er schaute Rainer prüfend an, als er fragte: „Gefällt sie dir vielleicht auch?“

„Wem nicht?“, lachte er. „Aber keine Bange, ich bin versorgt.“

So beruhigend die Auskunft scheinbar klang, so gab es ihm doch zu denken. „Wem nicht?“ konnte ja nichts anderes heißen, dass praktisch alle männlichen Mitarbeiter des Spatenhauses als Konkurrenten in Frage kamen. Dieser Konkurrenz musste er sich stellen, soviel war klar. Bloß wie? In nächtlichen schlaflosen Stunden wälzte er sich in seinem Bett und dachte angestrengt darüber nach, welche Situation er herbeiführen konnte, um bei Mandy einen Schritt weiter zu kommen. Wahrscheinlich wäre es am sichersten, wieder mit ihr ins Kino zu gehen, am besten auf zwei Plätze in der hintersten Reihe. Schon der Gedanke daran ließ sein Herz schneller schlagen.

8

„Ihr habt doch bestimmt eine Bohrmaschine zuhause“, sagte Mandy, gerade als er ihr Kino vorschlagen wollte, „ich bräuchte nämlich eine.“ Sie hatte einen Vorhang gekauft, nachdem sie es leid war, das Fenster ihres Apartments in der Buschingstraße mit einem Bettlaken zu verhängen. Natürlich, bestätigte er, und Dübel und Schrauben in allen Größen.

Mandys Apartment bestand aus einem einzigen Raum mit einer kleinen Kochnische und einer Duschecke und hatte vielleicht fünfundzwanzig Quadratmeter. Eine schmalbrüstige Tür führte auf einen winzigen Balkon, der trotz oder gerade wegen eines weißen Plastikstuhls und einer am Balkonsims angebrachten, herunterklappbaren Resopalplatte nackt aussah. Der Raum selbst erschien ihm recht gemütlich, nur die zahlreich im Zimmer verteilten Plüschtiere erschienen ihm etwas übertrieben.

„Wie find’st denn meinen kleinen Zoo?“, fragte sie, und er sagte: „Nett“.

„Ich brauch’s nämlich kuschelig“, sagte sie.

Nachdem er die Vorhangschiene an die Decke gedübelt hatte, wobei sie einen Staubsauger direkt neben den Bohrer hielt, um den Mörtelstaub abzusaugen, noch bevor er auf den Fußboden fiel, half er ihr beim Aufhängen des schlammfarbenen Vorhangs mit türkisen Einsprengseln, der Mandy richtig glücklich machte.

„Wie gefällt dir die Farbe?“, wollte sie wissen.

„Klasse“, sagte er, „echt.“

„Jetzt guckt mir keiner mehr in die Bude“, stellte sie zufrieden fest und zog den Vorhang zu. „Willst du auch einen Kaffee?“

Nach dem Kaffee legte sie eine Musikkassette ein und setzte sich auf ihre Bettcouch. Sie klopfte mit der Hand auf den Platz neben sich und sagte: „Setz dich mal her zu mir.“ Er versuchte so beherrscht wie möglich zu bleiben, als er von dem kleinen Tisch aufstand und sich zu ihr setzte. Beinahe wäre er vor Aufregung gestolpert. Sie rückte nah an ihn heran, dann sagte sie: „Jetzt sag mal selbst, von hier aus sieht der Vorhang doch richtig super aus. Oder?“

Er schluckte mehrmals, bevor er ihr recht gab.

Sie nahm ihn mit einem tiefgründigen Blick ins Visier.

„Das find’ ich wahnsinnig lieb von dir, dass du mir geholfen hast. Du bist ein ganz süßer Typ, Tobi, das muss dir mal eine sagen“, meinte sie und legte ihren Arm um seinen Hals. Obwohl er doch gerade erst Kaffee getrunken hatte, war sein Mund völlig ausgetrocknet. Deswegen brachte er nur mit kratziger Stimme heraus: „Ich finde dich auch süß.“

„Ehrlich?“ fragte sie und bohrte ihren Blick noch tiefer in seine Augen.

„Ganz ehrlich“, krächzte er.

Sie ließ sich viel Zeit und kraulte zärtlich seinen Nacken, bevor sie ihn küsste. Bis dahin war sein Herz bereits fast zersprungen vor wilder Erwartung. Langsam knöpfte sie sein Hemd auf und legte ihre Hand auf seine Brust.

„Dein Herz rast vielleicht“, sagte sie.

„Ich muss dir was sagen. Ich hab noch nie mit - “ Weiter kam er nicht, denn sie legte ihm ihren Finger auf den Mund und machte „Pschscht“. Dann sagte sie: „Fühl mal meins.“ Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihre Brust. „Siehste, meins geht auch nicht gerade langsam.“ Unter seiner Hand fühlten sich Mandys Brüste noch viel praller an als er bisher angenommen hatte.

Sie zog sich mit wenigen schnellen Handgriffen aus und half Tobi, dessen Hände vor Erregung zitterten, die Knöpfe seiner Hose aufzumachen. Dass er viel zu schnell kam, schien sie nicht zu stören. Er schämte sich dafür, auch wenn sie ihn beruhigte: „Das ist beim ersten Mal doch ganz normal.“

Dann küsste sie ihn ganz lange und zärtlich, überall, und beim zweiten Mal kam auch Mandy richtig in Fahrt und stöhnte so laut, dass er sich gar nicht mehr richtig auf den Liebesakt konzentrieren konnte und nur noch der bangen Frage nachhing, ob die Wände des Apartments dick genug waren, um ihr Gestöhne vor den Nachbarn zu verbergen.

Jedenfalls senkte er schuldbewusst den Blick, als er im Treppenhaus der Hausmeisterin begegnete, die gerade die Treppe wischte.

„Ja, schau mal, wo du hintrittst“, maulte die Hausmeisterin, nachdem das Profil seiner Schuhsohlen Spuren auf den feuchten Stufen hinterlassen hatte.

„Entschuldigung“, murmelte er, lachte aber lauthals hinterher, weil er erleichtert war, dass die Hausmeisterin sonst keine Bemerkung machte.

Beim Abendessen warf Lissi immer wieder prüfende Blicke auf ihren Sohn, der ihr heute anders vorkam als sonst, während Alois langatmig von einem fetten Fang erzählte, den seine Kollegen von der Zollfahndung auf der Autobahn bei Kufstein gemacht hatten, als sie einen verdächtigen Campingbus aus dem Verkehr zogen und in einem Hohlraum in der Bodenplatte auf mehrere Kilo Haschisch stießen. „Schwarzer Afghane, beste Qualität“, sagte er.

„Wie viel hätt’ das denen gebracht, wenn sie es hätten verkaufen können?“ fragte Tobi. Sein Vater überlegte, während er andächtig einen Bissen Brathering zerkaute, dann sagte er: „Mindestens sechsstellig. Genau.“

Bevor er an diesem Abend zu Bett ging, starrte er in den Badezimmerspiegel und erforschte sein Spiegelbild, ob seine sexuelle Initiation als Mann nach außen sichtbare Spuren davongetragen hatte. Er stellte sich dicht vor den Spiegel und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. War sein Blick kühner geworden? Seine Kinnpartie kantiger? Die Lippen schmäler? Er probierte einige Grimassen und Kopfhaltungen aus, bis er schließlich das zufriedene Fazit zog, er sei offensichtlich gereift aus dem ersten Liebesabenteuer seines Lebens hervorgegangen, auch wenn da noch der eine oder andere Pickel störte, aber da war er ja nicht der einzige in seinem Alter. Vielleicht sollte er sich einen Bart wachsen lassen. Die Idee hatte er vor Kurzem schon einmal gehabt, aber als er der Oma davon erzählte, war die gar nicht begeistert: „Das mögen die Frauen eher weniger, einen Mann mit Bart. Wer sein Gesicht hinter einem Bart versteckt, der hat was zum Verbergen.“ Vielleicht hätte die Oma weniger Einwände, wenn er mit einem Drei-Tage-Bart daherkäme, überlegte er. Andererseits war er unsicher, ob man nach drei Tagen erkennen würde, dass er sich nicht rasiert hatte.

Er bedauerte sehr, dass Rudi nicht da war. Der hätte vielleicht Augen gemacht, wenn er von Mandy und ihm erfahren hätte. Bevor er einschlief, dachte er noch darüber nach, ob er Mandy ein Geschenk machen sollte. Etwas, das sie ewig an ihn erinnern würde. Kein Plüschtier. Eine Tätowierung vielleicht. Also keine große, das nicht. Eine Rose oder ein Anker, mit seinem Namen darunter. Natürlich nur, wenn sie wollte.

Sie schüttelte energisch den Kopf, als er sie fragte, was sie von einem Tattoo hielte? Die Frage war von ihm bewusst vorsichtig und allgemein gestellt worden, denn inzwischen waren ihm Bedenken gekommen, ob sie seine Idee gut fände.

„Erstens tut das weh, und zweitens kriegst du das nie mehr weg. Jedenfalls nicht mehr richtig“, sagte sie.

Er gratulierte sich im Stillen zu seiner Eingebung, das Thema so neutral wie möglich angesprochen zu haben.

„Wie kommst du denn ausgerechnet auf Tätowierungen?“ fragte sie, als sie gemeinsam über die Leopoldstraße bummelten. Heute fiel ihr freier Tag mit seiner Berufsschule zusammen.

„Nur so“, sagte er.

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann zupfte sie ihn am Ärmel: „Guck mal den da.“ Sie zeigte auf einen jungen Mann mit Frack und Zylinder, der auf einem Einrad über den Gehweg fuhr und Flyer verteilte. Tobi schnappte sich einen der Flyer, der für ein Spektakel namens Tollwood Reklame machte.

„Da würde ich gerne mal hingehen“, sagte sie, „wahrscheinlich jede Menge Musik und so.“

„Bestimmt auch Theater“, ergänzte er.

„Warst du schon mal?“ fragte sie.

„Nein, das hat’s ja noch nie vorher gegeben, Tollwood“, sagte er.

„Ich meine, im Theater“, präzisierte sie.

Er kratzte sich am Kopf.

„Wir waren mal mit der Schulklasse im Theater der Jugend, aber sonst….“ Er schüttelte bedauernd den Kopf. „In so einem richtigen großen Theater, nein.“

„Ich war mal in ’ner Komödie. War ganz lustig. Eingeladen! Sonst wär’ mir das zu teuer, ehrlich gesagt“, sagte sie.

Ihm schoss sofort durch den Kopf, dass ein Theaterbesuch auch kein schlechtes Geschenk wäre, nachdem eine Tätowierung nicht mehr in Frage kam. Andererseits wäre ein Theaterabend vielleicht doch nicht genau das, was sie für immer an ihn erinnern würde.

Er fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie sich genauso in ihn verliebt hatte wie er sich in sie. Manchmal zweifelte er an ihren Gefühlen, denn sie konnte zwar lustig sein und viel mit ihm lachen, aber immer wenn er ihr etwas Verliebtes sagte wie „Weißt schon, dass ich dich mag“, dann gab sie Antworten wie „Das will ich aber auch schwer hoffen“ oder „Sag lieber gleich, was du willst“. Beim letzten Mal hatte er seinen Mut zusammengenommen und sie gefragt: „Sag mal, wie ist das eigentlich? Bist du überhaupt in mich verliebt?“

„Wie kommst du denn darauf?“ hatte sie mit einem Stirnrunzeln gesagt, und als er verwirrt zurückfragte, ob sie sich nicht vorstellen könne, dass ihm ihre Zuneigung wichtig wäre, glättete sich ihre gespielt gekräuselte Stirn. Sie lachte und boxte ihn gegen die Brust: „Na, was glaubst denn du? Meinst du, ich würd’ mich sonst mit dir einlassen?“

Sie drückte ihm einen raschen Kuss auf die Lippen: „Blödmann“.

Er war nicht restlos überzeugt, denn so richtig verliebt klang das nicht.

Von der Leopoldstraße aus waren es nur wenige Schritte bis zur Gaststätte „Weinbauer“. Hier verkehrte ein gemischtes Publikum, Bürger und Studenten, Leute von Film und Fernsehen und natürlich auch etliche aus der Schwabinger Kunstszene oder die, die sich ihr zugehörig fühlten. Alle schätzten gleichermaßen das gepflegte Bier und die ordentliche bayrische Küche, die hier geboten wurde. Entsprechend gut besucht war der „Weinbauer“ auch an diesem Abend. Sie quetschten sich auf Anweisung der resoluten Kellnerin an einen Tisch, an dem eine Runde lautstark darüber stritt, wie sich Alt-Schwabing in den letzten Jahren verändert hatte und wie die Veränderungen zu bewerten waren. Die Älteren stimmten ein Klagelied auf den Niedergang Schwabings an, weil das ehemalige Bohèmeviertel allmählich verkam und die früheren Künstlerkneipen immer öfter Billiglokalen weichen mussten, die mit „einem Meter Pils“ lockten und ein entsprechendes Publikum anzogen. Viele Namen früherer Läden und deren Wirte fielen, von der legendären „Gisela“ bis hin zum Jazzclub „domicile“, allesamt glorreiche Adressen längst vergangener Tage. Während die Älteren den entschwundenen goldenen Zeiten nachtrauerten, ätzte einer der Jüngeren: „Im Baumarkt gibt’s gerade Stricke im Sonderangebot.“

„Wenn alle Stricke reißen, kommen wir auf dich zurück“, knurrte ein Mann mit einem eisgrauem Schnurrbart, wie Asterix ihn trug; es war Kurt Hartmann, der Wirt der Kultkneipe „Säge“, der seit letzter Nacht eine Kneipentour durch die Innenstadt gemacht hatte und nun wieder in Schwabing gelandet war. Im Kampf um das untergehende Alt-Schwabing trug Kurt seinen westfälischen Humor wie ein Banner vor sich her.

Mit den Namen der entschwundenen Etablissements konnte auch Tobi nichts anfangen, und Mandy folgte den Gesprächen ziemlich verständnislos.

Sie schrie erschrocken auf, als es hinter ihr klirrte und ein volles Glas Bier in ihrem Nacken landete, dessen Inhalt sich über ihr T-Shirt ergoss. Die resolute Kellnerin, der das Missgeschick passiert war, sagte trocken: „Öha, Madl. Magst ein’ Schnaps?“

Mandy starrte die Kollegin fassungslos an.

„Nein, aber ein Handtuch wär nicht schlecht“, sagte Tobi zu der Kellnerin.

„Kommt sofort. Passt’s derweil auf, dass keiner in die Scherben hineintritt.“

Mandy fand schnell ihre Fassung wieder und ging mit einem Handtuch, das die Kellnerin ihr brachte, auf die Toilette, um sich notdürftig abzutrocknen.

9

Rudi, der die Haare inzwischen lang trug und seitlich über seine Segelohren kämmte, war die ganze Zeit über bei der Drückerkolonne geblieben, obwohl die Schikanen gegen ihn kein Ende nahmen. Niemand half ihm, wenn Lobo ihn wieder einmal fertig machte. Im Gegenteil, einige der Kollegen beteiligten sich an den Schmähungen und Sanktionen gegen ihn, und sei es nur, weil sie selber Angst hatten vor dem als gewalttätig gefürchteten Anführer. Der konnte auch zuschlagen, wenn man ihn zu sehr reizte, war der Anlass auch noch so nichtig. Rudi hatte das bereits schmerzhaft erfahren müssen. Schlimmer als die Schläge empfand er die Brüllerei und die Beschimpfungen. Die Demütigungen schlugen ihm im wahrsten Sinne des Wortes auf den Magen, er bekam jetzt immer öfter Durchfall oder musste sich übergeben. Am meisten Angst jedoch hatte er davor, nach Hause zurückzukehren und gestehen zu müssen, dass der angeblich so tolle Verlagsjob nichts als ein Märchen gewesen war.

„Nächsten Monat ziehen wir um“, sagte Lobo beim gemeinsamen Abendessen, „dann geht’s ab in den Süden.“

Rudi fuhr der Schreck in die Glieder.

„Wieso… wohin denn da?“ stammelte er.

„Dumbo fliegt zu den Lederhosen“, grinste Heike, die mit Lobo ein Verhältnis angefangen hatte. Lobo sah ihn verächtlich an: „Das solltest du eigentlich wissen, wo Süden ist, du Penner. Oder woher kommst du?“

„Aus München“, sagte er leise.

„Na also. Da kannst du wieder dein blödes Bayrisch reden.“

Seinen Münchner Dialekt hatten ihm Lobo und die anderen nicht austreiben können. Versucht hatten sie es, aber zu recht viel mehr als „Guten Tag“ statt „Grüß Gott“ und „Brötchen“ statt „Semmel“ hatte es bei Rudi nicht gereicht.

„Unser Standort ist Dachau“, verkündete Lobo. „Wir machen Oberbayern und die Region bis zum Bodensee runter.“

Rudi war der Appetit gründlich vergangen. Wenn sie von Dachau aus starteten, würden sie auch nach München gehen, daran gab es keinen Zweifel. Die Vorstellung, er könne beim Drücken auf Bekannte oder gar auf seine Familie stoßen, schnürte ihm die Kehle zu. Er brachte keinen Bissen mehr hinunter und ging bald auf sein Zimmer. Fieberhaft überlegte er, wie er aus dem Dilemma herauskäme. Die halbe Nacht lag er wach und schmiedete Fluchtpläne.

Am anderen Morgen wurde er mit einem fotokopierten Stadtplan von Schwerin losgeschickt, um „Scheine zu machen“, wie die Abschlüsse von Abonnements in der Drückersprache genannt wurden. Sein Revier war mit Filzstift markiert und umfasste ein Gebiet in der Altstadt. Er lief zunächst ziellos durch die Straßen, dann warf er den Stadtplan zusammen mit seinen Vertragsformularen entschlossen in einen Papierkorb. Er hatte keine konkrete Idee, was er als Nächstes tun würde, aber er nahm sich fest vor, keine Scheine mehr zu machen, heute nicht, morgen nicht, nie mehr, und auf keinen Fall würde er zu der Drückerkolonne zurückkehren und mit ihr nach Bayern umsiedeln, so viel war klar. Auf seinen Personalausweis, den Lobo gleich am Anfang einkassiert hatte, konnte er verzichten, dafür gäbe es Ersatz.

Um der Gefahr zu entgehen, anderen Mitgliedern der Drückerkolonne über den Weg zu laufen, folgte er dem Hinweisschild „Zum Schloss“ und stand schließlich vor dem prächtigen Schloss, das von Wasser und einem gepflegten Park umgeben war. Er setzte sich unter einen mächtigen Baum, dessen Äste sich wie eine Kuppel ausladend bis zum Boden wölbten. Touristenströme zogen vorbei. Er zählte seine Barschaft, ungefähr 40 Mark. Bei Lobo hatte er noch Außenstände von rund dreihundert Mark, aber die behielt Lobo ein, „bis du in der Spur bist“, wie er das nannte. Dieses Geld würde er natürlich abschreiben müssen.

Er zermarterte sein Hirn, was er jetzt machen sollte. Schließlich verließ er den Schlossplatz und fand in der Nähe eine Kneipe, die bereits geöffnet hatte. Er trank drei Bier so schnell hintereinander, dass er den Alkohol spürte. Am liebsten hätte er alles versoffen, was er noch in der Tasche hatte. Aber was dann? Er zahlte und ging hinaus. Unschlüssig blieb er am Marienplatz stehen und zündete sich eine Zigarette an. Immer noch rauchte er seine Selbstgedrehten.

Plötzlich entdeckte er Lobo, der quer über den Platz direkt auf ihn zukam. Rudi zog hastig zwei Mal hintereinander an seiner Zigarette, bevor er sie auf dem Boden austrat und das Weite suchte. Er wusste zwar nicht, wo er hinlief, aber er wusste, dass Lobo ihn auf gar keinen Fall finden durfte, denn dann würde es Ärger ohne Ende geben. Kein Stadtplan, keine Vertragsformulare, dafür mit einer Alkoholfahne, da wüsste Lobo doch sofort, woher der Wind pfiff. Er kam rasch außer Atem, was mehr der Aufregung über Lobos unverhofftes Auftauchen geschuldet war als dem Tempo, das er vorlegte. Gerade wollte er den Dom umrunden, als der Chef der Drückerkolonne um die Ecke kam, wie ein Bluthund, der die Spur seiner Beute aufgenommen hatte und sich nicht abschütteln ließ. Noch schien er ihn nicht gesehen zu haben. Rudi überlegte keine Sekunde. Er drückte sich mit den Besuchern des Doms in den Eingang, der zur Turmbesteigung führte. Während er die Stufen nach oben stieg, beschlich ihn der Verdacht, dass Lobo ihn vielleicht doch gesehen haben könnte und einfach unten auf ihn wartete. Er merkte, wie ihm kalt wurde und seine Hände zu zittern begannen. Er saß in der Falle, denn irgendwann musste er den Dom verlassen und dann würde er seinem Peiniger in die Arme laufen. Es sei denn…

Er erschrak bei dem Gedanken, der ihn wie ein Blitz durchzuckt hatte. Aber der Gedanke hatte Besitz von ihm ergriffen und ließ ihn nicht mehr los. War die Besteigung des Turms am Ende gar eine Fügung, ein Wink des Schicksals? Ihn befiel eine heftige Erregung. Sein tränenumflorter Blick fiel auf die mit Gitterstäben bewehrten Sichtluken in der Turmmauer. Könnte er sich, spindeldürr wie er nun einmal war, vielleicht durch sie hindurch zwängen?

Das ist eine günstige Gelegenheit, deinem Leben, das so wenig wert ist, ein Ende zu bereiten, sagte ihm eine innere Stimme. Spring, forderte ihn die Stimme auf, spring, und du hast alles hinter dir. Es dauert nur wenige Sekunden, und den Aufprall unten spürst du gar nicht mehr. Dann hast du Ruhe, für immer. Nie mehr von Lobo niedergemacht werden, nie mehr von ihm angebrüllt und geschlagen werden. Wenn du Glück hast, springst du genau auf ihn drauf und reißt ihn mit in den Tod, das Schwein hätte es nicht besser verdient.

Eine andere Stimme in seinem Kopf widersprach: Tu’s nicht! Denk an deine Eltern, die müssen dann hierher kommen und dich identifizieren. Kein schöner Anblick, so ein zerschmetterter Körper, und wenn es der eigene Sohn ist, bricht es der Mutter vielleicht das Herz. Und außerdem, wartet nicht noch so viel Schönes auf dich, München mit dem Monopteros und dem Floriansmühlbad, den herrlichen Biergärten und dem Oktoberfest? Was ist mit deinem Freund Tobi, der an deinem Grab stehen und um dich weinen würde?

Jetzt rannen ihm die Tränen übers Gesicht. Er rutschte mit dem Rücken an der Mauer hinunter und ging in die Knie.

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Eine Frau mittleren Alters beugte sich mitfühlend zu ihm herunter.

Er schüttelte den Kopf und suchte nach einem Taschentuch, aber er hatte keines dabei. Die Frau hielt ihm ein Päckchen Tempotaschentücher hin: „Hier.“

„Danke“, schniefte er, nahm sich ein Taschentuch heraus und reichte der Frau die Packung zurück.

„Nein, nein, behalten Sie die nur“, sagte die freundliche Frau, und fügte hinzu: „Wenn ich irgendwas für Sie tun kann…?“

Er schüttelte wiederum den Kopf.

„Ich muss wieder runter“, sagte die Frau, „mein Mann wartet mit der Kleinen unten auf mich. Wiedersehen.“ Sie lächelte ihm unsicher zu und wandte sich ab.

Er lehnte den Kopf gegen die Mauer und schloss die Augen. Sein Herz schlug heftig, das Blut schien in seinem Kopf zu dröhnen. Er machte sich Vorwürfe: Viel hätte nicht gefehlt und du wärst vom Turm in die Tiefe gesprungen, wärst vielleicht direkt vor der kleinen Tochter dieser netten Frau auf dem Pflaster zerschellt! Und Lobo hätte alles seelenruhig mitverfolgt und sein böses Lachen gezeigt. Schaut her, Leute, Dumbo der fliegende Elefant verliert seine Zauberfeder und springt in den Tod, ha ha. Er hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Er presste das Taschentuch vor den Mund, würgte, aber es kam nichts.

Nachdem er sich wieder ein wenig gesammelt hatte, stieg er zitternd vor Aufregung den Turm hinab und spähte angstvoll vorsichtig aus der Tür, um nicht Lobo in die Fänge zu laufen. Als er sicher sein durfte, dass die Luft rein war, verließ er den Dom und fragte Passanten nach dem Weg aus der Stadt. Etwas später nahm ihn ein Autofahrer mit, Richtung Berlin.

Im Auto sann er darüber nach, ob er wirklich den Mut gehabt hätte, vom Turm zu springen. Vielleicht, war die erste Antwort, die er sich gab. Dann korrigierte er sich. Doch, ganz sicher hätte er es gemacht. Wenn nur die Frau nicht gewesen wäre und nicht von ihrem kleinen Kind erzählt hätte.

Dabei übersah er, dass nicht einmal so ein dürres Klappergestell wie er zwischen den Gitterstäben der Turmluken hindurch gepasst hätte.

Inzwischen waren Tobis Eltern mit den Großeltern schon zweimal zum Essen ins „Spatenhaus“ gekommen und waren vom Herrn Lobinger persönlich begrüßt worden. Voller Stolz vernahmen sie die lobenden Worte des Geschäftsführers: „Der Bub hat nicht nur das Herz auf dem rechten Fleck, er ist auf jedem Posten, den er bisher in der Küche durchlaufen hat, mit Abstand das Beste, was wir hier als Azubi gehabt haben. Der wird seinen Weg machen.“ Lisa wischte sich verstohlen ein Tränchen der Rührung aus dem Augenwinkel.

„Das hab ich immer gewusst, dass aus dem Tobi mal ein guter Koch wird“, sagte Oma Ertl ruhig und ohne jede Überheblichkeit.

Tobi durfte sogar ganz kurz aus der Küche kommen und seiner Familie Grüß Gott sagen, musste aber sofort wieder zurück auf seinen Posten als Gardemanger und sich um die kalten Vorspeisen kümmern.

Vom Küchenchef Glöckle gab es hingegen kein Lob zu hören. Der lange Rainer hatte ihm erklärt, dass ein Lehrling, der von Glöckle nicht drei Mal am Tag zusammengestaucht wurde, dies als Lob begreifen müsse: „Logisch sieht der, dass du Talent hast, der ist ja nicht blind! Du hast ja jetzt schon mehr drauf wie so mancher Jungkoch. Aber der Glöckle sagt sich, wenn ich den jetzt vor den anderen groß rausstreich’, dann hebt der vielleicht ab.“

Die Gefahr bestand bei Tobi nicht. Denn auch seine Familie sagte ihm nicht, was sie von Lobinger erfahren hatten, außer, er solle sich weiter anstrengen, dann passe es schon.

Mandy hatte sich in letzter Zeit sehr rar gemacht. Immer öfter verschwand sie nach Feierabend, ohne auf Tobi zu warten.

„Ich lerne jetzt Spanisch“, erklärte sie ihm, als er sie schließlich zur Rede stellte.

„Wieso denn ausgerechnet Spanisch?“ fragte er verständnislos.

„Wieso nicht? Ist doch ‚ne Weltsprache, Spanisch“, sagte sie, „und klingt klasse.“

„Kannst du schon was?“ fragte er, während sie zur Treppe der Bayrischen Staatsoper hinüber schlenderten.

„Nu.“

„Was, nu? Ja oder nein?“ hakte er nach, weil er mit ‚nu’ nichts anfangen konnte.

„Na ja, ein bisschen schon.“

„Sag mal was, auf Spanisch.“

„Vamos a la playa“, sagte sie.

„Was heißt das?“, fragte er.

„Wir gehen an den Strand.“

„Vamos a la playa“, wiederholte er. Irgendwie kam ihm der Satz bekannt vor.

Schließlich fragte er ohne Umschweife: „Was ist, gehen wir noch zu dir?“

„Nee du. Ich muss noch was machen, für den Spanisch-Unterricht“, sagte sie rasch.

„Ach komm geh weiter. Jetzt haben wir uns schon so lange nicht mehr gesehen, da kannst du dein Spanisch auch mal weglassen. Oder mach’s halt nachher.“ Er klang ziemlich sauer.

Sie druckste ein bisschen herum, dann sagte sie: „Du, ich hab da jemand kennen gelernt. Nein, nein, nicht so wie du vielleicht denkst. Der Typ ist viel älter als ich. Er macht eine Strandbar auf, das heißt, eigentlich gibt’s die schon, er übernimmt sie nur. Und weißt du wo?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Domrep.“

„Domrep?“ Er runzelte die Stirn.

„Dominikanische Republik. Er will, dass ich mitgehe und für ihn die Bar mache.“

„Schön für dich“, sagte er leise.

„Ehrlich gesagt, deshalb lern ich auch spanisch.“

Er blickte stumm über den Platz zum Spatenhaus hinüber.

„Ich hab schon Fotos gesehen. Echt der Wahnsinn. Stell dir vor, eine Bar unter Palmen, alles weiß gemauert, bestimmt vierzig Plätze. Das kann er natürlich nicht alleene machen.“

„Wer ist denn er?“ fragte Tobi.

„Der Florian aus Kärnten. Skilehrer, Tennislehrer, Surfer, eine richtige Sportskanone halt. Kohle scheint er auch genug zu haben.“

„Und wann geht’s los?“

Sie schaute ihn etwas verlegen an: „In zwei Wochen.“

„Was, schon in zwei Wochen?“ fragte er überrascht.

„Ja“, sagte sie. „Ich wollte es dir ja auch früher sagen, aber ich habe mich nicht getraut.“

Er fühlte sich leer und enttäuscht.

„Ja, ich weiß, das war nicht okay“, sagte sie, „aber hätt’ ich dir’s früher gesagt, wärst du noch länger sauer gewesen.“

Dieser Logik wollte er nicht folgen.

„Ehrlich währt am längsten, das hat mein Oma schon immer gesagt“, sagte er verdrossen.

„Ich war ja nicht unehrlich, ich hab bloß nichts gesagt“, verteidigte sie sich. „Ich weiß, dass dir das nicht gefällt, aber schau mal, das ist ’ne Riesenchance für mich, ich kenn ja nichts außer Dresden und München.“

„Und mit dem hast du nix, mit dem Florian?“ Er schaute sie misstrauisch an.

„Nein, um Gottes willen!“ Vor die Wahl gestellt, hatte Mandy entschieden, dass eine mildtätige Lüge einer verletzenden Wahrheit vorzuziehen war. „Der Flori ist Mitte vierzig! Er schaut vielleicht jünger aus, aber deswegen hab ich doch nichts mit dem.“

Obwohl gekränkt, dass sie ihn vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, versuchte er mannhaft, seinen Frust zu verbergen.

„Dann wünsch ich viel Glück, Mandy, in der Domrep“, sagte er und bemühte sich sogar um ein Lächeln.

„Ich bin ja noch nicht weg“, sagte sie. Doch für ihn war sie es bereits.

10

Der Autofahrer, der ihn nach Berlin mitgenommen hatte, brauchte nicht lange um herauszufinden, dass Rudi finanziell abgebrannt war. An einer Raststätte hatte er ihn zum Essen eingeladen und ihm gesagt, falls er in Berlin einen Job suche, könne er ihm behilflich sein. Ja, sagte Rudi, das würde ihn schon interessieren. Er habe einen Freund, sagte Jens - so hieß der Fahrer - der in Berlin ein Grabsteingeschäft betreibe, der suche gerade jemanden als Aushilfskraft. Wohnen könne er vorläufig bei ihm, bot Jens an. So viel Glück konnte Rudi gar nicht fassen. Den einen Job hingeschmissen, den anderen ein paar Stunden später greifbar nahe, wenn das kein unglaublicher Glücksfall war.

Jens fuhr direkt von der Autobahn kommend zum Grabsteingeschäft seines Freundes. Lutz war ein vierschrötiger Mensch, an dessen großen, schwieligen Händen man seinen täglichen Umgang mit Stößel, Knüpfel, Scharriereisen und Stockhammer ablesen konnte. Mit seiner Schutzbrille, dem breiten Schädel und den zentimeterkurzen Haaren sah er aus wie ein Rocker, den man zu einem Arbeitseinsatz verurteilt hatte. Er warf nur einen kurzen Blick auf Rudi, stellte weiter keine großen Fragen, sondern meinte nur, wenn er wolle, könne er morgen bei ihm anfangen.

„Alles klar“, freute sich Rudi.

Jens bewohnte eine Altbauwohnung, deren Ausmaße Rudi in Staunen versetzte. Eine Wohnung mit sieben Zimmern und zwei Bädern hatte er noch nie zuvor gesehen. Jedes Zimmer war in einer anderen Farbe gestrichen, von einem zarten Gelb bis zu einem kräftigen Rot. Auf den Parkettböden lagen schwere Teppiche, an den Wänden hingen Bilder, alte Waffen, fremdartige Masken aus allen möglichen Ländern. Figuren aus Holz und Metall standen teils frei im Raum, teils auf Regalen. Ein abstrakter Vogel aus Draht und Gips schien frei in der Luft unter der Flurdecke zu schweben, bis Rudi die durchsichtigen Nylonfäden entdeckte, an denen er aufgehängt war.

Sein Gastgeber zeigte ihm das Zimmer, in dem er schlafen konnte. Es hatte dunkelrote Wände und war im Kolonialstil eingerichtet. Als Tisch diente etwas, das wie eine Schatztruhe aussah.

„Das war mal ein Schiffskoffer“, erklärte er. Zwischen dem Schiffskoffer und dem Bett lag ein Tigerfell mit Kopf.

„Ist der echt?“ fragte Rudi ungläubig und tippte den Tigerkopf vorsichtig mit dem Fuß an.

„Na klar ist der echt.“

Über dem Bett hing ein Moskitonetz, rechts und links auf den Nachtkästchen standen bunte Vasen und ein großes Glas mit Meeressand und silbrig schillernden Muscheln.

„Die sind aber nicht echt“, sagte Rudi.

„Doch, sind sie“, lächelte Jens und machte eine ausladende Armbewegung, „alles, was du hier siehst, habe ich alles von Reisen mitgebracht. Na ja, fast alles.“

Das verdankte er seinem Job, wie er erzählte, denn er war für Filmfirmen in der ganzen Welt unterwegs und suchte nach geeigneten Drehorten.

„Toll“, sagte Rudi und fuhr bewundernd mit der Hand über den glatten Granit zweier Figuren, die ineinander verschlungen waren.

„Die zwei Ringkämpfer. Hat der Lutz gemacht.“

„Der die Grabsteine macht?“

„Richtig.“

Jens legte Handtücher heraus und zeigte ihm eines der zwei Bäder: „Geh dich erst mal duschen. Ich glaube, das brauchst du am dringendsten. Was ist, warum schüttelst du den Kopf?“

„Och nix“, meinte Rudi, „ich hab nur gerad’ gedacht, dass das Badezimmer größer ist als das Wohnzimmer von meinen Eltern.“

So ein Bad hatte er natürlich noch nie zuvor gesehen. Das Bidet stand unter einer künstlichen Palme, die Badezimmerdecke war als blauer Sternenhimmel ausgestaltet. Sogar ein Telefon gab es, und aus zwei Lautsprechern in der Decke rieselte Musik. Während er duschte, kam Jens herein und fragte, ob die Musik seinem Geschmack entspräche? Ja, versicherte Rudi, das ginge schon in Ordnung. Er kannte den Sänger zwar nicht – es war Leonard Cohen – aber da er keinen besonderen Musikgeschmack hatte, war es ihm auch ziemlich egal. Allein die Tatsache, dass er Musik im Badezimmer hören konnte, in stereo aus zwei Deckenlautsprechern, beeindruckte ihn sehr.

Jens wartete, bis er aus der Dusche herauskam. Während er sich abtrocknete, machte ihm Jens Komplimente zu seinem schönen Körper, womit er ihn in ziemliche Verlegenheit brachte. Er selbst hielt seinen Körper für deutlich zu mager. Dann ging das Telefon und Jens verließ mit dem Telefonhörer in der Hand das Badezimmer. Nach diesem Telefonat sagte er Rudi, er müsse noch zu einem Termin, nicht ohne ihm vorher zu zeigen, wo er sich mit Essen und Getränken bedienen konnte: „Nimm dir, worauf du Lust hast.“

Rudi fragte nach einem Wecker, aber Jens winkte ab: „Brauchst du nicht, ich weck dich.“

Allein in der Wohnung, schritt er noch einmal durch alle sieben Zimmer und betrachtete in Ruhe die Einrichtung, genoss das beglückende Gefühl, nach Monaten miesester Absteigen und erniedrigender Behandlung in eine luxuriöse Märchenwelt eingetaucht zu sein, die neben Masken, Statuetten, Skulpturen, Vasen, Tigerfellen, duftender Bettwäsche und seidenen Hausmänteln Köstlichkeiten wie Champagner und Lachsschinken für ihn bereithielt. Den Champagner traute er sich nicht zu öffnen, aber von dem Schinken kostete er und von einer Salami mit hauchdünnen Nussscheiben. Dazu trank er Bier. Fernsehen schaute er so lange, bis er merkte, dass er immer wieder im Sessel einschlief.

Er lag längst im Bett und schlief fest, als sein Gastgeber sich geräuschlos neben ihn legte und ihn streichelte. Rudi brauchte einige Zeit, um wach zu werden und um zu begreifen, dass er verführt werden sollte. Als er den Lichtschalter neben dem Bett gefunden und Jens nackt in seinem Bett erblickte, sprang er mit einem Satz aus dem Bett, raffte das Tigerfell hoch und bedeckte sein Geschlecht mit dem Tigerkopf.

„Schleich dich, du Sau!“, brüllte er und hatte dabei vor Aufregung heftiges Herzklopfen, „raus hier!“

Jens lächelte müde und sagte: „Jetzt komm mal wieder runter, ja? Ist ja schließlich nix passiert, oder? Hast du noch nie was mit einem Mann gehabt?“

„Ich? Ja spinnst du?“, fauchte Rudi, „ich steh nicht auf Männer.“

„Das weißt du doch erst, wenn du’s probiert hast“, sagte Jens und machte dazu eine einladende Handbewegung.

„Leck mich am Arsch!“

„So will ich dich hören“, sagte Jens betont anzüglich, „na los, jetzt spiel hier nicht die Zicke. Du kommst auf deine Kosten, du musst nur ein bisschen locker werden, Jungchen. Magst du was trinken? Schampus? Whisky? Ist alles da.“

Rudi blickte sich suchend um, entdeckte seine Klamotten, riss sie an sich und rannte ins Bad. Sicherheitshalber schloss er die Tür hinter sich ab. Während er sich hastig anzog, überlegte er fieberhaft, wie er sich aus dieser saudummen Situation befreien könnte. Natürlich konnte er gehen, aber wohin? Eine Unterkunft konnte er sich nicht leisten. Andererseits erschien es ihm zu riskant, in der Wohnung zu bleiben. Er rechnete nicht wirklich damit, von Jens in Ruhe gelassen zu werden.

Von außen pochte es an der Badezimmertür.

„Sei nicht kindisch, mach die Tür auf! Es tut dir doch keiner was“.

„Verschwind’!“ rief Rudi aufgebracht zurück.

„Mach die Tür auf, hab ich gesagt!“ Die Stimme von Jens klang plötzlich drohend. „Ich will in mein Bad!“

„Geh doch in das andere Badezimmer“, gab Rudi zurück.

Es folgte ein heftiges und anhaltendes Hämmern mit der Faust gegen die Tür. „Aufmachen! Na wird’s bald?“

Der Wohnungsinhaber schien jetzt ernsthaft wütend zu sein. Rudi befielen Zweifel, ob es unter diesen Umständen noch gut für ihn wäre, die Tür zu öffnen. Er wusste nicht, ob Jens etwas getrunken hatte. Vielleicht hatte er sich sogar eine der alten Waffen geschnappt, die an den Wänden hingen. Er kletterte auf den Heizkörper und blickte durch das Badezimmerfenster nach draußen. Es war zu dunkel, um genau zu sehen, wo das Fenster hinführte. Die Wohnung lag im Hochparterre oder im ersten Stock, da war er sich nicht sicher. Angestrengt starrte er ins Dunkel hinunter. Wenn er nur sehen könnte, wie der Boden unterhalb des Fensters beschaffen war, ein Stück Rasen vielleicht, ein weicher Boden. Aber was er sah oder vielmehr zu sehen ahnte, ließ eher auf einen Hinterhof schließen, der geteert oder gepflastert war oder einfach nur aus einem Betonboden bestand. Er blickte sich im Badezimmer um. In einem Regal lagen frische, zusammengefaltete Badehandtücher.

Das Hämmern gegen die Tür wurde jetzt noch intensiver.

„Wenn du nicht sofort aufmachst, hol ich die Polizei. Dann verbringst du die Nacht in einer Zelle, du kleiner Arsch!“

Er verknotete die Badehandtücher zu einem Strang und schlang das obere Ende um das Drehventil des Heizkörpers, zog prüfend an den Badehandtüchern und stieg über die Heizung aus dem Fenster. Ohne zu wissen, wie weit seine Handtücher reichten, hangelte er sich an ihnen hinab. Zunächst schien sein Plan aufzugehen, aber irgendwo auf halber Strecke löste sich ein Knoten. Rudi stürzte ab und fiel mit einem Schreckensschrei auf ein Fahrrad, das mit ihm zu Boden ging und dabei einen kurzen, schrillen Klingelton von sich gab. Gleichzeitig ging das Hoflicht an, ausgelöst durch einen Bewegungsmelder. Irgendjemand rief aus einem offenen Fenster: „Hallo?“ Wie von Furien gehetzt, rannte Rudi durch die Hofeinfahrt zur Straße hinaus. Erst jetzt spürte er Blut warm über sein Schienbein laufen.

Lutz empfing ihn mit einem kritischen Blick. Rudi sah bleich und übernächtigt aus, seine Hose war aufgerissen und mit Blutflecken gesprenkelt.

„Ist was passiert?“ fragte Lutz.

„Hingefallen“, sagte Rudi knapp.

„Aha.“ Lutz ging an eine Schublade und suchte ein Pflaster heraus. „Da.“

Nachdem Rudi sich notdürftig verarztet hatte, wies ihn Lutz an, die Werkstatt und den Hof zu kehren, später, als er damit fertig war, erhielt er den Auftrag, die Werkstatt aufzuräumen. Danach widmete sich Lutz wieder seiner Arbeit an einem Grabstein, der etwa einen halben Meter hoch und einen halben Meter breit war. Auf Rudis Frage sagte Lutz, Grabsteine dieser Art nenne man „Kissenstein“, weil sie auf das Grab gelegt würden. Die wortkarge Art von Lutz verdarb ihm die Lust auf weitere Fragen.

Sie wollten gerade einen fertigen Grabstein aufladen, als Jens mit seinem schwarzen Saab im Hof vorfuhr. Man sah ihm an, dass er stinkwütend war. Er knallte die Tür seines Autos heftig zu und ging federnden Schritts auf Rudi zu, der spontan zurückwich.

„Hey hey hey!“, sagte Lutz warnend und setzte einen halben Schritt vor.

„Halt du dich da raus“, sagte Jens. Das klang mehr nach einer leeren Drohung. Tatsächlich wagte er es nicht weiterzugehen. Er deutete anklagend auf Rudi: „Wegen diesem kleinen Arschloch musste ich einen Schlüsseldienst kommen lassen, um mein eigenes Badezimmer aufzusperren. Außerdem hat er vier neue Badehandtücher von mir ruiniert. Teure Joop-Badetücher!“ Er wandte sich drohend an Rudi: „Das bezahlt du mir, kleines Arschloch. Jede einzelne Mark. Wie du das machst, ist mir egal.“

„Der ist nachts ins Schlafzimmer gekommen - “ setzte Rudi an, aber Lutz unterbrach ihn: „Ja, ja, schon gut.“

Er trat einen weiteren Schritt auf Jens zu: „Der Junge zahlt gar nix. Und du fährst jetzt ganz schnell vom Hof runter, bevor ich meine gute Laune verliere.“

Jens ging mit vor Wut dunklen Augen langsam rückwärts.

„Das wirst du noch bitter bereuen“, sagte Jens, „das wird dir noch einmal leid tun.“

Lutz zeigte mit dem Finger zur Hofeinfahrt: „Abmarsch.“

Jens schien einzusehen, dass es hier und jetzt für ihn nichts zu holen gab. Er setzte sich in sein Auto und fuhr etwas zu schnell rückwärts. Es gab ein hässliches Geräusch, als der Wagen mit dem hinteren rechten Kotflügel an einem Grabstein entlang schrammte. Jens trat hart auf die Bremse, sprang aus dem Saab und starrte fassungslos auf die frischen Kratzer. Seine Stimme überschlug sich, als er Lutz anbrüllte: „Dich mach ich fertig, du schwule Ratte. Das hat noch ein Nachspiel, das schwör ich dir.“

Lutz wedelte verächtlich mit der Hand und gab ihm zu verstehen, er solle verschwinden. Jens knallte die Fahrertür zu und fuhr mit quietschenden Reifen los.

„Okay, auf zum Friedhof“, sagte Lutz ganz ruhig zu Rudi, der den Wortwechsel zwischen den beiden verwirrt verfolgt hatte. Sie luden den Grabstein ins Auto und fuhren los.

„Der ist nachts zu mir ins Bett gestiegen“, sagte Rudi, „ich bin dann in das eine Badezimmer und von dort durchs Fenster raus.“

„Was, an seinen Badehandtüchern?“, sagte Lutz.

„Ja. Aber die haben nicht gehalten.“

„Hab mir schon so was Ähnliches gedacht.“

Rudi schwieg eine Weile, dann sagte er: „Wieso beschimpft dich Jens als schwule Ratte? Er ist doch selber schwul“.

„Ja, isser. Und ich auch. Wir waren mal zusammen“, sagte Lutz. „Aber mit Jens ist charakterlich nicht viel los, das hat mit schwul oder hetero nix zu tun. Verstehst du das?“

„Ja, ja“, sagte Rudi.

Nach einer Pause sagte Lutz: „Also, falls du wieder mal an Filmleute gerätst, sei vorsichtig.“

„Wieso?“

„Die sind erst mal scheißfreundlich zu dir, aber ihre Freundschaft ist nix wert. Sobald sie dich nicht mehr brauchen, lassen sie dich fallen wie eine heiße Kartoffel.“

„Aha“, sagte Rudi, und dachte bis zum Friedhof darüber nach, ob Lutz das nur wegen Jens sagte oder ob er vielleicht noch mehr Filmleute kannte.

Als sie den Grabstein aufstellten, ging ein scharfer Regenschauer nieder und er wäre bis auf die Haut nass geworden, wenn Lutz nicht noch eine Regenjacke mit Kapuze für ihn gehabt hätte.

Erst jetzt fiel ihm die Inschrift des Grabsteins auf. Nicht einmal einunddreißig Jahre war der Mann alt geworden.

So jung, dachte er. Das war doch nicht normal, dass einer so früh stirbt. Vielleicht ein Unfall. Oder Selbstmord. Ihm kam Schwerin in den Sinn und er wischte den Gedanken, dass er um ein Haar nicht einmal so alt wie der Verstorbene geworden wäre, fast ärgerlich berührt weg von sich.

„Solange du nix Besseres hast, kannst du in der Umkleide hinter der Werkstatt pennen“, sagte Lutz, als sie vom Friedhof zurück waren.

Rudi nickte dankbar.

11

Still und heimlich hatte Mandy München den Rücken gekehrt. Es gab keine offizielle Verabschiedung im Spatenhaus, keinen Umtrunk mit den Kollegen, keine persönliche Verabschiedung von Tobi. Der hatte damit gerechnet, dass sie bis zum letzten Tag ihrer Kündigung arbeiten würde. Aber sie hatte ihren Resturlaub genommen und war abgereist, ohne sich bei ihm zu melden. Er war extra noch einmal in die Buschingstraße geradelt, stand aber vor verschlossener Tür. Das Namensschild war bereits entfernt worden und hinterließ eine aluminiumgraue Lücke im Klingelbrett. Er ging ums Haus herum und schaute zu dem Apartment hoch, in dem sie gewohnt hatte. Auch der Vorhang war weg. Seine Gemütslage schwankte zwischen Wehmut und Erleichterung. Er wusste nicht so recht, wie er mit ihrem plötzlichem Verschwinden umgehen sollte. Ob sie den schlammfarbenen Vorhang vielleicht mit in die Karibik genommen hatte? Vielleicht käme dann dieser Florian aus Kärnten in den Genuss, die Bohrlöcher für die Vorhangschiene in ihrer neuer Behausung anzubringen, mit der bekannten Fortsetzung. Das versetzte ihm doch noch einen leisen Stich.

„Suchen Sie was?“ fragte ihn plötzlich jemand von der Seite. Er drehte sich um und erblickte einen Mann mit einer Leiter und einer Heckenschere.

„Meine Freundin hat hier gewohnt“, gab Tobi eher beiläufig Auskunft, „die Mandy.“

„Ausgezogen?“

„Ausgewandert. Karibik. Domrep. Aber ich hab keine Adresse von ihr.“

Der Mann stellte seine Leiter ab und schaute ihn von oben bis unten prüfend an: „Vielleicht will sie nicht, dass du ihre Adresse kriegst. Könnte ja sein, oder?“

„Nein, gewiss nicht. Ich glaub eher, dass sie einen Mordsstress gehabt hat, mit Abmelden und Wohnung auflösen und packen und das alles.“

„So, so, ausgewandert“, sagte der Mann, „na ja, vielleicht meldet sie sich bei dir, wenn sie dort angekommen ist. Deine Adresse hat’s ja, oder?“

„Ja logisch.“

„Weißt“, sagte der Mann, „Frauen sind halt schwer durchschaubar. Und sprunghaft, vor allem sprunghaft. Keine klare Linie.“ Er malte mit der Hand eine imaginäre Zickzack-Linie in die Luft.

Tobi nickte zustimmend, weil Mandys Verhalten ihm tatsächlich ziemlich sprunghaft vorgekommen war, besonders zuletzt.

Der Mann zündete sich eine Zigarette an. Nach dem ersten Zug sagte er: „Mir kommt keine mehr ins Haus. Sie haben alle immer nur mein Geld gewollt. Nur mein Geld. Da ist eine wie die andere. Erst tun sie einem schön, aber ab dem Moment, wo sie den Fuß in der Tür haben, zeigen sie ihr wahres Gesicht. Wenn ich ihnen nichts mehr gegeben habe, waren sie ganz schnell fort.“

Tobi merkte, dass das Gespräch eine Wendung nahm, die ihm nicht sonderlich gefiel. Deshalb fragte er: „Haben Sie die Mandy gekannt?“

Der Mann legte den Kopf in den Nacken und überlegte. „Mandy, nein, der Name sagt mir nix. Wie weiter?“

„Sind Sie nicht der Hausmeister von dem Haus? Der Mann von der Hausmeisterin?“ Er deutete auf das Apartmenthaus.

„Ich? Nein, nein. Wir halten hier nur die Grünanlagen sauber.“

Auf Tobis Stirn bildete sich eine steile Falte. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er diesen wildfremden Menschen für den Hausmeister gehalten hatte. „Ach so“, knurrte er und wandte sich zum Gehen.

„Die Hausmeisterin wohnt im Erdgeschoss“, rief ihm der Mann nach.

Tobi winkte ab und drehte sich nicht mehr um.

Auf Tollwood, fiel ihm ein, waren sie auch nicht gewesen, er und Mandy.

Die Polizei kam morgens früh, als Rudi gerade aufgestanden war. Erst dachte er, es wäre Lutz, aber als jemand in barschem Ton sagte: „Hallo? Ist hier jemand?“, wurde ihm klar, dass Lutz noch gar nicht da war. Er öffnete die Tür von seiner Schlafstatt, die er nachts mit einem Stock unter der Klinke gesichert hatte, weil es keinen Schlüssel gab, und stand vor zwei Polizisten in Uniform.

„Der Herr Koslowski ist noch nicht da“, sagte er.

„Und Sie sind der Herr…?“ fragte der Ältere.

„Holzner Rudi“, sagte er. „Ich helf’ hier aus.“

Der Jüngere fragte, ob sie sich einmal umsehen dürften und wartete sein Einverständnis gar nicht erst ab. Er öffnete das Spind und hob die schmale Matratze der Liege hoch. Der Ältere verlangte Rudis Ausweis.

Rudi schüttelte den Kopf. „Den hab ich verloren.“

„So, so, verloren ham Se den. Hier in Berlin?“

„Nein, in…. Schwerin.“

„Was ham Se denn in Schwerin gemacht?“ fragte der Ältere.

„Zeitschriften verkauft.“

„Und wie sind’Se von Schwerin nach Berlin gekommen?“

Langsam dämmerte es ihm, dass die beiden Polizisten gar nicht wegen Lutz gekommen waren.

„Per Anhalter.“

„Wissen Sie noch, wie der Autofahrer hieß, der Sie mitgenommen hat?“

„Ja“, sagte er leise, „der hieß Jens.“

„Jens Wichmann, richtig. Der hat Anzeige gegen Sie erstattet, wegen Sachbeschädigung und Diebstahl.“

Jetzt durchzuckte es Rudi, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Das Blut stieg ihm in den Kopf.

„Wieso Diebstahl“, stieß er hervor, „ich hab nichts gestohlen. Aber schon gleich gar nix!“

Der Jüngere schaute seinen Kollegen an und schüttelte verneinend den Kopf.

„Na jut, dit klären wir dann auf’m Revier“, sagte der Ältere, „komm’ Se mit.“

In der Hofeinfahrt begegneten sie Lutz, der mit seinem Lieferwagen dem Streifenwagen den Weg verstellte und die Polizisten wenig freundlich musterte.

„Der Jens hat mich angezeigt. Wegen Sachbeschädigung und Diebstahl. Dabei hab ich dem gar nix gestohlen“, erklärte Rudi aufgeregt dem wie immer stoischen Lutz.

Der Ältere fragte, ob sich Lutz ausweisen könne, und während der seinen Ausweis zückte, fragte er noch, ob Rudis Beschäftigung beim Arbeitsamt angemeldet sei?

„Brauch ich nicht“, sagte Lutz, „der Junge ist auf der Durchreise und hat sich ein paar Mark verdient. Kann ich davon ausgehen, dass Sie das soweit verstanden haben?“

„Nu werden Se mal nich frech hier!“ schnauzte der Ältere Lutz an.

„Musst du mit auf’s Revier?“, fragte Lutz. Rudi nickte.

Lutz griff in die Brusttasche seines Overalls und zog zwei Fünfzig-Mark-Scheine heraus, die er zunächst den Beamten hinhielt und dann feixend Rudi zusteckte. „Oh, hätte ich beinahe den Falschen gegeben. Aber für’n Hunni muss man richtige Arbeit leisten, ne, Rudi?“, sagte er. „Wenn du einen Anwalt brauchst, ruf mich an.“

„Können Sie mal eben zur Seite fahren?“ sagte der Jüngere zu Lutz.

„Aber gerne doch, Herr Oberkriminalrat“, sagte Lutz, „ich will ja nicht, dass Sie hierbleiben.“

Rudi bewunderte den unverschämten Ton von Lutz gegenüber den Polizisten und musste grinsen, obwohl ihm in Wirklichkeit mehr zum Heulen zumute war.

Auf dem Revier erzählte er den Beamten haarklein, wie seine Begegnung mit Jens verlaufen war.

„Und ein Schweizer Offiziersmesser, das dem Herrn Wichmann gehört hat, ham Se nicht zufällig eingesteckt?“ wollte der Ältere wissen.

„Ein Schweizer Offiziersmesser, ich? Gewiss nicht“, sagte Rudi entschieden, „ich hab nicht einmal ein Schweizer Offiziersmesser bei ihm gesehen.“

„Der Herr Wichmann sagt, er hätte das Messer im Seitenfach von der Beifahrertür gehabt. Auf dem Beifahrersitz sind Sie ja gesessen, von Schwerin bis Berlin, nicht wahr?“

„Ja, aber nur bei der einen Fahrt. Seither war er doch ein paar Mal mit seinem Auto unterwegs. Ich hab sein Messer nicht. Meinetwegen können Sie mich ruhig durchsuchen.“

Der Ältere nickte dem Jüngeren zu, der Rudis Taschen durchsuchte und dann sagte: „Nischt.“

„Bleibt noch die Forderung vom Anzeigeerstatter für die beschädigten Badetücher und den Schlüsseldienst“, sagte der Jüngere.

„Da würde ick sagen, dit könn’Se gelassen abwarten“, sagte der Ältere. „Ich glaube nicht, dass der Herr Wichmann Sie verklagt. Könnte eher für ihn peinlich werden.“

Rudi fiel ein großer Stein vom Herzen.

„Wenn ick Ihnen einen juten Rat geben darf, junger Mann, seh’n Se zu, dass Sie nach Hause kommen, besorgen Se sich ‚nen neuen Personalausweis und kümmern Se sich um ’ne or’ndliche Arbeit“, sagte der Ältere zum Abschied.

12

Karl Ertl klagte in letzter Zeit immer häufiger über Sodbrennen. Manchmal wachte er nachts auf, weil es in seiner Kehle wie Feuer brannte, und dann hustete er minutenlang, bis der scharfe Schmerz nachließ. Da er und Katharina schon länger in getrennten Zimmern schliefen, um dem Schnarchen des jeweils anderen zu entgehen, bekam seine Frau lange Zeit nichts von den nächtlichen Beschwerden mit. Karl Ertl nahm zunächst an, er verschlucke sich im Schlaf und das Brennen käme von seinem versehentlich in die Luftröhre geratenen Speichel. Als er schließlich seinem Hausarzt davon erzählte, riet der ihm zu einer Magenspiegelung, um dem Problem auf den Grund zu gehen. Mit einer Überweisung ins Josefinum kam er nach Hause.

„Da spürst gar nix, Karl“, beruhigte ihn Katharina, die das Prozedere einer Magenspiegelung kannte, „da lässt dir eine Schlafspritze geben und nach zwei Stunden gehst putzmunter wieder heim.“

Was die Untersuchung betraf, entsprach das der Wahrheit. Karl Ertl erwachte aus dem künstlichen Schlaf, streckte sich, zunächst noch ein wenig benommen, und wurde von einer Schwester daran gehindert, sofort aufzustehen: „Bleiben Sie ruhig noch ein paar Minuten liegen, Herr Ertl.“ Später bat ihn der Gastroenterologe zu einer kurzen Unterredung und teilte ihm mit, seine Magenklappe schließe nicht mehr richtig und infolgedessen fließe die Magensäure in die Speiseröhre zurück, was eine Veränderung der Schleimhaut bewirkt habe. „Die Veränderung ist bei Ihnen schon recht massiv“, sagte der Arzt. Genaueres erbrächte die pathologische Untersuchung der Biopsien, die er entnommen habe. Karl Ertl verstand bei weitem nicht alles, was ihm der Arzt erzählte, aber sein Hausarzt erläuterte wenige Wochen später den Befund, der Anlass zu ernster Sorge gab: Long-Segment-Barrett-Ösophagus mit hochgradiger intraepithelialer Neoplasie, Übergang in ein Adenokarzinom.

„Und was heißt das jetzt?“ fragte Karl Ertl. Katharina, die ahnte, dass sich dahinter eine unangenehme Wahrheit versteckte, ergriff die Hand ihres Mannes.

„Ein Adenokarzinom ist ein Tumor“, sagte der Hausarzt, „und es schaut bei Ihnen ganz so aus, als wäre es schon recht fortgeschritten, weil es ziemlich tief geht, also in die Lymphe und in die Vene hinein. Das ist bösartig, ja leider. Da gibt es nur noch eines, nämlich die Speiseröhre operieren.“

„Wie wird denn das operiert?“ fragte Katharina.

„Bei der Operation wird die Speiseröhre vollständig entfernt.“

Die Mitteilung traf Karl Ertl unvorbereitet und trieb ihm die Farbe aus dem Gesicht. „Was, die Speiseröhre entfernen? Ja wie soll ich denn dann noch essen?“

Der Hausarzt erklärte, bei dieser Operation werde anstelle der Speiseröhre der Magen nach oben gezogen, essen ginge später schon wieder, allerdings nur kleine Portionen und diese verteilt auf den Tag. „Herr Ertl, ich hätte Ihnen gerne etwas Angenehmeres gesagt, aber die Operation ist nun mal der Goldweg. An dem Eingriff kommen Sie nicht vorbei.“

Katharina drückte fest Karls Hand: „Das packen wir schon, Karl.“

Auch für Tobi war unübersehbar, wie niedergeschlagen der Opa seit dem höchst unerfreulichen Befund war.

„Der Opa ist ganz anders geworden“, sagte er zu seiner Mutter, „er regt sich über gar nix mehr auf und redet viel leiser wie früher.“

„Die Oma sagt, er freut sich sehr, wenn du ihn besuchst“, sagte sie, „schau, dass du ab und zu mal bei ihm vorbeifährst, wenn du Zeit hast.“

Das machte er gern, auch weil er inzwischen eine gebrauchte Kreidler Florett besaß, die er dem langen Rainer abgekauft hatte. Mit dem Moped war er schnell von Schwabing in Milbertshofen.

Karl Ertl pflegte nun so oft wie möglich im Garten an der Wand des Geräteschuppens zu sitzen, direkt unter dem Wappen mit dem Schriftzug „Königreich Bayern“. Obwohl es recht warm war, hatte der Opa um eine Decke gebeten, die er sich über die Schultern legen ließ.

„Mei, Tobi“, sagte der Opa, „ich hab doch immer gesund gelebt, und jetzt auf einmal so was. In meinem ganzen Leben bin ich nicht ernsthaft krank gewesen, nicht ein Mal. Ich weiß gar nicht, wie es nach der Operation weitergehen soll mit mir.“

Tobi wusste natürlich auch nicht, wie die Operation das Leben seines Opas verändern würde, aber er redete ihm gut zu, sich nicht verrückt machen zu lassen: „Am besten, du hörst gar nicht, was die Leut’ alles erzählen, Opa. Ich tät mir im Wartezimmer Kopfhörer aufsetzen. Ich leih’ dir meine, wennst magst.“

„Lass nur, das hilft mir auch nix mehr. Ich weiß gar nicht, ob ich die Operation überleb’. Die soll ganz schwierig sein, hab ich gehört“, sagte Karl Ertl traurig.

„Die Oma hat gesagt, dass sie dich noch weiter untersuchen. Vielleicht schaut am Ende alles ganz anders aus und du musst gar nicht operiert werden.“

Der Opa schüttelte den Kopf und drückte ihm die Hand. „Du bist ein lieber Bub. Ich dank dir recht schön, dass du mich besucht hast. Wie geht’s dir denn in der Arbeit?“

Passt alles, sagte er, und berichtete dem Opa ausführlich über seine Ausbildung als Koch und seine Noten in der Berufsschule.

„Du machst deinen Weg, Tobi“, sagte der Opa, „um dich hab ich keine Angst.“

Karl Ertl ergab sich seinem medizinisch diagnostizierten Schicksal und ließ sich, begleitet von seiner Frau, die ihm noch schnell einen neuen Schlafanzug und einen neuen Bademantel gekauft hatte, von Alois ins Krankenhaus Rechts der Isar bringen, wo ihm anderntags in einer stundenlangen Operation die Speiseröhre entfernt wurde.

Nachdem er die Trennung von Mandy verschmerzt hatte, hielt Tobi nach einer neuen Freundin Ausschau. Am Faschingsdienstag lernte er auf dem Viktualienmarkt Marie kennen, ein lebhaftes schlankes Mädchen mit großen dunklen Augen, die auf das Maximiliansgymnasium ging und kurz vor ihrem Abitur stand. Anfangs schien auch Maries Mutter, eine Rechtsanwältin, vom neuen Freund ihrer Tochter sehr angetan, aber nachdem sie erfahren hatte, dass er eine Ausbildung als Koch machte, wimmelte sie, wenn Marie nicht selbst ans Telefon ging, seine Anrufe ab. Schließlich bat ihn die Mutter, Marie in Ruhe zu lassen: „Wenn dir wirklich etwas an Marie liegt, dann zeigst du das am glaubwürdigsten, wenn du dich zurückziehst. Marie muss sich jetzt ganz darauf konzentrieren, ein gutes Abitur zu bauen. Was später wird, wird man sehen.“

Tobi sagte Marie, für ihn sei es kein Problem, wenn sie sich bis zu ihrem Abitur seltener sehen würden.

„Na jaaa…..“, sagte sie gedehnt, „ich weiß ja auch nicht, ob ich nach dem Abi einen Studienplatz in München kriege. Vielleicht ist es doch besser, wenn wir uns erst mal nicht sehen, keine Ahnung.“ Plötzlich kam ihm ein Gedanke: „Oder gefällt’s deiner Mutter nicht, dass ich bloß ein Koch bin?“ Sie druckste ein wenig herum, dann räumte sie ein, dass das für ihre Mutter „vielleicht irgendwie, keine Ahnung“ eine Rolle spielen könnte.

„Aber nicht für mich!“ schob sie eilfertig nach, „nicht dass du das etwa glaubst. Ich meine, schließlich hab ich ja von Anfang an gewusst, dass du Koch bist, was soll’s.“ Er schaute sie sekundenlang an, bevor er sagte: „Ist schon okay. Ich wünsch dir viel Glück für dein Abi. Tschau.“

Zu seiner eigenen Verwunderung machte es ihm gar nichts aus, dass mit Marie Schluss war. Sie hatte zwar noch versucht, eine längere Aussprache mit ihm herbeizuführen. Er sagte kühl, aber nicht unfreundlich: „Konzentrier’ dich auf dein Abi, Marie.“

Zunächst schien es, als habe Karl Ertl die Operation der Speiseröhre einigermaßen gut überstanden, aber dann verschlechterte sich sein Zustand wenige Wochen später derart, dass eine Nachoperation nötig wurde. Tobi besuchte ihn auf der Intensivstation und war erschrocken, wie schlecht der Opa aussah. Karl Ertl war bleich wie Wachs und an verschiedene Schläuche und Apparate angeschlossen. Sein Atem ging stoßweise und röchelnd. Er konnte nicht reden, drückte aber mit einem Lächeln Dankbarkeit aus und ließ seine Hand nicht los. Tobi fühlte sich hilflos. Was sollte er auch schon sagen? Nach ein paar Sätzen, die tröstend gemeint waren, verabschiedete er sich von seinem Opa und fuhr zurück in die Arcisstraße.

„Schau mal in die Küche, wer da ist“, sagte seine Mutter, als er zur Wohnungstür herein kam.

„Mei, unser Opa“, sagte er, während er seine Jacke an die Garderobe hängte.

„Ich weiß“, sagte seine Mutter.

Er ging in die Küche und stand zu seiner Überraschung Rudi gegenüber.

„Da bist ja“, sagte Rudi.

„Wo kommst denn du her?“ fragte Tobi und schaute verblüfft auf die langen Haare vom Rudi.

„Ich bin wieder in München“, sagte Rudi, und verzog den Mund zu einem halben Lächeln.

Sie gingen vor zum Elisabethplatz und setzten sich auf eine Parkbank, nachdem sie etwas zu trinken besorgt hatten, eine Cola für Tobi und für den Rudi ein Bier. Rudi benötigte einen längeren Anlauf, um seine Geschichte zu erzählen, sparte dabei aber gewisse Details aus, auch deshalb, weil ihm die Worte fehlten, um seine Flucht auf den Domturm in Schwerin und seine Gedanken an Selbstmord zu beschreiben. Er wusste ja im Nachhinein selbst nicht mehr genau, was da in ihm abgelaufen war. Die Begegnung mit Jens konnte er hingegen genau schildern. Tobi bekam sich vor Lachen gar nicht mehr ein: „Ich glaub ich spinn’! Ein Schwuler und du mit dem Tigerkopf vor’m Schwanz! Das hätt’ ich sehen mögen.“

„So lustig war das fei nicht“, sagte Rudi, musste dann aber mit Tobi mitlachen, der sich auch noch köstlich über Rudis Flucht durchs Badezimmerfenster amüsierte.

Tobi seinerseits berichtete von seiner Kochlehre, wie zufrieden er mit seiner Berufswahl sei und dass er sich schon darauf freue, nach Beendigung seiner Ausbildung, die kurz bevor stand, eine Stelle als Koch zu bekommen.

„Vielleicht sogar im Ausland“, sagte er.

„Was, im Ausland?“ fragte Rudi voller Respekt zurück. „Wohin denn da?“

„Das weiß ich jetzt noch nicht so genau“, antwortete er, „am liebsten nach Frankreich oder in die Schweiz. Vielleicht nicht gleich sofort, aber später mach ich das ganz gewiss.“

Rudi schien beeindruckt. Dann wollte er wissen, was Tobi bisher mit den Schnecken erlebt hatte.

Tobi hob Mandy in den Mittelpunkt seiner amourösen Schilderungen, die anderen seien, wie er mit einer wegwerfenden Handbewegung unterstrich, nur flüchtige Geschichten gewesen und deshalb vernachlässigenswert. „Und du?“ fragte er, „hast du eine gehabt? Oder nur den Schwulen?“

Rudi ertrug Tobis erneut einsetzendes Gelächter, bevor er zunächst stockend, dann immer flüssiger von jungen Hausfrauen erzählte, die ihn bei seinen Türgeschäften in die Wohnung gebeten und dann verführt hatten. Jetzt blieb Tobi glatt der Mund offen stehen. Davon hatte er ja keinen blassen Schimmer gehabt! Man musste also nur an einer Wohnungstür läuten und schon stand man vor einem „Mieder-öffne-dich“! Einmal in Fahrt und die staunende Bewunderung seines Freundes genießend, schlug sich Rudi auch noch kurzerhand seine Drücker-Kollegin Heike als Bettgespielin zu, was ebenso gelogen war wie die amourösen Einladungen von den willigen Hausfrauen, wenn man von einer gefärbten Rothaarigen in Dülmen absah, die schon am frühen Morgen getrunken hatte und auch nicht jung war, sondern mehr als doppelt so alt wie er.

„Und was tust jetzt, jobmäßig?“ fragte Tobi.

„Keine Ahnung“, sagte Rudi achselzuckend, „aber ich find schon was. Ich muss was finden. Ich kann ja nicht ewig bei meinen Eltern wohnen.“

„Hast du denen auch die ganzen Storys verzählt?“

„Spinnst du? Die sind eh sauer auf mich, weil ich sie belogen hab mit dem Verlagsjob, das kannst dir ja denken.“

„Was ist mit Ausbildung?“

Rudi schüttelte mit skeptischer Miene den Kopf.

„Das glaub ich eher weniger. Ich brauch ein Geld, für eine eigene Wohnung.“

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400 стр.
ISBN:
9783844256574
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