Читать книгу: «Neubeginn»
Neubeginn
1 Neubeginn
2 Prolog
3 Kapitel 1
4 Kapitel 2
5 Kapitel 3
6 Kapitel 4
7 Kapitel 5
8 Kapitel 6
9 Kapitel 7
10 Kapitel 8
11 Kapitel 9
12 Kapitel 10
13 Kapitel 11
14 Kapitel 12
15 Kapitel 13
16 Kapitel 14
Neubeginn
Für K. E. F.
Nothing lasts forever
even cold November Rain.
(Guns ’N Roses)
Prolog
„Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Aber ich glaube, es ist vielmehr so, dass man mit der Zeit einfach lernt mit dem Schmerz zu leben.
Die Vergangenheit hinter sich zu lassen, ist ein unmögliches Unterfangen. Irgendwann holt sie einen immer ein, ganz gleich wie schnell und wie weit man floh.
Ich bin also nach langer Zeit wieder zu Hause und meine Vergangenheit ist präsenter denn je. Ich lebe mit ihr, lebe mit dem Schmerz. Jeden Tag aufs Neue.
Die einen sagen, aus Fehlern lernt man, und die Erlebnisse, die wir machen, formen uns und lassen uns zu dem Menschen werden, der wir sind. Aber was ist, wenn ich dieser Mensch überhaupt nicht sein möchte?
Die anderen sagen, dass man nicht aufgeben soll. Alles folgt einem Plan und die Situationen, in die das Leben uns stellt, müssen wir meistern. Dann wird alles besser.
Wie ich mir die Zukunft vorstelle, kann ich nicht sagen. Ich war nie gut im Lernen oder Meistern.
Ich muss damit leben, dass ich einen Menschen auf dem Gewissen habe, dass ich sie umgebracht habe, dass sie nie mehr zurückkehrt und dass sie vielleicht noch am Leben wäre, wenn es mich nicht gäbe.
Das ‚vielleicht‘ kann ich streichen.
Ob ich mir wünsche, an ihrer statt gestorben zu sein?
Jede Minute meines armseligen Lebens und mit jeder Faser meines müden Körpers!
Doch dieser Wunsch kann niemals Realität werden. Wir können unsere Rollen nicht tauschen, dem Schicksal kein Schnippchen schlagen, auch wenn wir uns noch so sehr danach sehnen. Wir sind, wer wir sind und wie die Vergangenheit uns geformt hat. Wir leben mit dem, was wir sind und was unsere Entscheidungen aus uns gemacht haben. Damit müssen wir zurechtkommen. Zumindest in dieser Hinsicht behalten sie Recht, die klugen Sprichwörter und die klugen Menschen, die diese klugen Ratschläge parat halten.
Ich bin also zurück.
In der Stadt der Sünde.
Ein Scheiß-Gefühl!
Warum ich Shreveport Stadt der Sünde nenne? Weil ich sie kenne!
Nicht die atemberaubenden Wolkenkratzer in der City oder die idyllisch angelegten Parks, in denen glückliche Kinder aus intakten Familien auf Spielplätzen toben. Nicht die mondänen Kaufhäuser in der Shopping Mall oder die faszinierende Fensterfront des Flughafens. Ich meine auch nicht den Golfplatz im Norden der Stadt, an dem sich jeden Sommer die High Society zum Spielen trifft.
Dort, wo ich aufgewachsen bin, in den tiefen Abgründen dieser Stadt, habe ich ihr wahres Gesicht kennengelernt. Ihre angsteinflößende, einschüchternde Fratze, bereit jeden zu verschlingen, der sich nicht zur Wehr zu setzen weiß. Meinen Dad… meine kleine Schwester und schließlich auch meine Mom. Wobei diese sich noch am besten mit dieser Stadt anfreundete, nämlich indem sie ein Teil dieser unendlichen Flut der Sünde wurde…
Themawechsel.
Ich denke nicht mehr an sie. Ich erlaube mir nicht, an sie zu denken, seit ich sie auf dieser verschmutzten, verlöcherten, vermaledeiten Matratze gesehen habe, den Schwanz eines fremden Mannes im Mund, den eines weiteren im Arsch…
Ich kann es mir überhaupt nicht leisten, an sie zu denken, denn ich muss leben.
Ganz gleich, wie schwer mir das fällt.
Besonders seit…
Nein, auch daran darf ich momentan nicht denken.
Irgendwann ja. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, an dem ich die Stärke besitze, mit dem fertig zu werden, was sich im letzten halben Jahr zugetragen hat. Was ich getan habe. Und was nicht.
Ich verschließe meine Gefühle zu einer Kugel und stelle sie in irgendeinem dunklen Winkel meines Gehirns ab. Das funktioniert, weil sie genauso dunkel sind, fallen sie dort nicht auf. Ich bin verdammt gut darin, meine Gefühle zu verbergen. Das ist eines der Talente, die mich diese Stadt gelehrt hat.
Menschen sterben, weil der Tod Teil des Lebens ist. Wieder ein so kluger Spruch. Doch manchmal lassen sie etwas zurück, das durch ihren Tod keine Überlebenschance hat; es sei denn, es hat das nahezu unmögliche Glück, anderweitig Hilfe zu erhalten.
Bei mir war das leider nicht der Fall.
Schiefe Bahn.
Taschendiebstahl.
Kleinere Überfälle.
Drogen.
Die Gesellschaft erwartet nichts anderes von einem Menschen mit meiner Vergangenheit. Ich erwartete nicht anderes von mir. Und diese Stadt fand ein leichtes Opfer, an dem sie sich säugen konnte. Wie eine grauenvolle Bestie, die Spaß daran empfindet, ihr Opfer immer nur bis kurz vor der Bewusstlosigkeit zu quälen und es dann wieder soweit sich selbst regenerieren lässt, dass das Foltern wieder Freude macht.
Trotz allem habe ich es geschafft.
Weil ich ein anderer Mensch geworden bin.
Ein vollkommen anderer.
Innerlich.
Äußerlich.
Namentlich.
Ich habe sie verlassen, meine Peinigerin, die mich immerzu kleinhalten wollte, weil das das Prinzip ist, auf dem sie aufgebaut ist. Die Stadt der Sünde.
Ich blickte nicht zurück. Nicht einen einzigen Tag. Keine Minute.
Ich war frei. Die Welt lag mir zu Füßen. Alles schien möglich, alles erreichbar. Plötzlich lernte ich Gefühle kennen, die ich nicht verstecken und verdrängen wollte.
Erfolg, Glück, Freude, Heiterkeit, Unbeschwertheit. Anerkennung. Ich war gut, in dem, was ich tat.
Und dann kam sie. Die Liebe. Und sie erwies sich als noch grausamer als Shreveport es je zu mir gewesen war, denn ohne jede Vorwarnung riss sie mir mit eisigen Klauen das pochende Herz aus der Brust.
Die Zeit ist meine einzige Verbündete. Auch wenn ich weiß, dass sie, entgegen dem, was der Volksmund ihr zugesteht, nicht alle Wunden zu heilen vermag, so macht sie es doch einfacher, mit dem Schmerz zu leben.
Nachdem meine Schwäche mir einmal mehr das Genick gebrochen hatte, wurde ich versetzt. An sich nicht schlimm. Ich hätte ohnehin darum gebeten, gehen zu dürfen. Doch nun finde ich mich wieder hier, wo alles seinen Anfang nahm. Vor achtunddreißig Jahren…
Ich weiß nicht, wie viele Leben ich habe und wie oft das Schicksal mich noch steinigen will, doch ich beginne zu begreifen, dass diese Stadt und ich nicht miteinander können. Aber auch nicht ohne einander. Sie ruft mich. Wir sind uns zu ähnlich. Beide leben wir mit der Sünde, die wir nicht loswerden können und selbst wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Vergangenheit auszulöschen, würden wir es tief in unserem Inneren nicht wollen.
Diese Stadt hat mich geformt und nun ist es an der Zeit, dass sie von mir geschliffen wird. Endlich habe ich den Mut gefunden, mich ihr zu stellen. Von Angesicht zu Angesicht.
Denn letzten Endes bin ich jetzt nicht mehr vollkommen allein.
Diese Tatsache macht mir zwar immer noch Angst, doch sie erfüllt mich gleichzeitig auch mit großer Hoffnung.
Angst in die dunkle Nische!
Hoffnung in den Vordergrund!
Vielleicht ist dies meine Chance, diese Stadt in ihren anderen Schattierungen kennen zu lernen. Das glitzernde Blau des Teichs, an dem glückliche Eltern mit ihren glücklichen Kindern Enten füttern. Das saftige Grün der Bäume im Park, in deren Schatten glückliche Eltern mit ihren glücklichen Kindern auf Bänken sitzen und Bücher lesen. Das strahlende Gelb der Sonne, das die Spielplätze erwärmt, auf denen glückliche Eltern mit ihren glücklichen Kindern klettern und toben. Und es gibt noch so viel mehr, auf das ich mich freue – rot, orange, pink…
Nur die schwarzen Schlunde werden wir meiden. Niemals soll sie wagen, mit ihren klebrigen Tentakeln nach diesem unschuldigen Wesen zu greifen.
Ich bin der Mann mit der Sünde.
Aber auch der, der gelernt hat zu kämpfen.
Ich kenne dich, Shreveport – Stadt der Sünde. Kenne deine Tücken und Gefahren, deine Hinterhältigkeit, deine Fallen und Netze, die du für ahnungslose Fische ausgelegt hast.
Du wirst sie nicht verderben, denn an mir kommst du nicht vorbei: Damals warst du die Stärkere, hast mich fortgejagt, als ich mich nicht mehr an deine Spielregeln halten wollte.
Aber jetzt bin ich zurück. Gewachsen an meinen Fehlern und den Taten anderer, die gegen mich gerichtet waren. Gewachsen am Leben.
Dieses Mal wirst du mich nicht bezwingen.
Dieses Mal werde ich kämpfen.
Und ich weiß, wofür.
Ich bin zurück.
Shreveport.
Stadt der Sünde.
Nimm dich in Acht.
Ich bin zurück!
Dies ist mein Neubeginn!“
Kapitel 1
Samstag, 31. Oktober, 12.00 Uhr
Captain Harpers Beerdigung war eine schöne Trauerzeremonie gewesen. Schön, im Sinne von wertvoll für die Hinterbliebenen. Für die Menschen, die einen geliebten Mitmenschen verloren hatten, und von denen ließ Conrad Harper einige zurück.
In der ersten Reihe hatten seine Frau – in schwarz gekleidet und mit schwarzem Schleier am schwarzen Hütchen – und seine beiden mittlerweile erwachsenen Söhne Platz genommen. Dahinter saßen die übrigen Verwandten und Freunde. Auf der anderen Seite erkannte Hope viele Officer, Detectives und höherrangige Polizisten des Shreveport Police Departments. Der Bürgermeister persönlich war anwesend und las eine Lobesrede, in deren Anschluss das Militär eine Ehrensalve abfeuerte. Alles, was Rang und Namen hatte, schien anwesend zu sein.
Zum Klang von Näher mein Gott zu dir begleiteten die Trauergäste Conrad Harper auf seinem letzten Weg.
Erde zu Erde; Asche zu Asche; Staub zu Staub.
Eine Schippe Sand.
Eine weiße Rose.
Tränen zum Abschied.
Beileidsbekundungen für Familie und Freunde.
Hope hielt sich gänzlich im Abstand zu den übrigen Trauergästen.
In einem schlichten schwarzen Kleid stand sie unter der großen Linde, die dem Friedhof seinen Namen gab, und trauerte dem Menschen hinterher, der für sie vielmehr gewesen war als ein guter Vorgesetzter. Es gelang ihr nicht, die Tränen zurückzuhalten und sie spürte, wie verletzlich der Verlust sie hatte werden lassen.
Conrads Tod hatte sie in einen tiefen Abgrund gestürzt.
Und sie wusste nicht, wie sie aus diesem Gefängnis wieder herauskrabbeln sollte.
Es gab keine Leiter in Aussicht, an der sie hinaufklettern konnte; kein Seil, zum Hangeln; keine helfende Hand, die Hope aus diesem Elend ziehen würde.
Lange nachdem die Trauergäste den Friedhof verlassen hatten, um entweder gleich nach Hause zu gehen oder beim üppigen Leichenschmaus den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen, stand Hope noch immer unter der Linde und ließ die Gedanken und Erinnerungen vorüberziehen. So vieles, das sie mit Conrad teilte; so viele Momentaufnahmen, die unglaublich wertvoll waren. Seine letzten Worte hatten ihr gegolten.
Du bist für mich die Tochter, die ich nie hatte. Ich liebe dich wie mein eigenes Kind. Du bist ein wundervoller Mensch, ein Spitzen-Detective, eine Klasse-Frau. Lass dir von keinem jemals etwas anderes einreden!
Hope schob den Gedanken weiter, doch er erwies sich als hartnäckiger als die anderen.
Langsam, aber stetig brach die Dunkelheit herein. Hope fröstelte. Sie war es nicht gewohnt, ein Kleid zu tragen und die dünnen Feinstrumpfhosen konnten nicht mit einer Jeans mithalten.
Nachdem sie sich noch einmal versichert hatte, dass wirklich keiner mehr auf dem Friedhof verweilte, näherte sie sich Conrads Grab, das mit lockerer Erde zugeschaufelt und von zahllosen Blumenbouquets und Kränzen überhäuft war.
Conrad hasste Blumen.
Der Gedanke brachte sie zum Lächeln.
Auf einem gigantischen Strauß dunkelroter Rosen prangte ein glitzerndes Herz: „So groß war die Liebe, dass selbst der Tod sie nicht beenden kann.“
Hope legte die Stirn in Falten. Sie kannte Mrs. Harper lediglich von größeren Dienstjubiläen, bei deren offiziellem Teil die Ehefrau des Captains stets zugegen war. Ansonsten hatte sie aus Conrads Erzählungen immer herausgehört, dass die Liebe zu ihm längst nicht so gigantisch war wie ihre Liebe zu Geld und Reputation. Und Conrad stellte eine geeignete Möglichkeit dar, an beides heranzukommen. Von seinen Söhnen hatte Conrad ebenfalls nicht oft gesprochen, doch er verbrachte seine Zeit stets lieber im Polizeipräsidium als zu Hause.
Der Kranz des Shreveport Police Departments verabschiedete Captain Harper mit einem schwarzen Banner „In memoriam“. Kühl und sachlich. Vermutlich erhielt er zum Gedenken daran, dass er sein Leben im Dienst geopfert hatte, eine silberne Ehrentafel im Eingangsbereich des Polizeigebäudes. Und Mrs. Harper und ihre Söhne eine Trauerkarte mit einer stattlichen Summe Witwenrente. Es hätte dieser Frau gar nichts Besseres passieren können…
Hope rügte sich für ihre Gehässigkeit. Diese Gedanken hatten am Grab nichts zu suchen.
Aus der Tüte, die sie mitgebracht hatte, holte Hope eine einzelne Sonnenblume hervor, die in strahlendem Gelb schillerte. „Das ist es, was du mir gegeben hast, Conrad. Sonne. Wärme. Jeden einzelnen Tag. Ich hoffe, von nun an schaffe ich es allein. Sie soll dich begleiten… Dad.“
Hope bettete die Blume an einer eigentlich unauffälligen Stelle am Rand des Erdhügels, doch durch ihre Fröhlichkeit verheißende Farbe sprang sie dennoch sofort ins Auge. Ein Skandal, eine von Lebendigkeit strotzende Sonnenblume auf ein Trauergrab zwischen dunklen, feierlichen Pflanzen zu drapieren. Hope konnte sich das Gerede lebhaft vorstellen. Daher hatte sie auch bewusst darauf verzichtet, ihren Namen zu hinterlassen. Conrad wusste, dass es ihre Art war, Abschied zu nehmen, und das allein zählte.
„Du wirst mir ganz schön fehlen“, murmelte sie unter Tränen und strich sich unsicher durchs Haar, das vom Wind ganz und gar zerzaust war. „Ich hatte mir das anders vorgestellt, weißt du. Dass du es bist, der mich in das neue Amt einführt, der mir seinen Platz übergibt und zu dem ich dennoch immer kommen kann, wenn ich nicht mehr weiter weiß. Der genervte Rentner, weil es ihn in den Fingern juckt, Verhöre selbst zu führen und knifflige Fälle aufzuklären. Weil du selbst alles am besten kannst. Ich habe dich so lieb, Conrad. Und ich verspreche dir, dass ich alles geben werde, dir eine würdige Nachfolgerin zu werden. Ich werde es nicht zu deiner Perfektion schaffen, aber ich gebe mein Bestes. Das schwöre ich dir!“
Samstag, 31. Oktober, 19.00 Uhr
Es war die fünfte Wohnung, die er an diesem Tag besichtigte und da bisher nur Bruchbuden dabei gewesen waren, war Chris dementsprechend genervt. Elise saß in ihrem Kindersitz auf der Rückbank und kuschelte Klopfer, das blaue Kaninchen aus Walt Disneys Bambi.
Chris verzog das Gesicht. Bambis Mutter stirbt. Wie kann man so etwas kleinen Kindern zumuten? Schlimm genug, dass es dieses Schicksal hin und wieder in Wirklichkeit gab. Er wusste nur zu gut, wovon er sprach…
„Wollen wir, Süße?“, fragte er und registrierte das leicht genervte Gesicht seiner Tochter. Ihr ging es offensichtlich nicht anders als ihm. Wer konnte es ihr verdenken? Wenn sie hier auch kein Glück hatten, dann bedeutete das eine weitere Nacht im Auto verbringen und darauf konnten sie beide nur allzu gut verzichten. „Sieht doch von außen schon mal viel besser aus als die letzten…“ Das war eine glatte Lüge, doch immerhin ein Versuch, sie aufzumuntern.
Und auch sich selbst.
Es wirkte weder bei Elise noch bei ihm.
War ja klar.
„Können wir nicht einfach wieder zurückgehen, Daddy?“, fragte Elise.
Chris seufzte. Nein, ich will nicht mehr zurück. Nie mehr. Zu viele Erinnerungen an… Zu viele… Und zu viele Menschen, die die Wahrheit kannten. „Ach Schatz“, sagte er, „du weißt doch, dass ich hier einen Job habe. Deshalb müssen wir auch hier eine Wohnung finden. Milwaukee ist weit weg. Ich kann diese Strecke nicht täglich zurücklegen.“ Das klang auch für eine Vierjährige nachvollziehbar. Hoffte er jedenfalls.
Nachdem er ausgestiegen war und das Haus näher betrachtete, musste Chris zugeben, dass es keineswegs vielversprechender aussah als die bisher besuchten. Wieder seufzte er. Es gab bessere und schlechtere Tage; dieser hier war eindeutig einer der schlechteren…
An der Außenfassade des hellgrauen Hauses bröckelte der Putz. In dem, was wohl einmal ein Vorgarten gewesen war, standen die Überreste verwelkter Sonnenblumen zwischen ebenso hohem Unkraut und stacheligen Sträuchern.
„Ich glaube, das ist ein Gespensterhaus“, wisperte Elise. „Ich mag da nicht rein, Daddy!“
Ich auch nicht… Auch wenn Chris nicht an Gespenster glaubte, wirkte das Haus in der Tat abstoßend und bedrohlich. Ganz so, als wolle es sie wegschicken.
„Keine Sorge, Prinzessin“, sagte Chris in beruhigendem Ton, der absolut nicht zu seiner inneren Anspannung passte. „Gespenster gibt es nicht in Wirklichkeit.“
Hexen anscheinend schon.
Jedenfalls drängte sich ihm der Verdacht auf, als die bucklige, alte Frau mit den silbergrauen, hochgesteckten Haaren auf sein Läuten hin die Tür öffnete. „Familie Taylor?“, fragte sie und noch bevor Chris bestätigen konnte, winkte sie mit ausschweifenden Gesten: „Kommen Sie doch bitte herein!“
Es klang wie die Einladung ins Lebkuchenhaus…
Elise griff nach seiner Hand, während sie eintraten. Im Inneren erwartete sie das genaue Gegenteil des Eindrucks, den das Äußere des Hauses erweckte. Die Möbel waren zwar alt, doch auf Hochglanz poliert. Kein Staubfussel benetzte die Bilderrahmen, aus denen verschiedene Gesichter sie den gesamten Flur entlang willkommen hießen. Keine Spinnweben wie in Geisterschlössern und auch keine Pfefferkuchen wie im Märchen.
„Zur Wohnung geht es nach oben“, erklärte die Frau und setzte bereits einen schwerfälligen Schritt auf die erste Treppenstufe, als sie sich besann und sich, über sich selbst schmunzelnd, zu ihnen umdrehte. „Verzeihen Sie meine Vergesslichkeit. Ich wollte keineswegs unhöflich scheinen. Ich bin Mrs. Weyler.“ Sie lachte herzlich und verlor im selben Augenblick jegliche Ähnlichkeit mit einer bösen Hexe. „Wissen Sie, das Alter ist heimtückisch… Manchmal vergesse ich einfach, mich vorzustellen.“
„Ich bin Elise“, hörte Chris voller Überraschung seine Tochter plappern. „Hast du eine Katze?“
„Eine Katze?“, wiederholte Mrs. Weyler freundlich. „Nein. Aber Greta, meine Nachbarin, hat einen kleinen Hund mit blauer Zunge. Wenn du möchtest, nehme ich dich bei Gelegenheit einmal mit. Der kleine RobRoy liebt Kinder und freut sich bestimmt, mit dir zu spielen.“
Ein Strahlen breitete sich auf dem Gesicht des kleinen, blonden Engels aus. „Au ja. Können wir gleich gehen?“
Elise schien beschlossen zu haben hier einzuziehen. Chris war noch nicht so weit, wobei er zugeben musste, dass er auch keine große Lust verspürte, noch weiter zu suchen. Irgendwann wollte er ankommen. Zu Hause sein. Nicht mehr fliehen.
„Vielleicht möchtest du dir zuerst dein Zimmer aussuchen“, schlug Mrs. Weyler vor.
Elise nickte und sie folgten der Vermieterin in das obere Stockwerk.
Nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte, eilte sie zu dem großen Fenster in einem möblierten Wohnzimmer und schloss es hastig. Sofort verstummte der Autolärm, der vermutlich vom nahegelegenen Highway 71 herüberdröhnte.
Die große blaue Couch, die das Wohnzimmer dominierte, wirkte keineswegs alt und antik wie die Einrichtung im Eingangsbereich gewesen war. Auch die hellen Schränke und der große Flachbildschirm waren alles andere als in die Jahre gekommen. „Mein Sohn ist zu seiner Freundin gezogen“, klärte Mrs. Weyler sie auf. „Hat nix mitgenommen. Alles neu eingerichtet und dann kam diese Frau“, sie winkte vielsagend ab. „Naja. Ich bin nicht gern allein. Mein Mann ist vor ein paar Jahren gestorben. Wenn Sie möchten, können Sie die Möbel gerne benutzen.“
Chris blickte sich um. „Danke“, sagte er, obwohl er dieses großzügige Angebot kaum glauben konnte.
Angrenzend an das Wohnzimmer lag eine geräumige Küche unter einer Dachschräge. Weiße Hochglanzfronten waren perfekt zur Raumform eingepasst, so dass jeder Winkel des verschachtelten Raumes ausgenutzt wurde. Spülbecken und Herd schienen nahezu unbenutzt.
Darüber hinaus verfügte die Wohnung über ein Badezimmer mit Dusche und Badewanne und zwei weitere Zimmer, von denen sich Elise das größere als ihr Kinderzimmer erwählte. Das übriggebliebene Schlafzimmer war hellblau gestrichen und in der Ecke führte eine schmale Glastür hinaus auf einen Balkon mit Blick auf den hinteren Bereich des Grundstücks, wo auf geschätzten vierzig Quadratmetern eine farbenfrohe Wiese blühte.
„Wenn Sie ab und zu den Rasen für mich mähen würden, kann Elise gerne dort unten spielen“, sagte Mrs. Weyler, als sie Elises sehnsüchtigen Blick bemerkte.
„Ich will hierbleiben, Daddy“, erklärte Elise und gähnte herzhaft.
Chris selbst war auch müde und diese Wohnung in der etwas abgelegenen Finn Street schien der absolute Hauptgewinn zu sein. „Wir würden die Wohnung nehmen, Mrs. Weyler.“
Die Frau nickte erfreut. „Sehr schön. Soll ich Ihnen eine Luftmatratze hochbringen bis Ihre Möbel ankommen?“, fragte sie. „Umzugsfirmen sind manchmal so entsetzlich langsam.“
„Das wäre wirklich sehr nett“, sagte Chris, verzichtete jedoch auf den Zusatz, dass überhaupt keine Möbel hierher unterwegs waren. Sie hatten alles zurückgelassen. Er brauchte nichts, das ihn an sein altes Leben zurückerinnerte. Hier in Shreveport sollte es einen Neubeginn geben. Noch einmal von vorn. Zweite Chance… Dritte Chance, verbesserte er sich und verscheuchte den Gedanken dann aus seinem Kopf.
Montag, 02. November, 8.30 Uhr
Chief Solomon Rice tat so, als wäre Hope überhaupt nicht im Raum. Unruhig trat sie von einem Bein auf das andere, während das Polizeioberhaupt in geschäftiger Hingabe diverse Blätterstapel sortierte.
Wieso um alles in der Welt hatte er sie hereingebeten, wenn er eigentlich noch andere Dinge zu erledigen hatte? Draußen zu warten, wäre definitiv angenehmer gewesen.
Unsicher, ob sie sich räuspern oder anderweitig um Aufmerksamkeit bitten sollte, warf Hope einen verstohlenen Blick auf die Uhr, die hier, wie in jedem anderen Raum des Präsidiums, über der Tür angebracht war. Schon sieben Minuten stand sie nutzlos hier herum und Chief Rice hatte ihr noch nicht einmal einen Stuhl angeboten.
Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen und sagte: „Chief, ich…“
„Sie sind noch nicht dran, Miss Cromworth“, unterbrach Rice sie ruppig.
Hope verstummte sofort. Sie war empört. Miss? Hatte sie gerade richtig gehört? Das war ja wohl die Höhe. Sie als Fräulein zu bezeichnen! Und das im Einundzwanzigsten Jahrhundert!
„So. Jetzt wäre ich soweit“, erklärte Chief Rice dann, bevor Hope sich noch mehr in die Frechheit seiner Bemerkung hineinsteigern konnte. „Ich komme ohne Umschweife zur Sache, dann erleichtern wir uns einiges“, fuhr Rice gelangweilt fort, ohne Hope dabei eines Blickes zu würdigen. „Im Gegensatz zu Conrad – Gott hab ihn selig – bin ich nicht der Ansicht, dass das weibliche Geschlecht im Beruf eines Polizisten gut aufgehoben ist. Frauen gehören an den Herd und kümmern sich um Heim und Kinder.“ Er machte eine theatralische Pause, um seine Aussage wirken zu lassen. „Nun, da es bei Ihnen ja offenbar kein Heim mit Kindern gibt“, er nahm seine Brille ab und musterte sie geringschätzend, „scheinen Sie wohl beschlossen zu haben, Unruhe in diese von Männern aufgebaute Ordnung zu bringen.“
Hope war sprachlos und schockiert. Sie fühlte sich um Jahrhunderte zurückversetzt, in eine Zeit, in der Frauen und Sklaven in etwa die gleichen Rechte hatten. War sie im falschen Film? Slapstick von primitivster Art. Das konnte doch wohl nicht sein Ernst sein! Konnte ein Polizeichef sich wirklich solch eine frauenverachtende Meinung leisten? Und damit Erfolg haben?
Frauenverachtend? Menschenverachtend! Arrogantes Arschloch!
Dennoch vermochte Hope nicht, etwas darauf zu erwidern. Zu viele Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf. Das alles lief anders als erwartet. Mit Turbogeschwindigkeit in die falsche Richtung. Nur war sie nicht in der Lage, die Notbremse zu ziehen.
Sollte das nun heißen, Chief Rice hatte sie hier einberufen, um ihr mitzuteilen, dass ein anderer Conrads Posten als Leiter ihrer Einheit übernehmen würde? Wer? Womöglich noch ein vollkommen Fremder?
„Zu meinem großen Bedauern kannte auch Conrad meine Einstellung diesbezüglich und nahm mir das Versprechen ab, dass ich Ihnen eine Chance geben werde…“ Rices Unmut über diese Sache stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, als ob er in Erwartung einer Zuckerstange stattdessen in eine saure Zitrone gebissen hätte.
Hope zog die Augenbrauchen hoch. Und jetzt Klartext bitte!, hätte sie ihm gerne entgegengespien, aber das stand ihr nicht zu. Also schwieg sie weiter und harrte der Dinge, die da kommen mochten.
Der Chief seufzte. „Da ich davon ausgehe, dass Ihnen früher oder später ohnehin ein Fehler unterläuft, ist es ja nur eine Zeitsache, die sie die – sagen wir Vertretung für Captain Harper übernehmen. Denn dass sie scheitern werden, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Alle Frauen in anspruchsvollen Positionen scheitern irgendwann. Und wissen Sie auch warum? Weil sie einfach nicht dafür gemacht sind, Verantwortung zu übernehmen!“
Hope sog die Wangen ein und biss sich auf die Innenseite, um nicht zu platzen. Wieso stand sie immer noch hier? Wieso warf sie ihm nicht ihre Marke vor die Füße, sagte ihm, dass sie auf ihn und seine Einstellung scheiße und reichte unverzüglich ein Versetzungsgesuch ein?
Weil es genau das ist, was er erreichen möchte, gab sie sich selbst die Antwort.
„Was stehen Sie hier noch herum, Miss Cromworth?“, schlug Rice nun einen harschen Ton an. „Haben Sie keine Arbeit? Unsere Unterredung ist längstens beendet. Sie kennen nun meine Einstellung Ihnen gegenüber. Fühlen Sie sich also beobachtet in allem, was sie tun und entscheiden. Ich werde jeden Schritt, den Sie machen, mit Argusaugen überwachen und seien Sie gewiss, dass ich nur darauf warte, dass Ihnen ein Missgeschick passiert. Falls sie noch darauf warten, dass ich Ihnen den Status eines „Captain“ verleihe, muss ich Sie leider enttäuschen. So lange ich hier das Regiment führe, wird keine Frau die Macht über ein Schiff erhalten. Und sei es auch nur ein kleines Paddelboot. Guten Tag, Miss Cromworth.“
Ein Team zu leiten, ohne einen höheren Status zu besitzen, war nicht einfach. Vor allem, da Hope die ganze Zeit über bereits auf gleicher Ebene mit ihren Kollegen zusammengearbeitet hatte. Sie waren praktisch eine eigene kleine Familie… Eine Familie, die nun zwei neue Adoptivkinder aufzunehmen plante.
Hope blätterte durch die Personalakten, die vor ihr auf dem Schreibtisch lagen, ohne wirklich bei der Sache zu sein. Bei dem ersten Polizisten, Christian Taylor, handelte es sich zwar um eine Versetzung, doch Luke Dorians Antrag war eine Neubewerbung. Der junge Mann konnte zwar einige Jahre im Streifendienst vorweisen, doch verfügte er über keinerlei Erfahrungen in der Ermittlungsarbeit. Hope hätte eigentlich erwartet, dass ein älterer Detective ihr Team komplettieren würde, beziehungsweise dass man ihr als zukünftige Leiterin dieser neu zusammengewürfelten Einheit zumindest ein Mitspracherecht bei der Besetzung der offenen Stellen zukommen ließ.
Dem war nicht so und sie konnte sich gut denken, auf wessen Mist das gewachsen war. Chief Rice würde ihr sämtliche Steine in den Weg legen. Soll er doch!
Christian Taylor wirkte auf den ersten Blick vielversprechend. Beste Beurteilungen, top Leistungen… Seine Akte sah geradezu ‚frisiert‘ aus. Warum wird ein so hoch angesehener Top-Detective plötzlich versetzt? Milwaukee müsste alles daran gesetzt haben, ihn behalten zu können… Hope blätterte weiter, doch die gewünschten Erläuterungen blieben aus. Wenig Information, nur Lobesworte. Anscheinend war es dem Polizeipräsidium der größten Stadt Wisconsins ein großes Anliegen gewesen, diesen Kollegen loszuwerden. Das kann ja heiter werden.
Hope blickte auf die Uhr. In zehn Minuten war das erste Meeting unter ihrer Führung angesetzt. Das erste Zusammentreffen des Teams seit Bertrams Selbstmord. Und Conrads Tod. Das erste Mal, dass sie wieder beruflich zusammenkamen. Es ging weiter. Auch ohne Conrad. Es muss… Auch wenn ich momentan nicht weiß, wie.
Sie war absolut nicht vorbereitet auf dieses Meeting. Es war nicht so, dass Hope sich nicht den Kopf darüber zerbrochen hätte, was sie sagen und wie sie auftreten wollte. Doch richtige Worte wollten sich einfach nicht finden lassen. Es war einfach eine Scheiß-Situation; so hätte es jedenfalls Conrad ausgedrückt. Vielleicht war das der geeignetste Einstieg. Der, den Conrad gewählt hätte; der, der ihm aus der Seele gesprochen hätte. Hope schluckte. Die Erinnerungen waren schmerzhaft.
Noch ein Blick auf die Uhr und Hope schlug die Akten zu. Auch wenn alles weitere sich ergeben musste und keiner Planung unterlag, so war sie sich doch zumindest sicher, dass sie bei ihrem unerwarteten Einstand nicht zu spät kommen sollte.
Trotz dieses guten Vorsatzes war Hope die Letzte, die das Konferenzzimmer betrat. Adrian zwinkerte ihr aufmunternd zu, Grace lächelte traurig und Marc nickte zum Gruß. Hope vermied es absichtlich, sich auf Captain Harpers Platz niederzulassen. Vielleicht wenn sie eines Tages selbst Captain war, doch momentan fühlte es sich einfach nicht richtig an.
Mit zitternden Fingern legte sie einen Stapel weißer Blätter vor sich ab. Dann räusperte sie sich, blickte in die Runde und sagte mit fester Stimme: „Das ist eine absolute Scheiß-Situation.“ Sie hätte nicht mit Sicherheit vorhersagen können, ob die übrigen ihre Aussage so auffassten, wie sie gemeint war, doch das allgemeine Schmunzeln überzeugte sie, dass sie die richtigen Worte gewählt hatte. „Ich hatte heute Morgen ein Gespräch mit Chief Rice… Fürs Erste werde ich die Leitung unseres Teams übernehmen.“
„Was heißt, fürs Erste?“, schaltete Adrian sich sofort ein und verengte die Augen.
„Der Chief stellt mich sozusagen in Probezeit ein“, versuchte Hope das offensichtliche Misstrauen des Polizeichefs in ihre Fähigkeiten mit netten Worten zu kaschieren.
Adrian schüttelte verständnislos den Kopf. „Das kann ja wohl nicht sein Ernst sein! Es war allen immer klar, dass du Harpers Nachfolge antreten wirst. Das ist wirklich das Letzte.“
Hope rückte unruhig auf ihrem Stuhl. Detective Adrian Glover war ein sehr guter Freund und absolut loyal gegenüber seinem Team, aber dennoch war es in dieser Situation angebracht, den Mund zu halten und abzuwarten. Sie stand unter ständiger Beobachtung, das hatte der Chief ihr deutlich zu verstehen gegeben und Hope wollte auf keinen Fall, dass ihre Freunde Schwierigkeiten bekamen, weil sie sich zu sehr hinter sie und damit gegen die Führungsebene stellten. „Es ist schon okay“, versuchte sie die Sache abzuschwächen. „Ich denke, es ist auch für Chief Rice eine außergewöhnliche Situation, mit der er nicht recht umzugehen weiß. Wir sollten uns allen etwas Zeit geben.“ Das war gelogen. Chief Rice würde seine Meinung bezüglich Frauen in Männerberufen niemals ändern. „Wir sollten uns jetzt erst einmal auf die nächsten Tage konzentrieren“, schlug Hope vor. „In der Hoffnung, dass die bösen Buben Shreveports uns ein paar Stunden Galgenfrist gewähren, bevor sie wieder zuschlagen, wäre es mir ein Anliegen, dass wir uns als Truppe neu zusammenfinden. Wir haben zwei Kollegen verloren. Keiner von uns hätte jemals für möglich gehalten, dass in Bertram ein so versessener, kranker Geist schlummert.“ Das zustimmende Nicken ermutigte Hope, weiterzusprechen. Du machst das gut, spornte sie sich an. Die richtigen Worte kommen automatisch. „Conrad“, sie holte tief Luft und blinzelte ein paar forsche Tränen weg. „Er wird uns sehr fehlen.“ Er fehlt mir! „Ich… werde niemals seinen Platz ausfüllen können, wie er es getan hat. Aber ich gebe dennoch mein Bestes.“
Nach einem kurzen Schweigen, in dem wohl jeder noch einmal für sich Abschied von ihrem langjährigen, hochgeschätzten Captain nahm, stellte Adrian klar: „Du bist ab sofort der Boss, du sagst, was gemacht wird, Hope. Und du weißt, dass wir alle immer hinter dir und deinen Entscheidungen stehen werden!“
„Wir unterstützen dich, wo wir können“, pflichtete Marc ihm bei. „Hey, wir sind doch ein Team! Und wenn wir ehrlich sind, warst du doch schon die letzten Jahre stets die Besonnene, die Denkerin und Planerin. Conrad hat sich voll und ganz auf dich verlassen. Du wirst einen prima Job machen!“
Grace stand auf und schlang ihre Arme um Hope, die vor Rührung nur noch verschwommen durch den Tränenfilm ihrer Augen sehen konnte, und versicherte ihr: „Wir schaffen das. Du bist unser neuer Captain, auch wenn du diesen Titel nicht von offizieller Seite hast und wir dich nicht so nennen dürfen.“
„Bleiben wir bei Hope“, schniefte Hope und nahm dankbar das von Marc angebotene Taschentuch entgegen. „Wir schaffen das“, wiederholte sie dann und fühlte sich unglaublich wohl, so gute Freunde zu haben.
Montag, 02. November, 15.30 Uhr
„Herein.“ Hope war überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass jemand an ihrem ersten Arbeitstag in neuer Position an ihre Tür klopfte. Eigentlich hatte sie gehofft, die erste Woche ruhig angehen zu können. Schonfrist sozusagen. Ließen das nicht sogar Straftäter neuen Gefängnisleitern zukommen?
Adrian, Marc und Grace schrieben die Berichte des letzten Falls, um zumindest auf sachlich-korrekter Ebene mit dem, was geschehen war, abzuschließen. Hope selbst befand sich noch immer im Zwiespalt mit sich selbst darüber, ob sie Conrads Büro zu ihrem eigenen umgestalten oder einfach so belassen sollte, wie es war. Was sie definitiv benötigte, war ihr Computer. Conrads Maschine war aus dem vorigen Jahrhundert und dementsprechend laut und langsam. Damit endete jedoch ihre Entschlussfreudigkeit.
Die Tür fiel auf und das erste, was Hope entgegenströmte, war eine dichte Wolke süßlichen Parfums, welches offenbar über den abgestandenen Zigarettenrauch hinwegtäuschen sollte, der unterschwellig mitschwang.
Hope blinzelte und erkannte die in Nerz ummantelte Dame erst, als sie unmittelbar vor ihrem Schreibtisch zum Stehen kam. „Was haben Sie im Büro meines Mannes zu suchen?“, keifte die Frau ohne Umschweife und warf dabei ihre künstlich zurechtgemachte Dauerwelle in den Nacken.
Hope legte langsam und mit Bedacht den Stift zurück auf den Schreibtisch, den sie kurz zuvor aufgenommen hatte, um die Initialen C.H. näher zu betrachten, die am oberen Ende in vornehm geschwungener Schreibschrift eingraviert waren. Conrad Harper. Ging man die Sache jedoch von hinten nach vorn an, so ließe sich auch problemlos ein Cromworth, Hope hineingeheimnissen. „Mrs. Harper, ich wusste nicht, dass Sie heute vorbeikämen, um die Sachen Ihres Mannes abzuholen“, entschied Hope sich für einen diplomatischen Weg ohne Gegenangriff. „Sie hatten sich nicht bei mir angemeldet, oder?“
„Bei Ihnen?!“ Mrs. Harpers Stimme schien Purzelbäume zu schlagen, so dass sich Hope unwillkürlich ein Vergleich zu Mozarts berühmter Figur der Königin der Nacht aufdrängen wollte. „Nein. Niemals. Das ist das Zimmer meines Mannes und ich werde mich zu keiner Zeit bei Ihnen anmelden oder gar um Ihre Erlaubnis betteln, wenn ich die Habseligkeiten meines liebsten Conrad hier abholen möchte.“ So bist du mei-ne Toch-ter ni-mme-er-mehr. Hahahaha-hahaha. Hahahaha-hahaha. Hahaha-ha. Haha. Haha-haa. Mrs. Harper presste sich bei der Erwähnung ihres verstorbenen Ehemannes eine Träne aus dem mit übertrieben blauen Lidschatten angepinselten Auge und wischte diese sogleich theatralisch mit einem bestickten Seidentaschentüchlein ab, bevor der Mascara verschwimmen und ihr Aussehen ruinieren konnte. Fühlt nicht durch dich – Sarastro Todesschmerzen. Sarastro Todesschmerzen…
Hope hob die Brauen. Hörte das denn heute überhaupt nicht mehr auf? Nur Anfeindungen und Geringschätzungen. Was hatten nur alle gegen sie? Habe ich was verpasst? Steht auf meiner Stirn: Bitte mach mich fertig, das gefällt mir!?
„Nun, genau genommen ist das jetzt mein Büro…“, versuchte Hope freundlich zu erklären und sich dabei den ausladenden Mantel als weitschweifenden, an einen abendlichen Horizont erinnernden, sternbesetzten Umhang aus Der Zauberflöte vorzustellen. An Mrs. Harper war eine bilderbuchreife, arrogante Diva verloren gegangen. Dafür hätte sie definitiv großes Talent aufgebracht.
Mrs. Harper zog eine Grimasse. „Nun, genau genommen“, wiederholte sie dreist, „glaube ich das nicht. Jedenfalls nicht nachdem, was man so hört…“
Hope war nahe daran, in die Luft zu gehen und die düstere Königin in den Abgrund zu stürzen. Oder besser noch, in das gleißende Licht der Mittagssonne… Mit mühevoll unterdrücktem Zorn sagte sie drohend: „Verlassen Sie sofort dieses Büro. Und wenn Sie das nächste Mal planen, die Habseligkeiten Ihres Mannes heimzuholen, dann vereinbaren Sie vorher einen Termin mit mir!“
Die farbkastenroten Lippen verzogen sich zu einem noch breiteren Grinsen und Mrs. Harper blieb fest an ihrem Platz stehen. „Ich denke nicht, dass ich mir das von einem Flittchen wie Ihnen sagen lassen werde. Wie oft mussten Sie mit meinem Mann schlafen, bis Sie diesen Posten bekommen haben, hm? Zweimal die Woche? Täglich?“
Hope fiel vor Erschütterung der Unterkiefer herab. Sie war sprachlos ob dieser bodenlosen Frechheit. Regelrecht entsetzt. Sie spürte, wie ihre Zunge Worte zu formen versuchte, doch ihr Gehirn war zu blockiert, um entsprechende inhaltliche Informationen auszusenden, und ihr Innerstes zu sehr damit beschäftigt, Tränen der Resignation zurückzudrängen. Schließlich bracht sie mit bebenden Lippen hervor: „Was maßen Sie sich an, mich derart zu beleidigen? Raus hier. Sofort!“ Mit einer entschlossenen Bewegung war Hope in der Höhe und stampfte mit ausladenden, wütenden Schritten zur Tür, um sie aufzureißen und dieser unverschämten Person den Ausgang zu weisen. „Raus!“, wiederholte sie noch einmal, so fest sie nur konnte.
„Ich denke ja gar nicht daran, dieses Zimmer zu verlassen. Nicht ehe ich die Sachen meines Mannes zusammengepackt habe“, erwiderte Mrs. Harper ruhig und sichtlich erheitert über Hopes aufgebrachte Reaktion.
Hope bebte vor Wut über ihre eigene Hilflosigkeit. Eine solch dreiste Frau war ihr noch selten untergekommen. Am liebsten hätte sie ihre Pistole gezückt und die verwöhnte, hochnäsige Dame damit nach draußen befördert. Doch das wäre mit Sicherheit bereits das erste Fehlverhalten gewesen, auf das Chief Solomon Rice geradezu fanatisch wartete. Ob er Mrs. Harper sogar persönlich hergeschickt hatte, um sie zu provozieren?
In diesem Moment tauchte vom Flur her Adrian auf. „Gibt es hier ein Problem?“, fragte er mit seiner sonoren, ruhigen Stimme.
Hope schluckte, um sich zu sammeln. „In der Tat“, bestätigte sie dann mühevoll beherrscht. „Mrs. Harper weigert sich trotz mehrfacher, deutlicher Aufforderung, mein Büro zu verlassen.“
Adrian runzelte die Stirn und schien die Reichweite des Unausgesprochenen abzuschätzen. Schließlich wandte er sich an die Lady in Pelz und sagte mit freundlicher Schärfe: „Mrs. Harper, wir alle bedauern Ihren Verlust zutiefst und sicher können wir alle nicht im Mindesten nachfühlen, wie Ihnen nach dem Tod Ihres Gatten zumute ist. Doch ich muss Sie dennoch leider bitten, jetzt zu gehen. Selbstverständlich können Sie jederzeit mit Detective Cromworth oder mit mir einen neuen Termin vereinbaren, damit wir Sie auch gebührender empfangen können als unter den momentanen Turbulenzen, die hier im Präsidium Einzug gehalten haben. Es tut uns sehr leid, aber Sie sehen ja, dass bei uns auch einiges neu geordnet werden muss und dass Ihr Mann auch hier eine große Leere hinterlassen hat.“
Mrs. Harper schürzte die Lippen und machte auf ihrem hochhackigen Absatz kehrt. Langsam und gemächlich stöckelte sie auf die beiden zu, musterte Hope vom tiefschwarzen Haaransatz bis zu den uneleganten Sneakern und sagte dann mit unverhohlener Geringschätzung: „In der Tat. Das sehe ich.“ Dann warf sie sich den Nerz fester um die Schultern und stolzierte hoch erhobenen Hauptes davon, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.
„Alles in Ordnung?“, fragte Adrian, nachdem Mrs. Harper um die Ecke gebogen war und lediglich noch der Duft nach diesem schrecklich süßen Parfum an ihren Auftritt erinnerte.
Hope nickte. Sie fühlte sich elend und zittrig, aber sie war erleichtert, dass Adrians autoritäres Auftreten den unliebsamen Gast verscheucht hatte.
„Du bist ganz blass“, stellte Adrian fest und in seinen grauen Augen lag Besorgnis.
Hope wankte mit unsicheren Schritten zurück ins Büro und ließ sich auf dem nächstbesten Stuhl nieder. „Sie hat mich als Flittchen bezeichnet“, sagte sie noch immer verständnislos. „Nach allem, was man so hört, hüpft sie mit jedem Kerl ins Bett und nennt mich ein Flittchen. Mich!“ Sie spürte heiße Tränen in den Augen brennen und brach abrupt ab, bevor sich ihre Stimme überschlug. Wieso ärgerte es sie sehr, was diese Frau dachte? Hope wusste, dass sie sich nichts vorzuwerfen hatte. Ihr Verhältnis zu Conrad war niemals ein derartiges gewesen.
Adrian gab ein verächtliches „Pah“ von sich. „Solch eine Frechheit. Du könntest Anzeige wegen Beamtenbeleidigung erstatten. Oder wegen Verleumdung, da sind die Strafen höher gesteckt. Was bildet diese Frau sich überhaupt ein? Plustert sich auf wie eine Gräfin, und in Wirklichkeit ist sie die einzige, die Conrad keine ehrliche Träne hinterherweint.“
In diesem Punkt konnte Hope ihrem Kollegen nur zustimmen. „Danke“, flüsterte sie schließlich.
„Ach, schon gut.“ Adrian winkte ab. „Ich bin sicher, du wärst auch alleine mit ihr fertig geworden.“
Hope musste unwillkürlich grinsen. „Ich war drauf und dran, sie mit meiner Waffe durchs gesamte Haus zu scheuchen.“
Adrian lachte. „Na, das hätte ich gern gesehen. Nächstes Mal schalte ich mich nicht ein.“
Hope atmete tief ein und wurde wieder ernst. „Vielleicht doch“, sagte sie. „Bei dem kleinsten Fehltritt wird Chief Rice mich in die Wüste schicken. Er wartet nur darauf, dass ich versage.“ Sie schwiegen einige Augenblicke und in Hope keimte wieder der Gedanke, welch ungeheures Glück Samantha Carrington hatte, Adrian Glover ihren Freund nennen zu dürfen. Verlobten, verbesserte sie sich mit Erinnerung an den Ring an dem Finger der jungen Brünetten, den sie bei Conrads Beerdigung stolz getragen hatte. Samantha war im letzten Jahr zu einer wirklich guten Freundin geworden und Hope war nicht der Typ Frau, der davon unzählige besaß. Sie war äußerst vorsichtig in der Auswahl ihrer Vertrauenspersonen. Sie gönnte den beiden Verliebten ihr Glück von Herzen, doch ihre unbeschwerte Fröhlichkeit führte Hope stets die Leere in ihrem eigenen eintönigen Leben vor Augen. Diesen Platz in ihrem Herzen, den noch niemals jemand auszufüllen vermocht hatte. Ob es tatsächlich für jeden Topf einen passenden Deckel gab?
„Hope, ich würde heute gerne etwas früher gehen. Sam hat ihre Präsentationsprüfung und ich möchte sie mit einem selbst gekochten Abendessen überraschen.“ Was für ein verflucht gut aussehender Traummann, der auch noch wusste, was Frauen wollen! Das Leben war einfach ungerecht…
„Selbstverständlich.“ Hope räusperte sich, um mit ihren Gedanken in das Hier und Jetzt zurückzukehren. „Ach Adrian, eines noch. Ich habe hier die Akten der zwei neuen Kollegen, die uns zugeteilt wurden. Sie werden unser Team ab nächster Woche komplettieren.“
Adrian nickte. „Okay“, sagte er langsam. „Und wo liegt das Problem?“ Er war wirklich extrem aufmerksam.
„Einer der beiden ist bereits länger dabei“, begann Hope umständlich. „Detective Christian Taylor. Versetzung. Aber der andere scheint ein echter Frischling zu sein. Ich selbst sehe mich nicht in der Lagen, mich seiner Einführung zu widmen, weil ich das alles selbst erst auf die Reihe kriegen muss. Grace ist mir aber noch zu jung; ich habe Angst, es könnte sie überfordern, einen Neuling als Partner zu haben.“
„Verstehe“, sagte Adrian. „Es ist für Marc und mich kein Problem, für einige Zeit andere Partner zu haben, falls es das ist, was du mir mitteilen möchtest. Schließlich sind wir nicht verheiratet“, fügte er augenzwinkernd hinzu.
Hope atmete erleichtert aus. „Ich danke dir.“
Adrian schüttelte abwehrend den Kopf. „Nun komm schon, Hope. Wir sind doch ein Team. Einer für alle – Alle für einen. Außerdem gibt Marc bestimmt einen guten Ausbilder ab. Der wird mit unserem Frischling schon fertig. Oberlehrer sein, wird ihm Spaß machen. Und Grace und ich kommen auch prima miteinander klar. Mach dir nicht so viele unnötige Sorgen. Das wird schon alles. Du hast viel zu wenig Selbstvertrauen. Du wirst Conrads Platz perfekt ausfüllen. Captain!“
Hope schmunzelte unter einem plötzlichen Anfall von Optimismus und Tatendrang. „Ich kriege diesen Titel! Ob es dem Chief passt oder nicht.“
„Das ist die richtige Einstellung!“, stimmte Adrian ihr zu. „Wir lassen uns hier nicht unterkriegen. Von keinem!“
Mittwoch, 04. November, 8.30 Uhr
Nach dem ersten Erfolgserlebnis mit der neuen Wohnung, dem Glücksgriff einer Vermieterin wie Mrs. Weyler und einer gehörigen Portion Schlaf, war Chris guter Dinge, auch eine geeignete Vorschule für seine Tochter zu finden. Es war Mittwoch und für kommenden Montag war sein erster Arbeitstag festgelegt. Demnach war es höchste Zeit, eine Betreuungsinstitution für Elise ausfindig zu machen.
Auf dem Weg zwischen Finn Street und Texas Avenue, in der sich das Shreveport Police Department befand, gab es drei Einrichtungen, die über Betreuungsangebote für Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren verfügten: das Rainbow-House, den Little People’s Kindergarten und die Villa Sunshine, die zwar sämtliche Verbindungen zur Holy Church of Scientology abstritt, sich gegenteilige Meinungen jedoch hartnäckig hielten. Chris setzte die Villa Sunshine deshalb vorsichtshalber auf den letzten Platz der möglichen Optionen. Zwischen den beiden anderen ließ er seine Tochter wählen und anhand der Bilder, die er für Elise auf sein Tablet zauberte, entschied sich das Mädchen für das farbenfrohe Gebäude des Rainbow-House.
„Ich will aber das rote Kleid anziehen!“, schimpfte Elise und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Aber das ist viel zu dünn“, erklärte Chris mit Blick auf die Uhr. In einer knappen Stunde war er mit der Leiterin des Rainbow-House verabredet. „Für ein leichtes Sommerkleidchen ist es heute zu kalt. Was hältst du von dem grünen, wenn es unbedingt ein Kleid sein muss?“
„Ich hasse grün!“, schmollte Elise und stampfte mit dem Fuß auf.
Chris verdrehte die Augen. Frauen waren also schon als kleine Mädchen so schwierig, wenn es um die Auswahl des geeigneten Outfits ging. „Ich könnte dir grüne Bänder ins Haar flechten“, schlug er vor.
Noch vor wenigen Monaten hätte er jeden anderen Mann belächelt, der die Fertigkeit besaß, für Männerhände ungeeignete Frisuren zu kreieren. Männlich war das jedenfalls nicht. Er seufzte. „Elli“, bat er, doch das kleine Mädchen blieb eisern.
„Wir haben auch rosa Haargummis“, hielt sie dagegen und schob trotzig das Kinn vor.
Wie ihre Mutter…
Chris wehrte den Gedanken sofort ab. „Dann eben rosa und rot“, gab er sich geschlagen und kramte in Elises Kinderkoffer nach einem weißen Wolljäckchen, das neben den üblichen Rüschen-verspielten Verzierungen über jede Menge bunter Flecken verfügte, die jedem Waschmittel standhaft trotzten. „Aber plus Jacke“, sagte er etwas strenger. „Deal?“
Elise überlegte. „Deal“, willigte sie schließlich ein und schlüpfte in Kleid und Jäckchen.
Chris setzte Neue-Klamotten-kaufen als einen Punkt auf seine imaginäre To-Do-Liste, von der er gerade das Stichwort Wohnung-finden gestrichen hatte. Zwei Wochen zwischen dem Ende des einen und dem Beginn eines neuen Vollzeitjobs waren einfach nicht genug. Insbesondere dann nicht, wenn man seine gesamte Vergangenheit zurückließ.
„Gibt es dort jeden Tag einen Regenbogen?“, fragte Elise, während sie sich umständlich in eine Strumpfhose quälte.
Es dauerte einige Augenblicke, bis Chris begriff, wovon sie sprach. „Im Rainbow-House?“, fragte er nach. „Bestimmt.“
Elise strahlte. „Wohnt der Regenbogen dort?“
Chris lachte. „Wahrscheinlich, ja. Oh je, Süße, du hast die Strumpfhose verkehrt herum. Zieh sie nochmal aus.“ Die Kunst des Strumpfhosen-Anziehens gehörte ebenfalls nicht zu den Eigenschaften, über die ein Mann verfügte. Wie hatten die feinen Kerle im Mittelalter das nur ausgehalten?
Elise gehorchte und überließ es ihrem Daddy, die Sache in Ordnung zu bringen. „Wenn das stimmt“, überlegte sie laut, während Chris sich abmühte, das enge, gummiartige Kleidungsstück über ihre kleinen Füße und Beine zu stülpen, „dann bringe ich dir den Goldschatz mit. Dann können wir uns ganz viele Süßigkeiten kaufen. Und du musst nicht mehr arbeiten gehen.“
Da hätte ich definitiv nichts dagegen… „So ein Topf voll Gold wäre wirklich prima“, sagte Chris und gab den Versuch auf, die Strumpfhose vollkommen frei von Falten zu kriegen. „Aber zuerst sollten wir dafür sorgen, dass wir nicht zu spät kommen.“
Mittwoch, 04. November, 09.30 Uhr
Das Rainbow-House in der Milam Street machte seinem Namen alle Ehre. Die Außenfassade war in frohem, strahlendem Gelb gestrichen, das Dach mit karmesinroten Ziegeln gedeckt. Die Eingangstür himmelblau, die Fensterrahmen waren von einem saftigen, dunklen Grün. In grellem Orange strahlten die beiden Säulen, die das kleine Vordach trugen und gleich zwei Zinnsoldaten den Eingang flankierten, und in lila Lettern prangte in comicähnlicher Schrift ‚Welcome to Rainbow-House‘. Einzig ein Lebkuchenhaus hätte womöglich noch als größerer Anzugsmagnet für Kinder wirken können.
Elise stand mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund staunend auf dem Gehsteig. „Was steht da, Daddy“, fragte sie, mit ausgestrecktem Arm auf den Schriftzug zeigend.
„Herzlich Willkommen im Rainbow-House“, las Chris.
Die Tür war verschlossen und auf sein Läuten hin erfolgte zunächst keine Reaktion. Elise trat bereits unruhig von einem Fuß auf den anderen und wollte gerade anfangen, zu nörgeln, als eine Frau mittleren Alters mit knallpinkem Kostüm und lustiger Hochsteckfrisur an die Tür kam und von innen öffnete. Ihr Lächeln sprühte vor Lebensfreude. „Sie müssen die Taylors sein“, sagte sie strahlend. „Herzlich Willkommen im Rainbow-House.“ Sie reichte Chris die Hand, ging dann in die Hocke, um auf Augenhöhe mit Elise zu sein, und begrüßte auch sie mit Händedruck. „Du bist also Elise? Ich finde deinen Namen wunderschön. Ich bin Maya.“
„Hallo Maya“, sagte Elise weniger schüchtern als Chris vermutet hatte.
„Na, dann kommt doch erst einmal herein“, schlug Maya vor und führte Vater und Tochter durch einen schmalen Gang, von dem zu beiden Seiten verschiedenfarbige Türen abgingen. An den hellbeige getünchten Wänden hatte sich eine Vielzahl Kinder durch bunte Abdrücke ihrer kleinen Hände verewigt.
„Unser Kindergarten hat drei Gruppen“, begann Maya zu berichten. „Die Blue Birds, die Red Rabbits und die Green Guyneas. Das ist die Gruppe, in der ich einen Platz für dich habe“, erklärte Maya und wies auf eine grüne Tür mit einem großen Bild eines Meerschweinchens. „Das gelbe Zimmer dort hinten ist mein Büro. Ich würde vorschlagen, dass ich dich zuerst in deiner Gruppe vorstelle und du dich dort umschaust. Währenddessen kann ich mit deinem Vater noch ein paar langweilige Erwachsenendinge besprechen und danach holt er dich wieder hier ab. Megan ist sehr nett. Sie und ich betreuen die Green Guyneas.“
Elise warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu, der offenbar heißen sollte: Ist das okay, was Maya vorschlägt? Chris nickte beruhigend. „Es dauert auch bestimmt nicht lange“, versprach er und hielt sich im Hintergrund, während Maya die grüne Tür öffnete und mit Elise an der Hand in eine lärmende Gruppe Kinder trat.
Der Gruppenraum war größer als er von außen den Anschein hatte und verfügte über einen riesigen Mal- und Basteltisch, eine Puppenkuschelecke, eine Baunische, eine Lesecouch und über jede Menge weiterer Spielsachen. Ein absolutes Traumparadies, das jedes Kinderherz schneller schlagen ließ. Über allem dominierte ein gigantischer Regenbogen, aus klitzekleinen Mosaiksteinchen zusammengeklebt, die Decke und spannte sich über zwei gegenüberliegende Wände bis zum Boden. Wow, staunte Chris und hob beeindruckt die Brauen. Hier steckte so viel Liebe und Hingabe in jedem Detail, dass das Große und Ganze wirklich atemberaubend war.
Während er noch immer fasziniert die Aufmachung des Gruppenzimmers begutachtete, hatte Elise es sich bereits, an der Hand eines anderen Mädchens, mit ein paar Plastikzootieren in der Bauecke bequem gemacht.
Eine Frau mit blonder Kurzfrisur und lila Haarspitzen winkte ihm lachend zu. Megan, kombinierte Chris und winkte vorsichtig zurück.
Die beiden Erzieherinnen besprachen sich kurz, dann kam Maya zurück und schloss die Tür hinter sich. Schlagartig war der Lärm gedämmt und Chris fühlte sich, als ob er gerade aus einer laut beschallten Diskothek ins Freie getreten wäre.
„Folgen Sie mir, Mr. Taylor“, forderte Maya ihn auf und ging zielstrebig auf die kanariengelbe Tür zu, hinter der sich ein kleines Büro voll farbenfroher Regale, Möbel und Ordner auftat.
„Ihr Haus macht seinem Namen wirklich alle Ehre“, stellte Chris fest, während er sich auf einem roten Stuhl niederließ.
Maya nickte stolz. „Farben sind unheimlich wichtig. Sie bringen Abwechslung und Fröhlichkeit in unser Leben. Aber kommen wir zum Formellen. Sie sagten am Telefon, Sie seien alleinerziehend?“
Chris nickte. „Ja, das stimmt.“ Mit der folgenden Pause versuchte Maya wohl zu bezwecken, dass er ihr weitere Details zu dieser Situation preisgab, doch Chris konnte solche unausgesprochenen Andeutungen meisterhaft ignorieren.
Als die Pause zu lange zu werden drohte, räusperte sich Maya und fuhr fort: „Und ich nehme an, Sie sind berufstätig?“
„Richtig. Ich arbeite bei der Polizei.“
Ein „Oh“ in zweideutigem Tonfall. „Das bedeutet, Sie arbeiten Schicht?“
„Ich hoffe nicht“, sagte Chris. Er konnte auf eine Standpauke verzichten, die ihm ins Gewissen reden sollte, dass er als alleinige Bezugsperson für seine Tochter auch noch unregelmäßige Arbeitszeiten hatte. „Jedenfalls nicht regelmäßig“, fügte er vorsichtshalber hinzu.
Maya zog die Stirn kraus, gab sich aber mit der Aussage zufrieden. „Unsere Betreuungszeiten dauern von sieben Uhr früh bis fünf am Abend. Freitags ist bereits um halb zwei Schluss. Im August und im Dezember ist das Rainbow-House für jeweils drei Wochen geschlossen.“
„Das passt“, sagte Chris und verteilte im Kopf bereits seinen Jahresurlaub.
„Prima. Zum finanziellen Teil… Unser Haus ist geringfügig teurer als die umliegenden Einrichtungen. Das rührt daher, dass…“
„Wenn es Elise hier gefällt, dann werde ich sie anmelden“, versuchte Chris eine lange Sache kurz zu machen. Geld spielte in Bezug auf seine Tochter keine Rolle.
„Na dann“, sagte Maya abschließend. „Ich gebe Ihnen die Anmeldedokumente mit. Wir können Ihre Tochter gemeinsam abholen und Sie besprechen das in aller Ruhe zu Hause mit ihr. Ich warte dann morgen auf Ihren Anruf.“
Freitag, 06. November, 13.30 Uhr
Es gab noch so vieles zu erledigen und die Zeit raste. Chris hatte zwar bereits den kürzesten Weg zum Supermarkt und eine preisgünstige Tankstelle mit Imbiss in der Nähe gefunden. Es gab zwei Spielplätze, die für Kinder in Elises Alter geeignet waren; bei keinem von ihnen würde er sie jedoch unbeaufsichtigt spielen lassen. Ein Frisör bot seine Dienste direkt in der Finn Street und nur drei Häuser entfernt an, so dass er sich am Morgen noch einen neuen Haarschnitt gegönnt hatte, bevor er nach dem Wochenende seinen neuen Job begann. Die Wartezeiten auf den Ämtern hatten ihm täglich einen Strich durch die straffe Planung gemacht, doch mit dem Ende der Woche waren Elise, er und sogar das Auto erfolgreich umgemeldet. Christian Taylor und seine Tochter waren nun offizielle Bürger der Stadt Shreveport.
Der wichtigste Punkt, der für dieses Wochenende noch anstand, lautete: einen Taco-Bell finden, denn Elise liebte die mexikanischen Köstlichkeiten, die diese Fastfoodkette anbot.
Als Chris sein glückliches, blondes Mädchen nach Kindergartenende abholte, kam ihm in den Sinn, dass sie ihm einiges voraus hatte. Sein anstehender Neubeginn beim Shreveport Police Department lag ihm schwer im Magen. Während Elise diese Hürde mit Leichtigkeit genommen hatte, bereitete Chris allein der Gedanke an neue Kollegen, neue Fälle, neue Vorgesetzte Bauchschmerzen. Ein neuer Partner…
Es war nicht einfach, jemanden zu finden, bei dem die Chemie stimmte, das Ganze harmonierte, so dass man über Jahre hinweg den Großteil des Tages mit ihm verbringen konnte. In Milwaukee hatte Chris damals großes Glück gehabt. Auf eine solch glückliche Wiederholung konnte er wohl nicht hoffen.
„Wir haben heute gebacken, Daddy“, erzählte Elise in kindlicher Aufregung. „Einen Regenbogenkuchen. Der hatte alle Farben. Rot, gelb, lila, blau, grün… Sogar orange!“
Chris grinste. Lebensmittelfarbe… aber wenn es die Kleinen nun einmal glücklich machte. Skittles waren auch nicht gesünder und diese Bonbons aß er für sein Leben gern.
„Habt ihr dafür extra einen Regenbogen vom Himmel geholt?“, fragte Chris in vorbildhafter Vatermanier.
„Ne-in!“, sagte Elise und schlug sich die Hand an die Stirn. „Ach Daddy. Du weißt ja gar nichts.“
Er lachte. „Dann wirst du es mir wohl erklären müsse. Aber zuerst musst du mir verraten, ob der Kuchen dich so satt gemacht hat, dass du heute keine Lust mehr auf Taco-Bell hast.“ Vorsorglich hatte er den Gilbert Drive bereits ins Navigationssystem seines Wagens eingespeichert. „Und ein paar neue Klamotten müssen wir dir auch noch besorgen. Was hältst du von einem lustigen Vater-Tochter-Tag?“
Elises Augen strahlten noch heller als zuvor. „Juhu! Taco-Bell!“, jubelte sie.
Freitag, 06. November, 17.55 Uhr
Eine Woche voll Höhen und Tiefen lag hinter ihr und als Hope sich auf ihr weiches, weißes Kuschelsofa fallen ließ, fühlte sie sich erschöpfter als nach einer Woche voller Nachtschichten. Sie schloss die Augen und lauschte der Stille.
Wenn man davon absah, dass der pubertierende Marvin aus der Nachbarwohnung seine Stereoanlage wieder einmal auf Schwerhörigkeitsmodus eingestellt hatte, war es in dem großen Mehrfamilienhaus tatsächlich ruhig. Noch zu früh für lautes Fernsehprogramm, aber bereits zu spät zum Bohren oder Staubsaugen.
Noch zwei Tage zum Vorbereiten auf den großen Tag am Montag. Es war die erste, richtige Prüfung, die Hope zu bestehen hatte: die Einführung zweier neuer Kollegen. Und sie war die Chefin, der Boss, der Captain ohne Titel. Ihr Team wusste ihre Leistungen zu schätzen, doch bei den beiden Neuen würde sie sich ihren Status erst verdienen müssen. Dabei bereitete ihr der Frischling weniger Kopfzerbrechen als der gestandene Cop mit der frisierten Akte. Er war älter als sie und ganz sicher würde er sie nicht einfach so als Vorgesetzte akzeptieren, wie sie das von einem jüngeren Kollegen erwartete. Hoffentlich ist er wenigstens nicht so ein chauvinistisches Arschloch wie Rice…
Das erste, lautere Geräusch, das an ihr Ohr drang, war das Knurren ihres eigenen, hungrigen Magens. Hope überlegte, dass sie viel zu müde und viel zu faul dafür war, sich selbst an den Herd zu stellen. Ein Anruf beim China-Restaurant würde zu einem leckereren Abendessen führen als eine Stunde ihrer eigenen mittelmäßigen Kochkünste. Darüber hinaus hatte sie auch kaum Vorräte im Kühlschrank. Ihre Mutter hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.
Hope setzte sich auf und blätterte durch die Post der vergangenen Tage, die sie allesamt unbesehen auf dem Wohnzimmertisch gesammelt hatte. Dabei war auch ein Faltblatt ihres Lieblingschinesen gewesen… Neben diverser Rechnungen, fiel ihr ein Brief in die Hände, der die Absenderadresse eines Notariats vorwies. Hope runzelte die Stirn und schließlich siegte ihre Neugier über den Hunger. Mit den Fingern riss sie ungeschickt den Umschlag auf, so dass die Briefmarke in Mitleidenschaft gezogen wurde, was jedem Philatelist das Herz gebrochen hätte.
Während sie die Zeilen überflog, wurde ihr flau im Magen. Was sie hier in Händen hielt, war eine Ladung zu einer Testamentseröffnung.
Kapitel 2
Montag, 09. November, 7.00 Uhr
Viel zu schnell war das Wochenende vorüber und auch wenn es Hope gelungen war, die nagenden Unsicherheiten zwei Tage lange auszublenden, so ließen sie sich jetzt nicht mehr aufhalten. Bereits um fünf Uhr war ihre Nacht vorübergewesen und auch zuvor hatte sie sich lediglich in einem unruhigen Halbschlaf befunden. Jetzt war es Punkt sieben Uhr und sie saß vor ihrem alten Schreibtisch, weil sie nicht den Mut aufbringen konnte, Conrads Büro für sich zu beanspruchen.
Die unterschiedlichsten Gedanken fuhren Achterbahn in ihrem Kopf und wenn sie so recht darüber nachgrübelte, konnte sie nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob die Ampel an der großen Kreuzung auf ihrem Arbeitsweg vorhin grün gewesen war, als sie ohne zu bremsen darüber gerast war.
Wieso erwähnt Conrad mich in seinem Testament?
Wie werden die beiden neuen Kollegen sein?
Um Himmels Willen, der erste von ihnen kommt bereits in einer Stunde!
Hoffentlich lässt sich Mrs. Harper heute nicht wieder blicken, um Conrads Büro auszuräumen.
Auch auf ein weiteres Zusammentreffen mit Rice kann ich gut verzichten.
Was steht in diesem Testament, das mich betrifft?
„Ach Conrad. Wenn deine Frau das erfährt, wird sie toben wie eine Furie.“
„Guten Morgen, Hope!“
Hope fuhr herum und erkannte Adrian. „Hi“, sagte sie. „Du bist aber früh. Wir haben doch gar keinen akuten Fall.“
„Du bist noch früher“, konterte Adrian und legte Rucksack und Jacke ab. „Ich bin ja am Freitag so zeitig weg, da ist ein bisschen Arbeit liegengeblieben. Außerdem können wir nicht unbedingt auf eine weitere ruhige Woche warten.“
„Das stimmt“, nickte Hope. „Hat Sam ihre Präsentation bestanden?“
Adrian zuckte die Achseln. „Wer hätte daran gezweifelt?“, fragte er zurück. „Mit Bravur natürlich. Es wird höchste Zeit, dass ich sie heirate, bevor sie sich einen Klügeren als mich angelt.“ Er lachte, wie nur einer lachen kann, der sich der Liebe seiner Partnerin absolut sicher ist.
„Auf Hochzeiten gibt es immer leckeren Kuchen“, kommentierte Hope. Es wurde höchste Zeit, ins Büro zu gehen. Hier im Gruppenraum an ihrem alten Arbeitsplatz konnte sie unmöglich ein Kennenlerngespräch mit den neuen Kollegen führen. Außerdem musste sie ihren Schreibtisch für Detective Christian Taylor räumen. „Wenn du kurz Luft hast, könntest du vielleicht Samuel Bescheid sagen, dass er meinen Computer in Conrads Büro verkabelt? Allerdings erst wenn ich mit den Gesprächen durch bin.“
„Klar“, sagte Adrian. „Hollister arbeitet sowieso erst nach dem Mittagessen. Davor ist der Freak zu nichts zu gebrachen.“ Er zwinkerte und Hope ärgerte sich darüber, dass sie sich durch diese Geste geschmeichelt fühlte.
Adrian ist vergeben. Punkt, mahnte sie sich streng. Kannst dir ja Taylor anlachen. Auf dem Foto sieht er ja auch ganz nett aus.
Ein wenig schwermütig erhob sie sich und verabschiedete sich still von ihrem Schreibtisch. Sie hatte diesen Platz geliebt. Eine eigene Nische und trotzdem in der großen Gruppe. Mit ihrem Umzug in das Einmannbüro des Captains kam ihr automatisch eine von den anderen isolierte Stellung zu, mit der sie sich noch nicht anfreunden konnte.
Um kurz vor acht war Hope endlich startklar für erste Gespräch und sie war froh, dass Detective Taylor noch nicht da war. Als er jedoch zwanzig Minuten später immer noch auf sich warten ließ, schwang ihre Erleichterung in Ärger um. Für neun war ja bereits Luke Dorian bestellt und danach hätte sie die beiden neuen Kollegen gerne noch im Team eingeführt. Danach war ein gemeinsames Mittagessen im Bistro, welches im Erdgeschoss des Gebäudes gelegen war, vorgesehen. Dabei konnten sie sich gegenseitig besser kennenlernen. Hope konnte es nicht leiden, wenn man ihren Zeitplan durcheinander brachte, ohne dass sie etwas daran ändern konnte.
Montag, 09. November, 8.00 Uhr
Der Verkehr war die Hölle. Aber das war ja mal wieder typisch. Wenn es darauf ankam und Chris es eilig hatte, wollte einfach nichts laufen. Irgendein Schicksalsgott schien sich auf seine Kosten einen Spaß zu gönnen.
Erst hatte Elise nicht aufwachen wollen, dann war ihr beim Frühstück das Toast zu dunkel und die Milch zu heiß gewesen. Die Cornflakes waren nicht süß genug und nachdem die Milch endlich eine trinkbare Temperatur angenommen hatte, war sie mit einer Haut überzogen, die Elise eklig fand. Ihre Lieblingsstrumpfhose hatte ein Loch im Knie, das Chris zuvor nicht aufgefallen war, und es gab Tränen, weil die neue Strumpfhose am großen Zeh kniff. Deshalb bestand Elise darauf, ihre Sandalen zu tragen, was Chris ihr bei Regen und für Louisiana untypisch kalten Wind nicht erlauben konnte. Das Haarekämmen ziepte so sehr, dass Chris es schließlich aufgab und seine Tochter im Bed-Head-Look zum Kindergarten brachte.
Auf dem Weg fiel ihm auf, dass er das Pausenbrot für sie zu Hause neben der Spüle vergessen hatte, und so verloren sie noch unnötig viel Zeit in der Menschenschlange vor einer Bäckerei, in der heute nur eine Bedienung Dienst hatte. Dann waren die Laugenbrötchen aus und auch die Donuts mit dem hellen Überzug. Elise schmollte und erklärte Hungerstreik.
Nachdem er seine kleine Zicke endlich im Rainbow-House abgeliefert hatte, benötigte Chris fünf Minuten, um wieder herunterzukommen und sich zu sammeln. Dann fuhr er los, um geradewegs in den nächsten Verkehrsstau zu düsen und zwischen wütend hupenden Autos zu warten, bis irgendein dämlicher Truckfahrer sein gigantisches Gefährt in aller Seelenruhe rückwärts in irgendeine viel zu kleine Einfahrt gelenkt hatte.
Es war bereits viertel nach acht, als er seinen Wagen in das für Mitarbeiter der Polizei reservierte Parkhaus des Shreveport Police Departments lenkte und glücklicherweise recht schnell einen Parkplatz fand.
Gleich am ersten Arbeitstag zwanzig Minuten zu spät zu erscheinen, versprach beste Voraussetzungen! Damit kann ich mir der überschwänglichen Sympathien der neuen Kollegen sicher sein! Murphy lässt grüßen…
Hastig schwang er sich aus dem Fahrersitz und eilte durch die Eingangstür ins Gebäude, wo ihm eine Hitzewelle entgegenschlug und kräftiger Kaffeegeruch verführerisch empfing. Ohne weiter darauf zu achten, ging er zielstrebig zum Aufzug und wartete ungeduldig, bis die Türen sich öffneten.
In seinem Brief zur Einstellung stand, dass er sich in Zimmer 205 im zweiten Stock bei Detective Cromworth einzufinden hatte. Um acht! Mittlerweile war er gut eine halbe Stunde in Verzug. Blieb nur zu hoffen, dass sein neuer Chef kein Erbsenzähler war.
Aus dem engen Fahrstuhl heraus, blickte Chris sich nach beiden Seiten um, um abzuschätzen, in welcher Richtung Zimmer 205 lag. Er entschied sich für links und stellte fest, dass es tatsächlich die richtige Entscheidung gewesen war. Unmittelbar vor der steril-weißen Tür, die einen krassen Gegensatz zu den fröhlichen Farben des Rainbow-House bildete, angekommen, fühlte Chris seinen schnellen Herzschlag. Doch es blieb keine Zeit mehr, sich zu sammeln, und so klopfte er schwer atmend an.
Eine Frauenstimme bat ihn herein und während er noch grübelte, wie reich die Shreveporter Polizei sein musste, wenn sich Detective Cromworth eine Vorzimmerdame leisten konnte, trat er ein und hielt dann perplex im Türrahmen inne. Detective Cromworth konnte sich keine Vorzimmerdame leiste, die Vorzimmerdame war Detective Cromworth!
Montag, 09. November, 8.37 Uhr
Hope schaute demonstrativ auf die Uhr, als Detective Christian Taylor zur Tür hereinstolperte. „Schön, dass Sie es auch noch für nötig halten, zum Termin zu erscheinen“, empfing sie ihn, vielleicht ein wenig zu bissig, doch Unpünktlichkeit war eine Untugend, die Hope verabscheute. Wenn er bereits an seinem ersten Arbeitstag über eine halbe Stunde zu spät zum Dienst erschien, dann konnte sie sich die Verlässlichkeit dieses Kollegen bei zukünftigen Fällen an drei Fingern abzählen.
„Es tut mir leid, Detective“, sagte Taylor und besaß wenigstens so viel Anstand, ein schuldbewusstes Gesicht zu machen. „Der Verkehr… Ich bin erst seit einer Woche in der Stadt. Es wird nicht wieder vorkommen.“
Das kann ich abwarten. „Das käme mir sehr entgegen“, erklärte Hope. „Setzen Sie sich, Chris.“
„Detective Taylor“, berichtigte er sie und Hope war einen Moment lang verwirrt. „Ich zeihe es vor, einander auf der förmlichen Ebene zu begegnen“, führte Christian Taylor aus.
Arrogant also. Davon stand nichts in der Akte. Vielleicht war das der Grund, warum die Kollegen aus Milwaukee ihn loswerden wollten…
„Gut.“ Hope sammelte sich wieder und setzte erneut an: „Setzen Sie sich, Detective Taylor.“
Sie wartete, bis der neue Kollege ihrer Aufforderung nachgekommen war. Dann stellte sie sich vor: „Ich bin Detective Hope Cromworth und ich leite die Abteilung für Kapitalverbrechen. Ich weiß nicht, inwieweit man Sie über die Neustrukturierung unseres Teams in Kenntnis gesetzt hat. Neben Ihnen wird es noch einen weiteren neuen Kollegen geben. Die übrigen Teammitglieder stelle ich Ihnen später vor, für zehn Uhr ist ein Meeting angesetzt.“
Taylor nickte. „Prima.“
Hope fand dieses erste Gespräch zwar alles andere als prima, aber bitteschön, wenn er diesen Eindruck hatte, würde sie versuchen, ebenfalls gute Miene zum bösen Spiel zu machen. „Dann erzählen Sie doch kurz etwas über sich.“
Christian Taylor fuhr sich mit der Hand durch die kurze, schwarze Igelfrisur, was Hope als Zeichen dafür wertete, dass er trotz seiner überheblich wirkenden Haltung unter der Oberfläche auch ein wenig nervös war. „Eigentlich steht alles in der Akte, die Sie gelesen haben“, sagte er ausweichend.
Hope blickte ihn streng an. „Eigentlich steht gar nichts in der Akte, die ich gelesen habe“, entgegnete sie ihm. Wieso sind es immer die Arschlöcher, die gut aussehen? Sie erschrak über ihren eigenen abschweifenden Gedanken. „Außer dass Sie lange Zeit in Milwaukee gearbeitet haben. Was war der Grund für Ihre Neuorientierung hier im Süden?“
Detective Taylor hob die Schultern und senkte den Blick. „Es gab diverse Gründe privater Natur, die einen Tapetenwechsel verlangten“, antwortete er kurz.
„Hm“, brummte Hope. Das kann ich mir vorstellen. Doch sie hakte nicht weiter nach. Wie es schien, würde sie mit diesem Menschen niemals Freundschaft schließen, von daher mochte er seine privaten Probleme gern für sich behalten. Sie hatte derzeit genügend eigene Sorgen, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. „Sie haben dort aber bereits als Ermittler gearbeitet, ist das richtig?“
„Ja.“ Kurz und bündig.
Hope zwang sich, nicht die Augen zu verdrehen. Bei einem Bewerbungsgespräch hätte er definitiv verloren. „Es ist schade, dass wir nicht mehr Zeit haben, uns näher kennen zu lernen“, sagte sie mit einer gewissen Ironie, „doch, wie bereits erwähnt, habe ich gleich noch ein Gespräch mit dem zweiten neuen Kollegen. Ich werde Detective Glover bitten, Ihnen Ihren neuen Schreibtisch zu zeigen, dann können Sie sich ein wenig mit Ihrem neuen Job hier bekanntmachen. Er wird Ihnen auch das Besprechungszimmer zeigen, wo wir uns um zehn Uhr zusammenfinden. Und zwar pünktlich.“
Taylor hob den linken Mundwinkel und bewegte den Unterkiefer, verzichtete jedoch auf einen Kommentar zu ihrer spitzen Bemerkung.
Sollte Adrian sich mit ihm herumschlagen. Vielleicht hatte der ja mehr Glück. Blieb nur zu hoffen, dass Luke Dorian ein angenehmerer Zeitgenosse war.
Montag, 09. November, 9.55 Uhr
Luke Dorian war das exakte Gegenteil von Detective Christian Taylor, sowohl optisch, als auch charaktermäßig. Der blonde, junge Cop mit der hellen Haut und den blauen Augen war aufgeschlossen und sichtlich glücklich darüber, dass Hope ihn mit Vornamen ansprach. Er sprudelte wie ein Wasserfall von seinem bisherigen Aufgabenfeld – hauptsächlich bei der Highway Patrol – und von Kollegen und seiner Ausbilderin, die ihn alle in seiner Entscheidung, zur Kriminalpolizei aufzusteigen, unterstützt hatten. Luke war ambitioniert und freundlich und Hope war sicher, dass er sich gut in ihr Team einfinden würde. Im Gegensatz zu Taylor, der um seine Person und Vergangenheit ein riesengroßes Geheimnis machte. Irgendetwas hatte dieser Typ zu verbergen und seit ihrer Fehleinschätzung bezüglich Bertram Sand, der vor wenigen Wochen alles zerstört hatte, was Hope lieb und teuer war, war sie ein gebranntes Kind. Dem gutaussehenden Dunklen konnte sie nur mit Distanz und Misstrauen begegnen.
Hope eröffnete die Teamsitzung, zu der tatsächlich ausnahmslos alle rechtzeitig erschienen waren, mit gemischten Gefühlen. Sie blickte in die Runde und versuchte sich vorzustellen, wie die ‚Alteingesessenen‘ mit den beiden Neuen zu einer funktionierenden ‚Familie‘ zusammenwachsen konnten. Mit Detective Taylor gab es dazu wahrscheinlich keine Chance.
„Einen wunderschönen, guten Morgen. Ich danke euch, dass ihr alle eure Arbeit liegen gelassen habt und zur Einführung unserer beiden neuen Kollegen erschienen seid“, sagte Hope und überlegte, ob Taylor die verallgemeinernde, informelle Anrede des gesamten Teams bereits schon als persönliche Beleidigung betrachtete. Jedenfalls würde sie darauf keine Rücksicht nehmen. Sie mochte ihm als Einzelperson den von ihm geforderten Respekt durch Nachnamensnennung entgegenbringen, aber hier waren sie ein Team, auf das sie sich verlassen musste und zu dem sie auch eine gewisse Beziehung aufbauen wollte. Deshalb konnte sie Taylors Sonderstatus in dieser Hinsicht kein Verständnis entgegenbringen.
„Bevor ich große Reden schwinge, überlasse ich den zweien die Vorstellung ihrer Person selbst. Vorher fände ich es schön, wenn jeder von uns kurz etwas über sich selbst berichtet, damit unsere Kollegen einen kleinen Einblick in unser Team erhalten. Zum besseren Kennenlernen in ungezwungenerem Rahmen habe ich ein teaminternes Mittagessen unten im Bistro um zwölf Uhr veranschlagt. Adrian, darf ich dir das Wort als erstes übergeben?“
„Selbstverständlich“, nickte Adrian und straffte den Rücken. „Ich bin Detective Adrian Glover und seit acht Jahren in der Abteilung für Kapitalverbrechen. Bisher habe ich immer mit meinem Partner Marc zusammengearbeitet; durch die aktuelle Umstrukturierung werde ich in nächster Zeit jedoch mit Grace im Team ermitteln.“
„Grace bin ich“, verstand Grace Adrians Kopfnicken richtig. „Grace Packet.“
„Oder Bambi, weil sie noch so jung ist“, zwinkerte Marc.
Die rothaarige Detective lachte. „Oder Bambi. Gemeinsam mit unserem ehemaligen Kollegen Bertram Sand war ich unter anderem für die Zusammenarbeit mit der Justiz zuständig, was ich fortan als Hauptaufgabengebiet übernehmen werde. Und damit gebe ich weiter an den alten Marc.“
„Touché“, sagte Marc. „Detective Marc Williams. Wir haben uns ja bereits eben kurz kennengelernt“, erklärte er mit einem Nicken in Richtung Luke Dorian, „und ich glaube, dass wir ein ziemlich gutes Team abgeben werden. Ich fürchte, viel mehr gibt es von mir gar nicht zu berichten. Mein Lebenslauf gleicht dem meines werten Kollegen Glover.“
„Abgesehen davon, dass Marc mit unserer Gerichtsmedizinerin liiert ist“, warf Adrian ein. Alle lachten.
Abgesehen von Taylor.
„Luke?“, richtete Hope sich an den Jüngsten in der Runde.
„Ich bin Luke Dorian“, begann der Aufgeforderte. „Noch nicht Detective, aber ich hoffe, mit euch im Team einer zu werden. Bisher war ich hauptsächlich auf dem Highway unterwegs. Verkehrskontrollen, Unfälle, auch die eine oder andere Polizeiverfolgung. Ich bin jetzt Ende zwanzig und damit in einem Alter, wo ich mich neu orientieren möchte.“
„Ruhiger als auf der Straße geht es hier aber bestimmt auch nicht zu“, warnte ihn Marc.
Luke grinste breit. „Das hoffe ich doch“, verkündete er.
„Taylor“, kam Hope zum letzten Kollegen in der Runde.
Der Angesprochene hob den Kopf und für den Bruchteil einer Sekunde hielt er ihren Blickkontakt, was in Hope undefinierbare Gefühle heraufbeschwor. Sie war regelrecht erleichtert, als er wieder seine stoische Miene aufsetzte und mit seiner Vorstellung begann. „Detective Christian Taylor. Ich habe in Milwaukee ebenfalls für die Abteilung für Gewalt- und Kapitalverbrechen gearbeitet, habe also bereits einige Jahre Erfahrung in der Sache.“ Kurz und bündig. Wie zu erwarten war.
Wir werden ein absolutes Dream-Team, seufzte Hope, bemühte sich aber darum, ein heiteres Gesicht an den Tag zu legen.
„Marc, wäre es für dich in Ordnung, wenn du unsere beiden neuen Kollegen durchs Präsidium führst? Chief Rice wäre bereit, sie gegen elf-dreißig persönlich zu begrüßen. Mache sie mit allen wichtigen Leuten bekannt.“
„Klar – Boss“, sagte Marc und Hope registrierte die ungewollte Pause zwischen den beiden Worten. Luke wollte Detective werden, sie musste Captain werden. Boss wollte sie jedenfalls nicht sein. Das klang so böse und hatte einen überheblichen Beigeschmack. Nicht ihr Stil.
„Grace, du könntest mir einen großen Gefallen tun, indem du mir beim Zusammentragen von Conrads persönlichen Sachen aus seinem Büro hilfst. Alles müsste in Kartons verpackt werden, damit seine Frau sie demnächst abholen kann.“
„Selbstverständlich“, nickte Grace.
„Ich hätte noch ein paar Berichte fertigzustellen…“, vermeldete Adrian kleinlaut.
„Kein Problem. Dein nächster Termin ist erst für zwölf in der Cafeteria angesetzt“, beruhigte ihn Hope.
Montag, 09. November, 16.30 Uhr
Beim Lunch hatte Chris erfahren, dass Williams mit der – laut Erzählungen – superscharfen Leiterin der Rechtsmedizin Lynne Cooper zusammen war. Sein bisheriger Partner Glover war verlobt mit einer Frau, die in einem früheren Fall eine tragende Rolle gespielt haben musste; mehr wollten die Kollegen jedoch offenbar nicht preisgeben. Nicht, dass es ihn näher interessiert hätte. Es war nur so ungerecht, dass es bei allen anderen mit der Liebe funktionierte, während bei ihm…
Er schluckte und verscheuchte den Gedanken, ehe er ihn zu Ende führen konnte.
Es war Vergangenheit.
Und er hatte schmerzlich gelernt, dass man an der Vergangenheit nichts ändern konnte.
Menschen lernten aus ihren Fehlern, doch das half ihm in dieser Situation auch nicht weiter.
Sie war weg.
Und sie würde nie mehr zurückkehren.
Jetzt hatte er den unliebsamen Gedanken doch weiterverfolgt. „Ach, scheiß drauf!“, schimpfte er laut und lenkte seinen Wagen mit quietschenden Reifen aus der Parklücke.
Bambi-Grace war noch jung und unvergeben. Eigentlich hätte Detective Cromworth ihr den Jungspund Dorian als Partner zuweisen sollen. Die beiden hätten sicherlich nicht nur auf geschäftlicher Ebene prima harmoniert… Dann hätte er vielleicht das Glück gehabt, mit Glover zusammenarbeiten zu können.
Stattdessen würde die Chefin persönlich sich seiner annehmen.
Cromworth war eigentlich viel zu hübsch für diesen verhärmenden Job. Aber er war nicht hierhergekommen, um denselben Fehler noch einmal zu begehen. Er hatte sich geschworen auf Abstand zu gutaussehenden Frauen zu gehen, um nicht wieder derart leiden zu müssen wie in Milwaukee. Noch einmal könnte er das nicht ertragen.
Chief Solomon Rice war, nach seiner ersten Einschätzung, ein absolutes Arschloch und Chris konnte dankbar dafür sein, dass er in seiner Position als einfacher Ermittler – wahrscheinlich abgesehen vom Zusammensitzen beim feierlichen Bankett zu Thanksgiving – nicht viel mit ihm zu tun haben würde.
Der Technikfreak… Chris grübelte, bis er auf den Namen kam. Samuel Hollister. Einen wie ihn gab es wohl auch in jeder Polizeiwache. Die übrigen Personen, mit denen Williams ihn bekannt gemacht hatte, würde er nicht mehr auf die Reihe bekommen. Das brauchte Zeit.
Wie so Vieles Zeit brauchte.
Viel Zeit.
Montag, 09. November, 16.45 Uhr
Abgesehen von Adrian war das Großraumbüro leer, als Hope es betrat, um sich endgültig von ihrem alten, liebgewonnenen Schreibtisch zu verabschieden. Die übrigen hatten sich einen frühen Feierabend erlaubt, was ihnen nach den Strapazen der letzten Wochen absolut zustand. Die nächste Ermittlung würde nicht lange auf sich warten lassen und dann hieß es wieder Überstunden klopfen und Nachtschichten ackern.
„Was hältst du von den beiden Neuen?“, fragte Adrian mit ehrlicher Direktheit.
Hope hob die Schultern und ließ sich auf einem Stuhl neben ihm nieder. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie in unser Team passen“, seufzte sie.
Adrian nickte verständnisvoll. „Keiner ist Conrad“, brachte er die Sache auf den Punkt.
Hope stützte die Ellbogen auf seinem Tisch ab und vergrub müde das Gesicht in den Händen. „Keiner ist Conrad“, wiederholte sie durch ihre eigenen Hände gedämpft. Dann rieb sie sich über die Augen und drückte den Rücken gerade. „Luke ist in Ordnung, aber es beruhigt mich, dass Marc ihn unter seine Fittiche nimmt. Ich glaube, dass seine Unerfahrenheit ihm im Ernstfall zum Verhängnis werden könnte, wenn er nicht einen guten Lehrer an seiner Seite hat. Aber ich denke, er wird es zum Detective schaffen.“
„Ja, das trifft meine eigene Einschätzung. Wir haben alle einmal klein und unerfahren angefangen und wir haben alle einen Mentor, zu dem wir aufblicken.“
Ich habe meinen Mentor verloren… „Deshalb hat er ja auch meine volle Unterstützung. Und Taylor ist ein seltsamer Kauz.“
Adrian lachte. „Das haben die Leute aus dem Norden doch so an sich.“
„Ich dachte, das zählt nur für Boston“, scherzte Hope. „Nein, im Ernst. Ich kann ihn nicht einschätzen und das macht mich unsicher ihm gegenüber.“
„Ich weiß, was du meinst. Er wirkt ein wenig undurchsichtig und grimmig. Aber wir wissen nicht, was der Job aus ihm gemacht hat. Uns haben die Ereignisse in diesem Jahr auch verändert. Jeden von uns.“
„Das stimmt“, überlegte Hope. „Vielleicht mache ich mir auch einfach zu viele Gedanken.“
„Definitiv“, stimmte Adrian ihr zu. „Ich mache jetzt Feierabend. Vielleicht solltest du das auch tun.“
„Mache ich“, sagte Hope. Sie wollte nur noch die Einstellungen an ihrem Computer überprüfen, den Samuel ihr im Laufe des Tages in ihrem neuen Büro installiert hatte. „Wir sehen uns dann morgen.“
Hope fuhr den PC hoch und versuchte, sich dabei bequem im Sessel zu positionieren. Wie immer, wenn sie nur kurz etwas nachsehen wollte, gestaltete sich diese Kürze zu einer ausgedehnten Computersitzung. Als mit Wucht die Tür aufgerissen wurde, war Hope vollkommen verdattert.
Heute in schwarzem Ledermantel mit großen, goldenen Stickereien auf Rücken, Armen und am Saum gekleidet, stürmte Mrs. Harper ins Büro. Mit zornesgerötetem Gesicht kam sie gerade noch rechtzeitig vor Hopes Schreibtisch zum Stehen.
Hope blieb nicht einmal die Zeit, den Mund zu öffnen, da prasselte eine wüste Schimpftirade wie eisige Hagelkörner auf sie herab.
„Wie können Sie es wagen, die persönlichen Habseligkeiten meines Mannes, die jetzt mein Eigentum sind, ohne mein Einverständnis lieblos in Kartons zu werfen? Das ist ja wohl die Höhe! Was bilden Sie sich eigentlich ein, wer Sie sind? Als er noch lebte, da haben Sie ihn ausgenutzt und er war so dämlich, auf Sie hereinzufallen, Sie elendes Flittchen!“
Hope platzte beinahe vor Wut. „Ich glaube, es war eher dämlich von ihm, dass er auf Sie hereingefallen ist!“
„Wie bitte?“, schrie Mrs. Harper mit überschlagender Stimme und schnappte stoßweise nach Luft, so dass ihre aufgespritzten Lippen wie das vorstehende Maul eines Fisches auf dem Trockenen wirkten. Wie sie sich aufführte, hatte sie nichts mehr mit der Königin der Nacht gemein. Diese wahrte wenigstens ihre Würde. „Das ist ja wohl die Höhe. Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren, darauf können Sie sich verlassen! Solch eine Dreistigkeit muss sich eine arme Witwe wohl kaum gefallen lassen!“
Mit wehendem Mantel fuhr sie herum und raste wie eine Furie aus dem Zimmer.
Noch ehe Hope das Ausmaß dessen, was eine Beschwerde dieser unverfrorenen Dame bei Chief Rice ausrichten konnte, abschätzen konnte, war Mrs. Harper auch schon wieder zurück. In Begleitung des Chiefs höchstpersönlich. Für gewöhnlich dauerte es Tage, bis Solomon Rice einen Termin freihatte, doch offenbar war es ihm eine besondere Herzensangelegenheit, Hope so schnell wie möglich aus ihrem Amt zu entheben.
„Hier sehen Sie, Chief“, sprudelte Mrs. Harper, die jetzt eine mitleidssuchende Miene aufgelegt hatte. „Alles weg. Eigenmächtig hat Ihre Detective die wertvollen Erinnerungen an meinen Mann ohne Rücksicht auf mögliche Schäden, die zerbrechliche Dinge nehmen könnten, in Kisten gesteckt. Und als ich sie höflich darauf hingewiesen habe, dass dies ein unangebrachtes Verhalten sei, war diese unverschämte Person sogar noch in der Lage, mich zutiefst zu beleidigen.“
Hope traute ihren Ohren nicht. Ungläubig schüttelte sie den Kopf und erklärte zu ihrer Verteidigung: „Der höfliche Ausdruck, den Mrs. Harper mir gegenüber gebraucht hat, war Flittchen.“
„Was unterstellen Sie mir?“, rief Mrs. Harper konsterniert. „Wertester Chief, nun legt sie mir sogar noch Worte in den Mund, die niemals über meine Lippen kommen würden.“
„Genug“, sagte Rice bestimmt. „Sehen Sie, Miss Cromworth, das genau ist der Grund, warum ich Frauen in Führungspositionen nicht ausstehen kann. Ständig gibt es nur Probleme. Ich hatte Ihnen ja bereits eine Bewährungsfrist angekündigt. Sie sind gerade auf dem besten Weg, dieses Büro schneller zu räumen als Sie es bezogen haben. Das ist meine erste und letzte Verwarnung. Ich werde diesen Zwischenfall in Ihrer Akte vermerken.“
Dass der Chief sie vor den Augen und Ohren dieser widerwärtigen Person zurechtwies und herabwürdigte, übertraf wirklich alles. Hope war den Tränen nahe. Der Zorn über diese Ungerechtigkeit eines offensichtlich abgekarteten Spiels war einfach zu groß. Ich will hier weg. Weit weg. Ihr könnt mich alle mal!
„Mrs. Harper, selbstverständlich wird Cromworth für die Kosten dessen aufkommen, was in ihrem eigenmächtigen Handeln an Ihrem Eigentum zu Schaden gekommen ist.“ Die Worte zogen an Hope vorbei, ohne dass sie sie noch wirklich zur Kenntnis nahm. „Ich weiß, dass das den ideellen Wert des Vermächtnisses Ihres Mannes niemals aufwiegen kann, aber betrachten Sie es als kleine Entschädigung von unserer Seite. Sollte es in Zukunft noch einmal zu neuen Vorfällen dieser oder ähnlicher Art kommen, dann zögern Sie nicht, mein Büro aufzusuchen. Ich wünsche einen schönen Abend.“
Nachdem er aus dem Zimmer und außer Hörweite verschwunden war, setzte Mrs. Harper ein triumphierendes Lächeln auf, bei dem sie die Eckzähne wie Reißwerkzeuge bleckte.
Hope schaltete den Computer aus, ohne ihn herunterzufahren. Sie verspürte nicht die geringste Lust, noch länger unbeobachtet und ohne Zeugen an ihrer Seite in einem Raum mit dieser falschen Schlange zu sein. In Windeseile packte sie ihre Aufschriebe zusammen und erhob sich. Mochte Mrs. Harper doch in Conrads ehemaligem Büro versauern! Jedenfalls würde sie sich nicht die Blöße geben, auch noch in ihrer Gegenwart in Tränen auszubrechen.
Sie wollte gerade an der Frau vorbeieilen, da packte Mrs. Harper sie mit festem Griff am Arm. Hope fuhr herum und blickte direkt in die kalten, grünen Augen. „Wagen Sie es ja nicht, zur Testamentseröffnung meines Mannes zu erscheinen, junge Lady. Das will ich Ihnen nur geraten haben.“
Mit einem energischen Ruck riss Hope sich los. Sie war nicht in der Lage, eine entsprechende Antwort zu formulieren, sie wollte nur noch möglichst schnell hier raus und möglichst viel Distanz zwischen sich und diese unangenehme Dame bringen. Mit eiligen Schritten hastete sie den Flur entlang, nahm zwei Treppen auf einmal und rannte die letzte Teilstrecke im Parkhaus zu ihrem Wagen. Während ihr die Tränen jetzt in Strömen über die Wangen liefen, beschloss Hope, dass sie heute Abend nicht nach Hause fahren würde und lenkte das Auto stattdessen auf den Highway 49 in Richtung Süden.
Kapitel 3
Montag, 09. November, 20.10 Uhr
Vor dem kleinen, hellgelben Haus in der Chester Street in Alexandria parkte Hope ihren Wagen mit den Reifen auf dem Bürgersteig. In diesem Viertel der etwa einhundertzwanzig Meilen südlich von Shreveport ebenfalls am Red River gelegenen Großstadt war die Welt noch in Ordnung. Die englischen Rasen in den von weiß gestrichenen Holzzäunen umgebenen Vorgärten strahlten in saftigem Grün, obwohl es diesen Winter für Louisiana untypisch kalte Temperaturen hatte.
Hopes Mutter liebte Himbeeren, deshalb wirkte der Vorgarten von Haus Nummer Zwanzig kahler als die übrigen in dieser Straße, in denen pompöse Winterblüher in ihrer bunten Pracht miteinander konkurrierten. Ellen Cromworth hatte die Himbeersträucher fachgerecht zurückgeschnitten, damit sie im kommenden Frühjahr wieder austreiben konnten, was ihrem Garten jedoch zum momentanen Zeitpunkt ein recht tristes und verlorenes Aussehen verlieh.
Ihre Mutter stand hinter der Spüle und schaute aus dem Fenster. Als sie Hope erblickte, legte sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und sie winkte ihr aufgeregt zu, während von ihren Putzhandschuhen in grellem Neon-Pink munter der Spülschaum heruntertropfte. Dann verschwand der dunkle Haarschopf, um kurze Zeit später an der sich öffnenden Haustür wieder in Erscheinung zu treten.
Hope stellte den Schalthebel auf Parken, zog den Zündschlüssel ab und stieg aus.
„Hope!“, rief ihr die Mutter zu. „Was für eine Überraschung! Wieso hast du dich nicht angemeldet, dann hätte ich doch ein Abendessen vorbereitet! Oh…“ Sie hielt in ihrer Freude inne, als sie das verweinte Gesicht ihrer Tochter sah.
„Ich bin spontan hergefahren“, flüsterte Hope und fiel ihrer Mum um den Hals, ganz wie früher, als sie noch Mamas kleines Mädchen gewesen war. Ellen Cromworth war stets der sichere Hafen in ihrem Leben gewesen, eine enge Vertraute, ein Rückzugsort für alle Fälle, ein Auffangnetz, wenn sie ganz tief zu fallen drohte.
Ellen strich Hope sanft über den Kopf wie nur Mütter es tun und sagte: „Komm erst mal herein. Ich mache dir eine heiße Milch und Kekse habe ich auch da. Danach wird es dir gleich viel besser gehen.“
Denselben Effekt wie früher, als Kekse und Milch wirklich jede Kindersorge verscheuchen konnten, hatte das liebevoll zubereitete Frustessen zwar nicht, aber dennoch ging es Hope danach ein wenig besser.
Sie saß auf ihrem breiten Lieblingssessel, wohlig eingemummelt in eine kuschelweiche Decke, den mittlerweile dritten warmen Becher mit dampfender Milch in der Hand. Auf dem Wohnzimmertisch brannte ein Stövchen, auf dem Ellen gerade eine heiße Kanne Tee postierte, während sie in der linken Hand zwei Thermo-Teetassen jonglierte. Dann nahm sie auf der kleinen Couch Platz, die im rechten Winkel zu Hopes Sessel aufgestellt war, und lächelte ihrer Tochter aufmunternd zu. „Ist es wegen Conrad?“, fragte sie. „Es hat mich tief getroffen, als ich deine Email über seinen Tod gelesen habe.“
„Ich habe eine Ladung zur Testamentseröffnung bekommen.“
„Oh.“
Hope nippte an der noch immer heißen Milch. „Conrads Frau war heute im Präsidium. Sie hat mich Flittchen genannt.“
Ellen legte die Stirn in Falten und wartete auf einen ausführlicheren Bericht und so sprach sich Hope alle Sorgen von der Seele. Sie erzählte vom Zusammentreffen mit Eleanor Harper, von der Feindseligkeit ihres Chiefs und der Arroganz des neuen Kollegen. Ihre Mutter hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen, trank schweigend ihren Tee und nickte hin und wieder, um Hope zu signalisieren, dass sie ihr noch folgen konnte.
Als Hope schließlich am Ende ihrer Berichterstattung angelangt war, neigte Ellen den Kopf und blickte ihre Tochter noch eine Weile nachdenklich an. „Woher kommen nur diese tiefen Selbstzweifel?“, fragte sie irgendwann ganz unvermittelt. „Du bist eine starke Frau. Du wirst dich doch nicht von einer Hure im Pelzmantel und einem Arschloch in Uniform kleinkriegen lassen!“
Klare Worte waren typisch für ihre Mum. Das Leben hatte sie geprägt. Nachdem sie mit siebzehn unverheiratet schwanger geworden war, hatten ihre streng katholischen Eltern sie aus dem Haus geworfen. In der Überzeugung, in Hopes Vater den Mann ihres Lebens gefunden zu haben, war sie nach Alexandria gekommen und bei ihm eingezogen. Doch noch ehe Hope das Licht der Welt erblickte, hatte der feige Kerl sich bereits aus dem Staub gemacht und lag bei einer anderen im Bett.
Ellen Cromworth hatte alles alleine geschafft. Arbeit, Kindererziehung, Haushalt… Es hatte Hope nie an etwas gemangelt. Ellen hatte Zeit und Geduld für sie, war liebevolle Mutter und verständnisvoller Vater zugleich, eine gute Zuhörerin und sie hatte ihrer Tochter stets alles ermöglicht, was diese sich in ihren Kopf gesetzt hatte. Hope wusste, was sie ihrer Mutter verdankte.
„Ich bin nicht so stark wie du.“, warf sie ein.
„Aber Conrad war der festen Überzeugung, dass du es bist“, hielt ihre Mum dagegen. „Sonst hätte er dich nicht für seine Nachfolge bestimmt.“
Hope verzog das Gesicht, denn gegen diese logische Argumentation gab es nichts einzuwenden. Der Captain hatte an sie geglaubt und sie gefördert. Bis zum letzten Atemzug, als er sie im Haus der Familie Thomas, in dem sich eine unglaubliche Tragödie zugetragen hatte, am Boden liegend und wohlwissend, dass er sterben würde, ermahnt hatte, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Du bist für mich die Tochter, die ich nie hatte“, waren seine Worte gewesen. „Du bist stark und klug. Lass dir von niemandem jemals etwas anderes einreden. Versprich es mir!“
„Wenn Chief Rice mich raushaben will, dann wird er das auch schaffen“, sagte Hope missmutig. „Er ist derjenige mit Macht und Einfluss und die gewinnen immer.“
„Wenn du jetzt alles hinwirfst und davonrennst, dann hat er bereits gewonnen“, schlussfolgerte Ellen. „Und es wird irgendwo irgendwann wieder eine neue Hope geben, die derselben Ansicht sein wird und hinwirft. Außer du beweist heute hier und jetzt das Gegenteil. Nämlich dass es doch möglich ist, den Mächtigen die Macht zu nehmen, den Einflussreichen den Einfluss und den Rechthabern ihre vermeintlichen Rechte.“
Hope seufzte. Das klang alles so einfach. Dabei war es alles andere als das. Und sie war diejenige, die da durch musste. Das konnte ihre Mutter ihr nicht abnehmen. „Was würdest du an meiner Stelle tun?“
Ellen zuckte die Achseln. „Das weiß ich nicht“, gab sie offen zu. „Vielleicht würde ich das Handtuch werfen, um den Chief in seiner Überzeugung, dass Frauen in Verantwortungspositionen nichts verloren haben, zu bestärken. Und der Witwe damit die Genugtuung geben, dass sie mit ihrer Hinterhältigkeit Erfolg hatte. Und Detective Taylor die Möglichkeit bieten, zum Captain deiner Einheit aufzusteigen.“
„Ich hasse es, wenn du so gehässig bist“, murrte Hope, mehr darüber verärgert, dass ihre Mutter Recht hatte als über ihren vor Sarkasmus triefenden Satz. „Taylor wird niemals mein Team leiten. Vorher muss ihm zuerst einmal jemand Manieren beibringen und ihn von seinem hohen Ross holen.“
„Du magst ihn!“, rief Ellen aus und strahlte dabei übers ganze Gesicht.
Hope erstarrte. „Wie bitte? Nein!“, wies sie diese Idee weit von sich. „Niemals. Um Himmels Willen, Mum!“
Ellen lachte und Hope warf in gespielter Beleidigung ein Kissen nach ihr. „Aber er sieht doch bestimmt gut aus, nicht wahr?“, sagte sie neckisch.
„Mum, hör auf damit!“
„Ein kleines, heimliches Techtelmechtel mit einem Kollegen würde dir sicher guttun.“
Hope rollte mit den Augen. „Und mich wahrscheinlich schneller auf den obersten Platz auf Rices Abschussliste katapultieren, als ich Techtelmechtel aussprechen kann. Überhaupt – wer verwendet diesen archaischen Ausdruck heutzutage noch? Sowas kann nur von dir kommen!“
Ellen winkte ab. „Ich übe schon einmal Großmuttersprache“, zwinkerte sie. „Außerdem stehst du bereits auf dem obersten Platz dieser Liste. Egal was du tust oder wie absolut korrekt du dich verhältst, ein Fehler wird dir früher oder später unterlaufen, denn kein Mensch ist perfekt“, prophezeite sie. „Und dann schnappt die Falle zu und das einzige, was dich retten kann, wird die Unterstützung und Loyalität deiner Kollegen sein. Das Vertrauen deines Teams und zwar von jedem einzelnen. Also auch von Detective Taylor. Aber meine Tochter ist schlau, ich bin sicher, ihr wird eine Möglichkeit einfallen, auch seine Sympathie zu gewinnen. Was ist, wollen wir noch eine Folge Desperate Housewives gucken?“, schwenkte sie unvermittelt zu einem vollkommen anderen Thema.
„Diesen alten Kitsch?“, seufzte Hope. „Na los. Wirf die DVD schon ein. Kann ich danach wenigstens hier schlafen?“
Dienstag, 10. November, 03.10 Uhr
Aus einer Folge waren im Nu sieben geworden und als Hope sich in ihr altes Jugendbett fallen ließ, beschloss sie, am nächsten Morgen später arbeiten zu gehen. Ihre Pläne wurden jedoch jäh zerstört, als um kurz nach drei in der Früh ein aufgeregter, junger Polizist aus der Einsatzverteilerzentrale auf ihrem Handy anklingelte und der noch im Halbschlaf gefangenen Hope erklärte, dass man eine Leiche gefunden hatte, bei der es sich offenbar um Mord handelte.
Während Hope, das Mobiltelefon mit der einen Hand fest ans Ohr gedrückt, den näheren Einzelheiten lauschte, schlüpfte sie mit Unterstützung der anderen Hand ungeschickt in ihre Jeans und in das Shirt vom Vortag. Auf Grund des weiten Anfahrtswegs würde sie nicht einmal mehr duschen können…
Na toll, ich rieche wie ein Otter…
Die Zeit, die die Kaffeemaschine zum Brühen benötigte, nutzte Hope dafür, ihrer Mum ein paar Zeilen bezüglich ihres überhasteten Aufbruchs nieder zu kritzeln, dann füllte sie die dampfende, schwarze Brühe in eine Isolierkanne, streifte hastig die Jacke über und rannte zu ihrem Wagen. Um diese frühe Uhrzeit sollten wenigstens die Straßen frei sein. Dennoch montierte Hope vorsichtshalber das mobile Blaulicht auf dem Dach und fuhr mit laut quietschenden Reifen an.
Wie dankbar war sie dem Erfinder der Spracherkennungssoftware, mit deren Hilfe ihr Handy auf Zuruf die Nummer von Adrian wählte, der nach kurzem Freizeichen müde abhob. „Wir haben einen ersten Fall“, setzte sie ihn in Kenntnis. „Und laut Navi benötige ich noch fünfzig Minuten zum Tatort.“
„Scheiße, wo bist du denn?“, fragte Adrian und aus dem Rascheln im Hintergrund schloss Hope, dass er dieselbe Anziehprozedur durchlief, wie sie kurz zuvor.
„Ich war bei meiner Mum. Egal“, versuchte Hope die Sache abzutun und sich damit weitere, unnötige Erklärungen zu ersparen. „Eine weibliche Leiche auf dem Parkplatz des Kroger Food Stores in der Benton Road in Bossier City. Kannst du mit Grace früher dort sein als ich? Ich schicke auch noch Taylor los.“
„Ich versuche es. Bis dann.“
Zum Glück gestalteten sich solche Telefonate immer kurz, weil nur die wesentlichen Punkte geklärt wurden; danach musste jeder Ermittler sich auf seine ganz persönliche Art und Weise auf den Anblick eines weiteren, durch Gewalteinwirkung ausgelöschten Lebens einzustellen.
Hope drehte das Radio auf, um einem Sekundenschlaf vorzubeugen, und trällerte lauthals mit. Das blinkende Sirenenlicht gab ihr die Berechtigung, sämtliche Tempobeschränkungen zu ignorieren.
Im Fünfminutentakt klingelte sie bei Detective Christian Taylor durch, doch stets meldete sich nur die Mailbox. Es war Taylors erste Woche und schon jetzt fiel er durch seine Unzuverlässigkeit negativ auf. Die Musterakten mussten gefälscht sein! Hope notierte sich im Kopf, dass sie sich bei nächster Gelegenheit einmal direkt mit den Kollegen in Milwaukee in Verbindung setzen wollte, um etwas mehr über den neuen Ermittler in ihrem Team in Erfahrung zu bringen. Aus erster Hand sozusagen.
Dienstag, 10. November, 04.00 Uhr
Hope passierte gerade das Willkommensschild von Shreveport, als ein brummelnder Taylor endlich ranging.
„Guten Morgen, Herr Kollege. Schön, Sie zu erreichen.“ Sie konnte sich den bissigen Kommentar nicht verkneifen. „Haben Sie schon einmal etwas davon gehört, dass Sie auch erreichbar sein müssen, wenn Sie Dienst haben?“
Einen etwas zu langen Augenblick blieb es still in der Leitung und Hope konnte sich lebhaft vorstellen, wie Taylor wütend mit den Zähnen knirschte. „Rufen Sie deshalb mitten in der Nacht an, um mich über meine dienstlichen Pflichten zu informieren?“, fragte er schließlich nicht weniger bissig zurück. „Das hätte auch bis morgen früh warten können.“
„Nein“, schnitt Hope ihm das Wort ab. „Ich rufe an, weil wir zu einem neuen Fall gerufen werden. Eine weibliche Leiche in der Benton Road. Wie schnell können Sie dort sein?“
Taylor räusperte sich und den Hintergrundgeräuschen nach zu urteilen, versuchte er gerade seine Gürtelschnalle zu schließen. „Wird mir das Navi gleich verraten“, gab er kurz zurück und drückte ihren Anruf weg.
Ungläubig schüttelte Hope den Kopf, murmelte ein paar Schimpfworte auf ihren neuen Kollegen und trat mit Nachdruck auf das Gaspedal. Erst als sie in die Benton Road einbog, drosselte sie ihre Geschwindigkeit und lenkte ihren Wagen in die nächstbeste Parklücke.
Wie sie erwartet hatte, war Adrian bereits am Tatort, als sie dort eintraf. Zwei Streifenpolizisten hatten die Stelle um die Leiche mehr schlecht als recht mit gelbem Polizeiband abgesperrt und waren jetzt damit beschäftigt, betrunkene und bekiffte Discoheimgänger davon abzuhalten, eventuell vorhandene Spuren zu verwischen.
Detective Taylor war nicht zu sehen.
Hope schürzte die Lippen, drängte zwei Jugendliche etwas grob zur Seite, während diese ihr unverständliche Laute entgegenblafften. Offensichtlich wussten sie nicht, dass sie sie allein wegen ihres alkoholgeschwängerten Atems in die Ausnüchterungszelle hätte sperren können.
„Hope!“ Adrian winkte ihr mit behandschuhten Fingern zu. „Sie ist tot.“
Hope kroch unter dem viel zu hoch gespannten Band hindurch und nahm die Handschuhe entgegen, die Adrian ihr reichte.
„Kein Puls, kein Herzschlag, keine Atembewegungen… Ihr Körper ist schon relativ kalt.“ Adrian gab die Fakten wieder, während sein Atem leichte Wölkchen in der Luft formte.
Hope vermutete, dass es bei diesen Temperaturen recht schnell ging, dass ein bewegungsloser Körper auskühlte. Doch dass die Frau am Boden tot war, war dennoch eine unabänderliche Tatsache.
„Offensichtliche Wunden, an denen sie gestorben sein könnte?“
Adrian hob die Schultern. „Ich hoffe, dass die Spurensicherung demnächst mit einer Flutlichtquelle hier eintrifft. Bei diesen ständig wechselnden Lichtverhältnissen aus den umstehenden Tanzcafés ist das schwer zu sagen. Ich kann kein Blut entdecken, doch ein Schwarzlichtcheck sollte uns da bessere Auskunft geben können.“
Hope nickte. Um den mit Rock und zugeknöpfter Bluse bekleideten Leichnam der jungen Frau waren keine Blutspuren zu erkennen. Sogar die Nylonstrümpfe wiesen, abgesehen von einer kleinen Laufmasche, keine Beschädigung auf und die Pumps saßen fest an den Füßen der Toten. Hope kam aus der Hocke hoch. „Auch auf den ersten Blick nichts, das für eine Vergewaltigung spricht.“ Das war zwar erst einmal ein positives Zeichen, doch es erschwerte das Finden des Tatmotivs. Hope ließ ihren Blick umherschweifen.
Dieser Teil von Bossier City war bekannt für seinen hohen Anteil an afroamerikanischen Mitbewohnern. Während diese ethnische Gruppe in der Stadt Shreveport etwa die Hälfte der Einwohner darstellte, schätzte Hope sie hier auf mindestens achtzig Prozent.
In der Benton Road war man in Feierlaune. Sieben Nächte die Woche wurde hier getanzt, getrunken, gefeiert und auf jede erdenkliche Weise dem Laster gefrönt. Spielhöllen reihten sich neben Diskotheken, Tanzbars und billigen Spelunken. Das Rotlichtmilieu hielt sich dezent im Hintergrund, war aber dennoch spürbar.
Hope schaute wieder auf die Tote hinab und überlegte, ob sie wohl ein Teil dieser sündhaften Gegend oder lediglich ihr Gast gewesen war. „Was schätzt du, wie alt sie war?“, fragte sie, in Gedanken noch immer jede Option erwägend.
Adrian holte tief Luft. „Schwer zu sagen“, meinte er. „Jedenfalls ist ihr Teint nicht so dunkel wie der der übrigen, die hier herumlungern.“
„Ja, das ist mir auch aufgefallen“, sagte Hope und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. „Lateinamerikanisch. Was hatte sie hier zu suchen?“
Adrian schüttelte den Kopf. „Mann, wenn Bishop nicht bald seinen Arsch hierher bewegt, breche ich ihm alle Knochen. Mir ist schweinekalt und das Herumstehen und Warten macht es nicht besser.“
Hope warf ebenfalls einen Blick auf seine Armbanduhr. „Und wenn Detective Taylor nicht bald seinen Arsch hierher bewegt, dann breche ich ihm alle Knochen.“
„Wie charmant.“
Hope und Adrian fuhren gleichermaßen erschrocken herum.
Der hochgewachsene Mann mit den schwarzen Haaren, auf denen er nicht einmal eine Mütze trug, senkte ehrerbietend den Kopf. „Detective Taylor, zu Ihren Diensten.“
Hope hätte ihm für diesen offen zur Schau getragenen Sarkasmus am liebsten tatsächlich alle Knochen gebrochen. Doch sie gab sich mit einem kurzen: „Wie erfreulich; und das mit einer nicht nennenswerten Verspätung von… zwei Stunden?“ zufrieden.
„Wahrscheinlich suchte sie Koks“, fuhr Taylor unbeirrt fort und beantwortete damit Hopes Frage an Adrians Stelle. „Wahlweise auch Heroin. Wird hier in der Gegend ganz groß angepriesen. Zu horrenden Preisen und das Zeug ist scheiße. Gestreckter Mischmasch aus allem, was nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist. Aber die meisten Junkies geben sich damit zufrieden.“
Adrian pfiff durch die Zähne. „Holla! Da kennt sich wohl jemand aus.“
„Ich habe einige Zeit bei der Sitte gearbeitet. Also ja, ich kenne mich mit sowas aus.“
Hope machte sich eine Notiz im Kopf, dass sie dringend die Personalakten von Detective Christian Taylor noch einmal direkt bei den Kollegen in Milwaukee anfordern musste. Mit Nachdruck. Und zwar die unfrisierte Version. „Das sollte ja nicht so schwer nachzuprüfen sein. Einstichstellen werden sich finden lassen. Und war das Zeug dann so schlecht, dass es sie zu Tode gebracht hat?“
Mr. Superschlau schüttelte den Kopf. „Nein, gestorben ist sie, weil es sich hier um Bandenkriminalität handelt.“
„Ach“, sagte Hope und hob eine Augenbraue. „Und dafür sind Sie wohl auch spezialisiert? Weil Sie einige Zeit undercover gearbeitet haben und so etwas auf den ersten Blick erkennen?“
Detective Taylor grinste überheblich. „Exakt“, sagte er schließlich und zwinkerte ihr zu, als ob sie mit ihm ins Bett gestiegen wäre.
Der Gedanke erschreckte Hope zutiefst. Wie konnte sie überhaupt an eine Bettvorstellung im selben Atemzug mit diesem arroganten Taylor denken? Sie war völlig überarbeitet. Gott!
„Du hast Recht, Adrian. Wenn Bishop nicht bald hier aufkreuzt, dann bekomme ich Frostbeulen und Ohrenkrebs.“
„Ich geh mich umsehen“, beschloss Taylor und Hope verfluchte ihn noch mehr. Sie war der Boss, sie hatte das Kommando und sie hatte ihn keinesfalls mit Herumschnüffeln beauftragt. Für ihn schien es eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass er kam, wann er wollte, und ermittelte, wie er es wollte. Und sich dazu noch respektlos seiner Vorgesetzten gegenüber verhielt.
„Sie können auch wieder nach Hause gehen“, sagte Hope steif. „Als große Hilfe erweisen Sie sich ohnehin nicht, wenn Sie unbegründete Vermutungen in den Raum stellen, für die es keine offensichtlichen Beweise gibt. Und morgen früh um neun Uhr möchte ich Sie in meinem Büro sprechen. Unter vier Augen. Ach, und Detective? Ich erwarte, dass Sie wenigstens da pünktlich erscheinen.“
Dienstag, 10. November, 05.15 Uhr
Chris biss die Zähne zusammen und zerfleischte seine neue Chefin in Gedanken. Gott, warum hasst du mich so sehr? Was habe ich nur getan, dass du mich immer wieder strafen willst? Er schüttelte den Gedanken ab. Er wusste, was er getan hatte und wofür er gestraft wurde. Wahrscheinlich lag darin eine Art von Gerechtigkeit.
Er lief ein paar ausladende Schritte auf die nächste Straßenseite, um Abstand von dieser hochnäsigen Cromworth zu gewinnen und hoffte, seine Wut bei ihr zurücklassen zu können. Eine Emanze aus dem Bilderbuch, die sich offenbar geschworen hatte, die Männerwelt unter sich zu begraben. Und an ihren freien Abenden, jobbt sie wahrscheinlich nebenbei als Domina. Chris‘ anfänglich heiteres Grinsen erstarb, als er sich der Tatsache bewusst wurde, dass er gerade einen Gedanken ausführte, in dem er Detective Hope Cromworth mit Sex in Verbindung brachte. Wie konnte er überhaupt an eine Bettvorstellung im selben Atemzug mit dieser arroganten Frau denken? Er war völlig übernächtigt. Gott!
Sich über sich selbst ärgernd, zwang er sein Gehirn zurück in die Realität und scannte die Namen der Lokale, die sich in dieser Straße aneinanderreihten. Einige davon kannte er sehr wohl aus eigener Erfahrung, denn auch er war einmal jung gewesen. Der Kroger Food Store hatte vierundzwanzig Stunden geöffnet, doch durch die Glasscheibe konnte er erkennen, dass der junge Angestellte am Handy zockte. Die Menschen, die sich um diese Uhrzeit hier herumtrieben, waren entweder zu alkoholisiert oder zu high, um einkaufen zu gehen. Wer etwas benötigte, der fand das Gesuchte meist im Gebäude, zu welchem ein Hintereingang neben dem scheinbar dicht bewachsenen Gebüsch auf der linken Seite des Einkaufsladens führte. Die Stimme der Vernunft sagte ihm ganz deutlich, dass er diesen Ort unter allen Umständen meiden musste. Auch wenn ich dort sicher ein paar wertvolle Informationen erhalten würde.
Chris schnalzte mit der Zunge und setzte sich wieder in Bewegung.
Die Tür zur PomPom-Bar war wie eh und je durch eine uralte Schnur mit einer halb verrosteten Glocke verbunden, die bei jedem Öffnen mit einem scheppernden, dumpfen und schrägen Ton neue Kundschaft ankündigte.
Ein kleines Lächeln hob seine Mundwinkel, als er den bierbauchigen, glatzköpfigen Mann hinter dem Tresen erkannte. „Ich hörte, hier gibt’s das köstlichste Bier im Umkreis von Meilen. Man sagt, der Wirt braut es nach dem berühmten deutschen Reinheitsgebot. Auch wenn der Kerl selber nicht mal weiß, wo Deutschland liegt.“
Berry PomPom Walsh, Inhaber des PomPom, drehte sich um und als er seinen frühen Gast erkannte, glitzerten seine dunklen Schweinsäuglein noch strahlender als die Schweißtropfen, die ihm über das puterrote Gesicht liefen. Er stellte den Bierkrug, den er gerade mit einem speckigen Tuch ausgetrocknet hatte, auf den Tresen und breitete die Arme aus. „Da hol mich doch der Teufel!“, rief er. „Mensch, Junge! Dich hab ich ja seit Ewigkeiten nicht gesehen!“ Sein gellendes Lachen, bei dem er zwei lückenhafte Zahnreihen entblößte, ging schnell in ein prustendes Husten über, bei dem er sich den dicken Bauch halten musste.
In der schmalen Bar stand der Rauch aber auch wie eine Wand und es war nicht möglich, bis zum hinteren Ende des Raumes zu sehen. „Alter, du rauchst zu viel!“, stellte Chris fest und klopfte auf den Tresen, während er sich auf einem Barhocker niederließ, dessen Beine ungleich gearbeitet zu sein schienen. Er wippte hin und her. Vielleicht lag es auch an den schäbigen Dielen auf dem Boden. Oder Berry hatte die Beine mit Absicht abgesägt, um den Betrunkenen dadurch zu helfen, ihr eigenes Schwanken auszugleichen.
„Aber nur passiv, mein Lieber. Deshalb kommen die Menschen hierher. Hier dürfen sie noch ungestraft ihrem Laster nachgehen, während sie dafür in allen anderen Kneipen wie Aussätzige behandelt und verstoßen werden. Ein Bier, mein Freund?“, fragte Berry und es schien eine rhetorische Frage gewesen zu sein, denn er war bereits dabei, das bräunlich gelbe Gebräu in den noch nicht ganz trockenen Bierkrug abzufüllen. „Die Nichtraucher sind eine Pestilenz.“
„Du hattest schon immer ein Herz für die Ausgestoßenen und Verfemten“, lachte Chris und nahm einen großen Schluck, während ihn der kühle, weiße Schaum an der Oberlippe kitzelte.
„Ich weiß“, sagte Berry und winkte ab. „Das beste Bier weit und breit. Und ich weiß, wo Deutschland liegt. Es liegt direkt neben Bayern!“
Er sagte das mit einer Inbrunst der Überzeugung, dass Chris es sich verkniff, ihn über die geografische Lage europäischer Länder aufzuklären. Die Leute, die hierherkamen, hielten Deutschland wahrscheinlich für eine Kolonie irgendwo auf der anderen Seite des Atlantiks.
„Aber komm schon, dem alten Berry kannst du nichts vormachen. Weshalb bist du hier? Ganz bestimmt nicht wegen dem Frühschoppen…“
Wenn ich an das bevorstehende Gespräch mit Detective Ich-mach-auf-strengen-Chef denke, kann ich gar nicht genug davon trinken.
„Bin ich so durchschaubar?“
Berry hob die Augenbrauen. „Wer ist das nicht?“, fragte er.
Chris nickte um offensichtliche Resignation bemüht. „Okay, erwischt.“ Er strich sich theatralisch durch die Haare und wuschelte seine Frisur durch. „Hübsches Gesicht, jung, wallendes Haar, Beine bis zum Boden… Du weißt schon. Die junge Puerto-Ricanerin mit dem hübschen Lächeln…“
Berry grinste wissend und ein wenig anzüglich. Wusste ich es doch, lobte Chris innerlich seinen treuen Instinkt und musste sich ein triumphierendes Grinsen verkneifen. „Lucía. Eine hübsche Braut. In der Tat. Aber glaub mir, sie wird dich unglücklich machen.“
„Warum?“, fragte Chris. Ich bin ganz Ohr.
„Ach, ein durchtriebenes, kleines Luder, das Mädel. Aber für ne Prise Koks bläst sie dir einen. Jedenfalls hat sie das dem Kerl versprochen, mit dem sie gestern hier angebandelt hat.“ Berry zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder seiner Abtrockenarbeit. „Keine Ahnung, was sie dafür verlangt, wenn sie mit dir ins Bett gehen soll.“
„Eine Bordsteinschwalbe also. Hätt ich mir ja denken können.“
„Nein, nein“, wehrte Berry ab. „Ein Junkie, keine Nutte. Käuflich, aber keine Bitch. Du kennst doch hoffentlich den Unterschied?“
„Hm“, brummte Chris. Wenn eine Frau mit einem Mann gegen Bezahlung ins Bett ging, dann war sie eine Prostituierte, auch wenn es nicht ihr Hauptberuf war. „Und der Kerl? Ihr Freier?“
„Nein!“, verbesserte ihn Berry. „Ihr One-Night-Stand. Keine Ahnung. Kein Latino jedenfalls.“
„Schwarz?“
„Politisch korrekt heißt das glaube ich jetzt anders, aber ja. War sehr angetan der Kerl. Dicke Hose. Du weißt schon. Konnte jeder sehen, als er aufgestanden ist. Flinke Fingerchen diese Lucía.“
„Und wenn ich mehr über ihre Zunge in Erfahrung bringen möchte, dann wende ich mich an…“ Chris ließ den Satz unvollendet und hob fragend die Brauen.
„Mackie, wen sonst“, sagte Berry leichthin.
Chris stieß ein paar lautlose Flüche aus. „Mackie, wen sonst“, wiederholte er und leerte sein Glas auf Ex.
Berry schaute ihm dabei aufmerksam zu und nickte dann anerkennend. „Respekt, Mann. Soll ich nochmal auffüllen?“
„Nein, danke“, lehnte Chris ab. Wenn ihm auch nur der Hauch von Alkohol anhängen sollte, würde Detective Cromworth ihm zweifellos unverzüglich eine schriftliche Abmahnung zukommen lassen.
„Ach komm, das geht aufs Haus“, erklärte Berry, als Chris sein Portemonnaie aus der Hosentasche zog.
„Ich schulde dir was, Alter!“, bedankte sich Chris und verließ das PomPom, bevor Berry den Versuch unternahm, mit ihm in vergangenen Zeiten zu schwelgen.
Dienstag, 10. November, 08.45 Uhr
Abgesehen davon, dass Tom Bishop, der Leiter der Spurensicherung eine Kanne mit heißem Kaffee mitgebracht hatte, über den Hope und Adrian nur zu gerne hergefallen waren, konnte er ihnen ad hoc leider auch keine nützlichen Informationen geben. Nachdem er dann auch noch ausgeplaudert hatte, dass der Kaffee koffeinfrei und mit Sojamilch zubereitet worden war, hatten Hope und Adrian sich unauffällig verflüchtigt.
Beim nächsten Starbucks Store holte Adrian ihnen einen heißen Cappuccino mit einer Extraportion dampfendem Milchschaum. Während sie stillschweigend und müde daran nippten, fuhr Hope langsam durch die dunklen Straßen Shreveports und setzte Adrian schließlich direkt vor seinem Haus ab. Durch die Rollladenritze schien Licht auf die Straße und als ihr Kollege die Tür öffnete, konnte Hope beobachten, wie er von einer hübschen, braunhaarigen Frau im Morgenmantel empfangen und umarmt wurde. Sie seufzte.
In ihrer Wohnung wartete keiner auf sie.
Dennoch setzte sie den Wagen wieder in Bewegung, denn die Zeit drängte. Bereits um halb zehn hatte sie das Meeting mit der gesamten Truppe angesetzt und eine halbe Stunde vorher stand das Gespräch mit Christian Taylor an. Wie peinlich wäre es, wenn sie zu spät käme.
Leider war es, als sie schließlich immer noch müde ihren Wohnungsschlüssel umdrehte, schon so spät, dass es sich nicht mehr gelohnt hätte, sich noch einmal für ein paar Minuten hinzulegen. So hatte Hope lediglich schnell geduscht, sich einen raschen Obstsalat zusammengeschnippelt und ihren Laptop gepackt, bevor sie sich wieder in den Verkehr stürzte.
Nun war es kurz vor neun und sie saß in ihrem Büro, das immer noch aus jedem noch so kleinen Winkel den Namen seines Vorbesitzers zu schreien schien. Dass Conrad mit allem Grünzeug auf Kriegsfuß gestanden hatte, sah man an den verwelkten Blumen in staubigen Töpfen, die sich auf der langgedehnten Fensterbank aneinanderreihten. Selbst die Erde war in einigen Töpfen bereits angeschimmelt. Hope beschloss, sich dieser Nische als erstes zu widmen und die toten Pflanzen gegen irgendwelche Bilderrahmen mit lustigen Sprüchen auszutauschen. Tausche Tristesse gegen Fröhlichkeit, notierte sie sich auf ihrer gedanklichen To-do-Liste, auf der bereits die Beantragung der tatsächlichen Personalakte ihres neuen Kollegen stand.
Detective Taylor hatte sie heute früh beinahe zur Weißglut gebracht, doch als Vorgesetzte durfte sie sich ein solches Verhalten eigentlich nicht erlauben. Captain Conrad Harper war zwar mindestens zehn Mal an einem gewöhnlichen Arbeitstag ausgerastet, doch niemals gegen sein Team. Meistens gingen die Angriffe gegen Journalisten. Mit der Presse stand er ebenso auf Kriegsfuß wie mit seinem Grünzeug.
Бесплатный фрагмент закончился.
