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Susanne Scheibler

Vier Pfoten hat das Glück - Memoiren eines Dackels

Saga

Vier Pfoten hat das Glück - Memoiren eines Dackels

Vier Pfoten hat das Glück. Memoiren eines Dackels

Copyright © 2021 by Michael Klumb

vertreten durch die AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Die Originalausgabe ist 1986 im Goldmann Verlag erschienen

Coverbild/Illsutration: Shut

Copyright © 1986, 2021 Susanne Scheibler und SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726961270

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

www.sagaegmont.com

Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.

1

Mein liebes Frauchen!

Kann ein Hund der Hund von einem anderen Hund sein? Tessy behauptet es. Sie sagt, sie sei der Hund von Sabine und Michael und ich ihr Hund.

Ich glaube, Du kennst Tessy noch gar nicht. Wahrscheinlich wird Michael Dir von ihr erzählt haben, aber das war bestimmt gräßlich übertrieben. Dein Sohn ist nämlich dermaßen vernarrt in Tessy, daß ihn seine Frau schon damit aufzieht. Ich bin nun schon über eine Woche hier und komme aus dem Staunen gar nicht heraus, was Tessy alles darf. Jedenfalls bei Michael.

Sie kann ihn verbellen, wenn er versucht, ihr etwas zu verbieten. Sie darf beim Essen auf einem Stuhl am Tisch sitzen und betteln. Sie liegt auf der Fensterbank und schimpft alle Leute auf der Straße aus. Sie klaut die Handtücher aus dem Bad und zerrt sie durch die ganze Wohnung. Sie stiehlt Michael das Taschentuch aus der Hosentasche und wickelt ihre Knochen darin ein – und zu gehorchen braucht sie auch nur ganz wenig.

Sabine ist ein bißchen strenger mit ihr, deswegen sagt Tessy auch, sie sei der Meuteführer, aber Michael ihr, Tessys, Kumpel.

Also sieht so die Rangordnung aus: Erst kommt Sabine, dann kommen Tessy und Michael und zuletzt ich, Dein guter alter Julius. Ich frage Dich nun, liebes Frauchen, muß ein Dackel von zwölf Jahren sich das gefallen lassen?

Zwischen Dir und mir hat es so etwas nie gegeben. Da war von Anfang an alles klar. Du warst mein Frauchen, und ich war Dein Hund. Du hast mir beigebracht, was ein guter Hund darf und was nicht, und ich habe Dir gehorcht – wenn ich wollte.

Wenn ich nicht wollte, habe ich mein melancholischstes Faltengesicht aufgesetzt, Du hast mich einen dickfelligen Köter geschimpft, und dann haben wir einen Kompromiß geschlossen. Der sah dann so aus, daß die Sache im Sande verlief.

Ach ja – und ganz früher, als ich jünger war und einen rosa Bauch und eine Menge Falten mehr hatte, war noch Michael bei uns.

Michael war immer sehr lieb, so ein Mittelding zwischen Herrchen und Kumpel, aber inzwischen ist er doch älter geworden, und ich finde, ein grünes Ding wie Tessy sollte nicht so respektlos von ihm reden. Schließlich ist er jetzt ein Herr Doktor Bernhold und verheiratet.

Aber ich will Dir ausführlicher über Tessy berichten.

Also, sie ist auch ein Dackel, allerdings Langhaar, hat sehr schöne krumme Beine, rote Haare und ist viel kleiner als ich. Wenn sie um mich herumstreicht (und das tut sie oft), wackelt sie schrecklich mit dem Hintern.

Aber bei Tessy bedeutet das nicht wie bei jeder anständigen Hündin, daß sie flirten will, nein! Wenn Tessy mit der Rückseite schlenkert, führt sie was im Schilde. Entweder will sie dann an meinen Futternapf oder in mein Körbchen, oder sie springt mir auf den Rücken und kratzt mich ganz furchtbar. So, wie ich kratze, wenn ich im Garten ein frisches Mauseloch finde.

Für Mauselöcher interessiert sich Tessy gar nicht. Auch nicht für Fuchs- oder Hasenspuren. Sie sagt, sie sei kein Gebrauchshund, und sie dächte nicht daran, sich die Pfoten schmutzig zu machen.

Hast Du so was schon gehört? Diese jungen Hunde heutzutage...

Tessy ist nämlich noch sehr jung, gerade zwei Jahre alt. Aber glaub ja nicht, daß sie deswegen Respekt vor dem Alter hat.

»Traue keinem über fünf«, ist ein Schlagwort von ihr. Und als ich ihr erwiderte, daß sie schließlich auch mal fünf Jahre alt werden würde, meinte sie, daß das etwas ganz anderes sei, weil sie einer anderen Generation angehöre.

Wir zum Beispiel hätten uns kritiklos von dem Wort »pfui« unterjochen lassen. Dabei sei es ein ganz willkürlich angewendeter Begriff, von der Herrchenrasse erfunden, um Hunde zu unselbständigen, knechtischen Wesen zu erziehen.

»Pfui ist eine Pauschalverdammung, die wir nicht mehr hinnehmen«, sagt Tessy. »Wir verlangen Differenzierungen, damit unsere individuellen Entfaltungsmöglichkeiten nicht manipuliert werden.«

Du siehst, liebes Frauchen, Tessy kennt unheimlich viele Fremdwörter, die ich nicht alle verstehe. Deshalb fragte ich sie auch, was sie mit Differenzierungen meine, und das hat sie mir so erklärt:

»Es gibt Leute, die schreien schon ›pfui‹, wenn ein Hund mal schnuppert. Andere tun das erst, wenn er sich in einer schmutzigen Pfütze wälzt, oder bei Sachbeschädigungen wie dem Anknabbern von Teppichen und Stuhlbeinen. Oder bei Mundraub oder beim Zubeißen in Waden und Hosenböden. Hier in der Nachbarschaft ist ein Kind, das kreischt sogar schon ›pfui‹, wenn ich nur ein bißchen Nachlaufen mit ihm spiele. Verstehst du das?«

»Natürlich«, sagte ich. »Pfui ist eben alles, was den Menschen nicht gefällt, und wir müssen uns danach richten. Wo kommt man hin, wenn man seiner Obrigkeit nicht gehorcht!«

Daraufhin hat mich Tessy einen reaktionären Trottel geschimpft, der die ihm auferlegten Verhaltenszwänge liebe, statt sie abzustreifen. Und weil ich genauso geschwollen daherreden wollte wie sie, habe ich Tessy eine progressive Gans genannt und bin auf den Balkon in die Sonne gegangen.

Daß mir ein Wort wie progressiv überhaupt eingefallen ist, hat mich mächtig stolz gemacht. Ich hatte es gerade am Vorabend in der Fernsehsendung »Aspekte« gehört.

Übrigens war dies mein erster richtiger Krach mit Tessy. Sie war noch den ganzen Nachmittag über beleidigt, aber das war mir wurst.

Du siehst, liebes Frauchen, es ist nicht ganz leicht mit Tessy. Aber eines muß man ihr lassen: Sie riecht gut. Das habe ich schon gemerkt, als Michael mich bei Dir abgeholt hat. Sein ganzes Auto riecht nämlich nach Tessy, und das hat mich ein bißchen über den Abschiedsschmerz von Dir hinweggetröstet.

Ist es wirklich wahr, daß ich ein halbes Jahr bei Michael, Sabine und Tessy bleiben soll? Michael hat es mir erzählt, als wir wegfuhren. Da hat er mir den Rücken geklopft und gesagt: »So, alter Junge, jetzt bleibst du für die nächsten sechs Monate bei uns in Düsseldorf. So lange ist dein Frauchen nämlich in England. Wegen der Quarantänebestimmungen kannst du nicht mit. Aber ich denke, daß es dir bei uns gefallen wird.«

Es gefällt mir auch wirklich ganz gut, schon weil Michael hier ist. Und gegen Sabine kann ich auch nichts sagen. Manchmal setzt sie sich zu mir auf den Boden und schmust mit mir. Ich glaube, sie hat es gern, wenn ich meinen Kopf in ihre Hand drücke. Und einen Schlecker darf ich ihr auch geben.

Doch meist taucht dann Tessy von irgendwoher auf, drängelt sich dazwischen, und ich muß zusehen, daß ich mich verkrümele. Sonst fängt sie wieder das Kratzen an.

Sie läßt mir wirklich wenig Ruhe, aber sie riecht fabelhaft. Zweimal ist sie auch schon zu mir ins Körbchen gekommen. Nur so, ohne mich zu ärgern, und hat sich zusammengerollt und getan, als ob sie schliefe.

Aber sie hat nicht geschlafen, denn als ich ihr ganz vorsichtig an die Ohren gekommen bin, hat sie gesagt: »Nase weg, du Lustgreis. Vielleicht war es in deiner Jugend ›in‹, wenn sich alte Knaben junge Freundinnen anlachten. Heutzutage gilt das als dekadent.«

Trotzdem ist sie noch eine ganze Weile im Körbchen geblieben, und das fand ich sehr nett.

So, für heute will ich Schluß machen. Ich schreibe Dir wieder, wenn es etwas Wichtiges zu erzählen gibt.

Bis dahin viele Grüße, mein liebes Frauchen, von Deinem Julius.

2

Mein liebes Frauchen!

Diesen Brief bekommst Du nicht aus Düsseldorf, denn Michael, Sabine, Tessy und ich sind verreist – in ein Dorf am Niederrhein. Es heißt Hinterwiesen, und Michael und Sabine haben dort ein Bauernhaus gekauft.

Sie sagen zwar, daß es ziemlich alt und verkommen ist und daß sie noch jahrelang mit dem Umbau zu tun hätten, aber ich fand es hier auf Anhieb Spitze. Später gefiel es mir weniger; warum, wirst Du gleich erfahren. (Spitze ist übrigens ein Ausdruck von Tessy. Sie hat ihn in einem Fernsehquiz aufgeschnappt und benutzt ihn seitdem dauernd.)

Abends sehen wir meist fern, weil es draußen regnet. Ich schlafe oft darüber ein, und Sabine sagt dann, es ginge den Hunden wie den Menschen, bei dem Programm.

Mit dem Fernsehprogramm ist es komisch. Alle Leute schimpfen darauf, trotzdem sitzen die meisten Abend für Abend vor dem Bildschirm. Ob sie immer noch hoffen, zwischendurch mal eine gute Sendung zu erwischen?

Tessy meint, alle, die mit dem Programm unzufrieden sind, sollten ihren Fernseher für ein Vierteljahr abmelden und in den Keller stellen. Das hätte eine Menge Auswirkungen – nicht nur auf die Programmacher. Beispielsweise würden viel mehr Leute abends mit ihren Hunden oder Kindern spielen. Und vielleicht würden sich manche auch mehr Hunde oder Kinder anschaffen.

Es ist ja alles eine Frage der Zeit.

Ich finde, die Menschen haben viel zu wenig Zeit. Oder sie nehmen sich keine. Dauernd müssen sie was zu tun haben, sogar am Wochenende. Es tut mir sehr leid, Dir das schreiben zu müssen, aber Dein Sohn und Deine Schwiegertochter bilden darin keine Ausnahme.

Da haben sie sich nun ein Haus gekauft, um am Wochenende oder in ein paar Urlaubstagen wie jetzt im Grünen zu sein – und was tun sie? Sie bauen um.

Dabei wäre das meiner Meinung nach gar nicht nötig. Aber Sabine findet die Zimmer zu klein und will aus dem angebauten Stall ein großes Wohnzimmer machen. Daran soll sich eine Terrasse anschließen. Und einen Garten will sie auch anlegen, wo sich jetzt ein wundervoller Hofraum befindet, mit einer Kastanie in der Mitte und lauter Huflattich, Löwenzahn und Brennesseln drumherum.

Mir gefällt der Hofraum besser. Man weiß ja, wie das ist mit einem Garten. Da darf man nur auf den Wegen laufen, auf dem Rasen darf man kein Bein heben und in den Beeten nicht kratzen. Für Hunde ist das gar nichts. Aber uns fragt ja keiner.

Liebes Frauchen, weißt Du, was ein Schwarzarbeiter ist? Ich weiß es jetzt. Michael und Sabine haben nämlich einen engagiert. Er heißt Herr Wetzke und stammt aus dem Nachbardorf.

Vorgestern abend war er hier, und Michael hat ihm erklärt, was er tun soll. Eine Tür zum Stall durchbrechen, im Stall Fensterlöcher schlagen und das große Stalltor zumauern. Dafür wird dann am anderen Ende eine Terrassentür angebracht.

»Dann müssen wir natürlich noch eine Balkendecke ziehen, Herr Wetzke, und Fußboden verlegen«, hat Michael gesagt. »Und hier soll der offene Kamin hin. Es gibt jetzt ganz fabelhafte Modelle in Fertigbauweise zu kaufen.«

Herr Wetzke hatte einen Zollstock mit, und Michael mußte alles aufschreiben, was er für den Umbau brauchte. Zement, Kalk, Sand, Rotband, Steine und Hölzer zum Verschalen. Wegen der Türen und Fensterrahmen wollte Herr Wetzke einem Vetter Bescheid sagen, der Schreiner ist. Aber die Baumaterialien müßte Michael besorgen.

Dein Sohn hat immer nur genickt. »Mach ich, Herr Wetzke, mach ich. Gleich morgen haben Sie die Sachen da. Sie fangen doch um acht an?«

»Lieber wäre mir um sieben. Dann schaffe ich mehr.«

Das war der Punkt, wo Sabine leise aufseufzte. Sie steht nämlich nicht gern früh auf. Das hat sie Herrn Wetzke auch sagen wollen, aber Michael hat sie mit einem beschwörenden Ausdruck angesehen und den Kopf geschüttelt. Da hat sie den Mund gehalten.

Hinterher hat der Schwarzarbeiter Bier und Korn gekriegt. Michael hat ihm immer wieder nachgeschenkt, und darum ist es ein sehr langer Abend geworden.

Tessy und ich haben Sabine schon angemerkt, daß sie wütend war, und richtig, hat Michael, nachdem Herr Wetzke endlich weggefahren ist, von Sabine ein paar warme Worte zu hören gekriegt.

Wenn sie schon um sechs Uhr aufstehen müßte, wollte sie wenigstens vor Mitternacht schlafen gehen. Sie hätte ja nichts dagegen, Herrn Wetzke etwas zu trinken anzubieten, aber ihn gleich mit einer ganzen Flasche Korn zu traktieren, ginge doch zu weit. Schließlich würde er für seine Arbeit bezahlt.

Michael hat heftig widersprochen.

»Wir müssen froh sein, daß Herr Wetzke überhaupt kommt. Deshalb muß man ihn ein bißchen hofieren. Was glaubst du, was los ist, wenn ihm die Arbeit hier nicht mehr paßt und er alles stehen und liegen läßt. Dann können wir eine Firma beauftragen, und das kostet das Fünffache. Außerdem war es Deine Idee, den Stall ausbauen zu lassen. Dafür mußt du schon ein paar Opfer bringen.«

Am nächsten Morgen hat uns also der Wecker um sechs Uhr wachgeklingelt. Aber wer um sieben nicht kam, war Herr Wetzke. Er tauchte erst um zehn nach neun auf und sagte, daß ihm das Bier und der Korn gar nicht bekommen seien.

»Meine Frau hat gemeint, daß ich im Bett bleiben soll. Aber ich wollte Sie nicht im Stich lassen.«

Sabine und Michael waren vorher mächtig aufgebracht gewesen, vor allem, weil sie beide noch müde waren. Aber jetzt nickten sie nur noch und erwiderten, daß das wahnsinnig nett, ja geradezu rührend von Herrn Wetzke sei. Sabine bot sich sogar an, ihm ein Katerfrühstück zu machen – mit gepfeffertem Tomatensaft und sauren Heringen.

»Lieber wäre mir ein Bier«, hatte Herr Wetzke gesagt. »Und vielleicht ein Körnchen dazu. Es heißt ja, daß man morgens mit dem anfangen soll, womit man abends aufgehört hat.«

Er hat beides bekommen.

Angefangen zu arbeiten hat er gegen zehn. Da waren auch schon die Baumaterialien geliefert worden, die Michael morgens um halb acht bestellt hatte. Zwei Lastwagen haben Sand und Steine einfach in die Einfahrt gekippt, daneben das Bauholz und die Zement- und Kalksäcke.

Michael hat den halben Tag gebraucht, um alles an die Seite zu räumen, sonst hätte er mit dem Wagen gar nicht mehr wegfahren können.

Inzwischen hat Herr Wetzke mit dem Preßlufthammer die Tür gebrochen. Ich bin froh, liebes Frauchen, daß ich schon ein bißchen schlecht höre, sonst hätte ich den Krach gar nicht ausgehalten. Er war fürchterlich.

Tessy hat sich nach oben ins Schlafzimmer verzogen und ist unter Sabines Bettdecke gekrochen. Sie ist bis zum Mittagessen nicht mehr zum Vorschein gekommen, worüber ich doch recht erleichtert war.

Ich schrieb Dir ja schon, daß Tessy anstrengend ist. Herrn Wetzkes Preßlufthammer und Tessy – das wäre mir entschieden zuviel geworden.

Sabine hat dann die Steine und das Geröll, das Herr Wetzke aus der Wand gehämmert hat, mit einer Karre nach draußen gefahren. Eigentlich sollte Michael das tun, aber der war noch mit dem Wegräumen des Baumaterials beschäftigt.

Am Nachmittag kam der Schreiner, um die Tür einzusetzen. Aber das konnte er noch nicht, weil Herr Wetzke erst die Mauern verfugen und Estrich auf den Boden streichen mußte.

Die beiden hatten deswegen eine ziemlich lautstarke Meinungsverschiedenheit. Ich habe nur die Hälfte verstanden, weil sie niederrheinisches Platt redeten. Aber soviel war sicher: Herr Wetzke behauptete, seinen Vetter erst für übermorgen bestellt zu haben, und der Vetter bestritt das.

Das ging so lange hin und her, bis Sabine eingriff. Sie war ziemlich nervös – wahrscheinlich, weil Herr Wetzke gar nicht mehr arbeitete, sondern sich nur noch mit seinem Vetter zankte. Und Herr Wetzke bekommt doch Stundenlohn ...

»Aber meine Herren«, sagte Sabine und lachte. Ich fand, daß es ziemlich unnatürlich klang. »Die ganze Sache war eben ein Mißverständnis. Natürlich muß der Zement – oder was immer Sie, Herr Wetzke, da angerührt haben, erst trocknen, bevor Herr Sievert den Türrahmen und die Tür anbringen kann. Also kommen Sie morgen wieder, und die Angelegenheit ist ausgestanden.«

Herr Sievert ist kein Schwarzarbeiter. Deshalb hat er auch weder Bier noch Korn gekriegt, sondern nur eine Tasse Kaffee, die Sabine gerade aufgebrüht hatte.

Ein Schwarzarbeiter ist also etwas Besonderes.

Er kann bei der Arbeit trinken, soviel er will. Er kann zu spät kommen, und alle freuen sich, wenn er endlich da ist. Er kriegt das beste Essen (zwei Schnitzel zu Mittag und hinterher jede Menge Eis), und die Leute, die ihn bezahlen, sind seine Handlanger.

Sabine hat Steine gekarrt, Michael mußte den Speis anrühren und Herrn Wetzke alles anschleppen, was er brauchte.

Das war ganz schön anstrengend, und am Abend hat Dein Sohn Blasen an den Händen gehabt und behauptet, daß sein Kreuz durchgebrochen sei.

Um sechs hat Herr Wetzke noch mal Würstchen mit Kartoffelsalat gekriegt. Aber glaub ja nicht, daß er Tessy und mir auch nur einen Wurstzipfel abgegeben hätte. Dabei haben wir die ganze Zeit neben ihm gesessen und auf seinen Mund gestiert.

Tessy hat sogar Männchen gemacht, aber Herr Wetzke hat nur gesagt: »Wat will denn dä liebe Jung?« und weitergekaut. Woraus Du erkennst, daß er – obwohl er etwas Besonderes ist – von Hunden keine Ahnung hat. Tessy sieht man doch schon am Gesicht an, daß sie ein Mädchen ist – vom Bauch ganz zu schweigen.

Sie war auch ziemlich beleidigt, deshalb ist sie hinterher über den frisch aufgetragenen Estrich getappt. Dort sind jetzt Tessys Pfotenabdrücke für immer zu sehen.

Herr Wetzke war schwer aufgebracht, aber Michael hat gesagt: »Machen Sie sich nichts draus, mein Lieber, später kommt da sowieso Teppichboden drüber.« Er nimmt Tessy ja immer in Schutz.

Sabine hat ihr hinterher die Pfoten gebadet, was eine ziemlich eklige Prozedur war, und seitdem kann Tessy Schwarzarbeiter nicht mehr leiden.

Sie sagt, es sei ausnahmsweise mal richtig von der Regierung, daß sie gegen solche Leute schärfere Maßnahmen angekündigt habe. Nur würde leider zwischen einer Regierungsankündigung und der tatsächlichen Ausführung immer unheimlich viel Zeit vergehen. Deshalb müßte man damit rechnen, daß Herr Wetzke Michael und Sabine noch monatelang ungestraft herumkommandieren und fässerweise Bier und Würstchen konsumieren darf.

Dabei hat er schon einen mächtigen Bauch. Beim Essen hat er erzählt, daß er früher auf dem Bau gearbeitet hat.

»Die Firma hat pleite gemacht, und seitdem gehe ich stempeln.«

Tessy und ich wußten nicht, was das ist – stempeln gehen. Aber wahrscheinlich ist es etwas sehr Nahrhaftes, denn Herr Wetzke hat, wie er behauptet, seitdem zwanzig Pfund zugenommen. Und soviel Geld wie jetzt – durch die Schwarzarbeit und das Stempeln – hätte er auch noch nie verdient.

Heute früh ist er übrigens um sieben hier gewesen, und das gab erst mal ein tolles Durcheinander, weil Michael und Sabine noch schliefen. Niemand hatte erwartet, daß Herr Wetzke pünktlich sein würde.

Dafür ist dann der Schreiner nicht gekommen, und weil es seit heute nacht draußen regnet, zieht es ganz scheußlich durch das offene Türloch. Herr Wetzke sagt, daß man sich auf Handwerker eben nie verlassen könne.

Jetzt will ich aber schließen, denn ich bin todmüde von all dem Hämmern, Klopfen und dem Beobachten der Bauarbeiten. Es ist schlimm für einen alten Hund, wenn er tagsüber um seine Nickerchen gebracht wird.

Also gute Nacht, liebes Frauchen, und viele, viele Schlecker von Deinem Julius.

3

Mein liebes Frauchen!

Wir sind immer noch in Hinterwiesen; es hat zu regnen aufgehört, und das Wetter ist sehr schön. Sabine hat mit Tessy und mir gestern einen langen Spaziergang gemacht, während Michael damit beschäftigt war, eine Regalwand für die Abstellkammer zusammenzubauen.

Zunächst sind wir durchs Dorf gegangen. Das war sehr aufregend, weil in jedem zweiten Haus ein Hund ist, und alle haben zu bellen angefangen, als wir vorbeikamen.

Auf dem Dorfplatz, wo die Haltestelle für den Postbus ist, haben wir uns dann gegenseitig beschnuppert, während Sabine sich mit Frau Hellwig unterhielt.

Frau Hellwig verwaltet die Poststelle; deswegen ist auch ein Briefkasten an ihrer Haustür. Außerdem trägt sie für drei Dörfer die Post aus. Das bedeutet, daß Frau Hellwig so ziemlich alles weiß, was in der näheren Umgebung vor sich geht. Sie kennt alle Leute, und was sie nicht aus den Postkarten, Telegrammen oder den Telefongesprächen, die bei ihr geführt werden, erfährt, das erfragt sie einfach.

Deshalb hat sie sich auch lange mit Sabine unterhalten. Was Michael von Beruf wäre, wo er arbeite, was sie für das Haus bezahlt hätten und wo Du, liebes Frauchen, wärst.

»Meine Schwiegermutter besucht eine Kusine in England«, hat Sabine gesagt. »Außerdem macht sie eine Studienreise. Sie sammelt Material für ein kunstgeschichtliches Buch über die Baudenkmäler der Tudorzeit.«

»Wie interessant!« hat Frau Hellwig geantwortet, aber man merkte ihr an, daß sie Bücherschreiben – noch dazu über Tudorschlosser und -kirchen – für etwas sehr Sinnloses hält.

Wahrscheinlich liest sie nur die Postkarten, die sie austrägt.

Hinterher hat sie Sabine noch eine Menge, über die Dorfbewohner erzählt, was Tessy zu der Feststellung veranlaßte, Frau Hellwig sei eine Ratsche. Aber im Grunde könnten Frauen wie sie gar nichts für ihre Klatschsucht. Es sei eine Ersatzbefriedigung.

»Ersatzbefriedigung? Wofür bitte?« erkundigte ich mich.

»Weil sie nicht emanzipiert ist. Weil sie nicht gelernt hat, ihre Frustrationen abzustreifen und sich selbst zu verwirklichen.«

»Ach, und woher willst du das wissen?«

»Das erkläre ich dir ein anderes Mal«, hat Tessy mich abfahren lassen, weil drei Hunde um sie herumscharwenzelt sind. Und ob emanzipiert oder nicht – sie hat sich dabei genauso aufgeführt wie jede andere Hündin, die mir in meinem langen Leben begegnet ist. Man hätte es mit ihren Worten ein »überaltertes Verhaltensmodell« nennen können.

Am liebsten hätte ich Tessy damit aufgezogen. Aber damit hätte ich sie nur wütend gemacht, und das wollte ich vermeiden. Außerdem fand ich es ganz hübsch, daß sie sich plötzlich genauso benahm, wie ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter es getan hätten.

Offenbar ist, wenn, es ums Gefallen geht, Schluß mit der Emanzipation – jedenfalls bei Tessy. Ich fände es auch schade, wenn sie eine richtige Emanze wäre.

Ich erinnere mich an Frau Schlehmeyer, von der Du das immer behauptest. Frau Schlehmeyer legt es, glaube ich, darauf an, niemandem zu gefallen, weil sie das als weibliche Schwäche ansieht. Und weil sie Männer nicht leiden kann (oder ist es umgekehrt?), kopiert sie sie. Zumindest kopiert sie das, was sie den Männern zur Last legt.

Sie ist sehr dominierend, finde ich, beinahe schon patriarchalisch. Sie raucht wie ein Mann, sie trinkt wie ein Mann, obwohl das bei Männern ihrer Meinung nach Ausdruck charakterlicher Labilität ist, und das einzige, was sie mit Männern nicht gemein hat – sie ist kein bißchen eitel.

Wahrscheinlich geht sie deshalb nie zum Friseur und zieht sich so unvorteilhaft an. Aber ob das ein Zeichen von Emanzipation ist...?

Tessy behauptet, daß ich stockkonservativ in meinen Ansichten bin – der typische Ze-de-uh-Anhänger. Wohingegen sie für die Es-pe-deh und die Grünen schwärmt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß diese beiden Parteien die nette Geschichte mit dem Apfel und der Verführung in Grund und Boden verdammen. Warum auch? So was ist ein paar tausend Jahre alt und bewährt.

Vielleicht würden die Grünen motzen, wenn Adam und Eva damals durch Currywurst oder Hamburger mit Pommes frites verführt worden wären (aus Cadmium-verseuchten Kartoffeln, versteht sich, und östrogenhaltigem Fleisch) –, aber gegen einen paradiesisch-ökologisch angebauten Apfel, garantiert ungespritzt, können sie doch eigentlich nichts einzuwenden haben, oder?

Aber Verführung hin, Emanzipation her – Tessy jedenfalls versteht sich ganz toll aufs Kokettieren, das habe ich gemerkt. Und da geht es den Menschen wie den Hunden: Wir fallen allemal gern auf das Zurschaustellen weiblicher Reize herein. Die Emanzen sagen zwar, das sei eine Degradierung der Frau zum männlichen Lustobjekt, aber ich vermute, daß die meisten Politiker – auch von der Es-pe-deh und den Grünen – gar nichts dagegen haben. Jedenfalls inoffiziell. Warum, bitte schön, gäbe es sonst in Bonn so viele Nachtlokale mit Striptease? Und von den Grünen soll ja sogar einer mal einer Bundestagsabgeordneten an den Busen gefaßt haben ...

Wahrscheinlich wirst Du jetzt sagen, ich solle meine Nase nicht in Angelegenheiten stecken, die mich nichts angehen. Das will ich auch gar nicht. Aber wenn man mit Tessy zusammen ist, bleibt es gar nicht aus, daß man über gewisse Dinge nachdenkt. Sie provoziert das.

Irgendwie hat Sabine es dann geschafft, sich von Frau Hellwig loszueisen, und wir sind durch den Wald gewandert, der gleich hinter dem Dorf anfängt.

Du weißt ja, wie gern ich im Wald spazierenlaufe. Tessy hat es zuerst auch gefallen, und wir haben unheimlich viele Spuren gemeinsam beschnuppert und abgebrochene Äste vor uns hergeschleppt. Aber nach einer halben Stunde hat Tessy behauptet, die Pfoten täten ihr weh.

Da sieht man wieder einmal, was für eine verweichlichte Generation das ist! Kein bißchen sportlich gestählt. Offen gestanden habe ich meine steifen Knochen auch gespürt, aber ich hätte mir lieber die Zunge abgebissen, als das zuzugeben.

Statt dessen habe ich Tessy erzählt, wie fit ich in ihrem Alter war, und das hat sie ziemlich kleinlaut gemacht. Wetten, daß sie mich mindestens drei Tage lang nicht mehr »alter Knacker« tituliert?

Auf dem Rückweg hat Tessy dann Streit mit einer Hündin aus dem Dorf gekriegt. Lottchen heißt sie, und sie ist die einzige Hundedame von ganz Hinterwiesen. Deshalb hat sie auch eine Menge zu sagen.

Irgend jemand muß ihr während unseres Spaziergangs gesteckt haben, daß sie Konkurrenz bekommen hat, und so kam es, daß sie vor der Bushaltestelle auf Tessy wartete.

Lottchen war mächtig aufgebracht und ist gleich auf Tessy losgefahren. Ein paar Hunde aus der Nachbarschaft waren auch wieder da, aber Du weißt ja, daß es ein ungeschriebenes Gesetz ist, sich in solche Streitigkeiten nicht einzumischen. Deshalb haben wir alle nur zugesehen.

»Komm her!« hat Lottchen geschimpft. »Komm nur her, du rothaarige Stadtpflanze. Du willst mir meinen Rang streitig machen? Das wollen wir doch sehen!«

Und dann haben sie sich gebissen.

Es hat nicht lange gedauert, nur bis Sabine uns eingeholt hatte. Sie wollte zwischen die beiden Kampfhähne gehen, aber da war sowieso schon alles entschieden.

Tessy hat nur anstandshalber ein paar Bisse zurückgegeben und sich gleich darauf auf den Rücken geworfen zum Zeichen, daß Lottchen gewonnen hätte. Als Sabine Tessy auf den Arm nehmen wollte, hatte Lottchen schon von ihr abgelassen und nur noch schrecklich gekläfft.

Zum Schein hat Tessy zurückgekläfft, aber es waren nur Verbalinjurien, um nicht das Gesicht zu verlieren, und Lottchen ist mit stolz erhobenem Stummelschwanz abgezogen. Die anderen Hunde sind ihr gefolgt, wie sich das gehört, nachdem sie ihren Machtanspruch erfolgreich verteidigt hatte.

Zu Hause hat Tessy dann gesagt, sie hätte mühelos aus Lottchen Hackfleisch machen können, aber sie lege gar keinen Wert darauf, in Hinterwiesen den Ton anzugeben. Ich hielt es für unklug, ihr zu widersprechen ...

Im übrigen kann man aus dem Beispiel von Lottchen und Tessy viel lernen. Es ist schade, daß die Politiker es nicht genauso handhaben, wenn der eine seinen Posten behalten und ein anderer ihn für sich beanspruchen will.

Aber Politiker haben es leider lieber, wenn sich ihre Anhänger prügeln. Ich finde das unfair, denn von denen haben die wenigsten etwas davon, wenn ihr Führer eine Wahl, einen Krieg oder einen Putsch gewinnt.

Auch wäre ein Kampf zwischen zwei Politikern viel schneller erledigt; er kostet nichts, und die Leute wüßten hinterher gleich, woran sie sind. Und vor allem ist es nur recht und billig, daß derjenige sein Fell hinhält, der die Macht ergreifen will. Vielleicht würden sich dann auch weniger Leute an die Regierung drängeln.

Aber ich will nicht abschweifen, sondern erzählen, was zu Hause los war, als wir von unserem Spaziergang zurückkamen.

Michael wollte doch das Regal im Abstellraum aufbauen, und bevor wir gingen, meinte er, daß er allerhöchstens zwei Stunden dafür brauche.

Er hatte das Regal in einem Laden für Heimwerker gekauft. Es bestand aus lauter kleinen und großen Paketen und einer Bauanleitung. Der Verkäufer hat gesagt, es sei eine kinderleichte Angelegenheit.

Liebes Frauchen, ich habe Deinen Sohn selten so aufgeregt gesehen. Er hatte alle Regalteile auf dem Küchenfußboden ausgebreitet und die beigefügten Schrauben, Nägel und Dübel in die Obstschale getan, die sonst im Wohnzimmer auf der Anrichte steht.

Das war das erste, was Sabine mißfiel. »Die schöne Schale«, sagte sie. »Wenn die nun kaputtgeht! Also wirklich, Michael, warum hast du denn keinen Aschenbecher genommen?«

»Weil ich den zum Rauchen brauche«, antwortete Michael. »Und warum, bitte schön, soll die Schale kaputtgehen? Von den paar Schrauben doch nicht.«

»Aber sie ist zu schade«, beharrte Sabine. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch nicht begriffen, wie dünn Michaels Nervenkostüm bereits war. Nur Tessy hatte es sofort gemerkt und darauf verzichtet, ihn zur Begrüßung anzuspringen. Statt dessen hatte sie sich gleich ins Wohnzimmer auf die Couch verzogen.

»Eine handgemalte Obstschale! Also, Michael, manchmal bist du wirklich dermaßen gleichgültig und unüberlegt...« Sabine ging zum Küchenschrank und wollte die untere Tür aufmachen. Ein paar aufeinandergeschichtete Bretter lagen ihr im Weg, die sie mit dem Fuß zur Seite schob.

In diesem Moment brüllte Michael: »Was tust du da, zum Teufel! Laß gefälligst die Bretter liegen. Ich habe eine Stunde gebraucht, um sie zu sortieren. Auf dieser verflixten Bauanleitung sind sie alle numeriert, nur in Wirklichkeit nicht. Da muß man raten.«

Er sprang auf und fuchtelte Sabine mit einem Stück Papier vor der Nase herum. »Hier, sieh dir das an! Daraus wird doch kein Mensch schlau!«

»Sofort«, sagte Sabine unbeeindruckt. »Ich will dir nur erst eine alte Schüssel für die Schrauben geben.«

»Mach mich nicht wahnsinnig! Die Schrauben bleiben, wo sie sind! Ich plage mich hier herum, und du hast nichts als deine blöde Obstschale im Kopf.«

Langsam wurde auch Sabine wütend. »Das ist keine blöde Obstschale. Die habe ich von Katja Schierberg zum Geburtstag bekommen. Aber für dich sind ja nur deine Sachen wichtig. Weißt du noch, wie du dich aufgeregt hast, als mir dein Fotoapparat heruntergefallen ist?«

»Der ging dabei ja auch kaputt. Eine Kamera für über tausend Mark.«

»Die Reparatur hat aber nur vierzig Mark neunzig gekostet. Und überhaupt ...«

In diesem Augenblick, liebes Frauchen, habe ich mich ebenfalls ins Wohnzimmer verzogen.

Ich will ja nichts gegen Frauen sagen – und schon gar nichts gegen Sabine. Aber wenn sie mit »und überhaupt« anfängt, gibt es meist eine sehr lange Diskussion. Frauen haben, glaube ich, eine Art Register im Hirn. Da speichern sie alles, was sie mal geärgert hat, und holen es je nach Bedarf wieder hervor, ob es nun ein paar Wochen oder zehn Jahre zurückliegt.

Tessy döste auf der Couch und blinzelte mich mit einem Auge an. »Die beiden hatten auch schon bessere Nerven. Das kommt alles von dem blöden Umbau.«

Diesmal hatte sie sicherlich recht.

In der Küche haben Michael und Sabine noch eine Weile gestritten. Dann knallte die Tür, und Sabine ist die Treppe hinaufgelaufen. Sie hat sich im Badezimmer die Haare gewaschen, während sich Michael weiter mit der Regalwand abmühte.

Ich hörte ihn dauernd vor sich hin murmeln, und weil mir das unheimlich war, bin ich nach einer Viertelstunde in die Küche zurückgeschlichen.

Diesmal lag Dein Sohn auf dem Fußboden und hatte zwei lange Leisten nebeneinandergeschoben.

»Das muß die Rückwand sein.« Er zog die Bauanleitung heran und studierte sie mit gerunzelter Stirn. »Rückwand mittels Leiste drei zusammenstecken und die umlaufende Nut an dem Regal einschieben«, las er halblaut, dann fing er an zu lachen. Es klang, ich muß es leider sagen, ziemlich hysterisch.

»Das ist gut. Das ist sogar sehr gut! In die umlaufende Nut am Regal einschieben... Aber wo ist, bitte schön, das Regal? Ich sehe nur lauter Bretter. Also fangen wir noch mal von vorn an. In den oberen genuteten Boden a Dübel einschlagen und mit rechtem und linkem Teil c verschrauben ... Großer Gott, wenn ich nur wüßte, was ein genuteter Boden a ist.«

Er stand auf und begann verzweifelt, zwischen den Holzteilen zu suchen. Er stellte ein paar im Viereck gegeneinander, tauschte sie wieder aus, weil die Längen nicht stimmten, und verschraubte schließlich zwei größere Bretter mit einem dritten.

»Das könnte richtig sein«, sagte er befriedigt und trat auf die Obstschale. Sie zerbrach in drei Teile.

»Auch das noch!« stöhnte Michael und schnitt sich in den Finger, als er die Scherben aufhob.

In diesem Augenblick kam Sabine aus dem Bad. Sie hatte ein Handtuch um den Kopf gewickelt und sah natürlich sofort, was passiert war. Aber ehe sie noch einen Kommentar geben konnte, sagte Michael anklagend: »Das hast du davon! Du hast mich so nervös gemacht, daß ich tatsächlich die Schale zerbrochen habe. In diesem Haus weiß man ja nicht mehr, wo einem der Kopf steht.«

»Oh«, machte Sabine. Und dann noch einmal: »Oh!« Es klang schrecklich wütend, aber Michael ließ sie wieder nicht zu Wort kommen.

Er lutschte an seinem blutenden Finger und brüllte: »Und damit du es weißt, ich habe es satt! Es war deine Idee, eine Regalwand in der Abstellkammer zu haben. Also sieh zu, wie du sie zusammenbaust.«

Damit war er aus der Tür, und ich muß sagen, daß ich ihn in diesem Augenblick sehr bewundert habe. Wenn ich es doch auch mal fertigbrächte, mich Tessy gegenüber so zu behaupten!

Übrigens schaffte Sabine es tatsächlich, etwas zusammenzubauen, das der Rohfassung eines Regals glich. Nur als sie es aufstellen wollte, war die eine Seite kürzer als die andere, und die Einlegeböden paßten nicht hinein.

Inzwischen war es Mittag geworden, und ich hatte Hunger. Aber Sabine achtete überhaupt nicht darauf, daß ich mich neben den Kühlschrank gesetzt hatte und sie unverwandt anstierte.

Darin sind die Menschen komisch. Wenn sie irgend etwas Wichtiges zu tun haben, vergessen sie das Essen. Für mich gehört essen zu den wichtigsten Dingen überhaupt. Deswegen könnte mir gar nicht passieren, es zu vergessen schon gar nicht wegen einer Regalwand mit einer Bauanleitung, die niemand versteht.

Als Michael nach einer Stunde zurückkam, wollte Sabine das Regal gerade wieder auseinandernehmen. Es war ihr peinlich, daß er sie dabei erwischte.

»Die Bauanleitung muß falsch sein«, sagte sie. »Ich habe mich Punkt für Punkt daran gehalten, und das ist dabei herausgekommen. Man wird dir in diesem Heimwerkershop die falsche Anleitung mitgegeben haben. Anders kann ich es mir nicht erklären.«

Michael grinste, aber Sabine sah es nicht, weil sie zwischen den Brettern nach der Anleitung suchte.

»Hier, vergleich doch mal. In den oberen genuteten Boden Dübel a einschlagen und mit rechtem und linkem...«

»Hör auf«, unterbrach Michael sie. »Das weiß ich selbst.«

»Ja, aber du bist über den Anfang nicht hinausgekommen. Oder hast du schön die Fußleiste fünf eingesetzt, den unteren Boden sechs eingeschraubt und den verschraubbaren Mittelboden angebracht? Danach habe ich das Regal auf den Kopf gestellt, wie es verlangt wird, und geprüft, ob die Unterkante Rückwand mit Unterkante Boden sechs bündig abschließt.«

»Ja und? Hat sie das getan?« erkundigte sich Dein Sohn interessiert.

Sabine nickte heftig. »Vollkommen bündig. Nur jetzt stimmt es nicht mehr... Ich meine, es ist nicht mehr bündig. Die Einlegeböden passen nicht, und ein bißchen schief ist es auch.«

Michael studierte wieder die Bauanleitung. »Wahrscheinlich liegt es daran, daß die Steckleiste drei nicht parallel zu dem oberen Boden eins steht...«

»Natürlich steht sie das. Sieh doch!«

»Aber das ist nicht die Steckleiste drei. Das ist die Fußleiste fünf, in die du Holzdübel hättest einschlagen müssen.«

Sabines Stimme fing schon wieder an zu vibrieren. »Ach, und woher weißt du, daß das die Fußleiste fünf ist? Ich sage dir, es ist die Steckleiste drei. Das hier ist die Fußleiste fünf!«

»Nein, das ist ein einsteckbarer Bodenträger!«

»Sei doch nicht so rechthaberisch. Oder willst du behaupten, daß du jemals zuvor in deinem Leben einen einsteckbaren Bodenträger gesehen hast.«

»Massenhaft!«

Ich dachte schon, daß sie gleich wieder streiten würden, aber im nächsten Augenblick fing Michael plötzlich furchtbar an zu lachen, und Sabine lachte mit.

Ich war sehr erleichtert darüber, denn Krach in der Familie ist für einen Hund etwas Entsetzliches. Man weiß gar nicht, zu wem man halten soll.

Michael schlug dann vor, Herrn Sievert zu holen. Du erinnerst dich, das ist der Schreiner, der inzwischen auch die Tür eingesetzt hat. Sie klemmt ein bißchen, aber er hat versprochen, sie noch abzuhobeln. Nur wann, hat er nicht gesagt.

Aber wenn er jetzt die Regalwand zusammenbaut, bringt er vielleicht seinen Hobel mit. Wünschenswert wäre es, denn die Tür macht beim Öffnen und Schließen ein Geräusch, daß sich mir jedesmal die Haare sträuben.

Sabine hat mit Herrn Sievert telefoniert, während Michael die Küche aufräumte.

Tessy hatte inzwischen ausgeschlafen und wollte mich überreden, die Bauanleitung zu zerreißen.

»Bauanleitungen sind Zündstoff für Streitigkeiten, das hast du doch gemerkt, Julius. Also ist es besser, sie zu vernichten.«

Ich habe mich, trotzdem nicht getraut, deshalb hat Tessy es allein getan. Als Michael es bemerkte, hatte sie schon lauter kleine Schnipsel gemacht.

Erst wollte Dein Sohn mit ihr schimpfen, aber dann hat er wieder nur gelacht – wie meist, wenn Tessy Unfug anstellt. »Macht nichts«, hat er gesagt. »Herr Sievert wird schon ohne zurechtkommen. Und wenn nicht – ich kann die Bauanleitung inzwischen auswendig.«

Das stimmte, denn in der Nacht hat er sogar im Traum darüber geredet. »Regalteile a, b und c hochkant auf ebener Fläche aufstellen«, hat er gemurmelt. »Verschraubbaren Mittelboden mit Rückenleiste vier verbinden und dübeln ... dübeln ... dübeln...«

Es bleibt noch zu berichten, daß Herr Sievert heute morgen die Regalwand in der Abstellkammer aufgestellt hat. Nur seinen Hobel hatte er wieder vergessen. Deshalb kreischt die Tür immer noch.

Aber Herr Sievert hat versprochen, sie ganz bestimmt zu richten. Ob ich das noch erlebe?

Für heute will ich schließen und bin mit ganz vielen Bussis für Dich, liebes Frauchen,

Dein alter Julius.

4

Mein liebes Frauchen!

Diesen Brief bekommst du schon wieder aus Düsseldorf, weil Michael in die Redaktion zurückmußte. Tessy sagt, jetzt führen wir nur noch an den Wochenenden nach Hinterwiesen. Mir tut das leid, denn es hat mir, abgesehen von dem Lärm, den Herr Wetzke gemacht hat und wahrscheinlich auch in Zukunft machen wird, dort gut gefallen, jedenfalls besser als in der Stadt.

In solch einem Dorf muß man nicht lange suchen, wenn man einen Baum oder ein Stück Wiese braucht, um gewisse Bedürfnisse zu erledigen. Auch regt sich niemand darüber auf, wenn man es tut.

In der Stadt gibt es viele Leute, die das Umweltverschmutzung nennen. (Das ist auch so ein modernes Wort, das man in meiner Jugend nicht kannte. Da hieß das ganz einfach »Schweinerei«.)

Aber egal, wie man so etwas bezeichnet, ich finde es ungerecht. Große Menschen haben Toiletten und kleine ein Töpfchen. Und was haben wir, bitte schön?

Irgendwo muß man ja sein Geschäft verrichten können. Einem anständigen Hund macht es sowieso keine Freude, das auf der Straße zu tun. Er bevorzugt ein Gebüsch. Aber wo findet man das in der Stadt?

Die Umweltschützer sagen: Wir kämpfen um jeden Baum.

Ich würde das unterstützen, wenn man uns Hunden nicht gleichzeitig die Benutzung von Bäumen verwehrte.

Neulich stand in der Zeitung, daß Hundebesitzer ihre Hunde mit einer Plastiktüte und einer Schaufel Gassi führen sollten. Findest Du nicht auch, daß das zu weit geht?

Tessy jedenfalls ist völlig dagegen. Sie sagt, dann würde man nächstens noch verlangen, daß auch ein Wassereimer mitgeschleppt wird. Außerdem würdest Du für mich und Michael für sie Hundesteuer bezahlen. Dafür müßten der Staat oder die Gemeinden eine Gegenleistung erbringen – in Gestalt von Straßenkehrern. Einfach abkassieren und nichts dafür tun, sei unmoralisch.

Nun habe ich das Gefühl, daß der Staat sehr viel Steuern kassiert, ohne das Richtige dafür zu tun – wenn man von den vielen Verordnungen absieht, die keiner mehr versteht und die den Leuten nur das Leben sauer machen. Die Beamten, die das ausknobeln, sind sicherlich unheimlich fleißig, aber sie kosten auch eine Menge Geld. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Straßenkehrer man davon bezahlen könnte!

Im Augenblick ist Tessy übrigens sehr nett zu mir. Sie findet, das Zusammensein mit ihr hätte mir gut getan. Ich sei dynamischer und flexibler geworden, nicht mehr so ein sturer alter Hund wie vorher.

Vielleicht hat sie recht. Auf jeden Fall mache ich mir neuerdings unheimlich viele Gedanken über Dinge, die mich früher kaum beschäftigt haben. Und hinterher diskutiere ich mit Tessy darüber.

Wir sind zwar oft geteilter Meinung, was Tessy als Generationskonflikt bezeichnet, aber daraus siehst Du, daß sie doch wesentlich milder in ihrem Urteil geworden ist. Noch vor einem Monat hätte sie mich einen beknackten Opa geschimpft.

Eines allerdings schockiert mich immer noch sehr an Tessy, und das ist ihr freizügiges Gerede über Sex.

Ich bin gewiß nicht prüde, liebes Frauchen, aber daß ein so junges Geschöpf, das noch nie einen Hund gehabt hat, über solche Dinge wie über Knochenknabbern redet, das will mir nicht in meinen Hundeschädel.

Wenn ich Tessy nicht kennen würde, könnte ich meinen, sie sei eine von den Hündinnen, zu denen man zweimal im Jahr schleicht, weil man genau weiß, daß man da keine Verpflichtungen eingeht.

Solche Damen sind ja sehr bequem. Man braucht vorher keine besonderen Anstrengungen zu machen, keine langen Vorreden zu halten, und alles bleibt hübsch unverbindlich, sowohl der Dame als auch dem Nachwuchs gegenüber.

Aber die anständigen Hündinnen meiner Jugendzeit sind doch in der Anschauung erzogen worden, daß man »es« über sich ergehen lassen müsse, um hinterher die Freuden der Mutterschaft zu genießen. Und daß es Sache des jeweiligen Herrchens oder Frauchens ist, den passenden Kindesvater auszusuchen.

Wenn ich bedenke, welchen Prüfungen man sich vorher unterziehen muß! Ob man schön und gesund genug ist, ohne äußerliche Fehler, ob man besondere Fähigkeiten als Jagd–, Spür-oder Wachhund mitbringt und ob man einen einwandfreien Charakter hat, den man seinen Kindern vererben kann.

Entschuldige, aber manchmal denke ich, daß es für manche Menschen gar nicht schlecht wäre, solche Prüfungen ebenfalls einzuführen, bevor sie sich vermehren dürfen. Aber als ich neulich mit Tessy darüber sprach, hat sie mich einen verkappten Faschisten genannt, der eine Herrenrasse züchten wolle, um alle übrigen Individuen in ihrer persönlichen Entfaltungsfreiheit zu hemmen und schließlich zu unterjochen.

Dabei habe ich doch nur an den Nachwuchs gedacht und wieviel besser es wäre, wenn der in allen Fällen vernünftige und nette Eltern hätte.

Aber mit Tessy kann man über so etwas nicht reden. Sie ist nämlich für die freie Liebe. Und das mit zwei Jahren!

Sie sagt, wenn ihr ein Hund gefiele, würde sie mit ihm schlafen, egal, ob Sabine und Michael das paßte oder nicht. Und sie würde sich auch nicht scheuen, von sich aus den ersten Schritt zu tun. Schließlich sei sie gleichberechtigt.

Nur Kinder wolle sie nicht sofort haben. Aber dagegen gäbe es ja bei jedem Tierarzt Spritzen.

Sie drückte das noch ganz anders aus. Es ist so eine Art Slogan, und mir sträuben sich beim Niederschreiben die Haare, so entsetzlich klingt er, finde ich: »Mein Bauch gehört mir.«

Ich denke, dieser Satz spricht für sich, so daß ich mir jeden weiteren Kommentar dazu sparen kann.

Ich habe Tessy allerdings klarzumachen versucht, wie schön es ist, Kinder zu haben, worauf sie mir erklärte: »Die Machart ist vielleicht nicht übel – aber das, was hinterherkommt, um so mehr, jedenfalls für eine Frau. Die Männer haben sowieso nur das Vergnügen dabei. Ich aber, ich müßte mir meine Figur ruinieren, ich müßte die Kleinen zur Welt bringen, säugen und erziehen... Und überhaupt finde ich es verantwortungslos, noch mehr Hunde in eine Welt zu setzen, in der es immer mehr Autos und immer weniger Wiesen und Wälder gibt. Der Gesetzgeber soll erst mal mehr Lebensqualität für Hunde schaffen, bevor man uns zu Gebärmaschinen degradiert.«

So, wie Tessy das sagt, klingt es natürlich fürchterlich radikal, aber bei letzterem mußte ich ihr in etwa recht geben. Trotzdem habe ich geantwortet, daß es nun einmal von der Natur so eingerichtet sei, daß die Frauen die Kinder bekämen – doch da hat sie mich ganz hitzig unterbrochen:

»Ja, aber nur, wenn sie wollen. Sonst nicht mehr. Doch das bedeutet Gott sei Dank noch lange nicht, daß wir nun auf Sex verzichten müßten. Ich jedenfalls habe keine Lust, eine verklemmte alte Jungfer zu werden. Ich werde die Rolle, in die man uns gepreßt hat, abstreifen und mich meines Körpers und seiner Bedürfnisse nicht schämen.«

Sie sah sehr niedlich in diesem Augenblick aus, und ich dachte mir: Wenn sie nur nicht so ernüchternd reden wollte. Als Mann möchte man doch das Gefühl haben, eine Eroberung zu machen, und nicht, eine rein körperliche Freiübung zu absolvieren. Und ein bißchen was fürs Herz gehört auch dazu.

Als ich ihr das sagte, hat sie die Nase gerümpft. »Quatsch! Komm mir nicht mit Liebe und so. Sex ist eine Frage der vermehrten Adrenalinausschüttung. Bei dir zum Beispiel ist sie jetzt vermehrt, das sehe ich dir an. Wahrscheinlich hattest du gar nichts dagegen, mich zu vernaschen. Aber daß du mich liebst, wirst du beim besten Willen nicht behaupten können. Wir zanken uns doch dauernd, und tief innerlich bist du in deiner bourgeoisen Hundeseele bestimmt über mich geschockt. Trotzdem würde dich das nicht hindern, etwas mit mir anzufangen.«

Ich konnte nur nach Luft schnappen. »Also Tessy, du bist so desillusionierend wie eine Wurstattrappe. Unter diesen Umständen würde ich nie ...«

»Lüg nicht, du würdest! Und vielleicht hätten wir sogar eine Menge Spaß miteinander, wenn sich meine Adrenalinausschüttung bei deinem Anblick auch vermehrte. Tut sie aber nicht.«

Und damit strich sie hüftschwenkend an mir vorbei und sprang auf ihren Lieblingsplatz auf dem Fensterbrett. »Pech gehabt, Alterchen.«

Ich sage Dir, liebes Frauchen, Tessy ist eine Lolita! Man wird sehr auf sie aufpassen müssen, falls sie ihr konfuses Gerede von freier Liebe und so eines Tages in die Tat umsetzt. Hoffentlich wissen das Michael und Sabine.

Noch ist ja alles Theorie bei Tessy, und sicherlich schwatzt sie das meiste davon nur nach, weil es gerade »in« ist. Sie stammt doch aus einer anständigen Familie, hat einen bemerkenswerten Stammbaum mit lauter honetten Ahnen und ist durchaus behütet aufgewachsen.

Aber sie ist rothaarig, und Du weißt ja, was man diesen Frauen nachsagt...

Jetzt denkst Du sicher, ich wollte Tessy schlecht machen. Aber das ist nicht der Fall. Ich habe nur Sorge um sie, weil sie noch so jung ist. Und abgesehen von ihren verrückten Ideen ist sie wirklich ganz reizend, so frech und fröhlich.

Ihr Hauptfehler ist, daß sie so verzogen ist. Aber, um gerecht zu sein, dafür kann sie nichts.

Es gibt ja auch viele Eltern, die ihre Kinder verziehen und meinen, ihnen damit einen Gefallen zu tun. Dabei schaden sie ihnen nur. Wenn ein Kind alles darf, muß es schon einen sehr guten Charakter haben, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Und da geht es den Hunden wie den Menschen.

Aber daß Tessy sagt, ich liebte sie nicht, weil wir uns dauernd zanken, hat mich doch getroffen. Es stimmt zwar, daß wir selten in unseren Ansichten übereinstimmen, aber dann zankt sie mit mir und nicht ich mit ihr.

Das ist der Vorteil, wenn man älter wird: Man wird gelassener und regt sich nicht mehr über alles so auf.

Manchmal amüsiert es mich direkt zu sehen, wie Tessy sich ereifert, aber das darf ich mir nicht anmerken lassen, sonst wird sie noch wütender.

Gestern zum Beispiel wollte sie partout die Hitparade im Fernsehen sehen, aber Sabine und Michael hatten das dritte Programm eingeschaltet.

Sonst liegt Tessy während einer Fernsehsendung meist bei Sabine im Sessel. Aber diesmal war sie so unleidlich, daß Dein Sohn und Deine Schwiegertochter fortwährend gestört wurden.

Tessy hopste von einem zum andern, bellte, zerrte an Michaels Pulloverärmel, biß ihn in dle Seite, wo er ein paar kleine Fettpolster angesetzt hat, die Tessy respektloserweise seinen Rettungsring nennt, schleppte ihren Ball an und wollte ihn in der Berberbrücke vergraben – kurz und gut, zum Fernsehen blieben keine fünf Minuten Ruhe.

Sabine schlug vor, Tessy auszusperren, aber da hat Dein Sohn wie üblich protestiert und sich weiter von ihr drangsalieren lassen.

Ich habe Tessy mangelnde Toleranz vorgeworfen. Schließlich könne sie nicht verlangen, daß das Fernsehprogramm nur nach ihrem Geschmack ausgewählt würde, aber da bin ich schön bei ihr angekommen.

Toleranz sei etwas, das zuerst die Alteren gegen die Jüngeren üben müßten und Herrchen gegen die Hunde, weil die sowieso unterprivilegiert seien. Einen kleinen Hund auszusperren sei keine Kunst. Es sei vielmehr roh und primitiv.

Und überhaupt – wie solle ein Heranwachsender Toleranz erlernen, wenn er nicht zunächst einmal selbst tolerant behandelt würde?

Derartige Halbweisheiten sind typisch für Tessy. Sie hat damit nie ganz unrecht, und das macht es so schwer, ihr zu widersprechen. Deshalb habe ich es auch gar nicht erst versucht, sondern mich in mein Körbchen zu einem Nickerchen zurückgezogen.

Wenn Du mich fragst – ich war ganz froh, daß Michael und Sabine nicht die Hitparade eingeschaltet haben, denn trotz meiner leichten Schwerhörigkeit zerren die modernen Schlager an meinen Nerven.

Man erschrickt so oft beim Zuhören.

Früher haben die Leute meist allein gesungen – ich vermute, weil sie es besser konnten. Heute müssen sie zu mehreren auftreten, damit es nicht so auffällt, daß sie eigentlich gar keine Stimme haben, jedenfalls keine schöne.

Außerdem kann ein einzelner Mensch gar nicht so viel Krach machen wie diese Popgruppen. (Tessy sagt, Pop wäre eine Abkürzung von poppig, weil alle so hübsch bunt angezogen sind.)

Ich allerdings finde sie ziemlich seltsam gekleidet.

Da gibt es Männer mit zusammengeknoteten Stirnbändern, Pelzmützen mitten im Sommer oder einem türkischen Fez. Sie haben ausgefranste Hemden an, die fast bis zum Knie reichen, und nackte Füße.

Andere tragen weiße Anzüge, die über und über mit glitzernden Steinen bestickt sind, riesige Ledergürtel, die fast wie ein Schnürleibchen aussehen, und zwischen den Bärten schimmern Brustkreuze und Amulette.

Die Mädchen haben oftmals Hosen an. Manchmal sind sie auch vom Kinn bis zur Brustspitze in weite, wallende Gewänder gehüllt, so daß man leider gar nichts von ihrer Figur sieht.

Andere dafür zeigen viel nackten Bauch, den sie ab und zu mit einer Gitarre verdecken, haben nur eine Art Dreiecktuch um den Oberkörper gewickelt und eine lange Stoffbahn von den Hüften abwärts.

Apropos Hüften – damit wackeln und rollen sie alle gewaltig. Manchmal krümmen sie sich auch, als ob sie Bauchweh hätten, oder stampfen auf den Boden, als wären sie furchtbar wütend.

Meist beginnt zuerst einer allein ganz leise zu singen, und ich denke: Ach, du lieber Gott, der Ärmste ist erkältet und völlig heiser. Er hält sich das Mikrofon so dicht vor den Mund, als ob er es verschlucken wolle, und bringt trotzdem kaum einen Ton heraus.

Die anderen Gruppenmitglieder zupfen dann nur ein paar Gitarrenakkorde, schnipsen mit den Fingern oder singen unverständliches Zeug wie »Rocky-snocky-tocky« oder »He-je-je« oder »Ring-ding-ding«!

Aber dann fängt der Vorsänger plötzlich an zu schreien, als hätte man ihm furchtbar auf den Zeh getreten. Das passiert so unvermittelt, daß ich jedesmal zusammenzucke, obwohl ich mich inzwischen eigentlich daran gewöhnt haben müßte.

Die anderen schreien, a tempo mit, schütteln in ohnmächtigem Zorn die Fäuste, machen wilde Sprünge und gehen mit ihren Musikinstrumenten um, als wollten sie sie zerschlagen.

Tessy sagt, das sei Ausdruck ihrer musikalischen Besessenheit.

Das mag ja sein, aber trotzdem finde ich »Jetzt geh ich ins Maxim«, von Johannes Heesters gesungen, schöner. Außerdem liebe ich das Elegante.

Wenn Tessy und ich Menschen wären, würde ich sie sicherlich nicht in einen Diskoschuppen, aber auf den Wiener Opernball einladen – mit einer Gardenie im Knopfloch. Wenn man dort miteinander tanzt, hält man sich in den Armen, und das gefällt mir besser, als sich voreinander zu schütteln, wie es heutzutage in den Diskotheken Mode ist.

Übrigens habe ich neulich gehört, daß lange Haare bei Männern »out« sind. Das finde ich gut.

Nicht, daß ich prinzipiell etwas gegen lange Haare hätte – sie erscheinen mir nur schrecklich unbequem, besonders bei Popsängern. Sie geraten doch jedesmal so unheimlich ins Schwitzen bei ihren künstlerischen Darbietungen.

Tessy hat mir erklärt, daß die Frisur zu ihrem Immitsch gehört, aber da haben langhaarige Hunde es doch besser. Sie werden getrimmt oder geschoren, wenn ihnen heiß ist.

Nun muß ich aber meinen Brief beenden. Es ist schon spät, und Tessy kommt gerannt, um mir zu sagen, daß Michael mit uns Gassi gehen will. Danach legen wir uns alle schlafen.

Also gute Nacht, mein liebes Frauchen, und vergiß in diesem schrecklich weit entfernten England nicht ganz Deinen alten, treuen Julius.

5

Mein liebes Frauchen!

Ich habe einen schrecklich aufreibenden Tag hinter mir, weil Michael Tessy und mich in die Redaktion von »Blickpunkt der Frau« mitgenommen hat.

Sabine mußte nämlich zum Arzt und wollte anschließend Gardinenstoffe für das Haus in Hinterwiesen kaufen. Sie meinte, dann wären Tessy und ich zu lange allein.

Tessy war schon öfter in der Redaktion. Sie ist auch gleich zu Fräulein Lütjenbrink gelaufen, weil sie wußte, daß es dort Kekse gibt.

Fräulein Lütjenbrink – zuständig für Leserbriefe und Kochrezepte – ist ziemlich dick. Sie hat kleine Patschhändchen mit vielen Ringen und einen silbergrauen Pudelkopf. Tessy sagt, es wäre eine Perücke, die sie ihr beim Herumtoben einmal heruntergerissen hätte. Darunter hätte Fräulein Lütjenbrink allerdings auch einen silbergrauen Pudelkopf, nur nicht in so adretten Locken.

Die Sache mit der Perücke hat sie Tessy anscheinend nicht übelgenommen, denn sie jubelte sofort, als wir in der Tür auftauchten: »Ja, da ist ja mein süßer kleiner Racker! Und einen Freund hat sie auch mitgebracht, wie ent-zük-kend!«

Dann hat sie uns beiden Kekse geschenkt.

Eine Redaktion besteht aus lauter kleinen Glaskästen, in denen die Leute sitzen und die Zeitung machen. So heißt das nämlich in der Fachsprache.

Meist arbeiten sie zu zweit in solch einem Glaskasten, nur Michael und der Chefredakteur haben jeder einen für sich.

Michael ist, wie Du weißt, Roman- und Serienchef, deshalb muß er viel lesen und braucht Ruhe.

Der Chefredakteur hat nie Ruhe, sondern wird dauernd von jemandem gestört. Deshalb wäre es eine Zumutung, einen zweiten Mitarbeiter in sein Büro zu setzen – der käme nämlich nicht zum Arbeiten.

Der Chefredakteur – er heißt Herr Halberstein – hat einen Ledersessel mit breiten Armlehnen und den größten Schreibtisch in der Redaktion. Den braucht er auch, weil die Platte mit Manuskripten, Bildern, Briefen, Telefonen und allem möglichen Krimskrams so vollgepackt ist, daß der bedauernswerte Herr Halberstein ununterbrochen etwas sucht.

Als wir kamen, stöberte er gerade nach einer schlecht geschriebenen Reportage von Frau Müller-Küppers über König Konstantin von Griechenland.

Frau Müller-Küppers war bei ihm. Da sich Michaels Büro nebenan befindet und außerdem noch eine gläserne Verbindungstür hat, konnten wir alles mithören und sehen.

Herr Halberstein war ganz schön geladen, aber Frau Müller Küppers öffenbar nicht so beeindruckt, wie sie sollte. Sie ist ein intellektueller Typ mit dunkelgetönter Brille und einem glatten Pagenkopf. Den schmächtigen Herrn Halberstein überragte sie um mindestens fünfzehn Zentimeter.

»Sie haben den Trend unseres Blattes offenbar immer noch nicht begriffen«, sagte Herr Halberstein, während er die Stapel auf seinem Schreibtisch durchwühlte. »Allein die Überschrift... Verdammt, wo ist das Ding denn nur! Ach, hier! ›Wie ein König sich das Exil versüßt!‹«

Anklagend wedelte er mit ein paar Schreibmaschinenseiten vor Frau Müller-Küppers’ Nase herum.

»Das ist doch kein Thema für ›Blickpunkt der Frau‹. Wir bringen Schicksale, die zu Tränen rühren! Das Außergewöhnliche, das, wovon Agathe Hasenohr nur zu träumen wagt und was sie nie erlebt. Verstehen Sie? Sie müssen sich in Agathe Hasenohr hineinversetzen – was sage ich, Sie müssen sie lieben. Dann erst können Sie schreiben, was ihr ans Herz greift.«

Ich wollte von Tessy wissen, wer denn Agathe Hasenohr sei, weil ich den Namen noch nie gehört hatte, aber sie schüttelte nur den Kopf.

Drinnen bei Herrn Halberstein erwiderte Frau Müller-Küppers: »Aber das steht doch alles in dem Artikel.«

»Unsinn!« schnaubte Herr Halberstein. »Da stehen lauter miese Sachen drin von Eheschwierigkeiten, angeblichen ›ständigen Begleiterinnen‹ des Königs und nächtlichem Dolce vita.«

»Ja und? Wenn es doch wahr ist...«

»Wahr, wahr! Kommen Sie mir bloß nicht damit. Es gibt viele Wahrheiten. Für unser Blatt muß das anders aufgezäumt werden. Machen Sie sich mal ein paar Notizen. Schlagzeile: Ruhelos irrt ein König durch die Nacht. Darunter in halbfett: Konstantin von Griechenland ist ein gebrochener Mann. Ein König ohne Krone. Ein Mensch ohne Heimat. Seit Jahren kämpft er um Vergessen. Die Frau an seiner Seite kämpft mit ihm – und leidet mit ihm. Aber die Wunden der Vergangenheit wollen nicht heilen.«

Herr Halberstein holte tief Atem.

»So, und nun weiter im Text. Schreiben Sie, daß der König jeden Abend im Radio den Wetterbericht aus Athen hört. Aus Heimweh! Schreiben Sie, daß die Königin mit den Kindern währenddessen das Nachtgebet auf griechisch spricht. Und eine Ehekrise? Quatsch. Anne-Marie von Griechenland ermuntert ihren Gemahl, manchmal ein wenig aus sich herauszugehen, etwas zu unternehmen, damit er sich nicht in seinem Kummer vergräbt. Sie selbst möchte wie jede gute Mutter die Kinder nicht allein lassen, deshalb bleibt sie daheim.«

»Aber das stimmt doch nicht«, wandte Frau Müller-Küppers ein. »Die Kinder werden vom Personal betreut.«

»Sagen Sie!« donnerte Herr Halberstein. »Und wie soll Agathe Hasenohr das unter einen Hut bringen? Eine Frau, die abends mit ihren Kindern griechische Nachtgebete spricht und sie anschließend der Obhut bezahlter Dienstboten überläßt, um sich zu amüsieren – das paßt nicht zusammen. Wir müssen den Leserinnen klarmachen, daß die Königin ganz in ihren Mütterpflichten aufgeht, daß sie sich aber gleichzeitig der Liebe ihres Gatten so sicher ist, daß er ruhig mal einen Abend in Darhengesellschaft verbringen kann. Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt! Die Königin bekommt täglich einen Strauß weißer Rosen aus Athen von ihm, eigens eingeflogen. Und die stellt sie dann in ihrem Salon neben die Silberschachtel, in der sich griechische Erde befindet – das einzige, was das Königspaar seinerzeit bei seiner Abreise ins Exil mitgenommen hat.«

»Guter Gott«, sagte Frau Müller-Küppers erschüttert. »Das glaubt uns doch kein Mensch.«

»Nicht? Ich sage Ihnen, über solch einem Bericht werden die Frauen ihren Kuchen im Herd verbrennen lassen. Außerdem – woher wollen Sie wissen, ob der König nicht jeden Abend den Athener Wetterbericht hört, um zu erfahren, ob in Griechenland die Sonne scheint, und ob die Königin nicht mit ihren Kindern zur Nacht betet – in der Heimatsprache? Es wäre doch menschlich. Und menschlich müssen wir sein, Frau Müller-Küppers. Das erwarten unsere Leser von uns, und darauf haben sie ein Anrecht.«

Ich muß sagen, liebes Frauchen, ich war sehr beeindruckt von Herrn Halberstein, wie er so mir nichts, dir nichts einen Artikel aus dem Ärmel schüttelte.

Zwar interessiere ich mich nicht besonders für Könige und Königinnen, aber schließlich ist »Blickpunkt der Frau« ja auch keine Hundezeitschrift.

Und die Sache mit der griechischen Erde fand ich geradezu rührend. Sollten wir einmal umziehen, möchte ich auch ein bißchen Erde aus unserem Vorgarten mitnehmen. Vielleicht von den Tulpenbeeten, in denen ich immer so gerne kratze.

Tessy allerdings rümpfte die Nase.

»Dieser Halberstein ist verkitscht, deshalb macht er auch eine verkitschte Zeitung. Besser wäre es, den Leuten einen gesellschaftskritischen Spiegel vorzuhalten. Phhh, wie kann man in der heutigen Zeit abgedankte Könige verherrlichen?«

»Aber wenn manche das gern lesen?« fragte ich zaghaft. »Wir leben doch in einer Demokratie. Da hat meines Wissens jeder das Recht, sich nach seinem Geschmack zu informieren oder zu unterhalten.«

»Es gibt gute und schlechte Geschmäcker«, entgegnete Tessy kühl. »Die schlechten darf man nicht unterstützen.«

»Aha. Und wer bestimmt, was schlecht ist?«

»Na, ganz einfach. Die Leute mit dem guten Geschmack.«

»Hör mal, Tessy«, sagte ich. »Das ist doch alles relativ. Du zum Beispiel siehst im Fernsehen die Hitparade gern. Anderen geht sie auf die Nerven. Wer hat nun recht mit seiner. Beurteilung?«

»Ich natürlich«, erwiderte Tessy und sprang auf den Besuchersessel, wo sie sich zusammenrollte.

Du siehst, liebes Frauchen, man kann mit Tessy nicht sachlich diskutieren. Deshalb ließ ich es auch bleiben und wollte gerade unter Michaels Schreibtisch ein Nickerchen machen, als die Tür zum Büro aufging und der Verleger hereinkam.

Ein Verleger ist, wie Du weißt, der Boß eines Verlages.

Mit verlegen allerdings im Sinne von verschusseln und nicht mehr wiederfinden hat seine Tätigkeit nichts zu tun. Herr Rombach verlegt die Zeitschrift »Blickpunkt der Frau«, und das bedeutet, daß er alle Rechnungen und Gehälter bezahlt und seine Unkosten hinterher von den Käufern zurückholt.

Und ein bißchen darüber, denn schließlich will er ja leben.

Natürlich war Herr Rombach etwas erstaunt, zwei Dackel in Michaels Büro vorzufinden. Aber glücklicherweise war Tessy gleich bei seinem Eintritt vom Besuchersessel heruntergesprungen, um ihn zu beschnuppern.

Habe ich Dir schon erzählt, daß sie immer eine unwahrscheinliche Show abzieht, wenn sie jemanden kennenlernt? Dann springt sie an ihm hoch, wedelt mit dem Schwanz, macht Männchen und bitte-bitte und ist erst zufrieden, wenn sie genügend Komplimente eingeheimst hat.

Ich finde ihr Benehmen ein bißchen albern und habe ihr schon oft erklärt, daß ein guter Hund freundlich, aber vornehm-zurückhaltend sein soll, doch sie sagt, sie pfiffe auf vornehme Zurückhaltung, wenn sie anders mehr Erfolg hätte.

Nun, das hat sie unbestritten; selbst der Verleger kraulte ihr den Kopf und meinte halb geschmeichelt, halb fassungslos: »Na, du magst mich wohl?«

Und Michael ging (natürlich!) auf Tessys Zirkus ein und erwiderte: »Das ist ganz offensichtlich. Sonst führt sie sich nie so bei Fremden auf.«

Woraus Du siehst, daß Dein Sohn völlig unter Tessys Einfluß steht.

Ich blieb abwartend und mit leichtem Schwanzwedeln im Hintergrund und erntete ein freundliches Verlegerlächeln, aber dann kam Herr Rombach zur Sache.

»Was ich sagen wollte, Doktor Bernhold – diese neue Serie über berühmte Ballettgruppen, das ist nichts. Wer hat überhaupt die Idee dafür gehabt?«

»Sie, Herr Rombach«, sagte Michael nach einem kurzen Zögern.

Der Verleger musterte ihn mit einem durchdringenden Blick.

»So? Tatsächlich?«

»Ich kann Ihnen das Protokoll der Redaktionssitzung heraussuchen lassen. Es war irgendwann im letzten Winter.«

»Hm...« Herr Rombach setzte sich auf die Schreibtischkante. »Das Thema ist ja auch nicht schlecht. Nur hätte es jemand anders schreiben müssen, nicht die Dingsda... Wie heißt sie noch gleich?«

»Karin Hornberger.«

»Ganz recht. Die ist zu antiquiert, nicht flott genug.«

»Verzeihung, Chef, aber Frau Hornberger war ebenfalls Ihr Vorschlag.«

»Ja – und? Ich bin allenfalls ein primus inter pares, mein lieber Bernhold. Ich gebe Anregungen, aber das heißt noch lange nicht, daß sie stur befolgt werden müssen. Verantwortlicher Serienchef sind Sie, nicht ich. Wie viele Folgen sind denn noch geplant?«

»Insgesamt zwölf.«

»Das sind zu viele. Kürzen Sie auf sechs oder acht und zahlen Sie der Hornberger meinetwegen ein Ausfallhonorar. Und danach bringen Sie was Vernünftiges. Große Katastrophen zum Beispiel, aufgehängt an einem besonders faszinierenden Einzelschicksal. Der Trend muß natürlich positiv sein. Menschen in Todesgefahr, die danach ihr Leben geändert haben. Zerbrochene Ehen, die wieder in Ordnung kamen. Jemand, der, das Ende vor Augen, seine große Liebe fand. Ein anderer, der sich anschließend eine Südseeinsel kauft und ein völlig zurückgezogenes, naturverbundenes Dasein führt. Das Leben ist voller großer Geschichten, man muß sie nur aufsammeln. Und schreiben muß das natürlich der Ferber. Der kann so was. Rufen Sie ihn an und bestellen Sie ihm einen schönen Gruß von mir.«

In der Tür blieb Herr Rombach noch einmal stehen. »Übrigens kommt doch heute der Havasy ins Haus.« Michael nickte. »Ja, wir wollen über seinen neuen Roman sprechen, der im Herbst startet.«

»Sehr schön. Ein Marin wie Havasy hebt jede Auflage. Nur sehen Sie zu, daß er nicht wieder über Österreich-Ungarn und die Zigeuner schreibt. Das Thema hatten wir schon dreimal von ihm. Er soll mal ganz was Neues machen.«

»Das wird schwierig sein, fürchte ich. Erstens, weil Herr Havasy so beschäftigt ist, daß er kaum die Zeit hat, sich mit einem neuen Milieu ausführlich zu beschäftigen. Und zweitens, weil er mit diesen Pußta-Romanen seine größten Erfolge hatte. Er meint, die Leute erwarten das von ihm.«

»Dann machen Sie ihm klar, daß er damit auf die Dauer nur seinen Namen ruiniert. Wenn es erst mal heißt, der Havasy schreibt immer nur dasselbe, ist er passé. Arbeiten Sie mit ihm. Zwingen Sie ihn, sich für einen anderen Stoff zu erwärmen. Aber natürlich mit aller gebotenen Vorsicht. Der Mann ist schließlich ein Star. Wir können es uns nicht leisten, ihn zu verärgern.«

Damit ging Herr Rombach.

Tessy und ich fanden, daß er zwar ein sehr freundlicher Mensch ist, aber mit ihm zu arbeiten scheint nicht immer ganz einfach. Man weiß ja nicht, woran man ist, wenn er etwas anordnet und hinterher sagt, so streng hätte man es nicht zu befolgen brauchen.

Vielleicht geht es Michael mit der Katastrophen-Serie genauso wie mit der Ballettgruppe?

Tessy meint, das würde alles anders und viel einfacher, wenn erst die redaktionelle Mitbestimmung eingeführt würde. Dann hätte einer allein gar nichts zu sagen, sondern alles würde gemeinsam beschlossen.

Ich stelle mir das allerdings noch schwieriger vor. Denn das habe ich an diesem einen Tag in der Redaktion schon gelernt: Dort hält sich jeder für den Besten und das, was er schreibt, für das Wichtigste.

Also würden alle aufeinander herumhacken, und es gäbe endlose Streitereien, ohne daß man einen Entschluß faßte. Da ist ein Verleger doch bei weitem das kleinere Übel, finde ich.

Außer Frau Müller-Küppers und Fräulein Lütjenbrink gibt es noch fünf weitere Redakteure. Für Medizin und Aktuelles, für Show und Mode, für Reisen und Tips, für das Fernsehprogramm und die Witze, für Rätsel, Horoskope und Tests.

Im Layout sitzen zwei Grafiker, die den ganzen Tag die Druckfahnen zerschnipseln und sie mit den Fotos und Bildunterschriften auf großen Papierbögen wieder zusammenkleben. Außerdem ziehen sie Linien und Schnörkel darum herum und malen hin und wieder eine Blume an den Rand.

Der Hersteller ist der geplagteste Mann, denn er muß aufpassen, daß alle Redakteure pünktlich ihre Arbeit tun, sonst wird die Zeitung nicht rechtzeitig fertig.

Deshalb ist er auch schrecklich nervös. Beim Sprechen rudert er immer mit den Händen, und manchmal hat er auch Nervenzucken.

Tessy sagt, das käme vom Streß. Die Redakteure sind nämlich alle ein bißchen laut und verrückt. Sie reden viel, telefonieren noch mehr, und dazu spielt den ganzen Tag das Radio.

Außerdem sind sie oft unterwegs zu Interviews, wobei sie weit entfernte Gegenden wie die Bahamas, Teneriffa oder mindestens die Cote d’Azur bevorzugen. Das entnahm ich aus verschiedenen Unterhaltungen.

Frau Müller-Küppers zum Beispiel hatte überhaupt keine Lust, Königin Beatrix von den Niederlanden in Holland zu interviewen; sie meinte, das sei zu alltäglich. Viel interessanter wäre es für die Leser, wenn sie eine Reportage über die in vierzehn Tagen beginnende Afrika-Reise der Königin schriebe.

Du siehst daraus, liebes Frauchen, daß Journalisten selbst die Strapazen eines Fluges in einen anderen Erdteil nicht scheuen, wenn es um einen spannenden Bericht geht. Nach Holland zu fahren wäre ja viel einfacher gewesen. Aber so leicht macht es sich hier niemand.

Allerdings hat wegen dieser Umstände der Hersteller seine liebe Not, alle Beiträge rechtzeitig zu bekommen.

Heute war er besonders in Bedrängnis, weil eine bereits fertig gedruckte Seite mit einem Bericht über das glückliche Familienleben eines Filmstars nicht veröffentlicht werden konnte. Er hat nämlich gerade die Scheidung eingereicht, weil ihm seine Frau weggelaufen ist.

Ach ja, und dann gibt es noch zwei Sekretärinnen in der Redaktion. Was sie betrifft, so sind Tessy und ich uns ausnahmsweise einig: Wir mögen sie nicht.

Beide sind so arrogant wie Cesario, der Afghane, der bei uns an der Ecke wohnt. Und eine von ihnen – alle nennen sie nur Lydia – sieht auch ein bißchen so aus. Weißblonde Haare, die ins Gesicht fallen, schräge Augen und superlange Beine.

Sie sitzt herum wie ihr eigenes Denkmal und wird nur ein bißchen lebhaft, wenn sie sich die Haare kämmt, ihr Make-up erneuert oder die Fingernägel lackiert. Wenn sie ißt, kaut sie mit halboffenem Mund, um, wie sie ihrer Kollegin erklärte, sich die Lippenschminke nicht zu verschmieren.

Die Kollegin heißt Biggy, und als sie mich sah, näselte sie: »Ach, du lieber Gott, der ist aber schon wacklig!«

Von Tessy rückte sie ab und sagte: »Mach mir bloß meinen Rock nicht schmutzig. Der kommt frisch aus der Reinigung.«

Hinterher hat sie ihn sich mit Joghurt bekleckert, und das hat uns sehr gefreut.

Die Hauptarbeit der Sekretärinnen besteht im Kaffeekochen und am Telefon zu sagen: »Herr Sowieso ist leider nicht im Hause (oder in einer Besprechung). Er wird Sie zurückrufen.«

Maschineschreiben müssen sie nicht viel, weil die meisten Redakteure ihre Texte selbst tippen. Kommt aber mal einer ins Sekretariat und bittet: »Schreib mir das rasch ab«, wirken beide ziemlich beleidigt.

Einmal hat Herr Halberstein einen Vertrag gebraucht, weil er etwas nachsehen wollte, den haben sie zwei Stunden lang gesucht. In der Ablage war er nicht, in den Vertragsordnern auch nicht. Unbegreiflicherweise fand er sich dann in der Speisekarte eines nahe gelegenen Feinschmeckerrestaurants wieder, in dem die beiden Damen gern ihre Mittagspause überziehen.

Michael allerdings ist mittags mit Tessy und mir nur Gassi gegangen und hat sich von Fräulein Lütjenbrink Currywurst mit Pommes frites mitbringen lassen, weil Sabine abends warm kocht. Tessy und ich bekamen Hundekuchen.

Und dann tauchte Fred Havasy in der Redaktion auf.

Aus dem Gespräch zwischen Michael und dem Verleger wußten wir ja schon, daß er ein Erfolgsschriftsteller ist. Deshalb waren wir ziemlich neugierig auf ihn. Er muß auch wirklich ein sehr berühmter Mann sein, denn sogar Fräulein Lydia bewegte ihre langen Beine schneller als sonst, als sie ihn in Michaels Büro brachte.

Bei seinem Anblick waren Tessy und ich zuerst bitter enttäuscht. Wir hatten uns einen bekannten und bestimmt sehr gut verdienenden Schriftsteller ganz anders vorgestellt, elegant, von imposanter Statur und von einem gewissen Nimbus umgeben.

Herr Havasy wirkt eher unbedeutend, klein, dürr, mit einem melancholischen Schnauzbart. Er trug einen zerknautschten Cordanzug und ein blau-grün-rot gestreiftes Hemd.

Das Netteste an ihm ist seine Sprechweise. Er ist nämlich gebürtiger Ungar und in Wien aufgewachsen.

Uns hat er »scheene Hunderln« genannt und zu Michael »Küß die Hand« gesagt. Aber diese Höflichkeit bedeutet nicht viel, denn Herr Havasy weiß genau, was er will, und ist kaum davon abzubringen.

Zuerst hat er lang und breit von seinen Romanen erzählt, an denen er gerade arbeitet. Es sind zwei gleichzeitig – an einem schreibt er vormittags, an dem anderen nachmittags.

»Der Vormittagsroman ist die Geschieht’ von einem Zigeunerprimas aus den zwanziger Jahren. Ich sag’ Ihnen, Herr Dr. Bernhold, ein Thema, das die Leut’ von den Stühlen reißt. Da ist einfach alles drin, was der Mensch braucht: Abenteuer, Leidenschaft, Kokainsucht, die große weite Welt und die unglückliche Lieb’ zu einer schwindsüchtigen Wiener Baroneß. Und der Nachmittagsroman ist wieder ganz was anderes. Der Ungarnaufstand 1956, wo sich ein russischer Abwehroffizier in eine Budapester Widerstandskämpferin verliebt – ein blutjunges Madl noch, das seinen einzigen Bruder erschießt, weil er ihre Freunde verraten will.«

Man merkte, daß Herr Havasy seine eigenen Romane liebte; wenn er von ihnen sprach, geriet er regelrecht in Feuer.

»Schad’, das wär’ auch eine Geschicht’ für Ihre Zeitung gewesen. Aber ich hab’ ein paar Kurzexposés mitgebracht. Was sag’ ich – Exposés? Heuler sind das, Romanheuler, schon von der Idee her.«

»Wie ich Sie kenne, Herr Havasy, bestimmt«, sagte Michael. »Ich habe vorhin noch mit Herrn Rombach gesprochen, und wir sind beide der Meinung, daß wir mal etwas ganz anderes von Ihnen bringen möchten – einen ganz neuen Havasy gewissermaßen, den die Leute noch gar nicht kennen.«

Herrn Havasys Schnauzbart wurde wieder melancholisch. »Verzeihen S’, aber das könnt’ ins Auge gehen. Die Leser wollen nix Neues von mir, nur was anderes. Ich bin der Havasy, jeder weiß, was ich schreib’ und wie ich’s schreib’, und darin liegt mein Erfolg.«

»Gewiß, gewiß, aber ...«

Herr Havasy blätterte in seiner Mappe.

»Hier, zum Beispiel, die Story hab’ ich schon vor ein paar Wochen für Sie reserviert. Ein österreichischer Erzherzog liebt die Tochter eines ungarischen Revolutionärs. Sie fliehen, leben unerkannt bei Zigeunern ...«

»Ich weiß nicht recht«, unterbrach Michael ihn. »Eigentlich hatte ich an ein anderes Milieu gedacht. Wie wäre es denn mit einem modernen Frauenschicksal? Ein Eheroman, sagen wir, wo die Frau plötzlich erfährt, daß ihr Mann ein ganz und gar unverständliches Doppelleben führt?«

»Ja, da hätt’ ich was«, sagte Herr Havasy lebhaft. »Nur net grad modern. Es ist die authentische Geschicht’ der ungarischen Gräfin Ilona von Földes. Der Rittmeister von Földes war ein Spieler, ein Defraudant, der sich erschossen hat. Die Gräfin Ilona ist dann bettelarm nach Wien gekommen und als Tänzerin in gewissen Etablissements aufgetreten. Ich sag’ Ihnen, das ist ein atemberaubendes Leben, durch alle Höhen und Tiefen.«

»Hm ...« Tessy und ich merkten, daß Michael nicht besonders glücklich war. »Die Story ist sicher gut. Aber sagen Sie, kann man sie nicht in die Gegenwart und nach Deutschland verlegen?«

»Gehn S’, das ist doch fad! Dann müßt’ die Gräfin ja Stripteasetänzerin werden – und heutzutag’ hat so ein Beruf keinen Flair mehr. In der Donaumonarchie war das was anderes, wo der Kronprinz Rudolf und der Johann Salvator und wie sie alle hießen, selbst eine Bordellbesitzerin noch wie eine Dame behandelt haben. Heut’ ist das doch primitiv, ohne Differenzierungen. Naa, damit tät’ ich mir die ganze Geschicht’ kaputtmachen. Dann nehm’ ich schon lieber die Story vom Erzherzog. Die kann man modernisieren.«

Herr Havasy machte sich ein paar Notizen.

»Passen S’ auf: Der Erzherzog ist kein Erzherzog, sondern ein deutscher Tourist, einziger Sohn eines Stahlmagnaten, der in Ungarn Urlaub macht. Er verliebt sich in eine kleine Budapester Studentin, deren Väter politische Schwierigkeiten hat. Er will sie heiraten, aber sie darf net in die Bundesrepublik, Aus Liebe zu ihr bleibt er deshalb in Ungarn, illegal natürlich. Eines Tages kommt die Geschicht’ heraus, er soll verhaftet werden, und da fliehen sie alle drei, wie gehabt, und leben bei einem Zigeunerstamm in der Pußta. Natürlich verliebt sich ein Zigeuner in das Madl, und der Deutsche muß mit ihm nach alter Zigeunersitte kämpfen. Zum Schluß ist es dann der Zigeuner, der die drei über die Grenze nach Österreich bringt und dabei erschossen wird.«

Er holte tief Atem.

»Na, ist das jetzt ein modernes Frauenschicksal? Und ein echter Havasy obendrein.«

»Das bestimmt«, sagte Michael. Er wirkte etwas erschöpft.

»Gut. Und nun sagen S’ selbst, bin ich riet ein Autor, mit dem man reden kann? Wann brauchen S’ denn die erste Folge?«

Michael blätterte in seinem Terminkalender. »Ende August etwa, Herr Havasy. Geht das?«

»Momenterl.« Herr Havasy hatte ein Notizbuch hervorgeholt. »Schön, dann nehm’ ich den als Vormittagsroman. Da bin ich eh noch frischer. Akkurat am 28. 8. haben S’ die ersten fünfzehn Seiten auf dem Tisch.«

Michael wagte noch einen letzten Vorstoß. »Wie wäre es denn, wenn wir die ganze Story nicht in Ungarn, sondern im – sagen wir, Iran spielen ließen? Und statt der Zigeuner wäre es ein Beduinenstamm, bei dem die Helden Unterschlupf suchen.«

»Nein«, sagte Herr Havasy plötzlich auf hochdeutsch und sehr entschieden. »Iran und Beduinen – da habe ich kein Hintergrundmaterial. Und für neue Recherchen fehlt mir die Zeit, das werden Sie doch einsehen, Herr Doktor Bernhold. Außerdem – was sind Beduinen schon gegen Zigeuner? Ich bin Ihnen wirklich entgegengekommen, noch mehr kann ich net verantworten. Sie wollen doch einen Bestseller von mir und keinen Schmarrn. – So, und jetzt muß ich schau’n, daß ich weiterkomm’. Es war reizend, daß wir uns wieder mal gesehen haben, Herr Doktor Bernhold. Meine Empfehlung an den Herrn Rombach.«

Damit verabschiedete er sich mit ausgesuchter, echt österreichisch-ungarischer Höflichkeit.

Wenig später ist Michael mit uns nach Hause gefahren. Es war wirklich ein anstrengender Tag für mich, aber gleichzeitig sehr lehrreich. Weiß ich doch nun, wie man eine Zeitung macht und wie ein Bestseller entsteht.

Oder glaubst Du, der Roman von Herrn Havasy wird kein Bestseller?

Für heute will ich schließen, mein liebes Frauchen. Servus und küß die Hand.

Dein alter Julius.

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